Thekla Schneider Schloß Meersburg am Bodensee Annette von Droste-Hülshoffs Dichterheim Bildnis der zwanzigjährigen Anette. (Nach einem Gemälde im Besitze der Frau Baronin von Droste-Hülshoff im »Rebhäuschen« zu Meersburg Vorwort »Ich bin sicher überzeugt, daß die Macht, die Frauen ausüben, unendlich größer ist, als die, welche von Männern ausgeht. Ohne es zu wollen, prägen Frauen die Gemüter nach sich um.« Wilhelm von Humboldt. Annette von Droste-Hülshoff hat mich durchs Leben begleitet. Ich war noch jung, als mir eines Tages ihre Gedichte in die Hände fielen und ich mich in sie vertiefte. Von der Stunde an lag das Buch auf meinem Tisch und war mein Gefährte auf einsamen Gängen durch Wald und Flur. Eigenartige Fügungen und Führungen waren es, welche mich mit dem Freunde der Dichterin, Professor Bernhard Christoph Schlüter, bekannt und befreundet werden ließen. In seiner Studierstube erhielt ich, während eines längeren Aufenthaltes in Münster in Westfalen, Anregung zu poetischem Schaffen, wobei auch häufig die Rede auf Annette kam. Von hier spannen sich die Fäden weiter nach Meersburg, zu den Nichten der Dichterin, und bald nach meiner Rückkehr aus Norddeutschland lud mich Freiin Hildegard von Laßberg ein, sie zu besuchen. Seit der Zeit zählte ich alljährlich zu den Gästen auf der alten Felsenburg am Bodensee. So war es mir vergönnt, an Ort und Stelle den Spuren Annettens nachzugehen und aus dem Munde der Nichten von ihr erzählen zu hören. Die so gesammelten Eindrücke und Stimmungen zu einem Bilde zu verweben, ward mir ein Herzensbedürfnis, aus dem heraus vorliegendes Werkchen entstanden ist. Es soll keine erschöpfende Biographie sein, sondern Annette uns nur in dem engen Rahmen von Meersburg zeigen und den Leser auch mit den andern Bewohnern des Schlosses näher bekannt machen. Endlich möchte das Büchlein, hauptsächlich in Süddeutschland, ein größeres Interesse für das Leben und die Werke der Dichterin wecken. Annette von Droste gehört dem gesamten deutschen Vaterland an. Im Norden ist sie geboren, im Süden ist sie gestorben. Am Ufer des Schwäbischen Meeres ruhen ihre irdischen Überreste. Fürwahr, in keinem gebildeten Hause sollten ihre Poesien fehlen, welche, wie nicht leicht andere, Ewigkeitsgehalt haben und in der Seele Ewigkeitswerte flüssig zu machen vermögen. Es sei an dieser Stelle Freiin Hildegard von Laßberg der allerherzlichste Dank ausgesprochen für das liebenswürdige Entgegenkommen, womit sie zu dem Werkchen noch ungedrucktes Material zur Verfügung gestellt hat. Das Titelbild ist nach einem Jugendbildnis der Dichterin von Frau Dr. Wöhler in Münster i. W., einer Enkeltochter Geheimrat Sprickmanns, gezeichnet, welcher Annettens Talent zuerst erkannt und gefördert hat. Stuttgart , im August 1912. Thekla Schneider . Vorwort zur zweiten Auflage Elf Jahre sind es her, seit das Büchlein zaghaft und schüchtern sich auf die Wanderschaft gemacht hat. Seitdem ist ein Sturm durch die Welt gefahren, wie sie noch kaum einen gesehen. Millionen haben das Leben verloren. Eine Katastrophe folgte auf die andere. Ströme von Blut und Tränen sind geflossen. Reiche wurden zertrümmert, Throne vom Erdboden weggefegt. Das Büchlein hat durch alles hindurch still seinen Weg gemacht; bis in den hohen Norden hinauf ist es gekommen. C. Viktor E. Björkman, Lektor an der Universität Rostock i. Meckl., schrieb mir bei einer Gelegenheit: »Das einzige Ihrer Werke, das ich kenne, und das in meiner Familie hoch geschätzt wird, ist Ihre feinsinnige Meersburg-Monographie.« Als im Frühjahr 1921 das Büchlein vergriffen war, mußte wegen den damals so schwierigen Verhältnissen auf dem Geldmarkt von einer zweiten Auflage abgesehen werden. Um so größer war meine Freude, als nach dreijähriger Ruhepause mir von der Firma A. Lincke in Friedrichshafen a. B. die Herstellung einer Neuauflage angeboten wurde und der Muth'sche Verlag in Stuttgart sich bereit erklärte, das Verlagsrecht an die Firma A. Lincke zu übertragen. So möge denn das Büchlein zum zweitenmal in die Welt hinausziehn; wir wünschen ihm glückliche Fahrt! Möchte es ein Stück Friedensarbeit bedeuten und ein, wenn auch noch so kleiner, bescheidener Baustein sein und werden, am Aufbau deutschen Geisteslebens. Das walte Gott! Das Lichtlein, das vom Turme der Meersburg geleuchtet, ist zur Fackel geworden, die uns den Weg zeigt! Friedrichshafen, Ostern im Heiligen Jahr 1925. Thekla Schneider . Vor tausend und mehr Jahren Mühle im Burggraben und Schloßbrücke Wohl gibt es keine Gegend, wo der Griffel der Weltgeschichte tiefere Einschürfungen gemacht hätte, als am Bodensee. An seinen Ufern hat sie ihre Runen eingegraben, und eine der gewaltigsten ist das alte Felsenschloß, die Meersburg. Stolz und ehrwürdig grüßt es uns von der Höhe. Jeder Steinklotz, aus denen diese Mauern gebildet sind, erzählt, daß die Geschichte mit mächtigem Schritt über sie hingegangen. Meersburg, die Burg sowohl, wie die Stadt, haben nicht mehr die Bedeutung, die sie früher besessen. Ihr Glanz, ihr Ruhm ist erloschen. Ihre Größe liegt in der Vergangenheit. Aber, wenn die Sonne im Westen steht und ihre Fenster vergoldet, wenn die Abendschleier sich niedersenken, wenn der Mond heraufsteigt und Mauern, Türme und Zinnen mit Silberflören umspinnt, wenn der Sternenhimmel sein Zelt ausspannt und sich verdoppelt im Widerscheine des Sees, dann ist es, als ob die alte Felsenburg in einer ewigen Verklärung vor uns stehe und nur noch, mit dem Säntis und allen Bergen dort drüben, auf den Posaunenstoß warte zum Weltgericht. Vor 1500 Jahren war das Ufer von Meersburg ein großer, mächtiger Felsen, der jäh in den See abfiel. Dicht am Wasser standen ein paar Fischerhütten, Boote, Kähne, lagen davor mit Ruder, Segel und Fischergeräten. Das Land gehörte zu Alemannien, aber, wie vordem die Römer, waren die Franken eingedrungen und errichteten, wie jene, an vielen Orten feste Plätze, um ihre Herrschaft zu behaupten. Der Frankenkönig Dagobert I. machte den Anfang; er baute auf der flachen Höhe des Felsen einen viereckigen Turm. Es mag ein Anblick gewesen sein, als die Dienstmannen des Königs vom Ufer des Sees herauf, die großen Findlinge und Kiesblöcke wälzten, um 2-3 Meter dicke Mauern daraus aufzuführen. Der Turm, der heute noch den Namen seines Erbauers trägt, diente zur Bewachung der Schiffahrt und namentlich zur Überwachung der Landungsstelle unten am See, welche ebenfalls das Werk Dagoberts war. In kluger Berechnung hatte er sie errichtet. Hier an der Ecke, wo die großen Heerstraßen von Augsburg und Ulm endeten, war der günstigste Punkt dazu. Handel und Verkehr stauten sich hier. Damit war auch der Grund zur Stadt Meersburg gelegt. Wo Menschen zusammenkommen ist Leben, Wachstum und Gedeihen. Das Gewerbe fing an zu blühen, namentlich auch die Produkte des Bodensees, Weinbau und Fischerei, was von ältesten Zeiten gepflegt wurde, kamen zu Ansehen und Geltung. Der Turm auf der Felsenhöhe blieb nicht allein. Dagoberts Nachfolger bauten weiter daran; Mauer an Mauer wurde aufgeführt, freundliche Gelasse und düstere Gewölbe. So entstand im Laufe der Jahrhunderte eine Burg, die in der Folge ihre Besitzer vielfach wechselte. Von den Frankenkönigen ging sie an das Geschlecht der Welfen über; im 12. Jahrhundert aber ward sie schon Eigentum der Hohenstaufen, während die Stadt unter der Oberhoheit der Fürstbischöfe von Konstanz stand. Es lag letzteren viel daran, diese zu besitzen, da sie die Verbindung herstellte zwischen dem nordöstlichen und südwestlichen Teil des Herzogtums Schwaben. Die Stadt hatte ein ausgebildetes Gemeinwesen, Zunft-, Trink- und Ratstuben und war von einer Mauer umfriedet, durch die drei Tore führten. Die Burg erhob sich über der Stadt wie eine Krone, die ihre Strahlen über sie warf. Was hat dieses Felsenschloß nicht alles gesehen! Kriegerische Fehden, wilde Zechgelage, glänzende Turniere. Geistliche und weltliche Würdenträger, Kammerboten von fremden Höfen, Bischöfe, Äbte, Prälaten mit ihrem Gefolge sind hier abgestiegen und andere hohe Gäste. Wie oft widerhallten diese Mauern vom Dröhnen der Schilde, von Waffengeklirr, von fröhlichem Hörnerschall, wenn es zur Jagd ging hinaus in den nahen Wald, von Becherklang und Gesang beim festlichen Mahle. Zeuge ist die Burg gewesen von Gutem, von Bösem, von Edlem und Gemeinem. Die zarten Lieder der Minnesänger, eines Burkhard von Hohenfels, Hugo von Langenstein schlummern in diesen Wänden, neben Lüge, Verrat, Verleumdung, von verbrecherischem Munde gesprochen. Hier wurde geliebt und gehaßt, gelacht und geweint, gebetet und geflucht. In den Verließen modern noch Gebeine von Gefangenen, die nach lebenslanger Kerkerhaft ihr Leben hier geendet. Eine lichte Gestalt tritt uns auf der Meersburg entgegen. Der jugendliche Staufe Konradin. Seht ihr ihn nicht dort oben stehen, wie er sein blondes, mit dem goldenen Stirnreif geschmücktes Lockenhaupt ans Fensterkreuz lehnt! Das purpurne, hermelinverbrämte, lange Gewand schmiegt sich weich an seine Glieder; an dem mit Edelsteinen besetzten Gürtel hängt das Schwert, aber im Arme trägt er die Laute... Sein Blick ist in die Ferne gerichtet nach den Bergen, hinter denen das Land seiner Sehnsucht liegt – Italien! Hier im Hofe hat er sein Streitroß getummelt; hier hat er seine Jugendträume geträumt. Hier in der Laube hat er den weisen Worten und Mahnungen seines getreuen Mundwalts, des Bischofs Eberhard von Konstanz, gelauscht. Hier im Saale ließ er sich von den Gesandten aus Italien zum Feldzug gegen Karl von Anjou überreden – hier... hier auf dem Dagobertsturm ist das Hohenstaufenbanner mit den drei Löwen auf immer gesunken, als die Kunde nach der Burg gebracht wurde, das jugendschöne Haupt Konradins sei unter dem Beile des Henkers gefallen. – Konradin hatte die Meersburg seinem Oheim und Mundwalt Bischof Eberhard von Konstanz erblich vermacht; derselbe richtete sie als Sommerresidenz ein, was sie auch zunächst unter seinen Nachfolgern blieb. Ein blutiges Ereignis verzeichnen die Annalen von Meersburg im Jahre 1334, als Nikolaus von Kunzingen zum Bischof gewählt worden war. Infolge einer Gegenwahl entbrannte ein heftiger Streit. Kaiser Ludwig, der seinen Neffen auf den Bischofsitz bringen wollte, zog mit einem Heere gegen Meersburg und belagerte es 3 Monate lang, während welchen Burg und Stadt tapfer aushielten. Am Dreifaltigkeitssonntag kam es zu einer blutigen Schlacht zu Wasser und zu Land. Auch auf dem See gab es ein furchtbares Ringen, bei dem viele den Tod in den Wellen fanden. Ein gewisser Jaso von Konstanz, der schon während der Belagerung den Meersburgern zu Hilfe gekommen und ihnen heimlich Proviant zugeführt hatte, erschien mit einer Flotte. Die kaiserlichen Schiffe wurden in den Grund gebohrt und Nikolaus von Kunzingen trug den Sieg davon. Eine bleibende Erinnerung an jenes kriegerische Ereignis ist die Schlucht, durch die heute der Staffelweg von der Unterstadt in die Oberstadt führt. Bischof Kunzingen hatte sie, als Kaiser Ludwig im Anzug war, von 400 Bergknappen aus der Schweiz ausgraben lassen, um die Burg uneinnehmbar zu machen. Das Verhältnis der Burg zu den Städtern blieb aber nicht immer ein gutes. Je mehr die Stadt an Ansehen und Bedeutung gewann, desto größer wurde das Selbstbewußtsein der Bürger und desto mehr trachteten sie nach Unabhängigkeit, die ihr höchstes Ziel in der freien Reichsstadt sah. Es kam deshalb häufig zu Empörungen gegen den Bischof. Einmal sogar trieben sie ihn aus der Burg hinaus, was die Städter aber schwer zu büßen hatten. Aller Gerechtsamen und Privilegien, die ihnen im Laufe der Zeit von Bischöfen und Kaiser zuerkannt worden waren, gingen sie verlustig und der Anführer, Simon Weinzürn, wurde mit lebenslänglicher Kerkerhaft bestraft. Im Jahre 1527 verlegte Bischof Landenberg, aus kirchlichen und politischen Gründen, den Bischofssitz von Konstanz ganz nach Meersburg und beginnt damit für Meersburg wieder eine große Zeit. Die Fürstbischöfe führten einen glänzenden Hofhalt. Das kam der Stadt zu Nutzen, indem es den Einwohnern Arbeit und Verdienst brachte. In allen Werkstätten mühten sich Meister und Gesellen vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Der Wohlstand wuchs und mehrte sich von Jahr zu Jahr. Was war das für ein Leben! Da sah man ehrwürdige Prälaten und Domherren in ihren langen Sutanen, gemessenen Schrittes durch die Straßen gehen, sah den Bischof in goldenen Prachtgewändern den Gottesdienst halten, oder auch in Helm und Harnisch aus dem Burgtor reiten, wenn ein Feind in der Nähe war. Meistens stammten die Herren aus ritterlichem Geblüt und waren das Kriegshandwerk von Jugend auf gewohnt. Das gab ihnen, verbunden mit hoher Gelehrsamkeit und Wissenschaft, ein großes Ansehen überall, namentlich auch bei den Höfen. Ihre größte Sorgfalt aber war dem Hirtenamte ihrer Diözese zugewendet, die bei ihrer Ausdehnung ihre ganze Tatkraft in Anspruch nahm. Umfaßte sie doch ganz Württemberg, einen Teil von Bayern und reichte bis in die Schweiz hinein. In Meersburg wurden Beratungen und Verhandlungen gepflogen, wozu sich hohe kirchliche Würdenträger aus nah und fern versammelten. Daran knüpften sich Gastmähler und andere Festlichkeiten religiöser und weltlicher Art. Der äußere Glanz, der die Fürstbischöfe umgab, wurde reichlich aufgewogen von der Last und Bürde des hohen Amtes. Diese lag oft drückend schwer auf ihren Schultern, zumal in einer Zeit, wo zwei Geistesströmungen zusammenkamen, die hohe Wogen aufschlugen und schließlich zum Bruche der großen Glaubensspaltung führten. Da galt es das innere, sowie das äußere Ansehen der Kirche zu wahren und diesem Gedanken entsprang nicht zuletzt die Bautätigkeit, die die Fürstbischöfe entwickelten. Daß sie dabei Kunstsinn und Prachtliebe zur Geltung kommen ließen, ist in der Zeit der Renaissance, die über die Alpen herüberkam, nur zu begreiflich. Bischof Landenberg hatte die alte Burg vergrößern lassen und die vier mächtigen, runden Türme angebaut. In den nordöstlichen verlegte er die Kapelle, die zu seinem Privatgebrauch diente. Da es an Wohnungen für die Ministerialien fehlte, entstanden im Umkreis der Burg andere Gebäude. Der Besucher von Meersburg erkennt sie sofort an der Größe und Bauart der damaligen Zeit. Namentlich zeichnen sie sich aus durch die Staffelgiebel. Als das alte Schloß sich nicht mehr als zeitgemäß und zweckentsprechend erwies, ging Anton von Siggingen an den Bau eines neuen Schlosses. Er ließ dazu Baumeister aus Italien kommen, die seinen Wunsch und Plan ausführten. In dem »Neuen Schloß« mit seiner herrlichen Felsenterrasse, dem Treppenhaus, Deckengemälde und andern architektonischen Schönheiten, spiegelt sich heute noch der Glanz der fürstbischöflichen Zeit. Die leichten, anmutigen Formen des Barocks, welche hier zur Verwendung gebracht sind, bilden einen wundervollen Gegensatz zu dem wuchtigen, massiven Baustil des alten Schlosses. Beinahe wie ein urweltliches Gebilde schaut es über die Schlucht, durch die der Bach rauscht, der das große Mühlrad treibt, herüber zum »Neuen Schloß«. Seinen Eifer für die Kirche Gottes bekundete Fürstbischof Johann Franz von Stauffenberg durch Errichtung des Seminars. Die Zeiten waren möglichst ungünstig zu einem solchen Unternehmen, denn nach den schweren Kriegsläufen und der Reformation fehlte es überall an Geld. Auch das Hochstift Konstanz war in seinen Einkünften dermaßen geschwächt, daß es sich außerstande befand, die Mittel aufzubringen, oder auch nur eine nennenswerte Beisteuer zu leisten. Aber wo ein Wille ist, findet sich auch ein Weg. Der Umsicht, Klugheit und Energie des Bischofs Johann Franz gelang es, diese schwierige Frage zu losen. Er fand dabei die Unterstützung der Päpste Benedikt XIII. und Clemens II. sowie des Kaisers Karl VI. Dieser gab selbst 10 000 Gulden und wandte sich im Jahre 1726 in einem kaiserlichen Reskript an »Sämtliche Herren Stände zu einer Bey-Steyer für das Seminarium im Bistum Konstanz«. Benedikt XIII. erließ im gleichen Jahr ein Decretum pontificium an alle Klöster, Stifte und die Kuratgeistlichkeit, daß sie nach Kräften dazu beitragen, daß die Diözese nicht länger eines Seminars entbehre. Die Bemühungen des Bischofs Johann Franz hatten vollen Erfolg. Er konnte den Bau 1732 beginnen und 1734 vollenden. Das neuerstellte Priesterseminar wurde dem hl. Karl Borromäus, dem Erzbischof von Mailand, geweiht und 1735 zum erstenmal mit Alumnen besetzt. Jährlich sollten 100 Kandidaten aufgenommen werden. Die Deckengemälde in der stimmungsvollen, in reinem Barock gehaltenen Seminarkapelle, sind Darstellungen aus dem Leben und Wirken des hl. Patronus. Die Einweihung der Kapelle fand erst am 26. Juli 1767, unter großer Feierlichkeit, im Beisein zahlreicher hoher geistlicher Würdenträger, durch den Fürstbischof Konrad von Rodt, statt. Letzterer, wie auch sein Bruder Maximilian Christoph von Rodt, deren Wiege im heutigen Pfarrhaus in Meersburg stand, folgten einander auf dem bischöflichen Stuhl. Die Zeit ihrer Regierung fällt in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts und ihre Namen werden heute noch mit Ruhm und Ehren unter der Bevölkerung genannt. Mit hohem Kunstsinn verbanden sie große Mildtätigkeit und Menschenfreundlichkeit. Im Chor der alten Pfarrkirche haben sie, wie verschiedene ihrer Vorgänger, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Nach Maximilian Christoph von Rodt, welcher am 17. Januar 1800 starb, bestieg Karl Theodor von Dalberg den Bischofsstuhl. Er war ein feiner, hochgebildeter Mann, neigte aber dem Freimaurertum zu und seine freundschaftlichen Beziehungen zu Napoleon I., der ihn sehr auszeichnete und zum Primus des Rheinbundes, Fürstprimus von Frankfurt und Fürst von Regensburg machte, haben an seine Persönlichkeit einen Schatten geheftet, den seine sonstigen hervorragenden Eigenschaften, namentlich eine große Milde und Herzensgüte, nicht wegzuwischen vermögen. Mit dem Sturze Napoleons war auch sein Stern erloschen. Der Papst wies ihm Meersburg als bleibenden Aufenthalt an. Er lebte meistens Werken der Wohltätigkeit, weshalb er auch dort noch ein gesegnetes Andenken hat. Seine letzten Jahre verbrachte er in Regensburg, wo er ebenfalls sehr wohltätig wirkte und am 10. Februar 1817, 74 Jahre alt, starb. Mit Dalberg schließt die Reihe der Fürstbischöfe. Mit der Säkularisation, wo das Fürstbistum nach Freiburg im Breisgau verlegt wurde, versinkt alle Herrlichkeit und aller Glanz. Die alte Burg, wie auch die andern Gebäulichkeiten nahm der badische Staat in Besitz und benutzte sie zu seinen Zwecken, oder sie standen öde und leer. – Aber nicht lange sollte es so bleiben,– ein neuer Stern ging über der alten Meersburg auf: Annette von Droste. Im neuen Heim Friedrich und Freifrau von Laßberg, geb. Droste-Hülshoff September 1911 waren es siebzig Jahre, daß Annette von Droste-Hülshoff aus Westfalen zum erstenmal nach Meersburg gekommen ist. Mit Stolz und Staunen mag sie bei der Landung am Hafen emporgeschaut haben zu der altehrwürdigen, auf steilem Felsen erbauten Ritterburg, die ihrem Schwager, dem Freiherrn Josef von Laßberg gehörte. Dieser war verheiratet mit Jenny von Droste-Hülshoff, der älteren und einzigen Schwester der Dichterin. Auf dem Wiener Kongreß hatte Laßberg den Grafen Werner von Haxthausen aus Westfalen kennen gelernt und sich mit ihm, der seine Liebe für das germanische Altertum teilte, sehr befreundet. Der Graf machte bald darauf mit den Seinigen eine Reise nach Italien. Von dort zurückkehrend, hielt er sich einige Zeit in Konstanz auf und besuchte häufig den Freiherrn auf seinem damaligen Besitz Eppishausen im Kanton Thurgau. Dahin kam ihm sein Bruder Fritz aus Westfalen entgegen und brachte seine liebliche Nichte Jenny von Droste-Hülshoff mit. Laßberg, der Witwer war und schon in vorgerückterem Lebensalter stand, fand großes Wohlgefallen an ihr, und es sollte ihm noch einmal der Lebensmai blühen. Auf der Rigi, wohin man gemeinsam eine Reise gemacht, an der sich auch Jakob Grimm beteiligte, warb Laßberg, angesichts der schönen Alpenwelt, um die Hand des westfälischen Edelfräuleins. Aber die Ihrigen konnten sich schwer dazu entschließen, Jenny dem fremden, schon 60jährigen Manne in so weite Ferne folgen zu lassen, und so war es ihm erst nach drei Jahren vergönnt, die Geliebte heimzuführen. Die Hochzeit fand am 18. Oktober 1834 zu Hülshoff statt. In der Schloßkapelle daselbst, wurde der Bund fürs Leben geschlossen, in Anwesenheit der nächsten Verwandten. Nach der Vermählung schreibt Annette in sorgender Liebe für die Schwester an ihre Freundin Sibylla Mertens: »Ich hoffe, daß Jenny glücklich wird, Laßberg hat manches Originelle aber noch mehr Vorzügliches, doch das Urteil über Jemand, den man nur als Gast und Bräutigam sah, muß einseitig bleiben, mich verlangt, ihn zwischen seinen Mitbürgern in seinen Familienverhältnissen zu sehen. Wahrscheinlich reisen wir im nächsten Frühling hin, d. h. die Mutter und ich.« Die Ehe ward eine durchaus harmonische, wovon Frau von Droste und Annette sich überzeugten bei ihrem im Frühjahr darauffolgenden Aufenthalt in Eppishausen, der beinahe ein Jahr dauerte. Das Glück der Ehegatten wurde gerade in dieser Zeit noch erhöht durch ein Zwillingspärchen, 2 Töchterchen, denen Frau von Laßberg am 5. März 1836 das Leben schenkte und die der glückliche Vater, in seiner Liebe für das germanische Altertum, Hildegard und Hildegunde taufen ließ. Schon lange hatte sich in Laßbergs Gemüt der Wunsch geregt, wieder in seine schwäbische Heimat zurückzukehren und einstmal in schwäbischer Erde zu ruhen. War er doch ein echtes Kind des schwäbischen Landes. In Donaueschingen, in nächster Nähe der Donauquelle, hatte er das Licht der Welt erblickt als Sohn des fürstlich Fürstenbergischen Oberjägermeisters von Laßberg und seiner Gemahlin M. Anna, geb. von Malsen. Als Hildegard und Hildegunde drei Jahre zählten, wurde dieser Herzenswunsch des Freiherrn verwirklicht. Es bot sich ihm eine günstige Gelegenheit, Schloß Eppishausen zu verkaufen; dafür erwarb er für sich vom badischen Staat im Jahre 1838 die alte Ritterburg am Bodensee. Hochbeglückt über den neuen Besitz, teilte er seinem Freund Uhland, sobald die Kaufsbestätigung aus Karlsruhe angelangt war, mit, daß er nun Eigentümer der alten bischöflichen Burg zu Meersburg sei und schreibt dazu in der Freude seines alten, aber noch immer grünen Herzens: »Wie viele geschichtliche Erinnerungen knüpfen sich an diese Besitzung! König Dagobert von Austrasien baute sie, Karl Martell erneuerte die Burg, die Welfen, die Hohenstaufen, besaßen sie. Wahrscheinlich trat sie Konradin seinem Vormunde, dem biederen Bischof Eberhard von Waldburg, ab. Bischof Nikolaus, aus dem Minnesängergeschlecht von Kunzingen, hielt 1334 eine 14 wöchentliche Belagerung gegen Kaiser Ludwig den Bayern darin aus und nötigte diesen, mit Schimpf abzuziehen. Die Gegend, sowie die ganze Nachbarschaft ist fruchtbar, freundlich und wohlangebaut; der Wein, welcher seit einigen Jahren da aus Traminer Trauben gezogen wird, gehört gewiß unter die vorzüglichsten Weine Schwabens, und ich hoffe, wir sollen in einem der runden Gemächer der guten alten Burg mehr als einmal die Erfahrung hievon machen.« Aber erst nach einem Jahr wurde die neue Besitzung bezogen. Es bedurfte großer Vorbereitungen dazu, und vieler Mühe und Arbeit, bis der große Hausrat, namentlich die reichen Sammlungen kostbarer Altertümer, die der Freiherr besaß, eingepackt waren, was er mit eigener Hand besorgte. Endlich war alles fertig und der Tag des Aufbruchs erschienen. Nicht ohne Wehmut nahm man Abschied von dem schön gelegenen, fast fürstlichen Sitze Eppishausen, wo die Familie glückliche Jahre verbracht. Dennoch ging es frohen Herzens der Zukunft und dem neuen Heim entgegen. Mit Laßberg begann eine neue Zeit für Meersburg. »Der Sepp von Eppishausen«, wie er sich gerne nannte, ist nun »der Sepp von der Meersburg« geworden. Der Ruf von seiner Gelehrsamkeit, hauptsächlich auf dem Gebiet des germanischen Altertums, war weitverbreitet; er hat sich von dem thurgauischen Schlosse hierher verpflanzt und ist mit ihm eingezogen. Ebenso folgte ihm der Ruhm seiner Gastfreundschaft auf die alte Felsenburg. Männer der Wissenschaft, Schriftsteller, Dichter: ein Ludwig Uhland, Jakob Grimm, Gustav Schwab u.a. suchten ihn, wie dort, so auch hier auf und schöpften aus seinem Wissensborn. Wenn auch die Laßberg'schen Forschungen von den heutigen längst überholt und in den Schatten gestellt sind, so darf man nicht vergessen, daß sie die Grundlage bildeten, auf der Andere weitergebaut haben. Josef von Laßberg, dieser Ritter ohne Furcht und Tadel, beherrschte und beeinflußte damals das Geistesleben am Bodensee. Keine Persönlichkeit von Namen und Ansehen kam an das Schwäbische Meer, ohne daß er seine Blicke nach der Meersburg gerichtet und seine Schritte den steilen Burgpfad hinaufgelenkt hätte, um dem Freiherrn seine Aufwartung zu machen. Und welche Gastfreundschaft wurde den Einkehrenden zuteil! Man muß die Briefe von Schwab und Uhland, die sich im Schillermuseum in Marbach befinden, lesen, um davon einen Begriff zu bekommen. »Was mir gehört, gehört auch meinen Freunden«, pflegte Laßberg zu sagen, und seine Gemahlin unterstützte ihn bei dieser Gastfreundschaft, ebenso später seine beiden Töchter. Noch grüßt und winkt, wie ein Märchen in unsere Tage herein, aus den Fenstern der Meersburg die Erinnerung an die Zeit, wo der Freiherr mit seinen Gastfreunden in der Halle saß, der Becher mit dem roten Meersburger kreiste und die Mauern von alten Bardensängen und Minneliedern widerhallten. Der Geist, der damals von der Meersburg ausging, wirkte veredelnd auf die nahe und weiteste Umgebung und er lebt auch heute noch. Die Liebe zur Poesie, zur Dichtung und Sang und Sage, ist noch nicht erstorben am Bodensee und treibt noch immer ihre duftenden Blüten. – Praktischer und Schönheitssinn wirkten zusammen, um die alten Räume traulich und behaglich einzurichten, und die neuen Bewohner fühlten sich bald heimisch darin, um so mehr, da der Lenz rings um dasselbe herum anfing, seine Blütenpracht zu entfalten. Das große Eckzimmer im südwestlichen Flügel, der den Dagobertsturm umschließt, diente als allgemeines Wohngemach für die Familie, in dem der Freiherr aber auch arbeitete. Sein Schreibtisch stand an einem der Fenster mit herrlicher Aussicht auf den See und die Alpen. Daran schloß sich das Schlafzimmer des Freiherrn und seiner Gemahlin. Auf der andern Seite, durch einen schmalen Gang von dem Wohngemach getrennt, lagen die Lern- und Schlafzimmer der Kinder und der Gouvernante. Im Mittelbau der Burg befanden sich verschiedene Empfangszimmer. Der östliche Flügel war ganz zur Aufnahme von Gästen eingerichtet. Für die heutigen Begriffe waren die Räume einfach, für die damaligen elegant ausgestattet. Mit den großen Flügeltüren, den tiefen, mit weißen Mullvorhängen verkleideten Fensternischen, machten sie einen überaus behaglichen, vornehmen Eindruck. Die Wände waren mit alten Bildern, Waffen, Jagdtrophäen, die Schränke und Kommoden mit altertümlichen Krügen, Uhren und ähnlichen Gegenständen geschmückt. In den unteren Räumen der Burg, hauptsächlich in einer gotischen Halle, hatte Laßberg seine Schätze untergebracht. Diese bestanden in alten Drucken und Manuskripten, welche er in aufgehobenen Klöstern, zum Teil auch in Trödlerbuden gesammelt, er hatte, wie er in Briefen an seine literarischen Freunde erwähnt, ein besonderes Glück in der Auffindung solcher Kostbarkeiten. So entdeckte er auch in Wien das vollständige Manuskript des Nibelungenliedes und zwar in dem Augenblick, als der Besitzer es an einen Engländer verhandeln wollte. Laßberg erwarb es für sich, und man hat es ihm zu verdanken, daß die kostbare Handschrift nicht ins Ausland gewandert, sondern Deutschland erhalten geblieben ist. Sie bildete die Perle seiner Sammlungen und wurde in einem besondern Schrein aufbewahrt. Zu den Merkwürdigkeiten der Sammlung gehörten auch noch zwei Gegenstände, die Zeugnis ablegten von dem originellen Wesen des Freiherrn: sein Grabstein nämlich und das Holz zu seinem Sarge. Ersterer bestand in einer roten Marmortafel mit den Anfängen eines ausgehauenen Wappens. Der Freiherr hatte sie in einem alten Kloster aufgefunden. Mit dem Holze aber hatte es folgende Bewandtnis: In der Nähe von Eppishausen stand ein sehr schöner Baum, eine wilde Kastanie. Die Besitzer waren wegen des Platzes in Streit geraten und ließen den Baum deshalb fällen. Als Laßberg eines Tages hinkam und den alten Liebling gefällt am Boden liegen sah, ging es ihm sehr zu Herzen. Er kaufte von dem Holze und bestimmte, daß dermaleinst sein Sarg daraus gemacht werde. In einer andern Halle, wo die Sonnenstrahlen und frische Luft leichteren Zugang fanden, hatte Frau von Laßberg ihre Lieblinge, Palmen, Lorbeer-, Oleanderbäume und andere exotische Gewächse untergebracht. Sie war eine große Blumenfreundin; stundenlang verweilte sie bei ihren Pflanzen. »Jenny kratzt den ganzen Tag in der Erde«, schreibt Annette einmal in einem Briefe und ein andermal: »Jenny plagt sich mit ihren Kindern und Blumen.