Egmont Colerus Pythagoras Die Geburt des Abendlandes MCMLI Meiner Mutter   Ex Oriente Lux Ex Occidente Dux Erstes Buch Urgötter I Das Vorgebirge Karmel ragte hoch und schwarz am Rande des Traumes. Langsam, in breiten Fronten, rollten von Untergang die Wogen heran und zerstäubten an seinem Fuße. Zwei Schiffe zerrten knarrend an ihren Tauen. Das eine bereit, nach Mitternacht zu rudern, das andre, das kyprische, den Mittag suchend. Pythagoras streckte seine Hände nach den Schiffen aus und wollte sie halten, um der furchtbaren Wahl zu entkommen. Da riß ihn der Traum aufwärts. Er stand auf den Höhen von Karmel; auf dem äußersten Vorsprung des Gebirges. Und er wähnte zu schweben. Denn rechts und links von ihm und vor ihm lag in unausdenklicher Weite das Meer. Es schimmerte fahl und gelb wie eine unbegrenzte öligglatte Haut und an seinem Saume stak ein glanzloser blutroter Ball in streifigen Nebeln. Sonderbares Murmeln und Schaukeln, Stöhnen und Pfeifen war um ihn. Die Gegend zerfloß, Karmel versank, die Worte: »Wohin, Pythagoras?« standen einsam in der leeren Hohlkugel seines Traumes. »Wohin, Pythagoras?« schrillte ein Sturmstoß und schleuderte ihn nach oben. »Hier liegt der Erdkreis! Wähle!« Und eine Erztafel, sosehr schimmernd, daß all der Raum erglänzte, breitete sich unermeßlich zu seinen Füßen. Aus der Erztafel aber wuchsen die eingeritzten Zeichen körperhaft empor und wurden zu Städten und Flüssen, Hainen und Gebirgen. Und er war über ihnen und in den Erscheinungen. Und sie sprangen weiter aus der Tafel und zogen dahin, richteten sich auf und verwehten. Zedernwälder, rauschend und dunkel, die Pfade über den Libanon beschattend. Der meergeborene Felsen von Tyros mit den schwindelhohen Mauern und den Häusern, die Türmen glichen. Das verwüstete Land der Hebräer und seine zerstörten, geschleiften Städte, in deren Trümmern klagende Hirten umherirrten. Plötzlich wieder das Meer. Aber anders als vorhin vom Berge Karmel. Ein fröhliches Meer in Mittagsglut, über das kühle Winde strichen und die zitternde Glut verjagten; das rosenfarben und hellblau mit weißem Gischte tanzte und an sanftsteigende Küsten schlug, die, graugrün von Olivenhainen, sich gegen den schwarzblauen Himmel rauchig abgrenzten; wo breite Duftwogen greller Rosengärten über die summenden Fluren strichen: Jonien! Samos! Milet! Dann wieder Tempel, im Lichterglanz erstrahlend und in Schwaden Räucherwerks gehüllt. Dampfend von Opfern, erschüttert vom Murmeln der Gebete und Beschwörungen. Und in düsteren Nächten die Enthüllung phönikischer Mysterien: Die Enkel des uralten Mochos, der lebte, ehe Troja fiel, standen um ihn und deuteten ihm die Priesterbücher Sidons. »Ich danke euch, ihr Priester! Aber es ist nicht der Gott, den ich suche!« »Was sprichst du, Sohn des Mnesarchos? Sollen wir dich dem Moloch vorwerfen?« »Haltet ein, ihr Priester, ihr versteht mich nicht!« »Wir verstehen dich nicht, Pythagoras! Ziehe nach Karmel und blick ins Meer!« Der Traum verwirrte sich. In sausender Folge rasten die Mysterien von Sidon, Byblos und Karmel an ihm vorüber. Glatt und blendend, so hell, daß das Auge sie nicht fassen konnte, lag wieder die Erztafel vor ihm, und eine Stimme, außerhalb des Traumes geboren, zu schwach jedoch, ihn zu erwecken, drang in das Wirrsal der Gesichte: »Der Jüngling schläft. Er gleicht einem der Olympier! Sieh nur die Muskeln! Die werden schwere Arbeit leisten können!« Ein Kreischen und Schwirren übertönte die weiteren Worte. Da schwang sich der Traum des Pythagoras in andere Zonen. Sein Traum ward Rede, die unaufhaltsam in seinem Innern tönte: »Von Jonien über die Inseln hinweg bis Olympia und Dodona; über Delphi und Thrakien und Athen und Korinth; über Ithaka und Kerkyra und Kroton und Syrakus; bis nach Massalia und bis zu den Säulen des Herakles liegt ein Land und erwartet Gott! Es hat Götter dieses Land, lachende, liebende, frevelnde Götter! Aber alle die sehnenden Menschen kennen nicht das letzte Wesen dieser Götter, die nach den Worten der Dichter als Menschen durch die Haine wandeln und mit den Sterblichen leiden und kämpfen. Das sind nicht die Götter, die ich suche. Am Fuße des Vorgebirges Karmel lagen zwei Schiffe. Eines, ein Schiff Sidons, wollte mich nach Mitternacht tragen, zurück zu den Phönikern und von dort nach Samos: zu den alten Göttern! Das andere, das Schiff wagender Kyprioten, klein und gebrechlich, richtete seinen Bug nach Mittag und setzte Segel. Es versprach, zum Nil zu eilen, nach Naukratis, nach Memphis, zum hunderttorigen Theben! Dorthin, wo vielleicht Kunde schlummert vom Wesen des Göttlichen, von den neuen Göttern! Weit ist der Weg, unermeßlich weit der Erdkreis, und am Rande des Okeanos lauern die Gefahren! Habe ich gewählt? Wo ist Karmel?« Und plötzlich sah er all das Land zugleich, das Gott erwartet. Und er sah es wechseln in den Folgen der Geschlechter. Und sah mit einem Sinne, der nicht mehr Sterblichen eignet, das Vorwärtsrollen des Geschehens. Er erblickte das Land, das Gott gefunden hat: Völker und Länder, Städte und Werkzeuge schichteten sich aufeinander. Erkenntnisse wuchsen und stürmten kyklopengleich den Olymp, so fremd, so neu, so unaussprechlich, daß er schreiend aufsprang und, noch torkelnd, die Hände vors Antlitz schlug. Da schwollen die Laute, die bisher schon, außerhalb seines Traumes, um ihn gewesen waren, zu greller Deutlichkeit an: Schiffstaue ächzten im Sausen des Windes, das Segel klatschte an den Mast, die Wogen krachten an die Planken und rieselten zerstäubend in tausend rauschenden Stimmlagen, und Menschenworte schwirrten durcheinander. »Faßt ihn! Jetzt ist's gelegene Zeit, er ist schwach und schlaftrunken!« »Wir werden einen hohen Preis für ihn erzielen. Vielleicht kauft ein Suffet Karthagos den Sklaven!« »Still! Er zieht die Hände von den Augen, es wird einen harten Kampf kosten!« »Ergib dich ohne Widerstand! Verstehst du?« brüllte eine rohe Stimme, ganz nahe am Antlitze des Pythagoras. Da war er vollends erwacht und breitete die Arme. Und kaum einen Herzschlag währte es, bis er alles erblickt hatte. Auf dem schwarzen Nachthimmel funkelten, nur wenig verdeckt von darüber jagenden grellweißen Wolkenfetzen, die Sternbilder in seltener Leuchtkraft; das Verdeck des Schiffes aber glühte im Glaste lodernder Pechpfannen, deren schwelende Flammen der böige pfeifende Wind waagrecht streckte. Das Segel blähte sich blaffend fast zum Bersten und die Taue starrten in ihrer Gespanntheit wie Stangen. Die Bootsleute aber, zehn oder zwölf, standen nahe vor ihm und funkelten vor lüsterner Gier nach der lebendigen Beute. Pythagoras jedoch hatte das Bild des Traumes in der Seele und alle Wirklichkeit entglitt ihm ins Reich der Schatten. So rief er: »Heil dem Schicksale! Der Bug des Schiffes steht gegen Mittag und ich erblicke die Männer aus Kypros. Entschieden sind die Zweifel, die ein dunkler Alp noch einmal in der Wehrlosigkeit des Schlafes in mir emportrieb. Heil dem Schicksale, ich habe gewählt! – Was seht ihr mich so lauernd an, ihr Männer aus Kypros?« Und er richtete seine athletische Jünglingsgestalt, die letzte Trunkenheit des Schlummers von sich schüttelnd, hoch auf. Mißtönend lachte einer der Schiffsleute heraus und brüllte: »Verstehst du uns nicht, Fremder? Hast du deine Ohren mit Wachs verpicht? Unser Sklave bist du! Unser Eigentum!« Und er wandte sich zu den andern. »Bringt Stricke! Feste, knorrige Taue!« Keine Miene veränderte sich im Antlitze des Pythagoras. »Euer Sklave?« Und plötzlich wurden ihm früher gehörte Sätze greifbares Verständnis. »Euer Sklave?« wiederholte er langsam. »Ihr irrt, Kyprioten! Ich habe meine Herren schon gefunden, ehe ich euer elendes Schiff betrat. Aller Hellenen Sklave bin ich, aller Städte und Stämme Sklave, die von Jonien bis zu den Säulen des Herakles wohnen!« »Holt die Stricke!« brüllte der vierschrötige Schiffsknecht noch wüster und machte Miene, sich auf den Jüngling zu stürzen. »Ihr wollt mich an die Suffeten Karthagos verhandeln?« erwiderte Pythagoras mit klingender Stimme, während zwei Matrosen zu den Tauen schlichen. »Was soll das?« »Schweig!« keuchte der Vierschrötige und ballte die Faust. »Was soll das?« setzte Pythagoras mit gehobener Stimme fort. »Ich will es dir sagen! Zehn, fünfzehn Griechen aus Kypros werden im besten Falle um einige Minen, vielleicht Talente, reicher werden, das Geld wird in ihren Händen zerfließen; und alle Hellenen werden ärmer sein und die Götter werden zürnen!« Der Vierschrötige wieherte auf. »Rede weiter, toller Fremdling, und erzähle uns, wodurch die Hellenen ärmer werden, wenn wir dich verkaufen!« Und er sah sich breit grinsend um. Pythagoras aber war wieder in den Raum seiner Gesichte zurückgesunken und sah nicht mehr, was um ihn furchtbare Wirklichkeit war. So sprach er: »Männer aus Kypros, Hellenen auch ihr, dürstend auch ihr nach neuen, nach älteren, nach endgültigeren Göttern! Wißt ihr nicht, ahnet ihr nicht, daß das Geschlecht, das auf den Schneekulmen des Olymps thront, das in den Ebenen Ilions die Heroen schirmte, nicht die Gottheit ist, die Anfang und Ende bedeutet? Seht ihr nicht, daß tiefere, grausigere Gewalten am Werke sind, den Erdkreis aufwühlend, das Chaos bannend, die Elemente bindend und lösend? Mich rief im Traume das Schicksal. Ihr kennt es, kennt die unerbittlichste Gottheit, gegen die alle Götter Staub sind. Laut rief es mich und befahl mir, vom Berge Karmel meine Fahrt mittagwärts zu lenken und die Spuren ehrwürdigster Götter zu suchen und sie euch, den anderen, allen Hellenen und ihren Enkeln zu bringen. Männer aus Kypros! Die Schiffsleute, die die Taue holten, sind zurückgekehrt! Tut, was ihr wollt! Bindet mich, werft mich in den innersten Bauch des Schiffes, verhandelt mich den Karthagern um einen Scheffel Münzen! Und stemmt euch gegen die furchtbare Ananke, gegen den Schicksalszwang selbst, und werft das Volk der Hellenen um Äonen zurück und laßt es weiter in Sehnsucht darben. Ihr zwölf Männer von Kypros! Ihr zwölf!« Pythagoras hatte die letzten Worte klagend und anklagend, ins Leere scheinbar, hinausgerufen. Seine Augen leuchteten, den Strahl nach innen gekehrt, in mystischem Lichte und seine Gestalt schien mit jedem Tone zu wachsen. Die Schiffsleute aber waren erbleicht. Starr hielten die beiden ihre Stricke vor sich hin und wagten nicht aufzusehen. Einmal noch bäumte sich die gierige Frechheit des Vierschrötigen auf. »Du bist vom Weine trunken, Fremdling! Ein paar Peitschenhiebe werden dich zur Besinnung bringen! Was faselst du von Träumen und vom Schicksale?« höhnte er. Doch auch er erschauerte bereits unter dem Blicke des Jünglings, der ihn jetzt traf. »Halt ein, lästere nicht! Siehst du nicht, daß er gleichsam in göttlichem Wahne spricht?« hastete ein Schiffer entsetzt hervor und schlug abergläubisch Beschwörungszeichen. »Wie Odysseus wird er die Stürme auf uns loslassen und den Sack des Äolus losbinden: Euros zugleich und Notos und widrig wehender Zephyr werden sich auf unser armes Schiff stürzen!« »Und er wird über Bord springen und inmitten ölglatter Wogen auf einem Delphin reiten und mit dem Horne Tritons alle Dämonen des Meeres zu unserer Vernichtung herbeirufen!« klagte ein dritter. »Gebt den Weg frei!« herrschte da Pythagoras die erschütterten Seeleute an. Und sie gehorchten schweigend. Er aber schritt zwischen ihnen durch und ging über die rotbestrahlten Planken, die unter dem tosenden Anpralle stets wilderer Wogen schwankten, zum Steuermann. »Herr, das Schiff treibt ab! Arktos ist in Wolken gehüllt!« stammelte der Steuermann und stemmte sich mit aller Kraft gegen die knarrende Pinne des Steuers. »Laß den großen Bären, Kypriote!« erwiderte Pythagoras. »Weißt du nicht, daß er kreist, gleich den anderen Sternbildern? Unbewegt ist nur einer im allnächtlichen Umschwunge des Gewölbes. Siehst du ihn dort oben im Schwanze des kleinen Bären? Richte den Kurs nach ihm und du wirst Mittag und Mitternacht in sicherer Linie durchfahren!« Die anderen Schiffsleute waren ehrfürchtig und scheu nähergekommen. »Wer bist du, Herr, daß du uralte Regeln der Schiffer umstoßest? Sind nicht unsere Väter und Vorväter stets dem großen Bären als Wegweiser gefolgt?« fragte einer schüchtern. »Ihr hörtet, daß sich noch viel Größeres, viel Festerstehendes ändern soll als die Regeln der Steuerkunst. Wundert euch nicht! Die Kenntnis der Sterne aber lehrte mich Thales, der Weise Milets.« »Wer bist du?« »Wer bist du?« klang es von allen Seiten. »Wer bist du, den Thales lehrte?« »Ich bin Pythagoras, der Sohn des Mnesarchos aus Samos!« »Pythagoras?« schrie ein älterer Kypriote auf. »Pythagoras, der große Schüler des größeren Thales und des erhabenen Pherekydes? Danket dem Schicksal, Freunde, das euch vor Frevel bewahrte! Er soll unser Herr sein, bis wir Ägyptens Boden betreten. Verzeihe uns, Jüngling, von dessen Ruhm heute schon die Küsten Joniens widerhallen!« »Ihr werdet unsterblich sein, Schiffsleute, die ihr dem Werkzeuge des Schicksales helfet, die Spuren der Urgötter zu finden! – Jetzt aber zu den Tauen und Segeln, sonst erreichen wir niemals den Nil!« Unheimlich grell lohten die Pechpfannen im Sausen des Windes und warfen lange rote Zungen hinaus auf die tobenden schwarzen Wasserwirbel. Die Planken stöhnten und krachten, das Segel knatterte und die Taue kreischten. Weißer Gischt tanzte in riesigen Flecken über die Schwärze der Fluten, und leuchtend lag hinter dem Schiffe das Phosphorband des Kielwassers. Pythagoras aber stand einsam am Buge. Und während durch das tausendstimmige Tosen die wilden Seemannslieder der Kyprioten dröhnten, bot er sein Antlitz dem sprühenden Geriesel der emporspritzenden Bugwellen. Und wieder lag Karmel vor ihm, stieg vor seinem inneren Gesichte wolkenhoch empor und er wußte, daß es in seinem Leben, mehr noch im Leben aller Hellenen den Punkt bedeutete, an dem ein großer Kampf sich entschieden hatte: »Freut euch, olympische Götter, eure Voreltern sollen zu neuem Leben erstehen! Das Schicksal hat mich gerufen. Ich aber habe auf der Spitze des Vorgebirges das Schicksal erwählt, indem ich es erkannte!« Das Schiff der Kyprioten aber bäumte sich noch einmal widerspenstig auf, dann erkannte auch das Holz der Planken die furchtbare Ananke und flog gefügig nach Mittag. II Nach dem kalten Schäumen der unerbittlichen See, nach dem Tosen des Sturmes, nach der Gier entfesselter Menschen, nach Schicksalszweifeln und wildem Gottsuchen plötzlich unfaßbare Ruhe, Glätte, Entrücktheit! In welcher Region des Alls war dieser Wechsel der Dinge geboren? War es der strahlende blaue Himmel, die satte Sonne, die alles ringsum in scharfe Sicht rückte? Eintönig tauchten die Ruder der Kyprioten in die lauen Wasser des Nilarmes und kräuselten sie kaum, während das Schiff unmerklich stromauf rückte; schlaff hing das Segel, bis ein Mann das Ruder verließ, die Taue löste und die bauschige Leinwand aufs Verdeck herabholte. Eine Art Thron hatten die Schiffsknechte auf dem Vorschiff errichtet, damit er, den sie verehrten, seitdem er sie bezwungen hatte, in ungehemmter Schau das Wunder des heiligen Landes Kemi erleben könne; des Landes, das die Hellenen Ägypten nannten. So saß der Jüngling und konnte nicht fassen, warum plötzlich soviel Ruhe, Glätte und Entrücktheit um ihn war. Und er nahm die Bilder in sich auf, verwob sie mit bereits Gesehenem, suchte in der Erinnerung: Von Herzschlag zu Herzschlag wurde das Rätsel größer und die Umwelt bunter. Schlammbraun und grünlich und hellblau der Fluß. An den Ufern Schilf und dichte Papyrosstauden; verwirrt und verheddert und jeden Ausblick hemmend. Dann wieder niedere Ufer, über die man hinaussah in die Grenzenlosigkeit der Delta-Ebenen. Manchmal sogar schien der Lauf des Flusses höher zu stehen als die Weiten, die sich nach rechts und links erstreckten. Da dehnten sich stundenweite Felder, auf denen mannshohe Halme zitterten und die riesigen Ähren strotzend neigten. Grelle Weiden, deren Gras fast das gesprenkelte Vieh verbarg, das sich in unübersehbaren Herden zwischen den breiten Gräsern seinen Weg bahnte. Plätschernde Schöpfräder, niedere Hütten, weite Gemüsegärten. Wieder andere Bilder: Dichte Ölbäume auf beiden Seiten des Flußarmes; Sandbänke, auf denen träge Krokodile mit aufgesperrten Rachen schliefen. Muntere Regenpfeifer, die in den Rachen der furchtbaren Panzerechsen hüpften und die Stechfliegen aus ihrem Zahnfleisch pickten. Dann unwahrscheinlich weite Flächen voll von Blumen, daß die betäubenden Aromen über das Wasser strichen und den Atem beengten. Und schließlich das heilige Reich selbst, die eigensten Werke seines Volkes und seiner Kraft: Steinerne abgeböschte Ufer, daß sich die süßen, blühenden Perseabäume in den glatten Gewässern spiegelten. Schleusen aus gewaltigen Quadern, auf denen die Bedienungsmänner standen, um das unterbrechungslose Gewimmel, den scheinbar unendlichen Zug tiefbeladener Barken durchzulassen und in das Wirrsal der schnurgeraden, sauberen Kanäle zu leiten. Jetzt eben, zu linker Hand, hohe Speicher, riesenhafte Schleusen, ein breites Fahrwasser, nach Aufgang von Masten bedeckt, soweit das Auge reichte: der große Kanal, hinüber zum anderen Meere! Und alle Gebäude, die, aufs neue stets, aus den übersatten Hainen lugten; die zwischen gefiederten Palmen und blühenden Bäumen durchschimmerten? Warum ergriffen sie das Gemüt so sonderbar? Grau waren sie, poliert und spiegelnd; rötlich gleißten andere und tiefschwarz und gelb und braun. Und überall leuchteten aus der unfaßbaren Härte und Schärfe der Flächen die heiligen Bilder und Zeichen in Blau und Weiß, in Gelb und Rot und Grün; und schlossen sich mit den Kanten und Kapitalen, Pylonen und Monolithen, Obelisken und Sphinxen zur Einheit zusammen. »Kosmos! Heilige Ordnung! Weltgefüge geschlossenster Wesenheit!« Das war die erste Erkenntnis, die Pythagoras gewann. Und diese Erkenntnis verschmolz ihm die ersten Eindrücke, die erste einzelhafte Schau von Tempeln und Speichern, Schleusen und Kanälen, Schiffen und Kasernen, Hornsignalen und übenden Kriegsvölkern, Wachen und Zollbeamten, Herden und Schöpfwerken zu einem Ganzen, zu der Ruhe, die er gefühlt hatte, ohne daß er sich hätte klarmachen können, woher sie stammte. Und so flog sein Wissen, seine Ahnung Tausende von Stadien weiter und er erblickte vor sich das ganze ungeheure Land, gelenkt von den rhythmischen Atemzügen äonenalter Ordnung. Eine goldschimmernde Barke, schlank und geschmeidig, schoß am Schiffe der Kyprioten vorbei. Auch hier wieder dieselben Maße, dieselben Kanten und Verschneidungen, dieselben hieroglyphischen Zieraten. Und der Takt der lange durchgezogenen Ruderschläge, das gleitende Vorwärtsjagen des traumhaft prächtigen Bootes, die von Edelsteinen und Glasur funkelnden Thronsessel, auf denen hieroglyphengleich die Eigentümer des Reichtumes saßen und mit ihren dunklen Augen ruhig vor sich hinsahen, all das war Einheit: Eins mit der Landschaft, in der jetzt aufgescheuchte Pelikane und Reiher, Marabus und Ibisse flatterten, eins mit dem Strome, in dem eine Schildkröte sich wirbelnd kollerte – und eins mit den Ahnungen, die in Pythagoras dämmerten; mit den Ahnungen vom Geiste und den Göttern dieses Volkes. Das Gewimmel der Schiffe wurde dichter. Mächtige Dämme begleiteten den Strom, der sich mit den anderen Mündungsarmen des Deltas vereinigte und in ungeheurer Breite dahinströmte. Landungsplätze und Zufahrtstraßen; Molenköpfe, an denen Barken, mit Steinblöcken beladen, vertäut lagen; das Hämmern von Steinmetzen; das Getrappel langer Kamelkarawanen, die weißbestaubt von den Natron-Seen kamen; das Vorbeiziehen eines Regimentes, das in Kähnen den Fluß übersetzte; schnelle Kriegswagen, die den Dämmen entlang rasten: alles deutete darauf hin, daß sich die Fahrt einem Mittelpunkte des Geschehens näherte. Noch eine kurze Unterbrechung: Plötzlich standen, unwahrscheinlich groß und erhaben, bunt und geschlossen, die Tempel von Heliopolis zu linker Hand. Und ehrfürchtig schwieg an diesem Ufer auf lange Strecken das hastige Treiben, gleichsam, um die Stadt der Priester, das heilige Anu, in seinem gottnahen Treiben und Forschen nicht zu stören. Versunken in die Majestät des Anblicks, gebannt auch hier wieder vom hehren Rhythmos der Formen, hatte Pythagoras für lange Zeit seine Augen auf dieses Wunder gerichtet, bis ihn endlich die stets zunehmende Mannigfaltigkeit des Getriebes und Geräusches erweckte. Er sah vor sich hin, sein Herz stockte und seine Pulse huben an zu tosen: Memphis! Memphis, die Stadt des Sonnensohnes, des Freundes der Wahrheit, des erhabenen Königs mit der rotweißen Doppelkrone; des Herrn im unaussprechlichen Kosmos dieses ältesten Landes. Und er sah, duftig, zart und ferne, die beiden Randgebirge schimmern, sah die weiten Massen der Häuser und die ragende Burg mit den Palästen und Tempeln, sah die hochgemauerten Uferböschungen, die Haine und Heerstraßen, und sah am Untergangshorizonte, am Fuße der Gebirge, in glänzendem Glaste die unausdenkbare Reihe der Pyramiden. Seine Gedanken und Gefühle begannen dithyrambisch zu rasen. Er rang nach Ausdruck. Eine leise, sonderbare Melodie hub an in ihm zu wogen, die das Klingen des Sistrums in vorbeigleitenden Lustbarken ausgelöst hatte. Was war das alles? Was suchte er? Was würde er finden? Sollte er umkehren, fliehen? Enteilen in die Schneeberge und Steppen der mitternächtlichen Zonen? Was war diese Melodie? Was wollte sie ihm künden? Näher rückte das Gewirr der Paläste, Tempel und Häuser. Und wieder sah er, wie alles dalag. Nicht nur das Einzelne, das ihm seine bisherige Fahrt gewiesen hatte, auch das Gehäufte, die Masse, trug das gleiche Kennzeichen. War aber nicht auch Einheit und Ruhe über den Kunstwerken von Milet, der schimmernden Stadt mit den drei Häfen? Über den Prachtbauten von Ephesos, von Tyros, von Sidon? Über den Tempeln und Palästen seiner Vaterstadt Samos? Was war es, das ihn hier sosehr ergriff und seinen Atem stocken machte? Lauter und rauschender summte die Melodie in ihm. »Unbekannter Gott dieses Weltalls, leihe mir für einen Herzschlag den letzten Ausläufer deiner jenseitigen Weisheit!« betete es fiebernd in seinem Herzen. Nahe stand Memphis vor ihm, hell schimmerte der Riesentempel Ptahs, des heiligen Weltbildners. Da fiel ein kleiner Funke in das Herz des Pythagoras und eine fremde Stimme flüsterte ihm fremde Worte zu, fremder und unverständlicher als die Hieroglyphen. Doch er verstand sie; nur für einen Herzschlag zwar, nur nebelhaft und kaum geboren; doch er verstand sie. Und er sah plötzlich, daß die schimmernden Werke der Hellenen dem Augenblicke dienten, der unwiederbringlichen Gegenwart, der Lust am Jetzt. Was aber hier um ihn emporstieg, diese glatten, schwindelhohen Flächen polierten Granites, diese ernsten Weiser längst versunkener Geschlechter, ruhte in anderen Zeitmaßen. Und ruhte daher in einem anderen Sinne, wuchtiger und endgültiger als der Kosmos der Hellenen. Hier stand alles für die Zukunft: Ewigkeit stand hier für die Ewigkeit! Für die Zeiten, die nie enden sollten für das heilige Kemi. Ein Volk wollte die Zeit überwinden und erst ruhen, wenn es sie besiegt hatte. Nicht wie die Hellenen, die Zeit verneinen und im Augenblicke ruhen. Und noch etwas hörte er, als wieder die Melodie in ihm erklang: Er erfaßte das innerste Wesen der Harmonie und sah an den Bauwerken Kemis, daß der letzte Grund dieser Harmonie die Zahl sei. Nicht aber die Zahl im gewöhnlichen, schalen Sinne des Wortes, nein, im geläuterten Verstande des Verhältnisses, der Beziehung von Größen und Gestalten. Doch das Brausen der ungeheuren Stadt erweckte den Jüngling aus seinem Traume. Und zwischen dem Gewirre der Barken suchte das Schiff der Kyprioten den Weg zu den Landungsplätzen von Memphis. – – III Pythagoras hatte zum ersten Male das große Wunder des heiligen Landes Kemi erlebt. Strotzender waren alle Früchte geworden, Ernte war auf Ernte gefolgt. Feste waren vorbeigebraust, an denen das unübersehbare Volk von Memphis die Stadt mit Blüten und Düften überschüttete und grelle Wimpel flattern ließ. Tausendstimmiger Gesang hatte morgens und abends in der Luft gezittert, und Sistren und Pauken, Flöten und Harfen hatten ihre Klänge von den weißen Mauern der Königsburg bis zu den wimmelnden Barken am Nil gesandt. Dann wieder strahlte die Stadt des Gottes Ptah in den hellen Nächten von Fackeln und Lampen, daß lange flirrende Zungen in die Wasser hinausstachen und auf den Wellen torkelten. Heißer hatte die Luft geglüht, bis eines Tages plötzlich der blaue Himmel fahl ward und die Sonne in weißem, mattem Glanze starrte. Ängstlich und scheu, verstört und reizbar war das Volk in die Häuser geflüchtet. »Der furchtbare Schemem, der die Herzen der Menschen verwandelt!« tönte es durch die Straßen; bis der Himmel gelb wurde und mit gräßlichem Pfeifen der erste Stoß des Sturmes daherraste. Und es heulte und peitschte, fegte und fauchte durch die Finsternis, die das Auge des Sonnengottes nur mehr zornfunkelnd und glutrot durchbrach. Auch die Zeit der Stürme war vorübergeglitten, und blau und unveränderlich blickte die ehrwürdige Halbkugel des Himmelsgewölbes auf Kemi. Doch neue Unrast, neues Harren schien die Gemüter des Volkes ergriffen zu haben: Trockener wurde von Tag zu Tag der Boden, leise Winde wirbelten Staubwolken empor, Gräser und Halme knackten vor Dürre, das Schilf raschelte gläsern und die munteren Bäume ließen schlaff ihre Blätter hängen. Der heilige Hapi, der Nilstrom, dessen Geschenk das Land Ägypten ist, sank von Tag zu Tag, daß allenthalben Sand- und Schlammbänke aus seiner trägen Oberfläche ragten. Das Volk aber zitterte und betete. Da sausten plötzlich, vorgeneigten Hauptes, die Geißeln schwingend, auf ihren Streitwagen Eilboten in die Stadt und schrien nach rechts und links, bis ihre Stimme heiser ward. Und jubelnd gab das Volk die Rufe weiter und Menschenmassen stauten sich, Kopf an Kopf, in den Straßen. »Der Nil schwillt an!« »Der Pegel auf Elephantine zeigt zwei Ellen!« »In wenigen Tagen ist die Flut hier!« »Das wird ein gutes Jahr!« »Dank und Preis den Göttern!« Die ehernen Flügel der Tempel sprangen auf, und jauchzend, dankerfüllt wogte die Masse in die riesenhaften Vorhöfe und betete und opferte. Und das jährliche Wunder geschah: Rauschend, schäumend wälzten sich die Wassermassen von Pilak und Syene über Theben talab, bis sie nach Memphis kamen. Der Nil stieg und stieg; und stieg weiter, als er schon den Rand des Ufers erreicht hatte. Da ergoß er sich gurgelnd, vorwärtsschießend, nach allen Seiten auf das dürstende Land. Das Land aber hatte seinen Befruchter sehnend erwartet. Einem einzigen unermeßlichen See glich Kemi, als es von Bergkette zu Bergkette, die ganze Breite des Tales, von den rötlichen Wassern bedeckt war. Einsam, gleich Inseln, ragten allenthalben Dörfer und Flecken, Tempel und Gehöfte, Palmengruppen und Wasserwerke auf ihren hohen Sockeln aus der ungeheuren Fläche und dünn wie Fäden zog sich das Maschenwerk der Dämme und Dammstraßen zwischen den Inseln hin. Die bunten Obelisken und Pylonen spiegelten sich in den Wassern und an den Ufern säumten die gelben Randberge die feuchte Unendlichkeit. Freude war überall. Unter dem Drucke leichter Brisen glitten Tausende von Barken mit bunten Segeln umher, in langen Grundnetzen zappelten silbrige Fische und das gesprenkelte Vieh brüllte ängstlich in seinen hohen Ställen. Dann schwammen wieder gigantische Flöße herab von den Steinbrüchen Syenes und bahnten sich unbekümmert ihren stolzen Weg durch das Getümmel der Zwerge. Auf ihren Plattformen aber ruhten, kantig und glatt, die grünlichen, roten und grauen Steinblöcke, die Obelisken und Kolosse, die Säulentrommeln und Kapitale. Andere Flöße kamen aus den Brüchen der Kalkberge und brachten gelbes Gestein in fünfmal mannslangen Quadern. Und Eisenfrachten und Flöße mit Vieh und Zeug beladen und Flöße mit abgelösten Regimentern, fern aus den Grundfestungen im elenden Lande Kasch, suchten ihren Weg auf dem Rücken des heiligen Stromes. So begann das große Wunder des Landes Kemi und wurde nach einigen Mondwechseln verdrängt vom Wunder des unerhörten neuen Wachstums. Wie wache Träume zog das Werden und Verändern an Pythagoras vorbei. Doch auch seine Pulse hämmerten in banger Erwartung und Ungeduld. Keinen Tag, keinen Herzschlag hatte er versäumt, den Urgöttern näherzukommen. Doch der Weg zu ihnen war länger als der Lauf des Nils von Elephantine bis zum Meere. Die riesigen Tempel, die das Geheimnis bargen, standen groß und nahe vor ihm. Vor den Pylonen starrte er, den Kopf ins Genick gepreßt, hinauf zu den leuchtenden Reliefs, zu den Gestalten, die betend die Handflächen den tierköpfigen Göttern entgegenstreckten; auf deren Haupt ein Stern, eine Doppelkrone, ein Sonnenball gleißte. Er sah die Opferschale in der Hand der Betenden dampfen, sah ringsum die undurchdringlichen Zeichen der Hieroglyphen, die selbst noch nicht das Geheimnis bargen, da sie ja vor allem Volke dastanden. Die Tempel aber schlossen vor ihm, dem Fremden, dem Unreinen, ihre äußersten Pforten. So mengte er sich unter das Volk und lernte mit zähem Eifer die Sprache des Landes und die gewöhnliche Schrift, die im täglichen Leben gebraucht wurde. Gastfreunde und Landsleute hatte er genug gefunden. Saßen doch die jonischen und karischen Söldner oben in der Burgstadt als Leibwache des Sohnes der Sonne, des erhabenen Hüters der Gerechtigkeit, des Zweikönigs Amasis, des Herrn von Ober- und Unterägypten. Die Hellenen aber verlachten ihn, als sie seine Pläne hörten. Und weit mehr noch lächelten seine neuen Freunde aus dem Lande Kemi. War es ihnen selbst doch verwehrt, in die tieferen Geheimnisse der uralten Priesterwissenschaft einzudringen. Sie suchten indessen, den sonderbaren Fremden, der so viel Liebe und Verehrung für ihr geliebtes Heimatland zeigte, zu entschädigen, so gut sie es vermochten: Sagen und Märchen, ruhmvolle Taten, durch die Jahrtausende reichend. Wundergeschichten, Orakel und Vorzeichen, Göttermythen und Volksglaube, all das tönte und schwirrte um die Sinne des Pythagoras und vermehrte noch seine Pein. Denn größer und ehrwürdiger, weiser und erhabener, unfaßbarer und erkenntnisschwangerer stieg von Tag zu Tag der Kosmos dieses Zauberlandes vor ihm empor. Bis er sich, fiebernd von Ungeduld und Willensanspannung, zu einem Schritte entschloß, dessen Aussichtslosigkeit zwar sein Verstand einsah, dessen endgültigen Erfolg jedoch sein Herz bangend hoffte: Wohlgesetzte Zeilen grub er in wächserne Täfelchen, ein Gesuch an den Herrscher seiner Vaterstadt, den großen Polykrates, der der Freund und Bundesgenosse des Sohnes der Sonne war. Und er erbat seine Verzeihung, daß er einst bei Nacht gegen den Willen des Tyrannen sein Vaterland fliehend verlassen hatte. Und schrieb weitere Briefe an seinen Vater, den angesehenen Großkaufmann Mnesarchos, und an seine Verwandten und Freunde, die bei Polykrates Rang und Einfluß besaßen. Ein Schiff trug die Briefe gegen Mitternacht. Die Antwort aber blieb aus, sosehr er wartete und sosehr seine Pulse hämmerten. Neues Wachstum sproßte allenthalben aus dem fetten Boden des Tales. Längst hatten sich die Wasser zurückgezogen, längst war jenes neue Wunder vorbei, daß feiner Schlamm das ganze Land bedeckte und auf dem Schlamme Myriaden von Fischen, Schlangen und Fröschen zappelten, über die sich scharenweise die Marabus und Ibisse stürzten und so viel verschlangen, daß sie fast barsten. Längst war auch die Zeit verronnen, da die Feldmesser mit Pflock und Leine zu Hunderten in den Schlamm hinauswateten, um, wie alljährlich, jedem wieder sein Grundstück zuzuteilen. Da erschien plötzlich ein Hauptmann der samischen Söldner aus Naukratis und überbrachte dem Pythagoras zwei wächserne Tafeln, die das Siegel des Königs Polykrates verschloß. Die eine sollte er nach der Weisung, die außen zu lesen war, selbst eröffnen. Er beschenkte den Söldnerführer und zollte ihm heißen Dank; doch beherrschte er sich trotz seiner furchtbaren Erregung und gewann es über sich, den Boten noch zu bewirten, bevor er ihn entließ. Erst dann zog er sich ins innerste Gemach des Hauses zurück und eröffnete fiebernd das Siegel. Wie bei allen Briefen, die Schicksalsbedeutung haben, starrte er zuerst aufs Ganze, um durch vollen Überblick mit einem Schlage alles zu erfahren. Was ihm da aber sofort entgegensprang, spannte sein erregtes Gemüt ab und setzte ihn in die Lage, nunmehr Satz für Satz die Botschaft in sich aufzunehmen. Und in seiner Seele erbrauste ein heller Jubel: Denn er las da von Gunst und Vergebung, Lob und Hilfsbereitschaft, Verständnis seines ernsten Strebens und von dem harten Willen eines großen Königs, Ungewöhnlichstes zu erzwingen. Und der zweite Brief war das Schreiben an den Sohn der Sonne, bestimmt, ihn für den Plan zu gewinnen. Und sollte von Pythagoras eigenhändig überreicht werden, damit der Herr der Gerechtigkeit auf Grund eigenen Augenscheins die Person des Bittstellers beurteilen könne. Dankbar und bewegt, ergriffen von der Größe seines Erfolges, streckte Pythagoras die Arme zur Höhe, und der Rhythmos seiner Seele wogte ein Dankgebet jenem unbekannten Gotte entgegen, der ihn jetzt schon so reich begnadete. Nicht Worte waren es, die seinem Herzen entströmten; es waren Wogen von Liebe, Sehnsucht und Demut, hinausdrängend ins Unerforschte. Und er vergaß in seiner Freude, daß noch zwei Willenspforten zu entriegeln waren, die geschlossen ihn von seinem Ziele trennten: Die Ansicht des Sonnensohnes und die Gesetze und Meinungen der strengsten Priester aller Zeiten. Das erste Hindernis überwand er wie im Schlafe wandelnd. Amasis, der damals zufällig für längere Zeit in Memphis weilte und voraussichtlich erst das nächste Jahr in seine eigentliche Residenz Sais zurückkehrte, empfing ihn sogleich, als er gehört hatte, der Samier hätte eine Botschaft des großen, glücklichen Polykrates zu überbringen. So war es gekommen: Überirdische Pracht, strahlende Paläste mit ihren wuchtigen Reihen bunter Säulen und ihren weiten Höfen. Dann die Hoheit einer Versammlung, die ihn fast zum Fußfall vor dem Erhabenen bewog. Die Größe und Leutseligkeit, die Offenheit und das schlichte Wesen des Zweikönigs, der seinen Fußfall verhinderte und ihm, dem Hellenen, lächelnd die Hand zum Gruße reichte; und ihn durch flinke Dolmetscher anhörte, Zeit hatte zu hören, bis er alles erfuhr, und ihm schließlich ein Empfehlungsschreiben an die Priesterschule von Heliopolis einhändigen ließ. »Hier endet die Macht des Sohnes der Sonne. Hier muß ich selbst bitten!« hatte er lächelnd gesagt. »Denn ich weise dich an die ersten Diener des Sonnengottes selbst. Sprich mit ihnen so wahr und einfach, wie du mit mir sprachst, und sie werden dich anhören. Denn die Klugheit einer Rede ist mehr wert als die Floskeln eines Geschwätzes!« Huldvoll war er entlassen worden. Man hatte ihm noch beim Abschiede bedeutet, er solle am nächsten Morgen den Besuch eines Würdenträgers gewärtigen, der ihn in das streng gehütete Heliopolis geleiten würde. Wenn auch die zwei ersten Erfolge anfänglich den Mut des Pythagoras stärkten, so bäumte sich trotzdem plötzlich die Furcht auf, da noch der letzte Schritt vor ihm lag. Wie gütige Väter, wie wohlwollende Freunde erschienen ihm die beiden Könige, wie finstere, abgekehrte Dämonen dagegen die Priester. Er konnte es sich selbst nicht erklären, warum sich plötzlich fast Feindschaft gegen die Hüter aller Geheimnisse, um die es ihm ging, in ihm entwickelte. Vielleicht war es eine ins Gegenteil verwandelte Liebe, vielleicht bloß Angst, die er sich nicht eingestehen wollte. Der Schlaf floh von seinem Lager und der Beamte des Königs traf ihn fertig zur Abreise an. Wie ein unheilvolles Vorzeichen erschien dem Pythagoras die düstere Miene seines Begleiters. Eine prunkvolle Sänfte brachte sie an den Strom und bald schoß ein königliches Boot durch die glasige Glätte des Wassers flußabwärts. Pythagoras ertrug das Schweigen seines Begleiters nicht lange. Nach einigem Zögern richtete er eine gleichgültige Frage an ihn. Dieser jedoch sah ihn starr an und schwieg. Da konnte Pythagoras nicht weiter an sich halten und sagte geradeheraus: »Ist es dir lästig, mich zu den Priestern zu führen?« »Der Sohn der Sonne, der erhabene Herr und Bringer der Gerechtigkeit, hat es befohlen!« erwiderte kalt der Ägypter. »Das weiß ich!« versuchte Pythagoras zu scherzen. »Doch ich frage nicht nach dem Willen des Sonnensohnes, sondern nach deiner Ansicht!« »Ich fürchte, dich fruchtlos zu begleiten! Versteh mich nicht falsch, Fremdling! Der Wille des Königs ist mir so heilig, daß meine Ansicht eine Ansicht ist, weiter nichts. Aber ich selbst bin aus dem Stande der Priester und denke, wie eben wir Priester denken!« Der Ägypter senkte den Blick. Dann sah er dem Pythagoras gerade in die Augen und sagte scharf: »Alles fast habt ihr uns schon genommen, ihr Volk von den Inseln! Deshalb müssen wir das Letzte, das Heiligste, doppelt und zehnfach vor euch verschließen!« Pythagoras erwiderte nichts. Er begriff nach dem, was er über die jüngsten Äonen Kemis bisher gehört hatte, nur zu gut das abgrundtiefe Mißtrauen der Einheimischen gegen die Hellenen. Hatte doch erst Psamtik, der Ahnherr der Saitischen Dynastie, seine Herrschaft mit hellenischen Söldnern erkämpft. Sonderbarerweise auf Veranlassung derselben Priester, die jetzt die Hellenen beargwöhnten. Vielleicht war der Argwohn eben daher entsprungen: Vielleicht fiel es einmal einem Sonnensohne bei, mit griechischen Söldnern den Einfluß der Priester zu zermalmen? Vielleicht war er selbst der Kundschafter des Königs gegen die Priester, er, der als Fremder sich nicht mit Gewissensqualen belud, wenn er Geheimnisse der Götter Kemis preisgab und Eide den fremden Göttern brach? Ja, er begriff die Priester! Aber was half dieses Verständnis gegen seine Angst? »Von mir habt ihr nichts zu fürchten!« sagte er halblaut vor sich hin. »Ich suche die wahren Urgötter, demütig und sehnend. Und hoffte, sie bei euch zu finden. Euer Wille aber ist es, einen Bittenden zu verstoßen oder ihn aufzunehmen! Diese Entscheidung werde ich ohne Widerrede achten, Männer von Kemi!« »Ich glaube dir, Fremder!« erwiderte der Ägypter plötzlich milde. »Es handelt sich aber nicht um dich allein. Auf dem Spiele steht ein Gesetz, eine Regel. Und, einmal durchbrochen, wird eine Regel dehnbar wie ein Gewebe aus Baumwolle. Vielleicht würden wir dich, den Sehnenden, freudig als Bruder begrüßen und dein Herz durch die wahre Lehre läutern, wenn deine Landsleute nicht wie die Stechfliegen in Naukratis, in Bubastis, in Sais, auf der Burg von Memphis säßen! Mehr darf ich dir nicht sagen. Habe ich doch schon durch meine Bedenken die schuldige Ehrfurcht vor dem Sohne der Sonne verletzt!« Pythagoras aber wußte genug, um für sein Ziel zu zittern. Als Heliopolis kurz danach zu ihrer Rechten auftauchte, schloß er die Augen und entpreßte seinem Geiste ein wildes, heißes Gebet. Das Boot legte an den langen Stromtreppen an und wurde von Tempeldienern niederen Ranges in Empfang genommen und vertäut. Durch eine Reihe von Wächtern mußten Pythagoras und sein Begleiter hindurch, zehnmal wurden sie um Herkunft und Anliegen gefragt, zehnmal wies der Hofbeamte seine Beglaubigung vor, bis sie endlich durch einen Palmenhain auf den weiten Platz hinaustraten, auf dem eine lange Doppelreihe von Löwen-Sphinxen den schnurgeraden Weg zu der überwältigenden Pylonenfront des Sonnentempels wies. Scharf umrissen von dunklen Schatten leuchteten die grellen Hohlreliefs, und die doppelt geflügelte Sonnenscheibe mit den regenbogenartig abgetönten Fiederflächen prangte unterhalb des Kehlgesimses des Mittelpylonen. Pythagoras setzte pochenden Herzens einen Schritt vor den anderen. Würde das kleine Wort der Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen und ihm die hohen ehernen Tempeltüren öffnen? Und den Weg freimachen zu all dem Unerforschten und Unerforschlichen? Der bunte Traum, der ihn umgab, die Ruhe des Tempelbezirkes, stärkte seine Hoffnung. Eine Ahnung ward lebendig, daß er zum Ziele gelangen würde. Die beiden erreichten die Pylonen und der Ägypter wandte sich nach links, wo, anschließend an den Tempelbau, ein fünfmal mannshohes Palisadenwerk den weiten Umkreis des Heiligtums jeder Sicht entzog. Nach einigen hundert Schritten standen sie vor einer kleinen Pforte, die sich auf das Pochen des Begleiters öffnete. Ein Priester fragte um Anlaß und Herkunft. Der Würdenträger des Königs händigte dem öffnenden das Schreiben des Sonnensohnes ein. Stumm verneigte sich der Priester, schloß die Türe und verschwand. »Wir müssen hier warten! Ein Ungeweihter darf den Tempelbezirk nicht betreten!« erklärte der Ägypter und forderte Pythagoras auf, sich auf einer der langen Steinbänke, die hier unter den Palmen standen, niederzulassen. Pythagoras ergab sich und zwang sich zur Geduld. Und er achtete der Hitze nicht, die trotz der schattenspendenden Palmen auf sie niederbrannte, er ertrug still das schillernde Flirren der tanzenden Sonnenstrahlen und verscheuchte nur müde und fast ohne Gedanken die summenden Stechfliegen. Wie lange er gewartet hatte, wußte er nicht. Er sah nur plötzlich, daß sein Begleiter aufsprang und mit allen Zeichen besonderer Ehrfurcht den hohen Greis begrüßte, der, von zwei anderen Priestern geleitet, auf sie zutrat. Unwillkürlich folgte Pythagoras dem Würdenträger in der Form des Grußes und erhob sich ebenfalls von seinem Sitze. Der Greis aber überreichte feierlich eine Papyrosrolle an den Ägypter und sagte in leicht wehmütigem Tone zu Pythagoras: »Du sollst sogleich erfahren, Fremder, was der Rat unserer Priesterschaft beschloß. Verspotte den Bittenden nicht, – hat einer unserer Weisen geschrieben – wäre es doch ärger, als wenn du seinen Körper schlügest. Schreie ihn nicht an; was ihm wehe tun muß, das sage ihm mild und freundlich. Daher sage ich dir, Fremder, zuerst, was dich schmerzen wird. Deine Bitte können wir nicht erfüllen! Trösten möge dich der Gedanke, daß selbst Söhne Kemis, die nicht priesterlichem Stande entstammen, kaum je Eintritt in die Priesterschule fanden. Ein Fremder aber, – zürne nicht über das, was ich sagen werde! – ein nach unserem Gesetze Unreiner, ein Unbeschnittener, ist seit den Zeiten, als der große Osiris, der auf Pilak ruht, über Kemi herrschte, nie und nimmermehr mit seinem Fuße in die inneren Tempelbezirke getreten. Da wir aber die jüngste Priesterschaft Kemis sind, wollen wir dir nicht alle Hoffnung rauben. Wir trugen in dem Briefe, den dein Geleiter in Händen hält, der älteren Priesterschaft von Memphis dein Anliegen vor, ohne ihr vorzugreifen. Vielleicht ist sie auf Grund ihrer älteren Weisheit imstande, unsre Bedenken zu belächeln und dir das zu gewähren, was wir dir, dem Guten, Sehnenden, Suchenden gerne böten, – wenn wir dürften. Unser Herz hat leider nein gesagt. Und vor dem Totenrichter wird unser Herz gewogen werden, das zuerst den Göttern gehört, dann erst dem Mitleide!« Pythagoras stand starr und wie verständnislos da. Er wollte die Hände heben, wollte sprechen. Vergeblich: Keinen Ton entpreßte er seiner Kehle. »Hast du mich verstanden?« fragte freundlich der Greis. »Sei mutig und verfolge hartnäckig dein Ziel. Vielleicht sind andre weiser als wir und wissen heiliges Gesetz mit Duldsamkeit besser zu vereinen als wir Diener des erhabenen Rā des Herrn alles Lichtes! Hast du mich verstanden?« »Ja!« hauchte Pythagoras; dann schlug er die Hände vor die schmerzenden Augen. Als er aber endlich seine Arme schlaff sinken ließ, war der Greis mit den Priestern verschwunden. Der Würdenträger blickte ihn mitleidig an. Endlich sagte er fest: »Was zögerst du? Der Beschluß ist unwiderruflich! Er selbst war es, der zu dir sprach, der höchste Priester des erhabenen Rā!« Dann setzte er leise fort: »Ich wußte das Ende, bevor wir abfuhren. Komm, Fremder, sei frohen Herzens, Kemi hat auch außer seinen Geheimnissen noch viel des Erfreulichen und Erhabenen!« Da sagte Pythagoras kopfschüttelnd und wehmütig: »Das Erfreuliche und Erhabene kann ich überall finden. Den wahren Sinn der Götter aber nur dort, wo er seit ältesten Zeiten überliefert ward.« Und wie zu sich selbst murmelte er: »Was werden die Priester in Memphis sagen?« »Das gleiche!« antwortete der Ägypter starr und steinern und wandte sich zum Gehen. Pythagoras aber folgte ihm in düsterem Sinnen. – IV Die zitternde Erwartung wollte kein Ende nehmen. Die Beamten des Sonnensohnes hatten einige Tage verstreichen lassen, bevor sie den Versuch bei der Priesterschaft des Weltbildners, im Tempelbezirke des Ptah zu Memphis, wiederholten. Dem Pythagoras wurde schonend mitgeteilt, daß die Priester ihn überhaupt nicht von Angesicht zu sehen wünschten, da eine alte Regel ihnen verbiete, sich in Fragen von entscheidender Bedeutung durch den Anblick der Person beeinflussen zu lassen. Man würde das Gesuch einer reiflichen Prüfung unterziehen, da ja der heimische und der verbündete König es unterstützten; doch müsse schon jetzt darauf hingewiesen werden, daß sich nach dem ersten Eindruck nicht so leicht ein Ausweg werde finden lassen, der sowohl den Absichten des Gesuchstellers als den unbeugsamen Gesetzen der Religion entspreche. Da seit diesen keineswegs ermutigenden Andeutungen schon viele Tage vergangen waren, festigte sich bei Pythagoras die Überzeugung, daß man überhaupt nur noch aus Höflichkeit gegen den König mit der Ablehnung zögerte. Ja, er war schon nahe daran, sein Gesuch selbst zurückzuziehen, da er fürchtete, durch eine neue Enttäuschung vollends um sein Selbstvertrauen und um seinen heißen Glauben an die Urgötter zu kommen. So saß er wieder einmal unter den schattenden Säulengalerien seines Wohnhauses und blickte gedankenleer auf die leuchtenden Blumenbeete in der Mitte des Vorhofes, als ihm ein Bote gemeldet wurde. Er brachte, ohne sich über den Grund Rechenschaft zu geben, die Ankunft des einheimischen Jünglings sofort mit der Erledigung seines Gesuches in innere Verbindung. Eine namenlose Erregung überkam ihn und er mußte das Äußerste seines Willens aufbieten, um vor dem Fremden das nötige Maß an Haltung zu bewahren. Die Erscheinung des Jünglings, der sich grüßend vor ihm verneigte, entzückte und verwunderte ihn zu gleicher Zeit; denn obwohl der Gesichtsschnitt, die dunkle, rötlichbraune Hautfarbe und die schmalen, tiefschwarzen Augen unverkennbar den bodenständigen Ägypter kennzeichneten, war doch in seiner Kleidung, in seinem Auftreten und im ganzen Rhythmos seiner Bewegung vieles, was von der stilisierten, hieroglyphischen Ruhe der anderen Ägypter bedeutend abwich. Vielleicht lag es nur an der großen Jugend des Boten, die das Knabenalter kaum wesentlich übertraf. Dieser äußere Eindruck des Ankömmlings wurde durch ein Ereignis von weit erstaunlicherer Bedeutung abgelöst: Der Knabe hub plötzlich an, in reinster hellenischer Zunge zu sprechen! Pythagoras war so benommen, daß er erst nach geraumer Weile die Worte seiner Muttersprache aufzufassen begann. Doch nur, um aufs neue in tiefste Ratlosigkeit zu versinken. Was wollte man von ihm? Wie kam dieser Knabe dazu, ihn von Memphis fortzulocken, damit er Näheres über die Priester und das Schicksal seines Gesuches erführe? »Wer sendet dich?« fragte er scharf, um der Sache auf den Grund zu kommen. »Herr, es ist mir verboten worden, dir darüber eine Auskunft zu erteilen. Es mag dir genug sein, wenn ich dir bei Zeus und bei Osiris schwöre, daß du es nicht zu bereuen haben wirst, dem Rufe meiner Auftraggeber zu folgen!« »Kannst du mir wenigstens sagen, ob die Priester von deinem Auftrage wissen?« Und Pythagoras sah ihn strenge an, da er geheime Ränke zu ahnen glaubte. »Du fragst mich mehr, als ich weiß!« erwiderte der Knabe schlicht. Dann setzte er nach einiger Überlegung fort: »Du wirst viel Schönes erblicken, viel auch aus Ägyptens Vergangenheit hören, wenn du mir folgst.« Und er richtete seine Augen kindlich fragend auf Pythagoras. Als dieser aber nichts antwortete, flüsterte er traurig: »Soll ich hingehen und melden, man möge dir klügere Boten senden?« Der letzte Ausbruch echten, ungeheuchelten Schmerzes rührte Pythagoras. Warum sollte er dem Rufe nicht nachkommen? Wenn man ihn verderben wollte, hätte man einfachere Wege finden können. Schließlich stand er unter dem Schutze des Herrn der Gerechtigkeit, und das wußte der geheimnisvolle Auftraggeber sicherlich ebensogut, wie er von dem Gesuche an die Priester wußte. So lächelte Pythagoras dem angstvollen Knaben zu und sagte: »Ich gehe mit dir! Ist unser Weg weit?« »Wir werden in einem goldenen Boote einige Stunden flußaufwärts fahren. Morgen wirst du wieder hier sein!« Und der Bote wandte sich zum Gehen, während Pythagoras dem Hausgesinde noch einige Anweisungen gab. Als er auf der Straße stand und sich dem Flusse zukehren wollte, sagte der Knabe: »Nicht zum Nil! Wir fahren auf dem Kanale!« So schritten die beiden in die entgegengesetzte Richtung und gelangten bald an die Böschungen der glatten, breiten Wasserstraße. Pythagoras war über die Pracht der goldenen Barke erstaunt, die sie bestiegen. War sie doch weitaus kostbarer als das Boot des Königs, das ihn vor nicht allzulanger Zeit nach Heliopolis gebracht hatte. Sechs Ruderer peitschten in ehernem Takte das Wasser. Er selbst saß auf einem edelsteinübersäten Sessel, der allenthalben mit Mosaiken aus Ebenholz und Elfenbein eingelegt war. Der Knabe aber hatte sich zu seinen Füßen niedergekauert, daß sein durchsichtiges weißes Schleiergewand sich bauschig im Fahrtwinde blähte. Bald lag Memphis hinter ihnen und sie glitten nahe an der steilen, niedergangwärts gelegenen Bergkette dahin, aus deren Felsen ab und zu die Eingänge von Grabmälern, mit Säulen, Statuen und Hieroglyphen verziert, hervorstachen. Die Frische des Spätnachmittags, die Kühle des Wassers, nicht zuletzt aber das Geheimnisvolle des Unternehmens begannen das Gemüt des Pythagoras sosehr zu erfrischen, daß er von Ruderschlag zu Ruderschlag heiterer wurde und mit dem dienstfertigen Knaben zu plaudern anhub. Dieser versäumte auch nicht, ihn auf alles nur halbwegs Sehenswerte hinzuweisen. Plötzlich schlug er sich auf die Stirne, glitt zum Vorschiff und bot nach kurzer Zeit dem Pythagoras eine goldene Schüssel dar, auf der in herrlicher Farbenharmonie Feigen, Weintrauben, Granatäpfel und Datteln aufgehäuft lagen. Das Boot machte indessen eine scharfe Wendung nach rechts. Pythagoras blickte auf. Da sah er, wie sich in der Wand der gelben Randberge mit einem Schlage ein schmales Tal öffnete, in das die Abzweigung des Kanales, auf der sie jetzt ruderten, hineinführte. Eine schwarze Pyramide auf hohem Sockel ragte zu rechter Hand. Steil stiegen die Felswände empor. Plötzlich änderte sich das Bild: Die Gebirge flohen nach beiden Seiten zurück und ein weiter, unübersehbarer Talkessel lag vor ihnen, auf dessen jenseitigem Rande, fern und duftig, die Schroffen im Lichte der tiefstehenden Sonne flimmerten. Dichtestes, üppigstes Wachstum, soweit das Auge reichte. Bäume und Felder, Blüten und Palmen. Und zur Rechten erhob sich, nach einer kleinen Biegung des Kanales, auf mächtigen Grundmauern ein Wunder, wie es Menschenaugen anderswo noch nicht geschaut hatten. Gut tausend Fuß lang, klotzig und wuchtig, schwindelnd hoch. Dabei über und über mit Reliefs und Hieroglyphen bunt verziert: Das Labyrinth! Pythagoras sprang empor und staunte. Und der Knabe wies ihm mit leiser, scheuer Stimme die Einzelheiten, erzählte von den verwirrenden dreitausend Gemächern, den Säulenhallen und Standbildern dieses Riesenbauwerkes sondergleichen. Und dahinter ragte die Pyramide des großen Bauherrn, des dritten Amenemhat, des Königs mit dem Beinamen eines Herrn der Überschwemmungen. Ungeheure Schleusen und Brücken aus Quadersteinen sperrten in naher Sicht den Kanal, als das Boot gegen links wandte und in eine bisher verborgene, ganz schmale Wasserader einlief, deren Böschungen den Spiegel sosehr überhöhten, daß für die Bootsinsassen jeder weitere Ausblick benommen war. Die Barke folgte aber nicht allzulange diesem Seitenpfade. Nach einigen tausend Ellen legte sie an einer kunstvollen Treppe an, auf der bereits eine Schar prächtiger Diener und Sklavinnen der Ankunft des Fahrzeuges harrte. Leichtfüßig sprang der Knabe auf die Stufen und reichte Pythagoras lächelnd die Hand, als dieser sich erhob, um auszusteigen. Als sie, geleitet von den Sklaven, die oberste Treppenstufe erreicht hatten, schwoll ihnen ein schwerer weicher Duft entgegen; Pythagoras blickte erstaunt nach beiden Seiten: doch nirgends konnte sein Auge weiter als wenige Schritte in die leuchtenden Wände von Rosen und Lilien eindringen. Zu Häupten aber gabelten sich die bastumbüschelten Schäfte brauner Palmen in die zartgrüne Fiederung gewölbter Blätter. Der Weg, der schnurgerade lief, war mit einem Mosaik schwarzer und weißer Platten belegt. Nach kurzem Schreiten standen sie vor der buntgemalten Fassade eines palastähnlichen Hauses, zu dessen Flügeltore neuerlich breite Treppen hinanführten. Die Türen öffneten sich und ein Hof, schimmernd von Säulen, Alabastertafeln, Blumenbeeten und zierlichen Standbildern folgte, bis zur Linken eine Türe die beiden durchließ und in einen kurzen, halbdunklen Flur führte. Eine schmale Treppe stieg hier aufwärts, an deren oberster Kante ein Viereck des freien Himmels in schrägem Strahlenbündel das Licht herabsandte; so daß die untersten Treppenstufen in schwarzem Dunkel lagen. Die Diener waren im Hofe geblieben. Der Knabe aber sagte leise: »Steige diese Treppe hinan! Bald wird man dich gebührend empfangen! So lautet mein Auftrag!« Damit verschwand er durch eine niedere Seitentüre. Pythagoras überlegte einen Herzschlag lang, was dieses sonderbare Gehaben bedeuten sollte. Und ein merkwürdiges Gefühl nahm von ihm Besitz. Die Möglichkeit, in wenigen Augenblicken vielleicht rätselhaften Gefahren, Anschlägen oder Erfüllungen gegenüberzustehen, brachte sein Gemüt in Wallung. Hatte sich doch das Geheimnisvolle, das gewollt Mystische aller Begleitumstände immer mehr gehäuft. Er stieg langsam die Treppe hinan. Um seinen Willen zu erproben, senkte er den Blick und hob ihn erst, als er vollends den Stiegenschacht verlassen hatte. Da aber entfuhr ihm ein erstickter Laut des höchsten Entzückens: Im Leeren gleichsam wähnte er zu schweben, und das Licht, das von allen Seiten auf ihn eindrang, blendete ihn einen Herzschlag lang. Plötzlich aber sah er, sah alles zu gleicher Zeit: Vor sich die unausdenkbar große Fläche des Moeris-Sees, so glatt, so unbewegt wie ein farbloses Gewebe aus Äther. Nur weiter draußen, wo die gelben Randberge das Becken säumten, lagen Flecken und Streifen in zartestem Rosenrot und blitzendem Silber. Die ganze Luft aber war mit still dahinziehenden Vögeln erfüllt. Mit Reihern, mit schwarzen Riesenseglern, deren Flügelspitzen weiß leuchteten, mit buntem goldigen Getier, mit hellroten Flamingos, mit bläulichen Schwalben. Und auf der Fläche des Sees zogen Schwärme schillernder Wildgänse, und breite Inseln aus Seerosen und Lotos schwammen an den Ufern. Die Sonne stand tief über den Randbergen. In ihren geneigten Strahlen leuchteten zur Rechten, aus Gärten und Hainen hervorlugend, die Paläste und Tempel von Krokodeilonpolis, stolz ragten in der Mitte des Seebeckens zwei dunkle Pyramiden auf mächtigen Sockeln, und der wuchtige Bau des Labyrinths hob sich vom Hintergrunde des Eingangstales. Der Spiegel des Sees aber lag, eingefaßt von unausdenkbar breiten Staudämmen, höher als die Umgebung. Auf dem höchsten Punkte dieses Hunderte von Ellen breiten Dammgürtels jedoch stand der Palast, über dessen blumenbestreute Dachfliesen Pythagoras vorwärtstrat, bis er zu seinen Füßen die Wasser des Sees an steinerne, polierte Freitreppen sich anschmiegen sah: Wo breite, bunte Barken vertäut waren und trotz der Glätte des Sees in leichten Dünungsfalten sich wie atmend hoben und senkten. Versunken in die Schau, erfüllt von der elysischen Ruhe dieses Ortes, vergaß er sich selbst und die Umgebung und verlor sich in das Abbild aller Schönheit, die ihn anströmte. Plötzlich standen Worte im Raume, dunkle, wohllautende Worte, in deren holdem Klang ein leiser Hauch des Fremden bebte. Und sie wiederholten sich, schärfer und heischender: »Sei gegrüßt, Pythagoras aus Samos!« Seine Hingabe verflog. Das Band, das ihn mit der Umwelt hatte eins werden lassen, zerriß. Er fuhr herum. Doch neue Schönheit, neue Wunder aus anderen Zonen der Schöpfung, warfen ihn in den Zustand entrückten Träumens zurück: Wenige Schritte vor ihm stand die süße Erscheinung eines herrlichen Mädchens. Schlank und hoheitsvoll. Und über das straffe Unterkleid, das den Busen, die zarte Linie der schmalen Hüften und der herrlichen Beine scharf umriß, lag wie ein Hauch das schleierdünne, vielfaltige Übergewand, dessen Saum nicht ganz bis zu den edelsteinblinkenden Spangen der Knöchel und zu den goldenen Sandalen reichte. Die Strähne der tiefschwarzen Haare aber umfaßten das dunkle Antlitz. Und die schmalen, unergründlich tiefen Augen blickten forschend auf den Gast. Und Geschmeide und Halsketten und die bunte Harmonie des halbmondförmigen Halskragens wurden bei weitem von dem flimmernden Reifen überhöht, der die Haare oberhalb der Stirne umgriff; aus dessen Mitte sich die Uräusschlange hervorbäumte und mit den Edelsteinaugen funkelte. Zu beiden Seiten aber knieten Dienerinnen, die der Gebieterin mit Pfauenfächern Kühlung zuwedelten. Pythagoras zwang sich zur Fassung. »Sei gegrüßt, unbekannte Herrin!« sagte er und trat einen Schritt näher. Jetzt erst kam es ihm voll zum Bewußtsein, daß auch die Ägypterin hellenisch gesprochen hatte, als ihn ihr Gruß aus seiner Schau weckte. Sie lächelte leise und winkte den Dienerinnen. Sofort standen, nahe dem Rande der Dachfläche, prächtige Prunksessel. »Laß dich nieder, Pythagoras, und höre mich!« begann sie mit leiser Stimme. »Ich weiß, daß du über die Art, in der ich dich hieherlockte, verwundert bist. Mit vollem Rechte! Du wirst mir aber verzeihen, wenn ich dir sage, daß ich alles tat, um dich die Schönheit dieses Platzes voller würdigen zu lassen. Wer nicht zum erstenmal allein und in geheimnisumwehter Stimmung dieses Dach betritt, sieht nicht alle Wunder des Gaues Piom!« »Dein Plan ist geglückt!« lächelte Pythagoras. »Und ich danke dir doppelt, da du mich kurz nach dem ersten Wunder ein zweites schauen ließest!« »Wozu Schmeicheleien!« wies sie die Höflichkeit des Pythagoras ab und ihr Antlitz wurde hart und herb. »Wenn anders du es nicht ein Wunder nennst, daß ich noch leben darf!« Er sah sie fragend an, da er nicht durch ein gesprochenes Wort ihre Abwehr verstärken wollte. »Du wirst mich verstehen,« setzte sie nach kurzer Pause hoheitsvoll fort, »wenn ich dir sage, wer ich bin. – Und weshalb ich dich rief!« Pythagoras, der so schnell vor der Enthüllung aller Geheimnisse der letzten Stunden stand, wurde durch diese Ankündigung gleichwohl nicht freudig gestimmt. Fast hätte er gewünscht, jetzt, auf der Stelle, forteilen und das Rätsel und die Erinnerung an die überirdische Schönheit des Geschauten zeitlebens in sich bergen zu dürfen. So schwieg er. Da lachte die Ägypterin leise auf: »Ihr Hellenen seid ein sonderbares Volk. Man nennt euch geschwätzig, wir dagegen tragen den Ruf der Schweigsamkeit durch die Jahrtausende. Solltet ihr plötzlich von uns und wir von euch gelernt haben?« »Die Zeit möge kommen, da alle Völker voneinander lernen!« antwortete Pythagoras kühl. »Geschwätzigkeit aber soll bei allen Völkern vertilgt werden. Auch bei uns Hellenen.« »Habe ich dich gekränkt?« und sie neigte sich vor und sah ihm mit einem dunklen Blick in die Augen. »Ich wollte doch nur mich selbst verspotten. Und deine Verzeihung dafür erlangen, daß ich soviel schwatzte. Trotzdem muß ich dir vieles noch sagen!« »Ich bin gekommen, dich, die ich nicht kannte, zu hören!« Und Pythagoras erwartete unbewegt ihre Antwort. »Gut denn!« Und wieder schien sich ihre Gestalt in Würde zu erhöhen. »Ich sagte dir, es sei ein Wunder, daß ich lebe. Denn ich bin Bertreri, die Tochter des Sonnensohnes Uahabra, den ihr Apries nanntet. Staunst du jetzt noch über meine Worte?« Pythagoras mußte seine ganze Kraft aufbieten, um durch keine noch so kleine Geste seine Erschütterung sichtbar werden zu lassen. Was wollte die Tochter des unglückseligsten Königs von ihm? In welche Ränke zog man ihn? Wie, – und das war die wichtigste Frage – wie hing das alles mit den Priestern zusammen? Trotz seiner Beherrschung aber hatte Bertreri seine Bewegung bemerkt und richtig gedeutet. So sprach sie weiter: »Fürchte nichts, Pythagoras! Ich bin die Tochter eines Königs, der seine Freundschaft zu euch Hellenen mit dem Leben bezahlte! So leitet mich auch nur Liebe zu deinem Volke, eurer Kunst und Dichtung, wenn ich dich hieher entbot, um dich zu warnen. Hüte dich vor den Priestern Kemis, Pythagoras! Alles, alles Unglück, das über Kemi hereinbrach, haben die Priester verschuldet!« »Was weißt du von den Priestern?« hastete Pythagoras gegen seinen Willen hervor. »Woher weißt du, daß ich –« »Die Tochter des rechtmäßigen Königs, die Urenkelin Tafnachths, hat noch mehr getreue Freunde in Kemi, als der stolze Amasis ahnt!« fiel ihm Bertreri, spöttisch lächelnd, in die Rede. »Doch wozu davon sprechen?« setzte sie abweisend fort. »Ich weiß nun einmal, daß dich die Diener Rās in Heliopolis nach Memphis wiesen. Dort wird man dich – das werden die nächsten Tage zeigen – auch in irgendeiner Form, die Amasis nicht verletzt, hinhalten oder dir ein endgültiges, verdecktes und überschminktes Nein sagen. Doch auch das ist gleichgültig! Es handelt sich um Tieferes, Persönlicheres, was ich dich fragen will. Was suchst du bei diesen – diesen Priestern?« »Mein Verstand kann es dir nicht künden. Eine Ahnung ist in mir, ein Drang, der Befehl einer höheren Macht. Und ihr Zwang trieb mich von Samos nach Milet, von Milet nach Sidon und Tyros und Byblos und von dort nach Karmel. Auf dem Vorgebirge aber entschied sich mein Geschick und führte mich hieher. Vielleicht wird es mich weiter und weiter jagen bis an den Rand des Erdkreises!« Pythagoras blickte versunken vor sich hin, denn übermächtig hoben sich aus den Dämmerungen seiner Seele die scharfumrissenen Bilder seines Traumes. Bertreri horchte wie ungläubig auf. Dann sagte sie in nachlässigem Tone: »Ich kann dem Wirrsal von Ahnungen und Träumen nicht folgen. Ich frage noch einmal, schärfer und klarer: Was erwartest du bei den Priestern Kemis zu lernen, zu erfahren, zu gewinnen?« »Sie sollen mir entdecken, was der tiefste Sinn der Gottheit ist!« erwiderte er schnell. »Das also hoffst du?« Und sie lächelte einen Herzschlag lang höhnisch vor sich hin. Dann trat ein fast hassender Ausdruck in ihre dunklen Augen. »Das also hoffst du?« wiederholte sie tonlos. »Du kennst die Priester nicht, du verkennst mein Volk! Vor tausend Jahren – vielleicht! Jetzt? Nein, jetzt ist das, was du suchst, längst gestorben, verweht, vergessen. Auch in mir, Pythagoras! Auch in mir!« Pythagoras senkte den Blick. Seine Gedanken liefen durcheinander und kreuzten sich. Ein tiefer Schatten von Niedergeschlagenheit hatte sich auf sein Gemüt gelegt. Bertreri aber sprach plötzlich ruhig weiter, so ruhig, daß ihn Schauder faßte: »Höre von den Priestern, Pythagoras, bevor ich von den Göttern rede. Als Kind schon vernahm ich ihre Worte, ihr Geflüster war um mich und sie ahnten nicht, daß das Kind sie verstand, wenn sie den Vater verlockten. Von Gott hörte ich sie nie erzählen, wohl aber von Gold und Kriegen und Ränken, von Rechtssprüchen und Regierungsgeschäften. Kanntest du den Sohn der Sonne, den gütigen, tapferen Apries, der neunzehn Jahre lang den Feind bekämpfte, um das Reich des großen Ramses wiederzugewinnen? Der Kypros eroberte, die stolze Flotte Sidons versenkte? Und dessen Ansturm erst unter den Mauern Jerusalems zerschellte, weil dort der furchtbare Same keimte, den die Priester gesät? Doch das kannst du nicht verstehen, wenn ich nicht noch weiter zurücksteige in die Kette meiner Vorväter. Als das befreite Volk die Fremdherren in das elende Land Kasch zurückgejagt hatte, als endlich allem Schrecken, den einst ehrgeizige Priester über Kemi gebracht, ein Ziel gesetzt war, da herrschten die zwölf Könige in brüderlicher Eintracht. Doch die Priester wollten es anders und erzeugten Wunder und ließen betrügerische Vorzeichen eintreffen, bis sie Psamtik mit Hilfe hellenischer Söldner zum Alleinherrscher gemacht hatten. Einfältig und dankbar erinnerten sich Psamtik und seine Enkel der Hilfe der Hellenen, gaben ihnen Vorrechte, bis die Priester für ihre Macht zitterten. Kemi hat im Laufe der Zeit viele Fremdvölker beherbergt. Ich schwöre dir, daß kein Mensch im Lande die Gefährten, die in den Schlachten an der Seite der Ägypter für unsere Heimat bluteten, um die kleinen Vorrechte beneidet hätte. Nur die Priester fürchteten euch Hellenen. So wurde dem Volke Haß und Neid eingeredet, bis durch Zwietracht und Eifersucht zwischen hellenischen und ägyptischen Truppen der Siegeslauf meines Vaters vor Jerusalem endete. Da ließ sich Apries endlich von den Priestern verleiten, ein rein ägyptisches Heer gegen die Kyrenaika zu senden. Das Heer wurde geschlagen. Und jetzt kam neues Unheil. Jetzt behaupteten die Ägypter, man habe sie absichtlich ohne hellenische Unterstützung gelassen. Was weiter folgte, dürftest du wissen. Amasis, der Feldherr meines Vaters, wurde vom Heere zum Könige ausgerufen und mein Vater von den Aufständischen geschlagen und gefangen. Amasis war kein Mörder. Er hielt Apries in ehrenvoller Haft. Die Priester aber hatten es anders beschlossen. Volkshaufe über Volkshaufe zog vor den Palast in Sais, bis die Priester, höre, Pythagoras, dieselben Priester, die das Volk verhetzten, meinen gutgläubigen Vater zur Flucht verlockten und mitten in die empörten Rotten hineinführten. Dort wurde er schändlich erdrosselt! Er, der große, tapfere Sohn der Sonne, der letzte männliche Nachkomme Tafnachths. Das sind die Priester Kemis, von denen du das Wesen des Göttlichen erfahren willst, Pythagoras, Kind aus Samos!« Die letzten Sätze hatte Bertreri in furchtbarer Erregung hervorgestoßen. Ihr Antlitz war fahl geworden und ihre geballte kleine Faust lag blutleer auf die Lehne des Prachtsessels gepreßt. Doch sie zwang sich nieder und sprach mit ruhiger Stimme weiter: »Und die Götter selbst? Habt ihr keinen Gott, Volk der Hellenen? Ergreift euch kein frommer Schauer bei der Nennung seines Namens?                 Fühlt ihr es nicht, wenn Kronion mit dunkler Braue emporzuckt und die ambrosischen Locken vom ewigen Haupte des Herrschers mächtig wallend die Festen des hohen Olympos erschüttern?« Pythagoras, dessen Seele sich unter den furchtbaren Anklagen gegen die Priester, gegen seine Hoffnungen, gegen den Verrat an heimatlichen Göttern aufbäumte, hatte sich vom Sitze erhoben und wollte in unklarem Drängen Entscheidendes erzwingen. Doch er sank sogleich zurück, als ihn der befehlende Blick Bertreris traf. Nur kurze Zeit aber währte seine Schwäche. Plötzlich siegte alles Klare in ihm und er antwortete fest: »Den Gott, den du eben riefst, suche ich! Der Gott, der aus diesen Versen hervorleuchtet, ist mein Gott und der deine und der Gott aller Völker! Aber die Hellenen haben das Antlitz der Götter entstellt, die Dichter haben die Götter zu den Menschen herabgezogen. Deshalb suche ich an allen Orten, wo uralte Kunde vom Wesen dieses Gottes aufbewahrt wird. Mögen auch die Priester von heute schlecht sein, die Lehre und die Papyrosrollen von gestern und ehegestern können trotzdem herrliche Wahrheit bergen!« »Wahrheit?« fiel sie müde ein. »Pythagoras, das Letzte! Dein Suchen ist Wahn, du eilst Schatten und Träumen nach. Kinder seid ihr, Hellenen, Kinder in allem; deshalb liebte euch mein Vater, deshalb liebe ich euer Volk. Pythagoras, noch einmal, höre das Letzte! Wir alle in Kemi, voran die Priester, alle, die höhere Bildung genossen, haben den Glauben verloren! Du schiltst die Hellenen, weil sie aus Göttern Menschen machen. Wir aber haben den Glauben zerstört, weil aus Göttern luftige Gedanken wurden. Gedanken, Regeln und Worte! Und ich selbst habe keine Götter mehr, weil allmächtige Wesen solche Diener zerschmettern müßten. Ohne Gerechtigkeit kein Gott und ohne Gott keine Gerechtigkeit!« »Unglückliche!« stieß Pythagoras entsetzt hervor. »Unselig, daß du nicht glaubst!« »Ich glaube nicht mehr, weil das Unglück zu groß war, das meine Väter traf!« erwiderte Bertreri kalt. Dann warf sie den Kopf zurück. »Sieh hinaus!« und sie lächelte rätselhaft. »Sieh hinaus, der du Götter suchst und nach Göttern dürstest: der große Rā senkt sich auf die westlichen Berge und tritt ins Reich der Toten!« Pythagoras gehorchte. Da sah er, wie der See, das Gebirge und die Stadt in verlöschender Röte ertranken. Die Kulme der Pyramiden aber leuchteten in hellerem Glanze. V Fahl und tot schoben sich dicke Wolkenhaufen über die Dämmerung des Morgenhimmels, als die Barke kanalabwärts gegen die Stadt Ptahs hinunterglitt. Über Memphis selbst rieselte schon ein feiner Regen und die ganze Gegend dampfte in satter, lustloser Schwüle. Müde und von Zweifeln gepeinigt kehrte Pythagoras heim. Das Abklingen der ihn umgebenden Natur von leuchtendster Farbenpracht zu grauer Eintönigkeit wurde seinem Gemüte zum Sinnbild und trieb die Ansätze seiner Mißstimmung zu einem Gipfel. Nichts war gelöst, alles verworrener denn je. Leicht und fröhlich erschien ihm fast die Schicksalswende auf dem Vorgebirge Karmel; denn damals hatte er nichts zu tun gehabt, als den eigenen Willen in die Waagschale zu werfen, hier oder dort: je nachdem er das Steigen der anderen Schale wünschte. Jetzt aber war plötzlich fremder Wille, mehr noch, fremde Willkür für ihn Sprungbrett und Erfüllung. Und je mehr er grübelte, desto sonderbarer blaßte sein eigentliches Ziel ab und andere Bilder, andere Ziele drängten sich in den Vordergrund. Zehnmal erstaunte er darüber, daß er alles, was ihn bewegte, in Gespräche kleidete. In wohlgeformte, eindringliche Reden, wobei er Antwort ersehnte. Und statt Antwort sah er ein Lächeln, ein rätselhaftes, fast höhnendes Lächeln. »Bertreri! Pythagoras, Kind aus Samos!« formten sich die Kreise seines Denkens und eine helle Bilderfolge wehte an ihm vorüber: Das Dach des Hauses, der Moeris-See und der Gau Piom. Der große Rā senkt sich zu den westlichen Bergen und betritt das Reich der Toten. Ein Mahl in der Dämmerung, als von allen Seiten plötzlich zarte Klänge, Sistren und Harfen und Flöten, die Melodie Pioms verrieten. Dann Lichter, Tausende schimmernder Lichter. Lange zitternde Streifen, hinaus in die Schwärze des Wassers. Der Himmel mit grellen Sternbildern bedeckt. Leuchtend der Sothis-Stern. In der breiten Barke auf duftenden Pfühlen. Leises Anprallen winziger Bugwellen an die Planken. Gesang von Sklavinnen im Boote. Und die Herrin wie eine Hieroglyphe auf erhöhtem Thronsitz. Steinern und ewig, als ob alles Blut der Ahnen seit Tafnachth plötzlich in ihr kreiste. Der Ka, die schweifende Seele des Vaters, des erwürgten Sonnensohnes, war auf den Wassern gewesen. Dann wieder Gespräche. Leise, eindringliche Gespräche über Kemi, über Ilion, über die Hellenen, über Jonien. Und zwischendurch stets wieder das Lächeln, das starre, höhnende Lächeln, das so nahe neben dem Grauen lag. »Kind aus Samos!« Nein, sein Selbstgespräch war schon Tollheit, war schon Vermessenheit. »Schaue die Wahrheit, Pythagoras! Jage nicht Träumen nach, die dich zermalmen werden. Siehe, Pythagoras«, und jetzt sprach plötzlich eine andere Macht, eine tiefste, unbezwingliche Macht, vielleicht die Gottheit selbst, in ihm. »Siehe, Pythagoras, die Wahrheit ist so wie der fahle Morgen, nicht wie der süße Abend. Sag mir, Jüngling aus Samos, hat auch nur eine kleine Gunst dir die Herrin erwiesen? Hat sie geduldet, daß du die Spitzen der Finger, den Saum ihres Schleiergewandes berührtest? Hat sie das erlaubt? Nein, sie hat es verboten, verboten durch ihr Lächeln, gehemmt durch königliche Würde! Und sie hat auch nicht gewinkt, als du fortfuhrst. Sie schlief und hatte vergessen, daß einer der Hellenen, einer des Volkes, das ihr lieb ist, weil der große Vater, der unglückseligste Sohn der Sonne, es liebte, mit ihr durch die Nacht des Moeris-Sees fuhr. Eine Laune war es, eine Probe vielleicht. Eine Probe, um zu sehen, auf welcher Stufe der ewigen Pyramide des Geistes die Denker der Hellenen halten. Da hat sie gelächelt, die Tochter Kemis, gelächelt durch ihr kaltes Grauen. Und ihr Urteil war die Anrede: Pythagoras, Kind aus Samos! Du aber sollst lachen ob dieser Anrede. Hat nicht Herakles, ein Kind noch, Schlangen erdrosselt? Suche dein eigenstes Ziel, gedenke Karmels!« Und die Priester? die Mittler und Bewahrer des Zieles? Da stand Bertreri wieder, lockend und drohend zugleich, in der Mitte seiner Gedanken. »Das sind die Priester Kemis, von denen du das Göttliche erfahren willst!« Und die Götter? Und die Wahrheit selbst? Überall schwebte das Lächeln der Königstochter, das leise, höhnende, steinerne Lächeln. Plötzlich wußte er, wo er es gesehen hatte, hundertfach, tausendfach: In den Bildwerken, an den Statuen der Könige, der Fürsten, der Helden, die ihre Hände starr auf den Knieen liegen hatten oder ihre Arme über der Brust kreuzten. Sollte das Land Kemi ein Geheimnis bergen, unfaßbar dem Kinde aus Samos? Ein Geheimnis des Alters, der Reife, der Sättigung? Oder das Geheimnis einer Klarheit, die seinem Volke ewig versagt blieb? – Trotzdem oder vielleicht eben deshalb bäumte sich stolzer Bezwingermut in ihm. Und er hielt trauliche Zwiesprache in seinem Innern mit Bertreri, bis sein Sinn stumpf und seine Hoffnung tot war. Denn stets aufs neue stieg die unbestechliche Stimme der Wahrheit in ihm empor und zerhieb schonungslos das bunte Geranke seiner Traumwünsche. Und der Regen rieselte und er erreichte Memphis. – * Wenige Tage später langte die schriftliche Mitteilung der Priesterschaft des großen Ptah bei ihm ein. Der Papyros war in der Schrift des Volkes abgefaßt und auch aus diesen wohlgesetzten Worten drang das steinerne Lächeln des Landes Kemi zum heißen Herzen des Samiers. Grüße und Segenswünsche, Ermunterungen und Trost. Sinnbildhafte Göttersprüche. Und dann der Schluß, der Entscheidung bedeutete. Auch memphitische Priester seien nicht weise genug, ein so ungewöhnliches Anliegen zu entscheiden. Ältere Weisheit eigne den Priestern des Amun, des Einzigen, des Größten. In Theben sei ihr Sitz. Und er solle die Rolle selbst den Amunpriestern überreichen, denn sie hätten allein die Macht der Lösung. Über ihnen gebe es keine höhere Priesterschaft. Wenn auch Pythagoras diese oder eine ähnliche Antwort erwartet hatte, so lag doch, wie es in der Hoffnungsbereitschaft jeder lebendigen Seele zutiefst begründet ist, ein weiter Unterschied zwischen dem hundertmal durch Hoffnung erschütterten Zweifel und der unabwendbaren Kälte der Bestimmtheit. Er schluchzte auf und zerknirschte namenlose Wut. Dann verzerrte sich sein Antlitz in fremdem Gelächter, bis er des nutzlosen Kampfes müde wurde und in stummes Hinbrüten versank. »Wozu noch einmal? Wozu noch einmal?« Dumpf kreiste dieser eine Gedanke in der Leere seines Gemütes und es war ihm nur ein schwacher Trost, daß er in die Kanzleien des Königs entboten wurde. Dort wurde ihm mitgeteilt, daß der Sohn der Sonne neuerlich alle Hebel angesetzt habe, um die letzte und endgültige Entscheidung in Theben im Sinne des Gesuchstellers zu beeinflussen. Die Priesterschaft der hunderttorigen Stadt entziehe sich jedoch mehr noch als die anderen Priesterschulen dem Willen des Königs. Jedenfalls wolle aber der Herr der Gerechtigkeit dem Gaste zeigen, daß er sein Wort einzulösen gewillt sei. Zudem habe er in bestimmte Aussicht gestellt, den Fremden, falls auch Theben ablehne, an den Hof zu ziehen und ihm die profane Bildung der königlichen Beamten, die nicht Priesterrang besäßen, zugänglich zu machen, so daß sein Wissensdurst doch einigermaßen befriedigt werden könnte. Pythagoras, den trotz aller Trostlosigkeit die liebevolle Fürsorge des Herrn Kemis rührte, unterließ es nicht, entsprechenden Dank abzustatten. Im Innern aber hatte er einen anderen Entschluß gefaßt: Er wollte sich Rat und Hilfe bei Bertreri holen, dem Lande vielleicht sogleich den Rücken kehren und an anderen Stellen des Erdkreises einen Schimmer der Gottheit zu erringen versuchen. Kurz darauf trug ihn ein kleines gemietetes Boot gegen Piom. Doch er kehrte noch enttäuschter, noch ratloser nach Memphis zurück, als er ausgezogen war: Bertreris Palast war mit Gittern und Siegeln verschlossen und kein lebendes Wesen außer zwitschernden Vögeln und schillernden Echsen bevölkerte die duftende Pracht ihrer Gärten. Zufällig hörte er in diesen Tagen, daß im Lande Kasch seit den Zeiten der großen Auswanderungen und dem Verrate des thebanischen Oberpriesters Hirhor die Götter Kemis verehrt würden. Und einer seiner Diener, ein Äthiopier, der durch pfiffige Schlauheit einen Zipfel des Geheimnisses und der Pläne seines Herrn erhascht hatte, bot sich ihm als Dolmetsch und Führer an und versicherte ihm, daß die Priester von Kasch, schon aus Trotz und Widerspruchsgeist gegen die aufgeblasenen, hochmütigen Herren von Kemi, es sich angelegen sein lassen würden, das zu erfüllen, was die Leute Kemis verweigerten. So wartete Pythagoras noch wenige Tage, bis die Zeit der Nordwinde einsetzte, und beschloß, da Theben ja am Wege nach Kasch lag, den letzten Versuch bei den dortigen Priestern zu wagen; wobei er seinem Diener strengstes Stillschweigen auftrug, damit nicht seine Ausreise nach Kasch verhindert würde. Kemi lag in Gedanken schon hinter ihm, als er nilaufwärts segelte. Er gewann auf der langen Fahrt zwar wieder ein gewisses Gleichmaß seines Gemütes, doch hatte diese Harmonie einen leisen zersplitterten Unterton: Der erste Schmelz sieggläubiger, allvertrauender Hoffnung war verschwunden und ein gebeugtes Ergeben in Unerreichtes wurde Schmerz und nicht Trotz oder Zorn. Die herrlichen Werke Kemis aber, die an den Ufern standen, die strotzenden Fluren, den Wechsel der Gebirgszüge; das alles sah er nur mehr als Verlängerung eines unabänderlichen Abschiedes. So erreichte er einmal um Mitternacht die brausende, flimmernde Stadt der hundert Tore, Paläste und Tempel. – VI Als die heilige Sonne ihre ersten Strahlen von den östlichen Randbergen schräg herabgesandt hatte, als unter ihrem Ansturme die leichten Nebel oberhalb des Nils in das Nichts zerweht waren, als die ganze Luft in reinster Frische und Durchsichtigkeit flimmerte, war die letzte Stufe der Entsühnung und Reinigung erreicht: Pythagoras stand nahe am schwindelnden Absturze der westlichen Schroffen, auf dem höchsten Kulme der Nekropolis, und blickte still und unbewegt hinunter zur hunderttorigen Stadt. Da lag sie vor ihm, die Herrliche, und gleißte. Und er umfaßte zuerst das Ganze, bevor er das Einzelne entwirrte. Auf beiden Seiten des Stromes, von Hainen, Palmengärten, leuchtenden Straßen und Plätzen unterbrochen, staute sich die stundenweite Masse der Häuser. Und gleich Streitwagen und Rossen im Heere der Fußkämpfer, ragten die Paläste und Tempelpylonen, die Obelisken und Kolosse aus dem ungeschiedenen Gewimmel. Das glatte blaue Wasser des großen rechteckigen Stau-Sees funkelte zu seinen Füßen. Des Sees, über den die Barken die Toten in die ewigen Wohnungen herübertrugen. Und am jenseitigen Ufer, – jetzt gewann seine Schau plötzlich Erkenntnis und Vereinzelung – dort, wo die lange glatte Straße gesäumt von Hunderten widderköpfiger Sphinxe lief? Was standen dort, in erhabener, unausdenkbarer Majestät und Größe für Tempel, die einander die Fronten zuwandten; lang und wuchtig, auf hohen Terrassen am Ufer des Stromes? Sein Herz begann zu jubeln. Tagelang zurückgedrängte Wünsche, Hoffnungen, Erfüllungen wurden in ihm greifbare Gestalt. Erinnerungen strömten auf ihn ein. Der jähe Wechsel des Schicksals umnebelte seinen Sinn. Waren die Ereignisse der letzten Tage Wahrheit oder Traum? Und er versuchte, sein von Fasten und Bußübungen getrübtes Denken in die Reihenfolge der Geschehnisse zu zwingen: Er war halb unwillig, kaum mehr irgendeine Änderung hoffend, durch das Brausen dieser wundersamen Stadt, dieses Herzens des Erdkreises, zu den Tempeln geschritten. Ja, dorthin, dorthin, wo die lange Doppelreihe der Widderköpfe steinern und höhnend das ewige Lächeln Kemis lächelte! An die Pforten des Unaussprechbaren, des Großen, des Höchsten. Man hatte ihn geprüft, verhört, umhergewiesen – und gelächelt. Er hatte gewartet, müde und zerbrochen gewartet. Wozu auch? Im Hafen, an den Molen lag seine Barke, gerüstet zur Fahrt nach dem Lande Kasch. Plötzlich hatte man ihn gerufen. Er war in einem Saale gestanden und hatte fliehen wollen. Steinern waren zehn Priester gesessen, wie die Bilder des Totengerichtes, die man ihm zu Memphis gezeigt hatte. Einer hatte sich erhoben, überirdisch und groß und ihn angeblickt; tief hinein, bis zum Grunde seines Herzens. Und er hatte die Hände, betend wie ein Tempelbild, von sich gestreckt und gellend den Namen Osiris gerufen. Da hatte der Greis gelächelt. Aber weltenfern anders als die anderen Menschen Kemis. Gütig und froh und hatte ihm leise Trost zugesprochen und gesagt, er würde ihm gerne über die gequälte Stirne streichen, wenn er schon gereinigt, entsühnt, einer der Ihren wäre. Und er hatte fortgefahren: »Sohn des Inselvolkes, freue dich! Dein Ziel ist erreicht, wenn du willst, und wenn du die Kraft hast, das Letzte zu vollbringen. Die Priesterschaft des Einzigen, des Unentstandenen, nimmt dich auf. Doch nur den Entsühnten kann sie in ihrer Mitte dulden!« Da hatten seine Füße gewankt, das ganze bunte Gemäuer des Saales hatte angehoben zu kreiseln, die Priester waren in ein wirres Knäuel zusammengeflossen und dunkle Nacht hatte ihn plötzlich umgeben. Er hatte gefürchtet, vornüber zu stürzen. Doch nur einige Herzschläge lang. Dann war selige Stille in ihn eingezogen und er hatte gehört, was die Priesterschaft Amuns von ihm erwartete. Pythagoras blickte inbrünstig hinunter zum Tempel, den er morgen betreten sollte. Denn heute war die letzte Stufe der Entsühnung vollendet. Vorüber das furchtbare Fasten, vorbei die Nachtwachen und Willensproben, die Betrachtungen und Reinigungen. Und er hatte sein Haupt, seine Brauen, seinen Bart geschoren; kein Haar verunreinigte die sonnverbrannte Glätte seines Leibes. Und er war nackt auf der Alabasterplatte gelegen, als priesterliche Ärzte das Ritual der Beschneidung an ihm vornahmen. Und hatte in der letzten Nacht schließlich das Höchste, das Schwerste vollbracht: Auf dem Kulme des Totenreiches war er gestanden, ohne sich umzuwenden von Abend bis Sonnenaufgang. Unter ihm die zehnmal zehntausend balsamierten Leiber in den Felsengräbern, deren noch unerlöste Seelen um die kahlen Klüfte schweiften, hinauszogen ins Land, zum Nil, nach Memphis, zum Meere. Er hatte ihr Rauschen und Rascheln vernommen, hatte durch die helle Nacht gesehen, wie die goldenen Sperber, die Ibisse, die Turteltauben, die schwarzen Steinbilder, die summenden Skarabäen die Grüfte verließen, hatte wieder und wieder die Waage des Totenrichters gefühlt und in namenloser Angst bemerkt, daß sein Herz noch leicht war; zu leicht für das unerbittliche Gewicht der heiligen Gerechtigkeit. Dann war Spuk um ihn gewesen. Aus Nebeln hatte sich der Gewitterdrache Apophis erhoben und nach seinen Füßen gezüngelt. Klagend, weinend war Isis durch die Schluchten geirrt, um die Glieder ihres toten Gemahls zu suchen und hatte ihn gerufen, er solle sich umwenden und ihr beim Suchen helfen. Fledermäuse hatten seine Haare gestreift und boshaft gekichert; bis endlich der große Sesostris, Ramses der Eroberer, aus dem Tale der Könige kam und, die schweifenden Seelen zu ungeheurem Heerzuge vereinigend, durch die Täler des Ostens entbrauste, um die Welt zu gewinnen. Alles hatte sich endlich verwirrt. Felszacken wuchsen zu den funkelnden Sternbildern und neigten sich, um ihn torkelnd zu zerschmettern. Die Sterne huben an, in tollem Wirbel zu kreisen. Das Stöhnen seines Atems schien von fernher schnaubend auf ihn zuzustürmen wie ein Rudel wilder Leoparden. Und ein unbeschreiblich großes Krokodil tauchte aus dem Nil und sperrte seinen Rachen auf, größer als die Hunderttorige. Und hatte spitze Obelisken als Zähne. Sein Wille wollte zerbrechen! Da war leise, kaum geboren, ein klagender Hauch über die Höhen der Nekropole gestrichen, ein kühler Hauch des ersten Morgens. Und rötlich, fahl, doch unwiderruflich, war der erste Schimmer über den östlichen Randbergen aufgeglommen. Ein Bote dafür, daß der große Rā im Begriffe war, das Reich der Toten zu verlassen. Und Pythagoras wußte, obwohl sein Leib von Hunger und Schwäche, Grauen und Willensanstrengung fast nicht mehr dem Geiste gehorchte, daß nun bald die Schranke fallen mußte, die ihn noch von den letzten Geheimnissen Kemis trennte. Denn die älteste, höchste Priesterschaft hatte ihm die Einweihung, die Enthüllung der Urgötter zugesagt. Und dieser berauschende Gedanke ergriff ihn plötzlich mit solcher Macht, daß er seine Hände betend dem großen Rā entgegenstreckte; im selben Augenblicke, als von Theben vieltausendstimmig die Musik und der Gesang des Morgenopfers herauftönte. – Kleine Weihrauchwölkchen lagen über Tempeln und Häusern, wirbelten zur Höhe, zerrannen. Mit ihnen verwehte das helle Klingen der Sistren, das Brausen der Gesänge. Pythagoras kehrte sich ab und blickte gegen Westen. Wie ein erstarrtes, stürmendes Brandungsgewoge dehnte sich hier das kluftenreiche Gebirge. Kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm, soweit man sah. Nicht einmal Käfer, nicht Vögel, nicht Echsen. Nichts, nichts als Steine und Klüfte, Klippen und Hänge. Und noch weiter draußen begann die furchtbare Wüste, das Geriesel des gelblichen Sandes. Nein! Etwas lebte zwischen dieser Öde. Einen Herzschlag nur hatte sich ein weißer, zarter Punkt bewegt und sich vom eintönigen Hintergrunde des Felsens abgezeichnet. Jetzt war er wieder verschwunden. Wieder nichts Lebendiges! Eine Täuschung der Sinne! Doch plötzlich wieder. Dort tauchte es hinter den Klippen auf und ward zusehends größer. Ah! Dort lief der schwindelnd-steile Pfad. Ganz deutlich umriß die Sonne die Erscheinung. Ein menschliches Wesen suchte die Höhe, seine Höhe. Und was nicht die Verzückungen und Gesichte der Nacht in ihm hervorgerufen hatten, ward für ihn jetzt, am hellen Tage Ereignis: Eine namenlose Angst begann ihn zu durchtoben. »Was fürchtest du? Was schreckt dich?« fragte unablässig, beschwichtigend der Verstand. Doch mit um so größerem Grauen antwortete das Gefühl. »Die Entsühnungen haben meine Seele verwirrt! Warum soll nicht ein Mensch, gleich mir, den Kulm der Nekropole betreten? Einer der Myriaden, die die hunderttorige Stadt bewohnen? Oder ein Fremder, ein Mann aus Memphis, aus Sais, aus Kasch?« Nichts half. Kein Vernunftgrund gewann die Oberhand. Er starrte entsetzt der Erscheinung entgegen, die langsam, unsagbar langsam, näherrückte. Bis sie durch eine Biegung des Pfades verschwand. Plötzlich, unvermittelt, stand sie wenige Ellen vor ihm und er schrie auf. Denn Bertreri nahte da, und die rötliche Morgensonne leuchtete in ihr Antlitz, daß es wie blankes Erz schimmerte. Sie war so unfaßbar schön, als sie aus traurigen Augen zu ihm aufsah. Ihre schwebenden, geschmeidigen Glieder bewegten sich in sonderbarem Rhythmos über die Härte des Felsens und ihr straffer, hoher Busen und die glatten, runden Arme bebten wie im Hauche eines kühlen Windes. Jetzt wußte er, warum er der Erscheinung so bang entgegengezittert hatte. War doch durch die Gewißheit des Erkennens der gräßlichste Zwiespalt in seinem Gemüte entbrannt. Was wollte sie? Woher kam sie? Und was sollte er tun, er, der noch vor wenigen Wochen arm und enttäuscht nach kleinster Erfüllung gedürstet hatte? Reiften jetzt alle Früchte zugleich? Früchte, die er nur einzeln pflücken durfte? Der Regentag stand vor ihm, der schwüle, graue, fahle Morgen, als er nach Memphis heimkehrte. Das müde, hoffnungstote Gefühl kroch herauf, das er erlebt hatte, als er den Garten Bertreris verschlossen fand. Und alle, nur halb sich selbst eingestandene Sehnsucht, alles Begehren durchflutete ihn, als er dieses traurige, rätselhafte Antlitz sah, das noch hundertmal schöner, süßer, lockender war als damals in Piom auf der traumumflorten Terrasse. Kaum einen Herzschlag lang war das Wirrsal dieser Empfindungen, ungeordnet, doch übermächtig im Gemüte des Pythagoras emporgeschossen. Kaum so lang als es währte, bis sein leiser Ausruf des Staunens verwehte. Doch Bertreri lächelte nicht. Kein Hohn war um ihren schmalen Mund, nur Sorge und Kummer und Schrecken. »Pythagoras!« rief sie mit leiser Stimme. »Pythagoras! So logen also meine Späher nicht? Was tatest du? Sie haben dir die Brauen geschoren und du wachst die Nächte auf der Höhe des Totenreiches?! Noch ist es nicht zu spät. Kehre noch um, Pythagoras! Fliehe!« Da stieg plötzlich aus anderen Zonen seiner Seele Trotz in ihm empor und das stolze Bewußtsein des Erreichten, der nahen Erfüllung aller Ziele. Und er sah zu Boden und murmelte: »Es ist zu spät, Bertreri! Deine Mühe ist vergebens. Warum entzogst du dich mir, als ich dich suchte?« »Du suchtest mich?« rief sie in tiefstem Schmerze aus. »Wann suchtest du mich?« »Als mich zu Memphis die Priester des Ptah abgewiesen hatten. Ich fuhr nach Piom, um deinen Rat einzuholen.« »Und ich war am Meere, weil ich wußte, weil – –« Sie stockte. Dann aber hob sie den Kopf und trat ganz nahe zu Pythagoras, der ihr erstaunt ins Antlitz sah. Denn eine rätselhafte Änderung war in ihren Zügen erfolgt. Weich und flehend lag ein Schimmer über den Augen und aus dem Kummer leuchtete stolze Freude. »Alles sollst du wissen, Kind aus Samos! Alles, alles! Du selbst wirst es ja nie erkennen, wenn ich es dir nicht sage!« setzte sie flüsternd fort. »Höre also: Ich war an der Mündung des Nils, um meine Schätze in ein Schiff zu schaffen, das – das dich – und – mich forttragen soll. Übers Meer, in deine Heimat!« Pythagoras starrte sie fassungslos an. »Mich und dich forttragen? Übers Meer?« wiederholte er tonlos. Da sank die stolze Königstochter plötzlich vor ihm nieder und umfaßte seine Kniee. »Ich liebe dich, Pythagoras, liebe dich ohne Grenzen, hilflos, verzweifelt, ewig! Weißt du es nicht? Sind nicht meine Gedanken und Wünsche die ganze Zeit um dich gewesen? Alles will ich dir geben, alles, alles! Und will dir mit meinen Schätzen einen Palast bauen auf Samos oder Chios oder Delos oder auf dem Festlande! Und will mit dir leben und mit dir forschen und dir dienen. Nur zu den Priestern Kemis sollst du nicht gehen! Nur zu ihnen nicht, die alles verderben, alles vernichten, was gut und gerecht ist!« Und sie drängte ihren geschmeidigen Leib an ihn, daß er das wilde Pochen ihres Herzens fühlte, und bedeckte seine Hände mit Küssen. Ihn aber hatte plötzlich ein nachtkalter Schauder durchzuckt. Die Berührung des Weibes, die seinen entsühnten gereinigten Leib traf, hatte ihm wie ein schmerzhaftes Umkrallen alles Blut aus dem Herzen getrieben. Er fröstelte. Und im Toben seiner zwiespältigen Sinne gaukelte ihm ein rasender Wahn vor, sein Fleisch sei zu Granit geworden; bis diese eingebildete Starre körperhafte Erscheinung wurde und seine Sehnen und Muskeln sich in verkrampfter Kälte streckten. Seinen Mund aber verschloß eine unüberwindliche Hemmung. Bertreri fühlte die furchtbare Veränderung und bebte zurück. Langsam, entsetzt, erhob sie sich und begegnete seinem harten, abwesenden Blicke. »Graut dir vor mir, Pythagoras? Ist Haß in dir gegen die, die alles von sich werfen will, um dich zu retten?« fragte sie mit zitternder Stimme in der ein dunkler hoffnungsloser Ton mitschwang. Oder haben sie dich gequält, bis sich deine Sinne tödteten?