Georges Ohnet Doktor Rameau Erster Band 1889 Erstes Kapitel. Unter den hervorragenden Vertretern der medizinischen Wissenschaft von heute ist unstreitig Doktor Rameau von Ferrières, der in den weitesten Kreisen berühmte und am einstimmigsten anerkannte. Rameau, der für den ersten Chirurgen seiner Zeit gilt und an der medizinischen Fakultät als Lehrer der Anatomie wirkt, steht auch als innerer Arzt in allererster Reihe, und hat in der Heilkunde höchst bedeutsame Entdeckungen gemacht. Mit großer Schärfe und Sicherheit des Blickes vereinigt er eine Kühnheit ohnegleichen, und in verzweifelten Fällen scheut er vor den heroischsten Mitteln nicht zurück. Dabei ist er von einem beispiellosen Glück begünstigt, und es sind ihm Kuren gelungen, die ans Wunderbare grenzen. Das unbedingte Vertrauen, welches er jedem einflößt, ist bei seinen Erfolgen jedenfalls ein sehr wesentlicher Faktor; Rameaus Anwesenheit am Krankenbette scheint dem Tod Einhalt zu gebieten, und der Patient fühlt sich schon gerettet, wenn er den großen Arzt eintreten sieht. Kein Fürst in Europa wurde je von einer ernstlichen Erkrankung befallen, ohne daß Rameau mit ungeheuren Kosten herbeigerufen worden wäre; als die Chirurgen von Innsbruck einem bei der Auerhahnjagd vom Felsen abgestürzten Erzherzog das Bein abnehmen wollten, war er es, der Mittel und Wege fand, dem Prinzen das Schicksal eines Krüppels zu ersparen. Das Honorar, das er dafür verlangte, belief sich auf hunderttausend Gulden; als er aber nach Caprera berufen ward, um Garibaldi von einer entzündlichen Geschwulst zu befreien, die seinem Leben Gefahr drohte, erbat er sich von dem großen Abenteurer nichts als eine Blume aus seinem Garten. Rameau ist Demokrat und Freidenker; ersteres, weil er aus dem Volke hervorgegangen, sich dessen heißes Streben nach Gleichheit erhalten hat; letzteres, weil er bei seinen eindringlichen Untersuchungen und Studien immer nur die Materie unter dem Seziermesser hat, und weil sein Verstand sich sträubt, für möglich zu halten, was er nicht erklären kann. Er ist Anhänger der Entwickelungstheorie und hat über die Verbesserungsfähigkeit der Rassen Studien von bedeutender Tragweite gemacht. Mit der ungeschwächten Kraft einer durch keine Ausschweifungen erschütterten Natur, hat er die Fünfzig erreicht; er ist ein hochgewachsener Mann mit einem durchfurchten Gesicht, das an vulkanisches Gestein gemahnt. Die ungeheure Stirn ist von dichtem, krausem, stark ergrauendem Haar eingerahmt, das an die Mähne eines alten Löwen erinnert; über den hellen grauen Augen, die so durchdringend und scharf sind, wie seine stählernen Instrumente, wölben sich schwarze, buschige Augenbrauen; das stark gerötete Gesicht deutet auf ein durch unermüdliche Thätigkeit erhitztes Blut. Der Mund mit den etwas wulstigen Lippen drückt durchaus Güte aus, und doch wirkt des Mannes Anblick schreckenerregend, sobald er verstimmt oder in Gedanken versunken, jene tiefe, senkrecht eingegrabene Falte zwischen den Augenbrauen hat, die allen wohlbekannt ist. »Rameau hat seine Falte«, heißt es im Spital wie im Hörsaal, und das Wort ist für Assistenten und Schüler ein Warnungszeichen; alles schweigt und drückt sich zur Seite, wenn die geistvolle Stirn des Gelehrten auf diese Weise durchfurcht ist, denn seine Zornesausbrüche sind fürchterlicher Art und durch nichts zu dämpfen. Seine Grobheit ist nicht minder sprichwörtlich als seine Geschicklichkeit. Keine Frau kann mit größerer Zartheit und Leichtigkeit einen Verband anlegen oder eine Binde zurechtrücken, aber kein Fuhrman flucht greulicher über seine Mähren, als der Doktor über seine Gehilfen. Wenn sich die Donnerstimme des Chirurgen vernehmen läßt, wenn man ihn mit drohender Miene die scharfen Messer schwingen sieht, so verkriechen sich die in tiefster Seele erschrockenen Kranken in ihrem Bett und drücken den Kopf in die Kissen, um nicht zu sehen und nicht zu hören. Er bemächtigt sich ihrer einfach, und die Unglücklichen, welche mehr tot als lebendig sind, erkennen mit unendlicher Wonne, daß die Operation, vor der sie gezittert und die sie kaum angefangen glaubten, vollendet ist. Dann natürlich wird die ans Wunderbare grenzende Gewandtheit dieses menschenfreundlichen, wohlthätigen Henkers gepriesen, und jeder begreift, weshalb die Assistenzärzte und Studenten hinter seinem Rücken lächelnd sagen: »Doktor Rameau thut den Leuten nur mit Worten weh!« Dieser seltene Mann hat die Stellung, welche er in der gelehrten Welt einnimmt, einzig seiner Willenskraft und seiner hohen Begabung zu danken, denn er ist sehr bescheidenen Ursprungs. Sein Vater war Bahnwärter an der Ostlinie und hatte da, wo die Bahn die Landstraße von Ferrières überschreitet, ein kleines Häuschen inne. Seine Mutter bewachte den Schlagbaum; in einem Wachstuchmantel, einen Lederhut auf dem Kopfe, eine kleine rote Fahne wie ein Gewehr geschultert, stand sie, so oft ein Zug vorübersauste, auf ihrem Posten. Frei, ungebunden und sorglos wuchs Peter dort heran und kannte bis zu seinem vierzehnten Jahre keine andre Pflicht als die, seiner Mutter den schweren Schlagbaum zurückrollen zu helfen, wenn die Pächter, die vom Markte in Lagny zurückkehrten, durch Peitschengeknall ihr Verlangen, durchgelassen zu werden, kund thaten. Er hatte nichts vor Augen als den mit Kieseln beschütteten Bahndamm mit seinen hölzernen Schwellen und den vier blank glänzenden Schienensträngen, sowie die in leiser Schwingung befindlichen Telegraphendrähte, die in stürmischen Winternächten wie Harfensaiten ertönten, und seine einzige Unterhaltung war das Vorüberrasen der dampfspeienden Lokomotiven, die ihre Spur in einem Regen von glühenden Kohlenstückchen auf dem erschütterten Erdboden zurückließen. Er lernte weder lesen noch schreiben und schien dazu bestimmt, ein schlichter, bescheidener Arbeiter zu werden. In keiner Weise machten sich besondre Naturanlagen bemerklich; weder zog er geometrische Linien in den Sand wie Pascal, noch knetete er aus der Thonerde der Böschung wunderliche Gebilde wie Canova. Ein Junge wie alle andern auch, war er stets zum Spielen aufgelegt, und zeichnete sich höchstens durch die Fertigkeit aus, mit der er Vögel mit Steinwürfen erlegte und in den Hecken, welche dem Bahndamm entlang liefen, den Hasen der benachbarten Jagdgebiete Schlingen legte. Kein prophetisches Zeichen verriet seine künftige Bedeutung, bis ein Zufall über seinen Beruf entschied. Ein Güterzug, der nicht rasch genug auf sein Geleise übergegangen war, stieß mit einem Personenzug zusammen; einige Tote und eine große Zahl Verwundeter blieben auf dem Platze. Es war Abend und vollständige Dunkelheit herrschte; aus den zerschmetterten oder umgestürzten Wagen drangen herzzerreißendes Jammergeschrei und klägliche Hilferufe. Vom Schrecken verwirrt rannten die Bahnbediensteten zweck- und thatlos hin und her, und nur dem kleinen Peter Rameau kam es in den Sinn, nach Lagny zum Arzt zu laufen. Mit kurzen Worten unterrichtete er denselben von der Sachlage und kehrte dann mit ihm in seinem Wagen zur Unglücksstätte zurück. Ueberrascht über die Klarheit und Knappheit, mit welcher der Junge seine Angaben gemacht hatte, wagte der Doktor den Versuch, ihn als Gehilfen zu benützen. Ohne eine Miene zu verziehen oder zu erblassen, wusch er einem Heizer, dem der bis zur Schulter zerquetschte Arm abgenommen werden mußte, das Blut ab; mit einer Kaltblütigkeit, die fast den Eindruck der Gefühllosigkeit machte, legte der Knabe bei allen Operationen Hand an, verlor keinen Augenblick den Kopf, führte mit größter Genauigkeit aus, was ihm befohlen wurde, und zeigte eine ungewöhnliche Sicherheit und Geschicklichkeit der Hand. »Donnerwetter!« sagte der Doktor, »der Schlingel hätte das Zeug zu einem großen Operateur, wenn man ihn studieren lassen würde! Was treibst du denn eigentlich, mein Junge?« »Nichts.« »Das ist nicht viel – etwas zu wenig für dein Alter sogar. Was willst du denn werden?« »Ich weiß es nicht.« »Hast du Vater und Mutter?« »Ja; dort wohnen sie.« Und er wies mit dem Finger auf das kleine Häuschen, dessen erleuchtete Fenster durch die Nacht schimmerten. »Ach so! Du bist der kleine Rameau. Deine Eltern sind wackere Leute; ich werde mit ihnen reden – weißt du, wie ich heiße?« »Jawohl; Sie sind der Herr Doktor Servant aus Lagny.« »Gut! Komm morgen früh vor acht Uhr zu mir. Wir wollen sehen, ob sich etwas aus dir machen läßt.« In erster Linie schickte der Doktor ihn zur Schule, wo sich der in freier Luft und steter Bewegung aufgewachsene Wildling nur mit großer Schwierigkeit angewöhnte. Am Fleiß fehlte es nicht; vom ersten Augenblick an hatte ihn ein wahrer Heißhunger nach Wissen ergriffen, aber sein unruhiges Blut stieg ihm unaufhörlich derart zu Kopfe, daß er blaurot wurde und an heftigen Kopfschmerzen litt. Sein Beschützer und väterlicher Freund wurde sehr besorgt, als er diesen Aufruhr und Widerstand der Natur des Knaben beobachtete, aber Peter klagte nie und lernte mit eiserner Ausdauer. Von Tag zu Tag machte er bedeutende Fortschritte, und nach Verlauf des ersten Jahres war er zur freudigen Ueberraschung und größten Genugthuung des Dorfschullehrers im stande, sich um eine Freistelle im Gymnasium von Meaux zu bewerben, die ihm auch wirklich zu teil ward. Von diesem Augenblick an ging es mit Riesenschritten vorwärts. In jeder Hinsicht durch den Doktor gefördert, begünstigt von der Kreisregierung, die den Ausnahmemenschen in ihm ahnen mochte, bestand er seine ersten Prüfungen, und mit zwanzig Jahren stand ihm der Eintritt ins Polytechnikum, wie in die Ecole normale offen; allein trotz des dringenden Zuredens von Seiten des Präfekten, trotz der Bitten seiner Lehrer, entschied er sich weder für das eine, noch das andre. Der einzige, auf dessen Stimme er hörte, war der, welcher ihn zuerst aus dem Dunkel der Unwissenheit gezogen, und der jetzt dem zum Manne gereiften Knaben sagte: »Werde Arzt. Was ich an dir gethan, das lohne du deinen Mitgeschöpfen: stelle deine unleugbare Begabung in den Dienst der Menschheit.« Sobald er seinen Doktor gemacht, wurde er in dem »bureau central« , welches Aufnahme und Verteilung der Kranken in die Spitäler zu beurteilen hat, beschäftigt und bereitete sich gleichzeitig zur Habilitierung an der Fakultät vor, denn die Lehrthätigkeit zog ihn mit unwiderstehlichem Zauber an. Ein streitbarer Geist, ungestüm vorwärts drängend, griff er immer nach dem Entfernten, suchte Unbekanntes zu erforschen. Mit Leidenschaft versenkte er sich in das Studium der Chemie, ja er studierte selbst die Alchimisten, van Helmont, Valentinus und Paracelsus. Mit unendlicher Leichtigkeit wußte er aus ihren Arbeiten das Brauchbare herauszugreifen und die kabbalistische Geheimniskrämerei auszuscheiden. In der bescheidenen Behausung, welche er in einem fünften Stockwerke der Rue de la Harpe inne hatte, schuf er sich die kleine Küche zum Laboratorium um, und auf dem geschickt hergerichteten Kochherde stellte er seine Versuche an. In mancher Nacht bemerkten die guten Nachbarn hinter den kleinen Fensterscheiben phantastisch hin und her züngelnde Flammen verschiedener Färbung, und mit großer Scheu und einem Gefühl des Unbehagens gingen die wackeren Bürgersleute dem jungen Manne in seinem langen, engen schwarzen Rock, mit dem zerzausten Haar unter dem abgetragenen Hute aus dem Wege, wenn er ihnen auf der Treppe begegnete – er hatte wirklich einige Aehnlichkeit mit dem »Doktor Wunder« eines I. A. Hoffmann. Bei Gelegenheit seiner Habilitierung an der Universität zeigte sich seine streitbare Natur zum erstenmal in ihrer herrischen Heftigkeit. Die Kühnheit seiner Ziele und die Neuheit seiner Anschauungen verblüfften die Herren Examinatoren; dieser junge Mann wagte es, vor seinen Lehrern Theorieen zu entwickeln, welche auf die Verneinung aller bisher gültigen Systeme hinausliefen, und er vertrat seine Ansichten mit einer schneidigen, rücksichtslosen Beredsamkeit, welche die hohen Würdenträger baß verwunderte und bei den Zuhörern begeisterten Beifall hervorrief. Das Reformatorische im Wesen des Doktor Rameau mißfiel gründlich; man sah in ihm den Revolutionär. Allgemein schilderte man ihn als einen unruhigen Kopf voll Ehrgeiz, der, sobald die Fakultät ihn zuließe, alles Bestehende umzustürzen versuchen würde. Im Innersten verletzt und gereizt durch das Gefühl seiner Ueberlegenheit, strichen ihn seine Richter aus ihrer Liste; zweimal wurde er abgewiesen, und aller Gerechtigkeit zum Hohn zog man ihm Altersgenossen, deren Mittelmäßigkeit allerdings niemand beunruhigte, vor. Rameau knirschte vor Wut. Jetzt brach der Kampf zwischen ihm und den Zünftigen offen aus: »Wir lassen ihn nicht herein,« sagten sie; »Ich werde der Welt beweisen, daß sie Esel sind,« sagte er. In solch gereizter Stimmung veröffentlichte er, ohne seine Vorbereitungen für ein abermaliges Examen hintanzusetzen, verschiedene Arbeiten, welche die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf ihn lenkten. In ganz Europa wurden sie besprochen und übersetzt; ein berühmter Professor in Leipzig schrieb einen Aufsatz, in welchem er sich ganz auf Seite des jungen französischen Forschers stellte. Der Widerstand gegen Rameau nahm den Charakter eines Schisma an; er fand leidenschaftliche Anhänger, die in ihrem Feuereifer so weit übers Ziel hinausschoßen, daß er sich genötigt sah, dagegen einzuschreiten und seine eigenen Neuerungen einzudämmen. Als man sah, wie er die Fanatiker und Ordnungsstörer im Zaume zu halten wußte, fing man an ihn doch für einen vernünftigen Menschen zu halten, und überdies ward seinen Widersachern und Verleumdern angesichts des Lärms, welchen sein Name erregte, etwas bänglich zu Mute. Die Fachzeitungen hatten sich der durch ihn angeregten Streitfragen bemächtigt, und bald bezeichnete man alle, welche Rameaus Theorieen bekämpften, als Reaktionäre. Sprach man von ihm, so war es jetzt guter Ton, bedenklich die Achseln zu zucken und zu bemerken: »Ein bedeutender Kopf; etwas allzu feurig, aber das gibt sich mit den Jahren. Jedenfalls ein Mann, mit dem man rechnen muß.« Eine republikanische und freidenkerische Bewegung hatte sich um Rameau gruppiert, und wenn fromme Seelen seinen Namen nannten, flüsterten sie sich leise zu: »Er ist ein Revolutionär und ein Atheist.« Er war ein Revolutionär, aber nur in seinem Fache; für alles, was Geschäfte hieß, und wären es auch die Angelegenheiten des eignen Landes, hatte er eine vornehme Verachtung. Ein Führer der freisinnigen Richtung, welcher Beziehungen zu ihm hatte und die Popularität des jungen Mannes gern zu gunsten seiner Partei ausgebeutet hätte, fragte ihn, weshalb er mit seinem großen Verstand sich nicht mit Politik befasse. Rameau sah ihn von oben herab an und warf kurz hin: »Weil dazu nicht viel gehört!« Atheist war er in der That, aber kein fehdelustiger. Was sein Nebenmensch über diesen Punkt dachte, war ihm sehr gleichgültig: er hatte seine Ueberzeugung, aber nicht das geringste Bedürfnis, andre für dieselbe zu gewinnen. Er machte kein Hehl daraus, daß er der geoffenbarten Religion völlig fremd gegenüberstand, und wenn er des Sonntags in dem kleinen Häuschen in Lagny bei seinem Wohlthäter zu Tische war, so ließ er sich von dem alten Doktor, der wie alle, die draußen auf dem Lande leben, wo der Frieden und die Harmonie der Natur allgewaltig die Seele beherrschen, ein Gläubiger war, willig ausschelten. Er stritt nie, sondern hörte gelassen und lächelnd die heftigen Ausfälle des wackeren Mannes mit an, und nur wenn ein solcher Angriff allzu spitzig wurde, schüttelte er die breiten Achseln wie ein Löwe, den eine Fliege belästigt, erhob sein Glas und rief fröhlich: »Auf Ihre Gesundheit, Doktor! Wenn ich die Freude erlebe, Sie hundert Jahre alt werden zu sehen, so glaube ich an Ihren Gott!« Die Vorsehung verschmäht es offenbar, sich Anhänger zu werben, denn der treffliche Doktor Servant starb zu Rameaus aufrichtigem Schmerz schon mit siebzig Jahren. Er hinterließ einen Sohn, der Artilleriehauptmann war. Der einzige, vor dem Rameau sich keinen Zwang anthat, in dessen Gegenwart er laut dachte, war sein Freund Talvanne, ein Mediziner gleich ihm und Sohn des berühmten Irrenarztes. Zum dereinstigen Nachfolger seines Vaters in der Leitung der Irrenanstalt zu Vincennes bestimmt, hatte er seine Studien mit großer Gründlichkeit betrieben und sich mit wahrhaft leidenschaftlichem Eifer der Anthropologie gewidmet. Die Freude an Schädelmessungen wurde bei ihm fast zur fixen Idee; fand irgend eine Studentenvereinigung statt, so geschah es nicht selten, daß er plötzlich aufstand, seinen Winkelmesser, eine Art von Zirkel mit verlängerten Schenkeln und einer Gradeinteilung, aus der Tasche zog, sich des Kopfes irgend eines Kameraden bemächtigte, den Vorsprung der Backenknochen und die Ausbiegung der Schläfen maß, um dann ernsthaft zu erklären: »Winkel gleich null; Brachykephalie in Verbindung mit sehr schwacher Ausladung der Backenknochen und der Bogen des Jochbeins.... Ein richtiger Auvergnatenschädel, mein Bester!« »Hört! Hört! Bravo! Der große Anthropologe!« rief und brüllte es dann unter wieherndem Gelächter durcheinander. In seiner Behausung hatte Talvanne eine ansehnliche Schädelsammlung zusammengetragen, und er betrieb die zur Feststellung der Geistesfähigkeit verschiedener Rassen dienenden Eichversuche mit großem Fleiße. Nach Saumarez', Vitreys und Treadwells Methode füllte er den einen Schädel mit Wasser, einen andren nach Broca mit Quecksilber, andre mit Sand wie Hamilton, mit Hirse wie Mantegazza, mit weißen Senfkörnern wie Philipps und endlich mit Schrot wie Morton. Trat man in das geräumige Arbeitszimmer, welches er im Erdgeschoß des väterlichen Hauses inne hatte, so entdeckte man an jedem möglichen und unmöglichen Platze Schädel;, auf Tischen, Stühlen, dem Kaminsims, der Wanduhr, überall grinste einem einer entgegen, und sogar der Tabak wurde in keinem andren Gehäuse aufbewahrt. Alles was irgendwie mit der Schädelmessung zusammenhing, hatte für Talvanne Wert; er sammelte sogar die Papierstreifen, vermittelst welcher die Hutmacher das Maß der Kopfweite ihrer Kunden nahmen, und behauptete dadurch zu den wertvollsten Beobachtungen zu gelangen. Stets innerhalb der Familie, und zwar einer solid bürgerlichen, in der fortschrittliche Ideen keinen Eingang finden, lebend, und überdies von einer wahrhaft frommen Mutter erzogen, hatte sich Talvanne im innersten Herzen religiöse Ueberzeugungen bewahrt, welche durch seine wissenschaftlichen Studien in keiner Weise erschüttert worden waren. Er war ein begeisterter Anhänger der Entwickelungstheorie, aber er war ein Gottbekenner, und wenn Rameau sich hier und da hinreißen ließ, das Vorhandensein eines persönlichen Gottes in Abrede zu ziehen, so erhoben sich leidenschaftliche Erörterungen, die von Talvannes Seite mit um so größerer Heftigkeit geführt wurden, als er sich einer gewissen Halbheit unklar bewußt war, denn während sein Bürgersinn und die anerzogene Pietät sich gegen die Anschauung des Materialismus auflehnten, drängte ihn seine eigne Wissenschaft zu derselben hin. Immer aber blieb der Mensch mächtiger als der Gelehrte, und je mehr seine Sicherheit und Ruhe erschüttert waren, desto eher konnte er geradezu beleidigend gegen den Freund werden. Der Anfang dieser Unterredungen war immer ein vollkommen friedlicher. »Das Charakteristische am Menschen,« konnte Talvanne bemerken, »ist das Bedürfnis nach Religion. Im Gefühl der eignen Schwachheit empfindet der Mensch es als Naturnotwendigkeit, an eine höhere Macht zu glauben, die ihm freilich unerforschlich bleibt und deren Wesen ihm nicht geoffenbart ist.« »Wenn sie ihm nicht geoffenbart ist, woher weiß er, daß sie vorhanden?« »Dafür spricht jenes allen menschlichen Wesen, ob weiß-, schwarz-, rot- oder gelbfarbig, innewohnende Sehnen, welches sie zur Anbetung treibt, einerlei, wen oder was sie anbeten, einen Gott, das Feuer, die Sonne, eine Schlange oder einen Stein.« »Das ist Aberglaube, reine Geistesschwachheit!« »Ohne Religion läßt sich der Mensch nicht leiten, nicht beherrschen!« »Davon bin ich vollkommen überzeugt! Die drei großen Triebfedern jeder Religionsform sind Furcht, Bewunderung und Dankbarkeit, darum führt der Pfaffe die Hülle im Munde, um zu erschrecken, die Wunder, um Erstaunen zu wecken, und die göttliche Barmherzigkeit, um anzulocken ... auf Unwissenheit und Verzagtheit des Menschen wird klug gerechnet, und des Pudels Kern ist – Schwindel!« Das war der Punkt, an dem Talvanne jedesmal seine Kaltblütigkeit einbüßte, und von wo ab er mit erhobener Stimme zu sprechen pflegte: »Wenn du auch noch so blind und verstockt bist und sein willst, das wirst du doch nicht leugnen, daß eine schöpferische Kraft vorhanden ...« »Gewiß nicht, aber ich spüre dieser schöpferischen Kraft nach und ich finde sie in latentem Zustand in der Materie selbst. Jede organische Form geht mit Hilfe fast unmerklicher Wandlungen aus einer andern hervor.« »Darin liegt aber ein bestimmtes Gesetz,« wandte Talvanne ein. »Alles muß doch seine ursprüngliche Ursache haben. ... Die ganze Natur ist planmäßig für den Gebrauch des Menschen eingerichtet und zwar von einem göttlichen Werkmeister.« Rameau stand auf, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und schüttelte die krause Mähne. »Wenn alles für den Gebrauch des Menschen bestimmt und hergerichtet sein soll, wozu dann die schädlichen Tiere, wozu die giftigen Pflanzen, wozu die Ueberschwemmungen, Erdbeben und so weiter? Wozu vor allem die Krankheit? Ach natürlich, nun kommst du mit der göttlichen Pädagogik, mit der über den Menschen verhängten Strafe und bringst mir den ganzen theologischen Wust vom Sündenfall und von Adam und Eva! Die Krankheit ist ebenso alt wie das Leben, das zeigt dir die Paläontologie. ... Nun kommst du mit der Zweckmäßigkeit sämtlicher Organe, aber die vergleichende Anatomie zeigt uns eine ganze Reihe von Organen, die im Keim stehen geblieben sind, bei einer Spezies Zwecke erfüllen, bei einer andern völlig zwecklos sind, zum Beispiel die Brustwarzen beim Mann, die Zähne beim Walfisch? Und der Hermaphroditismus, wo bringst du den unter? Wozu die Ungeheuer? Es gibt vollständig ausgebildete Geschöpfe, die ohne Kopf zur Welt kommen und also nicht lebensfähig sind – wozu sie schaffen? Die Wahrheit ist, daß die der Materie innewohnenden Kräfte in ihrem zufälligen Aufeinandertreffen zahllose Formen erzeugen, und daß von all diesen Formen nur diejenigen am Leben bleiben, die sich auf irgend eine Weise den Verhältnissen, in die sie gestellt sind, anzupassen vermögen, nur die, deren Widerstandsfähigkeit sich kräftig genug erweist, sich entwickeln und umgestalten ...« »O, was das betrifft, da sind wir einig!« fiel ihm Talvanne eifrig ins Wort. »Die Entwickelungstheorie ist mir oberstes Gesetz, aber sie schließt den Begriff eines persönlichen Schöpfers keineswegs aus ...« »Aber, Schafskopf, wozu brauchst du denn einen Schöpfer, wenn du die Notwendigkeit, die Zweckmäßigkeit eines solchen nicht beweisen kannst? Du kannst dich also nicht entschließen, auf den Gottvater mit dem großen Bart und dem Blitzstrahl in der Hand zu verzichten? Was für eine Anbetungswut steckt denn nur in dir? O, über diese abgeschmackte menschliche Schwachheit, die sich, wie der Ertrinkende an seine Planke, an eine höhere Macht anklammern zu müssen glaubt! Eine wahre Sucht, sich beherrschen zu lassen, vor allem aber, die eigne Verantwortlichkeit von sich abzuwälzen. Wenn dieser Gott nicht vorhanden wäre, so würdet ihr ihn erfinden, nicht wahr? Nun wohl, und ich sage dir nur das eine: wenn dein Gott existiert, so ist er ein Ungeheuer, der uns zum Unglück geschaffen hat und sich am Anblick unsres Elends ergötzt, und weil ich eine so furchtbare Anklage gegen ihn nicht erheben will, ziehe ich es vor, an die Leben erzeugende Kraft der Materie zu glauben!« Mit ätzender Schärfe und einer formlosen, aber im höchsten Grade wirksamen Beredsamkeit entwickelte Rameau seine Gedanken, berührte die neuesten Richtungen, die in der Philosophie bahnbrechend geworden, und beschnitt mit der kalten Sicherheit, mit der er sein Messer zu handhaben pflegte, dem Freunde die Flügel zum idealistischen Aufschwung, und nächtelang saß Talvanne beim Schein der bescheidenen Arbeitslampe am Kamin und hörte dem Freund zu, der ihn im Innersten verletzte und an dem er doch mit immer neuem Staunen die Tiefe des Blicks bewundern mußte, und dessen hohem Geist, der auf jedem Gebiet, auf das äußere Umstände ihn hingelenkt haben würden, Großes geleistet hätte, er seine Huldigung nicht versagen konnte. Zu dieser innigen, auf Gemeinsamkeit der Interessen beruhenden Verbindung der beiden jungen Männer hatte sich ein dritter gesellt. Auf demselben Flur mit Rameau in der Rue de la Harpe wohnte ein junger Deutscher namens Franz Münzel. Er war Maler und von Stuttgart nach Paris gekommen, um in der Ecole des Beaux-Arts seine Studien zu vollenden; ein schweigsamer Mensch, der jedenfalls fleißig an der Arbeit saß, und den man des Abends regelmäßig Haydn oder Mozart spielen hörte, offenbar eine weiche, schüchterne Natur. Die beiden Zimmernachbarn hatten nie ein Wort miteinander gewechselt, nur weil er ihm mit seinem Malgerät auf der Straße begegnet war, wußte Rameau, welchem Beruf der junge Mensch angehörte. Trafen sie auf der Treppe zusammen, so zog jeder schweigend den Hut; keiner kannte den Namen des andern, und wenn zufällig auf Münzels Klavierspiel die Rede kam, so sprach Rameau von »dem Maler nebenan«. Eines Tages kehrte der junge Deutsche sehr blaß von der Schule zurück und des Abends vernahm man keine seiner geliebten Sonaten. Er hatte sich mit heftigem Fieber gelegt und am nächsten Morgen war eine sehr schwere Halsentzündung ausgebrochen. Seine Kameraden in der Malschule hatten ihn, um seine Karikatur zu zeichnen, vollständig entkleidet und tättowiert an den Modelltisch angebunden und bei strenger Kälte einen ganzen Vormittag in dieser Lage ausharren lassen. In den nächsten drei Tagen verschlimmerte sich der Zustand derart, daß ein tödlicher Ausgang zu befürchten stand und daß der Arzt des Stadtviertels dem Portier erklärte, es sei keine Hoffnung mehr und eine Operation unmöglich. Dieser, welcher sich gar nicht mehr zu helfen wußte, kam nun auf den Einfall, an Rameaus Thür zu klopfen. Ohne Feuer im Kamin, die Bettdecke um die Beine gewickelt, saß der Doktor an der Arbeit; er schickte sich an, abermals mit einer seiner neuen Theorieen, die ihm so viel Schimpf und Verfolgung eintrugen, vor die Öffentlichkeit zu treten. Schweigend erhob er sich, und da er den unglücklichen Franz in seinem dunkeln Zimmer röcheln hörte, nahm er seine Lampe mit und trat an das Bett. Das Gesicht dunkel gerötet, mit aufgetriebenem Hals, eingesunkenen Augen lag der arme Teufel, dem Ersticken nahe, vor ihm. »Das kann keine Stunde mehr dauern,« äußerte Rameau nach der ersten flüchtigen Untersuchung. »Die Membranen haben sich schon bis in die Nasenkanäle ausgebreitet. Doch will ich es noch mit dem Luftröhrenschnitt versuchen.« Er ging in sein Zimmer zurück, kam sofort mit einem Instrument wieder, machte mit fester Hand den Einschnitt, führte die Kanüle in den Hals des Sterbenden ein, aspirierte, ohne sich um die Gefahr einer Ansteckung im geringsten zu bekümmern, heftig, so daß eine Masse blutigen Schleims herausquoll und die Luft belebend und wohlthätig in die Lunge des Kranken einströmte. »Man sollte jetzt die Familie in Kenntnis setzen.« »Er hat keine. Er ist ein Ausländer, der allein in Paris lebt.« Rameau warf einen Blick auf die blasse, von blonden Locken umrahmte Stirn des Kranken, trat von neuem an sein Bett und betastete den Schädel desselben mit Sorgfalt. »Nach Kamper hätten wir es hier mit einem Brachykephalen zu thun! Ist Ihr Mietsmann ein Deutscher?« »Ja, Herr Rameau, aber er spricht ganz gut französisch,« erwiderte der Portier, ohne den Sinn der von dem Gelehrten gestellten Frage zu verstehen. »Gut, sehr gut, Brachykephale und Deutscher,« sagte Rameau mit einem halben Lächeln vor sich hin, »da wird sich Talvanne freuen.« Während des ferneren Verlaufs der Krankheit wich Rameau nicht mehr von des jungen Künstlers Seite, dessen Arzt und Wärter er in einer Person war. Tagsüber arbeitete er an Münzels Tisch, und nachts las er beim schwachen Licht eines Nachtlämpchens, machte sich Notizen und lauschte mit Vergnügen den tiefen Atemzügen seines Patienten. »Hörst du?« sagte er freudig zu Talvanne, der gekommen war, um nachzusehen, was aus seinem Freund geworden, »heute früh atmet er schon viel besser!« So lange Franz das Bett hütete und Rameaus Sorgfalt für ihn nicht über den Charakter einer ärztlichen Behandlung hinausging, zeigte auch Talvanne warmen und aufrichtigen Anteil an dem Kranken. Er löste den Doktor des öfteren ab, wachte sogar bei Münzel, ohne seinen Schädel zu untersuchen oder seinen Gesichtswinkel zu messen, und opferte sich aus reiner Menschlichkeit, ohne nach Ausbeute für seine Wissenschaft zu trachten. Sobald aber der junge Mann wiederhergestellt war, und es deutlich zu Tag trat, daß Rameau sich ihm freundschaftlich zuneigte, wurde Talvanne völlig abgekühlt und fing an den Maler mit scheelen Augen zu betrachten. Die Zuneigung, welche der angehende Irrenarzt für den Freund, in dem er eine zukünftige Leuchte der Wissenschaft erblickte, im Herzen trug, war zu feuriger Art, um frei von Eifersucht zu sein, und es bedurfte der Aufbietung allen Einflusses, welchen Rameau über Talvanne besaß, um ihn zu einem freundlichen Entgegenkommen für Franz zu bewegen, und das Leben zu dreien, welches nun begann, war ein an Stürmen und Gewittern reiches. Der träumerische Deutsche trug ein neues Element in die geistige Gemeinschaft der beiden Mediziner hinein. Er war ein Mystiker, das geheimnisvolle Helldunkel der hohen Kathedralen seines Landes lag noch wie ein leiser Nebel über seinem Denken, und in diesem trauten Dämmerlicht leuchteten im warmen Goldton der gemalten Scheiben die Gestalten der Heiligen, die es nicht störte, daß die Feen des Rheins und die Nixen der Märchen an ihnen vorbeihuschten. Rameau lachte und sagte: »Münzel ist ein kirchlicher Heide,« aber er hatte für jeden Gedanken, den der junge Mann äußerte, eine Nachsicht und ein Wohlwollen, die Talvanne außer sich brachten. Erhob sich ein Streit über einen religiösen Gegenstand und waren Rameau und der Maler verschiedener Meinung, so dämpfte jener seine Stimme, wickelte seine Sätze ordentlich in Baumwolle und nahm ihnen alle Ecken und Härten, nur um den Freund nicht zu verletzen. »Du streitest nicht mit ihm,« brummte dann Talvanne wütend vor sich hin, »du flehst ihn an, du legst dich ihm zu Füßen. Wozu diese weichliche Schonung? Er ist kein Kranker mehr.« Rameau stellte sich taub für solche Bemerkungen, und Talvanne nahm dann selbst den Kampf auf und verfocht die träumerisch hingeworfene Behauptung des Künstlers mit der ganzen Gewalt seiner messerscharfen Dialektik. Sofort war Rameau wieder der alte, und der sich zum Schutz des Wehrlosen aufgeworfen, wurde wie ein Verbrecher behandelt und hatte die Kriegskosten samt den Wunden zu tragen. Der Doktor donnerte drauf los, schleuderte seine vermessenen, alles niederreißenden Sätze wie Bomben hinein, riß die Kreuze vom Altar, verwandelte die Kirchen in Getreidespeicher und steckte die Pfaffen in den Soldatenrock, damit sie ihr Weihwasser im Kanonendampf kochen. Sobald aber Franz mit seiner ernsten, weichen Stimme sich ins Mittel legte, wurde er ruhig, schämte sich seiner Heftigkeit, und aus lauter Angst, sich die Seele des Jünglings entfremdet zu haben, entschuldigte er sich sogar. »Dieser Dummkopf, der Talvanne ist an allem schuldig.« »Ich? Ich habe ja einfach wiederholt, was Münzel gesagt hatte,« versicherte der Psychiater mit geheuchelter Unschuldsmiene. »Laß gut sein, du verdirbst mir die Laune. Ein Glas Bier, Franz ... und dann spielst du uns ein Mendelssohnsches Lied!« So endete der Abend, und auf den Sturm folgte tiefer Frieden. Die Augen nach oben gerichtet, ließ der Deutsche die Melodieen erklingen, die seine Kindheit umgaukelt hatten, und die Freunde hatten das Gefühl, daß im Mittelpunkte der Bilder, welche die Musik vor seiner Seele heraufbeschwor, ein blondes Mädchen mit blauen Augen stehe, das er in der Heimat zurückgelassen. Daß er einer fernen Braut die Treue bewahre, nahm Rameau schon deshalb an, weil er nie irgend eine Beziehung zu einem weiblichen Wesen bei dem jungen Mann bemerkte, der übrigens nur widerstrebend von seinen Familienangelegenheiten sprach und nie ein Wort über Herzensgeschichten fallen ließ. Jedes Jahr ging er im Juli ein paar Wochen nach Stuttgart zu seinem Vater, der Musiklehrer und Erfinder einer neuen Solfeggiermethode war, und er kam von diesem Ferienaufenthalte immer gedrückt und abgemagert zurück, als ob er in einem kärglichen Haushalte, wo der Hungrigen zu viele und der Bissen zu wenig, gefastet hätte. Ohne Leidenschaft, ohne zündendes Feuer, aber mit unabänderlicher Regelmäßigkeit und einem Riesenfleiße war er an der Arbeit; auch als Schüler Flandrins klebte ihm noch eine gewisse Trockenheit der Behandlung an, die nach der Düsseldorfer Schule schmeckte: aber er verstand zu komponieren und auch zu malen; für das Porträt zeigte er entschiedene Anlage und er fing bald an Geld zu verdienen, was jedoch keinerlei Veränderung in seinen Lebensgewohnheiten zur Folge hatte. Er behielt seine bescheidene Stube in der Rue de la Harve nach wie vor bei, und wenn er sich in der Nähe des Luxemburgpalastes ein großes Atelier mietete, so geschah dies nur, um sich in den Augen seiner Auftraggeber nicht bloßzustellen. Trotzdem er sich gar nicht schlecht bezahlen ließ, schien er nie einen roten Heller in der Tasche zu haben, versagte sich jegliches Vergnügen und lebte so pedantisch regelmäßig und sparsam wie eine alte Jungfer. »Der Junge muß ein Geheimnis haben,« sagte Rameau, »offenbar hat er ein Versenkloch, durch das sein Geld verschwindet ...« »Laß mich doch mit deinen Mutmaßungen zufrieden,« erwiderte Talvanne bitter, »er ist einfach geizig. Das geheimnisvolle Versenkloch ist seine Sparbüchse.