Georges Ohnet Doktor Rameau Zweiter Band 1889 Siebentes Kapitel. »Wie geht es dem Kleinen?« »Ach! Viel, viel besser, liebes Fräulein, und das verdanken wir einzig und allein Ihrem lieben, guten Herrn Papa, den unser Herrgott den armen Leuten zum Heil noch recht lange am Leben erhalten möge! Sehen Sie nur, wie schön die Operation gelungen ist! ...« Die große, blasse, in Schwarz gekleidete, hagere Frau lüftete bei diesen Worten die Binde, welche das Kind auf ihrem Arm um den Kopf trug, und wies dem jungen Mädchen die noch geröteten, aber gesund und hell blickenden blauen Augen desselben. »Wenn ich dran denke, daß er hätte blind werden können! So ein armer Tropf, der so gut wie sein Vater von seiner Hände Arbeit leben muß. ... Was wäre aus ihm geworden, wenn der Herr Doktor ihn uns nicht gerettet hätte? Ach, Fräulein, es vergeht aber auch kein Morgen und kein Abend, ohne daß ich den lieben Gott bitte, daß er Sie recht glücklich werden lasse!« »Bitten Sie Gott nur, daß er meinen Vater gesund erhalte!« Das junge Mädchen strich mit der schlanken, weißen Hand über die Wange des Kindes, zog leicht und geschickt die Binde wieder über die Augen und verabschiedete die Mutter mit freundlichem Ernst. Eine Polsterthür ward aufgestoßen, und ein gekrümmter alter Mann mit unstetem, sorgenvollem Blick trat jetzt aus dem Sprechzimmer, in der Hand hielt er einen Papierstreifen, auf dem mehrere Linien Hieroglyphen hingekritzelt waren. »Ist das Ihr Rezept?« fragte das junge Mädchen. »Ja, Fräulein,« versetzte der Alte. »Schrecklich viel hat er mir heute verschrieben, der Herr Doktor. Für die reichen Leute mag das schon recht sein, aber für so einen armen Kerl, wie unsereinen, der am Hungertuch nagt...« »Sie sollen einen Schein für die Apotheke erhalten ...« »Die Herren Apotheker lassen uns hart genug an, wenn wir damit kommen; freilich, wenn das Fräulein die Güte haben wollte,« wagte er mit demütiger Miene anzudeuten, »und mir statt des Scheines lieber das Geld...« »Damit Ihr's vertrinken könnt!« rief eine stattliche Frau mit weißen Haaren und blühendem Gesicht, dem Anzuge nach die Haushälterin, die eben aus dem andern Zimmer hereintrat. »Man kennt Euch, Vater Gillet, und bei mir kommt Ihr schlecht an mit Euern Kunststückchen! Letzte Woche habt Ihr das Fräulein dran gekriegt, daß sie Euch zehn Franken gegeben hat, und am selben Abend noch hat man Euch schwer betrunken Eurer Tochter ins Haus gebracht! Auf die Art behandelt Ihr den Husten...« »Was doch alles geredet wird!« seufzte der Wackere mit der Miene gekränkter Unschuld. »Ja, da könnte es einem freilich verleiden, den armen Leuten Gutes zu thun! Allerdings thut man's ja auch zu seinem eignen Besten und nicht ihretwegen, sonst ...« »Rosalie!« fiel ihr das junge Mädchen mit sanfter Mahnung ins Wort. »Ach geh, Adrienne, ich weiß ganz gut, was ich rede! Da, Vater Gillet, da ist Euer Schein, und auf ein ander Mal, mein Gutester ...« Sie führte den Alten nach der Thür; beim Hinausgehen warf er der jungen Dame noch einen sehr zerknirschten und enttäuschten Abschiedsblick zu und bald hörte man seine schlürfenden Schritte auf den Steinfliesen draußen. In dem mit hellem Eichenholz getäfelten Vorzimmer, dessen ringsum laufende Bank von langer Wartezeit der Unglücklichen und Kranken, die sich hier dreimal in der Woche zu Doktor Rameaus unentgeltlicher Sprechstunde einfanden, blank gebohnt und abgerutscht war, befanden sich Adrienne und Rosalie jetzt allein. Durch das weit geöffnete Fenster fiel die Frühlingssonne wie ein goldner Strom herein, und vom Garten herauf drang süßer Fliederduft und lustiges Gezwitscher der Vögel, die sich von Ast zu Ast jagten. Die ganze Natur atmete ein unnennbares Wohlgefühl, und die wonnige Milde der Luft und der helle Sonnenschein übten auf die alte Frau wie auf das junge Mädchen ihren Zauber, daß sie sich träumerisch und mit müßigen Händen dem Wohlgefühl des Daseins überließen. Das Geräusch einer Thür, die sich aufthat, riß sie aus ihrem Hindämmern; ein alter Herr in langem Ueberzieher, mit einem großen Hut, unter dem sich reiches weißes Haar vordrängte, und noch jugendlich frischem, heiterem Gesicht war eingetreten. »Ach, der Pate!« rief Adrienne jubelnd und lief ihm entgegen. Doktor Talvanne hielt sie an der Schulter fest, sah sie zärtlich an, freute sich an den blühenden Wangen, den blauen Augen und dem goldnen Gelock und küßte sie auf die Stirn. »Guten Morgen, Herzchen, wie geht dir's?« »Gut wie immer, Pate!« »So ein Doktorskind wird doch hoffentlich nicht krank sein! Man sieht, wie gut dein Vater auf dich acht hat! Ist er zu Hause?« »Ja, Pate. Eben ist die Armensprechstunde zu Ende. Papa ist mit Herrn Servant im Studierzimmer.« »Gut, gut! Ich werde Robert ablösen und ihn dir schicken. ... Du hast doch nichts dagegen, kleine Maus?« »Nicht das geringste!« Der Irrenarzt schob die Polsterthür auf und trat in Rameaus Allerheiligstes. Vor einem großen Arbeitstische, der mit Schriften, Büchern, Kolben, verschiedenfarbige Flüssigkeit enthaltenden Glascylindern bedeckt war, saß der Doktor und diktierte seinem am Fenster sitzenden Schüler: sobald die Konsultationen zu Ende gewesen, hatten sich beide wieder an die dadurch unterbrochene Arbeit begeben. Der jetzt achtundzwanzig Jahre alte Robert Servant war ein hübscher Mensch, mit dunkeln Augen, krausem Haar, spitz zugestutztem Bart und ruhigem, ernstem Gesichtsausdruck. Der Mann mit dem herkulischen Körperbau und dem Löwenkopfe, der einst durch die Originalität und die stolze Kraft seiner Züge so mächtig gewirkt, war in dem Rameau von heute schwer wieder zu erkennen. Auf der breiten, kahl gewordenen Stirn war die berühmte Falte vom flüchtigen Gast zum ständigen Herrscher vorgerückt, aber sie drückte nicht mehr Gedankenarbeit oder Zorn aus, sondern war das Erzeugnis eines großen, nie heilenden Schmerzes. Das widerspenstige Haar, welches einst wie eine Mähne das Haupt des Gelehrten umwogt, war gebleicht und äußerst spärlich geworden. Zusammengefallen und abgemagert lehnte die hohe Gestalt gebückt im Lehnstuhl, und nur aus dem Auge, welches unter den schwarz gebliebenen Brauen hervorblitzte, leuchtete noch ungebrochen das Feuer des Geistes. Er streckte Talvanne die feine, nervöse Hand entgegen und bedeutete seinem Schüler durch ein Kopfnicken, daß es für heute mit ihrer Arbeit zu Ende sei, worauf der junge Mann sich schweigend erhob, seine Papiere zusammenraffte und die beiden treuen Gefährten allein ließ. Sechzehn Jahre waren seit den Schrecken der Kriegszeit verflossen, und als ob jenes verhängnisvolle Jahr das glückliche Gleichgewicht in Rameaus Dasein aus den Fugen gebracht hatte, waren von da an Trauer und Leid nicht mehr von seiner Schwelle zu verweisen gewesen. Nach langem Hinsiechen an einem unbekannten Leiden, gegen das weder ihres Mannes Kunst, noch ihr durch die Angst vor dem Tode gesteigerter Wille zum Leben etwas vermocht hatten, war Conchita der Mutter ins Grab gefolgt, und Rameau, der wie die Eiche unterm Beile des Holzhauers zusammenbrach, war für Monate in eine unheilbare Schwermut und Menschenscheu versunken. Er hatte sich in seinen vier Wänden begraben, und sein Arbeitszimmer, welches außer der getreuen Rosalie kein Dienstbote betreten durfte, kaum mehr verlassen und so mit seinem Töchterlein und Talvanne in dumpfem Brüten hingelebt. Die Tote beklagen und der Wissenschaft, die ihn so schnöde im Stich gelassen, fluchen, zu nichts anderm öffnete sich sein Mund, und nie war sein Materialismus mit solcher Gewalt zu Tage getreten, wie in diesen ersten Zeiten heißen Wehes. Er beugte sein Haupt nicht unter der Last, die ihn zu Boden drückte, er lehnte sich dagegen auf, und seine Seele strömte von Bitterkeit und Pessimismus über, wie wenn die Galle, die ihm am Herzen fraß, sich in wildem Strom ergießen müßte. Mit der gesamten Natur rechtete er über das Unheil, das ihn betroffen, er machte die Menschheit und sich selbst dafür verantwortlich: wen er nicht anklagte, war Gott, denn er glaubte nicht an dessen Dasein. Mit einer Geduld und Sanftmut, die in ihrer Engelhaftigkeit wohl dazu hätten dienen können, Rameau einen Himmel ahnen zu lassen, lieh Talvanne den wilden Schmähungen des Freundes sein Ohr, ließ seine schier unerträglichen Ausfälle über sich ergehen und ergab sich darein, manch langen Abend, an dem der Freund in finsterem Schweigen verharrte, an seiner Seite auszuhalten. Nachsichtig und milde wie ein Bruder, selbstlos und unermüdet wie eine Frau, war er um ihn beschäftigt, ja er vernachlässigte um seinetwillen sogar seinen Beruf. »Die erste Pflicht des Freundes ist, sich dem Freunde zu widmen,« damit schnitt er schroff jede Mahnung an seinen Beruf ab. »Solange Rameau mich nötig hat, kann die Menschheit im übrigen sehen, wie sie ohne mich fertig wird.« Der Dank für seine treue Hingebung bestand darin, daß der große Mann ihn ohne Erbarmen mißhandelte. Nicht einmal in den Tagen der Jugend, da seine vulkanische Natur sich rücksichtslos und wild ausgetobt hatte, war er so hart mit Talvanne verfahren wie jetzt, und was der Student mit der glatten Stirn und dem blonden Haar nur widerstrebend und nicht ohne Gegenwehr ertragen hatte, das nahm der Mann mit dem gefurchten Gesicht und weißem Haar, das Mitglied der medizinischen Akademie ohne Widerrede und ohne Murren hin. Er sah klar, daß diese Wutausbrüche für Rameaus verbittertes Gemüt eine Erleichterung waren, und wenn der Sturm wohl eine Stunde lang getobt hatte und dann die Ruhe eintrat, schien den großen Mann auch ein Gefühl der Scham zu überkommen, und er suchte durch eine Zartheit der Gedanken, einen hinreißenden Zauber des Gespräches, in dem sich die leuchtende Klarheit und Größe seines Geistes kund that, in Vergessenheit zu bringen, wie sehr er gefehlt, es war, als ob er innerlich um Verzeihung bäte und durch den innigen, zärtlichen Klang seiner Worte den Freund entschädigen wollte für die erlittene Unbill. Es trat dann eine Stimmung bei ihm ein, die an einen schönen Sommerabend gemahnt, wenn nach einem Gewitter des Himmels Bläue sanft abgetönt ist, die gereinigte Luft doppelt erquickend und düftereich und das Grün an Baum und Strauch leuchtender denn zuvor. Aus solchen Wandlungen, deren volle Bedeutung er empfand, und die er sich mit Hochgenuß zu Nutzen machte, schöpfte der Vielgetreue dann Mut und Kraft, künftige Zornesausbrüche zu dulden: war Rameaus Kummer aber einmal gar zu düsterer Art, so hatte der Freund ein Mittel, zu dem er stets seine Zuflucht nehmen konnte und dessen Wirkung sich nie abschwächte. Er holte die kleine Adrienne und führte sie zum Vater, dessen finsterer Groll vor dem unschuldigen, reinen Kindergesicht in Entzücken dahinschmolz. Sobald die kleinen Füßchen über die Schwelle trippelten, wurde die Härte seiner Stimme gemildert, in die Augen, die so bitterböse gefunkelt hatten, trat ein weicher Strahl, der herb aufeinander gepreßte Mund löste sich in einem gütigen Lächeln, und in dem Kuß auf die frischen Lippen war alle Erbitterung entschwunden. Das kleine Geschöpf war jetzt vier Jahre alt, und wenn sie in dem großen Raum mit seinen zahllosen Büchern, Manuskripten, Instrumenten und Apparaten umherhüpfte, trug sie in diese ernste Behausung die Fröhlichkeit eines zwitschernden Schwälbleins. Ohne dies Kind hätte der Vater nicht die Kraft gehabt, sein Leid zu tragen, sie knüpfte ihn an das Dasein; aber die Kluft, welche der Tod der Mutter in seinem Herzen gelassen, die auszufüllen war auch sie nicht im stande. Der Mann, der so ganz im Denken gelebt, fühlte alle Schwungkraft und Macht seines Geistes gebrochen; er, der so viel und mit solcher Freudigkeit gearbeitet hatte, wandte sich jetzt mit Widerwillen von der Arbeit ab. Tagelang saß er in seinem Zimmer, nicht vor dem Pult wie sonst im Nachsinnen über ein schwieriges Problem, sondern in einem Lehnstuhl am Fenster und sah den Wolken nach, wie sie in langem Zug nach der weiten Fläche des Invalidenplatzes hinfegten, oder seine Blicke folgten mechanisch den Bewegungen der zu regelmäßigen Stunden exerzierenden Soldaten, die bald rechts- bald linksum machten, bald nach dem kurzen Kommando der Unteroffiziere Gewehrgriffe übten. Kam die Nacht, so verließ er seinen Platz, um sich ebenso schweigend am Kaminfeuer niederzulassen und stumm und einsam weiter zu träumen. Woran er wohl dachte? Talvanne wußte es wohl und hatte nicht nötig, eine Frage zu stellen, die unfehlbar einen Zornesausbruch hervorgerufen haben würde. Ohne Unterlaß waren die Gedanken des einsamen Gatten bei seinem jungen, ihm entrissenen Weib, und er fluchte dem Geschick, das ihn von ihr getrennt. Wenn das Bedürfnis nach Erleichterung, nach Befreiung ihn drängte, diese Gedanken laut werden zu lassen, so waren es immer die nämlichen Anklagen und Fragen: Weshalb war diese Frau mit ihren achtundzwanzig Jahren, schön, kräftig, glücklich und andern so nötig, gestorben, während unselige Greise, die an nichts und niemand mehr hängen, nichts mehr leisten, ein müdes Leben dahinschleppen und nicht enden können? Welch himmelschreiende Ungerechtigkeit in diesem Gesetz, dem alle verfallen, das Jugend und Schönheit verdammte und Gebrechlichkeit und Elend verschonte! »So erkläre mir das doch, du Tölpel!« schrie er Talvanne rasend an. »Erkläre mir das doch, du, mit deiner weisen Ordnung der Natur, deiner Zweckmäßigkeit alles Seienden und deiner göttlichen Vorsehung! Kannst du diesem ungeheuerlichen, scheußlichen Rätsel, daß die Jungen vor den Alten sterben, daß die Siechen die Gesunden überdauern, eine vernünftige Lösung finden? Ist das gerecht? Und wenn es ein Gott ist, der solchen Frevel zuläßt, was hältst du dann von diesem Gott?« In den meisten Fällen schwieg Talvanne und senkte das Haupt, als ob er dem nichts entgegenzuhalten wüßte, zuweilen aber wurde Rameau so beängstigend blaß, die nach Ausdruck ringende Empörung erschütterte ihn so sehr, daß der Freund sich entschließen mußte, den Kampf aufzunehmen, nur um dieser finstern Wut, die den Aermsten zu ersticken drohte, Gelegenheit zum Ausbruch zu geben. »Ach, Rameau,« sagte er mild, »dies Leben ist eine so kurze, vorübergehende Prüfungszeit, daß sie in Gottes Augen nicht schwer wiegen kann. Uns aber ist sie zu gleicher Zeit so hart, daß wir die, welche er wieder zu sich gerufen, als die Auserwählten betrachten sollten. Alle Religionen, die heidnischen in erster Linie, haben, wie du wohl weißt, im Tod eine himmlische Gnade erblickt und denen, welche ihre Lieben überleben müssen, haben sie zum Trost im wilden Weh der Trennung die Hoffnung auf ein Wiedersehen gegeben.« »Ja wohl! Auf ein Wiedersehen in nebelhaften elysäischen Gefilden, in einem Paradies, von dem kein Mensch weiß, wo es untergebracht ist! Ach! Verblendung und Betrügerei! Wiedersehen – und in welcher Form? Wird man sich wiedersehen in menschlicher Gestalt? Du weißt sehr gut, daß von dem Leib, der den Würmern zum Fraß dient, nichts übrig bleibt! Vielleicht dann als Skelett? Grauenhafte Vorstellung! Besser nie sich wiederfinden! Nein, nein! Deine Pfaffen mögen lügen, wie sie wollen, ich werde die herrliche Gestalt, die ich so zärtlich geliebt, die so strahlend und schön war, nie wieder erblicken! Dies Lächeln, das mich entzückte, das so viel Lebensfreude atmete, wird mir nicht mehr strahlen! Von den süßen, leuchtenden, geliebten Augen wird sich nie mehr der Schleier der langen Wimpern heben, daß ihr Blick mich im innersten Herzen durchglühe! Was ich verloren, kehrt nicht wieder! Du hast gut von den Tröstungen deiner Religion reden, ich Unglücklicher vermag nicht daran zu glauben! Was ich besessen, was mich beglückt und beseligt hat, ist mir entrissen, das lebendige Band, das sie mit mir verknüpfte, ist zerrissen und alles ist zu Ende: wir sind für immer geschieden!« Eine tiefe Rührung, die den starken, mächtigen Mann zum willenlosen, hilflosen Kind machte, bemächtigte sich dann wohl seiner, und so tief ihm der Anblick dieser körperlichen und seelischen Vernichtung ins Herz schnitt, ließ Talvanne ihn doch ungestört schluchzen und weinen. War der Anfall vorüber, so drückte er dem Freunde schweigend die Hand, und in dieser warmen Berührung lag all das unendliche Mitleid und die ganze Zärtlichkeit seines Herzens. »Du siehst,« sagte Rameau mit schmerzlichem Lächeln, »daß du es hier mit einem der betrübendsten und gefährlichsten Narren zu thun hast! Miß doch meinen Schädel, betaste ihn und stelle deine Beobachtungen an. Dann bin ich dir doch noch zu etwas gut! Du willst ja noch Ziele erreichen in deiner Wissenschaft und glaubst noch daran!« Sobald die Ruhe wieder eingetreten, versank er auch wieder in sein dumpfes Schweigen und der Rest des Tages oder Abends verlief ohne weitere Vorkommnisse. Seit dem Tage, da ihn sein herbes Leid betroffen, war seine Thür den Kranken verschlossen, seine Vorlesungen eingestellt. Er hatte ein Entlassungsgesuch eingereicht, statt des erbetenen Abschieds aber nur einen Urlaub auf unbestimmte Zeit erhalten. Minder gutwillig als die Regierung fanden sich die Patienten in seine Unthätigkeit, und trotzdem die Dienerschaft strengen Befehl hatte, niemand vorzulassen, und ihre Pflicht nach Kräften that, erzwangen sich doch die von Todesangst um ihre Lieben zur Verzweiflung Getriebenen den Zutritt zu ihm und forderten von ihm die Erhaltung solch teuern Lebens. Mit wahrer Wut wurden sie aber von Rameau zurückgewiesen, und die ganze schrankenlose Heftigkeit, die ihm als jugendlichem Brausekopf eigen gewesen, flammte wieder auf, wenn es galt, den Leuten klar zu machen, wie völlig fremd und gleichgültig er nun dem ganzen Ach und Weh der Menschheit gegenüberstehe. »Ihre Frau soll ich retten?« konnte er sagen. »Ich habe ja die meinige nicht retten können! Sie haben noch Vertrauen in meine Diagnose und meine Erfahrung, da sind Sie wahrhaftig kühner als ich. ... Nicht meinen Hund würde ich meiner Behandlung anvertrauen, wenn er heute krank würde, ich wüßte ja nicht, ob ich ihn nicht umbrächte! Machen Sie, daß Sie fortkommen, es gibt keine Heilkunde. Gehen Sie zu einem Wunderdoktor, zu einem Kurpfuscher oder thun Sie gar nichts – es kommt alles aufs nämliche heraus! Aber mich lassen Sie aus dem Spiel! Was schert es mich, ob Sie Angst haben, ob Sie zu Grunde gehen! Was liegt daran, wenn die Welt in Stücke geht? Der Verlust wäre wahrhaftig nicht groß!« Es dauerte nicht lange, so verbreitete sich das Gerücht, daß Rameau seit dem Tode seiner Frau geistesgestört sei, und der Volksmund war in diesem Fall nicht allzuweit ab von der Wahrheit. Talvanne, der eine ungemein reiche Erfahrung in allen Formen geistiger Trübungen besaß, beobachtete diese seltsamen Stimmungen oft mit wahrem Entsetzen und mußte sich eingestehen, daß in seiner Anstalt mancher hinter Schloß und Riegel saß, in dessen Kopf es nicht wunderlicher bestellt war, als in dem seines Freundes. Der Widerwille gegen alles und jedes, was auch nur im Entferntesten mit dem Beruf, dem er sein Leben geweiht, im Zusammenhang stehen mochte, war ein sehr schlimmes Zeichen, und mit wachsender Besorgnis erlebte Talvanne, daß Monat auf Monat verging, ohne daß Rameau die geringste Wißbegierde in Bezug auf Vorgänge in der gelehrten Welt gezeigt hätte. Er, der sonst jede Broschüre, jeden Aufsatz, jede Studie las, die in Europa oder Amerika über medizinische Gegenstände herauskam, löste nun nicht einmal das Kreuzband der Fachzeitungen, die ihm Talvanne absichtlich immer wieder vor Augen brachte. Häufig berichtete der Psychiater von neuen Operationen, die in der Klinik vorgenommen worden, beschrieb eingehend die im chemischen Laboratorium angestellten neuen Versuche, und suchte damit den Funken unter der Asche anzufachen, aber so scharf er auch Rameau im Auge behielt, seine Züge blieben völlig teilnahmslos, und er sah drein, als ob er gar nicht verstünde, wovon hier die Rede. Und doch folgte er den Mitteilungen, denn als Talvanne in seinen Monologen einmal einer von der Berliner Fakultät gepredigten neuen Krebsbehandlung Erwähnung that, stand er auf, schüttelte sich wie früher und rief: »Esel sind sie! Alle miteinander sind sie Esel! Hätten sie Karboleinspritzungen unter die Haut angewendet, so hätten sie ganz andre Aussichten auf Erfolg gehabt!« »Das sagst du, aber bist du dessen so sicher?« entgegnete Talvanne lebhaft, der ihn damit zur Fortsetzung des Gesprächs reizen wollte. Aber mit wegwerfendem Lächeln gab ihm Rameau zurück: »Mir ist es übrigens höchst einerlei!« Und ihm ein weiteres Wort zu entlocken war unmöglich gewesen. Schon begann Talvanne sich mit der Frage zu beschäftigen, ob nicht Blutarmut im Gehirn Rameau seiner Denkfähigkeit beraube, als ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat und den großen Mann wieder zu sich brachte. Frau Servant erkrankte, und ihr Zustand ward bald höchst bedenklich. Talvanne, der sofort davon benachrichtigt worden war, setzte Rameau vom Verlauf der Krankheit in Kenntnis. »Ich komme eben von Frau Servant,« sagte er ihm eines Tages, »es steht heute weniger gut als gestern. Richardet, der sie behandelt, ist zweimal dagewesen ... er hat dies und jenes angeordnet und verschrieben, aber durchaus keinen Erfolg erzielt.« Bei der Kunde von der Erkrankung war ein einfaches »Ach!« Rameaus einzige Aeußerung gewesen, und so oft der Freund ihm nun Nachricht brachte von der Frau, auf die er alle Dankbarkeit, die er seinem ersten Gönner schuldete, übertragen hatte, schüttelte er nur betrübt den Kopf. Eines Abends bemerkte Talvanne: »Welche Mittel würdest denn du in solchem Fall zur Anwendung bringen?« Rameau lachte bitter und boshaft. »Weiß ich das denn? Und was würden sie nützen?« Und als Talvanne weiter in ihn drang, schnitt er ihm mit einem barschen: »So schweig doch; du ärgerst mich nur!« das Wort ab. Er erhob sich und ging mit großen Schritten durchs Zimmer, sichtlich um einer Erregung Herr zu werden, die zu empfinden ihm peinlich war; dann setzte er sich wieder und versank in Schweigen. Am nächsten Tag kam Talvanne sehr erschüttert ins Zimmer gestürmt und verkündete, ohne sich zu setzen, daß die Aerzte Frau Servant aufgegeben hatten. Eine Konsultation, die im Lauf des Tages stattgefunden, habe zu diesem trostlosen Endergebnis geführt, und da keiner sich mehr zu helfen wisse, bekenne die Wissenschaft ihre Machtlosigkeit und wolle alles dem Zufall überlassen. »Als ob es überhaupt eine andre Möglichkeit gäbe,« lachte Rameau höhnisch, ohne den Kopf zu drehen. Diese eigensinnige Teilnahmlosigkeit einem Fall gegenüber, für den er all seine Kraft hätte einsetzen sollen, brachte Talvanne außer sich, und mit seiner Geduld war es jetzt gründlich zu Ende. »Höre, Rameau,« rief er, »so herzlos kannst du doch nicht geworden sein, daß du das, was ich dir eben gesagt, anhörst, ohne mit der Wimper zu zucken. Es handelt sich um die Mutter deines Pflegesohns ... sie führt den Namen deines alten Lehrers, der dich zu dem gemacht, was du bist...« »Hatte er das nicht gethan, wäre ich vielleicht ein glücklicher Mensch!« »Rameau! Du hast schwer gelitten, du leidest noch und du wirft auch in Zukunft leiden: das ist Menschenlos. Willst du aber die Unschuldigen verantwortlich machen für deinen Schmerz? Willst du an deinesgleichen Rache nehmen für das Unglück, das dich betroffen hat? Ist dir's etwa ein Trost, wenn du andre leiden und zu Grunde gehen siehst? Großmütig und tapfer, so kannt' ich dich einst – bist du jetzt zum feigen Egoisten geworden? Hörst du mich, Rameau? Woher soll ich die Worte nehmen, um dir ans Herz zu greifen? Eine Frau ringt mit dem Tode – wenn du sie rettest, zahlst du damit eine alte Schuld der Dankbarkeit ab. Willst du das thun?« Ein warmer Strahl leuchtete in Rameaus Augen auf, und zwei Thränen rollten langsam die höher gefärbten Wangen herab. Er stand auf, die eingesunkenen Schultern richteten sich strammer als seit langem in die Höhe, er schüttelte den mächtigen Kopf, und mit der ganzen Kraft von ehedem sagte er fest und bestimmt: »Du hast recht, Talvanne. Vergib mir – ich gehe hin.« »Endlich hab' ich dich wieder, den alten Rameau!« rief Talvanne in überströmendem Jubel, die hohe Gestalt des Freundes ans Herz drückend. »Komm', ich will dein Führer sein!« Ohne ihm Zeit zu irgend welchem Bedenken zu lassen, half er ihm wie einem Kind in die Kleider, sprach ihm mit glühenden Worten Mut ein, setzte ihn in seinen Wagen und schleppte ihn ans Bett der Sterbenden. Der Vertrag, den der Tod mit Rameau eingegangen zu haben schien, und dem der allmächtige Gebieter nur ein einziges Mal, aber hier aufs grausamste abtrünnig geworden, war offenbar wieder in voller Gültigkeit hergestellt. Nach drei Tagen befand sich Frau Servant außer Gefahr: der Retter aber war diesmal selbst der Gerettete. Der eine Sieg hatte ihm die volle Lust am Kampf gegen die Krankheit zurückgegeben, er war der Arbeit wiedergewonnen und konnte ihrer Fahne von diesem Augenblick an nicht mehr untreu werden. Eine plötzliche Wandlung vollzog sich in ihm. Es war, als ob er nach langen Wochen dumpfer Betäubung zum Leben erwacht, seine ganze gewaltige Denkfähigkeit, seine volle Thatkraft neu erlangt hätte. Er betrat den Hörsaal wieder, und seine erste Vorlesung, zu der sich eine zahllose Menge Studierender eingefunden hatte, gestaltete sich zu einem Triumph. Man war überglücklich, den großen Geist wieder leuchten zu sehen und zwar in erhöhter Klarheit. Mit dem ersten Auftreten übte er von neuem den alten Zauber; seine rednerische Begabung erschien geläutert, vergeistigt. Er war vielleicht nicht mehr ganz so kraftvoll wie früher, aber der Hauch von Schwermut, der sein ganzes Wesen durchdrang, lag wie ein verklärender Schimmer auf seinem Lehren und Wirken. Aus allem heraus vernahm man den Wiederhall seiner Schmerzen; er hatte Menschenglück und Menschenleid bis an die äußersten Grenzen ausgekostet, und sein Genius hatte sich siegreich darüber hinausgeschwungen. Hatte man Rameau ehemals bewundert und vor seinem stolzen Selbstgefühl und seiner Kraft gezittert, so erweckte er jetzt mit dem unheilbaren Weh im Herzen und der ihm daraus erwachsenen unsagbaren Milde nur Liebe und Verehrung. Sein schon sehr bedeutendes Vermögen schwoll derart an, daß es ihm fast zur Last wurde, und er mühte sich förmlich, so viel als möglich zu guten Zwecken auszugeben. Er hatte eine chirurgische Klinik eingerichtet, in welcher er im Verein mit seinen Schülern Arme behandelte und operierte; zweimal die Woche hatte jeder zu der unentgeltlichen Sprechstunde in der Rue Saint Dominique Zutritt. »Helfer der Unglücklichen« war der herrliche Titel, den er sich erwarb; es genügte, elend zu sein, damit hatte man sich ein Anrecht an sein Wohlwollen, an seine Pflege errungen. Und welche Pflege, welche Behandlung! Kaiser und Könige konnten sich keines Arztes rühmen, der so wie dieser Zauberer den Schmerz zu bannen, die Krankheit einzudämmen, den Tod in Bande zu legen gewußt hätte. Diese Triumphe hatten Talvanne verjüngt. Voll brennenden Verlangens, die Heilung, die er begonnen und deren Ruhm er sich insgeheim zuschrieb und zuschreiben durfte, auch zu Ende zu führen, lieh er Rameau bei all seinen wohlthätigen Unternehmungen hilfreiche Hand. Er übernahm die Verwaltung der Klinik, sowie die Aufsicht über dieselbe, zahlte die Hausmiete und den Lohn der Krankenpfleger aus, kurz, er unterzog sich der gesamten materiellen Arbeit, um dem Freund ungestört die wissenschaftliche zu überlassen. »Ich mit meinem Irrenhaus bin gut beschlagen im Rechnungswesen, mich zieht so leicht keiner herüber! Du würdest den Wald vor Bäumen nicht sehen! Säge du Arme und Beine ab oder mache sie wieder ganz, exstirpiere Geschwüre, schneide Frauen entzwei und flicke sie, daß sie hernach haltbarer sind als zuvor, das ist dein Gebiet, auf dem dir keiner gleichkommt. Jeder hat seine Spezialität, so fordern wir unser Jahrhundert in die Schranken, und soll mich wundernehmen, wenn die Leute nicht ihren Reichtum von sich werfen, um zu »Doktor Rameaus Armen« zu gehören.« Und dabei rieb er sich die Hände, daß ihm fast die Haut abging, und lachte im Uebermut seiner Befriedigung aus vollem Halse. Zuweilen, wenn er des Abends die kleine Adrienne auf seinen Knieen hielt, konnte er zu dem Kind sagen: »Herzchen, dein Vater ist ein großer Menschenfreund! Du wirst schon sehen, eines Tages setzen sie ihm ein mächtiges Denkmal, wie irgend einem großen Feldherrn oder Helden, und er hat das mehr verdient als jene, mein Töchterchen, denn es ist ein bessrer Ruhm, den Menschen zum Weiterleben zu verhelfen, als sie in den Tod zu führen.« So befriedigend sich demnach Rameaus geistiger und körperlicher Zustand wieder gestaltet hatte, so ließ seine Gemütsverfassung immer noch viel zu wünschen übrig. Trotz der liebevollen Hingebung des Freundes, trotz des Sonnenscheins, den das Schelmengesicht seines Töchterleins um ihn verbreitete, hatte Rameau Stunden wahrhaft tödlichen Jammers, und zumal wenn der Jahrestag dieses ohne Aufhören beweinten Todes herannahte, nahmen die finsteren Stimmungen in bedrohlicher Weise überhand und äußerten sich in alter Wildheit. Für alles, was nicht Berufspflicht hieß, wurde er dann völlig unzugänglich, und war schließlich der Vorabend des unseligen Tages da, so begab er sich in das Zimmer seiner Frau, in dem jedes Stück am alten Fleck lag und stand, wie sie es verlassen, und blieb hier, ohne die Fensterläden zu öffnen, in tiefer Grabesdunkelheit volle vierundzwanzig Stunden mit dem Andenken der Geliebten allein. War diese Totenfeier beendigt, so verließ er den Raum blässer und gebeugter, als er ihn betreten, aber aus den geröteten Augen leuchtete noch größere Festigkeit und Ruhe. Dann nahm er die Arbeit, seine täglichen Beschäftigungen, das gewohnte Leben wieder auf. Das einst so gastfreundliche Haus war und blieb verödet und verschlossen, und mit Ausnahme von ein paar nahen Freunden kamen nur Hilfesuchende über diese Schwelle. Der sonnabendliche Empfang war gänzlich eingestellt worden, der große Salon ward niemals erleuchtet und kein Gewoge von Geladenen zog mehr die Marmorstufen der Haupttreppe herauf. Alles war düster und schweigsam, und in der Mitte des ersten Stockwerks erblickte man vom Garten aus zwei geschlossene Fensterläden, die sich so wenig aufthaten, wie das in frommer Wehmut zugedrückte Auge eines Toten. In diesem Haus der Trauer und der Weltflucht wuchs die kleine Adrienne gesund und fröhlich und voll Leben heran und ließ ihr Stimmlein so lustig zwitschernd ertönen wie der kleine Vogel, der in den Aesten der Grabcypresse, unbekümmert um Tod und Schmerz, sein Lied hinausschmettert und jubiliert, weil der Himmel so blau ist und die Sonne ihn so warm bescheint. Sie war ihres Vaters Abgott, und sein Blick, der sie so innig umfing, schien immer in den Tiefen der zum Leben erwachenden Seele zu suchen und das Wesen des sich entwickelnden Geistes ergründen zu wollen. Ob sein Kind wohl ernst oder oberflächlich, phantastisch oder verständig geartet war? Und vor allem, ob sie sanften, vertrauenden Sinnes oder unduldsam und fanatisch sich zeigen würde? Hatte sie die glühende, leidenschaftliche Gemütsart der Mutter und würde auch sie in dieser Zeit, die alte Satzungen ins Wanken bringt, den Glaubenseifer früherer Jahrhunderte entwickeln? Oder brachte sie, und das war sein höchstes Sehnen, erst dem Vater und dereinst dem Gatten ein einfältig liebendes Herz entgegen, dem Lieben und Geliebtwerden seine ganze Welt war, und das nicht danach trachtete, andre zu bessern oder zu verdammen? Er hatte sich's zum strengen Gesetz gemacht, in Gegenwart des Kindes nie ein Wort auszusprechen, das irgendwie Bezug zur Religion hätte; er wollte sich vollständig neutral verhalten, keinen Widerspruch äußern oder wecken, keine Lehren aufstellen. Als ein Verbrechen wäre es ihm erschienen, diesem jungen Gemüt, das so begierig jedes seiner Worte aufsog und ihm wehr- und waffenlos gegenüberstand, eine einzige seiner Anschauungen aufzudrängen. Sein Gewissen war in diesem Punkt sehr streng und empfindlich. Adrienne wurde ganz in derselben Weise wie alle andern jungen Mädchen erzogen und besuchte, von Rosalie hin und her begleitet, eine Privatschule, in welcher nach hergebrachter Weise Religionsunterricht erteilt wurde, und wenn sich dann das Kind zu Hause mit irgend einer Frage über die biblische Geschichte an den Vater wandte, war es eine Freude, die poetischen Erzählungen vom Ursprung des Christentums schlicht und einfach von Rameau wiederholen zu hören. Er erzählte ihr alles, wie die Mutter es einst ihm erzählt hatte, und was er selbst als Kind dabei gedacht und empfunden, lebte in seiner Erinnerung wieder auf, und er nahm mit Erstaunen wahr, daß so lange Jahre der Entfremdung vom Glauben, ja der Feindseligkeit gegen diese Religion, jene Eindrücke nicht zu verwischen vermocht hatten. Das stimmte ihn nachdenklich, und er sagte sich, daß ein Glaube, der in der Einbildungskraft so tiefe Wurzeln schlage, fast unausrottbar sei, und er liebkoste sein Kind innig, während sie mit den kleinen Händen seinen weißen Bart streichelte und er ihr die Geschichte von der Flucht nach Aegypten und der Nacht in Genezareth erzählte. Mit wahrer Herzensfreude nahm Talvanne wahr, daß die Erziehung des Kindes auf diese Weise im hergebrachten Geleise ohne jede Schwierigkeit und Störung vor sich ging, und er bewunderte den Freund um dessenwillen aufs neue. Nur das Herannahen des Zeitpunktes der ersten Kommunion erfüllte ihn mit Sorge. Würde Rameau sein Töchterchen gutwillig an einer Zeremonie teilnehmen lassen, gegen die er sich, der vorhergehenden Beichte wegen, von jeher empört? Der Einfluß des Priesters, der durch diesen Akt Herz und Willen des jungen Mädchens, der jungen Frau, vollständig in Händen hielt, war ihm stets als etwas Ungeheuerliches erschienen, und so oft die wichtige Frage von der Gewissensfreiheit zur Erörterung gekommen war, hatte er sich in einem Maße erhitzt, daß es an Wahnsinn grenzte. Wenn er auch in verschiedenen andern Punkten vieles einräumen gelernt hatte, in Bezug auf die Beichte gab er keine Linie breit nach. Er ließ Adrienne trotzdem ruhig am Vorbereitungsunterricht teilnehmen und zuckte nicht mit den Wimpern, wenn sie von dem, was sie dort in sich aufgenommen, daheim Rechenschaft ablegte. Seine Gedanken darüber zu ergründen, war unmöglich, und mit einer Frage hatte man jedenfalls einen Sturm heraufbeschworen und möglicherweise die Vorurteile neu belebt und Skrupel wachgerufen. Solchen Schwierigkeiten fühlte sich Talvanne nicht gewachsen, er ließ daher der Sache ihren Lauf und tröstete sich mit der neuerdings so überraschend großen Mäßigung und Selbstbeherrschung des Vaters und dem unwiderstehlichen Liebreiz des Töchterchens. »Kommt's zum Kampf,« sagte er bei sich, »so laß ich Adrienne mit ihm allein, und es müßte mit dem Kuckuck zugehen, wenn in diesem Fall nicht das Lamm den Tiger zur Vernunft brächte.