« Das Pflanzen und Säen war der Freifrau Bedürfnis. Sie hatte im Hof, in der Nähe des Brunnens, eine kleine Tanne gepflanzt, an deren Wachstum und Gedeihen sich jeder erfreute. Das sogenannte »Tännchen« ist nun längst zur großen Tanne geworden und über den Giebel des Schlosses hinausgewachsen. Die Vögel wohnen in ihren Zweigen und der Sturm singt seine wilden Lieder darin. Manchmal kracht es im Stamme, als wäre er im Mark erschüttert und wolle zusammenbrechen. Wenn aber der Mond mit seinem Silberlichte ihn umspinnt in schönen Vollmondnächten, dann hört man ein leises Raunen und Rauschen, als träume der Baum von den Zeiten, von denen diese Blätter hier erzählen. – Der Freiherr, dessen Lust es war, seinen neuen Besitz zu verschönern und zu verbessern, ließ die sogenannte Bastei – kleine Gebäulichkeiten, welche den Hof nach Süden abschlossen – niederreißen; auf diese Weise entstand nun der einzig schöne Weg an den Zinnen. Welch herrlicher Ausblick bietet sich hier dem Auge! An einem schönen Morgen stehen wir hier. Der See, die Seele der Landschaft, liegt uns zu Füßen. In seine saphirblaue Fläche hat die Sonne ihre Strahlen gewoben, die sich brechen in Millionen Prismen, so daß ein Gewoge entsteht von Farben und Lichtern, ein Blitzen und Leuchten, als wenn wir in ein Meer von Diamanten schauten. Majestätisch zieht ein Dampfschiff daher, auf dem Maste flattert lustig die Fahne. Kleine Kähne, Schifferbarken wiegen sich auf dem bewegten Element. Hier steigt das liebliche Eiland, die Mainau aus den Fluten, dort heben die Alpen ihre schneegekrönten Häupter aus den duftigen Morgenschleiern. Und ringsum die lachenden Ufer, übersät von Fischerhütten, Landhäusern, lieblichen Villen. Dies also ist die Umwelt, in die Annette, von ihrem Edelsitze Rüschhaus im westfälischen Heideland kommend, eingetreten ist. Frau von Laßberg hatte im Jahre 1841 mit den Kindern eine Reise zu den Ihrigen nach Westfalen unternommen. Während ihres Aufenthaltes dort richtete der Freiherr, der sich auf der alten Burg wohl einsam fühlen mochte, folgenden poetischen Gruß an die Abwesenden: O Gundel und Hilde, Ihr lieben Kind' Ich grüße Euch durch der Tauben Flug, Ich grüße Euch durch den Abendwind Ich grüße Euch wahrlich nie genug. Und liegen auch hundert Meilen dazwischen, Ein süßer Gruß kann alles verwischen, Und wenn Ihr noch so ferne seid. Der Liebe ist kein Weg zu weit. Gott erhalte mir das junge Blut! Hilde fein und Gundel gut! Doch seid Ihr nicht gegrüßt alleine. Die süße Mutter ich mit Euch meine. Die süße Mutter, das treue Herz, Hat mir geheilt so manchen Schmerz, Mit mir geteilt so manche Freud, Gott sei gedankt in Ewigkeit! Annettens leidender Zustand flößte Frau von Laßberg Besorgnis ein, weshalb sie, als die Zeit der Rückkehr herannahte, die Mutter bat, doch zu erlauben, daß sie die Schwester mit nach dem Süden nehme. Frau von Droste gab ungern, aber doch endlich ihre Einwilligung zu der Reise. Auch die Ärzte hatten sich dafür ausgesprochen, da sie einen Aufenthalt in verändertem Klima für Annette als notwendig erachteten. Nach langer, anstrengender Fahrt kamen die Reisenden in den letzten Septembertagen 1841 in Meersburg an. Ahnungslos, was sie für die Burg werden sollte, und nicht ohne ein gewisses Bangen und Zagen, trat Annette in den romantischen Zauber des gewaltigen Felsenschlosses ein, das von den Fürstbischöfen die kirchliche und kirchengeschichtliche Bedeutung erhalten hatte und dem sie bestimmt war nun auch die dichterische Weihe zu geben. Ja, Annette sollte die von den Merowingern aufgeführten altersgrauen Mauern, mit den goldenen, unverwelklichen Lorbeerkränzen der Dichtkunst schmücken. Im nordöstlichen Turme, in dem unten die Kapelle sich befindet, schlug die Dichterin im September 1841 ihr Tuskulum auf. Schon im Voraus beschreibt sie alles ihrem Freund Schlüter: »... an Zeit und Ruhe wird es mir nicht fehlen, da Jenny mir, auf meine Bitte, ein ganz abgelegenes Zimmer in ihrem alten, weiten Schloß, wo sich doch die wenigen Bewohner darin verlieren wie einzelne Fliegen, einräumen will, einen Raum so abgelegen, daß, wie Jenny einmal hat Fremde darin logieren und abends die Gäste hat hingeleiten wollen, sie alles in der wüstesten Unordnung und die Mägde weinend in der Küche getroffen hat, die vor Grauen daraus desertiert waren. Ist das nicht ein poetischer Aufenthalt?« Übrigens gesteht Annette in ihrem ersten Brief an die Mutter, daß es ihr selbst »grauselich« war in diesem Zimmer, wo Alexander, ein Bruder Laßbergs, gestorben ist. Jedoch nur anfangs war dies der Fall; bald dachte sie nicht mehr daran und fühlte sich im Gegenteil sehr wohl und heimisch darin. Überhaupt gefiel es ihr sehr gut auf der Meersburg, sie scheint auch nicht unter Heimweh gelitten zu haben, wenigstens spricht sie in keinem Briefe aus dieser Zeit davon, dagegen sagt sie: »Laßbergs tun alles, mir den Aufenthalt so angenehm als nur möglich zu machen.« Auch über ihre Gesundheit kann sie der Mutter schon am 26. Oktober beruhigende Nachricht geben: »Nun will ich Dir auch sagen, wie es mir geht: Sehr gut. Die Reise hat mich wohl tüchtig abstrapaziert, aber nach acht Tagen war ich wieder wie vorher, und seitdem fühle ich ganz merklich, wie wohl mir die Luft bekommt. Mein Magenübel hat schon sehr nachgelassen, die Schweratmigkeit auch; ich spaziere täglich eine Stunde am See hinunter, was mit dem Weg hinauf eine ordentliche Tour für mich ist, und doch wird es mir nicht viel schwerer als an manchen Tagen in Rüschhaus die Treppe zu steigen und ich hoffe wirklich, daß dieser Aufenthalt mir wieder für eine lange Zeit gut tun soll.« Von einer strengen Mutter erzogen, hatte Annette gelernt, sich selbst zu bescheiden und ihre Sonderinteressen zurückzustellen. Auch fiel es ihr gar nicht ein, wegen ihrer Dichtergabe irgend welche Ausnahmen zu beanspruchen. Täglich wurden Spaziergänge gemacht nach dem Frieden, der Krone, zum Figel, dem kleinen Männchen mit dem Zopfe in dem Wirtshäuschen auf der Höhe, das Annette in der »Schenke am See« besungen hat. Da Frau von Laßberg vielfach von andern Pflichten in Anspruch genommen war, fiel die Aufgabe, die Gäste zu unterhalten, hauptsächlich der Dichterin zu, die eine ausgezeichnete Begabung dafür besaß. Sie hatte sich schon als junges Mädchen am Rhein, wo sie längere Zeit bei Verwandten weilte, durch ihre glänzende Unterhaltungsgabe alle Herzen gewonnen. Annette erzählte gern und gut; sie würzte die Gespräche mit feinem Witz und Humor, über den sie in reichem Maß verfügte, und der zuweilen bis an die Grenze von Sarkasmus ging, aber immer gutmütig war. Niemals hatte sie die Absicht zu verletzen. Bild von den Weinbergen auf das »alte Schloß«. Dazu kam ihr musikalisches Talent. Ihre Stimme war eher matt als kräftig, aber voll und biegsam, etwas Geheimnisvolles klang aus ihr wie fernes Gewitter, dessen verhaltene Kraft man fühlt. Jedermann hörte sie gerne singen. Getrübt wurden diese Wochen durch besorgniserregende Nachrichten, die fast täglich vom Schlößchen Berg überm See drüben einliefen. Daselbst wohnte Annettens innigstgeliebte Freundin Emma, geborene von Thurn, welche sie bei ihrem ersten Eppishauser Aufenthalt kennen gelernt und die sich nachher mit Baron von Gaugreben, einem entfernten Verwandten der Drosteschen Familie, verheiratet hatte. Die junge Frau war infolge einer Geburt, bei der sie einem Knaben das Leben gab, schwer erkrankt. Neun Tage lang lag sie in einem ohnmachtähnlichen Zustand. Der kleine Neugeborene aber starb in dieser Zeit ganz ohne Wissen der Mutter; dieser mußte man den Tod ihres Kindes natürlich, auch als sie wieder zu sich gekommen war, noch länger verheimlichen. Dieser Begebenheit legt Annette folgendes Gedicht zu Grunde, in dem sich so recht ihre Frauennatur spiegelt, und das sie der betrübten Freundin gewidmet hat »Im grün verhangnen duftigen Gemach, Auf weißen Kissen liegt die junge Mutter; Wie brennt die Stirn! sie hebt das Auge schwach Zum Bauer, wo die Nachtigall das Futter Den nackten Jungen reicht: »Mein armes Tier«, So flüstert sie, »und bist du auch gefangen Gleich mir, wenn draußen Lenz und Sonne prangen. So hast du deine Kleinen doch bei dir«. Den Vorhang hebt die graue Wärterin Und legt den Finger mahnend auf die Lippen; Die Kranke dreht das schwere Auge hin. Gefällig will sie von dem Tranke nippen; Er mundet schon, und ihre bleiche Hand Faßt fester den Kristall, – o milde Labe! – »Elisabeth, was macht mein kleiner Knabe?« »Er schläft«, versetzt die Alte abgewandt. Wie mag er zierlich liegen! – Kleines Ding! – Und selig lächelnd sinkt sie in die Kissen; Ob man den Schleier um die Wiege hing. Den Schleier, der am Erntefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett. Daß alle Frauen höchlich es gepriesen, Und eine Ranke ließ sie drüber sprießen. »Was läutet man im Dom, Elisabeth?« »Madame, wir haben heut' Mariatag.« So hoch im Mond? sie kann sich nicht besinnen. – Wie war es nur? – doch ihr Gehirn ist schwach. Und leise suchend zieht sie aus den Linnen Ein Häubchen, in dem Strahle kümmerlich Läßt sie den Faden in die Nadel gleiten; So ganz verborgen will sie es bereiten, Und leise, leise zieht sie Stich um Stich. Da öffnet knarrend sich die Kammertür, Vorsicht'ge Schritte über'n Teppich schleichen. »Ich schlafe nicht, Rainer, komm her, komm hier! Wann wird man endlich mir den Knaben reichen?« Der Gatte blickt verstohlen himmelwärts, Küßt wie ein Hauch die kleinen heißen Hände: »Geduld, Geduld, mein Liebchen, bis zum Ende! Du bist noch gar zu leidend, gutes Herz.« »Du duftest Weihrauch, Mann« – »Ich war im Dom; Schlaf, Kind!« und wieder gleitet er von dannen. Sie aber näht, und liebliches Phantom Spielt um ihr Aug' von Auen, Blumen, Tannen. – Ach, wenn du wieder siehst die grüne Au, Siehst über einem kleinem Hügel schwanken Den Tannenzweig und Blumen drüben ranken, Dann tröste Gott dich, arme junge Frau! Wiewohl selbst Jungfrau, kannte Annette das mütterliche Gefühl bis in seine feinsten Fäden und Ausläufer; ja es wohnte ihr selbst, wie allen edlen, wahrhaft großen Frauen, eine starke Mütterlichkeit inne, die sie oft und immer wieder zur Tat werden ließ, wenn ein teures Angehöriges erkrankte. Wie rührend pflegte sie ihre alte Amme! Wie gern zeigte sie sich sonst hilfsbereit, wo immer es nötig war. Ganz abgesehen von dem Verhältnis zu Levin Schücking, das in der Hauptsache auf mütterlicher Freundschaft beruhte. Alles, was ihres Blutes Zweig war, erfreute sich ihrer großen Liebe, besonders aber die Kinder der Schwester, das liebliche Zwillingspaar Hildel und Gundel. Sie erzählte ihnen Geschichten, scherzte mit ihnen und nahm sie in ihre Obhut, wenn Frau von Laßberg einmal abwesend war. »Gestern konnte ich nicht schreiben«, – berichtet sie einmal der Mutter, »weil ich nach den Kindern sehen mußte, da Laßberg und Jenny nach Heiligenberg gefahren sind.« Das erste war jeden Morgen, wenn Annette sich angekleidet und gefrühstückt hatte, daß sie von ihrem Zimmer hinüber ging, Jenny und die Nichten zu begrüßen. Laßberg hatte sich schon seit längerer Zeit nach jemanden umgesehen, der ihm behilflich sein könnte, seine Bibliothek zu katalogisieren und zu ordnen. Aufmerksam gemacht durch Annette auf Levin Schücking, wandte er sich an diesen und schrieb ihm nach Frankfurt, wo er gerade bei seinem Freunde, Ferdinand Freiligrath, sich befand. Torgewölbe mit Eingang zur Schloßkapelle Schücking, der weder ein Amt noch Stellung hatte, brach, hocherfreut über den Ruf des Freiherrn, sogleich auf nach der Meersburg. Er schildert uns sein Eintreffen daselbst in seinen Lebenserinnerungen: »Es war dunkel geworden, als ich, von dem reizenden alten Reichsstädtchen Überlingen kommend, vor dem Posthaus im oberen Meersburg abgesetzt wurde; in nächtlichem Dunkel schon schritt ich über die Holzbrücke, welche über den tiefen, in die Felsen gehauenen Burggraben des alten Schlosses an das Burgtor führt, unten in der Tiefe rauschte eine Mühle, glänzten die Lichter des am Seeufer liegenden unteren Städtchens, und drüber weithin leuchtete im Sternenlicht wie matter Stahl die Fläche des Bodensees. Ein alter Burgwart öffnete das Eingangspförtchen; sein Laternenlicht fiel in dem langen, niedrigen Torgewölbe, das ich betrat, auf eine Tafel mit einem großen Beil über einer ausgestreckten Hand und der Unterschrift: »Burgfrieden«, und dann in die tückischen Augen eines schwarzen Hatzrüden, der mich höchst mißtrauisch anschnupperte. In den Hof herab, der sich gegen den See hin öffnete, fiel der Lichtschein der erhellten Wohngemächer im ersten Stock des Burggebäudes; im Innern führte eine Holztreppe zu ihnen empor, und ich stand bald vor dem alten Freiherrn, dem letzten zum Ritter geschlagenen Mann im römischen Reiche und berühmt als »Meister Sepp von Eppishusen« bei allen schwäbischen Geschichtsfreunden und bei allen Germanisten in deutschen Landen. Eine hohe, trotz seiner Jahre sich straff aufrecht haltende Gestalt mit einem schönen, ausdrucksvollen Kopf, mit edlen, aber mehr strengen und verschlossenen als offenen Zügen, mit weißem Haar unter einem roten Käppchen und in einem grünen Schnürrock erhob er sich von einer Trick-Track-Tafel, an der er mit einem Bekannten Herr Hufschmied, letzter Sekretär der Fürstbischöfe, spielte jeden Abend mit Herrn v. Laßberg bei einem Glas Wein. aus dem Städtchen spielte, und bewillkommte mich freundlich, mit der aristokratischen Hand seinen dünnen weißen Knebelbart zupfend. Wie ganz zu seiner Burgfrau geschaffen, stand seine Gemahlin neben dem alten siebzigjährigen Ritter – ebenfalls eine hohe, schlanke Gestalt mit schwanenhaft vorgebeugtem Hals und seinen edlen Zügen, nicht im mindesten der Schwester Annette ähnlich. Niemand in der Welt hätte sie für desselben Blutes Kinder gehalten. Die Letztere kam schwer atmend, wie immer, wenn es für sie Treppen zu steigen galt, von ihren Gemächern herüber; dann tauchten noch zwei kleine Mädel von fünf oder sechs Jahren auf, des alten Herrn Zwillingstöchterchen, und darauf beschränkte sich der Kreis der Insassen der alten weiten Schloßburg.« Zeit, Umstände, Sichtbares und noch mehr Unsichtbares, vor allem aber die Herzensverbinderin Poesie, haben um Annette und Levin ein Band geschlungen, das nicht mit einem einzigen Worte bezeichnet werden kann, und das dem Biographen immer Schwierigkeiten machen wird. Ein Band so herzlich warm, so innig, daß man, nach der Sprache in den Briefen zu urteilen, beinahe versucht ist, ein Liebespaar dahinter zu vermuten, und doch ist alles Erotische ausgeschaltet. Annette selbst hat mit nüchterner Klarheit und Ruhe, die Gefahren einer solchen Freundschaft wohl erkennend, ihr die Grenzen gezogen – »weit genug zwar«, sagt G. Reuter, »aber scharfe Grenzen, die sie selbst stets in Ehren gehalten, und die von ihrem jungen Freunde ebenso respektiert worden sind.« –»... aber wenn Sie deshalb glauben, oder jemals sich einbilden, ich wäre verliebt in Sie, ich wäre eine Törin und würfe mich Ihnen an den Hals, so sind Sie nicht nur ein eitler Geck, sondern Sie sind etwas Schlimmeres: ein verdorbener Mensch, der von einem reinen und edlen Verhältnis keinen Begriff hat.« Diese eigenen Worte der Dichterin entheben uns jedes Zweifels über die Lauterkeit dieses Verhältnisses, in welchem, wie schon bemerkt, die Mütterlichkeit die Hauptrolle spielte; aus dieser ist es auch herausgewachsen und hat sich allmählich erst zu inniger Freundschaft entwickelt. Wie ein kostbares Kleinod hütete sie diese; schon bei Lebzeiten ist sie darauf bedacht einen Schleier darüber zu werfen, und es würde ein vergeßliches Bemühen sein, ihn ganz lüften zu wollen. Zur besseren Würdigung und zum Verständnis dieses Verhältnisses aber wird es dienen, wenn wir zu seinen Anfängen zurückgehen. Der Freund Levin Schücking Levin war geboren zu Clemenswerth als Sohn des Friedensrichters Schücking und seiner Gemahlin Katharina geb. Busch, welch letztere sich schon vor ihrer Verheiratung als Schriftstellerin einen Namen gemacht hatte. Annette liebte und verehrte sie. »Du hast es nie geahnet, nie gewußt, Wie groß mein Lieben ist zu dir gewesen, Nie hat dein klares Aug' in meiner Brust Die scheu verhüllte Runenschrift gelesen. Wenn du mir freundlich reichtest deine Hand Und wir zusammen durch die Grüne wallten, Nicht wußtest du, daß wie ein Götterpfand Ich, wie ein köstlich Kleinod sie gehalten.« schreibt sie in dem wunderschönen Gedicht, mit dem sie ihr, der Dahingegangenen, ein bleibendes Denkmal gesetzt hat. Als Levin der Schule in Clemenswerth entwachsen war und deshalb ans Gymnasium nach Münster kam, gab ihm seine Mutter einen Brief an Annette von Droste mit, den er eines Tages nach Rüschhaus brachte. Das Edelfräulein empfing ihn in einem weißen Musselinkleid sehr schlicht und einfach. Sie zeigte ihm ihre gesammelten Schätze: Muscheln, Münzen, Versteinerungen, die sie in einem Glasschränkchen aufbewahrte. Von dem Tage an begab sich Levin immer wieder von Zeit zu Zeit auf den kleinen Edelsitz in der Heide. Da starb seine Mutter. Annette, welche keine Mitteilung erhalten hatte, wollte an sie schreiben, als ihr Auge, ein Zeitungsblatt als Unterlage benützend, ganz zufällig auf die Todesanzeige fiel. Bei ihrem Glauben an mystische Zusammenhänge fühlte sie es wie eine ihr von oben zugewiesene, unabweisbare Aufgabe, an dem Sohne der Freundin nun Mutterstelle zu vertreten. Sogleich ließ sie Levin eine schriftliche Aufforderung zugehen, sie zu besuchen. Dieser kam alsbald und die innige Teilnahme, die sein tiefbetrübtes Herz bei der Freundin seiner verstorbenen Mutter fand, berührte ihn in seinem Schmerz aufs wohltuendste. Lange aber sollte Annette es zunächst nicht vergönnt sein, ihre schützende Hand über den Jüngling zu halten, da dieser Münster verließ und zur Fortsetzung seiner Studien die Universität München bezog. Erst nach sieben Jahren, in welcher Zeit sie nichts voneinander gehört, sich auch nie geschrieben hatten, kam er zurück und fand Annette wieder in ihrem »Schilfhause«. Sie hatte sich äußerlich nicht verändert, war kaum älter geworden, »aber älter war ich geworden,« schreibt Levin in seinen Lebenserinnerungen, »alt genug, um, wenn nicht die ganze geistige Bedeutung dieser seltenen, ja einzigartigen Natur zu erkennen, doch sie zu ahnen und von ihr nachhaltig gefesselt zu werden.« Von dieser Zeit an beginnt ein reger Verkehr. Wir sehen den Jüngling jede Woche an einem festgesetzten Tag über Wiesen und Heidekämpe nach Rüschhaus wandern, wo ihn Annette auf einer Bank im Parke erwartete. Der »schattenreichsten nicht von allen, Nur Erlen lassen dünn und schlank Darüber karge Streifen wallen,« sagt sie in dem Lied, in dem sie diese Bank besingt und: »Dies ist der Fleck, wo man den Weg Nach allen Seiten kann bestreichen. Das staub'ge Gleis, den grünen Steg Und dort die Lichtung in den Eichen: Ach, manche, manche liebe Spur Ist unterm Rade aufgeflogen! Was mich erfreut, bekümmert, nur Von drüben kam es hergezogen –« Levin erkannte die Freundin dann schon von weitem an den lichtblonden Haaren, die sie ohne Kopfbedeckung dem freien Spiel der Winde überließ. Dann gingen sie zusammen ins Haus und Annette bewirtete ihn mit dem berühmten westfälischen Kaffee, oder mit Obst, ein paar schönen Äpfeln, die sie für ihn aufgespart hatte. Nachher wurden größere Streifereien in der Umgebung unternommen, wobei Annette immer ihren kleinen Berghammer mitführte, mit dem sie Versteinerungen und Muscheln aus der Erde klopfte. Bei schlechtem Wetter machte man sich's behaglich in der »Spiegelei«, wie Annette ihr Entresolzimmerchen nannte. Hier stand ein altmodisches Sofa; bequem in eine Ecke gekauert, erzählte sie dann allerlei Geschichten, denen Levin, der am anderen Ende des Kanapees zu ihren Füßen saß, aufmerksam zuhörte. Häufig aber unterhielt man sich auch über Literatur und literarische Erscheinungen, denn auch Schücking war unter die Schriftsteller gegangen, zwar nicht gerade zur Freude seiner mütterlichen Freundin. Annette schreibt einmal in einem Brief: »besser ein satter Handwerker als ein verhungerter Maler und Poet«. Sie hielt, wenigstens damals noch, keine großen Stücke auf seine poetische Begabung und traute ihm nicht viel mehr als ein kritisches Talent zu. Mit diesem erwarb er sich auch seinen Lebensunterhalt, indem er für den »Telegraf«, eine von Gutzkow gegründete Zeitschrift, Kritiken schrieb. Mit wahrhaft mütterlicher Liebe und Sorge benützte Annette ihre Beziehungen zu einflußreichen Persönlichkeiten, um ihren Schützling in einen gesicherten Broterwerb hineinzubringen. Sie schrieb an die ihr sehr befreundete Schwester des damaligen bekannten hessischen Ministers Hassenpflug wegen einer Sekretärstelle für Levin. Die Bemühungen schlugen aber fehl, und so war Annette froh, ihr Sorgenkind endlich bei ihrem Schwager unterbringen zu können. Kein Ort der Welt hätte sich besser geeignet, eine Freundschaft zu vertiefen und auszubilden, als die romantische Burg am Bodensee mit ihren stillen Gängen und Hallen, ihren traulichen Gemächern, mit ihren sonnigen Plätzchen, ihren Rebenhöhen, ihren murmelnden Quellen und tiefen Waldesschatten. Dorthin flüchtete sich Annette gern allein zum Träumen und Sinnen. Alte Leute wollen sich noch erinnern, wie sie ihr im Tale hinter der Krone begegneten, mit einem Buch oder Heftchen in der Hand. Aber auch Levin verließ dann häufig sein Gewölbe und folgte der Freundin, die ihn am Waldeseingang erwartete. Dann schritten sie zusammen durchs Gehölz, bis an den lichteren Waldessaum. Hier ließen sie sich nieder auf eine Bank und genossen die Aussicht auf die Mainau und den Untersee; oder sie kehrten ein beim »Figel«, dem Besitzer des Wirtshäuschens am Bergabhang, eine solche Einkehr beschreibt uns die Dichterin in der »Schenke am See«. Sie sitzen unter dem rebenumsponnenen Dach. »Das Wurzelmännchen«, so nannte Annette den kleinen Wirt, bringt ihnen frisch gebrochene Trauben: »O sieh, wie die verletzte Beere weint Blutige Tränen um des Reifes Nähe« spricht sie zu Levin, heißt ihn aber frisch zugreifen: »Die saftigen Rubine glühn und locken.« Es kommen ihr ernste Gedanken, die dem jungen Freunde noch »Hieroglyphen« sind: »Schon fühl' ich an des Herbstes reichem Tisch Den kargen Winter nah'n auf leisen Socken; Und ich, ich will an deiner lieben Seite Froh schlurfen meiner Neige letztes Gut...« Zuletzt sehen sie auf den Wellen unter sich im Abendrot eine Taucherente auf- und niedergehen. Die Dichterin sieht darin treffend das Symbol ihrer und des Jünglings verschiedenen Lebensauffassung: »Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf! Wir beide schaun gespannten Blickes nieder; Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf – Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder!« Zuweilen liebte das Freundespaar aber auch an den See hinabzusteigen und am Ufer hinzuwandeln. Annette, die Sinn und Verständnis für alles, Großes und Kleines, in der Natur besaß und in der Mineralogie bewandert war, wie selten eine Frau, hatte großes Interesse für das bunte Gestein am Strande und fand ihr Vergnügen darin, kleine Raritäten, Muscheln und Steinchen, sich auszusuchen. Schücking war ihr behilflich dabei; sie kamen oft den Wellen so nahe, daß sie in ihre Fußstapfen hineinsprudelten, was aber für das westfälische Edelfräulein nichts Symbolisches haben konnte, »denn«, sagt Schücking, »die Wogen der Zeit werden nie und nimmer vermögen, die Spuren von Annettens Erdendasein auszulöschen.« Der Freiherr ließ sich angelegen sein, die norddeutschen Gäste mit den Stätten historischer Erinnerungen bekannt zu machen, und es wurde manche größere Wanderung durch die herbstlich gefärbte Natur unternommen. So führte er sie nach Salemsweiler und Heiligenberg, beides Orte, die für Laßberg von dem Zauber schöner Jugenderinnerungen umwoben waren. Salemsweiler hatte ihn als Klosterschüler gesehen und er wußte unterwegs viel zu erzählen von der strammen Zucht und Ordnung, die dort geherrscht. Auf Heiligenberg hatte er als Hofjägermeister zwölf Jahre in Diensten der verwitweten Fürstin Elisabeth gestanden und hatte in schwieriger Zeit, als ihr erster Berater sozusagen, die Regentschaft über das Ländchen geführt. Das Droste-Hülshoff'sche Familienwappen Geistes- und Herzensfrühling Jugendbildnis der Annette (gezeichnet von Frau Dr. Wöhler, Münster in W. So kam man allmählich in den Winter hinein. Die Schwalben waren fortgeflogen. Dichte Nebelschwaden brauten über dem See und hüllten die alten Mauern in ihre Schleier. Ab und zu hörte man den heiseren Schrei eines hungrigen Raben, und bei Nacht ließ eine Eule ihre Stimme vernehmen. Aber auch die ungünstige Jahreszeit hielt die Gelehrten nicht ab, nach der Meersburg zu pilgern. Ein häufiger und stets willkommener Gast war der protestantische Pfarrer Reuchlin von Lindau. So trat er auch in Beziehungen zu Annette und erkannte zuerst von all den gelehrten Besuchern deren Dichtergabe. Ludwig Uhland, der am 3. Oktober 1841 einen Tag auf der Meersburg zubrachte, hatte keine Ahnung davon, daß die hohe Stirne des zarten, westfälischen Edelfräuleins, das bei Tisch ihm gegenüber saß, von demselben Genius berührt worden war, wie die seinige. Annette sagte zu dem Dichter, daß sie auf der Durchreise in Tübingen ihm gegenüber logiert und man ihr sein Haus gezeigt habe, worauf Uhland lachend erwiderte: »Dort, dem Lamme gegenüber wohnt ein Kaufmann Uhland, der dem Wirt ohne Zweifel gewichtiger erschien.« Die damals angesponnene Bekanntschaft hatte zunächst keine weitere Beziehungen zur Folge, bis Uhland seine deutschen Volkslieder herausgab, wobei Annette ihm fördernden Beistand leistete, indem sie eine größere Anzahl Lieder, wie sie im Münsterlande gesungen wurden, für Uhland sammeln und abschreiben ließ. – Still und bewegt zugleich war das Leben im Schlosse während des Winters. Der Freiherr schrieb alte Manuskripte ab mit seiner schönen Handschrift und brachte ganze Bände zustande. Die Freifrau unterrichtete ihre Kinder, malte, zeichnete, pflegte ihre Blumen und sah überall nach dem Rechten. Levin Schücking arbeitete in der Bibliothek oder schrieb an seinen eigenen Werken in dem Gemach des nordwestlichen Turmes, das ihm als Wohnraum eingerichtet worden war. Annette besuchte ihn zuweilen dort, um ihm etwas Geschriebenes zu zeigen und darüber zu sprechen. Sie scheute nicht die vielen Treppen und Gänge, die trennend zwischen ihnen lagen. Ebenso kam auch er in ihr Turmzimmer herüber. »Die Zeit in Rüschhaus war die poetischste, diejenige in Meersburg aber die herzlichste und heimeligste Zeit unseres Lebens,« schreibt sie, nicht umsonst, in einem der späteren Briefe an den Freund. Die Dichterin war aber sehr fleißig in ihrer einsamen Turmstube. Sie spricht in einem Brief an die Mutter von einem »Berg von Arbeit, den sie vor sich habe«. Gegen Weihnachten stickte sie Pantoffeln für ihren Schwager. Auch die damals so beliebte Ausschneidekunst wurde von ihr gepflegt. Unter ihren schönen Händen entstanden die zierlichen kleinen Kunstwerke, mit denen sie so oft ihre Freunde und Bekannten erfreute, und die wir heute noch bewundern. Zu andern Stunden sehen wir die Dichterin sogar Strümpfe stopfen, wenn Therese, das Kammermädchen, keine Zeit hatte, und sie fürchtete gar nicht, die Rache der Musen deshalb auf sich zu ziehen. Dann aber liegt sie wieder in der Sofaecke, wie auf ihrem kleinen Edelsitze in Westfalen, sinnend und träumend, – plötzlich erhebt sie sich, geht an den großen runden Tisch, wo das Tintenzeug steht, nimmt die Kielfeder zur Hand und das nächste beste Blatt Papier und schreibt mit der kleinen, eigensinnigen Schrift Verse nieder. Damit geht sie zu Levin hinüber, um sie ihm vorzulesen, oder wartet bis zum Abend, um sie beim Lampenlicht ihrem Auditorium, Jenny und Schücking, zum besten zu geben. Annette berichtete darüber der Mutter: »sie sind beide immer sehr zufrieden damit, aber leider von so verschiedenem Geschmack, daß der eine sich immer über das am meisten freut, was dem andern am wenigsten gelungen scheint, so daß sie mich ganz konfus machen könnten und ich am Ende doch meinen eigenen Geschmack als letzte Instanz entscheiden lassen muß.« Während die Manuskripte, das geistliche Jahr und das angefangene Buch über Westfalen, welche die Dichterin, teils zum Feilen, teils zur Vollendung, aus Westfalen mitgebracht hatte, noch immer in der Tiefe ihres Koffers ruhten, entwickelte sie eine Fruchtbarkeit an neuen lyrischen Gedichten, die geradezu staunenerregend ist. Es hatte dies seinen Grund in einer Wette, die sie mit Levin Schücking eingegangen. Als Annette einmal bei dem Freunde in der Bibliothek war und seinen Arbeiten zusah, wurde, wie schon öfters im Laufe der Unterhaltung, die Frage aufgeworfen, für welche Dichtungsart ihr Talent sich am besten eigne. Sie behauptete immer für das Epische die größte Ader zu haben, während Schücking darauf bestand, in der Lyrik liege ihre Stärke, aber dazu setzte, »man müsse die Stimmung, aus welcher lyrische Gedichte hervorgehen, wie ein gutes Weinjahr, mit Geduld und Demut, abwarten.« Annette aber, im Gefühl ihres unerschöpften inneren Reichtums, neigte zu der Goethe'schen Ansicht, daß der Dichter die Poesie kommandieren könne, und sagte, es werde ihr ein Leichtes sein, so Gott ihr Gesundheit gebe, in wenigen Wochen einen Band lyrischer Gedichte zu schreiben. Als Schücking diesem kühnen Worte Zweifel entgegensetzte, bot sie ihm eine Wette an und verschwand in ihre Turmstube, um sofort ans Werk zu gehen. Am Nachmittag las sie ihm schon das erste Gedicht zu dem gewetteten Bande vor, am folgenden Tag sogar zwei, und so ging es fort. Des Freundes Doktrin erhielt von nun an Tag für Tag ihre wohlausgemessene und verdiente Züchtigung. Annette konnte am 26. Januar 1842 an die Mutter schreiben: »Ich habe schon einen ganzen Wust geschrieben, August August von Harthausen, ein Oheim der Dichterin. würde sich aber ärgern, wenn er hörte, daß es meist Gedichte sind, von denen ich gegen Ostern wohl einen neuen, dicken Band fertig haben werde.« Zu der fast ans Wunderbare grenzenden Fruchtbarkeit der Dichterin in diesem Winter ist zu bemerken, daß sie nicht immer ganz Neues schuf, sondern vielfach nur niederschrieb, was sich in stillen Stunden des Sinnens und Träumens in ihrem Geiste zur Poesie schon verklärt hatte. Das wird uns noch begreiflicher, wenn wir bedenken, daß Annette gewöhnt war, erst zu Tinte und Feder zu greifen, wenn ein Gedicht fertig vor ihrer Seele stand. Vielen Gedichten aus jener Zeit ist so deutlich der Stempel des Westfälischen aufgedrückt, z. B. den »Heidebildern«, daß sie unwillkürlich auf ihre Entstehung in der Heimat hinweisen. Andere hingegen, so »Am Turme«, sind frisch an den Ufern des Bodensees ihrem Geiste entquollen. Man fühlt die Stimmung und direkte Einwirkung der Umgebung heraus, wenn sie keck in die Welt hinaus singt: »Ich steh' auf hohem Balkone am Turm, Umstrichen vom schreienden Stare, Und lass' gleich einer Mänade den Sturm Mir wühlen im flatternden Haare: O wilder Geselle, o toller Fant, Ich möchte dich kräftig umschlingen, Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand, Auf Tod und Leben dann ringen!« Ein andermal beschreibt sie uns die alte Meersburg: »Auf der Burg haus' ich am Berge, Unter mir der blaue See, Höre nächtlich Koboldzwerge, Täglich Adler aus der Höh', Und die grauen Ahnenbilder Sind mir Stubenkameraden, Wappentruh' und Eisenschilder Sofa mir und Kleiderladen. »Mir genüber gähnt die Halle, Grauen Tores, hohl und lang, Drin mit wunderlichem Schalle Langsam dröhnt ein schwerer Gang ...« Und dann wieder sehen wir sie am Turme stehen. Ihre Locke ist feucht vom Wasserstaub, der heraufsteigt, – sie gibt sich ernsten Betrachtungen hin über den See im Lied »Am Bodensee«: »Dahin, dahin! die einst so gesund, So reich und mächtig, so arm und klein, Und nur ihr flüchtiger Spiegelschein Liegt zerflossen auf deinem Grund. Der Ritter, so aus der Burg hervor Vom Hange trabte in aller Früh': – Jetzt nickt die Esche vom grauen Tor, Am Zwinger zeichnet die Mylady – Das arme Mütterlein, das gebleicht Sein Leichenhemde den Strand entlang, Der Kranke, der seinen letzten Gang An deinem Borde gekeucht; Das spielende Kind, das neckend hier Sein Schneckenhäuschen geschleudert hat. Die glühende Braut, die lächelnd dir Von der Ringelblume gab Blatt um Blatt? Der Sänger, der mit trunkenem Aug' Das Metrum geplätschert in deiner Flut, Der Pilger, so am Gesteine geruht. Sie alle dahin wie Rauch!« Zuletzt denkt sie daran, daß auch sie einst dasselbe Los treffen wird, daß auch sie einst zergehet »wie Schaum«; »Wenn aus dem Grabe die Distel quillt. Dann zuckt mein längst zerfallenes Bild Wohl einmal durch deinen Traum!« Annettens Naturgefühl ist so übermächtig groß und dabei doch so zart, wie wir es nur bei den größten Dichtern finden. Alles hat bei ihr Seele, alles gestaltet sich zu dramatischem Leben, und wer bewundert nicht die Kleinmalerei in: »Das öde Haus«? »Das Dach, vom Moose überschwellt, Läßt wirre Schober niederragen, Und eine Spinne hat ihr Zelt Im Fensterloche aufgeschlagen; Da hängt, ein Blatt von zartem Flor, Der schillernden Libelle Flügel. Und ihres Panzers gold'ner Spiegel Ragt kopflos am Gesims hervor. Und auf dem Herde, wo der Schnee Seit Jahren durch den Schlot geflogen. Liegt Aschenmoder feucht und zäh. Von Pilzes Glocken überzogen; Noch hängt am Mauerpflock ein Nest Verwirrten Wergs, das Seil zu spinnen, Wie halbvermorschtes Haar, und drinnen Der Schwalbe überjährig Nest.