Curt Floericke Helden der Wildnis Erzählung aus den Urwäldern Südamerikas Vorwort. Diese Jugendschrift soll in ihrer Art auch ein Beitrag zum Kampfe gegen die Schundliteratur sein. Wenn dessen Erfolg den gehegten Erwartungen bisher noch nicht ganz entsprochen hat, so liegt das meiner Überzeugung nach zum großen Teile daran, daß die betreffenden Bücher vielfach zu nüchtern und zu trocken, zu arm an Handlung und Erlebnissen, mit einem Worte zu langweilig sind. Wir sind aber alle einmal wilde Jungen gewesen und sollten daher wissen, daß die Jugend Abenteuer liebt und alles aufdringlich Moralisierende oder Belehrende flieht. Wir haben alle dereinst in unserm »Robinson« die endlosen erbaulichen Gespräche des Helden mit seinem Freitag überschlagen und dafür mit atemloser Spannung seine Kämpfe mit den Wilden verfolgt. Dem kann und muß auch der Schriftsteller bis zu einem gewissen Grade Rechnung tragen. An Abenteuern fehlt es nun in dem vorliegenden Buche wahrlich nicht, aber sie gründen sich auf wahre Vorgänge, und es wurden dabei die Berichte der südamerikanischen Forschungsreisenden, von Rengger und dem Prinzen Wied an bis zu den neuesten Erforschern des Chaco und des Xingu, sorgfältig benutzt. Bei den eingestreuten Naturschilderungen konnte der Verfasser teilweise auch aus eigener Erfahrung sprechen. Die Schilderung der Indianerstämme entspricht dem gegenwärtigen Zustande unseres ethnographischen Wissens. Auch Darstellungen der wirtschaftlichen und Handelsverhältnisse Südamerikas wurden in zwangloser Weise eingeschoben, und zugleich wird der jugendliche Leser mit dem wichtigsten Abschnitte aus der neueren Geschichte Brasiliens vertraut gemacht. So hoffe ich, daß er sich beim Verfolg der abenteuerlichen Handlung unwillkürlich manche nützliche Kenntnisse erwirbt, und gerade das ist ja meines Erachtens der Hauptzweck jugendlicher Unterhaltungslektüre. Dr. Kurt Floericke. Erstes Kapitel. Die Beschießung von Rio de Janeiro. Mit vollem Rechte gilt die Bucht von Rio de Janeiro als einer der schönsten Plätze der Welt. Selbst das am Bosporus so malerisch gelegene Konstantinopel oder die Bai von Neapel mit dem rauchenden Vesuv im Hintergrunde und dem steil ins Meer vorspringenden Posilippo und der grünen Insel Capri im Vordergrunde vermögen sich an landschaftlicher Schönheit und Anmut kaum mit der Lage der Hauptstadt Brasiliens zu messen. Das sich hier dem entzückten Auge darbietende Bild hat vor allem den Vorzug größter Abwechslung und einer unendlich üppigen, tropischen Vegetation. Land und Meer, Fels und Gebirge vereinigen sich hier zu einem wunderbaren Gemisch, das fast den Eindruck macht, als habe hier in grauer Vorzeit ein Kampf zwischen felsenschleudernden Titanen stattgefunden, zwischen den Geistern sturmgepeitschten Wassers und denen starren, trotzenden Gesteins, wobei keine Partei Sieger geblieben sei. Es ist ein unnennbar reizvolles Gewirr von unzähligen großen und kleinen Eilanden im Vordergrunde, die bald nackte Felsklippen darstellen, bald üppig bewaldete Inseln; weit breitet sich die blaue Flut der bergumgürteten Bucht aus, deren Wogen sich unter dem Hauche einer erfrischenden Brise nur leise kräuseln, während der Wind vom Lande her unsere Sinne mit den berückendsten Blumendüften umschmeichelt. Fast sieht es aus, als befände man sich hier in der Mündung eines gewaltigen Stromes, wie ja auch der Entdecker dieses paradiesischen Erdenflecks, der berühmte portugiesische Admiral Amerigo Vespucci, der dem neuen Erdteil seinen Namen gab, in diesen Irrtum verfiel und, da er gerade am Neujahrstage hier landete, die Gegend Rio de Janeiro, d. h. Januarsfluß, taufte. Viele Inseln sind mit hochragenden Forts gekrönt, von denen Kanonenmündungen drohend auf die zahlreichen Schiffe, die in der Bucht liegen, herabschauen. So stark aber auch der Handelsverkehr hier ist, an dem unser deutsches Vaterland einen hervorragenden Anteil nimmt, brauchen sich doch die ankernden Schiffe nicht zu drängen, denn die sturmsichere Bucht ist so geräumig, daß sie den Flotten der ganzen Welt gleichzeitig Aufnahme gewähren könnte. Im Hintergrunde sieht man von den Schiffen aus die weiß schimmernde Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen und Palästen, die Altstadt eng zusammengedrängt, aber nach allen Seiten lang gedehnte, in lachendes Grün eingebettete Vorstädte strahlenförmig in die tief eingeschnittenen Täler des nahen Gebirges aussendend. Dieses Gebirge, das stellenweise fast unmittelbar bis ans Meer herantritt, fesselt immer wieder durch seine unglaublich abenteuerlichen und wild zerrissenen Formen. Namentlich ist es der sogenannte Zuckerhut, – in Wirklichkeit gleicht er mehr einer steif gestärkten und etwas überhängenden Nachtmütze, – der sofort auffällt und geradezu als Wahrzeichen der brasilianischen Hauptstadt gelten kann. Besonders trotzig hebt sich der Gipfel des Corcovado heraus, auf den eine Drahtseilbahn hinaufführt, und von wo aus man einen unvergleichlich großartigen, überwältigenden Rundblick über das ganze Panorama haben kann. Die fernen Gebirgszüge, deren Flanken mit dichten Urwäldern bedeckt sind, verschwimmen bläulich in der Weite. Voll heiteren Friedens ist sonst dieses köstliche Tropenbild, und stille Ruhe herrscht in der freundlichen Bucht, nur unterbrochen durch das Maschinenrasseln der ein- und ausladenden Dampfer und durch die Zurufe der in ihren kleinen Booten allenthalben hin und her schießenden Hafenarbeiter. An dem Tage, an dem unsere Erzählung beginnt, nämlich im Herbste 1893, war das aber anders. Zwar lachte die heiße Sonne des Südens ebenso freundlich von einem wolkenlos blauen Himmel herunter wie sonst, denn dort sind ja die Jahreszeiten gerade umgekehrt wie bei uns, und unser Herbst entspricht dem brasilianischen Frühling. Aber dem Hafenbilde fehlten die es sonst so anmutig belebenden weißen Segel der Fischerboote, und die Handelsschiffe lagen, ängstlich zusammengedrängt wie eine Schar verschüchterter Hühner, an einer bestimmten Stelle der Bai. Dagegen gab es unverhältnismäßig viele Kriegsschiffe der verschiedenen Nationen, alle durch die aufgezogenen Flaggen kenntlich gemacht. In verhältnismäßiger Nähe der Stadt lag die brasilianische Kriegsflotte selbst, ihre Breitseiten nach dem eigenen Lande und namentlich nach den den Hafen und seine Einfahrt beherrschenden Forts gerichtet. Und das war keine leere Drohung, denn es herrschte Revolution und Aufstand im Lande, und ein furchtbarer Bürgerkrieg erschütterte das von Natur aus so reich gesegnete Brasilien in seinen Grundfesten und hatte schon seit langem Handel und Wandel, Gewerbe und Ackerbau fast vollständig lahmgelegt. Aus dem Geschützturm des mächtigsten brasilianischen Panzerschiffes, des wie ein graues Ungetüm daliegenden Aquidaban, fuhr eine von einer dicken Rauchsäule gefolgte Flammenzunge, ein entsetzlicher Knall erdröhnte, und unheilschwanger sauste der geschleuderte eiserne Zuckerhut über die schöne Bai hinweg nach dem Lande und schien hier in die auf der andern Seite der Bucht gelegene Hafenstadt Nictheroy einzuschlagen. Dort blieb man aber die Antwort nicht schuldig. Schuß auf Schuß erdröhnte, und auch die andern brasilianischen Kriegsschiffe beteiligten sich alsbald an dem Artillerieduell. Die ganze Bucht erschien in Rauch gehüllt, aus dem ununterbrochen die flammenden Schüsse aufblitzten. Glücklicherweise schlugen fast all die unheilschwangeren Geschosse unschädlich ins Wasser, und nur wenige trafen die stark gepanzerte Wand des Aquidaban, wo sie zersplitterten wie ohnmächtiges Glas. Das ging nun schon seit vielen Wochen so, und die leichtlebigen Brasilianer hatten sich nach und nach an diese täglichen, zwar geräuschvoll, aber ziemlich harmlos verlaufenden Kanonaden vollständig gewöhnt. In den Straßen von Rio de Janeiro war man dabei ja ohnedies fast vollständig sicher, denn die Mächte, vor allem Nordamerika, hatten kategorisch erklären lassen, daß sie mit Rücksicht auf ihre Handelsbeziehungen und auf die zahlreichen europäischen Niederlassungen in Rio eine Beschießung der Stadt durch die aufständische Flotte nicht dulden würden, und sie hatten dieser Forderung durch die Entsendung zahlreicher Kriegsschiffe, die jeden Augenblick zum Eingreifen bereit waren, auch gehörigen Nachdruck verliehen. So blieb dem Führer der Aufständischen, dem tüchtigen Vizeadmiral Mello, nichts übrig, als sich in ziemlich zweckloser Weise mit den der Regierung des Marschalls Peixoto treu gebliebenen Forts herumzuschießen. Zu diesen Forts gehörten auch die, welche den Hafeneingang sperrten, so daß die aufständische Flotte eigentlich wie in einer Mausefalle saß und weder die Stadt angreifen, noch sich aus der Bai entfernen konnte. Nicht alle Befestigungen beteiligten sich am Kampfe. Gerade auf der die Stadt und den Hafen am meisten beherrschenden Schlangeninsel rührte sich nichts. Kein Schuß dröhnte von dort, obwohl man zahlreiche Soldaten auf den Wällen auf und ab spazieren sah. Hier thronte inmitten der besten und größten brasilianischen Kanonen wie ein grollender Olympier der Vizeadmiral Gama, dem seine Marinetruppen blindlings ergeben waren. Gleich zu Beginn der Revolution hatte er sich als neutral erklärt und lauerte nun offenbar auf den geeigneten Augenblick, wo er ausschlaggebend in die Geschicke seines Vaterlandes eingreifen und seinen glühenden Ehrgeiz befriedigen könne. Beide Parteien hofften und wünschten auf das lebhafteste, daß sich der Admiral schließlich auf ihre Seite schlagen und dadurch eine Wendung zu ihren Gunsten herbeiführen möge. Einstweilen zauderte Gama aber immer noch, und die Wälle seiner starken Befestigungen blieben bei dem allgemeinen Tumulte in ein düsteres, fast unheimlich berührendes Schweigen gehüllt. Nach und nach flaute die zur täglichen Gewohnheit gewordene Kanonade, die auf beiden Seiten mit mehr Pulververschwendung als Erfolg geführt wurde, wieder ab, und die braven Bürger Rios, die von ihren flachen Hausdächern aus mit Fernrohren den Anblick eines malerischen Seegefechtes inmitten des schönsten Rahmens der Welt genossen hatten, stiegen von ihren luftigen Beobachtungsposten herab und begaben sich auf die menschenwimmelnden Straßen, um aufgeregt die Ereignisse des Tages zu besprechen. Vorsichtig mußten sie dabei aber doch sein, nicht wegen der Kanonen der Aufständischen, sondern wegen der vielen Spitzel und Geheimpolizisten des allmächtigen Diktators Peixoto, die ihrem Herrn jedes aufgefangene verdächtige Wort hinterbrachten, worauf sich dann mit Sicherheit für den Unvorsichtigen die Tür des schmutzigen Gefängnisses öffnete. In ihrem Innern standen ja die Bewohner Rios fast ausnahmslos auf seiten der Flotte, die von jeher den ganzen Stolz Brasiliens bildete, und von deren Heldentaten man sich insgeheim die übertriebensten Verherrlichungen zuraunte. Aber laut werden lassen durfte man solche ketzerische Gedanken nicht; das war bei der eisernen Strenge, mit der Marschall Peixoto das Regiment führte, zu gefährlich. In den Nachmittagsstunden war die Kanonade völlig verstummt, und auch auf dem Aquidaban herrschte nach der Aufregung des Kampfes wieder tiefste Ruhe, zumal die Schießerei nicht einen einzigen Verwundeten gekostet hatte. Die meisten Matrosen gaben sich der Ruhe hin, während die Offiziere in erregten Gesprächen die Aussichten ihres verzweifelten Unternehmens erörterten. Auch viele Seekadetten befanden sich auf dem Schiffe und gaben sich nun mit dem Leichtsinn der Jugend nach kaum überstandener Gefahr der lustigsten Ausgelassenheit hin. Viele spielten Karten, andere rauchten, tranken und sangen, und manche drehten sich sogar übermütig nach den Klängen eines heiseren Leierkastens im Tanze. Nur einer hielt sich von seinen Kameraden abgesondert und beteiligte sich nicht an ihrem ausgelassenen Treiben. Auch äußerlich fiel er sofort auf, da sein blondes Haar, seine blauen Augen, seine kräftige, etwas untersetzte Gestalt und sein gutmütiger Gesichtsausdruck ihn heraushoben aus der Menge der andern mit ihrer gebräunten Haut, ihrem schwarzen Haar, ihren dunklen Augen, ihrem schlanken Körperbau und ihren lebhaften Bewegungen. Man hätte den noch blutjungen Mann, dem kaum der erste Bartflaum schüchtern auf der Oberlippe keimte, für einen Deutschen halten mögen, und das war er auch in der Tat. Zwar war Helmut Förster in Brasilien geboren, aber seine Eltern waren von Deutschland ausgewandert und hatten es in den deutschen Niederlassungen im Staate Rio Grande do Sul als Farmersleute zu Ansehen und Wohlstand gebracht, dabei aber immer ihr Deutschtum hochgehalten und ihre Kinder nach echt deutscher Sitte erzogen. Zwar beherrschte Helmut, der eine sorgfältige Ausbildung genossen hatte, die Landessprache, das Portugiesische, vollkommen, aber am liebsten sprach er doch Deutsch, das er als seine eigentliche Muttersprache betrachtete. Da er in den großen deutschen Ansiedlungen im Rio Grande do Sul während seiner Jugendjahre mit dem portugiesischen Element nur wenig in Berührung gekommen war, fühlte er sich noch immer als Deutscher und eigentlich als ein Fremdling in dem Lande, in dem er das Licht der Welt erblickt hatte. Die von deutscher Auffassung oft so weit abweichende Anschauung der Eingeborenen war ihm vielfach unverständlich und reichte nicht heran an sein inneres Wesen. Er war der dritte Sohn seiner Eltern und daher darauf angewiesen, sich ein anderes Brot zu suchen, da die Farm möglichst ungeteilt dem Erstgeborenen zufallen sollte. Von jeher hatte er große Lust zu Reisen und Abenteuern gehabt, und seine Phantasie lockte ihn hinaus auf die blaue Meeresflut, die so viel des Aufregenden und Geheimnisvollen zu bergen schien. So war es gekommen, daß er sich in die brasilianische Kriegsmarine aufnehmen ließ, um dereinst als Marineoffizier seine Sehnsucht nach fremden Ländern und weiten Fernen befriedigen zu können. Auf der Marineschule in Rio de Janeiro hatte er unter Leitung des Admirals Mello die vorgeschriebenen Studien gemacht und war dann als Seekadett an Bord des Aquidaban gekommen, um hier seine praktische Ausbildung zu erhalten. Aber von weiten Fahrten, von den erträumten Reiseabenteuern und von den stählenden Kämpfen mit Wind und Wetter hatte er noch herzlich wenig erfahren, denn bei seinem Eintritt herrschte schon die größte Gärung unter den Marineoffizieren. Nur von Politik war die Rede, und größere Seefahrten erschienen gänzlich ausgeschlossen, da die Flotte, um für alle Fälle bereit zu sein, beständig in der Bucht von Rio versammelt blieb. Der junge Mann war sofort in den Wirrwarr des politischen Strudels geraten, aus dem sein einfacher und gerader Sinn keinen rechten Ausweg fand, zumal ihn die innerpolitischen Verhältnisse Brasiliens eigentlich herzlich wenig interessierten. Aber er vertraute blindlings dem von allen Kadetten vergötterten Admiral Mello, in dem der junge Nachwuchs den schneidigsten Seemann Brasiliens und zugleich den liebenswürdigsten Lehrer verehrte. Ihm glaubte auch der Deutsche unter allen Umständen treu bleiben zu müssen, überzeugt, daß er schon den richtigen Weg führen werde. Freilich dämmerte es manchmal ahnungsvoll in ihm auf, daß Mello mit seiner Schilderhebung gegen die Regierung vielleicht doch nicht recht und mehr als Politiker, denn als Soldat und Seemann gehandelt habe. Aber was sollte er tun, allein auf dem sonst nur von Brasilianern besetzten Schiffe? Den einmal flüchtig aufgetauchten Gedanken, sich durch die Desertion allen weiteren Verwicklungen zu entziehen und heimlich auf die abgelegene Farm seiner Eltern zurückzukehren, wies er als schimpflich weit zurück, und er wußte, daß sein alter, knorriger Vater das auch niemals gebilligt, vielmehr als unmännlich empfunden haben würde. So hieß es eben aushalten und alles mitmachen, mochte es kommen und enden, wie es wollte. Jetzt stand Helmut, in tiefe Gedanken versunken, am Reling des Panzers und schaute traumverloren bald hinab in die blauen Fluten, bald hinüber zu der weiß schimmernden Stadt, zu der seine Gedanken so oft sehnsüchtig zurückschweiften, und die er jetzt als Anhänger der Revolutionspartei mit bekämpfen mußte. Vor seinem aufgeregten Geiste zogen in dieser stillen Stunde nochmals all die unerhörten Ereignisse seiner kurzen Seemannslaufbahn vorüber. Er sah sich wieder als Marineschüler und halbwüchsiges Bürschchen durch die engen Gassen von Rio schlendern, namentlich durch die Hauptverkehrsader, die Rua do Ouvidao, in der man stets ein so buntes Menschengewimmel antraf: elegante Herren im Zylinder und Damen in den kostbarsten Pariser Toiletten, dazwischen die in der Stadt ihre Einkäufe machenden Pflanzer auf feurigen Rossen, italienische Arbeiter in zerlumpten Kleidern, Mulatten in allen Hautschattierungen, grinsende Neger und europäische Touristen und Kaufleute. Betäubender Lärm erfüllt immer diese Straßen, namentlich hervorgerufen durch die unzähligen zerlumpten Negerjungen, die mit gellender Stimme die neuesten Zeitungen ausschreien oder ihre Dienste als Stiefelputzer anbieten. Prächtige Läden locken die Kauflust, in den zahlreichen Kaffees ist kaum ein Platz zu erringen. Noch schöner war es gewesen, wenn man sich einer der unzähligen Pferde- oder richtiger Maultierbahnen anvertraut hatte und für wenige Pfennige hinausgefahren war in die waldumkränzten Vorstädte. Ja, das waren noch glückliche Tage gewesen, aber dann hatte die unheilvolle Politik den hoffnungsvollen Lebensgang des Jünglings umdüstert und ganz gegen seinen Willen unwiderstehlich in ihren Bann geschlagen. Vor seinem Geist tauchte jetzt jener unglückselige Tag auf, an dem man den verehrungswürdigen alten Kaiser Dom Pedro II. des Thrones entsetzt und rücksichtslos aus dem Lande gejagt hatte. Oft genug hatte Helmut den alten Herrn mit dem schäbigen Zylinder und seinem unvermeidlichen Regenschirm gesehen, und seine hohe Gestalt, sein ehrfurchtgebietendes Greisenantlitz, sein wallender weißer Vollbart und der unendlich gütige Ausdruck seiner klaren Augen hatten den tiefsten Eindruck gemacht auf das weiche und leicht zu begeisternde Gemüt eines Jünglings, der in deutschen Begriffen von der Monarchie erzogen worden war. Volle neunundvierzig Jahre hatte Dom Pedro mit Klugheit und Milde die Geschicke des Landes gelenkt, als man seiner plötzlich überdrüssig wurde und ihn davonjagte. Freilich sagte sich Helmut jetzt, wo er sich schon zu reiferen Anschauungen durchgerungen hatte, daß der Sturz des Kaisers doch kein unverschuldeter gewesen sei, doch er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß man den hochverdienten Greis noch wenigstens für den kargen Rest seines Lebens hätte in Ruhe lassen sollen, um dann erst nach seinem Tode die Republik einzuführen. Die Armen und die Bedrängten, die wußten die Güte des edlen Kaiserpaares zu schätzen, und wenn man im Volke vielfach über die übertriebene Einfachheit und die schäbige Sparsamkeit am brasilianischen Hofe spottete, so wußten doch die Eingeweihten, daß der Monarch eben alle Einkünfte für Werke der Mildtätigkeit verwendete, so daß ihm für den äußeren Prunk seines Hofes schlechterdings nichts übrig blieb. Und das Volk liebte ihn ja auch in seiner Art, und niemand hätte ihm ein Haar gekrümmt oder ihn auch nur durch ein böses Wort gekränkt. Das mußten ja alle zugeben, daß der Kaiser selbst der beste und aufrichtigste Patriot war, und daß er nur das Beste wollte, wenn er sich auch manchmal in der Wahl seiner Mittel vergriff. Aber da war sein Schwiegersohn und künftiger Thronerbe, der Graf von Eu, der sich durch schmutzigen Geiz und allerlei unsaubere Geschäfte aufs tiefste verhaßt gemacht hatte, und den niemand gern auf dem Throne Brasiliens sehen wollte. Und der Kaiser selbst war so sehr weltentrückter Philosoph und sein Interesse so ausschließlich den Künsten und Wissenschaften zugewandt, daß er darüber die immer wachsende Mißstimmung im Lande nicht bemerkte. Zwar hatte es von jeher eine republikanische Partei gegeben, aber sie war unbedeutend und zu politischer Ohnmacht verurteilt. Während Helmuts Marineschuljahren hatte sie jedoch plötzlich von zwei Seiten unerwarteten Zuwachs bekommen und dadurch eine gefahrdrohende Stärke und Bedeutung erlangt. Einmal hatte nämlich des Kaisers Tochter Donna Isabel, die Gemahlin des Grafen Eu, als sie während einer schweren Erkrankung ihres Vaters für längere Zeit die Zügel der Regierung führte, die bis dahin in Brasilien noch bestehende Sklaverei aufgehoben. Das machte ihrem guten Herzen gewiß alle Ehre, aber in politischer Beziehung geschah der an sich so begrüßenswerte Schritt zur Unzeit, zu überraschend und zu übereilt, und die im Lande so einflußreichen großen Pflanzer wurden dadurch zweifellos auf das schwerste geschädigt, da sie sich plötzlich, und noch dazu unmittelbar vor der Ernte, ihrer gewohnten Arbeitskräfte beraubt sahen und natürlich nicht so rasch Ersatz dafür finden konnten. Große Teuerung und eine viele Existenzen vernichtende Wirtschaftskrise waren die Folge. Die Farmer selbst aber gingen in hellen Haufen zur republikanischen Partei über und arbeiteten insgeheim im Verein mit ihr kräftig auf den Sturz der Regierung hin. Wurden so durch das Sklavenbefreiungsgesetz, das auch der Kaiser nach seiner Rückkehr aus Europa nicht aufhob, weil auch bei ihm die angeborene Gutmütigkeit über die politische Klugheit siegte, die Pflanzer gegen das Kaisertum eingenommen, so trieb Dom Pedro selbst durch sein unkluges Verhalten auch die Armee, die doch eigentlich die festeste Stütze des Thrones hätte sein müssen, seinen Gegnern in die Arme. Von Natur aus hatte der friedliebende Kaiser ja nicht das geringste Interesse für die Soldateska, zeigte sich auch in seinem ganzen langen Leben der Öffentlichkeit niemals in Uniform. Und doch war diese Armee, die miserabel besoldet wurde und oft am Notwendigsten Mangel litt, ursprünglich der bravsten und zuverlässigsten eine. Das hatte sich namentlich in dem fünfjährigen Kriege gegen Paraguay gezeigt, der schließlich siegreich beendigt worden war. Aber unglaubliche Strapazen und Entbehrungen hatten dabei Offiziere und Soldaten ausstehen und erdulden müssen. Oft hatten sie wochenlang nur von rohen, vielleicht oberflächlich gerösteten Maiskörnern gelebt, oft, bis an die Brust im Sumpfwasser stehend, blutige Gefechte führen müssen, unerhörte Märsche durch endlose Moräste, dürre Steppen und undurchdringliche Urwälder ausgeführt, allen Unbilden der Witterung schutzlos preisgegeben, und Kämpfe und Krankheiten hatten ihre Reihen auf das furchtbarste gelichtet. Und doch hatte der Kaiser bei der Rückkehr des siegreichen Heeres kein Wort des Lobes, kein Zeichen der Anerkennung für seine Krieger übrig; ja er knauserte noch mehr als früher mit den notwendigsten Ausgaben für die Armee, und so war es kein Wunder, daß auch dort der republikanische Geist seinen Einzug hielt und nach und nach fast alle Offiziere zu Gegnern des Kaisers machte. Nur die aus besseren Elementen zusammengesetzte und sorgfältiger gepflegte Marine blieb der Dynastie treu. Das alles sagte sich jetzt Helmut Förster, und doch konnte er ein Gefühl bitteren Abscheus nicht unterdrücken, als er des bewegten Tages gedachte, der den alten Kaiser den Thron kostete. Dunkle Gerüchte waren schon wochenlang vorher im Umlauf gewesen, daß etwas Besonderes bevorstehe, aber Bestimmtes war nicht zu erfahren gewesen. Als ein Zeichen schlimmster Befürchtungen wurde es aber aufgefaßt, als die Regierung einige Bataillone aus dem Inneren der entlegenen Provinz Matto Grosso unter Führung des beliebten Marschalls Fonseca heranzog, weil sie offenbar den in der Hauptstadt stationierten Truppen nicht mehr recht traute. Der Kaiser selbst saß auf seinem Sommerschlosse Petropolis in den Bergen und schien keine Ahnung zu haben von dem Unheil, das sich um ihn vorbereitete. Mit Fonseca hatte man nämlich den Bock zum Gärtner gemacht, denn gerade er, der wegen seiner Siege in Paraguay beim Militär sehr beliebt war, war es, der zuerst die Fahne des Aufruhrs erhob. Er hatte vollständigen Erfolg, denn als es zum Schlagen kommen sollte, gingen die angeblich noch regierungstreuen Truppen unter General Peixoto ohne Schwertstreich zu ihm über. Einen Augenblick hatte es freilich kritisch genug ausgesehen, und fast hatte ein blutiger Zusammenstoß unvermeidlich geschienen, aber mit rascher Geistesgegenwart hatte Fonseca das Spiel durch ein paar geschickte Worte für sich gewonnen. Die Marineschüler, und unter ihnen Helmut, waren an diesem schicksalsschweren Tage auch in ihrem Hofe versammelt und bewaffnet worden. Der Marineminister Ladoria, ein dem Kaiser treu ergebener Mann, hatte ihre Führung übernommen und gedachte, den Thron im letzten Augenblicke zu retten. Als er aber von dem Erfolg Fonsecas hörte, begab er sich schleunigst nach dem Ministerium; dort erklärte man ihn für gefangen, worauf er mit zwei Revolverschüssen antwortete, jedoch alsbald durch mehrere Kugeln niedergestreckt wurde. Er war das einzige Opfer der brasilianischen Revolution, denn der Kaiser, der nun endlich mit seiner ganzen Familie nach der Stadt geeilt war, erkannte, daß es bereits zu spät sei, und er wollte in seinem Edelmute Blutvergießen unter allen Umständen vermeiden und lieber sich selbst zum Opfer bringen. Sogar die ihm von den Republikanern angebotene Geldrente schlug er aus, obwohl er durchaus nicht mit irdischen Gütern gesegnet war. Man drängte ihn zu einer raschen Abreise, und eine unvergeßliche, aber todestraurige Erinnerung war die folgende Nacht für Helmut, wo er mit anderen Marineschülern am Hafen Spalier gebildet hatte, als der Kaiser mit den Seinen sich auf das Schiff begab, das ihn für immer aus seinem heiß geliebten Vaterlande tragen sollte. Die Abreise der kaiserlichen Familie bei Tage zu bewerkstelligen, wagten die aufständischen Generale nicht, weil sie mit Recht befürchteten, daß der Anblick des edlen, ehrfurchtgebietenden Greises die schwankende Volksstimmung zum Umschlagen bringen könne. So sah der brasilianische Deutsche seinen Kaiser zum letzten Male, und immer wieder tauchte vor seinem Geiste dieses von Siechtum und Alter gefurchte Antlitz auf mit den gütigen Augen, aus denen heiße Tränen unablässig in den silbernen Bart tropften. Eine Zeit fortwährender Unruhe hatte nun begonnen. Marschall Fonseca war Präsident der jungen Republik geworden, zeigte sich aber seiner Aufgabe nicht gewachsen. Bald ging alles drunter und drüber, und namentlich Fonsecas Gemahlin, die ehedem von der Kaiserin regelmäßige Almosen erhalten hatte, machte sich durch Herrschsucht und Protzentum bald verhaßt, und so kam es zu einer neuen Revolution, die diesmal von der Flotte ausging und mit dem Sturze Fonsecas endete. An seine Stelle trat General Peixoto als Präsident und führte eine tyrannische Militärherrschaft herbei. Dadurch sammelte sich bald wieder so viel Unzufriedenheit an, daß der ehrgeizige Admiral Mello an der Spitze der Marine einen abermaligen Aufstand in Szene setzte. Kurz vorher war Helmut als Seekadett auf den Aquidaban gekommen, auf dem auch Admiral Mello selbst mit seinem Stabe sich befand. So saß er nun mitten im Strudel der Revolution und Bürgerkämpfe, ohne einen Ausweg zu wissen, obwohl ihn alle diese Vorgänge eigentlich im innersten Herzen anekelten. Dabei besaß er doch schon so viel militärische Kenntnis, um sich sagen zu können, daß die Lage Mellos und seiner Schiffe eigentlich eine recht bedenkliche sei, da ihnen durch die Hafenforts die Ausfahrt versperrt war, während sie anderseits infolge des Einschreitens der Großmächte die wie auf einem Präsentierteller vor ihren Kanonen ausgebreitete Stadt nicht angreifen durften. So waren die Gedanken des jungen Deutschen durchaus keine angenehmen, und mit bangen Zweifeln fragte er sich, was eigentlich aus dem allen werden, und ob er wohl überhaupt jemals Eltern und Geschwister wiedersehen würde. Wenn es wenigstens zu irgend einer Entscheidung käme! Aber dieses zwecklose Kanonieren Tag für Tag ermüdete und stumpfte ab, und solange Admiral Gama drüben auf der Schlangeninsel sich nicht für eine der beiden Parteien entschieden hatte, würde das wohl in der bisherigen Weise endlos fortdauern. Schon neigte sich die Sonne dem Horizonte zu und umgoldete mit ihren scheidenden Strahlen die zierlichen Fächerwipfel der Palmen am Strande, als Helmut aus seinen düsteren Gedanken plötzlich dadurch aufgeschreckt wurde, daß sich von hinten eine kräftige Hand schwer auf seine Schulter legte. Rasch drehte er sich um und schaute zu seiner Überraschung in die energischen und klugen Züge seines verehrten Admirals. Schnell stellte er sich stramm. Der Admiral schien guter Laune und meinte lachend: »Nun, Kadett Förster, Sie sehen ja aus, als ob Ihnen alle Felle davongeschwommen seien. Ihnen wird es wohl auch schon langweilig mit der dummen Schießerei? Trösten Sie sich, mir geht es auch nicht anders, aber ich denke, wir sprechen nun bald ein kräftig Wörtlein mit denen da drüben. Jetzt machen Sie aber vor allem mal die kleine Barkasse klar, nehmen ein paar unserer besten Matrosen und fahren mich ohne großes Aufsehen hinüber nach der Schlangeninsel.« Helmut mußte sich bemühen, seine Überraschung über diesen unvermuteten, aber hochwillkommenen Befehl zu unterdrücken. Wenn die Admirale Mello und Gama auf der Schlangeninsel persönlich zusammenkamen, dann mußte allerdings etwas Wichtiges im Werke sein. Unverzüglich beeilte er sich, den gegebenen Befehl auszuführen, und kaum war er damit fertig, als auch schon Admiral Mello das Fallreep herunterstieg und in Begleitung seines Adjutanten in der Barkasse Platz nahm. Pfeilschnell durchschnitt diese alsbald die Fluten und war schon nach kurzer Zeit bei den Felsklippen der Schlangeninsel angelangt. Admiral Gama, ein Mann mit offenen und sympathischen Gesichtszügen, schien von dem bevorstehenden Besuche bereits unterrichtet zu sein, denn er erwartete ihn schon an der Landungsstelle. Beide Admirale mit einigen höheren Offizieren begaben sich dann in die Dienstwohnung Gamas, und Helmut, der derweil in der Barkasse zu warten hatte, sah seine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Seine Matrosen schlossen derweil Freundschaft mit den Marinesoldaten auf der Schlangeninsel, und es war unverkennbar, daß alle diese Seeleute von gemeinsamer Abneigung gegen das Landheer erfüllt waren. Die Sonne versank am fernen Horizonte und ließ für wenige Minuten die ganze zaubervolle Schönheit der Bucht von Rio de Janeiro in goldenem Purpur aufleuchten, aber dann brach auch fast ohne Dämmerung die Nacht herein, und es war schon vollständig finster, als Admiral Mello wieder zurückkehrte. Seine Züge erschienen ernst, aber kampfesfreudig und zuversichtlich. Er sprach kein Wort, und nur beim Aussteigen raunte er unserem Freunde zu: »Heute nacht geht's los! Halten Sie sich bereit, und zeigen Sie sich als ein braver Seemann, der seiner Schule Ehre macht.« Darauf zog sich der Admiral mit seinen Offizieren zu einer Besprechung in die Offiziersmesse zurück, und Helmut hatte kaum Zeit, hastig ein frugales Abendessen zu verzehren, als auch schon die schrillen Bootmannspfeifen ertönten und alle Mann zur Arbeit riefen. Eine emsige Tätigkeit setzte beim Scheine der elektrischen Laternen ein. Das Verdeck wurde klar gemacht, die Geschützrohre gereinigt, Munition daneben aufgestapelt, die Mannschaft in den Panzertürmen versammelt. Stockfinster war die Nacht, und selbst der Himmel hatte sich mit düsteren Wolken umzogen. Schweigend tat jeder seine Pflicht, und der Ernst der Stunde lastete schwer selbst auf den sonst so leichtlebigen Brasilianern. Jeder fühlte und ahnte, daß sich etwas Entscheidendes vorbereite, daß aus der bisherigen Spielerei nun blutiger Ernst werden solle. So mancher zog sich in einen stillen Winkel zurück und kritzelte mit zitternden Schriftzügen letzte Grüße an seine Lieben, die er einem besonders nahestehenden Kameraden anvertraute für den Fall, daß er fallen sollte. Auch unserm Helmut war, obwohl er wahrlich ein furchtloser Bursche war, doch ganz eigentümlich zumute, und je länger das peinliche Warten dauerte, desto erregter wurde seine Stimmung, um so mehr sehnte er die endliche Entscheidung herbei. Es war schon Mitternacht vorüber, als plötzlich eine fürchterliche Salve die Totenstille der Tropennacht zerriß. Das Gekrach der Schüsse war ungleich lauter, als man es bisher gewöhnt war, und ein Blick auf die in Flammen gehüllte Schlangeninsel genügte, um zu sehen, daß dort endlich die Riesengeschütze des Admirals Gama in Tätigkeit getreten waren. Ein Aufleuchten hoher Freude ging über all die ängstlich gespannten Gesichter an Bord des Aquidaban, als man sich überzeugte, daß die Forts auf der Schlangeninsel gegen die Landbefestigungen feuerten, daß also Gama sich den Aufständischen angeschlossen hatte. Jetzt wußte Helmut auch, warum er den Admiral Mello so unvermutet hatte zur Schlangeninsel fahren müssen. Drüben auf dem Lande entstand gleich nach den ersten Schüssen eine furchtbare Aufregung. Von allen Berggipfeln leuchteten gewaltige Scheinwerfer auf und suchten mit ihren hellen, oft sich kreuzenden Strahlenbündeln die ganze Bucht ab. Alsbald antworteten auch sämtliche Geschütze der Regierungstruppen, und bald war eine Kanonade von solcher Stärke, Heftigkeit und Erbitterung im Gange, wie man sie bisher noch nicht erlebt hatte. Auf dem Aquidaban waren inzwischen die Anker hochgenommen worden, und in majestätischer Ruhe glitt der Riesenpanzer ln langsamer Fahrt vorwärts, dem Hafenausgange zu. Jedes Herz schlug höher, als es auch dem letzten Matrosen bewußt wurde, daß Admiral Mello offenbar die Hafenausfahrt zwischen den dräuenden Forts hindurch erzwingen und so den eisernen Gürtel sprengen wolle, der ihn bisher eingeschnürt und in seiner freien Bewegung beengt hatte. Auch die Scheinwerfer des Aquidaban spielten jetzt und in ihrem bleichen, auf und ab tanzenden Lichte konnte man die immer näher rückenden Landbefestigungen erkennen und die Geschütze nach ihnen richten. Man konnte aber auch sehen, daß der Aquidaban bei seinem kühnen Unternehmen nicht allein blieb, sondern daß rechts von ihm der Kreuzer Uranus und hinter beiden noch die Republika die gleiche Richtung eingeschlagen hatten. Trotzdem wußte jeder, daß das verzweifelte Unternehmen des Durchbruchs nur gelingen konnte, wenn alle bis zum letzten Mann das Äußerste aufboten und überdies das unberechenbare Kriegsglück ihnen besonders hold war. Fortwährend feuernd war der Aquidaban in die enge Hafeneinfahrt gelangt, wo das gewaltige Fort Santa Cruz alle Geschütze auf den waghalsigen Gegner gerichtet hatte und im nächsten Augenblicke einem flammenden Vulkan glich. Blitz auf Blitz zuckte aus den Wällen des Forts hervor, unheimlich heulend zischte Granate auf Granate über das Deck und übersäte dieses mit Sprengstücken und den Resten zerschmetterter Masten. Dumpf grollend klatschten andere Granaten gegen die Panzerwand. Es war ein wahres Höllenkonzert, das auch das Herz des mutigsten Mannes erzittern lassen konnte. Statt sich aber in raschester Fahrt diesem Höllenfeuer zu entziehen, gab Admiral Mello im Gegenteil mit ruhiger und klarer Stimme den Befehl zum Stoppen und legte sich breit gegen das Fort, in der Absicht, die schwächeren Nachbarschiffe dadurch zu entlasten und ihnen das Entschlüpfen zu erleichtern. Wirklich kam auch der Uranus in dem allgemeinen Tumult glücklich durch, freilich nicht ohne von dem auf der anderen Seite befindlichen Fort Sao Joao noch ein paar tüchtige Treffer zu bekommen, die einen Schornstein wegrissen und eine ganze Reihe Toter und Verwundeter kosteten. Aber dann kam wie ein feuerschnaubender Drache die Republika herangedampft, schleuderte nach allen Seiten ihre eisernen Zuckerhüte und war bald ebenfalls jenseits der Hafeneinfahrt. Den schwierigsten Stand hatte der Aquidaban, der unmittelbar vor dem starken Fort Santa Cruz den Rückzug decken und deshalb am längsten ausharren mußte. Seine Geschütze spieen Tod und Verderben gegen das Fort, aber auch er selbst wurde wiederholt getroffen und geriet in eine immer kritischere Lage. Nur die außerordentlich starke Panzerung des Schiffes verhinderte noch eine Katastrophe. Mit atemloser Spannung hatte Helmut alle diese Ereignisse verfolgt. Er befand sich als Geschützführer in demselben Panzerturm, in dem der Admiral auf der Kommandobrücke stand und mit eiserner Ruhe durch das Sprachrohr hindurch den schwimmenden Koloß leitete. Seine Haltung und Kaltblütigkeit flößten allen Vertrauen ein. Auch über Helmut war nach und nach die blinde Kampfeswut gekommen. Sobald die ersten Schüsse gewechselt waren, hatte ihn das bisherige Angstgefühl verlassen, und er tat nun mutig seine Schuldigkeit, ohne im geringsten zu beben. Als aber erst einige feindliche Geschosse in den Turm eingeschlagen und verschiedene seiner Kameraden niedergestreckt hatten, trat an die Stelle des bloßen Pflichtgefühls schnaubende Rachgier. Mit heiserer Stimme schrie er seinen Leuten die Befehle zu, das erhitzte Gesicht vom Pulverdampf geschwärzt, das blonde Lockenhaar wirr herabhängend, die Uniform mit dem Blute eines gefallenen Nebenmannes bespritzt. Schon hatten die feindlichen Geschosse gerade vor seinem Geschütz eine klaffende Lücke durch die Panzerhaut des Turmes geschlagen, und es war klar, daß der nächste Treffer von furchtbarer Wirkung sein und insbesondere auch den fast ungeschützt auf seiner Kommandobrücke stehenden Admiral aufs höchste gefährden mußte. Und da kam es auch wirklich schon mit unheimlichem Sausen heran, und gerade durch das Leck hindurch fiel eine Granate in den menschenwimmelnden Raum, wo sie liegen blieb. Man sah ein feines Rauchwölkchen vom Zünder aufsteigen, und mit Blitzesschnelle war es allen im Bruchteil einer Sekunde klar, daß die Granate im nächsten Augenblick bersten und sie alle zerschmettern, die ganze Schar todesmutiger Männer in einen zuckenden Haufen blutigen Fleisches verwandeln mußte. Unwillkürlich stieß Helmut einen unterdrückten Schrei aus, aber im nächsten Augenblick sprang er schon mit fast instinktiver Geistesgegenwart auf die Granate zu, packte das unheilschwangere Geschoß mit beiden Händen und schleuderte es mit Aufbietung aller Kraft durch das Leck des Turmes wieder hinaus auf das menschenleere, stark gepanzerte Verdeck, wo es unschädlich zerbarst. Es war ein eigentümlicher Blick, den Admiral Mello unter seinen buschigen, vom Pulverdampf versengten Augenbrauen hervor dem jungen Kadetten zuwarf. Dankbarkeit, Bewunderung und Rührung lagen darin, und Helmut fühlte sich durch diesen einzigen Blick des sonst in seinem Lobe so sparsamen Admirals mehr beglückt, als wenn ihm der höchste Orden an die Brust geheftet worden wäre. Aber es war nicht Zeit zum langen Nachdenken, denn ununterbrochen raste und brüllte der Schlachtensturm weiter, und es war, als ob die Hölle alle ihre Furien losgelassen hätte. So dicht war der Pulverdampf im Turme, daß man seinen Nebenmann kaum noch erkennen konnte und die Brust unter den giftigen Gasen schwer atmete. Auch konnte man sich gar nicht mehr umeinander bekümmern in diesem Hexensabbat, der von Minute zu Minute neue Schrecken entfesselte. Wieder schmetterte eine feindliche Granate gegen den Panzerturm, riß ein neues Leck und streute ihre Sprengstücke mit verheerender Wirkung in dem engen Räume aus. Der Admiral selbst taumelte und griff nach der Schulter, wo ihm ein kleineres Eisenstück das Epaulett abgerissen und eine tiefe Fleischwunde geschlagen hatte. »Es ist nichts,« sagte er kaltblütig lächelnd zu Helmut, der besorgt zu ihm aufschaute, und fuhr ruhig fort, seine Befehle zu erteilen, obwohl ihm das Blut in breiten Rinnen über die Uniform floh. Auch an Helmuts Geschütz war schon die Hälfte der Leute kampfunfähig. Aber unverdrossen bediente er selbst die Kanone weiter, und als jetzt der elektrische Scheinwerfer ihm ein Ziel besonders deutlich zeigte, richtete er sorgfältig das Rohr und feuerte selbst ab. Gleich darauf ertönte ein Knall, der all den Kampfeslärm und all das Kanonengebrüll noch hundertfach übertönte. Das Pulvermagazin drüben war getroffen worden und in die Luft geflogen, alles um sich herum zerschmetternd. Auch sonst mußten die Geschütze des Aquidaban von fürchterlicher Wirkung gewesen sein. Das Feuer drüben verstummte fast augenblicklich, und in der eintretenden Stille rief der Admiral unserem jungen Freunde ob seines glücklichen Schusses ein lautes Bravo zu, in das alle die pulvergeschwärzten Mitkämpfer und selbst die am Boden liegenden Verwundeten mit einstimmten. Gleich darauf aber befahl die laute Stimme des Admirals: »Mit Volldampf vorwärts!« und willig der Maschine gehorchend, schoß der Aquidaban, fortwährend heftig feuernd, während das arg zusammengeschossene Fort nur noch matt antwortete, der Hafenausfahrt zu, und bald war man außerhalb des Schußbereichs der feindlichen Kanonen. Aller Mienen strahlten in stolzer Freude: das kühne Wagstück war gelungen, der eiserne Ring durchbrochen! Als der Morgen graute, fand er die erschöpfte Mannschaft schon weit von Rio entfernt bei den Aufräumungsarbeiten, der Bestattung der Toten, der Bergung der Verwundeten und der Ausbesserung der erlittenen Schäden. Auch Helmut mußte tüchtig Hand anlegen, aber er hatte dabei noch eine besondere Genugtuung, als Admiral Mello an ihn herantrat und ihm sagte: »Meinen besonderen Dank noch für Ihre Bravheit! Ihr Deutsche seid doch verteufelte Kerls. Wenn wir, wie ich nach dem glücklichen Ausgang dieser Nacht mehr als je hoffe, endgültig Sieger bleiben, so werden Sie der erste Kadett sein, der zum Leutnant befördert werden soll, obwohl Sie nach dem Dienstalter fast der Jüngste sind.« Helmut errötete vor Freude, und die frohe Erregung half ihm auch die Abspannung überwinden, die nach der übermäßigen Anspannung aller Nerven nunmehr die ganze Schiffsbesatzung befiel. Als die dringendsten Arbeiten getan waren, wurden nur noch die allernotwendigsten Wachen ausgestellt, und dann warf sich jeder auf sein Lager, um in tiefen, bleiernen Schlaf zu verfallen, während die kleine Flotte immer weiter dem Süden zusteuerte, wo Admiral Mello aus der auf Seite der Aufständischen stehenden Provinz Rio Grande do Sul neue Hilfskräfte zu holen und sie dem Admiral Gama zuzuführen gedachte, damit man dann gemeinsam die brasilianische Hauptstadt endlich bezwinge. Zweites Kapitel. Die Schlacht von Nictheroy. Die drei Kriegsschiffe landeten schließlich in Porto Alegre, wo sie von der Bevölkerung freudig willkommen geheißen wurden. Man erfuhr, daß selbst die Einwohner Rio de Janeiros insgeheim furchtbar stolz seien auf den gelungenen Durchbruch ihrer geliebten Flotte, die damit schlagend ihre Kampftüchtigkeit bewiesen habe. Arbeit gab's in dem fieberschwangeren Hafenorte in Hülle und Fülle. Mehrere große Handelsschiffe wurden mit Lebensmitteln und Munition beladen, denn an beiden sollte auf der Schlangeninsel schon empfindlicher Mangel herrschen. Helmut hatte im stillen gehofft, daß er hier vielleicht Urlaub erhalten könne, um die Farm seiner Eltern zu besuchen, aber er war klug genug, selbst einzusehen, daß bei diesem Hasten und Treiben kein Mann entbehrt werden konnte, zumal ja offensichtlich jede Stunde kostbar war. Deshalb wagte er es gar nicht, eine diesbezügliche Bitte an den Admiral zu stellen, obwohl dieser ihm seit der Schreckensnacht von Rio sehr gewogen war und es nicht verschmähte, sich in seinen wenigen Mußestunden leutselig mit dem Kadetten zu unterhalten. Er hatte es sogar gern, wenn Helmut offen seine Gedanken aussprach, und hörte ihm stets wohlwollend zu, auch wenn er als eingefleischter Brasilianer, dem die deutsche Denkungsart vollkommen fremd sein mußte, nicht mit ihm übereinstimmen konnte. Aber als Militär mußte er den gesunden Anschauungen des jungen Deutschen doch öfters beipflichten. So war Helmut, der durch die gemeinsam bestandene Gefahr jetzt inniger mit der Sache der Revolution verknüpft war, kühn genug, eines Tages zu sagen: »Eigentlich begreife ich nicht, warum wir uns nicht gleich zu Anfang des Hafenplatzes Nictheroy mit seinen großen Magazinen und Arsenalen bemächtigt haben. Damals, in den ersten Tagen nach der Schilderhebung der Flotte, wäre das doch leicht gewesen, da Peixoto viel zu wenig zuverlässige Truppen hatte, als daß er uns nachdrücklichen Widerstand hätte leisten können. So aber haben wir ihm Zeit gelassen, große Verstärkungen heranzuziehen und Nictheroy durch Schanzen und Batterien furchtbar zu befestigen. Hätten wir es gleich genommen, so hätten wir nicht so lange in der Mausefalle zu sitzen brauchen, sondern wir hätten uns leicht die Verbindung auf dem Festlande mit den Aufständischen in den Südprovinzen verschaffen und allmählich Rio auch von der Landseite abschließen und so aushungern können. Jetzt müssen wir mühsam auf dem Seewege die nötigen Streitkräfte und Nahrungsmittel heranziehen, müssen jedesmal die Einfahrt in die Bai von Rio neu erkämpfen, und wer weiß, ob es nicht überhaupt schon zu spät ist.« Der Admiral blickte überrascht auf. »Sie haben recht, tausendmal recht, junger Freund. Wir waren eben damals alle mehr Politiker als Soldaten. Aber das Versäumte muß und wird nachgeholt werden, sobald wir erst wieder in der Bucht von Rio sind. Auf den Heldenmut meiner blauen Jungens darf ich mich ja fest verlassen.« Auch seinen Kameraden gegenüber war Helmuts Stellung seit der großen Seeschlacht eine andere geworden. Hatten sie sich früher dem Deutschen gegenüber kühl und zurückhaltend gezeigt, so fühlten sie sich jetzt zu ihm hingezogen und suchten sich ihm offensichtlich näher anzuschließen. Der Krieg schweißt eben die Menschen fester zusammen. Helmut seinerseits schloß namentlich mit einem andern Seekadetten, namens Manuel, engere Freundschaft, und bald waren die beiden jungen Leute unzertrennlich. Manuel war der Sprößling einer alten, angesehenen Advokatenfamilie, deren Mitglieder schon oft in der Geschichte des Landes eine wichtige Rolle gespielt hatten und zu den höchsten Ämtern berufen worden waren. Manuels Vater, Doktor Manuel Ferraz de Campos Salles, lebte noch in Rio und mochte wohl bange seines Sohnes gedenken, der irgendwo auf dem Aquidaban schwamm, um den die in Brasilien jederzeit geschäftige Fama schon einen ganzen Kranz von Märchen und Sagen gesponnen hatte. Endlich war die Flotte wieder zur Abfahrt bereit und nahm ihren Kurs nordwärts zur Bai von Rio. Wieder mußte hier in finsterer Nacht die Einfahrt erzwungen werden, aber es ging diesmal ohne schweren Kampf ab; so überraschend und plötzlich war der Aquidaban mit seinen Begleitschiffen erschienen, und die durch die fortwährenden Kanonaden mit Gama ermüdeten Regierungstruppen hatten auch wohl nicht genügend scharfe Wacht gehalten. Gleich am nächsten Morgen mußte Helmut seinen Admiral wieder mit der Barkasse nach der Schlangeninsel fahren, wo eine erneute Besprechung zwischen den beiden Führern stattfand. Währenddem erfuhr Helmut von den Marinesoldaten auf der Schlangeninsel, daß Peixoto bald nach dem glücklichen Durchbruch Mellos die Schlangeninsel mit stürmender Hand zu nehmen versucht hatte. Die Regierungstruppen waren nachts auf Kähnen übergesetzt, waren aber nach erbittertem Kampfe mit schweren Verlusten zurückgeschlagen worden. Im übrigen hatte sich der Krieg in der ganzen Zwischenzeit wieder auf die übliche tägliche Kanonade beschränkt und war für beide Teile ziemlich harmlos verlaufen. Und jetzt war, wie sich Helmut mit bangen Zweifeln sagen mußte, eigentlich die alte Sachlage wieder vollkommen hergestellt. Wieder saßen die Schiffe der Insurgenten in der alten Mausefalle, und noch immer befand sich Nictheroy in den Händen der Regierung und sperrte den Admiralen jede Verbindung mit dem Lande. Ihre Hilfsmittel mußten sich in absehbarer Zeit erschöpfen, wenn es nicht gelang, noch nachträglich Nictheroy wegzunehmen. Unser Freund war deshalb freudig überrascht, als ihm Mello auf der Rückfahrt nach dem Panzerschiffe sagte: »Nun, junger Freund, Ihre Vorstellung wegen Nictheroy hat doch gefruchtet, und ich denke, bald haben wir's.« Einige Nächte später wurde die Besatzung des Aquidaban alarmiert, und jeder merkte sofort, daß wieder etwas Besonderes im Werke sei. Die tüchtigsten Mannschaften und Offiziere wurden zu einem Landungskorps formiert und in Kähne verladen. Das alles geschah so still als möglich, und die Boote fuhren dann mit umwickelten Rudern geräuschlos über die dunkle Flut. Auch Helmut befand sich nebst seinem Freunde Manuel bei dieser waghalsigen Expedition, während der Admiral selbst auf dem Aquidaban zurückblieb, um dessen Feuer gegen die Landbefestigungen zu leiten. Man war erst eine kurze Strecke gefahren, als man auf ein ganzes Geschwader anderer Boote stieß, alle mit kampflustigen Marinesoldaten gefüllt und von Admiral Gama persönlich geführt. Dieser teilte sein Geschwader in drei Teile, und die Dunkelheit ermöglichte es, unbemerkt an der Küste zu landen. Erst als die Boote knirschend auf den Uferrand aufstießen, wurden die feindlichen Wachposten aufmerksam und feuerten ihre Alarmschüsse ab. Signalhörner erschollen, und ein unendlicher Tumult erhob sich. Rasch drangen die Marinetruppen von drei Seiten konzentrisch in die Stadt vor, um sich vor allem des wichtigen Arsenals zu bemächtigen. Die Regierungstruppen waren größtenteils noch im Schlafe überrascht worden und stürzten halb bekleidet aus ihren Quartieren hervor, leisteten aber doch noch hartnäckigen Widerstand. Wildes Kampfgetümmel erfüllte die Straßen, unregelmäßige Schüsse fielen, und an vielen Stellen kam es zu erbittertem Handgemenge. In diesem Augenblicke ging die Sonne blutigrot auf und beleuchtete mit erbarmungsloser Klarheit das schauerliche Schauspiel. Besonders wild tobte der Kampf am Eingange des Arsenals, wo auch Helmut und Manuel mit ihrer Schar zum Dreinhauen kamen. Ersterer hatte gerade seinen Revolver abgeschossen, als er sich plötzlich einem riesenhaften Neger gegenüber sah, der mit wütendem Schrei ein scharf geschliffenes Beil schwang, das im nächsten Augenblick auf den Kopf des jungen Deutschen niedersausen mußte. Aber im gleichen Augenblicke ertönte ein Schuß, der Neger warf die Hände hoch und stürzte mit einem gurgelnden Laut hintenüber, während ein dunkelroter Blutstrom zwischen seinen wulstigen Lippen hervordrang. Mit freudiger Dankbarkeit sah Helmut sich um, und da erblickte er hinter sich seinen Freund Manuel, den schmächtigen, zierlichen, fast schüchternen Manuel, der, wie er einmal gestanden hatte, kein Blut sehen konnte, und den jetzt doch die Angst um das bedrohte Leben des Freundes zur Vernichtung eines Menschen fortgerissen hatte. Stumm drückte ihm Helmut die Hand. Aber zu langen Auseinandersetzungen war keine Zeit, denn unaufhaltsam raste der Kampf weiter, wirbelte Freund und Feind durcheinander und forderte immer neue Opfer, denen sofort blutdürstige Rächer entstanden. Nach kurzer Zeit war jedoch das Arsenal erobert, die Besatzung niedergehauen oder gefangen genommen und bald darauf die ganze Stadt in den Händen der Aufständischen. Der Jubel darüber war groß, und mit echt südländischer Lebhaftigkeit gab man ihm Ausdruck. Man umarmte und küßte sich, jubelte und sang, sprang und tanzte und gab sich der wildesten Ausgelassenheit hin, während die Straßen noch von dem vergossenen Menschenblut dampften. Die Szene wurde immer wilder und wüster, und besorgt sahen die Offiziere dem tollen Treiben zu. Vergeblich bemühten sie sich, ihre Mannschaften wieder zu sammeln und zu ordnen. Es schien, als seien die Leute rein vom Teufel besessen und alle bösen Instinkte der Menschenbrust entfesselt. Ein paar verwegene Kerle in zerrissener, blutbespritzter Uniform und mit verwüsteten, pulvergeschwärzten Gesichtern, deren natürliche Wildheit durch den bestandenen Nahkampf bis zur Siedehitze gesteigert war, machten den Anfang mit dem Plündern. Dröhnend schlugen sie mit den Gewehrkolben die verschlossenen Haustüren ein, mißhandelten die Bewohner und stürzten sich mit tierischer Gier auf die Schätze der Kaufläden, wahllos sich alles aneignend. Nur zu schnell fand das böse Beispiel Nachahmung. Diese Seeleute, die seit Monaten die schwersten Entbehrungen erlitten hatten und ausschließlich auf die einförmige Schiffskost angewiesen gewesen waren, konnten der Versuchung nicht widerstehen, als sie jetzt die nach ihren Begriffen köstlichsten Leckerbissen massenhaft vor sich ausgebreitet sahen. Man stopfte sich in den Mund, was nur immer hineingehen wollte, man schlug die Weinfässer auf und trank gierig das in die Gossen strömende Naß. Alle Bande der Zucht und Ordnung waren gelöst, die lästigen Gewehre stellte man irgendwo in einen Winkel, und zwischen den noch auf den Straßen liegenden und schmerzlich stöhnenden Verwundeten wälzten sich in den Gossen sinnlos Betrunkene. Admiral Gama eilte zwar fluchend und schreiend von Trupp zu Trupp und suchte der Plünderung Einhalt zu tun, aber die betrunkenen Mannschaften hörten nicht mehr auf den sonst so verehrten Führer. Vergeblich mühten sich auch alle andern Offiziere ab, ja manche beteiligten sich sogar selbst nach Kräften an der Plünderung, und bald gaben auch aufsteigende Flammenzeichen zu erkennen, wie barbarisch in dem unglücklichen Nictheroy gehaust wurde. Nur wenigen Offizieren gelang es, wenigstens einen Teil ihrer Leute noch leidlich zusammen und unter Waffen zu halten. Unter ihnen waren auch Helmut und Manuel, und beide schäumten vor Wut und bitterer Verzweiflung. Der Brasilianer beklagte laut jammernd sein unglückliches Vaterland, dessen Kinder sich gegenseitig zerfleischten, und der Deutsche suchte seinen ganzen Vorrat an brasilianischen Schimpfwörtern hervor – und die portugiesische Sprache ist an solchen, wie alle romanischen Sprachen, überaus reich, – um seiner flammenden Entrüstung über diese wüsten Szenen Ausdruck zu geben, die nach seiner Auffassung mit dem Begriffe soldatischer Ehre völlig unvereinbar waren. Wo sie es konnten, beschützten sie wenigstens die arme, der Vernichtung ihres Eigentums jammernd zusehende Bevölkerung vor den ärgsten Ausschreitungen. Einmal kam Helmut dazu, wie ein paar betrunkene Marinesoldaten in einem vornehmen Hause den Hausherrn mit dem Kolben niedergeschlagen hatten und nun mit drohend vorgehaltenen Bajonetten von seiner halb ohnmächtigen Gattin die Auslieferung des vorhandenen Bargeldes verlangten. Wütend schlug er den unflätigen Kerlen seinen Säbel über den Schädel, ließ dann das ganze Haus mit Hilfe Manuels von dem plündernden Gesindel säubern und stellte schließlich einen nüchtern gebliebenen Wachtposten mit geladenem Gewehr zum Schutz davor. Wie in allen Hafenstädten, war auch in Nictheroy viel zweifelhaftes Gesindel vorhanden, das jetzt aus seinen schmutzigen Schlupfwinkeln hervorkroch und sich mit wilder Lust an der Plünderung beteiligte. Mitten in diesen grauenhaften Wirrwarr hinein erschollen plötzlich die schmetternden Töne von Signalhörnern. Helmut kannte die Signale der brasilianischen Armee gut genug, um zu wissen, daß das das Angriffszeichen der Infanterie sei. Das von allen einsichtigen Offizieren heimlich Befürchtete war also zur Tatsache geworden: Peixoto selbst rückte mit seinen Kerntruppen heran, um das wichtige Nictheroy zurückzuerobern, koste es, was es wolle. Er fand leichte Arbeit. Die meisten der Plünderer waren nur noch mit ihren Enterbeilen bewaffnet und wurden, ehe sie von diesen Gebrauch machen konnten, niedergeschossen. Die zahlreichen Betrunkenen aber durchbohrte das Bajonett, bevor sie noch Zeit fanden, aus ihrem Rausche zu erwachen und sich zu vergegenwärtigen, was eigentlich um sie herum geschehe. In wilder Verzweiflung hatte Admiral Gama zusammengerafft, was von seinen Truppen noch kampffähig war, und leistete an ihrer Spitze heldenmütigen Widerstand. Rings umtobte ihn von allen Seiten die Woge der übermächtigen Feinde, aber immer wieder mußte sie zurückfluten, als sei sie gegen granitenen Fels angebrandet. Hoffnungslos war der wilde Kampf geworden, aber man wollte sich wenigstens noch bis zu den Booten durchschlagen oder mit Ehren untergehen. Ein Schuß traf den Admiral in die Hüfte, und ächzend sank er zu Boden. Seine Getreuen ergriffen ihn, trugen ihn aus dem Getümmel in die Mitte der Heldenschar, und diese brach sich nun unter Führung eines eisgrauen alten Kapitäns Bahn durch die sie umringenden, mit Siegesjauchzen andrängenden Feinde. So heftig war der unerwartete Stoß, daß bald eine freie Gasse zum Strande geöffnet wurde. Die noch am wenigsten erschütterte Besatzung des Aquidaban bildete die Nachhut und hatte deshalb den schwersten Stand. Immer wieder mußte sie Kehrt machen, um durch Salven oder mit dem blanken Bajonett die verfolgenden Regierungstruppen zurückzuhalten, und immer mehr lichteten sich dabei ihre ohnedies schon so dünnen Reihen. Helmut hatte schon mehrere Schrammen erhalten, auf die er in der Hitze des Gefechtes kaum achtete, aber tiefer Schmerz erfüllte ihn, als er jetzt auch seinen Freund Manuel an seiner Seite zusammenbrechen sah. Die Gefahr nicht achtend, beugte er sich auf den Verwundeten nieder und sah zu seinem Entsetzen, daß er mitten durch die Brust geschossen war und sich rasch entfärbte. Was tun? Ihn liegen lassen und der Gnade der wütenden, alle Verwundeten niederstechenden Regierungstruppen preisgeben, bedeutete den sicheren Tod. Ihn durch das Kampfgetümmel fortschleppen und bis zum Strand bringen, erschien fast unmöglich, und der schwer Verletzte würde einen solchen Transport vielleicht auch gar nicht mehr aushalten. »Laß mich nicht in die Hände der Feinde fallen,« flüsterte Manuel kaum hörbar, indem er die schwarzen Augen wieder aufschlug. »Gib mir mit deinem Revolver den Rest, ich verlange es als letzten Freundschaftsdienst.« Verzweifelt blickte Helmut um sich. Da sah er dicht hinter sich das stattliche Haus, das er vorhin vor der Plünderung bewahrt hatte, und sofort durchblitzte ihn ein rettender Gedanke. Rasch winkte er zwei seiner zuverlässigsten Leute herbei, und gemeinsam schleppten sie den Verwundeten in das Gebäude. Hier stieß Helmut auf die vorhin von ihm vor den Plünderern gerettete Frau, die sich um ihren Gemahl bemühte und voller Todesangst auf das wilde Kampfgetümmel draußen lauschte. Mit einem strahlenden Blick der nachtdunklen Augen empfing sie ihren Retter, aber der ließ ihr keine Zeit, sich in Dankesbezeigungen zu erschöpfen. »Wollt Ihr Euren Dank beweisen, so tut es durch die Tat und rettet hier meinen Freund! Pflegt ihn und verbergt ihn und benachrichtigt seine Eltern; er ist der einzige Sohn des Senators Manuel Ferraz, der es Euch gewiß vergelten wird.« Die Frau konnte ihm nur noch mit stummer Gewährung die Hand drücken, und dann stürzte der Deutsche mit seinen Gefährten auch schon wieder aus dem Hause hinaus, gerade noch rechtzeitig, um sich den letzten Nachzüglern der Seinigen wieder anschließen zu können. Der hartnäckige Widerstand der Marinetruppen schien die Wucht der feindlichen Verfolgung nun doch gebrochen zu haben; die Angriffe ermatteten und ließen nach, und so erreichte man endlich glücklich den rettungverheißenden Strand, wo die dort zur Bewachung der Boote aufgestellten Mannschaften einen weiteren und noch unerschütterten Rückhalt boten. Eiligst bestieg man die Boote, schaffte die Verwundeten hinein und stieß dann wieder von dem verhängnisvollen Strande ab, während die schweren Geschütze der Schlangeninsel und des Aquidaban mit ihrem wohlgezielten Feuer den traurigen Rückzug deckten. Mit düsteren Blicken empfing Admiral Mello die heimkehrenden Boote, die kaum noch die Hälfte ihrer ursprünglichen Insassen trugen; und auch von den noch vorhandenen waren nur die wenigsten ohne Verwundungen davongekommen. Doch kam kein Wort des Vorwurfs über die fest zusammengepreßten Lippen des Admirals, und sein bleiches Antlitz verriet zwar tiefe Trauer, aber keine Niedergeschlagenheit. Nachdem er für die Unterbringung der Verwundeten Sorge getragen hatte, fuhr er sofort wieder nach der Schlangeninsel hinüber, um seinen verwundeten Kollegen zu besuchen und sich mit ihm auszusprechen. Dort mochte er wohl erst die ganze Schwere der erlittenen Niederlage erfahren haben, denn als er an Bord zurückkehrte, verrieten seine Züge doch den Ausdruck tiefer Besorgnis. Sicher hatte er hier aber auch gehört, wie wacker sich Helmut wieder an diesem verhängnisvollen Tage benommen hatte, denn mit stummem Danke drückte er ihm kräftig die Hand. Eines Wortes war er nicht fähig. Unter den Leuten an Bord herrschte tiefste Niedergeschlagenheit, denn keinem blieb es zweifelhaft, daß die Sache der Revolution einen schweren Schlag erlitten hatte und so geschwächt war, daß sie sich vorläufig wohl ganz auf die Verteidigung beschränken mußte, noch dazu mit herzlich wenig Aussicht aus durchschlagenden Erfolg. Hieß es doch, daß die Regierung in Nordamerika einige große Panzer neuesten Systems angekauft habe, die bald eintreffen und den Aufständischen den letzten vernichtenden Schlag auf ihrem eigenen Elemente versetzen würden. In dieser verzweifelten Lage faßte Admiral Mello einen Entschluß, der dieses kühnen Seemanns durchaus würdig war. Von der Aussichtslosigkeit weiterer Kämpfe in der Bucht von Rio überzeugt, entschloß er sich, abermals die Hafensperre zu durchbrechen, nach den aufständischen Südprovinzen zurückzukehren, wo die Insurgenten schon siegreich bis zum Staate Parana vorgedrungen waren, sich hier mit seinen Marinemannschaften an ihre Spitze zu stellen, den Krieg zu Lande fortzusetzen und durch Bedrohung Rios von der Binnenseite her den auf der Schlangeninsel eingeschlossenen Admiral Gama herauszuhauen. Als der Aquidaban vor der Bucht von Paranagua angelangt war, teilte Mello in einer zu Herzen gehenden Ansprache diesen Entschluß den versammelten Offizieren und Mannschaften mit und stellte es ihnen zugleich frei, ob sie ihre Zukunft weiter mit dem Ungewissen Schicksal der Revolution verbinden und bei ihm ausharren oder ihre Entlassung nehmen und einstweilen ins Privatleben zurückkehren wollten. Nur wenige traten vor und entschieden sich für letzteres. Helmut hatte es gern getan, denn sein Herz zog ihn aus diesen politischen Wirren nach der Ruhe des friedlichen Vaterhauses, und er mußte sich gestehen, daß ihm die brasilianischen Parteikampfe doch ziemlich gleichgültig seien und sein inneres Wesen nicht berührten. Aber das soldatische Pflichtgefühl war größer; so blieb er in den Reihen derer, die den Admiral auch zu Lande weiter begleiten wollten. Aber nach dem Abendessen nahm Mello selbst ihn zur Seite. »Kadett Förster,« sprach er mit wohlwollendem, fast väterlichem Tone, »eine Herzensfreude war es mir, heute zu sehen, daß Sie Ihrem unglücklichen Admiral in seiner Not treu bleiben wollen, aber ich kann dieses Opfer nicht annehmen. Harte Lebensschicksale haben mich zum Menschenkenner gemacht, und als solcher sehe ich tiefer in Ihr Inneres, als Sie es vielleicht ahnen. Ich kann mich gut in Ihre Lage versetzen, und ich weiß sehr wohl, was vorhin Ihr Herz bewegte. Dieses ist deutsch geblieben und hat für unsere Parteikämpfe kein Verständnis. Sie gehören zu Ihren braven Landsleuten und können unter diesen dem brasilianischen Staate dereinst gewiß größere Dienste leisten, als wenn Sie hier vereinsamt in unserer Marine dienen, auf der Sie doch immer ein Fremder bleiben werden. Ich bin Ihnen viel Dank schuldig und kann diesem keinen besseren Ausdruck verleihen, als wenn ich Sie bitte, jetzt Ihr Schicksal von dem unsrigen zu trennen. Ich glaube nicht mehr recht an unsern Erfolg, und ich kenne die Rachsucht Peixotos. Er wird, wenn er Sieger bleibt, ein furchtbares Blutgericht halten, und da man weiß, daß Sie den Schuß abgefeuert haben, der das Pulvermagazin des Forts Santa Cruz in die Luft sprengte, da man außerdem durch Ihre Bestrafung seinen Haß gegen das Deutschtum etwas kühlen könnte, so ist es sicher, daß Ihnen im Fall der Gefangennahme ein schmählicher Tod bevorsteht. Das dürfen Sie Ihren alten Eltern nicht antun. Einen ehrlichen Tod ihres Sohnes auf dem Schlachtfelde würden diese gewiß verschmerzen, aber sie würden es ihr Leben lang nicht verwinden, wenn ihr hoffnungsvoller Sohn als Insurgent ins Gefängnis geworfen würde, um durch Henkershand zu sterben. Es schmerzt mich aufrichtig, daß Sie ohne Ihren Willen und ohne Ihr Zutun in diesen unheilvollen politischen Strudel hineingerissen wurden, und es gereicht Ihnen zur Ehre, daß Sie trotzdem getreulich Ihren Vorgesetzten folgten, aber nun müssen Sie Schluß machen. Also gehen Sie mit Gott, und grüßen Sie Ihre alten Eltern vom Admiral Mello! In diesem Leben werden wir uns wohl nicht mehr wiedersehen.« Helmut war so überrascht durch diese Worte, daß er kaum einige verworrene Sätze des Dankes stammeln konnte und sich nicht schämte, ganz vorschriftswidrig einen Kuß auf die Hand des edlen Mannes zu drücken, aber ehe er noch zu einem eigentlichen Entschlüsse gekommen war, hatte sich Mello schon entfernt und winkte ihm nur noch einmal wehmütig lächelnd einen Gruß mit der Hand zu. Gleich darauf meldete sich ein Bootsmann bei Helmut und teilte ihm mit, daß er Befehl habe, den Kadetten nach dem Handelshafen von Paranagua zu fahren und dort an Bord eines deutschen Dampfers abzusetzen, der am nächsten Morgen nach Rio Grande do Sul weiterfahren würde. Vorher solle der Kadett die Uniform ablegen und Zivilkleider anziehen. Helmut tat das wie im Traume, und wie im Traume nahm er mit tränenden Augen Abschied von den wackeren Gefährten so vieler banger Stunden. Das also war das Ende der heiß ersehnten und so viel versprechend begonnenen Seemannslaufbahn! Was sollte nun aus ihm werden? Der Kopf schmerzte ihn, und schließlich hatte er nur noch den einen Gedanken, so rasch als möglich nach Haufe zu gelangen, Eltern und Geschwister zu umarmen und in der Ruhe der stillen Farm den inneren Frieden und das eigene Gleichgewicht wiederzufinden. Dann würde die Zukunft sich schon wieder aufklären und sich nach der einen oder andern Seite hin befriedigend gestalten lassen. Der übernächste Tag sah unsern jungen Freund schon vor der Hafenstadt Rio Grande in dem wegen seiner vielen Sandbänke für die Schiffahrt so gefährlichen Kanal, der den Ausfluß des großen Entensees nach dem Ozean bildet. Mit reiferen Augen betrachtete der Jüngling jetzt das bunte Hafengetriebe, das sich hier entfaltet, weil Rio Grande der Hauptausfuhrplatz für die Hunderttausende von Ochsenfellen und für die zahllosen Wagenladungen von Dörrfleisch ist, die aus den großen Schlächtereien von Pelotas herangeführt werden, da im Innern der Provinz Rio Grande do Sul von den Farmern Rindviehzucht im großartigsten Maße betrieben wird. Und mit gewissem Stolze sagte sich Helmut, daß dieser ganze blühende Handelszweig, der für Brasilien eine Lebensfrage ist, fast ausschließlich in deutschen Händen sich befinde, daß auch die viehzüchtenden Farmer im Innern größtenteils Deutsche seien. Nun ging es über den an Schlammbänken reichen Entensee bis Porto Alegre und dem benachbarten San Leopoldo, und auch hier stand überall wieder das deutsche Element im Vordergrunde. Wie mundete da nach den entbehrungsreichen Monaten der jüngsten Vergangenheit ein Glas frisches Bier in einer der deutschen Brauereien, und wie wohl tat es, hier einmal nicht das portugiesische Geschnatter, sondern die kräftigen Laute der Muttersprache zu hören; wie angenehm berührte es, daß hier nicht fortwährend von Revolution und Parteigezänk, sondern von großen, weltbewegenden Fragen die Rede war, von den Aussichten der deutschen Einwanderer und des deutschen Handels, von dessen vielfachen Verzweigungen, die sich unter dem tatkräftigen Schutze des gewaltig erstarkten deutschen Reiches über die fernsten Gegenden der Erde spannen. Von San Leopoldo führte dann die Bahn durch freundliches, meist gut angebautes Gelände und malerisches Waldgebirge, mitten zwischen deutschen und italienischen Ansiedlungen hindurch, in mäßig schneller Fahrt an dem fast rein deutschen Santa Cruz vorbei bis zur Station Santa Maria, wo sich Helmut dem Rücken eines Mietspferdes anvertrauen mußte, um nach zweitägigem Ritt das ersehnte Elternhaus zu erreichen. Wie ging ihm da aber unterwegs das Herz auf! Sein Auge weidete sich an dem frischen Grün der üppigen Vegetation, an den grauen Straußen, deren flüchtige Herden sich bisweilen in der Ferne zeigten, an den Tinamus, einer Art Wildhühner, die zutraulich über den Weg liefen, an den vielen sauberen deutschen Bauernhäusern mit ihren Ziegeldächern und ihrem soliden Balkenwerk, die so vorteilhaft von den elenden Lehmhütten der Eingeborenen abstachen. All die stattlichen Pferde- und Rinderherden, die in großen, mit Stacheldraht umsäumten Gehegen weideten, die grunzenden Schweine an den Pfützen, die prangenden Mais-, Tabak-, Bohnen- und Zuckerrohrfelder waren ja deutsches Eigentum, Erzeugnis deutschen Fleißes. Wo noch Urwald stand, waren doch allenthalben mit Feuer und Axt lange Schneisen durch ihn hindurchgebrochen und ermöglichten einen lebhaften und regelmäßigen Verkehr. An manchen Stellen gab es auch ausgedehnte Kaffeepflanzungen, deren Kirschen jetzt in feurigem Rot aufleuchteten, auch schöne Palmenhaine oder ganz deutsch anmutende Kartoffelfelder. Die Straße war belebt genug. Allenthalben begegneten dem ungeduldigen Reiter lange Züge von Frachtkarren, die von einer ganzen Schar Ochsen gezogen wurden und mit Binsenmatten bedeckt waren, und deren schwere Räder aus massiven Holzscheiben einen gleichmäßig knarrenden, melancholischen Ton erzeugten und tief in den schlechten Weg einschnitten. Berittene Führer, die Steigbügel mit der großen Zehe des nackten Fußes haltend, trieben die Zugtiere mit fünf Meter langen Bambuslanzen unablässig an. Nachts rasteten diese Karawanen auf offenem Felde, wo die Tiere frei weiden durften, während die Kutscher und Treiber ihr Mahl in berußten Feldkesseln kochten und dann unter den Wagen schliefen. Die meisten Ansiedlungen lagen zerstreut, aber doch gab es auch einige geschlossenere Ortschaften, und in deren Nähe war die Straße natürlich am belebtesten. Vierspännige Ackerwagen, mit Maissäcken oder Brettern beladen, oder auch einzelne zweispännige Jagdwagen waren hier die häufigsten Erscheinungen, noch mehr aber die unzähligen Reiter, denn in Brasilien reitet alles: Männer, Frauen und Kinder, und das Pferd oder das Maultier spielt dort mindestens dieselbe Rolle wie in den ebenen Gegenden Norddeutschlands das Fahrrad. Man würde es mit der Würde eines angesehenen Mannes oder seiner Angehörigen gar nicht für vereinbar halten, wenn sie auch nur kleinere Strecken ohne zwingenden Grund zu Fuß zurücklegen wollten. Fast vor jedem Haus stehen gesattelte Pferde zur sofortigen Benutzung bereit, und an der Hauswand sind immer eiserne Ringe eingelassen, an denen etwaige Besucher die Zügel ihrer Reittiere festknüpfen können. Viele der reitenden Männer trugen nicht hohe Reitstiefel, sondern buntgestickte Hauspantoffel, und die Frauen, fast ausnahmslos barfuß, hielten sich mit dem rechten Knie auf einer hohen Sattelgabel und mit der Zehe des linken Fußes in einem winzig kleinen Steigbügel. Schön sah das gerade nicht aus, aber die große Gefahr, bei einem Sturze des Pferdes im Steigbügel hängen zu bleiben, wird dadurch vermieden. Die Kinder, Knaben wie Mädchen, saßen rittlings auf ungesattelten Tieren, die oft nicht einmal ein Zaumzeug trugen, sondern denen nur ein Strick wie eine Halfter über die Nase gelegt war; fünf- und sechsjährige Knirpse ritten auf diese Weise stolz zu der stundenweit entfernten Schule. Die Pferde schienen allerdings sehr gutmütig zu sein. Weniger imponierte ihr Äußeres mit dem kleinen Körper, der ausgeprägten Ramsnase und dem stark eingedrückten Rücken. Aber der Brasilianer sowohl wie der praktische deutsche Kolonist legen wenig Wert auf Pferdeschönheit, sondern betrachten diese Tiere lediglich als vierbeinige Fortbewegungsinstrumente. Drittes Kapitel. Auf einer deutschen Farm. Allmählich wurde die Gegend stiller und einsamer, die Ansiedlungen seltener, der Wald ausgedehnter. Durstigen Auges überflog Helmut die Schönheit dieser größtenteils noch urwüchsigen Tropenlandschaft: nun mußte er ja bald daheim sein, denn die Farm seines Vaters war eine der letzten und am weitesten vorgeschobenen. Am Abend des zweiten Reittages, als schon die kurze Tropendämmerung hereinbrechen wollte, machte der Weg eine plötzliche Biegung, gastlicher Rauch kräuselte sich über den ragenden Wipfeln der Urwaldbäume, und gleich darauf lag das Vaterhaus in seiner ganzen behaglichen Breite vor Helmuts entzückten Augen. Im Galopp sprengte er darauf zu, mit wildem Satz über ein paar erschreckt auseinander fahrende Schweine hinweg, war im Nu aus dem Sattel und klopfte mit dem schweren Knopf seiner Reitpeitsche dröhnend gegen die balkenverwahrte, mächtige Haustür. Es dauerte seiner Ungeduld viel zu lange, bis sich drinnen langsam schlürfende Schritte hören ließen und endlich der schwere Riegel zurückgeschoben wurde. Der Oberknecht Gottlieb war es, der ihm zuerst entgegentrat und bei dem unerwarteten Anblick des jungen Herrn ein erstauntes, echt schwäbisches: »Da guck a mol na!