Paul de Kock Chipolata 1862 Paris vor und nach dem Mittagessen Wir wählen einen hübschen Tag: ein solcher ist angenehmer zum Spazierengehen, Betrachten, Beobachten, Herumschlendern; um sich in den Buden umzusehen, und vor den ausgelegten Waaren der Kaufleute stehen zu bleiben, um die Putzmacherinnen und die Leinwandhändlerinnen zu belorgnettiren, wenn sie nämlich hübsch sind; um langsam zu gehen, wenn der Zufall uns neben eine Dame führt, deren Gestalt elegant und reizend ist; um stehen zu bleiben und mit einem Freunde zu plaudern, dem man begegnet, und endlich auch um seine Fußbekleidung zu schonen, die man nicht gern dem Pariser Gassenkoth preisgeben will. Treten wir in Paris durch eine beliebige Barriere herein. Es ist gleichgültig durch welche, wenn wir nur in der großen Stadt des Lärmes, Kothes, und Rauches sind, wie Jean-Jacques sie genannt hat. Allein die große Stadt hat einen ganz andern Anblick gewonnen seit jener Zeit, wo der Verfasser des Emil das gesagt hat: die engen Straßen sind breiter geworden; die alten Häuser machen regelmäßig und geschmackvoll gebauten Platz; die Fenster mit kleinen Scheiben verschwinden von Tag zu Tag mehr und mehr und werden durch schöne Kreuzstöcke ersetzt, die das Licht in die Häuser einlassen; die Treppen der neuen Gebäude sind helle und leicht zu besteigen; man läuft keine Gefahr mehr, den Hals zu brechen, wenn man eine Bekannte besuchen will, die im fünften Stocke wohnt. Kurz, an der Stelle jener Hausgänge mit ihren abscheulichen Fallthüren, die in die Keller führten und die man allzuhäufig zu verschließen vergaß, wodurch Diejenigen, welche sich unglücklicher Weise in's Innere derselben verirrten, mindestens die Nase zu zerstoßen riskirten, haben wir jetzt Hofthore oder wenigstens hübsche Halbthore mit Gittern und kupfernen Klopfern. Unsere Straßen sind mit Oel oder Gas beleuchtet und unsere Kaffeehäuser strahlend von Licht und Vergoldung. Sicherlich ist all' das nicht zu häßlich für eine Stadt des Lärmes, Kothes und Rauches, und ich sehe nicht ein, inwiefern man jene gute alte Zeit bedauern sollte, von der so viele Leute mit Liebe sprechen, wahrscheinlich nur deßwegen, weil sie sie nicht gekannt haben. Wir könnten Paris durch die Barrière de l'Etoile betreten; dieser Eingang ist unzweifelhaft der schönste; allein wenn man durch die Barrière du Trône ankommt, ist man alsbald in der Vorstadt St. Antoine und bekommt folglich viel schneller eigentliche Volksscenen zu sehen. Treten wir also durch die Barrière du Trône ein. Vor dem Mittagessen Gegenwärtig speist in Paris Jedermann spät zu Mittag, die Kaufleute noch später als die Beamten, Commis, Capitalisten, und die Vornehmsten am spätesten, so daß bald ein Mittagessen für das Frühstück des andern Tags wird gelten können. Vor dem Mittagessen treibt Jeder seine Berufsgeschäfte; der Kaufmann handelt; der Großhändler spekulirt; der Handwerksmann arbeitet auf dem Handwerk; der Commis auf dem Comptoir; der Notar in seinem Studirzimmer; der Advokat auf dem Gerichte oder in seinem Zimmer, wo er die unglücklichen Prozeßführenden anhört; der Geschäftsmann rennt umher; der Capitalist sucht aus den politischen Neuigkeiten den Cours der Renten zu errathen; die Bürgersfrauen sind in der Küche und mit ihren Kindern beschäftigt; die großen Damen mit ihrer Toilette und mit ihren Plänen für den Abend; die jungen Mädchen studiren zum Verdruß der daneben Wohnenden am Piano, oder zeichnen und lernen irgend eine fremde Sprache; die Dichter suchen einen schönen Gedanken in schöne Verse zu bringen; die Schriftsteller zerbrechen sich den Kopf um ein neues Sujet; die Künstler denken an den Ruhm, den sie gerne erringen möchten; einige arbeiten oder studiren, um ihn zu erwerben; andere begnügen sich, ihn herumbummelnd und rauchend zu erwarten, was immerhin auch eine Beschäftigung ist; die Studenten endlich besuchen die Collegien ihrer Professoren; und die Grisetten beeilen sich, ihr Tagewerk bei guter Zeit fertig zu bringen, um für ihr Nachtwerk parat zu sein. So hat hienieden Jeder seine Beschäftigung, selbst die Personen, die Nichts thun, denn ich glaube, daß diese sich in Erwartung der Dinge, die da kommen sollen, mit ihren Gedanken beschäftigen. Alle diese Menschen, die ihr auf den Straßen hin und her gehen sehet, haben gewöhnlich vor dem Essen weit mehr Eile als nach demselben. Die Vorstadt St. Antoine ist ein Quartier, wo man eher Geschäfte halber, als um einen Spaziergang zu machen, hingeht. Ihr werdet bemerken, daß die Leute, welche euch begegnen, sich nicht lange unterwegs aufhalten, sondern rasch vorwärts gehen; mit Ausnahme einiger Damen, einiger Frauen vom Lande, welche vor den Ellenwaaren-Lagern stehen bleiben, um die ausgehängten Stoffe zu betrachten, oder einiger Mägde, die sich gegenseitig von ihren Liebhabern unterhalten. Die Andern eilen vorüber, ohne auf die Vorübergehenden, manchmal auch ohne auf die Wägen zu achten. Keine zwei Minuten vergehen, ohne daß Jemand in einen Spezereiladen tritt; zuweilen füllt sich dieser dergestalt mit Käufern an, daß die ganze Kaltblütigkeit des Principals und alle Gewandtheit der Ladendiener dazu gehört, keinen Bock zu schießen und die vielen Kunden, die immer äußerst pressant thun, zu ihrer Befriedigung zu bedienen. Von allen Seiten erheben sich Weiberstimmen (denn gewöhnlich machen unter den vielen, in dem Spezereiladen befindlichen Personen die Frauenzimmer die Mehrzahl aus), man hört nur die in den verschiedensten Tonarten ausgedrückten Phrasen: »Ach, ich bitte, geben Sie mir doch schnell was ich brauche ich bin heute so entsetzlich spät daran.« »Und ich! ich werde heute mit dem Mittagessen gar nicht mehr fertig; wir haben aber auch fünf Personen zu Gaste, da koche der Teufel.« »Ich glaube, Ihre Herrschaft hat oft Fremde bei Tische?« »Ach, schweigen Sie mir nur davon; es ist ekelhaft! Dabei ist meine Madame so wunderlich! ich muß sogar Sardellen-Butter zu den Beefsteaks nehmen! ... das ist ein Luxus ... der Schweiß läuft an Einem herunter.« »Sind sie gut mit Sardellen-Butter?« »O pfui! mir schmecken sie mit Schalotten viel besser! das ist nur so eine Caprice von meiner Frau.« »Herr Toulard, geben Sie mir doch für zwei Sous Gurken; es ist mir heute so übel, daß mir mein Leben, ich weiß nicht, um was feil wäre.« »Sie verderben sich aber den Magen mit den Gurken, liebe Nachbarin.« »Thut nichts, sie werden mich ein Bischen ausputzen. Man hat mir auch Senfmehl aufzulegen gerathen, aber ich ziehe vor, es innerlich mit etwas gut abgesottenem Rindfleisch zu gebrauchen.« »Ach, lieber kleiner Herr, ich bitte, machen Sie schnell, geben Sie mir geschwind meinen Schweizerkäse, ich habe meine Suppe und meine Kinder beim Feuer gelassen! ... Drei Kinder zu besorgen, Arbeit, daß ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht, einen faulen, liederlichen Trunkenbold zum Mann, der mir Alles über dem Halse läßt, das ist eine Freude, hm! ... Ach Gott! die Mädchen sollten sich wohl besinnen, ehe sie heirathen! ... Aber, werdet ihr mir entgegenhalten, einmal muß man ein Ende machen, wir sind alle sterblich! ... Geben Sie mir alten, feuchten, abgelagerten! ...« »Bei uns ist es anders,« versetzt eine junge, höchst armselig gekleidete Frau, die ein dreijähriges Kind an der Hand führt und ein noch jüngeres auf dem Arme hat. »Wir haben keinen Heller im Vermögen, verdienen kaum unsere Nahrung, aber wir lieben uns recht herzlich. Kommen Sie zu uns, dann können Sie sich an diesem Gemälde des Glückes weiden.« »Dank schönstens! das wird was Rechtes sein, ihr Gemälde!« murmelt eine dicke Magd, indem sie sehr feurige Augen an den Ladendiener hinmacht, der sie bedient und nach der gewöhnlichen Manier frägt: »Brauchen Sie sonst noch Etwas?« Wir wollen übrigens den Spezereihändler bei seinem Geschäfte lassen, er mag seine Commis schelten, weil sie nicht flink genug bedienen, und mit seiner Frau hadern, weil sie fünf Minuten braucht, um auf einen Fünffrankenthaler herauszugeben. * Gehen wir etwas entfernter in einen Kramladen hinein. Dort finden wir zwei steife Ladenjungfern mit ernster Miene und gesenkten Blicken: ihr Anzug ist eben so bescheiden als ihr Benehmen; sie tragen zwar nur einfach gescheitelte Haare, aber diese sind so pünktlich und sorgfältig glatt gekämmt, daß man glauben könnte, sie seien mit Gummi angeklebt. Sie haben kein Geschmeide und keine Halskette, aber sehr hoch heraufgehende Kleider und mit großer Sorgfalt über's Kreuz gelegte Halstücher an; dieses beweist euch auf den ersten Blick, daß in diesem Hause ein strenger Ton herrscht, die Ladenjungfern nie einen Blick auf die Straße werfen, weder mit einander lachen, noch miteinander plaudern, am allerwenigsten aber unter die Thüre stehen und den Vorübergehenden zulächeln dürfen. Die Krämerin ist eine Frau in mittleren Jahren, das heißt, eher alt als jung; sie war früher hübsch, bildet sich ein, sie sei es noch, und glaubt wahrscheinlich, sie werde es immer bleiben. Sie kleidet sich außerordentlich eitel: sich selbst erlaubt sie Blumen, Bänder, Juwelen, kurz Alles, was sie ihren Ladenjungfern ausdrücklich verbietet; sie trägt auch falsche Haare, obgleich sie es nicht eingesteht. Sie hat etwas Freies in ihrem Wesen und Benehmen, welches man entschuldigen könnte, wenn sie in dem Alter ihrer Ladenjungfern wäre. Diese Dame gibt sich für eine Wittwe aus; sie behauptet, sie sei mit ihrem ersten Manne sehr unglücklich gewesen; dies hindert sie aber nicht, ihr Möglichstes zu thun, um einen zweiten zu finden. Sie hat ihre Augen auf einen alten Militär geworfen, der eines Tages in den Laden kam, um sich Nadeln zu kaufen, denn da die alten Kriegsleute nicht immer hinreichend bemittelt sind, einen Dienstboten zu halten, so sehen sie sich häufig genöthigt, die Knöpfe an ihren Kleidern selbst anzunähen, und sie entledigen sich dieses Geschäfts oft besser als unsere Schneider. Die Krämerin knüpfte die Bekanntschaft damit an, daß sie dem Kriegsmann vorschlug, ihm selbst den fehlenden Knopf annähen zu wollen. Der alte Militär war nicht unempfindlich gegen diese Höflichkeit; man warf ihm Liebesblicke zu, die er zwar durchaus nicht erwiderte, aber man bemerkte auch, daß er nicht im Geringsten auf die beiden im Comptoir sitzenden Ladenjungfern achtete, und war ihm unendlich dankbar dafür; man lud ihn ein, sich nicht zu geniren, wenn wieder einer seiner Knöpfe wegbrechen würde. Und merkt euch wohl, es war nur von Rockknöpfen die Rede; bis zu den übrigen verstieg sich ihre Dienstfertigkeit noch nicht. Der Kriegsmann kam nach einigen Wochen wieder, dann nach einigen Tagen abermals, und endlich sehr oft; stets wegen Desertion von Knöpfen. Die beiden Ladenmädchen flüsterten einander zu, daß die Krämerin wahrscheinlich die Knöpfe so annähe, daß sie nicht lange hielten. Damit war die Bekanntschaft gemacht und die Wittwe hoffte, daß sich der Veteran bald erklären werde; aber bis dahin wechselten ihre Launen ganz nach den Aussichten für ihre Liebe, und wenn der Kriegsmann einige Tage nicht zu ihr kam, wurde sie streitsüchtig, zänkisch und zeigte sich noch strenger als gewöhnlich gegen ihre Ladenjungfern. Wenn eine der letzteren zufällig die letzte Strophe einer alten Romanze trillerte, so schrie sie: »Was soll das heißen, Mademoiselle Ernestine? Ich glaube, Sie singen!« – O! nein, Madame. – »Aber, Sie haben gesungen.« – O! ich wüßte nicht, woher mir die Lust dazu kommen sollte! – »Das wäre hübsch, wenn man sich in meinem Laden zu singen erlaubte! was würden die Leute denken, die mich mit ihrem Zutrauen beehren?« – Sie wissen aber doch, Madame, daß wir gar nicht an das Singen gewöhnt sind. – »Ich weiß, daß wenn ich nicht so sehr auf Sie Achtung gäbe, Sie sich am Ende noch saubere Manieren aneignen würden, meine Damen. Letzthin Abends habe ich es gehört, wie Mamsells Honorine, während sie zu der Rahmhändlerin gegenüber ging, überlaut auf der Straße sang: »›Fünf Sous! fünf Sous!‹« ihr Gesang war übrigens so falsch, wie der Ton einer abgenützten Drehorgel!« – Ach! Madame, ich habe nicht gesungen, ich habe nur mein Geld gezählt. Sie hatten mir fünf Sous gegeben, um Rahm zukaufen; ich zählte das Geld in meiner Hand nach, und deßhalb wiederholte ich »›fünf Sous, für fünf Sous Rahm.‹« – »Sie hatten nicht nöthig, das Geld nach der Melodie des Liedes: »›Nun danket Alle Gott!‹« zu zählen, Mademoiselle! Das wäre sauber! was würden Sie denken, wenn eine Dame ein Paar Handschuhe nach einer Melodie aus dem Doktor und Apotheker , oder einen Strang Faden nach der Melodie ich und du und du und ich , verlangen würde?« – Hm! das wäre vielleicht lustiger. – »Gut jetzt, es ist schon recht, schweigen Sie, die Erste, die ich noch einmal singen höre, setze ich acht Tage lang auf trocken Brod.« – Die ist aber einmal böse!« sagten die jungen Mädchen leise zu einander. – »Man merkt wohl daß ihr Invalide schon mehrere Tage nicht mehr da gewesen ist.« – O, wenn man ihr nur gehörig Bescheid sagen dürfte!« In diesem Augenblick treten Leute in den Laden. Die Jungfern schweigen bescheiden; die Krämerin nimmt wieder ihre liebenswürdige, heitere Miene an, um die Kunden zu bestechen; sie macht alle Schachteln auf, um einer Dame Handschuhe zu suchen, die, nachdem sie vierzig Paar probirt hat, in die sie nicht hineinkommen kann, zuletzt mit der Bemerkung geht: »›sie seien nicht klein genug für ihre Hand.‹« * Ein Schreinergeselle geht mit seinen Werkzeugen unter dem Arme durch die Vorstadt; ein Mann in einer Blouse und einer etwas schief und herausfordernd sitzenden Mütze von Fischotterhaar hält den Arbeiter mit den Worten an: »Wo gehst Du hin, Peter?« – Ah! Du bist es, Gravouillet; arbeitest Du denn heute nicht! Machst Du einen blauen Montag? Du lebst auch recht in den Tag hinein ... – »Davon ist jetzt nicht die Rede, ob ich einen blauen Montag mache, und wenn es auch an einem Freitag ist; geht es Dich überhaupt Etwas an, wenn ich die ganze Woche ausruhe und am Sonntage erst recht Nichts thue?« – O! ganz und gar nicht, thue, was Dir beliebt ... aber ich habe pressante Geschäfte, ich bin in ein Haus bestellt ... Adieu! – »Einen Augenblick Geduld; da ich Dich gerade unter vier Augen habe, mußt Du mir Rede stehen!« – Ich habe keine Zeit, sag' mir später, was Du von mir willst, wir können ja nachher dort im Wirthshaus an der Ecke zusammenkommen; ich versichere Dich, ich habe im Augenblick große Eile!« Der Mann mit der Blouse stellt sich vor den Schreiner, vertritt ihm den Weg, setzt seine Mütze noch schiefer auf's Ohr, so daß sie fast vom Kopf herunterfällt, und schreit, die Stirne runzelnd, mit einer fast grimmigen Stimme: »Und wenn Du so Eile hast, warum hältst Du Dich denn alle Tage stundenlang in der Bude der Obsthändlerin, der Frau Cornouillet auf, deren Tochter ich, wie Du wohl weißt, in rechtlicher Absicht die Cour mache? Warum äußerst Du Dich dort so gallicht über mich, sagst, ich sei ein Müßiggänger, ein Schlemmer und so weiter?« Der Arbeiter wird über und über roth, rollt aber seine Augen fürchterlich und macht allerlei Gesten, während er seinem Kameraden entgegnet: »Ha! warum nicht gar! das sind Geschwätze! Wenn ich die Männer oder Weiber, die das sagen, in meinen Händen hätte, ich würde sie behandeln wie erbärmliche Tropfen, was sie auch sind! Ich über einen Freund schimpfen? Nie ... pfui! das bin ich außer Stande.« – Warst Du gestern nicht bei Mutter Cornouillet? – »Ich war vielleicht dort, das ist sehr möglich; ich läugne gar nicht, daß ich dort war, aber nur, um Aepfel zu meinem Frühstück zu kaufen. Man hat vielleicht von Dir gesprochen, das ist auch möglich; man hat mich über Dich ausholen wollen, weil man weiß, daß ich mit Dir umgehe; ich habe Dieses und Jenes erwidert, das ist Alles ... weiter nichts, ich gebe Dir mein Wort.« – Was verstehst Du unter Dieses und Jenes? ... Verläumdungen, Schwätzereien? – »Kein Gedanke Gravouillet; man hat mich in Deinen Augen anschwärzen wollen ... Ich bin unfähig, von einem Freunde schlecht zu sprechen, selbst wenn ...« – »Von einem Freunde ... einem Freunde ... das ist bald gesagt! Kurz, ich werde der Sache auf die Spur kommen, ob Du mich bei meiner Geliebten und ihrer Familie heruntergesetzt hast ... nun genug, weiter sage ich Dir nichts!« Der Mann in der Blouse entfernt sich hierauf mit einer drohenden Geberde, und der Schreinergeselle geht mit rascheren Schritten vorwärts, indem er laut vor sich hin spricht, als ob er sich noch fortwährend bei Gravouillet entschuldigen wolle. Wir kommen auf die Boulevards: dort gewinnt Alles einen heitern Anblick. Hier geht man zugleich spazieren, während man seinen Geschäften nachgeht. Auf den Boulevards des Marais sieht man zwar keine so elegante, fashionable Gesellschaft, wie auf denen der Chaussée d'Antin, denn die Mitglieder des Jokey-Clubs und des Cirkels zeigen den friedlichen Bewohnern der Pont-aux-Choux-Straße selten den eleganten Schnitt ihrer Kleider oder das prächtige, neumodische Gespann ihrer Tilbury's; indessen hat das Boulevard Beaumarchais auch seine kleinen Gecken und seine großen Koketten. Jedes Quartier hat seine Belustigungen, seinen Ton und seine Sitten. Vor dem Essen ist dieser Theil der Hauptstadt besonders von Kindsmägden, welche ihre Kinder spazieren führen, von Soldaten, die den Kindern schmeicheln, während sie die Kindsmägde bearbeiten, und von alten Bewohnern des Marais besucht, denen der Arzt gerathen hat, in die freie Luft zu gehen, um Appetit zu bekommen, und die, um Abwechslung in ihr Vergnügen zu bringen, bald bis zum Schloßplatze, bald bis zu dem Platze der Juliussäule gehen. Außer diesen begegnet man Damen, die auf dem Wege sind, Besuche zu machen; Herren, die beim Gehen keine Ständerlinge machen, Grisetten, die sich nicht lange umsehen, ob man ihnen folgt und Omnibusse die stolz dahin fahren, weil sie ihre volle Ladung haben. In jener beinahe einsamen Seitenallee bemerke ich übrigens eine junge, hübsche, ziemlich geschmackvoll gekleidete Dame, die schon lange in einem Raume von etwa dreißig Fuß ins Gevierte, einmal rechts, einmal links geht, sich zuweilen eine fast unmerkbare Bewegung der Ungeduld entschlüpfen läßt und sich sehr schnell abwendet, wenn sich ein Vorübergehender bemüht, ihr in's Angesicht zu sehen. Die Dame sieht beinahe aus, als ob sie Jemand ein Stelldichein gegeben hätte. Glaubt ihr etwa, daß sie auf ihren Mann, ihren Bruder, ihre Mutter oder ihre Schwester warte? Nein! gewiß nicht; sie scheint Jemand anders zu erwarten? und sie befürchtet, von Jemand ihrer Bekanntschaft gesehen zu werden, deßhalb hat sie einen Hut aufgesetzt, der ihr tief in's Gesicht hereingeht, und einen Schleier darauf gethan, der über diesen Hut herunterfällt, und trotz aller dieser Vorsichtsmaßregeln dreht sie sich um, wenn Leute nahe an ihr vorbeigehen. Endlich kommt ein Herr, der gerade auf diese Dame zugeht, die dieses Mal den Kopf nicht abwendet. Der junge Mann (denn sie erwartete einen jungen Mann) scheint ganz außer Athem; er ist eilends hergerannt oder wenigstens sehr schnell gelaufen; er bietet der artigen Dame seinen Arm an, aber diese nimmt ihn nicht an, und wir sind so glücklich, folgendes Gespräch zu erlauschen: »Ich warte schon länger als eine Stunde auf Sie; das ist abscheulich ... ich wußte gar nicht mehr, was ich anfangen sollte! Was wird man wohl von mir gedacht haben? Eine Stunde lang auf dem nämlichen Boulevard spazieren zu gehen! ... Man muß sehr wenig Liebe für eine Frau empfinden, wenn man sie allen Unannehmlichkeiten einer solchen Lage aussetzen kann!« – Ah! so empfangen Sie mich, während ich, um schneller hier zu sein, gelaufen bin, daß ich Seitenstechen oder eine Brustentzündung risquirte. – »In der That, Sie sind schnell hergelaufen! ... Warum sind Sie nicht in einen Omnibus gesessen?« – Natürlich! wo man immer von einem in den andern muß! Von der Bac-Straße wechselt man, glaube ich, dreimal mit dem Wagen, dann wäre ich noch viel später gekommen. – »Sie werden irgendwo gewesen sein, wo man Sie nicht fortgelassen hat ... So wird es sein.« – Sie sind doch immer ungerecht und eifersüchtig! Da war es schon der Mühe werth, daß ich mich von Freunden trennte, die mich zu einem Mittagessen mitnehmen wollten ... es hat einer derselben von Hause eine Truthenne mit Trüffeln geschickt bekommen. – »Es scheint, das Sie sehr bedauern, nicht bei dieser Partie sein zu können, und Ihnen eine Truthenne mit Trüffeln lieber wäre als ich.« – Das habe ich nicht gesagt. – »Aber gedacht.« – Der beste Beweis dagegen ist, daß ich gekommen bin. – »Es ist Ihnen übrigens leid um die Truthenne.« – Ach! wie unerträglich sind Sie! – »Gehen Sie, mein Herr, ich halte Sie nicht zurück, suchen Sie nur Ihre guten Freunde auf.« – Ah! so behandeln Sie mich! Nun wohl! ich gehe. Adieu, Madame! – »Leben Sie wohl, mein Herr.« Und der junge Mann wendet sich um und kehrt so schnell, als er gekommen war, auf demselben Wege wieder zurück. Die Dame macht auch einige Schritte nach der entgegengesetzten Seite, bleibt dann aber plötzlich, als ob sie sich den Fuß verstaucht hätte, stehen, dreht ein wenig den Kopf um und läßt, als sie bemerkt, daß sich der junge Mann in der That wieder entfernt hat, einen Schrei der Verzweiflung oder Wuth hören, schwankt einen Augenblick, ob sie ihm nachlaufen soll oder nicht, und entschließt sich endlich, ihren Weg fortzusetzen. Was den Herrn betrifft, so hat er sich entfernt, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen, was der Vermuthung Raum geben könnte, daß ihm in der That die mit Trüffeln gefüllte Truthenne nicht gleichgültig ist. Setzen wir unsere Musterung fort. * Wir nähern uns den bevölkerten Quartieren. Das St. Martins- und das St. Denis-Thor werden in der Entfernung sichtbar. Die Fußgänger werden zahlreicher, und die Wägen, Karren und Cabriolets kreuzen sich mit einer fast beängstigenden Schnelligkeit. Welche unaufhörliche Bewegung, wohin man sein Auge wenden mag! Welch' endloses Geräusch dringt zu unsern Ohren! Wagengerassel, Pferdetraben, Gelärm von Kaufleuten, Händlern, Bänkelsängern, Vorübergehenden, Kindern, Hunden, Orgelspielern, Leiern, alten und jungen Weibern, Leuten, die sich mit einander streiten, sich rufen, die husten, ausspucken und mit ihrem Stock oder ihrem Regenschirm auf den Asphalt klopfen. Ihr seid nun in dem Herzen der großen Stadt, und es ist gerade die Tageszeit, wo die meisten ihrer Bewohner ihrer Geschäfte, ihres Handels, ihrer Interessen oder Vergnügungen wegen in Bewegung sind. Eine Masse Leidenschaften setzt alle diese Marionetten, welche wir Menschen nennen, in Trieb und Bewegung; aber ein noch viel mächtigeres Organ, das vor allen andern den größten Einfluß ausübt, unterwirft das Menschengeschlecht seinen Gesetzen: Wenn der Magen sich verspüren läßt, wenn er mit Nachdruck spricht, so werdet ihr alle diese Marionetten ihre Arbeit, ihre Geschäfte, sogar ihre Vergnügungen verlassen sehen, um nur an seine Befriedigung zu denken. Wenn ihr Pariser seid, so wird euch dieses ewige Geräusch und Gelärme, diese Menschenmenge, diese zahllosen Gefährte, diese Verwirrungen an allen Straßenecken nicht erschrecken: ihr seid dergestalt daran gewöhnt, daß ihr durch All' das hindurch euern Weg fortsetzt, ohne mit Jemand zusammenzustoßen, selbst wenn ihr, um euern Fuß nicht zu beschmutzen, das Pflaster wählt. Wenn ihr aber vom Lande oder aus einer kleinen Stadt seid, so werdet ihr euch vorkommen, wie Jemand, der beim Frühstück über die Schnur gehauen, oder noch besser, wie Jemand, der zum erstenmal gewalzt hat: es wird euch schwindlig im Kopfe, der Lärm betäubt euch, und die sich hin und her bewegende Menschenmasse macht, daß sich Alles vor euern Augen im Kreise herumdreht. Das Gerassel der Wagen raubt euch das Gehör, ihr fallt beinahe auf die Vorübergehenden, werft die kleinen wandernden Buden um, tretet den Damen auf die Füße und den Hunden die Pfoten auseinander, und seid noch glücklich, wenn ihr nicht mit noch größerem Mißgeschick den Ort eurer Bestimmung erreicht. Wie wäre es erst, wenn ihr euch (versteht sich, immer vor dem Essen) mit Mühe einen Weg durch die Halle, mitten durch diese ungeheuren Vorräthe von Nahrungsmitteln aller Art, die von überall her der Hauptstadt zuströmen, um jenen Tyrannen, den ich eben vorhin nannte, den Magen, zu befriedigen, bahnen müßtet? Dann würdet ihr die Damen der Halle ihr ganzes Fischweibervocabularium auskramen hören, das sie gegen die Käufer erschöpfen, die ihre Waare herabzusetzen wagen; außerdem würde das Geschrei der streitenden Mägde, der Herrschaften, die mit ihren Dienstleuten zanken, und der Inspektoren, die noch über Alle hinausschreien , um die Ruhe herzustellen, eure Ohren betäuben. Ja, dann würdet ihr mit Virgil ausrufen: »Fuge littus avarum, fuge crudeles terras!« (Fliehe geldgierige Ufer, gefühllose Länder). Und ihr hättet Recht. Wenn ihr aber auf die Altstadt zugeht, so werdet ihr die Straßen des alten Paris, das heißt, enge, dunkle, kothige Gassen finden, bei jedem Schritte auf Hindernisse stoßen, und außer einigen hübschen Grisetten, die sich in die schwarzen, von Studenten bewohnten Häuser schleichen, nichts sehen, was eure Augen angenehm zerstreuen könnte. Wollt ihr in den Justizplatz eintreten. Dort werdet ihr plaidiren hören, denn man plaidirt immer, unaufhörlich; je civilisirter die Menschen werden, desto streitsüchtiger werden sie auch; das ist zwar sehr traurig, aber wahr. In den alten Zeiten glich man die Zwistigkeiten mit Faustschlägen aus, oder durch Gottesgerichte; das war bei weitem nicht so langwierig als mit Advokaten. Wenn ihr Plaidiren hört, so seit ihr ganz erstaunt, daß die Männer, welche berufen sind, die Richter aufzuklären, die Streitpunkte eher verwirren, und sich durch Leidenschaft, Zorn und Entrüstung leiten lassen, so daß wenn ihr zwei Advokaten sich gegenseitig spitzige Worte zuwerfen hört, wenn ihr Zeuge seid, wie immer einer die Behauptung seines Gegners als falsch zu beweisen sucht, wobei es bisweilen zu heftigen Ausfällen kommt, ihr nicht zweifelt, daß diese beiden Herren sich nach beendigter Sitzung den Hirnschädel einschlagen werden. Aber keineswegs, sie gehen ganz friedlich mit einander nach Hause, speisen vielleicht zusammen und sind die besten Freunde; es ist sogar möglich, daß sie sich dutzen. * Man disputirt bloß im Justizpalaste und in der Halle. Geht ihr vor dem Essen in ein Kaffeehaus, so werdet ihr wenig Menschen treffen: einige Pflastertreter, alte Stammgäste, unerschrockene Liebhaber des Domino, die, sobald sie des Morgens angekleidet sind, in ihr gewöhnliches Kaffeehaus eilen; diese kommen oft vor den Journalen und beinahe immer, ehe die Kellner Alles in Ordnung gebracht haben; sie werfen einen unruhigen Blick um sich und lassen alle Tische und alle Säle des Kaffeehauses die Revue passiren. Ihr glaubt vielleicht, sie suchen die Zeitungen, sie seien ungeduldig die neuen politischen Begebenheiten, den Cours der Rente oder die Kritik über die am Vorabend neu aufgeführte Oper zu lesen? O nein, das beschäftigt sie nicht! Sie nehmen, wenn ihnen nichts andres übrig bleibt, eine Zeitung in die Hand, starren sie an, ohne darin zu lesen, oder lesen, ohne zu wissen was, richten aber jeden Augenblick ihre Blicke auf die Thüre. Endlich kommt ein anderer Müßiggänger an; jetzt beleben sich ihre Züge, eine gewisse höhnische Freude malt sich darin: sie sehen aus, als ob sie in ihrem Innern dächten: »Das ist mein Mann,« oder: »Da kommt ein Opfer!« Und in der That, sie laufen auf die Person, die so eben eingetreten, zu, rufen ihr schon von Weitem entgegen: »Wir wollen spielen, wer zwei Partieen nach einander gewinnt, ich habe zwar nur eine halbe Stunde Zeit, keine Minute länger ... wenn es Ihnen aber recht ist ...« Der Neuangekommene zögert, er möchte wenigstens vorher die Lithographie des Charivari ansehen und das Calembour im Corsar zu errathen suchen. Aber der Dominospieler läßt ihm seine Zeit: er drängt ihn zu einem Tisch, nöthigt ihn niederzusitzen, und zwar mit derselben Eile, wie ein Omnibuskutscher seinen letzten Passagier in den Wagen preßt. Dann verlangt er ein Dominospiel, mischt die Steine und spricht mit einschmeichelnder Stimme: »Wir spielen die Partie zu zwanzig Sous; es ist bloß zur Unterhaltung. Ich darf anfangen zu setzen.« Und das Alles, ehe sein Gegner Zeit hatte, zu sich selbst zu kommen. Endlich entschließt sich derselbe zum Spiel mit den Worten: »Aber nur eine halbe Stunde!« – O, nicht länger'. Es ist jetzt neun Uhr, vor zehn Uhr habe ich ein Rendezvous. – »Und ich habe meiner Frau versprochen, zum Frühstücke nach Hause zu kommen; sie hat frische Eier gekauft, um mich zu regaliren ... mit weichgesottenen.« Und so setzen sich die Herren Morgens um neun Uhr an's Spiel, und um fünf Uhr Abends sitzen sie noch an dem nämlichen Tische, von dem sie sich den ganzen Tag nicht entfernt haben, dabei aber fortwährend wiederholen: »Jetzt nur noch ein halbes Stündchen.« Die Augen des Gewinnenden treten ganz aus ihren Höhlen hervor, so eifrig betreibt er sein Spiel, der Verlierende sieht bemiteidenswerth aus und murmelt bisweilen: »Ach, mein Gott! und meine Frau, die mit den weichgesottenen Eiern auf mich wartet! ... ich passe abermals!« – Machen Sie sich keine Sorgen, Sie essen jetzt eben Ihre Eier hart gesotten zu einem Salat ... Fünfe. – »Passe nochmals.« – Sechse. – »Passe wiederum.« – Domino! – »Ach! hätte ich nur meine weichgesottenen Eier gegessen!« Um die Mitte des Tages erscheinen die Schriftsteller, die Künstler, die Novellisten und Zeitungsschreiber in den Kaffeehäusern, man spricht von dem gestrigen Stücke, vom ersten Auftreten einer Schauspielerin, von Krieg und Frieden, von Eisenbahnen oder von sonst etwas. Ein junger Mann mit einer wunderhübschen Halsbinde, lakirten Stiefeln und einem werthvollen Stocke äußert sich sehr leidenschaftlich über eine Tänzerin, die gestern debütirt hat, und ruft mit Begeisterung aus: »Welches Talent! welche Kraft! welche Geschmeidigkeit und welche Anmuth!« – »Sie hat mir nicht gefallen,« entgegnet kalt ein Herr, der gerade Wasser in seinen Absinth gießt und sehr sorgfältig darauf achtet, daß das Wasser, das er von sehr weit oben herabgießt, in ganz gleicher, regelmäßiger Quantität herabfalle, wodurch er sich ein grünliches Getränke von wundersamem Einfluß auf den Appetit verschafft. Ihr habt vielleicht geglaubt, daß es ganz auf eins herauskomme, wenn ihr ganz einfach euer Gläschen Absinth in ein Glas Wasser schütten und dann unter einander rühren würdet, da seid ihr aber in einem gewaltigen Irrthum; ihr bekommt nichts Gutes zu trinken, wenn ihr nicht wenigstens fünf Minuten braucht, um das Wasser in den Absinth träufeln zu lassen. Es ist mir recht lieb, euch das sagen zu können, damit ihr, wenn ihr Eile habt, etwas Anderes bestellt. Der junge Mann mit der schönen Halsbinde hat sich aber dem Mann, der das grüne Wasser machte, genähert und versetzt: »Wie mein lieber G***, Sie sagen, Fräulein A. habe Ihnen nicht gefallen? Gehen Sie, das ist nicht möglich! Sie hat etwas Kräftiges und doch dabei Weiches, Duftiges, Anziehendes in ihren Stellungen, ihren Bewegungen ...« – Weiches mag sie vielleicht mehr haben, als ihr lieb ist ... aber von Kraft keine Spur. – »Was! keine Kraft! ... und sie verweilt doch, ohne sich anzustrengen, zwei Minuten auf den großen Zehen ... finden Sie das nicht entzückend?« – Nein, weiß Gott nicht! Da gibt es andere Dinge, die mich entzücken! – »Gehen Sie, Sie hatten sicher gestern schlecht zu Mittag gespeist ... Sie hatten etwas Unverdauliches genossen! und deßhalb mißfiel Ihnen, was Bewunderung verdient.« – Ich habe gestern wie gewöhnlich sehr gut gespeist, und kann nur Ihre überschwänglichen Lobeserhebungen dieser Tänzerin nicht verdauen. – »Mein Freund, Sie wissen nicht, was Sie reden.« – Mit Unverschämtheiten können Sie mir Ihr Recht nicht beweisen. – »Sie sind ein hartnäckiger Mensch.« – »Kommen Sie mir nicht so, oder ich werde Sie lehren, einen andern Ton anzunehmen!« Man ereifert sich, die Herren werden lebhaft; die Kreisdrehungen können vielleicht Veranlassung zu einem blutigen Streite geben. Es haben schon oft unbedeutendere Gegenstände traurige Folgen gehabt. Glücklicherweise vermittelt ein dritter eben eingetretener Herr den Streit der beiden ersteren; derselbe weiß den ganzen Wortwechsel in's Scherzhafte zu ziehen, und nach einigen improvisirten Witzworten ist bald nicht mehr von der Tänzerin die Rede. * Wenn ihr im Laufe des Tages in ein Modewaarenlager gehen wollt, so ist jetzt gerade die rechte Zeit zum Kaufen, und die Commis werden, indem sie die Stoffe vor euch ausbreiten, alle ihre Beredsamkeit geltend machen, um euch zu beweisen, daß ihr nirgends anders etwas Besseres finden werdet. Umsonst sagt ihr: »Aber das will ich nicht!« – Da haben Sie sehr Unrecht, Madame; glauben Sie mir, nehmen Sie das, Sie werden gewiß sehr zufrieden damit sein, und uns dafür danken; es ist außerordentlich schön und billig.« Und der Herr des Lagers geht im Laden auf und ab, überwacht seine Commis, hat sein Auge auf Alles, feuert den Eifer seiner jungen Leute an, die dann nicht mit einander plaudern und sich ihre Bemerkungen über die Damen, die den Laden besuchen, mittheilen können. Vor dem Mittagessen bilden die Geschäfte, der Handel, das Geld, auf dessen Erwerb man denken muß, fast die allgemeine Lebensregel; deßwegen arbeitet man auf den Comptoiren der Bankiers, in den Studirzimmern der Advokaten, der Notare, in den Ateliers, Läden, Gewölben, Buden und manchmal selbst unter freiem Himmel. Die Salons, die Orte für das Spiel, den Tanz, das Vergnügen ... sind kalt, trübselig und geräuschlos vor dem Mittagessen. Der Geschäftsmann läuft mit hastigen Schritten in seinem Zimmer auf und ab, verfolgt von seiner Frau, die einen Caschemirshawl von ihm verlangt, nach dem sie schon lange ein sehnsüchtiges Verlangen trägt. Allein der Gemahl findet, daß das zu theuer sei, und antwortet einmal über das andere: »Später, liebes Kind, wollen wir sehen; wenn die Rente noch um zwei Prozent steigt, sollst Du Deinen Caschemir haben.« – Ach! Sie vertrösten mich beständig auf das Steigen , und es steigt nie bei Ihnen . Spekuliren Sie lieber aufs Heruntergehen , das wird Ihnen besser gelingen. Uebrigens ist es nicht das, sondern Sie sind filzig und ich möchte sagen, abscheulich knauserig gegen mich allein, sonst würden Sie nicht alle Tage acht bis zehn Gäste bei Tische haben! Da wäre doch das Geld bei einem Caschemirshawl viel besser angelegt. – »Liebe Freundin, ich weiß, was ich zu thun habe, und Wen und warum ich einlade ... Du verstehst nichts von Geschäftssachen und einflußreichen Freunden.« – »O! ich kenne einflußreichere Leute als Sie.« Und glaubt ihr, die Commis, diese tugendhaften fleißigen Gehülfen, die zur bestimmten Stunde mit solcher Pünktlichkeit vom Geschäfte weggehen , daß sie in allen Straßen, durch die sie kommen, statt der Uhren dienen, seien besonders glücklich vor dem Mittagessen? wenn sie da vor ihrem Pulte sitzen, ihre Federn schneiden oder sich am Ofen wärmen, und weder über ihre Zeit, noch ihren Geist – wenn sie welchen haben – nach Belieben verfügen können! O! gewiß nicht. Wenn ihr sie aber des Abends sähet, ah! da würdet ihr sie nicht wieder erkennen, dann sind es ganz andere Menschen! Und in den Theatern! ... ach! da namentlich würdet ihr Alles anders finden. Geht ja nicht vor dem Mittagessen in ein Theater, denn ihr würdet euch um alle Illusion bringen. Ihr würdet einen düstern Saal sehen, in dem eure Augen Mühe hätten, die Gegenstände von einander zu unterscheiden. Auf der Bühne, wo es noch viel düsterer ist, würdet ihr anstatt jener glänzenden Dekorationen, die euch nach Italien, in die Schweiz, in das Innere eines prächtigen Palastes versetzen, hölzerne Gestelle, Coulissen, die, in der Nähe betrachtet, schmutzig und grob gemalt aussehen, aufgepappte Fetzen und bretterne Berge zu sehen bekommen, auf denen es nicht minder gefährlich ist zu gehen, wie auf ächten Schweizergletschern. Statt der schmachtenden Sänger und eisengewappneten Ritter würdet ihr Herren im Ueberrock, im Paletot, mit dem Hute auf dem Kopfe sehen, die mit einander plaudern und Späße machen, während sie auf ihr Stichwort warten, alsdann Damen, die vielleicht den Abend zuvor Rosenjungfern und Vestalinnen vorgestellt haben, an denen aber gar nichts mehr von ihrer Rolle haften geblieben ist, und die in reiche Mäntel gehüllt, die Hände in den Muffen über die zweideutigen Spässe ihrer Herren Kollegen lachen. Das ist ein schwacher Abriß von dem, was ihr des Morgens in den Theatern finden würdet. * Ich könnte euch noch an jene Orte führen, wo so viele Leute ihr Vermögen verspielen, oder wo Andere, Gewandtere spielen, ohne Vermögen zu besitzen , den Gewinn einziehen, wenn einer kommt, und Nichts bezahlen, wenn Verlust vorhanden ist: eine geistreiche Art, reich zu werden und sicher zu spielen. Ich könnte euch in die Chaussée d'Antin, das Viertel der Bankiers, der Wechselagenten, der Loretten und der jungen Statistinnen führen; in das Faubourg St. Germain, wo die alten Hôtels und die glänzenden Equipagen zu Hause sind: in das Palais-Royal, diesen zauberischen Ort, von dem man in allen fünf Welttheilen spricht, weil auf der ganzen übrigen Welt Seinesgleichen nicht gefunden wird. Aber vor dem Mittagessen scheint das Palais-Royal nicht aller Lobeserhebungen, die man ihm macht, würdig. Um zu glänzen, müssen alle diese Läden beleuchtet sein; zur Tageszeit erhalten sie vom Himmel nur eine zweifelhafte Helle, die manchmal nicht bis in den Hintergrund der Magazine dringt. Um diese Zeit sind die Galerien wenig besucht, die Gastwirthschaften und Café's fast verlassen, ihr seht wenig Leute vor den zur Schau ausgestellten Waaren, gleichsam den Inhaltsverzeichnissen der Läden stehen; ja selbst die Modistinnen arbeiten, ohne die Augen aufzuschlagen ! Die Zeit des Mittagessens muß nahe sein; begnügen wir uns damit, in den prächtigen Salon eines reichen Capitalisten zu treten, wo sich bereits eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, welche der Amphitryon heute bewirthet. Da gibt es hübsche Frauen, prachtvolle Toiletten; man weiß nicht, welcher von diesen Damen man in Beziehung auf den Reichthum der Stoffe und der Geschmeide den Vorzug geben soll; die Männer, deren Anzug fast einförmig ist, wollen sich doch auch bemerklich machen; die Einen vergessen nicht, einige Worte von ihrem Reichthum, von dem glänzenden Amte, das sie begleiten, fallen zu lassen; die Worte: »mein Schloß, mein Gut, mein Einfluß, mein Credit,« werden geschickt in die Unterhaltung geworfen. Andere, die weniger vom Schicksal begünstigt sind, schmeicheln sich, durch ihr Verdienst, durch ihren Geist den Sieg davon zu tragen, und sie quälen manchmal ihre Phantasie sehr ab, welchen zu zeigen, während diejenigen, die wirklich Geist haben, sich oft nicht die Mühe geben, ihre Waare auszupacken. Vor dem Mittagessen herrscht in dieser Gesellschaft ein kalter, ceremonieller, fast strenger Ton. Die Damen mustern sich und lassen eine jede die Toilette der andern bis ins kleinste Detail die Revue passiren; wenn sie einige Worte wechseln, so geschieht es mit so gesuchter, gezierter Höflichkeit, daß man es für Diplomatie halten könnte; man weiß jedoch, wie man diese Complimente, diese alltäglichen Höflichkeiten, die man sich in der Welt gegenseitig macht, zu übersetzen hat. So, z. B. wenn eine Dame zur andern sagt: »Mein Gott, Madame, was haben Sie für einen köstlichen Hut auf, und wie kleidet er Sie zum Entzücken!