« Indessen rückte der große Tag näher und die Toilettenfrage trat in den Vordergrund. Rosalie versprach alles zu besorgen. Für Adrienne war diese Sache von höchster Wichtigkeit, und wenn sie sich bei dem Gedanken, an Gottes Tisch zu treten, von frommem Schauer ergriffen fühlte, so pochte ihr das Herz vor Freude, wenn sie sich vorstellte, daß sie dabei ihr erstes langes Kleid tragen würde! Eines Abends, als Talvanne und Rameau sich unmittelbar nach Tisch in des Doktors Arbeitszimmer zurückgezogen hatten, weil interessante wissenschaftliche Arbeiten aus Deutschland eingelaufen waren, flog die Thür rasch auf, und herein trat, selig und strahlend, Adrienne im weißen Kommunionsanzuge. Mit wohlgemessenen zierlichen Schritten, die ihren Anzug möglichst zur Geltung bringen sollten, und jener halb unbewußten Koketterie, die das kleine Mädchen plötzlich zum Weibe macht, tänzelte sie auf ihren Vater und den Paten zu. »Die Schneiderin hat mir's zur Anprobe gebracht,« rief sie, »da wollte ich doch euch mein Kleid gleich zeigen. ... Mir kommt es recht hübsch vor ... aber wenn ihr etwas auszusetzen habt, so sagt es nur....« Aus ihren Augen blitzte die größte Freude; suchend irrte ihr Blick im Zimmer umher, offenbar vermißte sie heute zum erstenmal hier den Spiegel, der dem ernsten, gelehrten Raum wunderlich angestanden hätte. Talvanne, den eine große Unruhe befallen hatte, warf einen flehenden Blick auf den Freund, der aber vollkommen ruhig zu sein schien, ja der bei Adriennes Ausspruch: »Mir kommt es recht hübsch vor«, ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. »Der Anzug kleidet dich, mein Kind,« lautete denn auch des Vaters mit weicher Stimme abgegebenes Urteil. »O, um so besser!« rief sie, übermütig in die Hände klatschend. »Weißt du, Väterchen, ich möchte gar zu gern eine von den Allerschönsten sein, damit du dich freuen kannst, wenn du mich in der Kirche ansiehst, und stolz auf mich bist! ...« »Nimm dich in acht, Adrienne,« bemerkte Rameau, mit liebevollem Ernst den Finger aufhebend, »du sündigst da mit Eitelkeit und Hoffart.« Das Kind ward dunkelrot; all ihr Uebermut war verflogen, und mit erzwungener Ruhe und Fassung sprach sie: »Du hast ganz recht, Papa, aber ich bin eigentlich nicht eitel; ich möchte nur gar zu gern dir gefallen, dir Freude machen!« Sanft schlang sie den Arm um seinen Hals, drückte sein Gesicht an sich, daß der schneeweiße Bart in dem blütenweißen Musselin ihres Kleidchens ruhte, küßte ihn herzlich, machte dann eine feierliche Verbeugung und rief mit hellem Lachen, das den düstern Raum mit einemmal fröhlich machte: »Ihre Dienerin, meine gestrengen Herren!« Damit war sie, so rasch wie sie hereingekommen, zur Thür hinaus. Die beiden Männer sahen sich prüfend in die Augen, und eine Welt von Gedanken tauschte sich in diesem Blick aus. Ohne sein Bedürfnis nach Aussprache länger beherrschen zu können, beugte sich Talvanne zu dem Freund hinüber und drückte ihm warm die Hand. »Wie brav du bist, mein Alter!« »Wundert dich das?« fragte Rameau. »Nein, aber ich weiß, wie du dich der Kleinen zuliebe selbst überwindest, und weil ich sie lieb habe wie mein eignes Kind, dank' ich dir!« Der Doktor hob die gesenkte Stirn und blickte dem Freund fest ins Gesicht. »Was hast du den eigentlich gefürchtet?« »Sei mir nicht böse deshalb,« begann Talvanne mit Vorsicht, »aber ich habe es miterlebt, wie unduldsam du gewesen. ...« »Unduldsam! Allerdings!« fiel er ihm ins Wort, »Aber wie wäre es möglich, daß ich es meinem Kind gegenüber wäre?« Er schwieg eine Weile und fuhr dann mit bewegter Stimme fort: »Dies junge Herz, das sich so taufrisch, so vertrauensvoll aufthut, sollte ich betrüben, auf diesen reinen, zweifelfreien Geist einen Schatten fallen lassen? Ich müßte ja ein Ungeheuer sein! Nein! Nein! Wenn die Religion irgendwo erträglich ist, so ist sie es in einem Kinderherzen, das sich zum Himmel hingezogen fühlt, wenn ein Gebet heilig ist, so ist es das aus Kindermund. Was liegt daran, daß dieser Glaube eitel und nichtig ist, wenn er ihr Empfinden kräftigt, ihr Denken erhöht? Wo Liebe betet, ist jede Formel echt. Wenn ich des Abends in meines Kindes Zimmer trete und sie vor dem Einschlafen die kleinen Hände faltet und mit sanfter Stimme flüstert: ›Lieber Gott, laß mich gut und klug werden, daß der Papa mich nicht tadeln muß und daß er Freude an mir hat. ... Erhalte ihn gesund und meinen lieben Paten auch!‹ ... Ach! Talvanne, nicht um die ganze Welt möchte ich sie minder gläubig und minder fromm haben! Mir ist, als ob sie mit dem Glauben an Güte, Sanftmut und Herzensreinheit verlieren müßte. Lassen wir die Philosophie den Männern – sie mögen forschen und suchen und anfechten und aufklären, aber rühren wir nicht an die Religion der Frau ... wir würden zu viel aufs Spiel setzen, zu viel dabei verlieren!« »Ich errate deine Gedanken,« sagte Rameau weiter, als er das tiefe Staunen im Blick des Freundes wahrnahm. »Du fragst dich, wie ich meiner Tochter gegenüber zu diesem Gewährenlassen komme, nachdem ich es bei meiner Frau damit so ganz anders gehalten und, auf die Gefahr hin, ihr bittren Kummer zu bereiten, meine Anschauung geltend machte. Aber der Fall ist ein völlig verschiedener. Conchita fand kein Genügen im eignen Glauben und Beten, sie wollte mich zum Glauben und Beten zwingen. Die Freiheit, die ich ihr gewährte, befriedigte sie nicht sie wollte mir die meinige entziehen. Ihre Bekehrungssucht war allzu heroischer Art, und während ich sie bat, ihren Ueberzeugungen treu zu bleiben und keinen ihrer Glaubenssätze fallen zu lassen, verlangte sie von mir, daß ich all meine Anschauungen verleugne. Zwischen ihr und mir kam es zum Kampf, und ich war es meiner Manneswürde, meiner geistigen Ueberlegenheit schuldig, ihr entgegenzutreten. Mißbraucht habe ich mein Uebergewicht nie und nirgends, und es ist mir heute noch in meinem Schmerz tröstlich, zu denken, daß ich nichts gethan, um ihre Frömmigkeit zu untergraben. Ihre Versuche, meine Unabhängigkeit zu beeinträchtigen, die wies ich freilich zurück, und keiner ahnt, mit wie zerrissenem Herzen! Du weißt, du hast es miterlebt, welch große Zugeständnisse ich ihr gemacht, aber in Staub werfen, wovor ich mich bisher gebeugt, das konnte ich nicht, das hieß eine ehrlose Fahnenflucht von mir fordern, und so heiß meine Liebe war, zur Selbsterniedrigung durfte sie nicht führen. Ich habe innerlich viel gelitten und dazu geschwiegen, denn niemand, auch nicht ein so treuer Freund wie du, sollte ahnen, welch ein Mißton meinen Frieden störte. Allein unter all dieser Pein erlitt mein Gefühl für mein Weib keinen Abbruch. Wenn ich sah, wie weh es ihr that, meinen Widerstand nicht besiegen zu können, war mein Herz voll Mitleid für sie, und um sie die Verstimmungen vergessen zu machen, die das Ergebnis ihrer gut gemeinten Bekehrungsversuche waren, begegnete ich ihr mit erhöhter Zärtlichkeit. Ja, ich gehe noch weiter: ich hatte nicht gewünscht, daß sie meine Anschauungen teilte. Wäre sie Freidenkerin gewesen gleich mir, ich hätte sie nicht geliebt! Aller Zauber der Weiblichkeit wäre von ihr abgestreift gewesen, sie hätte mir den Eindruck von etwas Ungeheuerlichem gemacht, von dem ich mich mit Abscheu abgewendet hätte. Das Weib muß gläubig sein. Der Glaube füllt ihr Denken aus, gibt ihrem Gemüt Kraft und Halt und verleiht ihrem ganzen Wesen gewinnende, rührende Anmut. Wenn die, welche nach uns kommen, das Weib als Atheistin kennen lernen, so bemitleide ich ein Geschlecht, welches diese traurige Ausgeburt unsres wissenschaftlichen Fortschritts zu Müttern, Töchtern und Frauen haben wird. Ich will, daß Adrienne glücklich ist, und demzufolge habe ich gethan, was an mir war, um ihr Wesen so zu gestalten, wie es das Beglücktsein und -werden erleichtert. Sie soll denken, fühlen und sehen, wie der Durchschnittsmensch, das heißt, wie das verständige, gebildete junge Mädchen unsrer Zeit, und soll sich durch nichts andres auszeichnen als durch die Schönheit, die ihr die Natur verliehen, und die geistige Begabung, die wir beide in ihr entwickeln und fördern. Wird sie damit noch das Weib eines wackeren Mannes, so kann ich ruhig die Augen schließen und in nichts zerfallen, wie es meine Ueberzeugung ist, oder, wie sie glaubt, in ein Jenseits aufgenommen werden.« Voll Teilnahme und Rührung war Talvanne der aus dem Munde dieses Mannes überraschenden und wunderlichen Auseinandersetzung gefolgt. Er zollte der Weite seines philosophischen Blickes, der den zerstörenden Einfluß gewisser Ideen auf gewisse Geister so scharf zu ermessen wußte, und welcher deshalb das geistige Arbeitsfeld der Frau mit bestimmten Schranken umziehen wollte, volle Anerkennung. Um ihn zu einer noch ausführlicheren Darstellung seiner Schlußfolgerungen zu bewegen, warf er mit harmloser Ironie hin: »Und weshalb willst du denn nicht die Frauen ebenso gut an der Aufklärung teilnehmen lassen wie die Männer? Wenn deine Anschauung gut und richtig ist, weshalb soll sie nicht allen zu gute kommen? Ich begreife solche Einschränkungen nicht. Gut ist gut, und was wünschenswert für den einen ist, muß es auch für den andern sein, oder du willst die Frau in eine Art von geistiger Dienstbarkeit versetzen. Weshalb?« Rameau schüttelte den Kopf. »Weshalb? Weil auf die Frau alles, was nicht nutzbar ist, schädlich wirkt. Sie kennt keine Mittelstraße; das freie Denken würde sie unmittelbar zur Freiheit der Sitten und von da zum Laster führen, Freiheit ist für ihre Schultern eine allzu schwere Last. Um sie dieser würdig und zum Genuß derselben fähig zu machen, müßten alle Bedingungen ihrer Existenz, welche auf der Abhängigkeit und Unterordnung beruht, umgewandelt werden, und dabei würde weder sie gewinnen, noch der Mann. Vom sozialen Gesichtspunkte aus ist Gleichheit von Mann und Weib ein Ding der Unmöglichkeit, lassen wir ihr also die Unterwerfung, die Weiblichkeit und Anmut: es sind ihre stärksten Waffen, die ihr unfehlbar den Sieg gewinnen. Suchen wir ihr Geschick nicht umzugestalten, solange wir nicht sicher sind, es verbessern zu können.« »Und doch hat es Frauen gegeben, welche sich durch Geistesklarheit und Tiefe jeder sittlichen und geistigen Freiheit würdig erwiesen. Wir brauchen gar nicht weit zu suchen – nehmen mir Frau Roland in der Politik, Frau von Staël, George Sand in der Litteratur ...« »Damit bestätigst du nur meine Behauptungen,« fiel ihm Rameau ins Wort, »sie waren Männer! Die Natur macht hier und da einen Mißgriff, und es kommt vor, daß die Geschlechter nicht mit den ihnen zukommenden Eigenschaften begabt sind. Wenn diese genialen Ausnahmeweiber die Mehrzahl bilden sollten, so brauchte man das Wort des großen Satirikers nur ein bißchen zu modeln und angesichts solcher Weiblichkeit auszurufen: ›Gott bewahre unsre Söhne vor ihren Töchtern!‹« Talvanne lachte herzlich und spann die Debatte nicht länger aus. Er fühlte sich an diesem Abende so einig mit dem Freunde, daß es ihm im Innersten wohl that, und plaudernd und rauchend saßen sie noch lange am Kaminfeuer beisammen, bis Talvanne schließlich nach Vincennes aufbrechen mußte. Einige Wochen darauf fand Adriennes erste Kommunion statt. Ihr Vater und ihr Pate gingen mit zur Kirche, wo sie zu ihrer Freude vor aller Welt die Taufbundserneuerung sprechen durfte. Nichts störte das ernste, feierliche Glück dieses Tages. Nach und nach wuchs sie zu einer kleinen Hausfrau heran und forderte ihren Anteil an den wohlthätigen Werken des Doktors. Man übergab ihr die Verwaltung des Kleider- und Weißzeugvorrats, welcher in weiser Voraussicht im Zusammenhange mit der unentgeltlichen Sprechstunde angelegt worden war, und mit Hilfe von Rosalie schnitt sie Windeln, Betttücher, Hemden und Handtücher zu. Mit allen großen Geschäften in Paris setzte sie sich in Verbindung, um für die Armen Kleidungsstücke und Stoffe zu herabgesetzten Preisen zu erhalten. Sie fertigte selbst kleine Jäckchen und Mützen an, schnitt Fuhrmannskittel und Wämser zu und gab dieselben in die Arbeitsschule der barmherzigen Schwestern zum Nähen. Die gesamte Verwaltung fiel ihr nach und nach anheim, und sie entledigte sich ihrer Aufgabe mit einer Pünktlichkeit, Rührigkeit und Befriedigung, die wirklich erfreulich waren. Den Leuten gegenüber wußte sie sich in Respekt zu setzen; sie erteilte ihre Befehle mit einem klugen, entschlossenen Gesichtchen, sah überall nach dem Rechten, teilte Lob und Tadel nach Gebühr aus und hielt ihre Untergebenen trefflich in Ordnung. Häufig wohnte Talvanne den morgendlichen Austeilungen seines Patenkindes bei. Er setzte sich dann in einen Winkel des Wartezimmers, durch welches die Kranken und Bedürftigen ihren Weg nahmen, und geriet immer von neuem in Entzücken über die sichere Würde und die freundliche Anmut, womit der kleine Schelm sein Amt zu üben wußte. Sie näherte sich indes ihren vollen sechzehn Jahren und war nun so lange ein kleines Mädchen gewesen, daß sie notwendigerweise endlich eine junge Dame werden mußte. Ihre Schönheit entfaltete sich in wahrhaft überraschender Weise, und ihr alter Pate stand mit der Beobachtung dieser Thatsache und der Freude darüber keineswegs allein. Schon seit geraumer Zeit hatte sich der Ton, den Rameaus Schüler, Robert Servant, seiner Kindheitsgespielin gegenüber anschlug, gewaltig verändert. Er neckte sie nicht mehr, lachte sie nicht mehr aus und von der guten Kameradschaft, die sie ehemals miteinander gehalten, war nicht mehr die Rede. Robert war zurückhaltend geworden, dabei aber nicht minder dienstbeflissen als in früheren Zeiten. Kam er vom Spital, wo er als Assistenzarzt beschäftigt war, zu Rameau, um sich ihm zur Verfügung zu stellen, so brachte er unfehlbar ein paar Blumen für Adrienne mit, nur daß er sie ihr nicht mehr mit einem Kuß übergab. Er begnügte sich, ihr die Hand zu drücken, verstand aber in die Berührung der Finger genau so viel Zärtlichkeit zu legen, als in die der Lippen. Er war ein hochbegabter Mensch, der bei jeder Prüfung, jeder Preisbewerbung den Sieg davongetragen hatte und sich nun in raschem Tempo auf seine Habilitierung an der Universität vorbereitete, Rameaus Freude an der Chemie hatte sich ihm mitgeteilt, und auf dem Gebiete der Erforschung von Pilzen und Bakterien hatte der junge Mann schon Nennenswertes geleistet. So viel Geschicklichkeit er als Chirurg auch entwickelte, zog ihn doch die innere Medizin noch mehr an, da ihr umfangreicheres Gebiet ihm einen weiteren Spielraum zum Erforschen und Entdecken versprach. Da er ohne Vermögen war und Waise, denn die Mutter war der heimtückischen Krankheit, der Rameau sie einst entrissen, später doch erlegen, hatte er von keiner Seite Hilfe und Förderung zu gewärtigen, aber er war kräftig, verständig und arbeitsam, hatte Vertrauen in sich und die Zukunft und verfolgte seinen Weg mit ungemeiner Entschlossenheit. Derselbe wurde ihm überdies durch Rameau sehr geebnet, denn dieser war als Mediziner ein allgewaltiger Herrscher. Gab es bei einem begüterten Patienten eine Operation vorzunehmen, so assistierte Robert und die Nachbehandlung der Wunde ward ihm anvertraut, was für die Finanzen des jungen Doktors sehr ersprießlich war. Bei Rameau, der ja eigentlich seine Erziehung geleitet hatte, war er wie das Kind des Hauses, und Talvanne nahm ihn noch manchmal wie zur Zeit, da er ein kleiner Junge gewesen, bei den Ohren; auch war es noch gar nicht lange her, daß die alte Rosalie ihn mit »Sie« anredete. Im Schirm und Schatten von seines Meisters Ruhm und in der arbeitsfrohen Atmosphäre seines Heims war er herangewachsen und seine Bewunderung und kindliche Hingebung an den großen Mann, dem er alles verdankte, waren unbegrenzt. Um ihn zu retten, hätte er freudig sein Herzblut vergossen, und daß sein Beschützer nebenbei auch Adriennes Vater war, that seinen Gefühlen entschieden keinen Abbruch. Eine tiefe, echte, unwandelbare und reine Liebe lebte in seinem Herzen, eine jener seltenen Kindheitslieben, die ein Leben ausfüllen und unverwelklich sind. Hätte man ihn gefragt, seit wann er das Mädchen liebe, so wäre er wohl um die Antwort verlegen gewesen und hätte erwidern müssen: »Ich habe sie immer geliebt. Ich kann mich keiner Zeit entsinnen, da diese Empfindung nicht mein Herz erfüllt hätte. Seit ich sehen gelernt, sah ich sie, und mein erster Blick fand sie entzückend. Ein Leben ohne sie wäre mir eine undenkbare Vorstellung, und wenn ein hartes Geschick sie von dieser Welt entrückte, so bliebe mir nichts übrig, als ihr zu folgen, denn ohne sie würde mir die Welt zur Wüste!« Und doch war nie ein Wort über seine Lippen gekommen, welches dem jungen Mädchen seine Liebe verraten hätte. Noch hatte sich das Bedürfnis eines Geständnisses in seiner Seele nicht geltend gemacht. Wozu ihr das sagen? Verstand sie ihn nicht ohne Worte? Bedurfte es zwischen ihnen, um ihrer Herzen gewiß zu sein, eines Versprechens? Daß sie einen andern als ihn im Herzen tragen könnte, diese Möglichkeit war noch kein einziges Mal in seinen Gedanken aufgetaucht. Er war voll Hoffnung und innerer Ruhe und fand das düstere, traurige und schweigende Haus fröhlich und sonnig, weil Adriennes Stimme darin ertönte und er ihr Lächeln hörte. Achtes Kapitel. In Rameaus Arbeitszimmer saß Talvanne am Kamin und wärmte sich an dem Feuer, welches das ganze Jahr, im Frühjahr und Sommer bei weit geöffneten Fenstern, in demselben brannte. Der Doktor hatte seinen Freund mit einem Kopfnicken willkommen geheißen und war dann wieder in das Studium eines Fachberichts versunken, wobei er hin und wieder mit Bleistift Notizen auf den Rand schrieb. Nach einiger Zeit schob er das Papier zurück und warf, sich mit dem Stuhl drehend, einen Blick auf die Wanduhr. »Schon zwölf!« rief er. »Ja. Wieviel Kranke hast du da gehabt?« »Ein Dutzend etwa. Ich muß mich vor dem Frühstück noch ankleiden, denn ich bin heute Examinator in der Schule. Sei so gut und klingle.« Talvanne drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel, den er von seinem Platz bequem erreichen konnte, und wie wenn Rameaus sämtliche Bedürfnisse vorhergesehen und alles im voraus angeordnet wäre, trat gleich darauf Rosalie mit Rock, Weste und Krawatte herein. Der Doktor duldete um seine Person keine andre Bedienung als die der alten Frau, die sich vollständig in seine Gewohnheiten, Liebhabereien und kleinen Narrheiten eingelebt hatte und sogar wagen durfte, ihn in der Arbeit zu unterbrechen, um ihn daran zu erinnern, daß er zu bestimmter Stunde dies und jenes vorhabe und infolgedessen jetzt abbrechen müsse. Im übrigen versah sie ihren Dienst schweigsam, gab kurze, sachgemäße Antworten, und Rameau hatte sie gern um sich. Sie breitete die Kleidungsstücke auf einem Lehnstuhl aus, öffnete ein büffettartiges Möbel, das den im Zimmer des Arztes unentbehrlichen Waschapparat verschloß, und legte, ohne ein Wort zu verlieren, alles zurecht, was ihr Gebieter nötig hatte. Dann nahm sie den weiten, schwarzen, kuttenartigen Rock, den er zu Hause trug, vom Sofa auf und ging hinaus. Der Doktor trat in Hemdärmeln an seinen Waschtisch und fing an seine Hände mit Seife zu behandeln. Talvanne ging ans Fenster und blickte, auf die eiserne Brustwehr gelehnt, hinunter, Robert, der Adrienne nach Erledigung seiner Sekretärsdienste sofort aufgesucht hatte, ging mit ihr langsam in den schmalen Wegen zwischen den kurz gehaltenen englischen Rasenbeeten im Sonnenschein auf und ab, und beiden schien sehr vergnüglich zu Mute zu sein. Sie plauderten eifrig; man konnte die Worte nicht verstehen, aber nach ihren fröhlichen Mienen und freundlichen Blicken zu schließen, mußten sie etwas Heiteres verhandeln und wohl miteinander zufrieden sein. Die Zeit verstrich ihnen offenbar rasch und angenehm unter dem Gebüsch, das duftend in Blüte stand und in dessen rosig angehauchten Zweigen die Vögel ihren Frühlingsjubel in alle Welt hinausschmetterten. Talvannes Blicke ruhten liebevoll auf den beiden jugendlichen Gestalten, er fühlte mit, wie ihnen zu Mut sein mochte, und freute sich ihres Glückes in tiefster Seele. Er wandte den Kopf und sah, daß Rameau angekleidet war; er winkte ihn zu sich ans Fenster und zeigte ihm das auf und ab wandelnde Paar. »Sieh hin,« sagte er, »sie passen zu einander, findest du nicht?« Rameau schwieg. Vor seinem inneren Auge stand wie mit Zauberschlag ein andres Bild und nur der Rahmen war derselbe. In diesem nämlichen Garten, nur nicht in hellem Sonnenschein, sondern in der Abenddämmerung, die sich da und dort, wo die blühenden Bäume dichte Gruppen bildeten, schon zu nächtlichem Dunkel verdichtete, schritt mit nachlässigen Schritten, leise flüsternd, ein andres Paar auf und ab – der Mann war er selbst, und sie war Conchita! Wie waren sie der Gegenwart froh und der Zukunft sicher gewesen! Und doch verdüsterte sich ihr Geschick und hüllte sie in düstere Schatten, ohne daß sie je eine Ahnung beschlichen gehabt, welch ein Verhängnis ihrer harre. Der Doktor stieß einen Seufzer aus – wird es mit diesen beiden Kindern, die heiter und sorglos da unten lustwandeln, ebenso ergehen? Würden ihr Glück und ihre Liebe sich die Wagschale halten, oder würden Kummer und Pein aus dieser Einigkeit hervorgehen? Seit lange schon hatte er sie in all seinen Gedanken vereint gesehen, und nun, da der entscheidende Moment herannahte, zögerte er, und eine Unruhe, eine innere Unsicherheit bemächtigte sich seiner, und wie das Vorgefühl schweren Unglücks lastete es auf ihm. Was konnte aber aus dieser Furcht Gutes kommen? Ein tieferes Leid für die beiden wäre es unstreitig, jetzt auseinander gerissen zu werden, als verbunden noch so Schweres auf sich nehmen zu müssen. Hatte er sie nicht in jener Herzenseinheit, der vollkommensten Gemeinschaft im Denken und Empfinden, welche Liebe schafft und für die Liebe vorbereitet, heranwachsen lassen? Diese schweigende Voraussetzung künftiger Zusammengehörigkeit war es ja gewesen, was ihrem Kindheits- und Jugendverkehr solche Innigkeit, solchen Reiz verliehen hatte, und wenn das Geschick ihnen Leid und Kummer vorbehalten hatte, so trug sich die Last doch zu zweien leichter als getrennt. War ihnen aber ein wolkenloses Glück beschieden, so konnten sie dessen nur im gegenseitigen Beglücken und gemeinsamen Genießen froh werden. Schmerzlich ergriffen trat er von dem Fenster zurück und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Talvanne sah ihn erstaunt an, und die sichtliche Verstimmung des Freundes war ihm ein Rätsel – sprach denn nicht alles von Glück und Hoffnung, wenn man sich diese zwei Menschenkinder, die so ganz füreinander geschaffen schienen, vereint dachte? »Was hast du nur?« sagte er. »Fast ist es, als ob der Anblick dieser jugendlichen Liebesleute in ihrem Rahmen von knospendem, werdendem Grün dir die Seele verfinstert habe? Willst du nicht, daß sie einander angehören? Dann ist es hohe Zeit, ihnen das verständlich zu machen, denn seit mehr als Jahresfrist ist an Stelle der Kinderfreundschaft ein andres Gefühl getreten. Du, der du immer in deinen Arbeiten steckst und den Kopf voll wissenschaftlicher Probleme hast, hast es vielleicht übersehen, aber ich Alltagsmensch, dessen Hirn Raum hat für die kleinen Dinge des Menschenlebens, kann dir sagen, daß Robert deine Adrienne von ganzer Seele liebt, und daß er ihr zum mindesten nicht gleichgültig ist. Er ist siebenundzwanzig Jahre alt, sie achtzehn: er braun, sie blond. Er bietet alle physiognomischen Kennzeichen eines äußerst glücklich und gleichmäßig angelegten Mesokephalen – ich glaube, daß du ihm voll vertrauen kannst; er wird sie glücklich machen.« »Und das muß sie werden! Sie glücklich zu wissen wird meine letzte Lebensfreude sein; dies Kind steht mir über allem. Ich werde mit ihr sprechen und will das Geheimnis ihres Herzens von ihren eignen Lippen erfahren. Auch Robert werde ich prüfen, und wenn du dich in deinen Vermutungen nicht getäuscht hast, nun ja, dann lassen wir sie heiraten und werden mit ihren Kindern selbst wieder jung!« »Schiebe es nicht lange hinaus! Zeit, um sich kennen zu lernen, brauchen sie nicht; keins hat einen Gedanken, der dem andern fremd wäre. Man kann es also füglich mit dem Brautstand kurz machen.« Rameaus Ausdruck ward wieder bekümmert, und mit einer Stimme, die von innerer Erregung bebte, sprach er: »Ich muß die nötigen Papiere zusammen suchen und ordnen. Meinen Trauschein, die Geburtsanmeldung meiner Tochter ... all diese Dinge sind in einem kleinen Schränkchen, zu dem meine Frau den Schlüssel hatte, und das in ihrem Zimmer steht. Du weißt, daß ich nur einmal des Jahres, am schmerzlichsten aller Gedenktage, in diesen Raum eindringe, wo tausend qualvolle Erinnerungen auf mich einstürmen. Ich werde es über mich gewinnen, jenem Jahrestag vorzugreifen, und morgen schon jene traurigen Erinnerungen aufstöbern. Zum erstenmal wird die Ruhe dieser geliebten Reliquien gestört werden – du fühlst mir wohl nach, was mich diese Ausgrabung kostet. Aber es muß sein ... ich werde es vollbringen ...« Es wurde kein weiteres Wort gewechselt, und schweigend gingen beide in das Speisezimmer hinunter, wo die jungen Leute schon auf sie warteten. Rasch und ohne eine Unterhaltung zu führen, wurde gefrühstückt, worauf Robert mit Talvanne und dem Doktor das Haus verließ. Am Abend blieb der Psychiater aus und Rameau war mit seinem Kinde bei Tisch allein. Während der ganzen Mahlzeit ruhte sein Blick fast unverwandt auf ihr, und seine Augen, die Verborgenes zu enträtseln wußten, studierten jede einzelne Linie des jungen Gesichts voll Frische und Gesundheit und ruhten mit Freude auf der ebenmäßigen, anmutigen und kräftigen Gestalt. Erstaunt über diese seltsame Anwandlung des Vaters dachte Adrienne hin und her, was wohl die Ursache dieser gründlichen Beobachtung sein möchte; ihre kindliche Ehrfurcht war aber so groß, daß sie keine Frage stellte, sondern geduldig abwartete, bis er selbst ihr die gewünschte Aufklärung geben würde. Erst als er sich wieder in seinem Arbeitszimmer befand, entschloß er sich zum Sprechen. Er zog das junge Mädchen an sich, drückte sie auf einen niederen Sitz neben seinem Lehnstuhl nieder, daß sie ihm fast zu Füßen saß, und begann, indem er ihre Hand in die seinige nahm: »Ich habe heute früh eine wichtige Unterredung mit deinem Paten gehabt, die sich ausschließlich um dich drehte!« Mit einer Ueberraschung, die nicht ganz frei von Unbehagen war, hob sie das Köpfchen und sah ihm erwartungsvoll ins Gesicht. »Keine Sorge, mein Kind! Du weißt ja, dich glücklich zu machen, liegt uns mehr als alles andre am Herzen. Was auch wir geträumt, geplant und gewünscht haben könnten, muß zurücktreten, wenn du andre Träume und andre Wünsche hegen solltest.« Sie lächelte, und vollständig klar darüber, wo der Vater hinaus wollte, reckte sie sich ein wenig in die Höhe, schmiegte sich an seine Schulter und küßte ihn zärtlich. »Du bist achtzehn Jahre alt geworden,« fuhr der Doktor fort, »und also jetzt ein erwachsenes Mädchen, das an ein andres Dasein zu denken hat als an das Leben, das du bisher mit zwei nicht alle Zeit froh gestimmten alten Männern, wie Talvanne und ich, geführt ...« Diesmal konnte Adrienne sich nicht zurückhalten und fiel dem Vater lebhaft und voll Wärme ins Wort: »Und doch möchte ich gerade so immer fortleben und glaube nicht, daß ich je glücklicher werden kann, als ich es bei dir und dem Paten bin.« »Mehr Liebe kannst du jedenfalls nie und nirgends finden, denn seit du das Licht der Welt erblickt, bist du für uns beide der Mittelpunkt des Daseins gewesen! Aber, mein Kind, wir werden nicht immer um dich sein, und die Liebe, mit der wir dich umgeben, wirst du eines Tages entbehren lernen müssen – deshalb ist es unsre Pflicht, an deine Zukunft zu denken, und für ein junges Mädchen bedeutet Zukunft – die Heirat! Glaube ja nicht, daß ich ohne Kampf und Schmerz an diese Frage herantrete.... Wenn du dich bis jetzt in unsrer Hut glücklich gefühlt hast, so war uns dein Besitz der letzte Sonnenschein, den uns das Leben bot, der höchste Trost, den es uns aufbehalten. Dies Haus, durch das so viel Leid und Herzweh seinen Weg genommen, fand durch dich ein wenig Frohsinn, ein wenig Leben wieder. ... Du warst unser Lichtstrahl, unsre Wonne, und ich kann dir wohl gestehen, daß unser Herz sich schmerzlich zusammenzieht bei dem Gedanken, dies alles einem andern überlassen zu sollen. So selbstsüchtig sind wir aber nicht, daß wir das Opfer deines Glückes forderten oder annahmen, und wir wollen dich freudig einem Gefährten übergeben, an dessen Arm du gesichert und geschützt deinen Weg durchs Leben finden wirst.« »Also willst du dich von mir trennen?« »Nein, mein geliebtes Kind, ich hoffe sicherlich, daß der, den du dir zum Gatten erwählst, mich deiner Nähe nicht berauben wird ... aber du weißt und fühlst, daß das Weib dem Gatten anhängen muß, und daß du, auch wenn du mir äußerlich nahe bleibst, mir nicht mehr so angehören wirst, wie jetzt. Zwischen dich und mich wird von nun an der Gedanke an einen andern, die Sorge für einen andern sich stellen.... Ach, Kind, und ist denn dem nicht jetzt schon so? Ist es nicht vielleicht eine thörichte Selbsttäuschung, wenn ich mir einbilde, noch dein ganzes Herz zu besitzen? Talvanne behauptet, daß du nicht mehr ganz unser seiest, daß du liebest...