« in den stillen Tropenabend hinausrief. Daraufhin kam auch eilends seine Gattin, die dralle Viehmagd Luisle, herbeigewatschelt, den sauberen Melkeimer noch in der Hand, und begnügte sich, da sie sich immer zusammennahm und in Gegenwart der Herrschaft vornehm Hochdeutsch zu reden sich bemühte, mit einem erstaunten: »Aber so was!« Helmut drückte dem wackeren Ehepaar rasch die Hand und stürmte weiter zum Nähzimmer, wo er wenige Sekunden später in den Armen seines lieben Mütterleins lag. Nachdem der erste Sturm der Begrüßung vorübergerauscht war, wurde natürlich aufgetragen, was Küche und Keller zu bieten vermochten, um den erschöpften Reitersmann zu erquicken, und dieser mußte dann unter den liebevoll sorgenden Blicken der Mutter und der Schwester von seinen Erlebnissen erzählen, wobei diese aus dem Erstaunen und aus einem nachträglichen Angstgefühl gar nicht herauskamen. Die Männer waren noch draußen auf dem Anstände, um die Küche mit Hirschfleisch zu versehen, und kamen erst spät heim. Dann finden wir die ganze Familie mit dem neuen Ankömmling in der gemütlichen Diele bei einem guten Trunk und regem Meinungsaustausch versammelt. Da war zunächst Vater Förster selbst mit seiner straffen, emporgereckten Gestalt, den scharf geschnittenen, von unzähligen Fältchen durchzogenen, glattrasierten Gesichtszügen und den kleinen, durchdringend unter gewölbten Brauen hervorblickenden Augen, der Typus des niedersächsischen Landmanns. Er war einer jener großen Bauern in der Lüneburger Heide gewesen, die viele hundert Morgen Land ihr eigen nennen und seit mehr als einem halben Jahrtausend auf ererbter Scholle sitzen. Es ist ein bäuerliches Aristokratengeschlecht, das sich da im Laufe der Generationen auf solchen einsamen Heidehöfen herausbildet, zäh und tüchtig, aber auch unbeugsam, trotzig und selbstbewußt. Dem angestammten Königshause hingen diese Heidebauern mit rührender Treue an, und deshalb vermochten sich viele von ihnen nicht in die großen Umwälzungen des Jahres 1866 zu finden. Zu ihnen hatte auch der alte Förster gehört, und lieber wanderte der knorrige Mann mit seinem jungen Weibe aus, als daß er sich in die neuen Verhältnisse gefügt und sich als preußischer Untertan betrachtet hätte. Schwer genug war es ihm anfangs geworden, in dem wildfremden Brasilien festen Fuß zu fassen, aber seine und seiner Frau angestammte Zähigkeit hielten durch und meisterten alle Schwierigkeiten. Harte Arbeit hatte es in den ersten Jahren gegeben, als der Urwald mit Axt und Feuer gerodet werden mußte und man dabei die geladene Büchse nicht von sich legen durfte, um die Überfälle wilder Raubtiere und noch wilderer Indianer abwehren zu können. Und eigen war es dem wortkargen Mann wohl zumute geworden, als Zeitungen, die sich in seine Einsamkeit verirrten, Kunde gaben von den großen deutschen Siegen gegen Napoleon und die französische Republik, vom Einzuge in Paris und von der Wiedererrichtung des alten herrlichen deutschen Kaiserreiches. Manchmal hatte es ihn da wohl gemahnt, doch wieder zurückzukehren in die verlassene, immer noch heiß geliebte Heimat. Aber inzwischen hatte er doch schon Wurzel geschlagen im neuen Lande, und wenn auch sein Herz immer dem deutschen Vaterlande gehörte, die schwer errungene neue Existenz, die seinen Nachkommen eine glänzendere Zukunft verhieß, als es unter deutschen Verhältnissen möglich gewesen wäre, mochte er doch nicht wieder aufgeben. Konnte sich doch der freiheitliebende Mann hier auf seinem weiten Besitztum wie ein kleiner König fühlen. Kleine Kinder waren inzwischen ins Haus gekommen, deren zartes Alter die weite Reise nicht rätlich erscheinen ließ. Und mit den Kindern kam allmählich auch der wachsende Wohlstand, wenn auch erst nach mancherlei Fehl- und Rückschlägen. Jetzt schmauchte der alte Förster gemächlich sein Pfeifchen und lauschte aufmerksam den Erzählungen seines Sohnes. Er äußerte sich mit keinem Wort über dessen Erlebnisse, aber sein liebevoller Blick verriet, daß er mit der Haltung seines Jungen zufrieden war. Mutter Förster trippelte beständig um den jungen Helden herum und wußte gar nicht, was sie ihm alles Liebes und Gutes antun solle, um ihn für die vielen ausgestandenen Strapazen und Entbehrungen zu entschädigen. Immer wieder strich ihre arbeitsharte Hand liebkosend über den blonden Scheitel ihres Sorgenkindes. Der knorrigen Riesengestalt des Vaters gegenüber erschien sie klein und zierlich, aber fest ruhten die Zügel des weitverzweigten Haushaltes in ihrer Hand, und alles lief wie am Schnürchen. In einer solchen Ansiedlung muß ja fast alles, was zu des Lebens Notdurft und Nahrung gehört, selbst hergestellt werden, denn nur selten verirrt sich ein Händler mit seinem fahrenden Warenlager zu diesen äußersten Niederlassungen, und auch die Ansiedler selbst finden nur selten Gelegenheit und Muße, dem nächsten Städtchen einen flüchtigen Besuch abzustatten, dürfen auch ihr einsames Heim nicht allein lassen. Die etwas plump gearbeiteten Tische, Stühle, Bänke und Schränke waren alle eigenes Erzeugnis, aus selbst gefällten Bäumen gezimmert. Der Tabak, den man rauchte, der Kaffee, den man trank, der Zucker, mit dem man ihn süßte, die Orangen, die die Frauensleute schnabulierten, waren auf eigenem Grund und Boden gewachsen. Außer Helmut waren noch drei Söhne da, zwei ältere, Günter und Siegfried, hochgewachsene, wettergestählte Männer, tüchtige Landwirte, mit offenen und sympathischen, wenn auch nicht übermäßig geistreichen Gesichtszügen. Rolf, der Jüngste, dagegen war ein schmächtiger, fast zierlicher Knabe mit weichem Lockenhaar, aber seine tief gebräunten Gesichtszüge bewiesen, daß auch er sich fleißig draußen in Wind und Sonnenschein zu tummeln pflegte, und mit seiner leichten Büchse schoß er schon so sicher wie der erfahrenste Jäger. Die einzige Tochter Lieselotte war ein sanftes, gutmütiges Mädchen, ging aber der Mutter in der Wirtschaft tüchtig und unverdrossen zur Hand. Ihr aschblondes Haar und ihr strahlend blaues, in unbewachten Augenblicken träumerisch in die Ferne schweifendes Auge verrieten unverkennbar die niedersächsische Abstammung. Nach guter, alter deutscher Sitte teilten auch Knechte und Mägde den Aufenthalt in der Diele mit ihrer Herrschaft, verhielten sich aber still und bescheiden und wagten nicht, sich ins Gespräch zu mischen, ohne direkt gefragt zu werden. In leisem Flüstertone führten sie in einem Winkel der geräumigen Halle unter Kichern und unterdrücktem Lachen ihre Unterhaltung. Wurden sie einmal ein wenig zu laut, so genügte ein einziger Blick des gestrengen Hausherrn, ihre übermäßige Heiterkeit zu dämpfen. Meist hatte ihre Wiege zwischen den Weizenfeldern Mecklenburgs oder den Buchenwäldern Pommerns gestanden. Nur der uns schon bekannte Oberknecht Gottlieb und seine würdige Ehehälfte, die beide aus dem schönen Schwabenlande stammten, durften sich größere Vertraulichkeiten erlauben und wurden eigentlich unmittelbar zur Familie gerechnet. So war in der mit Waffen, Hirschgeweihen und Tierfellen geschmückten Diele des stattlichen Farmerhauses in den Tropen ein buntes Gemisch aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes in friedlicher Eintracht und unter patriarchalischem Szepter vereint. Heute war sogar noch ein Fremder hinzugekommen, der unter all diesen Landleuten als waschechter Berliner das großstädtische Element vertrat. Günter und Siegfried hatten nämlich bei ihrem heutigen Jagdzuge am Rande des Urwaldes eine absonderliche Begegnung gehabt. War da zu ihrem größten Erstaunen plötzlich ein bebrillter Europäer mit einem Schmetterlingnetz in der Hand aufgetaucht, der über der Jagd nach den bunten Riesenfaltern des brasilianischen Urwaldes die ganze Welt um sich herum vergessen zu haben schien. Sein weithin leuchtender Tropenhelm war schon ganz mit aufgespießten Schmetterlingen bedeckt gewesen, und an der Seite trug er eine riesenhafte, grünlackierte Botanisiertrommel, die er mit Pflanzen und Käfern gefüllt hatte. Als Günter und Siegfried ihn anriefen, fuhr er erschrocken herum und kramte lange in seinen unzähligen, mit Schachteln und Gläsern vollgepfropften Taschen, bis er endlich aus einer derselben einen kleinen Revolver zum Vorschein brachte und mit diesem so lange drohend in der Luft herumfuchtelte, bis die beiden ihm lachend erklärten, daß sie weder beutelüsterne Wegelagerer, noch skalpgierige Indianer seien, sondern friedliche deutsche Ansiedler. Ein Wort hatte dann das andere gegeben, schließlich hatte das kleine, drollige und dickbäuchige Männchen sich höflich als Doktor Mangold vorgestellt, Assistent am naturhistorischen Museum in Berlin und zur Zeit auf Forschungsreisen in Brasilien begriffen. Auf die Einladung der beiden hin, doch die Gastfreundschaft ihres väterlichen Hauses in Anspruch zu nehmen, hatte er dann aus einem Versteck im Gestrüpp sein von einem schlafenden Negerjungen bewachtes Maultier hervorgezogen, sich ächzend und mühsam in den Sattel geschwungen und war so mit ihnen nach Hause gekommen. Jetzt schien er sich in dem gemütlichen deutschen Kreise recht wohl zu fühlen und hatte bald mit der Ungeniertheit des Berliners das Gespräch ganz an sich gerissen. Das Gesinde lachte verstohlen über seine Späße und Witze, und selbst über das ernste Antlitz des alten Förster huschte bisweilen ein leichtes Lächeln. Dabei war der gute Doktor überaus wissensdurstig, fragte alle nach allem aus und machte sich eifrig Aufzeichnungen in sein umfangreiches Notizbuch. Sie würden das alles später schön gedruckt in deutschen Zeitungen zu lesen bekommen, meinte er selbstbewußt. Die älteren Söhne machten sich einen Spaß daraus, ihm allerlei Bären aufzubinden, und auch Gottlieb unterstützte sie dabei wacker, so daß das Luisle ein paarmal vor Vergnügen laut aufquietschte. Als sie aber erzählten, daß die Jaguare allnächtlich mit furchtbarem Gebrüll das Haus umtobten und sich regelmäßig ein Stück Vieh holten, daß die Brüllaffen junge Mädchen entführten und die Vampire den Kühen die Milch aus dem Euter saugten, merkte der Doktor, woher der Wind wehte, und schließlich wurde der Spaß auch dem alten Förster, der bis dahin schmunzelnd zugehört hatte, doch zu bunt, und er übernahm nun selbst geduldig die Beantwortung der zahlreichen, bald aus Wissensdurst, bald aus Neugier gestellten Fragen, indem er seinen Gast zunächst dahin aufklärte, daß der Jaguar ein sehr menschenscheues Tier sei und überhaupt nicht brülle wie ein Löwe, sondern nur fauche, miaue und knurre wie eine große Katze. »Sagen Sie mal, Herr Landsmann,« begann nach einer kurzen Pause des Nachdenkens der Gelehrte von neuem, »wieviel verdienen Sie so eigentlich im Jahr? Wenn man Ihr behäbiges Heim anschaut, sieht man doch, daß es den deutschen Ansiedlern in Brasilien ganz ausgezeichnet gehen muß.« »Na, so großartig ist es gerade nicht, Herr Doktor,« versetzte der Hausherr. »Gewiß haben wir jetzt unser anständiges, wenn auch keineswegs sorgenfreies Auskommen, und unsere Kinder können auf festen Füßen ins Leben treten, aber auf Rückschläge muß man hier immer gefaßt sein. Bald zerstört ein Heuschreckenfraß die Ernte des ganzen Jahres, bald räumt eine böse Seuche unter den Viehbeständen auf, bald machen Überschwemmungen die Arbeit vieler Jahre zunichte, bald verwüsten die Bugres, wie wir hier die wilden Indianer nennen, die Pflanzungen, und daß die Revolutionen, die seit dem Sturze des Kaisertums an der Tagesordnung sind, der friedlichen Weiterentwicklung des Landes nicht gerade günstig sind, werden Sie sich wohl selbst sagen können. Und das dürfen Sie mir glauben: harte, sehr harte Arbeit hat's gekostet, bis wir überhaupt auf fester Grundlage standen und auch nur aus dem Gröbsten heraus waren. Wenn man drüben in Deutschland oft glaubt, daß einem hier in dem gesegneten Brasilien die gebratenen Tauben nur so in den Mund fliegen, und man nur herüberzukommen brauche, um ein reicher Mann zu werden, so ist man gründlich auf dem Holzwege. Brasilien ist nur ein Land für Leute mit arbeitsgewöhnten Fäusten, die auch vor den niedrigsten Verrichtungen nicht zurückschrecken. Eiserne Gesundheit und etwas Kapital muß man auch haben, denn fehlt die erstere, so wird man durch das Fieber bald mürbe gemacht, und ohne Geld kann sich auch hier niemand selbständig machen. Muß er aber als Landarbeiter in die Dienste der hochmütigen brasilianischen Großgrundbesitzer treten, so wird er rücksichtslos ausgenutzt bis zum letzten Atemzug und hat's tausendmal schlechter als der niedrigste Schweinejunge auf einem unserer Rittergüter. Die Einwanderungsbehörden haben auch nicht immer ihre Schuldigkeit getan, und es sind da sogar recht schlimme Dinge vorgekommen, die den vertrauensseligen Einwanderern schwere Enttäuschungen bereitet und oft ihr ganzes Leben vergiftet und zerstört haben. Leider hat es auch deutsche Grundstückspekulanten gegeben, die durch Betrug ihrer einwandernden Landsleute zu reichen Männern geworden sind. Immerhin kann hier der Bauer, wenn er seine Sache versteht, sich den neuen Verhältnissen anzuschmiegen weiß, Gesundheit, etwas Geld und in der eigenen Familie tüchtige Arbeitskräfte besitzt, schon vorwärts kommen. Aber für die sogenannten gebildeten Stände ist in Brasilien nur ausnahmsweise Platz, und im Handwerk nur für besondere Arten desselben, zum Beispiel für Sattler, die stets vollauf Beschäftigung finden, da hier ja alles reitet. Die meisten unserer Handwerker können aber mit den Südländern nicht in Wettbewerb treten, da diese bei ihrer großen Anspruchslosigkeit billiger zu liefern in der Lage sind. Auf diesem Gebiet sowie als Erdarbeiter haben uns die Italiener längst den Rang abgelaufen. Auch der deutsche Kaufmann sollte nicht nach Brasilien kommen, wenn er nicht von vornherein eine feste Stellung in einem guten Hause hat; er könnte sonst böse Erfahrungen machen. Gleiches gilt von den Dienstboten, namentlich von den weiblichen. Sie als Naturforscher freilich, der Sie sich nur vorübergehend im Lande aufhalten wollen, werden hier reiche Befriedigung und vielfache Anregung finden. Denn herrlich und großartig ist unsere Tropennatur gewiß, wenn auch manchmal mich alten Mann inmitten der bunten Pracht das Heimweh nach der stillen niederdeutschen Heide mit unwiderstehlicher Sehnsucht erfaßt.« »Aber man liest doch allenthalben in deutschen Zeitungen und Reisebeschreibungen, daß die deutsch-brasilianischen Kolonien im schönsten Aufblühen begriffen sind,« wandte der Doktor etwas kleinlauter ein. »Das hatte früher auch seine Richtigkeit,« lautete die Antwort. »Sehen Sie, die Sache verhält sich so. Früher, als der Einwanderungsstrom aus Deutschland ununterbrochen anhielt, fanden die bereits hier ansässigen Kolonisten guten Absatz für alle ihre ländlichen Produkte an die neuen Ankömmlinge, die noch nicht auf deren Selbsterzeugung eingerichtet waren. Wie Sie wissen werden, hat aber die Einwanderung aus Deutschland dann aus den verschiedensten Gründen sehr nachgelassen, was man ja als Vaterlandsfreund schließlich nur mit Genugtuung begrüßen kann. Aber für die Kolonisten gingen dadurch die bisherigen Absatzquellen verloren, und neue wollten sich trotz aller Bemühungen nicht erschließen. Die Ansiedlungen liegen zu weit weg von den großen Verkehrsadern. Eisenbahnen gibt's erst ganz wenige, und unsere Flüsse sind vielfach nur unter den größten Schwierigkeiten zu befahren. Namentlich die Verbindung nach den Hafenstädten, die doch die erste Bedingung für eine gedeihliche Entwicklung der Kolonien wäre, ist außerordentlich schlecht. Dabei sind die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse in den letzten Jahren so tief gesunken, und der leidige Zwischenhandel hat so unangenehme Auswüchse gezeitigt, daß wir für das erhaltene Geld kaum noch die kolossalen Fuhr- und Frachtspesen decken können. Was nützen uns die schönsten Ernten, das prächtige Obst, das herrliche Gemüse, was das viele Vieh, die Ströme von Milch, die Berge von Butter und Käse, wenn wir alle diese guten Gottesgaben nicht verwerten können, sie verkommen lassen müssen und froh sind, wenn wir sie halb verschenken dürfen? Es fehlt daher an barem Gelde in den Kolonien, und keiner kann sich recht rühren, keiner ist zu weiteren Unternehmungen fähig. Selbst das früher so blühende Blumenau in unserm Nachbarstaat Santa Catharina ist stark zurückgegangen. Von der brasilianischen Regierung ist wenig zu hoffen, denn das wichtigste Wort in Brasilien, das Sie auch noch zur Genüge kennen lernen werden, heißt »Paciencia« , zu deutsch Geduld. Auch das Nötigste wird hier immer wieder hinausgeschoben und, wenn es doch endlich einmal in Angriff genommen wird, halbvollendet liegen gelassen. Daran sind allerdings vielfach auch die nordamerikanischen Schwindelgesellschaften schuld, die sich hier leider breit machen und den Staatssäckel gründlich zu leeren wissen, ohne etwas dafür zu leisten. Sie brauchen gar nicht weit von hier zu reisen, und Sie können ein hübsches Beispiel dafür sehen. Mitten im Urwalde werden Sie zu Ihrer Überraschung plötzlich auf einen halb verrosteten und schon wieder von Unkraut überwucherten Schienenstrang stoßen und irgendwo sogar ein paar halb zerstörte Lokomotiven stehen sehen oder einen Eisenbahnwagen, der entweder den Ameisen oder irgend einem brasilianischen Desperado zur Wohnung dient.« »Ja, da müßten eben die Ansiedler selbst für Abhilfe sorgen,« sagte Doktor Mangold. »Es sind doch so viel Deutsche hier in der Provinz, daß es ihnen leicht fallen müßte, bei den Wahlen ihre eigenen Abgeordneten durchzudrücken und diese ins Parlament zu entsenden, damit durch ihr Auftreten dem deutschen Element diejenige Fürsorge zugewendet würde, die es seiner Zahl, seinem Bildungsgrade und seinen Leistungen nach verdient.« »Darin haben Sie nicht ganz unrecht, aber Sie beurteilen die Verhältnisse eben doch zu sehr vom europäischen Standpunkte aus. Unsere Ansiedler hier sind immer gut deutsch geblieben und nicht im Lande aufgegangen. Das muß man ihnen nachrühmen, und es gereicht ihnen sehr zur Ehre gegenüber den deutschen Einwanderern in Nordamerika, die in der Regel nichts Eiligeres zu tun haben, als zu verengländern und ihr Deutschtum zu verwischen. Wir haben unsere eigenen Schulen und halten zäh an unserer Sprache fest. Aber wir sind auf diese Weise Fremdlinge im Land geblieben und haben gar keine nähere Berührung mit dem portugiesischen Element, dessen Sprache viele von uns nicht einmal verstehen. Für die verworrenen Parteiverhältnisse Brasiliens gibt es unter uns so gut wie gar kein Interesse. Das können Sie am besten daraus ersehen, daß bei den Wahlen kaum der zwanzigste oder fünfundzwanzigste Teil der deutschen Ansiedler zur Urne schreitet. Und selbst wenn wir ein paar deutsche Abgeordnete ins Parlament schicken würden, es würde uns wenig oder gar nichts nützen. Das weiß hier jeder, und deshalb macht man erst gar nicht den Versuch dazu. Können doch auch die portugiesischen Abgeordneten der Provinzen nicht das Geringste durchsetzen. Alle Verfügbaren Mittel werden vielmehr zur Ausschmückung der Hauptstadt verwendet, die dadurch allerdings, schon von Natur so begünstigt, zu einem der prächtigsten Plätze auf Erden geworden ist und über öffentliche Gebäude verfügt, die zu den vorhandenen Mitteln und zum Grad ihrer Benutzung in schreiendem Gegensatz stehen. Die Provinzen aber müssen derweil bitter darben, denn für sie bleibt nichts übrig. Nun, wir wollen den Mut nicht sinken lassen, denn hoffentlich kommen auch wieder einmal bessere Zeiten, wenn erst die Revolutionsstürme vorübergerauscht und wieder geordnetere Verhältnisse eingetreten sind. Man darf es der jungen Republik wohl zutrauen, daß sie die richtigen Männer herausfinden wird, die die Geschicke des großen und von der Natur so bevorzugten Landes in die richtigen Bahnen leiten und eine gedeihliche Entwicklung herbeiführen werden. Sie wollen ja noch weiter ins Innere, Herr Doktor, und Sie werden staunen, welch unkultivierte Verhältnisse da noch herrschen, und welch reiche und ungeahnte Schätze noch der Erschließung harren. Was man eigentlich von Brasilien kennt und unter Kultur genommen hat, ist ja eigentlich nichts weiter als der Rand des ungeheuren Landes, dessen ganzes Inneres dagegen noch vollständig Wildnis und, wenn ich recht unterrichtet bin, weniger erforscht und bekannt ist als die dunkelsten Teile Innerafrikas.« Alles fühlte die Richtigkeit dieser Worte und versank in nachdenkliches Schweigen. »Ich habe noch gar nicht gefragt,« mischte sich jetzt Helmut ins Gespräch, »wie es hier eigentlich mit der Revolution aussieht, und ob ihr auch schon darunter zu leiden hattet.« »Nun,« erwiderte der Vater, »gar so schlimm ist es bis jetzt nicht gewesen. Wohl haben die Insurgenten in der Provinz ein Heer gesammelt und sind mit diesem nordwärts durch Santa Catharina nach Parana gezogen, aber es ist noch glimpflich abgelaufen. Als wir dieses zerlumpte Gesindel sahen, haben wir rasch eine berittene Miliz gebildet, um etwaigen Ausschreitungen entgegenzutreten. Die Soldaten haben denn auch nur an ganz abgelegenen Orten Plünderungen verübt, denn sie hatten doch zu viel Respekt vor uns Deutschen, und wir hätten sie auch gründlich auf die Finger geklopft, wenn sie sich mausig gemacht hätten. Wie es später werden wird, wenn die Entscheidung gefallen ist, kann heute freilich niemand sagen, und man wird immer gut tun, sich auf Schlimmes gefaßt zu machen. Das Unheimliche bei der ganzen Sache ist, daß die Bugres sich wieder zu rühren anfangen und gern im Trüben fischen möchten, während die Weißen untereinander raufen. Sie sollen sogar der Regierung ihre Dienste angetragen haben, um unter dem Deckmantel einer Kriegspartei in üblicher Weise sengen und brennen zu können. Hoffentlich ist man in Rio so vernünftig, sich nicht mit den Rothäuten einzulassen, denn sonst könnte es uns Ansiedlern übel ergehen. Schon sollen einige besonders entlegene Farmen ausgeplündert und ihre Bewohner ermordet worden sein.« In die wieder eingetretene Stille dröhnte plötzlich ein furchtbares Gebrüll vom nahen Urwalde herein. »Sehen Sie,« rief der Doktor, indem er erschrocken aufsprang, »daß der Jaguar doch zu brüllen vermag, und zwar ganz gehörig! Sicherlich schleicht die Bestie ums Haus herum, um sich eine Beute zu holen.« »Da hört doch alles auf, da hält nu der Schulmoischter en Affen gar noch für en Tiger,« platzte Gottlieb unvermittelt dazwischen und wollte sich samt seinem Luisle schier ausschütten vor Lachen. »Sie können wirklich ganz beruhigt sein, Herr Doktor,« meinte auch Günter begütigend zwischen der allgemeinen Heiterkeit. »Das sind wirklich nur Brüllaffen, die fast allnächtlich ihre Konzerte zum besten geben. Und wenn's auch ein Jaguar oder, wie wir hier sagen, ein Tiger wäre, brauchten Sie sich doch nicht zu fürchten, denn Haus und Hof sind wohl verwahrt, und es ist ganz ausgeschlossen, daß ein Raubtier durch die Palisaden und über den hohen Zaun kommt.« »Angst habe ich auch gar nicht,« erklärte der Doktor stolz, der rasch seine großstädtische Überlegenheit wiedergefunden hatte. »Ich bin ja doch Fachmann und weiß, daß der Jaguar überhaupt nicht so schlimm ist, wie er vielfach hingestellt wird. Das sind alles Übertreibungen und Märchen und Jägerlatein. In Wirklichkeit geht der Jaguar dem Menschen ängstlich aus dem Wege und vermeidet es überhaupt, an die Ansiedlungen heranzukommen, denn er ist wie alle Katzen im Grunde genommen ein sehr feiges Geschöpf. Namentlich vor dem Feuer hat er eine heillose Scheu und selbst der unbewaffnete Mensch ist vollkommen vor ihm sicher, wenn er sich nur nicht ins Bockshorn jagen laßt.« Der alte Herr Förster lächelte eigentümlich. »Da kann ich Ihnen doch nicht ganz beipflichten,« sagte er, »kann Ihnen vielmehr versichern, daß der in die Enge getriebene Jaguar durchaus kein zu verachtender Gegner ist und sich ebenso grimmig wehrt wie ein Löwe oder Tiger. Im allgemeinen mögen Sie ja wohl recht haben. Aber es gibt doch manche Jaguare, die sich ganz zwischen die Ansiedlungen gezogen haben, gar keine Jagd auf das Wild des Waldes mehr machen, sondern sich fast ausschließlich von Vieh nähren und ein Zusammentreffen mit dem Menschen durchaus nicht scheuen. Schon die gedrungene Gestalt der Bestie verrät ihre ungeheure Kraft, wenn sie auch an Gewandtheit oder Geschmeidigkeit dem Tiger oder Panther nachsteht. Eine besondere Vorliebe scheinen solche Jaguare für Hundefleisch zu haben, und es gibt wohl kaum einen Ansiedler hier in der Umgegend, dem im Laufe der Jahre nicht schon einmal ein wertvoller Hund durch die blutdürstige Katze gestohlen worden wäre. Ich kenne sogar Fälle, wo dies unmittelbar am Lagerfeuer geschah, ein Beweis, daß der Jaguar auch nicht immer vor dem Flammenschein zurückschreckt. Eigentümlich ist es, daß er beim Angriff auf einen Menschen sich vorher aufrichtet wie ein Bär, was die eingeborenen Jäger dazu benutzen, ihm in diesem Augenblicke einen Spieß durch den Leib zu rennen. Dabei kann der Jaguar ebenso gut schwimmen wie klettern. Übrigens, wenn Sie einen Jaguar schießen und sein prächtig geflecktes Fell Ihrer Trophäensammlung einverleiben wollen, so glaube ich, daß ich Ihnen dazu hier wohl Gelegenheit bieten kann. Es ist mir nämlich gemeldet worden, daß heute auf einem meiner entfernten Corrals – so nennen wir hier die Stacheldrahtumzäunungen, innerhalb deren das Weidevieh sich aufhält – ein Kalb vom Jaguar geschlagen wurde. Es gilt nun, den Räuber ins Jenseits zu befördern, ehe er noch weiteren Schaden anrichtet, und das wäre eine hübsche Aufgabe für Sie und Helmut, der ja nach Mutters Wunsch hier vorläufig auf der Bärenhaut liegen soll. Einstweilen würde ich Ihnen aber raten, sich mal die Brüllaffen näher anzusehen, durch die Sie sich vorhin doch ein wenig ins Bockshorn jagen ließen. Eine interessante Gesellschaft sind diese possierlichen Kerle doch, und der helle Mondschein wird es Ihnen ermöglichen, genaue Beobachtungen zu machen. Helmut, der sich ja morgen ausschlafen kann, mag Sie begleiten. Nehmen Sie aber zwei ordentliche Flinten mit für alle Fälle, denn Ihr Spielzeug von Taschenrevolver ist nichts für den nächtlichen Urwald Brasiliens. Im übrigen seien Sie nochmals unter meinem schlichten Dach willkommen. Bleiben Sie hier, solange es Ihnen gefällt, und machen Sie meine Farm zum Ausgangspunkt Ihrer wissenschaftlichen Streifzüge. Fangen Sie Schmetterlinge und Käfer, soviel Sie wollen, und schießen Sie Jaguare, soviel Sie zu treffen vermögen. Wir andern wollen uns aber jetzt zur Ruhe begeben, denn morgen früh heißt es beizeiten an das schwere Tagewerk eines deutschen Ansiedlers in Brasilien gehen.« Während die andern ihre Schlafkammern aufsuchten, machten Helmut und Doktor Mangold sich zu ihrem nächtlichen Ausfluge fertig und schritten im hellen Mondschein rasch dem Saume des nahen Urwaldes zu. Schauerlich dröhnte von dort noch immer das Geheul der Affen herüber, und in den kurzen Pausen dazwischen hörte man das Schwirren unzähliger Zikaden, das Quarren und Quaken Tausender von Fröschen, das Rufen verschiedener Eulen und das Schnurren der Nachtschwalben, die mit ihren langen Schleppschwänzen wie Gespenster vorüberhuschten. Die ganze nächtliche Musik des Urwaldes war erwacht, aber die führende Stimme behielten doch immer die Brüllaffen, deren schauerliches Konzert gewissermaßen alle Stimmen in sich vereinigte und ganz taktmäßig mit Pausen, Solovorträgen und Chorgesängen vor sich ging. Es klang, als ob sämtliche Tiere des Urwaldes im Kampfe miteinander lägen, und bald glaubte man das Grunzen eines Schweines, dann wieder das unheimliche Knurren eines großen Raubtieres herauszuhören. Vorsichtig schlichen die beiden der Stelle näher, und endlich konnten sie die langbärtigen Konzertgeber in ihren fuchsroten und schwarzbraunen Pelzen vor sich sitzen sehen. Ein besonders altes Männchen schien den Vorsänger zu machen und den Takt anzugeben. Dieser alte Bursche saß ganz oben und hatte seinen muskulösen Wickelschwanz um einen starken Ast geschlungen, während die übrigen Sänger in den verschiedensten Stellungen und in malerischer Gruppierung im Baumwipfel herumsaßen. Nach einer längeren Pause stieß der Alte wieder ein entsetzlich röchelndes »Rochu, rochu« aus, wiederholte es fünf- bis sechsmal und ging dann in ein fürchterliches Gebrüll über, in das alle andern mit einer wahren Begeisterung einstimmten, so daß die beiden Menschenkinder unten am Stamme sich die Ohren zuhalten mußten, weil sie befürchteten, sonst taub zu werden. In der nächsten Pause aber hob Helmut zielend seine Flinte, der Schuß krachte, und mit entsetztem Kreischen stob der ganze Schwarm der nächtlichen Sänger auseinander, dabei fabelhafte Sätze vollführend. Man hörte nur das Rauschen der Blätter, das Knacken dürrer Zweige, und dann war alles still und leer. Nur der alte Vorsänger oben hing tödlich getroffen auf seinem Aste, aber so fest hatte er diesen mit seinem kräftigen Wickelschwanze umschlungen, daß er nicht herabfiel, sondern es eines zweiten Schusses bedurfte, um ihn herunterzuholen. »Fell und Schädel sind für Ihre Sammlung,« sagte Helmut zu seinem Gefährten, »aber das Fleisch wollen wir unsern Schwarzen lassen, die es leidenschaftlich gerne essen. Es gibt in der Tat eine sehr kräftige Brühe, aber wir Deutsche mögen doch keine Affen verzehren; man hat so einen gewissen Widerwillen dagegen, und ich muß immer daran denken, daß wir nach Darwin einen gemeinsamen Stammbaum mit diesen Tieren haben sollen. Und wirklich sieht ein unzerteilt am Spieß gebratener Affe fast aus wie ein kleines Kind. Ganz scheußlich! Ich möchte keinen Bissen davon essen.« Währenddessen packte er den Affen in seinen Rucksack, und beide machten sich wieder auf den Heimweg. Es war jetzt nach den Schüssen ganz still geworden im Urwalde und zugleich unheimlich finster, da der Mond sich hinter einer vorüberziehenden schwarzen Wolke versteckt hatte. Schweigend schritten die beiden so rasch als möglich dem Waldesrande zu, als plötzlich ein unheimliches Knurren sie stutzen und für einen Augenblick anhalten ließ. Ohne daß ein Wort gewechselt worden wäre, wußten doch beide sofort, daß diese drohenden, aus tiefster Brust kommenden Töne nur dem Jaguar angehören konnten. Aus dem Rascheln der Blätter war zu schließen, daß die Bestie kaum zehn Schritte entfernt war, aber zu sehen war in der Finsternis und in dem verwachsenen Gestrüpp absolut nichts. Wohl hatte man die Flinten schußbereit in den Händen, aber nirgends bot sich ein Ziel, und schutzlos schien der Mensch dem Angriffe des gewaltigen Raubtieres preisgegeben. Wie auf Verabredung schritten beide Männer Schulter an Schulter so rasch als möglich vorwärts. Ein unbestimmtes Angstgefühl schnürte ihnen fast den Hals zusammen und ließ das Herz rascher schlagen. Kalter Schweiß trat auf die Stirn, und sehnsüchtig schaute das Auge nach dem Waldesrande aus, wo es ja heller werden mußte. Ununterbrochen folgte der Jaguar den beiden, sich immer in gleicher Entfernung haltend; man hörte das Rascheln im Buschwerk und das drohende Fauchen und Knurren des Raubtieres. Endlich war der Waldesrand erreicht, und die beiden Gefährten atmeten nun erleichtert auf. Wie Helmut vorausgesehen hatte, folgte der Jaguar ihnen nun nicht weiter nach, sondern blieb im Waldesdunkel zurück. Unheimlich war dieses nächtliche Erlebnis aber doch in hohem Grade gewesen, und beide hatten das lebhafte Gefühl, daß sie diese qualvollen Minuten nicht ein zweites Mal durchmachen möchten. Am nächsten Morgen ging Helmut daran, nun auch bei Tageslicht die väterliche Farm eingehend zu besichtigen. Auf so manches Neue traf sein Auge, das Zeugnis gab für den unermüdlichen Fleiß der Farmbewohner und für ihren wachsenden Wohlstand, aber auch auf manch Altgewohntes, das ihm von Kindheit her lieb und vertraut war. Welcher Genuß war es für ihn, Mutter und Schwester auf den reich besetzten Geflügelhof zu begleiten, wo Hühner, Enten und Tauben aller Arten ihr lustiges Wesen trieben. Obst- und Gemüsegarten, die in üppiger Fülle prangten, mußten natürlich auch eingehend besichtigt werden, und dann ging's nach den Ställen, wo Helmut sein Lieblingspferd wiederfand, das ihn als Knaben so oft zur Schule getragen, ihn, der inzwischen schon so frühzeitig den vollen Ernst des Lebens und sogar das eiserne Würfelspiel eines blutigen Krieges kennen gelernt hatte. Auch den Wohnungen der eingeborenen Dienerschaft wurde ein Besuch abgestattet. Da gab's Neger und Mulatten in allen Farbenschattierungen, und auch von den eingeborenen Rinderhirten, den sogenannten Gauchos, waren einige zugegen, um ihre Meldungen zu machen. Alle diese Leute begrüßten den Sohn ihres Herrn nach seiner langen Abwesenheit mit aufrichtiger Freude und kindlicher Vertraulichkeit, denn die Familie Förster war wegen ihrer Gutherzigkeit und Gerechtigkeitsliebe bei allen Eingeborenen gut angeschrieben. Für eine volle Stunde aber nahm das Luisle unsern jungen Freund in Beschlag, denn sie mußte ihm doch ganz genau all das »Viehzeug« vorführen, das ihre »Menagerie« gegenwärtig enthielt. Das gutmütige Luisle war nämlich eine große Tierfreundin, und es gab kein noch so abenteuerlich gestaltetes Lebewesen, das die Schwarzen von ihren Feld- und Waldarbeiten mitbrachten, das nicht beim Luisle gastliche Aufnahme und sorgfältige Pflege gefunden hätte. Da gab es einige zahme Affen, die mit Ketten an den Bäumen angebunden waren, und unter denen sich sogar ein großer Spinnenaffe befand, der mit seinen übermäßig langen Gliedmaßen die unglaublichsten Turnerstücke vollführte. Eine Anzahl Papageien erfreuten sich eines mehr oder minder ungebundenen Daseins, und Luisle war besonders stolz darauf, daß einige davon echt schwäbisch »schwätzen« konnten. Ihren größten Stolz aber bildete ein riesiger, himmelblau und dottergelb gefiederter Arrara, der trotz seines ungeheuren, gefährlich aussehenden Schnabels ein höchst gutmütiges Tier zu sein schien und sich von seiner Herrin mit sichtlichem Wohlgefallen im Gefieder krauen ließ. Innerhalb eines besonderen Geheges tummelten sich zahme Tinamus und Hokkohühner, und die Meerschweinchenkolonie hatte sich ganz unheimlich vermehrt. Auch ein Aguti oder Goldhase war dazu gekommen, und selbst ein junger Ameisenbär, der mühsam mit einem Brei aus Milch und Maismehl und Eidotter ernährt wurde, fristete sein beschauliches Dasein. Ganz abgesehen von den vielen Schildkröten und farbenschimmernden Eidechsen, die in einigen primitiv angefertigten Terrarien untergebracht waren. Den Nachmittag benutzte Helmut dazu, zu Pferde in der Begleitung des Doktor Mangold einen Ausflug nach dem Corral zu machen, aus dem der Jaguar ein Kalb geraubt hatte, um sich über die Sache zu vergewissern. Er fand denn auch bald die Spuren des mächtigen Raubtiers, die aus dem Campo nach dem Urwalde wiesen; vielleicht war es gar derselbe Jaguar, der ihm in der Nacht einen solchen Schrecken eingejagt hatte. Der Berliner kam bei diesem Ausflüge besonders auf seine Rechnung, denn neben dem Corral und teilweise in diesen noch hineinreichend befand sich ein wasserreicher Sumpf, der von allerlei interessanten Vögeln wimmelte. Einen prachtvollen Anblick boten namentlich die langen Ketten der rosenroten Flamingos und der ebenso gefärbten Löffelreiher, von denen die weißschimmernden, eleganten Silberreiher geradezu entzückend abstachen. Große Schwärme starartiger Vögel mit gelber oder rosenroter Vorderseite flogen zwitschernd hin und her, auf dem Wasserspiegel schwammen zahlreiche Enten, im Uferschlamm stocherten kreischende Kiebitze und allerlei Schnepfenvögel nach Nahrung, und auf den kahlen Ästen der höheren Bäume hielten die plumpen, schwarzen Urubus ihre Verdauungsruhe ab, eine Art Aasgeier, die in Südamerika als Sanitätspolizei geschätzt werden, da sie all den vielen Unrat wegräumen, um den sich kein Mensch kümmert, und der sonst die Luft verpesten würde. Da konnte der Doktor freilich reiche Beute machen für seine Sammlung, und Helmut half ihm dabei wacker mit, so daß bald eine lustige kleine Jagd im Gange war. Als sie in der Abenddämmerung heimkehrten, fanden sie einen neuen Besuch vor, der das besondere Interesse Doktor Mangolds auf sich zog, denn es war ein Vollblutindianer, namens Tumayaua, zu deutsch der zischende Pfeil, der da in der Diele ganz ungeniert Platz genommen hatte. Ernst und würdevoll saß er da, ein hoher, stattlicher Mann mit fast bronzefarbener Haut, edelgeschnittenen scharfen Zügen, die Federn der Harpye, einer Adlerart, als Zeichen der Häuptlingswürde im Haar, den sonst fast nackten Körper in einen riesigen Poncho gehüllt, d.h. eine Wolldecke, durch deren Loch man den Kopf steckt und dann den Stoff malerisch um den Leib herumschlingt. Der Doktor wunderte sich nicht wenig über diesen friedlichen Besuch, aber Helmut klärte ihn dahin auf, daß Tumayaua schon seit Jahren ein treuer Freund des Hauses sei und der Familie bereits viele wichtige Dienste erwiesen habe. Er sei auch gar kein Bugre, sondern gehöre zum Stamme der Chiriguanos, die mit den Bugres von alters her in tödlicher Feindschaft lebten. Früher seien die Chiriguanos unumschränkte Herren des ganzen Landes gewesen, aber dann von den Portugiesen in der grauenvollsten Weise fast gänzlich ausgerottet worden, so daß nur noch ganz wenige übrig seien, die sich unstät in den Wäldern herumtrieben und ausschließlich von der Jagd lebten, in der sie es zu großer Meisterschaft gebracht hätten. Zu ihnen gehöre auch Freund Tumayaua, der wohl der Letzte aus seiner Horde sein möge, da er stets nur allein gesehen werde. Von Zeit zu Zeit tauche er in der Farm auf, um seine erbeuteten Tierfelle gegen allerlei Lebensmittel einzutauschen, und verschwinde dann wieder spurlos, wie er gekommen. Niemand wisse, woher er komme und wohin er gehe. Aber zu Zeiten der Gefahr sei er immer zur Stelle, überhaupt ein so zuverlässiger Freund, daß alle die höchste Achtung vor ihm empfänden, obwohl er allen Versuchen des Pastors, ihn zum Christentum zu bekehren, hartnäckigen Widerstand entgegensetzte, sich auch nicht dazu entschließen könne, europäische Kleidung anzulegen. Übrigens stehe seine wilde Nacktheit seinem prächtig gebauten Körper auch viel besser. Im Gegensatze zu den heimtückischen und räuberischen Bugres seien die Chiriguanos ein edles Volk, im Kriege tapfer und mutig, sonst aber gutmütig, zuverlässig und gastfrei. Sie hätten, als die Europäer das Land eroberten, schon eine verhältnismäßig hoch entwickelte Kultur besessen, die aber dann in den unablässigen Kämpfen zugrunde gegangen sei. Jetzt seien nur noch ganz geringe Überreste dieses edlen Indianerstammes vorhanden, der sich gegenüber den lärmenden und redseligen Bugres auch dadurch auszeichne, daß er ernst, würdig und verschlossen sich benehme, ähnlich wie die Indianer Nordamerikas. Doktor Mangold hatte sich's inzwischen auch bequem gemacht und seine kurze Jagdpfeife in Brand gesetzt. Kaum aber hatte er einige Züge getan, als sich der Indianer erhob, gravitätisch auf ihn zuschritt und, ohne ein Wort zu sagen, ihm die Pfeife aus dem Mund nahm und ruhig selber weiter rauchte. Im ersten Augenblicke war der gute Doktor vor Überraschung und Erstaunen über diese Frechheit so verblüfft, daß er keines Wortes mächtig war, dann aber wollte er entrüstet aufspringen und dem Häuptling die Pfeife wieder aus dem Munde reißen. Die jungen Försters hielten ihn aber lachend zurück. »Um Gotteswillen, lassen Sie den Mann nur ruhig rauchen. Sie würden ihn sonst tödlich beleidigen und zu Ihrem Feinde machen. Sie kennen eben die Landessitten noch zu wenig. Dadurch, daß Tumayaua aus Ihrer Pfeife raucht, gibt er Ihnen ja gerade zu erkennen, daß er Ihr Freund sein will. Aus den Indianergeschichten im »Lederstrumpf«, die wir alle in unserer Jugend so gierig gelesen haben, werden Sie doch noch wissen, was eine Friedenspfeife ist. Und um nichts anderes handelt es sich hier. Überhaupt huldigen alle südamerikanischen Indianer einem weitgehenden Kommunismus, und auch das müssen Sie sich merken, wenn Sie auf Ihren Forschungsreisen mit den Eingeborenen gut auskommen wollen. Die Sippen, in denen die Indianer beisammenwohnen, sind ja eigentlich nichts als große Familien. Gleichheit und Brüderlichkeit heißt da die Losung, alles ist gemeinsamer Besitz des Stammes, keiner genießt besondere Vorrechte, sondern teilt willig seine Jagdbeute mit den andern Stammesgenossen, und selbst der Häuptling ist lediglich ein Anführer im Kriege oder bei größeren Treibjagden und Fischfängen.« Tumayaua hatte inzwischen bedächtig einige Züge getan, stieß nochmals eine dicke Dampfwolke zwischen seinen Lippen hervor und gab nun stumm die Pfeife ihrem Besitzer zurück. Mit etwas süßsaurem Lächeln nahm Doktor Mangold sein Eigentum wieder in Empfang und konnte sich doch nicht enthalten, die Spitze verstohlen mit seinem Taschentuche abzuwischen, ehe er sie wieder zum Mund führte. Er sah aber dabei ängstlich um sich, ob der noch immer schweigend dasitzende Indianer nichts davon bemerke und sich etwa dadurch beleidigt fühlen könnte. Denn es schien ihm selbst, als sei mit diesem schweigsamen Burschen nicht gut Kirschen essen. Der alte Herr Förster wandte sich nun aber selbst mit einer direkten Frage an den rothäutigen Gast. »Was hat Tumayaua in den Wäldern Neues gesehen?« erkundigte er sich. »War die Jagd gut? Und hat mein roter Bruder viel Fleisch getrocknet für schlechte Zeiten?« Diese Worte waren in dem eigentümlichen Gemisch gesprochen, das aus den Dialekten der verschiedensten Indianerstämme und unter Beifügung zahlreicher portugiesischer und deutscher Brocken gebildet ist und sich nach und nach zur Verkehrssprache zwischen den Eingebornen und den Ansiedlern entwickelt hat. Tumayaua antwortete im gleichen Dialekt: »Wild gibt's noch genug in den Wäldern, und das Glück ist Tumayaua auf seinen Jagden hold gewesen. Die Bugres sitzen an ihren Lagerfeuern und haben ihre Leiber rot bemalt.« »Das bedeutet also den Krieg,« seufzte Herr Förster. »Wir müssen auf der Hut sein, denn es ist leicht möglich, daß die Bugres ihre Streifzüge nach unsrer Gegend richten. Hoffentlich geht es glimpflich ab.« »Tumayaua wird Wache halten und wieder Nachricht geben,« sagte der Indianer einfach, wickelte sich dichter in seinen Poncho und legte sich dann in einem Winkel des Zimmers zum Schlafen nieder, nachdem er vorher noch einen eigentümlichen Blick auf Lieselotte geworfen hatte. »Auf seine Treue dürfen wir uns verlassen,« sagte Günter zu Doktor Mangold, »und solange dieser findige Bursche in der Nähe der Farm herumstreicht, wird kein Bugre sich ihr unbemerkt nähern können. Es ist unglaublich, über welch scharfe Sinne und welch kluge Kombinationsgabe diese Leute verfügen. In der Beziehung könnten wir Europäer, deren Sinne alle mehr oder weniger stumpf geworden sind, sehr viel von ihnen lernen, übrigens hätten Sie an Tumayaua den denkbar besten Gehilfen für die geplante Jagd auf den Jaguar. Ich würde Ihnen dringend raten, ihn mitzunehmen.« »Selbstverständlich tun wir das,« pflichtete Helmut eifrig bei. »Gleich morgen früh muß er mit, denn wenn der Jaguar überhaupt zu treffen ist, dann findet ihn Tumayaua sicher.« Die Sonne war am nächsten Morgen kaum aufgegangen, als Helmut, Doktor Mangold und Tumayaua, denen sich noch der alte Gottlieb angeschlossen hatte, auszogen, um den Jaguar aufzusuchen. Zwei Neger kamen auch mit, um beim Durchbrechen des Urwaldes sowie beim Tragen etwa erlegter Beutetiere behilflich zu sein. Hauptsächlich wurde der Waldrand abgestreift, um irgendwo die Fährte des Raubtieres zu finden. Aber eine Stunde nach der andern verfloß, ohne daß irgend etwas Besonderes sich bemerklich gemacht hätte. Endlich blieb Tumayaua stehen und deutete schweigend auf einen großen Baum. Doktor Mangold sah neugierig hin und erblickte nichts, aber auch Gottlieb und Helmut vermochten nichts zu entdecken. Sie schüttelten die Köpfe und blickten fragend auf den Indianer. »Die Augen meines weißen Bruders sind trüb geworden auf dem großen Salzwasser,« sagte dieser mit leichtem Tadel zu Helmut, »daß er die Zeichen des Urwaldes nicht mehr versteht. Sieht mein weißer Bruder nicht diese Kratzer hier in der Stammesrinde? Hier hat sich der Jaguar die Krallen gewetzt in der rauhen Rinde und sich dabei am Stamme emporgerichtet. Es muß ein tüchtiger Bursche sein, denn die Kratzer sind sehr hoch und stehen weit auseinander. Alt sind sie noch nicht, und der Jaguar kann nicht weit sein, wenn er auch hier auf dem steinbedeckten Boden keine Fährte hinterlassen hat.« Mit doppelter Vorsicht und Aufmerksamkeit ging es weiter, und nach einem Viertelstündchen kam man an das Ufer eines Sees. Tumayaua, der an der Spitze des kleinen Zuges schritt, deutete schweigend auf einen rätselhaften Punkt im Wasser. Helmut und der Doktor sahen mit ihren Gläsern genauer hin und: »Wahrhaftig, es ist der Jaguar,« rief Helmut erfreut aus, »der da ganz gemütlich über den See geschwommen kommt, und der Punkt da im Wasser ist sein Kopf.« – Des Fischfanges wegen lag ein Boot am Ufer bereit, und Doktor Mangold, der plötzlich vom Jagdeifer erfaßt wurde und einen Mut zeigte, den ihm Helmut kaum zugetraut hätte, schlug vor, im Boote dem Jaguar nachzusetzen oder ihm den Weg abzuschneiden und ihn so im Wasser zu erschießen. Auch Gottlieb war Feuer und Flamme für diesen Plan, und beide mit den die Ruder ergreifenden Negern sprangen schleunigst ins Boot, obwohl ihnen der Indianer abwinkte und erklärte, daß diese Jagdart keinen Erfolg verspreche. Helmut fügte sich der größeren Erfahrung des Häuptlings, die beiden andern ließen sich aber nicht abhalten, sondern stießen alsbald vom Lande ab, während Tumayaua und Helmut zurückblieben und an verschiedenen Punkten des Ufers möglichst gedeckt sich aufstellten, um die Freunde im Notfall zu unterstützen oder dem etwa ans Land schwimmenden Jaguar einen heißen Empfang zu bereiten. – Das von den kräftigen Negern mit großer Geschwindigkeit geruderte Boot schnitt dem Jaguar tatsächlich den Weg zum Lande ab und kam schließlich auf wenige Meter an das langsam schwimmende Tier heran. Der Doktor und Gottlieb zielten so genau, als es in dem schwankenden Kahne möglich war, und drückten gleichzeitig ihre Flinten ab. Aber die Kugeln verfehlten ihr Ziel und brachten der Bestie nur leichte Verletzungen im Rücken bei. Daß durch den Schmerz wütend gewordene Tier ging aber nun seinerseits zum Angriff über, erreichte den Kahn, schlug seine gewaltigen Pranken über dessen Rand und stieg nun fauchend und zähnefletschend an Bord, obwohl die beiden Europäer mit ihren Flintenkolben und die beiden Neger mit den Rudern nach Kräften auf ihn loshieben. Es nützte aber alles nichts, und als die kraftvolle, schön gefleckte Riefenkatze schließlich doch ins Boot sprang, ergriff ein heilloser Schrecken dessen Insassen. Sie sprangen nun unter Zurücklassung ihrer Waffen wie die Frösche selbst über Bord, suchten ihr Heil im Schwimmen und erreichten nach dem unfreiwilligen Bade schließlich auch an den verschiedensten Stellen glücklich das Ufer. Als stolzer Sieger saß der Jaguar im Boot, leckte sich seine Wunden, blickte grimmig um sich und ließ sich von Wind und Strömung treiben. Beide lenkten das Fahrzeug gerade auf den Indianer zu, der längst seinen großen Bogen gespannt und einen langen Bambuspfeil mit scharfen Widerhaken an der Spitze auf die Sehne gelegt hatte. Zischend durchfuhr der Pfeil die Luft und bohrte sich zwischen die Rippen des Jaguars, der ein wütendes Schmerzgeheul ausstieß und ins Wasser sprang, gleich darauf das Ufer erreichte und auf den Häuptling zueilte. Ein Duell auf Leben und Tod zwischen Indianer und Großkatze schien unvermeidlich, und besorgt eilte Helmut herbei, um seine Büchse mitsprechen zu lassen. Aber stolz winkte ihm der Indianer ab. Den Bogen hatte er weggeworfen, dafür seinen linken Arm mit dem Poncho umwickelt und stand nun in seiner schönen Nacktheit da, ein Bild urwüchsiger Kraft, in der erhobenen Rechten den schweren Tomahawk, dessen Schneide aus scharfem Feuerstein gebildet war. Wenige Schritte vor dem Häuptling richtete sich der Jaguar mit dumpfem Knurren auf und stürzte sich dann ingrimmig auf seinen Gegner. Der stieß ihm aber den mit dem Poncho umwickelten Arm in den Rachen, dessen furchtbare Fangzähne vergeblich durch die mehrfachen Lagen des dicken Stoffes zu dringen suchten. Zugleich sauste der Tomahawk mit fürchterlicher Wucht zwei-, dreimal auf den Schädel des Raubtieres nieder, bis dieser barst und die große Katze verendend sich zu den Füßen des stolz um sich blickenden Indianers krümmte. Bald war die ganze kleine Gesellschaft auf der Walstatt versammelt, und in fast scheuer Bewunderung drückte einer nach dem andern dem hünenhaften Indianer die Hand, der aber den ganzen Vorgang als etwas ganz Selbstverständliches zu betrachten schien. »Das sind doch Hauptkerle, diese Roten,« äußerte sogar Gottlieb anerkennend, und auch Doktor Mangold war voller Bewunderung über die Tapferkeit des Indianers. Die Neger luden die Beute auf ein rasch aus dünnen Baumstämmen angefertigtes Gestell und trugen sie auf dem kürzesten Wege nach Hause, gefolgt von Doktor Mangold und Gottlieb, die sich in ihren nassen Kleidern wenig behaglich fühlten. Helmut und Tumayaua aber wollten auf einem weiteren Wege zurückkehren, um womöglich noch etwas zu schießen, da in der Küche Wildbret gebraucht wurde. Nach längerer Wanderung sahen sie einen starken Waldhirsch, ein einsiedlerisch lebendes Tier, das nur wenig schwerer wird als ein Reh, dabei sehr schlau und scheu ist und ein außerordentlich feines und wohlschmeckendes Fleisch hat. Da der Wind nicht günstig stand, umlief Helmut den Hirsch im Halbkreis im schärfsten Tempo, aber er kam dabei derart außer Atem, daß er übereilt feuerte und seine erste Kugel glatt daneben ging. Da er aber glücklicherweise ein Magazingewehr hatte, konnte er gleich eine zweite Kugel folgen lassen, die besser traf und den flüchtenden Hirsch ins Gras warf, worauf ihn eine dritte vollends verenden ließ. Das zierliche Tier wurde sofort ausgeweidet, zwischen den Gabelästen eines Baumes aufgehängt und die Stelle bezeichnet, damit die Neger sie dann finden konnten. Lange wollte sich nun gar nichts mehr zeigen, aber plötzlich sah Helmut im hohen Gras vor sich eine Bewegung, die nur von einem Tier herrühren konnte. Vorsichtig schlich er sich näher, und nun entpuppte sich das rätselhafte Wesen als ein mächtiger Rotwolf. Der Bursche vertrieb sich die Zeit mit Rattenjagd und hatte wohl keine Ahnung von der Anwesenheit eines interessiert zusehenden Menschenkindes. In hohen Sätzen verfolgte er die kleinen Nager, wie es wohl unsere Haushunde tun, wenn sie zwischen Halmen und Rispen Mäuse zu ergattern trachten. Der Wolf schien seinen Sport lebhaft zu genießen; er kläffte aufgeregt und trollte in geradezu graziösen Sprüngen durch sein Revier. Dabei sträubte sich seine schwarze Mähne, was seiner Gestalt fast etwas Majestätisches verlieh. Endlich hatte er eine Ratte erwischt und legte sich nieder, um seine Beute in aller Bequemlichkeit verschlingen zu können. Helmut vermochte nur noch die vergnügt wedelnde Schwanzspitze zwischen den hohen Halmen zu erkennen. Plötzlich stand der Wolf aber wieder auf. Er hatte offenbar von dem nahen Menschen Witterung bekommen und ergriff nun eilends die Flucht. Im Knall des Schusses schlug er ein Rad, schnappte und knurrte dann aber fürchterlich. Die Kugel hatte ihn etwas zu tief getroffen und nur den einen Vorderlauf knapp unter dem Rumpfe abgerissen. Trotzdem kam das lebenszähe Tier wieder auf die Beine und versuchte nun auf drei Läufen eilends davonzuhinken. Weit kam es aber nicht mehr, denn Helmuts zweite Kugel warf es alsbald endgültig nieder. Auf dem Heimwege stießen die beiden dann zu ihrer Überraschung ganz unvermutet wieder auf den Doktor, den sie längst daheim und in trockenen Kleidern glaubten. Er saß auf einem Baumstamme und stierte unverwandt auf den Boden, wo ihn irgend etwas ganz besonders zu interessieren schien. »Etwas Famoses habe ich hier gefunden,« rief er seinem neuen Freunde schon von weitem zu. »Sehen Sie nur einmal, richtige Blattschneiderameisen in ganzen Heereszügen.« »Nun,« versetzt Helmut lachend, »das ist hier nichts Besonderes, und Ameisen sieht man mehr als einem lieb ist. Ja es will mir manchmal so vorkommen, als ob nicht der grimmige Jaguar und auch nicht der kluge Mensch die eigentlichen Beherrscher des Urwalds seien, sondern diese winzigen Insekten, die bei ihrer unglaublichen Menge und bei ihrem festen Zusammenhalten alles überwältigen, was ihnen in den Weg kommt. Deshalb fürchtet sie auch jedes Tier und geht ihnen beizeiten aus dem Wege, ja sogar der Mensch kann kaum etwas Besseres tun. Aber das will ich gern glauben, daß das Studium dieser Tiere äußerst interessant sein muß. Oft habe ich mir schon den Kopf darüber zerbrochen, warum wohl die Blattschneiderameisen immer ein kleines Blattstück über ihren Kopf halten. Tun sie das vielleicht, um sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen, und benützen sie so das Blatt als eine Art Sonnenschirm? Sie können uns gewiß nähere Auskunft darüber geben, Herr Doktor. Wir haben ja noch Zeit und können hier ein wenig rasten, denn der gute Gottlieb hat, wie mir scheint, ohnedies nicht lange bei Ihren Ameisen ausgehalten und ist Ihnen schnöde davongelaufen.« »Stimmt, stimmt,« pflichtete Doktor Mangold bei und begann dann mit behaglichem Eifer seinen wissenschaftlichen Vortrag: »Sie haben gar nicht unrecht, wenn Sie die Ameisen als die eigentlichen Beherrscher des Urwaldes bezeichnen. Überall sind sie zu finden, und die Blattschneiderameise ist nicht nur eine der häufigsten, sondern auch ihrer Lebensweise nach eine der eigentümlichsten Arten. Sehen Sie sich einmal diesen Wandelzug näher an. Er sieht aus wie ein breites grünes Band, das sich am Boden entlang zieht, und dessen einzelne Teile sich in fortwährender Bewegung befinden wie die Wellen eines Baches. Die grüne Farbe wird vorgetäuscht durch die abgeschnittenen Blattstückchen, die die Tiere zwischen den Kiefern ihres großen, herzförmigen Kopfes halten, und die ihren ganzen Körper bedecken. So fest halten sie die Blattstückchen, daß man sie daran aufheben kann, ohne daß sie loslassen. Als Sonnenschirme dienen die etwa groschengroßen Blattstückchen nicht, obwohl die Ameisen allerdings keine Freundinnen der Sonnenstrahlen sind und sich deshalb an sonnigen Stellen lieber Tunnel im Erdreich anlegen; auch auf die Baumstämme steigen sie nur dadurch empor, daß sie sich mit unendlicher Mühe aus feiner Erde Tunnel den Stamm entlang bis hinauf zur Laubkrone errichten. Dort schneiden die hellbraunen Tierchen mit ihren scharfen Kiefern, die wie eine Schere arbeiten, die Blattstücke heraus und zerstören so die Blätter bis auf die Mittelrippe, so daß der Baum nach und nach gänzlich entlaubt wird. Mit einem derart ausgeschnittenen Blattstück eilen sie dann zu ihrem Neste, das oft mehrere hundert Meter weit entfernt ist. Dahin bauen sie sich richtige Straßen, die von Gras und sonstigen niedrigen Pflanzen befreit und peinlich sauber gehalten werden. Oft sehen sie den Waldpfaden der Eingeborenen täuschend ähnlich, sind auch ebenso breit wie diese. Stets wird der kürzeste Weg eingehalten, und die Ameisen schrecken dabei vor keinem Hindernis zurück. Selbst über belebte Fahrstraßen wandern sie bisweilen, mögen dabei auch Tausende und aber Tausende von ihnen das Leben einbüßen. Das Erdreich auf diesen Ameisenstraßen sieht aus, als wäre es künstlich festgestampft. Stets sind sie von hastigem Leben erfüllt, und ich habe vorhin mit der Uhr in der Hand festgestellt, daß die Marschgeschwindigkeit einer beladenen Ameise etwa 150 Meter in der Stunde beträgt. Bei näherem Hinsehen werden Sie bemerken, daß vielfach noch kleinere Ameisen auf den beladenen Arbeiterinnen sitzen und sich gewöhnlich am oberen Blattrande festhalten. Es sieht aus, als ritten sie spazieren, und in der Tat handelt es sich dabei um junge Ameisen, die von alten spazieren geführt werden. Aber Sie wollten ja wissen, was die Ameisen mit den Blattstückchen anfangen, und das ist nun das Merkwürdigste bei der ganzen Sache. Da es mit den Sonnenschirmen nichts ist, werden Sie gewiß glauben, daß die Blätter als Nahrung dienen oder vielleicht auch beim Bau des Nestes Verwendung finden. Aber beides ist nicht der Fall. Im Neste angekommen, werden die Blattstücke vielmehr von den Tieren mit Kinnbacken und Vorderfüßen zu einer Art Kompost verarbeitet und mit diesem dann förmliche Gartenbeete angelegt. Auf diese Beete bringen die Ameisen die Fäden eines Pilzes, der in dem Kompost lustig fortwuchert, und von dessen kugelförmigen Anschwellungen sie sich ernähren. Diese Pilzkugeln sind also das Ameisenbrot, um dessentwillen die Ameisen so rastlos und emsig arbeiten. Nicht einmal nachts wird die Arbeit unterbrochen. Es ist demnach kaum zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß die Blattschneiderameisen Ackerbau treiben, so wunderbar und märchenhaft diese Tatsache zunächst auch anmuten mag. Leider bevorzugen die Ameisen die Blätter von allerlei Kulturgewächsen, wie Kaffee, Orangen, Mango usw., und sie richten deshalb furchtbaren Schaden an, da ein von ihnen befallener Baum in der Regel zum Absterben gebracht wird. Vergegenwärtigt man sich, in welch ungeheurer Menge diese Ameisen auftreten, und wie unablässig sie mit dem Zerschneiden der Blätter beschäftigt sind, so muß man sich überhaupt wundern, daß sie noch nicht den ganzen Wald zerstört haben. Nur die unerschöpfliche Triebkraft der Tropennatur kann solchen Angriffen standhalten. Auch sind die Bäume, auf denen andere Ameisen wohnen, vor der Vernichtungstätigkeit der Blattschneiderameisen sicher, denn die baumbewohnenden Ameisen verteidigen ihr Reich mit Ingrimm gegen die fremden Eindringlinge und schlagen deren Angriffe siegreich zurück.« Doktor Mangold sollte Gelegenheit haben, am selben Tage noch eine zweite sehr gefürchtete Ameisenart kennen zu lernen, die sogenannte Wanderameise. Als sich nämlich die drei der Farm näherten, wiesen allerlei Anzeichen darauf hin, daß hier etwas Besonderes vorgefallen sein müsse. Aufgeregt schwatzend und gestikulierend standen die Schwarzen und auch das europäische Gesinde im Hof herum, aus mehreren Zimmern waren alle Möbel ausgeräumt, und das Luisle bemühte sich, allerlei Eingemachtes aus der Speisekammer zu retten. Ein schwarzer, ununterbrochener Strom dicht gedrängter Ameisen aber zog zur Haustür herein, durch Diele, Eßzimmer, Küche und Speisezimmer hindurch und dann zur Küchenveranda hinaus wieder ins Freie. Händeringend stand Frau Förster daneben. »Da haben wir wieder einmal die Wanderameisen im Haus,« rief sie den Ankömmlingen entgegen. »Eine schöne Bescherung! Was ihnen in den Weg kommt, ist verloren, und man tut am gescheitesten, lieber gleich alles auszuräumen und den Tieren ihren Willen zu lassen. Aufkommen kann man gegen diese ägyptische Plage ja doch nicht. Wie mögen diese eigensinnigen Tiere nur auf den dummen Gedanken verfallen sein, gerade mitten durch unser Haus hindurch zu marschieren, als ob es nicht noch andere Wege genug gäbe! Na, hoffentlich dauert die Sache nicht so lange, damit wir bis zum Abend wieder einziehen können, falls es die Herren Ameisen gütigst gestatten.« Während Frau Förster die Sache ziemlich gelassen hinnahm, war das Luisle wütend und erschlug Ameisen, soviel sie nur konnte. Dabei schimpfte sie wie ein Rohrspatz, aber diesmal auf gut Schwäbisch, denn die Wut hatte sie ihr schönes Hochdeutsch ganz vergessen lassen. »Isch des einmal ein Saucorps, a dreckets! Die wüschte Gesellschaft hätt au wo anders bleibe könne. I möcht doch den Herrgott frage, zu welchem Deixel er au solche Viecher in die Welt gesetzt hat!« Helmut mußte ob der tragikomischen Situation unwillkürlich lachen, so leid es ihm auch tat, daß seiner geliebten Mutter durch den Ameiseneinfall so viel unnütze Arbeit erwuchs. Er bemühte sich, das Luisle zu trösten. »Es hat alles auch sein Gutes! Bringt man nur vor den Ameisen alles in Sicherheit, so vermögen sie ja weiter nicht zu schaden, aber dafür fressen sie ratzekahl alles sonstige Ungeziefer im Hause auf. Wir haben ja, wie überall hier zu Lande, eine Unmenge riesenhafter Küchenschaben im Hause, von den Grillen, Mäusen, Tausendfüßlern, Skorpionen, Fliegen, Moskitos usw. gar nicht zu reden. Das alles wird mit Stumpf und Stiel von den Ameisen so im Vorbeigehen ausgerottet, und wir werden lange Zeit Ruhe davor haben.« So war es auch in der Tat, und die Ameisen waren freundlich genug, ihren Durchmarsch bis Sonnenuntergang zu beendigen; nicht eine einzige blieb zurück, und so konnte man am Abend wieder beruhigt einziehen. Die Unterhaltung am Abend drehte sich wieder um die gefürchteten Bugres und um ihre bevorstehenden Einfälle. Namentlich Gottlieb konnte sich gar nicht genugtun in Schilderung und Ausmalung ihrer Greueltaten, so daß seinen Zuhörern die Haare zu Berge standen. Kein gutes Haar ließ er an den Rothäuten, stellte sie vielmehr als wahre Teufel und Ausgeburten der Hölle hin. »Es sind freilich wilde Kerle, und sie kennen keine Schonung,« warf Helmut dagegen ein. »Aber wenn man gerecht urteilen will, muß man doch eigentlich auch bedenken, daß wir Weißen ihnen ohne weiteres ihr Land weggenommen und sie in die unzugänglichsten Urwälder verscheucht haben. Daß sie sich nun zu rächen suchen und uns Europäer mit glühendem Hasse verfolgen, ist da doch eigentlich ziemlich begreiflich. Und da sie uns im offenen Kampfe mit ihren primitiven Waffen nicht gewachsen sind, so müssen sie eben ihre Zuflucht zu heimtückischen Überfällen nehmen. Auch läßt sich wohl kaum leugnen, daß bei diesen fortgesetzten erbitterten Kämpfen auch auf seiten der Weißen vielfach Wortbruch und Verrat, Grausamkeiten und Scheußlichkeiten aller Art vorgekommen sind. Wenn dann diese wilden Menschen Gleiches mit Gleichem vergelten, so ist das nicht zu verwundern, denn Aug' um Aug', Zahn um Zahn, Leben um Leben, das ist das oberste Gesetz im Urwald.« Tumayaua nickte zustimmend, und sein dunkles Auge glühte einen Augenblick in wildem Feuer auf, besänftigte sich aber sofort wieder, als Lieselotte ihn begütigend ansah. So begnügte er sich damit, zu sagen: »Die deutschen Ansiedler sind gut, aber die andern Weißen sind grausamer als der Jaguar, heimtückischer als die Schlange. Sie haben den roten Mann nicht mit den Waffen besiegt, sondern sie haben ihn vergiftet und gehetzt wie die wilden Tiere.« »Worauf bezieht sich denn das?« erkundigte sich Doktor Mangold. »Leider hat der Häuptling recht,« sagte der alte Förster ernst. »Es sind in dem Vernichtungskriege gegen die Eingeborenen tatsächlich Dinge vorgekommen, bei deren bloßer Nennung jeder anständig denkende Mensch in tiefer Scham erröten muß. Es ist wahr, daß die ersten Ansiedler förmliche Treibjagden auf die Eingeborenen veranstaltet haben, oft genug aus bloßer Langeweile. Die armen Rothäute wurden bei solchen Gelegenheiten massenhaft niedergeschossen wie die Hasen. Das scheußlichste ist wohl, daß man an den Lagerplätzen oft absichtlich Lebensmittel zurückließ und diese mit Strychnin vergiftete. Wenn dann die hungrigen Wilden darüber herfielen, starben sie massenhaft eines qualvollen Todes. Die Erinnerung an diese Untaten ist bei den Indianern nicht ausgestorben, und sie suchen sich in ihrer Weise dafür zu rächen, wobei natürlich die Unschuldigen für die Schuldigen büßen müssen. Es ist aller Ehren wert, daß Tumayaua im Gegensatze zu den Bugres da einen Unterschied macht und den Haß gegen die weiße Rasse, der auch ihn sicherlich insgeheim beseelt, nicht die friedliebenden deutschen Pflanzer entgelten läßt, vielmehr bestrebt ist, das diesen durch die Bugres jederzeit drohende Unheil nach Kräften abzuwehren.