Richard Nordhausen Vestigia leonis Die letzten Tage einer deutschen Stadt 1. Kapitel Seegespenst Das Treffen war ebenso überraschend wie heiß und blutig gewesen. Aus der dicken Nebelwand, die überm Nordermeer lastete, als ob sie alle Sturmesschrecken der vergangenen Nacht verhüllen wollte, war plötzlich lautlos und gespenstisch die feindliche Kogge aufgetaucht. Fast hätten beide Schiffe einander gerammt. Hüben wie drüben standen die schattenhaft aus den Dunst auftauchenden Männer sekundenlang verblüfft, ehe sie zu den Waffen griffen. Dann aber hatte Harald blitzschnell seinen Entschluß gefaßt. Ein hochbordiges Kampfschiff, mit Wurfgeschützen gut ausgerüstet, ohne Wimpel und Erkennungszeichen! Seeräuber! Durch die gnadenreiche Fügung der heiligen Jungfrau ihm geradenwegs ins Netz gegangen! Seeräuber, die verrufenste Plage, die am wütendsten gehaßte Pest; Galgenvögel, die den nach England, Dänemark, Norweg segelnden Kauffahrern überall auflauerten, die Küstendörfer überfielen und verbrannten, von Jahr zu Jahr frecher wurden und selbst davor nicht mehr zurückscheuten, umwallte Städte anzugreifen. Seeräuber! Ihretwegen kreuzte Harald mit seinen Getreuen nun fast zwei Jahre lang auf der Flut, und manchen Mordgesellen hatte er an die Rahe knüpfen lassen. Hatte auch manchmal hart um den Sieg ringen, ja des öfteren zornknirschend von der übermächtigen Beute ablassen müssen ... Hell hallten seine Befehle über Deck. Die da drüben, das erkannte er auf den ersten Blick, waren keine Milchbärte und Zärtlinge, sondern aufs Äußerste gefaßt wie sie. Während des Butenspälers Bug von dem Fremden nicht mehr abließ und vom Oberdeck die Enterhaken niedersausten, schickten die Angegriffenen schon Pfeile aus den Armbrüsten her und brachten ihre auf dem Mitteldeck drohenden Bliden in Stellung. Aber Harald war schneller. Er als Erster auf dem Räuberschiff – wie durfte da einer seiner wackeren zurückbleiben! Rasendes Gemetzel hob an, verzweifeltes Ringen; Siegs- und Todesgeschrei quoll aus dem grauen Dampf. Niemand konnte mehr als zwei Schritte vor sich sehen, doch den Feind sah jeder vor sich, den Feind witterten und trafen sie. Auf den von übergeflutetem Wasser und Blut glatten Planken wütete die Dämonenschlacht. Dann brüllte lauter das »Her, Her!« der Bardowiecker, wurden die Gegenrufe schwächer. Nach einer halben Stunde war alles vorüber. Alle Widersacher erschlagen! Nur zwei hatten sich überwältigen und binden lassen, zwei, deren Leben jetzt allerdings keinen Pfifferling mehr wert war. Während der Nebel allmählich lichter ward und dann und wann schon ein fahler Sonnenstrahl durchs Gewölk brach, glitt der Butenspäler, das eroberte Schiff im Gefolge, sacht seines Weges weiter. Harald hatte einen Teil der Mannschaft zu Aufräumungsarbeiten hinübergeschickt; der andere rastete singend und schwatzend, sich mit derben Seemannsspäßen vergnügend oder seine Wunden verbindend, vom Siege. »Wenn wir sie gehenkt haben, verschlemmen wir das letzte Faß Lübecker Bier!« johlte einer. »Und dann heute abend Schifferjahrmarkt in Helgoland!« »Der Kaptein ist kein Spielverderber,« grunzte Schwarz-Märten. »Und der tolle Heini schon gar nicht.« Immer rascher verschwand das Grau. Schon lugten breite Fetzen des blauen Oktoberhimmels hindurch, Silberlicht fraß die wehenden Schwaden. Und leise plätschernd trieb die Kogge auf ruhiger Dünung daher. Das war, nach wilder Blutarbeit, doch ein lustigeres Fahren als in der Nacht, wo die Wolken bis auf den weißen Kamm der schwarzen wogen niedergehangen, die Wellenungeheuer, ein wandelndes Gebirg, immer wieder den Butenspäler überfallen, auf und nieder gefegt und in Donnerböen zu begraben getrachtet hatten ... Ohne den jungen Kapitän an Bord, dessen Strahlenaugen die erbarmungslose, tückische Finsternis herrisch durchdrangen und all die Ungetüme des Südweststurmes abzufangen schienen, wo würden sie heute vielleicht schon treiben, Mann und Boot? erinnerte sich Jürgen. »Ich mein', er hat den Mast gebannt, der schon über Bord krachen wollte!« »Fixer Bursch!« brummelte Oll Kai. »Bereu's nicht, mit ihm gegangen zu sein! Alle Heiligen sind in seinem Bund.« »Und alle Teufel!« Jürgen bekreuzigte sich rasch. »Werd' mich doch freuen, diese Nacht wieder einmal in 'ner richtigen Bettstatt zu liegen!« »Ach was, Bettstatt! Heute Nacht müssen die Kranen laufen und die Mädel singen, bis die verschlafenen Hähne davon wach werden!« schrie der magere Höpker, sprang auf und schoß vor Übermut Kobolz. Im raumen Südost, der nun praller die Segel füllte, machte die Kogge weidlich gute Fahrt. Was focht es sie an, schleifendes Gewölk, Sturmraserei, Nebel oder sonndurchfunkeltes Wellengetändel im Schiebewind? Vorwärts, vorwärts! Grimmige, lustige Jagd! Man sah es ihren Eichenbohlen an, daß sie durch harte Wetter und Gefahren gelaufen war; hier und da zeigte die Schanzverkleidung spuren sorgsam ausgebesserter Schäden, an denen nicht allein die Nordseestürme schuld gewesen sein konnten. Recht wie ein alter Landsknecht des Meeres, mit zerbeulter Rüstung, mit hundert Schrammen und Narben auf dem wetterharten Körper, zog der Butenspäler seine Bahn. Und wie arg mitgenommen er immer sein mochte: Wohin der Blick fiel, gleißte es doch von Sauberkeit. Man erkannte schon so: Hier hauste unter fester Führung braves, niederdeutsches Schiffsvolk. »Recht hat der Jürgen, 's wird Zeit, daß wir wieder einmal festen Boden unter die Füße kriegen,« lachte der braune Gesell, der es sich neben dem Steuer bequem gemacht hatte und seinem träg im Sonnenschein blinzelnd, abgezehrten Hund das Ohrgehänge kraute und über den häßlichen dichten, das ganze Gesicht verdeckenden Bart strich. »Lauf Helgoland rasch an! Mich gelüstet es unbändig danach, den Mönch in diesem Wunderlicht zu malen.« »Wahrscheinlich gelüstet es dich viel unbändiger danach, in der Schenke »Zum Mönchen« ein Dutzend Töpfe Dickbier zu trinken,« entgegnete heiteren Mundes der am Steuer, Harald, der Kapitän. Ein hochgewachsener, straffer Jüngling im Blondhaar, dessen Strähnen der Wind ihm über die breite Stirne warf; mit stolzen blauen Augensternen, die sich vor keiner Sonne und keinem Gewitterblitz senkten und verbargen. »Immerhin, ein paar Tage der Rast werden uns gut tun. Der Handel vorhin und das Gerauf mit den Dieben auf Sylt hat doch mehr Blut gekostet, als sich auf diesen Bohlen so rasch ergänzen läßt.« Mit halbem Lächeln blickte er dabei auf seinen linken Arm. »Der heiligen Jungfrau sei Lob und Dank, der Riß hindert mich wenigstens nicht beim Steuern.« Mit gutgespielter Gleichgültigkeit schaute der Maler von seinem Hunde fort, zu ihm auf. »Schließlich bringt uns ja auch jeder Tag der Heimat näher, ganz gleich, wohin wir fahren,« meinte er dann beiläufig. »Ich habe es mir ausgerechnet, Harald, vier Tage weniger als drei Monate und fünf Jahre, dann bist du in Bardowieck wieder willkommen.« Über Haralds noch eben frohes Antlitz rann ein Schatten, »wir werden zeitig genug davon sprechen können, Heini,« warf er abwehrend hin. »Zeitig genug werde ich mit Matthias Holk abzurechnen haben.« »Und mit seiner schönen Tochter!« spottete Heini Hoyer gutmütig. »Wahrhaftig, du solltest dir endlich deinen Plan zurechtlegen! Zwei Sommer lang kreuzen wir nun auf diesem unwirtlichen Teich herum, immer in Sturmesnot – Trutz, blanker Hans! – immer im Kampf mit Seeteufeln, Räubern und widerhaarigem Inselgezücht. Gottes Zorn – ich meine, das bißchen Krawall, das wir damals in dem großen Krämernest gemacht haben, ist nun reichlich gesühnt. Wohl könnten sie jetzt die Wartezeit verkürzen. Sieben Jahre des Exils sind zu lang. Du hast den Pakt bisher wie ein echter Königssohn gehalten, das muß dir selbst Rolf Ebelingk zugestehen. Und ich denke, wenn wir erst wieder im krummen Saladin hocken, wirst du nicht mehr an Aufruhr denken und dich nicht mehr um den Pöbel kümmern, der dich so jämmerlich im Stich gelassen hat.« »Mich läßt niemand im Stich, solange mich mein Glaube und meine Liebe nicht im Stich lassen,« gab Harald selbstsicher zurück. »Ja, die Liebe!« wiederholte Heini, ihn absichtlich nicht verstehend und mit einem Lächeln in den tiefen Maleraugen. »Maria harrt deiner, Harald! Wird sie volle sieben Jahre harrend vertrauern wollen?« Der am Steuer antwortete nicht. Sein Blick glitt verträumt in die blaudunstige Ferne. »Eine allzu harte Strafe war's, die sie uns aufgehängt haben,« fuhr Heini Hoyer fort, »und eine gewagte Strafe, dir, dem Löwenjungen, die Stadt zu verbieten, die deinem Vater alles verdankt, die Stadt, die er dir als Erbe und Eigentum versprochen hat! Noch heute erbost es mich, wessen diese übermütigen Pfeffersäcke sich unterfingen.« »Sei heilfroh, daß du bei der Gelegenheit dem Freiknecht entgangen bist,« gab Harald zurück. »Meiner Treu, der Rat hat so unrecht nicht gehandelt, wer wie ich freventlich Stadtrecht und Landsatzung brach, mußte billige Strafe für den Aufruhr in Ergebung hinnehmen, sie ist leichter ausgefallen, als es den meisten Ratsherren lieb war. Und dir, Heini, steht ja die Rückkehr frei. Du bist ja nur mitgelaufen, wie du immer mit mir läufst.« Der Maler fuhr seinem Hund so derb übers Fell, daß er laut aufheulte, »Steht dir gut, die Büßermiene und die Versöhnungspredigt,« bemerkte er dann anerkennend. »Und wenn ich nicht wüßte, daß Matthias Holk mit dir einen Freundschaftsvertrag geschlossen hat, um dich in Güte aus der Stadt herauszubringen, und wenn ich nicht wüßte, daß dir zum Lohn für deinen Gehorsam die allerschönste Jungfrau im Norden zuteil werden soll, dann erkennt' ich jetzt den unbeugsamen Prinzen Harald nicht wieder.« »Schwatz nur,« entgegnete der, sichtlich wieder aufgeheitert, »so oder so, wir haben es uns diese Monate in Wind und Wetter rechtschaffen schwer werden lassen. Ein Winterquartier in Bardowieck für dich und den Zinnober ist schon im voraus reich bezahlt. Bequem haben solltet ihrs in der Kaufherrenstadt, ging's nach mir.« Und während er mit der Rechten das Steuer weiter festhielt, streckte er dem Freunde die verwundete Linke entgegen. Heini sprang auf, um sie behutsam zu drücken, und der Hund Zinnober kreischte vor Vergnügen. »Mein Freund und Fürst,« sagte der Maler stolz, »ohne dich sieht uns Bardowieck nicht wieder. Ob wir beide, der Zinnober und ich, noch lange bei dir bleiben werden, das weiß ich nicht. Der Meer ist nichts für uns, der Bursch wird mir beim Labskau gar zu mager. Aber das weiß ich: Diese Monate auf dem Blanken Hans, in Einsamkeit und Gottesfurcht, die haben mir erst gezeigt, welch ein Freund du mir bist. Nicht in Bardowieck, erst hier auf der flutenden See habe ich dein liebes, großes Herz ganz erkannt. Aber hüte dein liebes Herz! Wehe dir, wenn dein unerschütterliches Vertrauen auf die Menschen einmal Schiffbruch leiden muß! Indessen, wie unsere Wege drum auch verlaufen – bis zum letzten Tage meines Wanderlebens werde ich von diesen Tagen mit dir zehren und leben.« Der Kapitän schien nicht auf ihn zu hören. Die Augen mit der mühsam erhobenen Linken vor dem anflutenden Sonnenlicht und der Wasserspiegelung schützend, starrte er angestrengt in die Weite. Das Wetter war so sichtig geworden wie an einem Maimorgen, über Meilen schien der Blick fortdringen zu können. Plötzlich strafften sich Haralds Züge noch mehr. »Es kann kein Mittagsspuk sein,« rief er. »Was siehst du scharf Nord-Nord-West?« Heini war aufgesprungen und suchte den Blicken Haralds zu folgen. Auch der kreuzlahme Zinnober, der jeden Sonnenstrahl behaglich auskostete, torkelte empor und tat, als wittere er Ungeheures. »Meine Augen reichen nicht so weit wie die deinigen,« stellte Heini achselzuckend fest. »Seltsam! seltsam!« Harald rang mit der Entfernung, ihr das Geheimnis zu entreißen. »Ich sehe schwarze Striche auf dem Wasser, zwanzig, dreißig, Vielleicht mehr. Heini, da hinten segelt eine gewaltige Flotte heran!« »Seegespenst! Der Kampf hat auch dich erschüttert, du mutest dir zu viel zu. Leg dich ein paar Stunden aufs Ohr und laß einen anderen ans Steuer!« »Seit zwei Jahren bin ich hier oben nicht so nötig gewesen wie in dieser Stunde,« erwiderte Harald, kein Auge von der befremdlichen Erscheinung lassend, die allen anderen, auch dem Mann im Ausguck entgangen war. »Timm und Kai, holt mir sofort die Gefangenen herauf!« Die blutbefleckten Gebundenen wurden herbeigeschleppt. Trotzig und unerschüttert standen sie vor ihrem Richter. »Macht euch zum Sterben bereit! Wenn ihr aber vorher euer Gewissen erleichtern und Buße tun wollt – ein Seemannsgebet soll euch gestattet sein.« »Seit wann treiben Räuber solche Unbill mit ehrlichen Kriegsknechten?« tönte die Antwort zurück. Harald lachte. »Reinecke Fuchs mag so dreist lügen, wie er will; diesmal entrinnt er dem Strick nicht. Daß wir keine Räuber sind, siehst du an der Flagge, wir stehen im Dienst des Rates von Bardowieck. Aber ihr, wo ist euer Fähnlein? Daß ihr den roten Lappen nicht am Heck führt, will wenig bedeuten.« Die beiden Gefangenen tauschten einen Blick des Einverständnisses aus. Dann machte der ältere trotz seiner gebundenen Füße einen kurzen Schritt auf Harald zu. »Laß mich mit dir allein sprechen, Herr!« Auf einen Wink Haralds trat die versammelte Gemeinschaft zurück. »Was ist's?« »Wir sind keine Seeräuber, Herr, wir sind ehrliche Kriegsknechte, wie dir mein Kamerad gesagt hat. Daß wir ohne Flagge fahren, ist Befehl des Herzogs.« »Des Herzogs?« Harald fuhr auf. »Wo kommt ihr her?« »Wir kommen von vierzig Schiffen her, die uns folgen,« entgegnete der Gefangene, wir sind einer der Vorposten. Hinter uns zieht Herzog Heinrichs gewaltige Macht.« Er hatte die Worte so leise geflüstert, daß ihn niemand sonst verstehen konnte. Er senkte die Stimme jetzt noch mehr. »Ich glaube dich zu erkennen, Herr. Erzählte man doch schon lange drüben in England von deinen Fahrten auf der See. Weiß doch jeder bei uns, wer du bist, mein Prinz!« »Wer hat dir gesagt –« »Ein Jammer, daß wir so heiß aneinandergeraten sind! wo uns gemessener Befehl erteilt worden ist, dich mit den höchsten fürstlichen Ehren zu geleiten, wenn wir dich fänden. Aber du ließest uns ja nicht zur Besinnung kommen.« Harald rief seine Leute heran. »Löst ihnen die Fesseln!« befahl er. »Wir hätten uns, meiner Treu, mit ihnen unterhalten sollen, ehe wir alle ihre Kameraden totschlugen. Doch des war der Nebel schuld, und daß ihr ohne Flagge fuhrt, und die Wetternacht, die uns noch in den Knochen steckte. Nichts für ungut! Und eure Brüder sind wie Männer gestorben.« Ein Lächeln der Dankbarkeit erhellte die rauhen Gesichter der Gefangenen. Behaglich reckten und streckten sie die steifgewordenen Glieder. »So steht dem Herzog auch ein Landheer bereit?« fragte Harald. »Holsaten, Stormarn, Polaten in hellen Haufen.« »Und wohin geht sein Zug?« Sie grinsten verlegen. »Es ist sein Geheimnis, Herr.« Harald stand versonnen. »Ich denke, ihr bleibt jetzt bei mir,« meinte er dann. »Solange du willst,« erwiderten sie fröhlich. »Nur sorge dafür, daß Herzog Heinrich uns die Schuld, mit seinem Sohn gekämpft zu haben und von ihm am Kragen gepackt worden zu sein, nicht allzu hoch ankreidet.« »Aufentern! Beidrehen!« klang in ihre Rede hinein Haralds Kommando. Gleichzeitig riß er das Steuer herum. Die Mannschaft stand wie vor den Kopf geschlagen, »Was ist geschehen? was soll's?« ging fassungsloses Gemurmel um. »Er hat den Klabautermann gesehen!« flüsterte Jürgen, sich bekreuzigend. »Er hat den hellen Blick.« »Aufentern! Wir drehen bei!« wiederholte Harald, und schon gehorchten die Matrosen seinem Befehl. Klatschend flatterten die Segel, das Fahrzeug, vom Druck der Wellen erfaßt, wendete und lief die Bahn zurück. Auf der eroberten Kogge folgte man rasch dem Beispiel des Führerschiffs. »Lebe wohl, Helgoland!« murrte einer oder der andere, sie hatten es sich zu schön gedacht, einen Abend oder zwei bei Bier und Tanz in ungehemmter, wilder Lustigkeit zu vergeuden. Aber seit langem daran gewöhnt, jedem Wink des Kapitäns unbedingt zu gehorchen, fügten sie sich auch jetzt mit Eifer und Beflissenheit seinem Willen. »Was planst du?« fragte erstaunt und betroffen wie die anderen, Heini. »Ich muß die Stadt retten. Der Tod zieht wieder sie heran. Das Seegespenst warnt.« Wieder wallten über die See, die bis jetzt smaragdschimmernd im Sonnenglanze dagelegen hatte, leichte Nebel. Das Tagesgestirn kroch hinter Gewölk zurück, Schleier verhüllten die eben noch so klare Fernsicht, von der Flotte des Herzogs war nichts mehr zu erspähen. »Wo willst du hin?« fragte der Maler nach einer Weile. »Heim.« »Zu den Krämern? Und fliehst vor deinem Vater? Bietest deinem Vater Fehde, fällst ihm in den Arm, den Krämern zuliebe?« Heini stand verdutzt. »Mein Vater? Der Vater des Bastards! Was ist mir mein Vater? Ich weiß nur, daß meine unglückliche Mutter gestorben ist, als sie mich gebar, gestorben durch seine Schuld; ich weiß nur, daß mich Bardowieck großgezogen hat, und daß ich die freie Stadt liebe, trotz allem, und nie ihrer Freiheit Mörder sein werde. Ich hab's mir gelobt, und ich werde meinen Schwur halten, wie Matthias Holt sein Versprechen halten wird, Treue um Treue!« Heini schüttelte den Kopf. »Es wird ein Kampf auf Leben und Tod. Endlich naht der Rachetag für den gewaltigen Löwen, sein erster Sprung gilt, das ist gewiß, der Stadt, die ihn beschimpfte und verhöhnte, als er im Elend war, die ihm, als er vor ihren Toren um Unterstützung gegen Friedrich Rotbart und den Fürstenbund flehte, einen räudigen Hund schicken ließ. Jetzt ist sein Weg frei. Jetzt hüte dich, ewiges Bardowieck! Und nun willst du, Herzog Heinrichs Sohn, der Stadt zu Hilfe eilen, willst sie warnen? Ergreifst ihre Partei, gegen den Vater? Wo es um deine eigene Krone geht?« »Die Krone von Bardowieck! Hältst du mich wirklich für so klein, daß ich mich eines Krönchens wegen beflecke und mir selber abtrünnig werde? Auch kämpfe ich nicht gegen Heinrich. Doch ebensowenig will ich zum Verräter an denen werden, die mir dies Schiff anvertraut haben, wie ich es von ihnen empfing, so liefere ich es ihnen ab. Es sei denn, daß Sturm oder Feinde es vorher vernichteten. Aber Sturm und Feind haben keine Gewalt über mich, und so empfängt der Rat sein Eigentum wieder, empfängt es« – Harald deutete auf die gekaperte Kogge – »mit Zins zurück.« »Wo gedenkst du an Land zu gehen?« Harald hob das Haupt: »Im Hafen von Bardowieck.« »In Bardowieck? Noch ist die Zeit deiner Verbannung nicht abgelaufen. Noch darfst du die Stadt nicht betreten. Noch lange nicht. Erst wenn sieben Jahre herum sind, ist es dir erlaubt, wieder durchs Tor bei St. Fabian einzuziehen.« »Über der wichtigen Kunde, die ich ihnen zu bringen habe, werden die Ratsherren meine Eigenmächtigkeit vergessen.« »Täusche dich nicht so abgrundtief in ihnen!« warnte Heini Hoyer. »Sie haben dir nicht verziehen, was du ihnen angetan hast, sie werden es dir niemals verzeihen. Nur so lange du nicht in der Stadt weilst, sind sie ihrer Herrschaft sicher. Denn so lange wagen die Gilden nicht, sich zu rühren, denkt keiner an Widerspruch oder gar Empörung. Schreitest du aber erst wieder durch die Gassen, du, des Herzogs Kind, du, der Herr der Zukunft – meinst du, daß dann die Leute am Hafen, die Handwerker in ihren Werkstuben, alle Armut in den erbärmlichen Lehmhütten schafsgeduldig weiter zusehen wird, wie die Geschlechter es sich in prunkenden Häusern wohl sein lassen? Harald, du kennst die Holk und Ebelingk schlecht, wenn du meinst, sie sähen je in dir etwas anderes als den verwogenen Führer des Aufstandes, den vergötterten Liebling aller Rechtlosen und Hungrigen in Bardowieck. Mit List haben sie dich, als unser Anschlag mißlungen war, aus der Stadt zu entfernen verstanden. Lieber noch hätten sie dich dem Henker überliefert, nur fürchteten sie damals Herzog Heinrichs Rache. Du tatest ihnen den Gefallen, nahmst das Verbannungsurteil an, wurdest für sie der Hüter der Nordsee. Nun, ich kenne ja den Preis. Aber laß dich nicht um den Preis prellen!« »Du willst mich zum Handelsmann machen. Darum verleumdest du sie.« »Du schätzest Handelsleute nach dir ein. Missest alle Menschen mit deinem Maß. Und wirst jammervoll betrogen werden.« Wie leichte Röte schien es in Haralds braune Stirn zu steigen. »Und wir fahren doch nach Bardowieck! entschied er. »Die Stadt schwebt in dringender, fürchterlicher Gefahr. Jene Schiffe, die hinter uns her sind, stellen sicherlich noch bei weitem nicht Herzog Heinrichs gesamte Macht dar. Er hat zu furchtbaren Schlägen gerüstet, er wird, nun Friedrich Rotbart im heiligen Lande weilt, sein verlorenes Reich wieder erobern wollen und die Eisenfaust auf alle niedersausen lassen, die seiner im Unglück gespottet haben. Darin gebe ich dir vollauf recht. Aber ist just darum nicht jede Stunde kostbar? Willst du, daß man dich und mich als Judasse anspeit? Dich und mich, die diese Wacht auf dem Meer freiwillig übernommen haben, wenn sie auch an harte Bedingungen geknüpft worden ist? Wir wollen die Stirn hoch tragen dürfen in Bardowieck.« »Und dann ausgelacht werden.« »Du verachtest die Menschen und traust nur deinem Hund. Darum erniedrigst du sie unter den Hund.« Heini pfiff ein Lied vor sich hin. »Maria muß in diesen beiden Jahren ein Wunder ohnegleichen geworden sein,« meinte er dann plötzlich, »Wie blühte und leuchtete sie, als Matthias Holk uns aus der Stadt aufs Meer wies! Ach, Harald, im Opalgefunkel am Horizont, auf den weißen Höhen der grünschwarzen Sturmwasser, im stillen Blau der Watten – wie haben wir drei, Zinnober, du und ich, da an Maria gedacht! Immer nur ihr märchenschönes Bild gesehen!« »Schweig doch!« verwies ihn Harald verlegen. »Freilich dachtest du anders als wir an sie, sahst ein anderes Bild. Was mich anbetrifft, so züngelt mein Ehrgeiz nur nach dem Ziel, meine Dom-Madonna noch einmal zu malen, jetzt als Madonna auf Goldgrund. Hoffentlich gibt ihr Vater das Gold dazu her. Es wird mein bestes Gemälde werden, Bruder Harald; durch die Unendlichkeiten wird es meinen Namen flammen machen, das schwöre ich dir. Aber nicht wahr, mit solchen Künstlerträumen hast du dich nicht abgegeben? Du willst nicht nur das schöne Bild, du sehnst dich nach dem schönen Weibe ... Doch im Ernst gesprochen, glaubst du nicht, daß es besser ist, wir landen oben an der Elbmündung und schicken von dort einen Boten mit der wichtigen Kunde nach Bardowieck? Wenn sie uns in ihren Mauern haben wollen, bedarf es ja dann nur eines Wortes. Ziehen wir dagegen ohne des Rates Erlaubnis in die Stadt, dann bist du ihrem Gesetz verfallen. Um mich und die anderen, das weiß St. Dionys, ist es nicht schade; wenn Krämertücke und Krämerrachsucht jedoch dich zu Boden streckten, mein Prinz, gerade jetzt, wo dein Stern hell aufgeht – es wär' ein Jammer wie keiner in der Welt. Laß uns abwarten, Harald, was die Tage bringen, fasse nicht heut schon einen unwiderruflichen Entschluß! Entscheide dich nicht heute schon zwischen deinem Vater und Maria Holk.« Harald blickte an ihm vorbei, als höre er ihn nicht, »wir fahren die Elbe hinauf, wir fahren die Ilmenau hinauf, wir fahren nach Bardowieck!« jauchzte er dann dem Südost entgegen. »Ich lasse dich, Nordsee, so wild du drob auch zürnen magst! Trutz, blanker Hans! Ich will in die Heimat!« 2. Kapitel Hochzeitsfeuer Sonst lagen um diese Abendstunde Gassen und Markt in tiefer Ruhe, tiefer Finsternis. Kaum noch, daß hier und da eine Kienfackel aufflammte, wenn ein Stadtgewaltiger vom späten Mahle bei guten Freunden heimkehrte und sich dann von Dienern den holprigen Weg beleuchten ließ. Das fleißige Bardowieck pflegte um diese oktoberliche Abendstunde längst dem andern Tag entgegenzuschlummern, wie ausgelöscht von der Welt, wie ein Stück der weiten Heide. Heute aber drängten die Menschenmassen stürmisch marktwärts. Heute standen sie Kopf an Kopf vorm dunkel aufstrebenden Dom und starrten nach dem stolzen Hause hinüber, aus dessen Fenstern trotz der samtnen Vorhänge heller Lichtglanz quoll, Musik und Lachen herniedertönte. Aus zwei gewaltigen Bronzebecken vorm Hause loderten rote Feuersäulen auf und übergossen das Getümmel mit gespenstischem Zitterlicht. »Wer die Speicher und Scheuern voll hat, der kann gut Hochzeit feiern,« knurrte es in der Menge. »Wenn sie uns nur einen Teil von dem gönnten, was sie heute sündhaft durch die Gurgeln jagen, dann brauchten wir uns ein paar Wochen lang nicht darum zu grämen, wie wir unsere Kinder durch den Winter bringen sollen.« »Warum nehmen wir es schweigend und feig wie Hunde hin?« fragte ein anderer dagegen, »warum rührt sich niemand in den Gilden, um uns endlich unser Recht zu schaffen?« »Wer wagt es noch, seitdem sie den Prinzen aus der Stadt getan haben!« erwiderte sein Rebenmann, der Schmied Riele Haden. »Mit ihm ist all unsere Hoffnung zu Grabe gegangen. Und ehe er wiederkehrt, dürfen wir keine Besserung erwarten.« »Euer Prinz Harald!« ließ sich da eine haßerfüllte Stimme vernehmen. »Als ob der besser wäre denn die Geschlechtersippschaft, als ob Blut nicht zu Blut gehörte, als ob der Bankert des Herzogs das arme Volk wirklich lieben könnte! Damals, vor zwei Jahren, hat er euch ein fröhliches Theater vorgespielt, und ihr seid ihm auf den Leim gegangen, wäre er wirklich ein ehrlicher Widersacher der Geschlechter gewesen, sie hätten ihn wahrlich nicht so leichten Kaufs ziehen lassen. Sie, die jedem von uns, sobald er auch nur unwillig zu flüstern wagt, den Kopf vor die Füße legen.« »Oder die Hand abschlagen lassen!« scholl es hinter ihm. Der Zornige fuhr herum, als wollte er sich auf den kecken Zwischenrufer stürzen, besann sich dann aber und lachte verächtlich. »Erhofft euch nichts von eurem Prinzen Harald,« zischte er. »Zeigt, daß ihr selbst Manns genug seid, die verhaßte Herrschaft abzuwerfen! Sonst bleibt ihr Sklaven bis an der Welt Ende.« Der so sprach und über dessen bleiches Gesicht eben ein roter Flackerstrahl flog, war in noch ärmlichere Lumpen gehüllt als seine Umgebung. Der rechte Arm hing ihm, während er mit der Linken wild durch die Luft fuchtelte, schlaff wie ein Stumpf nieder. Die Hand war abgehauen. Sein heiseres Schelten regte die Männer und Weiber rundum in den Tiefen auf. Wütende Flüche erschollen, Fäuste wurden gegen das frohe Haus des Festes geballt, und aus dem Winkel am Dom schwoll plötzlich wie Raubtiergebrüll der Schrei auf: »Öffnet die Speicher! Wir verhungern!« Hin und wieder wurde oben im Palast ein Fenstervorhang zurückgeschlagen, dann trat der oder jener von den Gästen hervor, wie um frische Luft zu schöpfen, und gleichzeitig schimmerte das bräunliche Licht der Wachskerzen in den festlichen Räumen wärmer auf, klang die Hochzeitsmusik lustiger und lockender. Durch das Gewühl der erregten Menge drängte sich, von einer schlanken Jungfrau begleitet, Wolf Vynkes straffe Greisengestalt. Alles machte bereitwillig dem Allverehrten Platz, der, trotz seiner siebzig Jahre noch nicht gebeugt und müde der letzten Stunden entgegenharrend, nein, ruhelos mit entflammterem Eifer als irgendein Junger für Volk und Stadt auf dem Plan stand. Ihm wagten selbst die stolzen Geschlechterherren nicht schroff entgegenzutreten, obgleich sie ihn für einen Statthalter Haralds, ja schlimmer noch, für einen Vertrauensmann des Herzogs hielten. Aber Wolf Vynkes Ansehen war nicht nur deshalb groß, weil jeder seinen lauteren Sinn, seine Unerschrockenheit und Selbstlosigkeit kannte, sondern weil ihn, und dies vor allem, der Ruhmesglanz des Kreuzfahrers umstrahlte, Ruhmesglanz, der die ewige Seligkeit verlieh! Der alte Kriegsknecht Herzog Heinrichs war am Grabe des Heilands gewesen, hatte Jerusalem von den gotteslästerlichen Seldschukken befreien helfen, als erster auf den Mauern Antiochiens gestanden, die Rennfahne in der Hand, die kurz vorher dem von einem Nagelbalken zu Tode getroffenen Rottenführer entfallen war. Widerschein seiner Taten, die selbst der hochehrwürdige Abt Iso gern erwähnte, fiel auf alle seine Freunde, und deshalb bemühte sich jeder, sein Freund zu sein. Wolf Vynke ging geraden Wegs auf Jan Dieter, den bleichen Verstümmelten, los. »Mäßige dich, Jan! Mit grimmen Worten schaffen wir es nicht, reizen wir unsere Brüder nur zu gefährlicher Wut auf und machen's denen da droben leicht, uns auseinanderzusprengen, wahrt die Ruhe, liebe Gesellen!« rief er ins Gebraus hinein. »Gesetz und Recht sind unsere Waffen, nur mit ihnen können wir siegen. Hüten wir uns deshalb davor, sie zu zerschlagen!« Sein ernstes Wort verfehlte die Wirkung nicht. Wohl wogte der Menschenstrom unablässig weiter über den Markt, wohl dachte in dieser Nacht niemand daran, seine Lagerstätte aufzusuchen, aber die gefährliche Erregung schwoll ab. Im Saal oben achtete niemand des Volkszornes. Man wußte, daß es vom Bellen bis zum Beißen ein langer Weg war und vertraute im übrigen auf die Hellebarden der bereitgestellten Stadtwache. Mit Feuereifer gab sich jung und alt den Freuden des Festes hin. So glänzende Gelage der weite Raum schon gesehen haben mochte, noch nie vorher hatte er in prunkenderer Herrlichkeit geschimmert, hatte die Lebenswonne höhere Wellen geschlagen. Unablässig fiedelten die Geiger, klangen Zymbeln und Schalmeien, kreisten die Silberbecher und Kristallschalen, schon lehnten hier und da am Teppich der Wände Halbtrunkene, faßten die Tänzer ihre Tänzerinnen fester, als es sonst vornehmer Brauch war. Plötzlich schmetterten von der Estrade her helle Fanfaren. Der Tanz brach ab, die Gäste scharten sich zu Hauf um den Ehrentisch, wo Matthias Holt, der regierende Bürgermeister, und seine Ratsmannen saßen, Schweigen trat ein. Und nun erhob sich, den berühmten venezischen Goldpokal der Holks in der Hand, des Hauses Haupt. Gebieterisch stand er da, im Schmucke feines dichten, grauen Haares, des breitflutenden Bartes, der auf den Purpur des Bürgermeisterkleides niederfloß. »Ewig ist unsere Stadt,« rief er aus. »Als noch niemand Kunde wußte von den Gemeinden im Süden und am Rhein, als einzig Trier blühte, die Römerniederlassung, da stand hier im trutzigen Norden schon Bardowieck. Wie es ewig war, so wird es ewig sein. Wir, die Alten, wissen freilich, daß der Tag kommt, der uns abruft, aber hinter uns steht die starke, stolze Jugend, und sie wird erreichen, was uns zu erreichen noch nicht vergönnt gewesen ist: Das freie, das unabhängige, das königliche Bardowieck! Weit haben wir es in zwei Menschenaltern gebracht. Die Stadt, die unter dem herzoglichen Vogte stand, als ich geboren ward, kennt heute keinen fremden Gebieterwillen innerhalb ihrer Wälle. Die Stadt, die dem Herzog zinsen mußte, bringt heute niemandem mehr einen Tribut dar, außer« – er verneigte sich vor dem am Ehrentisch sitzenden Abt Iso – »außer der heiligen Kirche. Mit Löwenmut hat Bardowieck dem Löwen Heinrich, als er von Kaiser und Reich abgefallen war und die Fackel furchtbaren Bruderkrieges entzünden wollte, ihre Tore gesperrt. Bardowiecks mächtiger Wille hat dazu mitgeholfen, ihn übers Meer nach England zu scheuchen, ihn, der doch schier wie ein König war und zu dessen Füßen alle Länder zwischen See und Elbe lagen, der die herrlichsten Südgaue des Reiches vom Kaiser zu Lehen trug. Nie wieder wird er uns seine Knechte nennen dürfen. Aus früherer Zeit noch haben die Holks mit ihm abzurechnen. Und sie vergessen nicht. Des zum Zeichen habe ich dir, Rolf Ebelingk, heute mein geliebtes Kind ans Herz gelegt. Du sollst mein Erbe sein, vollenden, was ich angebahnt habe! Sorge, daß unsere Häuser weiter blühen, sorge vor allem, daß der Eichbaum Bardowieck tiefer seine Wurzeln als vorher in die Erde senke, höher seinen Wipfel recke, hoch über die Throne aller Fürsten und Gewaltherrscher hinaus!« Jubelgeschrei brach los, daß die Pfosten des Hauses zitterten. Geschrei, das sich weit über den Markt fortpflanzte und spukhaft um die Häupter der schweigenden Volksmasse hinbrauste. Lauter klirrten oben die Becher zusammen, trotziger und heißer glühten die Augen. Am Ehrentische rückten die mächtigen Herren mit roten Köpfen wieder näher zusammen. »So mein' ich, daß der Herzog die günstige Gelegenheit benutzen wird, noch einen letzten Anschlag auf seine Erblande zu machen,« behauptete Tysenhusen, der nicht zu den stadtadligen Geschlechtern zählte, aber im Laufe eines fleißigen Lebens durch ebenso waghalsige wie geschickte Spekulationen zu den wohlhabendsten aufgestiegen war. »Mich dünkt, wenn er noch nicht ganz lahm und altersschwach geworden ist, wird er jetzt nicht in England müßig sitzen bleiben.« »Mag der Rotbart immerhin fern weilen und sobald aus dem heiligen Lande nicht wiederkehren,« beruhigte ihn lässig Tom Börner, sein adelsstolzer Nachbar, »gegen Heinrich stehen die Fürsten, die sich in sein Land geteilt haben, es stehen gegen ihn mit uns alle Städte, und nur beim törichten niederen Volk genießt er noch Herrscherehren. Wir haben ihn nicht mehr zu fürchten.« »Aber dies niedere Volk wird von Tag zu Tag unruhiger und schwieriger,« konnte sich Tysenhusen nicht enthalten, mit unverkennbarer Schadenfreude hinzuwerfen. »Das niedere Volk?« wiederholte Claus Rodecke höhnisch. »Kannst dich immer noch nicht von ihm trennen, was? Da unten auf dem Markte knurrt's und murrt's, aber sie wissen alle, wie blanker Stahl schmeckt, und keiner wird auch nur die bloße Hand gegen uns erheben. Bardowieck braucht keine Gefahr zu scheuen, Tom hat recht. Kein Feind vermag jetzt gegen Bardowieck in die Schranken zu reiten, ob er nun draußen oder innerhalb unserer Wälle lauere.« »Und Harald, der Herzogssohn?« fragte Tysenhusen. »Der Bankert schwimmt irgendwo auf dem Nordermeer, hält uns die Piraten vom Leibe, sichert die Wege nach England und Nordland, daß keiner von uns mehr mit Sorge im Herzen seine Schiffe dorthin sendet,« schmunzelte Tom Börner. »Auf sieben Jahre darf er Bardowieck nicht betreten, und kaum zwei Jahre lang kreuzt er auf dem Butenspäler. Auch diesen Tollen brauchen wir nicht mehr zu fürchten.« Gedankenvoll sah Abt Iso, der auf dem Ehrenplatz neben Matthias Holk saß, vor sich hin. Dann hob er den feinen, geraden Kopf. »Unterschätzt mir dies heiße Blut nicht,« warnte er mit leiser stimme. »Gewiß habt ihr die Macht, ihn von der Stadt fernzuhalten, und so fehlt der Empörung das Haupt. Aber wehe, wenn es ihn treibt und ihm gelingt, mit den Unzufriedenen in neue Verbindung zu kommen! Ihr tut nicht recht, weise Herren, wenn ihr das Volk allzu sehr drückt, zu wenig Rücksicht auf das schlechte Erntejahr, auf die Not der Kleinen nehmt. Erbarme dich deines Bruders! spricht der Herr.« »Sofern er sich brüderlich beträgt!« ergänzte Kai Estorff feindselig. Die anderen Ratsmannen schwiegen oder zuckten leicht die Achseln. »Was wollen wir uns vor Spukmännchen fürchten, solange es heller Tag ist?« meinte endlich Tom Börner. »wer die Macht hat, herrscht, was hilft es dem Löwen, daß er sich Herzog unseres Landes nennt? Er ist arm und kraftlos wie ein Bettler. Und Harald, sein Bankert? Schnee vom vergangenen Jahre! Harald wird Bardowieck nie wiedersehen. Auf den Knien muß er uns dafür danken, daß wir ihn, den Aufrührer und Pöbelführer, nicht an den Galgen gehängt, sondern zum Kapitän einer Wehrkogge, zu unserem Dienstmann gemacht haben.« Er lachte schallend auf und leerte den Humpen mit Malvasier. »Und doch, ich schwör's euch, Freunde, es war ein verhängnisvoller Fehler, daß wir ihn entwischen ließen,« grollte Rolf Ebelingk. »Läge er auf dem Schindanger verscharrt, die Stadt wäre ihrer Zukunft sicher. Er aber bedeutet dauernd schwere Gefahr.« »Wir sind der sorgen ledig,« entgegnete Matthias Holk behaglich. »Seit heute ganz und gar.« »Weil wir ihn heute so lustig hintergangen haben, hahaha,« lachte Rolf Ebelingk schallend auf. »Selbst wenn er käme, käme er zu spät.« Damit reichte er seinen Becher dem harrenden Diener. Jach sprang er dann vom schweren Gestühl auf, das er mit einem Ruck weit hinter sich schob, wieder schmetterte, Ruhe heischend, eine Fanfare; wieder schwieg der Festlärm. »Du hast mich vorhin zu deinem Nachfolger aufgerufen, Matthias Holk,« dröhnte Rolfs Stimme durch die Halle. »Vertrau auf mich, du Stolzer! Das köstliche Kleinod, das du mir heute geschenkt hast, verpflichtet mich dazu, dir mit meinem Leben zu danken. Dir und der teuren Stadt, der dein ganzes Leben gehört hat. Und deshalb, Matthias Holk, streb' ich für sie nach höheren Gipfeln noch als du. Ihr meine Freunde, kann es uns genügen, den herzoglichen Bedränger für ein paar Jahre abgeschüttelt zu haben? Unaufhörlich liegt er auf der Lauer, uns wieder zu knechten. Aber selbst wenn er in Verbannung und Vergessenheit stürbe, stehen nicht hinter ihm gierige Erben? Es ist uns gelungen, Bardowieck mit Riesenkraft von dem Tyrannen loszuringen. wohlan! Nie wieder darf ein Despot seine eiserne Faust auf unsere geliebte Vaterstadt legen. Blickt doch, liebe Brüder, über Deutschland hinaus, blickt über die Alpen! Welche Kraft und Glorie glüht aus den lombardischen Städten auf! Vor ihren Lanzen ist die reisige Macht des Imperators in den Staub gesunken; bei Legnano schlug der freie Bürger den Kaiser der Welt. Ein neues Jahrtausend rückt herauf, vom heiligen Grabe flutet Licht und Lenzluft zu uns hinein; die Freiheit will uns alle ans Herz nehmen, die Freiheit, die niemand so zu ehren, niemand so zu fördern weiß, wie der königliche Kaufherr. Nicht Fürst und Ritterschaft, aber auch nicht schmutziger Pöbel versteht und verdient sie; wir, das adlige Bürgertum, sind ihre berufenen Bannerträger.« Fiebernd vor Erregung, drängten sich die Männer um den Redner. Jedem Satze gewitterte Beifallsgetos nach. »Feige verkrochen hat sich der wunde Löwe, abgetreten Macht und Herrlichkeit an uns, die nun des Regenten nicht mehr bedürfen, weit, weit ist Bardowieck emporgestiegen, weiter als die Väter es in kühnsten Träumen hoffen durften. Laßt uns nun entschlossen das letzte stück des Weges gehen, wir haben die Tat gewagt, wagen wir das Wort! Zur freien Stadt des Reiches muß Bardowieck sich erklären, aus eigener Kraft, aus eigener Machtvollkommenheit, für unabhängig von jedem Gebieter in der Runde, ergeben nur dem Kaiser, niemandem Untertan als ihrer selbst gewählten Obrigkeit! Dieser Becher, meine tapferen und treuen Freunde, gilt der freien Stadt! Das Schwert heraus, wer sie bis in den Tod liebt und mir folgen will!« Über alles Maß hinaus raste der Jubelssturm. Und während aus hundert Kehlen ein wildes »Vorwärts! Vorwärts!« erscholl, flogen die Damaszener aus den Scheiden. Rolf Ebelingk war auf den Tisch gesprungen und ragte, den gezückten Degen in der Faust, wie ein Erzbild aus der Masse hervor. Ehe er sich's versehen, waren die Jungherren herangestürmt. Zwei der Stärksten nahmen ihn auf ihre Schultern und trugen ihn jauchzend und schreiend durch den Saal. Es brannten alle Gesichter, es flammten alle Augen; selbst die Frauen wurden vom Taumel hingerissen. Minutenlang wollte der begeisterte Lärm nicht verebben. Abt Iso war behutsam zurückgetreten. Ihm zur Seite hielt sich Tysenhusen. Beide blickten einander beziehungsvoll an. »Ist es dir recht, mein Sohn, so suchen wir vor dem Tumult Unterschlupf,« lud der Abt den Kaufherrn ein, während ein seltsames Lächeln über sein kluges Antlitz flog. »Ich meine, wir haben uns mancherlei zu sagen, während die andern in Raserei schwärmen.« Tysenhusen beeilte sich, das Eisbärenfell, darauf des Abtes Füße geruht hatten, aufzuheben und in eine der entferntesten Nischen zu tragen. Behaglich setzte sich Iso zurecht und litt es, daß der fromme Kaufherr mit dem Fell sorgsam seine Füße umhüllte. »Werden sie den Löwen mit ihrem Kinderlärm von den Toren fortscheuchen?« wagte Tysenhusen spöttisch zu bemerken. »Gebrüll allein, hab' ich mir sagen lassen, entscheidet keine Schlacht.« »Sie sind des süßen Weines voll,« erwiderte Iso und lächelte abermals. »Mancher von ihnen mag sich's morgen anders überlegen.« »Mit Vergunst, Hochehrwürden, das glaube ich nicht. Denn hier liegt ein allzu großes Geschäft für sie. Unabhängigkeit vom Herzog für alle Zeit, das bedeutet ungezählte tausend Silbertaler in den Stadtschatz, in die Truhe jedes einzelnen.« »Vorher werden sie mit Heinrich noch zu würfeln haben,« versetzte Iso. »Sind Euch gewisse Nachrichten über den Herzog zugekommen, Hochehrwürden?« Der Abt zuckte die schmalen Schultern. »Mißdeut' es mir nicht, wenn auch ich mitunter ein wenig kaufmännisch rechne. Man lernt das hier, in dreißig Jahren und länger. Kaiser Rotbart weilt in Palästina. Niemand ist da, der jetzt dem Löwen in den Arm fallen könnte oder wollte, wenn er sich nicht selber den Erfolg verdirbt. Du weißt so gut wie ich, Rolf Ebelingk und alle wissen es, daß er in England beutegierig auf der Lauer liegt, wie er vor fünf Jahren wiederkam und des Kaisers Gnade von neuem erlangte, so wird er auch jetzt die eiserne Hand ausstrecken. Fällt ihm aber Bardowieck in die Krallen, dann –« »Dann rächt er alle ihm angetane Beleidigung! Dann werden wir Zinsen müssen, bis uns das Blut unter den Nägeln hervorspringt,« vermutete Tysenhusen. »Nicht so. Ein anderes droht. Höre, was ich dir anvertraue und was nur wenige Eingeweihte wissen: Die Mär, die umläuft, ist wahr, im Schlosse zu Braunschweig liegt das feierliche Pergament, das Harald zum Herrn dieser Stadt macht, sobald der Löwe die Augen geschlossen hat. Und kehrt er lebend zurück, so wird er den Wildling, den er über alles liebt, gleich mit dem Fürstentum belehnen.« Tysenhusen richtete sich unwillkürlich auf. »Harald in Wahrheit unser Fürst? Das ist schlimmer, als wenn Heinrich doppelt auf uns drückte. Harald, der Führer des aufrührerischen Volkes, Harald, der es immer mit den Gilden und Handwerkern, mit den Männern am Hafen, mit dem Kleinsten der Kleinen gehalten hat? Unmöglich, hochehrwürdiger Herr!« Der Abt betrachtete die blassen Nägel seiner Finger. »Warum sprichst du so wegwerfend von ihm, der den Armen und Kleinen zur Seite steht, wie Christus es von uns verlangt? Mißachten sie nicht auch dich, Hans Jakob, weil du eines Zinspflichtigen Sohn bist und dich dennoch zu hohem Reichtum aufgeschwungen hast? Bist du nicht größer als die meisten von ihnen und giltst ihnen doch nur als rechtloser Untertan?« Demütig tief beugte sich der Kaufherr, während ein böses Zucken um seinen Mund ging. »Glaubt mir, hochehrwürdiger Vater, ich weiß, wie sie mir gegenüberstehen. Sie haben mich auf dies wilde und wüste Fest geladen, daß ich ihrer Allmacht Zeugs sei. Sie können mir mein Glück, nein, hochehrwürdiger Vater, meinen Fleiß nicht verzeihen. Sie ertragen es nicht, daß ich von Jahr zu Jahr durch Gottes Güte reichere Schätze aufgehäuft habe als sie. Ich habe hart gescharwerkt, während sie praßten. Ich gebiete heute über Tausende, wo ihnen Hunderte gehören. Und doch, Ihr habt recht. Meine Freiheit, meine Macht hängt von ihrer Gnade ab; gebieten sie, dann bin ich morgen wieder der ärmliche Zinsknecht und jedem Übermut des Rates preisgegeben.« »So erkennst du, Hans Jakob, daß dir Unheil droht, ob nun der Rat in Bardowieck eigenmächtig herrscht, oder Jung Harald. Siehst du keine Möglichkeit für dich, aus der ewigen Furcht vor Habgierigen und Mißgünstigen, vorm Überschwang jugendlicher Schwärmerei herauszukommen?« Der Kaufherr blickte dem Abt erwartungsvoll in die grauen Augen. »Bardowieck ist längst nicht mehr, was es in jenen Tagen war, da ihm Herzog Heinrichs Gunst strahlte,« fuhr Iso leise fort. »Sie mögen sich ihres Glückes, ihres Reichtums, ihrer Kräfte rühmen, so laut sie wollen – wer seine Ohren hat, der hört doch die Angst vor der Zukunft heraus. Wo sind die Zeiten hin, da Lüneburg ein armseliges Dorf war, Lübeck eine Hand voll Lehm und Bardowieck unbestritten, wie es schien bis zum letzten Tage, die Krone des Nordens trug? Kommt der Stadt nicht bald kräftige Hilfe, so ist sie verdammt, im Heidesand zu versinken, schon ziehen wagemutige, Zukunftsfreudige aus ihren Mauern fort, siedeln sich näher dem Meere an. Nur eine Möglichkeit gilt es, Bardowieck wieder zu alter stolzer Höhe emporzuführen, vor allen Feinden, Wettbewerbern und Neidern unbedingt zu schützen, gleichzeitig aber auch Männer wie dich von Last und Schmach zu erlösen, dich frei zu machen, wie die stolzen Geschlechter.« »Und die wäre?« Tysenhusens Hände zitterten vor Erregung. »Bardowieck muß der heiligen Kirche gehören. Erstaune nicht, mein Sohn! Den Kämpfen, die jetzt kommen werden, ist die Stadt allein nicht gewachsen. Ja, stünde sie einträchtig jedem Widersacher gegenüber! Aber zwischen den Gilden und dem Rate, den Kleinen und den Großen tobt haßerfüllter Krieg. Vor zwei Jahren zu Boden geschlagen, stehen die Handwerker und ihre Gefolgschaft schon wieder im Begriff, neue Rechte zu fordern. Der Rat aber trachtet danach, sie sogar um die alten, die ihnen Herzog Heinrich verliehen hat, zu bringen. So schwankt die Stadt wie ein morsches Schiff zwischen Gewittern aus Nord und Süd dahin. Ich weiß es, Hans Jakob Tysenhusen, der Tag wird kommen, wo sie hilf- und führerlos die heilige Kirche um Rettung anfleht. Willst du mir bis zu diesem Tage ein Getreuer sein, Hans Jakob?« Der zuckte in freudigem Schreck zusammen. »Hochehrwürdiger Herr! Die Aussichten, die Ihr mir eröffnet, sind so betäubend herrlich, daß ich kein Wort der Bewunderung finde. Gebietet über mich, über mein ganzes Vermögen! Aber macht mich frei von der Herrschaft dieser Hochmütigen!