« Adriennes Hand fing in der des Vaters zu zittern an, eine dunkle Glut bedeckte ihr Gesicht, und sie schwieg betroffen und fand nicht mehr den Mut, die Augen aufzuschlagen. »Ich mache dir das nicht zum Vorwurf, mein Liebling,« tröstete sie der Arzt. »Ja, und ich will dich auch nicht mit Fragen quälen. Ich habe volles Vertrauen in dich und bin zum voraus gewiß, daß, wenn dein Blick auf einen jungen Mann gefallen, deine Wahl eine solche sein wird, daß ich ihr nur von Herzen beipflichten kann ...« »O, das wirst du, Väterchen!« Sie schwieg, sichtlich beschämt und erschrocken über die Wärme, mit der sie diese Worte gesprochen hatte. Rameau lächelte mild und faßte sie am Kinn, daß sie das gesenkte Köpfchen voll zu ihm erheben mußte. »Also auch die Ehrlichsten und Besten unter euch haben ihre Heimlichkeiten,« sagte er. »Dir stecken Dinge im Kopfe, die ich nicht bei dir vermutet! Dein Pate Talvanne ist weit hellsehender gewesen, als der eigne Vater, er hat sich durch deine äußere Ruhe nicht täuschen lassen und hat deinen kleinen Roman erraten. Jetzt aber, Kind, beichte ... jetzt will ich alles wissen!« »O, Papa, da ist herzlich wenig zu erzählen, und romanhaft ist die Sache ganz und gar nicht. Möglicherweise habe ich auch leere Luftschlösser gebaut und war mein Traum ein einseitiger, denn nie ist zwischen mir und dem, von dem du mir sprichst, ein Wort gefallen....« »Wer ist ›er‹ denn?« Sie schlug die jungen, unschuldigen Augen zu ihm auf und sprach so ruhig und selbstverständlich, als ob ein andrer Name überhaupt nicht über ihre Lippen kommen könnte: »Robert Servant.« Rameau atmete erleichtert auf. Er hatte eigentlich nie bezweifelt, daß Talvanne recht gesehen, aber er empfand doch eine tiefe Genugthuung darüber, nun Gewißheit zu haben, daß der, welchen er seinem Kinde zum Gatten bestimmt, der Mann ihrer Wahl war. »Und du liebst ihn?« »Ich habe darin nur dein Beispiel befolgt, Väterchen!« versetzte das junge Mädchen mit seiner Klugheit. »Du hast ihn ja von jeher wie einen Sohn behandelt. Ich freute mich, so oft er unser Haus betrat; er war mein Spielkamerad, solange ich ein Kind war, er ward mein Freund, als ich heranwuchs; immer war er um mich, und wenn er heute von uns scheiden würde, so wäre das für mich ein großer Schmerz. Außer dem Paten und dir kenne ich keinen Menschen so gut wie ihn. Hatte ich Kummer, so war er mein Tröster und Berater, war ich fröhlich, so freute er sich mit mir. Sein ganzes Wesen erscheint mir edel, zartfühlend und herzensgut, und wenn lieben heißt, daß man den Wunsch hegt, sein ganzes Leben mit jemand zu verbringen, dann liebe ich ihn!« Mit tiefer Aufmerksamkeit war Rameau ihren Worten gefolgt, hatte keine ihrer Bewegungen außer Auge gelassen, und der keusche Reiz ihres Wesens berührte ihn mächtig und zauberhaft. Er suchte sich seine Empfindung nicht klar zu machen und legte sich keine Rechenschaft über ein Gefühl ab, dem er sich rückhaltslos überließ. »Und er, glaubst du, daß er dich liebt? Hat er dir's gesagt?« »Gesagt? Nein, aber ich weiß, daß meine Nähe ihm ebenso lieb ist, wie mir die seine. Im Ton der Stimme liegt, wenn er mit mir spricht, sein ganzes Herz und in seinen Augen auch. Als seine Mutter gestorben war – du erinnerst dich doch, Papa – ging ich mit Rosalie hin, um an ihrer Leiche zu wachen. Wir fanden den armen Robert ganz allein mit seinem Schmerz, denn er hatte ja in Paris keine Angehörigen. Als er uns eintreten sah, war er so bewegt, daß er kein Wort sprechen konnte; er führte mich in das Zimmer, wo seine Mutter lag, und blieb bei mir. Ohne zu sprechen, saßen wir miteinander am Fenster, und seine Augen waren, so oft ich seinem Blick begegnete, voll stillen Dankes. Als ich abends wegging, nahm er einen kleinen Ring mit einer Perle, den einzigen, den Frau Servant je getragen, und gab ihn mir mit den Worten: ›Dies ist eins der teuersten Andenken an meine Mutter, die ich besitze, denn sie hatte diesen Ring schon als junges Mädchen und ließ ihn nie vom Finger. Ich bitte, daß Sie ihn annehmen und sich nie davon trennen!‹ Seine Stimme bebte, und ich wußte nicht, was thun; das Kleinod anzunehmen, davor bangte mir, und doch fürchtete ich, ihn durch meine Weigerung zu betrüben. Während ich so in meinem Kampfe vor ihm stand, ergriff er sachte meine Hand und streifte mir selbst den goldnen Reif an den Finger, und über sein tieftrauriges Gesicht huschte ein flüchtiges Lächeln. Eine Thräne fiel auf den Ring, und mir erschien derselbe wie das erste Glied an einer Kette, die uns unlöslich und unzerreißbar verband. Als ich nach Hause kam, zeigte ich dir den Ring und erzählte dir genau, wie ich in seinen Besitz gelangt: du küßtest mich und sagtest nichts von Zurückgeben, was mich im tiefsten Herzen glücklich machte, denn ich wußte jetzt, daß du meine Neigung für Robert nicht mißbilligest. In den Tagen der Trauer durfte er sich noch wärmer als zuvor an dich anschließen; du machtest ihm unser Haus zu seiner Heimat, und er nahm dies ohne Widerstreben an. Seitdem vergeht kein Tag, an dem ich ihn nicht sehe: wir gehen miteinander im Garten spazieren, wir plaudern und lachen zusammen, und ich bin so glücklich, daß ich mir gar nicht denken kann, wie ich noch glücklicher werden könnte!« »Er hat also nie ein Wort über sein Hoffen und Wünschen verlauten lassen?« »Wozu denn?« sagte Adrienne ruhig, voll tiefen, unschuldigen Vertrauens, »wir wissen sehr wohl, wie es um unsre Herzen bestellt ist, ich kenne das seine, und er das meine.« »Du bist seiner vollkommen sicher?« »So sicher, Vater, als er meiner ist.« »Ohne daß ihr euch je ausgesprochen hättet?« »Unsre Augen haben sich ausgesprochen, Väterchen!« »Du willst also seine Frau werden?« »Ja, Papa, denn er wird dir ein guter Sohn sein, und unser Leben wird keine Umgestaltung erfahren. Der Pate ist es sicherlich auch wohl zufrieden, denn er hat Robert lieb, darüber täusche ich mich nicht! Verstellung ist Onkel Talvannes Sache nicht, und wenn ihm etwas nicht behagt, oder er einem nicht traut, merkt man es ihm auf der Stelle an. Robert aber hat er immer mit denselben Augen angesehen wie mich, und bei jeder Gelegenheit hat er mit mir von ihm gesprochen!« »So, so; du bist also der Ansicht, daß er eure Neigung begünstigt hat?« »Ja wohl, Papa, und das hat mich immer sehr gefreut.« »Und was ich dazu sagen werde, darüber hast du dir keine Gedanken gemacht?« Adrienne setzte sich lachend auf des Vaters Kniee und bot ihm die frischen rosigen Lippen zum Kuß. »Ach du, Väterchen! Du kannst mir ja doch nichts abschlagen, wenn ich dich recht herzlich darum bitte!« »Um die Ruhe deines Daseins ist es aber bei alledem doch geschehen,« sagte der Doktor mit großem Ernst, »und leicht dürfen wir solchen entscheidenden Schritt nicht nehmen. Ich halte Robert auch für einen guten, ehrlichen Menschen, und ich weiß, daß er als Arzt eine Zukunft hat. Wie viele unvorhergesehene Schwierigkeiten und Sorgen das Leben aber trotzdem bringt, davon hast du, mein Kind, noch keine Vorstellung, und es thut gut, sich nach Kräften zu wehren und vorzusehen vor allerlei Hinterlist und Tücke des Schicksals. Dies ist Sache der Alten, die ihr Teil Erfahrung sauer genug und um den Preis großer Schmerzen erworben haben! Talvanne und ich werden deinem Robert auf den Zahn fühlen, und bewährt er sich als der, für den wir ihn halten, hat er wirklich die Empfindungen, die wir bei ihm voraussetzen, dann, mein Kind, will ich, so schwer es mir wird, einen Teil deines lieben, kleinen Herzchens abzutreten, dich ihm anvertrauen und du sollst glücklich werden!« Adrienne hing am Halse des Vaters und bedeckte sein Gesicht mit Küssen, die wohl nur zur Hälfte ihm galten, Rameau aber löste sanft die Arme, die ihn so warm umschlangen, und schob sein Kind ein wenig von sich. »Geh jetzt, mein Liebling,« sagte er und in seiner Stimme zitterte noch immer tiefe Rührung, »und laß mich arbeiten. Schlafe ruhig und süß, damit dein Liebster morgen früh deine Augen frisch und deine Wangen rosig findet.« Das junge Mädchen wünschte dem Vater gute Nacht und zog sich gehorsam zurück; eine ruhige, tief innerliche Glückseligkeit verklärte ihr ganzes Wesen. Rameau griff nach seinen Spitalberichten und versuchte zu lesen, aber er konnte seine Gedanken nicht sammeln und es gelang ihm nicht, Anteil an seiner Arbeit zu gewinnen. Immer wieder verschwammen ihm die Buchstaben vor den Augen und an ihrer Stelle erschien ein junges Menschenpaar, das leichten Schrittes dahinwandelte und süße Liebesworte flüsterte. Das Herz ging ihm auf bei diesem Bilde; eine weiche Glücksstimmung, die ihm lange fremd gewesen, durchdrang sein Innerstes mit lichter Wärme, und Empfindungen, die er für alle Zeiten versiegt und verdorrt gewähnt, rührten sich und schienen aus langem Winterschlaf zu erwachen. In tiefem Nachsinnen hielt er das Haupt gesenkt, und nicht ohne Bitterkeit sagte er sich, daß der Mensch nie genügend losgelöst sei aus irdischen Banden, und daß Schmerz und Freude immer wieder in seinem Herzen ein offenes Feld für ihre unerschöpflichen Saaten finden. Der Baum, den der Blitz gespalten und der Winter ausgetrocknet, grünt nicht wieder, langsam verfault sein Stamm und zerfällt in Staub, um wieder ein Teil der Erdmasse zu werden. Nach Jahren der Unfruchtbarkeit regt sich kein neuer Saft mehr in ihm, und das dürre Holz treibt nie wieder Knospen und Blüten. Und er, der entlaubte Stamm, der so lange regungslos gestanden, fand nun mit einemmal die Fähigkeit wieder, zu fühlen und folglich zu leiden! Er mußte erkennen, daß er mit jeder Fiber seines Herzens an den mit ihm Lebenden hing und an jeder Wendung ihres Geschickes tiefinnerlichen Anteil nahm: er hatte sein Empfinden erstorben geglaubt, und ward mit einem gewissen Entsetzen, in das sich doch auch ein Hauch der Freude mischte, inne, daß er lebte und also auch noch einmal glücklich sein konnte. Denn mußte es nicht eine Wonne sein, dies liebenswerte Kind zum beglückenden Weib sich entfalten zu sehen? Mußte dies Glück, dessen Schöpfer er war, ihn nicht erwärmen und durchglühen? Durfte er nicht hoffen, Enkel zu erleben, die zärtlichen Herzens wie ihre Mutter unter seinen Augen heranwachsen und ihn mit Liebe umgeben würden? Es ward ihm trübe vor den Augen, sie hatten sich mit Thränen gefüllt. Eine Stimme erhob sich in seinem Innern und klagte ihn der Untreue gegen das Angedenken der Toten an: »Du hattest dir geschworen, nicht einen einzigen Gedanken zu hegen, der nicht ihr gälte; ihr Bild sollte immerwährend vor deinen Augen stehen, allein und ausschließlich, wie das einer Gottheit, der du dein Leben hingegeben. Und jetzt entweihst du die Einsamkeit, in der sie allein herrschte, und dein Herz thut sich neuer Liebe, dein Geist neuen Gedanken auf. Die Trauer, die du fünfzehn Jahre zur Schau getragen, und die dir als eine keinem Trost zugängliche erschien, wird dadurch, daß du jetzt in einem Augenblick alle schwarzen Schleier von deiner Seele reißest, zur Komödie herabgewürdigt. Du nimmst einen Ersatz an für sie, die deine Seele mit sich von dannen genommen zu haben schien. Aber sein klarer Verstand und sein gesunder Wille kämpften diese Empfindungen nieder. »Dem Menschen,« sagte er sich, »wird nur ein gewisses Maß von Sorge und Schmerz auferlegt, und es wäre Undankbarkeit von seiner Seite, Freuden und Entschädigungen, die sich ihm bieten, von sich zu weisen. Daß mein Kind glücklich wird, und daß ich dessen von Herzen froh bin, ist nur gerecht; wenn ich nicht des Lebens Bitterkeit und Süße empfinden sollte, wozu wäre ich ein Mensch?« Uebrigens flüsterte ihm sein nur auf kurze Zeit in den Hintergrund getretener Pessimismus zu: »Wie leicht kann dieser Schein des Glückes eitel Trug sein, und wer weiß, ob nicht statt der Freuden, deren Genuß ich mir zum Vorwurf mache, unvorhergesehenes Leid und bittere Kümmernisse meiner harren?« Er ging völlig auf die Suche nach Enttäuschungen und Bitterkeiten, die ihm in der Zukunft bevorstehen könnten, und das Entsetzlichste, was vor seiner Vorstellung auftauchte, war die Möglichkeit, seines Kindes beraubt zu werden. Wenn Adrienne bei der bevorstehenden Umgestaltung ihres Lebens krank werden, sterben sollte, was dann? Das Bild der Leere und Einsamkeit, in der er sein Leben dann weiter schleppen müßte, trat mit solcher Macht vor sein inneres Auge, daß er die ganze Unerträglichkeit eines solchen Zustands empfand; hastig erhob er sich und ging, um sich von dieser Vorstellung zu befreien, mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile ward er ruhiger und konnte sogar die Arbeit wieder aufnehmen. Als Robert sich am folgenden Morgen um zehn Uhr in der Rue Saint Dominique einfand, um sich gewohntermaßen seinen Lehrern zur Verfügung zu stellen, kam ihm die alte Rosalie entgegen und vertrat ihm ganz einfach den Weg. Höchlich überrascht, wollte er sich nach der Ursache dieses seltsamen Gebarens erkundigen, sie aber wies ihn schweigend in den kleinen Salon, wo er Doktor Talvanne mit einer Zeitung in der Hand vorfand. Der alte Freund erhob sich mit großer Lebhaftigkeit und streckte ihm herzlich die Hand entgegen. »Rameau ist beschäftigt,« sagte er, »wir sind aus seinem Bereich verwiesen! Setze dich und leiste mir einstweilen Gesellschaft. Was gibt's Neues in der Wissenschaft?« »Aber, Doktor,« versetzte Robert lachend, »das wissen Sie, dächt' ich, besser als ich....« »Auf dem Gebiet des Ernsthaften vielleicht, aber von der heitern Seite der Dinge weiß ich gegenwärtig so gut wie nichts. Kannst mich ein wenig in den Studentenklatsch einweihen ... oder werden etwa keine Bosheiten mehr erfunden, keine Lehrer mehr lächerlich gemacht?« »O, was das betrifft, ist keine Abnahme an Thätigkeit zu verzeichnen!« »Also denn! Laß mich hören!« »Es heißt, daß Professor Gazan für die schwere Operation, die er zu seiner Spezialität gemacht, von jedem Patienten das Einkommen eines Jahres als Honorar verlange. Um die Summe richtig festzustellen, hat er sich ein regelrechtes Auskunftsbüreau geschaffen, das ihn haarklein über den Besitzstand der Kranken unterrichtet, und als neulich der Gemahl einer sehr kunstvoll entzweigeschnittenen und wieder zugenähten Dame sich über die Forderung empörte und versicherte, daß er bei weitem nicht so reich sei, als man anzunehmen scheine, fiel Gazan ihm ins Wort und sagte mit großer Bestimmtheit und Strenge: ›Mein Herr, Sie besitzen in der Rue de Rivoli ein Haus, das so und so viel Zins trägt, zwei Güter in der Normandie, die das und das tragen, und die und die Summe in Wertpapieren. ... Machen Sie sich keine Hoffnung, mich zu hintergehen.‹ Bestürzt und beschämt sah der Wackere zu Boden und ließ sich gutwillig auspfänden.« »Und wenn die Operation mißlingt, zahlt der Herr Professor dann das Geld heraus?« »Fällt ihm gar nicht ein! Der Kranke stirbt und Gazan behält sein Geld.« »Das sind freilich neue Moden, mein Junge, von denen zu meiner Zeit kein Mensch eine Ahnung hatte. Damals hieß das Ding mit Recht Wissenschaft, heutzutage handelt es sich um medizinische und chirurgische Industrie. Geld verdienen ist die Losung, und du sollst dabei nicht zu kurz kommen – ich habe gehört, daß Rameau dir einen Vertrauensposten übergeben will. Du wirst nach Sachsen geschickt und sollst sechs Monate dort bleiben, dabei hast du Muße, deine Habilitierungsthesen vorzubereiten, und wirst fürstlich bezahlt. So etwas kann man sich schon gefallen lassen, nicht?« Talvanne hätte noch lange weiter reden können, ohne einem Einwand zu begegnen, denn Robert hörte überhaupt nicht mehr zu. Er war sehr rot geworden und blickte, als ob er das Auge des Doktors scheue, krampfhaft zu Boden, wo eine Blume des Teppichmusters ihn über die Maßen zu fesseln schien. Die Mitteilung, die ihm eben zu teil geworden, war ein betäubender Schlag. Seit zwei Monaten hatte er den Weg von seiner Wohnung in die Rue Saint Dominique nie anders zurückgelegt, als mit dem festen Vorsatz: »Heute nehme ich mein Herz in beide Hände und rede ernstlich mit dem Meister.« Dies ernstliche Reden aber bedeutete für den jungen Mann, daß er Rameau seine Liebe zu Adrienne gestehen wollte und ihn um ihre Hand bitten. Fest entschlossen, dem Herrscherblick des Doktors mit kühner Stirn entgegenzutreten, verließ er seine Wohnung. War es denn schließlich etwas gar so Peinvolles um diesen Schritt? Behandelte der große Mann ihn nicht wie einen Sohn? Ganz gewiß! Hatte er denn den geringsten Grund, an seinem Wohlwollen zu zweifeln? In keiner Hinsicht! Aber trotzdem – Rameau war darum nicht minder der Gewaltige, vor dem zu zittern Robert in den fünfzehn Jahren eines tagtäglichen Verkehrs nicht verlernt hatte. Wenn er die Thürklinke in die Hand nahm und die Schwelle überschritt, wo er den Meister an seinem Arbeitstisch sitzend wußte, so überkam ihn Tag für Tag eine gewisse Bangigkeit, und noch nie hatte er eine an ihn gerichtete Frage beantwortet, ohne dabei in Aufregung zu geraten. Er sah in Rameau ein Wesen höherer Art, mit dem vertraut zu werden schwierig, wo nicht unmöglich war, und so heiß seine Liebe zur Tochter war, gebrach es ihm doch an Mut, dieselbe dem Vater kund zu thun. Bei Talvannes Worten stürmten Gedanken aller Art auf ihn ein: »Was bedeutet der Einfall, mich auf sechs Monate nach Sachsen zu schicken und zwar unter dem Vorwand, daß ich dort Geld verdiene, woran mir, wie er wohl weiß, blutwenig gelegen ist? Dort soll ich Muße für meine Habilitierungsarbeit finden? Als ob er nicht genau wüßte, daß mir die auch hier vollauf zur Verfügung steht! Offenbar ist irgend etwas vorgefallen, wovon ich noch keine Kenntnis habe und was auf meine Stellung in diesem Hause großen Einfluß hat. Rameau will mich entfernen. Vielleicht hat er entdeckt, daß ich seine Tochter liebe. Dann wäre er also nicht gesonnen, sie mir zu geben? Wäre es möglich, daß ein andrer um sie geworben hätte, und daß diese Werbung günstig aufgenommen worden?« Bei dieser Vorstellung trat der kalte Schweiß auf seine Stirn, seine Hände zuckten fieberisch, und es sauste ihm vor den Ohren. Ein Gefühl tiefer Beschämung darüber, daß er die Augen zu der Tochter seines Wohlthäters erhoben habe, ohne dessen Zustimmung gewiß zu sein, drückte ihn fast zu Boden. Er machte sich Taktlosigkeit und Anmaßung zum Vorwurf und fand seine Lage namenlos unglücklich. »Aber wenn Adrienne mich bei alledem lieb hätte?« sagte er sich dann wieder. »Könnten wir nicht hoffen, den Widerstand des Vaters zu besiegen? Allein man würde mir eine unehrenhafte Glücksjägerei zur Last legen. Sie ist reich und ich arm. Man wird sagen, daß ich die Güte, mit der man mich aufgenommen, die Vertraulichkeit, die man mir gestattet, mißbraucht, um mich des arglosen, jungen Herzens, das so weich und zur Liebe geschaffen ist, zu bemächtigen.« Das verletzte sein Ehrgefühl. Und doch klammerte er sich an die Hoffnung, daß Adrienne ihn liebe, an und rief sich all ihre vertrauende Anmut und liebevolle Aufmerksamkeit vor die Seele. War es denn denkbar, daß sie je einem andern als dem Freund ihrer Kindheit angehörte? Nein, gegen den Gedanken lehnte sich sein Innerstes auf und mehr und mehr ergriff ihn der Zorn. Wozu sollte er sich opfern? Weshalb sollte er fortgehen, um einem andern freies Spiel zu lassen? Das Blut stieg ihm heiß ins Gesicht, seine Augen, die er nun kühn aufschlug, flammten; entschlossen schlug er sich mit der geballten Faust aufs Knie, und vergessend, wo und bei wem er sich befand, rief er: »Nein, das wird nie und nimmer geschehen!« »Was wird nicht geschehen?« fragte Talvanne ruhig und schreckte damit Robert aus seiner Selbstvergessenheit auf, daß er ihm verblüfft ins Gesicht starrte, doch sich rasch fassend, kehrte er wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück. »Du hältst Selbstgespräche?« fuhr der Psychiater fort, indem er ihn spöttisch ins Auge faßte. »Das schlägt in mein Fach ein. Solltest du vielleicht Gespenster sehen und dich mit ihnen im Ton der Drohung unterhalten? Das würde auf Verfolgungswahn deuten und der ist, wie du weißt, nur in seltenen Fällen heilbar. Im allgemeinen vollziehen sich die Veränderungen in der Gehirnmasse rasch, und das Stadium des Blödsinns ist erstaunlich schnell erreicht. Ebenso verhält es sich beim Größenwahn. Ist dir bekannt, daß das Wachstum der Krankheit in gleichem Verhältnis mit der Höhe der fingierten Ansprüche steht? Ein Kranker, der sich für Napoleon oder Christus hält, ist schwerer zu heilen, als einer, der sich mit der Rolle eines Bernadotte oder Johannes des Täufers bescheidet ...« »Beruhigen Sie sich, lieber Doktor,« fiel ihm Robert mit erzwungener Heiterkeit ins Wort, »ich bin noch bei gesunden Sinnen. Oder glaube wenigstens es zu sein,« setzte er mit einem Anflug von Bitterkeit hinzu. »Ich dachte einzig und allein an das halbe Jahr in Sachsen und lehnte mich innerlich dagegen auf, daß der Meister auf den Einfall kam, mir das anzusinnen.« »Ja, ich glaube ganz und gar nicht, daß er dir die Sache aufdrängt, wenn du keine Lust dazu hast,« erklärte Talvanne lebhaft. »Es schien mir, als ob er dir eine Gunst erweisen wollte...« »Eine seltsame Gunst, mich fortzuschicken!« »Es ist ein Beweis seines Vertrauens, daß er dir den schwierigen Fall übergeben will.« »Kann er denn seinen Sachsen nicht durch einen Deutschen behandeln lassen?« »Zum Kuckuck, Junge! Es ist ein Prinz.« »Und wenn's ein König wäre!« »Alle Wetter!« Talvanne kniff die Lippen ein und rieb sich die Hände, bei ihm ein untrügliches Zeichen von Gemütsbewegung. Er stand auf, und mit gedämpfter Stimme, in jenem vertraulichen Ton, mit dem man den andern zum Reden bringen will und ihm seine Geheimnisse entlocken, sagte er: »Du hast also zwingende Gründe in Paris zu bleiben?« Robert warf einen nachdenklichen Blick auf den Psychiater. Dieser flößte ihm keine Scheu ein; er war seiner Freundschaft sicher und seiner Zärtlichkeit für Adrienne nicht minder. War dies heutige ungestörte Zusammensein nicht ein Wink des Schicksals und ein Fingerzeig, daß er endlich sein geheimes Wünschen kund zu thun habe? Sprach er sich gegen Talvanne aus, so erfüllte das ebensogut seinen Zweck, wie wenn er Rameau selbst sein Herz erschlossen hätte, denn eine Viertelstunde drauf wußte der andre, was er dem einen gesagt! Und wenn Adriennes Pate seine Werbung begünstigte, sich auf seine Seite stellte, welch ein Gewinn! Dieser Verbündete mußte jedenfalls schwer ins Gewicht fallen; der Gedanke war herzerwärmend, er löste den bangen Druck, der auf ihm lastete und machte, daß er sich wieder fähig fühlte zu kämpfen, zu bitten und sogar seine Überredungskunst aufzubieten. Während Robert sich im stillen diesen Kriegsplan ausdachte und sich desselben herzlich freute, sagte sich Talvanne: »Woran denkt denn das Kamel? Ich rücke ihm mit so schwerem Geschütz zu Leib, daß ich ihm eine sechsmonatliche Trennung von seiner Angebeteten ansinne, die Bombe schlägt ein, er widersetzt sich, weigert sich abzureisen, und wenn der Augenblick zum Geständnis da ist, macht er kehrt, zieht sich in sein Schneckenhaus zurück und ist stumm wie ein Stockfisch. Könnte es denn eine schönere Gelegenheit geben, mir um den Hals zu fallen und zu rufen: Onkel Talvanne, ich liebe Ihr Patchen, und wo sie nicht ist, kann ich nicht leben! Man muß sie mir geben oder ich gehe stehenden Fußes ins Spital und bereite mir bei der nächsten Sektion vermittelst eines kunstgerechten, kleinen Stichs einen glorreichen Selbstmord, bei dem ich noch im Lichte eines Märtyrers der Wissenschaft strahle! Aber ob der Mensch wohl den Mund aufthun will! Und dabei behauptet er, seine fünf Sinne beisammen zu haben! Oder sollte er am Ende wirklich nicht bei Trost sein? Ich bin doch wahrhaftig kein Spielverderber und flöße keinem Wickelkind Furcht ein. Na, ich muß ihm also wohl oder übel die Zunge lösen – gehen wir bei dem alten Sokrates in die Schule, den sie den geistigen Geburtshelfer nannten, und versuchen wir's, ob der junge Herr den Zangen Widerstand leistet.« »Du bist also unwiderruflich entschlossen, in Paris zu bleiben?« begann er laut, indem er Robert aufmunternd ansah. »Allerdings,« erwiderte Robert. »Dahinter steckt ohne Zweifel eine Liebesgeschichte?« Robert fuhr ein paar Schritte zurück und rief mit dem Ausdruck sittlicher Entrüstung: »Ich hoffe nicht, daß Sie so etwas von mir denken können!« »Es ist dir also lediglich um das Vergnügen zu thun, jeden Tag ein paar Stunden mit zwei alten Männern, wie Rameau und ich zu verleben? Diesem Genuß zuliebe weisest du eine Aufgabe von der Hand, die jeden andern in deinem Alter überglücklich machen würde? Sehr schmeichelhaft für uns, das muß ich sagen.« Diesmal fühlte Robert den Spott durch, und er warf den Kopf zurück, als ob er sich zum Ansprung bereit halte, allein das Geständnis, das er ablegen wollte, kam ihm so schwer über die Lippen, daß er abermals damit zögerte. Talvanne fühlte wohl, was es den jungen Mann kostete, seine Schiffe hinter sich zu verbrennen, und verstand, was ihn so furchtbar ängstigte, deshalb kam er ihm ohne weiteres zu Hilfe. »Vorwärts, du Einfaltspinsel! Heraus mit allem, was du auf dem Herzen hast. ... Du weißt sehr wohl, daß wenn das Ziel deiner Wünsche erreichbar und vernünftig ist, du auf meine Bundesgenossenschaft mit Fug und Recht zählen kannst, und daß, im Fall du etwas Unsinniges vorbringst, dein Geheimnis bei mir wohl aufgehoben ist ...« Bei diesen herzlichen Worten wurden dem jungen Mann die Augen feucht, und er faßte des Doktors beide Hände und drückte sie warm. »Nun denn, ja, Sie sollen es wissen, daß ich Adrienne liebe und daß darin der Grund meiner Weigerung, Paris zu verlassen, liegt. Was könnte sich in meiner Abwesenheit nicht alles ereignen? Weiß ich denn, ob ihr Vater nicht jetzt schon in einer Weise über ihre Zukunft bestimmt hat, die all meine Hoffnungen zunichte macht?« Diesmal rieb sich Talvanne die Hände dermaßen, daß beinahe die Haut abging, und faßte dann den Freier seines Patenkindes mit sehr plötzlich erwachter Strenge ins Auge. »Aha, mein Junge,« sagte er, »an absonderlicher Bescheidenheit leiden deine Pläne eben nicht!« »Doktor,« stammelte der junge Mann. »Begreife, begreife vollständig, daß dir daran liegt, hier zu bleiben.« »Glauben Sie mir ...« warf Robert, völlig außer Fassung gebracht, ein. »Und wie verhält sich mein Patenkind zu der Sache?« »Aber ich habe ihr gegenüber ja nie mit einer Silbe meine Empfindungen verraten!« »Und steckt doch alle Tage beisammen!« Talvanne hielt inne und warf einen spöttischen Blick auf seinen gänzlich verblüfften Gefährten. »Du bist ein sehr wohlerzogener junger Mann und von einer Zurückhaltung, die ihresgleichen sucht – alle Achtung! Aber bist du ganz gewiß, daß du dich nicht ein wenig einfältig benommen hast? Wenn man ein junges Mädchen wahrhaft liebt, so ist es ja sehr verdienstlich, ihre Herzensruhe nicht durch leidenschaftliche Liebeserklärungen zu stören; hat sie aber in ihrer nächsten Nähe einen Paten, wie den Doktor Talvanne zum Beispiel, so muß man schon ein fürchterliches Scheuleder tragen, um diesen nicht ins Vertrauen zu ziehen und die Situation klar zu machen!« »Was wollen Sie damit sagen?« rief Robert. »Ganz einfach, daß ich mich seit einer halben Stunde aus Leibeskräften abmühe, dich dahin zu bringen, daß du mir sagst, was ich wissen muß. Und jetzt vorwärts, Bursche, jetzt werden wir beim Vater deiner Schönen unser Anliegen vorbringen.« Talvanne klopfte dem jungen Mann ermutigend auf die Schulter, machte die Thür auf und schob ihn hinaus, Robert aber war bei dem Gedanken, sich seinem Lehrer erklären zu sollen, abermals so von Furcht ergriffen, daß er noch auf dem Flur jeden möglichen Widerstand versuchte. Er blieb stehen und stammelte ganz fassungslos: »Aber, Doktor, ich bitte Sie, sagen Sie mir doch ... meinen Sie denn, daß ich so plötzlich und so unvorbereitet ...« »Hast du im Sinn, wie ein Prinz von Geblüt Gesandte zu schicken?« »Ja, was soll ich ihm aber sagen?« »Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit.« »Was wird aber der Doktor denken?« »Nun, er wird es ziemlich natürlich finden, daß man sich in seine Tochter verliebt – hübsch genug ist sie schon!« »Glauben Sie, daß er mich gütig aufnehmen wird?« »Würde ich dich sonst zu ihm führen?« Das klang sehr tröstlich, und als Talvanne gleichzeitig die Thür zu Rameaus Arbeitszimmer öffnete, trat Robert ziemlich mutig hinter ihm ein. Ohne sich zu rühren, sah der Doktor, der in seinem schwarzen Hausgewand, auf das der weiße Bart fiel, im Lehnstuhl saß, ihnen entgegen; seine Augen leuchteten unter den buschigen Augenbrauen, und um seinen Mund lag ein wohlwollendes, gütiges Lächeln. Der Psychiater trat auf ihn zu und zeigte mit einer Handbewegung auf den unbeweglich dastehenden Robert. »Da bringe ich dir den jungen Ausreißer, ist aber ein saures Stück Arbeit gewesen. Ein zugeknöpfterer Mensch ist mir noch selten vorgekommen, und man hätte denken sollen, seine Liebe sei ein Verbrechen, so schwer bracht' ich ihn zum Geständnis derselben. Nun aber, habemus confitentem reum ... was machen wir jetzt aus ihm?« »Einen Glücklichen!« sprach Rameau, der aufgestanden war und am Kamin lehnte. Robert ward blaß vor Erregung; der einzige Laut, den er von sich gab, glich auffallend einem Schluchzen, und als er sah, daß der große Mann seine Arme ausbreitete, flog er mit kindlicher Zärtlichkeit an seine Brust. »So ists recht! So ists recht!« rief Talvanne fröhlich. »Jetzt ist's aber Zeit, daß wir uns auch ein wenig nach dem Fräulein umsehen.« Er ging hinaus und ließ Schüler und Meister miteinander allein. Das Eis zwischen ihnen war gebrochen, und Robert entschädigte sich jetzt für die Zurückhaltung, die er sich allzulange auferlegt, durch ausgiebige Herzensergießungen. All sein Träumen und Sehnen und Hoffen, sein Zweifeln und Erwägen und Fürchten legte er dem Doktor dar, und dieser hörte ihm mit leiser Wehmut freundlich zu, fand er doch in den glühenden Worten des jungen Mannes einen Wiederhall seiner eignen erstorbenen Liebe. Ja, wer so liebte, dessen Empfinden war echt und rein, tief und unumschränkt und keiner Wandlung unterworfen. Adriennes zarte, liebeverwöhnte Seele fand hier volles Verständnis, die beiden jungen Herzen schlugen gleich warm und zärtlich füreinander, und hier war auch nicht der schwächste Keim eines Zwiespalts zu entdecken, wie er auf dem Gebiet der Religion zwischen ihm und Conchita trennend erwachsen war. Robert, der eine fromme Erziehung gehabt, verhielt sich zur Religion wie ein ehrlicher Kerl, den seine Mutter beten gelehrt hat, und wenn auch sein natürlicher Verstand und sein errungenes Wissen ihn im stillen zu manchem Zweifel geführt, wenn auch mancher Teil des Dogmas vor seinem prüfenden Blick nicht bestanden hatte, so waren es andrerseits die heftigen Verfolgungen, welche die Kirche von Seiten einer sektenfreundlichen Regierung zu erleiden hatte, welche seinen Glauben wieder befestigt hatten. Der siegreichen, triumphierenden Kirche hätte er sich vielleicht entfremdet, der in der Ausübung ihrer Pflichten bedrohten beugte er sich, und wenn Adrienne ihn heute bäte, an ihrer Seite zu knieen, so konnte er es ohne inneren Kampf thun, und ihre Liebe konnte aus gemeinsamem Beten und Glauben Kraft und Stärkung gewinnen. Ein Seufzer schwellte Rameaus Brust, als er sich dies klar vor Augen stellte, und ein schmerzliches Erinnern verdüsterte seine Stirn. Dieser große Geist, welcher die Gedanken der Menschheit überblickte und beherrschte, fluchte für einen Augenblick der Geistesklarheit, die ihn über seinesgleichen stellte, ihn aber zugleich von dem Glück der geistig Armen und der einfältigen Herzen ausgeschlossen und ferngehalten hatte. Ein neuer Prometheus hatte er in die Geheimnisse der Natur und des Himmels geblickt, und vom Unglück getroffen, trug er die nie vernarbende, verzehrende Wunde in der Seite. Hatte er aber damit nicht den Tribut menschlichen Leidens für die seinigen bezahlt? Konnte seiner Tochter nicht ein von Sorgen und Thränen freies Leben bestimmt sein? Robert gelobte ihm das mit feurigen Worten, und er war geneigt, ihm zu glauben; aus seinen Augen redeten Ehrlichkeit, Dankbarkeit und Liebe ihre überzeugende Sprache. »Mein teurer Sohn,« sprach Rameau, »ich gebe in deine Hand, was ich Liebstes, Köstlichstes auf Erden habe. Du weißt, wie schweres Leid ich trage. Meine Tochter allein knüpft mich an das Dasein; es ist also mein eignes Leben, das ich in deine Hut gebe. Ich war dein Lehrer und dein Führer, der dir die Wege geebnet, du mein Schüler und fast mein Sohn! Dein Großvater ist mein Wohlthäter gewesen, dem ich mehr Dank schuldig war, als du mir, denn deine Familie war so gestellt in der Welt, daß sie dir auch ohne meine Hilfe eine gute Erziehung hätte geben lassen, und du würdest dich so wie so bemerklich gemacht haben, indes ich als Kind eines Arbeiters nur zu grober Arbeit und roher Unwissenheit verurteilt gewesen wäre, wenn Doktor Servant nicht in mein Leben eingegriffen und einen andern Menschen aus mir gemacht hätte. Bis zu dieser Stunde hatte ich meine Schuld an die Deinen und an dich nicht abzutragen vermocht, heute gebe ich dir mein Kind, und von diesem Augenblicke an bist du mein Schuldner.