« so heißt das so viel als: »Sie sind so häßlich, daß man sich vor Ihnen fürchtet, und setzen einen Hut auf, der Ihr Gesicht sehen läßt, statt es zu verdecken! Sie sind ganz lächerlich auf diese Weise!« Oder auch: »Wie Madame, Sie waren krank, so viel man mir gesagt hat! Aber wahrlich, man sieht es Ihnen gar nicht an: Sie sind frisch und rosig, Sie haben eine herrliche Gesichtsfarbe!« Uebersetzt: »Sie sind schrecklich verändert! Sie sehen wenigstens um zehn Jahre älter aus; was Ihre Gesichtsfarbe betrifft, meine liebe Dame, so weiß man, an was man sich wegen ihrer Aechtheit zu halten hat! Sie tragen zu viel auf, das springt in die Augen.« Oder ferner auch: »Ich habe das Unglück erfahren, Madame, das Ihnen zugestoßen ist: den Verlust Ihres Herrn Oheims ... das hat mich sehr angegriffen! Ein so liebenswürdiger Mann, der so viele Verdienste hatte! Ich bitte Sie, zu glauben, daß ich sehr vielen Antheil an Ihrem Kummer nahm.« Uebersetzt: »Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob Ihr Oheim gestorben ist oder nicht, und Ihnen vielleicht auch, denn er war ein alter Schwachkopf, der immer brummte und unaufhörlich auf die Fußteppiche spuckte; er war wirklich unausstehlich in Gesellschaft.« Das sind einige der gebräuchlichsten Uebersetzungen. Wir könnten auf diese Weise ein ganzes Gespräch übersetzen, denn unter Weltleuten, die in Gesellschaft zusammenkommen und sich nicht leiden können, ist in einem ganzen Gespräche oft kein einziges wahres Wort; wir wollen es aber diesmal bei dem Gegebenen bewenden lassen. Bei den Männern findet man gewöhnlich mehr Wahrheit, sie drücken sich aber auch – einige ausgenommen, die die gesellschaftliche Unterhaltung zu einem ganz besondern Studium gemacht haben – bei weitem nicht so gewählt und zart aus. In einem Salon, wo häufig Personen zusammentreffen, die wenig mit einander bekannt sind, werden selten Privatgespräche gehalten, und bei allgemeinen Gesprächen ist gewöhnlich die ewige Politik Gegenstand der Unterhaltung, welche dadurch auch meist lebhaft wird, da selbst in der kleinsten Gesellschaft nie alle Männer derselben Meinung sind, und Jeder die seinige geltend machen will. Hier finden wir einen alten Marquis, der Alles tadelt, was man jetzt thut, und nur lobt, was früher geschah. Dann einen alten Offizier, der die Kriege unter Napoleon mitgemacht hat, und nur für das, was zur Zeit des Kaiserreichs geschah, begeistert ist; der gar nicht begreift, wie man von einer andern Epoche als der des Kaiserreichs sprechen könne. Dann einen Expräfekten, der ein wüthender Feind der Regierung geworden ist, seit man ihm seine Präfektur genommen hat. Dann einen Advokaten, der bloß für die Republik eingenommen ist, die Tugenden des Robespierre preist, versichert, Frankreich sei unter dem Schreckenssystem vollkommen glücklich gewesen, nur von Freiheit spricht, Freiheit verlangt, wüthend wird und Jedermann zermalmen möchte, der nicht seiner Ansicht ist, Alles jedoch nur in Folge seiner glühenden Liebe zur Freiheit, einem Gefühl, welches sich bei den meisten unserer ungestümen Reformatoren in folgende Worte übertragen ließe: »Die Welt soll die Freiheit haben, Alles zu thun, was wir wollen.« Dann einen Gewerbsmann, der Alles billigt, was zu allen Zeiten geschehen ist, und alle Ministerien lobt. Dann einen Künstler, der behauptet, wir sollten uns kleiden wie zur Zeit Franz I., und gar nicht begreift, warum die Männer keinen Bart und die Frauen keine Halskrausen tragen; der die Freiheit anbetet, aber unter Ludwig XIV. gelebt haben möchte. Und jeder dieser Herren vertheidigt seine Ansicht mit Eifer und Hartnäckigkeit; keiner will dem andern einen Zoll breit weichen. Wenn ihr dieser Erörterung zuhört, die mit jedem Augenblicke lebhafter wird, denkt ihr bei euch: »Man hat sehr Unrecht gehabt, diese Männer hier zu vereinigen; sie sind durchaus verschiedener Meinung und werden zuletzt gewiß mit einander in Streit gerathen.« Und wenn ihr eure Blicke auf die Seite der Damen richtet, um welche einige junge Herren, die sich um etwas Anderes als Politik bekümmern, herumstreifen, indem sie ihren Schnurrbart dressiren und einen Blick auf ihren Anzug werfen, denkt ihr ebenfalls: »Diese Herren verlieren ihre Zeit umsonst, um die Damen zu verführen, denn nicht eine schenkt ihnen Aufmerksamkeit.« Vergebens bemüht sich dieser hübsche Blondin mit seinen künstlich frisirten Haaren um eine reizende kleine Frau, hinter deren Stuhl er sich gestellt hat, und deren feine Gestalt sich unter Federn, Gaze und Spitzen verliert; sie achtet nicht im mindesten auf ihn, kehrt sich nicht einmal nach ihm um, obgleich sie in dem ihr gegenüber hängenden Spiegel den Herrn hat bemerken müssen, der sich hinter ihr befindet. Und mit welcher Zurückhaltung, mit welch' stolzer Miene antwortet jene große, schwarzgekleidete, von Diamanten strahlende Dame dem hübschen Jungen mit dem Schnurrbarte, der ebenfalls nur mit der größten Achtung mit ihr zu sprechen scheint! Gewiß, die Lästerzungen fänden keinen Grund, sich an sie zu wagen. Das müßtet ihr in diesem Augenblick bei euch denken. Aber plötzlich erscheint ein Diener am Eingange des Saales und spricht die von einem Theil der Gesellschaft oft mit Ungeduld erwarteten Worte: »Gnädiger Herr, es ist aufgetragen!« Nach dem Mittagessen Die Stunde des Mittagessens ist, sogar bei Leuten, die spät zu Tische gehen, herangerückt. Die Nacht ist an die Stelle des Tages getreten, und schon lange sind Männer mit großen Stöcken versehen, an deren Spitze sich ein ganz kleines Licht befindet, durch die mit Gas beleuchteten Quartiere geeilt, und bringen vermittelst ihrer Stöcke das Licht in die Laternen, deren Flamme zuerst mit einem Glanz hervorschießt, der euch blendet. Jetzt hat Alles in dieser Stadt, durch die ihr vor einigen Stunden die Runde gemacht habt, ein anderes Ansehen gewonnen. Die Magazine, Läden, Kaffeehäuser, Theater, Straßen, Gasthöfe, Säle, Alles belebt sich und scheint ein neues Dasein anzunehmen. Das geschieht, weil die Menschen bei dem von ihnen erfundenen Lichte mehr glänzen, als bei dem, welches sie vom Himmel empfangen; das erstere besitzt oft eine trügerische Helle, und unsere Schönheit ist nicht immer der Art, daß sie das Tageslicht vertragen kann. Nun könnt ihr, wenn ihr in dieser langen Reihe gasbeleuchteter Boulevards und in den eleganten, lebhaften, bevölkerten Straßen spazieren geht, keine zehn Schritte machen, ohne daß die strahlende Beleuchtung eines Ladens, eines Waarenlagers oder eines Kaffeehauses auf euer Gesicht fällt. Lasset ihr euch nicht durch die Vergoldungen, die Malereien, die Verzierungen dieses Restaurationssaales; nicht durch diese unermeßliche Abwechslung von Shawls, von kunst- und geschmackvoll zusammengelegten Stoffen in den Modehandlungen, diese Halsbänder, Ketten und Stecknadeln in den Schaufenstern der Bijoutiers; nicht durch die geschmackvollsten Hauben und Hüte, und endlich die hübschen Gesichtchen in jenen Läden verführen; o! dann seid ihr mehr als Joseph, größer als Alexander. Denn jetzt, wo Alles von Glanz und Licht strahlt, könnt ihr diese Frauenzimmer ganz genau sehen, die ihre Augen nicht mehr, wie im Laufe des Tages, auf ihre Arbeit heften, sondern sich oft erlauben, nach der Seite der großen Scheiben zu schauen, und sich dann bedeutungsvoll einander zulächeln, wenn ein schöner Herr vor denselben stehen geblieben ist. Jetzt könnt ihr, ohne von den Vorübergehenden gestoßen, gepufft, und gedrängt zu werden, in der Stadt umher spazieren. Nach dem Essen läuft man seinen Geschäften nicht mehr nach; man hat weniger Eile, läßt sich Zeit, geht nach Bequemlichkeit, bleibt oft vor den Laden stehen, kurz, man schlendert mehr. Die Wägen selbst sind seltener, und wenn man sich auch noch vor den Equipagen, Omnibus und Fiakern zu hüten hat, so begegnet man doch wenigstens keinen Handkarren, Wasserkarren, Bauernwägen, Möbelwägen, Schuttkarren mehr. Man sieht zwar hie und da noch Frauenzimmer schnell laufen und sich, weil sie allein sind, beeilen; auch einige Grisetten, die thun, als ob sie sich fürchteten, wenn ihnen ein Herr folgt; aber das sind Ausnahmen, Schatten, welche das Licht in einem Gemälde nur um so mehr hervorheben. Die Augen gewinnen nicht allein bei dieser mit Paris vorgegangenen Veränderung. Nachdem wir die Galerien des Palais-Royal bewundert haben, das Abends wirklich ein Zauberort geworden ist, und rasch über die so lange Reihe gasbeleuchteter Boulevards hingeeilt sind, eine reizende Promenade, die ihresgleichen in der Welt sucht, wollen wir nun zu den Personen zurückkehren, die wir vor dem Essen beobachtet haben, und sehen was dieser einfache, gewöhnliche, aber im menschlichen Leben so unentbehrliche Akt für eine Veränderung in ihrer Stimmung und oft auch in ihrer Lage hervorgebracht hat. * Werfen wir zuerst einen Blick in den Laden jenes Spezereihändlers, wo es heute Morgen so voll war. Jetzt drängen sich die Käufer nicht mehr so vor dem Ladentisch; es kommen zwar hie und da noch Kunden, aber nicht mehr in der großen Anzahl und mit der Eile wie unter Tages, weit entfernt davon, plaudern sie vielmehr jetzt gerne mit dem Spezereihändler und seinen Commis. Diese dürfen sich einige Neckereien mit den Mägden des Quartiers erlauben, während sie ihnen Zucker oder Pfeffer vorwägen. Der Commis des Spezereihändlers ist, ohne daß man es ihm ansieht, ein außerordentlicher Verführer. Kein Wunder! Sein Prinzipal gibt ihm das Beispiel. Welch' ein Schmeichler! welch' ein Possenreißer ist doch dieser Spezereihändler! Er findet immer das geeignete Witzwort, um Lachen zu erregen; er ist nie um eine Antwort verlegen, und sein Witzwort, das gewöhnlich sehr schlüpfrig ist, verfehlt nie Diejenige, an die er es adressirt, zu einem gellenden Gelächter aufzureizen. Die beschürzten Damen lachen dann zum Zerplatzen, sind genöthigt, sich auf ein Rosinenfaß oder eine Seifenkiste zu stützen und rufen aus: »Ah, ist es bald genug? ... Wollen Sie endlich still sein! ... Madame, bringen Sie doch Ihren Mann zum Schweigen, er sagt uns gar zu arge Sachen ... wer würde auch glauben, daß er mit seiner frommen Miene ein solcher Spitzbube ist?« Die Spezereihändlerin, welche sich jetzt breit in ihr Comptoir hineinsetzen kann, weil man ihr nun die gehörige Zeit zum Geldherausgeben läßt, lächelt nur und erwidert nachlässig: »O! das geht mich nichts an; sucht selbst mit ihm fertig zu werden; ihr habt ja auch das Maul auf dem rechten Flecke! ... Ei! ihr Mamsells, wißt ihr keine Magd, die einen Platz sucht? Die Dame im dritten Stocke hat die ihrige unter dem Vorwand, sie brauche zu viel Butter zu ihren Saucen, fortgeschickt.« »Da müßte ich mich zwingen, wenn ich in eine solche Küche ein Mädchen schickte!« entgegnet eine dicke Schwätzbase in einer Haube, die von einem à la Fanchon gebundenen Madrastuch überragt wird; »ich kenne Ihre Dame im dritten Stocke, die frißt der Geiz! ... Es sind Leute, die Aufwand machen und Mittel haben, so viel man sagt, denn bewiesen ist es noch nicht, aber dabei ihre Dienerschaft Hungers sterben lassen! ... Ein eitles Chor, das Alles an den Luxus und den Staat rückt, immer einen prachtvoll gedeckten Tisch, vergoldete Teller, ditto Schüsseln und nichts darin hat; wo man bei jedem Gang die Couverte und Bestecke wechselt, um zu vier einen Hahnenflügel zu essen; die einen Apfel in acht Theile schneiden, um ihn zu präsentiren, und vierzehn Tage lang das nämliche Backwerk oder Bisquit zum Nachtisch auftragen lassen! ihre Dienstboten mit Knochen und Abfall nähren und sich dann noch beklagen, sie essen zu viel! Pfui, das sind Filze! Nein, es würde mir bestimmt nicht einfallen, ihnen eine ordentliche Person zu schicken, wenn ich auch eine wüßte!« Ein kleines, altes, mageres, elend gekleidetes Mütterchen, welches eine Tasche am Arme hat, die man ihrer Größe wegen bei Auszügen verwenden könnte, und wie gewöhnlich ihr Gläschen Johannisbeergeist trinkt, läßt jetzt einen Ausruf hören, der einem Entenschrei gleicht, und präsentirt dann der Gesellschaft ihre Dose mit den Worten: »Ja! Sie haben vollkommen Recht, Madame! Mein Jesus und Heiland! es gibt Herrschaften, die in ihrem Betragen sehr inconsequent sind und ihre Dienerschaft weder besser noch schlechter behandeln, als ob sie aus lauter Negern, schwarz wie Tinte, bestünde! Hat man nicht kürzlich meine Nichte auf diese Weise auf die Straße gesetzt? ... Sie kennen meine Nichte ... ein hübsches Geschöpf ... ein Kind, das ich mit einer Geiße aufgezogen habe, an der sie den ganzen Tag saugte, daß es rührend zum Ansehen war ... weder besser noch schlechter wie die Mutter Alda in dem famosen Roman Notre Dame de Paris .« »Ah! ich kenne Ihre Nichte,« erwidert der Spezereihändler, »eine hübsche Brünette mit etwas langen Armen; das ist aber bequem, um seine Strumpfbänder zu binden.« »Sie sind im Verhältniß nicht so lange als Ihre Nase, die Sie aber auch in Alles stecken müssen!« versetzt die Alte, welche die Bemerkung des Spezereihändlers zu ärgern scheint. Dieser aber beeilt sich, der Alten einige Feigen anzubieten, um das Piquante seines Scherzes zu versüßen ; diese nimmt eine Hand voll, steckt sie in ihre Riesentasche und fährt fort: »Ich zog sie also auf ... sie wird am St. Nicasius-Tage achtzehn Jahre alt ... und ließ sie zu Bürgersleuten in einen Dienst treten; die Haushaltung bestand aus dem Herrn, der Frau, zwei Kindern, einem Hunde, einer Katze und drei Vögeln; da fehlte es nicht an Arbeit, denn sie mußte das Alles jeden Morgen säubern und reinigen.« – Wie, den Mann auch?« frägt der Spezereikrämer, die Alte um das Kinn streichelnd. »Wollen Sie still sein, Sie Unartiger! ... ah! warum nicht gar ... was fällt Ihnen ein; glauben Sie, ich hätte meine Nichte in ein Haus gethan, wo man Dinge von ihr verlangt hätte, die ... Großer Gott! ein Mädchen, das so unschuldig ist wie Ihre Prünellen! ... Ich sagte das nur, um Ihnen zu sagen , wie viel es zu schaffen gab. Nun denken Sie sich, schickte sie ihre Frau vollends gar aus dem Grunde fort, weil ich Sie zu oft in der Küche besuche, und dann das Geflügel immer ein Bein zu wenig habe! ... als ob todtes Geflügel überhaupt noch Beine brauchte! ... aber das Ganze war eine nichtsnutzige Verleumdung! ... ich der Herrschaft meiner Nichte etwas nehmen, pfui! Und außerdem esse ich je Etwas? Ich lebe ja fast von der Luft, das weiß Jedermann! Mein armer Magen verabscheut die Nahrung ... Morgens trinke ich mein Gläschen Anislikör und Abends meinen Johannisbeergeist; damit erhalte ich mich schon seit zwanzig Jahren, so wahr ich ein ehrliches Weib bin !« So dauert das Geschwätz bei dem Spezereihändler fort, der nach Tische sehr liebenswürdig ist, weil er viel Geld eingenommen hat; er heißt seine Frau einmal über das andere »mein Liebchen« und mein »Herzchen«; diese läßt sich geduldig in die Wange kneipen; die Commis sagen den Mägden Süßigkeiten; diese schimpfen über ihre Herrschaften, und so ist Alles vergnügt. * Nun stehen wir vor dem Laden der Krämerin in der Vorstadt St. Antoine, wo wir heute Morgen die Mamsells Ernestine und Honorine mit auf die Arbeit gesenkten Blicken, nicht wagend, den Kopf nach den Fenstern zu drehen, zurückließen, während sie die Krämerin schalt, weil sie ganz leise die Strophe eines Liedes getrillert hatten. Seit heute Morgen ist eine große Veränderung vorgegangen. Mamsell Ernestine sitzt noch im Comptoir, aber statt zu arbeiten, liest sie einen Roman. Honorine sitzt bei der Thüre und singt, indem sie sich zum Schein mit einer Stickerei beschäftigt, halblaut die Romanze von Guido: »Ach! er floh wie ein Schatten dahin!« wobei sie ihre Blicke häufig auf einen gegenüber befindlichen Leinwandladen richtet, in welchem sich ein junger Commis aufhält, der, weit entfernt, wie ein Schatten zu fliehen, ihr Zeichen gibt, und während er dem Anscheine nach seine Waaren auseinanderlegt, eine sehr leicht faßliche Pantomime macht. Wie kommt es, daß diese Mamsells heute Abend so viel Freiheit genießen? Wo ist die strenge Krämerin, deren trockene, barsche Worte Furcht einflößten und die Heiterkeit verscheuchten? Wir wollen in den Hintergrund des Ladens treten: dort finden wir diese Dame in Gesellschaft eines alten Militärs, desselben, von dem wir vor dem Essen gesprochen hatten. Mehrere Tage waren verstrichen, ohne daß sich der alte Krieger bei der Krämerin hatte sehen lassen, und diese empfand bereits alle Aengsten eines Herzens, das ohne Hoffnung zu lieben fürchtet. Wenn man den Frühling und sogar den Sommer des Lebens hinter sich hat, müssen diese Angstgefühle weit lebhafter sein, da man dann in dem Kapitel der Trostgründe nichts mehr zu lesen findet. Gegen Abend aber war der alte Soldat gekommen, der Kaufmannsfrau seine Huldigungen darzubringen. Man hatte ihn aufgenommen wie den verlorenen Sohn; zwar hatte man kein gemästetes Kalb geschlachtet, aber ihn zu einem Hühnchen mit Oliven eingeladen, welches die Köchin der Madame mit einer Vollkommenheit zuzubereiten wußte, die im ganzen Quartier Aufsehen machte. Nachdem der Kriegsmann sich eine Weile gesträubt, hatte er zuletzt die Einladung zum Mittagessen angenommen, und die Köchin, als ob sie die Gefühle ihrer Herrin errathen, hatte sich an diesem Tage selbst übertroffen. Ein Dichter, der das menschliche Herz oder vielmehr den menschlichen Magen sehr gut kannte, hat gesagt: »Mit Gastmahlen regiert man die Menschen!« Und in der That, wie viel Ereignisse, Pläne, Absichten und Intriguen sind nicht von jenem römischen Kaiser an, der seinen Koch zum Senator erhob, weil er eine vortreffliche Sauce erfunden hatte, von Heliogabalus und Lucullus an, welche man mit Recht die Restauratoren des Reichs hätte nennen können, durch die Beihülfe der Mahlzeiten durchgeführt worden! durch diese mächtigen Alliirten, deren man sich mit gleicher Wirkung immer wieder bedient. Daraus könnte man schließen, daß die Menschen Leckermäuler sind. Und warum sollte man es nicht glauben, wenn wir jeden Tag vor und selbst nach dem Essen so viele Leute, gleichsam in Bewunderung versunken, vor Chevets Laden, vor dem Hôtel der Amerikaner , kurz vor allen bedeutenden Delikatessenläden stehen sehen? Ich sah eines Tages einen sehr gut gekleideten, voll und wohlgenährt aussehenden Herrn, der meines Wissens fünf Minuten lang, ohne die Augen abzuwenden, auf einen prächtigen Hummer hinstarrte; da es mir aber zu langweilig wurde, diesen Herrn weiter zu beobachten, so ließ ich ihn bei den Delikatessen stehen, und kann somit nicht sagen, wie lange er noch in diesem Zustand tiefer Betrachtung vor dem Hummer verblieb. Dieser Herr kam mir vor wie die Palamiten. Ihr wißt vielleicht nicht, wer die Palamiten sind, deßhalb erkläre ich es euch: das waren griechische Mönche, die sich im vierzehnten Jahrhundert dem beschaulichen Leben widmeten und es durch unablässiges Betrachten ihres Nabels dahin brachten, sich in Extasen zu versetzen und das reine Licht, das vom himmlischen Aufenthalt ausströmt, zu erblicken. Constantinopel war voll von diesen vom Kaiser Johann Paläologus begünstigten Frommen, die Tage lang unbeweglich auf einem Stuhle saßen, und in Erwartung der himmlischen Erscheinung die Augen unverwandt auf ihren Nabel gerichtet hatten, und das war der Grund, daß man sie Palamiten oder Nabelgucker nannte. So leckerhaft mir auch der Herr vorkommen mochte, den ich vor Chevet stehen sah, so muß ich doch bekennen, daß ich diese andächtige Anschauung eines Hummers oder einer Gänseleberpastete noch weit eher begreife, als die eines Nabels. Aber über alle diese Dinge haben wir die Krämerin und ihren Gast, den alten Kriegsmann, aus dem Gesichte verloren, der, nachdem er das Essen vortrefflich gefunden hatte, einzusehen begann, daß sein Pensionsstand noch viel angenehmer sein müßte, wenn er durch solche Hühnchen mit Oliven ausgeschmückt und durch so edle Weine versüßt wäre; beim Braten wurde er daher sehr galant, beim Zwischenessen wagte er eine Erklärung, und beim Dessert war die Heirath abgeschlossen. Und die Krämerin sagte in ihrem Entzücken zu den beiden Ladenmamsells: »Gehen Sie zur Ruhe, Sie haben genug gearbeitet.« Und die beiden Mamsells machten von dieser Erlaubniß Gebrauch, ob wörtlich steht dahin, und priesen die Köchin, deren Talent diese glückliche Veränderung herbeigeführt hatte. Indem wir weiter in der Vorstadt St. Antoine vorwärtsgehen, begegnen wir zwei Arbeitern, die Arm in Arm einhertaumeln und die besten Freunde von der Welt zu sein scheinen. Peter und Gravouillet sind es, die sich diesen Morgen im Streite getrennt hatten; als sie sich aber Abends in der Schenke zusammenfanden, hatte Peter zu Gravouillet gesagt: »Du bist böse, aber ich bin es nicht; Du kannst mit Dir selbst keine Händel anfangen. Ich bezahle eine Flasche, wenn Du nicht glaubst, was man bei des Obsthändlers geträtscht hat.« Gravouillet verzichtete auf seinen Glauben , und nahm die Flasche an; in einiger Entfernung von der ersten Schenke wollte auch er eine Flasche bezahlen; etwas später regalirte Peter wieder ihn. Wenn sie so fortmachen, können sie niemals ihre Schlafstelle erreichen; dafür ist aber auch die feurigste Freundschaft an die Stelle der Feindseligkeit getreten und man hört sie auf dem ganzen Wege wiederholen: »Du bist mein Freund!« »Ewig! bis in den Tod!« »Und Freunde bleiben Freunde!« »Gut gesprochen!« »O Freund, komm', gib mir einen Kuß.« Und die beiden Männer stehen mitten auf der Straße still, um sich zu küssen. Das ist ausnehmend rührend! und diese Freundschaft hält jedenfalls so lange an als ihr Rausch. * Nun kommen wir auf die Boulevards. Alles ist beleuchtet, die Kaffeehäuser, die großen und die kleinen Theater, die Gerüste, die Marionetten, die Wachsfiguren-Cabinete, die Sehenswürdigkeiten und Curiositäten, die Taschenspieler- und Seiltänzer-Buden. Alles ist in Bewegung und die Menge drängt sich um die Marktschreier, die Hanswurste und die großen Zelte, auf die man, um Einem einen Vorgeschmack von dem, was innen gezeigt wird, beizubringen, Frauen hingemalt hat, die Bärte haben wie wahrhaftige Bären; Männer, die das Mannesalter erreicht haben, ohne nur ein Härchen auf dem Leibe zu haben, wovon man sich persönlich überzeugen kann; Löwen, die sich peitschen lassen ohne in Zorn zu gerathen, und Tiger, die Einem vertraulich die Tatze reichen, wie ein intimer Freund. Die Menge bewundert das Alles, aber sie geht nicht hinein: sie weiß, daß die Belustigungen am Eingang unendlich angenehmer anzusehen sind als Alles, was hinter dem Vorhange steckt. Dort gehen Kindsmägde mit Rekruten spazieren und geben willig den verführerischen Reden derselben Gehör, denn Abends sind sie von ihren Breischluckern erlöst. Ihre Herrschaften sind ausgegangen, nachdem sie ihnen äußerst ans Herz gelegt, auf ihre Kinder wohl Acht zu geben, aber kaum sind dieselben zur Thüre hinaus, so legen die Mägde die Kinder zu Bette, machen von der Ruthe Gebrauch, wenn die Kleinen behaupten, sie hätten keinen Schlaf, und eilen auf das Boulevard, um den Freund in den krapprothen Hosen aufzusuchen. Jene Pärchen aber, die ihr im Schatten hinschleichen und hauptsächlich die am wenigsten besuchten Alleen einschlagen seht, bestehen nicht ausschließend aus Kindsmägden und ihren Liebhabern. Nach dem Mittagessen sind die Grisetten nicht mehr so scheu, die jungen Arbeiterinnen nicht mehr so spröde, selbst die Loretten humanisiren sich ziemlich leicht; Abends geht man nicht aus, um Arbeit zu suchen oder zurückzutragen, man geht vielmehr nur, um spazieren zu gehen, und da es sehr trübselig ist, allein spazieren zu gehen, so wird der Arm eines Herrn eben so angenehm als nothwendig. Die Frau muß sich auf den Mann stützen, wie der Greis auf das Rohr, wie der Epheu auf die Ulme, kurz, wie eine Menge Dinge aufeinander, die ich nicht anführen kann. Wenn wir uns Etwas auf den Boulevards umsehen, so werden wir, ich bin es überzeugt, jenem jungen Manne und jener jungen Dame begegnen, welche sich vor dem Essen so barsch, ja fast im Verdrusse verlassen hatten. Ja, da sind sie Beide; sie gehen verliebt in der düstersten Seitenallee spazieren, sie sprechen seht leise und sehr zärtlich mit einander. Nun sind sie einig, und werden bald von den Worten zur That schreiten. Nachdem ber junge Mann seinen Antheil an der mit Trüffeln gefüllten Truthenne verspeist hatte, fühlte er die Liebe mit noch mehr Heftigkeit in seinem Herzen erwachen. Dann kehrte er reuevoll an den Ort des morgendlichen Stelldicheins zurück, indem er hoffte, die Sympathie werde auch seine Geliebte herbeiführen; diese war aber nur zufällig dorthin gekommen und hatte dem Geliebten verziehen, noch sehr zufrieden, nur eine Truthenne mit Trüffeln zur Nebenbuhlerin gehabt zu haben. Verlassen wir die Boulevards. Ich will euch nicht den Vorschlag machen, jetzt in das Quartier der Hallen zurückzukehren, obgleich es Abends dort eben so still ist, als es des Morgens lärmend war. Ruhe ist nun an die Stelle des Geschreis, des Schimpfens und der Streitigkeiten getreten, und das aus sehr gutem Grunde; die Hallen sind jetzt nämlich leer, und die Verkäuferinnen haben sich aus dem Staube gemacht. Wir durchgehen nun rasch die Altstadt, deren Bewohner einen Spaziergang außerhalb ihres Quartiers aufsuchen. Was den Justizpalast betrifft, so wisset ihr, daß Abends nicht plaidirt wird, und dort ebenfalls Frieden herrscht! ... weil Niemand mehr darin ist. Zieht übrigens hieraus nicht den betrübten Schluß, daß die Menschen nicht beisammen sein können, ohne in Streit zu gerathen! Nein, wahrhaftig nicht! Werft zum Beweise des Gegentheils einen Blick in den Saal dieses Gasthauses. Dort sitzen Advokaten, welche diesen Morgen einer gegen den andern plaidirten, sich spitze Worte sagten und sich beißende Anzüglichkeiten zuwarfen! Seht, wie sie miteinander anstoßen und Champagner wie Wasser hinuntergießen; sie scherzen selbst über das, was sie heute früh im Gerichtssaal einander gesagt haben und wohl auch über die Partieen, wegen welcher sie es gethan haben und deren Einfalt sie jetzt das köstliche Getränk verdanken. Glaubt daher nicht an die Ueberzeugung dieser Advokaten, die behaupten, sie vertheidigen bloß gerechte Sachen. Diese Herren betreiben eben ihr Gewerbe, weiter ist es nichts, und der, welcher bei Vertheidigung einer schlechten Sache am meisten Ueberzeugung heuchelt, gilt als der talentvollste. Gehen wir in ein Kaffeehaus. Nach dem Essen strahlen diese in ihrem ganzen Glanze, erstens weil sie beleuchtet und zweitens weil sie voll Menschen sind. Fast alle Tische sind besetzt, und jetzt hat es ein anderes Ansehen als vor dem Essen: statt der kalten, trockenen, ernsten Physiognomien, die, ohne etwas zu verzehren, die Journale lasen, seht ihr jetzt auf allen Seiten jubelnde Gesichter. Der alte Herr lächelt sein Täßchen Kaffee an, die jungen Leute bei der Punschbowle müssen sich ganz fidel unterhalten, denn sie brechen oft in ein schallendes Gelächter aus; dort sitzt ein altes Pärchen, welches sich mit Gloria Mit Zucker in einer Kaffeetasse verbrannter Rum oder Cognac. bedienen läßt, hier schlürft ein großer magerer Herr ein Glas Eis hinunter. Die Herren, welche heute Morgen auf dem Punkte waren, sich wegen der Zirkeldrehungen einer Tänzerin zu schlagen, spielen ihren Kirschengeist und ihren Rum miteinander auf dem Billard heraus; der Streit von diesem Morgen ist ganz vergessen, selbst der Anblick der Dominospieler ist heiterer und possenhafter geworden; die des Morgens oft schleppende Unterhaltung ist jetzt lebhaft, sprudelnd, aufgeregt. Es gibt Leute, die nach einer guten Mahlzeit beinahe geistreich werden. Welches Leben, welches Treiben in diesem Kaffeehaus! Man kommt, geht, setzt sich, steht auf. Die Kellner rennen von der Küche zur Tafel, von der Tafel in's Comptoir, und alle Augenblicke klingt es euch in den Ohren.« »Hieher, Kellner!« »Punsch!« »Eine Tasse Kaffee!« »Hier, mein Herr.« »Bringen Sie Bier!« »Ein Domino!« »Geben Sie mir die Audience .« »Sie wird gerade gelesen, mein Herr.« »Reissuppe!« »Ich hätte gerne die Débats .« »Acht auf hundert?« »Wer hat den Messager verlangt?« »Wir wollen uns hierher setzen.« »Hier?« »Nein, dort, jener Platz ist besser.« »Eine Bavaroise mit Milch für diesen Herrn!« U.s.w. u.s.w. u.s.w. Im Vorbeigehen betrachtet ihr diese schönen Modewaarenlager. Die Commis genießen die Süßigkeiten des Abends; jetzt finden sich nur noch wenige Käufer ein. Der Chef des Hauses ist in das Theater gegangen und die jungen Leute können mit einander plaudern und lachen. Hier finden keine Klatschereien von den Schwätzbasen des Quartiers wie bei den Spezereihändlern statt, hier machen sich die Handlungslehrlinge, von denen die meisten achtzehn bis fünfundzwanzig Jahre alt, folglich mehr oder minder verliebt sind, ihre vertrauten Mittheilungen. Wer ist in diesem Alter nicht verliebt? Wer hat in dieser Periode seines Lebens nicht eine, zwei oder drei Passionen in seinem Herzen? Und wenn man so viele Sachen im Herzen hat, ist es gewiß ganz natürlich, daß man sie seinen Freunden, seinen Kameraden gerne mittheilt; da behauptet alsdann jeder dieser Herren, eine sehr hübsche Geliebte zu haben, ja, da handelt es sich davon, wer den Andern im Lobe der seinigen überbiete. »Meine Leinwandhändlerin hat wunderhübsche russisch-blaue Augen!« »Die meinige hat schwarze, die gefallen mir weit besser.« »Der Fuß meiner Geliebten ist nicht größer als ein Kaffeebrod.« »Wenn Sie eine Striezel darunter verstehen, so kann er immer noch lang genug sein.« »Ach! nein, ein Kaffeebrod um einen Sou!« »Diejenige, die mein Herz besitzt, hat Zähne wie Perlen, und alle vollständig... zweiunddreißig, einer schöner als der andere.« »Also auch einer häßlicher als der andere.« »Meine Dulcinea hat vierunddreißig!« »Vierunddreißig! das ist nicht möglich, so viel hat kein Mensch.« »Mein Mädchen ist auch kein Mensch! und überdies habe ich Frauenzimmer gekannt, die vierzig hatten.« »Das waren dann Löwinnen ?« »Ah, bravo! Das ist ein herrliches Wortspiel!« Nur zu, meine Herren, rühmt immerhin die Reize eurer Schönen; das ist galanter, als über sie zu raisonniren. Der Tag gehört der Arbeit, der Abend dem Geplauder, wozu die Nacht da ist, geht uns nichts an. * Wer ist aber jenes Individuum, welches so stolz und gespreizt auf dem Trottoir dieser Straße einhergeht, weder links noch rechts ausweicht. Jedermann mit einem Halblächeln auf den Lippen und jener selbstzufriedenen Miene anblickt, in der sich ausdrückt: »Ich bin sehr glücklich, sehr vergnügt, der Abend gehört mir, jetzt bin ich mein eigener Herr! Sobald es fünf Uhr geschlagen hat, bin ich so frei wie der Vogel in der Luft! Ich genieße aber auch meine Freiheit, ich benütze sie, denn ich bleibe keinen Abend zu Hause.« Dieser Herr ist ein Angestellter, einer von denen, die wir alle Morgen zur selben Stunde ... so regelmäßig wie die Linien eines Notenblattes... vorbeigehen sehen. Vor dem Essen sind die Angestellten nicht Herren ihrer selbst: ihre Zeit, ihre Arbeit, ihr Talent, ihre Buchstaben, selbst ihre Feder, mit einem Wort Alles gehört der Regierung, die sie bezahlt; bis fünf Uhr müssen sie sich einer vollkommenen Selbstverleugnung unterwerfen. Aber mit welcher Freude machen sie Gebrauch von ihrer Freiheit, wenn sie ihre Bureaux verlassen haben! Könnt ihr euch nun noch wundern über die merkliche Veränderung, die jetzt mit dieser zahlreichen Klasse von Individuen vorgeht? Und wenn ihr sie Morgens steif, barsch, unangenehm, manchmal sogar unhöflich gegen die, welche mit ihnen zu thun haben, gefunden habt, so verzeiht ihnen, denn dieses muß bloß eine Folge der langweiligen bureaukratischen Geschäfte sein. Aber seht sie nach dem Essen, da werdet ihr ganz erstaunt sein, in denselben Wesen, die ihr Morgens so gelangweilt und so langweilig gefunden habt, heitere, liebenswürdige, geistreiche Menschen zu finden. Jetzt könnt ihr auch in's Theater gehen, denn dieses existirt eigentlich nur Abends. Jenen veralteten Koketten gleich, die bei Tage nicht sichtbar sind, weil sie da beschäftigt sind, sich vorzubereiten, sich zu schminken, die Reize herauszuputzen, mit welchen sie euch zu verführen gedenken, empfangen die Theater ihre Besucher erst nach dem Essen, aber dann entfalten sie alle ihre Pracht und allen ihren Pomp, um eure Augen und Ohren zu verführen, euern Geist zu bezaubern, und euer Herz zu umstricken; und es gelingt ihnen häufig, weil, wenn nach dem Essen, unser Kopf noch voll von den Dünsten eines edeln Weines ist, wir weit mehr geneigt sind, uns verführen zu lassen. Wir wollen unsern Abendspaziergang mit der Rückkehr in den Salon jenes Capitalisten beschließen, wo wir Männer von allen Parteien und Farben versammelt gesehen haben, deren anfangs ernste Unterhaltung, ehe man sich zur Tafel setzte, lebhaft, beißend, stürmisch geworden war und ernstliche Streitigkeiten zwischen diesen Herren befürchten ließ, die so verschiedene Meinungen hatten und sich gegenseitig keine Concessionen machen wollten. Sehet sie jetzt wieder an, wo Champagner über all' ihre Gespräche geflossen ist: diese Herren sind nachgiebig, versöhnlich, sogar optimistisch geworden. Der alte Marquis läugnet nicht mehr, daß Napoleon ein großer Feldherr war. Der ehemalige Soldat des Kaiserreichs gibt zu, daß sich die Franzosen in Algier vortrefflich geschlagen haben. Der Advokat gelangt allmählig zu der Ueberzeugung, daß die Republikaner in Rom und Athen Mißbrauch mit dem Ostracismus und der Arena getrieben haben. Der Künstler entschuldigt die Mode der Fräcke und runden Hüte, selbst der Expräfekt zeigt sich geneigt, sich mit der Regierung zu versöhnen, wenn man ihm sein Amt wieder gibt . Und Sie, meine Damen ahmen Sie diesen Herren nicht auch nach? Ich meine, Ihre Worte seien jetzt sanfter, Ihre Blicke nicht mehr so strenge. Ich bemerke, daß sich sehr lebhafte Unterhaltungen zwischen den jungen Leuten und einigen dieser stolzen Schönen angeknüpft haben, welche jene vor dem Essen kaum zu kennen schienen, aber gegen die sie jetzt weit menschlicher geworden sind. »Was soll das Alles beweisen?« werdet ihr mich vielleicht fragen. Das soll beweisen, daß die Menschen im Allgemeinen nach dem Essen besser sind, als vor demselben; daß sie, wenn die Bedürfnisse ihres Magens befriedigt sind, eine Behaglichkeit empfinden, die sie zur Nachsicht geneigter stimmt. Beachtet diese pathognomischen Zeichen und sucht sie zum Vortheil der Moral zu benutzen. »Aber,« werdet ihr mir entgegenhalten, »wie ist es mit denen, die nichts zu essen haben.« Ha, wahrhaftig! diesen bleibt das Recht, schlechter Laune zu sein! Deßhalb muß man aber auch die Dinge so zu arrangiren suchen, daß Jedermann zu essen hat , und im Nothfall den Grundsatz des Seneschalls in Boildieus Johann von Paris befolgen, daß es sogar für die Prinzessin von Navarra besser sei, mit einem Bürger zu Mittag zu speisen, als gar nicht . Die Mägde der Madame Bouracand Domestica facta . Wenn Sie nicht altern wollen, so wechseln Sie weder Ihre Wohnung, noch Ihre Bedienung. Dieser Rath könnte Ihnen vielleicht unrichtig scheinen, und Sie werden mir sagen: »Die Zeit geht ihren Gang, mag ich nun im Marais oder in der Chaussée d'Antin wohnen, mich von einer Picardierin oder einer Normännin bedienen lassen.« Ich antworte Ihnen, daß nicht altern so viel ist, als alt werden, ohne es zu bemerken. Aber Sie werden mir vielleicht wiederum entgegnen, daß andere Leute dieses an Ihrer Stelle bemerken werden! Was liegt Ihnen daran? Sie lachen die andern Leute aus. Herr Bouracand war ein kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren; in seiner Jugend hatte er mit Gemälden gehandelt und im reiferen Alter einen sehr ausgesprochenen Geschmack für die Künste behalten. Herr Bouracand war nie hübsch gewesen: er hatte kleine Augen, eine sehr lange Nase, einen sehr großen Mund und ein Kinn, das nie in eine Cravatte sich geschmiegt hatte. Er war nicht gut gewachsen, denn er rieb die Kniee aneinander, wenn er ging, und besaß nicht einmal einen Ansatz von Waden; trotzdem betete ihn seine Gemahlin an, die auf der ganzen Welt sich nichts Schöneres denken konnte, als ihren Gatten. Weil die Liebe uns blind macht, so darf man sich nicht wundern, daß man die Leute schön findet, die man liebt. Madame Bouracand war merkwürdig blind und ihre Leidenschaft ging bis zur Eifersucht, und diese lächerliche Eifersucht machte ihren Gemahl oft unglücklich. Es ist manchmal ein Unglück, von seiner Frau angebetet zu werden, wenigstens öfters sehr gênant! Madame Bouracand war eine große Frau, die früher sehr schön gewesen sein mußte; sie hätte eine Kokette sein, Liebhaber haben und ihren Mann hintergehen können, so viel ist gewiß. Aber sie zog es vor, ihren Gemahl anzubeten, der sehr häßlich war und wenig Geist hatte. Es gibt schöne und geistreiche Leute, denen dieses Glück nie begegnet. Aus der Vereinigung der beiden Eheleute waren zwei Mädchen entsprossen, welche zum Glück nicht das Ebenbild ihres Vaters waren, was wieder beweist, daß man seinem Manne sehr treu sein und ihm dennoch Kinder schenken kann, die manchmal einem Nachbar oder vertrauten Freund ähnlich sehen. Die Natur ist entsetzlich bizarr in ihren Launen. Die kleinen Bouracands hießen: die eine, Adele, die andere Eugenie. Sie waren ganz und gar wie alle kleinen Mädchen ihres Alters, lernten wenig, spielten viel, und hatten kein ausgesprochenes Talent für irgend einen Beruf, was ihre Eltern sehr tröstete; denn diese hatten gehört, daß Wunderkinder nicht lange leben. Die Familie Bouracand bewohnte eine hübsche Wohnung auf einem Kai. Der ehemalige Gemäldehändler hing an seinen Gewohnheiten; statt Geistes hatte er gesunden Menschenverstand, was manchmal mehr werth ist, und auch er fand, daß nichts so sehr alt mache, als Wechsel der Wohnung und der Umgebung. Er behielt seine Wohnung, die heiter war, und seine Magd, die seit zehn Jahren bei ihm diente, und er schmeichelte sich, immer seine Wohnung und seine Magd behalten und das angenehme Leben, das er führte, fortsetzen zu können, ohne je Etwas an seinen Gewohnheiten ändern zu müssen. Allein der Mensch denkt und Gott lenkt, und ihr wisset, daß die kleinsten Ursachen oft die größten Veränderungen herbeiführen. * Eines Tages blieb Herr Bouracand sehr lange am offenen Fenster stehen, um dem Lauf der Seine zuzusehen. Das ist ein sehr unschuldiges und nicht ganz unpoetisches Vergnügen. Herr Bouracand hatte keine Absicht dabei; er machte nie Verse, und konnte somit auch keine auf die Wellen des Flusses machen, die schon so viele Poeten begeistert haben; aber er zog sich einen Schnupfen zu. Es gibt tausenderlei Mittel gegen den Schnupfen, und Herr Bouracand hatte gehört, das Beste sei, wenn man sich die Nase mit Unschlitt einreibe. Madame Bouracand hatte sich schon lange zur Ruhe gelegt, als sie die Stimme ihres Mannes in der Küche zu vernehmen glaubte; sie stand auf, ging hinaus und fand Herrn Bouracand, der sich im Nachtgewande von seiner Magd die Nase mit einem Lichte einschmieren ließ. Eine eifersüchtige Frau sieht in den unschuldigsten Handlungen etwas Unrechtes; die Gattin des Gemäldehändlers wird purpurroth und schreit, wüthende Blicke auf die Magd werfend: »Was machen Sie da?