« Nach sechs Jahren erst löste sich den Freunden dies Rätsel. Als Rameau eines Tages in einer deutschen Zeitung einen fachlichen Aufsatz las, fiel ihm der Name Münzel in die Augen. Er nahm das Blatt noch einmal zur Hand und fand unter der Rubrik »Aus dem Gerichtssaal« die Entscheidungsgründe eines Urteils, laut welchem des besagten Otto Münzels Anspruch auf die Erfindung des neuen Solfeggiensystems ungültig war, und er auf Antrag der Gebrüder Pfeiffer, deren Erfinderrechte er verletzt, zu Zahlung der Gerichtskosten sowie Erlegung von zehntausend Franken Schadensersatz verurteilt war, und überdies die Pflicht hatte, dieses Urteil in sechs von den Klägern bezeichneten Zeitungen zum Abdruck zu bringen u. s. w. Seit zwei Tagen hatte sich Franz nicht bei Rameau blicken lassen, und vergebens hatte dieser an seine Thür gepocht, dieselbe war immer verschlossen gewesen. Von Besorgnis ergriffen, begab sich der Doktor nach seinem Atelier, trat ohne anzuklopfen ein und fand den jungen Mann mit weitgeöffneten, träumerischen Augen auf dem Sofa ausgestreckt. Ein angefangenes Bild, dessen trockene, eingeschlagene Farbe zur Genüge verriet, daß seit langem kein Pinselstrich daran gemacht worden, stand auf der Staffelei. Franz rührte sich nicht, als er den Doktor eintreten sah; er wandte nur den Kopf ein wenig, und ein schwaches, mühsames Lächeln spielte um seine Lippen. Ohne ein Wort zu sprechen, trat Rameau näher, zog das Zeitungsblatt aus der Tasche und hielt es ihm vor die Augen – Franz las ein paar Zeilen, erbleichte, stieß einen Schrei aus, richtete sich auf und sank schluchzend in die Arme des Freundes. Hier lag also die Ursache des geheimen Kummers, dahin flossen die Einnahmen und Ersparnisse des Malers. Seit zehn Jahren schon schleppte sich dieser Prozeß zwischen Münzel und den Gebrüdern Pfeiffer von einer Instanz zur andern, und die Kosten desselben zehrten den letzten Heller der unglücklichen Familie auf. Man aß jahraus, jahrein Kartoffeln, und ein Braten war auf dem Tisch des alten Musiklehrers eine unbekannte Erscheinung, und jeder sparte sich den Bissen am Mund ab, nur um den Prozeß weiterführen zu können, an dessen glücklichen Ausgang alle unverbrüchlich glaubten. »Wenn ich zu meinem Recht gekommen sein werde, sollst du schon sehen, wie mir meine Methode Geld und Ruhm einträgt,« pflegte der alte Münzel Frau und Kinder zu vertrösten, und rannte dann zwischen zwei Klavierstunden atemlos zu seinem Anwalt, um ihm das Material zu einer neuen Klagschrift, auf ein Blatt Notenpapier hingekritzelt, zu bringen. Der endgültige, unwiderrufliche Verlust des Prozesses war der Todesstreich für die Familie. Um die zehntausend Franken zu erschwingen, mußte der armselige Hausrat, das Instrument, die Noten, alles und alles verkauft werden, und seit zwei Tagen war Franz, der den ganzen Jammer der Seinen mittrug und mitfühlte, völlig vernichtet und gebrochen von diesem Schlag, Er hatte fünfhundert Franken, welche der Farbenhändler ihm vorgestreckt, in seinem Schreibtisch, aber keine Studie, keine Skizze, die verkäuflich gewesen wäre; er machte seit langer Zeit alles zu Geld, und in seinem Atelier war nirgends eine bemalte Leinwand zu sehen – kaum war ein Bild trocken, so verkaufte er es zu Schleuderpreisen an Händler, welche von seiner Geldnot Witterung hatten und sich dieselbe zu nutze machten. Was thun? Er konnte die Eltern und Geschwister nicht aufs Straßenpflaster setzen lassen, das hätte seinem wackern Vater den Todesstoß gegeben; Hilfe mußte geschafft werden, aber wie? Seit achtundvierzig Stunden lag er schlaflos da, schmiedete Pläne und verwarf sie wieder und sann und sann auf einen Ausweg, ohne ihn zu finden. Rameau legte dem Freund die Hand auf die Schulter und schüttelte bedächtig den Kopf mit der borstigen Mähne. »Deshalb also kasteist du dich und gönnst dir keine Freude, mein Junge? Kopf hoch und quäle dich nicht! Dir soll geholfen werden; drei- oder viertausend Franken habe ich zu Hause in einem Schubfach – den Rest zu beschaffen, laß meine Sorge sein!« Wer diesen Rest gab, war Talvanne. Sehr verdrießlich über die phrenologische Täuschung, die er in bezug auf des Württembergers Schädel erlebt, streckte er mit saurer Miene, aber offener Hand Rameau zehntausend Franken vor. »Wenn die Protuberanzen an Münzels Schädel nicht die des Geizes sind,« bemerkte er dabei, »so sind sie dafür die der Undankbarkeit. Sieh dir doch nur den Kopf an, er ist ja ein Typus dieser Gattung. Wenn man diesen Schädel untersucht hat, sollte man dem Besitzer lieber die Thür vor der Nase zumachen, statt ihm sein Herz aufzuthun.« »Du wirst mir wirklich unausstehlich mit deiner Schädellehre,« versetzte Rameau barsch. »Mit deiner fixen Idee, jede individuelle Bildung auf einen bestimmten Typus zurückzuführen, gerätst du ganz auf Abwege und wirst zuguterletzt so verrückt werden wie deine Kranken.« Talvanne war nicht von seiner Meinung abzubringen. »Gut! gut! Wir werden ja sehen; die Zukunft wird dir in bezug auf den Jungen noch ein Licht aufstecken...« Trotz dieser bestimmten Prophezeiungen flossen die Jahre dahin, ohne daß der vertrauliche Verkehr der Freunde eine Störung erlitten hätte. Jeder that seine Arbeit: Talvanne übernahm die Stellung seines Vaters und wurde der hervorragende Irrenarzt, dessen einzige Schrulle es ist, alle Verbrecher unzurechnungsfähig zu finden; Münzel wurde dank Rameaus zahllosen und einflußreichen Verbindungen ein vielbeschäftigter und -genannter Maler, und alle drei waren auf dem besten Weg zu Berühmtheit und Reichtum. Rameau war jetzt Professor der Anatomie und seit kurzem Mitglied der medizinischen Akademie. In der gesamten gelehrten Welt war niemand, der ihm die Wagschale gehalten hätte, und man bewunderte ihn ebenso sehr, als man ihn fürchtete. Jedes Hindernis, das sich ihm in den Weg gestellt, hatte er mit einer Kraft ohnegleichen beseitigt, und seinen Gegnern war er ein Schrecken. Er besaß die Verwegenheit, die sich alles zu unternehmen erkühnt, und das Talent, das alles zu Ende führt. Kein Gelehrter, der nicht die Tatze des Löwen gefühlt hätte, keiner, den er nicht geschüttelt und zerzaust hätte, so unantastbar sich die Herren auch dünken mochten, und keiner, dem er nicht den Meister gezeigt. Weichheit und Sanftmut hatte er nur für die Schwachen und Demütigen; alle, die sich ihres Wissens rühmten und sich aufblähten, zerriß und schmähte er mit einer gewissen finstern Lust. Er ging wenig in Gesellschaft, seine ungeschlachte Ehrlichkeit paßte nicht recht in die Zierlichkeit der Salons und seine Ausdruckweise hatte die landläufige Glätte, wie man sie zu den gewisperten und geflüsterten Unterhaltungen braucht, nicht. Er fühlte sich wenig zu Hause in der eleganten Welt, war wortkarg und linkisch, oder, geschah es, daß sich jemand fand, der ihn zum Sprechen zu bringen wußte, ihn in den Vordergrund stellen wollte, so konnte er in Zug kommen und mit einer glühenden Beredsamkeit, die stets Verwunderung, häufig Entrüstung erregte, drauf los reden. Rasch hatte sich das Urteil festgestellt, Rameau sei ein Original, und es hieß: »Er ist nicht ganz richtig im Kopf, hat Schrullen, wie sie beim Genie häufig genug sind. Aber ein wunderbarer Chirurg und ein bewundernswerter Arzt! Er rettet alle seine Patienten!« Sonntags aß er bei Münzel, Donnerstags bei Talvanne – das waren seine Freudentage. Bei seinen beiden Freunden ging ihm das Herz auf und er erholte sich von den Anstrengungen eines ausschließlich der Arbeit gewidmeten Lebens, seine Stirn glättete sich, er ließ seiner Laune die Zügel schießen und sein an Rabelais gemahnender Witz spielte in tausend Farben. Talvanne zu quälen, war sein besondres Vergnügen, und er war unermüdlich, die tollsten Paradoxen aufzustellen, gegen welche der Psychiater zu seinem ungeheuren Ergötzen mit schwerem Geschütz und größtem Ernst zu Feld zog, Münzel hörte gemütsruhig lächelnd zu, und erst wenn der Streit hitzig ward, wenn Rameau, sich mehr und mehr erwärmend, zu donnern anfing und, die breiten Schultern wiegend, im Zimmer auf und ab stürzte, legte er sich ins Mittel, und sobald seine weiche Stimme erklang, ward das Gespräch wieder ruhig und friedlich. Talvanne hatte unter dem Titel: »Von den Rassen und der Abstammung« eine Arbeit veröffentlicht, in welcher er eine ganze Reihe von Beobachtungen und Studien über Schädelmessung verwertete, mit Hilfe welcher er ganz bestimmte Normen aufstellen zu können glaubte. Das Kind eines solches Vaters aus der und der Rasse und einer solchen Mutter aus jener Rasse mußte seiner Theorie nach eine ganz bestimmte Schädelbildung haben, und es müßte bei einer Untersuchung seines Kopfes ein leichtes sein, anzugeben, welchen Ursprungs er war. Diese mit viel Geist und Scharfsinn zur Darstellung gebrachte Methode hatte Aufsehen erregt; die »Anthropologische Rundschau« hat sich derselben bemächtigt und sie des langen und des breiten beleuchtet und besprochen, zwischen Rameau und Talvanne aber bildete sie den Zankapfel, und der große Chirurg kannte kaum ein höheres Vergnügen, als diese Frage aufs Tapet zu bringen und seinem Freund Fallen zu stellen. Fiel dieser hinein, so konnte er sich darüber vergnügen wie ein Schuljunge. »Da kommt ein Kind zur Welt,« sagte Rameau, »mit sehr stark entwickeltem Hinterkopf, das heißt mit dem Typus der spanischen Rasse, die Wärterin aber, welcher der Arzt den kleinen Balg in die Schürze geworfen hat, findet diesen Schädelbau tadelnswert und modelliert den wachsweichen Kopf mit ihren Fingern, bis er glücklich die normannische Rundung hat. Was wird in solchem Fall aus deiner Theorie? Wo findest du jetzt noch die Spuren der Abstammung? Du untersuchst den Kopf des kleinen Schlingels, wenn er ausgewachsen ist, und erklärst mit hochfeierlicher Miene, der Bengel sei in Ivetot zur Welt gekommen.« »Du bist einfach abgeschmackt,« brummte Talvanne ärgerlich. »Das ist leicht gesagt. Deine Methode ist nicht zuverlässig, die Schlüsse, zu denen sie berechtigt, sind sehr verschiedener Art: es ist so, kann aber auch anders sein! Kurz und gut, deine Beobachtungen sind unterhaltend, aber von keiner Tragweite.« »Unterhaltend! Sie sind von einer pedantischen, gar nicht zu widerlegenden Genauigkeit, selbstverständlich in bezug auf die Allgemeinheit. Ausnahmen finden, ist kein Kunststück, die gibt es auf jedem Gebiet und, wie die Grammatik sagt, sie bestätigen die Regel ...« Trotz dieser Neckereien war es Rameau, welcher Talvannes Bewerbung um einen Sitz in der medizinischen Akademie warm unterstützte, und wenn es ihm Spaß machte, den wissenschaftlichen Wert der Theorieen seines Freundes unter vier Augen in Abrede zu ziehen, so betonte er dessen Verdienste in der Oeffentlichkeit um so stärker. Er hatte zu Talvannes »Abhandlung über Geisteskrankheiten« ein herrliches Vorwort geschrieben, in welchem er die Frage von der Vererblichkeit des Wahnsinns mit unvergleichlicher Sicherheit erörterte. Dank dieser Studie von erschreckender Klarheit hatte das Buch einen bedeutenden Erfolg, und so folterte Rameau, im Herzensgrund gut, aber immer unausstehlich in der Form wie von jeher, den armen Talvanne auf der einen Seite, während er auf der andern für dessen Ruhm thätig war. In Rameaus Laufbahn war dies die glanzvollste Periode, und sein philosophischer Geist offenbarte sich in wunderbarer Kraft und Hoheit. Seiner selbst gewiß, wagte er es, seine materialistischen Anschauungen mit der herben Glut und Schärfe eines Calvin der Welt zu verkündigen. Keiner konnte ihm mehr etwas entgegen halten, keiner gegen ihn aufkommen; wie eine lodernde Flamme verzehrte sein Genius alles, was sich seiner Entfaltung entgegenstellte, und die Ablegung seines Glaubensbekenntnisses war um so verblüffender, als sie inmitten einer offiziellen Umgebung, angesichts der regierenden Häupter geschah, welche vernichtet und bestürzt vor diesem Unerhörten standen. Es war bei Gelegenheit der feierlichen Gründung einer Gesellschaft für zeitgenössische Philosophie, daß Rameau in Erwiderung auf die saft- und kraftlose Ansprache des Unterrichtsministers seine berühmte Rede über die Erschaffung des Menschen und das Wesen der Seele hielt. Er erörterte darin die Frage, wie sich die Physiologie nach dem Stand ihrer neuesten Ergebnisse zu der Annahme einer vom Körper losgelösten, für sich bestehenden Seele verhalte, und nachdem er jeden einzelnen Punkt mit fabelhafter Klarheit nach allen Seiten beleuchtet hatte, gelangte er zu dem Schluß, daß er für sein Teil sich in keiner Weise zu der Annahme einer solchen zu bekennen vermöge. Mit Donnerstimme, die Löwenmähne wild schüttelnd und die Lehne seines Fauteuils fast zwischen den Fingern abknickend, richtete er ein furchtbares Schlußwort an die Theologie und krönte dasselbe mit einer vollständigen Verneinung der Gottheit sowie der Versicherung, daß er sich's zum höchsten Ruhme anrechne, unter den Zweiflern der äußerste zu sein. Kaum daß er zu sprechen aufgehört, war eine große Leere um ihn her entstanden, sämtliche Beamte, welche auf dem Podium ihre Plätze gehabt, verschwanden mit einer ans Wunderbare grenzenden Behendigkeit und Rameau erblickte nur noch gestickte Frackschöße. Um den Minister, der leichenblaß dastand, hatte sich ein Kreis gebildet, in dem die Köpfe hastig zusammengesteckt wurden und die Arme in lebhafter Gestikulation erhoben, als ob man den Himmel zum Zeugen des Frevels anrufen wollte. »Wohin soll uns das führen, meine Herren? Welch entsetzlicher Skandal?« erklang es von den Lippen der tonangebenden Persönlichkeit und mit rührender Einstimmigkeit wiederholte der Chor regierungstreuer Gründlinge: »Ein entsetzlicher Skandal! Ein entsetzlicher Skandal! Wohin soll das führen?« Gemieden wie ein Pestkranker, von den die Ehrenwache haltenden Nationalgardisten, die in ihrem engen Soldatengewissen erwogen, ob man den Mann nicht lieber auf der Stelle festnehmen sollte, mit scheelen Augen angesehen, verließ er den Saal und durchschritt den Hof, um zu seinem Wagen zu gelangen. Dort fand er Talvanne, der ihn in größter Erregung und Bestürzung erwartete und in die Worte ausbrach : »O mein Freund, welch unseligen Gebrauch machst du von deinen herrlichen Gaben! ... Was für Ungeheuerlichkeiten hast du uns nicht eben zugemutet, aber mit wie viel Geist, mit welcher Beredsamkeit! ... Teufelsjunge.« Entsetzen und Bewunderung kämpften in seiner Seele, aber die Freundschaft siegte und Talvanne zog den Arm des großen Mannes in den seinigen, preßte ihn in überströmender Herzlichkeit an sich und verließ an seiner Seite unter dem Druck größter Mißbilligung von oben herab schweigend das Gebäude. Am nächsten Morgen empfing Rameau die Nachricht, daß er seines Lehramtes enthoben sei. Er versuchte keine Einsprache, er war nur auf dem Gebiet des abstrakten Denkens ein Fehdelustiger. Unter den Studierenden, wo seine Rede den ungeheuersten Widerhall gefunden hatte, rief seine Entlassung einen Sturm hervor. Man veranstaltete sofort öffentliche Kundgebungen und brachte dem verehrten Lehrer eine laute Huldigung dar, bei welcher sich an den benachbarten Fenstern lauter ängstliche und besorgte Köpfe zeigten. Der mit so donnerndem Vivat Herbeigerufene aber blieb unsichtbar; er hatte sich in Münzels Atelier geflüchtet und lauschte auf dem Sofa ausgestreckt dessen Spiel auf einer Orgel, welche den ganzen Hintergrund des weiten Raumes einnahm und deren feierlicher Klang weich und träumerisch zu der hohen Wölbung emporschwebte. Vom Katheder vertrieben, begann Rameau zu praktizieren, und der Atheist, den die vornehme, fromme Welt gern ausgetrieben hätte wie Beelzebub, wurde nichtsdestoweniger mit Sehnsucht herbeigerufen, wo immer das Leben mit dem Tode rang. »Er hat einen Pakt mit dem Teufel,« hieß es, aber Genesung bleibt Genesung, selbst wenn sie einem aus der Hölle käme, und den Himmel konnte man ja hinterdrein mit ein paar Messen versöhnen. Rameau nahm mit Leichtigkeit seine zweimalhunderttausend Franken im Jahre ein, aber den Reichtum, zu dem er nun plötzlich gelangte, auch zu genießen, das verstand er mit seinen bescheidenen Ansprüchen und einfachen Gewohnheiten nur in geringem Maße. Talvanne predigte ihm fortwährend, daß er etwas mehr Aufwand machen, seine Lebensweise ändern, vor allem eine andre Wohnung nehmen müsse. Rameau ging nicht darauf ein. Das Haus in der Rue de la Harpe wollte er nicht verlassen, aber er entschloß sich wenigstens, vom fünften in den ersten Stock zu ziehen, wo er eine Wohnung von fünf Zimmern fand, die ihm vollständig genügend erschien. Den Salon hatte er zu seinem Arbeitszimmer gemacht und zur Zeit der Sprechstunde gegen vier Uhr waren sämtliche Räume bis aufs Vorzimmer dicht besetzt, sein Diener gab jedem Ankommenden eine Nummer, nach der er vorgelassen wurde, und reich und arm, vornehm und gering wartete nebeneinander in gemeinsamer Hilfsbedürftigkeit, bis seine Stunde kam. Oft und viel hielt eine stattliche Reihe von Herrschaftswagen vor dem Haus und die bis an die Nase in Pelz steckenden Kutscher blickten von ihrem erhabenen Sitz verächtlich auf das löcherige, schmutzige Pflaster und den trübfließenden Rinnstein der alten Straße herab, in welchem die Hufe der an sorgfältig gekehrtes, aristokratisches Asphaltpflaster gewöhnten Pferde versanken. Zweites Kapitel. Die Vorsehung, wie Talvanne sagte, der Zufall, wie Rameau entgegnete, schickte sich an, die mit so großer Zähigkeit festgehaltene Lebensweise des Gelehrten gründlich umzugestalten. Eines Tages stellte sich während der Sprechstunde eine Person von etwa vierzig Jahren, dem Anzug nach Dienerin in einem Haus des Mittelstandes, mit einem gestrickten schwarzwollenen Tuch auf dem Kopf und einem triefend nassen Regenschirm in der Hand, bei Rameau ein. Sein Diener, der schwarz befrackt mit weißer Halsbinde ganz wie ein Notar in feierlicher Amtstracht aussah, empfand eine mitleidige Regung und öffnete, indem er der Hilfesuchenden eine Nummer in die Hand gab, die Thür eines Gemaches, in dem etwa fünfzehn Personen geduldig und schweigend warteten. Die Frau that einen Blick hinein, stieß einen leisen Schrei aus und trat von der Schwelle zurück. »Wenn Sie sich vor dem zu langen Warten fürchten,« sagte der feierliche Diener, indem er die Thür geräuschlos wieder zuzog, »so kommen Sie lieber morgen wieder, aber dann am besten zwei Stunden früher ...« »Morgen!« rief die Frau mit einer Verzweiflungsmiene, indem sie verzagend die Hände rang. »Ach, heute abend kann es ja schon zu spät sein! ... Jetzt, auf der Stelle, muß ich den Herrn Doktor sprechen ...« »Das ist einfach unmöglich!« »Dann muß meine arme Frau also ohne Hilfe sterben? Mein Gott, mein Gott! Was wird das Fräulein sagen!« Sie mußte sich setzen, denn die Kniee zitterten ihr, und den Kopf tief herabgebeugt, brach sie in ein leidenschaftliches Schluchzen aus; Thräne um Thräne fiel auf ihre Schürze herab, und ihre Umgebung offenbar vollständig vergessend, ließ sie ihrem Schmerz freien Lauf. »Ja, aber beste Frau,« wagte der Diener, welcher sich trotz der Gewöhnung, menschliches Elend Tag für Tag ungerührt an sich vorübergehen zu lassen, etwas beunruhigt fühlte. Der Ton einer Klingel schnitt ihm das Wort ab, und ohne sich weiter um die Verzweifelnde zu bekümmern, machte er eine Thür auf und hielt sich bereit, einen das Sprechzimmer verlassenden Herrn hinauszuführen. Auf der Schwelle des schon dämmerigen Vorplatzes ward Rameau sichtbar, der noch einige Abschiedsworte mit seinem Patienten austauschte. Die weinende Frau blickte auf; mit dem Ahnungsvermögen des Schmerzes erriet sie, daß der Unbekannte, dessen hohe Gestalt sie kaum zu unterscheiden vermochte, kein andrer war als der Retter, den anzuflehen sie gekommen, und mit fliegender Hast erhob sie sich und drängte sich hinter ihm in sein Zimmer. Rameau ließ es geschehen, warf einen prüfenden Blick auf sie und fragte dann lächelnd: »Was gibt es denn, gute Frau?« »Ach, mein lieber Herr!« rief sie erregt, aber wohlthätig berührt von dem weichen Klang seiner vollen, tiefen Stimme, »nicht wahr, Sie sind es, Sie sind der Herr Doktor Rameau?« »Gewiß bin ich der.« »O, das hat der Himmel gefügt, daß ich Sie ansprechen konnte ... Warten oder morgen wiederkommen, sagte Ihr Bedienter; mein Gott! ... als ob der Tod sich aufs Warten einließe...« »Der Tod?« »Ja wohl, Herr Doktor, der Tod! Unser Hausarzt hat selbst gesagt, es handele sich nur noch um Stunden ... wenn die Operation nicht heute abend noch gemacht wird, so überlebt meine arme Frau diese Nacht nicht ... Und es scheint, daß nur Sie, nur Sie allein auf der ganzen Welt sie machen können. ›Geh auf der Stelle zu diesem Doktor Rameau und bring ihn mit!‹ hat mein Fräulein gerufen, ›sag' ihm, daß er alles erhält, was er verlangt ... wir können ja die Möbel verkaufen, wenn's sein muß ... aber er soll kommen und soll meine arme Mama retten!‹« Rameau zog die Augenbrauen finster zusammen, und die arme Person, der seine Verstimmung nicht entging, ward sehr rot und hielt verlegen inne. »Ach, verzeihen Sie nur,« fuhr sie dann fort, »ich bin so außer mir, daß ich alles heraussage, was mir in den Sinn kommt ... um alles in der Welt möchte ich nichts sagen, was Sie verdrießen könnte ...« Rameau winkte beschwichtigend mit der Hand. »Ihre Herrschaft ist also arm?« fragte er. »Ach Gott, ja! Die lieben Damen, nachdem sie früher so vornehm gewesen: und deshalb ist's ja gerade so hart und drückend für sie! Aber gut sind sie, so gut, daß man sich für sie in Stücke schneiden lassen könnte ... und das Fräulein so engelschön und sanft! Ach, Herr Doktor, wenn Sie die kennen würden!« »Was fehlt Ihrer Kranken denn eigentlich?« »O du lieber Himmel, so was wie ein brandiges Geschwür. Erst hat man es für einen Rheumatismus in der Schulter gehalten, und plötzlich, über Nacht, haben sie gemerkt, daß es mit ihr zu Ende geht. Freilich, wäre sie noch reich gewesen, so hätte man wohl eher herausgebracht, wo der Schaden sitzt, und hätte sie nicht auf Fingerbreite an Grabesrand kommen lassen ... arme Leute die können ja sterben, was liegt daran! Ist's nicht so, Herr Doktor?« »Nein, meine gute Frau!« erwiderte Rameau kopfschüttelnd. Er drückte auf die Klingel: sein Diener trat ein. »Meinen Hut,« befahl er. »O Herr des Himmels! Sie gehen mit mir?« rief die arme Hilfesuchende in glückseliger Bestürzung. »Warten Sie nur, ich hole eine Droschke! ...« »Mein Wagen steht unten, da kommen wir rascher vom Fleck,« erwiderte Rameau lächelnd. »Die Wohnung?« »Boulevard des Batignolles ...« »Der Herr Doktor wissen, daß Leute im Vorzimmer sind, die seit heute früh warten,« wagte der Diener mit ärgerlicher Miene einzuwenden. »Sie sollen morgen wieder kommen; sagen Sie ihnen das!« warf Rameau kurz hin, ergriff das auf einem Tische fix und fertig bereit liegende chirurgische Besteck und stieg die Treppe hinab, die hochbeglückte Bittstellerin hinter ihm. An der Ecke der Rue des Batignolles, ganz in der Nähe der warmen Bäder und der hydropathischen Anstalt, die sich mit ihren anspruchsvollen Fassaden an dem Boulevard breit machen, erhebt sich ein fünfstockiges Gebäude, dessen vom Regen ausgewaschene, vom Teppichausschütteln beschädigte und geschwärzte Stuckaturgesimse ihm den Stempel schmutziger Armseligkeit aufdrücken. Durch eine schmale Hausthür tritt man in einen mit Platten belegten langen Gang, der an der Portierloge vorüber zu einem Treppenhaus führt, von dessen grünlich bemalten Wänden der von der Feuchtigkeit zerfressene Gips abbröckelt. Kleine Fenster, die durch einen winzigen, an einen Schacht gemahnenden Hof ein spärliches Licht erhalten, erleuchten dasselbe so weit, daß man sich des Nachmittags ohne Kerze die ausgetretene Treppe hinaufarbeiten kann; die Stufen sind uneben durch die dicke Schicht von Straßenschmutz, welche von den Fußtritten etlicher hundert Bewohner dieses arbeitsamen Bienenkorbs alltäglich zurückbleibt. Die Dienerin, welche mit der Gewandtheit dessen, der jeden Winkel und jede Wendung einer Treppe genau kennt, Rameau voranging, blieb von Zeit zu Zeit stehen und sagte besorgt: »Nehmen Sie sich in acht, es kommt noch eine Stufe ... halten Sie sich am Geländer fest....« Man fühlte, daß sie den Helfer und Erlöser, den sie im Triumph nach Hause brachte, am liebsten auf ihren Armen getragen hätte. Im vierten Stock hielt sie inne, zog einen Schlüssel aus der Schurztasche und öffnete eine Vorthür, an der ein kleines Messingschild mit der Aufschrift: »Madame Etchevarray, Modes« prangte. Mit trauriger Ironie wirkte diese vielversprechende, kokette Anzeige: »Modes« auf diesem elenden Stockwerk, in diesem Hause, in dem alles nur von Armut erzählte! Was für Putz konnte wohl in diesem Viertel, wo die Frauen im bloßen Kopf oder der weißen Leinwandhaube ausgingen, bestellt und verkauft werden? Ein trauriges Handwerk, mit dem sich schwerlich das Salz an die Suppe verdienen ließ! Der erste Raum, den man betrat, war ein düsteres, rauchgeschwärztes Speisezimmer, dessen Einrichtung aus einem Nußbaumtisch, vier Stühlen und einem Buffett, auf dem die Ueberreste einer spärlichen Mahlzeit zu erblicken waren, bestand; abgeschossene Ripsvorhänge hingen an den auf der Hofseite befindlichen Fenstern. An den gegenüberliegenden Küchenfenstern der andern Haushälfte hingen Lumpen und Scheuerlappen zum Trocknen, und von ihnen schien der widerliche Gußsteingeruch auszugehen, der gleich beim Eintritt unangenehm berührte. Auf einem Kachelofen mit zerborstener grauer Marmorplatte stand ein Haubenstock mit einem noch nicht vollendeten Hut. Auf den ersten Blick nahm Rameau all diese Einzelheiten in sich auf, indes die Dienerin in das daneben gelegene Zimmer eilte. Ein freudiger Ausruf wurde hörbar, und unmittelbar darauf trat aus der hastig aufgerissenen Thür eine Erscheinung, in der er die Verkörperung alles Schönen und Lieblichen erblickte; glühende, bebende Hände umklammerten und drückten die des Arztes und eine weiche Stimme flüsterte: »O, mein Herr! Wie großen Dank sind wir Ihnen schuldig!« Ohne daß ihm Zeit zu einer Erwiderung geblieben wäre, fühlte er sich fortgezogen und stand eine Sekunde später am Fußende eines Bettes, in dem eine blasse, abgemagerte Frau lag. Bei diesem Anblick gewann der Berufsmensch in Rameau die Oberhand, es flimmerte ihm nicht mehr vor den Augen und surrte ihm nicht mehr vor den Ohren, er war wieder der große Arzt mit dem scharfen, untrüglichen Blick, für den nichts existierte als die Krankheit. »Es ist hinten am Hals, Herr Doktor, zwischen Schulter und Genick,« flüsterte die süße Stimme wieder. Er beugte sich herab und fing an zu untersuchen. Zu kraftlos zum Sprechen, matt und gebrochen, große Schweißtropfen auf der vom Leiden gefurchten gelblichen Stirn, lag die Kranke stöhnend in ihrem Bett. An dem Arme, der ausgestreckt war, traten die heftig schlagenden Arterien stark hervor, die Umrandung einer dunkelblau gefärbten Geschwulst unter dem rechten Ohr sah aus den um den Hals geschlungenen leinenen Tüchern hervor. Mit leichter Hand nahm Rameau den Verband ab und sein Gesicht verfinsterte sich. »Wie hat man es so weit kommen lassen können,« sagte er halblaut vor sich hin. Er trat vom Bett weg und wendete sich zu der Dienerin, die ihn herbeigeholt hatte. »Halten Sie Leinwand bereit,« befahl er, ergriff seinen Instrumentenkasten, legte den Hut auf den Tisch und kehrte ins andre Zimmer zurück. »Wollen Sie denn Mama auf der Stelle operieren?« fragte das junge Mädchen, sichtlich tief erschüttert. Rameau blickte auf und bemerkte, wie leichenblaß sie war. »Haben Sie mich denn nicht dazu rufen lassen?« sagte er, und die sonst so kräftige Stimme klang seltsam weich und innig. »Steht es wirklich so schlimm, wie unser Arzt gesagt hat?« »Der Fall ist sehr bedenklich, mein Fräulein ...« »O Gott ... aber Sie sehen doch, wie schwach die Mama jetzt ist – könnte man denn nicht wenigstens bis morgen warten?« »Nein, mein Fräulein, der Zustand Ihrer Frau Mutter fordert schleuniges Einschreiten. Es handelt sich hier um einen sogenannten Karbunkel, dem man Zeit gelassen, sich bis in die unmittelbare Nähe der Hauptschlagader auszudehnen ... Bei der Möglichkeit einer Rettung handelt es sich hier um Stunden – heute Abend schon wäre es vielleicht zu spät.« Mit bebenden Knieen, das Köpfchen auf die Brust gesenkt, klammerte sich das junge Mädchen an den Tischrand; sie war ganz gebrochen. Rameau konnte nicht anders, er mußte sie ansehen. Sie war mittelgroß, schlank, von jener lässigen Anmut südlicher Frauen; das matte Gelbweiß ihrer Haut bekam durch brennendrote Lippen und leuchtende braune Augen Leben; die natürlich krausen dunklen Haare bedeckten eine etwas niedere, von seinen geraden Brauen durchschnittene Stirn. Ihre ganze Erscheinung war von seltener Vornehmheit, sie gehörte zu jenen Frauen, die sich jeder Lage, in die eine Schicksalstücke sie versetzen mag, gewachsen zeigen, und in der ärmlichen Wohnung, in einem verschossenen braunen Wollkleidchen, blieb sie die große Dame. »Wird die Operation lange dauern?« fragte sie. »Ja – Ihre Mutter muß chloroformiert werden, und ich bitte deshalb, daß Sie nach Ihrem Hausarzt schicken; ich brauche Hilfe.« Zwei Stunden dauerte es, bis das Dienstmädchen, das ihn im ganzen Stadtviertel von Haus zu Haus suchte, mit dem Arzt zurückkam. Rameau, der sich wieder in das Krankenzimmer begeben hatte, wo die Patientin in dumpfem Halbschlaf ruhte, fing mit leiser Stimme mit dem jungen Mädchen zu plaudern an. Fortzugehen kam ihm gar nicht in Sinn, so gut er die Zeit zu einigen dringend nötigen Krankenbesuchen hätte verwenden können; es war, als ob ein geheimer Zauber ihn umsponnen hielte. Mehr und mehr brach die Dämmerung herein, schon unterschied man die Gegenstände der Umgebung nicht mehr deutlich, alles versank allmählich in tiefen Schatten, nur das Profil des jungen Mädchens zeichnete sich scharf und dunkel auf dem Fenster ab, durch welches das Licht der eben angezündeten Straßenlaterne hereinfiel. Sie sprachen miteinander, er mit ernster Stimme, in väterlichem Ton, sie einfach und natürlich und in tiefer Erregung, die zurückzuhalten, ihr schlecht gelang. Eine lange Woche voll Angst und Sorge und ermüdender Pflege hatte ihre Nerven aufs äußerste angespannt und erregt, jetzt, wie sie in der Dunkelheit am Bett der sterbenden Mutter mit dem berühmten Gelehrten, in dem sie ihren Retter sah und ahnte, plauderte, ließ die Spannung nach und sie folgte dem Drang, der sie trieb, alle Kümmernisse und alle Traurigkeit ihres Daseins vor seinen Augen zu enthüllen. Sie hieß Conchita und war die Tochter eines spanischen Offiziers, José Etchenarray, der mit den Trümmern einer von Isabellas Heer geschlagenen und zerstreuten karlistischen Truppe nach Frankreich gekommen war. Die Mutter war mit ihr – sie war damals sieben Jahre alt gewesen – nach Carcassonne gegangen, wo die französische Regierung die Flüchtigen internierte; der Vater hatte dort bei einem Weinhändler eine Stellung als Buchhalter gefunden, und in dem schönen Land, unter diesem glücklichen Himmel, der an Blau dem spanischen wenig nachgab, hatten sie ein ruhiges, heiteres Dasein geführt. Nachdem der Krieg beendigt und die Internierung aufgehoben war, hatte sich der Karlist nach Paris gewendet, wo er vermöge seiner Verbindungen eine hervorragende Stellung zu erlangen hoffte. Allein die Waffenbrüderschaft war gleichzeitig mit dem Waffenrock beiseite gelegt worden und die als Flüchtlinge in Paris lebenden Häupter der aufständischen Bewegung nahmen den Kämpfer ihrer verlorenen Sache mit kühler Zurückhaltung auf. Nicht daß sie den so edel getragenen Leiden und Mühen ihres Parteigängers ihre Anerkennung versagt hätten, ach nein, aber sie kannten ihrer so viele, die unterstützt zu werden verdienten und dessen noch bedürftiger waren als der Kapitän. Natürlich wußte man seine Verdienste zu schätzen und wollte sich ernstlich bemühen, ihm eine Anstellung zu finden, nur gehörte eben Zeit, viel Zeit dazu. Mit bitteren Empfindungen erkannte der Karlist, daß dabei nichts und immer wieder nichts herauskam, und voll Reue, seine Schreibstube in Carcassonne im Stich gelassen zu haben, fing er tapfer an Unterricht in der spanischen Sprache zu erteilen; seine Frau, welche viel Geschick in Handarbeiten besaß, hatte sich bei einer Modistin Arbeit verschafft, und so schlug sich die Familie mit großer Anstrengung und vielfältigen Entbehrungen leidlich durch. Zehn Jahre lang floß ihr Leben dahin, einförmig und armselig, ohne Wechsel, ohne Glück und ohne Unglück, jeder Morgen und jeder Abend brachte nur das ewig Alltägliche. Der Vater ging fort, um seinen Unterricht zu geben, die Mutter setzte sich an ihren Arbeitstisch und unter ihrer leichten Hand entstanden duftige Gebilde aus Tüll, Seide und Atlas. Vom vierzehnten Jahre an war Conchita die Gehilfin der Mutter geworden, und die Art, wie sie eine Bandschleife zu knüpfen, einen kleinen Vogel auf den Hut zu stecken wußte, war von unnachahmlicher Anmut. Das kleine Mädchen, welches so wenig gesehen, von Moden und eleganter Welt so wenig wußte, besaß ein angebornes Schönheitsgefühl und einen Schick, in dem sie alle vielgepriesenen Talente dieses Faches übertraf. Bald wurde die Modistin, für die Mutter und Kind arbeiteten, auf sie aufmerksam und bot ihr unter äußerst glänzenden Bedingungen eine Stellung in ihrem Hause an, allein Etchevarray schlug das Anerbieten aus. Das heranwachsende Mädchen entwickelte sich von Tag zu Tag reizender; der Vater sah sie erblühen frisch und duftig wie eine Granatblüte in seinem Heimatland, und er wollte sie nicht aus dem Haus geben, sie nicht der Berührung mit dem Geschwätz einer Putzmacherinnenwerkstatt und den Zudringlichkeiten auf der Straße aussetzen. Um aber Conchitas Begabung dennoch gründlich zu verwerten, mietete er sich frisch gewagt in einem Erdgeschoß der Rue Taitbout ein und eröffnete ein selbständiges Putzgeschäft, in welchem die beiden Frauen nun, für eigne Rechnung, mit verzehnfachtem Eifer arbeiteten. Fünf Jahre lang führten sie das Geschäft und Frau Etchevarray hatte sich nach und nach eine feste Kundschaft erworben, als der alte Karlist urplötzlich in Folge des Durchbruchs einer Pulsadergeschwulst starb. Ganz plötzlich, ohne vorhergegangene Mahnung und Sorge sah sich Mutter und Tochter von heute auf morgen einzig und allein auf sich selbst angewiesen. Das Herzeleid, das sie ihrem Kind möglichst zu verbergen suchte, untergrub Frau Etchevarrays Gesundheit, sie schleppte sich noch lange mühsam dahin, kämpfte, um sich aufrecht zu erhalten, und wurde schließlich sehr krank. Unter Conchitas und Rosalies aufopfernder Pflege – die treue Dienerin war mit ihnen von Carcassonne nach Paris gezogen – erholte sie sich endlich, aber sie war nicht mehr, was sie gewesen, ihr Mut schien völlig aufgezehrt und gebrochen. Sie, die unermüdlich Fleißige, konnte jetzt halbe Tage lang mit der Nadel in der Hand dasitzen und ins Leere starren, und wenn Conchita sie ansprach, schreckte sie zusammen, faßte sich mühsam und schien nur mit großer Anstrengung ihre Gedanken aus einem fernen Traumland zurückzurufen. So tapfer das junge Mädchen sich hielt, so fabelhaft rührig und thätig sie war und so viele Nächte sie der Arbeit opferte, so verlief sich doch die mühsam errungene Kundschaft mehr und mehr, das kleine Geschäft geriet in Verlegenheiten mancher Art, und die Fabrikanten, von denen sie die Waren bezogen, schlugen einen andern Ton an und bestanden hart und mißtrauisch auf Barzahlung. Nach zwei Jahren eines qualvollen und fruchtlosen Kampfes wurde die Messingtafel: Mme. Etchevarray, Modes, welche das Fenster der Parterrewohnung in der Rue Taitbout geziert hatte, an der Vorthür im vierten Stockwerk des Boulevard des Batignolles befestigt. In diesem übervölkerten Viertel, weit entfernt von dem eleganten Mittelpunkt, hatten die beiden Frauen mit ihrer Arbeit kümmerlich ihr Dasein gefristet, ohne auch nur hoffen zu können, je wieder die bescheidene Höhe zu erreichen, von der sie in einem Augenblick so jäh und grausam herabgeschleudert worden. Dann war die Witwe abermals erkrankt, und Conchita, die alle Kraft aufbieten mußte, um die so nötige tägliche Arbeit mit der anstrengenden Pflege der Mutter zu vereinen, hatte nach und nach das Elend hereinbrechen und die Schuldenlast anwachsen sehen. Längst nahmen in ihrer Schublade die rosa und blauen Scheine des Leihhauses den Platz der wenigen Wertgegenstände ein, die bis hierher erhalten geblieben waren, und machtlos dem Zusammenbruch entgegenstarrend, hatte das arme Kind zu seinem Todesschrecken auch noch den Ausspruch des Arztes vernehmen müssen, wonach eine sofort vorzunehmende Operation auf Leben und Tod für Frau Etchevarray notwendig war. In dem indes völlig dunkel gewordenen Krankenzimmer hatte Rameau diese klägliche, von vielen Thränen und verzweifelten Klagen unterbrochene Erzählung entgegengenommen, und ein unsägliches Mitleid hatte sich der ganzen Seele des berühmten Chirurgen bemächtigt. Er, der seit langer Zeit abgestumpft war gegen alle Leiden der Menschheit, hatte bei der Schilderung aller Aengste und Nöten dieses jungen Mädchens, von dessen Vorhandensein er zwei Stunden zuvor noch keine Ahnung gehabt, sein Innerstes erbeben gefühlt, sein Herz hatte bang und heftig geschlagen und heiße Glutwellen durchströmten ihm die Brust, und über ihn, vor dessen hochmütiger, überlegener Ironie die Vermessensten Furcht empfanden, war eine fremdartige Schüchternheit gekommen. Wie im Flug waren ihm die zwei Stunden des Wartens vergangen, und wenn er später versuchte, sich die Einzelheiten derselben ins Gedächtnis zu rufen, so war es nur eine unklare, aber unaussprechlich süße Empfindung, deren er sich entsann, das Gefühl, unter dem Einfluß eines unwiderstehlichen, wonnigen Zaubers gestanden zu haben, und die einzige äußere Thatsache, die klar und deutlich vor seiner Erinnerung stand, war die Ankunft seines Kollegen und die vor Conchitas Augen ausgeführte Operation. Noch sah er sie vor sich, wie sie sich leichenblaß krampfhaft am Kopfende des Bettes festhielt, während der Arzt, den Puls der Kranken sorgfältig prüfend, dieselbe das Chloroform einatmen ließ. Und einer Masse von Einzelheiten, die für ihn selbstverständlich waren, erinnerte er sich, weil ihr Blick mit Entsetzen darauf geruht, der Instrumente, die auf einem Tischchen ausgebreitet gelegen, des Blutes, das auf das Kopfkissen gerieselt, des Schluchzens der Dienerin, die, als sie ihre Herrin kalt und leblos wie eine Tote daliegen und das Messer in ihr Fleisch versenken sah, alle Fassung verloren hatte. Nachdem alles vorüber, war Conchita in ein jammervolles, nicht zu stillendes Weinen ausgebrochen und war ihm in ihrer Fassungslosigkeit und dem gänzlichen Aufgelöstsein in Schmerz nur noch schöner und rührender erschienen. Widerstrebend nur hatte er die bescheidene Behausung verlassen, und sein Kollege, der viel von der sprichwörtlich gewordenen Grobheit des großen Chirurgen gehört hatte, wunderte sich nicht wenig über die Zartheit und Weichheit, die er hier allen gegenüber zeigte. Er hatte versprochen, am folgenden Tag selbst nach der Kranken zu sehen, und er hielt nicht nur darin Wort, sondern kam bis zur vollständigen Heilung der Wunde täglich, und so aufmerksam wie Frau Etchevarray war noch nie eine Kranke behandelt worden. Alles, was an Arzneien und Verbandzeug nötig war, besorgte Rameau persönlich und schickte es hin, damit die getreue Rosalie ihre Zeit nicht mit Ausgehen verliere, und nie erschien er ohne eine erlesene Frucht oder die schönsten Blumen. Eines Tages befragte er die Dienerin eingehend über die pekuniäre Lage ihrer Herrschaft, und nachdem er sich strenges Schweigen hatte geloben lassen, stellte er ihr, um alle Rückstände im Haushalt zu begleichen, seine Börse zur Verfügung. Rosalie aber versetzte ihn in die größte Verlegenheit, indem sie diesen Vorschlag rundweg von der Hand wies, und natürlich hatte sie nichts Eiligeres zu thun, als das ganze Erlebnis brühwarm ihren Damen zu erzählen. »Angefleht hat er mich, sein Geld zu nehmen, begreifen Sie denn so was? Man könne es ihm ja, wenn man durchaus darauf bestehe, später zurückgeben, für den Augenblick aber solle beileibe niemand ein Sterbenswörtchen davon erfahren. Freilich ist er mit seinem Anerbieten bei mir an die unrechte Person gekommen! Ich nehme gleich Gift darauf: der Mann ist in unser Fräulein verliebt ... es heißt, er verdiene, so viel er nur wolle ... eigentlich ist er gar nicht so alt ... und eine schöne Figur hat er, das muß man sagen. Ich habe ihn aber ablaufen lassen, daß es eine Freude war, denn Gott weiß, ob er ehrliche Absichten hat ...