« Pythagoras aber war erwacht, als ihn die Berührung des Weibes verlassen hatte. Und ein Schmerz war in ihm aufgebrandet, so wild, so fassungslos, so zerreißend, daß er die Hände vors Gesicht schlug. Und jetzt, da sie nicht mehr bei ihm war, da das Pulsen ihres Leibes nicht mehr seine Glieder koste, schrie brennende Sehnsucht nach dem verschwundenen Augenblick in ihm auf, den er nicht hatte genießen können, weil sein Schicksal mächtiger war als sein Wunsch. So sagte er, als er die Hände schlaff hatte sinken lassen, mit rauher, klangloser Stimme: »Höre mich, du süßes Wunder der Erde! Höre mich und suche das zu verstehen, was ich selbst dir nicht deuten kann. Auch ich liebe dich, liebe dich bis zum Tiefsten. Trotzdem muß ich mich von dir wenden. Denn der Zwang des Schicksals ist über mir. Vor wenigen Stunden noch war ich im Bewußtsein des erreichten Zieles selig. Jetzt aber hat sich das an mir, was den Göttern gehört, von dem getrennt, was den Menschen eignet. Und beide fordern ihr Recht. Ich muß gehorchen. Den Göttern habe ich auf Karmel zugeschworen, als sie mich riefen. Du aber hast mich erst jetzt gerufen, Bertreri, erst jetzt, da ich, den Urgöttern dienend, für Jahre dem Weibe entsagte und meinen Leib niederzwang!« »Du liebst mich?« hauchte Bertreri in namenlosem Schmerze. »Und bist so verblendet, mich, dich, den kleinen Rest von Schönheit, von Leben fortzuwerfen, um kahle Worte, spitzfindige Priesterklügeleien zu hören? Ahnst du, was du tust? Nie, nie wirst du deine Heimat wiedersehen! Nie deinen Hellenen die Urgötter bringen. Die Priester werden dich als Gefangenen halten, wenn du um ihre Geheimnisse weißt. Kannst du nicht in andrer, in höherer Art den Göttern dienen? Götter und Menschen zugleich beglücken? Den Göttern dient man, wenn man die Menschen beglückt, Pythagoras! Nicht aber, wenn man die lebendigen Herzen zertritt!« Wieder war sie auf die Kniee gesunken. Doch wagte sie nicht mehr, ihm nahezukommen, sondern streckte nur sehnend die Arme gegen ihn. Da formten sich auf seinen Lippen, als ob er nicht selbst spräche, gegen seinen Willen fast, gräßliche Worte. Und er wandte den Blick ab und sagte hart und schneidend: »Du hast gehört, was mein Entschluß ist. Versuch nicht weiter, Götter mir zu erklären, die dein Unglaube nicht kennt. Hoffe vielmehr auf ein fernes Reich, eine große, alles versöhnende Welt nach dem Tode zu der sich unsre Seelen finden und vereinigen werden, Bertreri!« Da verlor die gequälte Seele der Königstochter die Fassung. Wild schluchzte sie auf, dann rief sie anklagend: »Verantworte in diesem unerforschlichen Reiche, was du tatest, Pythagoras! Ich verstehe dich! Und ich gehorche, um nicht weiter deinen Zielen Last und Bürde zu sein. Der letzte Beweis meiner Liebe sei mein Tod! Tausendfacher Fluch über euch ihr jungen Völker, ihr wilden, ungebärdigen Kinder, die trotzig und einsichtslos ihre tollen Wege wandeln und alles Glück, alle Vernunft von sich stoßen, und alles, alles gewinnen, wonach wir alten, weisen Volker lechzen – und verlechzen! Fluch euch, Segen nur dir, den ich liebte!« Und ihr schlanker Leib schnellte gegen die Kante des grausigen Abgrundes. Plötzlich aber stockte sie mitten in der Bewegung und langsam, wie wenn ein Traum über ihr stände, glätteten sich ihre schmerzdurchtobten, todestrunkenen Züge. Denn der jenseitige Strahl zwingendster Augen, tiefster Erkenntnis hatte sie getroffen. Hart vor ihr stand ein hoher Greis, das Leopardenfell um die Schulter, und hob wie segnend seine Handflächen. Dann trat er noch einen Schritt näher, faßte die Königstochter zart am Handgelenk und führte die Gehorchende aus der Nähe des Absturzes. »Unglückselige Bertreri!« sagte er leise, »was wolltest du tun? Ist dein Haß gegen uns Priester so unauslöschlich, daß nicht einmal ein Suchender zu uns kommen darf?« »Ich liebe ihn!« hauchte Bertreri bebend. »Was fürchtest du für ihn, der sein Ziel erreichte? Wenn du ihn wahrhaft liebst, mußt du ihn das vollenden lassen, was er erwählte, bevor er dich sah. Kennst du mich?« »Ich kenne dich, erhabener Sonchis, Lehrer meiner Kindheit! Dich vergaß ich, als ich die Priester schmähte!« antwortete Bertreri scheu. »Gleichwohl habe ich den Glauben verloren!« fügte sie plötzlich trotzig hinzu. »Ich werde selbst sein Lehrer sein!« sagte der greise Priester. »Du aber, Unselige, gedenke des Augenblickes, da du am Abgrunde standest. Hast du da nicht neue Erkenntnisse gewonnen? Geh und suche in der Stille Pioms zu vergessen. Du bist noch so jung, Bertreri! Lang ist noch der Pfad deiner Leiden, länger der Weg deiner Freuden, bis du in die Hallen der ewigen Wohnung eintrittst. Geh, Bertreri, einer meiner Söhne soll dich geleiten!« Und er führte sie an den westlichen Rand des Kulmes, wo ein junger Priester harrte. Pythagoras aber, der ihr verständnislos nachblickte, sah, wie sie den süßen Kopf in namenlosem Weh neigte und müde, stockend, die schlanken Beine, Schritt vor Schritt, bewegte. Da verkrampfte sich sein Herz in unendlichem Mitleid. Und er warf sich vornüber und schluchzte wild auf, daß sein geschwächter Leib in harten Stößen zuckte. Bis sich unsäglich leise eine wissende, gütige Hand auf sein Haupt legte und die tiefe Stimme des obersten Propheten Amuns durch die Öde seines Schmerzes tönte: »Pythagoras, kein Fremder mehr, ein Bruder unserer Priesterschaft, erhebe dich! Du bist entsühnt und gereinigt. Die Mächte aber, die dir Kraft liehen, alles zu überwinden, was sich gegen deine Ziele bäumte, werden auch jenem armen, zerquälten, trotzigen Kinde Frieden schenken. Der Verstand Bertreris ist um zehntausend Jahre älter als ihr Herz. Das ist ihr Unglück, das der Schatten vor ihrem Auge. Es wird aber wiederum ihr Glück sein. Denn schnell entflammt sich, schnell vergißt das junge Herz. Und dieses Herz, das jetzt wahren Kummer fühlte, wird den eigenwilligen Verstand zu den Göttern zurückführen. Du aber wirst morgen das Abbild der Urgötter schauen, Pythagoras, Mann aus der Fremde, jetzt nicht mehr fremd, sondern Bruder, der du entsühnt und gereinigt bist und die letzten Stufen der Reinheit erzwangest!« Sonchis schwieg. Pythagoras aber stand auf und blickte dem Greise unbewegt in die Augen. Seine Seele jedoch war um Jahre gereift; denn er hatte erfahren, daß der Überfluß an Erfüllung schmerzlicher sein kann als Mangel und Sehnsucht. Und daß auch höchste, reinste Ziele nicht frei waren vom Fluche und sich nur durch das Leid des Lebendigen erringen ließen. – VII Breit und glatt, gesäumt von steinernen Reihen unzählbarer Widdersphinxe, schimmerten am östlichen Ufer die Verbindungsstraßen der wuchtigen Tempelmassen im Glanze ihres Plattenbelages. Ins Unendliche schienen sie zu laufen, verzweigten sich, umzirkten ausgemauerte Teiche, schnitten durch Palmenhaine, Wäldchen von Sykomoren und Perseabäumen und fanden erst Ruhe, wenn sie an die Wände der Pylonen anstießen. Im Westen glitt der steingeböschte mächtige Nil in freudigem Grün zwischen seinen Ufern und trug ein Gewimmel eiliger Barken; und der Blick heftete sich erstaunt an das gegenüberliegende Ufer, über dessen Häuserfluten die Tempel und Paläste des Westens, die Obelisken und Kolosse mit ihren Kulmen hervorragten; bis sie, noch weiter gegen Untergang, von den majestätischen Wänden und Klüften der Berghänge, von den Felsenschroffen der Nekropolis überhöht wurden. Über den hundert Riesentoren der einzigartigen Stadt, die nach den Prophezeiungen nie wieder ihresgleichen haben sollte im Ablaufe der Ewigkeit, lag wiederum das schräge Licht des eben geborenen Sonnendiskos; so daß die fünfundzwanzigmal mannshohen Eingangsfronten des Amun-Tempels lange Schatten warfen und die leuchtenden Hohlreliefs sich mit dunklen Konturen umränderten. Labyrinthisch wirre Gefühle im Herzen, jubelnd und voll Wehmut, schauernd ob der erdrückenden Größe des Wunderbauwerkes, stolz und hoffend und wißbegierig, stand Pythagoras vor den Türflügeln und Schwellen aller seiner heißen Ziele. Eine kleine Schar von niederen, dienenden Priestern, die ihn geleiteten, umgab ihn. Sonchis aber, der erhabene Oberpriester selbst, ragte hochaufgerichtet an den geschlossenen Pforten und breitete wie zum Gruße die Hände. Noch einmal bog Pythagoras, kurz vor den Toren, das Haupt zurück und ein Schwindel erfaßte ihn. Denn die polierte Glätte der schrägen Wand, die hier farbensatt aufwärts strebte, die Wucht der sitzenden Riesenfiguren, die wie Wächter, starr und ins Ewige blickend, den Eingang flankierten, die nadelspitze Turmhöhe der Obelisken überstiegen jede Vorstellung. Sonchis aber trat einen Schritt vor und faßte ihn an der Hand, während das Gefolge zu beiden Seiten zurückblieb. Plötzlich rief der Greis laut und mächtig: »Tritt ein, geh wieder heraus aus diesem Abbilde der Welt, froh im Herzen! So will es der unerforschliche Amun!« Da drehten sich lautlos die ehernen Flügel des Tores in ihren Angeln und durch den dunklen hohen Schlund des Einganges schimmerte ein derart zauberhafter Glanz, eine so herrliche Buntheit, daß Pythagoras überwältigt stockte. Sonchis aber lächelte, zog ihn sanft vorwärts und sagte: »Von der Mündung an werden wir die Welt durchschreiten, vom Gewordenen zum Werdenden bis zum Ursprung des Werdens, bis zum Anfang der Anfänge! Siehe, vor dir liegt das Bild Kemis und seiner Geschicke!« Sie standen im ersten Hofe, der, einem ungeheuren Platze gleich, von schattenden Säulengängen umgeben war. Und der Blick des Pythagoras umfaßte die leuchtendgemalte Mittelstraße des Estrichs, die als blauer Strom, umsäumt von den Abbildern des Papyros und Schilfs, in gerader Richtung zur inneren Pylonenfront wies, hinter der, von wuchtigsten Platten überdacht, neue Geheimnisse des erschließenden Auges harrten. Dann aber bewegten wieder die ehrwürdigen Standbilder sein Gemüt, die in unzählbarer Vielheit den Vorhof umgaben und deren Kopfschmuck, die weißen Kronen des Nordens, die Doppelkronen des zweifachen Reiches und die Insignien der höchsten Priester, die Gedanken des Beschauers weit in die Vorzeit zurückleiteten; bis dorthin, wo sich der Zeitstrom im Unbestimmten verlor. Leise und eindringlich nannte Sonchis die Stufenfolge der sechsundzwanzig Dynastien, die Kemi bisher beherrscht hatten; und deutete die Bilder der Größten unter den unzählbaren Königen. Und Mena, den ersten Herrn Kemis, zeigte er; und die großen Pyramidenerbauer Chufu, Chafra und Menkaura; und die Reihe der Amenemhat, der Usurtesen, der Thutmes, mächtiger Herrscher der thebanischen Geschlechter; und den ersten Seti und Ramses und Merneptah, und wie sie hießen, alle nannte er, die das Reich zum herrlichsten der Zeiten gemacht hatten. Bis sie, vorbei an Schlachten und Heldentaten, wo der König mit bäumenden Rossen, aufrecht im Streitwagen, durch das Getümmel braust und mit dem Sichelschwert die winzigen Rudel der elenden Feinde vor sich hertreibt; vorbei an Werken des Friedens, Bauten und Weihefesten von Kanälen und Bauwerken; vorbei an demütigen Opfern, die der Sohn der Sonne darbringt, zum Tore der großen Halle gelangten. Auch hier teilten sich die Flügel vor ihrem Schritte: Ein Schauer nie gekannter Größe aber umpreßte die Brust des Jünglings, daß er verzückt die Arme erhob. Zu groß war diese Halle für den kleinen Verstand des Menschen. Nicht Abbild der Welt war mehr, was da vor und über ihnen ruhte, es war eine Welt selbst! Unverständlich hehr und unfaßbar mächtig. Wieder lief der heilige Strom auf dem Estrich vor ihnen her. Bevölkert von Barken und dem Getier des Wassers. Nur viel breiter war er hier gesäumt von der teppichbunten Fläche der gemalten Papyrosufer, zwischen denen sich die buntgesprenkelten Tiere des Landes im Abbilde tummelten und Wohnungen der Menschen hervorlugten; bis am Rande der Dickichte Säulenstämme sich aus dem Grün des Bodens erhoben, die in ihrer Majestät ihresgleichen nicht hatten auf dem Erdkreise. Während aber der ganze Estrich und die unteren Teile der Pfeiler in mystischem schattenden Dunkel lagen und sich der Blick nach beiden Seiten in einem unzählbaren Urwalde von kleineren Säulen verlor, brachen oben, unter der Decke, schräge Lichtbündel durch die vergitterten Fenster des überhöhten Mittelschiffes und stellten die Schäfte und Papyroskapitäle in all ihrer hieroglyphenübersäten Buntheit und Spiegelglätte in hellste Sicht. Die Decke selbst aber – ein neues Wunder – die so hoch lag, daß sie, oberhalb der Wolkenregion des Weihrauchs, sich von einer Reihe der riesigen Mittelsäulen zur anderen spannte, blaute in der tiefen Farbe des Himmels und war bedeckt mit Myriaden gelber fünfzackiger Sterne. Einige davon, die fünf Wandelsterne, der Tierkreis, die sechsunddreißig Dekane und manche Sternbilder zeigten die Seelen der Götter, die auf ihnen thronen: Im Sothisstern die Seele der Isis, im Orion die Seele des großen Osiris. Der Bär wieder war der Vorderschenkel des finsteren Set, der rote Horus leuchtete unter den Wandelsternen und der Bennuvogel des Osiris, der Morgenstern, stand nahe dem Horizonte. Zwischen allen aber zogen Sonne und Mond ihre mächtigen Bahnen. »Säulen mit Lotos-, Papyros- und Palmenkapitälen tragen die Decke, gleichwie die vier Himmelsfrauen das Himmelsgewölbe stützen!« sagte Sonchis vor sich hin. Dann nahm er den Staunenden wieder an der Hand und setzte leise fort: »Nun aber noch durch die niederen Hallen des Hintersaales! Dann winkt deinem Wunsche an heiligster, unbetretbarer Stelle Erfüllung. Ein einziges Mal sollst du sie sehen, kurz und wie im Traume. Zurückkehren darfst du erst wieder, wenn du die obersten Stufen der Weisheit erreicht hast!« Und sie wandelten schweigend durch die satte Pracht des zweiten Saales, der in allen sieben Farben über und über erstrahlte und schon höhere Weisheit kündete; bis sich nach seinem Durchschreiten ein Wirrsal von Gemächern und Gängen, kleinen Höfen und niederen Säulengalerien, Türflügeln und Mauern vor ihnen ausbreitete. Gerade aber lief der bunte Pfad weiter. Eine Grenze setzte ihm erst ein herrlicher Vorhang, über und über mit Hieroglyphen in Gold, Silber und Edelsteinen bestickt, der das Ende des Weges, den Anfang des Urbeginnes andeutete. Forschend und fast strenge blickte Sonchis den Jüngling an. Als er aber sah, wie dessen Antlitz sich unter den Schauern überirdischer Ahnung mit Blässe bedeckte und sein Leib bebte, kam wieder all das Gütige über seine Mienen und er flüsterte: »So wird sich denn der Unenthüllte dir enthüllen, soweit das unvollkommene Auge des Gewordenen das Werden selbst, mehr noch, das, was vor dem Anbeginne war, durchschauen kann.« Und er teilte den Vorhang und Pythagoras folgte wie im tiefsten Traume befangen. Zuerst sah er nichts; denn sein Auge war noch von der gleißenden Buntheit der durchschrittenen Hallen geblendet und das Allerheiligste lag in schwerem geheimnisvollen Schattendüster. Unendliche Zeit begann zu verstreichen, abzurollen. Doch sonderbar: Nicht nach vorwärts, nicht nach aufwärts lief diese Zeit, sie schien vielmehr ihre Richtung geändert zu haben und riß ihn rückwärts, zurück durch alles Geschehen, bis in die kalte Nähe der Ursprünge. Da packte ihn zitterndes Grauen, er suchte hilflos nach einem Halt, einer Stütze, einem Trost. Und es gelang ihm, das Dämmern zu durchdringen, an das sich sein Auge gewöhnt hatte. Glitzernd, nahe vor ihm, in der Höhe seines Antlitzes, schwebte eine schlanke goldene Barke. Hochaufgerichtet, in schreitender Stellung, stand ein hehrer Gott auf ihrem Borde. In der Rechten den Zepterstab, in der Linken das Henkelkreuz, das Bild des Lebens. Auf dem Haupte aber, oberhalb der Edelsteinaugen und des Bartknebels, eine eigentümliche, sonst nie gesehene Krone, auf der in farbigstem Schimmer zwei hohe breite Federn aufragten. Mächtig blickte das Antlitz, lebensprühend und sehnig waren die herrlichen Schultern und Beine, und der Rhythmos des Schreitens wogte unüberwindlich und unaufhaltsam. Hinter diesem Gotte aber, noch höher, in einer Nische der Rückwand, thronte ein sonderbares Steinbild, das aufs neue dem Pythagoras kaltes Schauern erregte: Auf einem sarkophagartigen Kasten knieend, bis zu den Händen eingehüllt, in seiner steinernen, schlafenden, ungeborenen Ruhe erschütternder als das brausende Getümmel von Myriaden. Die Hände aber hielten starr eine Geißel, und farblose hieroglyphische Federn standen oberhalb des anliegenden Kopftuches. Neue Gestalten tauchten groß und furchtbar aus der Dämmerung. Je vier standen sie aufrecht zur Linken und Rechten des Schlafenden und hielten ihm anbetend die Handteller zugekehrt. Die Vier zur Rechten mit grellblauen, froschähnlichen Köpfen unter den breiten Kopfputzen, die Vier zur Linken in sattem Gelb, weiblich, mit den geblähten Häuptern der Uräusschlange. An den zwei Seitenwänden und der Hinterwand, tiefer gegen den Estrich aber schritten, wie all das andere umkreisend und ihm huldigend, in scharfem Hohlrelief eingemeißelt, farbenglühend bemalt, je drei wechselbunte Götter. Pythagoras war eben im Begriffe, sich in die freudige, tröstende Schau dieser Gestalten zu versenken, als, aus dem Unbestimmten geboren, eine Stimme tönte, die ihn sogleich wieder in die Ahnungen des Anfangs zurückriß. Und er hörte mit millionenfachen Ohren, sog gierig und verzückt die Worte der Offenbarung, der Erfüllung! »Siehst du ihn, schwacher Mensch, siehst du sein Abbild mit deinen stumpfen Augen? Siehst du ihn, wie er schläft, er, der nichts und alles war? Ungeboren, unbewegt, grenzenlos, öde, furchtbar lag er da, der unaussprechliche, geheimnisvolle Gott und Herr Nun. Der Urschlamm, der sein Leib war, erfüllte die grenzenlosen Weiten, der Stoff des Stoffes, der Urstoff. Kein Himmel war da, keine Erde, kein Schlund des Totenreiches. Unerschaffen war die dreifache Welt. Über die schlammigen Unendlichkeiten des Urwassers aber strich der unbestimmte Hauch, ein Säuseln oder ein Brausen oder ein Tosen. Wer hörte es, welches Ohr fühlte das Wehen des Urgeistes? Des Urgeistes, der mit dem Urstoffe eins war: Nun-Amun, das letzte der Geheimnisse, das Urgeheimnis. Im Urwesen aber ruhte im Keime Wille und Gedanke, Herz und Wort. Schlummerte der dreifach große, unverständliche Thot. So ruhte vor dem Sein, am Beginne des Seins der Uranfang, das als Anfang Seiende. Als seine Eigenschaften aber war, vorgebildet als die Keime des Werdens, die große Achtzahl in und mit ihm. Die unaussprechbaren Anfänge, die Väter der Väter, die Mütter der Mütter. Ehe sich die schlafumfangenen Augen des Urwesens öffneten, hatte der schlummernde göttliche Gedanke, nebelhaft und kaum geboren, den Traum der Weltenzukunft geträumt. Noch vor dem Erwachen hatten sich so bereits durch seine unergründliche Weisheit alle Formen, Farben und Gestalten kommenden Daseins, der Wesen und der Dinge, vorher bestimmt: Bevor er die Augen öffnete, die noch keine Augen waren, er, der Urvater der großen Acht, der paarweisen Vierheit seiner Eigenschaften. So stehen sie vor ihm und beten ihn an: Nun und Nunet, der Stoff, der zeugt, der Stoff, der gebiert; Heh und Hehet, der Hauch, die Liebe des Schaffens, das schöpferische Verlangen, die Urzeit; Kek und Keket, die Finsternis, der Urraum, der als Mann das Helle schafft, als Weib die Nacht und so den Tag gebiert; Nenu endlich und Net, der kosmische Niederschlag, der sich, die Ur-Schlamm-Wässer trübend, daraus absetzt, zeugend und kreißend. Keime sind sie, die großen Acht, Anfänge nur alles Lebens, Möglichkeit des Werdens: Wie die Frösche, Erde noch auf dem Rücken, rätselhaft aus dem Nilschlamme hervorwimmeln, wie die Schlangen, schwer wie Erde, schlüpfrig wie Wasser, über den neuen Boden des Niederschlages kriechen und sich jährlich erneuernd häuten; Abbild unrastvoller Wiederkehr des Werdens. Das also ist Nun-Amun, das Thot, das sind die Urväter und Urmütter. Und alle sind eins, sind selbst ungeteilt die Teile und Wesenszüge des Urbeginnes und dessen, was vor dem Anfang war. Nun-Amun aber träumte und öffnete die Augen. Und aus ihm trat der dreimal große Thot hervor, der auch Ptah ist, und Tanon und Chnum. Sein, er selbst, der einzige, der ungeborene Gott. Schöpfer seiner Gestalt und Bildner seines Leibes. Geist der Geister, Kraft der Kräfte, Bild der Bilder. Er, der das Gesetz der Ordnung über die Welt mhin aufrichtet; Maat, die Herrliche, Wahrheit, Regel, Gesetz! Er ist der wirkende Urgeist, der gemacht hat, was da ist, der geschaffen hat, was sich offenbart, der Anfang der seienden Dinge. Wieder ist er ein Vater der Väter, eine Mutter der Mütter. Er ist der Herr des noch ungeborenen Himmels, der Erde, der Tiefe, des Wassers und der Gebirge. Bis er aus eigenem Willen, niemandes Hilfe kennend, niemandes Ratschlag hörend, seiner Träume eingedenk, aus sich selbst, in sich selbst, das Welt-Ei bildete. Und endlich, in der Gestalt des Lichts, dem selbstgeschaffenen Ei entstieg. Gebildet war die Welt, geschaffen die Schöpfung, die Firmamente jubelten im Morgenlichte des Gewordenseins! Befreit war das All zum Licht, entwickeln konnte sich die Welt zum sinnvoll geordneten Sein. Heil dem Verwandelten, dessen Namen nicht zählbar sind, der Eins ist mit dem Anfange und doch ein andrer. Heil Amun-Thot-Ra, der aufhing den Himmel als seine Wohnhalle und die Erde begründete, die seine Gestalt trägt. Und die Tiefen vertiefte, um seine Gestalt zu verbergen. Er leuchtet in seiner Scheibe, er erhebt sich strahlend an der oberen Hemisphäre, schwimmend in seiner Barke auf den Wolkenregionen. Er, der Herr der großen Paut, der Neunzahl der innenweltlichen Götter. Denn nur mehr außerhalb des Firmaments umbrandet ungesondert der Urstoff das Welt-Ei; finster und drohend, zeitlos und stumm. In der Welt aber ist die erhabene Neunzahl der Leib des unerforschten Gottes. Neunfache Gestaltung des Gewordenen, neunfache Teilung des Alls, neunfache Kraft des Werdens und der Wiederkehr. Unzertrennlich und wechselwirkend wie die großen Acht sind sie und verbinden sich nach den Gesetzen des zweifach großen Thot, des bildenden Ptah, der in die Innenwelt herabstieg. Atum ist ihr Führer, Tum-Rā, das belebende Feurige, Sohn und Vater zugleich des Amun-Rā, der heiligen Sonne. Ihr Abbild schreitet dahin auf den Wänden des Allerheiligsten. Schu ist es, der mit der Feder geschmückt ist, der Äther, der Sonnenstrahl, das atmende Leben. Tafnut, die löwenköpfige, ist es, die Luft der Nacht, durchzittert vom zunehmenden Mond, die Urheberin des Taues, die fruchttreibende Kraft. Qeb ist dabei, mit der Gans auf dem Haupte, der die Erde ist und der Boden der Erde. Nut glänzt unter den Neun, tragend den Wasserkrug über den Locken, die hohe Göttin des Himmelsgewölbes. Osiris folgt ihnen, das Wesen des befruchtenden Wassers, des heiligen Nilstroms, schreitend einher mit der weißen Krone des Südens, tragend das Zepter und die zwei Federn auf der Krone. Isis ist es, die den Keim des Gatten aufnimmt, die Erde, die ihn zur Reife bringt, die dreimal fruchtbare, die schlanke Göttin mit dem Blumenzepter und der gehörnten Sonnenscheibe. Set taucht auf, der schreckliche, der hemmende und störende, er, der Hitze, Finsternis, Sturm, Fels, Wüste und Meerestoben beherrscht und den furchtbaren Kopf des typhonischen Oryx hat. Nephtys ist es, die liebliche, die an Gestalt der Isis gleicht und die Hieroglyphe ihres Namens auf dem Haupte trägt. Sie, die die äußersten Ränder des Weltgebäudes säumt, die die Küste des Meeres ist, an die leichte Wellen torkeln, sie, der ferne, schimmernde Horizont. Horus schließt die Reihe der Neun, der neues Leben verleiht und die Jugendfrische zurückbringt, das lebende All im Kreislauf der Verjüngung, der hehre Gott mit dem Sperberkopfe und der doppelten Krone des Südens und Nordens. Das sind die großen, unzertrennlichen Neun, der Leib Gottes. Ihre Namen und Gestalten aber sind unzählig und wechselnd in den Tempeln und Heiligtümern, Gauen und Städten Kemis. So ist die dreifache Welt geworden, das ist das tiefste Wesen der Urgötter!« – – – Der rätselhafte Nun, der verhüllte Gott im Urschlafe, ragte in der Nische. Starr betete die Reihe der großen Acht, der Anfänge. Amun-Rā glitzerte in der schlanken Barke. Und die herrliche Neunzahl der innenweltlichen Götter zog kreisend um die Wände. Thot aber, der dreifach große, der zweimal größte Schöpfergeist, lag in allen, über allen. Und die Menschen schwiegen, zerschmettert, erdrückt von der Majestät des Ewigen. Da hob Sonchis, nach langer Weile, langsam die Hand und berührte ein hieroglyphenbuntes Band, das von der Decke herabwallte. Wie das klirrende Sausen einer zerreißenden Saite schrillte ein leichter Mißton durch die Stille. In die letzten Schwebungen dieses Klanges aber drängte sich, alles andere überragend, anschwellend und erbrausend, hundertstimmig, von Harfen und Sistren, Flöten und Cymbeln unterstützt, ein herrlicher Hymnos. Sonchis stand da und streckte anbetend die Handteller gegen Amun-Rā. Immer heller brauste das Tongewoge. Und es lösten sich Worte ab. Jubelnde, preisende, ehrwürdige Worte: Ein: Heil dir! von allem Getier! Ein: Dank dir! von allem Volke! So hoch der Himmel steht, so weit die Erde reicht, so tief das Meer ruht. Die Götter beugen sich vor deiner Majestät, um die Person ihres Schöpfers zu erheben. Und Freude herrscht bei dem Nahen ihres Erzeugers. Sie sprechen zu dir: »Sei willkommen! Vater der Väter aller Götter, der du den Himmel aufhingst und den Erdboden schlugst, Urheber dessen, was da ist, Schöpfer der Wesen, großer König der Götter! Wir danken dir, weil du uns geschaffen hast, wir preisen dich, weil du uns erzeugt hast, wir lobsingen dir, weil du in uns ruhst!« Der Hymnos verrauschte, Stille lag wieder über dem Allerheiligsten. Pythagoras aber hatte das Wesen der Urgötter erkannt. VIII Gleich überweltlich leuchtenden Gesichten waren die letzten Höhen des Wissens um die Urgötter und um das Werden des Kosmos für kurze Stunden vor der Seele des Pythagoras gestanden. Jetzt aber, als ein neuer Morgen die Pylonen des Tempels und die Dächer der Priesterschule ins grelle Licht zog, mußte er zurück zu den Anfängen, zurück zum Beginn des langen Weges, der zu den Urgöttern hinanführte. Unter der gütig-strengen Leitung des Oberpriesters Sonchis begann der Unterricht. Und ob nun der Schüler in den Räumen der Schule den Worten des erhabenen Lehrers lauschte, ob er in kühlen, schattenden Sälen sich über die Papyrosrollen beugte, die ihm Diener herbeibrachten, ob er auf den Zinnen des Tempels in lauen Nächten den Lauf der Gestirne verfolgte, stets übertraf er seine Mitschüler, wenn auch nicht an Wissen, so doch an Hingabe und Fleiß. Und sein offenes Wesen, seine Pflichttreue und die lautere Reinheit seiner Sitten gewann ihm schnell die begeisterte Liebe seiner Lehrer und Studiengenossen; nicht zuletzt deshalb, weil er vor nichts, vor keiner noch so mühseligen Arbeit, vor keiner Art des Tempeldienstes zurückschreckte, um sich für die ungewöhnliche Gunst, die ihm widerfahren war, dankbar zu erweisen. So schwanden einige Male die drei Jahreszeiten Kemis, die Zeit der Fruchtbarkeit, die Monate der Dürre und der Stürme und die Zeiten der Überschwemmung, bis er die Grundlehren der zweiundvierzig hermetischen Bücher in sich aufgenommen hatte; der Bücher, die auf den ägyptischen Hermes, wie ihn die Hellenen nannten, zurückgeführt wurden. Auf den hehren Gott der Wissenschaften, der in Kemi Thot hieß. Er vertiefte sich zuerst in die Regeln der heiligen Schriftzeichen und erlernte die Gesetze der Hieroglyphen in ihren verschiedenen Schreibweisen und Unterarten. Dann stieg er nach der Reihenfolge der Schwierigkeit und Endgültigkeit in den Lehren der Bücher auf. Mit den zwei Büchern machte er den Anfang, deren eines die Lobgesänge auf die Götter, deren anderes die Auseinandersetzung des königlichen Lebens enthielt. Und er staunte über die unbeugsame Strenge, mit der jedes Handeln des Sohnes der Sonne geregelt war. Und er lernte begreifen, warum kein anderes Volk des Erdkreises solch lückenlose Reihen guter und gerechter Könige aufzuweisen hatte. Dann trat er an die vier Bücher sternkundlicher Art heran, die die äußeren Erscheinungen des Himmelsgewölbes behandelten. Er lernte die Anordnung der unbeweglichen Sterne, die Gesetze vom Zusammenkommen und der Erleuchtung von Sonne und Mond und die Zeiten des Aufganges und Unterganges der Sternbilder kennen. Weiter führte ihn sein Pfad in der Durchdringung des Weltgefüges. Groß und schwierig lagen die zehn Bücher der Hierogrammateis, der heiligen Schriftgelehrten, vor ihm, die ihm von aller Außenwelt Kunde gaben. Und er rang mit den abgründigen Weisheiten über Welt- und Erdbeschreibung und seine bisher tief eingewurzelten Vorstellungen machten niegeahnten neuen Ausblicken Platz. Die höheren Lehren von der Ordnung der Sonne und des Mondes wurden für ihn Erlösung und Wirrsal, Staunen und Trost. Und die Gesetze der fünf Wandelsterne fügten sich in das ungeheure Bild des bewegten Kosmos. Auch die Beschreibung des Landes Kemi und die Aufzeichnung des heiligen Nilstromes fand er in diesen Büchern, so daß er, im stillen Büchersaale sitzend, die Wunder des Landes in träumenden Gedanken genoß. Doch noch größere, noch unerhörtere Wunder erschlossen ihm diese Rollen der Schriftgelehrten: Er wurde mit Bau und Einrichtung der Tempel bis ins Innerste bekannt, lernte die Harmonie des Maßes und die Auswahl der geheiligten, für Opfer und Opfergerät geeigneten Plätze und gewann Einblick in die Kunst der Zahlen und Linien. Pythagoras hatte für viele Monde alle anderen Ziele, ja die Götter selbst vergessen, als er die tiefsten Mysterien der Zahl, erschlossen durch das Denken von Jahrtausenden, ausgebreitet vor sich liegen sah. Und seine Lehrer mußten alle Mühe aufwenden, um den überschäumenden Drang des Lernbegierigen in die ruhige Bahn möglichen Fortschreitens zurückzudämmen. Schließlich siegte sein gehorsamer, treuer Sinn. Trotzdem aber drang er in diesen Zweig des Wissens mit solcher Wucht ein, daß seine Lehrer fast in ehrfürchtiges Staunen gerieten und ihm manche Antwort schuldig bleiben mußten. So lernte er als Grundlage der höheren Zahlenwissenschaft die Seqemrechnung, die in einer sonderbaren Vermählung von Stammbrüchen, in einer Darstellung eines Bruches durch viele andre und in einer Teilung und Vermehrung dieser Brüche besteht. Er lernte weiters die Arten der Haurechnung, bei der, gleichungsähnlich, die unbekannte Größe, der Hau, gesucht wird. Und er eignete sich die Gesellschaftsrechnung und die Lehre von den Reihen und ihren Summen und ihren Unterschieden, die Hunnurechnung, an. Als er mit den Ziffern gewandt umzugehen verstand, ward es ihm möglich, zu erfassen, wie die Fläche des Dreieckes, des Paralleltrapezes, des Kreises berechnet wird. Und er erfuhr, daß die Seite eines Quadrates, das einem Kreise flächengleich sein soll, um ein Neuntel hinter dem Durchmesser des Kreises zurückbleiben müsse. Was ihn aber vollends in Verwunderung versetzte, war die Bestimmung der Winkel aus Piremis und Uchatebt, aus Qai-enharu und Senti, das ist die Festlegung des Winkels aus dem Verhältnisse je zweier Seiten eines rechtwinkeligen Dreieckes: Ein Vorgang, der es gestattete, die Neigung der Pyramidenkanten an jedem Werkstücke mit dem Ellenmaßstabe vorher festzulegen, bevor das Prisma in die Stufen des Baues eingefügt wurde. Auch die Gestaltung des Kalenders, die periodische Wiederkehr der Feste und die Ergänzung der Monate auf zusammen dreihundertfünfundsechzig Tage, eine Einrichtung, die das Jahr mit dem tatsächlichen Sonnenlaufe besser im Einklang hielt und erst im Zeiträume von Jahrhunderten größere Abweichungen der Tag- und Nachtgleichen erzeugte, entrang ihm staunende Bewunderung. Nie mehr verließ er, solange er auf Kemis Boden weilte, die Beschäftigung mit diesen inhaltschweren Büchern und er studierte alle Erläuterungen und Ergänzungswerke, soweit er sie nur irgendwie erreichen konnte. Trotz dieser wahren Leidenschaft mußte er sich, um sein Wissen abzurunden und seiner Pflicht voll zu genügen, den nächsten zehn hermetischen Büchern zuwenden, die die Gebräuche des eigentlichen Gottesdienstes und das Ritual des Opfers umfaßten und alle Formen des Räucheropfers, des Darbringens der Erstlinge, die Arten des Gebetes, der Lobgesänge höherer Art, der heiligen Aufzüge und der Begehung der Götterfeste enthielten. Als er aber endlich nebenbei in gröbsten Umrissen die sechs ärztlichen Bücher kennengelernt hatte, die die Beschaffenheit des Körpers, die Krankheiten, die ärztlichen Instrumente, die Arzneimittel und die besonderen Leiden der Augen und der Weiber beschreiben, wagte er den letzten Schritt. Er vertiefte sich in die zehn Schriften, die der Kulm der Weisheit Kemis sind: in die Bücher, die von den Gesetzen und Pflichten und vom tiefsten Wesen der Götter handeln, und die den gereiften Lernenden anweisen, wie er sein Wissen anderen, noch nicht in der Weisheit Vollendeten, mitzuteilen hat. Als nun nach unendlichen Mühen die Bücher des Thot im willigen Geiste des Pythagoras beschlossen lagen, bereitete ihm das Schicksal und die Gerechtigkeit seiner Lehrer eine neue Überraschung. Er hatte nämlich bisher, hingegeben allein dem Durste nach Wissen, nur niedere Tempeldienste verrichtet und nie daran gedacht, etwas zu erstreben, was nur den ersten Söhnen Kemis vorbehalten war. Plötzlich aber rief ihn ein lichter Tag vor die Versammlung der höchsten Priester. Wieder durchfluteten ihn Schauer vor der steinernen Ruhe der Sitzenden, wieder richtete ihn der gütige Blick des Propheten Sonchis auf. Diesmal aber wurde sein Verstand gewogen und nicht sein Herz. Denn dieses Herz kannten alle und es war tief gesunken auf der Waagschale gegen das Gewicht der von ihm geheischten Gerechtigkeit. So wurde er zu unbekanntem Zwecke durch alle Abgründe des Wissens, alle verborgenen Geheimnisse der hermetischen Bücher, durch alle Rätsel und Lösungen geführt, und unermüdlich fragten die Priester. Viele Stunden fragten sie schon, doch er stand, entrückten Blickes, vor ihnen und blieb keine Antwort schuldig, bis er, trunken vom Schauer des Heiligen, das Wesen des unerschaffenen Urgottes in neuen, feurigen Lobgesängen pries. Da sprangen die strengen Richter und Priester Kemis von den Sitzen auf, umarmten ihn und verliehen ihm den Rang eines Hierogrammateus. »Der erste und letzte Mann aus der Fremde, der Priester Kemis wird!« rief prophetisch Sonchis. »Deine erste Tat soll die Aufzeichnung der Hymnen sein, die du in edelstem Wahne an den Verborgenen richtetest. Die zweite Aufgabe aber, die deiner harrt, ist unser Dank an Amasis, den erhabenen Bringer der Gerechtigkeit. War er es doch, der dich, den Würdigsten, zuerst erkannte und empfahl. So sollst du, wenn er jetzt zu Memphis der großen Isis den neuen Tempel gründet, als Priester Kemis ihm mit deinem Wissen beistehen, damit die Richtung und das Maß der Ecken eingehalten werde!« Pythagoras aber konnte nicht antworten, nicht danken. Still und durchbebt von namenlosem Stolze, war er in die Kniee gesunken und schluchzte leise vor sich hin. Dann streckte er, wie im Gebete, die Handflächen gegen die Priester, die jetzt doppelt seine Brüder waren. Diese aber segneten ihn und lächelten still und beglückt. – Unausdenkbar weit und eben lag der riesenhafte Grund, auf dem der Tempel erstehen sollte. Mit hellem Sande war er bestreut, der in der Morgensonne schimmernd leuchtete. Und hinweg über die gestauten Massen des harrenden Volkes, das zu Zehntausenden das Rechteck, Kopf an Kopf, Leib an Leib umdrängte, standen am Horizonte des Westens die drei großen Pyramiden und spiegelten in ihrer funkelnden, polierten Glätte den Strahl des großen Rā wider: Weißlichgelb die Pyramide des erhabenen Chufu, dunkler und gelbgrau das Mal des mächtigen Chafra und in sattem granitenen Dunkelrot, düster und majestätisch, das Wahrzeichen Menkauras. Nur ein leises wogendes Summen war in den Massen und ein vielfältiges Duften schwebte über dem Platze; denn alles Volk war mit Blumen bekränzt und hielt Zweige in den Händen. Und an den Ecken des Platzes flatterten Wimpel von himmelragenden Masten, und Wolken von Räucherwerk dampften aus mächtigen Pfannen und verwehten verschwimmend in der unterbrechungslosen dunklen Bläue des Firmaments. Die vierfachen Reihen schwergewaffneter Krieger, die von allen Seiten den Platz umsäumten, hatten nur wenig Mühe, vordrängende allzu Neugierige leise und bestimmt zurückzuweisen. Denn noch lag der Grund einsam, und nur sorgsam behauene Blöcke und Riesenquadern, Säulentrommeln und Kapitale schichteten sich an seinen Rändern und verhießen den baldigen Beginn der Arbeit. Und die bläulichen Helme der Krieger und ihre Brustpanzer glitzerten im Lichte. Plötzlich entstand an einer der Schmalseiten murmelnde Bewegung. Im nächsten Augenblicke übertönten scharfe Kommandorufe das tosende Branden des Volkes. Wie mit einem einzigen Schlage standen alle Soldaten zugleich bildsäulenstarr an ihrem Flecke und richteten ihre Augen gegen den Eingang, während sie die furchtbaren Keulenbeile in steilem Winkel grüßend hoben. An der Schmalseite hatte sich die Mauer der Krieger geteilt. Klappern ertönten und Hörner, Cymbeln und Sistren und Flöten, und zwischen dem jubelnden Zujauchzen der Massen scholl wogend und machtvoll der Chor der Hymnen. Die Spitze des Zuges ward sichtbar und betrat langsam und feierlich den Platz. Zehnfach stießen die Weihrauchwolken aus den Pfannen und schossen in kugeligen, schweren Ballen empor und lösten sich in zerquirlende Bänder auf. Und die Palmzweige wurden geschwungen und über den Myriaden rauschte ein sattgrünes Meer von Zweigen. Die Hörner schmetterten, näher brauste der Gesang und das Volk tobte in Stolz, Begeisterung und heiligem Schauer. Der Zug war auf den Platz herausgetreten: Voran schritten in breitem und buntem Gewoge die priesterlichen Sänger und Musiker, singend und spielend und die hohen Symbole der Musik einhertragend. Dann die Stundenbeobachter mit der Stundenuhr und dem heiligen Phönix, den Sinnbildern der Sternkunde. Zahllos waren ihre Reihen. Denn heute hatten die Priesterschaften aller größeren Tempel ihre Besten gesandt, damit der Sohn der Sonne, der durch stets neue Bauten die Gottheit ehrte, im Herzen erfreut werde. Und jetzt kamen die höheren Rangstufen der Priester, und die Leopardenfelle wollten kein Ende nehmen. Mit dem Federschmucke am Haupte, in der Hand das hermetische Buch, das Lineal und das Schreibrohr, die Hierogrammateis; haltend die Elle der Gesetzmäßigkeit und den Trankopferkelch, die Bewahrer der heiligen Kleider. Und zwischen allen die Tabernakelträger, die die Bilder der Götter in heiligen Schreinen hoch über den Köpfen des Zuges schweben ließen. Jetzt eine breite Lücke im Zuge; eine atemraubende Pause des hehren Rhythmos. Und das Volk kannte im Jubel keine Grenzen und die Hörner schmetterten das Zeichen des Sohnes der Sonne und des obersten Priesters. Da waren sie schon: Stolz schritt Amasis in ihrer Mitte und die hohe rot-weiße Doppelkrone des Südens und Nordens leuchtete. An seiner Seite der erhabene Sonchis, die höchsten Feldherren und Würdenträger und herum die mächtige Schar der Spruchpriester, der Prophetai. Aber noch einer schritt zur Seite des Königs, einer, dessen mächtige Jünglingsgestalt alle um Haupteslänge überragte und unter dessen hoher Stirne die schmale Nase marmorn und gerade zwischen überirdisch glänzenden Augen stand. Und neben ihm gingen Diener mit langen weißen Seilen, deren Ende er in der Hand hielt. Und das Volk raunte sich zu, daß es der Priester sei, der heute dem Könige Beistand leisten werde, der Priester, der vor Jahren von den Inseln kam, der Hellene, der jetzt ein Mann Kemis und rein sei vom Fluche und vom Schmutze der Fremdvölker; weil er alle großen Prüfungen des Herzens und Verstandes auf sich genommen habe gleich einem Manne aus dem heiligen Kemi. Und auch ihm galt heller Jubel des Volkes. Rings um den mächtigen Baugrund bewegte sich feierlich der Aufzug. Die Gesänge und Hymnen wurden heller und je mehr sie sich den gestauten Mengen näherten, desto mehr verwandelten sie das Jauchzen und Grüßen in Verehrung und Gebet. Und die Götter in den Schreinen erweckten ehrfürchtige Schauer. Als aber nach Umschreiten des Platzes die Spitzen des Zuges wieder zum Ausgangspunkte zurückgekehrt waren und sich teilten und nach rechts und links an den Rand des Grundes auseinandertraten, da tönte kein Laut, kein Murmeln in all der Masse. Plötzlich stand der erhabene Herr der Gerechtigkeit allein in der Mitte. Zur Seite trat ihm nur Pythagoras mit den Schnurträgern. Anbetend erhob der Priester gegen den Sohn der Sonne die Handflächen. Dann sagte er mit lauter, klingender Stimme: »Herr des Südens und Nordens, der du es in deiner Güte erwogest, der hohen Isis ein schimmerndes Haus zu bauen, höre! Du gleichst völlig dem Bilde deines Vaters, des großen Rā, der am Himmel emporsteigt. Deine Strahlen dringen bis in die Höhlen. Kein Ort entbehrt deiner Güte. Deine Aussprüche sind in jedem Lande Gesetz. Wenn du in deinem Palaste ruhest, so hörst du die Worte aller Länder. Du hast Millionen von Ohren. Klar ist dein Auge über allen Sternen des Himmels, fähig den Sonnenball zu schauen. Was der Mund in der Tiefe auch immer ausspricht, es dringt bis zu deinem Gehör. Dein Auge aber sieht, was im Verborgenen geschieht. O barmherziger Herr, Schöpfer des Atems, weise den Baumeistern und Werkleuten, wie sie das heilige Haus der großen Isis türmen sollen!« Und er beugte sich und hob vom Boden das Ende eines Seiles empor und reichte es dem Zweikönige. Hunderte von Ellen aber entfernt, am anderen Ende dieses Seiles, standen Priester mit dem Schreine einer Göttin. Der Sohn der Sonne ergriff die Schnur und hob den hölzernen Hammer. Dann antwortete er: »Ich habe gefaßt den Holzpflock und den Stiel des Schlägels. Ich halte das Seil in Gemeinschaft mit der Göttin Safech, der Herrin der Grundsteinlegung, der erhabenen Schützerin der Büchersäle. Mein Blick ist gefolgt dem Gange der Gestirne. Wenn mein Auge in die Richtung des Nordens gekommen ist und erfüllt ist der mir bestimmte Zeitabschnitt der Zahl der Uhr, dann stelle ich auf, du große Isis, die Eckpunkte deines Gotteshauses!« Laut tönten die Schläge des Hammers über den Platz. Das Seil spannte sich und wies die Mittellinie und Richtung des künftigen Bauwerkes. Dann aber trat Pythagoras neuerlich vor: »Herr des doppelten Reiches, weise den Werkleuten die Winkel des Baues!« Und noch einmal erwiderte der König: »Zwei Pflöcke treibe ich durch die Schnur, um festzustellen den Winkel des Bauwerkes für alle Zeiten.« Und er schlug die Pflöcke entlang der Mittellinie durch die zwei Knoten des Seiles und Pythagoras spannte die freien Enden, daß die Grundlinie des mächtigen Dreieckes in haarscharfem Winkel senkrecht zur Richtung der langen Mittellinie des Tempels stand. Da richtete sich der Herrscher empor: »Zufrieden im Herzen ist Safech mit der Grundsteinlegung. Herbei denn, ihr Baumeister und Werkleute, damit die große Isis nicht länger des Gotteshauses entbehre!« Da strömten plötzlich von beiden Seiten durch geöffnete Gassen der Krieger unzählige Werkleute auf den Platz und ihre Werkzeuge begannen, an hundert Stellen zugleich, die ersten Arbeiten des Baues zu vollführen. Über allem aber lag Weihrauch und Gesang und Jubel. Ein Schauer von Blumen und Zweigen überschüttete den weiten Tempelgrund und die Werkleute, während sich der Zug des Königs und der Priester zur Heimkehr in die festliche Stadt Memphis ordnete. – – IX Ein sonderbarer Glanz lag über Ägypten. Nach all den Jahren der Umwälzungen und Wirren, die der Regierungszeit des Amasis vorangegangen waren, schien es fast, als habe das Schicksal beschlossen, Kemi zu entschädigen. Nicht nur, daß ein Herrscher die Doppelkrone trug, dessen Wille und Tatkraft täglich neue Wunder des Wohlstandes und der Kunst hervorzauberte; nicht nur, daß das blühende Land ungetrübten Frieden genoß, der bloß einmal durch die ruhmvolle Wiedergewinnung von Kypros unterbrochen wurde: selbst die heiligen Gewalten des Alls waren durchaus gnädig. Einer reichen Ernte folgte die andere, die Überschwemmungen des Stromes hielten das notwendige Maß und keine Seuche verheerte die Städte. Und das alles geschah, obwohl die östlichen Reiche des Erdkreises von wildestem Kriegslärm widerhallten, obwohl sich dort neue Welten türmten und übereinander schichteten, obwohl Staaten, so mächtig wie Kemi, krachend zusammenstürzten und die Trümmer des Einsturzes neue Völker, neue Herren an die Oberfläche der Weltmacht wirbelten: Euphrat und Tigris waren rot vom Blute, der heilige Nil aber ergoß sein süßes Wasser lebenbringend über die Fluren. Sonderbar war dieser Glanz Kemis. Denn es lag wie leises Zittern in der Herrlichkeit; jenes kaum bewußte, schattenhafte Aufzucken mitten im Taumel, das die ahnungsschwere Frage an die Götter richtet, ob ein ungetrübtes Glück im Plane des Weltenlaufes liege. Ob nicht vielmehr das Getriebe des Kosmos auf die ewige Schwankung, auf ein Hinauf und Hinab gestellt sei, seitdem die Schuld der Menschen das goldene Zeitalter zerstörte. Pythagoras aber lebte im Gleiten dieser Jahre dahin gleich einer Pflanze, die unmerklich wächst und stets tiefere Wurzeln in den saftreichen Boden schlägt. Wenn auch der Rausch der ersten Erkenntnis längst vorbei war, genoß er um so mehr die Vertiefung und Verbreiterung seines Wissens. Die Lust der Einzellösung, der Sonderfrage erfaßte ihn und er schritt mondelang stille, schilfumraschelte Seitenpfade der Weisheit, an deren Ende er als Lösung eine kleine bunte Muschel fand. Trotzdem aber fühlte er mit der Allgewalt seiner untrüglichen Schicksalsahnung, daß diese Ruhe, dieses genießerische Aufnehmen und Forschen nur eine Herberge, eine Oase war, aus der er wieder hinaus mußte durch endlose unerforschte Wüsten, bis dorthin, wo die letzten Randberge des Wissens und Erkennens schwindelhoch zum Endgültigen aufstrebten. So verließ er manchmal das heilige Tape, die hunderttorige Stadt, verließ die unerhörten Säulenwunder und Steinmassen und wanderte. Und er kam nach Hermopolis, nach Ombos, nach Bubastis und Sais. Und wieder wandte er sich nach Memphis und Heliopolis und Philae; und überall sprangen die Pforten der Tempel und Priesterschulen weit vor dem Hierogrammateus des großen Amun auf. Weiter zog er nach Süden bis in die Regionen der wunderbaren Felsentempel, bis zu den Grenzfestungen des Landes Kasch. Dann war er wieder in Theben, denn neue Rätsel, neue Fragen hatte er von seiner Wanderschaft mitgebracht. Tag für Tag saß er in den Büchersälen und unterredete sich mit den gelehrtesten der Priester. In letzter Zeit aber hatte ihn ein Problem tief erfaßt, dessen Lösung ihm niemand bringen konnte; ein Problem, das er sich schon damals zu deuten gesucht hatte, als er für den König die Knoten in die Meßleinen schlug. Hundertundzwanzig Ellen, hieß es in den hermetischen Büchern, oder zwölf Ellen oder zwölfhundert müßte die Schnur an Länge aufweisen. Die Knoten aber seien derart anzubringen, daß nach dreißig oder drei oder dreihundert der erste, nach weiteren vierzig oder vier oder vierhundert der zweite die Leine abteile. Der Rest sei dann fünfzig, fünf oder fünfhundert Ellen. Zwischen der Dreiheit und Vierheit aber entstehe der rechte Winkel. Warum war dies so? Warum gab es außerdem noch unzählige rechtwinkelige Dreiecke mit anderen Seiten als drei, vier und fünf? Warum konnte man die dritte Seite in ganzen Zahlen nicht messen, wenn die zwei Schenkel des rechten Winkels gleich lang waren? Und er stellte unzählige Versuche an. Zuerst überzeugte er sich von der Wahrheit der Lehren des hermetischen Buches in allen drei Fällen. Dann überlegte er, ob nicht das Maß Nebensache, Hauptsache vielmehr das Zahlenverhältnis sei. Und er ging daran, die Dreiheit, Vierheit und Fünfzahl mit beliebigen Zahlen zu vervielfachen. Es gelang. Stets wieder ergab sich der rechte Winkel. Der Allgemeinheit der Frage aber kam er trotz aller Unterstützung durch gewiegte Rechner und Feldmesser nicht näher, und manche scheinbare Entdeckung stellte sich bald als Irrtum oder Täuschung heraus. So wandte er sich wieder den Göttern und den letzten Geheimnissen und Weihediensten zu. Sonderbare Dinge auch sah er, die ihn mächtig ergriffen: Zauber und Verwünschung, Besessenheit und Vorhersage, Verkündigung des Geschickes aus den Sternen, Abwehr böser Mächte durch Spruch und Amulett. Doch nicht lange fand sein lichter Verstand an diesem dunklen Getriebe Gefallen. Sonchis auch war es, der oft die habgierige Kehrseite dieser spukhaften Ereignisse ihm enthüllte und ihm ans Herz legte, jeden Hang zu falscher Ahnung bei seinen Schülern zu unterdrücken. Gebe es doch Rätselhaftes noch genug auf dem Erdkreise, so daß es nicht nötig sei, die Dunkelheit des Daseins, eine angeborene Neigung der Menschen ausnützend, zu vermehren. »Licht sollen wir bringen!« sagte dann wohl der Greis, »Licht, wie der große Rā. Nicht aber die Finsternis heraufbeschwören. Denn leichter und williger kriecht das Dunkel herbei, als es die Menschheit wünscht. Und schneller, schneller als der belebende freudige Strahl des herrlichen Gottes!« – Auch nach Krokodeilonpolis kam Pythagoras auf seiner Wanderschaft und durchforschte die Irrgänge des Labyrinths. Als er aber, einer plötzlich aufsteigenden wehmütigen Erinnerung folgend, den Palast Bertreris suchte, fand er fremde Herren in den Gärten. Nie hatte er gefragt, nie hatte man ihm etwas von ihr erzählt, um sein Herz zu schonen. Jetzt aber erfuhr er durch die Schwatzhaftigkeit der neuen Besitzer, die dem mächtigen Priester gefällig sein wollten, daß Bertreri längst einem Großen der Kyrenaika sich verbunden habe. Als Unterpfand des jüngst geschlossenen Bündnisses mit diesen elenden Hellenen, fügte man vertraulich hinzu. Pythagoras lächelte und kehrte dem Palaste den Rücken. Doppelt lächelte er. Zuerst über den zähen Willen der Königstochter, einem Manne seines Stammes anzugehören und lieber die Heimat und den süßen Gau Piom zu verlassen, als dieses Ziel aufzugeben. Dann aber wieder über den tiefen Haß, den die neuen Besitzer des Palastes gegen seine Volksgenossen hegten. Wozu solche Gegensätze? Wozu abgrundtief lieben und hassen? War das Volk Kemis schon so schwach und zwiegespalten? Warum ganze Völker mit den Gefühlen umfassen? Warum nicht das Einzelne betrachten, den einzelnen Menschen, die einzelne Eigenschaft, das einzelne Geschick, die einzelne Begabung? Und er begann sich in tiefe Gedanken zu verlieren, warum er nach den Jahren der Reinigung trotz des Rates und Wunsches der Priester kein Weib gewählt hatte. Bis heute noch keiner dieser herrlichen, schlanken, liebevollen und granitglatten Jungfrauen genaht war, die sich mehr als einmal sehnend ihm angeboten hatten. Und er fand keinen deutlichen Grund. Keinen, den er aus den Sitten seines Volkes oder Kemis erklären konnte. Ein Tiefstes aber, das nicht einmal Sonchis voll verstand, rief in ihm, sobald sein Leib wankte, er dürfe des Glückes der Liebe erst genießen, wenn sein Ziel erreicht sei. Was aber war sein Ziel? Und weiter führten ihn die Fragen. Seine Erinnerung richtete Karmel vor ihm auf, Karmel, das schon ein leiser Nebel der Zeit umflorte. Und wie ein Schrecken durchzuckte ihn die stets zurückgeschobene Klarheit des Ablaufes vieler, vieler Jahre. Als er wieder südwärts fuhr und das süße Wehen des Nordwindes die Segel seiner Barke blähte, wußte er, daß er in das Alter des reifen Mannes getreten war und zurück zu seinem Volke mußte. Zurück, um ihm das Wissen von den Urgöttern zu bringen, um das er als Jüngling ausgezogen war. Und er wußte plötzlich, daß er nicht mehr sich selbst gehörte, nicht mehr seiner Leidenschaft des Forschens, Lernens und Wanderns. Und er betrat Theben mit dem Entschlusse, von den Priestern, von Sonchis vor allen, Entlassung und Erlaubnis zur Heimkehr in seine Vaterstadt zu erbitten. Am frühen Vormittage eines ausnehmend heißen Tages traf er ein. Als er aber in den Tempelbezirk kam, fiel es ihm sogleich auf, daß bei den obersten Priestern ein übergewöhnlich reges Gehen und Kommen herrschte und daß sich eine gewisse Spannung und Aufregung geltend machte, die er sich vorerst nicht deuten konnte. Auch sein Versuch, bei Sonchis vorzusprechen, blieb vergeblich. Man teilte ihm im Auftrage des Oberpriesters mit, er möge sich für den späten Abend bereithalten und sich auf Entscheidendes gefaßt machen. Was ging vor? Er war doch eben erst durch die ganze Ausdehnung Kemis gesegelt. Nichts hatte er wahrgenommen, was Umwälzung oder Veränderung gleichsah. Ein Geheimnis scheinbar, um das bisher nur ganz wenige wußten. Jedenfalls mußte er bis zum Abende ausharren, wobei es noch ungewiß blieb, ob er eingeweiht werden würde. Doch nein! Sonchis hatte ja Entscheidendes angekündigt! So verstrich der Tag in fiebernder Erwartung und sein Entschluß, um Abschied einzukommen, schob sich vor den dunklen Rätseln zurück. Er ging in die Büchersäle und versuchte, Papyrosrollen, die er von den Priestern des Labyrinths zum Geschenke erhalten hatte, zu lesen. Doch die hieratischen Zeichen tanzten vor seinen Augen und die bunten Bilder verzogen sich zu drohenden Fratzen. Endlich wurde es Abend. Aber auch jetzt nahm die Spannung noch kein Ende. Denn ein dienender Priester erschien und teilte ihm mit, er möge erst um Mitternacht in das Gebäude der Oberpriester kommen, um Sonchis abzuholen. Mühsam zwang er sich zur Geduld. Denn eine Unruhe hatte ihn ergriffen, die ihm sonst fremd war und die er nur als Ahnung ungeheurer Ereignisse deuten konnte. Und er warf sich auf sein Lager und beruhigte sich erst, als er darauf verfiel, schwierige Rechenprobleme im Kopfe zu bewältigen. Als er aber nach unsäglich langer Zeit aus seinem Hause trat, da träufte die herrliche Nacht sogleich Stille auf sein Gemüt. Denn über den Palmenhainen, in denen die Wohnungen und Schulen der Priester lagen, stand ein blauweißer, greller Mond, der sosehr leuchtete, daß die Fiederkronen und Schäfte auf dem Silbergrunde lange Schatten warfen. Und die drückende Hitze des Tages hatte balsamisch durchfluteter Kühle Platz gemacht. An der Pforte des Versammlungssaales traf er Sonchis, der ihn seltsam bewegt umarmte und sagte, er wünsche sich auf das Dach des Tempels zu begeben, um sich nach den Aufregungen der letzten Stunden auszuruhen. So gingen die beiden schweigend durch die Haine, und überirdisch, in dunkler Bläue, lag plötzlich die Riesenmasse des Tempels vor ihnen. Nur die Fronten der Pylonen traf das volle Licht des Mondes. In aller ihrer Vielfalt erglitzerten sie, und Gesimse und Reliefs erzeugten mächtigere Schatten als im Strahle des Tages. Die Farben aber hatte der kalte Glanz vernichtet, so daß bloß hellere und tiefere Töne, von Silber bis zu Tiefblau, sichtbar wurden. An der Außenwand des Tempels, die, aus der Nähe gesehen, in unsicherem Lichte wie ein Felsgebirge anstieg, drangen sie durch eine verborgene Tür in die Steinmassen. Und klirrend fiel die Granitplatte hinter ihnen zurück, daß ein Uneingeweihter geglaubt hätte, der Bau habe die Schreitenden verschlungen. Dumpfige schmale Treppen leiteten hinan. Und es währte lange Zeit, bis sie endlich die Krönung des Tempels, oberhalb der großen Säulenhallen, betraten. Kühl und herrlich war hier die Luft und der Umkreis überwältigend. Rechts dehnte sich der Vorhof in mystischem Glaste und tief unter ihnen träumte die Reihe der Standbilder und Säulen den ewigen Traum. Pylonenkulme überhöhten sie in ungewohnten Formen und Verschneidungen. Und eine der Flächen auf der pyramidenartigen Spitze der Obelisken funkelte in blendendem Widerscheine. Darüber hinaus aber lag alles im gleichen Flirren des Mondlichtes: Die Sphinxalleen, der zitterndstreifige Fluß, das Häusergewoge und die Randgebirge. Knapp vor ihnen ragten die metallenen Wunder, die Werkzeuge der Sternbeobachtung, und der Himmel selbst war trotz des starken Vollmondes über und über mit gleißenden Gestirnen bedeckt. Sonchis ließ sich in einem der Lehnsessel nieder, die neben den Tierkreisen standen, und bedeutete dem Pythagoras, seinem Beispiele zu folgen. Er blickte lange und wie traumverloren vor sich hin. Dann aber straffte sich plötzlich seine Miene und er begann mit eindringlicher Stimme: »Pythagoras, deine Zeit ist gekommen! Ich habe dich heute beschieden, um dir zu sagen, daß du das heilige Land Kemi verlassen mußt!« Pythagoras zuckte empor. Was war geschehen? Und obwohl er selbst um die Gestattung der Abreise hatte bitten wollen, traf ihn die Ankündigung mit gräßlicher Schärfe, da der Wille nicht von ihm ausging. Sonchis aber, der den Kampf auf dem Antlitze seines Schülers las, setzte beschwichtigend fort: »Höre mich weiter, damit du alles verstehst. Und vertraue dem, der heute schon das hundertste Jahr seines Lebens überschritt und die lange Zeit seines Lebens prüfend und richtend die Geschicke Kemis bewachte!« »Ich vertraue dir mehr als mir selbst!« flüsterte Pythagoras. »Doch auch du wirst es verstehen, daß mir der Abschied aus diesem Lande, aus meiner zweiten Heimat, nicht so leicht wird. Um so mehr, wenn ich nach deinen Worten fürchten muß, man habe beschlossen, mich zu entfernen!« Sonchis lächelte. Dann aber wurde sein Antlitz sofort wieder ernst, als er antwortete: »Entfernen? Was sind das für Reden, Pythagoras? Haben wir dir vom ersten Tage an nicht gezeigt, wie sehr unser Herz das deine sucht? Nein, weit anders ist alles! Eben weil wir dich lieben, weil wir dein letztes Ziel kennen, haben wir beschlossen, dich freizugeben, bevor es zu spät ist!« »Was heißt das? Hat sich Unheil begeben? Oder muß es mir verborgen bleiben?« hastete Pythagoras hervor. »Nein, du sollst, du mußt alles erfahren!« erwiderte der Greis. »Also höre: Vor vier Tagen ist der Sohn der Sonne gestorben. Amasis lebt nicht mehr, der Begründer der Gerechtigkeit auf Erden. Wir aber hielten es geheim, denn ein furchtbarer Sturm, eine vernichtende Woge naht vom östlichen Horizonte. Um dir aber alles zu erklären, muß ich tief in die Vergangenheit zurückgreifen. Du weißt von jenem Kyros, der aus dem Nichts sich emporschwang und schließlich die alten Reiche am Euphrat zerschmetterte. Dieser König litt an den Augen und kein Arzt konnte ihm helfen. Da sandte er flehende Botschaften an Amasis und bat um einen unserer Ärzte. Bereitwillig sandten wir ihm den gelehrtesten und geschicktesten Heilkundigen und der Herr der Perser genas. Die Schwatzhaftigkeit und Ruhmredigkeit des Gefolges aber wußte am persischen Hofe die Schönheit der Königstöchter Kemis sosehr zu preisen, daß der Sohn des Kyros, der wilde Kambyses, in Lüsternheit nach den Reizen unserer Jungfrauen entbrannte. Als nun sein Vater im Kampfe gefallen war und er selbst zur Königswürde gelangte, trat er auch sogleich an Amasis heran und freite um eine seiner Töchter. Wir rieten damals dem Sonnensohne, die Bitte abzuschlagen und das furchtbare Reich, das früher oder später unser Feind werden würde, anzugreifen, wenn der zurückgewiesene Perser beleidigende Worte gebrauchte. Oder aber die schönste Tochter zu senden und ein Bündnis zu schließen gegen Punt und Kasch. Amasis folgte unserem Rate nicht. Er griff zur Täuschung, zu einer List, die im Laufe der Zeiten offenbar werden mußte und den günstigen Augenblick des Kampfes versäumen ließ. Er sandte Nitetis, die Tochter des Uahabra, die Schwester jener Bertreri, und gab vor, sie sei sein eigenes Kind. Nitetis aber, von der wüsten Art des Kambyses beleidigt, empört über die Schmach, die ihr Amasis zugefügt, noch immer hassend den Überwinder ihres Vaters, enthüllte dem Perserkönig den Betrug. Und es kam, wie wir es befürchtet hatten. Ja, es geschah noch Schlimmeres. Kambyses schwieg und sandte eine heuchlerische Botschaft nach der anderen zu Amasis. Bis wir, vor wenigen Tagen erst, erfuhren, daß ein gräßliches Heer gesammelt ist, ein Heer von unzählbarer Stärke, um für den Schimpf Rache zu nehmen. Nitetis aber hat uns höhnend mitgeteilt, daß sie bald in Kemi einziehen werde, um die Seele ihres Vaters zu begrüßen. Des Vaters, den Amasis erwürgte. Vernichten aber werde sie den Rebellen, der gelogen hatte, ihr Vater zu sein.« Sonchis machte eine Pause in seiner Rede. Pythagoras aber hatte sich erhoben und stand jetzt knapp vor dem Thronsessel des Oberpriesters. Und er sagte feierlich: »Als ich den Nil heraufsegelte, gestern noch, als ich schon in Theben war, wollte ich euch um Entlassung bitten, denn ich hielt meine Aufgabe für erfüllt, die Kraft, Neues aufzunehmen, für erschöpft. Und ich wollte heimwärts wandern, um den Schatz eurer Weisheit meinem Volke zu bringen. In der Form, die eure Geheimnisse nicht verletzt. Jetzt aber ist alles anders geworden, erhabener Lehrer und Vater! Jetzt ist das Volk in Bedrängnis und Gefahr, das herrliche Volk, von dem ich Edles und Hilfreiches nur bisher erfuhr. Jetzt bleibe ich und werde euren Kampf, euren Sieg teilen und erst ziehen, wenn neuer Friede über Kemi leuchtet.« »Unseren Sieg teilen?« Wie ein wehmutvoller Aufschrei gellte diese Frage durch die Nacht. Dann aber dämpfte Sonchis wieder die Stimme, als er fortsetzte: »Ich habe diesen Entschluß von dir erwartet, Pythagoras! Groß und edel, deiner würdig ist deine Rede. Aber er ist falsch, dieser Entschluß! Denn wir werden nicht siegen, Pythagoras! Kemi wird sterben, vergehen, verderben! Und du, eben du mußt diesem Weltende entrinnen. Soll doch der Weisheitsschatz der Jahrtausende zu anderen Völkern kommen, solange sie noch jung und gläubig sind. Damit du aber nicht wähnst, daß ich düsteren Stimmungen, greisenhaften Anwandlungen nur meine Seele leihe, sollst du Gründe für meine Ahnung hören.« Er senkte das Haupt und schwieg. Pythagoras aber, der sich schon während der Rede des Oberpriesters wieder niedergelassen hatte, antwortete leise: »Wer kann vorhersagen, was das schwankende Glück des Krieges bringen wird? Wüsten liegen zwischen uns und den Persern, unkundig sind sie der Gegend und des Weges. Vielleicht wird es nicht so schwer sein, ihre ermüdeten Streiter zu vertreiben. Ein Volk wie das von Kemi wird im Augenblicke der Gefahr sich verzehnfachen an Mut und Widerstand!« »Auch wir vertrauten den Wüsten, bauten auf unsre Krieger, hofften auf die hellenischen Söldner!« fiel Sonchis ein. »Zwei dieser Träume sind vorbei, Pythagoras! Vielleicht alle drei! Die Wüste schützt uns nicht mehr. Denn Phanes, ein Hauptmann unserer hellenischen Hilfstruppen, ein Mann aus Halikarnassos, ist am Hofe des Kambyses und hat dem Perserkönig ein Bündnis mit den Arabern vermittelt. Die Araber aber werden mit Scharen von schlauchbeladenen Kamelen in die Wüste ziehen und das Heer des Persers mit Wasser versorgen. Was jedoch werden unsre Söldner tun, wenn einer ihrer Führer im Dienste des Feindes steht? Kannst du das sagen, Pythagoras? Vertraust du deinen Volksgenossen? Oder sind sie alle wie jener Phanes?« In den letzten Worten lag tiefe Bitterkeit und anklagender Schmerz. Pythagoras aber stieß entsetzt hervor: »Das hat euch einer meines Stammes getan? Verflucht sei er, tausendfach verflucht! Nicht Hellene soll mehr heißen, der solches verbrach. Zu den Söldnern aber werde ich selbst sprechen und ihnen sagen, wo ihre Pflicht ist!« »Du wirst an die Mündung des Stromes fahren und ein Schiff besteigen, das dich nach Samos bringt! Verstehst du mich, Pythagoras? Der größte Dienst ist es, den du Kemi erweisen kannst. Auch sollst du nicht im Lande bleiben, wenn Urteilslose vielleicht den Schimpf des Phanes auf alles Hellenische übertragen. Das hättest du nicht verdient, edelster Sohn des Inselvolkes. Doch antworte jetzt nicht! Höre weiter! Wüste und Söldner, sagte ich, sind uns kein Schutz mehr. Wo aber sind Kemis Krieger? Sind noch die Helden, die zahllosen Scharen im Lande, die einst den Erdkreis bezwangen? Wieder muß ich in die Vergangenheit zurückgreifen. Hörtest du, daß unter dem ersten Psamtik, unter der Herrschaft des Urahnen Uahabras, zweihundertvierzigtausend Streiter nach Kasch zogen mit Waffen und Kriegsgerät? Und dort das Reich der Überläufer gründeten, wie wir es nennen? Gewiß, sie sind längst gestorben, diese Unzähligen! Wo aber sind ihre Söhne und Enkel? Wo die Überlieferung ihrer Kampftüchtigkeit? Nein, Pythagoras! Ich kann mich nicht belügen, wie furchtbar mir auch diese Erkenntnis wird: Kemis Welttraum ist ausgeträumt! Um so mehr, als nicht im Osten allein die Feinde erstehen. Ihr Hellenen, ihr, deren Geist ich an dir kennenlernte, deren Urkraft und Schlachtenglück ich in meiner Jugend sah, baut im Norden ein neues Reich und im Westen setztet ihr euch fest in der Kyrenaika. Kasch rüstet; die Überläufer, ausgestattet mit allen Waffen Kemis, pochen an seine südlichen Pforten. Und Punt und die Araber schlagen sich zu den Persern. Zur Abwehr aber dieses drohenden Weltkreises bleiben uns Neulinge und Fremde und – Verräter! Das war der Unterbau, auf dem das unglaubliche Friedensglück des Amasis schwebte. Der glücklichste Herr Kemis war er, weil er starb, bevor der Krieg hereinbrach. Nicht er hat das Glück erzeugt, er hat es nur weise genützt und sein Feld geerntet, bevor die Heuschreckenschwärme den Himmel des Ostens verdüsterten. Noch einmal, Pythagoras, fliehe in die Länder, denen die Zukunft gehört. Es sind deine Länder, es ist deine Heimat! Hier aber wird es Abend und Nacht werden. Schuldlos werden wir versinken, wir, die mehr taten, um Ewigkeit zu erreichen als alle anderen Menschen des Erdkreises! Als alle anderen, die waren, sind und sein werden!« Er schwieg. Pythagoras aber, den furchtbares Mitleid überkommen hatte, der zudem den jähen Wechsel der Dinge nicht fassen konnte, weil sein mutiger Sinn einen aussichtslosen Kampf nicht anerkannte, versuchte den letzten Einwand: »Schuldlos, sagst du, Sonchis, werde das Volk Kemis sterben. Bei diesen Worten erinnerte ich mich der Anwürfe, die einst Bertreri gegen Kemis Herrscher, gegen euch – uns – Priester erhob. Vielleicht ist doch nur durch augenblicklichen Irrtum die Lage des Landes so verdüstert. Vielleicht wird einmal Hellas mit Kemi im Bunde aufs neue die Welt erobern, den Osten niederwerfen und das einige Reich der Weisheit aufrichten!« »So dachte der erste Psamtik, als ihm die Hellenen seinen Thron erstritten und dabei die Männer Kemis erschlugen. So wähnte Uahabra. Du hast recht, Pythagoras, recht in dem Sinne, daß du die Gedanken Bertreris richtig wiedergibst. Das aber ist der abgrundtiefe Haß der ersten saitischen Könige gegen uns Priester, weil sie uns nicht verstanden. Gut, Söldner, Seeräuber stritten für Psamtik! Was aber dann? Doch nicht Auslieferung Kemis an die Fremden? Konnte man ihre Taten nicht mit Gold und Reichtum lohnen? Für euch Hellenen ist neben uns kein Platz! Zu hoch ist die Anlage deines Volkes, Pythagoras. Entweder wir oder ihr! Das wußten wir, als du einst um Aufnahme in die Priesterschule ansuchtest. Wir nahmen dich auf, nicht weil Amasis bat. Wir hätten ihm getrotzt gleich den Priestern von Heliopolis und Memphis. Nein, weil wir dein reines Herz sahen und weil wir euch, euch Hellenen, zu Erben unseres Geistes einsetzen wollen. Ich weiß, daß ihr himmelweit anders seid als wir. Eines aber werdet ihr weitervererben durch die Jahrtausende: Den Gleichklang der Klarheit, des Glaubens und der Weisheitstiefe. Daher zum letzten Male, Pythagoras: Dein Weg geht heimwärts! Morgen wirst du Theben verlassen!« Pythagoras sann dumpf vor sich hin. Endlich sagte er gepreßt: »Ich werde gehorchen! Aber vorher werde ich noch mit den Söldnern sprechen. Das kannst du mir nicht verwehren. Denn ewig würde das Unterlassen dieser schwachen Hilfe als Undank in meinem Gemüte haften.« »Tue es, Pythagoras, wenn es dein Herz verlangt! Am großen Ablaufe des Schicksals wird auch diese edle Tat nichts ändern!« Beide schwiegen und sahen hinauf zu den Gestirnen. Und ein sonderbar ruhiges Gefühl senkte sich auf die Wissenden. Das Gefühl, daß, am Ablaufe des Kosmos gemessen, alles Erdenschicksal nur flüchtigen Herzschlag des Alls bedeutete. Und die Zeit verrann und sie schwiegen und sannen: Und ihre Gedanken flogen hinaus in die Reiche des Werdens, in die Zonen, wo Allwissen zum Anbeginn zurückkehrt und wieder eins wird mit den Uranfängen. Trotzdem aber aus sich selbst Höheres gebiert und so, vom Nichts zum Nichts, aufsteigt im Kreislaufe der Weltenentstehungen zur letzten Stufe der Vollendung. Und die Gesichte des Aufwärtsstrebens blendeten ihre Augen und ihr Blick verlor sich in Nebeln. Die Gestirne blaßten ab, der Mond versank. Höher und höher schob sich der Widerschein des werdenden Lichtes oberhalb der östlichen Randgebirge. Brandrote Streifen überzogen plötzlich die dunkle Bläue des Himmelsgrundes und der erste Lichtpfeil schoß bis zum Scheitelpunkte des Himmelsbogens. Da standen plötzlich, in merkwürdigem Halbkreise, acht Hundekopf-Affen, die heiligen Tiere des Tempels, knapp über ihnen auf der Zinne des Mittelpylons und kehrten sich, wie betend, mit ausgestreckten Händen dem entspringenden Morgen zu. Ein leiser trillernder Laut enttönte ihren Kehlen und sie wiegten sich im Rhythmos von rechts nach links. Lächelnd sah Sonchis hinauf und murmelte die Worte des heiligen Textes: »Das sind die Musikanten des Lichtgottes Rā! Sie erscheinen für ihn, sie tanzen ihm zu, sie singen für ihn, sie reden zu ihm. Erscheint der große Gott als Schöpfer der wissenden und erleuchteten Menschen, so hören sie die Worte der Hymnen in der Sprache des Landes Ueten. Sie sind in Wahrheit die Sänger des Rā!« Plötzlich aber erhob sich der Oberpriester und blickte erstaunt um sich, denn die Affen schrieen mißtönend auf und flohen. Pythagoras wies gegen den Himmel. Dunkle, schwere Wolkenschwaden hatten sich, wie aus dem Nichts hervorgezaubert, traumschnell über all den werdenden Morgen gelegt, fahle Ränder schoben sich übereinander und ein Windstoß schrillte in den Lüften. Dann aber prasselte unaufhaltsam die laue Flut eines rauschenden Regens nieder. Da hob Sonchis seinen Arm und deutete im Kreise über die Stadt und das Land und sagte dumpf: »Solange die Hunderttorige steht, zurück in die Jahrtausende, ist kein Regen gefallen in diesem Erdstriche. Der Unerforschliche gibt ein Zeichen: Urgewässer durchbrechen das Firmament, um den Anfang wiederzubringen, der für uns ein Ende ist. Geh hinaus, Pythagoras, und künde dem Volke, daß Amasis eingeht in die ewige Wohnung. Und sage ihnen, daß das gräßliche Vorzeichen den Schmerz Amuns um seinen Tod bedeutet. Tränen sind es, Tränen des herrlichen Gottes, die er um seinen irdischen Sohn vergießt. Sag ihnen das, denn das Volk Kemis bedarf des Trostes. Dann aber eile nach Norden. Leb wohl, Pythagoras, den ich mehr liebte als mein eigenes Kind! Baue neue Welten, da die alte Welt zum Uranfang zurückkehrt!« Und er umarmte Pythagoras lange und innig und küßte seine hohe Stirne. Dann wandte er sich ab und hob die Hände betend gegen Osten, wo jetzt durch wild zerklüftetes Gewölk wieder siegreich der Sonnenspeer des großen Rā durchbrach. – – X Einige Tage später brauste Pythagoras talabwärts. Hochaufgerichtet, dem Helios gleichend, stand er in einem leichten Streitwagen. Das Leopardenfell flatterte im Fahrtwinde und der Federschmuck seines Hauptes bog sich rückwärts. Sein scharfer Blick aber durchdrang die Zukunft, die sich allenthalben vor ihm aufrollte, während der vorgebeugte Wagenlenker die Zügel der schäumenden Rosse kurz hielt und die Randberge zurückflohen. So flog er durch Städte, in denen das Volk sich zu Haufen rottete, die die ausziehenden Kriegerscharen mit tosendem Jubel feierten und mit Blumen bewarfen. Andere Städte sah er, die in dumpfer Trauer lagen und den toten Sohn der Sonne beweinten, während düstere Weihrauchwolken klagend zum Himmel schwelten. Floß auf Floß, Boot auf Boot schwamm den Nil hinab, beladen mit Kriegsgerät, Verpflegung, Rossen und mit Streitern, deren frischgeschliffene Keulenbeile und Sichelschwerter bläulich gleißten. Wieder andere Flecken lagen in schläfriger Ruhe, als ob die Kunde des furchtbaren Geschehens noch nicht bis zu ihnen gedrungen wäre. Ab und zu auch bemerkte er dumpfe Ratlosigkeit, Widerwillen, ja sogar offene Auflehnung gegen das nahende Unheil. Und mehr als einmal erhob sich das Volk in anklagender Wut gegen den Priester, der auf dem Streitwagen einhersauste. Je näher er aber an Memphis gelangte, je weiter er sich von den naturgeschützten Gegenden des Südens entfernte, desto toller und rasender war die Hast der Vorbereitungen, desto massiger und dichter stauten sich auf dem Flusse und den Straßen die Züge der aufmarschierenden Truppen. An den Straßenrändern lagerten sie erschöpft und bestaubt und tranken aus ihren Helmen Rauschtränke und schrieen und johlten. Weiber mischten sich unter das wüste Getriebe, Dirnen und Landmägde, und alle Scham, alle Ordnung war versunken, da jeder nur den Augenblick noch erhaschen wollte, bevor es dem Tode entgegenging. Dann gab es wieder ausgesuchte Kerntruppen, die ernst, fast heilig dahinstampften und nur mit verächtlichem Seitenblick die lockeren Haufen streiften. Wo aber das Tal aus dem Gaue Piom herausführte, da ballte sich ein wahres Heerlager. Ein Wirrsal von Schiffen stand im Kanale und konnte sich kaum fortbewegen. Eine zweite, leere Reihe von Fahrzeugen jedoch zog in entgegengesetzter Richtung, um neue Ladungen zu holen. Brüllende, dichtgedrängte Viehherden schoben sich, Horn an Horn, Flanke an Flanke, buntgefleckt und dampfend, durch die Streitermassen, daß der Sand in Säulen aufwirbelte. Trompetenstöße, Trommeln, Klappern, Peitschenknalle zerrissen die Luft. Alles Zusammenströmens Mittelpunkt aber war Memphis, über dem eine dichte Wolke von Dunst, Staub und Weihrauch schwebte. Auch hier, soweit man durch die Straßen kam, Krieger, Streitwagen, Vorratskarren, Viehherden und erregte Menschen. Lange Züge von Sklaven und Werkleuten rückten, erbarmungslos durch den Brand der Sonne getrieben, zu den Mauern und Befestigungen, und die Schläge sausender Hämmer und Meißel, das Knirschen von Steinlasten und Tauen, Rollen und Leitern mengte sich in stets wiederkehrende heisere Befehlsrufe, Trauerhymnen und in Begeisterungsjauchzen. Wie tief aber auch Pythagoras in das Gewirre vordrang, wie sehr er spähte, kein hellenischer Söldner ließ sich blicken. Einige Leute erkannten ihn. Der Name Phanes schrillte durch die Luft und sofort bildeten sich drohende Rotten, die wüste Schimpfreden erhoben. Er beachtete die wütenden Ausrufe nicht. Stolz jagte sein Wagen weiter, bis er in das Lager der Truppen, zu den Gebäuden der Oberbefehlshaber gelangte. Dort aber galt seine erste Frage den Hellenen und er erfuhr mit Entsetzen, daß sich alle Söldner in der Gegend von Sais versammelt hätten und unschlüssig harrten, jedenfalls aber schon jetzt kein Hehl aus ihrem Willen machten, nur um besondere, kaum erfüllbare Vorrechte und Belohnungen in den Kampf zu ziehen. Ja, es wurde sogar die Befürchtung ausgesprochen, die Hellenen könnten den kämpfenden Heeren Kemis in den Rücken fallen. Tage um Tage war Pythagoras auf dem ratternden Bord des Wagens gestanden. Kaum einige Stunden hatte er in den Nächten geruht. Trotzdem entschloß er sich, als er diese Nachricht hörte, zu sofortiger Weiterfahrt. Er ließ die Pferde wechseln, belud seinen Wagen mit frischem Vorrate und sauste mit neuer Schnelligkeit dem Norden entgegen, wo nach seiner Überzeugung das Schicksal Kemis lag. Wieder schwankten die Bilder von wilder Begeisterung bis zu tiefster Niedergeschlagenheit. Doch lag über den Ebenen derart sengende Hitze, daß Rosse und Lenker weit vor Erreichung des Zieles niederbrachen. Er ließ sie am Wege zurück und befahl dem Lenker, langsam nachzukommen. Dann dang er im nächsten Dorfe ein schmales Boot, bemannte es mit zehn kräftigen Ruderern und jagte unter dem peitschenden Drucke lange durchgezogener Ruderschläge flußabwärts, bis die Pylonen und Obelisken saitischer Riesentempel sich endlich vom gelben Abendhimmel abgrenzten. Sonderbare Stille zitterte über der Königsstadt; denn der Herr des Landes, der junge Psamtik, der der dritte seines Namens war, hatte sich schon nach Memphis begeben, um das Heer gegen Pelusium zu führen und dort, an der Grenze Kemis, den gierigen Perser zu empfangen. Ein anderer Grund aber war noch für die Stille. Kein einheimischer Krieger weilte mehr im Umkreise, und alles Volk bangte vor den hellenischen Heerhaufen, die in ihren verschanzten Lagern sich strenge von der Außenwelt absonderten. Kaum gelang es dem Hierogrammateus, einen Führer zu finden, der ihm den Pfad zum Lager wies. Vorposten hielten ihn an und wollten ihn vertreiben. Alle Willenskraft, allen Mut, alle Gewandtheit, seine Sprache, sein gebietendes Benehmen, List und Bestechung mußte er aufwenden, um in das Innere des Lagers vorzudringen. Ein Zufall aber kam ihm zustatten. Verödet lagen die Hütten und Zelte, denn die ganze Masse der Hopliten und Leichtgewaffneten hatte sich vor der Feldherrnbühne versammelt, um letzte, entscheidende Beschlüsse zu fassen. Wildes Stimmengewirre brandete empor. Gesänge und Flüche durchzitterten die staubsatte Luft, als er auf verborgenen Umwegen, jeden Augenblick in äußerster Gefahr, knapp hinter die Feldherrnbühne gelangte. Noch bemerkte ihn keiner. Dann aber, plötzlich, wie eine Erscheinung, ein Phantom, stand der fremde Priester, der Priester Ägyptens, in all seiner hohen Gestalt oben und breitete die Hände gegen die dichtgedrängten Myriaden panzerumhüllter Hellenen. Und man erblickte ihn. Wie der Aufschrei eines wild gewordenen Tieres gellte es in höchsten Tönen durch die Masse. Sinnlose Wut brach hervor, Drohungen, Schmährufe, Hohn, rauhes Gelächter tobten auf. Die vordersten Reihen stürzten mit entmenschten Antlitzen gegen den Einzelnen. »Herunter!« »Zerschmettert ihn!« »Ein ägyptischer Priester!« »Ein Kundschafter und Verräter!« »Nieder mit Thersites!« so schrillte es durcheinander, und die Wucht des anprallenden Hasses schien allein zu genügen, den Einsamen zu lähmen, zu zermalmen, zu töten. Da aber tönte plötzlich ein Klang über die Hellenen, ein hoher, voller, zwingender Klang, der ihr innerstes Herz traf, bevor seine Schwingung noch recht an ihr Ohr gelangt war. »Männer aus Hellas! Karier, Jonier, Samier, Delier! Männer aus Milet, aus Kypros, aus Halikarnassos! Hellenische Männer, hört mich! Hört mich, Hellenen, dann tötet mich!« »Wer ist er, er spricht unsre Sprache, spricht sie wie nur ein Mann aus Jonien?« »Wer ist er?« »Ist es ein Scherz, eine Verkleidung?« »Ein Verrat?« »Seht ihn, er hat die Gestalt eines hellenischen Athleten!« »Seht seine Augen, seine Stirne, die Nase!« »Er ist ein Hellene!« brandete es durch die Menge und flaute zu Geflüster ab. Jetzt aber schwoll die Stimme oben zu dreifacher, zehnfacher Wucht an: »Hellenen! Männer vom Festlande, von den Inseln! Was fragt ihr, wer ich bin? Sagt euch nicht euer Herz, der Klang meiner Rede, daß ich dort geboren wurde, wo die dunkelblaue See an die Olivenhaine ihre Wellen schlägt und die schlanken Tempelsäulen der Artemis, der Hera, der Aphrodite zum Himmel ragen? Ihr seid jung, Männer aus Hellas, sonst würdet ihr mich kennen. Würdet den kennen, der einem der sieben Weisen als Schüler einst zu Füßen saß!« »Wer ist es?« »Kennt ihr ihn?« flüsterte es durch die gestaute Masse. »Genug von mir!« tönte es von oben. »Von Thales soll hier nicht die Rede sein, nicht von Pythagoras! Von euch will ich sprechen, Männer aus Hellas!« Weiter kam er nicht. Denn plötzlich toste es wieder durch die Luft. Nicht feindlich diesmal. Kindlich und begeistert und stolz. »Er ist unter uns, von dem unsre Väter erzählen!« »Der sonderbare Schüler des Thales, der Samier, der die Heimat verließ!« »Hört ihn, Freunde, hört seine Weisheit!« Und die wenigen, die höhnten oder widersprachen, wurden rasch niedergeschrieen. Insbesondere die Samier drängten mit Gewalt vor und jubelten stets aufs neue. Da machte Pythagoras eine herbe, gebieterische Handbewegung, die ihm endlich Gehör verschaffte: »Der Perser naht, ihr Männer, ihr Krieger aus Hellas!« rief er dröhnend. »Kennt ihr ihn, diesen hungrigen Barbaren? Breitet er sich nicht schon aus über Jonien? Zerstampft er nicht eure Felder? Hat er nicht eure Ölbäume umgehauen? Fragen will ich euch, fragen, ohne daß ihr antworten müßt, Männer aus Hellas! Warum seid ihr aus eurer Heimat geflohen, fortgezogen, verjagt worden? Wer greift nach den freien Inseln? Wer will in Delphi die Schätze rauben, Olympia zerstören? Gelüstet es euch nach einem Satrapen, der der Pythia gebietet? Wollt ihr den Satrapen? Antwortet mir nicht, ihr Krieger! Folgt jenem Phanes, der ein Hellene war, bevor er die Proskynesis leistete, bevor er vor dem Könige der persischen Barbaren aufs Antlitz fiel und den Staub von seinen Füßen leckte wie ein geprügelter Hund. Antwortet nicht! Folgt dem Phanes! Er wird eine goldene Tiara erhalten und lange weibische Gewänder und wird täglich den königlichen Staub lecken dürfen. Alle Hellenen werden den Staub des Kambyses küssen. Alle freien Männer werden Knechte sein und am Euphrat und Tigris Ziegel streichen für die Paläste und Tempel! Und die hellenischen Jungfrauen werden im Tempel des Belos ihren Schoß den Barbaren zur Beschmutzung bieten, werden Bastarde gebären, werden den Persern als Fußschemel dienen, ihr Hellenen! Haltet ein, murmelt nicht, hört die Lösung! Hört einen Satz: Folgt dem Phanes, wenn ihr diese Dinge wollt, folgt dem Phanes! Wenn ihr aber Hellenen seid, Männer, die ihre Tyrannen stürzen, wenn sie übermütig werden; Männer, die ihre Führer wählen und sich selbst Gesetze schaffen und sich nur von den Edelsten der Stadt beherrschen lassen: Dann – Männer aus Hellas – dann ergreift die Waffen und kämpft für euch, für eure Väter und Volksgenossen, für eure Götter und Heiligtümer gegen den Feind der Freiheit, den Mörder des Rechtes, den blutigsten aller Tyrannen, den gehässigsten Feind der Hellenen! Streitet gegen den Kambyses, den hochmütigen König, der sich heute schon Herr aller Völker nennt! Zerschlagt seine Scharen, damit er nicht morgen euren Vätern und Jungfrauen seine Satrapen sende!« Tiefes, schicksalsschweres Schweigen, ein fast unglaubliches Schweigen lag über der Menge. Dann aber brach es los, brach so urgewaltig hervor, daß Pythagoras unter der Wucht seines Sieges fast niedersank. Während aber noch der wilde Kriegs-Paian, die tosende Begeisterung, die grauenhafte Wut gegen Phanes sich in ungezügelter, unhemmbarer Art Ausdruck schuf; während die Führer die Massen zum Abmarsche bereitstellten und letzte Anordnungen trafen; während reitende Boten in die Hauptstadt Memphis rasten, um den ägyptischen Truppen den sofortigen Anschluß der Hellenen mitzuteilen, eilte Pythagoras durch das Dunkel in den Tempel der großen Net nach Sais, wohin er seinen Wagenlenker bestellt hatte; wo er sich den Kundgebungen seiner Stammesgenossen entziehen konnte. Denn er wußte, daß keine Macht des Erdkreises die Hellenen mehr von ihrem Entschlusse abbringen konnte. Und wußte, daß sie streiten würden und kämpfen und siegen, – oder sterbend unterliegen würden für die große, gemeinsame Sache der Abwehr gegen Kambyses, gegen Fußfall und Knechtschaft. – Sonderbare Gefühle erfaßten ihn, als er den Tempelbezirk betrat. Wie drohende, mahnende Schatten hoben sich die riesenhaften Massen der Heiligtümer vor ihm empor und wurden für ihn zu unverständlichen Schreckgestalten. Plötzlich wurde ihm voll bewußt, daß sein nächster Schritt Befolgung des Befehles sein müsse, den ihm Sonchis erteilt hatte: Die Jahre in Kemi waren zu Ende. Und jetzt konnte er erst begreifen, warum die vertrauten Formen der Tempel ihn nicht heimatlich grüßten. Lag doch, unbespiegelt von klaren Gedanken, im Untersten seiner Seele das Wissen, daß er nie mehr nach der Hunderttorigen zurückkehren, daß er nie mehr die Säulenwunder durchschreiten würde. Namenloser Schmerz durchkrampfte sein Gemüt und er gab nur hastig den fragenden Priestern Auskunft über die Ereignisse der letzten Stunden. Als ihm aber ihre liebevolle Sorgfalt ein Lager bereitet und Speise und Trank verschafft hatte, begann ein leichtes Fieber seinen mächtigen Leib zu schütteln. Ruhelos wälzte er sich von einer Seite zur anderen, Traumgesichte wechselten in buntem Wirrwarr mit wachem Gedankenstückwerk und sein Herz pochte wild und trieb rauschende Blutströme durch sein Hirn. Alles war gleichzeitig: Karmel und die Urgötter, die marschierenden Truppen Kemis, die Söldner, Bertreri, Landschaften und Gewässer, Worte und Zahlen. Seine Heimat tauchte empor, seine Eltern, Sprachen verwirrten sich, Sterne kreisten und Götter redeten ihn an. Stets aber tauchte aus all der Mannigfaltigkeit einsam und gütig Sonchis empor und blickte ihn mit unsäglich traurigen Augen an. Schien ihm etwas sagen zu wollen, tat den Mund auf und zerfloß in Nebel und Farbenringe, die seine Gedanken und Gefühle wieder durch neue Katarakte jagten. Über die Felsen der Nekropolis riß ihn das wilde Gefährt, sauste knapp an den schwindelnden Abgründen und er sah Kemi unter sich, gebeugt und verwüstet durch Fremdherrschaft. Schwarze, feuerdurchzuckte Rauchsäulen stießen über den Häuserwogen Thebens empor, drehten sich zu gräßlichen Wirbeln und verdunkelten die Sonne. Und Regen rauschte plötzlich nieder, lauer, trauriger Regen, und die heiligen Affen schrieen und rannten über die Felsenklippen; bis sie seinen Wagen erfaßten und in den Abgrund schleuderten. Da schwebte er. Höher und höher entschwebte der Bord des Streitwagens, reine Sonne glänzte wieder im Umkreise und Sonchis stand da. Und wieder tat er den Mund auf – wieder zerfloß er zu Dunst und Sonnenflirren. Und als die Gesichte schwanden und kalte Klarheit mit jähem Rucke von ihm Besitz nahm, da sagte er sich vor, daß der Morgen ihn flußabwärts führen würde zum Meere, nach Hellas, nach Samos. Keine Freude erweckte diese Einsicht. Im Gegenteil: Furchtbar mahnend, drohend, todestraurig stand wieder der Oberpriester mitten im Felde seiner Einbildungskraft. Und die gräßliche Furcht löste sich erst, als er spielerisch die Möglichkeit erwog, allen Vorsatz zu vergessen und wieder nach Theben zurückzukehren. Und plötzlich sprach eine fremde Stimme, die er trotzdem seit je kannte; eine zwingende, unbestechliche, ewige Stimme: »Sonchis hat dir befohlen, Kemi zu verlassen. Jetzt aber steht er vor dir und gestattet Heimkehr. Heimkehr in deine zweite Heimat, nach Theben, in das Haus des großen, verborgenen Amun!« Fieberschauer begannen ihn zu durchrasen, sein Bewußtsein schwand. Farbenflecken sausten in unnennbaren Wirbeln und Kreisen. Und kalter Schweiß bedeckte ihn. Als er aber, fahl im Antlitze, erwachte, fragte er nicht. Fragte nicht nach Ort und Zeit, sondern bestieg seinen Wagen, umarmte die Priester und fuhr still und in sich gekehrt nach Süden. So fuhr er an den schweigenden Städten vorbei, die in der Erwartung entscheidenden Schicksales bebten. Fuhr durch Landstriche, von denen er gewähnt hatte, er werde sie nie wiedersehen – und sah sie auch nur wie im Traume. Bis er, abgezehrt und fiebernd, doch befriedigt im Gefühle erfüllter Sendung, wieder in Theben einlangte. Er eilte zu Sonchis. Alle Kraft, alle Spannung seiner Seele aber kehrte wieder, als er den Greis auf dem Totenbette antraf. Noch einmal erhob sich der Prophet aus dem beginnenden Urschlafe, noch einmal riß es ihn von den Toren des Totenreiches zurück, als er den Schritt des Pythagoras hörte. Dann sagte er leise und mühevoll: »Es ist gut, daß du kamst, du mein Sohn! Ich rief dich herbei. Denn heute, am Saume des westlichen Reiches, weiß ich, daß deine Irrfahrt noch nicht am Ende ist. Ich wollte dich vor Gefahr behüten. Der Unerforschliche aber schickt dich in Gefahr, damit du doppelt, dreifach ein Mensch werdest. Und dein großes, einziges Schicksal bis zum Rande erfüllest! Leb wohl, Pythagoras!« Pythagoras aber schloß ihm die Augen, führte ihn selbst in die ewige Wohnung am westlichen Ufer und sprach über ihm die heiligen Totengebete. Dann harrte er unbeugsam der Entscheidung! XI Obwohl zu beiden Seiten der Heerstraße senkrecht und schwindelhoch kahle Felshänge ragten, obwohl nur ein schmaler Streifen des Himmels zu Häupten sichtbar war und die Sohle der Schlucht in blauschwarzem Schatten lag, brodelte der Grund von unaussprechlicher Hitze. Wankend, dicht aneinandergepreßt, zerfaserte Seile um Fußknöchel und Lenden, die sich in wirrer Verkreuzung von einem zum anderen spannten, schob sich, so weit das Auge in den gewundenen Felsdurchbrüchen reichte, ein staubbedeckter Zug von Gefangenen. Rohe, heisere Wutausbrüche zügelloser, an dieser Stelle allmächtiger Perser, die in ihren langen Schuppenpanzern hin- und widerrannten und sausende Geißeln unbarmherzig in die Masse der Erschöpften hineinhieben, durchschnitten die stickige Luft und brachen sich im Echo der Felswände; bis sie von den Wehschreien der Geprügelten, vom Keuchen der Niederbrechenden und vom Trotzgemurmel Verzweifelter übertönt wurden. Dicker Schweiß lief über die Antlitze der persischen Wächter. Er lief unter den spitzen Helmen hervor, sickerte in die zernarbten, sonnverbrannten Wangen und träufelte schließlich in die pechschwarzen Barte. Alles dampfte, Staub lag über dem Zuge und die schreckliche Luft mit ihrem Pesthauche wurde trüb und flimmernd. Doch was nützte alles Aufbäumen gegen das Fürchterliche? Perser und gefangene Ägypter wußten, daß der gleiche Feind sie bedrohe: Die Araber und die Kamele mit den Wasserladungen hatten sich verspätet, waren scheinbar irgendwo im Gebirge aufgehalten worden. Und zehn Stunden bedeuteten in diesem Gebirge, in dieser brennenden Sonnenhitze, eine Unendlichkeit, ja vielleicht Leben oder Tod der Tausende, die sich durch die Pässe wälzten. Mitten unter ihnen, alle überragend und deshalb öfter vom schneidenden Schlage der Peitschen getroffen als die anderen, schritt hoheitsvoll und entrückt, fast teilnahmslos, Pythagoras und stützte mit seinen mächtigen Armen, deren unglaubliche Sehnen aus den zerfetzten Priestergewändern herausschwollen, zwei todmüde Greise, zwei Propheten des Amun, indem er sie umfaßt hielt und beinahe vorwärtstrug. Es währte auch nicht lange, bis die Wächter, der Wut und Verzweiflung satt und nach Ablenkung lüstern, auf den Gefangenen aufmerksam wurden und Bemerkungen über ihn austauschten. »Das ist kein Mann aus Ägypten!« raunte der eine. Ein andrer aber sagte: »Jeder Perser wäre froh, solche Arme zu besitzen. Siehst du? Er hat noch nicht genug. Er schleppt zwei dieser elenden Ägypter.« Ein dritter endlich drängte sich durch, stieß Pythagoras von hinten bärenhaft unsanft an und fragte in gebrochenem Hellenisch: »He da, du bist wohl so ein Bursche aus Jonien? Wie kommst du zu diesen falschgläubigen Priestern? Wärst du lieber daheim geblieben!« Pythagoras aber lächelte ob der Ungeschlachtheit des Urteiles, lächelte trotz der schrecklichen Pein. Was wußte dieser durch alle Welt gejagte Krieger des Kambyses von Zielen, von Schicksalen? So antwortete er ohne jedes Zögern in freundlichem Tone: »Du hast recht, Perser! Nämlich damit, daß ich aus Jonien stamme. Doch denke ich, daß ich auch in meiner Heimat nicht vor euren Heeren sicher gewesen wäre. Darum muß ich mich wohl in mein Geschick fügen!« Der Soldat verstand den Doppelsinn der Rede nicht. Im Gegenteile: Er hörte nur das heraus, was ihm schmeichelte, und wandte sich an seine Kameraden: »Seht ihr, daß ich es erriet?! Er ist ein Jonier. Dazu noch einer, der genau weiß, daß wir die Beherrscher des Erdkreises sind. Ja, dieses hellenische Räubergesindel ist ein Volk von Riesen. Trotzdem werden wir sie bald alle haben!« Zu weiteren Gesprächen kam es nicht. Denn plötzlich, nach einer scharfen Biegung der Schlucht, lag ein weiter, vertiefter Talkessel vor ihnen, in den die Heerstraße hinableitete. Auf der gegenüberliegenden Seite aber stieg sie wieder scharf an und verschwand neuerlich zwischen kahlen gelben Schroffen. Diese jenseitige Talsohle aber lag weitaus höher und auch die Breite der Schlucht war eine ungleich größere. Die Spitze des Gefangenenzuges hatte die Mitte des öden sandigen Kessels bereits überschritten. Bevor sie hinaustraten, stockten die Gefangenen einen Augenblick, denn ihre Augen, müde der ewigen Eintönigkeit begleitender Felswände, wollten wenigstens für kurze Zeit die Schau freieren Himmels genießen. Und sie wanderten mit ihren Blicken den Felsumwallungen entlang und musterten die vielfach gebogene bunte Schlange des gefesselten Zuges. Die Wächter aber ließen sie gewähren, da sie selbst froh waren, für einige Herzschläge des unablässigen Vortreibens enthoben zu sein. Jählings aber ward die schmale Rast unterbrochen. Denn an der Spitze der Menschenschlange entstand eine wilde Bewegung und ein vielstimmiges Geschrei tönte dünn und wirr herauf. Hände reckten sich zur Höhe, Kleiderfetzen flatterten und plötzlich war die Ordnung gelöst. Laufend, wie fliehend, auseinanderstrebend, dann wieder durch die Wucht der Seile gegeneinandergerissen, strebten die Massen in wildem Laufe bergan und schleppten die hinten Stehenden mit sich. Zwischen den ersten Tausend, die eine zusammenhängende Abteilung bildeten, und der nächsten Schar klaffte bereits eine breite Lücke, die noch mächtiger wurde, als die Gefesselten rechts und links der Straße ausschwärmten und sich zu einer tiefen Querlinie entwickelten. Man sah, daß die Wächter diesem Treiben unverständlicherweise nicht Einhalt geboten, sondern den Haufen sich selbst überließen und in Rudeln voranliefen. Plötzlich aber pflanzte sich die Lösung des Rätsels jubelnd von Mund zu Mund nach hinten fort. Und im gleichen Augenblicke ergleißten zahllose Lanzenspitzen und Panzer am gegenüberliegenden Schluchteingange. »Das Wasser, das Wasser!