« »Du siehst es ja: ich lasse mir von Dorothea die Nase mit Talg einschmieren.« »Was soll das heißen, mein Herr?« »Das soll heißen, daß ich einen Schnupfen habe, und man hat mich versichert, dies heile ihn am besten.« »Und Sie konnten sich die Nase nicht selbst einschmieren.« »Ich rühre nicht gern Unschlitt an.« »Ei mein Herr!« Damit stößt Madame Bouracand ihren Mann vor sich her, und ruft, im Zimmer angekommen, aus: »Sie sind ein schändliches Ungeheuer!« »Warum? weil ich Unschlitt auf der Nase habe?« »O, das sind leere Ausflüchte. Und wenn Sie der Meinung sind, ich lasse mir so Etwas weis machen ...« »Wie so?« »Ja, Ihr Schnupfen ist ein Vorwand; Sie waren mit Jungfer Dorothea in der Küche! ... O, ich habe schon längst Etwas geahnt! Ich sah es schon, wie Sie ihr Blicke zuwarfen?« »Blicke zuwarfen! wem?« »Sie verstehen mich ganz gut. Sie haben ein Verhältniß mit der Magd.« »Ich ein Verhältniß mit der Magd? Sage mir, liebe Freundin, träumst Du noch?« »Nein, ich träume nicht! Jetzt wundert es mich nicht mehr, warum Sie dieselbe so nachsichtig behandeln ... Sie zanken sie nie.« »Du zankst sie hinlänglich für uns Beide.« »Man könnte glauben, Sie fürchten sich, ein Wort an sie zu richten ... Sie haben bei Tische nicht einmal den Muth, einen Teller von ihr zu verlangen.« »Ach, was fällt Dir ein, liebe Frau!« »Nein, Sie wagen es nicht! Aber ich dulde diese Schlechtigkeit nicht länger. Ich jage die Jungfer Dorothea fort.« »Das heißt, Du jagst ein Mädchen fort, welches schon zehn Jahre bei uns dient, und an das wir gewöhnt sind!« »Ja, ja, ich glaube, daß Sie nur zu sehr an sie gewöhnt sind!« »Madame Bouracand, Sie sind eine Närrin. Wenn Sie das Mädchen fortschicken, machen Sie eine Dummheit. Sie hat zwar ihre Fehler, aber es ist keine tadellos, und für hundert Franken jährlich kann man keinen Engel erwarten; man darf sich sogar glücklich schätzen, wenn die Fehler nicht vorwiegen. Sie dürfen die Dorothea nickt fortschicken, weil ich es nicht zugebe; wir würden es bald bereuen, und ich kann die neuen Gesichter nicht leiden.« Herr Bouracand zeigte bisweilen Charakter; wenn er schrie, schrie er tüchtig; wenn er böse wurde, kannte man ihn nicht mehr. Madame gab keine Antwort und sprach am folgenden Morgen nicht mehr davon, die Magd fortzuschicken; aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, nicht nachzugeben, und sie wußte wohl, daß sie ein Mittel finden würde, ihre Absicht zu erreichen. * Nach Verlauf einiger Tage waren weder das Frühstück noch das Mittagessen zu rechter Zeit fertig, die Möbel waren nicht gehörig abgestäubt, es ging Alles im Hause verkehrt, und man hörte von Morgens bis Abends Madame Bouracand über ihre Magd klagen. Eines Tages deutete Madame auf ein Möbel und sagte zu ihrem Manne: »Sehen Sie, es ist Alles voll Staub, aber Sie wollen Ihre Magd behalten.« Herr Bouracand näherte sich dem bezeichneten Gegenstand, sah nichts und schwieg. Ein anderes Mal hielt ihm seine Frau einen silbernen Löffel unter die Nase und sagte: »Riechen Sie daran, Herr Gemahl.« Herr Bouracand beugte sich auf den Löffel herab, roch aber nichts: allein Madame schrie: »Wir haben gestern Fische gegessen und man riecht es heute noch ... das ist sauber!« Herr Bouracand dachte bei sich: »Ich meine doch, man esse die Fische nicht mit dem Löffel!« Aber er schwieg, um keine Händel anzufangen. Später brachte Madame ihrem Manne alle Tage eine Casserole, damit er sie betrachte, und sagte: »Sehen Sie, man sorgt durchaus nicht für unser Küchengeräthe, es wird nie gefegt; am Ende vergiftet man uns noch! Aber Sie wollen Ihre Magd behalten.« Da übrigens Alles dies nichts nützte, trat Madame Bouracand eines Morgens, blaß, mit aufgelösten Haaren und beinahe entstellten Zügen vor ihren Mann, sank auf einen Stuhl nieder und rief aus: »Sie muß fort, oder ich verlasse das Haus, Sie haben die Wahl!« »Was gibt es denn wieder, liebe Frau?« »Was es gibt? ... Das Mädchen hat mich beleidigt ... ja, mein Herr, beschimpft sogar! Sie hat gesagt ... wie abscheulich! ... sie hat gesagt: sie sei so gut wie ich!« »O, der Teufel! das scheint mir wirklich sonderbar! zu sagen, sie sei so gut wie Du, das klingt wie Spott! Da mußt Du sie sehr gereizt haben? ... Du behandelst sie seit einiger Zeit wie eine Sklavin. Bedenke, daß die Dienstboten so zu sagen auch unseres Gleichen sind; diese Leute sind an und für sich schon unglücklich genug, daß sie dienen müssen, man braucht sie nicht noch von Morgens bis Abends zu demüthigen. Gegen mich waren die Dienstboten immer höflich; ich behandle sie jedoch auch wie es sich gehört.« »Ach! ja, du besuchst sie sogar aus purer Menschlichkeit in der Küche und Gott weiß wo noch!« Vergebens ripostirte der Gemahl, aber die vernünftigsten Gründe eines Mannes helfen nichts gegen den Eigensinn einer Frau. Da Herr Bouracand wieder Frieden in seiner Ehe haben wollte, ließ er Dorothea fortschicken. Madame Bouracand wurde wieder sanft, liebenswürdig, reizend, und sagte zu ihrem Manne: »Morgen bekommen wir eine neue Magd; Du sollst sehen, wie gut wir bedient werden! Sie ist rechtschaffen und die Tugend selbst ... es ist eine Picardierin, sehr reinlich, sehr lebhaft, spricht recht ordentlich, und was das Kochen anbetrifft, so scheint sie voll der besten Anlagen dazu.« »Um so besser, Madame; es wäre mir lieb, wenn wir sie behalten könnten.« Die Magd kam; sie hieß Catharine. Herr Bouracand warf bloß einen Seitenblick auf die Neuangekommene; er war der Ansicht, daß man, ehe man sein Urteil über diese Magd aussprechen könne, sie wenigstens einen Monat oder sechs Wochen vorher kennen müsse. Aber Madame Bouracand, welche die Menschen nach dem ersten Eindruck beurtheilte und sich nie zu täuschen behauptete, war schon am ersten Tage entzückt über ihre neue Bedienung und wurde nicht müde, Catharine zu loben. Am zweiten Tage war ihr Entzücken weniger lebhaft. Am dritten Tage ließ Madame Bouracand, welche nicht die Absicht hatte, ihr Essen immer selbst zu besorgen, dasselbe durch die Magd kochen. Die Magd, die voll der besten Anlagen zur Kochkunst war, trug eine Suppe auf, in welcher der Löffel stecken blieb, die Cotelettes waren zu Kohlen verbrannt, das Huhn war zäh wie Leder und der Salat weder gelesen noch gewaschen. Herr Bouracand verzog das Gesicht, schwieg aber. Die beiden kleinen Mädchen schrieen in Einem fort: »Ach, wie das so verbrannt riecht! ... Mein Gott, der Salat ist ja ganz sandig!« Madame Bouracand brachte das Gespräch auf die Politik, damit ihr Mann weniger auf das Essen achten sollte. Nach Verlauf von acht Tagen überzeugte man sich, daß die Picardierin, voll der besten Anlagen zur Kochkunst, nicht einmal Eier hart sieden konnte. Man entließ sie wieder. Drei Tage darauf trat Madame Bouracand mit strahlender Miene in das Arbeitszimmer ihres Mannes und sagte: »Morgen bekommen wir eine andere Magd und ich bin gewiß, daß Du mit dieser zufrieden sein wirst.« »So viel ich meine, handelt es sich nicht darum, daß ich zufrieden sei, das ist nicht die Hauptsache.« »Doch, doch, sie muß Dir recht sein! ... O, es ist ein Mädchen, das vorzüglich kochen kann; erstens weiß sie allerlei Leckerbissen zuzubereiten ... zum Beispiel aufgezogene Pfannkuchen ... nicht wahr, die ißest Du gern!« »O zuweilen ... bei Gelegenheit.« »Du liebst sie sehr, ich weiß es; künftig wollen wir oft welche essen. Es ist eine Flamänderin, ein gutes, dickes Mädchen mit einem heitern, lebensfrohen Gesichte, flink, rechtschaffen; die Tugend selbst. Unsere Spezereihändlerin steht mir gut für sie; ich bin überzeugt, wir können Sie brauchen und behalten.« »Gott gebe es!« Tags darauf sah Herr Bouracand ein großes, dickes Mädchen in seinen Dienst treten, deren Aeußeres Gesundheit und Heiterkeit ausdrückte. Jungfer Desirée (so hieß die neue Magd) war so lustig und lebhaft, daß sich ihre Herrin daran ergötzte; sie hatte in einem Nu ihre Geschäfte vollendet. Madame Bouracand suchte freudetrunken ihren Mann in seinem Cabinet auf. »Sehen Sie,« begann sie, »so ist es, wenn man eine flinke Magd hat. Jetzt ist die ganze Haushaltung um halb zwölf Uhr fertig, während bei Ihrer Dorothea die Zimmer oft um ein Uhr noch nicht ausgekehrt waren. Wir essen heute aufgezogene Pfannkuchen zu Mittag; Desirée macht sie.« In diesem Augenblick trat eines der kleinen Mädchen ein und sagte zu seiner Mutter: »Mama! die neue Magd hat eben die große porzellanene Salatschüssel zerbrochen.« Madame Bouracand hatte eher gewünscht, daß sich ihre Tochter die Zunge abgebissen, als daß sie ihr diese Nachricht in Gegenwart ihres Mannes überbracht hätte. Sie fing an zu singen, jagte das Kind zur Thüre hinaus und verließ selbst das Zimmer, indem sie ausrief: »Ich freue mich heute außerordentlich auf die Pfannkuchen!« Die Zeit des Mittagessens kam herbei. Die Familie des ehemaligen Gemäldehändlers setzte sich zu Tische. Alles war gut. Madame Bouracand war so erfreut, daß sie sich beinahe krank aß. Die aufgezogenen Pfannkuchen wurden servirt: sie waren wunderschön, einen Fuß hoch und hatten eine prächtige Farbe. Man speiste mit Entzücken und wagte nicht zu sprechen, um das köstliche Lieblingsgericht ungestört zu genießen, als plötzlich ein ungeheurer Lärm aus der Küche her ertönte. »Ach, mein Gott, was ist das?« rief Herr Bouracand aus. Die kleine Adele ging in die Küche und kam ganz bestürzt mit der Nachricht zurück, daß die neue Magd eine ungeheure Schicht Teller habe fallen lassen. Herr Bouracand verzog das Gesicht, und seine Frau sagte rasch: »Das ist ein Unglück, aber so etwas kann Jedermann begegnen!« »Heute hat sie schon zweimal Etwas zerbrochen,« murmelte die kleine Eugenie, »diesen Morgen die große Sala...« Das Kind beendigte seinen Satz nicht, denn seine Mutter gab ihm einen Tritt und schob ihm zu gleicher Zeit einen Löffel voll aufgezogenen Pfannkuchen in den Mund. Bald darauf trat Jungfer Desirée mit ihrer gewöhnlichen heitern, leichtsinnigen Miene ein und sagte: »O, es ist nicht von Bedeutung, Madame! Ich habe die Teller hinunterfallen lassen, aber es sind nur elf zerbrochen; die übrigen sind glücklicher Weise noch ganz.« »Nur elf!« brummte Herr Bouracand, vom Tische aufstehend; »das scheint mir für den Einstand genug.« Am folgenden Morgen warf Jungfer Desirée beim Reinigen der Zimmer, während sie mit einer bewundernswürdigen Lebhaftigkeit abstäubte, zwei hübsche, mit Muschelwerk verzierte Flacons hinunter, die in Stücke zerbrachen. »Das ist auch nichts Solides!« rief das dicke Mädchen mit lachender Miene aus, »denn ich bin kaum daran hingekommen.« Herr Bouracand ging mit einem tiefen Seufzer in sein Zimmer. Madame befahl schnell: »Desirée, Du mußt uns heute Mittag wieder aufgezogene Pfannkuchen machen. Du kannst es sehr gut!« Die Essenszeit rückte heran. Madame Bouracand war etwas mäßiger in Lobeserhebungen über ihre Küche, denn die neue Magd hatte ihr im Laufe des Tages ihr Waschgeschirr zerbrochen, ein Vorfall, den sie sorgfältig vor ihrem Manne verborgen hielt. Als jedoch die aufgezogene Omelette aufgetragen wurde, äußerte man seinen Beifall wieder laut. Aber beim Abdecken zerbrach Desirée ein vor Herrn Bouracand stehendes Krystallglas, woran ihm sehr viel lag, da es ein Andenken seines Vaters war. »Das ist ein kleines Unglück,« sagte die Magd, »das Glas sah übrigens recht altväterisch aus.« »Du mußt Dich besser in Acht nehmen, Desirée,« versetzte Madame. »Das arme Glas, welches mir so lieb war,« rief Herr Bouracand aus, »es stammte noch von meinem Vater her!« »O, seien Sie beruhigt, Herr, es gibt noch mehr solche.« »Mein Lieber, willst Du noch Etwas von dem Pfannkuchen?« fragte Madame Bouracand ihren Mann. »Nein, ich habe genug,« erwiderte der arme Mann in fast weinerlichem Tone, während er wehmüthig die Scherben seines Glases betrachtete. Am folgenden Morgen zerbrach Jungfer Desirée den Rücken eines Stuhles und die Glasglocke über der Uhr. Madame Bouracand bestellte wieder aufgezogene Pfannkuchen, Tags darauf zerbrach sie eine Theekanne und eine Uhr. Herr Bouracand erklärte nun seiner Frau, daß er keine aufgezogene Pfannkuchen mehr wolle, da sie ihm zu theuer zu stehen kamen. Als Madame ihren Toilettenspiegel statt in einem in sechs Stücken fand, entschloß sie sich, Jungfer Desirée fortzuschicken. * Man war acht Tage ohne Magd. Am neunten trat Madame Bouracand mit befriedigter Miene auf ihren Mann zu und sagte: »Morgen bekommen wir eine neue Magd. Ich glaube, daß ich endlich gefunden habe, was ich suchte; das Mädchen hat mir auf den ersten Blick gefallen. Sie ist eine Normännin, hat ein offenes, freimüthiges Gesicht und ist erst zwanzig Jahre alt; sie mag vielleicht nicht gerade die Gescheiteste sein, aber sie kann kochen was in einer gewöhnlichen Haushaltung vorkommt. Im Uebrigen ist sie die Rechtschaffenheit und Tugend selbst; mein Fleischer hat sie mir recommandirt.« Herr Bouracand hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nichts auf das zu antworten, was ihm seine Frau sagte, wenn sie eine neue Magd dingte. Die Normännin kam: sie war ein fast häßliches Mädchen mit Blatternarben und schielte, aber Madame Bouracand sagte: »Man darf nicht immer auf das Aeußere gehen, es betrügt Einen oft schändlich; ich lasse mich nicht mehr daran kriegen!« Trotzdem pries Madame Bouracand ihre Magd nach den ersten Tagen ihrer Ankunft unaufhörlich. »Endlich,« sagte sie triumphirend zu ihrem Manne, »habe ich, was ich suchte. Das Mädchen taugt für uns: sie ist fleißig, thätig, zerbricht nichts und ist höflich; sie spricht ganz, wie es sich schickt, und ist nicht so unverschämt wie Ihre Dorothea.« Herr Bouracand schüttelte bloß den Kopf und erwiderte: »Wir wollen noch ein Bischen zusehen.« Aber bald bemerkte man, daß der Wein abnahm, der Likör verschwand, Servietten und Tücher abhanden kamen und das Silberzeug nicht mehr vollständig war. Bei jeder Nachfrage antwortete die Normännin stets: »Madame, ich will hoffen, daß Sie keinen Verdacht auf mich haben, sonst würde ich augenblicklich Ihren Dienst verlassen.« »Nein, ich habe gewiß keinen Verdacht auf Dich, aber ich begreife nicht, wie es zugeht.« »Ihre frühern Mägde müssen Ihnen wahrscheinlich viel gestohlen haben.« »Ohne Zweifel!« Allein Madame Bouracand hatte nicht den Muth, die Normännin zu beaufsichtigen. Als Madame aber eines Abends unerwartet nach Hause kam, während die Magd glaubte, es sei Alles im Theater, traf sie das Mädchen, welches man ihr recommandirt hatte, wie sie ihr eben Halstücher, Strümpfe und Hemden stehlen wollte. Am nächsten Morgen jagte man die Normännin zum Hause hinaus und blieb vierzehn Tage ohne Dienstboten. Nach Verlauf dieser Zeit nahm Madame Bouracand wieder ihre heitere Miene an und rief ihrem Manne entgegen: »Jetzt hat es ein Ende, lieber Freund.« »Mit unserem Hausrathe?« »Nein, mit unseren Plackereien mit den Mägden. Nun bekommen wir einen wahren Schatz.« »Einen Schatz?« »Ja! O, diesmal können wir uns darauf verlassen; es ist eine Lothringerin.« »Eine Lothringerin? Das hat, meiner Ansicht nach nichts Beruhigendes; die ist ja nach dem Sprüchwort ein Loth ringer als die andern.« »Du weißt wohl, daß die Sprüchwörter sich gar oft nicht bewähren. Es ist ein vorzügliches Mädchen, welches eben aus seiner Provinz kommt, die Tugend und die Rechtschaffenheit selbst ...« »Ja, ja, wie gewöhnlich! ... Ei, mein Gott, wann wirst Du denn die Wuth aufgeben, Personen zu loben, die Du nicht kennst?« »Meine Krämerin hat sich für sie verbürgt; das Mädchen heißt Gothon.« »Das ist nun in den zwei Monaten, seit Du Dorothea fortgeschickt hast, die vierte!« Jungfer Gothon trat ihren Dienst bei der Familie Bouracand an. Die Lothringerin war ein ziemlich hübsches Mädchen, welches stets die Blicke zu Boden schlug und so schüchtern aussah, wie eine Novize. Madame Bouracand war abermals entzückt. Man konnte in der That nichts gegen die Magd einwenden: sie machte ihre Arbeit gut, kochte ordentlich und hielt Alles rein. Man hatte einen Schatz gefunden. Aber als Madame eines Abends bälder, als sie gesagt hatte, vom Spaziergang zurückkehrte, fand sie ihren Schatz im Gespräche mit einem andern Schatz, d. h. einem baumlangen Burschen in einer blauen Blouse. Der große Bursche machte sich eilends aus dem Staube und rief der Lothringerin zu: »Adieu, Base.« »Du hast also Vettern?« fragte Madame Bouracand ihre Magd. »Ja, Madame,« entgegnete Jungfer Gothon, »das ist ein Geschwisterkind von mir, das erst kürzlich hierher kam.« »Dieses Kind könnte ganz gut einen Flügelmann bei der Garde vorstellen,« murmelte Herr Bouracand. »Einen Vetter kann man allerdings haben,« sagte Madame, »nur soll er nicht zu oft kommen.« Kurze Zeit darauf überraschte man den Schatz in traulicher Unterhaltung mit einem zweiten Schatz, einem kleinen Tambour. »Es ist auch ein Geschwisterkind von mir,« antwortete Jungfer Gothon. »Die hat, wie es scheint, Vettern von allen Dimensionen!« dachte der Herr des Hauses. Als jedoch Madame Bouracand eines Morgens ihren Schatz früh wecken wollte und sich zu diesem Behufe leise in Gothons Kammer hinaufschlich, fand sie die Lothringerin bereits in lebhafter Unterhaltung mit einem dritten Vetter und zwar in einer Art Unterhaltung, die von einem verwandtschaftlichen Besuch wesentlich verschieden war. Madame Bouracand, die wie die meisten Frauen gegen Freundschaftsergießungen dieser Art unerbittlich streng war, jagte ihre vetternreiche Lothringerin zum Kuckuk. Und auf diese vier Mägde folgten im Verflusse von vier Monaten noch zwölf. Man probirte es mit Burgunderinnen, Perigorderinnen, Elsäßerinnen, Auvergnerinnen, kurz mit Innen , aus allen Departements. Nach Verlauf dieser Zeit bestellte Herr Bouracand, dem es in seinem Hause entleidet war, weil er sich nicht an diesen ewigen Wechsel der Gesichter gewöhnen konnte, eines Morgens einen Platz in dem Postwagen, und trat in das Zimmer seiner Frau, um Abschied von ihr zu nehmen. »Ich verändere zwar meinen Wohnort sehr ungern,« sagte er, »aber da Du einen Taubenschlag aus meinem Hause gemacht hast, will ich lieber reisen.« »Wie, mein Herr, Sie wollen sich entfernen?« »Ja, Madame.« »Und auf wie lange?« »Das weiß ich selbst noch nicht. Wenn Du mit einer und derselben Magd einmal länger als drei Monate auskommst, so thue es mir zu wissen, dann kehre ich zurück.« Damit reiste Herr Bouracand ab. Zwei Jahre darauf war er noch nicht zurückgekehrt, und doch hatte seine Frau schon mit siebenundzwanzig Schätzen den Versuch gemacht. Die Drehorgeln und die Zauberlaterne Ihr seid in eurem Studirzimmer mit dem Niederschreiben einer Scene, der Entwicklung eines Drama's oder dem Dichten von Versen beschäftigt, als plötzlich die Töne einer Orgel an euer Ohr dringen, welche die Ouvertüre aus der Caravane, der Jugend Heinrichs IV. oder aus Demophon spielt. Nun werdet ihr euch vergeblich bemühen, nach der Melodie Demophons einen Reim zu finden! Ihr hattet gerade eure Melodie gefunden, trillert sie, während ihr euer Vaudeville dichtet, vor euch hin, aber die verfluchte Orgel zerstreut, betäubt euch und bringt euch um eure Fassung. Ihr hoffet, sie werde mit dem Schlusse der Ouvertüre stille sein, und da ihr diese genau kennt, sagt ihr vor euch hin: »Ein wenig Geduld; man ist bald an den letzten Takten.« Aber wenn die Ouvertüre zu Ende ist, und ihr frisch aufathmend eure Feder wieder zur Hand genommen habt und abermals euer Liedchen trillert, fängt die Orgel auf's Neue an, spielt die Romanze aus Guido und Ginevra, dann ein Musikstück aus der Abreise des Savoyarden, und endlich den Walzer aus dem Freischütz. Es ist nicht zum Aushalten, um so mehr, als auf den Drehorgeln die schönsten Melodien abscheulich verhunzt, verstümmelt und geschändet werden. Wenn die Walze des Instrumentes nicht genug Noten hat, eine Melodie nach der Vorschrift des Tonsetzers zu spielen, so genirt sich der Ordner oder vielmehr der Zerstörer keineswegs, die Takte zu verändern; er versetzt, vereinfacht und beschnipfelt nach Gutdünken und Möglichkeit; das ist ein wahres Verbrechen, gegen welches man obrigkeitlich einschreiten sollte. Spielt immerhin die beliebten Melodien, ihr wandernden Herren Musikanten, richtet eure Orgeln darnach ein, weil es einmal der Gebrauch ist, spielt von Morgens bis Abends zur Freude der Portiers, Mägde und Köchinnen, spielt sogar falsch, ihr habt das Recht dazu, das übersteigt eure Vollmachten nicht, aber ändert nichts an den Sätzen einer Melodie, so daß etwas ganz Anderes herauskommt, als der Compositeur beabsichtigte; laßt kein g hören, wo dieser ein es vorgeschrieben hat, oder wenn ihr nichts von den Regeln der Harmonie versteht, so mischt euch nicht in das Geschäft anderer Leute. Der dramatische Dichter ist nicht der einzige, den die Orgeln zur Verzweiflung bringen, denn so oft eine solche Musik in den Hof eines Hauses kommt, kann man darauf wetten, daß sich ein Theil der Bewohner desselben darüber ärgern wird; in Paris wohnen gar so viele Leute in einem Hause. Hier ist ein Handelsmann, der sich eben mit der Durchsicht seiner Rechnungen beschäftigt und seine Einnahmen und Ausgaben vergleicht. Sein Kassenbestand ist nicht ganz in Richtigkeit; er will sehen, worauf der Irrthum beruht ... In dem Augenblick, wo sich der Handelsmann hinter dem Ohre kratzt und seine Calculs macht, kommt eine Orgel; diese begnügt sich aber nicht einmal mit dem Drehen ihrer Walze, sondern es wird auch dazu gesungen, das heißt aus Leibeskräften geschrieen: »Fünf Sous! Fünf Sous! Uns häuslich einzurichten!« Der Handelsmann weiß nicht mehr, wo ihm der Kopf steht; er addirt sechsmal dieselbe Rechnung und bringt seinen Thatbestand nicht heraus ... er kommt nicht mehr in's Klare; der ewige Refrain: »Fünf Sous! Fünf Sous!« saust ihm in den Ohren; der Schweiß rinnt ihm von der Stirne herab, er zerbeißt seine Feder, macht Tintenklekse auf sein Buch, kurz, er kann unmöglich richtig rechnen, und daran ist allein die Orgel Schuld. In dem Nebengemache befindet sich eine junge Dame, welche die ganze Nacht auf dem Ball zugebracht hat; sie ist erst mit Anbruch des Tages, vom Tanzen, von Huldigungen und Freuden ermüdet, nach Hause gekommen, dann mußte sie sich noch entkleiden, ihre Nachtfrisur machen lassen, und sagte dabei zu ihrer Kammerzofe: »Sorgen Sie doch dafür, daß morgen früh Alles ruhig ist, nähern Sie sich ja nicht meinem Zimmer, denn ich will lange schlafen, um mich von den Anstrengungen der Nacht zu erholen; Sie dürfen nicht kommen, ehe ich läute.« Die Kammerjungfer verspricht getreulich, kein Geräusch zu machen und Niemand zu ihrer Gebieterin zu lassen. Die junge Dame legt sich, den Schlaf vom Himmel erflehend, zu Bette. Aber der Schlaf erfolgt nach einer Nacht, wo der Geist eben so sehr aufgeregt wurde, als der Körper, nicht so leicht, unwillkürlich beschäftigt man sich noch mit der Erinnerung an die Complimente und Erklärungen, die man Einem auf dem Balle gemacht, mit den Artigkeiten, die man Einem gesagt hat; die Ruhe läßt lange auf sich warten. Endlich gegen neun oder zehn Uhr Morgens fängt man an, sich eines erquicklichen Schlafes zu erfreuen, nun kommt aber eine Orgel in euer Haus, die zuweilen noch von einer Clarinette und einem Leierkasten begleitet ist, und die wandernden Musikanten fangen an den Tataren-Marsch aus Lodoiska zu spielen, und plärren dazu aus Leibeskräften: »Auf, meine Schönen, folget uns! Denn wisset, die Tataren, Sie handeln als Barbaren An ihren Feinden nur!« Die junge Dame fährt aus dem Schlafe auf; anfangs glaubt sie sich noch auf dem Balle, bald erwacht sie aber von ihrer Täuschung und läutet heftig ihrer Kammerjungfer mit dem Ausrufe: »Mein Gott! was ist denn das für ein Lärm? Das ist abscheulich, schändlich! ... und ich bin der Ruhe so bedürftig.« Die Kammerjungfer kommt nicht auf den ersten Schall der Glocke, denn da sie auf den Schlaf ihrer Herrschaft gerechnet, hatte sie einen Tambour der Nationalgarde zum Frühstück eingeladen, dem sie zuweilen auf der Treppe begegnete, weil der Feldwebel der Compagnie im Hause wohnte. Aber Madame läutet, daß die Klingelschnur fast abreißt, und die Kammerjungfer verläßt erschrocken ihre Eier, ihren Tambour und ihre Tunkschnitten. »Wie! es ist noch nicht einmal zehn Uhr,« brummt sie vor sich hin, »und Madame läutet; sie wollte doch den ganzen Tag schlafen ... das ist wirklich lächerlich! ... Ich lade, in der Meinung, ungestört zu sein, Jemand zum Essen ein, und jetzt läßt sie mir keine Ruhe! ich bleibe nicht in diesem Hause, wenn man mir keine Minute der Freude gönnt.« Endlich entschließt sich die Kammerjungfer, sich zu ihrer Herrin zu begeben, die sie höchst entrüstet antrifft. »Was soll das heißen, Mamselle!« schreit sie, »leisten Sie mir auf diese Weise Gehorsam?« Die Zofe geräth in Bestürzung; sie glaubt, ihre Herrin wisse, daß sie den Tambour zum Frühstück eingeladen habe; sie stammelt eine Entschuldigung. Zum Glück läßt ihr Madame keine Zeit, zu vollenden, sondern fährt fort: »Erstens will ich wissen, warum sie mich eine Stunde läuten lassen und nicht sogleich kommen?« »Madame, ich habe gerade meinen Zeisig mit Eigelb gefüttert.« »Ihr Zeisig ist, glaube ich, alt genug, um allein zu fressen; überdies glaube ich vorzugehen, wenn ich läute, er hätte schon so lange warten können. Sagen Sie mir aber endlich, was dieses Geräusch, dieser Lärm bedeutet, der mich aufgeweckt hat, während ich so sehr der Ruhe bedürftig bin?« »Ein Lärm?« »Wie, Mamselle, hören Sie denn nichts? In diesem Augenblick schreit man ja wieder »›Tataren! Barbaren!‹« ... O, es sind freilich Barbaren, Ungeheuer sind es!« »Ach, Madame, es ist eine Orgel im Hofe!« »Nun, Mamselle, konnten Sie die Orgel nicht fortschicken, oder den Leuten einiges Geld geben, damit sie mich in Ruhe schlafen lassen?« »Mein Gott, Madame, ich hatte sie nicht gehört; ich war ganz mit meinem Zeisig und seiner Tunkschnitte beschäftigt.« »Mamselle, ich werde Ihnen Ihren Zeisig abnehmen, denn ich bin nicht gesonnen, wegen Ihres Gevögels meinen Dienst vernachlässigen zu lassen. Schicken Sie diese barbarische Musik fort, bezahlen Sie dieselbe, damit sie stille ist und ich endlich schlafen kann.« Die Kammerjungfer vollzieht den Befehl ihrer Herrin, wirft den Künstlern einiges Geld hinunter, bittet sie, fortzugehen, und überläßt sich nun ganz dem Spiel mit ihrem lockern Zeisig. In einiger Entfernung gibt die Orgel Veranlassung zu einer Scene anderer Art. Eine Mutter hat erfahren, daß ihre Tochter heimlich die Briefe eines Handelscommis angenommen hat, der beständig an der Straßenecke auf sie wartet und sie immer mit Blumensträußchen beschenkt. Die Mutter, welche aus Erfahrung weiß, welcher Gefahr eine Jungfrau ausgesetzt ist, die Blumensträuße und Liebesbriefe annimmt, hat sich fest vorgenommen, ihrer Tochter eine tüchtige Predigt zu halten. Sie läßt sie auf ihr Zimmer kommen und sagt dort in einem Tone, der die Kleine fast vor Schrecken erstarren macht, zu derselben: »Wie, Fräulein, Sie nehmen hinter meinem Rücken Briefe an! Wissen Sie, wohin das führt? Wissen Sie, was ein Mann von einem Frauenzimmer denkt, welches schwach genug ist, Briefe anzunehmen?« Da kommt eine Orgel und spielt: »Liebes Mädchen komm', Du bist die rechte.« Die Mutter macht eine Bewegung der Ungeduld, schweigt einige Augenblicke, und fährt dann fort: »Und was verlangt der Freche, der es wagt, an Sie zu schreiben, in seinem Briefe?« Die Orgel spielt: »Gib mir Dein Bild und eine Flechte!« Das junge Mädchen beißt sich in die Lippen und wendet sich ab. Die Mutter bewaffnet sich mit ihrem ganzen Zorne und schreit: »Fräulein, Sie hätten dem Unverschämten nie Gehör geben und ihm das erste Mal, als er sich erlaubte, mit Ihnen zu sprechen, antworten sollen ...« Die Orgel spielt: »Was braucht's das Bild, nimm selbst mich hin, Nach Dir steht ja schon lang mein Sinn.« Jetzt kann es das junge Mädchen nicht mehr länger aushalten; sie bricht in ein schallendes Gelächter aus, die Mutter muß ebenfalls lachen, und auf diese Weise ist eine Orgel an der Unterbrechung einer Sittenpredigt Schuld. Und wie vielen andern Ereignissen, die uns nicht alle bekannt sind, ist sie schon entgegengetreten; wie vielerlei Umstände hat diese unselige Musik, die unsern Ohren nie gelegen kommt, schon herbeigeführt. Ein kranker Greis ist entschlossen, sein Testament zu Gunsten eines Neffen zu machen, dem er viele Tollheiten verziehen hat. Die Orgel spielt einen Contretanz von Musard; das erinnert den Alten daran, daß sein Neffe den Cancan auf eine sehr unsittliche Weise tanzte; er besinnt sich eines Andern und vermacht sein Vermögen einem andern Gliede seiner Familie, das nie tanzt. Man setzt einer alten Dame dreißig Blutegel an einen Ort, den ich euch schicklicherweise nicht nennen kann, was eben keine angenehmen Empfindungen in ihr erweckt, dabei hört sie während ber ganzen Zeit eine Orgel in ihrem Hofe die Melodie spielen: »Saug' ich der Liebe Honig aus Deinem süßen Mund, Dann wird mein krankes Herz bald wiederum gesund.« Während ein Zahnarzt einem Herrn aus Versehen einen gesunden Zahn statt eines kranken mit aller Gewalt ausreißt, accompagnirt die Orgel diese Operation mit: »Hier in der Meinen sich'rem Schooß, Leb ich geschützt und sorgenlos.« Ein Mann schlägt seine Frau nach der Melodie: »Es lebe die Harmonie der Ehe! Sie lindert auch selbst das größte Wehe.« Doch es sei genug, wir haben hinreichend bewiesen, daß die Drehorgeln für die meisten Bewohner nichts weniger als angenehm sind. In vielen Häusern sind die Portiers angewiesen, ihnen den Eintritt in den Hof zu verweigern; aber dann pflanzt sich diese grausame Musik vor euren Fenstern auf; sie spielt auf der Straße, auf den Plätzen, auf dem Boulevard, und ihr habt kein Recht, sie daran zu hindern; Alles, was ihr thun könnt und was gewöhnlich auch geschieht, ist, daß ihr sie bezahlt, damit sie sich entferne. Seit einigen Jahren hat die Zahl der wandernden Orgelspieler in Paris sehr abgenommen. Die Masse der öffentlichen Musiksäle, in denen Concerte gehalten werden, mußte den Straßenmusikanten nothwendig Eintrag thun. Man behauptet, daß die Drehorgeln abgehen werden ... möchten sie doch nie wiederkehren. * Es gibt jedoch eine Orgel, die wir nicht in die allgemeine Verbannung mit einschließen, nämlich die, welche die Zauberlaterne begleitet, wenn ihr an einem kalten Winterabend eine heisere Stimme auf der Straße rufen hört: »Die Zauberlaterne! Das Wunderwerk!« Dann blicken die Kinder zu ihren Eltern hinauf, falten ihre kleinen Händchen zusammen und bitten: »O? Vater, Mutter, laßt uns das Wunderwerk sehen.« Gebt ihr den Wünschen eurer Kinder nach, so laßt ihr durch eure Bedienung das vorbeiziehende Schauspiel heraufrufen und seht nach einer Weile zwei Männer, gewöhnlich Auvergnaten, die wie Wasserträger gekleidet sind, in euer Zimmer treten. Der Eine trägt eine Orgel, der Andere eine Zauberlaterne auf dem Rücken. Eure Kinder stellen sich in einen Halbkreis, und ihr euch hinter sie. Einer der Auvergnaten setzt seine Zauberlaterne auf einen Tisch, richtet Alles zur Vorstellung, man löscht alle Lichter im Gemache aus, und das Schauspiel nimmt seinen Anfang. Der Auvergnate schiebt der Reihe nach die Gläser in seine Laterne und erklärt die Bilder mit einer so eintönigen, gedehnten Stimme, daß euch gleich das Gähnen kommt; und die in den Zwischenakten spielende Orgel vermehrt eure angenehme Unterhaltung noch. Ihr bekommt außerdem immer dieselben Gegenstände zu sehen: die Frau Sonne, der Herr Mond und die Abenteuer des kleinen Däumlings werden euch stets gezeigt. Die Zauberlaterne erneuert ihr Repertorium nie. Aber eure Kinder sind glücklich; ihr seht, wie die kleinen Köpfchen ganz Auge, ganz Ohr sind, nur zuweilen einen Ausruf der Freude und der Verwunderung ausstoßen, und das Vergnügen, welches eure Kinder empfinden, verleiht euch den Muth, dem Schauspiel der Zauberlaterne mit anzuwohnen. Die Rotunde des Tempels oder die Kleiderhändler An diesen Ort ziehen sich alle Größen, aller Kleiderstaat, aller Prunk und Flitter, alle Pracht, Verzierungen, Herrlichkeiten und Gegenstände jeder Art zurück, die in der Welt geglänzt, das Glück und den Stolz derer ausgemacht, welche sie getragen und den Neid ihrer ärmeren Nebenmenschen erregt haben, ohne zur Zeit ihres Ruhmes zu ahnen, daß sie einst so tief sinken würden. Hierher kommt auch all der Flitterkram, der Putz, die Federn, Hüte, Mützen, Kleider und Shawls, die ihr, allerdings lange nicht mehr so frisch, wenn sie einmal den Weg über den Tempel-Markt gemacht haben, als wenn sie gerade aus den Händen der Fabrikanten hervorgehen, wieder an einer gewissen Klasse von Menschen sehet; sie verbreiten aber immer noch einigen Glanz um sich, der manche Leute, die es nicht verstehen, täuschen kann. Die Rotunde des Tempels wurde im Jahre 1781 erbaut. Sie ist jetzt hauptsächlich zum Handelsplatz für alte Kleider bestimmt: in allen in den Galerien aufgeschlagenen Buden sind Gegenstände des Anzugs von beiden Geschlechtern ausgehängt, vorzugsweise aber Männerkleider. Da es erlaubt ist, die Waaren auch in den Galerien aufzuhängen, so wandelt ihr durch lauter mit Kleidern jedes Alters, jedes Standes und fast jeder Klasse der Gesellschaft drapirte Gänge. Die Jacke des Arbeiters hängt neben dem Frack des Stutzers; der Rock eines Handwerkers neben dem Paletot des Künstlers; ein Livréeanzug gegenüber von einem gestickten Gallafrack. Die Nationalgardeuniform sieht man am häufigsten. Selbst französische Fräcke, die auf dem Ball des Herrn Präfekten figurirt, und mit Flitter gestickte Anzüge des Herrn Marquis aus früherer Zeit, die ohne Zweifel manchen Feierlichkeiten beigewohnt, in manchen Hôtels geglänzt, auf manchen Bällen ihre Sprünge gemacht, und mancher Regierung aufgewartet haben, finden sich hier. * Um die Rotunde des Tempels herum ist die Börse, und wird der Cours der alten Kleider festgestellt: das ist der Tortoni des Trödelmarktes, dort versammeln sich alle wandernden Kleiderhändler, denen ihr bei jedem Schritte in den Straßen und auf den Boulevards begegnet, und welche unter eure Fenster hinstehen, in den Hof eures Hauses hineingehen und schreien: »Alte Kleider! Ein Kleiderhändler! Haben Sie alte Kleider oder alte Borten zu verkaufen?« Der Kleiderhändler trägt seine Waare auf dem Arme oder auf der Schulter. Man begegnet häufig Männern, die mit einer ungeheuren Masse Kleider beladen sind, und überdies noch mehrere Paare alte Stiefel unter dem Arme und einige alte Hüte in der Hand haben, denn Hüte und Fußbekleidungen sind auch mit in den Bereich des Kleiderhändlers eingeschlossen, welcher immer auf Erweiterung seines Handels hinstrebt und euch sogar einen Ofen oder ein Posthorn abkaufen würde, wenn ihr ihm eines abließet. Der Kleiderhändler ist die Vorsehung der Studenten, Kammerjungfern, Künstler, der von ihrem Jahrhundert verkannten Schriftsteller, der Köchinnen, Jockey's und gewöhnlich aller Lebemänner, Verschwender und leichtsinnigen Leute, die Geld brauchen, um Theil an einer Lustpartie, einem Mittagessen oder einer Orgie zu nehmen, und die, weil sie keine Baaria in ihrer Börse mehr haben, Zuflucht zu ihrer Garderobe nehmen, und Gegenstände die sie theuer oder manchmal noch gar nicht bezahlt haben, um einen Schandpreis veräußern; aber sie sind immer vergnügt, wenn ihnen nur noch ein Rock zum Ausgehen bleibt und sie einiges Geld in der Tasche haben. Der Kleiderhändler kennt seine Leute. Er ist ein schlauer Fuchs; wenn er bis in das sechste Stockwerk oder vielleicht in das Mansardenstübchen eines jungen Mannes hinaufklettert, so ist er zum Voraus überzeugt, daß der Eigenthümer des Gegenstandes, den man ihm anbietet, höchst nöthig Geld braucht, und ihm denselben um jeden beliebigen Preis überlassen wird. Wenn der wandernde Trödler dagegen von der Dienerschaft eines vornehmen Hauses gerufen wird, so muß er sich etwas billiger zeigen; denn die Köchin, welche nicht gerade auf den Ertrag des alten Kleides angewiesen ist, das ihr ihre Herrschaft geschenkt hat, gibt es nur um einen anständigen Preis her, und wenn sie zu diesem Zwecke zwanzig Handelsleute hinaufsteigen lassen müßte: sie will dafür was es werth ist. Der Student der Rechte oder der Medizin, oder der Vaudevilleschreiber, der seine Geliebte in das Pantheon-Theater führen soll oder Luft hat, sie zu einer Eselspartie einzuladen, wartet mit Schmerzen, bis ein Kleiderhändler an seinem Hause vorbeigeht. Er stellt sich an's Fenster, von dem er zwar nicht immer auf die Straße hinabsehen kann, aber er lauscht mit aufmerksamem Ohre und weiß sicher die Aufmerksamkeit des Kleidermäklers auf sich zu lenken. Der ersehnte Ausruf läßt sich hören; der sich zu seinem Dachfenster herausbeugende junge Mann brüllt aus Leibeskräften: »Hier herauf! ... he! Kleiderhändler ... in das Bäckerhaus ... durch den schmutzigen Eingang ... die Treppe ist ganz hinten ... in das sechste Stockwerk ... schnell! schnell! Haltet Euch beim Heraufgehen an der Schnur! im Herabgehen,« brummt er vor sich hin »könnt Ihr meinethalben den Hals brechen!« Der Kleiderhändler hat die Stimme, die vom Himmel herabzutönen scheint, vernommen, und der junge Mann hört in kurzer Zeit schwere, langsame Tritte die Treppe heraufkommen; er eilt an die Thüre, öffnet sie, um die Flur zu erhellen, und ruft dem Trödler von oben herab entgegen: »Hier herauf ... man kann nicht irren ... ich bin der Höchste im Hause ... über mir sind nur noch Katzen!« Und wenige Minuten darauf empfängt der junge Mann den Käufer in seinem Zimmer. * Jetzt beginnt eine Scene, die manchmal Biards Pinsel würdig wäre. Der Verkäufer breitet die Gegenstände, die er verhandeln will, so vortheilhaft als möglich auf einem Tische aus; allein das ist eine nutzlose Vorsicht. Der Käufer nimmt den Gegenstand zur Hand, berührt, betastet ihn und betrachtet ihn genau am Fenster. Der junge Mann sucht seine Waare anzupreisen. »Diesen Ueberrock,« sagt er, »habe ich im höchsten Fall zehnmal angehabt; ich verkaufe ihn bloß, weil er mir zu eng ist, ich bin seit einiger Zeit um Vieles dicker geworden!« Der Trödler wirft einen Blick auf den jungen Mann, der so dürr ist wie ein Gerippe, und entgegnet: »Wenn Sie ihn auch nur zehnmal am Leibe gehabt haben, so ist er doch an den Ellbogen verteufelt abgetragen und die Aufschläge sind so mürb wie Zunder.« – Das ist eine Kleinigkeit, frische Aufschläge daran zu machen. – »Und der Kragen ist ganz schmutzig.« – Mit Pfeifenerde gehen die Flecken augenblicklich heraus! – »Aber auch vollends die paar Haare.« – Hier habe ich auch eine anliegende Hose mit Stegen ... nach dem neuesten Schnitte ... es sind zwar keine Knöpfe daran, aber das ist nur eine Nebensache. – »Man trägt jetzt keine anliegenden Hosen mehr.« – Sie kommen aber demnächst wieder in die Mode, weil sie den Frauenzimmern so gut gefallen; sie sind auch eleganter als die andern. – »Bloß an den Knieen zerrissen.