« Der Säntis, der der Dichterin ins Fenster schaut, ist ihr Freund; sie hat ihm nicht weniger als vier Lieder gewidmet. Im Frühling grüßt sie ihn als »Greis«, mit »der Locke weiß!« »In Felsenblöcke eingemauert, Von Schneegestöber überschauert, In Eisespanzer eingeschnürt: Hu! wie dich schaudert, wie dich friert!« ruft sie ihm zu über den See hinüber, während bei ihr schon: »Die Rebe blüht, ihr linder Hauch Durchzieht das tauige Revier, Und nah und ferne wiegt die Luft Vielfarb'ger Blumen bunte Zier.« An einem heißen Sommertag aber, wo kein Lüftchen sich regt, kein Vogel zirpt, kein Hund bellt, und sie, die Dichterin selbst, unter der Linde liegt wie ausgedörrt, zu müde, die Mücken fortzuscheuchen, da steigt ihr der Wunsch auf, bei ihm zu sein: »O Säntis, Säntis! läg ich doch Dort – grad an deinem Felsenjoch, Wo sich die kalten, weißen Decken So frisch und saftig drüber strecken. Viel tausend blanker Tropfen Spiel: Glücksel'ger Säntis, dir ist kühl!« Und im Herbste, während sie unter der »Trauben Pracht« steht und mit halbverschlossenem Blick noch vom Lenze träumt und vom Glück, da sieht sie auf einmal den frischgefallenen Schnee auf den Bergen, er tut ihr in den Augen weh, und wehmütig fragt sie den alten Freund: »Willst uns den Winter schon bereiten? Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten, Und bald, bald wälzt er sich herab Von dir, o Säntis! ödes Grab!« Im Winter reißt sie das Fenster auf und bittet ihn, den Föhn los zu lassen aus seiner »Kerker Schoß«, damit es bald Frühling wird: »Wo schwärzlich jene Riffe spalten, Da muß er Quarantäne halten, Der Fremdling aus der Lombardei: O Säntis, gib den Tauwind frei!« Annette wurde in Wahrheit alles zum Gedicht: der milde, wie der harte Wintertag, die glatte Eisbahn, die am Rande des Weihers hingefegt ist, Feuer, Luft, Wasser, Erde. – »Die Elemente nehmen unter der Hand der Dichterin Fleisch und Blut an«, sagt ein neuerer Biograph (Prof. Dr. Zorell) von ihr, »das Wasser ist verkörpert in dem Meer, dem köstlichen Blut der Erde. Wenn am Mittag die ganze Natur schläft, geht ihr Pulsschlag auf und nieder in dem heiligen Meer. In den Himmelsodem Luft zieht am frischen Morgen der Jäger mit leichtem Schritt. Die Erde wird geschildert durch den tauigen Abend, wenn der Gärtner seine Lieblinge, die Blumen, alle der lieben Mutter, der Erde, anvertraut. Das Feuer aber kommt am sinnigsten zur Geltung im Dunkel der Nacht, wo der Hammerschmied das glühende, vor verhaltenem Grimm zitternde Eisen bleichkalten Angesichts bändigt und zähmt.« Ja, selbst aus dem harten Gestein weiß Annette von Droste Funken der Poesie zu schlagen, was kaum einem Dichter vor ihr gelungen. Sie sitzt in der Mergelgrube und betrachtet das Geröll, rückwärtsblickend und den Stift in die Urgeschichte tauchend: »Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneis, Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß, Und um den Glimmer fahren Silberblitze; Gesprenkelte Porphyre, groß und klein. Die Okerdruse und der Feuerstein – Nur wenige hat dieser Grund gezeugt. Der sah den Strand, und der des Berges Kuppe; Die zorn'ge Welle hat sie hergescheucht, Leviathan mit seiner Riesenschuppe, Als schäumend übern Sinai er fuhr, Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen, Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand, Als dann am Ararat die Arche stand. Und eine fremde, üppige Natur, Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen.« – Nun seien es aber genug der Beweise, wie Annette ihre Gabe benützt hat, um die Natur uns dichterisch vorzufühlen und zu verklären. Am größten zeigt sie sich, wenn sie in die vielverschlungenen Fäden des menschlichen Lebens und menschlicher Schicksale hineingreift. Annette ist große Menschen- und Herzenskennerin. Wie sie für die äußeren geschaffenen Dinge einen ganz eigenartigen Seherblick hat und das Kleinste, scheinbar Unbedeutendste unterscheidet, so hat sie ihn auch für die Welt des Geistes. Keine Tugend, aber auch kein Unrecht, keine Sünde ist ihr fremd. Sie legt die Sonde an den kleinsten Fehler, die leiseste Schwäche, nicht zuletzt an ihre eigenen an. Wie gewissenhaft ist sie bis aufs Äußerste in ihren Beziehungen zum Nebenmenschen. Wie ernst nimmt sie die Verantwortung und Aufgabe ihm Hüter, Schützer zu sein. Wie fragt sie sich, ob nicht auf sie eine Schuld fällt, wenn Andere fehlen: »Wenn Kinderohr an deinen Lippen hängt, Wenn Kinderblick in deinen Augen liest. Wenn jedes kecke Wort, das vor sich drängt. Wie glühend Blei in zarte Ohren fließt; Bist du denn nicht der Hirt? Ist dein die Schuld nicht, wenn das Lamm verirrt?« Nichts ist ihr heiliger als das Gebot der Nächstenliebe. Über seine feinsten Feinheiten werden wir belehrt am 14. Sonntag nach Pfingsten. Sie reißt alle Herzenstiefen auf, horcht auf den Pulsschlag der Seele: »Und wenn an deines Tempels Tor Steht einer einsam ausgeschlossen. Des Tränen doch vor Gott geflossen. Des Seufzer doch erreicht sein Ohr: Dann magst du deine Rechte reichen Und deuten aufwärts nach dem Blau, Wo allen glüh'n der Sterne Zeichen, Für alle sinkt der milde Tau. Und dann, wenn sich ge'n einen regt Dir ein gewaltsam Widerstreben, Weil andere Weise ihm gegeben, Als dir der Himmel zugelegt; Wenn Fehl mit Albernheit im Bunde Zertreten will der Liebe Saat: Reich ihm die Hand, dies ist die Stunde. Wo das Gebot sich prüfend naht.« Wir brauchen ja nur » Das geistliche Jahr «, diesen herrlichen Zyklus religiöser Gedichte, aufzuschlagen, eine ganze Welt erschließt sich uns da von Seelengeheimnissen – eine ganze Welt von Höhen und Tiefen. Ist es nicht eine rührende Demut, die aus den Worten quillt: »Mich kennen muß die Welt, ich muß Verachtung tragen. Wie ich sie stets verdient; Ich Wurm, der, den die Engel kaum zu nennen wagen, Zu preisen mich erkühnt.« Annette ist eine Meisterin des Gebets: Belauschen wir sie einmal ein wenig in ihren Gesprächen mit Gott, – ob wir da nicht etwas von ihr lernen können? – »So tret ich denn in Jesu Namen, Mein Schöpfer vor dein Angesicht; Wo steh'n die Blinden und die Lahmen, Dort ist mein Platz und mein Gericht Und bin ich der Geringsten eine, Die knien unter deinem Schild: Für alle, alle ist ja deine So überreiche Hand gefüllt.« Welch entzückendes Gebet! Und weiter: »Ich bitte nicht um Glück der Erden, Nur um ein Leuchten nun und dann. Daß sichtbar deine Hände werden. Ich deine Liebe ahnen kann; Nur in des Lebens Kümmernissen Um der Ergebung Gnadengruß: Dann wirst du schon am besten wissen. Wieviel ich tragen kann und muß.« »Ich möchte noch um vieles bitten. Doch besser schweigend knie' ich hier; Er, der für mich am Kreuz gelitten, Mein milder Anwalt steht bei mir. Ich wandle stets in Finsternissen, Er war es stets, der Strahlen warf: Der alles weiß, sollt' er nicht wissen. Was seine arme Magd bedarf?« In der Nacht beim Erwachen betet sie für die Ihrigen: »Gib ihnen Licht, wo es noch finster ist, Gib ihnen Kraft, wo schon ein Strahl entglommen. Gib ihnen Trübsal, wenn ihr Herz vergißt, Ihr eitles Herz, woher das Glück gekommen. Doch wenn das Leiden sie zum Mißmut drückt, Gib ihnen Freude, daß sie dich erkennen; Gib ihnen Trost, wenn einst ihr Leben knickt, Und laß' sie sterbend deinen Namen nennen.« Und nun hören wir sie noch für die armen Seelen flehen: »O Gott, ich ruf aus meiner tiefsten Seele, Steh ihnen bei, mein Gott, verlaß sie nicht! Auf ihren Schmerz sieh', nicht auf ihre Fehle; Sieh' auf mein einsam trauernd Angesicht! Und ist es möglich, kann man Seelen retten Durch Erdenleid, dem man sich willig beut, Kann ich mein Schicksal an das ihre ketten: Gib deinen Kelch, o Herr, ich bin bereit! Was will doch alles Erdenleiden sagen. Bedenk ich Leid und Freud der Ewigkeit! Was ich vermag, ich will es gerne tragen; Ich bin bereit, o Herr, ich bin bereit!« In welch intimem Verhältnis sie zu Gott steht, verrät sie uns in dem Gedicht auf den Palmsonntag. Es klingen hier Töne herein, die an die alten Mystiker erinnern, ja sogar an das biblische Hohelied. Sie kann ihrem Heiland nicht mit Palmen entgegengeh'n, »der Atem ist ihr schwer«, dafür kommt er zu ihr: »O Jesu, süße Helle. Du kömmst in meine Zelle In meine Modergruft! Was soll ich dir bereiten, Du wunderlieber Gast? Ich möchte dich verleiten Zu langer Liebesrast. Wohlan, ich schmücke dich, Will dich mit Blumen binden; Du sollst dich nicht entwinden. Das weiß ich sicherlich. Aus deiner Mutter Rechten Will ich um Deinen Fuß Die reine Lilie flechten Mit demutsvollem Gruß, Daß ich dich feßle ganz Mit Liebesblumenringen, Will um dein Haupt ich schlingen Den heil'gen Rosenkranz.« Wie schön, wie gläubig betet die schwergeprüfte Dichterin in ihren Leidensstunden: »Das ist mein Trost in allen Leiden, Daß nichts mich kann von Jesu scheiden Von seiner Liebe keine Macht.« Ein Schauer überrieselt uns, wenn wir in ihre Selbsterkenntnis hineinblicken und in ihre Hingabe an Gott. Letztere drückt sich besonders schön aus in dem Gedicht »Am Gründonnerstag«. In ihrer Furcht, an der sie so oft leidet, es könnte ihr eines Tages der Verstand genommen werden, wendet sie sich an Gott: »O Gott, ich kann nicht bergen, Wie angst mir vor den Schergen, Die du vielleicht gesandt, In Krankheit oder Grämen Die Sinne mir zu nehmen Zu töten den Verstand!« »Doch ist er so vergiftet, Daß es Vernichtung stiftet, Wenn er mein Herz umfleußt: So laß' mich ihn verlieren, Die Seele heimzuführen, Den reichbegabten Geist. Hast du es denn beschlossen, Daß ich soll ausgegossen Ein tot' Gewässer steh'n Für dieses ganze Leben: So will ich denn mit Beben An deine Prüfung gehn.« Und am Feste Allerheiligen, welch herrliche Töne entströmen ihrer Harfe, indem sie die 8 Seligkeiten besingt. Wir fühlen uns wie in ein Friedensreich eingetaucht, von himmlischen Lüften umweht. Man kann die Verse nicht oft genug lesen: »Selig sind im Geist die Armen, Die zu ihres Nächsten Füßen Gern an seinem Licht erwarmen Und mit Dienerwort ihn grüßen, Fremden Fehles sich erbarmen, Fremden Glückes überfließen: Ja, zu ihres Nächsten Füßen Selig, selig sind die Armen! Die Barmherzigen sind selig, So nur auf die Wunde sehen. Nicht erpressend kalt und wählig Wie der Schaden mocht' entstehen, Leise, schonend und allmählich Lassen drin den Balsam gehen: So nur nach der Wunde sehen. Die Barmherzigen sind selig!« Ihrer tiefen Ergriffenheit über die Leiden des Heilands gibt sie »Am Karfreitag« Ausdruck: »Weg mit goldenen Pokalen, Süßem Wein vom edlen Stamme! Ach, ihn sengt in seinen Qualen Noch des Durstes heiße Flamme! Daß er laut vor Schmerz muß klagen, Erd' und Himmel muß erbleichen. Da die Henkersknecht' es wagen Gall' und Essig ihm zu reichen. Weiche Polster, seid'ne Kissen, Kann mir noch nach euch verlangen, Da mein Herr, so gar zerrissen. Muß am harten Kreuze hangen?« Sind das nicht Perlen und Juwelen geistlicher Dichtkunst? Wir könnten noch viele Stellen anführen – das »Geistliche Jahr« ist voll davon – aber diese wenigen mögen genügen. Werfen wir noch einen Blick in die weltlichen Gedichte. Wie vertraut ist unsere Dichterin mit allen Lebensverhältnissen! Die Schwächen und Tugenden eines Ehepaares sind gewiß nie seiner und schärfer gezeichnet worden als von Annette in: »Die beschränkte Frau«. »Vor allem macht' ihm Überdruß Ein Wort, das sie an alles knüpfte. Das freilich in der Rede Fluß Gedankenlos dem Mund entschlüpfte: »In Gottes Namen«, sprach sie dann, Wenn schwere Prüfungsstunden kamen; Und wenn zu Weine ging ihr Mann, Dann sprach sie auch: »In Gottes Namen.« Das schien ihm lächerlich und dumm. Mitunter frevelhaft vermessen; Oft schalt er, und sie weinte drum Und hat es immer doch vergessen.« Und wie trefflich finden wir im selben Gedicht mit wenigen Strichen den Kaufmannsstand gezeichnet: »Der Handel ist ein zart Gebäu, Und ruht gar sehr auf fremden Säulen. Ein Freund falliert, ein Schuldner flieht. Ein Gläub'ger will sich nicht gedulden, Und eh' ein halbes Jahr verzieht. Weiß unser Krämer sich in Schulden«. Welch feines Verständnis hatte die Dichterin, um noch eines anzuführen, für das verschiedenartige Glück des Kloster- und Familienlebens! Wie wird sie beiden gerecht im letzten Gesang des »Hospiz auf dem St. Bernhard«, wo die Mönche, auf der Felsplatte stehend, dem Sennen, dem Weib, dem Kind und greisen Großvater nachsehen und dann sich heimwärts ihrem Kloster zuwenden: »So zieh'n auf immer sie geschieden, Zum Glücke die, und die zum Frieden. Was schöner sei, was minder hehr? – Dies zu entscheiden würde schwer. In Wahrheit! Beide sind nur eins! Glück ohne Frieden gibt es keins, Und Frieden trägt ein mildes Glück. Dies sagt dir jeder Augenblick. Wirst du aus reinem Herzen fragen. Sind nimmer auch die Formen gleich. Was diesem karg, dünkt jenem reich: Nicht über Lüge darfst du klagen. Der Tau die Schimmer wirft zurück. In sieben Farben bricht der Schein, Doch hüllen einen Strahl sie ein. – Ach, Glück ist Friede – Frieden Glück!« Der natürliche Drang eines jeden schaffenden Geistes ist es, seine Werke, wenn sie einmal als Kunstwerke sich ihm darstellen, an die Öffentlichkeit zu bringen. Auch bei Annette war dies der Fall. Schücking stand ihr treulich dabei zur Seite und erwies sich hierin als wahrer Freund. Es war ihm selbst vielleicht mehr noch als der Dichterin daran gelegen, daß ihr Licht auf den Leuchter gestellt werde und die Welt ihr Talent kennen lerne. Bei seinen Beziehungen zu den meisten damaligen Dichtern und Verlegern von Ruf, war es ihm nicht schwer, Annette in die literarische Welt einzuführen. »Das Morgenblatt«, das damals einflußreichste Organ für belletristische Literatur, öffnete ihr seine Spalten. Gleich die ersten Gedichte wurden mit Enthusiasmus aufgenommen; Freiligrath schreibt an Schücking darüber: »Deine und der Droste jüngste Beiträge im Morgenblatt habe ich mit herzinniger Freude gelesen. »Der Knabe im Moor« ist ganz vortrefflich. Es ist bösartig von Deiner Freundin, einen so ins Gruseln zu bringen; die Haare haben mir dabei zu Berg gestanden.« Schücking ging täglich auf's Museum, – ein Zimmer in einem Gasthaus des oberen Städtchens – um die Zeitungen zu lesen, und es entzückte ihn stets, wenn er darin etwas von sich oder von der Freundin fand. Voll Begeisterung brachte er Annette die Nachricht, welche auch große Freude darüber empfand und sich immer mehr zu dichterischem Schaffen angeregt fühlte. Getrennt, nicht geschieden Rüschhaus bei Münster. Allmählich kam der Frühling heran. Die Sonne schmolz den Schnee von den Dächern und Zinnen, Schneeglöckchen und Veilchen streckten an sonnigen Plätzchen im Burghof ihre Köpfchen aus dem Grase hervor. Die Schwalben kamen aus dem Süden zurück. Für Levin Schücking aber schlug die Abschiedsstunde. – Es war ihm, durch Vermittlung seines Freundes Freiligrath, von Fürst Wrede in Bayern die Erzieherstelle seiner beiden Söhne angeboten worden. Der Freiherr, sowie auch besonders Annette, hatten ihn bestimmt, sie anzunehmen, im Hinblick darauf, daß seine Stellung auf der Burg als Bibliothekar von Anfang an, nur als eine vorübergehende gedacht war. Die Dichterin machte sich immer Sorge um Levins Zukunft und kannte ja, wie wir schon gehört, keinen größeren Wunsch, als ihn in einer gesicherten Laufbahn zu sehen. Sie begrüßte deshalb das Anerbieten als ein Geschenk des Himmels, wie schwer ihr auch anderseits die Trennung von dem Freunde wurde. Über dem eigentlichen Abschied liegt ein Dunkel. Aber es scheint noch zu einer ernsten Mahnung gekommen zu sein; denn Annette spricht in ihrem ersten Brief an Schücking von »harten Dingen«, die sie ihm noch zuletzt gesagt ... Jetzt erst, nachdem er fortgegangen, erkannte die Dichterin, wie eng sie mit Levin verbunden, ja, daß er ihr fast unentbehrlich geworden war. Sie sitzt jeden Morgen auf der Treppe und wartet auf den Postboten, ob er ihr keinen Brief bringt, und als es dann endlich der Fall ist und sie das erste Schreiben empfängt, das vom 12. April 1842 datiert, eilt sie jubelnd und klopfenden Herzens, in ihre Turmstube damit. Nachdem sie ihn dort zuerst allein gelesen, bringt sie ihn hinüber zu Laßbergs und es ist große Freude im Hause über den Brief, welcher schließt: »Jetzt dem nur noch, daß ich nie die Meersburg und alle ihre Bewohner vergessen werde, vielmehr mit meinen Gedanken mehr dort als hier bin und ewig sein werde. Ihr dankbarster und gehorsamster L. Schücking.« Auch Annette begleitet der Gedanke an den Freund auf Schritt und Tritt. – Sie leidet sehr unter Heimweh und wenn ihre Sehnsucht zu groß wird, greift sie zur Feder und schreibt seitenlange Episteln an ihn, was ihr das Herz eingibt – ist sie ja doch im Briefschreiben eine Meisterin ersten Ranges. Alles teilt sie ihm mit, was auf der Burg sich ereignet: Großes, Kleines und Allerkleinstes, denn sie weiß, daß er sich dafür interessiert. – Natürlich kommt darüber ihr eigenes Tun und Treiben, mit allen Seelen- und Herzensstimmungen durchwoben, nicht zu kurz. Diese Briefe sprechen eine Herzenssprache, wie wir sie selten finden. Es sind Äußerungen darin, die über die gewöhnliche Freundschaft hinausgehen. Annette, die nie ein Liebesgedicht gemacht, schlägt hier Töne an, die nur das Lied der Liebe kennt. Wir sind überrascht, wenn wir das vertrauliche Du anstatt der Anrede Sie treffen. Noch mehr, wenn wir lesen: »Guten Morgen, Levin! Ich habe schon zwei Stunden wachend gelegen und in einem fort an dich gedacht! Ach, ich denke immer an dich, immer ...« An einer andern Stelle heißt es: »Schreibe mir, daß du mich lieb hast; ich habe es so lange nicht ordentlich gehört und ich bin so hungrig darauf ...« Dazwischen klingt ein mütterlicher Ton durch. Sie nennt ihn »liebstes Kind«, ihren »Jungen«, ihr »widerspenstiges, kleines Pferd«, einmal sogar »einen Schlingel«, der ihr »die Seele gestohlen«. Und dann wieder: »Lieber Levin, deine treue Sorge und Liebe tut deinem Mütterchen so wohl – ein Mutterherz ist nicht so leicht aus dem Ärmel zu schütteln«. Sie erinnert ihn an die schönen Stunden in Rüschhaus, an das alte Kanapee mit den Harfen, an die Bank unter den Eichen, wo sie mit dem Fernrohr ihn erwartete ... Die Schaffensfreudigkeit litt aber keineswegs darunter. Nachdem die ersten acht Tage vorüber waren, in denen sie allerdings »keine Zeile hätte schreiben können«, so weh tat ihr der Abschied, »und wenn es um den Hals gegangen wäre«, ist sie »des ewigen Tränenweidensäuselns müde« und rafft sich zur Arbeit auf. »Du bist ein hochmütiges Tier«, schreibt sie ihm, »und hast einem doch nur lieb, wenn man etwas Tüchtiges leistet. Schreibe mir nur oft, mein Talent steigt und stirbt mit deiner Liebe; was ich werde, werde ich durch dich und um deinetwillen ...«, und an einer andern Stelle: »Heute bin ich wieder in der fruchtbaren Stimmung, wo die Gedanken mir con furore an den Hirnschädel pochen. Wärest du bei mir, ich würde singen, daß die Lachse aus dem Bodensee sprängen und die Möven sich mir auf die Schultern setzten.« Es liegt auf der Hand, daß diese Briefe nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren und sie haben den Weg in dieselbe auch eigentlich zu Unrecht gefunden. Die Dichterin hatte dem Freunde das Versprechen abgenommen, sie zu verbrennen, was er ihr zusagte. Nach Levins Tod am 31. August 1883, also lange nachdem Annette schon gestorben war, haben sie sich noch unter seinem Nachlaß gefunden, und hat Levins Tochter – wir nehmen an, sie wußte nichts von diesem Versprechen – keinen Anstand genommen, sie herauszugeben. Einen Verleger dafür zu finden war natürlicherweise nicht schwer. So ward der Schleier gelüftet, den die Dichterin zu Lebzeiten über ihr Geheimnis geworfen hatte. Seit mehr als einem halben Jahrhundert haben viele Gelehrte daran herumgedoktort und sich den Kopf zerbrochen, um das Rätsel zu lösen, vor das uns die Droste in ihrem Verhältnis zu Levin Schücking stellt. Wie einen kostbaren Stein haben sie es nach allen Seiten gewendet und gedreht und immer undurchsichtige Stellen darin gefunden. Es ist und bleibt uns unverständlich und wir müssen uns mit der Tatsache abfinden: wo Licht, ist auch Schatten. Die Freundschaft zu dem jungen Levin Schücking, welche bei aller Innigkeit der Neigung durch ihre sittliche Reinheit einzig dasteht, kann trotzdem als Verirrung bezeichnet werden und ist es auch schon geworden. Ja, die Dichterin selbst hat sie wohl in späteren Jahren als solche angesehen, als die Kluft, die von jeher bestand, sich bei den politischen Ereignissen des Jahres 1848 immer mehr erweiterte. Man kann sich fragen, warum es gerade Levin Schücking war, der ihren Lebensweg kreuzte zu einer Zeit, wo ihre Frauennatur nach Liebe verlangte. Warum nicht ein anderer, ein größerer, bedeutenderer Mann, an denen es damals ja nicht fehlte? Wir dürfen nur nach Weimar hinübersehen. Bei aller Nichtverkennung von Schückings schriftstellerischen Anlagen reichte sein Geist doch bei weitem nicht an den Annettens heran. Aber er hatte eine Mission an ihr zu erfüllen, das darf Schücking nicht vergessen werden. Daß er befruchtend auf das Talent der Dichterin eingewirkt hat und daß wir dieser Freundschaft die Mehrzahl der Schöpfungen Annettes zu verdanken haben, steht außer Zweifel. Wer kennt die Wege göttlicher Fügungen und Führungen? Wer kennt die labyrinthartigen Gänge, die verschlossenen Kammern des menschlichen Herzens? Wer weiß, ob diese Verirrung nicht für die Droste notwendig war, um zu jener Abklärung zu gelangen, zu jener entzückenden Demut, zu jener Glaubens- und Gottesinnigkeit, die aus ihren Gedichten zu uns spricht und die uns so zu ihr hinzieht. Das ist die große Tragik im Menschenleben, daß die schönsten, die höchsten, die echtesten Tugenden erst aus Fehlern, aus Unvollkommenheiten und Schwachheiten geboren werden. – Aber trotz allem und alledem steht Annette rein und groß vor uns, wenn wir den starken sittlichen Halt bedenken, der dazu gehörte, um die Grenzen dieser Freundschaft, die so weit gesteckt waren, nicht zu überschreiten. – Ja, es wird diese Freundschaft für uns bis auf ihren letzten Rest immer ein Geheimnis bleiben, wie überhaupt Annettens Wesen viel Mystisches, Geheimnisvolles in sich schließt. Wer kennt alles und weiß alles? Nur einer! Derjenige, der Herz und Nieren durchforscht – Gott! ... Daß das Verhältnis zu Schücking, so wie es nun einmal war, von Annette vor ihrer Umgebung verheimlicht wurde, liegt in seiner Natur, wie auch in der Natur der übrigen Umstände begründet. Gegenseitig machte das Freundespaar kein Geheimnis daraus, sondern sie haben sich mehrfach darüber ausgesprochen. – Am klarsten und deutlichsten tritt das Empfinden der Dichterin darüber zu Tage in dem Abschnitt, den sie für einen Roman Schückings geschrieben; darin läßt sie ein Stiftsfräulein zu ihrem jungen Schützling sagen: »Ich will wie eine Verwandte für Sie sorgen, ich will Sie wie einen Bruder liebhaben; ich will jemand haben, für den ich sorgen kann wie ein Weib, an dem ich eine geistige Stütze habe; denn meine Umgebung reicht nicht für mich aus. Aber wenn ich auch so gedankenarm wäre wie eine Köchin – es wäre doch dasselbe, ich will jemand haben, der mein ist und dem ich wie einem geduldigen Kamele alles aufpacken kann, was an Liebe und Wärme, an Drang zu hegen und zu pflegen, zu beschützen und zu leiten, in mir ist und übersprudelt. Aber wenn Sie deshalb glauben, oder jemals sich einbilden, ich wäre verliebt in Sie, ich wäre eine Törin und würfe mich Ihnen an den Hals, so sind Sie nicht nur ein eitler Geck, sondern Sie sind etwas Schlimmeres: ein verdorbener Mensch, der von einem reinen und edlen Verhältnis keinen Begriff hat.« Damit rückt die Dichterin ihr Herzensgeheimnis in ein so wundervolles Licht, daß wir uns unbedingt damit versöhnen müssen. Obige, früher schon angeführte Stelle, läßt uns in die Reinheit dieser Neigung wie keine andere, hineinsehen und wir brauchen uns nicht mehr an den Briefen zu stoßen, die der Niederschlag sind einer reinen und edlen Freundschaft, welche selten, wie ein Biograph sagt, einen so lebhaften Ausdruck gefunden wie von der Hand Annettens. Annettens Name hatte bereits einen Klang in der literarischen Welt, und die Gelehrten kamen jetzt nicht mehr bloß Laßbergs wegen nach der Meersburg, sondern auch um die Dichterin zu sehen und kennen zu lernen. Sie nennt unter den verschiedenen Namen auch Wessenberg und schreibt über seinen Besuch an Schücking: »Seine Persönlichkeit ist jetzt weder angenehm noch bedeutend; indessen habe ich ihn zu spät kennen gelernt ... Man sagt, er behandle Frauen gewöhnlich mit großer Geringschätzung und fast wie unmündige Kinder; mit mir aber hat er eine ehrenvolle Ausnahme gemacht, und nachdem er mir schon durch Baumbach viel Verbindliches über meine Gedichte und den Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen, hatte zukommen lassen, trat er mir jetzt ziemlich taktlos und geziert, mit den Worten entgegen: »Sie sind also die Dichterin! Wahrlich, Sie haben eine herrliche Ader von seltener Kraft ec.«, und Du glaubst nicht, mit welcher koketten, kleinlichen Ostentation er mich den übrigen Tag halb protegierend, halb huldigend, zu unterhalten suchte ... Zudem scheint er mir unbegrenzt eitel; jede Kopfbewegung hat etwas Gnädiges; sein Gespräch ist durchspielt mit Hindeutungen auf seine literarische und kirchliche Stellung, erlebten Erfolgen ec. ... Kurz, ich meine, diese große Eitelkeit und die allzeit damit verbundene Kleinlichkeit und Schwäche müssen Wessenbergs Bedeutung doch immer sehr geschadet haben, und ich kann mich, seit ich ihn gesehen, nicht enthalten, weit mehr diese für das Motiv seiner auffallenden Schritte zu halten, als irgend etwas anderes.« Ob dieses harte, abfällige Urteil Annettens über den ehemaligen Koadjutor und Generalvikar des Bistums Konstanz in allen seinen Teilen zutreffend ist, wollen wir dahingestellt lassen,– es ist hier auch nicht der Platz, es zu untersuchen – aber jedenfalls werden diese Bemerkungen mit einiger Vorsicht aufzunehmen sein, da es zu der impulsiven, temperamentvollen Eigenart der Dichterin gehörte, daß sie, vertrauend auf ihren hellen inneren Blick, sich leicht zu einem allzu raschen Urteil über Personen verleiten ließ, bei dem es dann blieb. Wir begegnen demselben noch öfters, z. B. bei dem ersten Besuch von Uhland, nach welchem sie an die Mutter schrieb: »Gott, was ist das ein gutes, schüchternes Männchen.« – Das konnte man doch gewiß nicht von einem Manne sagen, der, wie Uhland, in der Kammer so mächtig seine Stimme erhob: es müßte nur sein, daß vor dem westfälischen Edelfräulein die angeborene schwäbische Bescheidenheit des Dichters allzusehr in den Vordergrund getreten ist. – Annette vermißte den Freund überall: im Schloß, wenn sie an seinem Zimmer vorbeiging, das jetzt so leer und einsam war, und in das sie sich gelegentlich auch hineinschlich, wie auf ihren Spaziergängen am Seeufer hin, wo sie sich häufig auf eine Holztreppe setzte und sich einbildete, sie erwarte Levin wie in früheren glücklichen Tagen. Besonders lebhaft ist ihr Vermissen bei einem Ausflug nach Langenargen mit Schwager und Schwester Laßberg und den Kindern. Der See dort entzückt sie, hauptsächlich aber die Ruine des Schlosses Montfort, von der sie dem Freund eine farbenprächtige Schilderung macht: »... nicht zweihundert Schritte vom Gasthof der Hauptpunkt, die herrliche Ruine Montfort, auf einer Landzunge, die schönste, die ich je gesehen habe, mit drei Toren, zackichten Zinnen und einer dreifachen Reihe, durch ihre Höhe und Tiefe ordentlich imponierender Fensternischen, in denen die herrlichste Stukkaturarbeit dem Wind und Regen noch zum Teil widerstanden hat und man sie so mit einmal über die Nischen streifend, wie eine grandiose Stickerei, übersehen kann. Die Ruine ist als solche noch nicht alt, obwohl sonst ein sehr altes Gebäude. Vor fünfzig Jahren wohnte noch ein Schaffner darin; dann ward das Schloß zum Abbruch verkauft und nachdem das Dach und die inneren Mauern niedergerissen waren, kam ein Befehl von Stuttgart – es ist württembergische Domäne – damit innezuhalten. Seitdem steht es nun in seiner verfallenden Pracht und läßt sich nach und nach von den Wellen unterminieren, die schon viele Fuß tief in den Mauern gewühlt haben und wenn man drinnen ist, wie unterirdisch brausen ... Jetzt hat ein armer Blumenhändler mit Frau und Kindern sich dort angesiedelt; in der notdürftig hergestellten Pförtnerstube unter dem Torgewölbe hockt die Familie zusammen; auf den Mauern und Basteien, wo nur ein Fleckchen Erde ist, steht alles voll Blumen in Beeten und Töpfen; aus einem der Kellerlöcher meckert eine Ziege, und ein halbes Dutzend weißer Kaninchen schlüpft zu den unteren Fensternischen aus und ein. Du kannst Dir das Malerische des Ganzen nicht denken ... Ein fremder Kaufmann, den wir gestern beim Figel trafen, und der geraden Wegs aus dem südlichen Frankreich durch Italien und in letzter Station von Langenargen kam, war ganz entzückt davon und sagte, er könne es nur mit den schönsten Aussichten bei Genua und Neapel vergleichen ...« »Lieber Himmel,« fährt die Dichterin dann fort, »warum habe ich einen so schönen Tag ohne Dich genießen müssen! Ich habe immer, immer an Dich gedacht, und je schöner es war, je betrübter wurde ich, daß Du nicht eben neben mir standest und ich Deine gute Hand fassen konnte und zeigen Dir – hierhin – dorthin – Levin, Levin,... Du hast mir meine Seele gestohlen; Gott gebe, daß Du sie gut bewahrst ...« Annette unterläßt nicht, den Freund auch mit kleinen Ereignissen im Schloß und im Städtchen auf dem Laufenden zu halten. So meldet sie ihm einmal, in ihrem Vorzimmer sei ein großer Tisch aufgestellt, an dem Maler Stiele, auf Geheiß Laßbergs, den Bauriß des Kölner Doms illuminiere und daneben sie mit seinem Gesang unterhalte. Letzteres allerdings nicht auf Anordnung des Freiherrn, das war eine freiwillige Zugabe, wie auch, daß er sich in die alte Kammerjungfer verliebte, als diese durch das Vorzimmer ging, »um mit ihren schönen Händen« Annettens Haare zu flechten. Das Fronleichnamsfest schilderte sie in ergötzlicher Weise, wie von früh morgens 4 Uhr an die Bürgermiliz mit wirklichen Kanonen geschossen und in jedem Hause ein Kind geschrien habe, und wie besagter Stiele, in eine Uniform gezwängt, die große Trommel mordsmäßig malträtiert und bei Annettens Rückkehr aus der Kirche er sie höchst militärisch gegrüßt habe und höchst bürgerlich dazu gesagt: »Guten Morgen, gnädiges Fräulein.« Frau von Laßberg, berichtet sie weiter, sei im Zug gegangen, zwischen lauter alten Frauen und habe mit ihren zwei schneeweißen Kinderchen an der Hand ausgesehen »wie ein frommes, anmutiges Madönnchen.« – Ins Museum ging die Dichterin jetzt alle Tage. Sie setzte sich dort an den Platz am Fenster, den Schücking sonst eingenommen, und las das »Morgenblatt.