Artur Landsberger Bankhaus Reichenbach Roman Zum Geleit Bisher habe ich jedes Ersuchen, zu Romanen mit kriminalistischem Einschlag ein Vorwort zu schreiben, grundsätzlich abgelehnt. Heute bin ich zum ersten – und wohl auch zum letzten Male diesem Prinzip untreu geworden. In dem mir vorliegenden Roman »Bankhaus Reichenbach«, der derart mit Spannung geladen ist, daß er selbst mich alten Kriminalisten schon nach den ersten fünfzig Seiten völlig in seinen Bann zog – in diesem Roman wird mit erstaunlichem Einfühlungsvermögen ein Indizienbeweis ad absurdum geführt. – Ich stehe nun selbstverständlich nicht auf dem Standpunkt, daß wir ohne den Indizienbeweis auskommen können. Aber es ist erschütternd, zu sehen, wie selbst bei gewissenhaftester Prüfung durch sämtliche Instanzen Unschuldige als überführt gelten können. Dieser ausgezeichnete Roman übertrifft – mag man auch zu Einzelheiten verschiedene Stellung nehmen – die üblichen Kriminalromane nicht nur durch die Originalität der Spannungslösung, sondern vor allem durch die meisterhafte Menschenschilderung. – Die vier Menschen, um die es in diesem Buche geht, sind so echt und so ergreifend geschildert, daß der Roman auch dann Anspruch auf Beachtung hätte, wenn man den Kriminalfall aus ihm entfernte. – Und darin sehe ich das Besondere. Denn meist sind die handelnden Personen in Kriminalromanen nur ad hoc konstruierte Figuren, während der Kriminalfall das Primäre ist. Hier hingegen wird zunächst einmal das Interesse für die Menschen erweckt, so daß der Kriminalfall vor allem der Personen wegen interessiert, die in ihn verwickelt werden. Damit verliert das Buch auch den gefährlichen Charakter eines Tendenzromanes. Es ist ein Menschheitsbuch im besten Sinne, das uns alle angeht. Was hier sich abspielt, kann bei einer tückischen Verknüpfung von Umständen in ähnlicher Weise morgen jedem von uns passieren. Dr. Finkelnburg Geh. Ober-Justizrat Präsident des Strafvollzuges.         Es handelt sich um:         Frau Kommerzienrat Reichenbach. Hanni Reichenbach, deren Tochter. Heinz Reichenbach, Frau Reichenbachs Neffe. Heinrich Morener, Großspekulant. Karl Morener, dessen Neffe. Hedda v. Nedlitz.   In die Handlung greifen ein: Kommerzienrat Reichenbach. Urbach, Meßter, Direktoren bei Reichenbach. L. E. Schnitter, Finanzierungen. Gräfin Amalie Wahl-Reuth, Heddas Tante. Kumbier, Wirt des »Schmetterling«. Haase. Der Rote Franz. Der Blonde. Irrenärzte, Rechtsanwälte, Kommissare. Erster Teil 1. Das Bankhaus der Gebrüder Reichenbach \& Co. am Berliner Gendarmenmarkt war eins der angesehensten Privatinstitute der Reichshauptstadt. Im Jahre 1778 von Ferdinand Reichenbach gegründet, den König Friedrich II. mit dem Titel Hofbankier auszeichnete, sah es bald der Feier seines hundertfünzigjährigen Bestehens entgegen. Auch gesellschaftlich spielte die Familie Reichenbach bis zum Weltkriege eine Rolle. Nicht durch geräuschvolle Feste und Hervortreten bei öffentlichen Veranstaltungen. Man sah sie weder bei den Premieren im Opernhaus, noch auf den Subskriptions- und Pressebällen, weder zu den Paraden auf dem Tempelhofer Feld, noch bei den Rennen in Hoppegarten und Karlshorst. Aber es galt für einen Vorzug, bei Reichenbachs zu verkehren, selbst für die Offiziere der Gardekavallerie, die sich bekanntlich nicht gerade in die bürgerlichen Salons drängten. Die Botschafter und Gesandten der fremden Staaten gaben bei ihnen die Karten ab, und zwar zuerst, was den Neid gesellschaftlich ehrgeiziger Familien, die sich mehr dünkten, erregte. Zu alledem taten Reichenbachs nichts. Darin gerade lag ihre Stärke. Sie suchten nicht, sie ließen sich suchen. Das taten viele. Aber von den vielen unterschieden sie sich dadurch: sie taten nichts dazu, daß man sie fand. Die Umstellung nach dem Kriege und der Revolution bot Menschen ohne Tradition, selbst wenn sie Gewissen hatten, keine Schwierigkeit. Am allerwenigsten den Angehörigen des Bankgewerbes. Gerade ihnen hatte man Generationen hindurch den Staat als das Muster eines redlichen Kaufmanns vor Augen gehalten. Warum sollten sie sich da nicht auch jetzt auf ihn als Vorbild berufen, wenn sie Dinge taten, die, über das ungeschriebene Gesetz der guten Sitten hinaus, gegen Treu und Glauben verstießen. Wer sich wie Leonard Reichenbach aber die Frage vorlegte: wie hätte dein Vater, Groß- und Urgroßvater in einem solchen Falle gehandelt, der rettete zwar seinen guten Ruf, der um das Jahr 1928 herum nicht hoch im Preise stand, verlor aber sein Vermögen. Als Leonard Reichenbach damals, um durch den Krieg unterbrochene Geschäftsverbindungen wieder anzuknüpfen, mit den Direktoren anderer Banken nach Neuyork fuhr, erwiesen sich Tradition und Charakter für ihn als schwere Belastung. Denn während jene Direktoren, die im Interesse der von ihnen geleiteten Banken reisten, in erster Linie an die Rettung ihres eigenen Vermögens dachten, sah Reichenbach seine Hauptaufgabe darin, die ihm anvertrauten Kapitalien seiner Kunden zu retten. So kam es, daß Reichenbach nach seiner Rückkehr sich stolz sagen konnte, alle, die sich ihm anvertraut hatten, wenn auch nicht vor Verlusten, so doch vor dem Zusammenbruch bewahrt zu haben. Er selbst aber hatte den größten Teil seines Vermögens verloren. Und als der Staat bald darauf seine Bürger durch die völlige Entwertung einer neuen Anleihe erneut um die ihm anvertrauten Sparanlagen betrog, räumte Reichenbach allen Kunden, denen er im Vertrauen auf den Staat zur Zeichnung geraten hatte und die nun in Bedrängnis waren, Kredite ein. Das führte zu Verbindlichkeiten, denen das bereits geschwächte Bankhaus nicht gewachsen war. Eines Tages sah sich Reichenbach vor die Notwendigkeit gestellt, seine Firma und sein bei Brandenburg gelegenes Gut mit Schloß Reichenbach dem bekannten Grundstücksspekulanten Heinrich Morener gegen Übernahme sämtlicher Verbindlichkeiten auszuliefern. Und er mußte mit dieser Lösung, die ihm mit Frau und Tochter gerade noch die Möglichkeit einer bescheidenen Existenz ließ, noch zufrieden sein. Denn die Übernahme erfolgte nicht etwa auf Grund einer Bilanz, die unzweideutig den Zusammenbruch und die Passiva in Höhe von vielen Millionen Mark ergab, sondern sie war dem Zufall zu danken, daß der Großspekulant Heinrich Morener von dem Ehrgeiz besessen war, ein von der guten Gesellschaft anerkannter, sogenannter feiner Mann zu werden. Und man mußte schon eine Urkunde gefälscht oder silberne Löffel gestohlen haben, um als Chef des Hauses Gebrüder Reichenbach \& Co. nicht als feiner Mann zu gelten. Morener hatte denn auch aus seinen Motiven kein Geheimnis gemacht und gesagt: »Wenn ich kein Geschäft mehr anrühre und als Wohltäter der Menschheit mein Vermögen opfere, so bleibe ich in den Augen der Welt doch immer der Grundstücksspekulant Heinrich Morener. Als Inhaber des Bankhauses Gebrüder Reichenbach auf Schloß Reichenbach aber wird aus Heinrich Morener ein anderer Mensch. Und das lasse ich mich etwas kosten.« Leonard Reichenbach empfand bei diesen Verhandlungen so starkes seelisches und körperliches Unbehagen, daß er oft nachgab, nur um zu einem Ende zu kommen. Im übrigen befand er sich in einer Lage, in der Morener diktieren konnte. Auch jetzt, als er die Herausgabe der in seinem Privatbureau und im Konferenzsaal hängenden Familienbilder als etwas Selbstverständliches forderte, erwiderte Morener: »Sie gehören zur Firma, um die Kontinuität zu wahren. Ihr Aus- und mein Eintritt muß als ununterbrochene Fortdauer eines Ganzen erfolgen. Wenn der Zusammenhang unterbrochen wird, so entsteht etwas Neues, und ich kann statt Reichenbach ebensogut Morener firmieren. Mir aber liegt gerade daran, das Alte fortzusetzen.« Reichenbach verstand das nur zu gut. Die Einwände Moreners waren ja gerade die Gründe, aus denen er alles, was an seine Vorfahren erinnerte, aus dem Kauf hatte ausschließen wollen. Als Morener sah – staunend sah, wie schwer es Reichenbach wurde, sich von diesen Bildern zu trennen, die ihm seiner Ansicht nach doch nichts mehr nützen konnten, schlug er ihm vor, in der Firma zu bleiben – als Chef, wenn er wolle – neben ihm. »Reichtum und Wohlbefinden sind relative Begriffe,« erwiderte Leonard Reichenbach. »War es bis heute für mich ein Erlebnis, wenn eine meiner hochgezogenen Stuten fohlte, so wird es mir von morgen ab genau dieselbe Freude bereiten, wenn meine Jagdhündin Junge wirft.« »Und schließlich werden Sie sich damit begnügen, daß eines Ihrer Hühner Eier legt. – Mein lieber Kommerzienrat, Sie verzeihen – aber bei der Weltanschauung wundert es mich nicht, daß Sie dahin gekommen sind, wo Sie heute stehen.« »Und wenn ich Ihnen erkläre, Herr Morener, daß ich auch da, wo ich heute stehe, noch nicht mit Ihnen tausche.« »Was heißt das? Sie haben mit mir getauscht – und zwar so gründlich, daß ich auch als Mensch an Ihre Stelle treten werde.« »Das möchte ich nicht erleben.« »Es ist der einzige Grund, aus dem ich derartige Opfer bringe. Für nichts anderes zahle ich meine Millionen als für den hundertfünfzigjährigen Glanz Ihres Namens, von dem ich in diesem Augenblick, in dem ich meinen Namen unter diese Urkunde setze, Besitz ergreife – um ihn nie wieder freizugeben.« »Sie begnügen sich nicht mit dem Bankhaus, der Firma, dem Schloß, dem Gut, dem Gestüt – Sie wollen mich mit Haut und Haaren fressen.« Und wenn man den hochgewachsenen, breitschultrigen, schweren Heinrich Morener jetzt vor dem schmächtigen, zarten Leonard Reichenbach, der ihm kaum bis zur Schulter reichte, stehen sah, konnte man es beinahe für möglich halten. »Mein Ziel ist es,« erwiderte Morener, »daß, wenn in ein, zwei Jahren irgendwo der Name Morener fällt – Jeder fragt: »Sie meinen Morener–Reichenbach?« – Das mag eine fixe Idee von mir sein – möglich! Aber ich habe sie und führe sie – wie alles, was ich anpacke – durch.« »Wenn mit mir auch der Geist Reichenbach verschwände – dann vielleicht. Aber Sie irren, wenn Sie glauben, daß Sie an die Stelle eines Toten treten. Sie werden auf einen unsichtbaren Widerstand stoßen – überall, wo Sie versuchen werden, sich über diesen Geist hinwegzusetzen.« »Das klingt vorzüglich, Herr Kommerzienrat. Aber über alle diese Dinge ist die Zeit hinweggeschritten – erbarmungslos hinweggeschritten.« »Diese Dinge leben, sage ich Ihnen – und sie kehren wieder.« »Dann wird man sich ihnen anpassen.« »Man kann sich nur Dingen anpassen, die man erlernen kann.« »Wie meinen Sie das?« »Daß Tradition unerlernbar ist.« »Sie sehen überall Reibungsflächen und konstruieren Gegensätze, die gar nicht vorhanden sind.« »Gibt es größere Gegensätze als unsere Weltanschauungen?« »Weltanschauungen? – Ich habe keine Zeit, mir eine zu bilden. Ich denke und handle. Meine Weltanschauung ist der Erfolg – und danach allein werden Sie heute beurteilt.« »Haben Sie Ihren Neffen Karl Morener, der doch voraussichtlich mal an Ihre Stelle treten wird, auch in diesem Geiste erzogen?« »Allerdings! Und ich gebe Ihnen den Rat, auch auf Ihren Neffen Heinz, den ich nach unserem Vertrage ja mit übernehmen soll, in diesem Sinne zu wirken.« »Das geht über meine Verpflichtung hinaus.« »Es wird sein Fortkommen erleichtern.« »Ich lehne es trotzdem ab. Sie, Herr Morener, werden sich nicht ändern! Aber ich hoffe, daß in dem unabwendbaren Kampf zwischen unseren Neffen die Reichenbachsche Weltanschauung siegen wird.« »Ich sehe nur voraus, daß Sie eine neue Enttäuschung erleben werden.« »Warten wir ab,« erwiderte Reichenbach, nahm die Feder und unterschrieb. Nach ihm Morener. Und als sie sich nach vollzogener Unterschrift die Hände reichten, fühlten sie, daß dieser Vertrag trotz langwieriger Verhandlungen, die vorausgegangen waren, kein Abschluß, sondern ein Anfang war. Das Geschäft freilich, ganz geführt in Moreners Geiste, der ja der Geist der Zeit war, entwickelte sich derart, daß Gebrüder Reichenbach \& Co. schon nach zwei Jahren wieder die erste Privatbank Berlins war. In diesem Jahre starb Leonard Reichenbach. Nach Jahren zum ersten Male erinnerte man sich wieder der Verdienste dieses seltenen Mannes, um den sich nach seinem Zusammenbruch kein Mensch mehr gekümmert hatte. Sein Begräbnis war ein weithin sichtbares Zeichen seiner einstigen geschäftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung. Viele der früheren Freunde drückten wohl etwas beschämt die Hände der Frau Kommerzienrat Reichenbach und ihrer eben erwachsenen Tochter. Und wenn mancher dabei versprach – und es in dieser Stunde wohl auch so meinte – daß er sich nun der Witwe und der Tochter annehmen werde, so wußten Mutter und Kind doch, daß dieser Händedruck der letzte war. Heinrich Morener aber, der neben der Witwe stand, war so stark von dieser letzten Kundgebung zu Ehren Reichenbachs beeindruckt, daß er sich in seinem gesellschaftlichen Ehrgeiz bei jedem, der Frau Reichenbach die Hand reichte, fragte: »Wird der wohl auch an meinem Begräbnis teilnehmen?« – Wohl nicht ganz frei von diesem Gedanken, bot er der Witwe am nächsten Tage außer seinem Trost eine in dem Vertrage nicht vorgesehene Rente aus dem Reingewinn der Bank. Frau Reichenbach lehnte in höflichster Form eine Unterstützung ab, die nicht im Sinne ihres in Gott ruhenden Mannes sei. Sie gab aber ihrer großen Freude über das Anerbieten Ausdruck, weil sie daraus ersehe, daß der Geist Reichenbach auch unter Heinrich Moreners Leitung fortlebe. Weniger die Ablehnung als die Begründung stimmte Morener nachdenklich –. 2. Wieder waren zwei Jahre vergangen. Eine Reihe namhafter Privatfirmen waren in dem Bankhaus Gebrüder Reichenbach aufgegangen, ohne daß Morener einen Teilnehmer aufgenommen hätte. An der Börse hatte man vor seiner Tüchtigkeit und seinem Glück gleich großen Respekt. Je erfolgreicher Morener in seinem Bemühen war, der Bank gerade die Kundschaft wieder zuzuführen, die mit dem Austritt Leonard Reichenbachs verschwunden war, um so eifriger ahmte er die Methoden seines Vorgängers nach und hielt sich von Spekulationen und Geschäften fern – auch wenn sie großen Gewinn versprachen –, denen er seinen Aufstieg verdankte. Aber das geschah weniger aus Überzeugung als aus dem Wunsche heraus, mit der Zurückgewinnung der Kunden sich auch deren Salons zu erschließen. Hierzu war der Weg über Frau Reichenbach, die nur ihrer sportliebenden Tochter wegen noch gelegentlich Verkehr pflegte, der gegebene. Aber es hatte bisher an einem Anlaß gefehlt, die nach dem Tode Reichenbachs völlig abgeschnittene Verbindung wiederherzustellen. Morener ärgerte sich über sich selbst, wenn er sich wie jetzt bei derartigen Gedanken ertappte. Ein Mann von meinem Format pfeift auf derart äußerliche Dinge, redete er sich zu, fühlte aber im selben Augenblick, daß er sich belog und gestand sich, daß diese krankhaft gesteigerte Sehnsucht, auch Leonard Reichenbachs gesellschaftliche Stellung zu erobern, ihm mehr wert war als alle geschäftlichen Erfolge. – Der Privatsekretär meldete Herrn Karl Morener. Sofort reagierte sein Gehirn mit dem Gedanken: vielleicht durch ihn! – Er saß in seinem Bureau, einem großen hellen Raum, in dem außer einem großen Perserteppich nur ein paar Sessel und ein Riesenschreibtisch standen. An den Wänden hingen die Bilder der Reichenbachschen Chefs, die für ihn mehr als nur dekorativen Wert hatten, und an denen die Übernahme von Bank und Schloß beinahe gescheitert wäre. Als sein Neffe Karl, der zusammen mit Heinz Reichenbach seit zwei Jahren Prokura hatte, das Bureau betrat, sah Morener zur Uhr und sagte: »Guten Morgen, mein Junge! So früh habe ich dich hier noch nie gesehen.« Karl, eine durchtrainierte Sportfigur, der bei aller äußeren Pflege – ja, je mehr er sich pflegte, um so deutlicher – etwas vom Professional anhaftete, erwiderte kühl: »Es ist dein Wunsch, daß ich Sport treibe und Gesellschaften besuche. Wenn ich morgens reite, vormittags Tennis spiele, nachmittags Golf und abends Bridge – ich bitte dich, wo soll ich da die Zeit hernehmen, mich um das Geschäft zu kümmern?« Karl ließ sich, ohne die Anforderung seines Onkels abzuwarten, in einen Sessel fallen, der gegenüber dem Schreibtisch stand, und sagte in einem Ton, der nicht erkennen ließ, ob es ganz ernst gemeint war. »Ich freue mich, Onkel, daß du meine Verdienste anerkennst. Das gibt mir den Mut . . .« Heinrich Morener stützte die Arme auf die Stuhllehne, rückte den schweren, breiten Körper näher an den Tisch heran, streckte den mächtigen Kopf mit der breiten Nase und den stechenden Augen vor und fragte: »Wieviel?« »Heute komme ich nicht, um etwas zu holen.« »Nanu? – Bringst du mir am Ende gar etwas?« »Ja! Eine Frau! Schön, jung, aus einem alten Stall, Rasse, Uradel.« »So eine Frau könnte mich reizen.« »Dich?« – Karl sah erschrocken den Onkel an. »Ja! – Oder bringst du mir etwa eine Nichte? In dem Fall interessiert mich in erster Linie, zu wissen, ob sie vermögend ist.« Karl erhob sich und sagte kalt: »Ich danke dir für deine Aufklärung.« »Bleib!« befahl Morener. Karl nahm wieder Platz – »So! und nun klär' mich auf!« »Ich wußte nicht, daß du mit deinen fünfzig Jahren . . .« »Vierundfünfzig,« berichtigte Morener. ». . . noch an eine Ehe denkst. Infolgedessen hoffte ich als einziger Verwandter . . .« »Du weißt nun also, daß das ein Irrtum war.« »Ja!« – Karl war schon wieder im Begriff sich zu erheben. »Bleib!« wiederholte Morener. Diesmal mit größerer Bestimmtheit. »Wer ist die schöne, junge, rassige Frau aus altem Stall?« »Du denkst doch nicht etwa im Ernst daran?« »Ich denke daran – und du wirst mir dazu verhelfen.« »Auch dann, wenn ich dir sage, daß ich sie liebe?« »Das habe ich in den letzten Jahren schon zu oft von dir gehört. Arbeite mehr und du wirst weniger Zeit finden, dich zu verlieben.« »Es ist ernster als sonst.« »Das sagst du jedesmal. Ich brauche es also nicht ernst zu nehmen. Du wirst am Leben bleiben – auch wenn aus dieser Ehe nichts wird.« »Das weiß ich noch nicht.« »Ich weiß es – das genügt. Aber was wichtiger ist und worüber ich schon lange mit dir sprechen wollte, da es auch dich angeht, ist folgendes: Je deutlicher das Selfmadetum unserer Zeit den Stempel aufdrückt, um so stärker leide ich darunter, ein Selfmademan zu sein. Früher war man als so ein Außenseiter ein Ausnahmemensch, von dem jeder sprach. Man war zum mindesten eine Persönlichkeit, die sich aus der Masse hob. Heute ist man im besten Falle der Typ einer Massenneuerscheinung.« »Das kannst du doch von dir nicht sagen.« »Auch du heißt Morener – und ich wünschte, daß man es auch von dir nicht sagte.« »Wenn die Baronin von Nedlitz meine Frau wird . . .« Er erschrak. »Jetzt habe ich ihren Namen genannt.« »So wird man sagen: wieder eine Adlige, die sich an einen Neureichen verkauft. Wenn du aber die Tochter des verstorbenen Kommerzienrats Reichenbach heiratest . . .« »Du hast diese Idee noch immer nicht aufgegeben?« ». . . so wird es heißen: die Reichenbachs und die Moreners bleiben unter sich. Und da die Reichenbachs Patrizier sind, so wird man sehr bald auch die Moreners dazu rechnen.« »Ein sonderbarer Ehrgeiz, Onkel – und, glaube mir, ein sehr unzeitgemäßer.« »Ein sehr gesunder, mein Junge! wenn unsere demokratische Zeit auch kein Verständnis dafür hat. Tradition ist das einzige, was man nicht kaufen kann. Das sieht man am besten an uns. Selbst da bedarf es noch einer Generation – und bleibt auch dann noch immer eine Täuschung. Wenn du aber Hanni Reichenbach heiratest, haben wir, was wir brauchen – und es macht nichts aus, daß sie arm ist. Denn unter uns, mein Junge, die Millionen, die hier verankert sind, gehören ihr so gut wie mir. Ja, ich habe das Gefühl, sie erst durch diese verwandtschaftliche Verbindung mit Reichenbachs rechtmäßig zu besitzen und hier Herr im Haus zu sein.« »Das ist übertrieben und weit hergeholt, Onkel! Früher hattest du weniger Bedenken. Ich erinnere mich an Fälle, wo selbst ich . . .« »Ich weiß – und will mich nicht daran erinnern. Ich bin ein anderer Mensch geworden. Der alte Reichenbach hatte schon recht, wenn er von dem Geist des Hauses sprach, dem auch der Stärkste sich nicht entziehen kann.« »Wenn es so ist, wie du sagst, dann solltest du die Kommerzienrat Reichenbach um ihre Hand bitten.« »Unmöglich! Daß du das nicht fühlst! Die Witwe eines Kommerzienrat Reichenbach, die einen Morener heiratet, schadet sich, ohne mir zu nützen.« »Das ist wahr.« »Gerade das Gegenteil von dem, was ich anstrebe, würde erreicht: die Familie Reichenbach, die ich mir nutzbar machen will, ginge damit in der zur Zeit wirtschaftlich stärkeren Familie Morener unter.« »Und bei mir wäre das anders?« »Was sich die Jugend erlauben darf, paßt nicht für das Alter. Du könntest dich im Fall dieser Ehe: Karl Morener-Reichenbach nennen. Niemand wird Anstoß daran nehmen. Täte ich das, so würde man lächeln. Die Gesellschaft hat für solche Dinge eine feine Nase. Bei euch jungen Menschen aber, die man seit Jahren zusammen beim Golf und Tennis sieht, wird man den Zusammenschluß als etwas Natürliches und Gegebenes hinnehmen und sagen: sie lieben sich.« »Was also soll ich tun?« »Die Baronin Nedlitz in meinem Namen bitten, morgen abend um sieben an einem kleinen Familienessen auf Schloß Reichenbach teilzunehmen.« »Und wer wird außer dir und ihr noch an diesem Familienessen teilnehmen?« »Frau Kommerzienrat Reichenbach mit Tochter – und du.« »Das kann ja sehr gemütlich werden.« »Gemütlich kaum – aber vielleicht für uns alle von Bedeutung. – So! und nun geh!« Karl erhob sich und ging hinaus. – Heinrich Morener lehnte sich in den Sessel zurück und war zufrieden, die Angelegenheit, die ihn schon lange beschäftigte, endlich in Fluß gebracht zu haben. Am nächsten Abend aber . . . 3. Am nächsten Abend aber fand sich auf Schloß Reichenbach eine Gesellschaft von sechs Personen ein, die nach Geburt und Weltanschauung, sowie nach den sozialen Verhältnissen, in denen sie lebten, ganz und gar nicht zusammengehörten. Schloß Reichenbach lag in einem alten Park, der zu dem gleichnamigen Rittergut gehörte. Wenn man von Berlin aus durch Brandenburg fuhr, etwa einen Kilometer hinter dem Zuchthaus, bog eine Landstraße links ab, die zu beiden Seiten von hohen, Jahrhunderte alten Bäumen bewachsen war. Nach ein paar hundert Metern begann links vom Fahrweg eine mannshohe Mauer zu laufen, die Bäume zur Rechten hörten auf, der Weg führte immer dichter zur Havel heran. Schließlich befand man sich vor einem hohen, zu beiden Seiten von dichtem Wald umgrenzten Eisentor, das über die ganze Breite der Landstraße reichte und den Weg versperrte, so daß man unwillkürlich an die schweren Tore des Brandenburger Zuchthauses zurückdachte, an denen man vor kaum zehn Minuten mit beklommenem Herzen vorübergefahren war. Wenn das Tor sich aber öffnete, sah man märchenhaft – bei einem Sonnenuntergang wie heute abend – tief im Grünen Schloß Reichenbach liegen. Man glaubte sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Die Zeit schien stillzustehen. Von dem Hasten und dem Lärm da draußen spürte man nichts. Und die beiden Autos, die jetzt über den Rasen glitten, wirkten in der Stille dieser in das tiefe Rot der untergehenden Sonne getauchten Landschaft wie Gespenster. In dem ersten großen und geschlossenen Auto, das Heinrich Morener gehörte, saß die verwitwete Frau Kommerzienrat Reichenbach mit ihrer Tochter. Morener hatte sie in seinem Wagen aus der Stadt holen lassen. Das zweite offene Auto war der Sportwagen Karl Moreners. Er saß am Steuer, neben ihm die Baroneß von Nedlitz, eine große, schlanke, rassige Frau, die kein Auge von dem etwa fünfzig Meter vor ihnen fahrenden Auto ließ. »Daß Sie sich dazu hergeben, hätte ich nicht gedacht,« sagte die Baronesse – und es klang vorwurfsvoll. »Warten Sie ab,« erwiderte Karl Morener. »Wenn mein Onkel mit Ihnen gesprochen hat, geben vielleicht auch Sie sich dazu her.« – Er wiederholte ganz bewußt ihre Worte und betonte sie. »Möglich! Aber bei einer Frau ist das ganz etwas anderes.« »Finden Sie?« »Ich als Frau habe keine große Auswahl. Ich bin an Luxus gewöhnt und kann mich nur durch eine Ehe in ein standesgemäßes Leben retten. Ein Mann wie Sie aber hat tausend Möglichkeiten.« – »Sie haben sich also so halb schon mit dem Gedanken abgefunden?« »Ja.« »Ich warne Sie, Hedda!« »Keine Drohung, bitte!« »Wenn Sie sich an ihn wegwerfen.« »Wie geschmacklos! – so eine Redensart! – Oder wollen Sie damit etwa sagen, daß dann auch Sie entschlossen sind, sich wegzuwerfen?« »Dann heirate ich Hanni Reichenbach.« Das geschlossene Auto hielt vor der Einfahrt des Schlosses. Hanni hielt die Hand ihrer Mutter. »Nimm es nicht so schwer, Mama!« sagte sie zärtlich. »Zum erstenmal nach vier Jahren. Ich habe nicht geglaubt, daß ich das Schloß jemals wieder betreten werde.« »Du konntest es Herrn Morener nicht abschlagen.« »Er hätte es mir nicht zumuten dürfen.« »Er fühlt ja nicht wie wir. Er glaubte, dir etwas Gutes zu tun.« »Etwas Gutes,« wiederholte Frau Reichenbach und sah zur Treppe des Schlosses empor, die Heinrich Morener soeben herunterstieg, um seine Gäste zu empfangen: »Als ob von da etwas Gutes kommen könnte!« »Er war doch nicht schuld an dem Zusammenbruch.« »Du verteidigst ihn noch?« »Der oder ein anderer. Wenigstens wurde unser guter Name gerettet.« »Du hast recht, Kind! Und ich danke dir, daß du mich gerade in dieser Stunde daran erinnerst. Ich werde den Abend nun leichter überstehen.« – Ein paar Sekunden später – und Morener begrüßte seine Gäste. »Ich bin sehr glücklich,« sagte er zu Frau Reichenbach, als sie ihm die Hand reichte – »und ich hoffe, es hat Sie nicht zu viel Überwindung gekostet.« »Das erstemal ist es ja schwer,« erwiderte sie und lächelte – wenn auch gezwungen. »Aber nur das erstemal!« gab er zur Antwort. »Sie dürfen nun nicht wieder Jahre verstreichen lassen.« »Sie sind sehr freundlich, und ich muß Ihnen danken.« »Wenn einer zu danken hat, bin ich es.« »Wir sind uns gegenseitig nützlich gewesen.« »Ich konnte Ihnen helfen, weil man mich die Kunst, Geld zu verdienen, von der Wiege an gelehrt hatte. Aber in der sehr viel größeren Kunst, die kaufmännische Würde in jeder Lebenslage zu wahren, ist mir Ihr Gatte Vorbild gewesen. Ich eifre ihm nach – freilich ohne Aussicht, ihn je zu erreichen.« »Sie machen es mir und meinem Kinde leicht, uns bei Ihnen wohl zu fühlen,« erwiderte Frau Reichenbach. Ein fünfter Gast erschien. Einer, der auch nicht gern gekommen war. Heinz Reichenbach, Frau Reichenbachs Neffe. Er hatte die Bahn bis Brandenburg benutzt und war dann zu Fuß gegangen. Denn das Gehalt, das er in dem Bankhaus Reichenbach bezog, reichte gerade für das Leben eines jungen Mannes aus gutem Hause aus, der leidenschaftlich altes Porzellan sammelte, den Sport liebte und seinem Namen ein gewisses äußeres Auftreten schuldig war. Man sah ihm, der wie Karl Morener so um die fünfundzwanzig herum war, die gute Herkunft an. Das schmale, feine Gesicht, die ungezwungene Art, sich zu bewegen, der natürliche, unerlernbare Takt, die angeborene Höflichkeit, die ganz unbewußt differenzierte und distanzierte – alles das deutete auf die Kultur von Generationen. Selbst jetzt, wo er seit vier Jahren zum ersten Male wieder die ehemalige Villa seines Onkels betrat, um dem neuen Besitzer den ersten Besuch zu machen, überlegte er nicht einen Augenblick lang, wie er sich zu benehmen hatte. Diese Sicherheit verblüffte Heinrich Morener. Der hatte sich, wie für Frau Reichenbach, so auch für ihn ein paar nette Worte zurechtgelegt, mit denen er dem, seinem Empfinden nach etwas deklassierten jungen Mann über das Peinliche der Situation hinweghelfen wollte. Er hielt daher das Benehmen Reichenbachs, der so sicher auftrat, als wenn er täglich hier ein und aus ginge, für bewußt und überheblich und darauf gerichtet, ihn zu kränken. Es war daher kein Wunder, daß er selber begann, sich unsicher zu fühlen – um so mehr, als jetzt auch sein Neffe Karl und die Baroneß Nedlitz erschienen, denen gegenüber er sich auch nicht gerade in starker Position befand. Als Karl Morener seinem Onkel die Baronin vorstellte, die, im Gegensatz zu den vornehm aber einfach gekleideten Reichenbachschen Damen, in ganz großer Abendtoilette war, sagte die: »Ich hätte Sie gern erst bei mir gesehen, Herr Morener! Aber die Welt steht auf dem Kopf – und da braucht man es wohl auch mit den Formen nicht so genau zu nehmen.« Ein faux pas! schoß es Morener durch den Kopf. Eine verfehlte Börsenspekulation konnte ihn nicht schwerer treffen. Etwas gezwungen klang es, als er jetzt sagte: »Mein Neffe glaubte, es auf Grund Ihrer sportlichen Kameradschaft wagen zu dürfen.« »Er trainiert nicht genug. Er trinkt und raucht – vor allem aber, er arbeitet zuviel. Wenn wir im Doppel um die Meisterschaft von Berlin Chance haben sollen, so müssen Sie ihn für die nächsten vier Wochen beurlauben.« »Die Baroneß hat recht,« erwiderte Karl, »unser Prestige steht auf dem Spiel! Auch das deine, Onkel! Denn die Paarung Baroneß Nedlitz–Morener interessiert sportlich und gesellschaftlich gleich stark!« »Und wer sind Ihre gefährlichsten Gegner?« Hedda Nedlitz wies auf Hanni und Heinz Reichenbach und sagte: »Ein sonderbares Zusammentreffen.« »Wie? – Sie, Fräulein Hanni . . . und Sie . . . Herr Reichenbach? Ja . . . haben Sie denn . . . die Zeit und die . . . Mittel?« Heinz Reichenbach fuhr auf und wollte erwidern. Aber seine Tante, die es ahnte, kam ihm zuvor und sagte: »Wir sind Ehrenmitglieder des Klubs, den mein Mann vor vierzig Jahren mitbegründet hat!« – Morener, der fühlte, wie taktlos seine Frage war, zuckte zusammen – und Frau Reichenbach fuhr fort: »Sonst könnte es sich meine Tochter natürlich nicht erlauben – und mein Neffe wohl auch nicht.« »Ich wollte damit nicht etwa sagen . . . im Gegenteil, es wäre mir eine Freude – und eine selbstverständliche Pflicht, wenn Sie etwa – aus Gründen materieller Art –« »Ich sagte ja schon, daß wir es nicht zu bezahlen brauchen.« »Mir liegt das Prestige des Namens Reichenbach genau so am Herzen wie das eigene.« »Unser Name wird durch einen Sieg oder eine Niederlage im Tennisturnier keine Veränderung erfahren,« erwiderte Frau Reichenbach. Und wenn sie es auch nicht aussprach, so hieß das doch: Ihr Prestige hingegen . . . Das hörte auch Heinrich Morener heraus und sagte: »Eben deshalb bitte ich, daß mein Neffe mit Ihrer Tochter spielt. Mir liegt an der Verbindung der Namen Reichenbach–Morener . . . auch außerhalb des Geschäftlichen.« »Ihr Neffe und ich sind aufeinander eingespielt,« widersprach die Baroneß. Aber Heinrich Morener erwiderte: »Das Paar Reichenbach vermutlich auch.« »Seit zehn Jahren,« bestätigte Hanni. »Also sind die Chancen ausgeglichen.« »Ich möchte aber nicht gegen meinen Vetter spielen.« »Wenn der Herr Morener es wünscht,« sagte Frau Reichenbach – »und auf diese Äußerlichkeit Wert legt.« Hanni schwieg. Morener trat an sie heran und sagte: »Damit Sie sich an meinen Neffen gewöhnen, gnädiges Fräulein, wird er Sie jetzt zu Tische führen – und Sie, Herr Reichenbach, führen die Baronin.« Er selbst reichte der Frau Kommerzienrat den Arm und sagte: »Bitte!« Das Gespräch um den runden Tisch herum drehte sich während der ganzen Mahlzeit um die üblichen Dinge: Sport – Mode – Reise und Theater. Nach dem Essen aber . . . 4. Nach dem Essen ging die Jugend in den kleinen Saal, aus dem schon, als die Diener die Speisen reichten, die Klänge einer bekannten Jazz-Band zum Tanze lockten. Heinrich Morener aber führte die Frau Kommerzienrat Reichenbach in den Salon. Ziemlich unvermittelt begann er, als sie sich gesetzt hatten. »Sie sehen, ich habe die Räume hier unverändert gelassen.« »Man hatte es mir erzählt – und ich habe mich darüber gefreut.« »Die Ehrlichkeit verlangt zu sagen, daß es nicht aus Pietät geschah.« »Also teilen Sie den schlichten Geschmack meines seligen Mannes?« »Ich verstehe nicht viel davon. Aber ich habe mir gedacht: wer weiß, wer nach mir hier leben wird.« »Ihr Neffe vermutlich.« »Gewiß. Er hat die größte Chance – vorausgesetzt, daß er meinen Wunsch erfüllt –« Er hielt inne, weil er hoffte, daß Frau Reichenbach ihn fragen würde: welchen Wunsch? Da das nicht geschah, so fragte er: »Sie erraten es nicht?« »Sie wünschen sich vermutlich, daß er heiratet.« »Und zwar so, daß die Reichenbachs hier wieder zu Hause sind.« – Er erwartete eine Antwort. Da sie ausblieb, so fuhr er fort: »Das, gnädige Frau, ist der Grund, aus dem ich mir die Freiheit nahm, Sie zu mir zu bitten.« »Das heißt doch nicht, daß meine Tochter . . .?« »Überrascht Sie das? Es ist nur folgerichtig. – Oder würden Sie es lieber sehen, wenn ich Sie um Ihre Hand bitte?« Frau Reichenbach erhob sich und sagte kalt: »Sie werden mich in diesem Hause nicht beleidigen.« »Ich finde den Gedanken weniger kränkend als die Art, in der Sie ihn ablehnen.« »Ich habe den Wunsch, den Namen meines Mannes bis an mein Ende zu tragen.« »Niemand begreift das mehr als ich. Ich habe daher auch niemals den Versuch gemacht.« »Sie vergessen schnell, Herr Morener!« »Für einen Menschen wie mich ist es Bedingung, schnell zu handeln und ebenso schnell zu vergessen. Denn ich muß erlernen, was Ihnen im Blute liegt.« »Um so vorsichtiger sollten Sie alles vermeiden, was möglicherweise Anstoß erregt.« »Gerade aus seinen Verstößen lernt man am schnellsten. Aber indem man sie begeht und erkennt, muß man sie auch schon hinter sich haben.« »Das gilt für Sie – aber nicht für Ihre Opfer.« »Fällt es Ihnen so schwer, zu vergessen, daß ich Sie vor Jahren einmal begehrt habe?« »Begehrt? – Berechnet haben Sie!« »Gnädige Frau!« »Sie glaubten, Ihr Geschäft mit meinem Mann zu einem schnelleren und für Sie günstigeren Abschluß zu bringen, wenn Sie in mir Ihre Verbündete hätten.« »Ich habe heute den Mut, zu bekennen, daß es so war. Aber ich kann mein Gewissen nicht mit Fehlern belasten, die Jahre zurückliegen.« »Sie verfolgen mit der Ehe Ihres Neffen und meiner Tochter nur den Zweck, die Distanz zwischen unseren Familien zu verwischen. Aber Sie dürfen das gleiche Interesse nicht bei uns voraussetzen.« »Sie sind sehr stolz.« »Stolz nicht, aber bitter. Und diese Bitterkeit Menschen wie Ihnen gegenüber, mag sie noch so ungerecht sein – ist das einzige, was uns dies veränderte Leben erträglich macht.« »Durch diese Ehe würden sich die Verhältnisse mit einem Schlage ändern.« »Ich glaube, daß meine Tochter in einem solchen Falle nur ihr Herz befragen wird.« »Nicht einmal ich fühle mich stark genug, eine Entscheidung von dieser Bedeutung nur nach dem Gefühl zu treffen.« »Sie, Herr Morener, hat der wirtschaftliche Aufstieg zu einem unfreieren Menschen gemacht als uns der Zusammenbruch. Früher hätten Sie eine Dame vom Varieté heiraten können – niemand hätte es Ihnen verübelt. Heute ist der Stammbaum für Sie wichtiger als der Mensch.« »Es handelt sich nicht um uns, sondern um Ihr Kind und meinen Neffen.« »Das müssen die beiden jungen Leute untereinander ausmachen. Ich bin in Sachen des Herzens nicht Anwalt meines Kindes.« »Über meinen Neffen bin ich im klaren. Wenn Sie also glauben, daß auch das Herz Ihrer Tochter noch frei ist?« »Sie hängt an ihrem Vetter.« »An Heinz Reichenbach? – Aber liebe, gnädige Frau, das hieße ja Ihre finanzielle Misere verewigen.« »Möglich, daß es nicht mehr ist als verwandtschaftliches Gefühl.« »Würden Sie dann bitte Ihr Fräulein Tochter zu uns bitten?« »Wie denn? Ich soll in Ihrer Gegenwart . . .« »Sie könnte Fragen stellen, die nur ich beantworten kann.« »Wie wenig kennen Sie mein Kind!« »Lassen wir es darauf ankommen.« Frau Reichenbach ging zur Tür und verständigte sich durch einen Blick mit ihrer Tochter, die gerade mit Reichenbach tanzte. Heinrich Morener erhob sich, als Hanni ins Zimmer trat. »Setz dich, bitte!« sagte die Mutter. Aber Hanni, der man die innere Erregung ansah, erwiderte: »Ich kann nicht – diese Baroneß!« »Was ist mit ihr?« fragte Morener. »Gleich nach dem Essen nahm sie mich beiseite und sagte: ›Haben Sie es bemerkt? Man will uns verkuppeln.‹« »Was ist das für ein Wort!« rief Frau Reichenbach und wandte sich an Morener. »Ich habe keine Silbe mit der Baroneß gesprochen, das Sie nicht gehört haben. Aber ich bin überzeugt, sie meint das ganz harmlos.« Die beiden Frauen sahen ihn an, und Morener fuhr fort: »Was kann sie anders meinen, als daß ich Sie bat, auf dem Tournier der Leute wegen auf seiten meines Neffen zu kämpfen?« »Der Leute wegen?« »Vielleicht auch mit Rücksicht auf die Gefühle meines Neffen.« »Was sind das für Gefühle? – und was haben sie mit dem Sport zu tun?« »Mein Neffe liebt Sie!« »Das ist nicht wahr!« Heinrich Morener ging zur Tür und rief: »Karl!« – Dann wandte er sich wieder zu Hanni: »Er wird es Ihnen selber sagen.« Als Karl Morener in den Salon trat, ging Hanni auf ihn zu, sah ihn scharf an und sagte: »Mama fühlt sich nicht wohl! Wollen Sie uns bitte an den Wagen begleiten.« Heinrich Morener warf den Kopf zurück und sagte: »Ja – was heißt denn das?« – während Karl der Frau Kommerzienrat den Arm reichte und sie hinausführte. Hanni blieb zurück, ging auf Morener zu und sagte: »Sie wollten mich also doch verkuppeln.« »Ich wollte Ihnen wieder emporhelfen – Ihnen und Ihrer Frau Mutter!« »Danke,« erwiderte Hanni. »Ich habe nicht das Gefühl, daß wir gesunken sind.« Sie bewegte leicht den Kopf, wandte ihm den Rücken und ging. Während Karl die beiden Damen an das Auto begleitete, saß Morener nachdenklich im Salon und sagte sich: Was hat man nun von seinem Geld, man bleibt diesen Menschen gegenüber doch, was man war. – Aber diese Erkenntnis war für ihn nur ein Grund mehr, um sich der Baroneß Nedlitz zu nähern – zumal sie ihm gefiel und der Aufmerksamkeit nach, die sie ihm während des Diners zuwandte, auch an ihm Gefallen zu finden schien. Obgleich die Jazz-Kapelle, in dem Gefühl, von Morener überbezahlt zu werden, ohne Pausen spielte, tanzten die Baroneß und Reichenbach nicht mehr, sondern zogen sich in eine Nische des kleinen Saales zurück. Sie hatten sich zuvor viel voneinander erzählt. Nun aber sprachen sie nicht mehr, da die Baroneß mit den Vorgängen im Salon beschäftigt war und Reichenbach über die Gründe nachdachte, die Heinrich Morener veranlaßt haben könnten, seine Familie nach vier Jahren plötzlich ohne äußeren Anlaß einzuladen. Da er es aber als unhöflich empfand, schweigend neben der Baroneß zu sitzen, so sagte er unvermittelt: »In diesem Schloß habe ich meine Jugend verlebt – aber ich gebe mir Mühe, nicht daran zu denken.« Hedda Nedlitz wandte sich zu ihm und erwiderte: »Und ich sage mir jeden Tag und jede Stunde: denke daran, daß deine Vorfahren in Schlössern lebten – und ruhe nicht, bevor auch du wieder in dem Stil lebst, der dir zukommt.« »Mit welchem Recht zukommt?« fragte Heinz Reichenbach. »Gerechterweise kommt einem doch nur zu, was man durch seine eigene Tüchtigkeit erworben hat.« »So etwas sagen Sie?« erwiderte Hedda entsetzt. »Menschen, die ans Familien kommen wie wir. Menschen mit unserer Kinderstube, die vom ersten Tage verwöhnt worden sind und nie damit gerechnet haben, je Geld verdienen zu müssen – wo sollen wir denn die Tüchtigkeit hernehmen?« »Für eine Frau wie Sie mag es nicht zutreffen. Da entscheidet das Schicksal – von dem wohl auch für uns mehr abhängt als von unserer Tüchtigkeit.« »Ich verlasse mich lieber auf meinen Verstand.« »Wir streiten uns um Begriffe – aber Sie haben schon recht: Menschen wie wir zwei mögen in allen nebensächlichen Dingen des Lebens noch so verschieden urteilen und handeln – in allem Wesentlichen stimmen wir doch überein.« »Was nennen Sie das Wesentliche?« »Die großen Momente im Leben – in denen die wahre Natur in uns so unvermittelt hervorbricht, daß wir die Äußerlichkeiten des Lebens völlig vergessen.« »Wenn ich das große Los gewänne oder der Maharadscha von Johore um meine Hand anhielte – das wären für mich die großen Momente.« »Bei denen Sie innerlich unbeteiligt blieben. – Nein! von innen muß es geschehen – nicht von außen –, daß Ihnen plötzlich die Erleuchtung kommt: alle bisherigen Vorstellungen von Welt und Menschen waren falsch – daß Sie mit einem Schlage ein anderer Mensch werden.« »Einen solchen Moment wird es für mich nie geben.« »Das bestimmen nicht Sie!« »Sie sind ein Phantast! – Mit diesen Ideen werden Sie es nie zu etwas bringen.« »Für jeden Menschen kommt einmal dieser Augenblick. Wissen Sie, was ich mir wünsche – ich möchte dabei sein dürfen, wenn Sie diese Stunde erleben.« »Das klingt ja beinahe, als wenn Sie Ihr Schicksal mit meinem verknüpfen wollen.« »Das Schicksal geht seinen Weg und kümmert sich nicht um unsere Wünsche.« »Philosophierst du schon wieder,« sagte Karl, der eben mit Heinrich Morener in die Nische trat. »Spielen Sie lieber eine Partie Schach mit meinem Neffen,« bat Heinrich Morener. »Sie spielen Schach, Herr Reichenbach?« fragte Hedda erstaunt. »Mit dem Gefühl? – oder nehmen Sie da ausnahmsweise den Verstand zu Hilfe?« »Für das Spiel reicht der Verstand aus,« erwiderte Heinz, »aber das Leben setzt sich darüber hinweg.« »Ist das auch Ihre Meinung?« fragte Hedda und wandte sich an Heinrich Morener. »Ich stehe auf dem Standpunkt, gescheit zu handeln ist besser als gescheit zu reden.« »Also handeln wir!« sagte Hedda und sah Morener so scharf an, daß der verlegen sagte: »Darf ich Sie noch ein Viertelstündchen langweilen?« »Ich werde genau nach der Uhr sehen und nicht eine Minute länger bleiben,« erwiderte Hedda lächelnd. Morener erschrak und sagte: »So war das nicht gemeint.« Er bot ihr den Arm und führte sie in den Salon. »Ein sonderbarer Mensch, dieser Herr Reichenbach,« sagte Hedda. »Etwas selbstbewußt – aber gewissenhaft.« »Ich finde, er hat so etwas, was in die Zukunft weist.« Morener lachte laut auf. »Der und in die Zukunft weisend! Das dürfen Sie vielleicht von mir sagen – denn ich sehe darin keine Schmeichelei. Aber Heinz Reichenbach? Wenn der überhaupt irgendwohin weist, dann in die Vergangenheit.« Im Salon vertauschte Morener schnell den Sessel, auf den sich Hedda eben setzen wollte, mit einem etwas tieferen, der daneben stand – und sagte: »Hier sitzen Sie besser.« »Also abergläubisch! Das hätte ich von Ihnen nicht gedacht.« – Und da Morener tat, als verstände er nicht, so fügte sie hinzu: »Auf dem Sessel, den Sie mir da eben entzogen haben, saß vorhin die Frau Kommerzienrat.« »Allerdings.« »Ich hatte mir gedacht, daß es nicht glücken würde.« »Mein Neffe scheint Sie ja eingehend informiert zu haben.« »Er nimmt Ihnen die Arbeit ab, das ist ja wohl seine Aufgabe.« »Ich wünschte, er nähme es in geschäftlichen Dingen auch so genau.« »Ist es Zufall, daß Sie die Beschwerden über Ihren Neffen bei mir anbringen?« »Nein! denn ich glaube, daß Sie Einfluß auf ihn haben.« »Während der Sommermonate.« »Wie soll ich das verstehen?« »Solange wir zusammen reiten und Tennis spielen.« »Es gäbe ja eine Möglichkeit, diesen Einfluß auch auf die Wintermonate auszudehnen.« »Indem Sie uns zum Wintersport nach St. Moritz schicken.« »Als was – sollten Sie – ihn begleiten?« Wieder sah Hedda ihm scharf in die Augen und sagte bestimmt: »Als seine Tante.« Morener sprang auf. »Auch das hat Ihnen mein Neffe gesagt?« »Wäre ich sonst hier?« Morener konnte seine Erregung nicht verbergen. »Sie könnten sich also entschließen . . .?« »Wir sprachen vom Wintersport in St. Moritz, Herr Morener.« »Ich weiß – aber Sie sagten . . .« »Ich fragte, ob Sie zu Ihrem Neffen das Vertrauen hätten, ihn mit seiner Tante nach St. Moritz zu schicken?« »Wenn Sie diese Tante wären?« »Ich setz' den Fall.« »Und Sie wünschen eine Antwort? Da ich die Zuneigung meines Neffen zu Ihnen kenne, so wäre ich mitschuldig, wenn ich Sie und ihn der Gefahr aussetzte . . .« »Sie halten die Gefahr in Berlin für weniger groß?« »Allerdings! Und zwar im selben Verhältnis, in dem die Gefahr der Entdeckung größer ist. Und da mein Neffe trotz allen guten Gefühlen – die er – was ich durchaus verstehe – für Sie hat, in letzter Linie ein Rechner ist, so würde er – was er in dem sehr viel sichereren St. Moritz wahrscheinlich nicht täte – sich in Berlin berechnen, was für ihn dabei auf dem Spiele steht.« »Und meine Gefühle interessieren Sie gar nicht?« »Für diesen besonderen Fall nicht. Denn, wenn Sie sich entschließen sollten, meine Frau zu werden, so weiß ich, daß Sie diesen Schritt nicht aus Liebe tun, sondern ans Klugheit.« »Und wenn es so wäre?« »Ihre Liebe könnte mir jeder rauben, der um dreißig Jahre jünger ist als ich. Nicht aber Ihre Klugheit. Sie ist mir im Gegenteil Gewähr dafür, daß Sie im Augenblick der Gefahr sich sagen werden: dazu haben Sie das Opfer nicht gebracht und mich geheiratet, um einer Liebelei wegen die Vorteile dieser Ehe aufs Spiel zu setzen.« »Wie ist es möglich, daß Sie mich so richtig beurteilen, wo Sie mich gar nicht kennen?« »Ich kenne Sie nicht erst seit heute, Baroneß.« »Wie soll ich das verstehen?« »Man hat Sie mir – natürlich ohne Ihr Wissen – von verschiedenen Seiten angetragen.« »Mich – Ihnen? – Das ist unmöglich!« »Verwandte von Ihnen, die es gut mit Ihnen meinen.« »Doch nicht etwa meine Tante, die Gräfin . . .« »Aber nein!« »Was hat sie Ihnen von mir erzählt?« »Daß Ihre Gläubiger im selben Augenblick aufhören werden, Sie zu belästigen, in dem ich meine Verlobung mit Ihnen bekanntgebe.« »Glauben Sie das auch?« Morener mußte über die Frage lächeln und erwiderte: »Ich bin überzeugt davon.« Hedda schien alles das schon viel zu lange zu dauern. »Ich glaube, die Viertelstunde ist jetzt herum,« sagte sie. Morener stand auf, trat vor den Sessel und fragte: »Baroneß, darf ich Sie als meine Braut betrachten?« Hedda erhob sich. Sie standen sich dicht gegenüber. »Was werden die Leute sagen, wo wir uns heute zum ersten Male sehen?« fragte sie. »Aber das braucht ja niemand zu wissen. Wir können uns ja schon von meiner Tante her kennen.« – Sie sah ihn an. – »Ich hatte Sie mir – ja, wie sag ich nur? – viel härter und derber vorgestellt«. – Sie wies auf seinen Bart: »Der muß ab. Das ist das erste Opfer, das Sie mir bringen müssen.« Morener versuchte eine schwache Verteidigung. »Es gibt Frauen,« sagte er, »die lieben das.« »Was können das schon für Frauen sein?« erwiderte sie. »Aus meinen Kreisen sicherlich nicht. – Da fällt mir ein . . .« – sie zögerte und trat einen Schritt zurück. »So reden Sie!« drängte Morener. »Sie heißen Morener.« »Der Name ist ja wohl das einzige an mir, was Ihnen nicht fremd war.« »Gewiß! – aber der Gedanke, daß ich in ein paar Wochen statt Hedda Hildegard Luise Baroneß von Nedlitz-Tornau-Neukirch einfach – Morener heißen werde . . .« »Die Vornamen bleiben Ihnen.« »Nein! Hedda Hildegard Luise – Morener, das klingt nicht! das ist unmöglich!« »Das wäre doch bei meinem Neffen genau dasselbe gewesen.« »Wie meinen Sie das?« »Er hat mich doch mit Ihrem Wissen gestern gebeten, in die Verbindung mit Ihnen einzuwilligen.« »Selbstverständlich.« »Und wenn ich ja gesagt hätte?« »Wenn ich nicht genau gewußt hätte, daß Sie nein sagen, hätte ich ihn nicht zu Ihnen geschickt.« » Das beruhigt mich. Aber warum haben Sie es dann getan?« »Erraten Sie es wirklich nicht?« »Nein! – Bitte sagen Sie's mir!« »Dazu muß ich erst wissen, ob wir denn nun wirklich verlobt sind.« »Ich für meine Person bin es! Aber da zu einer Verlobung unbedingt zwei gehören . . .« Sie streckte ihm die Hand hin und sagte: »Abgemacht!« Jetzt war der Augenblick da, wo er sie – im Leben wie im Roman – an sich drücken und ihr einen Kuß – zum mindesten auf die Stirn drücken mußte. Beide hatten diesen Gedanken. Und während ihr das Wort: »später« auf den Lippen lag, lenkte er ab, indem er das Gespräch von zuvor wieder aufnahm, und fragte: »Und jetzt darf ich auch wissen, weshalb . . .« Er bekam das »Du« nicht über die Lippen. »Ich Ihren Neffen zu Ihnen schickte?« fiel sie ihm ins Wort. »Um Sie aufzumuntern. – Ich wußte, er würde Ihnen nur Gutes von mir erzählen.« In diesem Augenblick hatte Morener so etwas wie eine Gemütsbewegung. Aber es war wohl mehr Eigenliebe als ein gutes Gefühl, als er jetzt den Arm um Hedda legte und mit veränderter Stimme beinahe zärtlich fragte: »Dann hast du es dir wohl gar gewünscht, meine Frau zu werden?« Hedda lächelte verschmitzt, legte kokett den Kopf an seine Schulter, sah zu ihm auf und erwiderte zärtlich: »Ich habe damit gerechnet.« – Im selben Augenblick sagte Heinz Reichenbach laut: »Schach dem König!« und setzte seinen Gegner matt. »Das klingt ja wie bestellt!« meinte Heinrich Morener und sah verdutzt nach der Ecke, in der die beiden spielten. »Schon wieder abergläubisch?« fragte Hedda und rief dann zu dem Tisch hinüber: »Wir haben unsere Rollen vertauscht, Herr Reichenbach. Sie haben mit dem Verstand gesiegt – bei uns hat das Herz entschieden,« – sie wies dabei auf Heinrich Morener, dessen Hand sie nahm und sagte: »Wir haben uns soeben verlobt.« Die beiden jungen Leute sprangen auf. Reichenbach, dem es unerwartet kam, blieb beherrscht. Er trat an Hedda heran, verbeugte sich und wünschte Glück. Er reichte erst ihr, dann Morener die Hand. Und Karl, dem diese Augenblicke Zeit ließen, sich zu sammeln, sagte scherzend: »Also auch die Partie verloren.« »Ich freue mich, daß du es nicht tragisch nimmst,« erwiderte Morener – »und werde dir das nächste Spielgewinnen helfen, indem ich dein Gehalt verdoppele.« Er läßt mich meine Abhängigkeit fühlen, dachte Karl und dankte lächelnd. Aber Hedda trat an ihn heran, legte die Hand auf seine Schulter und sagte: »Sie sehen, Karl, daß ich Ihnen auch als Tante nützlich sein kann.« Morener trug dem Diener auf, Champagner zu bringen – und als Heinz Reichenbach sagte: »Ich störe vielleicht bei dieser Familienfeier« – und sich zurückziehen wollte, rief Morener ihm zu: »Was soll das heißen? Sie gehören zur Familie! – genau wie mein Neffe!« – Er erhob sein Glas. – »Die Familien von Nedlitz, Reichenbach und Morener gehören zusammen! Jeder für sich hat zwar eine Bedeutung – aber erst zusammen sind sie eine Macht und ein Programm: Sie sollen leben!« »Hoch! – noch einmal hoch! – und zum dritten Male hoch!!« riefen alle. – Eine Viertelstunde später fuhren zwei Automobile von Schloß Reichenbach über Brandenburg nach Berlin. In dem einen saß Baroneß Nedlitz mit Heinrich Morener. Sie nahm den Verlobungskuß, den ihr Morener mehr feierlich als zärtlich nun doch auf die Lippen drückte, wie etwas Notwendiges entgegen, lehnte den Kopf an seine Schulter, sagte: »Ich bin sehr müde – darf ich?« und schloß die Augen. Dreißig Meter zurück am Steuer des offenen Sportwagens saß, wie auf der Hinfahrt, Karl Morener. Aber auf dem Sitz daneben, von dem noch ein Duft von Puder und Parfüm aufstieg, saß jetzt Heinz Reichenbach. Er wies auf das geschlossene Auto, das vor ihnen fuhr und fragte: »Glaubst du, daß die beiden glücklich werden?« »Darauf kann ich dir vielleicht in zwei Jahren einmal Antwort geben,« erwiderte Karl. Zweiter Teil 1. Zwei Jahre war es her, daß aus Hedda Baroneß von Nedlitz-Tornau-Neukirch eine Frau Bankdirektor Hedda Morener geworden war. Eine mustergültige Ehe, deren äußere Erscheinungsform einmal die Hebung des gesellschaftlichen Niveaus auf Schloß Reichenbach, in dem jetzt der Adel dominierte, des weiteren aber die veränderte Lebensweise Moreners war, den man nun jeden Morgen um sieben Uhr neben seiner Gattin auf dem Hippodrom zu Pferde sah, bartlos und in einer Haltung, als ob er auf dem Rücken eines Pferdes zur Welt gekommen wäre. – Mit diesen Worten schmeichelte ihm Hedda – und wenn das vielleicht auch übertrieben war, so mußten selbst die, die ihm sein Glück nicht gönnten, zugeben, daß er den Eindruck eines um zehn Jahre Verjüngten machte. Ja, Frau Hedda mußte es sich gefallen lassen, daß man sie in den Salons den weiblichen Voronoff nannte. Aber so sehr sich alte und weniger alte Herren um die Gunst bemühten, von Frau Hedda in das Geheimnis der Verjüngung eingeweiht zu werden – sie blieb allen Annäherungsversuchen gegenüber unnahbar. Auch nachmittags auf dem Golfplatz in Westend sah man die beiden täglich zusammen. Und wenn Morener auch häufig durch Konferenzen vom Spiel abgehalten wurde, so verging doch kein Nachmittag, an dem er nicht wenigstens auf eine halbe Stunde auf dem Golfplatz erschien. – Das Leben auf Schloß Reichenbach war völlig verändert. Nicht nur im Vergleich zu den vier Jahren, in denen Morener hier Herr war. Auch alles, was an den hundertfünfzigjährigen Besitz der Reichenbachs erinnerte, fiel dem Ehrgeiz Heddas zum Opfer, das Schloß ihrer Väter hier neu erstehen zu lassen. Etwas stillos. Denn, während sie einen Teil des Schlosses in eine Art Burg mit alten Rüstungen, Waffen und Ahnenbildern verwandelte, die teilweise kaum noch erkennen ließen, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Nedlitz handelte, stattete sie die Schlaf- und Gesellschaftsräume völlig modern aus. Morener ließ sie gewähren. Nur, als die Reichenbachschen Bilder denen der Nedlitz Platz machen sollten, hatte er moralische und wohl auch geschäftliche Bedenken. Denn der Wunsch und Wille, als der natürliche Erbe der Reichenbachs zu gelten, beherrschte ihn so stark, daß er diesen Bildern gegenüber eine gewisse Pietät empfand und den Wiederaufstieg des Bankhauses Gebrüder Reichenbach \& Co. teilweise auf diese Kontinuität – wie er es nannte – zurückführte. Aber es gab Dinge, wie eben diese, in denen die sonst so nachgiebige Frau Hedda ihren Willen durchsetzte. »Pah!« sagte sie, »was sind deine hundertfünfzig Jahre im Vergleich zu den achthundert Jahren der Nedlitz, die mit dem Markgrafen von Hessen zusammen Jagd auf Menschen gemacht haben.« So wohl es Heinrich Morener tat, daß sie ihm die hundertfünfzig Reichenbachschen Jahre anrechnete – was wohl klug berechnet von ihr war –, so schwer trafen ihn die Worte: »Jagd auf Menschen machten«. – Gerade das hatte man dem Großspekulanten Morener früher nachgesagt: daß er über Leichen gehe und Jagd auf Menschen mache. – Diesem übertriebenen Geschwätz von Leuten, die weniger klug und erfolgreich waren als er, verdankte er seinen schlechten Namen, für dessen Besserung ihm kein Opfer zu groß war. Und nun kam seine Frau und sagte ihm, daß der achthundertjährige Ruhm in ihrer Familie seinen Höhepunkt in dieser Jagd auf Menschen habe. War das für ihn eine Entlastung oder trieb das Schicksal ein Spiel mit ihm, indem es seinen schlechten Ruf auf diese Art verewigen wollte? Diese Gedanken beschäftigten ihn so stark, daß er seinen Widerstand aufgab und die Bilder mit einem Schreiben an Frau Kommerzienrat Reichenbach sandte, in dem er seiner Freude Ausdruck gab, durch notwendig gewordene Veränderungen nunmehr in der Lage zu sein, den Wunsch ihres verstorbenen Gatten zu erfüllen. – Frau Reichenbach, die sofort die Zusammenhänge erkannte, erwiderte: »Welches auch immer die Gründe für die Überlassung der Gemälde sein mögen – meiner Tochter und mir haben Sie damit die erste frohe Stunde seit dem Tode meines Mannes bereitet. Wenn die Wände in meiner jetzigen Wohnung auch nicht ausreichen, um die Bilder unterzubringen, so macht uns doch das Gefühl glücklich, sie bei uns zu haben.« Aber kaum waren die Bilder fort, da bereute Morener auch schon seinen Entschluß und machte Frau Hedda Vorwürfe. »Daß du mich dazu veranlaßt hast,« sagte er, »zeigt, wie wenig du mich kennst. – Du sollst aber endlich wissen, wie es in mir aussieht – selbst auf die Gefahr hin, daß du mich auslachst.« »Ich lache dich nicht aus, aber ich begreife nicht, wie man sich die Wände mit den Porträts einer Familie behängen kann, die einem völlig fremd ist.« »Die Reichenbachs sind für mich mehr als nur eine Familie.« »Was soll denn das heißen?« »Sie sind ein Begriff – und wer wie ich diesen Begriff nach außen hin sichtbar repräsentiert, ist eben ein Reichenbach.« »Auch, wenn er Morener heißt?« »Auch dann.« »Das begreife ich nicht.« »Wenn ich heute Papst würde, hörte ich dann nicht auf, Morener zu sein? Wäre ich dann nicht der natürliche Nachfolger all derer, die vor mir Papst waren? – Die Reichenbachs – das ist für die Bankwelt genau so ein Begriff, wie für die katholische Welt der Papst. – Alles, was über hundert Jahre lang den Reichenbachs gehörte, gehört heute mir, ihr Einfluß, ihre Macht ist auf mich übergegangen. Wenn es mir gelingt, ihr Ansehen zu erringen, dann bin ich ihnen ähnlicher als allen Moreners, die je gelebt haben. Der Unterschied zwischen dem Heinrich Morener von vor zehn Jahren und dem von heute ist jetzt schon größer als zwischen einem Reichenbach und mir. Es gehört nur der Glaube und ein starker Wille dazu – und Morener und Reichenbach sind ein und derselbe Begriff.« »Heinrich, ich bitte dich, rede dich nicht in diese krankhafte Vorstellung hinein!« »Statt mir zu helfen, erschwerst du es mir.« »Du hast alles erreicht, was du erreichen konntest. Sei damit zufrieden, statt nach Unmöglichem zu streben.« »Für einen Willen wie meinen gibt es nichts, was nicht erreichbar wäre. Ist aus einem Bohlen-Hallbach nicht ein Krupp geworden? Warum soll aus einem sehr viel stärkeren Morener nicht ein Reichenbach werden?« »Dann hättest du eine Reichenbach heiraten sollen. Mit der nächsten Generation hätte sich dann dein Wunsch erfüllt – daß Morener gleich Reichenbach wäre.« »Es muß auch anders gehen.« »Es geht nicht! Gib es auf! Du machst dich krank!« »Ich zwinge es – und schrecke vor nichts zurück. – Laß mich nicht allein in diesem Kampf! Ich habe das Gefühl, als wenn du mir helfen könntest.« »Ich? – Ja, was könnte ich tun? Selbst wenn ich dir Kinder schenkte! Mit einem Nedlitz ist dir nicht gedient – obschon das Geschlecht genau so berühmt und sehr viel älter ist.« »Es muß ein Reichenbach sein!« »Verwirr mich nicht! Zieh mich nicht mit hinein in deine Ideen. Es genügt, wenn einer daran zugrunde geht.« »Du weißt nun, Hedda, wie es um mich steht,« sagte Morener resigniert. »Ich werde von nun an nie mehr mit dir davon sprechen.« – Am selben Abend noch besuchte Frau Hedda ihre alte Tante, die Gräfin Amalie Wahl-Reuth. Die empfing sie mit den Worten: »Mein armes Kind!« Und als Frau Hedda fragte: »Sieht man es mir an? Sehe ich sehr unglücklich aus?« erwiderte sie. »Nein! – Aber, wenn du dich deiner alten Tante erinnerst, dann mußt du schon arg in Bedrängnis sein.« Frau Hedda widersprach und überlegte, ob sie überhaupt etwas sagen sollte. Aber Tante Amalie zog sie zu sich auf die Chaiselongue, legte den Arm um sie und sagte: »So, mein gutes Kind – und nun beichte! Mit wem hast du deinen gräßlichen Mann betrogen?« »Ich find ihn gar nicht gräßlich.« »Damit hast du es halb schon wieder gutgemacht.« »Ich habe auch nichts gutzumachen.« »Also betrügt er dich?« »Als wenn es gar nichts anderes gäbe! Eine Ehe ist eben viel komplizierter als du glaubst.« – Und nun erzählte sie ihrer Tante von Heinrich Moreners fixer Idee und von der Unterhaltung, die sie am Vormittag mit ihm gehabt hatte. Tante Amalie hörte gespannt zu und sagte: »Du hast recht! So verrückt war man zu meiner Zeit nicht.« – Dann dachte sie nach und wiederholte halblaut: »Mit einem Nedlitz ist ihm nicht gedient – es muß ein Reichenbach sein.« – Jetzt sah sie ihrer Nichte ins Gesicht und sagte laut: »Na also!« »Du verstehst das?« »Tu ihm seinen Willen – wenn du ihn damit von seiner fixen Idee befreist.« »Was soll ich tun?« »Zunächst einmal dich für altes chinesisches Porzellan interessieren.« »Was?« »Damit hast du ihn schon halb gewonnen.« »Wen?« »Heinz Reichenbach. – Seine Sammlung soll eine der besten in Europa sein.« »Was hat denn das alte Porzellan Heinz Reichenbachs mit der fixen Idee meines Mannes zu tun?« »Mit einer chinesischen Porzellanfigur ist ihm freilich nicht gedient. Es müßte schon eine Puppe sein, die lebt.« »Du meinst . . .? – Jetzt verstehe ich! – Das ist ja ein toller Gedanke!« »Eine fixe Idee heilt man mit einer noch fixeren.« »Ist das dein Ernst?« »Er wünscht sich einen Morener, der ein Reichenbach ist. Erfüll ihm den Wunsch.« »Du tust, als ob es sich um ein Geschenk handelt, das man in einem x-beliebigen Laden kaufen kann.« »O nein! die Echtheit müßte in diesem Falle schon verbürgt sein.« »Du mutest mir viel zu.« »Du fragst mich um Rat – und ich gebe ihn dir – den einzigen, der in diesem Falle Erfolg verspricht.« »Das bringe ich nicht über mich.« »Dann wirst du es zu verantworten haben, wenn dein Mann über kurz oder lang in eine Anstalt kommt.« »Man kann von mir doch nicht verlangen,« erwiderte Frau Hedda in gereiztem Ton – »daß ich meinem Mann zuliebe . . .« – Tante Amalie lächelte und Frau Hedda fuhr fort: »das ist ja grotesk.« »Wenn du einen anderen Ausweg weißt, – bitte! Ich weiß keinen.« Frau Hedda dachte nach und sagte plötzlich: »Selbst wenn ich – was ich für ausgeschlossen halte – meinem Manne dies Opfer brächte, wer sagt mir denn, daß Heinz Reichenbach darauf einginge?« »Du schätzt dich aber tief ein.« »Je höher er mich schätzt, um so bestimmter wird er es ablehnen, etwas Derartiges aus Gefälligkeit zu tun.« »Du wirst ihm doch nicht den Grund nennen!« rief Tante Amalie entsetzt. »Ich muß ihm doch irgend etwas sagen,« erwiderte Frau Hedda. »Nicht ein Wort mehr, als daß du dich für chinesisches Porzellan interessierst. Für eine Frau, die aussieht wie du, genügt das vollkommen. – Alles andere überlaß ihm.« Und als Frau Hedda noch weiterhin Bedenken äußerte, sagte sie: »Wie du dich in der kurzen Zeit deiner Ehe gewandelt hast! – Aus der feschen Baroneß Nedlitz – ist eine richtige kleine Bürgersfrau geworden. Daß du je so verspießern würdest, hätte ich nicht für möglich gehalten.« Frau Hedda widersprach. »Ich bin dieselbe geblieben. Und wenn es darauf ankommt, Mut zu zeigen oder meinen Willen durchzusetzen, so gibt es für mich auch heute noch nichts, wovor ich zurückschrecke.« »Nun also!« »Aber aus der Liebe einen Zweck zu machen . . .« »Liebe! Zweck! was sind das für Worte? – Du belügst dich ja selbst.« »Wie kannst du das sagen?« »Hast du diesen gräßlichen Morener etwa aus Liebe geheiratet?« »Ich habe ihn, als er mich bat, seine Frau zu werden, über meine Gefühle nicht im unklaren gelassen.« »Das berechtigt dich nicht, ihn jetzt im Stich zu lassen, wo es dich so wenig Mühe kostet, ihn zu retten.« »Du hast recht,« erwiderte Frau Hedda. »Wenn du wüßtest, wie mir bei dem Gedanken zumute ist.« »Jede andere Frau würde sich ein Vergnügen daraus machen.« »Ich bitte dich, Tante, zieh es nicht ins Lächerliche.« »Ob es für dich ein Opfer oder ein Vergnügen ist, bleibt sich völlig gleich.« »Wenn es nicht gerade Reichenbach wäre – vielleicht, daß es mir dann leichter fiele.« »Ist er dir so unsympathisch?« »Im Gegenteil! Ich wünschte, er wäre mir gleichgültiger.« »Schalte dein Gefühl aus, Hedda! und tue deine Pflicht!« »Ich will es versuchen,« versprach Hedda und ging. Und als sie nach ein paar Wochen wieder zu ihrer Tante kam, machte sie einen recht niedergeschlagenen Eindruck. Der Alten lag es auf der Zunge zu fragen: na, wie war es? – Sie war aber klug genug unbefangen zu tun, und sie wie stets mit den Worten zu begrüßen: »Wie nett, daß du an deine alte Tante denkst!« – Dann zog sie sie zu sich auf die Chaiselongue, legte den Arm um sie und sagte: »Mein armes Kind!« »Warum bedauerst du mich?« fragte Frau Hedda. »Wenn du keine Sorgen hättest, würdest du gewiß nicht zu mir kommen,« erwiderte die Alte. Frau Hedda stöhnte und sagte: »Ach Tante! – Wenn du wüßtest!« »Ich kann mir denken, mein armes Kind! Verheiratet zu sein und einen kranken Mann zu haben, das ist eine Last.« »Ich habe mir wirklich Mühe gegeben,« beteuerte Hedda. »Ich weiß, du warst immer ein gutes Kind!« »Ich bin ja kein Kind mehr, Tante.« »In meinen Augen wirst du es immer sein.« »Du hattest mir einen Rat gegeben.« »Ich – dir?« »Um meinen Mann von seiner fixen Idee zu heilen.« »Ach damals! – Ich erinnere mich. – Reden wir nicht davon. Das ist doch längst in Ordnung.« »Eben nicht.« »Wie?« fragte die Tante erstaunt. »Es geht deinem Mann nicht besser?« »Es wird alle Tage schlimmer mit ihm. – Er hat des Nachts Angstzustände und redet sich ein, Reichenbach zu sein.« »Und die Medizin – die wir ihm verordnet hatten?« »Das ist es ja, Tante! – Ich kann nicht!« »Du hast es versucht?« »Ich kenne mich mit chinesischem Porzellan besser aus als im Gotha – mich hat geradezu eine Leidenschaft gepackt, alte Porzellane zu sammeln . . .« »Ja – und? Bist du – ihm damit nicht näher gekommen?« »Viel näher, Tante! Er hat mir das schönste Stück seiner Sammlung, von dem er sich nie zu trennen gedachte, eine kostbare Kuanyin aus weißem Jade geschenkt.« »Dann ist doch alles in Ordnung, Kind!« »Ich . . . ich . . . hatte ihn . . . so weit, daß er eines Abends, als mein Mann in Hamburg war . . .« »Dieser gräßliche Mann!« »Er aß bei mir – und brachte mir die Kuanyin – wir waren uns schon ganz nahe gekommen – rein menschlich, meine ich.« »Ich verstehe, mein Kind.« »Nein, du verstehst mich nicht – denn als er meine Hand nahm und zu mir sagte: und nun wollen wir einen würdigen Platz für die chinesische Göttin suchen . . .« »So! so! eine Göttin ist das, diese Kuanyin!« ». . . da führte ich ihn in mein Schlafzimmer . . .« »Das war recht, Kind! Das warst du deinem Manne schuldig.« ». . . und war froh.« Die Alte lächelte, streichelte Heddas Hand und sagte: »Und er war auch froh.« »Er nahm meinen Kopf zwischen seine Hände, sah mir in die Augen und sagte: Glaubst du nun, daß es Schicksal ist?« »Etwas jung,« meinte die Tante. »Da kam mir plötzlich zum Bewußtsein, daß es in Wirklichkeit ja Komödie war – daß ich ihn belog und betrog – und da sagte ich ihm die Wahrheit.« »Was ihn hoffentlich nicht abgehalten hat, dir seine Liebe zu beweisen.« »Er sagte: Das glaube ich dir nicht.« »Das war sehr klug von ihm.« »Aber ich bewies es ihm.« »Hast du ihm etwa erzählt, daß ich dir den Rat gegeben habe?« »Alles! Ich konnte ihn nicht belügen.« »Was hat er von mir gesagt? Hat er mich beschimpft?« »Er ist dir dankbar. Denn daraus, daß ich ihm im letzten Augenblick die Wahrheit sagte, erkannte er . . .« »Ich kann mir denken,« fiel sie ihr ins Wort. »Aber vor lauter Anstand und Gewissen hast du vergessen, daß die Krankheit deines Mannes eine Tat verlangt – und daß ihm mit platonischen Mitteln nicht geholfen ist.« »Das ist es ja, was mich bedrückt und weswegen ich zu dir kam.« »Und was steht jetzt im Wege, wo ihr euch menschlich doch so nahe gekommen seid?« »Ich will ihn nie wieder sehen – so schäme ich mich vor ihm.« »Du bist eine Egoistin, mein Kind.« »Möglich, daß ich das bin. – Aber, was soll nun geschehen?« »Reise in ein Bad! Führ eine Komödie auf.« »Was für eine Komödie?« »Adoptiere ein Kind – und sage deinem gräßlichen Manne, es sei ein Reichenbach.« »Ein fremdes Kind?« »Er muß natürlich glauben, daß es dein Kind ist.« »Ich soll ihn belügen?« »Wenn du ihn damit vor dem Irrenhaus bewahrst.« »Ja . . . dann kann . . . ich ihm doch einfach sagen, daß nicht er der Vater des Kindes ist, das ich erwarte – sondern Reichenbach.« Die alte Gräfin sperrte den Mund weit auf. »Du . . . erwartest . . . ein Kind?« fragte sie entgeistert. »Von deinem Manne?« »Mit ziemlicher Sicherheit.« »Und das sagst du mir erst jetzt? – Dann hättest du dich doch gar nicht mit dem chinesischen Porzellan zu quälen brauchen. Wenn sein Zustand sich nicht bessert oder gar verschlimmert – und das Kind ist da, dann zeigst du es ihm und sagst: dein Wunsch ist erfüllt! Der Vater dieses Kindes, das deinen Namen trägt, ist Reichenbach. – Dann wird er dich entweder erschlagen oder gesund sein.« »Ich bin so zermürbt und mit meinen Gefühlen so durcheinander,« erwiderte Frau Hedda, »daß mir das erste beinahe schon lieber wäre.« »Versündige dich nicht!« schalt die Tante. »Du hast nun mal diesen gräßlichen Menschen geheiratet, der dreißig Jahre älter ist als du . . .« »Zwanzig,« verbesserte Frau Hedda. »Das macht keinen Unterschied. Jedenfalls bist du seine Frau und hast Pflichten ihm gegenüber. Je gewissenhafter du sie erfüllst, um so mehr Freiheiten kannst du dir erlauben.« »Was meinst du damit, Tante?« »Laß deinen Mann noch ein paar Jahre älter sein – und du wirst nicht mehr fragen, Kind.« »Ich weiß, was ich meinem Manne schuldig bin,« widersprach Frau Hedda – und die alte Tante erwiderte: »Das sagt jede Frau – solange der Mann ihr nichts schuldig bleibt.