« Noch um ein weniges mehr beugte Abt Iso den hageren Körper vor. »Ich habe für die große Stunde gesorgt. Der heilige Vater in Rom, Clemens, und Kaiser Friedrich haben gemeinsam das Pergament gesiegelt, das mir erlaubt, im Namen der Kirche Bardowieck für sie zu gewinnen, sobald Rat und Bürgerschaft mir das Geschenk antragen. Den Rat fürchte ich nicht trotz seiner stolzen Worte. Ich fürchte auch den Herzog Heinrich und sein Haus nicht. Mit ihnen läßt sich wohl ein Vertrag schließen; sie haben mich andern Orts nötig. Aber der junge Harald! Dieser Feuerkopf voll Überschwang und wildem Wollen, dieser geharnischte Träumer, der in unersättlichem Lebensdrang Sterne stürmen und ein Paradies auf Erden bauen will! Unglück für uns, wenn sie sich ihm beugen! Größeres Unglück für uns und ihn, wenn sie mit ihm spielen zu können glauben! Ein Feuerbrand unterm Strohdach in Bardowieck! Ich hab' ihn lieb gehabt, doch kenn' ich auch keinen schlimmeren Verderber meines Werkes, seine Rechte gehen dem, was mir verheißen worden ist, weit vor; seine gereizte Leidenschaftlichkeit zerstört alles ruhig Gewordene. Nur er ist der Feind, dein Feind und mein Feind, Hans Jakob! wehe uns beiden, wenn dieser aus seinen Träumen erwacht oder gar unsanft geweckt wird!« Schritte näherten sich, wie warnend strich Isos Finger über die dünnen Lippen. 3. Kapitel Haralds Heimkehr Wieder rauschte der Tanz auf. Wieder jubelten die Geigen von Hochzeitslust. Am Arme Rolf Ebelingks glitt, allen anderen Paaren voran, Maria durch den festlichen Raum, sie war bleicher, als Bräute sonst zu sein pflegen, wenn die wogen der Freude hochgehen; aber ihrer Schönheit tat das keinen Abbruch. Ja, zauberhafter noch schien jetzt ihr rotgoldenes Haar zu schimmern, wunderbarer noch zeichnete sich das edle Profil ab, blühte das Ebenmaß ihrer Glieder, so viele anmutige Mädchen, holderblühte Frauen auch den Saal schmückten, und so stolz jede von ihnen auf ihren Reiz war: Daß sie heute neben Maria nicht aufkamen, erkannte jede von ihnen fast neidlos an. In das immer leidenschaftlichere, süßere, betörendere Jauchzen der Musik drang doch, manchmal die Klänge der Lust übertönend, vom Markte her zorniges Geschrei, so zurückhaltend, auf Matthias Holks Befehl, sich die Stadtwache auch zeigte, mitunter mußte sie gefährlich werdendes Gedränge doch mit harten Stößen abwehren. Und dann kam es jedesmal zu gereiztem Aufbrüllen der Getroffenen und ihrer Genossen, Wieder gellten, mitten in die Klänge des Fackelschleifers hinein, wüste Drohrufe, und als sich um Maria und Rolf Ebelingk die Fackeln tragenden Jungherren drehten und das Brautpaar mit dem Glanz der Edelwachsbrände überschüttete, sauste plötzlich durch ein vom Vorhang nur halb bedecktes Fenster ein schwerer Stein herauf. Mit lautem Aufschrei brach im Kreis der Jungfrauen ein holdseliges Mädchen zusammen. Die Musik verstummte jäh. Mit einem Schlage wurde es seltsam still. Die rohe Störung brachte auch den Ausgelassensten die Gefahr, die abenteuerliche Seltsamkeit dieses Festes zum Bewußtsein, während man hier oben schwelgte und tanzte, von aller Pracht und Herrlichkeit der Welt umglänzt, von allem Reichtum des Nordens, allen Schätzen und Prächten des Südens, raste unten, von Stunde zu Stunde erbitterter werdend, die hungrige Menge. »Wollen wir uns die Festlaune verderben lassen?« rief Rolf Ebelingk, nachdem die verwundete davongetragen worden war. »Ist es nicht genug, daß die Schändlichen und Feigen aus dem Hinterhalte in unsere Freude einzubrechen wagen, ohne auf der Stelle von erbarmungsloser Strafe ereilt zu werden? Daß der Pöbel so alle Furcht vor uns verloren hat, sind wir nicht selber schuld daran? Unsere Nachgiebigkeit ermutigt ihn zu immer größerer Frechheit, wer die Deiche abträgt, darf der sich wundern, daß das Meer weithin seine Acker und Wiesen überschwemmt? Unsere Güte hat die Knechte in den Wahn versetzt, daß sie sich uns gleichstellen dürften. Und im selben Augenblick, wo Bardowieck die schwerste und stolzeste Aufgabe zu lösen hat, die ihm seit tausend Jahren beschieden worden ist, im selben Augenblick entsteht uns, dank unserer weichmütigen Geduld, im eigenen Lager der schlimmste Widersacher. Aber noch ist es nicht zu spät, ihn mit festem Griff niederzuringen. Noch haben wir die Macht in der Hand, nicht nur die Macht der Waffe. Sie schreien draußen nach Brot und Korn. Gut! Wir wollen nicht unbarmherzig sein, meine Freunde! Wir wollen von unserem Überfluß geben, allen, die dessen würdig sind, allen, die unsere Herrschaft dankbar und demütig anerkennen. Herzog Heinrich, immer darauf bedacht, den hohen Rat und damit die Kraft der Stadt zu schwächen, hat den Zünften und Gilden Rechte gewährt, wie sie das Handwerk nirgendwo im ganzen Reiche genießt. Von diesen Rechten ist übler Gebrauch gemacht worden. Die sie verliehen erhalten haben, sind außerstande gewesen, sich und der Gemeinde damit zu nützen. Fressendes Gift bedeuten die Verträge. Nun wohl! Verzichten die Zünfte auf sie, so sollen ihnen unsere Scheuern geöffnet, soll Korn zu mäßigen Preisen verkauft und das Geld zinspflichtig vorgeschossen werden. Aber ohne Unterwerfung kein Brot, kein Korn!« »Rechtes Wort zur rechten Zeit!« rief der trunkene Raynald Basedow, wieder nach dem Pokal tastend. »In Staub mit den Frechen! Heute, man merkt es wohl, vollzieht sich Bardowiecks Geschick, heute schmettern wir alle unsere Feinde uns zu Füßen. Frieden soll wieder in der Stadt herrschen wie ehedem, Frieden und Furcht vor den Geschlechtern. Keine Unterwerfung, kein Brot, kein Korn! Duckt die Knechte! Wir allein sind die Herren!« Am Saaleingang entstand Bewegung. Unerwartete Gäste waren erschienen, und voll hastiger Neugier drängten die Festteilnehmer hinzu. Nach einer Weile lösten sich dann aus dem Gewühl Bürger der Stadt los, die kein Feierkleid trugen und die niemand hierher geladen hatte, wie grell unterschied sich ihr schlichtes Gewand von der farbensatten Pracht rundum! Es waren Wolf Vynke, ehrfurchtgebietend durch die ungebrochene Kraft und Zähigkeit seines Alters gleicherweise wie durch seine würdige Haltung, links von ihm Jan Dieter, dessen in Lumpen gewickelter Armstumpf jämmerlich abstach von dem gleißenden Prunk und Reichtum rundum. Ängstlich zu Boden blickend, vor Verlegenheit zitternd, trippelte hinter ihnen der Schuster Peter her, ein rundliches, fixes Männlein mit blühenden Wangen. Er gehörte noch zu den Jungmeistern des Schusterhandwerks, aber seiner überströmenden Redekunst wegen hatten sie ihn bei der letzten Wahl zu ihrem Führer gekürt. Zur Rechten Wolf Vynkes aber schritt, stolz aufgerichtet wie er und doch in lieblicher Holdseligkeit, ein schwarzhaariges Mädchen, wie eine nach Bardowieck verpflanzte Blume des Südens anzuschauen: Jussunda, seine Pflegetochter. Er hatte sie als zartes Kind vom Kreuzzug mitgebracht und großgezogen; seitdem betreute sie sein Haus und war ihm eine über alle Maßen liebevolle Tochter. Mit ruhiger Stimme eröffnete Wolf Dynke den Ratsherren, die sich rasch um ihr scharten, daß die Menge ihn und seine beiden Genossen als Sprecher entsandt habe. Er wies dabei noch mit leichter Handbewegung auf Jussunda. »Ihr wißt, hochgebietende Herren, das Kind verläßt mich nie, so hat es auch auf diesem schweren Gange bei mir sein wollen.« »Was ist euer Begehr?« fragte Matthias Holk nicht unfreundlich. Jetzt schob sich trotz seiner Furchtsamkeit der Schuster Peter vor. In zierlich gesetzten Worten, anfänglich noch ein wenig stockend, bat er die mächtigen Geschlechter, sich der Hungernden zu erbarmen und morgen Befehl zur Brotverteilung zu geben. Selbstverständlich solle alles auf Heller und Pfennig bezahlt werden, nur bitte das durch die schlechte Ernte und mancherlei Brandunglück jämmerlich verarmte Volk um einige Frist. »Wir sind keine Bluthunds,« schrie Basedow, sich am nächsten Sessel festhaltend, »und du, Peter, baust zwar einen elenden Stiefel, aber es läßt sich mit dir reden. Sage deshalb deinen Leuten, daß sie Brot genug für sich und ihre Kinder haben sollen, aber daß sie unterducken müssen. Seid gehorsam der Obrigkeit! So steht in der heiligen Schrift zu lesen, nicht wahr, Hochehrwürden Iso? Es muß nun einmal auf Erden Herren und Knechte geben; der Schöpfer selbst hat es so geordnet. Einer muß satt sein und der andere hungrig. Daran werdet ihr nichts ändern. Kerker und Hochgericht jedem, der sich unterfängt, die ewige, göttliche Ordnung zu stören. Unser Wort ist deshalb: Verzichtet auf alle die Narrenrechte, die euch der Herzog bewilligt hat, um euch mit uns zu verfeinden! Unterwerft euch wieder unbedingt der Ratsherrschaft! Dann sollt ihr so viel Korn haben, wie ihr begehrt.« Peter hatte mit tiefen Verbeugungen gedankt, während Wolf Dynkes Augen immer abweisender und zornvoller dreinblickten. Doch verstand er, sich zu beherrschen. Anders der düstere Jan. Hatte er schon während der nach seiner Meinung viel zu unterwürfigen Worte Peters nur mühsam an sich gehalten, so riß ihn jetzt roter Zorn schier zur Raserei fort. Jäh trat er einen Schritt auf Basedow zu. »Hütet euch, ihr Übermütigen!« schrillte seine Drohung in den Saal. »Nicht länger mehr werdet ihr unseres Elends spotten, ihr Verruchten! Die Stunde der Rache rückt heran. Und unbarmherzig, wie ihr heute gegen uns seid, nur auf Schacher bedacht, so wollen wir, kommt die Zeit, mit euch verfahren. Hättet ihr feinere Ohren und schärfere Augen, als das Übermaß des Weines euch gewährt, wahrlich, ihr sähet das Verderben über euch hereinbrechen, hörtet die Henkerkarren in der Ferne, die euch zum Schafott bringen werden!« Seine heisere Stimme, seine unheimlich flackernden Augen, der gespenstische Hauch, der ihn umwitterte, schreckten manchen Festfreudigen aus dem Taumel auf. Wieder wurde es still rundum. Es war, als wehe ein Grauen durch den Saal, eiskalter Hauch der Verwesung. Nur Rolf Ebelingk ließ sich nicht einschüchtern. »Es ist lustig,« lachte er, »dich vom Schafott sprechen zu hören. Aber freilich, mit dem Schafott weißt du ja gut Bescheid, seitdem du es mit dem Arm gestreift hast. Dein rechter Arm ist schon dort geblieben, weil du für deine Mutter Brot gestohlen hast, du Dieb. Doch warte nur! Du prophezeihst uns böse, kommende Tage – so prophezeihe ich dir den Tag, wo dein wüster Kopf deinem rechten Arm folgen wird!« Mit verzerrten Mienen hatte Jan den schneidenden Hohnworten gelauscht. Tränen sinnloser Wut tropften ihm aus den Augen, sein Atem keuchte. Dann griff er mit der Linken blitzschnell in seinen Rock, und schreiend vor Wut drang er, den herausgerissenen Dolch schwingend, auf Rolf Ebelingk ein. Doch der hatte sich vorgesehen. Er sprang zurück, im selben Augenblick blitzte die scharfe Damaszenerklinge auf. Jan aber war, von kräftigen Fäusten gepackt, entwaffnet und dröhnend zu Boden geschleudert worden. Und nun hob sein triumphierender Gegner in blinder Rachsucht die Waffe, zückte sie auf den Wehrlosen – Da durchzischte ein wuchtig geführtes Eisen die Luft, und schwer polterte seine Klinge auf den Estrich nieder. Überrascht und erschreckt fuhr Rolf zurück. Und betroffen starrte er dann, bleich und gelähmt, in Haralds entschlossenes Gesicht. Von allen Seiten, aus allen Nebengemächern kam die aufgestörte festliche Schar entsetzt herbeigeeilt; von Mund zu Mund raunte die Kunde, daß der verbannte Gefürchtete unerwartet heimgekehrt sei. Wie um vor unentrinnbarem Schicksal Schutz zu suchen, hatte sich Maria zu ihrem Vater geflüchtet. Aus ihrem schönen Antlitz schien jeder Blutstropfen gewichen, sie bebte am ganzen Leibe, und doch hingen ihre Augen wie gebannt mit verzehrender Inbrunst an der trotzigen Gestalt des Jugendgeliebten, am Glanz dieser königlichen Augen. Keine Lippe regte sich. Alle Jubelstimmung war erloschen. Mit übermenschlicher Gewalt rang Harald den Sturm nieder, der seine Seele durchtobte. »Komme ich zur unrechten Stunde, ihr Herren?« wandte er sich, auf sein Schwert gelehnt, an den Kreis der Schweigenden. Und Maria nur mit raschem Blick streifend, fuhr er fort: »Daß ich in deine Hochzeit einbrechen würde, hohe Frau, war mir nicht bewußt, und ich bitte dich um Verzeihung deshalb.« Seine Stimme blieb fest, wie er das sagte, nichts als eisige Ablehnung lag darin. »Wir sind nun wohl miteinander fertig, Matthias Holk! Der Vertrag, den wir geschlossen haben, ist gebrochen, gebrochen durch dich. Dein Betrug, dein Meineid löscht ihn aus. Das Spiel ist vorbei. Gib mir mein Eigentum zurück! Wisset, ihr Herren, daß keine Woche vergehen wird, ehe mein Vater, dieses Landes Herr und Herzog, vor euren Toren liegt. Ich bin gekommen, euch zu warnen, wie es meine Pflicht war. Von dieser Stunde an aber hütet euch vor mir.« Laut auf lachte Rolf Ebelingk. Aber niemand war, der es ihm nachtat. Sorgenvoller Ernst lag auf allen Gesichtern, keiner zweifelte an der Wahrheit des niederschmetternden Worts. Geflüster hier und da, verlegenes Schwanken, dann trat Matthias Holt aus dem Kreis seiner Freunde. »Auf sieben Jahre hat dich der hohe Rat dieser Stadt aus Bardowieck verbannt. Angekündigt ward dir der Tod, wenn du früher zurückzukehren wagtest. Dein Leben ist damit verwirkt. Doch in Güte und Barmherzigkeit und um des freudigen Anlasses wegen, der uns heute vereint sah, wollen wir dich noch einmal begnadigen, wenn du unverzüglich den Stadtbann verlässest.« Ehe Harald antworten konnte, hatte sich der Ratsherr Stephan Brugg aus der Menge hervorgedrängt. »Du drohst uns mit dem Heere deines Vaters? Von wann ist dir die Mär gekommen? Wähnten wir dich doch alle auf der Nordsee und sind nun über die Maßen erstaunt, dich nach so kurzer Zeit wieder innerhalb unserer Mauern zu erblicken.« »Laßt mich Antwort geben, hochgebietender Herr,« meldete sich da Heini Hoyer. »Wir haben die Koggen des Herzogs auf hoher See gesichtet. Es mögen bei fünfzig oder sechzig sein. Und damit ihr uns glaubt, sehet hier zwei seiner gefangenen Krieger!« Er wies auf die beiden reisigen Knechte hin, während er seine Augen übermütig durch den Saal schweifen ließ und auf der ringsum prangenden Frauenschönheit ruhen ließ. Doch keines von den lieblichen Mädchen hatte in dieser Stunde Sinn für die Huldigungen des übermütigen Malers. Verschüchtert und ängstlich, sorgenvoller noch als die Männer, sahen sie in eine finstere Zukunft, die diese helle Nacht der Freude überschatten wollte. »Seid ihr allein, ihr Vier, oder habt ihr die ganze Mannschaft des Butenspälers mitgebracht?« »Die Kogge ist draußen auf der Ilmenau angetaut, dreihundert Schritt vom Hafen, neben einer, die wir dem Herzoge abgejagt haben.« »Wie die Dinge liegen, wollen wir dir verzeihen, daß du den Stadtbann gebrochen hast, Harald,« begann Matthias Holk wieder, »wichtig genug ist ja die Meldung, so daß sie dein eigenmächtiges Tun entschuldigt. Nun aber hast du deine Pflicht erfüllt, und nun heische ich abermals von dir, auf der Stelle die Stadt zu verlassen.« »Unser Vertrag ist abgelaufen,« beharrte Harald unbewegt. »Du weißt, was du mir in der Abschiedsstunde zugesichert hast, du weißt, daß ich nur deshalb von Bardowieck schied. Als ein Wortbrüchiger stehst du jetzt vor mir, alter Mann! Was zwischen uns vereinbart war, ist zerrissen und ich bin adlerfrei, wie vorher. Unglück und Grauen ohnegleichen hängen über dieser Stadt. Schämt ihr euch nicht, ihr in Überfluß und wilden Wonnen Ertrinkenden, daß die da draußen vor Hunger schreien? Auf meinem Wege zu euch habe ich gesehen, was ihr aus dem armen Volke gemacht habt. Doch bei dem Gott, an den ich glaube und dessen Feuer ich im Herzen trage, nicht länger dulde ich die Schande, die ihr ihm und meiner Heimatstadt antut. Ich kam hierher, um ihr zu helfen, als ein Getreuer, der mit euch zusammen für die Freiheit gegen Herzog Heinrich, meinen Vater, auf der Wacht zu liegen gedachte. Jetzt aber seht ihr mich bereit, euer Unrecht zu züchtigen und die Hungernden vom Tode zu retten. Ich will –« »Du willst?« lachte Rolf höhnisch auf. »wer bist du, daß du uns zu schrecken trachtest? Der Bankert eines landverjagten, kranken und müden Fürsten! Wir, die sich vor deinem Vater nicht neigten, als er noch ein mächtiger Kriegsherr war, wir, meinst du, werden uns deinem dreisten Befehl unterwerfen? Verlaß die Stadt auf der Stelle, und damit wir dir gestatten, sie ungefährdet zu verlassen, wahre deine Zunge! Dreiste Bettler jagt man mit Hunden vor das Tor. Holla,« schrie er, sich dem Saaleingang zuwendend. »Die Waffenknechte her, und die Hunde her!« Ein furchtbares Licht stieg in Haralds Augen, rote Äderchen sprangen durch ihr Weiß. Hoch riß er das Schwert, entschlossen, einer gegen hundert, am verhaßten Feinde die Beleidigung zu sühnen. Entsetzt hob Wolf Vynke die Hand. Und da, seltsamer, ergreifender Mut, eilte die zarte Schwarzhaarige, die ihm zur Seite ging, auf Harald zu und legte ihre feine, bleiche Hand wie begütigend auf seine wetterbraune Faust. Er fuhr jach herum und sah erstaunt in ein holdes, blasses Gesicht, aus dem die reine Mädchenseele flehend zu ihm sprach, wortlos und doch überirdisch beredt, wie durch ein Wunder beruhigte sich sein heißes Sachsenblut. Nur ein kurzer Kampf mit sich selbst – dann hatte Harald sich bezwungen, das nun tief errötende Kind war Siegerin geblieben. Stolz zurückgeworfenen Hauptes trat Harald jetzt auf Rolf Ebelingk zu. »Du drohst mir mit Hunden? Du? Aber freilich, du hast recht – wer handelt klüger als der, der mit seinesgleichen vereint auf den Gegner losgeht? O, beschimpfe mich nur, Rolf Ebelingk! Keine stolzere Ehre könnte mir widerfahren. Wen Rolf Ebelingk beleidigt, der muß fürwahr ein ganzer, rechter Edelmann sein, wahrlich, vernahm ich aus deinem Munde ein Schmeichelwort, dann, aber auch nur dann ging' ich beschämt und traurig meiner Wege.« Rolf Ebelingk erbleichte bis in die Lippen. »Hunde her!« brüllte er, seiner selbst nicht mehr mächtig. »Und wer mein Freund ist, drauf und dran! schlagt ihn nieder, rächt die Schmach, die er mir angetan hat.« Die Weiber kreischten laut auf und stoben auseinander, als die aufgestachelten, zornwütigen Männer nach den Waffen griffen und sich rachsüchtig auf den kühnen Eindringling stürzen wollten, auf den verhaßten Störenfried, den gefürchteten Träger böser, verhängnisvoller Kunde. Aber entschlossen warf sich ihnen Wolf Vynke entgegen. »Wagt keinen Schritt weiter!« rief er ins brausende Getümmel. »Wagt es nicht, sie stürmen sonst euer Hochzeitshaus!« Und während die Entbrannten unwillkürlich stutzten und für die Sekunde die Geister des Weins von sich abschüttelten, stand er schon am Fenster, von Flackerbränden und Kerzen hell beleuchtet, und rief mit metallener Stimme zum Markt hinunter, daß es wie Trompetenklang dröhnte: »Der Retter ist da, Jung Harald, den ihr alle liebt! Jung Harald, der Herzogssohn ist wieder in der Stadt!« Atemlos hatte die dunkle Menge gelauscht. Dann aber erbrauste, grenzenlos wild, Jubelgebrüll aus tausend und aber tausend Kehlen. Es war, als ob plötzlich in später Mitternacht Sturmwind über den Markt rase, vom hohen Dom abpralle und sich auf das Holksche Haus stürzen wolle. »Harald, der Herzogssohn!« schrie und tobte es in seligem Entzücken. »Heil unserem Retter!« Unablässig donnerte der Ruf durch die Nacht. 4. Kapitel Verlorene Jugend Wohlig ließ sich Abt Iso vom Licht der Morgensonne, die freundlich durchs Bogenfenster schien, erwärmen, über seine mageren Hände, sein kluges Gelehrtengesicht floß die gelbe Flut, während Tysenhusen ihm gegenüber im Schatten saß. »Haralds Heimkehr wird uns allen verhängnisvoll werden,« befürchtete der Kaufherr. »Nach beiden Seiten hin hat er die Macht und gewinnt, wenn er klug ist, so gut das Volk wie die Geschlechter für sich. Freunde und Anhang findet er schließlich hüben und drüben, Blut ist dicker als Wasser und dafür, daß ihm der Pöbel treu bleibt, sorgen seine Kumpane.« Der greise Abt antwortete nicht. »Und deshalb, Hochehrwürden, scheint es mir, als ob unser Bemühen dahin zielen müßte, ihn so rasch als möglich wieder aus Bardowieck zu entfernen.« »Du gehst mir zu stürmisch ins Zeug, Hans Jakob,« sagte Iso, lächelnd mit dem Finger drohend. »Fürs erste kann ich den Stürmer hier nicht entbehren. Ja, ich brauche ihn nötiger als irgendwen. Ohne Harald ist das Volk eine armselige Null und zerstiebt, selbst wenn es neuerdings die Fahne des Aufruhrs erhebt, beim ersten Anprall der Ratswaffenknechte. Geschähe das aber, dann wäre es bis zur Einigung der streitenden nicht mehr weit, die Zünfte würden sich notgedrungen unterwerfen und den Geschlechtern in jedem Punkte willfahren. Besonders in der Verteidigung der Stadtwälle gegen Herzog Heinrich.« »Ihr wollt die Stadt nicht gegen ihn verteidigen?« fragte Tysenhusen und ließ seine Blicke durchs Gelaß irren. »Das hängt vom Herzog ab. wie er sich zu den gemachten Ansprüchen der heiligen Kirche stellt. Endgültig, mein Sohn, dürfen wir uns also heute noch nicht entscheiden. Sicher ist, daß zunächst die Machtverteilung in der Stadt schwanken muß. Keiner Partei die Oberhand, keine ganz zu Boden gedrückt! Weder das Volk noch die Geschlechter. Rückt dann der Herzog heran, so steht es bei uns, die Kräfte dem Eroberer geballt entgegenzuwerfen oder wider einander auszuspielen.« »Ihr spielt damit ein hohes Spiel, hochehrwürdiger Vater,« warnte Tysenhusen. »Es ist ein sicheres Spiel, mein Sohn, wenn du deinen Eid hältst und mir bis zum Schluß treu zur Seite stehst.« Tysenhusen hob die Hand wie zu neuem Schwur. »Im Leben und Tod Euer!« Abt Iso sah gedankenvoll auf die Gasse, gedankenvoll zur Spitze des weißen Doms hinüber, die golden durch den hellen Oktobermorgen blitzte. »Ein Sinnbild unserer Zukunft, Hans Jakob,« meinte er dann. »Bardowieck kann nur glücklich sein, wenn in alle seine Viertel hinein, auf alle seine Dächer, die der Geschlechter wie die der Handwerker und der Leute am Hafen, tröstend und schützend das Kreuz leuchtet. Erst in den Händen der Kirche steht Bardowieck in Wahrheit auf Gipfelhöhe.« »Und wenn es soweit ist, werdet ihr meiner nicht vergessen, Hochehrwürden?« »Du hast mein Wort, du hast mein Priesterwort. Du sollst aber auch verbrieft und gesiegelt erhalten, was ich dir zugesagt habe. Ein Platz in der neuen Ratsherrnschaft, wenn Bardowieck der Kirche eigen wird; gleiches hohes Recht mit dem gesamten alten Stadtadel –« »Und ein Platz vorn im Dom für mich und mein Weib,« fügte Tysenhusen hinzu. »Es sei dir bewilligt.« Tysenhusen atmete hoch auf. In sein gelbes Gesicht stieg fahle Röte, wie zum Gebet faltete er die Hände. »So hätte ich erreicht, was ich ein Leben lang in unablässiger Arbeit angestrebt habe. So stünde ich, vorm Ende meiner Tage, an dem hohen Ziel, dem ich von Kindesbeinen an nachstrebe. Niemals werde ich Euch vergessen, Hochehrwürdiger, daß Ihr mir dazu verholfen habt. Euer bin ich mit Leib und Seele, noch einmal gelobe ich es.« »Ich danke dir, Hans Jakob. Doch nun laß uns rasch zum Entschluß kommen. Harald hat die Menge hinter sich. Nicht darf der Rat darauf rechnen, sie durch List oder Überredung zum Abfall zu bringen. Nicht darf er es wagen, ohne begründeten Anlaß mit Gewalt gegen sie anzusprengen. Dazu ist Haralds Macht zu stark. Um seine Getreuen von der Kogge scharen sich hunderte der Lastenträger am Hafen, scharen sich, wenigstens heute noch, die Gilden und Zünfte. Gewaltig wächst seine Stärke durch Wolf Vynke, der in ihm den erhabenen Löwen, seinen alten Kriegsherrn, selber erblickt. So dürfen wir nach dieser Richtung hin sicher sein. Nur eines könnte meinen Plan durchkreuzen, nur eines den Geschlechtern einen vorschnellen, uns gefährlichen Sieg geben, und das wäre der Hunger, das erbarmungswürdige Elend, das die Darbenden zur Verzweiflung treiben oder sie zwingen könnte, sich um gemeiner Sättigung willen dem Rate zu unterwerfen.« »Ihr verteilt reichlich Korn und Mehl an die Armen, Hochehrwürdiger!« »Ich darf es tun, ohne das Gebot der Unparteilichkeit und Gerechtigkeit zu verletzen. Brich dem Hungrigen dein Brot! spricht der Herr. Aber die Klostervorräte gehen zur Neige. So mußt du einspringen, Hans Jakob! Ich stehe dir für die Kosten.« Der Kaufherr erschrak. »Nun und nimmer darf ich's wagen! Sie würden mich hassen bis in den Tod, würden mich verfolgen, mich anklagen und zur Rechenschaft ziehen. Schon bis jetzt haben sie mich eben nur geduldet, und von Jahr zu Jahr ist ihre Erbitterung gegen mich gestiegen, weil meine Geschäfte gesegneter sind als die ihrigen. Heischt von mir, was ihr wollt, hochehrwürdiger Abt, nur nicht dies!« »Bist du so feige, Hans Jakob?« fragte Iso und wiegte traurig das graue Haupt. »Es gibt keine andere Möglichkeit, zum Siege zu gelangen, als diese. Du mußt Opfer bringen, schwere Opfer, mein Sohn, und darfst um der Gerechtigkeit willen die schnöde Welt nicht fürchten. Deine Speicher sind bis zum Bersten gefüllt, von deinem Korn könnte sich ganz Bardowieck den Winter über und länger ernähren, mit deinem Korn jeder Belagerung trotzen.« »Ich darf dem Rat nicht in den Arm fallen. Ist es wirklich seine böse Absicht, mit Hilfe der Teuerung das Volk zur Ergebung zu zwingen, so vernichtet mich seine Wut, wenn ich diesen Plan vereitle.« »Fürchtest du die Menschen mehr als Gott? Wenig würde das den Frommen in dir ehren, und nicht allzusehr den Kaufmann,« tadelte Iso. »Nun gut, ich werde dafür sorgen, daß niemand von diesem Handel erfährt. Nur ein Wort brauche ich mit Harald zu wechseln, so stehen uns ungezählte geübte Schiffsträger zur Verfügung, die in aller Verschwiegenheit dein Korn hierher ins Kloster schaffen werden. Der verhüllenden Umwege gibt es genug. Und die Oktoberabende brechen früh herein.« Tysenhusen zögerte noch. »Für die Zahlungen, hochehrwürdiger Herr, bürgt ihr mir, das sagtet ihr bereits. Aber für die große Gefahr, die ich laufe und die ich nur um Euretwegen auf mich nehme, welche Vergütung ist mir gewiß?« »Sobald ich Herr in Bardowieck bin, übertrage ich dir den gesamten Salzhandel,« versprach Iso. »Genügt dir das?« Tysenhusen sprang auf. Tief beugte er sich über des Abtes Hand und küßte sie. »Überreich begnadet Ihr mich,« rief er aus. »Nie hätte ich so hohen Lohn erhofft. Nun zählt auf mich unbedingt, was Not und Gefahr! Ich tue, was ihr wollt!« Auch Iso hatte sich erhoben. »Geh jetzt, mein Sohn, bereite alles vor, daß Haralds Leute schon heute abend die Säcke in Empfang nehmen können,« ordnete er an. »Im übrigen schaffe noch so viel Korn und Nahrungsmittel nach Bardowieck hinein, wie dir möglich ist. Nachricht von der See besagt, daß König Heinrichs Schiffe gelandet sind und sein Heer sich binnen kurzem auf den Marsch begeben wird. Deshalb, mein Sohn, mit Fleiß und Gott ans Werk! Eben sehe ich Maria über den Hof kommen, sie hat mich um eine Unterredung gebeten, vielleicht ist auch ihr Herz voll und schwer vom Leids dieser Zeit.« Der Kaufherr verließ unter tiefen Verbeugungen das Zimmer. Draußen auf dem Gang traf er mit der holdseligen Frau zusammen und verneigte sich vor ihr noch unterwürfiger als vor dem Abt. »Sei mir gegrüßt, liebe Tochter,« empfing Iso die in Glanz und Reichtum Strahlende, »sei gelobt, daß du in diesen Tagen höchsten Erdenglücks nicht den Diener Gottes vergissest, sondern auch ihm ein Viertelstündchen von den herrlichen Stunden deines Tages schenkst.« Marias Augenbrauen zogen sich zusammen, »Warum spottest du mein, Vater?« wehrte sie. »Siehst du nicht, daß diese Tage höchsten Erdenglücks Tage der Verzweiflung und des Jammers für mich sind? Habe ich dir nicht gestern gebeichtet, wie es in meinem Herzen wühlt und tobt? Wenn ich mich vor allen anderen zu bezwingen, wenn ich zu lügen und zu heucheln weiß, vor dir, der mich immer gütig geführt und geleitet hat, vor dir mag ich nicht lügen.« »Meine Tochter,« sagte Iso leise, »lerne beizeiten, dein Herz in Zucht zu nehmen! Lerne beizeiten, niemandem Einblick in dein wollen und Träumen zu gewähren, außer dem Diener der heiligen Kirche, der dich mit Gott versöhnt.« Er ließ sich wieder auf dem Sessel in der Fensternische nieder und streckte Maria beide Hände entgegen. »Komm, setz dich zu mir, Tochter, wie du es all diese Jahre hindurch immer so gern getan hast und laß uns beten, daß Gott dich wie bisher so auch weiter mit Glück begnade.« »Seit Harald wiedergekommen ist, bin ich unglücklich, unglücklich bis ins Tiefste. Ich habe ihn verraten, habe heilige Schwüre gebrochen.« »Schwüre, die er dir von den Lippen küßte, mein Kind. Weißt du, was ein alter römischer Dichter singt? Jupiter lacht herab auf der Liebenden Meineid.« »Nicht so!« unterbrach sie ihn. »Seitdem er wieder in der Stadt ist, weiß ich, daß ich von ihm nicht mehr loskomme. Ich habe mich getäuscht, habe mich täuschen lassen, mein Vater. Ich hätte Eurem vereinigten Drängen widerstehen sollen, was kümmert es mich, daß Matthias Holt Schiffe auf der See verloren hat, daß sein Reichtum ins Wanken geraten ist und Rolf Ebelingk ihn rettete? Wohl, ich habe dies Leben voll Üppigkeit gern gelebt, aber glaube mir, an seinem Herzen nähme ich fürlieb mit der ärmsten Köhlerhütte im Heidewald, schliefe gern auf Kiefernstreu um seinetwillen.« Iso zog die Schluchzende an sich heran und legte zärtlich die Hand auf die im Sonnenglanz funkelnde, rote Pracht ihres Haares. »Du hast dich für deinen Vater geopfert, Maria. Du hast eins große Tat getan, um deretwillen dich Gott reich mit Himmelswonne belohnen wird.« »Doch gelüstet mich zuvor nach irdischer,« entgegnete Maria. »Ich bin jung, mein Vater, jung und voll Sehnsucht. Mir schaudert vor dem Gedanken, jahrelang erdulden zu müssen, was ich gestern und heut erduldet habe. Mir graut vor Rolf Ebelingk. Lieber den Tod, Vater, als solches Leben voll Furchtbarkeit.« »Hüte dich vor Trotz, mein Kind, hüte dich vor der schlimmsten Sünde!« »Sünde?« fragte sie. »Mein Vater, ist denn alles Sünde, was Menschensatzung Sünde nennt? Kann nicht Gott, der über dir und uns allen steht, freisprechen, wo du und alle verdammen? Gibt es nicht zweierlei Gesetzestafeln? Eine, die in rächendem Haß höllische Strafe denen androht, die in Haß sündigten, und eine andere, die liebevolle Verzeihung gewährt denen, die in Liebe sündigten?« Gedankenverloren starrte der Abt vor sich hin. »Mein Kind, was dir durchs Hirn wogt, sind Einflüsterungen der Hölle. Hüte dich, hüte dich vor dem Versucher! In Haß begehst du jede Sünde. Auch die, vor allem die, der du nachzugeben gewillt bist aus Liebe zu deinem Freunde. Denn du sündigst dann in Haß gegen den, dem ich dich am Altar Gottes vertraut habe.« »So gibt es nur eine Rettung für mich, Vater! Sorge, daß er aus Bardowieck reitet! Noch heute! Ich darf ihn nicht wiedersehen, ich bin verloren, wenn ich ihn sehe. Ich bin verloren. Und alle Schuld kommt auf euer Haupt, die ihr mich in Wahnsinn und Schuld gestürzt habt.« Iso hob die Hand ans Ohr und lauschte. »Ich höre Schritte,« flüsterte er dann, »Schritte eines, den ich hierher gerufen habe. Er kommt den Ilmenau-Gang hinauf. Ich wollte nicht, daß Unberufene ihn sähen.« Maria verstand ihn auf der Stelle. »Harald? Ihr habt Harald hierher gerufen?« »Ja, meine Tochter, sobald du dich bei mir anmeldetest, hielt ich es für recht, euch beiden Gelegenheit zu einer Aussprache zu bieten. Ihr müßt miteinander ins reine kommen. Ihr dürft nicht Todfeinde sein. Ihr habt euch allzu viel Liebes gesagt früher.« »Das hättet Ihr nicht tun dürfen, mein Vater,« begehrte Maria auf. »Er wird glauben, ich hätte ihn hierher gelockt. Er wird mich verachten. Laßt mich gehen!« Iso drückte die Erregte sanft in den Sessel zurück. »Es ist zu spät. Reiß dich zusammen! Weißt du, ob er jemals wieder deinen Weg kreuzen wird? Willst du, daß er niedrig von dir denkt, weil er nicht weiß, weshalb du Rolf Ebelingks Gattin geworden bist?« Zwischen Schreck und süßem Schauder schwieg Maria still und unterwarf sich. Und schon stand Harald in der Tür. Er stutzte beim Anblick der verlorenen Liebsten, seine Mienen verfinsterten sich, und es schien, als wollte er unverzüglich das Gemach verlassen. Dann aber besann er sich, strich mit starker Bewegung das Haar aus der freien, mächtigen Stirn und begrüßte nach adliger Art die schöne Frau, dann den Abt. »Ihr habt mich gerufen, hochehrwürdiger Herr –« »Ja. Denn zwischen uns ist vielerlei Wichtiges zu erörtern, Harald. Vor allem aber eins: Daß du Maria hier siehst, ist mein Werk, sie ahnte nicht, daß du kommen würdest.« »So erlaubt mir, hochehrwürdiger Herr, Euch heut nachmittag zu besuchen.« »Bleibe, mein Sohn! Es ist vielleicht mehr als mein Werk, es ist wohl Gottes Wille, der euch zusammengeführt hat. Nun, da seine Fügung es verlangt, laßt uns die Stunde nutzen! Nicht in Zorn und Haß dürft ihr nebeneinander durch diese Stadt gehen. Der Unerschaffene selbst verpflichtet mich, der eure Kinderjahre bewacht und behütet hat, dazu, auch jetzt noch die Hand über euch zu halten.« Maria wagte kaum die Augen zu erheben. Gesenkten Hauptes, ein Bild rührender, demütiger Schönheit, saß sie da. Nur manchmal streifte ihr Blick flüchtig das luziferstolze Antlitz des Heimgekehrten, der als halber Knabe davongezogen war und nun mannesstark, sehnig wie Syrerstahl, ein trotziger Sieger, vor ihr stand, selbstvergessen haschte sie nach einem Strahl seiner Königsaugen. »Mag noch so Bitteres, Finsteres zwischen euch getreten sein, völlig entfremden werdet ihr euch einander nie,« hob Iso wieder an. »Zu viele traute Erinnerungen verknüpfen euch, meine Kinder, zu viele Wundertage der Jugend, zu viel gemeinsames Unglück. Ihr werdet über diese Zeit des Grams hinwegkommen, euch vom folternden Elend des Herzens befreien und dann wieder wie früher von Judith Holk sprechen, Haralds unglücklicher, schöner Mutter, und von deiner eigenen armen Mutter, Maria. Solche Bindungen zerstört auch die Hölle nicht.« »Die Hölle,« wiederholte Maria leise. Da trat leise Bruder Eusebius ein und meldete dem Abt, daß wichtige Läuferbotschaft vom Bischof in Braunschweig für ihn eingetroffen wäre. »So wartet auf mich, meine Kinder. Gleich bin ich wieder bei euch.« Schweigend standen sich die beiden gegenüber. Harald noch immer an der Tür, Maria im Prunksessel des Abtes, vom Sonnengetändel wie von lieblichem Glorienschein umspielt. »Harald!« sagte sie leise nach langer, tödlich langer Pause. Er antwortete nicht. »Willst du mir nicht die Hand geben?« fragte sie. Er starrte über sie fort. Da erhob sie sich jäh und trat dicht an ihn heran, »Willst du mich verurteilen, eh du mich gehört hast? Bin ich dir nicht ein armes Wort des Grußes mehr wert?« »Laß das, Frau Maria. Rolf Ebelingk wird dich vermissen. Und du bist schöner als vordem. Es geziemt sich nicht für eine so schöne Frau, daß sie mit dem Fremden allein in fremdem Zimmer stehe.« Da schlug sie die Hände weinend vors Gesicht. »Schilt mich,« schluchzte sie, »schlag mich, aber verhöhne mich nicht! Das habe ich nicht um dich verdient. Du weißt nicht, wie ich Tag und Nacht vor Gott auf den Knien gelegen, um dich geweint, nach dir gerufen habe, während du fern warst, vergebens gerufen habe, bis ich verhaßtem Zwang weichen mußte.« »Nach mir gerufen, während ich fern war. Ja ... Ich war fern, das wußtest du, und du wußtest, daß deine Rufe nichts an deinem Entschluß ändern konnten. Verhaßtem Zwang bist du gewichen und wichest gern. Sei gnädig, Maria, zerstöre dein reines Bild nicht völlig! Du hast nie lügen können, warum lügst du jetzt?« Wie ein Kronreif umflocht dunkles Rot ihre Schläfen. »Ich will mich nicht vor dir rechtfertigen. Nur eins will ich: daß du mich nicht verachtest. Vier Schiffe des Vaters waren in der Ostsee gescheitert, fast sein ganzes Hab und Gut, denn er hatte alles auf einen großen Schlag gesetzt nach den schweren Verlusten, die ihm im Kölner Handel erwachsen waren. Nun stand die Schande grinsend vor unserem Hause. Als keine Rettung mehr möglich schien, kam Rolf Ebelingk und forderte meine Hand. Vor mir auf den Knien lag der Vater, der sonst so stolze, unbeugsame Mann. Und da fiel ich als Opfer. Du warst ja fern, Harald, und sie sagten, daß du noch fünf Jahre, länger als fünf Jahre fernbleiben würdest.« Er stöhnte tief auf. »Nie sekundenlang hab' ich in diesen Jahren dein vergessen, Maria, nie sekundenlang ein anderes Mädchenbild als deines gesehen. Ob wir im Gewittersturm dahinfuhren oder zwischen Amethystinseln sommerlicher Meeresstille, immer warst du es, die mir den Weg wies. Du saßest dabei, wenn wir Pläne schmiedeten, um die Seeräuber abzufangen, du standest neben mir in jedem Gefechte ... Das ist nun alles vorbei. Das alles ist nun so unsäglich beschmutzt.« Er verstummte und wandte sich rasch ab. »Harald!« sie suchte nach seiner Hand. Rauh zog er sie zurück, als schände ihn die Berührung. »Ich hatte mir dies Wiedersehen anders geträumt,« sagte er, ihre Blicke vermeidend, »aber mein Schicksal führt mich wohl den rechten Weg. An deiner Seite hätte ich der großen Pflichten gegen mein Volk vergessen, an deiner Seite wäre ich geworden wie die anderen, glücklich in überirdischem Glück, immer zu deinen Füßen und blind für die hohen Sterne. Nun, Dank dir, daß du mich auf die Bahn zurückgezwungen hast! Verwundet liege ich vor dir, ja, höre es nur und sei stolz darüber, auf den Tod verwundet. Geh anmutig lächelnd vorbei, Holdselige! Aber vergiß nicht und sage es den deinen, daß mir im Arm noch die alte Kraft lebt und daß ich, so tief du mich getroffen hast, gesunden werde zu neuem Strauß. Und dann wahrt euch wohl, wahrt such alle vor Harald! Da unten in den Gassen stehen jetzt die, mit denen ich mein Zukunftswerk vollenden werde. Eine reinere Flamme als die Gier nach Fürstenmacht, eine reinere Flamme als die Liebe zu dir ist aus meiner Seele aufgeschlagen. Weiß wohl, daß diese Zeit mir kein Glück mehr bringen wird, aber dafür hoffe ich, soll die Zukunft mein gedenken. O, die Zukunft, Maria! Heißer und feierlicher liebe ich sie denn dich! Nun wird all mein Sorgen sein, daß sie dereinst meinen Namen segnen, den Namen des Befreiers aus Armut und Elend, den Namen dessen, der euren Stolz, ihr Starken und Mächtigen, in Stücke schlug, damit die Armut leben könne.« Die heißen Hände im Schoß gefaltet, regungslos lauschte sie seinen wildbegeisterten Worten, lauschte dem Klang dieser metallenen Stimme. Was er ihr mit entflammter Leidenschaft zurief, das bewegte ihre Seele nicht. Ihre Seele sah wieder die in Glut und Duft gehüllten Sommerabende auf der Heide, die von tausend Edelsteinen funkelnde Ilmenau. Sie wähnte sich wieder auf seinen starken Armen, mit denen er die Freundin über den Heidebach trug; sie blickte wieder auf ihn, der sie im Fischerkahn auf dem Flusse ruderte, während buntes Wassergeriesel um sie her aufspritzte. O, wie sie ihn liebte! Sie hatte nicht widerstehen können, damals. Jauchzend war sie vom Sitze aufgefahren und hatte sich, während das Schifflein bedrohlich ins Schwanken geriet, ihm an den Hals geworfen ... »Was wir uns zu sagen gehabt haben, Frau Maria, ist wohl gesagt,« schloß er plötzlich, »wir werden hinfort kein Wort mehr aneinander zu vergeuden haben. Und so wünsche ich dir, daß du alle Seligkeit der Erde, die ich dir schenken wollte, im Arme des anderen findest. So wünsche ich dir –« »Harald!« schrie sie auf, »nicht das! Ich ertrag' es nicht! Lieber mache deine Drohung wahr, sprich kein Wort mehr mit mir, als daß du solche Worte zu mir sprichst.« Er wandte sich zum Ausgange. »Und das ist das Ende?« fragte sie. »Du verweigerst mir die Hand, die du der morgenländischen Dirne an meinem Hochzeitstage vor allen Augen Bardowiecks gegönnt hast?« »Wer gab dir das Recht, davon mit mir zu reden?« »Ich merke wohl, Harald, du hassest mich.« »Ich hasse dich nicht. Ich kenne dich nicht mehr.« 5. Kapitel Das Kind aus Morgenland Durch den friedenvollen, goldenen Abendhimmel flutete Glockenklang. Von allen Kirchtürmen her lud es, mit hellem und dunklem Schall, zur Andacht, und auf allen Lippen zitterte ein Ave Marie. Noch glühte das mächtige Dach des hohen Doms im Sonnengeriesel, rot funkelte weit ins Land hinein das Kreuz, doch der Tag wollte zur Ruhe gehen. Mählich entschlief in Bardowieck all treues Schaffen. Nur im Dachstübchen von Wolf Vynkes Haus, das, unter Linden halb versteckt, am Westergraben lag, regte wenigstens einer noch fleißig die Hände. Heini Hoyer hatte während des Nachmittags Jussundas liebliches Bild gemalt, und nicht bloß das holde Mädchen, sondern auch der Hund Zinnober und schließlich Heini selber waren mit der Schöpfung zufrieden gewesen. Nur Jan Dieter, der sich dem Maler ungerufen angeschlossen hatte, hockte schweigend in der Ecke und verglich unaufhörlich die feinen Züge Jussundens mit dem Gemälde. »Kein Meister, auch du nicht, Heini, vermag uns diese Wunderschönheit auf die Leinwand zu bannen!« Heini hatte ungewohnt fleißige Arbeit geleistet und seinen Durst bisher mannhaft bezwungen, so nachdrücklich er von Zinnober durch heftiges Bellen auch immer wieder daran erinnert worden war, sich und dem erfrischungsbedürftigen Hunde einen guten Tropfen zu verschaffen. Ohne auf die ernste Mahnung des gewissenhaften Tieres zu achten, hatte er eben noch eine neue Leinwand aufgezogen und sich daran gemacht, das prunkende Bild des Domes mit leuchtenden Farben festzuhalten. In der Tat, so gewaltig und köstlich zugleich in der vom Sonnenpurpur überflammten Silberpracht bot sich das mächtige Gotteshaus dem Blicke von keinem anderen Fenster Bardowiecks aus dar. So herrschgewaltig und liebevoll zugleich erhob es sich über die Giebel, die Katen und Lehmhäuser der Stadt, daß es wie ein sonnengekrönter Riesenkönig in die Unendlichkeit zu schauen schien. »Wird er tausend Jahre später, wenn wir alle längst wieder Erde geworden sind – auch du, liebreizendes Jüngferlein, nur daß du dich dann in lauter Rosen verwandelt haben wirst –, wird er nach tausend Jahren noch so gebieterisch über alles Land fortblicken?« fragte Heini und ließ den Pinsel einen Augenblick ruhen. »Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag,« erwiderte die fromme Christin Jussunda. Jan lachte in seiner Ecke. Ein befremdliches, häßliches Lachen. »Sieh, was ich hier unter der Jacke trage,« sagte er dann und wies ein eisernes Hämmerlein am breiten Bande vor. »Dem dies Zeichen heilig war, der große Gott unserer Väter, er waltete vor tausend Jahren unumschränkt über diesen Gauen, wo ist er hingegangen? Mein Vater erzählte mir oft: Auf die letzten und ödesten Höhen des wilden Harzgebirges haben sie ihn verscheucht, und wer noch an ihn glaubt, muß sich in der Dunkelheit verstecken, muß bei Nacht und Nebel die heilige Opferstätte aufsuchen. Meint ihr, dem Gotte, der da drüben im herrlichen Steinhaus wohnt, sei ein besseres Schicksal beschieden?« »Nimm dich in acht, du Ketzer,« drohte ihm Heini mit dem Pinsel. »Mir und dem Zinnober schaden solche bösen Reden nicht, aber das Jungfräulein hier, das darfst du mir nicht verderben, wagst du es noch einmal, so melde ich dich dem hochehrwürdigen Herrn Abt Iso, daß er dich auf offenem Markte rösten lasse.« »Pah, Iso!« lehnte Jan verächtlich ab. »Der ist, wenn ich's will, morgen mein allerbester Freund. Hättest einmal hören sollen, wie liebreich er mich heute in der Wassergasse ansprach und mich einlud, doch einmal zu kurzem Schwatz ins Refektorium zu kommen.« Heini schüttelte sich. »In der Wassergasse? Das läßt böse Schlüsse zu auf den Wein, den er dir im Refektorium vorsetzen will.« Jan zuckte die Achseln. »Wasser oder Wein – an mir prallt seine Freundlichkeit ab. Sie sind aus einem Ton gemacht, die hohen Herren vom Stadtadel und von der Geistlichkeit. Kloster und Rathaus gehören zueinander und schmieden vereint dem armen Volke Ketten.« »Ob's damals, zu Wodans und Tors Zeiten, wesentlich anders gewesen ist?« erkundigte sich Heini spöttisch. »Wohl ist's anders gewesen,« erwiderte Jan heftig. »Ich weiß es vom Vater, der ein Wissender war und den sie deshalb getötet haben. In Vorzeiten entschied der schlichte, kampfgewohnte, freie Mann. Zur Hundertversammlung ging jeder erhobenen Hauptes mit aufrechtem Nacken und urteilte, wie ihm das eigene Gewissen gebot. Da war kein Pfaff und kein Herr über ihm. Die Könige selbst, die sie sich wählten, um in der Schlacht einen Führer zu haben, die Könige sorgten mit strengem Gesetz dafür, daß jeder Stammesgenosse zur Versammlung kam. Wer ausblieb, ward gepönt und geächtet. So, Heini Hoyer, lebten und handelten unsere Väter, als der Gott mit dem Hammer noch mächtig im Lande war.« »Der Vater bleibt lange aus,« lenkte Jussunda ab. »Ich sorge mich um ihn.« »Harald ist bei ihm,« beruhigte sie Heini Hoyer. »Just deshalb sorgt sie sich,« stichelte Jan eifersüchtig. Rasch verwehende Röte zog über des Mädchens Gesicht und überflammte noch ihren weißen Hals. Dann vertiefte sich draußen das himmlische Blau, Dämmerung kündigte sich an. Der fleißige Maler mußte das Handwerkszeug beiseite legen. »Und nun, Jussund, wenn du das Tröpflein spenden willst, das du mir heut schon so oft dargeboten hast, dann will ich deiner Bitte gnädig willfahren.« Lächelnd griff die Anmutvolle nach der Chiantiflasche auf dem Schranke, der Gabe, die Wolf Vynke großherzig für Heinis Kunstwerk bestimmt hatte. Dunkelrot floß der fremde Wein in die zierlichen Zinnbecher, der wildschnüffelnde Hund bekam sein Teil in einem Tonnäpfchen vorgesetzt und war der erste, der es mit Gier verschlang, so daß der Bart ihm saftete. »Wie rasch ist ein Malerverdienst durch die Gurgel gejagt!