« Dasselbe brachte außer Gedichten von ihr eine Erzählung, »Die Judenbuche« betitelt. Das Freundespaar beherrschte in diesem Frühling das Blatt; es kamen fast ausschließlich nur Beiträge von ihm, nicht zur Freude anderer Dichter, welche sich auch hätten gedruckt sehen mögen. So war die Zeit immer ausgefüllt mit literarischen Interessen. Neue Poesien entquollen ihrer Feder; Annette stand in diesem Jahre auf der Höhe ihres Lebens, auf der Höhe ihrer Schaffenskraft. Daneben arbeitete sie für den Freund, lieferte ihm wertvolle Beiträge für sein »Deutschland im 19. Jahrhundert« und »Das malerische und romantische Westfalen«. Ihre Hauptaufgabe aber bestand darin, die Gedichte ins Reine zu schreiben. Sie hatte Anträge von verschiedenen Verlegern, welche sich um den Druck bewarben, und Levin Schücking unterhandelte mit Cotta; doch wollte sich dieser nicht mit den einzelnen Proben begnügen, sondern das ganze Manuskript in Händen haben, bevor er sich für den Verlag entscheide. Vielfache Abhaltung von der Arbeit gab es indes durch die verschiedensten Gäste. »... es geht hier wieder bunt zu,« schreibt sie dem Freund, »man weiß morgens beim Aufstehn nicht, ob man nach der Dampfschiffstunde noch zu einer Zeile kommt.« Eine noch schlimmere Art der Abhaltung jedoch waren die Gesichtsschmerzen, an welchen Annette drei bis vier Wochen lang in heftigster Weise litt. Dann aber gab es noch eine fröhliche Zeit mit den beiden Fräulein Wintgen aus Westfalen, welche zu vierzehntägigem Aufenthalt nach Meersburg gekommen waren. Mit diesen trat Annette, da die Mutter längst ihre Heimkehr gewünscht, am 29. Juli 1842 die Rückreise an und nahm das Manuskript mit, um es in Rüschhaus zu vollenden. – Das Rebhäuschen Das Rebhäuschen Vierzehn Monate hatte Annette in der Heimat zugebracht; sie war viel leidend gewesen und es hatte sich gezeigt, daß die nordische Luft ihr weniger gut bekam, als das Klima von Meersburg. Sie richtete deshalb ihre Blicke wieder nach dem Bodensee. Die Hoffnung auf Besserung ihrer Gesundheit ließ sie abermals dorthin ziehen, und zwar diesmal in Begleitung der Mutter und einer Freundin, Elise Rüdiger. Am 3. Oktober 1843 kamen die Reisenden in Meersburg wieder an und wurden mit Jubel empfangen. Für Frau von Droste waren die Zimmer der ersten Etage im Mittelbau eingerichtet worden. Annette hingegen bezog das Turmzimmer, in welchem Levin Schücking gewohnt hatte. Sie war hier noch entfernter von der Familie als in den Zimmern ihres ersten Aufenthaltes, und an Romantik ließ dieser Raum auch nichts zu wünschen übrig. Das Bett stand in einer zwei Meter tiefen Mauernische; durch das eine Fenster sah man auf den Burgsteig und so konnte Annette alle Besuche beobachten, die nach dem Schlosse gingen. Vor dem andern stand ein alter, riesengroßer Kirschbaum, der die Aussicht auf den See verdeckte. In nächster Nähe des Gemaches befinden sich Gewölbe, welche früher als Gefängnisse gedient. Eine Steinwendeltreppe führt in ein unterirdisches Verließ, an dessen Wänden noch die Namen von Verbrechern eingezeichnet sind und wie lange ihre Gefangenschaft gewährt. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn Annettes Phantasie ihr manchmal bei Nacht vorspiegelte, es »klirre und raßle« da unten. Sie fand aber ihren Turm »köstlich«, ganz nach ihrem Geschmack, »einsam, graulich.« – Die Zeit des Zusammenseins mit Elise Rüdiger auf der alten Burg und in der schönen Gegend war eine glückliche. Sie verfloß nur zu schnell. Nach zehn Tagen reiste Elise wieder ab, »zum großen Bedauern von Jungen und Alten, deren Zuneigung sie rasch gewonnen hatte.« »Sie glauben nicht, welch' enormen Klotz von Stein Sie hier im Brett haben«, schreibt Annette an die Freundin nach der Abreise, »so lange man Sie auf der Reise vermuten mußte, ist den ganzen Tag nach dem Wetter geguckt worden ...« Wie nun das erste Schreiben kam, hatte Annette es noch nicht halb gelesen, »als die Kinder schon an die Tür klinkten: »Vater, Mutter und Großmutter ließen mich bitten, ich möchte doch kommen mit dem Brief von der Urgroßtante ...« »Ich kann nicht sagen,« fährt die Dichterin fort, »wie es mich freut, Ihnen zu der Reise zugesprochen zu haben. Laßberg und Jenny lassen Sie aufs herzlichste grüßen, zur Wiederholung derselben einladen und je länger Sie bleiben, je lieber wird es ihnen sein ...« Am nächsten Elisabethentag, 19. November 1843, dichtete sie ihrer »Lies«, frühmorgens im Bette, einen allerliebsten Namensfestgruß: An Elise. Du weißt es lange wohl, wie wert du mir, Was sollt' ich es nicht froh und offen tragen, Ein Lieben, das so frischer Ranken Zier Um meinen kranken Lebensbaum geschlagen? Und manchen Abend hab' ich nachgedacht, In leiser Stunde träumerischem Sinnen, Wie deinen Morgen, meine nahnde Nacht Das Schicksal ließ aus einer Urne rinnen. Zu alt zur Zwillingsschwester, möchte ich Mein Töchterchen dich nennen, meinen Sprossen, Mir ist, als ob mein fliehend Leben sich, Mein rinnend Blut in deine Brust ergossen. Wo flammt im Herzen mir ein Opferherd, Daß nicht der deine loderte daneben, Von gleichen Landes lieber Luft genährt, Von gleicher Freunde frommem Kreis umgeben? Und heut, am Sankt Elisabethentag, Vereinend uns mit gleichen Namens Banden, Schlug ich bedächtig im Kalender nach, Welch' Heilige am Taufborn uns gestanden; Da fand ich eine königliche Frau, Die ihre milde Segenshand gebreitet, Und eine Patriarchin, ernst und grau. Nur wert um den, des Wege sie bereitet. Fast war es mir, als ob dies Doppelbild Mit strengem Mahnen strebe uns zu trennen, Als woll' es dir die Fürstin zart und mild, Mir nur die ernste Hüterin vergönnen; Doch – lächle nicht – ich hab' mich abgekehrt. Bin fast verschämt zur Seite dir getreten; Nun wähle, Lieb, und die du dir beschert, Zu der will ich als meiner Heil'gen beten.« Annette von Droste wurde in diesem Herbste noch Grundbesitzerin am Bodensee. Sie fühlte, daß ihr die Luft zuträglich sei, und wünschte ein Eigentum zu besitzen, damit ihr bei etwaigen Wechselfällen ein freundliches »Chez moi« hier nicht fehle. Dazu bot sich eine günstige Gelegenheit. Das Fürstenhäuschen, von dem Domherrn Jakob Fugger von Augsburg (gest. 1620) erbaut und dem Bischof von Konstanz, auch einem Fugger, vermacht, war zum Verkauf ausgeschrieben und sollte versteigert werden. Auf dem Rathaus von Meersburg fanden sich viele Liebhaber und Neugierige ein. Zu ihrem großen Erstaunen erschien auch das gnädige Fräulein vom Schloß dazu. Alle Köpfe wandten sich nach ihr, als sie eintrat und mitten unter den Anwesenden Platz nahm. Ein Herr in ihrer Nähe fragte: »wollen Sie mitbieten?« – Annette, noch nicht entschlossen, was sie tun sollte, antwortete: »vielleicht, je nachdem es fällt.« Darauf gingen mehrere Leute fort – andere, die dageblieben waren, boten überhaupt nicht, außer einem Bauer; derselbe hüllte sich aber auch in tiefes Schweigen, als Annette ganz leise anfing zu bieten, und so war die Sache in wenigen Minuten entschieden und Annette »grandiose Grundbesitzerin« geworden. Der Kaufpreis, 400 Taler, wurde allgemein als sehr billig angesehen. Alles sagte, sie habe lächerlich billig gekauft, das Haus hätte sie ganz umsonst, denn die Reben allein seien dies wert. »Dafür«, schreibt sie in einem Briefe, »habe ich ein kleines, aber massiv aus gehauenen Steinen und geschmackvoll ausgeführtes Haus, was vier Zimmer, eine Küche, großen Keller und Bodenraum enthält und 5000 Weinstöcke, die in guten Jahren schon über 20 Ohm Wein gebracht haben. Die Aussicht ist zu schön ... es ist der höchste Punkt dieser Umgebung. Die Meersburger halten das Fürstenhäuschen für eine unschätzbare Perle ...« Weiter unten in demselben Brief gibt die Dichterin eine ganz genaue Beschreibung des Häuschens. Sie schildert die »Galastube«, in die man gleich von der Haustüre tritt. Es ist der größte Raum mit drei Fenstern und einem schönen Kachelofen. Daneben befindet sich die kleine Küche. Von dieser führt eine steile Wendeltreppe in den oberen Stock, welcher drei Piècen enthält: »das eigentliche Wohnzimmer der Dichterin und ein Schlafzimmerchen, gerade groß genug für das Nötigste, Bett, Waschtisch, Schrank, und noch einigen Raum zu freier Bewegung.« »Die kleine Entré « denkt sich die Dichterin als das »Kammerjungfernzimmerchen« wo im Hintergrunde hinter anständigem weißen Vorhang das Bett stehen kann.« Ein guter Keller ist vorhanden, »der unter's ganze Haus hergeht.« Im Bodenraum unterm Dach, der »überflüssig geräumig ist«, will sie einen Verschlag einrichten lassen, wo sie »der Sicherheit wegen« den Winzer schlafen lassen könnte. Einen Brunnen hat sie nicht, »aber ein Bleichplätzchen und nicht hundert Schritte vom Haus eine Quelle, die Winter und Sommer fließt.« Sie ist unbeschreiblich glücklich über den neuerworbenen Besitz und macht Pläne, wie sie ihn noch verschönern und verbessern will. Sie träumt von einem Laubgang, der gemacht werden soll, von einer Blumenterrasse mit Georginen, Rosen, Levkojen bepflanzt. »Sie sollen sehen,« berichtet sie an Elise Rüdiger, »ich mache ein kleines Paradies aus dem Fleckchen.« Wenn die Pläne auch in der Hauptsache nur Pläne blieben und es nie dazu gekommen ist, daß Annette dort ihr Domizil für länger aufgeschlagen, so hat sie doch viele schöne, stille, der Einsamkeit und Poesie geweihte Stunden in dem »Rebhäuschen« zugebracht und erfreute sich an dem See mit seinem ewig wechselnden Farben- und Wellenspiel, an der ganzen herrlichen Rundsicht, die sich dem Auge hier bietet. »Ach, es ist doch eine schöne, schöne Gegend,« heißt es in einem Brief an Levin Schücking von diesem Herbst ... »Der See und die Alpen waren fast täglich mit Tinten überhaucht, von denen ich früher keine Vorstellung gehabt: alle Zacken der Alpenreihe rot wie glühendes Eisen und scheinbar durchsichtig, ein andermal der See vollkommen smaragdgrün, auf jeder Welle einen goldenen Saum.« Die Dichterin sollte die schöne Gegend aber auch von einer anderen Seite kennen lernen. Sie hatte einen einsamen Spaziergang gemacht und war auf der Straße am See über Haltnau hinausgegangen, als plötzlich ein furchtbarer Sturm losbrach, ohne Regen, aber »um Berge zu versetzen.« Er faßte Annette bei ihrem dick wattierten Kleid so, daß sie in Gefahr war über die Mauer in den See geworfen zu werden. Mit Mühe flüchtete sie sich bergan in die Reben, und kam, sich an den Rebpfählen forthelfend, endlich nach Haltnau. Dort erholte sie sich in dem Hause einer Rebfrau, welche sagte: sie würde jetzt nicht um fünf Gulden nach Meersburg gehen. Aber Annette mußte nach Hause; sie nahm den Kampf mit dem Sturm, der von Minute zu Minute ärger wurde, wieder auf und schritt mutig in das Wetter hinaus. Die Wellen des aufgeregten Sees stürzten über die Mauer her und begossen die Dichterin derart, daß sie nach kurzer Zeit keinen trockenen Faden mehr am Leibe hatte. Endlich kam sie in die Nähe des Schlosses, aber es galt noch die schmale Brücke über dem Mühlrad zu passieren. Hier bot der Sturm noch einmal alle Macht auf, Annette hinunterzuwehen in die Schlucht, was wohl hätte geschehen können, wäre nicht der Müller dem erschöpften »gnädigen Fräulein« zu Hilfe gekommen. Annette hätte am liebsten ihre Turmstube ungesehen erreicht, aber der Freiherr, der auf der Treppe stand, schlug solchen Alarm, daß das ganze Haus zusammenlief. Frau von Droste wollte der Tochter Vorwürfe machen, daß sie sich bei solchem Wetter hinausgewagt, die gütige Jenny jedoch nahm die Ermattete beim Arm und führte sie in ihr Zimmer, wohin sie eine heiße Bettflasche und Tee bestellt hatte, und legte die ganz durchnäßte und frierende Schwester zu Bett. Zum Glück hatte der Vorfall keine weiteren schlimmen Folgen für ihre Gesundheit. – Besuche sind da Oberes Stadttor. Ein goldener Sommer-Sonntagmorgen liegt über der Erde. – Annette hat der Messe in der Seminarkirche beigewohnt und nun sehen wir sie auf dem Weg ins Rebhäuschen. Ihre Schritte sind eilig, als könnte sie es kaum erwarten, in ihr Besitztum zu kommen. Nun ist sie an der steilen Steintreppe angelangt, die von der Chaussee hinaufführt zum Weinberg. Langsam steigt sie die 17 Stufen empor – bleibt einigemal stehen – holt tief Atem. Nun ist sie oben und setzt sich auf das Holzbänkchen, das sie hatte hier anbringen lassen, zum »Ausschnaufen«, wie die Meersburger sagen. Dann geht es weiter langsam aufwärts durch die Reben; diese sind gut behangen mit Trauben. Mit Stolz betrachtet Annette die schönen Weinstöcke. Vor dem Häuschen bleibt sie stehen. Sie pflückt einige von den Schlingrosen, die sich an dem alten Gemäuer hinaufranken, einige Reseden von der Blumenrabatte tut sie dazu, auch ein Gelbveigelein, eine Gretel im Busch und lila Asterlein, das schüchtern auf den Herbst hinweist, darf mit. Den Strauß betrachtend, geht sie ums Haus herum bis zur Türe. Den großen Schlüssel hat Annette schon in der Hand, sie steckt ihn ins Schloß, dreht, und knarrend öffnet sich die Pforte ins Heiligtum. Mit Wohlbehagen und dennoch fast mit heiliger Scheu setzt sie den Fuß über die Schwelle. Ihre Wangen sind leicht gerötet – der Blick fliegt durch das »Paradezimmer«; es ist hübsch eingerichtet mit alten Möbeln: Kanapee, Kommode, Stühlen, ein runder großer Tisch in der Mitte ... Annette legt Hut und Mantille ab, steckt die Blumen in eine Vase, die sie vorher mit Wasser an der Quelle gefüllt und stellt sie auf ein kleines Tischchen in der Nische, wo auch das altmodische Schreibzeug steht. Dann öffnet sie das Fenster, schlägt die Läden zurück, ein Spinnchen in Acht nehmend, das hier sein Netz ausgespannt. – Licht und herrlich frische Luft strömen herein. Annette steht wie bezaubert; so schön, will ihr dünken, hat sie die Gegend noch nie gesehn: der See, eine blausilberne Riesenfläche, auf der die Sonnenstrahlen spielen und unaussprechliche Farbenmelodien hervorbringen – die Berge wie der Himmel, mit dem sie sich zu dermahlen scheinen, so duftig und zart – Die Dichterin schaut unbeweglich in die Ferne, aber der Blick ist nach innen gerichtet. Die Heide steht plötzlich vor ihr – die große, weite, rotviolette Ebene – sie kann sie nicht vergessen – ihre Heide! Die Westfälin ist in ihr erwacht. Der Geist fliegt nach Norden in die Heimat: »Du bist nicht prächtig, bist nicht wild. Bist deines stillen Kindes Bild. Das, ach, mit allen seinen Trieben Gelernt, vor allem dich zu lieben.« Welch ein Gegensatz zwischen hier und dort! – »ein liebes, bekanntes Menschenantlitz ist ihr aber lieber als alle Alpengipfel zusammen und wäre auch der Schnee darauf lauter Silberstaub«. – Das Heimweh schlägt seine Schwingen. Das Wasserschloß steigt vor ihrem geistigen Auge auf: »Mit seinen Türmen Vom stillen Weiher eingewiegt Wo ich in meines Lebens Stürmen So oft erlegen und gesiegt. Die breiten, laubgewölbten Hallen Die jung und fröhlich mich geseh'n. Wo ewig meine Seufzer wallen Und meines Fußes Spuren steh'n.« – Plötzlich macht sie eine rasche Bewegung – fort mit dem Heimweh und aller Sentimentalität. Sie ist nicht heraufgekommen zu träumen – die Zeit ist kostbar – sie will etwas Tüchtiges schaffen – Schücking wartet auf einen Brief – aber zuerst das Gedicht – es steht schon ganz fertig in ihrem Innern. Annette setzt sich nie anders an den Schreibtisch, außer sie weiß genau, was sie schreiben will. – Das Heft liegt vor ihr. Die feine Hand greift nach dem Gänsekiel auf dem Tintenzeug – die Feder fliegt über das Papier: Halt fest! Halt fest den Freund, den einmal du erworben, Er läßt dir keine Stätte für das Neue; Läßt, wie das Haus, in dem ein Leib gestorben, Unrein das Herz, wo modert eine Treue; Meinst du, dein sei der Hände Druck, der Strahl Des eig'nen Auges arglos und voll Liebe? Drückst du zum zweitenmal, blickst du zum zweitenmal, Die Frucht ist fleckig und der Spiegel trübe. Halt fest dein Wort, o fest wie deine Seele; So stolz und freudig mag kein Lorbeer ranken. Daß er das Brandmal auf der Stirne hehle, Die unterm Druck des Wortes konnte wanken; Der ärmste Bettler, so ein ehrlich Herz, Wird wie ein König dir genübertreten, Und du? Du zupfst den Lorbeer niederwärts. Und heimlich mußt du dein »peccavi« beten. Halt fest den Glauben, laß' ihn dir genügen! Wer möcht' sein Blut mit fremdem Ichor tauschen! Verstoße nicht den Cherub deiner Wiegen, Aus jedem Blatt wird dir sein Flügel rauschen! Und ist dein Geist zu stark, vielleicht zu blind, In seiner Hand das Flammenschwert zu sehen. So zweifle nicht, er wird, ein weinend Kind, An deinem letzten, öden Lager stehen. Und dann die Gabe, gnädig dir verleihen. Den köstlichen Moment, den gottgesandten, O feßle, feßle seinen Quell im Fliehen, Halt jeden Tropfen höher als Demanten; Noch schläft die Stunde, doch sie wacht dereinst. Da deinem Willen sich die Kraft entwunden, Wo du verloren schwere Tränen weinst In die Charybdis deiner toten Stunden! Vor allem aber halt das Kind der Schmerzen, Dein angefochtnes Selbst, von Gott gegeben. O sauge nicht das Blut aus deinem Herzen, Um einen Seelenbastard zu beleben; Daß, wenn dir einstens vor dem Golem graut, Es zu dir trete nicht mit leisem Klagen: »So war ich, und so ward ich dir vertraut, Unsel'ger, warum hast du mich erschlagen!« Drum fest, nur fest, nur keinen Schritt zur Seite, Der Himmel hat die Pfade wohl bezeichnet, Ein reines Aug' erkennt sie aus der Weite, Und nur der Wille hat den Pfad verleugnet; Uns allen ward der Kompaß eingedrückt, Noch keiner hat ihn aus der Brust gerissen. Die Ehre nennt ihn, wer zur Erde blickt, Und wer zum Himmel, nennt ihn das – Gewissen. Schritte draußen, die Türe geht auf, ein Bote vom Schloß kommt atemlos herein: »Das gnädige Fräulein möchte kommen. Besuche sind da.« Annette packt ihr Manuskript zusammen, schlägt die Läden zu, nimmt die Mantille von der Stuhllehne und den großen Strohhut mit den blauen Bändern vom Tisch, schließt die Türe des Hauses sorgfältig und eilt hinunter nach der alten Burg. Die jugendliche Philippa flog Annette auf der Treppe entgegen; sie umarmen und küssen sich. Annette nimmt die Angekommene in ihr Turmzimmer, während Laßberg den Baron Pearsalle zu seinen Schätzen in die gewölbte Halle führt. Erst bei Tisch findet man sich wieder zusammen. Frau von Laßberg macht die Honneurs. Die Zwillinge sitzen zwischen den Erwachsenen, sittsam und schweigsam, nur Hildegard macht zuweilen eine altkluge Bemerkung. Nach Tisch wird geruht. Hernach wird im Burggarten an den Zinnen Kaffee getrunken. Die Schloßfrau gießt das duftende Getränk in die golbberandeten Schalen, welche von Annettens Kammerzofe herumgereicht werden. Ueber dem Thurgau hat sich eine graue Wolkenwand gebildet, die Sonne verdunkelt sich. Es wetterleuchtet bereits im Westen. Herr von Pearsalle will aufbrechen zur Heimfahrt. »Unter keinen Umständen, wehrt der alte Burgherr, »sie erreichen Schlößchen Wartensee nicht mehr vor dem Gewitter, sie bleiben die Nacht hier.« – Ein Blitz, der im Zickzack niederfuhr und dem der Donner folgte, gab den Worten Laßbergs einen so überwältigend kräftigen Nachdruck, daß die Gäste den Widerstand einstellten, um so mehr, als bereits der See unruhig zu werden anfing, und sich weiße Kämme auf den Wellen zu bilden begannen. Ein Wind hatte sich erhoben, der die Gesellschaft veranlaßte, sich in die große Halle zu flüchten. Es wurde immer dunkler, die Schwalben flogen tief; alle Vöglein suchten ihre Nester. Das Gewitter nahm seinen regelrechten Verlauf. Blitz und Donnerschlag folgten rasch aufeinander; endlich ging ein erquickender Regen nieder. Die Blitze wurden seltener, der Donner verlor sich in der Ferne – es wurde heller, die Sonne kam wieder zum Vorschein und baute einen Regenbogen über den See. Die Zwillinge jubelten, und alles erfreute sich an dem herrlichen Anblick. Aber zur Abfahrt nach Wartensee war der Tag schon zu weit vorgerückt. Die gütige Schloßherrin hatte auch bereits alle Befehle erteilt, die zum Uebernachten der Gäste nötig waren. In den Zimmern der Burg brannten noch lange die Lichter. Annette las einige ihrer neuen Gedichte vor, und Philippas schöne Altstimme tönte durch die Räume. Am andern Morgen begleitete Annette die Gäste den Burgsteig hinunter zum Landungsplatz, wo das Schifflein mit der weißroten Flagge seiner Eigentümer harrte, um von ihnen bestiegen zu werden. Die Segel wurden gehißt und hinaus ging es nach herzlichem Abschied auf die spiegelnden Fluten des blauen Sees. Annette stand allein am Ufer und sah den Freunden lange nach, während oben aus den Fenstern der Burg Frau von Laßberg und die Zwillinge weiße Tüchlein wehen ließen, den Scheidenden die letzten Grüße und Wünsche zuwinkend für eine glückliche Ueberfahrt. Hier ist der Platz, auf die Familie Pearsalle näher einzugehen. Der englische Baron Pearsalle zog von England nach Deutschland und ließ sich mit seiner Frau und drei Kindern, einer Tochter, einem Sohne Anton und noch einer Tochter, Philippa genannt, in Karlsruhe nieder. Sie verkehrten viel am badischen Hof. Infolge zu großartiger Lebensführung, verschlechterten sich die Verhältnisse und trennte sich Pearsalle von seiner Frau, die als 15jähriges Mädchen ihn geheiratet hatte. Sie wohnte nach ihrer Trennung in einem Kloster in Straßburg und soll dort katholisch geworden sein. Pearsalles älteste Tochter, welche sehr schön war, verliebte sich in Dr. Stanhope, den Attaché des englischen Gesandten, und entfloh mit ihm nach Paris. Nach all diesen Schicksalsschlägen trieb es Baron Pearsalle aus der großen Welt fort, in die Stille der Natur. Er siedelte sich am Schwäbischen Meere an, indem er das über Rorschach gelegene Schlößchen Wartensee kaufte. Dort lebte er allein mit seiner Tochter Philippa. Durch Vermittlung von einem sehr gebildeten, ausgezeichneten Manne, namens Flinkh, welcher in Karlsruhe den Sohn Anton unterrichtete, jetzt aber als Oberlehrer am Schullehrerseminar in Meersburg angestellt war, lernte Baron Pearsalle den Freiherrn Josef von Laßberg kennen und kamen die Familien sich nahe. Annette v. Droste, welche, wie bekannt, immer wieder bei ihren Geschwistern Laßberg auf dem alten Felsenschlosse, der Meersburg, weilte, war in diese Beziehungen hineinverwoben. Philippa fand ungeheures Gefallen an der Dichterin und fühlte sich sehr zu ihr hingezogen. Umgekehrt war es ebenso der Fall, wiewohl die Engländerin noch in der ersten Jugend sich befand, während Annette schon die vierziger Jahre überschritten hatte. Es sind wohl selten von einer Freundin so rückhaltlos und neidlos die Vorzüge ihrer jüngeren Genossin anerkannt worden, wie es im Gedichte »Philippa« der Fall ist, mit dem Annette dieser Freundschaft ein Denkmal gesetzt hat. So vornehm in den Hintergrund treten und sich bescheiden, konnte nur eine durch und durch edle, geläuterte Persönlichkeit. Die Freundinnen besuchten sich häufig, bald für kürzer, bald für länger. Annette brachte einmal 8 Tage in Wartensee zu und Philippa war oft noch länger auf der Meersburg. Ein Zimmer im östlichen Flügel wurde ihr eingeräumt. Die Dichterin verbrachte dort besonders gern mit ihr die Abende. Sie sprachen dann englisch miteinander und musizierten, Philippa besaß nämlich eine wundervolle Altstimme. Jedermann hörte gerne zu, wenn sie sang. Außerdem zeichnete und malte sie sehr schön, weshalb sie von ihrem Vater die Erlaubnis erhielt, nach Augsburg zu gehen und sich zur Künstlerin auszubilden. Der Maler Hundertpfund dort wurde ihr Lehrer. Durch ein Nervenfieber, an dem Philippa erkrankte, wurden die Studien unterbrochen. Man brachte sie ins Spital zur Pflege und hier kam sie der katholischen Kirche näher, so daß sie zu ihr übertrat. Nach Wartensee zurückgekehrt, widmete sie sich ganz ihrer Kunst. Sie porträtierte, malte aber auch viele andere schöne Bilder. Mit Vorliebe widmete sie sich der religiösen Malerei. In der Kirche zu Jona am Züricher See befinden sich zwei Altargemälde von ihr. Baron Pearsalle, der ein bedeutender Musiker war, hatte ein Graduale komponiert, das er dem Kloster Einsiedeln widmete. Zu der ersten Aufführung desselben reiste er dahin, begleitet von seiner Tochter Philippa und dem Zwillingspaar Hildegard und Hildegunde von Laßberg. Als Baron Pearsalle starb, wurde er in der Gruft der Schloßkapelle von Wartensee beigesetzt. Um ihre Vermögensverhältnisse zu ordnen, war Philippa gezwungen, nach England zu reisen. Mr. Hughes, welcher Rechtsanwalt war, ging ihr dabei an die Hand. Als die Geschäfte beendet waren, hatte er sein Herz an sie verloren und warb um Philippas Liebe. Sie willigte ein, denn sie hatte den Mann schätzen und lieben gelernt. Sie ließen sich in England trauen und kamen als glückliches Paar an den Bodensee, um in Schloß Wartensee ihr Heim aufzuschlagen. Anton aber, der Bruder, welcher verschwenderisch und prachtliebend war, hatte das Besitztum in sehr luxuriöser Weise renovieren lassen. Die Decken und Wände waren mit kostbarem Stuck verziert, die Zimmer alle neu eingerichtet worden. Die Kosten aber dafür überstiegen die Verhältnisse der Besitzer. Ihre Mittel reichten zur Bezahlung nicht aus. Die Gläubiger klagten und es kam zu einem furchtbaren Bankerott. Alles wurde verkauft, selbst Philippas schöne kostbare Bildergalerie kam unter den Hammer. Sie selbst stand mit ihrem Gemahl heimatlos und fast ganz ohne Mittel da. Auf der Meersburg fanden sie liebevolle Aufnahme. Frau von Laßberg, welche inzwischen ihren Gatten verloren und Witwe geworden war, richtete dem unglücklichen Ehepaar einige Zimmer im östlichen Flügel des Schlosses ein. Anfangs nahmen sie an den Mahlzeiten der Familie teil, später aber führten sie eigenen Haushalt, wozu Frau von Laßberg ihnen eine Küche und alles Nötige zur Verfügung stellte. Baron Pearsalle hatte vor seinem Tode seine Frau wieder zu sich genommen. Nach der Katastrophe fand dieselbe eine Zuflucht in Herrschberg bei der Fürstin Salm. Dort starb sie und liegt in der Nähe auf dem Kirchhof begraben, Philippa ging mit ihrem Gatten später wieder nach England zurück und hat dort auch jedenfalls ihr Grab gefunden, weit, weit weg von Annette. Kostbarer als Denkmale von Erz und Stein sind Worte, welche bedeutende Menschen über Zeitgenossen gesprochen oder geschrieben haben. Was Michelangelo über Vittoria Colonna, Dante über Beatrice gesagt, hat diese Frauen berühmter gemacht, als alle ihre Bilder von Künstlerhand. Annette von Droste war auch der Zauberstab in die Hand gegeben, Namen der Nachwelt zu überliefern und sie mit einer Glorie zu umweben. Wer würde noch Philippa Pearsalles gedenken, wenn nicht die Dichterin eines Tages, in ihrer stillen Turmstube auf der Meersburg die Feder eingetaucht und die Verse niedergeschrieben: An Philippa Im Osten quillt das junge Licht, Sein goldner Duft spielt auf den Wellen, Und wie ein zartes Traumgesicht Seh' ich ein fernes Segel schwellen; O, könnte ich der Möwe gleich Umkreisen es im lust'gen Ringen, O, wäre mein der Lüfte Reich, Mein junge, lebensfrische Schwingen! Um dich, Philippa, spielt das Licht, Dich hat der Morgenhauch umgeben, Du bist ein liebes Traumgesicht Am Horizont von meinem Leben; Seh' deine Flagge ich so fern Und träumerisch von Duft umflossen, Vergessen möcht' ich dann so gern, Daß sich mein Horizont geschlossen; Vergessen, daß mein Abend kam, Mein Licht verzittert Funk' an Funken, Daß Zeit mir längst die Flagge nahm Und meine Segel längst gesunken; Doch können sie nicht jugendlich Und frisch sich neben deinen breiten, Philippa, lieben kann ich dich Und segnend deine Fahrt begleiten! Nein, niemand würde mehr ihrer gedenken als vielleicht nur ein kleines Kirchlein in der Schweiz, wo in der Ecke an zwei Altarbildern, die sie gemalt, der Name der Künstlerin steht. So aber taucht, wenn wir obige Verse lesen, aus der grauen Vergangenheit ein gar liebliches Bild von dieser Freundin vor uns auf, und wenn es auch nicht zu vergleichen ist mit den hochragenden Gestalten der Renaissance, welche in das Leben von Dante und Michelangelo Licht und Wärme getragen, so zählte die Freundschaft mit Philippa doch zu den Blumen, die am Lebens- und Leidensweg der Dichterin erblühten und sie mit ihren Farben und ihrem Dufte erquickt haben. Der Blinde Prof. Christoph Schlüter Nie hat er seinen Fuß an das Ufer des Schwäbischen Meeres gesetzt, nie ist er den steilen Burgweg hinaufgestiegen oder ist durch das große Burgtor geschritten. Aber von ferne im Geiste hat er das alte Felsenschloß geschaut, das ihm Annette in Briefen und Worten so oft beschrieben. Die Schwingen der Sehnsucht haben ihn hierhergetragen. Seine Seele hat die Gemächer, diese Gänge und Hallen durchwandert. Professor Christoph Bernhard Schlüter gehört in das Bild von Meersburg. Es würde ihm etwas fehlen, wenn wir diesem Mann, der an der geistigen Entwicklung der Dichterin einen so großen Anteil hat, nicht einige Blätter widmeten. Am 27. März 1801 geboren, hatte er als Knabe durch ein physikalisches Experiment sich ein schweres Augenleiden zugezogen. Er hatte eine Flasche mit Kalk gefüllt und zugepfropft; früher als er erwartete trat die Explosion ein, und der ganze Inhalt spritzte ihm ins Gesicht. Die schonungsvollste, liebevollste Pflege ließen die Eltern dem unglücklichen Kinde angedeihen. Die berühmtesten Ärzte wurden herangezogen, die verschiedensten Heilmethoden angewandt, wochen-, monatelang mußte der arme Kranke im dunklen Zimmer sich aufhalten – alles vergebens! Von seinem 28. Jahr an war völlige Blindheit sein Los. – Der talentvolle, wissensdurstige Knabe lernte trotzdem weiter. Nach Absolvierung des Gymnasiums wandte er sich dem Studium der Philosophie zu, brachte es zum Professor und dozierte an der Akademie in seiner Vaterstadt Münster i. W. von 1828 bis 1884. Glückliche Familienverhältnisse kamen ihm bei seinen Studien zu Hilfe; ebenso ein vorzügliches Gedächtnis, so daß er das Vorgelesene leicht behalten konnte. Außer der Philosophie widmete Schlüter sich der Literatur, übersetzte aus dem Englischen, gab einen Band gedankenreicher Sonnetten »Welt und Glaube« heraus und hat sich um die Entwicklung der katholischen Literatur große Verdienste erworben, nicht zuletzt dadurch, daß er sich junger aufstrebender Talente annahm. Schlüter gehörte zu den Menschen, welche sich durch Unglück nicht verbittern lassen, sondern welche aus dem dunklen Schachte des Leidens Schätze zu gewinnen suchen, welche die eigene Seele bereichern und die sie den Nebenmenschen austeilen. Jeder, der in Schlüters Nähe kam, hatte davon zu genießen. Er war von einer goldenen Liebenswürdigkeit – männlich ernst und doch so milde – er konnte tadeln – streng tadeln sogar – aber die Liebe, die Herzensgüte schimmerte immer durch. Der blinde Gelehrte hatte sich eine eigene innere Welt aufgebaut, ohne sich von der äußeren abzuwenden. Er blieb mit ihr in Verbindung. Groß war sein Interesse für alle Zeitfragen, für alle Zeitereignisse. Liebevoll bekümmerte er sich um die Lebensschicksale seiner Verwandten, Freunde, Bekannten. Nichts war ihm zu groß, nichts zu klein, um es in seinen Interessenkreis zu ziehen. Unter den Künsten nahm nach der Poesie die Musik die erste Stelle bei ihm ein. Kein Konzert gab es in Münster, wo man nicht den blinden Professor mit seiner Begleitung in den vordersten Reihen sitzen sah. Er selbst spielte Violine, Gitarre, Flöte und sein Lieblingsinstrument, die Harfe. Noch seh' den Harfner ich den greisen Im Stuhle dort beim Dämmerlicht, Wie er da spielte seine Weisen So schön, mit blindem Angesicht. Denn ach! schon in des Lebens Lenzen Ward ihm das Augenlicht geraubt. Noch seh' ich seine Haare glänzen Wie Silberstrahlen um sein Haupt. Noch seh' ich ihn am Pulte stehen. Wenn er so Hohem nachgedacht, Noch seh' ich ihn durch's Zimmer gehen Von seinem Hündlein treu bewacht. Annette von Droste zählte 37 Jahre, als sie Professor Schlüter kennen lernte. Die erste Begegnung fand am 25. Februar 1834 im Hause ihres Verwandten Werner von Harthausen statt. Am 1. März sehen wir Annette bei Schlüter Gedichte von sich vorlesen. Der junge Professor enthielt sich anfangs des Urteils über ihre Poesien; sie sprachen ihn offenbar nicht besonders an. Er bekannte später selbst, daß er den Dichtungen des adeligen Fräuleins zu wenig Wert beigemessen. Mehr und mehr ging ihm aber das Verständnis dafür auf und sein Interesse dafür wuchs, je länger er sich damit beschäftigte. So oft Annette nach Münster kam, war ihr erster Gang in die Salzstraße, wo das Schlüter'sche Haus im Garten stand. Nach zwei – drei Besuchen hatten die Geister sich gefunden – die Freundschaft war da – eine Freundschaft, die zu den schönsten gehört, die die Geschichte zwischen einem Manne und einer Frau aufzuweisen hat. Die Briefe sind die Dokumente dieser Freundschaft; wir lesen uns nicht satt an dem unbefangenen Plauderton, in dem die Dichterin mit dem blinden Freunde redet. Bald nennt sie ihn »liebster«, bald »teuerster« – einmal, als er lange nicht schreibt, »trägster« meiner Freunde. »Ich höre nichts von Ihnen, ich sehe nichts von Ihnen und noch dazu jetzt, wo im Wald der Nachtigallen Lied erschallt, folglich die Zeit, wo man am wenigsten der mindestens geistigen Nähe werter Personen entbehren kann.