« 2. Tatsächlich verschlimmerte sich Heinrich Moreners Zustand mit beängstigender Schnelle. Das lag zum Teil auch daran, daß er dies Doppelleben auf die Dauer nicht ertrug. Die gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ihn oft drei- bis viermal in der Woche zwangen, bis in den frühen Morgen wach zu bleiben, die wenigen Stunden, die er tagsüber, aus Bedürfnis und wohl auch aus Klugheit, seiner Frau schenkte, zwangen ihn zu immer intensiverer Arbeit im Bureau. Seine Willenskraft und Fähigkeit, sich zu konzentrieren, machten ein paar Monate lang diese Lebensführung möglich. Aber dann kamen Stunden, in denen das Denkvermögen plötzlich aussetzte. Bis in die kleinsten Details fertige Pläne waren wie weggewischt. Auch mit körperlichen Schwächezuständen waren diese Erscheinungen, die er vor seiner Frau geheimzuhalten suchte, verbunden. Das führte dahin, daß er sich in ständiger Angst, sein Gedächtnis zu verlieren, überall – beim Reiten, auf den Abendgesellschaften, des Nachts, wenn er wach lag – examierte, um festzustellen, ob er die Geschäfte, die hinter ihm lagen oder deren Abschluß bevorstand, auch noch im Kopfe habe. Das zermürbte ihn vollends. Und eines Morgens fand man ihn völlig apathisch und erschöpft in seinem Bette auf, ohne daß er den Willen oder die Kraft fand, sich zu erheben oder sich auch nur über sein Befinden zu äußern. Die Ärzte veranlaßten seine sofortige Überführung in ein Sanatorium, wo man nach eingehender Untersuchung, die er völlig teilnahmlos über sich ergehen ließ, erklärte: völlige Nervenerschöpfung, stark angegriffenes Herz – die Behandlung erfordert für die nächsten Monate unbedingte Ruhe. Infolgedessen kann der Patient weder seine Gattin, noch sonst jemanden empfangen. Die voraussichtliche Heilung, über deren Zeitpunkt nichts gesagt werden kann, hat zur Voraussetzung, daß jede Erregung von dem Kranken ferngehalten wird. Frau Hedda hatte trotz Widerspruchs der Ärzte der Überführung beigewohnt und stundenlang in einem Vorraum des Sanatoriums auf den ärztlichen Befund gewartet. Als der leitende Arzt ihr jetzt das Resultat mitteilte, erwiderte sie: »Das sind ja Redensarten!« »Erlauben Sie!« widersprach gekränkt der Arzt. »Daß seine Nerven erschöpft sind, weiß ich auch ohne Sie. Und wie lange er Ruhe braucht, und was als Ruhe für ihn in Betracht kommt, kann ich besser beurteilen als die Ärzte.« »Dann bitte ich Sie, Ihren Gatten wieder mitzunehmen.« »Nein! Ich habe ihn hierhergebracht, weil er natürlich nur zur Ruhe kommen kann, wenn er aus seiner bisherigen Umgebung heraus ist. In einem Sanatorium ist er daher relativ schon am besten aufgehoben. Ob dies oder ein anderes bleibt sich gleich.« »Dann verstehe ich nicht, was Sie wollen, gnädige Frau.« »Ich will wissen, ob Sie sein Blut untersucht haben.« »Noch nicht – aber wir werden es selbstverständlich tun.« »Das allein interessiert mich. Ob Paranoia oder nicht.« »Sie vermuten?« »Ich habe keinerlei Anhaltspunkte – aber ich erwarte ein Kind.« »Die Wissenschaft ist so weit vorgeschritten, daß . . .« »Danke! – Ich bringe kein Kind zur Welt, um es nach der Geburt den Ärzten auszuliefern. Wann also?« »Ihre Mitteilung nötigt mich als Arzt, zunächst eine Frage an Sie zu richten.« »Bitte.« »Uns ist klar, daß Ihr Gatte irgendeinen Schreck oder eine Enttäuschung erlebt haben muß. Eine geschäftliche Ursache hierfür liegt nach Angabe des Prokuristen Reichenbach nicht vor. Wir haben die Ursache also innerhalb der Familie zu suchen.« »Bitte, suchen Sie –! Ich weiß nichts davon.« »Die Ursache finden, heißt den Herd der Krankheit finden – und das wiederum ist die Voraussetzung für eine erfolgversprechende Behandlung.« »Sie sagen mir auch damit nichts Neues.« »Dies Neue, gnädige Frau, erführe ich gern von Ihnen.« »Was wollen Sie wissen?« »Ob vielleicht dies Kind, das Sie erwarten . . .« »Warum reden Sie nicht?« »Sie sind eine junge und schöne Frau.« »Ich verbitte mir solche Reden!« »Es ist meine ärztliche Pflicht und die Sorge um Ihren Gatten, die mich zu dieser Indiskretion zwingt.« »Reden Sie endlich!« drängte Hedda. »Hatten Sie dieses Kindes wegen einen Auftritt mit Ihrem Gatten?« »Mein Mann weiß nichts – von diesem Kinde. – Genügt Ihnen das?« »Sie haben es ihm verheimlicht? Aus welchem Grunde?« »Um ihn zu überraschen.« Der Arzt machte ein ungläubiges Gesicht, und Frau Hedda fuhr fort: »Da er es nicht weiß, kann es also auch nicht der Grund für seine Krankheit sein.« »Vielleicht irren Sie sich – und er weiß es doch, wenn auch nicht durch Sie.« »Ich muß zu ihm!« drängte Hedda bestürzt. »Das ist nicht möglich!« »Es macht ihn vielleicht gesund.« »Er wird Ihnen nicht glauben.« Hedda starrte den Arzt an und fragte: »Was . . . wird . . . er mir . . . nicht glauben?« »Wie wollen Sie ihm beweisen, daß es sein Kind ist?« »Ja, das will ich ja gar nicht. Ich will es ihm ausreden – und ihn belügen.« »Gnädige Frau! Ich bin ernstlich besorgt. Sie reden da Dinge . . .« »Die Sie nicht verstehen. Das glaube ich gern.« »Sie sehen doch, ich bin Ihrem Geheimnis und damit der Ursache seines Zusammenbruchs auf die Spur gekommen.« »Das reden Sie sich ein. Aber ich wiederhole Ihnen, mein Mann weiß von nichts. Und wenn Ihnen sein Leben lieb ist, schweigen Sie. Er darf es von keinem andern als von mir erfahren.« Aber der leitende Arzt schüttelte nur lächelnd den Kopf und sagte: »Wenn es Sie beruhigt, verspreche ich es Ihnen. Für die nächsten Wochen ist es sowieso ausgeschlossen, von etwas anderem als absolut gleichgültigen Dingen mit ihm zu sprechen.« Hedda verabschiedete sich mit den Worten: »Und Sie vergessen nicht, mir wegen der Blutuntersuchung Bescheid zu geben.« »Noch heute im Verlauf des Tages,« erwiderte der leitende Arzt, »da Sie so großen Wert darauf legen.« Hedda Morener fuhr nach Hause, gab den Befehl, daß sie für niemanden – auch telephonisch – als für den leitenden Arzt des Sanatoriums zu sprechen sei, ging in ihr Zimmer, schloß sich ein, setzte sich an den Apparat – und wartete. Nach drei Stunden meldete sich der Arzt. »Ja . . . und?« rief Frau Hedda – heiser vor Erregung. »Der Befund ist negativ,« meldete der Arzt und hörte deutlich, wie Frau Hedda tief aufatmete und den Hörer fallen ließ. Daß sie zufrieden lächelte und die Hände auf den Leib preßte, sah er nicht. 3. Frau Hedda hatte es während der zwei Jahre ihrer Ehe nach Möglichkeit vermieden, mit Karl Morener ohne Dritte zusammenzutreffen. Um so mehr, als Karl Morener jede Gelegenheit, die sich dank Heddas Vorsicht aber selten bot, benutzte, um ihr zu sagen, daß er das Leben ohne sie nicht ertragen könne. Sie hatte ihm dann regelmäßig erwidert: »Mach dich und mich nicht unglücklich.« – Daraus folgerte Karl, daß auch er ihr zum mindesten nicht gleichgültig geworden war – obschon er sich immer wieder sagte, daß ihre Beziehungen auch vor Heddas Ehe über einen freundschaftlichen Charakter niemals hinausgekommen waren. Warum also versuchte sie dann mit allen Mitteln diesen einwandfreien Verkehr nun, wo sie – es klang ihm wie Hohn – seine Tante geworden war, zu unterbinden? Aus keinem anderen Grunde, folgerte er, als aus Furcht, daß sie sich vergessen und ihre Gefühle nicht beherrschen könnte. Ihrer Liebe sicher, vertiefte er sich immer mehr in das Gefühl heimlicher Gemeinsamkeit und sah in jeder Geste und jedem Versuch Heddas, ein Zusammentreffen mit ihm zu vermeiden, einen Beweis ihrer furchtsamen Zuneigung. Ja, als sie ihm eines Abends auf einer Gesellschaft zwanglos in den Salon folgte, wo es sich besser tanzen ließ als in dem vollen Tanzsaal, glaubte er, daß sie sich freier fühlte und war froh, als sie nach wenigen Augenblicken sagte: »Komm, tanz in den Saal, was sollen die Leute denken?« Als Karl jetzt von dem Zusammenbruch seines Onkels erfuhr, war sein erster Gedanke: Der Weg ist frei! – Er machte sofort Versuche, sich mit Frau Hedda in Verbindung zu setzen. Den Bescheid, daß sie für niemanden zu sprechen sei, ließ er für sich nicht gelten. Nicht, weil er Moreners Neffe und somit der einzige Blutsverwandte war, vielmehr aus dem Gefühl heraus, daß auch sie – sie mochte von Moreners Krankheit noch so ergriffen sein – jetzt den Wunsch haben mußte, ihn zu sehen. Als die Zofe schließlich seinem Drängen nachgab und Frau Hedda meldete: »Herr Karl Morener läßt sich nicht abweisen,« erwiderte sie: »Sagen Sie ihm, daß ich ihn um zehn Uhr heute abend erwarte.« Als Karl um zehn Uhr voller Erwartung den Salon betrat, war er mehr als erstaunt, Frau Hedda nicht allein zu finden. Außer der alten Gräfin Wahl-Reuth, ihrer alten, aber altmodischen Tante, saßen Heinz Reichenbach, der Gutsverwalter und zwei Abteilungsdirektoren der Firma um einen runden Tisch herum, auf dem eine Reihe von Büchern und Papieren lagen. »Behalten Sie Platz, meine Herren!« sagte Frau Hedda, als Karl auf sie zuging, sich verbeugte und ihr die Hand küßte. Und zu Karl gewandt fuhr sie fort: »Du findest uns mitten in der Arbeit.« Sie bot ihm den leeren Stuhl neben sich an und fuhr fort, als Karl sich gesetzt hatte: »Mein Mann hat mir durch diese notarielle Urkunde« – sie entfaltete ein Schriftstück und legte es auf die Mitte des Tisches, so daß alle es sehen konnten – »Generalvollmacht für den Fall erteilt, daß er durch Krankheit vorübergehend an der Ausübung der Geschäfte verhindert sein sollte. Sie werden sich über diese ungewöhnliche Fürsorge eines Fünfzigers von der Schaffenskraft meines Mannes wundern. Sie ist schon wenige Monate nach Eingehung unserer Ehe erfolgt – und zwar auf meine Veranlassung, da ich« – sie betonte die folgenden Worte – »diesen seelischen Zusammenbruch schon damals voraussah.« Auf die verdutzten, fragenden Blicke hin, mit denen man sie daraufhin ansah, führ sie mit der gleichen Ruhe und Bestimmtheit fort: »Mehr darüber zu sagen, ist mir nicht möglich. Es gehört im übrigen auch nicht zu dem, was wir hier zu erledigen haben. Es handelt sich in erster Linie um die Weitergabe dieser Vollmacht, da ich natürlich die Geschäfte meines Mannes allenfalls überwachen, aber nicht führen kann. Aus diesem Grunde habe ich« – sie wandte sich an die beiden Abteilungsdirektoren – »Sie, Herr Meßter, und Sie, Herr Urbach, zu dieser Unterredung gebeten. Sie sind seit über zwanzig Jahren in der Firma und werden daher am besten die Interessen von Reichenbach \& Co. wahrnehmen. Hier ist die von mir für Sie ausgestellte Vollmacht. Ich hoffe, Sie werden es nicht ablehnen, die Verantwortung auf sich zu nehmen.« Die Verblüffung über diese Entscheidung war womöglich noch größer als zuvor bei der geheimnisvollen Andeutung, daß sie den seelischen Zusammenbruch ihres Gatten schon lange vorausgesehen habe. Am stärksten getroffen fühlte sich Karl, der völlig verständnislos Frau Hedda ansah und kein Wort fand, um seiner Verblüffung Ausdruck zu geben. Der fünfundfünfzigjährige Abteilungsdirektor Meßter erhob sich, nachdem er sich durch Blicke mit seinem Kollegen Urbach verständigt hatte, und sagte: »Herr Urbach und ich sind gerührt von soviel Vertrauen. Aber wir meinen, daß es doch wohl den Herren Prokuristen zukäme,« er machte bei diesen Worten eine kurze Bewegung zu Karl Morener und Heinz Reichenbach hin, »die Firma während der hoffentlich nur kurzen Abwesenheit Ihres Gatten zu vertreten.« Der um wenige Jahre jüngere Urbach gab durch Nicken des Kopfes zu verstehen, daß dies durchaus auch seine Meinung sei. Aber Heinz Reichenbach sagte: »Ich bin überzeugt, daß Frau Morener für diese Entscheidung ihre Gründe hat und bitte die Herren daher, die Vollmachten anzunehmen.« Karl Morener hatte die Absicht, zu schweigen. Aber da jetzt aller Augen auf ihn gerichtet waren, so sagte er: »Ich möchte nicht, daß mein Freund Reichenbach durch mich eine Kränkung erfährt, die er nicht verdient.« »Was willst du damit sagen?« fragte Frau Hedda. »Du hältst mich nicht für vertrauenswürdig und schaltest, um mich zu schonen, auch Reichenbach aus.« »Ich glaube, du irrst dich,« widersprach Reichenbach. »Vielleicht ist es umgekehrt.« »Ich bitte dich, nach meinem Onkel bist du auf Grund deiner Tüchtigkeit doch der Berufene. Ich schlage vor, daß du zusammen mit einem der beiden Herren die Leitung übernimmst.« »Du verkennst die Situation, Karl,« erwiderte Frau Hedda. »Wir sind hier nicht zusammengekommen, um deine Vorschläge, sondern um meine Entscheidungen entgegenzunehmen.« »Dann sehe ich mich veranlaßt, meine Prokura niederzulegen.« »Das wäre nicht im Sinne meines Mannes.« »Dann gib mir eine Erklärung.« »Nach Erledigung des Geschäftlichen,« erwiderte Frau Hedda. Karl folgte kaum noch der Verhandlung, deren Ende er herbeisehnte. Als sich Frau Hedda schließlich erhob, atmete er auf. »Ich danke Ihnen, meine Herren!« sagte sie, »und ich hoffe, Sie haben an der Anwesenheit der Gräfin keinen Anstoß genommen. Aber unter soviel Herren als einzige Frau war mir doch unbehaglich.« – Sie gab jedem die Hand, nur Karl nicht, zu dem sie sagte: »Und nun zu uns! Du hast wohl nichts dagegen, wenn meine Tante auch dieser Unterredung beiwohnt?« Eine Antwort erwartete sie nicht, bat vielmehr die Gräfin und Karl in den kleinen Salon. Hier standen in einer Nische drei tiefe Sessel um ein rundes Tischchen herum, auf dem eine Schüssel mit Sandwichs, drei Gläser und eine Flasche alter Portwein standen. Wie hat sie das vorher wissen können? schoß es Karl durch den Kopf. Aber sie ließ ihm nicht Zeit, den Gedanken fortzuspinnen, sondern sagte völlig unvermittelt und mit einer Stimme, die durchaus nicht spöttisch klang: »Und nun kommt die große Aussprache.« »Unter diesen Umständen möchte ich mich,« erwiderte Karl zögernd und sah dabei die Gräfin an, »so schwer es mir fällt, auf das rein Geschäftliche beschränken.« »Da hast du's, Hedda!« rief die Gräfin Wahl-Reuth. »Ich habe dir gleich gesagt, der Herr Morener wird sich geniert fühlen.« »Vielleicht habe ich das bezweckt.« »Wir können das doch unmöglich unser Leben lang fortführen,« sagte Karl. »Was meinst du?« fragte Hedda. »Uns aus Furcht vor uns selbst aus dem Wege zu gehen.« »Du redest dir ein . . .?« »Ich wünsche es mir! – Und wenn ich mich irre – sage es mir nicht! Wenigstens nicht jetzt – wo ich in der bestimmten Erwartung zu dir kam, daß diese Quälerei jetzt endlich ein Ende haben soll.« »Und warum gerade jetzt – dachtest du?« »Weil . . .« Er zögerte und sagte dann: »Das weißt du doch so gut wie ich – mache es mir doch nicht so schwer!« »Du meinst, weil Heinrich Morener krank und nicht bei klarem Bewußtsein ist?« »Ja, das meine ich.« »Weil es also – vorausgesetzt, wir liebten uns – zur Zeit gefahrlos wäre?« »Das wäre es ganz gewiß.« »Also dein Leben würdest du für diese Liebe nicht aufs Spiel setzen?« Karl stutzte einen Augenblick – dann sagte er: »Jede Stunde! – wieso zweifelst du?« »Weil du zwei Jahre nicht den Mut gefunden hast – im selben Augenblick aber, wo du nichts zu fürchten brauchst, eine Entscheidung suchst.« »Du hattest mir den Weg versperrt.« »Sollte ich dir vielleicht ein heimliches Stelldichein geben?« Karl, der seit Jahren mit sich im Kampf um diese Frau lag, bald hoffte, bald verzweifelte, sah sich plötzlich vor die Entscheidung gestellt. Mühsam beherrscht, sagte er: »Dann hast du also erwartet, daß ich dich mit Gewalt hole?« »Der Versuch hätte jedenfalls mehr Eindruck auf mich gemacht als sanftes und stilles Sichbescheiden.« »Dann bin ich also ein Opfer der guten Manieren geworden,« sagte Karl und war verzweifelt. »Früher, da hätte ich nicht danach gefragt – da wäre ich bis ans Ende der Welt mit dir geflohen.« »Eine Weltreise ist eine teure Angelegenheit, Karl!« »Mach mich nicht rasend!« »Sei unbesorgt! Dich hat man gezähmt!« »Wenn ich mich zurückhielt, so geschah es mit Rücksicht auf dich.« »Diese Rücksicht warst du vor allem deinem Onkel schuldig.« »Wie meinst du das?« »Von dem Augenblick an, in dem ich die Frau Heinrich Moreners war, gab es für uns natürlich keine Möglichkeit mehr.« »Du sprichst von der Zeit vor deiner Ehe?« fragte Karl erstaunt. »Ja, was dachtest du?« Karl faßte sich an den Kopf und sagte: »Ich gebe zu – ich habe arg gelitten in diesen zwei Jahren – Tag und Nacht immer nur der eine Gedanke – da weiß man schließlich nicht mehr, was ist wahr und was hat man nur gedacht und geträumt – aber das Eine weiß ich trotz allem genau . . .« »Ja! ja!« unterbrach ihn Hedda. »Ich weiß, was du sagen willst.« »Wie kannst du das wissen?« »Daß ich es war, die dieser Ehe mit deinem Onkel das Wort geredet hat.« »Warum hast du das getan?« fragte Karl beinahe feierlich. »Vielleicht, um die Stärke deines Widerstandes zu erproben – der ja gleichzeitig ein Gradmesser für deine Liebe war.« »Und als ich zu meinem Onkel ging, um die Einwilligung für unsere Ehe zu erbitten – was hast du da gedacht?« »Daß du ihm viel Gutes von mir erzählen wirst.« »Das habe ich auch getan.« »Damit habe ich gerechnet – und mir gesagt: er wird nein sagen und dich zu bestimmen suchen, zu seinen Gunsten auf mich zu verzichten.« »Und dann?« »Dann, hoffte ich, würde es einen Kampf auf Leben und Tod um mich geben!« »Aus dem wer von uns beiden als der Sieger hervorgehen sollte?« »Der Stärkere!« Karl sah zur Erde und schwieg. »So hätte ein Nedlitz um mich gekämpft!« fuhr Hedda fort. »Aber der junge Herr Morener räumte aus Gründen der Zweckmäßigkeit das Feld. Er überließ die angeblich geliebte Frau dem alten Onkel, der, wie sich bald zeigte, nicht nur der Reichere und Stärkere war, sondern in seiner ganzen Art den Nedlitzens so sehr glich, daß es mir nicht schwer fiel, zu ihm aufzuschauen und ihn zu achten.« »Du liebst ihn wohl gar?« fragte Karl. »Darüber bin ich dir keine Rechenschaft schuldig Ein ganzer Kerl ist er jedenfalls. Und damit du es weißt: Nichts ist mir an einem Manne mehr zuwider als Halbheit. Lieber ein ganzer Verbrecher als ein halber Ehrenmann!« Das waren für Karl Peitschenhiebe. Das Schlimmste, daß er fühlte, sie verdient zu haben. Um so mehr, als alles, was sie sagte, dem Sinne nach auch seiner Natur entsprach. Die war durch den schnellen Aufstieg seines Onkels, der an ihm Vaterstelle versah, von Lehrern und Erziehern gewaltsam unterdrückt worden. »Was ist dir? Woran denkst du?« fragte Hedda. »Wenn man an die Kette gelegt wird,« erwiderte Karl, »wird man halt zahm. Aber nur in Gedanken – das ist das Schlimme. Der Verstand gehorcht, aber das Gefühl!« – Er stand auf, ballte wütend die Faust und schien im selben Augenblick wie verwandelt. »Was ist mit dem Gefühl?« fragte Hedda und trat dicht an ihn heran – als wenn sie ihn reizen wollte. »Ich kann mich nicht länger beherrschen!« rief Karl. »Ich will auch nicht! – Aber dir geht es genau so! Oder glaubst du, ich fühle es nicht, wie du dich quälst und belügst?« Er streckte die Arme nach ihr aus. Sie wollte zu ihrem Sessel zurück. Aber sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. »Du gehörst mir!« sagte er und nahm ihre Hand. »Und je mehr du gegen mich angehst, um so stärker fühle ich es.« Sie entzog ihm die Hand und sagte: »Geh!« »Du liebst mich!« »Nein!« »Dann will ich es dir beweisen!« – Er riß sie an sich. Sein Atem schlug ihr ins Gesicht. Ihr Widerstand schien gebrochen. Da, im letzten Augenblick, riß sie sich los, wankte ein paar Schritte zurück und rief: »Ich liebe dich nicht! Geh!« Dann stürzte sie laut schluchzend aus dem Zimmer. Karl stand, die Arme ausgebreitet, zitternd am ganzen Körper – und starrte ihr nach. Die alte Gräfin, die den Vorgang wie eine spannende Szene auf der Bühne mit der Lorgnette verfolgt hatte, trat an Karl heran, klopfte ihn auf die Schulter und sagte: »Nun, junger Herr, sind Sie noch nicht zufrieden?« Karl wandte sich zu ihr, wies zur Tür und fragte erstaunt: »Zufrieden? – wo sie fort ist? – und mir die Tür gewiesen hat?« Die Gräfin schüttelte den Kopf, ging zum Bücherregal, las die Buchrücken und sagte: »Das kommt davon, wenn man die Klassiker nicht kennt. Dann versteht man auch nicht, mit Frauen umzugehen.« – Sie nahm ein Buch heraus, schlug es auf, sagte: »Hören Sie!« – und las: »Sie fürchtet sich vor dem ersten Kuß, Weil sie dann immer dich küssen muß. Ist erst einmal die Glut entfacht – Wie soll sie sie stillen? Keine Macht Auf Himmel und Erden hält sie zurück, Sie stürzen hinein in das sündige Glück!« »Das ist zwar nur von einem halben Klassiker,« sagte die Gräfin – »und schön sind die Verse auch nicht. Aber es paßt auf meine Nichte, als wenn der gute, alte Richard Voß es speziell für euren Fall gedichtet hätte.« »Dann liebt sie mich also doch?« fragte Karl. »Lieben?« wiederholte die Gräfin und schüttelte den Kopf. Dann sagte sie: »Nein! aber sie ist eine Frau! eine leidenschaftliche Frau! – Verstehen Sie nun?« »Warum wehrt sie sich dann?« »Weil sie zugleich eine stolze Frau – und eine Frau mit Grundsätzen ist!« »Sie glauben also . . .?« »Ich halte es für möglich.« »Was?« »Daß Sie bei Ihrem zweiten Versuch mehr Glück haben werden. Nur dürfen Sie ihr dann nicht wieder so lange Zeit zum Philosophieren lassen, sondern müssen wie ein echter Nedlitz gleich zum Angriff schreiten.« Sie reichte ihm die Hand, und als er sie zum Munde führte, sagte sie lächelnd: »Und noch auf eins müssen Sie acht geben: daß die Tante Amalie nicht wieder dabei ist.« Als Karl ging, wußte er, daß es jetzt nur darauf ankam, zu handeln – schnell zu handeln. 4. Als Tante Amalie dem jungen Morener – wie sie es nannte – auf die Beine half, stand sie nicht etwa im Komplott mit Hedda. Ja, nicht einmal ihr stilles Einverständnis setzte sie voraus. Sie wußte im Gegenteil, daß es ihrer Nichte mit der Abwehr ernst war. Aber sie kannte auch deren Temperament. Das hatte Hedda von ihrer Mutter geerbt, die Tante Amalies Schwester gewesen war. Von dieser Schwester her wußte Tante Amalie, daß die Natur sich nicht zurückdrängen ließ. Die Mutter hatte es versucht. Aber sie war bei diesem Versuch, den die Tochter nun wiederholte, gescheitert. Die letzten Jahre ihres Lebens hatte sie in einem Sanatorium verbracht. In der krankhaften Vorstellung, eine Heilige zu sein. Ans diesem traurigen Erlebnis leitete Tante Amalie, die eine ebenso gute wie kluge Frau war, ab, daß es dem geistigen und körperlichen Wohlbefinden einer leidenschaftlichen jungen Frau zuträglicher sei, eine Heilige zu scheinen, als zu sein. Als sie von der Verlobung ihrer jungen Nichte mit dem um dreißig Jahre älteren Millionär Heinrich Morener erfuhr, war ihr erster Gedanke: ein Ersatzmann! Diesen obszönen Gedanken sprach sie nicht etwa aus, wehrte ihn, als sie sich dabei ertappte, wie etwas Fremdes, das sich ihr aufdrängte, ab und sagte: ich weiß allein, was ich dem Andenken meiner Schwester schuldig bin. Als sie dann in ihrer übertriebenen Angst schon nach einem halben Jahre bei ihrer Nichte ähnliche nervöse Erscheinungen wahrzunehmen glaubte, wie zwanzig Jahre zuvor bei ihrer Schwester, sagte sie zu Hedda: »Gegen deine Krankheit gibt es nur ein Rezept! Du tust also kein Unrecht, sondern hältst dich für deinen Mann gesund. Mehr kann ich dir nicht sagen. Alles andere überlasse ich deinem Takt.« Aber Frau Hedda hatte energisch abgewehrt: »Wäre ich die Frau des Reichsgrafen Wahl-Reuth, würdest du mir derart liebevolle Ratschläge nicht geben. Einen Heinrich Morener aber meinst du, kann man betrügen – damit vergibt man sich nichts.« »Ich würde dir vermutlich auch dann dazu raten – obschon es natürlich ein Unterschied ist.« »Für mich nicht. Ich würde in diesem wie in jenem Falle die Achtung vor mir selbst verlieren. – Weniger aus Moral, als weil ich mich meinem Manne gegenüber verstellen müßte. Das ist es, was ich nicht ertrüge – daß ich aufhören würde, ein freier Mensch zu sein. Wer lügt, ist unfrei.« »Aber deine Gesundheit!« »Die ist bei meinem Manne in besten Händen. Wenn sie sich verschlechtern würde, wäre er der erste, der es bemerkt.« »Was wäre damit geändert? Glaubst du etwa, er würde . . .« »Liebe Tante Amalie!« fiel ihr Hedda ins Wort. »Du weißt, ich habe immer viel auf deine Ansicht gegeben und in den meisten Fällen auch deinen Rat befolgt. Aber es gibt Dinge, die eine anständige Frau nur mit sich selber abmachen kann – und dazu gehört dies Thema, das wir hoffentlich heute zum letzten Male behandelt haben.« »Du bekommst es fertig und sprichst, statt mit deiner Tante, mit deinem Mann darüber.« »Wenn überhaupt mit jemanden, dann nur mit ihm.« »Deine Ansichten sind ganz unzeitgemäß.« »Seit wann verficht eine Gräfin Wahl-Reuth die Ansichten eines republikanischen Zeitalters?« »Wenn man daraus profitieren kann, warum nicht? Etwas Gutes steckt in jeder Verfassung.« Damals hatte Tante Amalie ihrer Nichte versprechen müssen, nie wieder von diesen Dingen zu reden – es sei denn, daß sie selbst davon anfing. Seitdem waren anderthalb Jahre vergangen, in denen sie sich fast jede Woche gesehen hatten. Wo immer sie sich begegneten, hatte die Tante ihr Gelegenheit gegeben, sich auszusprechen. Aber Hedda, die sehr viel klüger als ihre Tante war, fühlte das ganz genau und sagte mehr als einmal, wenn sie sich trennten: »Es tut mir ja leid, daß ich dir den Gefallen nicht tun kann, Tantchen, aber es ist noch immer nicht so weit.« Als aber Hedda am Tage nach Heinrich Moreners Nervenzusammenbruch während der Aussprache mit Karl schluchzend aus dem Zimmer stürzte, wußte Tante Amalie, daß es nun so weit war. Sie vermied es daher von nun an, irgend etwas zu sagen, was auch nur entfernt darauf hindeuten konnte, obgleich sie sich hätte sagen müssen, daß sie sich gerade dadurch verriet. Denn sie zeigte damit, daß sie im Bilde war. Der offenen Natur Heddas war das unerträglich. Eines Tages sagte sie zu ihrer Tante unvermittelt: »Ich habe das Gefühl, wenn man seinen Mann betrügt, setzt man sich und seinen Mann herab.« Die Tante, die anderthalb Jahre lang vergebens auf ein solches Stichwort gewartet und sich die schönsten Reden zurecht gelegt hatte, war jetzt um eine Antwort verlegen. Erst als Hedda sie fragte: »Findest du nicht?« erwiderte sie: »Weder – noch. – Und ein Betrug wäre es in deinem Falle schon gar nicht.« »Du glaubst, man kann seinen Mann trotzdem lieb haben?« »Lieber als den Mann, mit dem man ihn betrügt.« Da fiel Hedda ihrer Tante um den Hals und sagte: »Das mußt du mir noch einmal sagen!« Und als die Gräfin es wiederholt hatte, war sie nachdenklich und sagte: »Vielleicht, Tante, braucht man den andern Mann überhaupt nicht lieb zu haben.« »Auch das gibt es, Kind. – Aber warum nimmst du das alles so schwer? Was du tust, kannst du verantworten.« »Was man verantworten kann, kann man auch eingestehen. Nimm also an, mein Mann stände jetzt da – was würdest du mir raten: zu schweigen oder zu gestehen?« »Zu schweigen natürlich – schon aus Rücksicht auf ihn.« »Und wenn er mich fragt – was tue ich dann?« »Er wird dich nicht fragen.« »Siehst du, du weichst mir aus. – Aber ich werde aus jedem Blick und aus jeder Bewegung seine Frage herausfühlen und seine Schonung als eine Beleidigung empfinden. Ich werde ihn zwingen, mich zu fragen – und ihm dann die Wahrheit sagen.« »Warum willst du das tun?« »Damit ich mich dann frei fühle und ihn wieder anschauen kann.« »Aber er wird dich vielleicht dann nicht mehr anschauen wollen.« »Aus Furcht also soll ich schweigen und lügen?« »Ich bin genau so eine gute Katholikin wie du. Aber ohne Lüge kann weder ein Staat bestehen noch eine Ehe.« »Ein Staat nicht, aber eine Ehe schon.« »Durch deinen Fanatismus, der in erster Linie gar nicht die Sucht nach Wahrheit, sondern ein übertriebenes Selbstbewußtsein ist, komplizierst du dir das Leben und beschwörst aus kleinen Anlässen Konflikte herauf, die dir schließlich über den Kopf wachsen.« »Ich bin nur konsequent – genau wie du! Aber nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln.« »Du würdest eher einen Menschen als deinen Stolz opfern.« »Vielleicht.« »Ein Mensch wie du darf eben keinen Schritt vom Wege abgehen.« »Jetzt hast du's getroffen!« rief Hedda erregt. »Du sprichst aus, was ist. Und weil ich das weiß und mich kenne, darum meine Vorsicht, meine Furcht, meine Abwehr!« »Dann mußt du dich eben beherrschen.« »Dein Rat kommt zu spät.« »Tu es von nun ab!« »Das würde Geschehenes nicht ungeschehen machen.« »Dann kann ich dir nur wünschen, daß die Ärzte mit ihrer Diagnose unheilbar recht behalten.« »Wie kannst du so unmenschlich sein! Von nun an werde ich täglich für seine Genesung beten.« »Rufe mich, wenn du mich brauchst, mein Kind! Ich werde immer für dich da sein!« 5. Wochen vergingen, ohne daß sich Heinrich Moreners Zustand veränderte. Man ließ Frau Hedda nicht zu ihm – weniger des Kranken wegen, auf dessen Befinden es ohne jeden Einfluß gewesen wäre, als auf Rücksicht auf sie, deren Niederkunft bevorstand. Körperlich hatte sich sein Zustand wohl gebessert. Er schlief wieder vier bis fünf Stunden des Nachts, obschon man nur noch mit harmlosen Mitteln nachhalf. Trotz dieser körperlichen Besserung stellte sich aber plötzlich eine Sinnesverwirrung ein, für die die Ärzte zunächst keine Erklärung hatten. Heinrich Morener redete sich eines Tages ein, nicht mehr er, sondern der verstorbene Leonard Reichenbach zu sein. Ja, das Sonderbarste war, er änderte Haltung und Bewegung, und als man ihm, in der Absicht, ihn von seiner Wahnidee zu überzeugen, Briefe und andere Schriftstücke vorlegte, die von seiner Hand stammten, brauste er auf und rief: »Betrüger! Das habe ich nicht geschrieben! Das stammt von dem Halsabschneider Heinrich Morener, der mich hier gefangenhält.« Diese krankhafte Vorstellung vertiefte sich von Woche zu Woche mehr. Er schrieb Briefe als Leonard Reichenbach an seine Frau und beschwor sie, sich nicht von diesem Morener einfangen und gegen ihn aufhetzen zu lassen. Er bat sie, alle notwendigen Schritte zu seiner Befreiung zu tun. Die sämtlichen Ärzte seien von Morener bestochen. – Er schrieb an den Staatsanwalt und forderte Moreners Verhaftung wegen Freiheitsberaubung und Urkundenfälschung. – Er schrieb von glühender Liebe erfüllte Briefe an seine »Tochter« Hanni und warnte sie vor Karl Morener, der es darauf abgesehen habe, sie zu heiraten. Er beschwor sie, den Namen Reichenbach hochzuhalten und lieber in beengten Verhältnissen zu leben als eine solche Mesalliance zu schließen. – Er verfaßte schließlich geschäftliche Berichte, die durchaus klar und vernünftig waren und addressierte sie »an meinen Neffen Heinz Reichenbach«. Sie verfolgten immer das gleiche Ziel, indem sie Mittel und Wege nannten, durch die man Heinrich Morener das Bankhaus Reichenbach wieder entreißen könne. Hätten sich die Ärzte die Mühe gemacht, und diese Berichte Bankleuten zur Begutachtung vorgelegt, ohne die Quelle zu nennen, so hätten sie erfahren, daß die Gedankengänge nicht nur klar und vernünftig, sondern genial und vielleicht auch durchführbar waren. Und hätte ein Zufall diese Berichte in die Hände Heinz Reichenbachs geführt – wer weiß, ob der kranke Heinrich Morener nicht die Erfolge des gesunden zerstört und Reichenbachs tatsächlich das Bankhaus wieder in die Hände gespielt hätte. Jedenfalls handelte es sich hier um ein psychopathisches Phänomen, das der Wissenschaft interessante Einblicke in ein krankhaftes Geistesleben und Schriftstellern reichen Stoff für einen spannenden Roman gegeben hätte. – Die Ärzte hingegen begnügten sich mit der Diagnose: der Patient hatte Jahre hindurch den Wunsch, in allem seinem Vorgänger Leonard Reichenbach ähnlich zu werden. Dieser Gedanke hat so intensiv von ihm Besitz ergriffen, daß er sich immer tiefer in die fremde Persönlichkeit versenkte und bei jeder Frage, vor die er sich gestellt sah, nicht mehr als Morener, sondern als Reichenbach dachte und entschied. Sein starker Wille hatte dann dazu geführt, daß er schließlich primär nicht mehr als er selbst, sondern als Reichenbach dachte – etwa wie man durch ständiges Sprechen einer fremden Sprache die eigene vernachlässigt und schließlich, wenn man gezwungen ist, sie gelegentlich doch zu sprechen, aus der fremden übersetzt. So hat der Patient allmählich aufgehört, als Morener zu denken und nur noch als Reichenbach gedacht – bis sich durch dies Verdrängen der eigenen Person schließlich die krankhafte Vorstellung in ihm festsetzte, der zu sein, der zu sein er sich wünschte. – Seit seiner Erkrankung sah man Frau Hedda nirgends. Nicht einmal auf Schloß Reichenbach gönnte sie sich irgendwelche Zerstreuung. Sie ging weder zu Leuten, noch sah sie Gäste bei sich. Sie kümmerte sich tagsüber um die Bewirtschaftung des Gutes, und es kam ihr zustatten, daß sie sich von Kindheit an auf den Gütern ihres Vaters auf allen Gebieten der Landwirtschaft betätigt hatte. Die Art, in der sie mit dem Personal verkehrte, verschaffte ihr überall Sympathien und Respekt. Keiner der Angestellten kam auch nur einen Augenblick lang auf den Gedanken, daß Karl Morener, der regelmäßig des Abends zum Essen erschien, aus einem andern Grunde kam, als dem, die Frau »Baronin« – so hieß sie allgemein auf dem Gute – über die Geschäfte in dem Bankhaus auf dem Laufenden zu halten. Was war auch natürlicher, als daß er, der Neffe des Herrn, diese Pflicht auf sich nahm, mit deren Erfüllung er der Frau Baronin zugleich über die Einsamkeit hinweghalf. Auffälliger war die veränderte Lebensführung Karl Moreners. Zwar sah man ihn hin und wieder noch zu Pferde. Aber nicht, wie Jahre hindurch, genau wie eine Uhr allmorgendlich von acht bis zehn, sondern unregelmäßig zu den verschiedensten Zeiten und stets allein. Dem Tennis-, Golf- und Poloplatz blieb er ganz fern. Und hier war es, wo man sein Ausbleiben besonders spürte und daher besprach. So glaubwürdig seine Erklärung war, daß er durch die Krankheit seines Onkels geschäftlich in Anspruch genommen sei – den Damen und Herren der Gesellschaft, die gewöhnt waren, den Sommer auf dem grünen Rasen zu verbringen und andere für sich arbeiten zu lassen, schien dieser Grund nicht überzeugend – und sie fanden es zum mindesten auffällig, daß er sich selbst an Sonntagen und auf den Turnieren nicht zeigte. So bildete es bald den Gesprächsstoff, daß dahinter eine Frau stecken müsse. Von dieser Vermutung bis zu der Entdeckung, daß diese Frau niemand anders als die Baroneß Nedlitz sei – Hedda behielt auch im sportlichen Leben ihren Mädchennamen bei – war nur ein Schritt. Denn man hatte die beiden Jahre hindurch auf allen Sportplätzen zusammen gesehen. Ja, man fand es in diesen Kreisen, denen die Kunst, korrekt zu erscheinen, als höchste gesellschaftliche Tugend galt, von Karl Morener taktlos, die Baroneß Nedlitz derart zu kompromittieren. Sie fanden, daß er die Pflicht hätte, nun wenn möglich noch regelmäßiger seinen sportlichen Neigungen nachzugehen. Der einzige, der ihn mit Leidenschaft und Überzeugung verteidigte, war Heinz Reichenbach. Er ging dabei weit über das Maß hinaus, das man von einem, der nicht persönlich von der Nachrede betroffen wurde, erwarten konnte. Es war daher nicht weiter erstaunlich, als eines Tages eine Dame nach einer seiner üblichen Verteidigungsreden meinte: »Ich verstehe gar nicht, Herr Reichenbach, weshalb Sie sich immer so erregen. Schließlich sagen wir Ihrem Freunde ja nicht nach, daß er silberne Löffel gestohlen hat. Eine Liaison mit einer so schönen Frau wie der Nedlitz ist für einen Mann wie Morener doch nur eine Empfehlung.« »Aber nicht für die Baroneß!« erwiderte Reichenbach. »Schätzen Sie Ihren Freund so niedrig ein?« »Ich schätze die Frau so hoch ein – ja, ich lege meine Hände für diese Frau ins Feuer.« »Kennen Sie sie denn so genau?« Diese Frage verursachte allgemeines Lächeln. »Genau genug,« erwiderte Reichenbach, »um zu wissen, daß sie eine Dame ist.« »Und wenn zwischen ihr und Karl Morener eine Liebelei bestände – wäre sie in Ihren Augen keine Dame mehr?« »Dazu müßte sie erst ein anderer Mensch werden.« »Bei uns« – sie wies auf sich und ein paar Freundinnen, die um sie herum standen – »wäre Ihrer Ansicht nach eine solche Wandlung nicht nötig?« »Der eine nimmt es eben leichter als der andere.« »Sagen wir lieber, der eine Mann ist geschickter als der andere.« Da die Freundinnen zustimmten und lachten, so sagte Reichenbach: »Halten Sie mich etwa für besonders ungeschickt?« »Hallo!« riefen die Damen. »Jetzt haben Sie sich gefangen!« »Ich wüßte nicht.« »Damit, daß Sie sich bei der Baroneß vergeblich bemüht haben, ist noch lange nicht gesagt, daß auch Karl Morener keinen Erfolg hatte.« »Ich bitte doch!« wehrte Reichenbach ab. »Sie schwärmt nun mal für Menschen, die ein paar Klassen unter ihr stehen. Zwischen Ihnen und ihr ist ihr der Kontrast nicht groß genug.« »Ich verbitte mir – vor allem, was meine Person betrifft – aber auch im Zusammenhang mit Karl Morener – jede Verdächtigung dieser Frau!« »Was ist das für ein Ton, Herr Reichenbach? – Sie sprechen mit Damen! – Sonderbar, daß man Ihnen das sagen muß.« Reichenbach ließ sich von einem Balljungen seine Sachen bringen. Er verbeugte sich und ging. Die Damen standen sprachlos und sahen ihm nach. Nach einer Weile sagte eine junge Frau: »Wenn sich ein Reichenbach so benimmt, was soll man da von den anderen Männern erwarten.« »Wie erklärt ihr euch das?« fragte eine andere. Und eine dritte erwiderte: »Wir haben seine Eitelkeit gekränkt – das ist alles!« »Für einen Mann allerdings genug, um ihn seine Kinderstube vergessen zu lassen.« »Er liebt die Baroneß und hat sich einen Korb geholt.« »Weiß seine Cousine das?« »Schon möglich, daß sich Hanni deshalb nicht mehr hier sehen läßt.« »Das hat doch andere Gründe. Mein Papa hat erzählt, daß Frau Reichenbach einen Prozeß noch von ihrem Manne her weitergeführt und dadurch auch den Rest ihres Vermögens verloren hat.« »Die arme Hanni! sie tut mir leid.« »Eine Pute ist sie! Dreimal schon konnte sie einen reichen Mann haben.« »Mit Ehe?« »Das ist doch gleich.« »Erlaub mal!« »Für ein Mädchen wie sie, das nichts hat.« »Wenn eine Frau es geschickt anstellt, bekommt sie den Mann auch nachher dazu, sie zu heiraten.« »Aber nicht Hanni!« »Sie hat den Namen.« »Dafür zahlt man heute nichts mehr – nicht mal dafür, um einen schlechten Namen loszuwerden.« »Heinrich Morener hat es sich doch etwas kosten lassen.« »Für einen Reichenbach hält ihn darum doch niemand.« »Ich habe gehört, der alte Morener wollte seinen Neffen mit Hanni verheiraten.« »Das wäre doch eine Glanzpartie für sie gewesen!« »Sie soll ihn abgelehnt haben.« »Und das hast du ihr geglaubt?« »Sie hat es mir nicht erzählt.« In diesem Augenblick erschien – seit Wochen zum ersten Male – Hanni Reichenbach auf dem Sportplatz. »Hallo! Endlich!!« riefen alle und taten erfreut. Hanni, die schmal und blaß, in ihrem einfachen Tennisdreß aber unendlich fein aussah, schüttelte ein Dutzend Hände und sagte: »Es wird wohl das letztemal heut sein.« »Ja warum?« fragten sie teilnahmsvoll. »Es ist – ihr wißt ja . . .« »Hanni! Du hast dich verlobt?« »Aber nein!« »Wir wissen es ja!« »Wer sollte mich armes Mädchen . . .?« »Einer, der viel Geld hat.« »So einer tut es schon gar nicht. Und wenn er es täte, dann müßte er mich schon sehr lieb haben – und ich ihn natürlich auch.« »Du verlangst viel! Geld und Liebe!« »Also wen meint ihr denn?« »Karl Morener.« »Wie kommt ihr darauf?« »Man erzählt es sich. Er soll sich um dich bemühen.« »Ihr wollt mich aushorchen.« »Wir wissen auch, daß du ihm einen Korb gegeben hast.« »Dann wißt ihr mehr als ich.« »Wir wissen sogar, weshalb du ihm einen Korb gegeben hast.« »Da bin ich doch neugierig.« »Weil du einen andern liebst.« »Ihr seid gründlich, das muß ich sagen.« »Gibst du es zu?« »Nichts gebe ich zu. Und was Karl Morener betrifft, so schwöre ich« – sie hob das Rackett hoch, um ihrem Schwur Nachdruck zu verleihen –, »daß er sich mir nie in irgendeiner Form genähert hat.« »Also stimmt es mit ihm und der Baronin.« »Was ist denn das nun wieder?« »Ein Geheimnis!« »Mir scheint doch, daß ihr es alle wißt!« »Bei deinen Beziehungen zur Familie Morener wollen wir uns lieber nicht den Mund verbrennen.« »Wollen wir nicht lieber Tennis spielen?« »Dazu haben wir noch immer Zeit.« Hanni sah sich zu den Spielplätzen hin um und fragte: »Ist Heinz Reichenbach noch nicht hier?« Die Damen sahen sich verständnisvoll an – und ein junges Mädchen sagte: »Er war hier.« »Er ist schon fort?« fragte Hanni erregt. »Aber er kommt doch wieder?« »Kaum.« »Mit wem hat er gespielt?« »Mit niemandem. Er hatte wohl die Absicht, aber es kam nicht dazu.« »Ist er geschäftlich abberufen worden?« »So kann man es nennen. Denn in diesem Falle ist die Liebe wohl ein Geschäft.« »Wessen Geschäft?« Sie verbesserte schnell und sagte: »Wessen Liebe?« »Ja, das ist noch nicht genau heraus. Allem Anschein nach aber hat Karl Morener das Rennen gemacht – während sich Heinz Reichenbach unter›ferner liefen‹ befindet.« »Ich verstehe nichts.« »Bist du aber naiv, Hanni!« »Handelt es sich um eine Frau? – Gar um die Baroneß Nedlitz?« »Siehst du! Du weißt es ja! – Wozu also erst die Verstellung?« »Was hat das mit meinem Vetter zu tun?« »Du hättest hören sollen, wie er sie verteidigt hat – sie und seinen Freund Karl. – Ein schöner Zug von ihm, wo er doch selbst bis über die Ohren in die Baroneß verliebt ist.« »In die Baroneß – verliebt ist?« wiederholte Hanni und verbarg ihre Erregung. »Woher wißt ihr das?« »Die Baroneß versteht es jedenfalls besser als du.« »Laßt die Frau in Ruh! Sie ist zu bedauern.« »Weil ihr Mann seit ein paar Monaten in einem Sanatorium liegt? Ich glaube nicht, daß sie sich selbst bedauert.« »Sie hat heute nacht einen Knaben zur Welt gebracht – und liegt in hohem Fieber.« Da schwiegen sie, gingen auf ihre Plätze zurück und setzten das Spiel fort. – Hanni Reichenbach aber verschwand im Klubhaus. Sie überzeugte sich, daß ihr Vetter nicht mehr da war, verließ den Sportplatz und fuhr mit der nächsten Straßenbahn nach Hause. Dritter Teil 1. Frau Hedda hatte einen Sohn zur Welt gebracht. Geheimnisvoll sagte sie zu ihrer Umgebung: »An diesem Kinde wird mein Mann genesen.« Aber die Ärzte lehnten es ab, den kranken Morener von der Geburt zu benachrichtigen. »Die leiseste Erregung kann ihn um Monate zurückwerfen,« erklärten sie. Aber Frau Hedda erwiderte: »Oder gesund machen.« »Das ist mehr als unwahrscheinlich. Und um ein solches Wagnis zu rechtfertigen, müßten wir zum mindesten den Herd seiner Krankheit kennen.« »Ich kenne ihn.« »Dann, gnädige Frau, können wir Ihnen den Vorwurf nicht ersparen, durch Ihr Schweigen die Genesung Ihres Gatten aufzuhalten.« »Wenn ich es Ihnen sagte und Sie es mir glaubten – was noch sehr fraglich ist –, so hätten Sie doch kein Mittel dagegen.« »Und Sie wüßten eins?« »Wenn überhaupt jemand, dann ich.« »Und aus welchem Grunde haben Sie es nicht angewandt?« »Weil ich es nicht besaß. Sein Zusammenbruch ist zu früh erfolgt.« »Sie geben uns Rätsel auf.« »Ich will versuchen, es Ihnen klarzumachen. Mein Mann ist, Sie wissen es, ein Selfmademan. Er litt, wie viele, die so schnell emporgekommen sind wie er, an seiner Vergangenheit. Krankhaft litt er daran – und je höher er stieg, um so mehr kam ihm zum Bewußtsein, daß sein Leiden hoffnungslos war. Man kann sich wünschen, Millionär zu werden oder Minister oder gar Reichspräsident. Alles das sind – wenigstens absolut – erfüllbare Wünsche. Man kann bis einen Tag vor seinem Tode noch an sie glauben. Mein Mann aber litt nicht an der Sehnsucht, als Mensch etwas Höheres zu werden. Er wollte ein anderer Mensch werden. Er hatte sich in die unsinnige Formel verrannt: Morener = Reichenbach.« »Alles das wissen wir. – Derartige Vorstellungen, daß sich jemand einredet, ein anderer zu sein, sind uns Nervenärzten durchaus nicht unbekannt.« »Sie haben mich also nicht verstanden! Wer sich das einredet, ist natürlich hoffnungslos krank. Ich habe selbst einen Vetter, der glaubt, Papst zu sein. Er sitzt in einer Anstalt am Bodensee und fühlt sich relativ wohl dabei. Aber mein Mann denkt ganz klar – oder hat bestimmt bis zu seinem Zusammenbruch ganz klar gedacht. Er hat sich nie eingeredet, ein anderer zu sein – er hat sich bemüht ein anderer zu werden. Das ist ein großer Unterschied.« »Er sucht etwas, was er nicht finden kann! Das ist auch krankhaft, denn er müßte sich sagen: das gibt es nicht.« »Das hat man von tausend Dingen schon gesagt, die es nachher doch gegeben hat.« »Auf technischem Gebiet – aber nicht auf geistigem.« »In der Technik handelt es sich um ja oder nein, während es in der Wissenschaft Kompromisse gibt. Und solch ein Kompromiß glaube ich gefunden zu haben.« »In diesem Falle könnte es sich doch nur um einen Reichenbach handeln, der ein Morener ist.« »Oder umgekehrt.« »Natürlich! – Da aber weder die Wissenschaft, noch die Technik so weit ist, noch je so weit kommen wird – auch in gemeinsamer Arbeit nicht – den künstlichen Menschen zu schaffen . . .« »Warum den künstlichen?« fragte Frau Hedda und wies auf das Zimmer nebenan, aus dem laut das Geschrei ihres kleinen Sohnes drang. Der Arzt lächelte überlegen und sagte: »Also traf meine Diagnose damals doch zu.« »Ich habe Ihnen den Herd der Erkrankung meines Mannes genannt und Ihnen zugleich ein Mittel in die Hand gegeben, das ihn vielleicht heilen kann. Darüber hinaus bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig.« »Ein gewagtes Spiel!« erwiderte der Arzt. »Auf psychoanalytischer Grundlage, die Sie ja so lieben.« »Das ist etwas anderes. Denn in diesem Falle gehen Sie den kranken Gedankengängen nicht nur nach, sondern machen Sie sich zu eigen und suchen sie zu bekämpfen, in dem Sie sie übertrumpfen.« »Der Erfolg entscheidet.« »Aber er ist mir nicht sicher genug, um zu experimentieren und die exakte wissenschaftliche Basis zu verlassen.« »Wenn Sie ihn nicht anders heilen können, so bestehe ich darauf, daß man mir die Möglichkeit dazu gibt.« »Dem steht nichts im Wege – aber erst in dem Augenblick, in dem wir uns überzeugen, daß ärztliche Kunst nichts mehr auszurichten vermag.« »Hoffentlich wird es dann nicht zu spät sein,« erwiderte Frau Hedda und beschied sich. 2. Eines Tages sagte Karl Morener während eines Spazierganges zu Frau Hedda: »Du verstehst das zwar besser als ich – aber glaubst du nicht, daß du nun mal Herrn Reichenbach zu dir bitten müßtest?« Hedda blieb erstaunt stehen, sah ihn an und fragte: »Wie kommst du darauf?« »Er ist die Seele des Geschäfts.« »Was habe ich mit dem Geschäft zu tun?« »Es führt seinen Namen.« »Fängst du auch schon an, wie dein Onkel? – Ist es nicht genug, wenn einer dem Wahn verfällt?« »Was für ein Wahn? – Du bist noch immer angegriffen, Hedda! Ob es nicht gut wäre, wenn du auf ein paar Wochen . . .« »In ein Sanatorium?« fiel sie ihm ins Wort. »Nie und nimmer! In so eine Anstalt kommt man leichter hinein als heraus.« »Es braucht ja kein Sanatorium zu sein. Nur, daß du dich erholst – an der Riviera oder, wenn du den Schnee liebst, im Engadin.« »Kämst du mit mir?« »Bis ans Ende der Welt.« »Das hast du schon einmal zu mir gesagt.« »Und du hast mir damals spöttisch zur Antwort gegeben: eine Reise um die Welt ist eine teure Angelegenheit – weißt du es noch?« Hedda schloß die Augen, holte tief Atem und sagte. »Damals war ich noch ein freier Mensch.« »Macht es dich unfrei, daß du mich lieb hast?« »Karl! Wann je habe ich dir das gesagt?« »Ich fühle doch, wie du dich quälst. Jeden Tag muß ich dich neu erobern.« »Meinen Körper.« »Ich beklage mich nicht – und habe mich damit abgefunden, daß dein Herz einem andern gehört.« »Und doch fängst du immer wieder an, von Liebe zu sprechen – von meiner Liebe.« »Kannst du es mir verdenken, daß ich mich selbst betrüge – und mir einzureden suche, daß du mich liebst?« »Menschen in unserer Lage sollten den Mut haben, wahr gegen sich selbst zu sein.« »Ich denke nicht viel, ich weiß nur, daß ich dich viel zu lieb habe, um dich je wieder herzugeben.« »Und wenn dein Onkel eines Tages wieder gesund wird?« »Dann werde ich vor ihn hintreten und ihm die Wahrheit sagen.« »Da er klug ist, wird er uns verzeihen.« »Damit ist uns nicht gedient. Er muß dich freigeben.« »Und wenn er es verweigert?« »Dann könnte ich . . .« »Was könntest du?« trieb ihn Hedda an, und er fuhr fort und sagte: »Zum Verbrecher werden.« »Und du glaubst, wenn du ihn erschlagen hättest, ich könnte dann auch nur noch deine Hand berühren?« »Vielleicht, daß du mich dann liebst.« – »Das hältst du für möglich?« »Du selbst hast einmal gesagt, ein ganzer Verbrecher sei dir lieber als ein halber Ehrenmann.« »Wie gut du dir das gemerkt hast.« »Denkst du anders heute?« »Ich denke vor allem, daß man uns dann nicht viel Zeit lassen wird, über uns nachzudenken. »Ich werde es trotzdem darauf ankommen lassen.« »Dazu wird es nicht kommen. Ich wäre außerstande, wieder mit ihm zusammenzuleben, ohne daß er weiß, was zwischen uns vorgefallen ist. – Aber genau so unerträglich ist mir der Gedanke, daß er mir verzeiht und ich es seiner Gnade danke, wenn ich bei ihm bleibe.« »Was gibt es da für einen Ausweg?« »Mich öffentlich als deine Geliebte zu bekennen.« »Wie kannst du meine Liebe so erniedrigen!« »Das ist eine Phrase, Karl. Wenn der Fall aber eintritt, dann wirst du Gelegenheit haben, zu zeigen, was du als Mensch wert bist.« »Ich warte nur auf den Augenblick, wo ich es dir beweisen kann.« »Karl, das alles spricht sich leicht aus. Aber es klingt so konventionell, wenn du von dem Augenblick sprichst, auf den du wartest, und von deiner Liebe, die ich erniedrige. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Du mußt viel aufgeben, um mich zu gewinnen. Nicht nur deine Stellung und deine Aussichten hier – auch den guten Ruf. Denn es wird einen Skandal geben und die Menschen werden hinter uns herschreien.« »Wir werden so weit fortgehen, daß es uns nicht erreicht.« »Mich stört es nicht. Es wäre viel qualvoller für mich, hierzubleiben und die anständige Frau zu spielen, die ich nicht bin.« »Müssen wir denn warten, bis er zurückkommt?« »Ich bin nur ihm Rechenschaft schuldig. Und ich werde mich erst frei fühlen, wenn er weiß, wie sehr ich ihn gekränkt habe.« »Wenn er nun stirbt oder nie mehr gesund wird?« »Dann werde ich nie mehr froh werden.« »Auch nicht, wenn wir fort von hier gehen?« »In dem Fall ginge ich nicht fort – ich bliebe doch überall die Gefangene, die ich jetzt bin, und würde das schlechte Gewissen überallhin mitnehmen.« »Ich möchte dir so gern jetzt schon helfen.« »Spar dir deine Kräfte!« sagte sie, und als sie ein paar Schritte weiter gegangen waren, fuhr sie fort: »Armer Karl! ich bin eine unbequeme Geliebte!« »Was für ein Wort, Hedda!« »Du verträgst die Wahrheit also noch immer nicht! – aber komm jetzt – ich bin müde – wir wollen hineingehen.« Als sie durch die Halle gingen, blieb Hedda plötzlich stehen, sah Karl an und fragte: »Warum wünschtest du, daß ich Heinz Reichenbach empfange?« »Ich sagte ja schon . . .« »Richtig! weil er die Seele des Geschäfts ist – und das Bankhaus seinen Namen trägt. – Hattest du sonst noch Gründe?« »Ich will dich nicht auch noch belasten. Du nimmst so schon alles so schwer.« »Ich verlange von dir, daß du es mir sagst.« »Heinz trägt sich mit dem Gedanken, aus Berlin fortzugehen.« »Auf wie lange?« »Für immer.« Hedda zuckte leicht zusammen, schloß die Augen für einen Augenblick und führte die Hand zur Stirn. »Und wohin – will er?« fragte sie. »Nach Rio – um dort eine Filiale ins Leben zu rufen.« »Aus geschäftlichen Gründen also?« »Er behauptet es – aber ich glaube es nicht.« »Kannst du übersehen, ob eine derartige Gründung notwendig und aussichtsreich ist?« »Offen gesagt, nein.« »Was sagen die beiden Direktoren?« »Da Herr Reichenbach es bestimmt, so halten sie es auch für richtig.« »Und wieso glaubst du, daß es aus anderen Gründen geschieht?« »Heinz ist in seinem Wesen vollkommen verändert.« »Seit wann?« »Seit zehn Monaten etwa. – Ich glaube bestimmt, – daß eine Frau dahinter steckt.« »Hast du ihn danach gefragt?« »Mehrere Male schon.« »Und was hat er dir geantwortet?« »Daß meine Vermutung falsch sei.« »Weiß er von uns?« »Wie kannst du glauben?« »Hat er mehr Grund, offen zu dir zu sein, als du zu ihm?« »In unserem Falle, da ist es ganz etwas anderes.« »Das wird Reichenbach von seinem Fall auch denken. – Aber vielleicht geht er fort, damit Hanni Reichenbach aufhört, sich Hoffnungen zu machen?« »Ausgeschlossen.« »Dann soll ich ihn kommen lassen, um ihm sein Geheimnis zu entlocken? Zu welchem Zweck?« »Ich will im Interesse der Bank, daß er diese abenteuerliche Idee aufgibt und hierbleibt. Er hat sich nach Onkel Hei . . .« »Fürchtest du dich, seinen Namen auszusprechen?« »Aber nein! Jedenfalls hat Reichenbach seitdem die Leitung in Händen. Ich wüßte gar nicht, wie wir ohne ihn auskommen sollen.« »Würdest du bleiben, wenn man dich aus dem gleichen Grunde vor dieselbe Frage stellt?« Karl stutzte und sagte: »Nein!« »Also würde es auch zwecklos sein, daß ich mit ihm spreche.« »Du bist die einzige, auf deren Urteil er gibt . . .« »Woher weißt du das?« »Von ihm.« »Spricht er von mir?« »Bei jeder Gelegenheit – und stets mit der größten Hochachtung.« »Wie kommt ihr überhaupt dazu, über mich zu sprechen?« »Er fürchtet immer, daß du zuviel allein bist und zu wenig Ablenkung hast.« »So besorgt ist er um mich?« »Wirklich! man merkt es ihm an, wie er sich deinetwegen Sorgen macht.« »Ist dir da noch nie der Gedanke gekommen, daß er am Ende meinetwegen . . .?« »Wie denn? – du meinst doch nicht . . .« »Daß er vor mir nach Rio flieht?« »Du machst dir einen Scherz mit mir.« »Ich behaupte nichts – ich gebe nur zu erwägen. So ganz unmöglich wäre es vielleicht nicht.« »Seht ihr euch etwa hinter meinem Rücken?« »Was fällt dir ein. Wenn ich mit ihm zusammenkommen wollte – bildest du dir ein, du könntest mich daran hindern?« »Natürlich!« ereiferte sich Karl. »Jetzt fällt es mir erst auf, wie er bei jeder Gelegenheit das Gespräch auf dich bringt – um mich auszuhorchen – aus Eifersucht – er soll man ruhig nach Rio fahren. Hier könnte es sonst am Ende noch ein Renkontre geben.« »Aber Karl, du benimmst dich wie ein Junge! – Das war doch nur so eine Idee von mir.« »Nein! nein! dein Instinkt ist schon richtig. Es lag eben zu nahe – daher bin ich nicht selbst darauf gekommen.« »Jedenfalls hast du nun wohl kein Interesse mehr daran, daß ich ihm diese Reise ausrede?« »Ich werde mich mit aller Entschiedenheit dafür einsetzen, daß er nach Rio geht.« »Im Geschäftsinteresse?« Karl lächelte und sagte: »Es war schon ganz klug von dir, daß du die Verantwortung für die Bank nicht mir aufgebürdet hast. Ich käme sonst mit meinem Gewissen in Konflikt.« »Ich glaube, Karl, daß du dich mit deinem Gewissen sehr schnell verständigt hättest.« »Wo ich die Möglichkeit sehe, mir deine Liebe zu erringen, setze ich mich über Gewissen und Gesetze hinweg.« »Aber nicht über den Verstand, wenn ich bitten darf. Das könnte sonst üble Folgen haben – auch für mich.« 3. Der alte Morener hatte dem jungen Reichenbach weniger seiner Tüchtigkeit wegen, die es gewiß verdient hätte, als aus Achtung vor seinem Namen, den er der Bank um jeden Preis erhalten wollte, neben seinem Gehalt auch eine Beteiligung am Gewinn zugesichert. So kam Heinz Reichenbach schnell wieder in glänzende Verhältnisse, die ihm jedoch kein Anlaß waren, seine einfache, der großen Welt abgekehrte Lebensführung zu ändern. Zwar trieb er auch weiterhin allerlei Sport – aber er mied gesellschaftlichen Verkehr und kam außer mit seiner Tante Reichenbach und deren Tochter Hanni außerhalb des Geschäftlichen nur mit Karl Morener zusammen. Auch dieser Umgang entsprach weder besonderer Sympathie noch dem Bedürfnis, einen Menschen zu haben, mit dem er sich aussprach. Fragte er sich, was ihn mit diesem ihm so wesensfremden Karl Morener zusammenführte, so mußte er sich gestehen, daß es die Aussicht war, etwas von Frau Hedda zu hören, die ihn seit jenem ersten Zusammentreffen bei dem alten Morener beschäftigte. In einer völlig auf das Äußere gestellten Zeit, deren Charakter es war, alles gleichzumachen – in der daher auch die Frauen einander zum Verwechseln glichen, war es eine Ausnahme, einer Frau zu begegnen, die sich wie Hedda Morener ihre Eigenart bewahrte. Zwar machte auch sie der Zeit Zugeständnisse – denn was war ihre Ehe mit Heinrich Morener anderes als ein Kompromiß? – aber sie blieb darum doch sie selbst und handelte unter eigener Verantwortung. Da sie überdies jung, schön und klug war, so steigerte das sein Interesse und rief Gefühle wach, die – ohne daß er sich Rechenschaft darüber gab – von Liebe nicht weit entfernt waren. Zwar sagte er sich, daß sie als Heinrich Moreners Frau selbst dann für ihn unerreichbar blieb, wenn auch sie in ihm mehr sah als den jungen Mann aus gutem Hause. Aber seine Leidenschaft, alles Schöne, das er sah, zu pflegen, auch wenn er es nicht wie sein geliebtes Porzellan hinter Glas bringen, sondern nur in seiner Vorstellung bewahren konnte – diese Leidenschaft hatte zur Folge, daß er einen Kult mit dieser Frau trieb, der durch die Aussichtslosigkeit, sie je zu besitzen, noch eine Steigerung erfuhr. Es war ihm nicht entgangen, daß sie von der ersten Begegnung an, wo immer sie zusammentrafen, seine Unterhaltung suchte . . . Und als sie eines Tages – durch ihn angeregt – begann, chinesisches Porzellan zu sammeln und sich von ihm an der Hand seiner Sammlungen in die Mysterien dieser einzigen Kunst einführen ließ, ihn bei jedem Stück, das sie erwarb, als Sachverständigen hinzuzog – da fühlte er die Gemeinsamkeit zweier Menschen so stark, daß er trotz aller Schwierigkeiten und Widerstände an einen Zusammenschluß dachte. Sie begeisterte sich an einer Kuanyin aus weißem Jade, dem schönsten Stück seiner Sammlung, an der er mit besonderer Liebe hing. Am nächsten Tage sandte er ihr die Göttin in einem Beet lila Tulpen und schrieb: »Die Göttin in Ihrer Nähe zu wissen, steigert deren Wert ins Unermeßliche.« Sie bat ihn zu sich. Sie wollten gemeinsam einen würdigen Platz für die Statue suchen. Er fühlte, daß es der Abend der Erfüllung werden würde. Sie aßen zusammen und dann suchten sie – und fanden in Heddas Schlafgemach den für die Göttin würdigen Platz. Aber als er jetzt den Arm um sie legte, sie an den ersten Abend ihres Zusammenseins erinnerte, sie an sich zog und von dem Schicksal sprach, das sich jetzt erfüllte – riß sie sich los, wehrte ab und rief: »Glaube mir nicht! – Es hat keinen Zweck! – Es ist nicht Schicksal! Aber ich kann dich nicht belügen.« – Und schluchzend erzählte sie ihm alles. Er nahm sie bei der Hand und führte sie in den Salon zurück. Sie setzten sich dicht zueinander – so wie sie zuvor gesessen hatten. Aber statt der Leidenschaft, mit der zuvor zwei Körper sich suchten, war es jetzt der Gleichklang zweier Seelen, die sich einander nahe fühlten. Er verzieh ihr – und sie fühlte, als sie den Kopf auf seinen Schoß legte und ihre Tränen seine Hände näßten, daß das Schicksal doch über sie entschieden hatte. Das lag nun zehn Monate zurück. Seitdem hatten sie sich nicht wiedergesehen. Frau Hedda hatte aufgehört, Porzellan zu sammeln. In Heinz Reichenbachs Sammlung aber blieb trotz schönster Stücke, die er hinzu erwarb, die Stelle leer, an der die Kuanyin gestanden hatte. Die Lücke fiel ins Auge. Jeder fragte. Viele glaubten an einen unglücklichen Zufall, dem das Porzellan zum Opfer gefallen war. Heinz Reichenbach gab dann stets zur Antwort: »Es gibt keinen Zufall! Auch dies ist keiner. Ich habe für das Stück, das hier fehlt, einen würdigeren Platz gefunden.« – An einem Sonntagvormittag gegen elf Uhr rief Frau Kommerzienrat Reichenbach bei ihrem Neffen an und stellte ihren Besuch für den Nachmittag in Aussicht. Da es, zumal im Sommer, nichts Seltenes war, daß die Verwandten zu ihm hinauskamen, so legte Heinz dem Besuch keine besondere Bedeutung bei. Er sandte sein Auto in die Stadt, war aber überrascht, als gegen die Gewohnheit die Tante ohne ihre Tochter kam. »Und Hanni?« fragte er. »Sie weiß nicht, daß ich bei dir bin. Sie ist bei einer Freundin eingeladen. Die seltene Gelegenheit, dich allein zu sprechen, mußte ich benutzen.« »Endlich!« erwiderte Heinz und führte seine Tante zur Veranda, auf der der Teetisch gedeckt war. »Wieso sagtest du endlich?« fragte Frau Reichenbach, als sie sich gesetzt hatten. »Weil ich hoffte, daß du dich überzeugt hast, wie unberechtigt und unverwandtschaftlich dein Widerstand gegen meine dir angebotene Hilfe ist.« »Hattest du mir nicht versprochen, davon nie mehr zu reden?« »Bis du selber kämst – aber nun bist du da, und ich freue mich! Denn, wenn ich in der glücklichen Lage bin, euch das Leben zu erleichtern, so verdanke ich das in erster Linie Onkel Leonard, der damals dafür gesorgt hat, daß ich in der Firma blieb.« »Du verdankst es in erster Linie deiner persönlichen Tüchtigkeit.« »In allen Banken sind Angestellte, die tüchtiger sind als die Direktoren und die doch nie aufrücken – einfach weil ihnen die Protektion fehlt. Da der alte Morener aber alles, was Reichenbach ist, anbetet, so hat er mich groß werden lassen – statt ein paar anderer im Haus, die es genau so verdienen.« »Das mag sein, Heinz, obgleich ich es nicht glaube. Denn ich kenne deine Bescheidenheit. – Deshalb aber komme ich nicht!« »Nicht?« fragte er erstaunt, und Frau Reichenbach erwiderte: »Aber da du wieder die Rede darauf bringst – gut – ich laß mit mir darüber sprechen – obschon es mir gegen das Gefühl geht – unter einer Bedingung.« »Daß du mir das Geld zurückgibst, wenn du in die Lage kommst – einverstanden!« »Das wäre eine Heuchelei! Du weißt so gut wie ich, daß ich nie in diese Lage kommen werde.« »Ich dachte daran, daß Hanni vielleicht mal einen reichen Mann heiratet. Aber du hast recht! Denn von dem würdest du es vermutlich noch weniger nehmen als von mir.« »Gerade Hannis wegen komme ich zu dir.« »Interessiert sich jemand für sie?« »Viele interessieren sich – es will sie sogar einer heiraten.« »Wer ist das?« »Ein Anwalt mit guter Praxis – der weiß, daß sie nichts besitzt außer ihrem hübschen Gesicht und dem guten Namen.« »Und der trotzdem?« – Heinz war ganz aufgeregt. »Tante!« rief er. »Wenn es so etwas heute noch gibt, fange ich wieder an, an die Menschen zu glauben! – Wie heißt der Anwalt? Ich muß sofort zu ihm. Der muß von jetzt an unsere Prozesse führen! – Oder . . .« Er stockte plötzlich, wurde nachdenklich und sagte: »So ein Mann ist am Ende nicht tüchtig!« »Ob tüchtig oder nicht tüchtig, bleibt sich in diesem Falle gleich.« »Erlaub mal, wenn Hanni seine Frau wird.« »Sie wird es aber nicht.« »Und weshalb nicht? Was hast du gegen ihn einzuwenden?« »Ich nichts. Aber Hanni hat in einem Fall wie diesem ja wohl auch noch ein Wort mitzureden.« »Sie liebt ihn nicht?« Frau Reichenbach sah ihren Neffen erstaunt an und sagte: »Wenn du Frauen auch nur ein Hundertstel so gut zu beurteilen verständest wie chinesisches Porzellan, würdest du diese Frage nicht stellen.« »Du meinst, Hanni sei nicht imstande zu lieben?« »Lassen wir das,« wehrte Frau Reichenbach ab. »Ich bin weder des Finanziellen noch dieses Anwalts wegen, der bereits weiß, daß er nichts zu hoffen hat, zu dir gekommen.« »Sondern?« »Um dich zu bitten, diese Reise nach Rio aufzugeben.« Heinz war erstaunt und fragte: »Wieso?« »Erspar es mir, dir die Gründe zu nennen. – Aber glaube mir, du tust ein gutes Werk, wenn du bleibst.« »Wem nütze ich damit? In wessen Auftrag kommst du?« fragte Heinz erregt, dessen Gedanken sofort bei Hedda waren. »Im eigenen.« – Und da er das nicht verstand, so fügte sie hinzu: »Als Mutter!« Heinz sprang auf – und Frau Reichenbach, der dies Geständnis im selben Augenblick, in dem sie es ablegte, auch schon leid tat, fuhr fort: »Nun weißt du's! Und nun wollen wir kein Wort mehr davon reden – nie mehr! Überlege, ob dir Hanni das Opfer wert ist. Es genügt, daß sie dich hier weiß. Irgendwelche Hoffnung auf dich macht sie sich nicht! Aber, daß du fortgehst für immer – ich glaube, das würde sie nicht ertragen.« Heinz war erschüttert. »Das ist ja furchtbar!« rief er. »Die arme Hanni! Und ich habe nie etwas davon bemerkt.« »Das verstehe ich nicht. Es sei denn, daß auch du . . .« Sie war zu taktvoll, um es auszusprechen. »Erraten, Tante! – Mir geht es wie Hanni – auch ich liebe – und du bist der erste Mensch, dem ich mich anvertraue.« Frau Reichenbach nahm seine Hand und sagte: »Mein armer Junge! Ich bin doch dazu da, um euch zu helfen – wenn ihr mich braucht. Was für einen anderen Zweck hätte mein Leben sonst noch? Ich habe dich immer als meinen Sohn betrachtet. Alles hast du mir erzählt. Jede Dummheit hast du mir gebeichtet. Wie bedrückt warst du oft. Aber habe ich dich auch nur einmal aus den Armen gelassen, ohne daß dir wieder leicht ums Herz war?« »Es ist so furchtbar schwer, Tante!« »Ist es ein Geheimnis?« »Nein! – und ja! Ihr zuliebe habe ich mir geschworen, daß es nie über meine Lippen kommt.« »Kann sie dich davon entbinden?« Reichenbach schüttelte den Kopf und sagte: »Ich habe sie seit Monaten nicht gesehen. Es ist daher unmöglich, sie darum zu bitten.« »Dann mußt du schweigen und dürftest es mir auch nicht sagen, wenn ich deine Mutter wäre.« »Ich muß mit mir selber fertig werden. – Aber was wird aus Hanni? Wer hilft der?« »Als wenn das Schicksal sich gegen die Reichenbachs verschworen hätte.« »Sag' das nicht, Tante! Denn wer weiß, ob in meinem Fall die Erfüllung nicht die größte Enttäuschung wäre.« »Dann gehst du also ihretwegen fort?« »Ja.« »Du fliehst vor ihr? Du willst versuchen, sie zu vergessen?« »Nein. Aber ich glaube, daß es ihr Wunsch ist, mir nicht mehr zu begegnen.« »So sehr liebst du sie, daß du ihr ein derartiges Opfer bringst? Verdient sie das?« »So wie ich sie sehe« – und er blickte wieder auf die leere Stelle, an der die Kuanyin gestanden hatte –, »verdient sie es. Ob sie es wirklich wert ist, ob Gott oder der Teufel in ihr steckt – bei welcher Frau weiß man das? Selbst wenn man ständig mit ihr zusammenlebt?« »Erlaube!« widersprach Frau Reichenbach. »Gewiß! Für dich und Hanni und tausend andere gilt das nicht. Aber es gibt eine Art Frauen, zu denen sie gehört, die selbst nicht wissen, ob sie das Gute des Bösen oder das Böse des Guten wegen tun.« »Und so einer Frau wegen . . .« Frau Reichenbach brach ab. Sie wußte, daß man der Liebe nicht mit Vernunft beikam. Völlig verändert sagte sie plötzlich: »Wenn es so um dich steht, Heinz, dann rate auch ich dir, geh fort! Weit fort! – Wo du keine Aussicht hast, ihr je zu begegnen.« »Jetzt rätst auch du mir . . .?« »Ja, denn du hast dir in deiner Phantasie ein Bild vorgezaubert, dessen Entgötterung ich nicht erleben möchte. Suche es dir zu erhalten – solange wirst du glücklich sein.« »Und an Hanni denkst du gar nicht?« »Nicht mehr im Zusammenhang mit dir, mein Junge!« Sie küßte ihm die Stirn und sagte: »Leb' wohl! Und wenn du eine Mutter brauchst, so weißt du, wo du sie findest.« Heinz küßte ihr die Hand und begleitete sie hinaus. Er sah nicht mehr, wie sie auf dem Flur plötzlich stehenblieb, in den Knien wankte und, an eine Säule gelehnt, laut seufzend sagte: »Meine armen Kinder!« 4. Am Tage nach der Aussprache auf Schloß Reichenbach war Karl Morener schon frühmorgens nach dem Sanatorium gefahren und hatte sich bei dem leitenden Arzt melden lassen. »Ich habe Sie bisher nicht überlaufen, Herr Professor, und mich darauf beschränkt, Ihre monatlichen Rechnungen von der Bank begleichen zu lassen. Endlich muß ich aber einmal hören, wie es eigentlich um meinen Onkel steht.« »Ein Arzt ist kein Prophet,« erwiderte der Professor. »Immerhin glaube ich, eine Besserung in dem Befinden des Patienten feststellen zu können. Die Vorbedingung für seine geistige Gesundung war, den erschöpften Körper zu kräftigen. Das ist uns gelungen – und zwar in so überraschender Weise, daß er jetzt drei Stunden am Tage marschiert, ohne irgendein Zeichen der Ermüdung zu zeigen. Er würde heute schon auch das doppelte Pensum hinter sich bringen.« »Verehrter Herr Professor! So zeitgemäß es vielleicht wäre, aber wir haben nicht die Absicht, meinen Onkel gegen Nurmi starten zu lassen. Uns liegt daran, ihn geistig dahin zu bringen, daß er die Leitung der Bank wieder übernehmen kann.« »Was das betrifft, so kann ich Ihnen einen bestimmten Zeitpunkt natürlich nicht nennen.« »Einen ungefähren aber?« »Ich sagte schon einmal . . .« »Ich weiß: Sie sind kein Prophet. Aber ob Sie mit Wochen, Monaten oder mit Jahren rechnen – das können Sie doch wohl sagen.« »Es kommt darauf an, daß ich verantworten kann, was ich sage.« »Mir kommt es im Augenblick mehr darauf an, daß Sie mir einen bestimmten, nicht zu fernen Termin nennen, an dem mein Onkel aller Voraussicht nach als geheilt von Ihnen entlassen werden wird.« »Krankheiten dieser Art dauern eben . . .« »Ich weiß. Aber da es sich Ihrer Ansicht nach um keinen unheilbaren Fall handelt, so könnten Sie doch zum Beispiel sagen: in zwei Monaten.« »Wie kommen Sie gerade auf zwei Monate? – Es kann ebensogut drei dauern.« »Also einigen wir uns auf vier! Bitte, geben Sie mir das schriftlich!« »Ich denke nicht daran. Solange Ihr Onkel in der krankhaften Vorstellung lebt, ein anderer zu sein . . .« »Ich brauche aber eine derartige Erklärung.« »Für die Steuerbehörde?« Karl stutzte einen Augenblick lang und sagte dann: »Ja!« »Was die Leute nicht alles verlangen! – Und wenn ich Ihnen die Erklärung nicht abgebe?« »Dann – ja, dann . . .« Er wußte nicht, was er sagen sollte. Aber der Professor kam ihm zu Hilfe und sagte: »Ich verstehe. Dann müßten Sie die Steuererklärung für ihn abgeben – und die Verantwortung möchten Sie nicht gern auf sich nehmen.« »Erraten, Professor! Es ist also nur eine Formsache der Behörde gegenüber – für die Sie niemals jemand zur Verantwortung ziehen wird.« »Da ich keine Gefahr für meinen ärztlichen Ruf darin sehe, so will ich Ihnen den Gefallen tun. Sie müssen mir aber versprechen, keinen anderen Gebrauch davon zu machen.« »Meiner Tante, Frau Morener, muß ich es natürlich zeigen.« »Ausgeschlossen! Die besteht nachher auf dem Schein und holt mir den Mann von hier fort – auch wenn es noch nicht so weit ist.« »Das werde ich verhindern. – Im übrigen ist Frau Morener durch die Geburt ihres Sohnes mit den Nerven derart herunter, daß man die Pflicht hätte, ihr diese Hoffnung zu machen – auch wenn sie nicht bestände.