« – Man stickt Stücke hinein, daß man es gar nicht sieht. – »Das Hintertheil ist auch blöde.« – Ach! der Kukuk! wenn die Hosen neu wären, würde ich sie nicht an Euch verkaufen! ... Hier ist auch noch eine apfelgrüne Weste, die manche Eroberung gemacht hat, und von der ich mich nicht trennen würde, wenn ich nicht dicker geworden wäre. – »Aber, ich glaube, sie wird sich von Ihnen trennen, denn sie geht in lauter Fetzen!« – Sie hat einen oder höchstens zwei Risse, die kann man wieder sticken. – »Man trägt keine apfelgrünen Westen mehr.« – Macht mir keine Wippchen vor! Man trägt was man will, und was die Westen anbetrifft, so hält man die auffallendsten für die schönsten. – »Eine Weste mit zwei eingesetzten Flecken wäre allerdings auffallend genug ... Haben Sie sonst nichts?« Der junge Mann wirft einen Blick in seinem Zimmer herum, geht an seine Commode, macht die Schubladen auf, sieht eine alte Flanelljacke und bringt sie mit den Worten: »Seht, da ist noch ein warmer Gegenstand, das ist im Winter etwas Vortreffliches; ich gebe die Jacke nur her, weil es jetzt dem Frühling zugeht; nächsten Herbst kaufe ich mir wieder eine neue.« Der Kleinhändler nimmt die Jacke, zuckt die Achseln, wirft sie zu den andern Sachen hin und fragt abermals: »Haben Sie sonst nichts? ... keine alten Stiefel ... keinen Hut?« Der junge Mann macht einen Gang durch sein Zimmer, fährt mit der Hand über die Stirne, eilt rasch, als ob ihm plötzlich ein Einfall gekommen wäre, auf einen Schrank zu, und nimmt einen sorgfältig in Papier eingewickelten Gegenstand heraus. Er gibt ihn dem Trödler und sagt: »Sehen Sie, das ist ein Luxusgegenstand, den mir eine meiner Tanten zum Geschenk gemacht hat. Die gute Tante! sie war so besorgt für meine Gesundheit! aber ich kann diese Maschine durchaus nicht anwenden.« Der Kleiderhändler macht das Papier auseinander und erblickt einen großen Trichter aus Kautschu, von welchem ein hölzernes Röhrchen ausläuft. Er betrachtet den Gegenstand, dessen Anwendung ihm unbekannt ist, verächtlich und murmelt: »Was ist das? ein Clarinett-Etui?« Der junge Mann bricht in ein schallendes Gelächter aus und antwortet endlich: »Nein, damit wird nicht Clarinette gespielt ... man heißt dieses Ding einen Klystiertrichter. Es ist eine neumodische, sowohl bequeme als philanthropische Erfindung, wodurch die Klystierspritze ersetzt wird, deren sich in kurzer Zeit nur noch die Portiers, Haushälterinnen und Krankenwärterinnen bedienen werden. Der Klystiertrichter ist bequemer und weniger gênant; man kann ihn prächtig in den Sack stecken, mit auf die Reise nehmen und sogar im Wagen in Anwendung bringen; wenn es sein müßte, könnte man sich seiner selbst im Theater bedienen ... kurz, die Klystierspritze wird von nun an abgeschafft!« Der Kleiderhändler betrachtet das kleine Instrument näher und fragt wiederholt: »Sonst haben Sie nichts?« – Ei, der Teufel! mein Freund, ich denke, das sei genug, ich müßte denn meine Möbel an Euch verkaufen, was jedoch der Hausbesitzer nicht gestatten würde. – »Und wie viel verlangen Sie für die ganze Geschichte?« Der junge Mann besinnt sich eine Weile, kratzt hinter dem Ohre und erwiedert: »Sehet, ich will keine langen Umschweife machen, gebet mir für Alles zusammen fünfzig Franken, dann ist der Handel im Reinen.« Der Trödler langt nach seinem Kleiderpacke, den er auf einen Stuhl abgelegt hat, und macht Miene sich zu entfernen. Der junge Mann läuft ihm nach, hält ihn zurück und schreit: »Wie! Ihr bietet mir gar nichts auf diese Masse Effekten?« – Eine saubere Masse Effekten! ... Die Stiefel und der Hut sind keine sechs Sous werth, die apfelgrüne Weste und das Flanellleibchen auch nicht viel darüber ... es bleiben somit nur der Ueberrock und die Hosen übrig, die mit fünfzehn Franken gehörig bezahlt sein werden. – »Fünfzehn Franken! Welcher Barbar, welcher Araber seid Ihr ... bringt Ihr denn den Klystiertrichter gar nicht in Anschlag?« – O! meiner Treu', ich verstehe mich nicht auf diese Werkzeuge, es liegt mir nichts daran. – »Gebt mir dreißig Franken ... und macht ein Ende.« – Dazu kann ich mich nicht verstehen. – »So gebt wenigstens fünfundzwanzig.« – Ich will Ihnen für Alles zusammen zwanzig Sous mehr geben, als ich zuerst anbot, weil mir eben einfällt, daß ich den Klystiertrichter meiner Frau zum Geburtstag schenken kann; sie hat immer einen Husten, es thut ihr vielleicht gut, wenn sie etwas Warmes in den Leib kriegt. – »Macht zwanzig Franken und nehmt Alles mit.« – Nein, sechszehn Franken ist gut bezahlt. – »Nie.« Der junge Mann stellt sich, als ob er nicht nachgeben wolle, denkt aber bei sich: »Wenn ich einen Andern rufe, so gibt er mir noch weniger als dieser, ein Dritter weniger als der Zweite und so fort; denn sie sind Alle mit einander im Einverständniß, es würde mir nichts helfen.« Der Handelsmann hat noch keine zehn Stufen der Treppe hinter sich, so ruft man ihm wieder und willigt in die vorgeschlagene Summe. Der Trödler geht nochmals in die Mansarde hinauf, zählt sechzehn Franken auf den Tisch, legt die eben gekauften Gegenstände, mit Ausnahme des Klystiertrichters, den er sorgfältig in die Tasche steckt, zu seinen andern Kleidern auf den Arm, und verläßt den jungen Mann mit den Worten: »Auf ein anderes Mal, mein Herr.« Und der junge Mann überzählt, wenn der Alte fort ist, seine sechzehn Franken noch einmal, steckt sie, nachdem er sich vorher genau überzeugt hat, daß die Taschen nicht zerrissen sind, in seine Weste, kleidet sich hastig an und eilt fröhlichen Muthes zu seiner Geliebten. »Es lebe die Freude, gutes Essen und Trinken, die Eselspartie und die Liebe!« ruft er, die Treppe hinabhüpfend, aus. Was den Kleiderhändler anbetrifft, der nie schlechte Geschäfte macht, so setzt dieser seinen Weg und sein Gewerbe fort, und in einigen Tagen wird der so wohlfeil gekaufte Rock geputzt, ausgebessert und mit neuen Aufschlägen besetzt sein, die Beinkleider ein neues Hintertheil, die Stiefel neue Sohlen bekommen haben, und Alles sich auf der Rotunde des Tempels recht vorteilhaft ausnehmen und von einem Kauflustigen erhandelt werden, der genöthigt ist, sich um billiges Geld einen Anzug anzuschaffen. Es ist sogar schon manchmal vorgekommen, daß ein junger Mann einen Rock auf dem Tempelplatz kaufte, den er vorher an einen Trödler verschachert hatte, und nachher nicht mehr erkannte. Der Tempelmarkt, den man früher die Halle des alten Weißzeugs hieß, wurde im Jahre 1809 erbaut; er liegt gegenüber von der Rotunde und bildet einen großen Raum, wo ehemals die Tempelmesse gehalten wurde. Der Marktplatz ist nicht schön, aber man kann seiner Größe wegen eine unermeßliche Menge Waaren darauf unterbringen. Er ist in vier Theile eingetheilt, die abermals in kleine Gänge getheilt sind, welche nur so viel Raum leer lassen, daß eine einzelne Person durchgehen kann. Die Plätze, denn so heißt man die Buden der Handelsleute auf dem Tempelmarkt, sind sehr theuer, woraus sich schließen läßt, daß der Verkauf gut sein muß. Ein Theil ist zu dem Handel mit alten Kleidern bestimmt, der andere zu altem Weißzeug, der dritte zu altem Eisen, der vierte zu Fußbekleidungen, der fünfte zu Hauben, der sechste zu Modewaaren oder Theaterkostümen u. s. f. Die schmalen Gänge dieses Marktes bieten durchaus keine Annehmlichkeit zum Spazierengehen dar; man geht gewöhnlich auch bloß hin, um Etwas zu kaufen. Ihr könnet daher keine vier Schritte machen, ohne daß man euch zuruft: »Was suchen Sie, Madame?« »Was wünschen Sie, mein Herr?« »Brauchen Sie einen Mantel, einen Schlafrock, ein Paar Stiefelchen?« »Wünschen Sie ein Kindszeug, liebes Frauchen? Ich habe, was Sie suchen.« Der Tempelmarkt kommt den Schauspielern und Schauspielerinnen, welche hier oft noch ziemlich frische Kostüme finden, die sich länger halten als das Stück, zu dem sie gekauft werden, sehr zu Statten. In dem Theater, wo überhaupt Alles Täuschung ist, können solche Sachen immer noch schön erscheinen. Aber mehr zum Verwundern ist, daß es in Paris selbst unter anständiger Gesellschaft, unter bürgerlichen und wohlhabenden Frauen viele gibt, welche ihre Toilettenbedürfnisse auf dem Tempelmarkt und somit Gegenstände kaufen, die schon von Andern getragen worden sind. Eine Dame holt, ehe sie auf den Ball geht, die Garnirung zu ihrem Kleide, die Blumen in's Haar oder die Atlaßschuhe auf dem Tempelmarkt. Eine andere kauft sich einen Hut oder eine Haube, und die Verkäuferin sagt jedesmal: »Es ist ganz neu, man hat es nur einmal getragen.« Wie sehr sich aber auch solche Damen bemühen mögen, ihrem Anzüge einen Anstrich von Eleganz und Neuheit zu geben, ein geübtes Auge täuscht sich nie; es liegt überdies in dem Wesen der Personen, die ihre Toilette auf dem Tempelmarkt holen, etwas, das immer den Ursprung des Putzes verräth, mit dem sie sich herauszustaffiren suchen. Bisweilen gibt der Markt, wo man getragene Kleider kauft, auch Veranlassung zu sehr pikanten Abenteuern. Ein Herr bemerkt, während er ein hübsches Frauenzimmer im Theater belorgnettirt, daß dasselbe ein Kleid anhat, welches einige Tage zuvor seine Frau trug. Eine Dame bemerkt in einem Concert ihren Shawl an einer Nachbarin. Ein junger Mann fühlt sich sehr unbehaglich in einem Rock, den er Tags zuvor fertig gekauft hat, und der für einen nicht ferne von ihm sitzenden Stutzer bestimmt war, der sich Kleider auf Credit machen läßt und sie dann wieder verkauft, um Geld zu bekommen. Und wie viel geputzten, parfümirten, mit Blumen geschmückten Damen begegnet man auf den Promenaden, welche diesen Anzug, womit sie euch verführen wollen, nur auf einen Tag gemiethet haben! Beeilt euch also, ihr, die ihr von den Reizen und der Eleganz derselben hingerissen werdet; morgen würdet ihr diese Damen nicht mehr erkennen, wenn ihr ihnen wieder begegnetet. Denn auf dem Tempelmarkte vermiethet man die Kleider auch tagweise und sogar auf halbe Tage; es gibt in Paris so viele Leute, die reich scheinen und glänzen wollen, wäre es selbst nur auf wenige Augenblicke. Das Parterre eines Theaters Wählet das euch angenehmste Theater, aber ja keines, in dessen Parterre auch Frauen Zutritt haben; denn ein solches wird euch nicht zusagen. Franz I. hat gesagt: »Ein Hof ohne Frauen gleicht einem Frühling ohne Rosen!« Aber in Wahrheit, diese Rosen sind im Parterre eines Theaters sehr übel angebracht, und außerdem, wenn alle Frauen Blumen sind, wie ich gerne glaube, so sind es gewöhnlich nicht die frischesten und lieblichsten, die, um das Schauspiel zu sehen, im Parterre Platz nehmen. Wir sind also in einem Männer-Parterre. Wir wollen es zu Anfang des Schauspiels betrachten, ehe es noch ganz voll ist. Uebrigens haben wir Parterre, die es nie werden, selbst wenn das Stück bereits vorgerückt ist; andere gibt es, die nur an den Tagen einer ersten Aufführung gut besetzt sind. An diesen Tagen sind sie, gleichsam als ob sie sich für ihre gewöhnliche Einsamkeit entschädigen wollten, vollgestopft, wie ein Omnibus an einem Regentage; es sitzen mehr Leute darin, als hineingehen, oder wenigstens hineingehören. Es versteht sich dabei von selbst, daß die mitten im Haufen befindlichen nicht in den Fall kommen dürfen, sich zu schnauzen, oder ihre Tabaksdose aus der Tasche zu langen; dieses Exercitium ist ihnen verboten, sie müßten denn zufällig der nordische Herkules oder ein Alcides von irgendwoher sein, der mit eisernen Armen die Bewegungen seiner Nachbarn bändigen und zwingen könnte. Wenn ihr einmal in einem Parterre seid, wo die Menge dicht ist, die Thüren versperrt und alle Ausgänge vollkommen zugepfropft sind, so müßt ihr euch entschließen, nicht mehr herauszugehen, und wenn ihr auch den größten Drang dazu verspüren solltet. Wenn ihr indessen dem Verlangen, frische Luft zu schöpfen, oder auf einen Augenblick eine minder dicke Atmosphäre einzuathmen nicht wiederstehen könnt, dann müßt ihr, um wieder an euren Platz oder in dieses glückselige Parterre, den Aufenthaltsort der Auserwählten und der Römer (Claqueurs), zu kommen, gewärtig sein, eine kleine Boxpartie mit den an der Thüre eingeklemmten Personen zu bestehen. Das ist nicht immer angenehm, besonders wenn man zu diesem Spiele nicht eine gewisse Körperkraft hat; kurz, einige Rippenstöße wird es euch wenigstens eintragen. Desaugiers würde euch gesagt haben: »Um eine Vestalin lohnt sich das schon der Mühe.« Allein das Stück, das man spielt, lohnt sich vielleicht dieser Mühe nicht. Was thut's, ihr habt euch gebalgt, habt fast gesiegt, d. h. ihr habt euch durch mehrere Personen hindurchgedrängt, die nicht weichen wollten. Und nun, um sich so schnell als möglich eurer Absätze, die ihre Zehen zerquetschen, zu entledigen, hilft man euch hineinzukommen: das heißt so viel, als man stößt euch vorwärts; ihr fallt auf mehrere Köpfe, deren ihr euch als Stützpunkte bedient, um wieder auf euren Sitz zu kommen. Nachdem ihr so einige Zeit auf lebendigen Fluten geschwommen seid, die gar keine große Freude haben, euch zu tragen, gelangt ihr endlich wieder an euren Platz, den ein Anderer während eurer Abwesenheit eingenommen hat. Ihr erkennet indessen einen Nachbar und sagt: »Ich war da?« Der Eindringling, der euren Platz eingenommen hat, gibt keine Antwort und thut, als lorgnettire er Jemanden auf der Galerie. Dieses Manöver macht euch ungeduldig, ihr stoßt den Herrn und wiederholt: »Ich war da!« Darauf wendet dieser sich um und sagt: »Was beweist mir, daß das Ihr Platz war? Haben Sie einen Handschuh zurückgelassen ... Ihr Sacktuch?« »Daß ich ein Narr wäre ... ich habe nichts zurückgelassen, weil man nicht immer wieder findet, was man in einem Parterre liegen läßt; aber dieser Herr da wird Ihnen sagen, daß ich neben ihm saß.« Derjenige, den man zum Zeugen aufruft, ist einer jener Menschen, die immer fürchten, sich zu compromittiren, wenn sie für Jemand Partei nehmen. Er erwidert, indem er sich an der Nase kratzt: »Ach! Sie waren da? Wahrlich, es ist möglich. Aber wenn es so voll ist, so kann man nicht alle Personen bemerken, die um einen herum sind!« Mit diesem Allem seid ihr nicht zufrieden; ihr bleibt fest und stoßt euren Usurpator zurück, indem ihr ruft: »Ich will meinen Platz haben!« Der Usurpator weicht nicht. Im Allgemeinen haben Leute, welche sich an den Platz eines Andern setzen, nicht im Gebrauch, ihm diesen wiederzugeben; ehe sie sich einer so dreisten Handlung schuldig machten, haben sie alle Folgen, alle Gefahren derselben überdacht und sind entschlossen, denselben zu trotzen; sie erinnern sich, daß der Erfolg Alles rechtfertigt : ein Grundsatz, der nicht neu, aber trostlos für die ist, die usurpirt werden. Die Herren werden warm; es fallen spitzige Worte, der Streit droht ernsthaft zu werden; schon hört man Redensarten wie folgende: »Ich bin ein Franzose! ... Sie sind ein Franzose! ... Das kann nicht so gehen.« Aber die Nachbarn, die lieber das neue Stück sehen als einen Streit mit anhören wollen, rücken von beiden Seiten etwas zusammen, so daß die beiden Herren sich setzen können; da nun Jeder einen Platz hat, so fällt die Ursache des Streites weg. Man beruhigt sich, wird kalt, und dieser kleine Zwischenfall ist sehr schnell vergessen, um so mehr, als er im Parterre eines Theaters sehr häufig vorkommt. * Es gibt einige Parterre, die immer voll sind, selbst wenn kein neues Stück gespielt wird; diese sind die glücklichen des Jahrhunderts, und im Allgemeinen bemerkt man, daß sie nicht die schlechtesten sind. Warum? das scheint mir ziemlich leicht erklärlich. Die Theater, in denen immer viele Leute sind, müssen nothwendig die sein, wo sich die Leute am besten unterhalten; nun aber kann man schlecht sein, wenn man glücklich ist (und man ist sehr glücklich, wenn man sich unterhält)? Abermals ein Grundsatz, der nicht neu, aber doch tröstlich ist. Es ist ein sonderbares Ding um das Parterre eines Theaters! Für den, der beobachten, hören könnte ... welche Studien! wie viele Originale sind da verborgen, die bescheiden unter der Menge sitzen! wie viele geistreiche, seltsame Leute, Esel und Nullen! Und könnte man in den Köpfen aller dieser jungen, alten, reichen, armen, traurigen, fröhlichen, unglücklichen, zufriedenen, ehrlichen, intriguanten Leute lesen, welche der Zufall hier versammelt hat, wie würde man nicht manchmal erstaunen, zwei Personen neben einander sitzen zu sehen, die so wenig geschaffen sind, um beisammen zu sein! Aber der Zufall, der euch neben Jemand geführt hat, mit dem ihr im Laufe des Abends einige Worte gewechselt habt, kommt vielleicht niemals wieder. Ihr werdet nie mehr jener Person begegnen, mit der ihr einige Stunden lang geplaudert habt, und deren Bemerkungen und treffende Reflexionen euch die Länge der Zwischenakte haben vergessen lassen. Ihr bedauert, daß ihr nicht wißt, wer der Herr war; ihr wäret erfreut, wenn ihr ihn wieder irgendwo träfet ... Ihr hoffet, der Zufall werde euch wieder einmal neben ihn setzen. Aber umsonst. Ihr geht fast alle Abend in's Schauspiel, der Herr geht seinerseits eben so oft dahin, und doch trefft ihr euch nie mehr. Dagegen könnt ihr nie in das Parterre eines gewissen Theaters kommen, ohne daß ein langweiliger, unruhiger, durch sein Geplapper unausstehlicher Mensch, der unglücklicher Weise schon einmal euer Nachbar war, sich neben euch setzt. Das ist ebenfalls der Zufall, der dieses thut, aber er ist uns nicht immer günstig. Ihr meint vielleicht, derselbe Grund habe alle die Leute, die ihr im Parterre versammelt seht, in diesen Saal geführt: sie seien gekommen, weil das angezeigte Schauspiel ihnen einen vergnügten Abend verspreche? Kommt zur Einsicht. Unter den Personen, die eigentlich wegen der Stücke, die man aufführt, anwesend sind, wie viele andere befinden sich aus ganz andern Gründen da! So z. B. hatte jener Herr, den ihr dort hinten in der Ecke erblicket, eine Zusammenkunft mit einem Freunde ausgemacht, um von Anlegung einiger Capitalien mit ihm zu sprechen. Es ist für ihn eine wichtige Sache, aber sein Freund kam nicht. Nachdem er lange Zeit vergeblich gewartet, hatte er in diesem Viertel zu Mittag gespeist, weil es zu spät war, nach Hause zurückzukehren; dann ist er, da er in der Nähe des Theaters war, in dasselbe eingetreten, um sich zu zerstreuen, und ohne nur zu wissen, was aufgeführt wird. Aber anstatt dem Stück zuzuhören, denkt er immer an seine Geschäfte, an die Anlegung seiner Capitalien, und ich glaube, daß er nach dem Schauspiel sehr in Verlegenheit käme, wenn er sagen sollte, was man gespielt hat. Jener Andere hat mit einem Freunde bei einem Gastwirthe gespeist; die Herren haben einen kleinen Spitz bekommen und dann zu einander gesagt: »Gehen wir in's Schauspiel!« Während man spielt, plaudern sie unaufhörlich, lachen, husten, spucken sie aus, es ist ihnen zu heiß, sie sind keine Minute ruhig und gewiß nicht im Stande, das Stück zu beurtheilen, aber von Zeit zu Zeit rufen sie: »Mein Gott, wie schlecht!« Fragt sie nachher, was sie gesehen haben, was man gespielt hat, und sie werden in derselben Verlegenheit sein wie jener Herr mit der Capitalanlage. Dort steht ein Zuschauer, der sehr aufmerksam scheint und aussieht, als verliere er kein Wort von dem Stücke. Es ist ein Mann von etwa dreißig Jahren, sehr gut gekleidet, ziemlich hübsch, aber dessen Gesicht ernst, ja sogar streng ist. Ihr meint, dieser werde im Stande sein, Abends eine vernünftige Kritik über das Stück zu geben, das man aufführt! Ihr täuscht euch. Der Herr ist verheirathet; er hat eine Frau, die hübsch und kokett ist. Es ist sehr selten, daß sich das Eine ohne das Andere findet, jedoch sehen wir auch häßliche Frauen, die kokett sind. Der Herr ist eifersüchtig, das ist ein Unglück, ja mehr als ein Unglück: es ist eine Krankheit; es ist mehr als eine Krankheit: es ist eine Schwäche. Wenn man eifersüchtig ist, so ist man unglücklich und schwach, und manchmal auch noch etwas Anderes. Der eifersüchtige Gemahl ist bälder als gewöhnlich nach Hause gekommen: das ist ein Fehler. Wenn man verheirathet ist, muß man nichts an seinen Gewohnheiten ändern; die Damen lieben das nicht. Der Herr ist also zu bald nach Hause gekommen: er hat einen seiner Freunde bei seiner Frau getroffen, dessen Freundschaft für ihn seit einiger Zeit in ungewöhnlicher Zunahme begriffen ist, der aber dabei doch immer Gelegenheit findet, ihm nur dann einen Besuch abzustatten, wenn er abwesend ist. Bei seiner Ankunft hat der Freund etwas verlegen geschienen, die Frau ist in Bestürzung gerathen, und ein Sessel stand ganz nahe bei einem Sopha. Der Herr hat nichts merken lassen, aber er hat Verdacht; er hat nichts zu seiner Frau gesagt, aber eine sehr auffallende Grimasse an sie hingeschnitten; zuletzt ist er Abends, verfolgt von jenen unglücklichen Gedanken, die sich immer wieder auf's Neue in dem Kopf eines Eifersüchtigen einnisten, von Hause fortgegangen. Er hat das Schauspiel besucht, in der Hoffnung, dort seine Schmerzen zu vergessen. Ihr meint, er höre aufmerksam dem Stücke zu, aber er versteht kein Wort von dem, was die Schauspieler sprechen, er denkt unaufhörlich an jenen Sessel, der so nahe bei dem Sopha stand. Dann sagte er zu sich: »Gewiß quäle ich mich unnöthig; meine Frau hat wohl das Recht, sich auf einen Sopha zu setzen und mein Freund neben sie auf einen Sessel, das ist immerhin besser, als wenn Beide auf dem Sopha gesessen waren! und dann ist meine Frau unfähig ... ich habe Unrecht.« Armer Mann! und in den Stücken, die man gegeben hat, hörte er nur stets die Worte: »Frau, Mann, Liebhaber!« an seine Ohren schlagen. Jener junge Mann, der in einem fort die Nase in die Höhe streckt und im Saale herumsieht, statt auf die Bühne zu sehen, sucht eine Dame, die ihm Hoffnung gemacht hat, daß sie ins Schauspiel kommen werde. Er sucht sie überall, seine Augen sind durch alle Logen, über alle Reihen der Galerien hingeschweift, aber er sieht sie nirgends! Der arme junge Mann ist trostlos; um diese Dame zu sehen, ist er in dieses Theater gegangen; was kümmern ihn die Stücke, der Geist des Verfassers und das Talent der Schauspieler; er ist verliebt! ... Während man spielt, fragt er sich, welches Hinderniß die Dame habe abhalten können, ihr Versprechen zu erfüllen, und in den komischsten Momenten des Stücks stößt er seine tiefsten Seufzer aus. Etwas entfernter ist ebenfalls ein verliebter junger Mann; aber er ist es in eine Schauspielerin auf diesem Theater, die in dem Stücke, das gegeben wird, spielt, und sich in diesem Augenblicke auf der Bühne befindet. Aber, seht auch, welches Feuer in den Blicken dieses Herrn strahlt, wie er sich auf seinem Platze bewegt; man könnte meinen, er wolle sich auf die Bühne stürzen. Er lacht und schwatzt mit sich selbst; dann blickt er manchmal um sich, wie wenn er Gesichter suchen wollte, die seinen Enthusiasmus theilen, er wendet sich an Jedermann und ruft aus: »Wie gut gespielt! ... Wie sie das gesagt hat! Sie ist herrlich ... hinreißend ... die beste Schauspielerin von Paris!« Da er aber nur wenige Leute trifft, die seine Meinung theilen, so bemüht er sich, seine Bewunderung zu concentriren, und so lange die Schauspielerin auf der Bühne ist, verliert er sie nicht aus dem Auge. Aber kaum ist sie hinter der Coulisse verschwunden, so wendet er sich auf's Neue an einen Nachbar und sagt: »Man hat ihr Engagement auf drei Jahre verlängert, sonst hätte sie uns Bordeaux abgeführt. Der Nachbar zuckt mit den Achseln und begnügt sich, zwischen den Zähnen zu murmeln: »Was kümmert das mich? Möge sie Bordeaux oder Rhabarber abführen, das ist mir ganz gleichgültig! Ich weiß nicht, was der Herr immer will!« Etwas entfernter noch bemerken wir einen Herrn in mittleren Jahren, der mit wahrhaft lächerlicher Prätension gekleidet ist: er hat einen Riesen-Camee im Knoten seiner Halsbinde stecken, eine zerzauste Perrücke auf dem Kopfe, eine Lorgnette, deren man sich als Teleskop bedienen könnte, zeisiggrüne Handschuhe und ein Gesicht, welches vollkommen mit den Handschuhen harmonirt. Dieser gibt sich Mühe, immer am Orchester zu sitzen; in jedem Zwischenakte lehnt er sich auf die Brüstung, dreht der Bühne den Rücken, belorgnettirt alle Damen, wirft ihnen verliebte Blicke zu, erlaubt sich sogar zuweilen ein Lächeln des Einverständnisses, und während dieses für die Zuschauer sehr unterhaltenden Verfahrens macht er ganz laut seine Bemerkungen: »Jene Braune dort unten wäre gar nicht übel, wenn sie Zähne hätte, aber Schade, daß ihr diese fehlen. Lachen Sie nicht, Madame, ich bitte Sie, damit man glauben könnte, Sie haben Zähne. »Ach! jene kleine Blondine auf der Galerie dort läßt ihre Schultern recht sehen; sie meint wohl, sie seien schön! Man könnte einen osteologischen Cursus darüber lesen. Ich ziehe etwas Anderes vor. »Wie, sehen wir einmal in jene Parterreloge. Eine kleine Haube, die ziemlich pikant ist ... aber nur die Haube; was den Kopf anbelangt, der darin steckt ... hm! ... so glaube ich, hat er gescheidt daran gethan, sich in den Schatten zu setzen!« Und dieser Herr, der dem Anschein nach so schwer zu befriedigen ist, hat die Tasche voll kleiner Liebesbriefe, eine Art Circular, das er beim Hinausgehen aus dem Schauspiel allen den Frauen, die er eben critisirt hat, zustecken wird, in der Hoffnung, daß bei ihrer Menge wenigstens auf eine seiner Erklärungen eine Antwort erfolgen werde. Nun, in dieser Absicht geht besagter Herr in's Schauspiel. Er will durchaus einen Mann vorstellen, der Glück bei den Damen macht; er behauptet, daß seine Mittel es ihm erlauben. Aber da dringt eine neue Person in's Parterre: es ist ein Vierziger, der aber älter aussieht als er ist, Dank seinem Schafsgesicht, das von zwei großen, ganz runden Augen flankirt wird, die einen stark ausgesprochenen Ausdruck von Dummheit haben, und seinem krausen Haar, das beinahe bis zu den Augenbrauen herabgeht; denkt euch dazu noch eine plattgedrückte Nase, eine Cravatte, die ihn zu erdrosseln scheint, und einen Halskragen, der bis über die Mitte der Ohren reicht, und ihr habt einen Begriff von diesem Herrn. Er steigt über eine Bank, dann über eine zweite, sieht sehr verlegen aus, einen Platz zu finden, und deren gibt es doch überall. Endlich seht er sich, aber vor ihm ist ein sehr dicker Mann, der ihn genirt; er steht wieder auf und setzt sich wo anders nieder. Da bemerkt er, daß der Handgriff des Contrebasses gerade gegenüber von ihm ist, und er verändert abermals seinen Platz. Endlich hat er einen gefunden, der ihm ansteht. Er lacht, sieht seine Nachbarn an, nimmt seinen Hut ab, langt sein Sacktuch heraus, setzt seinen Hut wieder auf. schnauzt sich, nimmt seine Dose und sieht sich noch einmal um. Er hat große Lust, eine Unterhaltung mit Jemand anzufangen, und entscheidet sich für seinen Nachbar zur Linken, einen jungen Mann von höchstens zwanzig Jahren; er bietet ihm seine Dose mit zaghafter Miene und den Worten an: »Nehmen Sie eine Prise?« Der junge Mann sieht ihn spöttisch an, fängt an zu lachen und entgegnet: »Ach! warum nicht gar ... Rauchtabak, den lasse ich mir gefallen. Man raucht zwar noch nicht in den Theatern, aber das wird schon kommen ... es muß kommen ... denn das Jahrhundert des Lichts verlangt das! ... Ach! welches Vergnügen, wenn man ein Stück rauchend wird ansehen können! ... wenn man eine Wolke wohlriechenden Tabaks ausstoßen wird, während man eine hübsche Schauspielerin lorgnettirt! ... Dann erst wird man sich in dem Theater gut unterhalten und sie werden immer voll sein!« – Ja voll Rauch, das ist richtig. Aber die Damen ... glauben Sie, daß sie sich an den Tabaksrauch gewöhnen werden? – »Ob sie sich gewöhnen werden? ... sie werden stärker rauchen als die Herren.« – Ah! dann ist es etwas Anderes. Mein Herr, hat das Stück, das man spielen wird, schon angefangen?« Der junge Mann betrachtet seinen Nebensitzenden mit höhnischer Miene und sagt: »Wenn man es erst spielen wird, denke ich, kann es auch noch nicht angefangen haben.« – Drum haben wir viel davon sprechen hören ... meine Frau und ich, und da meine Frau viel Geist hat, so kann sie die schlechten Stücke nicht leiden; dann schickt sie mich, sie zuerst zu sehen, damit ich mir eine Meinung darüber bilde. Sie hat zu mir gesagt: »›Geh' und sieh' diese Komödie an. Du wirft Dir eine Meinung darüber bilden und bringst sie mir sodann‹« – »Die Komödie?« – Nein, meine Meinung. Kennen Sie sie? – »Ihre Meinung?« – Nein, die Komödie.« Der junge Mann fängt an zu lachen und murmelt: »Ach! ich will nur sehen, ob das nicht aufhört?« Dann steht er auf und wendet dem Herrn den Rücken zu, der zu sich sagt: »Offenbar hat er das Stück auch noch nicht gesehen ... da kann er mir auch seine Meinung nicht sagen.« Man läutet dreimal, das Orchester spielt die Ouvertüre, der Vorhang geht auf und das Stück fängt an. Der Herr mit dem Kragen über den Ohren hört mit der größten Aufmerksamkeit zu und reißt seine großen Augen auf, wie wenn er dann besser verstehen würde. Mitten im Akte wendet er sich an einen großen Herrn, der ihm zur Rechten ist und sagt: »Finden Sie Bewegung darin? ... Drum hat mich meine Frau hergeschickt, um mir eine Meinung über das Stück zu bilden ... und wenn die Schauspieler türkische Kleider tragen, so meine ich, sei es noch viel schwerer zu verstehen ... und Sie?« – Ah! zum Henker, mein Herr, halten Sie Ihr Maul und lassen Sie mich zuhören!« entgegnet der große Herr mit einer Bewegung der Ungeduld. Unser Mann wagt nichts mehr zu sagen: er hört nun stillschweigend zu und begnügt sich, in seiner Tabaksdose zu stören, wo er vielleicht eine Meinung zu finden hofft. Nach dem ersten Akte will er abermals mit dem jungen Mann zu seiner Linken sprechen, aber dieser dreht ihm lachend den Rücken zu, sobald er ein Wort an ihn richtet. Nun wendet er sich an einen kleinen, magern, trockenen, gelben Herrn mit einer blauen Brille, der vor ihm steht. Er bietet ihm seine Dose an: dieses Mal wird sein Anerbieten angenommen. Der Mann mit der Brille fährt mit seinen Fingern hinein, stopft sich die Nase voll, niest, spuckt aus, hustet, räuspert sich, und trillert zwischen den Zähnen Etwas, das di tanti palpiti vorstellen soll, und während dessen hat unser Herr Zeit gefunden, ihm zu sagen: »Sind Sie zufrieden mit dem Akte, den man aufgeführt hat? ... Drum mochte ich mir gerne eine Meinung bilden ... weil meine Frau mich darnach fragen wird, wenn ich nach Hause komme.« Der Herr mit der Brille gibt sich ein wichtiges Ansehen und entgegnet: »Meiner Treu', ich komme nur sehr selten in solche Theater wie dieses; es ist ein seltener Zufall, wenn man mich hier trifft. Fragen Sie mich über die italienische Oper, mein Herr; ja! fragen Sie mich darüber ... da will ich Ihnen Rede stehen ... Seit zwanzig Jahren habe ich keine ihrer Vorstellungen versäumt! Das ist ein Theater, Musik, Sänger! ... Haben Sie die Pasta gehört?« – Bitte um Entschuldigung, mein Herr ... ich wollte Sie um Ihre Meinung fragen über den Akt, den man eben aufgeführt hat, um dann ... – »Ach, die Pasta, mein Herr, die Pasta! welche Stimme, welches Metall!« – Sie wollen mir also nicht sagen, was Sie von dem ersten Akt der Komödie denken, welche ... – »Und die Malibran! Herr, die Malibran! ... Vor lauter Bewunderung derselben habe ich mir das Gesicht verdorben ... O diva! diva !« Unser Mann sucht mit den Augen, ob er nicht noch jemand Anderem Tabak anbieten könne. Aber der zweite Akt beginnt. Nun bleibt unser Mann einige Zeit lang stille und hört zu. Endlich hat er das durch und durch wohlwollende Gesicht eines alten Herrn entdeckt, der hinter ihm sitzt; er wendet sich um und sagt ganz leise: »Sind Sie zufrieden? ... Drum will meine Frau, daß ich mir eine Meinung über dieses Stück bilden soll ... und da es Türken sind, so komme ich nicht recht daraus.« Der alte Herr lächelt und entgegnet stotternd: »Man muß wa ... war ... wart ... muß warten ... wie ... wie es ... wei ... wei ... weiter geht!« Unser armer Mann stößt einen tiefen Seufzer aus und sagt zu sich: »Der alte Herr da wird es nie dahin bringen, mir seine Meinung ganz sagen zu können. Ich habe Unglück! ... er war der Einzige, der eine sprechlustige Miene zeigte.« Endlich ist das Stück zu Ende. Unser Mann ist nun ganz Ohr, denn Jedermann äußert jetzt laut seine Meinung. »Es ist k ... kö ... kost ... köstlich!« ruft der alte stotternde Herr. »Es ist erbärmlich!« sagt der Herr mit der Brille. »Es ist sehr geistreich!« murmelt der große Herr zur Rechten. »Es ist entsetzlich dumm!« ruft der junge Mann zur Linken. Nun kehrt unser armer Mann, der diese verschiedenen Urtheile gehört hat, nach Hause zurück und denkt bei sich selbst: »Was soll ich nun meiner Frau sagen, wenn ich heimkomme und sie mich um meine Meinung fragt? ... Meiner Treu', sie wollte nur eine einzige, und ich bringe ihr vier! Nun, sie mag sich eine nach Belieben davon auswählen.« Die Logen und Galerien Wir haben das Parterre eines Theaters skizzirt, in welchem wir uns nur kurze Zeit aufgehalten haben; wir hätten dort noch eine weit größere Zahl von Personen finden können, die unserer Aufmerksamkeit werth gewesen wäre, denn im Ganzen fehlt es nicht an Originalen, es handelt sich nur darum, sie aufzusuchen. Wir sind schnell über die Streitigkeiten, die Klagen, die Stürme hinweggegangen, von denen das Parterre häufig heimgesucht wird, aber wir haben auch nur Skizzen und keine Gemälde angekündigt, und dann wißt ihr, daß eine mit wenig Pinselstrichen entworfene Skizze oft ähnlicher ist als ein Portrait, zu welchem man mehrere Sitzungen verwendet hat. Steigen wir auf die erste Galerie. Hier finden wir Frauen; das wird schon interessanter. Die Frauen haben das glückliche Privilegium, alle Orte, an denen sie sich befinden, zu verschönern. Die Schönen unter ihnen dürfen sich nur zeigen: Diejenigen, die es nicht sind, ersetzen gewöhnlich durch eine elegante Toilette, guten Geschmack, zuweilen durch eine graziöse Haltung, was ihnen an Schönheit abgeht; Andere, denen es nicht vergönnt ist, elegant zu erscheinen, finden doch noch das Mittel, artig zu sein, durch die pikante Weise, mit der sie die einfachste Haube oder den bescheidensten Hut aufsetzen; wieder Andere verführen durch ein geistreiches Aussehen, oder durch einen muthwilligen Ausdruck im Auge, oder durch ihre Art zu lachen, die sogleich die Aufmerksamkeit auf sich zieht ... ich würde nicht fertig werden, wollte ich Alles herzählen, was die Damen besitzen, um die Blicke zu fesseln. Hat einmal ein Theater die Gunst der Frauen gewonnen, so ziehen die Männer von selbst nach. Das ist zu natürlich, um einer Erklärung zu bedürfen. In der That, wie viele Bekanntschaften, Verbindungen, Intriguen haben sich nicht schon im Theater gebildet! Und glaubet nicht, daß diese Verbindungen immer nur vorübergehend seien; daß diese Intriguen, zu denen vielleicht nur ein Blick Anlaß gegeben, sich eben so schnell abwickeln als sie angeknüpft worden sind; nein wahrhaftig! der Zufall führt euch zuweilen im Theater mit einer Person zusammen, an die ihr euch für das ganze Leben fesselt, oder deren Bekanntschaft wenigstens einen großen Einfluß auf eure ganze Existenz ausüben wird. Aber hat das wirklich auch nur der Zufall gethan? Hängt in der That die ganze Zukunft zweier Personen öfters nur von der Caprice einer Logenschließerin ... oder von dem guten Willen eines Billetabnehmers ab? müssen wir nicht eher annehmen, daß das Schicksal dieser beiden Personen vorgezeichnet war, und daß es nicht einzig deßhalb ist, weil man an jenem Tag die Schwestern von Prag oder den Raub der Sabinerinnen gab, daß der und der Herr die Bekanntschaft einer reizenden Frau gemacht hat, für die er sich total ruinirt, oder jenes junge Mädchen einen Gatten gefunden hat, der ihr Glück macht? Auf einer Galerie befinden sich in der Regel mehr Frauen als Männer und doch geht von da nie das Geräusch aus, wenn in einem Theater eines entsteht; lassen wir im Vorbeigehen den Damen Gerechtigkeit widerfahren; man hat sie in einen Ruf von Schwatzhaftigkeit gebracht, den sie häufig ganz und gar nicht verdienen. In einem Theater werdet ihr bemerken, daß es stets die Männer sind, die Geräusch machen, die ohne Unterlaß und sehr laut sprechen, die in jedem Zwischenakt hinauslaufen, die durch ihre abgeschmackten Bemerkungen zuweilen die Vorstellung eines Stückes stören: es gibt sogar solche, die das so weit treiben, die so laut schreien, und trotz dem wiederholten Stillegebieten ihrer Nachbarn nicht schweigen wollen, daß man genöthigt ist, ihnen die Thüre zu weisen. Betrachtet dagegen jene Damen, wie vernünftig ... wie ruhig sie sind. Wenn sie mit einander sprechen, so geschieht es ganz leise, so daß sie Niemand hört; wenn sie etwas laut gelacht und dadurch einige Blicke auf sich gezogen haben, seht, wie sie erröthen, sich in ihre Loge zurückbiegen oder ihren Kopf senken, damit ihre Verlegenheit durch den Schirm ihres Hutes verdeckt werde. Habt ihr je gesehen, daß man ein Frauenzimmer im Theater zur Thüre hinausgeworfen hat? o! pfui! gewiß nicht! ... ihr Herren solltet entschieden ein Beispiel an diesen Damen nehmen. Es gibt jedoch auch Männer auf den Galerien. Die einen haben Damen begleitet; andere sind allein gekommen und zwar mit dem Wunsche, eine kurze ... oder auch eine längere Bekanntschaft zu machen. Diese werden keine häßliche oder alte Frau zu ihrer Nachbarin wählen, sie werden beständig suchen, in die Nähe eines hübschen Gesichtchens, eines lockenden und koketten Figürchens zu kommen: darin legen sie einen Beweis von gutem Geschmack ab, und wir können sie deßhalb nicht tadeln. Allons, meine Herren, spielt die Angenehmen, die Löwen, die Don Juans, schießt Blicke so verführerisch als möglich, trillert, wenn ihr eine hübsche Stimme habt, macht über das Stück einige geistreiche Bemerkungen; seid galant, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, sucht ein Gespräch einzuleiten, wenn man euch gerne antwortet, und seid liebenswürdig wenn ihr könnt. All' das ist euch erlaubt, und so lange ihr nicht die Gränzen der Schicklichkeit und Höflichkeit überschreitet, kann man es euch nicht übel nehmen, wenn ihr euch für alle hübschen Frauen entflammt, denen ihr im Theater begegnet. Aber mit Gunst, ahmt nicht jene Herren nach, die sich hinter oder an der Seite einer Dame niederlassen, ihr mit Knieedrücken zusetzen, sich erlauben, ihre Hand im Dunkeln herumirren zu lassen, und sie, gleichviel wo, einzuschieben, oder sich, gleichviel an was, zu halten. Eine solche Art einer Dame den Hof zu machen, ist eben so schamlos für den, der sie anwendet, als beschimpfend für die Person, bei der sie angewendet wird. Wo kommt ihr denn her, ihr Herren? wo haltet ihr euch gewöhnlich auf? wenn ihr euch so gegen ein Geschlecht benehmt, das ihr zu vertheidigen und zu beschützen berufen seid, so begreift ihr demnach das ganze Schmähliche eures Betragens nicht; ihr seht nicht ein, daß ihr euch mit dem Vieh auf eine Stufe stellt und daß ihr in diesem Augenblick vollkommen jenen Hunden gleicht, welche wir in den Straßen einer armen kleinen Windhündin nachlaufen sehen, um eine Conversation mit ihr anzuspinnen ... man weiß schon welche! Und jene armen Frauen, die in das Schauspiel in der Hoffnung gekommen waren, sich dort zu unterhalten, was für einen angenehmen Abend werden sie verbringen! seht ihr, wie sie empört, aber zitternd, nicht wissen, wie sie Angriffe zurückweisen sollen, ob denen sie erröthen? wenn sie entweder keinen Mann bei sich haben, der sie gegen die Unverschämtheit dieser Herren schützen kann, oder wenn sie mit ihrem Gatten, ihrem Vater da sind, aber die Furcht, einen Streit zu verursachen, ihnen den Mund schließt und sie verhindert, sich zu beklagen. Einige Damen zeigen jedoch mehr Muth und Geistesgegenwart. Eines Abends wurde eine hübsche Frau, die mit einer ihrer Freundinnen in der vordern Loge eines Theaters saß, von einem Herrn gedrängt, der hinter ihr saß und ohne Zweifel glaubte, seine beiden Kniee müßten einen sehr angenehmen Fauteuil abgeben. Die hübsche Frau wartete, bis das Stück angefangen hatte, dann stand sie rasch auf und sprach so laut, daß sie von einem großen Theil des Publikums gehört werden konnte, indem sie die beiden Kniee dieses Herrn ergriff und sehr lebhaft zurückschob: »Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Herr; aber ich will mich Ihrer nicht als Fauteuil bedienen, ich ziehe meinen Stuhl ohne Lehne Ihren Knieen vor.