« In demselben Brief vom Sonntag, den 26. April 1840 datiert, ladet sie ihn ein, nach Rüschhaus zu kommen: »Könnten Sie übrigens einige Zeit hier sein, das überträfe alle Annehmlichkeit. Zwar fehlen dem Jahre noch die Früchte frisch vom Strauche gepflückt, die vollständige Belaubung und der fast berauschende Duft, mit dem später Rosen, Surinam, Gewürzstrauch und Reseda die Luft füllen werden, aber doch verbreitet das junge Laub einen höchst lieblichen Geruch. Ich war gestern abend bis zehn Uhr im Garten. Sie glauben nicht, wie mild es war, wie duftig ...« Köstlich schildert sie ein andermal dem Freunde, wie sie überrascht wurde von einem Boten, der ihr den Besuch von Adele Schopenhauer ankündigte, und daß sie jeden Augenblick erscheinen könne: »Ich sprang auf vom Schreibtisch«, sagt die Dichterin, »und wohin? vor den Spiegel! ja, lieber Schlüter, der Panther kann seine Flecken nicht ablegen und kein Frauenzimmer die Eitelkeit, ich dachte, daß wir uns seit vier Jahren nicht gesehen und wollte mich doch gerne ein wenig reputierlich präsentieren, aber, o Himmel, welch babylonische Verwirrung, zwar nicht in, aber auf meinem Kopfe! Jedes Haar schien auf dem Punkte mit seinem Nachbar handgemein zu werden, und mein blauer Tibet? Dieser treue Freund durch wechselvolle Jahre, ich schaute ihn an mit Blicken, in denen die klägliche Frage muß gelegen haben, ob er denn wirklich je jung und schön gewesen und es war mir, als höre ich einen ziegenhärenen Seufzer flüstern: »Weit in nebelgrauer Ferne.« Die Kürze der Zeit bedenkend, tat ich mein Möglichstes, dennoch hatte ich es nicht weiter, als vom halben Negligé zum völligen gebracht, als Adele ankam. Ich habe mich doch sehr gefreut.« – Von ihrem Lieblingsplätzchen im Wald in Eppishausen in der Schweiz schreibt die Dichterin: »Ja, mein teurer, teurer Freund... Dies ist der Platz, wo ich immer bei Ihnen bin und Sie bei mir, ich glaube mit Wahrheit sagen zu können, ich war nie droben ohne Sie, – es ist ein einsamer Fleck Erde, sehr reizend und sehr großartig... hier droben ist meine Heimat, hier geht alles an mir vorüber, was ich nur in meinem Herzen habe mitnehmen können. Vieles, vieles. – Wenn ich den ganzen Tag mit andern Vorstellungen bin gefüttert worden, hier mache ich mein eigenes Schatzkästlein auf und reiche Ihnen, mein teurer Freund, von hier die Hand über so manche Stadt, so manchen Berg und den breiten Rhein.« »Muß ich ihnen sagen, wieviel meine Gedanken jetzt bei Ihnen sind, liebster meiner Freunde«, schreibt sie vor ihrer Abreise nach Meersburg in tiefem Abschiedsweh; und »Gott lohne Euch Allen Eure Liebe und Treue gegen mich, ihr gutes, liebes Schlütervolk; wenn ich bedenke, daß ich so weit weg muß, ohne Euch noch gesehen zu haben, so möchte ich gleich alles wieder aus dem Koffer reißen. So Gott will, auf ein fröhliches Wiedersehn und eine noch liebere Zeit, als wir bisher zusammen verlebt haben... wie manchmal werde ich über den See weg nach Norden schauen...« In einer schweren Leidenszeit, die ihr die Enttäuschung der Freundschaft Levin Schückings bereitete, worauf wir noch zu sprechen kommen, schreibt sie an Schlüter: »Also nochmals meinen herzlichsten Dank für die Mitteilung des sehr interessanten Buches und meinen viel, viel innigeren für die Liebe, die, wie es in dem besten aller Bücher heißt, nicht irrt, nicht zürnt, noch hadert. Kommt Ihnen die Anführung einer Bibelstelle bei dieser Gelegenheit wie eine Art Profanation vor? Sie wissen nicht, was ich in den letzten Tagen gelitten habe, und welche durchdringende Erquickung mir Ihre treue, vertrauensvolle Freundschaft gerade jetzt sein muß ... ich würde Sie sehr um Verzeihung bitten, daß ich Sie mit meinen Schmerzen belästigt habe, »wäre dies nicht gerade der eigentlichste Kern der Freundschaft, daß sie auch das Leid des Freundes nicht missen will, so wenig, wie seine Freuden, oder wenn nicht der Kern doch die ihm zunächstliegende, ihn umschlingende Faserhülle, der Kern heißt freilich anders, ein Glaube, ein Hoffen, ein gemeinsames Wirken. Ich sehne mich recht mal wieder zu Ihnen, mein Freund ...« Kopfschmerzen verhindern Annette, nach Münster zu kommen, »fällt aber eine Fahrgelegenheit vor«, heißt es in dem Brief, »komme ich doch. Eure treuen, lieben Gesichter wiederzusehn«. Hin und wieder wählte das Freundespaar auch die poetische Form zum Austausche seiner Gedanken, wie z. B. Schlüter am 3. November 1838, wo er Annette antreibt, sich mit der Vorbereitung der Gedichte zur ersten Auflage zu beeilen: »Auf, o Nettchen, und schreib und tunk in die Tinte die Feder, Wohlgeschnitten und gut, und, eilend gefertigt die Abschrift! Denn wir werden gedruckt, der Tag der Vollendung er nahet ... Braten Kastanien zu lang, so werden sie alle zu Kohlen: Wie kann Neues gedeihen, wo nicht sich ablöst das Alte? Leserlich schreib, nicht schön, nur daß es lese der Setzer; Bessere nicht ferner umsonst, im ganzen laß es beim Alten; Mir vertraue das Werk und dem sehr einsichtigen Junkmann. Und gar bald wird sich's nach Wunsch und Gefallen Dir zeigen, Daß Du selber erstaunst, wie schön du gereimt und gedichtet. O, erfinden ist schön. Ausführung schöner, am schönsten Ist vollenden dennoch, – fürwahr vollenden ist göttlich.« Die Hexameter von Schlüter sind leider das Einzige, was von seiner Geste aus dem Briefwechsel veröffentlicht wurde. Die andern Briefe von ihm an die Freundin befinden sich unter dem sehr reichen schriftlichen Nachlaß des blinden Gelehrten, dessen Eigentümerin das Franziskanerkloster in Münster i. W. ist. Annette antwortete darauf sehr launig: »Was Ihr schreibt von Feder tunken ein, Würde zum Ohr hinausgefahren sein, Trat' nicht grad eine günstige Pause ein, Da ich geschrieben am Braunschweig solang Daß gestern beendigt der erste Gesang. Mit meinem Christian geht es so so, Was ich täglich schrieb des war ich froh, Und schien mir einzeln ein jedes gut; Nun ich's übersehe sinkt mir der Mut. Zu klingend ist es, zu weichlich weit, Und dann vor allen Dingen zu breit. Fürwahr! Die Schere muß noch hinein, Und eine Heckenscher muß es sein! Es ist schwer die liebenswürdigsten, geistreichsten Stellen auszuwählen. Derselben sind es soviele, daß man versucht ist die ganzen Briefe abzuschreiben. Schlüter ist der Engel gewesen, der Annette den Weg gewiesen hat zum Frieden. Wenn wir auch den Frieden im »Geistlichen Jahr«, wo so viel von Kampf, Reue, Selbstanklage die Rede ist, zu vermissen meinen, so ist zu bedenken, daß die Droste uns in dieser Dichtung ihr Inneres enthüllt mit einer Offenheit und Ehrlichkeit, ja, mit einer Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst, wie es beinahe einzig dasteht, und wo es immer der Fall gewesen, eben die alte Wahrheit wir bestätigt finden, daß es einen vollkommenen Seelenfrieden nicht gibt, solange wir in diesem irdischen Pilgerkleide wandeln, und daß, je reiner und feiner die Seele wird, je näher sie zu Gott kommt, desto deutlicher sie ihre Flecken sieht. Annette hat das Goethe'sche »himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt« im religiösen Sinn an sich kennen gelernt. Auf dem Grunde ihrer Seele aber wohnte der Friede – der Friede, der sie sprechen läßt so schön: »Wenn er mir bleibt, was kann mir fehlen? Wenn er mich liebt, was kann mich quälen? Wie hat er alles wohl bestellt! Wenn ich nur seinen Namen nenne, Dann ist's, als ob das Herz mir brenne: Im Lichte steht die ganze Welt. Sein Kreuz ist wie der Himmelsbogen Um meinen Horizont gezogen, Wohin ich schau da steht es schon. O teures Kreuz, laß dich umfangen, Woran mein liebstes Lieb gehangen Für unserer Sünden bittern Lohn! Der Vater, Geheimrat Schlüter, die Mutter und einzige Schwester des Blinden, das in den Briefen so oft erwähnte Thereschen, war von Annette sofort in die Freundschaft einbezogen, wie wir bereits gesehen. Für die Mutter des Freundes dichtete sie das einzig schöne »Morgengebet einer Mutter« das wir an das Ende dieses Kapitels setzen. Die Freundschaft der Dichterin zu Christoph Bernhard Schlüter ist nicht in Vergleich zu bringen zu jener andern mit Levin Schücking, schon deshalb nicht, weil nach dessen eigenem Geständnis zwischen ihm und Annette von Religion nie die Rede gewesen. Im Verkehr mit Schlüter war es anders. Annette liebte es bei literarischen Gesprächen und Erörterungen die Unterhaltung aufs religiöse Gebiet überzuleiten. Während ihres Aufenthaltes am Rhein hatte sie im Umgange mit Menschen, die mit Goethe, dem Weimarer Kreis überhaupt, in lebendiger Fühlung standen, eine Luft eingesogen, welche ganz im Gegensatz stand zu derjenigen, die sie von Jugend auf gewohnt war und die in Münster und Hülshoff wehte. Wenn Annette auch fest an ihrem Glauben hielt, so sind doch durch obige Beziehungen Unruhen in ihr entstanden und wurde sie von Zweifeln und Ungewißheiten bedrängt. Da war Schlüter, der christliche, frommgläubige Philosoph, der rechte Mann, sie über diese Klippen hinwegzuleiten und zwar mit der Überlegenheit seiner Wissenschaft sowohl, wie mit der Milde und Wärme seines ganzen Wesens. Noch eines. Nachdem wir gesehen haben, welch eine große Rolle die Freundschaft in Annettens Leben gespielt, werfen wir unwillkürlich die Frage auf, ob die Liebe im engeren Sinne nie an ihr Herz geklopft habe. Wir würden es nicht als Vorzug, sondern vielmehr als Mangel betrachten, wenn dieser mächtige Impuls ihr gefehlt. Aber es ist nicht der Fall. In ihren Jugendgedichten und in Briefen finden sich Beweise, daß sie einen Herzenskampf nach dieser Seite durchgelitten und durchgestritten, und daß sie einer ehelichen Verbindung nicht abgeneigt gegenüberstand. Weshalb eine solche nicht zu Stande kam ist uns unbekannt. Es mögen auch wohl äußere Gründe mitgesprochen haben. Man möchte es einerseits bedauern, daß Annette diese höchste Entfaltung der weiblichen Psyche nicht an sich erfahren, sie, gerade sie, die vor dem Sakrament der Ehe eine solche Ehrfurcht, Hochachtung hatte: »Den Gatten lieb' und denk' an Gott dabei, Er gab den Segen dir, als am Altare Den Eid du sprachst, gewaltig bis zur Bahre In Fesseln legend deine Lieb' und Treu'« sagt sie einmal sehr schön. Und wie Annettens Gemüt, bei aller jungfräulichen Scheu, für Mütterlichkeit aufgeschlossen war, dafür haben wir ja schon Beweise genügend angeführt. Wir möchten es bedauern, sagten wir oben, und doch auch wieder nicht. – Annette war jedenfalls nicht dafür bestimmt, Frau und Mutter zu werden. Frei und ungeteilt sollte sie dem leben, wozu Gott sie berufen, sollte ihm dienen als reine Priesterin – in gewissem Sinn über dem irdischen stehend, – im großen, herrlichen Tempel der Kunst. Morgengebet einer Mutter. Der Morgenstrahl bahnt flimmernd sich den Weg Durch meines Lagers dichtgeschlossne Falten, Zuckt um die Wimper mir, und müht sich reg' Mein halb noch träumend Augenlid zu spalten! Wach' auf! Wach' auf! Die Gnadenuhr schlug an, Wach' auf! Die teure, teure Zeit entrann, Die Zeit, mit keinen Tränen festzuhalten. So ist die Sonne wirklich denn am Dom Des Himmels wieder prangend aufgezogen! Und wieder steh' ich an der Liebe Strom, Und darf auch wieder kosten seine Wogen! Nicht nahm die Nacht mich hin, noch steh' ich nicht Vor jenem letzten schaurigen Gericht, Ach Gott! Noch einmal bin ich ihm entzogen. Und wie mir mählich das Bewußtsein lehrt, Wie aus dem Flore die Gedanken treten, Da wird erst klar mir dieser Gnade Wert. Mein Gott! Am Abend meint' ich wohl zu beten, Doch wie Gesunde tun, ach Herre mein! Sollt' es mein letztes armes Zeugnis sein, Wie schwach, wie dürftig wird es mich vertreten! So sei denn auch mein erstes Flehen wach Für jene, die nicht gleiche Huld genossen, Sie, deren Stundenglas die Nacht zerbrach, Und deren letztes Sandkorn ausgeflossen. Vor allen innig jenes sei gedacht, Der sorglos einschlief zu der letzten Nacht, In irdische Gedanken ausgegossen. Wohl weiß ich, Herr, du bist das höchste Recht, Und, wolltest du die Warnung ihm versagen, Doch wirst getreu du sein gen deinen Knecht, Nicht Unverschuldetes ihn lassen tragen; Ich aber, die ich schwach und sündig bin Und stumpf, zu fassen deinen heil'gen Sinn, Ich kann nur denken sein in Furcht und Zagen. Und dann mein zweites Flehen sei geweiht, Und zwar von Herzen sei's und unbestritten, Für sie, durch die in meiner Lebenszeit Ich irgend bittre Stunden hab' erlitten. Ach! Menscheneinsicht ist ein trüber Hauch; Doch wär' es anders, hätt' ich Feinde auch, So will ich denn für meine Feinde bitten. Laß ihr Gemüt mit sich in Frieden stehn, Daß deiner Gnade Samenkorn gedeihe, Und laß sie deine starke Rechte sehn, Wenn die Versuchung ihnen naht aufs neue. Ja, kann es sein, vergönnt's ihr ewig Heil, So werde ihnen Erdenglück zuteil, Als ihnen ich aus tiefstem Grund verzeihe! Und nun, woran mein Herze menschlich hängt, Die Kinder mein und alle meine Lieben, Du weist ja, wie es mich im Innern drängt, Wie ich um sie von Sorge bin getrieben; Ist mein Gefühl für sie vor allem stark, Nicht zürnst du des – es ist des Lebens Mark, Du hast es selbst in die Natur geschrieben. So steh' ich denn aus aller Kraft in mir, Mach' sie dir eigen, mach' sie ganz dir eigen! Ob Glück, ob Kummer, was sie führt zu dir, Ich will mich gerne deinem Ratschluß neigen; Doch da die frische Pflanze leichter bricht, Nimm allen Mut den jungen Leben nicht; Mich laß an ihrer Statt das Schwerste beugen. Doch ist es töricht, was mein Mund begehrt: So will ich denn auch gar nichts andres wollen, Als daß sie immer deiner Gnade wert Und immer dir die echte Liebe zollen. Die Liebe, welche reift zu Frucht und Tat, Und also schweig' ich blutend deinem Rat. Wenn sie zu dir durch harte Wege sollen. Nun für mich selber fleh' ich noch zuletzt, Die ich bedürftig bin vor andern allen. Du weißt am besten ja, wie leicht verletzt Mein Mut vor jedem Hauche mußte fallen. Und wie es mir, von jedem Schein geirrt, So schwer an deinem Blick zu haften wird. Auf deinem Weg so mühsam fortzuwallen. Drum bet' ich, wie du selber uns gelehrt: Herr! Über meine Kraft mich nicht versuche! Laß stehn mich, wo man deinen Namen ehrt. In Ehrfurcht schweigt vor deinem heil'gen Buche; Doch, soll es sein und trifft mich kalter Spott Um deinen Ruhm, so laß, o starker Gott, Nicht furchtsam zucken meine Hand am Pfluge. Gib, daß ich duldend trage, was mir scheint Vielleicht an andern übel und verdrossen. Daß ich viel eh' um solche hab' geweint, Als still gezürnt, wenn dieser Tag verflossen; Ja, ist mir heute Kränkung zugedacht, So laß mich fühlen, daß beim Schluß der Nacht Ich heut in mein Gebet sie eingeschlossen. Und auch die Freuden, milder Schöpfer mein, Laß mich mit stiller Heiterkeit empfangen; Es ist dir recht, wenn sich die Deinen freun. Und lächelnd dürfen wir zu dir gelangen. Den Sonnenschein, der Blumen klare Pracht, Du hast es all zu unsrer Lust gemacht. Von deiner Liebe sind wir ganz umfangen. Nun einmal noch, wie's mir am Herzen liegt, Maria Mutter, laß mich Dir es sagen, Du hast ja selber einen Sohn gewiegt Und hast an deinem Herzen ihn getragen, Noch einmal, liebe Gnadenmutter lind, Schau' mild herab, denk' an dein eignes Kind, Ach, segne sie, die an der Brust mir lagen! Die literarische Welt und der Freundeskreis in der Turmstube Mondaufgang. Im Herbst 1838 war von der Dichterin zum erstenmal ein Bändchen Poesien erschienen. Dasselbe enthielt außer einigen kleineren Gedichten ihre drei großen Epen: »Das Hospiz auf dem St. Bernhard« »Die Schlacht am Loener Bruch« und »Des Arztes Vermächtnis.« Im »Mindener Tagblatt«, in dem von Gutzkow geleiteten »Telegraf«, in der »Kölnischen Zeitung« und in einer Reihe anderer Blätter erschienen Kritiken darüber. Annette hatte ihnen mit Spannung entgegengesehen und kostete nun alle Freuden und Leiden, die je ein Dichterherz empfunden, das die Kinder seiner Muse in die Welt hinausgehen ließ. Dieses ist nicht zu verwechseln mit Ruhm und Ehrsucht; davon war Annette frei! Aber es ist dem Dichter, wie jedem anderen Künstler erlaubt, für seine Werke, mit dem er Gott und den Menschen zu dienen bestrebt ist, Anerkennung zu wünschen. Die Kritiken befriedigten Annette samt und sonders nicht – konnten sie nicht befriedigen, schon deshalb, weil sie nur aus Bekanntenkreisen stammten, wo dem Buch allein Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die einen enthielten zuviel des Lobes, die anderen strotzten von Tadel. Die große literarische Welt ging an dem Gedichtbändchen vorüber, was schon daraus ersichtlich ist, daß von dieser ersten Auflage nicht mehr als – die Feder sträubt sich, es niederzuschreiben – 41 Exemplare verkauft wurden! Es kann uns zwar nicht so sehr wundern, wenn wir uns umsehen und die Zeit betrachten, in die Annette von Droste-Hülshoffs erstes Auftreten hineinfiel. An Dichtern fehlte es damals nicht. Goethe und Schiller waren zwar tot, standen aber im Zenith ihres Ruhmes. Überhaupt beherrschte die starke Strömung, die von Weimar ausgegangen, zusammen mit den neuen philosophischen Systemen die gebildete Welt. Dazu kamen die Romantiker. – Das westfälische Edelfräulein aber gehörte keiner Schule an; sie ging allein ihren einsamen Weg. Sie lauschte auf den Schlag ihres Herzens, auf die Stimmen der Natur. Ihre Gedichte waren etwas so ganz Anderes, Neues, von dem bisherigen Abweichendes. Man könnte sagen, die Welt war noch nicht reif für sie – obwohl sie bei Einzelnen, selbst in Weimar und Jena, was wir nicht verschweigen dürfen, Entzücken hervorriefen. Auch Schücking riet und ermutigte Annette zu einer neuen Veröffentlichung ihrer Werke. Die Wege dazu waren nun auch geebnet. Sie war keine Unbekannte mehr in der literarischen Welt. Ihr Name hatte jetzt einen Klang. Namhafte Blätter brachten Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff. Die Redakteure rissen sich um Beiträge von ihr. Dichter und Schriftsteller veröffentlichten begeisterte Rezensionen. »Ich komme wirklich auf, woran ich schon ganz gezweifelt«, schrieb Annette ihrer Schwester Frau von Laßberg. Sechs Jahre waren seit Erscheinen des ersten Bändchens verstrichen. Der geringe Erfolg – um nicht zu sagen Mißerfolg – hatte die Dichterin nicht zu entmutigen vermocht, im Gegenteil, es war ihr ein neuer Anreiz, das Musenroß zu tummeln und mit ihm den Parnaß zu erklimmen. Trotz Krankheit in der Familie, trotz Todesfällen und eigener körperlicher Leiden haben wir sie immer an der Arbeit gesehen. Wir haben gesehen, wie sie in Meersburg einen neuen Geistesfrühling erlebte. Nun war die Zeit gekommen, wo das Geschaffene ans Licht drängte. Es war eine Forderung ihrer eigenen Intelligenz, die Blüten ihres Geistes nicht im Kasten verkümmern zu lassen, sondern mit ihnen hervorzutreten, was sie als ihr Recht ansieht: »Mein Recht, so weit der Himmel tagt Und meine Macht von Gottes Gnaden!« sagt sie in ihrem Gedicht »Mein Beruf«. Annette hat ihren Aufenthalt in der Heimat dazu benutzt, mit Professor Schlüter und dessen Schwager Professor Junkmann, eine Sammlung zusammenzustellen, worin die neuen Gedichte und die alten aus dem früheren Bändchen Aufnahme fanden. Mit der Reinschrift, der noch eine peinliche Ausfeilung vorausging, hatte Annette noch in Westfalen begonnen; aber ganz fertig wurde sie nicht. Die Abreise nach Meersburg kam dazwischen. Am 3. Oktober 1843 traf sie mit ihrer Mutter dort ein. Hier in der alten Turmstube des Felsenschlosses reifte nun die Frucht der Vollendung entgegen. Die einsamen, stillen Wintertage waren ganz ausgefüllt mit Abschreiben der Gedichte. Endlich hatte sie den letzten Federstrich daran gemacht. Sorgfältig wurde das Manuskript eingepackt, verschnürt und das Droste'sche Siegel (silberner Fisch im blauen Felde) daraufgedrückt und am 17. Januar 1844 an Levin Schücking gesandt. Dieser war seit kurzem in die Redaktion der »Allgemeinen Zeitung« in Augsburg eingetreten. Seine Anstellung als zweiter Redakteur hier sicherte ihm ein Einkommen, daß er daran denken konnte, einen eigenen Hausstand zu gründen und Luise von Gall, die Tochter des kurhessischen Generals von Gall, heimzuführen. Annette hatte das Herzensbündnis des Freundes von Anfang an schwere Stunden bereitet. Levins Angebetete war ein Mädchen von hervorragenden Eigenschaften, schön, talentvoll; sie besaß eine herrliche Stimme und hatte sich durch formschön geschriebene Novellen bereits einen Namen in der Schriftstellerwelt gemacht. Die Briefe von Annette aus dieser Zeit sind voll mütterlicher Sorge um ihren Schützling; sie bittet und beschwört ihn, keinen übereilten Schritt zu tun, »es geht hier ums ganze Leben«. Sie stellt ihm vor, daß seine Geliebte glänzend erzogen und an einen bewundernden Kreis gewöhnt ist, »dergleichen entwöhnt sich nicht leicht,« sagt sie, und »ihre Unlust an Hofbällen,« Luise verkehrte am hessischen Hof, »und der großen Welt will nichts beweisen; sehr lebhafte und dabei, wie Du selbst sagst, etwas eitle Personen, die an einen engeren Zirkel, wo sie die erste Rolle spielen, gewöhnt sind, fühlen sich nie wohl, wo sie mit vielen pari gehen müssen.« Es ist der Dichterin so ernst und ängstlich zu Mute, als ob sie sich selbst verheiraten sollte. Auf jeden Fall bittet sie Levin, seine Häuslichkeit nicht bloß auf den lockeren Triebsand literarischer Erfolge zu bauen, sondern zuerst festen Grund und Boden unter sich zu haben. Diese letztere Besorgnis wurde durch seine Stellung an der »Allgemeinen Zeitung« wenigstens einigermaßen weggeräumt, und als Levin daraufhin seinem »Mütterchen« seine Verlobung mitteilte, zögerte Annette keinen Augenblick, zu dem Herzensbunde ihren Segen zu geben. »... sage Luisen,« so schrieb sie an Levin, »daß ich sie schon jetzt herzlich liebe und das feste Vertrauen habe, sie immer mehr zu lieben, weil sie Dich immer glücklich machen wird. Wann und wie uns das Schicksal zusammenführen wird, weiß Gott allein; aber der hoffentlich gegenseitige, lebhafte Wunsch wird die Gelegenheit schon herbeizuführen wissen. Sag ihr, daß ich sehr viel an sie denke und ihr Bild mir so vertraut und lieb vor Augen steht, wie die vereinte Liebe eines Bräutigams und einer Mutter es nur malen können und daß ich sie bitte, mir für das persönliche Zusammenfinden einen offenen Platz in ihrem Herzen zu bewahren, wie ich ihr mit aller Treue einen in dem meinigen bewahren werde. Du, Levin, mußt ihr bezeugen, daß dies keine leeren Worte sind und wie wenig ich mich überall mit leeren Worten befasse. Und somit Gottes Segen über Euch beide!« Die Braut hatte schon mit der Anzeige der Verlobung folgende Zeilen an die Dichterin gerichtet: »Ich muß Ihnen gestehen, mein liebes Fräulein, daß mir das Herz gewaltig klopft, indem ich Levin die Feder aus der Hand nehme, um mich Ihnen persönlich vorzustellen. Meine Scheu vor Ihnen ist durch seine Schilderung von Ihnen entstanden, ich wage kaum, um ein geringes Teilchen jener Liebe Sie zu bitten, wodurch Sie meinen Freund so glücklich und so stolz gemacht haben. Ich weiß nicht, was ich darum gäbe, wenn ich mir Ihre Teilnahme und Ihren Rat erringen könnte. Sie kennen meinen Levin so gut und sind ihm eine so treue Freundin, daß Sie gewiß die bangen Zweifel beseitigen würden, die mich oft bestürmen, ob ich sein Herz auch für immer zu fesseln vermag. Ich würde Ihnen aufmerksame und gelehrige Schülerin sein, denn mein Wille ist sehr gut. Doch wage ich nicht, Sie länger zu belästigen, liebes, teures Fräulein, leben Sie recht wohl. Ihre ergebene Luise.« Die Trauung fand am 7. Oktober 1843 mittags 1 Uhr zu Darmstadt in der katholischen Kirche statt. Außer den Zeugen waren in der Kirche eine Menge Leute aus der hohen Gesellschaft und aus der literarischen Welt. Luise sah ideal schön aus. Sie trug ein einfaches Kleid aus indischem Musselin und weißem Atlas darunter, im Haare den Myrthenkranz à la Ceres. Nach der Vermählung gab der Onkel der Braut, Oberstjägermeister von Gall, ein kleines Diner, darauf reiste das junge Paar ab. Die ersten acht Tage ihres Ehelebens verbrachten sie, von Justinus Kerner eingeladen, in Weinsberg, dem Städtchen der Weibertreu. Zwar wohnten sie, zum großen Leidwesen des »Rickele«, der würdigen Gattin Kerners, nicht in seinem Hause, sondern hatten im Gasthof Quartier genommen. Unter dem gastlichen, rebenumsponnenen Dach des berühmten Dichter-Arztes, bei dem auch Emanuel Geibel gerade zu Besuch war, genossen sie wundervolle Stunden. Heitere und ernste Gespräche wurden geführt, in welche sich die Äolsharfenklänge des alten geschichtenreichen »Geisterturmes« mischten. Die Erinnerung daran begleitete das junge Paar auf der Weiterfahrt und noch lange hinein ins Leben. In Augsburg fand die Hochzeitsreise ihren Abschluß. In der St. Annastraße wurde der häusliche Herd gegründet, im ersten Stock eines alten Patrizierhauses. Man hatte ihn mit einigen schönen, geschnitzten Renaissancemöbeln, welche bei den Augsburger Althändlern zu unglaublich niedrigen Preis zu erstehen waren, ausgestattet und behaglich eingerichtet. Die Korrespondenz mit dem jungen Paare füllt viele Stunden von Annettens Stilleben aus. Sie freut sich über das Glück, das die Neuvermählten ineinander finden; sie kümmert sich um alle Angelegenheiten des neuen Hausstandes und erteilt Rat, wo es nötig scheint. Voll Güte und Liebe ist sie gegen Luise und will ihr helfen, »das kleine widerspenstige Pferd, das gerne hinausschlägt, zu zähmen.« Auch von sich erzählt die Dichterin. Wir werfen durch die Briefe einen Blick in ihr Stilleben, wenn sie schreibt, daß Fox, ihr Wachtelhündchen, ihr die Pantoffeln vom Bette wegstiehlt, sie in seinen Heukorb bringt, um seinen Kopf darauf zu legen; oder wenn sie berichtet, daß ihr Kanarienvögelchen sich mausert und die Federchen im Zimmer herumfliegen, und daß der große Kachelofen ihr bester Freund sei, an den sie sich lehne, wenn der Sturm die Schneeflocken an die Fenster treibt. – Keine großen, weltbewegenden Dinge kann sie ihnen mitteilen aus ihrer Turmstube; aber unter der Feder der Dichterin nimmt alles einen charme an und sie weiß, daß auch das Kleinste bei Levin und Luise ein geneigtes Ohr findet. Sogar ein paar Pantoffeln stickt Annette ganz sittsamlich für die junge Frau und schreibt humoristisch dazu, daß sie »die blauen Strümpfe ausgezogen und ihre Feder der nächstbesten Gans in den Flügel gesteckt habe,« um dies zustande zu bringen. Die Arbeit schickt sie mit dem Manuskript nach Augsburg. Beides wird dort mit Jubel empfangen. Luise ist gerührt über die Pantoffeln und außerordentlich froh über Annettens Güte; sie sagt, sie hätte sich gerade danach gesehnt, da sie ein Paar in ihrer kurzen Ehe schon aufgebraucht habe! »Sie sehen, wie mir's geht!« heißt es in dem Dankesschreiben von Schücking. Über das Manuskript macht er sich gleich her und notiert auf ein Blatt die beanstandeten Stellen, wie Annette es gewünscht; denn jede eigenmächtige Änderung hatte sie sich strengstens verbeten. Sie hatte sich schon vor Absendung des Manuskriptes das Versprechen geben lassen, daß er nicht ein Jota nach eigener Willkür streiche oder korrigiere. Besagtes Blatt wurde nun an die Dichterin geschickt, welche an Hand des zurückbehaltenen ersten Entwurfs die entsprechenden Veränderungen vornahm und es dem Freund wieder zusandte. Darauf ging die ganze »Pastete« an Cotta nach Stuttgart ab. Schücking führte die Unterhandlungen, welche am 29. Januar 1844 damit endeten, daß von den Beteiligten der Vertrag unterzeichnet wurde. Darin waren der Dichterin, bei einer Auflage von 1200 Exemplaren, 700 Gulden Honorar nebst 12 Freiexemplaren zugesagt. Eine liebliche Frauengestalt tritt noch in das Idyll von Meersburg herein: Fürstin Salm-Reifferscheidt-Krautheim. Diese hochgebildete Frau von 36 Jahren wohnte mit ihrem Mann und zwei Töchterchen auf dem von Meersburg eineinhalb Wegstunden entfernten, bei Immenstaad, zwischen Reben und Obstbaumgelände, schön gelegenen Schloß Herrschberg. Trotz ihrer Furcht beim Fahren kam die Fürstin jeden Sonntag herüber. Annette freute sich schon den ganzen Samstag auf den Besuch, und das Turmzimmer, in dem sie nur auserwählte Persönlichkeiten empfing, war dann Zeuge herzlicher, vertraulicher Gespräche. Als Erinnerung an diese Freundschaft befindet sich auf der Meersburg noch ein Album der Fürstin Amalie von Gallitzin, das Annette von der Fürstin Salm erhielt. Es stammt aus der Familie des Mannes der Letzteren. Ihr Schwiegervater war mit Marianne von Gallitzin verheiratet, der einzigen Tochter der Fürstin Amalie von Gallitzin, welche gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu Münster in Westfalen den Mittelpunkt eines geistig hervorragenden Kreises gebildet hat. Das Album enthält Einzeichnungen Jakobis, Stolbergs, Overbergs, Fürstenbergs und vieler anderer literarisch bedeutender Männer jener Zeit. Ja, selbst Goethe verschmähte es nicht, sich darin zu verewigen und folgendes hineinzuschreiben: Distichon. Unterschieden ist nicht das Schöne vom Guten, das Schöne Ist nur das Gute, das sich lieblich verschleiert uns zeigt. Weimar, 17. April 1793. Goethe. Endlich ging Annettens Herzenswunsch in Erfüllung. Am 6. Mai 1844 kam Levin Schücking mit seiner jungen Frau nach Meersburg. Seit Monaten hatte man sich auf das Wiedersehen und persönliche Kennenlernen gefreut. Annette war bemüht gewesen sie gut unterzubringen und mietete für die Besuche ein paar Zimmer in der »Traube« mit schöner Aussicht, dabei reinlich und billig. Bei Tag aber weilten Levin und Luise meist im Schlosse, wo sie herzlich aufgenommen waren. Mit Vorliebe führte Annette ihre Gäste auf ihr eigenes kleines Besitztum, das Fürstenhäuschen. Im Genusse der herrlichen Aussicht wurden dort schöne Morgen- und Abendstunden verbracht. Man suchte die früheren Wege, die alten Plätzchen wieder auf, aber Annette empfand und mußte empfinden, daß es anders geworden. Es war ein Drittes zwischen sie und den Freund getreten, ein Drittes, das mehr Rechte, größere Ansprüche an ihn hatte als sie, und mit dem sie sich doch nicht recht verstand. »Schückings Frau ist sehr schön, sehr talentvoll, hat aber auch die Gnade von Gott, dies zu wissen, weshalb sie mir doch nicht recht zu Gemüte wollte,« schrieb Annette später an ihre Freundin Elise Rüdiger und so ging es, wie es manchmal zu gehen pflegt, durch die Annäherung wurde die Entfremdung vorbereitet. Während das junge Ehepaar, nachdem Abschied genommen war, über den See der Bucht von Konstanz zusegelte, ging Annette in ihr Turmzimmer und schrieb das Gedicht: »Lebt wohl«. Darin sind schon die ersten leisen Töne der großen Dissonanz angeschlagen, mit der diese Freundschaft endigen sollte. Wer fühlt nicht den tiefen Schmerz, aber auch die ganze Großartigkeit des vornehmen Entsagens heraus, wenn sie singt: »Lebt wohl, es kann nicht anders sein! Spannt flatternd eure Segel aus, Laßt mich in meinem Schloß allein In meinem geisterhaften Haus. Lebt wohl und nehmt mein Herz mit euch Und meinen letzten Sonnenstrahl! Er scheide, scheide nur sogleich, Denn scheiden muß er doch einmal.