« seufzte Heini der allzu bald geleerten Flasche nach. »Nur noch ein Schluck im Becher! Indessen, Jussunda, man bringt sich schon wieder in Ordnung. Rolf Ebelingk hat mir befohlen, seiner Eheliebsten Konterfei zu malen, und fünfzig Solidi sind der Preis. Mädchen, das wird dann einmal ein Leben werden! sag' schon heute, was ich dir schenken soll. Beim Lamparten sah ich gestern eine silberne Halskette, maurische Arbeit – ich meine, die wird sich wohl fühlen bei dir und gut ausschauen. Schneeweiß auf schneeweiß! Jammern tut's mich nur, Jussund, daß du hier im finstern Nord sitzest und nicht mehr unten in deiner heißen, sonnigen Heimat. Da wär's mir dann ein Leichtes, mit meinen fünfzig Solidi zu deinem Vater zu gehen und dich ihm abzukaufen. Weißt ja, die Weiber sind Ware im Morgenlande, und nicht immer sehr marktgängige. Man kriegt sie oft billiger, als einem gut tut.« »Das sind verworfene Gedanken, Heini,« tadelte Jan. »Bist im Herzen auch so einer von den Menschenjägern und Sklaventreibern!« »Aber ebenso gern Sklave, weiße Königin,« sagte Heini und beugte vor Jussunda das Knie. Er haschte dabei nach ihrer Hand und küßte sie. Aus Jans Augen schoß ein Blitz; es schien, als wollte er von seinem Schemel aufstehen und Heini beiseite schieben. Aber im selben Augenblicke kläffte Zinnober grauenvoll auf, fletschte die stumpfen alten Zähne und schien nicht übel Lust zu haben, sich auf Jan zu stürzen. Da unterließ er es, Heini Hoyer in seiner Anbetung zu stören. Der Maler erhob sich lächelnd, zupfte sich den farbenbeklecksten, früher einmal weiß gewesenen Kittel zurecht und griff wieder nach dem Becher. »Daß wir dich umsonst vergöttern, Jussund, das ist mir wohl bewußt,« warf er dann beflissen leicht hin. »Meinst du, nur dem Jan ward es offenkundig, wie du immer heimlich aus dem Fenster blickest und mit deinen Märchenaugen nach einem gewissen jemand ausschaust?« Die Frage kam aus lachendem Munde wie harmloses Geneck, aber Jussunda hörte wohl heraus, daß er ihr insgeheim zürnte, und errötete von neuem. Ja, Heini Hoyer hatte recht, während er sie malte, während er lustig plauderte und Allotria trieb, weilten ihre Gedanken immer nur bei dem einen, dem starken, herrlichen Königssohn. Und alles goldene Gewölk, das vorbei wallte, fragte sie heimlich, ob er jetzt wohl auch an sie denke. Immer fühlte sie die Wärme seiner Hand, die beim Hochzeitsfeste Marias freundlich über ihre Finger hingeglitten war. Und immer bangte sie dabei um sein Glück, um sein unaufhörlich bedrohtes Leben. Aus der Krähen heiserem Schrei wollte sie Prophezeihung hören, ob ihm heute Erfolg erblühen würde aus der Unterhaltung mit Stephan Brugg, zu der er gegangen war. Jan hatte aus seinem Winkel heraus das Farbenspiel auf ihren Wangen wohl bemerkt. Eifersüchtige Wut umkrallte sein Herz. Anders wie Heini, der mit einer witzigen Bemerkung auch über schwere Enttäuschungen leicht hinwegzuspringen schien, bohrte er sich in haßerfüllte Gedanken fest, drängte es ihn, sich selber zu verraten. »Ihr lebt und sterbt ja alle nur für den einen, den stolzen Prinzen,« höhnte er. »Wie ein Rausch hat es die ganze Stadt gefaßt. Kein Vernünftiger mehr, keiner, der Manns genug ist, klar in die Zukunft zu blicken und nicht wie ein Kind ohne Unterlaß Kränze für den Abgott zu winden, wahrlich, wäre Harald nicht schon hochmütig wie kein Kaiser auf der Welt, ihr machtet ihn dazu. Und wenn sein Sinn nicht schon längst darauf stünde, sich diese Stadt zu unterjochen, ihr verführtet ihn dazu mit eurer blinden Verliebtheit.« Zinnober knurrte vor Ingrimm, als Jan diese Zornrede hervorstieß. Um ihr Erschrecken zu verbergen, war Jussunda an die Staffelei getreten, während Heini, ein vergnügtes Lied pfeifend, seinen Pinsel fein bedächtig in Mohnöl zu reinigen begann. »Aber einer ist auf der Hut,« fuhr Jan heiser fort, »und einer wird die Freiheit dieser verlorenen Stadt bewachen. Du kennst mich, Heini Hoyer, und gerade weil du sein Freund bist, so sage ich dir: Wehe dem, der sich vermißt, das stolze Bardowieck knechten zu wollen! Sei er nun Herzog oder Herzogssohn. Wagt er das Ungeheure, greift er zur Krone, so muß er sterben. Dann schleudere ich mit dieser verkrüppelten Hand die Fackel in Bardowiecks Häuser und brenne die Stadt nieder bis auf den Grund. In Asche liegen soll sie, ehe sich ein Tyrann zu ihrem Herrn aufschwingt.« »Du hassest ihn,« zürnte Jussanda, vor Angst und Zorn bebend. »Du hassest ihn, der wie ein Bruder mit dir ist und dir nur Gutes getan hat!« »Ja, ich hass' ihn!« entfuhr es Jan. »weil du ihn liebst!« Da zuckte das Mädchen zusammen. Scham sprach aus ihren weit geöffneten Augen, und ihre Lippen bebten. »Geh fort,« rief sie, »geh auf der Stelle fort von hier! Ich mag dich nicht mehr sehen, du tückischer, böser Wolf! Geh, befehle ich dir!« Und mit schmerzlichem Lächeln, geduckt wie ein gescholtener Hund, schlich Jan gehorsam aus dem Zimmer. Eine Weile standen sich die beiden, Heini und Jussunda, schweigend gegenüber. »Es ist so unser Schicksal,« sagte dann endlich der Maler. »Wohin ich mit ihm auch gekommen bin, immer flogen die Weiberherzen ihm zu. Alleweil stand ich im Schatten, obwohl ich, das wirst du mir zugeben, trotz meiner langen Nase ein ganz ansehnlicher Kerl bin und obgleich mir doch etwas mit Trompetenstößen voranfliegt, was er erst erobern will. Aber diesmal, Mädchen, bei St. Lukas sei es geschworen, weich' ich ihm nicht.« Jussunda war froh, ablenken zu können. »Dein Ruhm, dein großer Ruhm, Meister Heini!« pflichtete sie ihm bewundernd bei. »Wer in deutschen Landen kennt deinen Namen nicht? So mancher Fahrende ist durch dies Haus gegangen, seitdem du fern warst, aber wenn wir von dir sprachen, dann verneigte sich auch der Dreisteste und war unter allen Malern keiner, der dir die Palme streitig machen wollte. Ja, einer, der aus dem Süden heraufgezogen war, verkündete uns, wie sie selbst in Welschland mit Ehrfurcht deinen Namen nennen. Die Madonne im Dom, vor der ich wie vor der Himmlischen selber in Demut und Glück erschauere, sie soll, so schwärmt er, jedes Kunstwerk von Wisby bis Rom überstrahlen. Ein himmlisches Wunder nannte Hann von Speyer deine Auferstehung des Herrn, die der Kölner Bischof gekauft hat, und was sie uns nun gar von dem doppelköpfigen Götzen erzählten, den das Heiligtum in Rhetra birgt, den Triglaff, den du purpurn auf Silber gemalt hast –« »Halt ein, halt ein, halt ein, hohe Herrin!« lachte Heini. »Mach mich nicht ebenso eitel und hochmütig, wie, wenn Freund Jan recht hat, Harald eitel und hochmütig ist. Wisse, Königin, daß alle diese Bilder, die mir unterwegs gediehen sind, nichts bedeuten als farbige Liebeslieder für dich.« Wieder schlug Zinnober an, und gleich darauf traten Wolf Vynke, Peter der Schuster und Harald ins niedere Gemach. Ihnen schloß sich, immer noch wie verängstigt, Jan an, der draußen auf der Wendeltreppe gesessen hatte. Wolf Vynke berichtete kurz von der Unterredung, die sie auf Wunsch des Ratsherrn Steffen Brugg eben mit ihm gehabt hatten. Der einsichtsvolle Ratsmann ließ nichts unversucht, den verhängnisvollen Zwist in der Bürgerschaft zu schlichten und den Abgrund zu schließen, darin, seiner Überzeugung nach, wenn kein Retter erschien, Bardowiecks Macht und Herrlichkeit elend zerschellen mußte. So hatte er denn die Führer der Unzufriedenen zu sich entboten und mit ihnen lange nach einem Ausweg gesucht. »Noch beharren sie im Rate fest auf ihrem Eigenwillen,« waren seine letzten Worte gewesen, »noch verzage ich am Siege über sie. Aber dessen ungeachtet werde ich das Letzte tun, beide Parteien auszusöhnen und miteinander zu verbinden, so wütend ihr euch befehdet, ihr gehört zusammen. Und die Not der nächsten Tage wird, das sagt mir der Geist überdeutlich, allen früheren Hader rasch vergessen machen.« »Sie haben ihn vorgeschickt, denn sie brauchen uns zum Kampf gegen den Herzog,« mutmaßte der Schuster Peter und sah recht stolz ob dieser Entdeckung drein. »Ein paar tausend Schwerter und Spieße mehr, beim heiligen Eustachius, es macht schon etwas aus.« »Für den Kampf gegen den Herzog sind wir zu gut,« wies ihn Wolf Vynke zurück. »Er ist unser Herr geblieben, was immer ihm begegnet sein mag, was Kaiser und Reich wider ihn verhängt haben mögen, wenn die Ratsherren es für recht hielten, ihn unsagbar zu beschimpfen, als er aus seinem Lande fliehen mußte, so ist es ihre Sache, den Gewaltigen zu versöhnen. Und Gottlob, er ist nicht unversöhnlich, ich weiß es. Wer unter Heinrich diente, wer seinen stolzen Sinn, sein erhabenes Wollen erkannt hat, der zweifelt nicht an seiner weisen Regentengröße. Aber auch wenn der gewaltige Herzog, mit dem ich Tortona genommen und im Wendenlande gesiegt habe, auch wenn er die Waffe gegen Bardowieck führt – ich werde mich nicht an dem Kampf beteiligen. Ich stehe nicht in Wehr und Waffen gegen den ragenden Helden.« »Wenn du so sprichst, Wolf Vynke, wie schwer machst du dann mir die Entscheidung!« sagte Harald schlicht. »Vortrefflich!« schrillte Jans Stimme schneidend durchs Gelaß. »Ich verstehe dich, Harald. Nun verrätst du dich! Weil er dein Vater ist, darum willst du ihm Bardowieck gebunden vor die Füße werfen. Doch, es soll dafür gesorgt werden, daß dein böser Wille nicht entscheide. Vor das Volk will ich treten, vor das arme betrogene Volk, und ihm sagen, wie es um deine Freiheitsliebe bestellt ist, und wer dann noch wagt, dich zum Führer zu küren –« Harald stand wortlos vor dem Ausbruch ungeahnten Hasses. »Wagehals, du wagst viel!« wies Peter den Wilden zurecht. »Doch nicht du allein entscheidest im Rate des Volkes, nicht du bestimmst, wann und für wen wir den Wall besteigen sollen.« »Für niemanden sonst, als für das Volk. Ich mache keinen Unterschied zwischen Herzog Heinrich und den Geschlechtern. Henker hüben und drüben! Nur wenn das Volk Sieger in Bardowieck ist, nur wenn unsere vertrauten im Rate sitzen, nur dann wollen wir dem Herzog die Spitze bieten.« »Schweig!« donnerte ihn Wolf Vynke an, und in seinen Augen flackerte es gefährlich. Jan hielt es für geraten, vor diesem jach aufflammenden Zorn des alten Kriegers zurückzuweichen. »Wie meinst du den Rat dafür gewinnen zu können, daß er dich und deinesgleichen auf seine Polstersessel läßt?« fragte Heini, »wir haben andere Melodie gehört, neulich am Hochzeitstage, und einen anderen Platz hat dir Rolf Ebelingk zugedacht, als den weichen Sitz in der Ratskammer.« »Narr!« ließ Jan seine Wut an ihm aus. »Nur ein Mittel ist freilich, die Übermütigen zu bändigen. Der Aufruhr! wir müssen die Macht an uns reißen, und noch in diesen Nächten, ehe ein Verräter ihnen Kunde bringen kann.« »Im Aufruhr würden wir nur die letzte Kraft der Stadt zerschlagen,« warnte Harald. Er sah bleich und müde aus. »Du weigerst dich, weil du selbst zu den Herren gehörst,« schrie Jan. »Wie du deinem Vater nicht entgegentreten willst, so schonst du die Geschlechter, schonst die verwandten deiner Mutter, wer könnte auch von dir erwarten, daß du mit dem Herzen bei uns bist?« Und wieder zwang sich Harald mit Macht zur Ruhe. »Von meinem Herzen und meinem Wollen zu sprechen, ist jetzt nicht die Zeit, Jan,« sagte er leise. »Aber das Volk mag zwischen dir und mir entscheiden. Selber soll es sagen, welchen Weg es zu gehen gedenkt. Ob den in Wahnsinn, Blut und Nacht, den du ihm vorschlägst, oder den zum Aufstieg in Einigkeit, mit gesammelter Kraft.« »Du brauchst das Volk nicht erst zu fragen, Harald,« rief Wolf Vynke. »Da ist keiner in der Stadt, der nicht zu dir hält, was wären wir heute ohne dich? Vom Hunger entnervt, fehlte jedem die Kraft zum Widerstande; nur dazu reichte es noch eben hin, daß sie tobten und die Fäuste schüttelten. Nun aber du wieder bei uns bist, ist neuer Mut, ist Siegesgewißheit in allen Seelen entfacht. Und sie wissen, daß diesmal unsere Banner Lorbeer umkränzen wird.« »Wacker, wacker,« lärmte Heini lustig und klatschte in die Hände, wobei Zinnober ihn durch tobendes Geheul nach Kräften unterstützte. Verwunderlich leuchteten jetzt, im Abendsonnenglanz, die dunklen, von hellgelben Flecken unterbrochenen Streifen auf seinem rötlichen Fell. »Und nun, glaube ich, ist es genug des Geschwätzes. Die Arbeit hat mir Durst gemacht, und der Chianti allein vermochte ihn nicht zu löschen, so bitte ich euch, ihr Lieben und Getreuen, folgt mir in den Krummen Saladin! Ist mir doch gewisse Kunde zugegangen, daß der brave Wirt sein fürchterliches Ehegespons, die schlimme Hexe, dazu überredet hat, heut abend endlich ein Faß Dickbier anzuschlagen. Die hohe Stunde ist gekommen, sorgen wir dafür, daß wir die ersten am Zapfen sind!« Alle waren wohl einverstanden. In der Tür fühlte Harald, als letzter das Gemach verlassend, plötzlich Jussundas Hand an seiner, während sie mit dem Zeigefinger der Linken zur Vorsicht mahnte. »Was ist's?« fragte er leise. »Ich habe dir wichtiges zu sagen,« flüsterte sie, bebend in tödlicher Furcht, von den anderen gehört zu werden. »Ich muß es dir heute noch sagen. Schlimme Gefahr droht. Geh nicht mit ihnen! Bleibe im Hause oder komme sobald wie möglich zurück!« Erstaunt weilte sein Blick auf ihrem Gesicht. Dann lächelte er wieder, »weil du es forderst, Jussunda, muß ich wohl gehorchen. Warte unten im Garten auf mich. Ich bin bald bei dir.« Die Genossen waren in eifrigem Gespräch vorangegangen. Durch die stillen, dunklen Gassen hallten weithin vernehmbar ihre Schritte. Und als sie sich, bei der Schenke angelangt, nach Harald umsahen, war keine Spur mehr von ihm zu entdecken. »Laßt ihn nur seinen einsamen Weg gehen,« meinte Hoyer. »Es ist besser für uns, besser für ihn. So war er immer, schon damals, wenn wir die Nacht brav durchschlampampen wollten und uns darauf einrichteten, letzter Gast im Haus zu sein. Er kam dann gewiß als der vorletzte, blaß und aufgeregt, hatte die halbe Nacht über Folianten und Pergamenten gesessen und sich an der großen Vergangenheit berauscht. Wie floß ihm dann glühende Rede vom Munde! Wenn er von Freiheit und Christi heiligem Vermächtnis sprach, alle Tyrannei verdammte, zumal die des Rates und der Geschlechter, wie riß er uns alle mit sich fort! Er träumte gar so lebendig, und dann träumten wir mit. In einer solchen Nacht war's ja auch, wo wir den Beschluß faßten, uns wider die Ratsherren aufzulehnen und mit den Waffen in der Hand Bardowieck von ihnen zu befreien. Erinnerst du dich, Jan? Nun, heut Nacht wird uns der Herzogssohn solche Bergpredigt nicht wieder halten. Hast es gut verstanden, ihn auf die Erde zurückzubringen!« Harald wandelte derweilen in den engen Gängen des Gärtchens. Er kannte das liebe grüne Fleckchen, das am Wall hinlief, genau, nur hatte er es noch niemals im Lichte des eben heraufsteigenden Mondes gesehen. Weißes Licht rann feierlich durchs Lindengeäst und spielte zauberisch über Beete und Wege hin. Manch andere Mondennacht fiel Harald dabei ein, die er unterm Fenster Marias durchwacht hatte, stundenlang geduldig wartend, bis alles im Hause still geworden war und sie heimlich zu ihm heruntergeschlüpft kam. was waren das für dunkelumhüllte Stunden zärtlichster Leidenschaft, heißesten Glückes gewesen! Und nun versunken und vergessen! Wie ein Wilder und doch unendlich süßer Traum lag das hinter ihm. Als wäre er von langem Besuch bei der Meerfrau aufgetaucht, die ihn mit holder Gewalt in der Wassertiefe zurückgehalten hatte. Nun aber stand er wieder auf festem Erdboden. Nun durfte, nun mußte er wieder an das allzu lang vernachlässigte Werk gehen. Mußte mit verdoppeltem Eifer die selbstübernommene, hohe Pflicht erfüllen, der geliebten Stadt, ja dem ganzen Lande ein Befreier werden. Silberschimmer schmückte das hölzerne Heilandsbild, vor dem er in frommer Ehrfurcht halt machte. Ein Schnitzwerk Heinis, genialisch aus dem Eichenklotz herausgeholt und doch, bei aller Herbheit der Linien, von unsäglichem Zauber umflossen. Harald schlang seine Hände um das Kreuz. »Härteren Pfad bist du gewandelt als ich, und keine Bosheit, keine Verleumdung, kein Unverstand hat dich abgelenkt,« sagte er leise. »Wer zu deiner Gottesgröße aufschaut, der verzagt nicht, so flehe ich dich nur um eines, laß mich dir ähnlich werden, erfülle mich mit der lebendigen, unbeugsamen Kraft, die von dir über alle Welt ausstrahlte! Schüre, o mein Gott, zum Feuer den Funken in meiner Brust, den du mir geschenkt hast! Schaffe, daß ich nicht klein und verdrossen werde, nicht an mir selbst verzweifle, wenn andere zweifeln! Halt mich fest im Glauben, daß du mich bestimmt hast, Sämann und Samenkorn für das Heil deiner Menschheit zu werden! Bewahre mich, du mein Gott, vor dem Dämon im Herzen, der mich abtrünnig machen will, wenn ich Haß und Falschheit wider mich aufsprühen sehe!« Durch die lichtumsponnene, helle Nacht zogen plötzlich Nebelschwaden. Die Sterne löschten aus, wie hinter wallenden Schleiern glomm nur noch gedämpft das Mondlicht. Schlich nicht plötzlich ein Gespenst auf leisem Sohlen neben Harald her? Von der Wallhöhe schweifte sein Blick über die in Silberdunst gebadete Stadt. Noch rang sich, ein mächtiger Ringer, der Dom aus den Dämpfen frei, aber die anderen Kirchtürme waren schon längst in ihnen versunken. Das geheimnisvolle, blasse, zitternde Leuchten rann von Giebeln und Dächern nieder wie unirdisches Feuer, und es schien, als züngelten spukhafte Flammen am Dom entlang, an den Häusern hin. Weißer Brand, schauriger Widerschein eines Schreckens, der noch unterm Horizont loderte! Als offenbare sich ihm jäh und furchtbar zukünftiges Geschehen, so starrte Harald auf die in seltsamem Glast schwimmende Stadt zu seinen Füßen. Das unheimliche Geleucht hatte auch den Hafen erreicht. Um Topp und Rahen der Schiffe schlang sich bleiches Nebellicht wie züngelnde Brunst, drängte sich an die Speicher ... Trotz der lauen Nacht leise fröstelnd, riß sich Harald von dem Bilde los. Und wie er langsam vom Wall herniederstieg, sah er durchs Gebüsch ein anderes weiß als das des verhüllten Mondes schimmern: Jussundas helles Kleid. Rasch schlüpfte er hinter den nächsten Baumstamm, und nun hob ein Amseltririlieren an, kunstvoll und täuschend, wie er's von Heini gelernt hatte, der in allen Vagantenkünsten Meister war. In immer längeren Kadenzen perlte der Sang durch den stillen Garten; dann schloß er plötzlich, und der Sänger brach in ein lustiges Lachen aus. Sogleich erkannte Jussunda die Stimme, die sie im Traum und wachen hörte. Ihr glockenhelles Lachen antwortete dem Freunde. Hand in Hand wandelten sie durch die geheimnisstille Nacht. Zwar, was Jussunda ihm jetzt angstvoll von Jans düsteren Drohungen zu berichten hatte, das kümmerte ihn wenig. Mit einem leisen Ruck des Hauptes schob er's beiseite. Hatte er doch mit seinem Heiland gesprochen. »Ein armer, unglücklicher Mensch,« meinte er bedauernd, »mißtrauisch auch gegen seine Freunde, immer in sich vergraben und keines guten Wortes teilhaftig, wir müssen seiner schonen, Jussund. Wir wollen ihn lieb haben, daß er uns lieben lerne.« Das Mädchen erwiderte kein Wort. Aber selig lächelnd duldete sie es, daß Harald ihre Hand ergriff. »Noch habe ich dir nicht so, wie es mir im Herzen befohlen steht, dafür gedankt, daß du im Hochzeitssaal der Holk mir zur Seite getreten bist,« sagte er leise. »Laß mich's jetzt tun.« »Wofür willst du mir danken?« fragte sie, und ihre Augen senkten sich vor seinem Blick. »Könnt' ich für dich sterben, ich tät es gern. Ja, halte mich nicht für ein törichtes Kind! Stelle mich auf die Probe! Befiehl mir, daß ich etwas Großes und Gewaltiges für dich tue, und ich werde es vollenden, so wahr ein Gott ist und die heilige Jungfrau!« Lauer, weicher Wind war erwacht und hatte die Nebeldünste fortgescheucht. Aller Spuk war verronnen, wieder schimmerte die Welt in reinem Silber, hob sich das Geäst deutlich von der samtenen Nacht ab, und aus den letzten Astern, die den herbstlichen Garten schmückten, schien süßer, schwerer Duft aufzusteigen, wie von Sommerrosen. Oben zuckten und flimmerten die Sterne, als saugten sie den opfergleich aufsteigenden Blütenhauch ein. Wie seliger Traum auf weichen Kissen war diese Nacht. Und von ihrem Zauber erfaßt, ihrer süßen Lockung ganz hingegeben, küßte Harald Jussundas Mund. 6. Kapitel Die Segel nach dem Wind Wie immer hatte Matthias Holk die Ratssitzung mit eindringlichem Gebet begonnen und inbrünstig den Segen des Höchsten auf die Verhandlungen herabgefleht. Aber heute schien ihnen keine göttliche Gunst zu leuchten. Wohl war es in dem eichengetäfelten Prachtraume, der die ratswürdigen Geschlechtsherren vereinigte, gar freundlich hell, wohl spielte draußen über den Markt, seine stolzen Paläste und seinen mit Riesenkraft aufstrebenden Dom aller Glanz eines unverhofft schönen Oktobertages, und fast sommerlich mild koste die Luft. Aber auf den Herzen der Ratsmannen lastete es wie Winterkälte, und unfreudig blickten sie dunkler, dunkler Zukunft entgegen. Der dünne, kleine Adam, des Rates Schreiber und Rechner, der bescheiden unten am Tische saß, hatte noch keinen fördersamen Beschluß der hohen Herren aufzuzeichnen. »Wir zwingen das Gesindel nicht,« knirschte Tom Börner und zog die Pelzschaube fester um die Schultern. »Seitdem der Herzogssohn in der Stadt ist, kennt die Frechheit des niederen Mannes keine Grenzen mehr. Felsenfest vertrauen sie auf ihn und seinen Stern.« »Hat doch heute morgen ein dreister Bursch am Hafen es gewagt, mitten auf dem Weg mit seiner Last stehenzubleiben und mich zu zwingen, beiseite zu treten, statt sich, wie es gehörig ist, rechtzeitig zu entfernen,« grollte Claus Rodecke. »Und was mich am meisten erstaunt, das Hungergeschrei in den Gassen hat aufgehört. Niemand bettelt mehr um ein Stück Brot. Was war das in der letzten Woche für ein Gejammer und Gewimmer, wenn man in den Vierteln an den Toren erschien! Auf den Knien rutschten Weiber und Kinder vor unsereinem und waren gnadenfroh, wenn ich ihnen auch nur eine Schüssel Mehlsuppe für den Abend versprach. Heute fehlt's bei keinem. Und das schlägt uns die beste Waffe aus der Hand.« »Wohl ist's verwunderlich, wo der hochwürdige Herr Abt die Kornmassen hernimmt,« meinte Steffen Brugg. »Hätte nimmer geglaubt, daß in den Klostergewölben und Klosterspeichern soviel des guten Korns liegt. Ein wahrhaft christlicher Priester, unser Abt!« »Allzu christlich, sollt ich fast meinen, gegen die Niederen, unchristlich aber gegen uns!« berichtigte ihn hämisch Basedow. »Völlig durchkreuzt er uns die Rechnung mit seiner mildtätigen Torheit,« tadelte Rodecke. »Jetzt glaubt das Volk, sich auf ihn stützen zu können, glaubt, daß er ihm beistehe und wird dadurch nur um so kecker und herausfordernder. Ihr solltet mit Hochehrwürden gedeihliche Rücksprache nehmen, Herr Bürgermeister,« wandte er sich an Matthias Holk. »Denn wer von draußen dem Handel zuschaut, der könnte meinen, Abt Iso falle uns, die so hart zu kämpfen haben, in den Rücken.« Matthias Holt erhob sich vom schweren, überreich mit köstlichem Schnitzwerk geschmückten Bürgermeisterstuhl und trat ans Fenster. »Seht da, ihr Herren, unser vielberühmter Marktplatz, der größte und herrlichste im Norden! Breit um ihn herum scharen sich die Häuser der Kleinen, die niederen Giebel, wie bei ihm Schutz suchend und wie in ihm den Herrscher anerkennend. Wo im Lande gibt es prangendere Paläste als die, so wir uns und unseren Kindern aufgetürmt haben? Alle Wunder, alle Reichtümer des Abend- und Morgenlandes schimmern darin. Aber gewaltiger, wuchtiger, königlicher steigt der weiße Dom über sie empor. Er, Bardowiecks Kennzeichen, Bardowiecks strahlendste Pracht, er bleibt mit seiner ewigen Wucht doch unser Herrscher. Gegen ihn sind wir schutz- und wehrlos, mit ihm vereint bezwingen wir die Welt.« »Und weshalb erzählst du uns die Parabel, Vater?« fragte Rolf Ebelingk mit leichtem Spott in der Stimme. »Weil wir nur durch den hochehrwürdigen Abt aus dem kommenden schweren Kampf unverletzt und als Sieger hervorgehen werden.« »Besser scheint es mir, wir versuchten uns in Güte mit den Zünften und Gilden zu einigen,« schlug Stephan Brugg vor. Er sagte es bescheiden und leise, denn er wußte wohl, welch gereizten Widerspruch der Wunsch entfesseln würde. »Tausendmal lieber Waffenknecht als Pöbeldiener!« schrie ihm Tom Börner entgegen. »Die Frage ist nur, ob der Pfaff uns jetzt schon zu Knechten wünscht,« schob Kai Estorff behutsam ein. »Wir sind ihm noch nicht weich genug gesotten, scheint mir. Hörte ich doch neulich dies und jenes munkeln von geheimen Anträgen, die er dir gestellt hat, Matthias Holk, daß er, just er, den Schutz der Stadt übernehmen wolle, wenn es zum Äußersten kommt, daß Bardowieck, kaum vom Herzog befreit, im Schatten des krummen Stabes leben solle.« »Tändelkram,« lehnte Matthias Holk ab. »Den heiligen Herrn fliegen in seiner Klostereinsamkeit mitunter absonderliche, abenteuerliche Einfälle an. Mußt sie nicht ernst nehmen, Kai. Ich zum mindesten nehme sie nicht ernst.« »Aber nicht umsonst läßt sich Iso die Kornverteilung ein so gewaltiges Stück Geld kosten,« beharrte Estorff. »wir kennen ihn doch. Alle preisen und bewundern seine Frömmigkeit, preisen und bewundern jedoch noch mehr seinen klugen, das Kirchengut dauernd mehrenden Sinn. Achtet auf das, was vorgeht, ihr Herren, daß uns nicht unversehens eine Schlinge über den Kopf geworfen werde.« »Wen haben wir zu fürchten?« hielt ihm, sich aufreckend, Rolf Ebelingk entgegen, »selbst wenn Iso Pfaffenränke spinnen würde – eine Bewegung unserer Hand, und sein Netz läge zerrissen. Allein vermag er nichts. Der Bischof ist weit und ein ängstlicher Greis, der ihm nicht beispringt, sich aber mit dem Gassengesindel gegen uns zu verbünden, dafür ist Iso zu stolz, so laßt uns abwarten, wohin er mit seiner närrischen Wohltätigkeit gelangt. Gewiß, wir stehen heut nicht mehr in so günstigem Kampf wie vorgestern. Zeit sie sich den gierigen Magen wieder füllen können, blicken sie neuerdings dreist und aufrührerisch. Dennoch ist die Macht unser, dennoch brauchen wir nur zuzugreifen, nur die unverschämtesten Schreier ins Brunnenverließ zu werfen oder auspeitschen zu lassen. Freilich, solange ihr, gegen Gesetz und Rechtspruch, Harald in der Stadt duldet, solange kommt das Pack nicht zur Ruhe. Tut eure Pflicht, ihr Herren, verweist ihn augenblicks aus dem Stadtbann, und ich bürge euch dafür, Bardowieck stellt sich dem Löwen geeint gegenüber.« Stephan Brugg wagte abermals zu widersprechen. »Ohne Blutvergießen werden wir Haralds nicht ledig. Seht die Leibwache an, die hinter ihm steht, seine schwarze Schar, die sich für ihn in Stücke hauen läßt; seht die Gesichter am Hafen, seht den unverhohlenen Grimm in allen Zunfthäusern! Uns bleibt, das ist mein fester Glaube, nur übrig, daß wir mit den Handwerkern und den eingesessenen Schiffern zu gutem, freundschaftlichem Schluß gelangen, daß wir freiwillig und freundlich die Rechte anerkennen, die ihnen Herzog Heinrich aus eigenem eingeräumt hat.« »Ihnen die verlangten Sitze im Rat gewähren?« höhnte Börner. »Ja. Die ihnen Herzog Heinrich zugesichert hat.« Gelächter scholl auf, einzelne wütende Zurufe wurden laut. Matthias Holk winkte lässig mit der Hand ab. »Herzog Heinrich – ein verschollener Name!« grollte Basedows Weinbaß. »Steffen Brugg weiß, daß er schier allein steht, wozu wiederholt er denn dann immerdar, was keiner von uns je genehmigen wird, keiner, auch wenn der Henker mit des Richtbeils Schneide nach seinem Nacken zielte?« fragte Claus Rodecke. »Da der Feind sich mit Macht rüstet,« hob Matthias Holk plötzlich ganz geschäftsmäßig an, »müssen wir wohl auf der Hut sein. Freilich glaube ich nicht, daß er den Weg auf Bardowieck nehmen wird. Er kennt uns und unsere Macht zu gut. Wahrscheinlich wird er zuerst versuchen, Lübeck zu überrennen und dann Lüneburg zu nehmen. Deshalb habe ich beiden Städten Briefe gesandt. So der Herr uns gnädig ist, wird ein starkes Bündnis zustande kommen. Hinter uns steht dann der Bund der Fürsten, die Heinrichs Feinde sind und bleiben werden bis an ihrer Tage Ende. So oder so haben wir noch mehrere Wochen Zeit, wir brauchen, geht's wirklich hart auf hart, hinter unseren Wällen nur auszuharren, bis das Ersatzheer heranrückt. Und überdies, wird Heinrich stark genug sein, um sich von seinen Koggen zu entfernen? Niemand im Lande hängt ihm mehr an. Geeinigt stehen alle seine früheren Vasallen gegen den Zwingherrn. Deshalb –« Da pochte es dreimal an die Tür, des zum Zeichen, daß wichtige Botschaft nahe und darum der hohe Rat um die Erlaubnis gebeten werde, den Überbringer zu empfangen. Solche Störung war streng untersagt, wenn der Rat sie nicht selber genehmigte. Matthias Holk gab dem jüngsten Ratsherrn einen Wink. Durch die starrenden Spieße der Wächter draußen kam der Bote geschritten. Erhitzten Gesichts, mit verwirrtem Haar, staubbedeckt von hastigem Ritte. »Nun, Jäcklein?« Matthias Holt preßte in leichter Unruhe die Handflächen aufeinander. Der Sendreiter trat nahe an den Tisch heran. »Gestrenger Herr!« stieß er hervor, »verübelt mir nicht mein schmutziges Gewand und nicht den Schweiß des Weges, schier zuschanden geritten habe ich den Braunen. Gottlob hielt er sich wacker.« »Was ist's?« Tom Börner zitterte, er wußte nicht weshalb, selbst Claus Rodeckes unerschütterliche Selbstsicherheit kam ins Wanken, wie furchtbar drohendes Unheil lag es um den Reiter. »Herzog Heinrich rückt in Eilmärschen auf Bardowieck los,« berichtete er, sich scheu umblickend, im Flüsterton. »Alle seine Lehnsmänner an der Küste sind ihm zugefallen, sein Heer schwillt von Stunde zu Stunde gewaltiger an. Hamburg, Plön, Itzehoe gehören ihm bereits. Matthias Holk verriet mit keiner Miene, was in ihm vorging. »So sind wir die ersten, die ihm mutig widerstehen werden,« sagte er ruhig. »Freilich, für das Bündnis mit Lübeck und Lüneburg wird es zu spät sein. Allein müssen wir den Anprall aushalten. Wochen können vergehen, ehe die Fürsten und Adolf von Schauenburg herankommen. Wessen bedünkt euch, ihr Herren?« »Wir halten die Stadt gegen Tod und Teufel,« vermaß sich Rolf Ebelingk. »Setzen wir sie sofort in Belagerungszustand! Jede Hand muß helfen, jede Faust bewaffnet werden.« »Glaubst du?« zweifelte da Claus Rodecke. »Den aufrührerischen Pöbel bewaffnen, damit sich seine Wut ungehindert gegen uns richten kann?« »Zu solchem Zank ist jetzt nicht mehr die Zeit,« tadelte Stephan Brugg. »Ihr Herren! Es bleibt nur der Weg, den zu gehen ich euch vorhin empfohlen habe, wir müssen Frieden haben mit dem Volk. Wehe, wenn der Herzog uns uneinig, in selbstzerfleischendem Haß, antrifft! Bardowiecks Wälle sind, ihr habt recht, unbezwingbar, solange auf ihnen die geeinte Bürgerschaft steht. Gegen zwei Feinde aber, gegen den übermächtigen Löwen und die verzweifelten Bestien in der Stadt, können wir nicht ankämpfen. Ihr Herren, gedenkt eurer beschworenen Pflicht, rettet Bardowieck! Und dazu gibt es nur eine Möglichkeit.« »Eher stecke ich mein eigenes Haus in Brand,« schrie Rolf Ebelingk. Matthias Holk berührte leise seinen Arm. »Unerwartete Gefahr heischt unerwartete Abhilfe,« lenkte er ein. »Wir dürfen in dieser Stunde nicht unseres gerechten Grimms gedenken, müssen unser Herz bändigen und in uns erwürgen, was nicht einzig und allein an das Wohl der teuren Stadt denkt. Stephan Brugg hat recht: Gelingt es uns, die gesamte Bürgerschaft, alle Schwerter dem Herzog entgegenzuwerfen, dann, aber auch nur dann werden wir seinem Angriff begegnen können. Noch ist es Zeit zur Versöhnung, trotz allem. Noch können wir der Gefahr, die uns droht, die Giftzähne ausreißen. Noch dürfen wir über die Rachsucht des beleidigten Löwen lachen. Aber freilich, Rat und Bürgerschaft müssen entschlossen sein, gemeinsam das Äußerste zu vollbringen.« »Das klingt anders als vor wenigen Tagen beim Hochzeitsmahl,« spottete Rolf. Matthias Holk strich sich gelassen über den Bart. »Wir sitzen hier nicht beim Hochzeitsmahl, mein Sohn. Nicht ist es mehr am Platze, jetzt Trutzlieder zu singen. Jetzt hat uns die Not mit würgendem Griff gefaßt. Jetzt müssen wir klug sein wie die Schlangen.« »Und deine Willensmeinung im einzelnen, Matthias?« fragte Tom Börner befangen, schon ganz bereit, nachzugeben. »Die Zünfte und Gilden verlangen von uns Anerkennung der Rechte, die ihnen Heinrich verliehen hat. Zwei Ratsherrnplätze heischen sie. Fügen wir uns! Denn wenn wir's ihnen verweigern, so schmieden wir sie fester noch an den Herzog, dessen Sohn sie abgöttisch verehren, und entbehren ihrer Arme auf dem Wall, wenn uns nicht noch schlimmeres geschieht.« »Schmach ohnegleichen! Niemals gebe ich meine Einwilligung!« weigerte sich Rolf erbittert. »So wahren wir das Erbe der Väter? Sitzen Stuhl an Stuhl mit den schmutzigen Gassenschreiern! Das ist nun der Ausklang unserer stolzen Reden!« »Wir reden nicht mehr, wir handeln. Wir fügen uns der eisernen Notwendigkeit. Nachher, meine Freunde, wenn das Gewitter vorübergebraust und unseres Willens Freiheit zurückgekehrt ist, nachher wird sich wieder manches sagen lassen.« »Gezwungener Eid tut Gott leid,« grinste Rodecke. »Und du, Steffen Brugg, bist der rechte Mann, mit den Führern des Volkes zu unterhandeln. Begib dich im Laufe des Nachmittags zu ihnen, daß es nicht scheine, als hätten wir's gar zu dringend, als stehe der Schreck mit zu rauhem Würgegriff hinter uns. Und dies die Bedingung, von der wir nicht abgehen werden, komme, was da wolle: den Befehl über Bardowiecks gesamte Streitkraft hält der Rat in fester Hand.« Sowie die Herren beschlossen hatten, verzeichnete es Adam, des Rates Schreiber und Rechner, in sauberer Niederschrift, und mit keilförmigen Buchstaben unterzeichnete Matthias Holk das Pergament. 7. Kapitel Domgang Unerwartet, mit wilder Heeresmacht, wie ein Feind, der lange im Hinterhalt auf der Lauer gelegen hat, war nach prangend schönen Sommertagen der Regen- und Sturmherbst über Bardowieck hereingebrochen. Vom Nordermeer her zog in endlosen Geschwadern dunkelgraues Gewölk, und heulend plätscherten die Regengüsse nieder. Wenn ihr Strom einmal auf Stunden versiegte, dann schien es, als senkten die Wolken sich aus der Höhe herab, die erstürmte Stadt um so fester zu halten. Um Türme und Giebel flatterten wie ihre Siegesbanner graue Nebelschwaden. Der Eroberer Herbst hatte auf der ganzen Linie triumphiert, und sein Herold, der Nordwest, verkündete mit schrillend kreischenden Trompetenstößen den Tod des königlichen Sommers. Die Stadt schien ein einziger See. In allen Gassen, selbst auf dem Marktplatze, dehnten sich endlose Pfützen, die sich immer weiter ausbreiteten und schier in die Häuser hineindrängten. Denn von den Dächern, von den Wasserspeiern des Doms rieselte es in Bächen nieder, selten nur sah man einen tief Vermummten eilig durch die Nässe hüpfen, selten nur zog ein Fuhrmann mit seinem Karren trübselig des Weges. Wie Delphine prusteten seine Öchslein, und dem Begleiter wäre es wahrscheinlich lieber gewesen, wenn sein Wagen statt der Räder Ruder besessen hätte, sonst wagte sich weder Mensch noch Tier in die mißfarbenen Dünste, die mißfarbene Flut hinaus. Und doch, vom Westergraben her kam leichten Schrittes, immer bemüht, dem Gesumpf auszuweichen, ein Mädchen gegangen. Manchmal blieb sie stehen und lachte zum wolkenverhangenen Himmel auf, gerad' als funkele über ihr lichte Bläue und als stiegen Lerchen jauchzend in die Luft. Daß der Regen ihr ins Gesicht peitschte und der harte Wind in ihre nasse Gewandung fuhr, machte Jussunden nichts aus. Deuchte es sie doch, als wären die Tropfen, die ihre Lippen berührten, Küsse des Freundes. So hüpfte und tririlierte die schlanke den Weg zum Dom, dem sie an keinem Morgen, das Wetter mochte noch so lustig, noch so widerwärtig sein, fernblieb. Und zumal in diesen Tagen strahlenden Glückes nicht, wo es sich an heiliger Stätte, mitten zwischen frommen Gedanken, so lieblich darüber nachsinnen, wo es sich für des Freundes Wohlergehen so zärtlich beten ließ. Und ehe Jussunda durch das hohe Steinportal schritt und Gott abermals aus vollem Herzen für das ihr gespendete überreiche Geschenk, Haralds Liebe, dankte, winkte sie noch einmal den wallenden Nebeln einen Gruß zu. Wahrhaftig, wenn sie nicht so grau dreingeschaut, wenn Sonnenfunken sie durchblitzt hätten, dann wären sie beinahe wie Brautschleier anzusehen gewesen! Feierlicher, ernster, dunkler als sonst lag das gewaltige Kirchenschiff. Auch sonst drang durch die hohen bunten Fenster das Tageslicht nur gedämpft in den weiten Raum, aber heute hatte die draußen herrschende Regendämmerung alle, auch die letzte Helligkeit aufgesogen. Nur von den Kerzen auf dem Hochaltar, deren Flamme starr und weiß dastand, nur von geweihten Lichtern, die hier und da bei Grabsteinen brannten, fiel matter Flackerglanz auf den marmornen Boden. Niemand außer Jussunda war im schweigenden Gotteshaufe. Leise, auf den Zehenspitzen, schlich sie zum Altar und sank vor dem Bilde Mariens in die Knie. Ein überwältigend herrliches Altargemälde. sie sagten nicht zuviel, wenn sie es für die Perle aller deutschen Kunst erklärten. Da saß zwischen Joseph und der heiligen Elisabeth, die in Ehrfurcht ein wenig hinter sie zurückgetreten waren, die Mutter Gottes, und das heilige Kind stand, mit versonnenen Augen in Unendlichkeiten blickend, auf ihren Knien, sieghafte Ruhe ging von den stillen, dunklen Farben aus. Marias Mantel war in düsterem Rot, Elisabeths in goldenem Braun gehalten, die olivgrünen Kleider blickten darunter hervor. Gleiche Schlichtheit zeigte Josephs Gewand. Wunderbar hob sich von all dieser strenge der Farben und des Faltenwurfs der schimmernde, nackte Körper des Christuskindes ab. Mit feierlichem Ernst schauten Joseph und Elisabeth auf den Heiland. Ihre faltenreichen Gesichter, ihr festgeschlossener Mund, ihre glänzenden blauen Augen gaben der heiligen Szene ein nordisches, echt deutsches Gepräge. Anders als sie freilich blickte Maria. Und selbst Jussund fiel es in dieser Minute, wo ihre Gedanken nur zwischen dem geliebten Mann und dem Erlöser kindlich-fromm hin und her flogen, selbst Jussunden fiel die hinreißende Ähnlichkeit zwischen der Gottesmutter und Maria Holk auf. Heini Hoyer, der gepriesene Schöpfer des Bildes, hatte dem schönen Weibe mit diesem ewigen Kunstwerk die wundersamste Huldigung erwiesen, die einer Sterblichen erwiesen werden kann. Mit seligem Lächeln beugte sich die Mutter über den Sohn-Welterlöser, und unendliches Glück schimmerte in ihren Rätselaugen. Auf sie allein, auf ihr schönes Antlitz, ihr golden rotes Haar fiel ein Abglanz des Wunderlichts, das von dem heiligen Kinde ausstrahlte. Köstliche Ruhe, frommer Frieden zog in das Herz jedes Gläubigen, der vor diesem Bilde niederkniete. Kündete es doch überwältigend den großen Gott der Liebe, der ergreifender und mächtiger zu unseren Herzen spricht als der rächende Gott des Zorns. So tief war Jussunda, heute ja besonders empfänglich für die himmlische spräche des köstlichen Gemäldes, in ihre Träume versunken, daß sie zusammenschreckte, als hinter ihr leise Schritte sich näherten und gleich darauf eins weiche Hand ihre Schulter berührte. »Du hier, Jussunda?« fragte Maria Holk erstaunt, sich dem Mädchen zuwendend, »was hast du denn heute von der heiligen Jungfrau zu erflehen oder ihr zu beichten?« »Du findest mich immer am Morgen im Dom, hochgebietende Frau,« entgegnete das Kind leise. Und es seufzte vor Glückseligkeit. Ach, einem anderen Herzen anvertrauen dürfen, was das eigene Herz so süß bewegte! Maria warf ihr einen mißtrauischen Blick zu. Fast hätte das Wort für sie ein Vorwurf sein können, war es doch ein Gebot für jede adelige Hochzeiterin, daß sie während der ersten sieben Tage nach dem Feste eine Morgenstunde im Dom betend verbringen mußte. Aber wie viele andere fromme Gebräuche der Vergangenheit, war auch dieser in Bardowieck Vergessen worden, so strenge Iso sonst Kirchenzucht hielt. »Nicht gern ließ ich mich in der Sänfte hierher tragen,« meinte Maria, »denn fast wäre ein Boot heute tauglicher gewesen. Aber du ... du kommst zu Fuß den weiten Weg. Es muß wohl wirklich ein besonderer Anlaß sein.« »Ach, Frau Maria –« »Wie?« »Ich sag' es nicht.« Halb ironisch, halb gelangweilt betrachtete Maria die Erglühende. Dann stieg vor ihr die Minute auf, wo Jussundas Hand auf Haralds Schwert gelegen hatte. Wie in guter Laune, neckfreudig, meinte sie: »Darfst mir getrost verraten, was dir begegnet ist. Wir Frauen hören alle gern von Liebe. Da ist doch sicher irgendein freundliches Glück zu dir gekommen, um dessen Erhaltung du die Heilige bittest. Nun, wie ich sie kenne, und ich kenne sie ja sehr gut –« dabei ging ein stolzes Glänzen fraulicher Eitelkeit über ihr Gesicht – »wird sie dein Gebet erhören.« »O mein Glück! Mein geliebtes Glück!« flüsterte Jussunda innig. »Und wie sieht denn dein Glück aus?« erkundigte sich Maria freundlich. »Hat's krausen Bart? Blaue oder graue Augen?« Da schämte sich das Mädchen, schluchzte und neigte das purpurüberglühte Antlitz auf die Brust. Maria aber, die es trieb, gütig und heiter zu scheinen, beugte sich zu der Knienden herab und hob sie sacht vom Boden auf. »Nun, beichte nur, Wildfang, welcher Hexenmeister es unserem spröden Hexlein angetan hat! Brauchst es dann dem Priester nicht zu beichten,« lächelte sie. »Hat er dich schon geküßt?« Und während Jussunda schüchtern und doch überselig das Gesicht an ihrer Schulter barg, drängte die schöne Frau, mißtrauisch, erregt und neugierig, weiter in sie: »Nicht wahr, er hat dich doch geküßt? Nun, und wie heißt er denn? Mir, der Frau und Freundin, wirst du's nicht verschweigen wollen.« Und von der Güte, der Vertraulichkeit Marias überrascht und überwältigt, stolz dabei, so unendlich glücklich zu sein, und glücklicher noch, jemand gefunden zu haben, der ihr das wunderbare Geheimnis zu entlocken verstand, flüsterte sie Haralds Namen in Marias Ohr. Da fuhr die Königliche empor. Ungläubig, feindselig, zornig blitzten ihre Augen. »Harald? Und du? Wie lächerlich!« sie rang nach Worten. »Närrin! Eitle Närrin! Wann hast du die Tollhausgeschichte geträumt?« Gleichzeitig riß sie sich heftig von Jussund los und trat erzürnt einen Schritt zurück. »Schamlose du!« Da merkte Wolf Vynkes Tochter, daß sie irgendeinen Fehler begangen hatte, scheu wollte sie sich entfernen. »Wart' noch!« klang Marias drohende Stimme, »Wie darfst du dich vermessen, du, ein Kind, zu dem Prinzen emporzublicken? Mag sein, daß er leichtsinnig genug gewesen ist, dir ein freundliches Wort zu gönnen, und du hast es mißverstanden, rühmst dich nun seiner Gunst in den Gassen und Kirchen. Aber glaube doch nicht, daß ein Harald sich im Ernst an eine Jussunda Verschwendet! Ja, vielleicht für eine müßige halbe Stunde! Du und der Unersättliche! Du und einer, der nach allen Sternen greift und am liebsten Gott vom Thron stürzen möchte! Ich warne dich, Mädchen! Der taugt nicht für deine Ziele, der ersehnt sich etwas anderes als ein blasses Hausfrauchen. Laß ihn frei, solange es noch Zeit ist, ich rate dir gut. Wie eine Kugel wirst du ihm bald lasten, wie der Gefangene im Turm die Kugel haßt, die ihm beim Gehen hindert und ihm ins Fleisch schneidet, so wird er dich hassen.« Bleich bis in die Lippen hob Jussunda doch tapfer den Blick. »Sag', was du willst! Ich glaube ihm – an ihn glaub' ich.« »An ihn, der um meinetwillen nach Bardowieck zurückkam? Ja, wisse, nur um meinetwillen! Wie er um meinetwillen gegangen war! Um meinetwillen trotzt er dem sicheren Tod! Wag' es nicht, dich an ihn heranzudrängen! Er ist mein, mein in Ewigkeit!« Von unerschütterlicher Liebe und Zuversicht leuchteten die großen schwarzen Augen aus Jussundas weichem Gesicht. »Rühm dich nicht! Und ich lasse nicht von ihm!« »Geh! Geh!« zürnte Maria, ihrer selbst nicht mehr mächtig. »Und hüte dich von heut an wohl vor mir!« Wie betäubt von heftigen Schlägen, mit gesenktem Haupt, Tränen in den Augen, aber aufrechten Ganges wandte sich Jussunda aus der Kirche. »Diebin!« Zischte es ihr nach. »Doch ich lasse dir das gestohlene Gut nicht!« Ruhelos ging Maria zwischen den ragenden Pfeilern hin und her. Sie war außerstande, sich vor Gott zu demütigen, außerstande, ein Gebet zu sprechen. O des namenlosen Unglücks! sie zu vergessen! Warum hatte er ihr diese Schmach angetan! O gewiß, er wußte wohl, daß sie in den Dom kommen würde und hatte dies Mädchen mit dem Auftrag hierhergesandt, ihr triumphierend die Beleidigung ins Gesicht zu schleudern! Aber sie wollte sich rächen, sie wollte Matthias Holk und Rolf Ebelingk dazu zwingen, den überdreisten in seine Schranken zurückzuschleudern, ihn zu strafen, so hart, wie noch nie ein Verbrecher in Bardowieck bestraft worden war. Und wie sie so dachte, überkam sie jäh wieder aller Trennungsschmerz und alle Verzweiflung. Laut weinend stürzte sie vor dem Bilde nieder, das Heini nach ihrer eigenen Schönheit geschaffen hatte, und verging in unsäglichem Jammer und Mitleid mit sich selbst. Ein Luftzug wehte über sie hin, machte die Kerzen hell flackern. Aus der Tiefe der Krypta war im priesterlichen Schmucke Abt Iso aufgestiegen, sein Blick fiel auf die Weinende. Behutsam trat er näher, legte leise die magere Hand auf ihren Scheitel. »Maria,« sagte er zärtlich. »Du mußt stark sein, meine Tochter, mußt endlich wieder Herrin über dein eigenes Wollen und Wünschen sein.« »Ich vermag es nicht mehr. Ich gehe zugrunde. Ich vergesse alles über ihn, und wenn du mich nicht rettest, mein Vater ...