« jauchzte es. »Droben in den Felsen warten die Kamele!« »Vorwärts zu den Schläuchen!« Was aber die Wächter der ersten Abteilung unterlassen durften, wäre den anderen verderblich geworden. Denn die gestaute Masse hätte allzuleicht den Eingang der jenseitigen Straße versperren und Hunderte zerquetschen und zermalmen können. Daher rannten die Soldaten von allen Seiten herbei, und wieder lag Staub, Peitschenknall und heiseres Brüllen in der Luft. Doch achtete keiner mehr der Schmerzen. Denn ein einziger Gedanke, ein einziger gräßlicher Durst hatte sie alle gepackt, so daß es nur dem Einschreiten der Bedeckungsmannschaften des Wassertransportes gelang, den wilden Zug halbwegs geordnet in die breite Hochschlucht zu führen, wo am Straßenrande, in unabsehbaren Reihen, die schlauchbeladenen Kamele standen und andere Lasttiere und Karren mit zuhauf geschichteten Tongefäßen und groben Eßwaren bepackt waren. Die Nähe der Erfüllung und der Anblick der ausreichenden Menge hatte die Ordnung wiedergebracht. So lagerten jetzt schon seit geraumer Zeit die erschöpften Gefangenen und hatten kaum einen neidischen Blick für die Soldaten übrig, die leckere Bissen, Obst und dunklen Wein miteinander teilten. Pythagoras lehnte im Schatten einer ausgehauenen Felswand und labte mit seinem Tonbecher die beiden Greise. Als sie sich aber sattgetrunken hatten und ermüdet in jähen Schlaf sanken, blickte er sich um. Langsam aß er ein dunkles hartes Brot und rieb sich ab und zu die Stellen, an denen ihm Fesseln und Peitschenhiebe die Haut fortgescheuert hatten. Plötzlich haftete sein Blick an einer zierlich ausgemeißelten Inschrift, die, bunt gemalt, in den geglätteten Felsen eingehauen war und den großen Ramses im Gespräche mit dem erhabenen Gotte Rā darstellte. Und, halb unbewußt, las er die schimmernden Reihen der Hieroglyphen. Zuerst wandte er sich zur Rede des Gottes, dessen Haupt die farbensatten Federn schmückten. Und er las: »Ich bin dein Vater, deine Glieder sind in göttlichem Glanze von mir erzeugt worden. Ich habe deine Gestalt gebildet, gleichend der des mendesischen Gottes. Ich habe dich erzeugt mit deiner ehrwürdigen Mutter. Die Mächtigen und Herrlichen versammeln sich festlich um deine königliche Person, die hohen Göttinnen von Memphis und die Hathoren von Pithom. Ihre Herzen sind freudig, in ihren Händen halten sie Tamburine, und Hymnen der Anbetung erschallen, sobald sie deine glorreiche Gestalt erblicken. Du bist ein Herr wie die Majestät des Sonnengottes Rā. Die Götter und Göttinnen preiisen deine Wohltaten und beten an und opfern vor deinem Bilde. Ich gebe dir das Firmament und alles, was darinnen ist, ich verleihe dir die Erde und alles, was darauf ist. Ich verlange von jeder Kreatur, die auf zwei oder vier Beinen geht, die fliegt oder flattert, von der ganzen Welt, daß sie dir ihre Erzeugnisse darbringe. Du, o erlauchter Herr, dem die vierzehn Seelen des großen Rā eignen!« Der große Ramses aber antwortete: »Es ist mein Vater Rā, der alle diese Dinge angeordnet hat. Er hat alles, was zu mir gehört, für mich bestimmt, das Licht des Auges, das auf seinem Diadem glänzt. Alle Länder, alle Völker, der ganze Umfang des Sonnenkreises, alle kommen sie zu mir als meine Untertanen. Der Gott hat meine Grenzen bis zu den äußersten Enden des Himmels ausgedehnt, den ganzen Kreis des Himmels hat er dem gegeben, der mit ihm ist. Die ganze Welt in ihrer Länge und Breite, der Osten und Westen soll meine Wohnung sein!« Ja, so hatte der sprechen können, der mit seinen fünfzigmal zehntausend muskelstarrenden, erlesenen Kriegern, funkelnd im Schmucke seiner haarscharfen Waffen, durch diese Schluchten nach Osten gezogen war. Und erst wieder heimkehrte, als der Weltkreis zu seinen Füßen lag. Woher hatte Sonchis mit unbestechlicher Klarheit gewußt, daß die Zeiten der Größe für Kemi vorbei waren? Woher hatte er diese Überzeugung, da doch damals vor dem Kampfe aus allen Teilen des Reiches die Krieger zusammengeströmt waren, kaum viel weniger zahlreich als zur Zeit des Ramses? Und noch verstärkt waren durch die jugendliche Stoßkraft der Hellenen? Was waren diese Perser? Sonderliche Stärke, sonderlichen Mut konnte er an ihnen nicht wahrnehmen. Eher sklavenhaften Gehorsam. War es also Wille und Glaube, Ahnung und Wunsch, was die Schlachten entschied? Oder nur Zufall, Schicksal, geheimnisvoller Beschluß des kosmischen Werdens? Allein, auf sich selbst gestellt, würden die Hellenen diese Barbaren blutig zurückjagen. Das wußte er, obwohl das Schicksal Joniens dagegen sprach, wußte es so sicher, wie Sonchis den Untergang Kemis vor sich gesehen hatte. Und plötzlich stand all das Grauenhafte der letzten Monde vor ihm, aller Umschwung des Geschickes, und riß ihn zurück bis in die Zeit, da er Sonchis in die ewige Wohnung geführt und das Gebet Suten-hotep-ta über dem Sarge gesprochen hatte. Und er entsann sich der ersten jubelnden Siegesbotschaften, die vom pelusischen Nilarme heraufgeschollen waren und das Volk in Taumel versetzt hatten. Dann aber war es Schlag auf Schlag gefolgt und hatte kein Ende mehr genommen bis zum heutigen Tage: Wut und Haß und Blut, Elend und Verwüstung und Tollheit. So hatte es begonnen: Zwischen den Heeren, die plänkelnd in den pelusischen Niederungen einander gegenübergelegen waren, hatten die hellenischen Söldner ein ehernes Becken aufgestellt. Und hatten die Söhne des Phanes vorgeschleppt und im Angesichte ihres verhaßten Vaters geschlachtet wie Opfertiere. Das Blut aber hatten sie im Becken mit Wein vermischt, aus Bechern den entsetzlichen Trunk getan und waren dann brüllend und tosend gegen die Barbaren gestürzt. Beispiellos war das Gemetzel. Auch die Regimenter Kemis hieben wild auf die Gegner ein, der junge Psamtik war im Streitwagen in die Feinde gesaust. Der Kampf schwankte hin und wider. Einen Augenblick aber hatte es gegeben, einen rätselhaften, unfaßbaren Augenblick, in dem die Perser nur mehr vorstießen, die Ägypter aber langsam wichen. Und sie waren nicht mehr zum Gegenhiebe gekommen und hatten eilends das Feld geräumt, um Memphis zu schützen. Höhnend hatte Kambyses Boten in die Stadt des Ptah gesandt, die von Psamtik Übergabe und Unterwerfung heischten. Als Antwort hatte das Volk Kemis die Herolde erwürgt. Höher war der Haß aufgeschossen, neues Blut floß in Strömen. Memphis fiel, Psamtik ward gefangen. Alles tat Kambyses, um ihn zum Satrapen zu gewinnen. Nicht fehlte es an Drohung, nicht an scheußlichem Zwange, nicht an Martern: Psamtik blieb fest und entgegnete dem Zwingherrn mit geringschätziger Verachtung. Da verwirrte sich das Hirn des Persers in toller Wut. Er zog nach Sais und schändete den Leichnam des Amasis, ließ ihn mit glühenden Nadeln stechen und verbrennen. Eine Tat, die gleicherweise die heiligsten Gefühle der Perser und Ägypter verletzte. Inzwischen aber war, raunend und nachtgeboren, die große Verschwörung entstanden, die Kemi die Freiheit wiedergeben sollte. Alles stand bereit. Im ganzen Süden sammelten sich neue Truppen, Kambyses war ahnungslos. Da, einen Tag vor dem Losschlagen, erfuhr der Perser das Geheimnis. Und nun war alles dahin! Psamtik vergiftet, die Edelsten hingerichtet, frische Soldatenscharen von allen Seiten zusammengezogen. Und Phanes hatte seinen Lohn verlangt, er, der sich rühmte, die Eroberung Kemis ermöglicht zu haben. Der Lohn ward ihm. Der Perser, schäumend, daß einer es wagte, seinen Ruhm zu schmälern, ließ ihn tagelang mit glühenden Ruten peitschen und die Wunden stets wieder mit Salz einreiben, bis er elend seine verräterische Seele aushauchte. Rauch, Brand, Blut, Wahnsinn toste über Kemi. Manchmal, in sprunghafter Laune, hatte Kambyses den ägyptischen Göttern geopfert und die Priester beschenkt. Am nächsten Tage ließ er Gräber schänden und Heiligtümer verheeren. Und seine Heersäulen stampften nilaufwärts gegen die hunderttorige Stadt. Denn er wollte das Land Kasch erobern. Ungeheuer war die Rüstung, prunkvoll der Ausmarsch. Wieder atmete das Land für kurze Monde auf, da die Feldherren der Perser, die im Lande zurückgeblieben waren, Dareios voran, der die Truppen in Memphis befehligte, Maß und Ziel nicht überschritten. Da kehrte ein Zug von Gespenstern zurück. Sie kamen vom Süden, siech, matt, mit hohlen Augen und zerfetzten Panzern. Und erzählten, noch schaudernd, von den Schrecknissen, von der Wüste, den Löwen, vom Hunger, der sie schließlich gezwungen hatte, zu losen und einander gegenseitig aufzuzehren. Wie zuerst Kambyses einen Ratgeber nach dem andern, der zur Umkehr mahnte, grausam getötet, wie er aber dann aus Furcht vor den menschenfressenden Kriegern wieder nordwärts den Rückzug angetreten hatte. Dort, fern im Süden, lägen die Kameraden, und die Löwen hätten mehr als einen zerrissen, Schlangen seien um die Leiber der Erschöpften gekrochen und Wolken von Stechfliegen hätten ihr Blut gesogen. Kambyses jedoch machte Kemi für sein Unglück verantwortlich. Die Krieger des Unglückszuges schickte er ins Delta und gestattete Plünderung. Achtzigtausend neue Soldaten aber stellte er bereit und befahl ihnen, die Wüste zu durchqueren und die Oase des Amun-Rā, das herrliche Wüsteneiland im Westen der Pyramidenstadt, zu erobern. Neuen Glanz, Vergessen seiner Niederlage gegen die Naturgewalten des Landes Kasch, erhoffte er von dieser Unternehmung. Doch jene acht herrlichen Männer, jene Helden, beseelt vom Geiste des großen Ramses, deren Namen an verborgenen Stellen sofort eingemeißelt wurden, von denen die Inschriften, unsichtbar den Persern, sagten: »Ihre Namen werden unvergessen sein, solange Amun- Rā am Himmel Tag und Nacht erzeugt, und jedermann in Kemi wird ihrer gedenken. Ihr Gedächtnis wird ewig sein im Lande!« – jene acht Männer hatten es anders beschlossen. Führer waren sie, Wegekundige, bedroht von gräßlichen Strafen, falls sie nicht unversehrt das Perserheer zur Oase hinleiteten. Ihre Namen aber waren: Hefrat, der Wagenlenker; Anch-Amrat, der Landwirt; Merinum, der Häuserbesitzer; Sefferhet, der Sargmacher; Nuter-Rem, der Erzeuger von Schwertern und Messern; Chuenphra, der Hierogrammateus; Fendak, der Zöllner, und Taketnut, der Hauptmann. Und diese acht hatten jeder zehntausend Perser erschlagen. Dadurch, daß sie für das geliebte Kemi des Todes nicht achteten und das Heer in die Sandwirbel und Dünen der unendlichen Wüste hineinlockten, fernab der heiligen Oase, bis es verschmachtet war. Kein Mann des strahlenden Heereszuges hatte die Oase erreicht, keiner war zurückgekehrt. Ihre Spur war verweht vom Schemen, der über den Leichenhaufen brauste und ihn knisternd, rieselnd mit gelblichem Sande bedeckte. Kambyses aber hatte den Gipfel der Raserei fast schon erreicht. Sinnlos wütete er gegen Gefolge, Feldherren, Ratgeber, gegen die Tempel der hunderttorigen Stadt, gegen die Gräber der Nekropolis; und Schläuche Weines stürzte er hinab, um aus tollen Räuschen zu doppelter Scheußlichkeit zu erwachen. So auch hatte er die Priester und Vornehmsten Thebens, soweit nicht Meuchelmord sie traf, mit Stricken fesseln lassen und sie hinausgetrieben durch die Schluchten der östlichen Berge; damit sie fern von Kemi als Knechte und Verbannte in Babylon, in Persepolis ihr Leben beschließen sollten und das letzte Rückgrat Kemis so zerbrochen sei. – Die Erinnerung des Pythagoras blaßte langsam ab. Zuviel des Grauens hatte sein Gedächtnis eben durchmessen. Und er sah sinnend gegen die Felseninschrift. Und plötzlich kam ihm eine Erleuchtung, ein Trost. Die Worte des Persers in der Schlucht stiegen in ihm auf. War er ein Mann aus Kemi? Hatte Kemi nicht durch Jahrtausende im Glücke gelebt und unzählige andre Völker zertreten? Konnte es sich nicht wieder erheben? War es undankbar von ihm, wenn er mit einem Schlage sich bewußt ward, Hellene zu sein, Hellene mit Leib und Gemüt? Hatte er sich feige dem Schicksale entzogen, war er geflohen, als seine Freunde Unglück traf? Nein, er war ein Hellene! Und aus seinem Volke würde auch einst ein Mann erstehen, groß und hehr wie der mächtige Ramses! Und der würde den Weltkreis niederzwingen. Und hellenische Art, vertieft und geläutert durch das Wissen Kemis, würde Gesetz werden für Ost und West. Jedes Volk gebar einmal seinen Ramses! Einmal nur, so wollte es scheinbar das Geschick; einmal, wenn unerforschliche Kräfte des Alls gleichzeitig aufschossen und zusammentrafen. Und er entsann sich der Worte des erhabenen Sonchis, der ihm die Weisheit Kemis, den tiefsten Kern alles in diesem Menschheitskreislaufe durch die Ägypter Errungenen als Erbe anvertraut hatte. Tiefe Schatten warfen die Schroffen. Murmelnd, flüsternd, unterhielten sich die gesättigten Scharen der Gefangenen. Ab und zu aber dröhnte das wiehernde Gelächter eines betrunkenen Soldaten auf. Da lehnte sich Pythagoras an den kühlen Felsen und schlummerte lächelnd und sorglos ein. – – – XII Viele Tage zogen sie schon durch eine unermeßlich weite Ebene strotzendster Fruchtbarkeit. Selbst für Augen, die an das Wachstum ägyptischer Fluren gewöhnt waren, gereichten diese Felder, diese Haine und Weiden zum Erstaunen. Allenthalben ergossen sich durch Tausende von Kanälen Ströme Wassers ins Land. Grelles Grün, sattes Gelb mehrhundertfach gekörnter Ähren dankte dem befruchtenden Elemente mit unablässigem Gedeihen. Herden von Rindvieh, von Ziegen, von Eseln, zahllose Kamele belebten das Bild zwischen den dichtgesäten Dörfern, und an den Obstbäumen und Palmen hingen faustgroße, überreife Früchte. Viele Tage schon ging es durch diese Ebene. Weit hinter ihnen lag das durchglühte, brodelnde Gebirge, über dessen wüste Pässe sie zum Roten Meere abgestiegen waren. Fern auch waren sie schon den vollgepferchten Schiffen, die sie über die siedenden Fluten dieses schrecklichen Gewässers in endlos eintöniger Fahrt an kahle Küsten gebracht hatten. Und nur mehr grausige Erinnerung waren ihnen die Wüsten Arabiens und die wechselnden Bilder ihrer Durchquerung: Sandmeere, Felsenzinnen, Oasen, schimmernde Städte; ausgedörrte Hirne, die im heißen Wehen atemversengender Winde die Götter der Einöden geschaut hatten: Am Tage hohe Sandsäulen, die Himmelsgewölbe und Erde verbanden und kreiselnd vor ihnen herliefen; in den Nächten die rotdurchzuckten Feuersäulen; und in anderen, stilleren Nächten die blauweiße Riesenzunge des Zodiakal-Lichtes. Orkane waren über sie hinweggebraust, kurze Regenschauer und Gewitter hatten die Wüsten verhöhnt, schweifende Heerscharen von Arabern waren gegen sie angeritten. Wilde Tiere hatten im Umkreise ihr Gebrüll erhoben, wenn die zahllosen Feuer auflohten und der beizende Rauch des verbrannten Kameldüngers sich in dicken Schwaden auf die Dünen legte. Bis sie eines Morgens am östlichen Horizonte eine nach beiden Seiten ins Unbestimmte verlaufende grüne Linie erspähten, die stets breiter ward, sich hob, sich mit Umrissen von Palmen und Bäumen rauhte; und ihr Fuß plötzlich auf hartem, halbwelkem Grase schritt. Da waren sie in die strotzende Ebene gekommen und das Volk aus den Dörfern war zusammengeströmt, um Kunde von Schlachten und Siegen, Beute und Abenteuern zu gewinnen. Mittagwärts war die breite Heerstraße abgebogen, die auf unzählbaren Brücken unzählbare Kanäle überquerte. Und die Soldaten hatten in der fröhlichen Laune endlicher Heimkehr nicht damit gespart, dem Volke verschwenderische Mengen von Mundvorrat abzupressen, den sie in einer Art derber Großmut unter die Gefangenen verteilten; was um so begreiflicher war, als der lange gemeinsame Weg, die überstandenen Gefahren eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Siegern und Verbannten erzeugt hatten. Pythagoras war sich auch nach kurzer Zeit darüber im klaren, daß das Los des Volkes im Zweistromlande sich nicht wesentlich von dem der Ägypter unterschied. Auch hier schritten die Perser durch jüngst erobertes Gebiet, über den machtlosen Leib eines zertrümmerten Völkerriesen. Alle anderen Gedanken aber, alle Ebenen und Wasserbauten, die an Großartigkeit denen Kemis nicht nachstanden, ließ der Augenblick vergessen, da das Ziel des mondelangen Marsches in Sicht kam. Dies geschah eines Morgens, als sich die Menschenschlange eben wieder ostwärts gewandt hatte und über leichtgewelltes Hügelland dahinzog. Plötzlich war mitten in der Ebene ein dunkles, schwärzliches Band aufgetaucht, ein hart abgegrenztes Band von ungeheurer Länge, auf dessen oberer Kante sich unzählige kleine Zacken wie Knäufe erhoben und über dessen Rand wie ein Hauch ein niegeschautes Wunder schwebte. Würfel auf Würfel, stets sich verjüngend, zu unwahrscheinlicher Höhe emporstrebend, ähnlich den mächtigsten Pyramiden Kemis. Doch wieder weltenfern anders. Denn jeder der Würfel schimmerte blaß und zart, aber unverkennbar in anderem Farbentone. Oder war es nur Täuschung des Auges, erzeugt durch den schrägen Strahl der Morgensonne? »Borsippa! Babylon! Die Mauern der Schwesterstädte! Das ragende Mal des Nebo-Turmes!« jubelte es durch die Scharen der Perser. Und in ihren Blicken flackerte ein sonderbarer Glanz, ein dunkler, wilder, gieriger Schimmer, den Pythagoras auch damals nicht an den Barbaren gesehen hatte, als sie trunken die Schatzkammern des Amuntempels plünderten. Neue Bodenwellen versperrten die Schau. Babel versank. Doch der Rhythmos der Doppelstadt blieb in den Reihen des Zuges. Und dieser Rhythmos riß die Ermüdeten vorwärts, richtete die Erschlafften auf, erweckte die Trostlosen und Stumpfen. Satte Palmenhaine, dampfende Niederungen ohne Fernblick durchquerten sie. Zwischen sumpfigen Seen von ungeheurer Ausdehnung, auf deren spiegelglatter, weißschillernder Oberfläche die Kolben des Schilfs und die riesigen Blätterinseln von Wasserpflanzen torkelten, führte auf untermauerten Dämmen die breite Straße. Regeres Leben schon heftete sich an den Umkreis des gewaltigen Mittelpunktes der Völker. Streitwagen ratterten vorbei, ganze Trupps von Reitern kamen ihnen entgegen. Und die hochgetürmten Ladungen kreischender Karren holperten mit dem Wirrsal der Kamele und Packesel in gleicher Richtung. Überall erregte der grauenhafte Zug der Gefangenen die höchste Aufmerksamkeit. Doch konnte Pythagoras keine Miene von Mitleid oder Entsetzen, Abscheu oder Hilfsbereitschaft wahrnehmen. Wie boshafte Schadenfreude, dumme Neugier oder lüsterne Grausamkeit, die sich schon die kommenden Foltern dieser Sklaven ausmalte, umbrandete es sie. Und mehr als einmal hörte er höhnende Rufe, die den Söhnen des hochmütigsten Volkes galten; des Volkes, das hinter seinen Bergen, hinter seinen Wüsten gewähnt hatte, ausgenommen zu sein vom allgemeinen Kreislaufe des Menschenschicksals. »Das sind die Helden vom Nilstrome! Jämmerlich genug ist ihr Aufzug!« hörte er. Dann wieder rief man: »Und jene Schwächlinge bildeten sich ein zu widerstehen, wo wir unterlagen!« Und er verstand die Ausrufe, da er die Sprache Babels in Theben schon sich angeeignet hatte. War sie doch seit Jahrhunderten das Idiom, in dem der staatliche Briefwechsel zwischen Kemi und allen östlichen Reichen geführt wurde. Der Inhalt des Hohnes aber, die Art, in der man hier die hilflosen Gefangenen empfing, die selbst von den wilden Söhnen der Wüste oft heimlich mit Geschenken und Mundvorrat bedacht worden waren, gab ihm schon im voraus ein Bild des Volkes, unter dem er vielleicht den Rest seines Lebens zu verbringen verdammt war. Und er war noch mit Betrachtungen beschäftigt, noch kehrte er seinen Blick ins Innere, als sich plötzlich wieder der Grund der Straße in leichter Steigung hob und aus dem Dickichte der schattenden Palmen heraustrat. Da lag das Werk des höhnenden Volkes vor ihm, nahe lag es vor ihm und er vergaß vor dem Werke der Menschen. Denn, unabsehbar nach rechts und links, erhob sich, an zweihundert Ellen hoch, in düsterem Schwarzbraun eine Mauer, die ein flüchtiger Blick wohl für ein Gebirge gehalten hätte, wenn nicht die regelmäßige Unzahl der Türme, die auf ihrem Kulme saßen, und das Zackenwerk der Zinnen deutlich den Ursprung des Bauwerkes von Menschenhand, von vielen Zehntausenden von Menschenhänden, bewiesen hätte. Und schnurgerade lief die Heerstraße, hinweg über ein breites Gewässer, das den Fuß der Mauer bespülte, gegen ein Tor, dessen unwahrscheinlich hohe Flügel in dunklem Erzglanze funkelten. Hoch über dem Rande der Mauer aber, fast im Unbestimmten, schwebten die obersten Würfel der Stufenpyramide in ihren verschiedenen grellen Farben und wurden in ihrer glasierten Glätte nur durch das zarte Maschenwerk herumlaufender Galerien unterbrochen. So stampfte der endlose Zug, vorbei an den Torwächtern, vorüber an riesigen geflügelten Stieren mit starren bärtigen Menschenantlitzen, die zu beiden Seiten, aus dunklem Steine gehauen, die Einfahrtstraße und die Brückenköpfe flankierten, in den unersättlichen Rachen der Völkerstadt Babylon. Und die gewölbte Einfahrt, die die übermächtige Dicke der Mauer durch ihr schattendes Düstern zeigte, dröhnte laut und langgezogen, als die Füße der Perser und Ägypter die bunten Kacheln traten. * Wie die laue Dünung, die den einsamen Schwimmer im sinkenden Abendrot umspült, so legte sich, sanft und kosend, die Seele Babels umhüllend über Pythagoras. Jenes Babel war es, das in violetten Sonnenuntergängen schwül und leise atmete, dessen breite gerade Straßen unabsehbar, gesäumt von Palästen und vielstöckigen Häusern, von einem Ende bis ans andre liefen. Jenes Babel, dessen flirrender Staub nach der Hast des Tages in den Lüften hing und die zarten Farben der glasierten Buntheit noch schattenhafter und traumumflorter machte. In diesem Schillern der Umwelt hatte sich sein Schicksal bald unerwartet zum Besseren gewendet. Kaum eine Beschränkung mahnte ihn an sein Los als Gefangener, sofern er sich damit begnügte, den Umkreis der himmelragenden Mauern nicht zu verlassen. Denn die Herrschaft des Persers wankte. Wankte durch die Abwesenheit des Kambyses und durch die Kürze der Zeit, seitdem die Perser Babylon erobert hatten. So kehrte sich niemand hier an die näheren Weisungen des Satrapen, man hielt sich hinreichend gehorsam, wenn man die Verbannten nicht entkommen ließ, und gestattete ihnen, um jeder lästigen Aufsicht überhoben zu sein, alles zu treiben, was sie wollten. Ja, man bot ihnen sogar in verschiedenen Zweigen der babylonischen Verwaltung untergeordnete Ämter an, als man bemerkt hatte, daß es sich vornehmlich um hohe Würdenträger Kemis handle. Pythagoras zog es vor, in Muße zu leben und die Welt, in die ihn das Schicksal geworfen hatte, zu durchforschen. Da verkehrte sich aber die unerwartete Gunst, die seine äußere Lage erträglich gestaltet hatte, ins Gegenteil. Denn unfaßbare Üppigkeit, ein Heißhunger der Sinne, eine Maßlosigkeit sondergleichen, letztes Toben des Fleisches und Blutes schwoll ihm aus jedem Winkel der brodelnden Riesenstadt entgegen. Was ihn zuerst kosend gelockt hatte, begann tiefe Unruhe in seinem Gemüte zu entfesseln, da er fühlte, wie all die Umwelt durch ihre Ballung und Häufung Macht über ihn gewann und ihn von Tag zu Tag tiefer in Labyrinthe dumpfer Leidenschaften und Gefühle hineinzog, die jenseits des klaren Geistes wuchsen und nach zügellosen Taten verlangten. Und wild und brausend stand jetzt die Stadt vor ihm. Greller leuchteten die Farben; die langen blauen Palastwände, aus denen gelbe Pfeiler vorsprangen, die Paläste selbst, die in ihrer großartigen Massigkeit gleich den Stufenpyramiden auf unausdenkbaren Terrassensockeln wuchteten, die anderen Bauwerke, deren Fassaden wieder über und über mit Alabasterplatten oder gelbem Kalkstein belegt waren, erdrückten ihn fast. Und stets schwebte noch über allem die vielfarbige Mannigfaltigkeit des himmelnahen Kulmes, der von Borsippa, vom westlichen Ufer des Euphrat, herüberdrohte. Dazwischen die berstende, triefende Üppigkeit weiter Palmenhaine, die sich am Terrassenpalaste Nebukadnezars in mehreren Stufen über die Firste der Häuser erhoben und so jenes Weltwunder bildeten, das der Volksmund des Erdkreises die schwebenden Gärten der Nitokris, der Gemahlin dieses mächtigen Königs, nannte. Aber nicht die Gebäude, nicht die Haine, nicht die feuchte, wollüstig weiche Luft mit ihren balsamischen Aromen war es, was in tiefstem Sinne die Seele Babels schuf. Das Gewimmel der Völker prägte ihm erst das unvergleichliche Siegel des rasenden Lebensdranges auf. Und sie wimmelten durcheinander, diese Menschen in der niegeschauten Buntheit ihrer vielfältigen Kleidung, in der unüberbrückbaren Verschiedenheit ihrer Antlitze und Gestalten. Männer aus dem Hebräerlande drängten sich durch die Gassen mit zurückfliehenden Stirnen und tiefen, drohenden Augen. Andere wieder, klein von Gestalt, gelbhäutig und schlitzäugig, waren durch unermeßliche Weiten hiehergezogen aus dem Lande der Serer im äußersten Osten des Weltkreises. Volk von Sinnim nannte man sie auch. Dann braune und schwarze Inder mit ihren traurigen Mandelaugen und der leuchtenden Güte in den Mienen. Andere Menschen wieder, die nur mehr Sklaven zu sein schienen, müde und gebeugt, doch noch in aller Erniedrigung stolz und edel: Die letzten Überreste von Sumer und Akkad, die einst diesen Boden beherrscht hatten, weiser und mächtiger als die jetzigen Herren. Und dann die Völker, die gleicherweise die pechschwarzen Barte trugen und doch einander so wenig ähnelten: Elamiten, Perser, Assyrier, Babylonier, Meder. Und wieder riesenhafte Gestalten, blond und blauäugig: Skythen und Massageten. Und endlich auch Hellenen, hocherhobenen Hauptes, halb verständnislos, halb angewidert durch dieses Chaos schreitend. Das waren die Männer, die Pythagoras sah. In bunten Kleidern, in Seide, in edelsteinbesäten Überwürfen, auf Rossen, in Sänften. Tiaren auf dem Haupte, Diademe, flache Basthüte, hochgewundene Kopftücher in allen Farben des Regenbogens. Aber noch immer nicht war es Babel. Das eigentliche Babel bebte in den Weibern. Kaum weniger vielfältig war ihre äußere Erscheinung als der Völkerwirrwarr der Männer. Und doch war es Einheit, dieses Babel, trotz aller Unterschiede. Und alle die haltlos flackernden Augen, alle die wiegenden, tänzelnden, gedehnten und auffordernden Schritte, alle die aufreizenden Düfte und geschminkten Wangen, alle die schwellenden Busen und Hüften, die schimmernde glatte Haut entblößter Schultern, das Gleißen und Flirren übersatter Geschmeide, das Ringeln und Kräuseln und der gesalbte Glanz der Haare floß zu einem einzigen wolkenhohen, unwiderstehlichen Bilde, einem einzigen Symbole zusammen, das mit Urgewalt die Männer und Paläste und Stufenpyramiden, die Länder und Haine und Herden in erschöpfendste, rastlose Umarmung zwang. Und das Ischtar hieß oder Aschtoreth oder Astarte: Das Abbild der Göttin, die Herrin ist, Herrin der hemmungslosen; rasenden Zeugung. Und das Gefolge der Belit, der Herrin Ischtar, kroch durch alle Winkel, durch alle Tiefen Babels. Was lag an Blut, an Mord, an Gift? Tausendfach jagte die Belit ihre gehorsamen Scharen zu neuem Sinnestoben, zu neuem Werden: Was war Laster? Was Erschöpfung? Irre ab, toller Trieb, den ich entfesselte. Verliere dich in Wahnsinn, in Scheußlichkeit, in Ekel! Türme nur frischen Reiz auf gestrige Übersättigung! Alles ist dein, tosendes Leben, alles ist dein. Über alles bist du Herr, wenn du nur nie vergißt, aufs neue stets zu rasen, damit das Werden im Flusse bleibe. Denn mehr wird entstehen, siebenfach mehr, wenn du würgest und blutest und zeugest, als wenn du gierig, doch tatenlos abseits hockst. Tauche hinunter in die blauen Nächte, in denen das Grauen neben der Wonne lauert. Wo sich schwere Düfte über die Sümpfe senken und die Kehle versperren, daß sie in unsagbarer Lust aufstöhnt. Tauche hinunter in die schattenden Tiefen des Zaubers, der Ahnung, der Verkündigung aus den Sternen. Laß die Rauschtränke dein Denken umnebeln, daß du harmlose Gesellen niederschlägst und jeder Augenblick in deiner Nähe Gefahr ist. Wir fürchten dich nicht, wir fliehen dich nicht, wir Töchter der Belit Ischtar! Wir lieben dich und suchen dich und werden dich in unsre Arme pressen, daß du vollends vergehst und der letzte Rest deines prüfenden Geistes verwehe. Und wir werden jauchzen über deine Kraft und Wildheit und um unsre Sinne werden nebelhaft die muskelstarrenden Gestalten der Flügelstiere huschen und uns befeuern, damit du zufrieden seist mit unsrer Liebkosung. Kommt alle, alle des Erdkreises, die ihr Männer seid mit strotzenden Sehnen und rauschendem Blute! Kommt! Babel breitet seine Arme! Weit genug, üppig genug ist Babels Schoß, euch alle zu umfassen, zu sättigen, zu verschlingen! Mächtiger ist Babels Schoß als ihr alle, alle, die ihr wähnt, die Herren des Erdkreises zu sein. Seht ihr das stumpfe, höhnende Lächeln der Ischtar, der großen Belit Ischtar, die ihre wilden Brüste mit den Fingern umpreßt und die Milch der unversieglichen Fruchtbarkeit auf die Länder verspritzt? Und Pythagoras schauderte, als sich ihm Babel durch seine Weiber geoffenbart hatte, deren volle, feuchte Lippen gierig und nimmersatt zu tollen Küssen lockten. Und er begann sich mit hilfloser Urgewalt nach den glatten, aufrechten Jungfrauen Kemis zu sehnen, nach den Mädchen, die klug und still und arbeitsam ihre Wege gingen und doch so wonnevolle, zärtliche Liebe verhießen, wenn ihre schmalen wehmütigen Augen den Geliebten mit fragendem Blicke trafen. Sosehr stieg diese Sehnsucht an, daß es fast wie Reue über Pythagoras kam. Reue, daß er an ihnen vorbeigegangen war, an den schlanken Frauen, an Bertreri und an all den anderen, deren tiefe Zärtlichkeit er hätte ausschöpfen können, bis zum Grunde ihres reinen Gemütes. Doch Babel, an das er gekettet war, stieg nur an in Zügellosigkeit und Gier. Dunkel und verworren zuerst, dann immer lauter und bestimmter drang von Ägypten die Kunde herüber, daß Kambyses den größten Teil seines Heeres zum Rückmarsch rüste, um die Gärungen zu unterdrücken, die allenthalben schäumende Blasen an die Oberfläche der Macht emporwirbelten. So hatte sich schon der falsche Smerdes, ein Priester, der sich für den ermordeten Bruder des Kambyses ausgab, gegen dessen Herrschaft aufgelehnt, hatte von allen Gauen des unermeßlichen Reiches Zulauf erhalten und war eben in Babylon eingezogen, das neuerungssüchtig und wankelmütig voll Freude den neuen Herrn aufnahm. Wilde Feste, tosende Aufzüge und ein allgemeiner Taumel sondergleichen brausten durch die Stadt; ein Taumel, der zur Spitze trieb, als einander überstürzende Nachrichten zuerst die Selbstverwundung, dann das gräßliche Krankenlager, schließlich den qualvollen Tod des schrecklichen Zwingherrn Kambyses meldeten. Uferlos und zügellos brandete der Völkerhaufen von Indien bis zum Roten Meere und von den nördlichen Gebirgen bis zur Mündung des Doppelstromes durcheinander. Und jetzt erst sah Pythagoras voll und ganz die Schichten von Völkerstämmen, die hier übereinander lagen, jede Schicht einst fähig, die Welt zu beherrschen. Und die Männer von Sumer und Akkad tauchten empor, die ersten Herren des Landes; dann die Babylonier; weiter im Laufe der Äonen das Volk von Assur; und wieder die Babylonier und die Elamiter und die Kossäer und schließlich die Meder und Perser. Im Norden aber pochten schon Skythen und Massageten an den Grenzmauern. Durch diese Erkenntnis begriff er erst den Sturz Kemds und sah, was dort noch folgen würde. Und doppelte Angst um Hellas ergriff ihn und er versuchte das Gesetz zu erraten, nach dem der Kreislauf der Völker sich gestalte. Deshalb wandte er in jenen erregten Tagen den Blick von der verwirrenden Gegenwart ab und drang in die letzten Tiefen des babylonischen Wissens. Längerer Verkehr, Geschenke und Gefälligkeiten hatten ihm die Pforten der Tempel geöffnet und die chaldäischen Priester geneigt gemacht, die bald vergaßen, daß er nicht einer der Ihren sei und begierig ihr eigenes Wissen durch die Geistesschätze Kemis zu erweitern trachteten. Dunkle, düstere Pfade mußte er wandeln, Fährten voll Aberglauben, Blut, Wollust und Zauber. Und wenn er in bunter Wechselfolge sah, wie sich die Zukunft den Chaldäern aus den sonderbaren Gestalten geballter Wolken, aus der Form des Blitzes und anderen Vorzeichen angeblich enthüllte, dann staunte er wieder, daß ihre Kenntnis des Gestirnlaufes, ihr rechnerisches Vermögen die Genauigkeit der ägyptischen Wissenschaft noch übertraf. Ein Vorgang aber prägte sich seinem Geiste besonders ein: Die Verbindung von Göttern, Ereignissen, Dingen und Eigenschaften mit Zahlen. Und die aus diesen Zahlen gefolgerten Verknüpfungen und Beziehungen innerhalb des Kosmos: Eine Lehre, deren tiefer Sinn ihn mächtig erregte, ohne daß er sich noch die Bedeutung dieses Rätsels klarmachen konnte. Wie sich denn überhaupt die Kenntnis der Zahlen und das Rechnen hier in neuer, umfassender und großartiger Weise ihm offenbarte. Die Götter selbst aber und die Entstehung der Welt erschienen ihm wie ein wirrer, wüster Traum von der Wahrheit. Ein Traum, in dem alle Wünsche, alle Scheußlichkeiten dieses Volkes mitschwangen, das unfähig war, Klarheit und Reinheit zu erreichen, sobald sein Blut toste. Wohl erkannte er auch hier die Ahnung vom Wesen der Urgötter. Doch lag ein Nebel vor ihnen, ein bunter schimmernder Nebel, farbenglitzernd wie die glasierten Wände der Stufenpyramiden. Und ebenso großartig, ebenso strotzend, ebenso formzersprengend. So hörte er zuerst vom Werden des Alls, und die Worte dröhnten durch sein Inneres, die er in orgiastischen Nächten, im Blutdunste der Opfer, im Qualm harziger Zypressen, Myrrhen und bitterer Kräuter erfuhr. »Als droben«, so tönte es in sein Inneres, »als droben der Himmel noch nicht benannt war, unten aber die feste Erde noch keinen Namen führte, als die Wasser des Apsus, ihres ersten Erzeugers, und die Wasser der Tiamat, ihrer aller Gebärerin, sich in eins mischten, als noch kein Feld gebildet, kein Sumpfland zu finden war, als die Götter noch nicht lebten, keiner einen Namen führte und kein Schicksal bestimmt war, da wurden die ersten Götter im Himmel erschaffen, Lachmu und Lachamu. Tiamat aber empörte sich gegen die neuen Götter. Da sandten sie Marduk-Illil-Bel, den Herrn, den Klügsten gegen sie. Tiamat sah ihn kommen und stieß ein gräßliches Geschrei aus und brüllte Bannsprüche und Beschwörungen. Doch Marduk breitete sein Netz und ließ es sie umfangen, sandte den bösen Wind wider sie und ließ ihn in sie hineinfahren, sobald sie den Mund auftat. Dann schleuderte er den Wurfspieß, zerstörte ihren Leib, verwüstete ihre Mitte und durchschnitt ihr Herz. Allen ihren Helfern aber zertrümmerte er mit unwiderstehlicher Keule den Schädel. Dann ruhte der Herr aus und betrachtete ihren Leichnam. Und teilte sie entzwei. Eine Hälfte von ihr setzte er hin und machte sie zum Himmelsdach; er zog einen Riegel vor, siedelte Wächter an, denen aufgetragen wurde, ihre Gewässer nicht herauszulassen. Er überschritt den Himmel, durchschaute den Raum und stellte sich vor den Ozean, die Wohnung Nudimmuds. Der Herr maß den Bau des Ozeans ab; als ein Gebäude, das ihm ähnlich war, gründete er Esara. In dessen Gebäude aber, das er als Himmel geschaffen, ließ er Anu, Bel und Ea Wohnung nehmen. So entstand die dreifache Welt und ihre Herren: Der Himmel, an dessen Nordseite Anu thront. Die Erdfläche, die Bel beherrscht, der den Himmelsberg innehat und den Luftraum überschaut; und die Wassertiefe, die Kluft, deren König Ea ist, der in den Nächten im Gewässer weilt, am Tage jedoch den Meeren entsteigt, um alle Wesen die Weisheit zu lehren. Dann aber ward das Jahr eingesetzt und die zwölf Monde. Die Sterne erhielten ihre Standorte am Himmel, Getier und Pflanzen und Bäume begannen zu werden, und endlich beschloß der Herr, den Menschen zu schaffen. Und er sagte: Blut will ich sammeln aus der Wunde eines enthaupteten Gottes und es mit Erde mischen. Bein will ich lösen aus den Gliedern des Enthaupteten. Ich will einen Menschen herstellen, einen Menschen! Ich will Menschen erschaffen! Zum Dienste der Götter seien sie da. Ich will ändern die Wege der Götter, will anders machen den Kreislauf der Welt!« Und weiter hörte Pythagoras die schauerliche Sage von der großen Flut, die eintrat, als die Menschen böse geworden waren. Einem nur von ihnen, dem Utnapischtim, hatte der Gott der Wassertiefe, der große Ea, durch einen Traum verkündet, daß Bel beschlossen habe, die Menschen zu vernichten. Und er hatte ihn ermahnt, sich zu retten: »Du Mensch aus Schurippak, zimmere ein Haus, baue ein Schiff! Laß den Reichtum fahren, suche das Leben. Bring hinauf aufs Schiff Lebenssamen aller Art. Das Schiff, das du bauen sollst, seine Maße sollen gemessen sein!« Utnapischtim aber hatte gehorcht und ein Schiff erbaut. Und er hatte vorgegeben, es zu bauen, um damit zum Weltmeere hinabzufahren. Er verklebte die Fugen des Schiffes mit Erdpech. Dann aber sprach Utnapischtim: »Im Monat der großen Schamasch war das Schiff vollendet. Alles, was ich hatte, lud ich darauf. Alles, was ich hatte an Lebenssamen aller Art lud ich darauf. Ich brachte hinauf zum Schiffe meine Familie und meine Angehörigen insgesamt. Vieh des Feldes, Getier des Feldes, die Handwerkersöhne insgesamt brachte ich hinauf. Dann kamen die bösen Vorzeichen und ich verschloß die Tür. Sobald aber der Morgen aufleuchtete, stieg vom Fundament des Himmels eine schwarze Wolke herauf. Hadad tost darin, und Nabu und Scharru gehen voran; es gehen die Herolde über Berg und Land. Die Anunnaki erhoben die Fackeln, machen das Land mit ihrem Glanze erglühen. Hajdads Ungestüm kommt zum Himmel, verwandelt alles Helle in Finsternis. Nicht sieht ein Bruder seinen Bruder, nicht werden erkannt die Menschen vom Himmel her. Die Götter fürchteten selbst die Sturmflut und wichen zurück, stiegen empor zum Himmel des Anu. Sechs Tage und Nächte geht dahin der Wind, die Sturmflut, der Orkan fegt das Land nieder. Wie der siebente Tag herankommt, wird der Orkan, die Sturmflut, der Schlachtsturm niedergeschlagen. Es ward ruhig das Meer und der Unheilssturm ward still, die Sturmflut hörte auf. Da ich den Tag schaute, war die ganze Menschheit zu Schlammerde geworden. Ich schaute hin auf die Räume im Bereiche des Meeres; nach zwölf Doppelstunden stieg eine Insel auf. An den Nissir war das Schiff herangekommen; der Berg Nissir faßte das Schiff und ließ es nicht schwanken. Als der siebente Tag herankam, ließ ich eine Taube los. Es ging die Taube fort und kam zurück; weil kein Standort da ist, kehrt sie um. Dann ließ ich eine Schwalbe los; es ging die Schwalbe fort und kam zurück; weil kein Standort da ist, kehrte sie um. Dann ließ ich einen Raben los; es ging der Rabe los und sah das Schwinden des Wassers, aß, krächzte, aber kehrte nicht um. Auf dem Berge aber, auf dem Gipfel, auf den ich heraustrat, brachte ich ein Opfer dar. Die Götter rochen den Duft, die Götter rochen den angenehmen Duft, die Götter sammelten sich wie Fliegen über dem Opferer. Als aber Bel sah, daß nicht alles Lebende vernichtet war, beschloß er, in Zukunft die Sünder durch Pest, Hungersnot und reißende Tiere zu bestrafen.« So hörte Pythagoras bei den Mysterien im Tempel des Bel. Doch weiter drang er noch ein in das Wissen Babels. Und er las die krausen Keilschriften auf unzähligen Tontafeln und stieg zurück in die Geschichte des Landes bis in die sagenhafte Urzeit, da der große Gilgamesch im Zedernwalde mit Eabani den Zwingherrn Chumbaba erschlug und den Himmelsstier fällte, den ihm Ischtar gesandt hatte, weil er ihre gierige Liebe verschmähte. Und alle die bunten Riesen und Unholde, die geflügelten Stiere und Löwen, die grausigen Geier und Fischdrachen bevölkerten diese Urzeit der wilden Kämpfe, unerhörten Taten und glorreichen Siege. Und ganz zuletzt lernte er den orgiastischen Dienst der Ischtar kennen, die ihm schon einmal aus dem schweren Atem babylonischer Weiber in unfaßbarer Größe entgegengetreten war. Und er erlebte die düsteren Feste, an denen sich alle Weiber Babels, jeder Hemmung enthoben, zu Ehren der Göttin einem fremden Manne hinwarfen und für ihre Liebkosung Geld begehrten, das sie der Herrin, der großen Belit, weihten. Als aber die Flammen der Lust verzischt waren und die Blässe der Erschlaffung unter den geschminkten Wangen fahl durch das grünliche Lichterflackern des Ischtartempels leuchtete, da enthüllte die Göttin, umbrandet von betäubendem Räucherwerk, ihr letztes Geheimnis, ihren Abstieg ins Reich der Toten. Und der Mund ihrer Priesterin verkündete: »Auf das Land ohne Rückkehr setzte Ischtar, die Tochter des Mondgottes Sin, ihr Ohr; auf das düstere Haus, die Wohnung Irkallas, auf das Haus, dessen Betreter nicht wieder hinausgeht, auf den Weg, dessen Beschreiten ohne Umkehr ist, auf das Haus, dessen Betreter des Lichts entbehren, wo Erdstaub ihre Nahrung, Lehm ihre Speise ist, sie das Licht nicht schauen, in Düsternis sitzen, bekleidet sind wie ein Vogel mit einem Flügeltuch; auf Tür und Riegel lagert Erdstaub. Wie Ischtar am Tore des Landes ohne Rückkehr anlangt, spricht sie zum Pförtner die Worte: Pförtner! öffne dein Tor, daß ich hineinkomme! Wenn du dein Tor nicht öffnest, zerschmeiß' ich die Tür, zerbrech' ich den Riegel, zerschmeiß' ich die Schwelle und verrück' ich die Türen, bring' ich hinauf alle Toten; essend, lebendig, sollen mehr als alle Lebendigen die Toten sein! Der Pförtner aber sagte von dieser Rede seiner Herrin Ereschkigal. Und die befahl: Geh hin, Pförtner, öffne ihr dein Tor! Behandle sie nach den alten Gesetzen! Da öffnete ihr der Pförtner nach der Reihe die sieben Tore der Unterwelt. Am ersten Tore mußte sie ihre Krone ablegen, beim zweiten die Gehänge der Ohren, beim dritten die Kette des Halses, beim vierten die Brustschilder, beim fünften den Gürtel, beim sechsten die Spangen der Hände und Füße, beim siebenten ihr Lendentuch. Jedesmal fragte sie den Pförtner um den Grund des Befehles. Stets erhielt sie die Antwort: Komm herein, meine Herrin! Also sind die Gesetze der Herrin der Tiefe! Sobald aber auf diese Weise Ischtar in das Land ohne Rückkehr hinuntergekommen war und sie nackt dastand in der strotzenden Fülle ihrer Brüste und Lenden, sprach Erischkigal zu ihrem Boten Namtaru die Worte: Geh hin, Namtaru, riegle sie ein in meinem Palast, laß auf sie heraus sechzig Krankheiten, Krankheit der Augen auf ihre Augen, Krankheit der Seiten auf ihre Seiten, Krankheit der Füße auf ihre Füße, Krankheit des Herzens auf ihr Herz und alle die anderen sechsundfünfzig Leiden. Da war Ischtar gefangen und alles Zeugen und Gebären hörte auf im Erdkreise. Fern blieb der Stier von der Kuh, fern der Esel von der Eselin, kein Jüngling nahte einem Mädchen. Sin aber, der Gott des Mondes, und Schamasch, der Herr der Sonne, waren mit Ea, dem Lenker der Wassertiefe, besorgt um das Schicksal des Lebendigen und befahlen der Ereschkigal, Ischtar freizugeben. Als Ereschkigal dies vernahm, schlug sie ihre Lende, biß ihren Finger und verwünschte den Boten mit der großen Verwünschung. Alles aber nützte ihr nicht. Darum sprach sie zu ihrem Diener Namtaru: Besprenge Ischtar mit dem Wasser des Lebens und nimm sie weg von mir! Namtaru aber tat, wie ihm befohlen war, und gab der Ischtar Lendentuch und Spangen, Gürtel und Brustschilder, Halskette, Ohrringe und Krone zurück und sie eilte auf die Oberwelt und bei ihrem Erscheinen entstand wieder rasende Zeugung!« Die Weiber aber, die aus flackernden Augen, satt, doch nicht gesättigt, die Enthüllung des Mysteriums vernahmen, verstanden den Mythos ihrer Göttin Ischtar. Und auch Pythagoras wußte seinen Sinn zu deuten. Und wieder hörte er die Stimme der Belit, der großen Herrin: »Was ist Tod, was Laster, was Krankheit? Alles Lebendige stirbt. Alles kann die Todesgöttin, die furchtbare Ereschkigal, halten. Nur Ischtar selbst ist mächtiger als Ereschkigal. Das Leben selbst lacht des Todes. Auf nun, ihr meine Dienerinnen!« so ruft die Belit, »auf, ihr Töchter Babels! Was bin ich ohne euch? Raset denn weiter in wildesten Flammen, reißt die Männer in eure Arme, fürchtet nicht Blut, nicht Gift, nicht Pest, wenn es gilt, eurer einzigen Herrin zu dienen. Auf, ihr Weiber von Babel! Heute bin ich mit euch zufrieden. Doch vergeßt nicht, daß es ein Morgen gibt und Übermorgen. Und daß jeder Tag neues Rasen von euch erwartet. Ischtar hat den Tod überwunden, ihr seid ihm verfallen. Darum lebt, Töchter Babels, lebt und rast und gebärt!« Pythagoras aber, den der heiße Brodem der Völkerstadt stets wilder erfaßte, dessen Leib schon durchsetzt war von der lockenden Schwüle vieltausendfachen Fleisches, ward erlöst, als man seine Glieder in Ketten legte. Als der große Dareios der kurzen Herrschaft des falschen Smerdes ein grausiges Ende bereitet hatte und über die abtrünnigen Völker ein unerbittliches Gericht hielt. Da duckte sich Babylon knirschend und die Heere der Perser rückten in die Stadt. Die Gefangenen aus Kemi aber wurden gleich anderen Scharen Unterworfener in die Berge geführt. Hinauf ins baktrische Land, wo neue Paläste, neue Städte persischen Gedankens erstehen sollten. Als aber der Zug der Geketteten wieder durch die satte Ebene wankte, als schon die Mauern Babylons nur mehr wie ein dunkles Band mit unzählbaren Knäufen in den Weiten lagen; als der siebenfarbige Turm des Nebo wie ein traumhafter Hauch über dem Dampf der riesigen Stadt schwebte, da schwoll plötzlich, furchtbar und wolkenhoch, eine Gestalt aus den Mauern empor, gegen die alles Bauwerk wie Spielzeug zurücksank: Ischtar stand in der Ebene, nackt und strotzend, und umpreßte mit den Händen die starrenden Brüste und verspritzte die Milch der Fruchtbarkeit über die Reiche des Lebendigen. – – – XIII Tausende von harten Hammerschlägen schollen hinaus in die weite Ebene, an deren jenseitigem Rande sich in bläulichem Dunste die lange Gebirgskette streckte. Am Horizonte standen diese Schroffen, fern im Westen, woher sie gekommen waren aus den babylonischen Niederungen. Dort schimmerte Susa hinter den Bergen, dort erhoben sich, himmelragend und erfüllt von Harzluft, die wasserreichen Hochwälder und die saftigen Weiden; dort war die Luft kühl und frisch, und alle Umrisse zeichnete eine helle Sonne in scharfgeschnittenen Linien. Auf den unermeßlichen steinbelegten Plattformen von Persepolis aber rasten die unzähligen Hämmer gegen den schwärzlichgrauen glitzernden Marmor. Hoch wuchteten diese Terrassen mit ihrer spiegelnd glatten Oberfläche. Wohl hundert Ellen mochte die Kante der senkrechten Böschungsmauern über dem Bergfuße liegen, der sich in sanftem Falle gegen die Ebene hinabsenkte. Flachgeneigte Riesentreppen, breit genug, um für zehn Reiter Raum zu geben, leiteten in doppeltem Anstiege zur Brüstung. Und über die Fläche der Terrasse hinweg erhob sich weiter im Süden, wieder von Treppen gleicher Art erklommen, eine zweite, weit höhere Akropole, auf der, fast vollendet, der kleinere Palast des Dareios ragte. Im Osten aber stieg lotgerade und schwindelhoch das diesseitige Randgebirge der Ebene empor, wuchs förmlich aus der Glätte der Terrassen. Und nur zierliche, balustradengesäumte Zickzackwege und schlanke Torbogen schienen vergeblich den Versuch zu unternehmen, die furchtbaren Steilwände und Schroffen zu überwinden. So verliefen sie auch schon nach kurzer Zeit in den Felsen, mündeten in Erker und Nischen, und kleine Säulenhallen grüßten aus den Höhen. Die großen Terrassen aber wimmelten von Tausenden schwer schaffender Werkleute. Aus der Ebene, dort, wo ein blitzender Fluß die grünen Fluren in riesigem Bogen durchschnitt, dort, wo die Stadt Persepolis in gehäuftem Glanze lag, kamen die langen Züge hochbeladener Kamele und Karren. Und Hölzer und Steinblöcke, Ziegel und Kacheln, Metallbarren und dünne gehämmerte Erzplatten wurden auf kreischenden Rollen die Treppen heraufgeschleppt oder schwebten an ächzenden Stricken an den Brüstungsmauern. Oben aber, auf den Plattformen, beugten sich unabsehbare Doppelreihen von Männern entlang den Seilen und hoben unter dem herrschsüchtigen Gebrüll der Aufseher, eine Handbreite nach der andern, die furchtbaren Lasten. Dazwischen rasten die Hämmer, und die Splitter des Marmors stoben empor. Dort, wo schon schlanke, zehnmal mannshohe Säulen in ungeheurer Zahl nebeneinanderstanden, um ein Wunder zu bilden: den großen Palast des Dareios, die Halle der hundert Säulen. Schlank waren die Schäfte, fast gebrechlich und ihre Mantelfläche war tief gekehlt. Die Kapitäle aber wuchsen aus den Schäften in sonderbarer, übermäßig langer Form hervor: Zuerst das Blütenkapitäl, dessen Blätter sich abwärts richteten. Darauf die zierliche Doppel-Volute; doch nicht nach unten eingedreht wie bei der jonischen Säule. Nein! Hier lagen in chiastischer Art die zwei Doppelschnecken mit der Bandseite Rücken an Rücken, so daß von den vier Voluten zwei unten und zwei oben sich auswärts ringelten. Aber noch nicht bedeutete das die Krönung des Kapitäls. Denn oberhalb der Schnecken luden zu beiden Seiten erst die Tiergestalten aus, zwei mächtige Einhörner, zusammenwachsend in der Leibesmitte, Hals und Kopf weit über den Durchmesser des Pfeilers hinausreckend. Auf ihren Köpfen ruhten dann endlich die langen Zedernbalken, die sich wie ein Netz schon von Säule zu Säule spannten und die zukünftige Riesengröße der Decke andeuteten. Pythagoras aber, dessen Kenntnisse die persischen Baumeister in kurzer Zeit zu schätzen gelernt hatten, der zudem manches Wissen um das Heben von Lasten und die Behandlung schwersten Gesteines von Kemi her besaß, das hier wie ein Wunder angestaunt wurde, lehnte an einer der Säulen und beaufsichtigte eine vielköpfige Gruppe von Werkleuten. Fast ebenso bunt, ebenso vielgestaltig wie in Babylon vermengten sich hier die Stämme der Völker. Waren doch zu diesem Baue fast aus allen Ländern des ungeheuren Perserreiches die Gefangenen und Unterworfenen zusammengetrieben worden. Und eben begann er wieder über den Kreislauf der Völker, über Herrschaft und Niedergang zu sinnen, als ihn eine ungewöhnliche Bewegung im ganzen Bereiche des Arbeitsfeldes aus seinen Träumen riß. Zuerst glaubte er, es sei, wie schon so oft, durch den Bruch eines Seiles, durch Einsturz einer Brüstung oder durch Zerknicken einer Rolle ein Unfall eingetreten und er machte sich bereit, helfend beizuspringen. Doch nach kurzer Zeit schon hatte er so viel Überblick gewonnen, daß er sah, wie die Arbeiten im Wesen ihren regelmäßigen Verlauf nahmen. Herrschte doch eben dort am meisten Unruhe, wo ein nur halbwegs gefährlicher Unglücksfall sich gar nicht ereignen konnte. Da blitzte zitternd etwas im Strahle der Sonne auf, etwas, das über die Treppen von der Akropole herabkam, und Hornstöße nahmen ihm den letzten Zweifel: Dareios, der König der Könige, wie er sich selbst nannte, der arische Herr aus arischem Stamme, der Meister der magischen Weisheit, nahte mit seinem Gefolge, um den Fortgang der Arbeiten zu prüfen. Schon wurden die hohen Gestalten der Leibwache sichtbar, wie sie langsam und feierlich voranschritten. Die »Unsterblichen« waren es, die Kerntruppe des Großkönigs. Und sie hielten die langen Lanzen in den Händen, deren breite Spitzen gleißten, trugen den zweigehörnten, straffen Bogen auf der linken Schulter, daß die Sehne hinter ihrem Rücken senkrecht stand und sich an den breiten Köcher lehnte, von dessen oberem Rande die Schnüre und Kugeln der furchtbaren Geißel herabbaumelten. Niedere Tiaren deckten, rotumrändert, die bärtigen Köpfe der Krieger und ihre langen, prächtigen, rosenfarbigen Gewänder waren über und über mit Stickerei und Borten verziert. Der König selbst aber saß, umgeben von der blendenden Pracht des Gefolges, in einer Sänfte und das Blau und Weiß seiner goldumkrönten, edelsteinglimmernden Tiara leuchtete satt über den Häuptern der »Unsterblichen«. Ab und zu machte der Zug halt. Dann neigte sich wohl der Großkönig aus seiner Sänfte und nahm den Vortrag der obersten Baumeister, die sich ehrfürchtig dem Gefolge angeschlossen hatten, entgegen. Die Werkleute aber warfen sich, soweit die Sänfte vorschritt, mit dem Antlitze zu Boden und wagten nicht, einen Blick zur Majestät ihres Bezwingers zu erheben. So war der König der Könige langsam bis zu den werdenden Säulenwäldern seines großen Palastes vorgerückt. Plötzlich aber starrte allen das Blut, die um ihn waren. Denn mitten unter den Sklaven, mitten unter den Gefangenen, deren zahllose Leiber, flach zu Boden geduckt, wie ein erstarrtes Meeresbranden dalagen, stand hoch und aufrecht die mächtige Gestalt eines Mannes, der kaum das Haupt neigte und nur die Handteller grüßend dem Meister der magischen Weisheit entgegenstreckte. Und hundert Lanzenspitzen bebten, den Frevler auf der Stelle zu durchstoßen. Doch keiner wagte die kleinste Bewegung. Forschend blickte Dareios hinüber zur ungewohnten Erscheinung. Wie leichter Zorn zuckte es in seinem Antlitze auf. Als er jedoch die Gestalt, die zwingenden, herrlichen Augen, die sich furchtlos seiner Schau boten, voll umfaßt hatte, kam plötzlich ein Lächeln in seine Mienen, ein tiefes, heiteres Lächeln, das auch in seinem Angesichte all die machtvolle Schönheit bloßlegte, die darin verborgen ruhte. Und er winkte dem Pythagoras, näherzutreten. Die furchtbare Spannung wich von den Seelen der Gefolgsleute. Vom Gemüte des Demokedes, des Leibarztes, vor allem, der sogleich in Pythagoras den hellenischen Stammesgenossen erkannt hatte. »Frage ihn, Demokedes, warum er mir den schuldigen Gruß verweigert!« sagte Dareios, noch immer lächelnd. »Er scheint ein Hellene zu sein!« Doch bevor noch der Leibarzt den Mund aufgetan hatte, erwiderte schon Pythagoras in persischer Zunge: »Großer König, du errietest richtig, daß ich ein Hellene bin. Die Sitte meines Landes eben verbietet mir den Fußfall! Nicht Mangel an Ehrfurcht war es, was mich so handeln ließ. Leistete ich dir doch den Gruß, wie ich ihn dem Sohne der Sonne, dem Herrn Ägyptens darzubringen gewohnt war. Und der bist du, bist es für mich, da ich Priester Kemis bin, solange ich nicht wieder hellenischen Boden betrat!« Dareios horchte erstaunt und belustigt auf: »Priester Ägyptens bist du? Du willst mich wohl durch Spaße unterhalten? Im übrigen scheint es dir unbekannt zu sein, daß ich alle Priester Ägyptens in ihre Heimat entließ.« »Es ist mir nicht unbekannt, Sohn der Sonne!« entgegnete Pythagoras. »Mein Geschick wollte es nicht, daß ich nach Kemi zurückkehrte. Deine Beamten haben nämlich beschlossen, mich zurückzuhalten, da ich von Geburt Hellene bin. Ich wähnte, es sei in deinem Auftrage erfolgt!« Dareios sah seine obersten Würdenträger fragend an. »Er spricht die Wahrheit, Herr!« sagte einer. »Wir hielten ihn zurück, da wir sein großes Wissen um die Baukunst in den Dienst deiner Pläne stellen wollten; da wir weiters auch nicht einsehen konnten, was ein Landfremder unter den Priestern Ägyptens zu suchen habe.« Und flüsternd fügte er bei: »Herr, es ist besser, wenn die Hellenen nicht in allzunaher Verbindung mit den Ägyptern sind!« Dareios nickte. Dann aber sprach er weiter: »Es sei denn! Ich nehme deine Entschuldigung entgegen, – da du mich als den Herrn Ägyptens betrachtest. Du magst versichert sein, daß ich mich nicht schäme, die doppelte Krone zu tragen. Doch sollst du mir noch sagen, warum du dein Land verließest und wie es kam, daß dich die stolzen, unnahbaren Ägypter zu ihren noch geheimnisvolleren Göttern Zutritt finden ließen!« Da richtete sich Pythagoras auf: »Alle Prüfungen des Herzens und Verstandes, die die ältesten Weisen Kemis von mir verlangten, habe ich bestanden, o Sohn der Sonne! Die Kraft aber, dies zu vollbringen, hat mir das Schicksal gegeben. Denn ich war ausgezogen, um für mein Land die Urgötter zu suchen, die Götter, die es im Wahne scheinbar vergessen hatte und deren Wesen dort zu finden war, wo vieltausendjährige Weisheit aufbewahrt und aufs neue stets durchforscht wird!« Da lachte Dareios hell heraus: »Und dieses Volk, diese Hellenen, die nach deinen eigenen Worten die wahren Götter nicht kennen, die also nur Daevas, nur unreine Geister anbeten; dieses Volk scheut sich, dieses Volk ist zu stolz, vor dem Herrn der Welt das Haupt zur Erde zu neigen? Wie lassen sich solche Widersprüche vereinen? Oder ist Unwissenheit und Hochmut so nahe verwandt? Antworte mir nicht, Hellene! Sprich nichts mehr, denn ich fürchte, daß Zorn mich überkommt und ich der Milde vergesse, die ich dir zusicherte! Da du aber auszogst, um das Wesen der Urgötter zu suchen, da du Mühe und Gefahr nicht scheutest, soll dir eine Gunst gewährt sein. Demokedes wird dich an die Stätten führen, wo du endgültiger, magischer, zoroastrischer Weisheit teilhaftig werden kannst. Damit du sie vielleicht einst zu deinen Stammesgenossen bringst – falls du je nach Hellas zurückkehrst. Dies aber ist unbestimmt! Denn du mußt bei uns bleiben, bis meine Paläste vollendet sind!« Dareios wandte sich ab und winkte den Sänftenträgern, ihn weiterzutragen. Demokedes aber trat zu Pythagoras und fragte: »Wer bist du, der du solches wagtest?« »Ich wagte nichts!« erwiderte Pythagoras. »Mir ist es noch nicht bestimmt, zu verderben. Mein Name aber ist Pythagoras aus Samos!« Da zuckte Demokedes empor: »Du, der Schüler des Thales? Du, Pythagoras? Von dem die Sage geht, er weile längst nicht mehr im Lichte des Lebendigen? Schweig und warte! Ich werde dich zu den Magiern führen, wie es Dareios befahl. Vielleicht wird sich bald dein Schicksal ändern! Leb wohl!« und er mengte sich wieder unauffällig unter das Gefolge des großen Königs, der inzwischen schon anderen Ereignissen, anderen Teilen der Bauwerke sein wißbegieriges Auge lieh. XIV An einem Abende, dessen gelbrotes Schimmern die knorrigen Rinden licht ragender Nadelbäume umzitterte und breite Streifen webenden Sonnenstaubes zwischen den Kronen hindurchsandte, ritt Pythagoras mit Demokedes auf starken, gedrungenen Steppenpferden die Wälder eines steilen Berges hinan. »Woher ward dir Kunde von meinem Namen?« fragte Pythagoras unvermittelt. »Viele Städte in Hellas kennen ihn!« erwiderte Demokedes. »Doch wird es dir um so weniger wunderbar erscheinen, wenn ich dir sage, daß ich ihn in deiner Vaterstadt hörte.« »In Samos?« Wehmütig und erinnerungsdurchbebt hatte Pythagoras die Frage hinausgerufen. Dann setzte er ruhiger fort: »Bist du ein Jonier? Deine Sprache ließ es mich nicht vermuten.« »Ich bin ein Krotoniate!« murmelte Demokedes und zügelte sein Roß, da der Pfad schwieriger zu werden begann. »Sonderbares Schicksal, das uns beide, die wir vom äußersten Osten und Westen des hellenischen Gebietes stammen, hier zusammenführt! Hier, in den himmelragenden Bergen von Persis. Doch höre!« Und er richtete sich auf. »Höre, wie ich nach Samos kam: Ich war Leibarzt des großen Polykrates. Zu einer Zeit, da du längst in Ägypten weiltest. Frage nicht, Pythagoras, ich weiß, was der Blick deiner Augen bedeutet: Deine Eltern waren am Leben, als ich Samos verließ.« »Wann war es?« Und Pythagoras senkte traurig sinnend das Haupt. »Zwei Jahre sind seither verflossen!« Sie ritten schweigend mehrere Stadien dahin. Die Zweige des Unterholzes knackten und hie und da huschte ein aufgescheuchtes Tier über ihren Weg. Plötzlich sprach Demokedes ruhig und unbewegt weiter: »Furchtbare Stürme stehen den Hellenen bevor! Doch davon will ich später reden. Vielleicht weißt du, daß Orötes, der Satrap Lydiens, der treuloseste aller Barbaren, den Polykrates in sein Gebiet lockte und dort den ahnungslosen Gast, den großen, glücklichen König ans Kreuz schlagen ließ. Mich aber machte Orötes zum Sklaven und ich erlebte gräßliche Zeiten der Erniedrigung und der Knechtschaft. Orötes verleugnete auch dem Dareios gegenüber seine treulose Sinnesart nicht. Doch Dareios war stärker als der große Polykrates. Und der Verräter mußte nun selbst das Grauen der Hinrichtung, das er so vielen zugefügt hatte, verspüren. Und ich, der Sklave des Verräters, war sozusagen sein Mitschuldiger und man peitschte mich durch die Wüsten und Berge Asiens, bis ich vor einem Jahre in Lumpen und Ketten zu Susa ankam!« »Ich weiß, was du littest, da ich selbst von Theben bis hieher getrieben wurde!« sagte Pythagoras dumpf. »Was gilt diesen Persern Freiheit, was Geist und Weisheit?« »Du irrst!« fiel Demokedes ein. »Dareios ist hundertmal besser als Kambyses. Und das Volk der Perser ist ein edles Volk. Sie sind unsre furchtbarsten Feinde, doch aus anderen Gründen als es scheint. Höre nun weiter: Zu Susa gelang es mir durch viele Zufälle, Mitsklaven und andre Leute des königlichen Gefolges von schweren Krankheiten zu erlösen. Es sprach sich herum. Und als der Großkönig auf der Jagd sein Bein verstauchte und alle Kunst seiner ägyptischen Ärzte erfolglos blieb, rief man mich und mir glückte die Heilung. Dareios ist dankbar und aufrichtig. Er machte mich zum Leibarzt, und sowohl die Ehre der Stellung als die Lebensweise und der Lohn, den er mir bietet, könnte dem ehrgeizigsten Manne genügen. Wenn das andre nicht wäre, von dem ich am Anfange sprach. Doch habe ich genug von mir erzählt. Jetzt ist die Reihe an dir, deine Schicksale mitzuteilen.« Lichter ragten die Stämme, tiefer stand die Sonne, weite und herrliche Ausblicke in die Ebene, auf Persepolis, auf die jenseitigen Gebirge begannen sich zu eröffnen, als Pythagoras in kurzem Umrisse die bisherigen Irrfahrten und Erlebnisse dargestellt hatte. »Ein Odysseus bist du fast!« lächelte Demokedes. »Neben deinen Leiden erscheint mir mein Ungemach klein. Doch ist es wohl Zeit, im Gespräche zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Denn bald werden wir am Ziele sein. Ich sah aus deinen Worten, daß auch du um das drohende Verhängnis weißt. Dareios hat es mir nicht verhehlt. Er rüstet zu einem ungeheuren Heereszuge, um alle Hellenen seiner Botmäßigkeit zu unterwerfen. Entsinnst du dich, was er zu dir sagte? Als er von unsren Göttern sprach? Und hinwarf, daß wir die Daevas anbeten? Bald wirst du alles verstehen! Bald wirst du ihn selbst hören, den großen, göttlichen Zoroastres, dessen Lehre reiner ist als alle andren Lehren. Dareios und sein ganzes Volk lebt, so sonderbar der Ausdruck klingt, in einem Rausche der Reinheit. Und will allen Völkern die neue Lehre bringen; wenn nötig mit Gewalt, mit Blut und Brand und Unterjochung. Du allein wirst mich verstehen, Pythagoras! Wir Hellenen müssen, um diesem Anstürme Widerstand zu leisten, neue Götter suchen. Reinere und tiefere und endgültigere. Denn stets siegt das Volk, das in höherer Reinheit lebt! Hast du gehört, was Asien durchzittert? Wie ein neuer Geist der Weisheit hier an allen Stellen emporwächst? Im äußersten Osten, in Sinnim, sind die Gemüter entflammt durch Kanfuzes, und Indien hallt wider vom Ruhme des Budos. Und hier ist Zoroastres! Nur bei uns ist noch der große Verkünder der Urgötter nicht erschienen!« »Und ich bin gefangen, muß bleiben, bis der Palast der hundert Säulen vollendet ist!« rief Pythagoras klagend aus. »Du wirst nicht bleiben, Pythagoras! Denn es werden große Ereignisse eintreten. Ich habe dir noch nicht alles anvertraut. Atossa, die Königin, litt an einer bösen Brust. Auch sie habe ich geheilt. Und es gelang mir, sie zu überreden. Ich weiß es, Pythagoras, daß ich gegen Dareios, der mich befreite, der mich mit Ansehen und Geschenken überhäuft, schimpflich und undankbar handle; weiß, daß ich durch meine Tat noch mehr Haß gegen alles Hellenische, noch mehr Verachtung beim Großkönige erzeugen werde. Aber ich muß mein Volk, meine Stammesgenossen warnen, aufrütteln, zum Widerstande rüsten. Vielleicht rede ich mir das alles ein, um zu verbergen, daß mich rasendes Sehnen nach der Heimat plagt. Genug! Atossa hat es durchgesetzt, daß ich mit persischer Begleitung auf einem Schiffe als Kundschafter nach Hellas entsendet werde. Man traut meinem Worte. Ich aber werde nicht zurückkehren, sondern werde wieder in Kroton leben und die Luft von Groß-Hellas atmen. Dareios mag mich holen, wenn er es vermag! Aber auch du wirst fliehen, Pythagoras! Ich selbst werde dir behilflich sein. – Wenn du die Lehre Zoroasters in dich aufgenommen hast!« Sie sprachen noch manches. Insbesondere erklärte Demokedes, der durch sein Leben am Hofe mit der Gestaltung des Reiches aufs innigste vertraut war, dem Pythagoras, daß er sich auf der Flucht nach Norden wenden müsse und versuchen solle, über den Pontos Euxeinos und durch den Hellespont die Heimat zu gewinnen, da die nördlichen Völker des Reiches noch im Widerstande gegen den Großkönig verharrten und deshalb eher einem Flüchtlinge Schutz und Hilfe angedeihen lassen würden. Plötzlich war der Wald zu Ende und im letzten Abendscheine lag frei und hochgewölbt eine Graskuppe vor ihnen, deren obersten Kulm ein kahles, mächtiges Mauerviereck krönte. Sie banden ihre Pferde an Bäume des Waldrandes und stiegen hinan. Ein niederes Tor öffnete sich in der Mauer und sie traten vor einen stufenförmig aufgeschichteten Steinaltar, dessen oberster Würfel glatt und wuchtig aufragte. Ihn umstanden aber, in langen weißen Gewanden, leinene Tücher vor dem Munde, zehn magische Priester. Ein Gewoge von Gläubigen und Priesterschülern drängte sich auf den unteren Stufen. Eben stieg ein übermäßig großer Prophet, dessen weiße Haare selbst im Dämmern leuchteten, die letzten Stufen hinan. »Zoroastres!« flüsterte Demokedes dem Pythagoras zu. »Die Tafel, die er in der Hand hält, ist der erste Gesang des überirdischen Avesta! Sieh, das Opfer beginnt! Schon haben die Priester ihre Tücher um den Mund gebunden, damit der Hauch ihres Atems das Feuer Ahura-Mazdas nicht verunreinige!« Und das Haoma-Opfer begann. Plötzlich lohte, mächtig und prasselnd, der heilige Opferbrand, die steile Feuerzunge empor zum dunkelnden Himmel, und in feierlichem Umschreiten nährten die Priester das Flackern mit wohlriechenden Hölzern und duftenden Kräutern, daß der Atem des Göttlichen, Reinen, des Unberührten und Unberührbaren sich im Umkreise verbreitete. »Spende-Opfer werde dem Feuer gebracht!« tönte es stark und gewaltig aus der Höhe. »Hartes Holz und gute Gerüche reichen wir dem Feuer dar. Dem heiligen Feuer, das die Daevas besiegt, ihm werde mit Anbetung gedient und viele Nahrung werde ihm gebracht, damit es hoch aufsteige!« Als aber endlich, rein und ohne zu flackern, die heiße Zunge zum Himmel stach, als aller Herzen schon durch den Anblick des göttlichen Sinnbildes von Reinheit erfüllt waren, da hob im Scheine der Flammen der herrliche Zoroaster die Tafel der Offenbarung und teilte den Gläubigen mit, wie das Geschehen der Welten lief vom Anbeginne; wie es heute sich ereignete im Widerstreite der beiden feindlichen Urwesen; und wie die Zukunft sich gestalten würde bis zum Ende des Daseins. Und er versprach, die Offenbarung zu enthüllen an sechs geheiligten Abenden. An jenem ersten Abende ward den Gläubigen das Wissen um die Urgötter selbst und um das Vorspiel des fünfzehn tausend jährigen Allgeschehens: Im grenzenlosen Raume, in der unendlichen Zeit, durch unermeßliche Weiten getrennt, waren seit jeher die beiden obersten Weltwesen. Ahura-Mazda, der weise Herr, der heilige Geist, das anfanglose Licht, er, der die Dreiheit der Eigenschaften ist: Leben, Licht und Wahrheit. Und Angra-Mainyu, der schlagende Geist, die anfanglose Finsternis, der Unreine: Tod, Dunkel, Lüge! Und von ferne hatte Angra-Mainyu den Ahura-Mazda erblickt und war durch die Unendlichkeit gegen ihn herangebraust, um ihn zu vernichten; um den Schein des Lichtes in ewige Dunkelheit zu verwandeln. Gegenüber waren einander die Urwesen gestanden, beide erkennend, daß es im Kampfe um alles ging, daß nur Vernichtung des Einen Ende des Kampfes sein könne. Doch wußten beide, daß sie zum furchtbaren Streite noch nicht gerüstet seien. So schlossen sie denn einen Waffenstillstand, einen Vertrag auf neuntausend Jahre. In seiner unendlichen Weisheit aber wußte Ahura-Mazda, daß es ihm gelingen werde, nach dieser Zeit den unreinen Geist zu überwältigen. Auch Angra-Mainyu erkannte es. Doch zu spät. Der Vertrag war geschlossen, als er es durchschaute. Und dieses verderbliche Nachwissen schlug eine lähmende Fessel um seinen Tatendrang, die ihn dreitausend Jahre umfing. So geschah das erste Keimen des Weltwerdens. – Als Pythagoras im bläulichweißen Scheine des Vollmondes mit Demokedes die Waldwege hinabritt, als auf der Höhe schon alles in Stille lag und die heilige Feuerzunge nur mehr klein und schwach zum Himmel lohte, ergriffen ihn seltsame Gedanken. Theben stand vor ihm, Karmel und Babylon und der Olymp der Götter seiner Kindheit. Ahnungspfade liefen von einer Götterwelt zur andern, von einer Offenbarung zur zweiten und dritten. Und es kostete seinem Verstande Mühe, das mystische Zusammenfließen aller Götterkreise zu verhindern. Etwas aber erkannte er mit aller Schärfe: Menschen waren die Götter seiner Kindheit, Menschen mit mächtigerem, mit ausgezeichneterem Schicksale. Kemis Götter aber hatte nur das Bedürfnis, sie verständlich zu machen, in die Gestalt von Menschen gebannt. Denn am Beginne, dem Wesen nach, waren sie Kräfte des Kosmos. Eigenschaften des Weltgetriebes, zu denen ihre menschliche Verkleidung oft schlecht genug stimmte. Ebenso auch, in roherer Form, verwischt und überwuchert von tobendem Fleische, die Götter Babylons. Was aber hier vor ihm stand, was Zoroasters Mund verkündet hatte, das schwebte zwischen dem Wissen seiner Heimat und der Weisheit Kemis. Ein andrer Kosmos war es, in dem diese Götter wuchsen und wirkten, ein Kosmos, unsichtbar den äußeren Sinnen. Diese Götter waren die Herrscher des Gemütes, die tiefsten Kräfte des Menschenwillens, waren das Gute und das Böse, verkleidet in die kosmischen Sinnbilder von Licht und Finsternis. Eine Ahnung war es, wie gesagt, die damals Pythagoras durchbebte. Ganz klar erkannte er diese letzten Urgründe erst viel später, als schon die Eindrücke seiner Wanderzeit weit hinter ihm lagen. Noch etwas erregte aber an diesem heiligen Abende seine Seele: die Erzählungen des Demokedes über die Einsamkeit und Weltflucht, Kasteiung und Reinigung des Zoroaster. Wie er, fern den Menschen, zehn Jahre in den Klüften der Berge gelebt hatte, um den Strahl der Erkenntnis ungetrübt zu empfangen; wie er in der Höhle gehaust und diese Höhle mit den Bildern vom Werden der Welten geschmückt habe; und wie endlich Ahura-Mazda ihm das Avesta geoffenbart und ihm befohlen hatte, es den Menschen in den Städten und Tälern zu bringen. Da endlich verstand Pythagoras sich selbst. Wußte, warum er, einem geheimnisvollen Befehle gehorchend, Bertreri von sich gestoßen hatte und alle die anderen Frauen, die ihm in Theben, in Memphis, in Sais, in Babel zugelächelt hatten. Entsagung vom menschlichsten Triebe, um den Göttern näherzukommen! Ein zwingendes Gesetz des Kosmos, das er erblickte, dessen Grund jedoch in unerforschter Tiefe lag; wenn anders nicht Gott Geist war, reiner Geist, wie Zoroaster lehrte, ganz verständlich, ganz nahe nur den Menschen, die den Leib von sich warfen. So sann Pythagoras an jenem ersten Abende. Der zweite Abend aber entrollte schon vor ihm mächtigere Ausblicke, tieferes Begreifen des Weltablaufes: Angra-Mainyu, der finstere Geist, untätig, von Nichtwissen gequält. Grollend sich selbst und dem Lichte. Hoffnungslos und von grimmiger Wut zerrissen. Ahura-Mazda aber war ans Werk gegangen, schaffend durch sein Wort, durch seinen Willen. Erzeugend aus dem Nichts. Und er hatte sich mit ihnen umgeben, mit den reinen Wesen der Ameschaspentas, der Yazatas und der unzähligen Fravaschis. Sechs Ameschaspentas schuf er, unsterbliche Heilige. Ihre Namen aber, die zugleich ihr Wesen waren, lauteten: Gute Gesinnung, beste Reinheit, wünschenswerte Herrschaft, Vollkommenheit, Unsterblichkeit und heilige Weisheit. Unter den Yazatas, den Verehrungswürdigen, ragten aber hervor aus allen vierundzwanzig: Mithra, der Gott mit den weiten Triften, der Herr des Sonnenlichtes; Raschnu, der Bringer der Gerechtigkeit, und Craoscha, der das Gebet ist und die Gebetserhörung. Und Tischtrya, der Morgenstern, der Hüter der östlichen Himmelsgegend, der den Regen spendet, und Verethraghna, der Gott des Sieges. Ihnen allen aber gesellte Ahura-Mazda die Fravaschis bei, die Urbilder und schützenden Geister der einzelnen Menschen, die einst werden sollten. Urbilder, die seit jeher unsterblich im Reiche des Lichtes wohnten und bestimmt waren, dereinst zur Erde niederzusteigen, um nach dem Tode wieder zurückzukehren ins Licht; gleichzeitig aber in geheimnisvoller Doppelweise im Lichte zu bleiben, während der Mensch lebte, und seine Geschicke mahnend und schützend zu lenken. Dieses Reich der Geister hatte Ahura-Mazda durch sein Wort erschaffen, als die ersten dreitausend Jahre verflossen waren. Wieder schwang es seltsam in der Seele des Pythagoras, wieder geriet er in den Bann der niegehörten Reinheit und Körperlosigkeit der zoroastrischen Worte. Doch stiegen auch leise Zweifel in ihm empor, Schatten von Enttäuschung, da ihm in manchen Augenblicken diese geistigen Götter zu Dunst zerrannen und sich in Gedanken auflösten. Gedanken, die die unbedingte Beglaubigung des So- und Nichtandersgewesenseins nicht aufwiesen wie die kosmischen Mächte des Urwassers und Urhauches, des Himmelsgewölbes und des weltbildenden Lichtes. Sein Zweifel aber veränderte sich sofort wieder zur Bejahung, wenn er in sein Inneres blickte. Sah er doch alle die unsterblichen Heiligen in ihrer unfaßlichen Körperlosigkeit unleugbar in sich wachsen und wirken, fühlte er doch in tausend Lebenslagen die mahnende, unerklärliche Stimme seines geistigen Doppelgängers, seines Fravaschi. Derselben Kraft, die die Hellenen den Daimon, die Leute Kemis den Ka nannten. So schloß sich wieder das Bild der Erkenntnis über den Ländern des Erdkreises, gleich im Wesen der Erscheinung, weltenfern getrennt im Orte, wo ihr Ausdruck, ihre Entdeckung zuerst Wort wurde. Und auch der dritte Abend, der ihn wieder um dreitausend Jahre weiter führte im Aufbau der Welt, im großen Epos vom Kampfe des Lichtes und der Finsternis, von der durchgängigen Zweiheit, Gegensätzlichkeit des Geschehens, vertiefte nur sein bisheriges Wissen, ohne es mehr umwälzend umzustoßen. Denn es war vom Anfange nicht zweifelhaft gewesen, daß Angra-Mainyu aus der Erstarrung erwachen würde; daß er alles aufbieten würde, um der Schöpfung des verhaßten Lichtbringers ein ebenbürtiges Reich der Finsternis entgegenzusetzen. Und er begann mit wildem Ungestüm. Daevas zauberte er hervor durch seinen Zorn, Daevas als Gegenbild der unsterblichen Heiligen, der hehren Ameschaspentas. Und sie standen bald um ihn, wie sie hießen und waren: Böse Gesinnung, Andra, das Gewitter, Ungerechtigkeit und Hartherzigkeit, Hochmut und Unduldsamkeit, widriger Geschmack und die Geburt des Giftes. Doch auch den Verehrungswürdigen mußte er ein Gegengewicht bieten. So ließ er sie entspringen, die Drujs, die vier weiblichen Dämonen: Schlaf, Verwesung, Böser Blick und Unzucht. Und auch die Fravaschis durften nicht unbehelligt die Menschen warnen und leiten. Pairikas und Yatus sollten umherschleichen, weibliche und männliche Verführer und Wunschflüsterer, die sich in die Seelen nisten sollten, übertäubend die Stimme der Fravaschis durch Süße, Üppigkeit und Düfte. Durch strotzendes Fleisch und tobende Sinneslust. Aber auch Ahura-Mazda war in diesen dreitausend Jahren nicht untätig. Sah er doch, mit welch furchtbarer Heerschar sich Angra-Mainyu umgab, um seine Schöpfung zu bedrohen. So ließ er im Reiche des Lichtes, im Himmel, vorerst die Welt der Vorbilder erstehen in dreihundertfünfundsechzig Tagen. Und er schuf in fünfundvierzig Tagen den Himmel selbst, in sechzig das Urbild des Wassers, in fünfundsiebzig das Bild der Erde, in dreißig die Bäume, in achtzig die Tiere und in fünfundsiebzig das körperliche Vorbild des Menschen. So tat Ahura-Mazda, nachdem seit dem Anbeginne der Zählung sechstausend Jahre abgelaufen waren. Die nächsten dreitausend Sommer durchleuchtete die Stimme Zoroasters am vierten Abende. Und Pythagoras erfuhr, wie die Schöpfung der Vorbilder aus den Wölbungen des Himmels in den Raum hinabgelassen wurde, den sie heute innehat; der das Kampffeld des letzten Entscheidungskampfes werden sollte zwischen Ahura-Mazda und Angra-Mainyu. Noch stand sie unangefochten von den Mächten der Finsternis da, denn noch währte der Waffenstillstand. In ihrer ganzen Größe alber dehnte sich schon die Welt. Und übereinander schichteten sich die Sphären des Mondes, der Sonne, der unbeweglichen Sterne und die Sphäre des Götterthrones. Diese oberste Sphäre aber umschloß das All, auf ihr ragte der Thron des Guten und sie war der Wohnsitz der Ameschaspentas, Yazatas und Fravaschis. Von der Erde aus war nur der Umschwung der drei niederen Wölbungen sichtbar, unerkannt und unsichtbar blieb der Umschwung der äußersten Wölbung, des von Ahura-Mazda gelenkten Weltwagens, der alles andre bewegte und im Kreislaufe hielt. Und in der Mitte der Welt wuchs der heilige Berg Hara-Berezaiti empor und stieß mit seinem Gipfel, dem Demawend, durch die Wolken bis in die Sphäre Ahura-Mazdas. Der heilige Berg, von dem die Sonne ausfährt mit Majestät, auf dem nicht Nacht ist, nicht Frostwind, nicht Hitze; von dessen Gipfel Zoroaster herabgebracht hatte die Tafeln des Avesta, um die Getreuen zu stärken im Kampfe wider Angra-Mainyu. Und Ahura-Mazda schuf den Urmenschen, den Gayo-Maretan, und den Ur-Stier, den Geus-Urvan. Und beide herrschten mit Macht, in Eintracht über die junge Schöpfung der Erde. Angra-Mainyu aber, dessen dämonische Schar noch nicht eindringen durfte in das Reich des Guten, saß abseits und bildete hassend giftige Pflanzen und schädliche Tiere und zog weite wüste Strecken gräßlicher Unfruchtbarkeit über den Boden der Erde. Die ganze Schöpfung aber bebte, da der Vertrag dem Ende nahte und der letzte Kampf beginnen sollte. – In sich gekehrt und schweigend ritt Pythagoras mit Demokedes bergabwärts. Als die schnaubenden Pferde aber auf eine Lichtung des Waldes heraustrabten und hoch und klar die Sternbilder zu ihren Häupten glommen, überkam es Pythagoras wie eine allumfassende Ahnung. Für einen Herzschlag teilte sich in seiner Einbildungskraft die Hülle des Firmaments und er erblickte den Thron des Guten. Und eine überweltliche Melodie, ein fernes Klingen und Brausen tönte vom Umschwunge der äußersten Sphäre hernieder, ein Klang, zu hoch, zu vielfältig für die Ohren der Menschen. Und als er das, was er als höchste Harmonie erfühlte, halten wollte, schloß sich schmetternd die stählerne Sphäre des Fixsternkreislaufes und ein leiser Zuruf des Demokedes riß ihn zurück in die Milde der Sternennacht. Die Ahnung aber hatte sich in sein Gemüt als unverlierbares Erlebnis eingeprägt. So nahte am fünften Tage die Enthüllung der vorletzten Tafel. Wild und kampfbereit prasselte heute die hohe Flamme der magischen Priester. Hochauf pochten die Herzen. Denn Angra-Mainyu stürmte mit seinen finsteren Heerscharen heran, um das Gute endgültig zu vernichten. Und der Ur-Stier fiel als erster der Wut des schlagenden Geistes zum Opfer. Klagend schwang sich seine Seele hinauf zum Throne des Lichtes, in die Arme Ahura-Mazdas, der ihn in die Gefilde des Himmels aufnahm, damit er den Tieren ein Schutzgeist sei. Aus dem Körper des Stieres aber wuchs keimend neues Werden. Aus seinem Schwänze die fünfundfünfzig Arten der Getreide, aus seinem Marke die zwölf heilsamen Pflanzen, aus seinen Hörnern die Früchte und aus seinem Blute die Weintraube. Den Samen aber hatte die Seele mit sich genommen und dem Monde zur Bewahrung gegeben, der ihn wieder, von den bösen Geistern unbemerkt, zur Erde brachte. So daß aus ihm zwei Rinder, ein weibliches und ein männliches, erwuchsen, die zweihundertzweiundsiebzig Arten guter Tiere zeugten. Aber auch den Urmenschen, Gayo-Maretan, das sterbliche Leben, erschlug die Wut des Finsteren. Das Blut jedoch sickerte in die Erde und daraus entsproß eine Raiva-Staude, die sich zu zwei Stengeln entfaltete. Und aus den Stengeln der Staude wurden Maschya und Maschyana, Mann und Weib. Und Ahura-Mazda sprach zu ihnen: »Seid Menschen, seid die Eltern der Welt, ihr seid von mir vollkommenen Sinnes als die besten Wesen geschaffen! Gesetzliche Werke verrichtet vollkommenen Sinnes, denkt gute Gedanken, sprecht gute Reden, tut gute Handlungen, verehret niemals die Daevas!« Die ersten Menschen aber kleideten sich in Blätter, nährten sich von Milch und Früchten und wanderten selig über die Erde. Bald aber wurden sie müde des Guten und begannen, gelockt von den Sendungen Angra-Mainyus, Fleisch zu essen, den Daevas zu opfern und sich in sündhafter Lust zu vermischen. Und von diesem Tage standen sie und alle ihre Nachkommen wechselnd unter dem Einflüsse des Guten und des Bösen. Wohl gab es noch manchen reinen Menschen, dessen Seele ganz dem Lichte angehörte. Doch kleiner stets ward die Zahl der Getreuen, mächtiger die Schar der Daevas-Anbeter. Ahura-Mazda aber hatte auf dem heiligen Berge Hara-Berezaiti die furchtbare Brücke Cinvat gewölbt, die gräßliche Brücke, die unvorstellbar hoch über den Abgründen schwebt und von der Erde zum Thron des Guten leitet. Hinan zum Orte Garotman, zur Wohnstätte der Lobgesänge. Drei Tage blieb nach dem Tode die Seele in der Nähe des Leichnams; dann hob sie sich empor und betrat schaudernd die Brücke Ginvat, bebend ob ihrer Sünden. Und Mithra, Raschnu und Graoscha, die Herren der Sonne, der Gerechtigkeit und des Gebetes, die drei ehrwürdigen Yazatas, saßen auf der Brücke und sperrten den Weg. Und hoch schwebte über den Schlünden die riesige Waage, auf der die Taten von den drei Totenrichtern gewogen wurden: damit die Seelen eingingen in die Wohnstatt der Lobgesänge, damit sie hinabgeschleudert würden in den Höllenpfuhl Angra-Mainyus, oder um in der Mittelwelt zu weilen ohne Freude und Leid, wenn gute und schlechte Taten gleich viel wogen. Und sehnend schauten dann die Sündhaften wohl nach den Guten, die ihre überwiegenden Taten zuwenden konnten den zu leicht befundenen Freunden und Verwandten. – Und wieder schweiften die Erinnerungen des Pythagoras zurück nach Kemi, zum Totengerichte, zu Osiris und Horus, und er verstand die Menschen nicht, die achtlos dem Genüsse frönten und nicht der gräßlichen Waage gedachten: ob sie nun im Reiche der Tiefe, in den Hallen des Osiris aufgerichtet sei oder am Rande der überirdisch hohen Brücke! – Die letzten Vorbereitungen zur Flucht waren getroffen, der letzte entscheidende Entschluß gefaßt, als die Pferde sie durch den sechsten Abend trugen. Und heute stand er vor ihnen, Zoroaster, der große Verkünder, hehrer und mächtiger als je. Und er begann: »Um der Welt den Kampf zu erleichtern, um Widerstand zu leisten den Mächten der Finsternis, hat mich Ahura-Mazda gerufen auf die Spitze des heiligen Berges, hat mir das Avesta übergeben, damit ich es euch bringen könnte, Menschen der Täler und Städte! Jetzt hatte er mich gerufen, als die Zeit am bösesten geworden war seit Anbeginn. Jetzt, am Anfange der letzten dreitausend Jahre! Das Gesetz der Anbeter Ahura-Mazdas sei von nun an triumphierend! Unser Gebet gelange zu ihm! Und es zerschlage des schrecklich-furchtbaren Angra-Mainyu Gewalt! Um uns zu stärken, wende sich aber unser Blick in die Zukunft!« Und er erzählte, wie der Kampf des Guten und Bösen weiter toben würde. Im All, in der Brust des Menschen, auf Erden, zwischen den Tieren. Schlechter würde die Welt werden, je weiter das Zeitalter des ersten Verkünders zurückliege. »Ich werde sterben!« rief dröhnend der Prophet. »Werde sterben wie alle Menschen seit Gayo-Maretan! Doch mein Same wird aufbewahrt sein im Kansu-See und behütet werden gegen die Wut der Daevas von neunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig Fravaschis. Alle tausend Jahre aber wird aus den duftenden Wäldern eine reine Jungfrau badend in den See steigen. Und der Same des Erwählten wird sie überkommen und sie wird einen Sohn gebären, der das Werk der Reinigung fortsetzt. Der erste dieser erhabenen, Ukschyat-Ereta, der wachsen machen wird die Vollkommenheit, wird in der Zeit leben, da ein furchtbarer Werwolf die Menschen quälen wird. Zehn Tage und Nächte wird die Sonne am Himmel stille stehen, um den Erhabenen zu beglaubigen. Endlich wird der Wolf erlegt werden. Da werden alle reißenden Tiere verschwinden. Der Gesandte Angra-Mainyus aber, Malkosch, der finstere Geist, wird mit Schnee und Regen die Erdgefilde veröden. Und wieder tausend Jahre später wird die Sonne zwanzig Tage und Nächte am Himmel stehen; den Ukschyat-Nemo, der wachsen macht die Verehrung, wird aus der Jungfrau geboren sein. Des schlagenden Geistes Riesendrache aber wird über die Erde fauchen, bis ihn der Erhabene bezwingt; bis alle Schlangen von der Erde vertilgt sind. Da wird endlich der letzte Zeitraum nahen. Saoschyans wird aufstehen, er, der retten wird, der große Retter! Und auf der Jungfrau Schmerzenslager wird das unterbrechungslose Licht der dreißig Tage und Nächte scheinen. Ahura-Mazda aber wird ihm befehlen, den letzten Kampf zu wagen und auferstehen zu lassen die Toten. In jener Zeit wird man vom Geiste der Erde die Gebeine, vom Geiste des Wassers das Blut, vom Geiste der Pflanzen die Haare, vom Geiste des Feuers die Lebenskraft, die von ihnen vom Anbeginne aufgenommen wurden, zurückfordern. Und die Toten werden auferstehen in der Gestalt, die sie im Leben hatten, vierzigjährig die Älteren, fünfzehnjährig die Jüngeren. Und es wird die Weltversammlung Satvastran berufen werden, bei der alle Menschen erscheinen werden vom Urmenschen, von Gayo-Maretan, an. Saoschyans aber wird über sie Gericht halten mit fünfzehn männlichen und fünfzehn weiblichen Helfern. Da wird der Schweifstern Gurzschehr auf die Erde stürzen, die erzittern wird wie ein Lamm, wenn der Wolf es ergriffen hat. Die Metalle werden zerschmelzen und in ihrem brodelnden Strome werden die Bösen unsägliche Qualen erleiden. Die Guten aber werden hindurchgehen, als wäre es laue Milch. Und der Retter wird die Guten und Bösen scheiden, wie man weiße und schwarze Schafe voneinander sondert. Und er wird die Guten in das Reich des Lichtes führen, die Schlechten aber werden drei Tage und drei Nächte an den Ort der Qual gebracht, an dem sie Gräßlicheres erleiden werden als alles, was die Menschheit seit sechstausend Jahren erlitt. Allen wird ein Zeichen angeheftet sein, das ihre Schmach offenbart, und sie werden vergehen in Reue und Scham. Dann aber werden auch sie entsühnt sich vereinigen dürfen mit ihren Fravaschis, mit den Schutzgeistern, deren Mahnung sie das Ohr einst verweigerten. So wird alles gerettet sein durch den Retter! Angra-Mainyu aber wird erzittern, da er sein Ende fühlen wird. Und es wird schnell hereinbrechen. Denn die Ameschaspentas werden zertrümmern die Daevas und Ahura-Mazda wird den finsteren Geist zerschmettern und ihn hinabstürzen in seinen eigenen Abgrund, wo er mit dem Pfuhle selbst und mit allem Unreinen, das darin aufgehäuft ist, verbrennen wird und vernichtet sein wird für immer! Ewig aber wird währen das Reich des Lichtes!« Zoroaster schwieg. Als aber die Flamme, hochauflodernd durch duftende Nahrung, den Sieg des heiligen Lichtes sinnbildhaft verkündete, da sah Pythagoras im weiten Umkreise des Horizonts auch auf den anderen Bergspitzen die Brände Ahura-Mazdas emporzüngeln. Und über die harzigen Wälder des kühlen Berglandes tönte stark und gläubig das Gebet: »Das Gesetz der Anbeter Ahura-Mazdas sei von nun ab triumphierend! Unser Gebet gelange zu ihm! Und er zerschlage des schrecklich-furchtbaren Angra-Mainyu Gewalt!« XV Unter den Baumeistern von Persepolis war plötzlich der Plan entstanden, die wuchtige Pracht des Hundertsäulentempels durch Aufstellung eines Kolosses zu mehren. Das Vorhaben fand die Billigung des Großkönigs und es handelte sich bloß noch darum, den ungeheuren Steinblock in kunstgerechter Art zu gewinnen und ihn aus den fernen nördlichen Steinbrüchen heranzuschaffen. Zur Leitung dieser beiden Arbeiten wurde Pythagoras ausgewählt, für den diese, in Kemi ja so häufige Arbeit nur von untergeordneter Schwierigkeit sein konnte. Pythagoras unterzog sich seiner Aufgabe gleich am Beginne mit großem Eifer. Hatte er doch erfahren, daß der ganze Plan in letzter Linie von Demokedes herrührte und nur dazu ersonnen worden war, seine Flucht zu befördern. So ließ er alle notwendigen Werkzeuge bereitstellen, wählte sich einen Trupp geeigneter Werkleute aus und war nur etwas enttäuscht, daß die Vorsorge des Dareios ihm in Anbetracht der kriegerischen Wirren, die noch im Norden herrschten, eine für sein Vorhaben allzu zahlreiche Bedeckungsmannschaft auf den Weg gab; so daß er dichter und undurchdringlicher überwacht war als je zuvor. Eine zweite Herabminderung seiner Hoffnungen war es, daß er sich nicht mehr von Demokedes verabschieden konnte, da dieser seine Kundschaftsreise nach Hellas schon angetreten hatte. Ja, sogar Zweifel an der Wahrhaftigkeit und Treue seines Stammesgenossen begannen sich in ihm festzusetzen, wenn er alles noch einmal überdachte und wenn er die übergroße Vorliebe in Anschlag brachte, die Demokedes für Persien und für die Götter dieses Landes hegte. Sollte Verrat geschehen sein? Doch nein! Wozu hätte da der Arzt ihm überhaupt zur Flucht geraten, wozu hätte er ihm eigene Pläne anvertraut, deren Preisgabe ihm Stellung, Freiheit, vielleicht das Leben kosten konnte? In solchen zwiespältigen Gedanken ritt Pythagoras an der Spitze des stattlichen Zuges von Soldaten, Werkleuten, Karren und Kamelen nordwärts. Am dritten Tage begehrte ein indischer Kaufmann, der mit seiner kleinen Karawane ebenfalls nach Norden zog, sich der Truppe anschließen zu dürfen und gab zur Unterstützung seines Ansuchens an, er befürchte Überfälle umherstreifender Skythen. Überdies sei er ein Schüler des königlichen Leibarztes und könne sich mit seinen ärztlichen Kenntnissen vielleicht nützlich erweisen. Pythagoras nahm keinen Anstand, das glaubwürdige Gesuch zu bewilligen; um so mehr, als es sich um einen Freund seines Stammesgenossen handelte. Aber auch der Anführer der Begleitungsmannschaft, der in solchen Dingen das entscheidende Wort zu sprechen hatte, machte keinerlei Einwendung, da einige Soldaten den Inder aus Persepolis kannten und bestätigten, daß er ein vertrauter Freund des mächtigen und einflußreichen Leibarztes sei. Wieder verflossen einige Tage, an denen sich nichts Außergewöhnliches ereignete. Der Inder hielt sich meistens unter seinen Gefolgsleuten auf oder er mengte sich unter die Anführer der Soldaten, denen er einige kleine Gefälligkeiten erwies. Den Pythagoras begrüßte er zwar an jedem Morgen freundlich, schien aber keinerlei Lust zu fühlen, sich mit dem Gefangenen in einen näheren Verkehr einzulassen. Bis er eines Tages, als die Züge eben einen steilen, wildzerklüfteten Paß hinanstrebten und durch die große Schwierigkeit des Weges in einige Unordnung geraten waren, wie zufällig an Pythagoras heranritt und mit ihm scheinbar die Art und Weise besprach, wie man die Lasttiere und Wagen am sichersten über den Paßpfad führen könnte. Den anderen, die ein gutes Stück von den beiden entfernt waren, schien es wenigstens so. Denn der Inder deutete mit der Hand gegen den Weg, auf die Schroffen der Berge und auf die Lasttiere. In Wahrheit aber sagte er hastig zu Pythagoras: »Demokedes mußte sich schleunig entfernen, um weder seine noch deine Flucht zu gefährden! Ich bin sein Vertrauter und Helfer. Mir fällt die Aufgabe zu, dich nach Norden bis an den Pontos zu bringen. Hier, nimm diese Tafel, lies sie und wirf sie dann in das Gerölle des Abgrundes! Ich selbst werde weiter vortäuschen, keinerlei Anteil an dir zu nehmen. Leb wohl!