« Man kann sich denken, wie verdutzt und fassungslos er dasaß; denn Jedermann beklatschte den Einfall der hübschen Dame, und der Herr mußte die Blicke des ganzen Saales und die Bonmots der um ihn herum befindlichen Personen aushalten, die sie über diese neue Art, gesperrte Sitze zu formiren, losließen. Sobald der Akt zu Ende war, verschwand dieser Herr beschämt und verwirrt ; ich weiß nicht, ob er schwur, daß man ihn nicht mehr daran kriegen würde, aber er kam nicht mehr auf seinen Platz. Ein andermal empfing, eine Dame ebenfalls eine mit Handgriffen begleitete Liebeserklärung, und war um so mehr zu beklagen, als sie, da ihr Mann ihr zur Seite war, nicht zu zeigen wagte, was sie litt; denn sie kannte ihren Gatten von der Seite, daß er, sobald er gewußt, wie sich sein Herr Nachbar aufführe, ihn zur Einleitung mit ein Paar Ohrfeigen regalirt hätte. Endlich brachte der Unwille diese Dame zu einem Entschluß ... Sie verließ plötzlich die Loge, indem sie zu ihrem Manne sagte: »Bleibe da ... ich komme im Augenblicke wieder, ich bedarf Deiner nicht.« Dann stieg sie ins Controlebureau hinab, verlangte den Polizeicommissär und erzählte ihm, welcher Unverschämtheit sie ausgesetzt sei. Man beeilte sich, mit dieser Dame hinaufzugehen, der Polizeicommissär bat sie, ehe sie an ihren Platz zurückkehre, ihm den Menschen zu bezeichnen, über den sie sich zu beklagen habe, sie that es und setzte sich neben ihrem Mann nieder, ohne etwas merken zu lassen. Nach einigen Augenblicken bat man den Herrn sehr artig, herauszukommen, und ließ ihn nicht mehr hereintreten. Das sind zwei gute Beispiele, meine Damen, lassen Sie sich solche dienen. Seien Sie nicht zu streng, nicht zu abstoßend gegen Männer, die Ihnen zu gefallen suchen; aber seien Sie ohne Mitleid gegen Solche, die die Achtung gegen Sie aus den Augen setzen. Und nun wollen wir unsere Bemerkungen bei Seite lassen und sehen, was auf dieser ersten Galerie vorgeht. Drei Damen sitzen beisammen, eine Mutter mit zwei Töchtern. Junge Personen von sechzehn bis achtzehn Jahren. Alle beide reizend, alle beide mit jenen Profilen, die man nur bei den heiligen Jungfrauen Raphaels findet, aber von denen man zuweilen träumt. Die Jüngere hat nur Augen und Ohren für das, was auf der Bühne vorgeht, sie ist so glücklich, im Theater zu sein! ... sie verliert kein Wort vom Stück; wenn die Lage traurig wird, so könnt ihr es schon am Ausdruck ihres Gesichtes wahrnehmen, zuweilen füllen sich sogar ihre Augen mit Thränen, so sehr identifizirt sie sich mit den Personen. Die Augen der Aeltern sind hingegen ganz trocken, aber außerordentlich strahlend; sie kann nicht zwei Minuten sein, ohne den Kopf zu drehen, ins Parterre oder in die Logen zu sehen. Sie weiß, daß sie schön ist, und denkt, alle Lorgnetten müßten auf sie gerichtet sein, auch ist sie in Verlegenheit, welche Miene sie annehmen soll, um noch schöner zu erscheinen; all' das beschäftigt sie zu sehr, als daß man ihr zumuthen könnte, dem Gange des Stücks zu folgen. Ein junger Mensch sagt zu einem seiner Freunde, indem er diese beiden Schwestern genau beobachtet: »Wenn ich die Wahl hatte, würde ich die Jüngere zu meiner Frau und die Aeltere zu meiner Maitresse nehmen.« Fahren wir fort. Ein Herr und eine Dame; der Herr hat vierzig Jahre, ein ziemlich hübsches Aeußeres, aber eine gelangweilte Miene. Er liest im Theaterjournal und lorgnirt von Zeit zu Zeit die Logen; alsdann unterdrückt er einen Reiz zum Gähnen, der ihm häufig kommt. Die Dame ist sechsunddreißig Jahre alt, eines jener ausdrucklosen Gesichter, in denen nichts zu lesen ist; sie ist sehr fein gekleidet aber ohne Reiz, weder in ihrer Toilette, noch in ihrer Haltung, noch in ihrer Miene: man begreift, warum dieser Herr Lust zu gähnen hat. Dieses Paar wechselt zwei bis drei Worte in jedem Zwischenakt und beobachtet während des Stückes das strengste Stillschweigen. Hier ist ihre Unterhaltung. Nach dem ersten Stücke: »Es ist heiß hier.« – Finden Sie? ich finde es nicht.« Nach dem zweiten Stücke: »Auf dieser Galerie ist man nicht gut, man muß sich vorlegen, um zu sehen.« – Sie finden es nirgends gut.« Nach dem dritten Stücke: »Es wird spät ausgehen!« – Was liegt uns daran.« Nach dem letzten Stücke ist es etwas anderes. Man nimmt seinen Shawl, setzt seinen Hut auf, geht und spricht nichts weiter. Welch' interessantes Paar! wie müssen sich diese Leute unterhalten haben! was euch aber überraschen wird, ist, daß sie alle Abende ins Theater gehen und sich jedesmal ebenso unterhalten. Dort sind vier Personen von einer Gesellschaft, die unter der Hand billigere Billete als an der Kasse gekauft hatten, aber gezwungen waren, nachzuzahlen, wenn sie nicht den ganzen Abend den Kronleuchter gerade vor den Augen haben wollten; dadurch kamen sie ihre Plätze theurer zu stehen, als an der Kasse. Diese Leute sind zu ärgerlich, um sich zu unterhalten, sie finden Alles schlecht und rufen jeden Augenblick aus: »Da zahle einer seinen Platz doppelt, um so etwas zu sehen!« Fahren wir fort. Zwei sehr artige Damen, der Haltung nach aus dem Bürgerstand, sprechen ganz leise mit vielem Feuer. Es muß von Herzensangelegenheiten die Rede sein. Die Damen sind auf dem Punkte, sich vertraute Mittheilungen zu machen. Aber der Schauspieler, der die Liebhaberrollen spielt, tritt auf, er wirft einen Blick auf den Theil der Galerie, wo diese Damen sind, und die eine stößt die andere mit den Worten: »Er hat uns gesehen.« – Glauben Sie? – »O! gewiß ... er hat zu mir gesagt, er würde im Zwischenakte durch das Loch im Vorhange sehen, um uns im Saale zu entdecken ... sehen Sie, er schaut wieder ... er hat ein wenig gelächelt ...« – Das Kostüm kleidet ihn sehr gut. – »Mir gefällt er besser als Spanier. Aber ich möchte wissen, woher er die Nadel hat, die in seiner Halsbinde steckt ... die habe ich noch nie bei ihm gesehen.« – Die hat er sich schon selbst anschaffen können. – »O! das lasse ich mir nicht weiß machen! ich muß wissen, woher er sie hat ... Nun ... was hat er denn da immer in die Vorbühne zu gucken? will das kein Ende nehmen? ... was gibt's denn da so Schönes zu schauen? Ist es vielleicht wegen jener Dame in glatten Haaren, die sich so viele Mühe gibt, sich bemerkbar zu machen? welch' gemeine Manier! ... man sieht gleich, mit wem man es zu thun hat ...« – Aber diese Frau ist nicht übel ... schöne schwarze Augen. – »Ach! meine Liebe, sie ist abscheulich! ... wie können Sie das schöne schwarze Augen nennen! sie sind zu rund, zu weit geöffnet ... und dieser Hals ... dieser enorme beinige Hals! wie kann man sich so offen tragen, wenn man ein solches Knochengerüste zu zeigen hat! ... es gibt Frauen, die wahrhaftig toll sind. Wenn das die Dame mit der Nadel ist, so werde ich Herrn M. kein Compliment über seine Eroberung machen.« Diese Worte wurden mit einem sehr merkbaren Aerger ausgesprochen, und während des ganzen noch übrigen Abends hörte die junge Frau nicht auf, jene Dame auf der Vorbühne zu betrachten, die sie so abscheulich fand! das hinderte übrigens viele Herren nicht, sie recht hübsch zu finden. Sehen Sie dort eine Familie: Vater, Mutter und Kind. Der Herr schläft halb, aber die Frau stößt ihn von Zeit zu Zeit mit den Worten. »Wie findest Du das?« Dann wacht der Mann auf und murmelt: »was hat man gesagt? ... was spielt man? ... wo hält man?« – Du hörst also gar nicht zu; ich wette, Du hast geschlafen ... Ist es möglich, im Theater zu schlafen! ... Du bist sehr liebenswürdig! – »Ich versichere Dich, meine Liebe, ich habe nicht geschlafen ... ich habe nur an etwas Anderes gedacht.« Der kleine Junge, der keinen Augenblick ruhig bleiben kann, neigt sich gegen seine Mutter und sagt: »Ich habe Durst.« – Du hast eben erst getrunken. – »Ich habe aber noch Durst!« – Man kann nicht in jedem Zwischenakt hinausgehen und Dir zu trinken geben. Sei ruhig, oder Du darfst nicht mehr mit in's Theater. – »Das Stück macht mir Langeweile! ... man sieht nichts als lange Säle!« – Nimm sie doppelt, wenn sie Dir zu lang sind und schweige still, sonst bekommst Du zu Hause die Pritsche.« Der Junge schweigt zwar bei dieser Aussicht auf den ihm wohlbekannten Willkomm, wirft aber nach einigen Augenblicken seine Mütze auf den Boden, um Gelegenheit zu haben, sich unter der Bank zu schaffen zu machen, wo er zwischen den Füßen der Zuschauer hindurchkriecht. Seine Mutter erwischt ihn endlich am Kragen, zieht ihn herauf, und ist so während des ganzen Abends damit beschäftigt, einmal ihren Gatten am Einschlafen, das andere Mal ihr Söhnlein am Munterwerden zu hindern. Etwas weiter entfernt sehen wir zwei Damen, die eine sehr hübsch, die andere sehr häßlich, beide sehr anständig gekleidet, doch mit etwas zweideutigem Benehmen. Ein junger Mann hat sich hinter diese Damen gesetzt, d. h. hinter die hübsche. Der junge Mann sucht Bekanntschaft anzuknüpfen. Er läßt zuerst seine Augen spielen. Das ist stets das Präludium . Seine Augen haben der Dame gesagt: »›Ich finde Sie sehr hübsch, Sie gefallen mir außerordentlich, ich wünschte sehr, daß Sie auch mich nach Ihrem Geschmacke fänden;‹« und so noch mehr. Die Augen sagen dergleichen Dinge mit unendlicher Leichtigkeit, ihre Sprache ist Jedermann verständlich, vorzüglich aber verstehen sich die Damen darauf. Die Dame, mit der die Augen des jungen Mannes gesprochen haben, hat, wie es scheint, ihre Sprache nicht übel aufgenommen. Sie hat oft ihren Kopf umgedreht, um zu sehen, ob sie noch sprechen ... da hat sie sie sogar noch gesprächiger als vorher gefunden; der junge Mann hat sich endlich ein Herz gefaßt und gewagt, den Affocié der Augen, den Mund , beizuziehen, um eine noch verständlichere Unterredung zu beginnen. Diese Unterredungen fangen fast immer auf die gleiche Weise an, wie die auf dem Balle mit einer Dame, mit der man zum ersten Male tanzt: »Ich fürchte, Sie zu geniren, Madame, der Zwischenraum zwischen diesen Stühlen ist so schmal.« – Sie geniren mich durchaus nicht, mein Herr. – »Und dann muß man sich ein wenig vorlegen, um etwas zu sehen.« – Das ist wahr ... man muß sich hinten nicht zum besten befinden. – »O! ich versichere Sie, Madame, daß ich mich sehr gut befinde und meinen Platz nicht um Alles in der Welt vertauschen möchte.« Diese Worte sind von einem Blicke von unendlicher Tragweite begleitet! die Dame senkt die Augen halb nieder, indem sie mit der Zunge leicht über ihre Lippen fährt ... Man darf nun kecklich darauf wetten, daß die Bekanntschaft zu Stande kommen wird. Werfen wir nun einen Blick in die Logen; in den ersten ist die Aristokratie; in den zweiten die Bourgeoisie; in den dritten die Grisetten und niedern Beamten. In die ersten geht man gewöhnlich, um sich sehen zu lassen; in die zweiten, um die Andern zu sehen; in die dritten, um das Stück anzusehen. Die brillantesten Toiletten liegen in den ersten Logen offen zur Schau: hier sitzt die Gattin eines Banquiers; die für fünfzehntausend Franken Diamanten an sich hat; man sagt, ihr Gatte sei auf dem Punkte, Bankerott zu machen; wenn er seine Bilanz eingegeben, wird sie für dreißigtausend Franken Diamanten tragen. So spielen sich diese Affairen ab. Dort sitzt die Frau eines Notars; sie ist eine der Löwinnen des Tags, und trägt nur immer das Neueste; man kommt ins Theater, um sie zu sehen; in ihrer Loge ist beständig großer Cercle; Dandys gibt es dort in beliebiger Auswahl. Man fühlt sich geschmeichelt, sagen zu können, man habe sich so eben mit einer Notabilität unterhalten. Weiter unten sitzt eine junge, vom Publikum sehr geschätzte Schauspielerin; sie trägt keine Diamanten, ihre Toilette bietet nichts Bemerkenswerthes, aber sie glänzt durch ihr Talent, das ist viel schmeichelhafter. Noch etwas weiter unten stehen die männlichen Löwen in citronengelben Handschuhen, sie warten, um in ihre Logen zu gehen, nur ab, bis das Stück angefangen hat. Sie werden alsdann viel Lärm machen, die Thüre mit Geräusch zuschlagen und so laut sprechen, als ob sie in ihrem Zimmer wären. All' das, nur um sich einige St, zuzuziehen. Wirklich schreien auch einige Stimmen: Stille! auch andere Aufforderungen zur Ruhe ertönen aus dem Parterre oder der Galerie. Aber die Löwen lachen verächtlich und machen nur noch etwas mehr Lärm. Da kommt ein Herr, der in die Galerien, dann in die Loge neben der Vorbühne tritt, sich hierauf noch mehrere Logen öffnen läßt, nach allen Seiten grüßt. Jedermann kennt, stets äußerst geschäftig thut, keine fünf Minuten am nämlichen Platze bleibt und nicht weiß, was er beim Herausgehen aus dem Theater mit sich anfangen soll. Jener Andere, der beim Eingange einer Loge spricht, findet im Gespräch beständig Anlaß, die Worte: mein Journal , einfließen zu lassen. »Ich werde das in meinem Journal sagen.« – »Ich werde darüber in meinem Journal einen Bericht abstatten.« – »Ah! ich werde die Sache in meinem Journal schon arrangiren.« Es ist unmöglich, sich darüber zu täuschen, daß dieser Herr ein Journalist ist; aber er scheint so glücklich, daß man das von ihm wisse, daß einer seiner Freunde ihm den Rath gegeben hat, es auf seinen Hut zu schreiben, oder wenigstens seine Adreßkarte hinzupappen, damit für die Personen, die ihm im Foyer oder in den Gängen begegnen, kein Zweifel deßhalb obwalte. Noch gibt es rings um das Parterre herum Logen, von denen wir nicht gesprochen haben, das sind die sogenannten vergitterten Badkabinette ; da jedoch die Personen, die in diesen Logen sind, das Gitter zulassen, so wollen sie wahrscheinlich nicht gesehen sein; und wir denken, es wäre unbescheiden, sie durchaus sehen zu wollen; und allemal, wenn das Gitter nicht aufgezogen wird, trillern wir den Schlußvers aus einem alten Lied: »Stören wir doch nicht die Leute! Lasset Jedem seine Freude!« Eine Probe auf dem Theater In Paris liebt man Alles, was zum Theater gehört, Alles, was irgend welche Beziehung zur dramatischen Kunst hat; auch ist man sehr begierig, zu erfahren, was hinter den Coulissen oder auf der Bühne vorgeht, wenn der Vorhang für das Publikum noch nicht aufgezogen ist. Man hat sehr Unrecht, in diese Mysterien eingeweiht sein zu wollen: es sind Täuschungen und man verliert also dadurch Vergnügen. Allein die menschliche Gattung ist einmal so; man kann sie nicht von ihrer Neugierde heilen, und thut also besser daran, ihr Genüge zu leisten. Wohnen wir einmal einer Probe bei Tage bei, denn die, welche manchmal bei Nacht stattfinden, zeigen das Innerste des Theaters schon weniger, da sind die Lampen angezündet, und es werden bereits Zuschauer zugelassen; mit Ausnahme der Kostüme kann eine solche Probe für eine Aufführung gelten. Um die Leute genau kennen zu lernen, muß man sie in ihrem ganzen Régligé sehen. Morgens ist das Theater durchaus nicht beleuchtet; aber der Vorhang ist aufgezogen, und so empfängt es Licht durch den Saal, der es seinerseits von den kleinen Logenvierecken erhält, welche es wieder von den Corridoren empfangen, die aber selbst größtentheils sehr finster sind. Ihr könnt euch nun denken, wie hell es sein mag. Deßhalb seid ihr auch, wenn ihr vom Freien hereinkommt und den Fuß in ein Theater setzet, einige Minuten lang wie ein Blinder, der seinen Stock verloren hat; ihr geht nur mit Vorsicht vorwärts, und dennoch stoßt ihr manchmal gegen eine Coulisse oder sonst einen Gegenstand. Aber allmählig hat man sich daran gewöhnt, und nach einiger Zeit steht man fast eben so gut wie auf einer Straße, auf der Abends noch keine Lampe brennt . Schauspieler, Schauspielerinnen, Schriftsteller gehen auf der Bühne spazieren und plaudern, bis die Probe angeht, und manchmal selbst während sie stattfindet, obgleich der Regisseur ihnen oft zuruft: »Meine Herren und Damen, entfernen Sie sich doch, bleiben Sie nicht länger, das ist nicht zum Aushalten; man hat Sie schon hundertmal gebeten, nicht während der Proben auf dem Theater zu bleiben, es genirt, zerstreut! ... Ist ja doch ein Foyer da; gehen Sie dorthin, wenn Sie plaudern wollen.« Die Schwätzer zerstreuen sich einen Augenblick, aber bald kommen sie wieder, nähern sich, plaudern abermals, leise zwar, aber fast immer munter, denn jeden Augenblick hört man den Ausbruch eines Lachens. Der Regisseur stampft mit dem Fuße auf den Boden, daß man schweigen soll, und eine der Damen ruft ihm nun stracks zu: »Wir können nicht im Foyer bleiben: der Musiklehrer läßt Fräulein K. singen, und die grölt, daß es nicht zum Aushalten ist.« Man lacht auf's Neue; der Regisseur allein macht ein verdrießliches Gesicht und murmelt: »Sie müssen Strafe bezahlen.« Auf dem Vordertheil der Bühne sitzt der Souffleur, statt in seinem Loche auf einem Sessel vor einem kleinen Tische, auf dem eine Lampe brennt. Neben ihm sitzen gleicher Weise der Verfasser des Stücks und der Hauptregisseur, wenn nicht der Direktor selbst der Probe anwohnt. Wenn er da ist, setzt er sich gewöhnlich neben den Verfasser, um seine Meinung zu hören und zu verkünden. Ein Herr von mittleren Jahren, mit dem Gesichte eines vollkommen ehrlichen Mannes hat so eben seinen Monolog als edler Vater gesprochen, indem er dabei seine rechte Hand ausstreckte, um aus der Dose des Souffleurs eine Prise zu nehmen. Der Verfasser stößt ungeduldig mit dem Fuße auf den Boden und ruft: »Madame D ..., Madame D ..., das ist grausam ... man hört nie das Stichwort.« Madame D. ist eine ziemlich hübsche Frau, welche die Rollen der jungen Liebhaberinnen spielt, und der die bösen Zungen auch eine Menge Liebhaber beilegen. Ihre Toilette ist immer vom besten Geschmack und ausgesuchter Eleganz; sie tritt vor und sagt: »Ich kann nichts dafür, ich habe mein Stichwort nicht gehört. Hat er schon gesagt: »›O! meine Tochter, Dein Glück allein will ich ja nur!‹« »Freilich,« entgegnet der edle Vater, seine Prise schnupfend, »ich habe es sogar schon dreimal gesagt.« »O! dann bitte ich um Entschuldigung, mein Lieber, ich hatte es nicht gehört, aber B. ist Schuld daran: er versicherte uns, daß er gestern in der Loge gegenüber von der Bühne auf der zweiten Galerie einen kleinen Hund gesehen habe, der während eines ganzen Aktes auf den Hinterbeinen stand, sich mit den beiden vordern gegen die Einfassung der Loge stützte und so dem Stücke aufmerksam zuhörte. Ah, ah! wie würde ich gelacht haben, wenn ich das gesehen hätte.« »Nun, fahrt fort in der Probe,« sagt der Hauptregisseur; »M. wiederholen Sie gefälligst das Stichwort der Madame.« Der edle Vater deklamirt: »›O, meine Tochter, Dein Glück allein will ich ja nur‹« Die junge Liebhaberin kommt auf das Stichwort hervor, versucht ihr Lachen zurückzudrängen, sieht aber, statt den Schauspieler, der ihren Vater spielt, anzusehen, nach der Loge, die den Abend zuvor von dem Hunde besetzt gewesen sein sollte. Indessen spricht sie ihre Rolle; »›Da bin ich, Vater, ich habe Ihre geliebten Töne gehört und ...‹« Sie fängt an zu lachen: »Ah, ah! Mein Gott, mein Gott! wie gerne hätte ich doch den kleinen Hund gesehen.« »Madame, das steht nicht in Ihrer Rolle,« sagt der Verfasser. »Bitte um Entschuldigung, sogleich ... »›Ja, mein Vater, ich habe Ihre geliebten Töne gehört!‹« hat er auch gebellt?« »Warum nicht gar,« antwortet der Schauspieler B. » es wurde ja nicht gesungen .« »So ist es unmöglich, Probe zu halten,« ruft der Regisseur, der mit der Inscenesetzung beauftragt ist. »Wir verlieren unsere Zeit und doch soll das Stück nächsten Samstag aufgeführt werden, der Direktor hat es erst gestern wieder gesagt.« »Am Samstag?« ruft die Schauspielerin. »Ach, woran denken Sie? das ist unmöglich! Weiß man das?« »So viel ist ausgemacht, daß wenn Sie sich immer mit dem Hunde statt mit Ihrer Rolle beschäftigen. Sie solche nicht lernen können.« »Ach, mein Gott, weil man einmal zufällig lacht, wollen Sie Händel anfangen! ... Lacht nicht Jedermann bei der Probe? Hindert das vielleicht, seine Rolle zu lernen? ... Und wenn man vollends eine so hübsche hat wie ich; Sie dürfen nicht glauben, daß ich oft solche Rollen wie diese annehme.« Hier hustet der Verfasser, oder thut, wie wenn er nießen müßte. Der edle Vater ruft aus: »Laßt es einmal gut sein ... denn wenn es so fortgeht, so sind wir um vier Uhr noch nicht fertig, dann kommt man nicht mehr rechtzeitig zum Mittagessen, und das meine ich, werde auch Ihnen sehr fatal sein? Also noch einmal: »›O meine Tochter, Dein Glück allein will ich ja nur.‹« »Zum Kuckuk! macht einmal weiter!« Die Probe ist im Gange, als der Direktor ankommt: es ist ein Herr, der immer außerordentlich geschäftig aussieht; er hat wohl Zeit, zu sprechen, aber nie Zeit, Jemand anzuhören. Er tritt vor, gibt dem Schriftsteller die Hand und ruft: »Nun, Kinderchens, wo sind wir stehen geblieben? Laßt einmal sehen, geht es? O, das muß wohl gehen; ach ja, wir wollen sorgfältig probiren, nicht wahr? ... Munter ... familiär ... denn ich betrachte euch Alle als meine Kinder! ... Wie, wo sind wir? Ich sage euch zum Voraus, daß ich euch nichts hingehen lassen werde, ich werde sehr strenge sein! ... Ha, was sagt der da?« »Herr Direktor, könnte ich für heute Abend zwei Freibillete haben?« »Ja, laß sie auf dem Bureau vormerken! ... Ach, wegen der Anzüge; sind wir einverstanden wegen der Anzüge? Ihr habt Husaren von mir verlangt, ich will euch Dragoner geben, das ist ganz gleich, man darf nur ein oder zwei Worte verändern! ... Was? man fragt nach mir? Ich bin nicht da. Wer ist es denn?« »Ein Herr.« »Wie sieht er aus? ... Probier nur zu, Kinderchens, ich höre schon. Gut! ... Briefe! jetzt? ...« »Man wartet auf Antwort.« »Man hätte sagen sollen, daß ich auf acht Tage abwesend sei! ... Keinen Augenblick hat man für sich ... das ist nicht zum Aushalten! ... Macht nur zu, Kinderchens! ... Was gibt es wieder? Man erwartet mich in meinem Cabinete? Gut, ich komme! ... Fahrt nur fort, meine Lieben, ich bin sogleich wieder da.« Der Direktor geht ab, man probirt ohne ihn. Die erste Liebhaberin und die Soubrette streiten sich wegen der Inscenesetzung. Die Erste behauptet, man stelle sie immer in den Winkel, hinter ihre Freundin, und sie habe zu viel Talent, um immer hinter der Andern zu sein. Die Soubrette bestreitet der ersten Liebhaberin ihr Talent nicht, allein sie will nicht, daß man an der Inscenesetzung etwas abändere. Der Verfasser ist in großer Verlegenheit; dem Regisseur gelingt es, den Zwist auszugleichen, indem er die Scene streicht. Die Probe geht weiter. Der Verfasser hält den Liebhaber in einer Stelle seiner Rolle auf, indem er mit aller möglichen Vorsicht, um seine Eigenliebe nicht zu verletzen; zu ihm sagt: »Lieber Freund, ich verstehe diese Stelle etwas anders; Sie legen Kraft hinein, ich dagegen möchte Feinheit hinein gelegt wissen! die Person, die Sie vorstellen, ist ein gewandter und verschlagener Mann. Statt auszurufen: »›Ich hoffe, Sie sollen mich in Kürze kennen lernen‹« würde ich lächeln und mit einschmeichelnder Miene sagen, »›ich hoffe, Sie sollen mich in Kürze kennen lernen‹« Der Schauspieler, an den diese Bemerkung gemacht wird, runzelt die Stirne und entgegnet: »Wie Sie wollen; aber ich habe die Rolle nicht so aufgefaßt.« – O! ich versichere Sie, daß es so einen bessern Eindruck machen wird. – »Ich glaube nicht; übrigens will ich sie hersagen, wie Sie verlangen; allein der Ausgang wird dann verfehlt sein.« – O ! nein, Sie werden sehen!« Der Liebhaber fängt wieder an und wiederholt die Stelle gerade eben so wie vor der Bemerkung des Verfassers; dieser sieht nun ein, daß es eben so gut sein wird, wenn er nichts mehr sagt. Ein Herr von etwa fünfzig Jahren, der die jungen komischen Rollen spielt, kommt mit einer aprikosenfarbenen Weste und einem Hütchen fast ohne Rand herein: es ist die Hälfte seines Komödienanzugs, den er am Leibe hat, und er will die Meinung des Verfassers hören. »Wie finden Sie mich?« – Sie werden sehr drollig sein. – »Nicht wahr, die Weste steht gut? es ist meine eigene Erfindung, ebenso das Hütchen.« – Was für eine Perrücke setzen Sie dazu auf? – Was für eine Perrücke? Bestehen Sie darauf, daß ich eine Perrücke aufsetze?« – Ich meine fast, es sei unumgänglich nöthig, bedenken Sie doch, daß Sie einen jungen Verlobten vorstellen.« Der Verfasser setzt zwar nicht bei: »Und daß Sie graue Haare haben!« aber er beharrt auf der Perrücke, und der Komiker entschließt sich endlich, eine blonde zu nehmen, indem er mit außerordentlichem Nachdruck sagt: »Weil Sie es durchaus haben wollen, so will ich eine Perrücke aufsetzen; aber das wird mich älter machen, denn in meinen eigenen Haaren sehe ich viel jünger aus.« »Gut! Wo ist denn Fräulein Bibi, um unsere Scene zu probiren?« Fräulein Bibi tritt, Waffeln essend, auf die Bühne. Sie sagt ihre Rolle mit vollem Munde her; da sie aber ein junges, naschhaftes Mädchen spielt, so behauptet sie, das sei im Geiste ihrer Rolle. Der Verfasser hält sie mitten in einer Rede an und sagt zu ihr: »Das gehört nicht mehr dazu, ich habe es gestrichen.« – Wie, Sie haben mir die Worte gestrichen: »›Ich will keinen Liebhaber, ich will lieber ein Hündchen, das immer mit dem Schwanze wedelt!‹« – »Ja, das thut sich nicht wohl.« – Wie? im Gegentheil, das thut sich ganz gut. Sie werden doch nicht behaupten wollen, es sei leichtsinnig, wenn man sagt: »›Ich will keinen Liebhaber, ich will lieber ein Hündchen, das mit dem Schwanze wedelt!‹« Was sehen Sie denn Gefährliches darin? – »Es paßt nicht.« – Das heißt, es war das hübscheste Wort meiner Rolle.« Und Fräulein Bibi sagt halblaut zu einer ihrer Freundinnen: »Er mag es streichen so lange er will, das Hündchen muß doch mit dem Schwanze wedeln ... Ah! ah! sieh' mir einmal den da! Nimmt sich der heraus, den Anstand besser zu verstehen, als wir!« Der Regisseur schreit, mit dem Fuße stampfend: »Vorwärts, meine Damen! an den zweiten Akt, es wird spät! ... Wie, wo ist die Dekoration zum zweiten Akt? Nicht diesen Saal da: er ist zu reich; den kleinen gelben Salon sollten wir haben, mit einem Fenster links. Brauchen Sie einen Kamin?« – Freilich!« ruft der Verfasser. »O! der Kamin ist unumgänglich nothwendig, denn der Brief, den man in's Feuer wirft ... – »Man könnte ihn an einem Lichte verbrennen!« – Nein, in einem Kamine macht es mehr Eindruck.« Der zweite Akt beginnt; aber der edle Vater gibt nicht mehr Acht auf seine Rolle, weil er gerne zu Mittag essen möchte. Die erste Liebhaberin hat die ihrige nicht einstudirt. Der Liebhaber ist übler Laune, weil man ihm eine Bemerkung gemacht hat. Und der Komiker ist ganz und gar nicht bei seiner Rolle, weil er nur an seinen Anzug und seine Perrücke denkt. Die Probe ist aus und der Verfasser, der sieht, daß man sein Stück nicht auswendig weiß, ruft aus: »Es ist unmöglich, daß das Stück bis nächsten Samstag aufgeführt werden kann!« In diesem Augenblick erscheint der Direktor, den man seither nicht mehr gesehen hatte, wieder und sagt: »Nun, Kinderchen, es geht; einige langweilige Stellen, nicht wahr? Nun, ich werde einige Striche anbringen.« – Es kann am Samstag nicht aufgeführt werden,« sagt der Verfasser. »Doch, doch! sei doch ruhig, lieber Freund; zudem würden sie, wenn sie noch zwei Monate probirten, ihre Rollen doch nicht besser im Gedächtniß haben; es wird sehr gut gehen.« – Sie sind ja nicht bei der Probe zugegen gewesen! – »Macht nichts; ich kenne Dein Stück und zum Beweise dafür will ich Dir eine für den Erfolg der Arbeit sehr wichtige Bemerkung machen: empfehle Deinem Liebhaber ... Ah! guten Morgen, mein Freund, ich bin zu Deinen Diensten, im Augenblick ... empfehle Deinem Liebhaber ... was gibt's da? Ein Loge für den Redacteur eines kleinen Blattes! Gottlob, sie werden bald meinen ganzen Saal verlangen ... höre Du da unten: gehe nicht fort, ich habe mit Dir zu sprechen ... empfehle Deinem Liebhaber ... es ist ohnedies das allgemeine Urtheil ... ah! zum Kuckuk, drei Uhr, und ich muß in's Ministerium, ich werde Niemand mehr treffen.« Mit diesen Worten verläßt der Direktor eilends den Verfasser, der immer auf die wichtige Bemerkung wartete, die dieser ihm machen wollte, und sich nun ebenfalls zum Fortgehen anschickt. Die Schauspieler und Schauspielerinnen sind schon lange fort. Das Ganze heißt man eine Probe. Ein Herr, der Maire werden will Denkt euch ein beliebiges Dorf in der Nähe von Paris; nur muß es ein ziemlich beträchtliches sein, das neben vielen armseligen Bauernhütten auch hübsche Bürgershäuser zählt, wo man im Sommer sehr warm, im Winter sehr kalt hat, in dessen Nähe sich ferner einige angenehme Spazierwege, ein Wäldchen, mehr oder weniger malerische Aussichten, einige Steinbrüche, Erdschliffe, Chausseen und ein Rasen befinden, auf dem ich euch aber nicht rathen wollte, euch zu lagern, ehe ihr den Platz gehörig untersucht habt, kurz Alles, was den Reiz eines in der Nähe von Paris befindlichen Landsitzes ausmacht. Nun denkt euch die Mehrzahl dieser Bürgershäuser von Personen bewohnt, die wirklich das Land lieben; von Kaufleuten, die hier von dem Wirbel ihrer Geschäfte ausruhen wollen; von Künstlern, die nöthig haben, manchmal die lärmenden Vergnügungen der Hauptstadt zu vergessen; die in den Feldern neue Gedanken finden und sich schmeicheln, da arbeiten zu können, ohne besucht und unterbrochen zu werden; dann noch von einigen Liebespärchen, welche die Einsamkeit, Ruhe und Stille suchen, weil das Glück und die Liebe nie lebhafter, als wenn sie verborgen sind. Jetzt, wenn ihr euch das Alles vorgestellt habt, habe ich nicht nöthig, euch zu sagen, wie man die Zeit in diesem Dorfe zubringt. Die Woche über arbeiten die Bauern, ackern, säen, eggen. Wenn der Sonntag kommt, gehen die Alten in's Wirthshaus, die Jungen tanzen mit den Mädchen, indem sie auf einem kleinen Platze zusammen kommen, den man den Ballsaal heißt, weil er mit einigen Dutzend Stühlen und einer Hecke versehen ist, und bei schönem Wetter ein blinder Geiger dort mit mehr oder weniger Virtuosität die Tänze aufspielt, nach denen bereits in der Hauptstadt Alles gehüpft hat. Was die Bewohner der Bürgershäuser anbelangt, so könnt ihr sie in der Woche manchmal sehen, wie sie ihre Schritte nach den einsamsten Spaziergängen lenken. Die Männer tragen ein einfaches Reisehemd und eine Mütze, die Frauen den großen ungeheuren Strohhut in seiner ursprünglichen Form, selbst ohne Band, um ihn unter dem Kinn zu befestigen. Die Leute haben Paris verlassen, um ungenirt zu sein, um zu thun, als hätten sie einen Begriff von jener Sache, von der Jedermann spricht und die so wenige kennen – von der Freiheit. Aus diesem könnt ihr schließen, daß die Bürger dieses Dorfes sich wenig besuchen; Gesellschaft zieht immer tausend Abhängigkeiten nach sich. Wenn ihr auf dem Lande euch mit allen euren Nachbarn einlaßt, so seid ihr weniger frei als in der Stadt: man besucht euch Morgens, Mittags und Abends. Um euern Garten zu bewundern, zwingt man euch, in demselben zu sein, wenn ihr euer Zimmer nicht verlassen möchtet; um die Einrichtung eures Hauses zu sehen, nöthigt man euch, hineinzugehen, wenn ihr lieber in eurem Garten arbeiten wolltet. Es ist daher gerathener, sich auf die einfachsten, gebräuchlichsten Höflichkeiten zu beschränken, auf jene gemüthlichen Grüße, die man sich auf dem Lande macht, und auf jene kleinen Fragen über den Zustand der Gesundheit und die Unbeständigkeit des Wetters, die euch nie compromitiren können. So macht es der größte Theil der Stadtbewohner, die auf's Land gezogen sind. Lesen, Arbeiten, Spazierengehen, etwas Geplauder, wobei man einige unschuldige Scherze über seinen Nachbar macht, das sind die Vergnügungen, die man auf diesem Dorfe hatte, wo Jeder, Bauer, Kaufmann und Bürger, zufrieden mit seinem Loose schien. Allein da geschieht es eines Tages, daß ein sehr hübsches Bürgerhaus von seinem Eigenthümer an einen gewissen Herrn Gerngroß verkauft wird. Und der Herr Gerngroß zieht ein mit einer unermeßlichen Familie: mit einer Frau, drei Töchtern, zwei Tanten und einer Unzahl Vettern, ohne eine Kutsche zu rechnen, die eigentlich für einen Charabanc gelten kann. Urplötzlich und wie durch Bezauberung geht eine Veränderung im Dorfe vor: Lärmen tritt an die Stelle der Stille, Bewegung folgt auf die Ruhe. Zuerst sieht man neue Personen gehen, kommen, laufen; dann sieht man den Schreiner, Schlosser, Maurer mit geschäftiger, eiliger Miene; die Wirthe des Dorfes lassen die Vorderseite ihres Hauses reinigen. Endlich können die minder Neugierigen nicht umhin, sich zu fragen: »Was gibt's denn im Dorfe?« »Was geht denn vor?« »Warum alle diese Unruhe?« »Sie wissen es also nicht? Das Haus der Wittwe Pricot ist verkauft; der neue Besitzer ist angekommen, es zu bewohnen. Er schreibt sich Gerngroß, hat eine große Familie, drei Mamsellen, von denen zwei nicht übel sind, eine noch sehr frische Frau und modische Vettern ...« »Nun, was geht das Alles uns an?« »Der Herr Gerngroß ist reich, wie es scheint; er läßt schon Alles in seinem Eigenthum umkehren; er läßt bauen, einreißen, pflanzen, ausjäten ... o, er will viele Verschönerungen an seinem Hause anbringen; er beschäftigt bereits den Maurer, den Schreiner ... ja, er beschäftigt auch den Bäcker, denn man läßt Spritzkuchen und Backwerk bei ihm machen. Das sind Leute, die sehr gut leben.« Der, welcher diese Fragen gestellt hat, geht nach Hause und denkt bei sich: »Ein neuer Besitzer ist allerdings Herr in seinem Hause; er kann thun, was er will. Aber ich sehe nicht ein, warum dadurch das ganze Dorf so in Bewegung gesetzt wird!« Indessen bleibt am andern Morgen der berühmteste Gastwirth des Orts vor dem Hause eines seiner Gevattern stehen; der Flurschütz, zwei oder drei Herren und einige Bauern sammeln sich um sie, und die Unterhaltung beginnt: »Wissen Sie, daß unser Ort hübsch werden wird?« »Hübsch, wie verstehen Sie das?« »Das heißt, unser Ort soll sich verschönern; der neue Besitzer, Herr Gerngroß, hat es gesagt; das ist ein Genie!« »Die Leute sind reich, nicht wahr?« »Ich denke wohl! er läßt zwei prächtige Taubenschläge in seinem Garten machen.« »Er hat mir gesagt, die Gegend müsse sich verändern, hat mich veranlaßt, meine Speisekarte zu vergrößern und Rossbif auf englische Art zu machen, weil dann viel mehr Leute hier durchkommen würden. Aber er findet, daß die Hauptstraße schmutzig ist und schlecht unterhalten wird. Er sagt, wenn Jeder vor seiner Thüre Sand streuen würde, wäre es viel hübscher.« »Wahrlich, er hat Recht; nun, das ist ein Mann, der sich der Gegend annimmt, das gäbe einen famosen Maire , ganz gewiß! Ich will gehen und Sand streuen.« »Ich, ich will Herrn Hartreich, dessen Haus ebenfalls an der Straße steht, veranlassen, daß er auch Sand streuen läßt.« * Der Flurschütz geht auf ein kleines Haus von ziemlich bescheidenem Aussehen zu. Hier wohnt Herr Hartreich, ein alter Kaufmann, ein kalter phlegmatischer, methodischer Mann, der zur bestimmten Zeit aufsteht und zu Bette geht, ißt, liest, arbeitet oder schläft, und nie an seinen Gewohnheiten Etwas ändern will. Die Frau Hartreich ist ein kleines Weibchen von ungeheurer Dicke, aber viel zu faul, um einen Willen zu haben und ihren Mann zu belästigen. Ihr größtes Glück besteht darin, den ganzen Tag im Schlafrocke zu bleiben, und keinen Schnürleib anlegen zu müssen. Der Flurschütz tritt in den Garten. Herr Hartreich beschnitt seine Bäume. Er hatte eine Baumsäge gekauft und mit dieser hantirte er nun; er hatte gesagt, er werde von Mittag bis ein Uhr in seinem Garten beschneiden; was lag ihm daran, ob das den Bäumen gut war oder schadete; von Mittag bis ein Uhr sägte Herr Hartreich Aeste ab. Der Flurschütz kommt näher; er hat die Hand am Hute, da er diesen nicht abnimmt, weil ein Flurschütz eine amtliche Person ist und die Beamten das Recht haben, unhöflich zu sein. Herr Hartreich läßt sich nicht aus der Fassung bringen; er fährt fort, mit seiner Säge alle Aeste abzusägen, die das Unglück haben, ihm in den Weg zu kommen, während der Flurschütz die Unterhaltung einfädelt. »Meinen Gruß, Herr Hartreich, Madame und Pamphilie , mit Verlaub.« »Guten Tag, Herr Feldhas.« »Geht es gut heute Morgen; ist die ganze Pamphilie wohl, mit Verlaub?« »Ganz gut; was führt Sie zu mir?« »Sogleich ... ach, geben Sie Acht, Herr Hartreich, Sie sägen da einen Ast ab, der noch ganz grün ist.« »Was geht das Sie an? Kann ich meine Bäume nicht beschneiden, wie ich will?« »Gewiß, aber drum, ja, ich meine, es ist jetzt nicht die Zeit zum Beschneiden, mit Verlaub.« »Herr Feldhas, machen Sie mir das Vergnügen und kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten, ich sehe auch nicht nach den Stachelbeerstauden, die man in Ihren Feldern abschneidet, ich!« »Das war nur so gesagt; um zur Sache zu kommen, so bin ich da wegen der neuen Idee, die Herr Gerngroß uns gegeben hat.« »Herr Gerngroß! Seit einigen Tagen schlägt mir unaufhörlich dieser Name an die Ohren.« »Nicht wahr, jener große blonde Herr mit einer Brille, der Jedermann anspricht und die Wirthe seine Kinder nennt?« fragt Frau Hartreich, sich auf einer Rasenbank niederlassend. »Der ist es, mit Verlaub, ein schöner Mann, der hübsch spricht; er spricht eine ganze Stunde lang, ohne stecken zu bleiben. Dieser Mann hat den Kopf ganz mit Ideen vollgespickt; er ist noch nicht lange auf dem Lande und bereits hat er Alles in Bewegung gesetzt ... er ist für den Fortschritt, mit Verlaub, und dann ist er ein gemeiner und niederträchtiger Herr gegen Alt und Jung ... kurz, ein Mann, der als Ortsobrigkeit ganz an seinem Platze wäre!« »Haben Sie nicht schon einen Maire?« »Ach ja; aber nächstes Jahr wird wieder gewählt, und da bespricht man sich schon zum Voraus.« »Nun, machen Sie es kurz, was soll es eigentlich mit Ihrem Gerngroß?« »Es ist ihm die Idee gekommen, daß zur Verschönerung des Orts Jeder vor seiner Thüre Sand streuen soll, das wird der Straße ein enjales Aussehen geben.« »Gehen Sie mir zum Henker! er soll vor seiner eigenen Thüre kehren und meinethalben streuen so viel er will, ich lasse keinen Sand streuen; der Raum vor meinem Hause ist gut genug, wie er ist. Zudem, was geht das den Herrn an?« »Ach! es ist von wegen der Verschönerung ... Sie sägen wiederum einen guten Ast ab ...