« »So schweige doch, Rosalie,« fiel ihr Conchita ins Wort. »Du weißt gar nicht, was du da redest! Der Herr Doktor ist herzensgut und nimmt warmen Anteil an uns, aber jetzt ist ja Mama wieder gesund, und da darf er sich nicht mehr mit Besuchen bemühen.« Am nächsten Morgen fand Rameau Mutter und Tochter sehr ernst und ein wenig steif und feierlich; sie sprachen ihm ihren Dank aus für die aufopfernde Behandlung, die er der Kranken hatte angedeihen lassen, und gaben ihm dabei deutlich zu verstehen, daß eine Fortsetzung seiner Besuche für beide Teile nicht wünschenswert wäre: für ihn nicht, weil er seine kostbare Zeit dabei verliere, und für sie nicht, weil sie nicht wüßten, wie sie sich diese große Aufmerksamkeit zurechtlegen sollten. Uebrigens hofften sie, sich eines Tages ihrer Schuld gegen ihn zu entledigen, einstweilen aber übergab ihm Conchita eine zierliche kleine Handarbeit aus altfarbiger Seide, die sie insgeheim für ihn gefertigt. Als das junge Mädchen ihm mit feuchtschimmernden Augen die niedliche Gabe bot, versagte Rameau zum erstenmal im Leben das Wort: er stotterte undeutlich seinen Dank, und mit einer ziemlich barschen, entschlossenen Bewegung machte er kehrt und entfloh förmlich. Als er sich mit wirr durcheinanderwogenden Gedanken und summenden Ohren nach Hause begab, ermangelte er nicht, sich selbst kräftig den Text zu lesen: in seinem Alter wollte er sich noch kopfüber in eine Studentenliebschaft jugendlichster Sorte stürzen? Mit fünfzig Jahren, mit grauen Haaren, fing er an sich in ein junges Mädchen zu verlieben! Als ob nicht die Wissenschaft, diese eifersüchtige, strenge Gebieterin, die sich zu keiner Teilung bequemt, seine einzige Leidenschaft, seine ausschließliche Geliebte bleiben sollte! Und mitten aus diesen klugen, verständigen Erwägungen tauchte das reine, süße Gesichtchen Conchitas mit den dunkeln Augen und den roten Lippen, die ihm zuzulächeln schienen, vor ihm auf, daß es ihn wonnig überlief und ein tiefer Seufzer seine Brust schwellte beim Gedanken an all die Seligkeit, die zu verschmähen er sich zwang. So gelangte er vor seine Thür, und mit derselben Bewegung, mit der er einem hitzigen Streit mit Talvanne ein Ende zu machen pflegte, schüttelte er sich, brummte vor sich hin: »Zum Kuckuck die Weiber! Denken wir nicht mehr daran!« und eilte, immer vier Stufen auf einmal nehmend, seine Treppe hinauf, ging in sein Zimmer und vertiefte sich in die Arbeit. In dieser Nacht schlief er nicht. Vor seinem Schreibtisch, der ganz mit den Korrekturbogen eines demnächst erscheinenden Buches bedeckt war, saß er in seinem tiefen Lehnstuhl, that lange Züge aus seiner Pfeife und ließ, den Blick auf die Decke geheftet, sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen und legte sich immer neu die Frage vor, ob er nicht einem leeren Wahn geopfert, indem er sich der Arbeit und nur der Arbeit gewidmet. Der Reiz des häuslichen Herdes, die Seligkeit voll erwiderter Liebe, die Befriedigung, sich in seinen Kindern verjüngt wieder zu erblicken, das ruhige Glück des Alltagsmenschen, das alles hatte er verschmäht, und was war ihm statt dessen zu teil geworden? Ein europäischer Ruf, Ehrenämter, gestickte Palmen auf seinem Frack, und Orden und Kreuze. Und hatte sich denn dies alles nicht ebensogut, nicht mit noch größerer Sicherheit erreichen lassen, wäre er nicht gerade so zum Ziele gelangt, wenn er dabei ein Familienleben geführt und besessen hätte? Hätten Ruhe und Frieden nicht ebenso befruchtend auf ihn wirken können wie Kampf und Aufregung? Konnte denn der Geist nur auf Kosten des Herzens solche Früchte zeitigen? Wie dem alternden Faust in seiner Zauberküche, so erschien ihm hier in der stillen Welt seiner Bücher das verführerische Bild des jungen Mädchens, das ihm Sinn und Gedanken verwirrte, und ein aus tiefstem Herzen kommender Seufzer schmerzlichen Bedauerns hallte in dem schweigenden Raume wieder. Gegen Morgen ward er Herr über seine Träume, ging mit gewohntem Eifer an die gewohnte Arbeit, machte seine Besuche, sah im Spital nach dem Rechten und kam zu Tisch zu Talvanne, den er durch eine über das sonstige Maß hinausgehende Neigung zu Paradoxen erschreckte. Gegen zehn Uhr versiegte der sprudelnde Quell urplötzlich, und lange Zeit blieb er, ohne die Lippen zu bewegen, auf einem Sopha ausgestreckt, erhob sich dann mit finsterer Miene und ging nach Hause. Eine ganze Woche trieb er es in dieser Weise, und Talvanne fing an, sich so ernstliche Sorgen zu machen, daß er sich ein Herz faßte und ihn über diesen seltsamen Zustand befragte. Der Erfolg war natürlich, daß Rameau wütend wurde, seinen Freund zum Teufel gehen hieß, ihn als Schafskopf behandelte, ihm rundweg erklärte, daß er ins Blaue hinein rede, und so außer sich kam, daß der Irrenarzt ihn mit der felsenfesten Ueberzeugung verließ, daß sich dieses Mal in diesem mächtigen Kopf etwas Abnormes zutrage. Er zog Münzel ins Vertrauen, und dieser, der in ganz andrer Weise vorging, traf sofort den richtigen Ton und die empfindliche Saite und wußte den großen Mann so weich zu stimmen, daß dieser ihm sein ganzes Herz erschloß. Der sinnige, sentimentale Deutsche weinte mit ihm, und in seinen Händen wurde der Mann von Erz zu Wachs; klar und deutlich stellte ihm Franz vor Augen, daß ein Glück zurückweisen, wenn es sich uns bietet, ein Verbrechen an uns selbst sei, und ehe der Abend zu Ende, hatte er ihn so weit gebracht, daß er sich entschloß, Conchita wieder aufzusuchen. Sie wiedersehen und sie zur Frau begehren, war so ziemlich ein und dasselbe und der letzte Schritt war rasch gethan. Es war wunderbar, wie damit die Liebe in Rameau erblühte und sein ganzes Sein durchzog: er hatte keinen andern Gedanken mehr als für seine Braut, neben ihr mußte alles andre zurücktreten, und der Mann, der bisher jede Regung der Sinne unterdrückt hatte, gab sich seiner Leidenschaft mit trunkener Seligkeit hin. Unter dem ergrauenden Haar strahlte sein Gesicht von Lust und Wonne, er kam auf die jugendlichsten Thorheiten, kleidete sich mit großer Sorgfalt und zeigte sich der vor Staunen ganz versteinerten gelehrten Welt als ein glückstrahlender, zierlich geputzter Liebhaber, was entschieden eine der überraschendsten Erscheinungen der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts war. Als es jedoch an die Frage von der kirchlichen Trauung kam, wurde er wieder er selbst. Frau Etchevarray bat ihn eines schönen Tages, ganz einfach das Aufgebot in der Pfarrkirche, zu deren Sprengel sie gehörte, anzuordnen, da warf der Materialist einen so eigentümlichen Blick auf seine künftige Schwiegermutter, daß diese kein Wort mehr hinzuzusetzen wagte, Conchita selbst aber kam auf die Sache zurück. Der Spanierin, die mehr noch abergläubisch als fromm war, erschien ein Ehebund ohne priesterlichen Segen als etwas Entsetzliches, und sie bat und beschwor Rameau unter Thränen, sich dem alten Brauch zu fügen. Zum erstenmal stieß sie bei ihm auf unbeugsamen Widerspruch. Er schüttelte den mächtigen Kopf, zog die breiten Schultern in die Höhe, als ob er sich anschicken wollte, das Gewicht einer ganzen Kathedrale auf sich zu nehmen, und suchte in ungemein rücksichtsvollen und vorsichtigen Ausdrücken dem jungen Mädchen darzulegen, daß es seine Vergangenheit Lügen strafen, seine Ueberzeugung verleugnen hieße und den demütigendsten, erbärmlichsten Widerruf bedeuten würde, wollte er sich der kirchlichen Zeremonie unterwerfen. So gewiß er ihr alles zuliebe thun wollte, so konnte er sich doch ihrem kindlichen Verlangen zuliebe nicht so grausam bloßstellen. Conchita zerbrach sich nicht das Köpfchen um Gegengründe, sie rief nur einfach die Beredsamkeit der Thränen zu Hilfe, aber Rameau blieb fest. Dann verstummte sie völlig und begegnete ihm mit Eiseskälte; stundenlang ließ sie ihn reden, ohne den scharfsinnigen, wunderbar gut gewählten Beweisgründen, mit denen er sie zu überzeugen suchte, auch nur Gehör zu schenken. Der Feuerstrom seines Wortes glitt an ihr ab wie die Lava am Marmor, und war er vorübergerauscht und verglommen, so stand sie so unberührt, so unerschüttert da wie zuvor. Drang er in sie mit Fragen, wollte er ihr ein Wort entlocken, das ihm dann gewonnenes Spiel gegeben hätte, so sagte das junge Mädchen ernst: »Vor dem Altar, oder gar nicht.« Unentschlossen ging er von ihr, und es ergoß sich dann der fürchterlichste Zornesausbruch, der je einem menschlichen Gehirn entsprudelt, über Talvannes Haupt. Hatte doch jener die Vermessenheit gehabt, ihm mit gutmütigem Spott zu sagen: »Ich verstehe wirklich nicht, was du dagegen hast! Was kann es dir ausmachen, eine Messe zu besuchen? Du erfüllst diese Form, wie du irgend eine Form gesellschaftlicher Höflichkeit erfüllst. Hab ich dich nicht bei Begräbnissen von Kollegen schon in der protestantischen und katholischen Kirche und in der Synagoge gesehen? Hat dir das vielleicht etwas von deiner Ehre genommen? Du hast dich ruhig und anständig als gebildeter Mann hingestellt und dem Gottesdienst beigewohnt, ohne Teil daran zu nehmen, was war denn da Außerordentliches daran? Der große Vorzug des Atheismus sollte doch sein, daß er dem Menschen möglich macht, die Gottesverehrung in jeder Form und auf jede Art zu dulden – sobald du nichts glaubst, kann nichts dich beirren oder verletzen.« »Ach, es handelt sich auch nicht um mich,« hatte Rameau erwidert, »aber wie wird man es auffassen?« »Richtig, da will's hinaus! Du beschäftigst dich mit der Galerie, du fühlst dich auf offener Scene und bist nicht erhaben über das Urteil des lieben Publikums ... du hast Angst, was man von dir denken wird!... Es handelt sich um das liebe: »Wie nehme ich mich aus?« Ich bin im stillen von jeher überzeugt gewesen, daß ihr Herrn Materialisten, wenn man euch einzeln in ein schwarzes Loch steckte, wo kein Auge hindringt, und ihr dem Tod unaufhaltsam entgegen ginget, so gut wie jedes andre Menschenkind die Kniee beugen und euch auf eure Kindergebete besinnen würdet.« Bis hierher hatte Rameau in schweigendem, sorgenvollem Nachsinnen zugehört, dann aber war er aufgefahren und hatte den Freund so grob beleidigt, daß dieser volle zwei Tage fern blieb. Der Gelehrte war es dann gewesen, der ihn aufgesucht. Er war zur Essenszeit bei Talvanne erschienen, hatte sich ohne ein Wort zu sprechen einfach zu Tisch gesetzt und hernach, im Arbeitszimmer des Irrenarztes, mitten unter der Schädelsammlung, in der Vertreter sämtlicher Menschenrassen wohlgeordnet umherstanden, hatte er dem Freund erzählt, daß ihm nichts übrig bleibe, als sich entweder Conchitas Willen zu fügen oder die Verbindung zu lösen. »Sie ist eigensinnig, Freund, wie die Maultiere ihrer Heimat,« sagte er verdrießlich. »Sie streitet nicht, sie bringt keine Gegengründe vor, sie sagt ganz einfach: ich lasse mich vor dem Altar trauen, oder gar nicht. Und dann weint sie, und ... macht mich noch verrückt.« »Dann kommst du zu mir in Behandlung, Alter ... Liebeswahnsinn ist heilbar ... Kleienbäder, herunterstimmende Diät, täglich zwei Stunden Spazierengehen in einem schönen Garten ... in Zeit von drei Monaten ist alles vorüber und man fühlt sich wohler als zuvor ...« Rameau schien ihn nicht zu hören; in tiefes Nachsinnen versunken verharrte er noch mehrere Minuten in Schweigen, dann sagte er traurig: »Sie gibt nicht nach – was soll ich thun?« »Hängst du sehr an ihr?« »Mehr als am Leben!« »Ein Mann wie du! ... Was glaubst du denn in ihr zu finden?« »Das, was ich nicht kenne – das Glück,« sprach Rameau, und in seinem Blick loderte die Leidenschaft. Talvanne zuckte die Achseln. »Mach keinen Versuch, die Klauen aus der Falle zu ziehen, alter Kamerad, du steckst viel zu tief im Eisen! Wenn du dich denn also vor dem Aufsehen fürchtest, das deine scheinbare Abtrünnigkeit – denn ihr Atheisten seid ebensogut eine Sekte wie die andern, die ihr in die Acht erklärt – hervorrufen würde, wohl und gut, so mache deiner Braut den Vergleichsvorschlag, dich einer kirchlichen Trauung in Spanien zu unterwerfen. Geh über die Grenze – was ist daran merkwürdiges? ... Deine Frau ist eine Navarreserin ... und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sie erführen, was du hinter den Bergen treibst.« »Du hast recht!« rief Rameau sich erhebend, »Du hast mir den rettenden Ausweg gezeigt!« Frau Etchevarray war sehr beunruhigt über die Wendung, welche die Dinge genommen, und hatte in ihrer Angst, diese so unverhofft gekommene glänzende Partie könnte sich vor Thorschluß noch zerschlagen, ihrem Töchterlein gehörig den Kopf zurecht gesetzt, so daß diese jetzt Rameaus halbes Entgegenkommen froh und dankbar, wie eine Siegesbotschaft aufnahm und ihm wieder so lieblich und zärtlich begegnete, daß sein Glück ein ungetrübtes war. Mutter, Tochter und der künftige Schwiegersohn reisten nach Biarritz, um sich von da in das spanische Dorf zu begeben, dem die Etchevarray entstammten, Talvanne und Münzel, die beiden Trauzeugen, gesellten sich dort ein paar Tage später zu ihnen und eine Woche darauf wurde in aller Stille, ohne jegliche Schwierigkeit, die Trauung vollzogen. Drittes Kapitel. Rameaus Rückkehr nach Paris gestaltete sich zu einem wahren Triumph. Stolz und glückstrahlend führte er seine junge Frau allerorten ein und suchte nun die Gesellschaft in demselben Maße, wie er sie früher vermieden hatte. Conchita, welche schon durch die Berühmtheit seines Namens zum Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit erhoben wurde, machte überall großen Eindruck und wurde vom ersten Tage an unter die unstreitigen Schönheiten gezählt. Ihr Auftreten war ruhig und einfach; sie verriet keinerlei Erregung bei ihren Erfolgen, die sie einzig dem Ruhm ihres Gatten zuzuschreiben schien und ihm als Huldigung darbrachte. Der beträchtliche Altersunterschied zwischen Rameau und ihr verlockte einige jugendliche Löwen der Gesellschaft, der jungen Frau den Hof zu machen, allein sie nahm ihren Ritterdienst und ihre Schmeicheleien mit solcher Gelassenheit auf, gestattete sich so wenig eine noch so leise Koketterie, daß die schmachtenden Jünglinge bald die Hoffnung aufgaben und sich sagten, daß Conchitas Tugend offenbar keiner Verführung zugänglich sei. Talvanne, der nicht ohne Sorge diese völlige Umgestaltung im Leben seines Freundes mit angesehen, atmete wieder freier und fing an wahrhaftig an Rameaus Glück zu glauben, ein Glück, in dem er auch sein eignes zu finden hoffte, denn alles, was der Doktor empfand und erfuhr, fand im treuen Herzen des Jugendfreundes frohen oder schmerzlichen Widerhall. Im bunten Treiben dieses ersten Monats sah nun Rameau doch endlich selbst ein, daß die bescheidene Wohnung in der Rue de la Harpe ein unwürdiger Rahmen für das Leben, wie er es jetzt führen wollte, war, und kaufte rasch entschlossen das an der Ecke der Rue Saint Dominique und Avenue de Constantine gelegene elegante Haus des Marschalls Regnault de Saint Jean d'Angély, in dem er sich mit großer Pracht einrichtete. Frau Etchevarray samt der getreuen Rosalie fanden darin gleichfalls Raum, und dank der Sorgfalt dieser beiden wurde der Haushalt musterhaft geführt und gehalten. Jeden Sonnabend sah Rameau von nun an Gesellschaft bei sich, und seine Empfangstage zogen alles, was von Berühmtheiten und Größen in Paris aufzutreiben war, an. Es war dies die Glanzperiode im Leben des bedeutenden Mannes und zugleich die Zeit ungetrübten, inneren Glücks und voller Befriedigung. Seine Frau und seine Freunde – wenn er diese um sich hatte, verlangte sein Herz nach nichts mehr, und jeden Tag, den Gott werden ließ, stellten sich gegen neun Uhr abends Talvanne und Münzel im »Hotel Rameau« ein, und in dem kleinen traulichen Salon wurde bis Mitternacht geplaudert, gespielt und musiziert. Münzel hatte entdeckt, daß Conchita eine bestrickend süße, zu Herzen gehende Stimme besaß, und war unermüdlich im Begleiten spanischer Volkslieder, die ihr aus Kinderzeiten im Ohr geblieben waren und die sie mit ungewöhnlichem Feuer und hinreißender Innigkeit vortrug. Saß dann der deutsche Maler allein am Flügel und gab er mit tiefer, echter Empfindung seinen Schubert oder Schumann wieder, so lauschten ihm alle in tiefem, andächtigem Schweigen, und wenn die letzten Akkorde in dem nur dämmerig erleuchteten Musikzimmer verhallten, blieb Conchita feuchten Auges oft noch lange still und stumm, ganz versunken in ihre musikalische Verzückung. Im übrigen aber begegnete sie Münzel mit einer Zurückhaltung, die an Kälte streifte. Während sie mit Talvanne wie mit einem Jugendgespielen oder einem Verwandten lachte, plauderte und sich neckte, behandelte sie Münzel mit förmlicher Höflichkeit, ohne je einen vertraulichen Ton anzuschlagen; dieser blieb immer »Herr Münzel«, jener hieß kurzweg »Talvanne«. Diese Schattierungen in ihrem Benehmen waren Rameau gleich zu Anfang aufgefallen; er hatte Conchita darüber zur Rede gestellt, und die junge Frau hatte ihm mit großer Ruhe erwidert, daß des Malers ernstes, frostiges Wesen nicht wie das Talvannes dazu angethan sei, einen herzlichen, geschwisterlichen Verkehr zu pflegen, daß sie große Achtung und auch Freundschaft für den Deutschen empfinde, sich aber in seiner Nähe nicht so wohl und unbefangen fühle, wie bei dem Arzt. Derlei Dinge seien Gefühls- und nicht Willenssache und ließen sich nicht erzwingen. Talvanne, der im Grund seines Herzens immer noch einen Rest Eifersucht gegen den Eindringling in seinen Freundesbund bewahrt hatte, freute sich nun um so mehr, in Conchitas Gunst der erste zu sein, und genoß seinen Sieg mit ungemeiner Selbstgefälligkeit, der Doktor aber, der Münzel so heftig in Schutz nahm gegen Conchita, mußte bald mehr darauf bedacht sein, sich selbst zur Wehr zu setzen, als für andre zu kämpfen. Im Bewußtsein ihrer unbestrittenen Macht, im Gefühl, daß der Gatte ihr zu Füßen liege, und daß sie einen Wunsch nur aussprechen dürfe, um ihn erfüllt zu sehen, ward die junge Frau von Tag zu Tag kühner und verstieg sich zuletzt zu dem Traum, diejenigen Anschauungen Rameaus, welche zu den ersten und letzten Kämpfen zwischen ihnen Anlaß gegeben, umzugestalten. In ihrer hochfliegenden Phantasie malte sie es sich wunderbar schön aus, gegen dies Bollwerk des Materialismus Sturm zu laufen, diese Feste des Unglaubens zu brechen und die Anbetung, die der große Mann ihr weihte, zur höhern Ehre Gottes zu nützen. Die Mutter, die sie über diesen Punkt ins Vertrauen zog, bestärkte sie keineswegs in ihren Plänen. Die Dankbarkeit gegen Rameau, dessen Uneigennützigkeit und Güte sie mit Bewunderung erfüllten, brachte bei ihr, wenn es galt, ihren Schwiegersohn zu entschuldigen und zu verteidigen, alle Skrupel der strenggläubigen Katholikin zum Schweigen; sie erfand Ausnahmegesetze zu seinen Gunsten, und wo ihr beschränkter Geist dafür nicht ausreichte, half ihr überströmendes Herz nach. Conchita aber steigerte sich mit der ganzen Heftigkeit des verzogenen Kindes immer mehr in ihre Ideen hinein und erging sich in weitläufigen und bitteren Auseinandersetzungen darüber, daß es ehrlos von ihr wäre, nicht wenigstens einen Versuch zur Rettung des Mannes, dem sie sich zu eigen gegeben, zu wagen. »In diesem Fall heißt gleichgültig und unthätig bleiben,« rief sie, »ganz einfach, sich zur Mitschuldigen machen und ebenso tief in Sünde fallen, wie er! Denn er sündigt, Mutter, wenn du auch keine Ahnung davon zu haben scheinst oder vielmehr beide Augen zudrückst, um es nicht inne zu werden!« »Mein Kind, dein Mann ist einfach die Vollkommenheit selber, und ich kann mir gar nicht vorstellen, was die Leute, die man heilig spricht, gethan haben können, daß sie besser sein sollen als dieser Ungläubige. Siehst du, Kind, es muß doch so sein, daß es verschiedene Arten gibt, dem lieben Gott wohlgefällig zu sein: die eine ist, daß man treulich seine Gebote erfüllt und ihn anbetet, wie er's verordnet hat, die andre ist, daß man sich mit ganzer Seele für seine Geschöpfe opfert und, statt in die Messe zu gehen, Wohlthaten übt. ... Ohne Zweifel wäre es am allerbesten, zu gleicher Zeit werkthätig zu helfen und fromm zu sein, aber man darf eben nicht allzu anspruchsvoll sein, und wenn man einen Mann hat, der so edel, selbstlos und tugendhaft ist wie der deine, kann man sich füglich zufrieden geben.« »Aber, Mutter, er glaubt an nichts!« »So sei du für euch beide fromm und gläubig! Der liebe Gott wird's dann schon recht verteilen in der Wagschale.« Leider gelang es dieser lächelnden, gutmütigen Lebensweisheit ihrer Mutter nicht, Conchita zu beschwichtigen und sie mit ihres Gatten Seelenzustand auszusöhnen; sie versank in Schweigen, starrte finster vor sich hin und wurde die Vorstellung, daß ihres Mannes Unglauben auf sie beide das Verhängnis herabziehen könnte, nicht mehr los. Wie jene stolzen Gipfel, die sich in den Himmel hineinrecken, so mußte diesen geistigen Hochmut, welcher der Gottheit Trotz bot, am ehesten der Blitzstrahl treffen. Mit aller Glut ihrer Seele verlangte sie danach, nur ein einziges kleines Zeichen der Nachgiebigkeit, das auf ein Schmelzen dieses hoffärtigen Willens deuten würde, zu erlangen, und mit der gesteigerten Leidenschaftlichkeit einer Missionärin machte sie sich an ihr Werk. Sie betete mit einer Dauer und einer Inbrunst ohnegleichen und fühlte sich in halber Verzückung ihrem Siege nahe. Das Mittel zum Zweck mußte die Koketterie liefern; sie suchte ihres Mannes Liebe zu verletzen, zu reizen, sie steigerte seine Leidenschaft, indem sie sich ihm entzog, und wußte ihn dann in der erhöhten Seligkeit des Besitzes weich zu stimmen. Sie war voller Launen, bald schwermütig ohne Ursache und dann plötzlich wieder ausgelassen heiter. Für Rameau war dies phantasievolle, bezaubernde Geschöpf einfach unwiderstehlich; er betete das entzückende Kind an, dessen wunderliche Einfälle und dessen Unberechenbarkeit die Mußestunden, die er sich nach der Arbeit gönnte, immer in unvorhergesehener, überraschender Weise ausfüllte. Der Tyrannei dieses geliebten Weibes unterwarf er sich nicht nur willig, sondern mit Entzücken, er kam jedem ihrer Wünsche, auch dem allerunvernünftigsten, zuvor und bestärkte in ihr die Gewißheit, daß nichts auf der Welt sei, was er nicht für ein Lächeln von ihren Lippen hingeben würde. Es war Frühling geworden, und schon anfangs Mai kamen sommerlich warme Tage. Die Nächte waren mild und der Himmel heiter; das erste Grün und die ersten Blüten hauchten süßen Duft. Rameau war bei Tisch mit seiner Frau allein gewesen und sie machte ihm nach der Mahlzeit den Vorschlag, noch ein wenig spazieren zu gehen. Er war gern bereit, sie hängte sich an seinen Arm und so verließen sie dicht aneinander geschmiegt, das Haus und wandelten froh beflügelten Schrittes wie ein richtiges Liebespaar die Esplanade des Invalides entlang; am Quai angelangt, gingen sie über die Brücke de la Concorde und gerieten mitten in den großen Strom der Pariser Bevölkerung, die nach den Champs Elysées hinpilgert. Aus den Gebüschgruppen, die mit Tausenden von Gasflämmchen und in Kugeln von Milchglas glimmenden Lämpchen beleuchtet waren, drangen die Klänge der Orchester und die Stimmen der wie wütend drauf los brüllenden Sänger; von der Seite des Industriepalastes her drangen aus einem Gartenkonzert Fanfaren von Jagdhörnern, die Wagen rollten flüchtig dahin, um sich in langer Reihe durch die Avenue hinauszubegeben nach dem Bois de Boulogne, wo jeder Kühlung und einen Atemzug reiner, frühlingsduftiger Luft hoffte. Einen Augenblick blieben Rameau und Conchita gefesselt von dem bunten Durcheinander, das an ihnen vorüberzog, und fast betäubt von dem tollen Lärm der festlichen Menge stehen, dann aber setzten sie langsamen Schrittes ihren Gang nach dem Innern der Stadt fort, wo die glänzenden Lichterreihen und die Pracht der Schaufenster sie anzogen. Sie gingen durch die Rue Royale, sie immer zärtlich, hingebend am Arme ihres Mannes, er im wonnigen Gefühl, die vergötterte Frau in allem Reiz ihrer Schönheit und Jugend sein eigen zu nennen. So hatten sie den Madeleineplatz erreicht, der wie ein dunkler Fleck zwischen den in einem Lichtermeer erstrahlenden Boulevards lag, und von dem aus die Kirche in ihren feierlichen Linien eines griechischen Tempels schwarz und gewaltig in den abendlichen Himmel hineinragte. Sie traten vor bis ans Gitter, und da die Thür sich plötzlich aufthat, eröffnete sich ihnen der Einblick in die edle Halle mit dem lichterschimmernden, blumengeschmückten Chore. »Der Marienmonat,« hauchte Conchita leise und schmerzlich, und, an der untersten Stufe stehend, den Blick fest auf die geweihten Kerzen geheftet, die aus der Tiefe der mächtigen Wölbung hervorleuchteten, schien sie ganz in Betrachtung versunken, wie von einer unwiderstehlichen Macht festgebannt. »Wie schön das ist!« seufzte sie und schmiegte sich innig und liebkosend an ihren Gatten, der geduldig und ohne Hintergedanken darauf wartete, daß sie, die seine Gebieterin und Pfadfinderin war, ihre Schritte weiter lenken werde. Langsam und zögernd setzte sie sich denn auch wieder in Bewegung, aber statt sich wieder dem Boulevard zuzuwenden, schritt sie plötzlich, von einem heißen Verlangen ergriffen, dem sie noch keine bestimmte Form zu geben wagte, von dem sie aber ganz und gar beherrscht wurde, dem Gitter entlang, dem einsamen dunkeln Platz zu. An einem der Seiteneingänge zog sie ihren Mann durch die Gitterpforte, und nach wenigen Schritten befanden sie sich in der Nähe einer Thür. »Wohin willst du denn?« fragte Rameau endlich, indem er dem leisen Druck ihres Armes Widerstand entgegensetzte. »Hineingehen,« flüsterte sie halblaut und leidenschaftlich, »willst du nicht?« und dabei ruhte ihr Blick mit solcher Glut und Innigkeit auf ihm, daß der starke Mann im innersten Nerv erbebte. »Sieh doch nur,« fuhr sie fort und drängte sich so dicht an ihn, daß die Berührung ihn warm und wonnig durchdrang, »keine Seele da, die Vorhalle ganz leer und die Kirche dunkel – es erfährt ja kein Mensch davon!« »Ich selbst, mein Lieb,« sagte er mit einem Lächeln, aber merklich erblassend. »Du selbst? Nun, du wirst doch ein bißchen Nachsicht mit dir haben?« »Nachsicht soll man walten lassen gegen die andern, Strenge gegen sich.« »O, bitte, bitte, mit mir nicht philosophieren! Sprich einfach mit mir, denn so liebe ich dich und liebe dich namenlos! Wirst du daran zu Grunde gehen, wenn du mit deiner Frau einmal durch eine Kirche gehst? Jetzt ist Marienmonat, da strömen Tausende herbei aus reiner Neugier, nur um die Pracht des Altarschmucks zu bewundern.« »Diese Pracht tadle ich und sie stößt mich ab!« »Dann überwinde deinen Widerwillen, um mir eine Freude zu machen.« »Conchita – ich bitte dich, gehe allein! Ich will hier auf dich warten, und zwar ganz geduldig, ich verspreche es dir!« Sie bog das Köpfchen zurück und wie Wildfeuer leuchtete es in ihren Augen auf. »Es ist nie wohlgethan, einer jungen Frau zu sagen: gehe allein!« Er zog die Augenbrauen zusammen und die berüchtigte Falte erschien plötzlich tief eingegraben und drohend auf seiner mächtigen Stirn. »Conchita, spiele nicht mit meinem Herzen,« murmelte er zwischen den Zähnen. »Bist du es nicht, der mit dem meinigen spielt?« Ihr Ton war ganz verändert; die Heftigkeit und Schärfe von vorhin war einer halb schelmischen Wehmut gewichen. Sie hing sich von neuem an seinen Arm, und so standen sie unter dem Sternenhimmel, neben der schwarz ins Helle hineinragenden Kirche, sich beinahe umschlungen haltend, und er fühlte das junge Herz, das ihm so namenlos teuer war, an seiner Brust pochen und sie wollte mit einem letzten verzweifelten Versuch diese stolze Feindseligkeit überwinden und besiegen. Sie hob sich auf den Zehen, und, leicht wie ein Hauch mit ihren Lippen das Ohr des Gottlosen berührend, flüsterte sie, als ob sie der tiefen Einsamkeit, die sie umgab, noch mißtraute, mit süßer, liebkosender Stimme: »Weißt du denn nicht mehr, daß du schon einmal mit mir eine Kirche betreten und im hellen Tageslicht dein Knie gebeugt und dein Haupt gesenkt hast? Ist dir denn dabei so Schlimmes widerfahren? Deine arme Conchita hast du dir damit errungen, dein Weib, das von jenem seligen Tage an nur für dich gelebt hat – wirst du nicht das winzige Opfer bringen, wirst du ihr nicht ein klein wenig nachgeben, um dir ihres Herzens heißesten, innigsten Dank zu verdienen?« Rameau beugte sich herab zu ihr, deren Augen heller strahlten als alle Sterne; heiß wallte es in ihm auf, und seinen Arm um die Schultern des jungen Weibes legend, sah er sie an, als ob er sie mit seinem Blicke verzehren, aus ihrer Schönheit Vergessenheit trinken und aus der Liebestrunkenheit Mut schöpfen wolle – zum Verrat. »Wenn du es denn willst, so komm!« sagte er kurz. Sie fiel ihm um den Hals und küßte ihn, wie sie ihn nie zuvor geküßt; er aber sagte sich mit Bitterkeit, denn ganz kann ein so durchdringender Geist die eigne Klarheit nicht verleugnen: »So, jetzt bin ich bezahlt für den ersten Schritt auf der schiefen Ebene. Bis wohin wird sie mich bringen, wenn ich ihr nicht stärkeren Widerstand leiste?« Von Conchita fortgezogen, betrat er das Innere der Kirche, die hier auf der Seite fast menschenleer war, weil die Masse der Gläubigen sich um den Hauptaltar drängte. Süß und betäubend war der Duft, den die an allen Altären angebrachten, im Hinwelken begriffenen Blumen aushauchten, geheimnisvoll bewegten sich schattenhafte Frauengestalten umher. Tiefes Schweigen herrschte, denn das Hochamt begann soeben. Alles drängte nach dem Chor hin. Conchita, die sehr ergriffen war, führte Rameau, dessen von keiner ehrfürchtigen Regung gedämpfter Schritt weithin von den Steinfliesen widerhallte, wortlos zu der Kapelle der Jungfrau, die von Gold strotzte und wo im hellen Kerzenschein unzählige Kränze und Sträuße prangten. Unwillkürlich zögerte der Atheist, in dies helle Licht, mitten unter die Schar der Gläubigen zu treten, und blieb im Schatten einer Säule stehen. Lächelnd, mit einem Siegesblick, sank Conchita zu kurzem, inbrünstigem Gebet auf die Kniee und trat dann wieder zu ihrem Mann, an dessen Seite sie, ganz Auge und Ohr, stehen blieb. Nach einem volltönenden Orgelvorspiel hatte ein Chor von hellen, jugendlichen Stimmen eingesetzt, und frisch und klar wie seraphische Klänge durchfluteten die reinen Töne das mächtige Gewölbe, bald vereinigten sich ihnen tiefere ernstere Stimmen, die Frauen sangen mit und alles klang herrlich zusammen zu Ruhm und Preis des Allerhöchsten. Ganz entflammt von ihrem Drange zu bekehren, den Glauben mitzuteilen, fühlte Conchita ihr Herz erbeben und wie von einem Himmelstau benetzt; es war ihr, als ob in diesen beseligenden Tonwellen die göttliche Gnade sich auf sie herabsenke, sie durchglühe und durchdringe und ihr ganzes Wesen mit einer Wonneempfindung, die nicht von dieser Welt, durchschauere. Hingerissen von der Macht ihres eignen Glaubens, berauscht von dem süßlichen Blumengeruch, aufs höchste erregt von den Gesängen, wollte sie sich leidenschaftlich und tyrannisch Rameaus Seele bemächtigen, ihn zu einer bedingungslosen Unterwerfung zwingen; sie glaubte auch ihn vorbereitet und weich gestimmt durch diese zauberisch schöne Form der Gottesverehrung, und auf die Statue der Jungfrau, die den lächelnden, fröhlichen Jesusknaben auf ihrem Arme hielt, deutend, flüsterte sie: »Ich will zur Madonna beten um ein Kind, gleich dem, das sie am Herzen hält ... Stimme ein in mein Flehen, ach, nur indem du dein Knie beugst, dann bin ich sicher, Erhörung zu finden.