« »Es tut nicht gut, daß du dich hier in sündigem Schmerze verzehrst, so zertrümmerst du nicht nur das Glück dessen, dem du alles Glück bedeutest, sondern auch dein eigenes Glück.« »Hast du mir nichts weiter zu sagen, Hochehrwürdiger?« fragte sie, sich mit Gewalt zur Ruhe zwingend. »Dir zu sagen, Tochter? Wäre ich reich an Weisheit wie Salomo – was ich sage, würde dir doch nicht genügen. Es sei denn, ich sagte das, was du von mir zu hören erwartest.« »Du spottest meiner,« weinte Maria. »Niemand spottet des Lebens, Tochter, der das Leben kennt.« »Kein Trost, keine Hoffnung? Du willst mich also sterben lassen? Ich sterbe, Vater, wenn ich ihn verliere. Und ich habe ihn verloren. Das Kind vom Westergraben hat mir's eben ins Gesicht sagen dürfen, daß meiner Jugend Freund sich einer andern geneigt hat.« Iso wiegte leise das graue Haupt. »Wohl weiß ich, daß Harald im Hause am Westergraben ein gern gesehener Gast ist und weiß auch, daß Jussunda sehnsüchtig an ihm hängt. Aber glaube mir, der kurze Traum wird bald verweht sein, wie ich dich kenne, so kenne ich Harald – zwischen euch beide vermag, und ob Welten euch scheiden, nichts auf der Welt zu treten. Doch Verzeih, mein Kind, wenn ich eben jetzt dein schweres Leid nicht so tief zu erwägen vermag, wie es wohl dein und mein Wunsch ist. Schwere Sorgen lasten auf mir. Woran ich seit Jahrzehnten fleißig gebaut, womit ich mir vor des Allmächtigen Thron ein kleines, kleines Lob zu erwerben gehofft habe, das droht jetzt in Trümmer zu stürzen. In Trümmer durch Harald.« »Wie gern hülfe ich euch bei dem hohen Werke!« erbot sich Maria. Und wieder bohrten sich die Blicke des Greises in die verfinsterte Ferne. Beklemmendes Schweigen lag um die beiden; nur des Regens eintönige Melodie pochte an die bunten Scheiben. »Wenn ich je mit irgendeinem Menschen dieser Stadt über mein Werk spreche, so wirst du es sein, Maria.« Er sagte es leise, bewegt und innig, als wäre nicht schon Hans Jakob Tysenhusen sein Vertrauter und Eingeweihter. »Dir werde ich offenbaren, was deinem Vater und deinem Gatten, was den Geschlechtern verschwiegen bleiben muß, weil sie glauben könnten, es gefährde sie. Dir aber will ich, wenn die Stunde gekommen ist, vertrauen, Maria. Vertraue du auch auf mich!« Ihre Wangen brannten. Sie verstand den Priester. »Du bringst mich in Sünde, Hochehrwürdiger, wenn ich deinetwegen die meinigen täusche.« »Nicht von Täuschung spreche ich. Und nicht von Sünde. Was ich plane, Maria, und wozu ich vielleicht deine Hilfe gebrauche, das geschieht allein für die heilige Kirche. Wer für die Kirche sündigt, sündigt nicht, nein, flicht sich damit die Krone der ewigen Seligkeit.« »Und was soll ich tun?« »Du hast, wenn du nur willst, meine Tochter, die alte Macht über Harald. Vielleicht, vielleicht werde ich dich bitten, sie zu nützen.« Ihr Atem ging rasch. »Verstehe ich dich recht –« »Laß mich heute noch schweigen! Bald genug werde ich dich rufen. Noch aber, obgleich die Gefahr sich wie ein teuflisches Scheusal vor mir aufreckt, sehe ich selber den Weg nicht klar genug.« Wieder kniete Maria auf dem golddurchwirkten Samtteppich nieder, der zum Hochaltar führte, wieder neigte sie sich tief vor dem blumengeschmückten, kerzenbeleuchteten Grabstein ihrer Mutter. Dann verließ sie das Gotteshaus. Iso war allein. Einen scheuen Blick warf er hinter sich, dann stieg er mit raschen Schritten die Stufen zum Allerheiligsten hinauf. Sein Blick ruhte auf dem prächtigen Bibelfolianten. Ein gar seltenes Stück, aus den Wirren der Völkerwanderung gerettet. »Blicke nicht zornig auf mich herab, gewaltiger Gott,« flehte der priesterliche Greis, »wenn ich vorwitzig in deine Entscheidung einzugreifen wage, vorwitzig den Schleier von der Zukunft heben will. Aber mein Herz ist so voll von Angst und Gram, daß ich schier verzage.« Er öffnete mit zitternden Fingern das heilige Buch und wartete. »Gib mir ein Zeichen, Unerschaffener, gib mir ein Zeichen! wenn du dich von mir wendest, wenn dir mein Unterfangen allzu keck und verwerflich erscheint, so nimm deine Gunst von mir und antworte der Frage nicht. Habe ich aber bislang, dein erbärmlicher Knecht, so gehandelt, wie du mich führen willst, dann, Gott im Himmel, laß mich wissen, was ich nun, wo dem Bau der Zusammensturz droht, tun soll und was dieser Stadt Schicksal sein wird.« In heißem Gebete, mit Gott ringend, lag er auf den Stufen. Da wehte plötzlich durch klirrende Fenster ein Windstoß in die Halle, und wie von unsichtbarer Hand bewegt, rauschten die Blätter der Heiligen Schrift auf. Fröstelnd vor frommem Grauen und doch in Gier und Sehnsucht erhob sich Iso und starrte auf das vom Wind aufgeschlagene Bibelblatt. Und mit Augen, die ihm vor Erregung tränten, las er die Worte aus dem ersten Buche Mose: »Da wandte Lot sein Antlitz gegen Sodom und Gomorrha und alles Land rundum und schaute, und siehe, ein schwarzer Rauch stieg auf vom Lande, wie der Rauch eines Ofens.« Der Priester taumelte zurück. Entsetzen ohnegleichen machten seine Knie zittern, gläsern starrten seine Augen auf die fürchterliche Prophezeihung. »Erbarme dich, Gott, erbarme dich unserer armen Stadt!« schrie er, seiner selbst nicht mehr mächtig. »Erbarme dich der zehn Gerechten wegen, die in Bardowieck wohnen!« Und abermals rang er im Gebete. Wie er langsam die Herrschaft über sich zurückgewann, vertraute er auf ein neues Zeichen aus der Höhe. Die bloße kahle, fürchterliche Vernichtung konnte der Herr über die Stadt nicht aussprechen, die sein Kreuz überragte, in deren Mauern sich fromme Männer unablässig um ihrer Seelen Heil mühten. Aber wie Iso auch hoffte und wartete, nicht zum zweiten Mals griff die Hand von oben ein. Und so trat er, den Höchsten versuchend, aufs neue an den Altar heran. Aufs Geratewohl, mit abgewandtem Antlitz, griff er in das Buch aller Bücher, schlug zweimal, dreimal Blätter um und las dann, fiebernd, mit aufeinander schlagenden Zähnen, gierig die Minuskeln des Pergaments: »Mein trauter Freund ist mein, der unter weißen Rosen im Garten wandelt, und ich bin sein. O Sulamith, meine Freundin, du bist wie Thirza so schön, so lieblich wie Jerusalem und schreckensvoll wie Heeresspitzen, wende deine Augen von mir, denn sie verwirren mich und gießen mir wilde Glut ins Herz.« Nur eine Sekunde lang sann Iso nach. Dann atmete er hoch auf, und ein befreites Lächeln verschönte die verwitterten, faltigen Züge. »Maria! Gott will es!« flüsterte er. Und wagte nun kühn die dritte Frage. Und zum dritten Male ward ihm Auskunft: »Judith aber trat an Holofernes' Lager und betete und sprach: Gott Israels, stärke mich und hilf mir gnädiglich das Werk vollbringen, damit du deine Stadt Jerusalem erhöhest! Nach solchem Gebet trat sie zu der Säule oben am Bette und langte das Schwert, das daran hing, und zog es aus, und ergriff den Holofernes beim Schopf ...« »Harald Holofernes!« rief der Priester mit dumpfer Drohung. »Schlage ihn, Judith von Bethulien, strecke den Unbändigen nieder, Maria Holk! Der Herr selber befiehlt es dir!« Ein anderer als er gekommen war, gestrafften Ganges, mit vor Siegeszuversicht glänzenden Augen, stieg Iso die marmornen Stufen hinunter. 8. Kapitel Dämonen der Zwietracht So war es gelungen, was Steffen Brugg mühsam angebahnt und unter unendlichen Schwierigkeiten durchgesetzt hatte: In seinem Hause am Markt, das dem der Holk gegenüber lag, bescheidener zwar in Ausmaß und Zierat, in seinem Hause hatten sich die Führer beider Parteien zusammengefunden. Ernsthaft, nicht brüderlich, aber doch der Bedeutung der Stunde gedenk, saßen sie um den mächtigen Eichentisch, Matthias Holk, der regierende Bürgermeister, und Rolf Ebelingk, Kai Estorff, Tom Börner und Claus Rodecke von den Geschlechtern, während man den allzu derb drauflos polternden Basedow nicht gebeten hatte; dann Wolf Vynke, Jan und Harald; im Namen und Auftrag der Zünfte und Gilden der Schuster Peter; von den Hafenarbeitern abgeordnet, Riele Haden, der gewaltige Schmied, und, zur Versöhnung etwaiger Meinungsverschiedenheiten, zur Glättung aller Schroffheit, Abt Iso. Auf besonders dringenden Wunsch, den er Steffen Brugg ausgesprochen hatte, war auch Hans Jakob Tysenhusen zur Beratung zugelassen worden. Noch herrschte keine kraftvolle Eintracht, keine straffe Bürgergesinnung, die das Wohl der Stadt über alles stellte, in der Gemeinschaft. Jedem Redner mißtrauisch auf den Mund blickend, lauerte Jan die Gelegenheiten ab, immer wieder seinen unbändigen Haß gegen die Ratsherren vulkanisch zu offenbaren, schwer genug war es selbst Wolf Vynke gefallen, ihn zu bändigen. Mehr als einmal wäre der fanatische Hitzkopf vom Tische aufgesprungen und hätte die Versammlung verlassen, wenn eben nicht Wolf Vynkes Ansehen und Haralds halb mitleidiger, halb zürnender Blick ihn gebannt hätten. »Darin stimmen wir wohl alle überein, daß Matthias Holk der Befehlshaber auch in diesem Kampfe sein wird,« bemerkte Steffen Brugg. »Ihm, dem Bürgermeister und alten Feldhauptmann der Stadt, gebührt die Ehre auch diesmal.« Jan sprang auf. »Das mit Nichten!« schrie er. »Wir aus dem Volk stellen bei weitem den größten Heerhaufen. Die Zeit ist vorbei, da wir uns von euch blindlings und Knechtsgehorsam leiten ließen. So heische ich, daß zum mindesten einer aus unserer Mitte dem Matthias Holk zur Seite gestellt werde.« »Wie im weiland großen römischen Reiche,« glaubte der gelahrte Ratsschreiber Adam erklären zu müssen. »Ein Konsul der Patrizier, ein Konsul der Plebejer, und abwechselnd befehligte jeder an einem Tags die bewaffnete Macht.« »Wer fragt dich?« rügte streng Matthias Holk, und der blasse Adam errötete. »Der römische Staat ist ums Haar an seinen beiden Konsuln zugrunde gegangen,« warf Steffen Brugg hin. »Einer muß den Haufen führen. Einer bringt das Glück, zwei stürzen uns unaufhörlich in neuen Hader.« »So heischen wir Harald als einigen Führer!« trumpfte der riesige Schmied auf. Tysenhusen blickte flüchtig zu Iso hinüber, der aber beharrlich vor sich nieder sah. Da wußte er, daß der Abt sein Eingreifen in den Wortkampf nicht wünschte. Die Ratsherren sahen sich betreten an. Mühsam nur hielt Rolf Ebelingk an sich. »Und warum muß es denn unbedingt Krieg sein?« fragte Wolf Vynke. »Mich deucht, noch läßt sich ohne Schande alles beilegen.« »Du vergißt, daß Herzog Heinrich drei Tagesmärsche von uns steht,« rief Rolf Ebelingk zornig, »wenn ihn die Regengüsse nicht aufhalten, hält er noch in diesem Mond die Stadt umklammert.« »Drauf und dran!« schrie der Schuster Peter und sein gesund blühendes Gesicht färbte sich noch röter. »Schleudern wir den Tyrannen mit seiner ganzen Macht in die Ilmenau, wo sie am tiefsten ist.« »Gemach!« winkte Claus Rodecke ab. »Daß du ein gewaltiger Krieger bist, wer wüßte es nicht, Peter? Jedesmal, wenn ich ein Paar Stiefel von dir gebrauche, setzt es wochenlangen Krieg wegen der Ablieferung zwischen uns beiden.« Er lachte behaglich, und Peter stimmte schallend ein. »So verlange ich, daß wir dem Herzog Heinrich Boten entgegenschicken und ihn zu versöhnen trachten, solange es noch Zeit ist,« forderte Wolf Vynke. »Unseres Herrn mildes und gütiges Herz wird der grausamen Rachsucht vergessen, wenn wir, wie es sich gebührt, den ersten schritt tun. Bardowieck hat ihn schwer beleidigt und muß den schimpf aus freiem Herzen mit mannhaftem Entschluß wieder gutmachen.« »Dein Vorschlag ließe sich wohl erwägen,« meinte Kai Estorff, »aber auch wenn der Herzog geneigt ist, über Vergangenes Gras wachsen zu lassen, glaubst du, daß er dieser Stadt die alte Freiheit gönnen würde? was hilft uns seine großherzige Verzeihung ohne fürstliche Bürgschaft für unsere verbrieften Rechts?« »Ein Verräter, wer ihn in diese Mauern läßt!« ereiferte sich Jan, die Linke auf den Tisch stoßend. »Lieber sterben, Mann für Mann, ehe wir dem Verhaßten die Tore öffnen!« »In der Tat,« mischte sich Tysenhusen ein, »mag Bardowieck auch den Herzog bitterlich gekränkt haben – wie er bisher gegen die Stadt handelte, das könnte unsere Herzen nicht für ihn erwärmen. Löschen wir den alten Zwist aus, des wäre ich von Herzen froh, aber in unsere Tore darf er nicht einziehen.« Kai Estorff ließ wägend den Blick auf ihm und dem Abte ruhen, sagte aber nichts. »Wohl hat der Herzog den Geschlechtern dieser Stadt wenig Gutes erwiesen, seitdem sie von ihm abgefallen sind, ihn verhöhnt und beschimpft haben,« erwiderte Wolf Vynke. »Doch die Zünfte verdanken ihm ihre Rechte, die jetzt auch von den Geschlechtern anerkannt worden sind, über all die Dinge wird, mein' ich, zu entscheiden sein, wenn wir sein freundliches Gehör erlangt haben.« »Da Tysenhusen gegen den Vorschlag ist, stimme ich dafür,« bemerkte Kai Estorff trocken. »Ist's mir nicht, als weile einer unter uns, der wohl der geeignetste wäre, neue Freundschaft zwischen Bardowieck und dem Herzog anzubahnen?« fragte der schnell bekehrte Peter. »Ist nicht einer unter uns, dem, so sagt man, Herzog Heinrich die Stadt nach seinem Tode anvertrauen will?« Er wies auf Harald, vor dem er sich tief verneigte. »Sprich jetzt nicht davon, Schuster, ich warne dich!« grollte Rolf Ebelingk. »Die Rechte des Prinzen erwürgst du nicht mit solcher Drohung,« erwiderte Wolf Vynke gemessen. »Harald ist Herr der Stadt, wenn sein erhabener Vater die Augen schließt.« Unwilliges Murren, gereiztes Rufen klang von der Tischecke her, wo neben Rolf Ebelingk Tom Börner und Claus Rodecks saßen. »Heil dem Prinzen Harald!« krähte Peter in die gärende Unruhe hinein. »Lasset, ich bitte euch, Harald selber sprechen,« meinte da Abt Iso. »Was ich meinen Brüdern draußen verkündet habe, heute und gestern, alle die Zeit hindurch, das wiederhole ich hier vor euch, ihr Herren,« scholl Haralds feste Stimme. »Ich bin nicht Prinz und Herrscher. Ein Freier unter Freien bin ich. Bardowieck steht in Kämpfen wie keine andere Stadt des Reiches, Bardowieck ist die erste, in der Hoch und Niedrig sich freudig die Hand bieten zu gemeinsamem Wirken. So werfe ich die Krone von mir, die meines Vaters Gunst mir verheißen hat und tausche, meine Freunde,« er wandte sich an seine Getreuen, »eure Liebe dafür ein. Laßt uns gemeinsam zur Höhe streben, und mein Vater wird, wenn er unser ernstes Wollen erkennt, seinen Frieden mit uns machen.« Peter klatschte knallend in die Hände, und Steffen Brugg reichte Harald die Hand über den Tisch hinüber, »So wacker! So muß es uns ja glücken!« Selbst Tom Börner und Claus Rodecke strahlten plötzlich übers ganze Gesicht. Nur Rolf Ebelingk wandte sich feindselig ab. »Und so, Harald,« erhob sich Matthias Holk, »bitten wir dich, zu deinem Vater zu reiten und mit ihm zu verhandeln, wir legen vertrauensvoll Bardowiecks Geschick in deine Hände.« Rolf Ebelingk konnte sich nicht enthalten, höhnisch aufzulachen. »Laß eiligst satteln, damit du zeitig beim Herzoge eintriffst und der Frieden gesichert werde.« Tysenhusen wollte Einspruch erheben; ein mahnender Blick des Abtes hielt ihn zurück. Einmütig ward beschlossen – nur Rolf Ebelingk enthielt sich der Stimme –, Harald sofort ins herzogliche Lager zu entsenden. Noch standen die Männer eine Weile im Gespräche beieinander. Der Hausherr ließ köstlichen Griechenwein reichen, und während die Pokale klangen, ward manches vertraute, fast freundschaftliche Wort gewechselt, vertrauter und freundschaftlicher als noch vor Wochenfrist irgendeiner geglaubt hätte. Ehe aber Abt Iso sich verabschiedete, wechselte er mit Tysenhusen insgeheim noch einige Worte ... »Ganz und gar mißfällt mir, hochgebietender Herr, was da beschlossen worden ist,« machte sich Tysenhusen nach einer Weile, als Kai Estorff gegangen war, an Rolf Ebelingk heran, der verdrossen beiseite stand. »Bedenk' ich, daß die Zünfte und Gilden den adeligen Herren schier um das zwanzigfache an Kopfzahl überlegen sind, so beschleicht mich Sorge vor der Zukunft, wie leicht ist es doch, eure Waffenknechte durch einen Handstreich zu überrumpeln!« Da horchte Rolf Ebelingk auf. »Ich habe dich immer als einen braven, ehrlichen und klugen Mann erkannt, Hans Jakob,« sagte er leise. »Auch jetzt triffst du den Nagel auf den Kopf, wenn ich dir vertrauen könnte –« »Baue auf mich wie auf die Grundmauern deines stolzen Hauses drüben!« »Noch größer als deine Sorge ist meine. Doch wenn wir vereint vorgehen – und es soll dein Schade wahrlich nicht sein – dann kann uns die Überzahl nicht erschrecken. Nur freilich, mein Goldschatz reicht nicht hin, um ohne Matthias Holks Einwilligung vier- oder fünfhundert neue Waffenknechte heranzuziehen. Hätten wir die, Hans Jakob, so wären wir vor jedem Handstreich sicher.« Tysenhusen trat näher an ihn heran. »Ihr wißt, ich habe Forderungen an die in Lübeck. Bisher weigerte sich der Rat, mir seine Stütze zu leihen, wenn ihr euch verpflichtet, zu guter Stunde, sobald wir wieder in festem Frieden leben, für mein Recht einzustehen, nun, dann erweist mir die Gunst, hochgebietender Herr, daß ich die Hälfte der Waffenknechte aus meinem bescheidenen Schatz bezahlen darf. Es geht um Bardowiecks Ehre, um das Glück der Vaterstadt. Da ist mir kein Opfer zu groß. Befehlt über mich!« Bewegt streckte ihm Rolf Ebelingk die Hand entgegen. »Abgemacht! Die Lübecker werden dich bezahlen. Du bist ein wahrer Freund in der Not. Sei gewiß, diese Tat wird dir nie vergessen werden!« Bald nahmen die Gäste Abschied. Tysenhusen als einer der ersten. Unten auf dem Markt, an das Portal des Domes gedrückt, wartete er, bis Jan Dieter das Haus verlassen hatte. Dann heftete er sich an die Fersen des einsam seines Weges Schreitenden. »Laß mich dir danken, Jan, für die Tapferkeit und Treue, mit der du des Volkes Sache verfichtst! Du bist der einzige Mann, auf den die Freunde der Freiheit rechnen dürfen. Aber hüte dich wohl! Verrat ist unterwegs! Nütze die Stunde, solange sie dir günstig ist. Harald reitet aus der Stadt, zu seinem Vater. Er wird sich ihm verbinden, ihm Bardowieck in die Hände spielen, wie könnte er anders? Harald reitet aus der Stadt! Nun wohl! Solange er abwesend ist, ist die Stadt dein, wenn du zuzugreifen wagst. Nie wieder glänzt dir der Stern der Stunde so günstig.« 9. Kapitel Madonnenbilder Tja, eine solche Wohnung läßt man sich schon gefallen, nicht wahr, Zinnober?« redete Heini Hoyer seinen Hund an, der seine dunkel gestreifte, daneben auch noch gelb gefleckte Mißfarbe auf dem köstlichen Rubinrot des dicken Teppichs streckte. »Was so ein paar Hände voll Gold doch vermögen! Loben wir den großen Gönner Rolf Ebelingk, der es sich nicht hat nehmen lassen, die Hälfte des ausbedungenen Ehrensoldes für das neue Marienbild auf der Stelle zu zahlen! Arbeitsvolle Stunden stehen uns beiden freilich bevor, Zinnober, wenn wir die schöne Frau malen, und du wirst dich sehr anständig benehmen müssen. Immerhin, Kunst braucht Gunst und geht nach Brot. Wie angenehm, daß in diesem Falle sogar Wein dabei ist!« Damit griff er nach dem großen Tonkrug, der auf dem säulengetragenen Schranke stand, und ließ einen mächtigen Guß in die Kehle rinnen. »Hast du auch Durst, Kerl?« fragte er den Hund. Der aber lag bewegungslos auf seiner weichen Decke und warf dem Herrn, der schon so früh am Morgen mit dem roten Trunk begann, einen mißbilligenden Blick zu. »Schließlich feiern wir heut einen besonderen Tag,« meinte der Maler, sich entschuldigend, und streichelte der Ungestalt Zinnober den Kopf. »Hast du schon einmal mit mir in einem Zimmer gesessen, das so prunkvoll ausgeschmückt war wie dieses? Hast du schon einmal morgenländische Wolle, die uns gehörte, unter dir gehabt? Sieh den Tisch an, den Schrank, die Sessel – wer hat sie bar gekauft, wenn nicht dein Herr und Meister? Habe Respekt vor ihm! Alles, was mir vor drei Jahren einmal gehört hat und was ich damals leider zum Juden tragen mußte, weil der opferfrohen Kunstfreunde in Bardowieck wenige waren, alles das habe ich zurückgeholt. Mit dem güldenen Gelde, das mir Rolf Ebelingk vorschoß. Und trotzdem sitzest du immer noch mürrisch vor mir, gönnst mir kein Lob und denkst nicht daran, wie gut es dir ergehen wird, wenn alle meine Pläne glücken.« Jetzt hielt es Zinnober für angebracht, sich ein wenig näher an Heini heranzuschieben und leise zu knurren. »Überlege dir auch einmal, Alter, daß wir für alle Zeit nicht auf der Landstraße liegen können, schließlich, du hast die Gicht in den Knochen und kriegst jetzt schon kein Kaninchen mehr ein – die Tage sind nahe, wo du lieber hinterm warmen Ofen liegst als bei starrendem Frost sieben Meilen täglich läufst, scheint es dir unter diesen Umständen nicht richtig, daß wir uns endlich einmal irgendwo heimisch machen? Das Wanderleben ist ein Wunder Gottes, gewiß, und ich meine, im Mai oder Juni werden wir beide immer wieder einmal davonlaufen – aber jetzt, wo der Winter heranzieht, Zinnober?« Diese Darlegungen leuchteten dem Hunde vollkommen ein. Laut bellend und mit dem langen Schwanze wedelnd, sprang er an seinem Herrn empor. »So viel Geld, um eine Frau, und sagen wir, sechs oder sieben Kinder zu ernähren, würd' ich wohl schon verdienen,« fuhr Heini gedankenvoll fort. »Dir soll's wahrhaftig nicht schlechter ergehen, als jetzt. Wir wollen dich mästen, Kerl, daß du mit jedem Dachs, der in den Winterbau fährt, getrost wetteifern kannst, stelle dir einmal vor, wenn du so mit einem halben Dutzend halbblonder, halbschwarzer Hoyerbengel herumspielen dürftest! Du würdest wieder jung unter den Jungen!« Heini trat näher an die Lehmwand des Gemaches heran. »Mit der einen Stube, und zumal mit dieser Stube wird sich die schöne Hausfrau ja nicht lange begnügen,« meinte er. »wenn ich hier aber überall Bilder aus dem trojanischen Kriege hinmale oder Jesus mit Maria und Martha oder auch eine schöne Wikinger Schlacht, ich glaube, dann gefällt's ihr für die ersten sechs Wochen doch ganz gut.« Zinnober hielt es für geraten, zu schweigen. »Ich wüßte nicht, weshalb Jussanda mir einen Korb geben sollte,« grübelte Heini. »Das viele saufen könnte man sich am Ende ein paarmal im Monat abgewöhnen.« Zinnober besaß zuviel Lebenserfahrung, als daß er sich die Mühe gemacht hätte, seinem Herrn zu widersprechen. Er grinste nur, was aber ungefährlich und unter dem dichten Barte nicht zu sehen war. »Du glaubst nun wahrscheinlich, daß sie es mit Harald hält, wie sie es bisher alle mit Harald gehalten haben,« zürnte Heini. »Indessen, mein Lieber, da kennst du Jussunda schlecht, wenn ich auch im Spaß immer so tue, als zöge sie den andern vor – diesmal wird er mich nicht aus dem Felde schlagen! Wie könnte er auch? Von der schönen Geschlechterin Maria kommt er nun und nimmer los. Die hält ihn fest an seidenem Seil, die läßt ihn vergessen, was für ein weißes Wundergesicht mit schwarzen Augen bei Wolf Vynke sitzt. Augen, Zinnober, nicht wahr, die beinahe größer als das ganze holde Gesichtchen sind! Also überleg' dir's, alter Bursche, wir werden seßhaft.« Zinnober zog es vor, sich einstweilen lieber nichts zu überlegen und dafür wütend anzuschlagen. Dann hörte Heini die leisen Schritte Jan Dieters auf der Treppe. Rasch stellte er den Tonkrug auf den Schrank, riß einige Skizzenblätter an sich, die überall auf der Erde herumlagen, und tat, als mühe er sich über die Maßen an hartem Werk. »Wo du in diesen großen Tagen nur die Ruhe hernimmst, deinen Künsten nachgehen zu können!« tadelte Jan nach den ersten Begrüßungsworten. »Mich treibt's ohn' Unterlaß hin und her, läßt mich nachts nicht mehr schlafen, gönnt mir tags keinen leisen Gedanken der Rast. Alles, Bruder Heini, alles können wir erreichen, wenn wir fest und treu bleiben, wenn wir endlich den Mut haben, zuzupacken und die Stadt für das Volk zu gewinnen.« »Hätte ich nicht für die Bestie da zu sorgen« – Heini wies grämlich auf Zinnober –, »dann wollt ich dir's schon nachmachen, aber so ... man hat Pflichten gegen seine Mitmenschen.« Und eifrig neigte er sich auf das vor ihm liegende Blatt. Die Holzkohle flog über das körnige Pergament. »Wie schön sie ist, wie zauberschön!« rief Jan bewundernd. »Du denkst wohl nur noch an das Mädchen vom Westergraben?« »Wenn du mir die lebendige Jussunda läßt, sollst du die Zeichnung von ihr geschenkt bekommen,« schlug Heini vor. »Im übrigen, du hast recht, brauchte ich für weiter nichts zu sorgen, so malte ich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang bloß Bilder von ihr.« »Das hast du früher mit anderen Mädchen genau so gehalten.« »Diesmal wird's ernst, Bruder Jan. Ich habe mir das mit Zinnober überlegt, wir werden sie heiraten.« Jan kniff die Augen zusammen. »Ein löbliches Unterfangen!« »Ich sage es dir zuerst, Bruder Jan, damit du mir nicht in den Weg kommst.« Der Blasse lachte gezwungen, wie in Selbstverspottung. »vor mir würdest du dich nicht zu fürchten brauchen. Aber da ist dein großer Freund und Herr, der Prinz. Gib dir keine Mühe, Meister Heini – was du neulich in ihrem Stübchen sagtest, war schon richtig, wenn du's auch ganz anders gemeint hast. Für uns beide, dich und mich, blüht all diese Herrlichkeit nicht, sagtest du's nicht selber: Wie die Männer, so die Weiber! wo er des Weges kommt, lassen sie uns andere unbeachtet stehen und werfen sich ihm um den Hals. Sollte Jussund eine Ausnahme von der Regel machen? Mit deinen paar Farben und deinen Klecksereien glaubst du ihr Herz erobern zu können? Ein Herz, das selbstverständlich dem Königskinde gehört, dem Königskinde, das sich herabläßt, auch dies Herz gelegentlich ein wenig zu streicheln?« Verdrossen blickte Heini zu Boden. »Du verstehst es, einem die Freude an der Arbeit zu verderben,« brummte er. »Aber was hilft es, gearbeitet muß trotzdem werden. Und du siehst, Jan, die Last erdrückt mich schier, wohin du blickst, Aufträge, nichts als Aufträge, weiß kaum, wann ich das neue große Bild von Frau Maria beginnen soll, das Rolf Ebelingk mir schon zur Hälfte bezahlt hat. Und die in Bamberg haben mir sagen lassen, daß Isaaks Opferung nunmehr überfällig sei; ich müßt mich noch in diesem Monat an die Arbeit machen, oder sie kämen mit bewaffneter Macht.« »Du meinst, daß ich gehen soll?« fragte Jan. »Wenn du so gut sein willst, ja.« »Du sprichst von lastender Arbeit und unbändigem Fleiß – reitest du denn nicht heute mit Harald ins Lager des Herzogs?« Heini strich sich das Kinn. »Eigentlich war's meine Absicht. Und er rechnet wohl auf mich. Muß auch ein prächtiges wesen sein, für Maleraugen gut zu schauen, das Heerlager des Löwen! Indessen, ich hab's anders bedacht. Erst die Kunst, dann die Lust. Mag er diesmal ohne mich auf Streife ziehen.« »Eure Freundschaft hält nicht mehr so ganz eisenfest,« mutmaßte Jan und blickte spöttisch. »Zinnober ist gebrechlich, das kommt hinzu; er verträgt lange Wanderfahrt im Regen nicht mehr,« erklärte Heini. »Hauptsächlich wegen Zinnober verzicht' ich auf den Ritt.« »Und hauptsächlich wegen des Mädchens am Westergraben, vielleicht gelingt es dir, sie an den Altar zu lenken, so lange Harald nicht in der Stadt ist.« »Ein guter Einfall!« gab Heini nachdenklich zu. »Was mich anbelangt, ich seh' ihn auch von Herzen gern ziehen. Obgleich es mir graut vor dem Verrat, den der Bastard mit seinem gekrönten Vater spinnen wird. Doch wenn er fern weilt, ist leichter ein großer Schlag getan. Die Männer folgen mir, solange er sie nicht betört, vor seinen Augen und seinen Worten freilich stehen sie bezaubert und glauben nur an ihn. Immer dieselbe Hexenmeisterei Heini. So versuch' ich die Stunde zu nutzen und Bardowieck zu befreien, während er im Lager des Löwen Königsträume träumt.« »Wie unklug, so mit mir zu reden! Wenn ich ihm nun dein böses Sinnen verriete?« Jan wehrte überlegen ab. »Du verrätst mich nicht. Ich seh' dir ins Herz.« »Was scheren mich auch deine finsteren Pläne?« »Und ich rechne heut nacht auf dich! Wir treffen uns beim Kaspar im Saladin.« »Niemand kann mich hindern, einiges Doppelbier beim Krummen zu trinken,« warf Heini gleichmütig hin. »Und nun, Jan, leb wohl bis zum Abend! Ich muß noch viel Schweiß vergießen, um den richtigen Durst zu haben.« Als Jan gegangen war, griff Heini von neuem nach dem verlockenden Tonkruge, besann sich indes und fing an, mit fleißiger Hand eine Vision zu bannen, die ihm urplötzlich durch die Seele gegangen war. Wildes Wettergewölk umwallte die heilige Jungfrau, die von hohem Bergesgipfel versonnen in die Weite schaute. Reben ihr aber stand Satan und bot ihr mit beiden Händen allen Reichtum, alle Macht der Welt dar, von Demanten glitzernde Kronen und prunkende Goldschätze. Still lächelnd indes wies sie ihn zurück, wer den Gottessohn gebären soll, was sind dem Erdenkronen? ... Die heilige Jungfrau trug Jussundens weiche Züge, und wie bei Jussunda lastete ihr das dichte schwarze Haar in zwei langen Zöpfen nieder. Dieser Satan ist zu abschreckend und häßlich, fuhr es durch Heinis sinn, wie leicht, solch einem üblen Teufel zu widerstehen! Satan muß sein wie Harald, stolz und herrlich, gefallener Engel, starker Gebieter über alle schwachen Menschenseelen, wie Harald muß Satan auf meinem Bilde aussehen. Nur wenn die heilige Jungfrau diesen bezwingenden Verführer zurückweist, nur dann hat sie in Wahrheit über alle Teufelei gesiegt. Zufrieden mit dem ersten Entwurf, wieder ganz in seine hohe Kunst versenkt, vergaß er alles anderen Leides und zögerte nun nicht mehr, den Tonkrug wieder herunterzuholen. »Es ist ein gewaltiger Einfall, Zinnober,« sagte er, »größer als das Bild im Dom. Wir haben eins Belohnung verdient.« Damit trank er von dem schweren Wein, versäumte auch nicht, dem Hunde seinen Teil darzubieten. Zinnober indes war heut ernst veranlagt und wandte sich schnüffelnd von dem duftenden Tranke ab. Nicht lange, so bettete sich Heini zu ihm auf den Prunkteppich, und obgleich der Hund anfänglich noch wütend über die Zeitvergeudung war und unaufhörlich versuchte, mit der Pfote den rasch Entschlummerten wachzuhalten, so fügte er sich schließlich doch ins Unvermeidliche, drückte die Schnauze dicht an die Brust des Malers und schwebte bald wie er im Traumreich der Kunst und der Trauben, zu denen sich im Falle Zinnobers überirdisch duftende Würste gesellten. Stunden waren vorbeigeeilt, als Heini von lautem Lärm auf der Gasse erwachte. Gähnend trat er ans Fenster und sah unten in stolzem Zuge Harald mit seinen Getreuen vorüberreiten. Die zwanzig Wackeren, die ihm auf dem Butenspäler zwei Jahre zur Seite gestanden hatten und auch jetzt nie von ihm weichen wollten, begleiteten den Herzogssohn auf dem Heideritt zu seinem Vater. Aus allen Häusern winkte das Volk den scheidenden Grüße zu, erhoffte sich doch jeder von ihrem Zuge reichen Segen für die Stadt, flammte doch in jedem Herzen Zuneigung für den jungstolzen Führer des Trupps. Es war Heini, als blicke Harald im vorbeiziehen zu seinem Dachfenster hinauf, aber der Maler regte sich nicht hinter der Friesdecke, die die schmale Luke verhängte. Durch das Tor hinaus trabte, vom Jubelgeschrei der Menge begleitet, der reisige Zug. Wie er nach dem Hafen abbog, um dann an der Ilmenau entlang seinen Weg zu suchen, gingen plötzlich an allen Masten der stolzen Segler bunte Wimpel hoch und flatterten fröhlich im aufgekommenen Winde. Rechts und links vom Wege stand das Schiffsvolk, standen die Träger gereiht, und als Harald erschien, flogen die Ledermützen von den Köpfen. Rasendes, wütendes Jubelgeschrei erbrauste; die rauhen Männer drängten sich an den vergötterten heran, hundert Hände streckten sich ihm entgegen. Lange noch, lange schwollen die Heilrufe den sich entfernenden Reitern hinterher. Wie in lauter Sonne sprengte Harald durch das regenfeuchte Grau der Heide. Oh, mit welch tiefer Freude und Genugtuung erfüllten ihn nicht die überschwenglichen Beweise der Liebe, die ihm sein Volk eben dargebracht hatte! Und neuerdings gelobte er sich, nicht zu rasten und zu ruhen, bis er am Ziel stand, das sie ersehnten, bis ein freies Bardowieck durchs weite Land leuchtete und allen, die nach dem Lichte rangen, ein glänzendes, glückliches Vorbild war. Wo die Ilmenau mit weicher Krümmung in den Buchenwald eintritt, weckte sich näherndes Hufgetrappel ihn aus der Verzückung. Dem Nebeldunst entrang sich unerwartet, hoch zu Rosse, Maria Holks königliche Gestalt, wenige Schritte hinter ihr der Stallmeister des Hauses Ebelingk. Nur schmal verlief der Weg am Rand des Flusses. Ganz nahe ritten Maria und Harald aneinander vorbei, aber sein Blick ging achtlos über sie hinweg. Nicht in gemachter Gleichgültigkeit, nicht in Feindschaft – nein, achtlos, als bedeute ihm Maria Holt so wenig wie der Nebelstreif, der sich über die Ilmenau hinzog. Wie er aber mit seiner schwarzen Schar durch die dunstumwobene Heide hinzog, gaukelte immer das Bild der schönen Frau neben ihm her, so deutlich, als ritte sie in Wirklichkeit, nur durch aufsteigendes Gewölk getrennt, ihm zur Seite. 10. Kapitel Vater und Sohn Werden wir bis ans Ende der Welt reiten?« ärgerte sich Schwarz-Märten, als der zweite Abend auf die Erde niederzusinken begann. »Oder haben wir den Weg verloren?« Jürgen tätschelte seinen Gaul. »Daß wir auf dem rechten Wege sind, dafür zeugen uns die flüchtigen Bauern genügsam, die sich vor ihrem Herrn und Herzog davon machen,« meinte er und wies mit dem Daumen hinter sich. Im Nebelgewölk verschwand eine lange, rossenbespannte Wagenkarawane, die das Hab und Gut von schweifendem Kriegsvolk aufgescheuchter Landsassen davontrug. »Der Kapitän führt uns nicht irre. Der weiß hier so gut Bescheid wie auf der Elbe und dem Blanken Hans.« »Schwarz-Märten macht der Ritt Beschwer,« erklärte Höpker. »Mit seinem Bäuchlein und seinen fetten Schenkeln, da sitzt sich's auf dem Butenspäler bequemer als auf der Schindmähre.« »Allen Heiligen Dank, daß ich nicht so ein trockener Windhund bin wie du,« gab Schwarz-Märten bissig zurück. »Aber das will ich schon eingestehen: lieber zur See ersaufen, als in diesem feuchten Sande langsam verdursten.« Sie trotteten auf federndem Pfad an einem gedehnten Tümpel hin, den niedriges Buschwerk umkränzte; nur eine gewaltige alte Weide hob auf stämmigem Rumpf den dicken Kopf, ihre langen, nun entlaubten Zweige weit von sich streckend. »Ein gutes Zeichen, daß wir bald den Herzog zu Gesicht bekommen!« prophezeite Höpker, der solcher Dinge wohl kundig war. »Seht, wie sich alles Ufergebüsch vor ihr neigt und das dunkle Wasser ehrfürchtig still liegt!« »Kein Blatt mehr auf den kahlen Ästen, 's ist Winter geworden für deinen Weidenherzog!« spottete Schwarz-Märten. »Hab' nur Geduld, im Frühling schießt er gewaltig aus! Und mir dünkt, sein Frühling steht nahe bevor, sein Frühling, der diesem Lande und unserer lieben Stadt viele Ruten bringen wird.« Aus der endlosen Ebene, deren regennasse Erika grau und hoffnungslos das finstere Gewölk widerzuspiegeln schien, hob sich die undeutliche Straße zu eichengekrönter Höhe empor. Plötzlich griffen die ermüdeten Gäule mutiger aus. Fröhliches Wiehern erscholl, »sie haben Witterung!« schmunzelte Jörg. »Paßt auf, der Herzog ist nicht mehr weit!« »Hoffentlich hat er dem verlorenen Sohne Harald bereits ein Kalb schlachten lassen!« spekulierte Schwarz-Märten. »In Eggersdorf bei den Ratsbauern war's meinem Magen gar zu dürftig, er schreit nach einem herzoglichen Braten!« Wie sie, Harald an der Spitze, den Hügel erklommen hatten, sahen sie vor sich Wachtfeuer durch die abendlichen Dämpfe leuchten. Und hinter den gewaltigen Eichen sprangen Pikenträger hervor. Einer fiel dem Führer in die Zügel; Harald schob ihn, sich in den Steigbügeln hebend, herrisch zurück. »Bist du des Herzogs? So geleite mich zu ihm.« Und er nannte seinen Namen. Der Knecht stieß den Schaft der Waffe grüßend auf die Erde. »Ihr naht mit Macht, Herr!« »Nicht mit größerer, Freund, als nötig ist, um eine Räuberbande von Kaufmannsgut fernzuhalten und einen Grobian gute Sitten zu lehren.« »Ihr kommt von Bardowieck, man sieht's den wohlgenährten Gäulen und Mannen an.« »O weh,« mischte sich Höpker vorlaut ein. »Da bist du schwach auf den Augen, oder treibst losen Spott mit mir.« »Solcher Kerle wie wir gibt es zwanzigtausend in Bardowieck, unzählbar viele, wie Nebukadnezars Heer!« grinste Jörg. »Bandelt nicht mit uns an!« »So führt mich zum Herzog,« schnitt Harald die Neckereien ab. »Ich bringe ihm wichtige Botschaft.« Schon hatte sich, von allen Seiten herbeieilend, zahlreiches reisiges Volk um sie versammelt. Ein Geharnischter sprengte daher, ließ sich von den Knechten berichten, sorgte mit kurzem Befehl dafür, daß Haralds Gefolgschaft gut untergebracht wurde, und geleitete ihn ins Lager hinein. »Euch die Augen zu verbinden, tut nicht not,« sagte er voll Höflichkeit. »Seid uns als Freund willkommen!« Nicht lange, so wartete Harald im herzoglichen Zelte des Vaters. Des Vaters, den er heut zum erstenmal in seinem Leben sehen würde! Des Gewaltigen, von dem sie überall im Reiche sangen und sagten, der groß und trotzig gewesen war wie keiner, dem Kaiser die Heeresfolge nach Welschland verweigert und des Kaisers schimpfliche Niederlage verschuldet hatte! Der mächtigste Fürst im Norden, der sich ein neues Reich gründen, stolz in Unabhängigkeit thronen wollte und nun herabgestoßen war vom Hochsitz, in den Spott und Schimpf der Verbannung! Die übermütigen Kaufherren, unter denen Harald aufgewachsen war, hatten immer nur Hohn für die unersättliche Ländergier des gekrönten Feindes gehabt, dem die weiten Gebiete zwischen Weser und Elbe, dem auch Bayerns Reichtum nicht genügte, nein, der verwegen hinausgriff in unbekannte Fernen, die askanische Mark von Norden her umklammern, die Wendenfürsten in Mecklenburg und Pommern, selbst die sagenumwobene, gespenstische Bernsteinküste seinem Herrscherwillen unterwerfen wollte! Wenn sie ihn im Hause der Holk schmähten, mit uneingestandener, heimlicher Furcht, die Goldschürfer den Welteroberer, dann hatte der Knabe mit schauerndem Entzücken gelauscht und aus ihren Scheltreden immer nur den Ruhm des Ragenden herausgehört. Die Stunde herbeigesehnt, wo er es dem Vater gleich tun könnte, ein rechter Sohn des Löwen ... Die Jahre waren verrollt, gleichmäßig rann der Sand aus der Uhr, und andere, göttlichere Träume füllten heute Haralds Herz. Für sie den Vater zu gewinnen, welche Aufgabe! An seiner Hand, gestützt auf seine Reisigen, zu verwirklichen, was er dem Heiland gelobt hatte, welch eine Tat! Aller Cäsaren Ruhm würde, aller Sternenglanz der Geschichte vor ihr verblassen! Der Teppich überm Zelteingang flog zurück, der Herzog war gekommen. Nur undeutlich ließ das trübe Licht einer Kerze die ehernen Züge erkennen, die breite Stirn, die Adlernase, das wuchtende Kinn. Schon lag Eis des Alters im Haare, aber die blauen Augen sandten noch immer den Königsblick, der sich vor Friedrich Rotbart nicht gesenkt, der Judith Holks Mädchenherz im Sturm genommen hatte. »Deine Mutter! Du ähnelst ihr,« sagte der Herzog versonnen. »Sie meinen in Bardowieck, noch mehr ähnele ich Euch, mein Vater!« erwiderte Harald. »Kennen die Krämer mich so gut, und dich?« »Ich bringe Botschaft von ihnen –« Heinrich hob die Hand. »So bist du ihnen eng befreundet.« »Sie waren die einzigen, mein Vater, die sich um meine Kindheit sorgten.« »Und zeigten nicht übel Lust, dein Lichtlein auszublasen.« »Weil ich ihnen als Feind entgegentrat.« »Ein eng befreundeter Feind, also.« »Dem Feinde Feind, mein Vater, des Freundes Freund.« »Hast brav disputieren gelernt beim alten Iso. Bist aber auch der gewesen, der mir meine Kogge kaperte auf der Nordsee.« »Sie griff mich an. Da vernichtete ich sie.« »Und alle meine Leute getötet?« »Zwei ließen sich greifen. Ohne ihre Schuld.« »Hast du sie mir wieder gebracht?« »Sie sind Kriegsgefangene in Bardowieck.« Da wies der Herzog auf zwei Sessel am Waffentisch und ließ sich nieder. »Setze dich zu mir. Ich erkenne mein Blut.« »Vermelden läßt Euch Rat und Bürgerschaft von Bardowieck,« hob Harald an. »Vergeuden wir keine Zeit damit! Doch seit wann geht der Rat mit den Bürgern?« »Seit er die Rechte anerkannt hat, die Ihr den Zünften und Gilden verlieht, und seitdem sie einig sind in Bardowieck.« »Ducken sie sich, die sich so maßlos erdreisteten? So schätzt' ich die Krämerherzen immer ein ... Doch von deinen Fahrten in die Nordsee will ich mit dir sprechen. Du hast nach mir geschlagen, doch du hast geschlagen. Wohlan! Du wirst weitere Schläge führen können. Meine Lande gehören mir wieder, ehe der Mond wechselt. Friedrich Rotbart ist unten in Asia, ein kaiserlicher Abenteurer, wie er in Italien war, und wird nicht zurückkehren. Nicht zurückkehren, bis ich mein Werk vollendet habe. Deutsches Reich liegt nimmermehr im Süden. Längs des Nordermeeres, längs der Ostsee breitet sich das neue Reich, das unüberwindbare. Ich und mein Geschlecht werden seine Krone tragen, die die des Kaisers sieghaft überstrahlen soll. Und dich, dich erwähl' ich zum Admiral meiner Meere. Du hast gezeigt, wie du mit Dänen und Preußen und Wenden daherfahren wirst.« Ein fast frohes Lächeln umspielte seinen Mund. »So geht Euer Heeresweg den Städten vorbei?« »Ich renne sie nieder. Lüneburg, Lübeck. Ich brenne sie nieder. Bardowieck.« »Bardowieck habt Ihr mir zu eigen gegeben.« »Wacker! Du hast rechnen gelernt, bei den guten Rechnern. Das neue Bardowieck, das ich aufbauen lassen werde, sei dein. Das alte lege ich vorher in Schutt und Asche. Unweigerlich. Gottes Verachtung dem Fürsten, der sich ungestraft beschmutzen läßt von seinen Knechten!« »Ich habe Euer Wort, Vater. Bardowieck ist mein.« Haralds Stimme klang hell. »Erst wenn ich das Geschenk, das dir zugedacht ist, fest in dieser Hand halte und den Schimpf gerächt habe.« Beider Augen brannten ineinander, und sie maßen sich, wie sich Krieger vorm Kampfe messen. Seltsam, daß gerade jetzt, als der Herzog rauhen Tones Rache heischte, vor Haralds Gesicht ein Schatten aufstieg, der Schatten des verzweifelten jungen Weibes, das Heinrich in Schande und Tod gejagt hatte, seltsam, daß Harald gerade jetzt ihrer gedenken mußte, die er nie gekannt, von der er nie geträumt hatte, deren Bild ihm nie aufgestiegen war neben dem glänzenden des Vaters. Judith Holt, arme, mißhandelte, da ist noch ein anderer Schimpf zu rächen, hart und erbarmungslos, ein so viel furchtbarerer Schimpf als der, von dem dieser beleidigte Eroberer spricht ... Doch Harald wehrte das Gespenst ab. »Wenn ich dir Bardowieck gäbe, wolltest du mich rächen?« »Ich habe nichts zu rächen in Bardowieck. Auch dürfte ich es nicht. Denn ich habe der Stadt geschworen, daß sie frei sein soll, wenn du sie in meine Hände gegeben hast.« Aufreckte sich Heinrich. »Frei? Narrenreden! Gehorsam unterworfen, fest eingefügt in die große Kette, ein dienendes Glied, wie jedes Dorf, jeder Vasallensitz, so sei jede Stadt meines Reiches! Nur so hält die Mauer. Des spielerischen Übermutes der Schwachen, der jeden Staat zerstört, hab' ich zuviel, hab' ich nun genug gesehen.« »Ihr selber gabt Freibriefe den Zünften und Gilden!« »Um so gewisser die Herrschaft in der Hand zu halten, wenn sie einander befehden, der Stadtadel und die Geringen! Ihren armseligen Kleinkram, der mir nur lasten würde, mögen sie nach Ermessen schlichten, im Handel und Wandel, im Alltagsgezänk innerhalb ihrer Mauern frei sein – doch alle wirkliche Macht allein in meiner Faust, und durch mich in der meiner Gaugrafen.« »Ich bitte Euch für Bardowieck!« »Du bittest töricht, Knabe! Aus dem eisernen Gefüge, das ich schmieden werde, läßt sich kein Splint herausziehen. Und abermalen, du bittest töricht, Knabe! Wer wie ein König empfindet, der wirft seine Rechte nicht an den Marktpöbel fort, tändelt nicht mit Unwirklichkeiten, sondern faßt das Schwert und nagelt fest, was es gefaßt hat.« Vielleicht sprach der Löwe wahr ... Aber Harald glaubte, leichenfahles Licht im Zelt zu sehen und feuchte Kälte zu spüren, wie sie von einer Toten nassem Gewand niedersickert ... vom Gewand seiner Mutter, die sie aus der Ilmenau gezogen. »Richt mit solchen Träumen spiele, Sohn!« fuhr der Herzog eindringlich fort. »Die Stadt muß unter meinen Fuß. Doch gut ... Deinetwegen will ich ihrer schonen. Unterwirft sie sich löblich auf Gnade und Ungnade, zahlt Zins und stellt mir zweitausend Waffenknechte, auch siebenzig Koggen für die See, so will ich ihr ein milder Richter sein. Um deinetwillen! ... Du bist ein hübscher Bursch geworden, Harald, ein mutiger Bursch, wenn auch noch gar zu verträumt, bist mir lieber als meines Weibes Söhne! Reiß ich dich von den Pfaffen und den Krämern los, die dich zu sich herniedergezogen haben, dann wirst du mein Getreuester sein!« Und wie kosend legte er seine Hand auf des Jünglings Scheitel, in wunderlicher Verlegenheit schier, die den Gewaltigen sonst nie ankam, »so hab' ich dich manchmal gesehen, wenn sie von dir erzählten, Harald, und habe dann bedauert, dich nicht ans Herz nehmen zu können, wie du doch deiner Mutter ähnlich bist, Harald!« Und er zog ihn an sich und küßte ihn, scheu, fast unwillig und doch voll Zärtlichkeit, wie der Vater den Lieblingssohn küßt. Herzog Heinrich hatte solange keine Liebe mehr gekostet ... Aber Harald bebte vor Scham und Ekel und Grauen unter diesen Küssen und schloß die Augen, um das wilde Antlitz des Mannes nicht zu schauen, der über Leichen ging, auch über Frauenleichen und die Leiche der Freiheit. Ein Mörderantlitz, wie von rotem Blut schien es im Zelte zu dampfen. * Nächsten Tages, da Harald mit seiner schwarzen Schar heimwärts ritt, kamen sie wieder an der alten Weide vorbei. »Gestern schien sie mir königlicher,« meinte Jürgen. »Heut im helleren Licht sieht man, wie verkrüppelt sie ist.