« Und er sprengte schon wieder zurück und bekümmerte sich, gleichsam als notwendige Folge seines Gespräches, um einen Karren, dessen Zugtiere mit geblähten Nüstern dastanden und sich sträubten, weiterzuziehen. Pythagoras aber entsiegelte unauffällig die Wachstafel, las die Weisungen des Demokedes mit Staunen und tiefster Befriedigung und schob sie dann unter den Sattel, bis sie durch die Hitze des dampfenden Pferdes weich und formlos geworden war. Schließlich brach er sie in Stücke und streute sie ins Geröll, so daß nach wenigen Herzschlägen jede Gefahr eines Verrates endgültig ausgeschlossen war. Dann mühte auch er sich damit ab, die schweren Fuhrwerke heil über die Höhe des Paßweges zu bringen. – Nach mancher weiteren Tagereise wurde endlich das Ziel, die Region der großen Steinbrüche, erreicht. Da man für längere Zeit Aufenthalt zu nehmen genötigt war, ließ Pythagoras im Umkreise des Steinbruches vorerst Unterkunftshütten für die Werkleute und Soldaten errichten. Der Führer der Bedeckungsmannschaft konnte jedoch nicht umhin, – aus Sicherheitsrücksichten, wie er beschwichtigend zu Pythagoras äußerte – Befestigungen anzulegen, die den Werkleuten jeden Verkehr mit der Außenwelt absperrten und die sonderbare Doppelrolle des Pythagoras noch verschärften, der ja gleichzeitig bewachter Gefangener und Befehlshaber der ganzen Unternehmung war. Die Karawane des Inders aber, die auch schon unterwegs ab und zu Tauschgeschäfte gemacht hatte, nahm in einem nahegelegenen Dorfe Aufenthalt und trieb mit den umliegenden Dörfern regen Handel. Diese Tätigkeit war den Truppen und Werkleuten sehr erwünscht, da sie sich dadurch mit allerlei notwendigen Kleinigkeiten, Lebensmitteln, Wein, Früchten und dergleichen versehen konnten, ohne das Lager zu verlassen; denn stets sandte der Inder einige seiner Leute zu Pythagoras und den Soldatenführern und lieferte alles zu äußerst geringem Preise, um sich, wie er einmal sagte, für den gewährten Schutz erkenntlich zu zeigen. Pythagoras ließ inzwischen alles für die große Arbeit vorbereiten. Zuerst wurde an der gewählten Stelle durch viele Tage das brüchige und verwitterte Gestein abgemeißelt, bis der blanke fehlerlose Grünstein in seiner ungeheuren Größe roh behauen zutage lag. Dann aber kam das Schwerste, die eigenste Kunst der Steinmetze Kemis. Bevor jedoch die ungeübten Werkleute an diese Aufgabe herantraten, ließ sie Pythagoras in kleinem Maßstabe an anderen Stellen zahlreiche Probearbeiten ausführen, bis er sie genügend geschickt zum großen Werke hielt: zum unversehrten Absprengen des Riesenblockes, aus dessen Masse der Koloß entstehen sollte. Und er befahl ihnen, ganze Reihen tiefer Löcher entlang der gewollten Bruchlinie auszustemmen. Stets wurden diese Öffnungen verglichen, gemessen, erweitert, vertieft. Manchmal schon waren die Arbeiter verdrossen, da sie die allzugroße Genauigkeit für überflüssige Quälerei hielten. Doch Pythagoras ließ nicht nach und bewies den Steinmetzen an verkleinerten Beispielen sogleich die Notwendigkeit seiner Maßnahmen. Als aber endlich alle die Löcher sauber geglättet waren und die richtige Tiefe und Weite erreicht hatten, wurden sie mit besonders zugerichteten Holzscheiten ausgeklemmt. Wieder vergingen Tage voll von Proben und Anweisungen, bis Pythagoras das Entscheidende wagte: Eines Morgens stellte er die Werkleute an die Bohrlöcher. Jeder von ihnen hielt aber ein großes gefülltes Wassergefäß in der Hand. Dann hob er plötzlich scharf und befehlend den Arm. Da gossen sie mit einem Rucke alle zugleich die Massen des Wassers in die ausgemeißelten Öffnungen, und gierig sog das ausgetrocknete Holz die langentbehrte Feuchtigkeit ein. Und es sog und sog und knarrte und ächzte und weitete sich aus. Neues Wasser, schnell herbeigeholt, und wieder neues Wasser stürzte auf das dürstende Holz. Und es preßte an die Wände des Bohrloches und es drängte und stieß und ächzte: Bis plötzlich ein zerreißender hoher Krach, ein schriller, furchtbarer, harter Ton dem Felsen entscholl, und sich blank und schnurgerade der Block des Kolosses von seiner letzten Verbindung mit den himmelragenden Steinmassen des Bruches getrennt hatte. Als Nächstes galt es, den Riesenblock auf Walzen zu heben, um ihn so weit fortzuschaffen, daß die Gerüste und Plattformen gebaut werden konnten, auf denen man ihn gegen Persepolis zu schleppen hoffte. Alle Arbeiten waren schon im besten Gange, man meißelte Rillen für die Seile, goß eiserne Ringbolzen mit Blei ein, um Ketten daran zu befestigen; als ein drohender Unfall den Fortgang des Werkes jäh unterbrach. Pythagoras hatte nämlich in letzter Zeit häufig selbst Hand angelegt. Als er nun wieder einmal den Hammer gegen den Meißel sausen ließ, sprühte ein Steinsplitter so unglücklich empor, daß er das Auge des Samiers nicht unbedenklich verletzte. Man wußte sich keinen Rat, bis endlich ein Soldat auf den Gedanken verfiel, rasch den Inder herbeizuholen. Dieser erschien sogleich und war sehr betroffen. Um so mehr, da er nach seiner Aussage eben an den letzten Zurüstungen zur Abreise gearbeitet hatte. Die Karawane könne er allerdings nicht mehr zurückhalten. Er selbst aber würde zurückbleiben und die Pflege des Pythagoras übernehmen. »Da es jedoch«, sagte er weiter, »eine Verwundung ist, bei der nur ununterbrochene Fürsorge den Verlust des Augenlichtes hintanhalten kann, muß ich darauf bestehen, daß der Hellene die nächsten Tage in vollständig verdunkeltem Raume verweilt und daß ich selbst stets in der Nähe bleibe. Ich werde daher den Verletzten im eigenen Hause unterbringen.« Niemand sah etwas Auffälliges in diesem Vorschlage, man nahm ruhig die Anweisungen des Pythagoras entgegen und war im übrigen über die unfreiwillige Arbeitspause erfreut. Pythagoras, dessen Augen bereits ein weißes Tuch deckte, äußerte beim Abschiede noch, er hoffe in kurzer Zeit so weit wieder hergestellt zu sein, daß er die Arbeiten weiterführen könne. So geleitete der Inder seinen Schutzbefohlenen in das Dorf. Als sie aber kaum aus Hörweite der letzten Wächter gelangt waren, flüsterte der Schüler des Demokedes: »Zürne mir nicht, Pythagores, wenn ich deinen Unfall als Glück bezeichne. Sah ich doch schon keinen Weg mehr, dich ohne äußerste Gefahr aus der Umklammerung dieser mißtrauischen Wächterkette herauszubringen. So aber wird alles einfach und gefahrlos. Du reitest trotz deiner Verwundung heute nacht schon mit der Karawane. Ich aber bleibe noch einige Tage, um keinen Verdacht zu erregen. Dann werde ich schon Mittel finden, um euch einzuholen. Die Pfade übers Gebirge werden diese Absicht erleichtern. Jetzt aber sei getrosten Mutes, Pythagoras, und nimm deine Unbill als Göttergeschenk!« Pythagoras nickte bewegten Gemütes Bejahung. Und es ergriff ihn ein seltsames Gefühl, da er die Heimkehr plötzlich offen vor sich liegen sah. »Wenn man trotz deiner Vorsicht etwas entdeckt, dann wälze alle Schuld auf mich!« erwiderte er tonlos. Der Inder aber lächelte. – XVI So war die Flucht gelungen. Pythagoras war noch in derselben Nacht auf dem Rücken eines Kameles, vermummt und eingehüllt in Decken, mit der Karawane nach Norden ausgezogen. Als aber zwei Tage später einer der persischen Anführer aus Neugier beim Inder nachgefragt hatte, bedeutete ihm dieser, Pythagoras liege in heftigem Fieber und dürfe nicht einmal sprechen, da jede Bewegung den Verlust des Augenlichtes bedeuten könne. Bald darauf ließ er ins Lager melden, daß sich der Zustand seines Pflegebefohlenen zu bessern beginne und daß Aussicht für rascheste Heilung vorhanden sei. Wieder einen Tag später bestieg der Inder sein Pferd, um der Karawane nachzueilen. Ein günstiger Zufall wollte es, daß erst mehrere Tage nach dem Abritte des Inders wieder ein Mann aus dem Lager kam, um sich nach dem Befinden des Pythagoras zu erkundigen. Da er das Haus verschlossen fand und ihm trotz aller Bemühung kein Einlaß gewährt wurde, schöpfte er Verdacht, hielt Umfrage bei den Nachbarn und eilte, als er auch dort nichts Sicheres erfuhr, ins Lager, um seinen Führern Meldung zu erstatten. Inzwischen war die Karawane in angespanntesten Eilmärschen mit vieltägigem Vorsprung bereits hoch im Norden angelangt. Auch der Kaufmann weilte schon längere Zeit wieder in der Mitte seiner Leute. Und man war eben im Begriffe, nach Westen auszubiegen, um die Küste des Pontos Euxeinos zu gewinnen, als plötzlich ein neues Ereignis alle Pläne zunichte machte. Scharen von Flüchtlingen kamen der Karawane entgegen. Und alle erzählten übereinstimmend, daß ein neuer, furchtbarer Einbruch der Massageten das westlich gelegene Land verheere, daß die Perser jedoch alle Pässe und Straßen besetzt hielten und daß daher an ein Durchkommen durch dieses wilde Kriegsgetümmel nicht zu denken sei. Tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich des Pythagoras und seines Befreiers. Um so mehr, als eine Rückkehr in keiner Weise möglich war. Es blieb also nur eine Richtung offen: Der Weg nach dem Osten. Für Pythagoras eine zunehmende Entfernung von seiner Heimat! Der Inder aber tröstete ihn. »Es ist jetzt nur mehr erforderlich,« sagte er, »jeder Gefahr auszuweichen und in Sicherheit den Zeitpunkt abzuwarten, der dich zum Ziele deines Wunsches führt. Wo aber könntest du geborgener sein als in den Gebirgen meiner Heimat? Mag ein Jahr darüber hingehen! Kürzer ohne Frage ist dieses Jahr als lebenslange Gefangenschaft; besser als Tod oder Verstümmelung!« Pythagoras sah ein, daß er sich fügen mußte, obwohl er am guten Ende seiner wirren Wanderschaft leise zu zweifeln anhub. Es war auch keine Zeit zu verlieren, da man die Karawane wahrscheinlich schon vom Süden her verfolgte. So verließ man mitten im unwirtlichsten Felsentale den Weg und stieg ostwärts durch gewundene Schluchten über Pässe auf eine Ebene, die sich wüst und endlos vor ihnen dehnte. Die Vermutung des Pythagoras war nur allzu begründet gewesen. Man verfolgte sie mit aller Kraft, die man aufbieten konnte. Doch war der ungeheure Vorsprung auch durch Schnelligkeit und Abkürzungswege nicht einzuholen. Um so weniger, als sich plötzlich jede Spur der Verfolgten verwischte und die Perser mit streifenden Massageten in ein Gefecht gerieten, so daß sie ohne irgendein Wissen vom Wege, den Pythagoras genommen hatte, unverrichteter Dinge umkehren mußten. Die Karawane aber durchzog die weite Steppe, auf der nur stachlichtes Gras und Aloen wuchsen, wo Salzkrusten schimmerten und gefleckte Schildkröten träge umherkrochen. Und nach den Steppen kamen Flußtäler und Wälder und Berge und dann ging es durch Sandwüsten und Buschwerk und über Hügelland. Stets nach Osten. Unzählige Tage dauerte schon der Marsch, himmelragende, eisbedeckte Spitzen gleißten manchmal an klaren Tagen in unwahrscheinlicher Höhe; Regenschauer gingen nieder, Wüstenstürme heulten; und noch war kein Ende des Marsches abzusehen. In diese Zeit fiel ein sonderbares Begebnis, das auf Pythagoras einen nachhaltigen Eindruck übte. Irgendwoher hatten sich eines Tages der Karawane mehrere indische Brachmanen angeschlossen, die schweigsam in ihren gelben Kutten neben den Kamelen einherschritten und ihre Gebete und Hymnen murmelten. Eines Tages aber, auf einem Hügel, hatten sie Altäre für das Soma-Opfer aufgestellt. Sinnend sah ihnen Pythagoras zu, wie sie zuerst die West-Ost-Linie mit der Schnur absteckten und hierauf darangingen, die drei Feuerstellen auszumessen. Quadratisch die erste, kreisförmig und halbkreisförmig die beiden anderen. Inmitten des Opferfeuers, des Hausfeuers und des Südfeuers aber – so hießen die drei Altäre – stellten sie die Vedi, die Opferbank, auf. Und sie mühten sich, die Altäre scharfkantig zu machen und die Winkel richtig zu bestimmen. Pythagoras entsann sich plötzlich, als er sie so mit der Schnur die rechten Winkel erzeugen sah, der Tempelgründung zu Memphis. Doch nur kurze Zeit weilte er in der Vergangenheit. Denn ein jäher Schreck riß ihn in die Gegenwart zurück. Was taten die Brachmanen? Was war das für ein langgezogenes Dreieck, das die Schnur umschloß? Und das trotzdem genau den rechten Winkel bildete? »Was tut ihr? Was für Längen haben eure Schnurteile?« rief er in höchster Erregung. »Nimm sechsunddreißig und fünfzehn und neununddreißig Padas, sagt das Sulvasutram!« antwortete freundlich ein Brachmane. »Oder fünfzehn, acht und siebzehn oder sieben, vierundzwanzig und fünfundzwanzig oder zwölf, fünfunddreißig und siebenunddreißig Padas und du erhältst den rechten Winkel!« Dann spannten sie weiter die Schnüre. »Sind das alle möglichen Fälle?« fragte Pythagoras fiebernd weiter. Da lächelte der Brachmane. »Alle Fälle willst du wissen?« sagte er kopfschüttelnd. »Wer hat sie gezählt? Sind sie überhaupt zählbar? Nützt dir das Wissen um alle Möglichkeiten mehr als die Regel, die dir das Sulvasutram gibt? Vielleicht sind noch hunderttausend mal hunderttausend Arten, den rechten Winkel zu schlagen! Wir aber haben darüber nicht nachgedacht und können dir daher nichts weiter künden!« Pythagoras grübelte die ganze Nacht und erwog das Gehörte nach allen Richtungen. Und er verglich die Zahlen, die sich seinem Gedächtnisse fest und tief eingeprägt hatten, mit dem ihm geläufigen Verhältnisse der Seiten drei, vier und fünf. Er fand jedoch keinerlei Zusammenhänge. Wie aus verschiedenen Welten schienen ihm die einzelnen Zahlenfolgen herzurühren, entdeckt durch Erleuchtung und Wunder. Und doch – und dieser Gedanke marterte seinen ordnenden Hellenengeist bis zur Erschöpfung – und doch mußte eine Verwandtschaft, eine Regel bestehen, nach der es gelingen könnte, den ganzen Kosmos dieser Zahlengruppen zu umfassen und beliebig zu erzeugen. Erst, als sich im Morgengrauen seine Einbildungskraft mit bunten Fratzen tanzender Dreiecksfiguren und wirren Zahlen füllte, schlief er ein. – * Je weiter die Karawane nach Osten vorrückte, desto veränderter und fremdartiger wurde das Land. Viele Tage ging es schon bergan. Vorberge tauchten auf, sanfte Hänge, mit dichten Wäldern bedeckt, neigten sich abwärts. Und in den dampfenden Pflanzenmassen schossen breite Flüsse zu Tal und alles strotzte. Dann wurden die Waldungen lichter, die Berge höher. Und von kahlen Kuppen sahen sie jetzt oft Reihe vor Reihe, Kette vor Kette, schwindend am Horizonte in den abgestuften Tönungen heller werdenden Dunstes. Sie kletterten über Pässe empor, zogen an schwindelhohen Talflanken, auf deren Sohle, tief unten, die unvorstellbaren Strudel und Katarakte tosender Ströme ihren weißen Gischt an querliegende Felsblöcke schleuderten und sich an moosbewachsenen Klippen emporbäumten. Um dann endlich, ungeduldig und unaufhaltsam, in steil geneigten, grünlich schimmernden, glatten Schnellen zwischen den Blöcken hinabzustoßen. Schon wehte die Luft kühl. Und wenn sich die Wolkenfetzen des Horizonts hoben, stand plötzlich, greifbar nahe, die endlos lange Kette der ragenden Schneeberge vor ihnen, deren grelles Weiß sich am dunkelblauen Himmel in weichen Falten zahnte. Dann aber stiegen, unmittelbar vor ihnen, die kahlen Vorberge so hoch an, daß die Kette des Eises versank. Und wieder mußten sie auf schwindelnden Saumpfaden über Paßsättel hinan, bis die nordseitigen Talwände schon mit grauweißen rundlichen Schneeflecken gesprenkelt waren und der nackte feuchte Fels allenthalben schwärzlich und gelb und rot zutage lag. Überall aber behauptete sich das Leben: Herden gab es und Hirten; Dörfer und Einsiedeleien klebten, vom Felsen kaum zu unterscheiden, wie Vogelnester in den Wänden und auf den Schroffen; Seilbrücken überquerten in waghalsiger Höhe die Wasserfälle; und Pilger begegneten ihnen auf den schmalsten Pfaden, die sie schritten. Und als endlich, in einem der Hochtäler, das Ziel der Karawane erreicht war, da kam dieses Lebendige von allen Seiten an sie heran. Den Geist des Pythagoras umschwirrte mondelang eine Welt, die so fremd, so neu war, daß er nur langsam ihre ungeheure Größe umfassen konnte. Und mitten in diesen Felsenwüsten, in denen die losgelösten Steinblöcke in die Katarakte hinabdonnerten; mitten zwischen Schneestürmen, denen heiße sonnenblendende Tage folgten; im Anblicke naher Eishänge, an deren Flanken der Pulverschnee wie Wolken zum Himmel stob und in den Sonnenstrahlen verrauchte, erstand ein andrer Kosmos vor ihm, tönten Hymnen, zogen Büßer, sannen Weise, unterredeten sich Brachmanen. Und sie brachten Kunde herauf in die kalten Berge von den Dickichten und Fluren des Fünfstromlandes, von den Blüten, die farbiger blühen und wonnevoller duften als sonst irgendwo auf dem Erdkreise. Und sie erzählten von Meeren und Schlangen, Elefanten und reißenden Tigern, von goldstrotzenden Palästen, von marmornen Tempeln und Gärten mit Kaskaden, Teichen und Springbrunnen. Und von Mangobäumen und heiligen Hainen, in denen die Büßer hausten und Wunder in der Abtötung des Fleisches vollbrachten. Dann wieder tiefe Weisheit, undurchdringliche Gedankenketten, Betrachtung und Wissenserweiterung. Pythagoras, der bisher die Form, den Rhythmos jedes Volkes erfaßt hatte, wollte auch hier die gegensätzliche Weite dieses indischen Geistes umgreifen. Doch er scheiterte in seinem Drange. Denn zu nebelhaft, zu riesengroß war die Seele dieser Menschen. Und ausschweifend nach allen Seiten ins Unendliche. Und er erkannte, daß alles hier Ahnung war, tiefe, unaussprechliche Ahnung und daß selbst schärfste Regel, klarster Anfang sich in den Fernen verfliehender Ausblicke ins Unergründliche verlor. Und daß dieses Volk aus dem Gemüte heraus die Welt baute. So lauschte er und zwang seinem Willen die Stimmung des Empfangenden, des untätig Aufnehmenden ab, um teilhaftig werden zu können letzten Wissens über das Wesen des Seins und der Urgötter: Er versank mit den Weisen im Atman-Brahman, im All-Einen, in der grenzenfremden Weltseele. Er erfuhr von Zahlen, so groß, daß sie der Mensch nicht begreifen kann. So hörte er die Geschichte vom Bhodisattva, der jetzt schon ein Buddha war, wie er einst um Gopa, die Tochter des Dandapani, gefreit hatte. Und wie ihm, dem vollkommen Weisen, die Aufgabe gestellt wurde, zu sagen, aus wieviel Ur-Teilchen wohl die Länge eines Yojana-Maßes bestehe. Und wie er geantwortet hatte: Sieben Ur-Teilchen seien ein sehr feines Stäubchen, davon sieben ein feines Stäubchen, davon sieben ein vom Winde aufgewirbeltes Stäubchen. Weiter aber seien sieben solche ein Stäubchen auf der Fußspur des Hasen, sieben davon ein Körnchen auf der Fußspur des Widders, sieben davon ein Staubteil auf der Spur des Stieres. Sieben solche Stäubchen gäben einen Mohnsamen, sieben Mohnkörner einen Senfsamen, sieben davon ein Gerstenkorn. Und aus sieben Gerstenkörnern setze sich ein Fingergelenk zusammen, zwölf Gelenke seien eine Spanne, zwei Spannen die Elle; und vier Ellen halte der Bogen, tausend Bogen das Krosa, und vier Krosas endlich das Yojana-Maß. Die Zahl aber sei daher größer als hunderttausend mal hunderttausend, hundertachtmal genommen. Und wie diese Zahl des Bhodisattva schwamm alles andre am Rande des Unendlichen, um im Wesen zur Einheit zurückzukehren und als Schluß zu ergeben, daß die ganze Welt der Sinne eine Täuschung sei, ein Blendwerk, ein Schein. Maya ist die ganze Welt, Maya, der große Trug! Und alles muß wieder und wieder sterben, wieder und wieder geboren werden, um sich vom großen Blendnis langsam zu befreien; bis hinan zum Nirvana, von dem niemand fragen darf, ob es ein Sein oder ein Nichtsein ist. Und den Wiedergeborenen, der jetzt noch verdammt ist, vom Maya umschleiert zu leben, nehmen das Wissen und die Werke vormaliger Geburten bei der Hand und seine frühere Erfahrung. Wie eine schlingende Raupe, nachdem sie zur Spitze des Blattes gelangt ist, einen anderen Anfang ergreift und sich selbst hinüberzieht, so auch die Seele, nachdem sie den Leib abgeschüttelt und das Nichtwissen des Maya losgelassen hat. So ergreift die Seele einen anderen Anfang und zieht sich selbst dazu hinüber. Und wie ein Goldschmied von einem Bildwerke den Stoff nimmt und daraus eine andere, neuere, schönere Gestalt hämmert, so auch diese Seele, nachdem sie den Leib abgeschüttelt und das Nichtwissen losgelassen hat. So schafft sie sich eine andere, neuere, schönere Gestalt, sei es die der Väter oder der Gandharven oder der Götter oder des Prajapati oder des Brahman oder andrer Wesen. Je nachdem einer nun besteht aus diesem oder jenem, je nachdem er handelt oder wandelt, danach wird er wiedergeboren: Wer Gutes tat, wird als Guter geboren, wer Böses tat, wird als Böser geboren; heilig wird er im Fortgange der Wiedergeburt durch heiliges Werk, böse durch böses! Der Mensch ist ganz und gar gebildet aus Begierde; je nachdem seine Begierde ist, danach ist seine Einsicht, je nachdem seine Einsicht, danach tut er das Werk, je nachdem er das Werk tut, danach ergeht es ihm im Laufe der Geburten! Das letzte Geheimnis des indischen Mysteriums aber enthüllte sich für Pythagoras, als er den herrlichen Schöpfungshymnos des Rigveda erfuhr, den Hymnos der Schöpfung, der nicht sinnlich, äußerlich den Kosmos aufbaut, sondern ihn entspringen läßt aus der Tiefe des Herzens, des wissenden, geläuterten, ans Ziel gelangten Gemütes. Und so das All-Eine in der Brust des Menschen versammelt. Die Ur-Teile dieser Einheit jedoch aufdeckt: Selbstsetzung, den Urgrund, das Wesen der Dinge; und die Angespanntheit, ihre Erscheinung, das trügerische Maya. Alles, alles innerhalb der Seele, außerhalb ihrer nichts als Schein. Und so ward diese tiefstgründige aller Welten. Und der Rigveda kündete von ihrem Werden: Nicht war ein Nichtsein irgendwo, doch auch kein Sein war damals noch; der Luftraum fehlte überall, der Himmelsraum, der jenseits liegt. Was hüllte dieses All nur ein? In wessen Obhut ruhte es? Wo war des Weltgewässers Strom? Der Abgrund, der die Tiefe birgt? Nicht Tod war damals in der Welt, auch nicht des Todes Gegenteil. Die Nacht mit ihrem Sternenglanz gebar noch nicht die Tagespracht. Das Eine vielmehr atmete, hauchlos, nur durch sich selbst gesetzt. Denn andres Dasein gab's ja nicht, sei's dieser oder jener Art! In diesem selbstgesetzten All war nur die tiefe Finsternis und, von der Finsternis umhüllt, ein Wogen ohne Ziel und Licht; doch barg die dunkle Hülse schon die Lebenskraft in ihrem Schoß und jenes Eine wurde nun geboren durch die Glutenpein. Da ward aus diesem Weltbeginn Urwillens erster Samenkeim und Liebe kam jetzt in das All, die dieser heil'ge Same war. Wie aber Sein im Nochnichtsein geheimnisvoll verwurzelt ist, das fand in unsres Herzens Grund, tief forschend, frommer Weiser Schar. Und ihre Meßschnur spannten sie quer durch des Weltenkeims Bereich. Was war da unten in dem Sein? Was oben, da es Keim nur war? Des Werdens Träger sahen sie, der Kräfte zagen Urbeginn. Selbstsetzung, die da unten lag, und Angespanntheit oberhalb. Doch wer soll diesem Urbeginn, als alles umgeschaffen ward, in klaren Worten Ausdruck leih'n? Selbst Göttern ist es ja versagt, da diesseits von der Schöpfungstat ihr erster Ursprung Dasein ward! Wenn Göttern also Willen fehlt, wem sollt' es sonst zu eigen sein? Er aber, von dem, machterfüllt, die Schöpfung einst geworden ist, gleichgültig ob er sie erzeugt, ob sie auch nicht Erzeugung war, er, der vom höchsten Himmelsraum das Weltgetriebe überschaut, der weiß des letzten Rätsels Grund! – Doch weiß auch er ihn etwa nicht? Pythagoras aber wußte plötzlich, daß sein Geschick, das Geschick, rufend auf den Höhen des Berges Karmel, erfüllt war! Vollendet lag das Wissen um die Urgötter vor ihm, gespiegelt in den vielfältigen andersgearteten Seelen von vier uralten Völkern. Und die letzte Stufe des Wissens hatte ihn dort hingeleitet, wo sich der Ring der Erkenntnis schließt und aus dem Allwissen leise wieder Nichtwissen wird. Da sah er, körperhaft und unerbittlich, die Weiten vor sich, die ihn von seinem hellenischen Heimatstrande trennten. Und er wollte verzagen, jetzt, am Ziele, jetzt, da er wollend und getrieben, tätig und erleidend, den Gipfel dessen gewonnen hatte, was der Befehl seines Daimons gewesen war. Da plötzlich sank Raum, Zeit, Weite und Gefahr vor ihm zurück. Seine Seele begann in unnennbar mächtigen Gesichten das All zu umfassen, es zu umschließen. Und als die Zeit zerbrach, stieg er rückwärts hinab in die Folge der Wiedergeburten und erlebte sich schaudernd und wonnevoll als Euphorbos, als Pyrander. Und weiter riß es ihn zurück vor die Zeiten des Krieges um Ilion. Düsterer und wilder, fleischlicher und tiernäher wurden die Vorleben, in die er zurücksank. Bis in den Urzeiten der Götter und Heroen plötzlich Hermes vor ihm stand. Hermes, der hellenische Gott, der auch Thot war, der ägyptische dreimal größte, und dessen Sohn er war. Er, jener rätselhafte Erste, jene erste Geburt seines irdischen Leibes. Sein Körper fieberte unter den wilden Schauern der Zeitzersprengung, der hemmungslosen Rückschau. Und sein Geist wollte das Rätsel umfassen. Da tönte leise, traumhaft, wie durch Nebel jener letzte Vers des Schöpfungsmythos in seinem Gemüte; jener Vers vom größten, vom unbekannten Gotte, der weiß des letzten Rätsels Grund! – Doch weiß auch er ihn etwa nicht? Sieghaft aber zerrissen plötzlich die Nebel stummer, duldender, allweiser Wissensentsagung. Und hoch stand der Spruch des Weißen Yajurveda oberhalb der Schneeberge Indiens, der heilige, allsiegende Spruch: Wenn alle Wesen du in dir; und dich in allen Wesen siehst, dann hast Allwissen du erreicht, dann ist dir nichts mehr ungewiß! Zweites Buch Harmonie der Sphären XVII Das phönikische Schiff stand mit dem Buge gegen Mitternacht. Schlaff hing das hohe Segel am Maste, denn kein Windhauch kräuselte die Fläche des Inselmeeres. Nur die langen Ruder peitschten in mächtigem Gleichklang die glasige Bläue. Es war einer jener süßen jonischen Herbstnachmittage, einer jener bakchischen Nachmittage, an denen die glühenden Trauben sich in letzter Reife dehnen; und ein flirrendes, helles Singen, ein Rhythmos in der unfaßbar klaren Luft liegt, der die Erfülltheit des Lebens, die Sättigung des Gewordenseins in wehmutloser Heiterkeit kundgibt. Zur Rechten ragte das Vorgebirge Mykale wie eine Brücke gegen Samos, und der Schimmer Milets gleißte halb im Rücken des Schiffes. Vorwärts aber dehnte sich lang und wuchtig die Insel selbst, Samos, die Heimat! Und Pythagoras, der an den Planken des Vorschiffes lehnte, betete in stummer Ergriffenheit zu den vertrauten Schroffengipfeln seines väterlichen Eilandes. Vom westlichen Kantharion, zu dem die überragende Höhe des waldigen Kerketeus abfiel, hinweg über die Hänge des Assoron und Ampelos, wanderte sein trotz aller Gewißheit ungläubiger Blick bis zur Ebene des Ostens, aus der sich der Tempel der Hera erhob; und weiter, wo die Feste Astypalaion schwebend die kyklopischen Mauern der Stadt überhöhte, der Stadt, die weiß und glitzernd aus satten Hainen, das Graugrün stets durchbrechend, sich breitete; und mächtige Dämme und Molen in die Glätte des Meeres hinaussandte. So sah Pythagoras an einem bakchischen Nachmittage die Heimat wieder, die er in einer schwülen, ahnungsvollen Vorsommernacht fliehend verlassen hatte. Und Hellas drang von allen Seiten urgewaltig in seine Seele. Zuerst war es ein Staunen über die spielzeughafte Kleinheit der Tempel und Paläste, Mauern und Häuser. Dann aber versank der Stoff, und die Form gewann über ihn Gewalt. Und diese Form war es, dieser unausdrückbare Zusammenstrom von Bergen, Farben, Hainen und Bauwerken, von Oliven, Weingärten und Häfen, von Meer und Luft, was seiner Seele tief im Untersten ein Brausen und Jubeln entpreßte, was die letzten Kräfte und Wünsche seines Gemütes unentrinnbar packte und ihm das Gefühl endgültiger, unübertrefflicher Größe lieh. Nur wie riesige, unverständliche Schatten standen dahinter Theben und Memphis, Babylon und Persepolis. Näher rückte das Schiff den Dämmen und Molen von Samos, das ihn von Tyros hiehergebracht hatte. Ein sonderbares Zusammentreffen, ein Wunder fast war es gewesen, das ihm diese Heimkehr ermöglicht hatte. In kurze Zeiten zusammengedrängt, waren wilde Schicksalswechsel an ihm vorbeigejagt. Als nämlich der Winter gewichen war, hatten die Inder gewähnt, es sei gelegene Zeit zur Flucht. Und wieder war er mit Karawanen durch die Wüsten Baktriens gezogen. Diesmal westwärts. Wer könnte die Unbilden und Ereignisse dieser Irrwege beschreiben? Plötzlich hatten ihn persische Reiter ergriffen und als Gefangenen nach Persepolis geschleppt und er hatte grausamen Tod oder lebenslange Sklaverei vor sich gesehen. Doch es war anders gekommen: In den herrlichen Hallen von Persepolis war er vor dem Throne des erhabenen Dareios gestanden, der ihn lange mit wehmütigem Lächeln betrachtet hatte. »Pythagoras, kehre heim nach Samos!« hatte der König gesagt. »Kehre heim, denn meine Macht ist geringer als die Macht deiner Freunde! Demokedes hat mir sein Wort gebrochen und ist nicht zurückgekehrt! In Kroton hat er das Schiff verlassen und die Perser, die ich ihm mitgab, führerlos ihrem Schicksale preisgegeben. Unkundig der Gewässer und Klippen, litten sie Schiffbruch. Die Hellenen aber nahmen sie gefangen und bedrohten sie mit Sklaverei. Da hat nun Gillos aus Tarent, jener Gillos, den seine Vaterstadt verbannte, die Söhne Ahura-Mazdas losgekauft und als Dank von mir gefordert, ihm durch Fürsprache Heimkehr nach Tarent zu vermitteln; und außerdem Demokedes zu verzeihen und dich, Pythagoras, aus der Gefangenschaft zu entlassen. Er wußte, dieser Gillos, daß Ahura-Mazda von seinen Anbetern Dankbarkeit fordert! Was sollte ich tun? Soll ich Demokedes zürnen, der mich und die Königin heilte? Soll ich dich töten, der du die reine Lehre zu den Daevas-Anbetern bringen willst? Geh, Pythagoras! Geh und lehre dein Volk, daß auch die Heiligung der Wahrheit oberstes Gebot ist! Ahne ich doch, daß ich nicht würde kämpfen müssen, um in das Herz von Hellas einzudringen. Würde doch aus eurer Mitte, wie stets bisher, der Verräter erstehen, bereit, meine Heere durch Pässe und durch verschlossene Tore zu führen. Geh, Pythagoras! Vergiß den Ton der Bitterkeit, der meine letzten Worte bewegte! Geh und sei glücklich! Vielleicht hat dich die Lehre Zoroasters soweit erleuchtet, daß du in Hellas das beginnen kannst, was meine Heere vollenden werden!« Und Pythagoras war in aller Gnade, überhäuft mit reichen Geschenken, entlassen worden, und ein sicheres Gefolge hatte ihn bis Tyros gebracht, wo er an Bord des phönikischen Schiffes gestiegen und nach Norden gesegelt war. Als Pythagoras, erfrischt durch ein laues Bad, das Gelaß seines greisen Vaters betrat, lag das letzte Flirren der untergehenden Sonne im Räume. Ein tiefer, fast jenseitiger Friede, eine Ruhe ohne Vorbehalt und ohne das Aufschrecken durch verwirrende Gedanken und Sorgen war in seinem Gemüte. Eine Stille, die ihm um so mehr wohltat, als sein Herz auf dem Wege vom Hafen zum Vaterhaus herauf wild gepocht hatte. Alle hatte er wiedergefunden, von denen er vor unzähligen Jahren gegangen war. Alle! Deshalb war die Ruhe über ihm. Und der Kaufherr Mnesarchos, der hohe würdevolle Greis, wollte sich bei seinem Eintritte erheben. Da stürzte Pythagoras vor ihm auf die Kniee und bedeckte seine Hände mit Küssen. Als er aber endlich wieder aufgestanden war und einer weisenden Geste des Vaters folgend sich ihm gegenüber niedergelassen hatte, sagte Mnesarchos voll und stark: »Ich habe auf dich gewartet, Pythagoras! Ich wußte, daß du heimkehren würdest, ehe mich das Schattenreich umfangen hätte. Es hat sich vieles, allzuvieles geändert seit deiner Abreise, in mir und um mich!« Pythagoras antwortete leise. Fast scheu war seine Stimme, als er anhub: »Schon als du mir den Weg zur Priesterschaft Ägyptens ebnen halfst, wußte ich, daß du mir verziehen hattest. Beides verziehen, was gleicherart deinem Planen widersprach. Doch glaube mir, Vater, daß nicht Mißachtung deines Berufes mich andre Ziele als den Reichtum suchen ließ. Wähne auch nicht, daß ich floh, leichtsinnig und eigenwillig, ohne zu bedenken, wie großen Schmerz ich dir dadurch bereitete!« »Sprich nicht weiter!« fiel ihm Mnesarchos lächelnd ins Wort. »Laß das alles! Du hättest als Vater, ich als Sohn nicht anders gehandelt. Ist es doch das traurige Vorrecht des Älteren, zweifelsüchtig die stürmischen Träume der Jünglinge zu belächeln und vorzusorgen, daß nichts Unwiderrufliches erfolgt ist, wenn sie einmal zur Nüchternheit erwachen. Ich hatte nichts zu verzeihen! Denn als ich sah, daß deine Träume Wirklichkeit zu werden anhuben, als Jonien von deiner Begabung widerzuhallen begann, als ein Thales dich nicht als Schüler verschmähte, da mußte ich, der Ältere, einsehen, daß dein Traum mehr Berechtigung gewann als meine Träumereien. Es war kein Schmerz für mich! Wie könnte es den Vater schmerzen, den Sohn über sich selbst, über seinen Beruf, über sein Ziel hinauswachsen zu sehen? Du hast Brüder, Pythagoras! Brüder, die zwar an den stolzen Schwung deines Geistes nicht heranreichen, die aber gleichwohl fähig und tüchtig genug sind, das kleine sterbliche Ziel weiterzuführen, das ich mir steckte. Sie werden das Vermögen unsres Hauses vermehren und die edle Kunst des Steinschneidens weiter pflegen und werden Samos an Ruf und Wohlhabenheit bereichern. Dir aber werden sie helfen, frei von Sorge und Not, ein großes Ziel zu erreichen. Wir wissen, was wir dir schulden, Pythagoras! Nicht als Eltern, nicht als Brüder und Verwandte! Nein! Als Hellenen, Pythagoras!« Tränen standen im Auge des Pythagoras. Tränen der Rührung und Begeisterung. Und er erwiderte schnell: »Ich habe nur die Gaben des Verstandes und Herzens, die ich von dir, Vater, erhielt, fortgebildet und treu gehütet! Noch habe ich nichts Eigenes geschaffen, noch liegt in mir Eindruck neben Eindruck, Erinnerung neben Erinnerung. Vielwissen ist in mir, noch nicht Weisheit! Marmorblöcke wuchten auf dem Arbeitsfelde meines Gemütes; ein Bau aber ist noch nicht getürmt. Bisher trug mich das Geschick. Jetzt werde ich selbst Schicksal, selbst Führer sein müssen! Ich glaubte einst, der entscheidende Schritt meines Lebens sei meine Flucht gewesen. Heute weiß ich, daß alle Entscheidung noch vor mir liegt! Darum dankt erst, ihr Hellenen, wenn ich euch in Wahrheit beschenkte!« Er schwieg. Mnesarchos sann vor sich hin und wollte widersprechen. Doch er fand, daß Widerspruch vielleicht nur die erhabene Stimmung zerschlagen hätte können, die jetzt über ihnen lag. So sprang er im Gespräche von der bisherigen Linie ab und lenkte es in andre Zonen. »Ich sagte, daß sich vieles geändert habe!« begann er nachdenklich. »Vieles um uns! Du dürftest wissen, daß der große, glückliche Polykrates ein gräßliches Ende fand. Seit seinem Tode gehört Samos nicht mehr sich selbst, wie alle die Städte und Inseln Joniens. Wer hätte diesen Umschwung im Verlaufe eines kurzen Mensohenalters geahnt? Wer gewähnt, daß Satrapen des übermütigen Barbaren uns nach Gutdünken Tyrannen senden würden? Gewiß ist äußerlich, ganz an der Oberfläche, wenig verändert worden. Dem Polykrates folgte sein Bruder Syloson und jetzt herrscht Aiakes, der Sohn Sylosons, der eben den Dareios auf seinem Zuge gegen die Skythen begleitet. Alle diese abhängigen Tyrannen umschwirren das grelle Licht des mächtigen Barbaren. Alle, wie sie auch heißen: Strattis von Chios und Leodamos von Phokaia und Histiaios von Milet sind unter ihnen und viele andre. Und weil sie den Barbaren umschmeicheln, hat er seine Truppen nicht in unsre Städte gelegt und wir können weiter in Wohlstand ohne Bedrängnis leben. Doch ist trotz allem mit der Freiheit etwas von uns gewichen, ein unmeßbares Lebensschäumen, das bisher uns Jonier zu den Ersten von Hellas machte. Wie aber der eine Arm der Waage steigt, wenn der andre sinkt, so ist im äußersten Westen seit unsrem Niedergange ein andrer Zweig von Hellas erstanden und wirbelt zu schwindelnder Höhe empor. Tarent ist es und Sybaris und Kroton, Metapont und Syrakus. Groß-Hellas, das größere, das neue, jetzt das eigentliche Land der Hellenen! Und was wird folgen, wenn Dareios stirbt? Weißt du das? Du kennst ihn, wurdest durch ihn befreit und beschenkt. Ich brauche dir also nicht zu sagen, daß ihn selbst die Ägypter lieben und ihm gleich ihren eigensten Königen göttliche Verehrung aus freien Stücken zollen. Was wird geschehen, wenn ein neuer Kambyses auf Dareios folgt?« Plötzlich hob Mnesarchos den Blick. »Wir wollen nicht trüben Gedanken unseren Sinn leihen!« sagte er fest. »Sieh dorthin, mein Sohn! Dies sind die Gewänder, die ich vorbereiten ließ, damit du auch äußerlich wieder ein Hellene seiest!« Und er wies gegen eine Truhe, auf der herrliche jonische Himatien aus zartestem purpurgefärbten und bortenverbrämten Gewebe hingebreitet lagen. Und er winkte gebieterisch Schweigen, als Pythagoras, von heißem Danke überwältigt, den Mund auftun wollte. »Noch etwas«, fuhr er fort, »noch etwas habe ich vorgesorgt. Du bist kein Jüngling mehr, Pythagoras! Auch hast du lange genug mit eigenen Händen schwerste Arbeit verrichtet. Jetzt sollst du andre Hände erhalten, die für dich arbeiten, gute, starke, willige Hände!« Und er schlug mit einem Stabe gegen eine eherne Schale, daß ein heller Klang in der Luft zitterte. Als der Ton aber noch kaum verweht war, stand ein riesenhafter, blondhaariger Sklave im Gelasse, der seine blauen strahlenden Augen fragend auf Mnesarchos richtete. Der Kaufherr sagte lächelnd: »Siehe, mein Sohn! Dies ist Zamolxis, der Thraker! Er ist ein wilder, ungebärdiger Diener. Doch ist er treu und stark. Er ist von jetzt an dein Sklave! Willst du ihn zum Geschenke nehmen?« Da blickte der Thraker erstaunt und fragend gegen Pythagoras, der sich erhoben hatte und auf ihn zugeschritten kam. Als aber seine Augen den Riesen trafen, geschah etwas Sonderbares. Zamolxis warf sich verzückt vor seinem neuen Herrn auf den Estrich und umfaßte seine Kniee. Dann rief er wie in hellem Jubel: »Du bist es, bist es, von dem ich schon als Kind in den Bergen meiner Heimat hörte! Du bist es, der alle Völker, alle Stämme des Weltkreises zurückführen wird zu den heiligen Gärten und seligen Zeiten, die sie verloren. Du bist es, bist der Mann mit dem göttlichen Blicke! Wie bin ich froh, daß ich dein Sklave sein darf!« »Ich will dir ein milder, gerechter Herr sein!« sagte Pythagoras leise und erschüttert über das unerwartete, unverständliche Vorzeichen, das sich durch den Mund dieses schlichten Menschen offenbarte. Mnesarchos aber schüttelte sinnend das Haupt: »Nein, Pythagoras!« setzte er, wie anknüpfend an längst Gesprochenes, fort. »Nein, mein Sohn! nicht nur ein Vielwisser, nicht nur ein Weiser bist du! Auserwählt bist du vom Schicksale, ausgewählt unter Unzählbaren zum Führer und Erneuerer! Denn der harte Sinn dieses starken Zamolxis ist die Wahrheit. Die Wahrheit selbst! Und niemandem außer dir hat er bisher die Proskynesis geleistet. Aus deinem Antlitze muß für Sehende, für Menschen, die dem Anbeginn noch näher sind, etwas leuchten, das wir selbst nicht sehen: Weder du, noch ich, noch die anderen stumpfen Zeitgenossen! Doch jetzt leb wohl, Pythagoras! Will doch auch deine Mutter den sehnsuchtsvoll Erwarteten noch begrüßen, bevor dich Zamolxis in das Landhaus deines Bruders geleitet, wo ein fröhliches Symposion deiner harrt. Und auch dein zweiter Sklave, Aristaios, der Lydier, wird sich dir anschließen, nachdem er dir geholfen hat, die Gewande anzulegen. Leb wohl, mein Sohn und verzeihe mir, daß mein Alter den Anstrengungen eines munteren Zechgelages nicht gewachsen ist!« Pythagoras verließ jedoch den Vater erst, als sich sein Dank und seine Beglückung in heißen, innigsten Worten vollen und würdigen Ausdruck geschaffen hatte. Es war viel Leben in den abendlichen Straßen, als Pythagoras, angetan in die neuen Festgewänder, gegen Westen schritt. Wenige Ellen hinter ihm gingen die zwei Sklaven und trugen Fackeln für die Nacht und eine kleine Truhe mit Willkommgeschenken. Pythagoras setzte wie im Traume einen Fuß vor den andern. Kaum achtete er des wohlbekannten Weges und merkte nur hie und da auf, wenn Häuser fehlten, die er einst gekannt hatte, oder Straßen sich hinzogen und neue Tempel und Paläste emporwuchsen, wo früher Haine und Gärten ragten. Was ihn jedoch am meisten zur Betrachtung aufforderte, waren die Menschen, die jetzt, nach Sonnenuntergang, über die glatten Fliesen des Pflasters lustwandelten und in plaudernden, munteren Gruppen beisammenstanden, während wohlklingende, geistvolle Gespräche bruchstückweise den Vorbeieilenden erreichten. Fast glaubte er nicht dem Zeugnis seiner Sinne, sosehr war er dieses Anblickes entwöhnt. »So viele Hellenen, Hellenen, wie weit auch der Blick reicht! Nur Hellenen!« summte es in seinen Gedanken. Und er lächelte, da er es nicht begreifen konnte, woher die vielen Hellenen kamen und warum die zahllosen Fremdvölker, alle die Ägypter, Perser, Babylonier, Elamiter, Inder, und wie sie alle hießen, hier fehlten. Dabei aber legte sich, den Tiefen seines Gemütes entstiegen, ein wonnevolles Gefühl von Geborgenheit und Sattheit über ihn; und alle die furchtbaren Kräfte, die er jahrelang der ihn umbrandenden Fremdheit als Einzelner, als Einziger hatte entgegenstemmen müssen, um nicht im Wesenskerne seiner Eigenart erdrückt zu werden, durften endlich für kurze Weile schlummern. Noch etwas aber war da, das wieder in anderen Tiefen seiner Seele mächtige Bewegung wachrief, das sogar für Augenblicke die gewonnene Ruhe zerstörte: Die Frauen und Mädchen, die klugen, aufrechten, ebenmäßigen Jonierinnen, die es so wohl verstanden, Körper und Geist, Geste und Blick zu liebebereitem und anspruchslosem Getändel zu vereinigen, gewannen in ihrer bunten Vielfalt und charitischen Zauberei, in ihrer nahen Stammesverwandtschaft Macht über die schlafenden Sinne des Weltkreisdurchwanderers. Doch er verweigerte auch diesem kleinen Versuch seines Glückstrebens, sich allzu heftig vorzudrängen, Eintritt in seine Seele und tötete die verweilende Ergötzung seiner Gedanken und Gefühle durch die Schärfe seines Verstandes, indem er sich in der Einbildungskraft vorwärts versetzte und einsah, daß nach wenigen Tagen dieses Gefühlsströmen der Heimkehr einer Gewöhnung und Ernüchterung weichen würde. Sie näherten sich der Grenze der Stadt. Ein mächtiges Tor durchbrach die Stadtmauer und ließ sie in die Ebene hinaus, wo fern und hoheitsvoll der Tempel der Hera am Ende einer schnurgeraden Straße ragte, und in üppigen Gärten wahllos eingestreut die zauberschönen Landhäuser der reichen Bürger lagen. Bald bogen sie von der Straße ab und schritten, schon in tiefer Dämmerung, auf schmalen Pfaden zwischen weißen Mäuerchen dahin. Bis sie endlich, an aufblitzenden Lichtern vorbei, die den Landhäusern entglitzerten, das Ziel ihrer Wanderung erreichten. Der Bruder war von der Heimkehr schon verständigt und ließ es weder an herzlicher Begrüßung, noch an äußeren Zeichen seiner Festesfreude fehlen. Gesinde und Verwandte waren versammelt, um den Gast zu empfangen, und die Töchter des Bruders, süße jonische Mädchen, küßten scheu und ehrfürchtig den stolzen Mann, der für ihr Gefühl ein Fremder und nur für ihren Verstand der Oheim war. Pythagoras aber lächelte und wunderte sich, daß das Schicksal ihm auf diesem sonderbaren Irrwege so schnell einen flüchtigen Hauch, einen zarten verwehenden Duft hellenischer Liebeswonne zugefächelt hatte. Dann aber schloß er den Bruder in die Arme, den mächtigen Kaufherrn, den er zum letztenmal als unmündigen Knaben gesehen hatte. Und lächelte wieder und freute sich, daß das Leben fortwirkend auch dann seinen beglückenden Weg ging, wenn dieses anmaßende Selbst, das jeder für die Voraussetzung des Geschehens hielt, sich in unerreichbaren Fernen und Fremden umhertrieb. Und ein sonderbarer Zufall wollte es, daß derselbe kindlich-eigenwillige Gedanke vom Bruder zu Worten geformt wurde: »Den Göttern Dank!« sagte dieser heiter. »Dank ihnen allen, daß sie auch dann aus einem Manne etwas machen, wenn ich nicht wachsam dabei bin!« Die Brüder betraten den prächtigen Raum, in dem schon die Gäste beim Symposion lagerten und den heimgekehrten Weisen mit lautem Zuruf begrüßten. »So viele Hellenen! Nichts als Hellenen! Kein Wort fremder Zunge!« klang es wieder in den Gedanken des Pythagoras. »Er soll Symposiarch sein!« ließ sich eine Stimme vernehmen. »Wohlan, Pythagoras, nimm deinen Platz ein und vergiß nicht, daß du unter Samiern weilst! Nichts Neues sind uns weite Fahrten zu Wasser und zu Lande! Da wir dir aber gern den Siegespreis zuerkennen wollen, möge jeder erzählen, wieviel fremde Städte er gesehen hat. Du als letzter, Pythagoras, da ich fürchte, daß sonst keiner von uns noch zur Erzählung kommt!« Alle lachten. Pythagoras aber stimmte sogleich in den ungezwungenen Ton ein, lehnte sich auf seinen Platz und fragte: »Fürchtest du meine Geschwätzigkeit oder die Länge meiner Reisen? Diese Frage sollst du mir ohne Schonung beantworten! Ich will dich jedoch nur darauf hinweisen, daß lange Reisen dazu angetan sind, samische Eigenschaften abzulegen.« »Dann sind nur mehr seine Reisen zu fürchten! Im übrigen danke ich dir, Pythagoras, daß du den vorlautesten Schwätzer unsrer sonst so schweigsamen Stadt sogleich eingehend belehrtest!« lachte ein andrer. »Doch wir wollen jetzt trinken und den Mann feiern, der den Ruhm von Samos am weitesten in die Welt hinaustrug!« Dunkler Samierwein mischte sich im ehernen Krater mit kaltem Quellwasser, und die Becher standen, bis zum Rande gefüllt, vor den Gästen. Pythagoras aber sagte: »Dieser Wein, gewachsen auf freien jonischen Berghängen, gereift in einer Sonne, die nur das Reine und Gute liebt, sei auf ein Hellas dargebracht, das alle Knechtschaft stolz von sich wirft! Auf ein Volk, das gierige Barbaren ebenso verjagt wie unedle Sitten und unreine Götter!« Und er trank. Alle aber stimmten begeistert in seinen Trinkspruch ein, obwohl sie nicht ganz klar erfaßten, was er mit den unreinen Göttern meinte. Heiter und ungetrübt nahm das Gelage seinen Fortgang. Scherzworte und packende Schilderungen weiter Reisen, Betrachtungen über Aussprüche von Dichtern und Weisen schwirrten hin und wider. Und Flötenspielerinnen und Tänzerinnen belebten die erhitzten Sinne mit schmeichelnden Tönen und geschmeidigen Rhythmen. Schon war einigen Zechern der schwere Wein zu Kopf gestiegen. Da lallte plötzlich ein reicher Kaufmann: »Darf ich dich fragen, Pythagoras, wozu deine ganze Weisheit dient? Ärmer, scheint mir, bist du heimgekehrt, als du auszogst. Mein Sohn darf kein Weiser werden, denn ich fürchte, daß meine Enkel sonst hungern würden.« »Der Wein ist stark! Wozu solche Reden?« versuchte ein zweiter die Mißstimmung zu bannen, die diese ungeschlachte Frage bei Pythagoras zu erwecken drohte. »Nein, er soll mir antworten! Ein Weiser muß antworten können, wenn man ihn fragt! Sonst ist er kein Weiser, sondern ein Tölpel!« beharrte der Trunkene starrsinnig. Pythagoras aber lächelte, obwohl es wie leise Wehmut ihn ankroch. »Ich bin kein Weiser!« antwortete er mit starker Stimme. »Vielleicht auch kein Tölpel. Das aber sollen andre entscheiden! Da du jedoch wissen willst, was Weisheit trägt, mag dir ein Weiser an meiner Stelle Bescheid geben: Ein Mann, vor dessen Urteil selbst du dich beugen wirst! Höre: Thales wurde einst von einem vorwitzigen Milesier gefragt, was wohl die Weisheit eintrage. Darauf schwieg er, behielt sich aber vor, der Stadt bei gegebener Zeit Auskunft zu erteilen. Nun hatte ihn – es war im Frühling – seine durchdringende Kunst instand gesetzt, mit Bestimmtheit zu wissen, daß der Sommer eine überaus reichliche Öl-Ernte bringen werde. So ging er hin und mietete, ohne einen Grund anzuführen, sämtliche Öl-Pressen in Milet und in der ganzen Umgebung. Alle Milesier, der Vorwitzige voran, der längst seiner Frage vergessen hatte, schüttelten die Köpfe und raunten, Thales sei durch lauter Sternguckerei nun vollends von Sinnen gekommen und werde zugleich mit dem Verstande noch den Rest seines Vermögens einbüßen. Denn die Summen, die er zahlte, um alle Pressen in die Hand zu bekommen, waren in Wahrheit übermäßig große. Da lag der Sommer über Milet und die Ölbäume brachen fast vor Üppigkeit. Und alles führte die Früchte zu den Pressen, um den Segen der Ernte möglichst rasch zu verwerten. Wer aber schildert die verdutzten Mienen der guten Milesier, als von Tag zu Tag der Preis des Auspressens in die Höhe schnellte? Nichts half! Anfangs wollte man Trotz bieten. Als aber die aufgestapelten Olivenladungen zu verderben drohten, mußte man sich murrend der Tyrannis der Preise beugen. Thales aber, der in jenem Sommer sein Vermögen verzehnfachte, der es dazu gebracht hatte, daß ganz Milet im Winter teureres Öl verbrauchen mußte, obwohl die Ernte so reich gewesen war, lud den Vorwitzigen und andere Milesier zu sich, gab ein prunkvolles Gastmahl und sagte: »Seht, ihr Wißbegierigen, die ihr hier um euer eigenes Geld ein herrliches Festmahl abhaltet! Seht, dazu dient die Weisheit, wenn es ihr einmal beifällt, die reine Sphäre ihrer Arbeit zu verlassen und sich auf euer Gebiet zu begeben!« Alle lachten hellauf und jubelten Beifall. »Euoi Bakche! Eua Thales! Heil der Weisheit!« riefen sie durcheinander. Der trunkene Kaufmann aber ließ auch jetzt nicht nach und murrte: »Eine sehr witzige, sehr sonderbare Geschichte! Hoffentlich wirst du nicht die Weinkeltern von Samos mieten und unsren Wein verteuern, Pythagoras! Damit du aber nicht allein das große Wort führst, werde ich dir jetzt eine andre Geschichte erzählen. Eine, bei der es dem Weisen schlechter ergeht als deinem Thales! Kennst du den Pherekydes? Was frage ich? Wie könnte ein Weitgereister ihn nicht kennen? Nun gut! Dieser Pherekydes war so weise, daß er die Götter lästerte; daß er wähnte, die Götter seines Kopfes, die Götter seiner Hirngespinste seien besser und reiner als die wahren Götter, an die alle Hellenen glauben. Nun hat ihm seine Weisheit den Lohn eingetragen! Auf Delos liegt er im Sterben, die Phthiriasis zerfrißt seine Glieder und ...« weiter kam er nicht. Denn Pythagoras war erbleicht und aufgesprungen. »Pherekydes im Sterben? Ist es wahr?« preßte er hervor. »Er spricht die Wahrheit!« nickte sein Bruder. »Alles Volk fabelt von der Götterstrafe. Wir wollen morgen davon reden. Laß dir nicht die Freude stören, Bruder! Ist er doch schon ein alter Mann und trägt sein Leiden, wie es einem Weisen geziemt!« Pythagoras hatte sich zwar wieder niedergelassen und hatte versucht, seine Erregung zu meistern. Die Heiterkeit jedoch war verflogen. Nicht so sehr wegen der furchtbaren Nachricht. Denn Tod und Grauen, Krankheit und Schrecknis hatte er schon zu viel erlebt, als er in Kemi und Babel weilte. Nein, die krasse Undankbarkeit, die schmähliche Verleumdung, die nach jenem einsamen, gottbegeisterten Weisen griff und den noch Lebenden der Verachtung preisgab, war es, was ihn zutiefst empörte. Und der Krämersinn und der kindische Aberglaube der Hellenen erschreckten ihn und ließen ihn für sein eigenstes Ziel erzittern. Und er dachte der Worte des Demokedes und des Dareios und fühlte das Heranbranden der Barbaren. Und sein Volk fluchte den Weisen und fragte stets wieder nach dem Geldertrag des Urwissens? Längst war der scheelsüchtige Kaufmann eingeschlummert, längst waren die Gäste fortgegangen. Blaues, kaltes Morgenlicht lag über den Hainen, als Pythagoras, umflort vom Dunste des Weines, stumpf vom Gelächter und ernüchtert durch Enttäuschung, mit seinen Sklaven zum Meeresstrande hinunterstieg, seine Kleider fortwarf und in den schäumenden Fluten der Brandung neues Gleichmaß seines Gemütes, neue Kraft zu Entschlüssen suchte. Da ihm nur kurze Stunden geborgener, beseligender Ruhe beschieden gewesen waren! – XVIII Als wenige Tage später Pythagoras am Altare des Apollo Genetor auf der heiligen Insel Delos das unblutige Opfer, das Backwerk und die Früchte, darbrachte, stand ein grausiges Bild vor seiner Erinnerung. Opfer! Welchen Spielraum umfaßte dieses Wort! Nicht nur im Laufe der Äonen! Nein, heute noch, heute, da ein großer Teil der Menschen besseres Wissen hätte besitzen können. Und er sah Opfertiere verzucken, sah Ströme dampfenden Blutes über Steinfliesen träufen, die schwarz und verwittert waren vom Lebenssafte der früher Geschlachteten. Fettdunst wähnte er zu riechen und verkohlte Schenkelstücke, Asche rauschte zuhauf und flog, alles schwärzend, im schwülen Winde. Asche des Lebendigen, des jammervoll verdorbenen Tieres, das eben noch im Lichte seine Glieder gestreckt hatte. Noch Grauenvolleres zog seine Empörung an die Oberfläche klaren Gesichtes: Wüst und kalt, durchbraust vom Sturme der Steppen, lag das Land Gerrhos, das äußerste Ende des skythischen Reiches. Der König der Skythen war gestorben und heischte sein Totenopfer. Und die wilden schweifenden Reiterscharen, die gewohnt waren, aus den vergoldeten Schädeldecken erschlagener Widersacher johlend den Rauschtrank zu schlürfen, hatten dem Könige die weite Grube geschaufelt und ihn hineingelegt, überzogen mit Wachs, das Innere mit Spezereien gefüllt. Und sie schleppten jetzt eines von den Kebsweibern des Königs hinein und den Mundschenk, den Koch, den Stallmeister, den Bereiter der Pferde; und erdrosselten sie, auf daß der König nicht allein wäre. Dann türmten sie den Hügel und ritten davon. In Jahresfrist aber kamen sie wieder und brachten fünfzig Jünglinge mit und fünfzig edle Pferde. Denn wieder heischte der König ein Opfer. Und sie schlachteten die Jünglinge und die Pferde, nahmen ihre Bäuche aus und füllten sie mit Spreu. Dann zogen sie Stangen die Länge lang durch die Leichname, stellten Pflöcke auf und Halbreifen, bis die furchtbare Wache des toten Königs in gräßlicher Starre dastand. Fünfzig tote Reiter, im Kreise auf endloser Steppe. Graues, düsteres Gewölk jagte über den Himmel. Verzerrt blickten die Antlitze. Und der Wind johlte und die Skythenscharen fegten davon über die Weiten, stolz und befriedigt. Denn das Opfer war nach heiliger Regel vollbracht. – Pythagoras riß seine irrenden Gedanken aus dem Grauen mißverstandenster Gottheit zu den munteren Rauchsäulen zurück, die über den Honigkuchen und Feigen, über Granatäpfeln und zierlichen Nüssen, auf dem Würfel des Apollo-Altars emporquirlten. Sonderbar schien es ihm, dem hermetischen Priester, daß alles Volk das Opfer umstand und jeder der Hellenen, ob Priester, ob Ungeweihter, die Ausübung der Spende vollführte. Und daß Hellenen um ihn waren, nur Hellenen! Tief lag unter ihm das Meer, das an die Uferfelsen von Delos und der anderen, verwirrend mannigfaltigen Inseln heranrollte, die allenthalben aus der endlosen Fläche hervorstachen, auf ihr zu schweben schienen. Er ließ seine Sklaven zurück und befahl dem Zamolxis, ihm erst später zu folgen. Dann sprach er noch die vorgeschriebenen Gebete und machte sich auf den Weg. Der erste Delier, den er nach Pherekydes fragte, blickte ihn erstaunt an, wies ihm eine verächtliche Geste und schritt weiter, ohne zu antworten. Noch einige Male erging es Pythagoras in gleicher Art. Bis endlich ein kleines Männchen mit dickem Leibe und Spinnenbeinen, das bettelnd irgendwo auf einem Wegrande saß, kichernd und bösartig dem besorgten Fragenden mehr Auskunft erteilte, als ihm erwünscht war. »Spute dich, Fremdling!« überjappte sich der Zwerg. »Renne dort den Hügel hinan, sonst hat ihn inzwischen die wohlverdiente Krankheit schon ganz verzehrt. Oh, diese Gottlosen! Wie mild ist doch die Strafe in Anbetracht des Frevels! Keine Zunge mehr soll er haben und keine Nase. Er hüpft auf einem Bein und nimmt Speise durch einen Schlund, der auf seiner Brust klafft. Spute dich nur! Hüte dich aber, wenn du auch ein Frevler bist; denn auch dich kann die Krankheit ereilen!« Pythagoras kehrte sich verächtlich ab. Doch da kreischte ihm der Zwerg nach: »He du! Hörst du nicht? Gib mir drei Obolen, sonst bete ich dir die Phthiriasis auf deinen Leib!« »Bete nur!« Und Pythagoras ging weiter und sah sich nicht um. Plötzlich aber rief er zurück: »Hüte dich, armer Tölpel, mit solchen Gebeten die Götter zu beleidigen! Denn sie könnten rückprallend dich selbst zerschmettern!« Da kicherte der Kleine schrill auf und schnitt hinter dem Entschreitenden allerlei widerliche Fratzen und verkrampfte die Spinnenfinger zu boshaften Verwünschungen und Bezauberungszeichen. Pythagoras stieg langsam in einem Hohlwege, dessen Flanken von üppigen Rebengeländen gesäumt waren, aufwärts. Dunkelblau wölbte sich ein wolkenloser Himmel über ihm und summend lag die Herbststille auf den Weinbergen. Ein kleiner Esel, beladen mit Gemüse, trabte an ihm vorüber, neben dem ein Greis herschritt und freundlich grüßte. Sonst begegnete er niemandem. Plötzlich hob sich der Weg aus dem Einschnitte heraus, hörte auf, anzusteigen und lief jetzt fast eben weiter. Zur Linken stand eine flache Bodenwelle, gekrönt von einem ärmlichen, halbverfallenen Weingartenhäuschen. Und vor dem kleinen Grundstück, dessen Mittelpunkt offenbar dieses Häuschen bildete, schloß ein verwahrloster Sparrenzaun den elenden Besitz ab. Knurrend und geifernd schossen zwei zottige Hunde von der Bodenwelle herab und prallten wütend an die Planken. Pythagoras aber wußte jetzt, daß dort sein Ziel sei. Er schritt auf kleinen lehmigen Pfaden gegen den Zaun und achtete kaum der Hunde, die dem Gitter entlang sausten und sich in drohendem Geknurre und keifendem Bellen überboten. Als er aber die Hand an die niedere Türe legte, stellten sie sich auf, stützten die Vorderpfoten auf die obere Kante und fletschten ihm entgegen. Da traf sie sein furchtloser, herrischer Blick und ein leiser Zuruf brachte sie ins Schwanken. Winselnd krochen sie davon und gaben den Eingang frei, als plötzlich, neben der Hütte, abgegrenzt gegen den Himmel, in einen bräunlichen Mantel gehüllt, eine hohe Gestalt stand und durch eine gebieterische Handbewegung und einen gellenden Pfiff die verstörten Tiere zu sich heranrief. Dann tönte es klar herunter: »Fremder, wer du seist, fliehe! Kehr um! Berühre nicht den Riegel des Tores! Hier lauert nur Krankheit, Tod und Verwesung auf deinen munteren Schritt!« Und der Rufer kehrte sich ab und der dumpfe Klang aufgeschaufelten Erdreiches durchdrang die Stille in grausigem Takte. Pythagoras aber öffnete leise den Riegel und stieg durch den wild wuchernden Rebengarten hinan, bis er nur mehr wenige Schritte vom Greise entfernt war, der, abgekehrten Antlitzes, mit einem Grabscheit die lockere Erde aufwarf. Entsetzen kroch ihn an. Denn selbst die wenigen Stellen des Körpers, die das zerschlissene, mißfarbene Himation freiließ, trugen die Spuren der gräßlichen Krankheit. Schrundig und schuppig lagen die verschwärten Borken des Aussatzes auf Beinen und Armen und dicke Narben zogen sich über Hals und Nacken. »Sei gegrüßt, Pherekydes, großer Lehrer des Göttlichen!« sagte Pythagoras leise, wie im Traume, um den Einsamen nicht zu erschrecken. Doch ein furchtbarer Wehschrei, begleitet vom wütenden Aufheulen der Hunde, war die Antwort. Das Grabscheit entfiel den zuckenden Händen des Greises und er riß den Mantel vor das Antlitz, daß er klaffte und die hagere schwärenzerrissene Brust sichtbar wurde. »Hinweg von hier, höhnender Schatten! Wer bist du? Wo hörte ich deine Stimme?« stöhnte Pherekydes in unnennbarem Schmerze auf. Da kniete Pythagoras, der Hunde nicht achtend, die mit gesträubtem Fell und funkelnden Augen gegen ihn heranschlichen, nieder und rief klagend: »Erhabener Lehrer, der du den ersten Wunsch des Gottsuchens in mir wecktest! Pythagoras, der Samier, der Weltkreisdurchwanderer, ist zurückgekehrt, um dem die Treue zu leisten, dem er so vieles schuldet!« Da fielen die Arme des Greises schlaff herab. Und das geistdurchstrahlte Antlitz des Weisen, vor dem selbst die grausame Phthiriasis Halt gemacht hatte, blickte wie in jenseitigem Erkennen gegen den Knieenden. Dann flüsterte er: »Fliehe, Liebster du mir von allen Menschen, denen ich je begegnete! Fliehe! Auch jetzt schon hast du mehr getan, als mein schwaches Bemühen um dich verdient! Ahnst du nicht, welcher Gefahr du Trotz bietest?« Pythagoras stand langsam auf und trat näher. Ein Blick des Pherekydes hatte jetzt die Hunde sosehr gebändigt, daß sie miteinander ungeschlacht zu spielen anhüben. Der Samier aber antwortete: »Ist es nicht größte Gefahr, der Stimme des Daimons Trotz zu bieten? Des Göttlichen, das mir befiehlt, zu dir zu kommen zur Heilung oder Linderung? Sieh, Pherekydes, in kurzem wird mein Sklave Zamolxis an der Gitterpforte erscheinen und die ägyptischen Salben bringen, die ich für dich bereitete. Und jeden Tag wird er einen Korb mit Mundvorrat herauftragen, um unser gemeinsames Leben zu erleichtern. Widersprich nicht, erhabener Lehrer! Du kannst dem Heimgekehrten nicht versagen, was du dem Jüngling gewährtest. Ich dürste nach deiner Unterweisung! Deine Krankheit aber fürchte ich nicht, da ich doch als Priester Ägyptens viel schwerere Leiden sah und pflegte. Gewährst du mir Gastfreundschaft?« Im Antlitze des Pherekydes aber lag jenseitiger Schauer von Freude und Glück. Doch nur einen Herzschlag lang. Dann kehrte er sich langsam ab und sagte mit dumpfer Stimme: »Meine Gastfreundschaft wird kurz sein, Pythagoras! Blick her auf diesen gelben lehmigen Boden, dessen Schollen ich eben aus der tiefen Grube löste! Blick weiter im Umkreise! Wohl zwanzig solcher Gruben schaufelte ich schon, stets hoffend, daß mich der Tod auf ihrem Grunde ereilte und ich hinsänke. Kommen würden dann, so dachte ich, die Regengüsse des Spätherbstes, die Wände würden über mich bröckeln und den Ausgestoßenen, den Gottesfrevler bedecken, da niemand lebt, der ihn vor den Hunden schützt. Jetzt ahnen sie noch nichts, die zwei Hunde, die, ausgestoßen gleich mir, das elende Bettelmahl mit mir stets teilten. Doch sie wären wissend geworden, wissend und gierig und frevlerisch, wenn du nicht gekommen wärst!« Plötzlich blickte er wieder auf und neue Freude kam über ihn. Und er setzte fort: »Jetzt aber werde ich das Grabscheit von mir werfen, denn elysischer Abschied winkt mir! Sieh hinaus, Pythagoras, wie herrlich das Wirrsal der Inseln unter uns sich dehnt, wie die delischen Haine sprießen, wie der Marmor der Tempel schimmert! Hörst du das Meer donnern unter dem Wehen des Euros? Ich aber werde die Bilder in mich saugen, die hellen, süßen Bilder der Oberwelt und werde mich mit dem weisesten Manne unterhalten dürfen, den Hellas beherbergt. Wieder beherbergt, zu seinem großen, unfaßbar großen Glücke!« Pythagoras wagte nicht, das Aufflammen der letzten Lebensfreude des Todgeweihten durch ein Wort, eine Geste zu stören. Still folgte er dem Entrückten, der mühsam Schritt vor Schritt setzte und sich endlich vor der Hütte auf eine moosige Steinbank niederließ. Lange saßen die beiden schweigend und schauten in die Weiten des Archipelagos. Pherekydes begann unvermittelt: »Schwer wirst du leiden, Pythagoras, wenn du Urweisheit diesem Volke mitteilen willst. Höre, was ich dir jetzt sagen will. Nie hat ein Hellene diese Lehre voll verstanden, wenn er sie aus dem Munde eines Stammesgenossen erfuhr. Ratlos, höhnend, zweifelnd stehen diese Menschen vor den Tiefen meiner ›Sieben Hallen‹ und nennen mich den Gottesleugner. Auch du begriffst meine Lehre nicht, Pythagoras, ehe du in Ägypten weiltest. Auch ich erfaßte nichts, bevor mich phönikische Mysterien läuterten. Weißt du den Grund? Klaffend, entzweigespalten ist die Oberwelt und der Hades des hellenischen Geistes. Sosehr entzweit, daß keiner der Hellenen die Verbindung dieser beiden Hallen in tiefster Brust ahnt. So gebiert denn die Unterwelt ihres Gemütes all die herrliche Form, die Bildsäulen, die Tempel, die Gesänge, das Epos. Die Oberwelt aber ist kühl und kindlich und zweifelsüchtig, hält alles Dunkle, Düstere für Gottferne und macht sich ein plattes, liederliches, ganz menschliches Göttergesindel zurecht. Wo aber einmal ihre Tiefe Götter schuf, dort sind sie toll und orgiastisch und schönheitsfremd. Wozu soll ich dir das alles erzählen? Sahst du doch selbst, wie in fremden Ländern Oberwelt und Unterwelt des Geistes zusammenfließen und jene hehren Gestalten erschaffen, die halb Sinnbild, halb Bedeutung sind. Die nur Körper erhalten, weil das Körperlose unsichtbar und unfaßbar ist; und Seelen haben, weil Unbeseeltes nicht wirkend werden könnte. So haben sie mich verlacht, als meine Schrift sie durch Tore und Klüfte, durch Anfänge und Sphären leiten wollte; durch die Sieben Hallen des Entstandenen. Und ihnen Chaos und Äther, Fixsterne und Wandelsterne zeigte. Und die Erde, die, einem geflügelten Eichenwipfel gleich, in der Mitte des Alls schwebt, während Stamm und Wurzeln tief in den Urgrund hinabragen. Und sie lachten gellend, als ich ihnen kündete, daß Zeus, um die Oberfläche des Erdkreises zu bilden, auf den Wipfel dieses Weltbaumes einen bunten Teppich gleichsam ausgebreitet habe, in dem Länder und Städte, Meere und Flüsse und der Ogenos eingewirkt gewesen seien. Und alle die Kämpfe im Wandel der Weltenentstehung verhöhnten sie, glaubten nicht an Kronos, nicht an seinen Feind, den Schlangengott Ophion mit den grausigen Heerscharen. Das sind die Hellenen, Pythagoras! Und trotzdem ist dieses Volk größer und göttlicher als die Völker alle!« Pythagoras aber sann geraume Weile vor sich hin. Dann erwiderte er: »Die Erinnerung hast du in mir geweckt, Pherekydes, an sonderbare Worte, die eine Königstochter Ägyptens einst zu mir sprach. Richtungweisend wurden mir diese Worte. Auch Bertreri erlag dem Schimmer hellenischer Art, ohne sich den letzten Grund dieses Zaubers erklären zu können. Kind aus Samos nannte sie mich. Das ist es: Jung sind wir, so jung, daß wir die widerstrebenden Kräfte unsres Gemütes noch nicht zum Einklang führen können. Harmonie ist, gleich dem Handeln des Kindes, bloß das Werk. Unser Wesen aber entbehrt, zwiegespalten und träumerisch, unbewußt und zweifelnd, des Harmonischen. Aus verschiedenen Zonen unsres Gemütes kommen die Taten. Eins sind sie, weil sie einer Seele Schöpfung sind. Die Seele selbst aber sieht nicht die Einheit des Geschaffenen, sondern nur die Verschiedenheit der Schaffenskräfte. So steht kalte Klarheit neben dumpfer Ahnung, herrliche Form neben frevelhaftem Gehalte. Bei den alten Völkern der Barbaren, bei Persern und Babyloniern und Indern, ist schon Werk und Gemüt zur Einheit geworden. Darum spiegelt auch ihr Geist Götter, die alle Wurzeln des Herzens, alles Licht des Verstandes umfassen. Wie aber sollten aus Kindern Männer und Weise werden, wenn niemand sich fände, der sie erzöge und lehrte? Auch wir sind Hellenen, Pherekydes! Auch Thales war es und Solon und Lykurgos. Auch Minos war ein Hellene und Onomakritos! Du bist vorangegangen, Pherekydes, und ich will dir und den anderen folgen. Sollen sie lachen! Alle Kinder lachen über ihre Lehrer. Doch es nützt ihnen nichts. Fester als der Same in der Erde haftet die Lehre in ihrem Herzen, bis das Rankenwerk des Einflusses ihr Gemüt umschnürt und endlich zur Erkenntnis leitet. Die Hunde bellen? Legt euch auf die mageren Pfoten, ihr Hunde! Heute gibt es auch für euch reichliches Mahl. Denn der Riese Zamolxis steht vor der Pforte und schleppt leckere Körbe.« Und Pythagoras stand auf und schritt durch den Abend den Weinberg hinab. Am Gitter nahm er dem Sklaven die Körbe ab und sandte ihn wieder hinunter zur Stadt. Pherekydes aber streckte im namenlosen Glücke des Lebendigen, dem letzte, schon hoffnungslose Stunden – der Trübsal furchtbarster Verlassenheit entrissen – in stiller Heiterkeit wieder geschenkt wurden, die schrundenbedeckten, knochenmageren Arme gegen die sinkende Sonne und betete ein glühendes Dankgebet. Und rief die Gottheit an für alle Lehrenden, auf daß ihnen Schüler erwüchsen, gleichend dem großen, dem einzigen Pythagoras aus Samos. XIX Pythagoras weilte auf Kreta, als die Herolde Olympias in prunkvollem Gefolge durch die Straßen von Knosos zogen und den Beginn der Hieromenia, des heiligen Festmondes, verkündeten. Wieder waren die vier Jahre der Olympiade verstrichen und für kurze Zeit sollte Zank und Hader zwischen den Städten und Gauen von Hellas ruhen, damit glanzvoll und herrlich das Fest des olympischen Zeus gefeiert werden könnte. Sonderbar erfüllte, widerspruchsvoll gefärbte Ereignisse lagen hinter Pythagoras. Auf den Höhen des delischen Weinberges war ein stiller Herbst vorbeigeglitten. Ein Herbst, aus dem seine Seele gesammelter und geläuterter hervorging. Tag um Tag hatte er sich mit dem Sterbenden unterredet, dessen letzter Lebens- und Ausdruckswille schier jenseitige Kräfte und Verkündigungen zusammenballte. Aber auch das Gemüt des Pythagoras hatte rückschauend, berichtend und verbindend, noch einmal die Wanderzeit durchlaufen und seinem Lehrer letzte Wißbegierde gestillt; so daß es nur natürlich war, daß Kemis hermetische Weisheit, Babels trunkener Traum und Zoroasters bergfrischer Bilderdrang zu einer höheren Einheit, zu einer heiligen Sage des Pythagoras selbst zusammenschmolzen, um schließlich in die zerwehende Abgeklärtheit indischer Weltauflösung zu münden. Heiter waren diese Herbsttage. Und Lehrer und Schüler – Schüler, der Lehrer ward und Lehrer, der zum Schüler wurde – vergaßen, daß grausame Krankheitsmächte dem bakchischen Herbste ein Ziel setzen könnten; bis endlich die Regengüsse und Stürme kamen. Doch auch diese Zeit überwand noch die gesteigerte Lebenskraft der beiden Weisen. Ja, es schien fast, als ob Pherekydes sich unter der kundigen Pflege des Pythagoras, unter dessen reichlicher Obsorge, die der Sklave Zamolxis Tag um Tag herbeischleppte, zusehends erhole. Doch war es nur Schein. Denn als die Winterkälte kam, als alles Laub der Reben schon rot und braun, welk und faul auf den Lehmschollen klebte, schwand die Kraft des Greises so plötzlich dahin, daß bald nur mehr leises Lächeln den lebendigen Geist anzeigte. Und auch dieses Lächeln wich kurz darauf ruhewünschender Heiterkeit, und der ewige Schlaf senkte sich auf die Stirne des Pherekydes. Da hatte Pythagoras, des fernen Sonchis gedenkend, der in den westlichen Bergen Kemis schlummerte, seinem zweiten großen Lehrer die Pflicht der vorgeschriebenen Bestattung geleistet und war, unberührt vom Hauche der furchtbaren Krankheit, versonnen, doch nicht traurig, nach Samos zurückgekehrt. Abgesondert vom Lärme geselliger Freuden war er geblieben, die ihn doch nur enttäuscht hätten, und hatte all das, was seine tiefen Gespräche mit Pherekydes als Ergebnis gezeitigt hatten, in geschriebene Form zu bannen versucht. Und hatte damit eine weitere Stufe der Klarheit und Bewußtheit erklommen. Rührend war es gewesen, als eines Tages der Sklave Zamolxis, fiebernd nach der Weisheit seines erhabenen Herrn, sich zur Hilfe bei den Arbeiten der Niederschrift erboten hatte, und es sich dabei herausstellte, daß der Riese in den langen Mußestunden zu Delos von Kaufleuten und Bettelpriestern die Kunst des Schreibens und Rechnens erlernt hatte. Pythagoras hatte freudig seiner Bitte willfahrt und war erstaunt über die Ausdauer und Aufnahmsfähigkeit seines neuen Grammateus. Als aber der Frühling über den Inseln gestanden war und die vielen Narzissen und der Krokus blühten und das Meer in frischer Bläue schäumte, hatte er sich entschlossen, für kurze Zeit noch seine Vaterstadt zu verlassen und alle Orte zu besuchen, an denen sich hellenisches Leben wie in geheimnisvollen Mittelpunkten staute und vereinigte. Ein Schiff hatte ihn nach Kreta gebracht; nach der ungeheuren Insel, auf der noch Überreste einer Vorzeit stolz zum Himmel ragten, die dem lebenden Geschlechte fremd und unverständlich geworden war. Wo kyklopische Mauern, mächtige Paläste an düstere Sagen mahnten, wo der Schatten des Theseus, des Minotauros und all des furchtbaren Geschehens in düsteren Nächten durch das Gebirge strich. Wo endlich uralte Götter, längst vom Volke unverstanden, in dunklen Mysterien von den Nachkommen der Daktylen und Kureten gehütet wurden. Und er hatte sich an die Mysten des Morgos, eines der idäischen heiligen Priester, gewendet und war von ihnen nach den alten Bräuchen gereinigt und entsühnt worden. Zuerst hatten sie ihn mit dem Donnerstein berührt, den Zeus vom Himmel herabgeschleudert hatte; dann war er des Morgens am Meere, des Nachts am Flusse aufs Antlitz hingestreckt gelegen, bis er, bekränzt mit Wollbüscheln des schwarzen Widders, gehüllt in schwarzes Wollvlies in die schreckliche idäische Grotte hinabgestiegen war, um auf ihrem Grunde die gesetzlichen dreimal neun Tage zu verweilen. Dann erst hatte er dem chthonischen, dem unterweltlichen Zeus das sühnende Leichenopfer bringen dürfen, und war zum Anblicke des alljährlich mit frischen Decken überbreiteten Thrones zugelassen worden. Und hatte betend geweilt noch viele Tage im alten Heiligtume auf der steilen Spitze des kretischen Ida. Und er war sinnend über die Bergwiesen gewandert und war unter der heiligen Schwarzpappel gesessen, neben der die Weihgeschenke lagen. Und leise war in ihm der Gedanke aufgedämmert, daß dieser kretische Zeus, der nach der Sage gestorben war und begraben worden wäre, vielleicht eine dunkle, kaum noch bewußte Rückerinnerung an den Mythos vom ermordeten und bestatteten Osiris sein könnte; um so mehr, als die alten Priestergeschlechter Kretas in ihrem Äußern eher den Männern Kemis als hellenischen Stammesbrüdern gleichsahen. So hatte Pythagoras auf heimatlichem Boden neue Spuren der Urgötter gefunden und hatte gegrübelt, bis die prunkenden Herolde Olympias durch die Straßen von Knosos zogen und die Ekecheiria, den unverletzlichen Gottesfrieden, ausriefen. Da war er aus seinen Träumereien erwacht, denn nun galt es, die Jugend des hellenischen Volkes zu sehen; die herrliche Kraft und Blüte des Volkes, dem er durch seine Lehre letzte Vollendung, endgültige Harmonie und damit die Macht leihen wollte, das drohende Gewoge, das sich vom Osten heranzubrausen anschickte, zerschmetternd zu bannen. – – – Wie ein unsagbar zarter Schleier lag der Morgenrauch über dem sikelischen Meere; dunkelblaue, grünliche, gelbe und hell rosenfarbene Streifen zogen sich auf der spiegelglatten Oberfläche von den verschwimmenden Küsten des Peloponnesos hinaus zum westlichen Horizonte, als das knosische Schiff gegen die Mündung des heiligen Alpheios zulief. Noch war es kühl auf den Wassern. Freudige Schauer hoher Erwartung aber durchbebten Pythagoras und die Kreter, als die Küste von Eleia zusehends wuchs und greifbare Formen gewann. Schon konnte man das geschäftige Gewimmel von Schiffen und Barken deutlich wahrnehmen, das die bräunliche Flußmündung sprenkelte. Aber auch auf der heiligen Straße, die, dem Meere entlang, vom Norden, von Elis herabführte, leuchteten zu Hunderten die weißen Gewande. Und alle strebten dem einen Ziele zu, das dort wohl drei Stunden landeinwärts an den Ufern des Alpheios lag: Heute war der letzte Morgen vor den herrlichen olympischen Spielen! Zuruf und Schiffergesang erbrauste, als die Knosier, den anderen Fahrzeugen entlang, in den Hafen einliefen. Und der tosende Rhythmos allhellenischer Vereinigung riß die Ankommenden mit sich. Kaum ward es ihnen voll, bewußt, daß sie von den Planken auf schnell ausgeworfenen Stegen ans Land stiegen, kaum merkten sie, daß die Sklaven Vorrat und Gepäck zusammenrafften und auf die Schultern luden. Wie im Traume gerieten sie in den Strom der Ziehenden, unter deren leichtbeschwingten, fröhlichen Schritten der Staub der breiten Straße zur Höhe wirbelte. Und Sänften gab es, prächtige Aufzüge verspäteter Gesandtschaften aus den entlegensten Pflanzstätten des Pontos oder der westlichen Zonen. Reiter jagten den Schreitenden entlang, Kaufleute zogen mit hochbepackten Karren; und jeder Hellene war jedes Hellenen Freund und Bruder, ob er nun auch erst vor wenigen Monden vielleicht, gepanzert und bewehrt, auf blutigem Kampffelde ihm gegenübergestanden war. Kein Sterblicher hätte den Gedanken fassen können, die elysische Heiterkeit des elischen Gottesfriedens zu stören. Auch die ernsten Knosier, unter denen Pythagoras einherschritt, folgten der allgemeinen Stimmung. Gleichsam zu geordnetem Chore schlossen sie sich zusammen und stampften, uralte Marschlieder singend, in übermütigem Kraftschäumen den harten Grund der Straße. Dazu aber rauschte rechter Hand der heilige Alpheios seinen Stromgesang und in den Wäldern zwitscherten die Vögel. Hell krönten die Bergfichten die nördlichen Hügelketten, während weiter im Tale, an den Hängen, Pinien die breiten Wipfel spreizten und zwischen hochragenden Platanen und Weißpappeln das dunkle Mastixgebüsch und der harte Ginster den Boden mit unterbrechungslosem Wachstum deckte. Im Süden aber, über andre Hügelketten hinweg, hinweg über Oleander und wilde Birnbäume, über mächtige Haine heiliger Kotinosbäume, blauten die kahlen Berge Arkadiens in rauchiger Unbestimmtheit. Und eben der Kotinosbaum war es, der all das Kommende voll zum Bewußtsein brachte. Sah man doch im Geiste schon den lieblichen Knaben, der in heiligem Eifer mit dem goldenen Messer die Reiser vom wilden Ölbaume schneiden würde, von jenem Baume, der in bläulichgrünem Schimmer auf der Altis von Olympia stand. Die Reiser aber würden sich dann zum Kranze runden und der Kranz würde das in seligstem Stolze erbebende Haupt des Olympioniken, des herrlichen Siegers, umgreifen. »Heute siegt Sparta, morgen dann Rhodos, und endlich Kyrene; doch der olympische Kranz wird stets ganz Hellas zur Zier!« So sangen sie, die der breiten Straße entlang zogen und jubelten. Dichter ward das Gedränge, üppiger das Wachstum, und ein neues Geräusch begleitete ihr Vorwärtsschreiten. Wie ein Summen lag es in der Luft, in der, weit voraus, hundertfältig, schlanke Rauchsäulchen emporstiegen und sich, breiter werdend, kräuselten. Und da war auch schon der dunkle Kegel des mächtigen Kronos-Hügels in Sicht. Zwischen all dem Summen aber, allen Jubel, allen Rhythmos der Schritte durchbrechend, stieß stets aufs neue das ungebärdige, jugendfrohe Tosen des Kladeosbaches an ihr Ohr, der von den nördlichen Bergen über bunte Kiesel herabsprang und sich achtungslos in den ernsten Lauf des Alpheios stürzte. Und zwischen aller Sattheit der Haine blinkten das Weiß des Marmors, die bunte Malerei der Giebel und die Farbenpracht der Bildwerke. Wieder schien es ihnen ein Traum, wieder konnte ihr Gemüt kaum den jähen Wechsel fassen, als sie plötzlich mitten im Umkreise des Festestreibens standen. Die zahllosen Zelte und Wagen, prächtige purpurne und goldene Stoffe, mit denen alles bedeckt war, leuchtende Blumengewinde um jede Säule, Laubwerk in lange schattende Gänge geflochten, weite Plätze mit weißem Kies bestreut, funkelnde Platten, mit denen die Wege getäfelt waren; dazwischen die Tausende wimmelnder froher Hellenen, deren Rede in allen Mundarten durcheinanderschwirrte; dann wieder das Händlervolk, das lange Reihen von Buden aufgeschlagen hatte und nun laut preisend und mit anzüglichen Witzreden prächtige Waren feilbot; Gaukler, die schnell noch versuchten, mit lächerlichen Kunststücken der wahren Meisterschaft des menschlichen Körpers zuvorzukommen: All das vereinigte sich zu einer Harmonie von solcher Großartigkeit und Sinnenfreude, daß es den Eintretenden einen Schauer der Begeisterung nach dem andern über die Glieder jagte. Bald aber hatte sie das tosende Leben an sich gesogen und verschlungen, und all das Verwandte, das aus der geballten Massenseele eines Volkes, einer Sinnesart hervorbrach, ließ sie jeder trennenden Schranke vergessen, so daß nach kurzen Augenblicken überwältigend herrlichen Eindruckes auch Pythagoras mit seinen Sklaven ohne Scheu und Fremdheit zwischen den Zelten und Säulen, Garküchen und Tempelbauten umherschlenderte. Und wie alle, die gekommen waren, nur ein Ziel hatten: die göttlichen, trunkenen Hellenenaugen zu öffnen und zu schauen und wieder und wieder zu schauen; und all das Geschaute in ewigen Bildern in sich zu schließen und zu bewahren für die Zeiten der Öde und Trauer, Gefahr und Finsternis. Doch daran dachte er jetzt nicht. Nur jenseits des hellen Bewußtseins lagen diese dunklen Mächte. So schaute er und genoß und ging voll und ganz im göttlichen Augenblicke auf. – Abend lag schon über der Altis von Olympia. Längst hatte sich Pythagoras von den knosischen Männern getrennt, die andre Stammesgenossen aus Kreta getroffen hatten und mit ihnen weitergezogen waren. So wanderte er jetzt mit den beiden Sklaven durch das Gepränge und gab sich dem süßen Gefühl jener Einsamkeit hin, die das Gegenteil von Verlassenheit ist. Und er blickte hinauf zu den scharfen Konturen des Kronoshügels, die sich schwärzlich gegen den gelblichen Himmel abgrenzten. Matter leuchteten schon die Malereien des Heraions, dessen dorische Säulen schlank und schimmernd dastanden, während die blauen Triglyphen und die bunten Metopen darüber hinliefen und sich in den prächtigen Terrakotten der Schatzhäuser fortsetzten. Drohend, gleichsam erstarrt in Kampf und Muskelspiel, säumten die Siegerstatuen in langen Reihen die spiegelnd glatten Plätze der Altis, und der massige Altar des Zeus, erbaut aus der Asche verbrannter Schenkelstücke und dem heiligen Wasser des Alpheios, gloste von rötlicher Glut verkohlenden Weißpappelholzes. Über allem aber flirrte die weiche Abendluft vom Dufte der Ranken und Blüten, vom leisen Geriesel des Opferdampfes und vom herben Geruche der Salböle und Essenzen. Und Pythagoras schlenderte dahin und lächelte. Und alle, denen er begegnete, lächelten das gleiche Lächeln erklommenen Lebensgipfels und blickten einander in die Augen und fragten in keiner Miene, da jeder die Seele des andern wußte: die tiefste Seele des elischen Gottesfriedens. Und trotzdem einsam und einzeln blieb: Heute durften alle Hellenen ein Volk sein, ein einziges, unzertrennliches Volk. Morgen würden die Wettkämpfe beginnen und die Spaltung. Bis sie auseinandergingen und weiter wetteiferten bis zu Blut und Vernichtung. Um erst in vier Jahren an dem einen Tage sich wieder zur ganz großen Harmonie zusammenzuschließen. Pythagoras stand eben vor einem Tische, auf dem ein Händler prächtige geschnittene Steine und bemalte Vasen ausgelegt hatte, und betrachtete die Amphoren und Kratére, die Gemmen und Figuren; als sich plötzlich schwer und freudig eine Hand auf seine Schulter legte und eine Stimme ihn grüßte, deren Klang ihn mit unheimlicher Gewalt um hundert Tagereisen ostwärts fortriß. Langsam, wie ungläubig, drehte er sich herum. Doch das Erkennen zwang die Männer sofort zu jubelnder Umarmung. »Freundlicher Befreier!« rief Pythagoras aus und hielt die Hand des Demokedes fest. »Wähne nicht, daß ich deiner je vergaß. Deinem prächtigen Gewande entnehme ich mit großer Freude dein Wohlergehen. Doch halte ich dich vielleicht ab, deine Mitbürger zu suchen? Sonst hätte ich dich gebeten, einige Zeit mit mir zu verbringen!« Demokedes lachte. »Ich hatte die gleiche Furcht wie du!« erwiderte er. »Sag mir nur ohne Umschweife, ob du mit deinen Samiern hier weilst. Ich sah bisher noch wenige deiner Stammesfreunde!'' »Ich bin allein in Olympia!« fiel Pythagoras ein. Da zog Demokedes in kindlicher Freude den Samier an sich. »Euoi!« jubelte er auf. »Dann bist du bis zum Ende des Festes ein Krotoniate, ob es dir nun paßt oder nicht!« Und er ließ Pythagoras nicht mehr zum Worte kommen, sondern sprudelte hervor: »Du weißt noch nicht, Pythagoras, was dir bevorsteht! Milon, der Vater meiner Gemahlin, ist hier und Brontinos, der große Arzt, und sein herrlicher Sohn, der Knabe Aristokles, und Damon, der Pankratiast, Phayllos, der Springer, und alle die andern! Doch was schwatze ich da? Komm jetzt mit mir in unsre Zelte, wir müssen uns stärken. Denn morgen – so es die Gnade des Zeus verleiht – wollen wir kräftig Beifall jubeln! Willst du unser Gast sein?« Pythagoras war über die Herzlichkeit des Mannes, dem er so viel schon verdankte, gerührt. Doch besorgte er, daß die Krotoniaten, die als Pflanzvolk Achaias mit gewisser Geringschätzung auf Jonien herabsahen, nicht gleichermaßen gewillt sein würden, den Fremden im engsten Kreise aufzunehmen. So sagte er: »Wie könnte ich anders, als dir danken; wo es keinem der Samier, denen ich heute begegnete, einfiel, mir seine Gesellschaft anzutragen! Meine Vaterstadt scheint mich vergessen zu haben. Doch wirst du nicht zürnen, wenn ich dir zu bedenken gebe, daß ein Fremder an diesem großen Weihetage deine Freunde stören könnte!« »Stören? Uns Krotoniaten? Fast hätte ich gesagt, daß wir keine Jonier sind!« lachte Demokedes gutmütig heraus. »Stolz werden wir sein und glücklich, wenn sich einmal ein Weiser, ein Athlet des Gedankens und Wortes, zu unsren herakleischen Kämpfern verirrt. Doch komm und überzeuge dich selbst! Ist die Aufnahme nicht nach deinem Geschmacke, dann magst du wieder gehen. Ich stelle es dir frei.« Und Demokedes hatte nicht zu viel versprochen. Als er mit Pythagoras zu den prächtigen Zelten der Krotoniaten kam und diese erst erfahren hatten, wen Demokedes als Gast bringe, erhoben sie sich insgesamt von den Sitzen und begrüßten ihn mit so echter Herzlichkeit und Begeisterung, daß der Samier seit langen Jahren sich in wahrer Heimat fühlte. Leckere Speisen und alter Wein wurden sogleich vor ihn hingestellt und man lauschte in kindlicher Ehrfurcht jedem Worte, das er sprach. »Schade, daß du unsre Athleten nicht mehr mit der Macht deiner Rede zu unsterblichen Taten anfeuern kannst!« sagte der Arzt Brontinos. »Weilen sie doch schon in der Palästra, um nach ihrem trockenen Käse und Kladeos-Wasser noch einen kräftigen Schlaf zu tun. Morgen wird es heiße Kämpfe geben. Die Spartaner und Rhodier sind nicht zu verachten. Auch die Athener und Böotier haben diesmal gefährliche Gegner gestellt. Doch wollen wir nicht beben und es den andern Städten gönnen, wenn sie herrliche Jünglinge heranziehen. Wichtiger ist am Ende die Kraft von All-Hellas als der Ruhm einer Stadt. So wollen wir trinken auf den Sieg der hellenischen Gewandtheit, gleichgültig, wer darin der Erste ist!« »Und auf den Sieg unsrer hellenischen Weisheit, deren Protagonist unser Gast ist!« fiel ein andrer Krotoniate ein. Pythagoras aber, dessen Herz von Freuide fast überströmte, als er sich von so viel Frische und warmer Offenheit umgeben sah, wehrte bescheiden ab: »Noch habe ich keinen Agon des Geistes und der Weisheit bestritten, ihr herrlichen Männer aus Kroton. Ein Suchender weilt noch zwischen euch. Doch wollte ich, daß ihr, eben ihr es wäret, die mir einst den Kranz verleihen würden!« So war die Freundschaft geschlossen und bald fühlte sich Pythagoras sosehr seinen Gastfreunden zugehörig, daß er mit aller Leidenschaft sich um die Aussichten der krotonischen Kämpfer erkundigte und bis tief in die Nacht hinein den Gesprächen folgte. Plötzlich sagte Demokedes feierlich: »Es wird Zeit, Freunde! In wenigen Stunden bricht der Morgen an. Das Stadion soll uns nicht auf dem schlechtesten Platze finden!« Und alle erhoben noch einmal die Becher. Dann standen sie still auf, winkten die Sklaven heran und wanderten schweigend und lautlos durch die göttliche Sommernacht, die von zahllosen Fackeln durchglüht war und die Palmen und Bäume des Haines, die mächtigen Bauwerke und die glimmenden Altäre nur in schattenhaften Bruchstücken zeigte. Als sie aber den weiten heiligen Hain durchquert hatten und der ungeheure Südwall des Stadions schwarz und langgestreckt vor ihnen ragte, da betete jeder noch kurz in sich hinein und flehte die Götter an für den Sieg der Mitbürger. Denn im Stadion selbst wollten sie Hellenen sein, nichts als Hellenen und nur die überlegene Kraft, die höhere Tüchtigkeit bejubeln. Das wenigstens war der feste Vorsatz ihrer kindlich edlen Gemüter. Langsam stiegen sie die schmalen Treppenpfade des Walles hinan. Unter ihnen gähnte jetzt im Dunkel der Nacht der riesige Spiegel des Kampfplatzes und die Sterne leuchteten noch grell am Himmel, während sich der gegenüberliegende Böschungshang, der am Fuße des Kronoshügels abgegraben war, in unsichtiger Schwärze verlor. Leise Stimmen und Zurufe tönten durch den Raum. Sie waren also nicht die Ersten, die sich günstige Plätze sichern wollten. Doch merkten sie bald, daß sie auch lange nicht die Letzten waren. So erreichten sie, geleitet von einigen besonders ortskundigen Krotoniaten, ihr Ziel und streckten sich zufrieden und sorglos in der lauen Luft auf die mitgebrachten Decken, um noch kurze Zeit zu schlafen, bis die aufsteigende Sonne und der schmetternde Heroldsruf den Beginn des hehren Wettkampfes ankündigen würde. Pythagoras aber fühlte sich beglückt und geborgen. Denn wenn er auch, wie kein zweiter unter den Hellenen, die Fremde und Einsamkeit kennen und zu überwinden gelernt hatte, so sehnte er sich eben deshalb wie kein andrer nach endgültiger Ruhe und nach Zugehörigkeit zu einem höheren Ganzen seines geliebten Volkes. Und sie schlummerten im schwülen Blumendufte unter den funkelnden Sternen von Elis. Und der Kladeos rauschte und sein Schall brach sich an den Wänden des Kronos-Hügels. – * Hell und langgezogen, dreimal wiederholt, verkündete der jubelnde Hornstoß den Aufgang der Sonne. Und als die Schläfer sich kaum noch voll aufgerichtet hatten, bot sich ihnen schon ein überwältigendes Bild. Vor ihnen stieg, in der Frische des wolkenlosen Morgens, der waldige Abhang des Kronos-Hügels hinan, der dort, wo der jenseitige Wall des Stadions anhub, durch eine lange Reihe blumenumwundener Masten unterbrochen war; wie denn das ganze Stadion im Laub- und Blütenschmucke geradezu ertrank. Nur der grellweiße Sand seines sechshundert Fuß langen Grundes schimmerte in weicher Glätte. Und auf den Wällen der Längs- und Stirnseiten staute sich, Kopf an Kopf, Leib an Leib, die unzählige Menge der Hellenen. Ganz unten, auf Marmorbänken in kostbarstem Prunke die Festgesandtschaften. Und weiß und gelb, blau und grün die herrlichen Gewänder. Dazwischen aber, entlang der Bahn, vorn am östlichen Ziele gehäuft, der dunkle Purpur der schiedsrichterlichen Hellanodiken. Überall aber, geißelbewehrt, die ordnenden Alyten und Ausrufer. Das einzige Weib, die Priesterin der Demeter, saß hoch und still auf einem Altane in der Mitte der Längsumwallung. Noch summte leises Reden in der ungeheuren Menge. Als aber plötzlich der Alytarch auf Befehl der Hellanodiken die Hand hob und zehn Herolde zugleich mit schallendem Ruf den Beginn des Agons anzeigten, da trat eine Ruhe ein, die wie ein Zauber alle die Tausende in unverständlicher Umklammerung hielt. Und es kam, kam zuerst leise und unmerklich, dann sich verbreiternd und in berauschendem Rhythmos: Unhörbar, fast ungesehen, waren die Hunderte der hellenischen Knaben nackt, nur die weiße Binde ums Haar, aus dem breiten dunklen Gange getreten, der die westliche Stirnseite des Stadions durchbrach. Plötzlich aber gaben die gymnastischen Lehrer, die sie herangeführt hatten, das Zeichen, und die riesige Schar setzte sich in langem Zuge, schwebend im langsamen Laufe, in Zehnerreihen, in Bewegung. Wie zum Gebete hoben die schlanken biegsamen Knaben, deren sonnengebräunte glatte Leiber vom Salböle funkelten, beide Hände dem Siegesziel entgegen, und so brauste die charitische Phalanx, jauchzend mit hellen Knabenstimmen, den Hellanodiken zu, um beim Ziel zu wenden und zum Ausgangspunkte zurückzukehren. Und die Füße schienen den Sand nicht zu berühren. Zuerst war den Hellenen der Atem gestockt und Schauer des Jubels hatten ihre Glieder gepeitscht. Dann aber riß der unaussprechlich schöne und göttliche Rhythmos der Knabenglieder die Tausende in derart flammende Begeisterung, daß das Stadion in unterbrechungslosem hemmungsbaren Beifallstosen schütterte. Und von den Stirnseiten, den Längswällen entlang, stets einige Herzschläge unterschieden, wehten die Wogen des Gejauchzes und spornten die Knaben sosehr an, daß ihr Lauf schneller und schneller ward, bis endlich die strenge Zucht der gymnastischen Pädagogen ihrem Stürmen ein Ziel setzte. Doch schon beengte neues Geschehen den Atem der Zuschauer. »Er ist es, siehst du ihn? Der erste zur rechten Hand!« flüsterte der Arzt Brontinos dem Pythagoras zu und preßte in wilder Erregung seinen Arm. »Siehst du ihn?« Und er war bleich und sein Atem keuchte. »Siehst du Aristokles, meinen Sohn? Was wird ihm das Geschick bringen?« Als aber Pythagoras den Knaben voll erfaßt hatte, flogen die ersten vier schon durch das Stadion und die schlanken, geschmeidigen Glieder sausten dahin, als ob es keine Erdenschwere gäbe. Kaum waren sie noch in der Mitte der Laufbahn und schon löste sich Aristokles von den andern los und vergrößerte mit jedem Schritte den Vorsprung, bis er, die Hände vorgestreckt, wohl fünfzig Fuß voran, durch das Ziel schoß. Und nun ging es Lauf um Lauf, stets zu viert. Beifall und Zuruf, Jauchzen der Läufer, Tadel und Ermunterung wechselten in rasender Folge, bis viermal vier gelaufen waren und nun die vier Sieger miteinander wetteiferten. Hochauf pochte den Zuschauern das Herz, denn die Ausdauer der siegenden Knaben schien unbezwinglich. Und stets aufs neue jagten sie durch das Stadion. Aristokles aber hatte sich durchgekämpft und hatte den letzten Lauf vor der Schlußrunde nur mehr mit wenigen Schritten Vorsprung gewonnen. »Er ermattet! Sahst du, wie lässig er schon lief?