« Erbebend erkannte Rameau, mit welch gewaltiger Waffe sie kämpfte; ein Kind, sein und Conchitas Kind, ein lebendiges Zeugnis seiner Liebe zu dem Weib, das seines Herzens Wonne war, das Höchste, Herrlichste, was ihm das Leben noch bieten konnte, und dieses Zaubers bediente sie sich, um ihn zu einer feigen Handlung zu verleiten, durch die er sich in seinen eignen Augen entehren mußte. Der Blick, mit dem er die junge Frau maß, war nicht zornig, nur tief, tief traurig – ach, selbst wenn sie ihm wehe that, wenn sie ihn marterte, fand sein Herz Grund genug, sie zu verteidigen. Conchita aber, als sie ihn stumm und finster vor sich sah, beugte sich ganz zu ihm hin, und in der Idee, daß ein letzter gewaltiger Stoß ihr den Sieg sichern müsse, flehte sie: »Es ist ein so kleines, geringes, um was ich dich bitte! Nur ein wenig dein Haupt beugen sollst du, nur eines Gedankens mit mir sein, daß unser beider Sehnen sich in gemeinsamem Flehen zum Himmel erhebe ... ich beschwöre dich, thu's! Thu' mir das zuliebe, und wenn es möglich, dich noch tiefer, noch inniger zu lieben, so wird mein Herz es vollbringen, ich werde dir als meinem Herrn und Meister dienen und die ganze Welt vergessen um deinetwillen.« Langsam und schmerzlich schüttelte er das Haupt. »Ich kann dein Begehr nicht erfüllen, Conchita: ich glaube nicht. Existiert die Gottheit, der du mich unterthan machen willst, so kann eine Huldigung, die ihr ohne Glauben, ohne Zustimmung meines Gewissens dargebracht wird, ihr nicht wohlgefällig sein, existiert sie nicht, so ist es eine lächerliche, eitle Komödie, zu der du mich nicht wirst veranlassen wollen.« Er wollte weiter sprechen, aber Conchita, die ihn leichenblaß, mit vor Schrecken weit aufgerissenen Augen anstarrte, hatte, um solche Lästerung an heiliger Stätte abzuschneiden, ihre weiße Hand auf seinen Mund gedrückt. In glühender Leidenschaft preßten sich seine Lippen auf die kühlen Finger, Conchita aber zog sie hastig zurück, ihr war, als ob bei der Berührung des Ungläubigen eine höllische Glut sich ihren Adern mitgeteilt hätte. Er aber konnte, nachdem er den Damm, welchen er selbst gegen sein innerstes Denken errichtet gehabt, einmal gebrochen hatte, sich nicht mehr zum Schweigen bequemen; er ergriff seine Frau am Arm, zog sie in einen entlegenen, menschenleeren Winkel des mächtigen Baus, ließ sie neben einem Beichtstuhl sich niedersetzen und begann nun mit einer Beredsamkeit, die an Gewalt und Zauber mit den berauschenden, hinreißenden Orgeltönen und Gesängen, die wie eine sanfte Begleitung zu ihnen herüberdrangen, wetteiferte, seinerseits den Kampf gegen das Dunkel des Kirchenglaubens, das Ringen um diese Seele, die sich, wie er wohl fühlte, von ihm abzuwenden im Begriff stand. »Verurteile mich nicht, ohne mich gehört zu haben, darum bitte ich dich, Conchita! Ich fühle, daß ich dir in diesem Augenblick Furcht und Entsetzen einflöße, und möchte dir doch Ruhe geben, möchte dich verstehen lehren, daß ich weder ungerecht noch böse bin. Wenn ein Wort genügte, dir den Willen zu thun, glaube mir, daß ich nicht zögern würde, dies Wort zu sprechen. ... Du weißt es ja, daß ich mich schon einmal deinem Willen gefügt, du weißt es, daß ich heute Abend dir zuliebe hier eingetreten bin, denke an meine Willigkeit, dir jeden Wunsch zu erfüllen, und nicht nur daran, daß ich dir jetzt eine Bitte abschlagen, dir Widerstand leisten muß. ... Welchen Wert hätte denn ein rein äußerliches Nachgeben für dich? Verlangt dich danach ? O, ich bitte, ich beschwöre dich, wende dein Herz nicht ab von mir ... stelle diesen Gott, der, wie du sagst, nur Güte und Liebe ist, nicht zwischen dich und mich, du liebst ihn wahr und warm, aber ich liebe dich noch viel heißer, viel leidenschaftlicher, du betest ihn an, aber ich vergöttre dich, ich lebe, atme nur im Anschauen deiner Schönheit ... Liebe zu dir ist meine Religion, mein Glaube. Kannst du mir zum Vorwurf machen, daß ich keine andern Götter haben will neben dir, willst du mir ein Verbrechen daraus machen, daß ich anbetend auf den Knieen liege vor meiner süßen, beseligenden Gottheit ...« »Was du da sagst, ist schlecht und verderblich,« hauchte Conchita mit matter Stimme. »An die Stelle des allgegenwärtigen, unsichtbaren Gottes setzest du ein irdisches Geschöpf von Fleisch und Blut. ... Deine Gedanken und deine Worte sind die eines Heiden ... nicht nur, daß du dich nicht bessern, nicht umkehren willst, suchst du auch mich ins Verderben zu ziehen.« »Ich, dich?« rief Rameau mit funkelndem Auge, »ich sollte auch nur mit einem Hauch an deinen Glauben rühren? Nein! Nein! Gewissensfreiheit, sie habe ich mein lebenlang hoch und heilig gehalten, und ich sollte mir selber untreu werden, um ein Wesen zu quälen, das ich so namenlos vergöttere? Bete du ungestört, Conchita, ich selbst bitte dich darum, bete für dich, für deine Mutter, für mich. ... O, was gäbe ich nicht darum, wenn ich den Glauben hätte, der mir's möglich machte, mit dir zu beten. ... Allein der Glaube läßt sich nicht erzwingen ... Glücklich die, denen er verliehen – ich beneide sie!« »O dann, dann,« rief die junge Frau außer sich, indem sie in heftiges Weinen ausbrach, »dann versuche es doch zu glauben, erhebe deine Seele zum Himmel ...« »Der Himmel ist mir leer und öde, Conchita! Jedes Volk hat seine Götter hineingestellt, aber ach, es waren gebrechliche Götzenbilder, in denen sich nur menschliches Begehren und Beginnen verkörperte. Die Völker sind zerstoben und untergegangen, ein Glaube löste den andern ab, die Götter wandelten sich, der Himmel blieb leer!« Der ernste Mann seufzte tief auf, schüttelte unwillig das Löwenhaupt, als ob er einen ungelegenen Gedanken verscheuchen wollte, und fuhr, die Hand seiner Frau in die seine nehmend, fort: »Laß diese Dinge nicht mehr zwischen uns zur Sprache kommen, Kind: du bereitest mir Schmerz damit, und ich muß dir wehe thun, und das macht mich sehr elend. Du wirst mich nicht bekehren und ich werde nie und nimmer den Versuch machen, dich zu mir herüberzuziehen, denn ich würde es für ein Verbrechen halten, an einem Glauben zu rütteln, der dir Halt und Hilfe im Leben ist. Vergib mir und zweifle deshalb, weil ich dir den Willen nicht thun kann, nicht an meiner Liebe – meine ganze Seele ist dein eigen.« »Deine Seele?« fragte sie bitter, »hast du denn eine Seele?« »Du hast Recht, Liebste,« versetzte Rameau lächelnd. »Sieh, wie der Aberglaube in der Sprache haftet! Ich glaube nicht, daß ich eine Seele habe, aber vom Vorhandensein des Herzens bin ich um so fester überzeugt, und jeder Schlag des meinigen gehört dir, und wenn ich annehmen könnte, daß ein sterbliches Wesen eine Seele habe, dann wärst du es, Conchita, denn du stehst mir über der Menschheit!« Sie gab keine Antwort. Langsam verließen sie die Kirche, in welcher die Zeremonie noch fortdauerte, ohne daß Conchita derselben, nachdem sie erkannt, daß sie ihr zu ihrem frommen Werk nicht dienlich war, weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Fern und ferner klangen die kirchlichen Gesänge, schwächer wurde der Blumen- und Weihrauchduft, die Lichter glommen nur noch dunkel, ein weicher Luftzug strömte über sie hin und der dunkle Platz und der hell erleuchtete Boulevard lagen vor ihnen. Sie schritten die Stufen hinunter, und nachdem sie das Gitter hinter sich gelassen, zog Rameau den Arm seiner Frau wieder in den seinigen und wollte mit ihr leicht und elastisch, wie vorhin, da sie als selig liebendes Paar ihres Weges daher geflogen waren, weitergehen. Aber Conchita ging matt, gleichgültig und kalt neben ihm her; die Hoffnung, die sich belebt hatte, war dahin und zerstoben; kein siegesfroher Mut durchglühte mehr ihr Herz. In dem niederschlagenden Bewußtsein, die Schlacht verloren zu haben, unterlegen zu sein, verließ sie die Kirche und in ihr regte sich etwas wie Haß gegen den, der sie der erträumten Wonne des Triumphes beraubt. Von diesem Tag an vollzog sich in ihrem inneren Leben eine große Wandlung. Mehr und mehr trat die Dankbarkeit, die sie für Rameau empfunden, in den Hintergrund und verblaßte, die zärtliche Bewunderung, die ihr Herz für den genialen Mann erfüllt, verschwand, und das Entsetzen, womit sein unerschütterlicher Atheismus sie erfüllte, erstickte jede andre Empfindung. Selbst sein Aeußeres machte ihr nicht mehr den nämlichen Eindruck wie zuvor, in seinen derben, aber stolzen Zügen schien ihr jetzt ein satanischer Hochmut zu liegen. Die gedankendurchfurchte Stirn gemahnte sie nun an den gefallenen Engel, in den dunkeln dichten Brauen, die an beiden Schläfen etwas in die Höhe standen, glaubte sie neuerdings das erschreckende Merkmal teuflischer Verderbtheit zu erkennen; mit einemmal fiel ihr auf, wie hart und herb seine Redeweise sei, und welch unsägliche Menschenverachtung in jedem seiner Worte liege. Er, den sie bis jetzt mit inniger Zärtlichkeit wie einen teuern Vater geliebt hatte, verwandelte sich ihr plötzlich in ein unheimliches, gefahrdrohendes Wesen. Unruhig und besorgt ruhten ihre Blicke auf ihm und sie beobachtete ihn mit der den Frauen eignen Ausdauer und Unbefangenheit. Was dieser Mann auch sagen und thun mochte, es war bedeutend, echt, vollwertig, höchste Aufmerksamkeit und Achtung fordernd und verdienend, niemals hatten seine Liebesäußerungen etwas greisenhaft Lächerliches, immer und überall war er voll Feingefühl und die Vornehmheit seines Geistes offenbarte sich auch im geringsten Thun und Lassen. Der Löwe war alt, aber es war ein Löwe; die Mähne ergraute, aber sein Auge flammte und seine Kraft war ungebrochen. Sie machte sich's zum Gesetz, in seiner Gegenwart kein Wort mehr zu äußern, das auch nur im entferntesten auf die Religion Bezug hätte; es war ihr, als ob darin eine Entweihung läge und der Zorn des Himmels dadurch wachgerufen werden müßte. In ihrem Innern aber gärte und kochte es und die Bitterkeit steigerte sich derart, daß sie sich nicht enthalten konnte, eines Abends mit Talvanne und Münzel das Gespräch auf den Unglauben ihres Freundes zu bringen. Es war im Sommer und man war heute nach Tisch ausnahmsweise nicht in den Garten gegangen, sondern im Salon beisammen geblieben. Ein erquickend frischer Luftstrom zog zu den offenstehenden Fenstern herein und Conchita ordnete an, daß man ohne Licht bleiben solle, um nicht Moskitos und Fledermäuse hereinzulocken. Rameau war in sein Arbeitszimmer gegangen, um Briefe zu schreiben; die beiden Herrn rauchten schweigend und Frau Etchevarray und Conchita saßen still dabei; niemand sprach. Nach einigen Minuten begann die junge Frau ganz unvermittelt, als ob etwas sie zwänge, dem letzten Glied einer langen Gedankenreihe Ausdruck zu geben: »Talvanne, Sie sind doch Katholik und Sie auch, Herr Münzel ... und Sie beide sind gläubig?« »Was mich betrifft, gnädige Frau,« versetzte der Irrenarzt, »so war es die Mutter, die mich erzog, und wie Sie wissen, ist der Einfluß der Frauen in bezug auf Religion ein weittragender.« »Meinen Sie?« unterbrach ihn Conchita mit so bittrer Ironie im Ton, daß beide Männer überrascht aufblickten. »An den Einfluß der Frauen zu glauben, ist eitel Thorheit, meine Freunde – besonders in Religionssachen,« setzte sie herb und schneidend hinzu. Talvanne fühlte, daß ein bedenklicher Punkt berührt war, und da ihm viel daran lag, es nicht zu einem erregten Wortgefecht kommen zu lassen, fuhr er heiter und gelassen fort: »Unser Münzel aber ist ein Deutscher, folglich von Natur ein Mystiker, als Sohn eines Musikers mit kirchlicher Musik großgewachsen und von heiligen Klängen umrauscht, blond und blauäugig, also zum Träumer geboren! Wenn der Glaube unter solchen Bedingungen nicht tief Wurzel gefaßt hätte, so müßte sein Gehirn geradezu aus Kieselsteinen bestehen. ... Ueberdies malt er lauter Heiligenbilder ... das Handwerk macht den Mann!« »Besuchen Sie die Messe?« fragte Frau Etchevarray beklommen. »Ich? Niemals!« erwiderte Talvanne. »Also sind Sie ebensowenig religiös wie mein Schwiegersohn?« »Ihr Schwiegersohn, meine liebe Frau Etchevarray, hat seine besondre Religion: er glaubt an die Natur, und er ist auf seine Art frömmer als wir. Ihm ist die Arbeit Sakrament, und sein Gebet lautet: ›Gib mir die Kraft, deine Geheimnisse zu ergründen, Mutter Natur, auf daß ich meinesgleichen retten und ihre Leiden erleichtern könne – Amen‹.« »Mein Schwiegersohn ist ein guter Mensch, das weiß ich,« setzte das Mütterlein hinzu, »und die Kirchenläufer sind dem Herrn nicht immer die Liebsten.« »Da haben Sie ganz recht,« stimmte Münzel mit Wärme bei, »und Talvanne und ich sind sicherlich keinen Rameau wert. Eins schickt sich nicht für alle, und man darf von den Geistern, die hoch oben im reinen Aether kreisen, wo der Blick des Alltagsmenschen kaum hinreicht, nicht fordern, daß sie an der Erde kleben und kriechen und sich Gesetzen beugen, welche von Unwissenden geschaffen. Alle großen Erneuerer sind verkannt und gelästert worden: um ein kleines hätte die Inquisition Galilei auf den Scheiterhaufen geführt, und Kolumbus wurde in Ketten gelegt, weil man in der Entdeckung der Neuen Welt Ketzerei witterte. Weil sie ihrer Zeit vorangingen, sind alle großen Denker, alle berühmten Gelehrten Verfolgungen ausgesetzt gewesen, unser Freund aber steht so hoch über uns, daß wir uns ehrfürchtigen Sinnes enthalten müssen, ihn zu beurteilen. ... Mit bangem Herzen folgen wir dem kühnen, gewagten Flug seiner Gedanken, aber keiner von uns ist im stande, den Weg, den er einschlägt, zu verwerfen – wer weiß denn, ob er nicht recht hat?« »Ich weiß es! Ich sage es!« rief Conchita mit bebender Stimme. »Des Menschen oberste Pflicht ist, seinem Schöpfer, seinem Herrn, seinem Gott zu gehorchen! Lehnt er sich dagegen auf, dann wehe ihm und wehe allen, die ihm angehören.« Tiefes Schweigen trat auf diesen leidenschaftlichen Ausbruch ein, und Talvanne, der sich heftig nach der jungen Frau hingewendet hatte, versuchte, ihre Züge näher zu unterscheiden, allein vergebens, denn die tiefe Dunkelheit, die im Gemach herrschte, verbarg ihm die Totenblässe des schönen Gesichts, das Zucken der Lippen und die krampfhaften Bewegungen der schlanken Hände. »Aber Kind,« bemerkte Frau Etchevarray nach einigen Sekunden, »wozu denn diese Aufregung, wie kommt's nur, daß du dich dermaßen steigerst?« »Ich allein bin der Schuldige,« erklärte Münzel, »ich habe das Gespräch in dieses Fahrwasser gelenkt, wo man nie vor Sturm und Klippen gesichert ist, aber ich will den Geist der Eintracht schon beschwören.« Er setzte sich an das dem Pianino gegenüberstehende Harmonium, und die Augen nach oben gerichtet, als ob er den tiefblauen Himmel suchte, fing er zu spielen an. Klar und voll erschallten die Orgelklänge, und die reine, einfach edle Melodie erklang zauberisch schön durch das abendliche Schweigen. »Was ist denn das?« fragte Talvanne. »Eine Motette von Porpora, Händels Nebenbuhler,« erwiderte der Künstler, und fuhr, ohne sein Spiel zu unterbrechen, nur dasselbe zur Begleitung seiner Worte herabdämpfend, fort: »Ich war zwanzig Jahre alt, als ich sie zum erstenmale hörte, und zwar im Dom zu Köln. Um Mittag war es, an einem Sonntag, als ich hineintrat und wunderbar ergriffen von dem goldnen Schimmer der ganz in Sonnenglut getauchten gemalten Scheiben in das dämmerige Schiff gelangte. Vom Altar her ertönte das Glöckchen und zeigte die Wandlung an, alles lag auf den Knieen und tiefe, heilige Andacht ruhte auf den anbetend geneigten Stirnen. Lautloses Schweigen herrschte und plötzlich ertönte aus der großen Stille die herrliche Melodie, die ich euch eben spiele, und die mich in Entzücken versetzte. Seither ist sie mir nicht mehr aus dem Ohr gekommen und immer empfinde ich es als Wohlthat und Freude, wenn ich in die Stimmung komme, sie zu spielen.« »Wie hübsch!« sagte Conchita mit völlig veränderter Stimme. Im selben Augenblick erschien Rameau und hinter ihm der Diener mit Licht, und Talvanne sah jetzt, daß die Augen der jungen Frau feucht waren und ihre Wangen höher gefärbt als sonst. Man schloß die Fenster, sprach von andern Dingen, und der Rest des Abends verlief ohne Störung oder besondre Vorfälle. Bei Talvanne aber ließ Conchitas Bitterkeit und Heftigkeit eine peinliche Erinnerung und einen Keim des Mißtrauens zurück. Das Studium der Menschenseele war bei ihm Naturanlage wie Beruf, und er brachte diese Fähigkeit nun bei der jungen Frau zur Anwendung, beobachtete sie mit einer Ausdauer und Aufmerksamkeit, von der sie sich nichts träumen ließ, und eine Menge einzelner Züge, die ihm bis jetzt entgangen waren, drängten sich ihm plötzlich auf. Conchita hatte sich früher unausgesetzt beschäftigt, jetzt sah er nie mehr eine Arbeit in ihrer Hand, und auch mit Lesen füllte sie ihre Zeit nicht aus; unbeweglich saß sie den Winter über in ihrem kleinen Salon, den Sommer im Gartenhaus, regungslos wie eine schöne Odaliske, und trat man zu ihr, so bemerkte sie das nicht einmal, und man mußte sie erst anreden, um sie aus ihren Träumereien aufzurütteln. Was ging in ihr vor und worüber dachte sie mit solcher Ausschließlichkeit und Vertiefung nach? Während des Tages ging sie sehr häufig, fast immer zur gleichen Stunde allein aus, und fragte man sie, wo sie gewesen, so erwiderte sie mit der selbstgewissen Ruhe einer Frau, die sich über jeden Verdacht erhaben weiß: »Ich bin spazierengegangen«, oder: »ich habe Besorgungen gemacht.« »Spazierengegangen – wohin denn? Besorgungen gemacht – wozu?« dachte Talvanne, wenn er sie von einem solchen Ausgang noch einsilbiger, noch mehr in sich versunken als sonst, heimkommen sah. Um sich Aufklärung zu verschaffen, folgte er ihr eines Tages nach dem zweiten Frühstück in angemessener Entfernung. Er hatte ein gutes Stück Wegs zurückzulegen, denn sie führte ihn quer durch Paris bis zur Kirche St. Madeleine, wo sie die Stufen hinaufstieg und hineinging. Ueberrascht blieb er stehen, nahm eine Droschke und fuhr nach seiner Klinik in Vincennes. Ein paar Tage darauf wiederholte er den Versuch, lief ihr wieder nach, gelangte wieder vor die Madeleine und sah sie abermals langsam und gelassen die hohe Freitreppe hinaufsteigen. Stutzig gemacht durch die regelmäßige Wiederholung dieser frommen Pilgerfahrt, und zu sehr Pariser, um hinter dieser gewissenhaften Religionserfüllung nicht ein Geheimnis zu suchen, blieb Talvanne nicht auf halbem Wege stehen, sondern trat eines Tages, nachdem er sie durch eine Seitenthür hatte hineingehen sehen, ebenfalls ein. Er sah sie von fern an den langen Reihen der Betstühle entlang schreiten, dann sich zur Seite wenden, und plötzlich hatte er sie aus den Augen verloren. Vorsichtig und geschickt verfolgte er ihre Spur und mit einem Mal ward er ihrer von neuem ansichtig, wie sie nach spanischem und süditalienischem Brauch förmlich hingegossen und fast den Boden mit der Stirn berührend in der Marienkapelle vor der Statue der Madonna mit dem Jesuskind in leidenschaftlicher Andacht auf den Knieen lag. Hinter demselben Beichtstuhl, wo einst jene folgenschweren Worte zwischen Rameau und seiner Frau gewechselt worden waren, verbarg sich Talvanne und wartete. Nach Verlauf einer starken Viertelstunde stand Conchita auf, ging hinaus und kehrte auf dem nämlichen Wege nach Hause zurück. Der Freund, welcher ein Liebesabenteuer vermutet und gefürchtet hatte, atmete erleichtert auf, ließ jedoch in seiner Wachsamkeit keineswegs nach, aber so oft er sich auch auf die Lauer stellte, immer war es dieselbe Kirche, zu der die junge Frau ihre Schritte hinlenkte, immer derselbe Altar, vor dem sie ihre Andacht verrichtete. Was sie that, wußte er jetzt, und das war viel wert, nun brannte er aber darauf, auch die Gründe dieses Thuns zu entdecken. »Ich bin Ihnen diese Woche zweimal begegnet, als sie aus der Madeleine heraustraten,« warf er eines Abends gleichgültig hin. »Die Kirche ist für Sie eigentlich ein bißchen entlegen, meine ich?« Sie war sichtlich erschrocken; was ihm aber noch viel merkwürdiger vorkam, war, daß Rameau, der in eine Broschüre vertieft ein paar Schritte von ihnen entfernt saß, aufblickte und einen ängstlichen, besorgten Blick auf den Freund heftete. Mit erhöhter Farbe und funkelnden Augen gab Conchita die Antwort: »Gerade dort muß ich beten, dort muß ich mich in Demut niederwerfen, um das Unglück von unseren Häuptern zu wenden.« »Das Unglück ...« begann Talvanne, hatte jedoch nicht Zeit, seine Frage zu vollenden, denn der Doktor fuhr heftig auf, warf die Broschüre auf den Tisch und sagte barsch: »Laß doch Conchita zufrieden! Sie kann thun, wozu sie Lust hat, und dich geht es wahrhaftig nichts an!« »Das ist unbedingt richtig! Mich geht es nichts an,« brummte der Psychiater. »Aber daß es ein so großes Verbrechen sei, zu fragen ...« »Genug davon – mehr als genug! Sprechen wir von etwas andrem.« Und man sprach von etwas andrem, Conchita aber blieb geistesabwesend und düster gestimmt, und von Zeit zu Zeit ruhte ihr Blick mit einem Ausdruck förmlichen Entsetzens auf ihrem Gatten. Was war vorgegangen? Was stand zwischen ihnen? Talvanne gab die Hoffnung, es herauszubringen, nicht auf, aber es wollte ihm vorkommen, als ob er bei der Entdeckung mehr auf einen Glücksfall als auf seinen Spürsinn zu rechnen habe. Auch einem andern war der zerrissene Gemütszustand der jungen Frau keineswegs entgangen, und dieser andre war Münzel. Nachdem er bisher die Zurückhaltung und Kälte, womit Conchita ihn behandelte, mit Ruhe über sich hatte ergehen lassen, schien er sich's jetzt auf einmal in den Kopf gesetzt zu haben, ihre Vorurteile zu entwaffnen und zu überwinden. Er hatte seine phlegmatische Gelassenheit ganz abgeschüttelt und war im Gespräch von einer so ungewohnten Ergiebigkeit, daß Rameau ihn schon öfters damit geneckt und einmal mit dem etwas derben Humor, der ihm eigen, hingeworfen hatte: »Höre mal, Talvanne, mir kommt's vor, als ob Franz meiner Frau den Hof machte! Du weißt, daß ich keine Zeit habe aufzupassen, ich übertrage dir dies Amt.« »Du kannst dich auf mich verlassen,« hatte Talvanne ernsthafter als nötig erwidert und Rameau hatte, trotz der mißbilligenden Blicke seiner Frau und Münzels sichtlichem Unbehagen, herzlich gelacht. Man war nie mehr auf den Scherz zurückgekommen, aber der Arzt, welcher seinen Auftrag völlig ernst nahm, und der bei der jungen Frau schon lang auf dem Beobachtungsposten stand, fing nun an, auch den Maler aufs Korn zu nehmen. Bei der Vorstellung, daß Conchita Franz begünstigen könne, erwachte seine anfängliche Feindseligkeit gegen den Deutschen wieder mit voller Kraft. Talvannes Seele war krystallhell und rein, und er würde eher in den Tod gegangen sein, als daß er seinen Blick zu dem Weib seines Freundes erhoben hatte, allein die Annahme, daß ein andrer ihm vorgezogen, herzlicher behandelt werden könne als er, versetzte ihn in Wut, und er fühlte sich zur Eifersucht ganz ebensogut beanlagt und berechtigt wie der Gatte selbst. Auf diese junge Frau hatte er das Anrecht seiner Freundschaft, so gut wie einst auf Rameau, und jede Zuneigung, die sie einem andern als ihrem Freunde Talvanne schenkte, war in seinen Augen ein Raub, über den er Klage führen konnte und mußte. Allein er beruhigte sich bei näherer Betrachtung der Dinge bald ganz und gar, denn Conchita schenkte Münzel nicht die geringste Aufmerksamkeit und war ausschließlich von der Sorge um ihre Mutter erfüllt, deren seit einigen Monaten tief erschütterte Gesundheit allerdings Anlaß zur Beunruhigung bot. Frau Etchevarray war nicht mehr als fünfzig Jahre alt, aber die Stürme, Kämpfe und Mühen des Lebens hatten ihre Kraft frühzeitig erschöpft und »die Säfte verdorben«, wie sie selbst auf jede Frage nach ihrem Befinden in traurigem Tone erwiderte. Sie verließ ihr Schlafzimmer kaum mehr, und obwohl Rameau sie mit ungemeinem Eifer und aufopfernder Sorgfalt ärztlich behandelte, mußte er doch erkennen und äußerte auch gegen Talvanne, daß die Maschine abgelaufen und daß man ihr, um sie zu weiterem Dienst tauglich zu machen, neue Räder müßte einsetzen können und zwar so wesentliche, wie unter andern das Herz. Trotz des unbedingten Vertrauens, welches Conchita in ihres Mannes Unfehlbarkeit als Arzt setzte, erfüllte es sie stets mit Schauder, wenn sie ihn an das Krankenbett der Mutter treten sah, und es war, als ob sie seine Berührung für die Leidende fürchte. Hatte Rameau im Sinn, nach seiner Schwiegermutter zu sehen, so wußte ihn die junge Frau mit einem: »Sie schläft jetzt« abzuhalten, und sah ihn dann mit großer Erleichterung seinen Wagen besteigen und sich in das Hospital oder nach der Universität begeben. Talvanne dagegen wurde von Conchita fast mit Gewalt an das Lager der Kranken gezogen und immer aufs neue begehrte sie seinen Rat und seine Ansicht zu hören. »Aber Sie wissen ja, daß ich nicht allgemeiner Arzt bin,« suchte er sich ihrem Drängen zu entziehen, »daß ich die Heilkunde gar nie ausgeübt habe. Ich bin eine Art von Narr, der andre Narren heilt und behandelt, und wer da der Vernünftigere ist, der Doktor oder der Patient, ist sehr die Frage.« »Nur Ihre Gegenwart thut der Mama wohl,« sagte die junge Frau, ohne von ihrem Verlangen abzustehen. »Sie hat Sie lieb,« und eines Tages setzte sie hinzu: »Und Sie sind ein Christ. Das nimmt den bösen Einflüssen ihre Macht.« Bei diesen Worten begann Talvanne über vieles ins klare zu kommen und er nahm die Lage der Dinge sehr ernst. Offenbar hatte sich zwischen Rameau und Conchita ein tiefer Zwiespalt aufgethan, dessen Ausgangspunkt des Doktors Ungläubigkeit war. Vermutlich hatte die junge Frau, getreu ihrem Auftreten bei der Frage der Trauung, auch noch weitere Nachgiebigkeit im Punkt der Religion von ihrem Gatten gefordert – wer weiß, ob sie nicht den Versuch gemacht, ihn zu bekehren! Im ersten Augenblick hatte der Gedanke etwas so drolliges, daß Talvanne hell auflachen mußte, bei näherer Betrachtung aber fand er darin den Keim so tiefgehender Schwierigkeiten, daß er sehr geneigt war, die Sache vollkommen tragisch aufzufassen. Der echt spanische Fanatismus im religiösen Empfinden Conchitas mußte, wo er mit Rameaus schroffem Freidenkertum sich berührte, Kämpfe erzeugen, die möglicherweise entsetzliche Folgen nach sich ziehen konnten. Schon jetzt, das wurde ihm mehr und mehr klar, machte die Frau ihren Mann für das Leiden ihrer Mutter verantwortlich, in welchem sie ein Strafgericht Gottes zu erblicken wähnte, ein Strafgericht, welches sie für ihr verwerfliches Zusammenleben mit einem Atheisten und die Lauheit ihrer Bestrebungen, ihn zum guten zu führen, treffen mußte. Mit großem Scharfsinn wußte sich der erfahrene Psychiater zurechtzulegen, was zwischen dem ungleichen Paar vorgegangen sein mußte, und hielt damit den Schlüssel in Händen zu allem, was ihm bisher rätselhaft erschienen war. Die gesteigerte Wiederaufnahme ihrer kirchlichen Uebungen, Conchitas tiefe Verstimmung, ihre von Zeit zu Zeit hervorquellende Bitterkeit und im Gegensatz dazu Rameaus schroffes Abbrechen, sein sichtliches Unbehagen, ja seine Angst, wenn gewisse Dinge berührt wurden, alles verstand er jetzt, allein seine Achtung vor dem inneren Frieden des Freundes war zu groß, als daß er es gewagt hätte, ihn über diese Verhältnisse aufzuklären, und ebensowenig hielt er es für wünschenswert, die junge Frau zu vertraulichen Aeußerungen zu veranlassen. Schiedsrichter und Vermittler zwischen dem Kirchenglauben der einen und dem Unglauben des andern zu werden, war auch nicht ohne Gefahr; nahm er den Freund in Schutz, so war es um Conchitas Gunst geschehen und das ihm so liebe, friedliche Dasein in diesem Hause, das ihm längst zur Heimat geworden, konnte mit einem Schlage gefährdet werden. Die Selbstsucht des Epikuräers gebot also, sich jeder Einmischung zu enthalten. Wäre sein Blick noch klarer und durchdringender gewesen, so hätte er sich sagen müssen, daß er diesem von Bitterkeit geschwellten Herzen Gelegenheit geben müsse, sich durch eine Aussprache Erleichterung zu schaffen, und daß er der jungen Frau damit vielleicht bis auf einen gewissen Grad den Frieden hatte zurückgeben können. Mit einem kühnen Eingriff in das Gemütsleben der Freunde hätte Talvanne jetzt noch alles retten können und denen, die er zu schonen so emsig beflissen war, viel Kampf und Leiden ersparen. Als er eines Morgens wieder bei Rameau vorsprach, fiel ihm beim ersten Schritt ins Haus die bestürzte, beklommene Miene der Dienerschaft auf; er eilte rasch nach dem Arbeitszimmer des Doktors, den er trüben Blicks an seinem Schreibtisch beschäftigt fand. »Was ist vorgefallen?« fragte Talvanne, »im ganzen Hause scheint Bestürzung zu herrschen?« »Meine Schwiegermutter ist diesen Morgen um drei Uhr gestorben,« erwiderte Rameau, indem er sich erhob, mit ernster Stimme. Ein Schweigen trat ein, als ob die kalte Hand des Todes auch diesen beiden Männern die Lippen versiegle. Talvanne trat ans Fenster, und geistesabwesend den Vögeln zuschauend, die im Garten ihr Wesen trieben, blieb er in Nachsinnen versunken. Dann streckte er dem Freund die Hand hin und sagte herzlich: »Du hast viel verloren! Diese Frau wußte deinen wahren Wert zu schätzen ... es war ein treffliches Wesen. Aber sag mir doch, wie es so schnell mit ihr zu Ende gehen konnte? Gestern fühlte sie sich wohler, sprach ganz frei und dachte ans Aufstehen ...« »Das letzte Aufflackern, ehe die Kerze erlischt. ... Heute nacht wurde ich zu ihr gerufen und fand sie bewußtlos ... es gelang mir, sie wieder zu beleben, aber gegen morgen trat eine zweite tiefe Ohnmacht ein und dann war nichts mehr zu machen – du weißt es ja, wir sind nicht Herrn über Leben und Tod.« »Und deine Frau?« fragte Talvanne nicht ohne Bangen. »Ist von einer erschreckenden, thränenlosen Ruhe, die mich ängstigt. Thue mir den Gefallen und gehe zu ihr; vielleicht gelingt es dir, dies starre Leid in Thränen zu verwandeln. Es wäre die größte Wohlthat für sie.« »Ich gehe sofort.« Talvanne eilte in den ersten Stock hinauf und betrat ohne anzuklopfen den Salon, in dem tiefes Dämmerlicht herrschte, weil die Rollvorhänge heute noch nicht aufgezogen worden waren. Beim Geräusch der Thür erhob sich eine Gestalt, aber Talvanne, der von dem Uebergang aus der draußen herrschenden Helle in diese Dunkelheit geblendet war, vermochte nicht zu unterscheiden, wer es war, und blieb regungslos stehen, bis Conchita mit dumpfer, fast erstickter Stimme in die Worte ausbrach: »Sie sehen, das Unheil hat nicht auf sich warten lassen!« Jetzt erkannte er auch ihre Züge deutlich und sah sie in ihrem schwarzen Gewand, totenblaß aber mit leuchtenden Augen vor sich stehen. »Kommen Sie,« sprach sie rasch, »Sie haben sie lieb gehabt und sie war Ihre Freundin ... Sie ist glücklich, das werden Sie sehen ... es ist, als ob sie im Schlummer lächle.« Die junge Frau öffnete eine Seitenthür, die auf einen kleinen Vorplatz führte, und auf der andern Seite derselben that sich das zur Kapelle umgestaltete, von zahlreichen Kerzen feierlich erhellte Zimmer der Verstorbenen auf. So vertraut ihm der Anblick des Todes auch war, zögerte Talvanne doch einen Augenblick betroffen auf der Schwelle. Im Hintergrund des Raumes ruhte Conchitas Mutter, von Blumen umgeben, ein Kruzifix auf der Brust; die silberweißen Haare kaum von den weißen Betttüchern zu unterscheiden. Am Fußende des Lagers saß eine Armenschwester und las ihre Gebete; ohne die Augen vom Buch zu erheben, fuhr sie in ihrer Andachtsübung fort; man sah ihre Lippen sich murmelnd bewegen, ihr Gesicht aber war vollständig gleichgültig und teilnahmlos. Conchita sank auf die Kniee und drückte ihre Lippen auf die kalte Hand der Mutter, dann erhob sie sich und sprach laut mit Ton und Stimme der Verzückung: »Ich konnte ihr die heiligen Sterbesakramente reichen lassen. Durch eine Fügung der göttlichen Barmherzigkeit hat sie das Bewußtsein wiedererlangt und ist im Stand der Gnade von hinnen gegangen. Jetzt steht sie am Throne Gottes, zu seinen Füßen, sie ist mein Schutz, sie spricht für mich, und ich weiß nun, daß wir uns dank ihrem Flehen eines Tages wiederfinden werden in der Himmelswonne für alle Ewigkeit.« »Amen!« sprach die Schwester mit leiser, weicher Stimme, indem sie einen Augenblick ihr Gemurmel unterbrach, las aber dann sofort ihre Gebete weiter. Talvanne hatte wortlos zugehört. Er gedachte des Tages, da auch er eine Mutter stumm und kalt vor sich hatte liegen sehen, und ein heißer Schmerzensquell, den er längst versiegt und vertrocknet gewähnt, stieg ihm feucht in die Augen. Langsam ließ er das Haupt auf die Brust sinken und machte das Zeichen des Kreuzes. Angesichts dieser schlichten kirchlichen Handlung, die der feste, ernste Mann so unbewußt und selbstverständlich vollzog, fühlte Conchita das Eis in ihrem Herzen schmelzen. Hastig ergriff sie Talvannes Hand, und als ob jeder andre Schmerz als der um den Verlust der Mutter in diesem Raum Entweihung wäre, zog sie ihn hinaus. Draußen aber rief sie unter Schluchzen und von Glaubensglut strahlend und in ihrer Verzweiflung wahrhaft erhaben: »Ach, wenn er mit mir beten, mit mir hätte glauben wollen, wie namenlos würde ich ihn geliebt haben!« Viertes Kapitel. Daß Conchita nicht wahnsinnig wurde, bewies, welch großer Irrenarzt Talvanne war, denn er allein bewahrte sie davor. Er fand das rechte Wort, um sie zu beruhigen, und er hatte die Genugthuung, der einzige zu sein, der es fand! Rameau drückte ihm so gerührt und innig die Hand, wie er es seit zwanzig Jahren nicht gethan, und der alte Junggeselle fühlte sich dank den Rechten, die ihm sein Beruf verlieh, mehr als je daheim im Hause des Freundes. Conchita, deren Miene ebenso düster und finster war, wie das Schwarz ihrer ernsten Trauerkleidung, hatte ihre Thüre ohne Gnade und Erbarmen jedem Besucher verschlossen und schien für alle Zeiten an ihrer Trauer festhalten zu wollen. Münzel, der nur während des Tages zu förmlicher Besuchsstunde zuweilen angenommen wurde, aber auf die gemütlichen Abende im Freundeskreis ganz verzichten mußte, legte darüber eine seltsame Aufregung an den Tag. Er, der sonst so gleichmäßig in seiner Stimmung, so ruhig und gelassen gewesen, wurde launenhaft und reizbar und setzte Talvanne durch eine unerklärliche Heftigkeit in Erstaunen, ja er steigerte sich so weit, das ganze Leben erbärmlich zu finden und mit dem Schicksal zu grollen, wozu freilich niemand weniger ein Recht hatte, als eben er. Konnte je bei einem Menschen von »Glück haben« die Rede sein, so war es bei ihm der Fall. Mitten hineingezogen in den Strahlenkreis des großen Mannes, war er durch ihn mit den ersten Künstlern und mit Männern von bedeutendem Einfluß in Berührung gekommen, hatte sehr jung schon größere Aufträge und hohe Preise erhalten. Sein Ruf hatte sich schnell verbreitet und er nahm jetzt mit achtunddreißig Jahren eine hervorragende Stellung ein. Die Zeit lag hinter ihm, wo einige tausend Gulden Prozeßkosten den Vater dem Bankerott ausgesetzt hatten, ein authentischer »Franz Münzel« war jetzt seine dreißigtausend Franken wert, und für ein Porträt von seiner Hand mußte man sich lange vorher einschreiben, auch nahm er den Auftrag nur noch an, wenn der Kopf ihn ansprach. Oft und viel hatte er sich's von Conchita erbeten, daß sie ihm sitze, aber die junge Frau hatte seine Bitte stets und zwar mit sichtlichem Uebelwollen abgewiesen. Einmal hieß es, daß ihre gesellschaftlichen Pflichten ihr nicht Zeit dazu ließen, ein andermal, daß sie sich vor der Zahl und Dauer der Sitzungen fürchte, kurz, immer hatte sie einen Vorwand für ihr entschiedenes Nein gefunden. Schließlich war die Mutter krank geworden, und nun hoffte Münzel in der Stille dieser Trauerzeit, bei der großen Oede in Conchitas Dasein eher zum Ziel zu gelangen und wagte sich angesichts der düstern Langeweile, die sichtlich an ihr zehrte, von neuem mit seinem Anliegen hervor. »Es fehlt Ihnen an einer Beschäftigung, an etwas, um Ihre Gedanken auszufüllen,« sagte er, »und die Sitzungen helfen Ihnen wenigstens den Tag herumbringen. Sie sind unglücklich – ich achte Ihren Schmerz; Sie brauchen nicht zu sprechen, und ich werde auch schweigen, werde auf jede Bedingung eingehen, die Sie mir auferlegen, werde mich im voraus willenlos Ihren Geboten unterwerfen.