« Herr Hartreich wirft einen Blick des Unwillens auf den Flurschützen und sägt weiter. Herr Feldhas entschließt sich zum Rückzuge und denkt bei sich: »Das ist all eins; wenn er sieht, daß Jedermann streut, wird er es schon auch nachmachen.« * Einige Tage später geht der Schütze in ein hübsches Haus des Dorfes, in dem ein Künstler mit seiner Frau wohnt. Der Ton eines Pianos mischt sich mit den Klängen einer metallreichen Stimme. Der Schütze, der die Musik liebt, bleibt vor dem offenen Fenster eines Parterrezimmers stehen und fängt an, den Takt falsch dazu zu schlagen, indem er versucht, den Schritt der Marseillaise mit der Opernmelodie, die er hört, in Einklang zu bringen. Der Künstler dreht sich um, sieht den vor dem Fenster stehenden Schützen und sagt: »Kommen Sie herein, Vater Feldhas. Sie haben uns etwas zu sagen?« »Meinen Gruß, Herr, Madame und Pamphilie . Mit Verlaub, die Melotterie , die Sie da spielen, ist sehr hübsch.« »Finden Sie das? Sie sind Musikliebhaber?« »Ein großer! ein Bruder von mir hätte sollen sogar Haubenist bei der Gardmussich werden, und meine Muhme sagte, ich hätte stolze Anlagen, nur seien sie nicht aufgewickelt .« »So scheint es, und das ist Jammerschade.« »Ich hätte auch das Flaschenett gespielt, wenn man mich's gelehrt hätte. So bleibt's nur bei der Flasche.« »Was, zum Henker! es scheint, Sie haben zu vielen Dingen Anlage!« »Gewiß; und ich würde auch die Trommel geschlagen haben, mit Verlaub, wenn man mir's gezeigt hätte.« »Seht einmal! Und so viel Anlagen sind unbekannt geblieben!« »Aber, ich bin gekommen, um ... ach ja, richtig: Herr Gerngroß hat nämlich wieder eine Idee gehabt.« »Herr Gerngroß ... ach, das ist der Herr mit den Ideen; er hat solche für das ganze Dorf ... er muß einen großen Kopf haben, der Mann. Welcher Art ist seine neueste Idee?« »Man sollte am Ende des Dorfes eine große Grube graben, in der sich das Regenwasser ansammeln würde; nach einiger Zeit würde das einen Teich bilden, den man als Waschplatz gebrauchen könnte.« »Das ist nicht unwahrscheinlich.« »Wollen Sie auf den Waschplatz unterzeichnen?« »Schickt Sie vielleicht der Maire?« »Nein ... aber das ist all eins, man unterzeichnet so wieso.« »Wenn es einmal stark geregnet hat, will ich unterzeichnen ... für den Augenblick ist mir's zu trocken.« »Ach, hören Sie doch, mit Verlaub, Sie wissen, daß man nicht mehr durch's Dorf galoppiren darf, weder zu Pferd noch zu Esel?« »Wer verbietet das?« »Es ist eine Idee des Herrn Gerngroß, um Unglück und Schaden zu verhüten; neulich wäre beinahe dem Hunde von Doppelhannes ein Bein abgetreten worden...« »Schon gut, Vater Feldhas; ich glaube, daß das Verbot ziemlich unnöthig ist, da die Pferde und Esel hiesigen Ortes nicht gewohnt sind, so viele dumme Streiche zu machen wie fremde. Uebrigens, wenn ich einmal spazieren reite, so werde ich dabei meinen Ideen folgen.« Der Flurschütz fährt in der Zerstreuung an's Ohr, statt an den Hut, und entfernt sich, indem er ganz leise spricht: »Das ist all' eins; ich wette doch, daß er sich nicht mehr zu galoppiren getraut.« * Aber einige Tage nachher erscheint Herr Gerngroß selbst in Begleitung des Flurschützen, der diesmal, um sich ein größeres Ansehen zu geben, seinen Dienstschild angelegt hat, bei dem Künstler. Herr Gerngroß ist ein Mann in den mittleren Jahren, der sehr gute Manieren hat und namentlich das Talent besitzt, Jeden dahin zu bringen, seinen Willen zu erfüllen. Nach den gebräuchlichen Artigkeiten, während welcher der Schütz die Marseillaise nach der Melodie »›es kann ja nicht immer so bleiben‹« summt, kommt der neue Besitzer auf den Zweck seines Besuches. »Mein Herr, ich will Ihnen einen Plan mittheilen, der mir eingefallen ist, um in diese Gegend, die etwas abgelegen ist, Leben und Bewegung zu bringen, um Leute herbeizuziehen ...« »Sie finden also, daß viele Leute auf dem Lande notwendig sind?« »Vielleicht nicht für uns ... allein man muß an die Kaufleute, an die Handwerker denken ... kurz, mein Herr, was unserer Landgegend fehlt, ist ein Fest, ein hübsches Fest, das ganz Paris in den Ort zieht.« »Ich glaube nicht, daß ganz Paris hereingehen wird, mein Herr.« »Sie verstehen, daß das so eine Redensart ist; aber ein hübsches Fest wird dem Orte sehr wohl thun, und ich nehme die Anordnung desselben auf mich. Die Schenkwirthe sind von meiner Idee ganz bezaubert.« »Die Schenkwirthe, das begreife ich; aber die andern Leute ...« »Mein Herr, ich versichere Sie, daß unser Fest herrlich sein wird ... Jedermann unterzeichnet; wir haben auch auf Sie gerechnet.« »Wenn Jedermann unterzeichnet, so will ich mich nicht ausschließen. Aber worin soll Ihr Fest bestehen?« »Aus Spielen ohne Ende; aus Scheibenschießen ... aus Preisen, die man gewinnen kann ... aus moskowitischen Douschen; es ist dies ein Spielchen, wo man mit einer Binde vor den Augen an einem auf einem Baume angebrachten mit Wasser gefüllten Topf mittelst einer Schnur zieht ... wenn sich der Topf gut hält, bekommt man einen Preis; wenn nicht, so bekommt man dessen wäßrigen Inhalt auf den Kopf.« »Das ist bei jetziger heißen Witterung keine so große Strafe. Weiter?« »Dann kommen Wagenrennen ... das heißt eigentlich Lanzenrennen, wo man mit eingelegtem Pfahle auf einem Besenstiel durch das Dickicht eines Gehölzes zu reiten sucht ... kommt man nicht durch, so schüttet man Einem ebenfalls einen Kübel voll Wasser auf den Kopf.« »Da wird einem also abermals der Kopf gewaschen. Dann weiter?« »Dann kommt noch das Kübellaufen ... man füllt nämlich Kübel voll mit Wasser an; kommen die Personen, die sie tragen müssen, an's Ziel, ohne einen Tropfen zu verschütten, was sehr schwer ist, so erhalten sie einen Preis, wogegen sich diejenigen, die verloren haben, ein Vergnügen dadurch machen, daß sie ihre Kübel, so weit der Vorrath noch reicht, über das Publikum ausgießen!« »Alle diese Spiele scheinen mir sehr erfrischender Natur zu sein!« »Dann kommt ein Luftballon ... ein Feuerwerk ...« »Sie setzen ja alle Elemente in Bewegung!« »Jawohl, alsdann kommen Seiltänzer, Fischerstecher, Fremde, Handelsleute, Gaukler, und endlich ein reizender Ball, auf dem sich die beste Gesellschaft von Paris einfinden wird. Sie unterzeichnen, nicht wahr?« »Man kann nicht wohl allein zurückbleiben.« Der Künstler würde die Ruhe dem Lärmen der ländlichen Feste vorziehen. Herr Hartreich war überzeugt, daß alle Spiele, zu denen man Zurüstungen traf, seinen Gewohnheiten schnurstracks zuwiderlaufen würden; trotzdem gibt er nach und unterschreibt, hingerissen von der Beredsamkeit des Herrn Gerngroß, die Hämmel des Panurgus nachahmend, indem er bei sich denkt: »Dieser verdammte Mensch ist schrecklich mit seinen Neuerungen.« Und das bis dahin so stille Dorf bietet in Kurzem den belebtesten Anblick dar; man setzt Maste ein, errichtet Bühnen für die Musikanten, stellt ein Gerüst für's Feuerwerk auf, macht einen Luftballon, haut grüne Zweige ab, windet Guirlanden und errichtet Triumphbögen. Alles ist auf den Beinen und Herr Gerngroß leitet die Arbeit. Und Herr Hartreich sagt zu seiner Frau: »Ich begreife nicht, wie dieser Herr ein Vergnügen daran findet, sich so viel zu schaffen zu machen.« Und einer der Honoratioren des Dorfes flüstert ihm in's Ohr: »Wie! Sie begreifen nicht, daß dieser Herr, der Vermögen hat, nun Maire werden will? Deßwegen macht er sich so viel mit uns zu schaffen. Aber, im Ganzen betrachtet, ist das ein Ehrgeiz wie ein anderer. Ein Maire erhält ein Kreuz, dann wird er Abgeordneter, dann Pair ... zum Henker ... ich muß auf's Jahr auch etwas Neues erfinden.« * Der Festtag ist da. Die fremden Kaufleute, die der Mehrzahl nach aus Lebkuchenhändlern bestehen, nehmen ihre Stände auf der Straße ein, die dadurch eine Art Jahrmarkts-Anstrich bekommt; Marktschreier kündigen dem Publikum an, daß sie Ungeheuer sehen lassen; die Bauern gehen in Masse hinein, und man zeigt ihnen eine Frau, die einen Bart hat. Man läßt einige Raketen steigen; die Spiele fangen an. Dem Sohne des ersten Schenkwirths im Dorfs reißt seine Flinte fast die Nase weg; er kehrt weinend nach Hause zurück, und seine Mutter sagt zu ihm: »Wärest Du bei Deinem Herde geblieben, so hättest Du Deine Nase noch.« »Ich wollte aber eine Uhr gewinnen!« »Esel! wie wenn man sie je bekommen könnte! Man hängt sie expreß so hoch hinauf.« Bei den moskowitischen Wasserbädern ziehen die Bäuerinnen zu stark an den Schnüren und bekommen das Wasser mitsammt den Töpfen auf den Kopf. Zwei haben Löcher im Schädel, drei andere Beulen. Das Spiel schließt mit einer Prügelei zwischen diversen Bauernjungen, die sich die Preise streitig machen. Herr Hartreich ist mit seiner Frau spazieren gegangen und hat gegen seine Gewohnheit Zuckerbrod gegessen; er hat deßhalb für den Rest des Tages Magenbeschwerden. Abends geht das Feuerwerk ebenfalls schief los; die Schwärmer und Frösche fahren unter die Bäuerinnen, verbrennen ihnen die Kleider, Schürzen, Unterröcke und sonst noch verschiedene Dinge. Der Luftballon, den man um acht Uhr zu füllen angefangen, zerplatzte in demselben Augenblicke, wo er steigen sollte. Der Ball, auf dem die beste Gesellschaft von Paris sich einfinden sollte, ist voll von Herren in blauen Blousen, die einen sehr tollen Cancan mit Frauenzimmern tanzen, welche bei allen Figuren sehr herausfordernde Bewegungen machen. Die Bürger vom Orte sehnen sich nach ihrem kleinen, einfachen, ruhigen Sonntagsballe, nach ihren Spaziergängen ohne fremde Kaufleute, nach ihrem Dorfe ohne Bänkelsänger, und sagen zu einander: »Wir waren viel glücklicher, als man uns nicht mit Teufelsgewalt belustigen wollte.« Aber Herr Gerngroß läßt den Muth nicht sinken; er geht einher wie ein General auf dem Schlachtfelde und ruft: »Nächstes Jahr muß es noch viel hübscher werden! ... Ich will, daß man viel von dem Feste in diesem Dorfe sprechen soll.« Und der Flurschütz, der bei allen Weinwirthen eingekehrt ist und kaum noch stehen kann, stammelt: »Es scheint mir, daß es jetzt schon hübsch genug ist ... mit Verlaub.« Der Schul-Omnibus Wir leben im Jahrhundert der Erfindungen, der Neuerungen, der Verbesserungen; wir streben unaufhörlich nach Vollkommenheit. Wenn wir nun einmal in Allem vollkommen sein werden (was bei der Art, wie die Sachen gehen, nicht ausbleiben kann), dann ist das goldene Zeitalter da, und wir sind also in Folge des ewigen Vorwärtsschreitens wieder an dem Punkte angelangt, von dem wir ausgingen. Ehemals waren es der Mittel zum Reisen wenige; Reisen war damals ein großes Geschäft. Man befand sich sehr schlecht in einer Kutsche, wo man Alles durcheinander hineinzwängte, und die Stöße dieser schlecht eingehängten Kutschen warfen euch jeden Augenblick auf eure Nachbarn, die ihrerseits wieder auf euch fielen. Wenn man damals von Eisenbahnen gesprochen hätte, würde man einen auf dem Richtplatz als Hexenmeister verbrannt haben, denn es war vormals Sitte, Leute die unglücklich genug waren, mehr Geist, Einbildungskraft und Kenntnisse zu haben als ihre Zeitgenossen, zu verbrennen. Die Menschen sind im Allgemeinen mit einer sehr starken Gabe Eigenliebe ausgestattet. Wenn sie nichts wissen, so finden sie es sehr schlimm, daß Andere mehr wissen sollen als sie. In jenen Zeiten der Unwissenheit und Barbarei wäre ein Verkäufer von chemischen Zündhölzchen mit derselben Strafe belegt worden, wie die Marschallin von Ancre und Anna Dubourg. Die ersten Völker indessen behandelten die Leute, die sie im Besitze geheimer Wissenschaften wähnten, statt sie zu verbrennen, vielmehr mit großer Ehrfurcht, ehrten sie und fragten sie um Rath. Aeneas fragte die Sibylle von Cumä, und König Saul die Hexe von Endor. Dies beweist uns abermals, daß: »Jede Zeit hat ihre Freuden, ihren Geist und ihre Art.« Es ist noch kein halbes Jahrhundert her, daß man, um einen Besuch zu machen, in eine Soirée oder auf einen Ball zu gehen, eine Portechaise nahm. Da diese Chaisen gewöhnlich nur eine einzige Person aufnehmen konnten, so könnt ihr euch einen Begriff von der Anzahl der Portechaisen machen, die man haben mußte, wenn eine zahlreiche Familie sich in eine Abendgesellschaft begab. Gewiß war damals das goldene Zeitalter für die Pferde. Als sodann die Fiaker und Cabriolets kamen, konnten sich noch nicht alle Börsen diese Annehmlichkeit erlauben. Um vom Faubourg Saint-Denis in die La Harpe-Straße zu kommen, fühlte sich der gemeine Bürgersmann nicht immer aufgelegt, den Preis eines Fiakercourses zu bezahlen; die bescheidene Capitalistin ging mit ihrem Kinde auf dem Arme und manchmal noch mit einem schweren Korbe zu Fuß durch ganz Paris, weil sie keine dreißig Sous ausgeben konnte. Auch der junge Student, den die Liebe oft besser behandelt als das Glück, kam ganz beschmutzt zu einem Stelldichein und holte sich zuweilen ein Brustleiden, weil er an Schnelligkeit mit den Fiakern und Cabriolets, mit denen er nicht fahren konnte, wetteifern wollte. Aber wenn man heut zu Tage zu Fuß geht, so geschieht es entweder aus Liebhaberei oder auf Befehl des Arztes. Die Omnibus, die Parisiennes, die Favorites, die Bearnaises, die Dames von allen Farben, die jeden Augenblick alle Viertel der Hauptstadt durchkreuzen, gestatten mehr als eine Meile um sechs Sous zu machen, und ihr werdet nicht nur in der Stadt selbst herumgeführt, sondern auch die Stadtumgebung, das Land, die hübschesten Partieen um Paris öffnen euch die Arme; um sechs Sous könnt ihr nach Berry, nach Passy, Batignolles, St. Mandé, Monceaur sc. kommen. In der That, um sich dieses Vergnügen versagen zu müssen, ist wohl die Redensart am Platze, man habe keine sechs Sous in der Tasche. Und welche Quelle von Zerstreuungen und Beobachtungen sind nicht diese Sechssouswägen! Wie alle Dinge sich da untereinander mischen, aller Unterschied des Ranges aufhört, wie verschieden die Toiletten sind (wenn man überhaupt dort Toiletten sieht)! Wenn die Gleichheit einst auf der Erde herrschen soll, so wird sie in den Omnibus geboren werden! Seht einmal jene junge, artige Dame, deren Manieren so graziös und ausgezeichnet sind; neben sie setzt sich ein Arbeiter in Jacke, Mütze und schwarzen, rauhen Händen. Etwas weiter weg sitzt der ernste öffentliche Beamte, der nie lacht, aus Furcht, seiner Würde etwas zu vergeben, neben einem Bruder Lustig in blauer Blouse, der den Morgen in einer Kneipe zu- und von da nicht nur einen Wein- und Zwiebelgeruch, sondern auch eine heitere sprudelnde Laune mitgebracht hat, die ihn fortreißt, ganz laut Bemerkungen oder Späße zu machen, auf welche man zwar nicht antwortet, die man aber doch anhören muß. Dann neben jenem jungen Dandy in gelben Handschuhen sitzt eine gute dicke Landpomeranze, die zwei Körbe, drei Pakete, eine Schachtel und eine Tasche trägt. (Es gibt Leute, die in einem Omnibus aus- und einziehen.) Ferner sitzt eine hübsche Grisette mit sehr aufgeweckter Miene, lebhaftem, herausforderndem Auge, einem bejahrten, gutgekleideten Herrn gegenüber, der das Glück hat, seine Frau zur Rechten und seinen Hund zwischen den Beinen zu haben, und der trotz seiner Perrücke und seines respektabeln Aussehens der Grisette, seiner Nachbarin, einen verstohlenen Blick zuwirft, so oft seine Frau den Kopf auf die andere Seite dreht. Ferner der ungeheure Herr, der das Gewicht eines Mehlsackes hat und wie ein solcher auf einen kleinen Platz und fast auf den Schooß eines alten, magern und trockenen Herrn niederfällt, dem er den Magen mit seinem Ellbogen fast einstößt, während er ihm mit der liebenswürdigsten Miene von der Welt sagt: »Ich drücke Sie ein wenig, aber das wird sich machen.« Ferner die alte Marquise, der die Revolutionen ihr Vermögen und ihren Wagen genommen aber ihre Schminke und ihre Schönheits-Pflästerchen gelassen haben; die arme Dame ist an einen jungen Herrn mit großem Schnurrbarte, langen Haaren und enormem Backenbarte gedrückt, durch die sein Kopf einen ungeheuren Umfang erhält und ihm das Aussehen eines Wilden oder St. Simonisten gibt, obgleich der, welcher diesen Haarwald trägt, weder das Eine noch das Andere, sondern ein gutmüthiges Pariser Stadtkind ist. Nun wohl! trotz dieser Verschiedenheiten des Rangs, Vermögens, der Erziehung und Kleidung stellt der Sechssouswagen unter allen Reisenden eine Art Brüderschaft her, die sich gewöhnlich durch kleine Dienste und Artigkeiten zu erkennen gibt. So wird der Arbeiter in der Jacke sich Mühe geben, sich schmal zu machen, um die junge, artige Dame nicht zu geniren; der ernste Beamte wird ein weniger strenges Gesicht machen, wenn er seinem Nachbar, dem Mann in der Blouse, seine sechs Sous zum Weiterbefördern gibt; der Dandy wird sich herablassen, der guten dicken Landpomeranze, die mit Paketen überladen ist, die herausgegebene Münze zuzustellen; der respektable Herr wird keinen Anstand nehmen den Arm der Grisette zu halten, um ihr beim Aussteigen zu helfen, und der junge haarige Herr wird eine Weiterbeförderungskarte für die alte Marquise, seine Nachbarin, verlangen. Man könnte also mit Recht finden, daß der Sechssouswagen dasselbe Lob verdient, wie die Musik: Emollit mores nec sinit esse feros . (Sie verfeinert die Sitten und verhindert, daß sie roh werden.) * Und nun haben wir wieder eine andere Neuerung. Ehemals gingen eure Kinder, die eine Pension von der Stadt aus besuchten, zu Fuß in ihre Schule, in einer Hand das Körbchen mit dem Frühstücke, in der andern den Riemen mit den Büchern, den der Knabe vorsorglich an dem äußersten Ende hielt und im Gehen hin- und her schaukeln ließ, bis die Bücher Gelegenheit fanden, heraus- und auf die Straße zu fallen, was ihm hinwiederum Anlaß gab, sich aufzuhalten, um sie aufzulesen. Wenn die Schüler so in ihre Halbpension gingen, ermangelten sie nicht, vor jedem Bilderbogen-, Conditor- oder Spielwaarenladen stehen zu bleiben; einige, von ihren Kameraden verleitet, riskirten sogar auf dem Boulevard eine Partie Steinkugelnwerfen. Während ihr nun meintet, euer Sohn studire fleißig den Horaz oder Virgil, war er sehr eifrig beschäftigt, mit einem Strohhalme zu messen, ob Dieser oder Jener seinem Sou oder seiner Steinkugel näher sei. Manchmal sogar thaten diese hoffnungsvollen Früchtchen, was man hinter die Schule gehen heißt, und was so viel ist, als sie gingen spazieren, statt in die Classe. Alles das hatte zweifelsohne seine großen Unannehmlichkeiten, aber seither begnügte man sich, statt ganz abzuhelfen, damit, daß man eine ganz nahe an der Wohnung gelegene Pension auswählte, so daß der Schüler nur einen kleinen Weg bis dahin zu machen hatte. Die Eltern, die Dienstboten hatten, ließen ihre Kinder durch diese in die Pensionen führen und wieder abholen. Aber alle die, welche Niemand hatten, um ihre Kinder in die Classe führen zu lassen, mußten sich auf das Versprechen dieser kleinen Menschen von sechs bis zwölf Jahren, brav sein zu wollen, verlassen; diese aber ermangelten nicht, ihr Versprechen zu vergessen, als ob sie schon große Leute gewesen wären. Wie aber da helfen? und wer hätte je gedacht, daß ein Tag kommen werde, wo die Kinder in Wagen in ihre Classe fahren würden? Und doch ist er gekommen, dieser große Tag, der das Schulschwänzen vernichtet hat, und den Kuchen- und Zuckerbäckern einen empfindlichen Schaden bringen muß. Der Vorsteher einer Pension, der einen Wagen hatte (denn man mußte zu Ausführung dieses Vorhabens nothwendig einen Wagen haben), sagte zu den Eltern: »Gebt euch keine Mühe mehr, mir des Morgens eure kleinen Jungen zu schicken, ich werde sie in euern Wohnungen mit einem Wagen ad hoc abholen und auf demselben Wege wieder heimführen lassen: dadurch braucht ihr nicht mehr die tausend und einige Unfälle zu fürchten, die euern Kindern in den Straßen von Paris zustoßen können, und ihr könnt auch über ihr Betragen beruhigt sein: sie können unterwegs keine schlechten Bekanntschaften mehr machen, sie werden keinen Sou mehr im Steinkugelspiel verlieren und sich den Magen nicht mehr mit Syrup oder verzuckerten Mandeln verderben; endlich werden sie nicht mehr hinter die Schule gehen, denn ihr werdet sie an eurer Thüre ein- und ebenso wieder aus dem Wagen steigen sehen.« Die Eltern konnten über dieses neue Transportmittel nur erfreut sein, das ihnen möglich machte, ihre Kinder in gute Pensionate zu schicken, anstatt sich wie bisher auf die kleinen Schulen der Nachbarschaft zu beschränken; und der Schülerwagen wurden es zusehends mehr, da jede Pension ihren eigenen haben wollte. Was die Kinder anbelangt, so mußte diese Maßregel nothwendig ihren Beifall ernten: denn im Wagen zu fahren ist eines der größten Vergnügen der Jugend; auch muß man sehen, wie früh man auf ist, wie man sich beeilt, sich anzukleiden, um fertig zu sein, und den Wagen nicht zu verfehlen, der so pünktlich ist wie der Zapfenstreich. Die Eltern haben nicht mehr nöthig, die kleinen Faullenzer an den Ohren zu reißen: die Schüler wissen, daß der Wagen vorüberkommen wird, und sie sind eben so pünktlich wie ein Reisender, der seinen Platz auf der Postexpedition von Laffitte und Caillard bezahlt hat. Seht einmal jenen kleinen zehnjährigen Knaben mit der schelmischen, heitern Miene, den kühnen und geistreichen Augen an: er wartet auf den Wagen des Pensionats, er kann nicht ruhig auf seinem Platze bleiben, und bis seine Equipage endlich kommt, hüpft er in der Stube herum und sagt zu einem seiner kleinen Nachbarn, der nicht wie er das Glück hat, in die Schule zu fahren: »Ah, Finot! das ist lustig, das ist hübsch, mit Pferden in die Pension zu fahren! Und begreifst Du, da muß man viel schneller gelehrt werden, als wenn man zu Fuß geht.« Finot putzt sich die Nase an seinen Aermeln und entgegnet: »Aber Du sagst, der Wagen komme immer um acht Uhr präcis, um Dich abzuholen; sieh' aber, Benedict, an der goldenen Frau dort auf dem Kamine ist es schon halb neun Uhr vorüber.« – O, der Wagen wird kommen! er ist so pünktlich wie die Sonne, wenn sie scheint. Es ist gewiß angenehm, in die Pension zu fahren, als ob man nach Longchamps führe und idem farinae zurückzukommen, wie unser pedantischer Professor sagt; für mich besonders, der nur einmal auf einem Karren auf dem Markt von St. Cloud war, wo das Pferd erst noch in Boulogne hin wurde, so daß ich den übrigen Weg vollends zu Fuß machen mußte. – »Sag' aber, Benedict, da schlägt es neun Uhr.« – O, der Wagen wird gewiß kommen; er ist so pünktlich wie der Mond; nie bleibt er aus! Chaisenfahren, die Fußgehenden mit Koth bespritzen, ha, das heißt seinen Kindern eine gute Erziehung geben. Ich will nicht mehr zu Fuß gehen, pfui, das ist zu gemein! – »Aber höre, Du kannst ja keine Wurst, keinen Kuchen mehr unterwegs kaufen!« – Um so besser, da spare ich meine Sous zusammen. – »Benedict, da schlägt es zehn Uhr.« – Ach! laß mich doch in Ruhe, Dummkopf! Ich habe Dir schon gesagt, daß er kommen wird! nie zu spät! pünktlich wie die Gasflamme. Laß einmal in meinem Korbe sehen ... was habe ich zu frühstücken? Wieder Marollkäse ... es ist nicht möglich! Der Arzt hat also befohlen, daß man mich auf Marollkäse setzen soll; da werde ich schön zu Kräften kommen!« Ein Herr von etwa fünfzig Jahren, der noch zwölf Haare auf dem Vorderkopf hat, die er sich anmaßt, zu einem Scheitel zu formiren, kommt in einen Schlafrock gehüllt, mit dem ihn seine Frau an Weihnachten überrascht hat, die dazu einen alten Mantel von sich verwenden ließ, und mit Pantoffeln an den Füßen, die seinen Fersen die vollkommenste Freiheit einräumen, sich vor Jedermann sehen zu lassen. Dieser Herr hält in der einen Hand sein Schnupftuch und seine Tabaksdose, in der andern sein Journal und seine Tasse Milch; er runzelt die Stirne, als er seinen Jungen sieht, und brummt: »Wie, Benedict, Du bist noch nicht fort?« – O! Papachen, man wird mich abholen. Sie wissen wohl, daß der Wagen sehr pünktlich ist. – »Hm, ich meine im Gegentheil, daß er es nicht sehr ist; Lieber Sohn, Du wirst fleißig studiren, ich empfehle Dir den Ovid, das ist ein köstlicher Schriftsteller, und wenn Du ihn einmal verstehst ...« – O! den Ovid! Papa, ich bin voll von Ovid! den weiß ich auswendig. – »Und Plinius, mein Sohn?« – Plinius! Ich bin auch voll von Plinius. – »Um so besser; das ist eine herrliche Geistesnahrung.« – Ja, lieber Papa, wenn Sie mir aber dabei keine bessere Körpernahrung als Marollkäse geben ... so wird sie nicht bei mir bleiben.« »Benedict,« sagte der andere Knabe, »es ist schon halb elf Uhr vorbei.« – Willst Du schweigen, Finot! er kommt sogleich, wenn ich Dir doch sage, daß er nie auf sich warten läßt, da, ich höre ihn, er hält vor der Thüre.« Der Wagen der Pension hält in der That eben vor der Thüre des jungen Benedict. Diese Wagen haben fast dieselbe Form wie die Omnibus, oder eher noch wie die Möbelwagen. Man kann bis zu zwanzig Kinder darin zusammenpacken. Der Conducteur ruft unten: »Herr Benedict Drouillard!« »Hier, hier!« ruft der Knabe. »Adieu, Papa, ich will fleißig studiren; Finot, sieh' mich einsteigen.« Herr Benedict eilt allemal vier Stufen überspringend die Treppe hinab, stürzt dann in den Wagen, der fast voll ist, stößt und arbeitet sich rechts und links durch, und ruft dabei: »Platz, wie da, ich muß Platz haben! Ach, wie dumm, daß man Gitter an die Wagenthüren gemacht hat, man kann keine Apfelbutzen mehr auf die Vorübergehenden werfen; es gibt keinen Spaß mehr!« * Seid ihr schon einem jener Wagen begegnet, auf denen mit großen Buchstaben geschrieben steht: Pension von Dem und Dem ? Sie sind leicht zu erkennen: ihre Gestalt gleicht, wie wir schon gesagt haben, einem Möbelwagen; allein sie sind überall geschlossen und haben jetzt noch außerhalb der Fenster ein sehr enges Gitter: eine Vorsichtsmaßregel, die man gegen die Herren Reisenden darin zu treffen genöthigt war, nicht daß etwa Einer oder der Andere Lust bezeugt hätte, aus dem Wagen zu springen, sondern weil sie sich Neckereien erlaubten, die nicht immer nach dem Geschmacke der Fußgänger waren, wie z. B. einem Vorübergehenden eine Brodkruste oder einen Apfelbutzen in's Gesicht zu werfen, auf einen Hut zu speien oder Kügelchen in die Läden zu werfen. Das enge Gitter hat all' diesen Exercitien ein Ende gemacht. Und jetzt schlägt es fünf Uhr; dies ist der Augenblick, wo die Pension alle ihre außerhalb der Anstalt wohnenden Schüler in den Wagen zusammenpacken und sie zu ihren Eltern zurückführen läßt. Die Schüler sind bereit, ihr könnet das aus dem Geschrei und dem Lärmen, der sich im Hofe hören läßt, entnehmen: alle die kleinen Jungen stürzen zumal heraus, stoßen und drängen sich, es gilt, wer zuerst in den Wagen kommt. Der Trieb, aus der Schule wegzukommen, scheint fast noch größer als der, in dieselbe zu kommen. Es gibt aber auch einen Unterschied in den Plätzen, und diese Herren geben namentlich denen den Vorzug, die die Aussicht nach Außen gestatten. Endlich sind alle Auswärtigen im Wagen, den der Bediente, der zugleich den Kutscher macht, sorgfältig schließt. Er steigt auf seinen Sitz, läßt seine Peitsche knallen, die Pferde setzen sich in Trab und der Wagen rollt ab. Dieser Augenblick ist offenbar derjenige, in dem die Bürschchen das meiste Vergnügen empfinden; man sieht das Glück in ihren Augen glänzen, die Freude sich über alle ihre Züge verbreiten; dann sprechen Alle zumal, machen ihre Glossen und Bemerkungen über Alles, was ihnen auf dem Wege in die Augen fällt; nie habt ihr in Gesellschaft ein so lebhaftes, munteres und mit Lachen untermischtes Gespräch gehört. »Ah! nun geht es vorwärts.« – Du hast meinen Platz, Du Eduard, Du warst gestern da, heute sollte ich da sein. – »Ah! ist der dumm mit seinem Platze! Ich wäre ein Narr, wenn ich Dir ihn abtreten würde; warum bist Du nicht zuerst eingestiegen.« – Du hattest expreß meinen Korb versteckt, um mich aufzuhalten, wenn man uns rufen würde; aber Du sollst morgen schon sehen, was ich Dir thun werde. – »Nun, was willst Du mir thun? auffressen wirst Du mich nicht!« »Gib Acht auf meine kleine Schnecke,« sagt ein Bürschchen von sieben bis acht Jahren mit blondem Kopfe und etwas naseweisem Gesichte, mit einem Akazienzweig in der Hand, auf dem eine Schnecke der gemeinsten Art sitzt. »Was braucht uns der mit seiner Schnecke zu langweilen? Wenn der Herr Direktor die bei Dir gesehen hätte, hättest Du Dein gehöriges Pensum bekommen. Wo hast Du diesen Akazienzweig her? Du weißt wohl, daß es verboten ist, im Garten etwas abzureißen.« »Drum hab' ich meine Schnecke heute Morgen mitgebracht; man muß doch etwas zum Spielen haben. Ach wie, Benedict, stoß' mich doch nicht; Du wirst machen, daß sie hinunterfällt, und dann zertritt man sie.« »Ach, ihr Herren, seht, seht, die Fischhändlerin! Sie sah auf die Seite und hat eine Handvoll Grundeln in die Gosse geworfen statt in den Kessel.« Alle Schüler stürzen gegen das Gitter, um die Fische auf dem Pflaster zu sehen. Der kleine Blondkopf mit dem Akazienzweige ist der Einzige, der den Andern nicht nachmacht. Er setzt sich in eine Ecke, und seinen Mund der Schnecke nähernd, fängt er mit vieler Wärme an zu singen: »Schnecke, Schnecke in dem Haus Strecke deine Hörner 'raus. Zeigst du mir die Hörner nicht, Nenn' ich dir die Eltern nicht.« »Ach, seht ihr, die Händlerin hebt ihre Fische wieder auf und thut sie wieder in die Casserole, ohne sie abzuwaschen.« »Ah bah, das thut nichts, im Braten werden sie schon sauber; ich wenigstens würde sie auch so essen, und dann wißt ihr ja, daß man zu uns gesagt hat: das Backen reinigt Alles.« »Nicht das Backen, das Feuer, Dummkopf!« »Stoß' doch nicht so, ich habe Kugeln in der Tasche, sie thun mir weh.« »Seid doch still; hört ihr die Musik? da ist eine Orgel, die kleine Holzfigürchen tanzen läßt.« »O, die hübsche Melodie, die sie spielt ... das ist eine Galoppade.« »Eh, nein, Du siehst doch, daß die Marionetten walzen, horch', Lieber.« »Schnecke, Schnecke in dem Haus, strecke deine Hörner 'raus.« »Willst Du stille sein, Poulot! Wie eklig ist er doch mit seiner Schnecke.« »Ach, da ist ein Theater; es ist la Gaieté .« »Nein, es ist l'Ambigu .« »Ich wette, la Gaieté ist es; zum Beweis, ich habe dort den schwarzen Domino spielen sehen.« »Ah, ah, den schwarzen Domino! Das ist nicht wahr; den spielt man nicht. Den singt man. »Bah, was verstehst Du davon.« »Mehr wie Du, denn meine Schwester spielt die einzelnen Stücke auf dem Piano, und singt die Duette und Terzette den ganzen Tag, während sie ihre Lektionen lernt, und ich habe oft die Mama zu ihr sagen hören: Du wirst also nie etwas Anderes singen, als den schwarzen Domino!« – Alles das ist noch kein Beweis. Ich, ich bin überzeugt, daß ich in la Gaieté einen schwarzen Domino und sogar maskirt gesehen habe. Und ich kann mich noch wohl an das Stück erinnern. Es ist von Pferden darin die Rede und vom Carousselplatz, und am Ende sieht man den Kaiser. Man schlägt sich, balgt sich und das ist sehr lustig. Und das Ganze spielt in Venedig, ja man sieht Venedig.« »Ach, erzähl' uns das Stück, Bouchinot!« »Ach, ja, erzähl' es uns.« »Seid still und paßt auf. Zuerst, wenn es anfängt ... ach! den Anfang weiß ich nicht mehr; aber das ist eins: es ist immer ein junger Mann da, der ein junges Mädchen heirathen will, und sie will ihn auch, und die Mutter, die zuerst nicht will, will hernach auch, weil sie das Porträt von dem erkennt, von dem sie glaubte, er sei ein Anderer; ihr versteht doch?« »Ganz gut, aber der schwarze Domino?« »So warte doch. Dann kommt ein Gondelführer, der bloß ein Hemd anhat; aber das ist ein guter Mensch, er liebt den jungen Mann, weil ... ich weiß nicht mehr, warum; das ist eins. Er sagt zu ihnen: Ach, zum Henker! ach, tausendmal tausend! Ach, zum Kuckuk! ... und viele solche Dinge, um dem jungen Mädchen und ihrem Liebhaber Muth zu machen. Diese, die sehr zufrieden sind, das zu hören, haben keine Furcht mehr ...« »Schnecke, Schnecke in dem Haus ... strecke deine Hörner 'raus.« »Poulot, schweig' doch; wenn Du nicht still bist, zertreten wir Dein häßliches Thier.« »Nun, was thue ich euch denn Leids? Darf man jetzt nicht mehr singen?« »Du hörst also nicht, daß Bouchinot uns den schwarzen Domino erzählt, ein sehr hübsches Stück, das er in la Gaieté gesehen hat?« »Was geht das mich an? Mich führt man nie in's Theater. Papa sagt, man dürfe, ehe man zwanzig Jahre alt ist, nicht dahin gehen.« »Ach, armer Serinard! ... drum hat er kein Geld, um Dich hinzuführen. Dein Vater!« »Kein Geld? ... Ah! er hat mehr als der Deinige; ich weiß es gewiß.« »Mehr als der meinige? ... Papa ist sehr reich, verstehst Du? Und warum kommt denn der Deinige immer in demselben alten, häßlichen, ganz abgeschabten grünen Rock und seinem kleinen schmutzigen Hut, wenn er Dich in der Pension besucht?« »Sein Rock ist durchaus nicht so alt und abgeschabt als er aussieht, zum Beweis läßt er mir nächstes Jahr einen neuen daraus machen, wenn ich einen Preis bekomme.« »Ha! ha! ha!« »Wie! ... warum hält man denn?« »Unser Pferd ist gestürzt.« »Ach, das abscheuliche Thier! das that es gewiß nur aus Bosheit. Es stellt sich todt.« »Könnte man nicht glauben, es thue ihm sehr wehe, einige Kinder zu ziehen?« »Im Ganzen sind wir nur zu zweiundzwanzig darin.« »Ach! wenn es nicht wieder aufstehen könnte.« »O! o! ... alle die Leute, die stehen bleiben ...« »Sieh'! das sind starke Leute ... auf ... vorwärts; da haben sie es wieder aufgehoben, unser Pferd ... vorwärts im Galopp.« »Und Dein Stück, Bouchinot? Erzähle es doch vollends aus, ehe wir an Deine Thüre kommen.« »Gleich. Dann ... ich weiß nicht mehr, wo ich stehen geblieben bin ... das ist eins ... man läuft auf's Theater, indem man ein großes Geschrei erhebt ... der schwarze Domino kommt ... das ist ein Mann, der gepudert ist, einen Zopf hat und sehr abscheulich ist ... mit einer Sammtmaske ...« »Ah! da ist das Wasserschloß ... ah! da unten auf dem Boulevard schleift man ... die Straßenjungen ...« »O! wie Schade, daß wir nicht auch schleifen können!« »Dort ist Einer, der schleift ausgezeichnet.« »Zum Erstaunen! ... da liegt er auf dem Boden. Piff! plumps! ... einer, zwei, drei auf dem Boden ... Ha! ha! ha! ha! die liegen auf einander wie Hunde!« »Sag' doch, Francaleux, Du, der so gescheidt sein will: unter wessen Regierung wurde das Wasserschloß erbaut? Ich wette, Du weißt es nicht.« »Ah, Pfiffikus ... ich weiß es besser als Du.« »Nun, wir wollen sehen! Gib Antwort: unter wessen Regierung?« »Zum Henker! unter der Regierung eines Königs, der keine Luftschlösser liebte; das ist nicht schwer zu errathen.« »Aber welcher König war es, Kameel, welcher König? ... Du siehst wohl, daß Du ihn nicht nennen kannst!« »Ludwig XIV. war es. Er hat es zur nämlichen Zeit wie das St. Denisthor bauen lassen. Und der Beweis ist, daß es Löwen hat.« »Gewiß nicht! der Kaiser hat das Wasserschloß bauen lassen; ich habe es oft von meinem Vater sagen hören.« »Nein, Ludwig XIV.« »Ich wette um einen Sou italienischen Käse mit Dir!« »Ah! ihr Herren ... seht ... eine Schlägerei ... dort unten auf dem Boulevard prügeln sich zwei Männer!... Ohe, ohe!« »Der Eine hat kein Halstuch mehr ...« »Stoßt mich doch nicht so! wie ekelhaft! ... sie werden meine kleine Schnecke noch auf den Boden werfen.« »Pau! Puff! ... o wie sie mit den Fäusten auf einander hineinschlagen!« »Sicherlich hat der Große Recht!« »Wenn ich dort wäre, würde ich dem Kleinen helfen, ich wette, er wirft den Andern nieder ... man kann sie nicht mehr sehen, das ist Schade.« »Ach! ihr Herren, hört ihr die Trommel? ... es wird Militär vorbeikommen.« »O, welches Glück! ... die Soldaten ziehen vorbei ... an uns! ... Hält Johann nicht an?« »Doch, er hält.« »O! da sind sie ... drum! rum! drum! drum! ... drum! rum! drum! drum!« »Siehst Du vorn den Offizier zu Pferde? das ist der Commandant.« »Wenn ich einmal groß bin, will ich auch Commandant werden; ich werde gleich Offizier.« »Ah! Du meinst, man wird nur so geschwind Offizier! Du weißt nicht, daß man zuerst Schiffsjunge sein muß.« »Schiffsjunge? Zur See ist man zuerst Schiffsjunge, ehe man Oberst eines Seeschiffs wird.« »Ach! da fährt Johann schon wieder weiter; er läßt uns nicht einmal Zeit, die Tambours zu hören ... Drum! rum! drum! drum!« »Schnecke, Schnecke in dem Haus ...« »Poulot, Du wirst schon sehen, wenn Du morgen Deine Schnecke wieder mitbringst, wird man Dich während der Erholungszeit in der Schule zurückbehalten.« »Und Dein Stück, Bouchinot, erzähl' es uns doch vollends.« »Ach! ja ... wo hielt ich doch? ... das ist eins: der schwarze Domino, der einen Zopf hat und gepudert ist, bringt eine Menge anderer Dominos mit sich, die einen kleinen Sack auf dem Kopf haben mit zwei Löchern für die Augen ... das ist prächtig! das jagt einem Angst ein ... dann zieht man eine verborgene Thüre im Hintergrund auf und ... ah! da bin ich zu Hause ... Adieu! ich erzähle euch den Rest morgen.« »Sag' doch, Bouchinot! Bouchinot! kommt der schwarze Domino um?« »Ja, durch einen Pistolenschuß.« »Ah! gut! Bravo!« Bouchinot steigt an seiner Thüre ab und geht nach Hause. Der Wagen fährt weiter. In einiger Entfernung steigt Herr Poulot mit seiner Schnecke, dann ein anderer Zögling, dann wieder ein anderer aus. Aber wenn auch die Zahl der Reisenden kleiner wird, die Unterhaltung bleibt immer im Zug. So lange noch mehr als ein Schüler im Wagen ist, hören die Bemerkungen, hört das Necken und laute Lachen nicht auf. Nie wird ein Weg heiterer zurückgelegt als der, den diese junge Bürschchen von ihrer Pension zurück oder des Morgens in dieselbe im Omnibus des Pensionats machen. * Einmal indessen war der Wagen der Zöglinge Ursache einer Scene anderer Art. Ein kleiner Knabe von sieben Jahren, Namens Carl, war seit Kurzem Stadtschüler in einem Pensionat, das ebenfalls seinen Wagen hatte; der Knabe hatte die größte Freude geäußert, als er sich durch zwei gute Pferde fortgezogen und in den Straßen von Paris herumfahren sah. Als einziger Sohn einer armen Wittwe, die sich großen Opfern unterzog und oft im Tagelohn arbeitete, um ihrem Sohne eine Erziehung zu geben, war der kleine Carl nie in einem Wagen gewesen, ehe er in den seines Pensionats stieg; deßhalb war er auch Einer von denen, welchen der Weg am meisten Lust bereitete, und schien während der ganzen Fahrt sich als der glücklichste Mensch zu fühlen, weil er gefahren wurde. Eines Tages indessen, es war im Winter, das Wetter kalt und regnerisch, kehrten die Kinder nach Hause zurück, und der kleine Carl, den man bis dahin munter und heiter wie seine Kameraden gesehen hatte, wurde plötzlich, still und traurig, nachdem er auf die Strafe gesehen hatte. Am andern Tage kam der Wagen, der jeden Tag denselben Weg machte, an derselben Stelle vorbei, wohin Carl den Abend zuvor gesehen hatte. Das Kind beeilte sich wiederum seine Blicke auf die Straße zu werfen, es suchte einige Zeit, und dann bemächtigte sich seiner wieder dieselbe Traurigkeit, und man sah sogar Thränen über seine Wangen stießen. Den folgenden Tag fiel zur Zeit der Abfahrt der Regen immer noch mit Heftigkeit, als der kleine Carl mit schwerem Herzen und niedergeschlagenen Augen zu dem Direktor der Anstalt trat und zu ihm sagte: »Herr Direktor, ich möchte lieber zu Fuß nach Hause gehen.