Alfred Schirokauer Lassalle Ein Leben für Freiheit und Liebe Geschichtlicher Roman Protrait von Ferdinand Lassalle (1825 - 1864) I. Die marmorne Standuhr auf dem Kamin tickte laut und geschäftig in die Stille. Sacht knisterte der eilende Gänsekiel. Im gelben Schein der Moderateur-Lampe beugte sich der dunkle Kopf des Schreibenden über das Papier. Die blauen Augen sprühten, die feinen Nasenflügel bebten in Schaffensinbrunst. Plötzlich schleuderte er den Kiel auf die Tischplatte, griff die Zigarre vom Aschenbecher, stieß den großen, bequemen Arbeitssessel zurück, erhob sich, reckte den schlanken Körper zu seiner biegsamen Stattlichkeit auf und schritt mit gedankenkrauser Stirn durchs Zimmer. Er mußte die Szene noch einmal scharf durchdenken. Dieser Ulrich von Hutten sollte das Sprachrohr werden für sein geheimstes Planen und Sehnen, sollte all diesem einst nebelhaften, jetzt immer sonnenheller tagenden Ahnen Worte geben, das ihn bedrängte seit seinen jungen Tagen. Seit jener bitter-trotzigen Zeit, da er mit den Lehrern der Handelsschule zu Leipzig den täglichen Guerillakrieg geführt hatte. Langsam ging der Mann durch das geräumige Gemach. Plötzlich wandte er sich einem der Regale zu, die mit Büchern, Broschüren, kostbaren Folianten, altertümlichen Papyros überladen, an drei Wänden des Zimmers zur Decke emporstrebten. Diese wuchtige Bibliothek gab dem ganzen Raume das strenge Gepräge ernster Wissenschaftlichkeit. Er stöberte unter einem Pack wohlgeordneter loser Papiere und zog ein dickes Heft hervor. Der frühe Februarabend blickte mit dämmermüden Augen durch das Fenster. Der Mann trat zurück in den Lichtschein der Tischlampe. Stehend schaute er auf das Heft nieder. Ein leises, halb wehmütiges, halb ironisches Lächeln spielte um den schönen Mund. »Mein Tagebuch«, las er auf dem Einband, »Breslau 1840.« Er setzte sich wieder und blätterte in den schon an den Rändern leicht vergilbten Seiten. Der Rauch der Importen, in die sich die Zähne hart verbissen, stieg in zitternd blau-grauen Kringeln zur Höhe. Er wandte langsam suchend die Seiten. Da stand es. Das erste Bekennen des ahnungshaft aufdämmernden Lebenszieles. Als Fünfzehnjähriger hatte er mit sturmheißen Wangen diese Beichte hingestammelt. Oh, er erinnerte sich noch genau des heißen, gewitterbangen Sommertages oben in seiner kleinen Pensionsbude! – – »Mittwoch, den 26. August 1840. Es ist mir klar geworden, daß ich Schriftsteller werden will. Ja, ich will hintreten vor das deutsche Volk und vor alle Völker und mit glühenden Worten zum Kampf für die Freiheit auffordern. Ich will nicht erschrecken vor dem drohenden Augenzucken der Fürsten, ich will mich nicht bestechen lassen von Bändern und Titeln, um, ein zweiter Judas, die Sache der Freiheit zu verraten! – Nein, ich will nicht eher ruhen, als bis sie bleich werden vor Furcht. Von Paris aus, dem Lande der Freiheit, will ich wie Börne das Wort zu allen Völkern der Erde schicken, und alle Fürsten sollen zähneklappern und einsehen, ihre Zeit ist gekommen.« Mit fest zusammengekniffenen Lippen starrte der Mann nieder auf das Blatt. Das hatte er vor achtzehn Jahren geschrieben! Jung und keck und überschäumend! Und was hatte er bisher verwirklicht vom diesen Jünglingsphantastereien? Gewiß, ja doch! Er hatte im Sturmjahre 1848 nicht feig hinter dem Ofen gehockt. Er hatte seine Pflicht am Rheine getan. Und sein halbes Jahr Gefängnis dafür abgesessen. Ja, ja. Aber! – Oh, es sollte noch anders kommen – – ganz anders! – Er lehnte sich weit im Sessel zurück, blies den Rauch in dicken Schwaden zur hohen Decke und faltete grübelnd die Hände. Da fühlte er den Ring an der Rechten. Er hob ihn dem Lichte entgegen, daß die Inschrift hell aufglänzte in dem matten Golde. »J'attends mon temps« – »Je maintiendrai«, las er laut. Die Züge, edel und scharf geschnitten wie die einer antiken Bronzebüste, belebten sich, die blauen Augen brannten hell wie Sankt Elmsfeuer. »Ja,« sprach er vor sich hin, »ich erwarte meine Zeit, sie wird kommen.« Er schob das Heft zur Seite und griff wieder zum Kiel. Vorläufig galt es, in der Wissenschaft und in der Dichtung die Lava seiner Seelenglut ausströmen zu lassen. Einst kam die Zeit des Handelns. »J'attends mon temps!« Und mit seiner kleinen klaren Schrift schrieb er die Szene herunter. Jetzt hatte er sie vor Augen. Diese Jugendworte sollte Hutten, seine eigene poetische Verklärung, aus tiefstem Gemüte sprechen. Die marmorne Standuhr auf dem Kamin tickte wieder laut und geschäftig in die Stille. Emsig knisterte der eilende Gänsekiel auf dem Papier. »Da lag auf einmal meines Lebens Zweck Mir licht vor meiner Seele ausgebreitet. Hell ward, was Ahnung bis dahin gewesen. Ich wußte jetzt, wozu ich ward geboren, Wozu so hart gehämmert in des Unglücks Esse! Wie sich ins Meer die Woge tosend stürzt, Die Brandung von dem Ufer widerschlägt, So stürzte ich mich flammensprüh'nden Auges, Zitternd vor Leidenschaft, vor Wollust rasend, Kopfüber in den ungeheuren Streit, Des Zornes Axt – – –« Da pochte es leise an die Tür. Unwillig hob der Mann die hohe, prachtvoll gemeißelte Stirn. Sein Blick sprang hinüber zu der Uhr. Er konnte in der wachsenden Dunkelheit das Zifferblatt nicht mehr erkennen. »Herein,« rief er mit hoher dünner Stimme. Der Diener trat ein. »Was ist, Friedrich?