« murmelte Brontinos erbleichend. »Älter sind die anderen drei um manches Jahr und stärker. Wie wird er es erzwingen? Nein, es ist keine Hoffnung! Sieh nur!« Und wirklich blieb Aristokles, als die letzten vier Sieger ungestüm durch den Sand brausten, wie erlahmend zurück. Starr und entsetzt blickten einander die Krotoniaten an und auch Pythagoras, den die Erregung noch näher an seine neuen Freunde gekettet hatte, ward von wehem Mitleid durchbebt. Da geschah etwas Unerwartetes, etwas Großes und Herrliches: Ein hoher, klingender, siegvertrauender Jubelruf durchschnitt die Luft und der rehschlanke Leib des Aristokles schnellte mit solcher Geschwindigkeit vor, daß ein menschliches Auge ihm fast nicht folgen konnte. Noch hatten die anderen nicht das halbe Stadion durchmessen, als er sie sausend überholte und auch schon um zwanzig Fuß voran war. Und wieder jauchzte die Knabenkehle und hatte sechzig Fuß Raumgewinn. Da warf er sich plötzlich auf die Knie, jubelte durch die atemlose Stille die Namen des Zeus und der Nike und flog aufspringend noch immer mit ausreichendem Zuvorkommen an die Schnur der Hellanodiken. »Ein Kranz, ein Kranz! Aristokles Olympionike! Heil dem Knaben! Heil Kroton! Euoi! Heil dem herrlichen Knaben!« schrieen in sinnloser Begeisterung die Krotoniaten und das ganze Stadion erbrauste wider vom Ruhme des Zwölfjährigen; des Knaben, den die Kampfrichter wegen seiner Jugend fast nicht zugelassen hatten. Brontinos aber blickte Pythagoras an und sah dann zu Boden. »Mein Aristokles! Mein Sohn! Mein Sohn!« flüsterte er nur und die heißen Tränen des Mannes perlten unaufhaltsam auf den Rasen des mächtigen Walles. Doch blieb keine Zeit zu Betrachtungen. Denn schon standen, frisch gesalbt und mit Sand bestreut, die ersten Paare der ringenden Knaben im Stadion. Wieder gab es Wunder von Gewandtheit und Tüchtigkeit. Wie Marder sprangen einander die Jünglinge an und suchten gelenkig nach dem entscheidenden Griffe, der den Gegner zu Boden warf. Bei Schultern und Händen, Kniekehlen und Füßen packten sie an; galt es doch, dreimal des Gegners Schultern in den Staub zu zwingen, ohne selbst zu Fall zu kommen. Und wieder war es Aristokles, der sich selbst Siebzehnjährigen überlegen zeigte und endlich den letzten Gegner niederwarf, indem er ihm wie ein geschnellter Ball in unglaublichem Satze auf die Schultern sprang und ihn so, mit den Beinen sich festklammernd, in den Sand schleuderte. Kroton hatte den zweiten Kranz errungen! Unbeschreiblich war der Jubel der Stammesgenossen; doch tönten schon von den Plätzen der Sybariten und Rhodier wohlvernehmbare Laute des Unwillens herüber, die sich jedoch sofort legten, als die elischen Wächter drohend die Geißeln gegen die Friedensstörer erhoben. Die Knaben aber, wie um zu zeigen, daß ihren reinen Herzen solche neidische Sinnesart fremd wäre, scharten sich um Aristokles und küßten ihn. Und umschlangen dann gegenseitig die Schultern und liefen, »Heil Hellas!« rufend, umarmt durch das Stadion. Und dieser Anblick war so erhaben, so jenseitig hehr, daß wohl keiner der Hellenen seine Tränen zurückhalten konnte. Und plötzlich durchbrauste, von den Spartanern angestimmt, ein Sieg-Paian das ganze weite Stadion. Und das Lied hallte noch durch die sonnendurchflirrte Mittagsluft, als die Knaben schon längst entschwunden waren. – Pythagoras alber hatte den seligsten Augenblick seines Lebens genossen. Den Augenblick, da er diese umarmten Kinder aller Stämme schaute; diese Knaben, die als Männer vielleicht den furchtbaren Perserscharen entgegenstürmen und sie zerschmettern würden. Und die auch in Weisheit und Kunstfreude als Erste dastehen würden auf dem Erdkreise. Denn so lauteren Herzen, solch herrlichen Leibern mußte auch göttliches Geistesschaffen entströmen. Plötzlich scholl wieder der Heroldsruf. Ernst und feierlich diesmal. Denn der Kampf der Männer nahm seinen Anfang. Und wie der Ruf war der Aufzug der Athleten. Erschütternde Kraft, unglaubliches Muskelspiel zeigte das langsame Schreiten der Agonisten. Herakles und Aias, Hektor, Achill und Theseus schienen das Stadion zu durchmessen. Und die furchtbaren Körper der Pankratiasten, Ringer und Faustkämpfer standen neben den herrlichen ebenmäßigen Leibern der Läufer und der Streiter der Pentathlons. Aus allen aber ragte Milon, der Sohn des Diotimos, hervor, der unheimlich riesige Krotoniate, der fünfmal schon den Kotinos-Kranz aus Olympia heimgetragen hatte. Auch der Zuschauer bemächtigte sich erregter, fast düsterer Ernst. Prallten doch jetzt Kräfte aufeinander, deren Steigerung auf Erden nicht mehr möglich schien und die schon an die Leistungen der Heroen heranreichten. So brauste der Lauf der Männer durch den Kampfplatz und brachte den Rhodiern den Sieg. Zwölfmal umkreiste hierauf der Dauerlauf das Stadion, dessen Kranz an die Spartaner fiel. Bis endlich, bewehrt mit Beinschienen, Helm und ehernem Schilde, die Waffenläufer die sechshundert Fuß durchklirrten und ein Athener an der Spitze blieb. Eingedenk des Beispiels der Knaben, fühlten sich jetzt alle Zuschauer als Hellenen und würdigten die Leistung, nicht nur die Stammesverwandtschaft. Vor allem aber ließen es sich die Krotoniaten angelegen sein, die Siege der Nebenbuhler zu bejubeln, was ihnen an diesem Tage bei allen Hellenen fast mehr noch an Ehre eintrug als ihre glorreichen Siege. Wild stieg die Erwartung an. Denn jetzt folgten die Kämpfe, bei denen Mann gegen Mann stritt. Und es begann das einfache Ringen. Wer wollte Milon den Kranz streitig machen? Unbewegt, mit Beinen, die förmlich im Sande wurzelten, vorgeneigten Hauptes, wie eine Bildsäule des, Herakles, stand er da und ein Gegner nach dem andern prallte gegen den ehernen Riesen und flog wie vom Blitze gefällt in den Sand, wenn er die Hände erhob und zugriff. Und er hatte alle geworfen und in kurzem den sechsten Kranz des olympischen Sieges errungen. Als er aber, kaum ermüdet, als Einziger unverrückt auf seinem Platze blieb, riefen ihm die Männer, berauscht von so viel Kraft, zu, er möge, wie schon so oft, eine Probe ablegen, die, über den Ringkampf weit hinausreichend, eines Herakles würdig wäre. Da nickte er lachend. Und als alle anderen Kämpfer ehrfürchtig zur Seite getreten waren, erschien auf einmal, gebeugt und stöhnend, der Riese am Eingange des Stadions und auf seinen Schultern lag, gleich dem Erdgewölbe des Atlas, ein ausgewachsenes junges Rind. Und er schleppte es unter dem halb ungläubigen Jubel der Hellenen bis zu den Hellanodiken, wo er das zitternde Tier abwarf, das in wilden Sprüngen das Weite suchen wollte. Doch er sauste ihm nach und ergriff es blitzschnell bei dem Hufe eines Hinterbeines und hielt es fest, daß es brüllend in die Kniee brach. Dann aber ließ er es los und trat abseits, als ob keinerlei Ermüdung ihn an das vollbrachte Werk erinnerte. Als aber der Beifall sich endlich gelegt hatte und Zuruf und frohes Gelächter verstummt waren, erfüllte schon das erste Niedersausen riemenbewehrter Fäuste mit seinem harten unerbittlichen Schalle die Luft. Und sie standen einander gegenüber, die Riesen, und wichen in geschmeidigem Sprunge den gräßlichen Hieben aus, die Haupt und Antlitz zu zerschmettern drohten. Wohl floß mancher Tropfen Blut, wohl sank mancher Faustkämpfer, durch einen kunstgerechten Schlag getroffen, wie leblos zu Boden; doch waren heute derart geübte und harte Antagonisten am Platze, daß es zu ernstlicher Verwundung nicht kam. Den Sieg aber erfocht Dämon, der Krotoniate, ohne zu treffen und ohne getroffen zu werden, indem er durch niegeschaute Geschicklichkeit seine Gegner ermüdete, bis sie sich geschlagen gaben. So brachte er einen Kranz heim, der nach hellenischem Brauche als höchste Ehre galt. Denn Geist und Schnelligkeit hatte gesiegt, nicht rohe Kraft und Zufügung klaffender Wunden. Und auch im Pankration, dessen riesige Streiter ringend und mit den Knöcheln der bloßen Hand schlagend, in blitzschneller Wechselfolge gleichsam auf Leben und Tod kämpften, war es wieder die unbezwingliche Wucht und Geschmeidigkeit Dämons, die den Krotoniaten den fünften Kranz des Tages eintrug. Bis endlich Phayllos im Pentathlon, die Sprunggewichte in der Hand, unter dem Klange pythischer Flötentriller, fünfundzwanzig Fuß weit, mehr schwebte als sprang, den Diskos über hundert Fuß schleuderte und auch in den übrigen Teilen des Fünfkampfes, im Speerwurfe, Lauf und einfachem Ringen sich sosehr hervortat, daß die Hellanodiken einem Krotoniaten auch den sechsten Kranz des Tages zuerkennen mußten. Damit waren die Kämpfe beschlossen, nach denen die Olympiade ihren Namen führen würde für alle Zeiten. Und müde und hungrig, doch erfüllt von herrlichen Bildern, strömten die Hellenen aus dem Stadion, um nach kurzem Schlafe im Hippodrom einen Platz zu erraffen, der ihnen das bunte, wechselnde Schauspiel der Wagenrennen und des Wettstreites der Reiter in all seiner Pracht darböte. Die Agonisten des heutigen Tages aber mußten bis zum Ende des Festes in der Palästra nächtigen, damit sachgemäße Pflege und Erholung den Verbrauch ihrer Kräfte wieder ergänze und nicht allzufrühe Schwelgerei und Gelage die Gesundheit erschütterten. – * Auch die hippischen Agone waren vorübergebraust. Wieder lag das Hippodrom, zerwühlt von den Spuren sausender Räder, mächtig und leer da. Vorbei war das glänzende Rennen der Viergespanne, die in scharfer Wendung, mit der Nabe fast streifend, um die Zielsäulen geflogen waren; auf deren glattem Bord, vorgeneigt und schreiend, in beiden Händen die Zügel, sich der Lenker straffte und mit blitzenden Augen alles ringsum erspähen mußte; und im entscheidenden Augenblicke die Mastix-Geißel mit den kurzen Schnüren schwang und den Stab mit den Klapperblechen schüttelte. Schwarze, schneeige, braune, falbe, gefleckte Rosse waren schäumend durch die Bahn gerannt, daß das Alpheiostal vom Rasseln der Räder widerhallte und hochauf die Sandwogen zum Himmel stoben. Krachend waren die Gefährte aneinandergeprallt und manches war splitternd zerspellt. Andre aber, schief geneigt in den Kurven, hatten standgehalten und die zwölfmalige Umkreisung des Hippodroms erzwungen. Und Athener und Thessaler, Thebaner, Ephesier, Syrakusaner und Korinther hatten sich ausgezeichnet, bis das weiße Gespann Thessaliens an der Spitze blieb und den Kranz errang. Dann hatte das Schicksal den Sybariten ein sonderbares Los zugeteilt: Als nämlich in dichten Scharen schon längst die schlanken Reiter mit den schnaubenden Hengsten in den Kampfplatz eingelaufen waren; als die Jünglinge, die Rosse an den Mähnen haltend, gleichsam im Reigen einmal die Bahn umkreist hatten; als dann endlich das Reiten begann und das Hippodrom von der sausenden Folge zahlloser Hufschläge erscholl, da war der sybaritische Reiter weit vor dem Ziele vom Rücken des Rosses geflogen. Der Hengst aber, klug und wohl abgerichtet, war weiter der regelrechten Bahn gefolgt, hatte, leichter als die anderen, bald alle Mitkämpfer überholt, streckte noch einmal lang den herrlichen Hals, als er den Trompetenstoß hörte und blieb scharrend und zitternd mit fliegenden Flanken vor den Schiedsrichtern stehen. Jubel und Gelächter lohnte das treue Tier. Doch große Unschlüssigkeit herrschte unter den Hellanodiken; bis endlich nach langer Beratung durch Heroldsruf der Sieg des sybaritischen Rosses verkündet wurde; da es sich um einen Wettkampf der Hengste und nicht um einen Streit der Reiter handle. Das Urteil war mit munterem Beifall aufgenommen worden und das Tier wurde bekränzt, liebkost und hinausgeführt, um fortan bis zum Lebensende ungewöhnlicher Ehren teilhaftig zu werden. – So hatten die Kämpfe geendet. Dann aber war das Dankopfer der Sieger am Altare des Zeus und der feierliche Umzug gefolgt, bei dem schon die köstliche weiße Wollbinde, der Kotinos-Kranz und der Palmzweig die Sieger schmückte, nachdem sie unter dem Jauchzen der Hellenen diese Sinnbilder höchster Mannestugend am Altare aus der Hand der Hellanodiken in Empfang genommen hatten. Glänzend, unaussprechlich prunkvoll war dieser Umzug. Hatten doch alle Hellenen, die Gesandtschaften voran, alles aufgeboten, um Glanz und Wohlstand ihrer Vaterschaft sinnfällig zu zeigen. Herrliche Wagen gab es, kostbare Gewänder und Geschmeide und Barren edlen Metalls, Weihkessel aus Gold und Silber, Räuchergefäße und kunstvolle Dreifüße wurden den Gesandten vorangetragen. Und verschwenderische Opfer dampften auf hundert Altären. Dann aber hatten die Eleer im Prytaneion den Siegern das köstliche Festmahl gerüstet und die Olympioniken nach Gebühr gefeiert. So war es Abend geworden. Doch jetzt sollte für die Erringer der Kränze der Augenblick kommen, den sie herbeigesehnt hatten seit vielen Jahren: Die Feier des Sieges im Kreise der Stammesgenossen. Und die Krotoniaten ließen sich nicht spotten. Ein Riesenzelt aus Purpur hatten sie errichtet, schmackhaftesten Wein herbeigeschafft und ihre Sieger auf Kosten der Stadt in goldgestickte Gewänder gekleidet. Galt es doch heute einen Erfolg zu krönen, wie er wahrscheinlich nicht wiederkehren würde bis ans Ende der Zeiten. So lagerten sie im Scheine bunter Lampen an den langen Tafeln und genossen ohne Hemmung und Scheu die Leckerbissen, die ihr dankbarer Sinn zusammengesteuert hatte. Pythagoras, der in den kurzen Tagen schon engere Freundschaft mit den Krotoniaten geschlossen hatte, war unter ihnen und wollte sich, bescheiden und eingedenk, daß der Tag nur den Olympioniken zugehörte, auf einem minderen Platze niederlassen, als Brontinos und Demokedes ihn erblickten und es sich nicht ausreden ließen, ihn an die Spitze der Tafel zu den Siegern zu setzen. Als er aber eben seinen Platz einnehmen wollte, schaute ihm der Knabe Aristokles entgegen. Da wurde Pythagoras von einem Gefühle durchbebt, das er sich nicht deuten konnte. Wo hatte er diesen holden Liebreiz schon erblickt? Wo den verwandten Strahl dieser reinen Augen, den süßen Schnitt dieser Lippen und dieser Nase gesehen? Und wie ein heißer Strom überwältigender Liebe stieg es in ihm auf und begeisterte ihn sosehr, daß er den Becher ergriff und fast ohne Willen laut und klingend zu reden anhub: »Männer aus Kroton! Herrlichste der Hellenen am heutigen Weihetage!« rief er über das Gelage. »Sechs Kränze habt ihr errungen. Sechs Kotinos-Reiser, was noch keiner Stadt gelang. Doch nicht genug. Einer von euch trägt seinen Kranz als den sechsten auf dem mächtigen Haupte. Wie aber die heilige Sechszahl aufsteigend aus der Vermählung der drei ersten Zahlen besteht, so möge weiterwirkend der Anstieg von Kroton, von ganz Hellas erfolgen. Aus sechs möge zehn, aus zehn fünfzehn, aus fünfzehn einundzwanzig werden und so soll sich, stets verbreitert, zunehmend in der Macht des Wachstums, hellenische Kraft, hellenischer Geist über den Erdkreis ausbreiten. Ihr könnt dies hoffen, Männer aus Kroton, Männer aus dem größeren Hellas! Denn die Jünglinge haben uns ein Beispiel, ein ewiges Beispiel gegeben. Und wie die reinen Knaben, neidlos und umarmt, durch das Stadion liefen und an Tugend die Väter übertrafen, so wird auch diese Knabenschar dereinst von ihren Söhnen besiegt werden an Tüchtigkeit und Reinheit. Und Geist und Körper, Kunst und Edelsinn werden verschwistert jene herrliche Harmonie wachsen machen, um die uns Hellenen der ganze Erdkreis vom Lande der Serer bis zu den Säulen des Herakles beneidet. Da aber höchste Harmonie nur aus vollkommenstem Einzelnen bestehen kann, seien heute jene bejubelt, die an Kraft und Gewandtheit die Ersten der Hellenen sind! Euoi Baikche! Eua die herrlichen Olympioniken!« Als der tosende Zuruf und Beifall, den die erhabenen Worte des Pythagoras ausgelöst hatten, die jedes Hellenen innerste Sehnsucht berührten, kaum noch verklungen war, sprang, hold gerötet im strahlenden Antlitze, der Knabe Aristokles empor, riß die olympischen Kränze vom Haupte und legte sie vor sich hin. Dann tönte seine helle Knabenstimme: »Nicht geziemen würde es dem Kinde, vor den Männern einem Weisen zu antworten. Sagen aber will ich etwas, o Pythagoras, was dir kein Mann sagen kann. Du siehst meine Siegeskränze, erhabener Pythagoras. Heute, nur heute bin ich also der Erste aller hellenischen Knaben. Und als solcher, bei dem göttlichen Kotinos-Reise, schwöre ich dir im Namen der hellenischen Jünglinge, daß wir nicht rasten und stille stehen werden, nicht einseitig nur dem Körper dienen wollen. Erfüllt erst wird unser Ziel sein, wenn wir den höheren unsichtbaren Kranz, den Kranz der Weisheit erstritten haben werden, den du, Weiser aus Samos, hundertfach schon um dein Haupt schlangst. Damit du aber dem schwatzhaften Knaben glaubst, will ich dir wie allen Hellenen erzählen, wie ich siegte. Als schon im letzten Laufe meine Kraft erlahmte, als ich schon verzweifeln wollte, sah ich, aus Himmeln ragend, statt des Zieles plötzlich den herrlichen Thron des Guten! Was er ist, kann dir der einfältige Knabe nicht schildern. Doch ich sah ihn und wußte, daß er das letzte Ziel der Hellenen sei. Da wuchs meine Kraft, ich verlor die Schwere der Erde und erwachte erst, als meine Brust an die Zielschnur der Hellanodiken prallte. Um dieses Zieles willen siegte ich, Pythagoras, und auch die andern stritten nur für dieses Ziel. Denn nicht nur ein Sinnbild körperlicher Überlegenheit, körperlichen Sieges soll das Kotinos-Reis sein. Seine Bedeutung ist eine andere, eine höhere: Darum beuge ich mich tief vor dir, Olympionike der Weisheit!« Unbeschreiblich war der Jubel, der der Rede des Knaben folgte. Pythagoras aber, den die Weisheit des Kindes wie ein Wunder grüßte, der, fast beschämt, den Worten gelauscht, dann aber wieder jauchzend die Bestätigung seines eigensten Zieles aus ihnen herausgehört hatte, ging auf Aristokles zu und umarmte ihn und küßte innig seine reine Stirne und die strahlenden Augen. Da dröhnte Milon, der Riese, um den Schauer der Tränen zu verbergen, der bereits über das wilde Athletenantlitz strömte: »Was der Knabe sagte, ist meine, unser aller Ansicht! Mich aber haben die Götter nur zum Herakliden ausgebildet. Darum erwarte nicht von mir, daß süßer denn Honig meine Rede ströme. Auch ich grüße dich vom andern Ufer, großer Pythagoras, Pankratiast der Weisheit. Mehr kann ich nicht sagen, denn ich verstehe mich nicht darauf. Eines aber will ich versprechen, weil es Wahrheit ist: Wenn dich, Pythagoras, einmal irgendeiner der Hellenen kränkt und hindert, wenn sie dich nicht nach Gebühr anerkennen, dann komm nach Kroton; dann werden Milon und Dämon, Phayllos und Aristokles und die andern Krotoniaten mit Schwert und Lanze zeigen, wieviel ihnen der Geist wert ist, auch wenn sie ihn nicht voll erfassen können! Heil den sieben Weisen! Heil dem achten, dem großen Pythagoras aus Samos!« So jubelten und zechten die Olympioniken bis zum Morgen, und Pythagoras hatte hier, auf den Gefilden von Elis, zum erstenmal im Leben wahre Gottesruhe gefunden. Mehr noch als das! Eine neue Heimat, neue Stammesgenossen des innersten Fühlens hatte er gewonnen im äußersten Westen hellenischen Gebietes. Jonischer Geist und achaiische Urkraft hatten einander in den heiligen Gefilden Olympias liebend umfaßt. – – – XX Über kahle, sonnenglühende Felsensättel, durch dichte Nadelwälder, an rauschenden Gebirgsbächen entlang; dann wieder vorbei an düsteren Seen und quer durch trockene Steppenebenen wanderte Pythagoras, um alle Zonen des Peloponnesos zu erforschen. Hinter ihm lagen schon die Gebirge Arkadiens, bezwungen waren die schauerlichen Schroffen des Taygetos und er kam nach Sparta. Sonderbares, neues Lebensschäumen umgab ihn hier, das tausend neue Eindrücke, tausend Pläne und Betrachtungen in ihm erschuf. Und er vertiefte sich in die herben Gesetze des großen Lykurgos, unterredete sich mit den rauhen, wortkargen Herren des Landes und saß bei hartem Brote und schwarzer Blutsuppe mit den stets Gewaffneten in den Speisesälen der Männer. Dann wieder sah er den unerbittlichen Leibesübungen zu und war verwundert, wie es hatte geschehen können, daß einer dieser Riesen in Olympia größerer Geschmeidigkeit unterlegen war. Noch mehr aber als diese Erziehung für Streit und Kampf, mehr als alle Gesetze gegen Üppigkeit und Schwelgerei, betrachtete er sinnend das Gefüge des Staates, das in seiner starren aristokratischen Herrschaftsform in ganz Hellas kaum seinesgleichen hatte. Und es entschied sich hier in der Ebene des Eurotas der große Zwiespalt seines Gemütes, der ihn bisher zwischen der Gleichheit aller und der Herrschaftsbefugnis der Tüchtigsten hatte schwanken lassen. Ob ihn nun die Hierarchie ägyptischer Priestervorrechte oder die trüben Folgeerscheinungen mißbrauchter Demokratie bestimmten, die nur allzuleicht in Wankelmut und Zanksucht als Pöbelherrschaft die Beute eines Tyrannen wurde, war ihm selbst nicht voll bewußt. Als Tatsache, als Entschluß seines Innern stand aber fest, daß sein ganzes Trachten nur in aristokratischen Staatseinrichtungen Befriedigung finden könne. Als jedoch der Herbst herannahte, wandte er sich nordwärts, da er Phlius besuchen wollte, die Stadt, der das Geschlecht seiner Eltern entstammte. Am Wege lagen Tiryns, Orchomenos und Mykene, Festen, deren kyklopische Mauern den ehrwürdigen Schauer des Krieges um Ilion atmeten; und wo ihm die sonderbare, den Hellenen unverständliche Bauweise auffiel und wie die kretischen Paläste an die Architektur Kemis erinnerte; so daß er nicht daran zweifelte, daß zwischen beiden Ländern einst nähere Zusammenhänge bestanden haben müßten als heute. Und er ward in seinen Vermutungen bestätigt, als er aus dem Munde der Landesbewohner uralte Sagen über die Herrschaft der Pelasger hörte. So kam er nach Phlius. Ein treuer Bundesgenosse war diese Stadt dem südlichen lakedaimonischen Nachbarn und versuchte in ihren Einrichtungen und Sitten das mächtige Vorbild getreulich nachzuahmen. Nur die Herrschaftsform selbst hatte sie nicht rein erhalten können, da Leon, der mächtige Tyrann, als Alleinherrscher das Gemeinwesen lenkte. Auch hier durchforschte Pythagoras alles Wissenswerte, das ihm zugänglich ward, machte sich aber dadurch nach kurzer Zeit dem mißtrauischen Tyrannen verdächtig, der sich erst beruhigen ließ, als ihm angesehene Bürger nähere Auskunft über die Berühmtheit und Weisheit des samischen Gastes gaben. Nichtsdestoweniger wollte er sich von der Person des Pythagoras durch eigenen Augenschein überzeugen und ließ ihn unter Zusicherung des vollen Gastrechtes vor sich rufen. So stand ihm der Samier bald in der schmucklosen, düsteren Halle seines Palastes gegenüber, deren angedunkelte Decke nach ältestem Baustile von geschnitzten klobigen Holzsäulen getragen war. Leon war über das Auftreten des fremden Weisen scheinbar befriedigt, denn er richtete nach einigen nichtssagenden Bemerkungen nicht unfreundlich die Frage an Pythagoras, was ihn eigentlich hieherführe und welche Kunst er treibe, daß sein Name heute schon weithin berühmt sei. Dabei versagte sich der Tyrann, dessen ganzes bisheriges Leben nur der Gewalt geweiht war und der daher nur Machterfolg wirklich als Erfolg ansah, nicht, in seine letzte Frage einen kaum merklich feinen Schimmer von Hohn und Überlegenheit zu mischen. Pythagoras aber war weit davon entfernt, irgendwie Zorn oder Trotz zu zeigen, da er auf unwiderstehlichere Art den Hochmut des gewaltigen Machthabers beugen wollte. Daher antwortete er schlicht: »Wenn du mich fragen willst, o Leon, welche besondere Kunst ich verstehe, so muß ich dich enttäuschen. Denn ich bin eben nichts anderes als ein Philósophos, ein lernbegieriger Liebhaber aller Weisheit!« Leon, der von dieser Antwort, die sich sosehr von der ruhmredigen Art andrer Weiser unterschied, noch mehr aber von der Fremdartigkeit des Namens eines Philósophos überrascht war, sann eine Weile in sich hinein. Dann glaubte er, die Falle gefunden zu haben, in die er den Samier locken könnte. So fragte er, indem er sich harmlos stellte, weiter: »Ich muß dir vorläufig glauben, daß du weißt, was du sagst. Vergiß aber nicht, Pythagoras, daß es dir nun zukommt, dem Unkundigeren ungewöhnliche Worte zu erklären. Was also sind, so muß ich dich fragen, diese Philosophen für Leute und worin unterscheiden sie sich wohl von den anderen Menschen, die gleich mir, dieser höheren Würde noch nicht teilhaftig sind?« Pythagoras aber erwiderte, ohne zu zaudern: »Nicht für ein Ausweichen darfst du es ansehen, o Leon, wenn ich in meiner Antwort weit aushole. Kann man doch den Inhalt des Neuen nicht so kurz erklären wie den Sinn des Bekannten. Daher sage ich dir, daß mir das menschliche Leben wie jene großen Feste und Märkte zu sein scheint, die mit der verschwenderischen Pracht öffentlicher Spiele und dem Zusammenströmen von ganz Hellas abgehalten werden. Wie nämlich auf jenen Festen ein Teil der Anwesenden nach der Ehre und dem Ruhme der Kampfpreise strebt, ein andrer Teil nur dem Erwerb und dem Gewinne nachgeht, während ein dritter und nicht gerade der schlechteste Teil, weder von Ehrgeiz noch von Gewinnsucht getrieben, nur des Schauens wegen gekommen ist und daran sein Genügen findet – zu beobachten nämlich, was da geschieht und wie es sich ereignet –: so nun kommen auch die Menschen aus einem anderen Leben und einer besseren Welt in dieses irdische Treiben. Wie aus ihrer Heimat zu den Festspielen kommen sie da und es jagen die einen dem Ruhme, die anderen dem Gelde nach; neben diesen aber sind dann einige wenige, die alles übrige nicht achten und nur die Wesensart der Dinge wißbegierig betrachten. Das aber, o Leon, sind die Menschen, die ich Philosophen nenne. Wie es nun aber trotz aller Siegesehren bei jenen Festen als das Unbefangenste gilt, bloß Zuschauer zu sein und sich nicht an ihnen zu beteiligen, so scheint mir auch im Leben die Betrachtung und Erkenntnis der Dinge viel erstrebenswerter als alle unmittelbare Beteiligung und Beschäftigung mit diesen Dingen.« Da lachte Leon hell heraus: »Das also sind jene herrlichen Philosophen? Wenn du nicht solch einen klingenden Namen ersonnen hättest, Samier, hätte ich vorgeschlagen, deine lebenslangen Zuschauer lieber Faulpelze und Feiglinge zu nennen! Du kannst jetzt gehen und unbehelligt ganz Argolis betrachten. Doch hüte dich, die selbstgewählte Beschränkung deines Philosophendaseins zu verlassen! Und hüte dich weiter, denen höchste Würde beizulegen, die müßig gehen!« Pythagoras, der nichts andres erwartet hatte als Unverständnis für die Reinheit seines Zieles, kehrte sich schweigend ab und ging seines Weges. So wurde in jener denkwürdigen Stunde in Phlius durch einen Tatmenschen der Name der Philosophie verhöhnt und verlästert, als ihn Pythagoras zum erstenmal im Ablaufe aller Äonen ausgesprochen hatte. XXI Eben führte die Hochstraße um die letzten Felsenvorsprünge, die das herrliche Ziel noch verborgen hatten. Im Rücken lag schon die kastalische Quelle, auf deren Grunde sich dem Gläubigen das zerfließende Bild der Nymphe offenbarte, die vor der Nachstellung Apollons sich hier in das mütterliche Element gestürzt hatte. Großartig düster erhellte die kalte Wintersonne die ragenden Schroffen des phokischen Gebirgstales und weckte frommen Schauder bei der Erinnerung, daß Apollon am Grunde dieses Tales einst den Drachen Python erschlug. Und Pythagoras trat an die Brüstungsmauern der Straße, dort, wo der Absturz viele hundert Fuß sich niederwärts senkte. Da lag das Wunder vor ihm: Delphi, die heiligste aller Stätten, der Mittelpunkt des Erdkreises! Sein Blick glitt von der Talsohle, wo der Pleistos gegen den nahen Meerbusen hinabrauschte, aufwärts. Und der im riesigen Halbkreise gekehlte Berghang, der nicht einen Fußbreit ebenen Badens aufwies, und auf dem, Terrasse über Terrasse, sich die Häuser der Stadt stauten, setzte sich weiter oben, wo schon der heilige Bezirk in der Pracht seines parischen Marmors glitzerte, in die unglaubliche Dunkelheit der senkrechten Felsenwände der Phaidriaden und der Hyampeia fort. Über den Felsen aber ahnte das Auge die himmelstürmenden Hochwälder und Gipfelsteilen des Parnassos. Er war nicht allein auf der Straße. Denn gleich ihm zogen Hellenen aller Stämme an die Stätten des Orakels, da schon in der nächsten Zeit die Nyxteleia, die Weihe-Nacht zu Ehren des großen Dionysos, bevorstand. Doch er achtete heute nicht der Zahllosen. Zu sehr hatte ihn die Nähe des geheimnisvollen Heiligtums ergriffen und die einzelhafte Stimmung des Priesters, des Geweihten in ihm her auf gerufen; so daß er sinnend an der Brüstungsmauer lehnen blieb und sich am äußeren Bilde der schwebenden, aufwärtsstürmenden heiligen Stadt den inneren Rhythmos des Heiligtums vergegenwärtigen wollte. Eine Festgesandtschaft zog mit großem Prunke an ihm vorbei. Eine Schar von Priestern ferngelegener Städte folgte. Dann kam in einer Sänfte, bleich und sterbensmatt, ein kranker Reicher, der hier letzte Heilungsmöglichkeit suchte. Ein junger Athlet schleppte einen ehernen Dreifuß auf den Schultern, den er bei einem Kampfspiele gewonnen hatte und den er jetzt der pythischen Gottheit weihen wollte. Dann Weiber, herrliche, schlanke Jungfrauen, in deren unstetem Blick die Erwartung dionysischer Weihen zitterte. Ein stilles, ernstes, fast düsteres Ziehen, weltenfern anders als der jubelnde Zusammenstrom hellenischer Spielfreude und hellenischen Kraftschäumens im Tale des Alpheios. Denn jeder, der diese Straße zog, wußte, daß hier der Gott selbst Schiedsrichter sein würde über Gut und Böse, Vergangenheit und Zukunft. Und jeder zitterte, ob es ihm verliehen sein würde, einen Spruch zu empfangen oder den schon erhaltenen Wahrspruch zu erfassen und zu deuten. Und Pythagoras selbst, geläutert durch unzählige Mysterien, erfahren in den Tiefen und Höhen so vieler Glaubenskreise, war hier auch nicht frei von einem leisen Beben. Denn er wußte, daß an dieser Stätte das Schicksal zur Erde stieg und seine furchtbaren, unabänderlichen Lose verteilte. Als aber der frühe Winterabend sein fahles Grau über den weiten Talkessel legte, riß er sich aus Schau und Betrachtung los, die der Genuß kastalischen Quelltrunkes über jeden Menschen bringt, und betrat gefaßt und entschlossen die heiligsten Bezirke aller Weiten und Städte. – * Sein Ruf und seine Stellung als Priester hatten ihm in die innersten Zonen der oberen Stadt Zutritt verschafft und ein Nachtlager harrte seiner in den Wohnungen der niederen Priester. Als er aber am nächsten Morgen auf die glatten Terrassen heraustrat, umfing ihn sogleich ein großartiges Gewoge von Pracht und Lebendigkeit. Hunderte und Aberhunderte von Tempelsklaven waren beschäftigt, die Tempel, die Schatzhäuser, das Buleuterion und die zahllosen Standbilder und Dreifüße zu schmücken, die in dichtem Gewirre Delphi krönten. Dazwischen aber wimmelten bereits die Ankömmlinge, um staunend vor den Bauwerken und Erzgüssen zu stehen oder mitgebrachte Weihegeschenke selbst aufzurichten. Rastlose Arbeit, Hammerschläge und das knirschende Schaben des Polierens drang vom Tempel des Apollon herüber, der, obwohl noch nicht bis zum letzten vollendet, gleichwohl schon im Gebrauche stand und an Erhabenheit des Stils und der Ausführung, an verschwenderischer Pracht und Kostbarkeit wohl alles andre in den Schatten stellte. Und Pythagoras entsann sich, wie vor vielen Jahren das furchtbare Gerücht vom Brande des delphischen Tempels nach Kemi gedrungen war und wie alles, was hellenischen Namen trug, damals zum Neubau beigesteuert hatte. Ja, selbst Amasis hatte großmütig einen Teil des Ertrages seiner Natron-Seen für das heilige Werk zur Verfügung gestellt und sich hiemit ewigen Dank der Hellenen erworben. Am meisten aber hatten wohl jene Alkmaioniden getan, jenes edle athenische Geschlecht, das von den Peisistratiden schmählich aus seiner Vaterstadt verjagt worden war. Der Freigebigkeit und dem fast selbstvernichtenden Opfermut dieses Geschlechtes verdankten es die Hellenen, wenn noch heute, nachdem die gesammelten Gelder längst aufgezehrt waren, Jahr um Jahr neue schimmernde Skulpturen entstanden und die Pracht der Giebel und Metopenfelder zunehmende Bereicherung erfuhr. Pythagoras trat mit vielen anderen in die äußeren Vorhallen des Heiligtums, an dessen Wänden in goldenen Buchstaben die Sprüche der Weisen prangten. Und das »Erkenne dich selbst!« und das »Nichts zuviel!« und alle die andern gnomischen Weisheiten ergriffen ihn mit der unmittelbaren Wucht und Durchschlagskraft beseelten gesprochenen Wortes. Und er kam an die denkwürdige Stätte, wo das riesige hölzerne Epsilon, das Zeichen der Fünfzahl, hing; das Weihegeschenk der fünf großen Weisen, die der Zufall einst an dieser Stelle zusammengeführt hatte. Als er aber noch, in Gedanken versunken und unschlüssig, vor all diesen ehrwürdigen, glaubensdurchtränkten Sinnbildern auf- und niederwandelte und eben das Heiligtum verlassen wollte, entstand unter den Umstehenden eine große Bewegung. Denn, umgeben von glänzendem Gefolge, durchschritt entrückten Blickes eine hoheitsvolle, herrliche Frau den Tempel, deren leuchtendes blondes Haar von purpurnen Stirnbinden umfaßt war und sich hinten zum tiefen hellenischen Knoten schürzte. Die schmale Nase aber, die in marmorner Geradheit die Stirne fortsetzte, der üppige, blühende Mund und das sanftgerundete Kinn gaben ihrem Wesen im Vereine mit dem strengen Faltenwurf des dichten langen Festgewandes den Ausdruck eines göttlichen Bildwerkes. Ohne das Gewimmel der Zahllosen, die vor der heiligen Pythia scheu zur Seite traten, auch nur mit dem Schimmer eines Blickes zu streifen, war sie schon fast bis zu den ehernen Flügeltüren gelangt, die die inneren Räume des Heiligtums vor den Ungeweihten verbargen: Als plötzlich, sichtbar und merklich, ihr Schritt zu stocken anhub und die Starre des Antlitzes zunehmender Belebung Platz machte. Und der volle Strahl ihrer jenseitig tiefen, dunkelblauen Augen Pythagoras traf. Sie blieb stehen und sagte mit einer Stimme, die wie aus fernstem Traume zu kommen schien: »Ich sah dich nie, Fremdling! Doch weiß ich, daß du Pythagoras bist, der Sohn des Mnesarchos aus Samos. Dein Bild erkenne ich wieder, das der große Apollon einst, aus den Schleiern des Schlundes gebildet, vor mir aufsteigen ließ, als ein Mann mich fragte, auf wessen Schultern die Zukunft des hellenischen Geistes ruhen würde. Komm dann später zu mir und zu den heiligen fünf Priestern Delphis. Wir wollen mit dir sprechen, Pythagoras aus Samos!« Und die Pythia kehrte sich ab, das Leben ihres Ausdruckes zerrann wie das Bild der kastalischen Nymphe am Grunde der Quelle; und die ehernen Torflügel sprangen vor ihr auf und ließen sie ins Adyton. Alle aber betrachteten scheu und ehrfürchtig, neugierig und forschend den Samier, dem solch ungewöhnliches Schicksal widerfahren war. Pythagoras jedoch, dessen Seele in unerklärlichem Zwiespalt plötzlich wie entzweigerissen um einen schwachen Schimmer göttlicher Harmonie rang, der es zudem nicht fassen konnte, welche Macht der Pythia das Erkennen verliehen habe, wo er unter den Zahllosen nicht einmal in erster Reihe gestanden war, ging still und gesenkten Blickes, fast beschämt, durch die flüsternde Menge. Und er suchte den Schutz seines Gelasses, um seine Gefühle und Gedanken zu ordnen, ehe er vor die Priester treten würde. Denn er hatte kaum gehofft, bei diesen höchsten aller hellenischen Götterverkünder Zutritt zu finden und hatte sich bisher damit zufrieden gegeben, bei der niederen Priesterschaft, die ihm bereitwillig Gastrecht gewährt hatte, über die Einrichtungen des delphischen Weihedienstes unterrichtet zu werden. Diese Gottesdiener aber waren kaum weniger erstaunt als Pythagoras und das Volk, als er ihnen erzählte, welches Vorzeichen sich im Heiligtume Apollons zugetragen habe. Das Haupt in die Hand gestützt, wie schlafend, saß die Pythia auf dunklem ehernen Thronsessel, als Pythagoras in das Allerheiligste des Apollontempels trat. Vor ihr, in der Mitte des mit grauen Platten ausgetäfelten Gelasses, wuchtete über mannshoch der ehrwürdige Omphalos, der glitzernd weiße Marmorkegel, der Nabel und Mittelpunkt des Erdkreises ist und den nur die fünf Heiligen Delphis und die Pythia berühren dürfen. Den Hintergrund des Adytons, dort, wo aus der unergründlichen Felsenspalte der wunderschwangere Nebel heraufquillt, verschloß ein schwerer, bis an die Decke reichender Vorhang. Langsam, wie aus abgrundtiefen Träumen zur Gegenwart erwachend, hob die herrliche Priesterin das Antlitz. Als sie aber den Samier wahrgenommen hatte, der noch scheu nahe den Türflügeln stand, glitt ein leises rätselhaftes Lächeln über ihre Miene und ihr Ausdruck gewann die Weiche unentrückter Weiblichkeit. »Komm näher, Pythagoras!« sagte sie mit volltönender tiefer Stimme. »Berühre ohne Scheu den Omphalos des Erdkreises. Genug Reinigungen hast du erfahren auf deiner Wanderschaft. Überall sind die wahren Götter, wo ein wahres Herz sie sucht!« Pythagoras aber, den die Stimmung des Allerheiligsten aller Hellenen jetzt selbst mit einer Art göttlichen Wahns umschleiert hatte, setzte Schritt vor Schritt ohne klarstes Bewußtsein seines Handelns; und kniete, die Arme breitend, vor dem Marmorkegel nieder und küßte ihn. Dann sprach er leise, wie zum eigenen Gemüte: »Lange, allzulange habe ich die labyrinthischen Irrpfade des Weltkreises umwandert, bis das Schicksal mich endlich zum Mittelpunkt führte. Bin ich jetzt beim Wesenskerne des Lebens angelangt? Oder muß ich wieder hinaus auf andre Irrpfade, wissend nur, daß ein Mittelpunkt vorhanden sei? Was soll ich beginnen, da noch zwiegespalten aller Hellenen Seele die Wahrheit nicht sehen wird, auch wenn einer imstande wäre, sie ihr zu bringen?« Die Pythia aber lächelte wieder. Diesmal rein und gütig und ohne den Schimmer des Rätsels. Und erwiderte: »Zweifach, o Pythagoras, sind die Wege der Wirkung! Darum laß dich von dem Stückwerk der Erfahrung nicht täuschen, das dich bisher zu Zweifeln verleitete. Siehe: Ein Pfad des Wirkens entspringt aus der dumpfen Masse. Rede den Vielen nach Trieb und Gefallen und eine mächtig gestaute Woge der Zustimmung wird dich emporheben und dich unaufhaltsam und überwältigend über alle Klippen, alle Eilande stürmen lassen; bis du endlich samt deiner Woge an den himmelragenden Uferschroffen des Ewigen zerspellst und in Nichts zerrieselst. Vielleicht wirst du selbst dieses Ende nicht erleben! Vielleicht wirst du in deiner ganzen Zeit wähnen, auf Gipfeln zu weilen, da deine willige Masse auch die Besten brausend übertönt. Aber dein Werk wird sie erleben, die unerbittliche schwarze Wand der Ewigkeit! Der zweite Weg der Wirkung aber ist ein andrer, ein mühevollerer. Nur den kargen Beifall der Weisesten wirst du zuerst erleben, den Beifall derer, die über den schmalen Streifen ihrer Lebenszeit hinausblicken können und wissen, was morgen Schicksal sein wird. Und erst die Übereinstimmung dieser Wenigen, die gehäufte Macht ihrer vorausschauenden Weisheit wird von oben herab langsam die Vielen zwingen, voll die Wahrheit zu erfassen. Nicht wird es dabei am Gelächter der Kleingläubigen und Alleswisser, nicht an gehässiger Feindschaft derer fehlen, die sich zwar im Innersten nach dem großen Ziele sehnen, die Kraft aber der Entsagung und des Kampfes nicht aufbringen und stets wieder in den ersten Pfad der Wirkung zurückgleiten; weil sie ungeduldig und schwach sind, Pythagoras! Damit aber mußt du dich befreunden, Samier, wenn du dein Schicksal erfüllen willst, daß dein ganzes Leben, und wenn es auch länger währte als das aller anderen Sterblichen, ein Auf und Ab, eine Wechselfolge von Höhen und Tiefen, Erfüllung und Enttäuschung sein wird. Und daß nur ein winziger Teil deiner Mitbürger mit dir gehen wird. Denn bei deiner Weisheit handelt es sich nicht um Dinge, die jedes Menschen Begierde und Ziel sind. Die Wahrheit aber und der Erfolg der Weisheit liegt nicht im gleichzeitigen Beifall der Menge. Wahrheit und Erfolg liegen im Ziele selbst und in der Erkenntnis von der Würde des Zieles. Das aber können dir nur wenige Männer jeder Zeit sagen, ob du diesen Siegespreis erstrittest. Und es muß dir genug sein, wenn sie es dir sagen. Unaufhaltsam wird das Übrige die Zeit und das heilige Gesetz der Ewigkeit und das große Schicksal vollbringen!« Als die letzten Worte verklungen waren, lag lange Zeit tiefes Schweigen über den dunkelroten Fliesen des Adytons. Endlich erhob sich Pythagoras und trat der Pythia näher, die ihn gütig anblickte. Und er erwiderte: »Schwer ist es für mich, zu entscheiden, ob ich geziemender zu dir sage, daß der Gott, der einzige größte Gott deine Worte lenkte, oder ob ich deine Rede, gleichsam als wäre sie dein Eigenstes, dankbar bewundre. Doch glaube ich, daß ich mit beidem das gleiche ausdrücke. Ist es doch weder mir noch dir zweifelhaft, daß letzte Weisheit in uns nur der Eingebung und dem Willen des Göttlichen entspringen kann. Darum mahntest du die Schwäche und Ungeduld, die meinen menschlichen Trieben entsprang, zu gelegener Zeit; obwohl auch diese Fehler ja wieder nur meiner Angst entstammten, die anderen könnten die Stimme der Wahrheit ungehört verhallen lassen. Aber auch darin hast du recht: Frevlerisch wäre es, den ersten Pfad der Wirkung zu schreiten und die Mitbürger wie eine tollgewordene Herde dorthin zu locken, wo ein schmähliches Ende droht. Anstatt die Hirten zu überreden und gemeinsam mit ihnen zu versuchen, die Widerspenstigen, die zähe an ihren fetten Weideplatz sich klammern, langsam in die reinere, würzigere Luft der Bergwiesen hinanzuleiten. Aber es ist nicht leicht, Pythia, nicht leicht für den Hirten, der für die Herde zittert und dabei zusehen muß, wie ganze Rudel sich verlaufen und dem Zahne des Wolfes und dem zerschmetternden Sturz in den Abgrund verfallen!« Da leuchtete ein sonderbar klarer Strahl aus den Augen Themistokleias. Und sie erwiderte eindringlich und hastig: »Leicht, Pythagoras? Wer sprach davon? Ich will dir jetzt in einer Weise antworten, die vielleicht der Pythia nicht erlaubt ist. Ich weiß es nicht, ob ich sündige. Aber ich kann dir anders das nicht mitteilen, was ich dir sagen muß. Unbekannt ist es dir vielleicht, daß mich das Schicksal, ein hohes, glänzendes Geschick, vor nicht allzulanger Zeit auf den Posten berief, zu dem sonst ein weit reiferes Alter nur tauglich macht. Noch nicht dreißig Jahre durchlebte ich, während sonst das Gesetz der Pythia fünfzig Jahre vorschreibt. Genug! Man befragte den Gott und er gestattete in dunklen Sprüchen dem jüngeren Weibe, ihm zu dienen. Weißt du jedoch, Pythagoras, – und das wollte ich dir sagen – weißt du, was es heißt, stündlich das Schicksal des Erdkreises, der hellenischen Welt zumindestens, in sich zu tragen? Weißt du von der Angst, in der ich bebe, wenn unter dem Hauche der Gottheit mir die Klarheit des Denkens schwindet und die entscheidenden Worte fallen? Wie da die törichte Menschenweisheit meiner Seele sich an das Licht festklammern und überlegend die göttliche Stimme meistern und bewachen will? Weißt du das, Pythagoras? Wähnst du, das Herz der Pythia sei frei von Eitelkeit, Versuchung und Zweifelsucht? Nein, Pythagoras! Leicht ist es wahrhaft nicht, dem Göttlichen zu dienen! Es soll aber nicht leicht sein. Denn was wäre das für ein Göttliches, das einem Menschen leicht fiele?« Während der letzten Worte schon hatte eine ansteigende Erregung Pythia überkommen. Ihr Antlitz begann leise zu beben und der Strahl ihres Auges umflorte sich in göttlicher Entrückung. Noch einmal aber riß ihr Wille sie in die Klarheit des Tages zurück. Doch flüsterte ihre Stimme nur mehr klanglos: »Pythagoras, die Götter riefen dich, ihnen reinere, endgültigere Verehrung zu erringen. Du weißt, daß hier in Delphi nicht nur Apollon thront, sondern auch der dunkle, der unterweltliche Dionysos gefeiert wird. Morgen wird in den nördlichen Bergen die Nyx teleia, die weihevolle Nacht, begangen werden. Du sollst sie sehen, die rasenden Thyiaden, sollst sehen, was sonst ein Mann nicht blicken darf. Aber hüte dich, Pythagoras! Selbst Orpheus wurde von den Bakchantinnen zerrissen, weil er reinere Lehre, reineren Brauch nach Hellas bringen wollte. Mehr darf ich dir nicht sagen. Denn Apollon hat mir nur gestattet, dir zu zeigen, wie es die Thyiaden treiben. Damit du sähest, wägest und handeltest. Das waren seine Worte. Leb wohl, Pythagoras! Eine stumme Sklavin wird dich morgen dorthin leiten, wo dein Schicksal will, daß du stehest!« Und sie sank zurück. Pythagoras aber entfernte sich leise. Schon wollte er aus dem Tempel, der jetzt völlig leer lag, heraustreten, als ihn ein Sklave plötzlich am Gewande faßte und ihn zu den fünf Heiligen von Delphi führte. Gütig und weise unterredeten sich diese Priester mit dem Samier. Als er ihnen jedoch künden wollte, was die Pythia ihm aufgetragen hatte, geboten sie ihm Stillschweigen. Denn der Gott habe befohlen, daß Pythagoras allein mit seiner Weihepriesterin Zwiesprache halte. Pythagoras aber gehorchte willig. Denn zu hehr und hoch schien ihm sein Gespräch mit Themistokleia, als daß er es gerne preisgegeben hätte. War doch nur sein wahrhafter Sinn die Veranlassung gewesen, den Priestern gegenüber davon überhaupt Erwähnung zu tun. So eilte er beglückt und voll von göttlicher Ahnung nach Hause und wiederholte in seinem Innern jedes Wort und jede Geste, jeden Blick und jeden Klang der hehren Pythia. Und plötzlich sank die Erscheinung der Priesterin zurück und vor ihm stand, größer noch und göttlicher, Themistokleia, das unausdenkbar herrliche Weib! Und ein aufgepeitschtes Wirrsal furchtbarer Gedanken und Entschlüsse, ein Anprallen an unübersteigliche Wände, ein Gottsuchen und Gottverfluchen, ein zärtliches, duftdurchwebtes Gaukelspiel und das Erwachen in unerbittliche Wirklichkeit raste die ganze Nacht durch sein Gemüt. Und vermengte sich mit Erinnerungen an Bertreri, an Babel, an die Höhen Indiens. Bis ihn endlich schwerer Schlaf umfing und der wilde Kampf seiner Seele sich in das Labyrinth der Träume fortsetzte. Den Tag aber verbrachte er in stumpfer, ahnungsumflorter Erregung und zählte die Herzschläge, bis am späten Nachmittage die stumme Sklavin kam und ihn auf verborgenen Wegen aus dem Tempelgebiete hinausführte. – * Die tiefe Einsamkeit des winterlichen Hochwaldes und eine Stille, für die es keinen Ausdruck gibt, umfingen Pythagoras, als er sich fröstelnd in den dichten Wollmantel hüllte und auf den flachen Felsblock niederließ, dessen Fuß im Schnee stak. Ab und zu nur seufzten schwere Äste unter der weißen Last und helles Geriesel von Eisnadeln folgte dem düsteren Knarren. Wie im Traume sah er vor sich hin. Er saß im ragenden Gehölze nahe am Rande des Waldes und eine Wand von Gebüschen, von Menschenhand scheinbar verflochten, schloß ihn gegen die weiten Lichtungen ab, die sich vom Waldessaume sacht abwärts neigten, um dann im Unbestimmten sich zu verlieren und sich in die tiefe Schwärze eines Tales zu versenken. Darüber hinaus aber, dort, wo aus dem zerrissenen unbewegten Gewölke der Mondstrahl flimmerte, standen in grellem Schneelichte, schwarz gesprenkelt von den Fichtenforsten, die gegenüberliegenden Wipfelketten des Parnassos. Und er begann nachzusinnen und zu grübeln, warum eben sein Schicksal so bunt, so wechselvoll ihn stets an Orte lockte, wo das Erhabene so nahe beim Grauenhaften lag, als ein furchtbarer, dröhnender Ton die Stille jählings zerriß. Wie ein zerschmetternder Schlag hatte der Klang zuerst geschwungen und sich von Bergwand zu Bergwand in vielfachem Echo gebrochen, als schon aufs neue wieder, noch mächtiger, noch grausiger, das wilde Getöse anhub. Und er erkannte den Klang der ehernen Becken, der sich jetzt zu einer rasenden Folge wirbelnder Tonstöße verdichtete. Und näher und näher heranschwoll. Plötzlich aber verstummte auch das letzte Wehen des Echos und wieder lag die unglaubliche Stille über dem Parnassos. Da hub, von einer anderen Seite daherwehend, ein neuer Klang an, der, zauberhaft in seiner Süße, die hellen Tränen in die Augen trieb. Denn hoch und ziehend, fast schluchzend, zitterten tausend Saiteninstrumente, die sich mit dem klaren Chor unzähliger Frauenstimmen mischten. Doch nur ganz kurze Zeit. Denn unvermittelt riß die Wonne des Gleichklangs ab, und ein dumpfes Gebrüll, gleichend dem brünstigen Schreie der Stiere, durchschütterte die Weiten. Und in das hallende Echo mengte sich schon das geheimnisvolle Raunen tiefer Pfeifen und Flöten. Und wieder ertönte das Stiergebrüll und plötzlich kam es näher und näher und es raschelte und knackte, verstummte und erhob sich dann mit Urgewalt. Und Gebrüll und Pauken, Flöten und Gesang, Saitenstreichen und Jauchzen floß zu einem wilden Rhythmos zusammen. Da leuchteten, den bleichen Glanz des Mondes überstrahlend, am Abhänge Hunderte von Lichtern auf, die hin- und widerwogten, sich ballten und zerstreuten. Und ihr Wogen schwang im Takte des brausenden Zusammenklanges. Pythagoras neigte sich vor und rückte sein Antlitz fiebernd gegen das Unbestimmte, das da in gesteigertstem Lebensüberschwange herantoste. Und sein Atem stockte, als die ersten Fackeln, wenige Stadien entfernt, in deutliche Sicht rückten und schlanke Mädchenleiber, umgürtet mit dem Felle des Hirschkalbes, den Efeu-Thyrsos schwingend, durch den stäubenden Schnee rasten. Und er sah erschauernd die fliegenden, aufgelösten Haare, bekränzt mit Efeu, sah die rotüberglühten Gesichter und die flackernden Augen. Und die Arme wogten in schwingendem Schweben und die herrlichen Beine schleuderten achtlos die hindernden Felle zur Seite und gleißten weißer als der Schnee. Und näher kam das Branden und unzählbar wurde der sausende Zug der Thyiaden. Und der Lärm wuchs ins Ungemessene. Stets aber erstarrte dem Lauscher das Blut, wenn die Leiber sich mit zurückgeworfenem Kopfe emporschnellten, daß die Funken von den Fackeln stoben; und das grausige Stiergebrüll erscholl. Jetzt kam ein neues Schrecknis: Lange Zweige schleifte ein Rudel der Wahnumflorten hinter sich her, deren knisterndes Schlurfen in den wenigen stillen Augenblicken doppelt stark das stürmende Vorwärtsjagen des orgiastischen Zuges kennzeichnete; auf den Zweigen aber lagen, blutend und düster, die riesigen Flanken und Schenkelstücke des frisch gefällten Opferstieres. Und eine schwarze, unterbrochene Spur blieb im Schimmern des Schnees haften. Plötzlich, kaum drei Stadien von Pythagoras entfernt, staute sich die Spitze des Zuges und schlug die Hemmung des Vorwärtsrasens weiter und weiter zurück, daß bald die ganze Lichtung vor dem Lauscher von einem wimmelnden Gewoge fellumgürteter Frauenleiber erfüllt war; über die das unsichere Licht der zahllosen Fackeln rötlich auf- und niedertanzte und vertuschend einzelne Gruppen in greller Deutlichkeit aus dein Dämmerscheine herausgriff. Der Lärm war verstummt, der leise, schwingende Gesang einer jungen Mädchenstimme zitterte bangend empor und erzählte geheimnisvoll die Geschichte des Lykitnes, des Dionysoskindes, wie es spielend durch die Fluren tanzte und sich am Jubel des Lebens ergötzte. Und zarte, süße Tänze belebten die Glieder der zahllosen Mädchen, als sie des Kindes unschuldsvolles Spiel mimten. Da erklang plötzlich, nur weitaus stärker als je, das furchtbare Gebrüll des Stieres und die Münder der Thyiaden standen weit offen in verzerrten Antlitzen, während gräßliche Wirbel über die Tympana der Pauken rasten. Pythagoras fuhr in sinnlosem Schrecken herum. Denn eine feste Hand hatte seine Schulter berührt. Mancher Herzschlag verrauschte in seiner Brust und seinen Schläfen, bis die Klarheit seines Ich-abgekehrten Denkens und Schauens wiederkam. Doch aufs neue durchzuckte es ihn. Denn Themistokleia stand da groß und herrlich vor ihm, kurz gegürtet im übergeworfenen Hirschfell, den Efeu um die Stirne, und die Wogen ihrer dichten Haare wehten um ihre Schultern. Ihre Stimme aber war heiß und fiebernd, als sie flüsterte: »Hüte dich, Pythagoras! Die gräßliche Angst trieb mich hieher, du könntest tollkühn die Lichtung betreten und den Rasenden in die Hände fallen. Sieh, wie sie es treiben!« Ihre weiteren Worte aber verschlang ein Schrei, ein so grauenvoller, mißtönender, kreischender Schrei, daß die Höhen des Parnassos zu wanken schienen. Und während zahllose Fackeln im Schnee verzischten, prallten die Leiber der Thyiaden gegeneinander, und sie stürzten sich sinnlos und ohne Hemmung auf die Flanken des Opferstieres und rissen sie mit bloßen Händen in Stücke. Und während im tollen Handgemenge vielen die Felle von den Schultern gezerrt wurden, nahm das entsetzliche Schreien kein Ende, sondern verstärkte sich noch zu stets wilderen, stets tierischeren, stets wahnsinnigeren Lauten. Und die Thyiaden befleckten sich mit dem Blute, stießen einander und gruben gierig die Zähne in die blutenden Lappen, die ihre Hände erobert hatten. Und zuckende Krämpfe befielen die Mainaden. Nackt wälzten sich schon einige im Schnee, während andre wieder einander in rasenden Umarmungen umkrallten. Und gurgelndes Stöhnen durchtoste die Luft und schien sich nicht mehr zu lösen. Pythagoras aber, dessen erschütterte Sinne das entfesselte Toben unterster, dunkelster Fleischeswonne stromgleich überkam; den zudem noch das grausige Gefühl aufwühlte, in düsterster Einsamkeit unter den Hunderten von Weibern als einziger Mann zu atmen, verlor die Herrschaft des Willens. Wie hilfeflehend riß er sich von dem wirren Anblicke los und suchte das Antlitz der Themistokleia. Diese aber stand starren Blickes und zurückgeneigten Hauptes im Glitzern eines verirrten Mondstrahles und das Hirschfell war sosehr von ihr herabgeglitten, daß fast die ganze aphrodisische Herrlichkeit ihrer schimmernden Glieder sichtbar wurde. Noch einen Herzschlag, den letzten Herzschlag, zwang der Samier den Sturm seines entfesselten Leibes zurück. Dann aber zerbrach sein Wille und mit wilder Kraft riß er die Pythia an sich; eben als eine neue Woge dionysischer Lust von der Lichtung herüberbrauste. Der leise Schrei der Priesterin verwehte im orgiastischen Lärm. Doch auch ihr kurzer Widerstand machte plötzlich willigem Dulden Raum, und Pythagoras fühlte versinkend und erschauernd, wie ihre zuckenden Lippen sich wild an die seinen preßten und ihre Arme ihn an das Wogen ihrer Pulse zogen. – Ein leises Flüstern erweckte ihn. »Fliehe hinein in den Wald! Fliehe! Sie zerstreuen sich und suchen wehklagend den Dionysos, den die Titanen zerrissen und verschlangen. Leb wohl, Geliebter! Nur der Gott kann sühnen, was wir frevelten! Leb wohl!« Und bevor noch Pythagoras den Sinn ihrer Worte voll erfaßt hatte, war die Pythia verschwunden. Und er wußte nicht, ob ihm der thyiadische Lärm nicht ein Traumgesicht vorgegaukelt hatte. Da fielen Efeublätter vor ihm in den Schnee und er hob sie auf und küßte sie. Dann floh er in das Dickicht des Waldes. – Aufgewühlt und gepeinigt hörte er nur mehr wie aus jenseitigen Weiten, daß die Thyiaden durch die Klüfte streiften und wehklagend den ermordeten Dionysos suchten. Und daß dann plötzlich der brausende Hymnos der Auffindung und der Wiedererweckung des Toten die Wälder des Parnassos durchklang und das wilde Rasen sich zu göttlicher Harmonie auflöste. Wie durch Schleier sah er noch ab und zu die Züge der herrlichen Mädchen, die, zu chaotischer Anmut und Würde zurückverwandelt, in schwebenden Tanzschritten die Hänge hinabliefen, um morgen keusch und entsühnt am pythischen Altare zu opfern. Und er harrte aus, bis der kalte Morgen anbrach und seine Glieder vom Froste bebten. Dann irrte er über die versteckten Felsenpfade hinab nach Delphi. * Nach kurzem, qualvoll dumpfem Schlafe schreckte Pythagoras am frühen Vormittage empor. Sogleich umklammerte, bevor noch klare Gedanken Rechenschaft ablegten, mahnende, hoffnungslose Traurigkeit seine Brust. Als sich aber dann erst die Spiegelungen des Bewußtseins hinzugesellten, schlug er verzweifelt die Hände vors Antlitz und rang nach Erlösung. Was war geschehen? Wie hatte ein einziger Augenblick das herrliche Ziel zerschlagen können? Warum hatte ihn bisher das Schicksal behütet, um ihn dann in die grausigsten Tiefen des Gottesfrevels zu schleudern? Pythagoras, der Gottesfrevler! Wie ein Schrei zerspellte dieses Wort sein Gemüt und nahm sosehr von ihm Besitz, daß andre, versöhnende Mächte, die glückumweht aus anderen Zonen seiner Seele emporstiegen, zu klagenden Schatten zerflossen. Und eine namenlose Angst schüttelte ihn. Was sollte er tun? Der Plan einer wilden Flucht tauchte empor. Einer Flucht durch die düsteren Abgründe des Erdkreises, ein Versuch, in Kemi, bei den Indern Reinigung und Entsühnung zu erlangen. Doch war dieser Plan schon verworfen, ehe er noch voll geboren war. Denn wer konnte dem Gotte entfliehen? Ja, zu finden war das Göttliche schwer gewesen. Dem Gefundenen aber zu entrinnen war zehntausendmal schwerer. Durfte er überhaupt entfliehen? War es nicht letzte Pflicht des Frevlers, die Strafe auf sich zu nehmen und den Rest des zerstörten Lebens für den Versuch einzusetzen, aufs neue dem schon erreicht geglaubten Ziele um Handbreiten wenigstens nahezurücken? Der Gott selbst mußte entscheiden! Er, der erhabene Apollon, der vorher schon gewußt hatte, was sich auf den düsteren Stätten des urweltlichen Lykoreia an Frevel ereignen würde. Und plötzlich schoß alle Erinnerung an die grausigen Mysterien des Lykitnes, des kindlichen Dionysos, in seine Gedankenflucht und wie im Traume sah er die Efeublätter in den Schnee fallen. Da schluchzte er wild auf. Denn zugleich durchströmte ihn, titanisch ringend, die Liebe zum Göttlichen und Menschlichsten. Und eine Anklage, aus dem Unbewußten heraufquellend, bäumte sich empor und fragte, warum nicht Harmonie dieser Urmächte möglich sei und die eine Bestimmung des Dranges die andre ausschließe. Er erkannte, daß menschliche Weisheit den Zwiespalt nicht lösen konnte. »Nur der Gott kann sühnen, was wir frevelten!« flüsterte in seiner Erinnerung die heiße Stimme der Themistokleia. Und er sank stumpf und hilflos in grübelnde Betrachtungen. Und neue Furcht zerquälte ihn, da ja dieselbe Themistokleia den Ratschluß Gottes verkünden würde. Konnte sie Richterin sein in eigener Sache? Würde nicht der Wunsch die Reinheit des Urteils zu ungerechter Milde trüben? Doch da fielen ihm dunkle Sagen ein und glätteten die Wogen der Zweifel. Was vermochte der Wunsch einer Pythia gegen den Gott? Hatte nicht schon mehrmals Apollon seine unreinen Dienerinnen gezwungen, laut und vor allem Volke sich selbst anzuklagen und die Schande zu bekennen? Da packte ihn der letzte, der tiefste Schmerz. Er, er allein war schuldig. Und er mußte selbst den Gott fragend anrufen, um die Schuld voll und ganz auf sich nehmen zu können. Er, der das tiefe Vertrauen, die edle Hilfsbereitschaft der hehrsten Priesterin des Erdkreises getäuscht hatte. Und gestrafft durch das heilige Feuer dieses Entschlusses, verließ er das Haus und eilte zum Tempel des pythischen Gottes. Zahlreiches Volk war heute in den inneren Bezirken der Priesterstadt. Und die Thyiaden des Parnassos beteten mit glatten, entsühnten Antlitzen am Grabe des Dionysos, und der Opferdampf stieg empor. »Komm, o Dionysos, zu dem heiligen Tempel, komm zum Tempel, einher mit dem Stierfuße stürmend!« murmelte das Gebet der thyiadischen Frauen und Jungfrauen. Pythagoras aber eilte durch das festliche Gedränge und stockte erst, als er an den ehernen Flügeln der Türe stand, die ins Adyton des Tempels führte. Jetzt erst merkte er, daß sich zahlreiche Blicke aus der betenden und opfernden Menge fragend auf ihn richteten und einen Herzschlag lang zuckte der Gedanke in ihm empor, es könnte bereits seine Verfemung ausgerufen sein. Doch es ereignete sich nichts, was für solche Befürchtungen sprach. Still und feierlich öffneten sich in kurzen Zwischenräumen die Tore, um die gläubigen Züge der orakelfragenden Männer einzulassen; und nach der Verkündigung wieder den in heiligem Schauer Glühenden den Rückweg freizugeben. Plötzlich trat eilend ein niederer Priester aus einer Seitentüre in den Mittelraum der Cella und machte mit der Hand ein Zeichen, das alle die vielen zu tiefstem Schweigen zwang. Dann sagte er halblaut: »Zum dritten Male hat die Pythia den Pythagoras aus Samos gerufen. Ist er hier im Tempel? Der Gott will ihm durch ihren Mund seinen Spruch verleihen!« Und er kehrte sich ab. Pythagoras aber, dem die nahende Entscheidung, der Ruf des Gottes, fast die Glieder lähmte, richtete sich mühsam auf und antwortete leise: »Hier bin ich! Ich gehorche.« Dann schritt er still zum Altare; um die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten, bevor er dem Heiligsten nahte. Nach beiden Seiten gerafft gab heute der düstere Vorhang den innersten Teil des Adytons frei, durch dessen mystische Dämpfe farbige Lichter glommen. Schwarz und fürchterlich aber klaffte die Felsenspalte, über der der ungeheure eherne Dreifuß im unsicheren Flimmern des Dampfes schwebte. Hoch oben, auf ehernem Throne, die Arme gebreitet, das edle Haupt mit den geschlossenen Augen zurückgeneigt, lehnte die hehre Pythia und ihr Busen hob und senkte sich wie in flackernden Krämpfen. Am Fuße des Tripodions stand einer der fünf heiligen Thrakiden und horchte angestrengt auf die leisen, murmelnden Worte, die den halbgeöffneten Lippen der Pythia entklangen. Nahe dem Omphalos kniete Pythagoras nieder und neigte sein Haupt in stummer Erwartung. Er war allein im Allerheiligsten. Plötzlich aber rief Themistokleia seinen Namen, daß der helle Ton im düsteren Räume schwang. Dann neigte sie sich vor und hastig, in abgerissenen Worten, raunte sie dem Spruchpriester die göttliche Verkündigung zu. Und schwieg ebenso plötzlich, wie sie begonnen hatte, und sank wie leblos zurück. Der Thrakide aber bedeckte für einen Herzschlag die Augen mit seinen Händen. Dann jedoch tönte es voll und klar und ohne Stocken durch den Raum und Pythagoras trank das göttliche Wort bebend in die tiefsten Tiefen seines Gemütes. Und es tönte: »Dich liebt der pythische Gott und dich lieben die Diener des Gottes. Doch dich zwang dein Geschick, jenseits der Freude zu stehn. Drum hat er dir in der weihvollen Nacht des erweckten Lykitnes Träume des Jubels gesandt, Boten des künft'gen Geschehns. Boten waren es nur, denn einmal schon hat er verkündet, was an Glück dir bestimmt; doch du verstandest es nicht. Sannest schwer vor dich hin, als die siegesleuchtenden Augen unter dem Kotinoskranz tief und vertraut dich gegrüßt. So vergiß Lykoreias Traum! Doch wenn wehend im Windhauch schwarz der Vorhang sich teilt, dann ist Erfüllung dir nah!« Pythagoras aber, dessen Geist in furchtbarer Anspannung jedes Wort des Orakels zu unverlierbarem Besitze in sein Gedächtnis prägte, jubelte in namenlosem Glücksgefühle auf. Der Gort hatte verziehen! Mehr noch! Apollon selbst war es gewesen, der ihm auf den Höhen des Parnassos durch seine herrliche Dienerin die erste Botschaft süßester Wonnen gesandt hatte: Und ihm so die heilige Harmonie des Göttlichen und des Menschlichsten verkündete! »So vergiß Lykoreias Traum!« Er mußte gehorchen und vergessen. Was er aber behalten durfte, behalten außer dem Versprechen noch hehreren, noch rauschenderen Glückes, war das Bewußtsein, daß nichts die Götter geschaffen hatten, was sich nicht zu endgültigem brausenden Einklang führen ließ. Und erlöst zum Kulme des Hellenentums, schritt er glücklich, doch demütiger durch die Scharen der Brüder und Schwestern, die, schwach gleich ihm, sich beim pythischen Gotte Rat und Hilfe holten. Und die Erinnerung der Schwäche machte ihn seliger als der herrlichste Sieg, da sie ihn dem Herzen seines Volkes näherbrachte! – – – XXII Als Pythagoras mit seinen Sklaven auf der heiligen Straße nordwärts wanderte und die Erlebnisse und Gesichte Delphis in all der Schärfe erster rückschauender Erinnerung vor ihm aufstiegen und erst jetzt so recht Sinn und Zusammenhang erhielten, da überkam ihn mit unwiderlegbarer Deutlichkeit die Ahnung, daß die Zeit des Umherirrens, die stets wieder angebrochene Forderung des Suchens und Planens sich ihrem Ende zuneige. Und er betrachtete fast munter die Wildheit der Gebirgstäler und das Düstern des Wintermorgens. Erst am Ziele der Wanderung, in den Schluchten Thrakiens, begann er an der Richtigkeit seiner Ahnungen zu zweifeln; denn eine neue Welt umfing ihn. Und neue Gedankenkreise stürmten auf ihn ein, die ihn mächtig ergriffen. Vor allem anderen war es die ungeheure Persönlichkeit des orphischen Weihepriesters Aglaophamos, die für ihn die Erkenntnis jenes düsteren Mysterienglaubens zur Einheit schloß, jener zweiten Götterlehre, die geheimnisvoll sich körperlich am Fuße des irdischen, des lichten und heiteren Olympos heraufrankte. Je mehr ihn jedoch Aglaophamos in die innersten Tiefen der Orphika einweihte, desto erstaunter sah der lernbegierige Schüler, daß er hier nur dunkle, ins griechische Denken übertragene Reste des ägyptischen Osiriskultes vor sich hatte. Und der freudige Gedanke erfüllte ihn mit frommen Schauern, daß es ihm auf diese Art leicht gelingen müßte, zwischen seinem Urgötterwissen und der dumpfen Sehnsucht hellenischen Mysteriendranges eine schimmernde Brücke zu schlagen. So verflossen die Monate schnell, und der Frühling, der in diesen Zonen das Fest der trieterischen Dionysien brachte, leuchtete in schwärzlicher Bläue und Klarheit über die bukolischen Matten, die sich in grellstem Grün von der dunklen Pracht feuchter, ragender Felsschroffen abhoben. Dazwischen aber rauschten die Gebirgsbäche übermütig zu Tal und die Fluren, auf denen Herden auszogen und Hirten die Syrinx bliesen, sprenkelten sich mit weißen, gelben und rosenfarbenen Blumen und Dolden. Um so unbegreiflicher war es dem Pythagoras, als ihm Aglaophamos enthüllte, daß hier, inmitten dieser milden, Frieden atmenden Bergesstille, in abgelegenen Seitentälern der Dienst des Dionysos noch ab und zu Anlaß zu grausigen Menschenopfern gebe; obwohl eine Erinnerung an das Treiben der Thyiaden die Glaubwürdigkeit der Priesterworte außer Zweifel stellte. Die letzte Bestätigung aber erfuhr er durch das Fest selbst. Jetzt auch verstand er erst die ganze Sage des Dionysos. Und er sah, wie in der Weihenacht die ungeheure Schar der Bakchen, die aus allen Gegenden zusammengeströmt war, über die Berghalden raste, nachdem sie das Hirschfell umgehängt und ihre Antlitze zur Sühnung mit Ton und Kleie bestrichen hatte. Männer und Frauen feierten hier das Fest und zeigten durch die Verunreinigung des Angesichtes den befleckten Zustand der eigenen Seele. Das Rasen aber bedeutete die Verfolgung des Dionysos und das Hirschfell versinnbildlichte die wilden Titanen, die es auf das Leben des lichtesten Gottes abgesehen hatten. Und sie fanden ihn und zerrissen den Unglücklichen in Gestalt des Opferstieres. Dann jedoch, als das rohe Fleisch noch in ihren Händen zuckte, verwandelten sich die tollen Titanen in das Gefolge des Gottes zurück, und die furchtbare Totenklage gellte durch die Berge. Bis endlich der letzte Rest der Unreinheit durch Gebet und Räucherung gebannt war und die Bakchanten entsühnt ihr: »Ich entrann dem Übel und fand das Bessere!« ausriefen. Noch aber lag kein Jubel in ihrer Stimme, noch schienen sie nicht zu wissen, ob das Schicksal ihres Gottes endgültiger Tod sein werde. Und in Fieberträumen schliefen sie ein und all der Lärm und das aufgepeitschte Blut toste durch ihr Hirn, daß sie aus dem Schlummer schreckten und wild nach den Gefährten griffen; bis sie an der bebenden Brust der Leidensgenossen das Torkeln der Sinne gekühlt hatten. Der Tag aber brachte atemraubende Verwandlung: Im Strahle freudigster Sonne brausten die Festzüge dahin, um den wiedererstandenen Toten zu feiern, der in der Unterwelt den Tod überwunden hatte und nun dort als Herrscher leben würde bis ans Ende. Während aber die geweihten Bakchen mit den Kränzen aus Weißpappel und Fenchel in der Mitte aller Züge einherschritten und jubelnd ihr: »Hyes Attes! Attes Hyes!« hinausgellten und in ausgelassener Freude tanzten, brüllte das zusammengeströmte Volk: »Euoi saboi! Eua Bakche!« und schwenkte die Narthekenund die Kistoszweige. Einige der Bakchen taten es allen zuvor und hielten mit hartem Griffe dickbackige Schlangen über den Häuptern, die sich schwarz und bedrohlich ringelten. Und wieder jauchzte das Volk und beschenkte die Geweihten mit leckeren Kuchen und weißem Brote. – Pythagoras aber blieb noch einige Zeit bei Aglaophamos. Dann wanderte er durch das Tempe-Tal hinab zum Meere, fuhr mit einem Schiffe nach Imbros und Samothrake und langte eben ein, als diese Inseln der heilige Lärm der Trieterien durchbrauste. Dann kehrte er zum dritten Male, diesmal aus mitternächtiger Richtung, in seine Vaterstadt Samos zurück und wähnte, als er den Fuß auf das heimatliche Eiland setzte, daß die Zeit seiner Fahrten jetzt beschlossen hinter ihm liege. – * Auf einer Stufe des Bergfußes, außerhalb der Stadt Samos, lag südwärts gerichtet ein kleines Grundstück. Garten war es, Hain und Matte zugleich. An klaren Tagen sah man von seiner Höhe hinaus aufs Inselmeer, wo zackig und blau sich die Massen der Inseln und des Festlandes zähnten. Manchmal auch schimmerte klein und verrauchend ein Abglanz Milets herüber. Licht ragten, voneinander weit abstehend, die niederen Ölbäume, die trotzdem mit breiten Kronen einigen Schatten spendeten; obwohl sich allenthalben zwischen ihrem dolchschmalen Laube die Sonnenstrahlen hindurchzwängten und den Boden, das glatte, harte Gras, mit unzählbaren Kringeln sprenkelten. Einsam, wie ein Wächter, hob sich der düstere Nadelturm einer Zypresse über die Wipfel der Oliven, und Feigenbäume spreizten, derb und geschwollen, die Handflächen ihrer saftiggrünen Blätter und die helle Üppigkeit der feuchten Stengel. Den Rand des Grundstückes aber bildete ein wahllos gegliederter Steinwurf, über dessen verwitterte Blöcke grünschillernde Eidechsen huschten und sich in der Mittagsglut wie lauschend auf ihren allzukurzen Vorderfüßchen emporrichteten und mit gehobenem Köpflein erstaunt in die Welt blickten. Wurde ihnen aber ein Geräusch, das Rollen eines Steines, der Schritt eines Menschen oder Tieres verdächtig, dann sperrten sie wohl in einem wilden Mute bedrohlich den winzigen Rachen auf, um schließlich, befriedigt von ihrem Angriffsgeist, sich blitzschnell umzuwenden und irgendwo unter die dichten Brombeersträuche zu entwischen, die überall zwischen den Steinen sproßten. Im Hintergrunde dieses verwilderten Gartens, weit hinter den Taxussträuchern und hinter der Quelle, die hier aus der Erde in kugeligem Schwalle empormurmelte und als dünner Faden den Rasen querte, stieg der Berghang in neuer Stufe steil an. Hier lag sogar ein Stück kahlen Gesteins zutage. Mitten in diesem Felssturz aber öffnete sich in hoher Rundung eine seichte Grotte, deren Bewohnbarkeit durch menschliche Arbeit ausgestaltet war; so daß sie gegen die gewöhnlichen Wechselfälle sommerlicher und herbstlicher Witterung hinlänglich Schutz bot. Hundegebell, rauschendes Branden des Inselmeeres und verwehende Schäferlieder umschwebten, aus weiten Fernen klingend, die Nymphenruhe des Haines. Pythagoras aber blickte still hinaus und nur dann kehrte sich der Strahl seines Auges nach außen, wenn er mit leiser Stimme, wie um die Entrücktheit seiner Gesichte festzuhalten, dem Sklaven Zamolxis Worte und Sätze zuflüsterte, die dieser behende und mit unerschöpflicher Geduld in die Wachstäfelchen grub. Plötzlich ertönte, ganz nahe, ein neuer Klang, der den beiden die Hingabe ihres Arbeitens zerstörte und wache Aufmerksamkeit abzwang: Klingeln von Metallplättchen schwoll auf und ab und die traurige Weise einer unbeholfenen Schäferflöte raunte dazu in stets wiederkehrenden Tonfolgen. »Eine vorbeiziehende Herde, die in die Berge hinaufgetrieben wird und vom gewöhnlichen Wege abkam!« sagte Zamolxis, wie um sich selbst die Ursache der Störung zu erklären. »Nein, sie zieht nicht vorbei!« erwiderte Pythagoras nach kurzem Lauschen. »Der Ton rückte bisher näher, jetzt bleibt er auf gleicher Stärke!« Noch eine Weile klang die Flöte. Dann aber brach der Laut ab, das klirrende Klingeln rauschte noch einmal mächtig auf, um fast vollständig zu verstummen. Zu gleicher Zeit aber bog eine flinke Hand die Brombeerbüsche hart auseinander, und zaudernd stand ein schöner, etwa fünfzehnjähriger Knabe am Rande des Haines. Grobe Kleidung des Hirten deckte kaum das prächtige Spiel starker Muskeln, und die gebräunte Haut spannte sich glatt über die Quellen der Kraft. Die Haare aber ringelten sich bukolisch in die Stirne, über der ein Kranz leuchtender Blumen das schmale Haupt umgriff. »Soll ich ihn fragen, was er von uns heischt?« fragte Zamolxis. Pythagoras aber flüsterte ihm zu: »Laß das, Zamolxis! Erhebe dich nicht! Er könnte die Größe deiner Gestalt fürchten und uns entlaufen. Vielleicht will er nur Wasser aus der Quelle schöpfen oder beim Ursprung zur Nymphe um die Gesundung eines Lammes beten!« Der Jüngling jedoch hatte inzwischen die Hemmung, die ihn für einige Herzschläge an seiner Stelle festhielt, überwunden und trat gesenkten Blickes näher. Als er auf einige Schritte herangekommen war und den fragenden Augen der beiden begegnete, neigte er sich zum Gruße und sagte stockend: »Pythagoras, Sohn des Mnesarchos, großer Verkünder der Weisheit! Darf ein armer Hirte es wagen, eine Frage an dich zu richten? Die einzige Frage, o Weiser, wie ich dir bei allen huldvollen Göttern der Berge und Quellen schwöre!« Pythagoras lächelte gütig, da ihn die sonderbare Anrede erstaunt hatte. Und er beeilte sich, zu erwidern: »Warum sollst du, Gast des Berghanges, nicht einen anderen Gast dieser Haine fragen dürfen? Sage getrost, was dein Herz bedrückt, damit wir beide es wissen!« »Nichts anderes habe ich von dir erwartet, da ich sah, wie mild du deinen Sklaven begegnest. So höre: Schon seit vielen Tagen, seit langer Zeit, als ich so zufällig unten am Rande der Stadt reden hörte, daß du hier oben weiltest, ward es in mir Vorsatz, dich zu sehen und zu belauschen. Nicht aus dummer Neugier! Glaube mir das, erhabener Weiser! Du siehst aber, daß ich ein armer, ein jämmerlicher Hirte bin. Wo würde ich, so dachte ich, je Gelegenheit finden, deine Weisheit zu hören? Da mich doch der Frühling schon in die Berge zwingt und erst der Winter mich der Stadt, einem Gehöfte außerhalb der Stadt, zurückgibt. Was aber ist's im Winter? Da muß ich die Wolle der Schafe säubern und helfen, die Tücher zu weben, die dann, in Purpur getaucht, die reichen Jünglinge zieren. Das gönne ich ihnen! Was ich ihnen aber stets neidete, war die Kenntnis der Schrift, die es ihnen gestattet, die Bücher der Weisen zu lesen, auch wenn sie diese nicht selbst hören können. Und nun vernahm ich, Pythagoras sei zurückgekehrt, um allen Hellenen neues Wissen zu bringen. Er selbst habe es so gesagt, wurde mir gekündet. Bin ich kein Hellene? dachte ich da. Und das gab mir die Kühnheit, dein Grundstück zu umschleichen, um zu hören, was du deinem Sklaven sagst. Ich vernahm jedoch nichts, da du stets flüstertest. So blieb mir nur der Weg, bei dir wie ein Schutzflehender einzudringen und dich zu bitten, ob ich meine Schafe hier weiden darf. Wenn dich das Geklingel stört, will ich ihnen die Bleche abnehmen. Ich selbst aber will mich zu deinen Füßen ins Gras legen und schweigen, als ob ich nicht vorhanden wäre. Nie will ich sprechen, außer du befiehlst es. Nie auch fragen. Ich will jedes Wort bewahren, um später auf den Matten der Berge darüber nachzusinnen und will mir sagen dürfen, daß ich nicht sterben werde, ohne Worte des erhabenen Pythagoras gehört zu haben. Verweigere mir die Bitte und ich werde weinen, nicht aber zürnen. Denn du zogst dich ja hieher zurück, um den Menschen zu entfliehen. Und verzeihe dem frechen Knaben, dem nur die Liebe zum Göttlichen Mut zur Kühnheit lieh!« Er schwieg und heiße Röte deckte seine Wangen. Und seine Augen waren wie im Fieber weit offen. Pythagoras aber, dessen Gedanken plötzlich in die Zeiten zurückflohen, da er selbst mit weit unbescheidenerem Verlangen vor den Priestern Ägyptens gestanden war, erwiderte freundlich: »Die Art, in der du mich fragtest, die Gedanken, die du dir zurechtlegtest, um meine wohlverstandene Einsamkeit mit deiner Wißbegierde zu vereinbaren, dieses heiße Streben schließlich, das dich als Sehnsucht nach höherem Wissen ergriff, zeigen mir genugsam, daß du dein Versprechen halten wirst. Laß deinen unschuldigen Schafen ihre Schellen! Sie sollen mit ihrem Geklingel mein Denken begleiten! Du aber magst in meiner Nähe weilen, soviel es dir beliebt. Dann aber wirst du mir sagen, ob du etwa höherer Lehre dich befleißen, oder ob du ein weiser Hirte sein willst für dein weiteres Leben. Jetzt aber bring deine Lämmer, damit sie sich nicht verlaufen. Damit nicht dieser Tag für dich mit Schaden und Unheil ende!« Der Hirte aber warf sich vor Pythagoras nieder und umfaßte in heißem Danke seine Kniee. Dann vergaß er in wilder Freude die Weihe des Ortes und sprang mit einem hallenden Jubelschrei davon, daß die Eidechsen entsetzt über die Steine schossen und mit ängstlichen Augen aus den dunkelsten Ritzen des Steinwurfes hervorlugten. – Tag für Tag lag nun der Knabe neben Pythagoras im Grase und erhob sich nur scheu, um eines seiner Lämmer, das sich allzu ungebärdig umhertrieb, zu Ruhe und Ordnung zurückzuleiten. Nie fragte er, nie sprach er. Selig verklärten Antlitzes lauschte er den Laut gewordenen Gedanken des herrlichen Weisen und grübelte ihrem Sinne nach. Aber auch Pythagoras vergaß die Anwesenheit des Knaben nicht. Verständlicher und deutlicher versuchte er das Tiefste herauszuheben, und es war ihm ein schöner Lohn, wenn ihn ein leuchtender Blick seines Sklaven oder ein begeistertes Aufflammen im Auge des Hirtenknaben traf. Und diese reine Mitfreude seiner schicksalgesandten Schüler befruchtete auch seine Arbeitslust zur erhabensten Abrundung seines Gedankenwerkes. Die elysische Ruhe dieses Schaffens aber brachte zudem noch viele Dinge an die Oberfläche der Klarheit, die längst halbbewußt und stets aufs neue mahnend im Gemüte des Pythagoras gelegen waren. So hatte er eben den Beginn einer Spur gefunden, jenes rätselhafte erste Aufflackern riesengroßer Zusammenhänge, das gewöhnlich an einem Nebenpunkte einsetzt und vorerst bei allzunahem Zusehen wieder zu Nebel zerfließt. Das aiber gleichwohl immer deutlicher wird, bis der Geist es endlich wagt, die ersten Proben von der Richtigkeit und Übereinstimmung der Zusammenhänge anzustellen. Diesmal bezog sich diese Vorahnung einer Entdeckung auf das Problem, das den Weisen schon in Ägypten und später dann in Indien beunruhigt hatte: Auf das Gesetz, das der Erzeugung des rechten Winkels aus meßbaren Schenkeln zugrunde läge. Und ein Schaffensrausch sondergleichen hatte ihn ergriffen und ließ auch die Schüler das Fieber des Suchers miterlöben; als jählings ein Ereignis das Werden der Lösungen im zartesten Keime unterbrach. Schon lag Hochsommer über Samos und der Hain summte von fröhlichen Bienen und Käfern. Da brachte der Sklave Aristaios, der für gewöhnlich in der Stadt weilte und nur die Mahlzeiten zu seinem Herrn herauftrug, die Nachricht, daß sich in Athen umwälzendes Geschehen begeben habe und daß der Bruder des Pythagoras unterwegs sei, um Unaufschiebliches mit dem Weltentrückten zu besprechen. Anfangs fürchtete Pythagoras, daß seine Familie Unheil getroffen habe. Doch schon die Miene des Bruders, der kurz darauf erschien, beruhigte ihn. Lächelnd trat dieser in den Hain und betrachtete das sonderbare ländliche Idyll; wie der Weise zwischen blökenden Schafen seine Lehre in langsamer Rede vortrug. Dann kam er näher und begrüßte den älteren Bruder aufs herzlichste und sagte: »Du weißt in dieser Abgeschlossenheit wohl nicht, Pythagoras, daß draußen auf dem Erdkreise sich Dinge zutrugen, die die Gestalt des Hellenischen mächtig verändern können. Ich will dich nicht lange hinhalten. Nachdem Harmodios und Aristogeiton den Hipparchos ermordeten, hat nun das Volk von Athen auch den letzten Peisistratiden Hippias verjagt und dadurch der Volksherrschaft die Bahn freigemacht. Mächtig und brausend wälzt sich der demokratische Gedanke über Hellas!« Pythagoras blickte erstaunt auf und erwiderte: »Wähnst du, daß dieser Sturz des Tyrannen von Dauer sein werde? Sind nicht auch anderswo Tyrannen schon ermordet oder vertrieben worden? Hat nicht dort das Volk, unfähig sich selbst zu lenken, wieder nach der Herrschaft der Stärksten gegriffen und sich solange zerfleischt, bis ein neuer Gewaltmensch auf seinen Nacken trat? Und endlich: Was soll uns Samier, was den abgekehrten Pythagoras eine Umwälzung anfechten, die sich in Athen zutrug?« Da ward der Bruder ernst und sagte eindringlich: »Du irrst, Weiser! Diesmal irrest du! Nicht als dein Bruder bin ich gekommen, ich stehe hier als der Abgesandte des Rates von Samos. Und soll dir von diesem Rate eine Botschaft bringen.« »Eine Botschaft? Vom Rate der Stadt? Was will man von mir?« Fast wie im Schrecken entfuhr dem Pythagoras die hastige Frage. »Auch das will ich dir in aller Kürze melden!« Und der Bruder ließ sich nieder. »Siehe, Pythagoras, unser Tyrann fürchtet dieses Aufflammen demokratischer Sinnesart. Und er wähnt, nicht besser der Gefahr begegnen zu können, als dadurch, daß er eben die Besten, die Angesehensten in den Rat beruft. So will er dem Volke jeden Vorwand nehmen, sich nach anderen Herren umzusehen. Denn jeder – so denkt er – wird sich lieber von den Weisesten beraten lassen, als selbst die Bürde der Verantwortung auf sich zu nehmen. Deshalb also befiehlt er dir, von nun an dem Rate der Stadt als Mitglied beizusitzen und außerdem die edlen Jünglinge von Samos deine Weisheit zu lehren. Denn lange genug – es sind seine Worte – habest du dir selbst und deiner Forschung gelebt und er sei besorgt, daß du die Früchte deiner Arbeit überhaupt niemals dem Gemeinwesen nutzbar machen würdest, wenn man dich gewähren ließe. Verzeih mir, Bruder, daß ich dir vielleicht unerwünschte Botschaft zutrug, doch ich flehe dich im Namen all deiner Verwandten an, dem Tyrannen nicht zu trotzen und den edelsten der Bürger durch Ratschlag und Belehrung zu helfen!« Pythagoras senkte schweigend sein Antlitz. Eine verzweifelte Anklage gegen das Schicksal gellte in ihm auf, das ihn hinausgetrieben, hinausgelockt hatte und ihn nun nie mehr auch nur karge Ruhe finden ließ. Doch aus andern Zonen der Seele fragte ein Daimon, ob es dem lebendigen Menschen überhaupt gestattet sei, eine Ruhe zu erhoffen, die ihn außerhalb des Zusammenhanges mit den Leiden und Wechselfällen seiner Mitbürger brächte; ob es vielmehr nicht Pflicht sei, allen Störungen Trotz bietend, diese Hemmnisse als den unabänderlichen Zustand des Lebendigen zu betrachten und innerhalb dieser Umschwünge das Ziel zu erreichen. Und er entsann sich der prophetischen Worte der Pythia Themistokleia, die sein weiteres Leben als Auf und Ab, als Schwanken und Ringen, Trotzen und Erliegen und Ersiegen vorherverkündet hatte, soweit es das Ziel seines Geistes betraf. So hob er plötzlich den Blick und sagte fest: »Ich werde gehorchen! Um so williger, als ich endlich mit meiner Lehre vor die Jugend treten kann. Nur fürchte ich, daß auch die edelsten samischen Jünglinge, Söhne dieses Samos, das, wie du weißt, stets nach dem Handelsertrage der Weisheit fragt, dem Ernste und der Schwierigkeit meiner Lehren kaum ein sonderlich geneigtes Ohr leihen werden. Doch das wollen wir der Zukunft überlassen!« Und er wandte sich zum Schäfer und umarmte ihn: »Leb wohl, Hirte! Die elysischen Stunden unsres Sinnens auf dieser einsamen Höhe sind zu Ende. Doch wähne ich, daß du so viel ober die Götter und über die Weisheit gehört hast, daß dich die Erinnerung in den stillen Höhen deiner Berge noch in später Zeit mit bunter Ahnung und rätselbangen Fragen erfüllen wird. Und das eben wolltest du.« Der Schäfer aber sah starr vor sich hin. Dann flüsterte er: »Mehr habe ich gewonnen, als ich je erträumte. Ich danke dir, erhabenster Herr und Lehrer!« Und er stand langsam auf und zog seine Flöte aus dem Bausche seines Gewandes hervor. Und der traurige Einton des Liedes klang durch die Weite und lockte die Schafe, die sich klirrend und blökend zu einem Rudel zusammendrängten und dem Hirten folgten. Der Bruder des Pythagoras aber sagte leise und ergriffen: »Nie wußte ich, daß die höchste Ehre im Gemeinwesen so traurig, so feindselig werden kann! Verzeih mir, Pythagoras, wenn du zu vergeben vermagst!« »Ich habe nichts zu vergeben!« erwiderte Pythagoras hart. »Stets wieder vergißt der Diener der Weisheit, daß er damit auch ein Diener seiner Mitbürger ist. Denn was wäre Weisheit, was Philosophie ohne Lehre? Wohl nur das vergängliche Vergnügen eines erkenntnisstrebenden Geistes. Nein, Bruder! Über den Rausch des Erkennens haben die Götter die Pflicht des Ausdruckes gesetzt!« XXIII Das kleine Amphitheater, das den größten Teil des Jahres in seinem steinernen Halbkreise verlassen dalag, so daß zwischen den polierten Quadern Gras emporwucherte, bot plötzlich ein buntes Bild lebendigen Ereignisses. Eine ansehnliche Schar prächtig gekleideter Jünglinge belebte die Stufenfolge der Sitzreihen. Sie betrugen sich alle sehr ungezwungen, die gekommen waren, den Unterricht des weisen Pythagoras zu hören. Noch standen sie in wahllosen Gruppen umher, plauderten und lachten und besprachen Liebeshändel und Zechgelage. Trotzdem herrschte sogleich artiges Schweigen und gute Zucht, als Pythagoras auf der Szene erschien und mit freudigem Stolze die große Zahl seiner Schüler übersah. Noch mehr aber wirkte seine Stimme, die klar und volltönend den weiten Raum beherrschte und auch im Inhalte der Rede unmittelbar zu den Seelen der Vielen sprach. In kurzen Sätzen zeigte der Lehrer die Ziele, zu denen er sie langsam hinanführen wollte und vergaß auch nicht, die Schwierigkeiten und Mühsale zu erwähnen, die vor der Erreichung dieser Endpunkte des wahren Wissens drohten. Ungeheuchelter Beifall lohnte den Redner. Aufgeräumt über die seltsame Abwechslung im Einerlei des Erwerbslebens, der Politik und der Vergnügungen, gingen die Jünglinge nach Hause und es schien fast, daß der Weise heute schon eine feste Brücke zwischen seinem Wollen und den Wünschen der Jugend geschlagen habe. Doch es schien nur so; denn als der eigentliche Unterricht begonnen hatte, als sich die Trockenheit und Unzugänglichkeit der Aufgaben häufte, als sich Fragende mit den ungereimtesten Anliegen zu melden begannen und sich außerdem die Schar der Zuhörer merklich lichtete, mußte Pythagoras zu seinem Schmerze einsehen, daß er vielleicht, trotz aller Vorsicht, doch noch die Aufnahmsbereitschaft der oberflächlichen Söhne samischer Kaufmannsgeschlechter überschätzt habe. Zudem ereigneten sich sogar schon Fälle, in denen Fragen bei den Hörern unziemliches Gelächter hervorriefen, so daß der Philosoph den Verdacht nicht unterdrücken konnte, man habe es auf eine zwar harmlose, trotzdem jedoch bübische Witzelei abgesehen. Um alle diese Störungen zu beseitigen, die er zudem auch zum guten Teile seiner mangelnden Erfahrung im Unterrichte größerer Hörerschaften zuschrieb, beschloß Pythagoras, den Vortrag der mathematischen und sternkundlichen Gegenstände abzubrechen und sofort zur Theogonie, zur Lehre von den Urgöttern und ihrer Entstehung, überzugehen. Und er machte diese Absicht bekannt. Ein Erfolg zeigte sich darin, daß sich die Zahl der Zuhörer in den nächsten Tagen wieder zusehends erhöhte. Das Betragen lockerte sich jedoch womöglich noch mehr. Nun war der Priester Pythagoras, der Weltkreisdurchwanderer, der sein ganzes bisheriges Leben dem Wissen um das Göttliche geweiht hatte, durchaus nicht gesonnen, die letzten Ergebnisse seiner Mühen von Epheben verunglimpfen zu lassen, und er wies die Störer, die, wie überall, nur eine verschwindende Minderheit darstellten, in ernsten und unzweideutigen Worten zurecht und hielt ihnen vor, daß sie wenigstens an der Schwelle des Göttlichen ihrem kindischen Treiben Einhalt gebieten sollten. Außerdem habe er schon wahrgenommen, sagte er weiter, daß sich die samische Jugend von den anderen Hellenen ganz besonders durch Üppigkeit und Leichtsinn unterscheide, was einer Stadt, die so nahe den Einfallspforten der Barbaren liege, schlecht anstehe. Einer der Störenfriede aber fragte, bleich vor Zorn, in höhnischem Tone, ob der erhabene Lehrer der Weisheit ihm eine Erwiderung gestatte. Als Pythagoras antwortete, daß er das Recht näherer Erklärung jedem seiner Schüler zubillige, stellte sich der vorlaute Ephebe in eine Pose, die ersichtlich die Art des Lehrers nachahmen sollte, und begann: »Jünglinge von Samos! Ihr habt gehört, was man euch zumutet! Seid aufrichtig und verleugnet eure Feigheit, die anscheinend ›die Üppigkeit und den Leichtsinn‹ noch übersteigt. Antwortet mir! Haben euch die Väter hiehergesandt, damit ihr Schmähungen erduldet? Nein, Freunde! Das haben wir Söhne der ersten samischen Geschlechter nicht nötig. Wir brauchen uns auch nicht mangelnder Gottesfurcht beschuldigen zu lassen, da es sehr unklar bleibt, ob diesen sonderbaren, neuartigen Göttern, von denen wir eben hörten, überhaupt irgendein Hellene Ehrerbietung schuldet. Sinnt nach, Freunde, ob ich nicht recht habe! Für uns wird Pythagoras zwar stets ein vornehmer und weiser, doch aber nur ein menschlicher Samier bleiben. Mögen ihn andere Städte für ein überirdisches Wesen halten! Wir wissen, daß er der älteste Sohn des Mnesarchos ist!« Einige lachten. Die meisten aber waren über den frechen, herausfordernden Ton der Rede entsetzt und erwarteten nicht ohne Bangen, was sich ereignen würde. Pythagoras aber, dessen Herz in wildem Schmerze aufpochte, rang mit aller Kraft seines Willens um Selbstbeherrschung. Denn nur höchste Würde konnte sein Ansehen und damit die Möglichkeit eines weiteren Wirkens retten. Kurz und hart, ohne sinnlosen Zorn jedoch, rief er: »Hinweg mit dir, Schänder des Heiligen! Daß du mich verhöhntest, verzeihe ich der Verblendung deiner Jugend. Ob dir aber die Götter vergeben, weiß ich nicht. Frage den delphischen Gott, den du vielleicht als hellenischen Gott wirst gelten lassen! Doch jetzt trolle dich! Mein Auge will dich nicht mehr sehen!« »Ich danke dir, Liebhaber der Weisheit, für die Erlösung von der Langeweile deines Unterrichtes!