« Mit einer gewissen eigensinnigen Verranntheit sagte Conchita abermals nein, und sie gab sich jetzt nicht einmal mehr die Mühe, einen Vorwand zu suchen, um ihr Widerstreben zu beschönigen: sie schlug ihm die Bitte rundweg ab. Machte Rameau ihr sanft und liebevoll Vorstellungen darüber, daß sie nicht ein bißchen liebenswürdiger sei gegen den armen Maler und dessen guten Willen so wenig anerkenne, so hatte dies nur zur Folge, daß sie aufbrauste und ihren Mann durch die Heftigkeit und Bitterkeit ihres Widerstandes in Erstaunen setzte, und eines Tages begegnete sie Münzel selbst in so verletzender und schroffer Weise, daß dieser sich, bleich vor Erregung, erhob und mit bebender Stimme erklärte, daß wenn seine Gegenwart so leidige Verstimmungen hervorrufe, so ärgerlichen Streit veranlasse, er es vorziehe, nicht wiederzukommen. Trotz Rameaus herzlicher Abbitte, trotz all seiner liebevollen Gegenvorstellungen hielt er Wort, ja er verließ, um vor jeder eignen Schwäche gesichert zu sein, Paris und begab sich für längere Zeit zu seinen Angehörigen in Deutschland. Vier Monate etwa blieb er fern. Man sprach nicht einmal mehr von ihm, und Talvanne war höchlich befriedigt über diese Wendung der Dinge, als plötzlich eines Morgens nach dem Frühstück mit der Post eine aus Deutschland an Frau Rameau adressierte große Kiste anlangte. Ohne besondre Neugierde wurde der Deckel losgemacht und man erblickte einen großen Ebenholzkasten mit eingelegter goldner Platte, von der sich ein zierlich ciselierter und emaillierter Vergißmeinnichtstrauß abhob. Conchita, der Doktor und Talvanne warfen einander überraschte, fragende Blicke zu, jedem aber dämmerte eine Ahnung der Wahrheit auf. Da die junge Frau sich gar nicht beeilte, der Lösung des Rätsels näher zu kommen, drehte Rameau den Schlüssel des Kastens, schlug den Deckel zurück und man erblickte nach Art eines Quentin Metsy oder Antonio Moro in einer holländischen oder italienischen Bildersammlung sorgfältig und kostbar eingerahmt Frau Etchevarrays Porträt. Das Bild war in kleinem Maßstab ausgeführt und genremäßig behandelt. Den Kopf herabgeneigt, ihren Strickknäuel auf den Knieen, saß die würdige Dame in ihrem gewohnten Lehnstuhl am Tisch und strickte. Die Aehnlichkeit war eine so sprechende, daß Conchita und Rameau, förmlich überwältigt, keine Worte fanden. Sprachlos standen sie dieser Wiederauferstehung der Toten gegenüber, hingerissen von der Macht einer Kunst, die ihr Wollen so überzeugend zum Ausdruck brachte. Die junge Frau ließ das Bild in ihrem Zimmer unterbringen, und es war ihr fast, als ob die, welche sie von morgens bis abends unaufhörlich in der schmerzlichen Oede des verwaisten Hauses suchte, jetzt wieder in ihrer Nähe weile. Einige Tage darauf traf Franz selbst in Paris ein und sein erster Gang galt den Freunden in der Rue Saint Dominique. Wie hätte Conchita ihren Dank besser ausdrücken können, als indem sie dem Maler aus freien Stücken gewährte, was sie ihm bisher verweigert hatte? Dies Porträt der Mutter mußte ihm doch wahrlich das Recht eintragen, die Tochter malen zu dürfen! Sie selbst war es nun, welche die Bitte aussprach, ihm sitzen zu dürfen, eine Bitte, bei der es wie ein flüchtiger Sonnenstrahl über die schwermütigen Züge Münzels huschte. Man verabredete sofort, wie und wann die Arbeit begonnen werden sollte, und zum erstenmal betrat Conchita des Künstlers Werkstatt. Rameau selbst, der überglücklich war über das wiederhergestellte gute Einvernehmen, brachte seine Frau hin, besprach Stellung und Beiwerk mit Franz und war Zeuge des Entstehens der ersten skizzenhaften Striche auf der Leinwand. Von da an jedoch beteiligte er sich, wie immer ganz in Anspruch genommen von seinem Beruf, nicht mehr an den Sitzungen. Lange Stunden waren Münzel und Conchita in vertraulicher Einsamkeit auf einander angewiesen. Es war zu Ausgang des Winters und schon machte sich das Längerwerden der Tage deutlich fühlbar. Kam der Doktor, um seine Frau abzuholen, so fand er die beiden häufig schon seiner harrend; durch das geöffnete Fenster drang der letzte Abendschein herein, in dessen rötlichem Licht die Waffentrophäen, welche das Atelier schmückten, warm erglänzten und der da und dort einem blanken Schild ein Blitzen und Funkeln entlockte. Auf einer geschnitzten Truhe stand ein reizend geformtes Krystallglas mit Blumen, die im Hinwelken betäubende Düfte aushauchten. Conchitas Gestalt, die mehr liegend als sitzend auf einem Diwan ruhte, war in ihrer schwarzen Kleidung schon tief in das hereinbrechende Dämmerlicht getaucht, und Münzel saß am Flügel und spielte träumerisch einen Straußschen Walzer oder ein Chopinsches Notturno. Mitten in das geheimnisvolle Dunkel und den Melodieenstrom trat dann des Doktors hohe Gestalt, und frohgemut nahm er Frau und Freund mit nach Hause zur Mahlzeit, bei der sich meist auch Talvanne einfand, und nach welcher man den Abend behaglich und traulich verplauderte. Der Psychiater war zwar seit Münzels Rückkehr schlechter Laune und machte nicht im geringsten ein Hehl daraus. Rameau, der an solche Wunderlichkeiten bei dem Freunde gewohnt war, kümmerte sich nicht darum, ja sein Gemütszustand schien ihm gar nicht unwillkommen, um in alter Weise seine spitzen Pfeile gegen den Kameraden loszuschießen. Allein Talvanne, der sonst so fehdelustig und schlagfertig war, ließ die Angriffe ruhig an sich abgleiten und war nicht aus seinem mürrischen Schweigen herauszubekommen. Mit entschiedener Absichtlichkeit lehnte er jedes Gespräch über das Porträt ab. Vom ersten Augenblick an hatte ihn alles, was zu diesem fortgesetzten Beisammensein Conchitas mit Münzel führte, peinlich berührt, und getreu seiner überall Gefahren witternden Natur neigte er von vornherein zu der Annahme, daß die Vertraulichkeit, die zwischen dem Künstler und seinem Modell mit Notwendigkeit entstehen mußte, von übeln Folgen sein werde. Anfangs enthielt er sich jeder Bemerkung darüber, nach und nach aber ward es ihm doch unmöglich, bei seinem Stillschweigen zu verharren, und als er eines Tages mit Rameau allein war, äußerte er kurz und unwirsch: »Du gehst seit ein paar Tagen nicht mehr mit zu den Sitzungen?« »Nein. Ich habe keine Zeit.« »Wer begleitet denn jetzt deine Frau?« »Niemand. Sie ist, dächte ich, groß genug, um allein zu gehen.« Talvanne runzelte die Stirn und warf ärgerlich hin: »Groß genug – ja! Alt genug – nein!« »Um zu Franz zu gehen?« »Um sich mit irgend einem Mann drei Stunden des Tages einzuschließen!« »Schwatz doch nicht so dumm!« »Mache solche Dummheit nicht mir zum Vorwurf, sondern der Welt. Ich versichere dich, daß kein Mensch es passend fände, eine junge hübsche Frau wie die deinige einen Monat lang Tag für Tag mit einem Maler allein zu lassen.« »Mit einem Maler, der mein Freund ist?« »Was keinen Menschen abhalten wird, darüber zu reden.« »Wer redet, wer denn? Man? Du alter Geselle bist nicht mehr und nicht weniger als eine richtige Klatschbase! Gerede! Was mach ich mir daraus! Aber du bist und bleibst immer der Alte und hast deine heimliche Feindseligkeit nie überwunden! Sieht dir ganz ähnlich, das Urteil und die Bosheit der Welt vorzuschieben, wenn du Münzel einen Streich spielen möchtest!« »Ich?« »Ja, du! Daß das Bild vielversprechend ist und sich sehr gut anläßt, das kriegst du nicht hinunter! Weil du es nicht bist, der es macht, wär' dir's am liebsten, es würde ein greulicher Schmarren daraus. Egoistisch bist du und neidisch ... bei Licht besehen ein recht häßlicher Geselle!« Die Bestürzung, die sich bei dieser freundschaftlichen Anrede auf den Zügen des Psychiaters malte, war so groß, daß Rameau nicht umhin konnte, zu lachen. »Ich weiß ja wohl, daß du mir all das Zeug nur aus Freundschaft vorredest, aber es gibt Menschen, die unter Freundschaft nichts andres verstehen, als sich unangenehm zu machen. ... So besinn' dich doch nur einmal, was du da eigentlich behauptet hast! Glaubst du etwa, daß ich dir nicht ohne jeglichen Hintergedanken und ohne die leiseste Besorgnis meine Frau anvertrauen würde?« »Was bei meinem Alter und bei meinem Gesicht eben kein großes Wagstück wäre!« »Dein Alter? So viel ich weiß, sind wir gleich alt!« »Ja, aber du, das ist was andres, du bist ein Prachtmensch! ... Während ich einfach komisch wirke.« »Mir gefällst du gar nicht übel,« lachte der Doktor, setzte aber sogleich ernster hinzu: »Uebrigens hast du am Ende so unrecht nicht, und es hat keinen Sinn, der öffentlichen Meinung Trotz zu bieten, wo man es vermeiden kann – von morgen an soll Rosalie meine Frau begleiten.« Talvanne schwieg, aber sein Gesicht erheiterte sich, und er atmete erleichtert auf. Als er aber abends wieder in die Rue Saint Dominique kam, empfing ihn Frau Rameau mit ungewohnter Kühle. Er drückte ihr sein Befremden darüber aus und sie sagte mit spöttischem Lächeln: »Sie haben allerdings alle Ursache, ein freundliches Gesicht von mir zu erwarten, es scheint, daß Sie in nettem Ton von mir sprechen, wenn Sie mit meinem Mann allein sind!« »Ich weiß wahrhaftig nicht, was Sie damit sagen wollen!« »Offenbar verdanke ich doch Ihren weisen Ratschlägen den Beschluß, daß ich nicht mehr ohne Duenna aus dem Haus gehen soll.« »Ach! Darauf läuft es hinaus,« sagte Talvanne lachend. »Ja, darauf! Sie sind ein mißtrauischer Mensch – Sie hätten einen schlechten Ehemann abgegeben.« »Deshalb bin ich auch keiner geworden!« »Und Sie halten die Ruhe und Sicherheit eines Gatten durch eine derartige Tugendwache für gesichert?« »Wahrhaftig – nein! Ich halte dieselbe auch nur der äußeren Form wegen für nötig und habe sie nur im Hinblick darauf verlangt.« »In meinem Fall ist der Schutz sehr hinfälliger Natur, denn Rosalie ginge für mich durchs Feuer und würde infolgedessen eher die ganze Welt verraten, als mich in Gefahr bringen.« »Sie bedürfen auch keines andern Schutzes, als sich selbst.« »Nun, da haben Sie sich hübsch herausgewunden, und dieser Schluß klingt wesentlich besser als der Anfang! Glauben Sie mir, den Frauen gegenüber ist Vertrauen die klügste Vorsichtsmaßregel.« Rameaus Eintritt machte hier der Unterredung, von welcher Talvanne ein widerlicher Nachgeschmack zurückblieb, ein Ende. Er hatte Conchita erregt, gereizt und erbittert gefunden und hatte die Empfindung, daß sie vor einer inneren Krisis stehe. Die Leere, welche der Tod der Mutter in ihr Leben gerissen, war durch nichts ausgefüllt, und es war kein Kind da, dessen süßes Geplauder das unklare Sehnen und die gefährlichen Träumereien verscheucht, dessen liebkosendes Händchen alle Enttäuschungen hätte vergessen lassen und vor dessen klarem Blick alle Phantasiegebilde hätten verblassen und verschwinden müssen. Sie war allein, und zwischen ihr und dem Gatten hatte sich ein Abgrund aufgethan. So wenig Erfahrung er auch im Verkehr mit Frauen hatte, so lag dies alles doch klar vor Talvannes Blick und er, der eifrige, treue, ergebene Freund, sah die Ruhe des Mannes, dem er ohne Zaudern sein eignes Glück zum Opfer gebracht haben würde, von den ernstesten Gefahren bedroht. Zum erstenmal im Leben war es ihm jetzt eine wahre Freude, Münzel bei Tisch im Hause der Freunde zu treffen oder ihn des Abends dort vorsprechen zu sehen. »Solange er Rameaus Blick auszuhalten vermag und ihm mit offener Stirn gegenübertritt, kann er sich nichts vorzuwerfen haben,« sagte der Arzt, den andern nach sich beurteilend. Hatte er dem Maler und Conchita ins Herz blicken können, so wäre es mit diesem Trost bald vorbei gewesen. Seit er die junge Frau zu malen angefangen, war Münzel nicht mehr der alte. Sein trüber Sinn war einem heiteren Uebermut gewichen; er zeigte sich jugendlich, begeisterungsfähig und mitteilsam, und staunend lernte Conchita einen Menschen in ihm kennen, von dessen Vorhandensein sie all die Jahre nichts gewußt. An dem großen Malfenster sitzend, welches das Licht voll auf ihre Stirn fallen ließ, hörte sie dem Maler zu, wenn er ihr von seiner Kindheit erzählte, von den Seinigen, den Schwestern und dem alten Vater, der seinen wohlverdienten Ruhestand dazu nützte, Kantaten und Hymnen für fürstliche Geburtstage zu komponieren. Dann kamen seine Reisen nach Holland, Spanien und Italien aufs Tapet; er schilderte ihr, wie er vor irgend einem der Meisterwerke seiner Kunst im Museum zu Amsterdam oder im Palazzo Pitti ganze Tage in wahrer Verzückung hingebracht, oder er schwärmte von dem Zauber der Gondelfahrten in Venedig in lauwarmen Sommernächten unter sternbesätem Himmel, im Gefolge der mit Mandolinenspielern und Sängern besetzten Barken, die allerorten ihre Serenaden darbringen, und den langen Stunden gesammelter Betrachtung in der goldschimmernden Herrlichkeit der Markuskirche. Wie wohl that ihm die gespannte Aufmerksamkeit der jungen Frau, wenn er ihr mit weicher Stimme in seinem etwas singenden Ton, leuchtenden Auges seine künstlerische Auffassung kirchlicher Pracht vortrug. An seiner Seite durchwandelte sie in Gedanken die hohen Marmorhallen im geheimnisvollen Helldunkel der bunten Kirchenfenster, sie fühlte, wie ein frischer Hauch vom hohen Gewölbe herab ihr die Stirn umfächelte, während sie den Blick staunend erhob zu den mächtigen Fresken; die ganze erhabene Poesie dieser jahrhundertealten Wunderwelt, die hervorgerufen und beherrscht war von dem einen großen Gottesgedanken, that sich vor ihr auf. Und ein unsägliches Hochgefühl war es für sie, von Seiten des Malers kein Wort des Hohnes, kein Rütteln an dem, was ihr heilig, gewärtigen zu müssen. Er dachte wie sie, er verehrte, was sie ehrte, er glaubte, er betete wie sie; mit ihm stand sie in seelischer Gemeinschaft. Die etwas phrasenhafte und zuweilen naive Frömmigkeit entzückten sie, im Geiste stellte sie diese bezaubernde Unbefangenheit und Kindlichkeit neben Rameaus herbe Weisheit, und die wissenschaftliche Klarheit und Genauigkeit des einen erschien ihr neben dem romantischen Sinn des andern doppelt abschreckend. Münzel hatte, wenn er Conchita sein Herz und seinen Geist erschloß, wie er sie einst Rameau erschlossen, keine Hintergedanken dabei; er fragte sich nicht, welche Empfindung ihn dazu antrieb. Hätte er sich selbst das Geständnis ablegen müssen, daß er die Frau seines Freundes liebe und daß er unbewußt daran arbeite, ihre Gegenliebe zu erringen, so würde er sich mit Schauder von seinem eignen Ich abgewendet haben. Auf der schiefen Ebene, die er schon betreten, bewegte er sich verbundenen Auges, von schönen Redensarten berauscht, in Gefühlen schwelgend und ohne zu gewahren und zu bedenken, daß alles, was er sagte, in Conchitas Herzen Widerhall fand. Seit lange schon hatte er sich verletzt gefühlt durch den entschiedenen Vorzug, den sie Talvanne einräumte; von Anfang an hatte er immer aufs neue versucht, sich in Gunst zu setzen, und immer war es vergeblich gewesen; jetzt, da er sein Ziel erreicht fühlte, wollte er es sich zu nutze machen. Hätte jemand ihm zugerufen: »Du machst dieser Frau ganz regelrecht den Hof,« so wäre er wohl aus den Wolken gefallen, hätte dann aber vielleicht doch Einkehr in sich gehalten und, von der Warnung erschreckt, sich Rechenschaft gegeben über das, was im Grunde seines Wesens vor sich ging. Leider aber unterblieb dieser Mahnruf. Talvanne vermied ihn geflissentlich, Rameau hielt an seinem unerschütterlichen Vertrauen fest und Conchita war zu wenig mitteilsam und lebhaft, als daß er durch ein Aufgeben ihrer kühlen Zurückhaltung zur Erkenntnis der Gefahr gekommen wäre. Nichts in ihrem Wesen verriet die Umwandlung, die sich in ihr vollzog, und das erwachende Gefühlsleben kam in keiner Weise zum Ausdruck. Sie hörte gern zu und sprach wenig, und das ernste Gesichtchen und der ruhige Blick deuteten keinerlei innere Erregung an, ja selbst wenn Münzels Erzählungen sie ganz und gar hinrissen, so legte sie nicht mehr als freundlichen, wohlwollenden Anteil an den Tag. Für den Künstler, der an ihre vollständige Gleichgültigkeit gewöhnt war, lag freilich auch darin schon ein großer Triumph, aber wie weit war er nicht entfernt, auch nur zu ahnen, welche Fortschritte er im Herzen seines Modells gemacht! So verbrachten sie die Tage eins an der Seite des andern, plauderten von äußeren Dingen, die mit dem, was ihre Herzen erfüllte, nichts zu thun hatten, führten Gespräche, in denen das Wort, um das es sich handelte, auch nicht ein einziges Mal vorkam, und standen doch beide unter dem Banne einer geheimnisvollen Erregung, die sie sich nicht zugestehen, nicht klar machen wollten. Es war, als ob sie die weiseste Ueberlegung daran setzten, sich so lang als möglich in dieser geflissentlichen Unkenntnis ihres Geisteszustandes zu erhalten, und als ob sie, die sich ohne Worte verstanden, einen großen Genuß darin fänden, den Augenblick, in dem sie sich der Wahrheit bewußt werden müßten, hinauszuschieben und zu verzögern. Früher oder später freilich mußte die Stunde kommen, die ihnen Klarheit gab, aber möglich war es immerhin, daß der Lichtstrahl, der das dunkle Rätsel ihrer Herzen erhellen sollte, zu einer Zeit kam, wo es äußerlich für sie zu spät war. Im tiefen Wirrsal dieser seelischen Verwickelungen schritt die mechanische Arbeit ungehemmt vorwärts und das Bild nahte mit Riesenschritten seiner Vollendung. Je mehr aber das Werk gewann, und es wurde in der That hervorragend schön, desto schweigsamer wurde seltsamerweise der Meister, und von Tag zu Tag verfinsterte sich seine Stirn mehr, gleich als ob die Beendigung seiner Arbeit ihm als ein drohendes Mißgeschick erscheine. Conchita, der diese Wandlung in seiner Stimmung keineswegs entging und die in erster Linie darunter zu leiden hatte, denn Münzels fröhliches Aussichherausgehen und seine liebenswürdige Plauderhaftigkeit machten allmählich einer trübseligen Einsilbigkeit und Bitterkeit platz, beklagte sich doch keineswegs darüber, sondern schien im Gegenteil eher eine gewisse Befriedigung darüber zu empfinden. Sie selbst legte eine Ruhe und Heiterkeit an den Tag, die den Maler vollständig außer sich brachte, sobald er aber seine Gereiztheit verriet, lachte sie, neckte ihn und that ihr Möglichstes, ihn ganz aus der Fassung zu bringen. Er hüllte sich dann in den meisten Fällen in eigensinniges Schweigen und die Sitzung verlief stumm und düster, oder aber er fing mit unnatürlich gesteigertem Feuer, als ob er sich des Uebermaßes von Gedanken nach außen hin entledigen wollte, zu sprechen an und Conchita vergaß des Spottes im Ergriffen- und Gefesseltsein von dem, was er vortrug, noch mehr aber von der Erregung, dem Tonfall und der Stimme, womit es vorgetragen wurde. Nur noch wenige Sitzungen sollten stattfinden. Als sie heute gekommen war, hatte sie Münzel noch verstimmter als sonst gefunden. Auch sie fühlte sich matt und doch innerlich ruhelos; ihre schwachen Versuche, des Malers üble Laune zu verscheuchen, waren erfolglos geblieben, auch wurde ihr selbst das Sprechen schwer und nur mühsam fand sie die Worte zusammen. Eine große Dumpfheit lastete auf ihr und sie mußte sich Gewalt anthun, um nicht völlig in Schweigen zu versinken. Franz an seiner Staffelei war äußerst wortkarg und arbeitete eifrig, ohne doch mit den Gedanken recht dabei zu sein. »Das Bild scheint mir schon sehr weit gediehen zu sein,« bemerkte die junge Frau nach längerem Schweigen aufs Geratewohl. »Wird es bald fertig?« Ein vorwurfsvoller Blick des Künstlers traf sie und er sagte bitter: »O ja, Ihre Qual wird nicht mehr lange währen ... ich werde heute damit zu Ende kommen.... Eigentlich hätte ich schon seit ein paar Tagen die Natur entbehren können, aber ich war selbstsüchtig genug, Sie trotzdem herzubemühen. Sie sehen, ich bin wenigstens ehrlich! Sind Sie mir böse darum?« »Nein,« erwiderte sie und schüttelte das reizende braune Köpfchen. Dann stand sie auf und trat hinter den Stuhl des Malers. »Nein, denn diese Sitzungen werden mir eigentlich fehlen ... ich habe mich so daran gewöhnt, meinen halben Tag hier zuzubringen ...« Er drehte sich nicht um, aber sie sah, daß er ganz bleich wurde und daß die Palette, auf die er sich tief hinabbeugte, in seiner Hand zitterte. In der Angst, daß er etwas und was er sagen würde, fuhr sie hastig fort: »Auch meine alte Rosalie, die immer mit ihrem Strickzeug draußen bei Ihrem Diener sitzt, meinte heute: ›Ach, Frau Doktor, was werden wir nur von jetzt an des Nachmittags anstellen?‹ Sie sehen daraus, wie sehr Gemaltwerden ins Leben eingreift!« Sie lachte erzwungen. Er ließ ihr Zeit, ihre Heiterkeit zu erschöpfen, blieb aber sehr ernst. »Sie sprechen von sich,« begann er langsam, »was soll ich dann erst von mir sagen? Dieser trauliche Verkehr, der mich beseligte, wird aufhören; nachdem ich Sie ganz für mich gehabt, werde ich Sie hergeben müssen und Sie nie mehr als die wiederfinden, die Sie während dieser, ach! so kurzen Wochen gewesen. Ehe ich Sie hier bei mir gesehen, kannte ich Sie nicht. Sie hatten sich mir gegenüber allezeit streng und herb, wo nicht feindlich gezeigt, und die Anmut und Herzlichkeit Ihres Wesens hatte ich nicht geahnt ... Diese flüchtigen, so rasch entschwundenen Tage werden die schönsten meines Lebens gewesen sein ... wie viel Glück und Herzensfreude sie mir gebracht, wird nie jemand wissen oder verstehen – aber es ist vorüber! Sie werden nicht mehr kommen; meine Werkstatt, der Ihre Gegenwart Licht und Leben gab, wird wieder einsam und traurig sein; erst werden Sie wegbleiben, dann wird Ihr Bild Ihnen nachziehen, und ich behalte von all dem Glück nichts als eine Erinnerung! ...« Die weiche, ein wenig dünne Stimme, deren Zauber die junge Frau diesen ganzen langen Monat umsponnen gehalten, brach wie schluchzend ab, und unwillkürlich legte Conchita ihre Hand tröstend und beruhigend auf die Schulter des Malers – er sollte fühlen, daß sie mit ihm litt. Er wandte sich nicht um. Mit leichtem, zartem Pinselstrich gab er der anmutigen Gestalt, die vor ihm auf der Leinwand stand, einen Büschel jener deutschen »Blaublümelein«, wie er sie schon auf dem Schrein von Frau Etchevarrays Bild hatte anbringen lassen, in die Hand, und die sentimentale Blume, die so gut zu Franz Münzels ganzem Wesen paßte, schien Conchita zu sagen: »Jetzt wirst du mich immer vor Augen haben, und wirst auch den nicht vergessen können, dessen einziges Begehr es ist, in deinem Gedächtnis fortzuleben.« Ein plötzliches Rühren schwellte das Herz der jungen Frau, Thränen, die sie selbst nicht verstand und die sie nicht zurückhalten konnte, strömten über ihre Wangen und sanken heiß herab auf den Arm des Malers. Er wandte sich hastig um und beider Blicke senkten sich so glühend ineinander, als ob sie sich nie wieder lassen könnten. Dumpfes Schweigen herrschte rings. Kein Laut aus den Nebenräumen, kein Flüstern, kein Schritt, nichts, was sie hätte gemahnen können, daß sie nicht allein miteinander auf der Welt, und daß sie mit Pflicht, Recht und Sitte der Menschheit sich abzufinden hätten, daß ein Freund, ein Gatte vorhanden, der ihrer Treue, ihrer Anhänglichkeit vertraute, und den zu verraten ehrlos war. Jedes von ihnen sah nichts als die Glut, die im Auge des andern loderte, als den Kuß, der auf beider Lippen bebte, als die Liebe, die unwiderstehlich und siegreich ihr ganzes Sein und Wollen umschloß. Schon that sich Franz' Mund auf, um es auszusprechen, das Wort, das sich nicht zurücknehmen, nicht auslöschen läßt: »Ich liebe dich!« – aber noch hielt eine innere Gewalt ihn zurück. In aller Verwirrung der Sinne fühlte er, wie sein Herz sich bang zusammenpreßte in der unklaren Empfindung, daß er an der Schwelle des Verbrechens stehe, sein schwankendes Ehrbewußtsein empörte sich noch einmal, und wie um sich dem Minnezauber zu entziehen, stand er hastig auf. Er blickte auf die junge Frau, die blaß und bebend wie er selbst dastand, und stammelte: »Wir sind Wahnsinnige!« Er strich sich mit der Hand über die Stirn und ging zum Fenster, das er mit Ungestüm aufriß, um das süße betäubende Gift, das ihm die Gedanken benahm und den Kopf schwindeln machte, den Winden preiszugeben. Er beugte sich weit hinaus und kühlte seine glühende Stirn in dem kühlen Hauch, der aus den nach hinten gelegenen friedlichen Gärten herüberströmte. Wie von einer unwiderstehlichen Macht nachgezogen, gesellte sich Conchita auch hier zu ihm und stützte sich neben ihm auf das Fenstergesims. Durchdringender Erdgeruch, von der ersten heißen Frühlingssonne dem Boden entlockt, drang zu ihnen herauf; der Rasen keimte, die Knospen an den Bäumen strotzten von Saft, die Vögel verfolgten sich flügelschlagend von Ast zu Ast, eine geheime Glut durchbebte die ganze Natur, und alles um sie her atmete Liebe. Franz wollte sich abwenden und die Flucht ergreifen, da fiel sein Blick auf die junge Frau, die mit Ungewissem, verschwommenem Blick und durstigen Lippen ins Weite starrte, einer Blume gleich, die verschmachtend das Köpfchen neigt. Da stockte ihm der Atem, seine Kehle schnürte sich zu, ein verzehrendes Feuer durchglühte seine Brust, er glaubte den feurigen Sonnenball herabsinken und ihm die Augen versengen zu fühlen; wortlos umfing er den süßen Leib, der sich ihm willenlos hingab, und alles war vergessen und versunken in Liebesseligkeit. Von dieser Stunde an kam es nicht mehr vor, daß Talvanne den Maler in der Rue St. Dominique begegnete, und die Besorgnis des Arztes steigerte sich mehr und mehr. Er beobachtete Conchita, aber ihre Mienen waren undurchdringlich. Die Frau besitzt die Fähigkeit, ihre Gefühle zu verbergen, im höchsten Grad; wo der Mann sich zehnmal verrät, erregt sie noch nicht den leisesten Verdacht. Aber der Maler hielt sich fern, und darin lag für den Psychiater das Bekenntnis einer Schuld, der er unermüdlich nachspürte, und vor deren Entdeckung ihm graute. Rameau schenkte natürlich den Gründen, womit Münzel sein Ausbleiben entschuldigte, harmlos Glauben, und tobte und wetterte darüber, daß er auf seine Gesellschaft verzichten solle. Als er eines Tages etwas vor Beginn der Sitzung in die medizinische Akademie kam, ging er auf Talvanne zu, setzte sich neben ihn und sagte: »Wenn die Geschichte hier zu Ende ist, gehe ich zu Franz ins Atelier, um das Porträt anzusehen. Willst du mitkommen?« Talvanne schnitt ein Gesicht und gab keine Antwort. »Weißt du, daß du ein unausstehlicher Geselle bist?« fuhr der Doktor fort. »Und wär's auch nur meiner Frau zuliebe, so könntest du dich wohl zu etwas mehr Artigkeit aufschwingen. Für sie ist die Vollendung des Bildes ein Ereignis, und du kümmerst dich ganz und gar nicht darum ... das muß ihr auffallen.« »Gut, gut! Ich gehe mit!« »So ist's recht!« Als Rameau nach der Sitzung die Treppe hinabstieg, trat ihm einer der Kollegen in den Weg, nahm ihn in Beschlag und schleppte ihn abseits in eine Fensterbrüstung. Das Gespräch zog sich in die Länge, Talvanne ging, den Freund erwartend, in der Galerie auf und ab. Nach einiger Zeit aber kam Rameau mit ernster Miene zu ihm herüber und sagte: »Ich kann nicht mit dir gehen ... Boneuil hat mich eingefangen und ich werde ihn wohl oder übel zu einem Kranken begleiten müssen ...« »Eine schwere Operation?« »Sehr schwer, und allein will er sie nicht wagen. ... Thue mir den Gefallen und gehe jetzt ohne mich zu Franz und sage Conchita, daß sie nicht auf mich warten solle, auch nicht mit dem Essen, falls ich nicht zur bestimmten Stunde daheim bin.« »Schön, werd's bestellen.« Rameau drückte dem Freunde die Hand und verließ mit seinem Kollegen das Gebäude. Hinter ihm stieg Talvanne die Treppe hinab und schlug sofort die Richtung nach Münzels Atelier ein. Unterwegs ging ihm allerlei durch den Sinn; er ließ die verschiedenen Schattierungen, welche sein Freundesverhältnis zu dem Maler getragen hatte, an sich vorüberziehen und erinnerte sich, daß er zu keiner Zeit jenes unwillkürliche Gefühl des Mißtrauens gegen ihn ganz überwunden hatte, obwohl bis heute nichts geschehen war, dasselbe zu rechtfertigen. »Von vornherein lag es an seinem Schädel,« brummte er zwischen den Zähnen, »ein Brachykephale, mit allen Protuberanzen der Selbstsucht, allen Anlagen zum Verheimlichen, der konnte mir kein Vertrauen einflößen.... Er hat etwas vom Kuckuck, dem Faulenzer und Dieb unter den Vögeln, der seine Eier in fremde Nester legt. Habe es Rameau oft genug gesagt, aber er wollte ja nicht sehen. Offenbar hat diese Menschensorte eine gewisse Anziehungskraft, sie gefällt, man hat sie lieb. ... Ich mußte mir tüchtig Mühe geben, um mich den Leuten auch nur erträglich zu machen, und Zeit genug hat's gekostet! Es ist ja wahr, ich bin ein Mesokephale, so ein Mittelmensch von der Sorte, die ziemlich viel inneres Gleichgewicht mit Anlage zum kritischen Denken hat, und von Mystizismus keine Spur!« In diesem Selbstgespräch war er vor Münzels Haus angelangt. Franz bewohnte jetzt nicht mehr einen fünften Stock in irgend einer Mietkaserne, wo es von Malern wimmelt, sondern eine kleine Villa, durch einen Hof von der Straße getrennt, nach hinten mit einem hübschen Garten. Das Erdgeschoß enthielt eine schöne Vorhalle, den Salon, Speisezimmer und ein beruflichen Zwecken dienendes Empfangszimmer; im ersten Stock, zu dem eine künstlerisch geschnitzte Treppe hinaufführte, befand sich das sehr geräumige Atelier, ein kleines Wohn- und Münzels Schlafzimmer. Rosalie, welche sich während der zwei Stunden, die sie auf ihre Dame warten mußte, gern im Haus nützlich machte, öffnete die Hausthür, und ein freudiges Lächeln erhellte ihr runzeliges Gesicht, als sie Talvanne erkannte. »Ach! Der Herr Doktor!« sagte sie vertraulich. »Sie wollen natürlich das Bild sehen? Ich verstehe ja nichts davon, aber mir kommt's wunderschön vor ... es fehlt nur gerade, daß sie den Mund aufmachen und sprechen würde! Wenn Sie wollen, werde ich Sie anmelden....« »Danke, danke! Machen Sie sich keine Mühe ... ich kenne den Weg....« Die alte Dienerin ging wieder an ihre Arbeit und Talvanne stieg die hübsche Treppe nach dem ersten Stock hinauf. Als er das kleine Wohnzimmer betrat, drangen die Klänge des Flügels an sein Ohr. »Ja, wenn auf diese Weise gemalt wird, nehmen die Sitzungen freilich kein Ende,« brummte er vor sich hin und schnitt eine Grimasse. Unwillkürlich blieb er stehen und lauschte; es war ein ansprechendes Lied von Mendelssohn, das Münzel spielte und sang. Die Worte waren nicht deutlich zu verstehen, der Ausdruck war weich und schmachtend. Er öffnete die Thür vollends und betrat den kleinen Raum, dessen dicht verhängte Fenster nur ein schwaches, gedämpftes Licht hereinließen, ein dicker Teppich machte den Schritt unhörbar. In dem dämmerigen Zimmer blieb Talvanne wieder einen Augenblick stehen – zart und innig schmiegte sich die Melodie den nun deutlich vernehmbaren Textesworten an: Sag' ihm, aber sag's bescheiden, Seine Liebe sei mein Leben!« Plötzlich ein Mißton, als ob beim letzten Akkord die Hand nur so zufällig auf die Tasten gesunken wäre, die Musik verstummte, und durch den schweigenden Raum drang das leise Geräusch eines Kusses. Talvanne fühlte das Blut in seinen Adern erstarren, kreideweiß stürzte er hastig vorwärts, und den schweren Vorhang aufhebend, welcher an der Verbindungsthür von Wohnzimmer und Atelier hing, erblickte er am Klavier Franz und Conchita, die sich eng umfangen hielten; der Kuß, den er gehört, hielt ihre Lippen noch verbunden. Im selben Augenblick fragte Conchitas Stimme: »Was ist denn?« und Münzel erwiderte: »Es kommt jemand!« Erschrocken, wie wenn er selbst der Missethäter wäre, ließ Talvanne die Portiere sinken, entfloh durch den Salon und hielt erst an der Treppe wieder inne, weil er sich, um nicht umzufallen, ans Geländer anklammern mußte. Kaum hatte er diesen Rückzug bewerkstelligt, als Münzel ihm nachgeeilt kam und, ihn erkennend, mit gemachter Freude ausrief: »Ach, Sie sind es, lieber Freund!« Eine Sekunde lang standen sich die beiden Männer regungslos gegenüber, die Augen fest aufeinander geheftet, dann senkte der Maler den Blick und nötigte Talvanne, ihm voran, wieder ins Zimmer zu treten. »Es ist Talvanne, Frau Rameau.« Der Arzt betrat das Atelier, wo Conchita, mit dem Rücken gegen das Licht neben der Staffelei stehend, ihn erwartete. Prüfend überflog sie die verstörten Züge des Freundes und streckte ihm dann gelassen und nachlässig die Hand hin, die er nicht ergriff. »Ich komme im Auftrag Ihres Mannes,« sagte er, noch kaum Herr seiner Erregung, »Ihnen zu sagen, daß er Sie nicht abholen kann und Sie bitten läßt, ohne ihn nach Hause zu gehen.« »Gut,« sagte Conchita mit größter Ruhe. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit dem Bild zu, das in ungemein günstiger Beleuchtung vor dem Beschauer stand. »Wie finden Sie es?« fragte sie. Die Stirn des Arztes zog sich finster zusammen, seine Züge verzerrten sich förmlich, und ohne auch nur einen Blick auf die Leinwand zu werfen, erwiderte er: »Bewunderungswürdig!« Dann heftete sich sein Auge in wilder Drohung auf den Maler, der seine ganze Kraft aufbot, um diesem Blick standzuhalten. Ton und Haltung Talvannes waren der jungen Frau nicht entgangen; sie wußte, daß, wenn sie jetzt ging und die beiden Männer miteinander allein ließ, das Schlimmste zu befürchten war. »Da mein Mann mich wie gewöhnlich im Stich läßt,« sagte sie mit einem Lachen, das sehr erkünstelt klang, »so begleiten Sie mich wohl nach Hause, Talvanne?« »Sie bedürfen meiner nicht,« versetzte der Doktor in dumpfem Ton. »Rosalie wartet ja auf Sie.« »Rosalie wird nach Hause geschickt und Sie kommen in meinem Wagen mit mir!« »Entschuldigen Sie mich, eine frühere Verabredung ...« »Wird nicht eingehalten,« erklärte sie und setzte, um ihm jeden weiteren Widerspruch abzuschneiden, gebieterisch hinzu: »Ich will es so haben!« Er neigte zustimmend den Kopf und schweigend, ohne sich von Münzel auch nur mit einer Handbewegung zu verabschieden, folgte er ihr in den kleinen Salon. Sie nahm Mantel und Hut, und nachdem sie in einem fieberischen Händedruck alles zusammengefaßt, was sie Franz kundthun wollte und nicht in Worte zu kleiden wagte, ging sie. Talvanne hielt die Thür des Coupés in der Hand, sie stieg ein, ließ ihn neben sich Platz nehmen, rief dem Kutscher zu: »Nach Hause!« und der Wagen rollte davon. Schweigend saßen Talvanne und Conchita nebeneinander, jedes beobachtete das andre und jedes zögerte, das erste Wort zu sprechen, welches ja mit Notwendigkeit zu einer furchtbaren Auseinandersetzung führen mußte. Die Frau war es, welche zuerst die Geduld verlor und vermessener Hand die Umhüllung von dem Geschehenen abriß. Flammenden Blickes mit scharfer, harter Stimme warf sie die Worte hin: »Sie haben Ihrem Freunde soeben ein sonderbares Gesicht gezeigt.« »Verzeihung, Frau Rameau,« fiel ihr der Arzt mit gewaltsam unterdrückter Heftigkeit, die sich aber dennoch Bahn brach, ins Wort, »der Mensch, von dem Sie da sprechen, ist Gott sei Dank niemals mein Freund gewesen! ... Ich habe mich nie von ihm täuschen lassen. Vom ersten Tag an war er mir im Innersten zuwider und diese Empfindung schwankte nie und war keinem Wechsel unterworfen.... Ein Ehrloser, ein Feigling und ein Lügner, so habe ich ihn von der ersten Stunde an beurteilt! Nein, nein! Mein Freund ist er nicht, wohl aber der Ihres Gatten!