« fragte der Mann barsch. »Es kann doch noch nicht vier sein.« Ein diskretes Lächeln spielte um des jungen Dieners bartlosen Mund. »Es ist noch nicht die Dame,« sagte er verstehend. »Ein Herr wünscht den Herrn Doktor zu sprechen.« Sofort klärte sich des Doktors Gesicht. »Zünden Sie den Lüster an,« gebot er und stand auf. Er kannte diese Besucher, die in letzter Zeit, seit dem Erscheinen seines großen philosophischen Werkes, ihm ihre Aufwartung machten, um ihm ihre Bewunderung auszusprechen. So war Boeckh, der Altmeister der Philologie, so war Professor Michelet, Professor Stahr, so waren alle Koryphäen der Berliner Universität bei ihm erschienen. Das Gas flammte in breiter fauchender Schmetterlingsflamme empor. Der Doktor warf einen schnellen Blick in den großen Spiegel über dem Kamin, zupfte die moderne samtene Weste über dem schlanken Leib straff und sagte: »Führen Sie den Herrn herein, Friedrich.« Der Diener ging. Rasch streifte des Doktors Auge die Bilder der Revolutionsmänner an der rechten Stubenwand, fast unbewußt warf er den Cäsarenkopf zurück in die Pose, die Danton auf seinem Konterfei wies – – da klangen die Schritte des neuen Bewunderers seiner Philosophie an der Tür. Herein trat ein kleiner feister Herr mit ergrauten Koteletten, dessen dürftiger Rock grell abstach von dem eleganten Redingote des Doktors. Der Kleine blieb dienernd an die Tür gebannt. Einen Augenblick verharrte der Doktor in seiner Danton-Pose, dann trat er eilig auf den Besucher zu. »Mit wem habe ich die Ehre?« fragte er, ein wenig enttäuscht, doch sehr liebenswürdig. Und sich vorstellend, fügte er hinzu: »Lassalle.« Der Gast dienerte abermals, hob dann beschwörend die behaarte Hand und beteuerte: »Oh, ich kenne Sie, Herr Doktor. Wer wird den berühmten Herrn Doktor Ferdinand Lassalle nicht kennen!« »Wollen Sie nicht näher treten,« lud Lassalle freundlich ein, ging voran zum Schreibtisch und schob dem Gast einen Sessel zu. Er selbst setzte sich wieder an das Schreibpult. »Ich bin so frei,« entschuldigte sich der kleine Dicke und setzte sich breitbeinig nieder. Den altersrauhen Zylinder stellte er neben sich auf die Erde. »Was führt Sie zu mir?« ermunterte Lassalle wieder. Der Besucher schnellte hastig auf die Kante des Sessels und hob emsig an: »Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich Sie am Sonntag störe. Ich komme aber in einer delikaten Angelegenheit, Herr Doktor. In einer höchst delikaten Angelegenheit. Was soll ich vor Ihnen Faxen machen? Vor einem gescheiten Manne, wie Sie sind, macht man keine Faxen. Ich werd' frei von der Leber reden. Mein Name ist übrigens Hirsch Mendelsohn.« Lassalle schwieg und spielte mit dem Federmesser. »Der Name wird Ihnen nicht angenehm sein, Herr Doktor,« fuhr Mendelsohn bedauernd fort, »wegen der Erinnerung an Ihren unglücklichen Freund Dr. Mendelsohn, der nebbich in der Kassettengeschichte zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist. Tut mir aufrichtig leid, Herr Doktor. Sie müssen mir meinen Namen schon nicht verübeln. Ich bin ein anständiger stiller Mann, Herr Doktor. Ich könnte Ihnen sagen, ich bin ein Verwandter vom Komponisten Mendelsohn. Sie würden's mir glauben. In fünfzig Jahren wird sowieso jeder Mendelsohn sagen, er stammt von Moses Mendelsohn ab. Sie können's mir glauben. Ich hab'n Blick in die Zukunft.« Lassalles helle Augen blitzten belustigt. »Und was führt Sie zu mir, Herr Mendelsohn?« fragte er in seiner liebenswürdigen Höflichkeit. »Ich habe mir schon erlaubt zu bemerken,« spann Herr Mendelsohn eifrig weiter, »daß ich komme in einer höchst delikaten Angelegenheit. Sie kennen doch den Großfabrikanten Anton Krafft?« Jäh ruckte des Doktors Oberkörper zurück gegen die Lehne des Stuhles, daß er ganz steif dasaß. Die Augen wurden kalt und hart, das mächtige bartlose Kinn versteinte. »Was ist mit ihm?« fragte er schroff. Auch der Kleine prallte vor dieser jähen Barschheit zurück. »Was is?« fragte er perplex. »Was sehen Sie mich so an! Haben Sie was gegen den Mann?« »Was haben Sie mir von Herrn Krafft zu bestellen?« fragte Lassalle rauh. Unwillkürlich flog sein Blick zu der Uhr hinüber. Besorgt folgte Herr Mendelsohn den blauen Augen. »Ich halt' Sie nur fünf Minuten auf, Herr Doktor,« beschwichtigte er. »Ich weiß, die Minuten eines so gelehrten Mannes sind kostbar. Also, kurz und gut, was sollen die Umschweife? Sie kennen, doch Fräulein Marie?« Lassalles Gesicht wurde noch abweisender. »Allerdings«, sagte er kurz. »Sie haben sie durch ihren Klavierlehrer Herrn von Bülow kennen gelernt und sie bei Dunckers da vis-à-vis –« – Mendelsohn zeigte auf das Fenster – »getroffen und Sie sind in der Villa bei Herrn Krafft in der Bendlerstraße eingeladen gewesen. Sie sehen, Herr Doktor, ich bin informiert. Vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren.« Lassalle schwieg starr. »Die Sache ist nun die,« belehrte Herr Mendelsohn nach einer spärlichen Pause, »Herr Krafft möchte die Tochter verheiraten, und da – –« offenen Mundes hielt er inne. Eine überraschende Verwandlung war mit dem Doktor geschehen. Die abwehrende Gespanntheit war aus dem Gesichte gewichen, ein erlöstes Lächeln spielte in den tiefen Augenwinkeln. »Wie denn?« machte Herr Mendelsohn wirr. »Nichts, nichts,« hob Lassalle die Hand, »sprechen Sie nur weiter.« »Sie sind wohl gar schon accord mit der Dame?« forschte der Kleine besorgt. »Durchaus nicht,« tröstete Lassalle, »berichten Sie nur weiter.« Herr Mendelsohn schüttelte ganz sacht den kahlen Schädel und dachte: »er ist wirklich 'n komischer Mensch, dieser Lassalle. Die Leute haben ganz recht.« Und hoffnungsfreudig sprach er weiter: »Also wie ich Ihnen sage, Herr Doktor, Herr Krafft will die Tochter verheiraten. Sie wissen ja, sie ist das einzige Kind. Und das Malheur mit der Mutter – nu – was sollen wir erst davon reden? Am besten, man spricht nicht davon. Der Mann sagt sich mit Recht: wie lange kann ich's noch machen? Dann steht die große Fabrik verwaist da. Er will die Marie also verheiraten, denn er will'n Schwiegersohn haben, der die Fabrik übernehmen kann. Sie verstehen doch?« »Ich verstehe!« »Da hat er nu gestern zu mir gesagt – ich bin nämlich ein guter Freund vom Hause –« »Sie sind ein guter Freund vom Hause?« zweifelte Lassalle freundlich. »Nu, ›guter Freund‹ is vielleicht ein bißchen viel gesagt,« stellte Herr Mendelsohn richtig. »Ich komme oft ins Haus.' Ich handle nämlich mit Wein und Likör. Früher habe ich ein Geschäft gehabt, aber bei den ewig unruhigen Zeiten! Erst 48, dann die Reaktion! Sie wissen ja, Herr Doktor, wie das so geht. Man hat Pech. Nun hab' ich nur noch Privatkunden, feine Leute! Sie verstehen!« »Ich verstehe.« »Nu war ich gestern bei Herrn Krafft. 'n feines sechsundvierziger Rheinweinchen hab' ich ihm gebracht! Wie wär's, Herr Doktor, wenn Sie auch mal ein Probekistchen nähmen?« »Danke, Herr Mendelsohn, ich bin vorläufig versehen. Meine Zeit drängt. Ich gebe heute abend ein kleines Souper, und vorher –« »So – so – wieder ein kleines Souper! Die Soupers des Herrn Doktor Lassalle sind ja in ganz Berlin berühmt. Man weiß, daß sozusagen die geistige Elite Berlins hier zu Gast kommt. Dann brauchen Sie doch aber viel Wein, Herr Doktor.« »Vielleicht später, Herr Mendelsohn.« »Ich werde mir erlauben, später wieder einmal anzufragen.« »Meinetwegen. Kommen Sie aber nun zu Ende. Ich habe wirklich nicht mehr viel Zeit.« »Ich halt' Sie nur noch fünf Minuten auf, Herr Doktor. Ich weiß, Ihre Zeit ist kostbar.« »Sagen Sie nun endlich, Herr Mendelsohn, was geht es mich an, ob Herr Krafft seine Tochter verheiraten will oder nicht.« Da zwinkerte der kleine Herr vertraulich: »Brauch' ich das 'nem so gescheiten Manne erst zu sagen!« »Die Notwendigkeit erfordert es,« bedauerte Lassalle. »Tun Sie nich so, Herr Doktor! Sie haben längst alles erraten.« »Ich versichere Sie, Herr Mendelsohn – –« »Nu, Sie wollen, ich soll's sagen. – Auch gut. Also, wie ich gestern mit Herrn Krafft spreche, sagt er plötzlich: »Mein lieber Mendelsohn, Sie kommen doch viel in guten Häusern herum, wissen Sie nicht irgendwelchen jungen Mann für meine Marie?« »Vermitteln Sie Ehen?« fragte Lassalle plötzlich. Entrüstet hob Herr Mendelsohn die fleischigen Hände. »Wo werd' ich! Herr Doktor, nicht gewerbsmäßig! Niemals! Nur wenn sich gerade einmal die Gelegenheit bietet. Sie verstehen! –« »Ich verstehe.« Herr Mendelsohn lächelte billigend vor sich hin, als wolle er damit kundtun: »ein verständiger junger Mann, dieser Doktor Lassalle« und berichtete flugs weiter. »Ich sag: warum nicht, Herr Krafft? und nenn' eine Menge Namen, Christen natürlich. Denn wer kann denken, daß Anton Krafft einen Juden zum Nachfolger in seiner Fabrik will. Da sagt er: »›Kommen Sie auch zu Herrn Dr. Lassalle?‹ Nu, ich hab' ja gesagt, denn warum soll ich nicht zu Ihnen kommen?« Er blinzelte vergnügt. Lassalle lachte herzhaft. »Und da sagte er: der Mann gefällt mir. Der weiß, was er will! Den möchte ich in der Fabrik haben.« »Das hat er gesagt?« fragte Lassalle geschmeichelt. »Ich will'n Schnorrer sein, Herr Doktor, wenn er nicht die Worte gebraucht hat,« beteuerte Herr Mendelsohn und pflasterte breit die Hand auf den Busen. »›Sie können ja mal ganz vorsichtig horchen, Herr Mendelsohn‹, hat er noch gesagt. ›Ich selbst möchte mir kein Refus holen‹. Nu, da bin ich hergekommen!–« Lassalle schwieg einige Augenblicke. Dann lächelte er seltsam geheimnisvoll und sagte: »Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Mendelsohn, sich herzubemühen. Ich kann dem ehrenvollen Anerbieten des Herrn Krafft aber leider nicht entsprechen.« Herr Mendelsohn fiel in den Polstersessel zurück. »Sie werden doch nicht!