« schrie der Vorlaute, vor Wut bebend, mit verzerrtem Antlitze zurück. Dann sah er sich, um Gefolgschaft werbend, noch schnell im Kreise um und verließ ohne Gruß das Amphitheater, über dem das dumpfe Schweigen peinlicher Erregung lag. Pythagoras aber versuchte, durch die hoheitsvolle Ruhe seines weiteren Vortrages die Herzen der Jünglinge vor Ansteckung zu bewahren. Und es gelang ihm auch durch die hinreißende Kraft seiner Rede, die Epheben bis zum Ende des Unterrichtes im Banne zu halten. Dann zerstreuten sie sich in tiefem Nachsinnen und flüsterten einander ihre Meinungen und Pläne zu. Der Philosoph hielt den Anlaß für hinreichend wichtig, um ihn noch am nämlichen Tage in der Ratsversammlung vorzubringen und die versammelten Stadthäupter zu bitten, auf die Jünglinge Einfluß zu nehmen, damit nicht Samos in kommenden Zeiten ein Sitz von Zuchtlosigkeit und Verwilderung der Sitten werde. Man hörte ihn schweigend an. Sein Erstaunen aber verwandelte sich in Entsetzen, als hintereinander mehrere Räte das Wort ergriffen und Anwürfe gegen ihn erhoben, die nur in der Form, nicht im Inhalte von den Angriffen des frevelhaften Epheben abwichen. Er sollte, sagte man, die Freiheit und Würde seiner Schüler höher halten, da er ja nur zum Lehrer der Weisheit und nicht zum Bewahrer der Sitten bestellt sei. Selbstverständlich mißbillige man die unentschuldbare Frechheit des Jünglings. Doch müsse man wieder den Kern seiner Meinung als nicht ganz unbegründet hinstellen. Auch zahlreiche ernste Männer der Stadt seien mit der neuen Götterlehre durchaus nicht einverstanden, da sie sich mehr als billig vom wahren Glaubenskreise des hellenischen Volkes unterscheide. Deshalb rate man ihm, die allgemeine Ansicht nicht durch überflüssige Neuerungen zu verwirren und eingedenk zu bleiben, daß er in seiner Vaterstadt, auf hellenischem Boden nicht als ägyptischer Priester zu ägyptischen Schülern, sondern als hellenischer Lehrer zu hellenischen Jünglingen spreche. Schließlich möge er seinen Mitbürgern nicht dafür grollen, daß sie sich nicht in die vielfältige Weltansicht eines Weitgereisten hineindenken könnten. Für äußere Zucht aber würde man schon Sorge tragen. Ebenso für strenge Bestrafung des Übeltäters – vorausgesetzt, daß auch er das Seinige zur Beruhigung der Gemüter beitrage und in Zukunft nicht zu sehr vom Gesichtskreise eines echten Hellenen abweiche. Pythagoras erwiderte kein Wort, sondern verließ gesenkten Hauptes die Ratsversammlung, die seine Abwesenheit sofort dazu benützte, die heftigsten Angriffe gegen ihn zu erheben. Insbesondere wurde wieder und wieder sein Schweigen als nie dagewesener Hochmut gegeißelt und die Gefährlichkeit, ja Ruchlosigkeit seiner Götterlehre hervorgehoben. Einer seiner wenigen Verteidiger stellte den Antrag, das delphische Oraikel über die Schädlichkeit seiner Ansichten zu befragen. Der Antrag wurde jedoch mit der Begründung verworfen, daß man den pythischen Gott nicht mit solch geringfügigen Angelegenheiten, wie sie die Glaubensansicht eines Privatmannes sei, belästigen dürfe. Schließlich ging man auseinander, und kaum einer war frei von Zorn und Gehässigkeit. Sosehr hatte man sich in die Wut hineingeredet. Aiakes aber, der junge Tyrann, an den sich Pythagoras nach den Anwürfen in der Ratsversammlung sogleich gewendet hatte, versuchte den Weisen zu trösten und bat ihn, seine Tätigkeit ruhig fortzusetzen. Falls weiter Widerstand geleistet würde, werde er die Weigerung als Beleidigung seiner eigenen Person und als Mißachtung seines Befehles auffassen und demgemäß vorgehen. Doch sei es dazu sicherlich weit hin. Die Samier blieben eben stets ein wankelmütiges, scheelsüchtiges Volk, das keine noch so wohlgemeinte Maßregel ruhig und dankbar hinnehmen könnte. Als Pythagoras am nächsten Morgen zur gewohnten Stunde die Szene des Amphitheaters betrat, gähnte ihm das Hemikyklion der Sitzreihen in unterbrechungsloser Leere entgegen. Zuerst nahm er es als Zufall, da er unterwegs einigen Gruppen seiner Schüler begegnet war und auch wahrgenommen hatte, wie mehrere Epheben vor dem Eingange, der für die Lernenden bestimmt war, im Gespräche umherstanden. Da jedoch die Zeit, Herzschlag für Herzschlag, vorrückte und sich noch immer keiner der Hörer zeigte, wurde es im Gemüte des Pythagoras furchtbare Gewißheit, daß hier Werke unterirdischer Bosheit und Rachsucht im Begriffe waren, das Ziel, das er nicht einmal selbst gewählt hatte, zu zerschmettern. Dazu also hatte er die Nymphenruhe des Haines, das erste Aufkeimen umwälzender Entdeckungen im Stich gelassen? Dazu, daß er zusehen mußte, wie die edelsten Söhne seiner Vaterstadt in toller Verblendung die Lehre der Urgötter verhöhnten und den Lehrer der Weisheit dafür straften, daß er es gewagt hatte, Zucht und Ordnung von ihnen zu verlangen? Nein! In dieser Stadt hatte er nichts mehr zu suchen! Diese von den Barbaren halb unterjochte Stätte sollte sich nur ganz dem Unheil ausliefern, wenn sie es um jeden Preis wollte. Und eine Verzweiflung, eine Kränkung, wie er sie selbst an den Tiefstpunkten seines bisherigen Erlebens nicht gefühlt hatte, überkam ihn. Da ja doch sein innerstes Gemüt mit Urkraft erkannte, daß es die Stadt seiner Eltern, seiner Geschwister, die Stätte seiner Jugendhoffnungen war, die in solch schnödem Undank sein Streben zurückstieß; die Stadt, für die in erster Reihe der frühe Drang seines Gottsuchens alle Mühen und Gefahren der Wanderschaft auf sich genommen hatte. Was ihm hier verwehrt wurde, konnte kein Volk, keine Stadt des Erdkreises ihm voll ersetzen. Das wußte er mit so grausamer Deutlichkeit, daß der Schmerz ihn plötzlich überwältigte; daß er in den Lehnen des Marmorsitzes, von dem aus er zu lehren pflegte, zurücksank. In wirren Ringen kreisten seine aufgelösten Gedanken. Schwindel erfaßte ihn. Und wie Bruchstücke von Träumen tauchten sonderbar leuchtende Glücksmomente seines Lebens vor ihm empor, um sofort wieder in unsagbarer Traurigkeit zu ertrinken. Wildes Sausen durchtoste sein Gehör und die Pulse seiner Schläfen hämmerten. Bis plötzlich, wie aus unerreichbaren Fernen daherschwebend und schnell wieder verwehend, der vertraute Klang einer Hirtenflöte das Brausen seiner Ohren langsam übertönte und von allen Seiten zugleich das Klimpern der Bleche heranschellte. Da löste sich die zerfaserte Wildheit seiner Fieberträume zu ruhigem Versinken und sein zerstörtes Gemüt gab sich für lange, unendlich lange Zeit der Erinnerung an die seligste Ruhe hin, die er bisher genossen hatte. Und er schlug – wie er wähnte, noch innerhalb des Raumes seiner Gesichte – langsam die Augen auf. Wieder starrte ihm die Leere des Amphitheaters entgegen, doch nicht drohend und unheilschwanger diesmal, sondern nur kalt und teilnahmslos. Und plötzlich nahm er durch flirrende Schleier wahr, daß in den höchsten Stufenreihen einsam und wie leblos ein herrlicher Jüngling stand, dessen eherne Glieder kein Gewand bedeckte. »Wer bist du? Wie ist dein Name?« gellte er, ohne es zu wollen, in die Leere hinaus und erschrak sosehr über das scharfe Echo, das sein Ruf weckte, daß kalte Schauer ihn umkrallten. Von oben aber antwortete es voll und mächtig: »Pythagoras nennen sie mich, o erhabener Lehrer der Weisheit!« »Du Pythagoras?« schrie der Weise in letzter, atemloser Anstrengung auf. Dann schloß er wieder die Augen. Sogleich aber wuchs der eherne Leib des nackten Jünglings zu riesenhafter Größe und berührte schon mit dem Haupte den Rand des Himmelsgewölbes. Und eine sonderbar heiße flüsternde Stimme raunte dem Pythagoras zu: »Sahst du das ungeheure Vorzeichen, Freund der Weisheit? Kennst du die Deutung? Alle Schüler haben dich verlassen. Nur Pythagoras, du selbst, Doppelgänger deines Wesens, bist dein Schüler geblieben. Du selbst bist dein letzter und einziger Schüler! Jeder ist nur sein eigener Schüler! Das wollte dir der Gott künden, als er in all seiner Herrlichkeit sich deinem Auge enthüllte!« Und die Sinne schwanden ihm vollends. Plötzlich aber strich eine holde, liebkosende Hand über seine Stirne, er fühlte sich von sehnigen Armen gehoben und gestützt, und die Kraft dieser Berührung war so übermächtig, daß mit einem Schlage die Starre von seinem Körper wich und ein Strom wachen Bewußtseins ihn zur völligen Klarheit zurückriß. Da schlug er zum zweiten Male die Augen auf und sah in das strahlende Antlitz des Hirtenknaben, dessen brauner nackter Leib im Lichte der scheitelrechten Sonne schimmerte. Und er hörte, wie die Bleche der Lämmer klingelten, und erblickte einige der Schafe, die sich in ausgelassenem Klettern auf den Stufen des Amphitheaters tummelten. Pythagoras wollte den Mund zu einer Frage öffnen, als sanft, doch heischend der Jüngling ihm zuvorkam und sagte: »Du sollst nicht sprechen, jetzt noch nicht, erhabener Herr! Denn allzu furchtbar war das Gellen deiner Stimme, das den steinernen Halbkreis durchschütterte, als du mich nach meinem Namen fragtest.« Pythagoras aber, in dessen Gedankenräumen durch diese Worte wieder aufs neue tolle Wirbel jagten, stieß hervor: »Ich fragte dich? Dich? Hier? Im wachen Zustande?« Und als der Knabe Bejahung nickte, setzte er fort: »Wie heißt du? Sag es noch einmal! Sag mir noch einmal, wie du heißt?« Da sah ihm der Schäfer furchtsam und bangend in die Augen und antwortete stockend: »Man nennt mich Pythagoras, den Sohn des Eratokles. Zürne dem elenden Hirten nicht, daß er den gleichen Namen führt wie du, der große, einzige Weise. Deshalb auch wagte ich nie, dir davon zu sagen, und war glücklich, daß du mich bis heute niemals fragtest!« Über dem Antlitz des Philosophen aber lag plötzlich ein überirdisches Leuchten des Glückes. Heiß drückte er den Jüngling an sich und küßte ihn auf die reine glatte Stirne. Dann sagte er leise und geheimnisvoll: »Jetzt verstehe ich erst das Vorzeichen des Gottes! Was verblendete mich ein toller Wahn zur Hoffnungslosigkeit? Was gaukelte mir die Schwäche des Körpers und Gemütes vor? Du bist Samos, o Ephebe Pythagoras! Du bist Samos! Und dieses wahre, reine Samos, dieses Samos, das in der Frische der Bergmatten der Sonne, dem Winde und dem Inselmeere verschwistert ist, hat mich durch dich als Lehrer und Führer gegrüßt. Heil mir und dir! Meine Heimatstadt hat mir durch dich allen Dank, allen Lohn abgetragen. Was scheren mich noch jene weichlichen, geputzten und gesalbten Jünglinge, die das Göttliche nie sehen werden, weil sie sich längst von der Gemeinschaft mit allen Bruderwesen losgerissen haben? Den Boden dieser Insel werde ich verlassen! Du aber sollst mit mir kommen, Pythagoras, Sohn des Eratokles, da dort mir Samos sein wird, wo du weilst! Willst du mir folgen, Ephebe?« Da legte statt einer Antwort, schimmernde Tränen der Freude in den Augen, der Jüngling still sein Haupt auf die Knie des Weisen und preßte sie an sein heißes Antlitz. – – – XXIV Die tote See, die in glatten Riesenfalten vom Süden herantorkelte, hatte den Fünfzigruderer sosehr von seinem gewollten Wege abgelenkt, daß er, des Umhergeworfenwerdens müde und arg beschädigt, in die Mündung des Kratisflusses einlaufen mußte. So lag Sybaris vor seinem Buge, Sybaris, der Gipfelpunkt aller hellenischen Prachtliebe und Sinnenfreude; wo sich gleichsam an einem Punkte ein bestimmter Ton des hellenischen Geistes zu unerhörter Fülle und strotzendstem Übermaße geballt und sich zu unwahrscheinlicher Macht ausgebildet hatte. Sybaris war die Stadt, deren Gebiet die italiotische Halbinsel von Westen nach Osten durchschnitt und fünfundzwanzig Ortschaften und vier eingeborene Völkerstämme beherrschte. Die Stadt, deren sanftgewellte Vorberge von der Üppigkeit der Weingelände und Olivenhaine überwuchert waren; wo Weizen und Gerste in sattem Gelb reifte; wo die Purpurschnecken zu Tausenden umherlagen und das Meer all die Fische und Muscheln nicht beherbergen konnte, die sich an die Ufer drängten. Eine Stadt, in der es keine Hähne gab und jedes lärmende Gewerbe weit außerhalb des Weichbildes liegen mußte, damit die Bürger am Morgen nicht im Schlummer gestört würden, dessen sie nach rauschenden Gelagen und flimmerndem Liebesgenießen zum Wiedergewinn von Kraft und Wohlbefinden so dringend bedurften. So lag die stundenweite Masse herrlichster Häuser und Landsitze in den Gärten, in denen Schattengänge und kühle Grotten auch ein Übermaß des wachen Tages verscheuchen sollten. Und der sinkende Abend lockte die lustwandelnden Bewohner auf die fliesenbelegten Straßen, deren Fluchten von goldenen Bildsäulen und duftenden Räucherpfannen gesäumt waren. Knaben mit gewellten Locken, durchflochten von Geschmeide, gingen in ihren Purpurkleidern zwischen den geschminkten Frauen und Mädchen, deren Putz das Auge blendete; während jede ihrer Gesten zu süßester Erfüllung herausforderte und mehr an Wonne verhieß, als ein irdischer Leib halten konnte. Sybaris war es, das hier lustwandelte, jenes Sybaris mit den sonderbaren Zwergen und maltesischen Schoßhündchen, die hochmütig zwischen den gestrählten Stirnlocken hervorguckten und sich, stolz auf ihre Halsbänder, nach Art der Frauen umsahen. Und die Scharen der Sklaven durchzogen das bunte Lebensschäumen in mächtigen Schwärmen. Köche, Jäger, Vogelsteller mit Käfig, Netz und Leimrute schritten bedeutungsvoll und standesbewußt hinter den Sänften der Herren, und mehr als einer dieser Reichen trug den goldenen Siegeskranz auf gebrannten Locken, das Zeichen, daß er im Wettkampfe üppigster Gastereien einmal den Sieg davongetragen hatte. Ja selbst Köche, denen die Bereitung neuer Gerichte geglückt war, hatten sich den goldenen Reifen auf die Stirne gedrückt. Aber nicht annähernd erschöpfte das flüchtige Bild der Lustwandelnden die ganze Größe heißesten Lebensgenusses. Die brach erst hervor, wenn es galt, mit anderen Städten, mit Syrakus, mit Tarent, mit Kroton und Metapont, mit Gela, Lokri, Selinos und Leontinoi oder Rhegion in Wettbewerb zu treten. Wenn sich dann ganz Groß-Hellas, alle die Italioten und Sikelioten auf dem Vorgebirge der lakinischen Hera zu den Festen und Spielen einfanden, dann ereigneten sich stets neue Wunder von Pracht und Lebenshöhe. Alkisthenes zeigte sich dann wohl in seinem fünfzehn Ellen langen Prachtgewande, dessen dunkler Purpur in der Sonne farbenspielend schimmerte und um so greller die Stickerei hervortreten ließ. Zeus, Hera, Themis, Athene, Apollon, Aphrodite gleißten in der Mitte des Mantels, umgeben von einem zauberbunten Kranze asiatischer Tiergestalten, gestickt in persischem und susischem Geschmacke. Und die vier Ecken des milesischen Tuches nahmen die Bilder des Besitzers und seiner Vaterstadt ein. Das Volk aber raunte sich zu, daß der Wert des Prunkkleides hundertzwanzig Talente betrage, eine Summe, groß genug, den Schatz einer Stadt zu bilden. Reiter in safrangelben Mänteln jagten durch das Hippodrom der Kampfspiele, und Kitharoden sangen zu Hunderten und gaben den Zügen schönster Flötenspielerinnen das Zeichen zum Beginne ihrer Vorträge, Tänze und Enthüllungen. Als aber ein reicher Sybarite einst sein Roß nach Kroton bringen sollte, schien es ihm schal und entwürdigend, der Straße entlang zu reiten. Sorgsam putzte er sein Pferd heraus, führte es auf den eigenen Fünfzigruderer und bettete es dort nicht auf Streu, sondern auf purpurne Daunenpfühle; damit, wie er sagte, das elende Kroton die Abgeschmacktheit seines eingebildeten Lebensgenusses erkenne. Denn dort gebe es noch Leute, die ihr Leben im Erwerben der Mittel zu künftigem Wohlstande verlören; wirklich und wahrhaftig aber und ganz in der Gegenwart verstehe nur Sybaris zu leben. So schwelgte die Stadt und füllte den Tag mit dem Dienste der Schönheit und dem Wettstreite in Genuß und Witzreden. Und wähnte, den Kulm des Hellenischen, des Menschlichen überhaupt, erklommen zu haben. So daß einst ein Sybarite, als er die spartanische Tapferkeit rühmen hörte, spöttisch und verächtlich sagen konnte, er habe einmal nach den olympischen Spielen Lakedaimon besucht und verwundere sich nicht mehr über den Mut der Dorer. Denn ein Volk, das so erbärmlich lebe, habe keine bessere Aufgabe, als den Tod zu suchen. – Deshalb auch war es weiter nicht erstaunlich, daß Pythagoras mit seinem kleinen Gefolge, seiner Mutter, dem Hirten Pythagoras und den beiden Sklaven, alles eher denn eine würdige Aufnahme in Sybaris fand. Anfangs wollte man ihn die Stadt nicht betreten lassen, da er, wie man sagte, in seinem weißen Himation geradezu das Bild der Straßen schänden könne. Erst als er sich entschloß, sich selbst und seinen Begleitern die milesischen Festgewänder, die ihm sein Vater geschenkt hatte, anzulegen, erteilte man ihm murrend die Erlaubnis, die Hauptstraßen zu durchschreiten, bat ihn jedoch, außerhalb der Stadt zu nächtigen, da man nie wissen könne, ob ein Samier, dazu noch ein Weiser, nicht zur Bereitung der Speisen übelriechende Zwiebeln verwende. Zuerst belustigten den Pythagoras diese Albernheiten. Als er aber trotz seiner prächtigen Kleidung auf Schritt und Tritt hämische Bemerkungen der Spaziergänger zu hören bekam, die er als Fremder, der keinen Gastfreund besaß, ohne äußerste Gefahr nicht erwidern durfte, verdroß ihn die Übertreibung der Witzelei sosehr, daß ihn nur starke Wißbegier davon abhielt, Sybaris sogleich den Rücken zu kehren. Zudem entsann er sich noch einer ungeheuerlichen Tat, mit der sich vor nicht allzulanger Zeit Sybaris befleckt hatte; die zeigte, daß die Schwelgerei dieses Volkes nicht so harmlos war, wie sie einem flüchtigen Betrachter vielleicht erschien. In Olympia und in Delphi hatte man ihm davon erzählt, wie einst bei den Wettspielen der lakinischen Hera die Zuschauer über den Vortrag eines Kitharoden in Streit geraten seien, wie die Gegner des Sängers sich auf ihn stürzten und ihn erschlugen, obwohl er in den Schutz des Hera-Altars geflohen war. Sosehr war damals in allen Städten von Hellas die Empörung aufgeflammt, daß die Sybariten, halb gegen ihre Überzeugung, eine Sühngesandtschaft mit protzigen Weihgeschenken nach Delphi schickten. Um so entsetzter waren die Gesandten, die solche Schmach nicht für denkbar gehalten hatten, als die Pythia sie mit den zürnenden Worten eines Spruches fortgewiesen hatte, den fortan jeder Hellene den Sybariten ins Antlitz schleuderte, wenn ihre Hoffart das erträgliche Maß überstieg. Und dem Pythagoras klang jetzt, als er sie so selbstgenügsam und herausfordernd zu Hunderten um sich sah, unaufhörlich der pythische Spruch durch die Seele: »Weich mir vom Dreifuß zurück! Noch trieft vom vergossenen Mordblut rings deine Hand und scheucht dich von meiner felsigen Schwelle. Fort, dir sprech' ich nicht Recht! Den Diener der Musen erschlugst du vor der Hera Altar, der Götter Vergeltung mißachtend. Unerbittlich jedoch und unausweichlich wird Strafe bald die Frevler erreichen und wären sie Söhne des Zeus selbst! Ja, auf ihre Häupter und auf das Haupt ihrer Sprossen drängt sich die Rache; und Leid auf Leid wird die Häuser zerspellen!« Und es kostete ihn starke Überwindung, die Worte Apollons nicht dem nächsten besten, der ihn grinsend musterte, ins Gesicht zu rufen. Dann aber gewöhnte er sich langsam an das unausdenkbare Bild und begann rückschauend zu vergleichen. Babylon tauchte aus halbverhüllten Schatten des Gedächtnisses empor und Theben und Milet. Doch keiner dieser drei Städte glich Sybaris. Und als endlich tiefste Gerechtigkeit den persönlichen Abscheu überwunden hatte, mußte er zugestehen, daß alles, was er um sich erblickte, nur hellenisch, nichts als hellenisch war. Keine Geschmacksentfremdung, kein toller Sinnenbrand, kein Chaos! Alles Anmut, Sattheit und Jubel! Auf die äußerste, überfeinertste, entnervendste Spitze getrieben; aber frei von aller barbarischen Dumpfheit und frei vom Grauen aufgepeitschter Wollust. Frei auch von der schweren überladenen Ewigkeit Kemis. Nur ungehorsam dem Weisheitsspruche, der in goldenen Buchstaben im pythischen Tempel prangte; ungehorsam der kosmischen Forderung des Hellenengeistes: »Nichts zuviel!« Hier, in Sybaris, hatte alles leise die Grenze überschritten und war reif für das Chaos, wenn es auch selbst noch auf olympischen Gipfeln tanzte und torkelte, flimmerte und schäumte! – – – Als der Abend sich niedersenkte, lag das lakinische Vorgebirge schon im Rücken der Schreitenden. Eben fiel die Uferstraße von großer Höhe zum Meere ab und lief, den Falten des Strandes sich anschmiegend, gegen die japygischen Landspitzen ins krotoniatische Gebiet. In unterbrechungsloser Windstille breiteten sich die glasklaren Wasserflächen des tarentinischen und jonischen Meeres bis zum östlichen Horizonte. Während aber der Strand selbst schon im blauen Schatten der Küstenfelsen frische Kühle hauchte, zitterte weiter draußen auf der See noch das Licht der untergehenden Sonne, und große Teile des Wassers waren von glimmernden und farbenspielenden Streifen überzogen; manche Stellen schienen sogar den letzten Rest einer Beschwertheit verloren zu haben und flirrten durchsichtiger als Luft; so daß die Fischerboote, die mit schlaffen Segeln auf den Gewässern standen, an diesen Orten wie im leeren Räume schwebten. Weit draußen aber zog ein mächtiger Kauffahrer seine Bahn und ließ ein langes, zunehmendes Kielwasser hinter sich. Pythagoras gebot seinen Begleitern, ihre Schritte zu verlangsamen; denn er wollte sich das göttliche Bild länger betrachten, als es einem Schreitenden möglich war. Und er blieb stehen und blickte zu den ansteigenden Terrassen der Rebengelände und Olivenhaine, zu den Zypressen und Pinien und Orangenbäumen hinan. Und sah zu den breiten Schottergürteln des Strandes hinab, von dem ein leiser Geruch von Fischen und Seetang heraufstömte. Wie denn überhaupt, hoch hinauf gegen die Ufersteine, der letzte Südsturm einen langen dunklen Gürtel von Wasserpflanzen aufgetürmt hatte, der jetzt faulte und trocknete. Plötzlich hörte er aus dem innersten Winkel der winzigen Bucht, dort, wo die abschüssige Straße bis nahe zum Meeresspiegel sich hinabsenkte, muntere Zurufe und Gesang. Und er erkannte an dem scharfen, stets aussetzenden Rhythmos, daß hier ein Arbeitslied in die summende Abendstille hinaustönte. »Fischer scheinen es zu sein, die dort unten ihren Zug heimbringen!« sagte er sinnend. »Wir wollen hinuntergehen und den Männern zusehen. Vielleicht können sie uns für diese Nacht Herberge geben; denn heute werden wir Kroton sicherlich nicht mehr erreichen!« So setzte sich der kleine Trupp wieder in Bewegung, und bald darauf nahm man schon deutlich wahr, daß einige Männer und Jünglinge am Ufer und im seichten Wasser standen und zum Takte des Gesanges mächtige Netze gegen den Strand heraufzogen. »Hilf ihnen, Zamolxis!« sagte Pythagoras. »Um so eher werden sie unsrem Anliegen willfahren!« Der riesige Thraker, dem der Befehl ausnehmend wohlgefiel, mengte sich denn auch unbefangen unter die Fischer, die ihn zuerst mißtrauisch betrachteten, dann jedoch, als sie sein gutmütiges Antlitz gesehen hatten, ihn sogleich mit einer gewissen fraglosen Selbstverständlichkeit an die schwierigste Stelle ließen und über seine herakleische Kraft ein um das andre Mal in lautes Gelächter ausbrachen. »He du, gottgesandter Kyklope!« grinste einer und schlug ihm derb auf die Schulter. »Du sollst heute abends noch einen tüchtigen Schluck Weines mit uns trinken. Das hast du dir bei Poseidon verdient!« Und sie bemerkten gar nicht, daß schon Pythagoras mit den anderen in der Nähe stand und lächelnd zusah. Erst als er dem Zamolxis einige Weisungen zurief, fuhren sie herum. »Wollt ihr etwa auch mitziehen?« lachte ein junger Fischer auf, dessen brauner Körper naß und muskelstarrend gleißte, während sich seine schwarzen Locken unter dem bunten Tuche hervorringelten, das er ums Haupt geschlungen hatte. »Sei nicht so vorlaut!« raunte ihm ein älterer Mann zu und stieß ihn in die Seite. »Siehst du nicht die würdevolle Haltung dieses Fremden! Er ist gewiß ein Priester oder einer der krotoniatischen Ärzte.« »Zürnst du mir wegen des albernen Scherzes?« fragte freimütig der junge Fischer den Pythagoras. Dieser aber lächelte und antwortete: »Wie sollte ich zürnen? Du hast recht, Freund, daß es uns schlecht ansteht, hier zu gaffen, während ihr euch noch am Abende abmüht. Kommt, Aristaios und Pythagoras, wir wollen auch Hand anlegen!« Doch die Fischer ließen nur zu, daß Aristaios mithalf. Und die Arbeit ging unter Gelächter und Gesang jetzt so schnell vonstatten, daß in kurzer Zeit die mächtigen Netze, gefüllt mit Tausenden von zappelnden und glitzernden Fischen aller Größen, auf dem Strande lagen. »Das war ein guter Zug!« meinte ein alter Fischer, indem er sich mit Schauern von Seewasser den Schweiß von der Stirne spülte. »Nur werden wir, denk' ich, zu schleppen haben, um diese Mengen auf den Markt von Kroton zu bringen.« Da durchzuckte plötzlich den Pythagoras ein seltsamer Gedanke. Was würde mit den Fischlein geschehen, die eben noch bunt und munter in den kühlen Abendfluten sich getummelt hatten? Und er fühlte das jammervolle Verlechzen der Tausende, die, in Netze zusammengepfercht, auf der heißen Straße nach Kroton geschleppt werden würden. Kaum eines der unschuldigen Wesen würde Kroton lebend erreichen. Nur er würde stolz in den Straßen schreiten. Warum nur er? War er um so viel besser, lebenswürdiger als die Fischlein? Und wieder, wie schon einmal, fern, fern im Osten, stand der Spruch des Weißen Yajurveda vor ihm: »Wenn alle Wesen du in dir, und dich in allen Wesen siehst, dann hast Allwissen du erreicht, dann ist dir nichts mehr ungewiß!« Und er sagte: »Wollt ihr euch den beschwerlichen Weg nach Kroton ersparen, ihr Fischer?« »Wie könnten wir das wohl?« fragte einer, der glaubte, Pythagoras treibe Scherz. »Dadurch, daß ihr mir den Fischzug verkauft!« erwiderte Pythagoras. »Was willst du mit so viel Fischen? Ahnst du die Menge? Solch einen Zug gab es seit Jahren trotz aller Ergiebigkeit dieses Ufers nicht!« Und der Fischer schüttelte den Kopf. »Laß das meine Sorgte sein! Nenne einen Preis, Freund, der dich niemals gereuen soll!« Und der Philosoph blickte ihn ermunternd an. Der Fischer aber kraute sich verlegen den Kopf. »Herr, ist das wirklich dein Ernst?« Und als Pythagoras bejahte, setzte er fort: »Verzeih mir, wenn ich die Sache erst mit den anderen bespreche. Solch eine Schätzung ist für uns einfache Leute nicht so leicht.« Und er trat mit seinen Helfern abseits. Lange berieten die Fischer. Ab und zu schlich einer zu den Netzen, zählte flüchtig und raunte das Ergebnis seinen Freunden zu. Dann begannen sie an den Fingern zu rechnen und ihre Erregung nahm zu. Es schienen über das Höchstmaß des Erreichbaren verschiedene Meinungen zu bestehen. Pythagoras aber wartete und lächelte vor sich hin, bis endlich, sichtlich verlegen, der Älteste wieder zu ihm trat und stockend sagte: »Herr, zwei Minen wird der Fang wohl wert sein! Man zahlt jetzt viel in Kroton. Aber ich warne dich noch einmal. Was willst du mit all den Fischen anfangen? Du unterschätzest die Menge!« Pythagoras aber lachte gütig auf: »Zahle ihm vier Minen, Zamolxis! Er ist ein redlicher Mann!« Der Fischer aber fiel ihm entsetzt ins Wort: »Was fällt dir ein, Herr? Das sind sie nicht wert! Glaub es mir. Nicht einmal in Sybaris würde man diesen Preis zahlen. Gib drei und wir wollen dich zeitlebens segnen!« »Also drei!« entschied Pythagoras. »Drei für die Fische. Um die vierte Mine aber wirst du uns ein Nachtlager gewähren, falls es dir paßt.« »Beim Zeus, das will ich! Und es soll euch an nichts fehlen, falls ihr nicht die Hütten der Fischer verachtet! Was aber soll mit den Fischen geschehen?« Unschlüssig drehte er die Geldstücke in der Hand, die ihm Zamolxis sogleich übergeben hatte. »Werft sie ins Meer zurück, Freunde!« sagte Pythagoras in hoheitsvollem Tone. »Heute soll niemand sterben, nicht einmal ein Tierlein des Gewässers!« Als aber Zamolxis, Aristaios und der Hirte Pythagoras den Befehl auszuführen begannen, sagte der Fischer stockend: »Herr, was soll das? Wie will dich einer verstehen?« und er blickte den Pythagoras hilfesuchend an. Der Philosoph aber richtete sich empor und rief mit klingender Stimme in die Abendröte: »Nehmt es, ihr Fischer, als Opfer, das ich dem großen Poseidon bringe, der mich ungefährdet bisher über alle Meere trug!« Da knieten die Fischer, scheu und in ihrer Art verstehend, auf den Strand und erhoben die Hände zu brünstigem Gebete. Pythagoras aber jubelte im Herzen. Denn die schillernden Fischlein tummelten sich schon schnellend in den lauen Fluten des abendlichen Meeres. XXV Über dem Hause des Brontinos lag ein leuchtend-frischer Vormittag, der seine flimmernden Strahlen in den kühlen Vorhof standte. Dort aber gleißten die zierlichen Säulen und die Fliesen auf, und das kleine Wasserbecken malte zitternden Widerschein auf den Marmorwürfel des Hausaltars. Üppige Blumen bauschten sich in den ernsten Vasen, die in ihrem Rotbraun, Gelb und Schwarz den strengen Stil des Hauses vervollständigten. Deinonó, die schöne und kluge Gattin des berühmten Arztes, war still und aufmerksam damit beschäftigt, in den Saum eines hellblauen Festgewandes purpurne Mäander einzusticken. Sklavinnen kamen und gingen und halfen der Herrin; während aus dem Garten, jenseits des Mesaulos, das muntere Gegacker der Hühner herübertönte. Der Arzt selbst aber saß mit seinem Freunde und Mitarbeiter Demokedes, in ernste Probleme vertieft, in dem gegen den Hof zu offenen Saale, der die vom Eingangstore abgekehrte Schmalseite der Aulé abschloß. Plötzlich hielt Deinonó in ihrem charitischen Tun inne und wandte sich mit einem wehmütigen Lächeln gegen die beiden Männer: »Schwer fällt mir jeder Handgriff«, sagte sie kopfschüttelnd, »da ich so lange schon die Tochter entbehren muß. Und da wird es mir doppelt unruhig im Herzen, wenn wie heute nun auch der Sohn über die gewöhnliche Zeit hinaus fortbleibt. Ich bin in Sorge, Brontinos! Zürne mir nicht darob. Sollten wir nicht einen Sklaven zum Gymnasion senden?« »Was hätte dein Herz gelitten, o Deinonó, wenn du Aristokles zu Olympia im Ringkampfe gesehen hättest!« erwiderte Demokedes. »Wie damals die größeren, stärkeren Jünglinge sich gegen ihn stürzten ...« »Es ist wohltätig für uns Mütter und für die Kämpfer, daß das Gesetz uns vom Stadion fernhält!« warf Deinonó ein. »Verzeiht mir, wenn ich im Begriffe bin, aus meinem Olympioniken durch meine Angst einen schwachherzigen Mann zu bilden. Oder besser, ihn zu verbilden.« Da mengte sich nunmehr auch Brontinos ins Gespräch: »Was soll mütterliche Sorge mit dem späteren Mute des Mannes zu schaffen haben? Müßten da nicht auch die jungen Wölfe und Löwen zage Tiere werden? Nein, Deinonó! Ich liebe die lakedaimonischen Mütter nicht, obwohl sie sicherlich ihren Söhnen das Sterben erleichtern. Allerdings auch die Härte des Gemütes und die unnütze Tollkühnheit. Sende also getrost den Sklaven, wenn es dich beruhigt!« Im gleichen Augenblicke aber wurden die drei von ihrem Gedankengange jählings abgelenkt, denn der Erwartete, der herrliche Knabe Aristokles, stürmte, ganz gegen seine sonstige, eher schüchterne Gewohnheit, mit solchem Ungestüm durch die Eingangstüre in den Hof, daß alle erschraken. Bevor aber auch nur einer von ihnen überlegen, geschweige denn fragen konnte, war schon der Ephebe, der die Mutter zuerst erblickt hatte, vor ihr aufs Knie gestürzt, umfaßte sie heiß und stammelte mit fliegendem Atem hervor: »Freue dich, Mutter! Kroton hat gesiegt! Wir haben wieder gesiegt! Heil unserer Stadt!« »Wo? Wann? Bei welcher Gelegenheit!« lachte Brontinos auf, der nähergetreten war und das strahlende, freudengerötete Antlitz des Sohnes erblickte. Da schnellte Aristokles wieder auf die Füße, da er sein Benehmen plötzlich für ungeziemend ansah. Und während er sich mit dem Handrücken die hellen Schweißperlen von der Stirne wischte, setzte er, noch immer atemlos, fort: »Verzeiht mir, Eltern, daß mich das Ereignis fast von Sinnen brachte. Aber ihr werdet dem Knaben vergeben, wenn ihr hört, daß Pythagoras aus Samos eben noch auf unsrer Agora saß. So wie er einwanderte, mit den Sklaven und mit dem Reisehute auf dem Haupte!« »Irrst du nicht?« »Ist Täuschung unmöglich?« »Wann war es?« Die Fragen der Erwachsenen schwirrten durcheinander. Denn kaum geringere Erregung hatte sie ergriffen als den Knaben. Da jubelte Aristokles auf: »Nun seht! Euch geht es nicht anders als dem Kinde. Sagte ich zuviel, als ich einen herrlichen Sieg Krotons verkündete? Ist der weiseste Mann aller Städte etwa deshalb hiehergereist, weil er die anderen Städte mehr liebt?« »Woher weißt du aber,« und Demokedes ward nachdenklich, »daß Pythagoras in Kroton bleiben wird? Er, der den halben Erdkreis durchwanderte und nirgends festen Wohnsitz nahm?« »Das werden wir erzwingen, wenn es nicht ohnehin sein Entschluß ist. Hört!« Und Aristokles lächelte schelmisch und erklärte: »Hört: Ich habe den Weisen überlistet. Doch ich muß wohl alles der Reihe nach erzählen. Gut denn! Wir übten heute im Gymnasion den Diskos- und Speerwurf und zerbrachen dabei einige Speerspitzen. Da sandte mich der Pädagog mit einem zweiten Knaben zum Waffenschmied. Als wir aber zum Marktplatz kamen, da stockte mir das Herz. Denn dort saß er! Er saß dort mit den zwei Sklaven und einem unbekannten Jüngling und einer alten Frau. Traumschnell überlegte ich. Dann raunte ich dem anderen Knaben zu, er möge artig hingehen und dem Fremden Auskunft anbieten. Wenn er aber nach dir, Vater, nach Milon oder Demokedes fragen würde, möge er ihm einen falschen Ort, den wir vereinbarten, angeben!« »Wozu diese Albernheiten?« fiel Brontinos erzürnt ein. »Ist das die Art, einen Weisen zu empfangen? Komm, Demokedes, wir müssen ihn eilends suchen und in mein Haus führen!« »Nein, Vater, höre mich, das eben sollst du nicht!« Und die Augen des Aristokles hatten einen so reinen, bittenden Glanz, daß der Zorn des Brontinos sogleich wieder verflog. »Dann erkläre mir schnell,« erwiderte er, »was diese sogenannte List bedeutet! Denn ich kann nicht glauben, daß mein Aristokles sich mit einem Gastfreunde, mehr noch, mit einem Weisen unziemliche Scherze erlauben würde.« »Da hast du recht, Vater! Höre darum weiter: Ich also verbarg mich und als ich sah, daß Pythagoras dem Knaben folgte, lief ich ins Gymnasion zurück und hielt eine kurze Rede an die Pädagogen und an die Gefährten. Einstimmig wurde mein Vorschlag angenommen, daß die Knaben Krotons den großen Lehrer der Weisheit empfangen und einholen müßten. Ich tat aber noch mehr. Ich lief zu Milon und entlieh die Staatssänfte und lief zu Dämon und Phayllos und bat sie alle, hieherzukommen. Jetzt muß ich aber zurück. Denn der Zug der Epheben wird schon zum verabredeten Platze unterwegs sein. Ich glaube, daß Pythagoras in Kroton bleibt, wenn er sieht, daß unsre Jünglinge heiße und begeisterungsfähige Herzen haben!« Brontinos, der vor Bewegung nicht antworten konnte, umarmte still den Epheben und kehrte sich ab. Deinonó aber machte sich wieder mit den Gewändern zu schaffen und nickte nur dem Knaben zu, der, ebenso stürmisch, wie er gekommen war, wieder zur Türe eilte. – Inzwischen aber verwunderte sich Pythagoras, der sein Gefolge auf dem Marktplatze zurückgelassen hatte, warum es seinem jungen Führer und Wegweiser so schwer gelang, das Haus der ersten und angesehensten Männer Krotons ausfindig zu machen. Einen Augenblick dachte er schon an Vordringlichkeit und ruhmredige Geschäftigkeit. Das Antlitz des Epheben aber zeigte ihm wieder so viel Anstand und Klugheit, daß er an der Lösung des Rätsels irre ward. Schon wollte er sich an andre Leute, die vorüberkamen, wenden, als ihn der Knabe in bewegten, ehrerbietigen Worten bat, ihn nicht bloßzustellen, da ja der ganze Spott der Gefährten auf ihn fallen müßte, wenn man erführe, daß er sich nicht einmal in der Vaterschaft zurechtfinde. So verstand es der Knabe denn wirklich, den Weisen so lange hinzuhalten, bis das verabredete Ziel erreicht war. Es war ein kleiner Platz, den mächtige Bäume säumten; wo in der Mitte ein Brunnen in ein prächtiges Becken sich ergoß. Hier hieß der Knabe Pythagoras zu warten und betrat zum Scheine ein Haus. Dann kam er mit der Meldung zurück, die Häupter der Stadt seien heute in der Ratsversammlung und es bleibe nichts andres übrig, als sich inzwischen im Schatten der Bäume niederzulassen. Milon würde bald erscheinen, ebenso Demokedes und die anderen. Pythagoras, der die Sitten der Krotoniaten nicht genau kannte, befürchtete einen Verstoß zu begehen, wenn er das Haus in Abwesenheit des Herrn betrat und fügte sich daher dem Willen des Knaben. Es verging geraume Zeit. Plötzlich aber horchte der Weise auf. Denn ein heller, frischer Chor von Knabenstimmen kam brausend näher. Und in den Pausen des Gesanges? Was war das? Pythagoras sprang empor und lauschte. Was war das? Nein, jetzt war keine Täuschung mehr möglich: Ein Paian tönte, ein Willkommlied. Und jubelnd erscholl am Ende des Liedes stets aufs neue sein eigener Name. Da durchzuckte ihn eine Ahnung. Und er faßte seinen kleinen Führer scharf ins Auge. Dieser aber schien der Gegenwart entrückt zu sein. Starr blickte er nur in die Richtung, aus der der Gesang sich näherte. Dann aber streckte er seine Glieder, schrie gellend und begeistert den Namen, als ihn die anderen riefen, und jauchzte laut und wie im Wahne: »Heil dem Weisen! Heil Pythagoras aus Samos! Heil Kroton, daß du kamst!« Dann rannte er unaufhaltsam dem Zuge seiner Gefährten entgegen. Bevor aber noch Pythagoras, den ein Schauer des Unbegreiflichen um den anderen die Glieder durchbebte, irgendeinen klaren Zusammenhang erfassen konnte, schwebte schon eine lichte, göttergleiche Wolke von zarten, schmiegsamen Knabengestalten auf den Platz und kam so leicht und wogend heran, daß der Boden die Last nicht fühlte. Palmzweige, zart gefiedert, unterbrachen das süße Weiß und Braun dieser göttlichen Wolke. Und er versuchte zu schauen, zu unterscheiden, zu begreifen. Plötzlich stand eine helle Phalanx vor ihm, eine Phalanx singender Knaben. Und seine Kniee wurden von einem Epheben umfaßt, der sich aus der Phalanx gelöst hatte. Er blickte hinab: Und sah in Augen, in ein Antlitz, das ihn wie die rätselhafte Bruderwelt grüßte. »Aristokles!« flüsterte er, überwältigt von Liebe zu dem Kinde. »Pythagoras, Großer, Einziger! So bist du doch gekommen, um uns nie mehr zu verlassen?« scholl es, kaum hörbar, zurück. Doch in diesem Augenblicke war alle Klarheit über dem Samier. Stolz richtete er sich empor und rief, fest und weithinschallend: »Jünglinge von Kroton! Epheben, die ihr wie durch ein heiliges Vorzeichen mich grüßt, ehe ich euch so recht nahte: Um euretwillen bin ich gekommen, da die anderen Jünglinge der Hellenen meiner nicht zu bedürfen wähnen. Ich werde bei euch bleiben, Jünglinge, und euch allen das zu sein versuchen, was ihr von mir erhoffet und erwartet. Heil euch, ihr Jünglinge, ihr Krotoniaten!« Da erhob sich atemraubender Jubel. Doch nur für Herzschläge. Denn Aristokles hatte die Hand erhoben. Und die Jünglinge wußten, was sie dem Weisesten an Ehrerbietung schuldeten. So drängten sie still heran, baten durch stumme Gesten den Samier, die prächtige Sänfte zu besteigen, und setzten sich in wohlgeordnetem Zuge sogleich in Marsch. Von allen Seiten aber strömten die Bürger Krotons herbei und staunten. Und das Gerücht von der Ankunft des Weisen lief von Mund zu Mund; so daß nach kurzer Zeit der Zug schon zwischen beifalljauchzenden Spalieren dahinbrauste und einem Siegeszuge glich. Pythagoras aber erlebte diesen unglaublichen Umschwung seines Schicksals, diesen Höhepunkt seines Lebens nur wie im Traume. Denn, wenn er die Augen schloß, sah er die gähnende Leere des Theaters vor sich, das Hemikyklion, in dem ihn die Jugend seiner Vaterstadt grausam verleugnet und verneint hatte. – * Als der Philosoph am nächsten Morgen das prächtige Gymnasion Krotons betrat, geleiteten ihn zwei Knaben, die seiner Ankunft vor den Toren geharrt hatten, in die riesige Halle des Baues. Festlicher Duft von Fichtenreisern schlug ihm entgegen. Und er erstaunte. Denn emsige Ephebenhände hatten seit dem Morgengrauen den Saal bis hinauf zu den Kapitälen der tragenden Säulen mit Blattgirlanden und Reisig geschmückt und in der Mitte des Raumes aus Lanzen und Diskosscheiben, ebenfalls umflochten mit Kranzwerk, eine Art von Thronsessel gebildet. In dichtgestautem Halbkreise aber stand, lautlos und freudig, die nach vielen Hunderten zählende Schar der edelsten Knaben und Jünglinge der Stadt, angetan in farbenbunte Festgewandung. Wie mit einem einzigen Schlage flogen auf das Zeichen eines gymnastischen Pädagogen die zahllosen Arme zur Höhe, als Pythagoras eingetreten war. Und das begrüßende »Chaire!« klang hell und jauchzend durch die Halle. Pythagoras aber folgte dem Sinne des Grußes, als er den Thronsessel bestieg und gegen die herrliche Phalanx blickte: Er freute sich, freute sich so tief und innig, daß er nur mit einer Geste die Begrüßung erwidern konnte. Und zahllose Gedanken stürmten auf ihn ein: Was für ein Wunder hatte sich in den wenigen Stunden zugetragen? Kaum weniger herzlich, kaum minder ehrenvoll als von den Knaben war er im Hause des Brontinos aufgenommen worden, und Milon, Phayllos, Damon, Demokedes und die anderen, die herbeigeeilt waren, hatten um den Vorrang gestritten, ihn als Gast beherbergen zu dürfen. Dann das frohe, heitere Festgelage, bei dem er zahlreiche andre Häupter der edelsten krotonischen Geschlechter kennen gelernt hatte. Und schließlich die unmittelbare Erlaubnis, hier, im Gymnasion, zu den Knaben sprechen zu dürfen. War es nur ein Blendnis? Ein Aufflackern unbeständiger Augenblickszuneigung? Oder war es doch etwas Tieferes? Ein Ziel, eine Erfüllung, ein Ausgleich des allmächtigen Schicksals? So dachte er, als er sich niederließ und in ihm die ersten Sätze seiner Rede, noch ungeformt, nach Ausdruck rangen. Dann aber kam das Göttliche über ihn, die reinen Augen der Knaben rissen ihn fort und er begann mit voller, klingender Stimme: »Was, o Jünglinge Krotons, wähnt ihr als höchste Pflicht der Epheben? Jener, die einst Männer werden wollen, fähig und würdig, den Göttern und Menschen in gleicher Art gerecht zu werden? Die Pflicht gegen das Alter, die heilige Ehrfurcht vor der Reife ist es, ihr Jünglinge! Denn immer bestand, immer besteht ein Vorrang alles Früheren, Bejahrteren vor dem Späteren, dem Jüngeren! Um uns in der Natur wie im Leben, im Kosmos wie im Staat, bei Göttern und bei Menschen gilt dieses heilige Gesetz. Ist nicht der Morgen herrlicher als der Abend? Der Aufgang der Sonne würdiger als ihr Untergang? Übertrifft nicht Entstehung die Zerstörung? Sind nicht nach den Urgöttern die Götter, dann erst Halbgötter und als Jüngste erst die Menschen entstanden? Und ihr wißt, Jünglinge, wo diese heilige Ordnung für euch zuvörderst Anwendung finden muß. Euch, ihr krotoniatischen Jünglinge, braucht nicht ein Fremder das zu sagen. Die Eltern sind es, die Urheber eures Lebens, die als Ältere zuerst in euren Gesichtskreis treten. Und sie verdienen diese höchste Ehrfurcht. Denn welchen Dank würde wohl ein Verstorbener dem wissen, der ihn wieder ins Leben zurückbrächte?! Seht, Epheben, eben dieses aber taten eure Eltern. Denn von Geburt zu Geburt, stets zu höherer Stufe des Daseins und der Reinheit, wandert die Seele im Kreislauf der Welten. Und so waren es eure Erzeuger, die zu neuer, lichterer Wiedergeburt eure längstgestorbene Seele erweckten. Das aber ist nicht alles, was wir den Eltern schulden. Haben sie nicht außerdem noch Wohltat über Wohltat auf uns gehäuft? Nein, Epheben, ihr wißt, daß wir gar kein Recht gegen sie haben, nur die große, einzige Pflicht des Dankes. Deshalb auch gestehen ihnen die Götter eine Verehrung zu, die der Götterverehrung gleichkommt. Wüßten wir doch nicht einmal von den Göttern, wenn die Eltern nicht uns gelehrt hätten, wie man die rechte Lehre gewinnen kann. Ja, so groß ist die Würde der Eltern, daß Zeus schon vom göttlichen Homeros den ehrenden Beinamen eines Vaters der Götter und Menschen erhielt und damit als der höchste aller Götter bezeichnet werden sollte. Wie sehr aber auch die Eltern durch die Ehrfurcht ihrer Kinder beglückt werden, geht daraus hervor, daß Zeus und Hera je einen ihrer Sprossen – Zeus die Athene, Hera den Hephaistos – allein erzeugten, um dadurch die kindliche, sonst zwischen Vater und Mutter geteilte Verehrung auf sich allein vereinigt zu empfangen. Und nun, ihr Jünglinge, möge euch noch etwas in eurer Sinnesart bestärken. Ihr wißt, daß die Entscheidung eines Unsterblichen weit mehr Wert besitzt als alle Weisheit der Menschen. Darum bleibt eingedenk, daß der Gründer und Schutzheros eurer Stadt, daß Herakles selbst euch nicht nur in körperlicher Tugend ein Muster war. Hat er doch seine ewig berühmten zwölf Arbeiten aus Gehorsam gegen einen Mann vollführt, der ihn an Alter nur um weniges überragte. Mehr noch: er stiftete, als er eben diese Arbeiten siegreich vollbracht hatte, zu Ehren seines Vaters die herrliche Feier der olympischen Spiele. Der Spiele, in denen ihr wieder zur Freude eurer Eltern und der ganzen Stadt den Kotinoskranz erringen sollt, wie ihn einer von euch vor meinen Augen schon erstritt. Und damals, eben damals, gaben die Knaben von ganz Hellas ein weithinleuchtendes Beispiel. Nicht dem Alter allein gebührt Liebe und Ehre. Auch gegen die Antagonisten, gegen Feinde selbst müßt ihr euch betragen, daß aus ihnen alsbald Freunde werden. Gegen Freunde aber hegt die Liebe, die euch mit den Geschwistern verbindet; so daß euch alle Menschen gleichsam als die eigene Familie erscheinen und ihr den Älteren die Ehrfurcht wie den Erzeugern, den Gleichaltrigen und Jüngeren die Liebe des Bruders zollt. Zu all dem aber ist ein reiner Sinn erforderlich. Denn eben das Jünglingsalter muß die ersten, vielleicht die härtesten Proben von rechter Gesinnung ablegen. Ist es doch die Zeit, wo wild und betörend die Begierden hervorbrechen und zu mächtigster Stärke anwachsen. Nun ist zwar Zucht und Keuschheit eine Tugend, die beiden Geschlechtern, allen Altersstufen zukommt. Ich wähne aber und ihr glaubt es mit mir, o Epheben, daß sie den Jünglingen am besten eignet. Denn sie ist die einzige Tugend, die zugleich das Wohl des Körpers und die Förderung des Gemütes umfaßt. Bewahrt sie doch, kraftsteigernd, nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Begeisterung und den wahren Sinn für alle edleren Bestrebungen. Das wird euch noch klarer werden, ihr Jünglinge, wenn ihr das Gegenteil betrachtet. Seht, alle grausigen Schicksale, die sich die vor Troja kämpfenden Griechen und Barbaren zuzogen, waren letzten Endes durch die Zügellosigkeit Einzelner verursacht: Die Griechen litten unter Agamemnon, die anderen durch den Paris. Ihr wißt, daß das delphische Orakel den Frevel des Paris, den zuchtlosen Raub der Helena, mit zehnjährigem Unglück, mit der Belagerung und der Einnahme Trojas bestrafte. Den anderen, noch ruchloseren Frevel aber, den des Aias, des Stammes- und Stadtheros der benachbarten Lokrer, der in brünstigem Wahne im Heiligtume der Athene die Kassandra schändete, hat der pythische Gott gar mit tausendjähriger Sühne belegt. Denn noch heute müssen die Lokrer, wie ihr wißt, zwei Jungfrauen zum Tempeldienste der ilischen Athene entsenden, obwohl seit dem Frevel schon viele Hunderte von Jahren verstrichen sind. Wie aber wollt ihr Zucht und Sittsamkeit erringen, ihr Epheben? Auf diese Frage antworte ich euch, daß es stets für mich ein Widerspruch bleiben wird, daß man bei allen Dingen die Einsicht als das Wichtigste betrachtet und doch weder Zeit noch Mühe auf ihre Erwerbung verwenden will. Sehr zu Unrecht! Denn die gewiß ersprießliche Körperbildung gleicht den gewöhnlichen Freunden, die bald abtrünnig werden. Die Bildung des Geistes aber harrt wie ein echter Freund bis zum Tode aus. Ja, sie verschafft den Menschen noch nach dem Tode unsterblichen Nachruhm! Seht nur, ihr Jünglinge, die Lehren und Sätze der Rechenkunst und der Geometrie an! Was sind sie andres als die zum Gemeingut gewordenen Erkenntnisse der Männer, die an Begabung alle anderen überragten? Waren diese Entdecker und Erfinder nicht Freunde der Menschen? Ist ihre Lehre nicht ein ewiger Freund? Mittel und Stoff zur Bildung höherer Einsicht ist heute das, was ein Thales, ein Pherekydes ersann und was vor ihrer Gedankenarbeit überhaupt nicht auf Erden war. Noch etwas aber seht ihr aus diesem Beispiele. Gerade die Geistesbildung ist ihrem Wesen nach vornehmlich mitteilbar. Denn andre Vorzüge, wie Stärke, Schönheit, Gesundheit, Männlichkeit können wohl gar nicht übertragen werden oder nur zum geringsten Teile. Reichtum aber und Herrschergewalt sind zwar mitteilbar, doch nicht ohne eigenen Verlust des Besitzers. Wissen jedoch und Einsicht, ihr Epheben, kann vom anderen empfangen werden, ohne daß der Geber deshalb auch nur im mindesten weniger davon besitzt. Und ebenso ist es mit der Möglichkeit der Aneignung. Die Vorzüge, die ich zuerst nannte, zu gewinnen, steht nicht in der Macht des Wollenden. Bildung aber können alle nach freier Wahl erwerben! Geistesbildung gibt ein rechtmäßiges und anerkanntes Übergewicht in allen öffentlichen Angelegenheiten. Geistesbildung begründet den Vorrang der Menschen vor dem Tiere, der Hellenen vor den Fremden, der Freigeborenen vor den Sklaven, der Denkenden und Philosophen vor der ziellosen Menge. So hoch aber steht die Geistesbildung vor der körperlichen, daß, während in Olympia Kroton allein einst sechs Siegeskränze an einem Tage erstritt, ganz Hellas zu allen Zeiten nur sieben Weise hervorbrachte. Jetzt aber gibt es überhaupt keinen Weisen mehr in Hellas, denn nur einer lebt, der vor allen anderen an heißer, inbrünstiger Liebe zur Weisheit hervorragt und der dieses Wissen, diese Liebe zum Wissen anderen mitteilen will. Allen anderen, in erster Reihe aber den Jünglingen. Und unter diesen wieder zuerst den herrlichen Epheben der Stadt Kroton!« Heißes Schweigen zitterte durch das Gymnasion, als die letzten Worte des Pythagoras verklangen. Keiner der Knaben wagte sich zu bewegen. Da trat plötzlich, scheu und gläubig, Aristokles vor, der bisher in der letzten Reihe gestanden war, und sagte mit einer Stimme, in der die Weihe des Augenblickes bebte: »Wir schwören dir, o Pythagoras, wir, denen es vergönnt war, diese Stunde zu erleben, daß wir deine Lehren zeitlebens tief im Gemüte bewahren und, was mehr ist, daß wir nach deinen Worten leben und handeln wollen. Da du aber nur die Pforte der Weisheit, nicht die Weisheit selbst zeigtest, flehen wir dich an, uns bis dort hinanzuleiten, wo der Ausblick nach allen Weiten winkt. Keiner von uns soll dich enttäuschen, sonst möge er verflucht sein wie Paris und Aias, wie Tantalos und Sisyphos!« Und er wandte sich gegen den Halbkreis der Gefährten: »Hat mein Mund gesprochen, was euer aller Herz verlangt? Dann, Gefährten, hebt stumm die Hände und betet ein Dankgebet zu den Göttern! Denn zu hehr ist die Stunde, zu erhaben der Weise, als daß wir Knaben ihm zujauchzen dürften, wie das Volk dem Sieger zujubelt!« Und er hob mit tränenschimmernden Augen beide Hände. Ein einziger halberstickter Seufzer aber hauchte durch das Gymnasion, als alle Hände zur Höhe flogen. Denn unnennbare Begeisterung, die nur in tollstem Jauchzen Befriedigung gefunden hätte, wollte den Epheben schier die junge Brust zersprengen. Pythagoras aber erhob sich und sagte leise: »Auch ich schwöre euch Treue, ihr Jünglinge!« Dann stieg er vom Thronsessel herab, um jedem die Hand zu reichen; damit keiner sich ausgeschlossen, keiner sich bevorzugt fühle, bevor Leistung und Verdienst die Unterscheidung getroffen hatte. XXVI Hier sind sie also auch nicht?!« sagte Deinonó mit verstelltem Zorne, unter dem ein Lächeln lag, als sie in das Haus des Demokedes trat und Pythagoras erblickte, der im Vorhofe einen fremdartigen Papyros las. »Sei gegrüßt, Deinonó!« erwiderte der Philosoph und erhob sich. »Trägst du es ihnen nach, wenn sie sich um die öffentlichen Angelegenheiten bekümmern?« »Das gewiß nicht!« Und Deinonó lächelte jetzt wirklich. »Im übrigen siehst du, treuloser Flüchtling, daß ich dich auch finde, wenn du im Hause deines Demokedes wohnst. Zuerst will ich dir berichten: Deine Mutter und der junge Pythagoras sind unter der Führung des Aristokles aufgebrochen, um die Stadt zu besichtigen. Sie wollten auch dich holen, doch ich verbot es ihnen, da Brontinos und Demokedes behaupteten, dich noch vor der Mittagsstunde aus deiner Einsamkeit zu erlösen. Nun sind seit dieser versprochenen Zeit wohl schon mehr als drei Stunden verflossen und ich wähnte, da Brontinos nicht nach Hause kam, er habe sich mit Demokedes zu dir begeben. Ich sehe aber hier nichts als gähnende Leere!« »Sosehr mich deine Fürsorge erfreut, Deinonó, so wenig hast du Anlaß, dir meinethalben Beschwerlichkeiten aufzubürden. Bin ich doch nicht nach Kroton gekommen, um eure Lebensgewohnheiten zu stören.« Und Pythagoras ließ sich nieder, da auch Deinonó sich auf die Marmorbank gesetzt hatte. Da zuckte es im Antlitze der Frau wie ein flüchtiges Leuchten auf und sie antwortete hastig: »Du irrst, Weiser! Eben deshalb bist du gekommen! Du sollst um dieses Zieles wegen gekommen sein!« Und als Pythagoras erstaunt aufsah, fuhr sie schnell fort: »Höre mich, Samier, da nun einmal ein glücklicher Zufall es gefügt hat, daß ich ungestört mit dir sprechen kann. Du ahnst nicht, welche Aufregung der Gemüter dein Erscheinen schon heute verursacht hat. Es wird wohl in den herrschenden Ständen kaum eine Familie in Kroton geben, in der nicht gestern ein begeisterter Knabe den Inhalt deiner Rede, so gut er es verstand, wiedergab. Man pries dich allgemein! Das kann ich dir mit gutem Gewissen sagen, da ...! Nun, ich sprach eben heute schon mit zahlreichen Frauen! Man erwartet aber mehr von dir. Mehr und Schwereres. Man hofft, daß du die Mißstände des Gemeinwesens schonungslos geißeln und ausrotten helfen wirst!« »Wie soll ich das?« fragte Pythagoras leise lächelnd. »Wie soll ich das?« wiederholte er nachdenklich. »War doch alles, was ich bisher in Kroton erfuhr, nichts weniger als tadelnswert. Und selbst Wenn ich zu tadeln hätte, wird man einen Gast, einen Einwanderer, nicht gerade als die geeignete Person für Neuerungen empfinden. Man würde mir mit Recht entgegenhalten, ich möge mich nicht um Angelegenheiten bekümmern, die mich weder kraft meiner Geburt noch kraft meines Standes etwas angingen.« »Das wird man nicht!« fiel Deinonó ein. »Ich sehe,« setzte sie fort, »daß ich dir alles erzählen muß, um dir ein richtiges Bild der Ereignisse zu vermitteln. Heute morgen war eine große Zahl krotoniatischer Frauen bei mir. Eine Gesandtschaft förmlich! Und sie baten mich, nachdem sie dein Lob in jeder Weise verkündet hatten, ich möge auf dich Einfluß nehmen, daß du auch einmal zu den Erwachsenen sprächest und ihnen, in ähnlicher Weise wie den Jünglingen, die Pflichten vor Augen führtest. Noch bist du verwundert, großer Samier, weil du das Hauptgebrechen unsrer Stadt nicht kennst, das Übel, das zahllose Familien zerstört und auch die ganze Politik in schädlichster Weise beeinflußt. Dem Beispiele des verruchten Sybaris folgend, sind nämlich seit einiger Zeit die reichsten und vornehmsten Männer von Kroton – selbst ein Milon, ein Phayllos gehört zu ihnen! – auf den Gedanken verfallen, ganz offen neben ihren Frauen Kebsweiber ins Haus zu nehmen und diese, die, ihrer Herkunft entsprechend, gierig und genußsüchtig sind, mit verschwenderischem Aufwand herauszuputzen und mit Geschenken zu überhäufen. Ich will gar nicht davon sprechen, daß viele dieser Buhlerinnen ihre alternden Liebhaber verlachen und die Söhne verderben. Weit bedenklicher ist es noch, daß diese Mädchen, die den unteren Schichten der Bürgerschaft entstammen, kosend und girrend den Herrschenden die Geheimnisse des Gemeinwesens entlocken und sie dann hurtig ihren Verwandten weitergeben, so daß jeder Augenblick einen Umsturz, eine Vertreibung der krotonischen Aristokratie bringen kann. Was das aber bedeuten würde, wissen wir besser als viele andre. Haben wir doch Sybaris zum Nachbarn, auf dessen Nacken sich sofort nach Einführung demokratischer Herrschaftsformen Telys als Tyrann gesetzt hat und die Macht nicht mehr aus der Hand läßt. Schwelgerei, Liebedienerei, Emporkömmlingswesen, Willkür und Grausamkeiten aller Art sind neben unerträglichem Hochmute die Folgen dieser Tyrannenwirtschaft. Nein, das wollen wir nicht, daß unsre prächtigen Söhne entweder vor Gewaltherrschern kriechen oder in die Verbannung gehen müssen. Wir wollen die Aristokratie! Nicht aus Machtgier oder Eigennutz. Kein Andersdenkender wird bei uns verfolgt oder bedrückt, kein Mann der niederen Stände verachtet. Auch wir Herrschenden wissen unsre Pflichten zu erfüllen: Siegen nicht unsre Jünglinge in Olympia? Streben sie nicht nach Wissen und Gerechtigkeit? Leiten wir unsre Töchter nicht zu Milde und Sittsamkeit an? Du kennst sie nicht, meine Theanó, die eben jetzt zu Metapont weilt, um einem kranken Oheim ihre liebevolle Pflege zu leihen. Ihr Anblick allein würde dich dazu begeistern, alles auf dich zu nehmen, um unsre Jungfrauen vor der Schmach zu bewahren, mit Buhlerinnen im selben Hause zu schlafen. Dank den Göttern! Brontinos und Demokedes haben bisher dem Laster widerstanden. Aber werden sie nicht vielleicht morgen der Versuchung unterliegen oder übermorgen, wenn erst das Unrecht durch allgemeine Übung zum Erlaubten, ja zum Selbstverständlichen ward? Und Aristokles, dessen Seele heute noch voll heiliger Unschuld ist, dessen Herz nur in Begeisterung für Reines und Göttliches lodert, was soll mit ihm werden, wenn erfahrene Dirnen in unsrem Hause umherschleichen? Nein, Pythagoras, tue, was du für recht befindest. Ich kann aber nicht denken, daß dich der Jammer einer Stadt unbewegt läßt, die sich anschickt, deine zweite, deine endgültige Heimat zu werden!« Deinonó, deren Antlitz vor Erregung glühte, die die letzten Sätze in flammendem, anklagendem Weh hinausgerufen hatte, senkte den Kopf und schwieg. Pythagoras aber, in dessen Gemüte große Kämpfe entbrannt waren, weil er sah, daß auch hier, wo er auf kurze Zeit von der Verderbtheit der Menschen sich auszuruhen gehofft hatte, soviel an menschlicher Schwäche und Unvollkommenheit wucherte, blickte nachdenklich über das glatte Pflaster des Vorhofes und über die bunten Säulen der Umfassung. Endlich nach langer Pause sagte er ernst und würdevoll: »Du wußtest nur zu gut, o Deinonó, wie du mich dem Wunsche der krotonischen Frauen gefügig machen konntest. Ist es doch die zwingende Kraft der Wahrheit, mehr noch meine Sorge um die hellenische Jugend, um die Zukunft des hellenischen Geistes und der hellenischen Sitte, am allermeisten aber meine große Liebe zu euch Freunden und zu Aristokles, was mich zwingen wird, den allzu ungleichen Kampf aufzunehmen. Es sei, Deinonó! Ich werde es wagen. Wie ich es vollbringen soll, ist mir heute noch unklar. Eines aber weiß ich gewiß und das will ich dir nicht verhehlen: Bei diesem Wettstreite um eure gute Sitte, ihr Krotoniaten, setze ich den letzten Rest, die letzte Hoffnung auf Ruhe und Frieden ein, die mir auf Erden blieb. Denn wenn ich eure Männer unbeugsam, eure Laster unausrottbar fände, müßte ich, selbst wenn kein Haß für meine Tat mich träfe, auch dieser Stadt den Rücken kehren. Glücklich der Blinde, der die Schwächen der Menschen nicht sieht, glücklich der Selbstbetrüger, der sie vor sich selbst leugnet, glücklich der Träge, Duldsame, der sie sieht, aber aus Bequemlichkeit verzeiht; unselig allein der Sehende, dem sein Daimon befiehlt, dagegen anzurennen, bis sein Herz leer ist vom Blute und sein erschöpfter Atem stockt! Und doch vielleicht seliger als alle anderen, weil nie ein Erwachen ihm Reue bringen kann!« Deinonó hatte sich erhoben und blickte Pythagoras mit tränenschimmernden Augen an: »Vergiß, was ich dir sagte, großer Samier! Vergiß es, ich bitte dich, ich flehe dich an! Zu groß ist für dich, für uns alle der Einsatz, den du wagen willst. Vielleicht wird die Zeit die Laster eindämmen, vielleicht wird Vorsicht und List zum Ziele leiten. Tu es nicht, Pythagoras! Ich ahnte nicht, was ich heraufbeschwor, als ich sprach!« Pythagoras aber lächelte wieder, lächelte allweise und fast freudig. Und er erwiderte: »Mein Entschluß ist unabänderlich, Deinonó! Ich bin nicht gewohnt, feige zurückzuweichen, bevor ich begann. Größeres, weit Gefahrdrohenderes habe ich schon zu gutem Ende geführt. Wenn ihr aber die Krotoniaten seid, die ich zu Olympia, die ich an euren Söhnen sah, dann ist mein Sieg gewiß! Irren und wanken kann auch der Beste, der Heiligste. Seine Seele aber wird erst offenbar, wenn die Forderung der Umkehr, der Abkehr an ihn herantritt! – Doch jetzt wollen wir von anderen Dingen sprechen!« Deinonó kam aber nicht mehr in die Lage, zu antworten; denn Demokedes und Brontinos waren in den Hof getreten und schritten in munterem Gespräche auf die beiden zu. Und Demokedes rief: »Heil dir, Pythagoras! Ganz Kroton hallt durch den Mund begeisterter Epbeben von deinem Ruhme wider. So stark aber ist dieser Jubel, daß selbst der hohe Rat der Tausend sich ihm nicht entziehen konnte. Er entbietet dich für morgen vor seine Versammlung, da er mit dir die weitere Gestaltung deiner Tätigkeit besprechen will. Du wirst dich über die Stimmung, die dort für dich herrscht, nicht zu beklagen haben, samischer Gastfreund!« »Ich danke dir, freundlicher Demokedes, aus dessen Munde mir das Geschick bisher nur Freudenbotschaft sandte!« rief Pythagoras zurück und ging den beiden entgegen. Bevor er sie jedoch noch erreicht hatte, flüsterte er, so leise, daß nur Deinonó die Worte verstehen konnte: »Ich nehme das Vorzeichen an. Ich werde für Kroton gegen Kroton siegen! Heil dem Göttlichen!« Dann aber drückten sie einander die Hände und muntere Gespräche vereinigten sie, bis die Gäste kamen, vornehme Krotoniaten, die noch vor der Ratsversammlung den berühmten Fremden sehen und seiner Weisheit lauschen wollten. Pythagoras war eben auf die Rednerbühne gestiegen, um zu beginnen. Weltenfern anders waren heute die Gefühle, die ihn beherrschten, als vor den Jünglingen. Und manchen Herzschlag wollte Bangen in ihm emporquellen, obwohl schon soviel an Ehre und Anerkennung hinter ihm lag. Hatten doch erst vor wenigen Augenblicken die edelsten Krotoniaten ihm wegen seiner Rede im Gymnasion in den begeistertsten Worten gedankt und ihn aufgefordert, all das unumwunden zu sagen, was er dem krotonischen Gemeinwohle für förderlich halte. Er mußte sprechen! Ohne jede Schonung, dennoch aber in einer Form, die ihm die Zuhörer nicht von vornherein entfremdete. So begann er und hauchte schon den ersten Worten jenen zwingenden Klang, jene wilde Willenskraft ein, die ihm bisher stets das Übergewicht über die empfangende Masse verliehen hatte. »Edelste der Krotoniaten!« rief er plötzlich mächtig, nachdem er die Pause so weit getrieben hatte, als sie einem Hörer noch erträglich war. »Väter der Stadt des Herakles! Was euch Pythagoras zuerst ans Herz legt, ist der Dienst der Musen. Ihr blickt mich erstaunt und fragend an? Nun, so wißt, daß ich nicht jene zur Erde herabgezogenen, fast möchte ich sagen, alltäglichen Göttergestalten meine, die ein Geschlecht von vergeßlichen Nachkommen ihrer Urwürde entkleidete. Ich rufe vielmehr mit euch die Musen an, die bestimmt sind, die im Gemeinwesen herrschende Eintracht in ihren Schutz zu nehmen und zu erhalten; jene Götter-Neunzahl rufe ich, die, mit einem gemeinsamen Namen bezeichnet, sich vorzüglich gemeinsamer Ehren erfreut und einen Chor gemeinsam bindet und löst. Denn von diesem Götter-Reigen kommt Gleichklang, Harmonie, Rhythmos und überhaupt alles, was Eintracht der Gemüter erzeugt; ihre Macht aber wird nicht bloß in den edelsten Künsten und Wissenschaften, sondern auch im Gleichklang und in der Harmonie der Dinge offenbar! Mögen sie uns nun Wegweiser sein, die herrlichen Göttinnen, Wegweiser, die uns das Ziel unsrer Handlungen erkennen lassen. Kann doch ein Gemeinwesen, sofern es bestehen soll, nicht anders als der Kosmos selbst, nur auf den festen Sockeln harmonischen Ebenmaßes, durchgängigen Einklanges beruhen. Darum beherzigt, ihr Väter, daß ihr eure Vaterstadt als ein von der Masse der Bürger euch anvertrautes gemeinsames Unterpfand besitzt, und daß ihr dieses Unterpfand in einem Geiste verwalten müßt, der sicherstellt, daß ihr das Gut einst in ungetrübter Harmonie auf eure Nachfahren vererben könnt. Das aber wird mit Gewißheit nur dann der Fall sein, wenn euch die Gleichheit aller Bürger oberster Grundsatz ist und nichts mehr euer Augenmerk auf sich zieht als das Recht. So verehren auch die Menschen, im dunklen Gefühle, daß Gerechtigkeit allerorten nötig sei, als Beisitzerin des Zeus, des höchsten oberirdischen Gottes, die heilige Themis, die Weltordnung selbst. Als Beisitzerin des unterweltlichen Pluton aber wird Dike, die vergeltende Gerechtigkeit, genannt. Beherrscher der Staaten endlich und des irdischen Lebens ist Nomos, das Gesetz; damit einer, der ungerecht verwaltet, worüber er gesetzt ist, als ein Mensch erscheine, der sich damit gegen die ganze Weltordnung zugleich vergeht. Denn wo Götter sind, wo Menschen weilen oder Heroen oder Schatten, thront mächtig eine Verkörperung des nämlichen Gedankens: Themis, Dike, Nomos! Kosmos auch in andrem Betrachtungswinkel und Gleichklang und Harmonie! Daher hütet euch, ihr Beisitzer der Ratsversammlungen, den Namen eines Gottes beim Eide zu mißbrauchen, auch wenn ihr wähntet, es geschehe zum höchsten Nutzen der Stadt. Richtet vielmehr Rede und Tat solcherart ein, daß sie ganz ohne Eid, auf sich allein gestellt, Treue und Glauben bewirkt. Damit es heiße in ganz Hellas: Wahr ist das Wort, denn ein Krotoniate hat es gesprochen!« Brausender Beifall unterbrach hier den Redner. Und stolz blickte Pythagoras über die klugen und ehrwürdigen Antlitze des Rates der Tausend, die sich ihm strahlend und freundschaftlich zukehrten. Und er übersah den mächtigen Platz der Ratsversammlung mit den Kurven der Marmorbänke und den umfassenden Säulengalerien. Und er heftete sein Auge an die Erscheinung eines dorischen Kapitals, das sich mit tiefschwarzen Schatten grell heraushob. Er wollte sich einen Augenblick lang sammeln, denn noch stand alles Schwere bevor. Und er hob langsam, wie grüßend, die Hand, um die Brandung des Beifalls zu glätten. Da verstummten die Krotoniaten. Nur das Leuchten der Zustimmung blieb in ihren Mienen. Pythagoras aber setzte mit leiser, fast geheimnisumwehter Stimme fort: »Stadt und Gemeinwesen aber sind doch nur Namen, ihr Krotoniaten, hinter denen sich, wie hinter dem Namen eines Bauwerkes, die einzelnen Bausteine verbergen. Steine, die sosehr sich dem Gesamtplane harmonisch einfügen, daß wir sie nicht mehr als Einzeldinge empfinden. Was aber geschähe, wenn sich plötzlich zerberstend die Harmonie der Steine ins Chaos auflöste? Wo bliebe da die Harmonie des Ganzen? Ihr wißt, was ich mit diesem Bilde meine, ihr weisen Häupter Krotons: Stadt und Gemeinwesen sind ein Bau aus den Quadern der Geschlechter und Familien. Und daraus ergibt sich zwingend auch das Weitere. Führt die Herrschaft eures Hauses, ihr Krotoniaten, in solcher Art, daß ihr euch stets des Grundes bewußt bleibt, warum ihr eure Familie liebt: Behandelt eure Kinder voll- und ebenbürtig und als solche, die auch allein unter allen Lebenden das Gefühl, eure Kinder zu sein, besitzen; im Umgange aber mit den Genossinnen eures Lebens, euren Frauen, sollt ihr stets beherzigen, daß andere Verträge durch schriftliche Urkunden und Steintafeln, der Vertrag mit der Gattin aber durch die Kinder befestigt wird. Seid eingedenk, daß ihr es euch nicht zum Verdienste anrechnen könnt, wenn die Eurigen euch aus dem Naturgefühl heraus lieben. Lieben sollen sie auch vielmehr wegen eurer Wohltaten und eurer Gerechtigkeit und als Dank für eure eigene Gesinnung!« Zustimmende Rufe klangen an das Ohr des Pythagoras. Und er sah, als er noch einmal traumschnell die Mienen umfaßte, daß nur Rücksicht und Achtung die Versammlung vor neuem Beifalle abhielt. Da richtete er sich zur ganzen Größe empor und dröhnte über die Menge: »Faßt daher, – ein oberstes Gebot ist es, damit nicht Krotons Bausteine zersplittern! – faßt, sage ich euch, den ernsten Entschluß, nur mit den gesetzmäßigen Frauen des ehelichen Umgangs zu pflegen, damit nicht auch die Frauen durch Vernachlässigung, Zurücksetzung und Rachegier in die Versuchung fallen, die Pflichtvergessenheit der Männer mit der Geburt von Bastarden zu beantworten!« Und er schwieg für einen Herzschlag. Doch selbst die kurze Zeitspanne hatte genügt, ein Rauschen und Murmeln auftönen zu lassen, das gegen den Redner heranwogte. Der aber hob jetzt seine Stimme zu allermächtigstem Klange: »Welcher Krotoniate«, rief er, »könnte noch im Zweifel sein, was er zu tun hat, wenn er alles nur gehörig überlegt? Laßt solche Sitten den sybaritischen Schlemmern, ihr Volk der Olympioniken und Ärzte, ihr Volk der Gesunden und Heilkundigen! Sagt man nicht in ganz Hellas, daß noch der Letzte der Krotoniaten der Erste der Hellenen sei? Und zu diesen Männern sind wie Schutzflehende vom Heiligtume des elterlichen Hauses die Frauen gekommen. Gekommen sind sie im Angesichte der Götter unter Opferspenden und haben die Hand gläubig und vertrauend auf den Altar des Gatten gelegt. Und von dort soll ein Krotoniate sie fortreißen, sie beleidigen und töten? Fort, dir sprech' ich nicht Recht! Den Diener der Musen erschlugst du vor der Hera Altar, der Götter Vergeltung mißachtend. Wem rief die Pythia diesen Spruch ins freche Antlitz? Ich glaube wohl, denselben Sybariten, die euch Krotoniaten die Ehe zu mißachten lehrten!« »Er sagt die Wahrheit!« tönte es auf. »Fort mit dem Beispiel der Weichlinge!« »Sprich weiter, Pythagoras! Sprich, wir wollen hören, auch wenn es uns nicht leicht ist!« »Still, laßt ihn reden!« so schwirrte es in höchster Erregung durcheinander. Pythagoras aber, für den schon das Schwanken der Stimmung halben Sieg bedeutete, fuhr ohne Zögern fort: »Ist es genug, ihr Krotoniaten, wenn ihr das Gesetz fürchtet? Nein, es ist nicht genug, sage ich euch! Denn, wer sich bloß vor Strafe scheut, wird sich verbergen und das Übel wird heimlich weiterwirken. Ehrerbietung vor der Tugend selbst und Streben nach vollster Gerechtigkeit soll und muß euch Grund und Richtschnur sein! Entscheidet euch rasch, ihr Beisitzer des Rates, deren Entschluß den Willen der Stadt bedeutet. Denn nur das Ergreifen des Augenblicks verleiht dem Entschlüsse vollsten Wert! Und noch etwas, da ich nun einmal, wie ihr mir es selbst befahlet, unumwunden gesprochen habe. Seht ihr nicht, welchen Frevel ihr in euren Häusern duldet? Ist es nicht der größte und verdammenswerteste Frevel, Zwietracht in die Familien zu säen und Kinder und Eltern auseinander zu reißen? Was aber tun jene Buhlerinnen anderes?« Wieder schwieg der Philosoph. Doch diesmal umgab sein Verstummen beängstigende Stille. Denn wilde Kämpfe, Entschlüsse, Widerspruch, Leidenschaft und Pflicht rang in zahlreichen Gemütern um Entscheidung. Da dämpfte er seine Stimme und fast ein werbendes Bitten lag im Wohlklang der folgenden Worte: »Ich will ja nur raten, ihr trefflichen Krotoniaten! Versteht den nicht falsch, der sich noch nie anmaßte, ein Weiser zu sein. Ein Suchender, ein Versuchter bin ich gleich euch, gleich allen Menschen, die im Lichte der Sonne wandeln. Nur eine der Stimmen will ich sein, die sich tief in euren Herzen miteinander unterreden! Bedenkt, ihr Volk der Olympioniken, daß nur der der Trefflichste wäre, der aus sich selbst heraus sein Bestes wüßte; der Zweitbeste – und so sind die meisten Menschen! – ist einer, der aus dem Mißgeschicke andrer das ihm Zuträgliche einzusehen lernt; der Beklagenswerteste endlich – und so sollt ihr nicht handeln – ist ein Mensch, der ruhig zuwartet, bis ihn eigene schlechte Erfahrungen über sein Bestes belehrt haben. Darum seht zu, ihr Krotoniaten, und blickt auf die Sybariten, deren falscher Glanz baldigen Absturz verbirgt. Und zürnt mir nicht! Denn alles wollte ich, nur nicht euren Unwillen erregen. Ich bin ja in einem Ehrenkampfe begriffen und handle nicht anders als jene olympischen Wettläufer, die, weit davon entfernt, ihren Antagonisten Böses zufügen zu wollen, nur danach streben, das herrliche Ziel der Hellanodiken zu erreichen. Mein Wettlauf aber ist der Kampf um die Reinheit des hellenischen Geistes und Gemütes, mein Ziel die Harmonie von Schönheit, Kraft und Tugend. Und da wollte ich euch voranlaufen, damit ihr angespornt würdet, eilenden Fußes das Stadion des Göttlichen zu durchmessen und mich im nächsten Wettlaufe womöglich weit hinter euch zu lassen. Denn ihr seid erfahrene Olympioniken, ihr Männer von Kroton! Zum Schlusse aber bitte ich euch, wenn ihr euch einmal zur Tugend entschlossen habt, auch stets wirklich so zu sein, wie ihr den anderen erscheinen möchtet. Ehre aber und Ruhm sind stets noch heiliger als selbst Beratung und Staatsgeschäfte. Denn diese betreffen doch nur irdische Dinge, jene aber reichen hinan zu den Göttern! Reinheit des Rufes aber ist von den Göttern selbst niemandem sosehr zur Pflicht gemacht wie eben euch Krotoniaten. Denn als Herakles auf seinem Zuge durch Italien vom Riesen Lakinos nächtlings überfallen wurde und den zu Hilfe eilenden Kroton erschlagen hatte, weil er ihn in der Dunkelheit für einen Feind hielt, beschloß der Heros, um das Grabmal des Kroton eine Stadt gleichen Namens zu erbauen, damit auch der unselige Helfer der Unsterblichkeit teilhaftig würde. Diesen Willen des Heroen, des großen Herakles, der bittere Tränen um euren Urahnen vergoß, müßt ihr erfüllen helfen, ihr Krotoniaten! Denn wie könnte wohl der Name Kroton unsterblich werden, wenn die Krotoniaten ihn befleckten?!« Er schwieg und ließ sich langsam in den Thronsessel nieder, der den Würfel der Rednerbühne überhöhte. Beklemmendes Schweigen dehnte sich zu Ewigkeiten. Dem Pythagoras zumindest schien es so, da jeder verrauschende Herzschlag neue Zweifel in seinem Gemüte zurückließ. Da schluchzte es plötzlich wild auf. So wild, als ob Herakles um Kroton weinte. Und die riesige Gestalt Milons stand in all ihrer überirdischen Kraft inmitten der Versammlung. Und halberstickt, noch immer aber mächtig, tönte seine Stimme, als er anhub: »Krotoniaten!« rief er flehend. »Ihr alle wißt es. Sagt es dem Pythagoras, daß Milon nicht imstande ist, Schutzflehende von den Altären zu reißen. Nein, ihr Krotoniaten! Wir alle sind nicht dazu geboren, den Göttern und den Gesetzen Trotz zu bieten. Darum auch stelle ich selbst, ich, der als einer der ersten im Drange übermütiger Kraft das verderbliche Beispiel gab, den Antrag, unerbittlich die Schmach gebrochener Ehen zu bekämpfen und die Buhlerinnen im Frieden zu entlassen. Sie werden weinen, die unseligen Weiber. Doch laßt euch nicht umstimmen dadurch, ihr Krotoniaten! Weint selbst, wie ich es tue. Weint aus Schmerz über verlorene Lust, weint aus Scham und Reue, daß Krotoniaten den Ruf der Stadt befleckten. Und weint, damit der Samier sieht, daß wir keinen Schmerz fürchten, wenn es dem Göttlichen gilt. Zum Gedächtnis der wiedergewonnenen Eintracht und Harmonie aber wollen wir den kosmischen Musen, von denen der Weise sprach, einen prächtigen Tempel errichten!« Die letzten Sätze zitterten noch in der Luft und zerschlugen den Rest des Bannes, der bisher die ringenden Gemüter verschlossen hatte; und lauter Beifall lohnte den Antragsteller. In würdevollem Ernste wurde die entscheidende Abstimmung vorgenommen und ergab eine überwältigende Mehrheit. Als man aber auch dem Philosophen Dank zollen wollte, war er verschwunden. So ging man sinnend auseinander, da ja das Schwerste, die wirkliche Ausführung der Entschlüsse und Vorsätze, noch bevorstand. XXVII Atemraubende Folgen von Ereignissen und Veränderungen ließen in den nächsten Tagen das Gemeinwesen der Krotoniaten nicht zur Ruhe gelangen. Und immer größer, immer führender, immer unbezwinglicher wuchs in der Einbildungskraft die hehre Gestalt des fremden Weisen empor, der gleichsam ein Gottgesandter zu sein schien. Die ihn zunächst umgaben, waren sich über das Rätsel seines Einflusses nicht viel klarer als die Menge des Volkes, die Märchen und Sagen spann; die uralte Prophezeiungen hervorholte, um die Erklärung dieser Persönlichkeit zu finden und sich damit tröstete, daß eben die Götter sein Auftreten gewollt hatten; denn vieles von dem, was er bisher schon vollbracht hatte, war nicht dazu angetan, die ungeteilte Begeisterung des Volkes zu erwecken. Wehklagende, haßerfüllte Buhlerinnen, vom Gipfel irdischen Wohlbehagens und bestimmender Bedeutung über Nacht herabgestürzt, schürten gegen den unterweltlichen Geist (wie sie ihn nannten) und versuchten, offene Empörung gegen den Beschluß des Rates zu entfachen. Ihre Aufwiegelung fand jedoch nicht großen Widerhall. Denn viele der Kebsweiber hatten denselben Weg durchmessen wie alle Emporgekommenen und hatten es, als sie einst das Ziel des Wunsches erreicht gehabt hatten, an Prunksucht und Hochmut gegen die eigenen Familien nicht fehlen lassen; so daß sie jetzt, als sie, aller äußeren Übermacht entblättert, wieder ins Elternhaus zurückkehrten, eher mißachtet als bemitleidet wurden. Verziehen war ihnen ihre Auflehnung gegen alle Sittsamkeit worden, solange sie dafür Glanz eintauschten; als aber nichts zurückblieb als der Verlust der Ehrbarkeit und Keuschheit, prallten sie gegen eine unerwartete Sittenstrenge der Angehörigen, die mit Mühe und Fleiß kaum den bescheidensten Lebensunterhalt errangen. Gewiß war viel Haß gegen die Vornehmen übrig. Aber als Anlaß zum Bürgerkriege, zur Meuterei und zum Umsturz reichte die Kränkung nicht aus. Wozu noch kam, daß gegen Pythagoras selbst kaum ein trotziger Gedanke sich aufbäumte. Nicht etwa, weil man sein Auftreten als solches würdigte. Nein! Dem großen Haufen des Demos war er nicht mehr als ein ungemein anregender Gesprächsstoff, ein Naturereignis von spannendster Abwechslungsfähigkeit und Neuheit. So entschlossen sich eines Tages eine große Zahl der verstoßenen Nebenfrauen, nach Sybaris auszuwandern, um dort vielleicht durch die Macht ihrer willigen und erfahrenen Schönheit Rächer ihres harten Schicksals zu gewinnen. Zufällig – und dieser Zufall wurde wieder als Vorzeichen gedeutet – entbrannte zur gleichen Zeit in Sybaris ein Aufstand der Aristokraten, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die Macht des pseudodemokratischen Tyrannen zu zerschmettern. Telys aber war stärker und behielt die Oberhand. Und verbannte fünfhundert der edelsten Sybariten, nachdem er ihr Vermögen eingezogen hatte. Diese Vertriebenen wandten sich nun in geschlossener Zahl nach Kroton, um hier die Wucht ihrer Verschwörung durch die Hilfe gleichgesinnter Bürger zu verstärken und um vielleicht mit krotonischer Hilfe wieder ihre Vaterstadt zu gewinnen. Damals, so wurde erzählt und geglaubt, habe Pythagoras es als Sinnbild hingestellt, daß Sybaris den Zuwachs schlechter krotoniatischer Weiber, Kroton dagegen die Einwanderung bester sybaritischer Männer erhalte. Und er habe hinzugefügt, daß sich eben jedes Gemeinwesen in seiner Art ergänze. Der Rat von Kroton aber bekümmerte sich vorläufig noch nicht um das gärende Geschehen, sondern wollte die große Neuordnung der sittlichen Harmonie sogleich weiter ausdehnen und beauftragte daher den Pythagoras, noch vor den unmündigen Kindern und vor den Frauen zu sprechen. Der Samier leistete der Bitte selbstverständlich keinen Widerstand und hielt eine herrliche Rede vor den Kindern im Heiligtume des Apollon, in der er vor allem den Mut der schüchternen Seelen dadurch stärkte, daß er ihnen erzählte, wie sehr die Götter eben den Kindern hold gesinnt seien. Ein Kind dürfe ungestraft zu jeder Zeit jeden Tempel betreten und würde auch stets vorangesandt, wenn es gelte, die Götter um Außergewöhnliches anzuflehen. Solcher Liebe aber müßten sie sich würdig zeigen. Und er unterließ es nicht, alle Tugenden, deren Kinder fähig sind, in leuchtender Größe vor ihren gläubigen Gemütern hervorzuheben und die kleinen Laster, die ihre unschuldige Seele schon versuchen konnten, in herber Ablehnung zu geißeln. Den Frauen aber, die der Rat im Heiligtume der Hera versammelt hatte, setzte er auseinander, was sie ihren Gatten an Dank für den großen und schmerzlichen Entschluß der Entsagung, den die Männer eben zur Tat hätten werden lassen, schuldig wären. Er begnügte sich jedoch nicht damit, die gewöhnlichen Tugenden und Laster der Frauen zu erörtern. Neue Ausblicke vielmehr entrollte er vor ihnen, die allgemeines Staunen erweckten. So beschwor er sie, nur Opferspenden darzubringen, die sie mit eigenen Händen für die Gottheit bereitet hätten, wie Kuchen, Backwerk und Räuchergewürz. Der blutigen Opfer aber sollten sie sich enthalten, denn es stehe einer Frau schlecht an, mit blutbefleckten Händen vor der Gottheit zu erscheinen. Eine höhere Erkenntnis des Göttlichen lasse den strengen Unterschied zwischen der Bedeutungslosigkeit eines Tierlebens und der hohen Würde des menschlichen Daseins nicht gelten; vielmehr sei vor dem Auge dieser höchsten Wesen Blut dem Blute gleich. Denn im Kreislaufe der Geburten durchwandere die nämliche Seele zur Sühnung die Leiber zahlloser Geschöpfe. Dann glitt seine Rede auf den Prunk bei der Darbringung der Opfer hinüber und er meinte lächelnd, er habe Frauen aus bloßem Hochmute schon so viel opfern gesehen, daß jeder fürchten mußte, sie würden überhaupt nicht mehr an den Altar treten, da sie sich das eine Mal schon vollständig ausgegeben hätten. Prunk und Schaustellung von Sachbesitz sei überhaupt verdammenswert. Denn wohin müsse es kommen, wenn stets eine Frau die andre übertreffen wolle? Wieviel edle Familien seien schon durch diesen falschen Ehrgeiz der Frauen zugrunde gegangen! Nachdem er dann noch manches besprach, empfahl er ihnen schließlich, sich im Widerstreite mit den Männern stets dann als Siegerinnen zu betrachten, wenn sie nachgäben. Die Reinheit der Frauen, eine Tugend, die sich sosehr von selbst verstehe, daß nur ihr Fehlen einer Erörterung bedürfe, sei nie durch Formen oder Sühnemittel zu ersetzen. Er wisse, daß es allgemeine Übung in Hellas sei, vor dem Eintritte in ein Gotteshaus oder vor dem Opfer die Befleckungen der Umarmung durch reinigende Gebete und Gebräuche zu bannen. Er wage es aber, hier die Richtigkeit dieser Ansicht zu bestreiten. Denn es gäbe in diesem Punkte nur eine Entscheidung, die dem wahren Wesen des Göttlichen entspreche: Aus den Armen des eigenen Mannes könne ein Weib stets ohne jede Sühnung vor die Altäre treten. Rein sei sie, denn sie habe ja nur Gottgewolltes getan. Aus den ehebrecherischen Armen eines fremden Mannes dagegen dürfe sie sich nie wieder vor das Göttliche wagen. Denn keinerlei Reinigung könne sie mehr vom Fluche der Untreue befreien! Daher sollten sie mit dem Ruhme des Odysseus wetteifern, der hier, in nächster Nähe Krotons, auf seinen Irrfahrten vorbeikam und der die eheliche Treue so hoch hielt, daß er um seiner Gattin Penelope willen die Unsterblichkeit aus der Hand der Nymphe Kalypso verschmähte. – Wie nach allem, was sich bisher zugetragen hatte, nicht anders zu erwarten war, nahmen die Frauen die Rede des Mannes, der sie von Kummer und Schmach befreit hatte, nicht bloß mit freudigster Bejahung auf, sondern versuchten, durch die Tat seinen Worten Gefolgschaft zu beweisen. Schon am nächsten Tage bewegte sich ein langer Zug von vornehmen Frauen zum Tempel der Hera und legte dort als Opferspende viele Tausende von Prunkkleidern nieder. Und munteres Räucherwerk und zarte, kunstvolle Honigkuchen knisterten auf den Altären und erfüllten Kroton mit süßem Dufte. Pythagoras aber ward von diesem Tage an »der Göttliche« genannt, obgleich er die Häupter der Stadt beschworen hatte, von einem solchen Beinamen abzusehen, da er geradezu das Urwesen des Göttlichen beleidige. Von anderen Städten kamen bereits Neugierige und Gottbegeisterte nach Kroton, ja der Zufall fügte es sogar, daß samische Kaufleute, die in Leontinoi weilten, ihren Heimweg über Kroton nahmen, um den berühmten Mitbürger zu bestaunen. Pythagoras empfing sie lächelnd. Als er ihnen jedoch in kurzen Worten erzählt hatte, welche Förderung ihm die Vaterstadt habe angedeihen lassen, gerieten sie in große Bestürzung und Beschämung und behaupteten, daß ihm solches nie mehr widerfahren würde, wenn er es noch einmal unter den jetzigen Umständen mit seinen Landsleuten versuchte. Pythagoras aber lachte gutmütig über ihre Reden und erwiderte, er wolle lieber dort geehrt sein, wo man seinen begeisterten Glauben von Anfang an mit gleicher Begeisterung erkannt und vergolten habe. Denn auch einem milesischen Tuchweber würde man nicht zumuten, wieder in Milet zu arbeiten, wenn man seine Ware in der Heimatstadt erst dann anerkennte, wenn sie von allen sybaritischen Schlemmern als vorzüglich befunden worden wäre. Da lachten auch die Kaufleute, stimmten dem Weisen zu, baten aber, sie selbst vom gerechten Tadel gegen Samos auszunehmen. Sie würden auch alles tun, um die Berühmtheit des hervorragenden Mitbürgers in der Heimatstadt entsprechend bekanntzumachen. Vielleicht würde darauf Samos eine Kolonie nach Kroton oder ins krotonische Gebiet entsenden, wenn es die Krotoniaten erlaubten. Um so wieder mit dem verkannten Weisen in einer Stadt leben zu dürfen, fügte der eine der Kaufleute artig scherzend hinzu. Pythagoras aber beschenkte die Kaufleute, die auch ihm seltene Kostbarkeiten aus Kyme gespendet hatten, und trug ihnen Grüße und Botschaften an seine Verwandten auf. Insbesondere bat er sie, am Grabe seines Vaters zu beten, der die Augen geschlossen hatte, bevor er selbst aus Samos fortgereist war. * Die krotoniatische Ärzteschule, der Demokedes vorstand, überragte selbst die altberühmten Schulen von Kos, Knidos und Kyrene bei weitem. So war es nicht verwunderlich, daß in den letzten Jahren aus allen Teilen des hellenischen Gebietes Männer ihr zugeströmt waren, die entweder die Heilkunst von den Anfangsgründen an erlernen oder das anderswo erworbene Wissen ergänzen und bereichern wollten. Demokedes selbst, in dessen Gemüt die magische Lehre Zoroasters einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen hatte, der zudem den Grundsockel seines geistigen Gebäudes auf dem Gegensatze der guten und bösen Kräfte in Natur und Menschenkörper errichtete, faßte den Beruf des Arztes, obwohl gerade er durch den bisherigen Gelderfolg seiner Kunst hätte geblendet sein können, von viel höherem Gesichtspunkte auf und sorgte dafür, daß sich die krotonischen Ärzte nicht bloß durch reiche Kenntnisse, sondern auch durch Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue hervortaten. So ließ er seine Schüler, wenn sie reif waren für die Erfüllung ihres Wirkungskreises, vor der ersten Ausübung der Tätigkeit den berühmten Eid schwören, worin der Schüler versprach, seinen Meister den Eltern gleich zu ehren, ihm in aller Not beizustehen und dessen Nachkommen unentgeltlichen Unterricht zu erteilen. Den Kranken, so schwor der Schüler weiter, werde er stets nach bestem Wissen und Vermögen helfen, jeder Übeln oder verbrecherischen Anwendung der Kunstmittel sich aber aufs strengste enthalten. Gift werde er auch denen nicht darreichen, die ihn darum bäten, desgleichen werde er das keimende Leben niemals zerstören und die Verschneidung selbst dort nicht vornehmen, wo Heilzwecke sie erforderten. Schließlich werde er sich jedes, zumal des aphrodisischen Mißbrauches seiner Stellung, Freien und Sklaven gegenüber, enthalten und über alle Heimlichkeiten, von denen er in der Ausübung seines Berufes oder außerhalb desselben Kunde erhalte, unverbrüchliches Stillschweigen bewahren: Im ganzen aber stets eingedenk des Wahlspruches der krotonischen Ärzte bleiben: »Wo es an Menschenliebe nicht fehlt, da wird auch kein Mangel an Berufsliebe sein!« Als nun Pythagoras auf Andringen des Rates und der höheren Bürgerschaft beschlossen hatte, nicht nur in gelegentlichen Reden, sondern in fortlaufender, zusammenhängender Weise sein Wissen den Krotoniaten zur Verfügung zu stellen, da war es sein erster großer Erfolg, daß die gesamte Ärzteschule ohne jeden Vorbehalt seinen Unterricht aufsuchte. Und es war nur selbstverständlich, daß diese weithinleuchtende Stellungnahme der berühmten Heilkundigen tiefen Eindruck auf ganz Groß-Hellas und noch weit darüber hinaus übte; so daß außer den krotonischen Bürgern, die in mächtiger Zahl erschienen, von allen Seiten Wißbegierige zuzuströmen begannen. Ja sogar drei Fürsten autochthoner italiotischer Völkerschaften, die Beherrscher der Lukaner, Peuketier und Messapier, nahmen für längere Zeit in Kroton Aufenthalt, um die Hauptlehren des Weisen sich anzueignen. Die Zahl dieser Akusmatiker, der Zuhörer bei den abendlichen Vorträgen, erreichte bald über sechshundert und machte besondere Vorkehrungen erforderlich, die der Rat der Stadt in großzügiger und freigebiger Weise unterstützte, indem er dem Philosophen gestattete, seine Lehrtätigkeit, die er im Hause Milons begonnen hatte, auf den Ratsplatz zu verlegen. Noch eine zweite wichtige Verfügung aber wurde getroffen. Man durchbrach die altüberkommene hellenische Sitte, daß Frauen und Jungfrauen an Männerversammlungen nicht teilnehmen durften, und gestattete ihnen den Zutritt. Eine Maßregel, die ein neues Band der Harmonie und Freundschaft in die Familien der Krotoniaten flocht. Der Weise aber blieb sich diesen Akusmatikern gegenüber wohl bewußt, daß er Hörer vor sich hatte, die nach angestrengter Tagesarbeit am Abende ihr Wissen in leichter und zugänglicher Form ergänzen wollten. Er beschränkte sich also darauf, ihnen die Ergebnisse mitzuteilen und verlegte überhaupt das Schwergewicht seiner Vorträge in das Gebiet des Glaubens und des sittlichen Handelns. Insbesondere die Lehre vom Kreislaufe der Wiedergeburten machte er zum Gegenstande eingehender Erörterungen. Wenn nun auch diese Tätigkeit seinen Ruhm ins Ungemessene vermehrte und ihm einen ungeheuren Einfluß auf die Gemüter sicherte, so gewährte sie ihm doch nicht vollste Befriedigung. Denn wer, so fragte er sich, würde nach seinem Tode die eigentlichen Quellen und Wurzeln seiner Erkenntnisse weiterbilden? Wer auch nur die Überlieferung dieser dunklen Gebiete der Größen- und der Zahlenlehre sichern und bewahren? Seinen Sorgen jedoch kam bald die Wißbegierde und die Begeisterung der Jünglinge auf halbem Wege entgegen. Man bat ihn, – und auch die Eltern schlossen sich der Bitte an – einen Kreis von engeren Schülern heranzuziehen, die das Wissen, das er besaß, in seiner Gesamtheit und Begründung überblicken und so den Krotoniaten auch auf geistigem Gebiete die führende Rolle in Hellas sichern könnten. Räumlichkeiten für die neue Schule wurden kostenlos zur Verfügung gestellt; so daß auch diese letzte Sehnsucht des Philosophen erfüllt schien. Pythagoras zögerte trotzdem noch einige Zeit. Denn er schwankte, ob er, gleichwie bei den Akusmatikern, die Mathesis, den höheren Unterricht, frei zugänglich machen solle. Oder ob es nicht der Sache dienlicher sei, in seinen Schülern, dem ägyptischen Vorbilde folgend, eine Art Priesterklasse heranzuziehen, die zu strenger Geheimhaltung des Erlernten verpflichtet werden müßte. Nach langer Überlegung siegte in ihm die Überzeugung, daß er den zweiten Pfad beschreiten solle, da höchstes Wissen nur mit höchster Tugend vereinbar, ja geradezu von ihr abhängig sei. * So war er eben damit beschäftigt, die Satzungen dieser Schule der Mathematiker, der seiner höheren Lehre Beflissenen, auszuarbeiten und an die Aufnahmen heranzutreten, als ein folgenschweres Ereignis die Künste des Friedens zu Kroton übertönte und über Nacht zu unheimlich drohender Größe heranwuchs. Der Rat von Kroton hatte nämlich auf Bitten der verbannten Sybariten beschlossen, eine Gesandtschaft von dreißig Bürgern nach Sybaris zu entsenden, die Telys bestimmen sollten, den Beschluß der Verbannung rückgängig zu machen und den Ausgestoßenen Heimkehr zu ermöglichen. Es waren einige Tage vergangen, an denen man mit Spannung den Erfolg des Schrittes erwartete. Plötzlich aber war bleich und verstört ein sybaritischer Aristokrat in Kroton erschienen und hatte dem sofort einberufenen Rate die furchtbare Kunde überbracht, daß die Volksmenge in Sybaris unter stillschweigender Duldung des Telys die Gesandten ermordet und ihre Leichname über die Stadtmauer den wilden Tieren zum Fraße vorgeworfen habe. Ein furchtbarer Schrei der Empörung über diese nie dagewesene Verhöhnung des Völkerrechtes gellte in Kroton zum Himmel. Trotzdem aber legte sich bleischwer die gräßliche Sorge auf die Gemüter, was zu tun sei. Denn mit Sybaris, der größten und mächtigsten Stadt von Hellas, den Kampf aufzunehmen, schien um so gewagter, als vor nicht allzu langer Zeit eben Kroton bei einem kriegerischen Zusammenstoße mit dem Nachbarn eine schwere Niederlage erlitten hatte. Damals auch hatten die Sybariten erklärt, sie sähen nur mit Rücksicht auf den Beginn der lakinischen Festspiele von einer Zerstörung Krotons ab, würden jedoch bei einem künftigen Kriege keinerlei Gnade mehr walten lassen und die Stelle, auf der Kroton stehe, in einen Weideplatz für Rinder und Esel verwandeln. Daß aber eine solche Drohung äußerst ernst zu nehmen war, darüber war sich niemand im geringsten unklar, am wenigsten Milon, der oberste Heerführer der krotoniatischen Streitkräfte. Man mußte also vorläufig die namenlose Schmach ungesühnt lassen und die Verhandlungen möglichst lange hinziehen, um in der Zwischenzeit vielleicht die Bundesgenossenschaft anderer hellenischer Städte zu gewinnen, die die Empörung über den gräßlichen Frevel teilten. Man hoffte, daß Sparta, das aristokratischeste Staatswesen der Hellenen, sich des gemeinsamen Gedankens der Regierungsform annehmen und ein Hilfsheer senden würde. Dann, so glaubte man, würden sich auch noch andere Bundesgenossen in solchen Gemeinwesen finden, die dem großen Beispiele Lakedaimons stets nacheiferten. Man schickte daher einen der reichsten Männer Krotons, den klugen und tapferen Alkaios, einen begeisterten Akusmatiker des Pythagoras, nach Sparta und gab ihm eine namhafte Anzahl von großen Schiffen mit, damit er ohne Verzögerung Hilfsmannschaften nach Kroton überführen könne. Pythagoras aber, der ja schon das grausige Ende der ägyptischen Herrschaft miterlebt hatte, wurde in diesen aufgeregten Tagen stets wieder von Erinnerungen an diese längst versunkene Zeit heimgesucht. Und tiefste Angst um seine neue Heimat durchbebte ihn. Doch ein helles, freudiges Gefühl, das stets wie ein Sonnenspeer durch die geballten Wolken der düsteren Sorge stieß, festigte ihn zum Schlusse in der Ahnung, daß sich alles zum Guten wenden würde. Und er deutete das Gefühl als Vorzeichen einer friedlichen Entwirrung der Feindschaften. XXVIII Wie an jedem Morgen schritt der Philosoph, umgeben von einer kleinen Schar engster Freunde und Akusmatiker, durch die Straßen der Stadt gegen den Meeresstrand hinab, um dort die heiligen Gebete und Waschungen zu verrichten. Ein außergewöhnlich schöner und erfrischender Tag schien bevorzustehen. Denn eine kühle Brise strich über Kroton und alle Umrisse leuchteten in zehnfacher Schärfe. Trotzdem sah er in den Straßen, durch die sie gingen, kein fröhliches Antlitz. Wie verwandelt war die selbstsichere Heiterkeit, die vor wenigen Wochen noch alle Bürger gekennzeichnet hatte. Und es war auch hinlänglicher Grund für diese gedrückte Stimmung: Seit vorgestern weilte die sybaritische Gesandtschaft im Weichbilde der Stadt! Telys nämlich, nicht damit zufrieden, den Mord an den Krotoniaten geduldet zu haben, hatte die Herausforderung noch ins Ungemessene gesteigert, so daß kaum einer mehr daran zweifelte, er wolle durch einen ruhmvollen Krieg, eine Vernichtung der verhaßten krotonischen Nebenbuhlerin, seine Stellung als Tyrann gegenüber den noch immer nicht vollends unterdrückten Aristokraten befestigen. Hatte er doch die unerhörte Kühnheit aufgebracht, zu Führern der Gesandtschaft Kleon und Archibulos zu bestellen, von denen der erste selbst einer der Gesandtenmörder war, während der andre einen der Mörder, den jüngst verstorbenen Timokles, zum Vater hatte. Aber nicht genug war das alles dem übermütigen Tyrannen. Er ließ dazu noch durch diese Gesandten den Krotoniaten die sofortige Auslieferung der fünfhundert Verbannten befehlen, widrigenfalls Kroton den Krieg als erklärt betrachten sollte. Seit der ersten Botschaft der Sybariten beriet der Rat der Tausend ohne Unterbrechung. Hin und wider wogten die Meinungen. Ja, es wurden sogar Stimmen laut, die es als einzige Lösung betrachteten, für den Augenblick den Schimpf auf sich zu nehmen und die Verbannten auszuliefern. Denn besser sei es noch stets, fünfhundert Fremdlinge als die ganze eigene Stadt dem Untergange preiszugeben. Pythagoras aber, der am gestrigen Abende um seine Ansicht gefragt worden war, hatte vor seinen Akusmatikern erklärt, es sei in dieser Angelegenheit nur eine Entscheidung möglich und er begreife nicht, wie man sich mit Menschen herumzanken könne, denen er nicht einmal gestatten würde, vor die Altäre zu treten; geschweige denn, Schutzflehende von diesen Altären fortzureißen. Außerdem wäre auch jedes Nachgeben nutzlos, denn Telys habe es darauf abgesehen, einen Krieg zu erzwingen und würde auch im Falle des augenblicklichen Zurückweichens neue unerfüllbare Forderungen stellen. Da die sybaritischen Gesandten im Vertrauen auf die Macht ihrer Heimatstadt und bauend auf die ihnen wohlbekannte Rechtlichkeit der Krotoniaten ihre Anmaßung in jeder Beziehung auf die Spitze trieben, war es nicht verwunderlich, daß einer von ihnen sich zum Vortrage des Philosophen begeben hatte und mit sattem Lächeln die für ihn höchst wunderliche Götterweisheit anhörte. Er verließ erst in auffälliger und störender Art die Zusammenkunft der Akusmatiker, als er vernahm, wie Pythagoras über Sybaris dachte. Selbstverständlich hatte er den Führern der Gesandtschaft sogleich vom Gehörten Mitteilung gemacht und hinzugefügt, daß ihre Sendung scheinbar auf dem besten Wege zum Erfolge sei; denn dem Ratschlage eines Pythagoras werde man in dem mit Dummheit geschlagenen Kroton sicherlich blindlings gehorchen. Dann aber stände ja dem erwünschten Kriege nichts mehr entgegen. – – Nach all diesen Geschehnissen war es begreiflich, daß der Philosoph nur gedrückte Mienen erblickte, als er die Straßen durchschritt. Er unterhielt sich, als sie eben auf die Agora heraustraten, in leisem Tone mit seinen Vertrauten und merkte gar nicht, daß zwei prunkvoll gekleidete Männer mitten im Wege standen und dem kleinen Zuge hämisch lächelnd entgegenblickten. Plötzlich, als sie schon ganz nahe herangekommen waren, ertönte die Stimme des einen: »Auf ein Wort, erhabener Pythagoras aus Samos! Nur auf ein kleines Wort! Wir haben mit dir als Gesandte der Sybariten zu sprechen!