« »Bugres schlimm, Chiriguanos gut,« bestätigte Tumayaua, indem er die Hand beteuernd ans Herz legte. Die nächsten beiden Wochen verstrichen auf der Försterschen Farm ohne besondere Aufregung, aber unter fleißiger Arbeit und in stiller Ruhe. Helmut begleitete, so oft es ihm möglich war, den Doktor auf seinen Streifzügen und gewann dabei der Beschäftigung mit den Naturwissenschaften immer mehr Geschmack und Interesse ab. Als Farmerssohn und Jäger wußte er ja im Urwalde selbst besser Bescheid als sein studierter Begleiter, der nur zu oft den unbehilflichen Gelehrten verriet. Helmut kannte aus freier Natur die verschiedenen Tiere und Pflanzen sowie ihre Lebensgewohnheiten oft besser als der Doktor aus seinen Büchern, aber er lernte von dem Naturforscher die richtige Art und Weise des Beobachtens, das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden, den inneren Zusammenhang der Dinge begreifen und allen bei ihrer Betrachtung sich aufdrängenden Fragen systematisch auf den Grund gehen. Auch der Doktor seinerseits hatte von diesem Zusammenarbeiten, das die beiden jungen Leute bald in treuer Freundschaft verband, nur Vorteile. Er lernte sich im Urwalde zurechtfinden, lernte die besten Fundstellen kennen und die Lebensweise der Tiere und Pflanzen besser verstehen. Gern hatte er seinen Aufenthalt verlängert und sich seine ganze Ausrüstung nachkommen lassen, denn er konnte ja kaum einen bequemeren Ausgangspunkt für lohnende Streifzüge finden, als die am Rande des Kulturlandes dicht neben dem Urwalde gelegene Farm. Und das innige Zusammenleben mit deren einfachen, arbeitsamen und gutherzigen Bewohnern übte auf seine ganze Persönlichkeit offenbar einen sehr vorteilhaften Einfluß aus. Den anfänglichen überlegenen Ton des Berliners sowie allen Gelehrtendünkel hatte er längst abgelegt und gab sich ganz natürlich, so wie er im Grunde seines Wesens war, als ein für seine Wissenschaft begeisterter und für sie zu jedem Opfer fähiger Mann, dem es weder an Scharfblick und Menschenkenntnis, noch an Mut und Unternehmungslust gebrach. Auch mit dem Gewehr lernte er gut umgehen, und so wuchsen seine Sammlungen rasch an, zumal auch die Kinder der Farmbediensteten ihm allerhand Kleingetier in überreichlicher Menge zuschleppten, um dafür mit Glasperlen, bunten Bändern oder Süßigkeiten entlohnt zu werden. Unvergeßlich schöne und lehrreiche Stunden verlebten die beiden neuen Freunde im unermeßlichen Urwald, dessen Anblick sie immer von neuem wieder durch seine überwältigende Großartigkeit und durch seine entzückende Schönheit fesselte. Das rauschende Wipfelmeer der riesigen Bäume glich von weitem wohl einem deutschen Walde, aber wenn man näher kam, sah man sofort den Unterschied, der hauptsächlich darin bestand, daß in unsern Wäldern nur ganz wenige Baumarten vertreten und eine davon absolut vorherrschend ist, während der brasilianische Urwald sich durch die unendliche Mannigfaltigkeit seiner Bäume auszeichnet. Man konnte oft einen halben Kilometer und mehr gehen, bis man dieselbe Baumart wiederfand. Tiefe Verschiedenartigkeit des Baumwuchses bedingte zugleich dessen Dichtigkeit, denn verschiedenartige Gewächse machen sich im Kampfe um Licht, Luft und Nahrung natürlich nicht so scharfe Konkurrenz, können infolgedessen auch näher beisammen stehen als gleichartige Bäume, die alle die gleichen Ansprüche stellen. Weiter war kennzeichnend für den Urwald dessen ausgesprochen etagenförmiger Aufbau. Zu unterst das dichte Unterholz, darüber die sich massenhaft um die Baumäste windenden Schlingpflanzen und ganz oben das Meer der Baumwipfel, noch überragt von den zierlichen Kronen der höchsten Palmen. So baute sich hier immer Etage über Etage auf, gewissermaßen ein Wald über dem Walde. Wo nicht Schneisen durch den Urwald gehauen waren, bildete er eine dichte, undurchdringliche Mauer, die mit ihren wie dicke Seile nach allen Richtungen verlaufenden Lianen und mit ihren zahllosen Stacheln und Dornen jedes Eindringen unmöglich machte, wenn man sich nicht mit dem breiten Waldmesser, dem sogenannten Machete, gewaltsam Bahn brach oder durch einen Neger brechen ließ, wobei freilich jeder Schritt vorwärts mit unzähligen Schweißtropfen erkauft werden mußte. Und eigentlich lohnte sich das gar nicht, denn das düstere Innere des Urwaldes, wo die feuchtwarme Atmosphäre eines Treibhauses herrschte und vermodernde, von Pilzen überzogene Baumstämme den vordringenden Menschen oft fast bis an die Knie versinken ließen, war im allgemeinen totenstill und auffallend tierarm. Ungleich regeres Leben herrschte an den Waldrändern, an den Schneisen und namentlich an den vielen kleinen Bächen, die als natürliche Straßen schäumend und brausend, häufig kleine Wasserfälle bildend, durch das geheimnisvolle Grün zogen. Es war viel lohnender für die beiden jungen Naturforscher, sich am Rande solcher Bäche aufzuhalten und von da aus das Tierleben zu beobachten, das sich dann in überraschender Fülle vor ihnen zu entfalten pflegte. Ein fast heiliges Gefühl, ein gewissermaßen feierlicher Schauer befiel sie jedesmal, wenn sie das Innere des Urwaldes betraten. Da starrten sie fast ratlos hinein in das jede Aussicht versperrende Gewirr von Schlingpflanzen und das unsägliche Labyrinth von hohen, schlanken Stämmen, die wie Riesensäulen allenthalben neben ihnen aufstiegen. Und blickten sie dann nach oben, so erhob sich hoch über ihnen das dichte und doch wieder leichte Laubdach aus graziösem Blätterwerk, das den Himmel nur noch wie einen blauen Flor hie und da undeutlich durchscheinen ließ. Helmut kannte ja die Herrlichkeit des Urwaldes von Kindheit an und hatte sie immer als etwas Selbstverständliches hingenommen, ohne sich darüber näher Rechenschaft zu geben. Der Doktor aber hatte sich den Urwald schon daheim mit der glühendsten Phantasie ausgemalt, und doch sah er jetzt seine kühnsten Erwartungen übertroffen; es war alles so ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Alles erschien hier kolossal, alles mutete so urweltlich an. Man wurde sich der eigenen Winzigkeit so sehr bewußt und empfand in einer fast niederdrückenden Weise den ungeheuren Abstand zwischen der Großartigkeit der unerschöpflichen Natur und dem kleinen, hilflosen Menschlein, das sich da in ihre erhabenste Schöpfung hineinwagte. Zuerst war es der ungeheure Maßstab der Riesenstämme, der den Doktor in Erstaunen setzte. Sodann die gänzliche Verschiedenheit der Pflanzenwelt dieser Wälder von der Europas. Wo wir in der deutschen Heimat einen blühenden Strauch oder einen Obstbaum in anmutiger Farbenpracht sehen, da fanden sich hier blühende Baumkolosse, deren Höhe die der heimatlichen um das drei-, ja um das vierfache überragte, während ihre Blüten den größten Prachtblumen unserer Gewächshäuser an die Seite gestellt werden konnten. Dazu sprossen sie in einer so unendlichen Fülle hervor, daß der ganze Baum sich in ihre Farben gekleidet zu haben schien. So waren es besonders Bäume mit wundervollen großen lila Blüten und andere mit schneeweißen, die sich entzückend abhoben von dem mannigfachen Grün der andern Laubbäume, und die so dem Urwalde zur größten Zierde gereichten. Jeder Baum hatte seinen eigentümlichen Wuchs, sein eigenartiges Laubwerk und sein von den benachbarten Bäumen verschiedenes Grün. Riesige Gewächse, den verschiedensten Arten angehörig, verschlangen ihre Zweige aufs innigste mit einander und erzeugten so ein märchenhaftes Gemisch des mannigfachsten Laubes. Gleich gewaltigen Säulen erhoben sich die meisten Bäume kerzengerade zu schwindelnder Höhe, oft geschmückt mit den glänzendsten und glühendsten Blumenkronen. Jedoch nicht alle Gewächse des Urwaldes entsprossen dem Boden. Dort, wo die kleineren Äste sich von den größeren abzweigen, oder da, wo diese einen Auswuchs haben, nisten gern andere Kinder der Pflanzenwelt und schauen von schwindelnder Höhe neugierig herab auf den staunenden Wanderer. Zu ihnen gesellen sich die Flechten, die gleich Lockenperücken und Roßschweifen herabhängen oder in Form von langhaarigen Bärten den Riesen der Urwälder das Ansehen ehrwürdiger Greise geben, die selbst ein tausendjähriges Alter nicht zu beugen vermochte. Und um diese wunderbare Natur noch mannigfaltiger zu machen, schlangen sich Tausende von Lianen und andern Kletterpflanzen in den sonderbarsten Figuren und Windungen bald von den Ästen der Riesenbäume herab, bald zu denen anderer Bäume hinüber, dabei Äste und Stämme oder auch sich untereinander umfangend, oft von der Stärke eines kräftigen Taues, nicht selten aber auch von der eines Menschenschenkels. Es erschien ganz unmöglich, mit dem Auge dieses Gewirr zu durchdringen und die unzähligen, ans Fabelhafte streifenden Verschlingungen zu verfolgen. Bald kamen die Lianen gleich geraden Stangen herab und wurzelten in der Erde, so daß man sie für Bäume zu halten versucht war; bald bildeten sie Schleifen und Ringe von drei bis sechs Meter Durchmesser; bald schlangen sie sich so um einander, daß sie Ankertauen glichen. Zuweilen schnürten sie einen Baum abschnittsweise völlig ein, erstickten ihn oft ganz, so daß er alles Laubwerk verlor und seine abgestorbenen Riesenarme gleich ungeheuren weißen Korallenzweigen starr in das frische Grün des Waldes hineinragten. So macht sich der Tod oft schauerlich inmitten blühenden Lebens geltend. Aber den höchsten Reiz verliehen dem Urwalde die leichten, zierlichen Palmen, die unter dem Hauche des leisesten Windes ihre großblättrigen Wipfel hin und her wiegten. Ihre dünnen, geschmeidigen Stämme waren nicht selten fast mit der Hand zu umspannen, und doch erreichten sie eine Höhe von zwanzig bis dreißig Meter. Einem Büschel herabhängender Federn nicht unähnlich, wölbte sich hoch oben die aus den wunderbar zart gefiederten Blattwedeln gebildete ganz kleine Krone, überragt von einer scharfen, hellgrünen Spitze, die diesen reizenden Palmen oft das Ansehen einer Lanze oder eines schwankenden Rohres gab. Im Gegensatze zu den andern Urwaldbäumen schienen die Palmen die Geselligkeit zu lieben, denn wo sie einmal auftraten, konnte man stundenlang unter ihnen hinreiten, während sie anderseits oft wieder auf weite Strecken hin fehlten. Immer aber wirkte ihr Anblick überaus malerisch; jedes Lüftchen schaukelt sie, und sanft schütteln sie das liebliche Haupt, als wollten sie voller Huld und Anmut herabgrüßen. An Schönheit und Mannigfaltigkeit vermochten mit den lieblichen Palmen nur noch die prachtvollen baumartigen Farnkräuter zu wetteifern. Sie ähnelten den schlanken Palmen gar sehr, nur war ihr leichtes, biegsames Blätterdach flacher und weniger buschig als das der Palmenkrone. Geradezu entzückend sah es aus, wenn diese drei bis fünf Meter hohen und fast zwei Meter breiten Farnkräuter, von den leisen Lüftchen angehaucht, bei ihrer Leichtigkeit sich anmutig wiegten und diese sanften Schwingungen ins unendliche fortsetzten. Nicht minder ausgezeichnet als die Pflanzenwelt war auch die Tierwelt, die jene Urwälder bewohnte. Doktor Mangold, der sich zum erstenmal mitten in all diese Formen- und Farbenfülle versetzt sah, wußte gar nicht, was er von dieser verwirrenden Mannigfaltigkeit zuerst bewundern und näher untersuchen sollte. Nur mittags war es einigermaßen ruhig im Urwald, denn während der Stunden, wo die Sonne am unbarmherzigsten herniederbrennt, suchen alle lebenden Geschöpfe Schatten und Ruhe, so daß sich eine feierliche Stille über die im Sonnenlichte glänzende Natur verbreitet. Sonst aber rief jede Stunde des Tages eine andere Welt von Geschöpfen hervor. Besonders schön war es am frühen Morgen. Das Geheul der Brüllaffen, die hohen und tiefen Töne der Laubfrösche und Kröten, das Schmettern und Schwirren unzähliger Zikaden und Heuschrecken pflegte ihn zu verkündigen; sobald dann die aufsteigende Sonne die noch über dem Urwald lagernden Nebel verdrängt hatte, freuten sich alle Geschöpfe lärmend des neuen Lebenstages. Die Wespen verließen ihre fußlangen, von den Zweigen herabhängenden Nester, die Ameisen kamen aus ihren künstlich von Lehm aufgetürmten und oft an den Bäumen befestigten Nestern hervor und begannen die mühseligen Reisen auf ihren selbstgebahnten Straßen; ebenso die das Erdreich in weitem Umkreise hoch aufwühlenden Termiten. Die buntfarbigsten, an Glanz mit den Farben des Regenbogens wetteifernden Schmetterlinge gaukelten genäschig von Blume zu Blume oder suchten ihre Nahrung auf den Straßen oder besonnten Sandufern kühler Bäche. So am Tage und anders am Abend und während der Nacht, wo wieder andere Arten summend die Luft durchzogen. Außer den Schmetterlingen durchschwirrten Myriaden der glanzvollsten Käfer den Luftkreis oder blitzten gleich schimmernden Edelsteinen zwischen dem saftigen Grün der Blätter oder aus den duftenden Kelchen bunter Blüten hervor, während Eidechsen von auffallender Form, Größe und Farbenpracht sowie Schlangen, düster gefärbte wie bunt gezeichnete, giftige wie unschädliche, aus dem Laube, den Baumhöhlen, dem Mulm vermoderter Stämme und zwischen Steinen hervorschlüpften, sich träge sonnten oder sich geschmeidig an den Bäumen hinaufwanden, um dort auf Beute zu lauern. Immer war alles voll tätigen Lebens. Possierliche Eichhörnchen und ganze Herden kleiner Affen zogen neugierig aus dem Innern der Wälder nach den Anpflanzungen und schwangen sich pfeifend und schnalzend von Baum zu Baum. Die hühnerartigen Jakus, Holkos und die unzähligen Wildtauben verließen die Zweige und irrten nahrungsuchend auf dem feuchten Waldboden umher. Wieder andere Vögel von den sonderbarsten Gestalten und dem glänzendsten Gefieder flatterten bald einzeln, bald gesellig durch das undurchdringliche, farbenprangende und betäubend duftende Buschwerk. Die grellgrün, blau oder rot gefärbten Papageie erfüllten die Luft mit ihrem kreischenden Geschwätz und führten bisweilen geradezu ohrenbetäubende Konzerte auf, wenn sie in ihren Versammlungen über etwas besonders Aufregendes beratschlagten. Schlich sich aber der Jäger behutsam an den Baum heran, auf dem sie saßen, so verstummten die klugen Vögel sofort und ließen nur noch hier und da ein halb unterdrücktes, unzufriedenes Murksen hören. Und trotz ihrer bunten Farben war es gar nicht so leicht, diese Affen der Vogelwelt in den dichten Baumwipfeln zu erkennen, denn diese grünen Wipfel waren ja selbst von roten und blauen Schmarotzerblüten durchstickt, denen die still dasitzenden Papageie in der Färbung vollkommen glichen. »Schutzfärbung« nannte das der Doktor, belegte es an einer Reihe treffender weiterer Beispiele und setzte seinem lernbegierigen Schüler auseinander, welch große Bedeutung die allmähliche Herausbildung solcher Schutzfarben für die Tierwelt im Kampfe ums Dasein gehabt habe und noch habe, wie sie viel zur Entstehung neuer Formen beigetragen habe, und wie gerade dadurch der große englische Naturforscher Darwin auf seine kühne Hypothese gekommen sei, die in Europa alle gebildeten Geister erregt und ungeheure Umwälzungen auf dem Gebiete der Wissenschaften und der Weltanschauungen hervorgerufen habe. So viel als möglich schössen beide Jäger Papageie. Der Doktor, weil er die Bälge für seine Sammlungen haben wollte, Helmut auf Befehl des Vaters, weil die Papageie in den Pflanzungen oft gewaltigen Schaden anrichten, indem sie in großen Schwärmen dort einfallen und bei der ihnen eigentümlichen Zerstörungslust noch weit mehr verwüsten als wirklich verzehren. Außerdem waren der Mutter die Papageie auch immer für die Küche willkommen, da sie eine außerordentlich kräftige und schmackhafte Suppe abgaben. Oft hörte man im Urwalde auch Töne, die genau so klangen, als wenn ein Schmied mit schwerem Hammer auf den stählernen Amboß schlägt. Es war ein schneeweißer, drosselgroßer Vogel, der diese sonderbare Musik zum besten gab und deshalb auch den Ansiedlern unter dem Namen »Schmied« bekannt war, während der Doktor ihn wissenschaftlich als Glockenvogel bestimmte. Höchst anziehende Gestalten waren ferner die auf der Brust prachtvoll rot und gelb gefärbten Pfefferfresser. Sie saßen auf den äußersten Zweigen, klapperten mit den riesengroßen hohlzelligen Schnäbeln und riefen in sehnsüchtigen Tönen nach Regen. Geschäftig schlüpften pirolartige Vögel aus ihren kunstvoll gewebten, lang herabhängenden, beutelförmigen Nestern, um die mit goldenen Früchten beladenen Orangenbäume zu besuchen, wobei sie Wachen aufstellten, die mit lautem, zänkischem Geschrei die Annäherung eines Menschen verkündigten. Doktor Mangold hätte gern einige dieser kunstvollen Nester für seine Sammlung gehabt, aber das war gar nicht so leicht, obwohl sie an manchen Stellen so massenhaft vorhanden waren, daß sie der Landschaft geradezu ein kennzeichnendes Gepräge aufdrückten. Sie waren aber immer an den äußersten Zweigen aufgehängt, oft über dem Wasser oder über Abgründen, so daß auch der geschickteste Kletterer nicht zu ihnen gelangen konnte, ohne herabzustürzen. Der Doktor sagte, daß die klugen Vögel aus Furcht vor den eierlüsternen Baumschlangen so bauten. Einmal fand er Nester, die merkwürdig leicht zugänglich waren, und er machte sich voller Freude daran, das vorderste abzuschneiden, fuhr aber sofort mit lauten Schmerzensrufen zurück und rannte wie besessen davon. Als der erstaunte Helmut ihn endlich wieder eingeholt hatte, fand er ihn in einem Bache stehend, Gesicht und Hände im Wasser kühlend. Der arme Doktor war nämlich total von Wespen zerstochen, und sein Gesicht glich nur noch einer einzigen großen Beule. »Sehen Sie, das kommt davon,« meinte er seufzend, »wenn man das in der Naturgeschichte Gelernte zu rasch wieder vergißt, so daß es erst schmerzliche Eigenerfahrung wieder ins Gedächtnis zurückrufen muß. Ich hatte ganz vergessen, daß diese Vögel gern mit den stechlustigen Baumwespen ein Bündnis eingehen, indem sie ihre Nester unmittelbar neben die der Wespen hängen. Wehe dann dem Feinde, der sich naht! Er wird von den wehrhaften Wespen erbarmungslos zerstochen und muß schleunigst sein Heil in der Flucht suchen, wenn er nicht als Opfer der stechlustigen Kerfe auf der Walstatt bleiben will. Wir Naturforscher nennen ein solches Zusammenhalten und Zusammenleben zweier ganz verschiedener Tierarten eine Symbiose. Sie findet sich oft genug im Tierreich, und gewöhnlich haben beide Verbündete ihren Vorteil dabei. So extreme Formen kann oft eine solche Symbiose annehmen, daß die betreffenden beiden Tierarten vollständig aufeinander angewiesen sind und ohne einander gar nicht mehr zu leben vermögen.« Unserem Helmut tat der jämmerlich zerstochene Doktor herzlich leid, und er sann nach, wie er ihm doch noch ein paar der begehrten Beutelnester verschaffen könne. Bald hatte er des Rätsels Lösung gefunden, die freilich nur für einen sehr geübten Schützen möglich war. Mit seiner sicheren Kugel zerschoß er nämlich den dünnen Zweig, an dem die Nester aufgehängt waren, und brachte so am nächsten Tage bald mehrere in seinen Besitz, die er dem hoch erfreuten Gelehrten überreichte. Einen wunderbaren Farbenreichtum und ein duftig zartes Gefieder wiesen auch die zahllosen Arten von Fliegenschnäppern auf, die sich gewandt von Baum zu Baum schwangen und raschen Fluges die vorüberflatternden Prachtschmetterlinge oder die vorbeisummenden Fliegen erhaschten. Wirklich gute Sänger gab es aber unter den gefiederten Bewohnern des Urwaldes ungleich weniger als in der deutschen Heimat. Eine Ausnahme machte nur die brasilianische Drossel, die in unzähligen Volksliedern verherrlichte Habia, die ihre süßen Melodien in endloser Wiederholung aus dem dichten Gesträuch herausflötete. Ganz wie bei uns ließen auch Spechte ihren kichernden Ruf erschallen, oder sie hämmerten mit den starken Schnäbeln fleißig an der Rinde der Urwaldbäume, selbst in den heißen Mittagsstunden, wo alles andere Tierleben ruhte, so daß sich dann ihr emsiges Geklopfe inmitten der ringsum herrschenden Ruhe anhörte wie der Pulsschlag der rastlos schaffenden Natur. Besondere Anziehungskraft übten aber die winzigen Kolibris aus, wenn sie die prunkvollen Blumen umschwirrten und dabei an Pracht und Farbenglanz mit Brillanten, Smaragden, Rubinen und Saphiren wetteiferten. Sind sie doch neben den Paradiesvögeln und Fasanen diejenigen Vögel, die die Natur am verschwenderischsten mit glanzvoller Schönheit ausstattete. Freilich beschränkte sie ihr buntes Geschenk auf das männliche Geschlecht, denn während das Weibchen in seinem ziemlich gleichmäßig grünen und nur matt glänzenden Kleide lediglich eine Schutzfärbung zeigt, prunkt das Männchen in gleißendem Gold und funkelndem Rubin oder einem Blau wie Lazurstein oder einem Violett wie Heliotrop oder auch im tiefsten Sammetschwarz oder im reinsten Schneeweiß. Und wo das Grün blieb, da wurde es wunderbar leuchtend und prachtvoll strahlend wie Smaragden vom reinsten Wasser. Kaum läßt sich etwas Schöneres denken als der metallische Glanz, als die wundersame Abstufung von Farbentönen und die verschiedene Mischung von Grün und Gold und Purpur, wie sie die Natur beim männlichen Kolibri erzeugt hat. Alle Bronzen, von der leuchtend rotgelben bis zur edlen Patina, hat das Gefieder aufzuweisen, aber in glitzernder und strahlender Verklärung. Die Farbenkontraste bei einem und demselben Kolibri sind oft außerordentlich und haben die Wirkung prächtiger Geschmeide, die zwar blenden, aber nicht protzen, sondern vollkommen zum Gewande passen. Zu dem farbenschönen Gewande kommt noch mannigfaltiger Federzierat. Viele Kolibris tragen einen Kopfputz, der an den der Indianer erinnert, oder einen Helm, der wie eine preußische Pickelhaube aussieht, oder einen leuchtenden Brustlatz, oder einen Fächer besonders glänzender und bunter Federn an jeder Seite der Brust oder schneeweiße Muffs um die Füße. Andere haben den Schwanz enorm verlängert zu einer funkelnden Schere mit prachtvoll schillernden Federn, oder die äußeren Schwanzfedern bestehen nur aus Stielen, die dann aber in einer um so breiteren und prachtvolleren Fahne endigen. All dieser Putz und Schmuck gelangt erst zu voller Geltung, wenn er entfaltet wird. Das geschieht beim Besuche der Blüten, oder wenn das Männchen mit dem Weibchen kokettiert. Dann sträubt sich der Kopfschmuck mit züngelnder Spitze kerzengerade empor oder breitet sich wie ein Fächer auseinander; ebenso spreizt sich der Schwanz, die Füße werden angezogen, aber die weißen oder farbigen Muffs erscheinen dann wie aufgebläht. Auch bisher verborgene Schönheiten kommen dabei zum Vorschein: so prächtige Farben an der Schwanzwurzel oder auf der Unterseite der Flügel. – Die beiden konnten sich gar nicht satt sehen an diesen Vogelschönheiten, und ihr Entzücken steigerte sich noch, als sie mehrere Nester fanden, zierlich aus Pflanzenwolle gewebt, nicht viel größer als ein Fingerhut, und mit zwei winzigen weißen Eierchen belegt. Wo ein Strauch in Blüte stand, da brauchte man nicht lange auf das Erscheinen der Kolibris zu warten. Mit einem Husch waren sie da, blitzschnell und unvermutet, standen dann rüttelnd in der Luft vor einer Blüte, wobei die kleinen Flügel so hastig bewegt wurden, daß man die einzelnen Flügelschläge nicht mehr zu unterscheiden vermochte, sondern nur noch ein undeutliches, insektenartiges Flimmern und Schwirren sah. Dann steckten die Vögel ihren Schnabel tief in die duftenden Blumenkelche, wiederholten das mehrmals und waren dann mit einem Husch wieder verschwunden. Helmut glaubte zuerst, daß die Vögelchen Honig aus den Blüten saugten, aber sein Begleiter klärte ihn dahin auf, daß dies höchstens nebenbei geschehe, und daß es die Kolibris hauptsächlich auf die kleinen Käferchen und sonstigen Insekten abgesehen hätten, die im Innern der Blüten bei Nektar und Ambrosia schwelgten. Er machte ihn darauf aufmerksam, daß bestimmte Blüten auch immer von ganz bestimmten Kolibriarten aufgesucht würden, deren Schnabel in auffälliger Weise mit der Form und Größe der betreffenden Blüten in Übereinstimmung gebracht sei. Das Tollste in dieser Beziehung sei eine in den Anden lebende Kolibriart, der sogenannte Schwertschnabel, dessen dünner Schnabel volle zehn Zentimeter lang sei, also viel länger als der ganze Körper des Vögelchens; mit ihm könne dieses dann aber auch die größten lilienartigen Blüten durchstöbern. Dagegen sahen die beiden Freunde oft, daß weniger langschnäblige Kolibris bei ihrer Nahrungssuche bis zum Flügelansatz in den Blumengehäusen verschwanden. Ebenso schön und eigenartig wie beim Anbruch des Morgens war der Urwald auch beim Hereinbrechen der Nacht. Nur der schlanke Waldhirsch, das schlaue Pekari, eine Wildschweinsart, der hochläufige, furchtsame Aguti oder Goldhase und der plumpe, menschenscheue Tapir weideten dann an den ruhigsten Stellen. Die hinterlistigen Katzenarten schlichen auf Raub aus und durchspähten blutgierig den finsteren Wald, während die Brüllaffen mit ihren Massenkonzerten, das Faultier mit seinen klagenden Weherufen, die Frösche mit ihrem Getrommel, die Zikaden mit ihrem Schnarren und die Heuschrecken mit ihrem traurigen, eintönigen Gegeige den Tag beschlossen und der tiefe Baß des Ochsenfrosches den Beginn der Nacht verkündete. Gespenstisch flatterten dann große, blutsaugende Fledermäuse durch das Dunkel der Tropennacht, und Myriaden großer Leuchtkäfer schwirrten gleich Irrlichtern umher. So stark war die Leuchtkraft dieser Käfer, daß die beiden Freunde eingefangene und in einen ausgehöhlten Kürbis gesetzte Stücke geradezu als Laternen benutzen konnten, wenn sie sich beim Heimwege verspätet hatten. Ganz bequem konnte man beim Lichte eines solchen Leuchtkäfers lesen. Natürlich durfte Helmut nicht bloß ans Beobachten und Sammeln denken, sondern ihm fiel, da die Brüder durch die landwirtschaftlichen Arbeiten in Anspruch genommen waren, vor allem auch die Aufgabe zu, den großen Haushalt mit dem nötigen Wildbret zu versorgen. In dieser Beziehung waren die schon genannten Pekaris neben den Agutis die zuverlässigsten Fleischlieferanten. Sie waren eigentlich nicht sonderlich schwer zu schießen, aber die Jagd auf sie insofern nicht ungefährlich, als diese großen und mutigen Tiere immer in starken Rudeln rücksichtslos einherstürmen und sich gegenseitig tapfer beistehen. Beinahe wäre es so dem Doktor Mangold einmal schlecht gegangen, als er unklugerweise auf die vorderen Tiere der Herde geschossen hatte und dann fast von der nachfolgenden Schar über den Haufen gerannt und zertrampelt worden wäre. Nur das schleunige Erklettern des nächsten Baumes rettete ihn im Verein mit einem wahren Schnellfeuer aus den Magazingewehren Helmuts und Rolfs, der damals gerade mit von der Partie war. Seitdem beherzigte auch der Doktor klüglich den Rat der erfahrenen Farmer, die vorderen Wildschweine immer ruhig vorbeizulassen und erst auf die letzten Nachzügler der Herde zu schießen. So verlebte Helmut genußreiche Tage in Gesellschaft des Doktors, Tage voll innerer Befriedigung und mannigfacher Anregung. Hatte er bis dahin den Wald nur mit dem Auge und Ohr des Jägers durchstreift, so lernte er jetzt auch Geist, Verstand und Gemüt an den Wundern der Natur schärfen und schulen. So manches Lebewesen, das er bis dahin übersehen oder als zu unansehnlich kaum beachtet hatte, zog nun seine Aufmerksamkeit in höchstem Maße auf sich, und er suchte sich klar zu werden über die Rolle, die es in dem wundersamen, großen Haushalt der Natur spielte. Bald kam er dahinter, daß solche Beobachtungen auch für die praktische Landwirtschaft oft von hoher Bedeutung seien, und zu seiner Freude vermochte er dem Vater bereits manchen guten Rat für die erfolgreiche Bekämpfung der vielen Schädlinge zu geben, deren Zerstörungssucht beständig den Fleiß des Pflanzers zunichte zu machen drohte. Mehr und mehr kam ihm der Gedanke, sich nach seiner verpfuschten Marinelaufbahn ganz dem Studium der Naturwissenschaften zu widmen. Er war ja noch jung genug, um Versäumtes nachholen zu können, wenn er es an Fleiß und Ausdauer nicht fehlen ließ, und ein so jungfräuliches Land wie Brasilien würde ihm gewiß später ein überaus reiches und dankbares Arbeitsfeld bieten, zumal wenn er die erworbenen Kenntnisse, wie er es sich im stillen schon vornahm, in den Dienst praktischer Land- und Forstwirtschaft stellen würde, wo dann seine Tätigkeit den hart um ihre Existenz ringenden deutschen Ansiedlern in hohem Maße zugute kommen und ihm Dank und Anerkennung eintragen mußte. Er entwickelte diese Pläne in einer stillen Stunde auch seinen Eltern, die an und für sich nichts dagegen hatten. Nur meinte der Vater in seiner bedächtigen Weise, daß es vor allem notwendig sei, in den jetzigen stürmischen Zeiten zusammenzubleiben und zunächst einmal die endgültige Gestaltung der verworrenen politischen Verhältnisse abzuwarten. Und in dieser Beziehung sah es trüb genug aus, soweit man aus den spärlich in die Einsamkeit der Försterschen Farm durchsickernden Nachrichten entnehmen konnte. Admiral Mello hatte zu Lande im Staate Parana zwar zunächst Erfolge erzielt, war dann aber von der Übermacht der Regierungstruppen nach Santa Katharina zurückgedrängt worden, und es stand zu befürchten, daß er seinen Rückzug auch nach Rio Grande do Sul werde fortsetzen müssen, so daß dann auch diese Provinz die Schrecken des entfesselten Bürgerkrieges zu spüren bekommen werde. Admiral Gama war im Hafen von Rio de Janeiro nach Ankunft der großen Panzerschiffe, die Peixoto bei den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika gekauft hatte, noch enger eingeschlossen worden, und so war ihm schließlich nichts übrig geblieben, als mit seinen Getreuen Zuflucht am Bord der kleinen portugiesischen Kriegsschiffe zu suchen, die in der Bucht von Rio vor Anker lagen. Damit schienen alle Aussichten für einen Sieg der Revolution geschwunden, und Admiral Mello führte offenbar nur noch einen hoffnungslosen Verzweiflungskampf. Dazu waren die Bugres an vielen Stellen aus ihren Wäldern hervorgebrochen und beteiligten sich nach ihrer Weise an dem Kriege aller gegen alle. Der siegreiche Peixoto aber hatte in Rio de Janeiro ein wahres Schreckensregiment errichtet und verfolgte mit blutigem Haß alle Anhänger der Revolutionspartei, deren er habhaft werden konnte. Mit Entsetzen erzählte man sich von den Massenhinrichtungen, die fast alltäglich in der Hauptstadt stattfanden, und von den düsteren Gefängnissen, in denen ungezählte Opfer des Bürgerkrieges langsam verschmachteten. Viertes Kapitel. Der Überfall der Bugres. Über alledem war das liebe Weihnachtsfest herangekommen, das im Försterschen Hause nach guter, alter deutscher Sitte begangen wurde. Günter und Siegfried hatten eine prächtige Edeltanne, eine sogenannte Araukarie, die in den brasilianischen Wäldern unsere Nadelbäume vertritt, gefällt und eines Abends heimlich ins Haus geschafft, und Mutter und Lieselotte waren in einer entlegenen Kammer beschäftigt, den Weihnachtsbaum gebührend zu schmücken. Jeder bereitete seine kleinen Überraschungen vor, und das ganze weite Haus durchzog der würzige Duft von Stollen und andern Weihnachtsgebäcken. Das Luisle war da so recht in seinem Element, und natürlich sollte auch jedes Tier zum Weihnachtsabend etwas extra Gutes bekommen, weshalb sie sich schon einen förmlichen Hamsterkorb angelegt hatte. Und als dann am heiligen Abend in der weiten Diele die Araukarie mit ihrem Flitterschmuck im Kerzenschein erstrahlte, man ein gutes Festmahl zu sich genommen hatte und noch an den Süßigkeiten knabberte, als jeder immer wieder erfreut seine Geschenke betrachtete, mit denen auch der letzte Diener des Hauses bedacht worden war, als das alte, schöne Lied »Stille Nacht, heilige Nacht« weihevoll hinausklang in den tropischen Urwald, da kam beim dampfenden Punsch eine echte und rechte Weihnachtsstimmung über die kleine deutsche Gesellschaft am Rande der brasilianischen Wildnis. Alte Erinnerungen wurden ausgetauscht, Scherzreden und Neckereien flogen hin und her. Vor dem Schlafengehen trat man nochmals hinaus in die wunderbar schöne und laue Tropennacht und dachte dabei daran, wie jetzt wohl daheim im fernen Vaterlande in Palast und Hütte der Kerzenschein der Weihnachtsbäume leuchtete und ein glitzernder Schneeteppich Wald und Flur in sein keusches Weiß hüllte. Aber am fernen Horizont leuchtete es plötzlich glutrot auf. »Aha,« meinte der Doktor frohgelaunt, »gewiß auch deutsche Ansiedler, die zu Ehren des Weihnachtsabends ein großes Freudenfeuer angezündet haben. Das ist ja eigentlich so recht urdeutsche Sitte, denn das Weihnachtsfest war für unsere germanischen Vorfahren ursprünglich das Fest der Wintersonnenwende und wurde namentlich auch durch das Anzünden und Umtanzen großer Holzstöße auf den Bergesgipfeln begangen.« »Wenn's auch nur wirklich Freudenfeuer sind!« meinte der alte Förster sorgenvoll, indem sich die Kummerfalten auf seiner Stirn schärfer ausprägten. »Es könnte vielleicht auch etwas Schlimmeres sein. Nun, hoffentlich ist meine Befürchtung unbegründet, und wir wollen uns den schönen Abend dadurch nicht trüben lassen, sondern hoffen, daß auch der morgige Feiertag einen recht frohen und ungestörten Verlauf nimmt.« Leider sollte die Hoffnung auf recht gemütliche Feiertage arg enttäuscht werden. Man hatte am Weihnachtsmorgen etwas länger geschlafen als gewöhnlich und saß noch bei Stollen und Morgenkaffee, als plötzlich Tumayaua, der am Tage nach der glücklichen Jaguarjagd wieder spurlos verschwunden gewesen war, auf schäumendem Rosse durch das geöffnete Hoftor sprengte. Selbst der sonst so gleichmütige Indianer schien seine Gelassenheit verloren zu haben. »Die Bugres sind da,« rief er atemlos. »Sie haben in dieser Nacht einige Farmen in der Nähe von Santa Cruz verbrannt, wagten aber doch keinen Angriff auf die wohlverteidigte Stadt, sondern ziehen jetzt in hellem Haufen hierher. Es sind einige Hundert der rot bemalten Hunde. Wir werden einen schweren Stand haben.« »Dachte ich mir's doch,« seufzte der alte Förster schwermütig. »Daher also die Freudenfeuer am heiligen Abend.« Aber sofort ermannte sich dann auch der stramme hannoversche Bauer, und von diesem Augenblick an war er nur noch ganz und gar Feldherr über seine kleine Schar. Die unwillkommene Nachricht des Häuptlings hatte gewirkt wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Verlassen stand der Frühstückstisch da, und alle beratschlagten mit angstvollen Mienen, wie man dem Ansturm der Wilden am besten standhalten solle. Verflogen war alle Weihnachtsstimmung, ein düsterer Kampfesmut beseelte die Männer, bleiches Entsetzen lähmte die Frauen. Das Luisle jammerte, daß nun aus ihrer Weihnachtsbescherung für die Tiere nichts werden könne. Aber umsichtig und mit imponierender Ruhe traf der alte Förster, der schon so oft den Bugres im Kampfe gegenübergestanden hatte, seine Anordnungen, und alle ordneten sich ihm willig unter. Sein scharfes Auge überschaute mit einem Blick die Lage, und ohne Zögern erteilte er die zweckmäßigsten Anordnungen. Das große Hoftor wurde geschlossen und verrammelt, alle Waffen herbeigeholt und gut instand gesetzt, Patronen angefertigt, die Fenster mit Bettmatratzen und Brettern verrammelt, daß nur schmale Schießscharten dazwischen offen blieben. »Du, Rolf, setzst dich sofort aufs Pferd und reitest so schnell als möglich auf Schleichwegen nach Santa Cruz, wenn auch der Hengst draufgehen sollte. Du bist der Leichteste, das Tier wird dich also am ehesten tragen können. In Santa Cruz sofort zum Bürgermeister, daß er uns mit der deutschen Milizreiterei, die wegen der Wirren des Bürgerkrieges gebildet wurde, schleunigst zu Hilfe kommen möge. Bis dahin werden wir hoffentlich aushalten. Aber spute dich und vergiß nicht, daß das Leben deiner Mutter und Geschwister von deiner Schnelligkeit abhängt.« Rolf ließ sich das nicht zweimal sagen, und wenige Augenblicke später sprengte er in vollem Galopp davon. Gottlieb mit den Gauchos wurde abgeschickt, um so rasch als möglich die in der Nähe weidenden Viehherden zu retten und in den Hof zu treiben. Auch das gelang noch, aber doch nur mit knapper Not, denn einige Pfeile waren den Gauchos nachgefolgt, so daß sie nur noch unmittelbar vor den Wilden das Hoftor erreichten, das dann sofort wieder geschlossen wurde. »Du, Siegfried,« fuhr der Alte in seinen Anordnungen fort, »übernimmst den Befehl über unsere Eingeborenen und suchst deren Hütten so lange als möglich zu halten. Geht es nicht mehr, so ziehe dich in den Haupthof zurück.« Die ganze Farm war nämlich mit Palisadenzaun und Graben umgeben, aber eine gleiche Befestigung trennte die Wohnungen des eingeborenen Gesindes nochmals vom Herrenhause ab, so daß dieses mit Hof und Garten auch noch eine geschlossene Befestigung bildete, wenn die Ansiedlung der Farbigen aufgegeben werden mußte. Jeder erhielt seine Waffen und seinen bestimmten Platz sowie Verhaltungsmaßregeln. Auch der Doktor hatte sich mutig zur Verfügung gestellt, und der Häuptling schien seine Teilnahme an dem bevorstehenden Kampfe als selbstverständlich zu betrachten. »Ihr Frauensleute,« fuhr der Alte fort, »stellt derweil Wasser zum Löschen bereit, bringt auch Öl zum Sieden, damit wir's den roten Teufeln auf die Köpfe schütten können, falls sie sich zu nahe heranwagen. Richtet in den Kammern auch für alle Fälle ein Lazarett ein, ich fürchte, wir werden es brauchen können. Also vorwärts ans Werk, Mutter, Lieselott und Luisle! Aber wo zum Teufel ist denn Lieselott?« »Ja, wo ist denn Lieselott?« fragte jetzt jeder erstaunt und sah sich nach ihr um, denn in dem allgemeinen Tumult hatte niemand bemerkt oder darauf geachtet, daß das stille junge Mädchen gar nicht zugegen gewesen war. Das Luisle aber brach in lautes Jammern aus. »O Gott, o Gott,« rief sie schluchzend, »das Fräulein ist ja schon vor dem allgemeinen Frühstück nach dem Walde gegangen, um recht schöne Blumen für die Weihnachtstafel zu holen. Nur einer der Schwarzen war bei ihr. Wenn nur nicht die verdammten Indianer sie erwischt haben! Sie werden ihr doch nichts zuleide getan haben, wo unser Fräulein gegen jedermann so gut ist?« Betreten sahen sich alle an. Hier war allerdings guter Rat teuer. Sollte man auf die Suche nach dem Mädchen ausziehen und derweil die Farm, die jeden Augenblick angegriffen werden konnte, ihrer besten Verteidiger entblößen? Tumayaua hatte inzwischen seinen Poncho abgelegt und Bogen und Tomahawk ergriffen. »Tumayaua wird die weiße Blume des Waldes finden,« sagte er einfach. »Das ist ein guter Gedanke,« rief Herr Förster erfreut aus. »Wenn irgend jemand uns über das Schicksal meines armen Kindes rasch Gewißheit verschaffen kann, so ist es der Häuptling, der mit allen Schlichen der roten Bande vertraut ist. Also geht mit Gott, lieber Freund, und bringt uns recht bald gute Nachricht.« Innig drückte er der braven Rothaut die Hand. »Und ich gehe mit,« rief Helmut aus. »Ich hätte doch keine ruhige Minute hier, solange ich meine Schwester in den Händen dieser Wilden weiß. Und mag der Häuptling noch so schlau und scharfsinnig sein, schließlich sehen vier Augen doch mehr als zwei.« Auch die andern Brüder und der Doktor wollten durchaus mit, aber der alte Förster legte dagegen energisch Verwahrung ein, denn mit Recht wies er darauf hin, daß zwei einzelne Männer sich leichter durchschleichen würden, als ein ganzer Trupp, und daß man die Farm nicht zu sehr von Verteidigern entblößen dürfe. »Mag uns,« so schloß er seine wirkungsvolle Rede, »das einzelne Menschenleben noch so sehr ans Herz gewachsen sein, wir dürfen seinetwegen nicht das von uns allen aufs Spiel setzen, dürfen nicht so viele Leute, die uns vertrauen, der Rachgier der Feinde preisgeben.« Hart und fest klangen die Worte des alten knorrigen Bauern, während die arme Mutter und das trostlose Luisle still vor sich hinweinten. Bald schloß sich das Hoftor wieder hinter Helmut und dem Häuptling, und einige bange Stunden vergingen nun unter gespannter Erwartung. Aber nichts Verdächtiges zeigte sich. Lautlose Stille herrschte ringsum, und nur die vertrauten Tierstimmen aus dem Urwald tönten gedämpft herüber. Dem geübten Ohre des alten Förster wollte es freilich scheinen, als ob manche der Vogelrufe nicht echt wären, sondern von Menschenstimmen nachgeahmt würden. Er wußte, daß die Indianer sich durch Nachahmung solcher Vogelstimmen gegenseitig gern Zeichen geben, und war auf seiner Hut. Höher und höher stieg der glühende Sonnenball und stand schon fast senkrecht, so daß seine Strahlen die Augen der Männer blendeten, die an den dem Urwalde zugekehrten Fenstern aufgestellt waren. Es war ein heißes Flimmern in der Luft, und nichts ließ sich deutlich erkennen. Scharf spähte der alte Förster mit seinen Falkenaugen hinüber. Mehrmals war es ihm, als rege sich das Buschwerk vor dem Waldrande, und als könne dieses Regen nicht durch den leisen Hauch des Windes veranlaßt sein. Schließlich sah er wirklich einen dunklen Körper geschmeidig wie eine Schlange auf dem Boden hinkriechen. Langsam legte er die Büchse an seine Wange, zielte bedächtig und gab dann Feuer. Wie eine Erlösung zerriß der laute Knall die unheimliche, bange und erwartungsvolle Stille, unmittelbar gefolgt von dem Todesschrei eines nackten in die Höhe springenden Wilden. Wie mit einem Zauberschlag veränderte sich jetzt die Szene. Überall rings um die Farm tauchten in überraschender Nähe die Gestalten wilder Krieger auf, die den nackten Leib scheußlich bemalt, die Kopfhaare mit Adler- oder Papageienfedern geschmückt hatten, nun ein fürchterliches Geheul ausstießen, drohend ihre Streitäxte und Bogen schwangen und alsbald die mutige Schar der Verteidiger mit einem Pfeilregen überschütteten. »Ruhig Blut behalten! Keine Übereilung!« mahnte der alte Förster. »Genau zielen und erst schießen, wenn die Kerle bis an die Palisaden herankommen. Kein Schuß darf fehlgehen.« Die Weißen im Herrenhause befolgten diesen Befehl gar wohl, aber drüben bei den Eingeborenenhütten schien man doch nervös geworden zu sein, denn dort krachte fast unablässig ein überhastetes und nicht sonderlich gut gezieltes Feuer. Man hörte Siegfrieds schallende Stimme zur Ruhe und Besonnenheit mahnen. Jetzt waren die Angreifer bis dicht an die Palisaden heran, und nun krachte auch aus den Fensterluken des Herrenhauses Schuß um Schuß, oft begleitet von einem Wutgeheul der stürmenden Indianer. Viele von diesen färbten das Gras mit ihrem Blute, aber der Anführer, ein riesenhafter Hüne, kenntlich an einer Halskette aus Jaguarzähnen, schien wie gefeit und leitete den Angriff mit erstaunlicher Umsicht. Die Pfeile der Wilden prasselten anfangs unschädlich gegen die starken Balken des Hauses, aber jetzt fand doch einer seinen Weg durch eine der schmalen Schießscharten und bohrte sich einem Gaucho in den Oberarm, der neben Günter an diesem Fenster stand. Es war nur ein ganz kleiner, kaum handlanger, dünner und schwacher Pfeil, ganz verschieden von den kolossalen Pfeilen, die Tumayaua mit solcher Sicherheit von seinem Bogen entsandte. Er schien nur eine kleine Fleischwunde verursacht zu haben, und gelassen wollte sich der Gaucho selbst den Pfeil herausziehen, als sich sein Gesicht plötzlich entfärbte und er mit schmerzverzerrten Gliedern zu Boden stürzte, in krampfhafte Zuckungen verfiel und wenige Augenblicke später eine Leiche war. Ernst war der alte Förster näher getreten, und düster blickte er auf den Gefallenen, zog dann vorsichtig den Pfeil heraus und sagte: »Die Teufel schießen mit vergifteten Pfeilen. Es ist das furchtbare Curaregift, das sie aus dem Safte einer Pflanze gewinnen, und mit dessen Hilfe sie die lebenszähen Faultiere und die wehrhaften Jaguare sogar mit dem Blasrohr erlegen. Kinder, deckt euch so gut wie möglich und gebt euch keine Blöße, denn wer von einem solchen Pfeil auch nur leicht getroffen wird, ist rettungslos verloren, wie wir es ja soeben mit angesehen haben.« Günter hatte noch nie einen Menschen sterben sehen und jetzt schaudernd den qualvollen Tod des armen Gaucho miterlebt. Grimmige Rachgier erfaßte ihn ob solcher Heimtücke, obwohl er sonst weicher geartet war. Er hatte noch nie seine Büchse auf einen Menschen angelegt, und eine heilige Scheu vor der Vernichtung eines Menschenlebens hatte ihn auch heute bisher gehindert zu schießen, und ihn zu dem Vorsatze gebracht, nur im äußersten Notfall eine Kugel zu versenden. Jetzt aber waren alle diese Bedenken mit einem Schlage verschwunden. Er sah ein, daß diesem mordgierigen Gesindel gegenüber keine Schonung angebracht war, daß hier der Selbsterhaltungstrieb höher stehen mußte als die Nächstenliebe. Von diesem Augenblicke an legte es sich ihm wie ein roter Schleier vor die Augen, und wilde Kampfgier erfüllte sein ganzes Wesen. Fester umspannte er Lauf und Kolben seiner Büchse, und Schuß auf Schuß sandte er mit tödlicher Sicherheit hinaus zwischen die angreifenden Indianer. So oft einer von diesen Miene machte, in den Graben zu springen oder den Palisadenzaun zu ersteigen, brach er auch schon getroffen zusammen. Der Häuptling der Bugres schien auch zu der Einsicht zu kommen, daß er auf dieser Seite einstweilen nichts ausrichten könne, und zog seine Krieger wieder nach dem Waldrande zurück. Gottlieb schickte ihnen einen derben Fluch nach. »Ganget nur, ihr wüschte Muster, ihr wüschte! Ganget nur dahin, wo ihr daheimder seid, ihr Raubmörder, ihr Schindluder!« Alles atmete auf wie befreit von einer schweren Last, denn außer dem getöteten Gaucho war niemand verletzt. Es zeigte sich aber bald, daß man zu früh gejubelt hatte. Der schlaue Häuptling der Bugres zog seine Streitkräfte unsichtbar durch den Urwald herum nach der abgeteilten Seite des Gehöftes, wo sich die Hütten der Farbigen befanden, und wo Siegfried das Kommando führte. Leider konnte die Besatzung des Herrenhauses diesen Teil nur wenig übersehen und deshalb auch nur wenig Hilfe leisten, als jetzt die Wilden dort mit verdoppelter Wut und in großer Überzahl abermals angriffen. Die Verteidiger hatten auch nicht so geschützte Stellungen wie im Herrenhause, und so erlag bald hier bald dort einer den verderblichen Giftpfeilen. Siegfried, der seinem Namen alle Ehre machte und sich wehrte wie ein grimmiger Löwe, mußte bald zu der Einsicht kommen, daß er mit seiner zusammengeschmolzenen Schar diesen Platz nicht mehr lange werde halten können. Schon stiegen einzelne Angreifer mit Triumphgeheul über die Palisaden und kreuzten ihre schweren Steintomahawks mit den Machetes der Schwarzen. Ein schriller Pfiff Siegfrieds versammelte alles, was noch kampffähig war, um ihn, und dann zog er sich, die Stirn gegen den Feind, unter fortwährendem Feuern durch das Verbindungstor zwischen beiden Höfen langsam nach dem Herrenhause zurück. Wohl folgten die Bugres mit entsetzlichem Triumphgeheul, aber eine wohlgezielte Salve aus dem Herrenhause scheuchte sie wieder zurück, und sie vergnügten sich nun damit, die armseligen Hütten der Schwarzen auszuplündern und anzuzünden. Wahrend alles betrübt nach den dort aufsteigenden Rauchwolken blickte, rief plötzlich Gottlieb, der seine Augen überall hatte, aus: »Achtung! Alles auf die andere Seite und Feuer!« Ein überraschender Anblick bot sich, als man dieser Aufforderung Folge leistete, denn aus der anderen Seite des Waldes stürzte in wahnsinnigem Laufe Helmut hervor, seine Schwester an der Hand. Eine Schar Indianer war hinter ihm drein, stutzte aber, als sie sich mit wohlgezielten Schüssen empfangen sah, und so kam Helmut bis ans Tor, taumelte atemlos herein und legte die teure Schwester der lieben Mutter in die Arme. Auch des Vaters Augen glänzten vor freudiger Erregung. »Das vergesse ich dir nie,« sagte er einfach. »Euer Dank gebührt nicht mir,« erwiderte Helmut zu den ihn erregt Umdrängenden, »sondern unserm Freunde Tumayaua, von dem ich nur hoffen will, daß er nicht seiner Kühnheit zum Opfer gefallen ist.« Das halb ohnmächtige Mädchen erholte sich rasch unter der sorgsamen Pflege der Mutter, und nun ging's ans Erzählen, zumal der zurückgeschlagene und offenbar stark geschwächte Feind zunächst an keinen weiteren Angriff zu denken schien. Aber begleiten wir lieber selbst Helmut und den Häuptling im Geiste auf ihrem waghalsigen Unternehmen. Mit Aufbietung der größten Vorsicht waren sie auf einem nur dem Indianer bekannten Pfade durch den Urwald geschlichen, alle Augenblicke stehen bleibend und in die Wildnis hinauslauschend. Als der Häuptling wieder einmal Halt machte, zog er die Luft durch seine Nasenlöcher ein wie ein witternder Jagdhund und sagte zu seinem Begleiter: »Die Bugres können nicht weit sein. Die Luft ist brenzlich vom Geruch ihrer Lagerfeuer.« Eine Weile später legte er das Ohr auf den Boden und erklärte: »Die Erde schwankt von Männertritten, die Bugres führen ihren Kriegstanz auf.« Helmut konnte die scharfen Sinne des Indianers nicht genug bewundern. Kleine Kennzeichen, an denen er achtlos vorübergegangen wäre, veranlaßten den Chiriguano zu eben so kühnen wie sicheren Schlüssen. Schließlich fand er gar ein winziges Stückchen roter Seide an einem Dornzweige hängen, das offenbar von dem Halstuche herrührte, welches Lieselotte der Morgenkühle wegen umgenommen hatte. »Endlich eine sichere Spur!« rief Helmut erfreut aus. »Hier also muß meine Schwester vorübergegangen sein.« »Vorübergegangen ist sie nicht,« sagte der Indianer ernst, »die weiße Blume ist nicht so hoch, daß dieser in mehr als Manneshöhe befindliche Dornenzweig ihr Halstuch hätte ritzen können. Sie ist vorübergetragen worden. Der Boden zeigt ja auch nicht den Lederschuh einer weißen Frau. Will aber mein Bruder genau hinsehen, so wird er hier den leisen Abdruck eines nackten Männerfußes entdecken. Dem rechten Fuße fehlt die kleine Zehe. Die Spur gehört also Aleko an, dem großen Häuptlinge der Bugres, denn dieser hat durch den Sandfloh eine Zehe des rechten Fußes verloren. Er hat die weiße Blume entführt und will seine Hütte mit ihr schmücken.« Beklommen hörte Helmut zu. Er konnte sich der Richtigkeit der Schlußfolgerungen seines rothäutigen Freundes nicht verschließen, aber er hätte seine Schwester lieber tot gewußt als lebend in den Händen dieser menschlichen Bestien. Nun mußte erst recht alles aufgeboten werden, sie zu befreien. Mit erhöhter Vorsicht ging es weiter, bis der Häuptling die Hand auf den Mund legte und dem Weißen durch Winke zu verstehen gab, daß er stehen bleiben möge. Tumayaua selbst legte Bogen und Pfeilköcher ab und kroch dann, lediglich mit dem Tomahawk bewaffnet, geschmeidig wie eine Schlange auf der Erde durchs Buschwerk. Bald war er völlig verschwunden, und viel zu lange für die Ungeduld unseres Helden blieb er aus. Schon überlegte Helmut, ob er nicht der Anweisung des Häuptlings entgegen diesem folgen solle, da ihm doch vielleicht ein Unglück zugestoßen sein könne, als sich endlich das Gebüsch vor ihm unhörbar teilte und Tumayaua wie eine Erscheinung aus der Unterwelt wieder vor ihm auftauchte. »Ich habe die weiße Blume gesehen,« sagte er, »und wenn mein Bruder ruhig ist und keinen übereilten Angriff macht, soll er sie auch erblicken dürfen. Aber die lange Flinte muß hierbleiben. Sie ist uns nur im Wege. Mein Bruder möge nur die kleine Flinte mitnehmen.« Damit meinte der Häuptling Helmuts Marinerevolver, der allerdings beim Nahkampf in dem undurchdringlichen Buschwerk eine wirkungsvollere Waffe abgeben mußte als die schwere, unhandliche Büchse. Zwar ließ Helmut diese nur schweren Herzens zurück, aber doch fügte er sich gehorsam dem Rate des erfahrenen Häuptlings. Zoll für Zoll schoben beide ihre Körper auf dem Waldboden durch das dichte Gestrüpp, sorgsam jedes Geräusch vermeidend, nicht achtend der scharfen Dornen, die ihnen Gesicht und Hände zerrissen, während der Chiriguano bedächtig jedes dürre Reis entfernte, dessen Knacken sie hätte verraten können. Von Zeit zu Zeit machte er Halt, blieb eine Weile regungslos und lauschte. Endlich winkte er Helmut ganz an sich heran, brachte dessen Augen in eine Lücke des dichten Buschwerkes und machte ihn noch vorher auf einen Wachtposten der Bugres aufmerksam, der ziemlich sorglos in unmittelbarer Nähe auf einem Baumstumpfe saß. Kaum vermochte Helmut einen Laut der Überraschung zu unterdrücken bei dem Bilde, das sich ihm jetzt darbot. Auf einer großen Waldlichtung loderte ein mächtiges Lagerfeuer, und um dieses herum saßen zahlreiche Bugres. Noch nie hatte Helmut diese wilden Kerle in solcher Nähe gesehen, und ein unwillkürlicher Schauer überrieselte ihn bei ihrem Anblick. Keiner der bis auf einen schmalen Lendenschurz völlig nackten und am ganzen Körper mit grellen Farben in der scheußlichsten Weise bemalten Männer hatte die edle Gesichtsbildung Tumayauas aufzuweisen, sondern alle trugen das Gepräge viehischer Roheit. Grinsenden Teufelsfratzen glichen ihre platten und breitmäuligen Gesichter mit den eingedrückten Nasen und den abstehenden Ohren. Von seiner Schwester vermochte Helmut einstweilen nichts zu entdecken. Wahrscheinlich befand sie sich in einer der primitiven Hütten, die am Waldrande aus starken, in die Erde getriebenen und noch mit ihrem Laube versehenen Ästen errichtet und mit großen Bananenblättern zugedeckt waren. Die meisten Wilden waren in träger Ruhe auf dem Boden gelagert, und unter ihnen ragte die hohe Gestalt des Häuptlings Aleko hervor, der auch hier die uns schon bekannte Halskette aus Jaguarzähnen trug und als Zeichen seiner Würde im Haar eine Feder der Harpye, der mächtigsten amerikanischen Adlerart. Einige alte Weiber von abschreckender Häßlichkeit huschten geschäftig hin und her und waren offenbar mit den Vorbereitungen zur Mahlzeit beschäftigt. Jetzt erschienen einige Krieger und brachten einen frisch geschossenen Hirsch sowie ein lebendes Füllen, das sie sicherlich auf einer der Farmen gestohlen hatten. Dem armen Tier waren die Füße gefesselt, und zitternd stand es im Kreise dieser fremdartigen Menschen. Es wurde auf den Rücken geworfen, und nun schritt Aleko darauf zu, schnitt ihm die Gurgel durch, und die Weiber stopften Mais- und Wurzelmehl in die Luftröhre, so daß das herausschießende Blut davon aufgefangen wurde und zum Stauen kam. Während das arme Tier sein Leben verhauchte, schnitt ihm Aleko die blut- und mehlgefüllte Luftröhre heraus, die von den Weibern oben und unten mit Palmenfasern zugeschnürt wurde und so eine Art großer Blutwurst abgab. Sie wurde über dem Feuer nur ganz wenig geröstet und dann von den Männern gierig zerrissen und verschlungen, während die Weiber neidisch zusahen. Aber das war nur die Vorspeise. Die Hauptmahlzeit sollte nun erst folgen. Während die Männer faul liegen blieben, zerwirkten die Weiber mit verblüffender Schnelligkeit den Hirsch und warfen die nur oberflächlich vom Fell befreiten Fleischteile in ein großes, mit rohen Verzierungen versehenes Gefäß, das an drei Pfählen über dem Feuer hing. Sehr reinlich ging es dabei nicht zu; in wilder Hast flogen ganze Fetzen von Haut und Fell mit in den Kessel. Auf, dem Gebräu sah man so neben mächtigen Fettaugen bald auch Haare, Sehnen und dergleichen schwimmen. Kaum wartete man ab, bis das Fleisch auch nur halb gar geworden war, dann stürzte sich alles mit der Gier von Tieren auf die Speise, und jeder suchte sich vor allem eine Fettschwarte herauszufischen. Die Augen glänzten lüstern, die fratzenhaften Gesichter waren bald von einer Fettkruste überzogen, und die spärlichen Barte tropften von Schmalz. Jeder riß an sich, soviel er nur zu erhaschen vermochte, und stopfte es wahllos und hastig in den Mund, so daß für die Weiber nur noch ein paar Knochen zum Abnagen übrig blieben. Es war eine gräßliche, ekelerregende Mahlzeit, und mit stillem Schauder dachte Helmut daran, daß, verbürgten Nachrichten zufolge, diese Wilden bisweilen auch die Leichen erschlagener Feinde in ähnlicher Weise verzehren sollten. Sein Auge hing an Aleko, der endlich gesättigt zu sein schien und befriedigt eine Tabakspfeife hervorzog. Dann rief er seinen Leuten einen Befehl zu, worauf einige nach der größten Hütte liefen und alsbald die arme Lieselotte mehr herbeitrugen als führten. Sie war an den Füßen und Händen gefesselt, so daß sie nur ganz kleine Schritte zu machen vermochte. Ihr Gesicht war bleich, verriet aber keine Furcht, sondern eine Entschlossenheit, die man dem sanften Kinde kaum zugetraut hätte. Der Häuptling ließ ihre Handfesseln lockern und warf ihr dann einen Hirschknochen mit den noch daran hängenden Fleischfetzen zu, indem er ihr mit einer herrischen Gebärde zu verstehen gab, sie solle essen. Aber voll Widerwillen wandte Lieselotte sich ab. »Die weiße Blume wird sich an die Kost des armen Indianers gewöhnen müssen,« sagte Aleko höhnisch, »denn sie soll künftig die Hütte des großen Häuptlings der Bugres teilen, ihm sein Wildpret kochen und seine Hängematte flechten.« Helmut wäre am liebsten aufgesprungen und hätte den frechen Indianer mit dem Revolver niedergeschossen, aber mit eisernem Drucke hielt ihn die Faust Tumayauas zurück. Er sah ja auch selbst ein, daß man einen günstigeren Augenblick abwarten müsse, um einen aussichtsreichen Versuch zur Rettung der geliebten Schwester zu wagen. Ein Hervorbrechen in diesem Augenblicke hätte bei der großen Überzahl der Indianer doch nur für alle drei den sicheren Tod bedeutet. So hieß es sich in Geduld fassen, und diese wurde auf keine allzu lange Probe mehr gestellt. Auf einen Wink des Häuptlings wurde Lieselotte wieder in die Hütte zurückgeführt, und einer der Wilden ließ sich als Wachtposten davor nieder. Die andern aber griffen zu ihren Waffen und waren bald lautlos im dichten Mauerwerk des Urwaldes verschwunden. Sie zogen gegen die Farm zu dem schon geschilderten Angriff. Es war das ein banger Augenblick, denn wie leicht konnten die Wilden an dem Platze vorüberkommen, wo Helmut und Tumayaua regungslos in ihrem Versteck lagen. Helmut fühlte sein Herz in angstvoller Erwartung bis an den Hals hinauf schlagen, aber er war fest entschlossen, lieber mit der Schwester gemeinsam zu sterben, als sie in den Händen dieser entsetzlich rohen Wilden zu lassen. Glücklicherweise zogen die Indianer auf der andern Seite ab, ohne etwas von den beiden Spähern zu bemerken. Nach und nach zerstreuten sich auch die alten Weiber im Walde, um eßbare Wurzeln zu suchen, und außer dem Wachtposten vor Lieselottes Hütte blieben nur zwei ältere Krieger am Feuer zurück, das sie fleißig schürten. Jetzt war der geeignete Augenblick zum entscheidenden Handeln gekommen. Helmut und Tumayaua tauschten einen Blick des Einverständnisses, sprangen dann plötzlich auf und stürzten sich mit mächtigen Sätzen auf ihre ahnungslosen Gegner. Schwer sauste des Häuptlings Tomahawk auf den unbeschützten Schädel des einen älteren Kriegers nieder, daß er knirschend auseinanderbarst. Ehe Tumayaua aber noch zu einem zweiten Hiebe ausholen konnte, war sein anderer Gegner mit katzenartiger Behendigkeit ihm entschlüpft und zwischen dem dichten Blätterwerk des Urwaldes entschwunden. Helmut hatte derweil den Wachtposten vor der Hütte mit seinem Revolver niedergeschossen und stand im nächsten Augenblick vor der Schwester, deren Bande er rasch durchschnitt. Freudetrunken und wortlos lagen sich die Geschwister in den Armen. Aber der Häuptling drängte zum raschen Aufbruch. »Mein weißer Bruder hätte nicht schießen sollen,« sagte er, »denn man hört auch den Knall der kleinen Flinte weit genug. Der entkommene Krieger wird uns ohnedies bald die ganze Bande auf den Hals jagen.« Die drei brachen also schleunigst auf, und der Häuptling führte sie jetzt einen andern Weg, auf dem er die Bugres nicht zu treffen hoffte. Während die drei so mit äußerster Vorsicht auf einem kaum erkennbaren Indianerpfade in weitem Bogen ihrem Ziele zuschritten, hörten sie aus der Ferne immer stärker werdendes Flintengeknatter und Kampfgetöse, und bangen Herzens mußten sich Helmut und Lieselotte sagen, daß die Ihrigen jetzt wohl einen Kampf auf Tod und Leben mit den grausamen Wilden zu bestehen hätten. In diesen schweren Stunden wollten sie natürlich wieder mit ihren Lieben vereint sein, und deshalb eilten sie so rasch als möglich vorwärts, so daß der vorsichtige Häuptling wiederholt zu größerer Behutsamkeit mahnen mußte. Als man nicht mehr weit von der Farm war, stieg Feuerschein auf, der von den Hütten der schwarzen Arbeiter herrührte, und erfüllte die Herzen mit steigender Besorgnis. Noch einmal schwoll das Schießen an, aber gleich darauf verstummte es völlig. In diesem Augenblick stieß Lieselotte einen Schreckensschrei aus, denn ein ganzer Trupp von Bugres kam ihnen gerade entgegen. Rasch warfen sie sich seitwärts ins Dickicht, aber auch die Feinde hatten die Flüchtlinge bemerkt. Der ganze Wald schien plötzlich von Bugres zu wimmeln, denn sie wurden gerade von Aleko nach dem blutig zurückgeschlagenen Angriff auf das Herrenhaus zurückgeführt. Der armen Lieselotte drohten vor Entsetzen die Füße den Dienst zu versagen, aber Tumayaua nahm die halb Ohnmächtige auf seinen starken Arm und stürmte in mächtigen Sätzen mit ihr vorwärts, gefolgt von Helmut, der durch Revolverschüsse die Verfolger einigermaßen in Schach hielt. Bald aber waren seine Patronen zu Ende, und die Feinde rückten immer näher. Zwar war der Waldrand fast erreicht, und das Ziegeldach der Farm schimmerte bereits Rettung verheißend durch das Laubwerk. Tief aufatmend setzte Tumayaua seine Last nieder, warf sich allein den Feinden entgegen und gab Helmut einen Wink. So ungern dieser den edlen Häuptling auch im Stich ließ, ergriff er doch die Hand seiner Schwester und rannte mit ihr der Farm zu, ohne sich mehr umsehen zu können, was aus Tumayaua werden würde. Aber das Triumphgeheul der Bugres gleich darauf ließ ihn nur zu sehr befürchten, daß der Chiriguano der Übermacht der Gegner erlegen sei, und Helmut mußte sich sagen, daß die Rothaut sich mit offenbarer Absicht für ihn und seine Schwester geopfert habe. Wir wissen bereits, daß Helmut und Lieselotte das Tor der Farm glücklich erreichten. Der Häuptling hatte ihnen den größten Teil der Verfolger vom Leibe gehalten und sich nach Kräften gegen diese gewährt, aber schließlich war er doch durch einen von Alekos geschickter Hand geschleuderten Lasso kampfunfähig gemacht und lebend ins Lager der Bugres geschleppt worden. Diese kannten und haßten ihn als einen Freund der weißen Ansiedler schon lange und legten eine unbändige Freude über ihren glücklichen Fang an den Tag, so sehr sie auch anderseits durch die schweren Verluste beim Sturm auf die Farm niedergedrückt waren. Mit starken Riemen aus Hirschleder wurde Tumayaua an einen Baumstamm angebunden, und dann belustigten sich die Wilden damit, ihn als lebende Zielscheibe für ihre Schießübungen zu benutzen. So sicher schossen sie aber, daß die Pfeile immer nur dicht neben dem Gefesselten in den Baumstamm fuhren, denn sie wollten ihn für raffiniertere Martern nach Erstürmung der Farm aufsparen. Auch hatten sie jetzt mit der Unterbringung und Pflege ihrer zahlreichen Verwundeten zu viel zu tun. In Tumayauas stolzem, bronzefarbenem Gesicht zuckte keine Muskel bei all den grausamen Prüfungen seines Mutes, bei all den rohen Beschimpfungen, mit denen er namentlich von den megärenhaften Weibern überhäuft wurde. Mit unerschütterlicher Ruhe und kaltem Stolze sah er den anschwirrenden Pfeilen entgegen, und nur wenn einer derselben nicht ganz genau traf und ihm die Haut ritzte, umspielte ein fast verächtliches Lächeln seine Lippen. Er kannte nur zu genau das grausige Schicksal, das ihm bevorstand, aber wenn er überhaupt ein Gefühl des Bedauerns empfand, so galt es lediglich dem Umstände, daß mit ihm der Letzte seines Stammes sterben würde. Und daneben empfand er fast ein Gefühl beseligenden Glückes darüber, daß er mit Aufopferung des eigenen Lebens das der »weißen Blume« gerettet hatte, die ihm in seinem wilden Leben immer wie ein sanfter Engel, wie eine gütige Gottheit aus einer andern Welt erschienen war. In der Farm verstrich die Nacht in banger Erwartung, Die Hälfte der Männer stand an den verrammelten Fenstern beständig Wache, aber auch die andere Hälfte konnte keinen erquickenden Schlaf finden, denn jeder hatte das sichere Gefühl, daß der nächste Tag die Entscheidung über ihrer aller Leben bringen müsse. Jeder rechnete nach, wo etwa Rolf sich jetzt befinden könne, und ob es ihm möglich sein würde, noch rechtzeitig mit der sehnlichst erwarteten Hilfe zu nahen. Indessen verstrich die Nacht ruhig und ohne jeden Zwischenfall. Nur das Geheul aufgeschreckter Brüllaffen und das eintönige Geschwirr der Zikaden tönte vom finsteren Urwalde herüber. Was für entsetzliche Weihnachten waren das doch! Daheim im fernen Vaterlande freuten sich jetzt die Menschen an festlich geschmückten Tafeln des Lebens, und hier stand ein Häuflein deutscher Männer einem wilden, grausamen und übermächtigen Feinde in zäher Verteidigung seiner mit so viel Schweiß erworbenen Güter zum Kampfe auf Tod und Leben gegenüber, und vor Sorge und Aufregung vermochte kaum einer einen Bissen hinunterzuwürgen, so sehr Frau Förster in ihrer mütterlich sorgenden Art auch zum Essen nötigte. Die Bugres ließen am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages denn auch nicht lange auf sich warten. Wieder führte Aleko seine Scharen zum Sturme herbei, wütend über die bisher erlittenen Verluste, für die seine Rache fürchterlich sein sollte. Er schien entschlossen, die so tapfer verteidigte Farm unter allen Umständen zu nehmen, koste es, was es wolle. Rücksichtslos stürmten die nackten Wilden an, aber immer wieder warf sie das wohlgezielte Feuer der Verteidiger zurück. Mit banger Sorge sah der alte Förster, daß die Munition zur Neige ging. Was sollte dann aus ihnen werden? Im Nahkampf mit der blanken Waffe konnten sie dem übermächtigen Feinde unmöglich lange Widerstand leisten. Schweren Herzens mußte er den Befehl geben, mit dem Schießen zurückhaltender zu sein. Die Bugres machten sich das sofort zunutze. Schon kamen einige über die Palisaden herüber, ihre Pfeile forderten unter der Dienerschaft neue Opfer, und an den Fenstern traten bereits Revolver und Machete an die Stelle der Büchse. Einem riesenhaften Indianer gelang es, an einem Fenster die Verrammelung zu durchbrechen und, gefolgt von einigen Gefährten, in die Diele des Hauses herabzuspringen. Ein wütender Kampf Mann gegen Mann erhob sich, aber noch einmal blieben die Weißen Sieger, und die wenigen eingedrungenen Indianer wurden bis auf den letzten Mann niedergemacht. Mittags folgte eine Pause allgemeiner Erschöpfung, aber als die Sonne im Niedersteigen begriffen war, schritten die Bugres abermals zum Angriff. Ihr Führer hatte sich jedoch inzwischen eine andere Taktik ausgedacht. Er hielt seine Leute mehr zurück, und mit Erstaunen sah der alte Förster durch sein Glas, daß die feindlichen Schützen jetzt zum Teil nicht mehr die kleinen Bogen mit den gefährlichen Giftpfeilen führten, sondern mit großen, mehr als mannshohen Bogen, nach Art desjenigen, wie man ihn von Tumayaua her kannte, bewaffnet waren. Mit diesen schossen sie auf erstaunlich weite Entfernung, selbst im Gestrüpp des Waldrandes nur ein sehr unsicheres Ziel für die Büchsen der Weißen bietend. Bald wurde klar, was sie beabsichtigten. Zischend flogen Pfeile gegen das Hausdach, die mit brennender Pflanzenwolle umwickelt waren. Zitternd saßen diese Geschosse bald an verschiedenen Stellen zwischen den Dachziegeln oder im Hausgebälk fest, und leichte Rauchwolken stiegen dann alsbald auf. Der alte Förster ließ zwar Neger mit den bereit gestellten Wasserkübeln durch die Dachluken hinausklettern, um das glimmende Feuer zu löschen, aber alsbald brachen die Unglücklichen von Pfeilen durchbohrt zusammen, denn die Bugres hatten ihre besten Schützen zwischen den abgebrannten Arbeiterhütten aufgestellt. Auf diese Weise war also nichts zu machen und wurden nur kostbare Menschenleben unnütz geopfert. So ließ es sich nicht verhindern, daß nach kurzer Zeit der Dachstuhl in Brand geriet, und nun mußte wegen des betäubend eindringenden Rauches das ganze Obergeschoß geräumt und auch die Verwundeten, die sich dort der treulichen Pflege der Frauen erfreuten, nach unten geschafft werden. Dazu waren viele Hände nötig, und die Wilden, die das ahnen mochten, stürmten nun abermals unter betäubendem Kriegsgeschrei vor. Trotzdem die Verteidiger ein wohlgezieltes Feuer eröffneten, kamen sie doch wieder an einer Stelle bis unter die Fenster, aber hier hatte, noch tapfer oben ausharrend, das Luisle Stellung genommen und spritzte mit einem großen Pinsel aus einem Eimer glühende Strahlen siedenden Öls aus die nackten Köpfe der Wilden, die mit wahnsinnigem Schmerzgeheul zurückfuhren. Schließlich mußte aber das Luisle seinen Posten aufgeben; alles drängte sich unten in der Diele zusammen und lauschte angstbeklommen auf das Knistern des Feuers, das sie alle in kürzester Frist dem Feinde in die Hände treiben mußte. Und noch immer war nichts von Rolf zu sehen! Mit finsterer Entschlossenheit zogen sich die dichten Brauen des Hausherrn zusammen. Wenn schon alles verloren war, wollte er wenigstens sein und der Seinigen Leben teuer genug verkaufen. Aus seinen Ruf scharte sich alles um ihn, die Verwundeten und die Frauen wurden in die Mitte genommen, und dann erklärte er mit schallender Stimme, daß nichts übrig bleibe, als das brennende Haus zu verlassen, einen verzweifelten Ausfall zu machen und sich womöglich durchzuschlagen, wobei alle dicht beisammen bleiben und die Richtung nach Santa Cruz einschlagen sollten, weil man hoffen dürfe, dann unterwegs auf die gewiß eiligst herbeiziehenden Hilfskräfte zu stoßen. Genau wurde der Befehl ausgeführt. Zwei kräftige Schwarze lösten die Torbalken, und dann ging es im Sturmschritt hinaus, indem eine abgegebene Salve den Weg für die nächsten hundert Schritte freimachte. Aber schnell erholten sich die Wilden von ihrer Überraschung und stürzten sich mit Wutgeheul und geschwungenen Tomahawks auf die kleine Heldenschar. Im Nu war diese umringt, und ein Verzweiflungskampf schien bevorzustehen. In diesem Augenblicke der höchsten Not donnerte aber die Erde plötzlich von Rosseshufen, und im tollsten Galopp sprengte eine große Reiterschar um die Waldecke, allen voran Rolf, der jauchzend seinen Hut schwenkte. Eine wohlgezielte Salve der Reiter warf so manchen Wilden blutend ins Gras, und die auf solche Weise zwischen zwei Feuer genommenen Bugres stoben erschreckt auseinander, ohne überhaupt noch an ernstlichen Widerstand zu denken. Zu schnell und überraschend war ihnen der Wechsel vom endlichen Siege zur völligen Niederlage gekommen. Fast im Nu war der einen Augenblick vorher noch vom wildesten Getümmel erfüllte Kampfplatz geräumt, alle Bugres, soweit sie nicht tot oder verwundet am Boden lagen, im Urwalde verschwunden. Ein Teil der zu so rechter Zeit erschienenen Helfer setzte ihnen racheschnaubend nach, während die andern sich sofort mit aller Energie an die Löschung des Brandes machten. Da Wasser genug auf dem Hofe vorhanden war, gelang diese glücklicherweise auch noch, ehe dem gefräßigen Element mehr als ein Teil des Dachstuhles zum Opfer gefallen war. Auch die Bewohner der Farm waren durch den plötzlichen Wechsel des Geschicks wie betäubt. Eben noch hatten sie sich selbst dem sicheren Tode und ihr Eigentum erbarmungsloser Vernichtung preisgegeben gesehen, und nun lag das alles hinter ihnen wie ein böser Traum, und sie durften dankerfüllt die Hände der wackeren Landsleute und Retter drücken. Helmuts erster Gedanke war es gewesen, sich an den Löscharbeiten zu beteiligen oder den schwergeprüften Eltern tröstend und helfend zur Seite zu stehen. Aber dann durchblitzte ihn der Gedanke an Tumayaua, und die Besorgnis um das Schicksal des edlen Häuptlings ließ ihn alles andere vergessen. Diesmal ging die Freundespflicht vor, mochte es sich auch nur um eine arme Rothaut handeln. Mit ein paar raschen Worten hatte er den Doktor, Rolf und Siegfried verständigt, und alle vier eilten unter Helmuts Führung so rasch als möglich dem Lagerplatze der Bugres zu. Sie kamen keinen Augenblick zu früh, denn bereits waren die flüchtenden, schnellfüßigen Wilden hier gewesen, hatten ihre wenigen Habseligkeiten zusammengerafft, ihre erschrockenen Weiber ins Gebüsch gescheucht, und soeben verschwanden ihre letzten Krieger hinter den undurchdringlichen Kulissen der grünen Wildnis. Vergebens spähten Helmuts Augen nach dem Chiriguano umher. Rasch weiter! Das rauschende Blätterwerk verriet, daß noch Bugres in unmittelbarer Nähe waren und auffallend langsam vorwärts kamen, als ob sie etwas Schweres und Widerstrebendes zu tragen hätten. Ihnen nach! Ein Giftpfeil prallte unschädlich gegen Helmuts Ledergamasche, ein anderer durchbohrte seinen Hut. Er achtete es nicht. Jetzt war er heran und sah, wie zwei Bugres mühsam den ganz mit Lederriemen umwickelten Körper Tumayauas mit sich schleppten, während Aleko ihnen Voranschritt. Zwei glückliche Schüsse aus seinem Revolver streckten die beiden Träger nieder, und während Aleko flüchtete, war Helmut alsbald neben dem Häuptling und durchtrennte mit einigen hastigen Schnitten seines Hirschfängers dessen Bande. Ohne ein Wort über dieses Wiederfinden zu verlieren, riß Tumayaua den Hirschfänger an sich und war dann sofort hinter Aleko her verschwunden. Erst nach einiger Zeit kehrte er zurück und überreichte dem Weißen seine noch von warmem Menschenblute triefende Waffe wieder. Auf seiner nackten Brust aber prangte des Bugrehäuptlings Halskette aus Jaguarzähnen. »Aleko hat die Beleidigungen gebüßt, die er dem letzten Häuptling der Chiriguanos zugefügt hat,« sagte er mit grimmiger Betonung. »Aber,« so fuhr er weicher fort, »Tumayaua wird nie vergessen, daß er sein Leben und seine Rache seinem weißen Bruder verdankt. Tumayauas Blut wird später für diesen fließen, wenn der große Geist neuen Krieg erregt. Dieser Krieg ist jetzt zu Ende. Die Bugres werden nach dem Fall ihres Führers so bald nicht wiederkehren.« Diese wilde Szene war die letzte ihrer Art an diesem bewegten Tage. Gegen Abend war alles auf dem großen Hofe der Farm versammelt. Die zuletzt kommenden Reiter brachten auch einen Teil des geraubten Viehs zurück, das sie den flüchtigen Bugres wieder abgejagt hatten. Überall standen Gruppen aufgeregter Menschen herum, die mit lebhaften Gestikulationen den überstandenen Kampf in allen Einzelheiten immer wieder durchsprachen. Helle Freude leuchtete aus den Augen der braven Milizreiter, daß es ihnen vergönnt gewesen war, ihre Landsleute im letzten Augenblick vor einem furchtbaren Schicksal zu bewahren. Es hatte sich herausgestellt, daß Rolf sie schon einige Meilen vor Santa Cruz getroffen hatte, da ausgeschickte Kundschafter die Richtung des Indianerzuges festgestellt hatten und daraufhin sofort alle entbehrlichen Männer in den Sattel gestiegen waren. Das Feuer war gelöscht, ohne größeren Schaden getan zu haben, aber wilde Unordnung und ein wüstes Durcheinander herrschten noch allenthalben, und es bedurfte vieler Arbeit, um vor völligem Einbruch der Dunkelheit wenigstens noch einige Ordnung in das Chaos zu bringen. Die Reiter hatten auf dem Hofe mitgebrachte Zelte aufgeschlagen, um unter ihnen zu nächtigen, und Mutter Förster kochte derweil in dem großen Feldkessel eine kräftige Suppe, die Lieselotte und Luisle nebst Schwarzbrot und kaltem Hirschfleisch unter die hungrigen Männer verteilten. Manch kräftiges, deutsches Wort wurde noch gesprochen, und es dauerte lange, bis alle sich zur Ruhe begaben, nachdem vorsichtshalber Wachtposten an dem halb zerstörten Palisadenwall ausgestellt worden waren. »Sehen Sie,« sagte Herr Förster wehmütig zu Doktor Mangold, »da haben Sie einen Begriff davon, daß es uns deutschen Ansiedlern hier nicht so glänzend geht, wie Sie früher annahmen, und daß wir um das Leben in der Wildnis gewiß nicht zu beneiden sind, soviel Lichtseiten es auch haben mag. Diese beiden traurigen Weihnachtsfeiertage haben mich zum mindesten zwei Jahre zurückgebracht, und es wird vieler Arbeit bedürfen, um das in wenigen Stunden Zerstörte neu aufzubauen. Nun, verzagen dürfen wir nicht, und der alte Herrgott, der uns eben erst so wunderbar beschützt hat, wird ja wohl weiter helfen. Er verläßt ja keinen guten Deutschen. Vor den Bugres werde ich ja wohl für den Rest meines Lebens Ruhe haben, denn nach dem blutigen Denkzettel von heute werden sie sich so bald nicht wieder aus ihren Schlupfwinkeln hervorwagen; aber wenn auch die Bugres nicht wiederkommen, so doch zur Abwechslung sicher die Heuschrecken oder große Überschwemmungen, und so ist schon dafür gesorgt, daß die Bäume bei uns nicht in den Himmel wachsen, sondern daß man sich immer hübsch bescheiden lernt.