« hob er die Arme. »Sie werden doch nicht von sich weisen, die Fabrik Anton Krafft zu heiraten! Neben Borsig und Egels die größte Berliner Eisengießerei. Herr Doktor! Bedenken Sie doch nur, was das Grundstück in der Lietzower Wegstraße Heute Lützowstraße. allein wert ist! Sie haben ja keine Ahnung. In fünfzig Jahren, was sage ich, fünfzig – in vierzig Jahren kostet dort die Quadratrute 6000 Taler. Sie können mir's glauben. Ich hab'n Blick in die Zukunft.« »Ich glaube es Ihnen, Herr Mendelsohn, die Entwicklung Berlins drängt nach dem Westen.« »Na und?« schrie der kleine Dicke. »Sie wissen es. Und trotzdem wollen Sie – –!« »Trotzdem, Herr Mendelsohn. Ich kann nicht heiraten.« »Was heißt das? Sie können nicht heiraten? 'n Mann in Ihrer Position kann nicht heiraten! Ein anerkannter Gelehrter! Daß Sie früher allerhand Narrischkeiten getrieben haben mit der Gräfin Hatzfeld,« – er blickte flüchtig zu dem kleinen guten Gemälde an der Wand hinüber, das die Gräfin als junge schöne Frau darstellte – »und dem Kassettendiebstahl und 1848 – – das ist doch längst vergessen. Und Sie sehen ja auch, Ihr Herr Schwiegerpapa stößt sich nicht daran.« Da tönte draußen hell und durchdringend die Entreeglocke. Lassalle hob den Kopf. »Ich gehe sofort,« beeilte sich Herr Mendelsohn. »Sie sagen also ja!« »Nein,« versicherte der Doktor. »Gefällt Ihnen das Mädchen nicht?« »Fräulein Krafft gefällt mir sehr gut,« gestand Lassalle mit demselben geheimnisvollen Lächeln. »Na also. Oder stoßen Sie sich etwa an der Religion? Denken Sie an Herrn Varnhagen von Ense, der die Rahel geheiratet hat, und Herrn Professor Stahr, der die Lewald genommen hat, und ist Herr von Dönniges mit Fräulein Wolf etwa nicht glücklich geworden! Warum sollen Sie da nicht einmal umgekehrt Fräulein Krafft heiraten?« »Weil ich nicht kann.« »Was heißt das? Weil Sie nicht können! Stoßen Sie sich daran, daß Ihnen wegen der achtundvierziger Affaire der Aufenthalt in Berlin verboten wurde und nur widerruflich gestattet ist? Verlassen Sie sich auf mich, Herr Doktor, Sie werden nicht wieder ausgewiesen werden. Man weiß doch, wie Sie mit Herrn von Humboldt stehen. Nu, wenn Ihnen was zustößt, werden Sie eben 'n paar Worte mit Herrn von Humboldt reden, und Herr von Humboldt wird ein paar Worte mit dem Prinzen Wilhelm reden und kein Polizeipräsident von Berlin wird wagen, Ihnen 'n Härchen zu krümmen und wenn's Herr von Zedlitz-Neukirch ist. Also sagen Sie ja, und nehmen Sie die Millionen und das Mädchen.« Da stand Lassalle. »Meine Zeit ist nun wirklich erschöpft,« sagte er fest. »Ich danke Ihnen für Ihr liebenswürdiges Bemühen, Herr Mendelsohn. Ich kann aber wirklich nicht heiraten. Ich habe Pläne, die jede Ehe ausschließen.« Da erhob sich auch der bekümmerte kleine Mann. »Sie werden schon noch mal heiraten wollen,« weissagte er betrübt, »und dann wird's zu spät sein. Sie können mir's glauben. Ich hab' 'nen Blick in die Zukunft.« »Diesmal genügt der Blick in die Zukunft nicht,« scherzte Lassalle. »Sie müßten schon in den Himmel sehen können, denn dort werden die Ehen geschlossen.« Da rief Herr Mendelsohn nervös: »Gehen Sie, Herr Doktor, reden Sie nicht gelehrt. Man weiß, daß Sie ein geistreicher Mann sind. Mir ist aber nicht geistreich zumut, wo Sie mir das beste Geschäft verderben wollen, das ich hab' lange machen können. Kommen Sie, sein Sie kein Narr! Sagen Sie schon ja!« Er ergriff eindringlich des Doktors Hand. »Nein,« Lassalle zog sie zurück und zwang den Gast sacht zur Tür. »Ist das Ihr letztes Wort?« klagte Herr Mendelsohn. »Mein allerletztes.« »Nu,« meinte der kleine Feiste und stülpte im Entree den Zylinder auf den blanken Schädel, »dann werd' ich mir erlauben, morgen noch einmal vorzusprechen. II. Kaum hatte der Diener im Korridor Herrn Hirsch Mendelsohn in Empfang genommen, so eilte Lassalle in das Arbeitszimmer zurück und öffnete die kleine Tapetentür im Hintergrunde. Mitten im Salon unter der strahlenden Krone stand – – Marie Krafft. Sie hatte den Überwurf abgelegt und erwartete ihn mit weit gebreiteten Armen. Als er hereintrat, flog sie auf ihn zu, preßte die Hände um seinen Hinterkopf, schmiegte den schlanken Körper gegen seine Glieder und küßte wortlos seinen Mund, seine Augen, seine Stirn. Der Doktor streichelte sanft die Arme, die weiß und warm aus den kurzen Ärmeln der schwarzen Samtjacke hervorwuchsen. Endlich entketteten sich ihre Finger von seinem Kopfe, sie trat ein wenig von ihm zurück, sah zu ihm auf mit ihren wundergroßen goldbraunen Augen, in die das Licht des Lüsters weiße Diamanten sprühte, und flüsterte: »Du – du – ich habe mich nach dir gesehnt!« »Marie«, sagte er ganz weich, »wie bist du wieder schön heut abend. Nein, nein, bleib so stehen. Laß mich dein Sein einschlürfen!« Seine Nasenflügel flogen. Das Mädchen stand in ihrem schwarzen Kleide still vor ihm, bebend befangen in einem Glücksbann. Dann trat Lassalle an sie heran und fuhr mit der nervösen schönen Hand liebkosend durch das reiche, über der hohen klugen Stirn schlicht gescheitelte Haar, das sich an den Seiten dunkelblond aufbauschte. Um den schwellenden Haarknoten im Nacken schlang sich ein tiefrotes Samtband. »Komm,« sagte er, legte den Arm um ihre Hüften, fühlte durch den feinen Seidenstoff des Rockes die jungen strebenden Glieder und führte sie in das Arbeitszimmer. Hier fragte er plötzlich schelmisch: »Kennst du Herrn Hirsch Mendelsohn?