« Pythagoras blickte erstaunt auf, da er nicht gewohnt war, auf diesem heiligen Gange je eine Störung zu erleiden. Deshalb auch verstand er nicht gleich den vollen Sinn der Rede. »Nun, hörst du nicht?« fügte der zweite Sybarite bei. »Es sind Kleon und Archibulos, die uns da den Weg vertreten!« flüsterte einer der Akusmatiker dem Pythagoras zu, der stehengeblieben war und die beiden, die höhnisch grüßten, zürnend ansah. »Gewährst du uns die Unterredung, Erhabener?« fragte Kleon ungeduldig. »Mach schnell, wenn du etwas zu sagen hast!« erwiderte Pythagoras, der schon ahnte, daß das Gespräch nicht ohne Streit ablaufen würde. »Da du also so gnädig bist, uns Gehör zu schenken«, setzte Kleon fort, »so gestatte, daß wir dich zuerst auf die Ungehörigkeit deiner gestrigen Worte hinweisen. Du dürftest wissen, daß Gesandte stets unter besonderem Schutze stehen und nicht von jedem Beliebigen beleidigt werden dürfen. Und dann wage ich es noch, nachdem ich dir die Vorgeschichte erzählt haben werde, dich zu bitten, gleichsam als Schiedsrichter die Tötung der krotoniatischen Gesandten zu beurteilen. Willst du hören, warum unsrem langmütigen Volke endlich die Geduld riß, warum ...« »Fort, dir sprech' ich nicht Recht!« donnerte Pythagoras, der nur mühsam die letzten Sätze noch ertragen hatte. Kleon aber wurde fahl im Antlitze. Einen Augenblick schien es, als wolle er die Hand zum Schlage heben. Plötzlich hatte er sich jedoch wieder so weit in der Gewalt, daß ein fratzenhaftes, verzerrtes Grinsen auf seinem Antlitze spielte. Und er lachte heiser auf: »Also für Apollon hältst du dich? Oder gar für die Pythia?« Und er schüttelte sich in geheuchelter Lustigkeit. Archibulos aber, der bemerkte, daß die Schlagfertigkeit seines Freundes, in krampfhaft verhaltener Wut zu ersticken drohte, der weiters sah, daß sich von allen Seiten schon Neugierige herandrängten und zu einer drohenden Menge anwuchsen, wollte in sybaritischer Art den Auftritt mit einem frechen Scherzwort beendigen. Deshalb sagte er mit verstellter Treuherzigkeit: »Wenn dir schon Kleon zuwider ist, großer Weisheitserforscher, so könntest du gleichwohl vielleicht mir einen Gefallen erweisen?!« Und als ihn Pythagoras erstaunt anblickte, setzte er fort: »Man hat mir nämlich berichtet, deine Seele habe die Fähigkeit, zu wandern. Und da wollte ich dich bitten, wenn du wieder einmal in die Unterwelt hinabsteigst, einen Brief mitzunehmen, den ich an meinen eben verstorbenen Vater richten will. Vergiß aber nicht, auch die Antwort zurückzubringen!« Und er sah noch immer in der angenommenen Maske dem Weisen ins Antlitz. Dieser aber erhob sich plötzlich zu ganzer Größe, trat nahe an den Spottenden heran und lachte so wild auf, daß alles Volk erschrak. Dann sagte er mit lauter, harter Stimme: »Deine Bitte ist unerfüllbar, Sybarite! Denn ich beabsichtige nicht, in der Unterwelt den Ort der Verdammten aufzusuchen, wo Mörder bestraft werden. Verstehst du mich, frecher Spötter?« Während aber ein heller Ruf des Beifalls und lautes Hohngelächter von allen Seiten auf scholl und die Menge mit den Rufen: »Jetzt ist's genug!« »Werft sie ins Meer!« »Nieder mit den Frevlern!« die Gesandten von Pythagoras abzudrängen begann, schritt er ohne ein Zeichen von Bewegung weiter. Nur einmal wandte er sich noch um und rief befehlend: »Laßt sie laufen! Wehe dem, der Kroton schändet und das Recht der Gesandten in sybaritischer Art verletzt! Die Strafe werden die Götter über sie verhängen für den Übermut! Nicht wir!« Sofort zerstreuten sich die Angreifer und sahen nur lachend den beiden Sybariten nach, die sich, fast laufend, mit bleichen Antlitzen davonmachten, daß die Prunkgewänder im Staube nachschleiften. Pythagoras aber ward sodann von der ganzen Volksmenge in ehrfürchtigem Schweigen bis zum Strande des Meeres geleitet. Und alle beteten, als er sein Haupt vor den Göttern neigte. Denn sie wußten jetzt, daß der Krieg mit dem furchtbaren Sybaris fast unvermeidlich geworden war. – Sosehr waren alle in das Gebet und in die Gedanken vertieft, die als dumpfer Unterton gleichsam die Verehrung der Götter mitschwingend begleiteten, daß kaum einer wahrgenommen hatte, wie eine Reihe mächtiger Schiffe das nahe Vorgebirge umrauschte und in schneller Fahrt dem Hafen von Kroton zustrebte. Plötzlich ertönte ein Ruf aus der Menge. Denn die Morgensonne hatte die Borde der Fünfzigruderer gestreift und ein helles, glimmerndes Aufblitzen von Panzern und Helmen, Schwertern und Lanzenspitzen aus der rauchigen Unbestimmtheit des frühen Lichtes gerissen. »Sybaritische Schiffe! Wir sind verloren!« schrie ein Kleinmütiger. Pythagoras aber, der sich erhoben hatte und jetzt auch der Erscheinung entgegensah, erwiderte mit weithinschallender Stimme: »Seid ihr von Sinnen, ihr Krotoniaten? Erkennt ihr die eigenen Schiffe nicht? Kommt zu den Molen! Wir werden Alkaios empfangen, der hier mit Bundesgenossen naht!« Und Pythagoras hatte sich nicht getäuscht. Als er mit der stets noch anschwellenden Schar seiner Begleiter zu den Landungsplätzen kam, warf eben das erste Schiff die Taue gegen das Ufer. Und Kopf an Kopf standen auf seinem Verdecke mächtige Hopliten, die das Volk Krotons mit wildem spartanischen Schlachtgesang begrüßten. Alkaios aber schritt an der Seite des Feldherrn, des riesigen Dorieus, über die schwingende Brücke des ausgelegten Steges. Pythagoras schloß seinen vertrauten Akusmatiker in die Arme. Dann fragte er: »Wie gelang es dir so schnell, die Bundesgenossenschaft dieser herrlichen Streiter zu gewinnen?« Alkaios aber erwiderte lächelnd: »Nur die ersten zweitausend begleiten mich. Sechstausend werden ihnen folgen. Spartanische Kolonisten sind es, die eben im Begriffe waren, sich in Sikelien niederzulassen. Jetzt aber wollen sie noch vor ihrer Ansiedlung den Bewohnern von Groß-Hellas zeigen, wie Lakedaimonier die Waffen zu führen gewohnt sind.« »Das wollen wir!« fiel Dorieus ein. »Hoffen wir doch, daß wir dann in Ruhe unsre neue Stadt werden erbauen können. Groß-Hellas soll Spartaner fechten sehen!« Überwältigend war der Eindruck, unglaublich der Stimmungsumschwung, als die klirrenden Hopliten unter dem Schmettern eherner Salpingen durch die Straßen zur Agora dröhnten und dort Aufstellung nahmen. Von allen Seiten strömte in hellen Scharen das Volk heran, und nicht lange währte es, bis in feierlichem Aufzuge der Rat der Tausend angeschritten kam und die Bundesgenossen gebührend begrüßte. Herolde liefen nach allen Richtungen, da sogleich beschlossen worden war, eine entscheidende Volksversammlung über die Antwort an die sybaritischen Gesandten abstimmen zu lassen; eine Maßregel, die zwar mit der aristokratischen Staatsform nicht im Einklange stand, dennoch aber in diesem Augenblicke, der über das Geschick aller Bürger die Lose warf, ergriffen wurde, da man auch die Ballung aller Kräfte der Stadt dem Feinde entgegenstemmen wollte. So drängten sich in kurzer Zeit ungeheure Massen auf der weiten Agora und harrten schweigend der Anträge, die von den Rednern gestellt werden würden. Dorieus stand auf der erhöhten Rednerbühne und Milon und Demokedes und noch manche andre, die höchstes Ansehen genossen. Zuerst wurde dem Volke verkündet, was an Hilfe von den Dorern zu erwarten sei, und Dorieus ließ es sich nicht nehmen, mitzuteilen, daß er voll und ganz sich der Führung des großen Milon unterordnen würde, was ungeheuren Stolz und Beifall bei den Krotoniaten hervorrief. Dann aber trat noch ein Ereignis ein, das die neugewonnene Zuversicht der Bürger vervielfachte. In prunkvollen Sänften bahnten sich nämlich plötzlich die Fürsten der Messapier, Lukaner und Peuketier, umgeben von ihrem Gefolge, einen Weg durch das Gedränge und betraten die Rednerbühne. Und der Lukanerfürst sprach im Namen aller die inhaltschweren Worte: »Bürger von Kroton! Wir sind vor euch erschienen, da wir vernahmen, daß sybaritische Mörder es gewagt haben, den erhabenen Weisen öffentlich zu verhöhnen. Diese eine Tat ist für uns Grund genug, euch im bevorstehenden Kampfe gegen diese Elenden mit dreißigtausend Leichtbewaffneten, mit Bogenschützen, Reitern und Schleuderern, zu unterstützen. Denn dieses Volk der Sybariten soll nicht weiter mit seinem Übermute italiotischen Boden schänden und beflecken! Seid guten Mutes, Krotoniaten! An Zahl und Waffen werden sie uns stets überlegen sein, unser Zorn aber wird ihre verweichlichten Scharen zerschmettern!« Der Jubel des Volkes kannte keine Grenzen. »Fast vierzigtausend Streiter Zuwachs!« »Die besten Hopliten der Hellenen, die tapfersten italischen Leichtgewaffneten als Bundesgenossen!« »Wehe den Sybariten!« »Und Milon als Feldherr!« »Nieder mit Sybaris!« »Nieder mit den Feiglingen und Mördern!« »Sie haben Pythagoras verhöhnt!« »Wehe ihnen!« So schwirrte es wild durcheinander. Plötzlich aber stand Milon selbst am Rande des Sockels und hob den Arm. Und alle schwiegen. Denn er würde jetzt sprechen, er, von dem die Heersäulen dem Feinde entgegengeführt werden sollten. Denn keiner zweifelte mehr daran, daß man den Kampf aufnehmen müsse. Milon aber dröhnte mit seiner furchtbaren Stimme, die so mächtig war wie seine muskelstarrende Brust: »Noch ist die Antwort nicht beschlossen, die wir den Mördern geben wollen. Zwei Wege stehen noch offen. Vielleicht wird Friede sein, wenn wir die fünfhundert Sybariten, die als Schutzflehende zu uns geflohen sind, ausliefern. Bedenkt das wohl, ihr Männer!« Doch selbst die Löwenstimme ging unter im tosenden Brüllen, das sich erhob. »Krieg!« brüllte es und »Krieg!« und noch einmal »Krieg!« Und dann drang ein einzelner heiserer Ruf durch den gräßlichen Lärm: »Herbei mit den Gesandten! Sie sollen von uns selbst die Antwort haben! Und sollen Pythagoras noch um Verzeihung flehen!« »Er hat recht!« »Euoi Pythagoras!« »Heil dem Weisen!« »Her mit den Gesandtenmördern!« tönte es sofort zurück. Als sich aber das Branden endlich geglättet hatte, sprach Milon weiter: »Sie werden geholt werden, die Gesandten! Aber umgeben von den Hopliten, ihr Bürger! Denn eure Wut kennt keine Überlegung, was ja begreiflich ist. Niemand jedoch soll einst sagen können, daß auch Krotoniaten sich mit dem Blute von Gesandten befleckten!« Und er flüsterte dem Dorieus einige Worte zu. Dieser stieg von der Rednerbühne herunter und rückte mit etwa hundert Schwergewaffneten ab, während das Volk in summender Erregung harrte. Als aber nach kurzer Zeit die Sybariten, umgeben von den Streitern, ankamen, da tönte ihnen ein derart schrilles Sausen des Hasses entgegen, daß ihre Antlitze sich zu fahlem Grau verfärbten und sich in namenlosem Entsetzen verzerrten. Doch nur für einige Herzschläge. Denn als sie merkten, daß der gepanzerte Ring um sie stets dichter und undurchdringlicher ward, während sich der Raum, in dem sie standen, zusehends lichtete, um ihnen Bewegungsfreiheit zu lassen, gewannen sie sogleich wieder ihre herausfordernde Haltung zurück und trugen ein aufreizendes Lächeln zur Schau. Milon aber setzte seine Rede fort: »Auf dem heiligen Boden von Elis«, rief er, »geschmückt mit dem sechsten Siegeskranze, habe ich dem Pythagoras zugeschworen, daß ihm Kroton eine endgültige Heimat sein werde. Und habe ihm versprochen, daß jeder der Krotoniaten einen Schimpf rächen würde, den ihm einer zufügte. Heute ist nun der Tag gekommen, der mich zum Einlösen meines Versprechens zwingt. Haben nicht die Gesandten einen Mann verspottet, gegen den – wenn wieder, wie nach der Überlieferung der uralten Sagen, die übrigen Wesen zu den Menschen sprechen könnten, – gegen den, sage ich, nicht einmal eines der reißenden Tiere eine Schmähung wagen würde?! Ihr habt verlangt, ihr Bürger, daß sich die Gesandten an den Weisen wenden und ihn um Verzeihung anflehen. Was sagt ihr dazu, ihr Sybariten?« Da gellte fast im gleichen Augenblicke statt einer Antwort ein hämisches, übermütiges Gelächter durch die Luft. Und es bedurfte aller Kraft der Hopliten, den Einbruch der durch dieses Lachen zur Raserei gereizten Menge abzuwehren. Die Sybariten aber konnten sich nicht fassen und lachten weiter, daß es mißtönend über die Agora schrillte. Endlich hatte sich Archibulos soweit gefaßt, daß er, noch immer von Lachen unterbrochen, zurückrief: »Ihr seid wahnsinnig, ihr Krotoniaten! Denkt ihr wirklich, daß ihr, trotz dieser äußerst ansehnlichen Spartaner, die ihr hinterlistig in eure frevelhaften Händel hineingelockt habt, gegen unsre dreißig Myriaden Streiter etwas ausrichten werdet? Laßt euch durch eure herrschsüchtigen Aristokraten nicht zu Abenteuern verführen, verblendeter Demos! Was geht euch Krotoniaten der Samier an? Was die sybaritischen Aufwiegler, die ja auch wieder nichts sind als hochmütige Aristokraten? Tut, was ihr wollt! Aber ich würde euch raten, eher alle Aristokraten zum Hades zu jagen, als eure Felder verwüsten und eure Häuser verbrennen zu lassen. Das aber werden wir vollbringen, bei Zeus und Hera!« Unschlüssiges Schweigen senkte sich auf das Volk, als ihm durch diese Sätze so recht wieder die Größe der Gefahr und die Schwere des bevorstehenden Kampfes vor das innere Auge trat. Da aber ergriff Demokedes das Wort und rief im Tone männlichster Überzeugung: »Dreißig Myriaden sagst du? Das soll uns erschrecken? Weißt du, Sybarite, wieviel Männer Milon allein zu Olympia in den Sand warf? Ich denke, dreihundert werden es gewesen sein oder vierhundert! Jeder Krotoniate aber ist doch sicher nicht um so viel schwächer als der Feldherr, daß es ihm nicht gelingen sollte, drei oder vier von euch zu bewältigen. Und wähnt ihr, daß Spartaner schwächer und feiger seien als Sybariten? Nein, Archibulos! Damit schüchterst du Krotoniaten nicht ein! Denn selbst wenn wir nur die Hälfte an Kriegern aufbrächten als ihr, wäre unser Sieg gewiß. Ganz abgesehen davon, daß die hehre Pythia nicht von der Zerstörung krotoniatischer, sondern vom Zusammensturze sybaritischer Häuser gesprochen hat. Und was für Strafe eurer noch außerdem wegen des scheußlichen Gesandtenmordes harrt, darum habt ihr noch nicht beim pythischen Gotte gefragt. Wir lassen euch ziehen, ihr Mörder! Obwohl wir Kleon auch nach menschlichem Rechte in der Stadt behalten und hinrichten könnten. Sagt das dem Telys! Jetzt aber, Volk von Kroton, Volk der Olympioniken und Weisheitsliebenden, Volk der Gerechtigkeit und Wahrheit, der Tapferkeit und Gottesfurcht, entscheide dich! Mitbürger, gebt den Gesandten eure Antwort, denn ihr habt die Sybariten hiehergerufen!« Schon nach den ersten Worten des Demokedes hatte die Stimmung wieder umgeschlagen. Jetzt aber, als es galt, entscheidende Worte zu sprechen, war vollends jeder im klaren, daß es nur mehr eine Antwort gab. Und sie erscholl aus all den Tausenden von Kehlen in hohem schneidenden Tone, in hassender, todesverachtender Schärfe: »Krieg!« heulte es auf. »Wir wollen den Krieg!« Und: »Krieg! Krieg!« gellte das Echo der wenigen Unentschlossenen nach, die vom allgemeinen Sturme mitgerissen worden waren. Als sich aber endlich nach langer Zeit das Schrillen gelegt hatte, sagte Demokedes kalt und ruhig: »Ihr habt es selbst gehört, ihr Sybariten! Die Hopliten werden euch an die Grenze bringen. Erwartet jedoch keine Schonung für die Mörder, wenn sie später in unsre Hände fallen sollten. Lebt wohl und bedenkt, daß auch der Übermut ein Ziel haben muß!« Die Sybariten aber grüßten spöttisch nach allen Seiten, da sie nichts mehr für ihre Person befürchteten, vom gewollten Kriege jedoch alles erhofften; am meisten aber auf den Keil der Zwietracht bauten, den ihrer Ansicht nach Archibulos in die Gemüter der Bürgerschaft getrieben hatte. – So wurde auf beiden Seiten fast siebzig Tage gerüstet und beide Städte konnten die Menge der Krieger kaum fassen, die von allen Seiten aus dem beherrschten Lande zuströmten. Kroton aber war es durch nie dagewesenen Opfermut gelungen, über zehn Myriaden Streiter auszurüsten und zu bewaffnen. Eine Zahl, über die die Spartaner außer sich vor Erstaunen gerieten, da ja Sparta selbst kaum ein Viertel dieser Macht ins Feld zu stellen gewohnt war. – – – * Das erste fahle Dämmern des werdenden Tages ragte in seiner Kälte und Tonlosigkeit durch die weit zurückgeschlagenen Vorhänge ins Feldherrnzelt hinein, als ein auffallendes Klirren von Waffen und das erregte Summen zahlreicher Stimmen Milon veranlaßte, sich von der Ruhestatt zu erheben und in all seiner Riesenhaftigkeit in den Rahmen des Einganges zu treten. »Was geht vor?« fragte er scharf und blickte auf einen kleinen Trupp von Leichtgewaffneten, die einen hohen, ehrwürdigen Mann unter allerlei Drohungen heranschleppten. »Wir fingen ihn vor den sybaritischen Heerhaufen!« meldete der Führer des Trupps. »Er scheint ein Späher zu sein!« setzte ein andrer Krieger fort. »Laßt ihn los! Was soll uns der Greis anhaben?« entschied Milon. Und als der Befehl befolgt war, wandte er sich an den Gefangenen: »Bist du ein Sybarite? Oder wußtest du nicht, daß hier zwei Heere einander gegenüberstehen?« Da warf sich der alte Mann, dessen blutbefleckte Arme erst jetzt sichtbar wurden, verzweifelt auf die Kniee. »Ich bin Kallias, der elische Seher, o Herr!« rief er wehklagend. »Vor einer Stunde erst versuchte ich zum letzten Male die Vorzeichen. Telys und seine Feldherren saßen die Nacht über beim Zechgelage und riefen mich, als es Morgen zu werden anhub.« Der Seher stockte erschöpft und sank vornüber. »Reibt ihm die Schläfen mit dunklem Weine!« rief Milon einigen Leuten seines Gefolges zu, die sich um ihn versammelt hatten. Nach einigen Herzschlägen öffnete der Greis die Augen und blickte entsetzt um sich. »Wo bin ich?« murmelte er. »Tragt ihn ins Zelt!« sagte Milon und ging voran. Dann setzte er fort: »Hebt ihn dort auf mein Lager!« Und zu Kallias gewandt, der langsam die Kraft seines Geistes zurückerhielt, sprach er in mildem Tone: »Verzeih, Vater, wenn ich dich quäle! Aber die Zeit drängt. Du erzähltest von den Vorzeichen!« Da richtete sich der Seher mühsam auf und murmelte: »Sie riefen mich, halb trunken, wie sie waren. Und befahlen mir, sogleich die Vorzeichen für den kommenden Kampf zu deuten. Du weißt nicht, Herr, daß schon seit Tagen furchtbare Dinge zu Sybaris sich ereigneten. Dinge, derentwegen mich ein Schnellruderer aus Elis holte, da sie wähnten, die eigenen Priester verständen sich nicht auf Opferschau und Traumdeutung.« Er stockte. Dann aber ging es wie ein Zucken durch seinen Körper und er gewann volle Gewalt über Stimme und Geste. Und sprach weiter: »Du weißt, daß nicht eben die Gottesfurcht der hervorstechendste Zug sybaritischer Gemütsart ist. Die Größe des Krieges scheint aber doch im Demos einiges Bangen und damit eine gewisse Frömmigkeit erzeugt zu haben. Darum achteten sie strenge auf alles, was sich begab. Und sie erzählten mir unter anderen schreckhaften Erscheinungen, daß eines Tages das Hera-Bild während des Opfers, allen sichtbar, plötzlich die Augen verdreht und sich verächtlich von der betenden Menge abgewandt habe. Ja, am nächsten Morgen sei gar eine Blutquelle im Hera-Tempel zur Höhe gegurgelt. Und einer der Heerführer habe in derselben Nacht geträumt, die Göttin habe über die Stadt – in riesenhafter, furchtbarer Gestalt sich reckend – grüne Galle gebrochen. Da holten sie mich, wie ich schon sagte. Aber ich konnte sie nicht trösten, da ich der Ansicht war, das entscheidende Opfer dürfe erst kurz vor dem Kampfe gedeutet werden. Und ich versuchte es jetzt vor einer Stunde. Fünfmal wiederholte ich es, fünfmal wies es den Sieg Krotons!« Milon horchte auf. Dann erwiderte er freudig: »Deine Vorzeichen sprachen die Wahrheit, Eleier! Wir werden siegen!« »Höre weiter!« unterbrach ihn der Seher. »Ich sprach auch schon davon, daß sie halb trunken waren. Und da wollten sie mich töten. Ich aber gab vor, die Opfer bedeuteten nichts, ich müsse gewisse Kräuter für das entscheidende Orakel sammeln. Und ich entfloh. Sie sandten mir Pfeile nach, die meinen Arm zerfleischten. Bis ich endlich deinen Kriegern in die Hände fiel.« Und er hob den Arm, von dem das Blut in dickem Rinnsal herabquoll. »Sei getrost!« sagte Milon ermunternd. »Du bist bei Krotoniaten! Unsere Ärzte werden dich schnell heilen. Jetzt aber pflege der Ruhe. Es wird dir keiner etwas zuleide tun. Hast du uns doch glückliche Vorzeichen gebracht!« Und er wandte sich an einige Unterführer: »Laßt durch Herolde all das, was ihr von Kallias erfuhrt, den Kriegern verkünden. Es wird ihre Zuversicht und Kampfeslust in eben dem Maße steigern, wie der Mut der Feinde durch die Vorzeichen sank. Doch, was bringt ihr?« Die letzte Frage hatte er an zwei bestaubte Kundschafter gerichtet, die mit allen Zeichen höchster Aufregung ins Zelt getreten waren. »Die Sybariten beginnen den Traeis-Fluß zu überschreiten!« erwiderte der eine. »Kaum ein Stadion entfernt von ihren Spitzentruppen lag ich im Gebüsche. Jetzt dürften schon Myriaden auf unserem Ufer stehen.« Milon richtete sich zu ganzer Größe empor. »Es ist gut so!« sagte er dröhnend. »Sie sollen nur mit dem Flusse im Rücken fechten, wenn es ihr Übermut will. Ruft Dorieus und die anderen Feldherren. Mir aber reicht die Beinschienen!« Die Befehle wurden sogleich durchgeführt. Und noch mühten sich die Waffenträger des Feldherrn, die ehernen Beinschienen anzuschnallen, als schon der Spartaner und die krotoniatischen Führer im Zelte erschienen. Milon aber sagte zu ihnen: »Was sich für Vorzeichen zutrugen, habt ihr gehört, ihr Freunde. Wir wollen uns jedoch mehr noch auf unsere Kraft und Tapferkeit verlassen als auf die Vorzeichen! Mein Plan heischt schier Übermenschliches von euch. Denn ruhig und ohne Gegenwehr müssen alle unsre Krieger auf der Hügelwelle stehen bleiben und müssen harren, bis der Gegner ganz nahe herankommt. Dann erst dürfen Bogenschützen, Schleuderer und nicht zuletzt die unausdenkbaren Wurfwerkzeuge, die der göttliche Pythagoras schuf, die erste Verwirrung in die feindlichen Reihen schmettern. Und wir werden sie zum Nahkampfe zwingen. Im anderen Falle würden sie uns durch die fast dreifache Überzahl umzingeln, langsam aufreiben und in kleine Heerhaufen zersplittern. Ihr kennt das Zeichen, das ich geben werde. Und noch einmal: Kein Mann darf sich erheben, bevor er mich an der Spitze der krotonischen Athleten im Angriffe sieht. Jetzt aber wollen wir noch beten. Kallias, sprich uns die feierlichen siegheischenden Formeln vor!« Und die Männer verrichteten ihre Gebete, während der elische Seher sich vom Ruhelager erhoben hatte und mit reiner Stimme die heiligen Siegesbitten sagte. Dann gab Milon noch die Weisung, den Greis, der jetzt im Besitze vieler Geheimnisse Krotons war, ehrenvoll zu behandeln, jedoch bis zum Ende der Schlacht strenge zu überwachen. * Als der Feldherr sich dem Rande der langgestreckten Hügelwelle näherte, auf der die dichten Scharen der krotoniatischen und spartanischen Hopliten in ihren schweren Rüstungen hockten und lagen, bot sich ihm ein grausig-schöner Anblick dar: Unübersehbar schwoll die furchtbare Masse des sybaritischen Heeres, funkelnd und gleißend in den ersten Sonnenstrahlen, durch die Ebene heran. Der größte Teil ihrer Truppen hatte schon den Traeis-Fluß übersetzt und man sah nur, fern über den Fluß hinweg, im unbestimmten Morgenrauche die riesigen Zeltlager und das bunte Gewimmel des Trosses. Milon aber blickte scharf nach allen Seiten. Und sein Herz pochte für einen Augenblick auf. Denn jetzt mußte es sich entscheiden, ob die eigene Aufstellung des Heeres Aussicht auf Erfolg hatte. War sie doch nicht mehr rückgängig zu machen. Und er sah zuerst das Selbstverständliche; das, was er für sein Heer abgeändert hatte, um die Sybariten durch die Neuheit des Planes allein schon zu erschüttern. Und er lächelte befriedigt. Denn die Masse der feindlichen Schwergewaffneten rückte, streng nach alten Regeln die Mitte der Streitkräfte bildend, heran. Der erste Teil seiner Absicht war also gelungen. Denn nur die krotoniatischen Hopliten lagerten im Mittelfelde der Schlachtordnung. Die spartanischen, die an Stoßkraft gewiß nicht ihren Bundesgenossen nachstehen würden, hatte er dagegen so weit nach rechts verschoben, daß sich nur mehr eine verhältnismäßig schmale Zone von Reiterei, den rechten Flügel zur Vollständigkeit ergänzend, anschloß. Und wieder durchzuckte ihn helle Freude, als er zum linken Flügel der Sybariten, der der spartanischen Hauptmacht gegenüberstehen würde, hinüberspähte: Dort drängten sich in übermäßig tiefen Rudeln die Hilfsvölker und Leichtbewaffneten heran, da für ihre Entwicklung bis zur nahen Meeresküste nicht viel Raum mehr übrigblieb. Also–das schloß er, bevor er hinüberblickte – mußte die sybaritische Reiterei, die furchtbarste und überwältigendste Macht des Gegners, seinem linken Flügel das Gleichgewicht halten, wahrscheinlich noch weit über ihn herausragen. Auch das hatte er erwartet, da in dieser Gegend der Boden eine Art von ebener, weitgestreckter Halde bildete, auf der die Reiter bequem nach allen Seiten ausschwärmen konnten. Und er wollte sich durch Augenschein von der Richtigkeit der Vermutung und des Schlusses überzeugen: Nichts aber zeigte sich dort! Wie abgebrochen hing die rechte Flanke der sybaritischen Hopliten in der Luft. Hier drohte also äußerste Gefahr. Denn es war unzweifelhaft, daß die Sybariten mit ihrer Hauptwaffe – die Späher und Kundschafter hatten von fünf Myriaden Reitern berichtet – plötzlich und überraschend hervorstoßen würden, um die zu dieser Zeit vielleicht schon schwankende krotonische Schlachtreihe vollends zu zerspellen und die geschlagenen Reste zu verfolgen und niederzumachen. Für einen Herzschlag stieg die gräßliche Furcht in Milon empor, die Reiter könnten sich abgetrennt haben und könnten auf Umwegen gegen das krotonische Gebiet oder in den Rücken seines Heeres geritten sein. Schnell jagte er einen Läufer zu Kallias, der nach ganz kurzer Zeit wieder beim Feldherrn eintraf und meldete, Kallias habe noch während seiner Flucht das sybaritische Reiterheer gesehen. Es halte sich, nahe dem Flusse, hinter Wänden von Zweigen und künstlichen Gebüschen verborgen. Im gleichen Augenblicke aber sah Milon schon die ununterbrochene grüne Wand, die sich jenseits des Traeis dahinzog und genau an der Stelle endete, an der der Hoplitenflügel begann. Ein neues Ereignis aber trat ein, das den ursprünglichen Plan Milons stark beeinträchtigte: Die sybaritischen Heerhaufen stockten plötzlich und stellten sich in tiefer Ordnung unverrückbar auf. Sie wollten anscheinend den krotoniatischen Vorstoß erwarten. Da erkannte Milon den Plan des Telys mit mystischer Deutlichkeit und Leuchtkraft in seiner ganzen Größe und furchtbaren Gefährlichkeit. Und der Krotoniate wußte jetzt auch, daß die Sybariten nicht weiter vorrücken würden. Denn man wollte nur die krotonischen Hopliten vorprellen lassen, um dann aus irgendeiner, wegen der Baumdeckung unvorhersehbaren Richtung die Reiterei den Schwergewaffneten in die Flanken zu werfen, die dann die Hopliten an der Phalanx entlangtreiben und schließlich in den Stein- und Pfeilregen des linken sybaritischen Flügels hineindrücken würde. Noch einmal schweiften die Augen des herakleischen Feldherrn über das künftige Schlachtfeld. Und für kurze Augenblicke sah er die Landschaft und vergaß der Menschen, die einander Tod geschworen hatten. Und er sah das Meer im Morgenglaste, sah die grünenden Fluren, die Felder, die Ölbäume und den glitzernden Fluß. Und sah zur Linken die Kette des waldreichen italiotischen Gebirgszuges. Bald aber riß er sich aus dieser Betrachtung los. Denn noch zwei Schlüsselpunkte seiner Schlachtordnung mußte er prüfend und weisend besichtigen. So eilte er, um keine Zeit zu verlieren, gegen den linken Flügel, wo die Hilfsvölker der Peuketier, Messapier und Lukaner mit Leinenpanzern und runden Lederschilden standen; und mit den Fingern noch einmal an den straffen Bogensaiten klimperten oder die Riemenschlinge der Schleuder ungeduldig im Kreise wirbelten. Und er stieg zur Spitze eines einsamen Hügels hinan, auf dem niedere, kahle Felsblöcke umherlagen. Hinter der Wand des größten Blockes aber saßen, wie teilnahmslos, etwa hundert Bläser, die lässig die mächtigen Salpingen und Hörner in der Hand hielten und mit der Zunge ab und zu die trockenen Lippen anfeuchteten. Als sie des Feldherrn ansichtig wurden, erhoben sie sich grüßend. Der aber winkte mit der Hand und sagte halblaut: »Stellt einen Späher hinauf! Das Zeichen kennt ihr! Ich erwarte von euch, daß auch ihr mit euren unblutigen Waffen eure Pflicht erfüllt! Bedenkt, daß ganz Kroton euch vertraut. Lebt wohl!« Und er wandte sich rasch ab und erklomm den höchsten Felsen. Da nahm er auch das Letzte wahr, das er noch sehen wollte: Unter ihm, am Abhange der Hügel, in tiefe, weite Gruben hinter mächtigen Dämmen versteckt, standen die riesigen Schleuderwerkzeuge und Wurfmaschinen, deren helles Sparrenwerk in der Sonne leuchtete. Und er erblickte die furchtbaren Steinquadern, die schon in den Schlingen wuchteten, und er erspähte die langen Holzbalken mit den Eisenspitzen und die anderen Balken, an deren Ende dicke, pechgetränkte Büschel aus Wolle und zerfasertem Tauwerk sich entflammungsbereit rundeten. Und er gedachte mit innigem Danke und heißer Verehrung des samischen Weisen, dessen Geist auf diesem Schlachtflügel, Werkzeug geworden, die Freunde mit gräßlicher Wucht unterstützte. Noch einmal warf er sich auf die Kniee, um zu beten. Dann sagte ihm die unentrinnbare Stimme des Innern, daß jeder weitere Aufschub Verlust wäre, sosehr das lebendige Herz des Helden noch kurze Rast wünschte. Nicht für sich! Nein, für die Streiter der heiligen Heimat, deren Geschick in seiner Hand lag. – – – * Plötzlich, wie aus dem Nichts emporgeschossen, stand Herakles selbst vor dem Kern der krotonischen Hopliten: das Löwenfell um die Schultern, nackt, daß furchtbares Muskelspiel den überirdischen Leib umzuckte, in der Rechten die dunkle, knorrige, mannslange Keule, deren erzbeschlagenes Ende breiter war als die Brust eines Epheben. So stand Milon vor der Mitte der Hopliten, jener Schar, die aus den olympischen Athleten sich zusammensetzte. Und alle durchflammte im gleichen Augenblicke der Gedanke, daß der Feldherr die irdische Wiedergeburt des Herakles sei, die Verkörperung, von der der göttliche Pythagoras ihnen so oft schon gesprochen hatte. Doch konnten sie den Gedanken nicht zu Ende denken. Denn ein furchtbarer Schlachtruf, der wilde Schrei Milons, riß sie vorwärts, und die ganze breite Front der Hopliten brauste klirrend mit vorgelegten Lanzen den Abhang hinab, daß die Erde erzitterte und die hohen bunten Büsche der breiten Helme flatterten. Starr, wie eine eherne Wand, blickte ihnen die Schlachtordnung der Sybariten entgegen und wuchs, je näher sie heransausten, zu desto überwältigenderen Massen an. Aber noch ein Schrecknis kam aus dem Unbestimmten: Zu ihrer Linken gellte plötzlich ein langgezogener Hornstoß, und eine tosende, safrangelbe Sturmflut, ratternd und stampfend, johlend und wiehernd, wälzte sich in unabsehbarer Dichte gegen ihre linke Flanke und schien in wenigen Herzschlägen über sie hinwegzubrausen. Da stockte Milon einen kurzen Augenblick im Vorwärtsrasen. Und sich zu voller Höhe emporreißend, wirbelte er die ungeheure Keule wie einen Hirtenstab über dem Haupte. Und nun geschah etwas, das seinesgleichen nicht hatte im Ablaufe aller Äonen: Mitten durch all den Lärm der Hufschläge der furchtbaren sybaritischen Reiterei; mitten durch das Geschrei der Athleten drang in übermächtiger Klarheit der schmetternde Schall von hundert Hörnern und Salpingen, der in schwebenden, jubelnden Rhythmen von Tanzweisen dahinflutete und kein Ende nahm. Den Sybariten aber stockte das Blut. Denn es waren ihre Lieder, ihre Rhythmen. Und sie wußten das Ende, bevor es hereinbrach. Nur wie durch Nebel sahen die krotonischen Hopliten das unerhörte Bild. Um so deutlicher aber erblickten es die Feinde: Alle die Massen der Rosse, auf denen die safrangelben Reiter mit den blanken Schwertern und Lanzen saßen, alle die herrlichen Renner, die den Stolz und die Macht von Sybaris bildeten, stutzten, wie wenn ein Blitzstrahl vor ihnen niedergekracht wäre. Doch nur für wenige Herzschläge. Dann aber gewann die Weise, die furchtbare Tanzmelodie, die nicht enden wollte, die sich vielmehr noch stets verstärkte, stets rasender vom Hügel herabscholl, Macht über die schlichten Seelen der wohlabgerichteten Rosse. Und sie bäumten sich empor und schritten auf den Hinterbeinen, sprangen und schlugen aus, rasten in engen Kreisen und Doppelkreisen und wieherten, daß die Luft erzitterte. Jene Pferde aber, deren Abrichtung noch nicht vollendet war, scheuten und ergriffen die Flucht. Und das furchtbare Meer der safrangelben Krieger, die Sturmflut, die alles hatte vernichten wollen, glich nach wenigen Augenblicken einem gräßlichen Chaos tollgewordener Dämonen. Vom Hügel aber schmetterten unerbittlich die sybaritischen Tanzweisen, der Stolz der hippischen Agone des lakinischen Festes. Doch Furchtbareres stand noch den Sybariten bevor. Eben war der dröhnende Katarakt der Athleten, die das letzte Stadion in zunehmendem Laufe durchrast hatten, in die Mitte der verwirrten und entsetzten sybaritischen Schwerbewaffneten wie ein Keil eingedrungen, und die Erscheinung Milons allein genügte, das Entsetzen bis zum Wahnsinn zu steigern. Krachend zerspellte die herakleische Keule ganze Reihen von Helmen und Panzern und kaum weniger furchtbar waren die schmetternden Schwertstreiche der Pankratiasten und Faustkämpfer. Das Gebrüll Dämons gellte auf, und Phayllos und all die anderen hatten kaum noch den Höhepunkt ihres heroischen Zornes erreicht, als schon die Schlachtreihe der Sybariten durchstoßen war und eine breite Straße in ihrer Mitte klaffte. Jetzt aber prallte erst der Sturm der krotonischen Hauptmacht an den Feind. Und zur Rechten brach der Flügel der spartanischen Riesengestalten ein, denen Dorieus, wütend wie Hektor und Achill, voranbrauste. Da hatten sich die Sybariten vom ersten Schrecken, von der Lähmung, die sie überkommen hatte, plötzlich erholt. Und sie begannen ernsten Widerstand zu leisten. Doch es war zu spät. Denn, während sich Dorieus mit einigen seiner wildesten Kampfgenossen bis zu Milon durchfocht und so schon im Rücken der Feinde stand, preßten die anstürmenden Hoplitenmassen die Grundlinie des Einbruchskeiles zu stets größerer Länge auseinander, so daß links die Krotoniaten, rechts die Spartaner die Schlachtreihe aufzurollen begannen und die Feinde in entgegengesetzte Richtungen auseinanderdrückten. Das aber war das Ende: Die eine Hälfte der sybaritischen Hopliten geriet dadurch nämlich zurückweichend in den Strudel der tanzenden Pferde, in den die gräßlichen Schleuderwerkzeuge ihre Steinblöcke, Pfähle und Brandbalken hineinschmetterten, während gleichzeitig nach allen Seiten die Hilfsvölker ausschwärmten und die fast Wehrlosen mit ganzen Wolken von Pfeilen und Hagelschauern von Schleudersteinen überschütteten. Dem anderen Teile der Schwerbewaffneten erging es kaum besser. Denn, abgesehen davon, daß sich die Angriffswut der Spartaner unaufhörlich zu noch wilderen Ausbrüchen steigerte, griff vom rechten krotonischen Flügel plötzlich die Reiterei ein und fiel den zurückweichenden Hopliten in den Rücken. So daß nach kurzer Zeit nur mehr aufgelöste Haufen gegen den Fluß flohen und die Leichtgewaffneten, die bereits durch den Anprall des rechten Flügels der Spartaner zum Teile hinweggefegt worden waren, in ihre wilde Flucht hineinrissen. So war es nicht verwunderlich, daß krotonische Reiterschwärme kurz darauf schon das Lager der Sybariten durchbrandeten und die ungeheure Beute in Sicherheit zu bringen anhuben. – * Bis zum sinkenden Abende währte das beispiellose Gemetzel. Zehn Myriaden der Krotoniaten und ihrer Bundesgenossen hatten am Flusse Traeis mehr als dreißig Myriaden der Sybariten durch Tapferkeit, List und Götterwillen vernichtet. * Der Zorn der Krotoniaten aber kannte keine Grenze: Im ersten Ansturme wurde am nächsten Tage Sybaris überrannt. Und die größte Stadt der Hellenen wurde dem Erdboden gleichgemacht. Damit aber nicht einmal eine Erinnerung an die ruchlose Stätte bliebe und der Spruch Apollons erfüllt sei, leiteten die Krotoniaten nach der Zerstörung den Fluß über die zerspellten Häuser und Mauern, Gärten und Grotten. Und zwangen die Bevölkerung, sich in weitverstreuten kleinen Dörfern anzusiedeln. Über die Agora von Kroton aber sausten, die Helme mit Kränzen umwunden, die reitenden Boten und jubelten die Siegesbotschaft in die sonnige Luft hinaus. Und feierliche Umzüge bewegten sich unter dem Jauchzen des Volkes zu den Tempeln. Pythagoras jedoch stand seit dem grauenden Morgen des Schlachttages bei den Ärzten. Denn es galt das Leid derer zu lindern, die durch Schmerz und Wunden den Ruhm der heiligen Vaterstadt erstritten hatten. XXIX Der ganze Stimmungsgehalt einer längst verloren geglaubten Vergangenheit stieg urgewaltig im Gemüte des Philosophen an die Oberfläche des Bewußtseins, als er lauschend das Haupt erhob und dem Sklaven Zamolxis mit der Hand ein leises Zeichen des Schweigens zuwinkte. »Über den Rausch des Erkennens haben die Götter die Pflicht des Ausdrucks gesetzt!« klang es in ihm wie eine ferne, mahnende Stimme. Doch er lächelte beglückt. Denn die Götter hatten sich mit dem heißen Willen des Selbstaufopfernden zufrieden gegeben und ihm heute schon die große Harmonie des Erkennens und des Ausdruckes verliehen. Und er sah über den Hain, in dessen Hintergrund die kühle Felsengrotte den harten Stein höhlte, sah über die Büsche und Blöcke, zwischen denen die Eidechsen huschten, und blickte an den sanften Hängen hinab zur schmalen Ebene, die zwischen dem Gebirge und dem Meere sich breitete. Was aber stand dort in jenem dunklen Wäldchen von Zypressen und Pinien? Was lugte zwischen Stämmen und Zweigen in schimmernder Pracht hervor? War das nicht sein Traum, zu Marmor geronnen, hineingezaubert in die Welt greifbar harter Wirklichkeit? Die Schule! Seine Schule, in der die neue Jugend der Hellenen hinangeführt werden sollte zu den letzten Höhen lichtesten Geistes! Der stolze Säulensaal, der vor wenigen Tagen vollendet worden war und blank und bunt der Schüler harrte! Und er begann, den krausen Wegen des Schicksalszwanges entlang zu sinnen, die seit der furchtbaren Schlacht gegen Sybaris, einander kreuzend und verstärkend, seine letzten Ziele in nächste Sicht gerückt hatten: Wehmütig gedachte er des herrlichen Alkaios, des Mannes, der gleich tüchtig gewesen war, die spartanischen Hopliten heranzuführen und die verstecktesten Weisheiten der höheren Lehre zu erfassen. Und der dort unten zwischen Zypressen schlief, gedeckt vom tränenbenetzten Grabhügel. Nicht das Schwert der Sybariten hatte ihn hinweggerafft, denen er als Hoplite gleich den anderen entgegengebraust war. Nein, Monde später hatte ein tückisches Fieber ihn vor die Totenrichter berufen und dem Kreislaufe seines Lebens ein unerbittliches Ende gesetzt. Und er hatte, ahnend den nahen Tod, all die ungeheuren Ländereien und Häuser, Güter und Herden, die er besaß, dem vergötterten Lehrer und Philosophen zu Erbe gegeben: Alle die Felder und Haine, über die jetzt Pythagoras blickte und die sich mit ihren letzten Ausläufern bis knapp unter die Mauern Krotons hin erstreckten. Noch nicht groß genug aber war den Krotoniaten der Reichtum erschienen, den ein Zufall dem Weisen dargeboten hatte. Aus erbeutetem sybaritischen Golde, durch den Schweiß sybaritischer Sklaven, wurde der herrliche Bau aufgeführt, bestimmt, für alle Zeiten ein Sitz und eine Pflanzstätte hellenischen Geistes zu sein. Vor einigen Tagen aber war die Arbeit vollendet worden. Eben wollte Pythagoras sich wieder den Gedankenläufen zuwenden, die, anknüpfend an die stillen Tage von Samos, an jene Tage der Nymphenruhe, stromgleich in ihm emporrauschten, als die geheimnisvolle Übereinstimmung der Vergangenheit und der Gegenwart sich durch ein neues Ereignis zu fast unwahrscheinlicher Einheit schloß: Von ferne erklang nämlich verwehend der Ton einer unbeholfenen Hirtenflöte, und das Klimpern der Bleche von Herdenvieh schwebte mit dem Hauche des Windes auf und nieder. Und wie damals teilte sich das Gebüsch und ein bekränzter Hirte stand scheu und wie schutzflehend im Bereiche des Weisen. Der Philosoph aber lächelte wieder; lächelte diesmal befreit und heiter; denn sein Schüler Pythagoras hatte sich in den Hirtenknaben zurückverwandelt, der Schüler, der heute schon tief in die Mysterien der Zahlenkunst eingedrungen war, der Jüngling, der damals in den ersten Reihen der Krotoniaten gefochten hatte, als es galt, den Schimpf sybaritischer Verhöhnung seines Lehrers zu rächen. »Zu guter Stunde wähltest du diese Verkleidung, die einst dein Wesen war!« sagte Pythagoras, noch immer lächelnd. »Hat sie doch in mir die Täuschung vollendet und die trennende Schranke abgetragen, die zwischen dem höchsten Aufschwunge meiner Gedanken und dem heutigen Weiterbau eben dieser Gedanken ragte. Komm näher, Hirte, und lausche wie einst den Worten und blase deine sanften schwermütigen Lieder!« »Es ist keine Verkleidung!« erwiderte der Jüngling leise. Dann setzte er stockend fort: »Soll ich es dir, dem Weisesten, erklären? Entzweigespalten ist meine Seele zwischen dem kindlichen Drange, die Lämmer zu hüten und ihr munteres Spiel zu sehen und der heißen Begierde nach Erkenntnis. Laß mich deine Schafe betreuen, o erhabener Lehrer! Keines von ihnen soll sich verlaufen, so wenig wie ich einen der Sätze vergessen will, die du mich lehrtest. Jetzt aber verzeih mir, daß ich dich störte. Kein Wort mehr möge die Ruhe, die du fandest, schmälern!« Und er streckte sich ins Gras und begann wieder wie einst durch sonderbare Rhythmen die Lämmer anzulocken, die sich stolpernd und blökend durch die Gebüsche zwängten und das saftige Gras zu rupfen anhuben. Der Philosoph aber vergaß zu antworten. Denn die Melodien hatten neue Wogen von Erkenntnis, so groß, so unausschöpflich, so niegeschaut über sein Denken branden lassen, daß er plötzlich wie in einer göttlichen Harmonie alle die Klänge vernahm, die je sein Ohr getroffen hatten. Und er hörte das helle Klappern der ägyptischen Schellen, hörte das Klimpern der Sistren, den ziehenden Klang der Saitenspiele und das Tosen eherner Tympana auf dem Parnassos. Und dunkle Flötentriller, grelle Hörner und Salpinxrufe brausten dazwischen empor und erhoben sich über die dumpfen Niederungen der anderen Töne. Bis sich endlich die oberste Sphäre des Fixsternhimmels lautlos öffnete und für einen Herzschlag einen Ton aufschäumen ließ, der seinesgleichen nicht hatte an kristallener Reinheit und unaussprechlicher Überwältigung. Doch hatte er kaum noch den ersten Anteil an diesem höchsten Wunder gewonnen, als sich schon wieder krachend das eherne Firmament verschloß. »Was ist Harmonie? Wie, du unfaßbarer Kosmos der Töne, der Klänge, der Stimmenverschwisterung soll dich ein Menschengemüt erfassen, festhalten, bannen, verstehen?« So klagte es in ihm auf. »Wie soll ich dein Wesen erkennen, Welt, wenn mir das Gesetz deines Zusammenklanges unklar bleibt?« Und der Philosoph hob wie flehend die Arme. Da fiel sein Blick, halb unbewußt, auf die Syrinx, die der Hirte den Lippen entlang gleiten ließ, und mit unheimlicher Schärfe blieb sein Auge an der Abstufung haften, die all die schlanken Rohre stets kürzer werden ließ, so daß keines dem anderen glich; ebenso wie auch die Töne sich voneinander unterschieden, die den Rohren entschollen. Pythagoras schloß die Augen und ein Zittern lief über seine Glieder: Denn die Götter hatten seinem trunkenen Blicke den Beginn des Weges gezeigt. Dann aber lehnte er sich zurück und zwang sich für den Augenblick Vergessen ab, da andere Gedankenreihen vorerst noch formenden Ausdruckes harrten. Und er sagte leise die Worte und Sätze dem Zamolxis, der sie schweigend und gehorsam in die Wachstafeln einritzte. – * Als Pythagoras um die Mittagsstunde durch die langen Schattengänge über den Berghang hinabschritt, summte die Luft in unfaßbar drückender Unbewegtheit. Hoch hinauf aber bis zum Scheitelpunkte des Himmelsbogens ragte drohendes Gewölk, dessen Zackenränder sich in leuchtendem Blaugrau und Gelbbraun übereinanderschichteten. Jeder Herzschlag brachte anderes Licht über die Gegend. Bald schnitt ein schräges Bündel von Sonnenstrahlen durch die geballten Massen der Wolken und riß ein Feld, einen Hain, den Kulm eines Berges in sonderbare Grellheit. Dann wieder entfärbte sich alles in dumpfem Dämmern, daß schier der Atem sich kaum der Brust entringen konnte. Noch aber grollte kein Donner und die eine Hälfte des Firmaments stand wolkenlos in glasiger Bläue. Der Philosoph bekümmerte sich wenig um die Stimmung der ihn umgebenden Natur. Glühte doch in seinem Herzen ein Brand der Wißbegierde und der fiebernden Erwartung, wie er ihn kaum noch erlebt hatte, seit die Tore des Amuntempels zum ersten Male vor ihm aufgesprungen waren. Bald auch hatte er die Ebene und die breiten Wege erreicht, die durch den Hain zu den nahen Wohngebäuden und dem neuen Baue hinführten. Und er trat ein. Doch nicht zum großen Saale lenkte er den Schritt. Auf einer schmalen Treppe vielmehr strebte er hinan zu den oberen Gelassen, die zu unbetretbarer Forschungsruhe und Abgeschlossenheit bestimmt waren. Ausgebreitet lagen auf Truhen und Tischen in diesen kleinen Räumen all die Gegenstände, die er im Laufe der Jahre gesammelt hatte; von denen er wähnte, daß sie dereinst in Zusammenhang zu seiner Wissensergründung treten könnten. Er suchte kurze Zeit. Manche Truhe durchstöberte er, manchen Deckel hob er, bis er das kleine unscheinbare Ding in Händen hielt, das aus zartem Holze sorgfältig angefertigt war und einem länglichen Kästchen glich. Der Körper war es irgendeines Saiteninstruments, das er einst an den Grenzen des persischen Landes erhandelt und das, trotz aller Wechselfälle und Fährnisse, stets seinen Herrn begleitet hatte. Er reinigte es vom Staube und pochte mit dem Knöchel des Fingers gegen seine Oberfläche. Da entscholl ihm ein voller dumpfer Ton, das Zeichen, daß kein Bruch, keine Lockerung das Gefüge um die Fähigkeit gebracht hatte, jeden Klang vervielfachend zu verstärken und nachschwingen zu lassen. Dann aber entfernte er die zerfaserten Reste längst zersprungener Saiten von den wohlgeglätteten Stegen an beiden Enden der Oberfläche und beraubte eine der Kitharen, die auf einem Gestelle lag, einer ihrer klingenden Schnüre. Bevor er jedoch die Saite aufspannte, schnitt er aus einem Papyros einen schmalen Streifen, den er sorgfältig der Länge nach in gleiche Teile zerlegte, so daß dieser Maßstab den Bord des Kästchens zuerst in Hälften, dann in Viertel, schließlich in Achtel und Sechzehntel teilte. Auf andere Streifen wieder brachte er andere Teilungen durch drei und fünf und sieben an. Als der Philosoph dann schließlich die Maßstäbe auf der Fläche des Kästchens festgelegt hatte, schnitzte er noch einen niederen Steg und begann die Saite zu spannen, bis die Tonhöhe seinen Zwecken entsprach. Und nun verrannen viele Stunden, in denen unendliche Ausblicke, riesenhafte Entdeckungen und kleine Enttäuschungen den Kosmos seines Geistes in bunter Wechselfolge durchrasten. Sosehr hatte er früher gefaßte Pläne und Absichten, sosehr seine ganze Umgebung vergessen, daß er in furchtbarem Schreck emporfuhr, als Zamolxis grüßend den Raum betrat. »Was willst du? Warum störst du mich?« fragte er ungeduldig. Doch im gleichen Augenblicke brachte der Klang seiner eigenen Worte soviel wachen Bewußtseins zurück, daß er beschwichtigend und gütig fortsetzte: »Hast du mir Wichtiges zu melden, Zamolxis?« Da glitt es wie Erlösung über die schon traurigen Gesichtszüge des Thrakers und er erwiderte rasch: »Ja, Herr! Demokedes harrt deiner bereits seit längerer Zeit und will sich nicht länger gedulden. Er fragt, ob er deine Zurückgezogenheit durchbrechen darf.« »Geh und sage ihm, daß er kommen mag! Ich will ihn freudig begrüßen.« Und Pythagoras blickte wieder auf das seltsame Kästchen, dessen Saite sich schimmernd über den geschnitzten Steg spannte. Dann berührte er prüfend noch einmal ihren kürzeren Teil, und ein heller, klimpernder Ton lag im Raume, als Zamolxis verschwand. Kurz darauf übertrat Demokedes die Schwelle. Mit leuchtendem Antlitze sah ihm Pythagoras entgegen und reichte ihm die Hand. Dann sagte er, bevor noch der Arzt den Mund auf tun konnte: »Freue dich, Demokedes, der du nun schon einmal vom Schicksal ausersehen bist, die höchsten Schicksale meines Lebens entweder als Bote zu überbringen oder mitgenießend durch deine Anwesenheit zu bereichern. Eben – ich weiß nicht wann, da meinem Forscherwahne die Zeit entglitt – eben, sage ich, ist es mir geglückt, den ersten verbindenden Faden der großen Harmonie zu erfassen und in Erkenntnis aufzulösen. Du sollst der Erste sein, der von diesem umwälzenden Geschehen Kenntnis erhält. Rittest du doch einst in den Hochwäldern der Landschaft Persis an meiner Seite, als mir das tiefste Wesen der Harmonie zum ersten Male flüchtig am Horizonte meines Gemütes stand.« Als aber Demokedes fragend aufsah, nickte der Philosoph nur leicht mit dem Haupte, wies auf das Kästchen bin und setzte, wie in ferne Räume versinkend, fort: »Ich glaube, es war heute morgens, als mich Hirtenweisen umklangen, als ich die Götter mit stürmendem Ungestüm bedrängte, mir den letzten Sinn der Harmonie zu offenbaren, da die Deutung des Kosmos mir verschlossen bliebe, wenn ich das körperlose Gewoge der Klänge nicht fassen könnte. Die Götter aber erhörten mich, obwohl ich in ungeziemender Art, wie ein Titane wütend, mich zum Olympos emporgereckt hatte. Und sie zeigten mir in der Syrinx des Hirten das Vorzeichen, das mir kündete, daß jedes Tones Maß an körperlicher Größe, an der Länge der Rohre, hafte. Ich kann dir nicht schildern, Demokedes, welchen Aufruhr des Gemütes mir dieser Beginn der Erkenntnis verursachte. Zur Buße für meinen Ungestüm aber zwang ich mich, erst viele Stunden später den entscheidenden Schritt zu wagen; als mir die Angst, die Götter könnten mir zur Strafe nur ein Blendnis vor die Sinne gestellt haben, schon das Herz beengte. Dann aber ging ich ans Werk. Siehe, Demokedes, dieses Kästchen hier, über das ich die Saite spannte. Kanon soll es heißen für alle Äonen! Und ich weiß heute, daß noch fernste Geschlechter diesen Namen kennen werden, da sich aus den zarten Tönen der Saite tiefster Weisheitsgrund, mehr noch, das Wesen der Dinge offenbart. Denn mit zwingender, unbestechlicher Sicherheit gibt es Antwort. Und lehrt jedes, auch das stumpfste Auge, daß das Wesen der Dinge die Zahl sei; was ich schon damals ahnte, als ägyptische Tempelpylonen und Pyramiden zum ersten Male vor mir aus den Niederungen des Deltas emportauchten. Und er zeigte mir noch mehr, dieser Kanon: Das ganze ungeschiedene, bisher nur mit flüchtiger Ahnung zu umgreifende Chaos der dorischen, lydischen, phrygischen, hypodorischen und der anderen Tonweisen verband es mit einem Schlage zu leuchtender Einheit. Denn von heute an ist all das feste Zahl, was bisher Ahnung und körperloser Schein war!« Pythagoras schwieg einen Augenblick lang. Demokedes aber trat näher an das Monochord heran und fragte leise: »Willst du mir sagen, Weiser, welche Zahl sich dir aus der Saite offenbarte? Oder ist es eine Vielfalt von Zahlen, von Zusammenhängen, von Kräften?« »All das ist es, o Demokedes!« erwiderte Pythagoras schnell. »Heute weiß ich ja nur erst einen kleinen Teil davon, da die Zeit wie Staub verrann. Nur Anfänge kann ich das nennen, was erst die Zukunft zu vollem Kosmos türmen soll. Höre also: In reinem Zahlenaufbau folgen einander die Töne. Blick her!« Und er verschob den Steg. »Zeigt dir nicht der Grundton mit dem achten Ton ein Verhältnis der Saitenlänge von eins zu zwei? Und der Ton dia pénte, der fünfte in der Reihe, von zwei zu drei? Der vierte aber ist durch drei zu vier ausgedrückt! Du siehst es selbst, Demokedes! Siehst, daß kein Wahn, keine unbestimmte Annäherung mich zu trügerischem Schlusse verführt. Göttlich rein, wie aus dem unfaßbaren Reiche der Zahl selbst geboren, sind diese Beziehungen. Rücke nur um Haaresbreite den Steg von der reinen Zahl und schriller Mißton bestraft deinen Verstoß. Weißt du voll und ganz, was das bedeutet, Krotoniate? Weißt du, daß damit ein entscheidender, vielleicht der größte Schritt im Aufwärtsstreben des Menschengeistes vollbracht ist? Heute, o Demokedes, der du der Stolz aller hellenischen Ärzte bist, der du den krausen Wegen der menschlichen Körperkräfte und Leiden nachspürst – heute, sage ich dir, ist es gelungen, ein Gefühl, einen Hauch, ein verwehendes Nichts in die strenge Regel der Zahl zu bannen; bis zum tiefsten Wesen, das eben diese Zahl ist, zu durchdringen. Von heute, o Demokedes, wird der Menschengeist imstande sein, stets fortschreitend, den Zusammenhang und das Wesen der Dinge, die große, die letzte Harmonie des Kosmos zu ergründen. Und das, – ich sage es mit einem Stolze, der frei ist von Hochmut oder Geringschätzung – das war hellenischem Geiste vorbehalten, das konnte nur der Geist zustande bringen, der im innersten Wesen selbst Harmonie ist!« Pythagoras schwieg. Auch Demokedes aber fand keine Erwiderung. Denn er wollte den Augenblick, dessen überirdische Größe er klar erkannte, nicht durch ein sterbliches Wort des Beifalls oder der Begeisterung entweihen. Erst als ihn nach geraumer Zeit Pythagoras fragend anblickte, hob er das Antlitz und sagte leise: »Erhabener Pythagoras, verzeihe dem Eigennützigen, der dich mit einer Mahnung stört. Aber ich halte es für meine Pflicht, dir zu künden, daß schon seit langem unten im Saale die Menge edelster Krotoniaten deiner harrt, die du zur Einweihung deiner Schule hieher beschiedest. Gewiß ist es nicht Ungeduld, was mich sprechen ließ. Ich wähnte vielmehr, du könntest mir zürnen, wenn ich dich durch meine Mahnung nicht in die Gegenwart zurückriefe.« Da durchzuckte es den Weisen wie leichter Schreck. Und er erwiderte hastig: »Ich danke dir, daß du mich mahntest. Und ich hoffe nur, daß ihr Krotoniaten mir den Schimpf verzeihen werdet, den ich euch durch meine Vergeßlichkeit zufügte. Wenn sie mir aber zürnen, die edlen Männer und Frauen, denen ich so viel schon verdanke, dann mußt du mein Fürsprecher sein und ihnen sagen, daß es nicht in letzter Reihe sich auch um ihren Ruhm handelte, als ich mich heute von der Welt des äußeren Lebens abkehrte. Jetzt aber wollen wir sie nicht länger warten lassen!« * Als aber Pythagoras, den Harrenden unsichtbar, durch eine schmale Türe den erhöhten Teil des großen Saales betrat, der durch einen schweren schwarzen Vorhang von der dichtgedrängten Folge marmorner Bankreihen abgeschlossen war, brach plötzlich draußen mit schrillem Sausen der erste Windstoß des furchtbaren Gewitters über die Felder und Haine herein. Und die Wucht seines Anpralles war so kyklopisch, daß die breiten Flügel des Eingangstores schmetternd aufsprangen und der sausende Hauch an den Vorhang prallte und die beiden Teile, die, einen schmalen Spalt nur freigebend, gerafft waren, hoch aufflattern ließ. Während aber schon rauschende Regenschauer niederprasselten und von fernher grollend ein gräßlicher Donnerschlag die eiskalte Luft zerriß, traf der Blick des Pythagoras, von mystischer Macht gelenkt, auf ein Antlitz, das sich ihm fragelos und doch voll von heiligster Sehnsucht zukehrte und ihn wie die unbekannte, größere Bruderwelt mit jenseitigem Schauer grüßte. Und sein Puls stockte: Denn es war das herrliche Antlitz des Knaben Aristokles und doch ein anderes. Zu weiblicher Anmut und Weiche, zu unausdenkbarer Schönheit und Reinheit ordnete sich Zug um Zug dieses sanften Hauptes und der charitischen Gestalt. Als aber Pythagoras sich das Rätsel dieses natürlichen Wunders deuten wollte, tönte plötzlich eine Stimme durch sein Gemüt, eine tiefe, jenseitige Stimme, die durch brodelnde Dämpfe vom hehren Dreifuß herabklang: »Boten waren es nur, denn einmal schon hat er verkündet, was an Glück dir bestimmt; doch du verstandest es nicht. Sannest schwer vor dich hin, als die siegesleuchtenden Augen unter dem Kotinoskranz tief und vertraut dich gegrüßt. So vergiß Lykoreias Traum! Doch wenn wehend im Windhauch schwarz der Vorhang sich teilt, dann ist Erfüllung dir nah!« Die Wucht des ersten Windstoßes aber war gebrochen und der Vorhang sank schwer zurück. Pythagoras jedoch, dessen Klarheit zu zersplittern drohte, der unter der geheimnisvollen Macht des pythischen Spruches erschauerte und in dessen Gemüte tiefster Gottglaube mit bescheidenheitsentsprossenem Zweifel zu ringen anhub, rief leise die Götter um Hilfe an, damit sie ihm beiständen in der Überwindung seines entfesselten Gemütes. Da senkte sich mildes Licht auf die sturmzerrissenen Wogen seines Denkens und die helle Sonne der Reinheit ließ seine Rede zu solch jenseitigem Leuchten werden, daß die Herzen der Zuhörer, vom Atem der Gottnähe umweht, ihres eigenen Gemütes nicht mehr achteten, sondern sich voll und ganz dem holden Rausche des Wohlklanges hingaben, der, scheinbar körperlos, dem schmalen Spalte des schweren Vorhanges enttönte.– – – XXX Die folgenden Monde waren sosehr erfüllt vom Aufbau und von der Einrichtung der Schule, daß sich jener doppelt bedeutsame Tag seinem Inhalte nach im Gesichtskreise des Philosophen stets mehr zurückschob. Galt es doch in erster Reihe, einen festen Stamm helfender Pädagogen heranzuziehen, der dem Weisheitsliebenden die äußere Last der Beaufsichtigung und Führung der zahlreichen Schar, die sich schon angemeldet hatte und noch von Tag zu Tag wuchs, abnehmen oder zumindest erleichtern könnte. Dabei stellten sich unerwartete Schwierigkeiten heraus; denn da Pythagoras noch keine eigentlichen Schüler des höheren Wissens besessen hatte, die dem geplanten Lehrgange sowohl in sittlicher als in geistiger Weise vom Anbeginne an gefolgt waren, mußte er gerade das verantwortungsvolle Amt der Pädagogen in die Hände von Neulingen legen. Doch es blieb kein andrer Weg. Er mußte seinem durchdringenden Blicke für die Seelen der Menschen und den günstigen Mächten des Göttlichen vertrauen und in Geduld der Zeit harren, die es ihm ohneweiters möglich machte, aus Schülern strengster Vorbildung den Stand der Pädagogen zu ergänzen oder zu erneuern. So bestellte er vorerst den Jüngling Aristokles und den Hirten Pythagoras zu Aufsehern jüngster Knaben, während er einige ältere Akusmatiker, die sich besonders hervorgetan hatten, als Hüter der reiferen Jünglinge berief. Er schärfte diesen Ausgezeichneten jedoch besonders ein, daß sie sich vorläufig nur durch erprobte Untadeligkeit des Gemütes vor den anderen für bevorzugt halten dürften. Was die Lehre selbst betreffe, entsprächen sie heute noch lange nicht den Anforderungen ihres Ranges und müßten daher bestrebt sein, im Wettbewerb mit den anderen diese Ausnahmestellung zu verteidigen und dadurch erst voll und ganz zu erringen. Nach eingehenden Proben und Belehrungen konnten dann endlich die Pforten der eigentlichen Schule geöffnet werden. Pythagoras wähnte zuerst, daß die Bedingungen viele Knaben abschrecken würden. War doch in den ersten Jahren – der Regel nach zwischen zwölf und siebzehn – vollständiges Schweigen zur Pflicht gemacht, so daß der Schüler, der zudem nicht einmal des körperlichen Anblickes seines Meisters teilhaftig werden würde, nur der Stimme der Weisheit lauschen durfte, ohne daß es ihm gestattet war, auch nur für den Sinn dunkler Worte Aufklärung zu erfragen. Dann erst – so wurde verlautbart – würde der Lernbegierige nach strengen Prüfungen des Herzens und des Verstandes in den eigentlichen engeren Schülerkreis aufgenommen werden; dann auch würde es erlaubt sein, den Weisheitsliebenden zu fragen, das Gehörte und Erlernte in selbstgewählter Form schriftlich aufzuzeichnen und sich darüber wetteifernd mit den Gefährten zu unterreden. Selbst wenn weitaus Ältere in die Schule eintreten wollten, könne von der reinigenden, entsühnenden Zeit des Schweigens nicht abgesehen werden. Nur die Herabsetzung auf zwei Jahre sei eine Begünstigung für solche, die bei den ersten Aufnahmen in reiferem Alter ständen. Wie erwähnt, hatte Pythagoras die strenge Regel nicht nur aus Absichten des Götterdienstes und der Weihe für höchste Reinheitsstufen aufgestellt; den unbeirrbaren Ernst derer wollte er außerdem noch prüfen, die sich solchen Mühen und Entsagungen unterwerfen mußten, um zu einem Ziele zu gelangen, das nicht offensichtlich Vorteil und volle Befriedigung verhieß. Daher war er fast überrascht, als nach der Bekanntgabe dieser Vorschriften sich die Zahl der Anmeldungen eher hob als verminderte; was ihn mit großer Freude und Hoffnung erfüllte, da er darin allein schon einen neuen Aufschwung, eine neue Vertiefung des hellenischen Gemütes zu erblicken glaubte. So betraten denn die Jünglinge und Knaben, durchschauert vom Geheimnis der künftigen Gottnähe, den blühenden Boden der Weisheitsschule und durften für kurze Stunden dem erhabenen Lehrer gegenüberstehen, der vorher schon über die Führung jedes Einzelnen durch vertrauenswürdige Freunde genaueste Erkundigungen eingezogen hatte; jetzt aber auch noch durch Augenschein von den Seelen derer sich überzeugen wollte, die bestimmt waren, sein großes Werk fortzusetzen und zu noch lichteren, noch unausdenkbareren Höhen hinanzuleiten. Rührung überkam den Philosophen oftmals, wenn er in die angstvollen Augen blickte, die zitternd von seinem Munde das schicksalschwere Wort der Entscheidung ablesen wollten, bevor es sich geformt hatte. Und mehr als einmal unterdrückte er die Verneinung, da er sich der fernen Zeit entsann, als er selbst in Heliopolis und Memphis alle Bitterkeit der Ablehnung hatte kosten müssen. So war es auch gekommen, daß er Kylon und Hippasos – zwei junge sybaritische Aristokraten – zur Schule zuließ, obwohl dem ersten mangelnde Reinheit, dem anderen zügelloser Ehrgeiz nachgesagt wurde. Als aber endlich alle die Lernbegierigen gewogen und geprüft worden waren, sank die heilige Ruhe und das edle Gleichmaß allseitiger Durchbildung auf die mächtige Schule herab, die ihresgleichen bisher im ganzen Bereiche hellenischer Zunge nicht hatte. Dichtgedrängt saßen die Exoteriker, die schweigenden Neulinge, auf den Marmorbänken des großen Saales und blickten wie verzückt gegen die undurchdringliche Schwärze des Vorhanges, aus dessen schmalem Spalte die ewigen Worte orakelgleich in den Raum ragten. Als aber die Knaben den Platz verließen, um nach strenger Einteilung die Übungen des Leibes zu vollführen und sich dann sinnend auf den breiten Pfaden der Haine zu ergehen, begann Pythagoras zu den Esoterikern zu sprechen, die ihn innerhalb des Vorhanges umgaben und denen es gestattet war, in Rede und Gegenrede, Frage und Zweifel die Tiefe ihres Wissens zu vermehren und dem Sinne verborgenster Weisheit nachzuspüren. Wenige waren noch dieser Würde teilhaftig geworden. Denn nur den ausgewählten Pädagogen und einigen früheren Akusmatikern, die sich schon in Kroton hervorgetan hatten und die orphischen Weihen besaßen, war die Zeit der Vorbereitung vollends nachgesehen worden. So war schon mancher Zeitraum verstrichen, manche neue Einrichtung, die sich als notwendig herausstellte, vorbereitet oder durchgeführt worden, als Pythagoras wieder die Hoffnung faßte, seine eigenen Forschungen einem weithinleuchtenden Kulme zuzuführen. Vorher sorgte er noch dafür, daß auch in den Angelegenheiten des äußeren Lebens seine Schüler eine nützliche Lehrzeit durchmachen könnten. Er teilte deshalb die ganze Schule in Gemeinschaften von je zehn Epheben ab, die miteinander schliefen, aßen und übten. Und zwar bestellte er aus diesen Dekaden je einen Oikonomen, der das Geld, das jeder Schüler für seinen Unterhalt beim Eintritte zahlte, verwaltete und davon die gesamten Kosten seiner Hetairie bestritt. Da das Amt aber bestimmungsgemäß halbjährlich wechselte und vom zweitenmal an durch Wahl besetzt wurde, hatte jeder der Knaben die Möglichkeit, im kleinen Kreise sich mit den Anforderungen bekannt zu machen, die einst das Leben an ihn stellen würde; außerdem aber noch Pflichtbewußtsein und Verantwortlichkeit zu üben und sich zu gewöhnen, jeden Unterschied, jede Bevorzugung zu meiden. Wenn jedoch einmal das Ereignis eintreten würde, das die bangen Gemüter nicht einmal auszusprechen wagten; wenn nämlich einer die Prüfungen des Herzens und Verstandes nicht erfüllen könnte, dann würde ihm sein ehemaliger Beitrag samt Zinsen wieder zurückgezahlt werden. Als Sinnbild dafür, daß jedes Band zwischen ihm und der Schule zerschnitten wäre. In diesen Tagen, als sich Pythagoras eben wieder der weiteren Erforschung des Kanons und der Zahlenlehre zuwenden wollte, trat ein Ereignis ein, das viel von dem erweckte, was durch die rasche Folge und die gehäufte Mannigfaltigkeit der Aufgaben zurückgedrängt worden war. Eine Abordnung von Krotoniaten sprach nämlich bei Pythagoras vor und erinnerte ihn an den einstmaligen Entschluß, auch den Jungfrauen die Möglichkeit höherer Geistesbildung zu gewähren. Es hätten sich schon zahlreiche Mädchen um die Ehre der Gleichberechtigung mit den Epheben beworben und gebeten, diesen heißen Wunsch dem Philosophen zur Entscheidung zu unterbreiten. Pythagoras fand zwar anfänglich, daß die höheren Lehren sich nicht in gleicher Weise wie die Akusmata für den weiblichen Geist eigneten. Außerdem befürchtete er, daß die gemeinsame Erziehung beider Geschlechter gewisse Schwierigkeiten, ja vielleicht sogar Gefahren mit sich bringen könnte. Schließlich aber siegte in ihm doch die Überzeugung, daß die künftige Heranbildung der Kinder, die Harmonie der Ehe und die Weiterverpflanzung des Wissens nur gewinnen würde, wenn begeisterte Jungfrauen sich der neuen Lehre widmeten. Vielleicht würden auch durch den Eifer der Mädchen die Jünglinge noch mehr angespornt und durch ihre Anwesenheit zu höherer Reinheit und Sittsamkeit hinangeführt werden. So stimmte er dem Vorschlage zu und beschloß, einige Dekaden und Gemeinschaften der Mädchen einzuführen, die räumlich von den Jünglingen strenge abgesondert werden würden; so daß sich das Zusammentreffen der beiden Geschlechter auf die schweigsamen Stunden des exoterischen Unterrichtes beschränken sollte. Als aber die Aufnahmen schon fast beendet waren, führte ein heller Vormittag jenes herrliche Wesen vor die Augen des Philosophen, das ihn damals für kurze Herzschläge wie eine flüchtige Erscheinung mit dem reinen Strahl des glaubensvollen Blickes gegrüßt hatte. Und er wußte, als er sie in ihrer hohen und jungen, gleichwohl aber schon reifenden und edlen Gestalt vor sich stehen sah, daß nur die Schwester seines Aristokles diese Züge tragen konnte. »Theanó bin ich, die Tochter des Brontinos!« sagte die Jungfrau leise und bewegt und ein Zittern der Erwartung lag über ihrem Antlitze. »Willst du, erhabener Weiser, es mit einem Weibe versuchen, das gewillt ist, die höchsten Gipfel, die schwierigsten Pfade deiner Lehre zu bewältigen? Verzeih mir die Anmaßung! Aber mein Herz verbot mir, dich durch falsche Bescheidenheit zu belügen. Ich sagte ja nur meinen Willen. Den Erfolg soll dein unerbittliches Urteil prüfen!« »Warum soll ich dir das verweigern, was ich anderen schon gewährte!« erwiderte Pythagoras kurz und nickte der Beglückten zu. Dann kehrte er sich schroff ab und verließ den Raum. Denn seltsame Gefühlsströme hatten das Gleichmaß seines Gemütes zu vernichten gedroht. In den nächsten Tagen verging wohl keine Stunde, in der Pythagoras nicht dem dunklen Sinne des pythischen Spruches nachgrübelte, um aus den Worten Apollons Linderung und Richtschnur für sein Handeln zu gewinnen. Denn eine seltsame, fast müde Traurigkeit, ein Zurückgleiten aller seiner eben noch so leuchtend geschauten Pläne und Hoffnungen war plötzlich über sein Gemüt gekommen. Und er spannte die titanische Kraft seines Geistes an und erwog in Tausenden von Abstufungen jedes Für und Wider, das die Auslegung des Orakels nach manchen Richtungen verschob. Am Ende gelangte er zur Überzeugung, daß der Angelpunkt des Problems nur in der Bedeutung des Wortes »Erfüllung« liegen könne. Denn daß sich das Vorzeichen, die Teilung des schwarzen Vorhanges im Windhauche, streng nach der Weissagung zugetragen hatte, konnte selbst der zweifelsüchtigste Verstand nicht hinwegleugnen. Einen Augenblick lang prüfte er noch, ob nicht vielleicht er selbst das Eintreffen des Wunders herbeigeführt habe. Aber auch hier wies sich ihm keine einfache Lösung. Denn, wenn er auch die Anbringung des Vorhanges selbst angeordnet hatte, so war sicherlich die Farbe des Tuches nicht sein Werk. Hatte er doch ausdrücklich purpurne Stoffe verlangt. Erst die Baumeister hatten dann ohne sein Wissen die Farbe in Schwarz verändert, da nach ihrer Ansicht der Purpur den strengen Stil des dorischen Saales gestört hätte. Was also hieß »Erfüllung«? Zwei Wege blieben offen. Denn der Spruch ergab vollen Sinn, wenn man diese Erfüllung als das Erreichen der Lehrziele auffaßte. Er hatte eben – das folgte aus den Worten – die Bestimmung damals noch nicht voll erkannt, als die siegesleuchtenden Augen des Aristokles ihm seine endgültige Heimat verkünden wollten. Lykoreias Traum, den Traum von Liebesglück, sollte er vergessen. Dafür würde ihm einst Erfüllung winken, wenn der schwarze Vorhang sich teilte; wenn seine Schule beginnen würde, endgültiger Hort seiner Weisheit zu sein. So weit konnte man diesem ersten Wege, ohne in Widerspruch zu geraten, folgen. Ein einziges Wort aber leitete zum zweiten Wege, der all die Unruhe im Gemüte des Weisen erregt hatte und den ein dumpfes, halbbewußtes Gefühl wünschend bejahte. Warum sprach der Gott davon, daß Lykoreias Traum, das brausende Leben in der Weihe-Nacht des erweckten Lykitnes, Bote künftigen Geschehens sei? Konnte der Kuß der herrlichen Themistokleia, das Rasen der Thyiaden Bote sein des stillen Glückes, das er als Lehrer der Weisheit empfangen würde? War also Erfüllung doch andere, menschlichere, heißere Erfüllung? Und schloß sich bei dieser Deutung nicht wieder ein Zusammenhang? Die Augen, die gleichen herrlichen Augen, die unter dem Kotinoskranze hervorgestrahlt hatten und die nun in gleicher Pracht ihm aus dem Antlitze der Theanó leuchteten? Und der Philosoph prüfte sich selbst am unerbittlichsten. Bis nach langer Zeit der furchtbare Zwiespalt in seinem Herzen abzuklingen anhub und die Pflicht des Führenden ihn sosehr in Anspruch nahm, daß nur mehr leise Wehmut, ein sanfter Nachhauch wieder einmal gelungener Entsagung, in manchen Augenblicken der Schwäche in ihm zitterte. * Fast ein Jahr war schon seit der Eröffnung der Schule verstrichen. Das stumme Aufnehmen der Exoteriker, die Pythagoras überhaupt nicht mehr von Angesicht sah, umschwebte ihn, wenn er hinter dem Vorhange, auf einer Art Thronsessel ruhend, die kurzen Weisheitssprüche formte, um sie mit klarer Stimme zu verkünden. Oder die langen Reihen der Fragen und Probleme aufwarf, die er stets auf neue wiederholte, bis er endlich, ebenso kurz und wuchtig, den dürstenden Hörern die Lösung offenbarte. »Was ist das Weiseste?« klang es dann wohl durch den Vorhang. Und »Maß und Zahl!« wurde die Antwort. »Und nach diesem?« »Die Erfindung der Sprache!« Oder hörten sie: »Was ist das Schönste?« »Die Harmonie!« »Was ist das Mächtigste?« »Das Vermögen der Erkenntnis!« »Warum ziemt es mir, zu handeln?« »Weil der Beginn die Hälfte des Ganzen ist!« Mit den Esoterikern aber feierte der Weise heilige Feste geistigen Genießens. Erstaunlich war das Vordringen mancher dieser Reiferen in die Tiefen der Größenlehre. Und die eben von Pythagoras entdeckte Fünfzahl der regelmäßigen Vielflächner, der kosmischen Körper, wie er sie nannte, nahm alles Denken derart in Anspruch, daß oft schon die Nacht weit vorgerückt war, bis der Lehrer dem Drange der Schüler Einhalt gebieten konnte, die eine vollständige Durchforschung der umstürzend neuen Wissensgebiete im Fluge erzwingen wollten. Gekrönt aber wurde dieser Abschnitt seines Wirkens, als einige seiner engeren Schüler neue Beziehungen und Regeln in selbständiger Gedankenarbeit auffanden, die sogar den Lehrer in Erstaunen versetzten. Durch dieses gemeinsame Schaffen aber wurde er selbst wieder mächtig angeregt und vorwärtsgetrieben, so daß er beschloß, für kurze Zeit dem Unterrichte zu entsagen, um endlich das hartnäckigste aller Probleme, die Beziehung der Seiten des rechtwinkeligen Dreieckes, einer allgemeinen Lösung zuzuführen. Doch auch diesmal war es noch nicht sein Schicksal, volle Forschungsruhe zu finden; denn als er sich kaum in die Stille seiner Grotte zurückgezogen hatte, erschien eines Tages, sprachlos vor Erregung, Aristokles zu ungewöhnlicher Stunde und bat, dem Weisen wichtige Mitteilung machen zu dürfen. Der Philosoph wußte, daß der Jüngling nicht ohne triftigen Grund ihn zu stören gewagt hätte. So sprach er ihm mild zu und versuchte, die Erregung des Epheben zu beschwichtigen. Aristokles aber brach in heftige Tränen aus und gewann erst nach geraumer Zeit so viel Fassung, daß er mühsam und stockend sagen konnte: »Wirst du mich verstehen, o Pythagoras? Doch was rede ich da Ungeziemendes? Was solltest du nicht verstehen? Ich wollte ja nur ausdrücken, ob du mein Handeln billigen würdest. Also höre, Erhabener, was sich an Frevel zugetragen hat. Du kennst jenen Kylon, jenen ungebärdigen Jüngling, der bald nun das neunzehnte Jahr überschreitet, trotzdem es sich aber nicht nehmen ließ, als Exoteriker bei dir einzutreten. Schon des öfteren erzählten mir die Knaben meiner Hetairie, daß er während der Vorträge unaufmerksam umherblicke, besonders aber sich an die Mädchen herandränge und versuche, sich ihnen durch Zeichen oder Flüsterworte bemerkbar zu machen. Ich beachtete dieses Gerede nicht. Nun aber, da die Gefährten meine Abweisung dahin auslegten, daß ich nichts mehr über Kylon hören wolle, erfuhr ich das Letzte erst im Zusammenhange mit einer Tat, die große Erregung unter die Knaben trug. Heute morgens nämlich schlich sich Kylon hinüber, dorthin, wo die Mädchen zu lustwandeln pflegen, und stand plötzlich vor den Erschrockenen, die alle die Flucht ergriffen. Nur Theanó rührte sich nicht von der Stelle und blickte dem Eindringling stolz entgegen. Er aber reichte ihr schmeichelnd Blumen, und als sie über seine gekünstelten Worte zu lachen anhub, strich er ihr kosend über den Arm und sagte: ›Wie schön doch ist dein Arm, Theanó!‹ Da zuckte meine Schwester zornig empor und rief ihm höhnend ins Antlitz: ›Schön mag er sein, doch nicht für jeden Hergelaufenen!‹ Kylon aber, der solche Abweisung nicht erwartet hatte, wurde fahl und zischte: ›Nun, wie du willst! Der Hergelaufene aber wird seinen Gefährten jetzt die anderen Schönheiten deines Leibes beschreiben. Denn wahrlich mehr hat er schon an dir erblickt, als diesen Arm hier!‹ Und er wollte sie wieder anfassen. Da rief sie laut um Hilfe und Kylon verschwand, bevor einer zur Stelle war.« Pythagoras, dessen Antlitz sich in steigender Erregung verfärbt hatte, fragte leise: »Woher weißt du alles, Ephebe?« »Jeder weiß es schon in groben Umrissen!« erwiderte Aristokles. »Ich aber wollte mir volle Klarheit verschaffen, da es doch die Schwester betraf, und sprach mit ihr selbst. Ich weiß, daß auch dieses Gespräch gegen die strenge Vorschrift verstieß. Was aber hätte ich tun sollen?« »Dieser Verstoß ist dir wohl verziehen!« fiel Pythagoras ein. »Ich vergaß, diesen einen Fall abgesondert zu regeln. Niemand wird dir – und dies sei dir Richtschnur – je untersagen, mit der eigenen Schwester zu sprechen. Ich wollte nur nicht die einmal festgelegte Trennung der Geschlechter durch Ausnahmen auflockern. Das aber ist keine Ausnahme, es ist das Gesetz der Natur selbst, o Aristokles, das dir alles gestattet.« »So fühlte ich auch!« erwiderte der Ephebe. »Doch höre jetzt das Letzte, das Furchtbarste!« Und er stockte. Dann aber sprach er rasch weiter: »Ich sagte schon, daß ich erst im Zusammenhange mit dieser Tat Kylons von Dingen Kenntnis erhielt, die mein Verstand nicht fassen kann. Einige Epheben meiner Dekade haben nämlich den Kylon beobachtet, als er wie Aktäon die badenden Mädchen belauschte und sosehr in den Anblick vertieft war, daß er nicht bemerkte, wie sich die ungebärdigen Knaben über ihn belustigten. Es waren unsre Jüngsten, die es mir erzählten. Sie faßten die Sache als dummen, höchst lächerlichen Streich auf und konnten sich nicht genug tun, den auf der Mauer hockenden und durch die Zweige spähenden Kylon nachzuahmen und in einem Spiele zu verlästern!« Pythagoras war in furchtbarem Zorne aufgesprungen. »Ist das wahr, was du da berichtest?« preßte er hervor. »Es ist die reine Wahrheit, Erhabener!« antwortete leise Aristokles. Dann hob er das Antlitz und blickte dem Weisen gerade in die Augen: »Du, der wie keiner die Menschen kennt, wirst es ermessen können, daß schwere Kämpfe in mir tobten, bevor ich sprach. Träumte ich doch in lichten Stunden, daß deine Schüler später einmal wie Brüder unverbrüchlich zusammenstehen würden, jeder des anderen Freund, Beschützer und Wächter. Und da soll, da muß ich jetzt einen der Gefährten preisgeben, verklagen, der Schande ausliefern? Nein, Pythagoras, vielleicht irre ich! Vielleicht hat Kylon nicht aus unedlen Beweggründen gehandelt. Neugier ist es, oder gar Liebe vielleicht, was ihn trieb. Ich aber verstehe von all dem nichts. Mir ist ja ein Mädchen außer meiner Schwester nicht der Rede wert. Kann es doch weder so schnell laufen, noch so tapfer ringen wie ein Knabe. Theanó aber, die durch mich erfuhr, daß Kylon die badenden Jungfrauen begaffte, glühte zwar vor Scham, bat mich aber dennoch, den Unglückseligen, wie sie den Frevler nannte, nicht allzuschwer anzuklagen. Das aber ist alles, was ich weiß!« Pythagoras war in tiefes Sinnen zurückgesunken und schwieg. Sein Zorn war entglitten und hatte schwerer Traurigkeit den Platz geräumt. Was ging vor? Ragte auch in seine Schule ein Strahl jener dunklen Glut herein, die alles Leben in Bewegung hielt? Durfte er richten und strafen? Er, der auf Lykoreias Grund eben diesem Feuer unterlegen war? Verhindern mußte er das Aufkeimen der Unreinheit. Belehren, ermahnen und Vorsorge treffen. Nicht aber strafen. Noch mehr jedoch als der Frevel Kylons bewegte das Verhalten Theanós sein Gemüt. Liebte sie den Jüngling? War da Urgewalt am Werke, die diese jungen, emporwachsenden Menschen unwiderstehlich zueinander zog? Warum bat sie für den Missetäter, der sie mit Blicken und Worten geschändet hatte? Oder verstand er, der Weltkreisdurchwanderer, doch nicht die letzten Schwingungen der Herzen und Leiber? Und ein würgendes Gefühl, das Gefühl des Verstoßenen, der sich in all jenen getäuscht sieht, denen er das Tiefste seines Wesens hatte darbringen wollen, nahm von ihm Besitz und verdüsterte vollends seine Klarheit. Doch nur für kurze Zeit. Dann reifte in ihm der Entschluß, Kylon auf den Weg der Tugend zurückzuleiten und zu erforschen, ob seine Versuchung nicht vielleicht Wille der Götter gewesen sei. So entließ er mit tröstenden Worten den Jüngling Aristokles und gebot durch ihn den anderen Knaben, sich mit dem Ereignis nicht mehr zu beschäftigen, vielmehr das Gebot des Schweigens strenger und ausnahmsloser zu beobachten.– – – Langer Umfrage bedurfte es, bis der Philosoph am späten Nachmittage Kylon auffand. Die Schüler hatten es sich nämlich, seit Pythagoras wieder einsamen Forschungen oblag, mit Erlaubnis ihrer Pädagogen zur Gewohnheit gemacht, einzeln oder in kleinen Gruppen auf den Grundstücken umherzustreifen und so das Vorbild des Weisen im engsten Kreise nachzuahmen. Auch Kylon hatte sich nach den Ereignissen des Morgens sogleich auf den Weg gemacht und war gegen die Berge zu in einen Wald gewandert. Hier saß er nun nahe dem Pfade auf einer kleinen Lichtung, die weiten Ausblick ins Land hinaus gewährte. Ein steinerner Tisch mit Bänken war dort aus dem weichen Felsen ausgehauen. Kylon war anscheinend in eine angespannte Tätigkeit vertieft. Denn er beugte sich über den Tisch und ließ das Auge nicht von einem hellen Gegenstande, den er in den Händen hielt. Erst als Pythagoras schon nahe herangekommen war und unter seinem Tritte ein dürrer Ast knackte, fuhr er empor und warf im höchsten Entsetzen ein Tuch über das Unbestimmte, das er eben vor sich gehabt hatte. Sein wirres gelocktes Haar fiel tiefschwarz in die Stirne und seine nachtdunklen Augen waren weit aufgerissen, als er mit unsicherem Gange dem Philosophen entgegentrat. »Ich kam, um Aufklärung von dir zu fordern!« sprach ihn der Weise sogleich an und bemühte sich, den Ton zu vertrauenerweckender Milde zu dämpfen. Als ihn aber Kylon weiter sprachlos anstarrte, setzte er fort: »Was tust du hier, Jüngling? Was verbargst du vor deinem Lehrer? Warum blickst du mir ins Antlitz, als ob ein Feind nahte? Glaube mir, Kylon, daß nichts mich froher stimmen würde als eine Erklärung deiner ungewöhnlichen Übeltaten, die alles verzeihlich und begreifbar erscheinen ließe. Ich will nicht in Andeutungen mit dir sprechen. Ich weiß alles! Weiß, daß du die badenden Mädchen belauschtest, weiß, daß du Theanó belästigtest und schmähtest. Was hast du auf meine Anwürfe zu erwidern? Rede frei, du stehst einem wohlwollenden Richter gegenüber!« Da ging in Kylon plötzlich eine Verwandlung vor. Die Milde der Anrede und der Ton, der jetzt schon halbe Vergebung verhieß, tilgten sogleich seine trotzige Entschlossenheit und veränderten die Abwehr zu einer Art gleichgestellter Vertraulichkeit. Tränen traten in seine Augen und er antwortete mit sanfter klingender Stimme: »Ich danke dir, erhabener Lehrer, daß du erst richten willst, nachdem du den Verklagten hörtest! Schwer ist es für mich, wo doch alles gegen mich zeugt, dir die dunklen Irrwege meiner Pläne und Taten zu enthüllen. Ich bin ein Bildner, o Pythagoras, ein Mensch, den es antreibt, Geschautes nachahmend zu schaffen. Und mein Gemüt dürstet nach Schönheit. Was hätte ich tun sollen, als in mir der Drang erwachte, das Bild einer Göttin zu formen? Wo hätte ich das Vorbild einer Jungfrau gefunden? Da verließ mich meine Widerstandskraft und wie im Wahne lief ich zu dem Badeplatze der Mädchen und mein Auge sog die Formen ihrer Körper in sich, damit mein Werk, klein zwar, doch von heißem Schönheitswunsche befeuert, entstehen könne. Sieh her, großer Lehrer!« Und er ging wie entrückt zum Tische und hob das Tuch auf. Dann ergriff er das kleine Standbild, das er aus Wachs geformt hatte, und wies es mit gesenktem Blicke dem Philosophen. Pythagoras aber, dessen scharfer, erfahrener Sinn vergeblich versuchte, zu enträtseln, ob Verstellung oder Wahrheit den Ton dieser Worte schuf, der zudem noch durch den Anblick der zarten, gelungenen und edlen Skulptur in neue Zweifel gezogen wurde, erwiderte langsam: »Und was, Jüngling, kannst du mir als Rechtfertigung deiner Schmähung anführen? War auch diese Tat eine Folge deiner bildnerischen Bestrebungen?« »Nein, Pythagoras!« sagte Kylon schnell. »Nein, es war etwas anderes, das mich diesen Frevel begehen ließ. Du siehst, Weiser, daß ich die Tat, rein äußerlich, gar nicht zu beschönigen versuche. Aber innerlich war sie doch wieder nicht unedlem Antriebe entsprungen. Sieh, ich spreche zu dir, wie ich nicht zum besten Freunde sprechen könnte. Ich sagte, daß nur Begeisterung für die Schönheit mich die Mädchen belauschen ließ. Dabei aber hatte ich vergessen, daß Schönheit von den Göttern dazu bestimmt ist, geliebt zu werden. Ist es ein Frevel, o Erhabener, wenn der Reiz Theanós mich überwältigte? Ist es so fluchwürdig, daß ich ihr ein kleines Wort der Anerkennung sagte? Mehr wollte ich doch nicht, eingedenk des Gebotes, das ich als Exoteriker zu achten habe. Und da erwiderte sie mir mit Hohngelächter und hieß mich einen hergelaufenen Menschen. War ich so schuldig, als mich mein verletzter Stolz und die Verkennung meiner Reinheit um die Überlegung brachte? Gewiß, o Weiser, ich hätte mich beherrschen sollen. Doch die großen Tugenden will ich ja von dir erst lernen! Bisher war ich nur einer der krotonischen Jünglinge, ein Nachkomme der Sybariten außerdem, der ohne höhere Belehrung in den Tag hinein lebte. Darum strafe mich, Erhabener, doch verstoße mich nicht! Ich will dir keinen Anlaß mehr zur Klage geben!« »Die Taten der Zukunft sollen die Wahrhaftigkeit deiner Worte erweisen!« sagte Pythagoras in entschiedenem Tone. »Als Sühne magst du zehn Tage deinen Raum nicht verlassen und in der Einsamkeit, in unverbrüchlichem Schweigen gegen jedermann, dein Gemüt sammeln und läutern. Die Nähe der Mädchen aber mußt du trotz deiner Bildnerlust bis zur Vollendung deiner Lehrzeit meiden. Hast du doch, wie mir dein Bild beweist, dein Auge hinlänglich sattgetrunken. Für menschliche Liebe aber, o Kylon, ist hier noch kein Raum! Wenn du sie höher schätzest als die Weisheitsliebe, dann müßtest du dem Wissen entsagen und dich wieder zu den Menschen des gewöhnlichen Lebens zurückbegeben!« »Ich danke dir für deine Milde!« erwiderte Kylon leise. »Das Leid aber, das ich dem Wissen zuliebe auf mich nehme, wird mir mehr Buße und Läuterung sein als die kleine Sühne, die du über mich verhängtest!« Pythagoras kehrte sich ab und ging langsam von dannen. Und er begann, während er den Waldpfad abwärts schritt, jeden Blick, jede Miene, jedes Wort, das Kylon gesprochen hatte, noch einmal prüfend zu erwägen. Wo war der verwirrende Knoten in der Glätte dieser Schnur? Wo ein Angriffspunkt? Sonderbar war es gewiß, daß der Bildnerdrang des Jünglings nicht an schon Geschautem ein Genüge fand und sich aller Sitte und allem Gebote zuwider so gewaltsamen Ausweg suchte; sonderbar auch, daß erst als Folge reinsten Strebens menschliche Triebe zur Erweckung gelangt waren. Aber lag nicht in jedem Menschen Heiliges und Irdisches unlösbar verknüpft nebeneinander? Hatte er nicht selbst um die Harmonie des Menschlichen und Göttlichen gerungen? Und doch! Etwas, das er mit Worten nicht deuten konnte, eine Ahnung, zog ihn unterbrechungslos zur einfachen, unentschuldbaren Deutung des ganzen Ereignisses; zur Auslegung, daß blinder Trieb der Sinne den Jüngling es hatte versuchen lassen, sich dem Weibe, sich vornehmlich der schönen Theanó zu nähern, um irgend etwas, vielleicht alles zu erringen. Doch dabei fragte wieder plötzlich eine andere Zone seines Gemütes, ob nicht etwa gar der Richter befangen sei, ob nicht er selbst, verwirrt vom dunklen Sinne des pythischen Spruches, mehr für seine Schülerin fühlte, als es der gleichmäßigen Zuneigung des Lehrers gemäß sei; und daher einen leisen Schleier der Eifersucht über das Bild der Tat lege. Schließlich hatte er die unwiderrufliche Entscheidung ja schon gefällt! Das weitere mußte er nach seinen eigenen Worten der Zukunft und den Göttern überlassen. Vor allem aber war es noch seine Pflicht, auch Theanó zu hören. Denn es konnte noch vieles verborgen geblieben sein, das selbst das scheinbare Vertrauen des Kylon ihm nicht preisgegeben hatte. So beschied er, nach seiner Rückkehr in die Gebäude, Theanó zu sich, die in kurzem mit angstvollem Blicke vor ihm stand und seiner Anrede harrte. »Du weißt,« begann er ohne Einleitung, »was ich dich fragen will. Doch du weißt nicht alles. Dunkel bleibt in deinen Taten der Grund, aus dem heraus du Aristokles bestürmtest, einen Jüngling zu schonen, der nicht bloß dein Schamgefühl, sondern auch jede Achtung vor dir verletzte. Sollten da Mächte im Spiele sein, die zwar deine Handlungen bestimmen, deren Dasein ich aber gleichwohl noch nicht erfuhr? Sag mir alles, Theanó, und fürchte nichts. Denn wichtiger und notwendiger ist für das ganze Werk meines Lebens die restlose Wahrheit, als die Schonung eines Einzelnen. Ich beschwöre dich, mir nichts zu verschweigen. Ist es doch anders nicht möglich, Wege zur Lösung des Wirrsals zu finden!« Pythagoras schwieg. Theanó aber blickte starr zu Boden und ein heißer Strom von pulsendem Blute ließ ihr Antlitz erglühen. Endlich antwortete sie stockend und hart: »Es ist überflüssig, Erhabener, wenn ich ein Wort spreche. Ich vermag ja selbst das Chaos meines Gemütes nicht zu deuten. Ich bat, – soviel kann ich dir sagen – weil ich selbst sündhaft bin und weil es dem Schuldigen nicht gut ansteht, die Schwächen anderer allzu schwer anzuklagen. Jetzt aber fordere ich von dir das Recht der Exoterikerin, schweigen zu dürfen. Habe ich doch fast schon zu viel gesprochen.