« Frau Rätin Rüdiger gibt in einem Schreiben vom 16. Dezember 1884 an H. Hüffer zu dem Besuch auf der Meersburg noch folgenden Kommentar: »Ich glaube, daß Schücking und seine junge Frau sich rücksichtslos gegen Annette benommen haben, vielleicht nur im Übermut der Jugend sie wie alt behandelten. Dagegen war sie bei aller Großartigkeit doch sehr empfindlich nach Frauenart. Auch tadelte Frau Schücking vielleicht den Gesang von Annette, wodurch diese sich gereizt fühlte; denn sie legte Wert auf ihre wunderschöne Stimme. Frau Schücking sang wahrscheinlich nach moderner Art; ich habe sie nie singen gehört. Annette sagte aber stets etwas bitter: sie singe so laut und falsch. Frau Schücking war eine große, schöne, angenehme Frau, aber wohl etwas selbstzufriedener, als im Umgang angenehm war.« Die Vereinsamung des Herzens vibriert in jeder Zeile des obigen Liedes. In der Religion sucht Annette Trost: »Verlassen, aber einsam nicht, Erschüttert, aber nicht erdrückt, Solange noch das heil'ge Licht Auf mich mit Liebesaugen blickt.« Sie wandte sich wieder dem alten Freund Professor Schlüter zu, der vor dem literarisch regen Schücking in den Hintergrund getreten war. Nicht mit Unrecht mußte der blinde Gelehrte in einem Brief klagen: »O Frauenherz! o tempi passati! als ich von Ihnen Briefe erhielt ... O, wie eitel ist alles! Wie schießen die Schifflein dahin! Auch die Freundschaft ist Eitelkeit, Wind, nichts als Wind ... Das Herz ist gewandert, hat meandert, ist gänzlich verandert ... Das freundliche Angedenken, die freundliche Güte mochte Sie lenken zu anderem Gebiete, mir blieb eine Niete.« Für Annette war dieser Brief, der den Traurigsten lachen und den Leichtsinnigsten hätte weinen machen können, jetzt gerade eine willkommene Gelegenheit, das Verhältnis wieder in die alten Bahnen zu leiten. »Ich habe immer sehr viel an mein Professorchen gedacht«, schreibt sie in der Antwort auf diesen Brief, »und bin seit kurzem häufig veranlaßt worden, mehr als je an eben dasjenige zu denken, welches da bleibt, wie es ist und wahrlich sehr wohl daran tut, nicht wandert, nicht meandert, am wenigsten sich gänzlich verandert. Wüßten Sie, mein lieber Freund, wie mich der Gedanke an Sie aufrichtet und erfrischt, es müßte Sie doch sehr freuen. Adieu für diesesmal – –« Außerdem klammerte sie sich in ihrem Seelenschmerz an die Natur und an ihre Muse. In der Waldschlucht am Wasserfall ist ein Felsvorsprung, wo die Dichterin mit Vorliebe weilte, weshalb ihm die Nichten den Namen gegeben: »Tante Nettens Plätzchen«. In der traulichen Waldesstille, unter den alten Baumkronen dachte und dichtete sie. »Ich habe soviel zu denken,« heißt es in einem ihrer Briefe. Hier entstanden die meisten ihrer Gedichte, welche erst im Jahre 1860, lange also nach ihrem Tode, unter dem Titel »Letzte Gaben« erschienen sind. Darunter befindet sich auch: »Der Mondesaufgang«. Die Dichterin steht auf dem Balkon des Schlosses zur Abendzeit und wartet auf den Mond. Alles Licht ist erloschen, sogar der »Feuerfliege Funken«. Das Dunkel, die Schatten der Nacht werden immer tiefer und legen sich beängstigend auf die Seele Annettens. Die Häupter der Berge schauen herüber zu ihr, wie harte, ernste Richter. »Mir war, als müßte etwas Rechnung geben, Als stehe zagend ein verlornes Leben, Als stehe ein verkümmert Herz allein, Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.« – – Da, auf einmal fällt ein Silberflor auf die Wellen, der Mond steigt herauf, er streift die finsteren Stirnen der Alpen: »Und aus den Richtern wurden sanfte Greise.« Nun ist alles wie verwandelt, die ganze Umgebung ist in Licht getaucht; die Wellen lächeln und winken freundlich herauf. Die Tropfen an den Zweigen glänzen: »Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein, Drin flimmerte der Heimatlampe Schein.« »O, Mond, du bist mir wie ein später Freund, Der seine Jugend dem Verarmten eint, Um seine sterbenden Erinnerungen Des Lebens zarten Widerschein geschlungen, Bist keine Sonne, die entzückt und blendet. In Feuerströmen lebt, im Blute endet, – Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht, Ein fremdes, aber o! ein mildes Licht.« Die Güte gegen den Nächsten, ein so hervorragender Zug in Annettens Wesen, kam jetzt immer mehr zum Vorschein. Wie sie zum Wohltun jede Gelegenheit ergriff, mag folgendes beweisen: Eines Nachts hörte die Dichterin den Nachtwächter singen. Seine Stimme klang so traurig, daß sie bei sich dachte, der Mann müsse einen Kummer, vielleicht große Sorgen haben. Sie ließ ihn am anderen Tag zu sich rufen, und als sowohl sein Äußeres als seine Erzählungen über Frau und Kinder ihre Vermutung bestätigten, gab sie ihm ein schönes Geldgeschenk und sorgte dafür, baß er jeden Samstag im Schloß Brot für sich und seine Familie abholen durfte. Bei ihrer Abreise hinterließ sie einen Betrag, mit der Bestimmung, daß die Wohltat fortgesetzt werde. Annettens Mildtätigkeit erstreckte sich mit Vorliebe auf solche, die in Ausübung ihrer Kunst mit der Not des Lebens zu ringen hatten. Ihre Güte ging selbst so weit, daß sie sich von einem mittelmäßigen Künstler immer wieder malen ließ, nur um diesem einen kleinen Verdienst zuzuwenden. So erfreute sich in Meersburg eine Schauspielertruppe ihres Erbarmens; sie hatte gute Kräfte, aber es mangelte an allerlei, besonders an Kostümen. Annette schenkte ihnen eine namhafte Summe; außerdem veranstaltete sie eine Sammlung, so daß die Leute sich redlich weiterhelfen konnten. Auch gegenüber Schücking und seiner Frau tritt Annettens Milde und Güte zutage. Mit keinem Wort verrät sie das innere Mißbehagen und wie ihre Seele leidet unter der Dissonanz, die der Besuch hervorgerufen. Es ist dies ein Beweis dafür, daß sie sich redlich und ehrlich bemühte, diese zu überwinden und wie edel ihre Absichten dem Freundespaar gegenüber geblieben sind. Sie fährt fort, ihm in gleich herzlicher Weise zu schreiben. Sie sucht es zu erfreuen durch kleine Geschenke und bei der Geburt des ersten Kindes übernimmt sie die Patenstelle. Das geschah allerdings unfreiwillig, da Schücking ohne ihr Wissen Annette hatte ins Taufbuch einschreiben lassen. Liebenswürdig genug antwortete sie: »Gott segne Mutter und Kind und lasse was Gutes wachsen aus dem kleinen dicken Fresser ... Sobald ich soweit zu Verstand komme, will ich ein schönes, großes Gedicht auf den Jungen machen ... Ich will ihm auch ein Patenstück schenken, etwa einen hübschen, silbernen Becher ...« Mehr und mehr erwachte in der Dichterin auch wieder die Sehnsucht nach der Heimat, wie »Grüße« und »Die tote Lerche« beweisen, in letzterem Gedicht heißt es: »Dann nur ein Grab auf grüner Flur Und nah' nur, nah' bei meinem Neste, In meiner stillen Heimat nur.« Nachdem der Sommer mit interessanten Gästen, unter denen auch Guido Görres und seine junge, eben erst angetraute Gemahlin sich befanden, vorübergegangen war, trat Annette mit ihrer Mutter am 23. September 1844 die Heimreise nach Westfalen an. Die letzten Wochen auf der Meersburg verbrachte sie noch in großer Unruhe wegen dem Verbleib ihres Manuskriptes, von dem sie seit langer Zeit nichts gehört hatte. Mit Ungeduld wartete sie auf Nachricht, sodaß Frau von Laßberg sich endlich veranlaßt fühlte, selbst an Schücking zu schreiben und um Aufklärung zu bitten. Das Werk war aber bereits gedruckt und Levin hatte in der Meinung, Annette sei schon nach Westfalen abgereist, die Freiexemplare nach Rüschhaus geschickt. Auch war ihnen ein Wechsel auf das Honorar beigelegt. Zu ihrer großen Freude fand die Dichterin bei ihrer Ankunft alles vor. Der Wechsel ging sofort nach Meersburg ab und zwar als Kaufschilling für das Rebhäuschen. Die Landschaft des inneren Lebens Eingang zum Schloß. Am 1. Oktober 1846, nachmittags 2 Uhr, hielt vor dem Schloßtor ein Wagen, in dem niemand anders sich befand als Annette von Droste. Die Familie, welche noch bei Tisch war, eilte herunter, um die Reisende, die man schon seit einigen Tagen erwartet hatte, zu empfangen. Ihre Wangen waren hochgerötet, sie atmete schwer. Am Arme der Schwester und einer Nichte durchschritt sie die große Eingangshalle. Man hatte ihr diesmal die Zimmer des Vorderbaues zum Bewohnen eingerichtet, von denen aus sie leicht, ohne Treppen zu steigen, ins Freie gelangen konnte. Hier angekommen, setzte sie sich gleich aufs Bett. Der blaue, pelzgefütterte Reisemantel glitt ihr von den Schultern und sie sagte, tief aufatmend: »Wie froh bin ich, daß ich da bin!« Sie hatte auf der langen Reise fortwährend unter furchtbarem Kopfweh, Fieber und Erbrechen gelitten. Der Brunnenarzt von Überlingen, welcher gerufen wurde, hielt das Übel für hochgradig überreizte Nerven und verordnete geistige und körperliche Ruhe. Wochen-, monatelang mußte die Kranke das Bett hüten und immer ganz still liegen. Sie sollte soviel wie möglich schlafen, nichts denken oder nur Angenehmes. Dennoch bekümmerte sie sich um ihr Rebhäuschen und um die Weinernte, die in diesem Jahr eine außergewöhnlich gute und reiche war. Als der Zustand gegen den Frühling 1847 hin sich besserte und Annette wieder Besuche empfangen durfte, kam wieder, wie früher, jeden Sonntag ihre geliebte Fürstin Salm von Herrschberg herüber. Auch der Pfarrgeistliche von Meersburg, Dekan Hain, welcher ein häufiger Gast im Schlosse und Religionslehrer der Kinder war, ging nie an Annettens Zimmer vorbei, ohne einzutreten. Er wurde von ihr stets aufs liebenswürdigste empfangen. Sie unterhielt sich gerne und gut mit ihm. Mitten im Gespräch konnte Annette manchmal, zum großen Erstaunen des geistlichen Herrn, von ihrem Platze sich erheben und sagen: »Bitte, Hochwürden, lassen Sie mich beichten.« Auf dem Boden vor dem Priester knieend bekannte sie ihre Sünden und empfing die Lossprechung. Die Familie umgab Annette mit der größten Sorge und Liebe. Schwager Laßberg besuchte sie immer nachmittags eine Stunde; Jenny und die Kinder brachten regelmäßig die Abendstunden bei ihr zu. Alles Aufregende im Gespräch wurde vermieden. Die Leidende hörte zu, in einen großen Lehnstuhl gekauert, der zwischen ihrem Bett und einem grünen Kachelofen stand. Letzteren ließ Annette selbst setzen, wodurch das Zimmer bedeutend an Wärme und Behaglichkeit gewann. Sie ist auch ganz entzückt davon, wie wir aus einem Brief an ihre Freundin Rüdiger sehen, der sie schreibt: »Meine Spiegelei ist ganz reizend, heizt sich vortrefflich, faßt jeden Sonnenblick auf und ist durch den Widerschein des Sees selbst in den trübsten Tagen hell.« Frau von Laßberg sorgte dafür, daß immer ein paar blühende Stöcke aus dem Treibhaus auf dem Tische standen. An Langeweile litt Annette niemals. Ihre Phantasie arbeitete immer; es fiel ihr deshalb schwer, nicht zur Feder greifen zu dürfen. »Gott, dürfte ich jetzt schreiben,« sagte sie einmal, »wie leicht würde es mir werden!« Sie hatte den ganzen Winter ihre Klause nicht verlassen. Erst als der Frühling ins Land gezogen war, gestattete der Arzt ihr, sich wieder an die Luft zu wagen und riet ihr sogar, sich viel Bewegung im Freien zu machen. Wie kamen ihr jetzt die Parterrezimmer zu statten! Sie brauchte nur durch ein paar Türen zu gehen, um im Hofe zu sein. Ihr Lieblingsweg war an den Zinnen, wo sie oft lange auf und ab ging, die Schritte zählend, und sich freute, wenn sie recht viele gemacht hatte, so daß sie einem großen Spaziergang gleichkamen. Im Juli 1847 beglückte Gustav Schwab, Laßbergs langjähriger Freund, die Meersburg mit einem Besuch. Er brachte seine Frau und Tochter und eine Freundin der letzteren mit. Es waren schöne Stunden des Zusammenseins, das noch einen besonderen Reiz erhielt durch die Anwesenheit Annettens, die bereits als Dichterin bekannt war und deren reiche geistige Begabung den selbst so hochbegabten schwäbischen Dichter in hohem Grade anzog. Sie fragte ihn, als von ihren Poesien die Rede war, welches ihrer Gedichte ihm denn am besten gefalle, worauf Schwab antwortete: »Die beschränkte Frau.« Nicht nur körperlich krank, auch mit einer tiefen Wunde im Herzen, ist Annette nach Meersburg gekommen, für die sie in der reinen, milden Luft Genesung und Heilung suchte. Das Band, das sie mit Schücking verknüpfte, das sie gehegt und gepflegt und wie ihr teuerstes Kleinod gehalten hatte, war durchschnitten. Der ehemalige Freund hatte seinen Roman »Die Ritterbürtigen« herausgegeben, in dem von seinem freiheitlich gesinnten Standpunkt aus, Anekdoten und Vorfälle eingeflochten waren, wodurch der westfälische Adel in ein ungünstiges Licht gestellt wurde. Der Verdacht, dem Schriftsteller das Material zu diesen »Giftmischereien« geliefert zu haben, fiel sofort auf Annette; denn er konnte diese Geschichten nur von einer in diesen Kreisen ganz vertrauten Persönlichkeit haben, und jedermann kannte die Beziehungen Annettens zu Schücking. Man machte sie also dafür verantwortlich, überschüttete sie mit Vorwürfen von allen Seiten, zieh sie des Vertrauensbruches und der Untreue gegen ihre Standesgenossen. Wie bitter Annette darunter litt, zeigt ein Brief an Professor Schlüter, in dem sie klagt: »Schücking hat an mir wie mein ärgster Todfeind gehandelt, ich bin wie zerschlagen; – o Gott, wie weit kann Schriftstellereitelkeit, und die Sucht, Effekt in der Welt zu machen, führen!« Dies war aber nur die äußere Veranlassung zu dem Bruch. Im Innern waren die Wege schon früher auseinandergegangen und es hatte dies nicht zuletzt seinen Grund in den religiös-freiheitlichen Bahnen, welche Schücking betreten. Annette wußte zwar immer, daß er nicht auf dem festen kirchlichen Boden stand wie sie, aber die Kluft erweiterte sich immer mehr, daß sie nimmer darüber wegsehen konnte. In demselben Briefe klagt sie Schlüter: »Er ist verloren, denn er hat die einzige Stütze fahren lassen, an der wir uns von unsern Fehlern und Schwächen aufrichten können. Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt, er schlägt vor der Kirche die Zunge aus, und hier findet keine Entschuldigung statt, höchstens eine: »Herr vergib ihm, er weiß nicht, was er tut.« »Lassen Sie uns für ihn beten,« fügte die Dichterin hinzu, »Christi Blut ist auch für ihn geflossen und Gott hat tausend Wege, die Verirrten zu sich zurückzuführen, oft durch Not und Kummer, und die sehe ich bei Schückings Lust am Glanze und der Unhaltbarkeit seines Talentes voraus ...« Was das Letztere anbelangt, so hatte Annette darin zu schwarz gesehen. Schücking war von Du Mont die Redakteurstelle an der »Kölnischen Zeitung« angeboten worden, weshalb er seinen Wohnsitz von Augsburg weg in die rheinische Metropole verlegte, wo sich seine Verhältnisse sehr gut gestalteten. Endlich war Schückings Frau die Klippe, an der diese Freundschaft Schiffbruch gelitten hat. Die beiden Naturen waren zu verschieden, als daß ein Verhältnis hätte zustande kommen können, wie Annette es sich mit der zukünftigen Gattin ihres Freundes geträumt und vorgestellt. »Sieh her, nicht eine Hand dir nur, Ich reiche beide dir entgegen, Zum Leiten auf verlorene Spur, Zum Liebe spenden und zum Segen;« Schöner hätte sie nicht ausdrücken können, welche Rolle sie sich zugedacht in dem neuen Leben, das durch die Verheiratung Schückings für ihre Freundschaft begann. Denn, daß letztere nun in eine andere Phase trat, daß sie auch den letzten Winkel im Herzen des Freundes an Luise abtreten mußte, hatte Annette, die so groß von der Heiligkeit der Ehe dachte, doch von Anfang an erkannt. Sie wollte beiden Freundin, Mutter, Schwester; sie wollte der hehre Schutzgeist dieses Ehebundes sein. Aber Levin und Luise haben es nicht verstanden. Diese konkurrierte mit Annette und stellte sich mit ihr auf eine und dieselbe Stufe geistiger Bedeutung, was Annette, die bei aller Bescheidenheit ihrer hohen Begabung sich vollkommen bewußt war, nicht ertrug. Luisens Talent bestand in der Hauptsache in Weltgewandtheit und Geselligkeit und konnte sich mit der schöpferischen Kraft Annettens niemals messen. Schücking aber fühlte sich vollkommen glücklich und befriedigt an der Seite seiner Gemahlin, welche neben ihren glänzenden gesellschaftlichen Eigenschaften eine gute Hausfrau, ihm eine treue, hingebende Gattin und Mutter seiner Kinder war. Nicht ausgeschlossen ist, ja sogar sehr wahrscheinlich, daß Annette infolge ihres leidenden Zustandes alle diese Dinge eben in einem zu grellen Lichte sah und beurteilte, wie es bei empfindsamen Naturen, zu denen die Dichterin infolge ihrer psychischen wie physischen Veranlagung gehörte, ja meistens der Fall ist. Um die Zeit, als Annette nach Meersburg kam, hatte sich der erste Sturm schon gelegt. In dem stillen Schlosse, angesichts der großen Alpenwelt, des Sees, beginnt die Wunde zu vernarben. Annette wird wieder die große Einsame, die sie früher gewesen. Sie steht auf Höhen, wo das Genie immer allein steht, allein stehen muß und zu denen der Weg immer oder doch fast immer durch Leiden und Trübsale führt. Nur mit tiefem Bedauern können wir den Bericht lesen, den die Dichterin im Sommer 1846, wo sie krank in Rüschhaus lag, ihrer Freundin Rüdiger von sich selbst gab: »Sechs- bis siebenmal im Tag Erbrechen, ein erstickender Husten, immer Fieber, kein Schlaf«, schreibt sie. Dabei lebte sie in voller Einsamkeit, immer nur auf den Arzt harrend. Die Mutter, welcher sie ihren Zustand verheimlichte, war nach der Meersburg abgereist. Sie hatte sich noch lange aufrecht erhalten, »dann aber fiel ich zusammen wie ein Taschenmesser,« heißt es in dem Brief und weiter: »ach lieb Lies, da war Rüschhaus gar kein liebes, heimliches Winkelchen mehr! Ich sah den ganzen Tag nur die niedrigen Balken meines Schlafzimmers und außer dreimal im Tage sah keine Seele nach mir, da die Ernte im Gange war und auch die Köchin viel daran half. Von eins bis sieben war das Haus ringsum verschlossen – ich mutterseelenallein darin, fiebernd und würgend. Bedurfte ich etwas Unvorhergesehenes, so mußte ich selbst aus dem Bett klettern und mir selber Rat schaffen oder wenn ich gerade im Fieber lag, geduldig aushalten bis zur Erlöserstunde. Ich habe dies in meinem Eremitenleben sonst auch schon mitgemacht, aber nicht krank. Dann freute ich mich dieser tiefen Einsamkeit, da mir Küche und Keller ja offen standen und ich im Notfall an der steinernen Gartenbank meine Leute sehr leicht anrufen konnte; aber jetzt kam ich mir vor wie ein armer Soldat, der sich auf dem Schlachtfeld verblutet. Freilich war dies meine eigene Schuld, ich hätte ja bloß Jennchen oder Anna zuhause behalten dürfen; aber die Leute sahen alle so eilfertig aus, rannten und schnauften so furchtbar, daß es mir nicht einfiel, jemand dem großen Werk zu entziehen.« Nehmen wir die oben erwähnten seelischen Erregungen dazu, so werden wir es leicht verstehen und nicht als Übertriebenheit betrachten, wenn Annette sich »Gottes schwer geprüftes Kind« genannt hat. Aber gerade in dieser Zeit vollzog sich in Annette jene innere Wandlung, das »Stirb und Werde«, wo der Mensch mit seinem Ich aus sich selbst herauswandert, der Aufstieg zu den Höhen, wo die Seele sich ganz versenkt in Gott; wo der Künstler, der Dichter trinkt am Urquell ewiger Schönheit; wo die religiösen Wahrheiten tief erfaßt, wo sie Erlebnisse werden und sich zur höchsten Poesie, zur Gebetspoesie, kristallisieren. Oft und immer wieder kamen, bei seelischen wie körperlichen Leiden, der Dichterin die Worte in den Sinn, welche ihr blinder Freund Schlüter, zehn Jahre vorher schon, ihr einmal geschrieben und die für jeden beachtenswert sind: »Zur Landschaft unseres inneren Lebens in der Zeit gehören auch dürre Sandwege, Steingruben und Heidestrecken, nicht bloß der Mannigfaltigkeit wegen, sondern uns zu erinnern, daß wir Nomaden und Pilger sind«, heißt es in dem Brief von 27. März 1835, und weiter schreibt der liebenswürdige, des Augenlichtes beraubte Gelehrte an das »Fräulein«, dem er mehr zutraut als vielen andern und dem er sehr gut ist: »Viele Schätze sind nur um Leiden zu haben. Ihr Geist, vergessen Sie das nicht, ist zum Teil Frucht und Lohn derselben, obschon, hoffe ich, nicht der größte.« So hatte denn Annette in mancher Beziehung die Meersburg als eine andere betreten, als da sie vor zwei Jahren von ihr Abschied genommen. Dichterruhm und Glanz waren niemals bei ihr im Vordergrund gestanden; nun aber erschienen sie ihr mehr und mehr als Schattenbilder. Die Beziehungen zu ihren literarischen Freunden waren schon durch ihr Leiden, das ihr lange Zeit das Schreiben unmöglich machte, abgebrochen und sie wollte die Fäden auch nicht wieder anspinnen. Mit Schücking ist sie in keine Verbindung mehr getreten; aber sie hatte ihm von Herzen vergeben und konnte mit Ruhe und ohne Bitterkeit an ihn denken. Was ihr noch am Herzen lag, waren ihre geistlichen Lieder. Sie hatte in Münster auf der Durchreise, schon sehr krank sich fühlend, das Manuskript des »Geistlichen Jahres« Schlüter übergeben mit dem Bemerken, daß er daran bessern und ändern dürfe, so viel er wolle, ihm aber das Versprechen abgenommen, es erst nach ihrem Tode drucken zu lassen. Nun erbat sie sich das Manuskript wieder von dem Freunde und ließ es nach Meersburg kommen, um es noch einmal einer Durcharbeit zu unterziehen. Sie feilte und besserte und änderte und dichtete Neues hinzu, den Blick schon nach der ewigen Heimat gerichtet. Während sie über diesen wundervollen, einzigartigen Liedern saß, wie sie kein Dichter vor ihr gesungen noch einer nach ihr singen wird, fingen die Stürme der Revolution an durch das Land zu toben und schlugen auch an Annettens stille Dichterklause. Von einem Revolutionär aus Konstanz wurde vor dem Rathaus in Meersburg die Republik proklamiert. Die Freischärler drangen ins Alte Schloß ein und forderten Waffen von dem Freiherrn, der sie ihnen aber verweigerte. Laßberg bewahrte seinen unerschütterlichen Gleichmut, während die Frauen sich ängstigten und Annette besonders sehr schwarz in die Zukunft sah. Diese sollte sie aber nicht mehr berühren; ihre Lebensuhr war abgelaufen. Vor den Toren der Ewigkeit Das Sterbezimmer der Dichterin. Am 10. April 1848, dem Geburtstag von Herrn von Laßberg, schickte ihm Annette, da sie wegen heftigem Husten das Zimmer nicht verlassen konnte, ein Glöckchen mit folgendem poetischen Gruß: »Grad' heute, wo ich gar zu gern Dir hätt' ein herzlich Wort gesagt, Grad' heute hat mein böser Stern Mit argem Husten mich geplagt; Doch wär' ich wohl hinaufgeklommen, Wär' nicht mein Schwesterlein gekommen Und hätt' es ernst mir untersagt. Was send' ich meinem Gruße nach? Ein buntes Glöckchen arm und klein; Wohl ist sein Stimmchen zart und schwach. Doch ist es silberhell und rein; Und wo du läßt es klingend rauschen. Da wird das Ohr der Liebe lauschen Und glaub' es mir, das hört gar fein!« Am 21. Mai unterhielt sich Annette heiter mit der Fürstin Salm, welche gekommen war, sie zu besuchen, in der folgenden Nacht gegen 3 Uhr stellte sich aber ein heftiger Bluthusten ein, so daß Annette die Jungfer wecken mußte, welche im Nebenzimmer schlief; auch ließ sie den Arzt rufen, der eben als Gast im Schlosse weilte, erlaubte aber durchaus nicht, daß man die Schwester beunruhige. So erfuhr Frau von Laßberg erst am anderen Morgen davon. Das Befinden besserte sich in den folgenden Tagen und gab zu keiner Besorgnis Anlaß. Am 24. Mai 1848, nachdem sie in der Nacht vorher gut geschlafen, fühlte sie sich wohler als seit Wochen und atmete auch leichter. Frau von Laßberg brachte wie gewöhnlich den Vormittag bei ihr zu, damit beschäftigt, eine angefangene Malerei, ein Blumenstück, zu vollenden. Die Kranke bewunderte das kleine Kunstwerk und hatte ihre Freude daran. Dann ging die Schwester weg, schickte aber alsbald ihr Töchterchen Hildegunde hinunter mit einer Milchspeise. Kaum hatte Annette davon genommen, als sie zu husten anfing und zugleich bemerkte, daß sie Blut im Munde habe, weshalb sie die Nichte bat, den Arzt zu rufen. Das Kind eilte erschreckt von dannen; als aber der Doktor mit Frau von Laßberg und Hildegunde ins Zimmer trat, fanden sie Annette tot auf ihrem Lager. Herr von Laßberg, der sonst immer die Selbstbeherrschung zu bewahren wußte, sank fast zurück und mußte sich am Tische halten, als man ihm die Nachricht brachte. Groß war die Trauer im Schloß und in der ganzen Stadt, in der sich die Kunde wie ein Lauffeuer verbreitete. In einem weißen Kleid von Frau von Laßberg wurde die Leiche in den Sarg gelegt und weiße Rosen ihr in die Hand gegeben, die am Morgen ihres Todestages, vor ihren Zimmern an der Mauer, aufgeblüht waren. Am 27. Mai – es war ein wunderschöner Tag – wurde Annette zur Erde bestattet, schlicht und einfach ohne jegliches Aufsehen. Nur die Natur hatte sich in ihren schönsten Schmuck gekleidet. An blühenden Hängen und Gärten vorüber, trug man den Sarg nach dem Friedhof. Der Freiherr folgte der Bahre mit seinem Sohn aus erster Ehe, der gerade auf Besuch weilte. Einige nahe Freunde aus der Umgebung waren gekommen, um der Verewigten das Geleite zu geben, und viele Bewohner des Städtchens, zumeist einfache Leute, schlossen sich dem Trauerzuge an. An der Friedhofmauer war das Grab bereitet, in dem Dekan Hain, Annettens Freund und Berater, sie zur letzten Ruhe bettete. Auch er schlummert jetzt, nicht ferne von ihr, auf demselben Friedhof dem großen Auferstehungsmorgen entgegen. Viele Tränen wurden der Heimgegangenen nachgeweint, obgleich sie kurz vor ihrem Tode gesagt hatte: »Geliebte, wenn mein Geist geschieden. So weint mir keine Träne nach. Denn, wo ich weile, dort ist Frieden, Dort leuchtet mir ein ew'ger Tag.« Auf den Totenbildchen, welche zum Angedenken an sie gedruckt und ausgeteilt wurden, heißt es: »Ihr Tod war die Folge langjähriger, mit großer Geduld ertragener chronischer Leiden, denen ein Herzschlag auf dem Schlosse Meersburg, wo sie sich zum Besuch bei ihrer Schwester befand, unerwartet ein Ende machte. Sie war stets eine liebevolle, gehorsame Tochter und treue Schwester, und ihre Anhänglichkeit für die Ihrigen kannte keine Grenzen; aber sie war auch voll Erbarmen und Mitleid gegen ihre leidenden Nebenmenschen, die ihr Herz alle mit gleicher Liebe umfaßte. Von Gott mit großen Talenten und namentlich mit der schönen Dichtkunst ausgestattet, war ihr Streben stets dahin gerichtet, diese Gabe nur zu seiner Ehre zu gebrauchen. Deshalb durchdringt auch der Hauch wahrer Gottesfurcht alle ihre Schriften und es ist kein Wort in ihnen enthalten, welches Ärgernis geben könnte. Hoffen wir deshalb, daß der Herr der Welten an jenem großen Tag zu ihr sprechen werde: »Weil du über wenigem getreu gewesen, So will ich dich über vieles setzen, gehe ein In die Freuden deines Herrn.« Doch, wer ist rein vor dem Angesichte Gottes! Darum laßt uns die Pflicht der Liebe erfüllen und der Verstorbenen in unserem Gebete eingedenk sein.« Frau von Laßberg war am Nachmittag des Begräbnisses mit den Kindern nach Herrschberg gefahren, um die Stunde in stiller Trauer mit der Fürstin Salm zusammen zu sein. Es war dieses nichts Außergewöhnliches, sondern lag in den Gepflogenheiten der damaligen Zeit. Im Schatten des Hügels Droste-Hülshoff-Denkmal auf dem Schloßplatz. Ein Weinen ging durch den deutschen Dichterwald, als Annettens Auge im Tode sich schloß. Der Schmerz fand seinen Ausdruck in Gedichten von Betty Paoli, Luise von Ploenies, Schlüter, Emil Rittershaus. In tiefer Trauer legten sie die Blüten ihrer Poesie am Sarge der Dichterin nieder. Andere sind ihnen gefolgt bis auf unsere Tage und haben weitergewunden an dem Kranze, der sich unverwelklich um den stillen Hügel schlingt auf dem »Frieden« zu Meersburg. Levin Schücking weilte zur Zeit als Annette starb mit seiner ganzen Familie in Rom. Du Mont hatte ihn dorthin geschickt als Berichterstatter für die Kölnische Zeitung. Er verkehrte in einem sehr schönen Kreise von Gelehrten, Schriftstellern, Künstlern und zählte zu den begeistertsten Anhängern Pius IX . In der ewigen Stadt also erreichte Levin die Nachricht von dem plötzlichen Hinscheiden der Freundin. Leider brechen seine »Lebenserinnerungen« gerade da ab, wo wir hoffen könnten, etwas darüber zu erfahren. Sicher ist, daß ihn der Tod Annettens in tiefe Betrübnis versetzte, wenn auch nichts davon in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. Soll er doch keine Ahnung gehabt haben, wie Annette sich verletzt und gekränkt von ihm fühlte. Sei dem nun wie es wolle, wir sind nicht so blindlings eingenommen von der Dichterin, um ihr nicht den größeren Anteil an der Erkaltung zuzuschreiben; denn auch große Menschen – und zwar gerade solche, wie die Erfahrung lehrt – können fehlen und sind Irrtümern unterworfen. Daß Levin Schücking der Droste zeitlebens seine Verehrung und Liebe bewahrte, steht außer Zweifel. Die Zeiten von Rüschhaus und Meersburg waren ihm in schönster Erinnerung und wenn er an sie zurückdachte, fielen ihm, wie er selbst in seinem »Lebensbild Annette von Droste« schreibt, die Worte Goethes im Tasso ein: »– – – wo sind die Stunden hin, Die um mein Haupt mit Blumenkränzen spielten, Die Tage, da der Geist mit froher Sehnsucht Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?« Auch lesen wir in dem »Lebensbilde«, welche Anerkennung er für ihre Dichtergabe hat. »Bei Annette«, so schreibt er einmal, »ist Alles kernhaft, bestimmt, markig und kurz geschürzt. Die Form schlägt nirgends weitbauschige Falten, unter denen der Inhalt verschwindet. Es ist immer der kürzeste, markanteste, knappste Ausdruck gewählt.« Und weiter: »In den Manuskripten der Dichterin sieht man, wie sorgfältig sie jeden Vers, jedes Beiwort gestrichen hat, welches ihr überflüssig zu sein schien, wie sie unbarmherzig ganze Seiten opferte. Und wie der Ausdruck dadurch einen völlig männlichen Charakter der Energie und Kraft erhält, so hat dies auch der Gedanke bei ihr, die Anschauung und das Urteil.« An einer andern Stelle heißt es: »Sie ist so himmelweit verschieden von den meisten der andern, mit künstlerischem Talent begabten Frauen ... trotz aller männlichen Kraft bleibt sie streng, innerhalb der Schranken der Weiblichkeit und des Frauenberufes, die Sitte zu hüten.« Hier weist er dann hin auf das Gedicht: »An die Schriftstellerinnen Deutschlands.