« »Ein Schuldner, der sein Leben daran setzen wird, seine Dankbarkeit zu bewähren.« »Ich glaube und ich danke dir!« Hand in Hand und Aug' in Aug' standen sich Greis und Jüngling gegenüber und eine innige Umarmung besiegelte das gegebene Wort. Die Thür that sich auf und an Talvannes Arm erschien Adrienne auf der Schwelle. Die lichte Freude leuchtete aus ihrem Gesichtchen, und ihr Blick flog glückstrahlend vom Vater zum Geliebten. Sie eilten nicht aufeinander zu, sie blieben ruhig stehen und sahen sich an, als ob jedes fürchte, die Seligkeit dieser Empfindung zu kürzen, und erst als Rameau die Arme gegen sein Kind ausbreitete, sank sie mit einem leisen Dankeswort an sein Herz. Die beiden Verlobten vereint umschlungen haltend, ließ der Vater seinen durchdringenden Blick mit tiefem Ernst auf ihnen ruhen und es war, als ob er von den reinen, faltenlosen Stirnen die Zukunft ablesen möchte; sanft fügte er ihre Hände ineinander und das mächtige Patriarchenhaupt beugend, sprach er: »Seid glücklich, meine geliebten Kinder!« Sie standen Hand in Hand da und sahen sich lächelnd, mit fröhlichem Staunen, als ob sie noch nicht an ihr Glück zu glauben wagten, in die Augen, dann verließen sie, ohne ein Wort zu sagen, eng aneinander geschmiegt, wie sie hinfort durchs Leben gehen sollten, das Zimmer. Eine kurze Weile darauf knirschte der Sand im Garten unter ihrem elastischen Schritt, und halb frohen, halb wehen Herzens, blickten die beiden Alten, denen diese voll erschlossene Liebe so großen Abbruch that, auf das junge Paar, das, leise plaudernd, mit seligem Lächeln, Erd' und Himmel vergessend, unter Blumen wandelte. Neuntes Kapitel. Am Morgen nach der Verlobung begab sich Rameau schon in aller Frühe nach dem Sterbezimmer, das er sonst nur einmal des Jahres mit bebender Seele betrat. Durch das ganze Haus herrschte tiefes Schweigen. Adrienne saß in ihrem kleinen Wohnzimmer im Erdgeschoß an der Arbeit, und als Rosalie gesehen hatte, daß der Doktor sich den Räumen ihrer verstorbenen Herrin, um die sie gleich ihm noch immer weinte, zuwandte, hatte sie sich eilig zurückgezogen. Ohne einem Menschen zu begegnen, durchschritt Rameau also den Flur des ersten Stockwerkes und gelangte, blaß und mit Herzklopfen, an die bewußte Thüre. Der Schlüssel stak im Schloß, als ob die Bewohnerin nicht für immer geschieden wäre, sondern binnen kurzem wiederkehren könnte. Unentschlossen hielt er inne und von neuem überkam ihn ein Schwanken, ob er dies schwere Werk nicht auf später verschieben sollte. Aber sein kräftiger Wille besiegte sein inneres Bangen, mit sicherer Hand schloß er auf und trat ein. In dem Raume herrschte eine Dunkelheit, die ihm, der vom hellsten Tageslicht hereingetreten war, als völlige Nacht erschien. Er blieb in diesem Dunkel und dem tiefen Schweigen, das ihn umgab, wie angewurzelt stehen; die Kälte des allezeit geschlossenen Zimmers umwehte ihn eisig, er schreckte zusammen bei dem leisen Krachen, das die nur einmal im Jahre betretenen Dielen hören ließen, und sah sich mit einem gewissen Bangen um, ob jemand ihm gefolgt sei. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das trübe Dämmerlicht, und er unterschied die einzelnen Möbel. Da war der Tisch und dort auf der Seite das Ruhebett, auf dem Conchita sich so gern ausgestreckt und die Stunden verträumt hatte. Ein fadendünner Lichtstrahl, der durch ein Loch in den herabgelassenen Rollvorhängen hereinfiel, funkelte wie ein goldnes Sternchen auf der Spitze der Standuhr, und in dem noch dunkleren Alkoven verrieten hellfarbige Vorhänge, wo das Bett stand. Ein seltsamer Geruch, wie von welken Blumen oder einem lange entkorkten Riechfläschchen, erfüllte die Luft und gemahnte Rameau an die Blumenmasse, welche an dem unseligen Tage auf der Bahre gelegen, und mit Entsetzen durchdrang ihn abermals der widerlich süße Duft solch schmerzenvoller Gaben. Fröstelnd wandte er sich um, als ob er noch einmal auf dem hölzernen, samtbezogenen und thränenbetauten Gestell den schweren Sarg erblicken müßte, der sein Liebstes umschloß. Der Schauer einer Einsamkeit, auf der das Gedächtnis der Toten finster und unheimlich ruhte, erfaßte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt und rasch, wie wenn Gespenster ihn jagten, stürzte er ans Fenster, riß es auf, stieß die Läden heftig zurück und wandte sich dann wieder nach dem Zimmer um. Es war leer und alles mit Staub bedeckt; die Sonne fiel in breitem Strom herein und von der Wand blickte, voll und ruhig beleuchtet, Conchitas Bild mit dem Vergißmeinnichtstrauß in der Hand, das schwermütig zu lächeln schien. Das war alles, was ihm geblieben von seinem Weibe und seinem Freunde: diese tief leuchtende Leinwand in dem goldnen Rahmen, eine doppelt qualvolle Erinnerung, denn wie sie die Schönheit der Dargestellten verewigte und von der Meisterschaft des Künstlers Zeugnis gab, machte sie den Verlust beider noch bitterer. Rameau vergaß alles um sich her in schmerzvollem Anschauen. Die ganze Vergangenheit tauchte vor ihm auf: jene glanzvolle Zeit, als er die vom Morgenrot vergoldete Höhe erstiegen, die jetzt im Abendschatten weit, weit hinter ihm lag, jene glückliche Zeit, als Liebe und Freundschaft ihn warm umfangen gehalten, sie, die dann beide erloschen waren, um Schmerz und Zweifel an Stelle der Hoffnung und der Freude zurückzulassen. Er fühlte sich unsäglich gedrückt und elend. Weshalb war er es denn nicht gewesen, der hinweg gedurft? Friedenvoll wäre er in die Ruhe des großen Nichts eingegangen, statt ein elendes Dasein voll fruchtlosen Klagens und Heimwehs hinzuschleppen. Was er Großes geleistet hatte, all seine hochgepriesenen, vielbewunderten Arbeiten, versanken ihm in nichts; und all seinen Ruhm hätte er freudig hingegeben, um eine Stunde jener auf ewig versunkenen Vergangenheit heraufzubeschwören. Er setzte sich an das kleine Tischchen, auf dem noch in der Unordnung des täglichen Gebrauchs eine Menge hübscher Kleinigkeiten, deren Conchita sich bedient hatte, umherlagen, und starrte mit thränenfeuchten Augen auf dies bunte Allerlei. Die Liebe zu seinem Kinde, die herzliche Freundschaft, die ihn mit Talvanne und Robert verband, alles war für ihn versunken und vergessen, und sein Leben erschien ihm wie ein dunkel gähnender Abgrund, in dessen schwarzen Schlund alles versunken war, was ihn froh und glücklich gemacht hatte! Er griff nach einer kleinen unvollendeten Handarbeit, in deren Stoff die Nadel noch stak, als ob sie nur des schlanken Fingers harre, der sie sonst geführt. Oft und viel hatte er diese Stickerei in Conchitas Hand gesehen, und es war ihm, als ob von dieser Berührung ein Eindruck, eine Wärme, ein Duft zurückgeblieben wäre. Er drückte das zierliche Gespinst an seine Lippen und konnte sein Schluchzen nicht unterdrücken; Thränen rollten über seine Wangen herab und sanken auf die bunte Seide. Er ließ ihnen freien Lauf, als ob er einen Trost darin fände, sich so schwach zu zeigen, sich ganz im Kummer zu verzehren, und als ob es ihm eine Art grausamer Wonne wäre, sich ganz diesen Regungen hinzugeben. Er war allein, fern von jedem Blick, jedem Zeugen, er hatte das Recht, sich gehen zu lassen wie der Aermste, seine Größe abzuweisen, nicht mehr der berühmte Mann, sondern ein thränentrunkenes Geschöpf zu sein, das seinen Schmerz groß zieht, nährt und hätschelt. Lange verblieb er so. Die Standuhr zeigte seit jener Todesstunde die Zeit nicht mehr an und ihr goldner Zeiger hatte den emailschimmernden Kreis nie wieder durchwandelt. Die Stunden verflossen und der Tag hätte sich ganz zu Ende neigen können, ohne daß jemand gewagt haben würde, diese Schwelle zu überschreiten und den Mann, der sich hier eingeschlossen, an das Leben des Tages und seine Ansprüche zu mahnen. Die Geräusche des Hauses, Thüren, die vorsichtig zugedrückt wurden, der flüchtige Schritt eines Dieners, der über den Flur eilte, gedämpftes Sprechen und Rufen drangen nur undeutlich bis hierher und vermochten Rameaus Aufmerksamkeit nicht zu erregen. An eine Mahlzeit dachte er nicht; sein Geist hatte sich von der Materie gelöst und lebte, der Gegenwart uneingedenk, der Vergangenheit. Indessen versank die Sonne tiefer und tiefer hinter den mächtigen Baumstämmen der Esplanade, und das Tageslicht nahm stetig ab. Das Bild Conchitas verlor an Glanz und Leuchtkraft und seine Linien schienen fern und ferner zu entschwinden und in das Dunkel unterzutauchen. Rameau wollte näher treten, um die geliebten Züge deutlicher erblicken zu können; er stand auf und damit brach er den Zauber, der ihn traumhaft umfangen gehalten. Er sah, daß er in dem öden, staubbedeckten Zimmer war, und entsann sich, welch ernsthafte Absicht ihn hierhergeführt und daß er, statt in einem mystischen Rückwärtsleben zu erstarren, praktische Arbeit vornehmen sollte, so peinvoll sie ihm auch sein mochte. Den weißen Kopf schüttelnd, fuhr er sich über die thränenblöden Augen, und wieder im Vollbesitz seiner Kaltblütigkeit, ging er zum Kamin, wo in einer emaillierten Schale, seit fünfzehn Jahren unberührt, Conchitas Schlüsselbund lag. Er nahm ihn mit zitternder Hand an sich, griff einen winzigen goldnen Schlüssel heraus, trat an ein niedliches, im Geschmack des Rokoko gearbeitetes Schreibschränkchen aus Rosenholz mit Messingbeschlägen, ließ die innen mit blauem Samt bezogene Klappe herunter und zog mit frommer Scheu die Schiebfächer heraus. Im mittleren lagen wohl geordnet Briefbogen und Umschläge, die den Stempel 0. R. trugen; dabei ein elfenbeinerner Federhalter, Eine Photographie von Adrienne als kleines Kind, die mit bloßen Armen und Beinchen in einem weißen Kleide auf einem Lehnstuhl stand, lachte ihm aus einem emaillierten Rahmen entgegen. Rameau nahm das Bild zur Hand und entdeckte zu seiner Ueberraschung unter demselben ein Miniaturporträt von Münzel. Ja, so hatte er ausgesehen um jene Zeit, da ihre Freundschaft sich angebahnt, fünfundzwanzigjährig, blond, mit blauen Augen, deren Blick stets von einer gewissen Wehmut verschleiert gewesen. Das Bildchen war mit dem Monogramm gezeichnet, wie es der Doktor so oft und viel auf den Bildern in kleinem Maßstab, die der Künstler flüchtig hinpinselte, um dem Drängen der Kunsthändler Genüge zu thun, erblickt hatte. Wie war diese Miniatüre, die so ganz und gar nicht in Münzels gutem Stil war, in dies Fach und in Zusammenhang mit Adriennes Photographie gekommen? Die eigensinnige Feindseligkeit, mit der seine Frau den Freund anfangs behandelt hatte, kam ihm in Sinn und ebenso ihr Milderwerden, nachdem sie Frau Etchevarrays Porträt erhalten, und dann die wachsende Vertraulichkeit beider während der Zeit, da sie selbst ihm gesessen. Ohne Zweifel mußte Conchita damals diese Jugendarbeit im Atelier aufgestöbert und sie sich als freundschaftliches Erinnerungszeichen ausgebeten haben. Aber wie kam's, daß sie ihrem Gatten dieselbe nie gezeigt, ihm nie gesagt hatte, daß sie ein Bild von Münzel besitze? Weshalb hatte sie dasselbe in einer Schublade verborgen, in die, außer ihr selbst, nie jemand einen Blick warf? Als ob er etwas Befremdendes daran gefunden hätte, daß Conchita ein Bild von seinem Franz besaß! Gefreut hätte er sich und oft und mit Vergnügen würde er das Bild angeschaut haben, ja, es hatte ihm ein teures Andenken an den auf so tragische Weise verlorenen und so bitter beweinten Freund werden können. Wozu es verbergen wie eine verbotene Ware? Was war denn Sträfliches daran, daß sie das Bild besaß? Und weshalb versetzte seine Auffindung Rameau in solche Erregtheit? Hätte er nicht ebenso gut Talvannes Bild hier vorfinden können? Bei diesem Gedanken vertieften sich die Falten seiner blassen Stirn und ein herbes Lächeln kräuselte seine Lippen. Nein, es war nicht wohl möglich, daß er Talvannes Bild in einem Geheimfach entdeckt hätte, und wenn dies der Fall gewesen wäre, so hätte sein Puls deshalb nicht rascher geschlagen, kein Angstschweiß würde seine Schläfen bedeckt haben, keine Ahnung eines Furchtbaren, Widernatürlichen, Niedrigen hätte ihm das Herz zusammengezogen. Die kerngesunde, unerschütterliche Rechtlichkeit des Freundes würde ihr unangreifbares Schild darüber gehalten haben, während bei Münzel ... Rameau stampfte heftig mit dem Fuße, als seine wild hin und her wogenden Gedanken ihm diese Schlußfolgerung aufdrängten, und ein Laut des Zornes ertönte durch die Totenstille des Raumes. Er wollte sich Gewalt anthun, häßlichen und abgeschmackten Vorstellungen den Zutritt zu seiner Seele verbieten, und ganz laut sagte er zu sich selbst: »Ich fiebre wohl! Welch ein Gift kann sich denn in meine Adern eingeschlichen haben, welch ein Wahnsinn meine Gedanken umnachten? Franz? Ebenso gut könnte man dem eignen Bruder mißtrauen!« Er schlug die Augen auf, und sein Blick begegnete dem Bilde der entzückenden jungen Frau, die ihn, die blauen Blümchen in der Hand, freundlich anlächelte. Ach, dies süße Lächeln, der zauberhafte Mund, der schmelzende Blick dieser wunderbaren Augen! Wochenlang hatte der Maler das alles vor Augen gehabt und bewundert, er hatte es wiedergegeben auf der Leinwand, und sein Pinsel hatte diese berauschenden Lippen nachgeformt, mit leichtem, zärtlichem, liebkosendem Strich! War es denn möglich, daß er all diese Schönheit geschaut und geschaffen hatte, ohne Leidenschaft für sein Modell? Wie Nebelstreifen stieg es vor Rameau auf, und mehr und mehr ballten sich die leichten Flocken zum schweren Gewölk zusammen. Tausend Gedanken, die ihn nie auch nur flüchtig mit feurigem Flügel gestreift, versengten ihm jetzt das Innerste. Talvannes Voreingenommenheit gegen Münzel, die sich zu Anfang ihrer Beziehungen so mächtig geltend gemacht hatte, die instinktive Gereiztheit des Freundes, die ihn jetzt an die unbewußte Menschenkenntnis eines treuen Hundes gemahnte, seine Warnungen, Conchita nicht allein in das Atelier des Malers gehen zu lassen, das alles erwachte in seiner Erinnerung und stand furchtbar, erdrückend vor ihm. Das Vertrauen, das ihn sonst jede Verdächtigung hatte bespötteln lassen, war erloschen, in einem Augenblick aufgezehrt von der versengenden Glut der Eifersucht. Mit einemmal ward die innere Qual so übermächtig, so sehr zur körperlichen Schmerzempfindung, daß er all seiner Selbstbeherrschung bedurfte, um nicht ein Wehegeschrei auszustoßen. Er schleuderte das Miniaturbild, das er immer noch krampfhaft festgehalten, von sich und fing nun an mit fieberhafter Hast Schublade um Schublade zu durchstöbern; jedes noch so kleine, unbedeutende Fach wurde durchsucht und die Kleinigkeiten, die er kurz vorher noch mit frommer Scheu als Reliquien verehrt hatte, warf er jetzt roh und gewaltthätig beiseite. Von einer brennenden Neugierde erfaßt, wollte er jetzt um jeden Preis in die Geheimnisse der Frau eindringen, der er zehn Jahre lang ein kindliches Vertrauen entgegengebracht hatte. Mit rauher Hand erzwang er sich jetzt den Einblick in ihr Inneres; er entweihte die Ruhe der Toten, und jetzt beklagte er ihren Hingang nicht mehr, weil sie damit seiner Liebe, sondern weil sie seinem Gericht entzogen war. Seine grenzenlose Zärtlichkeit verwandelte sich mit einem Schlage in grenzenlosen Haß bei der Vorstellung, daß die, welche er so leidenschaftlich betrauert hatte, um die heute, vor wenigen Minuten noch seine Thränen geflossen waren, ihn zum Narren gehabt, ihm eine Neigung verborgen, ein Abenteuer hatte verheimlichen können.... Seine Fäuste ballten sich krampfhaft, er preßte die Zähne aufeinander, daß sie vernehmlich knirschten. Ja, so weit war er schon. Er räumte ein, daß die Tote möglicherweise einer Schändlichkeit fähig gewesen, und er forschte wie ein Rasender nach den Beweisen für ihre Schuld. Um rascher zum Ziele zu gelangen, stürzte er das ganze niedliche Möbel um, daß die Schublädchen samt ihrem Inhalt an Bändern, vertrockneten Blumen und kleinen Andenken aller Art den Fußboden bedeckten. Mit der Gewalt des Instinkts hielt ihn die Ueberzeugung, daß etwas tief und geschickt Verborgenes zu finden sein müsse, gefangen, aber er entdeckte nichts, und sein Zorn, der keine Nahrung fand, der sich immer mehr steigerte, je weniger Begründung vorhanden war, verzehrte sich innerlich. Plötzlich stieß er einen wilden Schrei aus. Beim Betasten der Zwischenwand des Schrankes waren seine Finger auf eine Erhöhung gestoßen; ein Krach ertönte, und ein in der Tiefe des Brettes eingelassener Doppelboden war bloßgelegt. Einen Augenblick war Rameau wie gelähmt; mit so wahnsinnigem Eifer er alles aufgeboten hatte, um zur Gewißheit zu gelangen, so entsetzt bebte er jetzt, da sie sich ihm darbot, vor derselben zurück. So heiß die Folterqual der Ungewißheit war, so war es doch immer noch Ungewißheit. Jetzt brauchte er nur die Hand auszustrecken, und in dem dunkeln, verstaubten Geheimfach lag der Beweis vor ihm, und jetzt zauderte er, bebte scheu zurück vor dieser greifbaren Thatsache, vor diesem Zeugnis, das jeden Widerspruch zum Schweigen bringen und jede Illusion auf ewig zerstören mußte. Er blickte hin, nur von ferne, aber mit großer Aufmerksamkeit. Ein dünnes, weißes Paket mit einem vergilbten Band umwunden, war in dem engen Zwischenräume zu entdecken. Langsam griff er danach, und ohne Hast und Eile ging er damit ans Fenster und setzte sich dort, um den Inhalt zu prüfen. Sorgfältig und gemessen löste er das Band, öffnete den Umschlag und fand ein Bündel von etwa zwanzig Briefen. Die Handschrift sah er noch nicht und bis jetzt lag noch nichts vor, was Conchita verurteilt oder auch nur angeklagt hätte. Ein letzter Hoffnungsstrahl fiel erwärmend und versöhnend in Rameaus Herz – wenn es Briefe von ihrem Vater oder ihrer Mutter waren, die sie frommen Kindersinnes aufbewahrt? Aber wozu dieselben verbergen, wenn sie nichts Böses enthielten? Wozu das Geheimfach dafür benutzen und weshalb diese Vorsicht? Nein, nein! Diese Korrespondenz konnte nicht unschuldiger Natur sein, sie kann, sie konnte von keinem andern als einem Geliebten herrühren. Alles sprach dafür, alles bezeugte es, und er durfte nur das erste Blatt eröffnen, so mußte er den Namen des Ehrlosen vor Augen haben. Mit den Fingerspitzen, wie wenn er sich vor der Berührung eines tödlichen Giftes scheute, faltete er den ersten der vergilbten Briefbogen auseinander und mit Entsetzen erkannte er Münzels Handschrift. Er wollte lesen und heftete den Blick fest auf die Zeilen, die all seine Ahnungen bestätigen sollten. Es war der erste Brief, den Conchita nach Münzels Abreise von Paris von ihm erhalten hatte, und das heiße Weh der Trennung sprach sich mit einer hinreißenden Beredsamkeit darin aus. Jede Zeile atmete Leidenschaft, aber auch der Aufschrei des Gewissens ertönte mit einer Gewalt, die Rameau erbeben machte. Gewiß, der Freund war schuldig, aber um wie viel mehr das Weib! Die ganze Geschichte ihres Falles war klar zu verfolgen in Worten voll Glut und Schmerz. Despotisch befahl ihm die Geliebte, zu ihr zurückzukehren, von Fieber geschüttelt lehnte sich der Unglückliche, dem die Erinnerung verbotener Wonnen und der Abscheu vor dem Verbrechen die Seele zerrissen, dagegen auf. Er fluchte seiner Schwachheit, die ihn am Freund hatte freveln lassen, und seine Liebe war doch so heiß, daß er es nicht bereuen konnte, den ehrlosen Betrug begangen zu haben. Scham über sich und lechzendes Verlangen nach Glück waren es, die ihn über Berge und Meere jagten, und um sich zu schützen vor jener verhängnisvollen Trunkenheit, wollte er sein Fleisch in der Einsamkeit der Wüste, fern von der ehebrecherischen Versuchung ertöten. Wie Schuppen fiel es von Rameaus Augen, und die Vergangenheit stand in ihrer entsetzlichen Wahrheit vor ihm. Jetzt wußte er, weshalb Münzel ihm schluchzend in die Arme gesunken war und ihm gesagt hatte, daß seine Liebe unvermindert die alte sei, daß er aber zwingende Gründe habe, sich von ihm loszureißen. Er sah die entfärbte Stirn des Verwundeten, wie er in der Ambulanz von Saint Maur gelegen, wieder vor sich und die flehenden Blicke des Sterbenden in Talvannes Zimmer in Vincennes. Fast wie ein Glück hatte Franz es empfunden, unter Rameaus Augen, in seinen Armen sterben zu dürfen, und ihm hatte zu Mut sein mögen, als ob in des Freundes zärtlicher Sorgfalt Vergebung läge. Wie hatte er auch zu ihm gesprochen, wie weich war der Klang seiner Stimme gewesen, welche Welt von Flehen, Reue, Zärtlichkeit hatte jeder Ton enthalten! O Franz! Du Gefährte goldner Jugendzeit! Dieser Freund in guten und bösen Tagen, dem er so viele Jahre lang wie einem Bruder begegnet, konnte er denn um eines Weibes willen all dies vergessen und verleugnet haben? Wie ein Gift mußte die Liebe sein Blut durchrast haben, um in seinem Herzen jene Zartheit des Empfindens, jenen edeln Stolz, der einst seine Freundschaft so vollwertig gemacht, zu erlöschen und zu ersticken! O Himmel! Für den flüchtigen Rausch, auf den ein so grausames Erwachen gefolgt, hatte er alles verraten, alles entweiht! Einem Mann, für den er ohne Zaudern und Zagen in den Tod gegangen wäre, die Ehre gemordet! Den Namen dessen, der mit Gefahr von Freiheit und Leben für ihn Bürge gewesen wäre, beschimpft, befleckt! Die Thränen entstürzten Rameaus Augen, nicht Thränen der Rührung, aber Thränen des allertiefsten Kummers. Das physische Schmerzgefühl war vorüber, der Zorn gebrochen: die Eifersucht kochte nicht mehr in seinen Adern. Das Gewitter hatte sich in andre Regionen verzogen; es grollte und raste in seinem Gehirn. Er weinte um seinen mit Füßen getretenen Glauben, um seine zerstörten Illusionen. Zur Fahne der Menschheit allein hatte er geschworen, und die Menschheit war es, die ihn schmählich verraten. Im Menschen hatte er den einzigen Herrn und Meister der Natur gesehen, und der Mensch, dem er das höchste Maß seiner Zuneigung geschenkt, stand nun erbärmlich und ehrlos vor seinen Augen, Was blieb dann noch? Nichts. Er wollte sich an die Philosophie wenden, sich verzweifelnd an sie anklammern. Sie war machtlos. Von ihr forderte er Trost, Gründe, Erklärung, Schutz – sie hatte ihm nichts zu bieten, was ihm Heilung oder Linderung gewesen wäre. »Die Gläubigen haben wenigstens ihren Gott!« sagte er sich finster, aber wie eine widerspenstige Feder schnellte sein rebellischer Geist auf, als er ihm diesen Gedanken zumutete, und wies diese Verleugnung des eigenen Selbst von sich. War diese Rückkehr zum Begriff eines höchsten Wesens etwas andres als erbärmlicher Kleinmut? Das Bedürfnis, sich an ein außer und über uns stehendes Wesen zu wenden, war ja nur die Angst davor, sich verlassen und auf sich allein angewiesen zu fühlen, und wie hatte er dies Bedürfnis, diese Angst verlacht und verspottet! Heute lernte er selbst sie kennen, heute war er auf dem Punkt, ihr nachzugeben. Das Bewußtsein solcher Schwachheit war eine derartige Demütigung für ihn, daß es all seine Heftigkeit entfesselte. Er brach in ein bitteres Hohngelächter aus. Ha, ha! Die Tröstungen der Religion! Das war sie also, die gemeine Angst, die im Augenblick des Todes so viele Ungläubige zu Kreuz kriechen, sich dem Priester beugen ließ. Das Gefühl der vollkommenen Verlassenheit, das so manchen zweifelstarken Geist schreckte und ihn trieb, die unendliche Einsamkeit mit einem Gott auszufüllen, auch er mußte es empfinden. Aber sein starker Mut empörte sich gegen so feige Heuchelei. Die Religion, die man dem Ertrinkenden als einzigen Trost, als einzige Rettung bot, was war sie denn anders als Lug und Trug! Frömmigkeit und Laster vertrugen sich ja wunderbar gut, Schuld und Glaube reichten sich friedlich die Hände! Das wußte niemand besser als er, er, der eine jener Frommen geliebt hatte, die ihre Frömmigkeit nicht vom Fall abzuhalten vermocht, ja, ihr denselben erleichtert hatte. Die Gewißheit der Sündenvergebung erleichterte die Sache so ungemein! Eine kurze Reue, ein paar Gebete, und die Frau konnte beruhigt und neu gestärkt zur Sünde zurückkehren. War dieser regelmäßig sich wiederholende Gang vom Verbrechen zur Reue und umgekehrt nicht das Schamloseste, was je eine Phantasie ersonnen? Die blinde Wut schlug wieder in lichten Flammen über ihm zusammen. Sein blasses Gesicht bedeckte sich mit eisigem Schweiß, Schaum trat auf seine Lippen. Wäre die Schuldige jetzt erschienen, er würde sie unfehlbar erwürgt haben. Nicht seinen Franz klagte er an, sie allein war ihm verantwortlich für das Vergehen, sie hatte ihn zum Mitschuldigen gemacht, zur Sünde hingerissen. Er ward sich rückwärts blickend bewußt, daß sie ihn, ihren Gatten, gehaßt hatte. Von dem Tage an, da er sich geweigert hatte, auf ihre mystischen Anwandlungen einzugehen, hatte sie ihn aus ihrem Herzen gerissen und die Religion als trennende, unheilvolle Schranke zwischen ihm und ihr aufgerichtet. Mit großen Schritten durchmaß er das Zimmer, da und dort ein Möbel rauh beiseite stoßend; in seinem Wahnsinn hatte er alle Vorsicht, alle Schonung über Bord geworfen. Jenseits des Grabes hätte er sie verfolgen mögen, sie, die ihn betrogen. Alles, alles diente nur zur Erschwerung ihrer Schuld, er überhäufte sie mit Vorwürfen, mit Beschimpfungen – o, daß er sie hätte mißhandeln können! Plötzlich warf er den Kopf zurück, sein Blick fiel auf das Bild, das, lächelnd wie zuvor, mit den sentimentalen Blumen in der Hand, auf ihn niedersah. Es kam ihm vor, als ob das süße Gesicht ihm Trotz biete: »So hat sie ihrem Liebsten zugelächelt,« dachte er, »und dies schamlose Bild der Ehebrecherin soll ich meiner Lebtage vor Augen haben?« Wie eine Glutwelle stieg es ihm vom Herzen zu Kopfe. Er stieß einen dumpfen Schrei, wie das Brüllen eines Stiers, aus, faßte nach dem Rahmen, riß ihn mit Wucht von der Wand und schleuderte ihn wütend zu Boden. Mit furchtbarem Getöse zerbarst derselbe und, in eine dichte Staubwolke gehüllt, stoben die Trümmer nach allen Seiten auseinander. Jetzt stürzte Rameau darauf zu, und wie ein Rasender zerstampfte er mit seinem Stiefelabsatz das entzückende Gesicht. Die Anstrengung steigerte seinen Zustand noch; eine wahnsinnige Wollust des Zerstörens und Vernichtens verdoppelte seine Kraft, und während er mit beiden Füßen die Leinwand zertrat, brüllte er mit heiserer, gräßlicher Stimme: »So, Elende! Ungeheuer! Niedriges, unreines Gezücht, weshalb kann ich nur dein Bild zerstampfen, und nicht dich selbst!« Mit wirrem Haar, geballten Fäusten und blutunterlaufenen Augen glich er in seiner Zerstörungswut einem vollständig Geistesgestörten. Während er noch in seinen Schimpfreden fortfuhr, that sich die Thür auf, und bang erregt von dem Lärm, den sie vernommen, von Angst und Sorge ergriffen, erschien seine Tochter auf der Schwelle. Als Rameau sie erblickte, fuhr er schreckensbleich zurück. Wie sie so hell beleuchtet mit einemmal vor ihm stand, sah er mit Schaudern Conchitas Ebenbild in ihr, Conchita selbst, nur blond und blauäugig! Haare und Augen wie Franz Münzel! Er verschlang sie völlig mit stieren, glühenden Blicken, und Adrienne, die den Vater mit verzerrten Zügen, zerwühlter Kleidung, mitten unter diesen Trümmern sah, sinnloser Wut zum Raub, wagte keinen Schritt vorwärts zu machen. Mit entsetzlicher Stimme rief er endlich: »Was suchst du hier?« Blaß, mit flehend erhobenen Händen, stammelte das junge Mädchen: »O Vater ...« »Schweig stille!« unterbrach er sie mit schreckenerregender Gebärde. »Nicht dies Wort! Nicht diesen Namen! Nicht hier in diesem geschändeten Raum! Fort von hier! Fort, fort! Daß ich dich nicht mehr sehe! Dein Anblick ist mir ein Greuel!« Bei diesen Worten aus dem Munde eines Vaters, der sie, so weit sie zurückdenken konnte, nur mit Zärtlichkeit und süßen Schmeicheleien überhäuft hatte, fuhr sich Adrienne über die Stirn, als müßte sie einen bangen Traum, ein Alpdrücken von sich abschütteln; das Blut drang ihr dermaßen zum Herzen, daß sie zu ersticken wähnte. Wie ein Schleier lag es vor ihren Augen, die Kniee bebten ihr, und Leichenblässe bedeckte ihre Wangen. »O bitte, bitte, du machst mir angst! ... Was ist geschehen? ... Weshalb willst du mich von dir stoßen? Hab' ich etwas Böses gethan?« »Nicht gethan hast du das Böse – du bist es! Du bist die Verkörperung desselben!« schrie Rameau mit irrem, wildflammendem Blick. »Du bist des Bösen lebendig gewordener Ausdruck! Das Böse, das bist du! Du, der verhaßte Beweis eines Verbrechens, dessen Gedächtnis du verewigst? Weshalb ich dich nicht vernichte, zerschmettere, das weiß ich wahrhaftig selbst nicht!« Er hatte sie an der Schulter gepackt und schüttelte sie heftig. Kein Wort kam mehr über ihre Lippen; nicht die Angst um sich, die Angst um den Vater lähmte ihre Kraft. Sie hielt ihn für wahnsinnig. Ein unsägliches Weh durchzog und erfüllte ihr Herz, Thränen rannen über ihre Wangen, sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten und sank, wie um Gnade flehend, in die Kniee. Als er das Geräusch ihres Hinsinkens vernahm, kehrte bei Rameau einen Augenblick die Vernunft zurück. Er sah nichts mehr vor sich, als das Kind, das er achtzehn Jahre lang vergöttert hatte. Die Arme nach ihr ausstreckend, wollte er sie vom Boden erheben. »Adrienne!« erklang es innig. »O, es ist vorüber! Das bist du selbst wieder! Das sind deine Augen, deine Stimme!« jubelte das junge Mädchen in überströmender Freude. Sie wollte die Arme um seinen Hals schlingen, sich an ihn schmiegen, ihn ganz und gar wieder gewinnen. Aber schon flog sein Blick über das Zimmer hin; das zerfetzte Bild, die zerrissenen Briefe, die zertrümmerten Möbel fielen ihm in die Augen, und die ganze grausenhafte Wahrheit drang mit einemmal von neuem auf ihn ein, sein Gesicht zeigte wieder die vorige Härte. Er wies das Kind von sich, entzog sich barsch ihren Liebkosungen und rief mit Donnerstimme: »Zurück! Keine Komödie! Ich habe es satt, genarrt zu werden! Hinaus mit dir!« Hoch aufgerichtet, ein schreckenerregender Anblick, stand er da und wies mit weit ausgestreckter Hand nach der Thür. Adrienne, die dieser plötzliche Uebergang von seligster Hoffnung zu grausamer Enttäuschung überwältigte, gab keinen Laut von sich; sie ward kreideweiß, blauschwarze Ringe um ihre Augen wurden sichtbar und sie stürzte kalt und steif der Länge nach zu Boden. Im nämlichen Augenblick warf die alte Rosalie, welche das laute Sprechen herbeigelockt hatte, einen Blick ins Zimmer, sie sah das junge Mädchen leblos neben den zertrümmerten Möbeln liegen und stürzte sich auf sie, wie wenn sie einen Raub in Sicherheit bringen wollte, umschlang sie mit ihren Armen und befühlte sie, um sich zu vergewissern, ob sie überhaupt noch lebe. Ein flehender Blick flog zu Rameau hinüber, der demselben regungslos, finster und unerbittlich stand hielt. »Mein Gott!