« Und sie beugte sich, noch immer in heißer Röte erzitternd, über die Hand des Philosophen und hauchte einen fast unmerklichen Kuß auf seine Rechte. Dann richtete sie sich zu ganzer Größe empor und stolze Kraft schien plötzlich in ihrem Wesen alles andere verdrängt zu haben. Denn sie wandte sich schweigend ab und verließ, ohne sich umzublicken, den Raum. Pythagoras aber, vor dem das Unbegreifliche sich zu stets undurchdringlicheren Wänden emporreckte, zweifelte nicht mehr, daß ein Geheimnis alles verband, das ihm vorläufig unzugänglich blieb. Und ein bitteres, wehes Gefühl legte sich auf den letzten Rest seiner Forscherfreude, da er sich kaum noch der furchtbaren Erkenntnis verschließen konnte, daß die unerbittliche Macht des Eros, spielerisch und hämisch, über den tiefen Ernst seines Erziehungswerkes triumphierte und selbst dort wahllose Begierden erregte, wo er heiligsten Eifer und unbedingte Hingabe an die wolkenhohen Ziele seines Geistes erhofft hatte. Was bedeutete schließlich der Abfall Kylons? Was war die Laune des Jünglings, selbst wenn man seiner Verantwortung keinen Glauben beimaß, im Vergleiche zu der Verirrung des Mädchens, der Schwester des Aristokles? Wem sollte er noch Vertrauen schenken, wenn die edle Tochter des Brontinos und der Deinonó das Gegirre und die Zügellosigkeit eines schwarzlockigen Jünglings höher hielt als das Wissen um die Urgötter? Und in namenlosem Schmerze wanderte der Philosoph durch die nächtlichen Haine, um das Gleichmaß seiner Seele wiederzugewinnen. Mehr als einmal aber trat in jener Nacht die Versuchung an ihn heran, wilde Anklagen gegen die Götter zu erheben, die all sein ausschließliches Streben mit Schmerz und Enttäuschung vergalten. Erst der grauende Morgen brachte neue Erkenntnisse, neue Stufen der Reife und des Allverständnisses zur Oberfläche des klaren Bewußtseins und glättete die dumpfen Wogen seines Gemütes zu herber, herbstlicher Stille. – * Ein sonderbarer Ausgleich des Schicksals wollte es, daß in der nächsten Zeit sich die frohen Ereignisse: Entdeckungen, Erfolge, der Zustrom von Schülern, die Beweise der Anhänglichkeit und der dankbaren Gesinnung sosehr verdichteten, daß sich der Philosoph mehr als einmal die mahnenden Worte Themistokleias in seine Erinnerung heraufrief und den Zustand einer gewissen sorglosen Heiterkeit wiedergewann. Schon nahte der bakchische Herbst. In all ihrer Grellheit leuchteten die blutroten Blätter des wilden Weines, und manchmal stand die zackige Linie der Gebirge, der Buchten und Landzungen in so klarer Schärfe und Reinheit vor dem Auge des Betrachtenden, daß er wähnte, mit wenigen Schritten die Landschaft der italiotischen Halbinsel durchqueren zu können. Dabei begannen die Hänge vom dionysischen Lärm der Weinlese zu widerhallen, und schwerbeladen brachten Packtiere und knarrende Karren die holde Last des bakchischen Segens heim. Und der Reichtum, der in die Hände des Weisen strömte, gab ihm die helle Zuversicht, noch größere, noch endgültigere Ziele verwirklichen zu können. An manchen Tagen träumte er sogar spielerisch davon, mit seinen Schülern ein eigenes Gemeinwesen zu gründen, das an Macht und Reinheit seinesgleichen nicht haben sollte unter den hellenischen Völkern. In diese Zeit, die nur der Zukunft gehörte und die Zwischenfälle der Vergangenheit fast vollends schon dem Vergessen überliefert hatte, ragte nun plötzlich wieder die düstere Mahnung dieser überwundenen Ereignisse herein. Aristokles war es, der zögernd und voll Angst Bote ward und den Philosophen bat, ihm Gehör zu schenken, als eben die Exoteriker den Lehrsaal für heute verlassen hatten. Pythagoras sah in der Miene des Jünglings sogleich das Vorzeichen nahenden Ungemachs. Trotzdem hoffte er, daß es sich nur um eine jener kleinen Störungen handle, die ein großer Kreis von Menschen naturgemäß mit sich bringt. Deshalb lag es ihm auch fern, an jene Vorfälle zu denken, die er für allemal als geregelt wähnte. Er war daher um so erstaunter, als ihm Aristokles gleich am Beginne des Gespräches, zu dem der Weise den Knaben in die abgelegenen Forschungsräume hinaufgeführt hatte, die Mitteilung machte, seine Sorge gelte neuerlich der Schwester. »Ich kann es nicht mehr leugnen«, sagte der Ephebe mit trauriger Stimme, »daß meine Schwester von einer dunklen, unfaßbaren Macht überkommen ist, die ich mir nicht zu deuten weiß. Deiner Erlaubnis gemäß, o Erhabener, pflege ich manchmal nach dem Unterrichte eine Weile mit ihr durch die Haine zu wandeln und über all das zu sprechen, was uns beide bewegt. Von Tag zu Tag aber wird nun ihr Sinn düsterer, ihr sonst so lichter Verstand beginnt sich zu trüben, und Verworrenheit, Unaufmerksamkeit, ja sogar rätselhafte plötzliche Flucht vor mir und meinen Fragen haben mich mehr als einmal erschreckt. Was nützt es, wenn ich sie mit meiner geringen Kenntnis des menschlichen Gemütes beobachte? Wie ein trennendes Meer liegt es oft zwischen uns und kein Drängen, keine Bitte öffnet die Pforte ihrer Geheimnisse. Andeutungen und unverständliche Worte, unbegründete Selbstanklagen und Tränen sind alles, was ich als Antwort erhalte; oder die ebenso nebelhafte Erwiderung, daß sie selbst den Zustand ihres Gemütes am wenigsten begreife. Dabei sind ihre Augen nicht mehr so hell wie früher. Wie Müdigkeit liegt es über ihrem Antlitze und ihrer Gestalt und die frische Farbe ihrer Wangen beginnt sich zu bleichen. Das aber alles, o Erhabener, hätte ich selbst zu heilen versucht, wenn nicht ein neues, weit merkwürdigeres Geschehen in mir den Verdacht des Zusammenhanges erweckt hätte; einer Verbindung, in die einzugreifen ich selbst weder die Macht noch die erforderliche Reife des Urteiles besitze. Ich erfuhr nämlich erst gestern, daß jener unheimliche Kylon – verzeih, daß ich ihn so nenne, aber ich kann mich dieses Eindruckes nicht erwehren – daß also jener Kylon mehr als einmal schon an Theanó Briefe gerichtet habe. Was mich aber vollends mit Entsetzen erfüllte, war, daß meine Schwester ihm auf diese Schreiben Antwort gab.« »Irrst du nicht?« unterbrach Pythagoras, der in höchster ansteigender Erregung den Worten gelauscht hatte, den Knaben. Doch dieser antwortete: »Es ist nicht möglich, daß ich irre, o Erhabener. Denn ich habe Theanó selbst gefragt. Und sie bejahte meine Frage mit einer Traurigkeit, die mir Tränen in die Augen trieb. Als ich aber weiter in sie drang, mir doch endlich alles anzuvertrauen, wurde sie trotzig und hart und sagte, daß ich all' das, was sie bekümmere, nie verstehen würde. Ich aber wurde von Kränkung übermannt und machte ihr sanfte Vorwürfe und ermahnte sie, von Taten abzustehen, die mit deinem Befehle nicht im Einklange wären. Da blickte sie mich starr an und erwiderte, daß sie ihre Handlungen nur vor sich und den Göttern zu verantworten habe. Das sei der wahre Sinn deiner Lehre, nicht aber ein blinder, urteilsloser Glaube an halbverstandene Befehle. Und sie kehrte mir den Rücken und sprach kein Wort mehr zu mir. Da kam die furchtbarste Unruhe über mich und ich beschloß nach stundenlangen inneren Kämpfen, dir alles zur Entscheidung vorzulegen. Und das auch ist der Grund meiner Worte, du mögest meine Schwester retten, die ich mehr liebe als mich selbst, die aber von düsteren Dämonen auf Irrwege gelockt zu werden scheint. Ich weiß, daß ich an Theanó und an dir frevelte, Erhabener. Was aber sollte ich tun, um dem Unheil zu steuern?« Und Aristokles blickte in namenloser Qual zu Boden. Pythagoras aber erwiderte leise: »Geh, Aristokles! Du handeltest recht, als du die falsche Scheu überwandest. Denn nur ich selbst kann hier rettend eingreifen. Sei wieder fröhlich, Ephebe! Wird doch alles bald gelöst und entwirrt sein. Du zeigtest dein Vertrauen, als du sprachst. Jetzt beweise mir größeres Zutrauen dadurch, daß du nicht weiter trüben Zweifeln nachhängst und gläubig von mir die richtige Entscheidung erwartest!« Als aber Aristokles schweigend den Raum verlassen hatte, verlor Pythagoras für wenige Herzschläge die Beherrschung seiner Gemütskräfte und ein trockenes Schluchzen durchkrampfte seine mächtige Brust. Denn klar und unerbittlich wußte er in diesem Augenblicke, daß er Theanó mit schicksalhafter Urgewalt liebte. Und daß er für den Zeitraum dieser Wiedergeburt ihr entsagen und verzichten mußte. Keine andre Deutung war nach den ahnungslosen und doch so beredten Worten des Epheben denkbar: Jugend hatte sich zu Jugend gefunden, und der ungebärdige Bildnergeist des schwarzlockigen Kylon hatte nach ewigen Gesetzen vom Gemüte des herrlichen Mädchens Besitz ergriffen! Jetzt mußte er hinunter in den Saal zu den Esoterikern. Aber sein Entschluß stand fest. Heute noch würde er mit Kylon sprechen und beide, wenn ihre Liebe stärker war als ihre Wißbegier, in allen Ehren aus der Schule entlassen. Als der Philosoph aber hinter dem schwarzen Vorhange inmitten seiner Esoteriker im Thronsessel lehnte, hatte sich ein harter, herber Zug in seinem Antlitze eingeprägt, den er vergebens unter dem gütigen Lächeln und dem sprühenden Feuer seiner Weisheit zu verbergen trachtete. * Greller Mondschein flutete in breiten Bändern in die Schlafsäle der Knaben. Unhörbar wie ein riesiger Schatten war Pythagoras in den Raum getreten, in dem Kylon ruhte. Und er vergaß des Zweckes, um den er gekommen war, als sein Auge über die holdem Knabengestalten glitt, die in göttlicher Leichtigkeit, rein und erfüllt von gläubigen Gedanken, träumten und der Größe des künftigen Schicksals verklärt entgegenlächelten. Er beugte sieh nieder und küßte den Jüngsten, der den Arm unter seinen Lockenkopf geschoben hatte, unendlich zart auf die Stirne. Dann suchte sein Blick den Kylon. Doch ein furchtbarer Schreck ließ ihn des charitischen Bildes vergessen: Schimmernd in silberner Weiße starrte ihm das linnene Lager leer entgegen. Was ging vor? War er geflohen? Oder hatte sich anderes zugetragen? Schlich der Ephebe durch die Nacht, um seiner Geliebten näher zu sein? Und tausend Gedanken überkreuzten einander im Gemüte des Weisen, bis er die Sinnlosigkeit bloßer Vermutungen einsah und sich entschloß, Gewißheit zu schaffen. Sanft und schonend erweckte er die Knaben, die zuerst nicht fassen konnten, warum man sie aus ihren unschuldigen Träumen riß, dann jedoch sich freudig um den Meister scharten, den sie endlich wieder so nahe vor sich sehen durften. Rührung überkam den Philosophen und die fragelose Liebe der Kinder träufte Linderung über sein Gemüt. Als er aber erfahren wollte, wohin sich Kylon begeben habe, war das Entsetzen allgemein und keiner konnte auch nur den leisesten Anhaltspunkt mitteilen. Wie stets sei er mit ihnen zur Ruhe gegangen, sagten sie, und habe sich auch am vorgeschriebenen Gesänge beteiligt. Dann, nachdem sie der Regel gemäß dreimal die Taten des Tages prüfend überlegt hätten, habe er noch einige Scherzworte zu ihnen gesprochen. Weiter wüßten sie nichts. Der Philosoph überlegte in großer Erregung kurze Zeit. Dann aber ließ er die Knaben einen furchtbaren Eid unverbrüchlicher Verschwiegenheit schwören und kehrte sich ab. Den Rest der Nacht jedoch verbrachte er in düsteren Gedanken, da das Rätsel Kylons immer verworrener, immer ungreifbarer vor ihm lag. Und große Enttäuschung war in seinem Gemüte, da er gehofft hatte, in nächtlichem Gespräche mit dem Jüngling alles einer harmonischen Lösung zuzuführen. * Nach einem Tage, dessen Licht die Augen des Philosophen schmerzte, stand er, gehüllt in einen dunklen Mantel, nahe dem Wege, den Kylon nehmen mußte, wenn er das Gebäude, in dem sich der Schlafsaal seiner Hetairie befand, verließ. Unwürdig schien es ihm und schmählich, hier dem Ahnungslosen aufzulauern. Doch was hätte eine Frage, eine Unterredung für Nutzen gebracht? Ausflüchte hätte er gehört oder Trotz und Abweisung. Vielleicht sprangen die Pforten dieser Jünglingsseele erst auf, wenn die große Erschütterung plötzlichen Ereignisses ihm die Möglichkeit vorbereitender Erwägung benahm. Wer wußte das Ende? Daß aber ein Abschluß aller Zweifel und Heimlichkeiten unerläßlich war, das war gewiß. So harrte der Philosoph, und die Nähe der Entscheidung hatte seinem Gemüte wieder die stolze Ruhe zurückgegeben, die ihn sicher und siegreich durch den Weltkreis geführt hatte. Lange Zeit wurde seine Geduld auf die Probe gestellt. Erst als die Gestirne schon fast Mitternacht anzeigten, löste sich ein geschmeidiger Schatten von der Wand des Gebäudes und schritt unhörbar und eilend in der Richtung davon, in der die Stadt Kroton lag. Pythagoras folgte in weiter Entfernung, doch verlor er ihn bald aus dem Gesichte und erst auf freiem Felde gelang es ihm wieder, die hurtige Gestalt zu erspähen. Viele Stadien lagen schon hinter ihnen und sie näherten sich bereits den Grenzen des Landgutes, als Kylon plötzlich vom Wege abbog und zu einem kleinen Hain strebte, der ein Heiligtum der Demeter verbarg. Einen Herzschlag lang durchzuckte den Weisen der Gedanke, Kylon sei vielleicht in jugendlicher Schwärmerei ausgezogen, um die herrlichen Bildsäulen, die dort standen, im Scheine des Mondlichtes zu betrachten. Und er wäre fast umgekehrt, um nicht durch eine solche Widerlegung seines Verdachtes beschämt und in neue Rätsel gezogen zu werden. Da aber tönte deutlich und unleugbar ein leiser Ruf durch die stille Nacht und eine andre, hellere Stimme antwortete. Wie ein gräßlicher Schlag traf dieses Einverständnis den Philosophen und er bebte trotz aller Beherrschung bei dem Gedanken, daß vielleicht in wenigen Augenblicken schon sich die Schwäche des Weibes Theanó vor ihm mitleidlos offenbaren würde. Nicht aus Zorn oder Eifersucht zitterte sein Leib. Weit darüber hinaus hatte ihn sein Entschluß gehoben. Nein, er wollte sie, die er höher gestellt hatte als die anderen Frauen, nicht erbärmlich, nicht schal und gewöhnlich befinden. Und er folgte schnell dem Schalle, da er die Frevelnden zur Rede stellen wollte, noch bevor ein Kosen sie blind und taub gemacht hätte. Schon sah er die beiden sich leuchtend vom Hintergrunde der dunklen Gebüsche abheben. Und er erblickte die hohe Gestalt des Mädchens. Da stieß er absichtlich mit dem Fuße hart gegen das Gerölle, damit sie sein Nahen bemerkten. Als aber Kylon in das helle Mondlicht hervortrat und auch das Mädchen folgte, erblickte er zu seinem Staunen fremde Züge. »Keinen Schritt weiter!« rief Kylon drohend. Doch er kehrte sich nicht daran, sondern donnerte dem Jünglinge, der ihn in geschmeidigem Satze ansprang, entgegen: »Was geht hier vor? Macht dein Frevelsinn nicht einmal vor der geweihten Stätte halt? Wer ist dieses Weib?« Da stockte der Jüngling mitten im Sprunge und furchtbares Entsetzen lähmte seine Glieder. Dann aber lachte er plötzlich heiser auf. »Du schlichst mir nach?« ächzte er. »Du, der Lehrer der Weisheit, stiehlst dich vermummt durch den Mondschein? Nein, Feigheit sollst du Kylon nicht nachsagen!« Und seine Stimme mäßigte sich zur Beherrschung. Er trat näher und setzte fort: »Verzeih den unziemlichen Ton meiner Erregung! Sieh, Pythagoras, ich weiß, daß ich das Spiel verlor. Ich weiß auch, daß ich dir ein Wort brach. Aber in meinem Gemüte liegen die Tugenden und Laster anders geschichtet als in deinem Herzen. Und deshalb werde ich nie einsehen, was es dem Weiterstreben meines Geistes anhaben soll, wenn ich, statt zu schlafen, den Wundern, den göttlichen Offenbarungen der Liebe und der Lust lausche. Kallopis ist dort, die du siehst. Eine der unseligen verstoßenen Nebenfrauen, deren Herz dein harter Sinn verwundete. Nimm es als Vorzeichen, Samier, daß die Kräfte, die du zerschmettert zu haben wähntest, stets wieder dir dort ihre Urgewalt weisen werden, wo du es am wenigsten erwartetest. Du streitest gegen das Lebendige. Das Lebendige aber ist stärker als du!« Pythagoras, den all das Unerwartete, die Sprunghaftigkeit im Gemüte des Kylon und die furchtbaren Worte des Jünglings, die aus dem Hades gleichsam zu schweben schienen, erschüttert hatten, war so lange stumm dagestanden, bis Kylon geendet hatte. Jetzt aber schäumte plötzlich heiligster Zorn und tiefste Verachtung in ihm empor und er rief mit steinerner Härte: »Dort führt der Weg nach Kroton, Frevler! Eile dem Leben zu, das du verstehst! Und führe auch jenes Weib mit dir, das sich nicht scheute, an heiliger Stätte mit unreifen Knaben zu buhlen! Geht!« Und er streckte fortweisend den Arm. Kylon zuckte zusammen, als ob ihn ein Peitschenhieb getroffen hätte. Plötzlich aber antwortete er mit einer sonderbar gepreßten Stimme, in der Lachen, Weinen; Drohung und Bedauern zugleich sich ballte: »Das hättest du nicht sagen sollen, Pythagoras! So hättest du nicht sprechen sollen! Gut, ich sündigte nach deiner Ansicht. Aber ist das genug, wie ein Hund fortgejagt zu werden? Nein, Pythagoras, du warst jetzt töricht und hart! Jetzt, in diesem Augenblicke hast du dich und dein Werk vernichtet. Es schmerzt mich, denn ich liebte dich. Ich liebte dich, Pythagoras, hörst du? Du aber verstehst den größeren Teil des Lebendigen nicht. Weisheit bist du ohne Blut und Fleisch! Ist das noch Weisheit? Deshalb auch müßt ihr, du und deine Anbeter, vernichtet werden. Denn eine Fessel seid ihr, Feinde des Lebens! Hörst du, ich liebte dich! Jetzt aber werde ich nicht ruhen, bis all das Schutt und Asche ist, was du bautest. Komm, Kallopis, noch ist er Herr dieses Grundstückes. Wir wollen gehen. Leb wohl, härtester aller Tyrannen, Feind des Volkes und der Freiheit!« Pythagoras aber, der für kurze Herzschläge das andere Ufer sah, auf dem der Geist Kylons stand, der zudem klar erkannte, daß es mit diesem Feinde keinen Frieden mehr geben würde, solange sie beide lebten, erwiderte kalt: »Ich verachte dich nicht, Kylon, ich hasse dich nicht! Doch so schnell, so sicher wird es sich nicht entscheiden lassen, wer von uns beiden unrecht hat. Wirf dich denn diesem Leben in die Arme, das als letzten Weisheitsgrund Blut, Mord und Vernichtung anruft. Ich kann dir nicht mit gleichen Waffen erwidern. Die Ewigkeit erst wird beweisen, wer von uns beiden das Richtige, wer die Wahrheit vertrat. Leb wohl! Ich fürchte dich nicht! Gedenke der Sybariten!« »Und du gedenke der athenischen Tyrannen!« rief Kylon noch aus, der mit Kallopis schon den Weg nach Kroton betreten hatte. Pythagoras aber schritt, ohne sich umzublicken, zum entweihten Heiligtume der Demeter und betete lange. Und unlösbare Widersprüche verstrickten sich in seinen Gedanken; bis die gräßliche Angst in ihm emporstieg, Theanó könnte die Beute der Urgewalt dieser typhonischen Seele geworden sein und Unwiederbringliches für eine Laune des gewissensfremden Jünglings hingeworfen haben. * Am frühen Morgen beschied Pythagoras alle Schüler und Schülerinnen in den großen Saal und verkündete ihnen in bewegten Worten, daß der erste ihrer Brüder abgefallen sei vom Wege zur Weisheit und die flüchtigen, unbeständigen Freuden des Lebens dem Ziele der Götternähe vorgezogen habe. Und er ermahnte sie, dem Beispiele Kylons nicht zu folgen, sondern eingedenk zu bleiben, daß ihnen ja allen nach den Jahren der Sühnung endgültigeres, fester begründetes Menschenglück winke. Zum Zeichen der Trauer aber solle heute jeder einsam bleiben und in dieser Einsamkeit die Festigkeit seiner Vorsätze prüfen und neue Entschlüsse fassen. Und der tiefsten Bedeutung des Menschenschicksals nachsinnen! Die Bewegung, die das unerwartete Ereignis erregte, war groß. Und mancher der Zuhörer zuckte bei dem Gedanken in schmerzlichem Schrecken zusammen, daß auch vielleicht einmal ihn das gräßliche Abschiedswort des Ausschlusses aus dem trauten Kreise der Gefährten, der jähe Zusammenbruch aller Hoffnungen auf Erreichung wolkentiefer Ziele treffen könnte. Der Philosoph selbst aber schritt allein und nachdenklich durch die bakchische Glut des herrlichen Morgens hinauf zu seiner Grotte. Noch hatte er nicht gewagt, den letzten verbergenden Schleier, der über dem Geheimnisse Kylons lag, zu heben. Denn die furchtbare Pflicht der Strafe, die an ihn herantreten würde, wenn er vom Frevel einer Jungfrau unabänderliche Kenntnis erhielt, stand jetzt schon als derart schwere Tat vor seinem inneren Gesichte, daß er zweifelte, ob nicht durch Ausführung der Verbannung der Rest seines Lebenswillens zerschellen würde. Er klagte sich hundertmal strafwürdiger Feigheit an, als er über das herbstliche Meer hinausblickte, das in dunkler, kalter Bläue gegen die Ufer heranrollte und Myriaden schneeiger Schaumkämme unter dem Drucke eines frischen Windes auf seinem Rücken trug. Dann aber wieder drängte sich eine leise, schüchterne Hoffnung an die Oberfläche seiner traurigen Gedanken, die ihn von der Unschuld der Theanó überzeugen wollte. Warum, so fragte es in ihm, hatte Kylon, wenn er schon den Mut zum Frevel fand, nicht Theanó in die Verschwiegenheit der Nacht hinausgelockt? War es überhaupt wahrscheinlich, daß der Jüngling, der für Kallopis alles wagte, der Tochter des Brontinos ernstlich nachgestellt hatte? Hatte er nicht vielmehr mit ihr nur albernen Scherz getrieben? Denn all das, was Kylon selbst einst zu seiner Rechtfertigung gesagt hatte, das Geständnis, daß ihn der Reiz Theanós überwältigt habe, konnte doch heute, nach seinem Abfalle und Wortbruche, nur mehr als Ausflucht und unverläßliches Gerede erscheinen! Die Angst des Philosophen aber ließ sich nicht beschwichtigen. Tausend Gegengründe bewiesen ihm mit zwingender Schärfe die Möglichkeit eines Frevels der Jungfrau, und ihr sonderbares Gehaben konnte jeden Verdacht nur verstärken. So sann der Philosoph, ohne Ruhe oder wirklichen Halt zu finden, in engen Kreisen vor sich hin und der pythische Spruch stand in all seiner Dunkelheit wieder und wieder vor seiner Einbildungskraft. Die Sonne hatte längst den Mittag überschritten und noch befand sich das Gemüt des Pythagoras am Ausgangspunkte seiner Gedankenpfade. Da starrte plötzlich sein Blut. Denn als er wieder einmal das Antlitz hob, kam langsam, wie nachtwandelnd, die hohe charitische Gestalt der Jungfrau auf ihn zu. Ihr Haupt war gesenkt, als sie über die Halden schritt und eine Müdigkeit sondergleichen beherrschte den Rhythmos ihres Ganges. Als sie aber nahe herangetreten war, enthüllte sich erst ganz die Veränderung, die all das Geheimnis ihren Zügen aufgeprägt hatte: Schmal und bleich waren die zarten, vollen Wangen geworden und die herrliche, sanftgebogene Nase sprang scharf zwischen den dunklen Augen hervor, die sich in tränenerfüllter Unbestimmtheit zu matter Glanzlosigkeit getrübt hatten. Und wirr ringelten sich unter dem weißen Bande einige schwarze Locken in die Stirne. Pythagoras hatte sich erhoben. Einen Herzschlag lang wollte ein Beben die Härte seines Willens zerknirschen. Dann aber drängte, wie stets in seinem bisherigen Leben, die Nähe der Entscheidung, das Schicksalhafte des Ereignisses, alle Schwäche in die dunklen Tiefen des Unbewußten zurück und nur Kummer, nur hilfsbereite Sorge klang in seiner Stimme leise mit, als er fragte: »Was trieb dich hieher, Theano? Kamst du, um mir vertrauensvoll all das zu sagen, was sichtbar die Freude aus deiner Seele bannte und nun schon beginnt, dein Antlitz zu verändern? Sprich, Theano! Nichts soll es auf dieser Welt geben, was von edlen Herzen nicht gelöst, nicht gesühnt oder geheilt werden könnte!« Theano aber sah starr auf. Mühsam schienen sich die Worte erst in ihrem Gemüte zu formen. Endlich aber hatte sie sich überwunden und erwiderte abgewandten Blickes: »Vielleicht gibt es solche Dinge, die auch edle Herzen unlösbar verstricken und zerschmettern können! Vielleicht stehen fluchbeladene Schicksale, Freveltaten längst entschwundener Geburten über uns! Was aber bis zum Letzten geschehen muß, was als einzige Hoffnung auf künftige Reinigung dem Verdammten bleibt, ist unerbittliche Gerechtigkeit. Du hast sie heute vollzogen, Erhabener, als du Kylon verbanntest. Ich selbst bin gekommen, dir zu sagen, daß ich Kylon folgen muß, da nicht geringerer Frevel mich unwürdig deiner Schule und deiner Nähe macht!« Sie schwieg und schien sich für das Letzte, das Schwerste zu sammeln. Pythagoras aber fühlte eine Welt, eine schönere, sonnigere, freiere Welt zerspellt und vernichtet entgleiten. Und kaum mehr mächtig seiner Gedanken, rief er entsetzt: »Du liebst also den Frevler, Unselige? Den Wankelmütigen, der heute schon dir jede Treue brach? Und bist das Opfer seiner unterweltlichen Verlockung geworden? Sprich, sage mir alles ...« »Nein, Pythagoras! Tausendmal nein!« fiel ihm Theanó ins Wort und fast ein Lächeln huschte verwehend über ihr Antlitz. Dann schüttelte sie das Haupt und setzte sinnend fort: »Das also glaubtest du? Deshalb fragtest du mich einst? Nein, Pythagoras! Weit schwerer, weit unsühnbarer ist mein Frevel! Höre mich und verstehe: Wie könnte ich diesen eitlen, albernen Jüngling, diesen unreinen Diener der Aphrodite, lieben, da du, du selbst, Erhabener, mir Tag und Nacht in all deiner jenseitigen Größe alle Sinne erfüllest!« Pythagoras aber faßte nicht den vollen Sinn ihrer Worte. Denn noch klangen die furchtbaren Erschütterungen zu übermächtig in ihm nach, die eben sein ganzes Denken durchtost hatten. So fragte er leise: »Ich verstehe dich nicht, Theanó! Was also ist dein unsühnbarer Frevel, da du Kylon nicht liebst? Warum batest du für den Jüngling? Warum empfingst du seine Briefe und erteiltest ihm Antwort?« Theanó lächelte schwach und erwiderte: »Jetzt begreife ich endlich deinen Verdacht, Erhabener! Nein, noch einmal wiederhole ich es und schwöre es dir feierlich: Nicht einen Herzschlag lang liebte ich den tollen Epheben! Schwesterliche Milde, Hilfsbereitschaft war es, die mir Törichten die Hoffnung lieh, den Strauchelnden durch Ermahnung und Zuspruch wieder zur Pflicht zurückleiten zu können. Das ist alles, was mich und Kylon betrifft, o Pythagoras! Nichts habe ich dir verschwiegen!« »Was aber ist dann dein Frevel? Was sündigtest du?« Und Pythagoras, den die Erlösung von seiner Angst noch nicht voll und ganz alle Ruhe zurückgegeben hatte, blickte sie fragend an. Theanó aber richtete sich plötzlich auf und sah ihm mutig und entschlossen ins Antlitz: »So sei es, da du mich nicht verstandest!« sagte sie mit dem Ausdruck unendlicher Würde. Dann setzte sie leiser fort: »Ich habe die Strafe ohnehin schon selbst vollzogen, indem ich dich bat, mich aus deinen reinen, herrlichen Gefilden auszustoßen. Du verbanntest Kylon, weil er sein Wort brach und die irdische Liebe der Weisheit vorzog. Was also gebührt mir anderes, mir, die ich in verstiegener, frevelhafter Weise meine Liebe dir zuwandte, dir, dem erhabenen Weisen?! Noch einmal sei es gesagt: Ich liebe dich, Pythagoras, liebe dich nicht wie die Schülerin den göttlichen Lehrer, nein, wie ein Weib den Mann! Und meine tollen, vermessenen Träume sind um dich, daß mein Leib zerbricht und meine Kraft entschwindet. Darum, o Erhabener, muß ich dich verlassen. Denn auch ich habe, gleich jenem Kylon, das Gelübde der Reinheit gebrochen! Leb wohl, Erhabener, und verachte nicht zu sehr das Weib, das zu schwach war, das Göttliche zu erringen!« Schon die letzten Worte hatte sie stockend und tränenumflort in unsagbarem Weh hinausgerufen. Als sie sich aber jetzt zum Gehen wenden wollte und ihr Blick den sonderbaren, überirdischen Schimmer wahrnahm, der auf dem Antlitze des Weisen lag und ihm plötzlich fast die Schönheit eines olympischen Jünglings lieh, zerbrach ihre Kraft und sie sank mit einem kurzen Wehelaut in sich zusammen und begann zu wanken. Ein mächtiger Arm leitete sie sorgend zur Marmorbank. Als sie aber endlich wieder klare Gedanken fassen konnte, hörte sie wie aus fernen Räumen die Stimme des Pythagoras: »Über das, was du Frevel nennst, o Theanó, kann ich nicht richten. Denn gleicher Sünde machte auch ich mich schuldig. Höre es, Jungfrau, die du reiner und edler bist als alle Frauen, die ich bisher traf. Auch ich liebe dich, liebte dich seit langem und durchlitt schreckliche Qualen, da ich fürchtete, daß Kylon von deinem Herzen Besitz ergriffen habe. Sosehr aber liebte ich dich, Theanó, daß ich dir entsagt hätte und entschlossen war, dir und Kylon den Weg zum lebendigen Glücke ohne Zögern freizugeben. Und diese Liebe ist es auch, die mich jetzt, heute dir sagen läßt, daß du nicht deine blühende Jugend dem alternden Manne zum Opfer bringen darfst. Widersprich mir nicht, Theanó! Nur Täuschung ist vielleicht, was du für Liebe hältst. Nur jugendliche Verehrung und Begeisterung für Ziele, die ich euch allen weise, hat vielleicht die Meinung in dir erweckt, daß die Liebe, die du für das Göttliche hegst, dem Menschen gilt. Nein, Theanó, ich kann das Opfer deiner Jugend nicht annehmen, darf nicht all das Herrliche begehren, das wieder nur dem Jünglinge vorbehalten sein soll! Und du, edle Jungfrau, wirst einst meiner Entsagung danken!« In Theanó aber war plötzlich eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ganz Stolz, ganz Kraft und heiliger Wille, sprang sie empor und stand mit flammendem Antlitze vor Pythagoras. Und sie rief mit voller Stimme: »Antworte mir, Pythagoras aus Samos! Antworte mir, die jetzt Anklage gegen dich erhebt! Welcher Gott lieh dir das Recht, ein Menschenleben zu zerschmettern, weil es deine starre Regel so heischt? Antworte mir, Pythagoras! Wenn du aber wähnst, daß ein dummes, unerfahrenes Mädchen, ein Mädchen, das seine Gefühle noch nicht deuten kann, vor dir steht, so sage ich dir, daß ich zwar all das Herrliche, dessen Verkünder du bist, wie keine zweite verstehen und heilig halten will. Was ich dir aber heute zu sagen hatte, galt nicht dem Weisen, es galt dem Manne! Schon einmal sagte ich es, aber noch einmal, noch klarer sei es ausgesprochen: Ich will dein Weib sein, Pythagoras, dein Weib mit all der Glut meines Gemütes und meines Leibes. Und will die Mutter deiner Kinder sein, Mann aus Samos!« Und sie warf sich vor dem Weisen auf die Kniee und bedeckte seine Hände mit wilden Küssen. Er aber hob sie zu sich empor und küßte sie leise und weihevoll auf die Stirne, als eben die Sonne rot in die bakchischen Fluten tauchte. Dann sagte er mit unendlich klarer, ruhiger Stimme: »Du wirst mir Schülerin und Weib sein, Theanó! Der heilige Spruch des pythischen Gottes ist erfüllt!« – * Als aber die beiden durch die Haine den Gebäuden zuschritten, wies sich ihnen ein sonderbares Bild: Ernst und feierlich umstanden die Knaben einen frisch aufgeworfenen Grabhügel und murmelten die vorgeschriebenen Totenklagen. Auf dem Steinblocke aber stand groß und schwer der Name Kylon eingemeißelt. Pythagoras, der nicht gleich verstand, was vorging, fragte leise den Aristokles, der sich umgewandt hatte. Dieser aber flüsterte: »Ob Kylon lebt oder nicht, werden wir niemals mehr erforschen. Für uns, für uns Pythagoreer, ist Kylon der Bruder, Kylon der Pythagoreer, am gestrigen Tage gestorben!« Pythagoras und Theanó aber knieten unter die Knaben nieder und beteten still für die Umkehr und Reinigung des Verstoßenen! XXXI Das heilige Pentagramm, das geheime Erkennungszeichen der Pythagoreer, stand in seiner mystischen Urgewalt über Hellas. Durch zwei Jahrzehnte schon entsandte die herrliche Schule ihre Jünglinge in alle Zonen, alle Städte, und aus dem trauten Kreise der Epheben war jenseits der Lehrzeit der mächtige Bund der Pythagoreer erwachsen. Sonderbar aber war es, daß dieses Aufschäumen hellenischen Geistes fast überall den hellsten Widerhall fand und daß fast zu gleicher Zeit sich allerorten in Hellas auch die Dichtung neu verjüngt erhob und zunehmende Höhen des Ausdruckes erklomm. Es war die Zeit, da Lasos, der Dithyrambendichter, seine ewigen Gesänge schuf und die lyrischen Strophen und Elegien des Simonides aus Keos von Mund zu Mund gingen. Kaum noch hatte der Künder gnomischer Weisheit, Theognis aus Megara, die Augen geschlossen, als schon Aischylos, der würdige Nachfolger des Thespis, Choirilos und Phrynichos, die tragische Muse zu nie dagewesener Abbildungskraft des Menschenschicksals erhob. Dazwischen aber irrte der hungernde, heimatlose Philosoph Xenophanes wie ein Schatten durch Eleia und Sikelien und schüttete die ätzende Schärfe seiner Spottverse dem glücklicheren Pythagoras entgegen. Noch drohte vom Osten die furchtbare persische Brandung. Jetzt aber war sie eben aus Indien zurückgeflutet, gegen das Dareios vor wenigen Jahren gezogen war. Kroton selbst, das sich durch die Größe seines Gebietes und die Zahl und den Reichtum der Bürger zur ersten Stadt der Hellenen emporgeschwungen hatte, wahrte wie stets seinen Ruhm, wenn es in die Siegestafeln der olympischen, nemeischen und isthmischen Spiele lange Reihen krotoniatischer Namen eingrub und aus seinen beiden Schulen die Ärzte und Philosophen über ganz Hellas hin entsandte. Seine Geschicke aber wurden fest und weise durch die große Hetairie gelenkt, die von den krotoniatischen Pythagoreern gegründet worden war und an Einfluß von Jonien bis Massalia nicht ihresgleichen hatte.– – – Für heute aber hatte der ehrwürdige Philosoph die Pythagoreer aus ganz Hellas zu sich entboten, um ihnen feierlich den leuchtenden Kulm und die Krönung seiner Mathesis zu offenbaren. Fast dem olympischen Feste glich diese panhellenische Vereinigung. Schon seit dem Morgengrauen drängte sich das reichlich beschenkte Volk in den Gassen, um der Aufzüge, die zur Agora hinschreiten würden, zu harren und dann nachströmend vielleicht noch einen Teil des großen, sorgsam gehüteten pythagoreischen Geheimnisses zu erhaschen. Plötzlich entstand unter der Menge, die sich an einer Stelle besonders dicht gestaut hatte, heftige Bewegung, da ein reichgekleideter Mann eben einer Sänfte entstiegen war und sich anschickte, zum Volke zu sprechen. »Einer der Pythagoreer! Seht nur, wie kostbar sein Gewand ist! Es erinnert fast an die sagenhafte Pracht des alkisthenischen Überwurfes!« flüsterte einer seinem Nachbarn zu. »Was fällt dir bei?« raunte ein andrer. »Hast du einen Pythagoreer je anders als in weißem Linnen gesehen? Wahrlich, das ist keiner von ihnen. Das ist doch Kylon, einer unserer reichsten Männer, der trotzdem stets der Freund des Demos war. Höre nur, was er zu sagen hat!« Und Kylon, der mit der Hand eine leidenschaftliche Geste gemacht hatte, begann auch schon zu sprechen. Leise waren seine Worte, fast allzu leise. Doch zitterte in seiner Stimme ein derart betörendes Gemisch von Wohlklang und Überzeugungskraft, daß es die Hörer sofort wie der Gesang der Sirenen umstrickte. »Eine Frage nur, Demos von Kroton«, sagte er, »nur eine kleine Frage will ich an euch richten. Ist heute ein Fest der wahren Götter? Ist eines der Kampfspiele, die von den Heroen eingesetzt wurden? Warum putztet ihr euch so heraus, ihr Männer des krotonischen Demos? Was hofft ihr zu gewinnen, zu sehen, zu erfahren?« Und er schwieg und begrüßte achtlos einen anderen vornehmen Mann, der wie zufällig auf ihn zukam. Über der Menge aber lag verlegenes Schweigern. Da wandte sich Kylon plötzlich wieder gegen die Beschämten. Wie aus einem Traum erwachend, sagte er lächelnd: »Dieser Hippasos hier, den ihr ja kennt, hat mir Unerfahrenen eben das Geheimnis verraten. Ihr harrt der Pythagoreer, der großen Verschwörung gegen Demokratie und Freiheit, die sich, zu Massen geballt, hier vorbeiwälzen soll. Gut, es wird manches zu sehen geben. Ich will es nicht leugnen. Aber erlaubt mir, daß ich euer Gedächtnis stärke und noch Neues hinzufüge. Ist es euch wirklich so erwünscht, daß ein Volk, das am Traeis-Flusse dreißig Myriaden Sybariten zerschmetterte, jetzt von dreihundert Jünglingen, von den Angehörigen jener fluchwürdigen Hetairie, bis zur Rechtlosigkeit, zur Sklaverei erniedrigt wird? Wäre euch Ärgeres geschehen, wenn damals die Sybariten gesiegt hätten?« »Übertreib nicht, Kylon, sie heilen die Kranken und unterstützen die Bedürftigen. Mir selbst haben sie einen Sohn gerettet!« widersprach ein älterer Handwerker. »Ganz verworfen ist doch auch ein Tyrann nicht! Darum handelt es sich hier nicht! Hat nicht selbst Peisistratos die Gesänge Homers aufzeichnen lassen? Hatte nicht auch unser elender Telys freigebige Tage?« erwiderte Kylon überlegen. Doch der Handwerker ließ nicht nach und murrte: »Damit wirst du dem Volke wenig nützen, wenn du seine Zufriedenheit zerstörst! Was soll geschehen? Ist nicht ihre Macht so groß, daß an Auflehnung nicht zu denken ist?« »So sprechen alle Versklavten!« fiel Kylon ein. »Du ahnst anscheinend nicht, wer eure Herrscher sind!« »Weise Männer und sittenreine Jünglinge!« erwiderte lachend eine Frau. Da machte Kylon eine übertrieben verzweifelte Geste und klagte: »Mir vertrauen sie nicht, da ich so kurz nur die düsteren Geheimnisse dieser Tyrannenschule erkunden konnte. Sag du es ihnen, Hippasos, der du drei Jahre später ausgestoßen wurdest, weil du es wagtest, deine Entdeckung des Ikosaeders, das in eine Kugel eingeschrieben ist, für dein Werk auszugeben. Und den Ruhm nicht dem eifersüchtigen Weisen überließest, der gewöhnt ist, mit den Taten seiner Schüler zu prahlen. Sag du es ihnen, dessen Grabhügel neben meinem liegt und täglich mit typhonischen Zauberformeln besprochen wird, um endlich das in Wahrheit zu verwandeln, was dort im Haine nur erst erwünschtes Sinnbild ist. Sprich weiter, Hippasos, meine Stimme versagt vor Schmerz über soviel Verblendung!« Einige begannen zu lachen. Andere jedoch, mehr von Neugier als von wirklicher Leidenschaft getrieben, riefen dem Hippasos zu, die Enthüllungen der dunklen Mysterien fortzusetzen. Dieser aber ließ sich kaum auffordern. Mit haßverzerrtem Antlitze und flackernden Augen preßte er hervor: »Wollt ihr wirklich etwas von der Geheimlehre hören? Ich zögere fast, da ich euch nicht die Schmach seiner Aussprüche antun will. Hofft ihr noch etwas von einem Manne, der gesagt hat, daß Genossen und Freunde den Göttern gleichzuhalten, die übrigen Menschen aber wie unvernünftige Tiere zu behandeln seien? Der in bitterem Hohne den göttlichen Homer nur deshalb lobt, weil er Vielherrschaft als verderblich bezeichnet und die Könige die Hirten der Völker nennt? Der zu diesem Ausspruche hinzufügt, eben dieser Vers beweise, daß man den Demos als Viehherde betrachten müsse? Habt ihr schon einmal gesehen, daß einer dieser Pythagoreer einem gewöhnlichen Manne, einem Nichtverschworenen, die Hand reicht? Unrein sind wir alle, unrein und befleckt, hat er gesagt, und könnten sie, die Geweihten, die Hohen, die Überirdischen, beschmutzen! Am lächerlichsten aber ist es wohl, daß er gegen die unschuldigen Bohnen kämpft und keinem seiner Halbgötter erlaubt, diese Frucht zu berühren. Wißt ihr, warum: Werkzeuge des Losens und Abstimmens sind die Bohnen in manchen hellenischen Städten! Und Pythagoreer dürfen nichts mit Abstimmung zu tun haben. Denn von Gott erwählte Herrscher sind sie, die sich um solch armselige Sitten, wie die Wahl der Tüchtigsten zu den öffentlichen Ämtern, nicht zu bekümmern brauchen. Der Gipfelpunkt seiner Weisheit aber war es wohl, als er einst in der Schule einem Exoteriker, der ihn um etwas fragte, mit wütender Stimme antwortete, ob er es wohl vielleicht wagen würde, den pythischen Gott um die Begründung eines Orakelspruches auszuforschen. Also göttlich ist er, ein wahrer Gott, gleichend an Würde dem delphischen Apollon! Mehr will ich nicht sagen. Das Furchtbarste werde ich euch mitteilen, wenn sein Übermut noch größer geworden ist. Denn mein Herz ist wahrlich nicht so hart wie das seine!« »Entstellt und erlogen ist da vieles! Wie wollen Leute Richter sein, die aus der Schule ausgestoßen wurden?« flüsterte der Handwerker seinen Nachbarn zu. Doch einige der Männer wiesen ihn zur Ruhe und einer sagte mit zorngerötetem Antlitze: »Wahr ist es, ihr Hochmut ist grenzenlos! Ist es nicht schimpflich, einem freien Manne die Rechte zu verweigern? Wäre in Athen eine solche Tat möglich? Hat man dort nicht Aristokraten um kleinerer Frevel willen verbannt?« Da mengte sich plötzlich ein greiser Fischer ins Gespräch, der bisher schweigend zugehört hatte. Und sagte im tiefgefühlten Tone ehrlichster Überzeugung: »Ich weiß nicht, Männer, worin die Größe seines Geistes zu suchen ist. Aber ein guter, ein edler Mann ist Pythagoras. Und darin kann mich auch die Rede dieser sybaritischen Aristokraten, die plötzlich dem Demos schmeicheln, nicht irre machen. Rachsüchtig sind sie, das ist alles. Sieht man nicht an ihnen selbst, daß ein Lehrer nicht für seine Schüler unbedingt verantwortlich ist? Er selbst ist gut, dessen bin ich gewiß, da ich einst seine Augen, seine Taten, seine Frömmigkeit sab, bevor er noch den Boden Krotons betreten hatte. Und wer war es, der als erster gegen die Auslieferung der sybaritischen Aristokraten sprach? Der den Gesandten trotzte und Kroton zum Siege antrieb? Antwortet mir darauf, ihr Volksbetörer! Antwortet, sonst kann euch keiner mehr vertrauen!« Kylon aber, der mit seinem feinen Volksgefühle merkte, daß am heutigen Tage die Schaulust sosehr überwog, daß man die Ursache des Schauspieles, den Mittelpunkt des Festes, um jeden Preis verherrlichen würde, hatte schon wieder seine Sänfte bestiegen, bevor noch ein ernster Widerstand gegen ihn laut wurde und sein Ansehen schwächte. Wußte er doch, daß zu anderen Zeiten die Menge schon eher seinen aufstachelnden Reden ihr Ohr leihen würde. Er gab deshalb auch dem Hippasos einen Wink und sie entfernten sich beide schweigend, während ein heftiges Murren hinter ihnen hertönte und in der Menge selbst erregte Wechselreden über die Glaubwürdigkeit des Gehörten geführt wurden. – – Plötzlich aber verstummte alles. Denn wie aus dem Unbestimmten geboren, erklang von ferne das hohe Klimpern vieltöniger Kitharen und der schwebende Ton gestrichener Saiten. Und ein voller, doch unsagbar sanfter und weicher Gesang schwoll auf, um dann wieder in die verwehenden Niederungen des kaum noch Hörbaren zu versinken. Und näher und immer näher kam die breite Woge der Hymnen, bis sie endlich vollbrausend die Straßen erfüllte. Ein wallendes Meer schneeig weißer Gewände ward sichtbar und rückte heran. Und der Widerstrahl der Sonne flirrte auf den leuchtenden Wölbungen spiegelnd glatten Metalls. Und alles Volk hielt den Atem an und reckte die Hälse, um besser zu sehen, wie der Zug vorbeischritt. Wo aber die Agora in fliesengetäfelter Weite dalag, in deren Mitte auf mächtigem Sockelbau ein Thron, geschmückt mit dem satten Grün von Palmzweigen, errichtet war und lange Seile den innersten Raum für die Pythagoreer freihielten, da stauten sich wahre Wände von Menschen. Denn von allen Seiten rückten die festlichen Aufzüge heran, um die tiefgründigen Worte ihres höchsten Lehrers und erhabenen Verkünders zu hören und zu unverlierbarem Besitze in das empfangsbereite Innere aufzunehmen. Jetzt, als schon abwechselnd, dann wieder in verschiedener Stärke zusammenfließend, auf allen Zufahrtstraßen die Gesänge und Saitenspiele greifbare Annäherung offenbarten, da schon die Spitzen der weißen Pythagoreerscharen auf die Agora in feierlich langsamem Rhythmos herauszutreten begannen und kein Auge mehr wußte, wohin es zuerst sich wenden sollte, stockte allen das Herz, deren Blick wieder über den Festplatz geglitten war. Denn unfaßbar hehr und überirdisch, gleich einem der ehrwürdigen Götter, ruhte plötzlich die erhabene Gestalt des Pythagoras, leicht vorgeneigt und wie lauschend, im Thronsessel und das schimmernd weiße Haar seines Hauptes strähnte sich über einem Antlitze, das jedem Betrachter heilige Schauer über die Glieder rieseln ließ. Neben dem Weisen aber, dem Philosophen, den Krotons Bürger seit zahllosen Jahren nicht mehr gesehen hatten; der nur noch den Ältesten in schattender Erinnerung vorgeschwebt war, stand, auf den Stufen des Sockels, aufrecht und leuchtend, die vollerblühte reife Schönheit der Theanó. Und ihr Kopf lehnte sich in höchster Würde dienend gegen die grünen Zweige des Thrones. Schon aber strömten von allen Seiten die mächtigen Aufzüge, denen die Weihegeschenke für die Heiligtümer Krotons vorangetragen wurden, in die Schranken des engeren Festplatzes. Herrliche Antlitze waren es, die da nahten. Und aus den stolz erhobenen Augen strahlte mehr als ein Funke des Göttlichen. Und es kamen die Pythagoreer Rhegions, die imstande gewesen waren, die Verfassung ihrer Stadt in noch nie dagewesener Reinheit und Gerechtigkeit zu ordnen. Und Symichos kam, umgeben von der mächtigen Schar der Kentorupiner, jener Symichos, der als unumschränkter Tyrann in seinem Gemeinwesen geherrscht hatte, durch die Weihe des samischen Weisen jedoch zu derart umwälzender Erkenntnis gelangt war, daß er es vorzog, seinen Mitbürgern wieder die Freiheit zu schenken und der Herrschaft zu entsagen. Kleinias von Tarent war unter ihnen, der die heilige Bruderpflicht der Pythagoreer durch die Tat bekräftigt hatte; der, als er hörte, daß Proros von Kyrene durch den Neid des Schicksals ins Elend geraten war, sich mit seinem Schiffe nach der fernen Stadt aufmachte und mehr als die Hälfte seines großen Vermögens hingab, um die Schulden seines Gefährten wieder zu ordnen. Thestor aus Poseidonia nahte mit den Zügen, der in ähnlicher Art dem Parier Thymarides beigesprungen war. Aber nicht nur die Urheber mächtiger Taten des Herzens waren unter ihnen. Zahlreiche Männer, die da kamen, hatten auch durch Werke des Verstandes und der Erleuchtung das Wissen ihrer Stadt und die Weisheit aller Hellenen gefördert. Mehr noch staunte aber das Volk, als die Aufzüge der Kinder anschritten, die von den Söhnen und Töchtern des Erhabenen selbst angeführt wurden. Und tiefe Rührung überkam alle, die die wunderbare Schönheit der Epheben Mnesarchos, Arimnestos und Telauges und den holden Liebreiz der Jungfrauen Myia, Arignote, Aisara und Damó erblickten. Und alles Volk jubelte, als die Kinder, ihre Ehrfurcht beweisend, als erste vor dem Throne niederknieten und die Rechte der Eltern küßten. Pythagoras aber hatte sich plötzlich erhoben und über die ungeheure Zahl seiner Schüler und Mitkämpfer geblickt. Als er sah, daß alle schon um ihn versammelt waren, alle, die er gerufen hatte, und die von den Küsten des Pontos bis nach Massalia und von Kyrene bis Thrakien ihre Heimat hatten, winkte er dem Sohne Telauges, der sich auf die ersten Stufen des Thrones stellte und mit heller, leicht bebender Knabenstimme, die Hände zum Gebete erhoben, die heiligen Verse in die lautlose Menge rief: »Gnad' uns, gepriesene Zahl, du Mutter der Götter und Menschen, Heilige Vierzahl du, o Urquell, enthaltend die Wurzel ewigen Werde-Stroms. Aufsteigend vom Grunde der Einheit, die verborgen und nicht noch vermischt im Allbeginn ruhte, leitest du, göttliche Vierzahl, zu allumgrenzender Fülle, hin zu der Schlüsselhalt'rin des Alls, zu der heiligen Zehnheit. Zahl jedoch ist Abbild und Gleichnis jeglichen Wesens!« Noch aber war die helle Stimme des Knaben nicht verklungen, als schon der mächtige Ton pythagoreischer Worte, der Worte des Weisen selbst, den weiten Platz durchhaute. Und es ertönte: »Zahl, o Menschen, ist Abbild und Gleichnis jeglichen Wesens! Gnädig sei uns, gepriesene Zahl! Denn was, o Menschen, könnte uns mehr beglücken als die Gnade der Zahlen, da doch diese das Wesen der Dinge enthalten und abbildend darstellen? Was aber würde uns, so träumte ich schon als Jüngling, der Erkenntnis aller Harmonie, all dieser Ordnung und hehren Maßbeziehung, nach der sich kein Mensch des Erdkreises leidenschaftlicher sehnt als der Hellene, näher führen, als eben die Durchdringung aller Verhältnisse, die sich von Zahl zu Zahl, von Größe zu Größe geheimnisvoll spinnen? So durchzuckte mich eine dunkle Ahnung werdender Erleuchtung, als ich auf dem weißen Plane des ägyptischen Memphis die Schnüre zur Tempelgründung spannte und den rechten Winkel schlug, indem ich das Dreieck der Seiten drei, vier und fünf bildete. So erfaßte mich weiters namenloser Schreck, als indische Weise zur Errichtung ihrer Altäre die Meßschnur legten und andere Zahlen zum rechten Winkel vermählten. Die Regel aber, der tiefste Grund, der diesem Werden, dieser Beziehung innewohnt, ist heute noch in seiner allgemeinen Gültigkeit, im Wesen seiner gesetzmäßigen Verknüpfung, allen Völkern der Erde unbekannt, ihr Menschen. Mir aber, mir, dem schwachen Sterblichen, dem, der es heute noch nicht wagt, sich mehr als einen begeisterten Sucher, einen Liebhaber der Weisheit zu nennen, haben die Götter es verliehen, den Urgrund dieser Beziehung zu erblicken, zu durchdringen und zu berechnen!« Pythagoras, den alle Schauer des Ewigen überkommen hatten, der klar und unerbittlich wußte, daß er heute, nur in diesem kurzen Augenblicke, auf dem höchsten schwindelnden Gipfel seines Daseins im Kreise dieser Wiedergeburt stehe, machte eine kleine Pause. Auf alle Hörer aber floß, gleich einem unsichtbaren Strome, die Urgewalt dieses göttlichen Ereignisses, und wie ein Meer von schimmernden Marmorbildern stand die unzählbare Menge festgewurzelt auf den Fliesen der Agora von Kroton. Pythagoras jedoch hob plötzlich wieder den Blick und kein noch so schwaches Zittern war in seiner Stimme, als er fortfuhr: »Wie ich zum endgültigen Ergebnisse gelangte, wie ich tastete, suchte, fand, verwarf, jubelte, zurücksank, verzweifelte; dann durch Götterhände gehoben, von Entdeckung zu Entdeckung raste, bis ich plötzlich das Ziel vor mir sah und es festhielt für alle Zeiten: wer könnte euch diesen verworrensten aller Wege schildern, ihr Hellenen! Laßt es euch genug sein, wenn ich euch die reife, leuchtende Frucht biete, ohne euch zu sagen, wie geheime Kräfte der Natur sie wachsen und schwellen ließen! Darum erschreckt auch nicht, wenn euch auf den ersten Anblick noch manches dunkel bleibt. Denn alles Neue ist unbestimmt, wie das jähe Licht, an das ein Auge sich noch nicht gewöhnt hat. Habt also Geduld, ihr Hellenen, denn aufsteigend von der Zahlenlehre muß ich euch den Weg der Erkenntnis führen, bis euch endlich der Gipfel klarsten Augenscheines belohnen soll. Hört also: Meine erste Aufgabe war es, zu jeder Zahl in der unbegrenzten Reihe aller Zahlen jene zwei anderen Größen zu finden, die mit der ersten ein rechtwinkeliges Dreieck ergäben. Denn nur so konnte ich hoffen, beliebig viele Zahl-Dreiheiten zu entdecken, die sich zur Darstellung des rechten Winkels eigneten. Die Aufgabe aber hat, wie ihr sehen werdet, zwei Lösungen. Eine für die geraden, eine für die ungeraden Zahlen. Ausgenommen von der Regel sind nur die Eins, die Zwei und die Vier. Will ich nämlich die zugehörige Zahl-Dreiheit einer Ungeraden finden, dann muß ich zuerst die Ungerade als die Größe der kleineren Kathete betrachten. Die größere Kathete erhalte ich, wenn ich diese erste Zahl mit sich selbst vervielfache, die Eins davon abziehe und den Rest durch zwei teile. Die Hypotenuse aber wird gewonnen, indem ich wieder die Quadratzahl der kleineren Kathete bilde, diesmal aber die Eins hinzufüge, bevor ich die Hälftenteilung vornehme. Versucht es selbst, ihr Hellenen! Zeigt sich nicht etwa zur kleinen Kathete sieben die größere mit vierundzwanzig und die Hypotenuse mit fünfundzwanzig zugeordnet? Noch könnt ihr ohne Augenschein nicht erproben, ob diese Dreiheit von Zahlen wirklich ein rechtwinkeliges Dreieck erzeuge. Geduldet euch! In kurzer Zeit werdet ihr auch diese Prüfung mit unfehlbarer Sicherheit ausüben können. Hört inzwischen die Regel für die geraden Zahlen: Hier teile ich die kleinere Kathete durch zwei. Dann ziehe ich, um die größere Kathete zu erzielen, von der Quadratzahl dieser Hälfte die Eins ab. Wenn du aber die Hypotenuse suchst, mußt du die erwähnte Hälfte mit sich selbst vervielfachen und die Eins hinzufügen. Die Zwölf etwa ergibt so, ihr Hellenen, als Geschwister die Zahlen von fünfunddreißig und sieben und dreißig! Verzeiht mir, ihr Menschen, daß ich euer Denken bisher mit solch schwerem Unterrichte quälte. Leuchtend klar dagegen wird euch das folgende sein, da ihr kaum die Augen zu schließen braucht, um das nachzuzeichnen, was ich mit Worten jetzt euch vorzeichnen will. Ich sagte schon, daß ihr noch nicht erproben könntet, ob eine dieser unsagbar vielen Dreiheiten von Zahlen das Maß dreier Seiten eines rechtwinkeligen Dreiecks wäre. Denn noch mußtet ihr mir glauben. Jetzt aber will ich euch den tiefsten Kern meiner Entdeckung, die eigentliche Beziehung der drei Seiten, enthüllen. Wißt denn, daß diese drei Zahlen stets in dem Verhältnisse zueinander stehen müssen, daß die Quadratzahlen der beiden kleineren zusammen die Quadratzahl der dritten ergeben. Seht, in den Beispielen: Neunundvierzig und fünfhundertsechsundsiebzig macht sechshundertfünfundzwanzig, und einhundertvierundvierzig vermehrt um tausendzweihundertfünfundzwanzig läßt die Summe tausenddreihundertneunundsechzig entstehen. Was sagt aber dieses Verhältnis der Viereckzahlen? Und jetzt spreche ich zu eurem Auge. Es bedeutet nichts anderes, als daß die Quadrate, die ihr über den Katheten errichtet, in ihrer Summe gleich sind dem Quadrate über der Hypotenuse!« Wieder machte der Philosoph eine kleine Pause. Dann aber setzte er in ansteigendem Feuer die Rede fort: »Noch könnte einer die Allgemeinheit der Regel für solche Dreiecke bezweifeln, deren Katheten gleiche Größe aufweisen. Denn daß für die Erzeugung solcher Zahl-Dreiheiten meine ersten Gesetze nicht anwendbar sind, liegt auf der Hand. Ebenso offenbar und unleugbar ist es, daß solche Dreiecke möglich und wirklich sind. Stimmt also der letzte Satz von der Quadratensumme über den Katheten, die gleich sein soll dem Hypotenusenquadrate, auch hier? Wäre nicht im anderen Falle das ganze stolze Gebäude meines Denkens eingestürzt und erwiesen, daß die entdeckte Beziehung nicht ein allgemeines Kennzeichen des rechtwinkeligen Trigons überhaupt sei? Ja, ihr Hellenen, auch hier stimmt meine Regel! Aber sonderbar! Zu neuen Entdeckungen führte mich der Fall. Denn ihr könnt die Sache versuchen und deuten wie ihr wollt, stets ergibt bei solchen gleichschenkelig-rechtwinkeligen Dreiecken die Länge der Hypotenuse ein Alogon, eine unaussprechliche Zahl, wenn die Katheten ausdrucksmögliche Größe hatten. Das aber, ihr Hellenen, ist das geheime Sinnbild des Lebendigen. Denn wie die Regel hier ohne Zweifel vorhanden ist und lückenlos Anwendung leidet, gleichwohl sich aber auch der feinsten Messung entzieht, so unterliegen auch die Ur-Erscheinungen des Lebens strengen Gesetzen, die kein sterblicher Mund, bis zum letzten angemessen, offenbaren kann. Ein Alogon ist das Leben, nicht ein Regelfremdes, nein, ein durch keine Regel Ausschöpfbares! Wie nun, so werdet ihr mich fragen, ihr Hellenen, kannst du behaupten, daß dein Lehrsatz für das Alogon gilt, wenn jede Messung versagt? Ihr fragt mit Recht, ihr Menschen! Ihr vergaßt nur, daß nicht bloß der wägende Verstand ein Mittel des Erkennens ist, nein, auch das sehende, lichte Auge. Und dieses gibt uns den Beweis in strahlender Klarheit: Stellt euch ein beliebiges Quadrat aus meßbaren Seiten vor, ihr Hellenen! Teilt hier nicht die Diagonale das Viereck in zwei gieichschenkelig-rechtwinkelige Dreiecke? Errichtet nun über dieser Diagonale ein neues Quadrat! Augenscheinlich ist es schon jetzt, daß dieses das Tetragon über der gemeinsamen Hypotenuse der zwei Dreiecke ist. Wenn ihr nun aber das neue Quadrat wieder durch beide Diagonalen zerlegt, dann ist kein Zweifel mehr an meinem Theorem. Denn gleich ist das Hypotenusenquadrat dem vierfachen Dreiecke, während jedes der Kathetenvierecke dem verdoppelten gleichschenkeligen Trigone entspricht. Ihr seht es jetzt vor euch, ihr Hellenen?! Oder wähnt ihr noch, daß Täuschung möglich sei? Nein, ihr Menschen, nein und dreimal nein! Fest gegründet steht dieses Verhältnis in all seiner Allgemeinheit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Überkommt es euch nicht alle wie ein Schauer des Göttlichen? Noch aber ahnt ihr nur einen kleinen Teil dessen, was aus der Entdeckung mit zwingender Kraft folgt. Unerhörte Ausblicke für die Lehre von den Größen und Zahlen eröffnen sich dem geschärfteren Auge, Ausblicke, die heute selbst für mich noch nicht annähernd zutage liegen. Ist doch – nur ein Beispiel! – das uralte Problem von der zeichnerischen Verdoppelung der Quadratfläche einfach und zwingend durch meinen Satz gelöst: Denn das Viereck über der Diagonale ist selbst das doppelte ursprüngliche Tetragon. Die Frage aber nach der Länge der Diagonale bei aussprechbaren Quadratseiten ist dadurch als alogisch, als unlösbar in ganzen Zahlen, erwiesen. Noch mehr aber wird der Lehrsatz zur Ausmessung der Oberfläche und des Raumgehaltes der kosmischen Körper, der regelmäßigen Vielflächner, des Pentagons und Hexagons und der Pyramide leisten. Und er wird zum guten Ende – da ja die Menschen nun einmal stets nach dem äußeren Vorteile fragten, fragen und fragen werden – er wird, sage ich, es ermöglichen, daß die Baukunst leichtere und einfachere Wege zur Ermittlung ihrer Winkel und Kanten, Räume und Flächeneinteilungen einschlägt. Das aber, ihr Hellenen, wollte ich zum gemeinsamen Wohle aller Hellenen sagen, das wollte ich als unverlierbares Gut allen Hellenen anvertrauen! Denn nicht mein Fleiß, nicht mein Verstand wären allein fähig gewesen, auch nur die Frage, das Problem zu stellen, wenn nicht hellenischer Geist, hellenische Harmonie mich dazu getrieben und die großen, die einzig wahren hellenischen Urgötter, deren Wesen so unerforschlioh ist wie das letzte Geheimnis der Zahlen, mich mit der leuchtenden Entdeckung begnadet hätten. Darum auch, ihr Hellenen, laßt uns jetzt, bevor ich in die Abgeschlossenheit meiner Schule zurückkehre, hier, auf dieser herrlichen Agora meiner zweiten, meiner endgültigen Heimatstadt, noch einmal die heilige Anrufung zu ihrem lichten Throne senden; und sie bitten, daß nur ein bescheidener Anfang mein Wissen sein möge gegen das, was Hellas, unvergleichlich unter den Völkern, noch hervorbringen wird an Großtaten des Geistes, des Herzens, der harmonischen Kraft. Und ruft es jetzt an. das Wesen dieser Harmonie, wie es Telauges, bevor ich begann, getan hat, um die Macht meiner Rede zu stärken. Und ruft alle mit mir die heiligen orphischen Urworte: Gnad' uns, gepriesene Zahl, du Mutter der Götter und Menschen, Heilige Vierzahl, du, o Urquell, enthaltend die Wurzel ewigen Werde-Stroms. Aufsteigend vom Grunde der Einheit, die verborgen und nicht noch vermischt im Allbeginn ruhte, leitest du, göttliche Vierzahl, zu allumgrenzender Fülle, hin zu der Schlüsselhalt'rin des Alls, zu der heiligen Zehnheit. Zahl jedoch ist Abbild und Gleichnis jeglichen Wesens!« Während aber der unübersehbare Zug der Pythagoreer zu den Tempeln wogte, während Pythagoras selbst, in hoher Sänfte thronend, dem Zuge vorangetragen wurde, fiel sein göttlicher Blick auf den Sonnendiskos, der seine Bahn fast vollendet hatte. Und eine längst verwehte, ferne Stimme sagte leise in seinem tiefsten Gemüte: »Der große R\ā senkt sich auf die westlichen Berge und tritt ins Reich der Toten!« Und der Philosoph wußte mit unentrinnbarer Klarheit und Schärfe, daß auch er heute die letzten und herrlichsten Strahlen seines Geistes über die Gefilde der Lebendigen gegossen hatte. XXXII Wenige Monde später erhob sich auf der Stelle, von der Pythagoras den Gipfelsatz seiner Mathesis verkündet hatte, ein mächtiger Würfel aus weißem Marmor. Die Oberfläche dieses Kybos aber überhöhten zehn kleine Säulentrommeln, die, ein Sinnbild der heiligen Zehnheit, sich aufsteigend von der Vierzahl in der Form eines Dreieckes bis zur Einheit verjüngten: So zwar, daß die unterste Reihe, die auf dem Würfel aufsaß, aus vier Kylindren gebildet war, deren Zwischenräume von den dreien der nächsthöheren Reihe überbrückt wurden; über deren Zwischenräumen aber standen noch zwei, und als Spitze über dieser Zweibeit der letzte Säulenstutzen: so, daß jedes Auge sehen konnte, wie aus der Vermählung der vier ersten Zahlen die heilige Zehnheit entstände, und wie Einheit und Vierfaltigkeit hiebei Scheitel und Basis darstellten. Ein Weihegeschenk war dieser Stein, das der große Bund der Pythagoreer zur unvergänglichen Erinnerung an die ewige Geistestat des Meisters gestiftet hatte. Noch einen Zweck aber sollte der Würfel erfüllen: Ein mächtiges Bollwerk würde er bilden wider all die Verleumdungen, die gegen den erhabenen Philosophen und gegen seine Lehre ausgestreut wurden. Deshalb auch hatte man mit seiner Erlaubnis ein kleines Stück des Geheimnisses gelüftet und mit goldenen Buchstaben in die vier senkrechten Flächen des Kybos das herrliche Gebet eingemeißelt, das alle die Tausende von Pythagoreern täglich beteten und das als unverrückbare Richtschnur ihr Handeln bestimmte. Das Volk Krotons, alle Hellenen, sollten stehen und prüfen, ob auch nur ein Wort Kylonischer Verleumdung auf festem Wahrheitsgrunde ruhte. Das goldene Epos aber, das dort, weithinstrahlend, auf der Agora von Kroton schimmerte, sprach in folgenden Worten zu den Herzen der Hellenen: »Ehre die Götter zuerst, dich beugend vor ewiger Satzung! Halt auch heilig den Eid und alle die hehren Heroen. Ehre dann die Daimonen des unterweltlichen Reiches und vergiß nicht der Eltern und derer, die nah dir verwandt sind. Aus den anderen wähle zum Freund, wer durch Tugend hervorragt. Laß dich rühren durch sanfte Worte und hilfreiche Taten. Grolle nicht rasch dem Freund, der kleine Schuld nur auf sich lud. Sieh ihm die Fehler nach; denn die Kraft wohnt ja nahe dem Zwange. Das nun befolge genau! Es werde dir aber Gewohnheit, stets zu meistern den Bauch, die Wollust, den Schlaf und den Jähzorn. Schmähliches Werk sollst du weder jemals mit andern verüben, noch auch allein; denn es ziemt dir am meisten Scham vor dir selber. Dann beherzige stets das Gerechtsein in Taten und Worten, nichts möge je dich bestimmen, die wuchernde Torheit zu dulden, wirst du doch bald erkennen, daß nur der Tod uns gewiß ist, und daß die irdischen Schätze, kaum noch errafft, schon zerrinnen. Was aber widrige Mächte den Menschen an Ungemach bringen, was du selbst auch erlost, das trage in trotzfremdem Gleichmut. Heilen sollst du es wohl, wo nur immer du kannst; doch bedenke, daß nicht allzuviel Leid das Schicksal dem Guten zuteilt. Viel Gerede wird dich umschwirren, hassend und liebreich: Du erschrick darum nicht, noch lasse dich gar vielleicht hemmen! Würdest du aber verleumdet, dann lächle, verzeihend, in Sanftmut. Jetzt aber künd' ich dir mehr noch, damit du ganz dich vollendest: Biete Trotz der Verführung, der Lockung durch Worte und Taten, etwas zu sagen, zu tun, das du selbst nicht als Besseres billigst. Wäge zuerst und dann handle, auf daß nicht Torheit erwachse, daß du auch sonder Reue verflossenen Werks dich erfreun darfst; wird doch ein Taugenichts nur das Sinnlose tun oder sagen. Was du nicht voll verstehst, laß unbegonnen und lerne, bis du den Mangel besiegtest und leicht dir dadurch dann die Tat wird. Frevelhaft ist es, das Göttergeschenk der Gesundheit zu stören, maßlos wütend in Speise und Trank und gymnastischen Werken. Maß aber sei das genannt, was nie dich erschöpft, nie dich aufpeitscht! Reinlich halte den Körper, doch nie verwöhnt und verweichlicht. Hüte dich stets auch davor, durch Prunk nur Neid zu erregen. Trage einfache Tracht; an Schönheit soll nicht es ihr fehlen. Meide zudem noch den Geiz; denn das Maß ist in allem das Beste. Schade nicht leichthin dir selbst und wäg', wie gesagt, vor den Taten. Nie aber soll sich der Schlaf auf die müden Augen dir senken, ehe du dreimal die Werke des Tages durchmusternd erwogest. Was ward versäumt? Was getan? Welche heilige Pflicht nicht vollendet? So, vom ersten beginnend, geh alles durch, und wofern du Schlechtes verübt, so erschrick! Das Gute jedoch sei dir Freude! Scheue nicht Mühen für dieses Gute und liebe es sorgend, denn es bringt dich ja stets auf die Fährte der göttlichen Tugend. Zugeschworen sei das bei dem, der die Vierheit uns eingab, jenes ewigen Werde-Stroms Quelle! Ans Werk denn begeistert! Flehe um gutes Ende die Götter! Doch hast du erlangt dies, wirst du plötzlich erkennen der Götter und Menschen Verbindung, die ja alles durchdringt und allem mit Urmacht gebietet. Klar wird dir sein der geregelte Gleichklang des strömenden Werdens, der vor vergeblicher Hoffnung dich schützt und versteckten Gefahren. Sehen wirst du, wie Menschen durch Selbstschuld das Leiden sich schaffen, und so nah sie dem Guten auch sind, in verderblicher Blindheit, tauben Ohrs, die Erlösung vom Übel nur selten erkennen. So sehr verblendet den leichten Sinn ihnen Torheit. Von Wirbeln werden sie fortgerissen ins Grenzenlose des Unheils Unsichtbar blieb ihnen ja das Verderben des schrecklichen Zwiespalts, der sie begleitet und den sie locken, anstatt ihn zu fliehen. Vater Zeus, o wie vielfachem Weh enthübest du alle, wenn du nur jedem zeigtest, welch furchtbarer Daimon ihm nachfolgt. Doch sei getrost! Denn der reine Mensch ist ja göttlichen Stammes und sein heiliges Wesen wird selbst ihn jegliches lehren. Hast du an solchem Teil, dann wirst du siegreich bestehen, und wirst heilend die Seele aus allen Übeln erretten! Meide die Anfänge nur, die ich wies; und durch Sühnung gereinigt, prüfe den Geist, die Fessel ihm lösend. Und endlich dann kröne all dein Werk und setze Vernunft als obersten Lenker des Handelns. Wenn du, verlassend den Leib dann, zum freien Äther emporsteigst, wirst unsterblich du sein, ein seliger Gott und kein Mensch mehr!« XXXIII Das schwelende Lodern zweier wallender Fackeln schnitt eine kleine grellrote Kuppel in das undurchdringliche Dunkel der tiefen Nacht. Glasig überhuschte es Bruchstücke von Zweigen, von Blättern und Stämmen und arbeitete sich in breiten leuchtenden Streifen die wuchtigen Mauern empor, deren äußerste Umrisse drohend ins Nichts verschwammen. Die Antlitze der Männer aber, die die Fackeln hielten, zeigten scharfe Schatten und ließen dadurch das Düstere ihres Ausdruckes noch stärker hervortreten. Flüsternd unterhielten sie sich mit der kleinen Schar, deren weiße Gewande, kühn gerafft, die edle Haltung all derer hervorhoben, die, beratend und zögernd, vor der Schule des großen Lehrers warteten. »Wir werden anpochen müssen! Der Erhabene muß alles erfahren!« sagte Aristokles und senkte die Fackel, um die Eingangspforte zu suchen. »Wenn wir nur – ich wage es kaum auszusprechen – den Hort aller Weisheit noch im Kreise dieser Wiedergeburt antreffen!« setzte Menon, der Gatte der Thyia, fort und wie ein Beben zuckte es um seine Lippen. »Stand es so schlimm?« Kaum hauchte Aristokles die Frage. Menon nickte nur stumm. Als aber der Knabe Lysis plötzlich aufschluchzte, wandte er sich herum und sagte weich: »Weine nicht, Ephebe! Auch über den Heiligsten gewinnt die Ur-Macht der Zeit einmal die Oberhand. Weiterleben wird er in mir und dir und all den andern, die das Glück genossen, seines Anblickes und seiner Rede teilhaftig zu werden!« Doch auch die letzten Worte Menons verklangen in einem gewaltsam verhaltenen Schluchzen. Da gähnte, wie von unsichtbaren Gewalten geöffnet, das Tor des Gebäudes in schwarzer Unergründlichkeit. Leuchtend aber standen, vom Scheine der Fackeln getroffen, zwei hehre Gestalten im Rahmen der Dunkelheit. »Theanó! Telauges!« flüsterte Aristokles, der sie zuerst wahrgenommen hatte, den anderen zu. Doch es war nicht mehr nötig. Denn Theanó selbst trat noch einen Schritt vor und fragte: »Was bedeutet euer spätes Kommen, ihr Freunde? Hat euch die Sorge um ihn aus der Stadt herausgetrieben? Oder habt ihr etwas zu künden? Eure Mienen verheißen nichts Erfreuliches!« Menon erwiderte rasch: »Mutter meines Weibes, die du stärker und weiser bist als viele Männer, höre: Du errietest, was uns hieher trieb. Beides ward uns Grund und Anlaß. Zuerst aber sage uns, wie der Erhabene sich befindet!« »Sein Geist und sein Wille sind ungetrübt. Auch der Körper hat sich nach längerem Schlafe wieder zu neuer Kraft erhoben. Jetzt, in diesem Augenblicke, lehnt der Philosoph allein auf dem Throne des esoterischen Gelasses und sinnt leuchtenden Auges vor sich hin. Herrliche Gesichte scheinen ihn zu umschweben! – Was aber ist das andre, das ihr zu künden habt?« Und Theanó senkte das edle Haupt und blickte auf den Mantel, der in weichen Falten ihre hohe Gestalt umschloß. »Kylonischer Haß, o Schwester, war stärker als die goldenen Sprüche!« antwortete Aristokles leise und betont. »Wie auch sollte es anders sein, da Athen und der glorreiche Sieg von Marathon, von Salamis, von Mykale in aller Mund und Sinne ist? Wo die Redner der Demokratie, vergessend und verschweigend, daß auch wir zu siegen verstanden, jede Großtat mit der Staatsform in Verbindung setzen und dem Demos einreden, nur Volksherrschaft sei Bollwerk und Schutz gegen Etrusker und Karthager. Wir versuchten Widerspruch und wiesen auf die Thermopylen. Man erwiderte uns, eben die Thermopylen seien der beste Beweis für das Gegenteil unserer Gründe. Denn die aristokratisch geführten Scharen seien ja vernichtet worden, Athen aber habe gesiegt. Athen! Athen! Athen! schwirrt es überall auf, und Miltiades und Themistokles, Kimon und Aristeides werden angerufen, als seien sie unsterbliche Götter. Milons aber hat das wankelmütige Volk fast schon vergessen. Und sie planen Furchtbares! Keiner von uns weiß, ob die große Hetairie morgen in der Ratsversammlung bestehen wird. Alle Schuld haben in ihren Augen wir Pythagoreer! An allem und jedem! Selbst der Großteil unsrer Aristokraten liebäugelt mit dem Demos. Was aber sollen wir tun, Theanó? Was vorkehren, da wir das Gefühl haben, nicht einmal den erhabenen Weisen schützen zu können, wenn die Wut des Volkes ausbricht? Sind unsrer doch zu wenige!« Theanó aber lächelte. Lächelte in stolzer Milde und Festigkeit. Und sagte: »Dank euch, ihr Freunde, daß ihr Treue hieltet. Er aber, dem ihr dies künden wolltet, weiß schon alles, was sich vorbereitet. Und er befahl mir, euch zu ihm zu führen. Denn ein letztes Mal will er zu euch sprechen, bevor uns alle die nahende Flucht in die Ferne zerstreut. So hat er selbst es gesagt!« »Autós épha! Er selbst hat es gesagt!« murmelten die Pythagoreer gläubig. Dann aber flüsterte Aristokles: »Führe uns zu ihm. Wir sehnen uns nach dem Anblicke des Erhabenen!« »Kommt!« Und Theanó kehrte sich um, während Telauges den Gefährten ernsten Antlitzes die Hand reichte. * Als sie aber schweigend und leise den trauten Raum betraten, der Ziel, Sehnsucht und Fülle ihrer Jugend gewesen war, schimmerte ihnen ein Bild derart herrlicher Größe entgegen, daß sie geblendet stockten: Hoch erhobenen Hauptes, verklärten, fast jenseitigen Auges, saß der Erhabene in seinem Thronsessel, dessen Rücken und Lehnen ein edelsteinbestickter, hieroglyphischer Überwurf deckte. Über dem Throne stand, groß und allmächtig, das heilige Pentagramm, das dem Marmor vor der Wand in gleißendem Golde entragte. Noch höher jedoch, halb eingelassen in die Täfelung, wölbten sich die Säulentrommeln des Dreieckes, das Sinnbild war der unergründlichen Zehnzahl. Pythagoras aber, der die Eintretenden nicht wahrgenommen zu haben schien und entrückt ins Ewige blickte, sagte plötzlich hell und stark: »Auch du, Knabe Lysis, der du noch außerhalb des Vorhanges zu weilen hättest, komm herein! Denn Großes wird dir die Zukunft bringen. Und würdig bist du heute schon, die geweihte Stätte zu betreten. Sollst du sie doch noch sehen und dieses Ziel erreichen. Morgen würde es zu spät sein!« Als aber Lysis, erschüttert und beglückt, im Raume stand, als noch die anderen fassungslos grübelten, die sich das Wunder nicht deuten konnten, daß der Erhabene mit dem Blicke Wände durchdrang und doch wieder ins Leere zu schauen schien, erhob sich von neuem diese klare und volle, diese göttliche Stimme. Und nur leise Wehmut, Wehmut, über der gleichwohl olympische Heiterkeit spielte, klang mitschwingend durch die Worte: »Lausche in Ehrfurcht auf, du junges Volk, denn ich will jetzt nur zu Geweihten reden. Profanen schließet die Türen, allen und jedem! Du Sprosse des leuchtenden Monds und der Musen, reine Wahrheit will ich dir schenken, auf daß nicht des Busens vordem gehegter Wahn dein liebes Leben verblende. Trachte vielmehr, den Sinn des göttlichen Worts zu erfassen. Laß es durchdringen Herz und Verstand. Und wandle geborgen diesen Pfad, nur allein den Herrscher des Weltalls vor Augen!« Die Pythagoreer aber durchzuckte es wie ein göttlicher Strahl. Und hochatmend hob sich ihre Brust, und die Gedanken flogen zurück in die Erinnerung. Bis dorthin, wo der leuchtendste Kulm ihres bisherigen Lebens ragte: Denn es waren die Worte der Einweihung, die heiligen orphischen Worte, die nur einmal an ihr Ohr gedrungen waren, als Fleiß und Wille, Reinheit und Sühnung ihnen die Pforte zur esoterischen Weisheit geöffnet hatte. Aristokles aber, den die Schauer der Begeisterung übermannten, trat vor und kniete vor dem Weisen nieder, erhob seine Hände zum Gebete und setzte fort: »Einer nur ward aus sich selbst und gebar dann das All als den Sprößling. Einverleibt wirkt er selbst im Kosmos, kein Sterblicher sieht ihn, doch er, der Eine, erblickt mit Ur-Macht die Sterblichen alle. Er ist's, der den Menschen das Gute und Widrige zuteilt, und den Schauder des Kriegs und die anderen schrecklichen Leiden. Und kein andrer ist außer ihm selbst, dem einzigen Herrscher. Doch ihn kann ich nicht schaun, denn er stützt sich rings auf die Wolken; und wir Sterbliche haben doch stets nur sterbliche Augen, viel zu schwach, hinan zu dem Allesbeschirmer zu reichen. Auf die eherne Wölbung des Himmels hat er errichtet seinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Füßen, und bis fern zu des Okeans Grenzen hält er die Rechte allhin gebreitet. Und rings im Umkreis beben die Berge, schäumt der Strom, und die dämmernde Tiefe des blaudunkeln Meeres. O du Herrscher des Äthers, des Meers, der Erde, des Abgrunds, der du den Bau des Olympos mit deinem Donner erschütterst, du, vor dem die Daimonen erschauern, die Götter erzittern, dem das Schicksal gehorcht, so unerbittlich es sonst ist! Ewiger Vater des Ur-Grunds, du übergeordneter Wille, der die Winde bewegt und den Himmel verhüllt mit Gewittern, der, mit Orkanen spielend, den flachen Äther zerspaltet: Dein ist der Kosmos der Sterne, verlaufend in ewiger Ordnung, dein auch der werdende Frühling, erschimmernd in purpurnen Blüten, dein der schreckliche Winter, durchbraust von den frostigen Wolken, dein der bakchische Lärm, der im Herbste die Früchte uns zuteilt! Ewiger, Unzerstörter! Allein den Unsterblichen nennbar! Komm mit dem Schicksal vereint, du erhabenste, einzige Gottheit, furchtbar und unbezwinglich, umhüllt vom Wallen des Äthers: Gnad' uns denn, heilige Zahl, du Ur-Grund der Götter und Menschen!« Noch schwangen die letzten Worte im hellen Raume, als das Auge des erhabenen Philosophen plötzlich den Ausdruck naher Wirklichkeit gewann. Wie lauschend hatte er sich vorgebeugt und sagte schlicht: »Wahr hast du gesprochen, mein Aristokles! – Doch ihr anderen, die ihr kamt? Fürchtet nichts, ihr Freunde! Was soll euch, was mir zustoßen? Fliehen werdet ihr, Freunde, da der Schatz eurer Weisheit köstlicher ist denn die große Geste des Heldenmutes. Ich aber werde nicht mehr mit euch wandern! – Was trübt euer Auge, Gefährten? Nein, weint nicht! Mehr als irgendeiner der Sterblichen war ich beschenkt und begnadet. Und heute noch hat die Gottheit mir herrliche Wunder verliehen. Lächelt, ihr Freunde! Seht: es bedeutet ja so wenig, was sich in Kroton begibt. Wähnt ihr, daß der Demos imstande sein wird, den Flug der Wahrheit zu hemmen? Wie ein leichter Falke fliegt die Weisheit über Hellas und läßt sich nieder, wo es ihr beliebt. Wer kann sie haschen, wer sie töten? Ist es nicht erst wahre Aristokratie, wenn die Besten, die Weisesten im Reiche des Geistes herrschen? Wer aber von den anderen könnte diesem Reiche vorstehen, in dem nur Erkenntnis den Rang zuteilt? Oder fürchtet ihr, ihr Enthaltsamen, Gebändigten, vorübergehende Armut? Nein, ihr lacht des Elendes! Und es wird nicht zu euch herankommen. Denn kaum eine Stadt des weiten Bereiches hellenischer Zunge ist da, die nicht Pythagoreer beherbergt. Und hat einer von ihnen schon der Bruderpflicht vergessen? Fürchtet nichts! Mächtiger, unbezwinglicher denn je, steht das hehre Pentagramm über Hellas, und alle Bewegung, die sich scheinbar umwälzend begibt, ist dagegen leerer Rauch. Seid mutig und flieht! Denn für euch ist es Mut, Lehre und Pflicht des Ausdruckes höher zu halten als Vaterstadt und Herrschaftsmacht!« Er schwieg für kurze Augenblicke und schien zu sinnen. Jählings aber richtete er sich dann auf und setzte mit starker Stimme fort: »Ihr wißt jetzt den Weg und die Forderungen der Zukunft! Doch anderes, weit Wichtigeres muß ich euch künden, etwas, das ich selbst nicht mehr vollenden kann. Seltsame, niegeschaute Gesichte waren heute um mich. Und die sollt ihr bewahren, pflegen und zur Spitze führen. Aristokles aber weckte mich, als er die Gottheit rief. Hört denn, ihr Freunde! Wer von euch Geweihten wüßte nicht um das Werden der Ur-Götter? Ihr wißt, daß Chronos, die anfanglose Zeit, vom Anbeginne war und erst nach ihr, in ihr, der sprühende Lichtstoff Äther und das Chaos, die ungeheure Kluft, ins Dasein traten. Dann aber bildete der gewaltige Chronos erst aus dem Äther und aus dem furchtbaren Chaos, das dunkle Ur-Nebel durchbrandeten, das silbern glitzernde Ei der Welt. Diesem entsprang, als Erstgeborener der Götter, der Leuchtende, Phanés, der auch der kosmische Eros heißt oder Metis oder Erikepaios. Männlich und weiblich zugleich war er, der Unfaßbare, und erzeugte aus sich selbst die Nacht und die grause, schlangengestaltige Echidna. Aller Wesen Keime trug er in sich. Und er nahte der Nacht. Da entsprangen Uranos und Gaia; und Himmel und Erde wurden die Vorfahren des mittleren Göttergeschlechtes. Aus diesem aber ragten Kronos und Rhea hervor, und das Schicksal beschloß, sie zu Vollstreckern künftigen Werdens zu machen. Denn Zeus entsproß ihnen. Zeus, der den Phanés verschlang und dadurch die Keime aller Dinge in sich vereinigte. Dann jedoch stellte er diese Keime wieder aus sich heraus, indem er das dritte, das jüngste Geschlecht der Götter und all die sichtbare Welt erschuf. Ihr wißt es, Gefährten, wißt, daß: als er des Eros Gewalt, des Erstgebor'nen verschlungen, und im gehöhlten Schoße den Bau der Welten nun einschloß, sich dann mit seinen Gliedern die Macht dieses Gottes vermischte. So nun befanden im Innern des Zeus sich, vereint mit der Allheit herrlich strömenden Äthers und schimmernder Höhe des Himmels, öd aufrauschender See und Weite der herrlichen Erde, auch des Okeanos Flut und die letzten der Unterweltstiefen. Flüsse jedoch, sonder Grenzen das Meer, und alles das andre, all die unsterblichen Götter und Göttinnen, selig und ewig, was nur entstanden schon war und später entstehen noch sollte, all das war nun versammelt im Schoße des Zeus und verbunden. Zeus war Erster und Zeus ist Letzter, der Herrscher der Blitze, Zeus ist Haupt, Zeus Mitte, aus Zeus ist alles geworden. Zeus war strotzender Mann und der ewige Zeus auch die Jungfrau, Zeus ist Feste der Erde und Hort des vielstirngen Himmels. Zeus ist der Atem des Alls, das Pulsen nierastenden Feuers, Zeus ist die Wurzel des Meers und Zeus ist der Mond und die Sonne, Zeus ist König und Zeus ist Ur-Stammhalter des Weltalls: Einzige Kraft, ein Daimon, entsprang er am Anfang der Schöpfung, einzig die Gottesgestalt, in der das Gewordne herumkreist! Feuer und Wasser und Erde und Äther, der Tag und die Nacht auch, Einsicht dann weiter, der erste Erzeuger, der fröhliche Eros, all das lag dort im machtvollen Leibe des Gottes beschlossen. Als sein Haupt ist zu schauen und als sein herrliches Antlitz glanzhell gleißend der Himmel; und ringsum als goldene Locken flirren schimmerdurchzittert in all ihrer Pracht die Gestirne. Aufgang und Untergang und die Pforten uranischer Götter bilden die goldenen Hörner zu beiden Seiten des Hauptes. Augen sind Mond und Sonne, einander entgegen sich tretend. Lügelos herrlicher Geist ist der unvergängliche Äther, der alles hört und bedenkt; denn nirgends schwirrt eine Rede, nicht auch ein Klang, kein wildes Getöse, ja selbst ein Gerücht nicht, das des Einzigen Ohr überhörte, des großen Kroniden: Solch ein unsterblich Haupt und solch ein Verstand ward dem Gotte! Doch auch ein Leib, rings strahlend, unendlich, gewaltig, ist ihm zu eigen und nichts kann zerstören die mächtigen Glieder: Schulter des Gottes und Brust und all sein starrender Rücken ist die weitwehende Luft. Mit Schwingen ist er beflügelt, so daß er überall schwebt. Und die Allesmutter, die Erde, ist sein Schoß mit den Gipfeln der himmelan ragenden Berge. Mitten umfaßt ihn der Gürtel des dumpferbrausenden Meerschwalls, unterste Sohle jedoch ist des Tartaros modriger Abgrund samt den Wurzeln der Tiefe und äußerster Erdenumgrenzung. All dies verbarg er in sich! Doch Wunder auf Wunder verübend, sprüht er hervor aus dem Herzen ans freudige Licht wieder Allmacht! Das aber ist es nicht, ihr Freunde, was ich euch künden wollte. Endgültigere Weisheit vom Geschaffenen ward mir heute, als wie eine Erztafel tief der Prachtbau des Kosmos unter meinem Blicke lag und mir alles Wunder offenbarte. Ich sah, ihr Gefährten, wie die Welt entstand, sah, wie einer glitzernden Schaumblase gleich, der Urbeginn der Erde im Chaos schwamm und wie die unendliche Gottheit in unfaßbarem Wirbel kreiste. Und aus der Fülle chaotischen Ur-Nebels zog die Schaumblase den Lichtstoff an sich und größer und weiter ward der Umschwung, bis alle die acht herrlichen Sphären kreisten. Doch ich erkannte noch mehr: Wissen ward mir, daß Gott und die Welt eins sind; diese entstanden, begrenzt, gestaltet, jener ewig, grenzenlos, jenseits der Gestaltung! Und für immer hält die Gottheit den Kosmos im Schoße und es umbrandet die äußerste Sphäre der unaussprechliche Gürtel des feurigen Äthers. Acht aber sind der Sphären, dunkel und trennend die äußerste, auf der die Fixsterne haften, durchsichtig wie Kristall die sieben anderen, die Sonne, Mond und Wandelsterne tragen. Und jetzt horcht, ihr Gefährten: Kugelgestalt haben alle die Sterne, eine Kugel von mächtiger Größe ist die Erde selbst! Sie kreisen alle, die Sphären, vom Anbeginn und folgen der Bewegung, die der Gottheit innewohnte. Langsam die äußerste, schneller und schneller die inneren. Die Erde aber schwingt im Zeitmaß eines Tages und einer Nacht in kleinstem Kyklos um das Mittelfeuer, das ein sterbliches Auge nimmer schauen wird, da ja stets der Erdstern dieselbe Seite den äußeren Sphären zukehrt. Wo aber ist die Zehnheit? Wo die Erfüllung des Gesetzes kosmischer Harmonie? Auch das gab mir die Gottheit in unbegreiflichem Gesichte: Antichthon ist es, die unerforschliche Gegen-Erde, Spiegel und Gleichmaß unsrer Allmutter, die stets der Erde das Gleichgewicht hält und mit ihr um das Mittelfeuer herumschwingt, wie zwei Kugeln, die am Ende eines Stabes haften. Gleich unsichtbar aber muß die Zwillingswelt uns bleiben wie das mittlere Feuer. Seht ihr die heilige Zehnzahl, ihr Freunde? Seht ihr, wie der Fixsternhimmel, die fünf Wandelsterne, Sonne, Mond und die beiden Erden sich zu herrlichster Harmonie schließen? Das aber sah mein Auge! Mein Ohr jedoch vernahm, wie die Sphären kreisend das All durchrauschten und vollbrausend tönten. Und jede erklang in anderem Tone. Denn ungleich ist die Schnelligkeit ihres Vorwärtsschreitens. Die Klänge aber mischen sich zu unaussprechlich herrlicher, zu überirdischer Harmonie, zu einem Zusammenstrom des Wohllautes, der das Herz erschauern und den Leib erzittern läßt. Warum aber hörte noch keines Sterblichen Ohr je den Einklang? Denkt an die Schmiede, ihr Freunde, an die Hämmernden, die so stumpf, so gewöhnt sind an das gleichmäßige Dröhnen der Hämmer, daß sie erst dann den Ton wahrnehmen, wenn er schwächer wird oder ein Zufall ihn plötzlich unterbricht! Die Sphären jedoch klingen Tag und Nacht, von Anbeginn zu Ewigkeit. Und ein Geschenk der Götter ist es, die unfaßbare Gnade des Schicksals, wenn ein Mensch, ein gebrechlicher Sprößling der Erde, mit der Fähigkeit beschenkt ward, das herrliche Gleichmaß zu vernehmen. Denn nur in der Mitte steht der Sterbliche, in der Mitte des Geschaffenen. Göttlichen Stammes zwar ist er, doch ebenso weit entfernt von den Unsterblichen wie vom Tiere. Sein Leib ist gebildet durch die Wärme, die in der Innenwelt wurzelt und alles Lebendige erhält. Der Geist aber fließt aus dem göttlichen Äther; dem Lichtstoff, der den Kosmos umgibt und einschließt. Wie atmend wogt die Welt und saugt verlangend den Äther in ihre Poren. Doch schwächer wird er und kraftloser, je weiter er in die mittleren Zonen des Kosmos vordringt, wo dampfende Dünste wallen, und der langsame Umschwung des Kreisens nur schwachen Wind erzeugt. Darum auch sind die Menschen sterblich. Denn nur als leises, bebendes Sonnenstäubchen tritt die ewige Seele ein in den erdgeborenen Körper, der den Strahl des Geistes beim Tode in den Tartaros schleudert, in das Reich, wo bestimmt wird, ob wiedergeboren, ob erlöst der Geist den Rest der Zeiten verbringe. Wo aber klar und rein die Sphären das All durchrauschen, wo rasender Umschwung die Schwaden unreinen Nebels im kosmischen Sturme zu Streifen zerflattert, dort, in den äußeren Sphären, wohnen die Seligen, die Götter! Und dorthin sollt auch ihr einst gelangen, ihr Freunde, wenn der Ring eurer Wiedergeburten sich geschlossen hat. Dann aber, wenn eure Seele, verlassend den Leib, zum freien Äther emporsteigt, dürft unsterblich ihr sein, wie selige Götter. Abgeworfen ist der Fluch, der euch vom reinen Geiste trennte, zersprengt die eherne Kette der Sterblichkeit und der Neugeburt! So zieht denn hinaus, ihr Geweihten, zieht hinaus durch die Städte der Hellenen und vollendet, was ich begann! Und erweckt die Führer der Weisheit, die erstehen werden: Größer und allumfassender und erleuchteter als ich selbst!« Pythagoras schwieg und senkte das herrliche Haupt. Plötzlich aber blickte er wieder hinaus in die Ewigkeit. Und da vollzog sich das Wunder: Brausend und hehr, unfaßbar mächtig, daß es die Sterblichen zu Staub zerknirschte, erklang für kurze Herzschläge die allbezwingende, heilige Harmonie der Sphären durch die unendlichen Räume. Und alle vernahmen sie und sanken erschüttert in die Kniee; alle, die in jener heiligen Stunde um den einzigen Pythagoras aus Samos, den Verkünder der Urgötter, weilten. XXXIV Eine Stille und Weite, deren Unfaßbarkeit an das Grenzenlose eines Weltausklanges gemahnte, lag über den Hainen und Gebäuden, über den italiotischen Bergen und dem Meere, als der Sonnendiskos, von Streifen Dunstes zerschnitten, seinen Weg vollendet hatte und hinabgetaucht war. Gläserne Röte überzog aufsteigend sogleich die westlichen Nebelzonen und schob sich höher und höher hinauf zum Scheitelpunkte des Himmelsbogens. Pythagoras aber saß träumend und versunken in einem Thronsessel auf dem flachen Dache des großen Saalbaues. Und nur ab und zu hob ein leises schweres Atmen seine Brust. Theanó kniete vor ihm und lehnte wehmütig ihr Haupt an sein Knie, während die Hand des Philosophen leicht und zärtlich auf ihrem Haar ruhte. Leiser und leiser wurden die Atemzüge des Erhabenen, und die Dämmerung senkte sich nieder. Unbewegt blickte er gegen Osten, wo die ersten Sterne in sonderbar glitzerndem Glaste aufblinkten. Doch die Röte des Westens erlosch nicht. Greller wurde ihr Schein und erfüllte die ganze Halbkugel des Niedergangs. Und sosehr wallte die rote Wand, daß Theanó die flüsternden Worte des Weisesten nicht sogleich verstand, da sie entsetzt in die Lohe blickte, die über Kroton aufstieg. »Hörst du sie nicht, die herrliche Harmonie der Sphären?« hauchte noch einmal Pythagoras. »Was läßt du dich blenden vom Scheine verzehrender Flammen? Höre, Theanó, wie sie rauschen und klingen! – Wie sie vollbrausend mich beflügeln! – Die Erde sinkt zurück! – Lichter wird es um mich – der Äther schimmert – die Wand des äußersten Sphärenkreises bricht klaffend entzwei. – Der Thron des Guten! – Er, der Unerforschliche! – Auf Wiedersehn im Lichte!– – – Leb wohl, du Große, du Herrliche, du Treue!« Verwehend in den kühlen Hauch des Abends verklangen die Worte. Sein Auge aber strahlte selig und leuchtend zum verborgenen Lichte und sein Antlitz erschimmerte in mystischer Verklärung. Die Zeit war zersprengt und glitt unmerklich an der Stunde höchster Erlösung vorüber.– – – Da kniete, atemlos und zitternd, plötzlich der Knabe Lysis vor dem Erhabenen. Theanó aber stand steinern auf, als sie den Epheben wahrnahm, und fragte leise: »Was schuf das Entsetzen, das in deinem Antlitze sich spiegelt?« Lysis aber schlug die Hände verzweifelt vor die Augen und flüsterte: »Ein neues Chaos brandet heran, o Theanó!« Theanó jedoch sann lange vor sich hin. Dann sagte sie plötzlich mit lauter Stimme: »Du irrst, Knabe! Vielleicht nur strebten seine Schüler, er selbst, ich, wir alle, noch zu sehr nach irdischer Macht und unterwarfen so den sterblichen Teil unsres Werkes dem irdischen Kreislaufe. Was aber unser Geist dem Chaos abrang, wird stehen bleiben; wird das, was du das neue Chaos nanntest, wieder zum Kosmos bilden. – Was aber geschieht dort, Knabe, wo der lodernde Schein emporkriecht?« »Der Demos hat das mächtige Haus der großen Hetairie in Brand gesteckt, o Theanó! Sie kämpfen sich zu den Schiffen durch, die Brüder, zu den Schiffen, die uns die Freunde aus Rhegion sandten. Ich aber rannte, gehetzt und verfolgt, auf Umwegen hieher!« Und der Knabe schluchzte wild auf. Dann seufzte er in die Nacht hinaus: »Und er, er, der Erhabene, hört nicht mehr meine Stimme!« Da lächelte Theanó durch all die Tränen, die auch in ihren Augen schimmerten. Und legte dem Knaben die Hand auf das Haupt. Dann erwiderte sie fest: »Er hört dich, Ephebe! Denn selig den Leib verlassend, schwang er sich empor in den Äther, ist der Unsterblichen einer, ein lichter Gott und kein Mensch mehr!« Lysis aber begann zu beben. Dann sagte er dumpf und traurig: »Was sprichst du, Erhabene? Lästerst du nicht die Gottheit?« Da hob sich die Gestalt des Weibes plötzlich zu all ihrer Größe und Schönheit. Und sie antwortete mächtig und unbezwinglich: »Ich lästere nicht, Knabe! Denn, was sterblich an ihm war, was auf Erden zu tun blieb, werde ich weiterführen. Er aber ist eingegangen in das Reich des unterbrechungslosen Lichtes. Autós épha! Verstehst du mich, Ephebe? Er selbst hat es gesagt!« Da beugte sich Lysis tief gegen die Fliesen und betete zum Geiste, der den Kreislauf der Wiedergeburten vollendet hatte. Und er flüsterte scheu und gläubig: »›Er‹ selbst hat es gesagt!« Quellen Als hauptsächlichste Quellen kamen außer den Alten, wie Herodot , Strabon , Jamblichos , Platon , in erster Linie in Betracht: Eduard Röth : Geschichte unserer abendländischen Philosophie; Theodor Gomperz : Griechische Denker; Eduard Zeller : Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung; Moritz Cantor : Vorlesungen über Geschichte der Mathematik; Friedrich Albert Lange : Geschichte des Materialismus; Paul Deussen : Allgemeine Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Religionen; Heinrich Brugsch : Religion und Mythologie der alten Ägypter; P. le Page Renouf : Religion der alten Ägypter; Adolf Boetticher : Olympia, das Fest und seine Stätte; Leopold von Schroeder : Pythagoras und die Inder; Karl Oppel : Das Wunderland der Pyramiden. Außerdem die hellenistischen Arbeiten Friedrich Nietzsches und zahlreiche Werke allgemein geschichtlichen und kunsthistorischen Inhaltes. Im einzelnen ist die ägyptische Religion vorwiegend nach Brugsch , die babylonische nach C. Bezold und Deussen , die zoroastrische nach Deussen und Röth und die indische nach Deussen und Schroeder dargestellt. Die in den Text aufgenommenen Originalstellen stammen für das Altägyptische aus Übersetzungen von Brugsch , Le Page Renouf , Maspero , Lauth , Dümichen u. a., für das Babylonische von Bezold , für das Indische von Deussen und Schroeder . Insbesondere ist zu erwähnen, daß der Schöpfungshymnos des Rigveda nach der interpretierten wörtlichen Übertragung Deussens von mir in indische Cloken gesetzt wurde, was dem Originalversmaß zwar nicht entspricht, jedoch größeren Spielraum für die Wiedergabe der philosophischen Gedanken offen ließ. Die Übertragungen aus dem Griechischen sind ausnahmslos freie Nachdichtungen des Verfassers.