« Die Reiter blieben noch den ganzen nächsten Morgen da, um weiter bei den Aufräumungsarbeiten und beim Wiedereinfangen des zersprengten Viehs zu helfen. Auch eine ernste Pflicht war noch zu erfüllen, nämlich die Toten zu begraben und auf Wagen bequeme Lagerstätten für die Verwundeten herzurichten, die nach dem Spital von Santa Cruz geschafft werden sollten. Der dortige deutsche Arzt war auch gleich mitgekommen und konnte so gleich selbst mit sachkundiger Hand die ersten Notverbände anlegen. Von den Bugres war weit und breit nichts mehr zu hören und zu sehen; es schien, als habe der Erdboden die wilden Scharen verschlungen. So konnten nach nochmaligem Nächtigen die wackeren Reiter beruhigt den Heimweg antreten, gefolgt von den Dank- und Segenswünschen der Farmbewohner. Diese aber hatten noch wochenlang zu tun, um mit allem wieder in Ordnung zu kommen, und eine ernste Stimmung hatte sich ihrer aller bemächtigt, die die alte Gemütlichkeit nicht recht wieder aufkommen lassen wollte. Dazu kamen die immer trüber lautenden politischen Nachrichten. Es hieß, daß die siegreichen Regierungstruppen bereits ganz Santa Catharina durchzogen hätten und demnächst auch in Rio Grande do Sul auftauchen würden, um die letzten Reste der Revolutionäre zu zersprengen und ihr Mütchen an den Unterlegenen zu kühlen, zumal mit dem inzwischen gefallenen Admiral Gama die letzte Hoffnung der Aufständischen ins Grab gesunken war. Über alledem war auch die Regenzeit herbeigekommen. Täglich gab es schwere Gewitter mit heftigen Regengüssen, und man konnte froh sein, wenn man dann wohlgeborgen unter Dach und Fach war. Die Wege waren fast grundlos geworden, und aller Verkehr mit der Nachbarschaft deshalb sehr erschwert. Namentlich gegen Abend setzte fast regelmäßig ein solches Unwetter ein, und es goß dann buchstäblich wie aus Kannen. Einmal saß die ganze Gesellschaft abends vor dem Nachtessen in der Diele zusammen, während draußen ein Wetter tobte, daß man keinen Hund vor die Tür hätte jagen mögen. Plötzlich wurden alle durch starkes Klopfen an das Hoftor aufgeschreckt, und nachdem Gottlieb hinausgegangen war, um nach dem unvermuteten Ankömmling zu sehen, trat dieser alsbald herein, triefend von Nässe und einen kleinen Bach hinter sich erzeugend. Es war ein sehr lebhafter Mann von typisch deutschem Aussehen, dem auch das Unwetter seinen Humor nicht geraubt zu haben schien. »Ach, Herrjeses nee, meine kutesten Herrschaften,« begann er in unverfälscht sächsischem Dialekt, »entschuldigen Se nur gietigst, wenn ich Se noch so spät hier überfalle, aber draußen regnet es Se nämlich so stark wie auf der Leibziger Messe. Se erlooben doch wohl gietigst, daß ich hier een bißchen untertrete.« Ein eingeborener Diener brachte gleichzeitig das in wasserdichtes Wachstuch sorgsam eingehüllte Gepäck des unverhofften Gastes herein und ging dann wieder hinaus, um die Maultiere zu Versorgen. Lachend hieß alles den späten Ankömmling willkommen, denn ein solcher unvermuteter Besuch aus der großen Welt brachte ja immer willkommene Abwechslung und allerlei frischen Gesprächsstoff, der in der Einsamkeit der Farm manchmal auszugehen drohte. »Mein Name is Se nämlich Fritz Lehmann, und ich vertrete die bekannte Firma Schulze und Meyer in Leipzig, Konfektionen und alles, was Se sonst noch ham wolln. Eigene große Trikotweberei in Bärne (Pirna). Wenn die verehrten Damen sich nachher vielleicht mal meine Muster ansehn wolln; sehr scheene Sachen un fabelhaft billig.« Nun, zuerst mußte Herr Lehmann sich an einer Tasse Tee erwärmen und am Abendessen teilnehmen, dann kaufte man ihm mehr aus Gefälligkeit gegen den lustigen deutschen Landsmann als aus wirklichem Bedürfnis etwas ab, und hierauf ging es ans Plaudern. Herr Lehmann entpuppte sich dabei als der richtige schlaue Sachse und als geriebener Geschäftsmann, aber es war interessant und lehrreich, ihm zuzuhören, wie er die Gestaltung des deutschen Handels in Südamerika schilderte, das er schon in allen seinen Teilen mit mehr oder minder großem Erfolge geschäftlich bereist hatte. Man erfuhr von ihm, wie geschickt sich die deutsche Industrie den Bedürfnissen und Eigenheiten nicht nur der deutschen Ansiedler, sondern auch der spanischen und portugiesischen Bevölkerung und selbst der wilden Indianerstämme angepaßt hatte. Diese Geschäftsleute hatten zum Beispiel aus den Berichten der Forschungsreisenden den Geschmack der Eingeborenen ganz genau studiert und danach ihre Erzeugnisse eingerichtet. Sie wußten, welche Farben und Muster die Indianer bevorzugten, und kannten sehr wohl deren Abneigung gegen ihnen fremde Richtungen. Herr Lehmann meinte, es sei viel schwerer, eine neue Mode im Chako oder am Amazonenstrom einzubürgern als in Wien oder Berlin. »Weil die Indianer eben einen viel zu guten und gesunden, natürlichen Geschmack haben, als daß sie alle unsere Modenarrheiten mitmachten,« brummte Doktor Mangold. »Das mag ganz richtig sein, aber für Dinge, die ihren angestammten Bedürfnissen entgegenkommen, haben sie doch sehr viel Verwendung, und es ist ein ganz gutes Geschäft da mit ihnen zu machen. So zum Beispiel mit kleinen Handspiegeln, denn mit deren Hilfe können sich die Kerle für ihre großen Tanzfeste selbst bemalen und schminken, während sie sich früher diesen Liebesdienst einander gegenseitig erweisen mußten. Sie sollten nur einmal so ein Indianergigerl sehen, mit welchem Wohlgefallen er seine bemalte Fratze in so einem Spiegel betrachtet, und wie unwiderstehlich er sich dabei vorkommt. Na, und wenn wir den Rothäuten für ihre stumpfen Steinmesser schöne Solinger Klingen bringen, so tut man damit doch schließlich auch ein gutes Werk und hilft die Zivilisation ein Stückchen vorwärts bringen.« »Aber von Ihren bunten Kattunjacken, baumwollenen Hemden und Unterhosen kann man wohl kaum dasselbe behaupten,« sagte Helmut lachend. »Auf mich wenigstens haben solche halb bekleidete Indianer, wie man sie oft als Arbeiter in den Zuckerfabriken und Holzsägewerken steht, immer einen recht traurigen Eindruck gemacht, und da sind mir eigentlich die richtigen Wilden, die nichts als Lendenschurz und Federnschmuck tragen oder höchstens noch die von ihren Weibern selbst gewebte Wolldecke, die sie sich so malerisch und mit so viel natürlicher Anmut um den Körper zu legen wissen, zehnmal lieber.« »Da muß ich Ihnen in meinem Innern eegentlich beipflichten,« stimmte Herr Lehmann zu. »Aber was wollen Se machen? Die Sachen werden nun einmal verlangt, und wenn wir sie nicht bringen, bringen sie die Engländer. Schließlich macht man doch Geschäfte, aber am liebsten selber. Dafür ist man nu mal Kaufmann.« »Ja, es ist eine eigentümliche Sache um die Zivilisation,« mischte sich der alte Förster in seiner ruhigen und bestimmten Weise ins Gespräch. »Sie hat ja viel Gutes, aber doch auch viel Schlechtes, und man weiß wirklich nicht, ob man recht tut, die Indianer damit zu beglücken. Wäre jeder Pionier der Kultur ein selbstloser Menschenfreund, so wäre es ja etwas anderes. So aber will jeder an den Wilden verdienen und sie nach Möglichkeit ausnutzen. Brächte man ihnen nur Glasperlen und bunte Tücher, so ginge es ja an, aber bald folgt der unselige Schnaps, der ganze Volksstämme vergiftet und zum Aussterben bringt, oder man versieht die Wilden gar mit Gewehr und Munition, damit sie uns Ansiedler um so bequemer abschlachten können. So viel steht jedenfalls fest, daß die von der Kultur noch unberührt gebliebenen Wilden in der Regel gutmütige und ehrliche Kerle sind. Je mehr aber unsere sogenannte Zivilisation sich in sie eingefressen hat, desto mehr sind sie auch körperlich heruntergekommen und moralisch verlumpt. Ihre guten Instinkte sind verfallen, und dafür haben sich allerlei schlechte Gewohnheiten, die sie früher gar nicht gekannt hatten, unter ihnen breit gemacht. Ohne unsere ihnen gewaltsam aufgedrängte Kultur lebten sie das glückliche Dasein von Kindern, mit ihr müssen sie einen harten Kampf ums Dasein führen, dem sie rasch erliegen. Wir dürfen bei den Indianern nicht immer bloß an die heimtückischen und grausamen Bugres denken, sondern wollen nicht vergessen, daß es auch eine, ganze Reihe gut begabter und moralisch hochstehender Indianerstämme gibt, wofür wir ja in unserem Freunde Tumayaua das beste Beispiel haben. Solche Stämme haben auch eine eigene Kultur, die gar nicht zu unterschätzen ist. Ihre selbstgewebten Decken und ihre geschmackvoll verzierten Tongefäße oder gar die wundervollen Arbeiten, die sie aus bunten Vogelfedern herzustellen wissen, sind doch eigentlich etwas ganz anderes als die billigen Schund- und Massenarbeiten unserer Fabriken, die wir zu ihnen bringen, zumal wenn wir uns vergegenwärtigen, mit wie unendlich primitiven Hilfsmitteln diese Leute arbeiten müssen, welch unsägliche Geduld daher die Herstellung ihrer Erzeugnisse verlangt.« So ging das Gespräch noch lange hin und her, und wenn auch alle Herrn Försters Ansichten teilten, so konnten sie doch anderseits auch Herrn Lehmann wohl begreifen, der mit Stolz versicherte, daß es eine große innere Befriedigung wäre, sich im Dienste des weitverzweigten deutschen Handels tätig zu fühlen und durch ihn Reisen zu machen, um die jeder berufsmäßige Forscher den Kaufmann beneiden könne. Das sei ein Leben voll beständiger Aufregung und wilder Abenteuer, wohl geeignet, einen tätigen und unternehmenden Mann völlig in seinen Bann zu schlagen. Auch der Kaufmann sei heutzutage ein Pionier der Kultur und spiele als solcher mindestens eine ebenso große Rolle wie Forscher und Missionar, könne ebensoviel wie diese zur Verbreitung deutscher Sitte und deutscher Anschauungen sowie zur Hebung des deutschen Ansehens beitragen. Freilich müsse er sein Verhalten danach einrichten und dürfe sich nicht ausschließlich durch blinde Profitgier leiten lassen. Möglichst gute Geschäfte machen wolle natürlich jeder. Aber doch könne und dürfe man auch dabei gewisse moralische Grundsätze nicht aus den Augen verlieren, denn die seien im Verkehr mit Wilden und Halbwilden mindestens ebenso wichtig wie bei dem der europäischen Geschäftsleute untereinander. Auch kaufmännisch sei das durchaus geboten, denn nur auf diese Weise könne man das Vertrauen der Eingeborenen dauernd gewinnen, während andernfalls an einen öfteren Besuch der gleichen Absatzgebiete nicht zu denken sei, da einem sonst leicht ein gar übler Empfang bereitet werden könne. Die Eingeborenen kämen sehr rasch auf den richtigen Wert der Dinge und ließen sich so leicht nicht zum zweitenmal beschummeln. »Ja können Sie denn als Kaufmann überall so ungehindert hinkommen?« meinte Helmut zweifelnd. »Meines Wissens gibt es doch im unerforschten Innern Südamerikas noch Stämme, die überhaupt noch lein Europäer besucht hat.« »Ganz richtig, und zu diesen würde auch ich mich nicht wagen, denn ich habe Frau und Kinder daheim in Sachsen, aber das ist auch gar nicht nötig. Wir besuchen eben nur die Stämme, bei denen das ohne offenbare Gefahr möglich ist, und die vertreiben dann schon durch den Tauschhandel unsere Sachen weiter ins Innere. Ich bin überzeugt, daß mancher Indianerhäuptling im Gran Chaco stolz in einem meiner Leipziger Trikothemden herumspaziert. Sie glauben gar nicht, wie ausgebreitet der Tauschhandel unter diesen Stämmen ist. Da kauft sich mancher von mir hundert Nadeln oder ein Dutzend Messer. Für sich braucht er diese natürlich nicht alle, aber sie sind ihm ein kostbares Tauschobjekt, wenn er mit den ganz wilden Stämmen zusammenkommt, die ihm dafür getrocknete Fische, schöne Federn und Felle oder wer weiß was sonst geben. Dabei bemißt der Indianer den Wert eines Gegenstandes ganz richtig nach der Arbeitszeit, die etwa seine Erwerbung oder Herstellung gekostet haben könnte.« Unter derlei Gesprächen verstrich der Abend sehr angeregt und angenehm. Als man sich schon zur Ruhe begeben wollte, meinte Herr Lehmann: »Nu weiß ich ja aber noch gar nicht, wem ich eigentlich für die liebenswürdige Gastfreundschaft Dank schulde. Firmenschilder haben Sie, wie es scheint, hier im Urwalde noch nicht vor den Haustüren. Also wenn ich vielleicht um Ihren werten Namen bitten dürfte?« »Ich stamme aus dem Hannoverschen und heiße Förster,« sagte der Hausvater lächelnd, »meine Kinder aber sind alle hier in Brasilien geboren.« »Förster? Förster?« meinte Herr Lehmann nachdenklich und wiegte sein umfangreiches Haupt wie mißbilligend hin und her. »Förster! Den Namen habe ich doch kürzlich erst gehört. Hören Sie mal, ich glaube, die Geschichte ist ein bißchen brenzlich. Sagen Sie mal, haben Sie nicht vielleicht einen Sohn, der in der brasilianischen Marine gedient und die Revolution mitgemacht hat?« »Der bin ich,« sagte Helmut offen, da er dem deutschen Landsmanne Vertrauen schenken zu dürfen glaubte. »Aha,« rief Herr Lehmann aus, »jetzt weiß ich Bescheid, und mich wundert's nur, daß Sie's nicht auch wissen und noch in aller Gemütlichkeit ruhig bei Muttern sitzen. Hören Sie, junger Mann, ich würde mich aber an Ihrer Stelle schleunigst auf die Socken machen. Ich war nämlich vor acht Tagen in Porto Alegre, das bereits von den Regierungstruppen besetzt ist. Es soll ein fürchterliches Strafgericht über alle Anhänger der Revolutionspartei ausgebrochen sein. Überall im Lande schwärmen schon Soldatentrupps umher, um die Anhänger der Aufständischen aufzuspüren und den Gerichten auszuliefern, was in den meisten Fällen mit dem Tode durch Pulver und Blei gleichbedeutend ist. Ich weiß genau, daß ein Streifkorps unter einem gewissen Leutnant Alvarez nach Santa Cruz aufgebrochen ist, um unter anderen einen gewissen Helmut Förster aufzuheben, der sich hier in den deutschen Ansiedlungen verborgen halten soll. Er soll früher auf dem Aquidaban gedient haben und ein besonderer Günstling des unglücklichen Admirals Mello gewesen sein. Hören Sie, junger Herr, wenn Sie etwa dieser Helmut Förster sind, dann würde ich doch an Ihrer Stelle meinen Kopf in Sicherheit bringen.« Diese Worte des biederen Sachsen genügten, um sofort die Stimmung in eine sehr ernste zu verwandeln. Schreckensbleich sahen Mutter und Schwester auf Helmut, und dieser starrte finster vor sich hin. Der alte Förster fand zuerst das Wort wieder. »Herr Lehmann hat unbedingt recht,« sagte er, »und er wird ja einen deutschen Landsmann nicht verraten. Also du mußt fort, Helmut, so schwer uns allen die Trennung auch sein wird. Wahrlich, wir kommen aus Sorgen und Kummer nicht mehr heraus. Aber du kannst ja nichts dafür. Jetzt heißt es nur noch, wohin? Schließlich wird ja der politische Haß wieder abflauen, und neue Leute werden ans Ruder kommen, aber bis dahin mußt du verschwinden in eine Gegend, wo dich die Schergen nicht vermuten oder nicht finden. Treffen sie dich hier nicht an, so werden sie auch uns nicht weiter belästigen. Wenn ich nur wüßte, wohin mit dir! Da ist guter Rat teuer.« »Daß ich schleunigst fort muß,« erwiderte Helmut, »ist leider auch mir nur zu klar. Besonders weil dieser Alvarez einer der schlimmsten Gesellen ist, die ich kennen gelernt habe. Er war Leutnant auf dem Aquidaban, ging aber zur Regierungspartei über, sobald er merkte, daß es um unsere Sache schief stand. Man behauptet sogar, daß er es gewesen sei, der an dem unglücklichen Tage von Nictheroy die Regierungstruppen herangeholt habe, als unsere Leute sich leider plündernd in den Straßen zerstreut hatten und so wehrlos niedergemetzelt werden konnten. Auf dem Aquidaban hatte er wegen seines hinterlistigen Wesens keinen Freund, und um so mehr wird er jetzt bestrebt sein, sich an seinen früheren Kameraden für ihre Nichtachtung zu rächen. Ich selbst hatte mal einen Zusammenstoß mit ihm, und er beehrte mich seitdem mit seinem besonderen Hasse und warf mir im Dienst überall Knüppel in den Weg, die mir den Aufenthalt auf dem Aquidaban wohl hätten verleiden können, wenn nicht die Gerechtigkeitsliebe des prächtigen Admirals Mello alles immer wieder ausgeglichen hätte. Jedenfalls weiß ich genau, daß ich von Alvarez keine Schonung zu erwarten habe, sondern verloren bin, sobald ich in seine Hände falle. Verzeiht mir, liebe Eltern, daß ich euch so viel Kummer mache! Aber ihr wißt ja, daß ich als Mann und als Deutscher und als Soldat nicht anders handeln konnte, als ich gehandelt habe. Auf keinen Fall sollt ihr meinethalben Schwierigleiten haben. Ich muß noch morgen früh fort, wenn ich nur erst wüßte wohin.« »Darf ich Ihnen einen guten Rat geben?« nahm Herr Lehmann das Wort wieder auf. »Wissen Sie was, gehen Sie doch einfach nach dem Chaco zu den Indianern. Die sind oft bessere Menschen als die Weißen, und ich bürge Ihnen dafür, daß Sie dort gastfrei aufgenommen werden, und daß Sie dort in aller Gemütlichkeit und Sicherheit fischen und jagen oder sonst treiben können, was Ihnen behagt, bis wieder Ruhe im Lande eingekehrt ist. Und sollten wirklich die Regierungstruppen sich bis in diese entlegene Wildnis vorwagen, so ist sowohl die Grenze von Paraguay als auch die von Bolivia nicht weit, wo Sie sich jederzeit in Sicherheit bringen können.« »Höre, Helmut,« stimmte sein Vater bei, »der Rat ist wirklich gar nicht so übel, und vielleicht wäre es das beste, ihn sofort in die Tat umzusetzen.« »Aber der Chaco soll doch so gefährlich sein,« klagte die Mutter. »Gefährlicher jedenfalls nicht als das Verbleiben hier auf der Farm,« wandte Helmut ein. »Ich finde die Idee des Herrn Lehmann sogar ganz famos,« rief Doktor Mangold aus, »und ich will Ihnen gleich erklären, daß ich einfach mitgehe. Hier unsere Gegend habe ich nun zur Genüge abgeklappert, aber der noch fast unerforschte Chaco bietet auch mir ein neues und reiches Arbeitsfeld, wo ich großartige Sammlungen zu machen hoffe.« »Bravo, Herr Doktor,« stimmten Günter und Siegfried bei, und auch die Mutter atmete erleichtert auf, als sie vernahm, daß ihr Sohn doch nicht allein in diese Wildnis ziehen, sondern dabei einen deutschen Landsmann zum Gefährten haben werde. »Tumayaua geht gleichfalls mit,« sagte der Indianer einfach, der bis dahin schweigsam und unbeachtet in seiner Ecke gesessen hatte. »Er ist es seinem Lebensretter schuldig. Außerdem hat er gehört, daß seine Vorfahren von dort nach hier gekommen sind, und daß heute noch Chiriguanos in den großen Bergen hinter dem Chaco (damit meinte der Häuptling die Anden) hausen sollen. Tumayaua möchte seinen roten Brüdern die Hand drücken.« Lieselotte warf dem Häuptling einen dankbaren Blick zu. »Das fügt sich ja alles vortrefflich,« meinte sie. »Der Häuptling ist der beste Führer in der Wildnis, und seine Sprachkenntnisse und seine Hautfarbe können bei dem Verkehr mit den Indianern auch nur von größtem Nutzen sein. Außerdem sollte noch unser Neger Zampa mitgehen, denn er hat als Kind in der Gefangenschaft der Wilden des Chaco gelebt, wird also auch noch mit Sprachen und Sitte etwas Bescheid wissen.« »Aber ich habe doch gelesen,« wandte die besorgte Mutter wieder ein, »daß von den vielen Forschungsreisenden, die in das Innere des Chaco eindringen wollten, kaum einer jemals wieder lebend zurückgekehrt ist. Solchen Gefahren dürfen wir doch unsern Helmut nicht aussetzen!« »Glauben Sie mir, liebe Frau,« suchte Herr Lehmann zu beruhigen, »das ist heute lange nicht mehr so schlimm wie früher, und überhaupt ist der Chaco besser als sein Ruf. Meist waren die Reisenden selbst schuld daran, wenn sie Streit mit den Bewohnern des Chaco bekamen. Ein solches Landschaftsparadies wie hier ist's freilich nicht, sondern eine ziemlich traurige und öde Gegend. Aber wenn Ihr Sohn, wie ich seinem besonnenen Wesen wohl zutraue, sich vor Beleidigungen der Indianer hütet, werden sie ihm kein Haar auf dem Haupt krümmen, und er wird dort so sicher sein wie in Abrahams Schoß.« »Ich denke auch, wir lassen's bei diesem Entschluß,« entschied der alte Herr Förster, »es ist wirklich das allerbeste, Mutter.« »Auch ich bin dieser Überzeugung,« erklärte Helmut. »Also weg mit allen überflüssigen Sorgen! Und frisch ans Werk!« Um die Nachtruhe der Familie Förster war es nun freilich geschehen, da eine solche Reise doch in allen Einzelheiten und so gut es bei der Kürze der Zeit möglich war, vorbereitet werden mußte. Die kräftigsten Reit- und Tragtiere wurden ausgewählt, Waffen und Munition bereitgestellt. Helmut und der Doktor packten ihre persönlichen Bedürfnisse zusammen, ein Zelt, Lebensmittel und andere unumgänglich nötige Bedürfnisse mußten verladen werden. Auf den dringenden Rat des im Verkehr mit den Indianern erfahrenen Herrn Lehmann nahm man auch eine ganze Eselladung Rauchtabak mit. »Sie glauben gar nicht, meine Herrschaften,« erklärte der Leipziger, »wie sehr die Wilden auf den Tabak versessen sind. Dort raucht alles, vom vierjährigen Jungen an bis zum hochbetagten Greis. Zwar bauen manche Stämme sogar selbst Tabak, aber die verstehen ihn beim Trocknen nicht zu behandeln, und infolgedessen ist ihr Kraut so hundemiserabel, daß es nicht einmal ihnen selber schmeckt. Für Tabak ist vom Indianer alles zu haben. Tabak ist das beste Geld im Chaco, womit man überall durchkommt, während für geprägtes oder gar papierenes Geld die Indianer wenig Verständnis haben. Wenn Sie überall freigebig Tabak verteilen, werden Sie sich viele zuverlässige Freunde machen, die jederzeit für Sie eintreten. Ein mit Tabak beladener Esel ist im Chaco dasselbe, wie der berühmte goldbeladene Esel des Altertums, dem selbst das mächtige Rom nicht widerstehen konnte.« Im Morgengrauen war die kleine Karawane reisefertig. Noch ein gemeinsames, fast schweigend eingenommenes Frühstück, dann ein herzzerreißendes Abschiednehmen von Eltern und Geschwistern, und hinaus ging es in eine unerforschte Wildnis und in eine ungewisse Zukunft. Es war Helmut doch tiefschmerzlich zumute bei dieser jähen Trennung, und auch den sonst so spottlustigen Berliner drohte die Rührung beim Abschied von seinen selbstlosen Gastgebern zu übermannen. Immer und immer wieder schüttelte er ihnen die Hand. »Bange machen gilt nicht,« meinte er zwar mit scheinbarer Lustigkeit, »ein Berliner kommt überall durch,« aber dabei zitterte doch seine Stimme vor innerer Erregung. Der einzige, der seine unerschütterliche Ruhe bewahrte, war Tumayaua. Sein letzter Blick, als die kleine Gruppe um die Waldecke bog, galt Lieselotte. Es war ein Blick des Abschiedes für immer. Fünftes Kapitel. Bei den Wilden im Chaco. Einige Wochen später finden wir die beiden Freunde mit ihren Begleitern am Ufer des Rio Pilcomayo, wo der noch wenig erforschte Teil des Chacos anhebt. Es war eine weite und beschwerliche Reise bis dahin gewesen, und doch war sie ohne besondere Abenteuer und Fährlichkeiten verlaufen. Neugierig ließen Helmut und Doktor Mangold ihre Augen über die endlose Fläche streifen, aber sie waren davon eigentlich wenig befriedigt, denn die prachtvollen Urwälder und die romantischen Höhenzüge von Rio Grande do Sul fehlten hier völlig. Das Merkwürdigste an der Landschaft war ihr gänzlicher Mangel an Steinen. Soweit das Auge reichte, sah es nur Sand und Schlamm. Träge wälzte sich der mächtige Fluß durch sein breites Schlammbett, oft sich in verschiedene Arme zerteilend und dann schilf- und rohrbewachsene Inseln einschließend, die unzähligen Wasservögeln zum Aufenthalt dienten. Die weite Ebene zeigte nur spärliches Gestrüpp oder dazwischen kleine Gehölze, nirgends aber große, geschlossene Waldungen. Doch versicherte Tumayaua, daß gerade diese kleinen Gehölze viel reicher an eßbaren Früchten seien als der unermeßliche Urwald, in dem man trotz seiner Pflanzenfülle leicht verhungern könne. Und die Tatsache, daß die Gegend verhältnismäßig dicht bewohnt zu sein schien, daß überall Saumtierpfade kreuz und quer verliefen, schien ihm Recht zu geben. In dem großen Flusse gab es ja sicherlich auch viele Fische, die schon eine ansehnliche Bevölkerung ernähren konnten. Das unangenehmste war entschieden die Beschaffenheit des Bodens. Wo er noch Feuchtigkeit vom Flusse erhielt, war er grundlos und schlammig, so daß die Saumtiere oft bis über die Knie einbrachen und sich nur schwer wieder herausarbeiten konnten. Wo aber die Sonne den Boden ausgedörrt hatte, da hatte sich der Schlamm in feinen Staub verwandelt, der in ganzen Wolken vom Winde hin und her getrieben wurde und das Reiten höchst unangenehm machte, indem er sich in Augen, Nasen und Ohren der Reisenden festsetzte. Dazu hatten überall die Erdratten den Boden unterwühlt, oder der Fluß hatte bei seinen Überschwemmungen unterirdische Höhlen ausgewaschen, so daß man die höchste Vorsicht anwenden mußte, um nicht zu stürzen und Hals und Beine zu brechen. In der Ferne durchkräuselte der Rauch eines indianischen Lagerfeuers die Luft, und erwartungsvoll ritt man darauf zu, ungewiß, welche Aufnahme man bei den verrufenen Wilden des Chaco finden würde. Alles hing davon ab; denn was sollte aus Helmut werden, wenn sich die Indianer widerspenstig verhielten und ihn zwangen, wieder in die verlassene Zivilisation zurückzukehren, deren Schergen nach seinem jungen Leben trachteten? Durch Tumayaua wußte er bereits, daß man hier auf den großen Stamm der Ashluslays stoßen würde, die noch sehr wenig mit der Kultur in Berührung gekommen waren. Das ließ manches erhoffen und vieles befürchten. Schon war man dem Dorfe der Ashluslays ziemlich nahe gekommen, und noch ließ sich kein Wachtposten blicken. Nur Gegröhle und Gejohle drang durch die schwüle Luft. Ungehindert ritt man in die Ansiedlung ein, und mit leisem Schauder merkte Helmut, daß die ganze rothäutige Gesellschaft stark betrunken war. Aber keiner tat den Reisenden etwas zuleide, keiner belästigte sie im geringsten. Im Gegenteil kam man ihnen fast mit übertriebener Freundlichkeit entgegen, die sich mit plumper Vertraulichkeit paarte. Nachdem Tumayaua einige erklärende Worte gesprochen hatte, nötigte man die Reisenden zum Absteigen und führte sie nach einer besonders großen Hütte, die für auswärtige Besucher bestimmt zu sein schien. Im übrigen war sie ebenso einfach und kunstlos wie die andern Hütten auch, rund von Form, lediglich aus Baumästen erbaut und oben mit frischen Blättern zugedeckt. Wenn es tüchtig regnete, mußte man hübsch naß werden in einer so urwüchsigen Behausung. An Hausgerät war nichts vorhanden, als ein paar geflochtene Matten, die als Lagerstätten dienen konnten, mit runden Baumstämmen als Kopfkissen, dazu ein paar Baumklötze als Sitzgelegenheiten und ein paar schön geflochtene große Körbe zur Aufnahme etwaiger Habseligkeiten, die man aber auch ebensogut zwischen das Flechtwerk der Hütte schieben konnte. Der Häuptling, äußerlich durch nichts von seinen Stammesgenossen verschieden, machte die Ehrenbezeigungen und ließ durch Frauen getrockneten Fisch und flache, nur halb durchgebackene Maiskuchen zum Imbiß herbeischaffen. Er wie seine Leute waren prachtvoll gewachsene, ebenmäßig gebaute Menschen von dunkler Bronzefarbe, die in ihren Gesichtern weder die scharfen Züge Tumayauas, noch die abstoßende Roheit der Bugres zeigten. Sie hatten vielmehr in ihrem ganzen Wesen etwas harmlos Kindliches, bestechend Frohgemutes, waren sehr heiter und hatten immer etwas zu lachen. Der Mahnungen des Herrn Lehmann eingedenk, lud Helmut sofort seinen Tabakesel ab und beschenkte den gutmütigen Häuptling mit einer Rolle des geschätzten Krautes. Ein Freudenschimmer ging dabei über dessen Züge, und der Bund war besiegelt. Sofort teilte der Häuptling aber von seinem Schatze seinen Stammesgenossen freigebig mit; er wollte oder durfte vor diesen offenbar nichts voraus haben. Dann aber nahmen je zwei Ashluslay je einen der Reisenden unter den Arm und schleppten ihn, ob er wollte oder nicht, zu ihrem Kneipplatze inmitten des Dorfes. Dort waren die Frauen gerade beschäftigt eine neue »Bowle« zu brauen, wie der Doktor sich humoristisch ausdrückte. In einem großen, ausgehöhlten Kürbis kochten sie die zuckerreichen Früchte des Algarrobobaumes, kauten andere Früchte im Munde und spuckten dann das Durchgekaute in die Bowle hinein, um die notwendige Gärung anzuregen. Die beiden Weißen sahen mit Entsetzen zu, machten aber auf einen lebhaften Wink Tumayauas hin gute Miene zum bösen Spiel. Die ganze Flüssigkeit wurde dann über durchlöcherten, schmutzigen Fellen durchgeseiht und in einen andern Riesenbottich gegossen. Zur Anfeuerung des Durstes gab es vorher noch frische Fische, die auf einem Kohlenfeuer gebraten und auf großen grünen Blättern überreicht wurden. Sie wären köstlich gewesen, wenn es nur auch Salz dazu gegeben hätte. Aber Salz ist ein rarer Artikel im Chaco. Endlich war das Gebräu fertig, und das Zechgelage konnte beginnen, nachdem die Frauen sich zurückgezogen hatten. Jeder Teilnehmer erhielt eine mit hübschen Ornamenten verzierte Kürbisschale als Trinkgefäß, mit der er nach Belieben aus der großen Riesenbowle schöpfen konnte. An und für sich mundete das Getränk gar nicht schlecht und erinnerte im Geschmack etwa an unser süßes Weizenbier, war nach der Hitze und dem Staub des Tages auch recht erfrischend. Doch schien es bei dem hohen Zuckergehalt stark berauschend zu sein, denn Helmut und Doktor Mangold bemerkten bald, wie ihnen der Kopf schwer wurde, die Stirn glühte und ihre Gedanken sich zu verwirren begannen, während Tumayaua und Zampa schon eher an derartige Schwelgereien mit diesem Teufelsgebräu gewöhnt zu sein schienen. Das allerschlimmste war aber, daß man nach Landessitte jedesmal sein Gefäß auf einen Zug leeren mußte. Und dabei enthielt eine solche Kürbisschale immerhin etwa eineinhalb Liter! Unser »Prosit« wurde beim Zutrinken dadurch ersetzt, daß die Indianer jedesmal die rechte Hand in die Höhe hoben und in eigentümlicher Weise mit den Fingern schnalzten. Da Helmut auch hier freigebig von seinem Tabak spendete, widerfuhr ihm die Ehre des Zutrinkens öfter, als ihm im Interesse seines körperlichen und geistigen Gleichgewichts lieb war. Er hatte ja auf dem Aquidaban auch schon manches tüchtige Zechgelage mitmachen müssen, aber eine derartige Kneiperei wie hier im Chaco erschien ihm doch unerhört. Indessen erwies es sich bald, daß die Indianer zu jener gutmütigen Art von Betrunkenen gehörten, die im Rausche die ganze Welt umarmen möchten. So ausgelassen es auch zuging – Zank und Streit gab es nicht. Vielmehr herrschte eine allgemeine Verbrüderung, die allerdings zuletzt Formen annahm, die für die Weißen keineswegs angenehm waren. Helmuts Tabakpfeife wanderte von einem der schmutzigen Mäuler zum andern, und als Zeichen besonderer Freundlichkeit wischte man ihm ab und zu mit unsauberen Fingern den Mund ab. Geifernde Greise spuckten zur Erhöhung der Feststimmung in die Bowle, die andern prahlten mit nie begangenen Heldentaten und renommierten von ihren Kriegszügen, noch andere belustigten sich durch gröhlenden Gesang, zu dem ausgehöhlte und mit Steinen gefüllte Kürbisse klappernd den Takt angaben. Und doch herrschte bei aller Roheit und Urwüchsigkeit ein gewisses natürliches Taktgefühl, das es ängstlich vermied, Dinge peinlicher oder unangenehmer Art zu berühren. Auf das Zechgelage folgte eine längere Erholungspause, in der jeder stöhnend und ächzend seinen Rausch ausschlief. Danach war Ball unter freiem Himmel bei Vollmondbeleuchtung. Mit größter Sorgfalt wurde dazu Toilette gemacht, obgleich die Herrschaften eigentlich gar nichts anzuziehen hatten. Aber es mußten doch Gesicht, Brust und Arme bunt bemalt werden, das Haar wurde sorgfältig geordnet, auf den Kopf eine Art Haube aus glänzenden Schneckenschalen gestülpt, in die durchbohrten Ohrlappen große Scheiben aus leichtem, weißem Holze geklemmt, Knöchel und Armgelenke mit Manschetten aus bunten Vogelfedern geschmückt. Dazu kamen Halsketten aus bunten Samenkörnern oder Muscheln. So ausstaffiert zog alles hinaus zum Tanzplatze am sandigen Ufer des Rio Pilcomayo. Das Orchester enthielt außer den Klapperkürbissen auch noch Trommeln, die aus großen, mit dünnem, gegerbtem Fell überzogenen und ganz hübsch bemalten Tongefässen bestanden. Walzer und Polka gab's nicht, sondern nur eine Art Ringelreigen, wie ihn ähnlich manchmal noch die Dorfkinder bei uns abends unter der alten Linde tanzen. Die Männer faßten sich gegenseitig an den Händen und stampften mit den kräftigen Füßen im Takte den Boden, bald nur ganz langsam sich bewegend, bald wieder wie der Wirbelwind über die sandige Fläche sausend. Die Frauen und Mädchen gaben zunächst nur stumme Zuschauerinnen ab. Dann ergriff aber auch sie die allgemeine Begeisterung, und sie bildeten nun einen zweiten Kreis um den der Männer herum, indem sie die Hände auf deren nackte Schultern legten. »Nur immer rin ins Vergnügen! Mit den Wölfen muß man heulen!« meinte Doktor Mangold, und bald drehten auch er und Helmut sich zum Jubel der Indianer mit in dem allgemeinen Trubel. Und nicht lange dauerte es, dann legten auch auf ihre Schultern sich die schmalen Hände schlanker Indianermädchen. Man umtanzte einen gewissermaßen als Dorflinde dienenden hohen Pfahl, auf dessen Spitze Helmut mit leisem Grauen den Skalp irgend eines im Kriege gefallenen feindlichen Häuptlings im Winde flattern sah. Die ganze Nacht hindurch ging es so mit dazwischen eingeschobenen Eßpausen weiter, und der Morgen dämmerte schon herauf, als endlich alles schlaftrunken in seine Hütten kroch. Während der nächsten Wochen lebten so Helmut und seine Begleiter mitten unter den Indianern das einfache Leben dieser harmlosen Naturkinder. Und sie fühlten sich wohl und glücklich dabei, nachdem sie erst einmal den Widerwillen gegen den vielfach herrschenden Schmutz etwas überwunden hatten. Nicht immer freilich ging es so lustig zu wie am Tage ihrer Ankunft. Es kam ganz darauf an, ob Fischfang oder Jagd die Bäuche gefüllt hatten oder nicht, ob die Abende schön und lau waren oder kalte Regenschauer die nackten Menschen in ihren dünnwandigen Hütten frösteln ließen. War Nahrung im Überflusse vorhanden, so herrschte auch ausgelassene Fröhlichkeit; dann folgte ein Trinkgelage dem andern, und abends war regelmäßig Ball. War aber Schmalhans Küchenmeister, dann schlich alles gedrückt und traurig umher. Um das Morgen machten sich diese fröhlichen Naturkinder keine Sorgen; wenn nur das Heute gut war. Auch Gesellschaftsspiele wurden oft veranstaltet, und die Indianer kannten sogar eine Art Fußball, wobei sie kugelförmig zusammengekneteten Rohkautschuk als Ball benutzten. Bei schlechtem Wetter wurde viel und lange geschlafen, gewissermaßen auf Vorrat, denn an den Tanz- und Trinkabenden kam man doch die ganze Nacht nicht zur Ruhe. Manchmal wurden auch Märchen und alte Sagen erzählt, die oft recht hübsch und sinnig waren und sich meist mit den Tieren des Waldes beschäftigten. Mit der Jagd war nicht viel los im Chaco, denn dieses staubige Land erwies sich zur großen Enttäuschung Doktor Mangolds als recht tierarm. Hauptsächlich gab es Gürteltiere und Strauße, aber die letzteren waren so scheu und flüchtig, daß die Indianer selten auf Bogenschußweite herankamen, obwohl sie die Kunst des Anschleichens vorzüglich verstanden und sich dabei nicht selten auch in Straußenfelle hüllten, um die zwar mißtrauischen und schnellfüßigen, dabei aber doch ziemlich dummen Vögel zu täuschen. Unter diesen Umständen kam ihnen Helmuts sichere und weittragende Büchse sehr zustatten, und sie waren ihm herzlich dankbar dafür, daß er sich der Fleischversorgung des Dorfes etwas annahm. So oft er schweißtriefend und beutebeladen von seinen Jagdausflügen zurückkehrte, zogen ihm schon die Frauen und Mädchen singend entgegen und überreichten ihm Kürbisschalen mit erfrischendem Algarrobobier zur Erquickung. Am ergiebigsten war die Jagd auf die Gürteltiere, und diese gepanzerten Geschöpfe lieferten auch ein recht gutes Fleisch. In mondscheinhellen Nächten zogen alle jungen Männer, mit keulenartigen Stöcken bewaffnet und von ihren Hunden begleitet, zur Suche auf Gürteltiere aus. Diese waren zwar massenhaft vorhanden und hatten an manchen Stellen den Boden derart unterminiert, daß man kaum darüber weggehen oder reiten konnte, ohne einzubrechen, aber bei Tage bekam man doch nur höchst selten eines zu Gesicht, da diese absonderlichen Geschöpfe ein ausgesprochenes Nachtleben führen und erst nach völligem Einbruch der Dunkelheit hervorkommen, um ihrer aus Würmern, Insekten und jungen Vögeln bestehenden Nahrung nachzugehen. Wurde nun in solchen hellen Nächten ein Gürteltier von den Hunden aufgestöbert, so suchte es laufend zu entkommen, stellte sich dabei aber so ungeschickt an, daß die Hunde es gewöhnlich bald einholten, worauf sich das Gürteltier zusammenkugelte wie unser Igel. Mit wütendem Gekläff fuhren dann die Hunde darauf los, aber sie konnten den glatten Panzer mit ihren Zähnen nirgends erfassen, bis schließlich die Indianer dazukamen und mit ihren Keulen das Gürteltier totschlugen. Glückte es diesem dagegen, seine Höhle zu erreichen, noch ehe es die Hunde gestellt hatten, dann war schon mühsamere Arbeit nötig, um sich seiner zu bemächtigen. Diese Tiere besitzen nämlich in ihren muskulösen und mit ungemein starken Nägeln bewehrten Vorderfüßen vorzügliche Grabwerkzeuge und vermochten sich so in unglaublich kurzer Zeit tief in die Erde zu verklüften. Die Indianer mußten allen Eifer aufbieten, um es ihnen im Graben gleichzutun. Kam dann endlich der Schwanz des Tieres zum Vorschein, so wurde es daran gepackt und festgehalten, bis die Erde rings herum fortgeschaufelt war. Dagegen war es ganz unmöglich, ein Gürteltier etwa am Schwanze aus der Erde herauszuziehen, so fest hielt es sich mit seinen Klauen. Doktor Mangold kam als Naturforscher hauptsächlich dadurch auf seine Rechnung, daß er sich an den Fischzügen der Ashluslays beteiligte, denn der Rio Pilcomayo wimmelte nur so von den interessantesten Geschöpfen der verschiedensten Art. Es war eine wahre Lust, den Indianern beim Fischfange zuzusehen, weil ihre körperliche Schönheit und Gewandtheit dabei voll zur Geltung kamen. Boote besaßen sie zwar nicht, schwammen und tauchten dafür aber so gut, als seien sie Amphibien. Kleinere Fische erbeuteten sie mit Handnetzen, indem sie einfach ins Wasser sprangen und fischten, schwammen und tauchten, genau wie Fischottern. Wo die Gelegenheit günstig erschien, wurde mit größeren Netzen auch bisweilen ein ganzer Flußarm abgesperrt und die Fische dann unter großem Geschrei in die Netze getrieben. Es ging überhaupt immer sehr lustig zu bei diesen Fischzügen, und des Gelächters und Scherzens war dabei kein Ende. Große Fische schossen die Ashluslays am liebsten mit Pfeilen und entwickelten dabei eine erstaunliche Treffsicherheit, indem es bekanntlich gar nicht so einfach ist, einen im Wasser stehenden Fisch zu treffen, da ja dabei die Gesetze der Lichtbrechung auf der Wasseroberfläche berücksichtigt werden müssen. Das Spannen der großen Bogen erforderte auch eine erhebliche Kraftanstrengung, und beim Schusse selbst schwirrte die Sehne mit solcher Gewalt los, daß sich ein unvorsichtiger Schütze dabei leicht empfindliche Verletzungen am Unterarm zuziehen konnte. Die meisten Ashluslays hatten deshalb, wenn sie zum Jagen oder Fischen auszogen, den Unterarm zum Schutze mit einem Geflecht aus starken Grasfasern umwickelt. Besonders hatten es die Indianer auf die großen Palometafische abgesehen, die nach Form und Größe etwa unsern Steinbutten glichen. Gewöhnlich lagen diese Fische träge im Schlamm auf dem Boden des Stromes, sobald sie aber etwas Genießbares vermuteten, erhoben sie sich mit ungeahnter Leichtigkeit und schossen raubgierig darauf zu. Selbst vor Angriffen auf den Menschen scheuten sie dann nicht zurück, verteidigten sich auch wütend, wenn sie gefangen wurden. Mit ihren scharfen Zähnen rissen sie ganze Fleischbrocken aus dem menschlichen Körper, und nicht wenige der Ashluslays hatten große Narben, die von den Bissen der Palometafische herrührten. Es war dieser Fische wegen daher auch nicht sehr ratsam, im Flusse zu baden, wenigstens nicht an den Stellen, wo sie sich zahlreich vorfanden. Fast noch unangenehmer als sie waren winzig kleine Fischchen, die massenhaft über den Menschen herfielen und mit ihren scharfen, lanzettförmigen Flossen ihm zahlreiche, tiefe Wunden beibrachten. Doktor Mangold kam einmal ganz blutüberströmt aus dem Flusse heraus, als er beim Baden zwischen eine Schar dieser kleinen Unholde geraten war. Die gefangenen Palometafische wurden, soweit man sie nicht sofort verzehrte, von den Frauen der Ashluslays mit Nadeln an Schnüren aufgereiht und über dem Feuer geräuchert. Sie schmeckten dann köstlich, etwa wie unsere Flundern. Unsere beiden Freunde hielten sich hauptsächlich an diese Kost, da sie den andern Indianergerichten, zu denen auch die mitsamt den Eingeweiden gerösteten Eidechsen und Frösche gehörten, recht wenig Geschmack abgewinnen konnten. Eine erwünschte Abwechslung in das Einerlei des täglichen Speisezettels brachte auch der häufig als Nachtisch erscheinende wilde Honig, den die Indianer mit großem Scharfsinn ausfindig zu machen verstanden. Aufgetragen wurde er in einer großen Kürbisschale und verzehrt mit Hilfe eines ganz eigenartigen Instrumentes, eines Eßpinsels, der verzweifelte Ähnlichkeit mit dem Rasierpinsel unserer Friseure hatte und aus einem auseinandergefaserten Stück Holz oder Wurzel bestand. Diesen Eßpinsel tauchte einer der Schmausenden in die süße und zähe Flüssigkeit, leckte ihn sorgfältig ab und reichte ihn dann zu gleicher Verwendung seinem Nachbar. Das war zwar nicht gerade appetitlich, aber in den Wildnissen des Chaco gewöhnte man sich schließlich an alles, und die beiden Europäer wurden bei diesem Leben mitten zwischen den Indianern schließlich in sehr kurzer Zeit selbst zu halben Wilden. Ein ganz gutes Essen waren auch die Klöße aus Algarrobomehl, die die Ashluslayfrauen zu bereiten verstanden. Diese erwiesen sich überhaupt im Gegensätze zu ihren lustig und unbekümmert in den Tag hinein lebenden Eheherren als ganz sorgsame Hausmütterchen und sorgten nach ihrer Art auch ein wenig für die Zukunft. Und das war auch unbedingt nötig, denn wenn Regengüsse das Wasser des Rio Pilcomayo trübten und dadurch den Fischfang unmöglich machten, gleichzeitig auch den schlammigen Boden derart aufweichten, daß man nicht zur Jagd hinausziehen konnte, dann war nur zu rasch Schmalhans Küchenmeister im Indianerdorfe. Aber die Frauen zogen bei gutem Wetter täglich truppweise hinaus in den Wald und brachten in ihren aus zähen Grasfasern geflochtenen Tragtaschen Unmengen der verschiedensten eßbaren Früchte mit heim. Den Überfluß trockneten sie dann am Feuer mit derselben Sorgfalt wie unsere Hausfrauen ihre Backpflaumen. Sogar unterirdische Öfen und Vorratskammern hatte man zu diesem Zweck angelegt, und an manchen Tagen hätte man sich in der verschrieenen Wildnis des Chaco förmlich in eine europäische Konservenfabrik versetzt glauben können. Was unsere Freunde mit vielen Entbehrungen und Unannehmlichkeiten und zuletzt sogar mit den widerwärtigen Unreinlichkeiten im Indianerdorfe immer wieder aussöhnte, das war die außerordentliche Gutherzigkeit dieser Wilden. Was einer von ihnen bekam, das gehörte sozusagen allen, und jeder teilte von seinem augenblicklichen Überfluß den andern ohne Zaudern so reichlich mit, daß oft für ihn selbst nichts mehr übrig blieb. Keinem fiel es ein, eine etwaige besonders leckere Jagdbeute für sich allein zu verzehren oder den von Helmut ihm geschenkten Tabak allein zu verrauchen. Selbst erhaltene Schmuckstücke oder Kleidungsstücke machten nach und nach im ganzen Dorf die Runde, so daß jeder sie abwechselnd für einen oder einige Tage trug, und auch dem Häuptling fiel es niemals ein, etwas für sich allein zu beanspruchen. Freilich hatte dieser weitgehende Kommunismus für unsere Freunde auch seine Schattenseiten, denn die Indianer betrachteten auch deren Eigentum als Gemeinbesitz. Diebstahle kamen zwar nicht vor, wohl aber erlebte es Helmut, daß irgend einer der jungen Dorfstutzer zum Tanze in seiner Jacke erschien, die er aber nach seiner Auffassung nicht gestohlen, sondern nur entliehen hatte und nach ein paar Tagen willig wieder zurückbrachte. Ebenso ging es mit Messern, Werkzeugen, Schlafdecken u. dergl. Mit wahren Argusaugen mußte Helmut namentlich seinen ohnehin nicht übermäßig reichlich bemessenen Vorrat an Streichhölzern bewachen, denn so selbstverständlich und wertlos uns diese kleinen Dinger in unsern kultivierten Verhältnissen erscheinen, ein so kostbares und unersetzliches Gut stellen sie doch in der Wildnis vor. Die Indianer hatten sehr bald heraus, wie leicht man mit diesen kleinen Hölzchen Feuer entfachen kann, und waren deshalb hinter ihnen her wie die Raben. Sonst mußten sie sorgsam darauf achten, daß ihnen das Feuer nicht ausging, denn das Neuentfachen bedeutete eine äußerst mühselige und anstrengende Arbeit. Sie hatten dazu eine Art Zylinder aus weichem Holze, in dem ein Stab harten Holzes so lange quirlartig herumgedreht wurde, bis das Holz sich erhitzte und die abfallenden Spänchen zu glimmen anfingen, worauf man dann durch vorsichtiges Anblasen eine Flamme entfachen konnte. Das kostete aber manchen Schweißtropfen, und Helmut und Doktor Mangold bekamen es trotz aller Anstrengungen überhaupt nie fertig, so oft sie es auch versuchten. Sie merkten da so recht, von welch ungeheurer Bedeutung doch die Erfindung des Feuers für die Menschheit gewesen sein müsse, und sagten sich, daß erst diese Erfindung, von der kein Geschichtsbuch berichtet, den Menschen über das Tier hinausgehoben habe, indem der Mensch auch heute noch immer das einzige Lebewesen ist, das die Flamme zu meistern und in seinen Dienst zu stellen versteht. Über die merkwürdigen Anschauungen der Indianer bezüglich des Begriffs des Eigentums konnte der gelehrte Doktor seinem jungen Freunde Auskunft geben. »Diese Wilden,« sagte er, »haben sich noch nicht zu den uns Europäern geläufigen Begriffen von Staat und Familie entwickelt, sondern stecken noch vollständig in demjenigen gesellschaftlichen Entwicklungszustand, den man als Sippe zu bezeichnen pflegt. Eine solche Sippe ist sozusagen ein größerer Verwandtschaftsbezirk, und in diesem sind alle Dinge den einzelnen Sippenmitgliedern ebenso gemeinsam wie bei uns in der Familie. Einer tritt für den andern in jeder Beziehung ein, und keiner hat vor dem andern etwas voraus. Eigentlich ist das ja ein ganz idealer Zustand, den übrigens auch wir Europäer durchgemacht haben. Unsere altgermanischen Vorfahren z. B., wie sie uns Julius Cäsar schildert, müssen auch noch in Sippen gelebt haben. Jedenfalls war die Sippe und ist es hier bei den Indianern noch eine milde und gütige Erzieherin auf den ersten Kulturstufen der Menschheit, ehe der sogenannte Staat sie mit harter Hand auf steilen Pfaden weiter aufwärts führte und sie mit eisernen Klammern zusammenschweißte.« Eine besondere Freude war es für den Doktor, als er gelegentlich beim Fischfang die Anwesenheit von Lurchfischen feststellen konnte. Es waren dies aalartige Fische mit ganz kleinen Schuppen, die in ihrer ganzen Gestalt lebhaft an Molchlarven erinnerten, dabei aber über einen Meter lang und entsprechend schwer waren. Sie lagen tief im Schlamme eingegraben und bissen tüchtig um sich, wenn man sie herausholte. »Was diese Fische, die nur noch in vier Arten auf dem Erdball existieren, so interessant macht,« erklärte Doktor Mangold, »ist die Art und Weise ihrer Atmung, weshalb man sie auch wissenschaftlich als Doppelatmer bezeichnet. Sie besitzen nämlich nicht nur Kiemen wie andere Fische, sondern außerdem auch noch gut ausgebildete Lungen, die mit den Nasenlöchern in unmittelbarer Verbindung stehen. Wenn die Trockenzeit kommt und das Wasser in vielen Flußarmen verschwindet, machen sie sich aus Schlamm und abgesondertem Schleim eine Art Kapsel zurecht, in der sie zusammengekrümmt monatelang liegen, bis frische Regengüsse sie zu neuem Leben erwecken.« So verbrachten unsere Freunde ruhige und glückliche Tage bei den Ashluslays im Chaco und gewöhnten sich mehr und mehr an deren primitive Lebensweise. Keine Nachricht aus der großen Welt drang in ihre Einsamkeit, und fast hätten sie vergessen, daß es außer diesen glücklichen Wilden auch noch andere Menschen auf Erden gab, die in Eisenbahnen und auf Dampfschiffen fuhren, ihre Gedanken auf dem Telegraphendraht mit Blitzesschnelle durch die Welt jagten und sich gegenseitig mit Pulver und Blei bekriegten und mordeten wegen Besitztümern, die den einfachen Naturkindern des Chaco als selbstverständliches Gemeingut aller erschienen. Aber sie sollten zu ihrem Schrecken plötzlich in sehr unliebsamer Weise daran erinnert werden, daß die sogenannte Kultur heutzutage auch bis in die entlegensten Teile der Erde dringt. Helmut und Doktor Mangold hatten in Begleitung einiger Ashluslays einen größeren mehrtägigen Ausflug zu einer benachbarten Horde weiter stromaufwärts unternommen. Sie hatten dabei die merkwürdige Entdeckung gemacht, daß diese Indianer nicht in Reisighütten hausten, sondern eine Art Schilderhäuser bewohnten, die aus den riesigen Panzern vorsintflutlicher ausgestorbener Gürteltiere bestanden, und unterhielten sich noch über diese interessante Erscheinung, als sie ihr Dorf schon beinahe wieder erreicht hatten. Das Erscheinen Tumayauas, der ihnen entgegengelaufen kam, brachte sie aber doch bald auf andere Gedanken. Der Indianer legte schon von weitem die Hand auf den Mund und machte unsere Freunde, die mit ihren Pferden ihren zu Fuß gehenden Begleitern um eine gute Stunde voraus waren, darauf aufmerksam, daß etwas im Dorfe vorgehe und die Ashluslays nicht mehr so wohlgesinnt seien wie bisher. Helmut wollte das gar nicht glauben, denn er hatte bisher mit allen Angehörigen des Stammes im besten Einvernehmen gelebt. Nur einer war dabei, der ihm von jeher unsympathisch erschienen war, und der das schlechte Element im Dorfe vorstellte. Es war dies der sogenannte Medizinmann, der die Funktionen eines Priesters und Arztes in einer Person vereinigte und fast mehr Ansehen genoß als der Häuptling selbst. Während alle andern Indianer den beiden Europäern mit gutmütigem Vertrauen entgegenkamen, hatte dieser Medizinmann von Anfang an ein mißtrauisches und zurückhaltendes Wesen an den Tag gelegt. Offenbar befürchtete er, daß der Hokuspokus, den er den unwissenden Indianern vormachte, durch die Europäer lächerlich gemacht und überhaupt seine Kunst durch deren Wissen und rätselhafte Instrumente in Schatten gestellt werden könne. Helmut hatte sich aber nie viel um den brummigen alten Patron gekümmert und nur öfter im stillen über sein Geflunker und seine angeblichen Zauberkünste gelacht. Wider Willen hatte er die Feindschaft des einflußreichen Medizinmannes noch dadurch gesteigert, daß er einige fieberkranke Ashluslays durch Verabfolgung von Chinin geheilt hatte, während die vorher von dem Wundermanne versuchte Kur erfolglos gewesen war. Diese Kur hatte darin bestanden, daß der große Arzt stundenlang mit den Lippen am Körper des Kranken herumsog und ihn dann anspuckte, wobei er allerlei geheimnisvolle Zauberformeln vor sich hin murmelte. Jetzt schrak unser Freund aber doch zusammen und erinnerte sich der finsteren Mienen des Medizinmannes, als Tumayaua ihm zuflüsterte, vor diesem auf der Hut zu sein, da er Schlimmes plane und seit gestern noch ein paar Europäer angekommen seien, mit denen er den ganzen Tag zusammensitze, und die ihm reiche Geschenke überbracht hätten. Inzwischen war auch Zampa herbeigekommen und hielt auf einen Wink Tumayauas die Pferde, während die Reiter abstiegen und sich unter Führung Tumayauas in der rasch hereinbrechenden Dunkelheit geduckt und geräuschlos dem Dorfe zuschlichen, um sich über den Charakter der gemeldeten Vorgänge zu vergewissern. Im Dorfe schien es wieder einmal hoch herzugehen. Die Musikinstrumente ertönten, und schon von weitem erscholl gröhlender Gesang über die stille Ebene. Gewiß war wieder ein großes Algarrobogelage im Gange, jedenfalls den neuen Ankömmlingen zu Ehren. Unter diesen Umständen war es den dreien nicht schwer, unbemerkt bis auf Hörweite heranzuschleichen und sich hinter einer der Hütten ungesehen niederzukauern. Offenbar hatte man ihre Rückkehr so frühzeitig noch nicht erwartet. Helmut durchzuckte ein tödlicher Schrecken, als er jetzt einen Blick auf die um das Lagerfeuer sitzenden und eifrig trinkenden Männer werfen konnte, denn zwischen den bronzefarbenen Gestalten der Indianer entdeckte er ein Dutzend brasilianischer Soldaten in abgerissenen und zerlumpten Uniformen und auf dem Ehrenplatze neben dem Häuptling seinen Feind Alvarez, der also doch richtig den Weg hierher gefunden hatte. Lautlos verhielt er sich und lauschte ängstlich aus die von Alvarez durch Vermittlung eines Dolmetschers mit dem Häuptling gepflogene Unterhaltung. Soviel er verstehen konnte, handelte es sich darum, daß die Ashluslays ihn dem Dom Alvarez ausliefern und dafür reiche Geschenke erhalten sollten. Zu seiner freudigen Überraschung lehnte aber der Häuptling dieses verräterische Ansinnen mit großer Würde rundweg ab. Er berief sich auf die heiligen Rechte der Gastfreundschaft und darauf, daß er mit den Weißen gejagt und gefischt, getrunken und getanzt habe und sie deshalb nicht ihren Feinden übergeben dürfe, sonst würden die Götter seinen Stamm für eine solche Freveltat schwer bestrafen. Die meisten Indianer pflichteten ihrem Führer offenbar bei, aber auf einige schienen doch die großen Geschenke, die ihnen Dom Alvarez in Aussicht stellte, Eindruck zu machen, und der Medizinmann schlich arglistig von einem zum andern, um für das Verlangen des brasilianischen Offiziers Stimmung zu machen. Mit Entsetzen hörte Helmut, wie er den Schwankenden zuflüsterte, man solle sich nicht an den Häuptling kehren, sondern lieber gleich die Weißen nach ihrer Rückkehr im Schlafe überfallen und samt ihren beiden Begleitern töten. Dann bekäme man nicht nur die Geschenke des Dom Alvarez, sondern auch alles Eigentum der Weißen; auch die Zelte und Pferde, die Flinten und Patronen, die Schmucksachen und Werkzeuge würden dem Stamme gehören. Erregt stritten beide Parteien zusammen, und es erschien ungewiß, welche schließlich die Oberhand behalten werde. Helmut hatte aber genug gehört und schlich sich mit den beiden andern auf demselben Wege wieder zu den Pferden zurück. Eine hastige Aussprache fand statt. So viel schien sicher, daß ein weiteres Verbleiben bei den Ashluslays sehr gefährlich war und auf die eine oder andere Weise zu Blutvergießen führen mußte. An einen Kampf gegen die wohlbewaffneten Soldaten war ohnedies kaum zu denken, wenn nicht die Ashluslays geschlossen auf Helmuts Seite traten. Der Zufall fügte es ja günstig, daß man die Pferde und auf ihnen einen Teil des Gepäcks zur Hand hatte. Wenn die Ashluslays vollends betrunken waren, mußte es Tumayaua und Zampa ohne sonderliche Schwierigkeiten gelingen, den Rest des Gepäcks in der Nacht herbeizuholen, und dann stand einer schleunigen Flucht nichts im Wege, zumal sich die Soldaten gewiß ebenso gründlich betrinken würden wie die Wilden selbst. Doktor Mangold wollte sein Schicksal natürlich nicht von dem seines Freundes trennen, und unter diesen Umständen erschien der Vorschlag Tumayauas, stromaufwärts zu seinen Stammesverwandten, den Chiriguanos, zu gehen, und bei diesen Zuflucht zu suchen, noch immer als der annehmbarste und am leichtesten auszuführende. Wo hätte insbesondere auch Helmut sich sonst hinwenden sollen? Die Rückkehr in die Zivilisation war ihm ja vorläufig noch versperrt. So wurde denn die unverzügliche Abreise beschlossen und sofort ins Werk gesetzt. Alles gelang planmäßig, und als bei Sonnenaufgang die Dorfbewohner noch ihren Rausch ausschliefen, waren unsere Freunde schon einige Stunden stromaufwärts gezogen, immer dem Flusse folgend und sich der argentinisch-bolivianischen Grenze nähernd. Tumayaua bemühte sich dabei mit echter Indianerlist, die Spuren, die man hinterließ, zu verwischen, um etwaige Verfolger irrezuleiten. Übrigens war kaum zu befürchten, daß man eingeholt weiden würde, da die Ashluslays nur wenige und schlechte Pferde besaßen und sich auch schwerlich über die Grenzen ihres Gebietes in das fremder Stämme hinauswagen würden. Es folgte nun wieder ein vieltägiger und anstrengender Marsch, bald über weite, trostlose Ebenen, bald über bewaldete Höhenzüge, durch Moräste und Sandwüsten hindurch, bis endlich die gewaltige Bergkette der Anden in Sicht kam und man am Fuße derselben das Gebiet der Chiriguanos erreichte. Auch diese Indianer bereiteten den ermatteten Reisenden eine überaus freundliche und gastfreie Aufnahme, und Helmut atmete auf, da er sich hier auf bolivianischem Gebiet völlig geborgen wähnte. Rückhaltlos gab er sich deshalb den von allen Seiten auf ihn einstürmenden neuen Eindrücken hin, lebte mit den Chiriguanos wie vorher mit den Ashluslays und beschäftigte sich mit dem Eifer des Forschers mit dem Studium ihrer Sitten und Lebensgewohnheiten. Es waren ganz andere Verhältnisse, die man hier antraf, und auf den ersten Blick war zu erkennen, daß die Chiriguanos auf einer weit höheren Kulturstufe standen als die Ashluslays. Das gab sich schon in der Kleidung zu erkennen. Hier ging niemand nackt, sondern auch der ärmste Indianer besaß zum mindesten seinen Poncho, die meisten dazu noch das eine oder andere europäische Kleidungsstück oder gar ganze billige Anzüge, wie sie von Handelsleuten über die Andenpässe aus den jenseitigen Hafenstädten herübergebracht werden. Der Hauptunterschied war aber der, daß die Chiriguanos kein jagendes und fischendes Nomadenvolk mehr waren, wie die Ashluslays, sondern bereits Ackerbauer. Deshalb hatten sie auch feste Wohnsitze, und das Sippenwesen war bei ihnen nicht mehr so deutlich ausgeprägt, der Unterschied zwischen Reich und Arm bereits vorhanden und die Stellung der Häuptlinge eine bedeutend einflußreichere. Es gab sogar viele Christen unter ihnen, die von den Missionaren wenigstens äußerlich zu diesem Glauben bekehrt worden waren; aber gerade diese erwiesen sich als zudringlich und frech, während die von der Kultur noch weniger berührten Chiriguanos stolze und freie Menschen waren, die sich die ganze Gutmütigkeit und Heiterkeit urwüchsiger Naturkinder bewahrt hatten. Wie sich bei den Ashluslays alles Denken und Sinnen um den Fischfang im Rio Pilcomayo drehte, so hier um das Gedeihen der Maisfelder. Der Mais war das Ein und Alles dieser Indianer, deren Wohl und Wehe gänzlich vom Ausfall der Maisernte abhing. Sie hatten auch förmliche Scheunen zur Aufbewahrung der Maiskörner, und ebenso waren ihre Hütten bedeutend besser und solider gebaut als die luftigen Behausungen der Ashluslays, auch innen mit Haken, Sitzgelegenheiten u. dgl. erheblich reicher ausgestattet. Tagsüber waren Männer und Frauen meist zur Arbeit auf den oft ziemlich weit vom Ort entfernten und gut instand gehaltenen Feldern. Nur wenige gingen auf die Jagd oder auf den Fischfang; die beide hier auch viel weniger ergiebig waren, da die Gegend noch viel tierärmer war als im Gebiete der Ashluslays. Fische gab es zwar genug, aber nur kleine, unansehnliche Arten. Doch lernten unsere Freunde bei solchen Gelegenheiten wenigstens eine neue, ebenso urwüchsige wie zweckmäßige Art des Fischfanges kennen. Die Indianerfrauen stellten nämlich einfach große, bauchige Kalebassen mit enger Öffnung oben unters Wasser in den Fluß und füllten sie mit Abfällen aus ihren Maisbierbrauereien. Die Fischchen sammelten sich massenhaft in solchen Kalebassen an, und wenn dann die Frauen am andern Tage nachsahen, brauchten sie bloß rasch ihre Hand über die enge Öffnung zu decken, das Gefäß herauszuheben und an Land zu bringen, und konnten dann eine ganze Menge Fische ausschütten. Sehr geschickt waren diese Weiber auch im Weben großer, bunter Decken sowie in der Herstellung kunstvoller Tongefäße, die sie aufs geschmackvollste mit allerlei Malereien, wundervoll verschlungenen Arabesken oder sinnvollen und nicht selten auch humoristischen Darstellungen aus dem Tierleben zu verzieren verstanden. Dabei arbeiteten sie durchaus nicht nach einer gemeinsamen Schablone, sondern jede einzelne nach ihrem besonderen Geschmack. Jede einzelne dieser rothäutigen Hausfrauen setzte ihren ganz besonderen Ehrgeiz darein, recht schön verzierte Kalebassen und Tongefäße zu haben, und mit nicht geringem Stolze kredenzten sie aus diesen den fremden Gästen das erquickende Maisbier. Dieses spielte nämlich bei den Chiriguanos dieselbe Rolle wie das Algarrobobier bei den Ashluslays. Mit großer Umständlichkeit und Feierlichkeit ging man bei seiner Zubereitung zu Werke. Mit unermüdlichem Eifer zerstoßen die Frauen die harten Maiskörner in großen Mörsern, und wenn ein großes Trinkgelage bevorsteht, wird diese Arbeit Tag und Nacht kaum unterbrochen. Der gestoßene Mais wandert, gehörig durchgesiebt, in gewaltige, bauchige Tongefäße und wird hier mit Wasser gekocht, dazwischen öfters herausgenommen, tüchtig durchgekaut und wieder ausgespuckt, auch fleißig mit großen Holzspaten umgerührt. Der menschliche Speichel bewirkt eine Gärung, die noch dadurch unterstützt wird, daß man unter dem Gefäß ein schwaches Feuer unterhält. Helmut und sein Freund waren von ihrem Aufenthalte bei den Ashluslays her an ganz andere Dinge gewöhnt und nahmen an dem nach europäischen Begriffen schauderhaften Zusatz menschlichen Speichels zu einem Getränk kaum noch sonderlichen Anstoß, ja sie vermochten einem durchreisenden bolivianischen Händler nicht unrecht zu geben, der mit einem großen Aufwand von Beredsamkeit behauptete, daß die Speichelhefe dem Getränk einen größeren Wohlgeschmack gebe als unsere Bäcker- und Bierhefe. Jedenfalls ließen sich die guten Chiriguanos selbst ihr Getränk trefflich munden und konnten nicht leicht genug davon bekommen. War es nur genügend abgekühlt, so schmeckte es auch wirklich gar nicht übel. Es ging bei diesen Trinkgelagen, die in guten Jahren so oft als möglich veranstaltet wurden, ebenso ausgelassen her wie bei den Algarrobofesten der Ashluslays, aber die Chiriguanos erwiesen sich auch als ebenso gutmütige Zecher wie diese. Mochte es noch so lustig werden, Zank und Streit kamen doch niemals vor, ja selbst nur ein böses Wort wurde kaum jemals gehört. In einer andern Beziehung aber unterschieden sich die Chiriguanos sehr vorteilhaft von den Ashluslays, indem sie nämlich ungemein reinlich waren. Ihre schlichten Hütten strahlten zwar nicht von Reichtum, aber von Sauberkeit und beherbergten niemals Ungeziefer, während es bei den Ashluslays nur so davon gewimmelt hatte. Täglich nahmen Männer wie Frauen ihr Bad, wuschen sich außerdem öfters die Hände, bürsteten sich regelmäßig die Zähne und hielten ihr straffes, schwarzes Haar mit Hilfe von selbst angefertigten Holzkämmen in bester Ordnung. Auch ihr natürliches Taktgefühl war stark ausgeprägt; sorgsam vermied es jeder, ein Wort zu sagen, das den andern hätte verletzen können. Einmal wurde eine Art Fastnacht gefeiert, wozu schon eine Woche lang vorher durch fleißiges Maisbierbrauen, Tätowieren und frisches Bemalen der Gesichter umfassende Vorbereitungen getroffen worden waren; die besten Kleidungsstücke und die ältesten und originellsten Schmucksachen wurden dazu hervorgesucht. Helmut mußte staunen darüber, wie sorgsam die Indianer solche Schätze in Köchern aus Baumrinde aufbewahrten, und wie schonend sie damit umgingen. Auch richtige Masken kamen bei dieser Gelegenheit zum Vorschein, die sich die Indianer aus leichtem Holz selbst geschnitzt und in der ulkigsten Weise bemalt hatten, so daß sie sich wohl auch bei einem rheinischen Karnevalszuge mit Ehren hätten sehen lassen können. Jede Indianerin bot alles auf, an diesen festlichen Tagen ein recht gutes, selbstgebrautes Bier im Hause zu haben und es den Gästen aus den schön bemalten Kalebassen zu kredenzen. Das Üble dabei war nur, daß man auf diese Weise in jedem Hause zum Trinken genötigt war und das Gefäß immer bis zur Nagelprobe leeren mußte, wenn man nicht im höchsten Grade ungezogen erscheinen wollte. Hätten unsere Freunde in dieser Beziehung nicht schon bei den Ashluslays eine so gründliche Schule durchgemacht, es hätte ihnen die Fastnacht der Chiriguanos übel bekommen können. Nur eines wollte ihnen bei diesem prächtigen Menschenschlage nicht recht behagen, nämlich der Umstand, daß die Scheinkultur der Bolivianer mit all ihren zweifelhaften Begleiterscheinungen doch schon zu sehr Eingang gefunden hatte bei diesen Indianerstämmen, die dadurch schon einen großen Teil ihrer urwüchsigen Wildheit, aber auch ihrer besten Charaktereigenschaften verloren hatten. Alle Augenblicke erschienen Händler in den friedlich stillen Tälern, brachten schlechte Anzüge und kindische Spielereien, die lange nicht an die schönen Spielgeräte der ungemein kinderlieben Indianer heranreichten, vor allen Dingen und leider aber auch Schnaps. Wo dieser Fusel aber erst einmal Eingang gefunden hatte, da war es mit der natürlichen Sittlichkeit der Indianer rasch vorbei. Der Dämon Alkohol brachte alle ihre guten Eigenschaften mit verblüffender Schnelligkeit zum Schwinden und steigerte dafür die schlechten zur tierischen Roheit. Wo statt des harmlosen Maisbieres in den hübschen Kalebassen die Schnapsflasche die Runde machte, da gab es auch alsbald Haß und Zank, und die Hände griffen nach den scharfen, jederzeit gebrauchsfertig im Gürtel steckenden Messern. Mit tiefstem Bedauern sah Helmut dieses Zugrundegehen eines edlen Naturvolkes und bedauerte nur, da nicht helfend eingreifen zu können. Tiefer und schmerzlicher noch als er schien Tumayaua die seine Landsleute bedrohende Gefahr zu erkennen und zu empfinden. Der brave Bursche hatte sich so unendlich gefreut, mit seinen Stammesgenossen zusammenzukommen, von deren Vorhandensein er bisher nur aus dunklen Überlieferungen mehr geahnt als gewußt hatte. Seine dunklen Augen leuchteten auf, sein sonst so ruhiges und ehernes Gesicht strahlte förmlich, als man nach der langen Reise endlich in das Gebiet der Chiriguanos einritt, als gleich im ersten ihrer Dörfer die lang entbehrten Laute seiner Muttersprache unverfälscht an sein Ohr drangen. Er wurde auch von den Rothäuten mit besonderer Herzlichkeit aufgenommen, ging in jeder Hütte ein und aus und saß beim Maisbier oft bis tief in die Nacht hinein mit seinen Stammesgenossen zusammen, alte Sagen und Überlieferungen austauschend, wie die von dem Häuptling, der sich mit der Tochter des Donnergottes verheiratete, oder von dem, der den Göttern zum Trotz das Feuer vom Himmel herunterholte, oder wie die Arbeit zur Plage der Menschheit erfunden wurde, oder wie der Kolibri den Indianermädchen auf einer Pfeife vorspielte und dadurch ihre Herzen rührte, oder wie Schildkröte und Fuchs den Jaguar überlisteten, und wie dieser sich dafür rächte. Das waren schöne Unterhaltungen. Aber auch gar vieles, das ihm nicht gefiel, sah Tumayaua, und immer ernster wurde im Laufe der Wochen sein Antlitz. Helmut fragte ihn einmal, wie es ihm denn bei seinen Landsleuten gefalle, und ob alle seine Erwartungen in Erfüllung gegangen seien, und war ernstlich betroffen über den traurigen und wehmütigen Ton in der Antwort des Indianers. »Tumayaua hat nie gehofft,« sagte dieser, »seinen Stammesgenossen die Hand drücken zu dürfen, ja er hat nicht einmal genau gewußt, ob es überhaupt noch Chiliguanos gibt auf der Erde. Deshalb hat es ihn sehr gefreut, hierher gekommen zu sein. Und doch wäre es ihm fast lieber, er hätte dieses Land nie gesehen. Diese Indianer hier nennen sich Chiliguanos und sprechen ihre Sprache, aber sie sind es nicht mehr. In Brasilien hat sie der weiße Mann mit seinen Feuerrohren besiegt und ausgerottet, hier aber hat er sie mit Feuerwasser und alten Kleidern überlistet und richtet sie langsam zu Grunde. Dort sind meine Vorfahren mit den Waffen in der Hand den Heldentod gestorben, hier aber werden die Söhne der Indianer die Sklaven der Missionare sein. Statt den Hirsch und den Jaguar zu jagen, bauen sie Mais, und statt ihr Gesicht für den Krieg zu bemalen, trinken sie Schnaps. Das sind keine Chiriguanos mehr. Sie haben eine rote Haut, aber ein weißes Herz. Sie verrichten die Arbeit von Weibern und sind keine Jäger und Krieger. Die alten Chiriguanos sind tot, und vielleicht ist Tumayaua der Letzte von ihnen.« Unter den Missionaren, die ab und zu zum Besuche der christlichen Chiriguanos in deren Ansiedlungen kamen, waren Leute recht verschiedenen Schlages vertreten. Da gab es lebenslustige junge Männer und solche, die die Verbreitung des Christentums unter den Heiden lediglich als ein gutes Geschäft auffaßten, oder ehrgeizige Streber, die das als eine lästige Pflicht betrachteten und lediglich mit der Zahl ihrer rothäutigen Beichtkinder prunken wollten, weil sie hofften, dadurch in ihrer kirchlichen Laufbahn schneller vorwärts zu kommen. Aber auch wirkliche Priester von echtem Schrot und Korn waren vorhanden, die ihre schöne und verantwortungsvolle Aufgabe sehr ernst nahmen und in jeder Hinsicht mit aufopfernder Nächstenliebe für das Wohl und Wehe ihrer Schutzbefohlenen tätig waren. Unter ihnen ragte namentlich ein schon betagter Franziskanerpater, Dom Pedro, hervor, mit dem Helmut und Doktor Mangold bald näher bekannt wurden und schließlich innige Freundschaft schlossen. Es war eine ehrwürdige, herkulisch gebaute und noch stramm und aufrecht einherschreitende Greisengestalt, einem der alten biblischen Patriarchen vergleichbar, im silbernen Lockenhaar und mit lang herabwallendem, schneeweißem Barte (im Gegensatz zu anderen katholischen Mönchen tragen die Franziskaner Barte). In seinem flatternden braunen Mönchsgewand, Sandalen an den Füßen und einen einfachen Hirtenstock in der Hand, pilgerte er unermüdlich von einem Indianerdorfe zum andern, überall ein hochwillkommener Gast, und auch von den noch heidnischen Wilden hätte ihm keiner ein Haar gekrümmt. Ihm gegenüber unterließ selbst Doktor Mangold seine Spöttereien, so gern und rasch er sonst auch mit solchen zur Hand war. Namentlich imponierte es ihm, daß Pater Pedro sich nicht damit begnügte, den Indianern die für ihre Anschauung so schwer verständliche Lehre von dem Gottessohn zu übermitteln, der die Sünden der Menschen auf sich genommen hatte und zum Danke dafür von ihnen ans Kreuz geschlagen wurde, um nach drei Tagen wieder aufzuerstehen, sondern daß dieser scharfblickende und lebenskundige Mann den Wilden in den kleinen Nöten des täglichen Lebens wacker mit Rat und Tat zur Seite stand, Unfrieden schlichtete und nach Kräften für das materielle Wohlergehen seiner Beichtkinder sorgte. Er drängte ihnen keine europäischen Kleider auf, in denen die Söhne der Wildnis doch nur einen zugleich traurigen und hanswurstartigen Eindruck machten, aber er brachte ihnen immer neue Werkzeuge und Sämereien mit und unterstützte sie bei deren Anbauversuchen. Wenn Helmut gehofft hatte, in den friedlichen Tälern der Chiriguanos den Rest seiner freiwilligen Verbannungszeit in Ruhe zu verbringen, so sollte er sich bald abermals bitter getäuscht finden. Eines Tages war wieder Dom Pedro auf der Bildfläche erschienen und holte ihn zu einem Spaziergange durch die üppig prangenden Maisfelder ab. Als sie das Dorf ein gutes Stück hinter sich und keine störende Begegnung mehr zu fürchten hatten, begann der menschenfreundliche Priester in dem ihm eigenen gütigen und väterlichen Tone: »Wir Geistlichen erfahren ja manches früher als andere Menschenkinder, und so ist denn auch, als ich das letztemal in meinem Kloster weilte, eine Nachricht an mein Ohr gedrungen, die Sie recht nahe angeht. Schon seit längerer Zeit weiß ich, daß Sie als Revolutionär von der brasilianischen Regierung verfolgt werden. Diese hat nun in Erfahrung gebracht, daß Sie von den Ashluslays, wo man Sie beinahe erwischt hätte, hierher zu den Chiriguanos geflüchtet und dadurch auf bolivianisches Gebiet übergetreten sind. Vor den brasilianischen Häschern find Sie hier im fremden Lande natürlich so ziemlich sicher, obgleich ich bei unsern unklaren und verworrenen Grenzverhältnissen auch dafür die Hand nicht gerade ins Feuer legen möchte. Nun hat sich aber die brasilianische Regierung durch ihre Gesandtschaft an die unsrige gewandt und den Antrag gestellt, Sie entweder auszuliefern oder Ihnen doch den weiteren Aufenthalt auf bolivianischem Boden zu untersagen. Ich möchte nun mit Ihnen darüber beratschlagen, was Sie am besten zu tun haben, um der drohenden Gefahr rechtzeitig zu begegnen.