« Der zwischen Schmerz und Vorwurf schwankende Ton, womit er die letzten Worte gesprochen, ließ Conchita erbeben; ihr Gesicht war wie mit Blut übergossen und ein heftiges Zucken durchlief ihren Körper. »Talvanne,« rief sie, »welch schrecklichen Verdacht haben Sie denn?« »Ich habe keinen Verdacht,« versetzte er, »ich habe die Gewißheit. Als ich heute sein Atelier betrat, habe ich Sie in den Armen des Elenden überrascht. ... Es zerreißt mir das Herz, solch grauenvolle Anklage erheben zu müssen gegen Sie, Sie, für die mein Herz voll Liebe, Ehrfurcht und treuer Ergebenheit gewesen. Sie konnten den Mann, der Sie vergöttert, den Mann, der an Geist und Herz so groß ist, einem Münzel opfern! Was nützt es denn, alle zu überragen, ein Genie zu sein, die Bewunderung der ganzen Welt zu genießen, wenn der erste beste Farbenkleckser mit schmachtenden Blicken und hohlem, sentimentalem Geschwätz unsre Ehre stehlen und uns dessen berauben kann, was unsres Daseins reinste Freude ist? Ach! Was Sie da thaten, ist schlecht! schlecht! Wie haben wir Sie lieb gehabt! Wie standen Sie im Mittelpunkt unsres Denkens, wie war, Sie zu erfreuen, Sie glücklich zu machen, unsre erste, vornehmste Sorge! ... Und das alles verraten und hingeworfen in einem Augenblick, aufgeopfert und wofür? Wofür? Das frage ich Sie! Ach! Sie haben unrecht und undankbar gehandelt und ich werde Ihnen das nie und nimmer verzeihen!« Mehr und mehr war die Rührung über ihn gekommen und sein Zorn löste sich in Thränen, die Conchita mehr zu Herzen gingen als seine Heftigkeit. Sie wagte nicht zu sprechen; sie sah ihn nur an, wie er neben ihr saß, das Gesicht in Thränen gebadet, mit zuckenden Lippen, widerstandslos seinem tiefen Schmerz preisgegeben. Er trocknete sich die Augen, er zwang sich mit Gewalt zu einem ruhigeren Ton. »Und dabei welche Unvorsichtigkeit! Sich der Gefahr aussetzen, von dem ersten besten Besucher oder jemand von der Dienerschaft auf solche Weise überrascht zu werden! ... Wenn ich mir vorstelle, daß es ein reiner Zufall, ein gottgesegneter Zufall war, daß Ihr Mann nicht mit mir hinkam. ... Wenn er Sie so gefunden hätte! ... Wissen Sie denn, daß er der Mann gewesen wäre, euch beide auf der Stelle zu töten?« »Das weiß ich,« sagte sie ganz leise. Er wandte ihr das Gesicht zu und fuhr etwas milder fort: »Kommen Sie, mein theures Kind, lassen Sie mich zu Ihrem Herzen reden und leihen Sie mir ein offenes Ohr. Es ist ja ganz unmöglich, daß Sie so schuldig sein sollen, wie der Schein mich glauben machen könnte. Sie haben sich hinreißen lassen, haben einer überschwenglichen Regung Raum gegeben, im Grunde aber sind Sie noch die gute, brave Frau, die Sie waren und die Sie wieder sein werden, sobald Sie zur Besinnung gekommen sind, sich gefaßt haben.... Bedenken Sie doch, Conchita, was Sie in Ihrem Wahn aufgeben und preisgeben, worauf Sie verzichten und welche armselige Entschädigung Ihnen dafür wird! Denken Sie an sich selbst, an Ihren Gatten ...« Unter den finster zusammengezogenen Brauen Conchitas schoß ein wilder, schlimmer Blick hervor, der Ausdruck namenlosen Hasses trat auf ihre Züge, die Zähne gruben sich tief in ihre Unterlippe und ihre feinen Nasenflügel zitterten vor innerer Erregung. »Mein Gatte!« stieß sie heiser hervor. »Mein Gatte ist es ja, der die Schuld trägt! Sein ist das Verbrechen! Er hat mich ins Verderben geführt! Er hat Rechenschaft abzulegen für meinen Fall!« »Er! Er!« rief Talvanne außer sich. »Herr Gott im Himmel, was Sie da sagen, ist ruchlos, ist ungeheuerlich!« »Und ist wahr! Und wenn er jetzt an meiner Seite wäre, hier, an Ihrer Stelle, ich würde es ihm ins Gesicht schleudern und er müßte mir die Antwort schuldig bleiben. Woher hat er das Recht, es ein Verbrechen zu nennen, wenn man dem Rausch der Sinne gehorcht, er, der nur an die Materie glaubt? Nur der Instinkt beherrscht, seiner Ueberzeugung nach, den Menschen, den nichts von der Bestie unterscheidet. Weshalb also sollte ich mir Zwang auferlegen? Aus Pflichtgefühl? Aber das Pflichtgefühl ist Sache des Gewissens und zum Gewissen gehört die Seele, und, Sie wissen's ja, daß er sagt, wir hätten keine! Ach, noch klingt mir sein Hohnlachen im Ohr, mit dem er mich heimschickte, als ich, mit meinem kleinen Kopf voll Aberglauben, wie er sich ausdrückte, den Versuch machte, meine Religion zu verteidigen! Sie sind Zeuge dieser Auftritte gewesen, Sie haben meine Partei ergriffen und haben auch nichts andres erreicht, als von seiner hoffärtigen Weltweisheit gerüffelt zu werden. In frevelhaftem Leichtsinn hat er alle Schranken, die mich hätten zurückhalten können, mit eigner Hand niedergerissen! Die Gebote meines Gottes lehrten mich Treue und Ehrfurcht: er sagte mir, daß kein Gott sei und der Himmel leer. Von Kindheit an hat mir die Mutter gesagt, daß man gut und ehrlich und brav sein müsse hienieden, um in der Ewigkeit Lohn dafür zu empfangen: er hat mir bewiesen, daß nichts von uns übrigbleibt nach dem Tod. Und was gab er mir an Stelle dieses tröstlichen Glaubens, dieser heilsamen Furcht? Allgemeine Moralsätze, die wandelbar sind, weil dem Wandel unterworfene Geister sie ersonnen, hinfällig, weil menschlichen Ursprungs: und da geraten Sie in Empörung, wenn ich Ihnen sage, daß er die Schuld trägt an allem, was geschehen, weil ich ihn verantwortlich mache für mein Vergehen? Ja, ich wiederhole es laut und halte daran fest, daß wenn ein Verbrechen geschah, er der Missethäter ist und in meinen Augen ein um so ruchloserer, weil ich weiß, daß ich treu und ergeben hätte sein können, ihn hätte lieben können von ganzer Seele! Er hat alles gethan, mich abtrünnig zu machen, und darin liegt meines Elends tiefstes Maß.« »Aber er hat Sie geliebt, er liebt Sie bis zur Raserei,« rief Talvanne, der von diesen Bekenntnissen namenlos erschüttert war. »Er liebt mich, o ja! Aber sehen wir uns diese Liebe einmal näher an!« erwiderte Conchita leidenschaftlich. »Was hat er denn an mir geliebt? Meine Schönheit! Was hat er in mir gesucht als die äußerlichen Reize; nach meinem Besitz trug er Verlangen, weil ich jung war und schön! Die Leidenschaft des Materialisten galt der Materie und niedrig, abstoßend, beleidigend war seine Glut. Er hat mich zur Dirne erniedrigt, zu einer Dirne, die er in den Arm nahm, wenn sein Blut danach verlangte. Wonach meine Seele sich sehnte, was mein Herz erträumte, daran wollte er keinen Teil haben, alles Ideale wies er von sich. Er brauchte ein Weib, wie er eine Mahlzeit braucht, nicht mehr und nicht weniger, und so nahm er mich. Nun, und mich hat das empört, mich hat es angewidert, und deshalb sage ich noch einmal und nicht als leeres Gerede, sondern fest und bestimmt, nicht um mich rein zu waschen, sondern um ihn zu verklagen: sein ist die Schuld!« Ein Augenblick des Schweigens trat ein. Der Wagen fuhr seines Weges, aber keines von ihnen achtete darauf, wo sie sich befanden; was zwischen ihnen vorging, was eins dem andern zu sagen hatte, nahm ihr ganzes Denken gefangen, Talvanne war namenlos erschrocken über das, was er vernommen; so wild hatte er sich die Gärung nicht gedacht, solche Bitterkeit hatte er in dieser Frauenseele nicht vorausgesetzt. Er fühlte ja wohl, daß all die Theorieen, die sie vorbrachte, leicht umzustoßen waren, aber er gab sich auch Rechenschaft von den Verheerungen, die Rameaus Denkart im Geiste des jungen Weibes angerichtet hatte, und seine klare Vernunft bäumte sich dagegen auf, nicht leugnen zu können, daß der Mann, dessen Recht so festgegründet und sonnenklar war, all die Unklugheiten und all die Mißgriffe, welche das Unheil herbeigeführt, wirklich begangen hatte. Wie oft hatte er selbst ihm nicht entgegengehalten, daß der Materialismus auf die Sittlichkeit der Frau zerstörend wirken müsse. Sobald das Dasein des Menschen in die kurze Spanne zwischen Geburt und Tod beschränkt, sobald nichts mehr zu hoffen und nichts mehr zu fürchten war von einem Jenseits, hatte das Leben keinen andern Zweck mehr als das Vergnügen, und »Genießen« hieß die Losung. Von Pflicht, von Selbstüberwindung konnte nicht mehr die Rede sein: alles, was nicht auf der Stelle und handgreiflich Genuß bot, war ein leerer Wahn, und damit gelangte man in kürzester Frist zu einer vollständigen Verneinung aller sittlichen Pflichten, zu jener liebenswürdigen Milde, die im Ehebruch nichts sieht, als die naturgemäße Befriedigung eines sinnlichen Bedürfnisses. Die junge Frau entriß ihn diesen Betrachtungen, indem sie weiter sprach: »Glauben Sie aber ja nicht, daß ich deshalb, weil ich meinen Gatten anklage, mich freispreche. Er hat nichts gethan, um mich durch ein unzerstörbares Band an ihn zu knüpfen, er hat den reinen Glauben meiner Jugend in mir zu vernichten versucht, aber es ist ihm nicht gelungen. Ich glaube an Gott, ich glaube an einen strengen und gerechten Richter, welcher Gesetze gibt und ihre Uebertretung bestraft. Vor ihm bin ich schuldig und ich empfinde diese Schuld als heiße Qual. Ich habe mich hinreißen lassen, weil nichts mich gegen die eigne Schwachheit schützte, aber ich fluche dieser Schwachheit und ich weiß, daß ich grausam dafür büßen werde.« Bei diesen Worten atmete Talvanne freier. »Und auf welche Weise gedenken Sie die Schuld zu sühnen?« »Wird das Bewußtsein meiner Erniedrigung nicht Folterqual genug sein? Glauben Sie, daß ich meinen Mann so wild verklagen würde, mich nicht an der That verhindert zu haben, wenn ich diese That nicht bitter bereute? Und das ist noch nicht alles. Ich bin eine Gläubige geblieben und ich zittre bei dem Gedanken an die ewige Verdammnis –« »Wenn Sie Ihre Schuld so aufrichtig bereuen, so werden Sie fest entschlossen sein, nicht wieder in dieselbe zu verfallen?« Conchitas Züge drückten tiefste Niedergeschlagenheit aus; ihre Hände flogen in krampfhaftem Zittern. »Was verlangen Sie denn von mir?« »Daß Sie Münzel nie wieder sehen!« erwiderte er streng. »Werde ich dazu die Kraft haben?« »Sie müssen sie haben!« »Und wenn Sie da mehr von mir fordern, als ich zu vollbringen vermag? Sie haben keine Ahnung davon, wie groß sein Einfluß auf mich ist, er hat sich meiner ganzen Seele bemächtigt, ich gehöre ihm innerlich im vollsten Sinne des Worts an. Meine Gedanken und seine Gedanken sind eins und mein Herz ist seinem Willen unterthan, wie der Sklave seinem Gebieter. Was er träumt, was er ersehnt und erstrebt, das träume ich, das ersehne ich, das erstrebe ich, ich bin nichts als ein Wiederhall seines Wesens. Wir haben denselben Geschmack, dieselben Neigungen, denselben Glauben, und wenn je ein Weib geboren wurde nur für den einen, einen Mann, so bin ich es für ihn. Seit ich ihn zum erstenmal gesehen habe, hatte ich das unklare Bewußtsein dieser Zusammengehörigkeit, und unwillkürlich habe ich mich dagegen zur Wehr gesetzt, mich von ihm abgewendet, mein Möglichstes gethan, ihn fernzuhalten, bis uns eine Gewalt, die unabhängig von meinem Wünschen und Wollen war, zusammengeführt hat und der Augenblick kam, da unsre Seelen sich erkannten und sich jauchzend vereinten. Ich habe alles verleugnet, jeden Eid gebrochen und vergessen. Ich war nicht mehr ich selbst, ich war er und ich sehe auch heute noch keine Möglichkeit, wie ich dem hätte widerstehen können. Wie können Sie von mir das Gelöbnis fordern, in Zukunft stärker zu sein?« »Nehmen Sie sich in acht,« rief Talvanne, von diesem leidenschaftlichen Geständnis zur Verzweiflung gebracht, »wenn Sie die Kraft nicht haben, ihn zu vermeiden, so werde ich mir die Macht aneignen, ihn zu entfernen. Ich konnte mild mit Ihnen verfahren, weil ich Sie wahr und herzlich lieb habe, wie ein Vater sein Kind, aber Ihre Schuld verabscheue ich und die Fortdauer derselben zu dulden, hieße selbst Teil daran haben. Machen Sie sich keine Hoffnungen auf eine derartige Schwäche meinerseits. Ich habe Ihren Klagen Raum gegeben, deshalb aber keine Sekunde außer Auge gelassen, wie unendlich mehr Recht zur Klage Ihr Gatte hat. Ein Wort der Aufklärung an ihn, und die Lage wird fürchterlich. Zwingen Sie mich nicht zu diesem Aeußersten, lassen Sie mir die Möglichkeit, seine Ruhe heilig zu halten und die Ihre zu sichern und wiederherzustellen ... Sobald ich Sie nach Haus gebracht, suche ich Münzel auf ...« »Das verbiete ich Ihnen, das dürfen Sie nicht!« rief Conchita mit funkelnden Augen. »Eine Auseinandersetzung zwischen ihm und Ihnen darf nicht stattfinden ... um einen derartigen Auftritt zu vermeiden; zwang ich Sie ja, mich zu begleiten ...« »Dann bleibt nur eins: er muß fort, und Sie selbst müssen ihn entfernen. Er ist nicht gebunden, eine Künstlerlaune, eine Studienreise kann Rameau gegenüber zum Vorwand genommen werden. Er darf nicht mehr in die Lage kommen, ihm ins Auge zu sehen. Rameau wird unter der Trennung leiden, denn er hat ihn sehr lieb! Die ewige Komödie der Menschheit! Gehen Sie auf diese Bedingungen ein?« »Ich unterwerfe mich denselben.« »Tragen Sie jedenfalls Sorge, daß dieser Aufbruch nicht allzu plötzlich und nicht ohne Vorbereitungen stattfinde. Damit Ihrem Manne jeglicher Verdacht erspart bleibe, gilt es, daß jeder von uns eine Rolle spielt und daß er sie gut spielt. Ihn zu schonen ist die Hauptsache; ein Mann wie er, der seinen Nebengeschöpfen so viel ist, darf nicht solch niedrigem, alltäglichem Unglück ausgesetzt sein, das seinen klaren Geist trüben könnte. Der Gatte ist geopfert worden, wahren wir wenigstens die Achtung vor dem Gelehrten.« Conchita schüttelte ernst und traurig den Kopf. »Nehmen Sie sich in acht, Talvanne, ihm anhängen, heißt in sein Verderben gehen. Der Atheist zieht Gottes Strafgericht herbei ... wer um ihn ist, wird davon mit betroffen! Mir wird es die gerechte Züchtigung sein, aber für Sie ...« Der Arzt sah der jungen Frau aufmerksam ins Auge und sagte dann mit ruhigem, gelassenem Lächeln: »Komme, was kommen soll. Seit fünfundzwanzig Jahren habe ich Rameau lieb wie einen Bruder, und glauben Sie mir, ich bin ein guter Katholik, aber ich versichere Sie, daß ich lieber mit ihm in der Hölle als mit einem, den ich jetzt nicht nennen will, im Paradiese wäre.« Der Wagen bog in die Rue Saint Dominique ein, Talvanne stieg aus, bot der jungen Frau mit achtungsvoller Zärtlichkeit die Hand und beide traten ins Haus. Fünftes Kapitel. Wenige Wochen darauf wurde der »Salon« eröffnet und Münzels Porträt erlebte einen großen Triumph. Noch nie hatte sich die Begabung des Künstlers so voll entfaltet, noch nie hatte sein Können eine derartige Höhe erreicht und das vielfach abgenützte Schlagwort »meisterhaft« kam hier mit Fug und Recht zur Anwendung. Das Bild, welches im »Ehrensaal« unter den Auserwählten hing, zog unwiderstehlich jeden Blick an. Die junge Frau, ganz in Schwarz, die mattweiße Stirn unter dem dunkeln, welligen Haar hervorleuchtend, die großen Augen mit einem Ausdruck der Verzückung zum Himmel aufgeschlagen, war von wahrhaft überirdischer Schönheit. Aus dem offenen Aermel ward vom Ellbogen ab der entblößte Arm sichtbar und schmiegte sich weich in die Falten der Gewandung, die Hand hielt gleichsam unbewußt, wie zufällig, den kleinen Vergißmeinnichtstrauß, das einzig Bunte in dem düster gehaltenen Gemälde, das, um den Eindruck der Trauer zu vervollständigen, ein Ebenholzrahmen umschloß. So glückselig Rameau über den Erfolg des Freundes war, fehlte doch eins, um seine Freunde voll zu machen – Münzel war nicht in Paris und konnte die Wonne dieser ersten Ruhmestage nicht kosten. Ein Brief seines Vaters hatte ihn schon vor Monatsfrist urplötzlich nach Stuttgart abberufen und die spärliche Kunde, die er den Freunden von seinem Ergehen zukommen ließ, enthielt nichts, was auf eine baldige Rückkehr deutete. Der Doktor konnte sich an Conchitas Bild nicht satt sehen und ward nicht müde, in die Ausstellung zu gehen. Es machte ihm das größte Vergnügen, mitten unter den Gruppen, die sich vor dem Porträt bildeten, stehen zu bleiben und die Lobeserhebungen, die man der Schönheit seiner Frau und dem Talent seines Freundes spendete, einzuschlürfen. Lang dauerte zwar dieser Genuß nie, denn seine herkulische Gestalt und das Löwenhaupt zogen stets die Aufmerksamkeit des einen oder andern auf sich, man tuschelte sich seinen Namen in die Ohren und er mußte sich rasch aus dem Staub machen, um sich vor dem eignen Ruhm zu retten. Mit Feuereifer studierte er die Zeitungsberichte, merkte sich jedes Lob, als ob es sich um ihn selbst gehandelt hätte, und ließ auch nicht den leisesten Tadel gelten, einstimmig sollte die Menschheit diese Schöpfung anerkennen, die ihm zwiefach am Herzen lag. Talvannes Kälte hatte ihn im Innersten verletzt. Als er ihn vor das Bild geführt, hatte er keinerlei Einwand erhoben, keinen Tadel geäußert, sich aber mürrisch und wortkarg verhalten. Und als Rameau ihm ein Urteil abnötigen wollte, hatte er sich in Bewunderung des Originals ergangen, über das, was der Maler geleistet, aber völliges Schweigen bewahrt, Rameau hatte sich sehr zusammengenommen und angesichts der zahlreichen Beschauer, die um sie versammelt waren, sein Mißfallen nicht laut werden lassen, aber als sie sich trennten, befand er sich in einer Empörung, die nicht zu überwinden war und die nicht spurlos vorübergehen konnte. Am folgenden Tag kam Talvanne zu Tisch in die Rue Saint Dominique und im Verlauf des Abends verlangte Rameau barsch und unvermittelt Rechenschaft über das, was er seine vorgefaßte Meinung nannte. »Daß du nicht zufrieden bist, sehe ich ja wohl,« sagte er, »und ich möchte nur hören, was du eigentlich an diesem Bild auszusetzen findest – sei so freundlich und erkläre dich!« Conchita, die mit einer Handarbeit am Tisch saß, schreckte bei diesen Worten zusammen und die Häkelnadel in ihrer Hand zitterte und stach ins Leere. Ein rascher, scharfer Blick flog wie ein Pfeil zu Talvanne hinüber und sie richtete den Kopf in die Höhe, damit das Licht der schirmbeschatteten Lampe nicht auf ihr Gesicht falle. Talvanne that sein Möglichstes, nicht auf ein Gespräch einzugehen, das jedenfalls von beiden Seiten zu heftigem Streit Anlaß geben mußte, und antworte ausweichend, allein Rameau fuhr mit erhöhter Lebhaftigkeit fort: »Jawohl, ich will wissen, was du gegen das Bild hast? Du wirst dir wohl nicht einbilden, daß dein verstocktes Schweigen in der Ausstellung und dein Gesichterschneiden, wenn jemand in meiner Gegenwart darüber spricht, mir irgend welchen Zweifel über deine Stimmung gelassen hätten! Da du nicht Maler bist, kann dir Münzels Erfolg, und einen solchen hat er unbestritten und in ausgedehntem Maße errungen, doch nicht im Wege sein? Uebrigens, ich bin ein Narr, dich noch zu fragen, nachdem ich über diesen Punkt längst im klaren sein könnte – du bist von jeher eifersüchtig auf Franz gewesen!« »Ich!« rief Talvanne und fuhr heftig in die Höhe. »Ich? Der ...« Er machte eine zornige, wegwerfende Handbewegung und öffnete eben den Mund, um seinen verborgensten Gedanken Ausdruck zu geben, da fiel sein Blick auf Conchita, und langsam den Kopf schüttelnd, sagte er mit plötzlicher Ruhe: »Seine Art zu malen gefällt mir nicht, das ist das Ganze! Für mich ist nichts Freies, Einfaches darin, alles gemacht, voll Schick und kleiner Kniffe ... eine heuchlerische unwahre Kunst.« Er betonte diese Worte, als ob er sie einem Gegner auf Leben und Tod ins Gesicht schleudere! »So sag doch noch vollends »wie er selbst«,« fiel ihm Rameau bitter ins Wort. »Es muß dir wahrhaftig an jeder richtigen Empfindung fehlen, um in meinem Hause so von einem Menschen sprechen zu können, den ich schätze und der meinem Herzen nahe steht!« »Nehmen wir also an, daß es mir an Empfindung fehlt,« sagte Talvanne kalt. Er sah zu Conchita hinüber; sie war anscheinend wieder ganz ruhig und saß mit gesenkten Wimpern teilnahmslos über ihre Arbeit gebeugt. Nach einem drückenden Schweigen von einigen Sekunden stand sie auf, ging einmal durchs Zimmer und trat dann zu ihrem Mann, dem sie die Stirn zum Kuß bot. »Ich bin müde,« sagte sie, »ich gehe hinauf. ... Ihr seid auch nichts weniger als unterhaltend mit euren Zänkereien und Erörterungen.« Sie gab Talvanne die Hand und ging. »Nun hast du Conchita vertrieben, wie du siehst,« bemerkte Rameau vorwurfsvoll. »Weil sie dir nicht sagen wollte, wie abgeschmackt und taktlos sie dich fand, hat sie sich lieber zurückgezogen.« »Gut, gut!« brummte der Arzt, sich in einen Lehnstuhl werfend. »Ich werde morgen schon wieder mit ihr ins Reine darüber kommen!« »Sie bedarf der Rücksichten mehr als je,« fuhr der Doktor fort. »Vor dir habe ich keine Geheimnisse. ... Du magst auch um unsre frohe Hoffnung wissen. ... Die Natur in ihrer Weisheit und Milde ersetzt, was der Tod geraubt, durch neues Leben – sie hat Conchita die Mutter genommen und gibt ihr dafür ein Kind.« Talvanne blieb regungslos, fast wie versteinert, auf seinem Platz; nur die dichten Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen und es war, als ob er eine schwere Gedankenarbeit zu vollbringen habe. »Auf diese Art nimmst du eine Nachricht auf, bei der mir das ganze Herz von Freude überströmt,« bemerkte Rameau nach kurzem Schweigen. »Wahrhaftig, es gibt Augenblicke, wo ich mich fragen muß, ob du auch nur einen Funken Zuneigung für mich hast, und ob du nicht der abscheulichste Egoist bist, der sich denken läßt. ... Ein Kind in diesem Hause, das bedeutet Unruhe, Geräusch, und das kann dich vielleicht stören, nicht wahr? Dies kleine Geschöpf, in dem man weiterlebt, sich selbst überlebt, auf dessen geliebtem Haupt von nun an alle Zukunftsgedanken und Hoffnungen beruhen, das die Freude unsrer alten Tage ist, uns das Sterben leichter macht und uns die Augen zudrückt – du trägst ja kein Verlangen danach, du sehnst es nicht herbei mit aller Kraft deiner Seele. ... Ein Kind! Das würde ein Eindringling. ... Wozu die Störung?« Rameau war aufgestanden und ging, die dicke Mähne schüttelnd und seine mächtigen Schultern hin und her wiegend, im Zimmer auf und ab. Plötzlich legte sich eine Hand auf seinen Arm und hielt ihn fest; er blickte auf. Vor ihm stand Talvanne, ein wenig bleicher als sonst, und mit feuchten Augen lächelnd: »Nein, mein Alter,« sagte er bewegt, »es wird kein Eindringling sein, dies Kind, nach dem du dich sehnst. Wenn du es lieb hast, Rameau, so ist es mir schon um dessenwillen teuer. Ist's ein Junge, so verlaß dich auf mich, ich helfe dir ihn erziehen und unterrichten; er soll uns gehören, unsres Geistes Kind sein, niemands sonst. Unter unsern Augen soll er aufwachsen; wir machen einen Gelehrten aus ihm und sind für ihn so ehrgeizig, wie wir es für uns nie gewesen sind.« »So ist's recht, Talvanne!« rief Rameau gerührt und drückte den Freund an sich, daß ihm schier der Atem verging. »Jetzt kenn' ich dich wieder.« Lachend machte sich der andre los und fragte heiter: »Aber wenn's ein Mädchen ist?« »Dann hoffen wir, daß sie ihrer Mutter ähnlich wird, mehr braucht es nicht!« Eine Wolke glitt über Talvannes Stirn, aber Rameaus frohe Laune ließ keinen Trübsinn aufkommen, und rauchend und plaudernd verbrachten die beiden Kameraden den Rest des Abends damit, Zukunftsbilder auszumalen und Pläne zu schmieden, wie sie die Gegenwart reich und beglückend machen, wenn auch die Zukunft sie gar selten bestätigt. Conchitas Kind war ein Mädchen, das von ihrem Taufpaten Talvanne den Namen Adrienne erhielt. Münzel, der seit drei Monaten auf einer Reise durch Griechenland begriffen war, schickte die innigsten Wünsche für das Wohlergehen der Neugebornen und wundervolle alte Spangen für die Mutter. Es war schmerzlich für Rameau, den Freund am Tauftag nicht um sich zu haben, allein Talvannes strahlende Glückseligkeit entschädigte ihn einigermaßen dafür. Der Psychiater vergötterte das kleine weiß und rosige Ding, das so vergnüglich in seiner Wiege lag, förmlich; er setzte sich zu ihr, steckte den Kopf unter die Vorhänge und versenkte sich in ihren Anblick, und man mußte mit Strenge auftreten, sollte er sie nicht mitten im Schlaf aufnehmen und auf den Armen wiegen. Er führte lange Gespräche mit ihr und bald kannte das kleine Menschenkind die Stimme des alten Junggesellen so gut, daß sie zu lachen anfing, sobald er sich zeigte. »Ja wohl,« sagte er oft, »du bist mein Töchterchen, und ich mache es nicht wie dein Papa, und nehme mir keine Frau, sondern bleibe hübsch ledig, und mein Goldkind wird nie auf seinen Onkel eifersüchtig zu sein haben. Du wirst schön werden, und ich werde dich spazieren führen, und wir werden vor jedem Schaufenster stehen bleiben – ich bin ja kein berühmter Mann, ich habe Zeit, und meine Zeit steht dir zur Verfügung. Glücklich sollst du werden, das gelobe ich dir, der alte Talvanne wird darüber wachen! Schlaf nur, mein Liebling, schlaf nur und träume: bei Licht besehen ist das vielleicht das beste, was man im Leben hat!« Rameau hörte derartige Standreden lächelnd mit an, und die Zärtlichkeit, die Talvanne für den kleinen Erdenbürger hegte, brachte ihn seinem Herzen näher. »Du bist ein wunderlicher Kerl!« konnte er zuweilen sagen. »Du bemächtigst dich meiner Tochter, ich werde einfach beiseite gesetzt, meine Rechte für null und nichtig erklärt, kurz, ich existiere gar nicht mehr! Sei vernünftig und laß mit dir reden, einen kleinen Anteil könntest du mir schon noch lassen!« »Du verstehst ganz und gar nichts von Kindern,« entgegnete der Freund gereizt, »geh nur und halte deine Vorlesungen.« Damit wurde dem Vater die Thür gewiesen. Glorreich und stolz wie eine Königin, welche die Zukunft der Dynastie gesichert hat, genoß Conchita den Luxus, mit dem ihr Gatte sie umgab. Ihre Schönheit hatte sich jetzt erst voll und siegreich entfaltet und trug sehr das ihrige dazu bei, die Flut von Menschen, die sich in dem kleinen Palast der Rue Saint Dominique an jedem Empfangstag um den großen Mann drängte, anzuziehen und zu fesseln. Es war in der letzten Periode des Kaiserreichs, als Glanz und Pracht sich in dem allzeit Feste feiernden Paris zu unerhörter Ueppigkeit steigerten. Wie auf einen Zauberschlag war an Stelle der alten, winkeligen, rauchgeschwärzten Stadt ein neues, breitstraßiges, glänzendes Paris erstanden, das aus Stein- und Marmorpalästen mit reichem bildnerischem Schmuck bestand. Den überreichen Fassaden mußte naturgemäß das Hausgerät entsprechen, und das Kunstgewerbe hatte zum Schmuck dieser neuen Stadt die entzückendsten Stoffe, die zierlichsten Möbel hervorgebracht. Bei der Zusammenstellung dieser Wunderwerke entschied nicht immer der auserlesenste Geschmack, aber mit Gold wurden sie aufgewogen. Reich war in diesem stolzen, strahlenden Paris damals ein jeder oder gab wenigstens vor, es zu sein. Man riß alle Fensterflügel auf, um das Geld in Strömen hinauszuwerfen, und nie hatte das goldne Kalb einen derartigen Reigen um sich aufführen sehen, wie er damals nach dem Takt klingender Thalerstücke aufgeführt wurde. Rameau ging willig auf alle Einfälle seiner Frau ein und gestaltete sein Haus zu einem wahren Kunstkabinett, in dem er Feste gab, die in den Zeitungen fast ebensoviel von sich reden machten wie seine Arbeiten. Er war glücklich, und nur ein dunkler Punkt störte seine Zufriedenheit: seit zwei Jahren hatte Münzel das Weichbild von Paris immer nur überschritten, um sofort wieder nach fernen Ländern abzureisen. Kalt, förmlich und fast verlegen war er dann bei seinem jedesmaligen flüchtigen Aufenthalt in der Rue Saint Dominique erschienen, und sein Ton sowohl Rameau als Conchita gegenüber war ein völlig andrer geworden. Er schien sich nicht mehr wohl bei ihnen zu fühlen, jede Stunde in ihrem Kreis ward ihm zur Pein. Die kleine Adrienne würdigte er kaum eines Blickes, und sie zu küssen mußte er förmlich gezwungen werden. Was aber Rameau an diesem Zustand am meisten befremdete, war, daß Talvanne diese Veränderung ganz natürlich und selbstverständlich zu finden schien. »Was den Maler packt, siehst du,« sagte er dem Freund, »ist an Dingen und Menschen nur die äußere Erscheinung, das Innere ist für ihn gar nicht vorhanden; die Form ist alles. Wie sollte denn Münzel dazu kommen, ein Geschöpf mit einem Stumpfnäschen, aufgerissenen Augen, einem zahnlosen Mäulchen und einem beinahe kahlen Kopf interessant zu finden? Das Erwachen der Denkkraft in diesem kleinen Gehirn, die zunehmende Erkenntnis in diesen fragenden, verwunderten Augen wird er nicht beobachten, und das köstliche Geplapper des kleinen Mäulchens wird ihm höchstens langweilig und lästig vorkommen. Dafür wird er aber dann über eine abgehärmte Bettlerin, die recht malerisch in Lumpen gehüllt ist, in Entzücken geraten, ordentlich vernarrt in sie sein, sie als Modell benützen und hernach nicht mehr kennen: Prosit Mahlzeit! Er lebt nur durchs Auge, das übrige geht den Maler nichts an, ist für ihn nicht vorhanden. Ueberdies ist der unsrige, wie ich dir von jeher sagte, ein ausbündiger Egoist, und Egoisten mögen keine Kinder leiden aus dem einfachen Grund, weil man sich statt mit ihnen mit den Kleinen beschäftigt. Er will nach Palermo, weil ihm dort wohler zu Mut ist als bei uns – das freut mich ungeheuer für ihn, und damit: Glück auf die Reise!« Rameau schüttelte den Kopf, ohne etwas zu entgegnen – das war sonst nie seine Art; aber er selbst war im Innern nicht mehr ganz sicher, ob Talvanne nicht etwa recht habe, und er fragte sich oft, ob der Maler nicht in der That gleichgültig gegen ihn geworden. Wie konnte Franz sich so leichten Herzens von ihm trennen, nachdem er ihm in so warmer Freundschaft ergeben gewesen? War denn das Gedächtnis all der miteinander verlebten Jahre in seiner Seele erloschen? War es denn möglich, daß er in reifen Jahren die Empfindungen seiner Jugend Lügen strafen wollte? Schließlich gelangte er zu der Vermutung, daß Münzel einen geheimen Kummer haben müsse. Eine derartig menschenfeindliche Stimmung, eine so unerklärliche Entfremdung müßten ihre Ursache haben, und diese Ursache konnten nur verborgene Schmerzen sein. Daraufhin faßte er den Entschluß, den Künstler nicht wieder abreisen zu lassen, ohne ihn befragt zu haben, und zu diesem Zwecke suchte er ihn eines Morgens in seinem Atelier auf. Er war nicht mehr der blonde, blasse Münzel, wie Rameau ihn einst in verzweiflungsvollem Nachsinnen auf seinem Sofa ausgestreckt gefunden hatte, seit zwei Jahren hatte das Ergrauen bei ihm begonnen und die südliche Sonne hatte ihn gebräunt. Auf einem hohen Gerüst stehend, arbeitete Franz an einem Deckengemälde, welches der König von Württemberg für einen Saal in seinem Schlosse bestellt hatte. Als er des Doktors ansichtig wurde, stieß er nicht wie ehedem einen Freudenschrei aus; ein tieferes Rot färbte seine Wangen, und als er seine Palette auf dem Gerüst untergebracht hatte, stieg er langsam herab. Mit gespannter Aufmerksamkeit sah Rameau ihm entgegen und suchte in den Zügen des Freundes irgend ein Merkmal des geheimnisvollen Leidens, das er voraussetzte und dem auf die Spur zu kommen seine Absicht war, zu entdecken. In gewohnter Haltung, ein bißchen steif und allzu förmlich vielleicht, kam Franz jetzt auf ihn zu und streckte ihm lächelnd die Hand hin, die er rasch ergriff und kräftig drückte. »Hast du mich nicht mehr lieb, Münzel?« fragte er weich und herzlich. Die höchst unerwartete Ansprache machte den Künstler erbeben, und seine Augen, die mit einem Ausdruck der Angst auf den großen Freund geheftet waren, füllten sich mit Thränen. »Wie kommst du zu der Frage?« entgegnete er mit unsicherer Stimme. »Weil du in den letzten zwei Jahren ein andrer geworden bist und weil ich mir vergebens den Kopf zerbreche, was dein ganzes Wesen so umgestaltet haben kann. Du, der sonst wie ein Bruder mit mir an meiner Seite dahinlebte, du treibst dich jetzt elf Monate des Jahres in fremdem Lande umher, ohne andern Anlaß als deine Laune! Fast ist's, als ob du dich auf der Flucht vor mir befändest, denn bist du zufällig einmal in Paris, so bekomme ich dich kaum zu Gesicht und muß dich ordentlich herbeischleppen lassen, wenn ich dich bei mir sehen will. Hast du Kummer oder bist du krank? Als Arzt und als Freund laß mich dir zu Diensten sein!« Ohne zu antworten sank Münzel mit düsterer Miene in einen Stuhl; sein trüber Blick erhob sich nicht vom Fußboden und mit kalten, nervös zitternden Fingern zupfte er die Fäden einer kleinen Schutzdecke von chinesischer Seide aus. »Nun ja, unglücklich bin ich freilich,« sagte er leise und fuhr, als Rameau sich anschickte, eine weitere Frage an ihn zu thun, hastig fort: »Aber weder du ... noch irgend jemand kann etwas für mich thun ... mein Leiden ist ohne Hoffnung auf Heilung.« »Du liebst?« »Ja.« »Und die dir so viel Schmerzen bereitet?« »Kann ich nicht wiedersehen ... darf sie nicht wiedersehen!« »Sie ist in Paris?« Münzel zögerte einen Augenblick, dann sagte er: »Ja«. »Und um sie zu meiden, verbannst du dich in so weite Ferne für so lange Zeit? Was steht zwischen euch?« »Quäle mich nicht mit weiteren Fragen,« sprach der Maler gebrochenen Tones und mit einer todmüden Gebärde der Abwehr. »Du reißest die Wunden nur auf, und aussprechen will ich mich nicht. Ich bin hoffnungslos und mutlos, das ist die ganze Wahrheit, und ich verlasse Paris jetzt für länger als sonst, möglich, daß zwei, drei Jahre vergehen, ohne daß ich nach Hause komme. Aber zeihe du mich darum nicht des Mangels an Freundschaft! Wie könnte ich je deiner Güte, deiner Aufopferung, all der Herzensfreundlichkeit, die du mir im Ueberschwang zu teil werden ließest, vergessen? ... Das ist's ja, was mir das Herz zerreißt... und doch, ich muß fort, keine Macht der Welt kann mich zurückhalten! ...