« »Wird allzu lange im Exil gewesen sein,« brummte Schwarz-Märten. »Gleich dem Herzog. In der Verbannung stirbt Majestät und Königsgröße.« »Einstmals, ehe der Heiland auf Erden wandelte, war die Weide stolz und stark, ließ sich von keiner Eiche beschämen,« erzählte Höpker. »Dann aber hat sich Judas Ischarioth an ihr erhängt. Und seitdem ist sie unansehnlich geworden, wird von den anderen Bäumen gemieden, steht einsam an Sümpfen und wird vor der Zeit jämmerlich hohl.« 11. Kapitel Im Krummen Saladin Noch war die Zechergesellschaft, die sich in dem verräucherten, mit Türkenlanzen, Sägefischschwertern, Walfischknochen geschmückten Gewölbe eingefunden hatte, nur erst klein. Aber der mächtige Kienbrand, der, von plumper Eisenzange gehalten, an der Decke hing, beleuchtete mit rötlichbraunem Schimmer schon ausgelassene Tollheit. Neben Heini Hoyer saßen zwei buntgekleidete Dirnlein, die der Ratsschreiber Adam bei abendlichem Spaziergang vorm Tor getroffen und mit in die Stadt genommen hatte; blond, rosig und quickmunter die eine, fraulichgesetzt, elfenbeinfarbig im Gesicht und mit kastanienbraunem Gelock die andere. Um die Hüfte der beweglichen Josa hatte Adam, ihr Entdecker, den Arm geschlungen. Das dürre Männchen, dem man so unergründlichen Durst gar nicht ansah, hielt bereits beim vierten Kruge. Mit Brigitt, der dunklen, plauderte Zachäus, Heinis Zunftgenosse, der doch in keiner Weise mit dem Meister wettzueifern sich unterfing. Er plauderte auf seine Art, denn er war ein reichlich schweigsamer Herr: Von Zeit zu Zeit trank er der Schönen zu und klapperte mit dem Deckel des Zinnkruges. Selbstverständlich hatte am Tische auch Kaspar, der Wirt, Platz genommen, wie immer an großen Abenden, schmückte ihn das prächtige Kleid des Seldschukkenkriegers. Kaspar war, wie er bei allen Heiligen Bardowiecks schwor, als zarter Bub vor vierzig und mehr Jahren mit den Kreuzfahrern nach Jerusalem gelangt und hatte dort unvergleichliche Heldentaten vollbracht, seinem furchtbaren Arm war ein heidnischer Seldschukkengeneral, ein Gewaltiger Saladins, erlegen, dem er dann zum Zeichen des Sieges sowohl das prächtige Gewand wie den krummen Türkensäbel geraubt hatte, wie grausam der Kampf zwischen beiden gewogt haben mußte, ging noch aus dem schaurig anzuschauenden großen Blutfleck hervor, der dunkel auf dem Gelb des Burnus haftete. Freilich gab es böse Zungen, die kecklich behaupteten, Kaspar sei auf seiner Fahrt nach Palästina nie weiter als bis Nürnberg gelangt, habe dort von einem Krämer Schwert und Gewand für ein Billiges erworben und den erschrecklichen Blutfleck, der kein Türkenblut, sondern schlichtes Ochsenblut sei, künstlich aufgepinselt. Indessen, solches Schlangengezischel der Verleumdung kümmerte Kaspar nicht. Ist es doch bislang jedes Helden Schicksal gewesen, von armseligen Neidern hinterrücks erniedrigt zu werden. Gebieterischstolz saß er, trotz seines gewaltigen Buckels, da, bemühte sich, den kahlen Kopf aus den Schultern herauszubekommen und heischte unausgesetzt die Huldigungen der Tischgemeinschaft. Hinterm plumpen Schenktisch, breit an die Biertonne gelehnt, lugte Frau Trud, die fette Gemahlin des Krummen Saladin, hervor. Sie wachte scharf darüber, daß der Seldschukkenbesieger ihr alle geleerten Krüge spornstreichs zureichte, schenkte den schäumenden braunen Trunk ein, nicht zu übermäßig, und kreidete die Schuld auf dem Bauche des Fasses an. »Heil und Preis dir, hoher Sultan!« rief Heini. »Möchten doch alle Christenmenschen so treu an ihrem Glauben hängen wie du am türkischen! Der Koran Verbietet den Frommen jeden Biergenuß; weil du aber in unsere ungläubige Stadt verschlagen worden bist und dich den hiesigen Bräuchen fügen mußt, so tust du wenigstens das Äußerste, uns ein möglichst dünnes Bier zu liefern und so der Satzung des Propheten auf Umwegen zu gehorchen. Auch daß du, den Vorschriften der ewigen Suren treu, die unschuldigen Tiere liebst, erkenne ich an der Beflissenheit, womit du alle Gerste deinen Gänsen vorwirfst, statt sie fürs Bier zu verwenden, sei mir deshalb aus tiefer Seele gegrüßt, krummbeiniger Held! Alt und grau bist du geworden, seit du von der Kreuzfahrt heimkehrtest, aber dein Bier bleibt ewig jung.« »Elender Sklave, Feind des Propheten!« herrschte ihn Saladin an und rasselte mit der Eisenkette, an der das krumme Türkenschwert befestigt war. »Hüte dich vor mir! Noch niemand hat mich ungestraft beleidigt, übrigens ist mein Bier viel zu gut für so schlechte Zahler, wie du einer bist, und viel zu billig. Kannst es mir glauben, ich setze an jedem Eimer noch etwas zu.« »Ja, zwei Eimer Wasser!« entgegnete ihm Heini. »Dennoch, Genossen meines Unglücks, laßt uns fröhlich sein! so wenig Saladin sein Bier mit Hopfen verbittert, so wenig wollen wir uns das Dasein verbittern. Und ein Durst quält mich heut abend, als hätte mich meine selige Frau Mutter mit Heringsmilch gesäugt.« Währenddessen hatte sich Adam, der Ratsschreiber und Ratsrechner, erhoben und seine Geige herausgeholt, die dem einsamen und kunstfreundlichen Junggesellen manche lange Abendstunde verkürzte. Er setzte sie zärtlich an die Brust und begann zu fiedeln. Kreischend und mißtönig zwar, so daß sich Heini entsetzt die Ohren zuhielt, aber doch hinreißend genug, um die beiden Fahrenden zu bewegtem Tanz anzufeuern. Sie kamen weit im Lande herum, sahen und lernten manches Neue und gaben es in heiterer Kumpanei gern zum besten. Josa sprang wie ein Federball auf den breiten Eichentisch und drehte sich, zierlich und doch voll flammender Kraft, jeden übermütig anlachend; vor den entzückten Augen der Gäste. Anders Brigitt, die die Augen schüchtern gesenkt hielt, nur leichte, leise Bewegungen machte und damit doch am Ende ebenso dröhnenden Beifall hervorlockte, wie ihre Wandergenossin. »Allzu ängstlich und hausväterisch ist deine Musik, aus so reinem und schönem Herzen sie auch kommt,« tadelte Heini den Ratsschreiber. »Daß sie herrlicher schalle, müssen wir sie verstärken. Trud, wirf mir den Bierhammer herüber. Fülle mir aber zuvor den Krug und füll' ihn so, daß ich mir nicht beim ersten Zuge den Magen nur mit Luft vollpumpe!« »Füll' mir den Krug,« äffte Frau Trud ihm nach, »aber wann wirst du uns den Beutel mit Brakteaten füllen? Unheimlicher von Tag zu Tag schwillt deine Zeche an, so daß ich dich heut ernsthaft fragen muß, ob du sie noch in den nächsten zehn Jahren zu begleichen gedenkst.« »Herrliche Frau,« erwiderte der Maler mit einer tiefen Verbeugung, »was fragst du, die Seherin und Druide, mich nach Dingen, die menschlicher Verstand nicht zu beantworten vermag? Wohl habe ich, ein ernster Freund der Weisheit, zeitlebens über alle Welträtsel nachgegrübelt und keine von den tiefen Fragen, die je durch Philosophenhirne gewandelt sind, ist mir fremd geblieben. Aber das glaube mir, von all diesen geheimnisvollen, unergründlichen Fragen des Schicksals dünkt mich keine schwerer zu beantworten als die, wie ich dir jemals meine Zeche bezahlen soll.« »Du Gauner –« »Schenk' ihm nur ein, er zahlt schon!« ermunterte Saladin gutmütig sein Eheweib. »Zahlen? Der Vagant und zahlen? Das kann nur so ein Esel wie du behaupten!« »Esel nennst du mich?« schrie Saladin und sprang zornglühend auf. »Hüte dich!« wieder riß er am Schwerts. »Noch niemand hat mich ungestraft beleidigt.« »Ja, so nenn' ich dich!« keifte ihm Trud ins Gesicht. »Der größte Esel aller Zeiten bist du.« »Wahr gesprochen!« stimmte ihr Heini bei. »Denn sonst hätte er dich nicht geheiratet.« Die Runde johlte. Und während Heini nach dem Bierklöppel griff und damit den Eichentisch taktgemäß bearbeitete, hatte Zachäus seinen schweren Stuhl gepackt und stieß ihn rhythmisch auf den festen Lehmboden. Unter diesen Umständen konnte der krumme Saladin sich nicht lumpen lassen, zog das Schwert und ließ es klirrend immer wieder auf den Schenktisch, dicht neben Frau Trud, niedersausen, von dem rasenden Lärm dröhnte das Gewölbe, dröhnte um so mehr, als Trud mit gellender Stimme versuchte, den ihr angetrauten Seldschukkenhelden von seinem tollen Beginnen abzuhalten. Nur war es ihr ihres wuchtigen Umfangs wegen nicht möglich, unterm Schenktisch durchzukriechen und dem Gatten in den Arm zu fallen. Trotzdem wollte sich Adam beeilen, dem gefährdeten Wirt zu Hilfe zu kommen, da er aber schon zu viel des dicken Bieres genossen hatte, schlug er mit seiner Geige schwer zu Boden. Ohne alles christliche Mitleid ließ man ihn liegen; Josa vergnügte sich sogar damit, die Spitze ihres zierlichen Schuhs an seiner Nase zu reiben. Und Brigitt, der man solche Entschlossenheit gar nicht zugetraut hätte, bückte sich nach der Geige, um nun auch ihrerseits zu der festlichen Musik beizutragen. Daß sie vom Spiel nichts wußte und den Saiten nur üble Kratztöne entlockte, verargte ihr niemand. Das verrückte Toben hatte noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, denn eben begann Zinnober sich einzumischen und mit langgezogenen schaurigen Tönen ein Lied zu heulen, wie er es in seiner Jugend Rosentagen öfter schönen Hundefräulein vorgesungen hatte. Da aber öffnete sich die Gassentür. Lautes Gespräch brandete herein, und hinter Jan Dieter und Wolf Vynke tauchte ein Schwarm neuer Gäste, Handwerker und Hafenmänner, auf. Den Beschluß machten, etwas zögernd noch, Peter, der Schuster und Hans Jakob Tysenhusen. Der vornehm gekleidete Kaufherr schnüffelte ablehnend, als er den ungewohnten Raum betrat. »So wie dein Kienspan, Saladin, rußt kein anderer in Bardowieck! Ist das auch ein Kunstwerk deiner zaubergewandten Frau? Mehr Licht, mein Freund!« »Salem aleikum! Allah akbar rahman!« erhob sich Kaspar mit tiefer, höhnischer Verneigung. »wozu mehr Licht? Kommt doch Ihr, gestrenger Herr, meine unwürdige Schenke mit Eurer strahlenden Anwesenheit zu erhellen. Niemals noch ist diesem Gelaß ähnliche Ehrung widerfahren, so viele Helden und tugendhafte Frauen« – hier wies er auf Josa und Brigitt – »auch schon in ihr geweilt haben.« »Was kann Hans Jakob in dieser großen Stunde anderes zu uns treiben, als der tiefinnerliche Drang, unser Bier zu bezahlen?« fragte Heini. »Frau Trud, der Augenblick, den du so wehmütig und begehrlich ersehnst, ist gekommen, schreibe meine Zeche zusammen, Hans Jakob begleicht sie.« »Er wird sich nicht kleinlich zeigen,« knurrte Zachäus, »und du, Heini, vergiß deines Zunftgenossen nicht. Habe ich auch keine Madonna im Dom gemalt, so mühe ich mich doch ohne Unterlaß in St. Lucae Diensten und darf fordern, gleich dir getränkt zu werden.« Hans Jakob Tysenhusen machte gute Miene zum bösen Spiel, »Sei's ihnen gewährt!« stimmte er herablassend zu. »Man soll uns Königskaufherren nicht nachsagen, daß wir die Kunst ungefördert lassen.« Inzwischen hatte sich das Gewölbe bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf allen Bänken saßen dichtgedrängt, in allen Ecken und Winkeln standen die harten Männer der Arbeit herum. Frau Trud, die trotz ihrer Rundlichkeit gewandt wie die Jüngste hantierte, konnte nicht so viel Bier verzapfen, wie die Zecher heischten. »Wann erwartest du den Führer zurück?« fragte Riele Haden, der Schmied, Wolf Vynke. »Wenn er schon morgen auf den Herzog stößt, wird er vor Sonntag wieder bei uns sein.« »Gebe ihm Gott Vater, der Sohn und der heilige Geist seinen Segen!« wünschte ein sorgenvoller Alter, der sich, der guten Sache wegen, zum ungewohnten Biergenuß hatte verleiten lassen, »was sollte aus uns werden, wenn Herzog Heinrichs Macht die Stadt bestürmte! Schon heut erwirbt unsereiner nur mit letzter Müh und Not sein bißchen Unterhalt; kommt neuer Krieg über uns und Belagerungsschrecken, dann ist das Handwerk ganz und gar verloren.« »Mit Vertrauen hoffe ich auf guten Ausgang der Fahrt Haralds,« tröstete Wolf Vynke. »Und wenn dies Unwetter vorbei, Bardowieck mit dem Herzoge versöhnt ist, welche erquickliche Zeit des Wohlstandes wird dann allen Bürgern beschert sein!« »Ihr vertraut dem Herzoge viel. Bisher war er seinen Städten und Vasallen kein so milder Herrscher,« warf Tysenhusen ein. »Wir vertrauen ihm nicht mehr, als er verdient und als die Maus der Katze vertraut,« rief Jan. »Will er die Stadt nicht berennen, gut. Dann mag er in weitem Bogen um sie herumziehen, und wir werden ihn und sein Heer unbelästigt lassen, sonst aber findet er uns gerüstet.« »Gerüstet an der Seite der Geschlechter!« schrie Peter und hob seinen Bierkrug. »Darüber mag zu anderer Stunde geredet werden,« lehnte Riele Haden verdrießlich ab. »Warum zu anderer Stunde?« rügte Jan den vorsichtigen Schmied. »Jeder von uns kennt seine Feinde, weiß, daß wir vom Herzoge nichts und nichts vom Rate zu erhoffen haben. Nun aber manche von euch Wolf Vynke folgen und es ablehnen, die Schärfe der Klingen Bardowiecks an Heinrich zu erproben, nun wollen wir zunächst wenigstens aufrechte Männer dem Rat gegenüber sein, wollen dafür sorge tragen, daß er uns nicht, wie schon oft, mit gleisnerischem, falschem Versprechen betrüge.« »Sehr richtig, Jan,« pflichtete ihm Tysenhusen bei. »Du siehst die Gefahr, wo sie ist. Dich täuschen die ränkesüchtigen Schlauen nicht.« »Ist wohl wahr, daß Ihr mein Bier bezahlt,« holte da Zachäus zornig zu einer Rede aus. »Und ich habe eben den fünften Krug.« »Nein, den sechsten!« zeterte Frau Trud. »Doch was habt Ihr, Hans Jakob, Euch um unsere Zunftsorgen zu kümmern? Eine Leidenschaft hat jeder, und die Eure, mein Bier zu bezahlen, ist entschuldbar, aber darüber hinaus dürft Ihr uns nicht in die Parade fahren.« Nach dieser für Zachäus' Verhältnisse sehr umfangreichen Rede setzte er sich schnaufend nieder und gab der kecken Josa einen Kuß mitten auf den Mund. Jan erkannte, daß die versöhnliche Stimmung bei der Menge überwog. Tadelnde Äußerungen des Argwohns gegen Harald, die er sich auch heute nicht versagen konnte, fielen fruchtlos nieder oder erweckten gar Zorn, der handgreiflich zu werden drohte. Mit all der wütenden Eindringlichkeit, deren er fähig war, versuchte er die Genossen davon zu überzeugen, daß das Volk sich so schnell wie möglich in den Besitz der entscheidenden Macht bringen müsse, um nicht am Ende, schnöde übervorteilt, zwischen Herzog Heinrich und den Geschlechtern zerrieben zu werden. Aber alles rundum war zu siegessicher und hoffnungsfreudig, um seinem Mißtrauen folgen zu können. Der einzige, der ihm unbedingt beigepflichtet hatte und auch weiter die Stange halten wollte, Tysenhusen, sah sich durch Zachäus' groben Angriff zum Schweigen gezwungen. Noch spielte auf braunen Bierwogen das Hin und Her der Meinungen, aber weniger sturmvoll als sonst. Der Frieden, der Sieg, die endliche Aussöhnung mit den stadtadligen Herren schien der Menge durchaus gesichert. Und als zu noch vorgerückterer Stunde, kurz bevor Schluß geboten ward und die Bierseligen nach der Stadtordnung heimwandern mußten, als der trunkene Ratsschreiber Adam sich ein wenig aufrüttelte und wirre Geschichten zu erzählen begann, achtete außer Jan niemand recht auf ihn. Adam schwatzte in seiner Sinnlosigkeit von dreihundert herangeholten Waffenknechten, die Rolf Ebelingk in den Lagerhäusern vorm Osttor heimlich einquartiert hätte und spätestens morgen in die Stadt führen wollte, Waffenknechte, für die er, der in alle Geheimnisse eingeweihte Ratsschreiber und Ratsrechner, den Sold bereits zurechtgelegt hatte. »Tücke des Satans!« schrie Jan da in das Gebraus hinein. »Welche Schändlichkeit spinnen sie wieder im geheimen? Warum haben wir, ihre Vertrauensmänner von diesen dreihundert Söldnern des Rates noch nichts zu hören bekommen? Wie darf Rolf Ebelingk ohne unsere Erlaubnis fremdes Volk in die Stadt rufen?« »Jedes Schwert, jede Pike ist jetzt ein Trumpf ohnegleichen,« meinte Peter gelassen. »Laß es dem Herzog beifallen und uns angreifen – müssen wir dann nicht auf den Knien für Rolf Ebelingks Tat danken?« »Schwätzer, Tor!« tobte ihn Jan an. »Mit den neuen dreihundert Waffenknechten sind sie uns überlegen, sobald sie dies Gesindel in der Stadt haben. Nun und nimmer darf das geschehen, ihr Männer. Teuflischer Verrat ist im Spiel! Rafft euch auf, solange es Zeit ist und verhindert den Einmarsch der fremden Ratssöldner!« »Listig haben sie den Zeitpunkt gewählt, um uns zu übertölpeln,« pflichtete Riele Haden ingrimmig bei. »Während Harald beim Herzog weilt, glaubt der Rat, uns den Daumen aufs Auge setzen zu können. Dulden wir's nicht! Setzen wir uns zur Wehr!« Auch Tysenhusen sprang Jan mit Entschiedenheit bei. »Ohne euch zu fragen, durfte der Rat diesen gefährlichen Schritt nicht unternehmen. Das ist gegen die Abmachung, das ist ein Schlag ins Gesicht des freien Volkes.« »Zu den Waffen!« wütete Jan. »Wer noch Blut in den Adern und Mut im Herzen hat, der schließe sich mir an! Nieder mit dem Ratsregiment! Über Bardowiecks Schicksal darf, dieser neue Schurkenstreich beweist es klar, nur das Volk entscheiden! Der Rat hat sein feierlich gegebenes Wort gebrochen, nun sind auch wir unseres Wortes ledig!« Und so eifrig sich Wolf Vynke mühte, den Zornentbrannten zurückzuhalten, Jan brüllte seine aufstachelnden Reden immer erregter in die trunkene Menge hinein. Mordgeschrei stieg auf und hallte schauerlich im Gewölbe wieder. Messer blitzten, und wer keine Waffe bei sich trug, der hielt Stühle und Bierkrüge umklammert. Aber im Augenblick, wo Jan den Wahnsinnszug in die Stadt hineinführen wollte, drang plötzlich mit vorgehaltenen, blinkenden Hellebarden Wache in die Schenke. Hinter ihr sah man im Fackelschein, der die Gasse düster überglühte, unbekannte fremde Kriegsmannen aufmarschiert. Starres Entsetzen lähmte die Überfallenen. Mit einem Schlage war es sehr still geworden. Durch dies erwartungsbange Schweigen dröhnte um so unwiderstehlicher, bezwingender ein jäh aufsteigendes, übermütig lautes Lachen. Es drang aus der Ecke, wo Heini Hoyer mit Josa und Brigitte zusammensaß, es quoll aus so heiterem Herzen, klang so verführerisch lustig, daß bei jeder anderen Gelegenheit die Schar der Gäste hingerissen eingefallen wäre. Jetzt freilich verhallte es gespenstisch im Raum. Aus der Mitte der bewaffneten Knechte war Rolf Ebelingk hervorgetreten. Drohend wies er auf Jan. »Daß du neuen Aufruhr planst, ist mir schon heut mittag kundgetan worden; jetzt aber habe ich mit eigenen Ohren deine hochverräterischen Reden gehört. Hältst du den beschworenen Pakt so, du Lügner? Ergreift ihn und werft ihn in den Turm!« Ein wilder Schrei brach aus Jans Kehle. Er stieß die ihm zunächst stehenden beiseite, um sich auf Rolf zu stürzen. Aber schon hatten ihn kräftige Fäuste gepackt. Niemand von den Freunden wagte ihm beizuspringen, selbst die Trunkenen hielten Ruhe. Und so haßerfüllte Blicke auch auf den Ratsherrn zuckten, nicht einmal fluchend den Bierkrug zu schleudern unterfing sich einer. 12. Kapitel Der Riß im Eisen Hochverrat war es, schändlicher Hochverrat, und ich wäre pflichtvergessen gewesen, hätte ich nicht zur selben Stunde eingegriffen,« verteidigte sich Rolf Ebelingk erregt gegen die Vorwürfe Steffen Bruggs. »Jan Dieter ist überführt, neuen Aufruhr erregt zu haben, während der Feind die Stadt bedroht; ich verlange, daß er zum Tode verdammt wird.« »Immerhin, du hättest mich befragen sollen, ehe du in die Schenke zogst,« grollte Matthias Holk, »was kümmert uns ihr Biergewäsch! Solange die Gefahr uns umklammert hält, müssen wir vorsichtig und behutsam sein. Im Führer hast du sie alle beleidigt. Sie werden Rechenschaft fordern, und wenn dann der Feind herangekommen ist, stehen wir wieder im alten kläglichen Zwist.« »Daß der Feind nicht kommt, dafür haben wir ja Harald zu ihm geschickt,« glaubte Claus Rodecke ablenken zu können. »Harald bleibt länger, als ich annahm.« Steffen Brugg strich sich sorgenvoll über die Stirn. »Gewiß, er wird gute Nachricht bringen, aber er wird es auch übel vermerken, daß wir in seiner Abwesenheit Hand an einen der Seinigen gelegt haben.« »Nur während Harald fern weilte, konnte der Zugriff glücken,« widersprach Tom Börner. »Und jetzt, ihr Herren, nach Dieters Festnahme, herrscht Ruhe in der Stadt. Darauf allein kann es doch gehen. Wohl wär's auch mir lieber gewesen, Rolf Ebelingk hätte sich mit dem regierenden Bürgermeister vorher ins Vernehmen gesetzt, aber der Erfolg spricht für ihn. Wir haben jetzt die Masse in der Hand. Sie wagt nicht, aufzubegehren, nun Jan im Turm liegt.« »Meint ihr?« Steffen Brugg erhob sich. »Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich weiß, wie die Zünfte und die am Hafen über diesen schmählichen Vertrauensbruch, wie sie es nennen, denken. Macht euch auf Übles gefaßt, wenn Harald wiederkehrt. Noch duckt sich die Bestie, aber im Augenblick, wo ihr vergötterter Herr wieder bei ihr ist, wird sie vor Blutgier rasen.« »Dem ist vorgebeugt,« warf Rolf Ebelingk gelassen hin. »Als Feldhauptmann in der Vertretung des Bürgermeisters habe ich Befehl erteilt, niemand mehr in die Stadt zu lassen, bevor nicht Meldung beim Rate erstattet worden ist. In unserer Hand liegt es jetzt, den Herzogsbastard für immer auszuschalten.« Da aber begehrte selbst Tom Börner auf. »Bist du des Bösen?« entrüstete er sich, »Dem Manne, der uns aus Heinrichs Krallen retten soll, der den Herzog zum Frieden bewegen will, dem sperrst du die Tore? Bedenkst du denn nicht, welch unerhörte Beleidigung du ihm damit neuerdings antust? Ich bin mit dir durch dick und dünn gegangen, Rolf Ebelingk, aber hier scheiden sich unsere Wege.« Auch Matthias Holk sah finster abweisend drein. »Diesen Befehl nimm zurück!« ordnete er an. »Leichtlich könnte damit die Wut des Volkes zum Gipfel getrieben werden.« »Dann ist's den gebietenden Herren wohl auch nicht recht, daß ich mit meinem Golde und dem eines Freundes die dreihundert Waffenknechte herangeholt habe?« zürnte Rolf beleidigt. »Die Kraft der Stadt zu verstärken, bist du wohl befugt,« erwiderte Matthias Holk, »und wir alle danken dir's. Doch ehe du die Knechte in die Stadt ließest, mußtest du, wenn nicht den Rat, so doch mich befragen, wir hätten dann reichlichen Verdruß erspart. Vorm Wall in den Lagerhäusern waren die Knechte bis zur Entscheidungsstunde wohl und sicher untergebracht.« »Aus diesen Lagerhäusern zog ich sie gestern abend, als mir Gewißheit von den bösen Plänen Jan Dieters wurde, in die Stadt hinein.« Rolf Ebelingk starrte verdrossen zu Boden. »Euch fehlt stets der Mut zur letzten Tat. Und so wird euch der Pöbel über den Kopf wachsen.« »Sendet sofort einen Boten zum Tor St. Fabian, daß sie nicht etwa Harald hindern, wenn er Einlaß begehrt,« bat Steffen Brugg den Bürgermeister. »An uns ist es jetzt, den Unfrieden, so gut es noch geht, zu beseitigen. Hoffentlich bringt Harald gute Mär, damit wir des Kampfes gegen den Löwen enthoben sind. Zwänge uns der Herzog jetzt zu fechten, meiner Treu, ich fürchte, er hätte es dann leicht mit uns ausbündigen Narren, die sich selber zerfleischen.« Matthias Holk trat zum Ratsschreiber Adam, der sich, seltsam verängstigt, noch kleiner als sonst machte, dann und wann über seine schweißtriefende Stirn fuhr und erbärmlich grauweiß im Gesicht aussah. Des Bieres ungewohnte Fülle war ihm über die Maßen schlecht bekommen, und dazu pochte in seinem Herzen die Furcht, daß er in der Trunkenheit gefährliches Amtsgeheimnis verraten hätte. »Troll dich auf der Stelle zum Fabiantor, Adam! Die kühle Luft wird dir wohl tun. Du siehst übel drein, wie einer, der sich schon zur Höllenfahrt rüstet.« Da schmetterten Trompeten vom Markte her. »Das ist Harald mit seiner schwarzen Schar, niemand sonst,« rief Steffen Brugg. »So haben sie ihm gegen meinen Befehl das Tor geöffnet?« wetterte Rolf, »wer hat denn noch Befehl und Herrschaft in der Stadt? Kommandiert hier jeder, tut hier jeder armselige Torwächter wie es ihm gefällt? Dann sind wir wahrlich wert, mit Stumpf und Stiel zugrunde zu gehen.« Es währte nicht lange, und Harald stand bei den Ratsherren. »Wie kamt ihr nur durchs verschlossene Tor in die Stadt, Prinz?« fragte Steffen Brugg, Rolf Ebelingk mit seinem Lächeln messend. »Man wollte Euch doch noch ein paar Atemzüge in der Freiheit gönnen.« Harald ließ den Blick spöttisch über die Versammlung schweifen. »Als mir die Torwache den Einzug sperrte, meinte ich, ihr hättet schon Kunde von meinem Mißerfolg. Und so trabten wir dann, der Nebel verbarg's all euern Wächtern, durch die Furt und über den Landwehrwall in Bardowieck ein.« Aufmerksam, mit Mienen, die sich von Minute zu Minute tiefer verdüsterten, hörten die Ratsherren nun Haralds Bericht an. »Es bleibt uns nichts übrig, als wie Männer unsere Pflicht zu tun,« entschied Matthias Holk, eine Frage Steffen Bruggs, ob nicht ein letzter Versuch zur Versöhnung gemacht werden sollte, unmutig abschneidend, »wir haben das Äußerste getan, um billigen Ausgleich herbeizuführen. Nun zwingt uns der Herzog den Degen in die Hand. Er wird auf Eisen stoßen.« Auf die kurze und schroffe Abfertigung, die er erlitten hatte, konnte Steffen Brugg sich nicht versagen, achselzuckend zu entgegnen: »Das Eisen hat leider einen tiefen Riß, scheint mir, hochgebietender Herr Bürgermeister. Wir werden zunächst alle Kraft aufbieten müssen, um die Bevölkerung in Ruhe zu halten, viel kostbares Bürgerblut wird fließen, besorge ich, das wir auf den Wällen gegen Heinrich besser hätten nutzen können.« »Was ist geschehen?« fragte Harald betroffen. »Gestern abend hat man Jan Dieter aus der Mitte seiner Freunde fortschleifen und in den Turm werfen lassen,« berichtete Steffen Brugg nicht ohne Genugtuung. »Wer erdreistete sich dessen?« Haralds Augen brannten. »Habt ihr mir nicht in die Hand gelobt, ihr Herren, Ruhe und Frieden zu halten, bis ich wiederkehre, nichts gegen die Bürgerschaft zu unternehmen, niemanden zu kränken, es sei, wer es sei? Laßt ihr nicht von der Wortbrüchigkeit, meint ihr, noch lange ungestraft mit mir spielen zu dürfen?« Murren ward laut, es verstummte, als Harald sich jach umwandte. Matthias Holk glaubte vermitteln zu müssen, »wieder hat Jan Dieter gewagt, das Volk zur Empörung, zu nächtlichem Angriff gegen den Rat aufzustacheln.« »Ich werde dem nachforschen, zu gelegenerer Stunde,« erwiderte Harald. »Aber den Vertragsbruch, den ihr begangen habt, schafft das nicht aus der Welt. Ihr habt euch feierlich des Rechtes begeben, irgendeinen von den Meinen anzutasten, geschweige denn nun gar einen der Führer. Mir steht es zu, Jan Dieters Vergehen zu untersuchen und zu strafen, nicht euch, seid ihr denn blind und völlig von allen Heiligen verlassen? Heinrich liegt vielleicht morgen schon vor der Stadt, und Tausende sind hier, die in ihm noch ihren Herzog ehren, tausend andere, die nicht gegen ihn kämpfen, wenn der alte Ratsübermut weiter toben darf. Zum letzten Male warne ich euch! Im entscheidenden Kampfe gegen Heinrichs reisige Übermacht steht ihr allein, so ihr nicht das Herz aller Bürger gewinnt.« »Und du selbst, Harald, auf welcher Seite stehst du?« fragte Tom Börner tückisch. »Mein Wort bindet mich an euch, und ich pflege mein Wort zu halten, Tom Börner. Hier bin ich nicht mehr Heinrichs Sohn, hier bin ich ein Getreuer Bardowiecks wie ihr. Und Schmach jedem, der mir's verweigert oder mich des Meineids verdächtigt. Auf der Stelle soll ihm mein Stahl Antwort stehen.« »Wir kennen dich, Harald,« sagte Matthias Holk bewegt, ohne es doch zu wagen, dem Jüngling die Hand entgegenzustrecken, wie es ihn im Herzen drängen wollte. »Beschluß, ihr Herren: Jan Dieter ist sofort freizulassen. Oder ist einer von euch anderer Meinung?« »Ich erhebe Einspruch!« rief Rolf Ebelingk. »Ihr zwingt mich noch zum Äußersten!« »Mit allen gegen eine Stimme beschlossen!« Matthias Holk setzte sich an Adams Platz und schrieb mühsam, Buchstabe für Buchstabe, den Befehl, der Jan die Freiheit wiedergab. »Und du, Steffen Brugg, begib dich auf der stelle zum Turm und löse ihn!« ... Haralds erster Gang war zu Heinz Hoyer. Der Maler hatte just Zinnober auf den Schoß genommen und betrachtete ihn mißbilligend. »Fällt es dir nicht auch auf, Harald,« fragte er, statt sich nach den Ereignissen und den Abenteuern des Freundes auf seinem Ritt zu Herzog Heinrich zu erkundigen, »fällt es dir nicht auch auf, daß der Kerl ganz plötzlich maßlos dick wird? Als wir in Bardowieck eintrafen, sah er so dünn und mager aus, und die Rippen standen ihm aus dem Fell hervor, als hätte er ein Tönnlein verschluckt. Jetzt schwillt er riesenmäßig an. Das faule Leben bekommt ihm nicht. Mir auch nicht. Ich habe mich also entschlossen, Harald, solange es noch möglich ist, und ehe Herzog Heinrich die Stadt umschlossen hält, aus Bardowieck zu scheiden.« Harald mochte weder auf seine trüben Scherze noch auf seine Abschiedsgedanken eingehen, während sie zur Gasse herunterstiegen, schilderte er, was ihm begegnet war, machte auch kein Hehl aus der tiefen, tiefen Enttäuschung, die er bei der ersten Begegnung mit dem Vater erlitten hatte. »Es wird so düster um mich her, Heini, wie auf dem Heideritt ist mir – das Moor federt unter mir.« Doch nur mit halbem Ohr, schien es, hörte der Maler zu. Um so aufmerksamer betrachtete er die daherrumpelnden, mit Spießen, Piken, Morgensternen gefüllten Wagen, die aus den Zeughäusern zum Wall knarrten, und mit hoher Teilnahme hing sein Blick an den Kirchtürmen, wo man bereits Holzhaufen aufschichtete, um, wenn die Stunde schlug, alsbald Feuerzeichen weit ins Land hinein geben zu können zur Warnung für die befreundeten Städte und Dorfgemeinden. »Hast dich bös festgefahren, Bruderherz,« sagte er lässig nach einer Weile. »Mit deinem Vater, scheint mir, ist nicht zu spaßen. Die guten Leute in Bardowieck werden ebenfalls ihr Recht von dir verlangen, wie in aller Welt willst du dich da hindurchwinden?« Vorm Gildenhause stand händereibend das Schuster-Peterlein und eilte, als es die beiden kommen sah, behend auf sie zu. »Böse Kunde, Prinz Harald!« begann er tänzelnd, »wer hätt's geglaubt, daß Euer stolzer Vater auch Euch gegenüber den alten Welfenhochmut hervorkehren würde? Aber beim hohen Dom von Paul und Peter, er hat uns Bardowiecker unterschätzt. Ihm Zins zahlen? Ihm tausend und aber tausend Waffenknechte stellen? Siebzig Koggen ausrüsten, damit er die See beherrsche und unserer Schifffahrt die Bahn vorschreibe? Lieber mit Weib und Kind verderben!« Des Schusters helle Stimme zitterte vor mannhafter Erregung. Harald wollte rasch vorüber. »Bitternis aber für Euch, Prinz, daß Ihr nun doch das Schwert gegen den eigenen Vater ziehen müßt,« fuhr Peter hinterhältig fort, sich ihm in den Weg stellend. »Kann mir wohl denken, diese Tage kosten Euch Herzweh ohnegleichen. Aber wir haben Euren Schwur, wir vertrauen Euch und sind gewiß, daß Ihr willig Euer Letztes für die Freiheit hergeben werdet. So habe ich vorhin auch dem dreisten Lümmel, dem Ische, geantwortet, als er behauptete, am Ende hättet Ihr gar Euren Vater aufgestachelt, daß er sich unversöhnlich und hart zeige.« Harald stutzte. »Ich meinen Vater aufgestachelt? weshalb meinst du das?« »Nicht ich,« beeilte sich Peter klarzustellen, »sondern der Ische. Ich habe ihm derb aufs ungewaschene Maul geschlagen. Er ist ein Dümmling. Kennt Euer großes und edles Herz nicht und meint, daß Ihr noch immer nach der Herrschaft über Bardowieck strebt. Trotzdem Ihr uns doch mit heiligem Eid geschworen habt, allen Ansprüchen zu entsagen.« Mit schroffem Ruck wandte sich Harald von ihm ab. Schweigend ging er dann neben dem Maler her, schweigend und mißmutig folgte ihnen Zinnober, den bei dem ewigen Regenwetter wieder die Gicht zu plagen begann. »Deine Getreuen schöpfen allmählich Argwohn,« spottete Heini. »Der Königssohn als Prinz-Befreier, die Löwenbrut friedvoll im selben Stall mit Schafen und Kälbern vereint – ja, es gehört schon viel Menschenliebe und viel Weltfremdheit dazu, um auf die Dauer daran zu glauben. Die Menschenliebe und die Weltfremdheit sind allerdings nur bei dir.« Harald starrte wortlos vor sich hin. »Vielleicht dämmert's dir nun allmählich doch, in welche Enge du dich schwärmerisch und verträumt begeben hast,« meinte Heini. »Du, der Kumpan und Vorkämpfer der Schuster und Gassenjungen, von denen jeder das Recht hat, dich zu begeifern und mißtrauisch deine Pfade zu überwachen! Sind das die Triumphe, die unserer Phantasie nächtens aufstiegen, als du alle Sterne erobern wolltest? Sind das die unermeßlich weiten Reiche, die du an dich reißen wolltest? Ermanne dich doch, Harald! Hier, in dieser stickigen Luft gehst du kläglich zugrunde!« »Nichts liegt mir mehr an einer Krone oder einem Krönchen. Nach anderen Ehren schwindelt mein Ehrgeiz. Von Reichsgründern und Tyrannen wimmelt es in den Büchern der Geschichte; ich will der erste sein, der ein großes Volk zur Freiheit führt, so will ich meinen Namen in den Granit der Jahrhunderte eingraben.« Es klang nicht mehr echt, was er sagte. Harald fühlte es selber und brach ab. »Du bist also wirklich entschlossen, das Schwert gegen deinen Vater zu ziehen? Schulter an Schulter mit den Geschlechtern willst du ihn bekämpfen? Mit Matthias Holk, der dich jämmerlich betrogen und hintergangen, mit Rolf Ebelingk, der dir die Liebste gestohlen hat? Warum nimmst du dir nicht wenigstens Maria zurück, die dir Matthias Holk, als wir damals Bardowieck verließen, zum Weibe versprochen hat? Was ist aus dir geworden, Harald? Jeder Krämer darf dich übers Ohr hauen. Aber ich weiß wohl, weshalb du Maria aufgibst – die Kraft und die Kühnheit, einen Schlag zu führen, sind dir verloren gegangen im zornigen Gegrübel, in den schmerzhaften Enttäuschungen dieser Tage.« »Du irrst. Nicht deshalb ... sondern weil mir ein anderes Glück aufgeblüht ist und weil ich mich der anderen, der Reinen, verlobt habe.« Heini fühlte, wie er bleich wurde. »Jussunda?« fragte er, und ein qualvolles Weh, wie er es noch nie empfunden hatte, zuckte ihm durchs Herz. »Du und Jussunda? Weißt du denn nicht, Harald, daß Maria noch immer mit ganzer Seele an dir hängt, wie du an Maria? Leugnest du das? Nur ihretwegen, nur um sie zu kränken, bietest du den Geschlechtern Trotz, mischest dich in diesen Froschmäusekrieg ein; nur ihretwegen, um sie zu kränken und sie zu vergessen, hast du Jussundas Herz genommen.« Harald hörte nur auf ein einziges Wort hin. »Maria liebt mich noch? Wer sagt dir...« »Welcher Dritte braucht's zu sagen, wenn ihr mit jedem Blicke euer Geheimnis verratet? ... Laß dich warnen, Harald! Versündige dich nicht an Wolf Vynkes weißem Kind! Stoße sie nicht in die wilde Sommerglut einer Leidenschaft hinein, in der sie verbrennen muß! Gehörte ihr dein Herz, so würd' ich schweigen, aber du kannst dem frommen Mädchen nichts mehr geben. Unlösbar verbunden bist du der anderen, Jussunda wird dir nichts als ein Spielzeug sein, das du in den Winkel schleuderst, wenn du seiner müde bist ... Doch noch einmal, ich warne dich, Harald. Hüte dich! Jussunda würde sterben, wenn du sie verließest.« »Was für Gespenster du am hellen lichten Tag aufsteigen läßt!« wehrte Harald ab. »Ich muß zum Saladin, und dahin wirst du mich nicht begleiten wollen,« verabschiedete sich Heini. »Glaube nicht, daß ich mich in dein und Jussundas Glück drängen will. Es ist ihre Seligkeit, und darum stehe ich mit dem Hut in der Hand, doch auch mit blankem Degen beiseite. Hüte mir das Kind, Harald, denn jede Träne, die sie um deinetwegen weinen müßte, wäre Blut! Frage mich nicht, wessen. Und nun Gott befohlen!« Mit starken Schritten kreuzte er die Gasse und war bald im Gewinkel verschwunden. Nur Zinnobers zorniges Kläffen klang noch lange zurück. In sich versunken, schritt Harald weiter. Er kannte die jäh aufschießende Launenhaftigkeit des Malers zur Genüge und nahm sie auch diesmal nicht allzu ernst. Aber etwas in seiner Stimme, die nicht mehr verdeckte, fast haßerfüllte Drohung hatte ihn aufgeschreckt. Also auch dieser! ... So hing niemand mehr an ihm? Doch, doch ... Die gewaltsam wachgerufene Erinnerung an Maria, die Selbstverständlichkeit, mit der Heini ihn noch immer an das schöne Weib ketten wollte, machte sein Blut gären. Unwillkürlich zog es ihn nach dem Hause Rolf Ebelingks, darin sie nun fraulich wohnte. Er achtete der Männer nicht, die an ihm vorbeistrichen und ihn verehrungsvoll, mit herzlicher Liebe in den Blicken grüßten; er sah nicht auf, als Abt Iso des Weges kam und ließ auch ihn ungegrüßt vorüberziehen. Mit seinem Lächeln blickte der Priester sich nach dem Träumer um. Er hatte ungern, mit leisem Furchtgefühl, von seiner Rückkehr aus dem Lager des Herzogs gehört, so angenehm ihm die übrigen Meldungen auch ins Ohr geklungen hatten. Der Löwe im Sprunge auf Bardowieck – wie sollte ihm die Stadt widerstehen, selbst wenn sie in aller Eile Hunderte von Soldknechten herangezogen hatte? Des Abtes Netz war gesponnen, war überaus sorgsam ausgehängt, und die summenden Fliegen konnten ihm nicht mehr entgehen, mußten sich hilflos in ihm verstricken. Trefflicher Tysenhusen, dachte Iso, wie gut ist's ihm gelungen, die Parteien gegeneinander aufzustacheln! Wie wunderbar traf sich's, daß sie gestern den Jan in den Turm warfen! Nun er auf Haralds Betreiben wieder frei ist, wird er mit Berserkerwut keine Rücksicht mehr üben, seine Rache am Rate nehmen. Aber Harald ... Das Lächeln verschwand von Isos dünnen Lippen. Harald war die Hornisse, die mit wilder Kraft das feine Netz zerreißen konnte. Harald vom Kampfe fernzuhalten, war jetzt dringendste, aber auch schwierigste Aufgabe. Stand er, in allen Führerkünsten erfahren, von der Masse vergöttert, an der Spitze des kriegslustigen Volkes, blieb er weiter den Geschlechtern treu zur Seite, so konnte die Stadt sich möglicherweise sehr lange gegen Heinrich halten. Und wenn sie dann doch endlich fiel, würde der Löwe sich dann nicht seinem Kinde zuliebe anders entscheiden, als der Abt und die heilige Kirche es wünschten? Sprang nicht gerade dann Gefahr auf, daß er Harald trotz allem zum Vogt der Stadt ernennen, dem Jüngling zum zweitenmal und endgültig schenken würde, was er ihm erst nach seinem Tode zugedacht hatte? 13. Kapitel Es dämmert die Nacht »Du kommst nicht mit ins Gildenhaus?« rief Jan zu Heini Hoyer hinauf, vor dessen Haus er wartend stand, »wir rechnen auf jeden Tüchtigen.« Der Maler schob den Kopf durchs kleine Fenster. »Ahntest du, wie hart ich zu scharwerken habe!« rief er hinunter. »Nichts verfluche ich so zornig wie die späten Morgen und die frühen Abende. Hätte der Tag doch doppelt so viele Stunden! Ach, Kunst ist eine harte Herrin. Geh, guter Jan, vertrau auf mich! Ich werde zur Stelle sein, wenn ihr einen am Wall mehr braucht, aber heut muß ich arbeiten.« »So wenig gilt dir die Freiheit?« machte Jan einen letzten Versuch. »Jegliche Ehrung der Freiheit, aber die Freiheit malt mir kein Bild fertig, das muß ich schon selber besorgen.« Und damit verließ Heini das Fenster, um sich zwar nicht der Malerei, aber dem Inhalt des großen Tonkruges zu widmen. Achselzuckend setzte Jan seinen Weg zum Gildenhause fort, schon hatten sich in der Zunftstube Obermeister und Obleute versammelt, heftige Zwiesprache war im Gange. »Entschließt euch, wie ihr wollt,« rief der alte Vynke mit harter Stimme, und seine grauen Augen blickten unerbittlich. »Ich hebe das Schwert nicht gegen meinen Herzog. In Ehren bin ich grau geworden, in Ehren will ich sterben, nicht aber als Verräter an meinem geliebten Herrn.« Jan griff sofort ein. »Auf deinen Arm können wir zur Not verzichten, und wir begreifen wohl, daß dein Herz dich zwingt, der Entscheidung fernzubleiben. Aber keinem anderen darf es gestattet sein, beiseite zu treten, wer nicht für Bardowieck und die Freiheit ist, der ist wider sie. Der letzte Mann, jeder waffenfähige Knabe gegen Herzog Heinrich! Und wenn Tausende und aber Tausende von uns fallen, seine Tyrannenmacht muß in unseren Gräben ersaufen, vor unseren Wällen zersplittern.« »So recht!« klang sine dreiste Stimme dazwischen. »So nützest du wacker dem Rate!« Jan fuhr auf. Sein wirres Haar hing in dunklen Strähnen um das wildverzerrte, bleiche, magere Gesicht, Wütend hob er die Linke wider den Kecken. »Wer ist unter euch, der mich einen Freund des Rats nennen dürfte?« rief er. »Seht mich an, was sie aus mir gemacht haben! Einen todkranken Menschen, der sterben geht, sterben für euch und Bardowieck! Einen armen Verstümmelten,« und er zeigte den rechten Armstumpf. »Meinen Vater haben sie hingerichtet, meine Mutter ermordet, mir alles, auch das letzte Lebensglück genommen, wer ist unter euch, der mich einen Freund des Rates nennen dürfte? Und doch mahne ich euch, liebe Brüder, steht jetzt zusammen mit dem Rate, Mann für Mann, gegen den Teufel Heinrich! Mit Ruten hat uns der Rat gepeitscht, Heinrich wird mit uns Skorpionen züchtigen. Seid Helden, damit ihr nicht kläglicher als Sklaven werdet! Hier im Norden muß Bardowieck dem Übermächtigen trotzen, wie einst, alte Mären künden es, in Hispanien die Stadt Sagunt den gewaltigen Römern getrotzt hat! Sagunts Ruhm klingt durch die Welt, solange freie Adler durch freie Lüfte rauschen, freier Geist ein freies Herz pochen macht. Nichts soll uns in diesen Tagen bewegen als der Gedanke, den blutgierigen Löwen zurückzuschlagen. Deshalb stehen wir heute zum Rate. Deshalb gehören ihm unsere Schwerter. Die Stunde ist nahe, wo wir auch seiner ledig werden, inzwischen aber gilt nur eines: Tod dem Herzog Heinrich! Tod allen, die ihm anhängen! Nieder mit den Verrätern in der Stadt!« Er schrie es mit letzter Kraft heraus, seine heisere Stimme überschlug sich. Plötzlich ging ein Zucken durch seinen Körper, Blut strömte ihm aus dem Munde, und er brach zusammen, sein fanatisches Toben hatte die Seelen entzündet, und wer die Ruhe zu bewahren trachtete, den bewegte doch aufs tiefste der Anblick des schwerkranken, aber noch in hartem Siechtum nur an Bardowieck denkenden Führers. Lärm brandete auf, und »Tod dem Herzog Heinrich! Tod den Verrätern!« donnerte Geschrei der Erregten. »Und des Herzogs Sohn?« schrie einer im Gedräng. Der Schuster Peter trat vor. »Wir alle achten und lieben Jung Harald,« beteuerte er süßlich. »Aber steht er noch an rechter Stelle? Dürfen wir ihm, just ihm zumuten, im Kampfe unser Führer zu sein? Der Sohn des Herzogs, darf und wird er die Hand gegen den eigenen Vater erheben? Niemand hält treuer zu Harald als ich, niemand liebt ihn inniger – doch eben deshalb, um seinetwillen, und damit er vor bitterem Seelenleid bewahrt bleibt, ermahne ich euch, auch ihm dasselbe Recht zu gönnen, wie Wolf Vynke. Er bleibe dem Kampfe fern, denn da er beide liebt, seinen Vater und Bardowieck, vermag er für keinen von beiden Partei zu ergreifen.« Einen Augenblick lang verstummte die Menge. Überraschtes Staunen und Verlegenheit malten sich auf den Gesichtern. Da drängte sich noch einmal Wolf Vynke aus dem Hintergrunde hervor. »Das wagt ihr dem zu bieten, den wir bis heute unseren Feldherrn genannt haben? Dem, dessen Wort euch vom Hungertode gerettet, der euch die Speicher geöffnet hat? Freilich, Hunger und Elend sind vorüber, und Dankbarkeit und Treue kennt nur der Hund. Wie aber wollt ihr ohne Harald die Schlacht bestehen? Meint ihr, die tausend Männer am Hafen lassen sich von ihm trennen, weil ihr schon kläglich von ihm abfallt? Ohne Harald kämpfen sie nicht, dessen seid versichert. Nichts wäre mir lieber, als wenn Harald sich aus dem Kampfe zurückzöge, aber stärker in ihm ist die Liebe zur Heimatstadt als zum Vater, der die Heimatstadt mit dem Untergange bedroht. Und einen Helden so edlen Herzens, so strahlender Freiheitsliebe wollt ihr tödlich kränken? Wer von euch vermag denn an seine Stelle zu treten? Etwa der kranke Unglückliche, den er erst heute morgen wieder aus dem Turm befreit hat? Schämt euch eurer Schwachmütigkeit und Torheit! Soll es dahin kommen, daß es jedem Braven für eine Schande gilt, sich mit euch Narren einzulassen!« Das harte Wort verfehlte seine Wirkung nicht. Wolf Vynkes hohes Ansehen entschied noch immer jeden Streit; nicht umsonst verehrte man den Kreuzfahrer fast wie einen Heiligen. Aller Augen richteten sich auf Harald, der in starrem Schweigen dastand und seine Verachtung der wankelmütigen Menge nur aus den Augen blitzen ließ. »Hab' es ja gar nicht bös gemeint, Wolf Vynke,« verteidigte sich Peter. »Was einer von uns hier sagt, sagt er zum gemeinen Besten der Stadt, nicht um Tapfere zu kränken. Hält die Gemeinschaft dafür, daß kein anderer als Harald uns zum Siege führen kann, nun wohl, so folgt ihm niemand begeisterter als ich und meine ganze Zunft. Also nichts für ungut, Harald!