« »Ein großartiges, ein reiches Talent« nennt Levin Schücking Annette von Droste. Ueber ihre geistlichen Gedichte äußert er sich: »Es ist in vielen derselben eine erhabene Kraft und eine hinreißende Glut, welche die Dichterin wie eine Sybille erscheinen läßt, die vor uns tritt, als ob sie eben aus den Hallen niederstiege, in welchen die Psalmenharfe des königlichen Büßers, die Hymnen des Ambrosius und Gregors des Großen wiederklingen.« So hat Schücking an seinem Lebensabend Annette noch den Lorbeer um die Stirne gewunden. Sein Urteil über ihre Dichtungen ist ein so sehr mit der Persönlichkeit der Dichterin verwobenes, wie wir sonst keines besitzen. Es wird deshalb immer seine besondere Bedeutung haben. Er hat sie auch dadurch geehrt, daß er die seit dem Erscheinen der Hauptsammlung im Jahre 1844 neu entstandenen Gedichte unter dem Titel »Letzte Gaben« herausgab. Nach dem Tode seiner Frau, welche schon 1853 starb, lebte Schücking einsam als Witwer ganz der Erziehung seiner Kinder. Später zog er sich nach Münster in Westfalen zurück, immer mit literarischen Arbeiten beschäftigt, bis der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm. Noch am 20. August schrieb er an seinen »Lebenserinnerungen.« Am Morgen des 31. August 1883 verschied Levin Schücking sanft in den Armen seiner Kinder in Pyrmont, wo sein jüngster Sohn sich als Arzt niedergelassen hatte. Seine Zeitgenossen rühmen an ihm die ruhige Klarheit und Harmonie seines Wesens, die ungesucht vornehme Art sich zu geben, verbunden mit seltener Bescheidenheit trotz seines großen, umfangreichen Wissens, das er niemals zur Schau trug. An seinem Grabe trauerten viele Freunde und doch nur Eine hat ihn unsterblich gemacht durch ihre Liebe und Freundschaft: Annette von Droste-Hülshoff. Annette hat sich bei Lebzeiten viel mit Ewigkeitsgedanken beschäftigt. In durchaus selbstloser, bescheidener Weise dachte sie nun auch darüber nach, wie man ihr Gedächtnis einmal hier ehren wird: »Wer wird denn meiner gedenken Wenn ich nun gestorben bin? Wohl wird man Tränen mir weihen Doch diese sind bald dahin! Wohl wird man Lieder mir singen, Doch diese verweht die Zeit! Vielleicht einen Stein mir setzen Den bald der Winter verschneit. Und wenn die Flocke zerronnen Und kehrt der Nachtigall Schlag Dann blieb nur die heilige Messe An meinem Gedächtnistag ...« Gar schön ist in demselben Gedicht am Schlusse angedeutet, daß der Schmerz und die Trauer der Mutter, allen Schmerz und alle Trauer von Freunden und Verwandten, ja selbst der eigenen Geschwister, bei ihrem Tode übertreffen wird: »Ich habe, ich hab' eine Mutter, Der kehr' ich im Traume bei Nacht, Die kann das Auge nicht schließen Bis mein sie betend gedacht; Die sieht mich in jedem Grabe, Die hört mich im Rauschen des Hains – O, vergessen kann eine Mutter Von ihren Kindern nicht ein's!« Frau von Droste hat eine Seelenmesse für ihre Tochter gestiftet, die auch jetzt noch alljährlich an ihrem Todestag gelesen wird, und welcher die frommen Bewohner von Meersburg beiwohnen. Unter den Freunden Annettens hat keiner sie treuer und tiefer betrauert als Christoph Bernhard Schlüter. Im Parke von Rüschhaus stand ein Gewürzbäumchen, von dem Annette die ersten Blüten im Frühling stets Professor Schlüter sandte, damit der Blinde sich an ihrem Duft erquicke. Schlüter freute sich immer auf diesen aromatischen Gruß. Nach Annettens Tod ließ Frau von Droste das Bäumchen herausnehmen und schickte es dem Professor, der es in den Garten unter seinem Fenster setzen ließ, damit es das Andenken an die Heimgegangene frisch in seinem Herzen erhalte. Jetzt grünt und blüht das Bäumchen auf Schlüters Grab, wohin es nach seinem Tode gepflanzt wurde. Es war ein großer Schmerz für Frau von Laßberg, als sie, zum erstenmal nach der Beerdigung, das Turmzimmer wieder betrat und all die Gegenstände sah, welche die so jäh aus dem Leben Geschiedene noch kurz vorher benützt hatte. Hier stand das Bett. Frau von Laßberg setzte sich an dasselbe, legte die rechte Hand auf das Kissen, mit der linken bedeckte sie die Augen, aus denen heiße Tränen hervorbrachen und durch die Finger rannen. Dann erhob sie sich, trat an den Tisch, fuhr liebkosend mit der Hand über den Federkiel, mit dem Annette zuletzt geschrieben. Und hier auf der Schale liegt die Haarlocke, die sie ihr in der letzten Stunde, bevor der Sarg geschlossen wurde, noch abgeschnitten hatte. Frau von Laßberg nimmt die Locke, drückt einen Kuß darauf und verwahrt sie in einem Elfenbeinkästchen. Nun zieht sie eine Schublade heraus; sie ist angefüllt mit Briefen. Die Unterschriften sind lauter bekannte Namen. Ein wenig wird darin gelesen; dann geht es zu einer anderen Schublade. Hier liegen allerlei Kostbarkeiten: Annettens diamantenbesetzte, goldene Taschenuhr, ein altes, kleines, goldenes Kreuzchen – eine Reliquie ist darin verborgen, – der Lieblingsring Annettens mit dem Rubin und anderer Schmuck. Frau von Laßberg schließt die Lade und geht zu der nächsten. Hier endlich findet sie, was sie gesucht: »Das Geistliche Jahr.« Drei Bogen sind es – 47 Gedichte stehen darauf – eng, klein geschrieben und mit Verbesserungen übersät. Frau von Laßberg nimmt die Bogen, drückt sie, mit einem Blick zum Himmel, an ihr Herz ... Das Leben auf der Meersburg ging weiter, es kam wieder in sein altes Geleise; aber der Schmerz um die Verstorbene begleitete die Insassen auf Schritt und Tritt. Er ging mit ihnen in die Geschäfte und Gewohnheiten hinein und machte sich besonders fühlbar in den Abendstunden, die Frau von Laßberg und die Kinder gewohnt waren, bei Tante Nette zu verbringen. Ihr Andenken wurde heilig, die Erinnerungen frisch erhalten und gepflegt wie die Blumen auf ihrem Grabe. Frau von Laßberg ordnete den Nachlaß mit aller Liebe und Sorgfalt. Sie schrieb die noch ungedruckten Gedichte ab, wobei sie oft mit der Lupe die kleinen Schriftzüge entziffern mußte. »Das geistliche Jahr« schickte sie nach Münster an Professor Schlüter, welcher es im Verein mit seinem Schwager Junkmann und Professor Eschmann im Jahre 1851 herausgab. Im großen und ganzen ist der Tod der Dichterin wenig beachtet worden. Die Stürme der Revolution übertönten die Stimmen der Presse, welche sich für sie erhoben und ihr einen Nachruf widmeten. Auch waren die Drosteschen Poesien doch noch zu wenig in die breite Masse eingedrungen, obgleich die hervorragendsten Kritiker, wie Menzel, Kühne, Kynast u. a. der Dichterin den Lorbeer zuerkannten in glänzenden Rezensionen, in denen sie die Originalität der Gedanken, die männliche Kraft der Sprache und dabei doch die zarte, innige Weiblichkeit, welche in diesen Gedichten zum Ausdruck kommt, rühmen. Annette war bis zuletzt von zahlreichen Blättern um Beiträge angegangen worden und sie entsprach womöglich diesen Aufforderungen in liebenswürdigster Weise. Nur einmal beantwortete sie einen Brief gar nicht, nämlich dem Unternehmer eines neuen Blattes, der ihr schrieb, sie dürfe ihre Honoraransprüche stellen so hoch sie wolle, und sie möchte nur erlauben, daß man sie vorläufig als Mitarbeiterin bezeichnen dürfe. Solche Dinge waren Annette in der Seele zuwider. »Ich mag mich nicht als Zugpflaster benutzen lassen«, schreibt sie ihrer Freundin Rüdiger, gesteht aber daneben offen, daß vor 20 Jahren ihr dieser Brief noch den Kopf verdreht hätte. Große Freude bereitete der Dichterin ein Schreiben des Fürstbischofs Melchior von Diepenbrock, welcher sie um ein Autograph für einen Freund bat. Dieser Wunsch wurde von Annette erfüllt durch Zusendung des Gedichtes: »Das Wort«, das kurz vor Diepenbrocks Ernennung zum Fürstbischof niedergeschrieben war und das in seinen Anfangsstrophen lautet: »Das Wort gleicht dem beschwingten Pfeil, Und ist es einmal deinem Bogen Im Tändeln oder Ernst entflogen, Erschrecken muß dich seine Eil. Dem Körnlein gleicht es, deiner Hand Entschlüpft; wer mag es wieder finden? Und dennoch wuchert's in den Gründen Und treibt die Wurzeln durch das Land; ...« Dazu schreibt sie an Diepenbrock: »Euer Fürstbischöfliche Gnaden darf ich wohl nicht erst des freudigen Eindrucks versichern, den eine von so hochgeschätzter Hand mir zugedachte, noch obendrein von einer so angenehmen Gabe) Der Fürstbischof hatte seine Bitte mit der Zusendung der eben erschienen Übersetzung: »Flämisches Stilleben« in drei kleinen Erzählungen von Heinrich Conscience und einer neuen Auflage des »Geistlichen Blumenstraußes« begleitet. begleitete Zuschrift mir notwendig machen mußte. Wenn die Antwort nicht so schnell erfolgte als schicklich und mir selbst erwünscht gewesen wäre, so hoffe ich in Ew. Fürstb. Gnaden Augen Verzeihung zu finden, wenn ich Ihnen sage, daß ich an einem mehrtägigen Gesichtsschmerz gelitten, der mich arg geplagt und so lange er dauerte, des Schreibens völlig unfähig machte. Ich leide oft an diesem Übel und es ist mir schon oft hinderlich gewesen, aber nie zu ungelegenerer Zeit als dieses mal, da es mich an einer so angenehmen Pflicht hinderte. Ew. Bischöfl. Gnaden Zuschrift war mir um so wertvoller, als sie mir die erste mir genügende Zusicherung gibt, daß bis jetzt weder Mangel an Einsicht noch übel angebrachte Phantasie mich vom rechten Pfad abgeführt haben. Sie werden selbst fühlen, was mir diese Gewißheit wert ist in einer Zeit, wo die Aufgabe selbst des harmlosesten Schriftstellers so sehr an Verantwortlichkeit zugenommen hat, und vollends ein Frauenzimmer, die sich weder großer Kenntnisse noch reicher Erfahrungen rühmen darf, leicht unklar wird und dadurch dem Mißverstehen Raum gibt, so daß sie jedes Wort zehnmal wägen sollte, ehe sie es niederschreibt ... Man muß leider auf Hundert rechnen, die bloß das Gift aus jeder Pflanze saugen, gegen Einen, der die Nahrung darin sucht ... Hat der Himmel mich bisher vor Fehlgriffen bewahrt, so sehe ich doch ein, wie ohne Gottes besonderen Segen der bloße gute Wille in seiner ganzen Schwäche dasteht ... Sie beten gewiß für ihre Landsleute, beten Sie auch für mich, mein hochgeehrter Landsmann! Unser gemeinschaftliches Vaterland ist bisher noch gottlob ziemlich frei vom Typhus der Demoralisation, – was dort wächst, ist wenigstens nicht in der Wurzel angesteckt, so müssen wir alle zusammenhalten, hoch und gering, und wer nur eines Scherfleins Herr ist, soll es hergeben zum Bau des Dammes gegen Sittenlosigkeit und Unnatur, der die Irreligiosität so sicher folgt, wie der Sünde der Tod. Verzeihen Sie, wenn ich etwas kühner geworden bin, als es Ihnen gegenüber ziemt, es ist mir unwillkürlich aus der Feder geflossen und so mag es stehen bleiben. Vielleicht hat mich auch eine Voraussetzung verleitet, die, wie ich jetzt fast fürchten muß, irrig ist, da Ew. Fürstb. Gnaden in Ihrer verehrten Zuschrift ihrer nicht erwähnten. Ich habe nämlich bisher immer des Gedankens mich erfreut, Ew. Fürstb. Gnaden zwar nur oberflächlich, aber doch persönlich zu kennen. Man hat mir gesagt, der junge ernste Theologe von Diepenbrock aus Bocholt, den der verstorbene Professor Katerkamp vor einer schönen Reihe von Jahren uns einmal an einem Nachmittag nach Hülshoff zuführte, sei derselbe, auf den jetzt so viele mit Verehrung und Zuversicht sehn. Habe ich mich geirrt, so diene dies wenigstens meiner Kühnheit zur Entschuldigung; man läßt schwer von einem Glauben, durch den man sich geehrt und erfreut fühlt. Sollte Ew. Fürstb. Gnaden noch andere Autographen wünschen, die ich mir vielleicht durch meine Bekannten, z. B. die Stolbergsche Familie verschaffen könnte, so bitte ich diesen Herrn um seine Wünsche und mir die Gelegenheit zu geben, zu zeigen, mit welcher Freude und Bereitwilligkeit ich verharre Euer Fürstb. Gnaden untertänigste Dienerin Annette v. Droste.« Derselbe Kirchenfürst schrieb nach dem Tode Annettens an Herrn von Laßberg: »Sie ist also nun für immer verstummt, die edle Sängerin! Die rauhen Lüfte, welche dermalen die Welt durchwehen, haben sie verscheucht in ihre warme, wahre Heimat. Ihr Andenken wird in Deutschland nicht erlöschen, wenn nicht, was Gott verhüte, eine einbrechende Barbarei alles Schöne und Gute in Nacht begräbt.« Frau von Droste Die Mutter der Dichterin – geb. v. Haxthausen – ein altes, im Paderbornischen angesessenes Geschlecht. aber, welche von dem Tode der geliebten Tochter so jäh in Rüschhaus überrascht worden war, trieb die Sehnsucht nach Meersburg. Wenige Wochen nach dem schmerzlichen Ereignis trat sie, trotz ihrer 76 Jahre, begleitet von ihrem Bruder Werner, die weite beschwerliche Reise an. Ihren Geschwistern in Böckendorf Altes Stammschloß der Freiherrn v. Haxthausen. berichtet sie von derselben und der Ankunft in Meersburg in folgendem noch erhaltenen und in der Schreibweise der damaligen Zeit eigenartigen Brief: Meersburg, den 17. Juli 1848. »Durch die gute Linchen, an die Werner schon zweimal schrieb, hast Du Liebste Herzens-Sophie, gewiß schon Nachricht von uns, ich trug zwar auch unserer Hildegard auf, Dir zu schreiben und sie setzte sich gleich hin, es zu tun, aber es gab dieser Tage soviel Störungen (denn Gaugrebens und die Fürstin waren hier, letztere sogar schon zweimal), daß ihr Brief nicht vollendet wurde, ich lege ihn aber doch bei und bitte Dich, wenn Du mir antwortest, ihr auch ein kleines Briefchen zu schreiben, denn sie erzählte uns mit großer Freude, daß sie ein Briefchen von Tante Dine hätte; unsere Reise ging ganz glücklich vonstatten und ich war verhältnismäßig nicht sehr angegriffen, nur den Abend, wie wir im Höllental (wo wir die Nacht blieben) ankamen, war ich unbeschreiblich schwindlig, es legte sich aber, sobald ich im Bett war und ich schlief ruhig und gut, wir machten den Weg über Schaffhausen, und zwar mit einem Lohnkutscher, den wir in Freiburg nahmen. Die beiden letzten Tage hatten wir sehr starkes Gewitter, ich empfahl meine Seele Gott, denn da der Regen in Strömen herunterschoß, so konnten wir es dem armen Kutscher nicht verdenken, daß er die armen Pferde immer stärker antrieb, und so kamen wir im sausenden Galopp zu Schaffhausen an. Dort blieben wir wieder eine Nacht und fuhren dann den folgenden Morgen mit dem Dampfschiff nach Konstanz und am Vormittag von da hier hin, wo uns unterwegs auf dem See wieder ein Gewitter und ein so furchtbarer Sturm packte, daß wir lange ungewiß waren, ob wir würden landen können, es glückte uns aber doch, nachdem wir noch ein kleines Schiff gerettet, und die Mannschaft mit aufgenommen hatten und so kamen wir denn Freitag den 14. unter einem Platzregen hier an, es war aber so arg, daß wir vom See bis hier im Schloß zweimal in der Unterstadt einkehren mußten, ich glaube der liebe Gott hat es uns zu Liebe so eingerichtet, denn Du siehst es wohl ein, liebstes Herz, wie uns diese Aufregung, dieser Tumult beschäftigen mußte und wie sehr es uns den Schmerz des ersten Wiedersehens erleichterte. Wir fanden Jenny wohl und gefaßt, aber ich finde sie doch sehr übel aussehend, unser Hiersein freut sie (wie Du leicht denken kannst) unendlich und es ist uns betrübt, daß Werner übermorgen schon wieder weg muß; ich tröste sie mit August Oheim von Annette seinem Besuch, der doch hoffentlich sicherlich kommt und sich mit Laßberg prächtig verstehen wird. Es ist hier doch unruhiger gewesen als wir glaubten. Durch die Revolution Laßbergs haben zwar gar keine Unannehmlichkeiten gehabt, aber doch auch schon all ihre besseren Sachen gepackt gehabt, und ich fürchte, die Angst und die Aufregung haben doch auch recht schädlich auf die arme Nette gewirkt. Gott mag es wissen. Du glaubst aber nicht, liebes Söphchen, wieviel Teilnahme mir überall entgegengekommen ist und überall entgegen kömmt. In Köln trafen wir Pauline und Betty, die mit uns bis Bonn hinauffuhren, dort stand die Mertens und Adele Schopenhauer, die uns bis Königswinter begleiteten, beide waren sehr traurig, Wegen des Todes Annettens besonders die Mertens, die ich überhaupt ganz verändert gefunden habe; sie ist jetzt eine alte kümmerliche Frau, die vielen Verdrießlichkeiten mit ihren Kindern, müssen sie so heruntergebracht haben, man konnte sie ohne Mitleid nicht ansehen. – – Meine liebste Sophie, ich sage Dir und allen lieben Geschwistern zu tausendenmal Lebewohl, indem ich Dich bitte, diesen Brief allen zuzuschicken, da ich nicht weiß, ob mir morgen noch so viel Zeit bleibt zu schreiben; wir bekommen das ganze Haus voll Einquartierung, es sind Bayern, die in Stockach gelegen haben. Behaltet mich alle lieb, herzensliebe Brüder und Schwestern, der liebe Gott nehme Euch alle in seinen Schutz. Mit Dir, liebste Dine, erfreue ich mich über die Nachrichten vom lieben Malchen, Gott schütze sie ferner und nun nochmals adieu; mit aller Liebe Eure treue Schwester Therese. ... Jenny läßt Dich bitten, Dich bei Malchen Hassenpflug zu erkundigen, ob sie nicht vielleicht einige der geistlichen Lieder der lieben seligen Nette hätte, sie sollen alle gesammelt werden, und das, was wir finden, ist so undeutlich geschrieben, sollte die Masse etwas haben, so schicke Du, liebes Herz, es doch nach Hülshoff, auch die, die die liebe Mutter von ihr hatte, ihr sollt alles wieder haben, von hier tausend Grüße... Die Einquartierung ist da, 3 Offiziere und ihre Bedienten, ich glaube, sie bleiben nur zwei Tage; ich und die Kinder begleiten Werner morgen bis Konstanz. Jenny kann der Einquartierung wegen nicht mit, es tut mir recht leid, Zerstreuung wäre ihr wohl nötig.« – Der Burgherr an der Grenze seines Lebens Im Sommer 1850 stand ein Fremder am Eingange der Meersburg. Er schrieb auf ein Blättchen Papier, welches er dem Torwart übergab, der damit zum Freiherrn hinaufeilte: »Ein blinder Sänger klopft an deine Tür, O, schieb ihm keinen Riegel für. Justinus Kerner. Leicht wie ein Jüngling flog der Greis durch die Gänge und die Treppe hinunter, dem bekannten Unbekannten entgegen; dabei flogen die Schöße seines grünen Jägerrockes, den er aus alter Gewöhnung und zur Erinnerung an seinen früheren Beruf immer trug. – Das Haupt von einem schwarzen Sammetkäppchen bedeckt, unter dem das lange, schöne Silberhaar hervorkam, war er wirklich eine klassische Erscheinung. »Wer ihn sah, am Portal dieser grauen Mauern seine Gäste bewillkommnen, der mochte wohl glauben, einem alten Ritter zu begegnen«, sagte seine eigene Tochter Hildegard von ihrem Vater. Am Tor umarmten sich Laßberg und Kerner, als wären sie alte Freunde, und doch hatten sie sich nie gesehen. Das war der Anfang des innigen Freundschaftverhältnisses, das Kerner mit dem Freiherrn bis zu dessen Tod verband. Die alte Meersburg hat den liebenswürdigen Dichterarzt oft in ihren Mauern gesehen, wie auch die anderen württembergischen Freunde, besonders Uhland und Schwab. Die dichterische Gabe dieser Männer, sowie das Wahre, Echte, Biedere in ihrem Wesen zog Laßberg mächtig an, während andererseits sie im Verkehr mit dem Freiherrn und seiner Familie neue Anregung für ihre Muse fanden, wie immer der Umgang mit wahrhaft edlen, vornehmen Menschen auf das Talent bildend und belebend wirkt. Ludwig Uhland schrieb am 17. Oktober 1853 auf der Meersburg den Töchterchen des Freiherrn auf ein noch erhaltenes Albumblatt: »Der heiteren Jugend sind alle Jahreszeiten maienhaft, aber ich fühle an diesem milden Oktobertag im Haus meines allerverehrtesten Freundes, daß auch der Spätherbst des Lebens seine sanft erfreuenden Stunden hat. Zu freundlichem Andenken Meersburg, 17. Okt. 1853. L. Uhland.« Die Erinnerung an eine Kahnfahrt während seines Aufenthaltes auf der Meersburg hat Justinus Kerner festgehalten in einem Gedichtchen; dasselbe findet sich ebenfalls auf einem Albumblatt der Zwillinge und heißt: Abendschiffahrt »Wenn von heiliger Kapelle Abendglocke fromm erschallet, Stiller dann das Schiff auch wallet Durch die himmelblaue Welle. Dann sinkt der Schiffer betend nieder, Und wie von dem Himmel helle, Blicken aus den Wogen wieder Mond und Stern und Wolk' und Welle, Und die Engel tragen gerne, Umgewandelt zur Kapelle, Solch ein Schiff durch Mond und Sterne.« Ein anderes Andenken von Justinus Kerners Aufenthalt auf der Meersburg besitzen wir in einer sogenannten Klecksographie. Der Dichter nahm ein Blatt Papier und machte nach gewissen Regeln mit Tinte einige große Kleckse darauf. Dann schlug er es zusammen und als er es wieder öffnete, war die Gestalt eines Falters zu sehen. »Aus Tintenflecken ganz gering Entstand der schöne Schmetterling« schrieb der Dichter darüber, und darunter: »Zu solcher Wandlung ich empfehle Gott meine fleckenvolle Seele.« Justinus Kerner. Gustav Schwab aber hat viele seiner Lieder an den Bodensee auf der alten Meersburg gesungen. Er war, wie auch Uhland, schon mit dem Freiherrn bekannt und befreundet, als derselbe noch in Eppishausen wohnte. Daselbst besuchte ihn Schwab einmal mit seinem Sohne Christoph, den Laßberg in freundlicher Erinnerung behielt bis in sein hohes Alter. Am 6. August 1848 schreibt der schwäbische Dichter seinem Erstgeborenen, der sich damals in Griechenland bei dem österreichischen Gesandten von Prokesch-Osten befand, folgendes: »Vom lieben alten Laßberg erhielt ich gestern einen Brief, den zweiten nach dem Tode der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, seiner Schwägerin. Er schreibt darin: »Wenn Sie Ihrem Christoph schreiben, so bitte ich, auch von mir einen herzlichen Gruß beizufügen. Dem kleinen, schmalen Studenten hätte ich damals in Eppishausen nicht angesehen, daß er einst die Akropolis der Athene und den pentelischen Berg besteigen werde.« Christoph Schwab, dem der Besuch bei dem Freiherrn auch im Gedächtnis geblieben war, antwortete hierauf von Kephisia aus am 16. September 1848 seinem Vater: »Die Erinnerung des edlen, liebenswürdigen Herrn v. Laßberg hat mich in tiefster Seele erfreut; ein Eppishausen, mit seinen grünen Wäldern und schneeigen Gipfeln, vergißt man auch unter dem Pentelikon nicht.« Von der Liebe und Verehrung, die Herr von Laßberg genoß, legt heute noch ein Stuhl Zeugnis ab, den seine Stuttgarter Freunde ihm zu seinem 73. Geburtstag gewidmet haben und deren Namen mit Wappen in denselben eingeschnitzt sind. Der Stuhl ist in gotischem Stil nach einem Entwurf von Zanth, dem Erbauer der Wilhelma, durch Wirth ausgeführt. Auch zwei altdeutsche Frauengestalten, die Töchter des Freiherrn Hildegard und Hildegunde darstellend, sind in seiner Schnitzarbeit darauf angebracht. Die grüne Polsterung weist auf den früheren Jägerberuf Laßbergs hin, während ein Spruchband über der Lehne uns in altdeutscher Schrift seinen Lieblingsspruch verkündet: » Es mag bringen noch ain tag – das ain jahr nit bringen mag davon neman verzagen sol – sol es sin es fügt sich wol. « Das ebenso schöne, als sinnige Geschenk machte dem alten Freiherrn viele Freude, wie aus dem Dankesschreiben hervorgeht, das er an Franz Pfeiffer, Franz Pfeiffer, Briefwechsel zwischen J. Freiherr v. Laßberg und Ludwig Uhland. einem der mitbeteiligten Freunde, richtete: Laßberg bediente sich mit Vorliebe der Schreibweise alter Handschriften. »Auf der alten Meersburg, am 22. April 1843. Mein lieber Herr und Freund! Auf Iren heute erhaltenen Brief vom 19. huius habe ich Nachstehendes zu antworten. Erstens meinen besten Dank für Ire guten Wünsche zu meinem Geburtstag. Ich habe sie schon am 10. April selbst Nachmittags 4 Uhr an einem wunderschönen Stule aus schwäbischem Eichenholz, künstlich und zierlich gemalt und geschnizzet gelesen, und mich gefreuet, das silberne Kleeblatt im roten Felde (ein wares Sängerwappen) unter den Zeichen der übrigen guten schwäbischen Männer zu finden. Es war eine fein ausgesonnene und rürend ausgeführte Überraschung für den alten Mann, der bis auf wenige Schritte vor dem Ehrenstule keine Andung von der Freude hatte, die im bereitet war. Gott vergelts! denn ich kann es nicht vergelten und der Ere und Liebe ist daran viel mer gewendet, als ich verdiene. Da auch meine eheliche Wirtinne M. Anna Droste mit in die freundschaftliche Verschwörung getreten war, mußte die Überraschung allerdings gelingen. Der Stul ist in jeder Beziehung ein Opus absolutum! und der Meister, der ihn erfunden und iener, welcher ihn ausgeführt hat, sind beide gleiches Lobes würdig; aber die Pietät der Freunde gegen den alten Mann, das ist und bleibt doch das erfreulichste.« In einem anderen, an Oberst von Hövel gerichteten Briefe, schildert Laßberg die reizvolle Szene der Überraschung. Wir können nicht umhin, auch dieses Schreiben wiederzugeben, welches ein so helles Licht auf das schöne, glückliche Familienleben wirft: »Auf der alten Meersburg, 11. April 1843. O, mein teurer Hovelius! Welche Freude haben Sie mir altem Manne bereitet! denn Sie, alter Freund! halte ich für den Urheber und Rädelsführer dieser freundschaftlichen Verschwörung. Dieser schöne und mer als schöne Stul freut mich und eret mich mer; als wenn einer der Könige der Erde, wie sie nun sind, mir alle seine Orden umgehängt hätte. Daß Sie mir aber meine liebe Hauswirtinne auch zu diesem Verrate verführt haben, will ich gutmütig verzeihn; aber weiter solls nicht gehn! Wir feierten meinen Geburtstag, der mir viel lieber und wichtiger ist, als der Namenstag, ganz stille und vergnügt zu vieren, wie wir täglich zu Tisch sitzen. Auch der abwesenden Freunde Gesundheit ward getrunken, wobei ich freilich das Beste tun mußte. Nach Tisch setzte ich mich an den Schreibtisch, und fur mitunter auch in meinen schon frühmorgens begonnenen Betrachtungen fort. Gottlob! Ich stieß auf nichts, was mein Herz schneller an die Rippen der alten schwäbischen Brust schlagen machte. Es war etwas nach 4 Uhr, da kamen die beiden Hilden hergelaufen und sagten: Die Mutter läßt Dich bitten, Du möchtest doch sogleich zu ihr ins Blumenzimmer herabkommen. Was soll ich denn da machen? Ey, das wissen wir nicht! war die Antwort. Nun dachte ich, vermutlich ist eine der Lieblingspflanzen im Aufblühen und das soll ich sehen und loben. Als ich in das Blumenzimmer kam, war niemand da, aber die eiserne Tür des Büchersaales war offen. Die Schlüssel waren mir also entwendet worden. Ich rief: Jenny, Jenny; allein keine Antwort. Auf einmal erblickte ich in dem Rondel, wo ich sonst im Sommer zu schreiben pflege, etwas von ganz fremdartiger Gestalt stehen. Die Kinder lachten überlaut und klatschten vor Freude in die Hände. Hey, rief ich, hat unsere närrische Mutter ein altes Altärchen gekauft, um mich damit anzubinden! Als ich aber näher trat, sah ich wol, was es war, konnte mir aber gar nicht ausdenken, woher es kommen möchte. Auf einmal erblickte ich zu den beiden Seiten des Stules die Wappen mit den Inschriften. Nun hatte ich deren nicht ein halb Dutzend gelesen, so wußte ich schon alles. Da trat meine Frau hinter der Türe, wo sie sich verborgen hatte, hervor und gab mir die Briefe. Lieber Freund! da erfuhr ich, daß einem alten Manne auch nach dreiundsiebzig Jahren die Augen noch naß werden können. Gott vergelts Euch, ihr lieben, biedern schwäbischen Männer. Seit vielen, ja vielen Jaren, hat der alte Meister Sepp solch süße Rürung nicht empfunden. »So viel Ere und Liebe bin ich wahrlich nicht wert,« war meine erste Rede und das muß ich euch auch noch sagen; aber es freut mich die schöne Gabe. »Old Oak,« sagte ich dann, Holz von unseren alten schwäbischen Eichen! das ist schöner und besser, als Gold, Silber und Elfenbein. Nachdem ich den Stul von vorne und hinten, von den Seiten und oben und unten, bis auf den Namen des Meisters Wirth, des kunsterfarenen Stuttgarters, besichtiget und alles schön, rein und untadelhaft gefunden hatte, sezzte ich mich hinein, und ich saß sehr gut. Dann sagte ich: da werde ich oft sizzen und wenn mir eines der Wappen in die Augen fällt, an den wakern Mann mit Dank gedenken, dem es angehört. Nun, wie soll ich meinen Dank ausdrücken? Das wird schwer sein, wenn die Worte meinem Gefühl gleich stehen sollen. Eine allgemeine Danksagung, d. i. an alle und jeden, will ich gedruckt nachsenden; denn an jeden besonders zu schreiben, wäre nicht möglich, da ich die Gicht am rechten Arme habe; indessen sagen Sie, liebster Hovelius! den Freunden in Stuttgart, welche Freude ich ihnen verdanke. Mer mag ich wahrhaftig diesmal nicht zu schreiben. Nur noch einen Gruß von uns an Weib und Kind und dann Gott befohlen von Irem Joseph von Laßberg.« Im Jahre 1853 hatte der Freiherr die Freude, seinen vielgeliebten Landesherrn, Großherzog Leopold von Baden, in seinem Schloß zu empfangen und bald darauf, am 8. August desselben Jahres, brachte das Dampfschiff wieder eine fürstliche Persönlichkeit an Meersburgs Gestade. Der Kapitän eilte herauf und meldete dem Freiherrn: »Gräfin Teck mit Gefolge«, setzte aber leise, als wenn er ein Geheimnis verrate, hinzu: »Ihre Majestät die Königin von Württemberg.« – Frau von Laßberg erwartete mit ihren Kindern den hohen Besuch im großen Salon, während der Freiherr ihm bis an den Eingang des Schlosses entgegenging. Die Königin, mit ihrer Tochter Katharina, beide in weißem, mit grünen Blumen bestickten Kleid, machten auf die Kinder einen unvergeßlichen Eindruck. In ihrer Begleitung befanden sich noch der Bruder der Königin Pauline, Herzog Alexander von Württemberg, Freifrau von Spitzemberg und Gräfin Taubenheim. Auf den Wunsch der Königin, das Schloß näher zu besichtigen, machte Herr von Laßberg selbst den Führer; mit dem Schlüsselbund in der Hand, geleitete er die hohen Gäste durch die weiten Räume seiner alten Burg. Zuletzt führte er sie in den Büchersaal und zeigte ihnen das Nibelungenlied, wonach die Königin gleich zu Anfang gefragt und es zu sehen gewünscht hatte. Sie legte auch jetzt großes Interesse dafür an den Tag, besah eingehend, mit Verständnis, den kostbaren Kodex und bewunderte die herrliche Handschrift, sowie die feinen Malereien. Zuletzt begleitete man die Gäste wieder ans Burgtor. Hier fand ein herzlicher Abschied statt, wobei die Königin Frau von Laßberg umarmte. – Nach und nach, wenn auch nicht auf peinliche Weise, machte sich das hohe Alter des Freiherrn geltend, indem sich die Kräfte minderten. Er fühlte sein Ende herannahen. Mit der Festigkeit und Ruhe eines wahrhaft religiösen Mannes sah er ihm entgegen, ob es nun langsam ober schnell erfolgen wolle. Er schrieb an Uhland einen Brief, in dem er den wenigen übrig gebliebenen Freunden noch einen letzten Gruß zuruft, »ehe er seinen Fuß auf die dunkle Bahn setzt« und sagt: »Es ist mir gut gegangen im Leben; Gott sei Dank und Lob dafür! ich habe Freunde gefunden, habe geliebt und bin geliebt worden; schön war das Leben bis in mein hohes Alter!« Ende Oktober traf den Greis die Nachricht vom Tode des Fürsten von Fürstenberg. Er war dadurch tief bewegt. Nun nahmen auch seine Kräfte immer mehr ab. Am 13. März 1855 war die Schwäche so groß, daß man das nahe Ende voraussah; der Geist war klar. Bei vollem Bewußtsein empfing der Kranke am 15. morgens die hl. Sakramente, segnete seine Kinder und mahnte die Anwesenden an das Scheiden, indem er sprach: »Wenn jemand noch etwas zu bestellen oder zu fragen hat, der sage es jetzt, damit es noch geschafft werden kann, da ich noch hier bin«. Dann entschlief Laßberg sanft und still, ohne jeglichen Kampf, so daß man den Moment des Todes nicht einmal bemerkte. Drei Tage darauf wurde der Heimgegangene bestattet und zwar, wie seine Schwägerin Annette, in der nordöstlichen Ecke des Friedhofs, welchen Platz die Pfarrgemeinde Meersburg Frau von Laßberg als Familiengrabstätte angeboten hatte. Die Freifrau ließ zum Dank und als Anerkennung für diese Schenkung über dem Grabe ihres Gatten ein Kapellchen erbauen. Die anfangs erwähnte Marmortafel bedeckt die Stelle, wo der Verewigte ruht in dem Sarge, aus dem Holz des Baumes gezimmert, der einst auf dem Edelsitze Eppishausen gestanden und in dessen Schatten Laßberg im rüstigen Mannesalter oft Schutz und Ruhe gefunden hatte. Nachdem alles geordnet war, schien das schöne Heim Frau von Laßberg gar zu einsam und traurig ohne den Freiherrn und es zog sie mit ihren Töchtern heim, wo sie ihre Jugend verbracht, nach Westfalen. Aber ihre Lebenszeit war auch nur noch kurz bemessen. Vier Jahre nach ihrem Gatten, am 29. Dezember 1859, starb sie zu Münster i. W. Mit ungemeiner Ruhe sah sie ihrem Hinscheiden entgegen. Als am Tage vorher von jemand an sie die Frage gestellt wurde: »Nicht wahr, Du fürchtest Dich nicht vor dem Tode?