« Die Stimme versagte ihm, er brach in Thränen aus und lehnte schwach und hilflos wie ein Kind die kummerschwere Stirn an Rameaus breite Brust. Allein auf jedes Wort des Zuspruchs und der Ermutigung, das ihm der Freund aus treuem, warmem Herzen spendete, hatte der Maler nur ein eigensinniges, unbedingtes »Nein«. Zwei Stunden blieben sie in dieser Weise bei einander und der Doktor verließ das Atelier erst, nachdem er Münzel das Versprechen abgerungen, vor seiner Abreise noch einmal sein Tischgast zu sein. Am folgenden Morgen erhielt er jedoch einige kurze, wehmütige Zeilen, in welchen Franz ihm mitteilte, daß unvorhergesehene Ereignisse ihn zwängen, Knall und Fall abzureisen; er bitte den kleinen Kreis der Rue Saint Dominique, ihm diesen formlosen Abschied zu verzeihen, und sende demselben innigsten Gruß. Mit lächelndem Gleichmut ließ sich Conchita den Brief vorlesen, ohne ihr Spiel mit der Kleinen, die sie auf dem Schoß hielt, zu unterbrechen; Talvanne zuckte die Achseln und warf einige nicht ganz verständliche verdrießliche Bemerkungen über die Schattenseiten des Verkehrs mit verrückten, abgeschmackten Leuten hin, und Rameau war der Einzige, dem die Sache zu Herzen ging. Allmählich schloß sich die Lücke, die des Malers Ausscheiden gelassen; alles kam in sein altes Geleise und der Flüchtling wurde zwar nicht vergessen, hörte aber doch auf der Gegenstand leidenschaftlicher Erörterungen zu sein. Rameau setzte seine Thätigkeit auf anatomischem und physiologischem Gebiete fort und gab der Wissenschaft der Gegenwart immer neuen und kühnen Anstoß. Der Rebell von ehedem wurde jetzt einstimmig als einer der klarsten und tiefgehendsten Geister des Jahrhunderts verehrt, und er genoß vor vielen Neuerern den Vorzug, die Zeit der Anerkennung und Verherrlichung der von ihm aufgestellten Sätze zu erleben. Sein Gesichtskreis hatte sich erweitert, seine Gedanken sich zu hohen, ernsten Lehren krystallisiert; er durfte das Kriegsbeil begraben und die leidenschaftliche Heftigkeit des Sektierers hatte der ruhigen, in sich gefesteten Sicherheit des Priesters Raum gemacht. Nirgends verleugnete er die Anschauungen seiner Jugend, aber er trug sie mit minderer Schroffheit vor, seine Natur war nicht weniger feurig als einst, aber die Aschenschicht der Jahre barg die Glut. Sein Kolleg war stets außerordentlich besucht, und wenn er sich herbeiließ, in der Sorbonne einen Vortrag zu halten, so strömten ihm Studenten, Aerzte und Laien in solcher Zahl zu, daß man sich die Plätze streitig machte. Neben der Klarheit und Anschaulichkeit war sein Vortrag auch über alle Maßen fesselnd und anziehend, die Form so befriedigend und bedeutend wie der Inhalt, und die stenographischen Aufzeichnungen seiner Vorlesungen konnten fast ohne Durchsicht und Verbesserungen in Druck gegeben werden. Man hat ihn den Michelet der Naturwissenschaften genannt, und in der That war er dem großen Geschichtschreiber an Darstellungsgabe ebenbürtig und wußte die abstraktesten Ausführungen in greifbare Gestalt zu kleiden. Seine eiserne Gesundheit gestattete ihm auch heute noch wie in den Tagen der Jugend jedes Uebermaß der Arbeit. Er hatte sein Dasein völlig geteilt zwischen Familienleben und Dienst der Wissenschaft und erschien aller Welt auf dem einen wie auf dem andern Gebiete als ein Liebling der Götter. Und bei alledem war er nicht vollkommen glücklich, denn auf dem Verhältnis zu Conchita lag ein Schatten und ein ungreifbares Etwas hatte sich zwischen ihn und sie gedrängt. Nicht daß der Kirchenglaube der Frau mit der Freidenkerei des Gatten so heftig zusammengeprallt und dadurch Zwistigkeiten entstanden wären, nein, sie fürchteten sich gegenseitig und vermieden mit wahrer Aengstlichkeit, den gefährlichen Gegenstand zu berühren, der sie zu verschiedenen Malen so grausam entzweit hatte. Wie ermüdete Kämpen, die, nachdem sie ihre Kräfte gemessen, es nicht mehr zu einem Kampfe kommen lassen wollen, dessen Ausgang unsicher und ungewiß bleiben muß, standen sie sich in bewaffnetem Frieden gegenüber. Conchitas religiöser Eifer steigerte sich dabei immer mehr und die kirchlichen Pflichten wurden mit größter Gewissenhaftigkeit und Regelmäßigkeit erfüllt. Mit einer Leichtigkeit und Ruhe, die sicherlich ihrer spanischen Abstammung zuzuschreiben waren, verband sie Himmlisches und Irdisches und schwebte vom Ballsaal zur Messe. Wenn sie sich den ganzen Freitag strenges Fasten auferlegt, hatte sie gegen ein fröhliches Souper nach Mitternacht nicht das geringste einzuwenden, und so sehr ihr unduldsamer, eifernder Glaube Anklänge an die alte leidenschaftliche Zeit der Inquisition enthielt, so gut verstand sie es, denselben den Sitten und Anschauungen der Gesellschaft anzupassen. Eine Dame, welche nicht zur Kirche ging, flößte ihr Abscheu ein, Frauen von mehr als zweifelhaftem Ruf bei sich zu empfangen, nahm sie keinen Anstand. Ihr Mann lachte oft mit Talvanne über diese Schwächen, in ihrer Gegenwart aber wagte er keinen derartigen Scherz. Er liebte sie noch wie am ersten Tag, mit jener Leidenschaft des gealterten Mannes, dem sich in der Liebe eine neue Jugend erschlossen, und vielleicht – so wunderlich ist der Mensch geartet – liebte er sie um dieses religiösen Fanatismus willen, der ihn ihren Besitz immer neu zu erkämpfen zwang, nur noch heißer. In ihrem Wesen fühlte er stets etwas wie Empörung und Auflehnung gegen sich, und bei seiner Berührung überlief es sie wie ein Erschaudern des Hasses. Auch hierin streng die Vorschrift ihres Glaubens befolgend, machte sie übrigens keinen Versuch, sich ihm zu entziehen, aber daß sie seine Liebe duldete, mußte ihm genügen. In seiner an Schwäche grenzenden Güte ging er auf alle Launen und Einfälle des jungen Geschöpfes ein, überhäufte sie mit Großmut und ließ einen unversieglichen Strom von Gold durch ihre harmlos damit spielenden Finger rinnen. Die Gottheit, die er dem Himmel nicht zugestand, war für ihn auf Erden – sein Töchterlein. Stundenlang konnte er mit ihr plaudern, jede kindische Frage wurde von der tiefen, klangvollen Stimme, welche all seine Zuhörer hinriß und die er möglichst dämpfte, um sie des Kindes Ohr anzupassen, eingehend und erschöpfend beantwortet. Wenn der große Gelehrte im Spiel mit seiner kleinen Adrienne begriffen war, vergaß er alles: Kranke, Besuche, Berufspflichten, und gehorchte einzig und allein dem Zauber dieser geliebten blauen Kindesaugen. Denn dies Kind, das auffällig der Mutter glich, hatte trotzdem blondes Haar und blaue Augen. Sie war auf und nieder Conchitas Ebenbild, nur daß die tief schwarzen natürlich gewellten Scheitel und der verschleierte Blick ihres dunkeln Auges fehlten. Wie ein Prinzeßchen unter der Oberaufsicht der getreuen Rosalie heranwachsend, kannte das Kind nur Lust und Freude: die Thränen waren ihr unbekannte Gäste, und fühlte sie sich einmal krank, so hatte der Papa stets Mittel und Wege, dem Uebel abzuhelfen und den Schmerz zu stillen. Ihr gewohnter Spielgefährte war, sei es in den schattigen Laubgängen des eignen Gartens oder draußen in den Champs Elysées ein Junge, der um mehrere Jahre älter war als sie, den sie »Rob« nannte und der ein Enkel des alten Doktors Servant war. Ungünstige Schicksale hatten die Familie des wackern Arztes von Lagny heimgesucht und sein Sohn war, Frau und Kind in höchst bedrängter Lage zurücklassend, als Batteriechef in Mexiko gestorben. Aber Rameau lebte ja und er hatte nie vergessen, was er seinem väterlichen Freund und Gönner verdankte! Er schuf der Witwe eine Stellung als Aufseherin einer Anstalt für verwahrloste Kinder und durch eine List, zu deren Mitschuldigen der Verwaltungsrat sich gern hergab, weil Rameau die Summe aus seinen eignen Mitteln spendete, ließ er ihr den Gehalt verdoppelt auszahlen. Die Erziehung ihres einzigen Sohnes Robert hatte er überdies übernommen – »er soll mein Nachfolger werden« sagte er oft lächelnd zu Frau Servant, und wenn er sah, wie der kräftige Junge sich aus freien Stücken zum willigen Sklaven der kleinen Adrienne hergab, traten noch andre, gar anmutige und lockende Zukunftsbilder vor seinen innern Blick. Talvanne, der jetzt die fünfziger Jahre erreicht hatte und mit dem glatt rasierten Gesicht und den langen, schon weißen Haaren sehr alt aussah, nahm von Jahr zu Jahr eine bedeutendere Stellung ein. Als Gerichtsarzt stand er einzig da, und wo ein schwerer Verbrecher in die Hände der Polizei kam, holte man sein Urteil ein. Freilich hatte seine weiche, ehrliche Seele einen unüberwindlichen Hang, in jedem Mörder einen Unzurechnungsfähigen zu sehen, aber in schwierigen Fällen offenbarte sich seine reiche Erfahrung und seine Tüchtigkeit durch geistvolle, scharfsinnige Beobachtungen und Schlußfolgerungen von hervorragender Klarheit. Der europäische Ruf seiner Heilanstalt setzte ihn in Stand, in unzähligen Fallen und ganz insgeheim Wohlthaten zu üben, und der unentgeltlich aufgenommenen Kranken waren es stets mindestens ebensoviele wie der zahlenden, der Doktor nahm aber entschieden mehr Anteil an den Armen, als an den Reichen. In dieser lauteren Seele lebte nur gegen eine Berufsklasse ein unauslöschlicher Haß und zwar gegen die Zeitungsschreiber. Stellte sich zufällig ein gierig nach Notizen schnappender Berichterstatter in seinem Sprechzimmer ein und begehrte, ihn über irgend einen berühmten Verbrecher, den er untersucht oder einen hervorragenden Patienten, den er in Behandlung hatte, zu »interviewen«, so war der Psychiater im stand, die Zähne zu fletschen wie eine Bulldogge und den Verwegenen mit einem Strom von Bitterkeiten über den Skandaldurst und die freche Lügenhaftigkeit aller Papierschwärzer an die Luft zu setzen. Von den Zeitungen sprach er stets mit Abscheu und Empörung und er pflegte seine Ansicht in die Worte zusammenzufassen: »Es sind öffentliche Giftpflanzungen.« Uebrigens würde er nicht den kleinen Finger gerührt haben, um die Preßfreiheit zu beschränken, und gab ein armer Journalist allzudeutliche Beweise von Tollheit oder Unfähigkeit, so übernahm er dessen Behandlung mit ebenso aufopfernder Wärme, als ob derselbe nie eine Feder in der Hand gehalten hätte. So viel Glück, als einem Sterblichen nur beschieden sein kann, besaß er; seine Wissenschaft war ihm Herzenssache, er war vollkommen unabhängig, und obgleich unverheiratet, entbehrte er nicht eine kleine Erbin, die er liebte, verwöhnte und verhätschelte, als ob sie sein eigen Fleisch und Blut wäre. Das Familienleben Rameaus – ein Freund wie Talvanne darf füglich zur Familie gezählt werden – nahm in dieser Weise einen nach innen friedlichen und traulichen, nach außen glänzenden Verlauf, als, wie ein schwerer Gewittersturm, der Krieg über Frankreich hereinbrach. Mit einem Schlag war alles anders geworden. Die von Ueberfluß und Uebermut strotzende Stadt ward zur Einöde: die Klänge der Tanzmusik verstummten vor dem Geräusch der Waffen. Fieberhafte Aufregung vor dem Kampf, dumpf grollende Bestürzung nach der Niederlage bemächtigte sich der Bevölkerung, welche an die Huldigungen eines Weltteils und an keinen Widerstand gewöhnt war. Verletzter Stolz gestaltete sich zu wilder Wut; da sie dem Vordringen des Feindes nicht wehren konnten, wandte sich der Haß der Pariser gegen das Kaiserreich und statt der Siege gab es eine Revolution. Gewisse Elemente priesen sich glücklich darob. Von den Höhen von Belleville und Montmartre wälzte sich ein Strom herab, der sich, trüb und schmutzig, in die Straßen ergoß, die kaiserlichen Adler in Stücke brach, Denkmäler verstümmelte und eine vom Schrecken verwirrte Regierung, die der leiseste Stoß ins Wanken brachte, über den Haufen warf. Dem folgte die unheilschwangere Stille, wie der Morgen nach durchtobter Nacht sie immer bringt. Die Stadt, welche so ganz auf Feste eingerichtet war, schickte sich an, einer Belagerung standzuhalten; die Bäume des Bois de Boulogne, in deren kühlem Schatten vor wenig Wochen die Wagen der eleganten Gesellschaft dahingerollt waren, fielen der Axt anheim und sanken einer um den andern auf den sorgfältig mit Sand bestreuten Weg. Der sorglosen Fröhlichkeit folgte schwerer Mannesernst und es trat klar zu Tage, daß dies Paris, über dessen Thorheiten und Tollheiten die ganze Welt gelästert hatte, nun auch die ganze Welt durch sein Heldentum im Leiden in Erstaunen setzen werde. Nicht einen Augenblick war es Rameau in Sinn gekommen, die Stadt zu verlassen. Sein warm patriotisches Gemüt war von den niederschmetternden Ereignissen der ersten Kriegszeit tief berührt, und vom ersten Tage an hatte er die Gefahr für die Hauptstadt mit Sicherheit vorausgesehen und danach seine Maßregeln getroffen. Er hatte bedeutende Vorräte an Lebensmitteln angeschafft und Talvanne eifrig zugeredet, einen großen Teil seiner Kranken zu ihren Familien zurückzuschicken, worauf die beiden Freunde das Irrenhaus zu einer Ambulanz umgestalteten, in der zweihundert Verwundete Aufnahme finden konnten. Rameau, dessen berühmter Name den Männern, welche die Verteidigung der Stadt in die Hand genommen hatten, nicht entgehen konnte, wurde an die Spitze des gesamten Sanitätswesens gestellt und nahm dies schwere Amt mit der ganzen Hingebung des feurigen Patrioten auf sich. Er, der nichts halb thun konnte und dem die Natur eine so wunderbare Arbeitskraft verliehen, widmete sich Tag und Nacht der Aufgabe, die man in seine Hände gelegt hatte. In seinem Civilanzug – er haßte den bunten Kragen – einfach mit dem roten Genfer Kreuz am Arm eilte er durch Wind und Wetter, Regen und Schnee, von den Spitälern nach den Vorposten, vom Industriepalast, wo der Schwerpunkt seiner Thätigkeit lag, zu Talvannes Ambulanz und überall wachte sein Auge, überall legte er Hand an. Mit fast peinlicher Genauigkeit ordnete er alle Einzelheiten der Verwaltung, blieb da und dort an einem Bett stehen, um einen Verband zu untersuchen, hielt strenge Aufsicht über das pflegende Personal und streifte, wo es not that, kurzweg die Hemdärmel zurück, um eigenhändig eine schwierige Operation zu vollführen. Des Morgens, Nachmittags, Abends, mitten in der Nacht, immer erschien er, wo und wann man ihn am wenigsten erwartete, und er hielt seine Untergebenen mit einer so fabelhaften Rührigkeit in Atem, daß man sich unwillkürlich fragte, wie lang er selbst solchen Anstrengungen gewachsen sein werde, allein sein Befinden war besser als je, und nie verrieten seine thatkräftigen Gesichtszüge die leiseste Spur einer Ermüdung. Nur milder war er geworden und zwar in einem Grad, daß seine Schüler ihn kaum wieder erkannten. Nie ein lautes Wort, nie eine heftige Gebärde, nie mehr einer jener Zornesausbrüche, vor dem das ganze Spital gezittert hatte. Es war, als ob das Unglück des Vaterlandes seine große Seele erweicht hätte und als ob er jetzt, da er alles um sich her in Leid und Thränen sah, das Bedürfnis habe, sich in seiner ganzen Güte zu zeigen. Nicht ein einziges Mal hörte man ihn fluchen, und der arme Teufel von einem Soldaten, dem er eine Kugel herauszog oder ein Bein absägte, hatte vorher keinen Schreck zu bestehen. Bei den Aerzten und Chirurgen, welche unter seiner Leitung arbeiteten, hieß es: »Das ist unser Rameau nicht mehr, er muß uns ausgetauscht worden sein.« Und doch war er der alte in der ans Wunderbare grenzenden Geschicklichkeit und Sicherheit der Hand und der schöpferischen Kraft im Ersinnen neuer Heilmittel. Der Spitalbrand raubte ihm eine Masse Verwundeter und er richtete sein ganzes Augenmerk auf Bekämpfung dieses fürchterlichen Feindes, gegen den er mit karbolgetränktem Verbandzeug vergebens zu Felde zog. Er besprach sich mit Talvanne über die Notwendigkeit eines neuen Desinfektionsmittels, dessen Macht kein Pilz widerstehen könnte, und Tag und Nacht trug er den Gedanken mit sich herum. Eine rote Glut hinter den Fensterscheiben seines Laboratoriums in der Rue Saint Dominique verriet der Nachbarschaft fast allnächtlich, daß der Gelehrte an seinem Ofen irgend eine geheimnisvolle Mischung braute, die den armen Verwundeten zu gute kommen sollte. Einmal es war gegen drei Uhr morgens, erwachten alle Bewohner des Rameauschen Hauses an einem furchtbaren Knall; Conchita, die aus ihrem Zimmer gestürzt war, eilte mit Rosalie nach dem Arbeitszimmer ihres Mannes, den sie inmitten einer scharf riechenden Dampfwolke, mit von Glassplittern zerrissenen Händen und einer Stirnwunde fand, wie er am Boden kniete und eine Flüssigkeit mit dem Schwamm aufwischte. Sein Gesicht leuchtete dabei vor Freude, und als er, seine Arbeitslampe hochhaltend, die erschrockenen Mienen seiner Frau und Dienerin erkannte, rief er ihnen beruhigend zu: »Es hat ganz und gar nichts zu sagen! Die Dosis war ein bißchen stark und da platzte die Retorte.« »Aber du bist ja verwundet,« wandte Conchita ein, indem sie ihm das Blut von der Stirn wischte. »Eine Schramme! Was liegt daran? Ich habe, was ich suchte, und zwar durch einen bloßen Zufall, durch reines Tasten! Das Ding ist so einfach und lag so nahe und doch kam ich nicht darauf. Man wird die Entdeckung der Wissenschaft zuschreiben und doch hat sie sich, wie so oft, ganz von selbst gemacht! Wenn alle Erfinder ehrlich sein wollten, so würde sich's bald zeigen, wie herzlich wenig Verdienst sie oft bei ihren Entdeckungen haben! Der Zufall ist der Gott der Gelehrten!« »Aber wie leicht hättest du deine Augen dabei einbüßen können,« bemerkte Conchita. »Sieh doch nur, wie unvorsichtig du bist!« »Ach, Kind, schließlich wären meine Augen ein Ding, das wenig ins Gewicht fällt, wo es sich um die Erhaltung von Tausenden von Menschenleben handelt.... Aber es ist feucht und du wirst dich erkälten. ... Ich habe hier nichts mehr zu thun, gehen wir zu Bett.« Am Tag darauf berief er einen der tüchtigsten Apotheker von Paris zu sich und bot ihm unter der Bedingung, daß die von ihm erfundene Mischung zu einem sehr mäßigen Preis abgegeben werde, ihm das Geheimnis derselben zum Kauf an. Der Gelehrte, bei dem es sich um das Wohl der Menschheit handelte, und der Geschäftsmann, der eine bedeutende Einnahmequelle sich eröffnen sah, waren rasch handelseinig; der Gebrauch des Desinfektionsmittels erzielte den ersehnten Erfolg und schon eine Woche später war die Sterblichkeit fast auf die Hälfte herabgemindert. Nach allen Richtungen hin äußerte sich Rameaus bewunderungswürdige Thatkraft; hatte er sich bisher mit wahrer Hingebung dem Allgemeinen gewidmet, so unterzog er sich jetzt mit ebenso großem Eifer der Behandlung eines einzelnen Falles. In Talvannes Ambulanz in Vincennes war ein Kavallerist untergebracht worden, dem auf einem Rekognoszierungsritte eine Kugel das Knie zerschmettert hatte. Das Geschoß war in die Kniekehle eingedrungen, hatte das Gelenk durchbohrt und die Kniescheibe verletzt. Nach Ansicht der Aerzte war eine Amputation unbedingt notwendig. Der Verwundete war aber so jung und so ergeben in sein Schicksal, daß Rameau sich im Innersten von Mitleid ergriffen fühlte und bei sich beschloß, das Bein zu retten. Welches Maß von Geschicklichkeit und Sorgfalt er auf diesen Fall verwendete, war wunderbar, der Erfolg aber lohnte auch alle Mühe, denn nicht nur, daß das Bein erhalten wurde, es wurde auch wieder vollständig dienstfähig. Rameau war wirklich stolz auf das Gelingen seiner Kur und herzlich gerührt über die unsägliche Dankbarkeit seines Patienten. »Ach, Herr Doktor,« sagte der in der Genesung Begriffene eines Tages aus tiefstem Herzen, »für mich sind Sie wie unser Herrgott selbst!« »Gewiß, mein Lieber ... ja wohl,« erwiderte der große Mann lachend und dann gegen Talvanne gewendet bemerkte er: »Wenn man auf unsern Herrgott warten wollte zum Knochenflicken, würden die Krückenmacher gute Geschäfte machen!« »Unser Doktor Rameau macht zerbrochene Beine wieder ganz,« sagte Talvanne ernsthaft, »aber unser Herrgott hat den Doktor gemacht.« »Bist du dessen so gewiß?« fragte Rameau heiter, indem er den Freund ansah. »Will's meinen! Es müßte höchstens sein, daß es der Teufel gewesen wäre! Und diesmal könntest du recht haben, es wird wohl Beelzebub gewesen sein!« »So schweige doch: da ist meine Frau.« Conchita hatte in der That ihren träumerischen Gleichmut abgeschüttelt und ihre Ehre drein gesetzt, sich an dem Liebeswerk zu beteiligen, und versäumte nun keinen Tag die selbst erwählten Pflichten. Sie war regelmäßig mehrere Stunden in den verschiedenen Sälen der Ambulanz, sah überall nach dem Rechten, brachte den Verwundeten Erfrischungen und Süßigkeiten, tröstete die Sterbenden und verrichtete an mancher Leiche ihre stille Andacht. Ihre Frömmigkeit war kein Luxusgegenstand mehr, und Rameau sah mit geheimer Rührung sein junges Weib als einen Engel des Trostes von Bett zu Bett gehen und freute sich über den Sonnenstrahl, den ihre Schönheit in den düstern Ernst dieser Räume trug. Allabendlich fand sich Talvanne bei der Mahlzeit in der Rue Saint Dominique ein: das gemeinsame Leid aller knüpfte die Bande der Freundschaft noch enger, und wenn der Doktor nach einem Gang von Fort zu Fort, von Vorposten zu Vorposten todmüde, durchnäßt und durchfroren nach Hause kam, war es ihm eine große Wohlthat, in dem wohl durchwärmten und hellerleuchteten Speisezimmer Frau und Kind samt dem Freund seiner harrend zu finden. Den Greueln des Gefechts zu entfliehen, die Spitalsäle mit dem Röcheln der Sterbenden, dem wilden Geschrei der Operierten hinter sich zu lassen, die dumpfe, schweigende Schneedecke, die sich wie ein großes Bahrtuch über die belagerte Stadt gelegt, nicht mehr vor Augen zu haben und in seinem friedlichen Haus, am traulichen Kaminfeuer, sich ein paar Abendstunden der Nähe seiner Lieben zu freuen, das war doch immerhin noch ein Stückchen Glück! Mehr vom Schicksal begünstigt, als so viele andre Kinder, deren Gesundheit durch die Entbehrungen der Belagerung untergraben wurde, entwickelte sich die kleine Adrienne von Tag zu Tag kräftiger, und ihre blauen Augen und blonden Locken waren für ihren Vater der einzige lichte Punkt im Bilde der Zukunft, das ihm düster und trostlos entgegenstarrte. Sein Töchterchen auf den Knieen verspätete er sich manchen Tag am Kaminfeuer, weil er sich nicht losreißen konnte von ihrem kindlichen Geplauder und nicht müde wurde, mit der kraftvollen Hand, die jeden Tag so tief in Blut tauchte, die goldnen Haare zu streicheln. Unter all den bangen Sorgen, die ihn erfüllten, war es eine, die sich immer wieder in den Vordergrund drängte: was konnte aus Franz geworden sein? Ohne daß es ihm aufgefallen wäre, welch beklommenes Schweigen Conchita und Talvanne befiel, so oft er den Gegenstand berührte, kam er immer von neuem darauf zurück und erging sich in angstvollen Vermutungen. Was ein Deutscher hieß, war einberufen worden oder freiwillig zu den Fahnen geeilt, wo mochte er weilen? In welchem Land hatte die Kunde vom Ausbruch des Kriegs ihn erreicht? Was hatte er beginnen können? War er in einer deutschen Festung zurückgeblieben oder mit ausmarschiert? Hatte ihn sein Geschick als Feind in das ihm so vertraute Frankreich geführt? Talvanne schenkte diesen Erwägungen wenig Aufmerksamkeit und wurde sichtlich verdrießlich, so oft Rameau davon anfing. »So mach dir doch nicht solche Sorgen,« sagte er eines Tages. »Münzel ist ein viel zu geriebener Kerl, als daß er sich nicht ein geschütztes Plätzchen ausgesucht hätte. Er liegt irgendwo an einem behaglichen, gesunden Fleck im Lager und nützt den Krieg zum Studienmalen. Der Schlingel ist verdammt praktisch und wird das Gemetzel verwerten und jede Feuersbrunst zu Geld machen. Du bist wahrhaftig gar zu gut, so viel an ihn zu denken, ich für mein Teil bin überzeugt, daß er sich über unser Ergehen keine grauen Haare wachsen läßt.« Conchita, die sonst nie den Mund aufthat, wenn Talvanne in ihrer Gegenwart eine mißliebige Aeußerung über Franz that, stand diesmal hastig auf, und leichenblaß, mit fast erstickter Stimme, rief sie: »Was Sie da behaupten, ist ehrlos! Ich begreife nicht, wie mein Mann das ruhig mit anhören kann ... ich habe weniger Geduld und lasse mir das nicht eine Sekunde länger bieten!« Mit wilder Hast nahm sie ihr Kind auf den Arm, als ob sie vor allem Adrienne davor schützen müßte, Schlimmes über Münzel zu hören, und verließ, ohne die verblüfft dastehenden Männer eines Blickes zu würdigen, das Zimmer. Fragend sah Rameau den Freund an und dieser senkte die Augen beschämt und reuevoll, daß er sich zu Aeußerungen hatte hinreißen lassen, die so unglücklich gewirkt. Verlegen suchte er dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, und kaum war eine Viertelstunde verflossen, so stand er auf und ging nach Hause. Sechstes Kapitel. Seit drei Monaten war Paris eng umschlossen, auf Rationen gesetzt und ohne ausreichendes Brennmaterial dem Frost preisgegeben. Die Entbehrung aber, die sich fast am peinlichsten fühlbar machte, war das Abgeschnittensein von der Außenwelt, die Unkenntnis der Vorgänge im übrigen Frankreich. Was jenseits des Belagerungsrayons geschah, war in ein Dunkel gehüllt, welches zu durchdringen das unermüdliche aber fruchtlose Streben der Umzingelten war. Gerüchte, Vermutungen gingen von Mund zu Mund, zuweilen warf eine im Mantel eines Gefallenen aufgefundene deutsche Zeitung ein grelles Streiflicht auf die Sachlage. Was sie enthielt, war immer die Kunde von neuem Unheil, vom Rückzug der erwarteten Hilfstruppen, die sich auf schneebedeckten, von Flüchtigen wimmelnden Straßen wieder entfernten, Gefangenenlisten von zehntausend Mann, wenn es ein kleines Gefecht, dreißigtausend, wenn es eine Schlacht gewesen, und wenn die deutschen Truppen es der Mühe wert gefunden hatten, die Auseinandergetriebenen, die ihnen beim nächsten Zusammenstoß ja doch nicht entgehen konnten, überhaupt noch zu sammeln. Dann tauchte wohl mitten unter den vom Feind möglichst düster gehaltenen Schilderungen plötzlich ein Lichtpunkt auf. Man stieß auf einen kurzen Zwischenartikel, der von dem kühnen Vordringen irgend eines verwegenen Regimentskommandanten meldete, das, wie man aus der Absichtlichkeit und Kühle der Darstellung ersah, für die Deutschen nachteilig gewesen war, und sofort lebte die Hoffnung wieder auf! Was hoffte man eigentlich? Ach, das wußte man selbst nicht, aber man klammerte sich an jeden Strohhalm an und spähte wie der Schiffbrüchige, der auf dem weiten Meer treibt und immer die Küste erblicken will, die zu erreichen seine Kräfte ihm doch nicht gestatten, nach Rettung und Hilfe. Je entsetzlicher die Lage ward, desto heldenmütiger und energischer erwies sich die Widerstandsfähigkeit der Pariser Bevölkerung. In den eisigen Dachwohnungen herrschte die bittre Not als grausame Tyrannin und raffte Frauen und Kinder in Scharen dahin; jeden Tag wuchs das Herzeleid, das Leiden wurde immer unerträglicher; man klagte, man weinte, aber man ward nicht schwach und nicht wankend. In den mit schmutzigem Schnee bedeckten Straßen standen die Frauen eine hinter der andern vor den Läden der Fleischer und Bäcker und warteten geduldig, bis die Reihe an sie kam, ihr zugemessenes Teil Schwarzbrot oder Pferdefleisch an sich zu nehmen. In den Stadtteilen am linken Flußufer schlugen die Granaten mit entsetzlicher Regelmäßigkeit ein; da hob man einen Toten auf, dort schleppte man einen Verwundeten weg: eine kleine Blutlache blieb auf dem Pflaster zurück, und der Straßenjunge pfiff den Gassenhauer, den er einen Augenblick unterbrochen gehabt, ruhig weiter. Diese zur Lebensfreude geschaffene Stadt war rasch heimisch geworden im Reich der Schmerzen, und das dumpfe, die ganze Nacht fortdauernde Donnern der Kanonen wiegte sie jetzt in Schlaf, wie es früher die geträllerten Kehrreime der Operette und das fröhliche Schmettern der Tanzmusik gethan. Die Unthätigkeit lastete maßlos schwer auf den Belagerten. Geduldig zu warten unter dem Feuer der deutschen Geschütze, das war weit schwieriger, als in feurigem Aufschwung einen stürmischen Ausfall ins Werk setzen. Es kam äußerst selten zum Gefecht; die Führer schienen die in Paris brachliegenden Kräfte für irgend einen letzten verzweifelten Versuch, den alles ahnte und der nie zur Ausführung kam, aufsparen zu wollen. Allmählich steigerte sich die Ungeduld des Publikums zur heftigen Gärung; dunkle Gerüchte waren in den Vorstädten im Umlauf; am 31. Oktober hatte ein Aufstand stattgefunden und es ward nur allzu klar, daß, wenn man die Pariser nicht auf den Feind losließ, sie sich in ihrem Kampfesfieber untereinander aufzehren würden. Es war Ende November; die Kälte war noch immer im Zunehmen und der Winter schien sich zum Verbündeten des Feindes zu machen. In den Laufgräben erfroren die Posten; eine finstere Verzweiflung ergriff die Gemüter, und es erwies sich als eine Notwendigkeit, die vom Hunger Geschwächten und in Unthätigkeit Erstarrten im Feuer der Schlacht wieder aufzutauen. Eine ungewohnte Bewegung im täglichen Dienst, ein dumpfes Krachen und Erdröhnen des Räderwerks der Verteidigung deuteten an, daß große Ereignisse sich vorbereiteten. Seit drei Tagen war von einem Vordringen der Loirearmee die Rede und es verlautete, daß die zur Hilfe herbeieilenden Truppen auf einen Ausfall der Garnison, der ihnen in die Hände arbeiten sollte, rechneten. Am 30. November wurden Brücken über die Marne geschlagen und die Forts eröffneten urplötzlich ein heftiges Feuer gegen die deutschen Cernierungstruppen. Gleichzeitig ward in der Richtung von Villiers und Champigny ein heftiger Vorstoß ausgeführt, wodurch etwa sechzigtausend Franzosen mit den sächsischen Vorposten handgemein wurden. Der Anprall war ein äußerst heftiger und der Feind wich zurück: es war ein klarer, herrlicher Wintertag und die reifbedeckten Hügel flimmerten und funkelten im hellen Sonnenschein; die klare, trockene Luft trug den Knall der Geschütze weithin, und kerzengerade, wie leichte flockige Wölklein stieg der Rauch in die Höhe. Fliegenden Schrittes durcheilten die zum Nachschub kommandierten Truppen die Straßen von Vincennes; die am Kampf schon Beteiligten entfernten sich immer weiter vom Ausgangspunkt der Aktion und in endlosen Reihen strömte die Verstärkung die Hügel hinan, wo sich die Schlacht mit wachsendem Getöse entwickelte. Sobald das Gefecht seinen Anfang genommen, hatte sich Rameau eingefunden und in Saint-Maur Ambulanzen eingerichtet und den Dienst geordnet. Mit einer Ungeduld, die er kaum zu bemeistern vermochte, schritt er im Hof einer Talgsiederei, deren Dach und Mauern von den Kugeln der Belagerer vielfach durchlöchert waren, auf und ab, indessen Talvanne mit philosophischer Gelassenheit rauchend auf einem Stein saß und die Sorge für die ersten, auf Tragbahren herbeigebrachten Verwundeten den jungen Regimentsärzten überließ. Unter diesen ersten Opfern des Kampfes befanden sich Deutsche in beträchtlicher Anzahl. Die Ueberstürzung, mit welcher ihre Vorposten zum Rückzug gezwungen worden waren, hatte ihre Verwundeten in unsre Hände fallen lassen. In finsterem Schweigen, den Blick in die Ferne geheftet, als ob sie jeden Augenblick die dichten Reihen der Ihrigen unter dem energischen Kommandowort ihrer Führer wieder vorwärts stürmen zu sehen erwarteten, verharrten die jungen Leute. Allein das Gewehrfeuer verzog sich mehr und mehr, dauerte indes ununterbrochen, wild, rasch und heftig fort und der Tag schien sich entschieden zu gunsten der Franzosen zu entscheiden. Siegestrunkene Mobilgardisten stürmten in wilder Unordnung vorüber und verkündeten mit großer Zungenfertigkeit und Ruhmrednerei den Fortgang der Schlacht. Ein württembergisches Regiment sollte von den Dreizehnern der Linie vollständig aufgerieben, die Mannschaft, soweit sie nicht tot oder verwundet war, gefangen sein. Und in der That kamen kurz darauf Gefangenenzüge in Sicht. Mitten unter dem betäubenden Gerassel und den lauten Kommandorufen einer im Galopp nach dem Plateau, wo das Feuern immer in der Zunahme begriffen war, hinstürmenden Batterie langte, von seinem Stab umgeben, ein General an. Der weißhaarige, hagere Herr mit dem geröteten Gesicht geriet beim Anblick der am Weg umherlungernden Mobilgardisten, die eifrig gestikulierend die Einzelheiten des Gefechts schilderten und in einer im freien Feld aufgeschlagenen Kantine tüchtig kneipten, in Wut. »Was haben die Kerls hier Maulaffen feilzuhalten?« schrie er mit heiserer Stimme. »Wieder einmal diese Kanaillen von der Mobilgarde! Wo sind eure Regimenter? Im Feuer, nicht wahr? Und ihr seid ausgerissen? An den Ohren will ich euch in Reih und Glied zerren, ihr Memmen! Man soll mir eine Rotte Gendarmen mitten auf die Brücke stellen, und wer zurück will, wird niedergestoßen!« Mit klirrenden Waffen und in einer dichten Staubwolke verschwand der General zwischen den die Straße begrenzenden Bäumen. Rameau, der vorläufig all seine Anordnungen getroffen hatte, blieb vor dem Haus; das Herz war ihm seltsam beengt und schier mit Gewalt zog es ihn heute in das Gewühl der Schlacht. Nur wenigstens jene kleine Erderhöhung dort drüben hätte er ersteigen mögen: ihm schien, als ob er von dort einen Ueberblick gewinnen, sich Aufklärung über die Vorgänge hätte schaffen können. Unbeweglich stand er da; der gewaltige, in regelmäßigen Zwischenräumen die Luft erschütternde Kanonendonner machte ihm Ohrensausen und störte sein ruhiges Denken. Schließlich konnte er nicht länger an sich halten und im Laufschritt, als ob ihm jemand auf den Fersen wäre und ihn zurückrufen wollte, fing er an, den Hügel zu ersteigen. Er befand sich jetzt auf einem tief eingeschnittenen, steilen Hohlweg, wo das Artilleriefeuer nur dumpf, wie halb erstickt, hereinklang, plötzlich aber, bei einer Biegung des Weges, bot sich ihm ein überraschender Ausblick auf das Schlachtfeld und er blieb wie angewurzelt stehen. Zu seinen Füßen lag hinter einem von Erde aufgeworfenen Kugelfang ein Bataillon Nationalgarde, die Mannschaft flach am Boden liegend, um besseren Schutz vor den Geschoßen zu haben, die fortgesetzt in die Böschung schlugen und die Erde aufwirbelten. Der kommandierende Offizier, ein breitschulteriger Mann, saß auf einem Baumstumpf und klopfte mechanisch mit der Degenscheide an seine Stiefel; sein Pferd stand mit schleppendem Zügel daneben und zupfte gierig an den spärlichen Grashalmen, die aus dem gefrorenen Boden aufragten. Etwa zweihundert Meter weiter vorne war eine Batterie von sechs Geschützen aufgefahren, die mit rasender Schnelligkeit auf einen unbekannten Zielpunkt Feuer gab. Wo ihre Geschoße niederfielen, war nicht zu entdecken, und es hatte etwas Schauerliches, diese Kanonen ohne Unterlaß Feuer speien zu sehen und ins Leere hinein Tod und Verderben senden. Der Marne entlang waren außerhalb des eigentlichen Aktionsgebiets Verstärkungstruppen in dichten Linien aufgestellt, aber da, wo die eigentliche Schlacht stattfand, hielt Rameau vergebens Umschau nach jenen Episoden, wie Maler und Dichter sie uns vorzuführen pflegen: Säbelangriffe von Kavallerieschwadronen, Infanteriekolonnen, die im Sturmschritt gegeneinander vorrücken, heldenhaftes Ringen, gräßliches Hinmetzeln und was dergleichen unvergeßliche Scenen sind. Nirgends erblickte sein Auge Bilder, die an diese Kompositionen der Künstler auch nur entfernt erinnert hätten. In weiter Ferne, durch dichten Rauch halb verhüllt, sah er kleine schwarze Punkte sich emsig hin und her bewegen: es sah etwa aus wie ein in der Arbeit begriffener Bienenschwarm. Er unterschied jetzt deutlich, daß sie eine Straße, die sich wie ein gelbes Band am Abhang des Hügels hinzog, erkletterten: von Zeit zu Zeit gingen sie rückwärts, dann wieder rascher bergauf. Was sie eigentlich thaten, davon konnte der Doktor sich keine klare Vorstellung machen. Es war dies der berühmte Angriff der Zuaven auf Champigny. Diese kühne, ausdauernde Truppe versuchte den Sturm auf die krenelierten Mauern unter einem Kugelregen, der sie zurückwarf und hinwegfegte wie ein Wirbelwind das welke Laub. Eine Viertelstunde darauf waren die Reihen wieder geschlossen und von neuem begann der todbringende Aufstieg. Das war das Hinundherrennen, welches Rameau sich nicht erklären konnte. Er sah die weißen Rauchflocken vorwärts, dann plötzlich wieder rückwärts ziehen, und das Bild der Schlacht faßte sich für ihn in die Bewegung zweier Rauchsäulen zusammen. Und dabei mußte sie blutig und schreckensvoll genug sein, denn unaufhörlich rasselten die Munitionswagen der Artillerie gegen die Marne hinunter und im Thal sah man große Gruppen sich aus dem Getümmel ablösen, und Verwundete in ungeheurer Zahl wurden beiseite geschafft. Ein gewaltiges Getöse, in dem der ununterbrochene Donner der Kanonen und das scharfe Knattern des Gewehrfeuers zusammenschmolzen, stieg von allen Punkten der Ebene auf, in welcher Hundertfünfzigtausend Menschen gegeneinander losschlugen, ohne daß man hätte unterscheiden können, was eigentlich vor sich ging. Eine Hand, die sich plötzlich auf seine Schulter legte, schreckte Rameau aus seinem aufmerksamen Beobachten auf, und sich umwendend, sah er in Talvannes blasse, verstörte Züge. »Ich suche dich,« sagte der Irrenarzt hastig. »Wie erregt du bist! ... Was ist denn vorgefallen?« fragte Rameau besorgt, indem er dem Freund fest ins Auge sah. Talvanne, der so stürmisch herbeigeeilt war und offenbar große Eile gehabt hatte, sich mitzuteilen, hielt jetzt an sich und schwieg, als ob er in diesem Augenblick entdeckt hätte, daß ein Abgrund sich unter ihm aufthue. »Du bist ja ganz außer dir! ... Was geht vor sich?