« »Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Warnung,« versetzte Helmut niedergedrückt, »die ich um so höher zu schätzen weiß, als sie der katholische Geistliche einem Protestanten erteilt, während sonst unsere beiderseitigen Kirchen ja leider nicht im besten Einvernehmen leben.« »Wir glauben alle an einen Gott,« erwiderte Pater Pedro ernst. »Wir sind beide Christen, und vor allem sind wir Menschen, die die Pflicht haben, sich gegenseitig beizustehen, weil sie dadurch ihren Schöpfer am besten ehren, mögen sie ihn sonst nennen, wie sie wollen.« »Übrigens,« fuhr Helmut auf, »kann ich mir doch nicht gut denken, daß die bolivianische Regierung dem ungewöhnlichen Ansuchen der brasilianischen so ohne weiteres Folge leisten wird. Bolivia ist doch ein freies und unabhängiges Land, kann tun und lassen, was es will, und wird die Rechte der Gastfreundschaft zu wahren wissen. Ich sehe also vorläufig eigentlich keine dringende Gefahr.« »Darauf würde ich doch nicht so sicher bauen,« lautete die bedächtige Antwort. »Bolivia muß sich auf den Standpunkt stellen, daß mit einem großen und übermächtigen Nachbar nicht gut Kirschen essen ist. In dieser Beziehung dient uns ja Paraguay als warnendes Beispiel. Wie ich die Stimmung unserer Behörden kenne, wird sie vielmehr jede Gelegenheit mit Freuden ergreifen, sich der jungen brasilianischen Republik gefällig zu erweisen und dadurch ein gutes nachbarliches Verhältnis anzubahnen. Auf ein einzelnes Menschenschicksal kann und wird dabei niemand Rücksicht nehmen, wenn es sich um das Wohl ganzer Staaten handelt, und daß Menschenleben bei uns in Südamerika billig sind wie die Brombeeren, wissen Sie ja wohl auch. Wenn man Sie mit Rücksicht auf die Rechte der Gastfreundschaft auch nicht gerade ausliefern wird, so liegt doch die Gefahr sehr nahe, daß man ein Auge zudrückt, wenn etwa ein gedungener Meuchelmörder sich hier einstellen sollte in der offenen Absicht, Sie bei erster Gelegenheit aus dem Hinterhalte ins Jenseits zu befördern. Und wenn auch das ausgeschlossen wäre, so dürfen Sie doch ziemlich sicher sein, daß man Sie aus dem Lande ausweisen wird. Dann aber müssen Sie auf dem Landwege, den Sie gekommen sind, wieder über die Grenze zurück, und dort werden wohl brasilianische Soldaten zu Ihrem Empfang bereit stehen. Ich würde Ihnen also doch dringend raten, sich lieber beizeiten aus dem Staube zu machen, ehe eine dieser Möglichkeiten eintritt. Brechen Sie schleunigst auf, so haben Sie alle Vorteile für sich. Ehe die diplomatischen Verhandlungen zwischen den beiden Republiken nicht beendigt sind, kann man Ihnen in keiner Weise etwas anhaben, hat auch keine Ahnung, daß Sie etwa gewarnt sein könnten, und wird deshalb Ihre rechtzeitige Flucht weder verhindern noch verfolgen können. Sie haben außerdem jetzt noch die Wahl, an welchem Punkte Sie über die Grenze gehen wollen, und werden natürlich nicht den alten Weg wählen, wo die Feinde Ihrer harren, sondern an irgend einem andern Punkte wieder brasilianischen Boden betreten. Die Grenze verläuft ja viele Hunderte von Kilometern weit durch das unerforschte Gebiet kaum bekannter Indianerstämme und ist da natürlich nirgends bewacht. Von dem Versuch, etwa über die Anden nach irgend einer Hafenstadt zu gelangen und sich dann auf dem Seewege in Sicherheit zu bringen, würde ich Ihnen dagegen entschieden abraten, da Sie in den gut bewachten und genau beaufsichtigten Hafenplätzen sicherlich festgenommen werden würden, zumal auch die Reise bis dahin so viel Zeit kostet, daß inzwischen Ihre Ausweisung oder Auslieferung beschlossene Sache sein wird. Bei den wilden Indianern im Innern Brasiliens dagegen, etwa im Norden der Provinz Matto Grosso, sucht Sie kein Mensch, und Sie können dort in aller Gemächlichkeit abwarten, bis eine Amnestie für die Parteigänger der Revolution erlassen wird, was wohl sicher nach der bevorstehenden Präsidentenwahl von dem Nachfolger Peirotos geschehen wird. Außerdem können Sie und Ihr Freund den Aufenthalt bei diesen wilden und noch gar nicht von der Kultur berührten Indianerstämmen im Interesse Ihrer Forschungen doch sehr nutzbringend anwenden und dadurch der Wissenschaft unter Umständen ganz erhebliche Dienste leisten.« Nachdenklich hatte Helmut zugehört. Er fühlte recht wohl, daß der gütige Missionar in allen Punkten vollständig recht hatte, und doch sträubte sich sein ganzes Inneres dagegen, schon wieder zum Wanderstabe zu greifen und vor seinen Feinden Reißaus zu nehmen, obgleich er doch gar nichts Übles getan hatte. Er kam sich nachgerade vor wie ein gehetztes Wild und empfand dies im Gefühle seiner Unschuld um so bitterer. Pater Pedro schien ihm die Gedanken von der unmutig gekräuselten Stirn zu lesen. »Da ist nichts zu machen,« meinte er begütigend, »unsere erst halb zivilisierten Zustände sind nun mal so, daß auch das schuldloseste Gemüt keinen genügenden Schutz gewährt gegen die Härte des Gesetzes, sobald übermächtige Gegner es wollen und das Heft in der Hand haben. Ich weiß sehr wohl, daß Sie kein Verbrecher sind und nichts Ehrenrühriges begangen haben, aber unter gewissen Verhältnissen ist eben hier zu Lande die politische Gesinnung das schlimmste aller Verbrechen. Dabei verschlägt es gar nichts, daß Sie die Revolution halb unfreiwillig mitgemacht und lediglich Ihre Pflicht als Soldat erfüllt haben. Mitgemacht haben Sie nun einmal, und das genügt vollkommen; alles andere ist Nebensache. Ich für meine Person werde Ihre und Ihres Freundes Gesellschaft gewiß nur höchst ungern vermissen. Aber wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist und Sie Ihre alten Eltern nicht bis in den Tod betrüben wollen, so kann ich Ihnen doch nur nochmals dringend raten, so rasch als möglich abzureisen.« Namentlich der letztgenannte Grund gab bei Helmut schließlich den Ausschlag, und so ging er denn nach der Rückkehr ins Dorf schweren Herzens daran, die so jäh veränderte Sachlage mit Doktor Mangold zu besprechen. Der unverwüstliche Berliner nahm sie leichter auf als Helmut selbst. »Halloh,« rief er fast erfreut aus, »da gibt's also endlich eine neue Forschungsreise! Ich hab's ohnehin satt, hier in diesen langweiligen Maisfeldern herumzukriechen, wo nichts zu finden ist als unverschämte Ratten. Natürlich gehe ich mit. Und mit Freuden. So erhalten wir doch Gelegenheit, auch die Pampas mit ihrem eigenartigen Tierleben aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Was wird's da nicht alles zu jagen und zu sammeln, zu beobachten und zu lernen geben! Hoffentlich hetzen Ihre Feinde Sie noch durch ganz Südamerika. Mir soll's recht sein. Vielleicht kommen wir auf diese Weise gar noch an den Amazonenstrom oder über die Anden. Je weiter, desto besser! Ein Berliner frißt sich überall durch. Nur nicht den Kopf hängen lassen!« Trotz seiner schwermütigen Stimmung mußte Helmut doch lächeln über den Eifer des jungen Naturforschers, und erleichtert atmete er auf, als er gewiß war, daß dieser Getreue sich auch diesmal nicht von ihm trennen würde. Dann hatte er doch wenigstens einen gebildeten Europäer zur Gesellschaft und konnte weiter von ihm lernen in dem schönen Berufe, der ihm jetzt schon immer deutlicher auch als der eigene vorschwebte. Das war also in Ordnung. Aber wie sollte er seine Eltern benachrichtigen, die gewiß in banger Sorge um ihn schweben würden? Sie konnten ja noch nicht einmal wissen, daß er von den Ashluslays zu den Chiriguanos gegangen war; wie sollten sie vollends eine Ahnung davon bekommen, daß er sich weiter nach dem wilden Zentralbrasilien begeben hatte? Aber auch hier wußte Pater Pedro Rat. Er übernahm es, durch seine Ordensbrüder Briefe sicher über die Andenpässe nach der Küste befördern zu lassen, von wo sie dann zu Schiff nach Rio Grande do Sul weitergehen konnten. So schien auch diese Frage glücklich erledigt, und es blieb nun eigentlich nur noch diejenige über den weiteren Verbleib Tumayauas zu lösen. Helmut hatte eigentlich als selbstverständlich angenommen, daß der Häuptling hier bei seinen wieder aufgefundenen Stammesgenossen bleiben und sich vielleicht ganz in dem Dorfe ansiedeln würde. Aber als er der Rothaut gegenüber zögernd mit diesem Vorschlag herausrückte, schüttelte Tumayaua ernst den Kopf. »Tumayaua kann nicht hinter dem Pfluge auf den Maisfeldern sterben,« sagte er ernst. »Tumayaua will im Walde sterben, wie er gelebt hat, als ein Jäger und Krieger. Sein Herz ist krank vor Sehnsucht nach dem Lagerfeuer und nach dem Rauschen der Urwaldbäume. Und außerdem wird er niemals denjenigen verlassen, der ihm das Leben gerettet hat.« Alles Zureden blieb vergeblich. Starrsinnig beharrte der Häuptling bei seinem Entschluß. Und insgeheim war man ja froh, daß er die abenteuerliche Reise auch weiter mitmachen wollte, denn seine Kenntnis indianischer Sprachen und seine Vertrautheit mit den Gefahren der Wildnis konnten für alle Teilnehmer des gewagten Zuges ja nur vom größten Nutzen sein. »Lassen Sie ihn,« entschied auch Dom Pedro, der unermüdlich zu einem beschleunigten Aufbruch drängte. »Er würde sich unter den hiesigen halb zivilisierten und getauften Indianern ja doch nicht glücklich fühlen, denn er ist eben ein freies Kind des Urwaldes, das sich nicht an unsere Kultur gewöhnen kann. Wie gern hätte ich Leute von seinem edlen und unverdorbenen Charakter unter meinen christlichen Indianern, aber ich mag ihn nicht zurückhalten, denn er würde uns doch bald wieder in die Wälder entlaufen. Ein solcher Indianer alten Schlages kann sich nur als freier Mann fern von aller Zivilisation wohl fühlen.« So blieb denn also die ganze alte Gesellschaft beisammen, und mit aller Hast wurden nun die Vorbereitungen zum Aufbruch betrieben. Mit den gutmütigen Chiriguanos wurde noch ein großes Abschiedsfest gefeiert, wobei es hoch herging und das Maisbier in Strömen floß. Helmut hatte in diesen Tagen wohl schon das unheimliche Gefühl, daß er von Aufpassern umgeben war, aber Hindernisse legte ihm doch niemand in den Weg. Vielleicht waren die bolivianischen Behörden ganz zufrieden damit, den ungebetenen und unbequemen Gast auf gute Manier los zu werden, ehe sie noch in die Zwangslage versetzt wurden, ihm gegenüber das geheiligte Gastrecht zu brechen. Bis zum Ausgange des Tales begleitete noch Dom Pedro zu Fuß die kleine Karawane; dann blieb er abschiedwinkend stehen, und bald darauf war auch seine hohe Gestalt mit dem flatternden Patriarchenbart im aufsteigenden Nebel verschwunden. Sechstes Kapitel. Im Innern Brasiliens. Ohne die geringste Schwierigkeit wurde die völlig von Menschen entblößte Grenze überschritten, und man gelangte in mühseligen Märschen über ausgedehnte und von Moskitos und Alligatoren wimmelnde Sümpfe hinweg in das Gebiet der riesigen Provinz Matto Grosso. Um Helmuts Sicherheit nicht unnütz aufs Spiel zu setzen, vermied man alle größeren Ansiedlungen, nächtigte stets im Freien und erwarb den Lebensunterhalt lediglich durch die Jagd, wenn nicht ein zufälliges Zusammentreffen mit einsam herumschweifenden Gauchos Gelegenheit bot, ein Stück getrocknetes Ochsenfleisch gegen Tabak oder ein buntes Tuch einzutauschen, das diese urwüchsigen Menschen fast ebenso lieben wie die Indianer. Allmählich stellte sich aber doch ein immer fühlbarer werdender Mangel an den dringendsten Bedürfnissen ein. Die Munition begann schon knapp zu werden, die Anzüge der beiden Europäer drohten nach dem langen und beschwerlichen Leben in der Wildnis zu Lumpen zu zerfallen, und auch der Tabakvorrat ging bedenklich zur Neige, während man doch gerade dieses kostbare Tauschmittel unumgänglich nötig haben würde, wenn man mit den wilden und menschenscheuen Indianerstämmen Südamerikas gut Freund werden wollte. So blieb schließlich doch nichts anderes übrig, als einen größeren Handelsplatz aufzusuchen, wo man die Vorräte ergänzen und sich nach Möglichkeit neu ausrüsten konnte. Nach längerem Zögern und Zaudern wählte man dazu die am Aufstieg zum Hochplateau von Matto Grosso gelegene Stadt Cuyaba. Es war ja kaum anzunehmen, daß auch in diese weltentlegenen Nester die Kunde von Helmuts Achterklärung gedrungen sein sollte, zumal gewiß niemand den Gesuchten hier vermutete. Vorsichtshalber sollte sich aber doch Helmut für krank ausgeben und sich gleich nach der Ankunft in der Herberge zu Bett legen, während Doktor Mangold mit Unterstützung Zampas alle notwendigen Besorgungen erledigen wollte und Tumayaua derweil in der Stadt herumhorchen sollte, ob irgend welche Gefahr drohe. Kurz vor Erreichung des Zieles hatte man aber noch ein unverhofftes Jagdabenteuer zu bestehen. Am späten Nachmittag kam man an einen kleinen See, auf dem zahlreiche Enten schwammen, und da deren Fleisch zum Abendbrot recht willkommen gewesen wäre, stieg Doktor Mangold ab und kroch, in seinen bereits ganz bodenfarbig gewordenen und so eine vorzügliche Schutzfärbung darstellenden Poncho gehüllt, auf dem Bauche Zoll für Zoll näher. Schon war er fast in Schrotschußweite der Vögel angelangt, als ihn plötzlich jemand leise an der Schulter berührte. Er glaubte natürlich, es sei Helmut, der ihm aus irgendwelchem Grunde nachgeschlichen sei, und drehte sich halb unwillig über die Störung langsam um. Wer beschreibt aber sein Entsetzen, als er statt in das Antlitz des Freundes in das eines behaglich schnurrenden Silberlöwen (Puma) blickte. Weiß der Teufel, wofür das Tier ihn in seinem Poncho gehalten hatte; jedenfalls hatte es ihn nicht mit ausgestreckten Krallen, sondern nur mit weicher Pfote berührt, vielleicht in der Absicht, mit dem rätselhaften Gegenstande zu spielen. Übrigens erschien der Puma genau ebenso überrascht und erschrocken wie der Berliner, dem in diesem Augenblicke selbst die sonst so geläufige Zunge den Dienst versagte. Das behagliche Schnurren der Bestie verwandelte sich im Nu in ein drohendes Zähnefletschen, aber feig, wie diese Großkatzen sind, wartete sie die weitere Entwicklung der Dinge nicht ab, sondern drehte schleunigst um und sprang in mächtigen Sätzen davon, ehe sich der Doktor von seiner Überraschung so weit erholt hatte, daß er ihr einen Schuß hätte nachsenden können. Inzwischen hatte aber auch das scharfe Auge Tumayauas die springende Großkatze im hohen Grase wahrgenommen. Durch einen raschen Zuruf verständigte er Helmut, und dann spornten beide ihre Pferde an, um dem Puma den Weg nach dem Walde abzuschneiden. Indessen war das geschmeidige Raubtier schneller als die von der Mühe des Tages und von der weiten Reise überhaupt ausgepumpten und dabei schwer beladenen Pferde. Konnte doch Helmut nachher zu seinem nicht geringen Erstaunen mit dem Metermaß in der Hand feststellen, daß der flüchtende Puma Sprünge von nicht weniger als sechs Meter Länge vollführt hatte. So erreichte das Raubtier noch knapp vor seinen Verfolgern den Wald, sprang hier mit gewaltigem Satz auf einen Baum und nun mit unglaublicher Behendigkeit durch Schlingpflanzen und Astgewirr hindurch von Baum zu Baum, verfolgt vom kläglichen Geheul einer dadurch in ihrer Siesta aufgeschreckten Affenherde. Nur undeutlich konnte Helmut im Blättermeer noch die Umrisse des Puma erkennen, im nächsten Augenblicke mußte er ganz verschwunden sein; da hieß es rasch handeln. Blitzschnell legte Helmut noch im Reiten an, parierte sein schäumendes Roß, zielte so gut als möglich und drückte dann so ziemlich aufs Geratewohl ab. Ein fürchterliches Schmerzgebrüll antwortete dem Donner des Schusses, und gleich darauf plumpste der schwere Körper des Silberlöwen durch niederprasselnde Äste hindurch zu Boden. Aber die Bestie war nur an der Schulter gestreift und für einen Augenblick betäubt worden und raffte sich sofort wieder auf. Schon lockerte der herbeisprengende Chiriguano seinen Tomahawk, und in seinen dunklen Augen blitzte es grimmig auf in der Hoffnung auf das bevorstehende Duell mit dem Raubtier, aber dieses verspürte dazu offenbar keine Lust, sondern flüchtete jetzt wieder aus dem Walde heraus über die freie Grasfläche. Trotz seiner Verwundung war es noch immer so schnell, daß es die beiden auf ihren ermatteten Pferden wohl kaum eingeholt haben würden, wenn jetzt nicht auf der andern Seite einige gut berittene Gauchos aufgetaucht wären, die durch den Schuß herbeigelockt worden waren. Die hatten mit ihren vorzüglichen und frischen Pferden dem angeschossenen Puma gegenüber nun allerdings ein verhältnismäßig leichtes Spiel. Bald hatten sie das Raubtier eingekreist, während Helmut sein erschöpftes Roß anhielt, um das prächtige und aufregende Schauspiel in aller Ruhe und Bequemlichkeit beobachten zu können. Da sauste auch schon, von der nervigen Faust des vorderen Gaucho geschwungen, der verderbenbringende Lasso durch die Luft, und seine unzerreißbare Lederschlinge legte sich mit tödlicher Sicherheit um den Hals des Raubtieres. Im gleichen Augenblicke parierte der Gaucho sein Pferd, daß es fast kerzengerade in die Luft stieg, warf es dann mit fabelhafter Geschwindigkeit auf den Hinterhufen herum und schleppte im Galopp den überwundenen und wehrlos gefesselten Silberlöwen hinter sich her. Immer enger zogen sich dabei die Schlingen um dessen Kehle zusammen, bis er endlich röchelnd mit krampfhaften Zuckungen sich im Staube wälzte. Alles eilte herbei, um das erlegte Untier anzustaunen, und auch Doktor Mangold war bald zur Stelle, da ihm über alledem seine Enten natürlich längst davongeflogen waren. Man begrüßte sich mit den Gauchos, recht wild und verwegen aussehenden Kerlen, denen man nicht gern allein bei Nacht hätte begegnen mögen, aber dann fing auch gleich der Streit über die erlegte Beute an. Der Doktor hätte den Puma gar zu gern für seine Sammlung gehabt und bot deshalb den Gauchos eine verhältnismäßig beträchtliche Summe, wenn sie auf ihr Anrecht verzichten wollten. Dazu waren diese Leute aber nicht zu bewegen; das Fell zwar wollten sie ihm gegen angemessene Entschädigung überlassen, aber den Kopf müßten sie unbedingt behalten. Für den Deutschen hatte aber natürlich das bloße Fell ohne Kopf auch keinen Wert, sondern auch ihm war gerade dieser die Hauptsache. So gab es ein erbittertes Gerede hin und her, immer erregtere Worte flogen herüber und hinüber, und die Mienen der Gauchos wurden immer finsterer und drohender. Fast schien es, als ob es zu Tätlichkeiten kommen sollte, als endlich der Älteste und Vernünftigste der Gauchos vorschlug, sie wollten die Sache ihrem »Padrone« in der nahen Fazenda vortragen; der solle entscheiden. Willig fügten sich alle diesem Vorschlage, und in der rasch hereinbrechenden Dämmerung ritt man in beschleunigter Gangart dem Gutshofe zu. Das bald vor den Blicken der Reiter auftauchende Gutshaus erwies sich als ein sehr langgestrecktes, aber ebenerdiges Gebäude mit weiß gestrichenen Mauern, flachem Dach und ringsum sich ziehenden, luftigen und ausgedehnten Veranden. Daneben ließen sich noch große, mit Stacheldraht eingefriedigte Grasflächen erkennen, auf denen Hunderte stattlicher Rinder weideten und Dutzende übermütiger Pferde sich tummelten. Der Besitzer all dieser Herrlichkeiten räkelte sich, Zigaretten rauchend, faul in seinem Schaukelstuhl, erhob sich aber sofort mit natürlicher Ritterlichkeit und schritt dem Zuge entgegen, als er der fremden Ankömmlinge ansichtig wurde. Den Streitfall hatte er rasch erledigt und sprach den Puma unsern Freunden zu, während er gleichzeitig den Gauchos beschwichtigend eine Anzahl Silberlinge in die arbeitsharten Hände drückte. Freudestrahlend übernahm der Doktor den schönen Puma, dessen unvermutetes Erscheinen ihm einen so heillosen Schrecken eingejagt hatte, und übergab ihn gleich dem grinsenden Zampa zum Abbalgen. »Sie dürfen meinen Hirten ihre etwas rauhen Umgangsformen nicht übel nehmen,« erklärte der Hausherr, der sich als Dom Castro vorgestellt hatte, lächelnd. »Die Leute sind eben nur den Verkehr mit ihresgleichen gewöhnt, und unter diesen derben Männern muß man schon ein kräftiges Deutsch sprechen, wie man ja wohl drüben in Europa sagt, wenn man sich Gehör verschaffen will. Die Leute sind übrigens nicht halb so grimmig, wie sie aussehen, sondern eigentlich ganz gemütliche Burschen, solange nicht ihre allerdings sehr leicht erregbaren Leidenschaften aufgewühlt werden.« »Aber warum waren sie denn eigentlich gerade auf den Kopf des Puma so übermäßig versessen?« erkundigte sich Helmut. »Ganz einfach, weil ein Aberglaube dahinter steckt,« lautete die Antwort. »Die Gauchos pflanzen nämlich die Köpfe aller erlegten Pumas auf Pfählen an den Viehumzäunungen auf, wie man es wohl im Mittelalter mit den hingerichteten Verbrechern tat. Sie schwören Stein und Bein darauf, daß an einen derart geschmückten Viehkorral kein Puma sich herangetraue, daß dagegen alle nicht auf diese Weise geschützten Korrals ganz sicher von den Raubtieren heimgesucht werden. Da die Gauchos keinen festen Lohn erhalten, sondern einen Anteil am Reinertrage der Viehzucht, sind sie natürlich stark am Gedeihen der Herden interessiert und wachen mit Argusaugen über ihr Wohlergehen. Wo immer ein Puma, der mit Vorliebe Kälber und Fohlen räubert, sich blicken läßt, wird er daher unerbittlich gehetzt und mit dem Lasso zu Tode geschleift.« Dann lud Dom Castro mit echt brasilianischer Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft seinen unerwarteten Besuch ein, in das Innere des Hauses einzutreten und mit dem vorlieb zu nehmen, was es bieten könne. »Das ganze Haus steht von diesem Augenblicke an unter Ihrem Befehl!« sagte er mit einer landläufigen, aber natürlich nicht so wörtlich gemeinten Redensart. Helmut und Doktor Mangold sahen sich unschlüssig und zögernd an. So gern sie auch der liebenswürdigen Einladung gefolgt wären und nach dem langen Leben in der Wildnis wieder einmal die volle Behaglichkeit eines zivilisierten Heims gekostet hätten, so ließ doch ein Blick auf ihre zerfetzte Kleidung es sehr gewagt erscheinen, etwa gar vor den Damen des Hauses sich zeigen zu müssen. Dom Castro schien ihre Verlegenheit zu bemerken. »Wenn Sie wegen Ihres salonmäßigen Aussehens im Zweifel sind und vielleicht keine Reservegarderobe mehr zur Hand haben, so brauchen Sie sich dieserhalb keine grauen Haare wachsen zu lassen. Solche kleine Verlegenheiten zählen wir hier nicht. Wir haben sie alle selbst durchgemacht und sind daher für andere wohlweislich darauf eingerichtet. Ich habe Anzüge in allen Größen genug im Hause, um damit eine ganze Kompagnie bekleiden zu können. Wenn die Herren sich also zuerst auf ihre Zimmer bemühen wollen, so finden Sie da alles Nötige und können sich gleich umkleiden und ein Bad nehmen.« Es war doch ein eigentümliches Wohlgefühl für unsere beiden Freunde, als sie eine Stunde später, befreit vom Reisestaub und in neuen Kleidern, den Salon betraten, als sie wieder mal auf richtigen Stühlen sitzen durften, als sie von Porzellantellern aßen statt aus schmutzigen Kürbiskalebassen, als sie sich dabei eines europäischen Bestecks bedienen durften statt der »fünfzinkigen Gabel« oder gar der widerlichen Eßpinsel. Statt gebratener Eidechsen oder Frösche gab es hier vorzügliches Roastbeef und zartes Mastgeflügel mit den wunderbarsten Gemüsen, und statt Algarrobobräu wurde hier echtes Löwenbräu aus der eine halbe Erdenweite entfernten Bierstadt München gereicht, das allerdings hier einen fabelhaften Preis haben mußte. Dazu eine anregende Unterhaltung mit gebildeten Menschen. Mit Staunen vernahm Helmut, der Landwirtssohn, daß sein Gastfreund nicht weniger als fünfzehntausend Rinder sein eigen nannte. Trotzdem hielt er sich keineswegs für einen reichen Mann, klagte vielmehr bitter über die schlechten Verbindungen und die dadurch ungemein erschwerten und verteuerten Absatzmöglichkeiten. Also wieder das alte Lied, das Helmut von den deutschen Ansiedlern in Rio Grande do Sul her so gut kannte. Welche Reichtümer mußten doch noch aus diesem Brasilien herauszuholen sein, wenn erst einmal das ganze Land von guten und jederzeit gebrauchsfähigen Verkehrsadern durchzogen war! Einigermaßen dürftig im Verhältnis zu der sonstigen Vornehmheit des Besitzes war das Mobiliar. Es war überall nur das Notwendigste vorhanden, die Betten meist durch Hängematten ersetzt, während Bilder völlig fehlten. Dom Castro konnte das unschwer mit den außerordentlich kostspieligen Transportverhältnissen erklären. »Was glauben Sie wohl,« meinte er, »was mich z. B. das aus Deutschland bezogene Klavier kostet? Welch ungeheuren Weg hat es bis hierher zurücklegen müssen, und wieviel Fährlichkeiten war es dabei ausgesetzt! Für die dafür aufgelaufenen Spesen könnten Sie sich in Deutschland ein halbes Dutzend neuer Klaviere kaufen. Das bißchen Hausmusik, das wir hier in unserer Einsamkeit natürlich unter keinen Umständen entbehren möchten, kommt uns so wahrlich teuer genug zu stehen.« So verfloß dieser Abend in der angenehmsten Weise, und unsere beiden Freunde waren im stillen dem armen Puma dankbar, der durch den Streit um sein Fell höchst unfreiwilliger Weise diese liebenswürdige Bekanntschaft vermittelt und eine so entzückende Unterbrechung des rauhen Reiselebens herbeigeführt hatte. Man war dadurch so erquickt und gestärkt, daß man den Rest des Weges nach Cuyaba gewissermaßen spielend zurücklegte. Viel trug dazu auch der Umstand bei, daß die Landschaft immer reizvoller wurde: schönes Mittelgebirge mit malerisch geschwungenen Formen und ausgedehnten, üppig grünen Wäldern. Doktor Mangold verglich die Gegend mit dem Thüringer Wald, den er als Student durchwandert hatte, und unwillkürlich brummte er die alten, lieben Scheffelschen und Baumbachschen Studenten- und Wanderlieder vor sich hin, während Helmut die Fruchtbarkeit des Bodens bewunderte und den in den Waldungen aufgespeicherten Reichtum an kostbaren, aber hier ungenützt vermodernden Farb- und Nutzhölzern anstaunte. Gar anmutig lag Cuyaba zwischen grünen Bergen eingebettet, und die Reisenden lernten hier den Typus einer Provinzialstadt Innenbrasiliens in seiner nettesten Form kennen. Es war so still und ruhig, so gemütlich und traulich, so philisterhaft und tratschsüchtig hier wie in einer Kleinstadt Mitteldeutschlands. Fast nichts erinnerte an das unruhvolle Treiben der Tropen. Einst freilich hatte Cuyaba glänzendere und bewegtere Zeiten gesehen. Gleich beim Bau der ersten Häuser waren im Erdboden gediegene Goldkörner gefunden worden, und dann hatte das Goldfieber mit aller Macht seinen Einzug gehalten. Abenteurer aller Art und aus aller Herren Ländern waren hier zusammengeströmt, viel verdächtiges Gesindel darunter, und beim Streit um die besten Schurfplätze hatte es oft blutige Händel gegeben, wobei Revolver und Dolchmesser eine verhängnisvolle Rolle gespielt hatten. So mancher, der in der Hoffnung auf rasch und mühelos zu erlangenden Reichtum nach diesem neuen Kalifornien ausgezogen war, war nicht wiedergekehrt und die meisten andern als bettelarme Landstreicher. Denn es hatte sich bald herausgestellt, daß der Goldgehalt des Bodens doch zu gering war, als daß er einen planmäßigen Abbau gelohnt hätte, und so hatte sich der Schwarm der Goldsucher bald wieder nach allen Richtungen der Windrose hin zerstreut. Die in der Hoffnung auf ein rasches Aufblühen der Stadt breit und großartig angelegten Straßen waren verödet, und viele Häuser standen leer. Die jetzigen Bewohner waren durchgängig patriarchalische Ackerbürger, denen ihre Ruhe über alles ging, und die sich um die Ereignisse in der großen Welt draußen herzlich wenig kümmerten. Standen sie doch nur einmal monatlich durch eine ziemlich unregelmäßig einlaufende Post mit ihr in Verbindung. Hervorragende öffentliche Gebäude gab es nicht, aber die niedrigen, ziegelbedeckten Häuser sahen in ihrem frischen und sauberen Anstrich doch recht freundlich aus, zumal Türen und Fensterläden häufig nicht ohne Geschmack und Eigenart bunt bemalt waren. Viel Platz war in ihnen nicht vorhanden, aber auch nicht nötig, denn die überall statt der Betten in Gebrauch befindlichen Hängematten waren ja am Abend rasch aufgehängt und machten so besondere Schlafzimmer überflüssig. Gras und Unkraut wuchsen zwischen dem holprigen Pflaster der schönen, breiten Straßen, und im allgemeinen schienen diese mehr dem lieben Vieh als den wenigen Menschen zur Benutzung zu dienen, überall lungerten Hunde der unglaublichsten Mischrassen herum, wälzten sich grunzende Schweine oder tummelten sich muntere Ziegen, und wenn man abends beim undeutlichen Schein der wenigen, trübe brennenden Öllaternen heimkehrte, stolperte man nicht selten über große, den Weg versperrende Tierkörper, die sich dann durch unwilliges Brummen als schlafende Kühe zu erkennen gaben. Von Menschen sah man hauptsächlich in schreiende Farben gekleidete Weiber, die Früchte oder getrocknete Fische oder erfrischende Getränke oder Bonbons von Ziegelsteingröße feilboten, ihre Last stets auf dem Kopfe tragend und dabei unablässig mit den Armen hin und her pendelnd. Oder ein paar Negerjungen lutschten in einem stillen Winkel Zuckerrohr, oder eine häßliche, triefäugige Alte trug einen in ihr schmutziges Schnupftuch gehüllten Heiligen mit sich herum und erlaubte gegen Zahlung eines Kupferstückes den Vorübergehenden, ihn zu küssen. Seltener ertönte das quietschende Singen eines hochbeladenen, mit riesigen Holzrädern versehenen und von acht Ochsen gezogenen Karrens, und noch seltener sprengte einmal ein Reiter vorüber im Bratenrock, Zylinder und mit dem unvermeidlichen Regenschirm statt der Reitgerte in der Hand. Abends aber bewiesen die hell erleuchteten Fenster und das aus fast jedem besseren Hause ertönende, freilich nicht sehr künstlerisch anmutende Klavierspiel, daß die guten Leute von Cuyaba recht wohl zu leben wußten. Tagsüber dagegen lag über der ganzen Stadt der Geist bleierner Langeweile. Zu tun gab es ja auch nicht viel, denn das Vieh vermehrte sich von selbst, und die Äcker trugen auch ohne mühsame Arbeit so viel, daß man genug zum Leben hatte. Wozu sich also unnützer Weise abquälen? Von diesen braven Spießbürgern war für Helmut kaum irgend eine Gefahr zu fürchten. Zwar lag auch eine Abteilung Soldaten im Orte, aber diese Krieger sahen durchaus nicht sehr unternehmungslustig aus, standen gewöhnlich schwatzend, rauchend und gähnend herum, schienen sich ebenso zu langweilen wie die Bürger und beteiligten sich deshalb aus reiner Langeweile auch an den Feldarbeiten oder betrieben nebenher ein Handwerk, um sich das nötige Taschengeld für Bier und Zigaretten zu verdienen. Überdies hatte Tumayaua mit der ihm eigenen Schlauheit herausbekommen, daß hier von Helmuts Achtung noch nichts bekannt war, und da die nächste Post frühestens in drei Wochen eintreffen konnte, schien vorläufig nichts zu fürchten, und Helmut durfte es deshalb wagen, schon nach wenigen Tagen sein freiwilliges Krankenlager zu verlassen und sich an den Gängen und Besorgungen in der Stadt zu beteiligen. Die Einwohner waren selbst froh über die ihnen durch die Fremdlinge gebotene Abwechslung, und es regnete nur so Einladungen. Helmut war an solchen Abenden immer bestrebt, nützliche Winke für die Weiterreise einzuholen, aber er merkte bald, daß die Kenntnis der Cuyatabaner sich nur auf wenige Meilen im Umkreise erstreckte. Was darüber hinausging, lag außerhalb des Horizonts dieser Leute, und die wilden Indianerstämme schilderten sie in so grauslicher Weise, daß Helmut, der ja jetzt doch schon einige Eigenerfahrung besaß, die völlige Unkenntnis und Übertreibung sofort herausfühlte. Fast wurde der Abschied von Cuyaba schwer, denn alle hatten das liebe, gemütliche Nest in kurzer Zeit ins Herz geschlossen. Aber es mußte sein, denn auf das Eintreffen der nächsten Post durfte man es doch keineswegs ankommen lassen. Alles war bestens besorgt, und zum Tragen der Tauschwaren auch noch ein Ochse zugekauft worden. In scharfen Märschen ging es nun wieder über die wellige Hochebene, wobei man einmal auf die Trümmer einer von den Indianern vor Jahren zerstörten Niederlassung stieß. Die Gebäude waren zwar verfallen und wie kleine Dornröschenschlösser ganz von blühenden Schlingpflanzen eingesponnen, aber die Gärten trugen noch reichlich bei aller Verwilderung, und so konnte man sich unvermutet an Zitronen, Bananen, Feigen und dergleichen erquicken und die Pfeffersträucher leeren, um das wertvolle Gewürz mitzunehmen. Nordwärts und nordöstlich führte der Weg dem Rio Xingu zu, einem Nebenflusse des Amazonenstromes. Schon nach wenigen Tagen stieß man auf ein Indianerdorf; aber es waren noch keine wilden, sondern ansässig gemachte und kultivierte, sogenannte zahme Indianer, die sich hatten taufen lassen und vollständig europäische Kleidung trugen, etwa nach Art der Landbevölkerung im südlichen Italien. Doch gehörten sie schon zum großen Stamme der Bakairi, dessen nördliche Sippen noch vollständig in der Wildnis und ohne jeden Verkehr mit den Weißen leben. Helmut beschloß deshalb, hier einige Tage zu bleiben, um rasch die notwendigsten Worte der Bakairisprache zu erlernen, zumal auch Tumayaua von dieser fast nichts verstand. Trotz der ihnen aufgedrungenen Zivilisation waren aber auch die zahmen Bakairi im Innern ihres Herzens doch noch echte Wilde. Zwar sangen sie unter Leitung der sie besuchenden Missionare Kirchenlieder vor einem inmitten des Dorfes errichteten Altare, aber wenn die Missionare wieder den Rücken gedreht hatten, holten sie schleunigst ihre im Walde versteckten alten Musikinstrumente, verschiedene Arten selbstgeschnitzter Flöten und primitiver Gitarren, hervor und veranstalteten damit ungemein wehmütig anzuhörende Wimmerkonzerte, die ganz schauerlich über die windgepeitschte Hochebene hinaustönten und die richtige Stimmung erzeugten zum Erzählen von allerhand gruseligen und unheimlichen Gespenster- und Geistergeschichten, voll so krassen Aberglaubens, daß den Zuhörern ein kalter Schauer nach dem andern den Rücken herabkroch. Im übrigen führten diese Leutchen ein recht idyllisches und sorgenloses Dasein, pflanzten Bohnen, Mais, Mandioka, Tabak und Zuckerrohr, gingen auf Jagd und Fischfang und kümmerten sich sonst wenig um die Welt. Bald schlachteten sie ein Schweinchen, bald brachten sie einen erlegten Tapir angeschleppt, dessen Fleisch ein köstliches Ragout lieferte, und ihre Frauen buken aus Maismehl ein flaches, knuspriges Gebäck, das nach Form und Geschmack stark an die jüdischen Matzes erinnerte und »Beijus« genannt wurde. Alle hatten die Ohrlappen durchbohrt und mit bunten Papageienfedern geziert, viele auch die Nasenscheidewände. Ein großes Ereignis war es, als das Erscheinen der Arrau-Schildkröten im Flusse gemeldet wurde, denn nicht nur das Fleisch dieser großen Tiere ist sehr geschätzt, sondern auch ihre Eier liefern ein zu Beleuchtungszwecken dienendes Öl. In überraschender Menge erschienen die weiblichen Schildkröten an den Ufern oder krochen auf die zahlreichen Sandinseln, um daselbst ihre Eier abzulegen. An besonders günstigen Stellen waren die Schildkröten so massenhaft zusammengedrängt, daß ihre Panzer klappernd aneinanderstießen und man sich kaum mit den leichten Booten einen Weg zwischen ihnen hindurchbahnen konnte. Die ans Land gestiegenen Schildkröten scharrten sich hier Gruben von einem halben Meter Tiefe aus, legten je achtzig bis zweihundert Eier hinein und deckten sie dann sorgfältig wieder zu. Dabei wurden sie von den lauernden Indianern überrascht und schonungslos niedergeschlagen. Das ganze Dorf, Männer, Frauen und Kinder, war zu dieser Metzelei an den Fluß gezogen, und auch aus den andern indianischen Niederlassungen der weiteren Umgegend war die gesamte Bevölkerung herbeigeströmt; auch so mancher weiße Abenteurer hatte sich in Gesellschaft der Rothäute eingefunden. So entwickelte sich das reine Volksfest und ein richtiges Jahrmarktsgetriebe. In großen Kesseln brodelte überall an den Lagerfeuern das Schildkrötenfleisch, das für schmackhafter und gesunder gilt als Schweinefleisch und auch ein recht gutes Küchenfett liefert. Die Eier dienen in frischem Zustande als Ersatz für Hühnereier, die meisten aber wurden in umfangreichen Gefäßen mit den Füßen zerstampft und der entstandene Brei unter Beifügung von etwas Wasser fleißig umgerührt. Dann schwimmt nach kurzer Zeit das Öl obenauf und kann abgeschöpft werden. Aber um zwölf Kilo Öl zu erhalten, brauchte man dreitausend Eier. Doktor Mangold sah diese Raubwirtschaft und Verwüstung mit Entsetzen und prophezeite den Indianern ein baldiges Aussterben der wertvollen Schildkröten, erregte aber damit natürlich nur ihr Gelächter. Was wußten diese Leute von Wildhege und Schonung! Ihren Vätern und Großvätern hatten die Schildkröten Öl und Fleisch geliefert, also würden wohl auch ihre Söhne und Enkel keinen Mangel daran leiden. So gierig ging man bei dieser Schlächterei, wo immer einer dem andern zuvorzukommen suchte, zu Werke, daß man den armen Tieren nicht einmal die nötige Zeit zur Ablage ihrer Eier ließ, sondern sie oft schon vorher mordete. Auch Helmut hatte sich durch diese große Massenschlächterei angewidert gefühlt und war daher froh, als man zwei Tage später die Reise wieder fortsetzen konnte. Der Weg führte noch immer über die rauhe Hochfläche, wo die Nächte so empfindlich kalt waren, daß man oft selbst beim lodernden Lagerfeuer vor Frost klapperte. Aber schön war der Ritt bei Tage, namentlich in der Morgenfrühe, wenn die Sonne noch niedrig stand und der wolkenlose Himmel sich gleich einer bläulichen Milchglasglocke über den Reisenden wölbte. Soweit das Auge reicht, nur Gras, teils prangend in frischem Grün, teils schon braunrötlich verfärbt, auf jeder langsam sich erwärmenden Halmspitze mit einem demantenen, zitternden Tautropfen geschmückt, und dazwischen niedrige, in den abenteuerlichsten Formen verkrüppelte, windzerzauste Bäume, manche nackt und kahl wie die verzauberten Besenstiele des Hexenspuks, manche im vollen Blattschmuck, dieser aber vielfach zernagt, durchlöchert, von mißfarbigen Pilzen zerfressen. Dazwischen stalaktitenartig emporragende Termitenbaue, selten einmal ein paar blaue Glockenblumen. Es lag eine unendliche Monotonie in dieser ermüdenden Landschaft, die unwillkürlich schläfrig stimmte, so daß man wie im Traume seinen Weg mechanisch fortsetzte. Erst wenn die stolzen Gestalten im Winde sich wiegender Palmen auftauchten und dahinter am fernen Horizonte die undurchdringliche Mauer des endlosen Urwaldes, fühlte man sich wieder frischer und freier. Ein etwa in schwerfälligem Humpeltrott den Weg kreuzender Ameisenbär, dies sonderbare Geschöpf mit dem prächtigen Wedelschwanz, der langen Rüsselschnauze und der schlangenähnlichen Spechtzunge, brachte dann neues Leben in die Gesellschaft. Mit lautem Hallo galoppierte man ihm nach, holte ihn bald ein und warf ihm den Lasso über, um dem zählebigen Tier dann noch einen Gnadenschuß zu geben; denn Fleisch konnte man immer brauchen, obschon gerade das des Ameisenbären eigentlich keineswegs sonderlich mundete, vielmehr einen widerlichen Ölgeschmack hatte. Je weiter man gen Nordosten vordrang, umso häufiger, höher und weniger verkrüppelt wurden die Bäume, umso zahlreicher traten die schönen Palmen auf, bis schließlich die Landschaft mehr parkartigen Charakter annahm und ein liebliches Durcheinander von Wiesenflächen und kleinen Gehölzen darstellte. Flußläufe und Bäche kreuzten jetzt mit ihren tief eingeschnittenen Betten häufig den Weg und mußten mit den schwer beladenen Tieren oft recht mühselig überschritten werden. Die Waldstreifen wurden breiter und zahlreicher, grüne Berge verschönerten das Bild, und schließlich kam man wieder in richtigen Urwald mit all seinem Zauber und seiner bunten Schönheit, aber auch mit all seinen Gefahren und Beschwerlichkeiten. An vielen Stellen konnte man sich nur mühsam mit dem Machete durch das dichte Pflanzengewirr Bahn brechen, und Mensch wie Tier hatten entsetzlich unter dem zahllosen Ungeziefer zu leiden. Ganze Wolken blutgieriger Moskitos umschwärmten die kleine Karawane; die erschöpften Reit- und Tragtiere vermochten sich kaum noch weiter zu schleppen; die unter den Riesenbäumen herrschende feuchtwarme Luft ließ Ströme von Schweiß über die Körper von Mensch und Tier rinnen, und bei Doktor Mangold, der am wenigsten gegen solche Strapazen abgehärtet war, machten sich zum großen Kummer Helmuts die ersten bedenklichen Anzeichen des gefürchteten Wechselfiebers geltend. Die klaren und sternenhellen Nächte waren zwar wunderschön, aber die Moskitos sorgten schon dafür, daß man wenig zum Schlafen kam und sehnsüchtig den Anbruch des Morgens herbeiwünschte. Kratzte man im Schlafe die von den Moskitos zerstochenen Hautstellen, so entstanden stark eiternde und schwer heilende Wunden. Fast unangenehmer noch waren aber die Sandflöhe, kleine, am Boden lebende Insekten, die ihre Gier in die Haut des Menschen legen, mit Vorliebe in die der Fersen und Zehen. Während man anfangs gar nichts davon merkt, entwickelt sich bald eine erbsengroße Kugel, die mit Eiern gefüllt ist und beim Platzen schwere Eiterungen verursacht, die zum Verlust der ganzen Zehe führen können. Die Eierkugel muß deshalb rechtzeitig und ohne Verletzung ihrer Hülle mit dem Messer herausgearbeitet werden. Verfährt man mit der nötigen Geschicklichkeit dabei, so geht es ohne größeren Blutverlust ab, obwohl die kleine Operation namentlich dann sehr schmerzhaft ist, wenn die Eierkugeln sich unter den Zehennägeln festgesetzt haben. Zampa war Sandflohspezialist und entfaltete im Ausschneiden der Eierkugeln eine bewundernswerte Geschicklichkeit, bekam aber auch in dieser Beziehung reichlich zu tun. An manchen Abenden wurde seine Hilfe wohl ein dutzendmal in Anspruch genommen. »Das sind auch so kleine Freuden des Urwaldlebens,« seufzte der Doktor, nachdem ihn Zampa soeben wieder von mehreren Eierkugeln befreit hatte, »von denen man sich daheim im Sorgenstuhl nichts träumen läßt, wenn man von der berühmten Urwaldherrlichkeit schwärmt. Gerade diese kleinen Feinde des Menschen sind die allerärgsten und können einem das Reisen in wilden Ländern mehr verleiden als alle Löwen, Tiger und Jaguare, die man doch wenigstens bekämpfen und mit der Flinte unschädlich machen kann, während man diesen winzigen Schmarotzern gegenüber nahezu wehrlos ist.« So war der Marsch durch den Urwald äußerst anstrengend, und im Zustande völliger Erschöpfung erreichte man endlich die unmittelbar an einem größeren Fluß gelegene letzte Ansiedlung »zahmer« Bakairis. Jenseits des brausend und tobend zwischen riesigen Felsblöcken sich durchdrängenden Gewässers, das die Eingeborenen als Batovy bezeichneten, breitete die unerforschte Wildnis ihre geheimnisvollen Schleier über das Land. Nach kurzer Beratung mit dem Doktor und Tumayaua entschloß sich Helmut, von hier aus die Reise in Booten fortzusetzen, da ja der etwa fünfzig Meter breite Fluß eine sichere Fahrstraße zu bieten schien, während es allen klar war, daß bei dem geschwächten Zustand der Tragtiere diese eine weitere Fortsetzung der Urwaldreise unmöglich noch lange würden aushalten können. So wurde denn der Tragochse geschlachtet, die beiden Pferde und die beiden Maultiere an die Bakairis gegen allerlei notwendige Lebensbedürfnisse und gegen die Stellung von Arbeitskräften zum Kanubau vertauscht. Bei dieser wichtigen Tätigkeit, von deren Ergebnis das zukünftige Schicksal der kleinen Reisegesellschaft mehr oder weniger abhing, fühlte der mit solchen Dingen wohlvertraute Tumayaua die Oberaufsicht. Die Arbeit war an sich einfach genug, mußte aber doch mit großer Sorgfalt und Umsicht gemacht werden. Um hohe, ulmenartige Bäume herum wurden Gerüste errichtet, auf denen die Arbeiter festen Fuß fassen konnten, während sie mit Beilhieben den halben Rindenzylinder des Baumes in einem Stück vom Stamme loslösten. Das auf diese Weise erhaltene riesige Rindenstück wurde dann durch ein darunter erhaltenes mäßiges Feuer so weit geschmeidig gemacht, daß sich das Ganze mit Hilfe einfacher Hebel falten und zur Kanuform zurechtbiegen ließ. Eingetriebene Querhölzer sorgten dafür, daß der Rand sich nicht zu stark nach innen umlegte, und die feste Basthaut machte das Fahrzeug wasserdicht. Nicht immer gelang der Bau zur Zufriedenheit, denn jetzt während der Trockenzeit war die Baumrinde spröde und zersprang nur zu leicht bei der Bearbeitung. Schließlich wurden aber doch zwei Kanus von reichlich sechs Meter Länge fertig. Freilich waren es recht gebrechliche und elende Fahrzeuge, denen sich der nicht daran Gewöhnte anfangs nicht ohne ein gewisses Zögern anvertraute, aber sie erfüllten doch so leidlich ihren Zweck, und gerade ihre große Leichtigkeit machte es möglich, daß man sie an schwer zu befahrenden Stellen ans Ufer ziehen und ein mehr oder minder großes Stück über Land tragen konnte. Mit Beilen und Messern hackte man sich dann noch eine Reihe primitiver Ruder zurecht, so gut es eben gehen wollte. Die beiden Europäer, die bei dieser Arbeit wenig nützen konnten, durchstreiften derweil jagend, beobachtend und sammelnd den Wald. Hierbei erlebten sie ein Abenteuer, das beinahe übel für sie ausgefallen wäre. Unter den Riesenbäumen und in dem undurchdringlichen Pflanzenwust hatten sie in der ihnen unbekannten Gegend die Orientierung verloren, in ihrem Sammeleifer auch gar nicht darauf geachtet, daß schon seit geraumer Zeit ein eigentümlich brenzlicher Geruch die Luft erfüllte. Um einen Überblick zu gewinnen und sich über die einzuschlagende Richtung zu vergewissern, erstiegen sie einen steil emporragenden Hügel. Von dessen Spitze aus sahen sie allerdings in der Ferne den Fluß blinken, an dessen Ufer das Indianerdorf liegen mußte, waren also über die Richtung nicht länger im Unklaren, aber sie sahen auch noch etwas anderes, das sie mit Schrecken und Grauen erfüllte. Dicke Rauchwolken, die sie vorher wegen des dichten Blätterdaches gar nicht hatten bemerken können, wälzten sich über den Urwald dahin, und in größerer Entfernung lohten lange Schlangenlinien leuchtender und blutrot zum Himmel emporleckender Flammen. Kein Zweifel mehr: der Urwald brannte! Feuer auf den Baumwipfeln, Feuer auf den Bergen, Feuer im Tale, Feuer überall, so weit das Auge reichte. Wahrscheinlich hatten umherschweifende Kautschuksammler die Gewissenlosigkeit begangen, ihr Lagerfeuer nicht auszulöschen, der nächste Baum hatte dann Feuer gefangen, und nun verbreite sich dasselbe bei der herrschenden Trockenheit mit Riesenschnelle über das ganze weite Waldmeer. Aber jetzt war keine Zeit mehr, über die Entstehungsursache des Brandes nachzugrübeln, sondern jetzt hieß es, eiligst auf seine Rettung bedacht sein. Klar übersah Helmut von seinem hohen Standpunkte aus die Lage. Von der einen Seite rückte die Feuerwand mit rasender Schnelligkeit gegen sie heran, auf der andern befand sich, leider noch weit entfernt, der sichere Rettung verheißende Fluß. Leider hatte aber die Feuerwand an ihren beiden Seiten, wo sie offenbar bessere Nährbedingungen vorfand, lange Zungen vorgeschoben, die nach dem Flusse zu verliefen und sich dort offenbar vereinigen wollten. Gelang es nicht, vor dieser Vereinigung den Fluß zu erreichen, so war man in einem großen Flammenring eingeschlossen und wohl sicher verloren. Es begann nun ein Wettlauf auf Tod und Leben zwischen den beiden bedrängten Männern und den hinter ihnen und zu ihrer Seite gierig züngelnden Flammensäulen. Leider wurde der Wind stärker und wehte in der ungünstigsten Richtung, sodaß er die Flammen mit einer immer unheimlicher werdenden Schnelligkeit vor sich hertrieb. Die beiden Freunde liefen, was ihre Beine sie tragen wollten, nicht achtend darauf, daß ihnen die Dornen des Gestrüpps Gesicht und Hände zerrissen und ihre in Cuyaba gekauften neuen Kleider ihnen schon in Fetzen vom Leibe hingen. Die hinderliche Jagdbeute, die so mühselig gemachten Sammlungen hatten sie schon längst von sich geworfen, um in ihren Bewegungen freier zu sein. Schwer und keuchend ging ihr Atem, der Schweiß troff in Strömen von der glühenden Stirn, die Glieder bebten in Fieberhast. Aber der Kampf war zu ungleich. Das Feuermeer hatte freien Lauf droben in den von der Sonne ausgedörrten Baumwipfeln und obendrein noch den Wind zum Bundesgenossen, während die beiden in diesen wütenden Kampf der Naturkräfte eingeklemmten Menschen in dem wild verrankten, jeden Schritt hemmenden Pflanzengewirr trotz den ungeheuersten Anstrengungen nur langsam vorwärts kommen konnten. Immer näher rückten ihnen die Vorboten der Flammenwand auf den Leib. Es war ein schauerlich schönes Schauspiel. Hinter den verschlungenen Zweigvorhängen knatterte und prasselte und leuchtete es, als wären dort Heere von Gnomen bei der Schmiedearbeit, oder als hätten die Waldgeister die Tanzplätze der Feen und Elfen festlich illuminiert. Wie Raketen flogen allenthalben die glühenden Spitzenbüschel der vom Feuer ergriffenen Riesenbambusse in die Luft. Mit entsetztem Gekreisch flüchteten Affenscharen, schier wahnsinnig vor Angst, von Baum zu Baum. Schreiend flogen die prachtvoll gefiederten, langschwänzigen Araras und die bunten Tukane hin und her, versuchten die Flammenlinie zu überfliegen und fielen mit versengtem Gefieder wieder herab, rettungslos einem qualvollen Tode preisgegeben. Man hörte den Todesschrei eines von den Flammen umzingelten Jaguars. Schlangen und allerhand anderes unheimliches Gezücht schoß aufgescheucht aus seinen Schlupfwinkeln hervor und versuchte vergeblich, dem gefräßigen Element zu entrinnen. Hirsche und Rehe flüchteten mit Pumas und Tigerkatzen in mächtigen Sätzen durchs Gebüsch. Jetzt tat keiner dem andern etwas zuleide, keiner kümmerte sich um die beiden Menschen, sondern in aller Blick malte sich nur die eine furchtbare, entsetzliche Angst vor dem grausamen Flammentode. Auch die beiden Freunde merkten mit Schaudern, wie das unentrinnbare Verderben näher und näher rückte. Schon war die Luft so glühend heiß, daß sie im Verein mit dem stickigen Qualm das Atmen erschwerte; schon fielen glimmende Zweige auf sie nieder. Die alten Urwaldbäume glichen lodernden Riesenfackeln, der Boden schien sich unter den Füßen der Flüchtenden zu entzünden. Feuerfunken tanzten ihnen wie Irrlichter vor den Augen. Ihre Kräfte schwanden. Sie taumelten nur noch mechanisch vorwärts. Es schien unmöglich, Fluß und Waldrand rechtzeitig zu erreichen. Das grausige Wettrennen war verloren. Einen Augenblick blieben sie atemschöpfend stehen, während ringsum das entfesselte Element tobte und so mancher Urwaldriese, des haltenden Lianengewirrs beraubt, krachend niederstürzte. Dann wandten sie sich instinktiv nach der Seite, wo das Flammenmeer noch am weitesten zurück war, mußten wieder nach einer andern Richtung entweichen, und so ging es wie eine wilde Hetzjagd hin und her, fast im Kreise herum. Längst wußten sie nicht mehr, wo sie waren, aber verzweifelt kämpften sie bis zum letzten Atemzuge um ihr Leben. Helmut, der nichts mehr vor Augen sah als erstickenden Qualm, fühlte plötzlich, wie er den Boden unter den Füßen verlor und tief herabstürzte – irgendwohin ins Weite, Raumlose. Und gleich darauf lag der ächzende Körper seines wohlbeleibten Freundes schwer auf ihm. Die Sinne drohten ihm zu schwinden – doch was war das? Klang es nicht wie murmelndes Wasser, roch es hier nicht erfrischend nach dem erquickenden Naß? Mühsam richtete er sich auf und versuchte Umschau zu halten, um festzustellen, wo sie sich eigentlich befänden. Gleich darauf stieß er einen aus innerster Seele kommenden Freudenschrei aus. Das war wahrlich Hilfe gewesen in der äußersten Not! Sie waren bei ihrem blinden Umherirren über das steile Ufer eines Wildbaches herabgestürzt und lagen zwischen moosigem Gestein halb im Wasser. Auch mancherlei dem Feuer entgangenes Getier hatte sich an diese Stätte geflüchtet und äugte nun angstvoll zu den beiden Menschenkindern herüber, die so unvermutet zwischen die bunte Gesellschaft gefallen waren. Aber auch denen war alle Lust zum Jagen gänzlich vergangen. Gleich jedem andern Lebewesen waren auch die Menschen jetzt nur noch auf die eigene Rettung bedacht. Der Bach stellte freilich nur ein schmales, infolge der herrschenden Hitze schon arg zusammengeschrumpftes Rinnsal dar, aber die Vegetation an seinen Steilufern war doch saftiger und üppiger und konnte daher nicht so leicht vom Feuer ergriffen werden, das sich ergiebigere Nahrung suchte oder unter dem beflügelnden Hauche des Windes über sie zum andern Ufer hinwegsprang. Glücklicherweise fand Helmut nach kurzem Suchen in dem stark überhängenden und vom Wasser unterwaschenen Steilufer auch eine Art Höhle, die doch einigen Schutz gegen die aus der Luft zu Tausenden herabfallenden Feuerfunken gewährte. Hier konnte er, unter tausend Ängsten zwar, aber doch einigermaßen geborgen, mit dem inzwischen ebenfalls etwas erholten Freunde abwarten, bis das Feuer einigermaßen ausgewütet hatte, und dann mußte ja wohl das Bachbett abwärts irgendwo zum Flusse führen. Nach diesem Plane wurde auch gehandelt. Es war freilich sehr mühsam, in dem größtenteils mit wild durcheinander gewürfelten Felsblöcken ausgefüllten Bachbett vorwärts zu kraxeln, aber es mußte gehen, und es ging auch. Einmal erschraken sie nicht wenig, als ein zwischen den Felsblöcken kauernder Jaguar den Weg versperrte. Aber die Bestie schien durch das großartige Naturereignis noch mehr erschreckt als die Menschen. Als Helmut seine durch alle Fährnisse gerettete Flinte hob, stieß der Jaguar nur ein klägliches Winseln aus und sprang dann das Ufer hinauf und auf Nimmerwiedersehen davon, offenbar sehr traurig darüber, daß man ihn aus seinem sicheren Zufluchtsorte so rücksichtslos verdrängte. Bald darauf konnten auch unsere Freunde das unbequeme Bachbett verlassen, da das Feuer hier endlich ausgewütet zu haben schien. Sie konnten nun oben rascher einherschreiten, dabei immer noch dem Bachlaufe ungefähr folgend, denn all das sonst so hinderliche Dorngestrüpp und Lianengewirr war ja verschwunden. Ein unsäglich trauriger Anblick war es, der sich ringsum bot. Wo noch wenige Stunden vorher die üppige Tropennatur in schier unerschöpflicher Kraft die herrlichsten Wunder der Pflanzenwelt zur Schau gestellt hatte, da starrten jetzt nur noch halb verkohlte Stämme traurig gen Himmel, und der vorher grüne und buntbestickte Boden hatte sich in einen fußtiefen Aschenteppich verwandelt, aus dem es hier und da noch unheimlich glomm und rauchte, und der mit gebratenen Tierkadavern an manchen Stellen förmlich übersät war. Freilich konnten sich die beiden als Naturkundige zu ihrem Troste sagen, daß diesem Leichentuche in Bälde tausendfältiges neues Leben entsprießen würde. Noch immer wußten sie nicht genau, wo sie waren, als plötzlich zwei Schüsse durch diese schauerliche Kirchhofsstille hallten und sie erfreut aufhorchen ließen. Sofort schoß auch Helmut seine Flinte ab, wiederum erfolgte Antwort, und eine Weile später konnte man dem wackeren Tumayaua und dem braven Zampa die Hand drücken, die in höchster Besorgnis um das Schicksal der beiden Weißen sich mit einer Anzahl Bakairis aufgemacht hatten, um nach ihnen zu suchen, und fast daran verzweifelten, sie noch lebend aufzufinden. Das Feuer selbst hatte am Flusse Halt gemacht und war hier in sich zusammengebrochen. Daß die herumfliegenden Funken noch ein paar Hütten der Bakairis in Brand gesetzt und verzehrt hatten, wollte nicht viel besagen. Dafür war ja bald Ersatz zu schaffen, und die Reisevorräte sowie die halb fertigen Kanus unserer Freunde waren glücklicherweise unversehrt geblieben, da der umsichtige Tumayaua deren Hüllen fleißig mit Wasser hatte begießen lassen. Siebentes Kapitel. Ein Indianerkrieg. Zwei Tage später war endlich alles zur Bootsreise bereit. Helmut nahm mit Tumayaua in einem Kanu Platz, Doktor Mangold mit Zampa in dem andern, und zwischen den Reisenden war die Ladung aufgestapelt. Unter dem Jubelgeschrei der über die reichen Geschenke hoch entzückten Bakairi stieß man vom Ufer ab und trat die waghalsige Fahrt in unbekannte Gegenden an. Die Hoffnung auf eine verhältnismäßig leichte und bequeme Reise sollte freilich rasch zerstört werden. Man war kaum drei Kilometer weit gerudert, als man schon auf den ersten Wasserfall stieß, und während der folgenden Tage war dies etwa jeden Kilometer der Fall. Jedesmal war man dann gezwungen, die Kanus ans Land zu ziehen, zu entladen und eine Strecke weit durch den Urwald zu schleppen, wobei gewöhnlich auch erst noch mit dem Machete Bahn gebrochen werden mußte. Das Gepäck mußte Stück für Stück auf den Schultern nachgeschleppt werden, und durch alles dies entstand natürlich ungeheure Arbeit und zeitraubender Aufenthalt. Unter diesen Umständen mußten die Reisenden froh sein, wenn sie täglich fünf Kilometer zurücklegten, eine Strecke, die man zu Fuß in einer Stunde bewältigt haben würde. Die herrliche Uferlandschaft mit den vielen kreischenden Papageien und den silberweiß schimmernden Gestalten steifbeiniger Reiher entschädigte nur wenig für all diese Mühseligkeiten. Bisweilen saßen auch riesenhafte und sehr bissige Eidechsen mit großen gezackten Hautkämmen auf dem Rücken auf den Felsblöcken im Flusse. Tumayaua schoß diese Tiere bei jeder Gelegenheit mit seinen Pfeilen, da er und Zampa ihr weißes, hühnerartiges Fleisch als einen besonderen Leckerbissen schätzten. Die kleinsten Stromschnellen versuchte man wohl auch fahrend zu überwinden, aber es war das doch immer ein großes Wagnis und erforderte eine sehr geschickte und sichere Steuerung der Boote. Trotz aller Vorsicht kam es wiederholt vor, daß die Kanus an einen Stein stießen und umkippten. Gefährlich war das ja weiter nicht, da das Wasser an solchen Stellen niemals tief war, aber höchst unangenehm war es, daß bei solchen Gelegenheiten die ganze Ladung immer aufs gründlichste durchnäßt wurde. Dann mußte der Inhalt der Ledersäcke entleert und stundenlang auf Steinen in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet werden. Da lagen die Bohnen, der Reis, das getrocknete Fleisch, das Maismehl, die Felle, die Decken, die unersetzlichen Tage- und Skizzenbücher, die wissenschaftlichen Sammlungen und Instrumente und hunderterlei andere Dinge in buntem Durcheinander herum und dazwischen blitzte es auf von unechten goldenen Armbändern, Glasperlen und ähnlichem Tand, den man als Tauschartikel für die Wilden mitgenommen hatte. Je öfter sich das wiederholte, desto mehr verdarben die Sachen. Um für alle Fälle einen »eisernen« Bestand von Patronen gebrauchsfähig zu erhalten, mußte man einen Teil derselben in wasserdichten Lederbeuteln unter der Kleidung auf der bloßen Brust tragen. So vollzog sich die Flußfahrt unter unendlichen Schwierigkeiten, und nicht weniger als hundertzwanzig Stromschnellen mußten überwunden werden, bis man endlich an die Stelle gelangte, wo der Batovy in einen größeren und ruhigeren Strom einmündete, den Doktor Mangold nach seinen Karten für den sich aus drei Quellflüssen zusammensetzenden Xingu erklärte. Während dieser ganzen Zeit war man auf keinerlei Spur von Menschen gestoßen, und fast schien es, als sei diese großartige Wildnis völlig unbewohnt. Man sehnte sich ordentlich nach einem Zusammentreffen mit den verrufenen Wilden. Am Xingu, wo die Ufer flacher und fruchtbarer waren, durfte man wohl mit Sicherheit hoffen, Menschen anzutreffen, und achtete deshalb von jetzt an sorgfältig auf alle Anzeichen, die die Nähe der Wilden verkündigen konnten. Am Tage nach der Einfahrt in den Xingu mußte man an einer starken Stromschnelle die Boote nochmals entladen, und als man nun zu Land sich den Weg durch den Wald brach, blieb der mit dem Machete vorangehende Zampa plötzlich stehen und deutete in stummem Erstaunen auf einen der Riesenbäume. Neugierig traten die andern näher und sahen nun in die Baumrinde eingeschnittene urwüchsige und unbeholfene Zeichnungen menschlicher Figuren, etwa in der Art, wie sie unsere Kinder fertig bringen, wenn sie ihre ersten Zeichenversuche machen. Auch ein schön befiederter, fast zwei Meter langer Pfeil stak in einem der Äste, und an einem Nachbarbaume waren drollige Tierfiguren aufgehängt, die aus getrocknetem, umwickeltem Gras in der ulkigsten Weise zusammengesetzt und zur Not als Fische, Schlangen, Eidechsen u. dergl. zu erkennen waren. Da das Gras ringsum stark niedergetreten war, vermutete der Doktor, daß es sich hier um einen Tanz- oder Betplatz der Eingeborenen handle. Sie mußten also unbedingt nicht mehr weit sein, und die größte Vorsicht erschien geboten, da man ja nicht wußte, ob man als Freund oder Feind empfangen werden würde. Als man dann wieder auf dem Strome fuhr, zeigte sich wenige Stunden später sogar eine leichte Rauchsäule am Horizont, der sicherste Beweis dafür, daß sich eine Niederlassung der Indianer in unmittelbarer Nähe befinden mußte. Da es aber schon spät am Nachmittag war und gerade ein besonders günstiger Landungsplatz sich bot, so beschloß man, hier zu übernachten und erst am nächsten Morgen einen Versuch zu machen, mit den Indianern zusammenzutreffen. Während die andern mit den Vorbereitungen zum Abendessen beschäftigt waren, musterte Helmut mit dem Krimstecher spähend die waldumsäumten Ufer des Stromes, um vielleicht zur Tränke herauskommende Tiere beobachten zu können. Zu seinem Erstaunen sah er plötzlich hinter einer der Waldkulissen ein kleines Rindenkanu hervorkommen, in dem ein völlig nackter Indianer aufrecht stand und mit der Lanze in der Hand offenbar nach Fischen spähte. Das konnte nur ein wilder Bakairi sein. Freudig erregt teilte Helmut den andern flüsternd seine willkommene Entdeckung mit, und alle beobachteten nun den Indianer, der von ihrer Anwesenheit keine Ahnung zu haben schien und sich von der Strömung achtlos immer näher an die Lauscher herantreiben ließ. Um ihn durch den unvermuteten Anblick von weißen Männern nicht zu sehr zu erschrecken, bat Helmut den Häuptling, sich aufzurichten und dem einsamen Fischer einen Gruß in der Bakairisprache zuzurufen. Das geschah denn auch, und der Indianer fuhr nicht wenig erschrocken zusammen, verstand aber doch sofort das »Bakairi gut Freund« Tumayauas und erwiderte es in gleicher Weise. Auf den Wink des Chiriguanos hin lenkte er dann sein Kanu nach der Lagerstelle, wenn auch zögernd und mit offenbarem Mißtrauen. Als er aber die andern Reisegefährten erblickte, wollte er tief erschrocken wieder umkehren, und es bedurfte aller Überredungskünste Tumayauas, ihn zum Bleiben zu bewegen. Aber ans Land war er absolut nicht zu bringen, sondern fühlte sich auf dem Wasser offenbar sicherer. Helmut klemmte eine besonders schöne Armspange an einen Ast, watete damit so weit als möglich ins Wasser und reichte dann die Gabe dem vor Angst wie Espenlaub zitternden Indianer hinüber. Diese Sprache des Friedens verstand auch der Wilde. Mit einem freudigen Grinsen nahm er das für ihn so kostbare Geschenk in Empfang, befestigte als Gegengabe einen großen harpunierten Fisch an der Stange, winkte dann grüßend mit der Hand, deutete vielsagend nach der Gegend, wo man die Rauchsäule hatte aussteigen sehen, und war bald darauf in der rasch hereinbrechenden Dunkelheit verschwunden. Freudige Erregung hatte sich durch dieses Zusammentreffen der kleinen Reisegesellschaft bemächtigt. Endlich sollte man wieder mit Menschen zusammen sein, und aller Voraussicht nach würde sich das Verhältnis zu den gefürchteten Wilden des Xingu durchaus friedlich gestalten. Der Doktor schwelgte schon in Erwartung der interessanten Forschungen, die er unter diesen ihrer Kulturstufe und Lebensweise nach völlig unbekannten Völkerschaften werde anstellen können, und ließ sich diese schöne Aussicht auch dadurch nicht trüben, daß ihn das Fieber wieder einmal ganz gehörig packte und schüttelte. Tumayaua hatte vorausgesagt, daß die Wilden am nächsten Tage gewiß in größerer Anzahl einen Besuch machen würden, und er hatte sich darin nicht getäuscht. Kaum hatte man das Frühstück verzehrt und war noch unschlüssig, ob man aufbrechen und die Indianer selbst aufsuchen solle, als auch schon Tumayaua mit der Hand nach der nächsten Stromecke deutete. Richtig, da kam geräuschlos eine ganze Flottille von großen Kanus hervor, wohl dreißig an der Zahl, jedes mit fünf oder sechs Kriegern besetzt. Alle führten riesenhafte Bogen von weit mehr als Mannshöhe mit sich, dazu kurze Wurflanzen und Streitkolben, und alle waren bis auf Bastringe an den Knöcheln und Armgelenken, gelben Papageienfedern in den durchlöcherten Ohren und eine Art Diadem aus bunten Vogelfedern oder Halsketten aus Muscheln, Beeren und Jaguarklauen völlig nackt, hatten aber ihre Körper mit Gelb und Rot in der scheußlichsten Weise bemalt. Das starke Haar hatten sie nach Art der russischen Bauern gleichmäßig geschnitten und merkwürdigerweise zeigten alle auf dem Scheitel eine Art Tonsur wie bei uns die katholischen Geistlichen. Das alles konnte Helmut beim Näherkommen der Flottille gut durch sein scharfes Glas beobachten und sich dabei eines bangen Gefühls nicht erwehren, ob dieses eineinhalb Hundert bewaffneter Männer auch wirklich in friedlicher Absicht erschienen wäre. Kam es zum Kampfe, so waren sie verloren, denn trotz ihrer Feuerwaffen waren sie einer vierzigfachen Übermacht nicht gewachsen. Als die Kanus bis auf Rufweite herangekommen waren, erhoben die Eingeborenen ein entsetzliches Geschrei und schwenkten dazu mit wilden Gebärden ihre Waffen. Das sah drohend genug aus, aber Tumayaua winkte den Gefährten, die mit schußbereiter Flinte am Ufer standen, beruhigend zu und deutete auf den Häuptling der Eingeborenen, der im Bug des vordersten Bootes stand, jetzt ostentativ einen Pfeil nahm, ihm die Spitze abbrach und diese ins Wasser warf. Das konnte allerdings nur eine Kundgebung friedlicher Gesinnung sein, und unsere Freunde atmeten erleichtert auf, als sie diese ausdrucksvolle Gebärdensprache sahen. »Bakairi ta ha ha,« erscholl es jetzt deutlich aus dem verworrenen Stimmengetöse herüber, und »Bakairi ta ha ha« antworteten nun auch unsere Freunde, denn das heißt soviel als »die Bakairis sind gute Menschen«. Wieder ging Helmut in der gestrigen Weise mit einem an einer Stange befestigten Geschenk furchtlos ins Wasser und überreichte es dem Häuptling, der dafür ein paar frische Maiskuchen an der Stange zurückgab. Helmut, der lange kein frisches Gebäck gesehen hatte, brach sofort davon ab und aß, und das wurde drüben offenbar sehr gut aufgenommen, und die Freundschaft erschien damit besiegelt, denn die Bakairis ließen sich nun nicht länger bitten, an Land zu kommen. Freilich kostete sie das offenbar große Überwindung, denn man sah deutlich, wie sie aus Angst vor den unheimlichen Fremden zitterten, und wahrscheinlich war es nur ihre große Überzahl, die sie zu einem solchen Wagnis ermutigte. Unsere Freunde taten alles, um ihren neuen Bekannten das Gefühl der Furcht zu nehmen und sie zu überzeugen, daß man in Frieden mit ihnen leben wolle. Nach Tumayauas Beispiel nahmen auch Helmut, Doktor Mangold und Zampa je zwei der häßlichen Kerle unter den Arm, und so schritt man in traulichem Verein zum Lagerplatz, wo sich alsbald ein reger Tauschverkehr entwickelte. Fast jeder der Wilden hatte Bejus mitgebracht, die wie frische Milchbrötchen schmeckten, dazu Fische, Mandioka und andere Lebensmittel, und so gab es für die Reisenden, die in der letzten Zeit fast nur noch von halbverdorbenen Konserven hatten leben müssen, ein gar köstliches Mahl. Die Wilden ihrerseits waren besonders auf Kleidungsstücke versessen, und für ein altes Hemd oder eine zerrissene Unterhose hätten sie ihre Seligkeit verkauft. Als sie sahen, daß ihnen nichts Übles geschah, wurden sie rasch ganz zutraulich und gaben zu verstehen, daß die Fremden mit nach ihrem Dorfe kommen sollten. Denen war das natürlich höchst willkommen, und so wurde denn rasch zusammengepackt und inmitten der Indianerflottille die Weiterfahrt bewerkstelligt. Nach kaum einstündigem Rudern hatte man das unmittelbar am Strom gelegene und sogar mit einem kleinen Bootshafen versehene Indianerdorf erreicht. Hier gab es natürlich unendlich viel Neues zu sehen und zu beobachten. Auf den ersten Blick unterschied sich diese Ansiedlung unverfälschter Wilder scharf von allen, die man bisher angetroffen hatte. Die Hütten waren nicht viereckig, sondern kreisrund, dabei aber sorgfältig gebaut und das kegelförmige Dach mit getrocknetem Grase in dicken Schichten gut gedeckt. Die Hütten waren ziemlich groß, und es hausten immer mehrere Familien in einer friedlich beisammen. Die Hütte, nach der die Ankömmlinge geführt wurden, hatte elliptische Form und war noch weit umfangreicher als die andern; es schien eine Art Beratungs- und Vergnügungshaus zu sein. Als Lagerstätten dienten überall kunstvoll aus Bastfasern zusammengeknüpfte Hängematten, und Doktor Mangold bestätigte seinem Gefährten auf dessen Befragen, daß die südamerikanischen Indianer die eigentlichen Erfinder dieses nützlichen Möbels seien, das neuerdings ja auch in Europa viel Anklang gefunden hätte. Auch roh geschnitzte Sitzgelegenheiten waren zahlreich vorhanden, und als Zieraten hingen aus Holz plump angefertigte Fische und Eidechsen von der Decke herab. In den geflochtenen Wänden staken die langen Pfeile, und überall standen nett bemalte Kürbisschalen herum. So primitiv das alles auch anmutete, mußte diese indianische Kultur den unbefangenen Beurteiler doch mit nicht geringer Bewunderung erfüllen, wenn er ihre höchst urwüchsigen Werkzeuge damit verglich, mit denen sie alles ungemein mühselig anfertigen mußten. Diese Wilden kannten ja das Eisen noch gar nicht, sondern bedienten sich nur steinerner Beile, und als Messer hatten sie lediglich scharfe und harte Gräser oder zugespitzte Bambusstücke oder geschärfte Muschelschalen. Wie alle südamerikanischen Indianer schienen auch die Bakairis große Tierfreunde zu sein, denn um die Hütten wimmelte es von zahmen Affen, Arraras, Amazonenpapageien, Reihern, Pfefferfressern, Goldhasen und Nasenbären, den Spielgefährten der niedlichen, schwarzäugigen Kinder. Nach der ersten Begrüßung wurde eine Art dünne Mehlsuppe als Willkommenstrank in Kürbisschalen kredenzt. Gut schmeckte sie ja gerade nicht, aber um das treffliche Einvernehmen nicht zu stören, zwangen sich die beiden Europäer doch, das widerliche, fade und süßliche Getränk in größerer Menge hinunterzuschlucken. Dann ging es wieder ans Tauschgeschäft, ans Plaudern und gegenseitige Ausfragen, so gut das eben bei der geringen beiderseitigen Sprachkenntnis gehen wollte. Diese Wilden hatten offenbar noch niemals weiße Männer gesehen und waren deshalb von der kindischsten Neugier, sobald sie erst einmal ihr anfängliches Mißtrauen überwunden hatten. Sie betasteten die Körper der fremden Ankömmlinge, wollten sich überzeugen, ob sie auch an allen Stellen des Körpers weiße Haut hätten, konnten nicht genug über Doktor Mangolds verwilderten Vollbart staunen, und jeder Gegenstand, den unsere Freunde bei sich trugen, erregte ihre Verwunderung im höchsten Grade. Die tickende Taschenuhr, der das menschliche Bild wiedergebende Handspiegel, der Krimstecher und alle andern Gerätschaften des täglichen Lebens bedeuteten für sie ganz neue Entdeckungen, und so kamen sie aus dem Staunen nicht heraus. Helmut und seinem Gefährten machte es unendlichen Spaß, diesen einfachen Naturkindern allerlei kleine Kunststücke vorzuführen, und sie kamen sich vor, wie eine reisende Zirkusgesellschaft, die irgendwo in einem entlegenen Schlosse eine Sondervorstellung gibt. Wahres Entsetzen faßte die Wilden, als Zampa zur Probe einen Schuß abfeuerte. Viele von ihnen fielen vor Schreck zu Boden, und in den Gesichtern der andern malte sich ehrfürchtiges Grauen darüber, daß diese Fremdlinge über Blitz und Donner verfügten, Dinge, die doch nach ihrer Auffassung den Göttern vorbehalten waren. So sehr hatte sie der Schreck darüber gepackt, daß sie dringend baten, diese Vorstellung nicht zu wiederholen, und daß es geraume Zeit dauerte, bis die alte Zutraulichkeit einigermaßen wieder hergestellt war. Besonders drollige Szenen kamen vor, wenn die Wilden es versuchten, die eingehandelten Kleidungsstücke am eigenen Leibe zu probieren. Bald zog einer eine Hose verkehrt an, bald wollte er ein Hemd als Beinkleider benutzen, und Helmut und Doktor Mangold hatten unter allgemeiner Heiterkeit genug zu tun, ihnen den richtigen Gebrauch der Gegenstände zu zeigen; sie mußten jeden einzelnen anziehen wie eine Puppe. Sehr erpicht waren die Wilden auf blanke Knöpfe, aus denen sich die Frauen sofort Halsketten anfertigten, und ihre allergrößte Bewunderung erregte eine Nagelschere, ein Instrument, das gerade wegen seiner Einfachheit ihren besonderen Beifall fand. Als Helmut die Verwendung der Schere an seinen eigenen Fingernägeln vorfühlte, ruhte die ganze Gesellschaft nicht eher, als bis er ihnen allen die Finger- und Zehennagel geschnitten hatte, was weder ein angenehmes noch ein leichtes Stück Arbeit war. Am Abend war großes Konzert. Dazu brachten die Bakairis kolossale Holzflöten von fast Manneslänge und Schenkeldicke angeschleppt. Zum Spielen setzten sie sich nieder und stemmten die Riesenflöten auf den Boden. Die Hälfte der Musikanten steckte dabei die Enden der Flöten in mit Wasser gefüllte Kürbisschalen, was zur Erzeugung wehmütiger, eigentümlich glucksender Laute führte. Außerdem hatten die Spieler rasselnde Muschelketten um die Füße gewickelt und stampften damit den Takt zu ihren einförmigen Liedern, während andere gleichzeitig in die Hände klatschten und ein Sängerchor seine rauhen Stimmen ertönen ließ. Nach dieser guten Aufnahme wollten unsere Freunde natürlich einige Zeit hier bleiben, um das eigentümliche Völkchen sowie die Tier- und Pflanzenwelt der Umgebung näher zu studieren. Es schien sich dazu auch alles gut anzulassen, aber doch stellte sich bald ein schwerwiegendes Hindernis ein, das alle schönen Pläne zuschanden zu machen drohte. Immer und immer wieder hatten die Bakairis bei den Unterredungen unter ausdrucksvollem Gebärdenspiel wiederholt: »Bakairi ta ha ha, Trumai tu hu hu.