« seufzte sie dumpf. Dann, ohne eine Frage zu stellen, ohne einen Ruf um Hilfe, ohne ein Wort, hob sie das Kind vom Boden auf und schleppte ihre kostbare Bürde am Vater vorüber zum Zimmer hinaus. Auch Rameau verließ dasselbe jetzt, verschloß die Thür, steckte den Schlüssel zu sich und ging langsam und mühsam nach seinem Arbeitszimmer. Rosalie hatte verschiedene Gänge durchschritten und war am andern Ende des Hauses, da wo Adriennes Zimmer sich befanden, angelangt. Jetzt rief sie plötzlich mit lauter Stimme, ohne Scheu, um Hilfe. Zwei von den Dienstmädchen kamen eilends herbei und erhoben, als sie ihr Fräulein in diesem Zustand erblickten, ein Zetergeschrei, schlugen die Hände überm Kopf zusammen und wußten sich vor Weh und Ach nicht zu lassen. »Haltet euren Mund!« unterbrach die alte Frau ihren Wort- und Fragenschwall barsch, indem sie in den kleinen Salon trat. »Das Fräulein hat eine Ohnmacht ... eine von euch geht und richtet ihr Bett her, die andre sagt dem Kutscher, daß er einspanne und sofort den Herrn Doktor Talvanne in Vincennes holen soll; der Diener soll zu Herrn Robert laufen und ihn eilends mit hierher bringen. Vorwärts, keine Redensarten: hier ist weder Zeit noch Ort zum Schwatzen.« Diensteifrig flogen die Mägde davon, und Rosalie ließ die leblose Gestalt auf ein Sofa nieder, holte aus Adriennes Toilettenzimmer eine Flasche mit kölnischem Wasser und stellte allerhand Belebungsversuche an. Die blonden Haare aufgelöst, die Augen fest geschlossen, völlig farblos, wie eine jugendliche Märtyrerin lag das junge Mädchen da, und sie war so schön, daß die treue Dienerin eine ganze Weile sich dermaßen in ihren Anblick versenkte, daß sie zu handeln vergaß. Dann griff sie, von neuem ängstlich geworden, rasch nach der Flasche, benetzte ihr die Schläfen und inneren Handflächen, suchte sie durch Reiben zu erwärmen, beugte sich über sie, rief sie beim Namen, sprach mit mütterlicher Liebe und Innigkeit zu ihr, erreichte es aber nicht, den Zustand der Erstarrung zu lösen. Wiederum herrschte tiefes Schweigen durchs ganze Haus; kein heiserer Wutschrei, kein dumpfer Schlag, kein zorniges Stampfen war mehr zu vernehmen. Der Sturm hatte sich gelegt, aber diese Ruhe barg vielleicht noch mehr des Unheils als alles Drohen und Toben. Ein rascher Schritt, der auf dem glattgebohnten Flur schleifend heraneilte, ließ Rosalie auffahren, sie ging an die Thür und ihr gegenüber stand Robert. Er stellte keine Frage, sie gab keine Erklärung. Sein erster Blick war auf das leblos hingestreckte Mädchen gefallen; er faßte nach ihrer Hand und fühlte ihren Puls, dessen Schlag ihn einigermaßen zu beruhigen schien, dann untersuchte er ihr Gesicht. Die Augen waren bläulich unterlaufen, der Kiefer verzerrt und die Lippen eingekniffen. »Geben Sie mir Aether,« sagte der junge Arzt. Die erfahrene Haushälterin ging hinaus und kehrte nach kürzester Frist mit einer Flasche und einem Löffel zurück. Langsam und nur mit großer Anstrengung gelang es Robert, die fest zusammengepreßten Zähne Adriennes so weit auseinander zu bringen, daß er ihr einige Tropfen der Flüssigkeit einzugießen vermochte. Sofort färbte ein lebhaftes Rot die Wangen des jungen Mädchens, sie holte tief Atem und ihre Augenlider hoben sich. Sie schien ihren Pfleger zu erkennen, ein schmerzliches Lächeln trat auf die entfärbten Lippen, dann wurde sie sofort wieder totenblaß und unbeweglich. Die eigentliche Ohnmacht war aber dennoch vorüber, und die vorhin eiskalten, steifen Hände wurden ein wenig feucht und biegsam. »Sie muß zu Bett gebracht werden,« sagte Robert und setzte, als Rosalie ihre Zustimmung dazu durch ein Kopfnicken gegeben, hinzu: »Wo ist ihr Vater?« Die alte Frau runzelte die Stirn und bedurfte eines Augenblicks der Sammlung, wie wenn es gälte, einen schweren Entschluß zu fassen. »Der Herr ist seit dem Frühstück ausgegangen,« erwiderte sie endlich kalt und ohne Robert ins Gesicht zu sehen. »Aber man hat es ihn wissen lassen und Herrn Doktor Talvanne auch ...« Dann sagte sie hastig, wie um jede weitere Frage abzuschneiden: »Bitte, fassen Sie Adrienne an den Schultern ... wir beide können sie wohl tragen, das arme Kind, es ist nicht schwer.« Die Thür zum Zimmer des jungen Mädchens stand offen. Es war ein lauschiges Stübchen, ganz mit einem weißgrundigen Seidenstoff mit versetzten Rosen darin ausgeschlagen, die Möbel weiß lackiert, alles frisch, hell, jungfräulich und der ganze Raum von einem leichten Parfüm durchströmt. Zum erstenmal betrat Robert dies Heiligtum, und es preßte ihm ordentlich das Herz zusammen, als er die Schwelle überschritt. Ihm war, als ob nur der Tod ihm ein Recht zu solcher Kühnheit gebe, er blickte auf das blasse, leblose Gesicht des jungen Mädchens und mit Schauder ergriff ihn die Vorstellung, daß diese fest geschlossenen Augen sich nie wieder aufthun könnten. Er wollte solch bange Ahnungen verscheuchen; die ganze Umgebung war ja heiter und lachend, in diesem Augenblick aber trat eine Wolke vor die Sonne, der Himmel trübte sich, und das ganze Zimmerchen erschien düster. Er war weitab mit seinen Gedanken, als er plötzlich die alte Rosalie sagen hörte: »Gehen Sie jetzt wieder in den Salon; ich werde Sie rufen, sobald ich das Fräulein zu Bette gebracht habe.« Mechanisch gehorchte er dem Befehl: er war sehr erschüttert und mehr und mehr erfaßte ihn eine fürchterliche Angst. Er rief seine Wissenschaft zu Hilfe und suchte sich genau zu erinnern, welche Krankheiten mit einer Ohnmacht und einem darauf folgenden Zustand äußerster Erschlaffung ihren Anfang nehmen: allein diese Symptome paßten auf etliche zwanzig Erkrankungsarten, und er gelangte zu keiner Gewißheit. Furcht und Zweifel an seinem Können erfüllten seine Seele; »was würde aus mir werden,« dachte er, »wenn ich die Behandlung übernehmen sollte? Wie eng begrenzt ist doch dies Wissen, mit dem wir uns so gerne brüsten, und wie tief erkennen wir die Unzulänglichkeit desselben, sobald es sich darum handelt, es an denen zu üben, die uns so teuer sind. Was wird Doktor Rameau wohl zuerst anordnen?« Der Gedanke, daß Adriennes Vater bald nach Hause kommen und daß er den Kampf mit der Krankheit aufnehmen werde, fiel wie ein Lichtstrahl in das Chaos von düstren Gedanken, deren er sich vergebens zu erwehren suchte; das Vertrauen, das er in seinen Lehrer und Meister setzte, war so unumschränkt, daß er plötzlich seine Ruhe wiedergefunden hatte. Ermutigt und gefestigt, war ihm zu Sinn, wie dem Soldaten, dessen Führung ein allezeit siegreicher Feldherr übernommen. Mit seinem unfehlbaren Blick würde der Doktor sofort die richtige Diagnose stellen, und in Bezug auf die Behandlung war er ja so wunderbar schöpferisch und erfinderisch, daß er ohne Zweifel sofort ein Mittel herausgreifen würde, dem kein Feind gewachsen. Rameau hatte wie die Thaumaturgen des Altertums so unzählige Male Wunder vollbracht, daß Robert jede Bangigkeit abschüttelte und vollkommen sicher war, daß zur entscheidenden Stunde eine Wendung zum Guten eintreten müsse. Es war ja seine Tochter! Welche Fähigkeiten müßte er nicht erst da entfalten, wenn er sein Liebstes bedroht sah! Die Thatsache, daß viele Aerzte, und darunter sehr bedeutende Namen, von der Verantwortlichkeit, ihre eignen Frauen oder Kinder zu behandeln, schon zurückgeschreckt waren, daß sie offenbar derselben Angst, demselben Gefühl der Unzuverlässigkeit all ihres Könnens und Wissens erlegen waren, die Roberts Seele vorhin bestürmt, war ihm wohl bekannt, aber Rameau stand ja sicher himmelhoch erhaben über solcher Schwachheit! Ueberragte er ja doch an Stärke und Macht des Willens, Klarheit und Ueberlegenheit des Geistes die übrige Menschheit. Rosalie trat in den Salon und entriß damit den jungen Mann seinen Betrachtungen. Fragend sah er sie an und sie sagte leise: »Das Kind scheint zu schlafen. Sie können hineingehen.« Der dicke Bodenteppich dämpfte seinen Schritt so sehr, so daß er vollkommen lautlos bis an das Bett gelangte, wo Adrienne mit jetzt geröteten Wangen, aber immer noch fest geschlossenen Augen ruhte. Ihr weißer Arm, der aus dem weiten Aermel des Nachtkleids hervorsah, zuckte fortwährend, als ob jeder Nerv von einer gewaltigen inneren Erregung in Bewegung erhalten werde. Die Atemzüge waren kurz und peifend, die Zähne immer noch krampfhaft aufeinander gebissen. Beim Anblick dieses offenbar schmerzhaften Zustandes erwachten Roberts Besorgnisse aufs neue. Nein, Schlaf konnte man diese halbe Bewußtlosigkeit nicht nennen, und das vollständige Aufhören aller geistigen Funktionen bewies zur Genüge, daß in ihrem Organismus eine ernstliche Störung stattgefunden haben mußte. Er trat vom Bett weg zum Fenster. Auf der Esplanade der Invaliden exerzierten die Soldaten wie jeden Tag und eine Schar von Neugierigen und Müßiggängern sah ihnen, Maulaffen feilhaltend, zu. Er warf einen Blick auf die Standuhr: schon eine Stunde war verflossen, seit er das Haus betreten. Eine fieberhafte Ungeduld packte ihn: Wo war denn Rameau, daß er nicht abkommen konnte? Weshalb erschien Talvanne nicht? Wie sollte er ohne sie zu einem Entschluß gelangen, und was sollte er anordnen? Das Alleinsein in diesem Zimmer, an der Seite des Lagers, auf dem das geliebte Wesen bewußtlos und ausgestreckt lag, ward ihm zur Qual. Eben war er im Begriff, auf die Klingel zu drücken, als das Geräusch eines Wagens ihn innehalten ließ. Er atmete erleichtert auf; endlich fand er Hilfe und Beistand, und dies trostlose sich selbst Ueberlassensein nahm ein Ende. Talvannes Stimme ließ sich auf der Treppe vernehmen, und er eilte ihm bis an die Thür des kleinen Salons entgegen; hastig und atemlos trat der Irrenarzt ein. »Ach! Da bist du ja,« sagte er kurz, »Wie steht es?« »Immer der nämliche Zustand. Eine Art von fieberhafter Schlafsucht.« »Sehen wir uns die Sache an,« unterbrach Talvanne seinen Bericht und er ging ins Nebenzimmer, wo Rosalie schon am Kopfende des Bettes stand. Mit Spannung ruhte sein Blick auf seinem unbeweglich daliegenden Patenkind; es war, als wollte er um jeden Preis in ihr Innerstes eindringen. Kopfschüttelnd beugte er sich nach einer Weile herunter und zog ihr ein Augenlid in die Höhe. Ein plötzliches Schielen trübte ihren Blick. Er befühlte ihre Stirn und fand sie glühend heiß; er schob ihr die Hand unters Genick und betastete dasselbe stark, wobei Adrienne schmerzlich aufseufzte. Talvannes Ausdruck verdüsterte sich; er warf einen raschen Blick auf die Haushälterin und Robert und sah, daß beide angstvoll seines Ausspruchs harrten. Er schüttelte wiederum den Kopf, hustete kurz und trocken und murmelte: »Man muß zusehen ...« »Wo ist denn Rameau?« fragte er dann rasch, indem er sich an Rosalie wandte. »Soeben ist er nach Hause gekommen.« Auf Roberts Mienen malte sich bei dieser Mitteilung die höchste Ueberraschung, und da die alte Frau wohl sah, daß er im Begriff stand, Fragen zu stellen, nahm sie Talvanne gebieterisch am Arm und zog ihn mit sich in eine entfernte Ecke. »Gehen Sie hinunter,« sagte sie leise und mit unsicherer Stimme, »er ist in seinem Zimmer, und thun Sie Ihr Möglichstes, ihn zur Vernunft zu bringen. Es haben sich heute unselige Dinge zugetragen. ... Wolle Gott, daß es uns nicht das Leben unsres Kindes koste!« In größter Bestürzung über diese seltsame Mitteilung wollte Talvanne eben den Mund aufthun, um sich weitere Aufklärung zu erbitten, die Alte schien aber seine Gedanken erraten zu haben und sagte, allem weiteren zuvorkommend: »Nicht an mir ist es, Sie aufzuklären.... Gehen Sie zu ihm, fragen Sie ihn ... wenn er will und wenn er den Mut hat, mag er Ihnen sagen, was sich zugetragen! Und er wird ihn haben, diesen Mut. ... Ach er ist ein schrecklicher Mann! ... Habe ich doch geglaubt, er werde die arme Kleine töten! ...« »Töten!« wiederholte Talvanne erbleichend. »Rosalie, so besinnen Sie sich doch ein wenig, was Sie reden!« »Er hat sich nicht besonnen zu thun, was er gethan,« entgegnete die Alte bitter. »Er war wahnsinnig ... wahnsinnig vor Wut!« Plötzlich hielt sie inne und nach einer Weile setzte sie sehr ernst hinzu: »Weshalb ein Verbrechen rächen wollen an den Unschuldigen?« Bewegt sahen die alte Dienerin und der treue Freund einander in die Augen. Diese wenigen Worte hatten genügt; ein geheimnisvolles Verstehen war hergestellt. Blitzartig hatte die eine Sekunde Talvanne klares Licht gegeben und er war vollkommen vorbereitet auf alles, was er hören sollte. »Ach! Ach!« war das einzige, was über seine Lippen kam, und in diesem kurzen Ausruf lag so deutlich: »Das wußten Sie und wußten es seit so langer Zeit und haben sich nie verraten?« daß die alte Frau den unausgesprochenen Gedanken mit einem Kopfnicken bejahte. Talvanne wandte sich nach Robert, der neben dem Bett der Kranken saß, um und sagte: »Bleibe hier, bis ich wiederkomme. Ich will den Doktor heraufholen.« Der junge Arzt und Rosalie übernahmen die Bewachung Adriennes und Talvanne suchte den Freund auf. Zehntes Kapitel. Nach dem letzten Wutausbruch, der ihn bis zum äußersten getrieben hatte, war Rameau längere Zeit gleichsam in eine Erstarrung verfallen. In seinem tiefen Lehnstuhl zusammengesunken, fühlte er sich völlig zerschlagen und gebrochen und eine Empfindung gänzlicher Leere im Gehirn machte sich geltend. Hätte man ihm gemeldet, daß sein Haus in Flammen stehe oder dem Einsturz nahe sei, er hatte sich nicht von der Stelle bewegt und keinen Finger gerührt, sich zu retten. Alles ließ ihn kalt; der Schiffbruch seines Lebens hatte diesen Mann vernichtet. Hatte er denn noch etwas zu fürchten? Konnte das Schicksal ihm noch etwas Grauenvolleres bereiten, als was er eben durchgemacht hatte? Wäre dies unheilbar zerstörte Leben einer Verteidigung, einer Rettung wert gewesen? Wovon hätte er sich loszureißen gehabt, wenn er jetzt die Augen für immer schlöße? Er hätte diese unselige Erde, auf der nur das Unglück üppig gedieh, diese Welt voll Verworfenheit und Schlechtigkeit nicht mehr erblickt, er wäre mit Wonne ins Nichts zurückgetaucht, das heißt, er hätte aufhören mögen zu denken und zu fühlen. Alles hatte ihn verraten und enttäuscht in diesem schändlichen Dasein, dem er fluchte; nicht einmal so viel Barmherzigkeit hatte das Schicksal mit ihm gehabt, daß es ihm den letzten süßen Wahn, die eine holde Lüge gelassen hätte. Er hatte den Kelch bis zur Hefe leeren, die Nägel im Fleisch und die Dornen auf seinem Haupte fühlen müssen. Man hatte ihn gewissenhaft jede einzelne Folterqual erdulden lassen und die Henker waren außer dem Bereich seiner Rache. Der Tod hatte ihm diese Ernte vorweggenommen und er, der verblendete Thor, hatte heiße Thränen geweint um die Schuldigen, hatte das Unmögliche versucht, um ihre Leiden zu lindern. Verfluchtes Geschick! Wenn er sich um diese Jahre hätte zurückversetzen können! Wenn er sie mit eisernen Klammern gepackt halten könnte, um ihnen Haß und Verachtung ins Gesicht zu schleudern, um sich an ihrer Angst zu werden, um auf ihrer Stirn den kalten Angstschweiß perlen zu sehen. Aber nein, nein, zärtlich umschlungen von seinem Arm, unter seinen Trostesworten und Blicken, hatten sie so ruhig, als ob ihr Gewissen ihnen nicht den leisesten Vorwurf machte, ihren letzten Seufzer ausgehaucht und waren gestorben, wie sie gelebt, als Heuchler und Lügner. Und nun, was sollte aus ihm werden? Wo sollte er die Kraft hernehmen, um diesem Zusammenbruch standzuhalten? Fortleben nach so vielen Enttäuschungen, ein Leben weiterschleppen, das ihm nur noch zur Qual war? Weshalb, wozu? Die letzte, die einzig vollkommene Ruhe, sie allein that ihm not! Und wie leicht war das gethan! Nur ein paar Schritte brauchte er zu machen, nur einen Schrank aufzuschließen, und unter den vielen Substanzen, deren er sich zu seinen chemischen Versuchen bediente, brauchte er nur eine auszuwählen, ein paar Tropfen zu schlucken, und ohne jedes Leiden war der Schlaf da, bei dem kein Erwachen zu fürchten. Von einem Skandal keine Rede. Man würde einfach einen Hirnschlag voraussetzen und annehmen: die Spur des Giftes wäre kaum zu entdecken, sein Ende würde völlig den Anschein eines natürlichen Todes haben und kein häßliches Gerede sein Grab verunehren. Mit einem düstern Lächeln begrüßte er die Erkenntnis, daß er so völlig Herr seines Schicksals war; er empfand eine gewisse Erleichterung und Befriedigung, das Gefühl, eine schwierige und verwickelte Angelegenheit geordnet und gelöst zu haben. Nachdem er sich entschlossen, Schmerz und Kummer von sich zu werfen, fand er sie schon nicht mehr so unerträglich und qualvoll. Er fühlte sich gekräftigt, stand auf und machte ein paar Schritte durchs Zimmer; sein Blick streifte den mit Manuskripten und Büchern bedeckten Schreibtisch, und er sagte sich, daß er die Arbeit nicht zu Ende führen werde, die er angefangen. Was lag auch daran? Wie hatte er nur so viel Interesse an einer Aufgabe finden können, deren Lösung zuguterletzt so herzlich wenig Wert hatte? Wo wollte er denn sichern Grund hernehmen, um sein Gebäude darauf zu errichten? War denn in dieser hinfälligen Welt nicht alles Irrtum und Täuschung? Nichts als Eitelkeit, wenn einer sich einbildete, recht zu haben und die Wahrheit zu kennen! Langsam, in tiefem Nachsinnen, gelangte er in sein Laboratorium. Mechanisch, geistesabwesend öffnete er einen kleinen Schrank und sein Auge überflog prüfend eine Reihe von etwa fünfzig rot etikettierten Fläschchen. Er nahm eins der kleinsten heraus, hielt es gegen das Licht, um sich über den Inhalt zu vergewissern, verschloß den Schrank wieder, ging in sein Studierzimmer zurück, stellte das Fläschchen auf einen kleinen Tisch, wo er nur die Hand danach auszustrecken brauchte, und setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl. Er beschloß, eine Stunde vorübergehen zu lassen, um nicht irgend eine vor seinem Verschwinden notwendige Anordnung zu vergessen oder zu übersehen. Der Gedanke an Talvanne entlockte ihm einen tiefen Seufzer. Der hatte ihn lieb und war ihm tief und aufrichtig zugethan mit einer Freundschaft, von der er zu jeder Stunde seines Lebens vollgültige Proben erhalten hatte. Sollte er sich von diesem treuen Gefährten trennen, ohne ihm auch nur ein Zeichen, daß er seiner gedacht, ein Abschiedswort, ein Andenken, eine vertrauliche Mitteilung zu hinterlassen? Bei der Vorstellung, daß Talvannes Schmerz einen bittern Vorwurf für ihn enthalten müsse, zog sich sein Herz krampfhaft zusammen: er stand auf und schickte sich an, dem Freund zu schreiben, als die Thür aufging und dieser in Person erschien. Einen Augenblick schwiegen beide und sahen sich prüfend an, der eine nicht weniger blaß und erschüttert als der andre. Plötzlich fiel Talvannes Blick auf das Fläschchen mit der roten Etikette; er eilte auf den Tisch zu, nahm es hastig zur Hand, las die Aufschrift und mit dem Ton schneidendsten Vorwurfs rief er: »Du, Rameau! Ein Mann wie du?« Der Doktor senkte den Kopf, und ohne einen Versuch des Leugnens erwiderte er, und seine Stimme hatte einen Schmerzensklang, der dem Freund die Thränen in die Augen trieb: »Ich bin so unglücklich!« »Aber, was ist denn geschehen?« rief Talvanne beinahe zornig, denn daß der Freund, den er mehr liebte als sich selbst, so leiden sollte, erschien ihm ungerecht und grausam. Eine düstere Glut loderte in Rameaus Blick, als er ihm zur Antwort gab: »Du sollst wissen, was geschehen ist.« Er nahm ihn bei der Hand, und ohne ein Wort zog er ihn hastig mit hinaus, den Flur entlang, die Treppe hinauf und blieb vor der Thür zum Zimmer der Verstorbenen stehen. Mit dem Schlüssel, den er bei sich getragen, öffnete er, und den Freund hineinschiebend, rief er mit neuerwachter Wut: »Sieh dies an, wie mein Heiligtum in Schutt und Trümmern liegt! Alles umgestürzt, zerfetzt, beschmutzt, entweiht! Nun denn – in meinem Herzen ist noch mehr zertrümmert, meine Gedanken sind noch schändlicher befleckt, entweiht und zerrissen! Du fragst, was geschehen ist? Ein Freund hat mich verraten, mein Weib hat die Ehe gebrochen. Befleckt und entehrt bin ich, ist mein ganzes Leben. Das ist's! Ich dächte, es genügte! Schande und Schmach und Schmerz! Und während diese beiden Elenden gestorben sind und nicht mehr leiden, soll ich nicht das Recht haben, den Tod zu suchen, der auch mich befreien würde?« »Und wer gibt dir die Gewißheit,« sprach Talvanne mit tiefem Ernst, »daß du dann nicht mehr leiden wirst? Wer sagt dir, das sie nicht leiden, nicht grausam, fürchterlich leiden? Und selbst wenn du noch hundertfach bemitleidenswerter wärst, ist das ein Grund, dich so weit zu vergessen? Weißt du nicht mehr, wie viel des Wahren, Reinen und Guten dich umgibt, dir noch lebt? Komme ich gar nicht in Betracht, Rameau, und – Adrienne?« Rameau zog die Augenbrauen finster zusammen, senkte das Haupt und schwieg. »Dies arme Kind,« fuhr Talvanne fort, »das so unschuldig ist an all deinem Leid, das hast du zur Verantwortung gezogen? Wo blieb dein Hochsinn, deine Großmut, deine Vernunft? Seit sie atmet, ist ihr Dasein Liebe zu dir, Sorge um dich! Und du hast sie erschreckt, zu Tode geängstigt, roh mißhandelt, als sie sich flehend zu dir wandte.... Sie liegt krank darnieder, und dein ist die Schuld. ... Rameau, ich bin dir treu ergeben, ich bin ein Richter, der sehr zu deinen Gunsten voreingenommen ist, aber ich finde nichts, nichts, was dein Vergehen verzeihlich erscheinen ließe!« Regungslos hatte der Doktor zugehört und eigensinnig beharrte er in seinem Schweigen. Talvanne sah ihm erschrocken ins Auge. »Hörst du mich nicht?« fragte er. Rameau nickte bejahend. »Ich spreche von deiner Tochter! Verstehst du mich? Von deiner Tochter!« Der Doktor hob die von tiefen Falten durchfurchte Stirn. »Von meiner Tochter! Bist du dessen gewiß?« sagte er mit dumpfer Stimme. Talvannes Gesicht wurde hart und streng, und fest und bestimmt gab er zurück: »Wenn dein Herz diese Frage nicht im voraus bejaht, wird alles, was ich dir sagen kann, nicht ausreichend sein, um dich zu überzeugen. Ich will mich also eines andern Ausdrucks bedienen. Unter deinem Dache, ein paar Schritte von hier, leidet ein menschliches Wesen, dem du Trost und Linderung geben kannst, und ich frage dich, ob du dich als Mensch weigerst, an ihr Lager zu treten, ob du als Arzt ihre Behandlung ablehnst?« Rameau erwiderte kein Wort, aber er verließ das Zimmer und ging nach dem Flügel hinüber, wo Adrienne lag: der Freund folgte. Die Thür stand offen und in den nicht erleuchteten Salon warf eine Lampe, die man drinnen auf den Kamin gestellt hatte, einen schwachen Lichtschein. Die Schritte der beiden Männer vernehmend, trat Robert in diese Helle unter die Thür. Als er Rameau erkannte, vermochte er eine freudige Handbewegung nicht zurückzuhalten, jene Bewegung, die Rameau so genau kannte und der er stets begegnete, wo er eintrat, ein bedrohtes Leben zu retten. Der Lehrer schob seinen Schüler beiseite und befahl ihm, auf das Wohnzimmer deutend, kurz: »Bleibe indessen hier.« Er bedeutete Talvanne voranzugehen und trat hinter ihm in das Schlafzimmer. Adrienne lag da, und statt der vorherigen Regungslosigkeit rückte sie jetzt unruhig und schmerzhaft mit dem Kopfe auf dem Kissen umher, als ob sie eine Stelle suchte, wo sie Ruhe finden könnte. Die halbgeöffneten Augen waren blicklos, das Gesicht von geisterhafter Blässe, wodurch die scharf hervortretenden entstellten Züge noch mehr den Eindruck einer steinernen Maske machten. Talvanne trat näher und zeigte dem Freunde die Kranke. »Sie scheint furchtbar zu leiden,« sagte er. »Sieh dir sie nur an, die arme Kleine! Ist das noch das nämliche Geschöpf, das wir gestern frisch und rosig, voll Leben und Jugend, mit lachendem Munde und strahlenden Augen um uns hatten?« »Nein! Es ist nicht mehr dasselbe,« gestand Rameau zu. »Ein Augenblick hat genügt,« fuhr Talvanne fort, »um diese kräftige Gesundheit zu untergraben, diesen frischen Jugendhauch abzustreifen. Und all das Uebel, welches dies herrliche Kind, in dem wir die Wonne unsres Lebens sahen, hingestreckt hat, kommt von dir!« »Von mir!« wiederholte Rameau finster, ohne sich gegen den Vorwurf aufzulehnen, der in des Freundes Worten lag. »Und du stehst da und siehst sie mit fühllosen Blicken an, du, der sich gestern noch für sie in Liebe erschöpft hat; unbeweglich und unthätig stehst du vor ihr, du, der gestern noch bei der Nachricht, daß ihr das Geringste zugestoßen, daß ihr der kleine Finger weh thue, alles im Stich gelassen hätte und herbeigestürzt wäre. Wenn einer dir vorhergesagt hätte, daß sich deine Natur so wandeln, ein solcher Unmensch aus dir werden könnte, hättest du ihm nicht ins Gesicht gesagt, daß so etwas unmöglich sei?« »Das hätte ich.« »Und dennoch ist dem jetzt so und du gibst es zu, du weißt es und beharrst doch bei deiner herz- und sinnlosen Gleichgültigkeit.« Rameau hatte sich dem Bette um einen Schritt genähert und hielt den Blick starr auf Adriennes Züge geheftet. Plötzlich packte er den Arm des Freundes, drückte ihn krampfhaft und wies mit dem Finger auf das junge Mädchen. »So sieh doch nur diese gewölbte Stirn, diese vorspringenden Backenknochen, die leichte Biegung der Nase an. Du, der Gelehrte, der die Anthropologie zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, du mußt ja sehen, daß dies samt und sonders Kennzeichen der spanischen Rasse sind! Sieh wie deutlich die Abstammung von den Berbern in diesen Zügen zu Tage tritt; ein maurisches Element spricht hier mit, das ist gar nicht zu leugnen. Wäre es nicht Linie für Linie der Kopf der Mutter, wenn nicht die untere Partie des Gesichts der sächsischen Rasse angehörte? Dies Kinn, das etwas zu schwer, etwas zu eckig ist, verrät unbedingt den deutschen Typus. Nun untersuche einmal den Kopf, ob du nicht alles für den Brachykephalen Charakteristische vorfindest? ... Ach, du siehst, ich habe etwas gelernt bei meinen Erörterungen mit dir und rede nicht ins Blaue hinein! Nimm deine Maße zur Hand; bringe das System Camper, oder das des Engländers Morton oder des Franzosen Broca zur Anwendung, und du wirst zu keinem andern Ergebnis gelangen, als zu dem meinigen – oder aber deine ganze Wissenschaft ist nichts als Leeres-Stroh-dreschen!« »Was du mir tausendmal gesagt hast!« rief Talvanne am Rande der Verzweiflung. »Nie hast du daran geglaubt, und jetzt nimmst du deine Zuflucht zu Theorieen, die du dein lebelang verworfen und verlacht hast, nur um deine Ungerechtigkeit zu bemänteln? Rameau, habe Erbarmen mit diesem Kinde, Erbarmen mit dir selbst! ... Laß dir nicht von unvernünftigen Voraussetzungen und Vorurteilen, von wahnsinnigen Hirngespinsten deine Vernunft umnebeln!« »Leugne das Licht!« entgegnete Rameau mit einer Ruhe und Ueberzeugung, die noch viel erschreckender wirkten, als seine Wut und Aufregung. »Es leuchtet doch, und wenn du auch die Augen zudrückst! Die blonden Haare, die blauen Augen des Mädchens, für das du bittest, sie stammen von Münzel. ... Sieh hin, jetzt eben, wie ihre Züge sich im Schmerz verzerren ... ist das nicht sein Gesicht, wie wir ihn beide sahen, als ich zuerst an sein Krankenbett trat in dem kleinen Stübchen der Rue de la Harpe? Die Aehnlichkeit ist derart, daß es unerhört ist, daß sie mir nicht früher in die Augen fiel! ... Aber das erbärmliche Tier, das sie Mensch nennen, glaubt ja so gern und so leicht! Ein Kind! Wie thut es der Eitelkeit des Vaters wohl! Man glaubt willig und fraglos, daß es unser Fleisch und Blut sei! Man ist ja so dumm und bildet sich was darauf ein! Ach! Ach!« Er brach in ein herzzerreißendes Gelächter aus, preßte dann heftig die Hand auf die Brust, als ob er da drinnen einen wilden Schmerz, der ihm am Herzen fraß, unterdrücken müßte, und begann von neuem: »Ich habe es lieb gehabt, dieses kleine Mädchen! Du wirst nicht in Abrede ziehen, daß ich diese achtzehn Jahre nur für sie gelebt, gedacht, gesorgt, daß ich sie vergöttert habe! Du selbst hast es vorhin gesagt, sie sei meine Leidenschaft, meine Tollheit gewesen! Jawohl – und nun flößt sie mir Abscheu ein, und ich hasse sie! Sie hat Schmerzen, es rührt mich nicht! sie ist sehr krank, vielleicht wird sie sterben, und nicht einen Finger würde ich rühren, um ihr Schicksal abzuwenden! Die beiden andern haben sie erzeugt, den beiden andern gehört sie an, ihnen soll sie folgen!« »Rameau!« rief Talvanne, von Entsetzen geschüttelt. »Mein alter Freund,« fuhr der Doktor mit gräßlicher Kaltblütigkeit fort, »es wäre ja ein kleines, zu heucheln und dir allerhand Faseleien vorzuschwatzen, aber das würde ich deiner und meiner unwürdig finden. Nackt und bloß stehe ich vor dir, du sollst in meines Herzens tiefsten Abgrund blicken, und unverhüllt zeigt sich dir jeder Gedanke. Vielleicht, daß ich ein Ungeheuer bin – ich weiß es nicht und will es nicht bestreiten. Aber ich kann nicht anders. Ich hasse dieses unschuldige Wesen um all der Liebe willen, die sie sich unrechtmäßig angeeignet, um jeden Kusses willen, den ich zärtlich und ahnungslos diesem verhaßten Geschöpf auf die Lippen gedrückt! Achtzehn Jahre lang war ich ein betrogener Narr, ich meine, damit könnte es genug sein! ...« »Und der Gedanke, daß sie Schmerzen leidet, läßt dich nicht erbeben?« »Weshalb sollte ich erbeben? Welche Bande verknüpfen mich mit ihr? Kein Blutstropfen von mir fließt in ihren Adern, das steht mir unumstößlich fest und dir nicht minder. Weshalb also sollte mein Blut, sollten meine Nerven sich auflehnen? Mein Geist aber ist in voller Empörung, in lodernder Entrüstung, was verlangst du also von mir?« Talvanne wischte sich mit seinem Taschentuche den Schweiß von der Stirn. Seine Lippen bewegten sich, als ob er nach Atem ränge, und, dann sagte er mit mühsam errungener Festigkeit: »Ich verlange deine Ansicht über die Krankheit. Sie ist für dich eine Fremde, wohl und gut, eine gleichgültige, ja sogar verhaßte Person, was liegt daran! Aus Rücksicht auf mich hast du dich an dies Krankenbett begeben: zögere nicht länger mit der Untersuchung!« Rameau trat näher. Alles Blut war aus seinem Gesichte gewichen, seine Augen waren unter den dichten Brauen tief eingesunken und seine Hände bebten. Trotzdem beugte er sich über die Kranke und näherte sein Gesicht so weit dem ihrigen, daß er ihren heißen, hastigen Atem fühlte. Ein tiefer Schmerzenszug grub sich um seine Lippen, aber sein Blick blieb fest und sicher. Er zog die geschlossenen Augenlider in die Höhe und untersuchte ihre Augen; er nahm den runden, weichen, kindlichen Arm und prüfte die brennend heiße Haut: dann befühlte er die Magenhöhle und den Unterleib, betastete den Hinterkopf, wie Talvanne es vorhin auch gethan hatte, worauf er sich zurückzog. Er schien im stillen die Symptome mit allen Möglichkeiten, die sie eröffneten, zu erwägen. Endlich äußerte er halblaut: »Für den Augenblick ist im Gehirn ein entzündlicher Zustand vorhanden; die Gehirnhäute sind stark gereizt, was aber hauptsächlich zu fürchten steht, ist eine Störung der Darmfunktionen, die infolge plötzlicher Stockung des Blutumlaufs eintreten könnte. Morgen kann eine Bauchfellentzündung da sein. ... Verbreitet sich dieselbe sehr und wird sie allgemein, so ist das Schlimmste zu erwarten.« Und als er in Talvannes Mienen noch mehr Ueberraschung als Schrecken las, setzte Rameau mit der ganzen Ruhe des in der Praxis hart und gleichgültig gewordenen alten Arztes hinzu: »Uebrigens kannst du rufen lassen, wen du willst: Lacher, Sourdain oder Buyot ... ich bin zum voraus mit allem einverstanden, was die Kollegen beschließen mögen.« »Und lehnst auf diese Weise jeden Anteil und jede Verantwortung ab,« sagte Talvanne bitter. Rameau gab keine Antwort! er machte die Thür auf, und als er den in ängstlicher Spannung wartenden Robert bemerkte, sagte er in schneidendem Ton: »Du kannst nach Hause gehen, mein Junge, und morgen früh nachfragen, wie es steht. Momentan ist keine Gefahr vorhanden; schlaf also ruhig.