« »Wenn sie so nervös ist, so sollte man sie auf ein paar Wochen hier unterbringen.« »Kommt nicht in Frage, Herr Professor! Frau Morener gehört zu den Menschen, die in einem Sanatorium erst richtig krank werden.« »Ich bitt' Sie, das sind Märchen! So etwas gibt es gar nicht.« »Auf jeden Fall stellen Sie bitte das ärztliche Zeugnis aus.« Und der Professor bescheinigte, daß nach der über Erwarten schnell erfolgten Wiederkehr der körperlichen Kräfte die völlige Genesung des Patienten in drei Monaten zu erwarten sei. – Mit diesem Schein stürzte Karl Morener zu Frau Hedda. – Die las ihn und verfiel sofort in tiefes Nachdenken. – Um mich innerlich von der Last dieses Betruges frei zu machen, muß ich beichten, sagte sie sich. Aber nicht meinem Priester – sondern meinem Mann, dem allein ich dafür verantwortlich bin. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder er verzeiht. Dann bleibe ich bei ihm durch seine Gnade! Ein erniedrigendes Gefühl – das noch verstärkt wird durch den Schatten des Geschehens, der bis zum letzten Tag zwischen uns stehen wird. Also ist es besser, ich gehe. – Oder er weist mir die Tür. Soll ich es da nicht vorziehen, freiwillig zu gehen? Freiwillig, wiederholte sie und lächelte über sich selbst. Als ob das noch freier Wille war! Gab es den überhaupt? Als sie Karl Morener verfiel, geschah es gegen ihren Willen – soweit Verstand und Vernunft in Frage kamen. – Je länger sie nachdachte, um so deutlicher wurde ihr: sie mußte fort! Auf alle Fälle! – Aber erst, wenn ihr Gewissen frei war! Und das wurde es im selben Augenblick, in dem ihr Mann es erfuhr – und sie die Folgen auf sich nahm. – Der Weg ins Freie war es, wenn sie Karl Morener folgte – mehr nicht. Er war nicht der Mann, der sie glücklich machen konnte. Ihre Kräfte hatten versagt, als es noch Zeit gewesen war, ihn abzuweisen. Schon damals wußte sie, daß sie sich damit unlöslich an ihn kettete. War das auch nicht ihre Absicht gewesen, so hatte sie es durch ihr Dulden und ihre Schwäche doch mitverschuldet. Also war sie ihm gegenüber verpflichtet. Und sie war nicht die Frau, die sich der Verantwortung entzog. Karl störte sie nicht in ihren Gedanken, sondern wartete ab. Und als sie jetzt sagte: »Also in drei Monaten – dann ist es jetzt Zeit, daß wir an unsere Flucht denken.« »Ich habe seit gestern, als du mir davon sprachst, an nichts anderes mehr gedacht,« erwiderte Karl. »Aber warum wollen wir drei Monate lang warten? Das Leben ist kurz! Und es ist schade um jeden Tag, der uns verloren geht.« Hedda empfand derart konventionellen Phrasen gegenüber ein Unbehagen, daß es ihr schwer fiel, sich zu beherrschen. »Nicht einen Tag früher!« sagte sie kalt. »Er muß wissen, ich fliehe seinetwegen.« Und da sie glaubte, noch nicht deutlich genug gewesen zu sein, so fügte sie hinzu: »Nicht etwa, weil ich seiner überdrüssig wäre, sondern als freiwilliges Opfer, das ich in meinem Schuldbewußtsein ihm bringe! Nicht aber aus Leidenschaft zu dir!« Karl dachte nicht viel über den Sinn ihrer Worte nach. Die Tatsache, daß sie mit ihm fliehen wollte, sprach für ihn eine so beredte Sprache, daß ihre Reflexionen daneben jede Bedeutung verloren. Eine Frau, die ihren Mann, ihr Kind, ihr Schloß im Stiche ließ – ihren guten Ruf aufs Spiel setzte und einem Manne wie ihm, der nichts besaß, in eine ungewisse Zukunft folgte – ja, Karl Morener sprach nicht nur, er dachte auch im Romanstil! – eine solche Frau war von einer großen Liebe besessen – mochte sie, um ihr Gewissen zu beruhigen, auch noch soviel Einwände machen und Bedenken äußern. Karl besaß kein Vermögen. Je mehr er verdiente, um so weniger Schulden brauchte er zu machen. Das war seine Auffassung – über die hinaus es für ihn keine ökonomischen Grundsätze gab. Nun aber, wo er im Begriff stand, mit Frau Hedda auf und davon zu gehen – wohin wußte er selbst noch nicht –, nun mußte er zum mindesten für ein Jahr den finanziellen Boden schaffen. Es schien ihm selbstverständlich, daß Frau Hedda an seiner Seite nicht auf den Luxus einer Frau von Welt – diese Plattheit war ein Ausdruck, den er gern gebrauchte – zu verzichten brauchte. Er wollte auf Reisen gern auf seinen Diener verzichten, eine Zofe aber war das Mindeste, was sie zu ihrer Bedienung gebrauchte. Er errechnete zehntausend Mark für den Monat. – Er mußte sich also auf irgendeine Weise hundertzwanzigtausend Mark verschaffen. Ein Darlehen bei Bekannten aufzunehmen, war unmöglich, da mit Recht jeder ihn gefragt hätte, weshalb ihm seine Bank diese verhältnismäßig geringe Summe nicht vorstreckte. Sonst hemmungslos, brachte er es doch nicht über sich, sich an Heinz Reichenbach zu wenden – obschon er wußte, daß der es ihm nicht abschlagen würde. Aber es war mehr das feindliche Gefühl dem vermeintlichen Nebenbuhler gegenüber als Takt, was ihn abhielt, sich die Flucht von ihm bezahlen zu lassen. So blieb nur ein Weg zur Geldbeschaffung und der war, zu spekulieren – gewagt zu spekulieren, denn eine derartige Summe verdiente man schwer bei einem normalen Geschäft in so kurzer Zeit. Briefe, die er von einem Freunde aus Rom zufällig erhielt, nahm er als gutes Zeichen. Man schrieb ihm, daß geheimen Nachrichten aus Albanien zufolge der Ausbruch des Krieges mit Jugoslawien nur eine Frage von Wochen sei. Daraufhin wagte er ein ungewöhnlich hohes Termingeschäft à la baisse in albanischen und jugoslawischen Werten. Ja, er erhöhte die Summe noch, als auf seine Rückfrage hin der Freund die Quelle seiner Informationen nannte. Und tatsächlich wußten die Blätter schon nach Verlauf weniger Wochen von ernsten Konflikten zwischen den beiden Staaten zu berichten, hinter denen als Drahtzieher angeblich Italien stand. Die Kurse fielen – die Entwicklung ging den Weg, den Karl sich wünschte. Mit um so größerem Eifer bereitete er in aller Heimlichkeit die Reise vor. Ihm lag daran, so weit wie möglich der Reichweite Heinrich Moreners entrückt zu sein, andererseits aber doch die Fühlung mit den wenigen Menschen nicht zu verlieren, mit deren Hilfe er sich irgendwo eine neue Existenz schaffen konnte. Er rechnete dabei weniger mit seinem kaufmännischen und banktechnischen Können, das er selbst nicht hoch bewertete, als mit seinen sportlichen Fähigkeiten. Im Golf und Tennis war Karl zwar nicht internationale, so doch gute Mittelklasse, innerhalb deren er sich bei einigem Glück schon bis zu den Spitzen durchgekämpft hatte. Sport schaffte gesellschaftliche Beziehungen – diese wiederum verhalfen zu geschäftlichen Möglichkeiten. Also war Rio, wo Heinz Reichenbach bereits Verbindungen hatte, die auch er sich dienstbar machen konnte, der gegebene Ort, um sich eine neue Existenz zu gründen. Frau Hedda kam es mit jedem Tage, der die Genesung ihres Mannes und damit ihre Flucht näher brachte, deutlicher zum Bewußtsein, daß sie sich von ihrem Knaben, den sie auf den Namen Leonard hatte taufen lassen, nicht werde trennen können. Zwar rüstete auch sie sich im stillen für die Reise – aber sie merkte bald: weniger als die äußeren Vorbereitungen, war es nötig, sich innerlich einzustellen. Bald kam sie auf den Gedanken, das Kind mitzunehmen, dann wieder überlegte sie, ob sie nicht besser daran täte, ohne Karl zu reisen – nicht der Verantwortung wegen – der mußte selbst wissen, was er tat – vielmehr, um den Leuten die Hauptfreude an dem unvermeidlichen Skandal zu nehmen und ihren guten Ruf zu retten. – Aber gleich darauf sagte sie sich wieder: was gehen mich die Leute an? Mein Mann, und nur auf ihn nehme ich Rücksicht, wird schneller darüber hinwegkommen, wenn er bei seiner Rückkehr eine reine Tafel vorfindet. Diese Unschlüssigkeit, die sie bisher nie an sich beobachtet und bei anderen stets verurteilt hatte, machte sie ängstlich. Sollten meine Nerven nicht durchhalten? fragte sie sich. Aber sie war so durchdrungen davon, daß sie den Weg, den sie einmal beschritten hatte, folgerichtig zu Ende gehen müsse, daß sie alle Willenskraft zusammennahm, um nicht schwach zu werden. Karl, der sich bis dahin wenig um seinen Onkel gekümmert hatte, lag dem leitenden Arzt des Sanatoriums jetzt dauernd damit in den Ohren, daß man diese oder jene Autorität hinzuziehen müsse, um den Heilungsprozeß zu beschleunigen. Die Versicherung des Professors, daß Zeit und Ruhe und vielleicht noch gute Luft die einzigen Mittel zur Gesundung Heinrich Moreners seien, beantwortete Karl Morener mit der Frage: »Dann sind also auch Sie überflüssig?« »Absolut genommen: ja!« erwiderte der Arzt. »Wenn – schon wir durch unsere Beobachtungen relativ von Nutzen sind. Wenn Sie aber glauben, daß Ihr Onkel auf Schloß Reichenbach dieselbe Ruhe, Luft und Pflege hat wie hier, so steht dem nichts im Wege, daß Sie ihn von hier fortnehmen.« Karl stürzte beglückt mit der Botschaft zu Frau Hedda und hoffte, daß sie begeistert einstimmen würde. Er vergaß in seiner ersten Freude, daß sein Termingeschäft erst in drei Wochen fällig war. Aber die Aussichten waren dank der beständig wachsenden Kriegsgefahr auf dem Balkan so günstig, daß er, wenn heute der Stichtag gewesen wäre, bereits weit mehr als die errechnete Summe verdient hätte. So kam es, daß er über die finanzielle Seite der Flucht, die er für erledigt hielt, nicht mehr nachdachte. Aber Frau Hedda dachte gar nicht daran, ihren Mann auch nur einen Tag früher, als der leitende Arzt es für richtig hielt, aus dem Sanatorium zu nehmen. »Er muß geistig so klar sein wie an dem Tage, an dem er um meine Hand anhielt!« erklärte sie dem enttäuschten Karl. »Denn nur dann ist er imstande, die Zusammenhänge zu begreifen, die schuld sind, daß ich ihm so weh tun mußte.« Karls Widerstand war so heftig und die Leidenschaft, mit der er auf seiner Bitte bestand, so groß, daß sie zu einer Lüge griff, um ihn zu beruhigen und zu überzeugen. »Nimm an, er kommt vor der Zeit zurück, ist aber noch matt und so angegriffen, daß er in seiner Schwäche und Freude des Wiedersehens dir und mir verzeiht – was dann?« »Dann werde ich . . .« brauste Karl auf. Aber sie fiel ihm ins Wort und sagte: »Nein, ich werde! Denn ich bin auch noch da! Und zwar werde ich diesem noch kranken Manne dann nicht den Schmerz und die Schmach antun, mit seinem Neffen auf und davon zu gehen.« »Er hat schuld an allem! Warum mußte er damals . . .« »Wir sind alle schuld. Wer mehr, wer weniger, darüber wollen wir uns nicht streiten. Aber wir sind gesund! Er nicht! Willst du dir diesen Vorteil etwa zunutze machen? Ich tue es jedenfalls nicht! Nur dem gesunden Heinrich Morener gegenüber werde ich meinen Willen durchsetzen!« 5. Frau Hedda hatte jetzt häufig Stunden, in denen sie sich vorwarf, schlecht an ihrem Manne gehandelt zu haben. Mit einem Gefühl, das alles eher als Freude und viel eher Unbehagen war, dachte sie an den Tag, an dem sie mit Karl das Schiff nach Amerika besteigen sollte. Ihrer Tante Amalie hatte sie sich in allem, was Karl anbetraf, anvertraut. Die alte Dame fühlte sich mit verantwortlich. Aber Hedda lehnte das ab. »Allenfalls hast du es um ein paar Tage beschleunigt – geschehen wäre es auch ohne dich.« »Derlei und Ärgeres geschieht alle Tage,« erwiderte die Gräfin Wahl-Reuth, »ohne daß man davon großes Wesen macht. Wenn dein Mann zurückkommt, verläßt du diesen jungen Mann. Und alles ist wieder, wie es vorher war.« »Liebe Tante, deiner Natur mag das entsprechen – meiner nicht.« »Du hast als Kind immer mit dem Kopf durch die Wand rennen wollen und dir dabei Beulen genug geschlagen.« »Ich habe nie die Unwahrheit gesagt, das ist alles.« »Eigensinn ist das! Wenn man sich durch eine kleine Lüge Unannehmlichkeiten ersparen kann – sich und anderen – so tut man's! Im übrigen hast du in diesem Falle ja gar nicht nötig, die Unwahrheit zu sagen – du brauchst nur zu schweigen.« »Als wenn das nicht dasselbe wäre!« »Eine ganz klare und natürliche Situation, vor die sich täglich Hunderte von Frauen gestellt sehen, komplizierst du durch deinen Starrsinn!« »Gib dir keine Mühe, Tante! Du stimmst mich nicht um.« »Wenn du nicht eine so große Egoistin wärst, würdest du dir sagen, daß es deine Pflicht ist, einem so kranken Manne diese Enttäuschung zu ersparen.« »Das hättest du mir früher sagen sollen.« »Konnte ich ahnen, daß du eine so alltägliche Begebenheit derart tragisch nimmst? Ich habe dir eine kleine Erleichterung schaffen wollen – weiter nichts. Daß du mit einem Fauxpas gleich deine Seele verkaufst, habe ich nicht für möglich gehalten.« »Ich mache dir ja keinen Vorwurf. Du hast es sicher gut gemeint.« »Ich habe an deine selige Mutter gedacht.« Hedda trat an die Gräfin heran, legte die Arme um ihre Taille, küßte sie auf die Stirn und sagte. »Mach dir um mich keine Sorgen, Tanten Ich weiß genau, was ich tue und was mir gut ist.« »Wenn du auf deiner Torheit bestehst, deinen Mann bei seiner Heimkehr damit zu überraschen, daß du mit seinem Neffen – ja, ist das denn möglich? im zwanzigsten Jahrhundert! – Hedda, ich glaube, du lebst noch in der Vorstellung deiner Ahnen von vor achthundert Jahren! Die Zeit der Ritter und Troubadoure ist vorüber. Es gibt ernstere Dinge als das bißchen Liebe.« Hedda schüttelte den Kopf und sagte: »Mit Liebe hat das nichts zu tun . . . Ich liebe weder den einen, noch . . .« Sie überlegte. »Ob ich meinen Mann liebe, darüber bin ich mir selbst nicht klar. Aber ich glaube beinahe, daß ich ihn in den letzten Monaten auch mit dem Herzen liebgewonnen habe.« »Man liebt immer den Mann, der gerade nicht da ist.« »Was bist du doch für eine gescheite Frau!« »So gescheit, Hedda, daß ich dich bitte: laß mich die Angelegenheit mit deinem Mann ins reine bringen.« »Tantchen, davon kann keine Rede sein! Aber wenn du es mal mit Karl versuchen willst?« »Wie? Ich soll?« »Feststellen, ob seine Liebe wirklich so groß ist.« »Das habe ich schon getan.« »Wie – du hast mit ihm gesprochen?« »Bevor ich zu dir kam. Ich habe mir gesagt, mit einem Mann werde ich eher fertig als mit dir. Aber da bin ich auf Granit gestoßen. Wäre ich doch einmal in meinem Leben so geliebt worden!« »Du glaubst auch nicht, daß man ihn bestimmen könnte, mich allein reisen zu lassen?« »Nicht von hier bis Potsdam. Und wenn du darauf bestehst, in einem Freiballon nach Neuyork zu fahren – er fährt mit!« »Er hat mein Wort.« »Dein Mann hat es auch gehabt.« »Du meinst, auf einen Wortbruch mehr oder weniger kommt es nicht an.« »Ich meine, daß du die Männer zu ernst nimmst. Eine so gescheite Frau wie du spielt mit ihnen.« »Du irrst! Ich nehme mich ernst.« Die Gräfin sah verdutzt ihre Nichte an und sagte: »Ach so! – Dann freilich. – Ja, das darf man nicht. – Nähme ich mich ernst, ich würde in ewigen Konflikten mit mir leben.« »Wer sich so frei machen kann!« »Man muß es nur verstehen, sich nicht wichtig zu nehmen. – Meist genügt es schon, daß man sich nicht wichtiger nimmt, als die anderen einen nehmen. – Weißt du, dann bekommt man so ein leichtes Gefühl – als wenn man schwebt und die Dinge nur so berührt, statt sich – wie du es tust – an ihnen festzubeißen.« »Ich verstehe, Tante! Du bist klüger als ich. Und ich habe immer geglaubt, daß du gedankenlos dahin lebst.« »Das kommt daher, weil ich es mit den Gedanken genau so mache wie mit den Dingen. Möglichst nicht zu Ende denken – die meisten Fehler kommen durch zu vieles Denken. Man muß die Augen offen halten und sich treiben lassen – dann behält man Atem und kann über jedes Hindernis, an dem man sich sonst festrennt, leicht hinübergleiten. »Willst du mir eine Liebe tun, Tante?« »Jede! Und je mehr ich für dich tun kann, um so glücklicher machst du mich.« »Nimm dich meines Mannes an, wenn ich fort bin.« »Ich kann es gar nicht hören! So ein Wahnsinn! Und an dein Kind denkst du nicht? Es ist einfach deine Pflicht, bei ihm zu bleiben.« »Davon gerade wollte ich sprechen. Ich habe das Gefühl, daß ich dem Kind ein Unrecht tue, wenn ich es mit mir nehme.« »Unnatürlich ist das aus dem Munde einer Mutter.« »Glaube mir, es fällt mir schwer genug. Aber als die Geliebte Karl Moreners habe ich kein Recht als Mutter auf dies Kind.« »Wie kann man so hart gegen sich selbst sein?« »Wenn es anfängt, zu denken, wird es mich fragen: wer ist der Mann? – Was soll ich ihm antworten?« »Freilich – daran habe ich nicht gedacht. – Also was willst du, daß mit dem Kinde geschieht?« »Nimm du es! – Du wirst es zu einem glücklichen Menschen erziehen.« »So leicht gibst du es auf?« »Nicht das Kind gebe ich auf. Mich habe ich aufgegeben. – Solange ich lebe, wird es mein einziger Gedanke sein.« »Armes Kind!« sagte die Tante und legte den Arm um ihre Nichte. »Wie schwer du dir das alles machst.« »Tust du mir die Liebe?« »Ich verspreche es dir.« Hedda schmiegte sich fest an ihre Tante und fühlte, während die Tränen unaufhaltsam flossen, daß ihr leichter wurde. 6. Das schleichende Tempo, in dem Heinrich Moreners Genesung vor sich ging, das ewige Warten auf eine Nachricht der Ärzte, die, kam sie endlich, nie etwas Positives enthielt, sich vielmehr stets darauf beschränkte, auf die Zukunft zu vertrösten, wirkte lähmend auf Frau Heddas Spannkraft und Entschlußfähigkeit. Sie hatte sich allmählich daran gewöhnt, unbequeme, Entscheidung heischende Gedanken mit der Bemerkung abzutun: es eilt ja nicht. Das wirkte naturgemäß auch auf Karl Morener. Während er sich in den ersten Wochen die Börsenkurse aus Belgrad auf drahtlosem Wege geben ließ, genügte es ihm bald, sie durch die üblichen Telegramme, die das Bankhaus erhielt, kennenzulernen. Oft, wenn er gerade auswärts war, erinnerte er sich erst bei der Lektüre der Abendblätter an sein Termingeschäft. So sicher fühlte er sich infolge der immer noch drohenden Lage auf dem Balkan. Um so überraschender kam ihm die Nachricht eines Mittagsblattes, das von einer ultimativ gehaltenen Note Englands und Frankreichs an die albanische Regierung zu berichten wußte. Diese sensationell aufgemachte Notiz, die aus angeblich gut unterrichteter Quelle stammte, traf die Berliner Börse in der zweiten Mittagsstunde und hatte eine gewaltige Hausse in albanischen und jugoslawischen Werten zur Folge. Man hielt auf Grund der englischen und französischen Note die Kriegsgefahr für behoben. Innerhalb weniger Minuten sah Karl Morener nicht nur den sicher geglaubten Gewinn von hunderttausend Mark verloren. – Er errechnete sich darüber hinaus einen Verlust von über siebzigtausend Mark. Eine Viertelstunde lang saß er völlig konsterniert vor dem Zeitungsblatt, auf dessen Rand er die Zahlen geschrieben und die Resultate errechnet hatte. Dann nahm er den Hörer vom Haustelephon und verband sich mit dem Arbeitszimmer Heinz Reichenbachs. »Heinz,« rief er in den Apparat. »Ich wollte nur wissen, ob wir in letzter Zeit albanische Werte gekauft haben?« »Massenhaft,« erwiderte Heinz. »Für die Bank und unsere Kunden. So billig kommen wir nie wieder dazu.« »Du hältst die Zeitungsnotiz also nicht für eine Ente?« »Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, daß die beunruhigenden Nachrichten der letzten Wochen auf Börsenmanöver zurückzuführen sind.« »Du glaubst, daß die Papiere weiter anziehen werden?« »Ich bin überzeugt davon.« »Ich nicht!« erwiderte Karl und hing den Hörer an. Er hörte nicht mehr, als Heinz noch sagte: »Ich habe eben den Auftrag gegeben, weiter zu kaufen, da ich auf direktem Wege feststellen konnte, daß die Nachricht stimmt und Albanien eingelenkt hat. Die Papiere müssen also weiter steigen.« Kleine Naturen sind meist ungerecht – zumal, wenn es ihnen schlecht geht. Infolgedessen empfand Karl die Worte Reichenbachs unsinnigerweise als gegen sich gerichtet – ja es war ihm, als wenn bei seinen Worten ein leiser Hohn mitgeklungen hätte. Um das glauben zu können, redete er sich ein, Heinz habe aus seiner Frage entnommen, daß er in albanischen und serbischen Werten à la baisse spekuliert habe. Er ging sogar noch einen Schritt weiter. Er verdächtigte ihn, gegen seine Überzeugung gesprochen zu haben – nur, weil er ihm nicht gönnte, selbständig und durch eigene Tüchtigkeit Geld zu verdienen. Diese feindliche Einstellung trieb ihn, statt Deckungskäufe vorzunehmen und sein Risiko zu verringern, abermals à la baisse zu spekulieren – mit dem Erfolg, daß er nach wenigen Tagen vor einem Minus von einer viertel Million Mark angelangt war. Sich bis zum Stichtag in acht Tagen diese Summe zu verschaffen, schien unmöglich. Der einzige Gedanke, der ihn auch jetzt beherrschte, war: Hedda auf keinen Fall zu verlieren. Daneben schwand jedes Bedenken. Die Nachrichten aus der Schweiz über seinen Onkel lauteten so günstig, daß man damit rechnen mußte, sich eines Tages plötzlich vor die Tatsache seiner Heimkehr gestellt zu sehen. In dieser Lage gab es nicht viel zu überlegen. Es hieß: handeln. Wie – das war die Frage, auf die er keine Antwort wußte. Als er, wie täglich, gegen Abend auf Schloß Reichenbach war und Frau Hedda ihm von den günstigen Nachrichten aus der Schweiz erzählte, sagte er: »Dann sind wir also endlich am Ziel unserer Wünsche.« »Du sagst das weniger freudig, als du bisher davon zu sprechen pflegtest.« »Möglich, daß die Verantwortung, dich hier aus allem herauszureißen, mich ernster als sonst erscheinen läßt.« »Du reißt mich doch nicht heraus! Höchstens ich dich! Ich bin der treibende Teil. Mich trifft die Verantwortung – mich allein.« »Aber geschäftlich bin ich es – wenigstens meinem Onkel gegenüber.« »Karl! Seit wann bist du in der Bank unentbehrlich?« fragte Frau Hedda mit leisem Spott. »Aber wenn du Bedenken hast – bitte! Ich gebe dich frei!« »Wenn du mich nicht mitnimmst, lädtst du eine große Verantwortung auf dich. Denn an dem Tage, an dem du gehst, gehe auch ich – und zwar für immer!« »Weshalb so pathetisch, Karl? Du wirst dich meinetwegen doch nicht umbringen.« »Ich schwöre dir, daß ich es tue.« »Das ist ja gräßlich – und so gar nicht originell.« »Ich gehe nicht auf Wirkung aus. Ich will nur dich. Alles andere ist mir völlig gleichgültig.« »Du großer Junge!« sagte Hedda. »Was könntest du für ein schönes und ruhiges Leben führen!« »An einem ruhigen Leben liegt mir nichts. Und schön ist es für mich nur an deiner Seite.« »Also, es bleibt dabei! Hast du alles vorbereitet?« »Ja.« »Um Geld brauchst du dich natürlich nicht zu kümmern.« »Wie soll ich das verstehen?« »Ich weiß doch, daß du über deine Verhältnisse lebst und nichts erspart hast. Aber ich habe besser gewirtschaftet. Hier sind meine Ersparnisse.« Sie reichte ihm einen Scheck. – »Etwas über hunderttausend Mark. Das hilft uns über den Anfang hinweg. – So nimm schon!« Karl sah auf den Scheck – er hob den Arm – ließ ihn aber gleich wieder herabgleiten – schüttelte den Kopf und sagte: »Nein! – Ehe ich das tue – und von dir Geld nehme – eher beschaffe ich es mir weiß Gott woher.« »Ich bestehe darauf!« »Verlange von mir, was du willst – ich gebe dir nach – in allem! – Aber von einer Frau, die ich liebe, Geld zu nehmen? – Nein!« »Donnerwetter! Du bist ja ein Kerl!« rief Hedda erfreut. Und Karl, der sich an seinen eigenen Worten berauschte, fühlte sich plötzlich als Held. »Ich habe das Geld längst!« log er. »Und zwar durch ein Termingeschäft à la hausse in albanischen Werten.« »Tüchtig also auch! Du glaubst gar nicht, Karl, um wie viel leichter du mir damit den Schritt machst!« Karl genoß stolz den Triumph. Er hatte das Gefühl, daß Hedda sich ihm unterwarf, ihn als Herrn über sich anerkannte. – Ihm wurde in dieser Stunde klar, daß man eine Frau, die man besaß, noch lange nicht erobert hatte. Jetzt erst gehörte sie ihm – und er war entschlossener denn je, vor nichts zurückzuschrecken, um sie festzuhalten. – Die ganze Nacht über saß Karl wach und suchte nach einem Ausweg. Mehrmals ertappte er sich dabei, daß seine Gedanken zu dem Scheck zurückkehrten. Aber – jedesmal sagte er sich: wenn ein Weg unmöglich ist, dann ist es der. Denn im selben Augenblick hätte ich sie auch verloren. – Gegen Morgen fuhr er gegen seine Gewohnheit nach Schloß Reichenbach und bat Hedda um eine Unterredung. »Du hast meinen geschäftlichen Ehrgeiz derart angeregt,« sagte er, »daß ich mich mit dem Gedanken trage, drüben ein Bankgeschäft zu eröffnen – und zwar in Rio.« »Rio? Etwa mit Reichenbach zusammen?« »Statt seiner. Aber ich will aus seinen Verbindungen und Vorarbeiten profitieren.« »Er fährt also nicht?« »Dafür mußt du sorgen.« »Wie kommst du darauf?« »Ich habe mir überlegt, daß es deinem Manne gegenüber geradezu verbrecherisch wäre, wenn wir plötzlich alle drei auf und davon gehen – und ihn allein lassen. Meinen Fortgang wird er geschäftlich weniger spüren – aber Reichenbach ist der einzige, der ihn über alle Vorgänge während seiner Krankheit genau unterrichten kann.« »Diese Einsicht kommt dir etwas spät.« »Ich habe immer nur an uns beide gedacht.« »Ich sehe ein, daß du recht hast. Aber er wird sich wundern, wenn ich mich plötzlich um ihn und um das Geschäft kümmere.« »Du kannst es mit der bevorstehenden Rückkehr deines Mannes begründen – das entspricht ja auch der Wahrheit.« »Er wird womöglich denken, mir liegt persönlich daran, daß er bleibt.« »Laß es ihn denken! Auf andere Weise wirst du ihn kaum bestimmen.« »Er wird sich Hoffnungen machen.« »Und sich getäuscht sehen, wenn du plötzlich fort sein wirst.« »Ich täusche einen Menschen nicht gern – besonders einen Menschen wie ihn, den ich keiner Schlechtigkeit für fähig halte.« »Hast du ihn erprobt?« »Erprobt in dem Sinne nicht. – Aber den Beweis seiner anständigen Gesinnung hat er mir gegeben.« »Es ist nicht jeder Mensch das, was er scheint.« »Was willst du damit sagen?« »Daß Reichenbach uns Moreners haßt, ist doch klar. Denn er wäre der natürliche Erbe seines Onkels gewesen.« »Für so klein halte ich ihn nicht.« »Weil du so offen bist, glaubst du, daß andere es auch sind.« »Er ist ein Fatalist.« »Er gibt sich dafür aus. – Aber ich halte ihn für berechnend. Auf jeden Fall muß er bleiben, bis er Gelegenheit hatte, deinem Mann Rechenschaft über seine Tätigkeit im letzten Jahr zu geben.« »Du tust ja gerade, als ob er etwas zu verbergen hätte.« »Ich traue ihm keine Unredlichkeit zu. Aber die Eile, mit der er ohne rechten Grund fortdrängt, verpflichtet mich, wachsam zu sein.« »Du gefällst mir immer mehr! In dir steckt, scheint mir, ein kleiner Heinrich Morener.« »Weshalb ein kleiner! Wenn ich die Schule und die Erfahrung meines Onkels hätte – wer weiß, ob ich es nicht genau so weit gebracht hätte.« »Was nicht ist, kann noch werden, Karl! – Ich werde also Heinz Reichenbach zu mir bitten und ihm klarzumachen suchen, daß es seine Pflicht ist, zum mindesten die Rückkehr meines Mannes abzuwarten.« »Ich komme dann heute abend also nicht.« »Du meinst, ich soll ihn zum Essen laden?« »Da er sich mittags nicht einmal die Zeit zum Fortgehen nimmt, so wirst du ihm schon etwas vorsetzen müssen.« »Und du bist gar nicht eifersüchtig?« »Seit gestern nicht mehr – denn seit gestern weiß ich, daß ich dich erobern werde.« »Wie sich das anhört! Ich glaube, dir kommt das alles wie ein Roman vor.« »Ich bin kein Phantast. Aber manchmal frage ich mich selbst, ob ich träume oder das alles wirklich erlebe.« »Wenn wir uns jetzt, statt zu handeln, in Träumereien verlieren, kann es uns passieren, daß dritte unser Schicksal bestimmen.« »Sei unbesorgt! Dazu wird es nicht kommen. Denn ich bin entschlossen, zu handeln.« »Du sprichst, als wenn du auf der Bühne ständest,« sagte Frau Hedda – und als sie ihm jetzt die Hand reichte, fühlte sie deutlich, daß sie mit ihrem Herzen ganz woanders war. 7. Obgleich Heinrich Morener bemüht war, nach außen hin und in seinem Gedächtnis alles auszulöschen, was ihn an seine Vergangenheit erinnerte, hatte er doch den neunzehnjährigen Sohn seines Geschäftsfreundes Schnitter in die Bank übernommen. Der junge Schnitter war bei seinem Vater, der sich mit allen Arten von Geldgeschäften befaßte, in die Lehre gegangen. Wenn Heinrich Morener Geschäfte hatte, die selbst ihm zu unsauber erschienen, dann ging er zu seinem Freunde Schnitter, der das Geschäft in seinem Namen tätigte und für die Übernahme des oft nicht nur moralischen, sondern auch kriminellen Risikos eine hohe Gewinnbeteiligung erhielt. Schon ehe Heinrich Morener das Bankhaus Reichenbach übernahm, hatte er mehrmals versucht, sich von Schnitter zurückzuziehen. Manches aussichtsreiche Geschäft hatte er diesem Wunsche geopfert. Aber Schnitter, der die Absicht merkte, hielt zäh an Morener fest. Nicht so sehr aus Gewinnsucht, als aus dem Wunsch heraus, seinen Sohn in eine saubere Atmosphäre zu retten. Denn er kannte Heinrich Moreners Ehrgeiz, und dessen Absicht, nur so lange mit ihm zu arbeiten, bis er reich genug war, um es sich leisten zu können, nur noch anständige Geschäfte zu machen. Als Heinrich Morener dann eines Tages so weit war und Schnitter sich auf friedlichem Wege nicht abschütteln ließ, provozierte Morener einen Streit und sagte: »Ich schwöre dir, dies war das letzte Geschäft, das ich mit dir gemacht habe.« »Damit du nicht falsch schwörst,« hatte Schnitter erwidert, »übernimm meinen Sohn, wenn das Geschäft mit Reichenbach perfekt wird.« »Was weißt du von Reichenbach?« rief Morener. »Ich wage nicht einmal deinen Namen neben seinem zu nennen.« »Damit du das nicht nötig hast, übernimm meinen Sohn.« »Du drohst?« »Ich bitte.« »Und wenn ich es nicht tue?« »Dann wirst du genötigt sein, die geschäftlichen Verbindungen mit mir weiterhin aufrechtzuerhalten – auch dann noch, wenn du Schloßherr von Reichenbach sein wirst.« »Ich habe dich nie zu einem Geschäft gezwungen, das strafbar war.« »Stimmt! Strafbar oder nicht strafbar war der bisherige Maßstab für deine Geschäfte. Du hast es verstanden, sie so zu frisieren, daß kein Staatsanwalt dir an den Kragen konnte. In der Welt aber, in der du dich von nun an bewegen wirst, heißt es nicht, strafbar oder nicht strafbar, sondern fair oder unfair. Und als unfair wird man es bereits bezeichnen, wenn du mit dem berüchtigten Emil Schnitter in Verbindung stehst.« »Aber deinen Sohn kann ich übernehmen – und daran, meinst du, wird man sich nicht stoßen?« »Gebrüder Reichenbach haben Hunderte von Angestellten. Leute, die Schnitter heißen, gibt es in jeder Stadt. Kein Mensch wird auf den Gedanken kommen, daß Erich Schnitter ein Sohn von Ludwig E. Schnitter ist.« Heinrich Morener fühlte damals, daß seine Situation noch nicht stark genug war, um nein zu sagen. Und so kam Erich Schnitter ein paar Wochen, nachdem Heinrich Morener das Bankhaus übernommen hatte, zu Gebrüder Reichenbach \& Co. Da es nahe lag, daß der junge Schnitter sich über das Verbot Heinrich Moreners hinwegsetzen und seine persönlichen Beziehungen zum Chef seinen Vorgesetzten und Kollegen gegenüber ausspielen würde, so hatte Heinrich Morener ihn in der Abteilung Heinz Reichenbachs untergebracht. Er sagte sich, daß der am ehesten ein Interesse daran haben müsse, daß der Name des Bankhauses in keine Verbindung mit Ludwig E. Schnitter gebracht werde. Er würde also dafür Sorge tragen, daß derartige Redereien nicht geglaubt, zum mindesten aber nicht weitergetragen würden. Diese Vorsicht erwies sich als überflüssig. Denn Erich Schnitter war viel zu sehr der Sohn seines Vaters, um sich nicht zu sagen, daß er seiner Stellung damit viel eher schaden als nützen würde. Er hatte sich die Devise seines Vaters: »an sauberen Geschäften kann man auch Geld verdienen, an unsauberen aber kann man reich werden«, zu eigen gemacht und hoffte, in vorgerückter Stellung würde man ihn mit dem Vertrauen beglücken, Geschäfte zu tätigen, die Gebrüder Reichenbach \& Co. aus Prestigegründen nicht mit der Firma decken konnten. Der Glaube, daß eine Firma, die auf sich hielt, Geschäfte, auch wenn sie hohen Gewinn versprachen, ihres unsauberen Charakters wegen ausließ – der Gedanke kam ihm nicht. Karl Morener wußte natürlich von alledem. Und wenn er, der anfangs sogar seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu Heinrich Morener unter seinen Sportfreunden ableugnete, von dieser Bekanntschaft auch keinen Gebrauch machte, so erinnerte er sich jetzt, wo er sich verspekuliert hatte und das Messer ihm bereits an der Kehle saß, doch lebhaft der engen Geschäftsverbindung, die zwischen dem alten Schnitter und seinem Onkel Heinrich über ein Jahrzehnt lang bestanden hatten. Er suchte also Ludwig E. Schnitter auf, in der Hoffnung, von ihm, wenn auch gegen hohe Zinsen, zunächst einmal so viel zu erhalten, um sein Termingeschäft abdecken zu können. »Es muß schon böse um Sie stehen,« sagte der Alte, »wenn Sie sich soweit überwinden und mich aufsuchen.« »Daß ich nicht gern komme, gebe ich zu,« erwiderte Karl Morener. »Aber daran sind weniger Sie schuld als der Grund, der mich zwingt, Sie aufzusuchen.« »Doch keine Beschwerde über meinen Sohn?« »Im Gegenteil. Alle sind zufrieden mit Erich.« »Sie nennen ihn beim Vornamen? Welche Ehre! – Aber in Zahlen ausgedrückt: wie hoch ist die Summe, für die Sie sich soviel vergeben?« »Sie sind ein Fuchs! Ihnen macht man nichts vor.« »Ziehen Sie daraus den allein richtigen Schluß und sagen Sie mir die volle Wahrheit.« Karl Morener, der sich einem Überlegenen gegenüber sah, erzählte, daß er sich verspekuliert habe und zahlen müsse. Da er sich an Heinrich Morener, der, wie Schnitter wisse, krank sei, nicht wenden könne, so käme er zu ihm, dem Freunde seines Onkels. »Mit der Freundschaft ist es nicht weit her,« erwiderte Schnitter. »Hoffentlich steht es mit den Sicherheiten, die Sie mir bieten können, um so besser.« »Ich hafte mit meiner Person.« »Sie sind ein sehr dekorativer Herr – und ich glaube auch, daß manches neureiche Mädchen an Ihrer Sportfigur und der Art Ihres Auftretens Gefallen finden wird. Gut wären Sie mir für die Summe . . .« »Also reden wir über den Preis, den Sie fordern. Ich biete Ihnen zwölf Prozent.« »Aber nein! Wie werde ich mich denn an dem Neffen meines Freundes Heinrich Morener bereichern? Nicht einen Pfennig mehr als sechs Prozent.« »Sie sind ein Gentleman!« »Geben Sie mir das schriftlich! Wenn ich das mit Ihrer Unterschrift Ihrem Onkel in die Anstalt sende, wird er vor Schreck gesund.« »Er beurteilt Sie falsch.« »Möglich.« »Ich werde ihn, sobald er gesund ist, davon überzeugen, wie unrecht er Ihnen tut.« »Das ist sehr freundlich von ihnen. – Aber schweifen wir nicht ab! Kehren wir zu unserem Geschäft zurück. Können Sie die geforderten Sicherheiten leisten?« »Was für eine – Sicherheit?« »Den Schwiegervater.« »Schwieger . . . vater?« »Es genügt, daß Sie mir Ihre Verlobung glaubhaft machen. Ich prüfe das Gewicht Ihres Fräulein Braut – in Goldwährung natürlich – und Sie erhalten das Geld, ohne daß jemand etwas davon erfährt.« »Das ist unmöglich. Ich habe keine Braut – auch keine in Aussicht.« »Die läßt sich bei Ihrem Äußeren und der sozialen Stellung Ihres Onkels innerhalb weniger Stunden beschaffen.« »Ich verkaufe mich nicht.« »Sie sind gezwungen, es zu tun.« »Geben Sie sich keine Mühe! Ehe ich das tue, lieber . . .« Er stockte plötzlich. »Was tun Sie da lieber?« fragte Ludwig E. Schnitter. Karl Morener stutzte, sah auf und sagte: »Wieso interessiert Sie das?« »Begehen Sie keine Dummheit, junger Mann! Die Kunst, die Gesetze nur zu streifen, haben Sie nicht gelernt.« »Das geht Sie einen Dreck an!« »Was sind das für Ausdrücke für einen Herrn Morener!« »Geben Sie mir das Geld oder nicht?« »Ich habe Ihnen meine Bedingung genannt. Ich bin sogar bereit, Ihnen die Braut zu schaffen – eine, bei der ich sicher bin, daß Sie die Verlobung nicht wieder lösen, sobald Sie das Geld in der Tasche haben.« – Er wies zur Wand. – »Ich brauchte nur an die Klingel zu gehen und – meine Tochter rufen zu lassen.« »Ich soll . . .?« Karl nahm Hut und Stock. »Dann kann ich meine Unterredung wohl als beendet betrachten.« »Sie haben sich noch immer nicht abgewöhnt, in Phrasen zu reden. Glauben Sie, Sie machen damit auf mich Eindruck? – Meine Tochter ist ein hübsches Mädchen! Wenn Sie der Name stört – in drei Wochen kann sie Ihre Frau sein – und heißt Morener.« »Ich will nichts gegen Ihre Tochter sagen.« »Das können Sie auch gar nicht. Sie ist ganz aus der Art geschlagen – ein feines, anständiges Mädchen. Eine Reichenbach kann nicht feiner sein in ihrer Denkungsart.« »Ich weiß es – und sie gefällt mir auch.« »Na also – was braucht sie mehr, als Ihnen zu gefallen?« »Ich kann nicht. – Ich habe . . . ich bin . . .« »Verlobt?« »Das nicht. Vielleicht verliebt – obgleich ich mir auch darüber nicht im klaren bin.« »Was heißt das? Meine Tochter, sagen Sie, gefällt Ihnen – Sie sind weder verlobt, noch verliebt – was kann da noch im Wege sein?« »Ich bin verpflichtet.« »Wie hoch?« »Nicht in der Art – anders.« »Wie kann man anders verpflichtet sein als mit Geld?« »Mit der Ehre und mit meinem Gewissen.« »So ein Gewissen läßt leichter mit sich reden als ein Gläubiger.« »Das liegt in diesem Falle nicht so, mit Geld ist da nichts zu machen – und ich will auch nicht!« »Wenn Sie nicht wollen – das ist etwas anderes. Das wäre ein so glattes Geschäft – wo Ihnen das Mädel gefällt.« »Es geht nicht!« »Schade!« »Sie geben mir das Geld also nicht?« »Nein.« »Dann weiß ich nicht,« sagte Karl Morener verzweifelt, »was ich beginnen soll. Sie waren meine letzte Hoffnung.« »Tut mir leid.« »Ich muß das Geld haben! – Wissen Sie jemand, der mir gegen fünfzig Prozent die Summe leiht?« »Wenn ich einen wüßte, so würde ich ihn nicht nennen.« »Sie wollen also, daß ich ein Verbrechen begehe?« »Ich will, daß Sie meine Tochter heiraten.« »Zum letzten Male: nein!« »Auch meinerseits, Herr Morener,« sagte der Alte und fügte, indem er sich verbeugte, hinzu: »Ich habe die Ehre.« Ohne einen Gruß verließ Karl das Haus. 8. Als Heinz Reichenbach wenige Stunden später ein Telegramm des Inhalts erhielt: »Bitte, Herr Reichenbach, machen Sie mir das Vergnügen, heute abend um acht Uhr bei mir zu essen. Ihre ergebene Hedda Morener« – hielt er es zunächst für eine Mystifikation. – Irgendwer war so geschmacklos, sich einen Scherz mit ihm zu machen. Am besten also, man beachtete es nicht und warf das Telegramm in den Papierkorb. Aber ehe er sich dazu entschloß, las er es noch einmal. Fast ein Jahr lang hatte er täglich auf ein paar Zeilen von ihr gewartet. Aber so fest er daran glaubte, so deutlich fühlte er, daß aus diesen Worten nicht der Geist Heddas sprach. Schon das Unpersönliche des Telegramms berührte ihn eigenartig. Wenn sie ihm nach länger als einem Jahr etwas zu sagen hatte, weshalb schrieb sie ihm dann nicht ein paar Zeilen? Einen Augenblick lang erwog er, ob er Karl Morener ins Vertrauen ziehen und ihm von dem Telegramm Mitteilung machen sollte. Der kam unter Menschen, der sah Hedda, kannte manche Zusammenhänge, die ihm fremd waren. – Seltsam, daß es in diesem Augenblick an die Tür klopfte – und kein anderer als Karl Morener ins Zimmer trat. »Ich habe gerade an dich gedacht!« sagte Heinz. »Und ich an dich,« erwiderte Morener und hielt ihm zwei Karten für die Oper vors Gesicht. »Du kommst doch mit?« »Leider muß ich dir einen Korb geben. Ich habe so selten etwas vor. Aber gerade heute abend bin ich verhindert.« »Das glaube ich dir einfach nicht.« Statt einer Antwort reichte ihm Heinz das Telegramm und fragte: »Was hältst du davon?« »Daß du meine Tante jeden Abend, eine Uraufführung von Richard Strauß aber nur einmal, und zwar heute, genießen kannst.« »Du glaubst also wirklich . . .?« »Was?« »Daß das Telegramm von deiner Tante ist?« »Ich weiß es sogar. Sie hat mir davon gesprochen.« »Sie hat – mit dir – davon – gesprochen?« »Ja! – Sie sagte mir, daß sie dich bitten wolle. Was findest du dabei so sonderbar?« »Nichts!« erwiderte Heinz nervös. »Gar nichts.« »Du wirst ihr absagen und mit mir in die Oper gehen.« »Nimm es mir nicht übel, Karl, aber ich habe das Gefühl, als wenn ich auf das Telegramm hin zu ihr muß.« »Gefühl! Was du immer mit deinen Gefühlen hast.« »Es ist mir, als wenn ich an das Bett eines Kranken gerufen würde.« »Weißt du, was ich nicht begreife? Daß du mit deinen verrückten Ideen ein so tüchtiger Bankier geworden bist.« »Ich danke dir für die gute Absicht,« erwiderte Reichenbach und drahtete an Frau Hedda: »Ich komme gern.« – Zwar hatte er Hemmungen. Denn da er immer nur im Zusammenhang mit der Kuanyin an sie zurückdachte, deren Züge sie in seiner Vorstellung schon angenommen hatte, so fürchtete er, daß er von dem Wiedersehen enttäuscht sein würde. Aber es kam anders. Als sie ihm am Abend entgegentrat, da glaubte er, die zum Leben erwachte Kuanyin vor sich zu sehen. – Sie reichte ihm lächelnd die Hand und sagte mit leiser Stimme: »Heinz Reichenbach.« Er beugte sich über ihre Hand, küßte sie und erwiderte: »Sie haben mich lange warten lassen, Frau Hedda.« »Glauben Sie mir: ich habe es schwer zu bereuen. Hätten wir uns nur wiedergesehen! Es wäre besser für mich gewesen.« »Sie haben sich gegen das Schicksal gewehrt!« »Vielleicht unbewußt. Jedenfalls habe ich zu weit gedacht. Denken Sie, mein Mann wäre zurückgekehrt und ich hätte ihm sagen müssen: ich gehöre dir nicht mehr!« »Heinrich Morener ist ein kluger Mann, der uns gewiß verstanden hätte.« »Alles hätte er verstanden! Das nicht! Wenn ich ihn hintergangen hätte – er hätte vielleicht nicht einmal gefragt: mit wem? – Aber seelischen Verrat! Nein! Den hätte er nie verziehen.« »Wenn Sie doch aber seelisch nie beieinander waren!« Frau Hedda lächelte und sagte: »Was ein Mann so unter Seele versteht! Wenn man auf seine Schwächen eingeht – seine Gefühle streichelt – ihm hin und wieder sagt, wie gut er ist, und ihm ein wenig schmeichelt, gerade da, wo er seine Schwächen fühlt und gern anders sein möchte – so glaubt er, daß man ein Herz und eine Seele mit ihm ist.« »Wenn wir uns wirklich liebten, hätten wir da nicht das Recht, ihm zu sagen, daß er sich irrt?« »Das Recht, einem Menschen weh zu tun, der gut zu einem ist, hat man nie – einem Kranken gegenüber schon gar nicht!« »Jeder Mensch hat Anspruch auf Glück?« »Es sei denn, daß er sich den Weg dahin aus egoistischen Gründen selbst versperrt. – Das habe ich getan. Ich habe nur an mich gedacht. – Sehr viel später erst kam es mir zum Bewußtsein, daß ich ihn verkannt hatte und daß es meine Pflicht ist, auch an ihn zu denken. »Sie sind die geblieben, die Sie waren.« »Haben Sie geglaubt, daß ich mich ändern würde?« »Nein! – Und ich habe es auch nicht gewünscht – denn wer weiß, ob ich Sie dann nicht verloren hätte.« Frau Hedda sah ihn erstaunt an und fragte: »Verloren? – Mich? – Ja, hoffen Sie denn noch immer, daß wir uns jemals . . . Ja, womit rechnen Sie?« »Ich rechne nicht. Ich verlasse mich auf mein Gefühl. Ich habe es das ganze Jahr über, in dem wir uns nicht gesehen haben, gefühlt, daß Sie mir gehören. Und ich bin sehr glücklich – nun, wo ich sehe, daß mein Gefühl mich nicht getäuscht hat.« »Und Sie werden dreißig Jahre lang weiter glücklich sein, auch wenn alles so bleibt, wie es bisher war?« Heinz Reichenbach schüttelte den Kopf und sagte: »Es bleibt nicht so! Es kann so nicht bleiben. Die Natur ist nicht sinnlos. Sie handelt nach Gesetzen – denen auch Sie unterworfen sind – Sie mögen sich wehren oder nicht.« Hedda nahm seine Hand und sagte: »Auch den Glauben muß ich Ihnen nehmen – so schwer es mir fällt.« »Das können Sie nicht – es sei denn, daß Sie einen anderen lieben. Dann aber wären Sie nicht so, wie Sie sind.« »Wen sollte ich lieben, wo ich für Sie soviel empfinde? – Aber das Bild, das Sie von mir haben, ist falsch. Ich bin es nicht wert, daß Sie Ihr Leben auf mich einstellen – auf diese Ungewißheit!« »Wenn es mir doch genügt.« »Und wenn ich bekenne, daß ich aus Einsamkeit oder aus Leidenschaft, die mit meinem Gefühl zu Ihnen nichts zu tun hat – vielleicht sogar aus Sehnsucht nach Ihnen – aber das täusche ich Ihnen und mir nur vor – viel eher aus Furcht vor dem, was mich zu Ihnen treibt – damit die Scham mich zurückhält, Sie zu rufen – daß ich aus diesem Gefühl und dieser Absicht heraus Sie und meinen Mann betrüge – wenn ich Ihnen das bekenne, sehen Sie dann, daß Sie sich irren? Macht Sie das frei von mir?« Heinz führte die Hände vor das Gesicht. Nach einer Weile sagte er: »Und deshalb – um mir das zu sagen – haben Sie mich kommen lassen?« »Nein! Ich hatte nicht die Absicht. Aber da ich Sie um etwas bitten muß, so wollte ich, daß Sie Ihre Entscheidung nicht auf Grund einer falschen Vorstellung über mich treffen. Sie mußten vorher wissen, wie schlecht ich bin.« »Und Ihre Bitte?« »Geben Sie Ihre Reise nach Rio auf.« Heinz sah auf und fragte: »Aus welchem Grunde?« »Ersparen Sie mir die Antwort.« »Darauf war ich freilich nicht vorbereitet,« erwiderte Heinz. »Viel eher auf das Gegenteil.« »Wäre Ihnen das lieber gewesen?« »Vor einer Stunde noch hätte ich nein gesagt. – Jetzt freilich macht es keinen großen Unterschied mehr.« »Ich bin also tot für Sie?« »Wie können Sie das glauben, Hedda? – Stellen Sie sich vor, Sie wären Mutter, und Ihr Kind, das Sie lieber haben als alles auf der Welt, täte Ihnen weh – so weh, wie Sie mir taten – wäre es darum tot für Sie? – Oder liebten Sie es im Gefühl, wie sehr es Ihres Schutzes bedarf, nicht womöglich noch mehr?« Frau Hedda wäre ihm jetzt am liebsten um den Hals gefallen und hätte sich ihm in allem anvertraut. Aber sie beherrschte sich und sagte trocken: »Dann ist es also nicht ausgeschlossen, daß Sie meine Bitte erfüllen?« »Ihnen liegt viel daran?« »Sehr viel.« »Werde ich Sie, wenn ich bleibe, öfter zu sehen bekommen als bisher?« »Vermutlich überhaupt nicht mehr.« »Sie haben die Absicht . . .?« »Ich bitte Sie, Heinz, stellen Sie keine Fragen an mich.« »Lassen Sie mich diesmal wenigstens verhüten, daß Sie etwas tun, was Sie später gereut.« »Ich wünschte, es ginge, Heinz! Aber ich schwöre Ihnen, es ist zu spät. Der Diener meldete: »Es ist angerichtet.« Frau Hedda nahm Reichenbachs Arm und ließ sich von ihm zu Tisch führen. Während des Essens unterhielten sie sich völlig unbefangen. Frau Hedda fragte: »Erinnern Sie sich noch des Abends, an dem wir zum ersten Male zusammen hier saßen? Frau Reichenbach war da mit ihrer Tochter. Ich lernte an jenem Abend meinen Mann kennen.« »Und verlobten sich noch am selben Abend mit ihm.« »Obgleich ich mit seinem Neffen Karl so gut wie versprochen war.« »Mit Karl Morener? – Den wollten Sie heiraten?« »Wieso wundert Sie das? Finden Sie ihn so unmöglich?« »Durchaus nicht!« »Wenn ich nicht irre, sind Sie doch befreundet mit ihm.« »So weit zwei so grundverschiedene Menschen miteinander befreundet sein können.« »Sie halten ihn für oberflächlich?« »Nein! Ich glaube im Gegenteil, er ist im Sport ebenso gründlich wie in der Liebe. – Man kann daher nicht gut von ihm verlangen, daß er es auch in der Arbeit ist.« »Sie glauben nicht, daß ich glücklich mit ihm geworden wäre?« »Wenn Sie ihn sehr geliebt hätten – schon.« »Und wenn ich – ihn nicht – sehr – geliebt hätte? Wenn ich ihn womöglich gar nicht liebgehabt hätte?« »Dann hätten Sie als Sportkameraden und Gesellschaftsmenschen vielleicht auch ohne Reibung nebeneinander gelebt – wie es die meisten Menschen heutzutage tun. Aber ob Ihnen das auf die Dauer genügt hätte, bezweifle ich.« Frau Hedda schien nachdenklich und sagte: »Da mögen Sie recht haben.« Aber Heinz Reichenbach, zu rücksichtsvoll, um mehr zu fragen, hatte das Gefühl, daß sie ihm Wesentliches verschwieg. Der Wunsch, ihr zu helfen, hielt ihn bis tief in die Nacht im Schloß. Die Dienerschaft lag auf Frau Heddas Weisung längst in den Betten und schlief – da saßen die beiden noch immer in ernstem Gespräch beieinander. Aber was Hedda bedrückte, erfuhr Heinz nicht. Als er um vier Uhr morgens in seinem Auto aus dem Schloßpark hinausfuhr, stand Hedda am Fenster. Er sah sie nicht. Aber je weiter er sich von Schloß Reichenbach entfernte, um so stärker fühlte er sich trotz allem, was sie ihm eröffnet hatte, mit ihr verbunden. 9. Frau Hedda hatte Reichenbach gebeten, sich nicht gleich am selben Abend zu entscheiden, ob er imstande sei, ihre Bitte zu erfüllen und die Reise aufzugeben. Er war noch nicht in Berlin, da stand sein Entschluß schon fest. Er hielt vor einem Nachtcafé, das um ein Uhr schloß, um bei erhöhtem Betrieb um fünf Uhr früh wieder zu öffnen. Er stellte den Wagen ab und stand gleich darauf in einem kleinen Raum, in dem Frauen und Männer, denen man ihr Gewerbe auf hundert Schritte ansah, tanzten und lärmten. Der seltene Gast fiel um so mehr auf, als sich alle hier untereinander kannten, jedem Fremden daher mit Mißtrauen begegneten. Eins der Mädchen flüsterte dem Wirt etwas zu, woraufhin der dicht an Reichenbach herantrat und leise zu ihm sagte: »Mach, daß du mit deiner Karre wegkommst. Die Luft ist dick!« Reichenbach verstand ihn nicht, sagte: »Einen Kognak und einmal Telephon!« – Ließ ihn stehen und ging auf den Fernsprecher zu. Der Wirt jagte ihm nach, riß ihm, als er trotz des Lärms die Nummer bereits genannt hatte, den Hörer aus der Hand und sagte: »Laß mir den Wagen! Dir jagen sie ihn doch wieder ab.« – Dann zog er die Brieftasche heraus und hielt ihm ein Bündel Banknoten vor die Nase: »Zwo Mille! Na? Einverstanden?« »Der Wagen gehört mir und ist unverkäuflich.« Ein Höllengelächter ging durch den Raum. Ein paar Kerle, die an der Tür standen, verständigten sich. – Reichenbach, der mit seinen Gedanken ganz wo anders war und dem das alles viel zu lange dauerte, hielt einen Fünfzigmarkschein hoch und rief: »Der gehört euch, wenn ihr zwei Minuten lang ruhig seid und mich telefonieren laßt.« Ein Hallo folgte den Worten. Aber gleich darauf trat Totenstille ein. Alle sahen Reichenbach an, der in den Apparat sprach: »Ihr Wunsch ist erfüllt! Weiter wollte ich nichts sagen! Gute Nacht!« Er hängte den Hörer wieder an. – Man umringte ihn. – Er drängte zur Tür – stolperte über ein paar Stufen – stand auf der Straße und sah, daß sein Auto verschwunden war. – Er ging ins Lokal zurück und schlug Lärm. – Man beförderte ihn unsanft wieder auf die Straße. – Er lief bis zur nächsten Ecke und wieder zurück. Er rief laut nach einem Schupo. Im selben Augenblick hatte er einen Stoß im Genick, verlor für Augenblicke das Bewußtsein – fiel nach vorn über und schlug sich Knie und Hände auf. – Als er sich mühsam wieder erhoben hatte, nahm ihn ein Weib unter den Arm und sagte: »Komm!« Er ließ sich von dem Mädchen bis zu einem Auto führen, dankte ihm und wollte ihm einen Zehnmarkschein geben. Da nahm er wahr, daß seine Brieftasche fort war – auch die Uhr mit Kette – und die Perle, obgleich sie gesichert war. »Zum nächsten Polizeirevier!« rief er dem Chauffeur zu. Aber der war schon von seinem Sitz herunter, zog ihn unsanft aus dem Wagen heraus und sagte: »Kein Geld und nächstes Polizeirevier, das kennen wir! Unterwegs schießen Se sich womöglich 'ne Kugel in den Kopf und versauen mir den Wagen. Das machen Se gefälligst anderswo ab.« Er schlug die Tür zu, sprang auf seinen Sitz und fuhr davon. Reichenbach schleppte sich ein paar Straßen weiter. Nach zwanzig Minuten stieß er endlich auf einen Polizeibeamten. Er ging auf ihn zu und sagte: »Ich bin ausgeraubt und überfallen worden.« »Wo?« fragte der Beamte und sah ihn mißtrauisch an. »Das kann ich nicht genau angeben.« »Dann wenden Sie sich gefälligst an das zuständige Polizeirevier.« Reichenbach faßte sich an den Kopf und sah ihn entgeistert an. »Man hat mir mein Automobil gestohlen,« sagte er, »vielleicht interessiert Sie das.« »Sehen Sie, daß Sie weiterkommen und machen Sie hier keinen Auflauf,« befahl der Beamte. »Auflauf? Hier ist doch weit und breit kein Mensch außer mir.« »Noch ein Wort und ich verhafte Sie wegen ruhestörenden Lärms.« Er entfernte sich schnell, suchte vergeblich ein leeres Auto, sah an einem Haus das Schild eines Arztes, zog an der Nachtglocke und erzählte dem Arzt, der ihn halbbekleidet, der Nachttaxe wegen aber doppelt erfreut, unter den Arm nahm und zu sich hinaufführte, den ganzen Vorfall von dem Augenblick an, in dem er das fragwürdige Lokal betreten hatte. »Sie hatten eine Panne?« fragte der Arzt. »Wie kommen Sie darauf? Ich habe den Wagen erst seit drei Wochen – er läuft vorzüglich. – Im übrigen bin ich nicht einer Autoreparatur wegen bei Ihnen, sondern um feststellen zu lassen, ob ich meine Knochen noch alle beisammen habe.« Diese Feststellung dauerte nur wenige Minuten. Als sie erfolgt war, sagte der Arzt: »Darf ich mir die Frage erlauben, wie Sie dazu kamen, ein derartiges Lokal aufzusuchen?« »Nein! Das dürfen Sie nicht! Das ist durchaus meine persönliche Angelegenheit.« »Aber vielleicht darf ich wissen, wen ich vor mir habe?« »Reichenbach – hoffentlich genügt Ihnen das.« »Doch nicht etwa von dem bekannten Bankhaus . . .?« »Gebrüder Reichenbach \& Co. am Gendarmenmarkt,« ergänzte Heinz. »Ich werde mir erlauben, Sie persönlich nach Haus zu fahren.« »Das wird mir ein Vergnügen sein, Herr Doktor. Nur möchte ich Sie bitten, geräuschlos und diskret! Ich wünsche nicht, daß man erfährt, wann und wie ich nach Haus gekommen bin.« Wieder einer der Reichen, die ein Doppelleben führen, dachte der Arzt, bestellte telephonisch ein Automobil und fuhr – es war inzwischen sechs Uhr geworden – Heinz Reichenbach bis vor seine Haustür. Weitere Hilfe lehnte Heinz ab, dankte, verabschiedete sich und bat um Zusendung der Liquidation. »Ganz nach Belieben!« erwiderte der Arzt und verbeugte sich tief. 10. Als am nächsten Morgen der Bureauvorsteher Runge wie seit zwanzig Jahren täglich um acht Uhr früh seinen Arbeitsraum betrat, meldeten ihm die Reinemachefrau und der Bureaudiener, daß die Scheibe der Glastür, die zum Bureau des Abteilungsdirektors Urbach führte, eingeschlagen sei. Seine erste Frage war: »Wann haben Sie das bemerkt?« »Vor einer halben Stunde.« »Und was haben Sie während der halben Stunde getan?« »Nichts – das heißt, wir haben hier und nebenan im Sitzungssaal aufgeräumt.« »Wieso haben Sie nicht die Polizei alarmiert?« »Polizei? – Ja wir dachten . . .« »Was dachten Sie?« »Daß der Wind – weil doch das Fenster offen steht – und« – der Diener wies durch die zerschlagene Scheibe in das Bureau – »die Papiere sämtlich auf dem Boden liegen.« Runge war an die Tür getreten und sah hinein, dann sagte er: »Und den eisernen Schrank hat am Ende auch der Wind gesprengt.« Die beiden traten erschrocken an die Tür. »Wahrhaftig! – Der Schrank!« rief der Bureaudiener, und die Reinemachefrau sagte: »Das ist aber das erstemal – ich kann mir nich erinnern, daß der je offen stand.« Runge drückte die Klinke herunter und sagte: »Verschlossen!« »Die schließt doch immer erst der Herr Direktor auf, weil er nicht will, daß jemand vor ihm da hineinkommt.« Runge steckte den Arm durch die Öffnung, tastete die Tür auf der Bureauseite ab und sagte: »Von innen verriegelt.« »Wie ist das möglich?« fragte der Diener. »Die Kerle sind vermutlich durch das Fenster gestiegen.« »Großer Gott!« rief die Frau. »Doch nicht etwa ein Einbruch?« »Den Eindruck macht es,« sagte Runge spöttisch, ging an den Apparat und ließ sich mit dem Bureau von Reichenbach verbinden. »Herr Reichenbach ist noch nicht da,« erwiderte die Sekretärin. »Er ist doch sonst immer der erste.« »Ich wundere mich auch. Aber er wird jeden Augenblick kommen.« Runge rief darauf in dem Bureau Karl Moreners an. »Fragen Sie bitte gegen elf noch einmal an,« gab die Sekretärin zur Antwort. »Vorher ist es zwecklos.« Nun benachrichtigte er die Direktoren Urbach und Meßter. Die setzten sich sofort mit dem Kommissar für Bankeinbrüche im Polizeipräsidium in Verbindung. »Ich komme sofort! Rühren Sie nichts an, bitte, bevor ich da bin.« Reichenbach und Karl Morener wurden in ihren Privatwohnungen benachrichtigt und eilten zur Bank. Da trafen sie zur gleichen Zeit mit dem Kommissar und dessen Kriminalwachtmeister ein. Die Untersuchung ergab: Es war versucht worden, den Geldschrank gewaltsam zu öffnen. Das war trotz verzweifelter Anstrengung, von der die übel zugerichteten Eisentüren Zeugnis ablegten, nicht gelungen. Sauerstoffapparate hatte man offenbar nicht zur Anwendung gebracht. Man hatte es sodann mit den Schlössern versucht. Die waren gewaltsam zerstört. Es ließ sich auf den ersten Blick aber nicht feststellen, auf welchem Wege die Öffnung erfolgt war. Damit, daß man die Schlösser vernichtete, öffnete man an sich noch nicht die Schranktüren. Die Art, in der hier gearbeitet war, ließ nicht auf gewerbsmäßige Geldschrankknacker schließen. Vermutlich waren die Einbrecher von außen eingestiegen – da das innere Gebäude, vor allem aber die erste Etage – und in dieser wiederum der Flur, auf dem die fraglichen Räume lagen, von alten, erprobten Wächtern mit starken Hunden bewacht waren. Zudem war die schwere eiserne Tür, die in das Zimmer des Bureauvorstehers führte, am Morgen, als Runge erschien, ordnungsmäßig verschlossen gewesen. Wenn die Einbrecher aber von außen, durch das im ersten Stock gelegene, unvergitterte Fenster eingestiegen waren, wie erklärte sich dann die zerschlagene Tür? Daß sie, um im Falle der Entdeckung Zeit für die Flucht zu gewinnen, den Riegel vorgeschoben hatten, war verständlich. Aber der Grund für das Zerschlagen der Scheibe, was noch dazu Lärm verursachte, war unerfindlich. Denkbar war, daß die Einbrecher, um von der Spur abzulenken, vorzutäuschen suchten, sie seien nicht von außen, sondern durch das innere Gebäude eingedrungen. Aber dann hätten sie die Fenster, wenn sie sie auch von außen wieder hatten schließen können, zum mindesten doch angezogen. Wenn der Einbruch aber von außen stattgefunden hatte, dann mußten die Fenster, da sie weder eingedrückt, noch eingeschlagen waren, offen gestanden haben. Der Bureaudiener bestritt das. Aber der Direktor gab die Möglichkeit zu und meinte, es wäre jedenfalls nicht das erstemal, wenn man vergessen hätte, die Fenster zu schließen. Das gab dem Kommissar Veranlassung zu folgender Erklärung: »Ich halte es durchaus für möglich, daß die offenen Fenster überhaupt erst die Anregung zu dem Einbruch gegeben haben – daß das Verbrechen also nicht von langer Hand vorbereitet war, sondern impulsiv erfolgt ist. – Ja, ich gehe noch weiter, und erblicke in dem Versäumnis, die unvergitterten Fenster eines in der ersten Etage befindlichen Raumes, in dem ein vermutlich nicht leerer Geldschrank steht, eine grobe Fahrlässigkeit. Da werden Sie wohl mit der Versicherungsgesellschaft Schwierigkeiten haben.« »Das wäre böse,« erwiderte Reichenbach, der während der Untersuchung mit Runge den Inhalt des Geldschranks geprüft hatte. »Denn es fehlen nach oberflächlicher Schätzung Devisenpakete im Betrage von etwa einer halben Million Mark.« »Ich fürchte, die werden Sie wohl abschreiben müssen.« »Haben Sie so wenig Vertrauen zu sich selbst?« fragte Reichenbach den Beamten, der gekränkt erwiderte: »Mir scheint, daß man viel eher Ihnen einen Vorwurf machen kann. Eine derartige Fahrlässigkeit fordert ja geradezu zu einem Diebstahl heraus. Es sollte mich nicht wundern, wenn einer Ihrer Angestellten, der die Verhältnisse kennt und weiß, was für Werte sich hier befinden, beobachtet hat, daß die Fenster öfter unverschlossen bleiben. Das hat ihn dann wahrscheinlich erst auf den Gedanken gebracht.« »Es fehlt nur noch, daß Sie uns wegen Anstiftung belangen,« meinte Reichenbach bitter, und Karl Morener fügte hinzu: »Ich muß auch sagen: ein offen stehendes Fenster ist doch noch keine Offerte, einzusteigen.« Der Kommissar tat, als wenn er die Äußerungen überhörte, und machte sich mit dem Wachtmeister daran, das wichtigste Beweismaterial, die Fußspuren und Handabdrücke, zu sichern. Schon nach wenigen Augenblicken sagte der Wachtmeister: »Ich finde nichts. Die Kerle haben mit Handschuhen gearbeitet.« »Amateure waren es demnach nicht,« meinte Reichenbach, und der Kommissar fuhr fort: »Hoffentlich haben wir mit den Fußspuren mehr Glück.« Aber obgleich der Kiesweg unterhalb des Fensters noch nicht geharkt war, konnte man nicht die leiseste Spur entdecken. – Der hinaufbeorderte Portier erklärte, daß der von der Straße durch ein mannshohes Gitter getrennte Kiesweg nie begangen werde, daß es ihm daher unter allen Umständen hätte auffallen müssen, wenn sich Spuren von Fußtritten dort befunden hätten. »Dann haben sie eben eine Leiter benutzt,« erklärte der Kommissar. »Und die elektrische Klingelanlage, die sich um das Hochparterre und die ganze erste Etage zieht?« fragte Karl – »die bei der geringsten Berührung eines Fensters einen Höllenlärm verursacht?« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« fragte der Kommissar – und Karl erwiderte: »Um in Ihre Ermittelungen nicht einzugreifen.« Nachdem man mit Sicherheit festgestellt hatte, daß die elektrische Leitung in Ordnung, vorschriftsmäßig des Abends eingestellt und um sieben Uhr früh wieder ausgeschaltet war, sagte der Kommissar: »Demnach scheidet die Möglichkeit aus, daß der Einbruch von außen erfolgt ist. – Was liegt über diesem Raum?« »Mein Privatbureau,« erwiderte Reichenbach. »Ist das nachts über verschlossen?« »Mein Sekretär hat die Schlüssel.« »Wer ist Ihr Sekretär?« »Ein junger Doktor der Nationalökonomie, für den ich mich verbürge.« »Seit wann haben Sie ihn?« »Als Privatsekretär seit einem Jahr. Vorher war er zwei Jahre in der Depositenabteilung beschäftigt. Sein Vater ist Abteilungsvorsteher und hat im vorigen Monat sein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum in der Bank gefeiert.« »Sein Name?« »Paul Stegmeier – aber ich wiederhole Ihnen . . .« »Ich weiß! Ich spreche auch keinerlei Verdacht aus. Aber mir scheint, daß der Dieb weder von innen, noch von außen, sondern von oben – vermutlich vom Dach aus, eingestiegen ist. – Wieviel Etagen befinden sich noch über Ihrem Bureau, Herr Reichenbach?« »Zwei. – Es sind die Arbeitsräume der Angestellten.« »Verschlossen nachts?« »Verschlossen und bewacht.« »Und zwar ständig,« ergänzte Karl. »Nicht nur durch Rundenwächter.« »Dann käme noch das Dach in Frage.« »Das ist gerade an dieser Seite des Gebäudes steil und abschüssig.« Der Kommissar besichtigte das Dach und sämtliche in Frage kommende Räume. Auf dem Dach waren Fußspuren, die aber nicht frisch waren und ebensogut von Schornsteinfegern oder Dacharbeitern herrühren konnten. Der Kommissar machte ein nachdenkliches Gesicht und sagte: »Ein mysteriöser Fall.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Reichenbach. »Daß ich Ihren Sekretär vernehmen muß.« »Ich sagte Ihnen doch, daß ich für ihn einstehe.« »Es liegt mir fern, ihn zu beschuldigen. Ich will ihn nur hören, wie ich Sie gehört habe. Vielleicht etwas gründlicher.« Doktor Paul Stegmeier, ein gut aussehender Mann Mitte der zwanziger Jahre erschien. Der Kommissar unterrichtete ihn von dem Einbruch. Er schien erstaunt – weniger vielleicht über den Vorfall selbst als über die Tatsache, daß man ihn in diesen Kreis rief, um ihm davon Kenntnis zu geben. »Wir haben festgestellt,« sagte der Kommissar, »daß der Einbruch aller Wahrscheinlichkeit nach weder von außen noch von innen, sondern von oben erfolgt ist.« »Ja – und?« fragte Dr. Stegmeier arglos. »Wer arbeitet in den Räumen, die an das Privatkontor des Herrn Reichenbach stoßen?« »Ich mit zwei Sekretärinnen – das heißt, ich habe mein Zimmer für mich – nebenan sitzen die beiden Damen.« »Was sind das für Damen?« »Ich verstehe die Frage nicht.« »Solide?« »Ich kümmere mich nicht um das, was sie außerhalb des Bureaus tun.« »Unterstehen die Damen Ihnen?« »Ja.« »Halten Sie sie für zuverlässig?« »Sie sind fleißig und pünktlich.« »Auch ehrlich?« »Ich halte sie für ehrlich, solange ich nicht das Gegenteil von ihnen weiß.« »In einer Bank sollte man doch die Ehrlichkeit genau so prüfen wie die Tüchtigkeit?« »Ich wüßte nicht, wie das geschehen soll,« mischte sich Reichenbach in das Gespräch. »Im übrigen müssen Sie uns schon überlassen, unter welchen Gesichtspunkten wir unsere Leute engagieren.« »Haben die Damen gestern abend vor oder nach Ihnen die Räume verlassen?« fragte der Kommissar, ohne auf Reichenbachs Bemerkungen einzugehen. »Vor mir.« »Sind Sie dessen sicher?« »Ja.« »Wie lange vor Ihnen?« »Ich habe noch etwa eine halbe Stunde länger gearbeitet.« »Die Damen sind auch nicht zurückgekommen?« »Während ich da war, nicht. – Ja, Sie glauben doch nicht etwa, daß eine der Damen –?« »Ich glaube vorläufig nichts und alles. – Es wäre immerhin möglich, daß man sich beispielsweise mit einem Strick von dem Bureau des Herrn Reichenbach aus eine Etage hinuntergleiten ließe und dann durch das geöffnete Fenster hier einstiege.« »Ausgeschlossen!« »Inwiefern glauben Sie, daß das unmöglich wäre?« »Das Bureau des Herrn Reichenbach ist stets verschlossen. – Keine der Damen besitzt einen Schlüssel.« »Wer besitzt ihn denn?« »Herr Reichenbach und ich.« »Wäre es nicht möglich, daß Sie oder Herr Reichenbach einmal vergessen hätten, zuzuschließen?« »Das ist noch nie vorgekommen.« »Es ist ein sehr raffiniertes Kunstschloß, dessen Öffnung selbst einem Fachmann Schwierigkeiten machen würde.« Dr. Stegmeier zog den Schlüssel aus der Tasche und sagte: »Daraufhin habe ich mir den Schlüssel noch nie angesehen. Ist das Schloß denn lädiert?« »Eben nicht.« Dr. Stegmeier sah den Kommissar scharf an und sagte. »Jetzt verstehe ich – Sie verdächtigen mich.« »Ich verdächtige niemanden. Ich tue nur meine Pflicht, indem ich genau wie an die Herren dort, auch an Sie Fragen richte.« »Bitte!« »Wo waren Sie heute nacht?« »Herr Kommissar, das geht doch zu weit,« warf Reichenbach ein – und der erwiderte: »Ich muß Sie bitten, mich in der Ausübung meines Amtes nicht zu stören.« Dann wandte er sich wieder an den Sekretär und wiederholte seine Frage. »Ausnahmsweise nicht zu Haus.« »Sondern?« fragte der Kommissar und sah zu Reichenbach hinüber, als wenn er sagen wollte: er ist der Engel nicht, für den du ihn hältst. »Auf einer Feier meines Regiments im Rheingold. Und zwar von neun Uhr abends bis vier Uhr früh. Um vier bin ich mit ein paar Kameraden« – er nannte die Namen – »in einem Automobil nach Wannsee gefahren, wo wir gebadet und gefrühstückt haben. Um halb sieben sind wir in demselben Automobil nach Berlin zurückgekehrt, um halb acht war ich zu Haus, habe mich schnell umgezogen und bin mit meinem Motorrad in die Bank gefahren.« Alles das sagte er in gereiztem Ton und fügte hinzu: »Es bleibt nun Ihrem Scharfsinn überlassen, Herr Kommissar, festzustellen, wie ich da noch Zeit zu diesem Einbruch gefunden habe, der« – er wies auf den Schrank – »nach der geleisteten Arbeit zu urteilen, immerhin ein paar Stunden Zeit erfordert hat.« »Wenn Ihre Angaben zutreffen, woran ich im übrigen nicht zweifle . . .« »Sehr liebenswürdig,« sagte Dr. Stegmeier nicht ohne Spott. ». . . so kommen Sie natürlich nicht in Frage.« »Das habe ich Ihnen ja gleich gesagt,« meinte Reichenbach, und der Kommissar wandte sich zu ihm und fragte: »Den zweiten Schlüssel hatten Sie?« »Ja.« »Ein dritter ist nicht vorhanden?« »Meines Wissens nicht.« »Herr Dr. Stegmeier, Ihnen ist von der Existenz eines dritten Schlüssels auch nichts bekannt?« »Nein.« »Sie sind Mitinhaber der Bank?« fragte er Reichenbach. »Nein. Ich bin Prokurist.« »Angestellter also?« »Gewiß.« »Darf ich fragen, wo Sie die heutige Nacht verbracht haben?« »Erlauben Sie mal!« »Es ist meine Pflicht, Sie danach zu fragen – auch wenn ich davon überzeugt bin, daß Sie nichts mit dem Einbruch zu tun haben.« »Dieser Gedanke allein! – Ich bin stolz, den Namen dieses in der ganzen Welt bekannten Bankhauses zu tragen – und Sie erlauben sich Fragen an mich zu richten, um festzustellen, ob ich an einem ganz gemeinen Einbruch in eben dies Bankhaus beteiligt bin.« »Sie dürfen das nicht persönlich nehmen.« »Das ist leicht gesagt.« »Sie brauchen mir nur zu sagen, daß Sie die Nacht über in Ihrer Wohnung zugebracht haben und der Fall ist erledigt.« »Und wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht zu Hause war – was dann?« »Dann darf ich Sie bitten, mir zu sagen, wo Sie waren.« »Dazu sehe ich mich nicht veranlaßt.« »Die Sache verlangt es, daß Sie mir Antwort geben.« »Ich bedaure – ich lehne das ab.« »Aus welchem Grunde, bitte!« »Auch darüber verweigere ich die Aussage.« »Ich bitte Sie, sich zu überlegen, daß Sie sich damit Unannehmlichkeiten aussetzen.« »Welcher Art wären die?« »Man könnte unter Umständen aus Ihrer Weigerung falsche Schlüsse ziehen.« »Etwa den – daß ich – Wer wird das wagen?« »Ich ersuche Sie nochmals, sagen Sie mir, wo Sie heute nacht gewesen sind.« »Geben Sie sich keinerlei Mühe, ich sage es nicht.« Der Kommissar wandte sich an die anderen Herren. »Weiß es einer von Ihnen vielleicht?« Karl Morener trat einen Schritt näher an den Kommissar heran. Es schien, daß er es wußte und auch sagen wollte. Er warf schnell noch einen Blick auf Reichenbach, der ihm, ohne daß der Kommissar es sah, zu verstehen gab, daß er schweigen solle. Da der Kommissar aber eine Erklärung erwartete, so sagte Karl: »Herr Reichenbach ist in Abwesenheit meines Onkels, Heinrich Morener, die Seele der Bank. Er hat große Einnahmen und lebt weit unter seinen Verhältnissen. Herr Reichenbach ist seit acht Jahren mit mir befreundet. Er ist ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Ein Verdacht so niedriger Art reicht an ihn nicht heran. Ich« – er wandte sich an die Direktoren – »und die Herren da decken ihn mit unserer eigenen Person.