« Damit streckte er ihm die Hand mit den kurzen Fingern entgegen. Aber Harald berührte sie nicht. Um seine Lippen ging ein Zucken, seine Nüstern zitterten leise, dann wandte er sich zum Gehen. In diesem Augenblicke faßte die Versammelten rauher Schrecken an. Verzagtes Gemurmel, ängstliche Bitten wurden laut, die Umstehenden drängten näher an Harald heran, der und jener wagte ein erklärendes, Versöhnung heischendes Wort. Er aber kümmerte sich um niemand mehr und schritt durch die sich ängstlich-achtungsvoll öffnende Gasse zur Tür ... Das Licht war schlecht geblieben, aber trotzdem hatte sich Heini Hoyer bald nach seinem Gespräch mit Jan Dieter zu Jussunda begeben. Wenigstens das Madonnenbild wollte er im ersten Farbenauftrag vollenden, ehe er die Stadt verließ. Da es zu dem freundlichen Mädchen am Westergraben ging, war auch Zinnober mit Eifer bei der Sache. Hielt doch Jussunda immer eine besondere Leckerei, einen saftigen Knochen oder auch ein Stück Speck, für ihn bereit. »Wenn ich mich nicht beeile, so sperrt Herzog Heinrich mir den Ausweg,« befürchtete Heini Hoyer, als er Jussunda gegenüberstand. Ach, und fürchtete es doch nicht. Denn in diesen letzten Stunden hatte er wieder erkannt, wie bitter schwer, wie unmöglich ihm das Scheiden von ihr fallen würde. Leuchtender und glücklicher als heute hatte sie noch nie ausgesehen. Ein morgenländisches Gewand von lichtem Weiß umfloß ihren schlanken Körper, in zwei schwarzen Zöpfen fiel das mit roten Seidenbändchen und Korallen geschmückte Haar hernieder. »So willst du wirklich wandern,« fragte Jussunda, »jetzt, wo der Winter vor der Tür steht? Nein, Meister, das leid' ich nimmer! Wie freundlich wird hier alles werden, wenn wir des Herzogs erst ledig sind und froh beieinander sein dürfen.« »Warum soll ich dir nicht sagen, wie gerne ich bliebe, Kind?« erwiderte er. »Doch mein Weg führt in Nacht und Schnee hinaus. Er ruft mich, und ich, der Verlorene, muß folgen. Denn sieh, Jussunda, ich habe ein Mädchen lieb ... es ist schön wie du, mit schwarzen Augen wie du ... Manchmal ist mir in diesen Tagen fast die Gewißheit gekommen, daß ich an ihrer Hand den Himmel hätte finden können. Doch es ist zu spät. Ein Größerer hat sie mir genommen. Trotzdem, das will ich dir auch verraten – wenn ich bei meiner Freundin bin und ihrem Lachen lausche, das wie Lerchengetriller klingt, dann hege ich wohl den Wunsch, zu ihren Füßen zu sterben, ehe mein Herz unrettbar und für ewig im Schlamm versinkt. Warum soll ich allein auf Erden nicht einmal die Seligkeit der reinen Liebe kosten? Ja ... aber du hörst ja gar nicht hin, Jussunda! Verzeih mir, daß ich dir von meinen Träumen sprach, Liebste!« In ihre blassen Wangen stieg helle Röte, und tief senkte sie die schwarzen Wimpern auf die dunklen Augensterne. Heini war in Verzückung geraten. »Du bist doch Christin, Jussund. In deinen Augen wohnt des Heilands milder Sinn, der sich dem Sünder neigt. So erbarme dich mein, Jussunda, und verstoße mich nicht. Laß mich vor dir knien, Herrin meiner Seele!« Und damit warf er sich ihr zu Füßen. Sie legte traurig ihre kühle Hand auf seine heiße Stirn. »Ich bin nur ein schwaches Mädchen, mein Bruder, nicht weise und gut genug, aber ich will für dich beten.« »Beten?« lachte Heini wild auf. »Dein Gebet will ich nicht, Mädchen, dich selber will ich. Und niemand ist stark genug, kein Teufel klug genug, dich mir zu entreißen.« Wie er das sagte, kläffte Zinnober ingrimmig und boshaft los, als nahe sich ein Feind. Heini sprang auf und wendete sich rasch wieder der Staffelei zu. Und schon war Harald ins Zimmer getreten, bleich und müde, schwere Furchen zwischen den Brauen. Mit einem Freudenschrei flog ihm Jussunda entgegen und warf sich ihm an den Hals. Heinis Trübsal, die eben noch ihr mitleidvolles Herz bewegt hatte, war vergessen; glückselig lächelnd strahlte sie den Geliebten an. Harald zog sie zärtlich an sich, aber die finsteren Schatten wichen nicht von seiner Stirn. »Du warst im Gildenhaus?« fragte Heini. Harald nickte. »Hab' ich's doch gewußt. Jedesmal, wenn du verdrossen und zornig dreinschaust, warst du bei deinen teuren Freunden im Gildenhaus.« Behutsam machte sich Harald aus Jussundas Arm frei, strich mißmutig das blonde Haar aus der breiten Stirn. »Ich ertrag's nicht länger,« brach er los. »Mit dieser verborgenen Tücke, diesem boshaften Undank, der mich aus sicherem Hinterhalte befehdet, mag ich nicht kämpfen. Daß ich des Herzogs Sohn bin, dessen klagen sie mich an, das machen sie mir zum Vorwurf, obgleich es doch, da ich treu zum Volke stehe, mein höchstes Lob sein sollte. Oh, wie mir aller Mut und aller Stolz zerbricht, vor der Tücke des Pöbelsinns!« »Du kommst allmählich in die Jahre, wo man sich der Schwärmerei entschlagen muß,« sagte Heini mit erzwungenem Gleichmut. »Diese Welt läßt sich eben nicht mit Fahnenrauschen und Fanfarengeschmetter erstürmen. Sie will den Alltag und gediegene Alltagsleute. Schweiß dir aus den Sternen ein Diadem, schlage des Himmels Seide wie einen Prunkmantel um deine Schultern – und sei gewiß, sie sagen dir nach, du hättest all die Pracht geraubt, um sie beim Handelsjuden zu verkaufen.« »Es wird Zeit, daß die Entscheidung fällt,« warf Harald gesenkten Hauptes hin. »Ich unterliege, muß ich noch länger in diesem Streit gegen Verleumdung und Mißgunst stehen. Ich wende mich von dieser Stadt, ehe sie mich mit ihrer Erbärmlichkeit zum Erbärmlichen stempelt.« Ein triumphierendes Lächeln spielte unmerklich um Heinis Lippen, aber Jussunda deuchte es, als wären Haralds Worte ein Dolch, der ihr ins Herz gestoßen ward. Bang suchten ihre Blicke die seinen, die düster auf der Erde hafteten. »Wenn du dem Kampfe fernbleibst, sinken alle Fahnen,« klang es leise von ihren Lippen. »Wer soll die Stadt retten, wenn nicht du?« »Erinnerst du dich unseres letzten Gesprächs auf dem Butenspäler? Ich sah dies Unheil voraus, wußte, daß du aus wirrem Traum erwachen mußtest und danke den Heiligen um deinetwillen, daß es so bald geschah,« stachelte Heini, um Jussundas Schmerz unbekümmert, den dumpfen Unwillen Haralds weiter an. »Was suchst du in dieser Krämerstadt? Wann hat der Tiger je mit Hunden Freundschaft geschlossen? Wann ist der Löwe den anderen Kreaturen ein Bruder und nicht König gewesen? Laß das Pack und werde wieder der Prinz! Lieber noch fünf Jahre auf dem Nordermeer, als auf diesem kläglichen Ententeiche!« Da hob Jussunda das Haupt, und ihre schwarzen Augen sprühten Flammen. »Glaube ihm nicht, Harald! Glaube ihm nicht! Gott hat dich auserkoren, das große Werk zu tun. Gott hat dich uns zum Retter gesandt, und du wirst siegen, wenn du nur willst. Geh nicht mit ihm, Harald! Er will dich für immer von uns fortlocken, von uns, die dich lieben und deinem Stern vertrauen ... Ich liebe dich mehr als den Heiland ... Geh nicht von mir, Harald!« Und schluchzend schlang sie die Arme um seine Schultern, legte ihren Kopf an seine Brust und weinte erschütternd. Da stieg in seinen blauen Augen ein helles Leuchten auf, er lächelte das Mädchen dankbar und beglückt an. »Warum so furchtsam, Kind? Wie könnte ich dich verlassen, die ich über alles lieb habe!« In eifersüchtiger Qual zuckte Heini zusammen. Er sah, daß sich die beiden nicht mehr um ihn kümmerten, flüsterten sie doch in zärtlicher Rede miteinander. Und so schlich er verstört und sinnlos, alle Höllen im Blute, leise aus dem Gemach fort. Lange noch plauderten Harald und Jussunda von ihrer Liebe. Zögernd hob sie endlich den Mund an sein Ohr zu der leisen Frage: »Hast du ein anderes Mädchen lieber als mich, Harald? Ach, sage es doch!« Statt der Antwort preßte er sie enger an sich, vergrub sein Gesicht in ihrem dunklen, duftenden Haar und träumte. Mit geschlossenen Augen sah er vergangene Nächte vor sich, wo er unter einem kleinen Fenster sehnsüchtig wartend gestanden hatte. Fahler Mondenschein rieselte an ihm hernieder, von fern bellte der Hofhund, sonst kein Laut in der sterndurchfeuerten Stille. Plötzlich wehte oben am Fenster der Vorhang, wie im lauen Nachtwinde, durch die weiße Nacht schimmerte es weißlich und eine Nelke fiel ihm zu Füßen ... Fester preßte Harald die zitternde Jussunda in seine Arme und küßte sie immer wieder. Ihm war, als wehe rund um ihn herum Licht und Klang, als stünde er auf weißglühender Sonne allein, ganz allein, allein mit ... Maria Holk. Da erschrak er und wand sich hastig aus Jussundas Umarmung. Die Luft im Gemach schien ihm plötzlich unerträglich schwül, und heftiger Schmerz bohrte in seinen Schläfen, als heische der Wahnsinn Einlaß. Wirr rasten wilde Wünsche und Gedanken durch sein Haupt, deren er nicht Herr zu werden vermochte. Er stammelte wenige abgerissene Worte und verließ das bleiche Kind. Fassungslos, erschrocken blickte sie ihm nach, sah sich im Zimmer um, rief ihn beim Namen, als hätte sie nur ein böser Traum genarrt. Was habe ich ihm schlimmes getan, wodurch habe ich ihn gekränkt? schluchzte sie, immer bereit, dem Freunde alles zu verzeihen und jeden Vorwurf auf sich zu nehmen. Wie sie aber die Worte überdachte, die er heut zu ihr gesagt hatte, da durchzuckte es sie plötzlich wie ein Blitzstrahl, der die Nacht in ihrer Seele rot erleuchtete. In namenlosem Schmerze krampfte sie die Hände fest in ihr Gewand, ihre Augen starrten weit geöffnet in die Ferne, als steige Entsetzliches vor ihr empor. »Du mein Gott, allbarmherziger Gott!« schrie sie auf und stürzte in die Knie. »Er liebt mich nicht, er liebt die andere noch, und ich muß sterben« ... Wieder schritt Harald die Gassen entlang. Kriegerisches Getümmel überall; mit hartem Schritt zogen Trupps von Waffenknechten vorbei. Gedankenlos folgte er einem davon. Schon wurden hier und da die den Toren benachbarten Straßen mit Eisenketten abgesperrt, die dicken Eichentüren der Patrizierhäuser waren verschlossen und öffneten sich nur noch vertrauten Freunden. In allen Schmieden sprühten die Feuer höher als je, klangen die Ambosse wuchtiger. Bis in die späte Nacht hinein ging der Lärm. Alles, was Bardowieck an Waffen barg, ward geprüft und instand gesetzt. Käme es doch zur Schlacht! dachte Harald. Ließen die Qualgedanken endlich mich frei! Vergäße ich die Kette, die mich eng umschnürt! Dürfte ich doch morgen, noch heute nacht als erster Toter verbluten, ins Fahnentuch der neuen Freiheit gehüllt! Ich stehe zu meinem Volke, ich will nichts von dir, Herzog Heinrich, nichts von dem Reichtum, nichts von der Macht, die du mir bietest. Aber das dies Volk mich beschimpft und verdächtigt, mich, ich weiß es genau, verachtungsvoll beiseite schleudern wird, wenn ich die Schlacht gewonnen habe, der Gedanke bringt mich zur Raserei ... Pfad- und ratlos stehe ich am Scheidewege. Gib mir ein Zeichen, Gott, welchen Weg ich gehen soll!« Die Waffenknechte verschwanden am Flusse. Harald blickte sich um. Er stand am Eichhof, den die Ilmenau umfließt, im Schatten der Türme von St. Nikolai. Wie abwesend starrte er über das Herbstgelände hin. Aber plötzlich veränderte sich jäh der Ausdruck seines Gesichts. Er fühlte, wie er erbleichte, ausweichen, fliehen wollte und doch, von unwiderstehlicher Kraft gefesselt, verharren mußte. Maria Holk kam des Weges gegangen. In dunkelgrünem Prachtgewand, das anmutvoll die reizvolle Gestalt umhüllte, schritt sie wie der Frühling durch den Herbsttag. Zwei lichtgekleidete Mägde, helles Frühlingsgewölk, folgten ihr. Ganz dicht streifte ihr Kleid den stillen Mann am Waldessaum, und ihr Blick ruhte auf seinem Antlitz, ein Blick voll süßer Bitte und süßem Gewähren. Harald wandte sich nicht trotzig ab, lachte nicht in finsterem Hohn – mit Gier trank er das Leuchten der blauen Sterne. Fragend hob er die Augen zu ihr, und wieder lächelte sie ... Längst war Maria mit ihren Dienerinnen im Grau des Herbsttages verschwunden, aber Harald stand immer noch am Waldesrande und sah ihr nach. Endlich riß er sich zusammen. Sein Blick flog zum wild zerrissenen Himmelsgrau empor. »Ist dies das Zeichen gewesen, das du mir geben wolltest, Gott da droben?« 14. Kapitel Aber nachher ... Die Reiter des Herzogs sind in Eggersdorf, bald werden wir von St. Paul und Peters Turm seine Vorposten erspähen,« feuerte Matthias Holk die Versammlung an. »Nun steht die Gefahr unmittelbar vor uns, nun ist nicht mehr Zeit zu Meinungsverschiedenheiten und Gezänk.« Er sah sich im Kreise um, suchte die Blicke der Männer und bannte sie. »Gegen Bardowieck, gegen die teure Vaterstadt frevelt verräterisch, wer jetzt noch mit dem Bruder hadert,« sprang ihm Steffen Brugg bei. »Wohl scheiden sich in Friedenszeiten unsere Wege, wohl beseelt uns nicht alle derselbe Geist und Gedanke, aber jetzt gibt es für jeden Redlichen nur ein einziges Ziel: die Rettung Bardowiecks! Ihm wollen wir Blut und Leben weihen; solange der Feind vor den Wällen liegt, darf uns nichts trennen.« Kein Widerspruch ward laut. Abt Iso ließ unablässig den Rosenkranz durch seine Finger gleiten, und selbst Jan Dieter vermied es, die Weihe dieser Stunde, die Einigkeit des bedrohten Gemeinwesens zu stören. »Und in deine Hände,« wandte sich Matthias Holk an Harald, »legen Rat und Bürgerschaft die Verteidigung unserer Stadt. Nur sie sei deine Sorge! Vergiß auch, was uns beide trennt und was wir, wenn günstigere Sterne scheinen, miteinander auszutragen haben! Vertraue uns, wie wir dir vertrauen! Laß die Stadt der Freiheit nicht dem Würger zum Opfer fallen und sieh in ihm nichts als den Zerstörer, der uns alle versklaven will.« Ein böses Lächeln um den Mund, neigte Harald leicht den Kopf. »So grüßen wir dich als den Stadthauptmann.« »Wer sind seine Gehilfen?« fragte Tom Börner. »Ich halte es für klug, die Ratsmannen und Waffenknechte, die Zünfte und Gilden, die Hafenmänner unter je einem Führer zu vereinigen. Harald mag das entscheidende Wort sprechen, aber die anderen Hauptleute müssen ihn beraten. Bedenkt immerhin seine Jugend, ihr Herren!« »Bedenkt auch seine Tapferkeit, sein Ansehen und seine Erfahrung!« fuhr Wolf Vynke scharf dazwischen. »Es liegt bei ihm, ob er Rat einholen oder ablehnen will. Rüttelt nicht an den Vereinbarungen, die wir getroffen haben! Höhlt nicht die Kraft des Oberbefehls aus, indem ihr ihn abhängig von langwierigen Beratungen macht! Wohl stehe ich in diesem Kampfe beiseite, aber was ich tun kann, um der Stadt das Schlimmste zu ersparen, das werde ich als treuer Bürger tun. Deshalb aber warne ich euch vor aller Zersplitterung des Machtbefugnisse, die notwendig zum Hader führt.« Niemand wagte zu widersprechen. »Bei alledem, vielleicht ist es richtig, daß wir uns, ehe der Ring um Bardowieck geschlossen ist und einer allein entscheidet, bedachtsam über die kriegerischen Maßregeln der Stunde besprechen,« meinte Tom Börner. »Unser Sinnen muß dahin gehen, dem Herzog, schon ehe er die Stadt berennt, so viel Abbruch zu tun, wie irgend möglich. Boten melden, daß seine Reiterscharen da und dort sorglos das Land durchstreifen und daß wir manche von ihnen aufheben könnten, wäre es nicht tapferer Männer würdig, ein paar Schläge gegen den Eroberer zu wagen und ihm zu zeigen, daß er gegen Felsen anrennt?« »Wir sind nicht stark genug, um die Besatzung zu schwächen, weit dehnen sich die Wälle, und ausreichende Kräfte, die jederzeit in die Bresche springen können, müssen zurückgehalten werden,« entgegnete Harald. »Und doch,« mischte sich der Schuster Peter ein, »wäre es eine gewaltige Tat, dem übermütigen Herzog eine empfindliche Schlappe beizubringen. Er soll erkennen, daß wir noch dieselben Männer sind, die ihm, ehe er ins Exil mußte, die Tore Bardowiecks geschlossen und damit den Abfall aller Städte von ihm herbeigeführt haben. Er soll erkennen, daß es vorbei ist mit seinen stolzen, hochfahrenden Plänen, mit seinem kecken Wollen, das sich nicht einmal kaiserlicher Gewalt beugte, ja selbst gegen kaiserliche Gewalt anstürmte. Zeigen wir uns als mutige Herzen, werfen wir, selber Löwen, dem Löwen einen Teil unserer Macht entgegen!« »Kindskopf!« schalt Wolf Vynke. »Kennst du den Stoß seiner Heere? Die Wucht seiner schlachterprobten Reiterei, die List seiner Führer? Rascher als Spreu würde unser Zug im Kampf zerflattern, wenn er nicht schon vor dem Treffen im Hinterhalte fiele.« »Gelänge es uns, mit überlegener Macht eine seiner Streifpartien abzufangen, so würde das die Kampflust in der Stadt, die Siegesgewißheit beträchtlich erhöhen,« gab jetzt auch Tysenhusen zu bedenken. »Hiskias stürmte aus Jerusalem mit einigen Tausend, stürzte sich auf das Heer Sanheribs, und der Gott Israels war ihm gnädig,« sagte Abt Iso feierlich. »Auch unseren Tapferen werden die Engel des Herrn zur Seite stehen, wenn sie nur wagen, was gewagt werden muß. Möge Harald selber sie führen; er ist jedem Obristen des Löwen gewachsen.« »Ihr verwöhnt ihn, Hochehrwürden!« gab Kai Estorff lächelnd zu bedenken. »Stellet den Uria hin im Felde, wo die Schlacht am wütendsten tobt, daß er vom Schwerte getroffen werde! schrieb König David dem Joab,« murmelte der Ratsschreiber Adam vor sich hin. »Wie meinst du?« fragte Iso freundlich. Aber der Ratsschreiber Adam bückte sich schnell auf seine Schrift. Kai Estorff lächelte wieder. »Was bedünkt dich über den Vorschlag?« wandte sich Matthias Holk an Harald. »Es ist ein unsinniger Plan,« lehnte Harald schroffer ab, als es seine Absicht gewesen war. Aber das Blut stieg ihm zu Kopfs angesichts dieser sich Überhebenden. Er war nicht mehr imstande, sich zu beherrschen, seinen fressenden Groll zu verheimlichen. Keiner von ihnen hatte einen Blick ins herzogliche Lager getan, keiner außer Wolf Vynke ahnte, mit welcher Stärke der Löwe heranzog. »In Sanheribs Heer, hochehrwürdiger Vater,« fuhr er, das Wort an Iso richtend, fort, »war die Pest ausgebrochen, ehe der Juden König den Ausfall wagte. Heinrichs Leute aber, das habe ich mit diesen meinen Augen gesehen, sind kerngesund. Und wehe uns, wenn wir in offener Feldschlacht gegen diese in hundert Kämpfen geübten, eisernen Krieger anzugehen versuchen.« »Du unterschätzest unsere Wackeren,« meinte Tysenhusen. »Du willst deinen Vater vor unseren Schwertern bewahren,« schrillte jetzt Jans Stimme auf. Verlegenes Schweigen trat ein. »Welche gottverfluchte Narretei, dir, dem Herzogssohn, Bardowiecks Geschick anzuvertrauen!« zürnte der Bleiche weiter. »Wahrlich, gälte mein Wort hier, wären sie nicht alle verworren und verblendet, sie zwängen dich, die Stadt zu verlassen, ehe denn die Schlacht beginnt. Du kannst es nicht mit uns halten, denn du bist Löwenbrut!« »Nicht darf ich dulden, daß du die ernsten Vereinbarungen brichst, Jan,« fiel ihm Matthias Holk in die Rede, »Versündige dich an der Vaterstadt nicht noch mehr, als du es schon getan hast, wage nicht, noch jetzt, wo Feuersbrunst sie umzirkt, die Brandfackel auch in die Stadt selbst zu werfen. Wir müßten uns sonst deiner erwehren.« So schloß mit grellem Mißklang die Besprechung der mühsam Geeinten. Alle rückten von Jan Dieter ab, selbst Schuster Peter hielt es für geraten, über ihn hinwegzusehen. Und nur Iso schenkte ihm, als er hastig und zornig durch die Tür schritt, ein väterliches, verständnisvolles Lächeln. Es war nicht Jan Dieters Art, Zorn und Verdruß beim Bier zu vergessen, aber die Hoffnung, gleichgestimmte Freunde zu finden und ihnen seinen Grimm ins Herz sprühen zu können, trieb ihn noch zum Krummen Saladin. Freilich traf er dort niemanden als Heini Hoyer und den Maler Zachäus. Beide schienen ihre Rollen heute getauscht zu haben. Heini starrte mißmutig, wortkarg und brummend vor sich hin, und Zachäus versuchte, ihn durch freundliche Reden aufzuheitern. Doch sein trüber Witz versiegte bald, versiegte völlig, als Heini ihn um eine Handvoll Taristücke anging. »Gestern hättest du kommen müssen,« brummte Zachäus, »gestern konnte ich Nordland kaufen. Aber von heut an muß ich wieder fleißig arbeiten. Bin schon in aller Frühe am Werk gewesen.« »Schändlicher!« fuhr ihn Heini an. »Die kostbare Leinwand hättest du, solange sie noch weiß und unberührt war, zum Lamparten tragen und dafür einiges Geld erlangen können. Jetzt, wo du sie bemalt hast, ist sie völlig wertlos.« Auf diese schnöde Rede hin hielt auch Zachäus es für angemessen, in finsteres Brüten zu versinken, so saßen sie beieinander, tranken und schwiegen, schwiegen und tranken und vergnügten sich damit, dem Hunde Zinnober zuzuschauen, der von der Wand die letzten lebensmüden Fliegen wegschnappte. Jans Versuche, die beiden Lukasjünger an seiner Glut zu entflammen, sie in Kampfstimmung gegen Harald und den Rat zu versetzen, scheiterten an ihrer völligen Gleichgültigkeit. Plötzlich aber öffnete sich die Falltür zum Bierkeller, und aus der Tiefe stieg Sultan Saladin zum Lichte empor. Er hatte Jans helle Stimme vernommen und wußte nun, daß ihm im Augenblick keine Gefahr drohte. Heldenhaft rückte er am Turban und rasselte mit dem Schwerte. »Maschallah! Barmherzig ist der Herr, der solche Gäste in mein Haus führt! So entbiete ich euch den Gruß des Gläubigen aus dem Bauche der Erde. Doch mein zauberkundiges Weib hat mir befohlen, vom Erdboden zu verschwinden, solange der Kampf mit Herzog Heinrich toben wird, denn in den Sternen steht mein jäher Tod durch das Schlachtschwert geschrieben. Ich bin eben zu mutig, zu draufgängerisch. Den dräuenden Planeten Saturn und Jupiter vermag ich nur zu entgehen, wenn ich mich im Schoß der barmherzigen Allmutter verberge. Oh, mein Schmerz! Oh, wie es mich nach blutigem Kampf gelüstet. Nicht zu halten würd' ich im Gebraus sein. Und Heinrich hat die Stadt beleidigt! Ich fühle mich eins mit der Stadt, und noch niemand hat mich ungestraft beleidigt. Aber was ist des tapfersten Mannes stärke gegen Zauberkraft, gegen die Gewalt der Sterne?« »Einfältiger Narr,« unterbrach ihn Frau Trud ärgerlich, »bleib in deinem Versteck, daß sie dich nicht doch noch erwischen und auf den Wall zwingen. Du bist ein Familienvater, hast für mich zu sorgen, dir geht's nicht so gut wie den beiden Schlingeln da, den trägen Kerlen, die dem lieben Gott den Tag fortstehlen.« »Schweigst du nicht auf der Stelle,« drohte Saladin, »so nähe ich dich in einen Sack und schleudere dich noch heute in die Ilmenau.« »Geh in deinen Keller,« gebot Trud ihm abermals und griff nach einem vor ihr liegenden Besenstiel. »Du schonst dein Leben, hörst du? Ich habe es in den Wolken gelesen, daß ein Unglück naht; der Mond stand gestern blutrot am Himmel und zeigte drei Flecken. Ein Unglück naht!« »Ein Unglück naht? Es naht erst?« fragte Heini hämisch. »Du weilst doch schon lange bei uns, du Hexe!« »Nimm dich in acht!« knurrte auch Zachäus. »Was für seltsame Dinge hört man von dir! Unchristliches Zauberwerk treibst du. Der eigene Mann gesteht es ein! So wirst du auch Pestsamen streuen, zum Blocksberg fahren, Ferkel in Mäuse und Fliegen verwandeln.« »Und Bier in Wasser,« pflichtete ihm Heini bei. »Möchte ich doch noch den Tag erleben, wo sie dies Ungetüm am Spieße braten.« Saladin lachte laut auf und rieb sich vergnügt die Hände, »Wacker so!« hetzte er. »Duckt sie tüchtig, Leute!« »Willst du Jammerweib wohl schweigen, wo Männer ernsthaft miteinander reden!« fauchte ihn Trud an. Jan winkte verdrossen ab. »Schämt euch solcher Narrenspossen, während das Verderben auf uns niederwettert!« zürnte er. »Rat und Tat hoffte ich hier im Bierhaus zu finden, weil sie auf dem Rathaus die Tat feig versagen und auf den Knien vor ihm herumrutschen, vor ihm, der sie allesamt verraten wird. Und nun treffe ich hier Trunkenbolde und ein Teufelsweib.« Heini legte ihm gemütlich die Hand auf die Schulter. »Erreg' dich nicht, Lieber! Haben sie dir wieder einmal den Harald vorgezogen?« »Gott hat sie mit Blindheit geschlagen, während der Vater die Stadt stürmt, verteidigt sie der Sohn, derselbe Sohn, dem er Bardowieck zum Eigentum geschenkt hat.« »Sei unbesorgt, Jan, wir halten durch. Es ist kein Verräter in unserer Mitte.« »Keiner, außer dem Führer.« Wieder nahm Heini einen tiefen Zug aus dem Kruge. »Du tust ihm unrecht, so deutlich mußt du deinen Haß nicht verraten. Es bleibt sonst niemand bei dir, es glaubt dir sonst niemand mehr.« Jan hielt sich zornbebend mit beiden Händen am Tische fest. »Er verrät uns! Ich weiß es. Und ob er mit den fürchterlichsten Eiden schwüre, für die Freiheit kämpfen zu wollen, ob er sein Blut und seine Seligkeit dafür verpfändete, ob selbst der Heiland dort am Kreuze für ihn zeugte – ich traute ihm nicht! Er bleibt welfischen und wölfischen Geschlechts, bleibt der Tiger, und des Tigers wilde Herrschsucht wird hervorbrechen, wenn ihre Stunde da ist. Erbarmungslos, unbezwinglich! Wehe dann dieser Stadt, wehe uns allen!« »Und trotzdem hast du ihm das Feldherrnschwert anvertrauen lassen?« »Ich bin machtlos gegen die Verblendeten. Ich bin machtlos gegen die Schiffsleute, die nur dann in den Kampf zu ziehen gelobt haben, wenn Harald sie führt und die keinem anderen folgen als ihm. So hat sich denn der Rat gebeugt, so die Bürgerschaft – was bin ich? Ein verlachter Warner!« Erschöpft ließ er sich auf die harte Bank fallen. »Nun gut. Im Kampfgetümmel wird er dem Volke nicht schaden,« sagte er dann leise, wie zu sich selbst. »Er ist, das geb ich zu, der Kriegserfahrenste in der Stadt, und keiner weiß die Geister so machtvoll zu entflammen, wie er. Möge er denn seine Pflicht tun, bis die Stadt gerettet ist. Nachher ...« »Ein entsetzliches Lächeln flog um seinen Mund. »Nachher?« fragte Heini Hoyer. Da schwieg Jan Dieter. 15. Kapitel Der Stärkere Nimm deinen Gebetsteppich wieder mit nach Hause!« wehrte Jussunda freundlich ab. »Wie könnt' ich mich dir für solch ein Prachtgeschenk dankbar erweisen?« Der Maler blickte betrübt bald das Mädchen, bald das wie Rubin funkelnde Gewebe an. »Von all der Herrlichkeit, mit der Rolf Ebelingks Goldstücke mein Stüblein geschmückt haben, ist nur dies jämmerliche Zeug übriggeblieben,« bekannte er. »Zu heiß war in den letzten Tagen die Liebe zu Bardowieck in mir, zu flammend die Begeisterung für den Kampf gegen Herzog Heinrich – ich mußte die Glut in Wein löschen. Und da ich nun nicht weiß, ob ich dich morgen noch wiedersehen werde – wer von uns weiß denn, was der Löwe plant –, so wäre es mir ein rechter Trost gewesen, den bunten Lappen zu deinen kleinen Füßen zu sehen. Es stirbt sich leichter auf dem Wall, Jussund, wenn man sein Testament gemacht und dem liebsten Menschen ein kleines Andenken aufgezwungen hat. Dann schwebt unsereiner als unsterblicher Geist nicht ganz verloren und verlassen durchs Weltall. Dann gehört mir wenigstens dann und wann ein flüchtiger Gedanke des holdseligsten Erdenkindes.« »Du sollst nicht so sprechen, Heini, du hast noch viele, viele Jahre vor dir. Denn dein gewaltiges Werk ist noch nicht vollendet. Gott nimmt niemanden von der Erde, den er noch braucht.« »Du verargst mir, Königin,« beharrte Heini auf seiner Bitte, »daß ich dir diese schlechte Gabe nicht schon brachte, als ich noch reich war. Ich lese es in deinem Herzen, du willst meiner Armut schonen, jener Armut, in die zu große Teuerung des Weins mich gestürzt hat. Aber just weil du mich so oft zu fleißiger Arbeit ermahnst und nicht gern siehst, daß ich des roten Trunkes nach Gebühr reichlich genieße, just deshalb flehe ich dich an, behalt' das erbärmliche Wollstück. Sonst müßte ich es noch heut zum Juden Hiob schleppen, und dann wären, weil ich es doch in Wein umzutauschen gedenke, die letzten Arbeitsstunden für mich verloren.« »Heini,« sagte Jussunda vorwurfsvoll, »ich merke, du hast schon wieder in der Schenke gesessen.« »Bei den Gebeinen aller durstigen Heiligen,« schwur Heini, »heute ist noch kein Tropfen über meine Zunge gekommen. Befiehl, und ich werde den eklen Saft nicht wieder mit diesen meinen Augen ... nun ja –« »Da du grad' hier bist,« unterbrach ihn Jussunda mit ängstlich-scheuem Blick, »so möcht ich dich um einen großen Dienst bitten.« »Tausend Dank, Herrin, tausend Dank, daß du Heinis gedacht hast, was seine schwache Kraft und sein armer Witz vermag, das ist dein, dein wie sein Herz. In alle Ewigkeit, Madonne!« Da lächelte sie ihn holdselig an. »Ich hab's gewußt, du würdest mir helfen. Mit dem Vater mag ich davon nicht sprechen, und außer dir ist keiner in Bardowieck, dem ich vertraue.« Ein stolzes Lächeln spielte um Heinis Mundwinkel. »Und deshalb,« bat Jussunda, ein wenig näher an ihn herantretend, »deshalb bitte ich dich herzlich, gib auf Harald acht. Mir bangt um ihn. So viele Böse verfolgen ihn mit ihrem Haß und Neid. Aber immer, wenn ich ihn warne, spottet er der Gefahr. Nun habe ich ihm freilich eine Feder von dem Fittich Gabriels, die der Vater aus Jerusalem mitgebracht hat, an den Hut geheftet und habe ihm von des Vaters heiligem Jordanwasser in den Wein geträufelt –« »Oh,« schüttelte sich Heini, »das hättest du nicht tun sollen.« »Und doch fürchte ich für ihn. Gib deshalb auf Harald acht, Heini! Du hast ihn von Herzen lieb, und so mußt du ihn schützen. Hilf mir, Heini, daß mein böser Traum nicht in Erfüllung geht.« sie wurde blaß bei der Erinnerung. »Heut nacht habe ich ihn tot gesehen, tot...« Jussunda zitterte. »Und die andere,« fügte sie leise hinzu, »die er so sehr geliebt hat, die war seine Mörderin.« Verlegen und aufgestört wich Heini ihrem Blicke aus. »Du überschätzest mich, Mädchen,« sagte er dann. »Ich bin kein Gott, bin nur ein schwacher Mensch, und mein Blut ist so heiß wie deins und seines. Ihn schützen, der dich gewonnen hat? Ahnst du denn nicht, Mädchen, was mein eigenes rasendes Herz noch immer erhofft? Daß es nicht ruhen will, bis du mein und bis er...« Aber sie brauchte ihm nur ins Gesicht zu blicken, und er verstummte beschämt und entwaffnet. »Es wird wild hergehen in den nächsten Tagen,« brachte er nach einer Weile zögernd hervor. »Heinrichs Übermacht ist gewaltig. Keiner von uns kann für den anderen stehen.« »Heinrichs Krieger fürchte ich nicht, so wenig er sie fürchtet. Im offenen Kampfe ringt ihn niemand nieder. Aber die feige Tücke, die im verborgenen schleicht, die ihn von hinten niederwerfen will, Heini, die erfüllt mich mit Entsetzen, schwöre mir, daß du ihn vor den Meuchelmördern im eigenen Lager schützen willst! Schwöre mir, nicht von ihm zu weichen, ihm zur Seite zu stehen bei Tag und Nacht.« »Das kann ich nicht!« Trotzig wehrte er ab. »Dann bist auch du im Bunde gegen ihn!« schrie Jussunda auf. »Ihr habt seinen Tod beschlossen! Du weißt davon. Aber töte ihn nur! Du mordest mich zugleich. Ja, mord' uns beide! Mich und den, der dein liebster Freund gewesen!« Erschauernd wischte sie eine Träne von den Wimpern fort, zog dann jäh ein Messer aus den Falten ihres Kleides. »Wenn Harald –« Da aber hatte der Maler ihr Handgelenk schon umspannt und ihr den Dolch entwunden. Von Schrecken geschüttelt, barg er ihn in seinem Kittel. Fassungslos warf sich Jussunda jetzt dem Manne zu Füßen. »Niemand als du vermag ihn zu retten – du mußt es tun! Fordere von mir, was du willst. Meine ganze Habe, meinen Silberschmuck, alles, was mir gehört, will ich dir geben – nur schütze ihn, Heini!« Ganz verwandelt hob er die Schluchzende vom Boden auf und sprach so sanft und väterlich mit ihr, als hätte er ein krankes Kind zu beruhigen, hielte nicht das Weib seiner Liebe in den Armen, wie er sie so in Jammer und Verzweiflung aufgelöst sah, in krampfhaftem Weinen, das den schlanken Leib erschütterte, überkam ihn Mitleid ohne Grenzen. Behutsam führte er sie an den Fenstersitz und ließ den Arm von ihren Schultern. »Noch keine hat mir vertraut, Kind, und keine hätt's doch so nötig gehabt, mir zu mißtrauen, wie du. Darum will ich dir dein Vertrauen danken. Hör' mich ruhig an, Jussunda. Du befiehlst, daß ich über Harald wachen und sein Leben wie meines schützen soll – so will ich es denn tun. Aber eines heische ich dafür von dir: Laß von ihm ab! Noch ist es Zeit. Stürz dich nicht mit sehenden Augen ins Verderben! Reiß diese Liebe aus deinem Herzen! Ich bitte nicht für mich, ich werde dir nie wieder lästig fallen, aber dich und Harald scheiden Welten voneinander, und was du von ihm erhoffst, wird er dir niemals sein. Du bist noch so jung, Kind, kaum sechzehn Jahre, was weißt du von der Welt und was von der Liebe? Nein, widersprich mir nicht, du weißt nichts davon, was du heute Liebe nennst, das ist die erste Zuneigung deines jungen Herzens. Die große Liebe, die weilt noch draußen. Mach mir den Abschied nicht zu schwer, liebste Freundin, laß mich nicht in Angst und Sorge von dir ziehen! wenn ich später an hohen Feiertagen dein gedenke und in stillen Nächten zu dir aufschaue, wie Zinnober zum Mond aufschaut, dann möcht' ich dich glücklich über alle Maßen wissen. Glücklich mit einem, der dir spenden kann, was Harald nicht besitzt. Dein Pfad soll mit Rosen bekränzt sein; der Wilde aber, der dich jetzt umschmeichelt, der Sternenstürmer taugt nicht in deine stille Welt und stößt dich in Dorngebüsch.« »Oh, ich weiß wohl,« sprang da Jussunda auf, »alle seid ihr im Bunde wider ihn und mich! Was mir Maria Holk lügnerisch im Dome gesagt hat, das wiederholst du jetzt und weckst von neuem die Zweifel, die ich kaum verscheucht habe. Aber ich glaube keinem von euch, ich glaube niemandem als ihm allein.« »Warum senkst du die Augen, wenn du mit mir sprichst?« fragte er. »Belügst dich selbst und schämst dich dessen vor dir selber? Sieh ihm nur recht ins Gesicht, und du erkennst, was er sinnt.« Heini war grausam, um Jussunda zu retten. »Mag sein,« gab sie zu, entschlossen, den Dämon niederzuringen, der immer wieder ihre Gedanken vergiftete, »Mag sein, daß er Maria Holk einst geliebt hat, vielleicht inniger als mich – doch nun ist sie für ihn tot. Wie darfst du Harald einer Unwahrheit für fähig halten, eines betrügerischen Doppelspiels? Sein finsteres Gesicht, seine Schweigsamkeit, sie rühren von den schweren Sorgen her, die ihn umdrohen, von dem Gram über Lüge und Undank, von der Zerrissenheit seines Herzens, das gegen den eigenen Vater kämpfen soll, für Verworfene und tückische Bösewichte. Aber laß nur erst den Sieg seine Stirn krönen, laß die Gespenster alle verscheucht sein und dann... Ich bin seiner so gewiß, Heini, ich bin so fröhlich, bin so glücklich ...« Und wie sie das sagte, brach unaufhaltsam ein Tränenstrom aus ihren Augen. »Seltsames Glück, Jussunda, das man beweinen muß.« Sie raffte sich zusammen. »Sag', was du willst! Maria ist eines andern Weib geworden –« »Aber ihr Herz ist Haralds geblieben. Und just weil sie eines andern Weib geworden ist, wird er sehnsüchtiger als vorher ihrer begehren.« Das war ein schlimmes Wort. Jussunda weinte nicht mehr. Krampfhaft bemühte sie sich, jede Miene ihres Gesichts im Zaum zu halten. »Geh jetzt, Heini, ich muß mit mir allein sein. Denk aber treu dessen, was du mir versprochen hast!« Gehorsam verließ der Maler das Gemach. »Ja,« sagte er auf der Gasse zu Zinnober, »ob ich nun dort im Graben verfaule oder auch, meint's Gott anders mit mir, auf offener Landstraße sterbe – um mich weint keiner. Keiner wird ein Kreuzlein für mich übrig haben oder ein kleines Gebet. Auch die da oben nicht, Zinnober. Das einzige ist noch, daß du dich dann bei ihr einschmeichelst. Vielleicht gibt sie dir das Gnadenbrot. Du bist ja nicht mehr jung genug, um neues Lasterleben zu beginnen.« Zinnober wußte vor Verachtung und Wut keinen Laut hervorzubringen. Er hinkte hinter Heini her, der ihn solcher treulosen, selbstsüchtigen Schändlichkeit für fähig hielt, und begnügte sich damit, anklagend seinen Schweif in die Luft zu strecken. Durch den regenfeuchten Morast der Gasse am Westergraben gelangten sie zum Wall und näher an den Hafen. Wirres Gedröhn wie von erregten Männerstimmen klang Heini ins Ohr; von Sekunde zu Sekunde verstärkte sich das Gebraus. In das immer deutlicher werdende Geheul und Johlen klang Waffengeklirr. Rasendes Wutgeschrei wie von Kämpfern, die aneinander geraten waren, übergellte den Höllenlärm, wie Heini den Hafen erreicht hatte, sah er die mit Knütteln und Stangen, auch mit alten rostigen Speeren bewaffneten Schiffsarbeiter rasend erregt einer Schar von den fremden Waffenknechten des Rates gegenüberstehen. »Ins Wasser mit den Schönbärten!« schrie das leidenschafterhitzte, wütende Volk. »Hinaus aus der Stadt mit ihnen!« und »Hinaus aus der Stadt mit allen Verrätern!« schrillten andere Stimmen dazwischen. Handgemenge entspann sich. Schon tropfte von den Hellebarden der Waffenknechte Blut zur Erde, schon hatten einige der herkulischen Hafenmänner ihre Keulen auf die Häupter der Gegner niedersausen lassen. Doch nun, im letzten Augenblick, ehe das Irrsinnstoben allgemein wurde, sprengte der eilends herbeigerufene Führer, Harald, ins Getümmel. Seine Stimme versuchte die Wut des Orkans zu übertönen, vom Verbrechen des Bruderkampfes abzumahnen. Schon schien es, daß er, wie so oft, mit dem Zauber seiner Rede die Wilden bannen und besiegen würde, schon lösten sich die ineinander verkrampften, wichen auch die zornmütigsten Streithähne zurück. Da aber stürzte sich mit geballten Fäusten Jan ins Gebrause. »Hört nicht auf den, der uns alle verrät, euch, Knechte des Rats, uns Bürger und euch vom Hafen! Glaubt seinem schändlichen Lügenwort nicht, seinen Bitten und Beschwörungen! Jauchzt ihm doch das Herz in der Brust, wenn er sieht, wie verruchte Söldner unsere Besten niederstechen. Um so leichter hat's ja nachher der Vater des Bastards mit unserer armen Stadt! Traut ihm nicht! Hört nicht auf ihn! Jagt ihn zum Herzog!« wie Jan das schrie, taumelte er und stürzte. Aber sein aufpeitschendes, kränkendes Wort entfesselte aufs neue die Kampfwut der Waffenknechte, die nun zu neuem Ansturm vorgingen. Ihr unerwarteter Anprall brachte die Widersacher zuerst ins Schwanken, dann aber faßten sie sich, und nun nahm die wüste Schlägerei fast das Aussehen einer Schlacht an. Da... sanftes, liebliches Geläut wie von Silberklingeln, lobpreisender Psalmensang und süßer Duft von Weihrauch – von fern nahte eine Prozession, verlorene Sonnenstrahlen, die aus Qualm und Dampf des Regentages hervorbrachen, machten die Monstranz wie ein Lichtwunder aufflammen. Näher rückte der fromme Zug. Rauchfässer schwingende Mönche, Fackelträger dann, Trompeten und Pfeifer, Kinder im Festgewande, mit erlesenen Prunkgewändern geschmückt Domherren, aus deren Mitte das diamantbesäte Altarkreuz hoch emporragte. Mit verzückten Mienen trug der Obere ein prächtiges Purpurkissen. Darauf ruhte in goldenem Gehäuse ein Stück des Schwammes, den die römischen Knechte auf Golgatha mit Essig gefüllt hatten, um so den dürstenden Heiland zu tränken. Mit einem Schlage verstummte das Getös. Alles drängte beiseite, um der Prozession Platz zu schaffen, und als Iso sie halten ließ, fiel jeder auf die Knie. Ernst und doch sanft sprach Abt Iso zu den Erhitzten. Erinnerte sie an ihre Bürgerpflicht, an die beschworene Eintracht, um, zum Schluß die Stimme machtvoll erhebend, mit Kirchenbußen und ewigen Strafen zu drohen. Alle Schwerter krochen von selbst in die Scheide, wo noch Hellebarden strack und drohend aufragten, da senkten sie sich – zitternd schmiegte sich die Bestie zu den Füßen des Meisters. Stolzes Leuchten verklärte Isos mönchische Züge, als er nun den Segen Gottes über Volk und Stadt herabflehte. Jede Lippe murmelte ein Gebet, und von den Weibern im Hintergrunde drängte sich, wer konnte, heran, um in Demut den Saum seines Gewandes zu küssen. Lange blieb dann Isos Blick auf Harald haften. Ein seltsames Lächeln grüßte den Jüngling, ein Lächeln, aus dem es wie Hohn und Mitleid sprühte. Harald hatte den Priester verstanden. Dunkle Röte flog über seine Stirn, und diese hochmütige Stirn senkte sich in Scham darüber, daß der Mönch ihn auch hier, vor seinen eigenen Getreuen, überwunden und sich stärker gezeigt hatte als er, das aufrührerische, haßverblendete Volk zu bändigen. 16. Kapitel Marias Sendung Ein närrisches Volk, wahrhaftig,« warf Tysenhusen verächtlich hin. »Morgen packt sie der raubgierige Löwe, und heute wissen sie nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, wenn sie's so weiter treiben, wird der Feind leichtes Spiel haben; er findet schließlich nur noch Tote und Verwundete in der Stadt.« »So haben sie von jeher getan, die Hartschädel, und sind doch leidlich groß dabei geworden,« meinte Abt Iso. »Es steckt zuviel überschüssige Kraft in diesen Berserkern; der Feind draußen genügt ihnen nicht, um sich auszutoben. Ja, Hans Jakob, hätten der Sachse und der Deutsche überhaupt ein wenig mehr Manneszucht im Blute, verständigen Geist freiwilliger Unterordnung, dann läge die ganze Welt winselnd zu ihren Füßen. Was hat nicht Herzog Heinrich in den Jahren seiner Kraft vollbracht? Bis weit an die Bernsteinküste hinaus hat er die Grenzen seines Reiches geschoben; mit gewaltigen Pranken hielt er fest umklammert, was wenige Jahrzehnte vor seiner Thronbesteigung noch auf dem Monde zu liegen schien. Aber wie die Kleinen, so die Großen. Keine Einigkeit, jeder kennt nur das eigene Ziel, jeder will eigene Wege gehen. Es geriet der Welfe, der seinen Kreuzzug statt nach dem Heiligen Lande nach dem Osten richtete, mit der kaiserlichen Macht zusammen; Barbarossa und er verzehrten sich in tödlichem Haß, und furchtbar hat der Rotbart sich für den Fußfall gerächt, den er in Partenkirchen vor seinem Vasallen tun mußte. Beide, Hand in Hand, hätten sich leicht den Erdball Untertan gemacht; nun sie wider einander anstürmten, war es der heiligen Kirche möglich, das Schiedsrichteramt zu erlangen. Auch in Bardowieck wird sie triumphieren. Der gerechte Gott ist stärker als der trotzigste Fürst. Auf kleinem Plan wiederholt sich hier, was auf den Schlachtfeldern Italiens und der Wendei vorgegangen ist.« »Ihr hofft mit Zuversicht auf den Sieg, hochehrwürdiger Herr?« fragte Tysenhusen. »wir haben mit klugen und gewitzten Männern zu schaffen, Matthias Holk hat aus dem Mißgeschick anderer gelernt und tut das Äußerste, die Parteien zu versöhnen, wenigstens solange er aller Fäuste bedarf.« »Zu viel sind derer, die ihm eigensinnig und verbissen entgegenstehen. Der Tumult am Hafen wirkt wie fressendes Gift. Niemals noch stieß ich auf ergrimmtere Parteiwut als jetzt. Heute morgen haben die Schiffer und ihre Knechte die Obleute zu mir geschickt und sich feierlich verschworen, keinem Ratsmanne zu gehorchen und neben keinem Waffenknechte des Rats zu kämpfen. Nur Harald allein erkennen sie als ihren Führer an.« »Welche Hoffnung erwächst uns daraus?« Tysenhusen spielte mit dem Goldring am Finger, den er jetzt noch auf der Linken trug, bald aber als Zeichen seiner Ratsherrnwürde auf der Rechten zu sehen gewiß war. »Der Rat, die gesamte Bürgerschaft, hat einstimmig Harald zum Stadthauptmann erwählt. Niemand wird sich gegen ihn auflehnen, ein paar Tollköpfe ausgenommen, und sie sind außerstande, ihm zu schaden. Es müßte denn« – Tysenhusen senkte die Stimme – »einer der Haßerfüllten den Stahl gegen ihn heben!« »Nur das nicht! Nur das verhüte die heilige Gottesmutter!« entsetzte sich Iso. »Alle meine Hoffnungen brächen zusammen, wenn des Löwen Kind einer Meuchlerhand erläge! Heinrichs Zorn würde keine Grenzen kennen. An jedem, auch an mir, würde er in der Raserei seine Rache kühlen ... Nur das nicht!« »Glücklicherweise ist Harald Manns genug, sich selber zu wehren,« meinte Tysenhusen. »Freilich sehe ich nicht, wie Ihr mit ihm fertig werden wollt.« »Hast du in Haralds Herz gesehen? Erinnere dich wohl, was ich dir an Maria Holks Hochzeitstag sagte. Es ist so weit! Sie haben ihn aus seinem Traum gerissen. Er erkennt die Täuschung und haßt, die ihn aufweckten. Wie unsicher, schwankend und müde ist er doch geworden, er, auf dem alle Verantwortung lastet, der der Härteste, Entschlossenste, Unbeugsamste sein sollte! Vielleicht, Hans Jakob, genügt ein geringer Anlaß, den Verstörten und Entzürnten völlig von der Stadt loszureißen, sie haben es ihm weidlich schwer gemacht, mit ihnen zu gehen und Treue zu halten; währen ihre Nadelstiche fort, zeigen sie ihm mit roher Deutlichkeit, daß er den falschen Platz gewählt hat, dann wehe ihnen! Furchtbar wird der Sturm, den sie gegen Heinrich zu entfesseln meinen, dann über sie selber herbrechen. Und Harald ist Heinrichs Sohn. Daran ändert kein schwärmerisches Glühen von gestern, keine betrogene Jünglingsbegeisterung für die Freiheit etwas. Jan Dieter hat so unrecht nicht, wenn er ihn beargwöhnt.« »Eine gewaltige Macht, die Männer am Hafen, und in wenigen Tagen zu trefflichen Kriegern umgeformt,« lobte Tysenhusen. »Auch die Knechte des Herzogs werden harte Arbeit mit ihnen haben. Und das ist wohl wahr, hochehrwürdiger Herr, sie stehen fest wie Mauern zu Harald und fallen mit ihm. Niemand vermag da eine Bresche zu schlagen –« »Außer ihm,« bemerkte Iso. »Und Ihr glaubt, daß er diese Bresche schlagen wird?« »Nicht in meiner Hand steht die Entscheidung. Doch ich ringe im Gebet darum, daß sie günstig für die heilige Kirche ausfalle, will der Herr, daß meine bescheidene Kraft mitwirke, so wird er mir, kommt die Stunde, die rechte Erleuchtung geben.« Würdevoll und demütig zugleich schritt Iso ein paarmal durchs Zimmer, wie von entscheidenden Gedanken bewegt. Dann reichte er Tysenhusen die schmale Hand zum Kusse. »Sorge dafür, daß der Rat, daß vor allem Rolf Ebelingk sich nicht unbedingt den übertriebenen Forderungen der Masse beuge! Ich weiß, die stolzen Geschlechter kränkt es in tiefster Seele, nur ein Diener des Todfeindes zu sein, alle Macht an ihn verloren zu haben. Um so hartnäckiger wird er am letzten Recht festhalten, um so nachdrücklicher den Stolz seiner Leute wachrufen. Des Löwen Hieb trifft, wenn auch du deine Schuldigkeit tust und weiter ein allzu inniges Bündnis zwischen den Gilden und dem Rat verhütest, auf brüchiges Gestein.« * Das Haupt tiefer auf die Brust geneigt, stieg Iso die breite Treppe zu Marias Zimmer empor. Dem verehrten Gottesmann hatten die Wachen zusammenfahrend Platz gemacht, alle Türen öffneten sich wie auf Zauberwort, und die Diener flogen herbei. »Sage deiner Herrin, mein Sohn, daß sie sich eilen möge, mich zu sehen.