« Erstaunt sah sie ihm ins Gesicht. »Mendelsohn? – Nein. Du meinst doch nicht den kleinen Alten, der mit Wein handelt?« »Doch – den meine ich. Der war eben bei mir.« Sie blickte ihn arglos an. »Ja und? Du sagst es so bedeutungsvoll, Ferdinand?« »Weißt du, weshalb er zu mir gekommen ist?« Er lächelte noch immer so eigen. »Nein, wie soll ich das wissen! Er wird dir eine Offerte gemacht haben.« »Hat er, Marie. Aber nun rat' einmal, worin?« »In Wein doch natürlich.« »Nein, mein Kind,« lachte er, und setzte sich rücklings auf die Ecke des großen einfachen Schreibtisches. »Keine Offerte in Wein, sondern in – Marie Krafft.« Sie starrte ihn. verdutzt an. Dann sagte sie scheu: »Du scherzest.« »Keineswegs, Marie. Er hat mir im Auftrage deines Vaters diese kleine feine Künstlerhand da angeboten.« Purpurn siedete das Blut in ihre zarten bleichen Wangen. Sie würgte nach Worten. Der Doktor zog die dunklen Brauen finster hoch. »Ah – so – du wußtest darum!« Er kniff scharf die lebhaften Mundwinkel ein. Da stand sie an seinen Knien. »Nein, nein«, flehte sie. Er sah ihr prüfend ins Gesicht. Sie empfand, daß sie aufklären müsse. Und die Hände flach auf seine Schenkel pressend, sprudelte sie hervor: »Ich begreife es. Gestern nachmittag war Frau Fanny Lewald bei uns. Man sprach über deinen Heraklit. Frau Lewald hatte ihn nicht gelesen, aber ihr Mann, Professor Stahr, hatte ihr davon erzählt. Sie sagte, sie wundere sich, daß du dir just diesen fernliegenden griechischen Philosophen zur Bearbeitung erkoren hättest. Da konnte ich mich nicht zurückhalten und bekannte, daß ich das sehr wohl begriffe. Und ich sagte heraus, was mir klar geworden ist, damals, als du mir dein Werk erläutertest. Daß Heraklit dir so verwandt sei in seiner Ethik mit ihrer Lobpreisung des Staates und der Aufopferung für das Allgemeine, in seinem Stolze, seiner Menschenverachtung und – vergib, Liebster –« sie lächelte begütigend – »seinem Selbstbewußtsein. Und daß es dich gerade gereizt haben müsse, die Philosophie eines Denkers aufzuklären, den schon seine eigene Zeit nicht verstanden und daher ›den Dunklen‹ genannt habe.« Lassalle nickte gönnerhaft. »Du bist ein sehr kluges Mädchen, kleine Maria.« Sie hastete weiter, weiter. Er sollte nicht einen Augenblick glauben, daß sie ihm hinterrücks Fallen stellte. »Ich hatte wohl etwas erregt gesprochen. Denn plötzlich spottete Frau Lewald: ›Schau, schau, flattert auch unsere liebe Marie um das magische Licht, das dieser Erleuchter des Dunklen in Berlin entzündet hat!‹ Ich wurde sehr verlegen. Und als sie gegangen war, fragte mich Papa geradeheraus, ob du mir nicht gleichgültig wärst. Ich sagte ehrlich: nein. Dann fragte er, ob ich meinte, daß ich dich lieben könnte. Da fühlte ich, wie ich eiskalt wurde, und in meiner Bestürzung sagte ich: vielleicht. Da lächelte Papa in sich hinein. Und dann kam das Mädchen und rief ihn hinaus. Herr Mendelsohn wünschte ihn zu sprechen.« »Ach – daher!« lachte Lassalle. »Ich konnte mir auch nicht recht denken, daß du dahinter steckst.« »Nein,« sagte sie beklommen, »ich weiß ja, daß du mich nicht heiraten wirst.« Das kam so weh, daß Lassalle peinlich betroffen an ihr vorbei von dem Schreibtisch glitt und im Zimmer auf und nieder marschierte. Sie stand mit dem Rücken gegen den Tisch, die Stirn gebeugt. Das Licht fiel hart nieder auf ihr Haupt, das Haar schimmerte im Scheitel ganz silberhell und hob sich scharf ab von dem glühroten Bande, das den Knoten im Nacken bändigte. Die großen goldenen Ohrreifen schaukelten leise hin und her. Er ging eine Weile stumm erbost auf und nieder. Endlich sagte er: »Nein, ich werde dich nicht heiraten, Marie. Dich nicht und keine andere. Mein Weg muß einsam bleiben. Ich habe es dir gesagt an dem Tage, an dem du zum ersten Male zu mir gekommen bist.« Sie schwieg und starrte auf den Teppich nieder. »Ich habe dir damals die Gefahr vorgestellt, in die du dich begibst.« »Ja, das hast du,« nickte sie. »Und ich habe dir erwidert, daß mir die Meinung der Leute über mich gleichgültig ist. Daß ich nur auf das Empfinden meines Vaters Rücksicht zu nehmen habe, und daß er seiner Tochter immer glauben wird, daß sie sich nichts vorzuwerfen hat, wenn sie dich auch in deiner Wohnung besucht.« »Ich bedauere lebhaft die Berechtigung seines Vertrauens,« scherzte er vorwurfsvoll. Sie kam zu ihm und legte ihm die Hand auf den Mund. »Sprich nicht wieder davon! Ist unsere Liebe unser nicht würdiger, wenn ich stolz vor dir stehen kann?« »Du solltest stolz darauf sein, ganz mein zu werden.« »Ich bin dein, Liebster, ganz, ganz dein. Doch zum Weibe soll mich nur der Mann machen, der vor aller Welt der Vater meines Kindes heißen will.« »Philisterlieschen,« spottete er. »Wir wollen nicht wieder davon reden,« lenkte sie bittend ab. »Du sagst, du kannst mich nicht zu deinem Weibe machen. Ich habe mich darein gefunden.« »Wirklich?