« »Ich nehme diese Ehrenerklärung gern zur Kenntnis und erkläre noch einmal, daß ich weit davon entfernt bin, hier irgendeinen Verdacht gegen eine bestimmte Person zu äußern. Ebensowenig kann ich bei Feststellung des Tatbestandes mich aber von etwas anderem leiten lassen, als von den tatsächlichen Wahrnehmungen – und zwar ohne Rücksicht auf die Personen, die davon betroffen werden. Der Tatbestand läßt es zum mindesten als denkbar erscheinen, daß der Täter aus dem Privatbureau des Herrn Reichenbach in diesen Raum hier eingedrungen ist. Die Tatsache, daß die Fenster des Privatbureaus ganz ungewöhnlicherweise offen standen, desgleichen die Fenster zu dem Raum hier unten, bestärken diese Annahme. Ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen, konnte aber nur derjenige des Nachts das Bureau des Herrn Reichenbach betreten, der es erbrach oder der die passenden Schlüssel dazu hatte. Da die Türschlösser nicht die geringste Spur einer gewaltsamen Öffnung zeigen, im übrigen aber äußerst kompliziert sind, so liegt die Vermutung nahe, daß sie mit den passenden Schlüsseln geöffnet worden sind. Wir haben festgestellt, daß nur zwei Schlüssel existieren. Der eine Schlüsselinhaber hat sein Alibi nachgewiesen – der andere gibt zu, des Nachts nicht zu Haus gewesen zu sein, weigert sich aber, zu sagen, wo er sich in der fraglichen Nacht aufgehalten hat. Über diese Tatsache kommt man nicht hinweg. Im Interesse des Herrn Reichenbach und des guten Rufs der Bank, der darunter leiden würde, wenn ich zu Ihrer Festnahme schreiten müßte, stelle ich daher zum dritten und letzten Male an Sie die Frage: Wo waren Sie heute nacht?« »Ich bitte Sie, mir zwei Stunden Zeit zu lassen. Ich werde Ihnen nach Ablauf dieser zwei Stunden sagen, ob ich Ihre Frage beantworten kann oder nicht.« »Was gedenken Sie während der zwei Stunden zu tun?« »Ihnen das erklären, hieße Ihre Frage beantworten.« »Dann werden Sie erlauben, daß der Wachtmeister während dieser zwei Stunden in Ihrer Nähe bleibt.« »Unmöglich!« »Ich stehe mit meiner Person für Herrn Reichenbach ein!« erklärte Karl, woraufhin die Direktoren und Runge die gleiche Erklärung abgaben. Der Kommissar ließ es sich von den drei Herren in die Hand geloben, beteuerte mehrmals, daß er von der Unschuld des Herrn Reichenbach überzeugt sei, nach Lage der Dinge aber nicht anders handeln könne – verbeugte und entfernte sich. Der Kriminalwachtmeister folgte ihm. Als die beiden gegangen waren, sagte Reichenbach: »Was sagen Sie dazu, meine Herren!« »Grotesk,« erwiderte Karl. »Aber so sinnlos es ist – von seinem Standpunkt aus tut der Mann seine Pflicht.« »Was geschieht nun weiter?« Karl wandte sich an die Direktoren und Runge und sagte: »Bitte, lassen Sie uns allein.« Heinz Reichenbach und Karl Morener standen sich gegenüber. 11. »Das ist ja eine nette Geschichte,« sagte Karl Morener zu Reichenbach, als die anderen gegangen waren. »Wie lange warst du denn bei Frau Hedda?« »Es ist sehr spät geworden. Wenn man sich so lange nicht gesehen hat – was lag nicht alles zwischen unserem letzten Zusammensein und unserem Wiedersehen gestern – hat man sich viel zu erzählen.« »Du kannst doch nicht über Nacht geblieben sein.« »Es fing bereits an, hell zu werden.« »Das hieße nach drei.« »Gegen vier sogar.« »Und wo wart ihr so lange?« »Du fragst so sonderbar! – Wo sollen wir denn gewesen sein? Im Salon neben dem Tanzsaal.« »Bis vier Uhr?« »Nun hör' aber auf! – Oder soll ich mich etwa auch dir gegenüber wegen dieses Einbruchs da« – er wies auf den Geldschrank – »rechtfertigen?« »Die Angelegenheit interessiert mich im Augenblick weniger als die Tatsache, daß du meine Tante kompromittierst.« »Du, das verbitte ich mir!« »Ist wenigstens das Personal aufgeblieben?« »Frau Hedda hat es so um eins herum zu Bett geschickt.« »Und dann bist du noch drei Stunden mit ihr allein geblieben?« »Ja, warum denn nicht? – Muß man denn immer gleich etwas Schlimmes denken?« »Ob man es muß oder nicht, die Welt tut es eben. Wenn es sich herumspricht, daß du, während das Personal schlief, bis gegen morgen im Schloß warst, ist Frau Hedda kompromittiert.« »Ich schwöre dir . . .« »Ich bin überzeugt davon. Du würdest auch schwören, wenn etwas vorgefallen wäre. Es wäre sogar deine Pflicht, es zu tun. Darauf aber kommt es gar nicht an.« »Worauf denn?« »Auf das Urteil der Welt – wenigstens für Frau Hedda. Natürlich kann in einer halben Teestunde unter Umständen mehr passieren, als während einer ganzen Nacht. Aber es ist nicht sehr wahrscheinlich. Und ich muß sagen, daß, wenn es sich nicht gerade um euch beide handelte, ich in jedem anderen Falle genau so denken würde.« »Also darf es niemand erfahren.« »Das ist leicht gesagt.« »Das ist doch so selbstverständlich, daß kein Wort darüber zu verlieren ist.« »In deiner Lage.« »Die hat nichts damit zu tun.« »Das sagst du – die Polizei wird anderer Meinung sein.« »Es gibt doch keinen Menschen auf der Welt, der mir zutraut, daß ich in einen Geldschrank einbreche – noch dazu in einen, an den ich jeden Augenblick ohne Gewalt gelangen kann.« »Von denen, die dich kennen, glaubt es niemand. Leider kennen dich die Leute aber nicht, die darüber zu befinden haben.« »Dann muß man eben alles in Bewegung setzen, um den Raub so schnell wie möglich aufzuklären.« »Und bis dahin?« »Muß man dafür sorgen, daß die Polizei ihre großartige Vermutung für sich behält.« »Es wird Mühe kosten, sie von einer einmal gefaßten Meinung abzubringen.« »Dann läßt man es sich die Mühe eben kosten – und wenn es nötig ist, auch das Geld.« »Die Polizei ist unbestechlich.« »Ich denke dabei nicht an die Polizei, sondern an Detektive und Privatpersonen, die man damit befaßt. Ich schlage vor, wir setzen auf die Aufklärung des Einbruchs eine ungewöhnlich hohe Belohnung – etwa in Höhe der gestohlenen Summe.« »Du bist sehr großzügig. Eine halbe Million sind selbst für meinen Onkel eine hohe Summe. Zumal, da mit der Aufklärung die gestohlenen fünfmalhunderttausend Mark noch nicht zurück sind. Es könnte auf die Weise also eine Million werden.« »Wenn die Welt erfährt, daß ein Reichenbach auch nur vierundzwanzig Stunden lang verdächtigt worden ist, so geht für das Prestige des Bankhauses, also für das deines Onkels, damit mehr verloren.« »An sämtlichen Börsen der Welt weiß man, daß das Bankhaus nicht mehr Reichenbach, sondern Morener gehört.« »Dann werde ich den Betrag von mir aus geben.« »Fünfmalhunderttausend Mark? – ja, kannst du denn das?« »Aus eigener Kraft nicht. Aber ich kann mir, was fehlt, beschaffen.« »Du, der du in deinem Leben noch nie einen Pfennig Schulden gemacht hast, willst das auf dich nehmen?« »Es handelt sich um den Ruf Frau Heddas, um meinen Ruf und den der Bank – dafür lohnt es sich schon, ein halbes Leben lang zu arbeiten.« »Das täte ich nicht.« »Sondern? – Was tätest du in meiner Lage?« »Ich würde mich niemals für eine Frau opfern – am allerwenigsten für eine, von der ich nichts gehabt habe!« Reichenbach stutzte. Er empfand die Worte wie eine Frage, verbarg mühsam seine Erregung, wich aus und erwiderte: »Das würde für mich zu allerletzt von Belang sein. Ich empfinde es nach dem, was du mir gesagt hast, als eine selbstverständliche Pflicht, zu schweigen.« »Wenn du es nicht tätest, so würde man sie womöglich noch mitverdächtigen.« »Du bist toll!« »Man würde annehmen, ihr liebt euch und habt eine gemeinsame Flucht geplant – deren notwendige Finanzierung dich dann zu diesem verzweifelten Schritt trieb.« »Du legst dir da eine Erklärung zurecht!« »Die ich natürlich nicht einen Augenblick lang auch nur in Erwägung ziehe, die aber jeder als naheliegend sich zu eigen machen wird – zumal du ja tatsächlich deine Reise nach Rio vorbereitest.« »Ich habe sie aufgegeben.« »So?« fragte Karl und tat erstaunt, und fügte hinzu: »Seit wann?« »Seit heute nacht.« »Du, höre mal, das klingt aber nun wirklich verdächtig.« »Bitte, scherze nicht! – Frau Hedda bat mich darum, im Interesse ihres Mannes – du weißt, wie fest in mir der Entschluß zu dieser Reise war – es ist mir daher nicht leicht gefallen, ihr den Wunsch zu erfüllen.« »Warum hast du es denn getan?« »Ich weiß nicht – ich brachte es einfach nicht über mich, es ihr abzuschlagen – als ich sah, wie viel ihr daran lag.« »Du liebst sie!« »Also ja! – Aber das hat damit nichts zu tun – ich begehre sie nicht.« »Eine Frau, die man liebt, begehrt man auch.« »Das ist eine Phrase. – Ich jedenfalls begehre sie nicht – es wäre auch ganz aussichtslos, da sie mir völlig gleichgültig gegenübersteht.« Karl Morener trat dicht an Heinz Reichenbach heran, legte den Arm auf seine Schulter und sagte: »Höre, Heinz! Ich habe dir als Freund geraten, nicht zu schweigen, sondern dich von dem Verdacht zu reinigen, indem du einfach dein Alibi nachweist – selbst auf die Gefahr hin, Frau Hedda zu kompromittieren. Denn meine Freundschaft zu dir liegt mir näher als der gute Ruf meiner Tante – über die im übrigen kein Mensch etwas Nachteiliges sagen kann. Ich habe dabei weder an deine Reise gedacht, noch gar gewußt, daß du sie liebst. Diese beiden Momente ändern die Situation natürlich vollständig.« »Ich habe dir bereits gesagt: ich schweige! Das steht für mich ganz außer Frage. – Aber selbst wenn ich's spräche – daß ich sie liebe, brauchte ich keinem Richter der Welt zu gestehen.« »Das hättest du auch gar nicht nötig, denn das würde jeder Mensch aus der Art, in der du sie verteidigst, von selbst herausmerken. – Du würdest auf jeden Fall den Verdacht der Mitwisserschaft, wenn nicht gar der Beihilfe, auf sie lenken. Dein Alibi wäre also statt einer Entlastung für dich, nur eine Mitbelastung Frau Heddas – und zugleich eine Erklärung der Motive, deren Unbegreiflichkeit gerade dein wertvollstes Verteidigungsmittel ist. Du würdest also, statt dir zu helfen, ihr schaden und deine eigene Lage noch verschlechtern.« »Also bist du nun überzeugt, daß ich schweigen muß.« »Leider bin ich das. – Aber, was soll nun werden?« »Was ich zu Anfang sagte: wir müssen unabhängig von der Polizei den Fall aufklären – und da für Geld heute selbst eine Mutter ihr Kind verrät, so ist das wichtigste die Aussetzung einer Belohnung – und zwar sofort.« Karl stimmte bei. Man zog die beiden Direktoren hinzu und einigte sich auf eine Belohnung für die Aufklärung des Verbrechens, unabhängig von der Wiederbeschaffung der gestohlenen Werte. Und zwar in Höhe von dreimalhunderttausend Mark, von denen die Bank zweimalhunderttausend, hunderttausend Mark Reichenbach aus eigenem gab. Und zwar war er derjenige, der die Höhe der Summe und deren Verteilung anregte. Inzwischen waren zwei Stunden vergangen. Als der Kommissar wieder erschien, ging Heinz ihm entgegen, um sich zur Verfügung zu stellen. Aber der Kommissar kam ihm zuvor. »Bevor Sie mir Ihre Entschließung mitteilen, Herr Reichenbach, möchte ich Ihnen die Versicherung geben, daß wir uns Ihr Schweigen mit der Rücksicht auf eine Dame erklären, die Sie zu kompromittieren fürchten.« »Sie irren!« erwiderte Heinz. Aber Karl fragte: »Und wenn es so wäre – was dann?« »Dann habe ich Ihnen im Auftrage meiner vorgesetzten Behörde die Versicherung zu geben, daß wir den Fall in diskretester Form und ohne, daß jemand davon erfährt, nachprüfen werden.« »Die Dame müßten Sie ja wohl fragen.« »Auch das ließe sich vermeiden, wenn Sie sich nicht darauf beschränken würden, uns den Namen der Dame zu nennen, sondern den Nachweis führen, daß Sie wenigstens in letzter Zeit mehrfach die Nächte bei dieser Dame verbracht haben.« »Unmöglich!« »Es wäre demnach die erste Nacht gewesen.« »Stellen Sie mir keine Fallen! Ich habe mit dem Einbruch nichts zu tun. Wenn Sie gegenteiliger Ansicht sind, weisen Sie es mir nach!« »Es gibt auch Indizienbeweise, Herr Reichenbach!« »Ich verliere kein Wort mehr!« erwiderte Heinz. Der Kommissar griff in die Tasche. »Halt!« rief Karl Morener. »Sie sprachen von der Diskretion Ihrer vorgesetzten Behörde. Darf ich wissen, wer damit gemeint ist?« »Der Chef der Kriminalpolizei.« »Und wie steht es mit der Diskretion der Gerichte?« »Für die können wir natürlich nicht garantieren.« »Dann freilich!« erwiderte Karl und senkte den Kopf. Der Kommissar zog den Haftbefehl aus der Tasche und forderte Heinz Reichenbach auf, ihm zu folgen. Als Karl und die beiden Direktoren an ihn herantraten und ihm die Hände drücken wollten, wehrte Heinz ab und sagte: »Keine Beileidsbezeugungen, bitte! – Aber um so mehr Eifer verwenden Sie darauf, den Fall aufzuklären.« 12. Die Kriminalpolizei verfuhr bei der Festnahme Heinz Reichenbachs weder fahrlässig, noch ließ sie die einem unbescholtenen Bürger von der sozialen Stellung Reichenbachs gegenüber gebotene Rücksicht außer acht. Sie prüfte im Gegenteil den Fall mit aller Gründlichkeit. Wenn auch nur zwei Stunden lang – und zwar während der beiden Stunden, die der Kommissar dem Prokuristen Reichenbach gelassen hatte, um sich eines Besseren zu besinnen. Der Chef der Kriminalpolizei war sich nämlich durchaus im klaren, daß die Verhaftung Heinz Reichenbachs an sich schon geeignet war, in der Öffentlichkeit und vor allem an der Börse Aufsehen zu erregen. Nun gar, wo man ihm zur Last legte, in dem Bankhaus Reichenbach, das seit hundertfünfzig Jahren den Namen seiner Familie trug, einen Einbruch verübt und Devisen im Werte von über einer halben Million Mark gestohlen zu haben. Stellte sich diese Verhaftung hinterher als ein Mißgriff heraus, so war die Kriminalpolizei Anfeindungen aller Art ausgesetzt. Infolgedessen war neben allem Eifer doch Vorsicht geboten. Schon eine Viertelstunde nach dem ersten Besuch des Kommissars unterzogen zwei Sachverständige den ausgeraubten Geldschrank einer gründlichen Untersuchung. In ihrer Begleitung befand sich ein höherer Beamter der Polizei, um an Ort und Stelle die Ergebnisse der Untersuchung entgegenzunehmen, die sich daraus ergebenden Schlüsse zu ziehen und sofort handeln zu können. – Verstärkte sich der noch völlig vage Verdacht gegen den Prokuristen Reichenbach, so lagen Verdunkelungsgefahr und Fluchtverdacht vor – und schnelles Zugreifen war erforderlich. Schon nach einer halben Stunde waren beide Sachverständige sich klar, daß der durch komplizierte Schlösser gesicherte Geldschrank nicht mit Gewalt, sondern mit den dazu gehörigen Schlüsseln geöffnet worden war. Die völlig sinn- und planlos erfolgte Zerstörung der Schlösser und die Beschädigungen an den äußeren Türen waren völlig unabhängig von dem Öffnen des Schrankes erfolgt – und konnte daher nur den Zweck haben, einen gewaltsamen Einbruch vorzutäuschen. Als Täter kamen also keine gewerbsmäßigen Einbrecher in Betracht – als der Tat verdächtig erschien vielmehr derjenige, der die Räumlichkeiten kannte und im Besitz der Schlüssel war. Da die sämtlichen Schlüssel zu diesem Geldschrank aber nur Reichenbach besaß, den selbst der Direktor erst um den Schlüssel für das Devisenfach bitten mußte, so blieb der Verdacht auf Reichenbach haften, der sich überdies noch durch hartnäckige Weigerung, sich über seinen Aufenthalt während der fraglichen Nacht zu äußern, verdächtig gemacht hatte. – Da er im übrigen Angestellter wie jeder andere war, lag kein Grund vor, ihn anders zu behandeln als irgendeinen anderen Angestellten. Die erste Sorge Karl Moreners und der beiden Direktoren war jetzt, zu verhüten, daß von der Verhaftung Reichenbachs etwas in die Öffentlichkeit drang. Sie fuhren sofort ins Polizeipräsidium und suchten dem Chef der Kriminalpolizei klarzumachen, daß das Bekanntwerden des Diebstahls und der Festnahme Reichenbachs große Beunruhigung an der Börse und Kursrückgänge zur Folge haben würde, die man im Interesse der deutschen Wirtschaft vermeiden müsse. Auf den Einwand des Chefs der Kriminalpolizei, daß sich die Verhaftung auf die Dauer nicht verheimlichen ließe, erwiderte Urbach: »Man kann es vorbereiten. Für heute genügt der Einbruch, und es klingt durchaus glaubhaft, daß Herr Reichenbach, auf dem trotz Meßters und meiner Vollmacht die moralische Verantwortung Herrn Heinrich Morener gegenüber lastet, durch den Vorfall einen Nervenschock erlitten hat und fürs erste der Börse fernbleibt. Man kann nach ein paar Tagen dann von den offenen Fenstern als einer Fahrlässigkeit sprechen, für die man Herrn Reichenbach haftbar macht – und von dem Haftbarmachen bis zur Verhaftung ist dann nur noch ein Schritt. In der Zwischenzeit hat man vielleicht den Täter. Jedenfalls aber wird bis dahin soviel Neues, für die Öffentlichkeit Interessantes, in der Welt passieren, daß man der ganzen Affäre, die nur im ersten Augenblick als Sensation wirkte, kaum noch Interesse entgegenbringen wird.« Der Chef der Kriminalpolizei willigte ein und gab der Pressestelle des Polizeipräsidiums die nötigen Anweisungen. Er rechtfertigte es weniger mit den Gründen, die von den Herren des Hauses Reichenbach vorgebracht wurden, als mit der Tatsache, daß es der Klärung des Falls nur dienlich sein könne, wenn die Ermittelungen ohne störende Einflüsse von außen erfolgten. Die aber waren zu erwarten, wenn die Presse sich des Falls annahm. Diese Einstellung des Chefs der Kriminalpolizei zeigte, daß er von der Schuld Reichenbachs überzeugt war. Denn, wenn er der Meinung gewesen wäre, daß noch andere Täter in Betracht kamen, so hätte die Nachricht von Reichenbachs Verhaftung diese in Sicherheit gewiegt und vielleicht zu Unvorsichtigkeiten verleitet, die sie sonst nicht begangen hätten. Diesem Gedanken, wenn auch in etwas anderer Form, gab Karl Morener, als er sich von dem Chef verabschiedete, denn auch Ausdruck. Und er fand ihn bestätigt, obgleich der Chef der Kriminalpolizei ihm versicherte: »Trotz der gegen Herrn Reichenbach sprechenden Verdachtsgründe verfolgen wir weitere Spuren.« »Hoffentlich führen die nicht auch in unsere Bureaus,« sagte Direktor Urbach, »sondern bewegen sich in einer anderen Richtung.« »Darüber darf ich Ihnen im Interesse der Untersuchung nichts sagen,« erwiderte der Chef der Kriminalpolizei. Aber Morener und die beiden anderen Herren empfanden das als eine nichtssagende Wendung, die zeigen sollte, wie gründlich die Polizei war. Nach diesem Besuch fiel Karl Morener die undankbare Aufgabe zu, Frau Kommerzienrat Reichenbach – und nach ihr Frau Hedda von dem Vorfall zu unterrichten. – Der ungewöhnliche Besuch setzte Frau Reichenbach in nicht geringes Erstaunen. In der kleinen Dreizimmerwohnung in der Königin-Augusta-Straße, die noch dazu in einem Gartenhaus lag, sah es aus wie in den Räumen außerordentlich kultivierter Leute, die bei Berlin ihre Besitzung hatten und hier nur bei seltenen Gelegenheiten einmal über Nacht blieben. Jedes Stück Möbel, jedes Bild, jede Decke, jedes Porzellan, das herumstand, war in seiner Art etwas Besonderes – war nicht nur wertvoll, sondern zeugte auch von Geschmack. Es war daher alles andere als eine Redensart, als Karl Morener der Frau Reichenbach mit den Worten begegnete: »Haben Sie das aber hübsch hier!« »Ich hänge an der Gegend,« erwiderte Frau Reichenbach, »und wohne lieber hier in den drei Zimmern als in acht am Kurfürstendamm.« »Ich meine weniger die Gegend als die Art, wie Sie sich das alles hier auf verhältnismäßig kleinem Raume hergerichtet haben.« Frau Reichenbach, die von Kindheit an an diese Art Milieu gewöhnt war und daher nichts Ungewöhnliches darin sah, glaubte, er wolle ihr irgend etwas Nettes sagen und erwiderte: »Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Morener. Aber darf ich fragen, welchem Umstand ich Ihren Besuch verdanke? Sie verbinden doch wohl irgendeinen Zweck damit.« »Allerdings – und zwar einen wenig angenehmen. Es handelt sich um einen Einbruch in unsere Bank. Man hat des Nachts einen Geldschrank im ersten Stock erbrochen – oder nicht erbrochen – das weiß man nicht – jedenfalls: der Schrank ist geöffnet, beschädigt – und beraubt. Und zwar fehlen Devisen im Betrage von fünfmalhunderttausend Mark.« »Wie gräßlich! und was für ein hoher Betrag! – Ich hoffe, die Bank wird keinerlei Schwierigkeiten dadurch haben.« »Den Verlust wird sie tragen können.« Eine Pause entstand. Dann sagte Frau Reichenbach: »Ich finde es sehr taktvoll von Ihnen, Herr Morener, daß Sie mich persönlich davon unterrichten. Wenn ich auch keinerlei Beziehungen mehr zu der Bank meines Mannes habe – sie führt seinen Namen und irgendwie ist man doch mit ihr verwachsen – jedenfalls hätte es mich eigentümlich berührt, wenn ich durch die Zeitungen davon erfahren hätte.« Karl Morener verbeugte sich kurz und fuhr fort: »Die vorläufigen Ermittelungen haben leider ergeben, daß der Einbruch, beziehungsweise Diebstahl, nicht von außen erfolgt ist – sondern von innen – das heißt, eigentlich doch von außen – von der oberen Etage vermutlich.« Diese wirre Art der Schilderung schrieb Frau Reichenbach seiner natürlichen Erregung zugute. Sie interessierte es im Grunde genommen gar nicht, auf welche Weise man das Geld geraubt hatte. Aber um Interesse zu zeigen, sagte sie: »Wie besonders peinlich, daß das in Abwesenheit Ihres Herrn Onkels passieren mußte.« »Auch das! Aber das wesentliche ist in diesem Falle die Art des Einbruchs, ich sagte wohl schon, von oben nach unten.« Frau Reichenbach, die durchaus nicht verstand, weshalb das besonders peinlich war, fragte: »Ist man den Dieben denn auf der Spur?« »Leider ja! das heißt, man verfolgt eine bestimmte Spur – hoffentlich ist es die falsche – ich glaube jedenfalls nicht daran.« »Man verdächtigt einen Bestimmten? – Hoffentlich ist es kein Angestellter?« »Eben doch! – das ist es ja! – Ein Mann in verantwortungsvoller Stellung.« »Das ist entsetzlich! – Doch nicht gar einer, der noch von meinem Manne her in der Bank ist?« »Allerdings – es war der Wunsch Ihres Gatten – freilich auch der meines Onkels, dem daran lag, daß der Name Reichenbach in irgendeiner Form mit der Bank verbunden blieb.« Frau Reichenbach sprang auf und sagte: »Herr Morener! Ich will nicht hoffen, daß Sie meinen Neffen verdächtigen.« »Ich nicht. – Ich weiß, er ist unschuldig – aber die Polizei.« »Sie hat doch nicht etwa den Mut gehabt, ihm das ins Gesicht zu sagen?« »Sie hat es getan!« »Und mein Neffe? – Hat er nicht laut aufgelacht?« »Gelacht hat er nicht.« »Er hat die Beschuldigung doch nicht für ernst genommen? – wie? – oder doch?« »Da die Ermittelungen ergaben . . .« »Ich will nicht wissen, was sie ergaben. Und wenn man meinen Neffen des Nachts dabei überrascht hätte, wie er das Geld ans dem Schrank nahm – wer darf ihm sagen, daß es in unredlicher Absicht geschah? – Hat man vor dem Namen Reichenbach denn nicht einmal mehr so viel Respekt, daß man es wagt, seinen Träger eines Diebstahls zu bezichtigen?« »Ich habe für ihn gesprochen wie Sie.« »Es braucht niemand für ihn zu sprechen! Aber die, die gegen ihn sprechen, werden es zu verantworten haben.« »Wir versuchen, es geheimzuhalten, bis der Verdacht entkräftet ist.« »Glauben Sie, mein Neffe wird sich gegen den Vorwurf verteidigen, in einen Geldschrank eingebrochen zu sein? – das muten Sie ihm doch wohl nicht zu? – Das wäre genau so, als wenn mein Kind stirbt – ich will mich nicht versündigen – und man würfe mir vor, ich hätte es vergiftet oder sonstwie umgebracht. – Ja, glauben Sie, daß ich einem Menschen, der mir das sagt – und wenn es der oberste Richter der Welt wäre, auch nur mit einem Worte antworten werde?« »Wenn der Zufall gegen Sie ist? Wenn Sie mit ein paar Worten sich entlasten könnten?« »Nein! – Meine Verteidigung gegen einen derartigen Vorwurf – zwischen Diebstahl und Mord ist für mich kein Unterschied – könnte nur darin bestehen, daß ich dem Ankläger immer wieder zuriefe: Sie sind toll!« »Ich hoffe in unser aller Interesse, daß Ihr Neffe eine andere Art der Verteidigung wählt.« »Ja, wird es denn dazu überhaupt kommen? Das gäbe ja einen Skandal, den keiner von uns überlebte!« »Wenn es nicht gelingt, den Täter bald zu fassen, so steht zu befürchten, daß man ihm den Prozeß macht.« »Prozeß macht!« wiederholte Frau Reichenbach benommen. »Womöglich eine öffentliche Verhandlung, in der mein Neffe als Zeuge oder gar als Angeklagter – nein! das ist absurd, ich tue meinem Neffen nicht die Schande an, diesen Gedanken auch nur eine Minute lang ernstlich in Betracht zu ziehen.« »Das kann ja doch jedem passieren, daß er irrtümlich einer strafbaren Handlung bezichtigt wird und gezwungen ist, seine Unschuld nachzuweisen.« »Selbst wenn einem das schließlich gelingt: unter dem Verdacht zu stehen, einen Einbruch begangen zu haben, genügt, um den guten Ruf einer ganzen Familie für Jahrzehnte zu untergraben.« »Das war vielleicht einmal so, heutzutage nimmt man das alles doch nicht mehr so genau.« »Ich für meine Person nehme es noch genau so. Und mein Neffe hoffentlich auch.« »Wer heutzutage Geld hat, dem wird viel verziehen.« »Da haben Sie recht! Wenn einer reich ist, bei dem vergißt man schnell. Im Anfang, da rückt man vielleicht noch von ihm ab und sagt: ›Das ist ja der, der damals in diesen unsauberen Prozeß verwickelt war!‹ – Sieht man ihn das fünfte- oder sechstemal im Theater, auf dem Rennen oder auf Reisen, hat er für alle schon wieder das normale Ansehen. Man denkt nicht mehr daran! Man vergißt! – Wer aber verschwunden ist wie wir und nichts gerettet hat als den guten Ruf – wenn dem das passiert, von dem heißt es, da man ihn nicht zu sehen bekommt, in alle Ewigkeit: ›der hatte doch damals diese üble Einbruchsgeschichte!‹ – Man wendet sich ab und es macht kaum noch einen Unterschied, ob man ihn damals freigesprochen oder verurteilt hat.« »Was sollte Ihr Neffe demnach also tun?« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Hanni Reichenbach trat ins Zimmer. Karl Morener begrüßte sie und wußte nicht recht, ob er in ihrer Gegenwart weiter davon sprechen sollte. Aber Frau Reichenbach nahm ihm jeden Zweifel. »Setz dich, Hanni!« sagte sie zu ihrer Tochter. »Was hier verhandelt wird, geht auch dich an. In das Bankhaus ist eingebrochen worden. Man hat einen Geldschrank ausgeraubt. Durch irgendwelche Umstände ist die Polizei auf die verrückte Idee gekommen, Heinz in Verbindung mit diesem Diebstahl zu bringen.« Hanni sprang auf, als ob man sie geschlagen hätte, beherrschte sich aber sofort und sagte: »Das muß ein sehr gescheiter Kriminalist sein. Ich hoffe, Heinz ist ihm die Antwort nicht schuldig geblieben.« »Leider doch!« erwiderte Karl. »Auf die Frage des Beamten, wo er in der fraglichen Nacht gewesen ist, hat er die Antwort verweigert.« »Dann werde ich sie dem Beamten geben!« »Du?« – »Sie?« riefen Frau Reichenbach und Karl Morener zur gleichen Zeit. Und als Morener, der vor Schreck blaß geworden war, fragte: »Sie glauben, zu wissen?« »Ich vermute.« »Wie kannst du wissen, wo Heinz seine Nächte verbringt? Wie kannst du dich auch nur in Gedanken mit einer solchen Frage beschäftigen?« »Da Ihr Vetter entschlossen ist, das Geheimnis unter allen Umständen zu wahren, so werden Sie ihm keinen guten Dienst damit erweisen, wenn Sie es preisgeben,« erklärte Morener. »Sie wissen es also auch?« »Nein! und ich möchte es auch nicht wissen – um nicht in einen Konflikt zu geraten. Denn so sehr mir, schon im Interesse des Prestiges der Bank, an der Rehabilitierung Ihres Vetters liegt . . .« »Noch ist er ja nicht verurteilt,« fiel ihm Hanni ins Wort – »und er wird es auch nicht werden – von einer Rehabilitierung kann also nicht die Rede sein.« »Jedenfalls«, fuhr Karl fort, »würde ich, auch wenn ich es wüßte, mir sehr überlegen, ob ich als sein Freund das Recht habe, ein Geheimnis preiszugeben, an dessen Geheimhaltung ihm offenbar mehr liegt als an seinem guten Ruf und seiner Freiheit. Jedenfalls würde ich Ihnen nicht raten, sich als Fräulein Reichenbach in eine Kriminalaffäre zu mischen, von der man noch gar nicht weiß, wie sie ausläuft.« »Davon kann natürlich keine Rede sein,« erklärte Frau Reichenbach, »daß der Name meiner Tochter in irgendeiner Form in Zusammenhang mit dieser Untersuchung gebracht wird. Das müssen Sie mir versprechen, Herr Morener.« »Das kann ich nur, wenn Ihr Fräulein Tochter in der Angelegenheit nichts unternimmt, wovon ich nichts weiß.« »Dafür bürge ich Ihnen. – Im übrigen möchte ich wissen, Hanni, was deine Phantasie da wieder für Gedankensprünge macht. Du weißt doch von dem, was Heinz treibt, genau so wenig wie ich.« »Ich weiß, daß er nichts treibt, und das genügt mir.« »Sie meinen, daß er die Nächte über spazieren geht?« »Nächte? – Soviel ich weiß, ist nur von einer Nacht die Rede.« »Das wäre dann allerdings ein ganz besonderes Pech, wenn es die einzige Nacht und dann gerade die gewesen wäre, in der der Einbruch erfolgt ist.« »Solche Zufälle gibt es.« »Also wissen Sie etwas Bestimmtes?« »Nein! Aber sein verändertes Wesen.« »Davon habe ich nichts gemerkt.« »Was wissen denn Sie von ihm?« »Hanni!« sagte Frau Reichenbach vorwurfsvoll. »Er ist teilnahmlos allem gegenüber, was ihn früher interessiert hat. Und da das bei seinen achtundzwanzig Jahren kaum auf Verkalkung zurückzuführen sein dürfte . . .« »Kind, wie sprichst du nur? So kenne ich dich ja noch gar nicht.« »Jedenfalls ist die Tatsache, daß er seine sämtlichen Interessen seit länger als einem Jahr auf irgend etwas Bestimmtes konzentriert hat, nicht zu bestreiten. Da aber niemand weiß, was ihn dauernd beschäftigt, von allem anderen fernhält und seine Gedanken völlig ausfüllt, so möchte ich wissen, was das anderes sein kann als eine Frau – und eine große Liebe.« »Und wer, meinen Sie, ist diese Frau?« »Auch darüber glaube ich mir im klaren zu sein.« »Und Sie meinen, daß er gestern nacht bei dieser Frau . . .?« Karl, der mit belegter Stimme sprach, konnte seine Erregung kaum noch meistern. »Das ist wohl kein Gesprächsstoff für ein junges Mädchen,« erklärte Frau Reichenbach – und Karl, in dem die Eifersucht fast schon so stark wie die Besorgnis war, Hanni könnte durch einen unbedachten Schritt dem Prozeß eine Wendung geben, die seine Absichten durchkreuzte, sagte – und zwar gegen seine Überzeugung: »Soviel ich weiß, konzentriert sich das außergeschäftliche Interesse Ihres Vetters nach wie vor auf seine chinesische Sammlung.« »Ach nein! er hat in dem letzten Jahr nicht ein einziges Stück neu erworben.« »Vielleicht, weil er keine Gelegenheit hatte.« »Ich habe sie ihm verschafft – um ihn zu prüfen.« »Du . . . hast . . .?« fragte Frau Reichenbach erstaunt. »Und zwar mehrmals. Ich bin sogar so weit gegangen und habe auf einer Auktion meine sämtlichen Ersparnisse für eine Pekinger Kuanyin aus Jade angelegt« – Karl horchte auf – und auch Frau Reichenbach war überrascht – »die der seinen zum Verwechseln ähnlich sah – wenn sie vielleicht auch ein paar Jahrhunderte jünger war.« »Wie kamst du darauf?« fragte Frau Reichenbach – und Karl Morener wiederholte halblaut: »Eine Kuanyin aus Jade?« »Ich habe sie in seinen großen Glasschrank gestellt – an die Stelle, an der bis vor einem Jahr seine Kuanyin stand, das schönste und wertvollste Stück seiner Sammlung – und habe bei ihm gewartet, bis er des Abends nach Hause kam.« »Darum also, um das Geld dazu zu sparen, hast du ein Jahr lang auf jedes Vergnügen verzichtet?« Hanni erzählte weiter: »Er achtete gar nicht auf mich, als er ins Zimmer trat – er erschrak, zitterte, blieb stehen und starrte auf die seit einem Jahre leere Stelle in seinem Schrank. Schließlich ging er an den Schrank heran, öffnete zaghaft, nahm die Kuanyin heraus, befühlte und betrachtete sie – und lächelte beglückt, als er sah, daß es nicht seine war.« »Was sagte er?« fragte Karl kaum noch beherrscht – während Frau Reichenbach nicht begriff, was das alles zu bedeuten hatte. »Er sah mich, lachte und schien vergnügt. – ›Hast du mir etwa die Figur hineingestellt?‹ fragte er – untersuchte und lobte sie, bestimmte genau ihr Alter und bedankte sich. Dann rückte er in einem der anderen Schränke ein paar Alt-Cloisonné-Vasen auseinander, stellte die Kuanyin dazwischen und sagte: ›Hier steht sie gut – findest du nicht?‹ – Ich erwiderte, daß sie an ihrem vorigen Platze besser gestanden hätte, und daß ich sie überhaupt nur gekauft hätte, um die große Lücke dort auszufüllen.« »Und er? – Was sagte er?« fragte Karl, der nahe an Hanni herangetreten war. »Er schüttelte den Kopf und sagte mit einer Bestimmtheit, die mir weh tat: ›Nein! diese Lücke kann nur ein Mensch ausfüllen!‹ – ›Ist dir ein Unglück mit ihr passiert?‹ fragte ich – und er erwiderte: ›Ein Unglück? nein! Ein Glück!‹ –Da nahm ich mir den Mut und fragte ihn: ›Wem hast du sie geschenkt?‹ – Statt einer Antwort schüttelte er den Kopf –und schloß die Augen. – Ich ließ ihn allein mit seinen Gedanken – aber ich wußte: wo seine Gedanken waren, da ist auch Kuanyin – und wo die Kuanyin ist, da war er gestern nacht!« Karl war aufgesprungen. Er hatte Hannis Hand ergriffen, drückte sie und sagte: »Ich danke Ihnen.« Er vergaß alle Formen – stürzte hinaus, ohne sich zu verabschieden, und rief: »Nun weiß ich, was ich zu tun habe!« Hanni sah ihm nach und sagte ängstlich: »Mutter!« Frau Reichenbach schloß ihr Kind in die Arme und erwiderte: »Ich verstehe von alledem zwar nichts. Aber mir scheint, als hättest du ihm das nicht erzählen sollen.« 13. Karl Morener bat den Direktor Urbach, Frau Hedda von den Vorgängen in Kenntnis zu setzen und ihn bei ihr mit einer wichtigen Besprechung auf der Polizei zu entschuldigen. Direktor Urbach verfuhr der Schloßherrin auf Reichenbach gegenüber vollkommen sachlich: Er berichtete von dem Einbruch – der Höhe der gestohlenen Summe – den polizeilichen Ermittlungen – dem Verdacht – der Verhaftung. – Alles das trug er wie ein Ressortminister in knapper und gewandter Rede vor, ohne auf den Eindruck zu achten, den seine Mitteilungen auf Frau Hedda machten. Es fiel ihm daher auch nicht auf, daß sie, so oft dabei von Karl Morener die Rede war, Fragen stellte, die darauf ausgingen, genau zu erfahren, wie Karl Morener sich nach dem Einbruch, vor allem der Polizei und Heinz Reichenbach gegenüber, benommen hatte. Da Urbach aber auf solche Fragen stets nur erwiderte: »Korrekt!« so hatte sie, als der Direktor mit dem Ausdruck des Bedauerns und der Teilnahme sich entfernte, über das Tatsächliche hinaus eigentlich nichts erfahren. Daß sich die Verhaftung Reichenbachs sehr bald als ein Mißgriff herausstellen würde, war ihr nicht einen Augenblick lang zweifelhaft. Sie fand das Ganze auch nicht so überaus erschütternd wie Frau Reichenbach. Sich mit Wichten herumzuschlagen, machte nach ihrer Ansicht nun mal einen Teil des Lebens aus. Wie der Hehler verächtlicher als der Stehler, so war der Verleumder verächtlicher als der Verleumdete. – Kam es im Falle Reichenbach aber hart auf hart, gelang es nicht, den wirklichen Täter zu ermitteln, so war es eben ihre Pflicht, zu bekennen, daß er bei ihr gewesen war. Tat sie das jetzt schon, so würde das vielleicht für ihren Leumund sprechen, und man würde sagen: wenn sie etwas zu verbergen hätte, würde sie schweigen. Rückte sie hingegen mit ihrer Erklärung erst heraus, wenn es Matthäi am letzten war, so war damit für die primitive Psyche des Europäers erwiesen, daß sie etwas zu verbergen hatte. Aber was ging sie die Psyche dieser Leute an? Sie schwor – und man hatte ihr zu glauben. Weit mehr interessierte sie die Rolle, die Karl Morener in dieser Affäre spielte. Jetzt hatte er die Möglichkeit, zu beweisen, was er wert war. Er fürchtete Reichenbach, weil er vermutete, daß es zwischen ihm und ihr irgendein Geheimnis gab, dem er schon lange auf den Grund zu kommen suchte. Jetzt, wo Reichenbach am Boden lag, genügte vielleicht ein Stoß, den er ihm heimlich versetzte, um ihn unmöglich – auch bei ihr – zu machen. Und auf der anderen Seite: auch für den Nachweis seiner Unschuld, für seine Rehabilitation konnte Karl Morener mehr tun als irgendein anderer. Tat er das, obschon er damit einem ihm gefährlich dünkenden Rivalen auf die Beine half, so verdiente er mehr Achtung, als sie ihm bisher entgegenzubringen vermochte. Und da sie, wenn auch ohne Glücksgefühl, ihr Schicksal nun einmal mit seinem verknüpft hatte, so wünschte sie, daß er sich laut und offen für Reichenbachs Unschuld, von der er – das wußte sie – genau so fest überzeugt war wie sie, einsetzen würde. Das lag so nahe, daß Karl Morener es selbst sich sagte. Seine Liebe zu Frau Hedda litt unter dem, was Hanni Reichenbach, ohne zu ahnen, wie es ihn traf, erzählt hatte, nicht. Wohl aber erfuhren seine erneut auf eine harte Probe gestellten Gefühle für Heinz Reichenbach eine Erschütterung. Er beschwerte daher sein Gewissen keineswegs, wenn er sich nicht für ihn einsetzte wie für einen Freund, und Wesentliches nicht unternahm, um diesen in seinen äußeren Erscheinungen mysteriösen Einbruch aufzuklären. Heinz Reichenbach wurde wenige Stunden nach seiner Einlieferung im Polizeipräsidium dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Der behandelte ihn durchaus in gesellschaftlichen Formen und erklärte: »Der Schein spricht gegen Sie. Das besagt natürlich gar nichts. Ich lasse daher zunächst mal alle Momente, aus denen heraus man Sie hierher zitiert hat, beiseite. Ich unterstelle es als wahr, daß Sie aus – nennen wir es mal chevaleresken Gründen sich weigern, zu sagen, wo Sie die Nacht verbracht haben. Da Sie unverheiratet sind, so kann diese Rücksicht nicht Ihrer Gattin gelten, sondern lediglich der Dame, bei der Sie die Nacht verbracht haben. Wenn diese Dame aber erfährt, in welche Lage Ihre Rücksichtnahme Sie gebracht hat, so wird sie vermutlich von sich aus sprechen. Während ich im Stadium der Ermittlungen die Angelegenheit noch diskret behandeln könnte, würde das in einem späteren Stadium kaum noch möglich sein. Denken Sie, wenn diese Dame es aus gesellschaftlichen Rücksichten oder aus Scham oder aus Furcht vor ihrem Gatten über sich bringt, zu schweigen und dann in der Hauptverhandlung von ihrem Gewissen geplagt, plötzlich vor die Richter und die Geschworenen tritt und Sie entlastet, dann haben Sie zwar ihre Cause célèbre – aber die Dame, die Sie schonen wollen, ist bis auf die Knochen blamiert.« »Derartiges kommt wohl in Filmen vor – aber nicht im Leben.« »Ich habe einen derartigen Fall in meiner Praxis schon zweimal erlebt.« »Ich werde Ihr dritter Fall nicht sein.« »Wie stellen Sie sich zu folgendem Kompromiß: Lassen Sie die Dame entscheiden! Ich gebe Sie bis heute abend frei, Sie besprechen den Fall mit ihr und verpflichten sich mir ehrenwörtlich, auf alle Fälle bis abends sieben Uhr wieder hier zu meiner Verfügung zu sein.« »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Amtsrichter,« erwiderte Reichenbach – »aber ich kann Ihr Angebot nicht annehmen.« »Und warum nicht?« »Da ich die Dame erst erfinden müßte – und Sie werden nicht zweifeln, daß ich sie für Geld vor sieben Uhr abends gefunden hätte. Ich würde mich vielleicht verleiten lassen, Ihr Vertrauen schwer zu täuschen.« »Können Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß hinter Ihrer Weigerung keine Frau steht?« »Als Angeschuldigter – oder als was sonst ich hier vor Ihnen sitze – ist meine Vereidigung ja wohl ausgeschlossen.« »Zunächst sprechen wir hier mal miteinander als Mensch zu Mensch.« »Dann bitte ich Sie, mich von jetzt ab als Angeschuldigten zu betrachten, da Sie mich sonst zwingen würden, Ihnen die Antwort zu verweigern.« »Den Untersuchungsrichter zu belügen, würde Ihr Gewissen demnach nicht belasten?« »Unter Umständen nicht – den Menschen aber allemal.« »Gut! So frage ich Sie denn als Untersuchungsrichter: Haben Sie heute nacht irgendwo eine geschäftliche Zusammenkunft gehabt, über die Sie nicht aussagen möchten?« Reichenbach überlegte einen Augenblick, ob er diese goldene Brücke, von der er annahm, daß der Untersuchungsrichter sie ihm aus Menschlichkeit baute, betreten sollte. Er hatte anfangs Bedenken, ob er damit dem Prestige des Bankhauses schaden könnte – und er erwiderte schließlich: »Ja! – und zwar Geschäfte privater Natur, über die ich der Bank keine Rechenschaft schulde.« »Geschäfte, durch die Sie die Bank geschädigt hätten?« Reichenbach überlegte abermals. »Sie können die Aussage darüber verweigern, aber das wird man dann zu Ihren Ungunsten auslegen.« »Dann sage ich lieber gleich, daß Ihre Vermutung zutrifft.« Der Untersuchungsrichter war mit dem Resultat seiner Vernehmung sichtlich zufrieden. Er machte sich Notizen. »Dann mache ich Sie darauf aufmerksam, daß auf Einbruchsdiebstahl Zuchthaus steht. Obgleich Sie noch nicht vorbestraft sind, wird man Ihnen als strafverschärfend die gehobene Stellung, die Sie in der Bank bekleiden, anrechnen und Ihnen mildernde Umstände versagen. Sie wären also ein erledigter Mann. Wenn Sie aber hinter dem Rücken der Bank privatim Geschäfte tätigen – selbst unter Preisgabe von Geheimnissen und zum Schaden der Bank, die Sie bezahlt, so ist das eine sehr viel harmlosere Angelegenheit, die sich vielleicht sogar auf dem Wege des Zivilprozesses erledigen läßt.« »Das ist eine viel größere Gemeinheit und zeugt von niedriger Gesinnung! Und so etwas ist straffrei?« »Wenn Sie Glück haben und nicht gegen einen Paragraphen des Strafgesetzbuches verstoßen.« »Also ich widerrufe! Wenn ich mir vorstelle, ich soll öffentlich bekennen, eine derartige Schweinerei begangen zu haben!« »Ein Abenteuer hingegen mit einer Frau – das ist schnell vergessen – für beide Teile.« »Im Vergleich dazu, schon.« »Also sagen Sie es endlich! – Ich vernehme die Dame in der diskretesten Form. Niemand erfährt etwas davon – und morgen sitzen Sie wieder in Ihrem Bureau.« »Darf ich dabei sein?« »Kommen Sie!« sagte der Untersuchungsrichter und stand auf. »Wir fahren zusammen hin – oder, wenn Sie es für richtig halten, melden Sie uns an.« Reichenbach überlegte – erhob sich – trat dicht an den Untersuchungsrichter heran, der schon an der Tür stand, und fragte: »Und wenn Sie festgestellt haben, daß ich bis gegen Morgen bei der Dame war – wird sie dann nie mehr und in keiner Form im Zusammenhang mit mir belästigt werden?« »Das glaube ich Ihnen versprechen zu können.« Reichenbach streckte ihm die Hand hin und sagte: »Ihr Wort darauf.« Der Untersuchungsrichter überlegte einen Augenblick lang, schlug ein und fragte: »Wohin fahren wir?« Statt einer Antwort fragte Reichenbach: »Werden Sie die Dame auch nicht quälen?« »Nicht mehr, als unbedingt nötig ist, um die Überzeugung zu gewinnen, daß die Angaben auf Wahrheit beruhen.« »Sie kann doch nicht mehr tun, als es Ihnen sagen.« »Es werden doch Zeugen da sein, die Sie gesehen haben? – Ein Mädchen oder ein Diener oder eine Zofe.« »Die wollen Sie auch vernehmen?« »In Form der Unterhaltung. Sie werden gar nicht merken, ob es sich um den Einbruch in ein Bankhaus oder in eine Ehe handelt.« »Aber – daß es sich – um uns beide handelt – das werden sie merken.« »Auch das läßt sich vermeiden.« »Wenn ich Ihnen sage – und wenn die Dame es Ihnen bestätigt, daß die Dienerschaft gegen ein Uhr schlafen gegangen ist – verzichten Sie dann darauf, sie zu vernehmen?« »Das wird nicht gehen. Ich werde doch – wenn auch diskret – feststellen müssen, was nach ein Uhr geschah.« »Ich sagte Ihnen doch, die Leute haben geschlafen.« »Gut, aber so eine Zofe weiß am Ende mehr. Man sieht es einem Zimmer an – verzeihen Sie! – wohl auch einem Bett – und schließlich auch einer Dame, in deren Diensten man steht, ob sie nachts über allein gewesen ist.« »Danach wollen Sie fragen?« rief Reichenbach empört. »Auf wie lange Sie Ihre nächtlichen Besuche für gewöhnlich auszudehnen pflegten. – Vielleicht hat der Diener Ihre Schuhe geputzt oder die Zofe Ihnen des Morgens den Kaffee serviert, alles das würde natürlich Ihre sofortige In-Freiheit-Setzung zur Folge haben.« Reichenbach hing seinen Hut, den er schon in der Hand hatte, wieder an den Riegel, sah den Untersuchungsrichter entgeistert an und sagte: »Und Sie glauben, das werde ich zulassen?« »Ja, wie dachten Sie sich das?« fragte der – und Reichenbach erwiderte in seiner Erregung stoßweise: »Ich nahm an – Sie würden mir gestatten – in Ihrer Gegenwart natürlich – der Dame die Gründe zu nennen – die mich zwingen, wenn auch nicht berechtigen – sie zu fragen – ob und wie lange ich heute nacht – bei ihr gewesen bin – in allen Ehren natürlich!« Der Untersuchungsrichter schüttelte den Kopf und sagte: »Nein! – Das darf mir nicht genügen.« »Dann müssen wir es lassen.« »Aber ich bitte Sie, Herr Reichenbach . . .!« »Kein Wort mehr davon! – Ich verbiete Ihnen . . .!« »Was erlauben Sie sich! Sie wissen scheinbar noch immer nicht, in welcher Lage Sie sich eigentlich befinden. Ich gebe mir die erdenklichste Mühe, die Verdachtsmomente, die für Ihre Täterschaft sprechen, zu entkräften – und Sie führen sich hier in einer Weise auf und verbieten mir, von dieser . . .« Der Untersuchungsrichter zitterte vor Empörung. Aber auch Reichenbach beherrschte sich nicht mehr und wiederholte: »Ich verbiete Ihnen, auch nur ein Wort über diese Dame . . .« »Das wird eine nette Dame sein!« Reichenbach stürzte auf den Untersuchungsrichter zu. Der hielt ihn an den Handgelenken fest, sah die Hautabschürfungen und Risse an Reichenbachs Händen, stutzte, überlegte – und lachte dann triumphierend auf. Reichenbach erriet seine Gedanken, wies auf seine Hände und sagte: »Sie glauben doch nicht etwa . . .?« »Nein!« erwiderte der Untersuchungsrichter. »So richtet man sich bei einer Frau nicht zu. Wohl aber, wenn man in einen Geldschrank einzubrechen oder einen solchen Einbruch vorzutäuschen sucht.« Er ließ Reichenbachs Hände los. Dann rief er einen Polizeibeamten und befahl ihm, den Angeschuldigten abzuführen. – 14. Am Abend desselben Tages noch wurde Heinz Reichenbach in das Untersuchungsgefängnis nach Moabit überführt. Der Haftbefehl wurde aufrechterhalten. Fluchtverdacht und Verdunkelungsgefahr als vorliegend erachtet. Karl Morener, der noch am selben Abend mit Hanni Reichenbach zusammen versuchte, zu ihm zu gelangen, wurde bedeutet, daß man aus naheliegenden Gründen gerade ihm den Zutritt verwehren müsse. Welcher Art diese Gründe waren, konnte er nicht erfahren. Hanni Reichenbach stellte man anheim, am Vormittag des nächsten Tages wiederzukommen. Decken, Wäsche, Toilettengegenstände, Lebensmittel und Zigaretten, die sie ihm brachte, versprach man, an den Angeschuldigten weiterzuleiten. Ein alter Aufsichtsbeamter, der jeden Gegenstand prüfte, bestaunte die englische Ledertasche, die Elfenbeingarnitur, die seidene Wäsche, die feinen Delikatessen, führte die Zigaretten unter die Nase und meinte: »Da scheinen wir ja einen feinen Gast bekommen zu haben.« »Behandeln Sie ihn nur recht gut,« bat Hanni – »er ist nämlich unschuldig.« »Natürlich! Das sind se hier alle! Die sind alle hier nur zum Vergnügen. Um auszuruhen. Ruhiger und billiger können sie's in keinem Sanatorium haben. Was hat er'n eigentlich ausgefressen?« »Nichts!« erwiderte Hanni. »Sie glauben doch nicht etwa auch . . .?« »Ich glaube janischt. Wenn von dem, was hier jelogen wird, sich hinterher nur einmal was als wahr herausstellt – dann find' ich mich nicht mehr zurecht und lasse mich pensionieren.« »Lassen Sie mich wenigstens mit ihm telephonieren,« bat Hanni. »Wa . . wa . . was – wollen Sie? – Ach so! Sie meinen, von unseren Gästen hat jeder sein' Apparat am Bett? Einmal drücken der Hausknecht, zweimal der Oberkellner und dreimal drücken das Stubenmädchen. Das würde 'ne schöne Drückerei geben. Sie scheinen ja 'ne komische Vorstellung von so'm Untersuchungsgefängnis zu haben. In Ihrer Familie scheint noch nich ville vorjekommen zu sein.« »Es ist das erstemal in hundertfünfzig Jahren.« »Was? – Wie alt sind Sie?« »In unserer Familie hat noch nie jemand etwas mit den Gerichten zu tun gehabt.« »Ach so, Sie rechnen das Alter von der ganzen Familie zusammen. – Sie wollen wohl beweisen, daß der Angeschuldigte nicht der einzige Fall – er zeigte auf die Stirn – in der Familie ist.« »Wir verreden hier unsere Zeit,« sagte Karl Morener und sah auf die Uhr. »Wieso Ihre Zeit? meine Zeit! Mein Dienst ist um sieben Uhr dreißig zu Ende. Jetzt ist es bereits sieben Uhr dreißig – und bis ich mit den Sachen zu dem in seine Zelle komme, vergehen noch zwei Minuten.« »Zelle? – er ist doch nicht im Gefängnis?« fragte Hanni erregt. »Noch nicht,« erwiderte der Aufsichtsbeamte. »Ich hab das noch so an mir, weil ich einundzwanzig Jahre im Zuchthaus war.« – Hanni wich vor dem Beamten zurück, der fortfuhr: »Als Wächter natürlich.« »Sagen Sie ihm wenigstens, daß wir hier gewesen sind,« bat Hanni. »Das wird er ja wohl an den Sachen merken.« »Und bestellen Sie ihm Grüße von uns.« Der Beamte versprach es – und Karl Morener verließ mit Hanni, die zusammenfuhr, als das Torgitter geöffnet wurde und wieder ins Schloß fiel, das Untersuchungsgefängnis. – Es war inzwischen dunkel geworden. »Ich darf Sie nach Hause fahren?« fragte Karl, als sie vor seinem Auto standen. »Nach Haus? was soll ich da? Ich hätte doch nicht fünf Minuten Ruhe.« »Was glauben Sie, daß wir jetzt hier noch für ihn tun können?« »Der Anwalt hat vielleicht etwas erfahren.« »Die Verdachtsmomente, derentwegen man ihn in Haft behält, kennen wir ja. Mehr wird er auch nicht wissen.« »Fragen wir ihn.« »Er wird kaum noch im Bureau sein.« »Dann wird man uns sagen, wo wir ihn finden.« – Sie stiegen ein und fuhren in die Kurfürstenstraße. – »Ich ertrage die Vorstellung, daß Heinz da unter Verbrechern sitzt, einfach nicht. Jeder Mensch, der ihn auch nur oberflächlich kennt, lacht doch, wenn er hört, daß man ihn wegen Einbruchs in seine Bank« – sie stutzte und berichtigte sich – »seine Bank ist es zwar nicht – aber daß Heinz Reichenbach stiehlt oder einbricht oder überhaupt etwas tut, was nicht anständig ist, das ist doch so ausgeschlossen, daß man nicht begreift, wie es Menschen geben kann, die ihm das zutrauen.« »Für die Behörden ist er zunächst mal ein Mensch wie jeder andere,« erwiderte Karl. »Aber im Verlaufe der Untersuchung werden wir sie mühelos davon überzeugen, und sie wenden genau so von ihm denken wie wir.« »Sie werden das tun? – und mir helfen und ihm?« »Ja, zweifeln Sie einen Augenblick daran?« »Ich habe das Gefühl, daß Sie ihn nicht mögen.« »Wie kommen Sie darauf?« »Sie sind so verschieden.« »Nein! Nein! jetzt meinten Sie etwas anderes – und zwar etwas Bestimmtes, sagen Sie es mir. – Wenn wir jetzt nicht zusammenhalten und ehrlich miteinander sind, wird er darunter zu leiden haben.« »Sie haben recht – und ich wünschte, ich könnte Vertrauen zu Ihnen haben.« »Sie dürfen es! – Also bitte, woraus schließen Sie, daß ich Ihrem Vetter nicht wohl will?« Hanni wandte sich zu ihm und sagte: »Sehen Sie mich an!« Karl Morener sah ihr fest in die Augen und fragte: »Also?« »Sie lieben ein und dieselbe Frau!« »Ja!« »Frau Hedda Morener.« »Ich wäre unaufrichtig, wenn ich es leugnen würde – obschon ich mich mit diesem Geständnis in Ihre Hände gebe.« »Weiß mein Vetter das?« »Nein!« »Darf er es wissen?« »Unter keinen Umständen.« Sie reichte ihm die Hand und sagte: »Vertrauen gegen Vertrauen. Er wird es nicht erfahren – durch mich nicht.« »Und woher wissen Sie es?« »Als ich in Mamas Gegenwart in Verbindung mit der Kuanyin von einer Frau sprach, haßten Sie ihn.« »Ich gebe es zu – aber glauben Sie, daß ich seine Ehre deshalb mit weniger Eifer verteidigen werde?« »Die Versuchung läge nahe.« »Mit solchen Mitteln um eine Frau zu kämpfen, wäre erbärmlich.« »Ich habe Ihnen abzubitten. In meiner Sorge um Heinz habe ich schlecht von Ihnen gedacht und seinen Feind in Ihnen gesehen. Sie glauben nicht, wie froh ich bin, daß ich mich getäuscht habe.« Der Wagen hielt in der Kurfürstenstraße. – Der Rechtsanwalt arbeitete noch in seinem Bureau. Karl Morener und Hanni Reichenbach wurden sofort vorgelassen. – Die Eröffnungen, die Dr. Eltzbach ihnen machte, waren klar und kurz: »Vorweg! Ich kenne Herrn Reichenbach – bin also überzeugt, daß er mit dieser ganzen Geschichte weder direkt noch indirekt etwas zu tun hat. Das Zusammentreffen unglücklicher Zufälle belastet ihn. Die Feststellungen haben bereits heute ergeben, daß er seit über einem Jahre das erstemal des Nachts außerhalb des Hauses verbracht hat. Wo er war, will er nicht sagen. Die Untersuchung hat ergeben, daß ein Einbruch nicht stattgefunden hat, sondern nur vorgetäuscht ist. Der Geldschrank ist mit den passenden Schlüsseln geöffnet worden. Diese Schlüssel besaß nur er. Sie wurden auch am heutigen Morgen noch an seinem Schlüsselbund gefunden – sind ihm also nicht gestohlen worden. Der nächtliche Einstieg in den Raum, in dem sich der Geldschrank befand, ist aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Bureau in der darüberliegenden Etage erfolgt. Dies Bureau ist sein Bureau. Die Beschädigungen an den Türen und Schlössern des Geldschranks sind erfolgt, um einen Einbruch vorzutäuschen Sie rühren unter keinen Umständen von gewerbsmäßigen Verbrechern her. Sie sind so gewaltsam und laienhaft erfolgt, daß man wohl annehmen kann, daß der Täter sich dabei verletzt hat. Ein unglücklicher Zufall will, daß die Hände des Herrn Reichenbach Risse und Abschürfungen aufweisen, die sehr wohl von einer solchen Tätigkeit herrühren können. – Was Untersuchungsrichter und Staatsanwalt aber noch nicht wissen und was sie hoffentlich auch nicht in Erfahrung bringen: Herr Reichenbach ist in dieser Nacht in übler Gesellschaft gewesen.« »Das ist nicht wahr!« widersprach Hanni, und Karl Morener fragte: »Woher wissen Sie das?« »Er hat es mir selbst vor wenigen Stunden anvertraut. Da Sie seine Freunde sind, so brauche ich damit nicht hinter dem Berge zu halten.« »Das hat er Ihnen vorgelogen,« sagte Hanni, »weil er die Dame nicht kompromittieren will.« »An diesen nächtlichen Besuch bei einer Dame glaube ich nicht mehr. Vielmehr bin ich der Meinung – und nach dieser Richtung forsche ich auch weiter –, daß Herr Reichenbach ein Doppelleben geführt hat. Derartiges gibt es . . . es ist nicht einmal ungewöhnlich. Er ist in letzter Zeit weniger seinen künstlerischen Neigungen nachgegangen und hat sich scheinbar mit um so größerem Eifer psychologischen Studien zugewandt. Nichts ist auf dem Gebiete reizvoller und ergiebiger, als das Studium von Dirnen und Verbrechern. Wenn die Angestellten im Hause bekunden, daß er des Nachts sonst stets zu Hause gewesen sei, so ist darauf zu erwidern, daß er natürlich vermieden hat; seine nächtlichen Eskapaden bekannt werden zu lassen. Er wird es also so eingerichtet haben, daß die Dienerschaft weder sein Weggehen, noch seine Rückkehr bemerkt hat. Ein Verkehr in Verbrecherkreisen ist natürlich mit Gefahr verbunden. Auch wenn man ihm vielleicht das menschliche Interesse geglaubt hat, so ist er in den Augen dieser Leute doch immer ein Außenseiter geblieben – und wenn es natürlich auch unter diesen Leuten manchen im Grunde anständigen Menschen gibt, den die Verhältnisse erst zu dem gemacht haben, so werden die meisten von ihnen in Reichenbach doch nichts anderes als ein Objekt gelegentlicher Ausbeutung gesehen haben. Ich bin auf Grund meiner Forschungen, die ich im Anschluß an meine Unterredung mit Herrn Reichenbach im Untersuchungsgefängnis hatte, der Ansicht, daß diese Verbrecher, mit denen er verkehrte und die genau wußten, wer er war, nur auf die Gelegenheit gewartet haben, einen großen Coup durch ihn zu landen. Sie haben – wahrscheinlich ohne daß er es merkte – von ihm alles erfahren, was sie wissen wollten: seinen Namen, seinen Beruf, die Art der Ausübung, die Verhältnisse in der Bank. Als sie dann – um in ihrer Sprache zu reden – alles ausbaldowert hatten, sind sie zu dem großen, gewiß seit langem vorbereiteten Coup geschritten. Sie haben ihn mit wer weiß was für Mitteln in einen Betäubungszustand versetzt, ihm die Schlüssel entwendet und das große Ding gedreht – an sich mit großem Raffinement und in der Absicht, den Verdacht auf ihn zu lenken. Sie haben ihm dann die Schlüssel wieder zugesteckt und getan, als ob nichts vorgefallen wäre. Aber wie diese Verbrecher bei aller Gerissenheit sich meist durch irgendeine Dummheit zu verraten pflegen, so auch in diesem Fall. Einmal dabei, wollten sie ganze Arbeit tun und haben ihn hinterher noch mit Gewalt ausgeplündert – ihm sogar sein Automobil gestohlen. Es ist dann zu Streitigkeiten gekommen – wohl gar zu Schlägereien – und Reichenbach hat gegen Morgen den ersten besten Arzt der Gegend aufgesucht, dem er unter dem ersten Eindruck manches erzählt, das Wesentliche aber natürlich verschwiegen hat.« »Das ist ja ungeheuerlich!« sagte Hanni, die, ebenso wie Karl, in atemloser Spannung der Erzählung des Anwalts gefolgt war. »Wie war es Ihnen denn möglich, das alles in so kurzer Zeit herauszubringen?« »Sehr einfach! Ich habe seinem Diener den Auftrag gegeben, mir von jedem Besuch und telephonischen Anruf sofort Mitteilung zu machen. Unter etwa dreißig Telephongesprächen war die Anfrage eines Arztes nach dem Befinden Reichenbachs. Ich habe mich sofort mit vier Ärzten dieses Namens in Verbindung gesetzt, von denen einer denn auch der richtige war. Ich bin seit einer Stunde von ihm zurück. Er hat mir erzählt, was er wußte – es genügt vollkommen, um den Fall in allen seinen Punkten aufzuklären. Da die finanziellen Verhältnisse Reichenbachs die besten sind, ein Motiv zur Tat also nicht gegeben ist, so wird man meinen Gedankengängen, zumal sie de facto keine Werturteile, sondern lediglich eine Zusammenstellung von Tatsachen sind, folgen müssen.« »Vorausgesetzt, daß es gelingt, die wahren Täter zu fassen.« »Das ist Sache der Polizei – der ich mit der Feststellung dieses Tatbestandes bereits einen großen Dienst erweise. » »Und wann wird man ihn freilassen?« »Das kann meines Erachtens nur noch eine Frage von Tagen sein.« 15. Sie waren noch nicht die Treppe beim Anwalt herunter, da fragte Hanni, die vor Erregung zitterte: »Was sagen Sie dazu?« »Ich halte es für ein Glück, daß es Dr. Eltzbach gelungen ist, den Fall so schnell aufzuklären« »Sie glauben das also?« »So etwas kann man sich doch nicht aus den Fingern saugen.« »Mit Verbrechern und Dirnen verkehren! – das tut doch höchstens ein Schriftsteller – aber doch kein normaler Mensch.« »Er ist ein Sonderling. – Und ich finde, die Geschichte klingt durchaus glaubhaft. – Natürlich denkt jeder zuerst an eine Frau – und an sich werden Sie mit Ihren Vermutungen schon recht haben. Aber mit dem Einbruch hat es nichts zu tun, – glücklicherweise!« »So froh ich über die Klärung an sich bin – ich hätte eine andere Lösung gewünscht.« Sie saßen wieder im Auto. Er fuhr sie nach Hause. »Nehmen Sie an,« sagte er, »unsere Vermutung wäre die richtige gewesen? Was wäre die natürliche Folge?« »Sein Alibi wäre erwiesen.« »Sie gestatten, daß ich widerspreche. Und wenn er die Nacht bis vier Uhr früh dort verbracht hätte – für die halbe Stunde, die es in Anspruch nimmt, einen Schrank aufzuschließen und hinterher zu beschädigen, wäre immer noch Zeit gewesen.« »Man hätte ihn doch in sein Bureau gehen sehen.« »Für jemanden, der sämtliche Schlüssel hat und die Rundenzeit der Wachen kennt, ist es eine Kleinigkeit, ungesehen in das Bureau zu kommen. – Nein! Aber etwas viel Ärgeres wäre geschehen – und wir hätten, wenn er wirklich bei der Dame gewesen wäre, alles anstellen müssen, damit es nicht durch einen Zufall oder gar durch ein falsches Pflichtgefühl der Dame bekannt geworden wäre.« »Da weiß ich aber wirklich nicht, was Sie da meinen.« »Bedenken Sie die Begleitumstände! Ihr Vetter gibt seine gute und aussichtsreiche Position in der Bank auf. Keiner weiß, weshalb, jeder wundert sich. Er bereitet seine Auswanderung nach einem fremden Erdteil vor, obgleich er da weder einen Posten, noch Familie, noch sonst irgendwelche Chancen hat. Plötzlich erfährt man, er liebt die Frau seines Chefs. Aha! sagt jeder – deshalb also! Und bei so schweren Verdachtsmomenten wie hier wird man folgern: Sie haben Furcht vor der Rückkehr Heinrich Moreners. Sie wollten fliehen. Sie brauchten Geld. Sie schafften künstlich ein Alibi. – Mit einem Worte: Der Beweis ist lückenlos, und jedes Gericht wird sie auf die Indizien hin verurteilen – ihn als Täter, die Frau wegen Beihilfe, wenn nicht gar wegen Anstiftung.« »Großer Gott! Dann war er ja in großer Gefahr.« »Er ist es noch. Wenn der Verdacht, daß er eine Frau schont, in irgendeiner Form wieder auftaucht, dann müssen Sie, dann muß ich, dann müssen wir alle dafür sorgen, daß diese Frau unentdeckt bleibt.« »Gewiß! Aber Sie halten doch nicht für möglich, daß es so ist?« »Sehen Sie! Da werden selbst Sie in Ihrem Glauben an ihn erschüttert! Um wieviel eher die Richter, die ihn nicht kennen, und für die er irgendein xbeliebiger ist.« »Sie haben mich überzeugt – und ich vertraue Ihnen von nun an in allem.« »Werden Sie mir auch in allem folgen?« fragte er. Sie waren vor dem Hause in der Königin-Augusta-Straße angelangt. »Mein Wort darauf.« Als Karl Morener wieder in seinem Wagen saß, verblaßte im Augenblick das Bild Heddas und er sagte sich in Gedanken an Hanni: »Wieso habe ich nie gesehen, wie hübsch sie ist?« 16. Heinrich Moreners Genesung schritt nicht in der Weise und auch nicht in dem Tempo fort, wie die Ärzte es erwartet hatten. Einen Tag lang war sein Zustand so, daß sie sich mit dem Gedanken trugen, seine Gattin kommen zu lassen – und am nächsten Morgen saß er wieder völlig teilnahmlos da, um ein paar Stunden später schon als Leonard Reichenbach Briefe, Proteste und Anklagen in die Welt zu setzen. Frau Hedda bekam ihrem Wunsche gemäß seit einiger Zeit einen Tag um den andern Nachricht über sein Befinden. Auch am Morgen nach dem Einbruch war ein Brief eingetroffen, in dem zu lesen war, daß sein Zustand wenig verändert zwischen Melancholie und jener krankhaften Vorstellung schwankte. Zwar wiederholten sich die lichten Momente, in denen er sich als Heinrich Morener fühlte, in immer kürzeren Zwischenräumen und hielten auch längere Zeit an. – Da er danach aber regelmäßig in tiefe Schwermut, verbunden mit Selbstmordgedanken, verfalle, so sei ihr Besuch noch nicht geboten. Man dürfe zwar damit rechnen, daß ihre Gegenwart ein Sichbesinnen auf sich selbst zur unmittelbaren Folge hätte, müsse aber befürchten, daß hinterher eine Depression einsetzen werde, die einen schweren Rückfall befürchten lasse. Ausnahmsweise stimmte Frau Hedda diesmal mit den Ansichten der Ärzte überein. Ehemals hätte sie sich die Kraft zugemutet, Morener in seinen lichten Momenten so stark zu beeinflussen, daß er nicht wieder in seine krankhafte Idee zurückgefallen wäre. Heute, wo Fremdes zwischen ihnen stand, besaß sie den Glauben an diese Kraft nicht mehr. Ohne daß sie selbst fest daran glaubte, war es nicht möglich, auf ihn zu wirken. Als sie aber jetzt von dem Einbruch und dem auf Heinz Reichenbach gerichteten Verdacht erfuhr, sagte sie sich sofort: das könnte seine Heilung sein! – Ein Ereignis, das tiefer in sein Seelenleben eingriff, war selbst bei kühnster Phantasie nicht vorstellbar. Glaubte er auf Grund des Materials, das Reichenbach belastete, an dessen Schuld, dann erlosch damit der Nimbus des Namens – und es fiel damit die Voraussetzung seiner krankhaften Vorstellung. War er aber von Reichenbachs Unschuld überzeugt, dann würde der Eifer, ihm beizustehen, so stark alle gesunden Instinkte in ihm in den Vordergrund rücken, daß die krankhafte Vorstellung demgegenüber gar nicht zum Durchbruch käme. – Das sagte sich Frau Hedda und glaubte, das Mittel zur Genesung ihres Mannes in der Hand zu haben. Die Pflicht, es zu nutzen, erschien ihr so selbstverständlich, daß sie daneben keinen Augenblick darüber nachdachte, was für Folgen sich daraus für sie ergeben könnten. Sie drahtete nach Südende, daß sie entgegen dem Willen der Ärzte ihren Mann zu sehen und daher zu wissen wünsche, wann ihr Besuch genehm sei. Am Abend aber, als Karl Morener von der Königin-Augusta-Straße aus, wo er Hanni Reichenbach abgesetzt hatte, zu ihr kam und ihr über den Verlauf der Untersuchung berichtete, kamen ihr Bedenken, ob ihre Pflicht Heinz Reichenbach gegenüber im Augenblick nicht doch größer sei. »Eines ist so unsinnig wie das andere,« sagte Karl, dem sie sich erschloß. »Denk an dich!« »Was willst du damit sagen?« »Daß du dich nicht an Tote hängen sollst.« »An Tote? – Ja, wer ist denn tot?« »Ich meine es nicht wörtlich – obgleich es auf dasselbe hinauskommt. Heinrich Morener und Heinz Reichenbach sind erledigt. Der eine hat ein paar lichte Augenblicke, der andere ein Alibi, mit dem er nichts anfangen kann. Willst du darauf deine Zukunft bauen?« »Wie kann man so roh sein?« »Ich muß es sein! – für dich! Denn du hast eine wahre Scheu davor, statt nach deinen veralteten Anschauungen, einmal nach dem Grundsatz der Zweckmäßigkeit zu handeln.« »Wie sprichst du nur mit mir?« »Wenn ich jetzt nicht handle, bricht alles über uns zusammen.« »Das ist wieder eine deiner Phrasen, Karl! Was soll denn über uns zusammenbrechen?« »Wenn ich mir vorstelle, du gehst zu Heinrich Morener, und es gelingt dir wirklich, ihn gesund zu machen – meiner Ansicht nach wird es ihn nur zurückwerfen . . .« »Ich glaube daran.« »Also gut, nimm es an! Was wird die Folge sein? Er hat nun erkannt, daß seine große Sehnsucht unerfüllt bleiben muß – daß der Versuch ihrer Erfüllung ins Irrenhaus führt. – Plötzlich sieht er die Möglichkeit, das Phantom, dem er nachjagt, zu zerstören. Er weiß, gelingt das, so wird er von dem Wahn frei und gesund sein. Also wird er begeistert mit beiden Händen zugreifen, wenn er sieht, daß andere dabei sind – was er aus eigener Kraft nicht fertig brachte – das Götzenbild zu zerstören. So! Und nun überlege und frage dein Gewissen, ob du das Heinz Reichenbach gegenüber verantworten kannst.« »Ich bestaune den Eifer, mit dem du dich plötzlich für Heinz einsetzt. – Bisher tatst du doch immer so, als wenn du den Zeitpunkt gar nicht erwarten könntest, daß mein Mann zurückkehrt – weil du wußtest, daß das die Vorbedingung für unsere – nun sagen wir ruhig: Flucht ist.« »Du redest dir doch nicht ein, daß, wenn dein Mann morgen gesund ist und du klärst ihn auf – über alles – auch über uns – da du dir das nun einmal in den Kopf gesetzt hast – daß wir dann übermorgen auf und davon können?« »Ja, warum denn nicht?« »Weil man uns zwölf Stunden später verhaften würde.« »Uns – verhaften? – Ja, weshalb?« »Denke nach!« »Doch nicht gar wegen dieses Ein– – Karl, du verschweigst mir was!« »Führ den Gedanken nicht zu Ende, Hedda! Sonst ist es aus mit uns.« »Zwingst du mich denn nicht dazu?« »Schweige! – aber überlege dir, ob sich nicht ganz von selbst der Verdacht auf uns beide lenken würde.« »Du könntest doch beweisen.« »Was? – Daß ich des Nachts in meiner Wohnung war? Wie soll ich das anstellen? Mein Personal weiß, daß ich zu Hause gegessen habe, um zwölf Uhr schlafen gegangen und um acht Uhr früh wieder aufgestanden bin. Daß ich in den acht Stunden im Bett gelegen und geschlafen habe, daß ich weder durch den Garten, noch durch das Fenster ins Freie gelangt bin, das beschwört mir keiner.« »Dann schwebt man ja dauernd in Gefahr.« »Das tut man auch. Du siehst es ja an Reichenbach. Wenn nicht zufällig dieser Arzt anruft und sich nach seinem Befinden erkundigt . . .« »Was für ein Arzt?« fragte Hedda – und Karl erzählte ihr von den Feststellungen des Anwalts – und von den Schlüssen, die er daraus für Heinz Reichenbach im allgemeinen und für den Prozeß im besonderen zog. »Das ist ja ein ganz großer Schwindel, den ihr da aufmacht.« »Erstens stammt er nicht von mir, sondern von Dr. Eltzbach – und ob es Schwindel ist, haben wir nicht zu entscheiden.« »Da beschuldigt man doch Leute, die gar nichts damit zu tun haben.« »Wie kannst du das wissen?« »Ich bitte dich: Bis gegen vier Uhr früh war Reichenbach doch bei mir.« »Leider!« »Etwa eine Stunde hat er bis Berlin gebraucht, dann – nach fünf Uhr – hat er ein Lokal aufgesucht, um mit mir zu telefonieren, gegen sechs Uhr – also fünfzig Minuten später – war er bereits beim Arzt, und wieder eine Stunde später hat der Arzt ihn in seiner Villa in Frohnau abgesetzt.« »Das Plädoyer des Staatsanwalts kann nicht überzeugender sein, denn von fünf bis sechs Uhr, während einer Stunde, haben die Verbrecher über und über Zeit gehabt, um ihn zu betäuben oder bewußtlos betrunken zu machen, ihm die Schlüssel abzunehmen und den Schrank zu plündern.« »Und warum haben sie ihm die Brieftasche, die Uhr und das Auto gestohlen? Damit laufen sie doch Gefahr, sich zu verraten.« »Damit lenken sie vom Wesentlichen ab. Denn da die Wahrscheinlichkeit groß ist, daß man die Leute, mit denen er verkehrt hat, eruiert, so mußten sie einen Beweis schaffen, weshalb sie ihn betäubt haben. Um ihn auszuplündern! Das ist doch plausibel. Und dafür brummen sie gern ein paar Jahre ab, wenn sie hinterher mit der inzwischen irgendwo sichergestellten halben Million Aussicht auf einen sorgenlosen Lebensabend haben.« »Erstaunlich, wie du die Gedanken und die Gefühlswelt dieser Menschen kennst.« »Du lieber Gott! So ein Stückchen Verbrecher steckt ja wohl in jedem von uns.