« Damit ließ er seinen Schüler, der im höchsten Grad bestürzt war, daß man ihn jetzt, da er bereit war, seine ganze Kraft einzusetzen und sich völlig aufzuopfern, fortschickte, stehen und schritt den Flur entlang, wo sich seine Schritte im Dunkeln verloren. Talvanne stürzte in einer Erregung, die er nicht länger zu verbergen strebte, auf Robert zu und wies mit der Hand in der Richtung, in der Rameau verschwunden war. »Folge ihm,« flüsterte er hastig, »geh in sein Zimmer und, was er dir auch sagen mag, weiche nicht von seiner Seite, bis ich komme. Rasch!« Damit stieß er ihn fast mit Gewalt zum Zimmer hinaus, und erst als er sah, daß der junge Mann ohne Widerrede sein Geheiß erfüllte, atmete er ein wenig erleichtert auf. Er ging in Adriennes Toilettenzimmerchen, wo Rosalie seiner Befehle harrte, und hieß sie zur Kranken gehen und bei ihr bleiben. Dann nahm er vom Schreibtisch des jungen Mädchens Feder und Papier und fing an ein langes Rezept zusammenzustellen. Während des Schreibens ließ die fieberhafte Erregung, in der er sich seit Stunden befand, und die Anspannung der Nerven nach, und die Lage der Dinge trat in ihrer ganzen grauenvollen Wirklichkeit vor seine Seele. Die Kranke, für welche er diese gewagten Mittel anwenden wollte, war das Kind seines Herzens, das anbetungswürdige Geschöpf, dem er all seine Zuneigung geweiht und dessen Dasein das einsame Leben des alten Junggesellen mit Licht und Wärme erfüllte. Langsam liefen ihm die Thränen über die Wangen und fielen auf das Papier; hastig und ärgerlich wischte er sie ab und raffte sich auf, ohne doch Herr über ein schmerzliches, halb ersticktes Schluchzen zu werden. Plötzlich fiel ein Schatten auf das weiße Blatt, und aufblickend gewahrte er die alte Haushälterin, die zu ihm getreten war und ihn beobachtete. »Sie, Sie haben sie lieb!« sagte sie voll Dankbarkeit. »Er auch,« versetzte Talvanne einfach, und als die alte Frau traurig und zweifelnd den Kopf schüttelte, fügte er hinzu: »Er ist im Innersten getroffen und er leidet ohne Schuld, nun möchte er die ganze Welt zur Verantwortung ziehen für seinen Schmerz und für die Ungerechtigkeit des Geschicks. Bald aber wird er ruhiger werden, sein Herz wird den rechten Weg finden und alles sich ändern....« »Das gebe unser Herrgott! Denn wenn es nicht anders würde, dann hätten wir alle miteinander nicht mehr viele Freuden zu gewärtigen.« Sie wechselten einen Blick; es bedurfte zwischen ihnen nur einer leisen Andeutung, dann hatten sie sich schon verstanden. Nicht ein einziges Mal in so langen Jahren hatte diese treue Seele, welche jede kleine Einzelheit der den Frieden dieses Hauses zerstörenden Tragödie kannte, durch Ton, Blick oder Wort verraten, daß sie um ein Geheimnis wisse, ein solches mit sich herumtrage. Sie hatte alles gewußt, alles gesehen und alles verborgen, aus Liebe und Anhänglichkeit für die Herrin und deren Kind. Daß er in dieser Person eine unermüdliche und zu jedem Opfer fähige Gehilfin bei der Aufgabe, die ihm zugefallen, haben würde, das wußte Talvanne, und der Gedanke, daß die treffliche Person Tag und Nacht nicht von Adriennes Lager weichen werde, war für ihn ein großer Trost, denn er konnte nun seine ganze Kraft dem Kampf mit Rameau, den aufzunehmen er fest entschlossen war, widmen. Er fragte sich, ob er Robert ganz oder nur teilweise ins Vertrauen ziehen, ihm das entsetzliche Geheimnis vollständig offenbaren oder es bei Andeutungen über Rameaus Zustand bewenden lassen sollte. Er kannte den jungen Mann hinreichend, um zu wissen, daß seine Liebe diese Probe unerschüttert bestehen werde und daß sich in seinem Herzen nichts umgestalten könne. Und war denn Adrienne irgendwie verantwortlich für die Schuld, die auf ihr lastete? Sie war nichts als das Opfer eines unabwendbaren Verhängnisses und als solches fast noch anziehender als zuvor, wenigstens sagte sich Talvanne: »Ich würde sie lieben, und wäre es auch rein nur um ihres Unglücks willen!« Er mußte selbst über dieses Pathos lächeln und fragte sich, wie er dazu komme, so theatralisch zu empfinden. »Ich würde sie lieben,« dachte er, »ganz einfach um ihrer selbst willen und weil sie das Süßeste, Reizvollste und Entzückendste ist, was eine Phantasie sich auszudenken vermag. O Gott – so war auch ihre Mutter und daher kommt all unser Elend! Es gibt Frauen, und sie gehört zu diesen, die jeder lieben muß, er mag wollen oder nicht.« Dann kam ihm ein andrer Gedanke: »Wie mochte Robert in diesem Augenblick zu Mut sein, wenn er Rameau so ganz und gar außer sich fand! Auf welch seltsame Mutmaßungen mochte der junge Mann verfallen? Um nicht zu ahnen, daß hier etwas mehr denn Außerordentliches vor sich geht, dazu ist er zu klug und zu feinfühlend, aber worin mag er die Ursache dieser Störungen suchen? Nachdem er zwanzig Jahre in jeder Handlung und jedem Wort dieses Mannes eine Geistesgröße und Klarheit ohnegleichen erkannt und bewundert hat, muß er sich jetzt mit einemmal sagen, daß dieser Mann sich wie ein Narr gebärdet. Es wird also entschieden das Klügere sein, ihm vollen Einblick in die Verhältnisse zu gewähren; es liegt in seiner Natur, daß er den Meister deshalb nur aufrichtig bemitleidet und um so wärmer verehrt. Wozu übrigens im voraus Entschlüsse fassen? Warten wir's ab und handeln wir, je nachdem der Moment es gebietet.« Er stand auf und gab der Haushälterin das zuguterletzt doch fertig gewordene Rezept. »Schicken Sie dies in die Apotheke und der Diener soll warten, bis er die Medizin mitbekommt. Augenblicklich ist nichts zu thun, als kalte Umschläge auf den Kopf zu machen, und tritt irgend eine Veränderung ein, so rufen Sie mich sofort. Ich bin unten bei dem Doktor.« Er trat noch einmal zu dem Kind, das zu verlassen ihm schwer wurde, so dringend er auch bei Rameau nötig war. Ihre Stirn war immer noch glühend heiß; am Arm schien ihm die Haut etwas feuchter. Als er sich so über sie beugte, schlug Adrienne im Halbdunkel der weißen Vorhänge, die ihren jungfräulichen Schlummer behüteten, die Augen auf. Sie gab sich Mühe, den unstäten Blick voll und klar auf das Gesicht des vor ihr Stehenden zu heften; mit sichtlicher Anstrengung raffte sie sich auf, die Spannung in ihren Zügen ließ nach, ein freudiges Lächeln erhellte dieselben und in fröhlichem Tone fragte sie: »Bist du es, Papa?« »Nein, mein Liebling, es ist nicht dein Papa,« sagte Talvanne zärtlich, »aber er war hier, vor wenig Augenblicken ist er weggegangen.« Der Ausdruck des bleichen, jungen Gesichts wurde sofort wieder ernst und schmerzlich, von neuem begann das nervöse Herumrücken auf dem Kopfkissen und leise und erschöpft hauchte sie: »Ach! Du bist's, Pate? ... Danke dir ...« Der Schmerz, den ihres Vaters Abwesenheit ihr bereitete, war sichtlich so groß, daß Talvanne ein Schauder überlief und er den Eindruck hatte, daß dies junge Wesen sich verlassen, verleugnet und verstoßen fühle. Schon glaubte er Todesschatten über sie hinstreichen zu sehen, er beugte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: »Er wird wiederkommen, mein Kind, ich verspreche es dir. Ich will ihm sagen, daß du nach ihm verlangt hast, und dann wird er kommen ...« Sie bewegte den schwachen, kranken Kopf ein wenig und sagte leise: »Ja, Pate, ja... du bist so gut, Pate ...« Talvanne fühlte, daß er keine Minute länger bleiben dürfe, um ihr nicht all seine Herzensangst und Rührung zu verraten; er küßte sie sanft auf die Stirn und ermahnte sie leise: »Versuche ein wenig zu schlafen, mein Herzenskind!« Sie gab keine Antwort und schloß die Augen. Auf den Zehenspitzen, um sie durch kein Geräusch zu stören, verließ er das Zimmer und begab sich in den unteren Stock zu Rameau. Er war tief bewegt beim Gedanken an die Unterredung mit dem alten Freund, der er entgegenging, aber keine Angst vor derselben machte sich geltend. So fest er seit langen Jahren gegen dessen Heftigkeit gepanzert war, so ungewappnet und hilflos stand er seinem Schmerz gegenüber. Und was für ein Schmerz erfüllte ihn! Dieser Geist, der so hoch und groß über den andern stand, mußte auch tiefer leiden als ein andrer, jede Empfindung mußte sich verzehnfachen, wenn ein so empfindliches Gehirn sie zu verarbeiten hatte. Als er hierher gekommen, hatte Talvanne den Doktor gänzlich gebrochen und an der Schwelle des Selbstmords gefunden – ob er ihn jetzt, nachdem sie so heftig aneinander geraten, in zorniger Erregung oder in tiefer Niedergeschlagenheit wiederfinden würde? Er war unten an der Treppe angelangt und näherte sich dem Arbeitszimmer Rameaus, aus dem er nun den lauten Klang einer Stimme vernahm, die ununterbrochen fortsprach, wie wenn ein Vortrag gehalten würde. Das war ihm befremdend und beängstigte ihn derart, daß ihm kalte Schweißtropfen auf die Stirn traten – war der Freund wahnsinnig geworden? Rasch öffnete er die Thür und warf einen Blick ins Zimmer; durch die Breite des riesigen Schreibtischs von seinem Schüler getrennt, saß der Doktor in seinem Lehnstuhl, ungewöhnlich blaß, aber ruhig und vollständig Herr seiner Gedanken, denn er diktierte eben die abschließenden und zusammenfassenden Schlußsätze eines Berichts, worin er sich durch Talvannes Eintreten nicht unterbrechen ließ. Es gewährte ihm sichtlich eine gewisse Befriedigung, vor dem, der ihn so schwach gesehen, seine erstaunliche Energie und Willenskraft ins Licht zu setzen. Traurig und von tiefer Sorge erfüllt, warf Robert fragende Blicke von einem der beiden Männer zum andern, und bemühte sich offenbar, die Lösung des Rätsels, die man ihm vorenthielt, auf eigne Faust zu finden. Eilig warf er die letzten Zeilen aufs Papier, ließ dann die Feder sinken und blieb schweigend und unbeweglich sitzen. Auch Rameau und Talvanne fanden keine Worte, und der junge Mann glaubte, nie etwas Drückenderes erlebt zu haben als diese Stille und diese tiefe, peinvolle Verstimmung. An Stelle der heiteren Vertraulichkeit und Offenheit, die sonst zwischen den zwei alten Herren herrschte, war plötzlich Zwang und Kälte getreten. Was war vorgegangen? Womit sollte er sich diese unvermittelte Wandlung erklären? War Adriennes Erkrankung Ursache oder Wirkung dieser geheimnisvollen Vorgänge? Jetzt nach Hause gehen und die ganze Nacht in dieser Ungewißheit, ohne jegliche Aufklärung zubringen, nein, das war ihm nicht möglich, das konnte er nicht. Mit einemmal stand Rameau auf, und Robert fühlte, daß er hier zu viel war, daß sein Lehrer ihn entlassen wollte. Schüchtern trat er zu ihm, um sich zu verabschieden; sonst hatte Rameau stets einen warmen Händedruck und ein herzliches Wort für den Schüler, heute nickte er nur mit dem Kopf und beschränkte sich darauf, ihm kurz »Gute Nacht« zu wünschen. Talvanne dagegen drückte ihm wärmer als sonst die Hand, und diese Berührung zeigte ihm zur Genüge, wie nervös erregt er war. Robert verbeugte sich tief und ehrfurchtsvoll vor dem Meister und ging. Sobald sie allein waren, setzten sich die beiden Männer einander gegenüber. Talvannes erster Blick hatte dem Tischchen gegolten, auf dem er eine Stunde zuvor das Fläschchen mit der roten Aufschrift entdeckt hatte. Dasselbe war verschwunden. Hatte der Doktor es an sich genommen oder an seinen Platz im Schrank zurückgestellt? Entsagte er seinem unwürdigen Vorhaben, oder verschob er es nur auf eine Stunde, in der sich dasselbe mit Muße und ungestört ausführen ließ? Rameau schien dem Freund diese Gedanken von der Stirn abzulesen; ein spöttisches Lächeln erschien auf seinen Lippen, und er senkte die kahle Stirn. »Du zerbrichst dir den Kopf darüber, wo die Phiole mit Blausäure hingekommen, die du vorhin hier entdeckt hast,« sagte er. »Beruhige dich, sie ist wohl aufgehoben im Laboratorium. Wärst du heute abend eine halbe Stunde später bei mir eingetreten, so hättest du einen allen Kummers ledigen, stillen Mann vorgefunden. Du hast mich an der Ausführung meines Entschlusses verhindert, die nur möglich war, solang das Fieber anhielt, das mich denselben fassen ließ. Jetzt ist die Gefahr vorüber: die Aufregung hat nachgelassen: ich überblicke die Lage der Dinge mit kaltem Blut und fühle die Kraft, diesem Geschick die Stirn zu bieten. Es war eine Anwandlung von Schwäche, die mich befallen ... wer nie eine solche kennen gelernt, möge mich verachten!« Talvanne faßte seine Hand und drückte sie fast krampfhaft. Welche Riesenlast war von seiner Seele genommen! Hin und her geworfen zwischen seinem Gefühl für Vater und Tochter, um den einen so sehr in Sorge wie um die andre, unfähig, sie in seinem Herzen auseinander zu halten, war er den ganzen Abend fürchterlicher Qual preisgegeben gewesen, nun war er wenigstens nach einer Seite hin von Sorge befreit. Auf seinen Zügen spiegelte sich eine derartige Herzensfreude, daß Rameau nicht unbewegt bleiben konnte. »Freue dich nicht allzu sehr,« bemerkte er. »Vielleicht wäre es besser für dich gewesen, wenn ich verschwunden wäre... Leicht hast du es mit mir wunderlichem Gesellen schon bisher nicht gehabt, wie wird es erst in Zukunft werden?« »Wie du nur so reden kannst, und wäre es selbst im Scherz!« rief Talvanne. »Vergiß doch nicht, daß ich seit unsrer Jugendzeit als ein bescheidener Satellit um dich kreise, Licht, ja fast Leben von dir empfange.... Ohne dich – was wäre ich? Ein schlichter Hüter von Geisteskranken, der Wirt eines Gasthofs zum Wahnsinn, wo Narren gefüttert und beherbergt werden! Du allein hast durch deinen Einfluß mich in gewissem Sinn zu einem Menschen von Talent gemacht, du hast in deinen Ueberfluß an Ruhm gegriffen, um mir einen Namen zu schaffen, hast mir von deinem Glanz einen Glorienschein geschmiedet und mir ihn aufs Haupt gesetzt, wie man einem Kind ein Spielzeug schenkt. Hast du vielleicht je geglaubt, daß ich mich darüber täusche? ... O! Wenn ich nicht unverbrüchlich an dir hinge, so wäre es ganz einfach schnöder Undank! Aber neben dieser Dankbarkeit, das weißt du ja wohl, habe ich eine tiefe, herzliche Zuneigung zu dir ... ich bin ein einsamer Mensch, du hast mir die Familie ersetzt; du und die Deinigen, ihr seid meine wahren Verwandten, um so teurer, weil frei gewählt.... Und da willst du mich bemitleiden, weil wir noch ein Stück Wegs zusammen zu gehen haben? Ich sollte mich vor deiner Verdrießlichkeit und deiner bösen Laune fürchten, während meine ganze Seele dir dankt, daß du es aufgegeben, mich allein zu lassen! Ach, geh ... ich bin nichts als ein großer Egoist! Möglich, daß die Flucht aus dem Leben dir die ersehnte Ruhe, das Glück gebracht hätte; ich muß dir ehrlich gestehen, daß ich nicht einen Augenblick daran gedacht habe, sondern nur an mich: Was sollte aus mir werden, wenn du mich im Stich gelassen hättest?« Bei diesem warmen, aus dem Herzen kommenden Erguß der Freundschaft fühlte Rameau die Eisrinde um sein Herz schmelzen, das Blut strömte wieder in seine entfärbten Wangen und sein Blick verlor die starre Wildheit. Ein gewisses Wohlbehagen durchdrang ihn erwärmend und belebend, und diese Empfindung, der er sich nicht zu entziehen vermochte, bewies ihm zur Genüge, wie wenig sein Gefühlsleben erstorben war. »Wenn ich noch immer so sehr ein Spielball meiner Einbildungskraft bin, daß die Gemütsbewegung eines andern sich mir mitteilt,« dachte er, »so werde ich noch grausam genug zu leiden haben. Was wird noch alles kommen müssen, bis meine Empfindungsfähigkeit vollständig erloschen sein wird?« In dem Augenblicke also, als Talvanne sich glücklich pries, ihn wieder errungen zu haben, sann er auf Mittel und Wege, sich seiner Macht zu entziehen, aber die Natur gehorchte dem Willen nicht und hielt ihn in festen Banden, und er war weit mehr vom Einfluß des Freundes abhängig, als er sich bewußt war. Ein Wort, welches seine Leidenschaft mit erneuter Heftigkeit und Schärfe wachrief, genügte, ihm das zu beweisen. Talvanne hatte sich im Ueberschwang seines Empfindens unvorsichtigerweise zu der Aeußerung hinreißen lassen: »Wie dir seit deiner entsetzlichen Entdeckung zu Mute ist, vermag ich voll zu ermessen, ich selbst habe, und zwar schon vor langer Zeit, durchgemacht, was du heute erfahren, denn die Thatsache, die du nicht ahntest, war mir bekannt.« Mit einem Schlage brauste da Rameaus verzweifelte Eifersucht wieder auf wie ein wilder Springquell, und riß ihn vollständig mit sich fort. Bei Talvannes Worten standen Münzel und Conchita wie ins Leben zurückgezaubert vor ihm: glücklich, lebensvoll, lächelnd traten ihre Gestalten vor das innere Auge des Mannes, den sie verraten; in einem mystischen Halbdunkel schwebte das schuldige Paar, sich eng umschlungen haltend, in seinem Glückstaumel an ihm vorüber, und seine Phantasie verfolgte sie mit unerbittlicher, ihm Schmerzen schaffender Neugierde. »Also du wußtest um das Verbrechen?« fragte er seinen Freund. »Vom ersten Tage an.« »Und du schwiegst – du hast mich nicht gewarnt, mir nichts gesagt, keinen Finger gerührt zum Schutz meiner bedrohten Ehre?« Er hatte sich erhoben, seine gebeugte Gestalt war stramm aufgerichtet, die Fäuste geballt, drohend stand er da, als wollte er die Schuldigen zu Boden schmettern. Aber nur ein Stöhnen ohnmächtiger Wut entrang sich seiner Brust – die Schatten entschlüpften ihm, er vermochte nicht, sie festzuhalten, sie mit den bebenden Händen zu erwürgen. »Dich warnen?« gab Talvanne kalt zurück. »Wozu? Um dir zwanzig Jahre früher, als es jetzt geschehen, das Leben zu vergiften? Die Rolle eines edeln, ehrlichen Jago spielen? Wozu hätte es genützt? Das Uebel war unheilbar, und die es verübt, unglücklich genug.« »Unglücklich?« »Ja, denn er wie sie sind die Opfer eines unseligen Verhängnisses gewesen. Sie hatten sich nicht gesucht, sie hatten im Gegenteil ihr Möglichstes gethan, sich zu meiden, und dennoch liebten sie sich. In beiden war ein solcher Rest von Ehrbarkeit, daß sie sich Mühe gaben, einander ihr Gefühl unter der Maske der Freundschaft zu verbergen. Erinnere dich doch ihres gezwungenen Wesens, des verletzenden Spottes, mit dem sie sich gegenseitig verfolgten und verletzten?« »Eitel Lüge und Heuchelei! Damit sollte ich irregeführt werden!« »Nein! Es war ihnen völlig ernst damit. Ich habe beider Geständnisse entgegengenommen. Du hast mir vorhin den Vorwurf gemacht, nichts zum Schutze deiner Ehre gethan zu haben – nun denn, so wisse, daß ich auf die Gefahr hin, die Zuneigung deiner Frau auf immer zu verscherzen, mit großer Herbheit und Bestimmtheit eingeschritten bin. Ich habe ihr gedroht, Münzel, falls er nicht auf der Stelle Paris verlasse, durch eine tödliche Beleidigung zum Zweikampf mit mir zu zwingen. Heute, da ich weder ihn noch sie zu schonen habe, sollst du die volle, die ganze Wahrheit erfahren, und ich gebe dir mein Wort, sie waren beide der Verzweiflung nahe.« »Ueber die Trennung – o gewiß!« »Nein, denn Conchita selbst hat die Kraft gehabt, Münzel zur Abreise zu veranlassen. Die Selbstanklage ob ihrer Schuld, die Scham über ihren Verrat überwogen das Glück ihrer Liebe, und ihr Gewissen ließ sie keine Freude unverbittert genießen. Nicht eine einzige der Stunden, die nach dem Fehltritt ihnen noch beschieden waren, ist frei gewesen von der Seelenpein, in der deine wirksamste Rache lag. Wie es in Münzels Herzen aussah, kannst du dir klar vor die Seele stellen, wenn du dich erinnerst, daß er in der Todesstunde nicht einmal die Mitschuldige wiedersehen wollte. Du weißt es ja, ich war nie für ihn eingenommen, und ich habe stets ein gewisses Vorgefühl gehabt, daß uns von ihm nichts Gutes kommen könne, aber ich muß bestätigen, daß seine Reue wahr und ehrlich gewesen. Nur an dich dachte er, nur dich wollte er um sich haben, während die Unselige nur durch eine Thür von dem Totenbett getrennt, von dem sein Wille sie fernhielt und ausschloß, auf ihren Knieen lag und die Hände wund rang im Gebet. Es war, als ob er fürchte, durch ihre Nähe verhindert zu sein, sich in deine Freundschaft zu flüchten, in diese Freundschaft, die ihm wie eine Zufluchtsstätte der Gnade und Vergebung erschien. Klage nicht, daß dir versagt wurde, selbst Rache zu üben; besänftige deine Empörung, mäßige deine Bitterkeit: so hättest du nicht zu strafen vermocht, wie sie selbst sich straften, und wenn sie heute lebend vor dir stünden, du brächtest es nicht über dich, ein so unerbittlich strenger Richter zu sein, wie sie selbst es sich waren.« Sein Gesicht in den Händen verborgen, hatte Rameau den Freund angehört, ohne ihn mit einem Wort zu unterbrechen, ohne durch ein Zeichen zu verraten, daß er ihn verstehe. Er verharrte noch einige Minuten schweigend, dann ließ er die Hände sinken, und Talvanne konnte seine Züge beobachten, während er ihm erwiderte: »Ach! Ich hätte ja die Großmut noch weiter treiben können, sie zu vergessen – aber auch diese Möglichkeit haben sie mir abgeschnitten. Der Tod hat ihre Schuld nicht ausgelöscht, dieselbe lebt fort. In meinem Hause, an meiner Seite, unter meiner Obhut ist das Zeugnis derselben lebendig geblieben. Dies ist die schärfste Pein, die unheilbarste Wunde. Von diesem Kinde, das ich lieb gehabt, das ich vergöttert habe, an dem ich mit jeder Faser meines Herzens hing, das mein Trost und meine Freude gewesen ist, von dem muß ich mich jetzt mit Abscheu abwenden. Ach! Ich kann dir nicht klar machen, was seit jener schreckensvollen Enthüllung in mir vorgegangen ist. Wenn mein Verstand sich getrübt hätte, es wäre kein Wunder zu nennen! In meinem Hirn stoßen und drängen sich die Gedanken in fiebernder Hast. Es gibt Momente, in denen ich mir sage, daß es ungeheuerlich ist, dies unschuldige Geschöpf von mir zu stoßen; ich will mir selbst beweisen, daß mein Fühlen und Denken in so kurzer Frist kein andres geworden sein kann. Heute früh war sie meines Herzens Kleinod, heute abend hasse ich sie. ... Es ist so unwahrscheinlich, so widersinnig, und doch ist es so. Eine Sekunde hat hingereicht, diese Zärtlichkeit zu vergiften, diesen Glauben zu zertrümmern.... Das Bild der Gottheit ist zu Boden geschmettert, wie soll ich es wieder auf den Altar erheben? Ich habe die Philosophie zu Hilfe gerufen, ich habe meine Menschlichkeit heraufbeschworen.... Alles, was bisher die Triebfeder meines Denkens und Handelns gewesen, hat sich als hinfällig und eitel erwiesen! ... Ich habe es aufgegeben, mit mir selbst zu rechten und zu kämpfen. Der Geist liegt danieder, und die Bestie, die weint und wehklagt, weil ihr Junges, das sie lieb gehabt, nicht ihres Blutes ist, ihr nicht zu eigen gehört, trägt den Sieg davon! ...« »Schon einmal habe ich dir entgegengehalten: ›Woher weißt du das?‹« sagte Talvanne, »Wie kommst du, der erfahrene Arzt, der geschickte Physiologe, dazu, eine Mutmaßung als Thatsache aufzustellen? Deine Folgerungen sind sehr kühn. Weil eine Frau einen Geliebten hat, muß das Kind, das sie zur Welt bringt, sein Kind sein? Das ist die Logik des Romanschriftstellers oder des Dramatikers, die bequemste Voraussetzung, um eine bedeutende Scene, eine entscheidende Lösung herbeizuführen. In Wirklichkeit liegen die Dinge weit weniger klar, denn diese Frau hat einen Gatten, der sie ebenfalls besitzt. ... Oh! Das ist widerlich, empörend, gewiß, aber laß mich zu Ende reden. ... Es gehört die Phantasie eines Dichters oder die Verblendung eines Eifersüchtigen dazu, um zu behaupten, daß der Gatte nicht der Vater des Kindes sei. Was wissen wir denn davon? Woher bist denn du in erster Linie berechtigt, dein Kind zu verleugnen? Ich will dir nicht mit Gefühlsgründen kommen, will dir nicht sagen: Sie ist das Kind, das Werk deines Geistes; ihr Denken und Fühlen, jede ihrer Regungen in Kopf und Herz tragen den Stempel deines Wesens. ... Nein, ich will mich einfach an deine gesunde Vernunft wenden, will die Natur zu Zeugen nehmen und rufe dir kraft meiner innersten Gewißheit zu: Du täuschest dich und dein Irrtum kann diesem Kinde den Tod geben, und dich, Robert und mich, uns alle, die wir sie lieb haben, elend machen!« »Und darauf entgegne ich dir,« sagte Rameau, abermals in höchster Erregung, »daß meine innere Gewißheit, meine Ueberzeugung so stark und unumstößlich ist, wie die deine, und daß nichts sie zu ändern vermag. Nein! Dies Kind ist nicht mein Fleisch und Blut! Sieh sie doch nur an – was bedarf es weiterer Beweise! Alles an ihr verkündet die Sünde; sie ist der leibliche und geistige Ausfluß des Verbrechens; sie besitzt die ganze Anmut und Lieblichkeit, den vollen Zauber, der nur dem im Rausch der Sinne erzeugten Kinde der Leidenschaft zu eigen. Dies wonnige, entzückende Geschöpf ist nicht in leidenschaftsloser, freudloser Ehe empfangen. Liebesglut, vollpulsierendes Leben erschließen sich in ihr, und die furchtbarste Zeugin, die gegen ihren Ursprung auftritt, ist sie selbst. Dies Kind, das so frühlingsgleich, so blumenhaft ist, soll eines alten Gatten und einer jungen Mutter Tochter sein. Geh doch, Talvanne! Selbst wenn Zeit und Umstände nicht so vernehmlich dagegen sprächen, wäre es mir unmöglich, zu glauben, daß ich ihr Vater bin! Gib es also auf, mich als einen altersschwachen Narren zu behandeln, der nichts Bessres verlangt, als sich von dem, was er glauben will, überzeugen zu lassen. Ich bin Manns genug, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.« Talvanne fühlte, daß er am besten thue, keinen Einwurf mehr vorzubringen. Rameau klagte nicht weiter; er hatte seine volle Selbstbeherrschung und die ganze Klarheit des Denkens und Redens wiedergewonnen. »Ich habe ganz einfach,« fuhr er fort, »in meinem Hause eine Fremde, der das Gesetz alle Rechte eines echten Kindes zugesteht. Die Verwickelung, die mir hier zu lösen auferlegt ist, geschaffen zu haben, ist mit das Häßlichste, wessen die Ehebrecherin sich schuldig gemacht. Wie ich die Sache gestalten werde, weiß ich noch nicht; jedenfalls werde ich meine Entschließungen reiflich erwägen.« »Greife nicht zu einem äußersten Mittel,« bat Talvanne. »Schone das Mädchen, wenn nicht um deiner selbst, so um meinetwillen. Du weißt, wie ich an ihr hänge, und für mein Gefühl ist nichts anders geworden. Willst du sie nicht mehr vor Augen haben, erscheint dir ihre Gegenwart unerträglich, so übersieh nicht, daß ich jede Stunde bereit bin, mich ihr ganz zu widmen. Ich bin ihr Pate; mein Haus ist so gut wie auf dem Lande... es ließe sich also mit Leichtigkeit das Bedürfnis einer Luftveränderung vorschützen, um vor den Augen der Welt eine so völlige Umgestaltung der Verhältnisse, wie dein Vorurteil – du wirst es nicht erreichen, daß ich die Sache anders benenne – sie in Bezug auf Adrienne nötig macht, zu bemänteln. Sie ist krank gewesen, blutarm, bedarf der Ruhe, damit könnten wir die Sache bis zum Zeitpunkte ihrer Verheiratung hinziehen, vorausgesetzt, daß wir nicht ...« Er stockte und ein sorgenvoller Ausdruck trat auf seine Züge. »Daß wir nicht ...« wiederholte Rameau fragend. »Daß wir sie nicht,« vollendete Talvanne mit unsicherer Stimme, »ganz einfach auf den Friedhof zu geleiten haben, unsern armen Liebling. Der Auftritt von heute hat ihre Organisation furchtbar erschüttert, und ich fürchte ernste Komplikationen. Ein wenig Zärtlichkeit und Güte wären in meinen Augen die einzigen Mittel, dem Uebel beizukommen, und gerade diese scheinst du ihr nicht gewähren zu wollen...« Er sah dem Freund ins Auge und fuhr mit einer Wärme und Dringlichkeit, welche vor den Ereignissen dieses Tages jeden Widerstand von Rameaus Seite entwaffnet haben würden, fort: »Vorwärts geblickt, Rameau! Ein ganzer Mann, mit einem großen warmen Herzen und mächtigem Geist, so habe ich dich von jeher gekannt.... Kannst du nicht Herr werden über solche menschliche Schwachheit? Kannst du die Flügel nicht mehr ausbreiten und dich mit kühnem Schwung emporheben über all das Elend, das dir die Seele beschmutzt, und, groß, und rein, alles vergessen, die ewige, über allem thronende Gerechtigkeit wiederfinden? In diesem Augenblick bist du nicht auf der Höhe; die dir geziemt, du sinkst herab und bist dir dessen bewußt, daher dein Zorn. Halte dein Haupt hoch, nimm die Stelle wieder ein, die dir über den andern gebührt. Sei so groß in deiner Güte, wie du es in deinem Wissen und Können bist. Adrienne ist dir eine Fremde? Nun denn, so verstoße sie nicht, sondern nimm sie an Kindesstatt an.« Rameau schüttelte schmerzlich den Kopf. »Ehemals würde ich gesprochen haben wie du, und hätte mich in schönen Theorieen von übermenschlichem Edelmut ergangen. Heute ist alles anders geworden. Ich habe es nicht mehr mit einer Idee zu thun, die man besprechen, erweitern, ins Unendliche steigern kann; mein Denken bricht sich an einer Thatsache, und Thatsachen lassen sich nur erdulden, nicht erörtern, nicht bestreiten. Möglich, daß du an meiner Stelle das thätest, wozu du mir rätst. Dann bist du eben ein besserer Mensch als ich. Ich habe nicht die Kraft dazu und glaube, daß ich sie nie haben werde, es müßte denn ein Wunder geschehen!« »Nun denn – wenn ein Wunder uns not thut, so wird Gott es vollbringen!« »Gott!« wiederholte Rameau dumpf. »Gott! Das ist immer der letzte Trumpf, den ihr ausspielt, wenn ihr mit all eurer Weisheit zu Ende seid! Ach! Daß er sich mir doch offenbaren wollte, dieser Gott, an den du glaubst,« setzte er müde hinzu. »Ich wollte ihm wahrhaftig dankbar sein, denn ich wäre eines Sternes, der mich durch diese Dunkelheit leitete, in der mein Fuß strauchelt, mehr denn je bedürftig.« »Dieser Führer ist dir nahe, Rameau! Du hast ihn, aber du weigerst dich jetzt noch, ihm zu folgen. Es ist dein Gewissen.« Er ließ dem Freund nicht Zeit zur Antwort; er wollte ihn unter dem Eindruck dieser letzten Worte allein lassen. Mit einem warmen Händedruck und einem kurzen: »Auf morgen« verließ er das Zimmer und nahm das einsilbige »Ja« des Doktors wie eine Zusage mit sich fort. Als er das halbdunkle Vorzimmer durchschritt, löste sich ein Schatten von der Wand ab und kam auf ihn zu. Er erkannte Robert. »Du hast auf mich gewartet? All die Zeit?« fragte Talvanne überrascht. »Ich bin noch einmal bei Adrienne gewesen und habe ihr die von Ihnen verschriebene Arznei selbst beigebracht. Das Fieber hat etwas an Heftigkeit nachgelassen, aber der Kopf ist noch nicht frei!....« »Warten wir ab, wie die Nacht auf sie wirkt.« Er nahm Roberts Arm und stützte sich darauf. »Weshalb hast du mir hier aufgelauert?« Verlegen schwieg der junge Mann. »Na, so habe doch wenigstens den Mut deiner Neugierde,« sagte der Irrenarzt ermunternd. »Es sei!« erwiderte der Liebende mit erstickter Stimme, »ja, mich verlangt, von Ihnen zu erfahren, was heute vorgefallen, was meinen Lehrer so tief erschüttert und Adrienne so schwer geschädigt hat!« Sie hatten die Straße erreicht, wo Talvannes Coups wartete. »Wir gehen eine Strecke weit zu Fuß,« sagte der Doktor zu seinem Kutscher. Sie betraten den Invalidenplatz: der Wagen folgte langsam. Robert beobachtete den Arzt schweigend und aufmerksam, plötzlich blieb dieser stehen, faßte seinen jungen Gefährten scharf ins Auge und fragte: »Wenn Adrienne nun nicht Rameaus Tochter wäre, was würdest du dazu sagen?« Liebe verleiht Ahnungsvermögen. Es war, als ob Robert ein Vorgefühl davon gehabt hätte, daß Talvanne eine derartige Frage an ihn stellen würde, und rasch, wie wenn sein Herz sich längst darauf vorbereitet gehabt, erfolgte die Antwort: »Ob sie Hinz' oder Kunz' Tochter, arme Waise oder Erbin wäre, was läge mir daran? Solange sie meine Adrienne ist, genügt mir das – ich liebe sie!« Talvannes Gesicht hellte sich auf, fröhlich drückte er den Arm des jungen Mannes an sich und rief: »So ist's recht! Sag mir einer, wer seine Gedanken klarer auszudrücken versteht, als so ein Verliebter! Du bist ein netter Kerl, den ich gestern gern leiden mochte, den ich aber heute sehr lieb habe. Nun höre mir zu; du sollst das ganze Geheimnis kennen lernen!« Die Nacht war mild; ein leiser Wind rauschte im Laub der Bäume und Tausende von Sternen funkelten kalt und leuchtend am Himmel. Der Doktor warf einen nachdenklichen Blick hinauf und brummte vor sich hin: »Dieser Teufelskerl von einem Rameau verlangt einen Stern! An dem Stern fehlt es wahrhaftig nicht, aber ihm fehlt es an Augen, zu sehen!