« zweifelte er, ihre Hände streichelnd. »Mit bitterem Weh. Ich bekenne es ehrlich.« »Du weißt, ich kann nicht anders.« »Ja, ja,« sagte sie mit ihrer klangvollen Altstimme, die etwas körperlich Wohltuendes hatte. Sie hob den Kopf, der Hals wuchs rührend-rein aus dem weißen Spitzenkragen des schwarzen Jacketts, Tränen glitzerten in den großen warmen Augen, der Mund zuckte weh. »Ich denke und sinne nur immer wieder darüber. Du sagst, du liebst mich, und ich muß es nach alledem, wie du zu mir bist, wie du mich in deine Welt und in die Welt der alten Dichter eingeführt hast, auch glauben. Ich glaube es so gern. Und wenn ich bei dir bin, begreife ich alles, dann scheint es mir so unabänderlich. Aber zu Hause, des Nachts – wenn ich darüber grüble, dann verflattern deine triftigsten Gründe – ich sehe nichts – nichts –.« Sie schüttelte den blonden Kopf. Flehend, hilflos sah sie zu ihm hinüber. »Dann werde ich es dir noch einmal auseinandersetzen,« grollte er nervös. Er reckte seine hohe Gestalt, bohrte die Daumen in die Armlöcher der Weste und sprach eindringlich: »Marie, du weißt, daß ich ein Leben voll Kampf vor mir habe. Die da draußen, die über mein früheres Leben geheimnisvoll klatschen, und jene, die über meinen Heraklit jubeln, – was wissen die von meinen großen Plänen! Aber du, du weißt es. Dir habe ich es tausendmal gebeichtet. Ich bin nicht von jenen, die in den Niederungen bleiben. Ich will hinauf zu den Gipfeln der Menschheit. Ich werde hinaufklimmen Ich fühle es hier drinnen in der Brust, habe es in meinen Knabenträumen, in meinen Jünglingsstürmen gefühlt, fühle es heute als Mann stark und verheißend wie je. Weißt du das nicht, Marie?!« Er blieb dicht vor ihr stehen, legte die Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf dem Lichte zu. »Ich weiß es,« sagte sie leise, »und deshalb liebe ich dich.« »Wenn du das weißt,« sprach er weiter, »wirst du einsehen, daß das Leben eines solchen Mannes auf der Spitze eines Vulkans gebaut ist. Es wird ungeheure Kämpfe geben, wenn ich in die Arena hinabspringe. Meine Freiheit, mein Vermögen, mein Leben wird bedroht sein. Ein solcher Mann fesselt eines Weibes Schicksal nicht an sein ehernes Los.« »Ein Weib, das diesen Mann liebt,« sagte sie fest, »wird stolz und selig sein, bei ihm zu stehen in seinem Kampfe.« »Das sagst du heute,« schüttelte er den schwarzen Kopf, »so muß das Weib in dir heute sprechen. Der Verständige muß ich sein.« Sie schüttelte den Kopf, daß die Ohrringe leise aufklangen. »Wir wollen nicht disputieren,« entgegnete sie traurig. Dann setzte sie sich auf den Schreibtischsessel, stützte die nackten Ellenbogen auf die Tischplatte und grub die geballten Fäuste in die Schläfen. Sinnend saß sie so da. Das gelbe Licht der Moderateurlampe zeichnete ihre weichen Züge plötzlich ganz scharf ab. Um den Mund lag ein alter, kummervoller Zug. Lassalle ging erbittert auf und nieder. Die Uhr schlug. »Muß ich gehen?« fuhr Marie empor. »Nein,« gewährte er, »du kannst noch eine halbe Stunde bleiben. Dann habe ich noch immer Zeit genug für meine Toilette. Übrigens war Ludmilla Assing vorhin hier, mir mitzuteilen, daß ihr Onkel heute nicht kommen kann.« »Ist Herr Varnhagen von Ense krank?« fragte Marie teilnehmend. »Ein bißchen erkältet. Gott, der Mann ist kein Jüngling mehr. Er ist übrigens auch ganz begeistert von meinem Heraklit. Und weißt du, was Boeckh mir vor ein paar Tagen geschrieben hat: das Werk zeige die umfassendste Gelehrsamkeit, die genaueste philosophische Erwägung, es sei einzig in seiner Art. Ich habe den Brief an meinen Vater nach Breslau geschickt, damit der alte Mann seine Freude hat. Und Humboldt ist geradezu begeistert, kann ich dir sagen, und Stahr und Michelet. Alle. Ich bin mit einem Schlage unter die ersten Gelehrten Deutschlands, ja Europas gerückt.« Er warf den Kopf stolz und eitel zurück. Da sagte Marie gut und ernst: »Du bist ein Kind, Ferdinand.« Erstaunt fuhr er zu ihr herum. »Ein Kind! Wieso?« »Weil alle Genies im Grunde ihres Gemütes Kinder sind. Deshalb. Aber es hat bei dir noch seine schlimme Seite. Niemand wird es dir sagen, wenn nicht deine beste Freundin. Du schadest dir, Liebster, mit dieser –« sie suchte nach einem Worte und sagte endlich mutig – »kindischen Eitelkeit.« Eine flüchtige Röte strömte in sein scharfes bleiches Gesicht. Eine Weile war tiefe Stille in dem geräumigen Zimmer. Nur die Marmoruhr auf dem Kamin tickte dreist und beherrschend. Lassalle spielte mit dem Federmesser. Endlich sagte er, und mußte sich räuspern, denn die Stimme war rauh: »Ich weiß es.« »Bist du mir böse?« fragte sie innig. Er schüttelte den Kopf. »Nein, Marie. Ich weiß es ja selbst. Ich suche dagegen zu kämpfen, vergeblich. Meine Erziehung ist daran schuld und mein Lebensgang. Daheim im Elternhause hat man mich mit vierzehn Jahren als Erwachsenen behandelt. Ich habe das ganze Haus beherrscht, die schwierigsten Familienangelegenheiten autoritativ entschieden. Und dann später. Wie hat Heine mein Selbstbewußtsein gekitzelt, als ich ihn 1844 in Paris besuchte! Ich könnte dir Briefe von ihm zeigen! Ich wünschte, du könntest einmal den Brief sehen, den er mir damals als Empfehlungsschreiben an Varnhagen mitgegeben hat. Weißt du, wie der kranke Dichter mich prophetisch genannt hat? Damals als ich 19 Jahre alt war? ›Den Messias des neunzehnten Jahrhunderts.