« »Und was sagt Heinz Reichenbach zu dieser Aufklärung? Weshalb hat er alles das bisher verschwiegen, wenn er damit der Verhaftung entgehen konnte?« »Wenn du die Passion hättest, mit Verbrechern und Dirnen zu verkehren – wäre es dir dann lieb, wenn es an die große Glocke käme?« »Bei einer Frau ist das etwas ganz anderes. Und besser als eines Einbruchs verdächtigt zu werden, ist es auf alle Fälle.« »Du setzt dich darüber hinweg – weil du auf die Menschen pfeifst und es dir gleichgültig ist, was sie von dir denken. Aber Leute wie die Reichenbachs, die für ihren guten Namen die letzte Mark hergeben, denken anders.« »Ich vermag da nicht zu folgen.« »Reichenbach muß nun Farbe bekennen. Er wird einfach erklären, daß er gestern nacht, wie häufig, heimlich mit diesen Leuten zusammengetroffen sei, ein paar Kaschemmen aufgesucht habe und plötzlich überfallen worden sei. Als er wieder zum Bewußtsein kam, befand er sich in einer ihm unbekannten Gegend auf einer Treppe sitzend oder an ein Haus gelehnt. Er wird erklären, daß er sich dunkel noch der Vorgänge erinnert, Schmerzen an Händen und am Kopf gespürt und infolgedessen den nächsten Arzt aufgesucht habe.« »Und wenn man die Leute dann faßt und man kann ihnen nichts beweisen?« »Dann wird man sie auf Grund der Indizien verurteilen. Reichenbach ist doch glaubhafter als gewerbsmäßige Verbrecher.« »Wenn sie es nun aber wirklich nicht waren?« »Dann haben sie Pech gehabt.« »Und das wollt ihr verantworten?« »Warum denn nicht? Von dem, was die auf dem Gewissen haben, kommt noch nicht die Hälfte ans Licht. Wenn sie also wirklich mal unschuldig verurteilt werden, ist ihr Schuldkonto damit noch immer nicht beglichen.« »Ist das auch die Auffassung von Heinz Reichenbach?« »Du wirst dafür sorgen, daß sie es wird.« »Wie? Er weiß noch nichts davon?« »Ich glaube nicht, daß er von alledem, was der Herr Verteidiger sich da auf Grund der ärztlichen Erzählung zurechtgelegt hat, eine Ahnung hat. Jedenfalls stimmt es aber, daß er des Nachts bei dem Arzte war.« »Karl, dann glaubst du jetzt etwa auch, daß er . . .?« »Nicht so laut!« erwiderte Karl, und legte den Finger auf den Mund. »Auf das, was ich glaube, kommt es nicht an. Aber wenn es uns nicht gelingt, diesen immerhin seltsamen Umgang mit Verbrechern glaubhaft zu machen, ist er verloren. – Und wer weiß, was für Spuren die Polizei dann noch weiter verfolgt.« »Mich wird sie ja hoffentlich nicht verdächtigen.« »Die Polizei nicht.« Frau Hedda fragte: »Etwa der Anwalt?« »Nein, aber eine Frau – das heißt, ein junges Mädchen . . .« »Wer wagt . . .?« brauste Hedda auf. Wieder legte Karl Morener die Finger an den Mund und sagte: »Wir wollen uns wirklich daran gewöhnen, leise zu sein, wenn wir davon reden.« »Also wer?« drängte Hedda – und Karl erwiderte: »Eine Frau, die den Heinz scheinbar auch liebt.« »Auch liebt? – Liebe ich ihn denn?« »Ich glaubte es auch nicht – aber sie bewies es mir.« »Was ist das für ein Wahnsinn?« »Und zwar durch die Kuanyin!« Frau Hedda verlor zum ersten Male die Fassung. Sie stand auf, hielt sich am Tisch fest und sagte: »Das kann nur Hanni Reichenbach gewesen sein.« »Erraten! – wenn du ihn also liebst – und wenn du dich liebst – dann fragst du von nun an nicht mehr, ob er es war oder nicht war – das spielt im Fall der Liebe ja keine Rolle – sondern du gehst zu ihm – auf irgendeine Weise gelingt dir das – muß es dir gelingen – und sagst ihm genau das, was ich dir eben gesagt habe – aber nicht, daß es von mir kommt – sondern von dir – daß du es dem Anwalt insinuiert hast – zu seiner Rettung – und zu deiner.« »Du kannst dir nicht vorstellen, in welcher Angst ich um ihn bin. Ich glaube, daß ich damals, als mein Mann zusammenbrach, nicht halb so gelitten habe.« »Das beweist nur, wie sehr du ihn liebst.« »Und das kränkt dich nicht?« »Ich denke jetzt nicht an mich.« »So ein Freund bist du? So ein Mensch bist du!? Auch jetzt noch denkst du an nichts anderes als an seine Rettung?« »Nicht aus Edelmut – und nicht für ihn. Was ich tue, tue ich für uns! – Wenn sie ihn verurteilen, wirst du dir einreden, du hättest ihn retten können. Sein Schweigen wird ihn für dich zum Märtyrer machen. Wenn du ihn noch nicht liebtest, würdest du ihn dann lieben. Und ich werde alle Opfer für unsere Flucht umsonst gebracht haben.« Frau Hedda nahm seine Hand und sagte: »Ich bin gerührt von soviel Liebe. – Ich verspreche dir, zu ihm zu gehen – zumal ich einsehe, daß es für uns alle so am besten ist.« »Ich habe dich also nicht verloren?« »Ich glaube – und zwar heute zum ersten Male, Karl, daß es dir vielleicht doch noch gelingt, mich zu gewinnen.« 17. Da die von den Ärzten erwartete Besserung in Heinrich Moreners Befinden nicht eintrat, drang Frau Hedda darauf, daß man einen berühmten Nervenarzt aus Wien hinzuzog, von dem sie vor allem zu erfahren hoffte, ob mit einer Genesung ihres Mannes überhaupt zu rechnen sei. Frau Hedda klärte den Wiener Professor, dem die Ärzte des Sanatoriums einen genauen Krankheitsbericht gaben, über das mehr Menschliche des Falles auf. Sie erzählte ihm auch von dem Heilmittel, das sie sich ersonnen hatte – wobei sie offen ließ, ob Reichenbach wirklich der Vater ihres Kindes war, oder ob sie ihn Heinrich Moreners wegen nur dafür ausgab. Und da es ja nur auf eben diese Wirkung ankam, so unterließ er es, sie danach zu fragen. Der Wiener Arzt beschäftigte sich drei Tage lang mit dem Kranken und erklärte Frau Hedda am Morgen des vierten Tages: »Ich fand Ihren Gatten bei meiner Ankunft in ziemlich desperatem Zustand vor. Selbst in den wenigen lichten Augenblicken, in denen er aufhört, sich für Leonard Reichenbach zu halten und sich klar ist, Heinrich Morener zu sein, wechselt seine seelische Einstellung derart, daß ich mir von Ihrem Geständnis nichts verspreche. Ob das Opfer, das sie ihm gewiß in guter Absicht brachten, überhaupt jemals seinen Zustand günstig beeinflussen wird, scheint mir zweifelhaft. Es kann ebensogut die gegenteilige Wirkung auslösen. Denn bei Ihrem Gatten wechselt – was als Krankheitsbild durchaus folgerichtig ist – der Begriff Reichenbach zwischen Gut und Böse. Bald ist es der Gott, dem ähnlich zu werden sein sehnlichster Wunsch ist, bald ist es der Feind, der ihn zugrunde gerichtet hat, und dem er Rache schwört. Ich halte es für durchaus geboten, diese zweite Stimmung in ihm zu pflegen, weil ich hoffe, dadurch die krankhafte Sucht und Vorstellung, Reichenbach zu sein, zum Abklingen zu bringen. Mit dieser Methode – die meine Kollegen in der hiesigen Anstalt übrigens ablehnen – habe ich in den drei Tagen bereits sichtbaren Erfolg gehabt. Er ist in seinen lichten Stunden frei von Depression und in einer Stimmung, die man bei einem Gesunden als gute Laune bezeichnen würde. Wie weit auch dieser Stimmungsumschwung auf krankhafte Einwirkung zurückzuführen ist, wird die weitere Beobachtung ergeben. Ich bin für einen Aufenthaltswechsel – für andere Luft und halbe Höhe. Ich schlage das Sanatorium Schönegg, oberhalb des Vierwaldstättersees, vor, teile mit meinen hiesigen Kollegen im übrigen die Ansicht, daß auch fernerhin noch alle Personen von ihm fernzuhalten sind, die vor seinem Nervenzusammenbruch um ihn waren.« Auch Frau Heddas Wunsch, wenigstens während der Reise um ihren Mann zu sein, lehnten die Ärzte ab. 18. Der Fall Reichenbach und Genossen, wie er in den Akten der Staatsanwaltschaft hieß, wurde auf Veranlassung des Oberstaatsanwalts, der wiederum vom Justizministerium Anweisung erhielt, mit größter Beschleunigung behandelt. Denn, wie zu erwarten war, hatte die hinten herum informierte Presse sich bereits am übernächsten Tage des Falles bemächtigt. Was eigentlich geschehen war, wußte so recht niemand. Die unbestritten gebliebene Tatsache eines Einbruchs in das Bankhaus Reichenbach \& Co. und der angebliche Nervenschock des Prokuristen Heinz Reichenbach, den ein Heer von Reportern vergebens in allen Sanatorien Berlins und Umgebung suchte, gab Anlaß zu den wildesten Kombinationen, die ihren Ursprung meist in der Burgstraße hatten. Unsaubere Manöver ließen nicht nur die Kurse der betroffenen Bank, sondern auch eine Reihe anderer Firmen, von denen man wußte, daß sie mit Gebrüder Reichenbach \& Co. in Geschäftsverbindung standen, bis zu dreißig Prozent heruntergehen. Die Folge war, daß man nicht nur von gestohlenen Millionen sprach, sondern auch von Unterschlagungen, die Angestellte in hohen Stellungen begangen haben sollten. Ja, man trieb es so weit, den Aufenthalt Heinrich Moreners in einem Schweizer Sanatorium in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Millioneneinbruch zu bringen. – »Die Flucht des Generaldirektors Morener ins Ausland.« – »Das mysteriöse Verschwinden des Prokuristen Reichenbach.« – »Ein Konsortium von Bankdirektoren und Einbrechern.« – »Die Versicherungen lehnen jede Haftung ab.« – So etwa lauteten die fetten Überschriften in den Skandalblättern. Um das Publikum zu beruhigen und der Fortführung unsauberer Spekulationen die Spitze zu nehmen, wurde von Karl Morener eine offiziös aufgemachte Notiz folgenden Inhalts in die Presse lanciert: Zur Steuer der Wahrheit betreffend den Diebstahl bei Gebrüder Reichenbach \& Co. Die Höhe der gestohlenen Devisen in Reichsmark umgerechnet beträgt nach heutigem Kurse Reichsmark 498 655. Die Summe ist voll durch Versicherungen und Rückversichernden gedeckt. Auch wenn die Versicherungsgesellschaften den Versuch machen sollten, sich ihren vertraglichen Verpflichtungen zu entziehen – wozu keinerlei rechtliche Handhabe vorliegt –, wird der durch Reserven zehnfach gedeckte Verlust in der Fortführung der Geschäfte nicht die geringste Störung verursachen. Der seiner Genesung entgegensehende Geschäftsinhaber Heinrich Morener befindet sich seit dem 14. 5. 26 – also bereits seit über zehn Monaten – in einem Sanatorium, ohne während dieser Zeit einen Angestellten des Bankhauses oder auch nur eins seiner Familienmitglieder gesehen zu haben. Die Prokura des Herrn Heinz Reichenbach, dem Fahrlässigkeit zur Last gelegt wird, ruht auf seinen ausdrücklichen Wunsch bis zur völligen Aufklärung und gerichtlichen Erledigung des Falles. Unterzeichnet war diese, in Form großer Inserate in den führenden Tageszeitungen veröffentlichte Erklärung, auf die sämtliche Blätter in ihrem redaktionellen Börsenteil ausführlich hinwiesen, von dem Direktorium des Bankhauses Gebrüder Reichenbach \& Co., den Herren Urbach und Meßter. Auf Grund dieser Erklärung trat vorübergehend eine Beruhigung an der Börse und damit auch in der Öffentlichkeit ein. Die Kurse des Bankhauses und der mit ihm in Verbindung stehenden Firmen zogen an – die Drahtzieher, die im Trüben fischten, hatten ihren Schnitt gemacht. Für sie war der Fall Reichenbach damit erledigt – und was folgte, interessierte sie kaum noch. Staatsanwalt und Untersuchungsrichter arbeiteten Hand in Hand. Sie machten sich die Auslegung des Rechtsanwalts Dr. Eltzbach zu eigen. Einmal, weil es keine andere gab – dann aber auch, weil sie jeder Prüfung standhielt. In ihrem Ausgangspunkt zwar etwas gewagt, führte sie logisch schrittweise bis ans Ende – belastete Heinz Reichenbach – so daß man seine Verhaftung nicht als Mißgriff deuten konnte – und entlastete ihn zugleich, womit wiederum dem Urteil des gesunden Menschenverstandes Genüge geschah. Man verhaftete schon am nächsten Tage die Diebe des Autos, der Brieftasche, der Perlennadel – die sämtlich in einem nahe der Wohnung des Arztes gelegenen Verbrecherlokale verkehrten – man verhaftete auch ein paar Dirnen unter dem Verdacht der Beihilfe und sicherte sich die Zeugenschaft des Wirtes und des Arztes, dessen Telephonnummer das Ganze ins Rollen gebracht hatte. Und es rollte so vorschriftsmäßig, daß Karl Morener sich vergnügt die Hände rieb und zu Dr. Eltzbach sagte: »Da soll noch jemand behaupten, daß man als Anwalt keine Phantasie benötigt!« »Wieso Phantasie? Logik! – die Kunst zu kombinieren!« »Zu erfinden, meinen Sie.« »Was? Sie glauben, das alles habe ich mir aus den Fingern gesogen?« »I, Gott bewahre! Sie haben es dem Arzt insinuiert – ohne Hypnose – aber geschickt! – fabelhaft geschickt!« »Erlauben Sie mal! Ich verbitte mir – das heißt, insofern haben Sie recht, als ich seinem Gedächtnis nachgeholfen und aus den Steinen, die er mir zugetragen hat, durch ein geschicktes Zusammensetzen ein Gebäude errichtet habe, das alles aufklärt.« »Sie glauben das also wirklich?« »Würde ich sonst meine Verteidigung darauf aufbauen?« »Ich kann nicht auf den Grund Ihrer Seele schauen – will es auch nicht.« »Ich verstehe Sie gar nicht. Halten Sie Heinz Reichenbach etwa für den Täter?« »Nein!« »Nun also! Und ich werde Ihnen nachweisen, weshalb . . .« »Bitte, tun Sie es nicht. Sie könnten mich vielleicht vom Gegenteil überzeugen – und das würde meine Stellung wesentlich erschweren.« »Das ist eine Beleidigung.« »O nein! Lediglich eine Vorsicht. – Die Hauptsache ist ja doch, daß Sie Heinz Reichenbach überzeugen.« »Mir scheint, Sie wissen mehr, als Sie sagen.« »Unerheblich! Die Hauptsache, Sie halten an Ihrer fabelhaften Lösung fest. – Also, was sagt Heinz Reichenbach dazu?« »Er war bis heute früh mir gegenüber genau so verschlossen, wie gegenüber dem Untersuchungsrichter. Er erklärt immer wieder: ›ich sage nichts und ich werde auch in der Verhandlung nichts sagen. – Denn ich halte es unter meiner Würde, mich gegen eine so groteske Anklage auch nur mit einem Worte zu verteidigen.‹« »Und dabei bleibt er?« »Glücklicherweise nicht. Seit dem Besuch Frau Moreners, den ich geschäftlicher Interessen wegen beim Untersuchungsrichter erwirkte, ist er wie umgewandelt.« »Sonderbar!« »Dabei hat die Unterredung nur vier Minuten gedauert.« »Da sehen Sie, wie wenig Zeit man braucht, um sich über die wichtigsten Dinge zu verständigen. – Sie waren dabei?« »Ja! – Ich und der Untersuchungsrichter.« »O je!« entschlüpfte es Karl Morener. – »Und trotzdem hat der Besuch in Ihrem Sinne gewirkt? Wie hat sie das denn angestellt?« »Sie hat ihm die Hand gedrückt, ihn angeschaut und gesagt – warten Sie, ich habe es mir aufgeschrieben.« Er nahm ein Aktenstück auf, blätterte und las: »›Lieber Heinz Reichenbach. Glauben Sie mir, daß nicht ich Sie verraten und Ihren Anwalt von Ihrem Verkehr in diesen Verbrecherkreisen erzählt habe. Es muß also noch ein Dritter von Ihren nächtlichen Studienfahrten gewußt haben. Nun, wo man es weiß, tun Sie mir die Liebe‹ – diese Worte betonte sie, und mir schien, daß sie seine Hand, die sie noch immer hielt, fester drückte – ›und geben Sie es zu.‹« »Und was – hat er erwidert?« »Er sah sie groß an und sagte: ›Da Sie es wünschen, will ich es tun.‹ – Frau Morener zitterten die Knie. Ich mußte sie stützen. – ›Sie Ärmster,‹ sagte sie noch – und wankte hinaus. – Der Untersuchungsrichter blieb bei ihm zurück. Ich brachte sie an ihr Auto. ›Wenn Sie ihn nicht frei bekommen!‹ sagte sie leichenblaß noch aus dem Wagen heraus. – ›Verlassen Sie sich auf mich!‹ erwiderte ich und eilte in das Untersuchungsgefängnis zurück. Auf dem Flur kam mir der Untersuchungsrichter entgegen. Schon von weitem rief er mir zu: ›Er bekennt sich in allem zu dem Sachverhalt, wie Sie ihn schildern!› – ›Und wie stellen Sie sich dazu?‹ fragte ich. – Er erwiderte: ›Abwartend, sofern es die Rolle Ihres Klienten betrifft. Im übrigen schließe ich mich Ihren Ausführungen an.‹« »Das ist doch bedenklich,« meinte Karl. »Einfach ist es jedenfalls nicht.« »Kann Sie das unter Umständen veranlassen, die – wie sagt man? – Plattform Ihrer Verteidigung zu ändern?« »Ich sagte Ihnen bereits, Herr Morener: ich glaube daran.« »Dann bin ich beruhigt,« entschlüpfte es Karl, und er ging. Der Anwalt sah ihm nach und schüttelte den Kopf. – Er wiederholte halblaut die Worte: »Dann bin ich beruhigt« – und schrieb sie unbewußt auf das Aktenstück, das vor ihm lag. 19. Vierundzwanzig Stunden nach der Einlieferung der drei gewerbsmäßigen Verbrecher und der dazugehörigen Dirnen wurde Heinz Reichenbach aus der Haft entlassen und außer Verfolgung gesetzt. Die Strafsache bei der Staatsanwaltschaft hieß nunmehr nicht mehr Reichenbach und Genossen, sondern nach einem mehrfach vorbestraften Zuchthäusler, bei dem man auch das Automobil Reichenbachs gefunden hatte: Gregor Haase und Genossen. Heinz hatte dank seinem Fatalismus die Tage im Untersuchungsgefängnis gut überstanden. Hätte man ihn wegen eines Verstoßes gegen die »Vorschriften betreffend die Beleuchtung von Kraftwagen« zur Verantwortung gezogen, so hätte ihn das vermutlich sehr viel mehr erregt. Den Vorwurf, auf eine ungewöhnlich raffinierte Weise einen Geldschrank geplündert zu haben, nahm er nicht einen Augenblick lang ernst – auch dann noch nicht, als er erkannte, daß die zu seiner Verhaftung führenden Momente unter Umständen nicht zu widerlegen waren. Und da er von der Sache selbst innerlich unberührt blieb, sich auch nicht vorstellen konnte, daß außer den amtlichen Organen irgendein Mensch in ihm etwas anderes als das Opfer einer Reihe unglücklicher Zufälle sah, so schreckte ihn nicht einmal die Möglichkeit einer Verurteilung. Nicht etwa, weil er sich in der Rolle des Märtyrers gefiel, oder an seinen guten Stern und daher an den schließlichen Sieg der Wahrheit glaubte – womit ihn Karl Morener hatte trösten wollen – auch nicht aus Ergebung in sein Schicksal, das nicht abzuwenden war – so weit ging sein Fatalismus nicht, wenngleich er ihn die äußeren Begleitumstände leichter ertragen ließ – es war vielmehr das Gefühl heimlicher Übereinstimmung mit Frau Hedda, mit der ihn nun ein Geheimnis verband, das auch durch die Mitwisserschaft Karl Moreners nicht an innerlichem Reiz verlor. Er erinnerte sich an das Gespräch, das er an jenem ersten Abend bei Heinrich Morener mit ihr geführt hatte. Wörtlich stieg es plötzlich wieder in seiner Erinnerung auf. Er hatte von den großen Momenten im Leben gesprochen, in denen die wahre Natur des Menschen so explosiv hervorbricht, daß man aufhört, an die Äußerlichkeiten des Lebens zu denken. So erfüllte es sich jetzt an ihm. Damals hatte sie geantwortet: »Das klingt ja beinahe, als wenn Sie Ihr Schicksal mit meinem verknüpfen wollen.« – Und er hatte erwidert: »Das Schicksal geht seinen Weg und kümmert sich nicht um unsere Wünsche.« Nun war die Stunde da – und seine Prophezeiung ging in Erfüllung. – Während er entschlossen war, sich nicht zu verteidigen und zu allem, was Richter und Anwalt als Beweis seiner Schuld oder Unschuld vorbrachten, zu schweigen, erschien plötzlich Hedda im Untersuchungsgefängnis, warf mit ein paar Worten seinen Entschluß um – und entschied sein Schicksal. Denn ihre Worte: »tun Sie mir die Liebe,« enthob ihn der Mühe, auch nur einen Augenblick lang über die Gründe nachzudenken, die Frau Hedda zu dieser Bitte veranlaßt haben mochten. – Über Erwarten schnell folgte der Verhandlungstermin. Drei Zuchthäusler und zwei Dirnen saßen auf der Anklagebank. Der Verein, dem sie angehörten, stellte zwei Verteidiger, – obgleich durch die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft der Fall in allen seinen Einzelheiten klar zu liegen schien und anderen Einbruchsdiebstählen mehr oder weniger glich, so gaben ihm doch die Begleitumstände eine erhöhte Bedeutung. Weniger vom juristischen Standpunkt aus. Der Tatbestand der verletzten Paragraphen schien erfüllt. Aber über die Juristenkreise hinaus interessierte der selten oder gar einzig dastehende Fall, daß ein Mann aus erster Familie, in verantwortungsvoller sozialer Stellung, Umgang mit Kreisen pflegte, die man als den Auswurf der Menschheit zu bezeichnen pflegte. Wenn es sich noch um einen Juristen oder Sittenschriftsteller gehandelt hätte, der von Berufs wegen gezwungen war, Einblick in das Leben dieser Kreise zu gewinnen – aber ein Bankier, von dem man wußte, daß er in seiner freien Zeit ein Sammler alter Kunstgegenstände und einer der besten Kenner alter Porzellane war, und der dann plötzlich die Leidenschaft verspürte, die Nächte mit Zuchthäuslern und Dirnen zu verbringen – für eine Passion dieser Art mußte es Gründe geben, denen nachzuspüren es sich schon lohnte. Vermutlich aber war es noch etwas anderes, was sich schwer wie Gewitterwolken über den großen Schwurgerichtssaal legte, in dem der vielen Zeugen wegen die Verhandlung stattfand. Im Zuhörerraum, den sonst bis zu achtzig Prozent die Zunft der Verbrecher füllte, saßen heute zum größten Teil Herren, vor allem aber Damen der Gesellschaft. In ihrer Vorstellung war Heinz Reichenbach ein Schillerscher Karl Moor, für den sie sich brennend interessierten. Der totgeglaubte Sinn für Romantik erwachte in diesen sonst auf Sport und Black Bottom eingestellten Seelen. Alle gesellschaftlichen Beziehungen zu Staatsanwälten, Richtern und Anwälten wurden genutzt, um Karten für die Hauptverhandlung zu erhalten. Neugierige Telephonistinnen konnten in diesen Tagen endlose und leidenschaftlich geführte Gespräche über die Toilettenfrage belauschen. So kam es, daß der Zuschauerraum am Tage der Verhandlung einer Tribüne beim Concours hippique glich. Auch die Ferngläser fehlten nicht. Die Herren erschienen in dem wieder im Kommen begriffenen Cut mit heller Weste, hellen Handschuhen und hohem Hut. Viele trugen eine Blume im Knopfloch – kurzum, es war eine Modenschau in sich, und hätte auch auf den Außenstehenden so gewirkt, wenn nicht auf jeder Reihe zwischen den Herren und Damen der Gesellschaft ein paar Ganoven mit Halstuch und Mütze gesessen hätten. Menschen aus zwei verschiedenen Welten staunten sich an. Eine besonders elegante, noch sehr junge Dame sagte zu ihrem Nachbarn, der vielleicht ihr Mann war: »Ich schäm mich tot.« »Wieso?« fragte der Herr. Sie wies auf das Ganovenpaar neben sich und sagte: »Ich bin falsch angezogen! Dabei habe ich vom letzten Zilleball noch das Apachenkostüm, das mir so gut steht.« »Unsinn!« erwiderte der Mann. »Das sind doch Professionals.« »Was ist das?« fragte sie. »Echte!« flüsterte er – und da sie noch immer nicht verstand, so fuhr er fort: »Das sind wirkliche Verbrecher!« Die Dame griff nach dem Arm ihres Mannes und schrie laut auf. Sämtliche Zuschauer sahen zu ihr hin und erhofften die erste Sensation. Da es dem Herrn aber gelang, sie zu beruhigen, so erfolgte nichts. »Sicher hat der Apache nebenan sie bestohlen,« meinte eine Dame. Aber ein Ganove erwiderte: »I Jott bewahre! Glauben Sie, dett hätt se bemerkt? Höchstens ins Bein gekniffen hat er se.« »Deswegen schreit sie nicht!« erklärte die Dame – und der Ganove dankte für die Aufklärung. Fast alle Damen im Zuschauerraum standen und beäugten durch ihre Gläser die fremden Gestalten – bis der Gerichtsdiener erschien und laut brüllte: »Die Benutzung von Theatergläsern ist verboten! – Sie verstoßen gegen die Würde des Gerichtssaales! – Wenn der Herr Präsident das sieht, setzt es Ordnungsstrafen – Hinsetzen!« – Im selben Augenblicke wurde es im Saal mäuschenstill. Diesen Ton waren die Herrschaften nicht gewöhnt. Und da die Ganoven, die bisher kaum Notiz von ihnen genommen hatten, sie jetzt frech angrinsten, so fühlten sie sich geniert. Sie rückten näher aneinander heran, so daß zwischen den einzelnen Gruppen kleine Zwischenräume entstanden, die auch räumlich die Menschen zweier Welten voneinander trennten. Die beiden Verteidiger saßen bereits auf ihren Plätzen. Die Tür links vor dem Zuschauerraum wurde geöffnet. Ein Polizeiwachtmeister und ein Gefängniswärter betraten den Saal, hinter ihnen die drei Angeklagten Gregor Haase, Franz Lippschütz, Bob Klawitter. Dann folgten wieder ein Wachtmeister und ein Gerichtsdiener. »Gefesselt!« flüsterten erregt die Damen ihren Männern zu, während die Angeklagten beim Betreten der Anklagebank schnell verständnisvolle Blicke mit ihren Kollegen wechselten. Sie sahen sauber aus, waren frisch rasiert, trugen steife Wäsche und dunkle Jackettanzüge. Über die offensichtliche Enttäuschung, die ihr bürgerliches Aussehen auf die Zuschauer machte, half ein wenig hinweg, daß der Hauptangeklagte Gregor Haase gefesselt war. Die drei Angeklagten staunen das Publikum an. Sie können sich an dem Schmuck der Damen gar nicht satt sehen. Gregor Haase, ein hochaufgeschossener Mann, Mitte der Zwanzig, schmal und engbrüstig, mit scharf vorspringender Nase, fliehendem Kinn und ungleich großen Augen, dachte: denen möchte ich mal anderswo als im Gerichtssaal begegnen, – aber sofort kamen ihm Zweifel, ob der Schmuck wohl echt sei, und er flüstert seinem Nachbarn Franz Lippschütz, von dem er wußte, daß ihn die gleichen Gedanken beschäftigten, zu: »Tinneff!« »Sieh mal die Tatzen!« sagte eine Dame zu ihrer Nachbarin und wies auf die Hände Bob Klawitters, die wie die Pfoten eines Raubtiers über dem Geländer der Anklagebank lagen. »Wenn die sich nachts um deinen Hals legen.« »Süß muß das sein,« erwiderte die und fühlte eine kalte Gänsehaut über ihren Rücken laufen. »Ich könnte mich für so ein Tier interessieren.« »Ich habe auch genug von manikürten Männern, die nach Chanel duften.« »Lohnender sind die hier auf alle Fälle.« »Sieh mal, wie der Zweite uns anschaut.« Die Dame zog daraufhin instinktiv Spiegel, Puderdose und Lippenstift aus der Tasche und legte blitzschnell neu auf. Jetzt reckten alle die Hälse und sahen zur Tür. Die beiden weiblichen Angeklagten, Else Sommer und Frieda Grau, wurden hereingeführt. – Zwei übermäßig zurechtgemachte Bubiköpfe, darunter hübsche, aber trotz der Jugend durch das Laster gezeichnete Gesichter. Saubere, helle Waschkleider und seidene Strümpfe, in den Händen eine lederne Handtasche, die man ihnen während der Untersuchungshaft gelassen hatte. Sie nickten den Angeklagten zu und setzten sich ungeniert auf die hintere Reihe der Anklagebank. »Das sollen Kokotten sein?« fragte die Dame enttäuscht. »Ich bin auch sprachlos.« »Und so etwas wird geliebt!« »Männer wie die können doch ganz andere Frauen haben.« »Die Eine sieht aus wie meine Köchin – nur ordinärer.« »Auf so einer Frisur sitzt doch kein Hut.« »Das möchte ich auch wissen, wie sie das machen.« »Dabei sieht es aus wie Dauerwellen. Gar nicht übel eigentlich.« »Gewiß nicht halb so teuer wie bei unserem Friseur.« »Schade, daß man sie nicht nach der Adresse fragen kann.« »Vielleicht weiß es der Herr neben dir,« sagte sie und beugte sich dabei zu dem Ganoven, der neben ihr saß. »Was'n?« fragte der unbeteiligt. »Ach, wir sind ganz entzückt von den beiden Damen.« »Was'n for Damen?« »Die da oben so für sich sitzen.« »Patente Mädel!« »Vor allem die wundervollen Frisuren! Wissen Sie vielleicht, wo die Damen sich bedienen lassen?« »Sie wollen mir wohl aushorchen?« »Entzückend!« rief die Dame zu ihrer Freundin. »Genau wie bei uns! Sie verraten ihre Quellen nicht.« »Laß dir nich von denen anquasseln, Emil!« sagte das Mädchen, das neben dem Ganoven saß. Der wehrte das Mädchen ab, wandte sich an die Damen und sagte: »Ich kann Ihnen ja mal hinführen.« »Ins Haus kann man sich den Friseur wohl nicht kommen lassen?« »Jewiß doch! Sie brauchen mir nur zu sagen, wo Sie wohnen?« Die Damen sahen sich an und zögerten. Dann sagte die eine. »Meranerstraße 11, zwei Treppen.« »Vorn? – hinten? – Quergebäude? – Herrjeh! Lassen Sie sich doch nich so ausquetschen.« »Vorn bei Delscheff. – Am besten morgens gegen zehn Uhr.« »Is der Herr Jemahl da schon unterwegs?« »Natürlich! aber warum fragen Sie das?« »Na, es arbeitet sich ruhiger, wenn man nich jestört wird.« Jetzt ging die Tür hinter dem Verhandlungstisch auf und die Richter erschienen in schwarzen Talaren. Angeklagte, Verteidiger und Publikum erhoben sich. Während der Staatsanwalt, der rechts vom Richtertisch saß, mit dem Vorsitzenden ein paar unverständliche Worte wechselte, sagte die Dame zu ihrer Freundin: »Warum hast du ihm denn meine Adresse genannt statt deiner?« »Ich bin eben selbstlos.« Der Vorsitzende schlug, ohne einen Blick in den Saal zu werfen, die Akten auf, läutete und eröffnete die Sitzung. Der Eröffnungsbeschluß wurde verlesen. Die Zeugen aufgerufen. Die Sensation bereitete sich vor. Denn es erschien als erster Zeuge: Heinz Reichenbach. Die Gläser der Damen wurden auf ihn angesetzt. »Ich verbitte mir!« rief der Vorsitzende. Im selben Augenblick war kein Glas mehr zu sehen. »Was ist das für eine Unmanier! Sie befinden sich hier nicht im Theater. Schlimm genug, daß man Damen das erst sagen muß!« Den Herren, die in Begleitung der Damen waren, zuckte es in den Fingerspitzen. Sie hatten das Gefühl, als müßten sie ihre Damen verteidigen, als dürften sie sich diesen Affront von dem Mann im Talar da oben nicht gefallen lassen. Aber sie entsannen sich, des öfteren in den Zeitungen gelesen zu haben, daß der Saal wegen Ungebühr des Publikums geleert wurde. Und sie kannten ihre Damen gut genug, um zu wissen, daß sie sich lieber beleidigen, als um eine Sensation bringen ließen. Also schwiegen sie. Außer Reichenbach waren als Zeugen nur noch der Arzt, der Wirt, ein Chauffeur, der Diener Reichenbachs und ein paar Verbrecher und Dirnen geladen. Die Zeugen mußten nach erfolgtem Aufruf den Saal wieder verlassen. Es begann die Vernehmung der Angeklagten, denen zur Last gelegt wurde, den Prokuristen Heinz Reichenbach, mit dem sie zusammen gezecht hatten, durch Alkohol oder andere betäubende Mittel in bewußtlosen Zustand versetzt, ihm das Auto, die Brieftasche, die Schmucksachen, vor allem aber die Schlüssel entwendet zu haben. Mit diesen Schlüsseln – so fuhr die Anklage fort –, über deren Bestimmung sie sich zuvor unterrichtet hatten, sind sie dann durch einen Nebeneingang, der nur von den beiden Direktoren und den beiden Prokuristen benutzt wurde, in das Bankgebäude – und zwar in das Bureau des Direktors Urbach gelangt, woselbst sie – und zwar ebenfalls unter Benutzung der dem Prokuristen Reichenbach abgenommenen Schlüssel – den Geldschrank öffneten und Devisen im Werte von einer halben Million Reichsmark entwendeten. Sie sind sodann – vermutlich unter Benutzung des gestohlenen Autos – an den Ort, an dem sie den Prokuristen Heinz Reichenbach in bewußtlosem Zustand zurückgelassen hatten, zurückgekehrt, haben ihm die Schlüssel wieder zugesteckt und ihn dann des Nachts in hilflosem Zustand auf der Straße ausgesetzt. Damit haben die Angeklagten den Tatbestand der Paragraphen des Strafgesetzbuches – es folgten die Zahlen – erfüllt. Die Angeklagten bestritten im wesentlichen alles. Sie gaben nur zu, was sie nicht bestreiten konnten. Man hatte die ganze Gesellschaft vier Tage nach dem Bankdiebstahl auf einer Fahrt mit dem gestohlenen Auto, von dem sie nur die Nummer entfernt und durch eine andere ersetzt hatten, in der Nähe von Altona festgenommen. Sie hatten zusammen mehrere tausend Mark – und das eine der beiden Mädchen, Else Sommer, trug an ihrer Bluse die Perle, die als Heinz Reichenbachs Eigentum identifiziert wurde. Aber selbst den Diebstahl des Autos, der Brieftasche und der Nadel, die man ihnen abgenommen hatte, leugneten sie. Von dem Bankdiebstahl behaupteten sie nichts zu wissen, obgleich man außer dem deutschen Gelde mehrere Fünfpfundnoten und zwei Tausendfrankscheine bei ihnen gefunden hatte. Der Vorsitzende machte ihnen denn auch klar, daß sie ihre Lage durch ihr Leugnen nur verschlechtern und redete ihnen zu, ein volles Geständnis abzulegen. Aber der Hauptangeklagte Haase erwiderte: »Dafür liegt vorläufig gar keine Veranlassung vor.« »Kennen Sie einen Mann mit Namen Reichenbach?« »Der Name is mir noch nich vorjekommen. – Wie heißt'n der mit Vornamen?« »Heinz.« »Is das so 'n kleiner Dicker?« »Unsinn! Sie haben ihn ja vorhin beim Zeugenaufruf gesehen.« »Is mir nich aufjefallen.« »Also Sie behaupten, den Herrn heute zum ersten Male gesehen zu haben?« Der Angeklagte Gregor Haase wandte sich zum Publikum und sagte mit lauter Stimme: »Haben Sie jehört, daß ich das behauptet habe?« »Drehen Sie sich um und reden Sie zu mir!« fuhr ihn der Vorsitzende an. »Das Publikum ist nicht für Sie da.« »Da irren Sie sich! Die kommen nur wejen mir.« »Sie geben also zu, dem Zeugen Reichenbach schon mal begegnet zu sein.« »Wo soll'n das jewesen sein?« »Auch das kann ich Ihnen sagen: im Schmetterling, einer Destille im Norden Berlins.« »Is mir bekannt.« »Ihr Stammlokal.« »Stimmt. – Woher wissen Sie 'n das?« »Sie haben an mich keine Fragen zu stellen.« »Und Sie dürfen mir nicht in der Verteidigung beschränken.« »Antworten Sie!« »Im Schmetterling verkehrt allerhand. Möglich, daß der Herr da auch verkehrt – und daß ich 'n da auch mal jesehen habe.« »Sie haben an einem Tisch mit ihm gesessen.« »Das is mir nicht aufjefallen.« »Sie haben sich mit ihm unterhalten.« »Wovon 'n?« »Sie haben ihn ausgefragt.« »Mag sein. Ick bin neugierig.« »Der Zeuge Reichenbach hat Sie mit Geld unterstützt.« »Das wär mir aufjefallen.« »Er hat Sie und Ihre Freunde freigehalten und Sie haben ihm dann von Ihrem Leben erzählt.« »Was is 'n da zu erzählen?« »Von Ihren Einbrüchen.« Gregor Haase wehrte mit beiden Händen ab. »Hat der mir etwa verdächtigt? – Dann, Herr Präsident, will ich Ihnen sajen, daß der Mann die Nacht furchtbar aufjerejt war. Da hab' ich zu meinem Freunde Franz jesajt: ›Franzi saj ich, seh dir den an! Die Sore is heiß. Damit man dir da nich verdächtigt.‹ – Franz chauffiert nämlich – aber den Führerschein haben se ihn entzogen. – ›Nimm den Wajen an dir.‹ – Na? hab' ich nich recht jehabt? Wo wär'n der Wajen heute, wenn Franz und ich ihn nich vorüberjehend an sich jenommen hätten.« »Sie nahmen also an, er sei gestohlen?« »Wie sol'n so 'n Mann zu so 'm Auto kommen? ›Na,‹ sajt ich zu meine Freund Franz: ›Franz!‹ saj ich – zumal daß es uns grade dreckig jing – ›wenn des Auto jestohlen is, denn jehört es ihm nich, denn tun wir 'n jutes Werk, wenn wir 's an uns bringen, um es jelejentlich dem rechtmäßigen Besitzer wieder zuzuführen.‹« Dieser Auslegung folgte stürmische Heiterkeit, in die selbst die betagten Beisitzer einstimmten, so daß der Vorsitzende taktvoll genug war, von Erteilung einer Rüge Abstand zu nehmen. »Und weshalb haben Sie diese edle Absicht dann nicht ausgeführt?« fragte der Vorsitzende. »Konnten wir denn? Hat man uns denn Zeit dazu jelassen? Daß es uns erst in die Nase kitzelte, mit dem Auto erst mal 'n paar Ausflüje zu machen, wo unsereins so selten ins Freie kommt – na, is doch wahr, die meiste Zeit versitzen wer doch – na, was is 'n dabei? Bei uns war das Auto ja in jute Hände. – Und wenn der Mann denn so kleinlich war, hätten wir das Jeld for die Benutzung vom Finderlohn abjezojen.« »Und das sollen wir Ihnen glauben?« Gregor Haase zog die Schultern hoch und machte eine Handbewegung, die soviel hieß wie: er stelle anheim. Als der Vorsitzende ihn aber fragte: »Warum haben Sie dann die Nummer an dem Auto geändert?« erwiderte er: »Es war uns jenierlich – wenn wir auch nicht die Diebe waren – mit einem jestohlenen Auto rumzufahren.« »Und warum haben Sie die Brieftasche weggeworfen?« »Is uns ja nich einjefallen. Wir verjreifen uns doch nich an fremde Sachen. Sehn Se mal, das Jeld war jestohlen, des stand fest – denn wie soll 'n so 'n Mann plötzlich zu das viele Jeld kommen? Das haben wir also in Verwahrung jenommen. Aber 'ne Brieftasche, die hat schließlich jeder. Die konnte auch ihm jehören. Also haben wir se ihm jelassen.« »Wie erklären Sie sich dann, daß die Tasche ein paar Stunden später in der Nähe des Schmetterlings gefunden worden ist?« »Sehn Se mal an! Denn war se also doch jeklaut und er hat se wegjeschmissen.« »Und die Perle, die haben Sie Ihrer Braut, der Angeklagten Sommer, gegeben – auch zur Aufbewahrung, was?« »Stimmt! So 'n Mädel paßt besser auf so was auf. Unsereins kommt mal mit 'm andern Mädel zusammen – na, so was kommt vor – das leugne ich ja nich – man trinkt, man wird weich.« »Und der Herr Reichenbach hat sich das alles so ganz ruhig abnehmen lassen – das Auto, das Geld, die Perle?« Der Angeklagte Haase überlegte einen Augenblick und sagte dann: »Der hatte wohl einen sitzen.« »Das heißt, Sie hatten ihm einen versetzt, so daß er bewußtlos zusammenbrach.« »Warum sollt ich 'n das jetan haben?« »Antworten Sie nicht immer mit einer Frage,« fuhr ihn der Vorsitzende ärgerlich an. »Um ihm die Schlüssel zu stehlen, nachdem Sie sich zuvor genau über alles orientiert hatten.« »Fangen Sie auch mit die Schlüssel an? Damit hat mir der Untersuchungsrichter schon acht Tage verrückt jemacht. Sowie ich abends einschlafe, träume ich von dem Jeldschrank mit die fünfmalhunderttausend Em. Ich kann Ihnen sajen, was ich in die acht letzten Nächte, die ich in Untersuchung bin, für 'n Jeld ausjejeben habe! Im Schlaf natürlich. Morgens, wenn ich aufwache, brummt mir immer noch der Schädel. Soviel Schnaps und Bier, wie ich pro Nacht in den acht Tagen versoffen habe, sauf ich, wenn ich mal Jlück habe und draußen bin, nich in drei Monate.« »Sie sprechen aus dem Schlaf.« »Is mir nich aufjefallen.« »Sie haben vor drei Nächten im Schlaf eine genaue Schilderung des Diebstahls gegeben. Der Wärter hat es mitangehört.« »Das wundert mir ja nich – wenn eim das jeden Tag erzählt wird – schließlich setzt sich so was ins Jehirn fest. – Noch acht Tage so – und ich red' mir ein, ich war 's wirklich.« »Warum in acht Tagen? Gestehen Sie den Diebstahl doch jetzt. Sie sind ja sowieso überführt.« »Wodurch 'n?« »Durch Ihr eigenes Geständnis.« »Das is mir ja nich aufjefallen.« »Daß Sie sich das Auto, das Geld und die Perle des Herrn Reichenbach angeeignet haben, geben Sie zu. Auch, daß Herr Reichenbach sich in der fraglichen Nacht in einem bewußtlosen Zustand befunden hat. Lassen wir es dabei zunächst mal unerörtert, ob Sie ihn in diesen Zustand versetzt haben oder nicht.« »Wie soll'n wir 'n das jemacht haben?« »Nehmen Sie an, er selbst hätte diesen Zustand verschuldet – jedenfalls war er in dieser Verfassung doch außerstande, sich so ruhig, daß weder Wächter noch Hunde ihn bemerkten, in die Bank und in sein Bureau zu begeben.« »Der war so knülle. Den hätten se jehört.« »Demnach kommt Herr Reichenbach als Täter nicht in Frage.« »In die Nacht nich.« »Es handelt sich aber nur um diese Nacht. Und daß Sie erwiesenermaßen und nach eigenem Geständnis in dieser Nacht mit Herrn Reichenbach zusammen waren, er der einzige ist, der über die sehr komplizierten Schlüssel verfügt, so konnten nur Sie und die beiden anderen Angeklagten in den Besitz der Schlüssel gelangen, die Tat ausführen und dem vermutlich noch immer bewußtlosen Herrn Reichenbach nach verübtem Diebstahl die Schlüssel wieder zustecken.« »Stimmt!« »Sie geben den Diebstahl also zu,« rief der Vorsitzende und atmete auf . . . »Wieso?« fragte Gregor Haase. »Sie haben doch eben selbst erklärt . . .« »Daß, wenn des so is, wie Sie sajen, daß es denn so sein muß.« »Es gibt keine andere Möglichkeit.« »Ich wüßte schon eine. Wie wir mit 'm Auto weg sind, kann ihm ja sonst wer die Schlüssel wegjenommen und die Bank ausjeplündert haben. Wie se das jemacht haben – des rauszuposamentieren is nu wieder Ihre Aufjabe.« »Und die anderen, die wußten dann auch gleich, daß die Schlüssel in die Bank, ins Bureau und zu dem Geldschrank führten?« »Wieso soll'n wir denn das jewußt haben?« »Weil Sie mit dem Zeugen Reichenbach verkehrt haben.« »Ach nee! Davon wußt ich ja janischt.« »Vorhin haben Sie es doch schon halb zugegeben.« »Man will doch nich zu alles nein sajen!« »Sie bestreiten das also?« »Natürlich! – So 'n Mann fühlt sich sonst am Ende noch blamiert.« »Also das ist der Grund. – Wenn Sie nicht glauben würden, Rücksicht nehmen zu müssen, würden Sie 's zu geben?« »Wenn ich Ihnen damit 'n besonderes Verjnüjen bereite.« »Sie wissen, scheint's, nicht, wie Sie sich vor Gericht zu benehmen haben,« fuhr ihn der Vorsitzende an. »Ich verhalt mir immer abwartend – und bin bisher janz jut dabei jefahren.« »Das ist ja auch schon wieder ein halbes Geständnis.« »Aber nur 'n halbes, Herr Direktor.« Der Vorsitzende wandte sich zu den beiden anderen Angeklagten, aus denen er auch nicht mehr und nichts anderes herausbrachte als aus Gregor Haase. Die Angeklagte Else Sommer, die Geliebte Gregors, will den Zeugen Reichenbach erst im Lokal und später sinnlos betrunken auf der Straße liegend wieder getroffen haben. Sie behauptet, ihm aufgeholfen und zu einem Auto gebracht zu haben. Die Prostituierte Frieda Grau bekundet im wesentlichen dasselbe. Sie hat im Lokal in der Nähe des Apparates gestanden und deutlich gehört, wie der Zeuge Reichenbach hineinrief: »Ihr Wunsch ist erfüllt. Weiter wollte ich nichts sagen. Gute Nacht!« Alle fünf Angeklagten bestritten, mit dem Zeugen Reichenbach vor dieser Nacht zusammengetroffen zu sein oder ihn auch nur gesehen zu haben. Durch eine Reihe von Zeugen wurde sodann festgestellt, daß das Verbrechen nur vor jemandem begangen sein konnte, der sich im Besitz sämtlicher hierzu erforderlichen Schlüssel befand. Es waren die Sicherheitsschlüssel zum Hauseingang für die Direktoren, zur Etagentür, zu den beiden Bureaus und schließlich zum Geldschrank selbst. Diese sämtlichen Schlüssel besaß aber nur Heinz Reichenbach. – Auch die vernommenen Wächter erklärten, daß ein gewaltsames Öffnen der Schlösser, selbst für den Fachmann schwierig, unter allen Umständen soviel Zeit erfordert und soviel Lärm verursacht hätte, daß sie es hätten hören müssen. Auch wies kein Schloß auch nur die geringste Beschädigung auf. Es blieb also kein Zweifel, daß zu dem Diebstahl die Schlüssel Heinz Reichenbachs benutzt waren. Das war der Stand des Prozesses nach den ersten Verhandlungsstunden. Die Schwüle im Saal war unerträglich geworden. Der Dunst, der von erregten Menschen ausströmt, die stundenlang eng aneinander sitzen, nicht reden dürfen und sich kaum bewegen können, der Duft feinster Parfüms, der sich mit dem Geruch billigster Sorten mischte – alles das schuf eine Atmosphäre, in der man kaum noch atmen konnte. Es war daher nicht ganz sinnlos, wenn ein eleganter Zuschauer zu einer Dame sagte: »Beim Rennen hat man wenigstens frische Luft – aber hier!« Es war wirklich im Publikum eine Stimmung wie auf der Haupttribüne während eines großen Rennens, dessen Verlauf man mit höchster Spannung verfolgt. Nur galt es hier nicht den Sieger, sondern den Besiegten – wenigstens im Sinne des Gesetzes – festzustellen. In den Augen des Publikums war derjenige, der diesen raffinierten und gewagten Diebstahl ausgeführt hatte, ein Held. Nach dem bisherigen Verlauf der Verhandlung schieden Reichenbachs Sekretär und Direktor Urbach als Täter aus. Sie interessierten nicht mehr und gehörten zu dem abgeschlagenen Felde der »ferner liefen«. Aber allen schien es, als wenn die Rolle, die Heinz Reichenbach in diesem Schauspiel spielte, noch nicht genügend geklärt sei. Zweifelte man auch kaum daran, daß die Ganoven auf der Anklagebank die Täter waren, so rechnete man doch noch immer mit der Möglichkeit einer Überraschung, die von nirgends anders kommen konnte als von Reichenbach – dem großen Fragezeichen in diesem seltsamen Prozeß. – Obgleich Frau Hedda sich vorgenommen hatte, dem Prozeß fernzubleiben, hatte sie es doch nicht zu Haus gehalten. Eine Karte hatte sie sich auf alle Fälle verschafft und war am Morgen des Prozeßtages nach Moabit gefahren. Ihr Wunsch war es, nicht gesehen zu werden. Sie hatte es daher so eingerichtet, daß sie hinter ein paar Damen und Herren zu sitzen kam, die sich so breit machten und so auffallend benahmen, als befänden sie sich bei einer öffentlichen Schaustellung. Als beim Aufruf der Zeugen Heinz Reichenbach in den Saal trat, schloß sie unwillkürlich die Augen. Nach dem Abtritt der Zeugen sah sie unter den Zuschauern, etwa sechs Reihen vor sich, Karl Morener. Er saß so, daß sie ihn beobachten konnte, ohne Gefahr zu laufen, von ihm gesehen zu werden. Bei jeder Wendung, die Reichenbach betraf, sah sie ihn an und hatte dann das Gefühl, als wenn er zusammenzuckte. Auch ihr ging es wie den anderen: sie spürte deutlich, daß trotz scheinbar lückenloser Indizienbeweise noch immer eine Gefahr für Reichenbach bestand, und daß sie die einzige war, die im gegebenen Augenblick für ihn zeugen konnte. Als der Vorsitzende die Verhandlung jetzt unterbrach und der Saal für zehn Minuten geräumt wurde, dachte sie nicht mehr daran, unerkannt zu bleiben, sondern eilte als eine der ersten auf den Flur und suchte Reichenbach. Sie stieß auf ein paar Dutzend Bekannte, deren Gruß sie kaum erwiderte und lief, in dem Bestreben, ihnen auszuweichen, Karl Morener, der sie schon von weitem sah und auf sie zusteuerte, in die Arme. »Wo ist Reichenbach?« fragte sie – ohne seinen Gruß abzuwarten. »Was willst du von ihm?« »Ihn der Pflicht entbinden, irgend etwas mir zuliebe zu tun.« »Damit hilfst du ihm nicht, sondern reißt dich und mich hinein.« »Bist du denn von der Schuld der Angeklagten überzeugt?« »Sie geben es ja zu.« »Aber nicht den Bankdiebstahl.« »Sie sind so gut wie überführt.« »Du glaubst – daß sie . . .« »Nein!« »Wer denn?« »Das – weiß ich nicht. – Darüber denke ich auch nicht nach. – Hauptsache, man bringt das Ganze erst einmal hinter sich. Hinterher, wenn sich alles beruhigt hat, kann man in Ruhe weiter sehen.« »Ich wünschte, der Tag wäre erst zu Ende.« »Wo du doch sonst so mutig bist.« »Ich hasse alles Krumme.« Die Türen wurden wieder geöffnet. Die Zuschauer drängten in den Saal. Frau Hedda und Karl Morener erwischten gerade noch die äußersten Plätze auf einer der letzten Reihe. 20. Das Gericht erschien. Die Verhandlung war wieder eröffnet. »Wir fahren in der Zeugenvernehmung fort,« sagte der Vorsitzende. Der nächste Zeuge war Ernst Kumbier, der Wirt des Schmetterlings aus der Colonnenstraße. Er wurde vereidigt. Sodann forderte ihn der Vorsitzende auf, die Vorgänge jener Nacht, soweit sie sein Lokal betrafen, also auf persönlicher Wahrnehmung beruhten, zu erzählen. Ernst Kumbier, der Typ eines Kaschemmenwirts, der in seinem zu Ehren des Gerichts angelegten schwarzen Rock grotesk feierlich wirkte, begann: »Zu erzählen is da nich viel. Es war, wie es alle Nacht is. Im Schmetterling is eben Betrieb. Überhaupt bei's Bockbier.« »Kennen Sie die Angeklagten?« Der Wirt wandte sich zur Anklagebank und sagte lachend: »Na, da sitzt ja der Gregor! – und Bobchen! – und der lange Franz! – und die Meechen!« »Stammgäste?« »Sozusagen – gute Gäste – 'n bißchen laut – und immer gleich drauf und los, wenn's an sie rankommt.« »Erinnern Sie sich, daß sie in der fraglichen Nacht sämtlich bei Ihnen waren?« »Versteht sich.« »Saßen sie allein – oder wer saß noch bei ihnen?« Der Wirt zögerte erst und sagte dann: »Da saß sonst noch wer dran.« »Wer denn?« »Mal der – mal der.« Reichenbach wurde ihm gegenübergestellt. »Kennen Sie den Herrn?« fragte der Vorsitzende. »Aber ja.« »Verkehrt er bei Ihnen? Erkennen Sie ihn bestimmt als einen Ihrer Gäste?« »Jewiß doch!« »Aber kein Stammgast – wie?« »Ein feiner Herr – und ein juter Gast.« »Kommt er oft zu Ihnen?« »Jelegentlich. – Aber denn jibt er was aus.« »Saß er an einem Tisch mit den Angeklagten?« »Warum nich. – Damit verjibt er sich noch nischt.« »Sie haben das gesehen?« »Ich hab doch meine Augen überall. Wat meinen Sie, wat die Brüder sonst anstellen würden. Ick sehe alles und ick höre alles.« »Was haben Sie denn gehört?« »Zum Beispiel, daß er um fünfe rum telephoniert hat. Das fällt doch uff.« »Das will ich meinen. – An wen hat er denn telephoniert?« »Keene Ahnung.« »Aber was er gesagt hat, haben Sie gehört?« »Natürlich! – ›Ihr Wunsch ist erfüllt,‹ hat er jesagt, ›schlafen Sie ruhig weiter.‹« »War das alles?« »Ja.« »Hat er bezahlt?« »For alle.« »Ist Ihnen das nicht aufgefallen?« »Wenn eener zahlt – und noch dafor for alle – natürlich fällt det uff.« »Was haben Sie sich denn dabei gedacht?« »Nischt.« »Das versteh ich nicht.« »Ick rechne bloß. – Wenn ick mir bei alles, wat ick da höre, wat denken würde – nachher, da käme ick aus 'm Jerichtssaal überhaupt nich mehr raus.« »Haben Sie gehört, daß an dem Tisch der Angeklagten von Einbruch und Diebstahl gesprochen worden ist? Ich mache Sie darauf aufmerksam, Sie stehen hier unter Eid.« »Von was soll'n Se 'n sonst reden? 's sind doch ernste Menschen.« »Von einer Bank und von einem Geldschrank haben Sie nichts gehört?« »Von so was is oft die Rede. Det fällt nich weiter uff.« »Also, nun mal konkret gesprochen.« »Wat is 'n det nu wieder? Det kenne ick ja janich.« »Sie halten es also für möglich, daß der Zeuge Reichenbach mit den Angeklagten über eine Bank und einen Geldschrank gesprochen hat?« »Warum soll er 'n das nich jetan haben? Is das verboten nach's neue Strafjesetzbuch. Denn kann ick schließen.« »Das genügt mir,« erwiderte der Vorsitzende, wandte sich an den Staatsanwalt und die Verteidiger und fragte: »Ist noch eine Frage an den Zeugen zu richten?« – Und da die verneinten, so rief er dem Gerichtsdiener zu: »Der nächste Zeuge!« Der nächste Zeuge war Heinz Reichenbach. – Und alle hofften, daß der Prozeß damit endlich die erwartete sensationelle Wendung nehmen würde. Anfangs schien es auch so. Denn der Verteidiger des Angeklagten Gregor Haase erhob sich und erklärte: »Ich beantrage, den Zeugen unvereidigt zu vernehmen. Der Zeuge hat seinerzeit unter dem Verdacht der Täterschaft gestanden, der so dringend war, daß man zu seiner Verhaftung schritt. Nach Ansicht der Verteidigung bestehen diese Verdachtsmomente fort. Es liegt daher im Interesse des Zeugen selbst, unvereidigt vernommen zu werden.« Der Staatsanwalt erhob sich und widersprach: »Wieso die Aussetzung der Vereidigung im Interesse des Zeugen liegt, ist unerfindlich. Im übrigen haben wir hier nicht die Interessen des Zeugen wahrzunehmen, sondern die Wahrheit zu ergründen. Die aber können wir am sichersten aus dem Munde des Zeugen erfahren, der nicht vorbestraft ist und den Namen einer der angesehensten Familien der Stadt trägt. Der Verdacht, der Zeuge könne unter seinem Eide etwas anderes als die Wahrheit sagen, ist daher unbegründet.« »Wo bleibt die Logik, Herr Staatsanwalt?« rief der Verteidiger. »Sie haben den Zeugen eines der raffiniertesten Diebstähle für fähig gehalten, glauben aber nicht, daß er imstande wäre, unter seinem Eide Falsches zu bekunden, um sich der Strafverfolgung zu entziehen! Im übrigen weise ich die Unterstellung, daß ein Zeuge aus gutem Hause, der unter seinem Eide aussagt, glaubwürdiger ist als jeder andere unbescholtene Mann aus dem Volke, zurück.« Der Vorsitzende erklärte: »Eine derartige Berichtigung des Herrn Staatsanwalts steht dem Herrn Verteidiger nicht zu, sondern ist Sache des Verhandlungsleiters. Da die Worte des Herrn Staatsanwalts aber keine Veranlassung zu derart allgemeinen Schlußfolgerungen geben, wie sie der Herr Verteidiger zu ziehen beliebt, so liegt auch für mich kein Grund vor, einzuschreiten.« Gleich darauf beschloß das Gericht, die Vereidigung des Zeugen Reichenbach, dem Antrag der Verteidigung entsprechend, vorläufig auszusetzen. »Das schließt nicht aus,« wandte sich der Vorsitzende an Reichenbach, »daß Sie alles, was Sie jetzt bekunden, hinterher beeidigen müssen.« Das Publikum war über die Eidesaussetzung befriedigt, entnahm es doch daraus, daß sowohl Verteidigung wie Gericht noch immer mit der Möglichkeit einer Schuld Reichenbachs rechneten. Ihre Zuversicht aber, doch noch eine Sensation zu erleben, schöpften sie aus dem Auftreten des Verteidigers, von dem sie eine regelrechte Attacke auf den Zeugen Reichenbach erwarteten. »Sie kennen die Angeklagten?« fragte der Vorsitzende – und Reichenbach erwiderte nach einem flüchtigen Blick auf die Anklagebank: »Ich erkenne sie wieder.« »Wollen Sie uns erklären, aus welchem Grunde Sie den Verkehr mit diesen Leuten gesucht haben – was an sich doch auffällig und ungewöhnlich ist.« »Ich habe keine Erklärung.« »Das genügt mir nicht. – Seit wann besteht dieser Verkehr?« »Ich kann Ihnen Bestimmtes darüber nicht sagen.« »Sie weichen aus. – Sie sind jedenfalls mehrfach mit diesen Leuten zusammengekommen. Zu welchem Zweck?« »Ich habe keinen bestimmten Zweck damit verbunden.« »Das klingt sehr unwahrscheinlich.« »Es gibt sehr Viele, die sich für das Leben dieser Art Menschen interessieren.« »Ans Neugier also?« »Neugier oder Interesse – das ist in einem Fall wie diesem kaum ein Unterschied.« »Sie sind eine Abenteuernatur?« »Ich weiß nicht, was Sie darunter verstehen.« »Hat es für Sie Reiz, sich in Gefahr zu begeben?« »Ja.« »Hör doch!« rief eine Dame mit rotem Kopf und kniff ihre Nachbarin in den Arm. – »Sie fühlen den unwiderstehlichen Drang dazu?« »Es reizt mich jedenfalls.« »Und in welcher Form geben Sie diesem Drange nach?« »Muß ich mich darüber hier auslassen?« »Nur sofern es Sie nicht belastet.« »Dann verweigere ich die Aussage.« Eine große Erregung ging durch den Saal. »Da haben wir's!« rief der Verteidiger und sprang auf. »Aus Ihrer Antwort kann man entnehmen,« sagte der Vorsitzende, »daß Sie die Gesellschaft dieser Leute gesucht haben, um sich ihnen auf ihren Diebstahls- und Einbruchszügen anzuschließen.« »Das bestreite ich.« »Es braucht ja nicht in gewinnsüchtiger Absicht geschehen zu sein. Ich begreife das sogar. Das Moment der Gefahr genügt Ihnen. Dann weiß ich aber nicht, weshalb Sie nicht die volle Wahrheit sagen. Oder haben Sie den Leuten, damit man Sie mitnimmt, versprechen müssen, reinen Mund zu halten?« »Ich habe nichts versprochen.« »Ich habe aber den Eindruck, daß Sie sich fürchten, zu reden.« »Das gebe ich zu.« »Ich kann die Angeklagten hinausführen lassen, wenn Sie glauben, daß Sie dann freier reden.« »Danke! Wie weit ich in meinen Aussagen gehe, mache ich lediglich mit mir und meinem Gewissen ab.« »Sie haben die Pflicht, zu reden. Ich kann Sie zwingen.« »Sie können mich nicht zwingen, etwas gegen mein Gewissen zu tun.« »Wir haben ein Zeugniszwangsverfahren, das Strafe bis zu sechs Wochen Haft androht.« »Das wird an meiner Haltung nichts ändern.« »Waren Sie in der fraglichen Nacht mit den Angeklagten zusammen im Schmetterling?« »Ja!« »Haben Sie mit ihnen zusammengesessen?« »In einem Lokal wie der Schmetterling sitzt man bald hier bald da – man steht auch viel herum.« »Sie haben in dieser Nacht also auch mit anderen zusammengesessen?« »Ich erinnere mich nicht.« »Wußten die Angeklagten, wer Sie sind?« »Das weiß ich nicht.« »Solche Leute interessieren sich doch, zu erfahren, wer man ist, wenn man ihre Gesellschaft sucht – schon aus Furcht, es mit einem Spitzel zu tun zu haben.« »Da sie mich nicht gefragt haben, ist es möglich, daß sie es wußten.« »Man hat Sie vermutlich betrunken gemacht und dann ausgefragt.« »Mir ist das jedenfalls nicht zum Bewußtsein gekommen.« »Weil Sie bewußtlos betrunken waren. Es ist auffallend, zum mindesten aber unerhört fahrlässig, daß Sie die Bankschlüssel bei sich führten, wenn Sie sich in solche Gesellschaft begaben.« »Ich gehe nie ohne die Schlüssel fort.« »Sie sehen ja, was Sie damit angerichtet haben. Sie haben nicht einmal gemerkt, daß man Ihnen die Schlüssel aus der Tasche gezogen und nach Ablauf einer Stunde etwa wieder zugesteckt hat.« »Davon habe ich allerdings nichts gemerkt.« »Sie entsinnen sich aber, bewußtlos auf der Straße gelegen und sich in noch halb benommenem Zustand zu einem Arzt geschleppt zu haben.« »Ja!« »Wie lange Sie in diesem Zustand gelegen haben, wissen Sie nicht!« »Nein!« »Sie geben aber die Möglichkeit zu, daß man Sie inzwischen irgendwohin transportiert und später wieder auf die Straße zurückgebracht hat.« »Das müßte dann, während ich bewußtlos war, geschehen sein.« »Selbstverständlich. Ganz nüchtern waren Sie wohl selten, wenn Sie sich in dieser Gesellschaft befanden. Vermutlich haben Sie die Leute überhaupt erst aufgesucht, wenn Sie schon unter Alkohol standen.« »Das bestreite ich.« »Sie werden ihnen doch nicht in nüchternem Zustand die Geheimnisse der Bank ausgeplaudert haben.« »Davon weiß ich nichts.« »Sie haben diesen Diebstahl zum mindesten fahrlässig mitverschuldet.« »Ich bin kein Jurist, um das feststellen zu können.« »Ihre Vernehmung ist vorläufig beendet. Sie bleiben aber hier, da wir Sie voraussichtlich noch benötigen.« Staatsanwalt und Verteidigung behielten sich vor, im späteren Verlauf der Verhandlung noch Fragen an den Zeugen zu richten. Das Publikum war enttäuscht. Aber weder das Gericht, noch der Staatsanwalt hatten ein Interesse daran, den Fall, der so klar war, daß er als Schulbeispiel für den Indizienbeweis gelten konnte, dem Publikum zuliebe zu vertiefen oder zu komplizieren. Die abnormen Neigungen des Zeugen Reichenbach interessierten sie gar nicht. Wenn der ein Vergnügen darin fand, die Nächte mit Verbrechern und ihren Dirnen bei Schnaps und Bier zu verbringen – was ging es sie an? Selbst, wenn er es als eine Art Sport betrieb, ihre dunklen Geschäfte als Amateur mitzumachen. Ganz anders dachte das Publikum. Vor allem die Damen. Denen war es sofort klar – und sie lächelten über die ahnungslosen Richter – daß Heinz Reichenbach einer der beiden Dirnen sexuell hörig war. Das nutzten die Verbrecher natürlich aus. Und es war ihrer Ansicht nach durchaus denkbar, daß er in dieser Hörigkeit hemmungslos sich selbst zu einem Verbrechen verleiten ließ. Nahm man das aber an, so gab es in dem Fall, der dem Staatsanwalt und dem Gericht soviel Beschwerden machte, keine einzige Unklarheit mehr. Man stritt im Publikum, ja man wettete, ob Reichenbach das Opfer Frieda Graus oder Else Sommers war, und man erregte sich über die Phantasie- und Ahnungslosigkeit der Richter, die auf das zunächst Liegende nicht kamen, derart, daß man seinen Unwillen durch lautes Sprechen wie: »Cherchez la femme!« und ähnliche Zurufe Ausdruck gab. »Noch ein Laut aus dem Publikum,« rief der Vorsitzende, »und ich lasse den Zuschauerraum räumen.« Der nächste Zeuge war der Kellner des Schmetterling, den der Vorsitzende fragte, ob die Angeklagten in der fraglichen Nacht in dem Lokal gewesen seien. Die Frage wurde bejaht. Jetzt wies der Vorsitzende auf den Zeugen Reichenbach, der vorn auf der Zeugenbank saß, und fragte den Kellner: »Kennen Sie den Herrn da?« »Jawohl.« »War der in dieser Nacht in Gesellschaft der Angeklagten?« »Jawohl.« »Sie erinnern sich genau?« »Ganz genau.« »Haben Sie den Herrn sonst in Gesellschaft der Angeklagten gesehen?« »Jawohl.« »Häufig?« »Öfter!« »Das is nich wahr!« schrie der Angeklagte Gregor Haase und schlug mit der Faust auf die Anklagebank. Und auch die übrigen Angeklagten widersprachen lebhaft. Der Vorsitzende verwies zur Ruhe. »Sie sagen unter Ihrem Eide aus, daß der Zeuge und die Angeklagten in jener Nacht zusammen in ihrem Lokal gewesen sind.« »Jawohl.« »Haben sie viel getrunken?« »Allerhand.« »Hatten Sie den Eindruck, daß sie den Zeugen absichtlich betrunken machten?« »Sie heckten was aus gegen ihn – das sah ich.« »Haben Sie gesehen, daß einer der Angeklagten ihm die Schlüssel aus der Tasche gezogen hat?« »Jawohl.« »Du lügst, du Schwein!« brüllte der Angeklagte Gregor und erhob die Faust. Er erhielt eine Ordnungsstrafe. Aber der Zeuge schränkte angesichts Gregors Faust seine Bekundung ein und sagte: »Sie haben ihm an der Tür allerhand aus den Taschen gezogen – ob da nun auch Schlüssel bei waren, weiß ich nich – aber es war mir so.« »Und was geschah dann?« »Das übrige hat sich draußen abgespielt.« »Sie haben den Zeugen auf der Straße niedergeschlagen?« »Das habe ich vom Fenster hinter der Gardine gesehen.« »Und dann?« »Habe ich wieder bedient, da noch Gäste da waren.« »Und um den Mann haben Sie sich nicht gekümmert?« »Ich misch mir nich rein – von wegen der Schankkonzession vom Chef.« »Die Angeklagten sind dann später in das Lokal zurückgekehrt?« »Jawohl.« »Wie lange Zeit lag dazwischen?« »Na, doch so immerhin eine Stunde!« »Zwei Minuten!« brüllte Gregor und erhielt abermals einen Verweis. »Erinnern Sie sich genau?« »Jawohl.« »Wie spät mag es gewesen sein, als die Angeklagten in das Lokal zurückkehrten?« »So um fünfe rum – es wurde schon hell.« »Als sie das Lokal das erstemal verließen, war es noch dunkel?« »Stockfinster. – So um viere rum.« »Was erzählten sie dann, als sie wiederkamen?« »Sie hatten die Tasche voll Marie und suchten die Mädels zu 'ne Frühfahrt.« »Aha! Hatten sie das Auto denn bei sich?« »Die Sore war zu heiß – das hatten sie anderswo derweile untergestellt.« »Und hinsichtlich der Zeit von einer Stunde, die dazwischen lag, ist jeder Irrtum auf Ihrer Seite ausgeschlossen?« »Jawohl!« »Was haben die Angeklagten denn nun Ihrer Ansicht nach in der Zwischenzeit gemacht?« Der Zeuge sah den Vorsitzenden verdutzt an und sagte: »Nu wollen Sie mir wohl auf den Busch klopfen? Ich hab nichts zu tun mit dem Bankdiebstahl.« »Sie meinen also, daß sie in der Zwischenzeit dem Bankhaus Reichenbach einen Besuch abgestattet haben?« »Darüber erlaube ich mir keine Ansicht zu haben. Was die Angeklagten sind, so waren das meine Jäste – gegen die sag ich nischt aus.« »Wo ist denn der Zeuge Reichenbach in der Zwischenzeit geblieben?« »Keine Ahnung! – Den haben se vielleicht zu eins von die Mädels geschafft.« »Er ist aber auf der Straße zum Bewußtsein gekommen,« erklärte der Verteidiger – und der Zeuge erwiderte: »Da hab'n sie 'n denn hinterher eben wieder hingeschafft.« »Und wo ist das Geld geblieben?« »Das werden Sie wohl nicht erfahren. Für fünfhunderttausend Mark, da sitzen die gerne ihre drei oder fünf Jahre ab.« Der Vorsitzende wandte sich an die Verteidiger: »Nach dieser eidlichen Aussage des nicht vorbestraften Zeugen verzichten Sie wohl auf Ihre Entlastungszeugen aus dem Schmetterling, die sämtlich schwer vorbestraft sind.« »Falls Sie sie unvereidigt vernehmen, habe ich kein Interesse daran.« »Dazu werden wir bei den Vorstrafen wohl gezwungen sein.« Die Verteidigung leistete Verzicht. Aber der Angeklagte Gregor Haase stand mit rotem Kopf und funkelnden Augen da, hob die Faust gegen den Zeugen herunter und rief: »Du Aas bist bestochen!« Auch die übrigen Angeklagten sprangen auf und wandten sich gegen den Zeugen. Der drehte sich zu ihnen um, zog die Schultern hoch und sagte: »Tut mer ja leid, aber ich steh unter Eid.« Der Zeuge wurde entlassen, die Beweisaufnahme geschlossen. Der Fall schien genügend geklärt. Zumal der Angeklagte Bob Klawitter, ein berühmter Fassadenkletterer, bei einem Lokaltermin, der während der Verhandlung stattfand, aus der Rolle gefallen war. Als man Versuche anstellte, mit Hilfe einer Strickleiter von dem Bureau Reichenbachs aus in das darunterliegende Bureau Direktor Urbachs zu gelangen, packte ihn der Ehrgeiz, er schob den Sachverständigen der Polizei beiseite, riß den Strick vom Fenstersims und schwang sich frei von der oberen in die untere Etage – wobei er unglücklicherweise fast an denselben Stellen die Sandsteinwand mit den Füßen berührte, an denen sie deutlich Flecke aufwies, die – wie man annahm – von dem Täter herrührten. Das war kaum noch ein Indizium – es war ein unfreiwilliges Geständnis: Haase, der intellektuelle Urheber, der das Ganze einfädelte und überwachte, Bob Klawitter, das ausführende Werkzeug, und Franz Lippschütz, der Mann, der Schmiere stand, während den beiden weiblichen Angeklagten die Aufgabe zugefallen war, den Zeugen Reichenbach, falls er vorzeitig zum Bewußtsein zurückkehren sollte, fernzuhalten. Selten wohl hielt ein Staatsanwalt ein Plädoyer, aus dem die Schuld der Angeklagten überzeugender und lückenloser hervorging. Er beantragte gegen die drei männlichen Angeklagten Zuchthausstrafen von viereinhalb, dreieinhalb und zwei Jahren – gegen die beiden weiblichen Angeklagten wegen Beihilfe Gefängnisstrafen von zwei und einem Jahre. Er führte aus: »Die Presse, die sich ewig auf der Jagd nach Sensationen befindet, hat sich auch dieses Falles mit einer Leidenschaft bemächtigt, als handle es sich um eine Cause célèbre , während es in Wirklichkeit nichts anderes als ein von gewohnheitsmäßigen Verbrechern raffiniert in Szene gesetzter Diebstahl ist, wie sie die Kriminalgeschichte jedes Landes zu Hunderten aufweist. Lediglich der Umstand, daß anfangs ein Prominenter der Bankwelt in den Verdacht der Täterschaft geriet, gab die gewünschte Gelegenheit, dem Kriminalfall eine sensationelle gesellschaftliche Note zu geben. Wenn der Zeuge Reichenbach verdächtigt und vorübergehend verhaftet wurde, so hat er sich das selbst zuzuschreiben. Ein Mann, der tagsüber an verantwortlicher Stelle einer großen Bank steht und die Nächte mit Berufsverbrechern und Dirnen verbringt, darf sich nicht beklagen, wenn er in Situationen gerät, die geeignet sind, seinen geschäftlichen und moralischen Ruf zu untergraben!« Frau Hedda beugte sich zu Karl Morener und flüsterte ihm zu: »Das ertrag ich nicht!« »Beherrsch dich, bitte!« erwiderte Karl. »In vier Wochen ist das vergessen.« »Ob die Motive dieses Verkehrs«, fuhr der Staatsanwalt fort, »snobistischer oder pathologischer Art sind, interessiert uns nicht, da Herr Reichenbach nicht Angeklagter, sondern Zeuge ist. Was die Staatsanwaltschaft jedoch zu prüfen hatte, war die Frage des Kausalzusammenhanges. Mit anderen Worten: inwieweit hat der Zeuge Reichenbach diesen qualifizierten Diebstahl verschuldet und darüber hinaus: hat er in irgendeiner Form daran teilgenommen. Die Beweisaufnahme hat ein strafrechtliches Verschulden nicht ergeben, wohl aber einen auf zivilprozessualem Wege feststellbaren Anspruch auf Schadenersatz, über den das Strafgericht nicht zu befinden hat. Schwieriger liegt die Frage, wieweit der Zeuge Reichenbach den Sport getrieben hat. Ob er sich auf den Verkehr mit den Verbrechern außerhalb ihres Berufs beschränkt oder ob sein Interesse so weit ging, daß er an ihren Einbruchsfahrten teilgenommen hat. Da die Angeklagten den Verkehr mit dem Zeugen leugnen, obgleich der nicht vorbestrafte Kumbier ihn unter seinem Eide bestätigt hat, so konnte dies psychologische Rätsel nicht gelöst werden, zumal das sonderbare Verhalten des Zeugen Reichenbach jede Klärung von vornherein ausschloß. Die Staatsanwaltschaft steht auf dem Standpunkt, daß Reichenbach nicht aus gewinnsüchtiger Absicht, sondern als Amateur gehandelt hat. Die Frage drängt sich auf, könnten die Verbrecher derart genau über Einzelheiten orientiert sein, die nur ganz wenigen Eingeweihten bekannt waren? Von wem also stammte die Annonce? – In diesem Falle zweifellos von dem Zeugen Reichenbach. – Die daraus folgende Frage wiederum lautet: haben die Angeklagten den Zeugen durch Zufluß von Alkohol oder anderen Giften in einen Zustand gebracht, in dem er ahnungslos ausplauderte, was er in normalem Zustand niemals verraten hätte – oder hat er ihnen diesen Tipp freiwillig gegeben – sagen wir mal: »aus Freude am Einbruch«, aus Neugier, ob sie die Idee erfassen und den Einbruch ausführen würden. Das wäre dann vielleicht eine pathologische Veranlagung – und zugleich der Schlüssel für diesen Verkehr, der sich auf andere Weise schwer erklären läßt. Es wäre aber damit zugleich die Frage aufgeworfen, ob der Zeuge Reichenbach die Angeklagten zu der von ihnen begangenen strafbaren Handlung angestiftet hat. Der Anstifter wird bekanntlich wie der Täter bestraft.« Die Verteidiger wurden unruhig. Aber der Staatsanwalt wandte sich zu ihnen und fuhr fort: »Ich weiß, meine Herren, Gegenstand des Plädoyers darf nur sein, was Gegenstand der mündlichen Verhandlung gewesen ist. Wesentlicher Gegenstand der mündlichen Verhandlung aber war die Feststellung, wieweit der Zeuge Reichenbach mitgewirkt hat. Die geschickte Art, in der er die Fragen des Herrn Vorsitzenden beantwortet hat, lassen verschiedene Deutungen zu. Wenn ich mich mit diesen Deutungen befasse, und zwar auf Grund der Ergebnisse der mündlichen Verhandlung, so verstoße ich damit gegen keine strafprozessuale Bestimmung. Ich fühle mich sogar dazu verpflichtet. Und zwar im Interesse der Angeklagten. Denn die Staatsanwaltschaft hat die Pflicht, als objektive Behörde auch die Momente heranzuziehen, die für die Angeklagten sprechen. Wenn aber feststeht, daß der Zeuge Reichenbach in monatelangem Verkehr die Angeklagten systematisch zu diesem Verbrechen gereizt und ihnen immer wieder vor Augen geführt hat, wie groß die Gewinnchance, wie klein dank seiner ausgiebigen Annonce das Risiko ist, so wird das zum mindesten hinsichtlich des Strafmaßes für die Angeklagten von Bedeutung sein.« »Das ist ja ungeheuerlich!« rief Reichenbach. Ehe ihn der Vorsitzende zur Ordnung weisen konnte, erwiderte der Staatsanwalt: »Ich wüßte sonst keinen Grund, aus dem Sie ständig die Aussage darüber verweigert haben, wo Sie in der Nacht des Diebstahls gewesen sind.« »Wenn Ihnen das nicht klar geworden ist, so ist das nicht meine Schuld.« »Wenn jemand wie Sie vor die Wahl gestellt ist, eines unter erschwerenden Umständen begangenen Diebstahls verdächtigt zu werden oder einzugestehen, lediglich aus Abenteuerlust mit gewohnheitsmäßigen Verbrechern verkehrt zu haben, so entscheidet er sich für das Letztere.« »Ich habe damit gerechnet, daß es der Kriminalpolizei gelingen würde, den Diebstahl aufzuklären.« »Soll das heißen, daß Sie die Angeklagten nicht verraten wollen?« »Vielleicht.« »Geben Sie nicht immer so dumme Antworten.« Heinz Reichenbach sprang auf und ging ein paar Schritte auf den Staatsanwalt zu. Es schien, als wenn er ihn attackieren wollte. Aber der Vorsitzende war gewandt genug, zu sekundieren. »Herr Staatsanwalt!