«, antwortete sie mit heiterer Miene: »O nein, gar nicht!« Zu Roxel, einem Pfarrdorfe in der Nähe von Hülshoff, wurde sie in der Drosteschen Familiengruft beigesetzt neben ihrer Mutter, welche ihr am 1. März 1853, 85 Jahre alt und bis zuletzt tätig und geistesfrisch, im Tode vorangegangen war. Der Lorbeer grünt Der Dichterin Grab Einsam, trauernd wie eine Witwe, schaute die alte Felsenburg damals über den See in die Lande. In ihrem Innern war alles still; der Pendel der Uhr stockte, als gäbe es keine Zeit mehr; Staub und Spinngewebe legten sich an die Wände, der Holzwurm arbeitete im Getäfel. Einsam rauschte der Brunnen unter dem »Tännchen« im Hofe, üppiger wuchs und wucherte das Grün und verdeckte die Mauern, wie einst Dornröschens Schloß. Annettens Muse schlief hinter den geschlossenen Fensterläden. Aber sieh da, es begann sich zu regen im deutschen Dichtergarten. Das Samenkorn, das lang in der Erde gelegen, rang sich empor zum Licht der Sonne. Annettens Ruhm war im Wachsen begriffen. Ein neuer Dichterfrühling kam – der Königssohn – er stieg hinauf zu den Zinnen der Meersburg, drang ein in die Gemächer und küßte die Schlummernde auf die Stirne. Sie erwachte. »Meine Lieder werden leben. Wenn ich längst entschwand. Mancher wird vor ihnen beben, Der gleich mir empfand. Ob ein anderer sie gegeben Oder meine Hand – Sie, die Lieder werden leben, Aber ich entschwand.« Das große, schöne Wort der Dichterin, die kühne Prophezeiung ist Wahrheit geworden, wie auch das andere, das sie eines Tages in einer Anwandlung von Unmut an Schücking geschrieben: »Ich will jetzt nicht berühmt, aber in 50 Jahren möchte ich gelesen werden.« Annette erlebte keine Neuauflage ihrer Poesien. Erst 13 Jahre nach ihrem Tode veranstaltete Schücking eine Sammlung teils ungedruckter, teils in Zeitschriften zerstreuter Gedichte und Prosastücke. Von der Zeit an erschienen die Auflagen in rascherer Folge, so daß bis zum Jahre 1877 fünf zustande gekommen waren. Als am Ende des Jahres 1878 das Cottasche Verlagsrecht erlosch und die Werke Annettens frei geworden waren, machten die Verleger reichlichen Gebrauch davon. Es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, welch große Gemeinde Annette bereits für sich gewonnen hatte und seither ist sie mit jedem Jahr gewachsen. Von ihrem Werke wurde naturgemäß das Interesse auch auf die Dichterin selbst und auf ihr Leben gelenkt. Es lag im Bedürfnis der Zeit, wieder zu historischen Stoffen zurückzugreifen und Erinnerungen hervorragender Persönlichkeiten auszugraben. Männer und Frauen von Bedeutung und Ruf machten Annettens Leben zum Gegenstand eingehender Studien und Forschungen. Von Schücking, Claassen, Pelikan, Gabriele Reuter sind Drostebiographien erschienen. Als die ersten größeren und grundlegenden Werke in dieser Beziehung dürfen wir aber diejenigen von Kreiten und dem 1905 verstorbenen Professor Hermann Hüffer bezeichnen. Cardauns hat sich große Verdienste um die Drosteforschung erworben durch Herausgabe der »Gesammelten Briefe«, wie auch durch Neubearbeitung des Hermann Hüfferschen Buches; neuerdings Manfred Schneider durch Veröffentlichung der aufgefundenen »23 neue Drostebriefe.« Fast unübersehbar aber ist die Menge von trefflichen Charakteristiken und Aufsätzen über die Dichterin, welche in den verschiedensten Blättern und Zeitschriften, wie »Deutsche Rundschau«, »Schweizer Rundschau«, teilweise auch als Broschüren erschienen sind und noch immer erscheinen. Im »Bund« schreibt Eduard Engel in seinem Artikel »Gipfel weiblicher Dichtkunst«: »Eine Dichterin besitzt Deutschland, die vornan in den Reihen der Großen nach den Größten steht, und deren Ruhm noch immer wächst, Annette von Droste-Hülshoff. An echter Dichterkraft in der Anschauung wie im Ausdruck, nimmt es keine von allen Dichterinnen fremder Völker mit unserer Annette auf. Mit ihr hat die weibliche Dichtung überhaupt die höchste ihr bis jetzt erreichbare Höhe erstiegen.« – Eines Tages wurden die Läden aufgeschlagen auf der alten Burg. Luft, Licht und Wärme flossen wieder hinein in die Gemächer. Die Räume belebten sich wieder mit edlen, freundlichen Gestalten. Die Freiinnen Hildegard und Hildegunde waren vom Norden zurückgekehrt in das heimatliche Nest, um in die Fußstapfen der heimgegangenen Eltern zu treten. Die so berühmt gewordene Gastfreundschaft auf der Meersburg fing wieder neu an zu blühen und zu gedeihen. Die Töchter des alten Freiherrn öffneten weit die Tore. Künstler, Schriftsteller, Dichter, Gelehrte, was immer Namen und Bedeutung hatte, besonders aber Freunde und Verehrer von Annettens Muse, wurden aufs Liebenswürdigste empfangen und aufgenommen. Manch ein Dichter hat hier oben zum Ruhme Annettens in die Saiten gegriffen. »Ein Herz, so statt, das Schwerste zu verwinden, So warm, um leicht in Flammen aufzugehn, So tief, um ahnend Tiefstes zu verstehn, So weich, um nur in Starrheit Halt zu finden; Ein Geist, geschaffen Geister zu ergründen, Stolz, um Gemeines groß zu übersehn, Demütig, wenn ein Lebenswerk geschehn Und seine Spur verweht schien von den Winden; Einsam erwachsen auf der Heimatflur, Einsam trotz innig, ernstem Liebessehnen, Im Stillen sammelnd ewigen Gewinn, Allein an Gott dich klammernd und Natur – Zu Perlen wurden dir all deine Tränen: So wardst du Deutschlands größte Dichterin!« sang Paul Heyse bei einem Besuch auf der Meersburg. Geistes- und Geburtsaristokratie scheuten es nicht, den steilen Burgweg hinanzusteigen, um an der klassischen Stätte einige Augenblicke zu verweilen und in den Nichten das Geschlecht der berühmten Dichterin zu grüßen. Zum Liebsten und Schönsten, was Freiin Hildegard und Hildegunde ihren Besuchen bieten konnten, gehörte ein Gang auf das Rebhäuschen. Man steigt von der Straße eine steile Steintreppe empor und steht auf dem eigenen Grund und Boden der Dichterin, mitten im Weinberge vor dem Häuschen, das Obst- und Rosenspaliere umranken. Goldene Früchte lachen uns aus dem dunklen Laube entgegen. Eine der Nichten schließt die Türe auf; wir treten in das Innere des Häuschens. Alles ist hier Stimmung, alles Poesie! Man läßt sich in dem freundlichen Gemach nieder oder lagert sich draußen auf dem Rasen, und wenn es Herbst ist, so bringt Freiin Hildegard Trauben. Voll Freude erlabt man sich an den Früchten aus dem Weinberge der Dichterin, den sie aus dem ersten Ertrag ihrer Poesien sich erworben. Amalie Hassenpflug, eine Schwester des bekannten hessischen Ministers, welche mit Annette innig befreundet gewesen, fand eine Heimat bei den Nichten auf der Meersburg. Als sie leidend wurde und ein Schlaganfall sie gelähmt hatte, kannte die Liebe und Aufopferung des edlen Geschwisterpaares, Freiin Hildegard und Hildegunde, keine Grenzen. Die Kranke wurde wie nur ein eigenes nächstes Angehöriges gepflegt und als der Tod sie am 4. Juli 1871 von ihrem Schmerzenslager erlöste, erhielt sie auf dem Friedhof zu Meersburg, an der Seite ihrer im Tode vorausgegangenen treuen Freundin, ihre letzte Ruhestatt. Im Jahre 1897 wurde der Dichterin auf dem heimatlichen Boden zu Münster ein Denkmal gesetzt. Dieser Vorgang ließ bald den Wunsch entstehen, der einem gewiß mehr als berechtigten Empfinden entsprang, Annette von Droste auch in Meersburg ein Monument an der Stätte zu errichten, wo sie ihr Lied mit frischer Kraft ins Land hinausgesungen, wo sie ihren Geist ausgehaucht und wo ihre irdischen Überreste ruhen. Hier, wo ihr Leib, dem Staube geweiht, der Verwesung anheimfällt, war es in erster Linie angebracht, daß die irdischen Formen durch Künstlerhand wieder in die Sichtbarkeit treten und dadurch die Erinnerung an die Dichterin sich lebendig erhalte von Geschlecht zu Geschlecht. Ein Aufruf ging durch die Lande, um die Herzen zu gewinnen für die schöne Idee eines Annette-Denkmals zu Meersburg: »Hier lebtest du, hier gabst du Leben Im Liede manchem edlen Keim; Hier, zwischen Ranken, zwischen Reben Fandst du das selbsterworbene Heim! Hier schloß sich deines Lebens Kette, Als dich geschmückt der Lorbeer kaum, Hier träumt im engen Erdenbette, Dein großes Herz den letzten Traum. Doch, welcher Deutsche weiß noch heute, Daß hier ein Bergmann ging zur Ruh, Der unserer Sprache reiche Beute Aus tiefen Schollen führte zu? – Vergiß sie nicht, die Geistesahnen, Mein Vaterland in Glück und Weh! Laß an Annette bald uns mahnen Ein Denkmal dort am Bodensee!« heißt es in dem schönen Gedicht von E. Mentzel, das dem Aufruf zur Sammlung von Spenden beigegeben war. Und siehe da, das deutsche Volk zeigte wieder einmal, daß es seine Dichter zu ehren weiß. Die Gaben flossen reichlich, so daß bald an die Verwirklichung des Gedankens gedacht werden konnte. E. Stadelhofer, ein junger, aus der Gegend stammender Künstler, den man mit der ebenso ehrenden, als auch schwierigen Aufgabe betraut, ging mit Liebe und Begeisterung an die Arbeit und seiner Meisterhand ist es gelungen, ein der Dichterin würdiges, wahrhaft edles Kunstwerk zu schaffen. Die Enthüllung des Denkmals wurde auf den 24. Mai 1898, den 50. Todestag Annettens, festgesetzt und gestaltete sich zu einer großartigen Feier. Nachdem am Abend vorher durch einen heftigen Gewitterregen die Natur erfrischt worden war, ging ein goldener Tag auf über dem See und dem im schönsten Blütenschmuck prangenden Festland. Das Städtchen hatte sich in ein festliches Gewand geworfen. Fahnen wehten, Kranzgewinde schlangen sich um Fenster und Türen, besonders der um den Festplatz herumliegenden Häuser. In der Morgenfrühe wurde auf dem Friedhof am Grabe der Dichterin eine stimmungsvolle Feier abgehalten mit Gesang und Anrede. Voll Andacht umstanden die Anwesenden das Grab und lauschten ehrfurchtsvoll den schönen, eindrucksvollen Worten des Geistlichen von Meersburg, Stadtpfarrer Schuh. Er pries Annette als Christin und gottbegnadete Dichterin und hob insbesondere ihre Bedeutung als religiöse Sängerin hervor, die uns das kampfdurchglühte hohe Lied »Das geistliche Jahr« geschenkt hat. Das Lied, aus dem die tiefsten Schmerzen eines zerrissenen Gemütes, eines geprüften Herzens, verbunden mit den härtesten Selbstanklagen herausklingen, und in dem die Dichterin doch wieder Töne anschlägt, die uns die ganze Wonne und Seligkeit einer von wahrer Gottesnähe beglückten Seele offenbaren. Vom Grabe riefen die Glocken in die Kirche, wo der Katafalk aufgestellt war und ein feierliches Requiem stattfand. Einstweilen hatten sich verschiedene Vereine, sowie die Schüler des Seminars und eine große Menge Einheimischer und Fremder, welch letztere die Dampfschiffe von allen Seiten gebracht, auf dem Festplatte versammelt. Kanonendonner verkündeten den Beginn der Feier. Eingeleitet wurde diese mit dem Beethovenschen Musikstück: »Die Ehre Gottes«; hierauf sangen die Seminaristen das Lied: »Der Lichtschöpfer« von Nägeli. Nun betrat Seminardirektor Bender das Podium zu einer glanzvollen, mit größtem Beifall aufgenommenen Festrede. Kaum waren die letzten Worte verhallt, als durch eine leise Berührung des Vorhanges, ohne weitere sichtbare Beihilfe, die Hülle sank und die begeisterte Menge das gelungene Meisterwerk Stadelhofers vor sich sah. Die überlebensgroße Bronzebüste erhebt sich auf einem Sockel aus rotem Sandstein; er ist geschmückt mit einer Leier und dem Droste'schen Familienwappen und trägt auf der Rückseite die Inschrift: Der Königin der deutschen Dichterinnen gewidmet von Freunden ihrer Muse 1898. Der allgemeine Jubel und die Begeisterung fand den schönsten Ausdruck in den Kranzspenden, welche von Festjungfrauen mit eigens dafür verfaßten Versen niedergelegt wurden. Daran schlossen sich noch weitere Kranzniederlegungen von Privatpersonen; dann aber besonders von Lehranstalten und Vereinen, welche ihre Vertreter geschickt hatten. Der Schillerverein Stuttgart, der Allgemeine Deutsche Literaturverein, Berlin, hatten Kränze gesandt, ebenso war ein prachtvolles Blumengewinde von der Großherzogin Luise von Baden von der Mainau angekommen. Nachdem das Denkmal dem Bürgermeister von Meersburg übergeben worden und dieser seinem Dank und seiner Freude namens der Stadt Ausdruck gegeben, sang der Chor noch den 16. Psalm von Schnyder. Damit hatte die erhebende Feier ihr Ende erreicht. Bei dem darauffolgenden Festmahl im »Wilden Mann« wurde noch manch schönes, erhebendes, des Gedenktages würdiges und geistvolles Wort gesprochen und es erntete besonders auch der junge Künstler, dessen erste selbständige Arbeit dieses Denkmal war, die verdienten Lorbeeren. Durch besondere Liebenswürdigkeit der Besitzer waren die Räume, die Annette zuletzt bewohnt hatte, an diesem Tage für die Festteilnehmer geöffnet worden. Mit ehrfürchtiger Scheu traten die Besucher ein: Hier ist dein Fuß gegangen auf diesen Dielen hier, Hier hat dein Blick gehangen an dieser Wappen Zier, In diesen Räumen wehte dein warmer Odem sacht, Hier lispeltest Gebete du in der stillen Nacht. Hier lauschtest du dem Sturme, der weht ums alte Haus, Hier schautest du vom Turme ins weite Land hinaus, Hinaus in schöne Ferne, wo glänzt der Alpen Schnee, Hinauf zu goldnen Steinen, hinab zum blauen See. Hier quollen deine Lieder dir aus der Seele tief; Ich les' und les' sie wieder, wie einen Gottesbrief ... Das Bett stand an derselben Stelle, wo es früher gestanden. Sinnig hatte man es mit blühendem Immergrün überstreut, ein Kreuz lag in der Mitte. Auch der große, tiefe Lehnstuhl stand an demselben Platze neben dem grünen Ofen. Die Gipfel der Berge sehen über den See ins Fenster herein; alles noch wie damals vor fünfzig Jahren, und doch so vieles anders in Bezug auf Annette. Damals wenige Blumen auf ihrem Sarge, heute überschüttet von Lorbeeren; damals das einfache Edelfräulein, heute die Königin der deutschen Dichterinnen. Damals ein kleiner Leichenzug, heute eine wahre Wallfahrt zu ihrem Grabe. Wie viele, besonders in der schönen Jahreszeit, sieht man die Straße ziehen, die nach dem Friedhof führt, oft einen einsamen Wanderer, oft eine ganze Schar. Dort stehen sie vor dem Gitter, das die von Laßbergsche Grabstätte umschließt. Aus der mit Rosen umsponnenen offenen Türe des Kapellchens, wo der Freiherr liegt, grüßt eine Statue der Gottesmutter mit dem Kinde. Annettens Grab ist zunächst dem Gitter, das erste in der Reihe. Ein einfacher Stein erhebt sich darauf. Er zeigt uns das Drostesche Familienwappen, den fliegenden Fisch, und trägt außer dem Namen und dem Geburts- und Todestag nur die kurze Inschrift: »Ehre dem Herrn.« Wer den Psalmvers ausgewählt, ob die Dichterin ihn selbst bei Lebzeiten bestimmt, ist uns unbekannt, oder vielleicht die Mutter oder Schwester nach ihrem Tode, wir wissen es nicht; jedenfalls hätte keine schönere, passendere Grabschrift für Annette gefunden werden können. Das kurze Wort auf deinem Leichensteine Wie hat es meine Seele doch bewegt, Als jüngst einmal im goldenen Abendscheine Auf deinen Hügel Blumen ich gelegt. »Ehre dem Herrn« – dein ganzes Sein und Wesen In dieses eine, große Wort sich drängt. Wie eine Silberlampe auserlesen Es über deiner Grabeskammer hängt. Annette Droste! Eine große Lehre Gibst du uns allen, nicht zuletzt auch mir: Du weisest allen Ruhm und alle Ehre Noch überm Grabe ernst und streng von dir. Du nimmst die Kronen, nimmst die Lorbeerspenden, Die man dir windet – windet nah und fern, Und legst sie nieder mit den reinen Händen Am Throne deines Gottes, deines Herrn. Du singst der Lerche gleich in Aetherhöhen, Durch alle Himmel dein Magnificat, Indessen wir noch auf der Erde gehen Und langsam schreiten hin durch deine Saat. Wie oft findet man ein Sträußchen Erika, der Sängerin der Heide, ein Büschel Alpenrosen, der Dichterin des St. Bernhard geweiht, auf dem Grabe; wie oft verrät eine andere Blume, ein Blatt den stillen Besucher, der hier gewesen. Wie manch ein »Vaterunser« steigt hier zum Himmel empor, wie viel Segen senkt sich herab. Es ist ein kleines Friedensreich, man fühlt sich vom Hauche der Ewigkeit umweht an dieser Stätte, besonders am Abend. – Wenn die Sonne hinter den Bergen verschwindet, wenn ein leiser Wind die Zypressen flüstern macht im Totenhain, wenn die Abendglocke läutet, wenn der Mond heraufzieht und der Himmel nach und nach mit Sternen sich schmückt, dann werden wir an die Worte gemahnt, die Annette in ihrem letzten Gedichte zu uns gesprochen: »Weht nächtlich seine Seraphsflügel Der Friede übers Weltenreich, So denkt nicht mehr an meinen Hügel, Denn von den Sternen grüß' ich Euch!« Der letzte Gast Im Herbst 1914 hatte sich das Tor von der alten Meersburg hinter mir geschlossen. Ich schritt den Burgsteig hinunter, mich immer wieder umwendend. Dann stand ich am Borde des Schiffes, das ich bestiegen, den Blick auf den lieben Ort geheftet, bis der letzte Turm meinen Augen entschwunden war. Ich bin der letzte Gast bei der Familie von Laßberg gewesen. Mehr als 30 Jahre lang war es mir vergönnt, schöne Wochen im Sommer und bis in den Herbst hinein hier zuzubringen. Diesmal war ich gekommen, der letzten Tochter des früheren Besitzers der Burg und der letzten Nichte von Annette von Droste die Augen zuzudrücken. Freiin Hildegard hatte mich gerufen. »Nun komm nur so schnell als möglich«, hatte sie mir geschrieben, »damit wir die schönen Tage nützen und auf die Mainau fahren. Dort wollen wir die Vormittage manchmal zubringen und am Ufer unter den schönen alten Bäumen uns setzen.« Als ich kam, traf ich sie zu Bett an einem scheinbar leichten Unwohlsein. Aber am folgenden Tag trat unerwartet eine Verschlimmerung ein und nach wenigen Stunden hauchte sie ihre Seele aus. Dann lag sie in dem großen Burgzimmer, Lichter um sie her und Blumen, die letzten Grüße von nahen und fernen Freunden. Auch Großherzogin Luise von Baden hatte von der Mainau herüber einen Kranz geschickt. Die Meersburger kamen, »das gnädige Fräulein« noch einmal zu sehen und ihr das Weihwasser zu geben; »'s hat schnell g'macht – man wird sie mangeln« sagten sie. – Ja, man wird sie mangeln, die große, schlanke, in den letzten Jahren allerdings mehr und mehr gebeugte Gestalt, die man so gewohnt war durch die Straßen gehen zu sehen nach dem Rebhäuschen, dem Friedhof. – Auf Wegen und Stegen, im Wald, am See konnte man ihr begegnen, immer mit Blumen, einem Strauß oder Sträußchen, die sie unterwegs gesammelt und jedermann bot sie freundlichen Gruß. Wenn sie aber ein Kätzchen auf einer Hausstaffel sitzen sah, so ging sie auf die »Mizi« zu und streichelte sie. Dann wurde Freiin Hildegard hinausgetragen auf den Friedhof, der so schön über Meersburg liegt mit dem Blick auf den See und die Alpen. An dem von ihr selbst bestimmten Plätzchen, neben der ihr im Mai 1909 vorausgegangenen Zwillingsschwester, fand sie ihre letzte Ruhestätte. Es war der 1. August 1914. Der Krieg hatte seine Fackel entzündet, ihr roter Flammenschein leuchtete in die Gruft der Entschlafenen, welche eine ganze Zeitgeschichte mit hinab nahm. – Das Schwesternpaar auf der Meersburg hat immer das Interesse weiter Kreise in Anspruch genommen. Als sie durch den Tod von Freiin Hildegunde von einander getrennt wurden, widmete eine Konstanzerin der Hinterbliebenen folgendes Gedicht auf die Verstorbene: »Den hohen Sitz am Bodensee Hast du mit kühler Gruft vertauscht, Wo du die Gräber oft gepflegt Nun um dein Grab der Seewind rauscht. Dein Vater zog manch altes Lied, Manch köstliches Gerät an's Licht. Fels, Wald und See sie raunten zu Annette Droste manch Gedicht. Da sah die Meersburg manchen Gast, Deß' Ruhm erklungen weit und breit. In den zwei Hilden blieb uns noch Erinnerung jener großen Zeit. Der Zwillingsbund bleibt fortbestehn, Ob auch die Trennungswunde brennt, Und ihre Namen klingen mit, Wenn man am See die Besten nennt.« »Wenn das Burgtor hinter einem zugefallen und man die Halle durchschritten, ist man in einer andern Welt,« hatte einmal jemand von der Meersburg gesagt, und nichts ist richtiger als dies. Hier weht eine andere Luft. Hier fühlt man sich angehaucht von dem Duft von Annettens Poesie. Hier durfte man auf schöne, alte Kanapees und Stühle sich setzen. Hier hingen die Oelgemälde von Herrn und Frau von Laßberg und andern Familienmitgliedern an der Wand. Alte Stiche und sonstige Kostbarkeiten der verschiedensten Art, die in alten Truhen und Schränken aufbewahrt wurden, gab es hier zu bewundern. Überall glaubt man, hier Annette von Droste mit der goldenen Haarkrone begegnen zu müssen. Sie ist einem immer gegenwärtig: hier ist sie gestanden, dort ist sie gegangen, denkt man. Hier wird uns Wein vorgesetzt von ihrem Rebberg und wir trinken ihn aus feinen, kostbar geschliffenen Kristallgläsern, deren Rand vielleicht auch ihre Lippen berührt. Und hier, was das Schönste ist, haben wir die lebendigen Andenken an die Dichterin: die beiden Hilden, ihre Nichten. So unähnlich sind sie sich und doch einander so gleich. Freiin Hildegard ist groß und schlank gewachsen wie eine Tanne; Freiin Hildegunde kleiner und eher zur Rundlichkeit geneigt. Aber beide haben blaue Augen und das Silberhaar glatt gekämmt. Von was sprechen sie? – von der »guten, alten Zeit«, wo es noch kein Gas- und kein elektrisches Licht gab, sondern nur ein mattes Öllämpchen am Landungssteg von Meersburg brannte und den Schiffern leuchtete. Von der »guten, alten Zeit«, wo die Eisenbahn noch eine Seltenheit war und wo keine Autos noch die Welt durchsausten und doch so viele Gäste auf die Meersburg kamen, so daß im Sommer die Gastzimmer nicht leer geworden sind. Wovon sie sprechen? – von der Aurikel – der Lieblingsblume ihrer Mutter. Sie hatte im hinteren Hof ein ganzes Beet von diesen Kindern Floras angepflanzt – und Vater, der sich auch daran erfreute, gab ihnen Namen aus dem Nibelungenlied. Die gelben heißen Siegfried, die rosenroten Kriemhilde, dunkelrot war Brunhilde und blau Bischof Pilgrim. Von was sie sprechen? – von einer Lebensgefahr, in der ihre Eltern und »Tante Nette« einmal sich befanden. – Sie wollten, 6 Wochen nach der Geburt der Zwillinge, von dem damaligen Besitz Eppishausen in der Schweiz über den Bodensee, zum Besuch des Fürsten nach Heiligenberg fahren; es war Frau v. Laßbergs erste Ausfahrt. Bei Altnau scheuten die Pferde. Alle drei Insassen wurden aus dem Wagen geschleudert. Herr v. Laßberg erlitt eine Quetschung an der Hüfte und mußte ins nächste Bauernhaus gebracht werden. Annette lag auf der Erde, ganz bedeckt mit ihrem großen Mantel. Sie konnte sich allein nicht erheben vor Schrecken und Schmerzen an den Rippen. Die Freifrau allein war unverletzt. Annette wurde in ein Wägelchen gepackt und nach Eppishausen zurückgebracht, wo sie längere Zeit brauchte, bis sie sich erholte. Herr v. Laßberg mußte 14 Tage in dem Bauernhaus bleiben, bis er wieder hergestellt war. Von der Zeit an hinkte er etwas. Von was sie sprechen? – von Uhland, Gustav Schwab, Justinus Kerner – die so oft auf der Meersburg weilten und auf die der alte Freiherr große Stücke hielt. Von was sie sprechen? – von Tante Nette – wie sie ihre schönen Haare kämmte und aufsteckte – wie sie ihre Lorgnette verloren, oben beim Wetterkreuz – wie sie triefend naß von Wellen und Regen von einem Spaziergang nach Hause kehrte. Von Levin Schücking sprechen sie und Freiin Hildegard kann sich noch immer nicht damit abfinden, daß Tante Nette ihn geliebt. »Er war ja viel jünger als sie – es hätte doch nie etwas daraus werden können.« – Von was sie sprechen? – von Philippa Pearsalle, an welche Annette das schöne Gedicht gerichtet. Freiin Hildegard holt den Gedichtband und liest es uns vor: »Um dich, Philippa, spielt das Licht, Dich hat der Morgenhauch umgeben, Du bist ein liebes Traumgesicht Am Horizont von meinem Leben...« Wir sehen hinaus zum Fenster und vermeinen das Schifflein zu sehen auf den Wellen, das die geliebte Freundin vom Schlößchen Wartensee herüber bringt nach der Meersburg. – O, welch reicher Stoff zur Unterhaltung – die Stunden fliehen stets zu rasch – die Tage sind stets zu kurz. Künstlerische Begabung und Liebe zur Wissenschaft, die zur Grundlage eine allgemeine tiefe Bildung hatten, waren es, was die Zwillinge auszeichnete. Wenn sie auch nicht damit an die Öffentlichkeit getreten sind, so haben sie doch vielen damit Freude gemacht. Freiin Hildegunde hatte schon in früher Jugend ein ausgezeichnetes Mal- und Zeichentalent gezeigt. Mit Hilfe von hervorragenden Lehrern machte sie darin solche Fortschritte, daß ihr von berufener Seite geraten wurde, sich zur Künstlerin auszubilden. Ihre zu zarte Gesundheit und außerdem eine gewisse Scheu, alte traditionelle Familienschranken zu durchbrechen, ließen sie davon absehen. Mit welchen Schwierigkeiten Annette in dieser Beziehung zu kämpfen hatte, ist bekannt. Für sich aber pflegte Hildegunde diese Kunst weiter und brachte es darin zu einer wirklichen Meisterschaft. Es war für mich eine große Freude, als sie einmal ihre Mappen öffnete – sie tat es ganz selten – und ich ihre Kunstwerke sehen durfte – alles eigene Kompositionen – Entwürfe meist religiöser Art: Christus und seine hl. Mutter, Darstellungen aus der Bibel – Engels- und Kinderköpfchen waren es – à la M. Ellenrieder. Diese in Konstanz lebende Künstlerin scheint ihr mannigfach Vorbild gewesen zu sein. In späteren Jahren ließ sie aber Pinsel und Palette ganz ruhen und wandte sich andern Beschäftigungen zu. Ein Blick in ihr Zimmer zeigt uns am besten, wie verschiedenartig diese waren. Hier liegt Dantes Göttliche Komödie aufgeschlagen in der Ursprache – ein Band von Ernst Zahn, der ein Lieblingsschriftsteller von ihr ist, daneben. In der Mitte des Zimmers steht ein Klavier, dem sie zuweilen Töne entlockt. Ein Riesenbücherschrank nimmt die Hauptwand ein. Blumenstöcke auf den Fenstergesimsen und ein Vogelkäfig, darin ein Kanarienvögelchen sein Stimmchen ertönen läßt. Näh- und Strickutensilien auf einem Tischchen mit angefangenen Jäckchen und Röckchen, für die armen Kinder von Meersburg bestimmt. Damit werden sie an Weihnachten beschenkt – darauf wird das ganze Jahr gearbeitet, hauptsächlich in den Wintermonaten. Im Sommer widmete Freiin Hildegunde die meiste Zeit ihrem Garten. Sie ließ es sich nicht nehmen, selbst dort Hand anzulegen und behauptete, das Arbeiten im Freien sei förderlich für ihre Gesundheit. Oft habe ich sie mit Rechen und Gießkanne gesehen. Sie ließ sich aus berühmten Gärtnereien von auswärts Pflanzen und Samen kommen und eine bekannte Firma hatte die Liebenswürdigkeit, ihr zu Ehren eine besonders schöne Floxart »Hildegunde von Laßberg« zu nennen. – Ein Schachbrett in ihrem Zimmer muß auch noch erwähnt werden, mit dem sie und ihre Freundin M. v. P., welche immer da war, sich manchen Winterabend verkürzte. Hildegunde war eine vorzügliche Schachspielerin. Freiin Hildegard trat mehr in die Fußstapfen ihres Vaters, dem sie auch im Aeußern sehr ähnlich war. Die hohe, schlanke Gestalt hatte sie von ihm. Sie beschäftigte sich hauptsächlich literarisch. Sie hatte eine ausgedehnte Korrespondenz. Schriftsteller und Gelehrte wandten sich an sie, besonders Drosteforscher baten sie um Aufklärung und Notizen. Und sie kam ihren Wünschen stets mit der größten Bereitwilligkeit entgegen. Sie hat dadurch der Drosteliteratur unendlich dankenswerte Dienste geleistet; ohne Freiin Hildegard von Laßberg würden wir heute noch kein so treues, wahres Lebensbild der größten deutschen Dichterin besitzen, wie es in den Biographien von Hüffer, Kreiten, Schwering und Pelikan tatsächlich der Fall ist. Auch als es sich vor einigen Jahren um die Veröffentlichung sämtlicher Briefe von Annette von Droste handelte, war es wieder das alte Freifräulein auf der Meersburg, welches dem Herausgeber mit Rat und Tat an die Hand ging. Freiin Hildegard machte die Honneurs, wenn Besuche kamen und zeigte ihnen alles, was für sie von Interesse sein konnte. Freiin Hildegunde dagegen, welche mehr die Ruhe und Stille liebte, erschien nur in außerordentlichen Fällen, bezauberte aber jeden durch ihr sympathisches Wesen. Nun hat sich das Grab über ihnen geschlossen – alles ist tot, was zur Umgebung der Dichterin gehörte auf der Meersburg – alles – nur ihre Lieder nicht: »Meine Lieder werden leben, Wenn ich längst entschwand.« ie säuseln in den Lindenbäumen, Sie glänzen von der Alpen Schnee, In jedem Blumenkelch sie träumen Und kräuseln dort den blauen See. Die jetzigen Besitzer des Schlosses Frau von Miller und deren kunstsinnige Tochter Maria pflegen die Droste-Erinnerungen in pietätvollster Weise. Die von der Dichterin zuletzt bewohnten Turmzimmer werden im besten Stande erhalten und den Fremden gezeigt. Das liebe Rebhäuschen auf der Höhe fiel nach dem Tode Freiin Hildegards dem Neffen Annettens, Baron Karl von Droste-Hülshoff, zu. Er ließ es durch einen Anbau vergrößern und schuf einen richtigen Herrensitz daraus. Leider durfte er des schönen Eigentums nur noch wenige Jahre sich erfreuen. Im Sommer 1922 hat ihn der Tod aus diesem Leben abgerufen und ist er heimgegangen zu den andern in der Laßberg'schen Friedhofecke. Seine Witwe, Frau Baronin von Droste, ist nun die letzte stille Hüterin der Gräber, wie der Wege und Stätten, welche die Verstorbenen gewandelt und wo sie geweilt. Das Rebhäuschen ist ein Schatzkästchen, das viele Erinnerungen an Annette birgt. Frau von Droste hat sie in einem kleinen Museum gesammelt und dasselbe in dankenswerter Weise der Allgemeinheit geöffnet. Wie beglückt es die Besucher des Rebhäuschens, nachdem sie unten im Schlosse den Spuren Annettens gefolgt, nun hier oben auf der Höhe sich von ihrem Geist umweht und von dem Glanze umflossen zu fühlen, der über jeder Stätte ruht, den jemals ein Genius mit seinen Fittichen gestreift. Heimweh Still ist der See – ich lausche seinem Schweigen, Er wandelt in Erinnerungen fern; In seine silberklaren Tiefen steigen Die alte Burg, der goldene Abendstern. Still ist der See – das Heimweh sitzt am Strande Und träumt und sinnt von einer schönen Frau, Die von der Burg einst schaute in die Lande Mit Augen groß und wie der See so blau. Wer kennt sie nicht, die Einsame, die Große, Die dort im Turmgemache sang ihr Lied? – Treu hält der See ihr Bild in seinem Schoße, »Annette Droste« haucht das Schilf im Ried. »Annette Droste« Abendlüftchen wehen, Die Vöglein und die Blumen schlafen ein; Die Selige grüßt mich aus Sternenhöhen, Das Heimweh sanft zerfließt im Mondenschein. –         Die Ballade »Vorgeschichte« unter der Handschrift der Dichterin. Nach dem Original im Besitze von Fräulein Thekla Schneider in Friedrichshafen