‹ Und du weißt, wie abweisend und skeptisch der gebrochene große Mann in seinen Krankheitsjahren war. Und dann –« er sprach heftig rasch und stieß auffallender als sonst mit der Zunge an – »völlig unter meinen Schutz hat er sich gestellt, wie ein Kind. Ich habe ihm die Rente von seiner Familie erkämpft. Ich. Der Neunzehnjährige. ›Die Antilope sucht Schutz bei dem jungen Löwen‹, sagte er oft mit wehem Lächeln um den armen gelähmten Mund. Und weiter, Kind! Mußte mich mein Erfolg in dem Streit der Gräfin Hatzfeld nicht eitel machen? Bettelarm, brotlos, gehetzt, ihrer Kinder beraubt, lernte ich sie 1846 in Berlin kennen. Und ich, der einundzwanzigjährige Student, der keine Waffe hatte als seinen Kopf, habe den Kampf für sie gegen den allmächtigen Grafen mit seinen ungeheuren Millionen und seiner ganzen übermütigen Partei aufgenommen, ich, den er, als ich ihn damals in der ersten Empörung forderte, einen ›dummen Judenjungen‹ gehöhnt hat. Na, der dumme Judenjunge hat ihm seine Dummheit bewiesen. Neun Jahre lang habe ich mit ihm gerungen, vor sechsunddreißig Gerichten habe ich mit ihm Prozesse geführt, ich, der am Anfang keine Ahnung von Jurisprudenz hatte, habe nach zwei Jahren mehr davon verstanden, als alle Rechtsanwälte zusammen. Und endlich habe ich ihn niedergetreten, ihn zu einer schimpflichen Unterwerfung auf die Knie gezwungen und der Gräfin die Scheidung und ein enormes Vermögen erkämpft. Und weiter, Marie, meine Verteidigungsreden in dem Kassettenprozeß und vor den Geschworenen im Mai 1849, als ich wegen meiner Revolutionstätigkeit am Rheine angeklagt war, haben sie nicht mit einem Schlage die Augen der ganzen Welt auf mich gelenkt! Und dann in Düsseldorf! Wie habe ich da den verfolgten Freiheitskämpfern mit Rat und Tat geholfen, ohne an meine und der Gräfin Sicherheit zu denken. Jeder, der der Gefangenschaft entsprang, jeder, der sonst fortgebracht werden sollte, wurde in mein Haus gebracht, dort mit größter Gefahr für mich und die Gräfin tagelang gehütet und mit Pferd und Wagen nach Holland gesandt. Und kaum hatte ich 1854 den Grafen niedergehetzt, da vollendete ich den Heraklit, den ich vor Eröffnung des Kampfes begonnen hatte, und Männer wie Boeckh und Humboldt umarmen mich als einen der Ihren. Darf ich da nicht stolz sein?« Er hatte sich in Eifer geredet und blickte sie herausfordernd an. Sie saß noch immer in der alten Stellung. Der weiße breite Spitzenkragen leuchtete hell auf dem schwarzen Samtjackett. Jetzt stützte sie die Arme auf das Pult, legte das feine ovale Kinn in die Hände, hob die großen Augen mit tausend knisternd sprühenden Lichtern darin zu ihm auf und sagte leise: »Ja, du darfst stolz sein auf alles, was deine zweiunddreißig Jahre erkämpft haben. Ich hielt es für meine Pflicht als deine Freundin, dich zu warnen, wegen der anderen. Ich liebe dich mit all deinen Eigenheiten und all deinen Fehlern. Vor mir brauchtest du dich nicht zu verteidigen. Ich weiß, du bist eine leidenschaftliche Flamme. Luzifer, der Lichtbringer, bist du. Prometheus, der sich gern selbst hell bestrahlt mit dem Feuer, das er der Menschheit bringt.« Und auf sprang sie, warf sich zu seinen Füßen nieder, umklammerte seine Knie und flüsterte leidenschaftlich bacchantisch, zu ihm empor: »Ich liebe dich, du brausende Flamme, die mein Leben versengt.« III. Es ging auf sieben, als Lassalle seine langwierige Toilette beendete. Er stand vor dem hohen Wandspiegel, in dessen Glas das ruhig stehende Licht zweier Kerzendolden sich brach, die aus vielarmigen Bronzeleuchtern zu beiden Flanken des Spiegelrahmens emporwuchsen. Der Doktor hatte soeben den neuen Frack angezogen und prüfte mit sachverständigen Augen den Sitz. Befriedigt strich er über den kleinen dunkelblonden Schnurrbart. Das feine schwarze Tuch des Rockes schloß sich schmiegsam seiner vornehmen Gestalt an. Er lächelte sacht, während er von der Konsole des Spiegels das seidene Taschentuch aufnahm, das Friedrich bereitgelegt hatte. Er sah sich in die zwingenden blauen Augen und dachte an die Antwort, die er vor einigen Tagen einer Dame gegeben, die ihn mit schmachtendem Liderschlag den geistreichsten und den schönsten Mann seiner Zeit genannt hatte. »Den Ruhm des ›Geistreichsten‹,« hatte er erwidert, »schlage ich nicht allzu hoch an, aber daß ich der schönste Mann meiner Zeit war, das soll man mir auf meinen Grabstein schreiben.« Was würde Marie gesagt haben, wenn sie diese Antwort gehört hätte! Sich nachsichtig belächelnd, schritt er zu dem marmorschimmernden Waschtisch hinüber, auf dessen Aufsatz eine wohlversorgte Batterie kristallener Flaschen und Fläschchen funkelte. Zögernd wählte er eines der Flakons und dachte trotzig: »Ist körperliche Schönheit nicht auch eine Gabe wie der Geist! Ist es keine frohe Schicksalsgüte, schon äußerlich so zu wirken, daß man in keinen lichter-strahlenden Salon eintreten kann, ohne alle Anwesenden zu verdunkeln und mit magnetischer Gewalt aller Augen zu bannen!