« sagte er mit so lauter Stimme, daß Heinz Reichenbach unwillkürlich stehenblieb und sich zu ihm umwandte. »Sie dürfen den Zeugen nicht beleidigen. Wenn ich an seinen Antworten Anstoß nehme, rüge ich sie. Im übrigen stelle ich fest, daß Sie Ihr Plädoyer unterbrochen haben. Wir befinden uns wieder in der Beweisaufnahme. Die Verhandlung ist wieder eröffnet.« Der Staatsanwalt wandte sich wieder an Reichenbach. »Obgleich die Angeklagten also Ihr Vertrauen so arg getäuscht und Ihnen so übel mitgespielt hatten, hielten Sie sich trotzdem verpflichtet, sie nicht zu verraten?« »Ich kann im Augenblick nicht sagen, wie ich mich dazu verhalten hätte.« »Aber ich kann Ihnen sagen, wie Sie sich verhalten haben,« erklärte der Vorsitzende, der die Leitung der Verhandlung wieder an sich riß. »Sie haben geschwiegen, obgleich Sie unter dem schweren Verdacht standen, der Täter zu sein.« »Ich sagte ja schon, daß ich das Vertrauen in die Kriminalpolizei setzte . . .« »Wenn Ihre Freunde Ihnen nicht das Automobil gestohlen hätten,« erklärte der Staatsanwalt, »dann säßen Sie vermutlich jetzt hier auf der Anklagebank.« »Ich hätte es nicht ändern können.« »Was?« rief der Vorsitzende. »Sie hätten auch dann geschwiegen? Soviel näher stehen Ihnen diese Gewohnheitsverbrecher als die Interessen der Bank? – Antworten Sie!« »Es gibt auch höhere Interessen.« »Die eigenen!« rief der Staatsanwalt. »Mir scheint nach alledem, daß Ihre Freundschaft mit den Angeklagten doch nicht rein platonischer Natur gewesen ist.« »Auf eine derartige Frage kann ich Ihnen nur außerhalb des Gerichtssaals die passende Antwort geben.« »Soll das etwa heißen . . .?« fuhr ihn der Staatsanwalt an – aber der Vorsitzende fiel ihm ins Wort und fragte Reichenbach: »Was wollen Sie damit sagen?« »Ich bedaure, Ihnen darauf die Antwort verweigern zu müssen.« »Sie haben eine völlig falsche Vorstellung,« fuhr ihn der Vorsitzende an – »sowohl über Ihre Pflichten als Zeuge wie über die sehr zweideutige Rolle, die Sie in diesem Prozesse spielen. Wir haben Sie auf Antrag des Verteidigers unvereidigt gelassen, weil wir Sie nicht in die Gefahr bringen wollten, Ihrer eigenen Sicherheit wegen etwas Falsches unter Eid auszusagen. Das berechtigt Sie aber nicht, hier nach Belieben auszusagen oder die Aussage zu verweigern. Wenn der Herr Staatsanwalt sich veranlaßt sah, eine Frage an Sie zu richten, die Sie kränken konnte, so habe ich diese Frage durchgehen lassen, da Ihr Verhalten tatsächlich kaum eine andere Deutung zuläßt.« Das Publikum hing in höchster Erregung an Reichenbachs Mund und erwartete seine Erklärung. »Er verteidigt sich schlecht,« sagte Karl Morener zu Frau Hedda – die leise erwiderte: »Er verteidigt sich überhaupt nicht – denn er denkt nicht an sich.« – Und was sie weiter dachte: er denkt an mich – verschwieg sie. Heinz Reichenbach stand vor dem Richtertisch und verzog keine Miene. »Sie werden von mir nicht erwarten,« sagte er, »daß ich mich gegen einen derart lächerlichen Vorwurf verteidige.« »Und daß die fünf Angeklagten durch Ihre Schuld ins Zuchthaus wandern – finden Sie das auch lächerlich?« rief der Verteidiger. »Durch meine Schuld?« fragte Reichenbach entsetzt. »Habe ich sie angegeben oder auch nur belastet?« »Sie wissen sehr gut,« sagte der Vorsitzende, »daß die Angeklagten diesen großen Bankdiebstahl niemals hätten ausführen können, wenn sie nicht durch den Verkehr mit Ihnen über alle Details genau unterrichtet worden wären.« »Dann bin ich also schuld an ihrer Verurteilung?« »Letzten Endes ja!« erwiderte der Vorsitzende. Heinz Reichenbach wechselte die Farbe. Er führte die Hand an den Kopf und schien zu überlegen: »Einen Augenblick!« rief er und wiederholte halblaut vor sich hin: »Ei–nen Augen–blick!« Dann streckte er sich, warf den Kopf zurück und sagte mit lauter und fester Stimme: »Ich habe eine Erklärung abzugeben.« Ein Geständnis! lag es auf allen Zungen. Das Publikum erhob sich – unbewußt – vor Erregung. Auch die Verteidiger standen auf. Heinz Reichenbach aber erklärte: »Ich bekenne – und bin bereit, es zu beschwören –, daß ich niemals mit Verbrechern verkehrt, die Angeklagten vor jener Nacht niemals gesehen habe.« Eine unerhörte Erregung ging durch den Saal. »Er bricht sein Wort,« flüsterte Karl Morener. Aber Frau Hedda erwiderte: »Er wäre ein Lump und nicht Heinz Reichenbach, wenn er anders handelte.« Reichenbach aber fuhr fort: »Auch in jener Nacht bin ich nur durch einen Zufall mit ihnen zusammengetroffen. Ich war auf dem Nachhausewege und wollte telefonieren. So kam ich in das Lokal, das ich nie zuvor betreten habe und dessen Namen ›Schmetterling‹ ich zum ersten Male durch den Herrn Untersuchungsrichter gehört habe. Als ich nach Verlauf weniger Minuten wieder auf die Straße trat, sah ich, daß mein Automobil verschwunden war. Ich eilte in das Lokal zurück und schlug Lärm. Man beförderte mich unsanft wieder auf die Straße. Ich lief bis zur nächsten Ecke und wieder zurück. Ich rief laut nach einem Schupo. Im selben Augenblick erhielt ich einen Stoß ins Genick – mir wurde schwarz vor den Augen – ich taumelte – fiel und verlor für einen Augenblick das Bewußtsein. Als ich mich wieder erheben wollte, nahm mich eine Frau unter den Arm und half mir auf. Ich wollte ein Auto nehmen und stellte fest, daß ich ausgeraubt war. Ein Schupobeamter, dem ich die Vorgänge erzählte, verwies mich auf das zuständige Polizeirevier – konnte mir aber – da ich das Lokal nicht anzugeben vermochte, nicht sagen, welches Revier das zuständige war. Als ich ihm erklärte, daß man mir mein Automobil gestohlen habe, forderte er mich auf, weiterzugehen und drohte, mich andernfalls wegen ruhestörenden Lärms festzunehmen. Ich schleppte mich durch die Straßen, bis ich einen Arzt fand, dem ich mich in diesem desperaten Zustande überantwortete. – So ist der Sachverhalt. Und daß die Angeklagten, die weder wußten, wer ich war, noch ob ich Schlüssel bei mir führte, innerhalb der wenigen Minuten, die nicht einmal ausreichten, um zur Bank zu gelangen, geschweige denn, den komplizierten Diebstahl auszuführen, zu mir zurückkehren, um mir die Schlüssel wieder in die Tasche zu stecken –, daß sie in der kurzen Zeit das Verbrechen begangen haben sollen, ist vollkommen ausgeschlossen!« Das Publikum war verblüfft. Die Angeklagten, die sich schon im Zuchthaus sahen, waren aufgestanden und atmeten auf. Ihre Verteidiger sahen neugierig den Staatsanwalt an und da sie auf seinem Gesicht nicht lesen konnten, wie er die Erklärung des Zeugen Reichenbach aufnahm, so wandten sie sich an den Vorsitzenden, der seinen Blick fest auf den Zeugen richtete und nichts weiter sagte als: »Sehr unglaubwürdig.« Einer der Verteidiger erhob sich und bat ums Wort, das ihm erteilt wurde. Sodann erklärte er: »Nach der sensationellen Enthüllung des Zeugen Reichenbach fällt das stolze Anklagegebäude des Herrn Staatsanwalts zusammen. – Es fehlt danach jede Voraussetzung für eine Schuld der Angeklagten. Die Verteidigung erwartet, daß die Staatsanwaltschaft die Klage fallen läßt.« Der Staatsanwalt stand schon während der letzten Worte des Verteidigers und erwiderte: »Die Verteidigung irrt sich. Die Erklärung des Zeugen Reichenbach kommt der Staatsanwaltschaft durchaus nicht unerwartet. Obgleich die Beschlußkammer den Antrag der Staatsanwaltschaft, das Verfahren auch auf den Zeugen Reichenbach auszudehnen, abgelehnt hat, hat es die Staatsanwaltschaft für ihre Pflicht gehalten, den gegen ihren Willen außer Verfolgung gesetzten Heinz Reichenbach nicht aus den Augen zu lassen, da er ihr nach wie vor der Anstiftung, Mittäterschaft oder Beihilfe dringend verdächtig erschien. Das Auftreten des Zeugen Reichenbach vor Gericht hat diesen Verdacht vertieft. Es gibt wohl niemanden hier im Saal, den nicht während der Vernehmung des Zeugen das Gefühl beschlichen hat, daß der Zeuge Reichenbach Wesentliches verschweigt. Er hat zugegeben, daß die Straflosigkeit der Angeklagten, die sämtlich Gewohnheitsverbrecher sind, ihm mehr am Herzen liegt als die Interessen der Bank, die den Namen seiner hochangesehenen Familie führt. Er hat auch angedeutet, daß er, falls man ihn wegen Diebstahls zur Verantwortung ziehen würde, die Angeklagten nicht verraten hätte. Dafür gibt es keinen anderen Grund, als daß es seine Komplicen sind!« – Der Staatsanwalt machte eine Pause, bis die Erregung im Saal sich gelegt hatte. Dann fuhr er fort: »Die Erklärung, die der Zeuge Reichenbach hochtönend in letzter Stunde vor Verkündung des Urteils hier abgegeben hat, ist ein großer Bluff, eine Verspottung des Gerichts, das er zu niedrig einschätzt, wenn er glaubt, daß es diese Erklärung auch nur einen Augenblick lang ernst nimmt. In dem Glauben, den Verdacht der Mittäterschaft von sich abgelenkt zu haben, fühlt er sich nun stark genug, um den seiner Ansicht nach entscheidenden Schritt zur Rettung seiner Komplicen zu wagen. Er hat diesen Diebstahl erdacht! Und auf die Frage, die uns alle so lange und so intensiv beschäftigt hat: aus welchem Grunde konnte ein Mann wie er Verkehr mit notorischen Verbrechern unterhalten – auf diese Frage, die zu beantworten er sich sträubte, lautet die Antwort: er brauchte diese Leute, um von sich abzulenken. Er schlich sich in ihr Vertrauen und verleitete sie. Er wußte, daß als Täter nur er in Frage kommen konnte. Also mußte er, obgleich er der eigentliche, der intellektuelle Täter blieb, auf künstlichem Wege Täter schaffen, die ihn entlasteten. Um aber den Verdacht von sich ab und auf sie zu lenken, hat er ihnen statt der üblichen Teilung der Beute, die er für sich behalten wollte, einen hohen Preis für den fingierten Diebstahl an seinem Auto, der Brieftasche und der Perlnadel offeriert. Die Angeklagten waren kurzsichtig genug, sich auf dies Glatteis führen zu lassen. So allein erklärt sich auch die in der Kriminalgeschichte einzig dastehende Tatsache, daß der Bestohlene wegen dieser Diebstähle bis heute keine Anzeige erstattet hat! Und schließlich die wesentliche Frage: hat der Angeklag . . . der Zeuge wollte ich sagen – Gründe gehabt, die ihn zu diesem ungewöhnlichen Verbrechen trieben? – Auf diese Frage lautet die Antwort: er hatte Gründe – und schwerwiegender Art. Der Angeklagte – der Zeuge« – verbesserte er abermals – »war aufs äußerste verbittert. Als für den schwer erkrankten Geschäftsinhaber des Bankhauses Reichenbach ein bevollmächtigter Vertreter ernannt werden mußte, glaubte er, der Prokurist und Träger des Namens Reichenbach, der Nächstberechtigte zu sein. Die Gattin des Herrn Morener überging ihn und ernannte zwei bisher ihm nachgeordnete Abteilungsdirektoren, die dadurch zum mindesten de iure seine Vorgesetzten wurden. Die Folge war, daß der Zeuge sich zurückgesetzt fühlte und sich mit der Absicht trug, das Bankhaus zu verlassen. Es ist mir gelungen, festzustellen, daß der Zeuge Reichenbach bereits im Mai, also zu einem Termin, der etwa einen Monat nach dem großen Diebstahl lag, nach Rio de Janeiro auszuwandern gedachte.« Die Erregung des Publikums war bis zur Siedehitze gestiegen. Aber auch den Richtern und Verteidigern sah man an, wie stark sie von den Ausführungen des Staatsanwalts beeindruckt waren. Der fuhr in dem Bewußtsein, in die äußersten Winkel einer mehr als dunklen Prozeßaffäre hineingeleuchtet zu haben, fort: »Ich vermute, daß diese Flucht in Begleitung einer Frau geplant war.« »Endlich!« seufzte eine elegante Dame im Publikum wie erlöst auf. Aber auch vielen anderen sah man es an, daß diese so ersehnte Wendung des Prozesses ihnen Erleichterung verschaffte. »Es ist durch den Zeugen Kumbier, dessen unter Eid gemachten Aussagen im übrigen auch die Bekundungen des Zeugen Reichenbach Lügen strafen, erwiesen, daß der Zeuge Reichenbach in der fraglichen Nacht gegen Morgen, also nach dem geglückten Bankdiebstahls vom ›Schmetterling‹ telephoniert hat: ›Ihr Wunsch ist erfüllt! Weiter wollte ich nichts sagen. Schlafen Sie weiter! Gute Nacht!‹ – Der Sinn dieser an sich geheimnisvollen Worte wird nun niemandem mehr unklar sein. Der Wunsch, dem Bankinhaber aus gekränkter Eitelkeit einen fühlbaren Schlag zu versetzen, also Rache an ihm, beziehungsweise seiner Gattin, zu nehmen, und sich zugleich Mittel für eine neue Existenz in einem fremden Erdteil zu schaffen, erklärt zur Genüge dies mit scharfem Geist erdachte und durchgeführte Verbrechen. – Wie so oft in der Geschichte der Kriminalität hat auch in diesem Fall der Täter in dem Gefühl, daß ihm nichts mehr passieren könne, zuviel gewagt und sich damit verraten. Bevor ich die Vertagung zwecks Ausdehnung der Anklage auf den Zeugen Reichenbach beantrage, wende ich mich noch einmal – und zwar zum letzten Male, an ihn: Wenn Sie wollen, daß wir Ihre letzten Bekundungen ernst nehmen, so beantworten Sie uns die Frage: Wo haben Sie sich in der fraglichen Nacht aufgehalten und an wen haben Sie am frühen Morgen vom ›Schmetterling‹ aus telephoniert?« Atemlose Stille herrschte im Saal. Nur ein »nein« von dem Ecksitz auf einer der letzten Reihen, auf der Karl Morener neben Frau Hedda saß, funkte wie ein Blitz durch den Saal und traf Heinz Reichenbach, der stehend die Rede des Staatsanwalts mitangehört hatte. Leise erhoben sich auf einer der letzten Reihen zwei Menschen. Karl Morener hielt die kalte Hand Frau Heddas, öffnete geräuschlos die Tür und führte sie hinaus auf den Flur. Niemand sah es. Niemand hörte es. Nur Heinz Reichenbach fühlte, wie ein kalter Schauer durch seinen Körper ging. Auf dem Flur standen Frau Hedda und Karl Morener sich gegenüber. Er hielt noch immer ihre Hand. »Laß mich los!« befahl sie. »Was willst du tun?« »Die Fragen des Staatsanwalts beantworten.« »Du wirst es nicht tun!« »Gib mich frei!« »Geh! – Aber dann sage alles!« »Alles?« »Daß ich es war, der den Diebstahl beging.« Frau Hedda ließ den Arm sinken und hauchte: »Du?« »Dir zuliebe!« Frau Hedda wankte. Karl legte den Arm um sie und führte sie zur nächsten Bank. – Drin im Gerichtssaal antwortete Heinz Reichenbach nach Augenblicken unheimlichen Schweigens dem Staatsanwalt: »Ich sage weder, an wen ich telefoniert habe, noch wo ich in der fraglichen Nacht gewesen bin.« Der Staatsanwalt streckte den Arm aus – und obgleich er hinter seinem Pult drei bis vier Meter von ihm entfernt stand, schien es, als wenn sich eine Hand auf Reichenbachs Schulter legte. Mit lauter Stimme, die bis auf den Flur drang, sagte er: »Sie sind verhaftet!« Draußen fiel Frau Hedda in eine tiefe Ohnmacht. – Und wenige Wochen später verurteilte man Heinz Reichenbach wegen qualifizierten Diebstahls zu einem Jahre Zuchthaus. 21. Die gesamte Presse bemächtigte sich dieses Prozesses mit einer Leidenschaft, die eigentlich nicht recht verständlich war. Ungewöhnlich war doch nur, daß die Staatsanwaltschaft, scheinbar verärgert über die Beschlußkammer, an ihrem Opfer – man kann auch sagen: an ihrer Überzeugung festhielt und den verdächtigen Zeugen Reichenbach in der Hauptverhandlung schließlich doch noch zur Strecke brachte. Ob das von vornherein beabsichtigt war, ließ sich schwer feststellen. Denn erst der Versuch Reichenbachs, die überführten Angeklagten noch im letzten Augenblick zu retten, hatte die Attacke des Staatsanwalts gegen den Zeugen zur Folge gehabt. Mit Recht fragte sich die Presse: was wäre geschehen, wenn der Zeuge Reichenbach geschwiegen hätte. Die Antworten lauteten verschieden. Manche meinten, daß in diesem Falle einer der Angeklagten, vermutlich eine der beiden Frauen, ihn verraten hätte. Aber hätte man ihnen Glauben geschenkt? – Andere schätzten die Klugheit des Staatsanwalts höher ein. Sie meinten, daß er die Schlinge für Reichenbach von Beginn der Verhandlung an bereit hielt, den Zeugen aber erst in Sicherheit wiegen wollte, um die Angeklagten leichter überführen zu können. Denn aus einem Angeklagten Reichenbach war entschieden schwerer etwas herauszubringen als aus dem Zeugen Reichenbach. Und vielleicht, so meinte der besonders gescheite Berichterstatter einer großen Tageszeitung, hätte der Staatsanwalt seinen Trumpf gern noch in der Tasche behalten. Da er wußte, daß der Zeuge Reichenbach die Flucht nach Rio plante, so wäre es ihm ein leichtes gewesen, das fliehende Paar im Augenblick, in dem es den Ozeandampfer bestieg, festzunehmen. Und das wäre entschieden ein Meisterstück gewesen. Aber mehr als die Gedankengänge der Staatsanwaltschaft interessierte die Herren von der Presse das »cherchez la femme« . Setzte man hier geschickt an, so ließ sich aus der Affäre tatsächlich eine Cause célèbre machen. Die Andeutung des Staatsanwalts, daß vielleicht eine Flucht zu zweien geplant war, genügte, um von der Frau die phantasievollsten Bilder zu entwerfen. Einer jener mit allen Hunden gehetzten Filmreporter besuchte einfach die erste beste Diva, von der er wußte, daß sie für Reklame besonders zugänglich war, und sagte ihr auf den Kopf zu: »Ich habe Beweise in Händen, daß Sie die Dame sind, die mit Heinz Reichenbach nach Rio fliehen wollte.« Der weibliche Star, in dauernder Bereitschaft, wenn er Reklame witterte, erwiderte: »Nach Rio wollte ich allerdings schon längst. Man hat mir erzählt, daß es da noch eleganter als in Paris sei.« »Was sagen Sie zu meiner Nase!« rief begeistert der Reporter. Aber der Star erwiderte sachlich: »Ihre Nase? – Man kann sich daran gewöhnen.« »Ich meine natürlich meine Witterung. Wie ich geahnt habe, daß Sie nach Rio wollten.« »Ich glaube, dahin möchten viele.« »Ja, um zu filmen! Aber nicht wie Sie mit einem der größten Bankräuber aller Zeiten! Der Schmuck« – er wies auf eine Perlenkette, die der Star um den Hals trug – »ist natürlich auch von ihm?« »Seien Sie doch nicht so indiskret! – Natürlich ist er von ihm – von wem sollte er sonst sein?« »Er hat Ihnen viel geschenkt?« »Nicht mehr, als einer Frau wie mir zukommt. Oh, ich könnte Männer haben, die zehnmal reicher sind als er und mindestens so gut Black Bottom tanzen. Aber eine Künstlerin wie ich sieht nicht nur auf das Portefeuille und die Beine – was ich brauche, ist Seele.« »Hat er sich sehr verausgabt für Sie?« »Er ist sehr leidenschaftlich.« »Ich meine materiell.« »Selbstredend! Ich verlange von einem Mann, der mein Freund ist, daß er sich für mich ruiniert. Wie soll ich sonst wissen, daß er mich liebt?« »Hatte er die Absicht, Sie zu heiraten?« »Er? – Sie meinen, ob ich die Absicht hatte? Nein! Einen Freund ruiniert man, aber man heiratet ihn nicht. Dafür kommt ein ganz anderer Jahrgang in Frage!« »Haben Sie auch in Verbrecherkreisen verkehrt?« »Und ob! Glauben Sie, ich wäre sonst in meinem letzten Film ›Die auf der Straße suchen‹ so echt gewesen? Ich habe mich in der Gesellschaft so wohl gefühlt, daß ich Mitglied von drei ihrer Klubs geworden bin. Hier sind Sie sicher! Bei mir bricht man nicht ein.« »Dann sind Sie es also gewesen, der ihn in diese Gesellschaft gebracht hat?« »Natürlich! Er wollte nicht mit. Aber allein wollte er mich nicht lassen. Dazu ist er viel zu eifersüchtig. Na, da sind aber auch Kerle drunter! Ich kann Ihnen sagen – Knorke.« – Sie führte erschrocken die Hand vor den Mund, fuhr sich mit der Puderquaste über das Gesicht und sagte geziert: »O pardon! Ich habe natürlich nur die Leute parodieren wollen.« »Sie gestatten mir doch, dies Interview zu veröffentlichen?« »Wenn ich es nicht gestatte – Sie veröffentlichen es ja doch.« Wenige Stunden später brachte ein Abendblatt auf der ersten Seite groß das Bild der Künstlerin. Darunter stand in großen Lettern ihr Name – und darüber »Heinz Reichenbachs Geliebte – mit der er nach Rio flüchten wollte – die intellektuelle Schuldige des Bankdiebstahls«. Erst als es im In- und Auslande kaum ein Blatt mehr gab, das ihr Bild nicht gebracht hatte, veröffentlichte sie eine Erklärung, daß sie vor Empörung einen Nervenzusammenbruch erlitten habe und sämtliche Blätter, die sie in Zusammenhang mit diesem Bankräuber gebracht hätten, wegen verleumderischer Beleidigung verklagen und vor Gericht unter Beweis stellen werde, einen Mann Namens Heinz Reichenbach niemals gekannt zu haben. – Neben derart heiteren Begleitumständen, die der Prozeß nach sich zog, gab es auch ernste, die weder die Beteiligten und die Betroffenen, noch die Gerichte zur Ruhe kommen ließen. Karl Morener war noch am Abend der Urteilsverkündung zu Frau Reichenbach gefahren. Er traf nur Hanni an, da sich die Mutter zu Verwandten begeben hatte, um mit ihnen zu besprechen, was man im Interesse Heinz Reichenbachs und der von dem Urteilsspruch gleich stark betroffenen Familie unternehmen sollte. Darin lag das Wesentliche: daß kein Reichenbach auch nur einen Augenblick darüber nachdachte, ob Heinz Reichenbach schuldig war. Der Gedanke kam ihnen gar nicht. Vielmehr ging ihr Zusammengehörigkeitsgefühl so weit, daß sich jeder als Glied einer geschlossenen Kette und diese Kette wieder als ein Ganzes fühlte, das an Glanz und Wert verlor, wenn auch nur ein Glied beschädigt wurde. Für diese Art Weltanschauung des »einer für alle und alle für einen« waren die meisten Familien in sich nicht mehr genügend gefestigt. Man sehnte sich viel mehr danach, aus jeder Verantwortung den Nächsten gegenüber herauszukommen, da man die Wege, die der einzelne ging und die ehemals durch Generationen vorgeschrieben waren, kaum noch kontrollieren konnte. Diese einst in Tradition aufgehenden Kreise, die den Kampf ums Dasein nur vom Hörensagen kannten, waren in derselben Stunde entwurzelt, in der sie sich vor die Notwendigkeit gestellt sahen, um ihre Existenz zu kämpfen. Denn nun war statt der Überlieferung plötzlich Zweckmäßigkeit das Gebot der Stunde. Familien aber, die das nicht erkennen konnten oder wollten – und zu ihnen gehörten die Reichenbachs – konnten nicht fortbestehen. Daß aber selbst in den ältesten Familien die junge Generation diesen rückläufigen Sinn verloren hatte, bewies Hanni Reichenbach, die dabei doch ganz das Gegenteil des typisch modernen jungen Mädchens war. Die durch das gedankliche Fortleben mit Generationen geschaffene Kontinuität hatte bei ihr statt Rückständigkeit Festigkeit erzeugt, statt Bodenständigkeit Charakter. Nicht, daß sie den Wert, eine Reichenbach zu sein, unterschätzte. Aber während die anderen Ansprüche daraus herleiteten und sich betrogen fühlten, wenn diese Ansprüche unbefriedigt blieben, sagte sich Hanni, daß man als Erbe solchen Namens zunächst einmal Pflichten hatte, daß man – um mit ihrem Lieblingsdichter Goethe zu reden, das Ererbte erst einmal erwerben mußte, um es zu besitzen. Dann erst war der Name mehr als nur etwas Äußerliches. Wuchs man aber nicht in seine Größe hinein, was war man dann anders als ein Kind, das man in eine Ritterrüstung steckte, in der es sich nicht fortbewegen konnte? Daher war sie nicht kritiklos wie ihre Familie, sondern hatte den Verlauf des Prozesses mit offenen Augen verfolgt. Und als jetzt Karl Morener ins Zimmer trat und ihr das Urteil bestätigte, geriet sie weder in Zorn noch brach sie zusammen, sondern sagte in aller Ruhe, während sie ihm die Hand reichte: »Ich hatte es nicht anders erwartet.« »Sie finden es doch nicht etwa gerecht?« fragte Karl erstaunt – und sie erwiderte: »Zum mindesten verschuldet.« »Entsinnen Sie sich noch, wie wir vom Anwalt kamen und ich Sie nach Haus begleitete? – Da habe ich Ihnen alles so vorausgesagt, wie es nun gekommen ist.« »Nein, Herr Morener! Sie irren! Sie haben an den Erfolg des Anwalts und die Rehabilitation meines Vetters geglaubt.« »Gewiß! Aber ich habe Ihnen auch gezeigt, wo die Gefahr liegt.« »Für wen?« fragte Hanni resigniert. »Von einer Gefahr kann doch nun nicht mehr die Rede sein.« »Für ihn nicht – aber für die Frau.« Hanni sah zu ihm auf und sagte kalt: »Um sie nicht zu kompromittieren, haben wir es mit angesehen, daß er ins Zuchthaus kommt.« »Wir haben damit nur seinen Willen erfüllt.« »Nicht auch Ihren, Herr Morener?« »Wie kommen Sie darauf?« »Ich kenne Sie zu gut, um zu glauben, daß Sie soviel Eifer für – die Gattin Ihres Onkels aufbringen.« »Sie und ich, wir sind die einzigen, die sich trotz allem, was vorgefallen ist, einen klaren Kopf bewahrt haben! Lassen Sie daher unsere Gefühle aus dem Spiel. Das verwirrt und erschwert das Handeln.« »Wer weiß! Es klärt vielleicht manches auf.« »Ich frage Sie ja auch nicht, ob Sie Ihren Vetter lieben.« »Sie dürfen es fragen – obgleich es für den Fall ja ohne Bedeutung ist. – So, wie ich ihn geliebt habe, liebe ich ihn nicht mehr. – Aber das ist nicht seine Schuld – viel eher verletzte Eitelkeit. Ich habe mir Jahre hindurch Dinge eingeredet, an die er nie gedacht und die zu glauben er mir nie Veranlassung gegeben hat.« »Ich bin erstaunt, daß Sie mir das sagen.« »Nachdem Sie mir erklärt haben, daß wir die beiden einzigen sind, die sich einen klaren Kopf bewahrt haben, müssen wir schon ehrlich zueinander sein, wenn wir ihm helfen wollen.« »Ist es nicht sonderbar: mir geht es mit jener Frau ähnlich wie Ihnen mit Ihrem Vetter. Auch sie hat mich nie geliebt. Aber ich war schon zufrieden, daß sie keinen anderen liebte. Seitdem ich mir aber klar bin, daß sie Reichenbach gehört, empfinde ich kaum noch etwas für sie.« Hanni horchte auf. Vorsichtig fragte sie: »Und Sie glauben, Sie werden trotzdem nicht mehr loskommen voneinander?« »Es gibt auch andere Dinge als die Liebe, die zwei Menschen aneinander ketten.« »Ein Geheimnis – oder ein Verbrechen.« »Vielleicht.« »Finden Sie ein solches Band nicht unmoralisch?« »Liebes Fräulein Reichenbach! Ich kenne keine Frau, die strenger mit sich ins Gericht geht als diese Frau. Dinge belasten sie, die eine andere Frau mit einem Glase Sekt hinunterspült. Ihr Gewissen läßt sie Verantwortungen konstruieren, über die selbst der Mann, den sie gekränkt hat, staunen würde.« »Eine Frau, die so veranlagt ist, hat die Pflicht, besonders vorsichtig zu sein.« »Gegen Leidenschaft gibt es keine Sicherung. Eine Frau mag Berge von Moral zu ihrem Schutze vor sich auftürmen – dem richtigen Mann glückt der Einbruch doch – und zwar immer von neuem – auch wenn kein seelischer Kontakt vorhanden ist.« »Warum erzählen Sie mir solche Dinge? Ich will sie nicht hören!« »Ich habe geglaubt, Offenheit mit Offenheit erwidern zu müssen.« »Es handelt sich nicht um Sie und nicht um mich – auch nicht um diese Frau, die Sie vielleicht ganz falsch beurteilen. – Wir alle sind frei und werden mit uns auf irgendeine Art schon fertig werden. – Worauf es jetzt ankommt, ist, den Bankdiebstahl aufzuklären, um Heinz frei zu bekommen.« »Auf meine Veranlassung hat die Kriminalpolizei sämtliche Wechselstellen, Hotels und Restaurants angewiesen, genau acht darauf zu geben, ob bei ihnen unbekannte Leute hohe Dollar- oder Pfundnoten zu wechseln suchen. Es sind auch schon ein paar Sistierungen erfolgt, die sich aber als falsch erwiesen haben.« »Das ist ja ganz schön – aber ich glaube, daß wir einen anderen Weg beschreiten müssen.« »Wissen Sie einen?« »Ich glaube.« »So reden Sie doch!« drängte Karl ungeduldig. »Wenn die Frau wirklich ein so stark entwickeltes Verantwortungsgefühl hat, wie Sie annehmen, warum hat sie dann nicht an Heinz' Stelle die beiden Fragen des Staatsanwalts beantwortet?« »Weil ich sie daran gehindert habe – und zwar mit Gewalt. Sie war nicht nur entschlossen – sie war im Begriff, es zu tun.« »Und weshalb haben Sie sie – daran gehindert?« »Weil im selben Augenblick sich der Staatsanwalt erhoben und ihre Verhaftung verfügt hätte.« »War denn im Schloß an jenem Abend niemand, der bekunden konnte, daß die Angaben stimmen?« »Die Dienerschaft hätte unter Eid bekundet, daß man sie gegen ein Uhr ins Bett geschickt hat. Von ein Uhr nachts bis zu dem Augenblick, in dem Heinz nach seinen mir gemachten Angaben die Kaschemme betrat, um an die Dame zu telephonieren, liegen drei Stunden. Diese drei Stunden hat er im Schloß verbracht. Kann er das sagen – ganz abgesehen davon, daß es ihm niemand glauben wird? Der Staatsanwalt aber wird erklären: ein Mann, der eine Dame derart kompromittiert, dem ist schließlich auch das zuzutrauen.« »Ich könnte mir denken, daß er noch etwas anderes fragt,« erwiderte Hanni und sah Karl fest in die Augen. »Es gibt natürlich Erklärungen aller Art,« erwiderte er. »Ich wüßte nur eine.« »Sie machen mich neugierig.« »Vielleicht ist das meine Absicht, Sie auf die Folter zu spannen.« »Ich wüßte nicht, wieso Ihnen das Vergnügen machen könnte.« »Ich würde mir nach einem solchen Geständnis als Staatsanwalt die Frage vorlegen: welche Gründe kann die Dame gehabt haben, die Dienerschaft zu Bett zu schicken und Heinz Reichenbach noch drei Stunden lang bei sich festzuhalten.« Karl Morener machte ein verlegenes Gesicht und lächelte gezwungen. Er legte die Hände mehrmals ineinander, öffnete sie wieder und sagte: »Sie sind – sehr gut erzogen, Fräulein Reichenbach, sonst wüßten Sie, weshalb zwei junge Menschen – des Nachts – allein zu sein – wünschen.« »Sie täuschen sich über mich. Ich weiß das sehr genau. Wenn auch nicht aus eigener Erfahrung. Aber ich weiß auch, daß mein Vetter seit ein paar Monaten keine Nacht außer dem Hause verbracht hat.« »Wie können Sie das wissen?« »Das ist mein Privatgeheimnis. – Ich habe ihn eben sehr geliebt. – Glauben Sie nicht etwa, daß ich die Nächte vor seinem Haus gewacht und ihn kontrolliert habe. Dazu bin ich denn doch nicht mehr jung genug. – Jedenfalls ist es so. Und daher würde sich mir als Staatsanwalt die Frage aufdrängen: Was hat die Dame veranlaßt, meinen Vetter gerade diesen Abend nach so langer Zeit zu sich zu bitten?« »Sie glauben doch nicht . . .?« »Doch glaube ich! Es kann natürlich ein Zufall sein. Aber ein sehr merkwürdiger. Ich würde, bis mir dieser Zufall nachgewiesen ist, als Staatsanwalt annehmen, daß die Dame meinen Vetter aus einem ganz bestimmten Grunde gerade an diesem Abend zu sich lockte und bei sich festgehalten hat.« »Hören Sie auf!« rief Karl entsetzt. »Sie konstruieren sich da in dem verständlichen Bestreben, Heinz zu retten, etwas zusammen . . .!« »Ich gebe mir nur Mühe, logisch zu denken – was einer Frau ja selten glücken soll!« »Im ersten Augenblick, das gebe ich zu, hat Ihre Deduktion etwas Verblüffendes.« »Ich bin nicht eigensinnig! Ich werde Ihnen im Gegenteil dankbar sein, wenn Sie mich widerlegen.« »Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten, daß meine Tante in irgendeinem noch so losen Zusammenhange mit diesem Diebstahl steht und . . .« »Bitte, reden Sie zu Ende, was Sie sagen wollen!« drängte Hanni – und Karl Morener fuhr fort: ». . . und um den Dieb zu decken, den Verdacht auf Ihren Vetter lenkte?« »Es könnte sein!« erwiderte Hanni Reichenbach in aller Ruhe. »Und der Dieb? – der wäre dann am Ende gar ich.« »Auch das halte ich nicht für ausgeschlossen.« »Und das sagen Sie mir so in aller Ruhe ins Gesicht?« »Wem sonst sollte ich es als anständiger Mensch zuerst sagen, wenn nicht Ihnen?« »Sie verlangen womöglich noch, daß ich Ihnen dankbar dafür bin.« Hanni schüttelte den Kopf und sagte: »Nein! Das verlange ich nicht. Ich weiß, Sie werden mich nun hassen. Und das tut mir weh. Denn auch ich habe einmal so geliebt, daß ich verstehe, wie man aus Liebe zum Verbrecher werden kann.« »Sie haben Mitleid mit mir?« »Ja.« »Sie brächten es fertig, mich zu schonen, wenn ich wirklich diesen Irrsinn begangen hätte?« »Nennen Sie mir einen Ausweg!« »Lassen Sie uns den Dieb gemeinsam suchen, Fräulein Hanni!« »Belügen Sie mich nicht! Sagen Sie mir die Wahrheit! – Vielleicht kommen wir dann weiter. – Sehen Sie denn nicht, wie ich mich quäle?« »Sie sind ein Engel, Hanni! Und ich würde mich Ihnen anvertrauen – aber ich kann doch unmöglich . . .« »Sagen Sie's bitte!« bettelte Hanni und ergriff seine Hände. »Ich schwöre Ihnen, daß ich es nicht war!« Hanni ließ ihn los und schluchzte laut auf. »Ich . . . hatte . . . gehofft . . . Sie würden – mir vertrauen,« sagte sie unter Tränen. »Bei meiner Liebe zu Ihnen . . .« »Schweigen Sie!« sagte sie laut und wankte zum nächsten Sessel, auf den sie niedersank. Karl rang verzweifelt die Hände. »Wir werden ihn suchen und finden!« wiederholte er. »Bitte, gehen Sie!« drängte Hanni. Karl trat vor sie hin. Sie sah ihn nicht an. »Es bleibt mir nichts anderes übrig,« sagte er, schüttelte den Kopf und ging. 22. Reichenbach hatte sich nicht verteidigt, sondern darauf beschränkt, nachzuweisen, daß die Angeklagten den Einbruch in die Bank unmöglich begangen haben konnten. Er hatte sich damit in Widerspruch mit seinem Verteidiger gesetzt, während der Staatsanwalt erwidert hatte: »Der Angeklagte spielt den armen Kranken. Indem er die Leute, die zugeben, ihm sein Auto, seine Brieftasche und Perle gestohlen zu haben, leidenschaftlich in Schutz nimmt, marschiert er mit der ihm eigenen Gerissenheit auf den § 51.« Da sein Verteidiger Miene machte, diese Anregung aufzunehmen, erklärte Reichenbach, daß er auf weitere Fragen nicht mehr antworten werde, da er lieber unschuldig ein paar Monate im Gefängnis, als gesund im Irrenhaus sitzen wolle. Das hatte zur Folge, daß dem Staatsanwalt tatsächlich Bedenken über den Geisteszustand des Angeklagten kamen, so daß er den Antrag stellte, die Verhandlung zwecks Untersuchung des Angeklagten zu vertagen. Reichenbach widersprach leidenschaftlich, obgleich sein Anwalt ihm zuflüsterte: » Une grande chance! « Nur der Umstand, daß Reichenbach seit einem Jahrzehnt mit einem der bekanntesten Nervenärzte befreundet war, bewahrte ihn davor, daß er in die Gefangenenabteilung der Charité überführt wurde. Denn der Psychiater erklärte, daß Reichenbach vollkommen gesund und seiner Ansicht nach – unschuldig sei. Das trug ihm, da es über die Grenzen des Gutachtens hinausging, eine Rüge ein, der eine Ordnungsstrafe folgte, als er auf den Vorwurf des Vorsitzenden: »Wie können Sie sich ein derartiges Urteil anmaßen, wo Sie der Verhandlung gar nicht beigewohnt haben?« erwiderte: »Gerade darum. Denn dadurch habe ich mir mein klares Urteil bewahrt, das durch die Beweisaufnahme vielleicht getrübt worden wäre.« »Ein netter Sachverständiger!« rief der Staatsanwalt, und bald darauf wurde die Beweisaufnahme geschlossen und das Urteil gefällt. – Reichenbach war keine robuste Natur und hatte daher schon in der Untersuchungshaft außerordentlich unter den veränderten Lebensverhältnissen gelitten. Sehr viel leichter fand er sich mit der Vorstellung ab, was die Leute sagen und wie sein Ruf und seine Stellung unter diesem unerhörten Verdacht leiden würden. Er war Fatalist und hatte das Gefühl, daß ein so ungewöhnlicher Vorgang mit all seinen Begleitumständen unmöglich einem Zufall zuzuschreiben sei. In diesem Gedanken wurde er dadurch bestärkt, daß jeder seiner verstandesgemäßen Versuche, seine Unschuld nachzuweisen, die gegenteilige Wirkung übte. Einen inneren Kampf mit sich führte er eigentlich nur, als er erkannte, daß die Verurteilung der Angeklagten von der Beantwortung seiner beiden Fragen abhing. Aber auch da wußte er, daß er, wenn er die Wahrheit sagte, damit weder die Angeklagten noch sich retten, wahrscheinlich aber Frau Hedda mithineinziehen würde. Also hatte er keine Bedenken und schwieg. Als er sich im Augenblick seiner Verurteilung aber vorstellte, daß man ihm nun seine Kleidung nehmen, in Zuchthaustracht stecken und auf ein Jahr in eine Zelle schließen würde, war ihm zumute, als wenn er plötzlich aufhörte, Heinz Reichenbach zu sein. Und als gar Gregor ihm zuflüsterte: »Hab dir nich! Ein Jahr det reißt de schnell runter« – da kam ihm zum Bewußtsein, daß er von diesem Augenblick an nichts Besseres war als dieser Zuchthäusler. Der verwöhnte Sohn aus reichem Hause, dem seine ganze Jugend hindurch der Kampf ums Dasein nicht mehr als ein Schlagwort der arbeitenden Klasse gewesen war, für den der Posten in der Bank des Onkels etwa dieselbe Bedeutung gehabt hatte wie für den reichen Landadel der Dienst in einem Garde-Kavallerie-Regiment, der bei dem Zusammenbruch der Familie Reichenbach einfach resigniert und nicht erkannt hatte, daß von nun an auch für ihn leben – kämpfen hieß – dieser plötzlich aus seinem chinesischen Zauberland von Kuanyins und Lohans gerissene und in eine kalte Zuchthauszelle versetzte Heinz Reichenbach, der sein Leben lang Fatalist gewesen war, begriff nun plötzlich, daß es in dieser Welt der Wichte nicht anging, mit gefalteten Händen abzuwarten, wie das Schicksal über einen verfügt hat. Zu spät erkannte er, daß Frau Hedda recht behalten hatte, die sich über jede Erscheinungsform des Lebens Rechenschaft gab und verstandesgemäß Stellung dazu nahm. Mit dieser Erkenntnis allein war nichts getan. Man mußte auch die Kraft haben, sich umzustellen und zu handeln. Zu beidem war Heinz Reichenbach außerstande. Seinem Verteidiger warf er vor, den Prozeß durch die Hypothese seiner Verbindung mit den Verbrechern verfahren zu haben. Dadurch habe die Kriminalpolizei von der Verfolgung einer anderen Spur Abstand genommen. Er lehnte es ab, den Verteidiger zu sehen, und hatte vor seiner Überführung in das Zuchthaus nur eine Begegnung geschäftlicher Natur mit Karl Morener und Direktor Urbach. Beide vermieden verabredungsgemäß über persönliche Dinge mit ihm zu sprechen, weil sie das Gefühl hatten, daß jeder Ausdruck der Teilnahme und jeder Versuch, zu trösten, in dieser verzweifelten Lage lächerlich wirkte. Reichenbach fühlte das und war ihnen dankbar. Direktor Urbach sagte beim Abschiednehmen nur: »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß kein Mensch, der Sie kennt, an Ihre Schuld glaubt. Wir werden alles tun, um den Fall zu klären.« Reichenbach dankte durch einen Händedruck. – Während sich Direktor Urbach mit einer nebensächlichen Frage an den Wächter wandte, drückte Karl heimlich Reichenbach etwas in die Hand und sagte: »Von Frau Hedda.« Dann nahmen sie Abschied und gingen. Als Heinz Reichenbach allein war, sah er sich an, was Karl Morener ihm gegeben hatte. Es war ein Briefumschlag, in dem ein kleines Fläschchen und ein Zettel mit folgenden Zeilen lag, die von Heddas Hand herrührten: »Falls ich Ihnen gleichgültig bin, so befreien Sie sich durch den Inhalt dieses Fläschchens aus Ihrer trostlosen Lage. Andernfalls harren Sie aus, bis ich Sie rehabilitiert habe.« Heinz Reichenbach fühlte in diesem Augenblick, daß er nicht allein war. Sehnsüchtig hatte er sich für den Fall seiner Verurteilung so ein Fläschchen Morphium gewünscht – und im stillen gehofft, daß Frau Hedda Mittel und Wege finden würde, um ihn auf diese Weise zu erlösen. – Nun war sein Wunsch erfüllt. Aber in einer Form, die jeden Gedanken, sich durch freiwilligen Tod der Qual und Schande zu entziehen, ausschloß. Wenn die Zahl der Zuchthäuser in Preußen auch nicht groß ist, so war es doch ein mißlicher Zufall, daß Heinz Reichenbach in das Zuchthaus zu Brandenburg überführt wurde. Einmal des benachbarten Gutes wegen, auf dem Frau Hedda, völlig der Zucht und Pflege der Tiere hingegeben, fern von allen Menschen lebte – dann aber auch, weil der Name Reichenbach in Brandenburg besonderen Klang hatte. Die Tatsache, daß ein Reichenbach dort im Zuchthaus saß, setzte die ganze Stadt in Bewegung. Man war von jeher stolz auf die Reichenbachs gewesen, die viel Gutes für Brandenburg getan und ein paar Menschenalter hindurch mehr Steuern als ein Drittel der ganzen Bevölkerung aufgebracht, vor allem aber für die Armen und Kranken gesorgt hatten. Die Tatsache, daß ein Mitglied der Familie wegen schweren Diebstahls im Zuchthaus saß, teilte die Bürgerschaft in zwei Hälften. »Der Fall Reichenbach« wurde in jeder Familie, an jedem Stammtisch, in den Geschäften und auf den Straßen erörtert. »Ein Reichenbach stiehlt nicht!« sagten die einen und bildeten ein Komitee, das das Wiederaufnahmeverfahren betrieb, während die andere Partei, von der Unfehlbarkeit des Gerichts überzeugt, den jungen Reichenbach als eine Schande für die ganze Stadt, die in den Reichenbachs eine Art Schutzpatron erblickten, bezeichneten. Jedenfalls hatte das saubere, ruhige Städtchen, das gewöhnt war, seine Sensationen aus dem nahen Berlin zu beziehen, jetzt seine eigene Affäre. Jeder Bürger empörte sich, so oft er an dem mitten in der Stadt belegenen Zuchthaus vorüberging, darüber, daß hier ein Reichenbach saß – die einen empörten sich über den Justizmord, die anderen über Reichenbach, dessen Schande sie als Bürger Brandenburgs als eigene Schmach empfanden. Jedenfalls strahlte von der Stadt eine Bewegung aus, die nicht nur bis an Heinz Reichenbachs Zelle, sondern bis in das nahe Schloß Reichenbach, also zu Frau Hedda drang. Das Bewußtsein, daß draußen Tausende von Menschen sich mit ihm beschäftigten, stärkte naturgemäß Reichenbachs Lebenswillen, der sonst kaum durchgehalten hätte – obschon er sich Heddas Mahnung jeden Tag und jede Nacht Dutzende von Malen ins Gedächtnis rief. Er hatte um Einzelhaft gebeten. Aber man hatte ihm bedeutet, daß die wenigen verfügbaren Einzelzellen auf Weisung von oben mit politischen Verbrechern belegt werden müßten. So war er in einem Gemeinschaftsraum zusammen mit vierzig Schwerverbrechern untergebracht. Hier stand Bett an Bett. Auch übereinander standen die Betten, und der einzige sonstige Gegenstand im Zimmer war ein großes Gefäß am Ende der einen Schmalwand, das zur Aufnahme nächtlicher Bedürfnisse bestimmt war. Was Heinz Reichenbach schon wenige Stunden nach seiner Aufnahme in dem gemeinsamen Arbeitssaal als wesentlich empfand, war das grauenhafte Gefühl, daß hier Mensch und Tier in dem gleichen Käfig untergebracht war. In der großen Tischlerei, der man ihn überwies, wurde er an einer Hobelbank zusammen mit zwei Zuchthäuslern beschäftigt, die ihn anzulernen hatten. Der eine war ein Tier, mit rotem Haar und roten Wimpern, niedriger Stirn, tiefliegenden, stechenden kleinen Augen, Sommersprossen, starken Backenknochen, spitzer Nase, wulstigen Lippen und abfallendem Kinn. Er war Mitte der Vierziger und saß seit seinem achtzehnten Jahre mit kurzen Unterbrechungen hinter Zuchthausmauern. Meist war er, wie auch jetzt, wegen Raubes und schwerer Körperverletzung verurteilt worden. Er saß im dritten Jahr und hatte noch sechs Monate abzubüßen. Er stand damit nach seinem Gefühl mit einem Bein schon wieder im Freien. So verlängerte er sich künstlich seine stets nur kurz bemessene Freiheit, die selten länger als drei Monate dauerte. Der andere war ein Lebenslänglicher, ein Fabrikarbeiter, im Alter von dreiundzwanzig Jahren, der den eigenen Vater nach eigener Angabe und mit Überlegung erschlagen hatte, zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt worden war. Der Vater, ein brutaler Säufer, der die Mutter schlug, die Tochter schändete, den Sohn, wenn er dazwischentrat, bedrohte, lag eines Morgens mit gespaltenem Schädel in seinem Bett. Der Sohn hatte ihn im Schlaf erschlagen. Da keinerlei Streit vorausgegangen, die Tat lange zuvor geplant war, lag Affekt nicht vor. Der Sohn war geständig, bereute nicht und verteidigte sich nur damit, daß er es habe tun müssen, um Mutter und Schwester zu retten. Er zeigte keinerlei Reue, fand seine Tat notwendig, natürlich und gut, und trug die Strafe nur deshalb schwer, weil er eine Braut hatte, die er nicht vergessen konnte. Sie erzählten ihm das alles gleich am ersten Abend. Der Rothaarige grinste zu der Geschichte des Fabrikarbeiters und meinte: »Schön dämlich!« Aber Heinz Reichenbach vergaß bei den Worten des jungen Arbeiters sein Schicksal, drückte ihm die Hand und sagte, als wenn er noch der freie Heinz Reichenbach mit den weitreichenden Beziehungen wäre: »Ich werde Ihnen helfen.« »Wat wirste?« fragte der Rote. »Dir hab'n se woll ins Jedächtnis jepiekt. Erzähl' uns lieber, weswejen se dir verknast haben.« »Ich bin in einen Bankdiebstahl verwickelt worden – ohne meine Schuld.« »Natürlich!« sagte der Rote grinsend. »Wir sind hier alle unschuldig. Schuld hat immer der verfluchte Alibi, mit dem et nie klappen tut. Dabei brauchen doch bloß zwee Mann für eenen grade stehn und schwören, daß se mit mir in die fragliche Nacht zusammen waren. Wie soll ick 'n denn zur selbigen Zeit det Meechen überfallen und beraubt haben? Det war eben en anderer. Wat kommt 'n et hinterher druff an, wenn 't doch nu mal jeschehen is?« »Sie sind ja ein entsetzlicher Mensch!« sagte Reichenbach. Der Rote trat nahe an ihn heran, schob sein Gesicht dicht an das von Reichenbach und versetzte ihm so unauffällig, daß keiner der Aufsichtsbeamten es sah, einen Schlag unter das Kinn. Reichenbach taumelte, ein Beamter sah es, sprang hinzu und fing ihn auf. »Was war?« fragte der Beamte – und der Rote erwiderte: »Der feine Herr muß sich erst an die Luft hier jewöhnen.« Reichenbach hatte sich wieder in der Gewalt, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und sagte: »Es geht schon vorüber – ein bißchen Schwäche.« Von dem Augenblick an war der Rote sein Freund, der ihn gegen jeden in Schutz nahm und ihm aufs Wort gehorchte. Aber darüber hinaus nahm er von Reichenbach auch Lehren an. Natürlich war der Brandenburger Klatsch schnell durch die Mauern des Zuchthauses gedrungen, und Reichenbach wurde von allen der Dollarprinz genannt. Es gab keinen, der nicht glaubte, daß er die geraubten Devisen im Werte von fünfhunderttausend Mark irgendwohin in Sicherheit gebracht hatte. Sie empfanden daher alle eine Art Hochachtung vor ihm und suchten seine Freundschaft. Da man ihn schon nach der ersten Nacht bewußtlos auf seinem Lager gefunden hatte, was nach Ansicht des Anstaltsarztes nicht nur als Reaktion auf die seelischen Erregungen der letzten Wochen zurückzuführen, sondern vor allem die Folge der ungewohnten Luft und Umgebung in dem Massenschlafraum war, so legte man ihn in eine freigewordene Zelle im ersten Stock. Da der Arzt sich gegen Einzelhaft ausgesprochen hatte, so brachte man auch den Fabrikarbeiter und den Roten dort unter. Losgelöst von jeder Verbindung mit der Außenwelt, im engen Raum angewiesen auf diese beiden Menschen, fühlte Reichenbach, daß er sehr bald den Verstand verlieren würde, wenn es ihm nicht gelang, irgendeinen Sinn in dies stumpfe Einerlei zu bringen. Das Geistige auszuschalten, war die erste Forderung. Aber auch dann noch war der Abstand zwischen ihm und diesen beiden Menschen, die untereinander wieder grundverschieden waren, zu groß, um irgendeine Gemeinsamkeit zu ermöglichen. Aber eine Brücke mußte von einem zum anderen geschlagen werden. Es war nicht nur der Trieb der Selbsterhaltung, der ihn vor diese Aufgabe stellte. Es lag ein Reiz für ihn darin, festzustellen, ob er trotz aller gegensätzlichen Einstellung zum Leben, die durch Geburt, Erziehung, Bildung, Veranlagung und Erfahrung bedingt war, doch noch etwas von alledem Unberührtes, rein Menschliches gab – und ob dies stark genug war, um, zum Klingen gebracht, eine Verständigung zu ermöglichen. »Dein Jeschäft hat sich wenigstens jelohnt,« sagte der Rote eines Abends zu Reichenbach, der es längst aufgegeben hatte, den Unschuldigen zu spielen. »Es hätte sich für dich gelohnt,« erwiderte Heinz, »ob für mich, ist fraglich, da ich einen guten Posten hatte und in ein paar Jahren das Geld auch auf redliche Weise hätte verdienen können. Jetzt habe ich nicht nur den Posten und meine gesellschaftliche Stellung verloren, sondern wahrscheinlich auch das Geld. Denn man wird mich beobachten und mir das Geld abjagen.« »Natürlich, wenn de so dumm bist und et selbst holst. Aber wenn de mir, wo ick sechs Monate früher rauskomme, sagst, wo du's hast – mir läuft keener nach – und mir dran verdienen läßt – denn so 'ne Masse Jeld will behütet sein – denn hast de was davon.« »Wenn ich es dir ließe, was würdest du damit anfangen?« »Ick würde mir zur Ruhe setzen.« »Ich glaube, du würdest dich langweilen.« »Langweilen? Nee, aber ick würde mir wahrscheinlich schon vormittags besaufen.« »Und in deiner Betrunkenheit würdest du jeden, der dir in den Weg kommt, am hellichten Tage anfallen.« »Möglich – 'ne Frau allemal!« »Dann kämst du aus dem Zuchthaus überhaupt nicht mehr heraus – hättest also nichts von dem Geld.« »Stimmt. – Mir kann keener helfen. – Nich mal mit Jeld.« »Wenn ich in sechs Monaten rauskäme!« sagte der junge Fabrikarbeiter. »Was würdest du tun?« fragte Heinz. »Ich wüßte gar nicht, zu wem ich zuerst ginge. Ich glaube, zu meiner Braut – es könnte aber auch sein, zu meiner Mutter. Na, die heulte sich ja die Augen aus – das tut sie auch jetzt – aber dann aus Freude. – So klein und so hutzlig stände sie da in ihrer Küche – und eine weiße Schürze hätte sie um – und einen Teller in der Hand – sie putzt den ganzen Tag – und den Teller ließe sie fallen, weil sie doch die Arme nach mir ausstrecken würde – und wenn sie so einen Stoß von Tellern in den Armen hielte – wenn ich käme – das käme ihr gar nich drauf an – so froh wäre sie – w–ä–r–e!« schrie er schluchzend und verbarg das Gesicht in den Händen. Dann sprang er auf, rannte mit dem Kopfe an die Wand und rief: »Lebenslänglich!« Heinz Reichenbach vergaß auch in diesem Augenblick wieder, daß er wie jener im Zuchthaus saß und gar keine Möglichkeit hatte, ihm zu helfen. Aber dadurch, daß er sich dieser beiden Menschen, die nichts mehr zu hoffen hatten, mit dieser Intensivität annahm, lenkte er seine Gedanken von sich selbst ab und ertrug ein Leben, das ihn vor Wochen noch, als er in Frohnau zwischen seinen Sammlungen saß, schlimmer und unerträglicher als ein qualvoller Tod erschienen wäre. Zu dem blonden Fabrikarbeiter mit dem offenen Blick und den zwei klugen blauen Augen, der verzweifelt litt, sagte er: »Du mußt etwas haben, worauf du dich freust.« »Ick möchte wissen, worauf einer wie wir sich freuen soll,« sagte der Rote, der gar nicht fühlte, daß er dem blonden Fabrikarbeiter viel ferner stand als dieser dem Zellengenossen Reichenbach. »N' Kassler und 'ne Pulle Schnaps – wenn mir die eener zehn Jahre lang garantiert, rühr' ick nischt mehr an.« »Und nach zehn Jahren?« »Häng' ick mir uff. Aber denn hat es sich doch jelohnt und man wees, wozu man da war.« Reichenbach, der nie mit Menschen zusammengekommen war, für die der Kampf um das tägliche Brot der eigentliche Sinn des Lebens war, schien erschüttert. Er verglich sein Leben mit dem dieses Mannes, dachte an seine Jugend, in der das Geld, so selbstverständlich wie die Luft, nie eine Rolle spielte, und berechnete, wie viele dieser Art Menschen er für die Dauer ihres Lebens vor dem Zuchthaus bewahren konnte, wenn er seine Sammlungen verkaufte und für derart wohltätige Zwecke verwandte. Und es erwachte in ihm ein wohltätiger Sinn. Er errechnete, daß allein der Wert der ihm bekannten Privatsammlungen in Deutschland ausreichte, um von den Zinsen den Hunger schulpflichtiger Kinder, deren Zahl schätzungsweise vier Millionen war, zu stillen. Er erwog, wie man es anstellen könnte, die Herzen der reichen Leute so zu rühren, daß die Freude, ein paar tausend elende, unfrohe Kinder gesund und froh zu machen, größer war als die Freude an kostbarem Besitz, dessen Herrlichkeit einem doch nicht ins Grab folgten, während der Dank einer kräftigen heranwachsenden Jugend weit über den Tod hinaus reichte. – So wurde aus Reichenbach, der die Menschen gemieden und die Einsamkeit geliebt hatte, ein Menschenfreund. Und er erkannte – nicht ohne Entsetzen, wie tief hinab zu den Menschen man steigen mußte, um auf die Tiefen der eigenen Seele zu gelangen. Er suchte jeden zu verstehen und sprach zu jedem in seiner Sprache. Die weitaus größte Zahl saß wegen Eigentumsdelikten. Sie waren zum großen Teil abgestumpft, empfindsame Naturen waren kaum darunter, so daß man ihnen gefühlsmäßig nicht beikommen konnte. Ihnen machte er eine Rechnung auf und bewies ihnen, daß bei ihren Diebstählen und Einbrüchen die Gewinnchance in keinerlei Verhältnis zum Risiko stand – zumal bei Vorbestraften, die sie ja fast alle waren – wo der Rückfall strafverschärfend wirkte. Das sahen sie ein, hatten es sich zum Teil schon selbst gesagt – aber was sollten sie tun, wenn sie keine Arbeit fanden und die Not sie trieb? »Im Anfang jede Arbeit annehmen, auch die härteste und schlecht bezahlte,« sagte er. »Besser als hier habt ihr es draußen allemal. Und dann mit der Zeit euch nach besserer Arbeit umsehen. Hier sitzt ihr drei und vier Jahre ab, als wenn es nichts wäre. Aber draußen, wenn ihr nicht gleich verdient wie ihr wollt, werft ihr die Arbeit hin. Die drei vier Jahre hier sind verloren für euch, und mehr als verloren, weil sie euch belasten. Arbeitet ihr aber draußen mal etwa vier Jahre lang hintereinander, ohne euch etwas zuschulden kommen zu lassen, dann seid ihr durch, dann habt ihr's geschafft – und das hier, was hinter euch liegt, ist vergessen.« Viele sahen es ein, andere wieder hatten endgültig mit dem bürgerlichen Leben abgeschlossen. Aber es bildete sich doch ein Kreis von Gefangenen um ihn, die sich an ihm aufrichteten und Hoffnung auf neues Leben aus seinen Worten schöpften. Nur der Fabrikarbeiter, der Lebenslängliche, wußte damit nichts anzufangen. Wenn man ihn damit aufzurichten suchte, daß man ihm bei guter Führung eine Begnadigung nach fünfzehn Jahren in Aussicht stellte, erwiderte er: »Nützt mir nichts. Dann ist meine Mutter tot und meine Braut alt und häßlich.« Und abends in der Zelle heulte er wie ein Kind – bald nach seiner Braut, bald nach seiner Mutter. »Hör uff!« sagte der Rote, aber Reichenbach erwiderte: »Laß ihn weinen! Es erleichtert ihn.« »Aber mir nich – mir jeht es uff die Nerven.« »Hast du keine Mutter?« »Laß det!« »Lebt sie noch?« »Halt's Maul!« »Sie ist also tot?« »Wat jeht dir det an?« »Hast du sie lieb gehabt?« Der Rote stand auf und ging an Reichenbachs Lager: »Ick hau dir . . .« Reichenbach faßte seine Faust, die eben auf ihn niedersausen wollte, und hielt sie fest. »Du denkst nicht gern an sie?« »Nee doch.« »Weil du ihr weh getan hast?« Der Rote nickte mit dem Kopf. »Sie war gut zu dir?« Der Rote nickte wieder und sagte: »Vater war immer besoffen und hat mir fechten geschickt, sojar det Nachts. – Und wenn ick nach Haus kam und brachte nischt, dann jab's Keile.« »Und was tat dann die Mutter?« »Die hat mir losjerissen und jesagt: »Hau den Jungen nich!, hau lieber mir! – Und denn hat se mir in ihr Bett jenommen und mir jestreichelt – det war – na, wie war et denn? – als wenn wat Samtnes über die Striemen fuhr.« »Und dann ist sie gestorben?« »Wär se man! wär se man!« rief der Rothaarige. »Der Vater starb zuerst?« »Der Hund!« »Wie meiner,« sagte der blonde Fabrikarbeiter. »Aber die Mutter?« fragte Reichenbach. »Det war 'ne Mutter! – damit kann sich deine janich vergleichen. Die hat nur jelebt for mir und die andern. Na, was die andern anjeht, det jing ja auch – wenn se och nich jrade in Butter sitzen – se leben. Aber ick – ick war nu mal for jut essen und trinken – det konnte die Mutter aber nich so ranschaffen – obschon se auf Aufwartung jing und janz jut verdient hat – aber et war zu ville for sie. Von sechs bis drei und denn von fünf bis einsen in een Café. Na, in die Zeit hab ick mir ausjebildet. Mutter hat zwar immer zum Guten jeredet und jesagt: »Komm zu mir, wenn de Jeld brauchst, eh du dir's auf die Art verschaffst.« Det hab ick och jetan, aber et reichte nie. Und als ick denn det erste Mal alle wurde – so jegen vier rum war et – Mutter und ick tranken grade Kaffee – da kloppt et uff eenmal – Polente! – Ick wollte türmen – aber Mutter sah mir an mit solche Augen – und als sie hörte: Raub, da schlug se hin – na und denn is se so recht woll nie wieder hochjekommen. Det erste Mal, als ick rauskam, da jing et ja – ick versprach ihr: nie wieder, und sie sajte: »Nu werde ick wieder jesund« – Aber beis zweete Mal, da half keen Arzt mehr. Ick war noch nich abjeurteilt, da . . .« Er stockte und senkte den Kopf. Heinz Reichende hielt seine Hand – die Faust war längst geöffnet – und ergänzte: »Da starb die arme Mutter und war erlöst.« Der Rote wankte in den Knien, stöhnte tief auf und sagte: »Wenn ick det heute noch ändern könnte.« »Um ein besserer Mensch zu werden, ist es nie zu spät.« »For mir schon! Denn heut saj ick mir, jut, daß se det alles nich mehr erlebt hat. Aber wenn ick so wär wie sie wollte, dann hätte ick Reue und würde mir sajen: warum nich damals? Aber ick will mir nich erinnern. Es rejt mir uff. – Wie kamen wir'n überhaupt dadruff? – Ach so, ick weeß, die blonde Rotzneese hat Schuld. Armer Emton! und det nennt sich jerecht: erschläjt den Ollen, een Aas wie meiner, weil er die Mutter bedroht und det eijne Mädel nich in Ruhe läßt – und kriejt statt die Rettungsmedaille lebenslänglich. Und ick bring die Mutter um. Und was for eene Mutter! und et kräht keen Hahn danach.« »Aber!« suchte Reichenbach ihn zu besänftigen. »Jawoll! – Ob ick se nu so mit die beeden Hände abwürje oder ihr det Herz pö a pö aus'm Leibe reiße – det is eens wies andre. Und for die ihren Tod, da rührt sich keen Staatsanwalt. – Da hätten se mir uffn Holzblock spannen sollen. Heut noch, wenn se det täten, würd ick sajen: jawoll, meine Herren, Sie haben recht, det jehört sich so!« Reichenbach lief es kalt über den Rücken. Auch der blonde Fabrikarbeiter hatte Tränen in den Augen. Aber er war doch gleich wieder mit sich beschäftigt: »Deine Reue kommt zu spät!« rief er. »Deine Mutter ist tot!« »Det is et. For mir jibt's nischt mehr.« »Aber meine Mutter lebt! – und sehnt sich nach mir! – und wird sterben wie deine, wenn ich nicht zu ihr komme.« Da richtete sich der Rote auf, zog die Schultern hoch, daß der Kopf ohne Hals am Rumpf zu sitzen schien, straffte den Körper, ballte die Faust und sagte: »Du wirst zu deine Mutter kommen!« Der Blonde richtete sich auf seinem Lager hoch, sah zu dem Roten, der furchtbar aussah, auf wie ein gläubiges Kind, und fragte bettelnd und zärtlich: »Wann?« »Morgen nacht!« erwiderte der – nahm ein Glas Wasser, das ihm Reichenbach reichte, und goß es hastig hinunter. 23. Frau Reichenbach hatte unter ihren und ihres Mannes Verwandten eine ganze Reihe von Leuten, die selbst einflußreiche Posten innehatten oder zum mindesten Beziehungen besaßen, die es ihnen ermöglichten, unter Umgehung eines langwierigen, wenig aussichtsreichen Instanzenweges die zuständigen Stellen für den Fall Reichenbach zu interessieren. Aber auch diese Stellen wußten bei aller Geneigtheit zu helfen, angesichts des rechtskräftigen Urteils keinen andern Weg, als den Verurteilten auf seinen geistigen Zustand hin untersuchen zu lassen und auf Grund des Ergebnisses dieser Untersuchung oder aber auf Grund neuer wesentlicher Tatsachen die Wiederaufnahme zu betreiben. Beide Wege erforderten nach Karl Moreners Ansicht viel zuviel Zeit. Als ihn Frau Reichenbach daraufhin fragte: »Wissen Sie Besseres?« erwiderte er: »Ja! Die Belohnung verdoppeln – oder, was vielleicht ein noch besserer Gedanke ist: man verspricht dem Täter, wenn er sich stellt, außer einem ersten Verteidiger hunderttausend Mark, zahlbar an dem Tage, an dem er seine Strafe verbüßt hat.« »Daraufhin werden sich vermutlich ein paar Dutzend Leute melden, die nichts zu verlieren haben – ob sich aber der Richtige darunter befinden wird, ist zweifelhaft.« »Der Staatsanwalt wird sich schon den geeignetsten heraussuchen.« »Wozu? – Er würde sich, nachdem er meinen Neffen angeblich überführt hat, damit nur selbst desavouieren. Ihr Gedanke ist gut, aber er kommt zu spät. Das hätte man gleich zu Beginn tun sollen.« Karl Morener sah das ein, meinte aber, daß man zu einem Ergebnis nur kommen werde, wenn man die allgemeine Erregung über den sensationellen Fall ausnutze. Im Augenblick sei jedermann an der Affäre interessiert und schon aus Sensationslust geneigt, in irgendeiner Form eine Rolle darin zu spielen. In ein paar Wochen aber werde man sich nur noch dunkel an den Prozeß erinnern, andere Vorgänge werden das Bild verwischt, das Interesse vermindert haben. Daher müsse man vor allem darauf bedacht sein, die jetzige Stimmung zu erhalten, aus der heraus am ehesten eine Klärung zu erwarten sei. Er selbst veranlaßte die Direktoren Urbach und Meßter, noch am selben Tage an den Anschlagsäulen und in den Tageszeitungen folgenden Aufruf zu veröffentlichen: 100 000 Mark Belohnung Der Prokurist unseres Bankhauses, Herr Heinz Reichenbach, ist wegen schweren Diebstahls von der Strafkammer des Landgerichts I zu einem Jahr Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust verurteilt worden. Wir, die wir Herrn Reichenbach seit seiner frühesten Jugend als einen der zuverlässigsten und ehrenhaftesten Männer kennen, wollen und können an seine Schuld nicht glauben, nehmen vielmehr an, daß er das Opfer einer Reihe unglücklicher, ihn scheinbar belastender Zufälle geworden ist. Die Reinheit des Namens Reichenbach, über hundertfünfzig Jahre lang der Stolz unseres Hauses, steht uns höher als der wirtschaftliche Vorteil. Wir setzen daher für die Nennung des Täters, gleichviel, ob sie die Wiederbeschaffung der gestohlenen Devisen zur Folge hat oder nicht, eine Belohnung von hunderttausend Mark aus. Es genügt die Nennung des Täters, sofern diese mit untrüglichen Beweisen von dessen Schuld belegt wird. Auch wird auf Wunsch die Geheimhaltung des Angebers zugesichert. Gebrüder Reichenbach \& Co. Gleich nach Erscheinen dieses Aufrufs fuhr in Schloß Reichenbach ein Auto vor, aus dem hastig ein junges Mädchen sprang. Es war niemand anders als Hanni Reichenbach. Frau Hedda hatte Tag und Nacht darüber nachgedacht, wie man dem unglücklichen Reichenbach helfen könne. Sie sagte sich immer wieder, daß es nur eine Möglichkeit gab – Karl Moreners Geständnis. Aber irgendeine Hemmung empfand sie bei dem Gedanken. Nicht aus Furcht, kompromittiert zu werden, wenn man forschte, zu welchem Zweck Karl die Summe benötigt hatte. Sie war in eine Situation geraten, in der jeder Schritt, sie zu entwirren, ein Vabanquespiel war. Eine Fortdauer dieser Spannung aber ertrugen ihre Nerven nicht. Wie einfach wäre jetzt alles, wenn sie Karl liebte. Sie würde vor die Richter treten und erklären: »Er hat es für mich getan.« Und dann würde sie ihnen erzählen, wie der alte Morener zwischen ihre Liebe getreten war und sie auseinandergerissen hatte. Wie er sie zwang, seine Frau zu werden, und drohte, andernfalls Karl aus der Bank zu jagen. Wie sie versucht hatten, gegen ihre Liebe anzukämpfen. Anfangs gelang es. Aber dann, als man den Alten geisteskrank in eine Anstalt brachte, ohne zu wissen, ob er je genesen und heimkehren werde, da in der großen Einsamkeit geschah es, daß die Liebe sich stärker als die Vernunft erwies. Und von der Liebe zur Sünde war nur ein Schritt. – Das alles würde sie, zündend und überzeugend, den Richtern erzählen. Und die würden es anhören wie einen Roman, fühlen und verstehen – und milde urteilen. Wenn – ja, wenn sie Karl lieben würde. Was sie an ihn fesselte, war weit von Liebe entfernt, war viel eher ein Opfer, das sie bringen mußte, weil ihre Leidenschaft sie hatte schwach werden lassen. Und wenn sie sich schließlich auch überwunden und es verstanden hatte, ihn fernzuhalten, so ließ sich doch nicht aus der Welt schaffen, was geschehen war. Sie war schuldig – nicht er. Gab sie sich aber Rechenschaft über ihre eigenen Gefühle, so führten sie die zu Heinz Reichenbach. – Zu alledem quälte sie ständig der Gedanke an Heinrich Morener, dessen Genesung sie jetzt sehnsüchtiger als je herbeisehnte. Denn sie war sich klar, daß nur ein offenes Geständnis sie aus diesem Labyrinth der Geschehnisse und Gefühle herausbringen konnte. Wem anders als ihm konnte sie sich erschließen? Ihm allein schuldete sie Rechenschaft. Gegen ihn hatte sie sich vergangen. Er war klüger als alle anderen. Er liebte sie und verstand, was jene aus Eigenliebe nur von sich aus beurteilen konnten. In dieser Bedrängnis erfaßte sie zum ersten Male Sehnsucht nach ihrem Mann, und sie erwog ernstlich, ob sie ihn aufsuchen und selbst gegen den Wunsch der Ärzte eine Unterredung mit ihm herbeiführen sollte. Egoist, wie alle Menschen, belog sie sich, was sie sonst nicht tat, und redete sich in die Vorstellung hinein, daß die Schwere und das Ungewöhnliche der Ereignisse ihren Mann, von dem man bisher ohne Erfolg jede Erregung ferngehalten hatte, wie ein gewaltiger Schlag treffen, aus seinen krankhaften Vorstellungen reißen und in die Welt der Tatsachen zurückführen werde. Dieser Gedanke vertiefte sich in ihr um so mehr, je deutlicher ihr die Aussichtslosigkeit vor Augen trat, eine Lösung zu finden. Der Diener brachte ihr einen Brief und meldete zugleich den Besuch Fräulein Reichenbachs. Frau Hedda hatte gerade noch Zeit, den Brief zu überfliegen, als Hanni ins Zimmer trat. »Ich bin froh, daß Sie mich empfangen,« sagte Hanni. Frau Hedda schob den Brief in die Tasche, die neben ihr auf dem Tische lag. »Sie haben viel durchzumachen – mehr noch als wir – obgleich Heinz Reichenbach unser Verwandter ist – und unsern Namen trägt.« »Auch den der Bank meines Mannes,« ergänzte Frau Hedda, die sich jetzt wieder in der Gewalt hatte. »Aber, um mir Ihr Beileid auszudrücken, haben Sie sich vermutlich nicht den weiten Weg zu mir gemacht. Dazu war genügend Gelegenheit in ruhigeren Zeiten.« »Vor der Katastrophe meinen Sie?« »Ich weiß nicht, was Sie die Katastrophe nennen.« »Die Verurteilung meines Vetters. – Oder ist sie das in Ihren Augen etwa nicht?« »Ich fand, was vorherging, genau so furchtbar. Die erste Verhaftung damals hat mich stärker berührt als die Verurteilung jetzt.« »Es war der erste Schreck.« »Es wirkte auf mich, als wenn jemand plötzlich mit einer Axt auf einen meiner gesundesten Bäume einhaut.« »Auf einen Ihrer Bäume,« wiederholte Hanni und sah Frau Hedda erstaunt an. »Ja! Der erste Hieb hat mich erschüttert. Daß der Baum schließlich fiel, als Axthieb auf Axthieb folgte, sah ich voraus.« »Und weshalb – wenn es einer Ihrer Bäume war – haben Sie geduldet, daß man immer weiter auf ihn einhieb?« Frau Hedda sah erschrocken zu Hanni auf, die, ohne zu sprechen, nur durch den Ausdruck ihres Blickes die Frage wiederholte. Frau Hedda bewegte leicht den Kopf, holte tief Atem und sagte mit einem schmerzhaften Lächeln um den Mund: »Die Frage ist leicht gestellt – aber schwer beantwortet.« »Vor Gericht vielleicht. Da wird man Sie schwer verstehen – aber ich glaube, sie gefunden zu haben – die tiefen, inneren Zusammenhänge.« »Und wenn Ihnen das wirklich gelungen wäre,« erwiderte Frau Hedda völlig beherrscht – »wissen Sie denn auch eine Lösung? – Wenn es damit getan wäre, daß man die Zusammenhänge aufdeckt – ich hätte es längst getan – auch auf die Gefahr hin, unter den Trümmern begraben zu werden.« »Sie geben zu . . .« »Ich suche diese Aussprache – wenn vielleicht auch nicht gerade mit Ihnen.« »Vertrauen Sie sich mir an! – vorausgesetzt, daß Sie das gleiche wollen wie ich.« »Mit dieser Einschränkung fällt es mir schwer. – Ich müßte doch zum mindesten wissen, was Sie wollen.« »Das Rechte.« »Das glauben wir alle – aber wir halten immer das für das Rechte, was wir uns wünschen.« »Ich wünsche für mich nichts mehr.« »Was hat Sie derart enttäuscht, daß Sie so sprechen?« »Sie!« »Ich – habe – Sie – enttäuscht? – Ja, was gab Ihnen Anlaß, an mich zu glauben?« »Daß mein Vetter Sie liebte.« Frau Hedda sprang auf und fragte: »Tut er das?« »Wissen Sie das nicht? – Muß ich Ihnen das erst sagen? – Aber Sie! Sie lieben ihn nicht.« »Was gibt Ihnen ein Recht, so zu mir zu sprechen?« »Nichts – was Sie anerkennen werden. Und ich weiß, was ich tue, ist ungewöhnlich. Aber ist nicht alles ungewöhnlich, was hier geschieht, seitdem wir von hier fort mußten?« »Sie verzeihen – ich vergaß – ich sollte Sie mit mehr Rücksicht behandeln.« »Ich will keine Schonung, nur Offenheit! – Ich weiß, Sie sind formell im Recht. Sie können sich meine Sprache verbitten, können mir die Tür weisen . . .« »Sie haben hier soviel Rechte wie ich – mehr vielleicht. Denn, wenn Heinrich Morener jetzt vor uns träte und erführe, was sich ereignet hat – wer weiß, ob er dann nicht mir die Tür weisen würde.« »Er ist aber nicht da. – Und wenn er käme – ich würde es ihm nicht sagen.« »Aber ich! – Nicht, weil auch ich von Ihnen keine Schonung fordere, sondern weil ich Klarheit brauche.« »Das ist auch der Grund, aus dem ich zu Ihnen komme. – Glauben Sie mir: ich habe Heinz geliebt. – Ich liebe ihn nicht mehr. Aber er ist unschuldig und trägt unsern Namen. Ist das nicht Grund genug, um Sie zu bitten, ihn zu retten?« »Und – weshalb – lieben Sie ihn nicht mehr?« »Ich weiß es selbst nicht. Aber ich glaube, weil er mich enttäuscht hat.« »Ihre Liebe, meinen Sie, hat er enttäuscht?« »Sie haben recht! Nicht mich, sondern meine Liebe. Ich habe, solange ich denken kann, geglaubt, daß er mich liebt. Wenn Sie mich heute fragen, mit welchem Recht ich das glaubte, so weiß ich keine Antwort. Es mußte so sein, dachte ich – und so kam es wohl, daß ich mir schließlich einredete, auch ihn zu lieben. Es war wie etwas Selbstverständliches. Da wir von frühester Jugend an zusammen waren und es immer hieß: »Der Heinz und die Hanni«, was konnte es, da er nicht mein Bruder war, denn anders sein als Liebe – dachte ich – obschon ich noch gar nicht recht wußte, was Liebe ist.« »Und seit wann – wissen Sie es?