« Iso war im engen Stübchen allein. Durch blausamtne Verhänge fiel das graue Tageslicht auf die im Raum vereinte fromme Pracht. Ein elfenbeinernes Christusbild grüßte aus der Dämmerung. Blausamten wie das ganze Zimmer war auch der Betstuhl ausgeschlagen. Neben ihm standen auf weichem Seidenteppich, der einst den Altar des Heiligen Grabes geschmückt hatte, mächtige Silberleuchter mit geweihten Kerzen. Minuten verrannen, ehe Maria den Gast begrüßte. Ihr goldgesticktes Morgenkleid, ihr weißes Antlitz hob sich schimmernd vom satten Blau der Prachtverhänge ab. »Du bliebst länger aus, als es Gott gefällig ist,« sagte Iso, seinem Beichtkinde die Hand zum Kusse reichend. »Doch des Menschen Sohn wartet unserer nicht, er wandert pfeilschnell wie das Glück vorüber. Wohl uns, die wachend harren, denen, gleich den klugen Jungfrauen, das Öl im Lämplein nicht ausgeht!« Bescheiden, voll weher Traurigkeit, senkte Maria das Haupt. »Mein Vater, ich war im Gebet, in einem Gebet aus übervollem Herzen, wie ich es nie zuvor gewagt habe. Und Gott hat mich gehört. Ich weiß es jetzt. Er will mich nicht in Elend und Verzweiflung ersticken lassen! Ich kenne meinen Weg.« »Du sprachst dem Herrn von der sündigen Leidenschaft, die noch immer in deiner Seele brennt?« fragte Iso streng. »Mein Vater!« Dumpfes Stöhnen kam aus ihrer Brust, ihre Finger krallten sich tief ins Gewand. »Ich kann nicht mehr kämpfen,« keuchte sie hervor. »Du mußt mir helfen, Priester, du mußt. Geh zu ihm, sag' ihm –« Und während sie ihr Gesicht in die Seide vergrub, mischte sich seltsam in ihr Schluchzen ein krampfhaft hartes Lachen. Der Abt sah nachdenklich wägend auf das Heilandsbild. »Höre mich, mein Kind!« »Ich will nicht hören, wenn du mir dasselbe sagen willst, womit du mein Herz bis heute beschwert hast. Mit dunklen Worten und Rätselreden hast du den Brand in meiner Seele immer weiter geschürt. Immer zeigst du mir ein fernes Glück, doch wenn ich danach hasche, so läßt du es versinken. Weshalb quälst du mich? Von dir erwarte ich keine Hilfe mehr. Du bringst mir den Liebsten nicht zurück. So mag Gott es denn tun. So will ich's mit Gottes Hilfe wagen.« »Wie redest du irre, Maria, wie lästerst du Gott! Bist du wirklich entschlossen, auf eigene Verantwortung schwere, nie zu sühnende Sünde durchs Leben zu schleppen? Dir selber zum Fluch, in frechem Ungehorsam wider den Allmächtigen und Allgütigen, der dich bisher väterlich geschützt hat und die Vaterhand auch weiter über dich halten will? Beleidige den Höchsten nicht, doch verzage auch nicht! Erlösung ist dir näher als du meinst. Komm, rück dicht zu mir heran; höre, was ich dir sage, was mir im Gebet offenbart worden ist. Komm, und sei glücklich!« Verstört und zweifelnd horchte das Weib auf. »sprecht denn!« Die Stimme zum Geflüster dämpfend, ergriff er ihre Hand, »Schwöre mir zuvor, daß du von allem, was ich dir sage –« Sie unterbrach ihn hastig, ungeduldig. »Ich schwöre, schwöre, was Ihr wollt,« versprach sie ihm, »nur martert mich nicht länger!« »Du bist ein starkes Weib, Maria,« hob er an, achtsam auf jedes Geräusch draußen lauschend, »du bist doppelt stark, weil du liebst. Für seine Liebe bringt das rechte Weib jedes Opfer und trotzt jeglicher Gefahr. Für seine Liebe opfert es sich – nun, das wäre just nicht viel, aber es opfert noch mehr – die Zukunft des Geliebten, wenn es keinen anderen weg gibt, den Geliebten zu erringen.« »Hochehrwüdiger Vater –« »Nur wer den Tod nicht scheut, nur der gelangt in des Lebens Paradiese. Sünde sühnt nur eine große Tat, Maria. Nur der Starke, der zum schwersten Opfer bereit ist, kann Verzeihung seiner Schwachheit erlangen, verstehst du mich, Maria?« »Ihr sprecht in Rätseln, Hochehrwürdiger!« »Der Feind liegt nah vorm Tor. Bardowieck glaubt, sich seiner erwehren zu können. Ich freilich schätze die Kraft des wiedergekehrten Löwen anders ein. Immerhin, der Kampf wird über alle Maßen blutig, entsetzlich blutig sein und die letzte Hoffnung, uns alle vor der Rachsucht des beleidigten Herzogs zu retten, zerstören. Darum ist es Gottes Wille, daß das sinnlose Gemetzel unterbleibe. Es unterbleibt, Maria, oder es läßt sich doch wenigstens eindämmen, wenn Harald nicht ins Getümmel der Schlacht niedersteigt. Und du, Maria, bist auserkoren, ihn zurückzuhalten.« »Ich?« Ein heller Jubelruf brach aus ihrem Herzen. »Ich, o mein Gott! Er soll – er soll nicht sterben?« »Nein, mein Kind. Du bist auserlesen, ihn vom Tod zu erretten.« »Aber Harald haßt mich, verachtet mich!« »Kennst du nicht die Kunst, den Stolzen zu versöhnen, bist du nicht begierig, diese Kunst zu üben?« »Er flieht mich, wie soll ... So redet doch, so redet doch!« »Ich werde dich mit Botschaft zu ihm schicken, sobald die Stunde gekommen ist!« »Mich? In sein Haus?« »Gerade dich. Ich habe keinen vertrauten Menschen in dieser Stadt außer dir. Keinen, dem ich so wichtige Botschaft anvertrauen darf. Es ist Botschaft, die den Boten, den Absender, den Empfänger vernichten würde, wenn sie in falsche Hände geriete.« »Ich verrate die Meinigen! Das ist es, was du sinnst!« »Verrat! Du hilfst nur erfüllen, was das Schicksal will. Und warum erschrickst du vor der kleinen Sünde, die doch meine Sünde sein wird, während du vor der großen, übermächtigen, von der du ruhelos träumst und die du so gern auf dich nähmst, nicht erschrickst?« »Aber ich betrüge ihn,« weigerte sich Maria weiter. »Betrüge ihn um den Ruhm, den er erstrebt, um seine Zukunft! Ich durchschaue Euch, Priester! Ihr wollt ihm stehlen, was sein ist, und dazu dünkt Euch meine Hilfe gut genug, wie aber könnte ich je wieder fröhlich und glücklich sein, wenn ich mit Harald ein verräterisches Spiel triebe? wenn er es erführe, wie müßte er mich verachten!« »Es geht kein anderer Weg zum Ziele, Maria.« »Dann mag auch dieser unbetreten bleiben. Dann will ich lieber unglücklich sein mein ganzes Leben lang. Ich kann nicht.« »Du mußt jetzt bedenken, Maria, was du sprichst. Die heilige Kirche hat sich deines Flehens erbarmt, sie neigt sich dir durch mich, sie weist dir den Pfad – wehe dir, wenn du mit der Kirche frevlerisch gespielt hast! Ihr Fluch ist Grauen. Beschwör ihn nicht herauf!« Maria zuckte vor seinen finsteren Worten zusammen. Blickte nicht auch das Christusbild am Kreuze drohend auf sie? »Glaubt mir, Priester, ich täte das Letzte um seinetwillen. Ihr spracht wahr, riesenstark ist das Weib in seiner Liebe. Riesenstark fühle auch ich mich. Ich schonte den Vater nicht, ich fürchtete Himmel- und Höllenstrafen nicht, ich risse Gott und Glauben aus meinem Herzen um seinetwillen. Aber ihn belügen, mich vor ihm erniedrigen, von ihm verachtet zu werden, nein, das ertrage ich nicht.« Er faßte ihren Kopf mit beiden Händen und zwang sie, ihm tief ins Auge zu blicken. »Du übertreibst, Maria. Du sprichst im Fieber, was kümmert es dich, welche Gründe mich bewegen, dich zu ihm zu senden! Was geht Bardowiecks Schicksal, was gehen meine Pläne deine Liebe an ...! Alles, was deine Träume dir in diesen Tagen vorgegaukelt haben, gehört jetzt dir, wenn du willst. Des Paradieses Pforten stehen dir offen. Aber du willst an ihnen vorübergehen. Wohlan, wisse noch dies eine: Deine Laune, deine feige Unentschlossenheit soll mein Lebenswerk nicht zertrümmern. Mehr als eine Hand in der Stadt ist gegen Harald bewaffnet. Mehr als ein Meuchelmörder lauert auf seinem Pfade. Bisher habe ich über ihn gewacht, weigerst du dich, Maria, so kann ich den Mördern nicht mehr wehren. Du weigerst dich? Nun gut ...« Da klammerte Maria in namenlosem Entsetzen die Arme um Isos Knie, da starrte sie flehend in das hartgeschnittene Gesicht, darin Haralds Todesurteil verkündet schien. »Ja. Ich will.« 17. Kapitel Die Mörder Harald hatte sich erhoben. »Es geht nicht um mein Wollen und Wünschen, ehrwürdiger Abt.« Sein Gesicht war finstere Ablehnung. »Auch hierin bist du ein echter Held, wenn auch nicht der Sohn deines Vaters,« entgegnete Iso milde. »Herzog Heinrich hat in seinem ganzen Leben nichts getan, hinter dem er nicht mit gesammelter Kraft des Herzens, mit unbeugsamem, eigenem Willen stand. Du dagegen verzettelst dich an Dinge, die dir in tiefstes Seele gleichgültig, ja widerlich sind. Doch ich habe nicht das Recht, mich in deine Seelenwindungen einzudrängen, und ich leugne nicht, die übermenschliche Größe, mit der du allen Verleumdungen und Feinden, allen tückischen Gehässigkeiten zum Trotz die übernommene Pflicht weiter erfüllst, diese Entsagungskraft zwingt mir Bewunderung ab.« »Wohl verstehe ich Euren Spott. Aber auch Ihr macht mich nicht irre. Ja, wäre ich meinem Gotte nicht Rechenschaft über mich schuldig, stünden nicht die Tage und Nächte vor mir, da ich um Erkenntnis rang und Erkenntnis gewann, dann möchten böse, unwürdige Gedanken wohl über mich Gewalt gewinnen. Doch höher als die Niedrigkeit des Menschen steht mir die Sonne, an die ich glaube. Und so werde ich auch die Prüfung, die mir jetzt auferlegt ist, überwinden. Daß ich meinen Zukunftsträumen abtrünnig werden könnte, weil Menschenerbärmlichkeit sie beschimpft und verhöhnt, habt Ihr das je im Ernst geglaubt?« Wieder wandte er sich zum Gehen. »Verweile noch ein wenig,« bat Iso. »Niemand vermag zu weissagen, was uns die nächsten Tage bringen werden, niemand ist mehr sicher, den wiederzusehen, den er liebt und schätzt.« Harald preßte ablehnend die Lippen zusammen. »Freilich, du selber hast mich nie für deinen Freund gehalten. Und ich bin es doch gewesen, so wahr ich deiner unglücklichen Mutter Freund bis zur letzten Stunde gewesen bin. Du hast dich von mir gewandt, weil ich in früheren Jahren wahrhaftig gegen dich war, auch wenn es dir weh tat, weil ich dich zurückzureißen suchte vom Wege, der nicht, wie du meinst, in die Sterne führt, der vielmehr ins Grauen der Hölle niedersinkt. Ich war dir ein Abscheu und Widerwillen, da ich mich unterfing, deiner Träume Pracht zu stören. Und du hassest mich deswegen noch heute, mein Sohn. Noch heute, wo du nicht mehr träumst, wo dies Volk dir Tag für Tag zeigt, daß du mir unrecht getan hast. Harald, ich spann einst silberne Gedanken wie du. Auch ich glaubte, den Himmelflug wagen zu können, auch ich wollte allen, allen Glanz der Höhe zur Erde tragen und, des Heilands Worte in jugendlichem Feuer mißverstehend, jede Hütte mit diesem Glanze schmücken. Harald, ehe ich zu klarer, kühler Hinsicht kam, war ich älter geworden als du. Aber dann wandte ich mich von meinem Irrtum jähen Ruckes ab. Es war ein Irrtum, wie dein Wollen ein Irrtum ist. Mag sein, daß Zeiten kommen werden, die für deine Gedanken reif sind. Heute vergeudest du sie zwecklos und vergeudest dich damit. Du bist ein Königskind, Harald, und deine Heimat liegt nicht in der Niederung, sie liegt da, wo die Adlerhorste sind und wohin keines Knechtes Fuß gelangt, wie ein Stecken in der Hand von Bettlern willst du dich behutsam vorwärts tasten, du, der ein Pfeil ist und durch die Unendlichkeiten fliegen soll? Wie ein fahrend Dirnlein buhlst du um die Gunst der Masse, dieses rohen, frechen, wankelmütigen Haufens? Die Stimme der Zukunft, Harald, von der du mir sprichst, ertönt allein auf den Türmen; am Markte unten hörst du nur Pfennige klingeln, Sohn des großen Königs, was suchst du im Wirrwarr der gemeinen Menge? Harald, du bist doch nicht ihresgleichen, und nie werden sie dir vertrauen, nie in dir den echten Führer sehen. Denn an deinen Füßen klingen Rittersporen, und so leise du auch gehen magst – dein Sporn verrät dich.« Harald hatte ihm schweigend zugehört. Was war es doch, das aus diesen Worten zu ihm drang und klang, das wie Wellenrauschen in der Nordsee, süß und majestätisch zugleich, sein Herz überflutete? »Du hast deines Vaters Antlitz gesehen, Harald. Was ihr miteinander sprachet, ich weiß es nicht aus deinem Munde, und kein Zeuge hat euch belauscht – dennoch ist mir jedes Wort gegenwärtig. Herzog Heinrich lebt, so tief ihn Gott gedemütigt hat, doch immer noch in königlichen Plänen. Herzog Heinrich kennt die Unwürdigkeit der Knechte, an der auch Jahrhunderte nichts ändern werden. Das Reich, das er erstrebt, ist nur mit adligen Eisenmännern zu erobern und zu erhalten. Für den Pöbel hat es allein in der Tiefe Raum, So gesinnt, wird der Herzog diese Stadt berennen. Und du, der Sohn, wagst es, dich dem Vater entgegenzuwerfen? Du, den er liebt, suchst ihm den ersten Siegespreis zu verweigern?« »Ich stehe auf meiner Pflicht. Ich stehe zu denen –« »Die zu dir stehen, willst du sagen? Zu denen, meinst du, die dich heute lieber als morgen aus der Welt scheiden sähen, die mehr vor dir zittern als vor Herzog Heinrich, weil sie in dir die fürchterlichere Gefahr spüren? Wache doch auf, Harald! Gebrauche deine Augen, deine Sinne, schüttle die Traumbilder ab! Dein eigenes Blut, jede Fiber deines Leibes, jede Regung deines Herzens und Hirns spricht gegen dich. Und trotzdem hältst du an deiner eingebildeten, dir längst widerwärtigen Pflicht fest, von der Verrat und Niedertracht dich entbunden haben.« Doch Harald wollte ihm nicht recht geben. »Niemand und nichts vermag mich von meinem Gelübde zu entbinden. Ist mir der Sieg versagt, so will ich als ein ehrlicher Mensch fallen.« »Als ein Enttäuschter und Betrogener, der nur noch aus Hochmut kämpft! Als ein übermütig-unmutiger Zerbrecher heiliger Tafeln, der freventlich die Hand gegen Gott und den Vater hebt. Vergiß das vierte Gebot nicht, Harald! Vergiß seiner nicht, wenn du dich, so laut dein Gewissen auch warnt, mit dem Rauschgift deiner Phantasie betäubst. Und glaubtest du wenigstens noch an dieses Rauschgift! Lüge ist eine Todsünde, doch die schlimmste ist, sich selbst zu belügen.« Harald stand in der Tür. »Ich danke Euch, Hochehrwürdiger. Ihr habt mir das Herz wahrlich nicht leichter gemacht. Aber für mich geht kein Weg mehr zurück. Gott befohlen!« ... Mit leisem Flügelschlage schwebte die Nacht, der schwarze Totenvogel, über der Stadt. Schweigend und traurig hüllte dichtes Dunkel die Gasse ein. Nur manchmal sah man durch die Ferne Lichterschein zucken, spukhaft und dunstig wie Irrwische: Wachen, die darauf zu achten hatten, daß jedes Haus sich im Verteidigungszustande befand. Um die schmalen Straßenzeilen quirlte dichter immer der Nebel, und feiner Regen prickelte wie mit Nadelstichen. Rasch strebte Harald durch die Gassen seinem Obdach zu. Manchmal meinte er ein leises Schlürfen hinter sich zu hören, gleich als ob jemand ihm nachschleiche. Aber durch die schweren Schatten vermochte der Blick nicht zu dringen. Unwillkürlich gedachte Harald der alten Erzählung von der Moorfrau, die in solchen Nächten aus der Heide herangekrochen kam und, während der Regen triefte und die Nebel wallten, dreimal an die Tür jedes Hauses klopfte, in dem der Tod Einzug halten wollte. War es die Moorfrau, die ihn verfolgte, war es ein Mörder? Harald horchte von neuem ... und wieder tappte, bluterstarrend-gespenstisch, der unheimliche Schritt durch Nacht und Nebel. Wie Harald von der kotigen Gasse in den Hof abbog, der vor seinem Heim lag, stutzte er plötzlich. In der dicken, nassen Finsternis meinte er, eng an die Mauer gedrückte, dunkle Gestalten zu erspähen. Im selben Augenblick stürzten aus der Finsternis auch schon drei, vier Gesellen hervor, Schwerter glosten matt durch die Nacht. Aber schon war Haralds Klinge aus der Scheide. Im Nu war er nach vorn gesprungen und parierte gewaltig den Hieb des nächsten Buben. Eine Klinge klirrte in Stücke, ein Schrei, ein wilder Fluch erscholl. Mit den Strauchdieben, die er vor sich hatte, wäre der überlegene Fechter fertig geworden, doch jetzt wurde es auch hinter ihm lebendig. Eine ganze Bande, schien es, hatte ihm hier aufgelauert. Mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, wehrte Harald die Banditen ab, aber die tiefe Dunkelheit machte es ihm unmöglich, mit ernsthaftem Ausfall das Gesindel zu verjagen. Er konnte ihre Angriffe nur zurückweisen, und der Zeitpunkt war vielleicht nahe, wo er der Übermacht erlag. Nun jedoch machte markerschütterndes Geheul die Gasse dröhnen; es war, als rase eine Herde jammervoll ausgehungerter Wölfe heran. So tobte in Bardowieck allein Zinnober. Er kam herbeigepirscht, so rasch ihn seine müden, lahmen Beine trugen, und ehe der Nächste es sich versah, hatte er dem entsetzt Aufbrüllenden die Zähne in die Schenkel geschlagen. Hinter dem Hunde her stürmte, atemlos, mit entblößter Klinge, Heini Hoyer. Wie ein Verzweifelter schlug er drein. Seine dröhnenden Hilferufe mischten sich gewaltig mit dem Heulen und Krächzen Zinnobers. Das Gesindel mußte sein Spiel verloren geben, denn schon hörte man eine Haustür knarren, Fensterläden wurden geöffnet, rauhe Stimmen klangen durch die Nacht. Gespenstisch wie sie gekommen waren, entwischten die Meuchler im Nebeldunst, ihre Verwundeten mit sich fortschleppend. »Ahnte mir doch dergleichen!« rief Heini keuchend. »Daß du zu Iso gingst, hat mir von vornherein nicht gefallen.« »So spionierst du mich aus?« lachte Harald grimmig. »Ich bleibe in deiner Nähe, so weit ich's eben vermag. Ein Gelübde, weißt du.« »Kommst du noch mit mir? Das Abenteuer verdient einen Trunk,« lud Harald ein. Heini lehnte ab. »Besser, jeder von uns für sich auf dem Posten! Auch du wirst gut daran tun, dich zu deinen Leuten zu begeben. Ich hab's so im Gefühl, der Herzog trifft noch heute nacht vor der Stadt ein.« »Meine Leute stehen auf der Wacht. Wir halten die Schanzen vorm Westergraben. Da kommt uns niemand durch. Um acht Uhr versprach ich, bei ihnen zu sein.« Sie schüttelten sich die Hände. »Mög's ein gutes Omen sein, was uns da eben begegnet ist!« meinte Heini. »Zwei ehrliche Kerle werden immer noch des schleichenden Packs Herr. Übrigens, oder ich müßte mich sehr getäuscht haben, Jan Dieter war unter der Bande.« Harald fühlte, wie es ihn kalt überrieselte, wie seine Hand zitterte. »So weit ist es gekommen? Jan Dieter? Einer von den unseren? Und das der Lohn, den sie zahlen? Wofür kämpfe ich denn? Oh, bis zum Halse würgt mich der Ekel!« Müde wandte er sich seinem Hause zu. Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und die Nebel ostwärts gejagt. Etwas wie Wolkenlicht glomm am Himmel. In sich selbst versunken, lehnte Harald am Fenster, seine Blicke suchten in der Nacht nach dem Kreuz des Domturms, das sonst herüberwinkte. Aber kein Schimmer, kein Schatten der goldenen Herrlichkeit machte sich bemerkbar. Alles Glänzen war längst erloschen, nur die Finsternis geblieben. Du wirst die Stadt erretten, dachte Harald. Du bringst ihr, was sie ersehnt, und morgen früh wird ein Lorbeerreis deine Stirn schmücken, eine Krone sie umleuchten. Aber morgen früh ist dein Gesicht bleich, dein Auge gebrochen, rieselt dein Herzblut ins welke Gras, sie krönen den Toten ... wehe dir, wenn du nicht stirbst! Dann kriechen die Mörder aus ihren Schlupfwinkeln hervor, dann darfst du keinen Schritt in dieser Stadt mehr wagen, mußt Gift in jedem Becher fürchten. Stirb, Retter, oder sie meucheln dich! Sie meucheln dich sogar schon, ehe die Rettung vollbracht ist. So hassen sie dich, die du liebtest, um deretwillen du deines Vaters Fluch tragen wirst und deinem Erbe entsagt hast! Ich stehe am Ziel. Der Sieg ist mein. Aber alles, was mich zum Siege gestählt hat, Mitleid und Liebe, Begeisterung und der Glaube an die helle Zukunft – alles ist mir verloren. Nichts als Verachtung ist geblieben und grenzenlose Enttäuschung. Betrogener Narr und Träumer! Ich habe wohl zuviel mit dem Pöbel gesprochen, statt in meiner Einsamkeit zu bleiben. Ich habe mich gemein gemacht, deshalb bewerfen mich die Gemeinen mit Schmutz und lauern mir mordlustig in den Winkeln auf. Seine Augen brannten, wie diese Gedanken ihm, schwälenden Feuerbränden gleich, durch die stolze Seele zogen. Seine Augen brannten und starrten feindselig auf die Stadt zu seinen Füßen, auf die Stadt, um die sich die Schatten jetzt wie ein schwarzes Totentuch wanden. Niemand ist hier, der mich liebt, niemand, der an mich glaubt. Eine Welt feindseliger Mißgunst. Und ich ziehe das Schwert gegen den einzigen auf Erden, der mich liebt und zu mir hält, kämpfe gegen ihn für meine Mörder, für die Nichtswürdigen, die das Gesindel in der Nacht wider mich ausschicken. Wahrlich, so kröne ich glorreich mein tolles Treiben. Und dabei habt ihr beide recht, du, Herzog Heinrich, du, Abt Iso. Ich belüge mich selbst, wenn ich an Kinderträumen festhalte. Aber ich bin kein schwärmender Knabe mehr, der Edengärten für buschklepperische Sklaven schaffen will, ein Gewaltiger des Herrn zu sein treibt es mich ... Er fuhr aus phantastischem Sinnen auf. Denn ein langhallender Trompetenklang durchdröhnte machtvoll die Nachtstille, gleichzeitig rollte wilder Trommelwirbel auf. In den Gassen wurde es lebendig, Stimmengewirr allenthalben – aber gewaltig brauste darüber rasendes Schlachtgeschrei hin, das vom Strand der Ilmenau her tönte. Wie Blitzschlag zuckte es durch Haralds Adern. »Du bist es, Vater, du! Wär' ich bei dir!« Allsogleich flackerten von St. Paul und Peter Leuchtfeuer in die Nacht hinein, die Glocken begannen zu stürmen. »Der Herzog vor Bardowieck!« tobte es durch die Gassen. Nun rief die verhaßte Pflicht – doch Harald wollte ihr gehorchen. Sie sollten kein Recht haben, ihn Verräter zu schelten. Widerwillig schlüpfte er in den Lederkoller, griff nach Schild und Schwert und wandte sich zögernd zur Tür. Da taumelte er fast vor seligem Schreck. Ein halb erstickter Schrei drang aus seinem Herzen auf. Maria Holk stand vor ihm. 18. Kapitel Letzter Weg Herzog Heinrich bewies, daß er noch immer der Löwe war, noch immer die ungeheure Schlagkraft seiner großen Jahre besaß. Kaum war er vor der Stadt angelangt, so ordnete er seine Truppen zum Sturm. Ein überraschender, ungesäumter Nachtangriff schien ihm besonderen Erfolg zu versprechen. Und während er den Hauptstoß auf die stärkste Stelle, das Vorwerk am Westergraben, richtete, bedrängte er gleichzeitig mit Scheinangriffen das umzingelte Bardowieck von Norden und Osten her, die Bürgerschaft dadurch zu angespannter Aufmerksamkeit und Kraftanspannung an jedem Wallabschnitt zwingend. Seine Truppen waren von den Wetterunbilden, Strapazen und angestrengten Märschen der letzten Tage arg mitgenommen, zögerten aber keine Sekunde lang, dem Befehl zu folgen. Und so drängten die Sturmhaufen der Fahne mit dem weißen Sachsenroß wutentbrannt, todverachtend nach. Freilich, wo sie nur zu Täuschungszwecken angesetzt waren und deshalb überwältigende Macht nicht entfalten konnten, gelang es ihnen kaum, den geringsten Vorteil zu erlangen. Heinrich hatte eine Überrumplung für möglich gehalten und versucht, schon weil dadurch seine Verluste verhältnismäßig niedrig geblieben wären, hatte deshalb aber auch auf eine Beschießung der Stadt aus seinen gewaltigen Bliden verzichten müssen. So standen die Reihen der Verteidiger unerschüttert, und wie grimmig immer in der Dunkelheit gerungen wurde, wie entschlossen die verlorenen Haufen die Gräben zu durchwaten, die Wälle zu erklimmen suchten, das Kriegsglück war dem Herzog hier nicht günstig. Seine Leute mußten zurück. Als dann kurze Zeit darauf zahlreiche Brander erschienen und in düsterrotem Glanze die Ilmenau hinuntertrieben, da war auch der Plan gescheitert, mit zusammengebrachten Handkähnen über den Fluß zu setzen. Der Angriff schlief allmählich ein, die Streitenden begnügten sich mit einigen Armbrustschüssen hin und her. Anders verlief die Schlacht am Westergraben. Hier hielten das starke Schanzwerk, das die Stadt doppelt schützte, die Hafenmänner und eine Schar erlesener Handwerkskämpen besetzt. Keinen Schritt zu weichen, lieber den Tod zu erleiden, als das Werk aufzugeben, war der feierliche Entschluß all dieser Wackeren gewesen. Sie hatten dem Gefecht entgegengejauchzt, wären unter Haralds Führung der Hölle und dem Teufel nicht gewichen. Um so unerwarteter, furchtbarer traf es sie, daß er fern blieb. In Angst und Sorge hielten sie Ausschau nach ihm, sehnsüchtig und vertrauensvoll anfangs, dann von steigender Erbitterung gefaßt. Gerüchte sprangen auf, er wäre von Mördern überfallen und getötet worden. Gerüchte, die jedes Herz mit brennender Wut erfüllten und, als die Viertelstunden verrannen, ohne Harald zu bringen, den Heerbann auseinander sprengten. »Wir haben's den Geschlechtern geschworen, wir kämpfen nur unter Harald!« tobte Riele Haden. »Kein Schwertstreich ohne ihn!« Und die gesamte schwarze Schar, mehr als drei Viertel der Hafenmänner zogen ab, um sich über das Schicksal des Führers zu vergewissern. Die zurückblieben, weil die Liebe zur Vaterstadt über ihren Grimm siegte, waren ein zu schwaches Häuflein, entbehrten der straffen, kriegserfahrenen Leitung. Nun aber setzte gerade gegen sie Heinrichs wuchtigster Angriff ein. Mit wachsender Verzweiflung hofften sie auf das rettende Wunder – doch Harald kam nicht. Immer stärkere Kolonnen des Gegners wälzten sich gegen das Werk vor. Schon lag weit über die Hälfte der Verteidiger tot oder schwer verwundet. Und Harald kam nicht! Gegen den hingeworfenen Vorschlag, beim Rat um einen neuen Obristen und Verstärkung zu bitten, wehrten sich der Stolz der Männer. Mit den verhaßten Waffenknechten Schulter an Schulter gegen den Feind anzutreten, das vermochten sie nicht übers Herz zu bringen. Lieber harrten sie führerlos in der Schreckensnacht aus. Und so trat ein, was unausbleiblich war: Nach immer wiederholten, rasenden Anläufen gelang es den kriegsgewohnten Knechten des Herzogs, in die Schanze einzudringen. Ein letztes, rasendes Ringen hob an, Brust an Brust kämpften die zornmütigen Gegner, und schaurig gellte das Triumphgeheul der Sieger, das verzweifelte Kampfgeschrei der zurückgedrängten Verteidiger durch die Finsternis. Zuletzt war trotz aller verzweifelten Tapferkeit das Werk nicht mehr zu halten, denn von allen Seiten her ergossen sich jetzt Schwärme der herzoglichen Truppen über die Tapferen. Und so wich in leidlich guter Ordnung, ehe es auch dafür zu spät war, der Rest der Besatzung über die Grabenbrücke auf den Wall zurück. Ihrem noch ungebrochenen Mute gelang es, die Zugbrücke zu zerstören, bevor der Feind, der der Dunkelheit wegen nur vorsichtig nachdrängte, sie daran hindern konnte. Das erste Treffen war verloren, die wichtigste Stellung in der Hand des Feindes und überaus groß die Verluste. Aber auch der Stürmer hatte schwer gelitten und rastete erschöpft von der Blutarbeit. So ebbte der Kampf vorübergehend ab, konnte der Wall selber noch gehalten werden. Die Männer machten es sich beim Lagerfeuer hinterm Walle so bequem wie möglich; starke Wachen auf der Höhe verhinderte weitere verderbliche Überraschungen. In Wolf Vynkes Haus brannte die ganze Nacht hindurch Licht. Jussunda mit den Mägden war damit beschäftigt, Suppen für die Kämpfer zu kochen, während der greise Kreuzfahrer, der seinem Schwur getreu am Kampfe nicht teilnahm, doch mit letzter Hingebung für die Verwundeten sorgte. Als sie die müden Krieger alle gesättigt und gestärkt hatte, gelang es Jussunda, für einen Augenblick in Heini Hoyers Nähe zu gelangen. »Und Harald? Harald ist immer noch nicht gekommen?« fragte sie zitternd. Er zuckte die Achseln. »Du verhehlst mir, was du weißt,« drang sie von neuem auf ihn ein. »Nichts in der Welt hätte ihn fernhalten können, wenn nicht ein Unglück geschehen wäre. Es ist ein Unglück geschehen, und du darfst es mir nicht verschweigen. Hab' doch Erbarmen mit mir! Ich ertrag' es sonst nicht länger. Die Angst um ihn erwürgt mich. Hast du ihn treu geleitet, wie du mir versprachst? Er ist nicht in Mörderhand gefallen? Und niemand hält ihn gefangen zurück?« »Das sind viele Fragen auf einmal,« konnte sich Heini Hoyer nicht enthalten, fast spöttisch zu bemerken. »Streng gehorcht habe ich deinem Befehl, Herrin. Und nicht zwecklos. Denn heute abend, als er vom Abt heimkehrte, machte sich eine Schächerbande an ihn heran – nun, sei ganz ruhig, Jussunda, wir haben sie mit derben Hieben auseinandergesprengt. An diese Begegnung werden sie noch lange denken, die Dummköpfe.« »Und trotzdem ist er ausgeblieben?« Ihr schwindelte. Sie sank auf den nächsten Stuhl. Heini Hoyer kam zu Entschluß. »Du darfst nicht immer und immer nur an ihn denken, Jussunda,« bat er. »Kein Mann verdient es, daß du dir seinetwegen Kopf und Herz schwach machst. Harald verdient es so wenig wie einer von uns.« »Wieder beginnst du ihn zu verleumden!« »Du willst von mir wissen, ob er irgendwo gefangen sitzt,« stieß Heini hervor. »Nun, vielleicht hält ihn irgend jemand gefangen. Es gibt so viele Gefängnisse und so viele treffliche Wärter. Wärter, denen der Gefangene gar nicht entschlüpfen will.« »Was meinst du?« Das Mädchen bebte am ganzen Leibe. »Ich wäre ein Lump, wenn ich's dir länger verschwiege,« stieß er hervor. »Also gut! Damit du mir endlich glaubst und dich von ihm losreißest. Als ich von ihm schied, da gelüstete es mich noch, deinem Befehl gehorsam, ein wenig weiter über ihn zu wachen. Die Buben hätten ja ihren feigen Überfall wiederholen können. Und wie ich so im Dunklen lauerte, huschte eine Frau an mir vorbei, zu ihm ins Haus. Jussunda, ich habe die Frau erkannt, trotz des dichten Mantels, trotz des Schleiers, den sie trug. Es war Maria Holk.« Jussunda wurde leichenblaß. Doch sie sagte kein Wort. Flüchtig nur streifte ihr Blick des Malers Gesicht. Dann ging sie zu den Mägden zurück, gab einige nötige Anordnungen und sagte dem Vater gute Nacht. Auf ihrem Stübchen aber kleidete sie sich langsam, wie träumend, in das schönste Gewand, das sie besaß, in das Gewand, darin er sie am liebsten gesehen hatte. Um Hals und Arm hing sie ihren bescheidenen Schmuck, und als es stille auf der Treppe war und niemand lauschte, da schlüpfte sie eilig zum Hause hinaus. Die Finsternis der Gasse umfing sie. Es war kälter geworden, und der Wind ging hart, aber das Mädchen spürte nichts davon. Langsam schritt sie die Gasse entlang, unerkannt, unbeachtet. Wer kümmerte sich auch in dieser Nacht des Schreckens um Herumirrende? Gott selber führte ihr den Freund entgegen. Wie mit überirdischer Macht zog es sie zu der Stätte, wo er verworren und verstört sein Schicksal erwartete. Nicht mehr imstande, Herr seines Grimms zu werden, seines Grimmes über die, die Mörder gegen ihn ausschickten und jeden seiner Gedanken beschmutzten, nach all der erlittenen Kränkung innerlich für immer von dieser Stadt getrennt, umweht noch vom Duft und Glanz Marias, heimlich dabei sich doch ausgestoßen fühlend aus der Gemeinschaft der Treuen, so verbrachte er die Nacht des Zusammenbruchs auf der Gasse, sie hatten, mit ihrem Verrat, sein Herz gemordet – aber war er nicht ein schlimmerer Verräter als sie? ... Plötzlich sah er Jussunda auf sich zukommen, sah sie, die vor Furcht und Kälte erschauerte, dem eisigen Wehen der Herbstnacht schutzlos preisgegeben. Da schlug ihm laut sein Gewissen. Entgeistert blickte er das Kind an und wußte vor Schmerz und Scham kein Wort herauszubringen. Und wie sie aufjauchzend ihm entgegenstürzte, sich an ihn schmiegte; wie die Zauber magdlicher Keuschheit sein Herz mit süßem Hauch aufs neue streifte, da ergriff ihn heißes Mitleid mit ihr, Reue ohne Grenzen. Ihm war, als sollte er sich ihr weinend zu Füßen werfen und die Heilige um Verzeihung bitten. Er bat nicht, er zog Jussunda an sein Herz und küßte den kühlen, roten Mund der Armen, die er frech betrogen hatte. Durch ihren schlanken Körper rannen heiße Fieberschauer, schwerer und schwerer ward die schwankende in seinem Arm. Und seltsam – wieder stieg ihm die Erinnerung an die unglückliche Mutter auf, die Heinrich mitleidslos um Frühling und Frühlingsglück betrogen hatte, die dann in trüber Nebelnacht in den Wassern der Ilmenau umgekommen war. Als streife sie ihm dicht vorbei, als winke sie ihrem Sohn, als schaue er ihr Gesicht, so deutlich war ihm die Erscheinung. Nun ja, er, der Bestohlene und Betrogene, hatte Jussunda bestohlen und betrogen, wie ein Schändlicher, Ehrvergessener. Aber was galt es? Noch wußte sie ja nichts, noch traute sie dem Diebe ja. War er nicht trotz allem ein Mann des Glückes, so reich wie keiner mit köstlichsten Kostbarkeiten beschenkt? Diese hier an seiner Brust, die an ihn glaubte, glauben würde bis ans Ende der Tage, verscheuchte allen Spuk der Grüfte. So legte er lächelnd den Arm um sie. »Komm, daß ich dich nach Hause bringe! Komm, süßes Lieb, du darfst nicht länger in der Gassennacht verweilen.« Doch wie er das sagte, richtete sie sich auf, und all ihr Zittern war verflogen. »Nicht eher gehe ich heim, bis du mir gesagt hast, ob Heini Hoyer lügt, ob du in dieser Nacht nicht nur die Stadt, sondern auch mich verraten hast. Ob Maria Holk bei dir gewesen ist!« Wie vom Blitzstrahl getroffen, starrte er sie an. Kein Wort kam über seine Lippen. »Sprich doch, Harald, sag', was du willst, nur brich dies Schweigen! Ich werde ja vergessen, gewiß. Nur die volle Wahrheit mußt du mir sagen. Die heilige Jungfrau wird mir darüber hinweghelfen. Ich bin ja deiner nicht würdig, Harald. Mein Herz ist so arm, und ich kann dir auf deinen Flügen nicht folgen, dir, dem Reichen, Gewaltigen. Aber erbarm dich mein, erbarm dich mein!« Vom Wall her flammte blutrotes Feuer auf. Sein Licht zog ein Diadem um die reine Stirn. Und Harald wagte es nicht mehr, sie mit trügerischem Wort zu beruhigen. Weltenfern lag es ihm aber auch, ihre Verzeihung zu erflehen. Wieder stürmten Grimm und Zorn, gekränkter Stolz und Überdruß durch seine wilde Seele. »wenn der Schwätzer es dir denn verraten hat – nun ja, es ist wahr. Ich habe mit dieser Stadt, die meine Seele und meinen Stolz mit Füßen trat, ich habe mit den Meineidigen nichts mehr zu schaffen, so vergiß auch du mich. Ich habe mir ein anderes Glück erlesen, ein verbrecherischeres, farbigeres, heißeres Glück. Vergiß mich, Jussunda, wie ich heute nacht dich vergessen habe. Ich bin deiner nicht wert. Ich sehe in frommer Liebe kein Glück mehr, ich sehe nur Ketten, wir taugen nicht zueinander. Laß mich gehen, damit ich dich nicht ins Verderben mitreiße!« Wild die Hände aufs Herz gedrückt, die Augen starr vor Schreck und Grauen, sah Jussunda dem sich rasch Entfernenden nach. Dann glühte in ihren Augen ein Schein wie von toller Liebe und wildem Hassen, und dann schrie sie auf, wie einer aufschreit, den des Wahnsinns Krallen gepackt haben. So eisig, eisig kalt war die Nacht. Jussunda weinte vor Kälte. Und doch jagte immer wieder Fieberhitze durch ihre Adern. Versunken in Schlamm und Finsternis alles, was ihr Glück gewesen was ihr Unglück war! Jetzt blieb ihr nichts mehr als der Frieden, der hinter allem Irdischen lag, nichts als ein dumpfes Sehnen nach Friedhofsruhe, wie unter schwerer Last, im wachen Traum, wandelte sie einsamen Weg weiter. Der Vater mochte wohl nun nach ihr suchen, auch Heini Hoyer mochte durch Haus und Garten eilen – nur sekundenlang und schattenhaft gedachte Jussunda ihrer. Eine Hoffnung allein blieb, tauchte in ihrer ans Marterholz geschlagenen Seele immer wieder auf: wenn er zurückkäme, tröstend wieder seine Arme um sie legte und ihr allen Zweifel mild verziehe. Wenn er zurückkäme, sei es auch nur für eine Stunde, damit zum letztenmal die wilde Wonne wieder über sie dahinraste, die süß und göttlich gewesen war wie Christi Gnadenwort. Nur noch für eine Stunde, dann ginge sie gern in das fremde Land. Ihr Blick suchte die finsteren, winkligen Gassen zu durchschweifen; wenn ein Mensch schattengleich um die Ecke hastete, flutete freudige Glut in ihr auf, denn sie hoffte, den Freund vor sich zu sehen. Zuletzt schimmerte ihr ein dürftiges Licht entgegen. Jussunda stand vor Kaspars Schenke. Einer plötzlichen Eingebung folgend, klopfte sie an die Tür. Alsbald schlürfte hustend Frau Trud herbei, die so wenig wie andere in dieser Nacht Schlaf gefunden hatte. »Heiliger Dionys! Jungfräulein! Was treibt dich zu mir? Ach, der Teufel hat heute Macht in Bardowieck. wären sie doch meinem Rat gefolgt! Ich hab's vorausgesehen, ich habe es prophezeit, rot wie Blut war der Mond in jeder Nacht, und drei Flecken zeigten sich. Nun, den Kaspar hab' ich oben im Dach eingesperrt, dem kann nichts begegnen. Immerhin, wenn die schöne, liebe Stadt verlorenginge, Jussunda, was sollte aus mir und meinem Manne werden? Die meisten Bürger stehen in Zechschuld bei mir; wenn Heinrich Bardowieck erstürmt, zahlt doch keiner von ihnen.« »Ich bitte dich...« begann Jussunda zaghaft. »Ach,« unterbrach sie Trud, »bitte, um was du willst, es sei dir von vornherein gewährt. Dein Vater, der tapfere Held, ist gewiß im Kampfe gefallen... da suchst du Schutz vor Ungemach und Verfolgern bei mir. Nun, das ist recht. Frau Trud wird dich für ein Billiges wie eine Löwenmutter bewachen.« »Das ist es nicht,« entgegnete Jussunda leise. »Ich komme, daß mir deine Zauberweisheit, die vielgerühmte helfe, deine Wissenschaft geheimer Dinge.« »Bei St. Sebastian,« raunte Trud tief erschreckt und preßte die fleckige Hand auf Jussundas Mund. »Du bringst mich auf den Scheiterhaufen. Wer hat dir denn solche Bosheit berichtet? Von Hexenkunst verstehe ich weniger als meine Sau im Stall von Bibelsprüchen. Das heißt...« Sie sah sich wieder ängstlich um und zog Jussunda ins Haus. »Wenn ich dir damit helfen könnte, allerliebstes Kind, aus Freundschaft zu dir täte ich's am Ende. Denn du wirst mich ja nicht verraten und verklagen. Sage doch, was du mitgebracht hast!« Jussunda zog einen prächtigen Almandinring vom Finger, den sie der Alten schüchtern hinreichte. Trud wog den Ring mit sorgenvoller Miene, ihre Zunge prüfte kennerhaft die Kälte des Steins, daneben aber blickte sie schon begierig auf die schöne Münzenkette, die sich um Jussundas weißen Hals schmiegte. »Es ist ungeheuerlich, was« ich deinetwegen wage, liebes Mädchen,« beteuerte sie. »Du weißt, wie Abt Iso die klugen Frauen verfolgt, denen der Oberste aller guten Geister Zauberkunst und hohe Wissenschaft verliehen hat. Trotzdem... um deinetwillen... wenn du mir die Kette noch dazu gibst! Du bist nicht geizig, Liebchen, und Wolf Vynke kauft dir gern eine andere. Bedenke, die Gefahr ist zu groß.« »Morgen sollst du sie haben,« flüsterte Jussunda errötend, »nur heute nicht. Nein, bitte, laß sie mir noch bis morgen.« Dabei blickte sie Frau Trud aus leicht umblauten, tränenfeuchten Augen so rührend an, daß sich die Alte brummend fügte. »Hast sie wohl von deinem Liebsten, dem wilden Prinzen? Nun gut, behalt sie und schick mir eine andere. Du hast ja ganze Truhen voll. Und nun komm!« während sie das Tor sorgsam Versperrte, stieg sie hastig in die Tiefe des Kellers hernieder und schloß dann hinter Jussunda die Falltür. Das Paar tappte sich durch einen schmalen, feuchten Gang, von dessen wänden Wasser eintönigen Klanges niedertropfte. Der gespenstische Weg endete schließlich in einer, niedriger Grabkammer gleichen, Wölbung. Frau Trud faßte die zitternde Jussunda fest an der Hand und führte sie durch die dicke Finsternis vor eine verhängte Nische – und im selben Augenblick flammten wie durch Zauberkraft an der Kuppel bunte Lämpchen auf, wie Höllensterne flimmernd, wie Edelgestein im Bauch der Erde. Das erschrockene Mädchen faltete bebend ihre Hände zum Gebet, aber Frau Trud riß sie hastig auseinander: »Törin, du! Störe mir die große Stunde nicht! Sprich kein Wort, du werdest denn gefragt! Die erhabenen Geister der Vorzeit nahen. Wehe uns beiden, wenn dein Gebet sie verscheucht!« Mit steigendem Grauen betrachtete Jussunda die finsteren Symbole ringsum. Da glimmerte es grünlich aus den Augenhöhlen eines Uhus, da hing von der Decke lebloses Gewürm herab, das Zauberkunst vor der Verwesung bewahrt hatte, tanzte farbiges Dämmerlicht über spukhaft schimmernde Gebeine, so daß es schien, als bewegten sie sich. Auf altarähnlicher Erhöhung gloste ein weißer Pferdeschädel. Mitunter lüftete sich von ungefähr der Vorhang, der die Nische verhüllte, und dann blitzte sekundenlang ein menschliches Skelett hervor. Plötzlich rauschte die große Eule mit schwerem Flügelschlage durch die Dämmerung, schwirrte auf Jussunda los – schon fühlte die Entsetzte den eisigen Luftdruck an ihrer Stirn, wie sie laut aufschreien wollte, preßte Frau Trud die knochige Hand auf ihren Mund. Da dampfte Qualm auf, betäubend widrigsüßer Qualm, und rotgoldene Flammen flackerten. Mit wilder Stimme kreischend warf sich, vor Inbrunst schäumend, die Alte auf die Knie: »Blitzstarker Tor, den sie in die Unterwelt gejagt haben, starker Gott unserer Väter, Donnerer, Herr der Nächte durch Zeit und Ewigkeiten, Unüberwundener, immer bereit zur Wiederkehr – erscheine! Deine Gläubigen wenden sich von der Betrügerin und Mörderin Sonne; aller Schwachen Schutz und Heiland ist der Mond, deine Spiegelung! Legen dir und Fluch dem Jungfrauensohne! Erscheine, Tor, erscheine!« Von Grauen geschüttelt, starrte Jussunda dem rätselvollen Weibe ins Gesicht. »Die Zeit ist da,« zischte Trud, »du darfst ins Innere der Dinge schauen. Frage!« Fest hielt ihr nerviger Arm das zusammenbrechende Mädchen. »Ich wage es nicht,« zitterte Jussunda. »Was mich getroffen hat, ist so furchtbar... ich wage nicht zu fragen. Wenn die Antwort... laß uns gehen, Trud, laß uns gehen!« »Einfältige Dirne!« stieß die Hexe hervor. »Frage, ich rate dir wohl, solange es noch Zeit ist! Die Götter der Urwelt lassen sich nicht narren; wer sie aus tiefem Schlaf geweckt hat, muß ihnen Rede und Antwort stehen, sei nicht feige! Ich schütze dich, ich. Meine Macht reicht weit, und die Dämonen gehorchen mir. Frage doch, Mädchen!« Jussunda rang, von übermächtigem Schreck bezwungen, noch immer nach Atem. Endlich zuckten ihre feinen Lippen leise, und mehr gedacht als gesprochen bebte aus ihrer müden, furchtgequälten Seele die Frage: »Liebt er mich noch? Gehört mir sein Herz noch? Bleibt es mein? Werde ich ihn wiedersehen, ehe ich sterbe – und – muß ich sterben?« Sehnsuchtsvoll starrte sie, der Antwort harrend, in die bunten Dämpfe. Trud hatte ihre Flüsterreden nur undeutlich gehört. »Frage doch, frage doch!« ermunterte sie sie. »Noch ist es Zeit.« Und plötzlich ging ein Klingen und Rauschen durch den Raum wie ferner Sturmwind, noch einmal sausten die Flammen hoch auf, und dann war wieder grabentiefe Stille, feierliches Dunkel im Gewölbe. Doch da...da ... der Vorhang der Nische wallte, wie von unsichtbarer Hand gefaßt, ein wenig zur Seite, nur ein wenig, nur auf Augenblicke, und das Skelett dahinter glimmerte hell auf, hob die Hand und winkte. Mit weißen Lippen brach Jussunda zusammen... Dann stand sie wieder, von wahnsinnigem Kopfschmerz gepeinigt, wahnsinnigeren Schmerz in der Seele, draußen auf der Gasse, wo die kalte Luft des grauenden Morgens ihre heißen Schläfen umstrich. Traumverloren ging sie ihren Weg. Wohin er führte, wußte sie nicht, es galt ihr auch gleich; bewußtlos folgte sie seinen Krümmungen. Wenn in ihr noch ein Wunsch lebte, dann war es der, jetzt von keinem Menschen mehr gesehen zu werden, keinem zu begegnen, der ihr wohlgesinnt war. Alle hätten ja das Todesurteil auf ihrem Antlitz, in ihren Augen lesen müssen. Angstvoll schlich sie längs der Gartenzäune hin, sich rasch abwendend, wenn jemand ihr entgegenkam. Mancher fragte sich wohl, wer das fremde adlige Mädchen im Festgewande sein möge, das dort zum Tanze wandelte. Zum Tanze? Heute zum Tanze? Dann aber eilte er weiter. In Bardowieck sorgte zu dieser Stunde jeder um sein eigenes Leben und ließ die anderen treiben, was sie wollten. Allmählich wurden die Häuser immer ärmlicher und kleiner, die schmalen Zeilen immer sumpfiger, statt der Gebäude aus Holz und Fachwerk lehnten nur noch erbärmliche, strohbedeckte Hütten aus Lehm und Weidenruten gebrechlich und verwahrlost aneinander. Bei jedem Schritt spritzte dicker Regenschmutz auf und besudelte Jussunda das Gewand. Doch es galt ihr nichts mehr. Es war der letzte Gruß der Erde. In dem Lande, dahin sie wanderte, brauchte sie kein hochzeitliches, reinliches Kleid mehr. Jeden Erdenflecken würde die Ilmenau heut sorglich fortspülen. Wie Jussunda das dachte, ging ein Zittern durch ihren schlanken Leib, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Nein,« sagte sie laut, »ich will nicht weinen. Nun wird ja alle Kümmernis und Qual von mir genommen, warum sollt ich weinen? Wenn ich weine, möchte Gott im Himmel meine Tränen an ihm, der mich geliebt hat, rächen wollen. Und ich gönne ihm doch alles, alles Glück. Großer Gott, heilige Jungfrau, schützt mir den Geliebten!