« Und Tumayaua bekam endlich heraus, daß der zweite Satz besagen sollte, die Trumais, ein weiter stromabwärts wohnender Stamm, seien sehr schlechte Menschen, und daß die Bakairis schon seit längerer Zeit mit ihnen in offener Feindschaft lebten. Der Krieg schien für die Bakairis ungünstig genug zu verlaufen, denn wenn auch die Leute bei allen Gelegenheiten mit ihren Heldentaten prangten, so war doch unschwer zu erkennen, daß sie gewaltig aufschnitten und in Wirklichkeit bei allen bewaffneten Zusammenstößen mit den kriegsgeübteren Trumais Prügel bekommen hatten. Diese Auffassung wurde noch verstärkt, als eines Tages Flüchtlinge aus einem andern Bakairidorfe eintrafen, fast waffenlos und ohne alle Habseligkeiten, teilweise auch durch Weitschüsse verwundet. Ihren aufgeregten und verworrenen Erzählungen war unschwer zu entnehmen, daß ihr Dorf von den Trumais überfallen und zerstört worden sei, und daß ein ähnliches Schicksal auch die Ansiedlung bedrohe, in der Helmut und seine Gefährten so gastfreie Aufnahme gefunden hatten. Helmut kam jetzt auch auf den Gedanken, daß er diese gute Aufnahme wahrscheinlich dem Umstände zu verdanken habe, daß die Bakairis in ihm einen wertvollen Bundesgenossen im Kampfe gegen die Trumais zu finden hofften. Hatten sie damit vielleicht auch nicht von vornherein gerechnet, so geschah es doch jetzt, und es dauerte nicht lange, bis der Häuptling im Beratungshause erschien, um Helmut zu bewegen, mit seinen Freunden an einem Rachezuge gegen die Trumais teilzunehmen und deren jetzt von Kriegern entblößte Dörfer zu überfallen oder den mit Beute heimkehrenden Kriegern einen Hinterhalt zu stellen. Helmut war da vor eine schwierige Entscheidung gestellt und beriet sich lange mit dem Doktor und Tumayaua über die zu treffende Entschließung. Der Chiriguano war natürlich Feuer und Flamme für einen lustigen Krieg, denn ihm erschienen ja Jagd und Krieg als die einzige eines wahren Mannes würdige Beschäftigung, und er wäre am liebsten gleich an der Spitze der Bakairis aufgebrochen. Dagegen waren Helmut und Doktor Mangold der Überzeugung, daß sie sich nicht in die Streitigkeiten der Indianer mischen dürften, wenn sie nicht das Schicksal der ganzen Expedition leichtsinnig aufs Spiel setzen wollten. War man erst einmal in diese Kämpfe verwickelt, so konnte von einem ruhigen Sammeln und Forschen keine Rede mehr sein, und möglicherweise wurde ein weiteres Vorgehen zum Amazonenstrom oder die Rückkehr nach Cujaba dadurch unmöglich gemacht. Sehr zum Schmerze Tumayauas teilte daher Helmut, dessen ritterlichem Wesen ohnehin der Überfall wehrloser Dörfer oder das Niederschießen ahnungsloser Feinde aus dem Hinterhalte aufs ärgste widerstrebte, seinen Entschluß dem Bakairihäuptling mit. Als er aber dessen traurige und niedergeschlagene Miene bemerkte, fügte er doch, wie zum Troste, noch hinzu, daß er jedenfalls eine Ausplünderung des Dorfes durch die Feinde nicht dulden und unbedingt die Frauen, Kinder und Habseligkeiten der Bakairis mit Waffengewalt beschützen und verteidigen werde. Damit mußte sich denn der Häuptling zufrieden geben und unterließ nun auch den geplanten Rachezug, da er sich allein dazu doch wohl zu schwach fühlte und wahrscheinlich auch das Dorf nicht zu sehr von Verteidigern entblößen wollte. Der gefürchtete Angriff der Trumais ließ denn auch nicht lange auf sich warten, denn schon wenige Tage später meldeten die im Walde herumschleichenden Späher der Bakairis, daß der Feind von der Landseite her im Anmarsche sei. Nun wurden rasch alle Vorbereitungen zum Kampfe getroffen. Die Bakairis wollten der Weiber und Kinder wegen nicht das Dorf selbst zum Schauplätze desselben machen, sondern rückten, mit den grellen Kriegsfarben frisch bemalt und bis an die Zähne bewaffnet, dem Gegner auf den freien Platz entgegen, der sich zwischen dem Dorfe und dem Urwalde ausdehnte. Nur wenige Leute blieben zur Bewachung des Hafens und des Dorfes selbst zurück. Helmut stellte sich mit den Seinigen schußbereit am Dorfeingange auf, um im Notfalle eingreifen zu können, falls die Bakairis unterliegen sollten. Mit brennenden Augen verfolgten die beiden Freunde das für sie so neue und eigenartige Schauspiel eines Indianerkampfes, und Doktor Mangold wurde beim Anblick dessen, was er nun zu sehen bekam, lebhaft an die homerischen Schilderungen aus der Ilias erinnert, die er als Knabe mit so viel Begeisterung gelesen hatte. In geschlossener Masse stürmten die Trumais aus dem Urwalde hervor, machten dann aber plötzlich Halt, als sie der sie erwartenden Bakairis ansichtig wurden. In kaum Pfeilschußweite standen sich die beiden Heerkörper gegenüber, drohend die Waffen schwenkend und sich gegenseitig mit Schimpfworten und höhnischen Zurufen überhäufend oder mit den eigenen Heldentaten prahlend. Dieses Vorspiel dauerte eine lange Zeit, bis sich endlich einige vom Haupttrupp ablösten und sich gegenseitig zu beschießen begannen. Zischend fuhren die langen Pfeile durch die Luft, und immer dichter wurde dieser Geschoßhagel. Doch verstanden es die Wilden vorzüglich, den anschwirrenden Pfeilen durch einen mächtigen Satz im letzten Augenblicke auszuweichen, und so gab es auf beiden Seiten nur wenige leicht Verwundete. Aber die Kampfeshitze stieg. Mehr und mehr rückte man sich aus den Leib, die Pfeilschüsse wurden sicherer, und schon sank hie und da einer mit durchbohrter Brust zu Boden. Lanzen und Keulen sowie die wuchtigen Steinbeile kamen nun auch zu ihrem Recht, und unendliches Getümmel und Geschrei erfüllte den blutgetränkten Platz. Wo zwei besonders berühmte Krieger aufeinander stießen, da maßen sie sich in erbittertem Zweikampf, und wie auf Verabredung ruhte dann ringsum der Streit, genau wie einst zu Homers Zeiten vor Ilions heiligen Mauern. Mehr und mehr kamen aber die Bakairis ins Gedränge, denn die Trumais waren nicht nur zahlreicher, sondern offenbar auch geübter im Gebrauch der Waffen. Die Entscheidung schien zu nahen, als jetzt die beiderseitigen Häuptlinge aufeinander stießen. Wohl verteidigte sich der Bakairi im Kampfe um den bedrohten eigenen Herd mit aller Tapferkeit, aber einem solch hünenhaften und gewandten Gegner war er nicht gewachsen. Mühsam nur parierte er mit dem Schaft seiner zerbrochenen Lanze dessen fürchterliche Keulenschläge, bis endlich einer ihm zerschmetternd aufs Haupt fiel. Der Fall ihres Häuptlings rief panischen Schrecken in den Reihen der Bakairis hervor, und fast augenblicklich wendeten sie sich zur Flucht. In diesem Augenblicke konnte sich Tumayaua nicht länger halten. Er ergriff das von ihm sonst selten benutzte Gewehr, das ihm der alte Förster bei der Abreise geschenkt hatte, und jagte dem hünenhaften Führer der Trumais eine sichere Kugel mitten durch die Brust. Dann aber stürzte er mit gellendem Kampfruf und hocherhobenem Tomahawk mitten ins Kampfgewühl. Furchtbar räumte seine Waffe unter den Gegnern auf, aber mehr als alles andere hatte doch der Schuß gewirkt. Die Trumais standen wie versteinert. Entsetzen malte sich in ihren wilden Zügen, und dann flüchteten sie eiligst, verfolgt von den jauchzenden Bakairis, die nun ihrerseits schleunigst wieder Kehrt gemacht hatten und sich willig unter den Befehl Tumayauas stellten. Gleichzeitig erhob sich aber auch auf der Rückseite des Dorfes aus der Nähe des Bootshafens wüstes Geschrei und Getümmel. Erschrocken eilte Helmut mit Zampa und Doktor Mangold dorthin, da er einen Angriff im Rücken und mit der Zerstörung des Dorfes auch die seines eigenen Eigentums befürchten mußte. Ein überraschender Anblick bot sich ihm, als er am andern Ende der Dorfstraße die freie Aussicht auf den Strom und den Bootshafen gewann. Eine ganze Flotte großer Kanus kam über den Strom herüber, und in ihnen standen andere Indianer, die weder Bakains, noch Trumais waren. Blickten sie ohnedies schon wild und verwegen genug drein, so wurden sie noch zu teuflischer Häßlichkeit dadurch entstellt, daß sie nicht nur in den durchlöcherten und langgezogenen Ohren riesenhafte Holzscheiben trugen, die bis zu den Schultern niederhingen, sondern auch die Unterlippen durchbohrt und durch eingetriebene Hölzer in der unförmlichsten Weise verzerrt hatten. Wie große Teller standen ihnen die Unterlippen vor. Außerdem trugen alle schmale Stirnbinden aus Jaguarfell, waren aber im übrigen ebenfalls vollständig nackt. »Suyu« flüsterte eine neben Helmut stehende Bakairifrau dem mächtigen Weißen angstvoll zu, und jetzt erinnerte sich Helmut auch, daß der Stamm der Suyus noch nördlich von dem der Trumais an den Ufern des Xingu wohne. Offenbar hatten sich beide Stämme zu dem Angriffe gegen die Bakairis verbündet. Die vordersten Boote der Suyus waren schon ganz nahe, und mit sicheren Pfeilschüssen hatten diese wilden Krieger die wenigen Bakairiwachen am Hafen niedergestreckt oder in die Flucht gejagt. Schon lief das erste Kanu der Suyus knirschend am Ufersande auf. Da durfte auch Helmut nicht länger zögern, wenn er nicht in das Unglück seiner Gastfreunde mit verwickelt werden wollte. Die allenthalben durch die Dorfstraße zischenden Pfeile der Suyus trafen bereits Weiber und Kinder, die klagend und jammernd zwischen den Hütten herumirrten oder sich angstvoll in diese verkrochen, um ergeben ihr trauriges Schicksal zu erwarten. Doktor Mangold und Zampa waren rasch verständigt, und dann eilten alle drei durch den Pfeilhagel hindurch nach der letzten Hütte vor dem Hafen und nahmen hier schußfertig Stellung. Einen Augenblick stutzten die Suyus bei dem Anblick der neuen und so fremdartig anmutenden Gegner, aber gleich hatten sie sich wieder gefaßt, stießen ein betäubendes Gebrüll aus und entsandten einen neuen Pfeilschauer. Jetzt war auch Helmuts Geduld zu Ende. Mit ruhiger Stimme kommandierte er Einzelfeuer, und rasch hintereinander krachten die sechs Schüsse aus den drei Doppelgewehren, und bei der geringen Entfernung forderte jeder ein Todesopfer. Die Wirkung war fürchterlich und unbeschreiblich. Von panischem Entsetzen ergriffen, sprangen die Suyus wie Frösche aus ihren Booten ins Wasser und schwammen quer über den Strom hinüber nach dem andern Ufer, wo sie wenige Augenblicke später spurlos im Urwalde verschwunden waren. Ihre sämtlichen Waffen und Gerätschaften hatten sie in den Kanus liegen lassen, und Zampa brachte nun mit Hilfe einiger herbeigeeilten Bakairis grinsend die Beute ans Land. Auch das Antlitz des Doktors strahlte vor Freude über die großartige und reichhaltige ethnographische Sammlung, die ihm hier so unvermutet in die Hände fiel. Da waren schöne, stark gearbeitete Bogen und eine Unmasse von Pfeilen, die mit scharfen Spitzen aus Bambusrohr versehen waren; doch waren diese Spitzen nur lose mit Harz am Pfeilschaft befestigt, mußten also bei einem Treffer im Körper stecken bleiben und abbrechen. Auch flache Keulen fanden sich und allerlei Kopfputz aus bunten Federn sowie zierliche Töpfe mit eingezacktem Rand und rote Baumwollenschnüre. Es war das die letzte Episode dieses ereignisreichen Tages; auf das wilde Kampfgetümmel folgte fast unvermittelt tiefste Ruhe, und nur die Stimmen der Natur tönten vom nahen Urwalde herüber zu dem vorher so friedlichen Dorfe, das jetzt der Schauplatz so grausiger Szenen gewesen war. Aber nicht lange hielt die Ruhe an. Sobald die Bakairis sich erst von der Größe und Vollständigkeit ihres Erfolges dem gefürchteten Gegner gegenüber überzeugt hatten, gaben sie sich den Ausdrücken der wildesten und ausgelassensten Freude hin. Man lachte und sang, sprang und tanzte, musizierte und trank, trank bis zur Bewußtlosigkeit. Nur die Frauen der gefallenen Krieger saßen neben den Toten, deren Haupt in ihrem Schoß gebettet, und stießen schauerliche Klagetöne aus, die klangen wie das Winseln eines verwundeten Tieres. Sonst aber kümmerte sich vorläufig niemand sonderlich um die Erschlagenen, die mit ihrem Blute den heimischen Herd verteidigt hatten. Die Weißen galten allgemein als die Retter des Dorfes und wurden als die Helden des Tages gefeiert. Natürlich sollten sie an dem Siegesgelage teilnehmen, aber Helmut und Doktor Mangold waren doch nach all den Aufregungen zu ernst gestimmt, als daß sie Lust verspürt hätten, sich an der wilden Orgie zu beteiligen. Es war doch ein eigentümliches Gefühl, die todbringende Flinte auf einen Menschen anzulegen, sei es auch nur ein armer, nackter Wilder. Nachdem die ruhige Überlegung wiedergekehrt war, mußten sie sich sagen, daß sie nun doch in die kriegerischen Auseinandersetzungen der Indianerstämme wider Willen mit verwickelt worden seien, und daß dies die übelsten Folgen für das Schicksal ihrer Expedition haben könne. So verherrlichten nur Tumayaua und Zampa, die sich offenbar wenig Skrupel über die getöteten Indianer machten, das Siegesfest mit ihrer Gegenwart, während Helmut und Doktor Mangold, taub gegen alle Bitten der Bakairis, sich bald in ihr Zelt zurückzogen, nachdem sie vorher noch einen Rundgang über das Schlachtfeld gemacht und sich nochmals alle Phasen des erbitterten Kampfes vergegenwärtigt hatten. Der Schlaf wollte aber auch für sie lange nicht kommen, denn der gröhlende Gesang der siegestrunkenen Bakairis erfüllte die Luft, und dazu lastete die schwere Sorge um die Zukunft auf den Herzen der beiden Freunde. Lange beratschlagten sie, was nun wohl am besten zu tun sei. Schließlich kamen sie zu der Überzeugung, daß es am zweckmäßigsten sei, das Gebiet der Bakairis so bald als möglich zu verlassen und weiter nach Norden vorzudringen, also dem alten Plane treu zu bleiben. Freilich mußte man dabei das Gebiet der feindlichen Trumais und Suyus durchziehen, aber es war wohl anzunehmen, daß diese Stämme durch ihre schwere Niederlage derart eingeschüchtert seien, daß sie keinen Angriff wagen würden, wenn man ihnen nicht Zeit gab, sich von dem durch die Feuerwaffen bei ihnen verbreiteten Schrecken zu erholen. Am nächsten Tage war Begräbnis. Nachdem die Bakairis ihren Rausch ausgeschlafen hatten, versammelten sie sich mit ernsten Mienen und stimmten ihre Klagelieder an, die langgezogen und schauerlich durch die Wildnis ertönten. Für jeden Toten des eigenen Stammes wurde eine tiefe, aber wenig umfangreiche Grube ausgegraben und der gefallene Krieger darin in hockender Stellung beigesetzt. Eine Kalebasse mit Mehlbier, Pfeil und Bogen, Schmuckfedern und Beiyus bekam jeder mit, damit es ihm im Reiche der Geister an nichts fehlen möge. Die getöteten Feinde wollte man zum Fraß für die Raubtiere liegen lassen, und in der Tat hatten sich schon die widerwärtigen schwarzen Geier, die Urubus, über die entfernter liegenden Leichname hergemacht, ihnen mit kräftigen Schnabelhieben die Bauchdecke geöffnet und die Eingeweide hervorgezerrt. Es bedurfte des tatkräftigsten Einschreitens der Weißen, um auch für diese Toten wenigstens ein oberflächliches Begräbnis zu erzwingen, das ohne Sang und Klang vor sich ging. Zu seiner Freude konnte Helmut wenigstens keine Spur von kannibalischen Gelüsten bei seinen rothäutigen Verbündeten entdecken, während er früher immer gehört und gelesen hatte, daß diese Stämme die erschlagenen Feinde verzehren, weniger vielleicht des Fleischgenusses halber, als weil sie der abergläubischen Vorstellung huldigen, daß sie auf diese Weise die Kraft und den Mut des getöteten Feindes sich selbst einverleiben. Nachdem auf diese Weise die Walstatt gereinigt und auch im Dorfe einigermaßen Ordnung gemacht worden war, begaben sich die männlichen Bakairis zu einer anscheinend wichtigen Beratung an ihr Lagerfeuer, während die Frauen sich in die Hütten zurückzogen und auch die Weißen das Gleiche taten, nachdem ihnen Tumayaua mitgeteilt hatte, daß es sich wohl um die Wahl des neuen Häuptlings handle, wobei sie natürlich nicht durch ihre Anwesenheit stören wollten. Lange beratschlagten die Bakairis, und man hörte oft die erregten Stimmen der einzelnen Redner herüberschallen. Endlich schienen sie fertig zu sein, und gleich darauf erschien eine Deputation, gebildet aus den ältesten und angesehensten Kriegern, vor dem Zelte Helmuts. Dieser war nicht wenig überrascht über das, was sie ihm mitteilten. So gut es nämlich bei den beiderseits mangelnden Sprachkenntnissen möglich war, suchten sie ihm deutlich zu machen, daß sie ihn zum Häuptlinge der mächtigen und tapferen Bakairis haben wollten, da sie vor seinen Waffen und vor seiner Tapferkeit die höchste Achtung hätten. Sie würden ihm im Krieg und Frieden unbedingt Gehorsam leisten, würden ihm eine große Hütte bauen, ihm ein Weib geben und ihn reichlich mit Fisch, Wildbret und Früchten versorgen, so daß er an nichts Mangel zu leiden brauche und als Häuptling der Bakairis herrlich und in Freuden leben könne. Das war eine schöne Bescherung! Fast hätte Helmut laut aufgelacht bei dem Gedanken, daß aus dem hochstrebenden brasilianischen Marinekadetten, dem Günstling des berühmten Admiral Mello, nun in wenigen Monaten ein Häuptling wilder und nackter Indianer geworden sein sollte. Aber das Lachen verging ihm doch, als er in die ernsten Gesichter dieser rothäutigen Menschen sah, die mit gespannter Erwartung, mit inniger Bitte und mit so kindlichem Vertrauen an seinem Munde hingen. So gut als möglich versuchte er ihnen klar zu machen, daß das doch nicht gut gehe, daß er wieder zu seinen Landsleuten zurückkehren müsse, wo alte Eltern und liebende Geschwister sehnsüchtig seiner Heimkunft harrten. Als er dann sah, welche Traurigkeit und Niedergeschlagenheit seine Absage bei diesen einfachen Naturkindern hervorrief, taten sie ihm doch leid, und er empfahl ihnen, an seiner Stelle doch lieber Tumayaua zum Häuptling zu machen, der ein noch größerer Krieger sei und eine rote Haut habe. Aber Tumayaua selbst vereitelte sofort diesen wohlgemeinten Plan, indem er fest erklärte, die Weißen nicht verlassen zu wollen, solange die Expedition nicht zu Ende geführt und Helmuts Schicksal in günstigem Sinne erledigt sei. Alles, was man von ihm erreichen konnte, war, daß er, da er ja keinen eigenen Stamm mehr hatte, schließlich versprach, später vielleicht zu den Bakairis zurückzukehren und sich bei ihnen niederzulassen. Damit mußte sich die Deputation zufrieden geben und trat mit enttäuschten Gesichtern den Rückweg zum Lagerfeuer an, wo nun einer der älteren Krieger, der sich beim gestrigen Kampfe besonders ausgezeichnet hatte, zum einstweiligen Häuptling gewählt wurde und sich als solcher gleich darauf im Zelte Helmuts vorstellte, bereits mit den Harpyenfedern geschmückt, die die Häuptlingswürde bedeuten. Achtes Kapitel. Ein Kampf in den Stromschnellen. Unsere Freunde sahen aber nun erst recht ein, daß ihres Bleibens unter den Bakairis nicht mehr lange sein könne, denn deren Enttäuschung über Helmuts Absage machte sich doch auch in einem veränderten und weniger freundlichen Wesen kund. Diese einfachen Naturkinder waren eben nicht imstande, sich zu verstellen. Jetzt, nachdem der Angriff der Trumais und Suyus glücklich abgewiesen und auf eine dauernde Ansiedlung der weißen Verbündeten doch nicht zu rechnen war, wollten sie diese offenbar so bald als möglich wieder los sein. Erst als Helmut an einem der folgenden Tage seine Abreise für den nächsten Morgen ankündigte, wurden sie wieder freundlicher und beeiferten sich, nun zum Abschiede noch Gastgeschenke aller Art herbeizubringen. Neben Lebensmitteln bestanden diese vor allem aus lebenden Tieren der verschiedensten Art, da die Indianer recht wohl bemerkt hatten, welche Freude die Weißen an solchen Geschöpfen hatten. Da war außer einigen fuchsroten Brüllaffen auch ein großer Spinnenaffe, ein seltenes Tier mit übermäßig schlankem Gliederbau, das die unglaublichsten Turnerstücke vollführte und seinen langen Wickelschwanz immer wie ein Fragezeichen aufgerollt trug. Es schien sich übrigens nur ungern von den Indianern zu trennen und begrüßte seine neuen Herren mit grimmigem Zähnefletschen und wütenden Meckertönen. Auch ein niedlicher, dickpelziger Nachtaffe war dabei mit unheimlich großen Gespensteraugen, die in der Nacht wie Azetylenlaternen leuchteten. Unter dem gefiederten Volk, das man herbeischleppte, waren außer bunten kleinen Papageien auch die stattlichen Fächerpapageien, die eine ganze Menge Worte und Sätze sprachen, leider alles in der Indianersprache. Prachtvolle große Araras, blau und gelb und purpurrot gefärbt, fehlten auch nicht, und ganz zuletzt kam auch noch ein Nasenbär, der seine Rüsselschnauze neugierig in alles steckte und eine verblüffende Meisterschaft im Stehlen bekundete. So wurde eine recht bunte, vierfüßige und gefiederte Gesellschaft auf die Boote verladen, die dadurch ein höchst malerisches Aussehen erhielten. Der neue Häuptling der Bakairis erbot sich zu guterletzt noch, die Weißen mit einigen Kanus durch das Gebiet der Trumais zu begleiten, denn es gebe unterwegs noch einige große Wasserfälle, über die die unerfahrenen Fremden mit ihren zerbrechlichen Booten allein gar nicht hinwegkommen würden. Dies erschien nicht unwahrscheinlich, und Helmut nahm deshalb das Anerbieten seiner rothäutigen Gastfreunde mit Dank an, obwohl er sie stark im Verdacht hatte, daß sie in der Hauptsache diese Gelegenheit nur zu einem ausgiebigen Rachezuge gegen die Trumais benutzen und sich dazu der überlegenen Feuerwaffen der Weißen versichern wollten. Er nahm sich aber fest vor, sich ohne zwingende Notwendigkeit nicht mehr in die Kämpfe der Indianer zu mischen, denn noch immer standen vor seinem geistigen Auge die prachtvollen, bronzefarbenen Gestalten der Suyus mit den großen Lippenscheiben, die in ihrer unbeschützten Nacktheit so tapfer gegen die europäischen Flinten angestürmt waren, und die man dann in der Notwehr kaltblütig hatte niederschießen müssen wie Hasen. Und es waren doch auch Menschen! Endlich konnte also die Flottille den kleinen Hafen des Dorfes verlassen und stromabwärts steuern. Sie sah abenteuerlich genug aus. Im vordersten Boote der Bakairihäuptling mit seinen wilden, buntbemalten Kriegern, dann unsere Freunde in ihren Kanus, die als Ruderer und Steuerleute auch noch einige Bakairis an Bord genommen hatten, und auf denen sich all die Affen und Vögel tummelten, dahinter noch einige Boote bewaffneter und nach Möglichkeit herausgeputzter Krieger. Anfangs ging die Reise gut von statten, und die Landschaft mit dem majestätischen, mehrere hundert Meter breiten Strome und den üppig bewaldeten Ufern bot im Schein der Tropensonne einen entzückenden Anblick. Aber schon am zweiten Tage verengte sich der Strom wieder, wild und wirr durcheinander gewürfelte Felsmassen erfüllten den größten Teil seines Bettes und versperrten die Fahrstraße, und die leidigen Wasserfälle begannen von neuem. Sie waren zwar nicht so übermäßig hoch und steil, aber dafür sehr ausgedehnt und wegen der vielen Felsen außerordentlich gefährlich. Schon fürchtete Helmut, man werde jedesmal wieder umladen müssen, aber die Bakairis machten kurzen Prozeß. Kühn entschlossen lenkte der Häuptling sein Boot mitten hinein in die schäumenden und wirbelnden Wassermassen; einen Augenblick schien es zu versinken in dem stäubenden Gischt, aber gleich darauf tanzte es wieder oben wie eine Nußschale und schoß mit rasender Schnelligkeit davon, zwischen den Felsmauern durch und war im Nu den Augen der Nachschauenden verschwunden. Helmuts Boot folgte. Einen Augenblick sah man nichts als sprühenden Wassergischt und dräuende Felsmassen. Unwillkürlich schlug das Herz schneller, die Affen kreischten angstvoll auf und zerrten entsetzt an ihren Ketten, die Papageien schlugen erregt mit den Flügeln und vollführten einen ohrenbetäubenden Lärm, aber ehe man sich's versah, war man hindurch, und nur noch aus der Ferne dröhnte der grollende Donner der Brandung herüber. So folgte Boot auf Boot, und so ging es bei jedem Wasserfall von neuem. Im allgemeinen lief alles glücklich ab, wenn auch hie und da mal ein Boot auf den Felsen aufstieß und sich beschädigte, so daß nachher stundenlange Flick- und Dichtungsarbeiten notwendig waren. Am schlechtesten kam Doktor Mangold weg, dessen Kanu einmal völlig umschlug, so daß manches von der Ladung verloren ging, das übrige herausgefischt und mühsam an der Sonne getrocknet werden mußte. Das unangenehmste für ihn war aber das unfreiwillige kalte Bad, das er bei dieser Gelegenheit nehmen mußte, denn er litt noch immer stark am Fieber, und sein Zustand verschlimmerte sich von da ab ersichtlich. Von den Trumais war während dieser ganzen Reise durch ihr Gebiet nichts zu sehen und zu hören. Offenbar hatten sie sich in unzugängliche Schlupfwinkel im Inneren der Urwälder zurückgezogen. Wenn man zum Übernachten an Land ging und dann gegen Abend oder in der Morgenfrühe landeinwärts umherschweifte, fand man wohl öfters Lagerstätten oder Hütten, aber auch diese waren stets menschenleer und wiesen noch allerlei Merkmale auf, mit wie überstürzter Hast sie geräumt worden waren. Nur einmal gelang es, einige Frauen und Kinder, die sich offenbar verspätet hatten, in einer solchen Hütte zu überraschen. Die Bakairis wollten sich gleich mit geschwungenen Waffen auf die willkommene und wehrlose Beute stürzen, aber Helmut und Doktor Mangold warfen sich rechtzeitig noch zwischen die Wilden und ihre Opfer. Es kam zu einer sehr erregten Auseinandersetzung. Die wilden Bakairis konnten von ihrem Standpunkte aus ja nicht verstehen, daß Weiber und Kinder nach europäischen Begriffen auch im Kriege Schonung genießen, und grollten deshalb ihren bisherigen Freunden nicht wenig, aber Helmut blieb diesmal fest, und seine schußbereite Flinte flößte doch so viel Achtung ein, daß die Bakairis sich schließlich unter lauten Äußerungen des Unwillens entfernten. Sie schienen Helmuts Verhalten als eine Art Verrat an der gemeinsamen Sache aufzufassen. Die armen rothäutigen Frauen und Kinder zitterten währenddessen vor Angst wie Espenlaub, und nach Entfernung der Bakairis erwarteten sie wohl nichts anderes als einen grausamen Tod durch die Hand der Weißen oder zum mindesten lebenslängliche Sklaverei. Es dauerte lange genug, bis Helmut den verschüchterten Geschöpfen begreiflich machen konnte, daß man ihnen nichts zu leide tun wolle. Erst als er einige kleine Geschenke an sie verteilt hatte, fingen sie an zu begreifen. Die Äußerungen ihres Dankes für solch ungewohnte Großmut kannten keine Grenzen. Als dann die Weißen mit ihren Begleitern zum Lagerplatze zurückkehrten, fanden sie diesen verlassen. Ihr Eigentum freilich stand unberührt da, aber sämtliche Bakairis mit ihren Kanus und Lebensmitteln waren abgefahren, und so hatte man sich von den bisherigen Freunden in Unfrieden getrennt, weil man der Stimme der Menschlichkeit mehr Gehör als der der Rachsucht geschenkt hatte. Die Lage erschien bedenklich genug, denn man befand sich noch immer inmitten des Gebietes der feindlichen Trumais. Aber Helmut bereute seine Handlungsweise trotzdem nicht. Er hoffte auch, daß die durch sein Eintreten verschont gebliebenen Frauen seine Handlungsweise ihren Stammesgenossen melden, und daß diese sich dann vielleicht zum Danke dafür eines Angriffes enthalten würden. Und diese Berechnung sollte sich als ganz richtig erweisen. Auch das Herz des Wilden ist für Großmut empfänglich und nicht verhärtet gegen die Gefühle der Dankbarkeit. Kein Trumai ließ sich mehr sehen, obwohl sie offenbar die Weiterreise der beiden einsamen Kanus aufmerksam verfolgten, denn oft hörte man in den Wäldern ihre Signalrufe. Verzehnfacht hatten sich aber seit dem Verschwinden der Bakairis die Schwierigkeiten der Reise. Allein konnte man die Wasserfälle nicht durchfahren, und so mußte man jedesmal wieder ausladen und Kanus und Ladung mühsam eine Strecke weit zu Lande befördern. Von Tag zu Tag steigerten sich noch diese Mühseligkeiten und nahmen die Kräfte aller bis aufs äußerste in Anspruch, zumal auch nachts der Sicherheit wegen immer zwei Wache halten mußten. Namentlich Doktor Mangold, den das Fieber nicht mehr losließ, schien völlig erschöpft zu sein; er wurde von Tag zu Tag wortstiller und hatte seinen goldenen Berliner Humor nachgerade fast völlig verloren. Schließlich wurde der Fluß zwar wieder breiter und die Stromschnellen hörten auf, aber gleichzeitig war man auch aus dem Gebiete der Trumais in das der Suyus übergetreten, und damit erschien doppelte Aufmerksamkeit gegen feindliche Menschen nötig. Auch der Fluß selbst bot immer neue Schwierigkeiten, sei es, daß sandige Untiefen zu vermeiden waren, sei es, daß mächtige, breite Baumstämme die Boote in Gefahr brachten. Der größeren Sicherheit halber vermied man nach Möglichkeit jede Landung am Ufer und verbrachte die Nächte auf kahlen Sandinseln. Das hatte freilich den Nachteil, daß die Beschaffung von Lebensmitteln immer schwieriger wurde und sich fast nur noch auf das Angeln von Fischen beschränkte. Der ewige Genuß von Fischfleisch erzeugte aber bei dem Mangel an Salz, an dessen Stelle man als Notbehelf schon das wertvolle Pulver verwenden mußte, einen immer steigenden Widerwillen gegen diese an sich so bekömmliche Kost, und darunter, wie an der unzureichenden Ernährung überhaupt, litt mehr und mehr der Gesundheitszustand aller Teilnehmer, zumal die Konserven bei der ewigen Berührung mit der Feuchtigkeit in den elenden Booten mehr und mehr verdarben und kaum noch zu genießen waren. Selbst der derbe Zampa ließ den Kopf hängen, und nur Tumayauas eiserne Natur schien all dieser Anstrengungen und Entbehrungen zu spotten. So war man auch wieder einmal auf einer Sandinsel mitten im Strome gelandet, hatte das mehr als einfache Abendbrot verzehrt, und Doktor Mangold und Zampa waren alsbald, von den Strapazen des Tages erschöpft, in tiefen und bleiernen Schlaf verfallen, während Helmut und Tumayaua für diese Nacht die Wache übernommen hatten. Es war eine herrliche Tropennacht. Silbern stand die Mondsichel am wolkenlosen Himmel und übergoß mit bleichem, glitzerndem Lichte die murmelnden Wellen des breiten Stromes, aus denen hie und da ein silberglänzender Fisch auf der Flucht vor den Alligatoren an die laue Luft emporsprang. Wie eine dunkle Mauer zog sich an beiden Ufern die dichte Wand des Urwaldes hin, während im Strome Baumleichen und abgerissene Sträucher oder Pflanzenbüsche einhertrieben und in der ungewissen Beleuchtung die abenteuerlichsten Formen annahmen. Totenstill war es allenthalben; man hörte nur das Glucksen der Wellen, ab und zu aus weiter Ferne das gedämpfte Geheul der Brüllaffen oder den Katzenschrei des Jaguars, über dem Flusse selbst bisweilen die gellenden Rufe der Nachtschwalben oder den heiseren Schrei eines Wasservogels, den das bleiche Mondlicht nicht schlafen ließ. Helmuts Gedanken waren unwillkürlich zu seinen Lieben in der Ferne geeilt, und nur mühsam kämpfte sein ermatteter Körper gegen den Schlaf an, der ihn zu übermannen drohte. Plötzlich schreckte er auf, als Tumayauas Hand sich schwer auf seine Schulter legte. Stumm wies der Indianer nach einem der im Strome treibenden Pflanzenbüsche. Angestrengt sah Helmut hin, vermochte aber nichts Verdächtiges zu sehen. Tumayaua lächelte nur, erhob dann die Flinte und gab Feuer, daß der Schuß donnernd die Stille der Nacht zerriß. Ein gellender Schrei antwortete und hinter dem Pflanzenbüschel kam der Kopf eines tödlich getroffenen Suyu zum Vorschein, der noch einmal drohend mit der Hand winkte und dann in den gurgelnden, sich rötlich färbenden Wellen versank. Gleich darauf erscholl ringsum ein hundertstimmiges Wutgeheul. Auf verschiedenen treibenden Baumstämmen saßen plötzlich rittlings nackte Suyukrieger und schossen ihre Pfeile nach der Insel ab. Am Ufer stießen gleichzeitig einige große mit Kriegern gefüllte Kanus ab und strebten dem Lagerplatz der Weißen zu. Hier waren auch Doktor Mangold und Zampa beim Schusse Tumayauas erschrocken aus ihrem Schlummer aufgefahren und hatten zu den Waffen gegriffen. Schuß auf Schuß krachte nun, aber das Zielen in der unsicheren Beleuchtung war schwer. Nur Tumayauas Falkenauge vermochte das Halbdunkel zu durchdringen, und seine Büchse verfehlte deshalb selten ihr Ziel. Immerhin war die Angst der Suyus vor den unheimlichen Feuerwaffen doch zu groß, als daß sie sich näher herangetraut hätten, und ihre Pfeile blieben bei der großen Entfernung ohne sonderliche Wirkung. Nur einer der zahmen Affen und ein Papagei büßten bei dem Überfalle ihr Leben ein. Bald nachdem die Suyus bemerkt hatten, daß die Überraschung mißlungen war, zogen sie sich wieder auf die Stromufer zurück, wo sie im Dunkel des Waldes unkenntlich blieben, so daß auch unsere Freunde ihr Feuer einstellen mußten. So verging der Rest der Nacht ruhig, wenn auch unter beständiger Aufregung. An den Zurufen der Wilden hörte man, daß sie gute Wacht hielten. Bleiben konnte man auf der Sandinsel natürlich nicht, und so mußte denn die Reise am nächsten Morgen wohl oder übel fortgesetzt werden, obschon man darauf gefaßt sein mußte, sich den Durchbruch mit Gewalt zu erzwingen. Glücklicherweise war der Strom anfangs so breit, daß die Pfeile der Suyus kaum vom Ufer bis in die Flußmitte reichten und auch unsere Freunde sparten ihre wertvolle Munition, da die Ziele zu unsicher waren. Gegen Mittag verengte sich aber der Fluß wieder, und donnerndes Brausen kündigte unsern Freunden zu ihrem Entsetzen an, daß sie sich wieder einer der gefürchteten Stromschnellen näherten. An ein Anslandgehen war nicht zu denken, denn sie würden hier trotz ihrer Feuerwaffen von der Übermacht der Indianer unzweifelhaft bald erdrückt worden sein. So mußte man sich schweren Herzens entschließen, die Überwindung der Stromschnellen in den Booten selbst zu versuchen. Die Suyus, die das Gelände natürlich kannten, hatten gerade auf das Vorhandensein dieser Stromschnelle ihren Plan gebaut und beide hier bedeutend näher herantretende Ufer dicht mit Bogenschützen besetzt. Ein Pfeilregen prasselte auf die Kanus nieder, als sie einen Augenblick zögernd stillhielten. Da gab es nur noch einen Ausweg. Mutig lenkte Helmut sein Boot als erstes in den Wasserstrudel hinein, und ehe er sich's recht versah, war er auch schon über die gefährliche Zone hinaus in ruhigerem Fahrwasser, während die Wilden ein betäubendes Wutgeschrei erhoben. Entschlossen folgten nun auch Doktor Mangold und Zampa in dem zweiten Kanu. Helmut konnte von seinem Standpunkte aus gut sehen, wie es hoch oben auf dem schäumenden Wellengischt erschien, auf und nieder tanzte und dann mit rasender Geschwindigkeit durch den Felsenpaß hinabschoß. Schon schien es ebenfalls außer Gefahr, als es plötzlich im letzten Augenblick an ein Riff stieß und unter dem Triumphgeheul der Wilden umkippte. Zwar kletterten Doktor Mangold und Zampa gleich darauf wassertriefend auf die Felsblöcke, während die ganze Bootsladung samt Affen und Papageien in dem wilden Strudel davontrieb, aber die Wilden eröffneten nun auch ein wohlgezieltes Pfeilschießen auf die beiden Unglücklichen, die nicht sofort erwidern konnten, da ihre Büchsen in Unordnung geraten waren. Mit Entsetzen sah Helmut, wie sowohl Doktor Mangold als auch Zampa von Pfeilschüssen getroffen wurden und zusammenbrachen. Da gab es für ihn kein Halten mehr. Ein einziger Blick genügte, um Tumayaua zu verständigen. Rasch ließen sie ihr Boot auf einem Inselchen auflaufen, befestigten es so gut als möglich und eilten dann über die Felsklippen in dem seichten Wasser den bedrängten Freunden zur Hilfe. Schon aber waren von beiden Seiten aus auch eine Anzahl Suyus ins Wasser gewatet, um ihren Opfern den Garaus zu machen. Auch über Helmuts und Tumayauas Köpfe zischten nun die langen Pfeile, aber ihre wohlgezielten Flintenschüsse trieben die Feinde doch immer wieder zurück. Noch zu rechter Zeit kamen sie an der Stätte der Katastrophe an, aber auch einzelne Suyus waren schon so nahe, daß man die häßlichen, großen Holzscheiben in ihren verzerrten Unterlippen erkennen konnte. Eine Wurfkeule sauste haarscharf an Helmuts Kopf vorbei, aber schon hatte er, ohne erst wieder die abgeschossene Flinte zu laden, seinen Revolver aus dem Gürtel gerissen und schoß damit die vordersten Angreifer über den Haufen. Erschrocken wichen die Rothäute zurück. Diese kleine Handwaffe, die so viele Schüsse hintereinander abgab, schien ihnen fast noch mehr Entsetzen einzujagen als die langen Flinten. Jetzt war Helmut neben seinem verwundeten Freund angekommen, lud rasch den Revolver von neuem und nahm dann mit Aufbietung aller Kräfte den Gefährten in den Arm, um ihn zwischen dem Pfeilhagel der Wilden hindurch nach dem unversehrt gebliebenen Boote zu schleppen. Tumayaua, der sich die ihm zunächst stehenden Gegner auch vom Leibe zu halten gewußt hatte, verfuhr ebenso mit Zampa, und so setzte sich der kleine, traurige Zug in Bewegung zu dem abenteuerlichen Wege über die vom Wasser überspülten Klippen. Alle Augenblicke mußte Helmut Halt machen, da ihn seine Kräfte zu verlassen drohten. Tumayauas Riesenkraft wurde rascher mit der ihm gestellten Aufgabe fertig. Fast ohne Anhalt legte er die Zwischenstrecke zurück, nur ab und zu eine Kugel versendend. Es war aber auch höchste Zeit, daß er bei dem Boote ankam, denn bereits war ein Dutzend Indianer auf dieses zugeeilt, um sich damit des letzten Hilfsmittels der Weißen und ihrer darin verborgenen Schätze zu bemächtigen. Tumayaua stieß einen Wutschrei aus, ließ den armen, zappelnden Zampa rücksichtslos zwischen die harten Steine fallen und sprang mit gewaltigen Sätzen auf das Boot zu, dessen Bug soeben die Hand des vordersten Wilden berührte. Knirschend vergrub sich Tumayauas Tomahawk in dem Schädel des Suyu, und so kräftig hieb der Häuptling um sich, daß die Wilden trotz ihrer Überzahl Reißaus nahmen, zumal nun auch Helmut die gefährliche Lage erkannt, seine lebende Last an einen Felsblock gelehnt und selbst wieder zur Büchse gegriffen hatte, mit der er zwei der verwegensten Gegner wegputzte. Heulend wichen die Suyus auf allen Punkten zurück, und gleich darauf waren die vier Reisenden wieder bei dem ihnen noch verbliebenen Boote vereint. Erst jetzt konnte man den ganzen Umfang des Unglücks ermessen. Das eine Boot war endgültig verloren und mit ihm fast alle Lebensmittel sowie manches Stück von den Sammlungen und Tauschgegenständen. Doktor Mangold und Zampa hatten jeder mehrere Pfeilschüsse erhalten, von denen zwar bei der immerhin beträchtlichen Entfernung keiner unbedingt tödlich war, die aber doch tiefe und äußerst schmerzhafte Fleischwunden verursacht und einen großen, stark ermattenden Blutverlust herbeigeführt hatten. Namentlich Doktor Mangold lag lange in tiefer Ohnmacht, ehe er endlich das Bewußtsein wiedererlangte. Auch die Gewehre beider waren verloren gegangen, da Tumayaua und Helmut sie nicht auch noch hatten mitschleppen können, und dadurch erschien die Widerstandsfähigkeit der Expedition um die Hälfte vermindert. Unter keinen Umständen konnte man aber länger an diesem Unglücksorte verweilen, wo man jeden Augenblick einem neuen Angriff der Suyus ausgesetzt war, sondern es blieb nur übrig, so rasch als möglich weiterzufahren. Soviel man sehen konnte, wurde ja der Fluß stromabwärts wieder breiter, bot also in seiner Mitte eine gewisse Sicherheit vor den Pfeilen der Suyus. Wahrend Helmut mit seiner Flinte die wie besessen am Ufer herumtanzenden Wilden in Schach hielt, machte Tumayaua alles zur Fahrt fertig. Doktor Mangold und Zampa wurden im Boote zwischen die Ladung gebettet, der Chiriguano übernahm das Ruder, Helmut das Steuer, und so konnte es losgehen. Um sich möglichst rasch dem Machtbereich der Suyus zu entziehen, wurde beschlossen, auch während der ganzen Nacht zu fahren, obwohl in der Finsternis die vielen im Strome treibenden Baumstämme und die zahlreichen Klippen und Untiefen eine große Gefahr bedeuteten. Aber das Wagnis glückte, denn Tumayauas scharfes Auge erkannte rechtzeitig jedes Hindernis, und mit bewundernswerter Geschicklichkeit wußte er es zu vermeiden. Solange es hell war, schwirrte wohl noch mancher matte Suyupfeil vom Ufer herüber, aber die Nacht selbst verging ohne Belästigung, und bei Sonnenaufgang war weit und breit nichts mehr von den wilden Feinden zu sehen oder zu hören. Offenbar hatten sie doch zu schwere Verluste erlitten oder waren auch mit dem Ausfischen der für sie so kostbaren Gegenstände aus dem verunglückten Kanu beschäftigt. Neuntes Kapitel. In den Wildnissen des Xingu. Den nächsten Tag über war überhaupt keine Spur von Menschen wahrzunehmen, und so blieb es auch in der ganzen darauf folgenden Zeit. Helmut, der nach der Erkrankung seines Freundes mehr und mehr die alleinige Führung der Expedition übernommen hatte, wurde sich bald darüber klar, daß er nunmehr in ein völlig unbewohntes und menschenleeres Gebiet geraten war. Fast war es zu viel der Verantwortlichkeit für den jungen Mann, denn die Schwierigkeiten der Reise vermehrten sich von Tag zu Tag, und in demselben Maße verminderten sich die noch vorhandenen Hilfsmittel. Zunächst hatte Helmut nur an Tumayaua noch eine brauchbare Stütze. Zwar hatte auch der tapfere Chiriguano bei dem Kampfe mit den Suyus einen Pfeilschuß durch den linken Oberarm erhalten, aber ihn schien das wenig anzufechten. Sein stählerner Körper blieb immer gleich aufrecht und elastisch. Schwerer erholte sich Zampa, und es dauerte eine gute Woche, ehe er wieder beim Rudern mithelfen konnte, aber dann machte seine Genesung und Kräftigung rasche Fortschritte, vielleicht hauptsächlich infolge der heilsamen Kräuter, die Tumayaua im Walde sammelte und auf die Wunden legte. Die größte Sorge aber machte allen der arme Doktor. Vielleicht wären auch seine an sich ja nicht übermäßig schweren Verletzungen bald geheilt, wenn sein Körper noch mehr Widerstandsfähigkeit besessen hätte. So aber war er schon zu sehr durch das zehrende Fieber geschwächt, und dazu kam der Kummer, die seelische Niedergedrücktheit wegen der so mühsam erworbenen und nun zum Teil so kläglich in den Fluten des Xingu verloren gegangenen Sammlung. Nur in schwachem Maße blieb der sonst so lustige Berliner noch für die wohlgemeinten Tröstungen des Freundes zugänglich, und mehr und mehr siechte er dahin. Meist lag er apathisch im Boote und sah träumerisch zu dem blauen Tropenhimmel empor, alle Ansprachen oft nur mit einem matten und gezwungenen Lächeln beantwortend. Helmuts Herz wollte schier brechen bei diesem todestraurigen Anblick. Für Ruder- oder sonstige Arbeit kam der Doktor jetzt natürlich überhaupt nicht in Betracht, mußte im Gegenteil oft selbst von den andern getragen werden, wenn es bei einer der häufigen Stromschnellen mal wieder nötig war, alles auf dem Landwege weiterzuschaffen. Fast war es unter diesen entmutigenden Umständen ein Glück zu nennen, daß man nur noch ein Kanu zu bewältigen hatte, und daß keine Begegnungen mit Menschen zu erwarten waren, von denen man nicht wissen konnte, ob sie den Reisenden als Freunde oder als Feinde gegenübertreten würden. Die Landschaft nahm eine immer großartigere und düsterere Wildheit an. In der gewaltigen Breite von fast einem Kilometer wälzte der Strom seine trüben Fluten zwischen steilen Felsenhügeln oder undurchdringlichen, geheimnisvoll verschleierten Urwaldmauern dahin. Oft teilte er sich in eine Unzahl seichter und versumpfter, schilf- und rohrbewachsener Arme, deren Mehrzahl sich als Sackgassen erwies, wahrend die befahrbaren Hauptarme äußerlich durch nichts zu erkennen waren. Da wurde mancher Schweißtropfen vergeblich vergossen, mancher zeitraubende Umweg umsonst gemacht, denn es gab ja keine Karten über diese unerforschten Länder, und man war zu seiner Orientierung lediglich auf den Kompaß Helmuts und den Scharfsinn des Häuptlings angewiesen. Oft war man genötigt, viele Stunden lang mit dem Kanu liegen zu bleiben, während der Chiriguano die ganze Umgegend abstreifte, um den eigentlichen Hauptarm des Stromes ausfindig zu machen und dabei womöglich auch etwas Eßbares zu ergattern. Denn immer empfindlicher machte es sich geltend, daß man mit dem gescheiterten Kanu fast alle Eßvorräte verloren hatte. Zwar wäre die Erlegung von Wild verhältnismäßig leicht gewesen, da es durch eine ganz ungewöhnliche Zutraulichkeit verriet, daß es mit der Tücke des Menschen in diesen Einöden noch kaum Bekanntschaft gemacht hatte. Aber die Weißen hatten für ihre beiden Flinten nur noch ganz wenige Patronen, und diese mußten für einen etwaigen Angriff feindlicher Indianer oder überhaupt für den äußersten Notfall aufgespart werden. So blieb man auf die Pfeile Tumayauas angewiesen, aber es lastete in diesen schweren Tagen zu viel auf den Schultern des edlen Häuptlings, als daß er sich viel mit der Jagd hätte abgeben können. Zu verhungern braucht man nun allerdings an einem Flusse niemals, denn Fische gibt es hier schließlich immer. An manchen Stellen des Xingu wimmelte es sogar geradezu davon, und zwar nicht nur von kleineren Arten, sondern namentlich auch von den riesigen Pirararafischen, die mehr als mannslang waren, einen mächtigen Dickkopf mit Froschmaul und langen Bartfäden hatten und eine an unsere Spiegelkarpfen erinnernde Art der Beschuppung auswiesen. Blindlings schnappten diese wüsten Gesellen auf jeden Köder los, und Zampa konnte an seiner Angel in einer kleinen Stunde oft ein halbes Dutzend dieser stattlichen Fische fangen. Fischfleisch gab es also genug, aber leider entsprach sein Geschmack durchaus nicht der Menge, sondern es roch und schmeckte so widerlich nach Tran, daß nur der größte Hunger unsere beiden weißen Freunde bewegen konnte, etwas davon hinunterzuwürgen, während ihre farbigen Begleiter in dieser Hinsicht weit weniger wählerisch waren. Und was das Schlimmste war: es fehlte jetzt völlig an Salz zum Würzen der Fische, denn auch das letzte Restchen dieses unersetzlichen Minerals war bei dem Schiffbruch verloren gegangen. Jetzt erst lernten Helmut und Doktor Mangold das Salz richtig schätzen und verstehen, daß wegen dieses Gewürzes schon große Kriege geführt worden sind. Auch Schießpulver durfte man nicht mehr als Ersatz verwenden, denn es war ebenfalls schon zu knapp geworden, und man durfte sich den Jaguaren und Silberlöwen gegenüber, deren Stimmen oft in der Nacht drohend zu den einsamen Zelten herüberklangen, auch nicht ganz wehrlos machen. Ein anderer Ersatz war aber nicht ausfindig zu machen, und so widerstanden die ungesalzenen Speisen dem geschwächten Magen mehr und mehr. Man wandte sich von dem ewigen Fischgericht mit Ekel und Grausen ab und litt lieber bei gefüllten Kochtöpfen Hunger, so daß die Kräfte aller rasch mehr und mehr abnahmen. Eßbare Früchte gab's in diesen fieberschwangeren Sumpfwildnissen auch kaum, und so erfaßte alle nachgerade eine wahrhaft viehische Fleischgier, deren sich zwar wenigstens die Europäer in ihrem Innern bitterlich schämten, der sie aber doch nicht Herr zu werden vermochten. Die Allgewalt des Hungers macht ja selbst zivilisierte Kulturmenschen vorübergehend wieder zu Tieren, warum also nicht diese ausgemergelten Forschungsreisenden? Eines Tages machte Zampa den unschönen, aber eigentlich ganz praktischen Vorschlag, doch nach und nach die zahmen Affen und Papageien und den vom Pirararafischfleisch wohlgenährten Nasenbären zu schlachten, damit man doch von Zeit zu Zeit wieder mal eine stärkende Suppe in den Leib bekäme. Aber Helmut hatte diese Tiere, die bisher getreulich Freud und Leid mit ihnen geteilt und mit ihren losen Streichen den einsamen Reisenden über so manche trübe oder langweilige Stunde hinweggeholfen hatten, doch schon zu lieb gewonnen, so daß er den Vorschlag fast schroff ablehnte, so begehrlich auch die großen Augen des Negers aus dessen schwarzem Antlitz hervorschimmerten. Ein dankbarer Blick aus den fieberheißen Augen des Doktors belohnte ihn, denn dieser hatte seinen ganzen Ehrgeiz darauf gesetzt, den Rest der interessanten Menagerie möglichst vollzählig nach Europa herüberzubringen und ihn dort einem zoologischen Garten zu vermachen. Eben dachte Helmut noch trübsinnig darüber nach, daß man schließlich doch wohl auf den Vorschlag des Schwarzen werde zurückgreifen müssen, als Tumayaua seine Hand ausstreckte und in seiner ruhigen Weise sagte: »Ein Tapir!« Das Wort zündete wie ein Blitzschlag. Alles blickte gierig mit ausgestrecktem Halse nach der angedeuteten Richtung, und wahrhaftig, da schwamm das plumpe, fettglänzende Geschöpf so ruhig über den Fluß, als ob es gar keine bösen und fleischhungrigen Menschen gäbe. Die Hoffnung auf ein ausgiebiges und frisches Stück Wildbret versetzte alle in die größte Aufregung und begeisterte sie zu den unerhörtesten Anstrengungen. Tumayaua erhob sich, spannte seinen riesigen Bogen und entsandte den schwirrenden Pfeil, der sich dem schwimmenden Tiere tief zwischen die Rippen bohrte. Aber der Tapir stieß nur einen unwillig grunzenden Laut aus, wandte sich um und schwamm schleunigst dem Ufer zu. Mit aller Kraft legten sich die Reisenden ins Ruder, um ihm den Weg abzuschneiden. Fast gleichzeitig mit dem Dickhäuter erreichten sie festes Land, Tumayaua und Helmut kamen ihm gerade noch zuvor, wie er eben in den Büschen verschwinden wollte, und ein zweiter Pfeil des Häuptlings, sowie eine Revolverkugel Helmuts schlugen gegen seine Speckschwarte. Aber auch das genügte nicht, dem zählebigen Tiere den Garaus zu machen. Eilends lief es wieder zum Wasser zurück, ehe man noch einen neuen Schuß anbringen konnte. Dicht neben dem Kanu sprang es wieder in das feuchte Element, so daß Zampa mit dem Ruder einen gewaltigen Streich nach ihm führen konnte. Aber er verfehlte in der Hast und Aufregung sein Ziel, wurde selbst durch die Gewalt des Schlages mitgerissen und stürzte kopfüber ins Wasser, so daß alle trotz ihrer traurigen Lage laut auflachen mußten. Bis der enttäuschte Schwarze sich prustend wieder herausgearbeitet hatte und das Boot von neuem klar gemacht worden war, verging eine ganze Weile, und der einen roten Blutstreifen im Wasser hinter sich herziehende Tapir hatte derweil schon einen hübschen Vorsprung gewonnen. Aber er war durch die erlittenen Verletzungen doch auch schon ermattet, und da sich alle derart ins Zeug legten, daß sich die Ruder nur so bogen, war es möglich, ihn schließlich abermals einzuholen. Tumayaua spickte ihn mit einem dritten Pfeil, die andern schlugen in wilder Gier mit den Rudern und stachen mit den Messern blindlings darauflos, daß sie sich beinahe gegenseitig verwundet hätten. Endlich erwischte Zampa den bereits mit dem Tode ringenden Tapir an einem Hinterfuße und zog ihn unter lautem Triumphgeschrei an Bord, wo dem zählebigen Dickhäuter vollends der Garaus gemacht wurde. Schleunigst wurde nun wieder gelandet, die Beute in unglaublich kurzer Zeit enthäutet, zerlegt und über einem rasch entfachten Feuer gekocht. Kaum konnte man erwarten, bis das Fleisch halb gar geworden war, dann stürzten sich alle darüber her, rissen große Fetzen herab und schlangen sie gierig herunter, kaum anders als die wilden Indianer des Chaco, wie sich Helmut zu seiner stillen Beschämung gestehen mußte. Das war ein Göttermahl! Nicht für alle Luxusgenüsse eines vornehmen Berliner Hotels hätte man es eingetauscht. Das weißliche Fleisch war zart wie junges Schweinefleisch. Wenn nur nicht wieder das Salz gefehlt hätte, das köstliche, unersetzliche, schmerzlich entbehrte Salz! Ein anderes Mal hatte man ein unerwartetes Zusammentreffen mit einem Faultier. Das einem großen, wirren Wollklumpen nicht unähnliche Geschöpf hing träge in den Ästen eines ziemlich niedrigen Baumes, kümmerte sich kaum um die nahenden Menschen, sondern drehte nur fragend seinen runden, komisch gescheitelten Kopf nach den nie gesehenen Zweibeinern herum, übermäßiges Interesse schienen sie ihm aber auch nicht zu erregen, denn nach diesem kurzen Blick fraß es ruhig an den Laubblättern des Baumes weiter. Zampa versuchte sofort, den sonderbaren Gesellen von seinem Sitze herunterzureißen, stieß aber dabei auf unvermutet harten Widerstand. So fest hielt sich das Faultier mit seinen gewaltigen Klauen an dem Baumaste, daß es dem starken Neger ganz unmöglich war, es auch nur um eines Zolles Breite aus seiner Lage zu rücken. Erst als Tumayaua und Helmut ihre Anstrengungen mit den seinigen vereinigten, gelang es den dreien unter Aufgebot aller Kräfte, das Faultier herunterzuziehen, wo es dann Zampa mit wuchtigen Keulenschlägen ins Jenseits beförderte. Das Fleisch erwies sich freilich als ölig und wenig schmackhaft. Faultiere waren in dieser Gegend überhaupt sehr häufig. In jeder Nacht hörte man ihr lautes, langgedehntes, ungemein kläglich klingendes Geschrei, ein verschieden betontes und moduliertes »I .. i .. i .. i«. Ein anderes Mal traf man ein Exemplar hoch oben in einem Baumwipfel an und konnte bei dieser Gelegenheit die ungemeine Lebenszähigkeit dieser phlegmatischen Tiere bewundern. Tumayaua jagte dem Faultier einen Pfeil nach dem andern zwischen die Rippen, aber es fiel trotzdem nicht herunter, sondern kletterte nur unendlich langsam und scheinbar gleichgültig auf einen andern Ast. Da Helmut wußte, wieviel dem Doktor an einigen Stücken dieser merkwürdigen Geschöpfe gelegen war, beschloß er, eine seiner letzten Patronen zu opfern und zielte so sorgfältig, daß seine Kugel mitten zwischen den Augen in den Schädel eindrang. Aber noch im Todeskampfe klammerte sich das Faultier so fest, daß nichts anderes übrig blieb, als den Neger auf den Baum zu schicken, um die Beute herunterzuwerfen. Unten angekommen, lebte sie immer noch, und es erforderte viel Mühe, dem zählebigen Geschöpf den Garaus zu machen. Doktor Mangold, der über diesen Zuwachs zu seiner Sammlung hoch erfreut war, sagte: »Auch gegen Gifte bekunden die Faultiere eine ganz unglaubliche Widerstandsfähigkeit, und sogar dem furchtbaren Curaregift der Indianer, dem doch der Jaguar in kürzester Zeit erliegt, leisten sie eine ganze Weile Widerstand.« »Es will mir doch scheinen,« meinte Helmut, »als ob diese Tiere auch ihren Namen voll und ganz verdienen, denn in meinem Leben habe ich noch nichts so Faules und Träges gesehen wie diese lebenden Pelzklumpen, denen gegenüber ja Schnecken und Schildkröten als sehr bewegungslustige Wesen gelten müssen.« »Ganz richtig,« stimmte der Doktor bei, »von überflüssigen Bewegungen sind die Faultiere allerdings ganz und gar keine Freunde. Sie nähren sich ausschließlich von Baumblättern, und wenn sie erst einmal auf einem Baume mit von ihnen bevorzugten Blättern sitzen, verlassen sie ihn so leicht nicht wieder. Gewöhnlich geschieht das erst, wenn sie ihn so ziemlich ratzekahl abgefressen haben. Und nur ganz langsam schieben sie ihren schwerfälligen Körper nach den noch nicht abgefressenen Stellen. Große Überwindung scheint es sie dann zu kosten, einen neuen Baum aufzusuchen. Lieber hungern sie erst ein paar Tage und erfüllen dann nachts die Luft mit dem lauten Klagegeschrei, das wir jetzt beständig zu hören bekommen. Treibt sie der Hunger schließlich doch weiter, so kommen sie nicht etwa zur Erde herab, sondern sie bewegen sich kletternd von einem Baumwipfel zum andern, ungemein sicher zwar, aber auch fabelhaft langsam.« Unter den geschilderten Schwierigkeiten kam die Expedition natürlich nur äußerst langsam vorwärts. Schon äußerlich gewährte sie schließlich einen kläglichen Anblick. Die fortwährende Berührung mit dem scharfen Felsgestein im Strombette und mit den spitzen Dornen im Urwalde zerriß alle Kleidungsstücke in Fetzen, und unsere Freunde sahen bald so zerlumpt aus wie abgerissene Zigeuner. Der eine hatte nur noch ein Hosenbein, der andere nur noch die Trümmer einer Jacke, und die gebräunten Gesichter und Hände aller waren bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt. Die vielen Entbehrungen hatten die Leiber so ausgemergelt, daß die noch vorhandenen Kleidungstrümmer nur noch lose um die mageren Körper herumschlotterten. Die Insektenplage war geradezu fürchterlich, am schlimmsten aber die Moskitos. In ganzen Wolken schwebten diese Blutsauger über dem Flusse, und wo man in das Dickicht des Urwaldes einzudringen versuchte, trieb man ebenfalls unermeßliche Scharen von ihnen auf. In Mund, Nasenlöcher und Ohren flogen und krochen die aufdringlichen Geschöpfe, und die Körper der Reisenden waren bald so zerstochen, daß sie nur noch einer einzigen Beule glichen und alle fortwährend von einem unerträglichen Juckreiz gequält wurden. Das Gefährliche dabei war aber, daß die Moskitos bekanntlich das Malariafieber übertragen. Wie Doktor Mangold erklärte, wird diese Krankheit durch winzige Parasiten im menschlichen Blute veranlaßt, die die sogenannten roten Blutkörperchen aufzehren und dadurch eine gefährliche Entartung der gesamten Körpersäfte herbeiführen. Da nun die blutsaugenden Moskitos bald hier, bald da ihre Nahrung suchen, und da auch viele Tiere solcher Gegenden an Malaria leiden, kann natürlich durch den Stechrüssel der Moskitos die Krankheit sehr leicht übertragen werden, wenn sie vorher an einem malariakranken Tiere oder Menschen Blut gesaugt haben. Mehr oder minder litten bald alle Reiseteilnehmer an diesem lästigen Wechselfieber, und die noch vorhandenen geringen Vorräte von Chinin, dem besten Bekämpfungsmittel der Malaria, waren bald aufgebraucht. Namentlich bei Doktor Mangold wollte das Fieber nicht mehr weichen, und auch die größten Chiningaben nützten bei ihm schließlich nichts mehr. Alle sehnten sich danach, aus dieser menschenleeren, moskitowimmelnden Wildnis herauszukommen, aber diese schien sich ins Unendliche zu erstrecken, und noch war nirgends auch nur die geringste Spur von herumschweifenden Indianern zu entdecken, die einem jetzt willkommen gewesen wären, gleichviel, ob sie als Freunde oder Feinde auftraten. Helmut konnte sich jetzt die Unbewohntheit der Gegend auch erklären, denn in einer solchen Moskitohölle mußte es selbst den abgehärteten Rothäuten nicht geheuer sein. Leider war es unmöglich, größere Tagesmärsche zu machen, wie alle gewünscht hätten, denn der Zustand Doktor Mangolds verschlimmerte sich von Tag zu Tag, und deshalb mußten die Tagesziele statt größer, immer kleiner gesteckt werden, und das Ende dieser entbehrungsreichen Fahrt rückte immer weiter in unbestimmte Fernen hinaus. Schließlich war der bedauernswerte Doktor so matt, daß nichts übrig blieb, als für mehrere Tage Halt zu machen und eine Besserung in seinem Befinden abzuwarten. Da lag nun auf einer zerrissenen Decke mitten im Urwald am Ufer des Xingu der arme Berliner Naturforscher, der mit so hochfliegenden Plänen zum Besten seiner Wissenschaft hinausgezogen war in den fremden Erdteil. Es war noch ein Glück, daß er hier so treue Freunde gefunden hatte, die sich seiner so warmherzig annahmen. Namentlich Helmut opferte sich in der Pflege für den Kranken förmlich auf und wich Tag und Nacht nicht mehr vom Lager des Freundes, indem er die Besorgung der täglichen Geschäfte und die Herbeischaffung der nötigen Lebensmittel ganz und gar den beiden Farbigen überließ. Doktor Mangold selbst bat dringend, ihn doch seinem Schicksal zu überlassen, damit nicht schließlich sämtliche Reiseteilnehmer seinethalben in dieser öden Wildnis zugrunde gingen, aber davon konnte für Helmut selbstverständlich keine Rede sein. Die Freundschaftspflicht mußte jetzt allem andern vorangehen. Und fast fühlte sich unser schwergeprüfter Held erdrückt von dem ungeheuerlichen Verantwortungsgefühl, das ihn überkam bei dem Gedanken, daß mittelbar doch er es gewesen sei, der den Berliner zur Teilnahme an diesem abenteuerlichen und gewagten Zuge veranlaßt habe. An den Vormittagen lag der Kranke gewöhnlich still und apathisch da und war nur mit größter Mühe dazu zu bewegen, irgend etwas zu sich zu nehmen, das er dann auch meistens sofort wieder erbrechen mußte. Am Nachmittag aber überkam ihn zu ganz bestimmter Stunde ein so heftiger Schüttelfrost, daß ihm trotz der Tropenhitze die Zähne nur so auf einander klapperten. Dann stellte sich fast unvermittelt heißes Fieber ein, begleitet von wilden Phantasien und Delirien, und darauf folgte ein Zustand gänzlicher Ermattung und bleiernen, todesähnlichen Schlafes. In seinen Fieberphantasien mochte der Geist des Kranken wohl aus der Tropenwildnis zurückschweifen in die unerreichbar ferne Heimat, in die glücklichen Tage der lustigen Studentenzeit, denn mit tiefer Wehmut mußte Helmut hören, wie der Phantasierende dann inmitten seiner Schmerzen lustige Studentenlieder sang oder Gespräche mit Berliner Professorentöchtern auf den Studentenbällen führte oder einen Salamander kommandierte. Welch trauriger Gegensatz zwischen diesen schönen Erinnerungen und der trostlosen Gegenwart! So sehr auch Helmut in der Pflege für den kranken Freund sich selbst aufopferte, wurde doch dessen Zustand von Tag zu Tag bedenklicher. Die Fieberanfälle wurden immer hartnäckiger und heftiger, hielten immer länger an und hatten eine immer größere Erschöpfung zur Folge, der der ermattete und ausgehungerte Körper nur noch geringen Widerstand entgegenzusetzen vermochte. Doktor Mangold war viel zu viel Wissenschaftler, als daß er sich über seinen Zustand noch einer Selbsttäuschung hätte hingeben können. Er schloß im stillen mit dem Leben ab, und nachdem er sich einmal darüber klar geworden war, brach sein goldener Berliner Humor doch immer wieder durch, und nun war er es, der den niedergeschlagenen Freund zu trösten versuchte. Nach einer besonders schlechten Nacht sagte er unter sichtlicher Anstrengung und kaum noch hörbar zu Helmut, dem gegenüber er längst das steife Sie mit dem traulichen Du vertauscht hatte: »Lieber Freund, ich weiß wohl, daß es zu Ende geht, und darüber hilft nun nichts mehr hinweg; aber ich sterbe im Dienste meiner über alles geliebten Wissenschaft wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde, und vielleicht gehört mehr Mut und Tapferkeit dazu, sich im Dienste der Wissenschaft aufzuopfern und dem schleichenden Fieber Trotz zu bieten, als in männermordender Schlacht gegen den feindlichen Kugelregen anzustürmen. Da reißt die Erregung des Augenblickes und das Kampfgewühl auch wohl den Feigling mit fort und macht ihn für Augenblicke zum Helden. Aber mehr Heldentum und wahren Mut erfordert es wohl, monatelang allen Unbilden und Gefahren Trotz zu bieten ohne Hoffnung auf eine andere Belohnung als die, die das süße Bewußtsein gewährt, die Wissenschaft ein kleines Stückchen vorwärtsgebracht zu haben. Wir Naturforscher sind eben ein komisches Völkchen. Da ziehen sie hinaus, diese Männer der Wissenschaft, lassen ein behagliches Dasein und alle Segnungen der Zivilisation freiwillig im Stich, durchqueren glühende Wüsten und undurchdringliche Urwälder, übersteigen ragende Gebirge und kämpfen mit wilden Völkern, um schließlich eine neue Pflanze, einen neuen Vogel oder einen neuen Schmetterling heimbringen und beschreiben zu können. Es mag ja viel menschlicher Ehrgeiz und Eitelkeit dabei im Spiele sein, aber es ist schließlich doch ein schöner Ehrgeiz, der der Allgemeinheit zugute kommt. Freilich hatte ich mir meine Reise anders und leichter vorgestellt, denn im jugendlichen Wagemut unterschätzt man gewöhnlich die Entbehrungen und Gefahren. Wohl hatte ich mir gedacht, daß ich mit reichen Sammlungen und wertvollen Tagebüchern nach Deutschland zurückkehren und mir durch ihre Bearbeitung in der wissenschaftlichen Welt einen Namen machen und mir eine geachtete bürgerliche Stellung erringen würde. Es hat nicht sollen sein! Mein im Großstadtleben verzärtelter Körper war diesen Strapazen nicht gewachsen. Aber ich bedaure es nicht und beklage nur, daß ich euch oft ein Hindernis gewesen bin. Wenn ich aber ruhig sterben soll, dann mußt du mir noch die letzte schwere Sorge abnehmen. Die wissenschaftlichen Errungenschaften, die ich mit dem Opfer meines Lebens bezahlt habe, dürfen nicht verloren gehen. Versprich mir, nach meinem Ableben so rasch als möglich weiterzureisen und meine Sammlungen und Tagebücher zu retten, falls es irgend möglich, und falls es nicht auch schon für eure Rettung zu spät ist. Lieber Freund, du hast so viel Interesse für die Naturwissenschaft bewiesen und so viel Begabung für dieses schwierige Fach zu erkennen gegeben, daß ich keinem lieber mein geistiges Eigentum anvertraue als dir. Wenn ihr von der schweren Last befreit seid, die ihr in meiner Person mit euch herumschleppen mußtet, und die euch so viel unnützen Aufenthalt bereitet hat, dann werdet ihr gewiß glücklicher vorwärtskommen und den Anschluß an die menschliche Kultur wieder gewinnen. Auch dein persönliches Schicksal wird sich ja gewiß bald in günstigem Sinne entscheiden, sobald der neue Präsident gewählt ist. Gib dann ruhig deiner Vorliebe für die Naturwissenschaften nach und widme dich diesem Studium. Ich kann dir versichern, daß es nichts Schöneres gibt, nichts, was größere innere Befriedigung mit sich bringt, mag auch der materielle Lohn gering sein. Bearbeite dann selbst meine von dir gerettete Hinterlassenschaft, und du kannst dir die Sporen damit verdienen und wirst von Anfang an eine bevorzugte Stellung einnehmen.« Helmut war in seiner Rührung keines Wortes mächtig und drückte nur mit tränenüberflorten Augen dem Berliner die Hand. Dann versuchte er mit schluchzender Stimme einige Trostworte zu stammeln, daß doch alles vorläufig nicht so schlimm sei und das Fieber gewiß wieder weichen werde, aber Doktor Mangold schüttelte nur mit ruhigem Lächeln den Kopf. »Ich weiß, du meinst es gut, lieber Freund,« fuhr er dann fort, »aber spare deine Worte, denn ich weiß als Naturforscher am besten Bescheid, und ich versichere dir nochmals, daß ich gern scheide. Ich hinterlasse ja kaum Angehörige. Außer dir wird niemand groß um mich trauern. Hab' immer mutterseelenallein im Leben gestanden, und die in Südamerika verbrachte Zeit war die schönste meines einsamen Lebens, trotz allen Mühseligkeiten und Entbehrungen, trotz dem kläglichen Ende. Als aufgeblasener Großstädter bin ich in dieses Land gekommen, behaftet mit allen Vorurteilen unserer einseitigen Überkultur. Mit meinem Berliner Witz glaubte ich alles Fremde und Eigenartige abtun zu können. Mit dem ganzen Dünkel des Großstädters fühlte ich mich so erhaben über eure einfachen Verhältnisse und vollends über die rohe Indianerkultur. Jetzt weiß ich, daß das wahre Glück des Menschen im innigen Zusammenhang mit der Natur besteht, und daß die einfachen rothäutigen Naturkinder in ihrer Art ein viel glücklicheres Dasein führen und das Leben viel mehr genießen als wir modernen Kulturmenschen Europas mit unserem Hasten und Drängen, mit unserem Jagen und Gieren, mit unserem Sorgen und Arbeiten um materiellen Gewinn. Diese Erkenntnis ist wohl ein Menschenleben wert.