« »Wie, mein Freund,« sagte der zu ihm, »Du wolltest zu Fuß fortgehen! ... Ich verstehe das nicht! Du, der so vergnügt schien, als er fahren konnte, der eine so große Lust darüber bezeigte, Du wolltest jetzt zu Fuß nach Hause zurückkehren? ... Und welchen Zeitpunkt wählst Du zu dieser Bitte ... jetzt, wo der Regen in Strömen herabfällt, wo es schreckliches Wetter ist ...« »Ach! ... gerade deßhalb, Herr Direktor, wollte ich auch ... zu Fuße gehen.« »Erkläre mir doch, was Dich zu einem solchen Wunsche veranlaßt.« »Herr Direktor ... weil ich ... seit zwei Tagen ... wenn wir durch die St. Martins-Straße fahren ... meine Mutter aus dem Hause gehen sehe, wo sie arbeitet ... sie geht sehr schnell, um zu derselben Zeit wie ich zu Hause anzukommen, aber meine arme Mutter ist immer sehr naß, und es macht mir Kummer, im Wagen zu sein, während sie zu Fuß geht ... ich möchte lieber mit ihr naß werden.« Der Direktor der Pension schloß den kleinen Carl in seine Arme, küßte ihn zärtlich und führte ihn an diesem Tage selbst zu seiner Mutter zurück, der er erzählte, was der kleine Knabe zu ihm gesagt hatte, indem er beisetzte: »Sie haben einen guten Sohn, Madame; wir wollen uns Mühe geben, ihn recht viel zu lehren, damit er durch sein Wissen einst ein Vermögen erwerben kann, denn alsdann dürfen Sie überzeugt sein, wird sein größtes Glück dann bestehen, es mit Ihnen zu theilen.« Doch lassen wir die Kinder im Wagen fahren, selbst für den Fall, daß sie später keinen mehr haben sollten. Trickchen der Bretagner, oder der nie Betrogene Trickchen war ein Kind der Bretagne, das will so viel sagen, er hatte einen warmen Kopf, eine rasche Entschlossenheit, eine schnelle Fassungsgabe und eine manchmal etwas rohe Sprache, aber er war muthig und treu; und welches Land hat mehr Männer erzeugt, die man wegen ihrer edeln Gesinnungen anführen könnte? Und wenn wir hier von Treue reden, so wollen wir nicht von Liebe sprechen und jenen artigen Schwüren, die sich zwei Liebende machen, sondern vielmehr von jener großen, bewunderungswerthen Hingebung, die darin besteht, seine Freunde nicht im Unglück, seinen Herrn nicht in der Verbannung und seine Fürsten nicht im Elende zu verlassen. Aber jede Münze hat ihre Kehrseite, wie ihr wisset, und überdies gibt es nichts Vollkommenes in der Natur. So mußte auch Trickchen seine schlimme Seite haben, wie wir sie Alle haben; ja, man behauptet sogar, daß es Personen gebe, die gar keine gute haben. Die schlimme Seite Tricks war die Eitelkeit, ein ungeheures Selbstvertrauen, und in Folge davon eine sehr große Meinung von seinem Verdienst, und die Zuversicht, daß ihn Niemand anführen könne. Armer Junge! ... welch' ein Irrthum! welche tolle Einbildung! Die größten Geister, selbst Genies sind schon wie ganz gewöhnliche Menschen mißbraucht und angeführt worden. Angeführt zu werden, das ist das Loos der armen Menschheit; und es gibt selbst Leute, die sagen, wir wären sehr unglücklich, wenn wir es nicht würden. Aber Trickchen war erst fünfzehn Jahre alt und aus der Bretagne; man muß also das große Vertrauen, das er auf seine Klugheit hatte, entschuldigen. Wir sehen täglich Leute in der Welt, welche Alter und Erfahrung nicht vernünftig gemacht haben. Nenn die Jugend die Klugheit auch noch hätte, was bliebe da dem Alter? Trickchen wollte nach Paris gehen und da sein Glück probiren. Das ist ein sehr natürlicher Zug; es ist selten, daß er nicht in Leuten aufsteigt, die das Schicksal schlecht bedacht hat, und viele reiche Leute betragen sich in dieser Hinsicht ganz ebenso wie die, welche es nicht sind. Jean-Jacques hat gesagt: »Man muß glücklich sein, lieber Emil; das ist das erste Bedürfniß des Menschen.« Aber in unserer Zeit hat man die Rede Rousseau's umgemodelt in: »Man muß reich sein.« Denn man meint, daß es ohne den Reichthum kein Mittel gebe, glücklich zu sein. Kehren wir zu Trickchen zurück. Seine Eltern hatten Handelschaft getrieben, waren aber nicht reich geworden, und außerdem noch oft von Schlauköpfen und Spitzbuben angeführt worden. Der Jüngling sagte zu sich: »Ich werde klüger oder glücklicher sein; ich werde mich von Niemand betrügen lassen, und in Paris reißend schnell meinen Weg machen.« Ein alter Oheim, der einzige Verwandte, der unserem Trick geblieben war, willigte in seine Abreise nach der Hauptstadt Frankreichs, und erhielt für ihn die Stelle eines Nebencommis bei einer Art von Trödler. Man gab dem jungen Mann freie Wohnung in einer Dachkammer, eine Kost, die sehr frugal war, und wöchentlich zwanzig Sous, ohne die Beneficien, d. h. die kleinen Trinkgelder, die er von Kunden erhalten sollte, denen man Waaren brachte. Die Stelle war nicht glänzend; aber Trick fand sie prächtig. Er dankte seinem alten Oheim, packte seine Effekten in einen Nachtsack und setzte sich auf die Imperiale der Diligence, wo man einen Platz für ihn bezahlt hatte. Das aufgeweckte, muthwillige und offene Gesicht Tricks schien einen sehr angenehmen Eindruck auf einen neben ihm auf der Imperiale sitzenden Reisenden zu machen. Dieser Reisende glich entfernt nicht dem jungen Bretagner: seine schlaue Physiognomie, seine kleinen, listigen Augen ließen nicht auf Dummheit schließen, flößten aber auch kein Vertrauen ein; auch war das Lächeln in seinem eingekniffenen, geschlossenen Munde spöttisch und falsch. Glaubet mir und mißtraut einem eingekniffenen Munde ... habt aber auch kein großes Vertrauen zu einem großen Maul . Trickchen erzählte nichtsdestoweniger seinem Gefährten auf der Imperiale alle seine Angelegenheiten, und dieser erwiderte die Erzählung mit einer Warnung, die große Aufrichtigkeit zu verrathen schien. »Junger Mann, Sie gehen nach Paris; nehmen Sie sich in Acht. In den großen Städten gibt es eine große Menge Diebe; auch in Paris fehlt es nicht daran. In einer ungeheuern Stadt, wo so viele Menschen aufwachen, ohne zu wissen, wo sie zu Mittag essen werden, da müssen wohl, das begreifen Sie, viele Diebstähle, Betrügereien und Schurkenstreiche vorfallen. Die wegen ihrer Schönheiten, Annehmlichkeiten und Vergnügungen berühmtesten Hauptstädte haben das traurige Privilegium, die gewandtesten Spitzbuben anzuziehen; überall, wo eine Menschenmasse ist, dürfen Sie überzeugt sein, daß auch Diebe dabei sind; das ist eine niederschlagende Wahrheit; aber es ist eine Wahrheit. Seien Sie also auf der Hut gegen alle Streiche, die man Ihnen spielen möchte. Ich rede hier nicht von Beraubungen durch bewaffnete Hand, durch Einbruch oder Einsteigen, das gehört in die Reihe der gemeinen und in allen Ländern vorkommenden Verbrechen, sondern von den in Paris gebräuchlichen Diebstählen, gegen die man sich mit Klugheit waffnen muß.« Trickchen hörte seinem Reisegefährten lächelnd zu und rief von Zeit zu Zeit: »O, mein Herr! es hat keine Gefahr! ... Ich lasse mich nicht anführen ... ich wette, daß ich einen Dieb auf eine Stunde weit erkenne!« »Ach, das glauben Sie, mein junger Freund; dieses Selbstvertrauen könnte für Sie von traurigen Folgen sein. Aber lassen Sie uns einmal sehen, da Sie so überzeugt sind, daß Sie sich gegen die Diebe schützen können, so ist Ihnen wohl der Diebstahl mit dem guten Morgen ? der Diebstahl auf amerikanische Art bekannt? so wissen Sie, was der Topf-Diebstahl ist?« Trickchen riß die Augen weit auf, senkte dann den Kopf und rief aus: »Ah bah, das sind Dummheiten, das! Dinge, die man Kindern sagt, um sie zu erschrecken.« »Ich habe durchaus nicht die Absicht, Sie zu erschrecken, mein junger Freund, ich will nur Ihrer Unerfahrenheit zu Hülfe kommen. Hören Sie mich an: unter den in Paris häufigsten Diebstählen bezeichnet man zunächst den mit dem guten Morgen . Ich will Ihnen erklären, was das ist; es kann Ihnen bei Gelegenheit nützlich sein. Des Morgens in Paris, in einem oft von vielen Miethsleuten bewohnten Hause, gibt der Portier, wenn er mit einer Magd oder einem Nachbar spricht, oder seine Milch bei der Milchfrau gegenüber zu sich nimmt, oder seinen Hof kehrt, oder seiner Elster zu fressen gibt (in Paris haben nämlich fast alle Portiers entweder eine Elster, einen Papagei, einen Hund oder drei Katzen); kurz, da sie des Morgens stark beschäftigt sind, geben sie nicht immer Achtung auf die Personen, die in's Haus gehen. Ein Industrieritter geht hinein, gewinnt ungestört die Treppe, steigt hinauf und sieht dabei nach allen Thüren; es geschieht nur selten, daß er nicht wenigstens eine erblickt, in der man den Schlüssel hat stecken lassen, denn ein lediger Mensch, der lange aufgeblieben ist, kann z. B. Abends zu seiner Schließerin sagen: »›Hier ist mein Schlüssel, geben Sie ihn morgen meiner Aufwärterin, ich habe nicht Lust, aufzustehen, um ihr aufzumachen.‹« Morgens kommt die Aufwärterin; aber während sie hinabgeht, um den Kaffee, das Kaffeebrod und den Rahm zu holen, läßt sie den Schlüssel im Schloß stecken. Sehr oft machen es die Mägde ebenso, oder vergißt auch die Portiersfrau, welche die Zeitungen hinaufzutragen hat, den Schlüssel in der Thüre, oder aber sagt der Miethsmann selbst zu ihr: »›Lassen Sie meinen Schlüssel außen stecken, damit ich nicht nöthig habe, aufzustehen, wenn man mich besuchen will.‹« Trickchen lacht laut auf und sagt: »O, ich werde nicht so dumm sein, ich!« »Das meinen Sie? ... Kurz, der Industrieritter entdeckt einen Schlüssel, geht an die Thüre, öffnet sie sehr leise und kommt in's Zimmer. Ein Herr liegt in seinem Bett und schnarcht in vollkommener Sicherheit. Es steht ihm sogar frei, zu träumen, er habe ein Goldbergwerk entdeckt, oder einen verwandten Millionär beerbt, sei Unterpräfekt geworden, oder man habe ihm eine Schachtel voll Nürnberger Lebkuchen geschickt. Während er so angenehm träumt, nimmt der Industrieritter gewandt eine Uhr vom Nagel, steckt das Geld, das in einem Sekretär ist, ein, entfernt sich mit aller möglichen Vorsicht, um den Schläfer nicht aufzuwecken, verläßt keck das Haus und geht an dem Portier vorbei, indem er eine Arie von Rossini oder Meyerbeer pfeift.« »Ach, so werde ich mich nicht bestehlen lassen,« sagte Trick, »denn ich weiß gewiß, daß ich aufwachen würde; ich habe einen sehr leisen Schlaf und höre im Schlafe eine Maus laufen.« »Wahrlich, mein lieber Freund, zu dieser Gabe wünsche ich Ihnen Glück. Aber nehmen wir an, unser Industrieritter treffe beim Eintritt in das Zimmer, von welchem er den Schlüssel in der Thüre gefunden hat, eine schon ganz muntere Person. Glauben Sie nun, unser Dieb sei gefangen? ... Ganz und gar nicht. »›Wer ist da?‹« fragt die Person, die ihre Thüre öffnen hört oder einen Unbekannten eintreten steht, dessen Gesicht ihr durchaus nicht gefällt. Der Industrieritter macht ein erstauntes Gesicht und murmelt: »›Entschuldigen Sie, ich suche Herrn Tchicoff, den Zahnarzt?‹« »Den kenne ich nicht, es ist kein Zahnarzt im Hause.« – »›O, dann bitte ich tausendmal um Entschuldigung, mein Herr, ich muß mich in der Nummer getäuscht haben ... es ist mir unendlich leid, Sie gestört zu haben!‹« – Und wie der Blitz verschwindet der Dieb, während der Miethsmann in seinem Gedächtnisse nach einem Zahnarzt sucht, der in der Nachbarschaft wohnen soll und vor sich hin spricht: »›Tchicoff, das ist ein russischer Name ... es scheint, Rußland will uns auf den Zahn fühlen, daß es sogar Zahnärzte schickt.‹« »Mein Herr,« sagt Trick, als sein Reisegefährte ausgesprochen hatte; »ich sehe es einem Menschen sogleich an der Nase an, ob er ein Dieb ist; ich würde ihn also sogleich an der Gurgel packen und ihn festhalten. Ah! ich bin keine Memme!« »Zum Teufel auch!« entgegnet der Reisende, den Jüngling mit seinen kleinen durchdringenden Augen scharf ansehend, »Sie glauben einen Dieb sogleich zu erkennen, wenn Sie ihm nur in's Gesicht sehen?« »Ja, mein Herr!« »Pest! was für ein Spaßvogel Sie sind! Nun, es freut mich, daß ich weiß, daß Sie dieses Talent haben. Ich habe Ihnen nun den Guten-Morgen-Diebstahl erklärt und will Sie nun mit dem Diebstahl auf amerikanische Art bekannt machen, der ebenfalls in Paris sehr im Schwange ist, wo man sich indessen wundert, daß sich noch Jemand damit hinter's Licht führen läßt.« »O, es lohnt sich nicht der Mühe, mein Herr, ich lasse, mich nicht amerikanisiren .« »Sie kennen ihn also?« »Doch nicht, mein Herr.« »Nun, so lassen Sie sich ihn sagen.« »Der Dieb geht ruhig in Paris wie ein einfacher Faullenzer spazieren: er sucht einen Menschen, der einen Sack mit Geld trägt, und deßwegen stellt er sich in der Nähe des Schatzes oder der Bank auf: in diesen Vierteln sind die Geldträger eben so häufig wie die Omnibus. Der Dieb entdeckt einen, redet ihn an, thut, als ob er ein Fremder wäre und Gold gegen Silber umzuwechseln suche. Ein Mitgehülfe geht vorbei und stellt sich, als wolle er diese Gelegenheit benützen, um ein gutes Geschäft zu machen; seinerseits will aber auch der Mann mit dem Geldsack nicht, daß ihm dieser unverhoffte Profit entgehe. Man begibt sich also in eine Schenke. Der, welcher den Fremden spielt, gibt, während er in verschiedenen Sprachen kauderwälscht, sein Gold gegen Silber her; der Mitgehülfe thut, als gehe er, um ebenfalls Thaler zu holen; er geht hinaus und kommt nicht wieder. Der sogenannte Fremde behauptet, er habe ein Goldstück von ihm mitgenommen und läuft ihm nach; von beiden Herren kommt keiner zurück. Der Mann mit dem Sack zahlt die Zeche und geht zu einem Wechsler, um sein Gold wieder umwechseln zu lassen. Hier angekommen, merkt er, daß man ihm die guten Rollen wegstipitzt hat; in denen, welche er noch hat, ist nichts als Blei oder Sousstücke.« »Mein Gott! mein Herr, aber alle diese Leute lassen sich auch zu leicht betrügen; die Diebe haben es, wie es scheint, nur mit Dummköpfen zu thun!« »Wollen Sie, daß ich Ihnen noch andere Diebstähle, wie sie in Paris im Gebrauche sind, erzähle?« »Es ist unnöthig mein Herr, ich habe an denen genug. Zudem denke ich, daß die Diebe keine Lust bekommen werden, sich an mir zu reiben.« »Wie Sie wollen, mein liebes Freundchen.« Der so verbindliche Herr sagt nichts mehr, legt sich zurück und schläft oder stellt sich wenigstens während der ganzen übrigen Reise schlafend. Was Trick betrifft, so schläft er auch ganz sicher auf einem Ohr ein, was unendlich bequemer ist, als auf beiden Ohren zu schlafen. Zum Unglück scheint es das Ohr zu sein, mit welchem er die Mäuse laufen hört. * Man kommt in Paris an. Der Reisegefährte von der Imperiale ist vor der Barrière ausgestiegen, nachdem er Trickchen noch gerathen hat, seinen Rath ja nicht zu vergessen. Der junge Bretagner sieht, kaum in der großen Stadt angekommen, nach der Adresse des Trödlers und liest: Herr Fripard, Bären-Straße. Trick läßt sich die Bären-Straße weisen und eilt dann, mit seinem Nachtsack auf dem Rücken, zu Herrn Fripard. Der Trödler ist ein kleiner, gelber und runzeliger Greis, der seit sechzehn Jahren denselben Ueberrock trägt, was von seiner Sparsamkeit einen hohen Begriff gibt. Er empfängt den kleinen Bretagner ziemlich strenge und sagt zu ihm: »Du wirst nun mein Commis; aber nimm Dich in Acht; wenn Du Etwas verdirbst, wenn Du Dich betrügen lässest, so bedenke, daß ich Dir das an Deinem Gehalte abziehe.« – »Das versteht sich,« entgegnet Trick, »und das wird mich nicht hindern, Geld zusammenzubringen.« – »Du gehst sogleich an's Geschäft: Du wirst die Bücher führen. Du sollst, wie man sagt, ordentlich schreiben?« – Ja, mein Herr. – »Du mußt sehr enge schreiben, um weniger Papier zu verbrauchen. Schreibst Du mit Stahlfedern?« – Ja mein Herr. – »Ganz gut, Du mußt sie Dir selbst anschaffen. Aber Du wirst doch diesen schönen Rock nicht zum Arbeiten anbehalten?« – O! nein, mein Herr; ich habe in meinem Paket eine Jacke und eine Blouse; o! ich habe Alles, was ich brauche, ich bin sehr gut versehen; – »Dann zieh' sogleich Deine Blouse an; Du darfst sie nur an den Sonntagen ausziehen, und selbst an diesen Tagen wirst Du, wenn Du mir glaubst, klug daran thun, sie anzubehalten.« Trickchen setzt sich, obgleich er bei sich denkt, daß sein Herr die Sparsamkeit etwas weit treibe, pflichtgemäß in Bewegung, um seinen Nachtsack zu öffnen, den er beim Eintritt in den Laden in eine Ecke niedergelegt hatte. Plötzlich entfährt dem jungen Bretagner ein Schrei des Schreckens; der alte Fripard erschrickt darüber und wendet sich zu ihm mit den Worten: »Solltest Du bereits Etwas zerbrochen haben?« – »Nein, mein Herr, das ist es nicht ... aber ... ja ... da sehen Sie ... mein armer Nachtsack, in dem ich acht Hemden, zwölf Sacktücher, drei Westen, zwei Beinkleider, zwei Jacken und eine Blouse hatte!« Der alte Kaufmann tritt näher und sieht in den Nachtsack, der kahl ausgeleert war. »Das ist eine Lehre der Sparsamkeit, die Dein Oheim Dir wird haben geben wollen,« sagt Herr Fripard. »Er denkt, daß Du genug an dem hast, was Du auf dem Leibe trägst.« – »O! nein, mein Herr, nein! ich habe mein Bündel selbst geschnürt und weiß gewiß, das ich Alles hatte, was ich Ihnen so eben hergezählt habe! ... Und nun nichts mehr! ... Ah, da ist ein Papier, worauf einige Worte geschrieben sind ...« Trick öffnet das Papier und liest: »›Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollten gegen Diebe auf der Hut sein; Sie wollten mir nicht Glauben schenken; aber die guten Rathschläge, die ich Ihnen gegeben habe, sind wohl die Effekten werth, die Ihr Sack enthielt.‹« »Ach, der Bösewicht! der Schuft!« ruft Trick, »mein Reisegefährte hat mich bestohlen.« Der alte Fripard verzieht das Gesicht und sagt: »Guter Freund, das zeigt nicht an, daß Sie besonders schlau sind, und ich würde vielleicht wohl daran thun, Sie nicht in mein Geschäft zu nehmen, denn ich fürchte, Sie könnten mich auch bestehlen lassen!« Trick verspricht dem alten Händler, ohne Unterlaß auf seiner Hut zu sein und nie Jemanden zu trauen, und Fripard entschließt sich endlich ihn zu behalten, indem er noch zu ihm sagt: »Zu Ihrem Glück ist Ihr Anzug fast noch neu, und Sie können ihn zehn Jahre so tragen, ohne ihn wenden zu lassen.« – »Ja, aber in zehn Jahren hoffe ich noch zu wachsen, und mein Anzug wird nicht mitwachsen!« seufzte leise Trick. Glücklicherweise hatte der junge Bretagner sein Geld nicht auch in seinem Reisesack gehabt. Mit dem, was er besitzt, kauft er sich Wäsche, und hat bald diesen ersten Unfall vergessen. * Trickchen war seit acht Monaten im Laden des alten Trödlers, und da er sich die ganze Zeit über nicht ein einziges Mal hatte darankriegen lassen, so war sein Selbstvertrauen zurückgekehrt, und mit ihm jene Eitelkeit, jene Windbeutelei, welche seine schlimme Seite ausmachten. Indessen verdiente der junge Lehrling immer nur vier Franken monatlich, was sehr wenig war; aber sein Herr zwang ihn, sparsam zu sein, indem er ihm keine Zerstreuung, kein Vergnügen erlaubte. Eines schönen Morgens tritt ein sehr gut gekleideter Herr in den Laden des Trödlers, der damals gerade einen sehr eleganten, fast neuen Regenschirm in seinem Schaufenster ausgestellt hatte; derselbe untersucht den Schirm und fragt nach dem Preis. »Sechsunddreißig Franken,« entgegnet Herr Fripard, »und das ist mein letztes Wort. Dieser Regenschirm ist von vorzüglichem Taffet, das Holz dabei ist kostbar und der kleine Knopf von Schildpatt mit Gold eingelegt. Er wurde nur aus Mangel an Raum verkauft. Für sechsunddreißig Franken ist er gleichsam hergeschenkt.« »Ich behalte ihn, lassen Sie ihn mir nachtragen, ich gehe nach Hause.« Da der Herr bereits ein Rohr hat, so findet man es ziemlich natürlich, daß er sich nicht auch mit einem Regenschirm beladen will. Ueberdies kann man ein sehr honneter Mann sein und doch nicht gerade sechsunddreißig Franken in der Tasche haben, um einen gelegentlich gemachten Einkauf zu bezahlen. Der alte Fripard übergibt den schönen Schirm unserem Trickchen, aber sagt ihm dabei in's Ohr: »Laß vor allen Dingen den Gegenstand nicht fahren , bis Du das Geld dafür hast!« Trick macht ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe; er nimmt den Regenschirm unter den Arm und folgt dem Käufer mit den Worten: »Sie können ganz ruhig sein, Herr Fripard, er wird mich nicht darankriegen! Ich habe mich einmal hinter das Licht führen lassen, das ist wahr; allein wenn ich meinen Sack während der ganzen Reise in der Hand behalten hätte, wäre es mir nicht begegnet.« Der schöne Herr läuft ziemlich lange fort; endlich bleibt er in einer Straße stehen, und im Augenblick, wo er in ein Haus treten will, dessen Hofthor offen steht, greift er in seine Taschen und ruft: »Ach, zum Henker! jetzt habe ich meine Dose in eurem Laden liegen lassen; ja! ganz gewiß, ich hatte sie, als ich von Hause fortging, und ich bin nur zu euch eingetreten ... ich erinnere mich jetzt ganz genau, daß ich eine Prise nahm; ich werde sie auf dem Ladentisch haben liegen lassen. Ich halte viel auf meine Dose, denn es ist ein Porträt von Teniers darauf, das ich von meiner Tante habe, die Mutterstelle bei mir vertrat. Junger Mann, geben Sie mir diesen Regenschirm und holen Sie mir meine Schnupftabaksdose.« »Nein« denkt Trick, der bis über die Ohren roth wird »da wird nichts geschnupft « und drückt den Regenschirm noch fester unter den Arm, denn er erinnert sich an die Mahnung seines Herrn. Der schöne Herr lächelt und fährt mit ganz artiger Miene fort: »Ich errathe die Ursache Ihrer Verlegenheit, junger Mann; Sie fürchten, mir den Regenschirm zurückzulassen, ohne bezahlt zu werden. Ich nehme Ihnen diese Furcht nicht übel; denn in Paris gibt es so viele Spitzbuben, daß man wohl daran thut, auf seiner Hut zu sein, namentlich wenn man beim Handel ist. Sehen Sie, mein junger Freund, hier sind zwei Zwanzigfrankenstücke, das ist etwas mehr, als ich Ihnen schuldig bin, aber bringen Sie mir meine Dose zurück, und die vier Franken, die übrig bleiben, behalten Sie für sich. Hier ist meine Wohnung ... fragen Sie nur nach Herrn Berlock; nun, eilen Sie, Sie werden mich verbinden.« Trickchen übergibt schnell den Regenschirm. Er nimmt die zwei Goldstücke, die man ihm hingibt, und fängt an zu laufen, entzückt darüber, in einem Tag zu gewinnen, was er gewöhnlich nur in einem Monat verdient, und verspricht sich schon viel Vergnügen für den nächsten Sonntag mit seinen vier Franken. Er kommt ganz vergnügt bei seinem Herrn an und fängt sogleich an im Laden herumzustöbern mit den Worten: »Wo ist die Schnupftabaksdose des Herrn? Er hat sie hier liegen lassen ... er weiß es gewiß, Sie müssen die Dose gefunden haben, es ist ein kleines Gemälde von Teniers darauf.« – »Ich habe nichts gefunden,« schreit der alte Fripard, »aber Du, Dummkopf, Du hast den Regenschirm nicht mehr? Solltest Du trotz meiner Warnung den Sechsunddreißigfrankenschirm ohne Bezahlung ausgeliefert haben? Ach! wenn Du mir diesen Streich gespielt hast, jage ich Dich fort!« – »Seien Sie ohne Sorgen, Herr, ich bin kein solcher Esel. Da, hier sind vierzig Franken in Gold, die der Herr mir gegeben hat, um Sie zu bezahlen, und der Rest gehört mir, wenn ich ihm seine Dose bringe. Zum Henker auch, wenn ich sie nur schon hätte!« Und Trick sucht auf allen Vieren in allen Winkeln des Ladens nach der Dose. Indessen hat der Händler die beiden Goldstücke, die man ihm an Zahlungsstatt gibt, genommen, aber ihr Gewicht kommt ihm schon verdächtig vor. Er untersucht sie genau, reibt sie zwischen den Fingern, stößt einen Zornschrei aus und versetzt seinem Commis einen Fußtritt auf den Hintern, der immer noch hartnäckig die Dose unter den Tischen finden will. »Das, Esel!« schreit der alte Fripard, »das ist Dein Trinkgeld! Deine Zwanzigfrankenstücke sind zwei vergoldete, und noch dazu schlecht vergoldete Zwanzigsousstücke. Ich bin bestohlen!« Trick ist wie versteinert, aber bald stürzt er aus dem Laden und rennt, was er kann; er erinnert sich der Straße, des Hauses, wo er den schönen Herrn verlassen hat; er kommt an, erkennt das Hofthor, tritt hinein und fragt beim Portier nach Herrn Berlock. Der Portier entgegnet ihm: »Es hat noch nie ein Herr Berlock in diesem Hause gewohnt.« Trick beschreibt den Herrn und den Regenschirm ganz genau; man weiß nicht, was er damit will. Der arme Bursche kommt weinend zu dem alten Fripard zurück, der zu ihm sagt: »Du hattest mir sechsunddreißig Franken für den verkauften Regenschirm zu überbringen, und hast mir nur zwei gebracht, bleiben also noch vierunddreißig im Rest. Du hast bereits zweiunddreißig Franken bei mir verdient; diese gibst Du mir, und scherst Dich dann Deiner Wege; ich verliere bei diesem Handel noch vierzig Sous, aber ich will lieber dieses Deficit erleiden, als Dich noch länger behalten.« Trick gab seine Ersparnisse heraus und verließ den Trödler mit der Frage an sich und an das Schicksal, was nun aus ihm werden solle? * Endlich erinnert sich Trickchen, daß er bei seinen Gängen die Bekanntschaft eines jungen Mannes gemacht habe, der in einem Modewaarengeschäft angestellt ist und ihm seine Adresse gegeben hat; er sucht ihn eilends auf und erzählt ihm sein Unglück. Der junge Modewaarencommis stellt Trickchen seinem Herrn vor und macht ihn mit der traurigen Lage, in der sich der arme Bursche befindet, bekannt. Der Kaufmann willigt ein, Trick als überzähligen Commis anzunehmen. So ist also der junge Bretagner in einem großen Modewaarenlager untergebracht, wo er seine Trödelbude nicht bedauert. Er benimmt sich so diensteifrig, hat so viel Gewandtheit in dem Geschäft, daß ihm sein Herr nach Verfluß von sechs Wochen zwölf Franken monatlichen Gehalt aussetzt. Zwölf Franken monatlich! das war dreimal mehr als er bei dem alten Fripard verdiente; Trick zweifelt nicht, daß er auf dem Wege zum Reichthum wandle. Es waren nun sechs Monate, daß Trickchen im Modewaarenlager angestellt war, und es ist unnöthig, zu sagen, daß auch sein Selbstvertrauen zurückgekehrt war, und er oft ausrief: »O, jetzt möchte ich es Niemand mehr rathen, einen Versuch zu machen, mich zu überlisten.« Indessen hatte Trick namentlich die Verrichtung, die Ausgänge zu machen und die von den Kunden ausgewählten Stoffe denselben zu bringen. Eines Tags verließ er sein Magazin mit zwei schönen französischen Caschemirshawls, die sorgfältig eingepackt und zugebunden waren, unter dem Arme. Ein gut gekleideter Herr, der seit einiger Zeit dem kleinen Commis nachging, redete ihn alsbald an; er radebrechte das Französische, als ob er ein Deutscher, Engländer oder Italiener gewesen wäre; manchmal passirte es ihm, in alle drei Sprachen zugleich zu verfallen. Er grüßte Trick mit den Worten: »Myn klein Musje, Pardon, Excusir Sie, wenn ik mir wend' an Sie, ohne Sie zu kenn, aber ik sein fremd, ik nid hab Bekanntschaft, der Teuf!« Der kleine Commis fing an zu lachen und antwortete: »Zum Kuckuk! man hört Ihnen wohl an, daß Sie ein Fremder sind; Sie sprechen das Französische wie ein savoyischer Kaminkehrer.« »Ja, ja ... wie ein Kam ... Verzeih Sie, klein Musje, Sie hab ein so hübsch Gsicht, der flößen Zutrau ein, und wenn Sie mir wollt verbind' durk ein Nakweis, so werd' ik geb subito zwanzig Frank für Ihne!« Mit diesen Worten zog der Fremde eine Handvoll Hundert-Sousstücke und Napoleonsd'or aus der Tasche, und der kleine Commis, der nun oft Gold und Silber unter die Hände bekommen hatte, überzeugte sich, daß es keine falschen Stücke waren. Geblendet durch den Anblick so vieler Goldstücke und nichts sehnlicher wünschend, als nähere Bekanntschaft mit einem derselben zu machen, wenn es auf eine untadelhafte Art geschehen konnte, rief Trick aus: »Welche Gefälligkeit soll ich Ihnen erweisen, Fremdling? Sprechen Sie, und wenn es möglich ist, so bin ich bereit, Ihnen zu dienen.« – Das sein sehr leikt möglik, klein Musje; ik, fremd, komm nach Paris, mir zu amüsir, seh' Sie, aber ik lankweil mir immr, myn Herr! ik wollt hab, das Sie mir führ su ein klein Theater, wo man spielt komisch Farces, der mak recht lack ... Sie versteh mir? Musje? – »Ja, ich verstehe! Das ist sehr leicht; es fehlt in Paris nicht an Theatern, wo man sich Unterhaltung verschaffen kann; z. B. da ist der Circus, Seraphin, Curtius oder aber auch die Délassements-Comiques , wo ich zwar noch nie gewesen bin; aber die Herren vom Magazin sagen, daß man dort kleine Vaudevilles gebe, wie in der großen Oper.« – Gans gud, Musje! ik woll geh in so Theater; will Sie mir führ hin? – »Mit Vergnügen, kommen Sie.« Trickchen geht voraus, der Fremde folgt ihm. Endlich sagt er zu dem jungen Manne: »Hör Sie, ik da hab mit mik ein groß Capital in Gold, das ik mögd verberg und nid mitnehm in die Comedie ... wiss Sie, weg der Dieb; führ Sie mir, wenn's beliebt, an die Kanal, an ein Ort, wo nid geh viel Mensch ... Sie versteh mir warum?« – »Das ist ganz leicht«, sagt Trick, »der Kanal ist gerade hinter den kleinen Theatern.« Man kommt am Ufer des Wassers an einem Platze an, wo noch keine Häuser gebaut sind. Der Fremde bleibt vor einem Haufen großer Steine stehen und sagt: »Hier hab ik groß Plaisir, zu versteck mein Schatz. Helf Sie, klein Musje.« Trick geht in die Phantasie des Fremden ein; er hilft ihm eine ziemlich beträchtliche Summe unter den Steinen verbergen, während Niemand an Ihnen vorbeigeht. Nachdem der Schatz versteckt ist, begibt man sich wieder auf den Weg. Man kommt in die Nähe der Boulevards, und bereits will der kleine Commis dem Fremden das Theater zeigen, in das dieser zu gehen wünscht, als dieser noch einmal stehen bleibt und ruft: »Verzeih Sie, Musje, Entschuldig! ... Diable , ik sein unruhig ... ik haben Furcht man könn' find mein Schatz.« – Ah! verflucht; ich habe Ihnen zum Voraus gesagt, daß Sie eine Unklugheit begehen. – » Décidément , ik wollt sie hab wieder. Klein Musje, Sie wiss das Ort, wo is verborg, thu Sie mich den Gefall und hol Sie mein Schatz, dann bezahl ik Sie den Preis, den ik haben versprok, Saperment!« – »Wie Sie wollen«, entgegnet Trick und will fortrennen; aber der Fremde hält ihn auf mit den Worten: »Ein Minute! Sie geh su hol mein Gold, aber wenn Sie nid komm wieder? ... Pardon, aber ik Sie kenn nid, und man haben gesagt mir, daß man in Paris die Fremden recht attrapir.« – »Das ist wahr,« entgegnet Trick lachend, »man hat sogar mich schon betrogen.« – »Is es möglik? nun also klein Musje, laß Sie mich diese Paket da unter sein Arm für Garantie.« Trick besinnt sich; die beiden Shawls, die er trägt, sind achthundert Franken werth ... aber der Fremde hat für tausend Franken in Gold versteckt; er gibt also das Paket ab mit den Worten: »Das ist nicht mehr als billig; nehmen Sie es und warten Sie auf mich ... o, ich werde nicht lange ausbleiben.« Trickchen läuft, was er kann. Er kommt am Ufer des Kanals an, erkennt den Ort, wo er den Schatz hat verbergen helfen, hebt den Stein auf, langt hin ... aber da ist nichts mehr! Ein Spießgesell hatte bereits die Summe weggenommen, und der kleine Musje rennt nun, nachdem er alle herumliegenden Steine umgekehrt, wieder an den Ort zurück, wo er den fremden Herrn verlassen hatte, findet aber, wie sich von selbst versteht, Niemand mehr. Der arme Bursche kehrt weinend in sein Magazin zurück. Seine Kameraden sagen ihm, daß er das Opfer eines sogenannten Topf-Diebstahls geworden sei, und sein Herr jagt ihn zum Hause hinaus, das er mit den Worten verließ: »ach! warum habe ich mir gerade den nicht von meinem ersten Spitzbuben expliziren lassen, er hätte es für das von ihm bezogene Honorar so gerne gethan!« * Trickchen kehrte nun zu seinem alten Oheim zurück und sagte zu sich selbst: »Ich habe Paris satt! ... Ach, welch' häßliche Stadt! welche Haufen von Koth, Schmutz, Menschen, Wagen, Omnibus, Kaufleuten, Straßenjungen, Betrügern, Aufschneidern, Dieben ... ich kehre zu meinem alten Oheim zurück, in meine schöne und gute Heimath Bretagne! Da weiß man wenigstens, mit wem man zu thun hat; man ist nicht unaufhörlich ausgesetzt Böcke zu schießen, und mit Verstand ist man nicht genöthigt, unaufhörlich auf der Hut zu sein, was sehr ermüdend ist, selbst für die klügsten Leute!« Ihr seht, daß der junge Trick trotz Allem, was ihm widerfahren war, noch nicht von der guten Meinung, die er von sich hatte, zurückgekommen war; in seinem Zorn maß er alle Schuld der großen Stadt bei und schrieb alle Dummheiten, die er gemacht hatte auf ihre Rechnung. Aber so sind wir gewöhnlich: wir wollen nie eingestehen, daß wir Unrecht gehabt haben, außer wenn wir in der That viel Geist und Verdienst besitzen; in diesem Falle gestehen wir unsere Irrthümer offen ein, weil wir nicht befürchten, daß uns das als Dummkopf erscheinen lasse. Nachdem Trickchen in seiner geliebten Bretagne angekommen war, erzählte er seinem alten Oheim nicht wie die Sachen in Paris sich zugetragen hatten: er stellte sich als Opfer der Ereignisse, der Umstände dar. Der alte Oheim glaubte ihm oder schien wenigstens ihm zu glauben, was absolut auf dasselbe herauskommt. Darauf starb der Greis, achtzehn Monate nach der Rückkehr seines Neffen und setzte Trick zum Universalerben ein. Nun geschah es aber, daß dieser alte Oheim, der stets sehr einfach gelebt hatte und den man deßhalb für wenig bemittelt hielt, unserem Trickchen ein sehr rundes, sehr comfortables Sümmchen in guten Banknoten und Goldstücken hinterließ, die er in einer Kiste aufgehäuft hatte. Die Goldstücke trugen auch in Wahrheit verschiedene Gepräge; es gab Louisd'or darunter, mit dem Bilde des unglücklichen Ludwigs XVI., dann Zwanzigfrankenstücke, die unter der Republik geschlagen waren, dann Stücke von Napoleon, von Carl X., Ludwig XVIII. u.s.w. Von allen diesen Goldstücken schien Trickchen diejenigen am meisten in Affection zu nehmen, welche das Bildniß Ludwigs XVI. trugen. War es, daß er als Bretagner eine große Anhänglichkeit an diese Dynastie hatte? oder weil ein solches Stück vierundzwanzig Livres galt, während die andern nur zwanzig Franken werth waren? ... Das haben wir nie recht erfahren können ... ach! es gibt so viele Dinge auf der Welt, die man nie so recht erfährt! So war also Trick im Alter von achtzehn Jahren sein eigener Herr und Besitzer eines ziemlich hübschen Vermögens. Jetzt war es mehr als je von Wichtigkeit, sich nicht darankriegen zu lassen. Wisset ihr aber, an was Trick dachte, um nicht darangekriegt zu werden? ... Ich gebe es euch zum Errathen auf! Da ich übrigens schon sehe, daß ihr es nicht errathen werdet, so will ich es euch lieber sogleich sagen: er dachte daran, eine Frau zu nehmen ... das heiß' ich eine Idee! Gewiß, ein Frauenzimmer ist das hübscheste, verführerischste, herausforderndste Geschöpf, das man nur auf der Erde treffen kann; wenigstens habe ich noch nichts Besseres gefunden, und ich denke, man wird allgemein meiner Ansicht sein. Aber gerade deßhalb, weil die Frauenzimmer so viele Reize und so viel Anziehendes besitzen, ist es eine Thorheit, mit achtzehn Jahren schon an's Heirathen, an's Joch zu denken, und namentlich, wenn man die Liebe noch nicht kennengelernt hat. Die Ehe verlangt Erfahrung, viel Erfahrung! ... versteht sich von Seite des Mannes! Und warum nur von Seite des Mannes? werden vielleicht die Frauenzimmer ausrufen. Ach, meine Damen! weil, wenn Sie ebenfalls Erfahrung hätten, Sie wahrscheinlich nichts von uns wollen würden. Sind Sie nun zufrieden? Trick sagte zu sich selbst: »Ich will mir ein kleines Weibchen auswählen, das fähig ist, mein Glück zu machen! ... O, ich weiß, was ich brauche ... ich werde mich nicht täuschen. Ich bin munter, ich muß also eine lachlustige Frau haben; ich habe Geist, und werde also nicht die Dummheit begehen, eine dumme zu nehmen; ich bin klug, meine Frau muß durch und durch pfiffig sein; ich liebe das Tafeln, meine Frau muß daher mit einem guten Magen versehen sein; ich liebe die Musik, meine Auserwählte muß also singen und ein gutes Gehör haben; endlich bin ich gut gewachsen und habe ein ziemlich hübsches Gesicht, es ist daher unumgänglich nothwendig, daß meine Hälfte gut gewachsen und hübsch sei, damit unsere Kinder kleine Amoretten werden.« Ihr seht, daß der junge Trick ein Anhänger der Homöopathie war. Es gibt Personen, die glauben, im Ehestand seien Gegensätze viel besser als Gleichförmigkeiten. So viel ist gewiß, daß, wenn ihr z. B. zwei Hitzköpfe miteinander verheirathet, sie den lieben langen Tag mit Streiten und Zanken zubringen werden, ohne einander nachgeben zu wollen; zwei gesprächige Personen werden viel Mühe haben, sich zu verständigen; zwei cholerische oder hitzige Eheleute werden Alles bei sich zusammenschlagen; zwei naschhafte sich um die guten Bissen streiten. Allein wenn ihr die Lebhaftigkeit mit der Gemächlichkeit, Geist mit Dummheit, Geiz mit Verschwendung, Munterkeit mit Traurigkeit verbindet, so wird eine Verbindung daraus entstehen, wo sich nothwendigerweise die Gemüther ebenfalls nicht verstehen werden. Das Alles ist sehr beunruhigend. Kehren wir lieber zu Trick zurück, der nie in Verlegenheit war, wie alle Leute, die ein großes Selbstvertrauen haben. * Mit achtzehn Jahren schmeichelte sich Herr Trick, die Frauen zu kennen! ... Welcher Hochmuth, während es so viele Leute mit achtzig und noch mehr Jahren gibt, die leben und sterben, ohne sie je begriffen zu haben! Philosophen, Gelehrte, Weise, Leute von Geist und von Geld haben schon so Vieles über die Frauen gesagt oder geschrieben, und in den meisten Punkten widersprechen sich ihre Ansichten schnurstracks, was macht, daß, wenn man alle diese Leute zu Rath gezogen, gelesen oder durchdacht hat, man um kein Haar weiter ist. Aber der junge Trick glaubte sich weiter als die ganze Welt, und obgleich er weder Cato, noch Origenes, noch Tertullian, noch den heiligen Bernhard, noch Catullus, noch Juvenalis, noch Virgil, noch Confucius, noch Tibullus, noch Voltaire, noch Lafontaine, noch Boileau zu Rathe gezogen hatte, so war er doch überzeugt, daß er eine gute Wahl treffen werde. Nun hatte Trick in der Nähe seiner Wohnung eine junge Person entdeckt, die etwa von seinem Alter sein mochte. Es war eine reizende Brünette, mit schwarzen, sammtnen Augen, langen Augenlidern, dichten und schön geschweiften Augenbrauen; die ganze Person athmete Heiterkeit, Vergnügen, Schlauheit und Koketterie; ihre feine, schlanke und geschmeidige Gestalt schien die glücklichsten Anlagen zu allen Leibesübungen anzukündigen, und das ist eine sehr zu berücksichtigende Eigenschaft bei einer Person, mit der man sich verheirathen will. Lebhaft, freundlich und aufgeweckt besaß Fräulein Pelagie (so hieß das junge Mädchen) Alles, was auf den ersten Anblick reizen und verführen kann. Ohne Zweifel indessen muß man eine Frau nicht bloß auf den Eindruck hin heirathen, den ihr erster Anblick auf einen macht. Man sagt sich das, wenn man vernünftig ist; allein dieser erste gefährliche Anblick spielt einem fast immer einen Streich, und man vertilgt nicht leicht die Eindrücke, die er gemacht hat. Fräulein Pelagie lebte bei einer alten, gelähmten Tante. Nun ist eine Tante, die sich nicht von ihrem Lehnstuhl rühren kann, eine sehr schwache Wache für ein junges Mädchen. Fräulein Pelagie aber überließ auch häufig ihre Tante der Fürsorge einer Magd und ging allein, sei es zu Fuß oder zu Pferd, auf das Land. Das junge Mädchen ritt auch wie eine Schülerin Bouchers oder Franconi's; sie machte oft Jagd auf kleine Vögel und rauchte Cigarren. Trick hatte Alles das bemerkt, und war bezaubert. Nachdem derselbe Fräulein Pelagie lange Zeit mit den Augen und Füßen verfolgt hatte, redete er sie eines Tages am Saume eines Haines an, wo sie abgestiegen war, um ihr Pferd ausschnaufen zu lassen. Der junge Mann näherte sich der verführerischen Amazone und sagte: »Entschuldigen Sie meine Kühnheit, Fräulein, allein schon lange Zeit wünsche ich mit Ihnen bekannt zu werden. Ich heiße Trick und wohne auf meiner Besitzung in Ihrer Nachbarschaft.