« Hanni errötete und erwiderte: »Es ist sehr dumm, was ich jetzt sage – aber es ist doch so: als ich entdeckte, daß Heinz Sie liebt . . .« »Wie kommen Sie bloß darauf?« »Die Kuanyin hat es mir verraten.« Frau Hedda zuckte zusammen, und Hanni fuhr fort: »Und wenn Mamas Leben, die ihm doch eine zweite Mutter war, davon abgehangen hätte – er hätte die Göttin nicht geopfert.« »Sie sprachen davon,« sagte Hedda, um abzulenken, »daß Sie zu entdecken glaubten, sich in Heinz getäuscht zu haben.« »Richtig! – Also da habe ich zum ersten Male darüber nachgedacht, was mich eigentlich die ganzen Jahre über zu dem Glauben berechtigte, daß wir ineinander verliebt seien.« »Und das Ergebnis?« »Eine furchtbare Entdeckung!« »Daß Sie sich geirrt haben – nicht nur in bezug auf ihn.« Hanni nickte und Frau Hedda fuhr fort: »Sondern auch was Ihre Person betraf.« »Auch das ist richtig – aber es ist nicht alles.« »Was denn noch?« »Da Sie es wissen müssen, um mich zu verstehen – sonst wäre ich nicht hier – sondern hätte selbst gehandelt.« »Sie spannen mich auf die Folter.« »Ich weiß alles.« »Sie geben mir Rätsel auf.« »Retten Sie Karl Morener!« Frau Hedda wankte ein paar Schritte zurück und suchte Halt an einem der Sessel. »Fliehen Sie mit ihm!« drängte Hanni. Frau Hedda zog den Brief aus ihrem Täschchen, reichte ihn Hanni und sagte: »Lesen Sie. Ich erhielt ihn unmittelbar bevor Sie kamen.« Hanni entfaltete den Brief und las: »Liebe Hedda, so günstig die Nachrichten über das Befinden deines Mannes aus Schönegg lauten, – wir können seine Genesung nicht abwarten, da die Ereignisse sich hier auf das Äußerste zugespitzt haben. Ich habe infolgedessen alles zu unserer Reise vorbereitet, die im Interesse Heinz Reichenbachs deutlich den Charakter einer Flucht haben muß. Mein Freund Dr. H., der Besitzer der Flug-Union A. G. stellt mir ein Flugzeug zur Verfügung. Er sieht darin kein Entgegenkommen, sondern hofft im Gegenteil auf eine große Propaganda für den Fall, daß der Flug gelingt. Du weißt, ich bin ein erprobter Flieger, du kannst dich also getrost meiner Steuerung anvertrauen. Im übrigen: selbst wenn uns etwas zustößt – und das kann nur der Tod sein – würde es im Vergleich zu dem Leben, das uns hier erwartet, eine Erlösung sein. Aber wir wollen den Kopf nicht hängen lassen und damit rechnen, daß alles so glückt, wie wir es uns wünschen. Unsere Fahrt wird als Flucht – und daher von denen, die mit Recht und Eifer Heinz Reichenbachs Rehabilitation betreiben, als Geständnis betrachtet und verwertet werden. Das Land, in dem wir versuchen werden, ein neues Leben zu beginnen, liefert wegen dieses Deliktes nicht aus. Das Bewußtsein, auf diese Weise einem zweifellos Unschuldigen und wertvollen Menschen zu helfen, wird mir die Last, als Verbrecher zu gelten, erträglich machen. Leicht wird das Leben nicht sein, das uns erwartet, denn es gelang mir nicht, wie ich hoffte und dir wohl auch andeutete, die Mittel aufzubringen, die uns für die erste Zeit wenigstens vor Sorgen geschützt hätten. Ich bin mir aber meiner Pflicht dir gegenüber bewußt und werde daher alles tun, um auch dir dies Opfer erträglich zu machen. Karl.« Hanni war erschüttert. Sie stand wie tot da und wagte nicht, aufzusehen. »Woher wußten Sie, daß wir die Absicht hatten?« fragte Frau Hedda. Hanni schüttelte den Kopf und sagte tonlos: »Ich wußte nichts.« – Und nach einer Weile fuhr sie fort: »Aber nun, wo ich es weiß« – sie ließ die Hand, in dem sie den Brief hielt, sinken und sah Frau Hedda traurig an. »Was soll ich tun?« fragte Hedda. »Das fragen Sie mich? – Ich sagte es Ihnen ja – und dann: es steht ja auch in dem Brief . . .« – Sie stutzte plötzlich, las den Brief noch einmal und sagte – in einem Ton, der nicht ganz so hoffnungslos klang: »allerdings – von Liebe steht nichts darin.« »Das ist es ja!« erwiderte Frau Hedda. »Mir sagt mein Gewissen – oder wie sonst Sie es nennen wollen, daß ich nach allem, was vorgefallen war, hier nicht bleiben kann. Karl, der glaubte, ohne mich nicht leben zu können, beschwor mich, mit ihm zu fliehen, lange vor diesem Bankraub – ich gab ihm mein Wort. Geliebt habe ich ihn nie.« Hanni sah zu ihr auf. Am liebsten hätte sie gebeten: »Sagen Sie das noch einmal!« – Aber sie beherrschte sich – und Frau Hedda fuhr fort: »Ich hielt mich an mein Wort gebunden – bis eben, kurz bevor Sie eintrafen, dieser Brief kam – in dem, was auch Sie herauslesen, deutlich steht, daß er mich nicht mehr liebt – sondern nur aus Pflicht handelt.« »Und was werden Sie tun?« »Ich weiß es nicht.« »Er muß fort!« drängte Hanni. – »Wenn nicht mit Ihnen, dann mit . . .« sie sprach es nicht aus, aber Frau Hedda rief erschrocken: »Hanni! Sie? – Ja, – wie – ist das möglich?« Hanni senkte den Kopf und sagte: »Ich weiß es selber nicht.« »Und seit wann – lieben Sie ihn?« Hanni zog die Schultern hoch und erwiderte: »Auch das – weiß – ich nicht: Jedenfalls seit einer Stunde ist es mir klar.« »Seit einer Stunde? – Ja, wo waren Sie, bevor Sie zu mir kamen?« »Bei Gebrüder Reichenbach.« »In der Bank – wen haben Sie da aufgesucht?« »Ihn.« »Um was zu tun?« »Ich habe ihm einen Brief gegeben.« »Den Sie geschrieben hatten?« »Ja!« »An ihn?« »An die Bank.« »Und was steht in diesem Brief?« »Sein Todesurteil.« »Kind, Sie sind verwirrt.« »Ich wünschte, ich wäre es – und alles wäre nur ein Traum!« »Ich will ja nicht in Sie dringen – aber, was immer Sie ihm mitzuteilen hatten, konnten Sie ihm doch auch mündlich sagen.« »Das nicht.« »Sie haben ihm ihre Liebe gestanden?« »Ich sagte ja schon, daß ich das erst wußte, als es zu spät war.« »Zu spät?« »Ich hatte ihm den Brief gegeben, war schon aus der Bank heraus, saß wieder im Auto – da kam ich zur Besinnung und lief zurück. Er saß – kreidebleich – den Brief in der Hand – er hatte ihn gelesen. – Ich forderte den Brief zurück. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Nein!« – »Es ist mein Brief!« rief ich. – Er erwiderte: »Nun nicht mehr!« – stand auf und reichte mir die Hand. – Ich weinte, bettelte – ich versuchte, ihm den Brief zu entreißen – er blieb fest, schüttelte den Kopf und sagte: »Nein!« – Ich ergriff seine Hände, küßte sie und lief schluchzend hinaus – stürzte mich in ein Auto – die Fahrt hierher beruhigte mich ein wenig – ich wußte, wenn ihn einer retten kann, sind Sie es!« Frau Hedda hatte sie mit weitgeöffneten Augen angehört. Als Hanni geendet hatte, sagte sie – und es klang verächtlich: »Jetzt beginne ich, zu begreifen.« »Ich weiß nicht, ob ich es Heinz wegen tat – aber an ihn dachte ich kaum – ich hatte das Gefühl, daß von Karl aus etwas geschehen müßte.« Frau Hedda trat an Hanni heran, legte ihren Arm um sie und sagte zärtlich: »Sie taten es, weil Sie ihn lieben. Aber es wird Menschen geben, die es anders deuten.« »Lassen Sie die Leute! Die mögen denken, was sie wollen. Aber was wird aus ihm?« »Sie glauben, er wird den Brief weitergeben?« »Ganz bestimmt. Er ist an die Direktion der Bank, zu Händen des Herrn Karl Morener.« »Und was steht in dem Brief?« »Ich kann ihn Wort für Wort hersagen. Hören Sie: ›Ihr Aufruf veranlaßt mich, Ihnen den Täter zu nennen, der in der Nacht vom achten zum neunten März den Geldschrank Ihrer Bank um Devisen im Werte von fünfhunderttausend Mark beraubt hat. Es ist Ihr Prokurist Karl Morener. Er hatte diese Summe verspekuliert und mußte die Schuld decken. Seine Versuche, Geld aufzutreiben, blieben ohne Erfolg. Da er wußte, daß der Verdacht auf Heinz Reichenbach fallen mußte, hat er seine Tante veranlaßt, Reichenbach für diesen Abend zu sich zu bitten. Heinz Reichenbach ist ahnungslos in die Falle gegangen. Er ist der Einladung gefolgt. Die Dame verstand es, Reichenbach, der nachweisbar nie eine Nacht außerhalb des Hauses verbrachte, bis gegen Morgen bei sich festzuhalten. In dem Vertrauen, daß Reichenbach ein Gentleman ist und die Frau nicht kompromittieren würde, hat er sich nicht getäuscht. Reichenbach hat geschwiegen und ist an Stelle Karl Moreners verurteilt worden. Die Unterzeichnete verzichtet auf die Belohnung und hofft, daß diese Zeilen, die der Empfänger nicht weiterzugeben braucht, genügen werden, um ihn zu veranlassen, für seine Tat einzustehen und einen Unschuldigen nicht länger leiden zu lassen. Hanni Reichenbach.‹« »Eine Erklärung!« rief Frau Hedda. »Was Sie da getan haben, ist ja doch völlig unbegreiflich – zumal Sie vorgeben, Karl zu lieben. Selbst ich, die ihn nicht liebt, hätte das nie übers Herz gebracht.« »Ich könnte ertragen, daß ein Mann, den ich liebe, einen Mord begeht – ich würde ihn verurteilen, aber weiter lieben. Aber daß ein Mann, den man liebt, sich hinter einen Unschuldigen versteckt, ihn ins Zuchthaus hetzt und selbst frei herumläuft – ich schäme mich vor mir selbst, daß ich imstande bin, für solchen Menschen überhaupt – etwas zu fühlen.« »Also um sich Ihres Gefühls nicht schämen zu müssen, haben Sie es getan! Ans krassem Egoismus demnach.« »Ich gebe es zu.« »Sehen Sie an, wie klein! – Und woher wissen Sie, daß Karl verspekuliert hat?« »Von jemandem, bei dem er sich das Geld leihen wollte und der es ihm abschlug.« »Man hat es Ihnen geschrieben?« »Der Mann war selbst bei mir – weil es ihm keine Ruhe ließ, daß er etwas wußte, was einem Unschuldigen zur Freiheit verhelfen konnte.« »Und Sie hielt er für die gegebene Instanz?« »Er hoffte, daß es auf die Art möglich wäre, den Fall zu klären, ohne Karl zu opfern.« »Dann verstehe ich, daß er zu Ihnen kam, statt den Staatsanwalt zu benachrichtigen – denn er konnte nicht ahnen, daß Sie die Geschäfte des Staatsanwalts besorgen.« »Sie quälen mich, statt ihm zu helfen.« »Ich wüßte wirklich nicht, wie das geschehen soll.« »Er darf den Brief nicht weitergeben.« »Wie ich Karl Morener kenne,« – sie unterbrach ihre Rede und fragte unvermittelt: »Erwidert Karl Ihre Liebe?« Hanni sah zu Boden und sagte: »Ich weiß es nicht. Aber ich glaube.« »Dann hat er den Brief auch weitergegeben.« »Schrecklich!« rief Hanni. »Aber hätten Sie denn anders gehandelt, wenn Sie gewußt hätten, daß Karl . . .« »Liebes Kind!« fiel ihr Frau Hedda ins Wort. »Ich wußte es bereits am Tage der Hauptverhandlung kurz vor der Verurteilung der Angeklagten.« »Sie haben es geahnt.« »Gewußt! und zwar durch sein eigenes Geständnis – aber ich habe geschwiegen, obgleich ich – und nun erschrecken Sie nicht! – Ihren Vetter liebe!« Hanni war von diesem Geständnis nicht so überrascht wie Frau Hedda erwartet hatte. »Ja,« sagte sie, »man erträgt auch eher, daß ein Mann, den man liebt, unschuldig leidet, als daß er zusieht, wie ein anderer für seine Taten abgeurteilt wird.« »Das hört sich gut an, liebes Fräulein Hanni,« erwiderte Frau Hedda. »Aber für Menschen, die sich lieben, gibt es keine Gesetze über das, was erlaubt und was verboten ist.« In diesem Augenblick erschien der Diener und meldete: »Herr Karl Morener.« Die beiden sahen sich an. Ehe Frau Hedda dem Diener eine Antwort gab, stand Karl bereits im Zimmer. Er verbeugte sich und sagte zu Hanni: »Ich habe mir gedacht, daß ich Sie hier treffe.« »Wie konntest du das annehmen?« fragte Frau Hedda. »Wenn die Not am größten ist, flüchten wir alle zu dir.« »Die ich das meiste selbst verschuldet habe.« »Am Ende behauptest du jetzt noch, daß du den Diebstahl begangen hast.« »Habe ich ihn vielleicht nicht veranlaßt?« Karl sah Frau Hedda an. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Manchmal, Hedda, weiß ich nicht, ob du ehrlich bist.« »Hat Frau Hedda nicht recht? Haben Sie es nicht für sie getan?« Karl trat auf Hanni zu, nahm ihren Kopf zwischen seine Hände – was sie sich ruhig gefallen ließ – küßte sie auf die Stirn und sagte: »Ich bin Ihnen nicht böse, Hanni.« »Sie haben den Brief zerrissen?« Karl schüttelte den Kopf. »Was haben Sie damit getan?« »Eine Dummheit. – Aber wenn ich ihn unterschlagen hätte – was hätten Sie von mir gedacht?« »Meinetwegen haben Sie ihn weitergegeben?« »Ja.« »An die Direktion? – Bitte, liebe Frau Hedda,« drängte Hanni, »telefonieren Sie an Doktor Urbach! Sagen Sie ihm, ich hätte mich geirrt, ich nähme alles zurück – er soll den Brief zerreißen – oder ich tue mir was an.« Frau Hedda stürzte an den Apparat. Karl folgte ihr und nahm ihr den Hörer aus der Hand. »Es kommen täglich Hunderte von Briefen,« sagte er. »Es lag also die Gefahr nahe, daß Hannis Brief bei der Direktion – nicht ganz unabsichtlich – verlorenging.« »Um so besser,« erwiderte Hanni. »O nein!« widersprach Karl. »Denn einem Menschen, den man eines gemeinen Diebstahls für fähig hält, dem traut man wohl auch zu, daß er einen Brief verschwinden läßt.« »Sie haben es doch aus Liebe getan!« erwiderte Hanni. »Ich schwöre, daß ich mit diesem Diebstahl nichts zu tun habe.« »Sie liebten Frau Hedda damals. Das entschuldigt alles!« Karl sah erstaunt erst Hanni, dann Frau Hedda an. »Damals, sagten Sie?« »Ja, Karl!« mischte sich jetzt Frau Hedda in das Gespräch. »Seien wir doch endlich ehrlich gegen uns selbst. Wir alle haben uns geändert. Die Ereignisse haben das bewirkt. Wir Menschen von heut kennen uns ja selbst nicht mehr und sind uns nicht einmal klar über unsere eigenen Gefühle. Wenn dann aber ein Ereignis hereinbricht wie dies – demgegenüber alle Verstellungskunst ein Ende hat – dann bricht die wahre Natur in uns durch – und man erschrickt über sich selbst. Dann erkennt man, wie wenig von dem, was wir mit Rücksicht auf die Umwelt geglaubt und getan haben, wahr und ehrlich war.« Hedda erschrak, waren das dem Sinne nach nicht dieselben Worte, die Heinz Reichenbach damals bei ihrem ersten Zusammensein im Schloß gesprochen hatte? »Das mag wahr sein oder nicht,« rief Hanni erregt. »Aber für kluge Reden ist jetzt nicht die Zeit.« – Dann wandte sie sich an Morener und sagte: »Sagen Sie uns endlich, Karl, was haben Sie mit dem Briefe getan?« »Ihn frankiert und eingeschrieben an die Stelle weiter geleitet, für die er bestimmt war.« »Doch nicht etwa an die . . .« fragte Hanni entsetzt – und Karl fuhr fort: »An den Herrn Ersten Staatsanwalt beim Landgericht I.« »Das ist nicht wahr! Alles, was in dem Briefe steht, ist von mir erfunden! – Ich habe gelogen! – Ich widerrufe!« schrie Hanni, die in ihrer Verzweiflung völlig die Fassung verlor. »Was richtet die Liebe für Dummheit an!« sagte Frau Hedda, nahm Hanni in ihre Arme und suchte sie zu beruhigen. Dann wandte sie sich an Karl Morener und fragte: »Wann wird der Staatsanwalt im Besitz des Briefes sein?« »Morgen mittag vermutlich.« »Und wann glaubst du, werden wir unsere Fahrt antreten?« Karl sah verdutzt erst Hanni, dann Frau Hedda an. Die beruhigte ihn und sagte: »Fräulein Reichenbach wird uns nicht verraten.« – Dann wandte sie sich wieder an Karl und fragte: »Also wann?« »Um vier Uhr früh.« »Heute nacht?« »Ja!« Frau Hedda nahm Karl bei der Hand und führte ihn zu Hanni. »Nimm Abschied von ihr,« sagte sie. »Und verzeih ihr – denn sie hat dich sehr lieb.« Hanni schluchzte laut auf, als Karl sie an sich drückte. »Nimm mich mit!« bettelte sie. Karl stutzte und sah Frau Hedda an. »Nimm mich mit!« wiederholte Hanni und klammerte sich fest an Karl. »Das Flugzeug hat nur Platz für zwei,« erwiderte er. Da ließ sie Karl los, schritt langsam auf Frau Hedda zu, nahm ihre Hand, sah sie groß an und sagte: »Bitte!« Frau Hedda dachte in diesem Augenblick an Heinrich Morener. Sie überlegte nicht lange. Dann drückte sie Hanni an sich und küßte sie, wandte sich an Karl und sagte: »Nimm sie! – Behüte sie gut!« Jauchzend stürzten zwei glückliche Menschen aus dem Zimmer. Frau Hedda aber blieb allein zurück. 24. »Schmetterling« war nicht nur die Bezeichnung für die Kaschemme in der Colonnenstraße – auch ein geselliger Verein im Norden Berlins hieß so, dessen Mitglieder sich ausschließlich aus Leuten zusammensetzten, die auf eine ständige Adresse ebensowenig Wert legten wie auf den Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte. Es gab fünf solcher Vereine in den verschiedenen Gegenden Großberlins, die im Ring zusammengeschlossen waren und gute Kameradschaft untereinander hielten. Sie feierten ihre Stiftungsfeste und feierten auch sonst gern, wenn sich ihnen die Gelegenheit dazu bot. Sie erschienen auf ihren Festen und zu den Beerdigungen ihrer Mitglieder stets in corpore, mit Vereinsbanner, im Smoking, hohem Hut und weißen Handschuhen. Sie hielten innerhalb ihrer Mitgliedschaft streng auf Ordnung, die so weit ging, daß jenes, in der bürgerlichen Gesellschaft längst legitimierte Gesellschaftsspiel »changez les femmes« bei ihnen als grober Verstoß gegen die guten Sitten galt und mit Ausschluß ans dem Verein geahndet wurde. Dabei waren diese Damen zu weit über neunzig Prozent eingeschriebene Prostituierte, deren Ehrbegriffe es wiederum nicht zuließen, daß ihre Freunde und Beschützer von eigener Arbeit lebten. Sie sahen ihren Ehrgeiz vielmehr darin, daß ihr Freund Lackschuhe und seidene Hemden trug und trotz der Tätowierungen, die aber nicht wie ehedem mehr in Ansehen standen, manikürte Fingernägel hatte. Obgleich sich von den Festen und Sitzungen niemals ein Mitglied ausschloß, fehlten doch regelmäßig etwa fünfzig Prozent. Die waren »verreist«, und der Verein sandte ihnen dann Liebesgaben in ihr nicht ganz freiwilliges Retiro hinter vergitterten Türen und bemühte sich auch sonst, Wünsche seiner Mitglieder, die aus der Verdammnis kamen, nach Möglichkeit zu erfüllen. Der Präsident des »Schmetterling« also hatte im Lokal in der Beußelstraße zu einer außerordentlichen Sitzung geladen. Die Tagesordnung umfaßte nur zwei Punkte: »Aufnahme neuer Mitglieder« war der eine, »Geheimdienst« der zweite Punkt. Die Aufnahme des neuen Mitglieds, das sich durch eine Reihe von Vorstrafen, die geprüft und für schwer genug befunden wurden, qualifizierte, erfolgte einstimmig. Das neue Mitglied verschwand zum Erstaunen der Vereinsbrüder für längere Zeit, kehrte dann aber mit je einem großen silbernen Leuchter im Arm zurück und erklärte mit strahlenden Augen: »Als Dank für meine Aufnahme erlaube ich mir, dem Sportverein ›Schmetterling‹ diese beiden Leuchter zum Geschenk zu überreichen.« Der Präsident dankte in bewegten Worten und ließ das neue »Mitglied, das so schnell Verständnis für den sportlichen Geist des Vereins bewiesen habe«, hoch leben. Er hielt es aber doch für richtig, den Stifter gleich darauf beiseite zu nehmen und ihn zu fragen, von wo er die kostbaren Leuchter »bezogen« habe. Strahlend erwiderte das Mitglied: »Aus der Wohnung im zweiten Stock. Erst hab ich's – im ersten versucht. Aber da war ein amerikanisches Sicherheitsschloß – und ich wollte mit Rücksicht auf den Verein kein Aufsehen machen.« Diese Vorsicht lobte der Präsident. Aber er fügte hinzu: »Ich sehe es nicht gern, daß Mitglieder in dem Haus, in dem wir gerade tagen, arbeiten« – und er hielt es, um dem Verein den Besitz des kostbaren Geschenkes zu sichern, für geboten, das Lokal zu wechseln und Punkt zwei der Tagesordnung in einem benachbarten Lokal zu beraten. Der Wirt, gerührt über soviel Rücksicht, von der er annahm, daß sie seiner Person galt, gab sämtlichen Mitgliedern einen Doornkat mit auf den Weg. Zu Punkt zwei der Tagesordnung: »Geheimdienst« wurden nur der Vorstand nebst Beisitzern hinzugezogen. Es handelte sich um einen Kassiber aus dem Brandenburger Zuchthaus, das der rote Franz auf irgendeinem Wege, vermutlich durch einen strafentlassenen Kollegen, in die Außenwelt hatte gelangen lassen. Fahrräder oder ein Auto wurden für eine bestimmte Nachtzeit nach einem bestimmten Ort erbeten. »Etwas spät,« meinte der Präsident. Aber auf Anfrage unter den Mitgliedern meldeten sich so viele, daß der Bitte sofort weitgehendst entsprochen werden konnte. Wie der rote Franz es angestellt hatte, mit seinen beiden Zellengenossen ins Freie zu gelangen, bleibt sein Geheimnis und soll im Interesse einer arg bedrängten Zunft hier nicht verraten werden. Jedenfalls standen um die angegebene Zeit im Walde, etwa einen halben Kilometer von Brandenburg entfernt, ein Automobil und mehrere Räder mit der notwendigen Begleitmannschaft. Horchposten in der Richtung Brandenburg wurden ausgestellt – aber es dauerte gar nicht lange, da krochen durch eine kleine Tannenlichtung ein paar Leute heran, deren erster den roten Kopf aus dem Grünen hob und halblaut: »Schmetterling« sagte. Es war der rote Franz, in dessen Begleitung sich der große Blonde und Heinz Reichenbach befanden. Alle drei trugen Zuchthauskleider. Der Rote wollte vorstellen und eine lange Begrüßungsrede halten – aber der Führer der Kolonne fiel ihm ins Wort und sagte: »quatschen kannst de nachher! Erst mal weg von hier!« Der Blonde nannte die Adresse seiner Mutter im Osten Berlins. Aber der Rote sagte: – und er wies auf Reichenbach: »Der da will in die entjejenjesetzte Richtung.« Ein paar Augenblicke später sauste das Auto mit dem umgekleideten Blonden und einem Begleiter nach Berlin, während Heinz Reichenbach ein Rad bestieg und in der Richtung Brandenburg davonfuhr. »So! und nu schick die andern wej!« sagte der Rote zu dem Führer der kleinen Kolonne, die völlig harmlos aussah und den Eindruck eines Radfahrervereins machte, der von einem Ausflug heimkehrte. Sogar ein paar Radlerinnen hatten sie der Täuschung wegen mitgenommen. »Was hast du vor?« fragte der Führer, als die anderen fort waren und der Rote schnell einen Fahrraddreß übergezogen und die Zuchthauskleidung in ein kleines Paket gewickelt hatte. »Da hinterher!« flüsterte der Rote dem Führer zu und wies in die Richtung, in der Reichenbach eben davonradelte. – Unterwegs aber erzählte er kurz folgendes: »Uff mein Zimmer liegt een Millionär.« Er hob die Hand, ballte sie und sagte: »So eener! Een Jahr Zuchthaus for jemauste Devisen von fünfhunderttausend Mark. Dafor sitz ick dreißig Jahre ab, ohne mit de Wimper zu lispeln.« »Wo hat er das Geld?« »Siehst de, det hab ick mir och jefragt.« »Ihn hättest de fragen sollen.« »Er hätt's mir vielleicht jesajt, was? Ne, so helle bin ick och. Aber da sitzt noch eener – der lange Blonde, 'n Dussel! Der flennt die janze Nacht – mal nach Muttern, mal nach seine Jeliebte. – Na, saj ick! wenn de die noch mal sehn willst – er is man nur lebenslänglich – denn man zu – ick bring dir hin. Na, det warn Theater! Also ick arrangier die Landpartie. Aber, sag ick zu den Milljonähr, was so weit 'n janz feiner Mann is, wenn der uff Tour jeht, jeh ick och. – ›Jeh man,‹ sagt er. ›Nee,‹ sag ick, ›nich ohne dir. Daß de hier 'n Kotzigen machst und wenn nachts de Wache kommt und det Nest leer sind, uns verpfeifst. Nich zu machen,‹ sag ick und piek so an von wejen, ob er nich och irjend wo ne Jeliebte hat. Wat soll ick dir sajen – links rin, Anton, da labbert wer de Chaussee lang« – sie bogen mit ihren Rädern in den Wald und warteten, bis ein Fuhrwerk oder was sonst es sein mochte, vorüber war. Dann fuhren sie wieder auf die Chaussee und der Rote erzählte weiter: »Also, wat soll ick dir sajen, Anton, er hakt in, quatscht wat von ne dunkle Frau, die er jern mal for eene Minute jesehen hätte – na, ick denk mir ja meinen Teil, die Jeliebte, det wird woll die halbe Million sind –›denn man zu,‹ saj ick, ›denn fahren wer jeder zu unsre Braut und früh um vieren treten wer wieder an mit gewichste Pantinen – rin werden se uns ja lassen, wo wer so dufte rausjekommen sind.‹ Da meckert der Milljonähr wat von Jefahr und so – ›na,‹ saj ick, ›denn nich‹ – und wende mir an den Blonden: ›denn kriejst de deine Mutter eben nich zu sehn.‹ Wat soll ick dir sajen, da lamentiert der Blonde los und heult – ick jeb dem Milljonähr 'n Zeichen und der sajt: ›Na also denn! ick komm mit!‹ Det wa also nich so leicht. Aber nu zu, Anton, daß wer'n nich aus de Lappen lassen – da bei des Jestrüpp jlänzt wat, det kann 'n Rad sind.« Und es war auch ein Rad. Kurz vor dem Tor, das zum Schloß Reichenbach führte, hielt es an. Man sah deutlich, wie Heinz absprang, das Rad hinter einen Strauch schob und dann links die Mauer entlangeilte. Die beiden folgten ihm. Sie stellten ihre Räder etwas tiefer in den Wald längs der Mauer, die Heinz entlangging. Sie blieben etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt. Nach einer Weile verschwand Heinz in dichtem Gestrüpp, das die Mauer emporwucherte. Sie näherten sich behutsam und sahen gerade noch, wie er durch einen Holzverschlag, der zur ebenen Erde in die Mauer eingelassen war, verschwand. »Nanu!« sagte der Rote. »Wat is 'n det?« »Die Tür hat sich vermutlich die Dienerschaft für nächtliche Besuche gebaut. Aber woher kennt sie dein Kollege?« »Der is ja woll ins Schloß uffjewachsen.« Sie standen jetzt unmittelbar vor der Tür. »Du bleibst hier und stehst Schmiere!« sagte der Rote. »Schieb man de Räder ran, det wer schneller wegkommen.« Er ließ dem andern gar keine Zeit, zu widersprechen, hatte den Holzverschlag hochgeschoben und war im selben Augenblick auch schon im Schloßhof. Ein paar Hunde bellten auf. Irgendwo erschien auch ein Licht, das vom Haupttor aus den ganzen Hof ableuchtete. Der Rote preßte den Körper fest an den Holzverschlag. Eine Sekunde lang war die Stelle, an der er kauerte, hell erleuchtet. Er rührte sich nicht. Der Scheinwerfer strich den Hof weiter ab und verschwand. Der Rote richtete sich behutsam auf. Wo war sein Zellengenosse, der Millionär, geblieben? Sicherlich war er, der auf dem Grundstück genau Bescheid wußte, im Augenblick, wo der Scheinwerfer über den Hof strich, in Deckung gegangen. Dann mußte er jetzt irgendwo wieder zum Vorschein kommen. Und richtig entdeckte er an der Häuserwand einen fadendünnen Schatten, der sich hoch bewegte. Er sah wie ein Strich aus, den eine unsichtbare Hand, vom Boden beginnend, die Wand hinaufzog . . . Das Stückchen Mond, das vorsichtig wie ein heimlicher Beobachter ans den Wolken hervorlugte, reichte gerade aus, um die Vorgänge schattenhaft zu erkennen. Der Strich, der langsam nach oben zog, konnte nach Ansicht des Roten nichts anderes als Heinz Reichenbach sein. Er zog sich die Schuhe aus, merkte sich die Stelle, wo er sie stehen ließ, indem er sich sagte, Fenster vier des Haupt- und Fenster zwei des Quergebäudes, und kroch dem sonderbaren Schatten nach. Die Spur, die er beinahe instinktmäßig verfolgte, war richtig. Denn er war eben auf der Höhe des ersten Stockwertes angelangt, als er über sich deutlich die Konturen eines Mannes erkannte, der sich mit einer etwas wagehalsigen Drehung auf einen Balkon schwang, dessen Tür offen stand. Wenige Augenblicke später stand der Rote auf dem Balkon und sah noch, wie Reichenbach, der in einem großen dunklen Raume stand, behutsam die Tür öffnete und sie ins Zimmer schob. Er ließ sie halb offen stehen und lauschte – zögerte – schien Bedenken zu haben. – Und tatsächlich trat er jetzt ein paar Schritte zurück, tastete die Wand ab und schaltete das Licht ein. – Der Rote versteckte sich auf dem Balkon hinter Epheu. Das Zimmer war jetzt erleuchtet. Es war eine Art Salon, der durch die vielen Schränke und Spiegel aber den Charakter eines Boudoirs hatte. Reichenbach, der sich im Walde nicht umgekleidet hatte, also in Zuchthauskleidung war, trat an einen Damenschreibtisch heran, nahm einen Bogen und schrieb: Teuerste Frau Hedda! Sie sehen, wie schnell ich mir die Allüren meiner neuen Umgebung angeeignet habe. Ich steige nachts, kletternd wie ein Wiesel, zu Ihnen hinein. Aber ich habe mir noch so viel Haltung bewahrt, daß ich nicht wage, Sie zu wecken. Fragen Sie mich bitte nicht, was mich zu Ihnen treibt. Ich selbst weiß es nicht. Aber mir hätte ein einziger Blick genügt, um die Gefahr dieses »Ausflugs« zu wagen. Sollte ich, – bevor ich Sie verlasse, – doch noch einen Blick zu Ihnen hineinwerfen, so verzeihen Sie im voraus Ihrem H.R. Er schloß den Brief und wandte sich zur Tür, die nur eine Hand breit offenstand. Aber er sah, von dem Schreibtisch aus, strahlend in ihrer ganzen Größe die Kuanyin aus Jade – lächelnd einladend und mit einem Blick, aus dem befriedete Ruhe sprach. Heinz stand erschüttert. Er ließ keinen Blick von der Göttin – und ihm war, als wenn sie ihm mit ihrem Lächeln Trost und Hoffnung geben wollte. Sein Verstand sagte ihm: geh! – Aber die Kuanyin hielt ihn und ließ ihn nicht los. Einmal, als er sich zum Fenster wenden wollte, schien es ihm, als senkte sie leicht den Kopf. Sein Blick fiel auf ihre Hände, die er so liebte – er stand von neuem bezaubert und rührte sich nicht vom Fleck. Jetzt änderte sich die Helle im Zimmer, die Kuanyin lag beschattet – und der Saum eines Kleides bedeckte die Schwelle. – Reichenbach fühlte, wie sein Herz schlug. Hinter dem handbreit offenen Spalt der Tür stand Frau Hedda – in langem, seidenem Nachtgewand. Sie schob die Tür zur Seite, sah Reichenbach an und sagte mit einer Stimme, die klang, als käme sie von weither: »Heinz – Sie?« Reichenbach hatte in diesem Augenblick den Wunsch, sie möge, traumhaft wie sie erschienen war, wieder verschwinden. Diesen Anblick und den Ton dieser zwei Worte festhalten – und zurück in die Einsamkeit – und tausendfach hatte sich die Gefahr gelohnt. Aber es kam anders. – Während Heinz sich dem Genuß des Augenblicks hingab und ihn gern voll ausgekostet hätte, suchte Frau Hedda Klarheit und fand sofort die Zusammenhänge. – Es gab keine nächtliche Liebesszene. Frau Hedda tat, als wenn Heinz Reichenbach ihr als freier Mann an einem x-beliebigen Nachmittag seine Aufwartung machte. Sie reichte ihm die Hand und sagte: »Wie gut, daß Sie kommen! Als ob Sie es geahnt hätten.« »Was – geahnt hätte?« fragte Reichenbach verdutzt. »Daß ich Ihren Rat brauche. Ich stürze mich von einer Verantwortung in die andere – in der Hoffnung, alles zu klären, und stifte damit nur immer neue Verwirrung.« »Ich habe wenig Zeit, Frau Hedda . . .« »Sie müssen etwas zu sich nehmen, Heinz! Wie sehen Sie aus!« Sie fuhr ihm mit der Hand über das Gesicht. »Leichenblaß – und kalt!« – Sie nahm seine Hände. »Setzen Sie sich da auf die Chaiselongue!« Sie holte einen Plaid und bedeckte ihn, nahm aus einem kleinen Schränkchen an der Wand eine Flasche und goß ihm ein. »So! und nun trinken Sie, Heinz!« – Sie setzte ihm das Glas an den Mund – und er trank. »Wie ein Kind muß man Sie bemuttern. Aber ich bitt mir aus, daß Sie auf sich achten, Heinz. Die paar Wochen, die werden vergehen.« »Wochen? – Zwölf Monate! Ein Jahr!« Frau Hedda schüttelte den Kopf und legte die Hand auf seine Stirn. »Glauben Sie nicht an mich?« »Doch! – Aber was können Sie tun?« »Sie mir erhalten.« Heinz richtete sich auf und sah sie an. »Wenn auch nur als Freund,« fuhr sie fort. – »Obschon ich Sie sehr, sehr lieb habe.« In Heinz Reichenbach kam alles, was sich an Erregung, Überwindung, Ekel, Scham in Wochen angesammelt hatte, plötzlich zum Ausbruch, Ströme von Tränen stürzten ihm aus den Augen und er barg – diesmal wirklich wie ein hilfloses Kind – den Kopf in Frau Heddas Schoß. Ein paar Minuten lang ließ sie ihn gewähren. Dann riß sie sich los und stand auf. »So! und nun wissen wir, wie es um uns steht,« sagte sie. »Und nun heißt es handeln. Vor allem mußt du wissen: den Diebstahl in der Bank, dessentwegen du im Zuchthaus sitzt, hat Karl Morener begangen.« Heinz fuhr auf und rief bestimmt: »Das ist nicht wahr!« »Leider ist es so.« »Weiß man es?« »Nein!« »Er hat es dir gestanden?« »Ja! – mir und noch jemandem.« »Wem?« »Deiner Cousine Hanni!« »Wie kommt die dazu?« »Sie lieben sich.« »Entsetzlich!« »Es ist dir also klar, daß es niemand erfahren darf?« Heinz nickte und sagte: »Gewiß.« »Ich hätte als Mensch vielleicht die Pflicht, ihn anzuzeigen. Schon deinetwegen. Aber ich habe auch Pflichten gegenüber meinem Mann. Die Nachrichten aus Schönegg lauten günstig. Erfährt er aber, daß sein Neffe – es wäre sein Tod.« »Du glaubst, daß die Lumperei eines Reichenbach ihn weniger erregen wird?« »Es kann ihn erlösen, wenn er erfährt, daß Reichenbachs, die er in seiner krankhaften Vorstellung für unfehlbar hielt, von ihrem Piedestal gestürzt sind.« »Das kann schon sein.« »Aber damit, daß du Heinrich Morener aus dem Irrenhaus rettest und seinen Neffen Karl vor dem Zuchthaus bewahrst, ist uns nicht geholfen.« »Du willst also Karl bestimmen, daß er sich selbst angibt?« »Das hat er bereits getan. Er hat von der Bank aus einen Brief an die Staatsanwaltschaft gerichtet, der zum mindesten seine sofortige Verhaftung zur Folge gehabt hätte.« »Hätte?« fragte Heinz. »Wenn ich nicht die Direktoren Urbach und Meßter überzeugt hätte, daß es ihre Pflicht gegenüber ihrem Chef Heinrich Morener ist, diesen Brief der Bank an die Staatsanwaltschaft zu stoppen. Das gelang in letzter Minute, gerade, als der Brief auf dem zuständigen Postamt in Moabit dem Briefträger zum Austragen übergeben werden sollte.« »Und wenn Karl, was zu erwarten ist, sein Geständnis wiederholt?« »Er weiß nicht, daß wir seine Selbstanzeige zurückgehalten haben.« »Er erfährt es doch.« »Kaum! denn er ist mit Hanni Reichenbach in einem Flugzeug unterwegs nach Rio.« »Mit Hanni . . . nach . . . Rio . . .?« – In Heinz Reichenbach brachen in diesem Augenblick Tradition und Kinderstube durch. »Ja, sind sie denn schon verheiratet?« fragte er. Frau Hedda konnte trotz des Ernstes der Situation ein Lächeln nicht unterdrücken. »Das Zuchthaus war für ihn in diesem Augenblick näher als das Standesamt,« erwiderte sie – und Heinz fragte: »Und meine Tante? – hat sie nicht der Schlag gerührt?« »Beinahe! Aber ich habe die ganze Nacht bei ihr gesessen und sie beruhigt.« »Sie hat sich damit abgefunden?« »Sie wollte sich von ihrem Kinde lossagen. Aber dann verdrängte die Angst um das Leben ihres Kindes jedes andere Gefühl.« »Das ist echt Tante Reichenbach,« sagte Heinz. »Wir verreden die Zeit,« erklärte Frau Hedda. »Bist du denn nicht begierig, zu erfahren, wie ich mir die Lösung denke?« »Gibt es denn eine?« »Kommt Karl Morener bei diesem Fluge um, so ist das besser, als wenn er als Bankdieb weiterlebt. In diesem Falle wird man den zurückgehaltenen Brief dem Staatsanwalt übergeben, und alles wird sich in vollkommener Ruhe erledigen. Glückt ihm aber – was ich hoffe und glaube – als Erstem der Flug Berlin –Rio de Janeiro, so wird er der Held des Tages sein, und man wird es ihm nicht verübeln, wenn er, um den Flug zu ermöglichen, sich aus dem Geldschrank seines Onkels das Geld lieh – so wird man es dann nennen. – Zumal er ihn seiner Krankheit wegen ja darum nicht bitten konnte.« »Du bist doch gescheiter als wir alle,« sagte Heinz – und Hedda legte ihren Arm um ihn und sagte beinahe übermütig: »Ich wünschte nur, dazu gehörte etwas mehr.« Er nahm ihre Hände und küßte sie, sah sie an und fragte: »Und was wird aus uns beiden?« »Das, mein Lieber, entscheiden nicht wir!« »Ja, wer denn?« »Das Schicksal,« erwiderte sie. »Das Schicksal?« fragte er erstaunt. »So hast du es mich gelehrt. Oder erinnerst du dich nicht mehr an unser erstes Zusammensein? – ›Es geht seinen Weg und kümmert sich nicht um unsere Wünsche,‹ sagtest du.« Heinz Reichenbach widersprach nicht. Er nahm Abschied und verließ Frau Hedda auf demselben Wege, auf dem er gekommen war. 25. Der beliebte Satz, daß man in ein Zuchthaus leichter hinein als wieder hinaus komme, hat doch nur bedingte Bedeutung. Jedenfalls traf er auf unsere drei Ausreißer in diesem Falle nicht zu. Das alte Brandenburger Zuchthaus, das nach Plänen erbaut war, die über hundertfünfzig Jahre zurücklagen, war unübersichtlich und bot »Kennern«, die hier den größten Teil ihres Lebens zubrachten und sich fast ausschließlich mit dem Problem des Ausreißens befaßten, Möglichkeiten, die selbst bei größter Wachsamkeit des Personals gelegentlich eine Flucht ermöglichten. Wenn der Rote aber geglaubt hatte, daß man auf dem gleichen Wege wieder einschlüpfen könne, irrte er sich. Pünktlich zu der vereinbarten Stunde trafen sich die drei in aller Frühe des nächsten Morgens mit einem Teil der Kolonne des »Schmetterling« wieder in dem Wald, kleideten sich hastig um, nahmen Abschied, dankten und setzten sich in der Richtung auf das Zuchthaus hin in Bewegung. Da es bereits anfing, hell zu werden, schlichen sie an den Mauern der Häuser entlang, ohne zu merken, daß sie bereits erkannt und verfolgt wurden. Die Verfolger machten ein etwas erstauntes Gesicht, als sie wahrnahmen, daß die drei sich mit Anwendung aller Kraft bemühten, die Mauer zum Zuchthaus hinaufzuklettern. Und da sie es als grotesk empfanden, sie bei dieser Arbeit zu stören, so blieben sie in einiger Entfernung stehen und sahen zu. Die drei, die sämtlich von dem Ergebnis ihres nächtlichen Ausflugs befriedigt waren, aber noch keine Gelegenheit gefunden hatten, ihre Erlebnisse auszutauschen, waren bereits auf dem inneren Zuchthaushof angelangt und quälten sich eben im Schweiße ihres Angesichts, die Zuchthausmauer zu übersteigen, um auf den zweiten Hof zu gelangen, als eine Wache sie anhielt und fragte, wohin sie eigentlich wollten. »In unsere Zelle,« erwiderte der Rote. »Dann seid ihr die drei aus der Zelle einundfünfzig, die heut Nacht ausgerissen sind.« »Nachturlaub,« erwiderte der Rote. Aber die Wache gab ein Signal, auf das hin eine Patrouille erschien, sie festnahm und in das Quergebäude führte. Wenige Augenblicke später standen sie vor dem Direktor. »Morjen!« sagte der, als er sie sah. Er war bereits von allem unterrichtet. Auch die Kolonne hatte man, gleich nachdem sie sich von den dreien getrennt hatte, festgenommen. »Ihr seid mir ja ein paar nette Schmetterlinge! Mondscheinpartie zu Rade in die schöne Umgebung. Fehlt nur noch die Vereinskapelle.« – Und dann erfolgte die Vernehmung, die sich hauptsächlich darum drehte, festzustellen, auf welchem Wege die drei entwichen waren. Dann untersuchte man ihre Taschen. Die von Heinz Reichenbach waren leer. In denen des Blonden fand man Zigaretten und Lebensmittel. Aus dem Rock des Roten, der krampfhaft die Taschen zuhielt, zog man eine Perlenkette, ein Platinarmband mit Perlen und ein paar kostbare Smaragdringe. »Und das haben Sie mitgemacht?« fragte der Direktor erstaunt Heinz Reichenbach. Der erkannte sofort den Schmuck Frau Heddas und sagte verwirrt: »Ich verstehe gar nicht . . . das ist doch . . .« Aber im selben Augenblick fand er auch schon die Zusammenhänge – und so beherrscht er sonst war – in diesem Augenblick vergaß er sich, erhob die Faust gegen den Roten und rief: »Lump! – Deshalb also.« Der Rote schien verlegen und sagte: »Ich hatte ja die Absicht, zu teilen.« »Wo waren Sie?« fuhr der Direktor sie an. »Reichenbach, Sie brechen aus dem Zuchthaus aus, um anderswo einzubrechen?« »Es verhält sich anders – ich versichere Sie . . .« »Wie verhält es sich?« »Ich kann es unmöglich sagen.« »Immer dasselbe! Sie stellen die tollsten Dinge an und hinterher verschanzen Sie sich dahinter, daß Sie schweigen müssen. Einmal wirkt das vielleicht. Das zweitemal nicht mehr. Ich sehe schon, Sie kommen ans dem Zuchthaus nicht mehr heraus.« Der Blonde beteuerte, daß er bei seiner Mutter gewesen sei, was der Direktor nachzuprüfen versprach, während der Rote erklärte: »Ick bin wo in ein offnes Fenster jestijen – wo, det saj ick nich. Aber der« – er wies auf Reichenbach – »hat nischt damit zu tun.« »Aber die Annonce stammt von ihm – wie? Und auf die hin hat dann die ganze Exkursion stattgefunden.« »Wenn det so einfach wäre,« erwiderte der Rote. »Et sollte nämlich janz anders kommen. Aber et kam nu so.« »Wie sollte es denn kommen?« »Ick weeß noch ville mehr.« »Wo sind Sie heut nacht eingebrochen?« »Janich – ick saj Ihnen ja, det Fenster stand offen. Ick hab och 'n Zeugen dafor.« »Also wo waren Sie? Wem haben Sie den Schmuck gestohlen?« »Bei 'ne Dame!« »Wie heißt sie?« »Uff Wort, det weeß ick nich.« »Die Adresse?« Der Rote sah Heinz Reichenbach an und fragte ihn: »Stört et dir, wenn ick et saje?« »Schweig!« befahl Heinz. »Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!« fuhr der Direktor Heinz Reichenbach an. »Herr Direktor!« setzte sich Heinz zur Wehr – aber der sagte verächtlich: »Spielen Sie sich nicht auf. Bei dem Bankdiebstahl konnte man irgendwie noch Sympathien für Sie haben – weil man noch nicht wußte, wes Geistes Kind Sie sind. Aber jetzt sind Sie durchschaut – und zwar gründlich.« Reichenbach hielt es bei diesem Tatbestand für zwecklos, seine Unschuld zu beteuern – zumal er unmöglich die Wahrheit sagen konnte, ohne Frau Hedda in eine völlig unmögliche Lage zu bringen. Er war sich über die Zusammenhänge natürlich klar. Der Rote hatte den Ausbruch nur angeregt, weil er hoffte, Heinz werde die Gelegenheit benutzen, den gestohlenen und verborgenen Devisen einen Besuch abzustatten. Seine Absicht war es sicherlich, ihm den Schatz abzujagen. Mehr als das beschäftigte ihn die Vorstellung, was Frau Hedda denken würde, wenn sie den Diebstahl entdeckte. Auf den Gedanken, daß er – nein! das dachte er nicht zu Ende. Aber selbst wenn sie annahm, daß irgendein Dieb zufällig die kurze Zeit ihres Zusammenseins mit Reichenbach dazu benutzt hatte, um in ihr Schlafzimmer zu dringen und sie zu bestehlen – sonderbar blieb das Zusammentreffen auf alle Fälle – dann würde auf ihre Anzeige hin bei dem Bemühen, den Täter zu ermitteln, der Verdacht auf ihn fallen, der auf irgendeine Weise aus dem nahen Zuchthaus entwichen war und womöglich auch Spuren hinterlassen hatte. Das würde sie sich sagen – und schweigen. – Zwar war das Wichtigste erreicht. Man kannte den Täter. Aber Heinz war von der Eröffnung, daß Karl Morener es war, nicht befreit, sondern tief erschüttert. Das ist ja fast so schlimm, wie wenn ich es wäre, sagte er sich. So stark war auch in ihm das Gefühl der Zusammengehörigkeit von Menschen, die wie Reichenbachs und Moreners nach außen hin zum mindesten geschäftlich ein und dieselbe Familie waren. Und aus diesem Gefühl heraus kamen ihm die ersten Zweifel. Ob Karl Morener auch wirklich der Täter war. Zwar fand er keine Gründe, die Karl veranlassen konnten, die Schuld auf sich zu nehmen. Er liebte Hanni Reichenbach. Die aber hing mit beinahe dünkelhafter Pietät an ihrer Familie. Möglich, daß die ihn bestimmt hatte, sich schuldig zu bekennen, um den Namen Reichenbach wieder zu Ehren zu bringen? Aber dem widersprach, daß sie sich an ihn hing – und indem sie ohne Ehe mit ihm auf und davon ging, verstieß sie gegen die elementarsten Gesetze des Anstandes – und man brauchte bei Gott keine Reichenbach zu sein, um durch einen solchen Verstoß die ganze Familie zu kompromittieren. Was geschah aber, wenn er glücklich nach Rio gelangte, und im Gefühl des Geborgenseins sein Geständnis widerrief? – Wem gegenüber hatte er es denn abgelegt? Frau Hedda war im selben Augenblick, in dem ihr Name fiel und die Zusammenhänge bekannt wurden, unglaubwürdig. – Je mehr Heinz Reichenbach darüber nachdachte, wie die Dinge lagen und sich aller Voraussicht nach weiterentwickeln würden, um so unwahrscheinlicher schien es ihm, daß seine Lage in absehbarer Zeit sich ändern würde. Der Direktor des Brandenburger Zuchthauses trennte zunächst die drei Zellengenossen und benachrichtigte den zuständigen Staatsanwalt. Aber ehe der noch die erste Amtshandlung vornahm, verlangte der Rote den Zuchthausdirektor zu sprechen – angeblich, um ein Geständnis abzulegen. Er wurde vorgeführt und erklärte: »Mein Jewissen drängt mir, zu sajen, daß der Milljonär den Diebstahl in die Bank nich bejangen hat, sondern eener mit Namen Karl.« »Wer sagt Ihnen das?« »Ick saj et ja.« »Und wer hat es Ihnen gesagt?« »Keener.« »Woher wollen Sie es denn wissen?« »Ick weeß et eben . . .« »Seit wann?« »Det is doch ejal.« »Haben Sie das etwa heut nacht ausgekundschaftet?« »Möglich.« »Wo waren Sie denn?« »Weeß ick nich.« »Sie sind doch diesem Reichenbach gefolgt, weil Sie annahmen, er werde Sie zu der Stelle führen, wo er die Devisen versteckt hat.« »Stimmt.« »In welcher Richtung war das?« »Janz entjegengesetzt.« »Was soll das heißen?« »Berlin wird es wohl nich sind.« »Aha! – Also Richtung Magdeburg.« »Ich kenn mir in die Jejend nich aus.« »Weit kann es ja nicht gewesen sein.« »Ob det nu weit wa oder nich – jedenfalls heißt er Karl.« »Leute, die Karl heißen, gibt es zu Tausenden. Wie heißt er denn weiter?« »Det is et ja eben.« »Haben Sie's denn gewußt?« »Jewiß doch.« Er dachte nach. – »So was wie so'ne Dame vom Film. – Sie kennen ihr och – so'ne jroße Schwarze.« »So ungefähr wissen Sie's auch nicht?« »Es lijt mir auf die Zunge.« »Mit dem Märchen werden Sie Ihrem Freund nicht helfen.« »Halt! jetzt een Moment! – Jetzt hab ick's – – Me – re – no – na – rena – Morena –« »Morena etwa?« »Erna Morena! Natürlich! So'ne feine, schlanke! Det heeßt, hier is et 'n Kerl. Karl heißt er – Karl Morena.« »Karl Morener! Natürlich! sieh an – Na, den Namen hat Ihnen wohl Heinz Reichenbach gesteckt.« »Uff Ehre – ach so! die haben se mir ja abjemacht uff drei Jahre – also bei was denn? – So wahr ick hier stehe: – so, wie ick Ihnen hier höre – und kann mir uff mein Jedächtnis verlassen – so stand se neben ihm ins weiße Hemde janz unjeniert und hat jesagt: ›Den Diebstahl in die Bank, deswejen du ins Zuchthaus sitzt, hat Karl Morena bejangen.‹« »Wo standen Sie denn?« »Uff'n Balkon hab ick mir versteckt.« »Was hat er darauf erwidert?« »Er wollt es erst nich jlauben. Aber meint se, Karl hat et ihr doch jestanden – und noch eener – seiner Cousine – Na, wie hieß die 'n jleich, ick gloobe Hanni.« »Stimmt.« »Sie kennen ihr?« »Und Sie würden, was Sie sagen, aufrechterhalten, wenn ich Ihnen die Damen gegenüberstelle?« »Det jeht nich.« »Wieso denn nicht?« »Weil die mit 'n Karl wej is.« »Wohin?« »Nach Rio.« »Heut nacht war sie doch noch da.« »Nich doch – die andere.« »Wie, die Hanni ist mit Karl Morener auf dem Wege nach Rio?« »Die sind helle – von die Devisen werden se woll nischt wiedersehn.« »Sie wollen dem Reichenbach doch helfen?« »Nu ja! For wat ick sitze, da sitz ick. Aber det eener for'n andern sitzt, wenn et nich ausjemacht is, det kann mir ärjern.« Der Direktor sagte sich, daß die Dame, der Reichenbach diesen nächtlichen Besuch abgestattet hatte, niemand anders sein konnte als Frau Hedda Morener. Der Rote sprach also die Wahrheit und klärte damit einen Justizirrtum auf, an dem weniger die Justiz, als das völlig unverständliche Verhalten Heinz Reichenbachs die Schuld trug. Übertriebene Rücksichtnahme und die Furcht, eine Dame zu kompromittieren, deren Rolle in dieser Affäre noch völlig ungeklärt war, war für ihn ausschlaggebend gewesen. Das hatte zur Folge gehabt, daß seine Verteidigung beinahe wie eine Selbstanklage gewirkt hatte. »Sie glauben, dieser Morener ist mit der Dame bereits auf der Flucht?« fragte der Direktor. »Se meinen den Karl? Den krijen Se nich.« »Wann er gefahren ist, unter welchem Namen und mit welchem Schiff hat die Dame nicht gesagt?« »Ick habe nu jenug jesagt.« »Er ist am Ende schon in Rio?« »Det stände doch in die Zeitung. Von so'n Flug machen se doch heute mehr her, als seine Zeit von Christi Himmelfahrt.« »Ah so, er fliegt also.« »Hab ick nich jesagt.« »Es genügt mir. Wenn sich Ihre Angaben als richtig erweisen, so wird man das voraussichtlich bei Zumessung des Strafmaßes berücksichtigen.« »Kann man denn die Dame den Schmuck nich einfach wieder zustellen?« »Selbstverständlich kann man das.« »Ohne Umwej über Berlin.« »Wie meinen Sie das?« – Er verstand natürlich sehr gut. »Weil's doch so nah is und die Herren vons Jericht schon soviel zu tun haben.« »Damit würde ich mich strafbar machen.« »Wer erfährt 'n det?« »Darauf kommt es nicht an.« »Uff wat denn? wenn die Dame dicht hält.« »Also!« – wehrte der Direktor ab. »Das wird sich finden.« »Et laj doch alles so da, als ob sie sajen wollte: bediene dir.« »Darüber habe nicht ich zu befinden.« »So'n Leichtsinn müßte man bestrafen.« Der Direktor läutete. Ein Aufseher kam und führte den Roten in seine Zelle zurück. 26. Bereits am Nachmittag desselben Tages hielt ein Dienstauto der Berliner Staatsanwaltschaft vor Schloß Reichenbach. Der Erste Staatsanwalt am Landgericht I bemühte sich persönlich. Er gab seine Karte ab und bat um eine Unterredung mit Frau Hedda. Die empfing ihn sofort, bot ihm Zigaretten an und leitete selbst das Gespräch ein. »Also bitte, Herr Staatsanwalt! – Ich hatte Ihren Besuch erwartet.« »Heute?« fragte der erstaunt – und Frau Hedda erwiderte: »Es wäre vielleicht von Nutzen gewesen, wenn Sie mich schon vor sechs Wochen aufgesucht hätten.« »Wenn Sie mir etwas zu sagen hatten, gnädige Frau, was Ihrer Ansicht nach geeignet war, den Fall zu klären, warum sind Sie dann nicht zu mir gekommen?« »Nehmen Sie es mir nicht übel, aber mit dem Staatsanwalt geht es mir wie mit dem Zahnarzt: man verschiebt den Besuch – so sehr man von der Notwendigkeit überzeugt sein mag – so lange hinaus wie irgend möglich.« »Das sollte man aber nicht tun. Man verschlimmert es damit.« »Sagen Sie das nicht! Die Schmerzen werden nach dem Besuch gewöhnlich schlimmer statt besser.« »Doch nur, wenn man zu lange damit gewartet hat.« »Das, Herr Staatsanwalt, kommt auf den Zahnarzt an. Es soll auch solche geben, die falsche Zähne ziehen – Zähne, die völlig gesund sind und die sie fälschlich für krank und verdorben gehalten haben.« »Irren ist menschlich. Aber den Irrtum zu verhüten, sollte jeder, der dazu imstande ist, als Pflicht empfinden.« »Wenn ich Sie richtig verstehe, so haben Sie sich von der Unschuld Reichenbachs überzeugt.« »Nein! Aber ich bin bereit, mich von Ihnen überzeugen zu lassen.« »Und wieso gerade von mir?« »Reichenbach hat Ihnen heute nacht einen Besuch abgestattet.« »Wem machen Sie daraus einen Vorwurf?« »Zunächst einmal den Beamten, die über ihn zu wachen hatten.« »Und nächst diesen?« »Gnädige Frau – Sie zu kritisieren habe ich nicht das Recht.« »Ich gebe es Ihnen.« »Dann nehme ich mir die Freiheit, Ihr Verhalten als ungewöhnlich zu bezeichnen.« »Sie meinen, ich hätte die Pflicht gehabt, Herrn Reichenbach von meinen Dienern festnehmen und nach Brandenburg bringen zu lassen.« »Sie hätten vermutlich Ihren Schmuck nicht eingebüßt.« »Sie wissen? – Haben Sie eine Erklärung?« »Reichenbach hat den Ausbruch mit Hilfe eines Zellengenossen bewerkstelligt.« »Und der ist auch – ausgebrochen?« »Natürlich! Dem kam es vermutlich nur darauf an, Reichenbach zu verfolgen, um das Versteck der Devisen auszukundschaften.« »Statt dessen hat er mir meinen Schmuck gestohlen.« Der Staatsanwalt nahm ein versiegeltes kleines Paket aus der Tasche und reichte es Frau Hedda: »Sie gestatten, daß ich Ihnen den Schmuck wieder zustelle. – Bitte, sehen Sie nach, ob es alles ist. Womöglich hat dieser Schurke einen Teil in Sicherheit gebracht oder einem seiner Komplicen zugesteckt.« Frau Hedda öffnete das Paket und sagte: »Es fehlt nichts. Wie soll ich Ihnen danken?« »Indem Sie Vertrauen zu mir fassen.« »Ich – zu Ihnen! – Nach welcher Richtung?« »Liegt Ihnen daran, daß dieser Bankdiebstahl restlos aufgeklärt wird?« »Das ist doch selbstverständlich.« »Sie glauben demnach nicht an Reichenbachs Schuld?« »Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, daß er unschuldig ist.« »Und wer ist Ihrer Ansicht nach der Schuldige?« »Wieso legt man plötzlich auf mein Urteil Wert?« »Man wußte bis heute nacht nicht, daß Sie und Reichenbach . . .« »Sie meinen Herrn Reichenbach. – Und wenn Sie etwa sagen wollen, daß zwischen Herrn Reichenbach und mir unerlaubte Beziehungen bestehen, so darf ich Sie berichtigen und Ihnen sagen, daß das nicht der Fall ist.« »Darf ich fragen, womit Sie sich dann diesen nächtlichen Besuch erklären?« »Daß ein Mensch – zumal ein empfindsamer wie Herr Reichenbach, zugreift, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, für ein paar Stunden aus diesem Zuchthausmilieu herauszukommen, erscheint mir weiter nicht wunderbar. Und da er in der Nähe von Brandenburg war, wo er seine Jugend verbracht hat und auch später oft zu Gast gewesen ist, so ist es nur natürlich, daß er sich hierher wandte.« »Wen konnte er in dem Schloß anders suchen als Sie?« »Darüber nachzudenken habe ich keine Veranlassung.« »Sie geben aber zu, daß, wenn nicht Liebe ihn in dies Schloß trieb, daß es dann nur die Aussicht gewesen sein kann, hier etwas über den Bankdiebstahl zu erfahren.« »Ist das ein Verhör? – Falls nicht, möchte ich Ihnen sagen, daß ich diese Art der Konversation ablehnen muß.« »Sie sind sehr gewandt, gnädige Frau.« »Auch für Komplimente bin ich nicht empfänglich. – Und was mein Interesse an diesem Bankdiebstahl betrifft, dessentwegen Sie sicherlich die Beschwerde dieses weiten Weges auf sich genommen haben, so will ich Ihnen gern verraten, daß es sich in dem Wunsch erschöpft, Herrn Reichenbach so bald wie möglich rehabilitiert zu sehen.« »Darf ich fragen, weshalb Sie das wünschen?« »Nein! das dürfen Sie nicht – zumal Sie mich vermutlich gar nicht verständen, wenn ich versuchte, es Ihnen zu erklären.« »Sie sind sich hoffentlich darüber klar, daß eine Rehabilitation Reichenbachs nur möglich ist, wenn eine restlose Aufklärung des Falls erfolgt, zu der Sie meinem Gefühl nach sehr bedeutend beitragen könnten.« »Soweit ich mich erinnere, haben Sie in Ihrem Plädoyer erklärt, daß der Fall bis in alle Details restlos aufgeklärt sei. Sie haben das auch nachgewiesen – woraufhin dann die Verurteilung des Angeklagten erfolgte.« »Ich habe von dem, was ich gesagt habe, nichts zurückzunehmen.« »Ja, was wollen Sie dann eigentlich? Sind Sie nur gekommen, um mich auf Grund dieses nächtlichen Besuches mit in die Affäre zu ziehen? Hat sie noch nicht Opfer genug gekostet?« »Ich beschäftige mich mit dem Fall nicht aus Zeitvertreib oder Neugier – auch nicht aus Sport, sondern von Berufs wegen. Und Sie erinnern sich, daß dieser ganze Prozeß dadurch zu einer Art Sensation wurde, daß der Angeklagte Reichenbach . . .« »Ich bat Sie schon einmal, Herr Reichenbach zu sagen.« »Ich will weder Ihnen noch ihm damit wehtun – es ist so üblich. Also ich wollte sagen, daß der Prozeß seinen besonderen Charakter lediglich dadurch erhielt, daß der Angeklagte – Herr Reichenbach – sich weigerte, zu sagen, wo er in jener Nacht gewesen ist.« »Ich erinnere mich.« »Hätte er – und nach der Erfahrung dieser Nacht ist die Vermutung vielleicht gestattet – erklärt, er habe die Nacht auf Schloß Reichenbach verbracht . . .« »Nicht in der Form, wie Sie denken!« »Lassen wir die Form zunächst mal unerörtert.« »Ich habe, was meine Person betrifft, nichts zu verbergen oder zu verschweigen.« »Um so unverständlicher ist mir dann die Beharrlichkeit, mit der der Angeklagte auf diese Frage die Antwort verweigert hat.« »Finden Sie das so sonderbar? Herr Reichenbach steht auf dem Standpunkt, daß man lieber eine Strafe auf sich nimmt als eine Dame zu kompromittieren.« »Wenn doch nichts Kompromittierendes vorgefallen ist?« »Das hätten Sie uns zu allerletzt geglaubt. Und Sie hätten eine solche Indiskretion womöglich noch zu ungunsten des Herrn Reichenbach gedeutet.« »Wenn Sie das annahmen, warum haben Sie sich nicht von selbst gemeldet?« »Weil . . .« sie stockte. »Bitte, sagen Sie's,« drängte der Staatsanwalt. »Ich habe Rücksichten auf meinen kranken Mann zu nehmen.« »Sollte es nicht Karl Morener gewesen sein, der Sie davon zurückgehalten hat?« »Wie kommen Sie darauf?« – Und da der Staatsanwalt sie forschend ansah und schwieg, so fuhr sie fort: »Das ist ja unheimlich.« »O nein! Das alles geht mit geraden Dingen zu. Ich bin weder ein Prophet noch ein Gedankenleser. Vielleicht etwas hellhöriger infolge meines Berufs als Sie. Und da ich fürchte, daß man Ihre Güte mißbraucht, so möchte ich Sie aufklären.« »Sie – mich? – Ich habe den Eindruck, als wenn Sie durch mich etwas zu erfahren suchen.« »Durchaus nicht. Ich sagte Ihnen ja bereits, daß der Fall für mich völlig geklärt ist.« »Das ist ja Ihr Irrtum!« »Sie vergessen eins, gnädige Frau. Damit, daß Karl Morener ein Geständnis ablegt, ist Herr Reichenbach noch nicht rehabilitiert.« Frau Hedda fühlte, daß sie blaß wurde. Ihre Knie zitterten. Sie sah den Staatsanwalt an, der nicht etwa triumphierte, vielmehr mit derselben Sicherheit und Ruhe ihr gegenübersaß. »Wie kommen . . . Sie . . . darauf . . . daß . . . Karl Morener . . .?« fragte sie zitternd – und der Staatsanwalt fuhr fort: »Solche Geständnisse sind natürlich mit Vorsicht aufzunehmen. In diesem Falle freilich habe ich mich von der Richtigkeit schnell überzeugen können.« »Ja – wie . . . ist . . . das . . . möglich?« »Ich habe, bevor ich zu Ihnen kam, bei mehreren bekannten Geldverleihern festgestellt, daß sich Karl Morener zur Deckung einer verunglückten Spekulation in albanischen Werten Geld etwa in Höhe der gestohlenen Summe gegen hohen Zinsfuß zu leihen suchte.« »Wie kamen Sie darauf?« »Das war nach dem Geständnis, das er Ihnen abgelegt hat, doch selbstverständlich.« »Herr Reichenbach hat Ihnen das verraten?« fragte Frau Hedda erregt. »Nein! Aber sein Zellengenosse – derselbe, der Ihnen den Schmuck gestohlen und Ihre Unterhaltung mit – Herrn Reichenbach belauscht hat.« »Und Sie haben festgestellt, daß Karl Morener mit dem Geld seine Schuld beglichen hat?« »Dazu war er zu vorsichtig. Denn damit hätte er sich verraten. Er ist sie schuldig geblieben.« »Und wo ist das Geld?« »Das wird er auf irgendeinem geheimen Wege nach Rio beordert haben. Die Flucht war natürlich seit langem vorbereitet. »Dann ist Heinz Reichenbach also rehabilitiert?« »Leider nicht! – Aber Sie könnten vielleicht dazu beitragen. Ich kann mir nämlich noch immer nicht erklären, wie irgend jemand, also auch Karl Morener, ohne die Hilfe des Herrn Reichenbach – oder sagen wir mal, zum mindesten ohne dessen Schlüssel unbemerkt an den Geldschrank gelangen konnte. Reichenbach ist ein gutmütiger, ja, ich glaube sogar ein psychopathischer Mensch. Morener, der sicherlich der Aktivere von beiden ist, wird ihm gebeichtet und seine Hilfe erbeten, vielleicht sogar erzwungen haben.« »Erzwungen haben – wie meinen Sie das?« »Vielleicht, daß – Herr Reichenbach etwas zu verschweigen hatte – was diesem Morener bekannt war.« »Erpreßt also?« »So kann man es nennen.« »Und was sollte das sein?« »Ich weiß es nicht. Aber Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, gnädige Frau, wenn ich den Ausbruch aus dem Zuchthaus und den nächtlichen Besuch in einem Sinne deute . . .« ». . . der, wie ich Ihnen schon einmal sagte, falsch ist.« »Vielleicht, daß Morener diese Beziehungen fälschlich vermutet hat.« »Sie sind auf völlig falschem Wege, Herr Staatsanwalt!« »Vielleicht, daß Sie dann die Freundlichkeit haben, mich zu berichtigen – wenn nicht im Interesse der Wahrheit, dann mit Rücksicht auf – Herrn Reichenbach.« »Sie sagten, wenn ich Sie richtig verstanden habe, bereits, daß mit Karl Moreners Schuld noch nicht die Unschuld Heinz Reichenbachs bewiesen wäre.« »Wenn er damit als Täter vielleicht auch ausscheidet, so bleibt er doch immer noch der Beihilfe verdächtig – es sei denn, es bestände doch eine Möglichkeit, daß jemand das Verbrechen ohne seine Hilfe in dieser Art ausführen konnte.« »Also wie ich voraussagte! Statt einer Rehabilitierung ein Opfer mehr!« »Das läßt sich im Augenblick noch nicht sagen. – Aber würden Sie mir bitte folgende Fragen beantworten: Ist Herr Reichenbach öfter des Nachts in Ihrem Schloß gewesen?« »Seit einem Jahr war es das erstemal.« »Und wie kam das? – Haben Sie ihn gebeten? oder ist er von selbst gekommen?« »Ich bat ihn – das heißt, jetzt erinnere ich mich: Karl Morener ersuchte mich, drängte mich, ihn zu mir zu bitten – Sonderbar, daß mir das jetzt erst einfällt!« »Gerade für diesen Abend?« »Ja.« »Und welchen Grund gab er an?« »Ich sollte ihn bestimmen, seine Reise nach Rio aus Rücksicht auf das Geschäft aufzugeben.« »Sie haben das auch versucht?« »Ja.« »Mit Erfolg?« »Ja.« »Können Sie das beweisen?« »Er wollte es sich überlegen – und rief eine Stunde, nachdem er fort war – es mochte gegen fünf Uhr früh sein – bei mir an und sagte: »Ihr Wunsch ist erfüllt – weiter wollte ich nichts sagen.« »Sie würden das beeiden?« »Selbstverständlich.« »Und weshalb haben Sie bisher von alledem nichts gesagt.« »Sie wollten es nicht.« »Wer – Reichenbach und Morener?« »Ja.« Der Staatsanwalt schien wieder nachdenklich. »Ich habe eine Bitte,« sagte er. »Ich möchte, daß Sie der ersten Vernehmung Karl Moreners beiwohnen.« »Ja – wo meinen Sie, daß die stattfindet? – Haben Sie die Absicht, nach Rio zu fahren? – Ich glaube, die weite Reise würde sich nicht lohnen. Denn er wird für Sie da drüben vermutlich nicht zu sprechen sein.« »Karl Morener und seine Braut sind bereits in unserer Hand.« »Wa . . .? – Sie haben . . .? – Ja, die sind doch . . .« »Sie hatten das Pech, daß unser Radiotelegramm gerade in dem Augenblick eintraf, als sie in der Nähe Saarbrückens – noch auf deutschem Boden – zu einer Notlandung gezwungen waren.« »Das sagen Sie mir erst jetzt? – Und da verlangen Sie, daß ich zu Ihnen Vertrauen habe?« »Sie sind bereits auf dem Wege nach Berlin.« »Dann haben Sie womöglich die Absicht, auch dies Fräulein Reichenbach mit hineinzuziehen?« »Das wird sich nicht vermeiden lassen.« »Ich schwöre Ihnen, sie weiß nichts.« »Diese Flucht macht sie zum mindesten verdächtig. Sie leugnen natürlich beide, irgend etwas mit dem Bankdiebstahl zu tun zu haben.« »Wie können Sie das wissen?« Der Staatsanwalt zog ein Diensttelegramm aus der Tasche und reichte es Frau Hedda. Die las. »Die soeben festgenommenen Karl Morener und Hanni Reichenbach sind vor ihrem Abtransport nach Berlin von mir vernommen worden. Morener beteuert seine Unschuld und erklärt, daß er, und zwar im kritischen Augenblick der Hauptverhandlung, der Frau Morener gegenüber die Schuld nur auf sich nahm, um zu verhindern, daß diese sich durch eine freiwillige Zeugenschaft kompromittierte. Er beteuert auf das bestimmteste seine Unschuld, betont aber zugleich, daß seiner festen Überzeugung nach auch Heinz Reichenbach, für den er alles getan habe, was in seiner Macht stand, zu unrecht verurteilt worden sei. Beide Verhaftete machen auf mich einen günstigen Eindruck. Braun. Amtsrichter.« Frau Hedda legte das Telegramm aus der Hand und sagte: »Finden Sie nicht, daß es glaubhaft klingt?« Der Staatsanwalt erwiderte: »Sie urteilen nach dem Gefühl – ich verlasse mich auf meinen Verstand.« »Das habe ich früher auch getan – und Irrtum auf Irrtum gehäuft.« »Ich bitte Sie, ein Fall, der so klar liegt. Schon vor der Hauptverhandlung waren wir durch eine anonyme Zuschrift auf diesen Karl Morener aufmerksam gemacht worden.« »Was stand darin?« »Daß Karl Morener, der Neffe des Chefs, als Täter in Frage käme, da er in letzter Zeit in albanischen Werten unglücklich spekuliert und etwa eine halbe Million Mark verloren habe.« »Und Sie haben das unberücksichtigt gelassen?« »Es kamen täglich Dutzende solcher anonymen Zuschriften, die oft nur den Zweck hatten, von der richtigen Spur abzulenken und einen klaren Tatbestand zu verwirren. Man tut daher gut, sie nicht zu überschätzen – selbst wenn sie, wie in diesem Falle, ausnahmsweise mal nicht aus der Luft gegriffen sind. – Der Fall liegt wirklich einfach. Dieser Karl Morener liebte eine Frau. Um die Mittel zur Flucht zu beschaffen, läßt er sich auf gewagte Spekulationen ein. Termingeschäfte natürlich. Auf der einen Seite sieht er sich den Gläubigern gegenüber, die drängen, auf der anderen Seite droht der Verlust der Frau. Alle Versuche, sich Geld zu beschaffen, scheitern. Da kommt ihm der Gedanke mit der Bank! Nur einer, der genau mit allem Bescheid weiß, konnte diesen Trick erdenken und durchführen und den Verdacht so raffiniert von sich ab und auf einen andern ablenken. Sein erster Gedanke war vermutlich, mit dem gestohlenen Gelde sein Geschäft abzudecken. Vorsicht hielt ihn ab, als er den Prozeß sich entwickeln sah. Kaum ist das Urteil gesprochen, da rüstet er – vorher wäre es natürlich einem Geständnis gleichgekommen – zur Flucht. – Auch ohne sein Geständnis wäre er überführt. Sein Widerruf im Augenblick, wo die Flucht mißglückt, ist kindlich. Der Eifer, mit dem er – Herrn Reichenbach zu entlasten sucht, ist auffallend und verdächtig. Viel besser, das heißt für Reichenbach günstiger, wäre es, wenn er ihn zu belasten suchte.« »Das verstehe ich nicht. Er kann ihn doch nicht belasten, wenn er weiß, daß er nichts mit der Sache zu tun hat.« »Man deckt seinen Komplizen. – Das tun alle Verbrecher!« »Das sind doch keine Verbrecher!« »Haben Sie für einen so raffiniert ausgeführten Diebstahl eine andere Bezeichnung?« Frau Hedda war zumute, als wenn sie jemand mit einem Brett vor den Kopf schlug. Sie versuchte, sich in die Gedankengänge des Staatsanwalts einzufühlen. »Wenn Karl Morener also versuchen würde, sich zu entlasten und die Hauptschuld auf Reichenbach zu wälzen, so würde das bei Ihnen Reichenbach in ein günstigeres Licht setzen?« »Damit, daß er Reichenbach belastet, würde er sich doch entlasten.« Frau Hedda erhob sich: »Herr Staatsanwalt, ich fühle mich außerstande, Ihnen weiter zu folgen. Bitte, sagen Sie mir, ob Sie mich in den nächsten Tagen benötigen.« »Haben Sie vor, eine Reise zu machen?« »Ja.« »Darf ich fragen, wohin?« »In die Schweiz – zu meinem Mann.« »Sie werden mich über Ihre Adresse auf dem Laufenden halten?« »Ich verspreche es Ihnen.« Der Staatsanwalt schlug die Hacken zusammen, verbeugte sich und ging. – Frau Hedda nahm aus dem Schreibtisch den letzten Krankenbericht, den sie am Tage zuvor aus dem Sanatorium Schönegg erhalten hatte, und las ihn noch einmal: »Der Luft- und Aufenthaltswechsel hat sich als förderlich für Ihren Gatten erwiesen. Vom ersten Tage an zeigte er Interesse für Dinge, die seine eigene Person angehen. Der Sonntag ist bei uns badfrei: ›Wo bleibt mein Bad?‹ fragte er. – Auf die Erklärung, die man ihm daraufhin gab, erwiderte er: ›Ach so! Ja! Ja! dann ist morgen Montag. Das war immer ein harter Arbeitstag für mich. Aber hier wird man faul.‹ – Ich bot ihm Bücher und Zeitungen an. – Heute früh fragte er, wo er sich eigentlich befände und ob er nun nicht bald heimkehren könne. Ich sagte ihm, er sei, um auszuruhen, in einem Sanatorium am Vierwaldstädtersee. Daraufhin begann er von seinen Schweizer Reisen zu erzählen – ob es in der Vorstellung geschah, daß er diese Reisen als Morener oder Reichenbach gemacht hatte, ließ sich nicht feststellen. Abends war er freilich wieder gänzlich apathisch und abgespannt. Ich führe dies auf die Anstrengung zurück, die es ihm ständig verursacht, sein Erinnerungsvermögen zu beleben. Aber er arbeitet an sich – und das ist ein gutes Zeichen.« »Ich will ihm helfen,« sagte Frau Hedda und rüstete in aller Eile für ihre Reise in die Schweiz. 27. Frau Hedda hatte, als sie von Schloß Reichenbach in Berlin ankam, noch eine Stunde Zeit bis zum Abgang des Zuges, der sie über München–Lindau nach Luzern und von da über den Vierwaldstädtersee nach Schönegg führen sollte. Sie fuhr daher bei Frau Reichenbach vor. Das Mädchen sagte ihr, daß die gnädige Frau nicht zu sprechen sei: »Geben Sie ihr diese Karte. – Und sie wird mich empfangen.« Das Mädchen verschwand, kehrte nach ein paar Augenblicken zurück und sagte: »Gnädige Frau läßt bitten.« Frau Reichenbach stand, als Frau Hedda eintrat, in einer schwarzen Matinee an einen Schrank gelehnt. Sie sah bleich und übernächtigt aus – und man merkte, daß es ihr Mühe machte, sich aufrecht zu halten. Es fiel kein konventionelles Wort. – Die beiden Frauen sahen sich an, Frau Reichenbach streckte zitternd den Arm aus und fragte: »Haben Sie etwas gehört?« »Ja.« »Verunglückt?« »Nein! – Sie waren gezwungen zu landen – irgendwo – ich weiß es nicht – und da hat man sie dann beide – verhaftet.« »Sie lebt!« sagte Frau Reichenbach und schloß die Augen. Es schien in ihr, die eben noch wie leblos an den Schrank gelehnt gestanden hatte, eine Wandlung vorzugehen. Sie bekam Farbe. Der Körper straffte sich. Sie richtete sich auf, gab Frau Hedda die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen. – Dann ist alles gut.« »Sie haben mir nichts zu danken,« erwiderte Frau Hedda. »Ich war es, die Ihre Tochter veranlaßt hat.« Frau Reichenbach schüttelte den Kopf und sagte: »Wenn Sie das glauben, kennen Sie mein Kind nicht. – Hanni wußte genau, was sie tat, als sie ihr Schicksal mit dem des Herrn Morener verband.« »Sie haben ihr verziehen?« »Verziehen?« wiederholte Frau Reichenbach lächelnd. »Hatte ich Grund, ihr böse zu sein? Ich habe versucht, sie zu verstehen. Das ist alles, was eine Mutter, die ihr Kind liebt, tun kann.« »Das ist sehr viel,« erwiderte Frau Hedda – »zumal in einem Fall wie diesem, wo sie Ihnen weh getan hat.« »Sie selbst hat sich am wehesten getan. – Als sie den Irrtum mit ihrem Vetter erkannte, in dem sie von Kindheit an befangen war – sie war mit ihm aufgewachsen und glaubte, zu ihm zu gehören – weil sie als Kind schon immer hörte, die Reichenbachs gehören zusammen. Dann aber sah sie plötzlich, daß er die ganzen Jahre über nie auch nur mit einem Gedanken, geschweige denn mit einem guten Gefühl, bei ihr gewesen war – ich glaube, daß auch sie sich da zum ersten Male Rechenschaft über ihr Gefühl gegeben und den eigenen Irrtum erkannt hat.« »Sehr möglich – aber daß sie dann so schnell . . .