« Aber der Abschiedsschmerz war stärker als sie. Ein Tränenstrom brach unaufhaltsam aus ihren Augen, sie vermochte nicht mehr dagegen anzukämpfen, legte das Haupt an den Stamm einer alten Buche und ließ die fürchterliche Spannung der Seele sich in wildem Weinen friedlich lösen. Die Stunde, die sie gerufen hatte, war gekommen, mit ihr wieder die Ruhe und die Fassung, die Kraft zum letzten Gange, plätscherndes Summen und Singen klang in Jussundas Ohr. Es war die Ilmenau. – Grauer Dunst zog vor ihr her. Es waren die Nebel, die still aus den Wassern stiegen. Noch einmal sank das Mädchen andächtig in die Knie und betete. Blickte noch einmal scheu nach der Stadt zurück, als hoffte sie immer noch... ach nein, sie hoffte und wünschte nicht mehr. Und während ein rührendes Entsagen sehnsuchtssüß und traurig auf ihrem schönen weißen Gesicht lag, blickten die Augen träumend himmelwärts, als sähen sie Jussundas Seele schon auf goldenen Schwingen zu Gott schweben. Still löste sie die Kette vom Halse, die Harald ihr geschenkt hatte, und versteckte sie an ihrer jungen Brust, damit kein Räuber der Toten den teuren Schatz entreißen könnte. – – – 19. Kapitel Gesühnt Bis der Morgen herangegraut war, hatte Herzog Heinrich den Angriff ruhen lassen. Seine auf den Tod erschöpften Kriegsmannen bedurften der Stärkung und Ruhe; auch schien es den Hauptleuten geraten, Wälle und Mauer erst durch nachdrückliche Beschießung aus den Bliden sturmreif zu machen. Bardowieck hatte sich, das war deutlich zu erkennen, auf hartnäckige Verteidigung eingerichtet, und wenn dem Löwen nicht die Eroberung des Schanzwerkes am Westergraben gelungen wäre, hätte er wenig Hoffnung hegen dürfen, die Stadt rasch zu überrennen. Auch jetzt noch verzagten Rat und Bürgerschaft mit nichten. Zumal in der schwarzen Schar Haralds, die einen festen Kamp bei St. Nicolai besetzt hielt, war die Kampflust ungebrochen. Zu ihren Füßen zog der Strom dahin, weiter drüben dehnten sich sumpfige Wiesen, die die Stadt an dieser Stelle schier unbezwinglich machten. So bedurfte es nur geringer Wachsamkeit, um den Feind abzuwehren. Ein helles Lagerfeuer flammte im Kamp, doch wurde die wachsende Kälte des Morgens nicht nur durch das Feuer, sondern auch durch ein Fäßlein Doppelbier bekämpft, das aus Saladins Vorräten stammte, während Zachäus die fahrenden Fräulein Josa und Brigitt aus dem Torhaus herbeigeholt hatte, wo sie nach Stadtgesetz die Nacht verbringen mußten. Fast schien es, daß jauchzende Lebenslust, ehe sie für immer von Bardowieck schied, wenigstens an dieser Stätte noch einmal toll aufflackern wollte. So übermütig lachten und tollten die Wilden im Kamp, als hätten sie alles Leid, Haralds unerklärliches Ausbleiben, die Schmach der Niederlage vergessen, als schmerzten keinen von ihnen die empfangenen Wunden. Schwarz-Märten hatte sich offenbar zu gründlich mit dem braunen Saft vertraut gemacht, er lag in seinen Mantel gehüllt und schnarchte, die übrigen aber lauschten den schrillen Klängen der Geige und den frech-verwegenen Possen Heinis. Daß sie sich aber hier doch nicht ganz so heimisch und vertraut fühlen konnten, wie in Kaspars Schenke, dafür sorgte der Feind, der nun unaufhörlich aus seinen Wurfgeschossen schwere Steine herüberschleuderte. Ein gewaltiger Trümmer prallte gerade auf das Bierfaß auf und riß es herum. »Seltsam zu denken, daß wir hier in unserem Grabe liegen und daß dieser Sand morgen alle unsere Leiber decken wird,« sagte Heini plötzlich. »Gar zu gern hätte ich auf meiner Gruft Blauveilchen und Flieder gehabt, hier aber wächst nicht einmal schnödes Gras.« Er riß Zachäus die Geige fort und schleuderte sie in weitem Bogen zur Ilmenau hinunter. »Laßt uns beten, fallt auf die Knie, ihr Mädel! Es ist alles vorbei.« Wie er ihnen das höhnend zurief, hielten Josa und Brigitt wie versteinert im Tanz inne, die Krüge sanken herab, und es wurde sehr still. Einer sah dem andern ins Auge und schauderte. Der magere Höpker aber hob seine rechte Hand zum Himmel – die Linke hing ihm zerschmettert und schlaff in blutigem Tuch herunter, und wie auf Kommando scharten sich alle, bis auf Jan Dieter, um den wackeren Getreuen. »Gütiger Gott!« rief er ins Wolkengrau empor, »zieh deine Vaterhand auch jetzt nicht von uns hinweg, laß uns in deinen Worten sterben! Vergib uns, was wir gefehlt haben, besonders ihm gegenüber, dem Führer und Herrn, Harald, unseren Prinzen, den wir alle wie einen Bruder liebten und der uns verloren ist seit dieser Nacht. Mein Herr und Gott –« Er verstummte, weil ihm Schluchzen in die Kehle kam, dessen er sich schämte. Schweigen lag auf der Gemeinde, die Weiber weinten still vor sich hin. »Dem Verräter heult ihr nach?« schrie Jan Dieter aus seiner Ecke im Kamp auf die anderen zuspringend. »Für ihn betet ihr noch? Wenn du lebst, Gott da droben, wie darfst du verzeihen, was er uns angetan hat? Darfst leiden, daß er sein verfluchtes Haupt noch länger trotzig und selbstbewußt auf den Schultern trägt, daß sein schwarzes Herz auf neue Judaspläne sinnt, die Freiheit zu verraten? Gott im Himmel, bist du der gerechte Richter, der die Frevler haßt und den Trotz der Frechen zertrümmert, bist du der Gott, so schmettere ihn mit deinem Blitz zu Boden! Töt' ihn, töt' ihn!« Mit schauerlicher Inbrunst, totenblaß, die dürre Faust geballt, heulte er es in die Winde. »Schonst du ihn aber, Himmelsherr, und willst seine Verbrechen ungesühnt lassen, weil er ja ein Fürstenkind ist, ein Fürst wie du, so wisse –« Das lästerliche Wort zitterte noch auf Jans Lippen, als ein Steinhagel herüberprasselte, scharf in den Kamp hinein, und Jan, laut aufschreiend, über und über von Blut beströmt, zu Boden stürzte. Vor Entsetzen bleich, wichen alle vor dem Frevler zurück, den Gott so sichtbarlich geschlagen hatte, und drängten sich angstzitternd fern, im äußersten Winkel der Schanze, zusammen. Nur Heini Hoyer blieb bei ihm. Er hob den Verwundeten in die Höhe, bettete ihn vorsichtig, wischte ihm mit dem Rockschoß das Blut vom Gesicht. »Zinnober, Hundesohn!« rief er laut. »Hier, nimm diesen Krug, lauf' zur Ilmenau, hole Wasser! Hörst du? Aber wo steckt die Bestie? Strafe mich der heilige Lukas, auch dieser feige Kerl ist davongelaufen.« »Heini,« stammelte Jan, »sorge dich nicht mehr um mich. Ich will so verlassen sterben, wie ich gelebt habe. Aber wenn du mir eine letzte Liebe tun willst, Heini, dann schwöre, daß du mich rächen wirst, damit ich ruhig sterben kann.« Fast zärtlich blickte ihm der Maler in das zerschmetterte Gesicht. »Räche nicht meinen Tod, Heini, wenig ist an mir gelegen, aber wenn du Jussunda liebst wie ich, so –« Die Stimme brach ihm. Heini jedoch verstand den Sterbenden, drückte ihm noch einmal die Hand und hob dann die Finger zum Schwure. Um Jan Dieters Mund huschte ein schwaches Lächeln. Mühsam brachte er die Linke zur Brust empor, wies auf das Hämmerlein am Bande, das dort versteckt hing, dann auf Heini. Als der ihn auch jetzt verstand und das Heiligtum, des gewaltigen Tor Wahrzeichen, an sich nahm, brach aus Jans blutbefleckten Augen ein letzter Glanz, liebevoll und mild. Die Lippen zuckten, als wollten sie noch etwas sagen, aber ihr Flüstern erstarb. »Es ist zwar jämmerlich kalt geworden,« brummte Heini Hoyer vor sich hin, »und ob ich, wie die Dinge liegen, noch ein neues Winterkleid erwischen werde, das dünkt mich mehr als fraglich. Immerhin, frierend soll der arme Teufel nicht zur Hölle niederfahren.« Damit riß er seinen grauen Mantel mit kräftigem Ruck in zwei Teile und hüllte den Wunden verdrießlich knurrend in die größere Hälfte. »Übrigens, Zinnober, jetzt wird's wirklich Zeit, hol' Wasser! Wir müssen ihn waschen.« Er pfiff und lockte, aber von Zinnober war nichts zu sehen. Als im Kamp noch wilde Lust zügellos lärmte, hatte sich der Hund fortgestohlen und war zur Ilmenau hinabgetrottet. Naturschwärmerei zählte nicht zu seinen Schwächen, die Einsamkeit am Wasser hatte ihm immer höchstens nachts gefallen, wenn es Ratten zu jagen galt. Aber heute war der Ekel vorm Bier zu stark in ihm aufgestiegen. Sein Gewissen hatte ihn gedrängt, endlich einmal der Völlerei zu entsagen und einsiedlerhaft mit sich allein zu sein. Gedankenvoll starrte er ins grünlich graue Wasser und sann darüber nach, ob ein kaltes Bad ihn vielleicht von seiner Gicht heilen könnte. Indessen begnügte er sich schließlich damit, die Schnauze in den Sand zu bohren und hinkte dann am Uferrande weiter, immer scharf nach Spatzen äugend. Wie er so eine Weile getrabt war, dann und wann ein melancholisches Hundelied kläffend, schnüffelte er plötzlich, blieb überrascht stehen, witterte genauer und brach dann in ein wieherndes Heulen aus. Mit solchem Jubelton pflegte er immer Jussunda zu begrüßen, wenn er ihr begegnete und den Wunsch hatte, sich von ihren weichen, schlanken Fingern das verrottete Fell krauen zu lassen, seine Nase hatte sie gefunden. Und jetzt sah er sie auch, so schwer ihm der sein Gesicht umwuchernde, wilde Bart das sehen machte. Aber seltsam – Jussunda gab heute keine Antwort, wie dröhnend er immer bellte, um sich bei ihr anzukündigen, sonst pflegte sie alsbald hell zu lachen und ihn heranzulocken; heute aber lag sie stumm und bleich, todestraurig im Flusse. Zinnober krächzte, knauzte, bettelte um ein einziges Wort, doch sie schwieg hartnäckig und kümmerte sich nicht um ihn. Murmelnd hüpften die Wellen um sie her und schaukelten den jungen Körper. Vollkommen ratlos stand der Hund Zinnober am Ufer. Er war längst nicht mehr stark genug, die Herrin aus der Ilmenau herauszuziehen, in der sie – Weiber sind ja immer etwas leichtsinnig! – beim Baden wohl entschlafen sein mochte, wie er nun über die Möglichkeit, sie trotz alledem herauszuholen, nachgrübelte, hörte er mit zornigem Verdruß zwei Krähen aus der Luft rufen, so wild er zeterte und schalt, die Verwegenen ließen sich nicht schrecken, ja er erkannte, daß sie herabsteigen und die Herrin belästigen wollten. Da litt es ihn nicht länger, und sich schüttelnd, stieg er mutig in die eisige Flut. Es war eine Marter ohnegleichen; tausend feine Nadelstiche durchbohrten ihm das Fell, die gichtgequälten Beine krümmten sich vor Frost – aber Zinnober ließ nicht nach. Und auf der Wasserwurzel des alten Lindenbaumes klomm er, frostdurchschauert, wie ein Seehund triefend, zu der Herrin hin. Treuherzig legte er die Pfoten auf ihr nasses Haupt. Sie aber sprach noch immer kein Wort, lachte noch immer nicht. Die großen Augen waren geschlossen, der Mund blaß, und als er ihr die Wangen leckte, fühlte er, daß sie eisig kalt waren. Da schrie Zinnober grauenvoll auf. Was war geschehen, welch Entsetzliches hatte sich hier zugetragen? Sein rasendes Gebrüll erschütterte die Luft weithin, dröhnte zum anderen Ufer hinüber, wo auf schmalem, nur einem Mann Raum gönnenden Steige just ein Trupp von Heinrichs Knechten vorbeizog. Die Raben flogen entsetzt auf, als sie dies Wolfsgeheul vernahmen, doch Zinnober, der sich jetzt an Jussundas Kleid geklammert hatte, tobte weiter. Wohl ward sein Schreien immer heiserer, die Kälte des Wassers drang ihm immer qualvoller in die Glieder – aber treu hielt er aus und schrie, bis Hilfe herbeikam. * Nach dem ersten Schrecken und unterm Einfluß Heinis, der die Fliehenden mit harten Worten schalt, war die Mehrzahl von ihnen, auch Josa und Brigitt, zu dem verwundeten Freund zurückgekehrt. Brigitta legte Jans blutiges Haupt liebreich in ihren Schoß und weinte, während Josa nach Wasser lief. Inzwischen suchte der Maler voller Unruhe den rätselhaft verschollenen Hund, rief unendlich viele Kosenamen in die Lüfte, pfiff und lockte, drohte über die Maßen fürchterlich: aber Zinnober ließ sich nicht mehr sehen. Da bekam Heini es mit der Sorge zu tun und stieg zur Ilmenau hinab. Bald genug fand er im feuchten Sande Zinnobers Spur, und als er ihr aufmerksam folgte, durch Weidengestrüpp und Morast hindurch, hörte er endlich aus weiter Ferne wahnwitziges Koboldrufen, krächzenden Lärm, den zu erzeugen in Bardowieck nur Zinnober imstande war. Nun begann Heini atemlos hinter der Stimme herzulaufen, bis er schließlich endlich schweißtriefend und erschöpft zu dem alten Lindenbaum gelangte, auf dessen Wasserwurzel Zinnober saß, immer noch mit den stumpfen Zähnen Jussundas Kleid festhaltend. Der Hund grüßte mit letzter Kraft seinen Herrn und plumpste dann ohnmächtig ins Wasser. Heini Hoyer aber stand am Ufer, die Augen noch tiefer in den Höhlen als sonst, sinnberaubt, fassungslos, so, als hätte ein Heidegespenst ihn bei hellem, lichten Tage am Hals gepackt und würgte ihn. Er fühlte, wie seine Knie wankten, er meinte, zu Boden schlagen zu müssen, lachte irrsinnig gellend auf, ein Wutschrei und ein Gebet zugleich brachen von seinen Lippen – und dann war er schon mit mächtigem Satze ins Wasser gesprungen. Gleich danach tauchte er aus der Flut wieder auf und watete hindurch. Denn hier war das Flußbett seicht, hier lief die Furt. Mit einem Griff packte er Zinnober und schleuderte den Bewußtlosen ans Land hinauf, dann faßte er sein bleiches Lieb leise und zärtlich und trug sie aus den tückischen stillen Wassern hinaus. Die Feuchte rieselte von ihren Haaren, aus ihren Kleidern auf ihn herab, und so blaß war Jussunda, wie er die weiße Blume noch nie gesehen hatte. Behutsam legte er am Ufer, selbst wie ein Wassergeist triefend, den teuren Fund nieder, löste behutsam die Gewande, versuchte Schultern und Brust mit dem dürftigen Rest feines Mantels zu trocknen, wärmte ihre starren, kalten Glieder, hauchte dem weichen, kühlen Munde von seinem Atem ein, ließ nicht ab, rastete keinen Augenblick. Und in all seiner angstgepeitschten Liebe blieb er ruhig, schier übermenschlich ruhig. Alles, was er auf seinen Wanderungen Ärzten und Badern abgesehen hatte, übte er nun an der bleichen Freundin. Und immer wieder schlug ihm das Herz vor Entzücken, überrieselte es ihn mit Wonneschauern, wenn er eine leise Wärme des jungen Körpers zu spüren, Jussundas feine Nüstern beben zu sehen glaubte. Und dabei war doch alles Betrug. Grausiger, unbarmherziger Betrug. Sie regte sich nicht, ihr Mund blieb stumm, stumm auch ihr Herz, ihr armes, totes Herz. Heini ließ sich freilich immer wieder von seliger Täuschung narren. Ohne zu ermatten, mühte er sich weiter, mühte sich und hoffte weiter. Eine Stunde verrann – er hoffte noch. Jussunda lag totenstarr in seinen Armen. Als er zuletzt erkannte, daß keine Hoffnung, keine Rettung mehr war, stürzte er neben ihr zur Erde und vergrub sein Gesicht in ihrem feuchten Kleide. Er kannte längst keine Tränen mehr, hatte es längst vergessen und verlernt, zu weinen, er, der Lumpenfürst, das trotzige Genie. Und nun erwartete er schweigend das Letzte, selbst daß Zinnober sich zu ihm herangeschleppt hatte und ihm unaufhörlich die Hand leckte, bemerkte er nicht. Die Stunden zogen vorbei, fast wurde es Mittag. Ein Strahl aus der Höhe küßte Jussundas schwarzes Haar und die roten Bänder darin. Da erwachte Heini Hoyer wie aus tiefem Schlafe. Sein Gesicht war versteinert, unbeweglich, aber die Augen, die soviel Köstliches in der Welt gesehen und aufgefangen hatten, flimmerten wie Tigeraugen. »Ich habe dich in den Tod gejagt«, sagte er leise. »Hätt' ich geschwiegen, dann lebtest du noch ... ja ... ich habe dich in den Tod gejagt. Ahnungslos, ihm weiter vertrauend, wärst du weiter bei uns geblieben. Aber Narrheit, Narrheit ... Du mußtest ja sterben. Du hast den Tod gesucht. Klag' nicht mich an, klag' den Schurken an, den teuflischen Würger, den ... Gewaltiger Herrgott da droben, du weißt genau, all mein Leben lang habe ich dich wenig belästigt und dir nie mit einem wimmernden Gebet die gute Weihrauchlaune verdorben. Wenn du aber heute gerade gnädig bist, Herrgott, dann tue mir die Liebe und schlag ihn tot! Spitzbubenwort darauf, zum zweitenmal wird dich Heini Hoyer um keine Gunst bitten.« Er hob Jussunda vom Gras empor, trocknete ihr noch einmal das Gesicht, legte die Tote zärtlich auf seine Schultern und wollte gehen. Aber horch ... Durch das Rascheln im welken Laub, durch das Summen im Ilmenauschilf hallte dumpf und schwer, sterbensmüde ein Schritt, wie der Schritt eines, der über hohle Gräber wandelt. Harald trat aus dem Dickicht heraus. Seit Mitternacht war er umhergeirrt, ruhelos, verstört, taumelnd wie ein Trunkener. Hatte er doch die letzten Worte Jussundas, ihre letzte Bitte nicht vergessen können. Und nun die Glutbrände der Nacht verloschen waren, die Welt ihn wüst und finster anstarrte, nun alle rettenden, befreienden Gedanken versunken waren, nun suchte er nichts mehr als den Untergang. Aus dem Becher, den er mit heißer Gier geleert hatte, dunstete ihm jetzt widriges Gift entgegen, und Gift raste ihm im Blute. Zum Ende kommen, aus dem Zusammenbruch seines Stolzes nichts zu retten, auch sich selber nicht, war sein Begehr. So, keck erhobenen Antlitzes, bereit, sich vom ersten besten Hergelaufenen töten zu lassen, durchstreifte er die Gassen, umwandelte die Höfe, suchte Feinde, suchte das Verderben und fand es nicht. Der Tod mied verächtlich die Spur Judas Ischariots, der nicht um dreißig Silberlinge, der um eines Weibes Kuß sich selbst und Gott verraten hatte. So strich er verwüstet und doch in ungebändigtem Trotz am Strande der Ilmenau dahin. Unerwartet fiel ihn da ein Schrei rasender mordgieriger Wut an, und er zuckte zusammen. Heini Hoyer hatte, als er Harald kommen sah, die Tote behutsam niedergleiten lassen und sprang nun wie eine Tigerkatze dem Feind entgegen. »Da,« heulte er auf, »Teufel, verruchter, sieh dein Werk! Du hast sie in den Fluß gehetzt, du! So viele Liebe, so viel Frühlingsglanz! Wie willst du all die schurkische Niedertracht, den Mord am Jüngsten Tage verantworten!« Aber ohne ihn zu beachten, war Harald vor der Toten ins Gras gesunken, hatte ihre Hände gefaßt, ihren blassen Mund geküßt. »Für mich gestorben,« stammelte er, »für mich ... Du ... wie meine Mutter ...« »Rühre sie nicht an!« kreischte Heini und stieß ihn mit solcher Macht von der Toten fort, daß Harald taumelte. »Laß dein Opfer in Frieden ruhn, du Mörder! Schände sie nicht mit deinen Küssen! Und wenn du nicht nur Mädchen zu töten weißt, wenn du auch mit Männern fertig wirst, komm an!« Sein Degen blitzte, aber es war ein kurzer Kampf. Zwei Hiebe Haralds, und vor der Kunst des Vielgewandten schlug Heinis Klinge zu Boden. »Wacker,« knirschte der Entwaffnete, »du bist gefestet. Wie andere Dirnen, so hält auch Dirne Glück zu dir. Nun, dann rate ich dir gut, großer Sieger, schlag mich nieder! Für uns beide ist hinfort auf Erden kein Raum mehr. Du oder ich! Schone mich nicht, denn ich werde dein nicht schonen.« »Geh in Frieden deiner Wege,« lächelte Harald grimmig. »Du bist mir ein Freund, beinahe ein Bruder gewesen, bist der einzige, der mich nicht belogen, getäuscht, zum Narren gehalten hat, hast Brot und Wein mit mir immer beinahe so gern geteilt wie mit dem Köter da. Alles in allem bist du der einzige gewesen, der nicht zu schamloses Spiel mit mir getrieben hat. Auch verdanke ich dir mein Leben ... Schade, daß du gestern nacht dazugekommen bist. 's wär besser gewesen für mich. So oder so, wir sind quitt. Und damit lebe wohl, Bruder Heini!« Harald hatte sich abwenden wollen und den Pfad im morastigen Boden gesucht, dabei waren seine Blicke auf den Fluß gefallen. Jählings funkelte es da in den blauen Augen auf, jählings riß er die Klinge wieder aus der Scheide. Heini folgte seinen Blicken. Im Buschwerk drüben war's lebendig geworden. Man sah Schilde funkeln, hörte nun auch Waffenklirren – und schon stieg ein Fähnlein wohlbewehrter Knechte in den Fluß nieder. »Die Furt!« schrie Harald auf. »Sie haben die Furt entdeckt. Niemand ist hier, der sie verteidigen kann. Laufe, Heini, hole Hilfe! Sie werden mich auch dieses Verrats schuldig sprechen. Sie werden meinen, ich hätte denen da drüben den Weg gewiesen. Diese eine Liebe tu mir noch, Heini, eile doch, eile!« »Du ihnen den Weg gewiesen?« spottete Heini. »Dies Verdienst hast du um deinen gekrönten stolzen Vater nicht. Jussunda war's, die ihnen den Weg, die Furt zeigte, Jussunda und sonst niemand. Mag sein, daß sie dir noch im Tod nützen und den Deinen eine Führerin sein wollte, Herr Herzog! Mag sein, daß sie sich just darum von der alten Ilmenau an diesen Lindenbaum tragen ließ. Dort im Wasser habe ich das Kind gefunden, Herzog Harald. Sie lag, als ob sie schliefe oder auf dich warte. Von dort hat Zinnober geschrien, von dort habe ich sie hinausgetragen. Man muß mich und sie bei meinem Samariterwerk wohl gesehen und gehört haben.« »Als ob sie meiner warte,« wiederholte Harald leise. »Als ob sie riefe, meinst du doch? Ich höre sie. Ich will ihr folgen, will alle Schuld sühnen.« In das von den Dämonen der Nacht gezeichnete Antlitz stieg neue jugendliche Röte, seine blauen Augen leuchteten auf. »Hier ist die Ehre. Hier kann ich die Fahne wiederholen, die verlorengegangen ist, hier mir doch noch den Siegerkranz aufs Haupt drücken. Kämpfend falle ich, für die Heimat kämpfend, und niemand wird es wagen, mich Verräter zu schelten.« »Irrsinniger Träumer!« fuhr Heini auf, der all seinen Haß vergaß. Haralds unverständlicher, abenteuerlicher Entschluß überraschte ihn, und doch mußte er ihm widerwillig Beifall spenden. »Träumer, drüben stehen deines Vaters Krieger, denen willst du wehren? Die deinetwegen die Stadt stürmen! Nun, treib's wie du magst, was kümmert's mich! So bist du mit aller Welt im Kampf, mit Gott und Rat und Volk, mit dem eigenen Vater und krönst dein tolles Treiben recht nach der Kunst.« Schon waren die reisigen Knechte in der Mitte des Flusses angelangt, ohne die im Gebüsch Versteckten zu sehen, und tappten sich durch das Wasser weiter den weg. »Mein Vater!« flüsterte Harald. »Ich denke nur noch an meine Mutter. Ich glaube, Heini, sie lag auch hier im Ufergras, ganz wie Jussunda. Verzeihe mir Gott ... auf unserem Hause ruht der furchtbare Fluch, wir treiben erbarmungslos die in den Tod, die uns die Liebsten auf Erden sind. Aber ich will uns vom Fluch erlösen, und ich will dich rächen, Mutter.« Damit sprang er aus dem Gebüsch heraus, den Kriegern entgegen. Helles Licht der Begeisterung, wie Heini es in glücklicheren Tagen nie schöner, strahlender auf diesem edlen Antlitz gesehen hatte, verklärte seine Züge, und Lächeln spielte um seine Lippen. Schon umrauschte ihn leise die Flut. Erhobenen Hauptes, ohne Zögern und Schwanken, schritt er die Furt entlang, wandte sich plötzlich noch einmal um und senkte die Klinge vor Jussunda, wie zum Gruße. Mit wildem, jauchzendem Schrei sprang er dann dem Feind entgegen, der zermalmenden Übermacht. Sein rasender Stahl traf die beiden ersten tödlich, und nun hob ein Ringen voll wilder Wut an. Zwanzig stürmten auf den Helden ein, der wie ein Kriegsgott aus dem Flusse aufgetaucht war, dem mehr als irdische Kräfte verliehen zu sein schienen, der mit scharfer, überlegener Klinge noch immer jeden Angriff abwehrte. Harald kannte jede Sandbank, jede Strömung, jeden Strudel im Flusse. So gelang es ihm immer wieder, die Feinde fortzulocken und seitwärts zu drängen, bis sie den Boden unter den Füßen verloren und von der Tiefe verschlungen wurden; so sicherte er noch immer die Furt, einer gegen zwanzig. Bis vom anderen Ufer her Armbrustbolzen mitsprachen, bis einer davon auf den jungen Helden losschwirrte, der stolz und trotzig, ein Gott im Sturmgewande, lachend ins Verderben ging. 20. Kapitel Vestigia Leonis Einen Angriff von dieser Seite her hatten die im Kamp nicht erwartet. Sie glaubten sich vor jeder Umgehung gesichert, durch den tiefen Fluß und die weiten morastigen Wiesen, in denen jeder Unkundige hilflos ersaufen mußte. Als nun unvermutet zu ihrer Rechten ein starker Trupp Gewappneter auftauchte, verzweifelten die paar Mannen im Kamp zwar nicht an jedem Widerstande, wehrten sich aber von Anfang an nur noch der Ehre halber. Allzu rasch war die Minderzahl überwältigt, und der inzwischen beträchtlich verstärkte herzogliche Heerhauf konnte vom Kamp aus ungehindert den Wall besetzen. Die Gefahr wurde zu spät erkannt. Rolf Ebelingk warf sich ihr entgegen, als er die vernichtende Nachricht erhielt, aber schon hatten die Herzoglichen das Gelände breit überflutet und waren vom Wall herab in die Stadt eingedrungen. Ihr Siegesgebrüll stachelte den Mut der noch draußen liegenden Massen gewaltig an, Heinrich ließ sofort den Sturm auf alle Tore von neuem losrasen, und nun brach der Widerstand zusammen. Die Tore wurden gesprengt, die Brücken rasselten kreischend nieder, die Fahne mit dem weißen Sachsenpferd flatterte durch die Gassen. Nichts hielt den Strom, der seine Deiche brach und sich wildschäumend über das unglückliche Land ergoß, nichts hielt ihn mehr zurück. Um sinnlosem Würgen auszuweichen, befahl Matthias Holk, die Waffen zu strecken und ließ dem Herzog die Übergabe der Stadt melden. Langsam fiel die Dämmerung herein. Über den Horizont schob sich dunkleres, schneekündendes Gewölk herauf. Am Markte hielt vor mächtig entflammtem Lagerfeuer Heinrich im Ringe seiner Ritter, nur mühsam das ungeheure Roß, das ihn trug, zur Ruhe zwingend. Im weiten Rund standen seine Knechte aufgestellt, finster drohend sie alle, wie die Zerstörung selber. Von den Gassen her, wo einzelne Horden schon mit der Plünderung begonnen hatten, gellte Jammergeschrei herüber, aus dem Dom hallte, wie das tränenschwere dunkle Gebet eines Riesen, feierlicher, flehender Orgelklang. Doch all das Jammern und Flehen schien zu verstummen, als mit mächtigem Dröhnen die Glocken zu rufen begannen und gleichzeitig Hörner schmetternd einfielen. Da rückten in traurigem, langsamem Zuge die Ratsherren der Stadt heran. Alle in das schwefelgelbe Kleid der Schmach gekleidet, wie es sonst nur die Juden und die freien Fräulein tragen müssen. In den Händen hielten sie zum Zeichen der Schande und der unbedingten Unterwerfung erloschene Kerzen. Hinter den Männern schritten in bloßen Häuptern, die Blicke tief gesenkt, Bardowiecks adlige Frauen und Mädchen her; ihnen folgte in härenem Kleide die Schar der Priester. So schlichen sie an den Lanzenreihen hin bis zum Herzog, dem stolzen Sieger, vor dem die Ratsgemeinschaft um Gnade bittend in die Knie sank. Matthias Holk hatte sich als erster erhoben. Straff reckte er sich auf, als er das Auge des Furchtbaren auf sich gerichtet sah, bezwang sich doch und neigte von neuem das Haupt vor dem Verhaßten. Noch immer blickten seine grauen Augen stolz und klar und kampffroh, wenn er auch seit gestern abend unermüdlich, unabgelöst am Norderwall gestanden hatte. »Sieger und Herr durch Gottes Fügung, wir die Besiegten. Verzeihe denn, mein Fürst, was wir unbedacht gesündigt haben! Erweise dich als der Löwe, den die deutsche Erde großmütig und edel nennt, nimm ein Lösegeld von uns an, so hoch du willst.« Verachtung loderte im Blick des Herzogs. »Ihr meint sehr leichten Kaufs aus der Schlinge zu entschlüpfen, Matthias Holk,« gab er zurück. »Mit einem Lösegeld sühnt ihr, bei Christi Gebeinen, die Schmach nicht, die ihr mir bewußt und tückisch angetan habt, als ich von allen Abtrünnigen verlassen war. Jeden, der mich in der Not verließ, werde ich mit des Schwertes Schärfe strafen, doch am härtesten euch, die zum Verrat frechen, schamlosen Hohn gefügt haben. Ihr habt mich wie Buben beschimpft, wie Buben sollt ihr's büßen, was Lösegeld! All euer Gut ist mein wie euer Leben! Euch allesamt verkaufe ich in die Sklaverei, in Trümmer breche ich diese Stadt, dies Schlupfloch des Verrates. Was soll mir euer Geld und Gut, da ich Rache will? Vor allem aber eins: Gebt mir meinen Sohn heraus, den ihr gefangen haltet! Gebt ihn auf der Stelle frei! Noch weiß ich nicht, wo ihr ihn verbergt, aber glaubt mir, ich werde ihn finden, und müßt ich eure Häuser allesamt umstürzen und bis auf den Grund durchwühlen lassen. Meinen Sohn will ich. Harald!« Es war so still rundum, daß man die Flammen des Holzstoßes singen hörte. Wie grelle Störung klang das Rossegeschnauf. Mancher Stolze, der sich noch nie einem Feind gebeugt hatte, murmelte jetzt ein Stoßgebet vor sich hin, und das bange Weinen der Frauen war wie die Stimme dieser fürchterlichen Stunde. Noch einmal wagte Matthias Holk das Wort zu nehmen. »Glaube uns, mächtiger Herzog, niemand in der Stadt hat sich gegen Harald vergangen, niemand von uns weiß, wo er sich aufhält. Und du, der meinem Hause so lange Jahre hindurch ein gütiger Herr gewesen ist, gönn' uns einen Rest deiner Gunst aus alten Tagen! Sei gewiß, daß von nun an Bardowieck in deinen Reichen die Treueste der Treuen sein wird.« »Viel zu lange bin ich euch ein gütiger Herr gewesen,« brach Heinrich los. »Ich habe dich Freund genannt, Matthias Holk, wie Freunde liebte ich euch alle, und Bardowieck galt mir als der köstlichste Edelstein in meiner Krone. Wie aber habt ihr mir's gedankt? Soll ich euch daran erinnern, welche Schmach ohnegleichen ihr mir anzutun gewagt, wie ihr Namen und Banner eures von Gott eingesetzten Fürsten geschändet habt? Erinnert mich nicht daran; mein Zorn möchte ins Grenzenlose steigen. Bardowieck hat sich sein Urteil selbst gesprochen. Es ist gerichtet. Spare jedes Wort, alter Mann! Ich weiß, ihr haltet absichtlich mein Kind vor mir verborgen, um frühere Erpresserkünste zu üben. Aber ich schwöre es euch beim Allmächtigen da droben: Steht Harald nicht binnen einer Stunde vor mir, so verschwindet diese Stadt vom Erdboden, und gleichzeitig fällt das Haupt aller Schuldigen.« Damit riß er sein Roß herum. Angsterfüllt drängten sich die Frauen an seine Seite, hoben die weißen Arme flehend zu ihm empor, entschleierten ihm ihr Gesicht. Aber in der Verbannung war Herzog Heinrich hart und kalt geworden; wie Rosenhauch wehte Weiberschönheit ihm spurlos vorüber. Nun er wieder auf dem Markte von Bardowieck hielt, zog nicht Erinnerung an holdselige Jahre der Freude durch sein Herz, nein, nur das Gedenken an schweren, bitteren Schimpf, nur der Gedanke an die graue Not und das Elend der Verbannung. Wieder war es grabesstumm. Eine Stille, vor deren Entsetzlichkeit sich die Unglücklichen am liebsten in die Erde verkrochen hätten. Niemand war mehr da, die Opfer mit sanfter Bitte aus den Löwenpranken zu befreien. Außer dem leisen Weinen der verstörten Frauen ließ sich jetzt kein Laut mehr vernehmen. Tiefer sank die Nacht hernieder und trank das letzte Dämmerlicht auf den Giebeln. Heller glühte das gewaltige Lagerfeuer, das von den Knechten unablässig durch mächtige Buchen- und Eichenscheite genährt wurde. Seine Röte züngelte ahnungsvoll wie grauenhafter Feuerbrand am Dom hinauf, umhuschte in schrecklicher Prophezeihung die Giebel. Stumm blieb es, grabesstumm. Posaunen der Stille. Wie von der Glut hergelockt, flockte jetzt Schnee vom Himmel nieder, lieblicher Gräberschmuck, zart und weiß, und doch duftlos und tot. Durch das flimmernde Geriesel stoben die Feuerfunken, großen Gedanken gleich, die in der Winternacht der Menschheit aufsprühen und dann rasch für immer erlöschen. Gleich deinen Gedanken, Harald ... Nun aber ward hinter der Schar der gedemütigten Ratsmannen eine Bewegung laut. Von seinen Priestern umgeben, trat Abt Iso vor den Fürsten hin. Sein geistvolles Gesicht schien noch bleicher als sonst, doch nicht von Furcht, sondern vor Erregung und heiligem Eifer bleich. Aus den grauen Augensternen blitzte Entschlossenheit und unbedingte Siegeszuversicht. Hüte dich, Sachsenherzog! So unbändig auch wütender Haß und Rachsucht in deiner Seele flammen, so zerschmetternd deine Macht sein mag – der hagere Priester im Prunkgewande ist doch hundertmal mächtiger als du. Es überragt dich sein gottvertrauender Geist, und mit seinen unsichtbaren Waffen verglichen sind deine stumpf. Throne, throne, erzgegossener Riese, unheildrohend in wilder Majestät vor dem zerschlagenen Volke, glaube dich so unüberwindlich, wie du willst, der greise Priester wird dich in den Staub zwingen! Neben Iso schritten Chorknaben her, Fronleichnamskerzen in erhobener Hand. Der Flackerschein der Lichter verzerrte die schmächtige Gestalt des Abtes ins Geisterhafte. »Höre mich wohl an, Heinrich! Das Kriegsglück hat die Stadt und das Leben der Bürger in deine Hände gegeben, Bardowieck gehört dir. Aber vor Gott versinkt alles Kriegsglück, und ich sage dir, Herzog Heinrich, nimmermehr gehört die Stadt und das Leben der Bürger und ihr Reichtum dir. Auch du empfängst deine Befehle von Gott und mußt Gott gehorchen wie diese. So überwinde dich, Herzog, und verzeihe! Denn so will es der Herr, der dich bis hierher siegreich geleitet hat.« Als ob aus tausend qualenmüden Seelen endlich ein freier Atemzug emporsteige, so zog leises Summen um den Markt. Aber Heinrich klopfte wie in tändelndem Spiel seinem Hengst die Schneeflocken von der rabenschwarzen Mähne und lächelte nur. »Herr Abt! Gott hat mich hierher berufen, Gott hat mir die Macht gegeben, und deshalb spreche ich an seiner Statt, nicht Ihr.« Einen Schritt vor trat Iso, und die erhobene feine Hand stand dicht vor Heinrichs Panzer. »Nicht um Wortgefechte mit dir auszukämpfen, bin ich hierher gekommen. Im Namen der Kirche habe ich dir Weisung zu geben. Nennst du dich noch ihren treuen Sohn? Bist du noch der Knecht des ewigen Gottes, so höre wohl: Alles Gold in der Stadt mag dein sein, alle ihre Kraft magst du für immer zerbrechen. Aber was der Kirche eignet, was Gott selbst sich aufbewahrt hat, darfst du nicht rauben. Rat und Bürgerschaft haben heute die Insignien des Regiments mir übergeben, der heiligen Kirche gehört diese Stadt seit heute. Und so befehle ich dir im Namen des Herrn, nimm die Hand von meinem Eigentum!« Irgendwo scholl Lachen auf. Unwilliges Rufen kam von allen Seiten und wurde Gebraus, auf Heinrichs Stirn aber schwoll die Zornesader drohend und furchtbar an. »Mein ist die Macht, Priester, und kraft meiner Macht zerreiße ich den Vertrag, den diese Krämer gaunerisch geschlossen haben, als sie mir nicht mehr entschlüpfen konnten. Wo steht das Recht des Sklaven geschrieben, Königseigentum zu verschenken? Bardowieck gehört mir seit Urväterzeiten, und daran ändert kein Spitzbubenstreich etwas. Geh in dein Kloster, Priester!« Und mit grausamer Handbewegung wandte er sich an sein Gefolge. »Mein Sohn bleibt aus. So sucht ihn mir, sucht gründlich! Schlagt jedes Haus in Scherben, laßt keinen Stein auf dem andern! Ans Werk, ihr Männer! Die Zeit drängt!« Aber dumpf donnernd hallte da Isos Stimme durch die Nacht. »Wehe jedem, der ihm zu folgen wagt! Fluch und Bann auf jedes Haupt, das der heiligen Kirche trotzt! Die Stadt gehört dir nicht, Herzog Heinrich, sie gehört seit langem dem Kaiser und niemandem sonst. Der Kaiser hat sie dir genommen, wie er sie dir zu Lehen gegeben hat, und in diesem Lande ist kein Körnlein Sand mehr dein, kein Wassertropfen. Hier, Herzog Heinrich, blick in das Pergament, das Friedrich Rotbart und Papst Clemens eigenhändig unterschrieben und gesiegelt haben: in Bardowieck regiert zur selben Stunde die Kirche, wo ihr die Bürgerschaft freiwillig dies Eigentum anträgt. Verderben dir, Herzog, wenn du, was der Kirche gehört, mit Frevlerhand beschädigst! Fluch und Bann auf dein Haupt! Los und ledig sage ich dann dein Heer von allen Pflichten, deine Vasallen von jedem Eide, den sie dir geschworen haben. Und wie dich banne ich auch jeden, der von heute an noch das Schwert für dich zu ziehen wagt!« Das schreckliche Wort traf wie mit Zauberschlag selbst die verwegensten ins Herz. Ein schrecken zog durchs Heer, scheu drängten Reiter und Knechte zurück, bestürzt kamen die hohen Herren und Ritter der Gefolgschaft herangesprengt, um Heinrich zu warnen. Ja, er selber, der wohl erkannte, daß die Furchtbarkeit des Kirchenbannes gerade jetzt alle seine Hoffnung zerschmettern würde, er selber, der Unerschrockene, wich. »Du bringst mir neue Kunde, Priester. Ich will's bedenken. Zuvor aber, und darauf beharre ich, zuvor will ich wissen, wo sie mein Kind verborgen halten. Harald mag zwischen uns entscheiden. Ihm gehört die Stadt, seinem Wort will ich mich fügen.« Wie er das hervorstieß, klang fernes Brausen her, wie erregtes Durcheinander wilder Fragen, Brausen, das sich rasch verstärkte und zum heulenden Lärm ward. Jeder wußte: ein Entsetzliches nahte. Reiter und Hellebardiere gaben Raum, bei Fackelglanz wogte langsam ein wild umbrandeter Zug zum Markte heran. Waffenknechte trugen eine Bahre und setzten sie vorm Herzog nieder. Wie das ungewisse Licht des Flammenstoßes darauf fiel, taumelte Heinrich, als wäre ihm ein Stahl in die Brust gedrungen. »Mein Sohn! Mein Sohn! Gemordet! Mein geliebtes Kind!« schrillte es aus seiner Kehle. »Du meine Hoffnung! Du Licht meines Alters!« Außer sich vor Jammer, alles um sich her vergessend, allen Stolz, alle Majestät, alle Siegesstärke, stürzte sich der Herrscher über seinen toten Liebling. Harald lag bleich und stumm, die glühenden Königsaugen waren gebrochen und das königliche Herz, in dem Raum für weite, weite Sonnenwelten gewesen war, stand still. »Tot,« flüsterte der Herzog vor sich hin. »Also tot.« Ein unheimliches Leuchten von Raubtierwut, funkelnder Wahnwitz flackerte in seinen Augen auf. Jach wandte er sich an den vordersten der Träger. »Du hast ihn gefunden? Ich kenne dich doch, Bursch, ich kenne dich. Du bist der Dithmarsch-Rieder. Sag' mir, wo du mein Kind gefunden hast! Sag' mir, wer die Mörder sind!« »Wie Ihr uns anbefohlen hattet, hoher Herr, durchsuchten wir die ganze Stadt, Wall und Fluß, nach Eurem Sohn. Und vorhin, es war eben dunkel geworden, sahen wir an einer Lindenwurzel in der Ilmenau –« »Genug,« schrie Heinrich auf, »genug! Also doch gemordet! Und nicht nur dich – denn ich falle mit dir. Ich habe dich gewarnt, mein Junge. Ich habe dich vor den Meuchelmördern gewarnt, denen du vertrautest, weil du zu groß warst, zu stolz, zu arglos. Aber ich werde dich rächen. Eine Totenfackel will ich dir zünden, die deinen Mördern weit, weit in die Hölle hinein leuchtet.« Wie zum Gebet sank er an der Bahre nieder, doch er betete nicht, und die Gedanken schwebten nicht himmelwärts. Gespenstisch bohrten sich seine Augen in den gewaltigen, lodernden Holzstoß vor ihm. Dann winkte er, Ritter traten hervor und trugen die Bahre langsamfeierlich in den Dom, wo sie sie am Hochaltare niedersetzten. Heinrich sah ihnen finster schweigend nach, sah dann wieder auf das lodernde Feuer, in das Spiel des Schneegestöbers, sah und starrte minutenlang. Plötzlich reckte er sich empor. Ein fürchterliches Lächeln irrte um seine Lippen, als er sich noch einmal an die hilflose, verzweifelte Schar der Bürger wandte. »Es ist euch geglückt, ihr habt den Träumer, den ihr nicht verstandet, in eure groben Schlingen gelockt und dies Herz voll Mitleid und Liebe gemeuchelt. Der den Himmel stürmen wollte, dessen Spur ist im Sande verweht, aber die Rächerspur des Löwen, das gelob' ich euch, wird nicht verwehen. Durch die Ewigkeiten wird sie leuchten, ihr Mörder. Eine andere Fackel als mein Sohn trage ich in königlicher Faust, seht da!« Mit starkem Schritt trat er an den Feuerstoß, riß einen mächtigen Brand heraus, den er hoch empor schwang; sein Schritt dröhnte in den Dom hinein. Krachend flog, ehe noch jemand erfaßt hatte, was er plante, das flackernde Scheit auf den Hochaltar. Sein Edelgehölz fing sogleich Feuer. Und alsbald züngelten die Flammen gierig empor, flackerten am Getäfel hinauf, fraßen nach rechts und links weiter, als ob Dämonenfäuste sie schürten. Mitten im Portale, den Weg zur Rettung versperrend, reckte sich des Herzogs mächtige Gestalt auf. Wenige Minuten, und die erschrockenen Zuschauer sahen, wie glühende Brücken über die Wölbungen sprangen, Glut von den Pfeilern herabtriefte und der Chor in buntem Lichte stand. Noch verharrten die Reiter dicht vorm Dom entsetzt und atemlos, aber jäh stieg nun aus den Reihen des Fußvolks kriegerisches Heulen auf. Die ungeahnte, unerhörte Tat des Herzogs berauschte wilde Herzen. Jetzt gehorchten sie keinem Führer mehr, jetzt zerriß die soldatisch eiserne Kette der Ordnung und Zucht. In das Angstgeschrei der Bürger brüllte verrückte Mordlust und wüste Plünderungsgier. Die Reihen lösten sich rasch völlig, in alle Gassen verstreuten sich Mordbrenner und Beutemacher. Grauenhaftes Tosen, Wehgeschrei und verruchtes Rasen ringsum, und mitten hinein in all das erbarmungslose Würgen stürzte von den Dächern Feuersglut. Bunt umflackerte der heiße Odem der Vernichtung das ewige Bardowieck. Mit toller Eile sprangen die Flammen von Gasse zu Gasse. Das Holz- und Fachwerk, die Strohdächer lieferten dem Brandungeheuer reichlichen Fraß, und der immer dichter vom Himmel niederfallende Schnee hinderte mit nichten die Ausbreitung der Feuersbrunst. Gleich Millionen Sternen glänzte er im phantastischen Geleucht der flammendurchzuckten Winternacht; schwarzer Rauch, tiefbrauner Qualm stieg durch ihn empor, goldenrote Flammen überglühten ihn. Mitten im heftigen Schneegestöber prasselte das Feuerwerk der brennenden Häuser immer abenteuerlicher, riesenmäßiger auf, wilder immer tanzten die roten Feuerschlangen über die Giebel hin. Der Wiederschein des Flammenmeeres erhellte die Gassen wie unheimliches Frührot; während die Rauchtromben Gewitterwolken gleich vorbeizogen, schmolz der fallende Schnee in der Glut und tropfte als warmer Regen nieder. Einer ungeheuren, sich reich verästelnden Feuerpalme gleich stand der Brand überm weißen Dom. Weit, weit in die Lande hinein wehte von seinen schwankenden Türmen blutige, wabernde Röte, furchtbare Fahnen der Vernichtung. Aus dem gewaltigen Dache drängten, vom Kirchenschiff herausbrechend, flammende Springbrunnen empor; die Funkenbäche rieselten dann rasselnd, singend in jähem Sturz von den steilen Wänden herab. Es rauschte um das Gotteshaus her ein Feuerstrom, wie aus vulkanischen Tiefen ausgeschleudert. Es war, als stürme Tor, der in den Abgrund gestürzte Vorzeitgott, in dieser Nacht mit Gigantenkraft noch einmal gegen seinen Überwinder an und büße nun wilde Rachlust am Kinde von Nazareth, das ihn entthront hatte. Sein glühender Hammer schmetterte an die für die Ewigkeit gebauten Pfeiler des Heilandstempels, und sie begannen zu bersten. Noch immer hielt Herzog Heinrich in der Mitte des Marktes, ganz dem unerhört grausigen, wüst-schönen Bilde hingegeben. Seine Aufmerksamkeit wurde nur wenig abgelenkt von einem ebenso erbitterten wie hoffnungslosen Kampf in seiner unmittelbaren Nähe. Während die unglücklichen Einwohner durchweg, vor Angst betäubt, völlig entmutigt, die Waffen fortgeworfen und sich blindlings in die Hände ihrer Würger gegeben hatten, stand im Hause Steffen Bruggs noch immer ein Häuflein klein verschanzt. Ihre zielsicheren Armbrüste hielten die übermächtigen Gegner fern; wer sich allzu verwegen näherte, hatte, ehe er sich's versah, den Pfeil in der Brust sitzen. Die Überreste von Haralds schwarzer Schar, an ihrer Spitze Höpker und Heini Hoyer, verteidigten den festen Palast, die letzte Festung Bardowiecks. Aber schon schwoll das Feuer von allen Seiten über sie her. Winterliches Brausen, das von den Flammen geweckt worden zu sein schien, trieb die Glut auch über Steffen Bruggs Dach hin, wie es den Schnee in breiter, hoher Welle vor sich hin trieb. Und die Tapferen, die des Herzogs eisengepanzerte Macht nicht zu bezwingen vermocht hatte, mußten vor dem Riesen Brand die Waffen strecken. Man ließ sie aus dem Hause heraus, schleppte sie im Geleit von tausend Hellebarden zum Herzog, daß er ihnen das Urteil spreche. »Schade um die wackeren Kerle!« sagte er vom Roß herab. »Aber sie sollen erkennen, daß in diesem Kriege keiner siegreich gegen mich sicht und keiner sich eines Erfolges über mich rühmen darf.« »Mit Verlaub, mein Fürst,« sagte da Heini Hoyer, den Hund Zinnober unterm Arm, und trat keck, um die gezückten Schwerter unbekümmert, einen Schritt vor. »Hier mögen wir unterlegen sein, zwar nicht den Klingen deiner Leute, sondern dem Feuer. Aber auf der Nordersee, Herr, ist deine Kogge vor uns gesunken.« Herzog Heinrich fuhr im Sattel auf, als hätte er einen Schlag empfangen. »Vor euch? – Seid ihr Haralds Gefährten gewesen?« »Zwei Jahre lang, Herr, bis zum Tode.« Heini wandte sich vom Herzog halb ab und blickte durch das Domportal in die wogende Glut, die das hohe Kirchenschiff wogend und dröhnend erfüllte. »Sieh mir ins Gesicht, Dreister, wenn es dir vergönnt ist, zu mir zu sprechen!« fuhr der Welfe den Kühnen an. »Was kümmert dich der Brand drinnen, solange ich dich nicht hineinwerfen lasse?« »Er kümmert mich ein wenig, hoher Herr. Da drinnen verbrennt mein liebster Freund, dein Sohn, und was mir sonst vielleicht noch lieb war. Meine Madonne verbrennt drinnen.« »Du?« Der Herzog faßte ihn scharf ins Auge. »Du bist der Maler des Wunderwerkes? Es tut mir leid, aber von dieser verfluchten Stadt durfte nichts übrigbleiben, was für ihren Glanz und ihre Größe zeugte. Du also bist der große Maler. Nun, um deiner Kunst willen und um meines Sohnes willen, den ihr geliebt, dem ihr Treue bewahrt habt, Treue noch durch euren tapferen Widerstand, um meines Sohnes willen – geht frei aus! Dich aber, Meister, brauche ich noch zu anderem Werk.« Er wandte sich an sein Gefolge. »Holt Leiter und Meißel herbei!« Nicht leicht war das Begehrte aufzutreiben, aber vereinigtem Bemühen gelang es, eine halbverbrannte Stiege und das Werkzeug herbeizuschaffen. »Sie sollen wissen, wer dieser fluchbeladenen Stätte seine Spuren auf ewig eingedrückt hat, die Jahrhunderte nach uns sollen erfahren, wie Verrat und Untreue sich grausam an den Schuldigen rächen. Hier über das Portal des Doms grabe du mir, Heini Hoyer, die beiden Worte ein: ›Vestigia Leonis!‹ Und dann laßt Fanfare blasen.« Gedankenvoll sah er der Arbeit Heinis zu, dessen nervige Hand auch den schweren Meißel geschickt zu führen wußte und rasch die Buchstaben aus dem harten Stein herausschlug. »Wirst dir nun einen anderen Dom für eine andere Madonne suchen müssen,« meinte der Herzog. »Hatten die Bardowiecker bislang das köstlichste Werk in ihren Mauern, so will ich das Köstlichere haben. Geh mit mir nach Braunschweig, Meister!« Heini blickte in den Funkenregen, der vom Domdach herniederstäubte, blickte zur flammenden Höhe auf, wo die mächtigen Türme noch immer wie Fackeln brannten, die ein rasender Gigant toll berauscht um sein Haupt schwang. »Ich werde nach dieser Nacht keine himmlischen Madonnen mehr malen, hoher Herr und Fürst. Ich habe Satan und die Hölle gesehen. Komm, Zinnober!«   Ende.