« Fräulein Pelagie kannte Trickchen sehr gut; sie hatte wohl bemerkt, daß er ihr seit langer Zeit beständig folgte, daß er immer hinter ihr her war, und errieth den Grund davon vollkommen. Wo ist die Frau, die Dame, die Wittwe, das Fräulein, das junge Mädchen, die es nicht sieht, wenn sie eine Eroberung gemacht hat? sie müßte denn mit einem jener verzagten Liebhaber zu thun haben, die einer Dame nur von weiter Ferne folgen, sie nur verstohlen ansehen und es nicht wagen, ihre Fingerspitze zu berühren. Aber diese Sorte von Liebhabern ist sehr selten geworden; man hat sogar guten Grund, zu glauben, daß der Same ganz ausgegangen ist. Fräulein Pelagie lächelte dem jungen Trick sehr ermuthigend zu und entgegnete: »Sie sind kein Unbekannter für mich, mein Herr; ich weiß, daß Sie mein Nachbar sind, ich habe Sie bei meinen Spaziergängen schon mehrmal gesehen.« – Fräulein, was ich Ihnen sagen will, wird Ihnen vielleicht sehr voreilig, sehr keck erscheinen; wenn es sich aber um das Glück handelt, so war ich immer der Meinung, man müsse rasch zu Werke gehen. – »Dieser Ansicht bin ich auch, mein Herr; sprechen Sie nur und fürchten Sie nicht, sich zu erklären.« – Fräulein, seitdem ich meinen Oheim beerbt habe, fehlt mir nur noch eine Sache, um ganz glücklich zu sein. – »Worin besteht denn diese Sache, mein Herr?« – In einer Frau, Fräulein. – »Sie Schelm, für Sie ist also eine Frau eine Sache, nun gleichviel, Sie haben vollkommen Recht, mein Herr; ein Mann ohne diese Sache ist wie ein Leib ohne Seele.« Der junge Trick hätte diese Bemerkung, namentlich aus dem Munde eines Mädchens, etwas keck finden können; allein weit entfernt davon, war er vielmehr entzückt von dieser Antwort und rief aus: »Sie sprechen wie ein Engel, Fräulein; ja ich bin der Leib, der eine Sache, wollte sagen, eine Seele sucht. Wollen Sie die meinige sein, reizende Pelagie? oder, um unfigürlich zu sprechen, wollen Sie meine Frau werden? ... Ich lege meinen Namen, meine Person und mein Vermögen zu Ihren Füßen.« Pelagie betrachtete den jungen Mann mit einer Miene, die man verschieden deuten konnte, und entgegnete zuletzt: »Sie sind also in mich verliebt?« – Bis zum Wahnsinn! – »Schon lange?« – Seit sechs Wochen. – »Und Sie sagen mir das erst heute ... Sie haben lange überlegt.« – Drum wagte ich nicht ... – »Ha! ha! ha! Ein ängstlicher Mann kommt mir vor wie ein hinkendes Pferd! wenn man sich einem solchen anvertraut, so darf man sicher sein, daß man in Kurzem im Koth liegt.« Trick fand auch diese Bemerkung köstlich und entgegnete: »Fräulein, ich hinke nicht; vertrauen Sie sich mir an, ich werde Sie nicht fallen lassen. Gewähren Sie meine Bitte? Erlauben Sie mir, zu hoffen?« – »Hoffen können Sie immerhin, das schadet nie Etwas; was aber das anbelangt, daß ich Sie zum Mann nehmen soll, so ist das wohl möglich, indessen muß ich vor Allem Ihren Charakter kennen lernen, muß wissen, ob Sie mir auch anstehen. Reiten Sie?« – »Ein wenig, Fräulein.« – »Nun, so sitzen Sie hinter mir auf, da wollen wir dann sehen, wie Sie sich halten werden.« Und ohne die Antwort Tricks abzuwarten, sprang Fräulein Pelagie leicht auf ihren Renner. Der junge Mann brauchte viel länger, um hinter ihr hinaufzuklettern; endlich saß er auf dem Rücken des Pferdes. »Halten Sie mich gut,« sagte Pelagie, »aber ich sage Ihnen zum Voraus, daß ich gerne schnell reite.« – O, Fräulein,« entgegnete Trick, die schlanke und wollüstige Taille der Amazone umfassend, »reiten Sie Trab, Galopp, was Sie immer wollen ... in voller Carrière meinetwegen! Ich bin zu glücklich, mit Ihnen auf einem Pferde zu sein.« Pelagie gab ihrem Pferde einen Schlag mit der Reitpeitsche, und dieses rannte mit der Schnelligkeit des Blitzes dahin. Trick umfaßte die Reiterin, aber trotzdem machte er auf dem Rücken des Renners Sätze und Höpse, daß er dadurch zu sonderbaren Grimassen genöthigt wurde. Bald fing der Renner Pelagiens, der nicht gewohnt war, zwei Personen zu tragen, an zu bocken, und Trick, der auf diese neue Art Exercitium nicht vorbereitet war, ließ seine Genossin fahren und rollte in den Staub. »Sie sind nicht stark!« sagte Pelagie lachend, »aber ich will Ihnen Unterricht geben. Haben Sie ein Pferd?« – Nein, Fräulein. – »Nun, da müssen Sie ein sehr schönes, sehr lebhaftes, sehr gut dressirtes kaufen, das geben Sie mir und ich werde Ihnen dafür dieses geben, das nie bockt, wenn es nur eine Person trägt.« Am andern Morgen bot Trick der schönen Amazone ein sehr hübsches Pferd an. Zwei Tage nachher ließ sich Fräulein Pelagie von Trick ein schönes Perlenhalsband schenken; einige Tage später Ohrgehänge mit Diamanten. Das junge Mädchen hatte unendlich viele Gelüste und sagte: »Um mir zu gefallen, muß man vor Allem meine Capricen befriedigen; ich werde nie an die Liebe eines Mannes glauben, der nicht alle meine Launen befriedigt.« »Sie muß überzeugt sein, daß ich sie liebe,« dachte Trick bei sich, »denn ich beeile mich, ihr Alles anzubieten, was Sie zu wünschen scheint. Aber ich bin auch überzeugt, daß sie erkenntlich dafür und rasend in mich verliebt ist.« Und Trick sagte bald darauf zu Pelagie: »An welchem Tage machen wir Hochzeit?« Und diese entgegnete: »Bald! aber ich muß erst Ihren Charakter noch besser studiren.« Der junge Mann konnte gar nicht begreifen, daß es an ihm so viel zu studiren gebe, und war auch darüber nicht zum besten gestimmt, daß Fräulein Pelagie viele andere junge Leute empfing. »Wenn es Liebhaber sind,« sagte Trick zu dem jungen Mädchen, »warum schicken Sie sie nicht fort? ... denn da ich Ihnen gefalle, so können Ihnen diese nicht auch gefallen.« Diese Folgerung war durchaus unrichtig, denn täglich gefallen uns zu gleicher Zeit viele Personen; deßhalb antwortete Pelagie auch nur kurz und lachend: »Diese jungen Leute besuchen meine Tante ... sie liebt Gesellschaft und es macht ihr Vergnügen, Leute bei sich zu sehen; ich bin eine zu gute Nichte, um ihr dieses Vergnügen nicht zu gönnen.« Aber eines schönen Morgens hatte Trick die Idee, bälder aufzustehen als gewöhnlich, um die Sonne aufgehen zu sehen; und so bemerkte er, als er in einem ziemlich dichtbewachsenen Gehölze spazieren ging, hinter einem Gebüsche Fräulein Pelagie mit einem schönen jungen Manne, wie sie ebenfalls die Sonne und auch noch andere Sachen aufgehen sahen. Trick wurde blaß, gelb, roth und blau vor Aerger, sich so haben anführen zu lassen. Was die junge Amazone anbelangt, so sagte sie lachend: »Ah, Sie spioniren den Leuten nach? ... Ich werde Sie unter keinen Umständen heirathen, Sie sind zu mißtrauisch ... und dann verstehen Sie nicht gehörig aufzusitzen .« »Um meine Geschenke bin ich geprellt,« dachte Trick auf dem Heimwege; »doch zum Glück habe ich das noch gesehen, ehe ich ihr Mann wurde. Nun, ich habe mich getäuscht ... ich hielt das junge Mädchen für etwas frei in ihrem Thun, aber ich sehe nun ein, daß sie es zu sehr ist. Daran ist ihre Tante Schuld, weil sie lahm ist. Ich werde mich an kein Mädchen mehr machen, deren Verwandte kontrakt sind. Wie gut es doch ist, daß ich heute Morgen so bald aufgestanden bin! Ich werde mir eine andere Frau suchen, aber dieses Mal werde ich mich nicht anführen lassen; ich will mich an eine solidere Adresse wenden. Offenbar war Fräulein Pelagie zu leichtsinnig, ihre Manieren riechen nach dem Stall, sie sind mir zu reitermäßig . Eine bescheidene und zurückhaltende Frau ist besser. O, ich werde finden, was ich brauche. Suchen wir nur es recht bald zu finden.« Dem jungen Trick pressirte es, das eheliche Band zu knüpfen; er sah nur in der Ehe das Glück; er dachte wie Voltaire schrieb: »... der Himmel ließ die Frauen werden, Den bösen Reiz zu dämpfen uns'rer Seele, Zu mildern uns're Launen und Beschwerden, Zu sänft'gen uns, zu bessern uns're Fehle.« Fräulein Pelagie hatte es jedoch auf eine eigenthümliche Weise angefangen, den bösen Reiz von Trickchen zu dämpfen! Aber mit achtzehn Jahren vergißt man schnell ein Mißgeschick. * Bald hatte der junge Mann erfahren, daß sich in einem hübschen Bürgershause, das von alten Rentiers bewohnt wurde, ein heirathsfähiges Fräulein befinde, und daß dieses Fräulein, das man wegen seiner Anmuth und Schönheit rühmte, auch ein Muster von Tugend sei. Trick begibt sich eines Tages keck zu den Eheleuten Romorantin, stellt sich als Nachbar vor, der ihre Bekanntschaft machen will, und sieht zum ersten Mal Fräulein Seraphinetta. Denkt euch eine Blondine mit blauen Augen und kleinem, lieblichen Munde, mit einer bescheidenen Stirne, auf welche schöne Haare in vollen Locken herabwallen, während andere noch weiter herunterfallen und sich schmeichelnd an einen Hals und Schultern von blendender Weiße schmiegen; kurz, denkt euch eine junge, niedliche, runde Person, mit kleinem, wohlgebauten Fuße, züchtigem, verschämten Gange, welche die Augen niederschlägt, wenn man sie ansieht, erröthet, wenn man mit ihr spricht, in Verlegenheit kommt, wenn sie antworten muß, und ihr habt einen Begriff von dem, was Fräulein Seraphinetta war. Indem Trick die Tochter des alten Geldmannes betrachtet, fühlt er sich auf der Stelle hingerissen, bezaubert, entflammt, verführt. Ihr findet vielleicht, daß Trick sehr leicht Feuer fing; ich entgegne euch, daß er damals erst achtzehn und ein halb Jahr alt war, und daß in diesen Jahren ein Mann schlecht organisirt ist, wenn er nicht so schnell in Flammen geräth, wie ein Paket Zündhölzchen; daß außerdem ein Mann beim Anblick einer Schönheit immer Feuer fangen muß, und er dazu auf der Welt ist! ... Fragt die Frauen, was das für ein Geschöpf von einem Manne sei, der nicht mehr Feuer fängt? ... etwas sehr wenig Unterhaltendes in Gesellschaft. Trick sagte zu sich: »Das ist die Frau, die mir ansteht: Reinheit, Bescheidenheit, Sanftmuth, Zurückhaltung ... fast immer schlägt sie die Augen nieder! Welch' ein Unterschied zwischen jener treulosen Pelagie, deren Augapfel aussah, als wollte er bis unter meine Weste hindurchdringen, und die eine Art Gangwerk hatte, das so ziemlich dem Cancan ähnlich sah, den ich in Paris habe tanzen sehen. Ich werde das junge Mädchen heirathen ... ich will gerne glauben, daß ich ihr anstehen werde; sie hat mir noch nie in's Gesicht gesehen, aber ich meine, so von der Seite habe sie mich ein wenig angeblinzelt. Dann sieht sie so gehorsam, so unterwürfig gegen ihre Eltern aus, daß, wenn diese zu ihr sagen: »›Du wirst Frau Trick!‹« sie, ich wette darauf, zur Antwort gibt: »›Mit Vergnügen, Papa; sobald Sie wollen, Mama‹« Trick beeilte sich, bei den Eltern anzuhalten. Herr Romorantin war ein großer, magerer, gelber, trockener Greis, der viel Ähnlichkeit mit einem Raben hatte; seine Frau Gemahlin war ein kleines Frauchen, etwas bucklig und sehr krummbeinig, die ganz leicht die Fee Carabosse hätte vorstellen können. Die Eltern der schönen Seraphinetta thaten viele Fragen an den jungen Trick über seine Stellung, sein Vermögen; dann erlaubten sie ihm, zu hoffen , und sagten: »Indessen wollen wir Sie besuchen, um uns von Ihrer Lage zu überzeugen.« Trick nahm diesen Vorschlag mit Freude auf. Er lud die Familie Romorantin ein, sein Haus als das ihrige zu betrachten und so oft es ihr beliebe bei ihm zu speisen. Man muß gestehen, daß der alte Herr, der einem Raben ähnlich sah, eine sehr ausgesprochene Neigung für die Tafel hatte, und daß Madame Carabosse, seine Gemahlin, trotz ihres Alters, außerordentlich kokett war. Herr Romorantin quartirte sich also bei Trick ein: er setzte sich des Mittags an den Tisch und blieb da, bis er zum Schlafengehen nach Hause mußte, dabei war man noch genöthigt, ihn heimzuführen, manchmal sogar heimzutragen, weil seine Beine ihm jeden Dienst versagten. Was Madame Romorantin anbelangt, so mußte der junge Trick, um gut von ihr aufgenommen zu werden, ihr jeden Tag irgend ein Kleidungsstück, einen Schmuck oder einen Flitterkram bringen. Dafür erhielt aber auch Trick manchmal die Erlaubniß, im Garten allein mit Fräulein Seraphinetta spazieren zu gehen; das war eine große Gunst, denn die alte Kokette sagte oft: »Meine Tochter wurde mit einer heut zu Tage seltenen Sorgfalt erzogen. Sie hat eine stolze Erziehung genossen, aber sie hat allen ihren Unterricht unter unsern Augen empfangen! Wir hätten sie mit keinem Professor allein gelassen, selbst wenn er neunzig Jahre alt gewesen wäre. Seraphinetta ist musikalisch und malt, sie kennt die Geographie, Geometrie, Algebra, Astronomie ... sie ist sogar sehr stark in der Astronomie! es gibt keinen Stern am Himmel, den sie nicht am kleinen Finger herzählen könnte; sie wäre sogar fähig geworden, die Finsternisse und Kometen vorherzusagen. Aber da ihr Professor ein sehr hübscher Bursche war, so habe ich gedacht, sie wisse bereits genug von der Astronomie, und man dürfe diese Wissenschaft nicht zu weit treiben. Unsere Tochter ist ein Schatz, man muß sich seines Besitzes würdig machen.« Trick versäumte nichts, um in den Besitz des Schatzes zu gelangen; er ließ den alten Romorantin sich täglich in den besten Weinen seines Kellers betrinken, er richtete sich mit Geschenken an die Madame Carabosse zu Grunde, und man sagte ihm endlich Seraphinetta zu und erlaubte ihm, ihr seine Liebe zu erklären. Als Trick zur kleinen bescheidenen Blondine sagte, daß er sie anbete und ihr Gemahl werden wolle, begnügte sich diese, die Augen niederzuschlagen, eine Verbeugung zu machen, indem sie sagte: »Wie Sie wollen, mein Herr.« Dieses »Wie Sie wollen,« schien dem jungen Manne ziemlich unbestimmt zu sein; er fragte also nochmals, während er sich zugleich bemühte, in seine Stimme alle Liebe zu legen, die er empfand: »Aber, Fräulein, wird das Ihnen nicht auch Freude machen?« – O! mir, mein Herr ist das gleichgültig. – »Ah! das ist Ihnen gleichgültig, sich zu verheirathen? Sie haben also keine Neigung zu mir?« – Ich weiß es nicht, mein Herr. – »Ah! Sie wissen nicht, ob Sie mich lieben?« – O! ich, ich liebe Jedermann, mein Herr.« Statt diese Antwort für eine zukünftige Gattin wenig beruhigend zu finden, sah Trick darin den Ausdruck des höchsten Grades von Unschuld, er sprang vor Freude in die Höhe ... und wäre Seraphinetta an den Hals gesprungen, wenn er es gewagt hätte; allein die Achtung hielt ihn ab und er begnügte sich, ihr die Hand respektvoll zu küssen und zu sagen: »Fräulein, Sie werden die Crème aller Gattinnen und ich die aller Männer sein!« Trick bedachte nicht, daß aus einer solchen Verbindung leicht Käse entstehen kann. Er war auf dem Gipfel seiner Wünsche. Noch am nämlichen Tage machte er der alten Buckligen ein prächtiges Geschenk, und diese sagte zu ihm: »Sie werden nächste Woche mein Eidam.« Und Abends brachte er seinen Schwiegervater in spe tüchtig benebelt nach Hause, der zwar nicht im Stande war, ihm etwas zu sagen, aber ihn lallend umarmte, und ihn mit ungeheurer Weinrührung entließ. Im Augenblick, wo er in seine Wohnung treten wollte, bemerkte Trick, daß er noch den Schlüssel in der Tasche habe, der das Thorgitter an dem Garten seines künftigen Schwiegervaters schloß. Da kam ihm plötzlich eine Idee in den Kopf und er sagte zu sich: »Jetzt schnarcht der alte Romorantin, und wahrscheinlich macht es seine Frau ebenfalls so; wenn ich jetzt in ihr Haus zurückkehrte ... das Fenster von Fräulein Seraphinetta geht auf den Garten und sie wohnt zu ebener Erde ... das Mädchen kann noch nicht eingeschlafen sein ... man schläft nicht so schnell ein, wenn man auf dem Punkte steht, sich zu verheirathen ... ich will leise an ihr Fenster klopfen, sie wird aufmachen und dann plaudern wir noch ein wenig, ich im Garten, und sie an ihrem Fenster; das ist gewiß nicht unanständig, und da ich ja in acht Tagen ohnehin der Gemahl des hübschen Kindes werde, so ist es kein großes Verbrechen, wenn ich ein wenig mit ihr im Mondschein plaudere ... auch ist das Wetter gerade schön und man sieht fast so deutlich als bei hellem Tage.« Trick ging also gegen das Haus der Familie Romorantin zurück. Mit Hülfe des Schlüssels, den er besaß, öffnete er die Gitterthüre und war bald mitten im Garten. Dieser Garten, in dessen Hintergrund das Haus stand, war ziemlich groß und auf englische Art mit krummen Wegen, dichten Gesträuchen und dergleichen angelegt. Als Trick durch diesen Theil des Gartens ging, glaubte er in seiner Nähe sprechen zu hören: er blieb stehen. Das Geräusch kam aus einem Syringenbusche, der gerade vom Mond beleuchtet war; Trick dagegen, der sich im Schatten befand, hatte nicht zu fürchten, gesehen zu werden. Ein Ton, der dem mehrerer schnell auf einander folgenden Küsse sehr ähnlich war, hatte unsern jungen Verliebten nicht wenig beunruhigt, der nun, als er das Laubwerk sachte auseinander bog, Fräulein Seraphinetta ganz nahe neben einem hübschen Jungen sitzen sah, der, sie in seine Arme schließend, zu ihr sagte: »Ich habe Dich fast alle Sternbilder und Planeten kennen gelehrt, den großen Bären, Venus, Merkur, die drei Könige und eine Menge anderer, die den Glanz Deiner Augen nicht haben, und das Bild des Stiers stellt sich Dir in Deinem Bräutigam sogar bei Tage dar; jetzt, meine süße Freundin, laß mich nur noch Studien über den Mond mit Dir vornehmen. Ich bin froh, daß der Ochse, den Du heirathest, Dich in Beziehung auf die Astronomie nichts mehr zu lehren braucht.« Und alsbald fing der schöne Professor an, sich dem Studium mit seiner jungen Schülerin zu überlassen, die sich außerordentlich gelehrig zeigte und das lebhafteste Verlangen zu haben schien, sich recht viel beibringen zu lassen. Trick war einen Augenblick wie versteinert, als er ein Viertel des Mondes sah, auf das der Professor seine Studien richtete; aber bald hatte er sich gefaßt, er schlug ein schallendes Gelächter an und entfernte sich indem er sang: »Hast Du gesehen Den Mond aufgehen?« Ja. liebes Kind. Er wächst geschwind.« Und am andern Morgen warf er den alten Raben, der sich abermals einen Haarbeutel bei ihm holen wollte, zur Thüre hinaus. * Indessen hatten diese beiden Abenteuer die Eitelkeit des jungen Trick etwas niedergeschlagen, er war fast genöthigt, sich zu gestehen, daß er sich noch einmal habe anführen lassen, und daß er sich auf die Frauen doch nicht so gut verstehe, als er gemeint hatte. Wenn er ganz aufrichtig gewesen wäre, so hätte er sich gesagt, daß er sich gar nicht auf sie verstehe. Ein Anderer hätte genug gehabt, und den Gedanken, zu heirathen, aufgegeben. Aber Trick hielt viel darauf, verheirathet zu sein, und man sagt, daß man seinem Schicksal nicht entgehen könne. Eines Tages war Trick in Gesellschaft einer jungen, ziemlich häßlichen Wittwe begegnet, die, wie man sagte, ihren Verblichenen sehr glücklich gemacht haben sollte. Er stellte sich ihr vor, machte seinen Antrag: man nahm ihn an, und nach Verfluß von vierzehn Tagen heirathete er. »Bei Gott!« rief Trick am Morgen nach seiner Hochzeit aus, »ich habe sehr wohl daran gethan, eine Frau zu nehmen, die nicht hübsch ist, ich kann wenigstens im Punkte ihrer Treue ruhig sein. Ich weiß zwar wohl, daß es traurig ist, eine Häßliche nehmen zu müssen, um nicht die Befürchtung zu haben, daß man zum Hahnrei werde; aber man gewöhnt sich am Ende an das Gesicht, während ich mich nie hätte daran gewöhnen können, angeführt zu werden.« Zwei Monate nach seiner Verheirathung ging Trick zufällig in seinen Keller hinab, wohin er sonst nie kam, und überraschte da seine Frau in außerordentlich verbrecherischer Unterhaltung mit einem Nachbar, der sich angeboten hatte, ihm seine Flaschen zuzupfropfen. »Der Teufel hole den Nachbar mit seiner Pfropferei!« sagte Trick zu sich, seine Sinn reibend »da ich dem Kopfschmuck nun einmal nicht entgehen konnte, so halte ich eben so gut daran gethan, eine Hübsche zu nehmen.« Und Trick verließ seine Frau und ging fort, um allein in irgend einem kleinen Winkel der Erde zu leben, indem er zu sich selbst sagte: »Ich will Niemand sehen, mit Niemand zu thun haben: denn dann müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn ich noch einmal angeführt würde.« Auf diesem beharrte Trick eigensinnig. Er wollte durchaus nicht einsehen, daß in dieser elenden Welt diejenigen Leute die glücklichsten sind, die sich am leichtesten anführen lassen. Vanitas vanitatum et omnia vanitas! (O! Eitelkeit über Eitelkeit ... Alles ist eitel!) Die Kaffeehäuser Paris ist die Stadt der tausend und ein Kaffeehäuser. In den volkreichen Vierteln gibt es Straßen, worin gegen zwanzig sich befinden; in der St. Honore-Straße sind noch mehr. An jeder Ecke sieht man einen Boulevard, und manchmal sind auf einem einzigen Boulevard mehr als ein Dutzend (z. B. auf dem Boulevard du Temple). Ja, kaum hat man ein neues Haus gebaut, eine neue Straße eröffnet, so entsteht ein Kaffeehaus, und nun gilt es, die Concurrenten durch Luxus und Pracht zu überbieten. Sonst genügten einige Spiegel, acht bis zehn Lampen, um ein Kaffeehaus comfortable zu machen. Aber jetzt müssen überall Spiegel, mit eleganten Gemälden verzierte Plafonds, vergoldete Pilaster und Gasbeleuchtung im Ueberfluß sein; so sehr, daß wenn man Abends in eines der hübschen Kaffeehäuser tritt, von denen Paris gegenwärtig besäet ist, man geblendet, ja fast blind wird, und viele Leute sich scheuen, nur ein Gläschen zu verlangen. Und wir sprechen hier nicht von den Kaffeehäusern, die zugleich Speisewirthschaft treiben und die auf prächtigem Fuße eingerichtet sind: wir bleiben bei den eigentlichen Kaffeehäusern stehen. Aus der Zahl dieser Etablissements läßt sich natürlich schließen, daß die Pariser sie sehr häufig besuchen, und wirklich, die Zahl der Leute, die ohne Kaffeehäuser gar nicht leben können, ist groß in dieser großen Stadt! Was soll der Krämer thun, wenn er Abends, nachdem er seine Papiere geordnet, seinen Kaffenbestand gezählt, seinen Hund geliebkost und mit seiner Frau gezankt hat, nicht in ein in der Nähe liegendes Kaffeehaus gehen könnte, um mit einigen Freunden zusammenzutreffen, mit denen er eine Partie Domino, Damenziehen oder Piquet spielt und nebenbei die Welt reformirt? Wohin geht der Commis, wenn er während des Tags oder Abends einen Augenblick aus seinem Magazin sich fortschleichen kann? ... In's Kaffeehaus! Er geht dahin ohne Hut, läuft ein Journal durch, plaudert mit der Dame des Büffets, sagt ihr Süßigkeiten, wenn sie hübsch ist, und entfernt sich mit den Worten: »Stellen Sie meine Flasche Bier auf die Seite, ich werde sie später vollends austrinken.« Es muß Kaffeehäuser geben für die Strolche, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen; für die Neuigkeitsschnapper, die nach allen Blättern fahren und keines lesen, die drei oder vier Mal den Tisch wechseln, ehe sie einen Platz finden, der ihnen zusagt, und die sich Mühe geben, zu hören, was man neben ihnen spricht. Es muß Kaffeehäuser geben für die Leute, die Geschäfte machen. Hieher bestellen sie oft ihre Clienten: ein Kauf wird abgeschlossen, ein Verkauf kommt zwischen einer Tasse und einem Gläschen in's Reine, und zuweilen zerschneidet eine Bowle Punsch ein Hinderniß und gleicht eine Differenz aus. Die Schriftsteller gehen ziemlich regelmäßig in das Kaffeehaus des Theaters, dem sie ihre Stücke geben; da lesen sie die Critiken der Blätter und erzählen den täglichen Gästen alle Hindernisse, die sich der Aufführung ihrer Stücke in den Weg gelegt haben; sie geben zu verstehen, daß ihr Stück, um alle diese Hindernisse zu überwinden, nothwendig großes Verdienst haben muß. Dann kommt auch der Schauspieler; der Schauspieler, der Jedermann kennt und den Jedermann kennt, der überall mit Kopfnicken und Händedrücken begrüßt wird, der nicht oft das Blatt liest, weil er fürchtet, ein schlechtes Compliment über seine Leistungen darin zu entdecken, der sich aber genau erkundigt, ob Jemand gut von ihm gesprochen habe. Dann die Billardspieler; denen ist es nicht um das Kaffeehaus als solches zu thun, sie fragen nur: »Ist es frei?« Und wenn eine bejahende Antwort erfolgt, so eilen sie die Treppe hinauf, die zum Billard führt, ohne sich auch nur weiter umzusehen. * In Paris gibt es Leute, die ihr Leben im Kaffeehause zubringen. Morgens gehen sie dahin und bemächtigen sich aller Blätter, ehe sie noch an dem Kreuzband genommen werden; wenn man deren nur sechs ganz lesen will, hat man einige Stunden zu thun. Diese Leute frühstücken im Kaffeehaus, dann plaudern sie und schwatzen von Geschäften oder Politik; manchmal machen sie Miene, als ob sie fortgehen wollten, allein sie gehen nicht. Manchmal kommt ein Kaffeehausjunge und sagt zu ihnen: »Mein Herr, Sie sollen nach Hause kommen ... Ihre Frau Gemahlin läßt Sie bitten, zu ihr zu kommen ... sie hat mit Ihnen zu sprechen.« Dann macht der Kaffeehausgast eine ungeduldige Bewegung und murmelt: »Das ist nicht zum Aushalten; man hat keinen Augenblick für sich.« Endlich entschließt er sich fortzugehen; doch sagt er noch fürsorglich: »Wenn man nach mir fragt, ich werde nicht lange aus sein.« In der That kommt der Herr auch in kurzer Zeit wieder, wie Jemand, der sich eine Last vom Halse gewälzt hat. Sobald er wieder im Kaffeehaus ist, athmet er von Neuem auf, es ist ihm wohl, er ist glücklich, er ist daheim ... denn hier ist seine eigentliche Wohnung; das Haus, wo er Zimmer hat, ist für ihn nur eine Art Niederlage, wo er seine Frau, seine Kinder und seine Möbeln untergebracht hat. Er bleibt im Kaffeehaus bis zur Zeit des Mittagessens; die Leute, die mit ihm sprechen müssen, suchen ihn hier auf. Manchmal begegnet es ihm, daß er in der Anstalt sein Mittagessen einnimmt; es ist zwar keine Gastwirthschaft, allein er ist zufrieden mit der bürgerlichen Küche des Inhabers. Abends kommen die Bekannten; die Dominopartien bilden sich. Der Herr spielt, trinkt, plaudert, wird warm und verläßt den Tisch nicht, bis endlich die Gasflamme erlischt. Das ist das Zeichen zum Rückzug; die Jungen schließen das Kaffeehaus. Unser Alltagsgast kann sich nur schwer zum Fortgehen entschließen; manchmal läßt er sich eine Kerze geben, um sein Spiel fortzusetzen oder das Abendblatt zu lesen. Endlich sagt er dem Wirthe gute Nacht; die Dame an dem Büffet hat sich schon längst zurückgezogen; die Jungen sind im besten Geschäft, ihr Bett in dem Saal aufzuschlagen; er sieht nach der Uhr und sagt: »Ihr schließt heute Abend bald.« – Aber es ist ja schon Mitternacht vorüber ... Sie sehen wohl, daß die Gasflamme erloschen ist, und dies geschieht erst nach Mitternacht. – »Eure Uhr geht eben um eine Viertelstunde vor. Nun, auf Wiedersehen ... morgen.« Und manchmal sagt der Herr noch, wenn er fortgeht, um sich schlafen zu legen, aus Gewohnheit: »Wenn man nach mir fragt, ich komme gleich wieder.« * Wenn die Boulevards, das Viertel des Palais-Royal, die Vorstadt St. Germain durch ihre Kaffeehäuser sich auszeichnen, so findet ihr in den weniger besuchten Straßen der Hauptstadt bescheidenere, die nicht mit Gas beleuchtet sind, weder Gemälde noch Vergoldungen haben, und sich mit einigen Spiegeln, die aus mehreren Stücken bestehen und mit Pappdeckel-Rahmen eingefaßt sind, begnügen. In diesen Kaffeehäusern befindet sich nie ein Billard. Die Dame an dem Büffet ist gewöhnlich vierzig bis fünfzig Jahre alt; sie sieht im Gesicht und am Leibe wohl genährt aus, trägt unter der Haube, eine dicke Tour mit falschen krausen Locken, näht oder stickt fast in Einem fort, und unter Tags kommt eine fast eben so reife Nachbarin wie sie selbst zu ihr, die neben ihr Platz nimmt und Strümpfe strickt oder flickt. Das Comptoir, das aus alten Mahagoni- und mit Marmor eingelegten Möbeln besteht, ist außerordentlich einfach. Auf einer Seite stehen ein halbes Dutzend Likör-Flaschen in einem alten Wortteil unleserlich. Re. chenfutter aus lakirtem Eisenblech; der Likör selbst, der um die Mehrzahl der gläsernen Pfröpfe candirt und vertrocknet ist, zeigt an, daß nicht viele Vanille noch Parfait d'Amour verlangt wird. Auf der andern Seite des Comptoirs sieht man neben einem Trichter, der ebenfalls, aus Eisenblech besteht, einen Topf mit Reseden oder Levkojen; manchmal, am Namensfest der Madame, enthält der Topf eine Dahlie; dann sieht man die Thüre des Kaffeehauses sperrweit offen stehen. Der Herr des Kaffeehauses, der Gemahl der Dame auf dem Comptoir, ist ein Mann von etwa fünfzig Jahren, Besitzer eines hübschen Anzuges und eines großen Bauches. Gewöhnlich ist er ohne Halstuch, um anzuzeigen, daß er zu Hause ist; er geht in seinem Kaffeesaale mit sehr zufriedener Miene auf und ab, kommt und geht und untersucht seine Tabaksdose, bleibt stehen, wie wenn er sehr beschäftigt wäre, thut aber weiter nichts als hie und da eine Prise nehmen, sich schnäuzen, husten und die Blätter von einem Tische auf einen andern tragen. Wenn wir sagen die Blätter, so muß man nicht glauben, daß man in einem solchen Kaffeehause viele trifft. Gewöhnlich begegnet man nur zwei bis drei; der Gerichtszeitung, dem Constitutionnel und den allgemeinen Anzeigen; sehr oft findet man nur das Tagblatt. Das Personal der Einrichtung besteht neben dem Mann und der Frau und einem mit Pflastern bedeckten alten Hunde, der immer auf einem der Tische schläft, aus einem Kellner, der seine sechzig Jahre auf dem Rücken hat, der sich aber alle mögliche Mühe gibt, noch jung und gewandt zu erscheinen. Dieser Kellner hat eine blonde Perrücke mit viel zu kurzen Haaren über den Ohren, so daß man seine eigenen grauen hervorschimmern sieht. Sommers wie Winters und immer trägt er, um sich ein jugendliches Ansehen zu geben, zu seiner Tuchjacke Nankinbeinkleider und blaue Strümpfe. Die Hose geht in Folge des Waschens nur noch bis auf die Mitte der Waden, und der alte Kellner bringt einen guten Theil seiner Zeit damit zu, sie hinunter zu ziehen, damit sie sich nicht vollends in eine Halbhose verwandle; die wenige Zeit, die ihm sein Dienst wegnimmt, erlaubt ihm, sich häufig dieser Art Uebung zu überlassen. Dieser Kellner läßt sich Alexander rufen, weil es immer Alexanders unter den jungen Kellnern gibt, die im Kaffeehaus zur Stadt Paris, im Kaffeehaus zur Rotunde, im Café Anglais, kurz in den schönen Kaffeehäusern von Paris aufwarten. Alexander ist mehr Hausfreund als Kellner. Der Herr gibt ihm Tabak, macht sein Spiel mit ihm und fragt ihn um seine Meinung, wenn er eine Lampe kaufen oder auf ein Blatt abonniren will. Die Frau wagt nicht, ihm zu klingeln, wenn er auf einem Tische eingeschlafen ist, oder wenn sie ihn zu sehr damit beschäftigt sieht, seine Nankinbeinkleider nach unten zu ziehen. Endlich speist er mit seiner Herrschaft und grollt, wenn der Braten angebrannt oder nicht genug Butter an der Sauce ist. Abends spielt er seine Partie Lotto mit seinen Bürgern und vier bis fünf Alltagsgästen, ordentlichen Leuten, die um sechs Uhr kommen und regelmäßig um halb elf Uhr gehen, so daß ein solches Kaffeehaus um elf Uhr geschlossen wird. Alles dieses macht den Eindruck einer sehr einigen Familie und sieht durchaus nicht einem Kaffeehaus gleich. Man findet da weder Eis noch Sorbet, und statt der Limonade trägt man euch Etwas auf, das sehr viel jenem Getränke ähnlich sieht, welches die Verkäuferinnen auf dem Boulevard in Karaffen verkaufen, und mit dem bescheidenen Namen Zuckerwasser beehren. Manchmal, gegen neun bis zehn Uhr Abends führt der Zufall einige junge Leute, die den Weg verloren oder etwas unregelmäßige Gewohnheiten haben, in ein solches Kaffeehaus. Zu dieser Zeit sitzen die vier Stammgäste, die Bürger und der Kellner, um einen Tisch in einem Winkel des Saales herum und sind sehr in eine Partie Lotto versunken. Sie spielen den Stein um einen Sou, und da schon sehr viele Steine gezogen sind, so ist die Spannung allgemein. Die jungen Leute treten in das halberleuchtete Kaffeehaus; alle Tische, sind leer, mit Ausnahme des, an dem die Lottospieler sitzen, und eines andern, auf dem der alte Hund schläft. »Eine Bowle Punsch!« ruft einer der neuen Ankömmlinge, während seine Freunde sich an einen Tisch setzen, der in der Nähe des von dem Thiere besetzten steht. Die Ankunft dreier Personen auf einmal hat bereits Unruhe im Kaffeehaus verbreitet, da man nicht gewohnt ist, so viele Gäste zu empfangen; der alte Alexander ist böse, daß er sein Lotto verlassen muß, weil er mehrere Quaternen hat; er läßt seinen Herrn zuerst aufstehen und, die Serviette in der Hand, graciös auf die neuen Ankömmlinge zugehen. Aber als sie hören, daß man eine Bowle Punsch verlangt, malt sich eine sehr sichtbare Verlegenheit auf den Gesichtern der Herrschaft und ihres Kellners. Der Herr läuft gegen den Lottotisch und sagt mit halblauter Stimme und mir bestürzter Miene: »Diese Herren wollen Punsch!« »Punsch!« entgegnet die Frau und reißt die Augen auf, wie Jemand, der eine unbekannte Stimme hört; »Punsch! ... aber ich meine, wir haben keinen!« »Man macht, meine Liebe ... das geschieht mit Thee, Citronen, Weingeist oder Rum und Zucker! ... Wie, Alexander! man muß diesen Herren Punsch machen ...« »Das ist lustig ... ich hatte drei Quaternen ... ich hätte das Spiel gewonnen.« »Man wird für Sie setzen.« »Es ist mir lieber, wenn man wartet.« Alexander entschließt sich endlich, das Lotto zu verlassen, und nachdem er seine Beinkleider heruntergezogen hat, gibt er dem Tische, an dem die jungen Leute sitzen, einen Wischer mit der Serviette und sagt: »Was wünschen die Herren?« »Wir haben Punsch verlangt.« »Ah! ... gut. Würden Sie nicht Bier vorziehen ... wir haben köstliches.« »Wenn wir Bier wollten, hätten wir nicht Punsch verlangt.« »Gehen Sie doch, alter Bursche, und bringen Sie uns eine Bowle mit Rum, aber mit einem feinen.« Alexander geht, sehr zornig darüber, daß man ihn einen alten Burschen geheißen hat, zu seinen Bürgern hin und murmelt: »Und das Feuer ist ausgegangen ... das wird lustig werden! ... Ziehen Sie nicht ohne mich ... sie wollen ihn mit Rum ... ist noch welcher da?« »Ja, ja,« entgegnet der Herr mit zufriedener Miene, »wenigstens noch eine Drittelsflasche ... das ist zwar nicht sehr viel ... aber man muß doch damit ausreichen.« »Aber wie,« sagt die Dame, »ich habe weder Thee noch Citronen ... man kann jedoch beim Kaufmann und der Obsthändlerin holen lassen ... wenn sie noch nicht zu Bette gegangen ist.« »Das ist nicht der Mühe werth, man macht ihn ohne das Zeug ... braucht man denn diese Dinge so notwendig, um Punsch zu machen?« »Warten Sie mit dem Ziehen, bis ich komme!« »Richten Sie den Punschnapf und die Glaser ... und dann Teller ...« In einem solchen bescheidenen Kaffeehaus ist ein silberner Punschnapf ein unbekannter Luxus. Und die Dame sucht ein Geschirr, und entschließt sich endlich zur Suppenschüssel. Während sie solche reinigt, wirft der Wirth Alles durcheinander, um einen Teller zu suchen, und die vier Stammgäste reiben mit den Sacktüchern die Gläser, die mit edlem Staube bedeckt waren; es ist dies ein sehr belebtes Gemälde. Indessen jagt einer der jungen Leute, indem er seinen Hut auf den nebenstehenden Tisch legen will, den darauf liegenden Hund ziemlich unsanft hinunter, indem er sagt: »Das ist einmal ein ungezogenes Thier.« Die Frau des Hauses stößt einen Schrei aus, als sie ihren Hund fallen sieht und ruft aus: »Ach, Herr, sehen Sie denn nicht, daß er drei Pflaster hat?« »Ein Grund mehr, Madame, daß seine Nachbarschaft unangenehm ist.« Em Bürger hebt den Hund auf und trägt ihn auf dem Arme fort, während er sagt: »Es ist nichts, liebe Freundin ... er hat sich nicht verwundet ... er ist auf den Schwanz gefallen.« Indessen wartet man auf den alten Alexander, der das Feuer im Laboratorium anbläst. »Wo steckt denn der Punsch!« rufen die jungen Leute, die merken, daß sie sich verirrt haben. »Im Augenblick, meine Herren ... er ist sogleich fertig.« Eine Viertelstunde vergeht. Der Wirth ist mehrere Male in das Laboratorium gegangen, und jedes Mal sagt er bei der Rückkunft: »Im Augenblick, meine Herren, werden Sie bedient werden.« Und die jungen Leute lärmen: »Ach! was ist das für ein Kaffeehaus, wo man so ungeheuer lange warten muß, bis man ein so einfaches Getränke bekommt!« Endlich kommt der alte Alexander aus dem Laboratorium, das Gesicht voll Kohlenstaub, die Perrücke fast umgekehrt und Schweiß auf der Stirne; er nimmt das Gefäß, den Teller, kehrt an seinen Ofen zurück und trägt mit stolzer Miene die verlangte Bowle Punsch auf. Als die jungen Leute die Suppenschüssel erblicken, rufen sie: »Was ist das? ... eine Suppe?« »Das ist Ihr Punsch, meine Herren,« entgegnet der Kellner, seinen Teller auf den Tisch setzend. »Der sieht komisch genug aus!« »Ich hätte es für Bouillon gehalten!« »Ich glaube wirklich, er hat Augen!« »Zünden Sie ihn uns wenigstens an.« »Diese Herren wollen ihn anzünden?« »Ja, bringen Sie Feuer!« Alexander geht an den Lottotisch und sagt mit Mitleid erregender Miene: »Sie wollen, daß man ihn anzünde.« »Wie, wie!« ruft die Frau vom Hause ganz erschrocken, »man will bei mir anzünden? ... Ich dulde es nicht!« »Ach nein, liebe Frau,« entgegnet der Herr lächelnd, »nur den Punsch anzünden ... das geht ... das ist erlaubt.« »Ach! das ist etwas Anderes; aber lieber Freund, gewiß hält das mein hübscher Fayencetopf nicht aus ... er zerspringt.« »Nein ... nein ... wie, Alexander! nehmen Sie doch ein Zündholz und zünden Sie ihn an.« Der alte Kellner nimmt ein Licht und versucht es, den Punsch anzuzünden: umsonst verbraucht er ein halbes Schächtelchen Zündhölzchen, umsonst verbrennen die jungen Leute alles Papier, das sie bei sich haben, der Likör will nicht brennen. Und die Wirthin sagt ganz leise: »Ich bin froh, daß sie ihn nicht anzünden können ... meine Schüssel wäre zerbrochen.« Man muß sich entschließen, den Punsch ohne daß er brennt zu trinken; allein er riecht nach Rauch, Kohlen und Wasser. Die jungen Leute, die ihn abscheulich finden und nicht trinken können, zahlen eilends und gehen fort, während sie ausrufen: »Welch' ein Kaffeehaus! Großer Gott! ... das ist eine wahre Spelunke!« Der alte Alexander läuft nach der Bowle und ruft, den stehen gelassenen Punsch trinkend: »Sie sind nicht zufrieden! ... Und ich versichere Sie, er ist köstlich.« Der Herr kommt, versucht ihn seinerseits und ruft »Er ist sehr gut ... zwar nicht sehr stark ... aber sehr gut.« »Im Ganzen,« sagt die Dame, »ist es mir lieber, wenn die Herren nicht wieder kommen. Ich bin überzeugt, daß es leichtsinnige Bursche sind ... sie würden Scenen hier aufführen und ich liebe die Ruhe.« Die Gesellschaft, die noch ganz bewegt ist über die Wirkung, die das Verlangen einer Bowle Punsch in dem Kaffeehaus hervorgebracht hat, geht nun wieder an ihr Lottospiel. Man wird vielleicht schwerlich glauben, daß es in einer Stadt wie Paris noch solche Kaffeehäuser gibt; aber es ist dies ein Gemälde, in welchem bloß Wahrheit aufgetragen ist. Indessen müssen wir sagen, daß viele Art Kaffeehäuser von Tag zu Tag seltener werden; in einigen Jahren wird man ohne Zweifel keine solche mehr in der großen Stadt finden, und wahrlich, diejenigen, die das Unglück hatten, dort etwas zu sich zu nehmen, werden nicht in Versuchung kommen, diesen Verlust zu bedauern.