« Erschöpft durch diese lange Rede schwieg der Kranke. Am Abend folgten wieder Fieberdelirien, schlimmer als je, und als dann der ermattete Körper endlich in wohltätigen Schlaf versank, sollte er nicht mehr daraus erwachen. Am nächsten Morgen hatte Doktor Mangold die klaren Forscheraugen für immer zum ewigen Schlummer geschlossen. Tief erschüttert stand Helmut neben der entseelten Hülle des Freundes, und heiße Zähren flossen ihm über die abgezehrten und eingefallenen Wangen. Mit Mangold war ihm das Letzte entrissen, das ihn noch mit europäischer Kultur verband. Solange der wackere Landsmann an seiner Seite weilte, hatte er sich doch nie so ganz vereinsamt gefühlt. Jetzt aber stand er ganz allein in Gesellschaft zweier Farbiger mitten in der Wildnis des Xingu und kam sich unendlich verlassen vor. Niemals hatte ihn die Einsamkeit dieser menschenleeren Gegend so niedergedrückt wie in diesen todestraurigen Augenblicken. Fest nahm er sich vor, das Vermächtnis des Toten zu erfüllen und dadurch sein Andenken am besten zu ehren. Auch Zampa zeigte tiefe Niedergeschlagenheit, und nur das eherne Angesicht des Chiriguano blieb unbeweglich. Tumayaua war es auch, der in diesen traurigen Stunden die Bedürfnisse des praktischen Lebens nicht aus den Augen verlor. Er brachte eine Schildkröte und nötigte die beiden andern zu essen, schaufelte dann das Grab, während Zampa ein rohes Holzkreuz zurechtzimmerte. Es erhob sich auf einer Anhöhe am Ufer des Xingu, um späteren Erforschern dieser Wildnis Kunde davon zu geben, daß hier ein Pionier der Wissenschaft den Heldentod gestorben sei. Ein Weißer, ein Neger und ein Indianer standen hier, durch tausend gemeinsam erlebte Abenteuer unzertrennlich verbunden, in tiefster Trauer vor dem frischen Grabhügel des deutschen Naturforschers. Helmut gedachte in dieser schweren Stunde der letzten Worte des verblichenen Freundes über das Heldentum des Naturforschers und konnte sich nicht enthalten, seine unersetzlichen letzten Flintenpatronen zu opfern, um zu Ehren des Toten einige Schüsse über das Grab zu feuern und ihn dadurch in derselben Weise zu ehren, wie man den auf dem Schlachtfelde gefallenen Soldaten zu ehren pflegt. Nachdem diese traurige Pflicht erfüllt war, hielt es die drei überlebenden nicht länger mehr als unbedingt nötig an der verhängnisvollen Stelle. Rasch wurde das Kanu wieder bepackt und die weitere Reise angetreten. Es ging nun zwar etwas schneller, zumal auch die hinderlichen Wasserfälle immer seltener wurden, aber doch kamen noch Tage voll unendlicher Widerwärtigkeiten und Mühseligkeiten. Immer zerlumpter sah die kleine Gesellschaft aus, und auch Helmut mußte in seinen zerfranzten und zerrissenen Hosen längst barfuß gehen, da ihm seine derben Jagdstiefel durch das scharfe Gestein buchstäblich in Stücke zerschnitten worden waren. Mit großem Jubel begrüßten es deshalb alle, als zum erstenmal nach langer Zeit wieder unverkennbare Spuren menschlicher Niederlassungen gefunden wurden: ausgebrannte Lagerfeuer, vergessene Pfeilspitzen, Reste zerschlagener Tongefäße. Endlich stieß man sogar in einer waldigen Uferbucht auf ein verstecktes, schön gearbeitetes Rindenkanu mit darin liegenden Rudern. Wem mochte es wohl gehören? Der Eigentümer konnte ja nicht weit sein. Alle drei verbargen sich deshalb in der Nähe im dichten Gebüsch und harrten erwartungsvoll der Dinge, die da kommen sollten. Es dauerte auch gar nicht lange, bis sich die Büsche teilten. Ein hochgewachsener Indianer erschien, mit Pfeil und Bogen bewaffnet und mit einem erlegten Frischling des Wasserschweins auf den Schultern. Festen Schrittes trat er in das schwankende Boot, und so erfreut waren die drei Lauscher über den Anblick eines Menschenkindes, daß sich Zampa nicht enthalten konnte, ihm auf portugiesisch ein lustiges »Bom dia« (Guten Tag) zuzurufen. Erschrocken fuhr der Wilde zusammen, aber im Augenblicke hatte er sich auch wieder gefaßt, ein freundliches Grinsen überzog seine Züge, und ohne Zögern beantwortete er den Gruß gleichfalls auf portugiesisch. Zum ersten Male schlugen hier wieder die Laute einer europäischen Sprache an Helmuts entzücktes Ohr, und er wußte sich vor Freude darüber kaum zu fassen. Am liebsten hätte er den Indianer umarmt. Alle drei stürzten jedenfalls so begierig auf die Rothaut zu, als gelte es, sich der kostbarsten Beute zu versichern. Der Indianer schien darob auch nicht wenig betreten, beruhigte sich aber, als er in Tumayaua einen Menschen gleicher Rasse erkannte. Mit grenzenlosem Erstaunen aber maß sein Blick die zerlumpte Gestalt des Weißen, und sein Auge schien zu fragen, woher denn dieser so plötzlich hier auftauchen könne, aber sein Mund verriet nichts davon, sondern versicherte nur ununterbrochen: »Yuruna, Yuruna.« Das war offenbar der Name seines Stammes, denn die südamerikanischen Indianer pflegen sich ja zunächst mit diesem vorzustellen und nicht mit dem ihrer eigenen Person. Also man war bereits im Gebiete der Yuruna, und da der Indianer etwas Portugiesisch verstand, so lag die Folgerung nahe, daß man hier einen Stamm vor sich habe, der sich in ständiger Berührung mit brasilianischen Behörden oder Ansiedlern befand. Helmuts Auge leuchtete auf, denn damit war ja der schwierigste und gefährlichste Teil seiner abenteuerlichen Reise glücklich überstanden. Der Indianer machte lebhafte Zeichen, ihm zu folgen, und nur zu gerne kam man dieser willkommenen Einladung nach. Noch ein Stündchen Bootsfahrt, und dann tauchten strohgeflochtene Hütten auf, zwischen denen sich eine ganze Anzahl Yurunas tummelten. Sie waren zwar nicht wenig erstaunt über die Ankömmlinge, zeigten aber doch keine Furcht, und so war der Empfang recht freundlich. Mit einem lange nicht gekannten Wonnegefühl wurden die Zelte aufgeschlagen, denn man fühlte sich endlich einmal wieder gewissermaßen zu Hause. Mit wahrer Gier verschlang man die duftenden, frischgebackenen Beijus, die die Yurunafrauen überbrachten, und als dann später auch noch der Frischling geschmort wurde, gab es ein köstliches, lang entbehrtes Festessen. Die traurige Stimmung der letzten Wochen wich frisch erwachter Lebensfreude. Die Yurunas zeigten sich in mehr als einer Beziehung recht verschieden von den bisher besuchten Indianerstämmen. Ihre häufigere Berührung mit brasilianischer Zivilisation hatte auch sie selbst schon auf eine höhere Kulturstufe gehoben. Die Frauen gingen nicht wie im Chaco oder am oberen Xingu nackt, sondern hatten ihren Körper in selbstgewebte, buntgestreifte Decken eingehüllt. Dagegen zeigten sie nur ausnahmsweise schwache Tätowierungen und Bemalungen. Auch die Männer hatten insofern schon eine Art von Kleidung aufzuweisen, als sie um den Unterleib, um Hals, Oberarme und Unterschenkel Glasperlen in so dichter Aneinanderreihung trugen, daß diese förmlich eine Art glitzernden Panzer bildeten. Glasperlen schienen überhaupt die höchste Liebhaberei dieses Völkchens zu sein, und Helmut bedauerte es deshalb sehr, daß er sich in dieser Beziehung schon fast gänzlich ausgegeben hatte. Sehr auffallend war die Haartracht der Yurunas, denn sie trugen ihr straffes, langes Haupthaar nach Chinesenart zu einem Zopfe geflochten, der mit Bast umwickelt und dadurch fest und steif gemacht worden war. Manche hatten auch eine Art Mütze aus Vogelfedern mit einem geflochtenen Strohgestell als Unterlage. Im Scheitelhaar staken häufig grell gefärbte oder abenteuerlich gebogene Federn der verschiedensten Vogelarten. Bartwuchs war dagegen bei den Männern kaum vorhanden. In den Hütten sah es schon einigermaßen wohnlich aus. Da gab es aus Palmblättern geflochtene Matten, sogar roh gezimmerte Tische und vom Dach schwebend herabhängende Bretter, auf denen die zahlreichen Kalebassen und Tongefäße aufgestellt waren. Außer Bogen, Pfeilen und Rudern hingen auch Flinten herum, meist zwar alte Vorderlader, mit denen die Indianer jedoch gut umzugehen wußten. Natürlich gab es auch hier gleich am ersten Abend ein großes Begrüßungsfest, das in der sogenannten Flötenhütte veranstaltet wurde. Auch die Yurunas verstanden sich auf die Bereitung eines berauschenden Getränkes, das hier aus Mandioka bereitet wurde. Auch hier versetzte man die Masse dadurch in Gärung, daß man sie kaute und dann wieder ausspie, und es kostete Helmut doch eine gewisse Überwindung, dieser eigenartigen Bowle zuzusprechen, nachdem er gesehen hatte, daß man zum Mandiokakauen die ältesten und häßlichsten Weiber heranzog. Von diesen aber gab es bei den Yurunas wahre Scheusale, richtige Hexengestalten. Die Musik wurde besorgt durch ungeheuer lange, schalmeiartige Instrumente, die wahrhaft betäubende Töne von sich gaben. Dazu wurden langweilige, einförmige Lieder gesungen, und im übrigen bemühte sich jeder, auf seine Weise für sich vergnügt zu sein, hüpfte und sprang herum und vollführte so viel Lärm als möglich. Gemeinsame Tänze gab es nicht, und die Frauen durften an dem Feste überhaupt nicht teilnehmen. Dafür wurde um so mehr getrunken, und namentlich einige beleibtere ältere Herren beschränkten ihre ganze Tätigkeit darauf, sich faul in ihren Hängematten zu schaukeln und eine Kalebasse Mandiokabowle nach der andern zu leeren. Davon bekamen schließlich alle widerlich gedunsene Gesichter und lallten nur noch unverständliches Zeug vor sich hin. Helmut hatte bald genug von diesem unschönen Fest und verglich damit im Geiste die fröhlichen Tanz- und Trinkgelage im verrufenen Chacogebiet. Und inmitten der allgemeinen harmlosen Fröhlichkeit mußten seine Gedanken auch immer wieder zurückschweifen zu dem toten Freund, der jetzt in der Einsamkeit der Wildnis am Ufer des Xingu ruhte. Die Mandiokabowle verursachte ihm ein widerlich klebriges und säuerliches Gefühl im Halse, und er drückte sich deshalb so bald als möglich, um beim Sternenschimmer in seinem einsamen Zelte über die bewegten Ereignisse der letzten Monate nachzudenken und Entschlüsse für die nächste Zukunft zu fassen. Er entschied sich schließlich dafür, die nächst erreichbaren brasilianischen Ansiedlungen aufzusuchen, um sich über den Stand der politischen Verhältnisse und über sein eigenes Schicksal zu vergewissern. Am nächsten Morgen suchten die Yurunas das übliche Tauschgeschäft in Gang zu bringen. Aber bei der Abgerissenheit Helmuts kam ihre Habgier schlecht auf ihre Rechnung, zumal sie schon durch die öftere Berührung mit Brasilianern verwöhnt waren. Kaum hatte Helmut ihnen noch etwas zu bieten, was sie hätte reizen können, und so sank er sehr schnell in ihrer Achtung. Glasperlen hatte er ja kaum noch, und Messer, Scheren, Spiegel und dergleichen besaßen sie selbst schon zur Genüge. Ihr Verhalten wurde deshalb rasch unfreundlicher, und sie gaben dem schäbigen Gaste deutlich genug zu verstehen, daß es ihnen lieb sein würde, wenn er so bald als möglich weiterreisen wollte. Nicht ohne Bitterkeit konnte Helmut dieses selbstsüchtige Verhalten mit der schrankenlosen Gutmütigkeit und Gastfreundschaft der wilden Chacostämme vergleichen. Da war wieder einmal dieser leidige Unterschied zwischen den von der Kultur noch unberührt gebliebenen Naturkindern und den halbzivilsierten Wilden, und wieder fiel er zu Ungunsten der letzteren aus. Sollte denn die vielgepriesene Kultur wirklich nirgends imstande sein, einen wahrhaft bessernden und erhebenden Einfluß auf wilde Volksstämme auszuüben? So fragte sich unser Held oft mit bangen Zweifeln. Auch in einer andern Beziehung machte sich die zweifelhafte Tünche einer Halbkultur bei den Yurunas recht unliebsam bemerkbar. Sie logen nämlich nicht nur wie gedruckt, sondern stahlen auch wie die Raben, und nichts war sicher vor ihren diebischen Fingern. Zwar paßten Tumayaua und Zampa auf wie wohlgeschulte Polizisten, aber trotzdem kam im Gedränge so mancher schwer zu entbehrende Gegenstand abhanden, und alle Drohungen bewirkten nicht, daß er freiwillig wieder herausgegeben wurde. Mit Entsetzen bemerkte Helmut schließlich auch das Fehlen einer Büchse mit Arsenikpillen, die noch aus dem Nachlasse Doktor Mangolds stammte. Wenn die unwissenden Indianer diese gefährlichen Dinger aßen – und sie führten ja nach Kinderart alles ihnen Unbekannte zunächst versuchsweise an den Mund – so konnte damit das ganze Dorf vergiftet und namenloses Unglück angerichtet werden. Zampa meinte zwar in seiner drastischen Art, es sei gar nicht schade um das zudringliche Diebsgesindel, aber Helmut konnte sich natürlich doch nicht auf diesen Standpunkt stellen, sondern mußte in einem solchen Falle das Schlimmste befürchten. Hier galt es rasches, entscheidendes Handeln, wenn nicht eine böse Bescherung daraus werden sollte. Er rief deshalb den Häuptling, einen alten, verschmitzt dreinschauenden Kerl mit einem wahren Galgenvogelgesicht, zu sich ins Zelt und trug ihm die Sache vor. Der glaubte natürlich nicht an die Giftgefährlichkeit der Pillen, sondern hielt sie nun erst recht für etwas ganz besonders Kostbares und leugnete alles. Höchstens könne einer der nicht zum Stamme gehörigen Indianer, die sich auch mit im Dorfe herumtrieben, der Dieb gewesen sein. Helmut zog darauf seinen Revolver und erklärte der Rothaut, daß sie nicht lebend das Zelt verlassen werde, falls nicht innerhalb einer Stunde das gestohlene Gut wieder unversehrt zur Stelle sei. Da auch Tumayaua und Zampa eine entsprechend drohende Haltung einnahmen, wurde dem alten Gauner augenscheinlich doch schwül zumute; er rief seinen draußen stehenden Leuten einige unverständliche Worte zu und ergab sich dann mit Würde in das Unvermeidliche. Nach einer Weile kam denn auch wirklich eine der Yurunafrauen und brachte die Büchse mit dem Bemerken, daß sie sie gefunden habe. Schon wollte der als Geisel zurückgebliebene Häuptling sich daraufhin entfernen, aber Helmut bemerkte bei näherem Nachsehen, daß fast die Hälfte der Pillen fehlte. Er teilte dies dem Häuptling mit und bestand unter den gleichen Drohungen auch auf die Wiederherbeischaffung der noch fehlenden Stücke. Nach längerem Hin und Her nahm die Sache denselben Verlauf wie vorher. Kinder kamen und hatten angeblich diese oder jene Pille gefunden. Schließlich war die Büchse wieder ziemlich voll, obschon Helmut nicht sicher war, daß noch einige Pillen fehlten. Nun, er hatte jedenfalls seine Schuldigkeit getan, schenkte den Beteuerungen, des Häuptlings scheinbar Glauben und ließ ihn wieder laufen. Jedenfalls hatte aber dieser unliebsame Zwischenfall auch in unserem Kleeblatt den Wunsch rege gemacht, den Aufenthalt bei den Yuruna möglichst abzukürzen und schnell nach den ersten brasilianischen Ansiedlungen zu gelangen. Immerhin etwas erquickt und gestärkt und einigermaßen ausgeruht, brachen deshalb die drei schon am vierten Morgen wieder auf. Die Weiterreise auf dem Xingu in ihrem immer brüchiger gewordenen Kanu wäre ihnen vor einigen Monaten wahrscheinlich noch äußerst beschwerlich vorgekommen, nach den in letzter Zeit ausgestandenen Strapazen erschien sie ihnen aber als ein wahres Kinderspiel. Da die Stromschnellen jetzt so ziemlich aufgehört hatten, kam man auch ziemlich rasch vorwärts und erreichte so schon nach wenigen Tagen die erste brasilianische Siedlung. Es war freilich nur ein kleines Fort, genannt Fortaleza de Saraiva, lediglich bevölkert von einem Dutzend mehr oder minder zerlumpter und verkommener Soldaten, die in elenden Strohhütten innerhalb einer Palisadenumzäunung wohnten, betraut von einer alten, abschreckend häßlichen Kantinenwirtin. Aber der befehligende Leutnant wenigstens, Dom Miguel, war von dem vornehm liebenswürdigen Typus, den man in Brasilien so häufig antrifft, wenn auch hier in seiner Einsamkeit und Untätigkeit schon ein wenig verbauert. Er hatte die Aufgabe, die umliegenden Indianerstämme im Zaume zu halten und sie von Angriffen auf die Ansiedlungen abzuhalten, konnte dies mit seiner Handvoll Leute aber natürlich nur dadurch erreichen, daß er den Wilden im Namen der Regierung fortwährend Geschenke machte und fleißig an ihren Trinkgelagen teilnahm. Die Indianer ließen sich ihrerseits eine solche Behandlungsweise, bei der sie ein müheloses und bequemes Dasein führen konnten, recht gerne gefallen und dachten gar nicht daran, durch Angriffe auf die Ansiedlungen ihr kostbares Leben aufs Spiel zu setzen. Dom Miguel war nicht wenig erstaunt über die unvermutete Ankunft der Reisenden und über ihren abgerissenen Zustand, der ihnen eine verdächtige Ähnlichkeit mit herumstrolchenden Wegelagerern gab. Aber mit dem feinen Taktgefühl seiner Landsleute merkte er doch bald, wen er in Helmut vor sich habe. Er wollte es zuerst gar nicht glauben, daß dieser durch ganz Matto Grosso hindurch und den oberen Xingu entlang gekommen sei. Wie er Helmut erzählte, hätte diesen gefahrvollen Weg bisher erst ein einziger Europäer zurückgelegt, ein berühmter deutscher Forscher, Dr. Karl von den Steinen, der vor einigen Jahren auch hier durchgekommen sei. Aber der hätte eine ganze Anzahl von Kanus, eine wohl ausgerüstete Karawane und sogar Militärbedeckung bei sich gehabt. Daß aber ein einzelner, kaum mit dem Allernotwendigsten versehener Mann mit nur einem Kanu und in Begleitung von nur zwei Farbigen je dieses Weges kommen könne, das hätte sich der gute Dom Miguel nie träumen lassen. Er bot mit echt brasilianischer Gastfreundschaft alles auf, den wegmüden Ankömmling in seiner schlichten Behausung nach besten Kräften zu bewirten, und entschuldigte sich tausendmal, daß er nichts Besseres bieten könne, da er auf seinem weltentlegenen Posten ja selbst leben müsse wie ein Halbwilder. So war es ihm zu seinem großen Leidwesen unmöglich, unserem Freunde mit frischen Kleidern auszuhelfen, denn er besaß ja selbst nichts als seine Uniformen. Immerhin konnte sich Helmut bei diesem gutherzigen Manne einigermaßen erholen, und namentlich bedeutete es eine unendliche Wohltat für ihn, nach so langer Zeit wieder einmal in gesitteter Weise von richtigen Tellern und mit einem richtigen Besteck essen zu dürfen. Seinen immer brennender gewordenen Salzhunger konnte er hier auch befriedigen. Es gab appetitlich hergerichtete Speisen und vernünftig zubereitete Getränke. Sonst war ja alles ungeheuer primitiv zwischen den kahlen Lehmwänden dieser strohgedeckten, nur mit einigen Jagdtrophäen ausgeschmückten Offizierswohnung, und doch kam sie Helmut vor wie der glänzendste Palast. Herzlichen Dankes voll schied er von dem gastfreien Offizier, der ihm über die politischen Verhältnisse leider auch nichts Näheres hatte mitteilen können, da er selbst schon seit längerer Zeit ohne alle Postverbindung war. Zum letzten Male wurde das zerbrechliche Kanu, das doch so vielen argen Unbilden siegreich getrotzt hatte, bestiegen, und wenige Tage später war man schon in der ersten größeren brasilianischen Ansiedlung, in dem dorfartigen Landstädtchen Porto de Moz, von wo bereits die regelmäßige Dampferverbindung nach der großen Handels- und Hafenstadt Para einsetzt. Dieser letzte Teil der Bootreise verlief ohne jeden Zwischenfall und ohne jede Trübung und war in landschaftlicher Beziehung ein Hochgenuß. Der Xingu hatte sich hier völlig aus dem gefährlichen Gebiet der Stromschnellen herausgearbeitet und floß nun in ungehinderter Breite von mehreren Kilometern wahrhaft majestätisch dahin, seine Wellen dem größten Strome der Erde zuwälzend. Da auf der weiten Wasserfläche fast stets eine erfrischende Brise wehte, schwanden rasch die letzten Fieberanfälle. Zampa hatte einen primitiven Mast errichtet und eine alte Packleinwand als Segel daran befestigt, so daß man bedeutend rascher vorwärtskam und die Ruder öfters stundenlang ruhen lassen konnte. Es tat unendlich wohl, dann in fauler Ruhe ausgestreckt im Boote zu liegen unter dem warmen Sonnenschein, wahrend die Wellen des Riesenstromes plätschernd und glucksend gegen die dünne Rindenwand des Kanus schlugen, auszuruhen von all den ausgestandenen unendlichen Strapazen, förmlich mit Bewußtsein neue Kräfte in den eigenen Körper hineinzusaugen. Die Ansiedlungen zu beiden Ufern wurden zahlreicher, und gesunde und wohlschmeckende Lebensmittel gab's da überall wohlfeil zu kaufen, falls man nicht überhaupt mit den Gaben der Gastfreundschaft bedacht wurde. Überall zogen sich als wahre Verkünder der Kultur unabsehbare Bananenfelder entlang, und gerade der Genuß dieser köstlichen und nährstoffreichen Frucht trug mehr als alles andere dazu bei, Helmuts ausgemergelten Körper in überraschend kurzer Zeit wieder zu kräftigen. So wurde ihm und seinen Gefährten dieser letzte Teil ihrer Fahrt zu einer wahren Erholungs- und Vergnügungsreise. Und welche Genüsse harrten ihrer nicht erst in dem kleinen, unansehnlichen Porto de Moz, das diesen abgerissenen Reisenden wie ein Wunder an Eleganz und Lebensgenuß vorkam. Da gab's einen richtigen Kramladen, in dem man für Geld und gute Worte alles haben konnte, was immer nur das Herz begehrte. Vor allem konnte sich Helmut hier wieder mit frischer Wäsche und Kleidung versehen, und ein förmliches Glücksgefühl überrieselte ihn, als er die alten, schmutzigen Lumpen von sich werfen, in die neue, saubere Garderobe schlüpfen und sich so auch äußerlich aus einem verwahrlost aussehenden Landstreicher wieder in einen anständigen und Vertrauen erweckenden Menschen verwandeln konnte. Die guten Konserven und das frische, köstliche Fleisch waren auch nicht zu verachten, sogar Tee und Kaffee, guten Tabak, Portwein und selbst ein leidliches Flaschenbier konnte man sich hier leisten und noch so mancherlei andere Dinge, nach denen man sich die ganze Zeit über vergeblich gesehnt hatte. Wie vergnüglich und behaglich schlenderte es sich nicht in den breiten, geebneten, von rauschenden Palmen eingefaßten Straßen zwischen den rosa oder blau angestrichenen Häuschen mit den roten Ziegeldächern! In diesen Häuschen aber bewunderte man Kaffeemühlen, Lampen, Stühle, Sophas oder gar die in Brasilien unvermeidlichen Klaviere mit dem naiven und ehrfürchtigen Erstaunen des richtigen Wilden. Kam es Helmut doch selbst manchmal so vor, als ob er eher zu den rothäutigen Ureinwohnern des Landes gehöre als zu seinen weißen Eroberern. Er hatte sich unter einem angenommenen Namen in dem einfachen, aber sauberen einzigen Gasthof des Ortes eingemietet und keine Veranlassung gehabt, den harmlos neugierigen Spießbürgern des Städtchens seinen wahren Namen und die eigentliche Ursache seines Herkommens zu verraten. Man hielt ihn eben für einen deutschen Naturforscher und konnte sich damit begnügen. Ernste Gefahr für Helmuts Sicherheit war ja freilich kaum vorhanden, denn niemand kannte ihn hier, und niemand konnte ahnen, daß er plötzlich an einem so entgegengesetzten und so weltentlegenen Winkel des weiten Reiches auftauchen würde. Durch vorsichtig eingezogene Erkundigungen erfuhr er so viel, daß die Präsidentenwahl im Gange und in den meisten Provinzen schon erledigt sei, daß der allgemeinen Annahme nach der blutbefleckte Peixoto nicht wiedergewählt werden und daß sein Nachfolger voraussichtlich ungesäumt eine umfassende Amnestie für alle Parteigänger der verunglückten Revolution erlassen werde. Das waren ja erfreuliche und beglückende Nachrichten. Wie von einem schweren Alp befreit, atmete er auf, und zum ersten Male seit langer Zeit sah er wieder froher und zuversichtlicher in die bisher so trüb und grau vor ihm liegende Zukunft. Unter diesen Umständen konnte es kaum zu gewagt erscheinen, selbst nach Para zu fahren und dort die endgültige Gestaltung der Dinge abzuwarten. Zehntes Kapitel. Der Opfertod des Häuptlings. Die wenigen Tage des Wartens auf den nächstfälligen Dampfer verstrichen mit dem Ordnen und Einpacken der Sammlung schnell genug. Dann kam ein wahres Ungetüm von Dampfer den Xingu heraufgekeucht, ging für einen Tag in Porto de Moz vor Anker und setzte für vierundzwanzig Stunden alle Federn in den sonst ziemlich verödeten dortigen Schreibstuben in fliegende Bewegung. Hierauf wandte er sich zur Rückfahrt nach Para, und von seinem Verdeck aus sandten Helmut und seine beiden unzertrennlichen Begleiter der unter so viel Gefahren durchquerten Wildnis den letzten Abschiedsblick zu. Die Fahrt auf dem komfortabel eingerichteten, von einem bunten Gewimmel der verschiedenartigsten Passagiere belebten Dampfer war freilich etwas ganz anderes als die in dem zerbrechlichen Rindenkanu und verstrich in jeder Weise auf das angenehmste. Nur zwei Tage hatte das schnelle Schiff nötig, um den Haupthandelsplatz des nördlichen Brasilien zu erreichen. Hier herrschte das rege Leben und Treiben eines Weltmarktes, und fast kam es Helmut, der nur noch an die großartige Einsamkeit der Wildnis gewöhnt war, unheimlich vor. Die vornehme Eleganz Rio de Janeiros und die Unzahl prachtvoller öffentlicher Gebäude und großartiger Monumente fehlten freilich. Aber dafür reihte sich in den Hauptstraßen Magazin an Magazin, Laden an Laden, Bureau an Bureau. Im Hafen ragte Mast neben Mast, Schornstein neben Schornstein. Schiffe aus aller Herren Ländern waren hier verankert, und sehnsüchtig sagte sich Helmut, daß so manches derselben ihn in kürzester Frist nach dem heimatlichen Rio Grande do Sul tragen könne. Betäubender Lärm herrschte am Hafen, unausgesetzt rasselten die Ketten, der großen Maschinen, die mit riesenhaften eisernen Armen die Erzeugnisse der Tropen in den geräumigen Schiffsbäuchen verluden oder die Produkte europäischen Gewerbfleißes hier ans südamerikanische Gestade setzten, damit sie ihren Weg ins Innere nehmen könnten. Kohlenschipper und Lastträger von allen nur möglichen Hautfarben waren in beständiger Tätigkeit und suchten sich diese dadurch zu erleichtern, daß sie die Arbeit mit rauhem, taktmäßigem Gesang begleiteten. Helmut hatte sich in einer abgelegenen Gegend der Stadt in einem einfachen Gasthause einquartiert, da einerseits seine Reisekasse schon so stark zusammengeschmolzen war, daß er sich in seinen Ausgaben nach Möglichkeit einschränken mußte, anderseits, weil ihm bei der Unsicherheit seiner Lage daran liegen mußte, unnötiges Aufsehen zu vermeiden. Während der ersten Tage hielt er sich unter dem hier wenig auffallenden Vorwande, fieberkrank zu sein, vorsichtshalber sogar im Bett und schickte nur seine Begleiter auf Kundschaft in die Stadt, damit sie Nachrichten über die Gestaltung der politischen Verhältnisse einziehen sollten. Er erfuhr auf diese Weise, daß die meisten Provinzen und darunter auch Para selbst die Präsidentenwahl schon hinter sich hatten, daß aber manche Provinzen noch fehlten und daher das endgültige Ergebnis erst abgewartet werden müsse. Die Nachricht von diesem konnte jedoch jeden Tag eintreffen, und es unterlag kaum noch einem Zweifel, daß der verhaßte Peixoto, der sich durch sein übertrieben strenges Militärregiment überall unbeliebt gemacht hatte, glänzend durchfallen würde. Die große Frage war nur die, ob er sich der Abstimmung fügen und nicht vielleicht in seiner willkürlichen Art mit Waffengewalt seine Stellung zu behaupten versuchen würde. Die weitaus meisten Stimmen bei der Wahl hatte bisher ein Advokat aus Rio de Janeiro, Doktor Prudente de Maraes Barros erhalten. Diese Nachricht durchzuckte Helmut wie ein elektrischer Schlag, denn dieser Mann war ja der Vater seines lieben und unvergeßlichen Kameraden Manuel, dem er bei dem blutigen Straßenkampf von Nictheroy das Leben gerettet hatte. Oh, dann mußte ja alles bald wieder gut werden! Bei diesen günstigen Aussichten glaubte Helmut sein freiwilliges Krankenlager ohne Gefahr verlassen zu dürfen. Zwar hielt er sich noch einige Tage im Zimmer und beschäftigte sich mit der Durchsicht seiner und Doktor Mangolds Tagebücher und mit dem Ordnen der Sammlungen, aber schließlich trieb es ihn doch hinaus, sich das bunte Leben und Treiben in der Stadt näher anzusehen. Daß ihn hier irgend jemand erkennen würde, erschien ja nahezu ausgeschlossen. So verstrichen wieder einige Tage in Erwartung der politischen Nachrichten. Allerlei unheimliche Gerüchte liefen um, daß Peixoto die ihm ergebenen Truppen mobilisiere, um sich durch einen Staatsstreich zum Diktator des Landes zu machen. Die ganze Stadt erschien in zwei feindliche Lager gespalten. Offenbar kam es jeder Partei darauf an, die Hauptstädte der Provinzen für sich zu gewinnen, und so erschien denn das ganze gesellschaftliche Leben beeinflußt und unterwühlt von politischen Intriguen und Leidenschaften. Jeder aus Rio kommende Dampfer brachte Sendlinge der beiden Parteien, die die Bevölkerung bearbeiteten und für ihren Kandidaten Stimmung zu machen suchten. So wimmelten die sonst lediglich dem Merkur geweihten Straßen Paras plötzlich von politischen Sendlingen, unter denen sich vielfach recht verdächtige Individuen und Abenteurer zweifelhaftester Art befanden, die hier im Trüben zu fischen gedachten. Namentlich auch unter dem in solchen Fällen ja ausschlaggebenden Militär wurde fleißig agitiert, und es tauchten zu diesem Zwecke auch nicht wenige Offiziere sowohl des Landheeres wie der Seemacht in Para auf. Unter diesen Umständen war Helmuts Lage nicht sehr geheuer, und fast bereute er es, die Entscheidung nicht lieber in dem stillen Porto de Moz abgewartet zu haben. Aber zu einer Rückkehr dorthin konnte er sich doch nicht entschließen, bewegte sich jedoch in den Straßen mit höchster Vorsicht, wenn er auch anderseits darauf brannte, die endliche Entscheidung möglichst frühzeitig zu vernehmen. Bisher hatte er nichts Verdächtiges wahrnehmen können. Von den noch ausstehenden Provinzen liefen nach und nach auch die Wahlergebnisse ein, und sie lauteten für den gewalttätigen Peixoto ausnahmslos ungünstig. Nur aus einer Provinz stand das Resultat noch aus. Sobald es durch den Telegraphen übermittelt war, konnte der neue Präsident ausgerufen werden, und damit war auch Helmuts Schicksal in voraussichtlich glücklichem Sinne entschieden. Aber nicht nur er wartete mit fieberhafter Spannung auf diese Nachricht, sondern ebenso ganz Para, dessen Einwohnerschaft sich ein förmlicher Taumel bemächtigt zu haben schien. In allen Kaffeehäusern war es gedrängt voll, und erregte politische Gespräche flogen von einem Tisch zum andern, endigten nicht selten auch mit Gewalttätigkeit und blutigen Raufereien. Die bisherigen, von Peixoto eingesetzten Beamten machten sich nachgerade mit dem Gedanken vertraut, demnächst von ihren fetten Pfründen scheiden zu müssen, und suchten in der Zwischenzeit noch so viel als möglich aus dem armen Volke herauszupressen oder umfangreiche Bestellungen für die Regierung aufzugeben, um dabei nach Landessitte oder vielmehr -unsitte einen letzten tüchtigen Profit zu machen. Umgekehrt rüsteten sich die Hauptvertreter der Gegenpartei, demnächst in diese behaglichen Sinekuren einzurücken, und machten auf das dadurch zu erwartende hohe Einkommen schon im voraus tüchtig Schulden, versprachen das Blaue vom Himmel herunter und dachten im Ernste doch gar nicht daran, es jemals zu halten. Helmut ging jeden Tag an den Hafen hinaus, um die ankommenden Schiffe zu beobachten und zu sehen, ob ihm nicht von irgend einem der neu eintreffenden Offiziere oder Sendlinge Gefahr drohen könne. So hatte er auch wieder in einem verborgenen Winkel mit tief ins Gesicht gedrücktem Hut Aufstellung genommen und musterte mit scharfen Augen die über den Landungssteg eines soeben aus Pernambuco eingetroffenen Dampfers zum Kai Herüberschreitenden. Plötzlich stieß er einen Freudenruf aus, vergaß alle Vorsicht, sprang auf einen der neuen Ankömmlinge hinzu und lag ihm im nächsten Augenblicke am Halse. »Manuel!« stammelte er entzückt, und »Helmut« antwortete dieser mit dem Ausdrucke der höchsten Überraschung. Arm in Arm gingen sie zusammen in die Stadt als die alten unzertrennlichen Kameraden vom Aquidaban und konnten sich nicht genug tun mit gegenseitigem Erzählen. »Die Frau, der du mich damals an dem fürchterlichen Tage von Nictheroy anvertraut hast,« sagte Manuel, »hat ihr Wort wacker gehalten. Sie und ihre Leute haben mich getreulich gepflegt und in ihrem Hause so vortrefflich versteckt gehalten, daß die Spürhunde Peixotos mich nicht ausfindig zu machen vermochten. Meine kräftige junge Natur ist über die schweren Verwundungen Sieger geblieben, und nur ehrenvolle Narben erinnern mich noch an die Beteiligung bei der unglücklichen Revolution und an unseren tapferen Admiral Mello. Mein Vater war natürlich von meinen Gastfreunden auch so bald als möglich benachrichtigt worden, hat mich öfters besucht und nach meiner Genesung durch Bestechung einiger Hafenbeamten dafür gesorgt, daß ich in einer Nacht, wohl versehen mit Geldern und einem falschen Paß, im Boote an Bord eines Schiffes gehen konnte, das mich nach Pernambuco brachte, wo ich seither in der Verborgenheit bei Verwandten gelebt und mich vollends erholt habe. Als dann der Umschwung der Verhältnisse einzutreten anfing und mein Vater für die höchste Stelle im Staate bestimmt zu sein schien, konnte ich schon freier hervortreten, zumal die Bewohner von Pernambuco dem Peixoto von jeher feindlich gesinnt waren. Nachdem die Niederlage Peixotos beim Wahlkampfe sicher zu sein schien, hat mich mein Vater telegraphisch gebeten, hierher nach Para zu gehen, um zusammen mit einigen seiner Freunde seine Interessen hier wahrzunehmen. Und da bin ich nun und freue mich unendlich, dich, meinen Lebensretter, hier so unvermutet zu sehen. Du mußt auch viel durchgemacht haben, denn du bist währenddem zum Manne gereift und schaust zwar braun und sehnig genug aus, aber doch etwas mitgenommen und nicht ganz gesund. Aber das mußt du mir alles genau in meinem Hotel erzählen, das wir jetzt vor allen Dingen aufsuchen wollen.« Während Manuel in seinem Hotel auspackte, hatten sich die beiden Freunde nach der langen Trennung so viel zu erzählen, daß darüber die rasche Tropendämmerung hereinbrach. Der Brasilianer machte nun den Vorschlag, zusammen nach einem großen Kaffeehause zu gehen und dort in Gesellschaft seiner Freunde einen recht gemütlichen Abend zu verleben. Helmut sah wohl ein, daß das für ihn nicht unbedenklich sei, aber er mochte dem Freunde die Bitte nicht abschlagen, und seine lebenslustige Jugend sehnte sich ja selbst danach, nach den vielen Entbehrungen wieder einmal einige lustige Stunden in Gesellschaft gebildeter Menschen zu verbringen. So gab er nach einigem Bedenken schließlich doch gerne nach. Das Kaffeehaus war gedrängt voll erregt schwatzender und politisierender Herren. Manuels Gesellschaft saß an einem reservierten Tische in einer Ecke, und bald wurde man äußerst vergnügt. Eine mächtige Ananasbowle wurde gebraut, die denn doch anders schmeckte, als die Algarrobobowlen im Chaco oder gar als das schauerliche Kaschirigetränk bei den Yurunas, und bald riß eine ausgelassene Stimmung unter den jungen Leuten ein. Man trank auf die Niederlage Peixotos, feierte Manuel als den Sohn des künftigen Präsidenten, mehr oder minder glückliche Witze wurden erzählt, Scherzworte flogen hin und her, und bereits stimmte der eine oder der andere auch schon ein Schelmenliedchen an, in dessen Refrain die ganze Gesellschaft einfiel. So konnte es nicht fehlen, daß sie die Aufmerksamkeit der andern Gäste im Lokal auf sich zogen, und Helmut fühlte sich darob ein wenig ungemütlich. Aber auch er war jung und lebenslustig und konnte sich der allgemeinen Stimmung nicht entziehen. Er fühlte sich hier nur zu behaglich und nach den traurigen Erlebnissen der letzten Wochen zum ersten Male wieder in einer wahrhaft glücklichen Stimmung. So machte er keineswegs den Spielverderber, sondern hielt lustig mit den andern mit und verscheuchte alle Sorgen und Bedenken. Plötzlich fühlte er aber instinktiv, daß jemand aus dem Publikum ihn scharf musterte. Betroffen sah er auf und blickte gerade in die schadenfrohen Züge seines Feindes Dom Alvarez, der mit einigen Landoffizieren an einem Tische in der andern Ecke Platz genommen hatte. Er trug bereits Hauptmannsuniform, war also für seinen Verrat von Peixoto entsprechend belohnt worden. Offenbar gehörte er auch zu den von Peixoto zur Aufwiegelung des Militärs nach Para entsendeten Parteigängern. War Helmut die ungewohnte Bowle vielleicht schon ein wenig zu Kopf gestiegen, jetzt wurde er doch vor Schreck sofort wieder vollständig nüchtern und überschaute mit klaren Blicken seine gefährliche Lage. Voller Geistesgegenwart tat er so, als ob er den Hauptmann überhaupt nicht gesehen oder wenigstens nicht erkannt hätte, und fuhr ruhig fort, sich mit seinen Tischnachbarn in harmloser Weise zu unterhalten. Zwischendurch aber beobachtete er seinen Feind scharf und sah mit wachsender Besorgnis, wie dieser sich von seiner Gesellschaft verabschiedete, ohne sein Glas ausgetrunken zu haben, und sich eilig aus dem Lokal entfernte. Jetzt war es auch für ihn Zeit zum Handeln. Rasch verständigte er im Flüstertone Manuel von seiner unliebsamen Wahrnehmung. Auch der Brasilianer erkannte sofort die drohende Gefahr und begriff die Sachlage. Unter einem Vorwande und mit dem Versprechen, gleich wiederzukehren, machten sie sich von der lustigen Gesellschaft los und eilten so rasch als möglich nach Helmuts Quartier. Aber schon unterwegs war es ihnen, als ob sie von einigen verdächtigen Gestalten verfolgt würden. Glücklicherweise trafen sie in Helmuts Gasthaus den Chiriguano und den Neger an, die sich schon über Helmuts ungewöhnlich langes Ausbleiben geängstigt hatten. Rasch bezahlte Helmut seine Rechnung und packte dann mit Manuels Hilfe seine Sachen zusammen, während die beiden Farbigen in verschlossenem Vorzimmer Wache hielten. Vielleicht gelang es, den Gasthof zu verlassen, ehe die Späher des Dom Alvarez ihn ausfindig gemacht hatten, und für die wenigen Tage bis zur Entscheidung über die Präsidentenwahl irgend wo anders einen Unterschlupf zu finden, vielleicht auf einem der fremden, im Hafen liegenden Schiffe. Dann würde Manuel schon alles befriedigend ordnen. Aber es war leider bereits zu spät. Eben waren die beiden mit dem Packen fertig geworden und schöpften einen Augenblick Atem, als zahlreiche Schritte sich auf der knarrenden Treppe hören ließen und es gleich darauf barsch an die Tür des Vorzimmers klopfte. Helmuts erster Gedanke war, durch einen Sprung aus dem Fenster zu entkommen. Aber ein Blick aus diesem hinaus zeigte ihm, daß es doch zu hoch lag, und daß außerdem auch im Hofe bereits Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett zum Empfange des etwa Flüchtenden bereit standen. So wollte er sich denn mit Würde und Ruhe in das Unvermeidliche fügen, in der Hoffnung, daß es dem Einflüsse seines Freundes gelingen werde, ihn nach dem erhofften Umschwung der politischen Verhältnisse wieder frei zu bekommen. Das ungeduldige Klopfen an der Vorzimmertür wiederholte sich. Auf einen Wink Helmuts, der sich selbst mit Manuel wieder ins Schlafzimmer zurückzog, öffnete Tumayaua, aber nur ein wenig, und trat dem überraschten Soldaten im vollen Kriegsschmuck eines Chiriguanohäuptlings entgegen, die nervige Rechte um den schweren, mit Schlangenhaut überzogenen Steintomahawk geklammert. Überrascht fuhren die Soldaten zurück, nicht recht wissend, was sie aus dieser unvermuteten und bei aller Wildheit Ehrfurcht gebietenden Erscheinung machen sollten. Gleich darauf aber ertönte die ungeduldige Stimme des Tom Alvarez: »Ich wünsche den Seekadetten Helmut Förster zu sprechen.« »Hier gibt es keinen Seekadetten und keinen Herrn Förster,« versetzte Tumayaua ruhig, »und mein Herr ist für fremde Leute überhaupt nicht zu sprechen.« Damit schlug er den Soldaten die Tür vor der Nase wieder zu, verriegelte sie und stemmte sich dann mit seinem mächtigen Körper dagegen. »Im Namen des Gesetzes öffnet uns,« schrie Don Alvarez heiser vor Aufregung. »Wir kommen im Auftrage der Regierung.« Tumayana rührte sich nicht, und als schließlich Beilhiebe die Tür erschütterten, erhob er drohend den Tomahawk, und auch Zampa eilte jetzt mit einem Dolchmesser an die Seite des mutigen Häuptlings. Aber Helmut und Manuel sahen wohl ein, daß hier jeder Widerstand vergeblich sei und ihr Schicksal nur verschlimmern könne. Ersterer befahl deshalb dem Häuptling in entschiedenem Tone, keinen Widerstand zu leisten und die Tür zu öffnen, wenn anders ihm seine Freundschaft teuer sei. Nur höchst widerwillig und murrend gehorchte Tumayaua und trat zurück, einen trotzigen und finsteren Ausdruck in den ehernen, bronzefarbigen Zügen. Die schwache Tür splitterte unter den wuchtig gegen sie geführten Beilhieben bald vollends auseinander, und herein trat hohnlächelnd Hauptmann Alvarez, ein Dutzend wohlbewaffneter Soldaten hinter sich. Ohne weiteres schritt er auf Helmut zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Im Namen der Republik, Kadett Förster, erkläre ich Sie wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt für verhaftet und muß Sie daher ersuchen, mir unverzüglich zu folgen.« Schon wollte sich Helmut ohne weiteres fügen, als Manuel dazwischentrat. »Wie können Sie sich unterstehen,« rief er dem Hauptmann entrüstet zu, »jetzt noch Verhaftungen wegen Teilnahme an dem Aufstande der Admirale Mello und Gama vorzunehmen! Wenn auch vielleicht ein alter Haftbefehl Peixotos gegen Herrn Förster vorliegen mag, so wissen Sie doch jedenfalls ebensogut wie wir, daß die Machtbefugnisse des seitherigen Präsidenten in wenigen Tagen ihr Ende erreicht haben werden, und daß dann eine sofortige und vollständige Amnestie für alle Parteigänger der Revolution sicher ist. Wozu also jetzt noch für wenige Tage harmlose Leute verhaften? Das heißt nur unnützerweise neue Beunruhigung in die Bevölkerung tragen und ist wahrhaftig nicht patriotisch gehandelt. Im übrigen bürge ich Ihnen in jeder Beziehung für Herrn Förster.« »Bürgen Sie, für wen Sie Lust haben,« erwiderte Dom Alvarez kalt, »das geht mich gar nichts an. Ich habe mich nur an die Befehle meiner Vorgesetzten zu halten, und diese gehen dahin, den Seekadetten Förster wegen hervorragender Teilnahme an dem Marineaufstande zu verhaften, wo immer ich ihn treffe. Daß dies erst so spät geschieht, ist nicht meine Schuld, da Herr Förster sich durch die Flucht zu den Indianern seiner Verhaftung bisher zu entziehen gewußt hatte. Mir wäre es selbst lieber, wenn ich ihn schon früher erwischt hätte. Sie, mein Herr, kann ich nur auffordern, eine Amtshandlung nicht zu stören und sich schleunigst von hier zu entfernen, falls Sie nicht das Schicksal Ihres Freundes teilen wollen. Ich kenne Sie nicht, und Sie gehen mich nichts an, aber fast will es mir scheinen, als ob auch Sie die Gerechtigkeit der Republik zu fürchten hätten, und ich werde deshalb dafür sorgen, daß man Sie genügend im Auge behält. Über Patriotismus brauchen Sie einem brasilianischen Offizier keine Belehrungen zu geben. Herrn Förster erkläre ich aber nochmals für verhaftet.« »Aber Mensch, bedenken Sie doch, was Sie tun!« rief Manuel abermals erregt. »Was soll denn das für einen Zweck und Sinn haben, einen sonst unbescholtenen Mann noch für die paar Tage einzusperren, wo er nachher doch wieder freigelassen werden muß?« »Sie könnten sich doch täuschen, mein Herr,« versetzte Tom Alvarez spöttisch. »Noch ist Marschall Peixoto im Amte, und noch arbeiten die von ihm eingesetzten Kriegsgerichte. Diese aber machen glücklicherweise kurzen Prozeß. Wer heute verhaftet wird, kann schon morgen sein Urteil erhalten und übermorgen die wohlverdiente Kugel. Also vorwärts, machen Sie keine längeren Umstände, wenn Sie mich nicht zwingen wollen, Gewalt anzuwenden.« Helmut winkte dem Freunde beschwichtigend zu und schickte sich an, seinem unerbittlichen Feinde zu folgen, aber dieser meinte verächtlich: »Nein, einen so losen Vogel, der in den Chaco und über den Xingu fliegt, können wir nicht so ohne weiteres über die Straße führen. Er muß es sich schon gefallen lassen, daß man ihm die Flügel ein wenig beschneidet.« Damit winkte er zwei Soldaten heran, die dem Deutschen schwere, eiserne Fesseln um Hände und Füße legen wollten. Entrüstet stieß Helmut sie mit solcher Kraft zurück, daß sie sich auf dem Boden wälzten. Flammenden Auges wendete er sich an seinen Peiniger: »Solche Niederträchtigkeiten gehen denn doch zu weit, mein Herr! Ich habe bewiesen, daß ich bereit war und noch bin, Ihnen freiwillig zu folgen, vertrauend auf die Gerechtigkeit meiner Sache. Aber ich habe nur meine Schuldigkeit als Soldat getan und nichts Ehrenrühriges begangen, und ich habe es infolgedessen auch nicht nötig, mich wie einen gemeinen Verbrecher in schimpfliche Fesseln schlagen zu lassen. Dazu haben Sie kein Recht, und das verbitte ich mir auf das entschiedenste. Lassen Sie das, und ich gebe Ihnen als Angehöriger der brasilianischen Marine und ehemaliger Kamerad mein Ehrenwort, Ihnen ohne jeden Widerstand zu folgen.« »Sie sind nicht mehr Angehöriger der brasilianischen Marine,« lautete die bissige Antwort, »und haben daher auch nicht das Ehrenwort eines solchen zu vergeben. Für Ihre Kameradschaft danke ich, und Ihr sonstiges Ehrenwort ist für mich keinen Pfifferling wert. Ich habe hier lediglich meine Schuldigkeit zu tun.« »Nun,« meinte Helmut, nun auch seinerseits erbittert, »vielleicht ist das Ehrenwort eines braven Deutschen doch noch mehr wert als das von Ihresgleichen, der Sie Ihre ehemaligen Kameraden so schnöde verraten haben.« Giftiger Haß entstellte bei diesen Worten die gelblichen Züge des Hauptmanns, aber er gab keine Antwort mehr, sondern befahl nur nochmals seinen Soldaten, den Verhafteten in Fesseln zu schlagen und das Zimmer zu räumen. Unschlüssig stand Helmut einen Augenblick. Sein Verstand sagte ihm, daß jeder Widerstand Torheit sei, und sein Gefühl sträubte sich doch mächtig gegen die schimpflichen Eisenketten, und vor seinem geistigen Auge tauchte das in Ehren grau gewordene Haupt seines Vaters auf, was der wohl sagen würde, wenn er sähe, daß man seinen Sohn in Ketten wie einen Raubmörder durch die volksreichen Straßen einer großen Stadt schleppen würde. Schon hatten die Soldaten Helmut ergriffen, aber in diesem Augenblick geschah etwas völlig Unerwartetes. Tumayana, der bis dahin schweigend und unbeachtet in einem Winkel des Zimmers gelehnt hatte, schnellte plötzlich mit funkelnden Augen in einem tigerartigen Satz hervor, schleuderte die Soldaten zurück und sprang auf den eines solchen Angriffs nicht gewärtigen Don Alvarez los. Wie eine eiserne Klammer legte sich die linke Hand des Häuptlings um den Hals des Hauptmanns, während der Tomahawk in seiner Rechten Kreise beschrieb, die die Soldaten zurückscheuchten. Don Alvarez zog rasch den Revolver und feuerte, aber die Kugel schlug unschädlich in die Zimmerwand, und im nächsten Augenblick sauste auch schon der Tomahawk mit furchtbarer Wucht nieder und spaltete dem Hauptmann den Schädel mit lautem Krach mitten durch. Einen Augenblick standen alle erstarrt vor Entsetzen. So blitzschnell und unvermutet hatte sich das alles abgespielt, daß die Soldaten noch gar nicht zur Besinnung gekommen waren und noch gar nicht daran gedacht hatten, von ihren Gewehren Gebrauch zu machen. Jetzt erst ermannten sie sich, indem ein alter Unteroffizier den Befehl übernahm. Mit vorgestreckten Bajonetten stürzten sie sich auf Tumayaua, aber der schleuderte den Tomahawk in eine Ecke, kreuzte ruhig die muskulösen Arme über der breiten Brust und sagte einfach: »Das war Tumayauas letzte Kriegstat. Er hat damit nur eine Dankesschuld abgetragen.« Dann ließ er sich widerstandslos fesseln. Manuel hatte mit dem alten Unteroffizier, der vernünftigen Erwägungen zugänglicher erschien als sein so jäh aus dem Leben geschiedener Vorgesetzter, eine hastige Unterredung, und deren Ergebnis war, daß Helmut von den Soldaten ungefesselt in ihre Mitte genommen wurde. So bewegte sich der kleine Zug nach dem Staatsgefängnis durch die jetzt in der Nacht glücklicherweise schon völlig menschenleer gewordenen Straßen. Andere Soldaten folgten mit dem verhüllten Leichnam des Don Alvarez auf einer Bahre. Es war für Helmut doch ein eigentümliches und tief niederdrückendes Gefühl, als sich die schweren, eisenbeschlagenen Flügeltüren des Gefängnisses krachend hinter ihm schlossen und er von rohen Fäusten in eine dumpfige, finstere Kerkerzelle gestoßen wurde, die kaum Luft genug zum Atmen hatte und außer einem Wasserkruge nichts als eine harte Lager-Pritsche enthielt. Noch einsamer und verlassener kam er sich jetzt vor als in den Wildnissen des Xingu, wo Freund Mangold ruhte, der doch wohl das bessere Los gezogen hatte. Von Tumayaua war Helmut sofort getrennt worden und hatte auch nicht einen Blick mehr mit dem finster vor sich hinstarrenden Häuptling wechseln können. Manuel hatte ungehindert nach Hause gehen dürfen, und Zampa war im Gasthause zur Bewachung von Helmuts Habseligkeiten zurückgeblieben. Schlaflos und mit schmerzenden Gliedern wälzte sich Helmut die ganze Nacht auf seiner harten Pritsche und suchte sich über alle Möglichkeiten der Zukunft klar zu werden. Mehr fast noch als sein eigenes Schicksal bekümmerte ihn das des heißblütigen Häuptlings, denn er kannte die brasilianischen Gesetze gut genug, um zu wissen, daß der letzte Chiriguano dem Tode verfallen war, falls nicht ein Wunder ihn rettete. Kaum war unser Freund imstande, ein paar Löffel der eklen, lauwarmen Morgensuppe hinunterzuwürgen, die ihm der mürrische Gefängniswärter ohne Gruß durch eine Klappe der Tür hereinschob. In düsteren Gedanken saß er so noch manche Stunde, und es mochte wohl schon Mittag sein, als plötzlich zunehmender Lärm auf der Straße seine Aufmerksamkeit erregte. Man hörte das Tosen und Schreien eines großen Volkshaufens, das wie die Brandung eines erregten Meeres an die dicken Gefängnismauern anprallte. Anfangs war nichts zu verstehen in dem wüsten Gelärm, aber dann unterschied Helmut doch deutlich den sich immer erneuernden Ruf: »Hoch lebe der neue Präsident Brasiliens, Doktor Prudente de Maraes Borros!« Freudiger Schreck durchzuckte ihn. Das bedeutete ja die Rettung! Offenbar war das Telegramm mit der Entscheidung über die stattgehabte Präsidentenwahl soeben in Para eingetroffen, und das Volk jubelte dem neuen Staatsoberhaupte zu. Bald genug sollte Helmut darüber Gewißheit erhalten. Die Türschlösser klirrten, und mit bedeutend höflicherer Miene als bisher erschien der Gefängniswärter und forderte seinen Pflegebefohlenen auf, ihm unverzüglich zum Präsidenten des Gerichtshofes zu folgen. Freudig verließ Helmut die Stickluft des düsteren Kerkers, wurde durch lange und finstere Gänge geführt, kam dann in wohnlicher eingerichtete Teile des riesigen Hauses und durfte nach kurzem Harren in das Sprechzimmer des Gewaltigen eintreten. Es war ein alter, graubärtiger Oberst mit ernsten, aber nicht unfreundlichen Gesichtszügen, der da vor seinem mit Aktenstößen bedeckten Schreibtische saß, und neben ihm hatte zu Helmuts freudiger Überraschung Manuel in einem Klubsessel Platz genommen und nickte strahlenden Auges dem Freunde Ermutigung zu. »Viel habe ich Ihnen nicht mitzuteilen, Herr Förster,« begann der alte Oberst, »aber ich freue mich aufrichtig, daß diese Mitteilungen für Sie günstig lauten. Durch Ihren Freund Manuel, den Sohn unseres neu gewählten Präsidenten, bin ich über Ihre Schicksale so weit unterrichtet, daß Sie mir nichts zu erzählen brauchen. Der neue Präsident Brasiliens hat die ihm vom Volke anvertraute Herrschaft mit einem Akte der Großmut begonnen und eine umfassende Amnestie für alle Teilnehmer am Marineaufstand erlassen. Darin sind selbstverständlich auch Sie inbegriffen, und es steht Ihnen frei, dieses ungastliche Gebäude jeden Augenblick zu verlassen. Ich beglückwünsche Sie dazu und kann nur meinem Bedauern darüber Ausdruck geben, daß Sie durch den Übereifer eines Anhängers des alten Regimes noch zu guter Letzt in eine so unliebsame Lage gebracht worden sind. Ich weiß wohl, wie wacker Sie sich in den schwierigsten Lagen benommen haben, und ich schüttle Ihnen deshalb herzlich die Hand. Gehen Sie mit Gott, und reisen Sie in Frieden heim zu den Ihrigen, die gewiß schon mit banger Sehnsucht des verlorenen Sohnes harren. Ich bin entzückt, daß auch die erste Handlung meines ernsten Amtes unter der neuen Präsidentschaft eine solche der Menschenliebe sein darf.« »Tausend Dank, Herr Oberst, für Ihre rasche Erledigung meiner Angelegenheit, und tausend Dank auch dir, lieber Manuel, für dein tatkräftiges Eintreten, denn ohne dieses hätte ich doch wohl noch manchen Tag hier zubringen können.« »Oh,« versetzt Manuel mit etwas verlegenem Lächeln, »die alte Schuld von Nictheroy ist dadurch noch lange nicht wett gemacht, denn es war nur Weniges und Selbstverständliches, was ich hier für dich tun konnte.« »Auch unser seitheriger Präsident Peixoto,« nahm der Oberst würdevoll wieder das Wort, »hat ein Beispiel erhabener Vaterlandsliebe gegeben, indem er sofort nach dem Bekanntwerden des Wahlergebnisses den Regierungspalast räumte und die Geschäfte seinem nach Recht und Verfassung gesetzmäßig erwählten Nachfolger übertrug. Die Feinde und Neider Brasiliens hatten ja insgeheim gehofft, daß er nicht freiwillig die Macht wieder aus den Händen geben, sondern sich vielleicht durch einen Gewaltstreich zum allmächtigen Diktator des Landes machen werde. Sie haben sich glücklicherweise verrechnet, denn auch bei Peixoto siegte die bessere Einsicht und die glühende Vaterlandsliebe über etwa vorhandene persönliche Machtgelüste und die Anforderungen des Ehrgeizes. So hat dieser zweifellos hochbegabte und tatkräftige Mann durch die Art seines Rücktrittes seinem Lande einen großen Dienst erwiesen, einen neuen Bürgerkrieg vermieden und ruhiger Aufwärtsentwicklung den Weg gebahnt. Dafür schuldet ihm Brasilien großen Dank, und er hat dadurch vieles wieder wett gemacht, was er vielleicht aus übergroßer Strenge verschuldet hat, wobei aber sicherlich immer die Sorge um das Wohl des Vaterlandes und nicht persönliche Rachsucht die Triebfeder gewesen ist.« Damit machte der Oberst den beiden jungen Leuten eine freundlich entlassende Handbewegung und wandte sich den Arbeiten auf seinem Schreibtische wieder zu. Die Freunde verbeugten sich dankend und schritten der Türe zu, als Helmut plötzlich zögernd stehen blieb. »Und was wird aus Tumayaua?« fragte er halblaut. »Kann ich Ihnen noch mit etwas dienen, Herr Förster?« sagte der Oberst wohlwollend, aber doch mit dem leisen Unterton von Ungeduld in der Stimme, wie er vielbeschäftigten Leuten eigen zu sein pflegt. »Mein Freund wollte sich nur nach dem Schicksal seines wackeren Reisebegleiters, des Chiriguanohäuptlings, erkundigen,« fiel Manuel ein, »und wir beide möchten ein warmes Wort der Fürbitte einlegen für diesen edlen Wilden, den gerechte Entrüstung und eine mißverständliche Auffassung der Sachlage zu einer unüberlegten Tat hingerissen haben.« »In dieser Beziehung bedaure ich, Ihnen nicht dienen zu können, meine Herren,« versetzte der Oberst verbindlich, aber kalt. »Der Indianer ist dabei betroffen worden, wie er, ohne selbst angegriffen zu sein, einen in Ausübung seiner Amtspflicht begriffenen brasilianischen Offizier niederschlug. An dieser unzweifelhaften Tatsache ist nichts zu rütteln und nichts zu mäkeln, auch nichts zu beschönigen, mögen die Beweggründe zu dem Meuchelmord vielleicht auch edler Natur gewesen sein. Unsere Gesetze sind in dieser Beziehung streng und unerbittlich. Und mit Recht. Wo bliebe sonst das Ansehen des Staates? Die lateinischen Republiken Südamerikas bedürfen eines festen Gefüges, wenn sie nicht zugrunde gehen oder von der großen nordamerikanischen Republik so nach und nach verschluckt werden sollen. Und gerade den wilden und unbotmäßigen Eingeborenen gegenüber muß streng darauf gesehen werden, daß die Gesetze ohne Abweichung und Ausnahme unerbittlich durchgeführt werden. Solchen hochwichtigen Staatsgrundsätzen gegenüber darf und kann ein armseliges Indianerleben keine Rolle spielen. Recht muß Recht bleiben, und das Gesetz muß gerade hier unbeirrt seinen Lauf nehmen. Ich kann daher nichts für Ihren Schützling tun, meine Herren, auch wenn ich es wollte. Doch werde ich dafür Sorge tragen, daß er anständig behandelt wird.« Niedergeschlagen wandten sich die beiden Freunde abermals zum Gehen. Helmut wollte aus gequältem Herzen heraus noch etwas erwidern, aber Manuel zog ihn fast gewaltsam mit sich fort. Und auch der Deutsche mußte sich sagen, daß von dem alten Oberst in dieser Sache nichts zu erhoffen sei, denn dazu war er offenbar viel zu sehr eingefleischter Jurist und Brasilianer mit allen Vorurteilen seiner Landsleute gegen die farbige Rasse. Das galt bis zu einem gewissen Grade selbst für den sonst so gutmütigen Manuel, der es bei aller Freundschaft für seinen ehemaligen Kameraden und bei aller Dankbarkeit gegen den Lebensretter vom Standpunkte seiner Auffassung aus doch nicht recht begreifen konnte, daß Helmut wegen eines halbnackten Indianers so viele Umstände machte. Daß ein Indianer inmitten einer bevölkerten Hafenstadt und im tiefsten Frieden es gewagt hatte, einen brasilianischen Offizier zu töten, erschien auch in seinen Augen als ein so ungeheuerliches Verbrechen, daß es nur durch den Tod gesühnt werden konnte. Und was lag denn an so einem einzelnen Indianer? Es gab ihrer doch wahrlich noch mehr als genug in den Urwäldern. Am liebsten hätte Manuel es gesehen, wenn Helmut diesen unglückseligen Häuptling ruhig seinem wohlverdienten Schicksale überlassen hätte und mit erster Gelegenheit mit ihm zusammen nach Rio zurückgelehrt wäre. Aber dazu war Helmut nicht zu bewegen, sondern erklärte mit Festigkeit, daß er Para nicht eher verlassen werde, als bis die Würfel über Tumayauas Schicksal gefallen wären, und daß er in der Zwischenzeit alles aufbieten werde, die Lage des armen Häuptlings zu erleichtern. Als Manuel sah, wie unerschütterlich ernst es dem Freunde mit diesem Vorsatz sei, fügte er sich und bemühte sich ehrlich, nun auch seine weitreichenden Verbindungen für Tumayaua nutzbar zu machen. Aber so sehr man auch sonst überall dem hübschen und liebenswürdigen Sohne des neuen Präsidenten entgegenkam, in dieser Beziehung stieß er doch überall auf taube Ohren oder auf volle Verständnislosigkeit. Der ganze Hochmut der brasilianischen Rasse kam da zum Vorschein. Für eine armselige Rothaut konnte und wollte sich niemand erwärmen. Alles, was sich erreichen ließ, war, daß der Chiriguano im Gefängnis gut und anständig behandelt wurde, obgleich die Wärter darüber murrten und nur durch fortgesetzte reichliche Trinkgelder dazu zu bewegen waren. Befreit von schweren Sorgen und doch voll Kummer um das Schicksal Tumayauas, war Helmut in seine Behausung zurückgekehrt, wo ihn der getreue Zampa mit Ausbrüchen ungeheuchelter Freude empfing. Aber auch bei ihm verwandelte sich der Jubel bald in Traurigkeit, als er hörte, daß der Chiriguano voraussichtlich nicht wiederkehren werde. Einige Tage später erhielt Helmut durch Verwendung Manuels die Erlaubnis, dem Häuptling im Gefängnis einen Besuch abzustatten. Mit tiefer Erschütterung betrat er die niedrige Zelle, mit ruhiger Gelassenheit empfing ihn Tumayaua, so freudig es auch bei dem unvermuteten Eintritt des Deutschen in seinen dunklen Augen aufgeblitzt hatte. Er war verschlossen und wortkarg wie immer, verriet durch nichts auch nur die geringste Erregung und schien seine traurige Lage und das bevorstehende Ende als eine selbstverständliche Fügung des Schicksals zu betrachten und hinzunehmen. Tröstungsversuche wies er fast schroff von sich. Bei den Verhören hatte er nicht den geringsten Versuch gemacht, seine Tat zu beschönigen oder in milderem Lichte erscheinen zu lassen. »Ich habe meinen weißen Bruder und Wohltäter an seinem ärgsten Feinde gerächt,« hatte er fast triumphierend vor dem Untersuchungsrichter ausgerufen, »wie es die Sitte der Chiriguanos und das Gesetz des Urwaldes ist. Ich bin ein Kind des Urwaldes und vom alten Stamme der Chiriguanos. Demgemäß habe ich gelebt und demgemäß will ich sterben.« Für diese freimütige Sprache hatten die Aktenmenschen im Gerichtsgebäude von Para freilich kein Verständnis. Unbefriedigt mußte Helmut das Gefängnis wieder verlassen. Trotzdem erlahmte er nicht in seinen Anstrengungen zum Besten der Rothaut. Gemeinsam mit Manuel sprach er noch bei manchem einflußreichen Manne vor, aber stets erhielten sie dieselbe höflich ablehnende Antwort wie bei dem alten Obersten, stets begegneten sie demselben gleichgültigen Achselzucken. Keiner dieser äußerlich so liebenswürdigen Brasilianer hatte auch nur das leiseste Verständnis für Helmuts Auffassung und Denkungsart. Ihnen allen erschien der Indianer da unten irgendwoher aus den Urwäldern als ein Wesen so niedriger und untergeordneter Art, daß es doch wahrlich nicht lohne, sich seinethalben den Kopf zu zerbrechen. Er habe einen brasilianischen Offizier aus einer der angesehensten Familien des Landes ermordet, und dafür müsse er mit Fug und Recht am Galgen büßen. »Man würde seine Begnadigung im Volke auch gar nicht verstehen und es höchstens die Richter entgelten lassen, überdies die Rothaut beim Verlassen des Gefängnisses lynchen.« Das mußte Helmut immer und immer wieder hören. So brach der gefürchtete Tag der entscheidenden Gerichtsverhandlung an. Auch Helmut, Manuel und Zampa waren unter den geladenen Zeugen, ebenso die bei der Schreckenstat anwesend gewesenen Soldaten. Diese sagten natürlich ungünstig für den verhaßten Indianer aus, doch gab namentlich der Unteroffizier zu, daß der Ermordete sich sehr herausfordernd benommen habe, und daß dadurch der Indianer möglicherweise stark gereizt worden sei, da er mit großer Treue an seinem Herrn zu hängen scheine. »Ein Chiriguano kennt keinen Herrn,« warf Tumayaua hier stolz ein, während er sich sonst bei der ganzen Zeugenvernehmung in undurchdringliches Schweigen hüllte. »Die Chiriguanos sind frei wie die Hirsche des Waldes. Nur freiwillig bin ich meinem weißen Bruder gefolgt, weil er mich vor dem Marterpfahle der Bugres gerettet hat.« Helmut beeilte sich, das zu bestätigen. Natürlich suchte er den Angeklagten so viel als möglich zu entlasten und erzählte ausführlich, wie wacker sich der Häuptling während der abenteuerlichen Reise benommen, wie sehr er sich um das Wohlergehen der kleinen Expedition verdient gemacht hatte. Die strengen Richter erschienen durch diese warmherzige und offenbar von ehrlicher Überzeugung getragene Verteidigung doch ein wenig gerührt, wenn sie es auch nicht recht begreifen konnten, daß ein gebildeter Weißer wegen einer Rothaut so viel Geschichten machte, wodurch Helmut in ihren Augen einen bedauerlichen Mangel an Rassebewußtsein erkennen ließ. Aber Tumayaua selbst verdarb wieder die gute Wirkung von Helmuts Rede und den vorteilhaften Eindruck, den auch das Zeugnis Manuels hervorgerufen hatte, während auf die Aussage eines Niggers wie Zampa natürlich von vornherein überhaupt kein Wert gelegt wurde. Statt der von den Richtern erwarteten Zerknirschung trug der Häuptling einen stolzen, in diesem Saale und vor diesen harten Männern wenig angebrachten Hochmut zur Schau und begegnete allen forschenden Fragen nach den inneren Beweggründen zu seiner Tat mit trotziger Kürze oder finsterm Schweigen. Vergebens suchte Helmut einen Blick von ihm abzufangen, um ihm wenigstens mit den Augen ein klügeres Verhalten anzuraten. Vielmehr erklärte der Chiriguano, daß er seine Tat nicht im geringsten bereue, da der Kapitano ein böser Mensch gewesen sei, und daß er im Wiederholungsfalle genau ebenso handeln würde. Das mußte ihm verhängnisvoll werden, daran konnte auch der Umstand nichts mehr ändern, daß die über Dom Alvarez selbst vernommenen Leumundszeugen sich fast ausnahmslos höchst ungünstig über seinen Charakter aussprachen. Es stellte sich heraus, daß der Getötete in der Tat ein boshafter Mensch, ein hämischer Intrigant gewesen war, stets nur auf seine Bereicherung bedacht und mit der brutalen Rücksichtslosigkeit des Strebers über andere hinwegschreitend, dabei auch Wortbruch und Verrat nicht scheuend. Endlich zog sich der Gerichtshof zur Beratung zurück. Sie dauerte über Erwarten lange, obwohl doch jeder im Saal Anwesende wußte, daß bei der klaren Lage des Falls nur ein Todesurteil ausgesprochen werden konnte. Es mußten sich doch wohl verschiedene Auffassungen unter den Richtern geltend machen und auf einander stoßen. Endlich erschienen sie mit ernsten Mienen wieder, und der Vorsitzende verkündigte das allgemein erwartete Todesurteil. Da aber der Angeklagte aus edlen Beweggründen gehandelt habe, liege kein gemeiner Meuchelmord vor, und deshalb solle er nicht am Galgen sterben, sondern durch Pulver und Blei. Ein Schimmer von Freude huschte bei diesen Worten wie Sonnenschein über Tumayauas düstere Züge. Gefragt, ob er sich bei dem Urteil beruhigen oder Revision vor einer höheren Instanz beantragen wolle, erklärte er freimütig: »Tumayaua weiß, daß der große Geist die Haare auf seinem Haupte gezählt hat. Tumayaua geht gern zum Tode, denn er hat recht gehandelt. Tumayaua weiß Dank dem Rate der Weißen, daß sie ihn nicht durch den Strick am großen Holze sterben lassen wollen. Tumayauas Herz ist erfreut, daß er den Tod des Kriegers sterben darf. So kann sein Geist ungehindert eingehen zu seinen Vätern, die den Jaguar und den Tapir in den Urwäldern gejagt haben« Die Indianer glauben nämlich, daß die Seele eines Gehenkten wegen der Einschnürung des Halses den Körper nicht verlassen könne und ruhelos umherirren müsse, weshalb sie das Gehenktwerden für den schimpflichsten und entsetzlichsten Tod halten. In stolzer, ungebrochener Haltung schritt der Häuptling zwischen den Gefängniswärtern zu seiner Kerkerzelle zurück, während Helmut die Tränen nahe waren. Also das sollte das traurige Ende dieser wackeren Rothaut sein, die ihm immer gewissermaßen als eine letzte Verkörperung indianischen Heldentums und indianischer Ritterlichkeit erschienen war! Aber für solche Männer gab es wohl keinen Platz mehr innerhalb der Zivilisation, die alles gleich machte und keine eigenwilligen Persönlichkeiten mit dem Gepräge vergangener Zeiten mehr dulden wollte. Für denselben Abend noch verschaffte er sich eine abermalige Unterredung mit dem Verurteilten und machte ihm sanfte Vorwürfe wegen seines halsstarrigen Verhaltens. »Hättest du,« sagte er zu Tumayaua, »doch wenigstens Reue zu erkennen gegeben und um Gnade gebeten, es hätte alles ganz anders kommen können, denn die Richter waren unparteiisch genug und dir nicht übel gesinnt. Vielleicht hätte man es bei zehn oder fünfzehn Jahren Zwangsarbeit bewenden lassen. Die wären schließlich auch zu überstehen gewesen, oder es hätte sich früher oder später für deinen Scharfsinn einmal eine Gelegenheit zum Entkommen geboten, oder, wenn du dich gut geführt hättest und erst etwas Gras über die Geschichte gewachsen wäre, hätten wir es durch Manuels Verbindungen sehr wohl erreichen können, daß du bedeutend früher begnadigt worden wärest.« Aber der stolze Chiriguano lächelte nur verächtlich: »Tumayaua ist ein Mann. Er will tausendmal lieber sterben, als in euren dumpfen Kerkern bei lebendigem Leibe vermodern. Er braucht den Wald und das Wild und den Krieg, um leben zu können. Er wäre ja auch gestorben vor Sehnsucht nach dem Rauschen der Bäume und dem Brunstruf der Hirsche. Es ist besser so. Möge mein weißer Bruder mich jetzt verlassen, damit Tumayaua sich schmücken kann für das Wiedersehen mit seinen roten Vorfahren.« Schweren Herzens entfernte sich Helmut, und vergeblich zermarterte er sein Hirn darüber, wie der Häuptling vielleicht noch im letzten Augenblicke zu retten sei. Ein Begnadigungsgesuch an den Präsidenten versprach bei der ganzen Lage der Sache wenig Erfolg, und nach dem, was er soeben von dem Chiriguano gehört hatte, war auch mit Sicherheit anzunehmen, daß dieser seine Einwilligung dazu verweigern würde, und ohne die ging es doch überhaupt nicht. Nur eine Möglichkeit schien es noch zu geben, nämlich den Häuptling mit List oder Bestechung aus dem Gefängnis zu befreien und ihm so Gelegenheit zu bieten, wieder in seinen geliebten Wäldern zu verschwinden. Für den Sohn der Wildnis war es gewiß möglich, sich wieder bis zu den Bakairis durchzuschlagen, und die würden den berühmten Krieger zweifellos mit offenen Augen als ihren Häuptling aufnehmen, wie sie es ihm ja schon angeboten hatten. Nachdem Helmut einmal diesen verzweifelten Plan gefaßt hatte, ging er auch sofort mit aller Tatkraft an seine Vorbereitung und Durchführung. Er mußte sich dazu mit Manuel verständigen, denn allein fehlten ihm ja die unbedingt nötigen Mittel. So zog er denn den gutmütigen Brasilianer ins Vertrauen, bauend auf seine Hochherzigkeit und Dankbarkeit, sicher, daß er ihn zum mindesten nicht verraten würde. Mit tiefem Ernste hörte Manuel seine Auseinandersetzung an. Dann sagte er: »Offen gestanden, verstehe ich dich nicht mehr recht, Helmut. Du bist da im Begriffe, eine große Unbesonnenheit zu begehen, denn was du vorhast, ist eine offenbare Auflehnung gegen die rechtsgültigen Landesgesetze, die dir im Falle des Mißlingens selbst teuer zu stehen kommen kann. Und das alles einer solchen Rothaut wegen! Aber ein deutsches Herz mag darin anders denken als ein brasilianisches, und ich will nicht versuchen, dich umzustimmen, so sehr es mich auch freuen würde, wenn du von selbst zu einer besseren Einsicht kämest. Dein Vertrauen ehrt mich; ich werde es nicht täuschen und auf alle Fälle verschwiegen sein wie das Grab. Verlange aber nicht von mir, daß ich mich persönlich an einem Unternehmen beteilige, das ich von meinem Standpunkte aus entschieden mißbilligen muß. Es würde dem Sohne des Präsidenten schlecht anstehen, wenn er sich an einer solchen Gesetzlosigkeit beteiligen wollte, und es könnte meinem Vater im Falle des Bekanntwerdens seine Stellung kosten. Eigentlich tue ich ja schon schweres Unrecht, wenn ich über deine Mitteilungen schweige, und keinem andern zuliebe würde ich das tun. Wenn du aber etwa für deine persönlichen Bedürfnisse Geld brauchst, so steht dir meine Kasse natürlich gern zur Verfügung. Wozu du es verwendest, geht mich ja schließlich nichts an. Ich denke mir eben, daß du dich nach den vielen ausgestandenen Entbehrungen und vor der Rückkehr auf eure Farm erst mal gründlich hier in der Großstadt amüsieren willst.« Helmut merkte natürlich wohl, worauf sein gutherziger Freund eigentlich hinaus wollte, und im stillen mußte er dessen vernünftige Haltung bewundern und konnte sie nur billigen. Ja, Geld, das leidige, elende Geld war es, das ihm fehlte, das er dringender als alles andere benötigte, wenn er die Gefängniswärter bestechen und auf diese freilich ungesetzliche Weise ein edles Menschenleben retten wollte. Zögernd nannte er die beträchtliche Summe, die er für den guten Zweck nötig zu haben glaubte, und ohne Bedenken zog Manuel seine Brieftasche und füllte einen entsprechenden Scheck aus. Schleunigst machte Helmut diesen auf der Bank zu barem Gelde und ging dann an die Ausführung seines waghalsigen Vorhabens. Der Gefängniswärter war ihm von allem Anfange an als ein gemeiner und habgieriger Mensch erschienen; der würde dem verlockenden Klang der Goldfüchse gewiß keinen großen Widerstand leisten. Noch am selben Abend mußte ihn Zampa, der sich für solche Aufgaben vortrefflich eignete, in seiner schmutzigen Stammkneipe im Hafenviertel aufsuchen, denn viel Zeit war nicht mehr zu verlieren, da das Urteil am dritten Tage nach seiner Fällung vollstreckt werden sollte. Es verlief auch alles ganz programmäßig. Zampa hatte das Glück, in der Hafenspelunke zwei Wärter anzutreffen, darunter denjenigen, dem speziell die Bewachung Tumayauas anvertraut war, während der andere, wie der Neger bald herausbekam, in der nächsten Nacht die Torwache und demgemäß auch den Torschlüssel hatte. Die beiden Kerle waren schon halb betrunken, lümmelten mit aufgestützten Ellenbogen an ihrem Tische vor sich hin und schienen schlechter Laune, weil ihnen das Bargeld ausgegangen war und der Wirt, der seine Pappenheimer zu kennen schien, ihnen keinen weiteren Kredit mehr bewilligen wollte. Beide Wärter waren zwar Mulatten, aber trotzdem hätten sie sich in ihrem Rassendünkel kaum mit einem Vollblutneger an einen Tisch gesetzt, wenn nicht Zampa sofort eine Runde Whisky hätte auffahren lassen, dessen verlockendem Duft die beiden Trunkenbolde nicht widerstehen konnten. So folgte eine Runde der andern, und bald glaubte Zampa mit seinem Vorschlage herausrücken zu können, wobei er gleichzeitig einige Goldstücke in die gierig geöffneten Hände der Ehrenmänner gleiten ließ. Es erforderte nicht allzuviel Überredungskunst, sie für den Plan zu gewinnen, zumal Zampa ihnen für den Fall des Gelingens eine recht beträchtliche Belohnung in Aussicht stellen konnte. Helmut hatte derweil andere Vorbereitungen getroffen. So hatte er ein Mönchskostüm besorgt, in das sich der Häuptling bei seiner Flucht hüllen sollte. Gerade diese Verkleidung erschien am geeignetsten, weil sie die ganze Gestalt verhüllte und bei herabgezogener Kapuze auch das Gesicht ziemlich verdeckte, und weil außerdem die Patres als Seelentröster ständig im Gefängnisse aus- und eingingen, das Erscheinen einer solchen Gestalt also am wenigsten auffallen konnte. So war also alles bestens vorbereitet, und mit fieberhafter Spannung erwartete Helmut den Einbruch der Dunkelheit. Eine finstere und stürmische Nacht schien sein kühnes Vorhaben noch besonders zu begünstigen. Endlich war es so weit. Entschlossen steckte er zwei geladene Revolver zu sich und machte sich mit dem das Mönchskostüm tragenden Zampa auf den Weg nach dem wie ausgestorben daliegenden Gefängnis. Auf ein verabredetes Klopfzeichen hin ließ sie der bestochene Wärter durch das Tor, und der andere führte sie zur Zelle Tumayauas. Beim Eintreten fanden sie den Häuptling aus seiner Pritsche bereits in tiefem, ruhigem Schlummer. Aber mit den scharfen Sinnen des Wilden fühlte er doch instinktiv die Anwesenheit von Menschen in dem kleinen Räume und richtete sich langsam auf. Der Wärter löste ihm die Fußfessel, mit der er an die Wand geschmiedet war, und verließ dann die Zelle, um draußen im Gange Wache zu halten, falls etwa eine unvermutete Revision erfolgen sollte. Die drei Reisegefährten waren allein. Strahlenden Blickes sah Helmut dem rothäutigen Freund ins Auge. »Ich bringe dir die Freiheit, Tumayaua,« sagte er dann mit Nachdruck. »Haben die Richter der Weißen sich eines Besseren besonnen und das Urteil abgeändert?