« Frau Hedda führte den Gedanken nicht zu Ende, aber Frau Reichenbach nahm ihn auf und sagte: »Zu dem andern hinüberwechselte – das wollten Sie wohl sagen? Sehen Sie, ich verstehe das und brauchte dies wenig schöne Wort nicht ohne Grund. Eine Enttäuschung wie die meines Kindes, die wirkt – ich möchte sagen, wie ein operativer Eingriff – ins Seelische – wenn es so etwas gäbe – aber bildlich gesprochen, ist es das schon – man wird überempfindlich – die leiseste Regung des Gefühls, die man in gesundem Zustand kaum gespürt hätte, trifft einen jetzt wie – ja, wie soll ich sagen? – wie ein Erlebnis – mehr noch, wie ein Schicksal. Dieser Karl Morener hatte vielleicht Ähnliches erlebt wie mein Kind – eine große Liebe, für die er sich opfern wollte und die dann – eben keine große Liebe war.« »So ist es! so ist es!« bestätigte Frau Hedda erregt. »Dasselbe starke Gefühl zweier von demselben Schicksal betroffener Menschen – die jung sind und aus demselben Erleben heraus dieselbe Sprache sprechen – nicht mit Worten – viel eher mit dem Herzen – ich stelle mir vor, ich begegnete einer Mutter, die ihr Kind unter Umständen verloren hat wie ich meins – wenn wir noch so verschiedene Menschen wären, die kein Gefühl und keinen Gedanken sonst gemein hätten – wir würden uns doch verstehen und zusammenschließen – wie viel eher zwei so junge Menschen wie sie.« »Sie haben recht! Wenn man das bedenkt, versteht man es – auch, daß sie ihm so ohne Vorurteil gefolgt ist.« »Nachdem sie einmal von seiner Schuld überzeugt war und ihn veranlaßt hatte, zu gestehen – was mag sie darunter gelitten haben! – fühlte sie einfach die Pflicht, ihn nicht allein zu lassen – ja, das durfte sie gar nicht – das hätte selbst ich verurteilt, obgleich ich weiß, wie sehr sie sich und uns allen damit schadet.« »Glauben Sie denn an eine Schuld Karl Moreners?« »Ob mein Neffe Heinz oder er – für mich ist die Vorstellung, daß ein Mensch unserer Kreise – und ich muß Herrn Morener nun, wo mein Kind sich ihm vertraut hat, wohl dazu rechnen – in eine Bank einbricht und einen Geldschrank bestiehlt, so ungeheuerlich, daß ich mir sage, der Mann, der das getan hat, muß verrückt sein.« »Oder sinnlos verliebt. – Stellen Sie sich doch vor, daß er sich für die Flucht mit einer Frau Geld beschaffen mußte, also spekuliert hat.« »Mit Geld, das er nicht besaß – das verstehe ich schon nicht.« »Das ist, glaube ich, erlaubt.« »Von wem erlaubt? In meinen Augen ist ein Mensch, der bedingt – also in Form einer Wette – und nichts anderes ist ein Termingeschäft – eine Zahlung verspricht, von der er von vornherein annehmen muß, daß er sie nicht leisten kann, ein Betrüger.« »Sie vergessen die Verliebtheit und den Optimismus der Jugend – jedenfalls: er hat es nun mal getan! – jetzt fehlte ihm nicht nur das Geld für die Flucht – er saß darüber hinaus in Schulden, die er nicht zahlen konnte. In dieser verzweifelten Lage sitzt er und brütet er . . .« »Meine liebe und verehrte Frau Morener! Das Plädoyer, das Sie zugunsten meines« – es fiel ihr schwer, das Wort über die Lippen zu bringen – »künftigen Schwiegersohnes halten, steht auf sehr viel schwächeren Füßen als das Plädoyer, das ich für meine Tochter halten könnte – einfach, weil es sich bei ihm um eine unehrenhafte Handlung handelt – und da gibt es für mich keine Entschuldigung. Daß er den Diebstahl begangen hat, glaube ich natürlich nicht – Gott bewahre! wie könnte ich sonst von ihm als von meinem Schwiegersohn sprechen?« »Sie wissen von seinem Geständnis?« »Das hat mich zum Teil wieder mit ihm versöhnt – wenngleich ich diese Art Gentlemantum für übertrieben halte.« »Sie scheinen ja alles zu wissen.« »Ich habe meinen – Schwiegersohn von dem Augenblick an, wo ich sah, daß mein Kind ihm verfallen war – und das war weit früher, als meine Hanni selbst es wußte – nicht mehr aus den Augen gelassen. Ich mußte doch wissen, wes Geistes Kind er ist. Oh, ich kann Ihnen versichern, er hat ein gutes Herz! Das bißchen Protzentum, das mich anfangs von ihm abstieß, die Sucht, den seinen Mann herauszukehren, diese Kinderkrankheit, die alle Neureichen durchzumachen haben, war im selben Augenblick verflogen, in dem es galt, die Frau zu decken, die er damals zu lieben glaubte.« Frau Hedda senkte den Kopf und sagte leise: »Das war ich.« Frau Reichenbach ergriff Heddas Hände, drückte sie und sagte mütterlich: »Sie haben sich nichts vorzuwerfen, liebe Frau Morener! Sie haben wacker gekämpft. Gegen das Schicksal sind wir alle machtlos. – Jedenfalls hat mein Schwiegersohn durch sein Verhalten in dieser Affäre seinen Fehler mehr als gut gemacht.« »Was für einen Fehler meinen Sie – wenn Sie doch an seine Schuld nicht glauben?« »Mit Geld zu spekulieren, das er nicht besaß. – Was hat er nicht alles in Bewegung gesetzt, um die Unschuld meines Neffen nachzuweisen.« In diesem Augenblick erschien das Mädchen und meldete, daß Direktor Urbach Frau Morener auf einen Augenblick zu sprechen wünsche. »Wie denn? am Telephon?« »Der Herr ist draußen.« »Wenn Sie ihn sprechen wollen,« sagte Frau Reichenbach und erhob sich – »ich gehe solange hinaus.« »Danke, nein!« erwiderte Frau Hedda und stand auf. »Wenn er mich hier bei Ihnen sucht, so kann es sich doch nur um diese Affäre handeln – und da gibt es zwischen uns keine Geheimnisse. Wenn Sie also gestatten, daß ich ihn empfange.« »Ich bitte darum,« erwiderte Frau Reichenbach und gab dem Mädchen ein Zeichen, den Herrn hereinzuführen. Direktor Urbach begrüßte zuerst Frau Reichenbach und dann Frau Hedda. »Ich habe in Schloß Reichenbach angerufen – Sie waren schon fort – aber der Diener hatte gehört, daß Sie auf diesem Umwege zum Bahnhof fahren wollten.« »Sie verreisen?« fragte Frau Reichenbach und schien erstaunt. »Ich will nach Schönegg – zu meinem Mann. – Ich weiß mir nicht mehr anders zu helfen.« »Vor einer Stunde etwa«, fuhr der Direktor fort, »unmittelbar nachdem Sie mit mir telephoniert und mich von Ihrer Absicht, nach der Schweiz zu fahren, unterrichtet hatten . . .« »Sie wissen etwas Neues?« fragte Frau Reichenbach, die sonst nicht zu unterbrechen pflegte. »Bestätigt es sich, daß sie auf deutschem Boden, in der Nähe von Saarbrücken, gelandet sind?« »Ja, Frau Kommerzienrat! – aber leider . . .« »Lebt meine Tochter?« »Beide sind unversehrt – aber man hat sie . . .« ». . . verhaftet! Ich weiß. Man wird sie wieder entlassen, denn niemand wird so töricht sein und glauben, daß Hanni Reichenbach des Nachts einen Geldschrank plündert.« »Gewiß nicht – aber die gemeinsame Flucht . . .« »Besagt nur, daß die beiden jungen Menschen sich liebhaben.« »Gewiß, Frau Kommerzienrat, für uns! – Aber die Behörde, die sich mehr mit den Tatsachen als mit den Gefühlen – ich darf in diesem Falle wohl sagen: ihrer Opfer befaßt, leitet aus der gemeinsamen Flucht wohl den Verdacht der Mitwisserschaft her.« »Wenn er es nicht gewesen ist, kann sie ihm doch auch nicht dabei geholfen haben.« Direktor Urbach sah sie verdutzt an und sagte zögernd: »Sie meinen . . .?« »Karl Morener hat widerrufen,« sagte Frau Hedda – und Urbach erwiderte: »Das kann möglich sein!« »Er hat der Behörde gegenüber überhaupt noch gar nicht gestanden.« »Ein Geständnis dürfte in diesem Falle ebenso belanglos wie ein Widerruf sein.« »Wie meinen Sie das?« fragte Frau Reichenbach mit erhobenem Haupt. »Karl Morener ist überführt.« »Von wem?« »Die Beweise sind lückenlos.« »Herr!« fuhr ihn Frau Reichenbach an. »Sie scheinen nicht zu wissen, daß Sie von dem Bräutigam meiner Tochter, Herrn Leonard Reichenbachs Schwiegersohn, sprechen.« Direktor Urbach wich ein paar Schritte zurück. Dann verbeugte er sich leicht zu Frau Reichenbach hin und sagte: »Verzeihung, Frau Kommerzienrat! Aber als Mensch und Direktor, der noch heute in Leonard Reichenbach seinen Chef und väterlichen Freund verehrt, kann ich nicht glauben . . .« »Sind Sie gewöhnt, von mir eine Unwahrheit zu hören?« »Ich begreife, daß der unüberlegte Schritt Ihres Fräulein Tochter . . .« »Er ist sehr wohl überlegt.« »Aber doch ohne Ihr Wissen.« »Ich habe ihn gebilligt. Ob zuvor oder hinterher, bleibt sich gleich.« »Ich begreife, daß Sie die Ehre Ihrer Tochter zu retten suchen. Aber ich gebe zu bedenken, daß es in diesem Falle nur eine Möglichkeit gibt.« »Welche?« »Von diesem Herrn Morener abzurücken – und zwar mit aller Deutlichkeit.« »Und mein Kind?« »Für das Opfer eines Betrügers wird man Mitgefühl haben.« »Ihre Beweise, bitte!« »Die verfehlte Spekulation. Die geplante Flucht. Die absolute Notwendigkeit, sich Geld zu beschaffen. Das Scheitern dieser Versuche. Das Bemühen, den Verdacht auf Herrn Reichenbach zu lenken – vor allem aber die eidesstattliche Versicherung eines Geldverleihers, der man bisher keine Bedeutung beimaß, die aber nun die Kette schließt.« »Was ist das für eine Versicherung?« »Der Geldverleiher Schnitter, ein ehemaliger Geschäftsfreund des Herrn Heinrich Morener, war bereit, Herrn Karl Morener die geforderte Summe zu leihen – unter der Bedingung, daß er seine Tochter heiratete.« »Eine Schweinerei!« rief Frau Hedda – und Frau Reichenbach führte ganz unwillkürlich die Hände vor die Ohren. »Mag sein,« erwiderte Urbach. »Aber es wäre in diesem Falle vielleicht die kleinere Schweinerei gewesen.« »Er hat natürlich abgelehnt?« fragte Frau Reichenbach. »Leider!« »Wie können Sie das sagen?« »Uns allen wäre heute wohler, wenn er für seinen Leichtsinn dies Opfer gebracht hätte. Statt dessen hat er abgelehnt und die Dummheit begangen, zu erklären, daß er, wenn er das Geld nicht bekäme, gezwungen sei, ein Verbrechen zu begehen.« »Das sagt man so hin,« meinte Frau Hedda. »An sich gewiß. Aber nicht, nachdem man eben die Tochter abgelehnt hat. Jedenfalls wird das Gericht im Zusammenhang mit den übrigen Verdachtsmomenten daraus seine Schlüsse ziehen.« »Vor einer Stunde, als wir miteinander telephonierten, haben Sie davon noch nichts gewußt?« »Dieser Herr Schnitter, dessen Sohn übrigens Angestellter unserer Bank ist, war soeben bei mir.« »Und warum gerade heute? – Er hatte doch während des Prozesses gegen Reichenbach Zeit genug dazu,« sagte Frau Hedda. »Er hat im stillen wohl noch immer gehofft, daß Herr Morener seine Tochter heiraten würde. Nachdem er im heutigen Abendblatt aber gelesen hat, daß er mit Fräulein Reichenbach in einem Flugzeug . . .« »Das steht in der Zeitung?« fragte Frau Reichenbach entsetzt. »Leider! – Ich wage es nicht, auf die Börse zu gehen.« »Und wann ist es nach Ansicht dieses Herrn Schnitter gewesen, daß Karl Morener mit einem Verbrechen gedroht hat?« »Zwei Tage vor dem Bankdiebstahl.« »So genau erinnert er sich?« fragte Frau Hedda. »Er hat es sich aufgeschrieben.« »Weshalb denn?« »Es scheint, er ist auf die Herren Moreners nicht gut zu sprechen.« »Kennen Sie den Grund?« »Er hatte damit gerechnet, Herr Heinrich Morener werde ihn mit sich hinaufziehen. Statt dessen hat er jede Geschäftsverbindung mit ihm abgelehnt.« »Das wissen Sie genau?« »Ich habe die Szenen miterlebt. Er kam immer wieder und war so aufdringlich, daß Herr Morener ihn überhaupt nicht mehr empfangen hat.« »Dann muß er ihn ja gehaßt haben.« »Davon bin ich überzeugt.« »Und Karl Morener ist trotzdem zu ihm gegangen?« »Da können Sie sehen, wie unüberlegt er ist.« »Wie arglos – meinen Sie.« »Er mußte sich doch sagen, daß so ein Mann, der seinem Onkel alles Schlechte gönnt, ihm zuletzt aus der Verlegenheit helfen würde.« »Und nun denken Sie noch einen Schritt weiter, Herr Direktor,« fuhr Frau Hedda fort. »Dieser schon enttäuschte und beleidigte Mann bietet Karl Morener seine Tochter an. Er lehnt sie ab. Muß Neid und Haß da nicht geradezu Rachegefühle erwecken.« »Es wäre durchaus menschlich,« bestätigte Direktor Urbach. Frau Reichenbach war dem Gespräch mit wachsendem Interesse gefolgt. Sie ahnte – im Gegensatz zu dem Direktor – bereits, worauf Frau Hedda hinauswollte. Jetzt mischte auch sie sich in die Unterhaltung und fragte: »In welcher Abteilung ist der Sohn des Herrn Schnitter denn beschäftigt?« »Bei Herrn Reichenbach.« »Und was tut er da?« »Er war bis vor kurzem sein zweiter Sekretär.« »Er hat also neben dem Privatbureau meines Neffen gearbeitet.« »Ja,« erwiderte der Direktor etwas erstaunt, während sich Frau Hedda an Frau Reichenbach wandte und sagte: »Wie wäre es, wenn wir uns diese Familie Schnitter mal etwas genauer ansähen?« »Dasselbe wollte ich Sie eben fragen,« erwiderte Frau Reichenbach. »Ich warne Sie!« sagte der Direktor. »Zeugenbeeinflussung ist strafbar.« »Haben Sie aus dem Prozeß nicht gelernt, daß aus einem Zeugen auch ein Angeklagter werden kann?« fragte Frau Reichenbach. »Wie kommen Sie darauf, daß dieser Schnitter . . .?« »Ganz einfach, weil er einen Unschuldigen verdächtigt,« erwiderte Frau Reichenbach – und Direktor Urbach sagte: »Frau Kommerzienrat, ich bedauere Ihre Verwirrung. Bedenken Sie, daß der Name Reichenbach schon genug gelitten hat. Unterstützen Sie die Tollheit Ihrer Tochter nicht!« »Was erlauben Sie sich?« fuhr Frau Reichenbach den Direktor an. »Gehen Sie in Ihre Bank! Besorgen Sie Ihre Geschäfte – und kümmern Sie sich nicht um Dinge, die nur mich angehen.« Direktor Urbach suchte bei Frau Hedda Schutz, indem er sich zu ihr wandte und sagte: »Gnädige Frau?« »Sie sind hier nicht in meinem Hause, Herr Urbach. Aber ich glaube, daß ich an Stelle der Frau Reichenbach nicht anders handeln würde.« Da verbeugte sich der Direktor und ging. Frau Reichenbach ergriff Frau Heddas Hände und fragte: »Wollen wir zusammenhalten?« »Von Herzen gern,« erwiderte Frau Hedda. »Ich verschiebe meine Schweizerreise, bis wir uns über diesen Geldmann Klarheit verschafft haben.« Wenige Minuten später – es war bereits Abend geworden – saßen die beiden Frauen in Heddas Automobil und fuhren zu Schnitter. 28. Der alte Schnitter saß mit seiner Tochter Margarete beim Abendessen. In einem Hause des Kaiserdamms bewohnten sie die erste Etage, deren eine Hälfte als Bureau eingerichtet war. Schnitter befaßte sich seit über dreißig Jahren mit Finanzierungen fraglichen Charakters und hatte, genau wie sein früherer Geschäftsfreund Heinrich Morener, die Sehnsucht, aus seinem Kleinleutemilieu herauszukommen und in eine höhere Gesellschaftsklasse aufzurücken. Je mehr er verdiente, um so größer wurde diese Sehnsucht. Aber ihm fehlte außer dem Anpassungsvermögen, das Morener innerhalb gewisser Grenzen besaß, vor allem jenes Persönlichkeitsmerkmal, das im letzten Jahrzehnt aus Sattlern, Drehern und Buchdruckern Präsidenten, Minister und Industrielle hat entstehen lassen. Sie alle trugen statt der gewohnten Arbeitsjacke jetzt nicht nur den Smoking als etwas Selbstverständliches, sondern waren auch in ihren Reden und in ihrem Benehmen kaum noch von jenen zu unterscheiden, die von Kindheit an die Suppe mit silbernen Löffeln gegessen und vom ersten Schritt an, den sie ins Leben taten, nur Schuhe nach Maß getragen hatten. Schnitter hingegen, obgleich der Vollbart, den er innerhalb seines Milieus zwei Jahrzehnte lang mit Stolz getragen und gepflegt hatte, gefallen war, obgleich er einen teuren Maßschneider hatte und seidene Hemden trug, verlor den Typ des kleinen Mannes nicht, dem man in einer Badehose am Strande noch ansah, daß er gewöhnt war, zu Haus unter einem Öldruck auf dem Plüschsofa zu sitzen, gerollte Manschetten und genähte Kravatten zu tragen. Als Frau Hedda an der Flurtür läutete, schlug Schnitter mit dem Messer auf den Tisch und sagte: »Ich dulde keine Besuche während des Essens.« Als das Mädchen aber die Karten brachte, auf denen stand: Frau Hedda Morener geborne Baronesse von Nedlitz und Frau Leonard Reichenbach – da sprang er auf, riß die Serviette, die hinter dem Kragen steckte, herunter und stürzte in das Entree. Auch Margarete, die sonst nicht neugierig war, stand auf, ging zu einer anderen Tür hinaus und versteckte sich hinter einer Portiere im Salon. Mit vollem Munde begrüßte Schnitter die Damen und bat sie, in den Salon zu treten. Auf seine Aufforderung hin setzten sie sich um einen runden Tisch herum, und er fragte, noch immer die Serviette in der Hand, wie er es gewohnt war: »Womit kann ich den Damen dienen?« – Dabei machte er wie stets eine Handbewegung, als wenn er die Brieftasche herausnehmen wollte. »Sie sind ein Freund meines Mannes,« begann Frau Hedda. »Ich war es – aber er ist so groß geworden – er kennt mich nicht mehr.« »Sie irren. Sie wissen, er ist krank. Ich komme in seinem Auftrag.« Schnitter schob den Bauch, den er sonst einzuziehen bemüht war, da man ihm gesagt hatte, feine Leute haben keine Bäuche, mit einem mächtigen Ruck nach vorn und rief: »Das ist nicht wahr! Sie wollen mich bluffen.« »Sie wären also nicht geneigt, während seiner Abwesenheit die Leitung der Bank zu übernehmen?« Schnitter sah sie mißtrauisch an und fragte: »Zu welchen Bedingungen?« »Es ist nur eine.« »Nämlich?« »Sie müßten zuvor den Mann ermitteln, der den Bankdiebstahl begangen hat.« »Wie? – ich dachte, der wäre bereits . . .« »Sie meinen?« »Nicht Herrn Reichenbach.« »Sondern?« »Sprechen wir mal erst von Ihrem Angebot. Sie sagten, daß Sie im Auftrag Heinrich Moreners kommen.« »Das sagte ich.« »Ist er verfügungsberechtigt?« »Was heißt das? – Er ist der alleinige Inhaber.« »Also nicht wegen Geisteskrankheit entmündigt?« »Wie kommen Sie darauf? Er befindet sich auf dem Wege der Genesung.« »Und da will er mich – wo er, wie Sie sagen, in absehbarer Zeit zurückkommt.« »Sie scheinen nicht zu wissen, daß jetzt auch mein Neffe in die Affäre hineingezogen werden soll.« »Ich habe das Abendblatt gelesen.« »Was sagen Sie dazu?« »Es hat mich nicht überrascht.« »Sie glauben also, daß er . . .« »Halt!« rief der alte Schnitter. »Legen Sie mich nicht fest!« Die beiden Frauen sahen sich erstaunt an und fragten: »Was heißt das?« »Sie sind doch gekommen, ein Geschäft mit mir zu machen. – Ich kann Ihnen auch sagen, wie das Geschäft aussieht. Ich versteh mich aufs Gedankenraten. Bei einem Geschäft da ist es wichtiger, man weiß, was der andere will, als was man selbst will.« »Ich verstehe Sie gar nicht,« sagte Frau Hedda. »Ist auch nicht nötig,« erwiderte er. »Ich verstehe Sie. Also wie gesagt, das Geschäft ist zu machen. Lieber wär mir, Sie hätten sich vormittags zu mir bemüht. Ich wär auch zu Ihnen gekommen. Sie hätten mir nur zu telephonieren brauchen.« »Was meinen Sie denn?« »Ich bin es von meinem Freunde, der Ihr Mann ist, gewöhnt, faule Geschäfte auf seine Rechnung zu machen, die er nicht anrührt – nicht aus Moral, nur weil er Angst hat, sich die Hände zu verbrennen – wenn ich 'ne Frau hätte wie Sie, und 'n Geschäft wie die Firma Reichenbach, möchte ich mich auch hüten, faule Sachen anzurühren – ich habe aber weder das eine noch das andere, also kann ich es mir leisten.« »Was denn? was denn?« fragte Frau Hedda ungeduldig. »Sie wissen ja gar nicht, was wir wollen.« »Sie haben es ja gesagt. Ich soll die Leitung der Bank übernehmen – vorübergehend – Gut! Morener weiß, daß das mein Traum ist. Wenn er also meinen Traum erfüllt – ich weiß, er ist nicht billig – was fordert er? Ich will's Ihnen sagen: ich soll mein Zeugnis abändern. Was nützt es Heinrich Morener, daß er gesund wird. Wenn Karl im Zuchthaus sitzt, ist der Ruf der Bank erledigt. Morener ist eben Morener – ob der nun Karl oder Heinrich heißt. Also, was wollen Sie, daß ich sage? Werde ich sagen, ich habe Karl das Geld gegeben, so wird man fragen, wo ist es? Man könnte auch sagen, ich habe die Schuld übernommen – dem Heinrich zuliebe, in der Hoffnung, daß er mir zurückgibt alles plus Zinsen. Wer kann mir ins Herz sehen, ob ich das nicht gewollt habe? Also kann ich's beschwören. Aber wie dumm, daß Sie so spät kommen – das Geschäft ist glatt und einfach – aber ich rate Ihnen, schicken Sie Ihren Direktor auf ein paar Monate auf Urlaub – der erschwert den Fall –, nicht, daß ich nicht mit ihm arbeiten will – ich nehme keinem sein Brot – aber ich hab ihm erzählt von Karl – man erzählt viel, wenn man einen andern ärgern will.« »Es ist also gar nicht wahr, daß Karl Morener von einem Verbrechen gesprochen hat, das er begehen muß, wenn Sie ihm das Geld nicht geben?« fragte Frau Hedda. Der alte Schnitter lächelte verschmitzt und sagte: »Sie fangen das Geschäft von hinten an. – Wenn ich Ihnen jetzt sage, daß Ihr Neffe nie etwas Ähnliches gesagt hat, werden Sie 'ne Zeugin haben, die Sie schon mitgebracht haben – und was für eine! – Frau Kommerzienrat Reichenbach! Was die sagt, ist mehr wert, als was ich schwöre – also, werden Sie Ihre Offerte zurückziehen.« »Es kommt doch nicht darauf an, was Sie sagen, sondern was Sie wissen.« Schnitter sah sie erstaunt an und sagte: »Sie meinen, was 'n anderer weiß. Denn über das, was 'n anderer nicht weiß, kann ich doch sagen, was ich will.« »Wir wollen Sie zu keinem falschen Zeugnis verleiten.« »Pscht, wie kann man so unvorsichtige Worte sagen?« »Wir wollen wissen, wer den Bankdiebstahl begangen hat.« »Bin ich ein Prophet?« »Sie wissen es!« »Möglich – Aber wer kann mich zwingen, es zu sagen?« »Wir werden Sie zwingen!« »Was wissen Sie denn von mir?« fragte der Alte unsicher. »Daß Sie meinen Mann beneiden und hassen.« »Das würden Sie auch tun an meiner Stelle.« »Und daß Sie sich rächen wollen, weil er Sie nichts mehr hat verdienen und links hat liegenlassen, als er groß geworden war.« »Na und?« »Da haben Sie es denn eben getan.« »Ich?« »Da Sie wußten, in welcher Lage sich Karl Morener befand, so rechneten Sie damit, daß der Verdacht auf ihn fallen mußte. Sie kannten genau die Summe, die er schuldig war. Daß Sie mit Karl Morener auch meinen Mann treffen würden, haben Sie ja eben selbst gesagt.« »Und wie bin ich dann an das Geld gekommen?« fragte Schnitter gespannt, aber in aller Ruhe. »Durch Ihren Sohn! den Sekretär Heinz Reichenbachs, der die Schlüssel hatte.« »Reichenbach hatte die Schlüssel?« »Ja! – Und für einen Sekretär, der bei ihm ein- und ausgehen konnte, ohne daß es auffiel, war es am Ende nicht schwer, sich die Schlüssel für kurze Zeit anzueignen, eine Zeichnung oder einen Abdruck – ich verstehe mich nicht darauf – davon zu machen.« Schnitter wurde unruhig und blaß. Erst schwieg er, dann trat er nahe an Frau Hedda heran und sagte: »Das ist gemein, was Sie sich da zurechtgelegt haben.« »Sie geben es zu?« »Ich war es nicht. Aber darauf kommt es leider nicht an. Mir wäre lieber, ich wär's gewesen und Sie hätten nicht die kluge Idee, die Sie da ausgepackt haben und die so gut ist, daß es mir gar nichts nützt, daß ich es nicht war. Ich geb also zu, Sie machen mich ängstlich. Was bin ich schon oft mit Dingen reingefallen, wo ich das beste Gewissen hatte – und dann wieder, wo ich dachte, mir wird was passieren, da hat kein Hahn nach mir gekräht.« »Sie geben jedenfalls zu, daß der Verdacht begründet ist?« »Wenn mein Sohn die Möglichkeit hatte – was ich nicht weiß – an die Schlüssel ranzukommen – mit Devisen haben wir zu der Zeit auch gerad gehandelt – dann wär mir lieber, der Herr Staatsanwalt beschäftigte sich nicht mit mir.« »Wenn Sie der Ansicht sind, daß es weniger darauf ankommt, ob jemand der Täter ist, als auf die Gründe, die man dafür oder dagegen anführen kann, wie können Sie dann behaupten, daß Karl Morener der Täter ist?« Hinter der Portiere sah man für einen Augenblick das erschrockene Gesicht Margarete Schnitters. Die drei saßen so um den Tisch herum, daß nur der Alte sie sehen konnte. Der aber beugte sich in diesem Augenblick gerade über den Tisch zu den beiden Damen und erwiderte: »Ich will Ihnen was sagen: Neid und Haß und Rache, die Sie als Beweise gegen mich anführen, das sind Sachen, die sitzen da,« – er machte eine Bewegung – »im Herzen, oder im Kopf oder sonst wo – jedenfalls: man kann sie nicht sehen. Wenn aber jemand Schulden hat – und er gibt ein Papier – ich geb nie ein Papier – das ist was Geschriebenes – und wenn er zu gesund im kritischen Moment mit einem Flugzeug hochgeht – noch dazu übers Wasser, dann sagt er damit, daß er sich in der Luft, was doch schon ein halber Tod ist, immer noch sicherer fühlt, als in der Nähe des Staatsanwalts. Wenn ich Staatsanwalt wäre, würde ich sagen, das ist ein Geständnis.« »Es würde Sie nicht bedrücken, wenn ein anderer für eine Tat bestraft würde, die Sie begangen haben?« »Bei meinem Kinde schon.« »Und bei Karl Morener?« »Bei dem schon weniger. Aber wieso sind Sie ganz abgekommen von unserem Geschäft? Wie denken Sie sich, daß ich den Karl freibekommen soll? Ich sag es noch einmal: schicken Sie vor allem den Urbach auf Urlaub! Und was wird, wenn ich den Karl wirklich freibekomme? Wer wird zu bestimmen haben? Der Karl oder der Reichenbach, den man auch dem Staatsanwalt erst abringen muß – denn was macht es für einen Eindruck, wenn es von einem Haus, das firmiert Gebrüder Reichenbach, heißt, der Herr Reichenbach ist verreist und man kann ihn nicht mal telephonisch erreichen. – Also wieder ein Stück Arbeit – und dann die beiden Direktoren, seine Leute, die noch im Geist des Herrn Leonard Reichenbach – Geschäfte machen, als hätten wir weder Krieg noch Revolution gehabt – wie soll ich aufkommen mit meiner Moral gegen die ihre? Und wenn schließlich noch Heinrich Morener zurückkommt: wo bin ich da? – Haben Sie eine Vollmacht von ihm?« »Von damals. Aber sie gilt noch heut.« »Und wieso glauben Sie, daß gerade ich – den Täter kenne?« »Das habe ich doch deutlich genug gesagt.« »Ich will Ihnen was sagen: Wenn Sie mir eine Million bieten und mir sagen: ›sitz dafür drei, vier Monate, ja selbst sechs,‹ so überleg ich's mir. Wenn Sie mir aber sagen: ›laß dich wegen eines Bankdiebstahls einsperren für, ich weiß nicht, wen und übernimm dafür die Leitung der Bank,‹ so sage ich, das ist ein Schwindel. Wie soll ich die Bank leiten, wenn ich hinter spanischen Gardinen sitze.« »Es ließe sich später darüber reden. Ich würde jedenfalls dafür sorgen, daß Sie nach Ihrer Entlassung keine Not leiden.« Der alte Schnitter lachte laut auf, und Frau Hedda fuhr fort: »Vorausgesetzt natürlich, daß Sie der Täter sind.« »Wenn ich Ihnen aber sage, ich bin es nicht.« – Und er wiederholte mit lauter Stimme: »Ich bin es nicht!« »Vielleicht, daß Ihr Sohn . . .« Schnitter warf die Arme hoch und rief: »Halt! Ich bin ein Schuft – gut! Obschon ich mit dem Diebstahl nichts zu tun habe – wenigstens nicht direkt. Aber was meinen Sohn betrifft, der ist ein Ehrenmann, an den laß ich Sie nicht ran, keinen laß ich ran an ihn. Und wenn Sie ihm Millionen bieten, so werde ich sagen: ›Nein! für so'n Geschäft nicht!‹ – Aber ich kann Ihnen vielleicht jemand verschaffen.« »Ich will nicht jemanden – ich will den Täter!« »Man soll nicht zu viel verlangen. Das Leben ist ein Kompromiß – man muß sich heutzutage mit einem halben Erfolg begnügen.« »Ich werde nie meine Hand zu einem solchen Betrug geben.« »Und wenn Sie dem Betreffenden damit eine Freude machen? – Ich kenne Leute, die danach greifen, wie nach dem großen Los.« »Auch dann nicht!« »Was wollen Sie dann von mir? Dann wird eben Karl Morener seine zwei Jahre Zuchthaus bekommen.« In diesem Augenblick stürzte Margarete Schnitter hinter der Portiere hervor und rief: »Nein, Vater! das wird er nicht!« Die beiden Damen sprangen auf. »Was, du verteidigst den Lumpen?« »Weil er eine andere liebt als mich, ist er noch lange kein Lump.« »Sie wissen, daß er unschuldig ist?« fragte Frau Hedda mit gedämpfter Stimme. »Ja! – das weiß ich!« erwiderte sie bestimmt. »Du bringst es fertig und verdächtigst deinen Vater.« »Man hat Karl Morener verhaftet,« sagte Frau Hedda, die dicht an Margarete Schnitter herangetreten war. »Und er ist verloren, wenn Sie uns nicht sagen, wer die Devisen hat.« Der alte Schnitter, der sich mit den Fingern an den Rand des Tisches klammerte, rief drohend: »Margarete!« Vater und Tochter standen sich gegenüber. »Retten Sie Karl!« bettelte Hedda – und indem sie den Arm um Margarete Schnitter legte, wiederholte sie: »wo sind die Devisen?« »Ich . . .!« rief der Alte mit heiserer Stimme und suchte den Blick seiner Tochter festzuhalten. – Aber die wandte den Kopf und sah mit starrem Blick auf einen Geldschrank, der zwischen der Portiere und einer alten Vitrine stand. So blieb sie stehen – die Augen immer auf den Schrank gerichtet. Der alte Schnitter wandte den Kopf zu Frau Hedda und duckte sich, wie ein Raubtier vor dem Sprung. Mit einem schnellen Satz stand Frau Hedda vor dem Schrank und hielt den Alten, der ihr blitzschnell folgte, mit einem Revolver, den sie für alle Fälle mitgenommen hatte, zurück. »Ich schieße Sie über den Haufen!« drohte sie – »wenn Sie sich von der Stelle rühren.« »Verlassen Sie mein Haus!« brüllte der Alte – während seine Tochter sich abwandte und weinte. »Da ist das Telephon!« rief Frau Hedda der Frau Reichenbach zu. »Verlangen Sie das Überfallkommando!« »Unterstehen Sie sich!« rief der Alte und wollte sich auf Frau Reichenbach stürzen. Aber Frau Hedda zwang ihn mit dem Revolver, stehenzubleiben. Frau Reichenbach nahm den Hörer ab. – Margarete Schnitter trat vom Fenster weg und machte ein paar Schritte auf den Apparat zu, scheinbar um Frau Reichenbach in den Arm zu fallen. Sie besann sich im letzten Augenblick, blieb stehen und ließ sie telefonieren. Sie verlangte Überfall und nannte Namen, Straße und Hausnummer. »Hausfriedensbruch!« schrie der Alte. »Bedrohung!« »Schweigen Sie!« rief Frau Hedda. »Sie sind ja verrückt! – Mir kann nichts geschehen! – Aber Ihnen!« »Papa verliert den Verstand!« jammerte Margarete. »Durch dich! – Ein gutes Kind bist du – ein braves Kind! – Für so einen wie den Karl, der dich verschmäht . . .« »Ich liebe ihn!« »Er lacht dich aus.« »Du hast schuld.« »Ich?« »Du hast mir gepredigt – noch als ich Kind war – das ist ein Mann für dich! Du hast mir in den Ohren gelegen mit ihm . . .« »Wollen wir uns jetzt um den herumstreiten?« sagte der Alte und wandte sich wieder zu Frau Hedda: »Ich fordere Sie zum letzten Male auf, gehen Sie! – Ich rate Ihnen gut! – Es wird Ihnen nichts nützen. – Wir werden uns anders einigen. – Sie komplizieren! Sie verwirren! Sie erschweren es sich!« »Geben Sie sich keine Mühe!« »Lassen Sie sich doch sagen: so geht es nicht!« »Das wird sich zeigen.« »Sie wollen doch keinen Unschuldigen leiden lassen.« »Man braucht Sie nur anzusehen – und man weiß, woran man ist.« »Sie haben eine unglückliche Hand!« »Unglücklich für Sie – das mag stimmen.« »Wenn Sie mich doch einen Augenblick anhören wollten.« »Sie hatten Zeit genug. – Hätten Sie uns die Wahrheit gesagt, vielleicht daß wir dann irgendeinen Ausweg gesucht hätten.« »Ich will die volle Wahrheit sagen!« »Zu spät!« Unten fuhr das Polizeiauto vor. »Sagen Sie, es war ein Irrtum!« bettelte der Alte. »Ich verspreche Ihnen, was Sie wollen.« Ein Offizier mit ein paar Mann betraten die Wohnung. »Dieser Herr da«, erklärte Frau Hedda und wies auf den alten Schnitter, »ist der Mann, der den Bankdiebstahl bei Gebrüder Reichenbach begangen hat!« »Sie lügt!« schrie der Alte. »Lassen Sie den Geldschrank öffnen – und Sie haben den Beweis in Händen.« »Wer ist denn hier Wohnungsinhaber?« »Ich!« rief Schnitter. »Und wer hat Sie überfallen?« »Die Damen da!« »Wa . . . as?« »Sie hat den Revolver noch in der Hand.« »Wir haben Sie herbeigerufen, nicht er!« erklärte Frau Hedda und fügte hinzu: »Dies ist Frau Kommerzienrat Reichenbach – und ich bin Frau Generaldirektor Morener.« – Haltung und Äußeres ließen es ihr ratsam erscheinen, gegen ihre Gewohnheit hinzuzufügen: »Geborene Baronesse Nedlitz.« »Und wer hat die Damen überfallen?« »Niemand!« rief Schnitter. »Wozu hat man dann das Überfallkommando alarmiert?« »Ich sagte es ja schon! Weil sich in diesem Geldschrank die Beweise für den Bankdiebstahl befinden.« »Das ist Sache der Kriminalpolizei.« »Bravo!« rief Schnitter. »Ich bin hier im Amt und verbitte mir jede Beifallsbezeugung.« – Da er Miene machte mit seinem Kommando wieder abzurücken, so bestürmte ihn Frau Hedda. »Wegen dieses Diebstahls sitzen Unschuldige im Zuchthaus.« »Bedaure! Wir sind das Überfallkommando.« »Wenn Sie abrücken, wird er die Beweise beiseite schaffen.« »Ihre Schuld! Sie hätten sich an die Kriminalpolizei wenden müssen.« »Das kann ich ja noch tun. Aber bis die kommt, bleiben Sie doch bitte hier.« »Das verstößt gegen das Reglement.« »Dann lassen Sie wenigstens einen Mann hier, damit er nicht an den Geldschrank herangeht.« »Die Dame weiß nicht, was sie spricht,« beteuerte Schnitter. Frau Hedda wollte den Hörer vom Apparat nehmen. »Muß ich erlauben, daß sie mir mit meinem Apparat fortgesetzt die Polizei auf den Hals hetzt?« fragte er. »Nein! das haben Sie nicht nötig!« erwiderte der Offizier, trat an Frau Hedda heran, bat um den Hörer und sagte: »wenn Baroneß gestatten.« – Dann wandte er sich, den Hörer in der Hand, an Schnitter und fuhr fort: »Mir müssen Sie es nämlich erlauben.« – Er ließ sich mit dem Polizeirevier verbinden und befahl dem Kriminalwachtmeister, sofort zu kommen. »Und ich verlange, daß Sie die beiden Damen wegen Hausfriedensbruch, Freiheitsberaubung und Nötigung festnehmen!« »Was soll denn das heißen?« »Das müssen Sie als Polizeioffizier doch wissen. Ich habe die Damen hinausgewiesen, sie sind nicht gegangen. Bei jedem Schritt, den ich machen wollte, hat man mir den Revolver vor das Gesicht gehalten und mich genötigt, auf einem bestimmten Fleck stehenzubleiben.« »Trifft das zu?« fragte der Offizier die Damen. »Ich hatte doch gar keine andere Möglichkeit!« »O doch! Sie hätten zur Polizei gehen und um die Begleitung eines Beamten bitten sollen. Sie haben sich strafbar gemacht – und zwar erheblich.« »Ich bin ein versöhnlicher Mensch,« sagte der alte Schnitter, »mir liegt nichts daran, daß die Damen im Gefängnis sitzen. – Ich will nichts gehört und nichts gesehen haben. – Sagen Sie dem Kriminalwachtmeister, wenn er kommt, es ist alles in Butter – es war ein Irrtum.« »Ausgeschlossen!« rief Frau Hedda. »Und wenn man mich für Monate einsperrt . . .« »So arg wird es nicht werden, Baroneß,« sagte der Offizier. ». . . der Bankdiebstahl muß endlich aufgeklärt werden.« »Wenn Sie glauben, daß Sie ihn hier aufklären werden, irren Sie sich.« Der Kriminalwachtmeister erschien. »Ich biete noch einmal die Hand zum Frieden!« sagte der Alte – und zu dem Kriminalbeamten gewandt, fuhr er fort: »Hier ist nichts geschehen – wir haben uns versöhnt.« Frau Hedda klärte den Zusammenhang auf. Der Beamte wandte sich an Schnitter und forderte unter Hinweis auf den Schrank: »Die Schlüssel!« Der Alte griff ängstlich in die Tasche – zog die Hand wieder heraus – lächelte und sagte: »Schade! – Mein Sohn hat sie.« »Wo ist Ihr Sohn?« »Wo soll er sein. Im Bureau!« »Ich werde ihn sofort festnehmen lassen.« Da griff der Alte hastig noch einmal in die Tasche, zog die Schlüssel heraus und reichte sie dem Beamten. Der ging an den Schrank und schloß auf. Kassabücher lagen darin, Wertpapiere und hinten rechts ein großes Paket. Darauf stand: Devisen – daneben die Summe und darunter ein Datum, das mit dem Tage des Einbruchs übereinstimmte. »Sehr jung!« meinte der Beamte zu Schnitter gewandt. »Ich hab es bekommen! – Ich weiß von nichts.« »Aber es ist Ihre Handschrift!« – Er hielt ihm ein Kassabuch unter die Nase. »Ich wußte nicht, daß es aus einem Einbruch stammt.« »Sie wollen behaupten, die Devisen gekauft zu haben?« »Man hat sie mir geschenkt.« »Ach nee!« sagte der Beamte belustigt. »Müssen Sie gute Freunde haben.« »Ich schwöre es Ihnen – beim Leben meiner Tochter – die ich liebe, obschon sie ihren alten Vater nicht geschont hat.« Margarete Schnitter warf sich dem Alten an den Hals und sagte schluchzend: »Vater! verzeih mir!« Der Alte fuhr ihr durchs Haar und sagte: »Wenn du nur die Verliebtheit dadurch los wirst, dann will ich schon zufrieden sein.« Der Beamte legte den Arm auf ihn und erklärte ihn für verhaftet: »Ein Unschuldiger mehr!« erklärte Schnitter und ließ sich abführen. Die beiden Damen bemühten sich um seine Tochter. 29. Frau Hedda fuhr an diesem Abend nicht auf ihr Gut zurück, sondern blieb bei Frau Reichenbach. Die Ereignisse hatten zwei Frauen, die sich seit Jahren kannten, sich aber fremd, wenn nicht gar unsympathisch geblieben waren, innerhalb weniger Stunden zu Freundinnen gemacht. Sie fuhren von Schnitters Wohnung aus, nachdem sie dessen Tochter beruhigt hatten, zum Anwalt und drangen darauf, daß nicht nur der Staatsanwalt noch in derselben Nacht von der Festnahme Schnitters und dem Fund der Devisen Nachricht erhielt, sondern daß auch die Zeitungen in ihrer Morgenausgabe an sichtbarer Stelle von der neuen Wendung im Prozeß Reichenbach berichteten. Der Anwalt war nach den Erfahrungen, die er in dieser Affäre gemacht hatte, gegen jede Überstürzung. Den Staatsanwalt in seiner Privatwohnung anzurufen lehnte er den Damen, so großen Wert er darauf legte, sie als Klienten zu haben, rundweg ab. Aber Frau Hedda beschied sich damit nicht. Sie meinte: »Wenn der Staatsanwalt unaufgefordert und unangemeldet zu mir kommt, so ist das ein gröberer Verstoß gegen den gesellschaftlichen Takt, als wenn ich ihn um zehn Uhr abends in seiner Wohnung anrufe.« »Er ist verheiratet,« sagte der Anwalt. »Dann werde ich seine Frau ans Telephon bitten – um jeden Verdacht von ihm abzuwenden.« Sie hatte im selben Augenblick auch schon die Verbindung, nannte der Gattin des Staatsanwalts ihren vollen Namen, entschuldigte sich und erhielt in liebenswürdigster Form zur Antwort: »Ich würde an Ihrer Stelle genau so handeln.« Es stellte sich heraus, daß die Frau Staatsanwalt über den Fall unterrichtet war, der, wie sie versicherte, weitaus das Interessanteste in ihrer dreijährigen Ehe war. Sie gab den Hörer ihrem Mann, der neben ihr stand und lächelnd das Gespräch mitangehört hatte. Frau Hedda erzählte ihm das Erlebnis mit Schnitter, und er erwiderte – und sagte damit die Wahrheit. »Alles das ist mir bereits bekannt.« »Wie ist das möglich?« fragte Frau Hedda erstaunt. »Ich habe es unmittelbar vorher erfahren. – Dieser Geldmann Schnitter ist mir nicht unbekannt. – Ich wußte auch, daß sein Sohn zweiter Sekretär bei Herrn Reichenbach ist.« »Das wußten Sie?« »Er wird bereits seit längerem beobachtet. Ich hätte die Beobachtung gern noch kurze Zeit fortgeführt – aber die Damen sind mir zuvorgekommen.« »Sind Sie uns denn nicht dankbar?« fragte Frau Hedda. »Ich nehme Ihre Hilfe gern an. Ich sagte Ihnen das ja heute nachmittag schon. Aber wir dürfen uns nicht gegenseitig ins Handwerk pfuschen.« »Ja, zweifeln Sie denn noch immer – auch jetzt noch, wo man diesen Mann verhaftet und die Devisen bei ihm gefunden hat, an der Unschuld von Heinz Reichenbach und Karl Morener?« »Ich gebe die Möglichkeit zu – sogar die Wahrscheinlichkeit. Aber aus der Tatsache, daß man die Devisen bei diesem Schnitter fand, geht noch nicht hervor – jedenfalls nicht mit Bestimmtheit –, daß er der Täter ist.« »Na, hören Sie mal!« »Der Mann macht auf mich viel eher den Eindruck eines Hehlers.« »Er sagte so etwas wie, daß er nicht direkt beteiligt sei – darin liegt doch ein Zugeständnis.« »Dies nicht direkt gäbe mir recht,« erwiderte der Staatsanwalt. »Aber ich will in Ihrem Interesse hoffen, daß ich mich irre.« Frau Hedda glitt der Hörer aus der Hand. Sie hörte nicht mehr, wie sich der Staatsanwalt in höflicher Form von ihr verabschiedete; sie glitt auf einen Sessel, ergriff die Hand Frau Reichenbachs, die neben ihr stand, und sagte verzweifelt: »Noch immer nicht am Ziel.« »Wie ist das möglich? Wo doch alles klar und bewiesen ist!« »Wir wollen es hoffen,« erwiderte Frau Hedda. »Das Wichtigste ist, daß Sie zunächst morgen Ihr Kind wiederhaben.« »Sie sollten jetzt nicht von uns fortgehen. Mir ist, als wenn wir damit alle unsern Schutz verlieren.« Sonderbar, dachte Frau Hedda und mußte an die Schutzgöttin Kuanyin, zu Häupten ihres Bettes, denken. – Und zum erstenmal in ihrem Leben ertappte sie sich dabei, daß sie an Bestimmung glaubte. Sie dachte an ihre erste Begegnung mit Reichenbach – wie vieles hatte sich davon erfüllt. War es ein Zufall, daß er sich von dem weitaus schönsten Stück seiner Sammlung, der Kuanyin, getrennt und sie ihr, die nicht einmal viel von diesen Dingen verstand, überlassen hatte? Von diesem Augenblick an aber war ihr Schicksal mit dem anderer Menschen verknüpft. Sie fühlte sich verantwortlich für das, was andere taten und hielt sich für verpflichtet, ihnen zu helfen. »Ihr Neffe hat mir einmal klarzumachen versucht,« sagte Frau Hedda, »wieviel richtiger es oft im Leben ist, den Verstand auszuschalten und nach dem Gefühl zu handeln. So zwecklos diese Reise mir erscheint und obgleich die Ärzte nicht wünschen, daß mein Mann mich sieht – mir ist so, als wenn ich zu ihm müßte.« »Vergessen Sie nicht, daß Sie zu einem Schwerkranken fahren, der Ihnen nicht helfen kann, der Sie nur noch mehr belasten wird.« »Die Vernunft versagt in diesem Falle – das haben wir ja doch alle erlebt. Vielleicht, daß ein Einfältiger einen Ausweg sieht.« »Der Gedanke zeigt mir, daß auch Sie, liebe Frau Hedda – am Ende Ihrer Kräfte sind.« »Nicht das allein ist es. Aber ich schleppe eine Last mit mir herum, von der ich mich endlich befreien muß, um wieder ein freier Mensch zu werden. Das aber kann nur bei ihm geschehen.« »Dann müssen Sie fahren. Und wie lange werden Sie bleiben?« »Das hängt nicht von mir ab. Die Ärzte schreiben, daß er jetzt täglich Stunden hat, in denen er völlig klar ist.« »Und solche Stunden brauchen Sie? – Wie schrecklich ist das!« – Am Morgen des nächsten Tages fuhr Frau Hedda nach Luzern. Als sie in Schönegg ankam, empfingen sie die Ärzte und sagten: »Die Berichte, die wir Ihnen über das Befinden Ihres Gatten sandten, waren etwas gefärbt. Ihr Arzt schrieb uns, daß Sie in Berlin vieles durchzumachen hätten, was Sie arg mitnähme – wir sollten in unseren Briefen darauf Rücksicht nehmen. – Das haben wir dann auch getan.« »Es geht meinem Manne schlecht?« fragte Frau Hedda. »Es wechselt. Er hat Tage, an denen er völlig vernünftig ist. Stundenlang nur von Ihnen, seiner Bank und seiner Rückkehr spricht – und plötzlich ist die krankhafte Vorstellung wieder da. – Wir müssen es leider bekennen, daß wir wenig Hoffnung haben – gesund, was wir Ärzte gesund nennen, wird er wohl nie mehr werden.« »Ja, wie erklären Sie das?« »Die Veranlagung war wohl schon immer in ihm. Bei einem ruhigen Leben hätte die Krankheit nie zum Ausbruch zu kommen brauchen. Bei dem Leben aber, das er führte, und das die Nerven selbst eines völlig gesunden Menschen zermürbt hätte, war der Nährboden für die Krankheit natürlich besonders stark. Die Sucht zur Exaltation selbst bei gleichgültigen Dingen artete im Augenblick, wo er glaubte, das Wesentliche seines Ehrgeizes erkannt zu haben, in eine fixe Idee aus. In dem Wunsch, seine Vergangenheit auszulöschen und den Moreners mit dem äußeren Glanz der Reichenbachs auch den inneren, die Achtung und die Tradition, zu erringen – in diesem unerfüllbaren Wunsch sah er schließlich die Aufgabe seines Lebens. – Daran muß er nun zugrunde gehen.« »Sie meinen, wenn er niemals mit den Reichenbachs in Berührung gekommen wäre, daß die Krankheit dann nie hätte zum Ausbruch zu kommen brauchen?« »Nein, das glaube ich bei seiner Veranlagung nicht! Dann wäre der Anlaß ein anderer gewesen. Dafür aber, daß Anlässe vorhanden waren, hätte seine aktive Natur immer gesorgt.« »Darf ich zu ihm?« Der leitende Arzt wechselte einen Blick mit seinem Assistenten und sagte dann: »Da ich mir weder eine Besserung noch Verschlechterung seines Zustandes davon verspreche, so habe ich keine Bedenken, es Ihnen zu gestatten.« Sie gingen über die Terrasse, auf der Leichtkranke und Ruhebedürftige lagen, und fuhren mit dem Fahrstuhl eine Treppe hinauf. Dann bogen sie in einen Seitenflügel, der durch eine schwere Eichentür von der übrigen Anstalt getrennt war. Der Assistent läutete. Man hörte, wie jemand mit Schlüsseln den Flur entlang kam. »Sie haben ihn in der geschlossenen Abteilung?« fragte Frau Hedda erstaunt. »Nur aus Vorsicht. Er ist ganz ungefährlich. Aber er versucht es immer wieder, hinauszukommen. Weniger des Personals wegen, auf das im allgemeinen Verlaß ist, als im Hinblick auf die viele fremde Bedienung, die unsere Patienten mit sich führen, und die Geschenken und Versprechungen leichter zugänglich ist als unser Personal, haben wir diese Vorsicht für angebracht gehalten.« »Wo Sie doch selber sagten, er sei ungefährlich.« »Und wenn ich Ihnen eines Tages hätte drahten müssen: Ihr Gatte verschwunden. Aufenthalt unbekannt – wie hätten Sie das aufgenommen?« »Sie haben recht. – Kommen Sie!« Ein Wärter hatte die schwere Eichentür längst geöffnet. Sie gingen den Flur hinunter und standen jetzt vor einer Tür, die die Nummern 11 und 12 trug. »Hier ist es,« sagte der Assistent. »Aber ich will doch lieber erst mal hineingehen und sehen, in welcher Verfassung er ist.« Frau Hedda ließ keinen Blick von der Tür, durch die der Assistent gegangen war. Sie hörte kaum, was der leitende Arzt sie fragte, um ihr über die peinlichen Augenblicke hinwegzuhelfen. Er fragte sie, ob sie eine gute Reise gehabt habe, sprach von dem großen Fremdenverkehr am Vierwaldstättersee, von dem Strand in Weggis und dem Panorama vom Stanserhorn, das weit schöner als vom Pilatus oder Rigi aus sei. Der Assistent erschien wieder und sagte: »Ihr Gatte spielt mit der Schwester gerade Halma. Er war böse, daß ich ihn störte.« »Was sagte er?« fragte Frau Hedda. »Er meinte: ›Ewig diese Ärzte! da kann man ja nicht gesund werden.‹« Für einen Gesunden wäre das eine ganz gescheite Antwort, dachte Hedda. Da sie höflich war, unterdrückte sie es und sagte: »Meinen Sie, man läßt ihn die Partie erst zu Ende spielen?« »Unmöglich! Es gibt Tage, an denen er zwölf Partien hintereinander spielt. Am nächsten Tage weiß er nichts mehr davon und erklärt, wenn die Schwester ihn fragt, ob er spielen will, er sei kein Idiot. Nur Idioten könnten mit einem so dummen Spiel die Zeit verbringen.« »Das sind Launen,« sagte Frau Hedda. »Die hatte er früher auch.« Die Arzte tauschten verständnisvolle Blicke. »Gehen Sie ruhig hinein!« sagte der leitende Arzt. »Mein Assistent und ich werden draußen bleiben. Wenn Sie uns brauchen sollten, so läuten Sie bitte.« Frau Hedda ging hinein. Es war eine Art kleinen Flurs, der zwischen den beiden Türen lag. – Sie klopfte und fühlte, wie ihr Herz schlug. Da keine Antwort kam, so klopfte sie ein zweites Mal. Gleich darauf hörte sie die Stimme ihres Mannes: »Herein! wenn es kein Arzt ist!« Frau Hedda öffnete die Tür, blieb stehen und sagte: »Heinrich! Ich bin's!« »Ach du!« erwiderte er, als wenn er sie vor einer Stunde zum letzten Male gesehen hätte. »Gut, daß du kommst, ich muß dir etwas erzählen. Aber erst laß uns die Partie zu Ende spielen.« Frau Hedda überlief es eiskalt. – Heinrich Morener sah gesund und gepflegt aus. Das Gesicht war von der Sonne gebräunt. Er trug einen bastseidenen Anzug und ein seidenes Hemd, das dazu paßte. Er machte einen weit ruhigeren Eindruck als früher. »Setz dich!« sagte er, ohne von dem Spiel aufzuschauen. »Wir sind gleich fertig. – Wer glaubst du, daß gewinnt – aber du darfst dir nicht die Steine ansehen.« »Du,« erwiderte Frau Hedda – nur um etwas zu sagen. »Aha!« rief er triumphierend der Schwester zu. »Meine Frau kennt mich – versteht mich – da!« Er hob einen Stein und ließ ihn über das ganze Brett hüpfen. Dabei zählte er: »Eins – zwei – drei – vier Steine nehme ich Ihnen fort!« »Aber Herr Morener!« widersprach die Schwester. »Mund gehalten!« befahl er und nahm vier rote Steine auf, die ihr gehörten. »Sie haben doch gehört, was meine Frau sagt: ich gewinne! – Sie haben ja noch immer den braunen Fleck auf der Hand!« »Es ist ein Leberfleck – der läßt sich nicht wegbringen.« Heinrich Morener wandte sich zu seiner Frau und sagte: »Gut, daß du das einmal hörst! Leber sagt sie und zeigt mir die Hand. Verstehst du? So betrügt man mich. Sieh dir den Fleck einmal an!« – Frau Hedda trat zögernd heran. – »Es ist eine Sommersprosse – aber im Leben kein Leberfleck. Was meinst du?« »Ich glaube, daß du recht hast.« »Aha, Schwester! Haben Sie gehört, was meine Frau sagt?« rief er freudig. Aber plötzlich wurde sein Gesichtsausdruck ganz ernst. Irgend etwas schien ihm in den Sinn zu kommen. Er wandte den Kopf zu Frau Hedda, sah sie starr an und fragte wie abwesend: »Wie . . . seit wann . . . bist du hier?« »Seit heute, Heinrich. Ich bin heut früh gekommen.« Er sah sie noch immer ganz betroffen an. »Wo . . . warst du denn . . . so lange?« »Zu Haus – Heinrich.« Morener nickte und sagte: »Ja – gewiß!« – Er hob den Arm. »Ich wäre auch schon längst gekommen. Du hast gewiß auf mich gewartet.« »Wir hoffen ja, daß du nun bald zurückkommst.« »Ja . . . manchmal, weißt du, da glaube ich es auch. – Da seh ich dann so alles vor mir und frage mich, was tust du eigentlich hier? Mau braucht dich ja zu Haus – du bist so lange fort. – Aber dann ist mir wieder, wie eben, als du kamst, als wenn das alles gar nicht mehr in diesem Leben wäre – so weit fort ist alles« – er machte eine Bewegung mit der Hand – »als ob man es erzählt bekäme . . . von einem andern . . . und man erinnert sich.« – Er stand auf, trat schlürfend an Frau Hedda heran und befühlte sie. »So ist es gut – faß auch du mich an, damit wir genau wissen, daß es so ist.« Frau Hedda legte die Arme um ihren Mann. – Er trat zurück und sagte: »So nicht. Du mußt deine Hände in meine Hände legen.« – Sie tat es. Sie hielten sich an den Händen fest. »Siehst du, jetzt weiß ich es – laß mich nicht los – solange du mich so hältst, weiß ich es – es geht schon, wenn man will. So stark muß man schon sein. – Komm! wir wollen uns setzen – und Sie, Schwester, gehen hinaus – es ist meine Frau, die kommt, mich zu besuchen – Frau Hedda Morener – und dies, Hedda, ist die Schwester Angelica – sie hat eine Engelsgeduld mit mir – geh Schwester – wir wollen allein sein – wir.« Die Schwester wußte nicht recht, was sie tun sollte – schließlich ging sie hinaus, als sie die beiden Hand in Hand auf der Chaiselongue sitzen sah. – Er führte sein Gesicht dicht an ihres und sah sie an. Dann beugte er sich zu ihr und küßte sie auf die Stirn. »Solche Augenblicke,« sagte er und lächelte – wie er früher nie gelächelt hatte. Auch Frau Hedda zwang sich ein Lächeln ab, und er sagte: »Wie du froh bist, Hedda! wenn wir uns nicht soviel zu sagen hätten – ich würde am liebsten so sitzen – aber es geht nicht – weißt du, mit dem Willen, das ist so eine Sache – anfangs, da habe ich versucht, durch Zahlen das Gedächtnis zu zwingen – ich habe Willenskraft – wie eben jetzt, als du kamst, das sagte ich mir: es muß! – Na und nun geht es ja auch. Sag, wie findest du mich?« »Besser, Heinrich.« »Besser? – warst du denn schon einmal hier?« – Er senkte den Kopf und zwang sich, zu denken. »Besser als ich dachte,« sagte Frau Hedda. »Du mußt mir nun alles erzählen. Das wird helfen. – Weißt du, dann klammere ich mich an das, was du sagst – und dann kehrt – alles wieder zurück.« »Als du noch zu Haus warst, Heinrich, und des Nachts immer erzähltest.« »Was habe ich erzählt?« »Daß du dir aus dem Schloß nichts machst und der Bank und aus diesem vielen Gelde – und daß du nur eine Sehnsucht hast und nur einen Ehrgeiz . . .« »Ich weiß . . . ich weiß.« »Morener und Reichenbach, die müßten so miteinander verwachsen sein, daß niemand mehr weiß, ist es Reichenbach oder Morener – so sagtest du doch immer.« »Du versuchtest, es mir auszureden und sagtest, es ginge nicht, darüber müsse man verrückt werden.« »Es wurde dann immer schlimmer. Eines Nachts sagtest du: ich opfre nicht nur mein Geld, ich opfre auch meine Gesundheit. Ich will lieber krank sein und glauben, ich bin Reichenbach – statt gesund als Morener weiter zu leben.« »Ich weiß – warum erinnerst du mich daran?« »Damals wußte ich, daß du krank warst. Ich wollte dich retten. Es gab nichts, was ich nicht durchdachte. Auf was für Ideen bin ich nicht gekommen! Ich quälte mich fast so wie du. Eines Nachts kam mir ein Gedanke: Ich ging, selbst schon halb von Sinnen, auf deine krankhafte Vorstellung ein und fragte dich: ›Kommt es denn nicht auf das selbe heraus, wenn man von einem Reichenbach glaubt, er sei ein Morener?‹ – ›Von wem?‹ fragtest du – und ich erwiderte: ›Nimm an, es gäbe jemanden, den man für deinen Sohn hält und er hieße auch nach dir Morener – in Wirklichkeit aber ist es ein Reichenbach.‹ – Weißt du noch, wie du da laut aufschriest und lachtest und riefst: ›Wenn du das fertig bringst, bin ich zufrieden und lache sie alle aus.‹« »Das wäre was gewesen!« rief Morener – »Dann säße ich nicht hier! Aber so etwas gibt es nicht.« »Du würdest gesund?« »Auf der Stelle.« » Es ist so! « schrie Frau Hedda heraus – und da er sie anstarrte, daß sie erschrak, so rief sie: » So sei gesund! « »Wo ist er?« fragte er, »den man für meinen Sohn hält, der Morener heißt, in Wirklichkeit aber ein Reichenbach ist.« »Zu Haus! bei uns! – in unserm Schloß.« »Und du? – wer bist du?« »Die Mutter! – Heinrich, ich habe es für dich getan!« »Für mich? – mit wem? – wie denn? – mit Reichenbach? – weil ich – nun ja! das konntest du ja denken – das durftest du – und dann – aha! ich sehe, ich verstehe – ja aber, wenn ich nun gar nicht – aha – soso – ja, das durftest du, da ich – nicht wahr, du dachtest, ich sei – das dachte ich ja auch!!« »Heinrich! besinn dich! fall nicht zurück!« bestürmte Frau Hedda ihren Mann. »Ich habe es nicht gewußt – und du hast es nicht gewußt – wir haben es beide nicht wissen können – nicht wahr, Hedda, so ist es doch?« »Ja, Heinrich, wir dachten – ich wollte . . .« »Du hast ja gar nicht – Ich habe! – Ich bin Reichenbach! und du – siehst du, das mußt du verstehen, damit du hier endlich heraus kannst aus dieser Anstalt, damit sie dich nicht noch länger hier festhalten, Hedda – also hör zu – darum habe ich die Reise bis hierher zu dir gemacht – du bist krank! du lebst in einem Wahn! du glaubst, daß du mich mit ihm betrogen hast. Aber das war ich, Reichenbach. – So wie ich hier stehe, so bin ich es gewesen, Leonard Reichenbach, dein dir angetrauter Mann.« »Heinrich, höre doch!« flehte Frau Hedda. Der Assistenzarzt, der die ganze Zeit über an der Tür gestanden und gehorcht hatte, erschien. Heinrich Morener stürzte auf ihn zu: »Sie ist krank! helfen Sie ihr, Doktor! sie hält mich für Heinrich Morener. Sie hat mich mit mir selbst betrogen. Sie quält sich. Ihr Kind, sagt sie, heißt Morener – und ist doch von mir, von Reichenbach.« »Doktor!« klagte Frau Hedda laut. »Was habe ich angerichtet.« Der Arzt legte den Arm um sie und flüsterte ihr zu: »Das erleben wir alle Tage mit ihm. Das ist nicht Ihre Schuld.« »Ich hatte ihn ja schon so weit – er hatte zu sich zurückgefunden.« »Stellen Sie den Ventilator ab!« rief Morener laut. »Wo ist mein Neffe? – Ehe ich das Bankhaus diesem Morener gebe – eher – warte du Schuft! Du meinst, ich reiche nicht heran an dich? Ich breche dir das Genick. – Nicht so laut, Hedda! – Leise!« – er schlich auf den Zehen zu ihr heran und flüsterte ihr ins Ohr: »Ein Geniestreich! Gib acht, wie ich ihm den Glorienschein herunterhole. – Da ein Tausender und da ein Tausender! – Und nun schön leise über den Rasen in das Haus.« – Er machte ein paar Schritte zum Fenster zu. »Halten Sie ihn fest!« flüsterte Frau Hedda dem Arzt zu. Aber der erwiderte: »Seien Sie unbesorgt! die Fenster sind vergittert.« »Vollmond – da kann ich die Lampe wieder in die Tasche stecken. – So und nun weg vom Fenster.« »Ich werde doch versuchen, ihn zu beruhigen,« sagte der Arzt. Aber Frau Hedda flehte: »Ich bitte um alles in der Welt, stören Sie ihn jetzt nicht!« »Dieser Wahnsinn hat schon Methode,« erwiderte der Arzt. »Genau dasselbe Theater macht er, seitdem er hier ist, alle paar Tage. Ich kann Ihnen genau sagen, wie es weiter geht.« »Lassen Sie ihn! ich bitte Sie!« Heinrich Morener stand in der Mitte des Zimmers, sah zur Decke und sagte: »Guten Abend, Herr Reichenbach. Aha, Sie sind schon fort! Nun, um so besser. Geben Sie nur gut acht auf Ihren Schlüssel. Es hat ihn sonst keiner.« – Er kroch in sich zusammen, holte einen Riesenschlüsselbund aus der Tasche und sagte: »Außer mir.« Der Arzt wies auf den Schlüsselbund und sagte: »Sein Lieblingsspielzeug. Er kam damit zu uns – und wir haben es ihm gelassen.« Jetzt trat Frau Hedda dicht an ihren Mann heran, sah ihn fest an und fragte: »Was hast du mit dem Schlüssel getan?« Da richtete sich der Alte groß auf und sagte mit leuchtenden Augen. »Den Glorienschein der Reichenbachs zerstört!« – dann warf er die Arme hoch und schlug lang hin. Frau Hedda und der Arzt beugten sich über ihn. – Der Arzt behorchte das Herz, gab Frau Hedda die Hand und sagte: »Sie haben ihn erlöst.« 30. Frau Hedda blieb den ganzen Tag über in den Räumen, die ihr Mann in Schönegg bewohnt hatte. Sie saß stundenlang mit der Schwester im Wohnzimmer zusammen und ließ sich von ihr erzählen, was mit Heinrich Morener in den letzten Wochen vorgegangen war. Die Schwester bestätigte ihr, was der Arzt schon geäußert hatte, daß der Kranke alle paar Tage, also Dutzende von Malen, diese Schlüsselszene aufgeführt hatte. – Anfangs hatte er dabei den Wäscheschrank demoliert und eine starke Milchscheibe, die vom Schlafzimmer zur Toilette führte, eingeschlagen. Die war jetzt durch eine Holztäfelung ersetzt worden. – Die Schwester meinte, daß er ähnliche Anwandlungen auch schon in dem Berliner Sanatorium gehabt haben müsse, da er mit wunden Händen nach Schönegg gekommen sei. Die Schwester und der Arzt, die ihn brachten, hätten das allerdings auf das bestimmteste bestritten und erklärt, in der Berliner Anstalt hätte man eines Morgens vor einem Rätsel gestanden, als der Kranke, dessen Zustand übrigens von diesem Tage an auffallend besser wurde, des Morgens mit zerschundenen Händen in seinem Bett gelegen habe. Gegen Mittag erhielt Frau Hedda ein Telegramm aus Berlin von ihrem Anwalt folgenden Inhalts: »Der Verhaftete Schnitter stellt die blödsinnige Behauptung auf, die halbe Million Devisen von Heinrich Morener erhalten zu haben. Ich messe dieser sinnlosen Verteidigung eines meines Erachtens Überführten ebensowenig Bedeutung bei wie der Staatsanwalt – zumal ich feststellte, daß Ihr Gatte sich damals bereits in der Heilanstalt Südende befand. Ich hielt es jedoch für meine Pflicht, Sie davon in Kenntnis zu setzen. Fräulein Reichenbach befindet sich auf freiem Fuß, während über meinen Haftentlassungsantrag Heinz Reichenbach und Karl Morener betreffend noch nicht entschieden wurde. Ihr ergebenster Dr. Eltzbach.« Frau Hedda antwortete ebenfalls auf telegraphischem Wege: »Mein Mann, den ich hoffnungslos, aber bei Besinnung antraf, ist heute vormittag entschlafen. Die Behauptung Schnitters ist nicht blödsinnig, sondern entspricht der Wahrheit. Unternehmt nichts vor meiner Rückkehr. Hedda Morener.« Schwester Angelica erzählte Frau Hedda, zu der sie schnell Vertrauen faßte, nicht nur von ihren Beobachtungen und Gesprächen, sie verriet ihr auch, daß Heinrich Morener in seinen lichten Augenblicken Aufzeichnungen gemacht habe. Ihr war es aufgefallen, daß er dann regelmäßig die Toilette aufsuchte und auffallend lange dort verweilte. Obgleich er sich auch hier nicht einschließen konnte, hielt Scheu sie regelmäßig zurück, ihm nachzugehen. Aber sie suchte den Abort ab und fand in dem Kästchen unter dem Toilettepapier ein kleines Heft, auf dem stand: »Gedanken eines Gesunden«. Das Heft war bis auf wenige Seiten vollgeschrieben – und zwar in auffallend kleiner Schrift, so daß man den Eindruck gewann, er suchte Raum zu sparen. Dies Heft lag auch jetzt nach seinem Tode auf demselben Platz. Nicht ohne Rührung nahm es Frau Hedda aus der Hand der Schwester und sagte: »Ist es nicht furchtbar, wenn man sich vorstellt, wie der arme Mensch in seinen lichten Augenblicken hier sich verstecken mußte, um ein paar Gedanken aufzuschreiben, von denen er vermutlich nicht wollte, daß andere sie erfuhren.« Als sie dann mit dem Heft in dem Wohnzimmer saß, es aufschlug und las, faßte sie das Entsetzen so stark, daß sie die Augen schloß und in den Sessel zurückfiel. Schwester Angelica bemühte sich um sie und sagte: »Ich hätte es Ihnen nicht geben sollen.« »Wußten Sie denn, was es bedeutet?« fragte Frau Hedda. »Was er damit bezweckte?« »Nein! ich hätte vom Standpunkt der Anstalt aus das Heft natürlich den Ärzten geben müssen. Ich habe es oft gewollt – aber ich bekam es nicht übers Herz, es ihm fortzunehmen. Ließ ich es ihm aber, so hatte ich auch kein Recht, in sein Geheimnis einzudringen.« Frau Hedda drückte der Schwester die Hand und sagte: »Sie haben recht getan.« »Ich lasse Sie jetzt eine Viertelstunde allein,« sagte die Schwester, »damit Sie es in Ruhe durchsehen können.« Was für ein feiner Mensch, dachte Frau Hedda und nickte der Schwester zu. Als die Schwester draußen war, fing Frau Hedda an zu blättern. Es war das erschütternde Dokument eines Mannes, der in seinen wenigen lichten Augenblicken alle Energie zusammenriß, um gesund zu werden. Einer, dem der Tod an der Gurgel saß, kämpfte hoffnungslos und erbittert. »Ich will nicht!« – und »Ich wehre mich« war die Quintessenz dieses Buches. »Diesmal lasse ich mich nicht wieder unterkriegen,« stand da – »und wenn ich es kommen fühle, dann klammere ich mich so fest an meine Erinnerung, daß der Versuch, mich auszulöschen und mir Dinge vorzutäuschen, die nicht sind, mißglückt. Einmal muß ich ja die Stärke aufbringen – und ich fühle, es wird diesmal sein. Wenn ich es nur merke! Aber es ist plötzlich da – und ich weiß es nicht. Diese Heimlichkeit, mit der es über mich kommt.« Frau Hedda hatte, wie es in diesem Fall wohl natürlich war, auf den letzten Seiten begonnen. Jetzt blätterte sie zurück. Auf einer der ersten Seiten, die noch aus der Südender Anstalt stammten, stand: »Ich habe den Kampf verloren. Der Geist der toten Reichenbach war also stärker als der Wille des lebenden Morener. Das Bankhaus hat mich wie einen räudigen Hund, der nicht hineingehört, abgeschüttelt. Es ist aus!« – Ein paar Seiten weiter heißt es dann: »Ich fühle ganz deutlich, wie der Geist Reichenbachs über mich hereinbricht und mir das klare Denken verschleiert. Er will mich um den Verstand bringen. Ich wehre mich. Aber ich kämpfe gegen einen Geist und somit ins Leere. Ich treffe ihn nicht – während er mich unsichtbar umfängt und von mir Besitz ergreift. Ein ungleicher Kampf, in dem ich unterliege.« – Und acht Tage später: »Triumph! Meine Gedanken sind klar! Gegen den Geist der Reichenbachs kann ich nicht an! Aber mit dem lebenden Heinz Reichenbach treffe ich zugleich den Geist der Toten! Dich ringe ich nieder – wenn ich nur bis heute nacht bei Verstande bleibe! – Dann bist du morgen ein Toter. – Welch Glück, daß ich die Schlüssel habe. Der Geist Reichenbachs hat ein Jahr gebraucht, um mich niederzuringen und um den Verstand zu bringen. Ich brauche, um euch zu treffen, nur ein paar Stunden! – Das ist die ausgleichende Gerechtigkeit! Ihr habt mich vernichtet – nun vernichte ich euch – in einem eurer eigenen Söhne! Rache ist doch etwas Erhebendes. Auch einer, der machtlos wurde, kann sie üben. – Nur bei Verstande bleiben muß ich – bis morgen früh! – dann mag werden aus mir, was will!« Das Datum dieser Niederschrift? – Frau Hedda suchte. Es waren immer nur die Tage angegeben – Mittwoch stand da! An welchem Tage fand der Bankdiebstahl statt? – Sie zog hastig einen kleinen Kalender aus der Handtasche und suchte. – Der 8. März war? – ein Mittwoch! – Kein Zweifel mehr. Sie blätterte um. Da stand Donnerstag früh. »Sieg!! Dreimal Sieg! Ich bin stolz auf meine Leistung! Es kann kein anderer in den Verdacht kommen als Heinz Reichenbach. Ein Reichenbach, der einen Einbruch vortäuscht und den Geldschrank plündert, schändet den Namen der Familie zurück bis ins sechste Geschlecht. Die Reichenbachs sind tot! Mord! Morener ist der Täter. Er lebt! Er hat in Notwehr gehandelt. Habt ihr mir nicht den Verstand tropfenweise aus dem Gehirn gesaugt? Ihr dachtet, ich würde mit dem Revolver gegen euch kämpfen und Löcher in die Luft schießen. Ihr habt mich unterschätzt. Ich habe eure Achillesferse gefunden. H. R. war sie gezeichnet. An dem Leichnam könnt ihr euch laben. Ich habe mich mit eurem Tode gesund gemacht.« Frau Hedda zitterten die Hände – sie blätterte – da waren erst ein paar Seiten so eng beschrieben, daß sie nicht zu entziffern waren. Dann folgten Zeichnungen: Lemuren, die ihr Opfer umkreisten. Das Opfer, das wohl er sein sollte, wehrte sich nicht. Es lachte höhnisch. Der Vorgang spielte sich in der Luft ab. Unten auf der Erde aber lag ein Mann in Ketten, der im Ausdruck den Lemuren glich, aber jünger war als sie. Das nächste Bild war diesem ähnlich. Aber die Lemuren sahen den Mann am Boden, waren entsetzt und wandten sich von ihrem Opfer ab. Darunter stand: »So siegt die Kraft des Lebens über den Geist der Toten.« – Dann wurde es verworren. Frau Hedda sprang auf und rief die Schwester. »Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet, weil Sie meinen Mann mit so großer Rücksicht pflegten,« sagte sie, »zu viel größerem Dank aber, weil Sie ihn« – sie wies auf das Heft – »gewähren ließen. Sie haben ihm damit die letzte Zeit seines Lebens erleichtert, zugleich aber vier anderen Menschen das Leben gerettet.« »Wie soll ich das verstehen?« fragte die Schwester. »Kommen Sie mit mir! Heute noch! Und Sie werden das größte Glück erleben, das ein guter Mensch erleben kann! Daß durch ihn vier andere Menschen frei und glücklich werden.« »Das klingt ja wie ein Märchen.« »Und ist Wahrheit! – Schwester Angelica! es mag Sie sonderbar anmuten, mich statt über den Tod meines Mannes in Tränen aufgelöst, in einem Zustand der Erlösung zu sehen.« »Sie dürfen es – denn der Tod war für ihn eine Erlösung.« »Nicht deshalb, Schwester! Wenn ich die Beschleunigung der Katastrophe verschuldet habe – ich bereue es nicht: – Aber nun packen Sie Ihre Sachen! Wir können gar nicht schnell genug zurück.« Die Schwester wies auf das Schlafzimmer, in dem der Tote lag. »Wir werden in zwei Tagen zurück sein. Wir und die anderen, die durch ihn erlöst wurden. Denn es ist kein Zufall, Schwester, daß er diese Aufzeichnungen machte – so wenig, wie Ihre Güte, ihn gewähren zu lassen, ein Zufall ist.« »Was ist es denn?« »Schicksal, Schwester!« erwiderte Frau Hedda – und dachte dabei an Heinz Reichenbach, der lächelnd zu ihr aufsah und sagte: Glaubst du mir nun? 31. Frau Hedda hatte gleich nach ihrer Ankunft in Berlin den Wärter des Südender Sanatoriums, der von dem kranken Morener bestochen worden war, bestimmt, ein Geständnis abzulegen. Dann war sie mit der Schwester Angelica zum Staatsanwalt geeilt. – Sie wurde sofort vorgelassen und erstattete Bericht. »Dazu paßt durchaus, was Schnitter erklärt,« erwiderte der Staatsanwalt, als sie geendet hatte. »Er behauptet nämlich, daß der alte Morener in der Nacht vom 8. zum 9. März bei ihm Einlaß begehrt, verstört und in völlig derangiertem Zustande ihm die Pakete mit den Devisen aufgedrängt und erklärt habe: »Nimm sie! behalte sie! ich schwöre, sie gehören mir! Aber versprich mir, daß du nie verrätst, von wem du sie bekommen hast.« Dann sei er mit dem Ausruf: »Ich bin gerächt!« davongestürmt, ohne daß Schnitter auch nur Zeit gefunden habe, eine Frage an ihn zu richten. »Und damit«, fragte Frau Hedda, »ist der Fall nun wohl geklärt?« »Dank Ihnen,« erwiderte der Staatsanwalt. »Sie wären ein Staatsanwalt geworden, von dem wir alle hätten lernen können.« »Da ist gar nichts zu lernen,« sagte sie, »so einfach ist es. Man braucht nur dem Gefühl denselben Platz einzuräumen wie dem Verstand. Um ein Boot zu bauen, ein Haus oder eine Maschine, also eine tote Sache, braucht man nur den Kopf. Wenn es sich aber darum handelt, Dinge zu ergründen, die ein Mensch tat, soll man neben dem Kopf auch das Herz befragen.« »Sie haben recht,« erwiderte der Staatsanwalt und reichte Frau Hedda die Hand. – Dann geleitete er sie persönlich zum Untersuchungsrichter und bewirkte, daß man alle, die in dieser Affäre verwickelt waren, noch am selben Tage auf freien Fuß setzte. – – An einem klaren Sommertage, als die Sonne leuchtend über dem Rigi stand, trug man auf dem Friedhof von Luzern, den kein Friedhof Europas an lieblicher Schönheit erreicht, Heinrich Morener zur letzten Ruhe. Außer Frau Hedda und der Schwester Angelica erwiesen Frau Reichenbach, Hanni und Heinz, sowie Karl Morener ihm die letzte Ehre. Der Pfarrer schloß mit den Worten: »Die Wahrheit ist in Gott – uns bleibt das Forschen.« – Am Abend desselben Tages saßen sie alle auf der Veranda ihres Luzerner Hotels und aßen zu Abend. Frau Kommerzienrat Reichenbach klopfte leise an das Glas und sagte mit ernster Stimme: »Meine Lieben! Gott hat uns allen schwere Prüfungen auferlegt. Die Sehnsucht, mit der Heinrich Morener starb, hat sich mit seinem Tode erfüllt.« – Sie nahm Frau Heddas Hand und legte sie in die ihres Neffen. Dann fügte sie Karl Moreners und ihrer Tochter Hannis Hände zusammen und fuhr fort: »Gott gebe, daß diese Stunde, in der das Bankhaus Reichenbach in Karl Morener und Heinz Reichenbach seine natürlichen Leiter erhält, sich als eine für alle Beteiligten glückliche erweist.« Leise klangen die Gläser aneinander. – Unten bei Flüelen tauchte blutrot die Sonne in den See.