« Er schlug einen rascheren Schritt an, und als sie den Quai betreten hatten, begann er versprochenerweise Robert zu erzählen; der Wagen fuhr im Schritt nebenher. Elftes Kapitel. Drei Aerzte waren in ernster Beratung in Rameaus Studierzimmer beisammen, alle drei europäische Berühmtheiten. Talvanne stand ein paar Schritte vom Lehnstuhl seines Freundes, mit dem Rücken an den Kamin gelehnt, und hörte zu, welches Endergebnis seiner Beobachtungen Professor Lemarchand, der Spezialist für Lungenkrankheiten und Entdecker des Schwindsuchtsbacillus, zum besten gab. Derselbe sprach langsam, aufrecht dastehend, mit tiefbetrübter Miene und Gebärde und wandte sich dabei einerseits an seine Kollegen, um sie zu Zeugen zu nehmen, andrerseits an den Vater, um dessen Nachsicht und Geduld zu erbitten. »Mein teurer Freund, wir wissen nicht, wie wir uns aussprechen sollen. Die Krankheit entschlüpft uns, entzieht sich unserm Urteil; die Symptome sind äußerst mannigfaltig und widersprechender Art. Gestern hatten wir eine ausgesprochene Blutgeschwulst mit begleitender Bauchfellentzündung. Heute ist keine Spur von Entzündung im Unterleib vorhanden, dabei steigt aber die Temperatur und sind Störungen in der Gesichts- und Gehörthätigkeit eingetreten. ... Gleichzeitig äußern sich cerebrale Zufälle, und Talvanne beharrt darauf, eine Gehirnhautentzündung zu fürchten.« Die drei konsultierenden Herren sahen sich bekümmert an. Sie krümmten und wanden sich, als ob sie mit aller Gewalt einen Ausweg aus der sie gefangen haltenden Dunkelheit suchten, seufzten tief, redeten aber keine Silbe. Dabei hatten sie wahre Leichenbittermienen. Offenbar fühlten sie sich gänzlich machtlos, und das erfüllte sie, angesichts ihrer Kollegen, ihres Freundes, dessen ihrer Behandlung übergebene Tochter an einem Uebel litt, das sie sich nicht zu erklären vermochten und das von Stunde zu Stunde zunahm, mit tiefster Beschämung. Wenn ein beliebiger, gewöhnlicher Kranker stirbt, das geht ja noch, aber das einzige Kind des Professors Rameau! Darin lag ein Ohnmachtszeugnis, welches die ganze Fakultät entehrte! In dieser Stimmung saßen sie alle vor dem Schreibtisch, in Gedanken versunken und unheimlich anzusehen in ihren schwarzen Anzügen: der Livree des Mediziners, der stets Trauer zu tragen oder zu erwarten scheint. »Die Krankheit entzieht sich Ihrer Beurteilung,« sprach Talvanne, »weil sie ihren Sitz im Gemüt hat. Sie haben es hier mit einem durch Gemütsbewegung infolge einer heftigen seelischen Erschütterung hervorgebrachten Zustand zu thun. Hoffen Sie deshalb nicht, durch die sonst in der Heilkunde bräuchlichen Mittel etwas auszurichten. Blutentziehungen, wie unser Kollege sie vorhin in Vorschlag gebracht, wären durchaus nicht ratsam und würden die Kranke nur in erheblichem Maße schwächen. Kalte Bäder sind ebensowenig am Platz, denn von typhösem Fieber ist keine Rede. Beruhigende Mittel, Ruhe, mit einem Wort, so wenig Medizin als möglich.« Alle sahen sich an: die Ironie dieser Worte war empfindlich scharf. Aber Rameau, der zusammengesunken in seinem Lehnstuhl saß, zuckte nicht mit der Wimper. Sie erhoben sich und drückten ihm die Hand. »Warten wir die fernere Entwicklung der Krankheit ab,« hieß es. »Auf Wiedersehen morgen!« Und wie schwarze Spukgestalten zogen sie hinaus. »Das sind also die Gestirne unsrer heutigen Wissenschaft,« sagte der Psychiater, als er sich mit Rameau allein sah, achselzuckend. »Arme Menschheit, die solchen Pfuschern preisgegeben ist! Wenn sie einen Kranken gesund machen, so ist's dessen eigner guter Wille. Der arme Doktor Bouvey, dessen Assistent in Saint-Louis ich gewesen, pflegte zu sagen: ›Ich habe in meiner Abteilung zwei Krankensäle! wer im ersten liegt, wird vorschriftsgemäß und schulgerecht behandelt, im zweiten bekommen sie Zuckerwasser zu trinken; die Sterblichkeit ist in beiden Sälen vollkommen die nämliche!‹ Der Mann war wenigstens ehrlich und ließ das Giftmischen bleiben – die Leute hatten den Vorzug, nichts schlucken zu müssen.« Er trat ans Fenster, kehrte dann zu seinem Freund zurück, pflanzte sich vor ihm auf und sagte in verändertem Ton: »Ich weiß sehr genau, woran es unsrer Kranken gebricht und was sie rascher herstellen würde, als all die Rezepte der gelehrten Herrn ...« Er machte eine Pause und sah Rameau fest ins Auge. »Deine Gegenwart nämlich.« Da dieser immer noch schwieg und sich nicht bewegte, setzte er bittend hinzu: »Willst du nicht mit mir hinaufkommen?« Der Doktor schüttelte verneinend den Kopf. Talvannes Gesicht ward tief traurig und sein Blick erlosch, als ob er sich ganz nach innen gekehrt habe; eine gute Weile schien er völlig von seinen Gedanken in Anspruch genommen, dann begann er mit großer Lebhaftigkeit: »Du solltest es thun, und wär's auch nur aus Berufsehrgeiz und Eitelkeit! Du siehst ja, daß all diese großen Herren Aerzte, deine Nebenbuhler, die dir aus Neid so spinnefeind sind, es nicht zu einer bestimmten Diagnose bringen ... sie tappen im Dunkeln, irren sich, und wenn es sich nicht um deine Tochter handelte und ich mich nicht dagegen zur Wehr gesetzt hätte, würden sie das arme Kind mit allerhand Versuchen aufs äußerste quälen. Wenn du dich an der Sache beteiligen wolltest, du würdest nicht nur sofort den Sitz der Krankheit, von dem sie alle nichts wissen, finden, sondern auch die richtigen Mittel ihr beizukommen. ... Ihnen eine solche Lehre zu geben und das in deinem eignen Haus – es wäre herrlich! Ich bitte dich, Rameau, komm! ...« Der Doktor ließ den Kopf ganz auf die Brust herabsinken, nur um den Freund nicht ansehen zu müssen. Talvanne machte eine Gebärde tiefster Entmutigung. »Mein Gott! Ich setze Himmel und Hölle in Bewegung, ich greife sogar zur List, und du bist und bleibst unerschütterlich: Was kann ich denn thun und sagen, um dein Mitleid wachzurufen? Und doch hast du mich lieb, du hast Robert lieb, der dem Wahnsinn nah ist und der uns zu Grunde geht, wenn wir Adrienne nicht retten, und ich gebe dir mein Wort, daß keiner außer dir das vermag. Wir sind alle miteinander Esel, du bist der einzige Wissende, Sehende! ... Ist es denn möglich – hier, gleich zur Hand haben wir den ersten, den einzigen Arzt der Welt, und er weigert uns, was er Fremden, was er um schnödes Geld so vielen gewährt! Es ist also wirklich und wahrhaftig der Haß, der dir am Herzen frißt? ... Du hast es gesagt, aber ich habe es nicht geglaubt, habe mir gesagt, der Zorn spricht aus ihm, das sind Fieberreden und er wird von selbst zur Einsicht kommen. Statt dessen bleibst du hart und kalt wie ein Stein! Bist du denn kein Geschöpf von Fleisch und Blut wie wir, ist nichts Menschliches in dir? Du machst mir angst, mir, der ich ein Leben an deiner Seite verbracht und den Aberglauben an deine Größe und Güte in mir genährt habe! Ach, Rameau, teurer alter Freund, wenn du mich nur bis an die Schwelle ihres Zimmerchens begleiten wolltest, nur einen Blick hineinwerfen, sie nur einmal wiedersehen, und wär's auch nur für eine Sekunde, du müßtest dich ja ihrer erbarmen. ... Den Kollegen, den Fremden hat sich das Herz im Leib umgedreht, und sie kennen das Mädchen nicht, wissen nicht, wie sanft und zärtlich und herzlieb sie ist! Dies Kind, das unser beider Freude und Lust gewesen, dessen Atemzüge wir belauschten, solange sie klein war, aus lauter Angst, sie könnte krank werden, dies Kind willst du sterben lassen? Denn, das sage ich dir, sie wird sterben und zwar durch dich! ... Verstehst du mich? ... Dich ruft sie, nach dir verlangt sie! Wenn sie aus ihrem pein- und schmerzvollen Halbschlaf erwacht und zur Besinnung kommt, sucht sie dich, und der Jammer, dich nicht an ihrer Seite zu sehen, wirft sie in den Fieberwahn zurück. ... Du bist es, der sie tötet! ... Wenn es dein Ziel ist, dich ihrer zu entledigen, so hast du wahrlich den rechten Weg eingeschlagen! Und lange wird's nicht mehr dauern, in drei bis vier Tagen ist alles vorüber.... Du verstehst mich doch, Rameau? alles zu Ende! ... Wir nageln den Sarg zu und betten sie in die Erde und dann sind wir allein, jeder für sich ganz allein, denn von einem Zusammensein ist nicht mehr die Rede! Das erkläre ich dir, ich werde dich fliehen wie ein Ungeheuer und ganz gewiß keine Gemeinschaft halten mit einem Mörder! Denn ein Mörder bist du dann!« Blaß, nach Atem ringend und völlig erschöpft sank Talvanne neben Rameau in einen Stuhl. Dieser schien in der That zu Stein geworden zu sein und kein menschliches Fühlen mehr zu kennen. Der helle Schein der Lampe fiel auf seine Stirn, die gelb und matt wie Elfenbein glänzte, sein weißer Bart bedeckte wie ein Silberschleier seine Brust und seine von vielen schlaflosen Nächten dunkel umrandeten Augenlider waren gesenkt, als ob er schliefe. Nur die Hände, die auf den Armlehnen des Stuhls auflagen, verrieten durch ihr Zucken eine mächtige innere Bewegung. »Rameau, hörst du mich?« rief Talvanne verzweifelnd. »Gieb mir Antwort!« »Ich habe dich als Herrn in meinem Hause schalten lassen,« versetzte der Doktor, ohne den Blick zu erheben und ohne daß die Starrheit und Kälte von seinen Zügen gewichen wäre. »Thue, was du willst, konsultiere, wen du willst. Handle, beschließe, befiehl. Aber mehr verlange nicht von mir. Du hast mich zum Weiterleben gezwungen und hast darin, wie ich dir damals sagte, unrecht gehabt. Du siehst es ja, daß du selbst anfängst, dein Einschreiten zu bereuen.« Der Irrenarzt schlug wild die Hände zusammen und rief mit einer Heftigkeit und Gereiztheit, die er nicht länger beherrschen konnte und wollte: »Ich kenne dich gar nicht mehr! Deine Gedanken, deine Sprache, alles gehört einem andern an! Kann sich ein Mensch in so kurzer Zeit ganz und gar verwandeln? Es ist ja, als ob du eine greuliche, abscheuerregende Rolle durchführen wolltest. Ein letztes Mal höre mich an, ein letztes Mal bitte ich dich, thu' mir's zuliebe! Als Bettler trete ich vor dich hin und flehe dich an um eine Brosame des Erbarmens für dies Kind!« »Fordre von mir nicht, was zu gewähren meine Kraft nicht ausreicht,« lautete Rameaus Antwort. Hoch aufgerichtet, bleich wie ein Sterbender, trat Talvanne vor den Freund und mit einem Ton, in dem sein innerer Zwiespalt, das namenlose Weh seines Herzens wiederhallten, rief er: »Du bist ein schlechter Mensch!« Ohne einen Blick hinter sich zu werfen, ging er hinaus und Rameau fand kein Wort, machte keine Bewegung, um den Freund eines ganzen Lebens festzuhalten. Als die Thür ins Schloß gefallen, da hob sich seine Brust, ein tiefer Seufzer entrang sich derselben und den geröteten Augen entströmten Thränen, deren bittre Flut langsam auf den schneeweißen Bart hinabtropfte. In seiner Verzweiflung flog Talvanne in langen Sätzen die Treppe hinan. Er war wieder so beweglich wie der jüngste, und wer ihn so gesehen hätte, würde auf die Vermutung gekommen sein, daß es ihn dränge, jemand eine frohe Nachricht zu bringen. An der Thür zu Adriennes kleiner Wohnung blieb er stehen, die Erregung war mit einem Male verraucht und die ganze schaudervolle Wirklichkeit stand vor ihm. Rameau weigerte sich, persönlich auch nur das Geringste für die Kranke zu thun, die er in einem einzigen Augenblick ganz und für immer aus seinem Herzen gestoßen hatte, und doch hatte er, Talvanne, sich anheischig gemacht, ihn an dies Krankenbett zurückzuführen. Wie er es ihm gesagt hatte, so verhielt es sich; das Kind dachte nur an den Vater, verlangte nur nach dem Vater, und von ihm losgerissen und hinweggestoßen, mußte sie sterben. Die Wunde, deren verheerende Wirkungen die Aerzte wahrnahmen, ohne zum Sitz des Nebels durchzudringen und ohne die Ursache zu kennen, war mit roher Faust von Rameau selbst geschlagen worden und hatte ihren Sitz im Herzen. Der Vater allein hätte sie zu schließen und zu heilen vermocht, und er weigerte sich dessen. Damit war alles verloren und das arme unschuldige Opfer, dessen Gehirn die qualvolle Glut versengte und verdorrte, war dazu verdammt, sein Leben in der immer wachsenden Angst des Fiebers auszuhauchen. Was sollte Talvanne erwidern, wenn sie auch heute wieder die alte Frage an ihn stellte, die sie von der ersten Stunde an unaufhörlich wiederholt hatte: »Weshalb kommt der Papa nicht?« Wieder mußte er sie zu tauschen suchen, sie mit Lügen abspeisen, wie es nun seit zwei Tagen seine unselige Aufgabe war. Er kam dahin, daß er nur noch wünschte, daß sie nicht mehr aus dem fürchterlichen Schlaf erwache, der nichts war, als ein Zustand der Betäubung, in dem Schreckensbilder sie ängstigten, ein schwerer Alp auf ihrer Brust lag und sie sich rings von drohenden Gestalten umringt sah, daß sie unaufhörlich um Hilfe rief und um Gnade bat. Immer wähnte sie sich in einen Kampf, eine gewaltsame Scene verwickelt und Talvanne konnte sich diese Scene deutlich genug vorstellen, er kannte das Schreckbild, das sie in Angst und Verzweiflung trieb. Ein Zimmer voll Schutt und Trümmer, mitten darin Rameau mit wildem Haar, den Schaum auf den Lippen, das sah sie allezeit vor sich, und diese Vorstellung entlockte ihr den immer wiederholten, herzzerreißenden Jammerruf: »Papa, o Papa! O verzeih mir doch! ... Ich kann ja nichts dafür, daß du Kummer hast! ... O Papa, thu' mir nicht so weh!« Und dann bat und flehte sie so sanft und rührend, daß Talvanne die Augen übergingen und daß Robert vor Schmerz und Wut aufstöhnte und sich in ohnmächtigem Jammer die Nägel der geballten Fäuste ins Fleisch grub. Dies angebetete Wesen von jedem Schmerz befreien, sich für sie zu opfern, in den Tod gehen, um ihr ein Leid zu ersparen, das war's, was die beiden Männer, der Pate und der Verlobte ersehnten und erstrebten. Allein sie waren machtlos, während einer, der mit einem Wort, einer Handbewegung dies Martyrium hätte enden können, sich in wildem Eigenwillen weigerte, dies Wort zu sprechen, diese Bewegung auszuführen, und unbeweglich, wie zu Stein oder zum Eisklumpen geworden, in seinem Wahnsinn verharrte, der ihm Kopf und Herz ausbrannte. Nach dem, was Talvanne versucht und gewagt, war nichts mehr bei ihm zu machen. Nicht Vernunft, nicht Bitte, nicht Zorn verfingen. Wenn einer ihm die Pistole an die Stirn gehalten und gerufen hätte: »Rette sie oder ich schieße dich nieder!« so wäre seine Antwort gewesen: »Gesegnet deine Hand, wenn sie mir den Tod gibt, das einzige, wornach mich verlangt!« Nichts, nichts war mehr zu thun! Alle menschlichen Hilfsmittel waren erschöpft. Der Vorsehung die Sache anheimstellen, auf die Natur hoffen, das war alles, was ihnen blieb. Und doch, so namenlos die innere Wut in ihm gärte, so sehr er außer sich war, Talvanne gab die Hoffnung noch nicht auf. Woher die Hilfe kommen sollte, das wußte er nicht zu sagen, aber auf ihr Kommen wartete er; das Wunder, von dem er bei Rameau gesprochen, mußte und würde geschehen, und wenn ein Blitzschlag herniederfahren sollte, um den versiegten Quell der Güte in diesem Herzen wieder fliehen zu machen. Es war ja unmöglich, daß nichts, gar nichts geschehen sollte; Adrienne konnte nicht sterben! Und doch, sie war nahe daran, und mit entsetzlicher Deutlichkeit traten ihm plötzlich die prophetischen Worte, die Conchita an Münzels Totenbett gesprochen hatte, vor die Seele: »Wer dem Gottlosen nahe tritt, den ereilt das Geschick: was um ihn ist, wird von dem tödlichen Hauch seines Giftes berührt.« Alle waren sie unterlegen, wie sie es vorausgesagt, und jetzt war die Reihe an dies Kind gekommen. Er glaubte die junge Frau vor sich zu sehen in ihren schwarzen Gewändern mit dem ausgestreckten Arm und dem prophetischen Leuchten im Blick. Heftig schüttelte er den Kopf, um solche Gedanken energisch von sich zu weisen, und dabei ward er plötzlich zu seiner Ueberraschung inne, daß er sich immer noch im Flur des oberen Stockwerks vor der Thür zum kleinen Salon und gänzlich im Dunkeln befand und wohl eine halbe Stunde so dagestanden haben mochte. Auf den Zehenspitzen schlich er nun vollends in Adriennes Zimmer, wo sich Robert, der am Kamin saß, rasch erhob und ihm mit fragender Miene und Gebärde entgegenging. »Unmöglich, ihn dazu zu bewegen!« beantwortete Talvanne die unausgesprochene Frage. »Und wenn ich einen Versuch wagte?« »Das wäre meiner Ansicht nach völlig hoffnungslos, und jedenfalls müssen wir uns dieses letzte Auskunftsmittel noch bis zum äußersten aufsparen und vorbehalten. Nach dem, was ich ihn anzuhören gezwungen habe, wüßte ich nicht, was du vorbringen könntest, das ihn tiefer packte. Der Schlag, der ihn betroffen, hat alle Bande, die ihn mit uns verknüpft, zerrissen; unser Jammer rührt ihn nicht mehr; er hat alle Fühlung mit dem Menschlichen verloren. Daß mir für meine alten Tage noch eine solche Prüfung bestimmt sei, hätte ich mir nie gedacht; mir bricht's das Herz! Wie steht es bei Adrienne?« »Sie klagt über heftige Schmerzen im Kopf und die Empfindlichkeit gegen Licht ist peinvoll gesteigert ... sie erträgt es durchaus nicht. ...« »Sind die Wahnvorstellungen wiedergekehrt?« »Ja, während des Schlummers. Mit dem Erwachen kommt immer dieselbe Sehnsucht zum Ausdruck.« »Nach ihrem Vater?« »Ja. Nun ist es acht Uhr. Sie sind jetzt zwei Nächte dageblieben, heute werde ich mit Rosalie wachen, und Sie müssen nach Hause fahren und sich gründlich ausruhen.« »Gut, wir wollen's so machen, aber bis Mitternacht bleibe ich hier.« Er trat ans Bett. Unter den zum Schutze gegen das Licht zugezogenen Vorhängen ließ sich ein unregelmäßiges, pfeifendes, mühsames Atmen und ein undeutliches Murmeln und Flüstern vernehmen. Talvanne beugte sich herab, und nachdem sein Auge sich an das Dämmerlicht gewöhnt, unterschied er die von der Krankheit entstellten und verzerrten Züge des jungen Mädchens. Von der rosigen Frische, die ihrem Gesichtchen solchen Zauber verliehen, war jede Spur dahin. Ein paar unheimlich rote Flecken auf den Wangen ausgenommen, war sie totenblaß, und der immer noch krampfverzogene Kiefer war eingesunken und abgemagert. Von den fieberverbrannten Lippen kamen einzelne Worte, immer dieselben und immer denselben Gedankengang verratend. Auf ihrer Stirn standen große Schweißtropfen; ihre Glieder zuckten unter der Decke, als ob sie auf einem glühenden Rost läge. Talvanne schüttelte den Kopf, seufzte tief auf und setzte sich dann neben Robert. Schweigend lauschten beide dem einförmigen Ticken der Standuhr. Gegen halb neun Uhr wurde die Thür leise und sachte geöffnet, und die alte Rosalie erschien. Sie ging auf die beiden Herren zu und flüsterte ihnen vorsichtig ins Ohr, daß sie ihre Mahlzeit in den kleinen Salon heraufgeschickt habe. »Es ist des Herrn Mittagessen,« sagte sie mit mitleidigem Ton. »Er hat nichts angerührt.« Auch Talvanne und Robert schienen wenig Eßlust zu verspüren. »Man darf nicht so von Kräften kommen,« redete sie ihnen zu. »Sie werden sie schon noch brauchen können.« Sie standen auf und folgten der getreuen Dienerin in den kleinen Salon, wo auf einem Tischchen für beide gedeckt war. Todestraurig setzten sie sich einander gegenüber und aßen schweigend ein paar Bissen – welch fröhliche Mahlzeiten hatten sie nicht sonst unter diesem Dache eingenommen! Rameau hatte sich, seit Talvanne das Zimmer verlassen, nicht von der Stelle gerührt. Wie leblos lehnte er in tiefem Nachdenken in seinem Stuhl. Mehrmals war die Haushälterin hereingekommen und hatte alles aufgeboten, um ihn zum Essen zu bewegen. Sie hatte einen kleinen Tisch neben ihn rücken wollen, damit er gar nicht aufzustehen brauche. Da hatte sich seine Stirn noch tiefer gefurcht und er hatte ein ärgerliches: »Weg mit dem Zeug!« gemurmelt, um gleich wieder in seine wilden, trostlosen Gedanken zu versinken. Wie er so da saß, in dem schwarzen, weiten Hausrock, mitten unter seinen Büchern, gemahnte er an den alten Faust, der über die Geheimnisse des menschlichen Daseins brütet. Seit zwei Tagen und Nächten hatte er nicht eine Sekunde die Augen geschlossen, und doch glaubte er, nie ein stärkeres Schlafbedürfnis empfunden zu haben. Aber rast- und ruhelos arbeitete sein Gehirn, alles Wirkliche und Greifbare um ihn her versank in nichts, und mit mächtigem Flügelschlag hob sich sein Gedanke hoch und höher, bis in die Regionen der ewigen Einsamkeit, wo nach der Dichter Sang die Seelen der Verstorbenen kreisen, und eng umschlungen wie Francesca da Rimini und Paolo sah auch er ein ehebrecherisches Paar dahinschweben, klagend und verzweiflungsvoll, unauflöslich aneinander geschmiedet durch die Qual des Gewissens. Er vermochte es nicht, den Blick von diesen Gestalten abzuwenden, und ein namenloses Weh preßte ihm das Herz zusammen. Immer wieder versuchte er es, sie einzuholen, und immer blieb die Entfernung zwischen ihm und ihnen die nämliche. Mit leidenschaftlicher Hast verfolgte er sie, allein sie verloren sich in der wüsten Unendlichkeit, und schaurig flatterten ihre lang herabhängenden schwarzen Schleier um sie her; ohne Rast und ohne Ermüdung zogen sie ihre Bahn und ihm war, als ob er ewig und endlos hinter ihnen herjagen müßte, gestachelt und verzehrt von dem wilden Verlangen, sie festzuhalten und zu züchtigen. Stunde auf Stunde verfloß; der düstere Wahn, dem er zur Beute ward, wich nicht. Beruf, Welt, Freunde, alles war versunken und vergessen, und er lebte traumumfangen nur noch in den Gebilden seines überreizten Gehirns. Rosalie trat wieder bei ihm ein; er hörte sie nicht; sie sprach ihn an und beschwor ihn, sich zu Bett zu legen, nicht abermals die ganze Nacht in seinem Lehnstuhl zu verbringen, er gab ihr keine Antwort. Nach und nach verstummte jedes Geräusch; das Haus lag schweigend und dunkel wie ein Grab. Talvanne war längst fort, die Nacht ging zur Neige, die Lampen brannten trübe und waren dem Erlöschen nahe, und immer noch sann und träumte Rameau mit umwölkter Stirn und starrem Blick und einem zornigen, drohenden Zucken der Lippen. Es schlug zwei Uhr. Ein plötzlicher Frost, die erste körperliche Empfindung, deren er sich seit achtundvierzig Stunden bewußt wurde, schüttelte ihn und machte ihn zusammenschaudern. Verstört sah er um sich und bemerkte, daß kein Feuer mehr im Kamin brannte, sein Zimmer öde und verlassen und die Nacht weit vorgeschritten war. Die Gegenwart mit ihrem Jammer tauchte in seiner Erinnerung auf; eine flüchtige Vision zeigte ihm Adriennes helles, heiteres Zimmer, in dem sie in Schmerzen, als eine Sterbende lag, und ein stechendes Weh durchfuhr wie ein scharfer Pfeil sein Herz. Er sagte sich, daß er nicht der einzige sei, der zu leiden habe, und daß diese freiwillige Hingabe an den Jammer ungeheuerliche Selbstsucht sei. Aber sofort wallte der Zorn wieder heiß in ihm auf, und er riß das Mitleid, welches gewagt hatte, seine Stimme zu erheben, mit der Wurzel aus. Ein Leiden, das dem seinigen zu vergleichen war, konnte, durfte es nicht geben. Was lag an den andern? Stand er jetzt nicht ganz allein? Welches Band neu zu knüpfen konnte ihm die menschliche Schwachheit raten? Das, welches ihn mit dem Verbrechen, dessen Opfer er war, verband? Nein, nie und nimmer! Einer solchen Feigheit wollte er sich nicht schuldig machen. Er erhob sich und ging mit schwerem, schleppendem Schritt umher. Ringsum Schweigen. Er war äußerlich wie innerlich abgetrennt von der Menschheit und einsam. Die Oede, die er durch Heftigkeit und Härte um sich geschaffen, sie blieb, man löste sich von ihm los – das fühlte er – so gut wie er sich von den andern losgelöst. Hatte ihm nicht sogar Talvanne gesagt, daß er nicht wiederkehren werde? Talvanne! War das möglich? Sollte Rameaus letzte Stunde kommen, ohne daß der Freund ihm die Augen zudrückte? Allein sein, allein wie ein freiwilliger Paria, war es nicht das gewesen, wonach ihn verlangt? Langsam ging er nach der Thür und öffnete dieselbe! er brauchte kein Licht, jeder Winkel des Hauses war ihm ja bekannt. Sein Fuß bedurfte der Hilfe des Auges nicht, um hier allenthalben seinen Weg zu finden. Er durchschritt den Flur und gelangte an den Anfang der Treppe, die zu Adriennes Gemächern führte. Ueberall tiefes Schweigen, kein Gehen und Kommen, kein Schleichen und Flüstern im oberen Stockwerke, nichts was Nachtwache und treue Krankenpflege verraten hätte. Hatte man auch sie verlassen und vernachlässigt oder – ein Schauer überlief ihn – war alles vorüber? War sie tot? Er fing an sich im Dunkeln die Treppe hinanzutasten; von Stufe zu Stufe lockte ihn eine Neugierde, deren er sich nicht zu erwehren wußte. Wen er wohl dort oben vorfinden würde? Was er zu sehen bekäme? Vielleicht Menschen, die, vor Leid zusammenbrechend, im Schein der Totenkerzen bei einem starren, wächsernen Gesicht die letzte Wache hielten! Vielleicht würde er bald Seufzer, Gebete und Schluchzen vernehmen! Er ging weiter und weiter, gelangte bis an den Salon, der offen stand, und trat ein. Durch eine Spalte der nur angelehnten Thür ins Nebenzimmer fiel ein schmaler Lichtstreifen, und er vernahm eine halblaute Stimme, die Psalmen zu singen schien. Er trat noch einen Schritt weiter vor, näherte sein Gesicht der Thüröffnung und blickte hinein. Beim schwachen, zitternden Schein eines Nachtlichtes erkannte er Robert, der ganz nahe am Bett, fast von den Vorhängen desselben verdeckt, saß. Er war es, dessen Stimme er gehört; er sprach, aber die, zu der er sprach, hörte ihn nicht. Sie war abermals von den entsetzlichen Fieberphantasieen befangen, die ihr nur von Zeit zu Zeit eine kurze Spanne der Klarheit ließen, um sie dann mit neuer Gewalt zu erfassen und die ihr Leben langsam aber sicher zu verlöschen drohten. Um sie diesem Schlummer zu entreißen, der ein Vorläufer des Todes zu sein schien, redete der Verlobte mit ihr, bat und beschwor sie mit glühender, jammervoller Innigkeit. Es war ein ergreifendes und zugleich unheimliches Bild mitten in diesem Dunkel und diesem Schweigen: der Lebende, der die Halbtote mit Liebesworten und Liebeskraft zu erwecken und festzuhalten suchte. Mit gierigem Ohr lauschte Rameau, und Robert, der nun, nachdem Talvanne sich entfernt, Rosalie sich zur Ruhe gelegt und der Vater sich feindselig und eigensinnig von der Welt verschlossen hatte, ganz allein zu sein glaubte, ließ dem Jammer seines Herzens freien Lauf. »Ist es möglich, daß wir dich verlieren sollen,« flüsterte er über Adriennes leblose Hand gebeugt, »dich, du Süße, Gute, Liebliche? Was wird unser Leben sein ohne dich? Reue und Verzweiflung werden die verzehren, die dich von sich gelassen! Dann wird man ermessen, welche Leere dein Scheiden gelassen, dann wird man dich zurückrufen, zurückfordern, aber keine Stimme wird mehr zu dir dringen! Dann wird es heißen: zu spät! Und jetzt, jetzt würde ein einziger Lichtstrahl, der in die Nacht des Wahnsinns fiele, ein einziger, vernünftiger Gedanke, der diesen unbegreiflichen Wahn erhellte, hinreichen, um dich zu retten.... Wenn der, nach dem deine Seele schreit, den du in jedem lichten Moment so flehentlich rufst, sich herbeiließe, an dein Bett zu treten, wenn er das Unrecht, das ihm widerfahren, und für das du wahrhaftig nicht verantwortlich bist, vergessen, und sich deiner Liebe, deiner Anmut, deiner Engelhaftigkeit entsinnen wollte, dann wäre dein Leben gesichert, denn sein Zorn ist deine Krankheit, daran, daß er dich verläßt, stirbst du. Und ich, ich bin dazu verdammt, unthätig solch himmelschreiende Ungerechtigkeit mit anzusehen, solche Feindseligkeit zu ertragen, und kann nichts, nichts für dich thun! ... Und doch hast du mich lieb, aber die Liebe zu dem, der dich tötet, ist mächtiger in dir! Armes Kind, wie glühend deine süße, kleine Hand ist! Hörst du mich nicht? O erwache, raffe dich auf, lieg nicht immer so leblos da und murmle Worte, deren Sinn wir erraten... Dein Vater wird kommen ... ja, o ja, auf meinen Knieen werde ich ihn darum anflehen. ... Dein Pate hat es nicht verstanden, ihm das Herz zu rühren, er ist hart und heftig mit ihm verfahren! So darf man dem Meister nicht kommen ... den Thränen hätte er nicht widerstanden... und ich werde ihn rühren und erweichen, wenn er anders noch ein Herz in der Brust hat. ... O Geliebte, dir Erleichterung zu schaffen, würde ich alles überwinden, vor nichts zurückschrecken! Die Macht, dich zu retten, wie gerne würde ich sie mit meinem Leben bezahlen! ... Dich haßt er, dich? ... Und wegen irgend einer vermoderten Thorheit! Und wenn du heute wieder gesund und frisch und glücklich wärst und mich verließest, um einen andern zu lieben, ich könnte dir kein Leid zufügen, nichts Böses wünschen ... ich würde sterben vor Jammer und Schmerz, und mit dem letzten Atemzug würde ich dir Glück und Freude erflehen. Dich hassen! Ist es denn möglich? Es kann ja nur eine vorübergehende Geistesstörung sein! O verlaß uns nicht, habe Geduld, warte es ab, er wird dir zurückkehren, Kummer und Leid werden schwinden, aus deinen lieben Augen werden wir wieder die helle Fröhlichkeit strahlen sehen und dein süßer Mund wird lachen und plaudern....« Ganz außer sich preßte er die schmale Hand des jungen Mädchens, als ob er die Krankheit von ihr nehmen und ihr seine Gesundheit geben könnte. Er fühlte die abgemagerten Fingerchen sich unruhig bewegen, und als er sich erhob, sah er, daß Adrienne mit offenen Augen in die Nacht starrte. Mit großer Anstrengung wandte sie den Kopf und sah den Verlobten an. »Du bist's, Robert! ... Ist der Pate nicht mehr da?« Sie zögerte, dann fragte sie noch leiser als zuvor: »Und wo ist der Papa? Ich möchte ihn so gerne sehen!« »Er war da, eben vorhin, Liebste, aber du hast geschlafen,« erwiderte der junge Mann. Ein todestrauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen. »Ja wohl, er kommt immer, wenn ich schlafe ... ihr sagt es ... aber nie ist er da, wenn ich aufwache, nie ...« Sie schwieg, und erst nach einigen Minuten fuhr sie mit herzzerreißendem Ausdruck fort: »Und das thut mir so weh ... o so furchtbar weh ...« Ihr Blick wurde wieder irr und unstät, der Kopf sank aufs Kissen zurück, ein paarmal flüsterte sie noch: »O so weh!... So weh ...« dann begann das Delirium von neuem. Verzweifelnd drückte Robert seine brennende Stirn auf das fieberheiße Händchen, das sie ihm nicht entzogen hatte, und Rameau hörte ihn schluchzen. Noch gebeugter, noch düsterer, noch unglücklicher, als er gekommen, entfernte sich der Doktor, schlich sich im Dunkel davon wie ein Verbrecher, erschrocken und geängstigt dies Bild voll Jammer und Todesangst fliehend. Er ging leisen Schritts die Treppe hinab und trat in sein Zimmer. Er konnte nicht sitzen, er mußte umhergehen, sich bewegen, eine heftige Erregung gärte in ihm. Seine Gedanken hatten eine andre Richtung genommen. Nun waren es nicht mehr Conchita und Münzel, die seine Phantasie ihm vor Augen führte; das ehebrecherische Paar war verschwunden und an seiner Stelle beschäftigte ihn die junge Kranke, der er körperlich so nahe war, und von der ihn innerlich so unermeßliche Weiten trennten. Er sah das lichte, freundliche Zimmer vor sich, die weißen Vorhänge, die den süßen, friedlichen Schlummer des Kindes so oft behütet hatten, und aus deren Schatten nun das ungleiche Atmen eines qualvollen Fieberschlummers zu ihm drang. Das Geschöpf, das sich dort in Schmerzen wand, war dasselbe süße Mädchen, das er so geliebt, dessen Schmeichelworte ihm die Seele bewegt, und er machte keinen Versuch, sie zu heilen. Er wollte sich vor sich selbst rechtfertigen. »Was geht mich das Mädchen an?« sagte er sich. »Ich kenne sie nicht, und wäre es nicht um die Erklärung, welche die Welt von mir verlangen würde, und vor der ich zurückschrecke, ich würde sie aus meinem Hause entfernt haben. Ich liebe sie nicht, ich kann sie nicht lieben. Das hieße all dem Lug und Trug noch einen weiteren hinzufügen! Den Bastard dieser Elenden und ihres Liebhabers sollte ich lieben? Die Schande anerkennen, gutheißen? O! Das fehlte mir gerade noch, dazu müßte ich denn doch erst geistesschwach und kindisch geworden sein! Unsinn! Schwachheit! Die andern konnten mich entehren, ich selbst werde es nicht thun!