« fragte Tumayaua dagegen. »Das nicht, denn das Urteil läßt sich nicht mehr ändern, nachdem du keine Revision eingelegt hast. Aber treue Freundeshand öffnet dem Häuptling der Chiriguanos die Kerkertür, damit er in seine geliebten Wälder zurückkehren kann als ein freier Mann.« Und nun entwickelte Helmut mit aller ihm zur Verfügung stehenden Beredsamkeit seinen Plan, setzte auseinander, welche Maßregeln er für eine glückliche Durchführung desselben getroffen habe, breitete das Mönchskostüm aus und lud die Rothaut ein, sich für einige Stunden in einen frommen Pater zu verwandeln. Aber ernst schüttelte Tumayaua das Haupt. »Der letzte Häuptling der Chiriguanos kann nicht wie ein Fuchs feige vor seinen Feinden davonschleichen. Er weiß zu sterben und möchte beim großen Geist die Friedenspfeife mit seinen Vätern rauchen. Tumayaua ist ein Krieger und verschmäht es, sich in das Kleid der falschen Priester zu hüllen, die er sein ganzes Leben hindurch gehaßt und verachtet hat, die so viel Unglück über die roten Männer gebracht haben.« Vergeblich versuchte Helmut, den harten Sinn des trotzigen Häuptlings umzustimmen. Fast huschte ein leises Lächeln über die finsteren Züge Tumayauas, als er sagte: »Und wenn Tumayaua wirklich entkommen würde, was sollte dann aus seinem weißen Bruder werden? Tumayaua kennt die Gesetze der Weißen gut genug. Er weiß, daß sein weißer Bruder für Tumayauas Flucht zur Verantwortung gezogen und hart bestraft werden würde. Mein weißer Bruder ist eben erst selbst einer großen Gefahr entgangen, warum will er sich einer Rothaut wegen in eine neue stürzen? Hat er ganz vergessen, daß daheim die alten Eltern und die weiße Blume des Waldes aus ihn warten? Tumayaua dankt ihm, kann aber seinen Vorschlag nicht annehmen. Tumayaua sehnt sich danach, den Tod des Kriegers zu sterben und bei seinen Vätern zu weilen.« Nichts vermochte den Häuptling umzustimmen. Unerschütterlich beharrte er auf seinem Entschlusse, und an seinem ehernen Willen prallten alle Überredungskünste Helmuts ab. Dieser war in Verzweiflung darüber, daß das so glücklich begonnene Befreiungswerk in letzter Stunde an dem Eigensinn des Häuptlings selbst scheitern sollte. Er bat und flehte, beschwor und drohte, aber alles umsonst. Der Wärter klopfte schon ungeduldig an die Tür, und Tumayaua sagte schließlich: »Darf ich eine Bitte an meinen weißen Bruder richten?« »Sie ist dir von vornherein gewährt, Häuptling.« »So lasse mein weißer Bruder den letzten Häuptling der Chiriguanos mit Würde zum Tode gehen und mache ihm das Herz nicht schwer. Denn auch der rote Krieger des Waldes hat ein Herz. Tumayaua darf nicht schwach werden, und wenn mein weißer Bruder ihn nicht verläßt, müßte er selbst Lärm machen und die Wache herbeirufen.« Tief erschüttert stand Helmut vor solcher Seelengröße. Er sah nun wohl ein, daß alle weiteren Bemühungen vergeblich sein würden. Tränen umflorten sein Auge, er konnte sich nicht halten, gab der Regung seines Herzens nach, vergaß allen Rassenhochmut, umarmte innig den Indianer und drückte ihm einen herzlichen Kuß zum Abschied auf den Mund, zum grenzenlosen Staunen Zampas, der ein solches Schauspiel wohl nie für möglich gehalten hätte. In den tiefdunklen Augen Tumayauas aber flammte und zuckte es dabei gar seltsam auf, und jetzt bebte auch seine Stimme vor Rührung, als er sagte: »Dafür dankt Tumayaua seinem weißen Bruder, denn damit hat dieser sein Herz stark gemacht und ihm den Abschied erleichtert. Tumayaua haßte die Weißen, die seinen roten Brüdern ihre Jagdgründe weggenommen und sie mit Pulver und Gift und Feuerwasser vom Erdboden vertilgt haben. Tumayauas Herz hat sich verhärtet, als er sah, wie die roten Männer dahinschmolzen im Kampfe, wie die Weißen Wortbruch und Verrat übten und Krankheiten in die Dörfer des roten Mannes trugen. Bestände der Stamm der alten Chiriguanos noch, Tumayaua hätte den Kriegstomahawk ausgegraben und gegen die Weißen gekämpft bis zum letzten Atemzuge. Er verachtete die falschen Brasilianer, aber er lernte dann, daß es auch gute Menschen unter den Weißen gebe; namentlich unter euch Deutschen. Und diese durfte Tumayaua nicht die Untaten anderer entgelten lassen, denn der große Geist hat ihm den Sinn für Gerechtigkeit ins Herz gepflanzt. Tumayaua lernte deine Eltern kennen, und er sah, daß diese den roten Mann seiner Hautfarbe wegen nicht verachteten, sondern wie einen Bruder in ihrem Hause aufnahmen. Tumayaua hatte keine Heimat mehr, sein Stamm war erloschen, aber wenn er müde war von der Jagd, durfte er sein Haupt im Hause deines Vaters stets zur Ruhe legen. Und da haben Zweifel sein Herz ergriffen. Tumayaua ist dann mit dir zu seinen Stammesgenossen im Chaco gewandert, und er mußte dort sehen, daß das keine echten Chiriguanos mehr sind, daß sie dem Glauben und den Sitten ihrer Väter untreu wurden und schon fast die Gewohnheiten der Weißen angenommen haben. Tumayaua hat sich überzeugt, daß in diesem Lande kein Platz mehr ist für die Kinder des roten Mannes. Derer, die sich der Herrschaft der Weißen nicht beugen wollen, sind nur noch sehr wenige, und sie sind arm, und ihre Pfeile können nichts ausrichten gegen eure weittragenden Donnerbüchsen. Die anderen aber sind verkommen und verdienen nicht mehr, Indianer zu heißen. Da ist es auch für den letzten Häuptling der Chiriguanos an der Zeit, zu scheiden. Sein weißer Bruder hat ihm durch den Freundeskuß den Abschied leicht gemacht, und Tumayaua weiß, wofür und warum er stirbt. Und wegen dieses Kusses darf er beim Abschiede seinem weißen Bruder auch noch eines sagen, was sonst nie über seine Lippen gekommen wäre. Der lebende Tumayaua durfte wegen seiner roten Farbe sein Auge nicht erheben zu der weißen Blume des Waldes, aber der sterbende darf ihr jetzt seinen letzten Gruß senden, und das macht ihn glücklich. Lebe wohl, mein weißer Bruder, und sage deiner schönen Schwester, daß der letzte Häuptling der Chiriguanos als ein furchtloser Krieger gestorben ist.« Ein furchtbarer Seelenschmerz schnürte Helmuts Hals fast bis zum Ersticken zusammen. Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, nun erst wurde ihm so manches Rätselhafte und Widerspruchsvolle an dem verschlossenen Häuptling klar. So hatte ihn selbst das langsame Sterben Doktor Mangolds kaum erschüttert. Seiner Sinne kaum noch mächtig, verließ er nach einer nochmaligen Umarmung in Begleitung Zampas die elende Gefängniszelle, und wie ein Trunkener taumelte er wenige Minuten später wieder durch das sich mit leisem Knarren öffnende Tor, nachdem er vorher noch den beiden, ihn habgierig daran erinnernden Wärtern wortlos die versprochene Belohnung in die Hand gedrückt hatte. Diese beiden Ehrenmänner sahen sich mit unverhohlenem Erstaunen an, daß wieder nur zwei Männer das düstere Gebäude verließen, und als sie sich durch einen Blick in Tumayauas Zelle davon überzeugt hatten, daß der Gefangene wirklich zurückgeblieben war, kannte ihre Verblüffung keine Grenzen. Das war etwas, was über ihren Horizont ging. Nun, ihnen konnte es auf jeden Fall recht sein. Ihren Judaslohn hielten sie in Gestalt blinkender Goldstücke in Händen, und wenn der Verurteilte trotzdem so dumm war, dazubleiben, um so besser; dann brauchten sie keinerlei Entdeckung des Anschlages zu fürchten und konnten ihre mit mancherlei hübschen Nebeneinnahmen verbundenen Stellen behalten. Als Helmut in sein Gasthauszimmer zurückkehrte, fand er dort zu seiner Überraschung Manuel sitzen, der Zigaretten rauchend den Freund erwartete, denn es hatte dem braven Brasilianer doch keine Ruhe gelassen; er wollte so rasch als möglich in Erfahrung bringen, ob der Anschlag geglückt oder mißlungen sei, um danach etwaige weitere Maßregeln im Interesse seines Lebensretters ungesäumt treffen zu können. Helmuts tieftraurige Miene schien nichts Gutes zu weissagen. »Also mißglückt?« fragte Don Manuel ängstlich. »Ja und nein! Es wäre alles glatt und gut gegangen, aber der stolze Häuptling wollte nicht wie ein Fuchs aus dem Loche fliehen, sondern die Verantwortung für seine rasche Tat voll tragen. Und vor allem wollte er auch meinetwegen nichts von heimlicher Flucht wissen.« »Er hat vollkommen recht gehandelt,« versetzte Manuel zustimmend. Und nun erzählte Helmut dem treuen, teilnehmend zuhörenden Freunde ausführlich die erschütternden Vorgänge der letzten Stunden. Auch der weichherzige Manuel war tief gerührt. »Wahrlich,« sagte er, »diese Rothaut ist ein edler Mensch, und jetzt kann ich es auch verstehen, daß du alles aufbieten wolltest und mußtest, um ihn zu retten.« »Er erscheint mir,« schloß Helmut, »als die letzte Verkörperung der vielbesungenen Indianerpoesie und indianischen Heldenmuts auf amerikanischem Boden. Er mag wohl recht haben, daß für beides kein Platz mehr ist in der neuen Welt. Aber die Erinnerung an ihn wird in meinem Herzen nie verlöschen und mich gerechter und duldsamer gegen Menschen von anderer Hautfarbe machen. Wie lange noch, und es wird auch in unserem Lande keine wirklichen Indianer mehr geben, sondern nur noch ein halbzivilisiertes Lumpengesindel von roter Hautfarbe. Es war wohl wirklich für den letzten Häuptling der edlen Chiriguanos an der Zeit zu gehen.« Am nächsten Tage war die halbe Stadt auf den Beinen, um die Hinrichtung des wilden Indianers mit anzusehen, der es gewagt hatte, in einer der grüßten Städte des Landes einem brasilianischen Offizier mit seinem Tomahawk den Schädel zu spalten, als befände er sich mitten im Urwalde. So gern Helmut auch noch einen letzten Blick auf den rothäutigen Freund geworfen hätte, er fühlte sich doch ganz außer stände, dem für ihn fa entsetzlichen Schauspiel beizuwohnen. Auf seine Bitte aber ging Manuel hin, um ihm nachher Bericht abzustatten. Sehr ernst kam der lebenslustige Brasilianer zurück und erzählte dann dem gespannt aufhorchenden Helmut: »Tumayaua ist gestorben, wie es von ihm zu erwarten war: als ein indianischer Held und als ein ganzer Mann. Selbst den Soldaten, die wahrlich nicht an Weichherzigkeit leiden, hat er die höchste Achtung abgenötigt. Stolz und aufrecht, mit der unnachahmlichen Würde dieser Naturkinder schritt er zwischen ihnen seinen letzten Gang, ohne einen Blick zu haben für die gaffende Menge, die den Weg umsäumte. Auf seinen Wunsch – und du weißt ja, daß man jedem zum Tode Verurteilten einen letzten Wunsch zu erfüllen pflegt – hatte man ihm gestattet, den vollen Kriegsschmuck des Chiriguanos anzulegen. Er sah prächtig darin aus in seiner urwüchsigen Wildheit und in seinem unbeugsamen Trotz, und ich hörte manches bewundernde Wort über ihn von den Lippen schöner Damen. Am Richtplatz angekommen, wollte man ihm die Augen verbinden, aber entrüstet wies er das zurück, denn die Chiriguanos seien gewohnt, dem Tode offen ins Antlitz zu sehen. Der befehligende Offizier, dem die wackere Rothaut wohl selbst leid tat, ließ ihm auch diesen Willen, obwohl es eigentlich gegen die Instruktion ist. Frei und offen bot Tumayaua seine Brust den tödlichen Kugeln dar und rief: ›So stirbt der letzte Häuptling der Chiriguanos unter den Kugeln der Bleichgesichter!‹ Dann knatterte die verhängnisvolle Salve, und alles war vorüber. Ich habe dafür gesorgt, daß dem Unglücklichen wenigstens ein ehrliches Begräbnis zuteil wird.« Tränenumflorten Auges hatte Helmut zugehört, und stumm drückte er dem Freunde die Hand. Am nächsten Tage pilgerte er hinaus zu dem frischen Grabhügel und legte zwei Kränze aus Waldblumen darauf nieder, einen für sich und einen für die Schwester, die wohl nichts davon ahnen mochte, daß hier ein edles Herz ausgelitten, das so treu für sie geschlagen hatte. Elftes Kapitel. Ein Negeraufstand. Nun hielt unseren Freund eigentlich nichts mehr in Para, und mit aller Macht drängte es ihn zur Heimkehr. Aber über dem Besuche des Grabes hatte er den fälligen Dampfer versäumt und mußte sich nun noch vierzehn Tage in Geduld fassen, bis das nächste größere Schiff nach dem Süden ging. Es war eine harte Geduldsprobe für ihn, denn tiefe Traurigkeit umdüsterte sein ganzes Wesen, die nur durch die rührende Anhänglichkeit Zampas und durch den freundschaftlichen Zuspruch Manuels etwas gemildert wurde. Trotzdem kam sich Helmut ungemein verlassen vor, denn zu viert waren sie ausgezogen von der väterlichen Farm, und nur zwei kehrten zurück, während die beiden andern in der Blüte ihrer Jahre auf grausame Weise dahingerafft waren. Helmut war über all diesen Ereignissen während der letzten Monate aus einem unreifen Jüngling zu einem ernsten Mann geworden, der die Welt mit ganz andern Augen betrachtete als früher. Bald fand er, daß der schönste und würdigste Trost im Unglück die Arbeit sei. Er hatte sich daran gemacht, seine und Doktor Mangolds Tagebücher zu vergleichen und einzelne Kapitel daraus auszuarbeiten. War es zunächst mehr das Pflichtgefühl, das ihn dazu trieb, um das dem verewigten Forscher gegebene Wort einzulösen, so fand er doch selbst bald bei dieser Arbeit eine so tiefe innere Befriedigung, daß er sich nicht mehr davon losreißen konnte, sondern sich mit einem von Tag zu Tag steigenden Interesse immer mehr darein vertiefte. Jedes Stück der Sammlungen, das er prüfend und vergleichend zur Hand nahm, erweckte tausend Erinnerungen und machte vor seinem regen Geiste all die Umstände wieder lebendig, unter denen es erworben worden war. So zog in der Erinnerung wie in einem verklärten Scheine nochmals die ganze abenteuerliche und gefahrvolle Reise an ihm vorüber. Bei vielen Stücken war Helmut freilich bezüglich der wissenschaftlichen Bestimmung im Zweifel, denn er war ja noch ein junger, unerfahrener Anfänger und ohne tiefere wissenschaftliche Vorkenntnisse. Da hörte er zu seiner Freude, daß in Para ein großes Museum vorhanden sei, und nun pilgerte er täglich dorthin, um seine Schätze mit den dort aufgestapelten und genau bestimmten zu vergleichen. So vertieft war er in diese anregende Beschäftigung, daß er gar nicht bemerkte, wie ihn öfters ein hochgewachsener alter Herr mit langem Vollbart und silbernen Locken mit dem Ausdrucke des Erstaunens, aber auch des Wohlwollens musterte. Eines Tages aber sprach ihn der alte Herr an. »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie bei Ihren Studien unterbreche, aber es ist in unserem Museum eine solche Seltenheit, daß jemand eingehendere wissenschaftliche Studien macht, daß man doch gern wissen möchte, mit wem man es eigentlich zu tun hat.« Etwas verwirrt stellte Helmut sich vor. »Ich bin der Professor Naegli,« versetzte der alte Herr, »gebürtiger Schweizer, aber schon seit langen Jahren Direktor dieses Museums, das aus kleinen Anfängen geschaffen wurde, jetzt aber in erfreulichem Aufblühen begriffen ist. Ich sehe an Ihren Sachen, daß sie nicht in unserer Gegend gesammelt wurden, sondern von weit her kommen, und ich glaube, es ist manches Stück darunter, das uns im Museum noch fehlt, und das ich deshalb gern für unsere Sammlungen erwerben würde. Im übrigen stehen Ihnen natürlich alle unsere Hilfsmittel mit Vergnügen zu Gebote, denn es macht mir immer besondere Freude, junge Forscher zu unterstützen.« »Wenn unter meinen Sachen etwas ist, was Sie brauchen können, so sehe ich es natürlich selbst am liebsten, wenn es einem brasilianischen Institut zugute kommt,« erwiderte Helmut. So ging das Gespräch hin und her und wurde auch an den folgenden Tagen fortgesetzt. Helmut konnte daraus seine Kenntnisse in ungeahnter Weise bereichern und die wertvollsten Anregungen für seine im Entstehen begriffene Arbeit empfangen. Er faßte unbegrenztes Zutrauen zu dem würdigen Gelehrten und erzählte ihm auf Befragen den ganzen Verlauf seiner Expedition. »Ich beglückwünsche Sie dazu aufrichtig,« sagte der Professor, »und möchte Sie bitten, die Ihnen hier noch verbleibenden Tage doch dazu zu benutzen, wenigstens ein Kapitel Ihres Materials nach Möglichkeit auszuarbeiten und es mir zur Durchsicht zu übergeben.« Freudig nahm Helmut diesen ihm hochwillkommenen Vorschlag an, und er errötete vor Stolz, als ihm Professor Naegli nach Durchsicht des Manuskriptes sagte: »Wahrlich, junger Freund, Sie haben das Zeug dazu, ein tüchtiger Naturforscher zu werden. Verrät auch Ihre Arbeit den Anfänger, und weist sie mancherlei bedenkliche Lücken in den Vorkenntnissen auf, so zeugt sie doch von scharfer Beobachtungsgabe und gesunder Urteilskraft. Bleiben Sie also nur ruhig dabei, sich dem Studium der Naturwissenschaften zu widmen, wie Sie es ja vorhaben. Machen Sie diese Arbeit fertig, erweitern und ergänzen Sie dabei auch Ihre Vorkenntnisse, und ich bin überzeugt, daß Sie sich damit einen guten Namen machen werden, denn die von Ihnen besuchten Gegenden sind ja teilweise noch von gar keinem Naturforscher betreten worden, und Sie werden deshalb viel Neues bieten können.« »Wenn ich nur,« entgegnete Helmut zögernd, »auch sicher wäre, daß ich die mir fehlenden Grundlagen in nicht zu langer Zeit nachholen kann, aber das ist es, woran ich zweifle. Ich war bisher Soldat, Landwirt und Jäger und habe mich vor der Bekanntschaft mit Doktor Mangold herzlich wenig um die Wissenschaften gekümmert, und auch meine Schulbildung mag wohl vieles zu wünschen übrig lassen. Ich fürchte, daß ich eine klägliche Rolle spielen würde, wenn ich etwa nach Europa hinüber ginge und versuchen wollte, mir auf einer der deutschen Universitäten die nötigen Kenntnisse anzueignen.« »Aber das ist ja auch gar nicht nötig, zumal Sie ja doch später nach Brasilien zurückkehren wollen. Sie würden in Europa nur fremde Begriffe einsaugen, die für unsere Verhältnisse passen wie die Faust aufs Auge. Brasilien bietet dem, der es mit der Wissenschaft ernst meint, heute selbst Bildungsmöglichkeiten genug. Gehen Sie auf einige Semester nach Rio oder Pernambuco, und dann kommen Sie als Assistent zu mir, und ich will Ihnen schon den nötigen naturwissenschaftlichen Schliff beibringen. Sie wollen ja praktisch im Interesse unserer Landwirtschaft arbeiten, und da müssen Sie Ihre Kenntnisse auch im Lande selbst sammeln, denn die europäischen Verhältnisse sind von den unsrigen doch gar zu verschieden. Ich zweifle nicht daran, daß Sie sich durchsetzen werden, denn bei uns kommt es vor allem auf praktische Kenntnisse an und nicht auf graue Theorien. Jene aber kann jeder erreichen. Sehen Sie einmal das Fräulein an, das drüben in dem andern Zimmer arbeitet. Es ist eine Landsmännin von mir, Fräulein Schneitlach. Trotz ihrer holden Weiblichkeit bereits mit dem Doktortitel geschmückt. Sie werden ihr's kaum ansehen, daß sie schon ganz selbständig die tollkühnsten Expeditionen nach dem oberen Amazonenstrom gemacht hat, um unsere Sammlungen zu bereichern, und ich meine, was diesem zarten Mädchen möglich war, wird doch für einen so forschen und kampfgestählten jungen Mann wie Sie keine Unmöglichkeit sein.«. Solches Zureden bestärkte unsern Freund immer mehr in seinem Entschlusse, und es stand nun bei ihm fest, welche Laufbahn er einzuschlagen, und wie er sich seine nächste Zukunft zu gestalten habe. Auf diese Weise war die lange Wartezeit weit angenehmer verstrichen, als er zu hoffen gewagt hatte, und fast fuhr er wie aus einem schönen Traum auf, als eines Tages die Ankunft des erwarteten Dampfers gemeldet wurde. Zampa hatte schon gepackt, und so konnte Helmut nach herzlichem Abschied von dem freundlichen Professor alsbald an Bord gehen. Auch Manuel war schon dort, denn er wollte mit dem gleichen Schiffe nach dem Süden fahren, zunächst allerdings nur bis Pernambuco. Er bat und drängte Helmut so lange, bis dieser einwilligte, in Pernambuco gleichfalls einen Dampfer zu überspringen. Leicht fiel ihm dieser Entschluß ja nicht, denn die Sehnsucht seines Herzens zog ihn mit aller Macht nach dem Elternhaus. Aber doch brachte er es nicht übers Herz, dem treubewährten Freunde die Bitte abzuschlagen. Manuel wollte seinen Onkel, einen großen Zuckerplantagenbesitzer bei Pernambuco, besuchen, denselben, bei dem er sich nach seiner Flucht aus Rio de Janeiro aufgehalten hatte, und Helmut merkte aus den begeisterten Schilderungen, die der Brasilianer von der Tochter seines Onkels entwarf, recht gut, welcher Magnet den Freund eigentlich dorthin zog. Außerdem interessierte es ihn vom landwirtschaftlichen Standpunkte aus, den Betrieb in einer solchen Zuckerplantage kennen zu lernen. Das Schiff, das die beiden benutzten, war zu Helmuts Freude einer der prachtvollen deutschen Riesendampfer, wie sie von unsern Hansastädten aus die ganze Küste Südamerikas befahren. Hier bekam Helmut einen Luxus und eine Eleganz zu sehen, wie sie ihm selbst in Rio nicht begegnet war, und lernte ein Wohlleben kennen, von dem er sich nichts hatte träumen lassen. Das Ganze glich einem schwimmenden Palast, der bis in die kleinsten Einzelheiten hinein mit feinem und künstlerischem Geschmack ausgestattet war. Auf der Speisekarte standen Gerichte, die ihm ebenso fremd waren wie die, die er vor Monaten aus den Kochtöpfen der Indianer am Xingu gefischt hatte, aber etwas besser schmeckten sie doch, und für den nötigen Appetit sorgte schon die frische, salzgeschwängerte Seeluft, die auch das Gute hatte, bei unserem Freunde bald die letzten Reste des Fiebers zu verscheuchen und ihm seine jugendkräftige Gesundheit vollends zurückzugeben. Interessant war auch die bunte Mischung der Reisenden, vom armen italienischen Auswanderer angefangen bis hinauf zum blasierten englischen Weltenbummler. Alle nur erdenklichen Kultursprachen schwirrten über Deck, das fast täglich der Schauplatz froher geselliger Veranstaltungen war, und mit neu erwachter Lebenslust nahm auch Helmut auf Manuels Drängen daran teil. So wurde Pernambuco, der am weitesten nach Osten vorspringende Punkt der brasilianischen Küste erreicht, ohne daß man auch nur für eine Stunde Langeweile empfunden hätte. Vor der Küste erstreckte sich hier in unübersehbare Fernen ein mächtiges Riff wie eine Mauer, gegen das die Wogen mit wildem Anprall haushoch anbrandeten. Eine nur hundert Meter breite Lücke klaffte dazwischen, durch die die Schiffe bei der Flut in den schönen Hafen gelangen konnten. Der sich ans Gestade schließende Stadtteil war das Geschäftsviertel und bot mit seinen alten, unschönen Häusern und den engen, winkeligen Straßen keinen sehr angenehmen Anblick. Übel riechende Dünste entströmten den düsteren und winkligen Bureaus der Großfirmen, in denen schon mancher europäische Kaufmann sich das gelbe Fieber geholt hat, der hierher kam, um rasch Reichtümer zu sammeln. Hübscher nahmen sich die weiter landeinwärts gelegenen Stadtviertel mit ihren buntgestrichenen Häuschen und freundlichen Gärten aus. Auffallend war in dem Straßenleben die große Zahl der Neger, die sich hier recht wohl zu fühlen schienen, denn überall herrschte Frohsinn und Gesang, Lustigkeit und die größte Ungebundenheit. Auch hier trugen die zahlreichen Straßenverkäuferinnen alles auf dem Kopfe, und diese Gewohnheit war den Leuten so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß zur Belustigung Helmuts sogar die Mulattin, die im Gasthause den bestellten Kaffee brachte, mit eingestemmten Armen das winzige Täßchen auf ihrem Kopfhaar balancierte, ohne daß ein Tropfen verloren ging. Der aufrechte und anmutig schwebende Gang dieser Leute wurde aber vielleicht gerade durch diese Gewohnheit erklärlich. Lange konnten sich die Freunde nicht in der Stadt aufhalten, sondern mieteten alsbald Maultiere und ritten auf diesen durch den anmutigen Badeplatz Olinda eine Tagereise weit ins Innere, um die Farm von Manuels Onkel Dom Tiago zu erreichen. Inmitten ausgedehnter Zuckerrohrfelder erhob sich ein geradezu schloßartiges, märchenhaft schimmerndes Gebäude mit großen Spiegelscheiben und unzähligen Veranden, Erkern und Balkons, daran anschließend ausgedehnte Wirtschaftsgebäude, in denen sich über hundert Schwarze geschäftig tummelten. Die innere Ausstattung der Gemächer entsprach freilich nicht ganz dem prunkvollen Äußeren, denn die Zahl der Möbel war verhältnismäßig gering und die besseren Stücke schienen alle schon aus älterer Zeit zu stammen. Helmut kannte diese Eigentümlichkeit des brasilianischen Haushaltes ja auch schon von den Südprovinzen her, und er hütete sich auch, früher gemachten Erfahrungen gemäß, wohl, einen Blick in die Küche zu werfen, damit ihm die dort herrschende Unsauberkeit und die unzähligen, daumenlangen Riesenschaben nicht den Genuß der in prachtvollen Schüsseln aufgetragenen und sonst appetitlich zubereiteten Speisen verekeln sollten. Mit großer Herzlichkeit wurden die Ankömmlinge aufgenommen, und das Haus schien überhaupt äußerst gastfrei zu sein, denn es waren außerdem wohl noch zwanzig Logiergäste anwesend, meist junge Männer, von denen unschwer zu erraten war, daß sie hauptsächlich der schönen Angela halber hier weilten. Die schien sie freilich alle nur zum Narren zu haben und ihre losen Possen mit ihnen zu treiben. Im vertrauten Kreise hieß sie die »Wildkatze«, und man konnte diesen Namen verständlich finden, wenn man ihre ausgelassene Ungebundenheit beobachtete und ihre funkelnden Augen sah, in denen es von tausend losen Schelmenstreichen nur so wetterleuchtete. Dabei war sie von unglaublicher körperlicher Gewandtheit, geschmeidig wie eine Katze, ein loser Irrwisch, dessen silbernes Lachen überall da ertönte, wo man es am wenigsten vermutete, eine tollkühne Reiterin und sichere Pistolenschützin – das echte Kind des tropischen Großpflanzers aus der guten, alten Zeit. Aber diese guten Zeiten schienen auch im Staate Pernambuco vorüber zu sein. Wenigstens konnte der alte Tiago nicht genug klagen, wenn er auf die wirtschaftlichen Verhältnisse zu sprechen kam, wobei er zu seiner Freude an Helmut einen aufmerksamen Zuhörer fand, während das übrige junge Volk wenig Sinn für dergleichen hatte. »Früher,« so meinte er, »führten wir nicht umsonst den Namen Zuckerbarone, und nicht nur in Rio, sondern auch in Lissabon und Paris waren wir den großen Hotels die willkommensten Gäste, weil wir etwas draufgehen ließen und man sich von unserm Reichtum wahre Wunderdinge erzählte. Wie groß unsere Besitzungen eigentlich waren, wußten wir selbst kaum, denn niemand ließ sie vermessen. Bei den großen Bankhäusern genossen wir unbeschränkten Kredit, und nach der Ernte rechneten unsere Verwalter einfach mit ihnen ab, ohne daß wir uns viel darum zu kümmern brauchten. Allerdings wäre es für so manchen doch wohl besser gewesen, wenn er dies getan hätte. Betrogen und bestohlen worden sind wir ja von allen Seiten her wohl ganz gehörig. Aber damals schöpfte man eben aus dem Vollen und meinte, es müsse immer so weiter gehen. Auf Kleinigkeiten kam es ja gar nicht an. Und heute? Ach du lieber Gott! Zu Europareisen langt's schon längst nicht mehr. In Rio borgt uns kein Geschäftsmann auch nur einen Conto (etwa 2000 Mark), und die Hotelbesitzer machen süßsaure Gesichter, wenn wir vorsprechen, und sehen uns lieber gehen als kommen.« »Wodurch ist denn dieser bedauerliche Niedergang eigentlich zu erklären?« erkundigte sich Helmut. »Ja, es ist halt Vieles zusammengekommen, um den ›reichen Onkel aus Brasilien‹ nachgerade zu einem Ammenmärchen zu machen. Ganz besonders waren es aber zwei Gründe. Der eine davon ist das Aufkommen und die rasche Ausdehnung der Rübenzuckerindustrie in Europa, das bis dahin größtenteils auch auf unsern Rohrzucker angewiesen war. Der kann aber mit dem europäischen Rübenzucker den Wettbewerb nicht aufnehmen, schon deshalb nicht, weil wir nicht genügend gute Maschinen besitzen, um den Zuckergehalt des Rohres richtig auszunutzen. Der beträgt nämlich zwar chemisch 10 bis 20 Prozent, aber bei unserer Fabrikationsmethode werden davon in Wirklichkeit nur 4-1/2 bis 5, allerhöchstens 6 Prozent gewonnen, der größere Teil dagegen geht ungenutzt verloren. Die europäische Zuckerrübe hat zwar nur 6 bis 12 Prozent Zuckergehalt, dieser aber wird bei den raffinierten dortigen Gewinnungsmethoden bis zum letzten Atom ausgenutzt. So kann gar keine Rede mehr davon sein, unsern Rohrzucker wie früher in ganzen Schiffsladungen nach der Alten Welt auszuführen, sondern wir müssen froh sein, wenn wir dafür im eigenen Lande noch Abnehmer finden, denn bereits dreht Europa den Spieß um und überschwemmt Südamerika mit billigem Rübenzucker, dessen wir uns nur durch hohe Zollsätze erwehren können. Dadurch sind aber die Zuckerpreise auch im Lande derart gedrückt worden, daß sich der Anbau des Zuckerrohrs gar nicht mehr verlohnt, weil kaum noch die Erzeugungskosten herauskommen. Mancher kleinere Pflanzer ist schon ganz zugrunde gegangen, und die größeren führen unter mühsamer Wahrung des äußeren Glanzes ein elendes Scheindasein, bis auf die wenigen, die klug genug waren, sich in den Zeiten des Überflusses etwas zurückzulegen für knappe Jahre, wie sie nun so überraschend schnell und gründlich gekommen sind. Die meisten aber haben daran kaum gedacht, lebten sorglos in den Tag hinein, ließen sich Weihrauch streuen und sich von Schmarotzern ausnützen, nahmen die ihnen dargebrachten Huldigungen, die doch in Wahrheit nur ihrem Reichtum galten, als etwas Selbstverständliches entgegen und spielten mit Behagen den Grandseigneur, wie es dem Brasilianer ja so wohl ansteht.« »Und der zweite Grund?« »Der zweite Grund, mein Herr, das war das Gesetz über die Aufhebung der Negersklaverei. Sie als moderner Mensch mögen ja darüber wohl andere Anschauungen haben als ein Pflanzer der alten Schule. Übrigens denke ich unparteiisch genug, um mir zu sagen, daß die Sklaverei nicht mehr in unsere Zeit hineinpaßt, und daß deshalb ihre Beseitigung ein dringendes Erfordernis war. Nur so plötzlich hätte sie nicht kommen dürfen, sondern hätte langsam und schrittweise geschehen müssen, damit für alle Teile genügend Zeit geblieben wäre, sich in die neuen Verhältnisse hineinzufinden. Da aber keinerlei Übergangsstadium stattfand, sind die Neger, die mit der ungewohnten Freiheit zunächst nichts Rechtes anzufangen wußten, dadurch vorläufig wohl schwerlich viel glücklicher geworden, sicherlich aber viele Pflanzer verarmt oder ganz zugrunde gegangen, indem ihnen mit einem Schlage die zum Betrieb ihrer großen Unternehmungen unbedingt nötigen Arbeitskräfte entzogen wurden. Sie dürfen da nicht nach den Verhältnissen in den deutschen Ansiedlungen unserer Südstaaten urteilen. Dort haben Sie verhältnismäßig kleine Güter, und der deutsche Kolonist hat in seinen eigenen Familienangehörigen die besten und billigsten Arbeitskräfte, mit denen er, wenn's sein muß, das Nötigste selbst bewältigen kann. Alles dies trifft aber in den ausgedehnten Großbetrieben, wie sie der Zuckerrohrbau notgedrungen mit sich bringt, keineswegs zu. Früher hatten die großen Zuckerbarone so viel Schwarze auf ihren Gütern, daß sie die Zahl meist selbst nur annähernd kannten, jedenfalls von einem Mangel an Arbeitskräften nie die Rede sein oder ein solcher durch Ankauf weiterer Sklaven doch sofort behoben werden konnte. Nach Aufhebung der Sklaverei aber trat bei den Schwarzen sofort eine förmliche Landflucht ein, und sie wanderten massenhaft nach den großen Hafenstädten aus, weil sie dort ihr Brot auf bequemere Weise verdienen zu können und außerdem mehr Lustbarkeiten vorzufinden glaubten, ohne die dieses lebenslustige Völkchen ja nun einmal nicht zu existieren vermag. Die auf den Gütern verbleibenden Neger wurden aus leibeigenen Sklaven zu freien Pächtern oder Handarbeitern. Wir handhaben es jetzt hier zumeist so, daß die Schwarzen unentgeltlich ein beliebig großes Stück Land – an solchem fehlt's ja hier nicht – bebauen dürfen, dann das geerntete Zuckerrohr auf die Herrenhöfe bringen, wo es verarbeitet wird. Von dem gewonnenen Produkt erhalten dann Gutsherr und Pächter je die Hälfte. Viel kommt aber bei dieser Methode nicht heraus, und jedenfalls stehen sich die Nigger dabei entschieden besser als wir Großgrundbesitzer, die wir überdies die größte Mühe haben und es uns schweres Geld kosten lassen müssen, um auch nur das nötigste Gesinde für Haus und Stallungen zu bekommen. Trotz alledem sind die Schwarzen nicht zufrieden, sondern es ist ein ihnen früher fremder aufsässiger Geist in sie gefahren, so daß wir für unsere Sicherheit mehr besorgt sein müssen als früher zur Zeit der Sklaverei.« Helmut konnte als sittlich empfindender Mensch zwar die Ansichten des alten Pflanzerbarons über die wirtschaftliche Berechtigung der Sklaverei nicht teilen, da nach seinem Empfinden sich jeder durch eigene Arbeit den Lebensunterhalt zu erwerben habe, aber er empfand doch, daß man nicht alles nach einer Schablone beurteilen dürfe, und konnte, selbst ein Landwirtsohn, praktisch in mancher Beziehung seinem Partner nicht ganz unrecht geben. Auch ihm war in den wenigen Tagen seines Aufenthaltes auf der Plantage schon aufgefallen, wie unbotmäßig und widerwillig die Schwarzen sich beständig benahmen, und er machte auch eine diesbezügliche Äußerung zu Herrn Tiago. »Nun, allzu tragisch darf man dergleichen nicht nehmen,« meinte dieser etwas leichthin. »Zwar mein Verwalter hat mir auch schon gesagt, daß sich der Ausbruch einer Revolte vorbereite. Aber ich vermag es nicht zu glauben. Ich darf wohl mir und meiner ganzen Familie das Zeugnis ausstellen, daß wir die Nigger immer gut und menschlich behandelt haben. Schon als sie noch Sklaven waren. Umso mehr jetzt, wo man die Kerle ja förmlich mit Glacéhandschuhen anfassen und sie in Watte wickeln möchte, nur damit sie einem nicht davonlaufen und man doch noch ein paar Arbeitskräfte auf dem Hofe behält. Im allgemeinen kann ich daher wohl sagen, daß wir bei den Leuten beliebt sind und sie uns in ihrer Art gern haben, wenn auch vielleicht ein paar berufsmäßiger Hetzer und Unruhestifter, an denen es ja nirgends fehlt, sie aufzuwiegeln versuchen. Namentlich meine Tochter, eine so wilde Hummel sie sonst auch sein mag, verdient durchaus ihren Namen, der auf deutsch so viel wie Engel bedeutet, sobald sie die Hütten der Neger betritt, und hat diesen schon unendlich viel Gutes erwiesen. Und ganz undankbar ist auch der Neger nicht. Überdies wüßte ich wirklich nicht, welchen Grund zur Unzufriedenheit die Schwarzen eigentlich haben könnten, denn es geht ihnen doch wirklich vortrefflich, und sie haben in Hülle und Fülle alles, was nach ihrer Auffassung zum Leben nötig ist. Nein, mein Verwalter sieht am hellen Tage Gespenster, und Sie haben sich ein wenig von ihm anstecken lassen. Freilich soll man der Bestie, die im Innern dieser schwarzen Menschen sitzt, nie recht trauen, aber zu offenem Aufruhr lassen sie es doch nicht kommen. Dazu sind sie viel zu feige, und dazu ist ihnen der Respekt vor der Überlegenheit der weißen Rasse viel zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen. Und sollten sie es wirklich darauf ankommen lassen, nun, dann sind unsere Flinten und Revolver da, um sie schleunigst wieder zur Vernunft zu bringen.« Der ganze Rassenhochmut des großmächtigen brasilianischen Pflanzerbarons, die ganze Verachtung der elenden Nigger leuchtete bei diesen Worten aus den energischen Augen des alten Herrn, und Helmut, der ja auch nicht näher über die Verhältnisse unterrichtet war, hielt es für zwecklos, ihm weiter zu widersprechen. Unter kleinen Jagdausflügen, Spazierritten in die paradiesisch schöne Umgebung, Picknicks, musikalischen Abenden und andern geselligen Veranstaltungen verfloß ihm der Aufenthalt auf der gastlichen Fazenda rasch genug und in der angenehmsten Weise, und ehe er es sich versah, hatte die Stunde des Abschiednehmens geschlagen, wenn er noch rechtzeitig den Dampfer in Pernambuco erreichen wollte. Manuel konnte sich natürlich nicht so rasch von seiner angebeteten Cousine trennen und wollte daher seinen Besuch noch verlängern, aber er ließ es sich nicht nehmen, dem Freunde noch etwa drei Reitstunden weit das Geleit zu geben, und auch alle andern jungen Herren waren gern mit von der Partie. So war es eine stattliche und malerische Kavalkade von etwa zwanzig Reitern, die an einem schönen Morgen zum Tore der Fazenda hinaussprengte. Der Ritt auf trefflichen Pferden und leidlichen Wegen durch den morgenfrischen Wald war herrlich und rief bei allen die fröhlichste Stimmung hervor. Als man sich müde geritten hatte und die Sonne erbarmungsloser vom blauen Himmel herniederbrannte, machte man auf einer schönen Waldlichtung Halt, ließ die Pferde grasen, zündete ein Feuer an und packte aus den umfangreichen Satteltaschen die mitgenommenen Lebensmittel und Getränke aus, um noch ein großes Abschiedsessen zu feiern. Dabei ging es so vergnügt her, daß man gar nicht auf die rasch verfliegenden Stunden achtete, während eine Runde und ein Trinkspruch dem andern folgte. Namentlich Helmut und Manuel konnten sich gar nicht trennen, so daß ersterer erschrocken zusammenfuhr, als ihn ein Blick aufwärts darüber belehrte, wie tief die Sonne schon über den Wipfeln des Urwaldes stand. Nun trieb er aber ernstlich zum Aufbruch. Die Pferde wurden eingefangen, und man war eben im Begriff, sie zu besteigen, Abschied zu nehmen und sich nach verschiedenen Richtungen zu trennen, als die Hufschläge eines wie wahnsinnig galoppierenden Rosses sich auf dem trockenen Waldboden vernehmen ließen. Überrascht blickten alle auf, und unwillkürlich versicherte sich jeder, daß seine Waffen in Ordnung waren. Rasch kamen die Hufschläge näher, Zweige knackten, und grenzenloses Erstaunen malte sich in aller Gesichtern, als nun die Büsche sich teilten und auf schäumendem Roß mit fliegenden Haaren die schöne »Wildkatze« auf die Lichtung heraussprengte. Sie ließ den Herren keine Zeit zu langen Erklärungen. »Folgen Sie mir alle so rasch als möglich!« rief sie atemlos, mit vor Erregung schriller Stimme. »Auf der Fazenda ist ein großer Negeraufstand ausgebrochen. Schon ist Blut geflossen, und die Unsrigen sind in bedrängter Lage. Vorwärts, was die Pferden laufen können!« Damit warf sie auch schon ihren feurigen Hengst herum und sauste mit Windesschnelle den eben gekommenen Weg zurück. Bestürzt folgten ihr sämtliche Herren, Manuel an der Spitze. Was blieb unserm Helmut übrig, als sich mit seinem getreuen Zampa der wilden Jagd ebenfalls anzuschließen, auf die Gefahr hin, dadurch den Dampfer in Pernambuco zu versäumen und die heiß ersehnte Rückkehr ins Elternhaus abermals um vierzehn Tage zu verzögern? Aber unmöglich durfte er den Freund und den gastfreien Fazendero in einer so kritischen Lage im Stiche lassen. Bald war er wieder an Manuels Seite, und beide nahmen die schöne Angela in die Mitte, die ihnen nun während des Galoppierens in kurzen, atemlosen Sätzen das Vorgefallene erzählte. Daraus erfuhren unsere Freunde zu ihrem Schrecken folgendes. Die im Nachstehenden geschilderten grauenvollen Ereignisse sind nicht etwa Phantasien oder Übertreibungen, sondern streng historisch (Vergl. Lamberg, Brasilien). Das Gleiche gilt auch von den meisten anderen Episoden in diesem Buche. Seit der Revolution, über deren Ursachen und Verlauf die Neger nur ganz ungenügend unterrichtet waren, hatte sich der Schwarzen auf den Fazendas große Erregung bemächtigt. Es waren Abenteurer in der Umgegend aufgetaucht, die sie aufhetzten und ihnen vorspiegelten, es sei die Zeit der Güterteilung gekommen, und die Plantagenbesitzer müßten die von den Farbigen bewirtschafteten Ländereien diesen nun ganz abtreten. Diese schlimme Saat hatte schlimmere Früchte getragen, als Tiago in seinem Optimismus, den übrigens alle seine Nachbarn teilten, geglaubt hatte. Es hatte aber doch mächtig gegärt unter den Schwarzen, und es mochten wohl ähnliche Zustände eingetreten sein wie im mittelalterlichen Deutschland beim Ausbruch der großen Bauernkriege. Offenbar hatten die Neger die Entfernung fast sämtlicher Männer aus der Fazenda als den günstigsten Augenblick zum Losschlagen betrachtet. Nach dem Abreiten der Kavalkade hatten sie sich zusammengerottet und drohende Rufe ausgestoßen. Der Verwalter Apollonio, ein furchtloser und herkulisch gebauter Mann, war daraufhin mit Revolver und Machete aus seiner in einem Nebengebäude gelegenen Wohnung in den Hof unter die Tobenden getreten, aber von den blutlechzenden Schwarzen sofort wütend angegriffen worden. Den Rücken durch seine Haustüre gedeckt, hatte er sich heldenmütig verteidigt und die vordersten Angreifer niedergeschossen, aber die sonst so feigen Neger waren nicht zurückgewichen, sondern schienen es auf einen Kampf auf Leben und Tod ankommen lassen zu wollen. Apollonios rechte, mit dem Revolver bewaffnete Hand war durch einen furchtbaren Beilhieb vom Körper getrennt worden. Trotz der fürchterlichen Verwundung und dem kolossalen Blutverlust hatte der riesenstarke Mann doch noch so viel Kraft besessen, sich auf den gefährlichsten Gegner zu werfen, ihm mit eisernem Griff der Linken den Hals zuzuschnüren und ihn dann mitten unter seine Genossen zu werfen. Dann war der Tapfere mit dem Machete in der linken Hand unter diese gesprungen und hatte wie ein Wahnsinniger um sich gehauen. Der Anblick dieser Berserkerwut des verstümmelten Riesen mußte so grauenvoll gewesen sein, daß die Neger von panischem Schrecken ergriffen wurden und schreiend davonstoben. Des Verwalters Frau hatte ihnen aus dem Fenster noch ein paar Schüsse aus dem Doppelgewehr nachgeschickt und dann ihren schwer verletzten Mann zur Tür hereingezogen und ihm einen notdürftigen Verband angelegt. Das alles hatte Angela durch die brave Verwaltersfrau, eine Mulattin, erfahren, die unmittelbar danach ins Schloß geeilt war, um Meldung zu machen. Die zahlreichen weiblichen Dienstboten des Schlosses hatten sich auch in ihrem großen Schlafsaale zusammengerottet und mit der Zerstörung der Einrichtung begonnen. Als Angela den Lärm gehört hatte, hatte sie sofort in der Waffenkammer einen Revolver zu sich gesteckt und war furchtlos unter die erregten Weiber getreten. Die hatten ihr zugeschrieen, daß von jetzt an die Schwarzen Herren des Landes seien und alle Weißen sterben müßten. Ein widerliches, vierschrötiges Weib hatte gleich zu einem großen Küchenmesser gegriffen und war auf Angela losgestürzt, mit den Worten, daß mit ihr gleich der Anfang gemacht werden müsse. Aber Angela hatte die Megäre kaltblütig niedergeschossen und die dadurch entstehende Verwirrung benutzt, mit einem raschen Satz den Saal zu verlassen, die schwere Tür zu verriegeln und dadurch sämtliche Negerinnen einzusperren, so daß sie ihrer Enttäuschung und ihrer Wut nur durch ein wahrhaft tierisches Geheul Luft machen konnten. Der Hausherr hatte von all diesen Vorgängen in seinem auf der andern Seite des weitläufigen Gebäudes gelegenen Arbeitszimmer nichts wahrgenommen und erfuhr erst jetzt durch seine Tochter davon. Aber immer noch wollte er nicht recht an die volle Gefährlichkeit der Lage glauben. Immerhin waren einige Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. Das Erdgeschoß ließ sich glücklicherweise durch schwere Fensterläden und Eisenstangen verbarrikadieren und das eiserne Haupttor konnte jedem Angriffe der Schwarzen Trotz bieten. So hatte man sich in den Oberstock zurückgezogen, und der Hausherr hatte die Damen nebst einigen treu gebliebenen Dienern in zwei Eckzimmern des einen Flügels untergebracht, während er selbst allein von seinem Arbeitszimmer aus die andere Seite überwachen wollte. Den geladenen Revolver hatte er neben sich auf den Schreibtisch gelegt. Angela aber hatte sich schleunigst auf das beste Pferd geworfen, war glücklich, und ohne bemerkt zu werden, durch einen seitlichen Ausgang ins Freie gelangt und fast ununterbrochen galoppiert, um die Herrenkavalkade einzuholen und zur Hilfe herbeizuführen. Bewundernd blickten die beiden Freunde während dieser stoßweise vorgetragenen Erzählung auf die biegsame Gestalt des tapferen Mädchens, das so fest und sicher im Sattel saß. In rasender Eile jagte man dahin und legte so den am Vormittag gemachten Weg in unglaublich kurzer Zeit zurück. Die allgemeine Unruhe und Besorgnis wurde noch gesteigert, als man weithin leuchtenden Feuerschein am Horizonte bemerkte. Aber Angela erklärte mit Sicherheit, daß dieser nicht vom Schloß herrühren könne, sondern daß die Schwarzen wahrscheinlich die ausgetrockneten Zuckerrohrfelder angezündet hätten. Als man in der Nähe des weitläufigen Parkes angekommen war, wurde Halt gemacht, um einen kurzen Kriegsrat zu halten. Helmut als der Kampfgeübteste wurde gebeten, den Befehl zu übernehmen, und er traf auch mit rascher Entschiedenheit die zweckmäßigsten Anordnungen, denen sich alle willig fügten. Da zwanzig mit Doppel- und Repetierbüchsen bewaffnete Männer, alles gute Schützen und erprobte Jäger, vorhanden waren, verfügte er immerhin über eine ganz ansehnliche Streitmacht. Er hieß alle absteigen und nur Zampa zur Bewachung der Pferde zurückbleiben. Dann schickte er fünf Mann unmittelbar nach dem Schlosse, wo sie vor allem dessen Bewohner beschützen und dann an den nach dem Wirtschaftshofe gehenden Fenstern der Rückseite Stellung nehmen sollten. Je weitere fünf Mann wurden von beiden Seiten nach dem Wirtschaftshofe geschickt, um die Schwarzen in beiden Flanken zu packen. Diese Abteilungen sollten den Kampf eröffnen, und die andern erhielten strengen Befehl, nicht eher zu schießen, als bis dies geschehen sei. Die letzten fünf Mann endlich sollten in den Park eindringen und hier den umzingelten Negern den Rückzug abschneiden. Alles das wurde rasch und geräuschlos ausgeführt, so daß der Plan vollkommen gelang. Angela hatte sich natürlich der Abteilung angeschlossen, die ins Schloß selbst eindrang. Eine unerklärliche Besorgnis um ihren Vater hatte sie ergriffen, die noch erheblich gesteigert wurde, als sie eine am Fenster seines Arbeitszimmers angelehnte Leiter erblickte. Während die Männer sich nach dem Flügel begaben, wo die Frauen und weißen Diener hinter verschlossenen Türen in banger Angst der Erlösung harrten, war Angela in fliegender Eile nach dem Zimmer ihres Vaters gestürzt. Dort aber hatte sich inzwischen etwas Furchtbares abgespielt. Während der Hausherr etwas allzu sorglos im Lehnsessel an seinem Schreibtisch saß, war plötzlich der Kopf eines Negers im geöffneten Fenster aufgetaucht. Sofort knallte auch der Revolverschuß des Plantagenbesitzers, verfehlte aber leider sein Ziel. Zu einem zweiten Schusse war er, wie später die Untersuchung des Revolvers ergab, gar nicht mehr gekommen, denn blitzschnell mußten sich seine Gegner auf ihn gestürzt und ihn niedergestochen haben. Als Angela jetzt das Zimmer betrat, bot sich ihr beim schwachen Dämmerschein der brennenden Zuckerrohrfelder ein so grauenvoller Anblick, daß es ihr kalt durch Mark und Bein rieselte und ein entsetzlicher Schrei sich von ihren Lippen losrang. Ein satanisch grinsender Neger, vom Blute seines Opfers überströmt, war nämlich gerade damit beschäftigt, das Haupt des alten Herrn vom Rumpfe zu trennen, während ein zweiter die Finger des noch zuckenden Körpers mit seinem Messer bearbeitete, um sich der kostbaren Ringe zu bemächtigen. Wie eine gereizte Löwin war Angela mit einem Satze im Zimmer und streckte mit zwei sicheren Schüssen ihres Revolvers die beiden menschlichen Ungeheuer nieder. Ihrer Sinne kaum noch mächtig, warf dann das Mädchen die Waffe von sich und sank schluchzend und aufs tiefste erschüttert neben dem Leichnam ihres Vaters nieder und faltete die Hände zum Gebet. Dabei hatte sie übersehen, daß im Hintergrunde des halbdunklen Gemachs noch ein dritter Neger auf dem Boden kauerte, mit dem Ausräumen einer Kommode beschäftigt. Dieser stürzte sich nun wie ein Tiger mit geschwungenem Machete auf das ahnungslose, unbewaffnete und in seiner knieenden Stellung nahezu wehrlose Mädchen. Angela schien verloren, aber mit unglaublicher Geistesgegenwart fuhr die gewandte »Wildkatze« wie der Blitz dem starken Manne zwischen die Beine, riß ihn zu Boden und umschlang ihn wie ein Polyp, so daß er seine schwertartige Waffe nicht zu handhaben vermochte, während sie in grauenerregender Wut ihre scharfen Zähne wie ein reißendes Tier in seinen Hals eingrub und ihm die Kehle zerfleischte. Ein verzweifeltes Ringen erhob sich zwischen den beiden so ungleichen Kämpfern. Der vollkräftige Mann suchte seine schmächtige Feindin unter der Wucht seines Körpers zu erdrücken und sich mit den gewaltsamsten Mitteln von ihrer stählernen Umschlingung zu befreien. Aber vergebens. Vor Schmerz und Blutverlust verließen den Schwarzen schließlich die Sinne, und er sank als ohnmächtige Fleischmasse zurück. Aber auch Angelas Kräfte waren zu Ende. Inzwischen hatte sich der Hauptkampf ganz nach dem Plane Helmuts abgespielt. Die beiden Flügelabteilungen hatten das Feuer eröffnet. Die Neger waren wohl anfangs mit Sensen, Beilen und Macheten mutig gegen die Schützen angestürmt, aber auf die kurze Entfernung traf fast jeder Schuß, und so wurden sie rasch zurückgeworfen, zumal jetzt auch in den Fenstern auf der Rückseite des Schlosses Schuß auf Schuß aufblitzte. Jammernd und schreiend waren die Neger nach dem Parke zu geflüchtet, um durch diesen nach dem Walde zu entkommen, aber auch auf dieser Seite wurden sie sofort von dem wohlgezielten Feuer der vierten Abteilung empfangen. Von allen Seiten umringt und im Hofe zusammengedrängt, wurden sie erbarmungslos niedergeschossen wie Hasen auf einer Treibjagd, bis endlich die überlebenden ihre Waffen von sich warfen und kniefällig um Gnade flehten. Das Leben wurde ihnen geschenkt, aber sie wurden sämtlich in die festen gewölbten Keller eingesperrt und Wachposten mit geladenem Gewehr davor aufgestellt. Helmut und Manuel hatten wacker am Kampfe teilgenommen und in der Aufregung desselben auf nichts weiter geachtet. Als jetzt aber alles vorüber war und sie sich, einen Augenblick aufatmend, auf die rauchenden Flinten stützten, durchzuckte sie beide plötzlich mit banger Besorgnis der Gedanke: Wo ist Angela? Hatten sie doch das heldenhafte Mädchen in der Zwischenzeit gar nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ängstlich durchsuchten sie die vielen Zimmer und Gänge, bis sie endlich zum Arbeitszimmer des Hausherrn kamen. Der Anblick, der sich ihnen hier bot, war so schauerlich, daß sie vor Entsetzen starr standen und es ihnen eisig kalt über den Rücken lief. Der ganze Fußboden troff von Blut. Im Lehnsessel ruhte der Leichnam des alten Herrn, dessen Haupt, vom Rumpfe getrennt, von der Hand eines riesigen Negers an den Haaren gepackt war, der über einem seiner Kumpane erschossen am Boden lag. In einem Knäuel am Boden war die unglückliche Angela so fest mit einem noch röchelnden Neger verklammert, daß es Mühe kostete, beide zu trennen. Heiße Tränen flossen über Manuels Gesicht, da er auch Angela für tot halten mußte, denn ihr Kopf schien eine einzige Wunde zu sein. Die Kleider waren ihr vom Leibe gerissen, der Körper über und über mit Blut besudelt, auf dem Rücken fehlten handgroße Stücke der Haut, und überall im Zimmer lagen Strähne ihres schönen schwarzen Haares herum, dick mit Blut verklebt. Helmut behielt auch in diesem furchtbaren Augenblick seine Geistesgegenwart und konnte zu seiner Freude feststellen, daß noch Leben in dem Mädchen war. Es wurde aufgehoben, nach seinem Zimmer geschafft und der sorgsamen Pflege der jammernden Mutter übergeben. Der wüste Kampf hatte sein Ende erreicht, und alles war eifrig beschäftigt, die schlimmsten Spuren davon zu beseitigen. Nach allen Richtungen wurden Eilboten ausgeschickt, um Ärzte und Hilfsmannschaften herbeizuholen. Solche trafen von den nächsten Fazenden, wo man den unheilverkündenden Feuerschein blutigrot am Himmel hatte stehen sehen, auch schon in überraschend kurzer Zeit ein, da ihnen die Boten schon auf halbem Wege begegneten. Glücklicherweise war auch ein Arzt dabei, der nach eingehender Untersuchung zur Freude aller mitteilen konnte, daß die Verletzungen des Mädchens zwar schwer, aber keineswegs tödlich seien, und daß sie voraussichtlich ihre volle Gesundheit wiedererlangen werde. Die Hilfsmannschaften beschäftigten sich mit dem Löschen des Feuers auf den Feldern, mit der Reinigung der Gebäude und Beseitigung der angerichteten Schäden sowie mit dem Transport der gefangenen Neger. Manuel als der nächste männliche Verwandte des so schwer betroffenen Hauses hatte natürlich alle Hände voll zu tun, und Helmut durfte ihn jetzt nicht verlassen, sondern mußte noch weitere vierzehn Tage auf der Fazenda bleiben. Am nächsten Tage bestattete man tiefbewegt den ermordeten Hausherrn in der Gruft der Schloßkapelle, und allmählich kam alles wieder ins gewohnte Geleise, zumal die benachbarten Fazenderos bereitwillig die nötigen Arbeitskräfte zur Verfügung stellten. Angelas eiserne Natur erholte sich überraschend schnell, und schon konnte sie wieder einige Stunden täglich außerhalb des Bettes zubringen. Ehe sich Helmut endgültig verabschiedete, konnte ihm Manuel noch mitteilen, daß er nach Ablauf des Trauerjahres Angelas Gatte werden und die Verwaltung der Plantage selbst übernehmen werde, somit auch einen neuen und dankbaren Wirkungskreis gefunden habe. Innig gestaltete sich der Abschied zwischen beiden, und Helmut mußte versprechen, einen Teil seiner Studienzeit in Pernambuco zu verbringen und dann so oft als möglich als hochwillkommener Gast auf die Fazenda hinauszukommen. Zwölftes Kapitel. Heimkehr ins Vaterhaus. Bewegten Herzens ritt unser Freund endlich nach Pernambuco zurück, in der Hoffnung, daß die erschütternden Vorfälle, an denen sein Leben seit der Beschießung von Rio so unheimlich reich gewesen war, nun ihr Ende erreicht hätten. In freudiger Erwartung bestieg er das Schiff, das ihn endlich der Heimat entgegentragen sollte. So schnell es auch fuhr, für seine Sehnsucht ging es doch viel zu langsam. Einen längeren Aufenthalt gab es unterwegs in Bahia. So hatte Helmut Gelegenheit, auch noch diese große Handelsstadt Brasiliens kennen zu lernen. Vom Meere aus nahm sie sich schön genug aus, weil bewaldete Höhenzüge sie rings umgrenzten. Beim Betreten aber enttäuschte das Gewirr der engen und krummen, schlecht gepflasterten, sehr steilen und überaus schmutzigen Gassen und Gäßchen. Rühriger Geschäftseifer herrschte aber überall, und solider Reichtum trat fast mehr zu Tage als selbst in Rio. Zwar erfuhr Helmut, daß auch hier der früher so bedeutende Handel mit Rohrzucker gewaltig zurückgegangen sei, aber das Hinterland von Bahia war so reich an den verschiedenartigsten und wertvollsten Erzeugnissen, daß der Ausfall hier weit weniger in Betracht kam als in Pernambuco. Der Handelsverkehr hatte sich mehr auf Tabak, Kaffee, Farbhölzer und Baumwolle, Kakao und Früchte geworfen. Auch wurde im Hinterlande immer noch ziemlich viel Gold gewonnen und selbst Diamanten; ist doch einer der größten und schönsten Diamanten der Erde, der berühmte »Großmogul«, gar nicht weit von der Stadt Bahia aufgefunden worden. Armut schien es in diesem glücklichen Lande kaum zu geben, da der Boden überall von üppigster Fruchtbarkeit war und auch ohne sonderliche Mühe reiche Ernten lieferte. Den Bewohnern Bahias war es aber auch anzusehen, daß sie sich ihrer bevorzugten Lage bewußt waren, denn sie trugen alle viel Stolz zur Schau, der sich bei den reichen Handelsherren geradezu zu hanseatischer Unnahbarkeit steigerte. Hand in Hand damit ging freilich auch eine gewisse Aufgewecktheit, wie man sie in Brasilien sonst selten antrifft, und wie sie sich sogar beim Landvolk in sehr wohltuenden, Gegensatz zu dem der Südstaaten geltend machte. Aber auch diese reiche Provinz hatte offenbar noch sehr unter den Nachwirkungen der unglücklichen Revolution zu leiden. Der bewegliche Sinn und die lebhafte Phantasie der Einwohner wie auch ihr starker Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang gaben dafür offenbar einen besonders günstigen Nährboden ab, zumal hier das beschwichtigende europäische Element nur in ganz verschwindender Anzahl vertreten war, das der unzuverlässigen Farbigen dagegen um so reichlicher. So erfuhr Helmut zu seinem Erstaunen, daß im Innern des Landes ein Prophet auferstanden sei, der sich für einen neuen Christus ausgebe. Trotzdem seien ihm aus der abgehärteten, aber abergläubischen Hirtenbevölkerung Tausende begeisterter Anhänger zugeströmt, die für ihn durchs Feuer gingen und Stein und Bein auf seine Gottheit schwuren. Die Regierung habe mit echt brasilianischer Nachlässigkeit dem Unfug zu lange zugesehen, bis es fast zu spät geworden sei. Als man sich endlich entschlossen habe, Truppen gegen den falschen Propheten zu entsenden, seien diese von dessen fanatischen Anhängern wiederholt aufs gründlichste geschlagen und fast vernichtet worden. Dadurch hätte die Sekte auch gute Militärgewehre und selbst Geschütze in ihre Hand bekommen und stehe nun um so furchtbarer da. Eben war wieder eine große Expedition gegen den falschen Christus in der Zusammensetzung begriffen, und es waren dazu ganze Regimenter kampfgeübter und wohlausgerüsteter Kerntruppen zu Schiff von Rio herübergekommen. Dieser übermächtigen Expedition ist es denn auch später gelungen, die gefährliche Sekte nach heldenmütigem Widerstande gänzlich zu vernichten, wobei auch der sonderbare »Christus« den Soldatentod fand. Helmut hatte Zeit genug, einen größeren Spazierritt in die weitere Umgebung Bahias zu machen, und sein Auge weidete sich dabei wieder einmal so recht an der unerschöpflichen Fülle der Tropennatur. Aber auch etwas Schreckliches bekam er dabei noch zu sehen. Am Waldrande stand nämlich ein Reh, und voller Vergnügen beobachtete er das schlanke, zierliche Tier durch seinen Krimstecher. Plötzlich aber löste sich von einem der benachbarten Bäume ein unheimliches Etwas los und schoß wie der Blitz auf den ahnungslosen Wiederkäuer hernieder. Mit Entsetzen erkannte Helmut eine gewaltige, buntgefleckte Riesenschlange. Nach Art dieser gefährlichen Reptile hatte sie sofort einige Schlingen ihres muskulösen Leibes um den Körper ihres Opfers geschlungen und suchte es nun durch kräftiges Zusammenziehen ihrer Windungen zu ersticken oder ihm die Rippen zu brechen. Das wäre ihr sonst ja in wenigen Augenblicken gelungen, aber glücklicherweise hatte sich ein elastisches, reich verästeltes Bäumchen zwischen den Körper des zitternden Rehs und den geschmeidigen Schlangenleib geschoben. Dadurch bekam das arme Reh etwas Luft und konnte unter Ausnutzung eines günstigen Augenblicks mit federndem Satze der tödlichen Umarmung entspringen. Sofort schoß aber auch die Schlange von neuem auf ihr Opfer los, erreichte es jedoch nur noch mit den Zähnen ihres geifernden Maules. Da die Schlange sich mit ihrem Schwanzende noch immer krampfhaft um ihren Baum geringelt hielt, war die Entfernung doch schon zu groß, als daß sie noch Schlingen um das Reh hätte legen können. Trotzdem dachte sie nicht daran, es loszulassen; und dem Reh war es unmöglich, sich den wie Widerhaken gebogenen Zähnen zu entreißen. Es war ein eigentümlicher Anblick, weil der lange Schlangenkörper eine vollkommen gerade, in jeder Muskel aufs äußerste angespannte Linie bildete, vorn mit den Zähnen das jämmerlich schreiende Reh festhaltend, das vergeblich loszukommen strebte. Gern wäre Helmut dem armen Tiere zu Hilfe gekommen, aber er hatte nichts als seinen Revolver bei sich. Zwar entsandte er aus diesem zwei Kugeln, aber die eine davon ging bei seiner Aufregung fehl, und die andere prallte wirkungslos an dem starken Schuppenpanzer des Reptils ab, da Helmut sich zu einem tödlich wirkenden Schuß doch nicht nahe genug herantraute, weil er bei allem Mitgefühl für das Reh eines Tieres wegen nicht sein eigenes Leben aufs Spiel setzen wollte. Der Knall seiner Schüsse lockte aber einige in der Nähe arbeitende Neger auf den Plan, und einer davon sprang mit geschwungenem Machete auf die Schlange los und trennte ihr mit einem einzigen fürchterlichen Hieb das Haupt vom Rumpfe. Das befreite Reh sprang eiligst davon, den festgebissenen Schlangenkopf noch mit sich schleppend, während der riesige Schlangenleib sich in ohnmächtigen Zuckungen auf dem Boden wälzte. Die Weiterfahrt auf dem schönen Dampfer verlief ohne sonderliche Abenteuer bei stark bewegter See, die fast alle Reisenden zwang, dem Neptun ihr Opfer zu bringen. Zu den Hafenplätzen, wo für kurze Zeit angelegt wurde, gehörte auch das aus einem unauflöslichen Gassengewirr bestehende Viktoria, die Einfallspforte zur Provinz Espirito Santo. An dem vielen Deutsch, das hier in allen Läden zu hören war, konnte Helmut merken, daß nun bereits die Reihe der großen deutschen Ansiedlungen in Brasilien begann. Wie er hörte, beschäftigten sich die Ansiedler hier hauptsächlich mit Kaffeebau, der reiche Erträge liefert, aber auch die Herzen der Kolonisten stark verhärtet hat. Bei aller Freude, hier schon wieder Landsleute vorzufinden, fühlte sich Helmut doch sehr enttäuscht, bei ihnen keine Spur von idealer Gesinnung, sondern überall nur den krassesten und nacktesten Egoismus anzutreffen. Er war deshalb froh, als es nach kurzem Aufenthalte weiterging, und nun dauerte es nicht mehr allzu lange, bis wieder die unvergleichlich schöne Bucht von Rio de Janeiro in Sicht kam, die er seinerzeit an Bord des Aquidaban unter so ganz andern Verhältnissen verlassen hatte. Eigentümliche Gefühle bewegten ihn, als er an der Schlangeninsel vorbeifuhr, wohin er einst den Admiral Mello zu der verhängnisvollen Unterredung mit Admiral Gama gebracht hatte, und bewegten Herzens schaute er hinauf zu den dräuenden Kanonenmündungen in den Hafenforts, die einst ihre gewaltigen Eisenbälle gegen den verwegenen Aquidaban geschleudert hatten. Und welche Erinnerungen stürmten erst auf ihn ein, als die weißgestrichenen Häuser von Nictheroy so friedlich hervorblickten, zwischen denen damals ein so furchtbarer Straßenkampf getobt hatte. In der Hauptstadt selbst hatte er auf dringenden Wunsch Manuels einen Brief an dessen Vater, den jetzigen Präsidenten, zu überbringen. Er fand das Vorzimmer angefüllt mit Wartenden und Bittstellern aller Art, aber kaum hatte er dem Diener den Zweck seines Herkommens mitgeteilt, als er auch schon vorgelassen wurde. Der Präsident empfing ihn mit der gütigen Liebenswürdigkeit, die den vornehmen Brasilianer so vorteilhaft auszeichnet. Es war ein Mann noch in den besten Jahren, mit klugen Augen, wohlwollenden Gesichtszügen, vollem Haupthaar und kurzgehaltenem, erst leise ergrautem Vollbart. Aufmerksam und bedächtig las er den übergebenen Brief, und dann wandte er sich freundlich an Helmut: »Sie sehen mich tief erschüttert über das entsetzliche Ende meines Schwagers. Wenn doch endlich erst diesem Lande allenthalben Friede und Ruhe beschieden sein möchten, damit es zu der Entwicklungsstufe gelangt, zu der seine glückliche Natur und seine bevorzugte Lage es berechtigen! Anderseits sehe ich aus dem Briefe, daß mein Sohn mir bald eine liebe Schwiegertochter zuführen wird, und ich freue mich darüber von Herzen. Wer hätte gedacht, daß in der übermütigen Wildkatze Angela eine solche Heldin stecke! Aber nun zu Ihnen, lieber Freund! Sie sind mir durch meinen Sohn aufs wärmste empfohlen, und ich weiß ja selbst, daß Sie ihm in der Schlacht von Nictheroy das Leben gerettet haben. Gestatten Sie mir, Ihnen dafür aus vollem Vaterherzen zu danken, zumal ich nur diesen einzigen Sohn besitze. Wenn ich mich Ihnen irgendwie im Leben erkenntlich zeigen kann, so verfügen Sie ganz über mich. Wie ich höre, wollen Sie sich dem Studium der Naturwissenschaften widmen, und ich kann Sie zu diesem Entschlusse nur beglückwünschen. Ich werde dafür sorgen, daß Ihnen bei Ihrem Studium alle Erleichterungen im vollsten Maße zuteil werden, über die unsere jungen Hochschulen verfügen. Und später wird Brasilien sicherlich geeignete Verwendung für Ihre Kraft und Ihr Wissen haben. Unsere Landwirtschaft steckt ja noch sehr in den Kinderschuhen und bedarf deshalb dringend wissenschaftlicher Berater, die aber auch praktischen Sinn besitzen und die Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen müssen. Da werden Sie dereinst an der richtigen Stelle stehen und Ihrem Vaterlande, als das Sie doch jetzt wohl Brasilien betrachten, die wichtigsten und wertvollsten Dienste erweisen können. Ich schätze aufrichtig die Deutschen wegen ihrer Kenntnisse, ihres unermüdlichen Fleißes und ihrer unanfechtbaren Ehrenhaftigkeit, und ich freue mich über jeden Deutschen, der ganz zum Brasilianer wird. Solche Männer kann unser Land nur zu gut brauchen, und sie werden bei Fleiß und Ausdauer auch immer ihr reichliches Auskommen finden. Gern würde ich Sie, junger Freund, bitten, heute abend bei mir zu speisen, aber ich möchte Sie nicht aufhalten und kann mir denken, daß es Sie unwiderstehlich in die Arme Ihrer Eltern treibt, die einen so braven Sohn so lange entbehren mußten. Also gehen Sie mit Gott, und wenn Sie wieder nach Rio kommen, vergessen Sie nicht, daß das väterliche Haus Ihres Freundes Manuel Ihnen jederzeit weit offensteht.« Hochbeglückt und strahlenden Auges verließ Helmut das Palais. Ja, der Präsident hatte recht: Brasilien war jetzt sein Vaterland und die Stätte seines zukünftigen Wirkens, und dabei konnte er doch immer ein guter Deutscher bleiben und nach Kräften auch der Sache des Deutschtums dienen. In rosigem Lichte breitete sich jetzt die Zukunft vor ihm aus, die noch vor wenigen Monaten so trüb und ungewiß erschienen war. Alle Wege für eine ehrenvolle Laufbahn erschienen auf das beste geebnet, und gute Nachrichten waren es, die er nun den sorgenden Eltern selbst überbringen konnte. Wieder durchschnitt das Schiff in mehrtägiger Fahrt die weite Salzflut auf Wasserbahnen, die Helmut schon an Bord des Aquidaban befahren hatte. Nach mehrtägiger Fahrt war das wohlbekannte Rio Grande do Sul erreicht, dann ging es wieder über die von Reihern, Flamingos und Enten wimmelnde Laguna de Patos nach Porto Alegre, wo ungesäumt der nächste Bahnzug nach dem Innern bestiegen wurde. Wie im Traume sah Helmut all die wohlbekannten Ortschaften an sich vorüberfliegen, bis er Santa Cruz erreichte, auf dessen Bahnhof Bruder Günter in Gesellschaft zahlreicher junger deutscher Burschen ihn erwartete, da Helmut von Rio de Janeiro aus seine Ankunft gemeldet hatte. Das war ein Wiedersehen! Natürlich gab's auch einen ausgiebigen Willkommenstrunk in echtem deutschem Bier, aber lange hielt es Helmut doch nicht dabei aus. Sobald als möglich wurden die Pferde bestiegen und der Ritt nach der heimischen Farm angetreten. Auch Zampa grinste vor Vergnügen derart übers ganze Gesicht, daß Helmut laut auflachen mußte, und nur ein Wehrmutstropfen fiel in Helmuts Freudenbecher, wenn er wehmütig der beiden verblichenen Reisegefährten gedachte, von denen der eine in den Wildnissen des Xingu, der andere am sonnigen Gestade von Para den ewigen Schlummer schlief. Ein letztes Nachtquartier im altbekannten Albergo zwischen schnarchenden Frachtfuhrleuten und deutschen Farmern, und dann ging es in flottem Trabe der langentbehrten Heimat zu. Immer bekannter und vertrauter wurde die Gegend, und bei jeder Wendung des Weges stiegen von neuem liebe Jugenderinnerungen empor. Zu immer rascherer Gangart spornte Helmut sein Tier; kaum konnte Günter folgen und rief dem Bruder fortwährend zu, er solle doch die Pferde mehr schonen. Der aber hörte nicht, denn nur noch ein Gedanke beseelte sein ganzes Wesen. Jetzt begann schon das väterliche Besitztum mit einer prächtigen, noch ungerodeten Urwaldstrecke, durch die sich kerzengerade eine sauber gehaltene Schneise zog. Hier war jeder Baum ein alter Bekannter, predigte jeder Strauch in einer eigenen Sprache zu seinem freudig pochenden Herzen. Da war ja der alte, knorrige, von blühenden Schlingpflanzen umsponnene Baum, von dem Helmut als blutjunger Knabe mit dem Teschin sein erstes Eichhörnchen herabgeschossen hatte, dort der rauschende Bach, bei dessen Überspringen er sich einmal den Fuß bös verstaucht hatte, als er eine besonders schöne und seltene Blume für Schwester Lieselotte hatte herüberholen wollen, dort der große, moos- und flechtenbewachsene Felsblock, der den wilden Knaben bei ihren Indianerspielen immer als unbezwingbare Festung gedient hatte, dort die lauschige Grotte, in der sie bei plötzlichen Regengüssen immer Zuflucht gesucht hatten. Und jetzt begann auch schon der freie, in Kultur genommene Boden. Wie prächtig und üppig doch die Felder standen, wie glatt und stattlich das werdende Vieh aussah! Und da kam gar der Giebel des Vaterhauses zum Vorschein. Helmuts freudetrunkener Blick bemerkte, daß er bekränzt war. Und zu rasender Eile trieb er sein braves Tier an. Diesmal kam er aber nicht überraschend. Die Hausbewohner mochten wohl auch schon längst ungeduldig gewartet haben, hatten endlich das Geräusch der aufschlagenden Rosseshufe gehört und waren rasch vor die Tür getreten. Noch schnell um die Waldecke, hinter der damals die Bugres hervorgebrochen waren, und dann umspannte Helmuts Blick auch schon all die Lieben, wie sie in sehnsüchtiger Erwartung seiner harrten. Auch sie sahen ihn jetzt. Siegfried schrie Hurrah, Rolf schwenkte zum Willkomm eine Fahne in den deutschen Reichsfarben, Lieselotte warf ihm neckisch einen ganzen Blumenregen ins Gesicht, die Mutter breitete sehnsüchtig die Arme nach ihrem Sorgenkinde aus, selbst in Vater Försters scharfen Zügen zuckte es verräterisch um die Mundwinkel, Gottlieb warf mit einem schallenden Juchzer seine geliebte Tabakspfeife in die Luft, daß sie beim Niederfallen in tausend Stücke zerbrach, das Luisle strampelte mit Händen und Füßen vor Vergnügen und wollte gar ein heimlich auswendig gelerntes Begrüßungsgedicht in seinem Hochdeutsch aufsagen, wobei sie doch immer wieder ins Schwäbeln kam. Aber das machte nichts, denn der Gefeierte hatte zunächst doch kein Auge für die Brave: er lag unter dem Segensblick des Vaters in den Armen der Mutter.