« fragte Rameau, dessen Erregung in demselben Maß zunahm, als der Freund sich abkühlte. Mit sichtlicher Ueberwindung und verlegener Miene preßte Talvanne schließlich die Worte heraus: »Du mußt kommen. ... Die Ambulanzen sind überfüllt. ... Man wird die Verwundeten auf die kleinen Marnedampfer bringen müssen, um sie zu Wasser nach Paris zu schaffen ...« »Das konntest du doch alles an meiner Stelle anordnen ...« »Deine Gegenwart ist aber dringend nötig,« fiel ihm Talvanne ins Wort und in förmlich barschem Ton wiederholte er: »Du mußt kommen!« »So!« sagte Rameau mit einer dumpfen Angstempfindung, indem er sich ohne weiteres Hin- und Herreden dem Dorfe zu in Bewegung setzte. Nach ein paar hundert Schritten warf er einen prüfenden, durchdringenden Blick auf den Freund und sagte mit ganz veränderter Stimme: »Es muß sich irgend etwas Besondres ereignet haben! Du willst es mir nicht sagen, und gerade das erschreckt mich.... Deine Schonung wird mir zur Qual. ... Heraus damit, was ist's?« Talvanne zuckte die Achseln und begann dann stotternd, als ob er nach Atem ringen müsse: »Nun denn! Man hat uns viele Deutsche hereingebracht, Schwerverwundete ... und unter diesen ...« Rameaus Züge verzerrten sich, er war totenblaß geworden. »Münzel?« rief er und packte den Freund am Arm. Talvanne erwiderte nichts; er nickte nur schweigend mit dem Kopf. »Ist er tot?« »Nein, er lebt, aber die Verletzung ist sehr schwer ...« Rameau hörte nichts mehr; er lief nach der Ambulanz. Im nächsten Augenblick war er dort, und atemlos, ohne auf etwas andres Rücksicht zu nehmen, stürzte er sich in den dichten Menschenknäuel, stieß Aerzte und Krankenträger unsanft beiseite und drängte sich nach dem Hof durch, wo die Verwundeten, die im Haus kein Unterkommen mehr hatten finden können, auf Strohmatratzen nebeneinander lagen. »Wo hat man ihn hingelegt?« rief er, als ob alle, die ihn staunend umstanden, wissen müßten, um wen er zitterte. Talvanne, der ihm so rasch als möglich nachgeeilt war, trat jetzt auf ihn zu, nahm ihn beim Arm und führte ihn nach einem kleinen, von Kugeln durchlöcherten Häuschen, der einstigen Wohnung des Fabrikaufsehers. Er stieß die kaum noch in den Angeln haltende Thür auf und flüsterte: »Da drinnen!« Rameau machte einen Schritt vorwärts, blieb aber von Entsetzen gefesselt stehen: der Anblick, der sich ihm bot, war grauenerregend. In einem Raum von höchstens ein paar Metern im Quadrat lagen zehn Menschen mit zerfetzten Mänteln und blutigen Hemden, und aus jeder Brust erklang ein dumpfes Stöhnen, das in einen einzigen langgezogenen Wehlaut zusammenklang. Zwischen dem Stroh, das den Fußboden bedeckte, rieselte das Blut, und ein schwärzlicher schon halb geronnener Streifen sickerte langsam die Staffel herab. Es waren lauter Offiziere, die man hier unter der Aufsicht eines preußischen Gefreiten, dem die Kinnlade zerschmettert war, zusammengelegt hatte. Ihr Wächter saß auf einem Block zum Holzspalten, der, kein Mensch weiß wie, da hineingeraten war, und drückte die Hand auf seine klaffende, sternförmige Wunde. »Münzel?« herrschte ihn Rameau in befehlendem Ton an. Der Mann richtete den Kopf in die Höhe, stand auf, grüßte militärisch und stammelte mühsam, denn er konnte die Zähne nicht voneinander bringen, die Worte heraus: »Kenne ich nicht. Ist es der Hauptmann?« Einer der Verwundeten richtete sich halb auf und auf den Ellbogen gestützt bezeichnete er, ohne zu sprechen, dem Doktor eine Ecke des engen Raumes, in der mit einem Mantel bedeckt eine menschliche Gestalt ruhte. An Leib und Seele zitternd beugte sich Rameau nieder, hob die Decke ab und erkannte den Freund, der, das Haupt nach hinten hängend, mit geschlossenen Lidern und totenblaß vor ihm lag. Er sah sich prüfend um, erblickte Talvanne, der am Fußende der Pritsche stand, winkte ihm, näher zu treten, und befahl dem Gefreiten: »Da komm her. Nimm ihn an den Schultern und richte ihn auf.« Und da die Beleuchtung höchst ungenügend war, und er sich überdies in dem engen Raum mit dem entsetzlichen Geruch von Blut und nassem Stroh dem Ersticken nahe fühlte, stieß er mit der Faust ein Fenster ein, that einen tiefen Atemzug in der frischen Luft, die rasch hereinströmte, und ließ sich dann auf die Kniee nieder, um die Wunde eingehend zu untersuchen. Eine braune, schon ganz trockene Blutkruste war um einen der großen Risse in Münzels Hemd zu erblicken, etwa in der Höhe des Zwerchfells. Rameau schnitt die Leinwand auf, legte die Hüfte bloß und fand zu seinem Entsetzen unterhalb der Rippen in der Höhe der Darmbeingrube ein kleines blutendes Loch, eine durch die gefährliche Chassepotkugel hervorgebrachte Verletzung. Nirgends eine Spur eines zweiten Loches; das Blei war in der Wunde stecken geblieben. »Hilf mir,« sagte er in festem Ton zu Talvanne; mit der Ausübung seines Berufes hatte Rameau seine volle Kaltblütigkeit und Energie wiedergewonnen. Er breitete sein Etui auf dem Holzblock aus, nahm eine Sonde heraus und senkte sie mit sicherer Hand in die Wunde. Dieselbe war sehr tief, und der Blick des Arztes verdüsterte sich. Er legte das Instrument beiseite und bewaffnete sich mit dem elektrischen Kugelsucher, den er kühn in das klaffende Loch versenkte. Ein Schauer überlief den Körper des Verwundeten, und ein dumpfes Stöhnen kam von seinen Lippen. Ein leises Klingeln ward hörbar-, das Instrument war mit dem Geschoß in Berührung gekommen. »Gib mir die Kugelzange; ich werde sie gleich haben,« sagte Rameau zu Talvanne, ohne von Münzels Wimmern und Zucken Notiz zu nehmen. Mit der Gewandtheit, die seinen Ruhm begründete, führte er das Instrument ins Fleisch ein, und mühelos, als ob seine Fingerspitzen Augen hätten, zog er das flachgedrückte Blei hervor. »Sind Knochensplitter da?« fragte Talvanne. »Nein,« versetzte Rameau kurz. »Welchen Lauf hat die Kugel genommen?« »Sie hat die Leber gestreift und sich in der Nähe des Darmes festgesetzt.« Der Psychiater schüttelte den Kopf und stellte keine weiteren Fragen. Er konnte das Besorgniserregende des Falles voll ermessen und hielt Münzel für verloren. Der Doktor fuhr noch immer knieend in seiner Untersuchung fort und beobachtete den Verwundeten nun mit angstvollen Blicken; mit geschlossenen, aufgedunsenen Lidern lag er, mühsam atmend, da; bei der Berührung mit den Instrumenten hatte sein Leib schmerzlich gezuckt, und ein Schrei hatte sich seiner Brust entrungen, aber er war sich dessen nicht bewußt, nur der Körper hatte reagiert. Das Gehirn war völlig betäubt, ein dichter Nebel hüllte seine Gedanken ein. »Er kommt nicht zum Bewußtsein,« sagte Talvanne. »Es muß ein Bluterguß nach innen stattfinden; er ist am Ersticken und die Wunde kaum feucht.« »Ja, wir müssen ihm zu Ader lassen,« erklärte Rameau, »ohne das ist er noch in dieser Stunde unbedingt verloren ... wenn wir es hinausziehen können bis morgen – wer weiß?« Und mit dem Selbstvertrauen eines Mannes, der Wunder zu wirken gewöhnt ist, betrachtete er den Freund. Gehorsam wie ein Untergebener riß Talvanne sein Taschentuch in Streifen, unterband den Arm des Verwundeten und sagte, indem er Rameau die Lanzette bot: »Thue du es: dein Glück soll ihm zu gute kommen.« Ein rötlicher Tropfen erschien auf Münzels Haut, und langsam begann das Blut zu fließen. Es waren schon so viel blutige Lachen am Boden, daß keiner der Aerzte daran dachte, das hier entzogene in einem Gefäß aufzufangen; man ließ es einfach fließen und es verbreitete sich rasch über das Strohlager. Ein tiefes Aufseufzen ward hörbar; der Atem ging sichtlich leichter, die Lider bewegten sich und Franz schlug die Augen auf. Sein unsteter, halbverschleierter Blick glitt über die kahlen Mauern und die elenden Lagerstätten, auf denen seine Leidensgenossen ruhten; es huschte wie ein düsterer Schatten über seine Züge. Allmählich kehrten ihm Verständnis und Erinnerung zurück: er fing an sich klar zu machen, wie er hierher gekommen und weshalb er mit diesem stechenden Schmerz in den Eingeweiden hier lag. Ein frischer Luftzug strich belebend über seine Stirn, und undeutlich und verworren drang der Lärm der Kanonen an sein Ohr. Er versuchte sich aufzurichten, zwei hilfreiche Arme unterstützten ihn dabei; er blickte auf, und über ihn gebeugt, gerade wie damals, als er so krank gewesen, erkannte er Rameaus besorgte Züge. Er ward leichenbleich, sein Gesicht verzerrte sich noch mehr und ein heftiges Zittern befiel ihn. »Franz!« rief der Doktor, von Jammer und Rührung überwältigt. »Franz, mein armer Freund, mein teures Kind!« Bei diesem Ton, der aus dem innersten Herzen des Mannes kam, der ihn so ehrlich lieb gehabt, stieß der Verwundete einen tiefen Seufzer aus, zwei Thränen rannen ihm die Wangen herab, in seinen Augen malte sich namenlose Seelenangst, und die Hände stehend erhoben, flüsterte er mit schwacher Stimme: »Rameau! ... Gott hat also nicht gewollt, daß ich sterbe, ohne dich wiederzusehen!« »Sterben! Retten will ich dich!« sagte der große Arzt, indem er seine bebende Hand dem Freunde auf die Stirn legte: »Leben sollst du!« Ein bleiches Lächeln spielte um Münzels Lippen. »Jetzt, nachdem du mich geküßt hast, wäre es freilich schade,« hauchte er leise. Von neuem verlor er das Bewußtsein, und tiefblaue Flecken zeigten sich auf seinen Wangen. Erschrocken trat Rameau näher. »Er atmet!« sagte er zu Talvanne. »Jetzt gilt es, ihn zu dir zu befördern. Dort wird er am besten untergebracht sein.... Eine Tragbahre werden wir schwerlich zu unsrer Verfügung haben ... nehmen wir also meinen Wagen, wenn man Schritt fährt ...« Sie waren nicht mehr allein in dem kleinen Saale. Ein Militärarzt mit zwei Heilgehilfen untersuchten die Kranken, die der Wand entlang lagen; Verwünschungen, Hilferufe und Stöhnen erhoben sich aus allen Ecken, und das Knirschen der Instrumente verriet, welche Qualen die Unglücklichen zu erdulden hatten. Ein frisch abgesägter Arm war gleichgültig quer über die Thürschwelle geworfen worden, und mit hohlen Augen und eingefallenen Lippen starrte ein junger Offizier, der eben hereingebracht wurde, entsetzt auf den blutenden Stummel. Unaufhaltsam wurden neue Verwundete abgeliefert, bunt durcheinander: Franzosen und Deutsche, immer mehr füllte sich jeder Winkel und in gelben Omnibussen mit der Aufschrift »Madeleine–Bastille« wurden ganze Wagenladungen von armen Opfern, traurige Trümmer des Schlachtfelds, in der Richtung nach der Marne weggeführt. »Wir werden Ihnen Platz machen,« sagte Rameau zu dem Regimentsarzt. »Geben Sie mir zwei Mann, um diesen Verwundeten fortzuschaffen.« »Zwei Mann? Ja, verehrter Professor, wo soll ich denn die hernehmen? Unsre Träger legen heute selbst Verband an, wir sind vollständig überflutet. ... Aber, wollen Sie denn fort?« »Vorwärts, Talvanne,« befahl der Doktor, ohne sich mit einer Antwort auf die Frage des Kollegen aufzuhalten, »dann müssen wir beide dran!« Der eine faßte Münzel an den Beinen, der andre unter den Armen und so verließen sie mit ihm den dumpfen Raum und trugen ihn nach einem etwa hundert Schritt entfernten Gehölz, wo Rameaus Wagen unter dem Schütze der aufgehißten roten Kreuzesflagge hielt. Die beiden Männer betteten den immer noch Ohnmächtigen sorgsam in die Kissen des Wagens. »Setze dich zum Kutscher und rasch nach Vincennes!« befahl Rameau. »Bringe ihn dort gut unter und weiche nicht von ihm. Mein Platz ist hier. ... Es gibt zu viel Arbeit, als daß ich meinen Posten verlassen dürfte.« Er sah Talvanne warm in die Augen und drückte ihm kräftig die Hand. »Ich verlasse mich ganz auf dich. Du wirst alles Nötige vornehmen, und wenn ihm etwas zustößt, so laß es mich sofort wissen. ... Vor Abend komme ich hier keinesfalls los, aber die Pflicht geht vor ...« »Sei ganz ruhig,« sagte Talvanne. »Das Menschenmögliche soll geschehen, aber komm, sobald du kannst.« Der Wagen setzte sich in Bewegung und Rameau kehrte kopfschüttelnd und mit schwerem Herzen an seine gräßliche Arbeit zurück. Am Abend, nachdem die einbrechende Dunkelheit die kämpfenden Armeen getrennt hatte, schien wieder etwas mehr Klarheit und Ordnung im Dienst zu herrschen. Die französischen Truppen biwakierten auf den dem Feinde abgenommenen Höhen und ihre Wachtfeuer beleuchteten die Hügel, welche gestern noch der Belagerer inne gehabt. Ein eisiger Wind bog die hohen Pappeln am Ufer der Marne, und auf der hart gefrornen Landstraße rasselten die Munitionswagen mit dumpfem Dröhnen dahin. Eine große Truppenbewegung ward ausgeführt und man glaubte sich allgemein zu der Annahme berechtigt, daß der Ausfall, welcher für Frankreich so glücklich begonnen, am andern Tage zu einem weittragenden Siege führen werde. Sobald er die nun fast gänzlich geräumten Ambulanzen hatte verlassen können, machte sich Rameau in der Richtung nach Vincennes auf den Weg und schritt zu Fuß die Landstraße dahin, die durch Patrouillen, Munitionswagen unter starker Bedeckung und allerhand Transporte der Verwaltung nicht eben leicht zu begehen war. An der Brücke war es nötig, daß er sich zu erkennen gab, denn die Wache hatte Befehl, niemand durchzulassen. Ein Regiment der Mobilgarde, mit der die Generäle von altem Schrot und Korn stets ein Hühnchen zu pflücken hatten und die nichtsdestoweniger ihr Leben heute so wacker eingesetzt hatte wie jede andre Truppe, hatte sein Nachtlager im Schutz der Böschung, die sich zu beiden Seiten der Straße erhob, aufgeschlagen. Auf dem jenseitigen Flußufer waren von den Forts herübergekommene Marinesoldaten beschäftigt, zwei große Geschütze, die morgen die Anhöhe beschießen sollten, in Stellung zu bringen. Von einem Floß aus beobachteten einige Ingenieure mit gespannter Aufmerksamkeit das Steigen des Flusses, dessen rasch anwachsende Wassermasse für die bei Nogent geschlagenen Schiffsbrücken nicht ohne Gefahr war. Rameau war überarbeitet und erregt, der Frost schüttelte ihn und er fühlte sich fieberig. Hastig schritt er der Talvanneschen Heilanstalt zu und sah, nachdem er Joinville erreicht hatte, bald die Lichter des Gebäudes zwischen den entlaubten Bäumen des Gartens hindurchschimmern. Die Thore des Parkgitters waren weit geöffnet und sein Wagen stand ausgespannt im Hofe. Er eilte die Stufen der Terrasse hinauf, durchschritt die Vorhalle und trat, ohne anzuklopfen, in das Studierzimmer des Hausherrn. Eine dunkle Frauengestalt erhob sich bei seinem Eintritt hastig und Rameau erkannte Conchita. Sie blieb wortlos vor ihm stehen und war so erschüttert und verstört, daß er, der nur an Münzel dachte, in die angstvolle Frage ausbrach: »Komme ich zu spät?« »Nein,« erwiderte sie mit tonloser Stimme. »Ich war in der Ambulanz, als man ihn brachte. Er war ohnmächtig und ist jetzt eben erst zur Besinnung gekommen.« In dem Augenblicke erschien Talvanne auf der Schwelle. »Ach, da bist du ja endlich!« rief er. »Münzel hat schon zweimal nach dir gefragt.« Talvanne und die junge Frau wechselten einen raschen Blick, und ein bitteres Lächeln entstellte Conchitas Lippen, als sie ganz leise sagte: »Dich will er sehen ... niemand außer dir.« »Wo liegt er?« Die beiden Aerzte gingen hinaus; Frau Rameau blieb allein. Wenn ihr Mann noch einen Blick auf sie geworfen hätte, würde die Veränderung in ihren Zügen ihn furchtbar erschreckt haben, allein er hatte nur Gedanken für den Verwundeten. Am Ende eines Flurs machte der Irrenarzt eine Thür auf und bedeutete Rameau, einzutreten. »Da haben wir ihn hingelegt!« »In dein eignes Zimmer! Wie gut von dir, Talvanne,« sagte Rameau gerührt, indem er dem Freunde so warm und liebevoll die Hand drückte, daß dieser kaum seine Thränen zurückhalten konnte. Münzel lag auf dem Bette, dessen Vorhänge man weit zurückgeschlagen hatte, um der Luft freieren Durchzug zu schaffen; das Licht einer Lampe fiel hell auf seine wachsbleichen Züge. Er hatte die Augen offen, der Mund verzog sich zu einem mühsamen Lächeln und er fuhr unruhig mit dem Kopfe auf dem Kissen umher. »Rühre dich nicht vom Fleck!« rief Rameau, nach seinem Handgelenk greifend, das er eisig kalt fand. Der Puls war langsam und fadendünn. Rameau schlug das Betttuch zurück, zog das Hemd weg und untersuchte die Wunde, die er angeschwollen fand. Der Länge nach über den Leib bis zur Hüfte hin war eine harte, schmerzhafte Anschwellung in der Bildung begriffen. Rameau befestigte den Verband wieder und setzte sich mit gelassener Miene ans Bett; Münzel ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen und suchte die Gewißheit über Leben oder Tod ihm, den er in seinem Berufe als unfehlbar kannte, am Gesicht abzulesen. »Es steht alles gut,« sagte Rameau, »aber du mußt Schmerzen haben. Wir müssen sorgen, sie dir zu erleichtern.« Er stand auf und trat an Talvanne heran, der am Kamin stehen geblieben war. Ohne eine Miene zu verziehen, sagte er leise: »Er ist verloren.... Der Darm ist schwer verletzt, es kann keine zwölf Stunden mehr dauern... ich werde ihm Morphium geben ...« Talvanne senkte traurig das Haupt; Rameaus Ruhe hatte für ihn etwas Schaudererregendes. »Laß dir nichts anmerken. Er beobachtet uns,« fuhr er fort. »Ersparen wir ihm wenigstens seelische Leiden und die Angst vor dem Sterben. Besorge mir alles, was ich brauche ...« Talvanne ging hinaus, erteilte einem seiner Assistenten die nötigen Anweisungen und trat dann in sein Arbeitszimmer, um Conchita aufzusuchen. »Nun?« fragte sie, hastig in die Höhe fahrend, indem sie dem Freunde ihres Gatten mit glühenden Blicken ins Gesicht sah. »Wie steht es? Verheimlichen Sie mir nichts! Ich beschwöre Sie!« »Rameau hat keine Hoffnung mehr.« Entsetzt rang Conchita die Hände. Ohne ein Wort zu sprechen, standen Talvanne und sie sich regungslos, völlig vernichtet gegenüber, als ob in diesem Augenblicke jegliche Zukunftshoffnung in Trümmer ginge. Die junge Frau faßte sich zuerst, und unbesorgt darum, daß man sie höre, ganz ihrem Schmerz hingegeben, rief sie in herzzerreißendem Tone: »Ich will ihn sehen! ... Er soll nicht sterben, ohne daß ich mit ihm gesprochen habe! ...« »Ihr Gatte ist bei ihm.« »Was liegt daran! ... Ich will zu ihm, ich muß ihn sehen!« »Sie vergessen jedes Gebot der Vernunft!« Er sah ihr fest ins Auge. »Ueberdies wissen Sie sehr wohl, daß er es abgelehnt hat, als ich ihn fragte, ob ich Sie zu ihm lassen solle...« »Da wußte er noch nicht, daß er sterben muß.« »Das weiß er auch jetzt nicht und er wird es nicht erfahren. Rameau will, daß er ohne körperlichen Schmerz und ohne seelisches Leiden vom Leben scheide. ... Er wird mit der Ueberzeugung, daß es ein Erwachen für ihn gibt, einschlafen.« »Und das Heil seiner Seele?« rief die junge Frau mit maßloser Heftigkeit. »Ohne eine Tröstung ... ohne ein Wort der Hoffnung ... ohne einen Priester? Ihm dies Ende zu bereiten, ist natürlich meines Mannes Absicht? ... Mag er für seine Person Atheist sein, über des andern Gewissen hat er nicht zu verfügen! Was er da beabsichtigt, ist ein himmelschreiendes Unrecht! Wer gibt ihm die Berechtigung, den Unglücklichen der ewigen Verdammnis anheimzugeben? Ich dulde das nicht! Nein, nein und abermals nein! Das darf nicht geschehen!« »Sagen Sie das ihm selbst,« erwiderte Talvanne ernst. Mit einem Ausdruck finsterer, unbarmherziger Entschlossenheit rief sie: »Das werde ich auch!« »Hüten Sie sich wohl!« »Glauben Sie, daß irgend etwas mich davon abhalten könnte?« Schon war sie zum Zimmer hinausgestürzt; voll Angst vor dem Kampf, der sich unfehlbar entspinnen mußte, eilte Talvanne ihr nach. Das Zimmer, in dem der Verwundete seine Qualen litt, hatte den Eingang durch ein kleines Wohngemach. Dort hielt sie atemlos inne und blieb wartend vor der Thür in den inneren Raum stehen. Man hörte Rameau in demselben hin und her gehen und vernahm leises Geräusch. Ein Zittern der Ungeduld überlief die junge Frau. »Was gibt er ihm wohl?« flüsterte sie. »Er will wohl seine Vernunft betäuben, sein Gewissen einlullen. ... Ich muß ihn sprechen. ... Es muß sein!« Schon hatte sie die Hand auf die Klinke gelegt, als die Thür von innen geöffnet ward und Rameau heraustrat. Leise glitt Talvanne an ihm vorüber und setzte sich an seiner Stelle ans Krankenbett; die Gatten waren allein. »Wie steht es?« fragte sie. Die Augen voll Thränen schüttelte Rameau schmerzlich den Kopf und erwiderte mit einer gewissen Feierlichkeit: »Er wird schlafen.« »Schlafen?« wiederholte Conchita. »Das heißt sterben?« »Ja, denn zu retten vermag ihn unsre Wissenschaft nicht.« »Und das ist diese Wissenschaft, mit der ihr euch brüstet!« rief sie bitter. »Nicht einmal zur Rettung eines teuren Wesens gibt sie euch das Mittel in die Hand! Und einem so wertlosen, so unfähigen, unbrauchbaren Ding habt ihr auf den Trümmern jedes frommen Glaubens Altäre errichtet! Sterben! Sterben! ... Den andern sterben lassen, das kann ein jeder! Leben erhalten kann Gott allein!« Rameau hörte ihr mit schmerzvollem Ausdruck zu; er erwiderte kein Wort. »Hast du deinem Freund gesagt, daß er Gottes Gnade anrufen soll?« fuhr sie fort, »Hast du ihm gesagt, daß sein Leben in Gefahr und daß es hohe Zeit ist, das Heil seiner Seele zu sichern? Hast du ihn gefragt, ob der Priester an sein Lager treten soll? Er ist ein Christ, er glaubt ... hast du das bedacht?« »Ja,« erwiderte Rameau fest und bestimmt. »Und was gedenkst du zu thun?« »Ich werde sein Leben friedlich erlöschen lassen.« »Das hat mir Talvanne gesagt. Wer gab dir das Recht, so zu handeln?« »Ich nehme es mir.« »Du gibst ihn der Verdammnis preis.« »Wenn Münzel vor einen Richter zu treten hat, so braucht er seine Strenge nicht zu fürchten – er ist ein guter Mensch gewesen; er kann ruhig scheiden.« »Was weißt du davon?« fragte Conchita hoch aufgerichtet und das Gedächtnis ihrer Schuld glühte aus ihren Blicken. Erstaunt sah ihr Gatte sie an, sie aber fuhr fort: »Hat er dir alles gestanden? Kennst du die Einzelheiten seiner letzten Lebensjahre? Deine Voraussetzungen sind sehr kühn – wie immer!« Er runzelte die Stirn und offenbar fing er an eine gewisse Unruhe zu empfinden. »Hat er solches Vertrauen zu dir gehabt, daß du erfahren hast, was er mir verbarg?« »Was er uns oder einem andern geoffenbart oder verheimlicht hat, davon handelt es sich nicht in dieser Stunde,« entgegnete sie entschlossen, »sondern einzig darum, was er in seinem letzten Augenblicke Gott zu vertrauen haben könnte. Ich weiß es wohl, daß für dich, den hohen, freien Geist, all unsre Bräuche lächerlich sind, aber für uns Katholiken sind sie heilig und wichtig. Stoße du, wenn deine Vermessenheit bis zum letzten Atemzuge vorhält, für deine Person den Trost der Kirche von dir, aber beraube nicht kraft deiner ärztlichen Macht deinen Nebenmenschen alles dessen, was ihm sein Ende versüßen, ihm den Durchgang durch den Tod zum höheren Leben erleichtern und ihm die Aufnahme in die ewige Glückseligkeit sichern kann. Du bist nicht Herr über das Gewissen eines andern, du kannst deine Anschauungen nicht an Stelle der seinigen setzen, und wenn du eine derartige moralische Tyrannei ausübst, so begehst du ganz einfach ein Verbrechen!« »Gut! Ich nehme die Verantwortlichkeit dafür auf mich. Möge euer Gott – wenn ein solcher ist – mich strafen und den Freund schuldlos sprechen.« »Deine Gotteslästerungen schreien zum Himmel,« rief Conchita entsetzt. »Solche Reden wagst du jetzt, da der Tod dein Antlitz streift!« »Der Tod,« sprach Rameau mit tiefer Traurigkeit. »Ja, das ist's, was alle schreckt, selbst wetterfeste Herzen, und doch ist er es nicht, das all unsrem Elend ein Ende macht? Armer, geliebter Freund! Da liegst du und verbrennst an inneren Qualen und dein Leib zuckt in tödlichem Schmerz, und nun soll ich zu all dieser körperlichen Not noch die Seelenangst gesellen! Während du dich nur danach sehnst, daß diese Schmerzen nachlassen, soll ich sie verlängern bis zu deinem letzten Atemzug. Aber sei ruhig, das wird nicht geschehen. Du wirst einschlafen, du treuer Kamerad, und mit diesem Schlaf wird die Ruhe für dich beginnen. Dein Leiden erbarmt mich, und statt es in die Länge zu ziehen, werde ich es in Verzückung enden lassen. Was das Jenseits dir vorbehält, ich weiß es nicht, aber ich will dir die letzten Stunden hienieden leicht machen und will in deinem brechenden Blick nicht die Angst vor jenem großen, dunkeln, unbekannten Etwas lesen, du wirst einschlummern, und wenn es aus diesem Schlaf ein Erwachen gibt, so wirst du dann erkennen, wie sehr ich dich geliebt!« Wie verklärt stand Rameau vor Conchita. Die Wahrheit und Wärme seiner Freundschaft leuchtete aus seinen Zügen und der Strahl eines wahrhaft göttlichen Glaubens schimmerte in seinem Blick. Er war fähig, jede Qual zu ertragen, jedes Urteil über sich ergehen zu lassen, dem Manne zuliebe, der da drin mit dem Tode rang; sein Gefühl für ihn verlieh ihm eine sittliche Kraft, vor der sich jede andre Gewalt beugen müßte. Die unumstößliche Gewißheit, daß er das Gute wolle, beseelte ihn, und mit dieser Ueberzeugung konnte ein Mann wie er alles beherrschen. Er that einen Schritt nach dem Krankenzimmer, da warf sich Conchita ihm in den Weg. War er entschlossen, so war sie verzweifelt und über alles Maß hinaus erregt, und ihrer beider Anschauungen mußten bis zum letzten Augenblick sich befehden. Sie fühlte, daß er sich ihrem Einfluß entziehen wollte und daß sie das Spiel verloren hatte. Eine düstere Glut brannte in ihren Augen und drohend, fürchterlich faßte sie den Arm ihres Gatten. »Höre mich an,« flüsterte sie. »Was jetzt zwischen mir und dir vorgeht, ist ernster, als du vermutest. Es handelt sich nicht um den Wahn einer Frau, die sich von ihrer gesteigerten Frömmigkeit hinreißen läßt. Es darf nicht geschehen, verstehe mich wohl, es darf nicht geschehen, daß dieser, dessen Seele Gott fordert, ohne –« »Wessen ist er schuldig? Weißt du das?« »Ja, ich weiß es!« »Wie kommst du dazu?« »Das gehört nicht hierher – genug, ich weiß es!« »Dann vertraue es mir an!« »Dir?« stieß sie erschrocken hervor. »Ja. Ich will dann in meinem Gewissen erwägen, ob die Sünde groß genug ist, um die furchtbare Züchtigung der Todesangst, zu der du den Unglücklichen verdammst, zu verdienen. Ist dem so, so soll dir Genugthuung werden – mein Wort darauf. Jetzt sprich!« Conchitas Lippen bewegten sich zitternd. Der Entscheidung gegenübergestellt, entweder ihre eigne Ruhe zu sichern, oder Münzels Seele zu retten, war sie auf dem Punkt, ihrem Gatten alles zu gestehen. Eine tödliche Blässe entfärbte ihre Wangen, ihre Augen flackerten unstät, als ob eine Ohnmacht sich vorbereite. Was sie vor sich sah, war nicht mehr ihre wirkliche Umgebung: sie blickte in finstere Dunkelheit, durch die von Zeit zu Zeit leuchtende Flammen züngelten – sie wähnte, die Hölle vor sich zu sehen. Entsetzliche Jammerrufe und dann wieder die dumpfen Klänge des Dies irae surrten vor ihren Ohren; ganz deutlich hörte sie die Stimmen höllischer Dämonen, die ihr zuriefen: »Sprich nicht! Du stürzest dich ins Verderben!« Und dann erklangen himmlische Chore aus lichter Höhe, die dem Geschrei der Bösen zu antworten schienen, und ihr Lied lautete: »Bring dein Selbst zum Opfer! Sühne seine That, büße für ihn, auf daß er der Sünde ledig!« Dem Wahnsinn nahe, ganz in ihrer Vision verloren und davon hingerissen, flüsterte sie: »Nun denn, wenn du selbst es forderst, so sei es!« Aber der Trieb der Selbsterhaltung lebte wieder auf; ein Grauen vor dem Geständnis gebot ihr Einhalt. Sie schlug die Augen auf, sah, daß sie mit ihrem Gatten, der sie unverwandt ansah, allein war, erbebte und faßte sich. »Bist du ein Priester, daß du mir die Beichte abnehmen willst?« sprach ihr bleicher Mund. Ein wehmütiges Lächeln flog über Rameaus Züge. »Ich brauche keine Beichte, weil du mir nichts mitzuteilen hast, armes, thörichtes Kind! Gib es auf, dich gegen mich aufzulehnen, und quäle dich nicht länger in dieser furchtbaren Weise. Dein religiöses Empfinden ist allzustark erregt und die herbe Not, die auf uns allen lastet, hat deine Nerven erschüttert. Ich verstehe das vollkommen und bemitleide dich, ohne dir den leisesten Vorwurf zu machen. Beruhige dich, fasse dich und laß mich ungestört meine schmerzliche Pflicht erfüllen!« Conchita gab keine Antwort. Ein krampfhaftes Auflachen tönte unheimlich durch die Stille. Sie erhob die Hand gen Himmel, als ob sie diesen zum Zeugen aufrufen wollte, und sprach: »Du willst also mein Flehen nicht erfüllen? Du weigerst mir diese Gnade?« »Ja! Denn ich bin der Menschlichkeit, in deren Namen ich handle, sicherer als der Gottheit, deren Rechte du vertrittst.« »Hüte dich wohl! Du verwundest mich da, wo meine Seele am empfindlichsten ist.« »Du wirst darüber nachdenken, wirst mich verstehen und mir vergeben.« »Nie und nimmermehr!« rief sie rasend. »Es sei!« versetzte er kalt. Ein dumpfer Schmerzenslaut drang aus dem Nebenzimmer. »Du entschuldigst mich wohl: mein Kranker bedarf meiner, und das geht allem vor.« Er machte die Thür auf und schritt unerbittlich und gelassen an der jungen Frau vorüber. Einen Augenblick starrte sie ihm wie gebannt nach, dann sank sie, völlig gebrochen, in die Kniee und flüsterte in brünstigem Flehen: »Mein Gott! Mein Herr und mein Gott! Allmächtiger! Erbarme dich sein und vergib mir!« Den Kopf zu Boden gesenkt, taub für alles, was um sie her vorging, blieb sie in dieser Stellung, ganz in ihr Gebet versenkt. Stunde um Stunde verrann, die Nacht brach herein, immer tiefer ward die Stille, und einsam und allein lag sie in tiefer Andacht an der Schwelle der Thür, die sie von dem Sterbenden trennte. Erst viel später kam ihr dunkel in Erinnerung, daß Rameau einen Augenblick herausgekommen war, sie gezwungen hatte, sich zu setzen, und ihr mit ernsten, bewegten Worten zugeredet hatte, sich zu fassen und zu beruhigen, und daß Talvanne lange bei ihr gewesen war, daß er aber kein Wort gesprochen, sondern ihre Sammlung ehrend, sie nur mit Besorgnis und Rührung angeblickt hatte. Ein Schleier lag auf allem, was nach dem entsetzlichen Wortwechsel zwischen ihr und dem Gatten sich ereignet hatte; wie ein qualvoller Traum, voll Jammer und Todesangst, lebte die furchtbare Nacht in ihrem Bewußtsein. Kraftlos, scheinbar leblos verbrachte sie die endlosen Stunden und ihre Lippen stammelten flehende Worte, indes die Erwartung ihre Seele in Spannung erhielt. Worauf wartete sie denn? Auf den unvermeidlichen Tod des Aermsten, der im Todesschweiß röchelnd sich auf seinem Lager wälzte? Welch jammervolles Knieen am Fuß dieses Kalvarienbergs! Welche Buße für ihre sündhaften Glücksstunden! Wenn ihr dann die geistige Klarheit und Denkkraft wiederkehrte, so gab es für sie keine noch so leise Regung des Zweifels. Angesichts dieses furchtbaren Geheimnisses, am Rand der schwarzen Gruft, in welcher der, den sie beweinte, versinken mußte, beschlich sie nicht eine Sekunde der Glaubensschwäche, die sie der Qual der Ungewißheit preisgegeben hatte. Aus ihren heutigen Gedanken und Erlebnissen schöpfte sie nur erhöhte Gewißheit; die Hoffnung, daß alle, die reuigen Herzens waren und die vor dem Tod ihre Sünde bekannten, sich in der Ewigkeit dereinst wiederfinden werden, ward ihr zur unumstößlichen Gewißheit. Diese Vorstellung aber nährte und steigerte ihren bittern Kummer darüber, daß der, den sie heute verlor, sein Leben aushauchen sollte, ohne in den Stand der Gnade zu treten, und mit der Gewalt ihrer Ueberzeugung wuchs das Maß ihrer Verzweiflung. Dann beugte sie das Haupt zur Erde und ganz leise, in aller Demut und Selbsterniedrigung, deren ihre Seele fähig war, rief sie die göttliche Barmherzigkeit an und rang mit heißem Flehen um die Vergebung für ihn, den Schuldigen. Gegen zwei Uhr morgens fühlte sie, wie eine Hand sich auf ihre Schulter legte, und aufblickend sah sie Talvanne bleich und ernst vor sich stehen. Ihre Augen richteten die große Frage an ihn und er neigte das Haupt in trauervollem Bejahen. »Es ist vorüber?« stammelte sie. »Es ist zu Ende.« »Schmerzlos?« »Vollkommen schmerzlos.« »Ohne eine Ahnung des Todes?« »Ohne eine Ahnung.« Sie zögerte, dann fragte sie leise: »Was war sein letztes Wort?« »Er ist aus seiner Betäubung erwacht und hat Ihren Mann, der ihm eine beruhigende Medizin beizubringen versuchte, angesehen. Ein sonniges Lächeln, als ob er sich ganz wunderbar wohl fühle, flog über sein Gesicht und er flüsterte leise und innig: »Ich danke dir!«« »Sein letztes Wort galt also ihm,« sagte sie mit großer Bitterkeit. Sie wandte sich nach dem Sterbezimmer und überschritt die Schwelle desselben, Rameau, der neben dem Bett gesessen hatte, stand auf und wies ihr mit der Hand den toten Freund, der mit geschlossenen Augen und schon so blaß und kalt, als ob all sein Blut durch die Wunde entströmt wäre, dalag. Er richtete kein Wort an die junge Frau, die er in ihrem Denken und Empfinden nicht stören wollte, und zog sich in das Nebenzimmer zurück, um sie ihr frommes Werk allein verrichten zu lassen. Sie kniete nieder und sprach die Totengebete, dann löste sie ein goldenes Kreuz, das sie immer trug, von ihrem Hals, legte die kalten Totenhände betend ineinander und drückte das heilige Symbol in die erstarrten Finger. Das schien ihr Trost gewährt zu haben, und ruhiger werdend, wandte sie sich nach Talvanne um: »Versprechen Sie mir, daß er so begraben wird.« »Ich verspreche es Ihnen.« »Haben Sie Dank.« Plötzlich ließ die furchtbare Anspannung ihrer Nerven nach, und auf den Arm des treusten Freundes gestützt, brach sie in schmerzliches Weinen aus. Kein Schluchzen, kein Schrei, kein Stöhnen kam über ihre Lippen, lautlos rannen die heißen Thränen über ihre Wangen und diese stille Verzweiflung war namenlos ergreifend. Nach wenigen Minuten gewann sie ihre Selbstbeherrschung wieder und trocknete die geröteten Lider. »Sie glauben, daß ich um ihn weine?« sagte sie rasch und zeigte mit der Hand auf den Toten, der mit dem Kreuz in den gefalteten Händen zu beten schien. »Da täuschen Sie sich. Ihm ist wohl; er hat jetzt Ruhe. Die Thränen, die ich vergieße, gelten mir selbst.« Und mit raschem Verständnis für den bestürzten Blick, den Talvanne auf sie heftete, fuhr sie fort: »Ich bin noch bei gesundem Verstand, haben Sie keine Angst, aber ich sehe in die Zukunft. Ich, die Christin, habe mich herbeigelassen, das Weib des Atheisten zu werden, und dafür kann die Strafe nicht ausbleiben. Sehen Sie doch selbst, wie alle, die diesem Mann nahe traten, hingemäht werden. Meine Mutter ist mir entrissen! Gedenken Sie dessen, was ich Ihnen an jenem Totenbett gesagt. Jetzt ist die Reihe an Münzel gekommen und die nächste, die scheiden muß, bin ich. Talvanne, die Luft, die den Gottlosen umweht, ist mit Gift geschwängert – fürchten Sie auch für sich selbst!« Wie eine Kassandra stand sie in ihrem schwarzen Gewand hochaufgerichtet vor dem Lager des Toten. Sie reckte den Arm aus und beschrieb mit der Hand einen weiten Bogen, als ob sie die Sichel des Todes schwänge. »Die nächste, die scheiden muß, bin ich!« Von neuem stürzten ihr die Thränen aus den Augen und ihre Blicke ruhten bang und flehend auf Talvanne. »Schwören Sie mir, daß Sie mein Kind nicht verlassen werden, wenn ich nicht mehr bin! Daß Sie Adrienne lieben und sie als Christin erziehen werden!« »Ihres Kindes Vater ist ein Ehrenmann,« versetzte Talvanne, »der Ihren Willen achten wird. Aber Sie werden am Leben bleiben, liebste Frau, und Ihre Hand wird uns die Augen zudrücken.« »Nein,« fuhr sie mit einer Beharrlichkeit, in der sich furchtbare Angst ausdrückte, fort, »Sie müssen mir den Eid leisten! Ich finde vorher keine Ruhe.« »Nun denn – zu Ihrer Beruhigung: ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß Ihr Begehr erfüllt werden soll.« Sie atmete erleichtert auf und kniete dann wieder bei der Leiche nieder, um ihre Gebete fortzusetzen. Ende des ersten Bandes.