« Zum erstenmal erhob sich, erst noch ganz leise und schüchtern, eine Stimme in ihm, die völlig andrer Meinung war. Wer wüßte denn darum? Talvanne? Ach, der hat ja selbst um Barmherzigkeit und Liebe für sie gebeten! Robert? Der wird dir's sein Lebenlang danken! Aber sofort lehnte er sich wieder gegen diese feige Ratgeberin auf und verschwor sich, so treulosem, schwächlichem Zureden die Seele nicht aufzuthun. Er versuchte sich ganz und gar mit Gleichgültigkeit zu wappnen, aber das wollte nicht recht gelingen. Vergebens mühte er sich, an andre Dinge zu denken, seine Einbildungskraft mit andern Gegenständen zu beschäftigen, aber immer wieder tauchte das nämliche Bild vor ihm auf: das weiße, wie zu glücklichen Träumen geschaffene Bett, in dem die Kleine, von Fieberglut verzehrt, von Schreckgestalten geängstigt, so jammervoll daniederlag. Immer zudringlicher wurde diese Vorstellung; sie steigerte sich in eigentümlicher Weise und er empfand ein heftiges Verlangen, alles, was vor sich ging, zu erfahren. Beinahe war er versucht zu klingeln, um sich Nachricht geben zu lassen. Darin lag aber immer noch kein Wiederaufleben seiner Zärtlichkeit, er fühlte sich nicht zu dem Kind hingezogen; es kam ihm vor, daß er gar keinen Anteil mehr an ihr nehmen würde, sobald sie wieder hergestellt wäre. Jetzt aber war sie krank und er sagte sich: »Nur weil sie krank ist, beschäftigt sie mich.« Diese Bemäntelung seiner inneren Anfechtung und Aufregung erfüllte ihn mit Genugthuung. Der Tag brach an; er öffnete ein Fenster und setzte sich wieder in seinen tiefen Lehnstuhl. Die frische, reine Morgenluft that ihm wohl; er atmete sie mit Lust ein, ging dann an seinen Tisch und griff nach einem Buch, und bis zum Frühstück las er ruhig und gesammelt. Rosalie, die morgens eintrat, war fast eben so entsetzt wie überrascht, ihn so ruhig zu finden, wie wenn auf der weiten Welt nichts Außergewöhnliches vorgefallen wäre. Sie hatte darauf gerechnet, daß die Erschöpfung, die mit Notwendigkeit auf diesen Sturm folgen müsse, eine Wandlung in dem Geisteszustand ihres Gebieters hervorbringen werde, und jetzt, da sie ihn niedergeschlagen, elend und dem Einfluß seiner Umgebung preisgegeben zu finden erwartet, hatte er sich schon selbst aufgerichtet und war so kraftvoll und sicher in sich wie je. Sie fragte sich, ob er denn einen Pakt mit den Unsichtbaren habe, aus dem ihm geheimnisvolle Kräfte zuströmten. Er nahm von seiner gewohnten Mahlzeit, kaltem Fleisch und Obst, die sie ihm auf einer Platte gebracht, ein paar Bissen zu sich und trank ein Glas Wasser. Noch hatte sie seine Stimme nicht wieder vernommen, und sie schickte sich an, ohne ein Wort das Zimmer zu verlassen. Erst als sie schon an der Thür war, gewann er es über sich, eine Frage zu stellen, die ihm auf den Lippen brannte. »Ist Doktor Talvanne da?« »Ja, Herr Doktor,« war die Antwort. »Er ist oben mit Herrn Robert.« Sie nannte Adriennes Namen nicht, sagte nicht: »bei Ihrer Tochter«, nur »oben«, das war alles. Und war das nicht auch alles, was er hatte wissen wollen? Sie wollte hinzusetzen: »es steht nicht gut,« aber sie bezwang sich und schwieg. Auf Rameaus Zügen lag ein Schmerzensausdruck, und sein vorher blasses Gesicht war jetzt erdfahl; mit einer hastigen, ärgerlichen Handbewegung gebot er der alten Dienerin, ihn allein zu lassen. Talvanne hatte also Ernst gemacht mit seiner Drohung – er kam nicht mehr zu ihm. »Oben« war er, bei seinem Patenkind, aber er hatte sich nicht im unteren Geschoß aufgehalten, um seinem alten Kameraden die Hand zu drücken. Das war seit vierzig Jahren zum erstenmal unterblieben. Eine tiefe Traurigkeit überkam ihn; wohl hatte er jedes Wort gehört, was Talvanne ihm gesagt, aber er hatte nicht an die Möglichkeit seiner Rache geglaubt. »Jetzt bin ich allein,« sagte er sich, »alles versagt mir zu gleicher Zeit. An nichts kann ich mich halten – nun ist es völlig und für immer öde und leer um mich.« Das Gefühl dieser Oede und Verlassenheit machte ihm einen fürchterlichen Eindruck. Er hatte Schwindel und er fragte sich mit Entsetzen, ob das, was er empfinde, nicht Furcht sei. Ein ihm bisher fremder Druck schnürte ihm das Herz zusammen, er grollte mit sich und mit den andern. Eine schwere Last schien ihn erdrücken und ersticken zu wollen, und fast wollte ihm scheinen, als ob dies Gewissensbisse seien. Mit Empörung wies er den Gedanken von sich. Gewissensbisse – worüber? Was hatte er sich vorzuwerfen? War er denn der Schuldige? Er lächelte bitter: Arme Menschheit, die sich immer auf dem Meer der Träume hin und her schaukelt und vor der Wirklichkeit erschrickt! Schwachheit, Schwachheit und nichts als Schwachheit! Eine Veränderung in seinen Lebensgewohnheiten, eine Umgestaltung in seinem Tageslauf, und selbst er, der starke Geist, verlor das Gleichgewicht seiner Fähigkeiten! Talvanne grollte und bot ihm Trotz, und diese augenblickliche Feindseligkeit veranlaßte ihn, alles schwarz zu sehen und sich zu ängstigen wie ein Kind, dem vor Gespenstern graut. Gespenster, Phantasiegebilde! das war ja all diese Traurigkeit, all diese Schwermut; sobald er fest hinsah, mußten sie in nichts zerfließen. Lange Stunden arbeitete er heute mit aller Macht, sich moralisch zu kräftigen, sich innerlich zu festigen. Er setzte all seine Willenskraft und seinen vollen Mut ein, um zum Ziel zu gelangen, und vermittelst großer Anstrengungen erreichte er dasselbe auch. Es gelang ihm, eine Gewissensprüfung anzustellen, aus der er frei aller Schuld gegen die andern hervorging, ebenso frei, wie sie schuldig waren. Er glaubte auf Talvannes Gerechtigkeitssinn bauen zu können und tröstete sich mit der sicheren Hoffnung, daß der Freund zu ihm zurückkehren werde. All seine Festigkeit stand ihm wieder zu Gebot, und er hatte sich selbst überzeugt, daß er so, wie er gehandelt, hatte handeln müssen. Seine Kollegen, die sich zum Zweck der jeden Tag stattfindenden Konsultation einfanden, empfing er wie sonst und er schien ganz zu übersehen, daß Talvanne sich ihnen nicht angeschlossen hatte. Er besprach den Fall und die bisher eingeschlagenen Wege zur Bekämpfung des Fiebers, ließ sich Trost und Hoffnung einreden und spielte die Rolle des besorgten Vaters mit einer grauenhaften Sicherheit und Ruhe. Als aber gegen sechs Uhr abends die Dämmerung hereinbrach, kam von neuem die Unruhe über ihn. Er konnte sich nicht still verhalten und fing wieder an, mit großen Schritten auf und ab zu gehen. Auf sein Klingeln erschien Rosalie; er verlangte Licht, und während sie ihm die Lampe anzündete, fragte er heute zum zweitenmal: »Ist Doktor Talvanne hier?« Erstaunt und vorwurfsvoll sah ihm die alte Dienerin ins Gesicht. »Ach, Herr Doktor, seit heute früh schon! Er ist den ganzen Tag oben!« Wieder dies »oben«, nicht »bei dem Fräulein«, wie sie sonst zu sagen pflegte, wenn sie förmlich sprach, oder »bei Adrienne«, wie sie oft vertraulich sagte. Oben! Rameau stellte sich vor die alte Frau hin und bemerkte plötzlich, daß große Thränen an ihren Wimpern hingen. Es war, als ob sein Atem ins Stocken gerate, und seine Stimme klang sehr unsicher, als er fragte: »Steht es weniger gut?« Jetzt brach Rosalie in fassungsloses Schluchzen aus. »O, Herr Doktor! Herr Doktor!« stammelte sie. »Die Kleine, die wir in Baumwolle gewickelt und wie unsern Augapfel behütet haben vom ersten Schrei an! ... Keine Prinzessin ist so verhätschelt worden ... Und sie nun so elend hinsterben sehen! Mein Gott! Mein Gott! Muß es denn sein, daß wir sie hergeben, wie wir ihre Mutter hergeben mußten?« Bei diesen Worten erinnerte sich Rameau plötzlich, daß er der Obhut dieser Frau, die da weinend vor ihm stand, einst Conchita auf ihren Gängen zu Münzel anvertraut hatte. Er sah nicht mehr die treue Dienerin in ihr, die um das Leben des geliebten Kindes zitterte, sondern die willige Helferin eines ehrlosen Weibes. Mit einem Blicke, der sie zusammenschrecken ließ, und in schneidendem Tone warf er die Worte hin: »Da Sie es waren, welche die Mutter zu ihrem Liebhaber geführt, werden Sie sehr genau wissen, daß jenes Mädchen nicht mein Kind ist! Wozu mir die Komödie vorspielen und mich rühren wollen? Sie sind um kein Haar besser gewesen, als die andern.... Sie haben alles gewußt, nicht?« »Bei meinem ewigen Heil, erst auf ihrem Sterbelager hat meine arme Frau mir alles gesagt ... und ich, ich hätte mein Leben gegeben, es ungeschehen zu machen.« »Heuchelei und Lüge jedes Wort!« schrie Rameau wild. »Lassen Sie mich allein!« Erschrocken trat sie zurück und rang flehend die Hände. »Aber die arme Kleine, was kann denn sie dafür?...« »Leute wie Sie sind es, die mich von ihr fern halten,« erwiderte Rameau wütend. »Fort – hinaus mit Ihnen!« Er ging mit solch entsetzlichem Ausdruck auf sie zu, daß sie kein Wort mehr zu sagen wagte und sich schleunigst zurückzog. Als er allein war, erschrak er selbst über das stürmische Klopfen seines Herzens. Er hatte geglaubt, wieder vollkommen Herr über sich zu sein, und nun hatte er sich durch ein ungeschicktes Wort, eine unzeitige Bemerkung abermals zu solcher Heftigkeit hinreißen lassen, und zwar gegen eine Frau, deren unermüdliche, treue Hingebung er in fünfundzwanzig Jahren nach Gebühr hatte schätzen lernen. Weil sie ein Unglück nicht zu verhindern vermocht, trug sie die Schuld daran? Ach, er wußte es ja, daß sie die Wahrheit sprach und ihn noch niemals belogen hatte! Daß er sich selbst auf solcher Schwachheit ertappen mußte, daß er so wehr- und waffenlos war, stimmte ihn von neuem tief traurig. Ein Diener brachte ihm seine Mahlzeit, doch er ließ sie unberührt wieder abtragen. Um seine Geisteshoheit, die ihn hoch über jeden Richterspruch stellte, war es geschehen; der eine Augenblick hatte ihn wieder in die Reihen der gewöhnlichen Sterblichen, die von ihrem Blut und der Reizbarkeit ihrer Nerven abhängig sind, zurückgestoßen. Das Haupt tief gesenkt, verharrte er in finsterem Nachsinnen, und wilde, stürmische Gedanken wogten in seiner Seele. Seit er keinen Sturm, keinen Ueberfall von Talvannes Seite mehr zu fürchten hatte, geriet seine ganze Entschlossenheit ins Wanken. Rosalies Versuch einer Einmischung hatte noch einmal eine Empörung zur Folge gehabt. Wenn man ihm in seinem letzten Bollwerk beizukommen suchte, da verteidigte er sich bis aufs Blut; ließ man ihn allein und unangefochten, so war es um seine Widerstandsfähigkeit gethan. So stark er sich den andern gegenüber gezeigt, so wenig war er es gegen sich. Wie gestern, überkam ihn auch heute mit unwiderstehlicher Gewalt das Bedürfnis nach Kenntnis der Vorgänge in seinem Hause. Das Bild der jungen Kranken mit Robert an ihrer Seite, sein rührendes Flehen, daß sie nicht sterben möge, trat wieder mit voller Deutlichkeit vor seine Seele, und wieder flüsterte ihm die einschmeichelnde Stimme, die sich schon einmal hatte vernehmen lassen, zu: »So befriedige doch dein Verlangen. Geh hinaus, sieh nach; wer soll denn darum wissen?« Immer wieder dieser heuchlerische Trost, der ihn zur Feigheit antrieb! Das empörte ihn, und mit erhobener Stimme, wie wenn er mit einem unsichtbaren Gegner spräche, erklärte er: »Ich gehe nicht!« Die Zeit verstrich; es schlug Mitternacht. Die Stille um ihn her ward von keinem Laut mehr unterbrochen; kein Wagen rollte mehr die Straße entlang, lautlose, schweigende Einsamkeit umfing ihn. Man hatte annehmen können, es sei insgeheim alles so angeordnet, daß er ungehindert und unbemerkt hinaufgehen könne, sobald er nur wollte. Er machte sein Fenster auf; der Kopf war ihm so heiß und schwer. Helles Mondenlicht lag mit silbernem Schimmer auf dem Buschwerk des Gartens; eine Nachtigall fing im Fliederbusch zu flöten an und die Triller des liebetrunkenen Vögeleins standen in so grellem Gegensatz zu der Grabesstille, die drinnen herrschte, daß ihm war, als erhebe der gefiederte Sänger seinen Gesang auf einer Gruft. Er wollte denselben nicht länger hören, und warf hastig das Fenster zu. Immer noch schwankend und zögernd, ging er im Zimmer hin und her; das Verlangen, im oberen Stockwerk nachzusehen, quälte ihn förmlich. Plötzlich riß er die Thür auf, ging hinaus, im Dunkeln den Flur entlang, die Treppe hinauf und trat, ohne das leiseste Geräusch zu verursachen, in den kleinen Salon, wo er, wie gestern, die Schlafzimmerthür nur angelehnt fand. Er hörte sprechen und schlich sich näher. Wieder saß eine männliche Gestalt in dem Lehnstuhl neben dem Bette, aber diesmal war es nicht Robert, sondern Talvanne. Der von mehreren Nachtwachen übermüdete Greis, für den die Aufregungen der letzten Tage ohnehin zu viel gewesen waren, hatte dem Schlaf nicht länger widerstehen können und war eingenickt. Das Sprechen, das er vernommen, ging von der Kranken aus, die in ihrem unheilbaren Delirium da lag und unaufhörlich Wehelaute ausstieß: sie erschien ihm blässer, magerer, mehr vom Fieber abgezehrt als gestern. Auf den Zehenspitzen, wie ein Dieb, trat Rameau über die Schwelle und sogar ganz nahe an das Bett, ja er fand den Mut, das Kind genau ins Auge zu fassen. Die Verheerungen, welche die Krankheit äußerlich angerichtet, erschreckten ihn, sie deuteten auf eine tiefe Entkräftung und verkündigten dem Arzte die nahe bevorstehende Katastrophe. Die Augen des süßen Geschöpfchens waren geschlossen; ihr Blau gemahnte ihn nicht an den treulosen Freund; ihr blondes Haar war tief beschattet; sein Goldton erhob keine Anklage gegen die Ehebrecherin. Er sah nur den schmerzverzogenen Mund, dessen heiße Lippen ihn so oft geküßt, ihm so viele süße, kindliche Liebesworte zugeflüstert. Er sah nur die kleinen Hände, die seinen weißen Bart so sanft und zärtlich gestreichelt hatten, und nun im Fieber zuckten. Schmerz und Sehnsucht, Reue und Verzweiflung machten ihn erbeben. Wie gern, wie gern hätte er seine Lippen auf diese weiße Stirn gedrückt, und doch – sie flößte ihm Grauen ein! Krampfhaft rang er die Hände in Schmerz und Angst. O, die Qual, der Fluch, nicht neben diesem Schmerzenslager in die Kniee sinken zu können, nicht das Recht zu haben, diese zarte Gestalt zu umklammern und sie mit starkem Arme vor dem Tode zu schützen! O, diese Elenden! Sie hatten sein Herz vergiftet, sein Denken befleckt, seinen Glauben zerstört und zwischen ihm und dem Kinde, das er anbetete, einen Abgrund von Schande und Ekel aufgethan! Heiß und bitter drängte es sich ihm auf die Lippen, und angesichts ihres sterbenden Kindes rief er die Schuldigen zu Zeugen ihres Frevels! Plötzlich erbebte der starke Mann vom Wirbel bis zur Sohle. Ein schwaches Stimmchen ließ sich vernehmen, und mit einem Klange voll unsagbaren Jubels ertönte es: »Papa! O, Papa! Da bist du ja – endlich!« Erschüttert wollte Rameau zurückweichen, aber die zitternde kleine Hand hatte ihn gefaßt, und er fühlte sie heiß auf seinem Arme ruhen. Er sah Adriennes Augen fest auf sich gerichtet, ob sie aber blau waren oder nicht, konnte er nicht sagen, denn sie standen voll Thränen. Noch einmal versuchte er es, sich loszumachen, aber wieder erhob sich die Stimme, und noch rührender, noch inniger flehte sie: »O, Papa! Ich bitte dich, verlaß mich nicht! O bleibe da!« Regungslos, wie unter dem Bann eines schweren Alps, stand er da, es schwirrte ihm vor den Augen, ein dumpfes Getöse erfüllte sein Gehör, die Kniee versagten ihm fast den Dienst. Von neuem ließ sich die Stimme hören, aber schwächer, so daß er glaubte, es sei wieder die kleine Adrienne, wie damals, da er bei den ersten Kinderkrankheiten an ihrem Bettchen gesessen. »O, Papa, ich bin recht ... recht krank! Weder der Pate, noch Robert, noch deine Freunde können mir helfen! ... Nur du, du! O wenn du mich wieder lieb haben könntest wie sonst!« Sie stützte sich auf ihren Arm und es war herzzerreißend, sie sagen zu hören: »Ich möchte doch so gern bei euch bleiben! Ich will nicht fort ... ich möchte leben! ... O, Papa! Du hast ja immer allen Kranken geholfen, du wirst doch dein Kind nicht sterben lassen?« Jetzt löste sich der Druck auf Rameaus Brust in ein wildes Schluchzen: wie ein vom Blitz getroffener Eichbaum sank er an dem Bette nieder, und mit den ersten wohlthuenden Thränen, die er seit der Schmerzensstunde vergoß, drückte er das Kind an sich, überhäufte es mit leidenschaftlichen, tollen Liebkosungen und stammelte: »Nein, nein, mein Liebstes! Mein Herzenskind! Mein einziges Glück, mein Schatz, mein Heiligtum, du wirst nicht sterben! ... Du sollst leben, sollst mein Trost sein, mich lieb haben ...« »O ja! Das bist du wieder,« hauchte sie ganz leise und unsäglich sanft. »Ich habe dich wieder ... du bist's! ... O du darfst mich nicht mehr schlafen lassen, denn siehst du, da kommen so böse Träume und immer meine ich, du stoßest mich von dir und drohest mir....« »Hab keine Angst mehr ... du sollst schlafen, schlafen, um gesund zu werden.« Er stand aufrecht da, die hohe Gestalt stolz gehoben, als ein Kämpfer gegen den Tod, dem er Trotz zu bieten schien – der Retter, wie er stets an jedem Krankenbett erschienen war. Adrienne lächelte ihn an; er legte ihr die Hände auf die Stirn und nach wenig Augenblicken ließ die Spannung ihrer Züge nach, und ruhig, wie wenn ein gebieterischer Wille ihren Leiden Einhalt geboten hätte, ruhte sie. Eine Weile lang blieb er in seliger Betrachtung vor ihr stehen, dann wandte er sich um und begegnete Talvannes Blick. Rameau legte den Finger an den Mund, um ihm Schweigen zu befehlen, und Talvanne trat näher, schlang den Arm um seinen Freund und küßte ihn. Hand in Hand sahen sie sich ins Auge und aus beider Blick leuchtete überirdische Freude. Schließlich zog Talvanne den Doktor mit sich in den Salon und flüsterte ihm mit lachenden Augen und erleichtertem Aufseufzen zu: »Ich werde mich jetzt zu Bett legen können, nicht, mein Alter?« Rameau nickte bejahend, sagte leise: »Auf morgen früh!« und verließ den Freund, um sich an Adriennes Bett zu setzen. Zwölftes Kapitel. Talvanne, der seine eigne ärztliche Weisheit sonst immer so gering anschlug, hatte trotzdem eine bedeutende Probe derselben gegeben, als er seinen berühmten Kollegen erklärt, daß Adriennes Krankheit Sitz und Ursprung im Gemüt habe, und daß man mit mehr oder minder kräftigen Tränklein nichts gegen dieselbe vermöge. Von der Stunde an, als ihr Vater die Wache bei ihr übernommen, hatte Adrienne, die bis dahin der Krankheit gar keinen Widerstand entgegengesetzt zu haben schien, mit allen Fasern ihres Herzens sich ans Dasein geklammert, und nach wenigen Tagen war sie außer Gefahr. Wie ein farbloses, halb erfrorenes Pflänzchen im Sonnenschein sich aufrichtet, hatte sie unterm Blick des Vaters Leben und Kraft gewonnen. Jetzt, im Stadium der Genesung, war sie noch recht schwach, recht blaß, tüchtig mitgenommen vom Fiebersturm, aber doch voll wohligen Behagens und frohen Gefühls der Rückkehr ins Leben. Solange das Kind in Gefahr gewesen, war Rameau nicht von ihrer Seite gewichen und hatte ihre Behandlung mit jenem genialen Seherblick geleitet, der ihm seinen Weltruf eingetragen. Schritt für Schritt der Krankheit nachspürend, hatte er sie gezähmt, hatte, das Eintreten eines neuen Anfalls immer richtig erratend, demselben gar nie Zeit gelassen, seine unheilvolle Macht zu üben, und es war ihm auf diese Weise gelungen, dem ganzen, tief erschütterten Organismus des jungen Mädchens wieder zu voller, regelrechter Gesundheit zu verhelfen, so daß er sie zu seiner höchsten Freude kräftiger, mehr entwickelt als zuvor, aus der gefährlichen Krisis hervorgehen sah. Tag und Nacht hatte er im Verein mit Talvanne, Robert und Rosalie seine ganze Kraft eingesetzt und sich völlig geopfert, und dabei im stillen fortwährend das Zartgefühl seiner getreuen Helfer bewundert, die alle keine Ahnung von der Tragödie zu haben schienen, welche den Vater in den Grundfesten seines Daseins erschüttert und das des Kindes so grausam gefährdet hatte. Als aber Adrienne heiter und friedlich auf ihrer Chaiselongue am geöffneten Fenster lag und außer Ruhe und Erholung keiner Medizin mehr bedurfte, da war die Zeit gekommen, daß der Doktor wieder mit sich allein in seinen vier Wänden war, und nun der Wandlung, die sich in seinem Innern vollzogen, bis zu ihrem letzten Ursprung nachzuspüren sich bemühte. Rameau war keine jener Alltagsnaturen, welche die fertige Thatsache gedankenlos hinnehmen und kein Bedürfnis in sich tragen, die Ursachen zu ergründen und die Tragweite des Geschehenen zu ermessen. In einem einzigen Augenblick hatte er seinen Willen schwankend, seine felsenfesten Entschlüsse hinfällig werden sehen und er fühlte es als Recht und Pflicht, die inneren Vorgänge, welche diesen Umschlag herbeigeführt, zu untersuchen und sich klar zu machen. Er schämte sich keineswegs seines Widerrufs, er bereute es nicht, daß er die Waffen gestreckt, nein, er freute sich dessen. Trotz der Gewißheit, daß sie nicht sein Kind war, hatte er den ganzen Reichtum an Liebe für Adrienne wiedergefunden, ja vielleicht hatte er sie nur noch lieber jetzt, da sie ihm nicht mehr durch Bande des Bluts, sondern kraft des seelischen Sieges, den sie selbst über ihn errungen, angehörte. Und dennoch befand er sich in innerem Zwiespalt und geriet mit seinen Theorieen und Erfahrungen über den Naturtrieb völlig in die Brüche. Der Materialist in ihm hatte sich mit der Thatsache abzufinden, daß eine unbekannte, unerklärliche und dabei doch unbesiegbare Gewalt ihn aufs innigste mit einem Kinde verband, das nicht sein Fleisch und Blut war, und das er als greifbares Zeugnis seines Unglücks und seiner Schande zu hassen berechtigt gewesen wäre. Ob die Gewohnheit des Liebens, die seit der Stunde ihrer Geburt fortgesetzte Beschäftigung mit ihr solch mächtige Wirkung übte? Dann wäre es eigentlich die eigne Güte, die er in ihr liebte und anerkannte, ein Gefühl des Danks für die Sorgfalt, die er selbst auf sie verwendete. Ob aber eine auf so niedrigen Motiven beruhende Zuneigung, ein so alltägliches Gefühl stark genug gewesen wäre, dem Entsetzen, womit die furchtbare Entdeckung ihn erfüllt, der Wut, mit der ihn dieselbe durch bebt, standzuhalten? Nein! Das Rätsel einer Liebe, zu der sein Herz durch eine unbekannte Macht, gegen die er sich nicht aufzulehnen vermochte, gezwungen war, er vermochte es nicht zu lösen, und es schuf ihm tiefe Gedankenarbeit und innere Beunruhigung. Das Gebäude all seiner Ueberzeugungen und Anschauungen schien in seinen Grundmauern zu erbeben und aus den Fugen gehen zu wollen. Er war im Begriff, des Lebens Abhang hinabzusteigen, er hatte sich im Bewußtsein der unerschütterlichen Festigkeit seines Glaubens von jedem Kampf zurückgezogen, sich im Besitz der vollkommensten, zwiespaltfreien, geistigen Sicherheit gewähnt. Im ganzen Bereich des Menschen war er sicher, alles erprobt, alles geprüft, alles beurteilt zu haben, und glaubte nun still stehen zu können und wie der Wanderer, der mühsam die Höhe erklommen, Umschau hält über Thal und Seen, einen Blick rückwärts werfen zu können, und dann friedliche, ungestörte Rast zu halten. Und nun wichen mit einem Schlag die Grenzen des durchwanderten Gebietes zurück, dehnten sich in unbestimmte Form, die Horizontlinie verlief sich ins Unabsehbare und Rameau erblickte mit Bestürzung eine Fläche vor sich, die der, welche er erforscht, an Ausdehnung weit überlegen war. Oder vielmehr, der Raum, der sich vor seinen Augen dehnte, der wie aus plötzlich hinweggezogenen Verhüllungen hervortrat, er war ihm nicht ganz fremd, hatte sein Vorhandensein immer geahnt, aber er hatte geflissentlich die Blicke davon abgewendet, er hatte nicht sehen wollen. Das Arbeitsfeld des Materialismus, das war sein Eigentum, das war das Ziel seiner Eroberungs- und Herrscherlust gewesen, und nun, da er dies Ziel erreicht, erblickte er plötzlich, wie Moses vom Berge Nebo, ein neues unbekanntes Reich, das gelobte Land, das er geleugnet und bestritten hatte, und das sich jetzt als die Welt des Idealen vor ihm aufthat, tausendfach fruchtbarer und mehr verheißend als alles, was ihm bis hierher das Höchste gewesen. Erbebend nahm er die unerwartete Offenbarung entgegen; erhaben und leuchtend stellte sich ihm das kaum Geahnte dar. Hier war es, das Land, in dem die Schönheit keusch, die Tugend süß, die Liebe rein war, das Reich des Idealen, wo das Glück ewig währt und wo im ruhigen Lichtglanz der Zweifel schwindet wie Morgenwölkchen vor dem Strahl der Sonne. Geblendet von der Klarheit, die ihn umflutete, wollte Rameau sich ihrem Flammenschein entziehen; die Augen gingen ihm über und er wollte fliehen, zurück in den Schatten, zurück in das Dunkel. Die Unendlichkeit, durch die er sich hingetragen fühlte, beklemmte ihm die Brust; er strebte nach der Erde. Mit gewaltiger Anstrengung stellte er sich wieder auf den Boden der sinnlichen Erscheinungen: er gewann seine Ruhe wieder, sammelte sich, und nachdem er sich vergewissert, daß er nicht das Opfer eines Zauberspuks gewesen und seine klare Vernunft ihm noch zu Diensten sei, versuchte er es, die große Frage kaltblütig zu erörtern. Sobald er ein über der Materie stehendes Prinzip zugab, war er genötigt, anzuerkennen, was er bisher mit aller Kraft des Menschenstolzes geleugnet hatte: das Vorhandensein einer Seele. Er stieß ein bittres Gelächter aus. Eine Seele! Wo denn? In welchem Körperteil hatte sie ihren Wohnsitz? Von welchem Organ war sie die bewegende Triebkraft? Beherrschte sie das Gehirn? Setzte sie das Herz in Bewegung? Unsinn! Das alles war ja unmöglich! Seine Seele war seine Denkkraft, war die Zusammenfassung seiner durch Arbeit erworbenen und entwickelten Vorstellungen, die Vervollkommnung seiner physischen Triebe, welche er bis zu sittlichen Eigenschaften geläutert und erhoben hatte. Die Seele? Sie war sein zum Ausdruck kommendes Urteil, die Kundgebung seines Willens und nichts andres. Nichts andres? Und doch erinnerte er sich sehr deutlich, daß es sein fester Wille gewesen, Adrienne zu hassen, daß, wenn er seinem Urteil hätte folgen können, er sich mit Abscheu von ihr abgewendet haben würde, daß aber eine Macht, die er sich nicht zu erklären vermochte und der er im Widerspruch mit sich selbst gehorcht hatte, ihn trotzdem an das Krankenbett des jener Schuld entsprungenen Kindes gedrängt. Daß jene Macht ihn zum Mitleid gezwungen und ihn schließlich bebenden Herzens, von Zärtlichkeit überfließend, zu den Füßen derer, die er hassen wollte und sollte, niedergeworfen hatte. Er wollte hassen und er liebte. Nicht die flüchtige Aufwallung eines unbewachten Augenblicks, nicht eine Rührung, die durch die Erregung der furchtbar gereizten Nerven herbeigeführt worden wäre, nein, ein tiefes, gewaltiges Erbarmen war aus seinem Innersten hervorgequollen und hatte sich wie ein Leben schaffender Strom ergossen und ausgebreitet. Er liebte Adrienne und er fühlte, daß er sie lieben werde, solange Leben in ihm. Welche höhere Macht aber hatte den heiligen Quell erschlossen, der sein Denken und Empfinden erfrischte und verjüngte? An welche gebunden in ihm ruhende Kraft hatte diese höhere Macht sich gewendet? Wie man sie auch nennen möge, Seele oder Verstand, das Ding war da, sie glühte in ihm, göttlich und nicht menschlich wahrnehmbar, und weder der zufällige Zusammenfluß der Atome, noch die Wissenschaft des Menschen hatte sie geschaffen. Abermals in höhere Regionen emporgetragen, verlangte es Rameau nicht mehr herabzusteigen. Eine ihm noch fremde Begeisterung erfüllte sein Wesen in überströmendem Maß, eine wonnige Trunkenheit durchbebte ihn. Er glaubte seine Stirne brennen zu fühlen, als ob seine Gedanken sich in heiliger Glut entzündeten und der ganze Mensch überirdischer Freude voll sei. All die alten Ueberzeugungen erkannte er als falsch, all seine Theorieen als eitel; wohin er blickte, nichts als unfruchtbare Trümmer, zerbröckelndes Gemäuer. Die Gewißheit, daß ein höheres Wesen, ein Urquell aller Größe und Güte und Liebe sei, erschien ihm in leuchtender Klarheit, und mit einem Jubelruf bekannte er, daß er blind gewesen, und willig öffnete er sein Auge dem neuen Licht. * * * Zwei Monate später, an einem schönen Sommertag Ende Juli, fand sich alles, was Paris an Gelehrten und Künstlern besaß, in der Kirche der heiligen Klotilde zusammen, um der Trauung des Fräuleins Adrienne Rameau mit Herrn Doktor Servant beizuwohnen. Die Menge, welche Haupt- und Seitenschiffe zum Erdrücken füllte, stand auch am Eingang und sogar auf der Straße dicht gedrängt; durch die offenstehende Hauptpforte gewann man den Einblick auf den lichterschimmernden Altar und vernahm die letzten Accorde des hochzeitlichen Marschs. Das festliche Brautgeleite war versammelt und nun erschien unter Vortritt von zwei Schweizern, die ihre Hellebarden klirrend auf den Steinfliesen aufprallen ließen, am Arm des Vaters die Braut und durchschritt unter einem Beifallsgemurmel, das sich durch alle Reihen fortpflanzte, das Schiff. Ihre rosige Farbe, das goldne Haar schimmerten leuchtend durch den duftigen Schleier; gesenkten Blickes, in ernster Sammlung ging sie voll Anmut und mit einer gewissen Würde dahin und vernahm keine Silbe von dem begeisterten Lob, das ihrer Schönheit hörbar genug gespendet wurde. Sehr bleich, aber mit einem Lächeln voll innerer Befriedigung, schien Rameau sie wie im Triumph dahin zu führen und er trug den schönen Kopf mit dem weißen Haar höher als sonst. Hinter ihm folgte Talvanne mit Robert und dann in langer Reihe Verwandte und Freunde, die ihren Bekannten unter den Zuschauern grüßend zunickten. Jetzt setzte die Orgel ein und ihre harmonischen Klänge, die Blumen, die ringsum ihre Düfte spendeten, und der Glanz der Kerzen, die das Dunkel blendend erhellten, alles vereinte sich, die Herzen froh zu stimmen und zu erheben. Die Neuvermählten nahmen auf den ihnen angewiesenen Stühlen Platz und die kirchliche Zeremonie begann. Dem Chor gegenüber saßen sie, getrennt von den Ihrigen, auf vergoldeten Sesseln nebeneinander und waren eins in gemeinsamer Andacht. Der Priester am Altar las die Gebete, und nur das aus der Entfernung hereindringende Geräusch vorüberfahrender Wagen und das Geflüster der draußen harrenden Menge unterbrachen hie und da das tiefe, andächtige Schweigen. Talvanne, der wie ein Bruder an Rameaus Seite saß, betrachtete mit freudigem Stolz dies junge Paar und freute sich an der Schönheit der Braut und an der eleganten, männlichen Erscheinung des Gatten. Wenn er sich erinnerte, wie viel es gekostet hatte, diese beiden glücklich zu machen, so schwoll sein Herz von Dank für die Vorsehung, die ihre führende Hand so sichtlich kund gethan hatte; nach so wildem Sturm hatte man nun den sichern Port erreicht, und die Zukunft konnte nur Ruhe und ungetrübtes Glück bringen, denn sie alle hatten so viel gelitten, daß der Kelch der Schmerzen erschöpft sein mußte. Jetzt stieg der Geistliche gemessenen Schrittes die Stufen vom Altar herab, um die Hände der jungen Gatten ineinander zu legen. Der zurückgeschlagene Schleier ließ Adriennes Gesichtchen im tiefen Ernst innigen Gebets erblicken. Auf die Frage: »Wollen Sie den hier u. s. w.« erklang ein helles, deutliches »Ja« von ihren Lippen, und mit einer leisen Wendung des Kopfes suchte ihr Blick den Vater, als ob sie das Glück, das sich ihr erschloß, ihm darbringen wollte. So überreiche Kindesliebe lag in den blauen Augen, daß Rameaus Herz rascher schlug und ein unendliches Glücksgefühl ihn durchströmte. Im nämlichen Augenblick fiel ein voller Sonnenstrahl durch die gemalten Scheiben und umgab das blonde Köpfchen mit lichtem Schein, daß sie wie verklärt, wie die unter die Menschen getretene, von göttlichem Glanz umflossene Lichtgestalt einer Heiligen erschien. Und trotz der blauen Augen und des blonden Haares erblickte Rameau in ihr nicht mehr das Kind der Schuld, sondern einen ihm zum Trost in aller Qual gesandten Engel. Was noch von Bitterkeit und Schmerz in seiner Seele zurückgeblieben, das löste sich in wonnevollem Entzücken und voll einfältigen Dankgefühls neigte er in Demut sein Haupt, und der Freund, der an seiner Seite das Knie beugte, vernahm deutlich die leise und voll Inbrunst geflüsterten Worte: »Mein Gott! ... Mein Gott und »mein Herr!« Der Atheist betete. Ende.