« Und während er das diskret duftende Parfüm auf das Taschentuch stäubte, sann er: »Alle Genies waren schöne Menschen: Alexander, Napoleon, Goethe, der junge Friedrich – –« Vor dem Spiegel barg er das Tuch malerisch in den Ausschnitt der seidenen lila Weste. Und Friedrich, der just die Alltagskleider des Herrn in den Mahagonischrank einordnete, schmunzelte vor sich hin: »Er macht Toilette, als ginge er zum verliebtesten Rendezvous, dabei ist es nur ein Herrenabend.« Lassalles scharfen Augen war der flüchtige Spott nicht entgangen. Sein durchdringender Verstand faßte sofort die Ursache. Im Hinausgehen blieb er vor dem jungen Diener stehen und sagte lehrhaft: »Merken Sie sich, Friedrich, ein kultivierter Geschmack schmückt sich nicht für die andern, sondern für sich.« Damit verließ er das Schlafzimmer. Verdutzt blickte der Diener ihm nach. Der Doktor durchschritt das gemütliche kleine Wohnzimmer mit seinen schön geschwungenen rotplüschenen Polstermöbeln, dem hochlehnigen breiten Kanapee, den tiefen Sesseln, mit der Uhr im vergoldeten kunstvollen Rahmen, den Pastellbildern seiner Familie, und trat in den Salon. Er war ihm der Erinnerungstempel seiner Orientreise und eine kindlich stolze Genugtuung dadurch geworden, daß er in ganz Berlin nicht seinesgleichen hatte. Der Doktor betrachtete mit geheimnisvollem Lächeln diese orientalische Pracht. Welche drolligen Szenen würden heute diese hundertjährigen schwerglänzenden Gebetteppiche, diese kostbaren Fenstervorhänge, die niedrigen türkischen Divans mit ihren gestickten Seidendecken, all diese Etageren, Tische und Taburetts mit ihren kunstreichen Inkrustationen sehen! Und all dieser Krimskrams, der überall herumlag: Amuletts, Dolche, Bronzen, Schalen. Oh, das Berlin seiner Kreise erwartete nicht vergeblich stets irgendeine geistreiche oder burleske Überraschung von einem Lassalleschen Souper! Nun, Berlin würde zufrieden schmunzeln, wenn der heutige Herrenabend sich in allen Häusern der guten Gesellschaft herumsprach. Sorgfältig prüfte der Hausherr das Rauchzeug: die feinen Nargilehs mit ihren bunt-kristallenen Gefäßen, die langen türkischen Pfeifenrohre mit ihren kostbaren Bernsteinspitzen, den Ebenholzkasten mit dem narkotisch-duftenden Tabak. Befriedigt begab er sich in sein Arbeitszimmer. Es fehlten noch fünf Minuten zu sieben. Lassalle trat an das breite Fenster, das auf die Potsdamer Straße hinausging. Die übrigen Zimmer der Wohnung lagen nach der vor wenigen Jahren bei dem Bau des Hauses durchgebrochenen Eichhornstraße. Das Trottoir dort unten reckte die winterkahlen Äste seiner Bäume weißbepudert von frischem Schnee zu dem Manne am Fenster hinauf. Um die spärlichen Gaslaternen braute die Kälte blau und gelbrot. Der Fahrdamm war ganz vereinsamt. Auf dem Bürgersteig eilten Familien- und Freundesgruppen dahin, warm in mollige Pelze und flauschgefütterte Kapotten vermummt, dem Potsdamer Tore zu. Der Sonntag nachmittag hatte das Berliner Volk zu den zahlreichen Biergärten vor das Tor gelockt, in deren engen Zimmern man dicht und gemütlich beim Kaffee und Bier und Stadttratsch beisammen saß. Lassalles Augen wanderten über die Straße hinüber zur Villa des Verlegers Franz Duncker. Aus einem schmalen hohen Fenster leuchtete Licht gegen die feucht beschlagenen Scheiben. Das war das gemütliche Kabinett der Hausfrau, in welchem Lina Duncker ihre Vertrauten zu traulichem Geplauder und stillem gemeinsamen Genuß einer guten Lektüre empfing. Erst gestern nachmittag hatte Lassalle dort gesessen und der klugen feinen fixen Frau den »Rasenden Roland« gelesen. Lange blickte der Mann am Fenster hinüber zu dem Hause, das dalag still und geborgen, umfriedet von dem Weiß des Vorder- und Hintergartens. Und plötzlich keimte in ihm ein dunkles Gefühl der Feindschaft auf, eine dumpfe Ahnung der Gegnerschaft gegen dieses geruhigte selbstsichere Bürgerheim dort drüben mit seinem heiter-hellen Fenster. Der Mann horchte in sich hinein auf diese ahnungsvolle Stimme. Seine Züge strafften sich, unwillkürlich ballten sich die Hände. Er preßte die heiße Stirn gegen die kühlende Scheibe. Ja – ja, dachte er, wir werden sehen, wie Ihr alle dort drüben, Ihr guten Freunde, zu mir stehen werdet, wenn es in den Kampf um die Freiheit geht. Da setzte die Marmoruhr mit geschwätzigem Schlage ein. Zugleich schnellte draußen im Korridor emsig die Glocke an ihrer hastenden Feder. »Das ist Korff,« nickte Lassalle, raffte sich gewaltsam aus seinem grollenden Brüten und trat in die Mitte des Zimmers. Draußen rasselte hell ein Säbel, man hörte, wie er am Boden aufklirrte, als die Koppel gelöst wurde, und gleich darauf trat ein schöner schneidiger Prachtkerl in der blauen Uniform der zweiten Dragoner sporenklirrend ein. »Guten Abend, mein lieber Baron,« schüttelte der Hausherr ihm herzlich die Hand. »Immer militärisch pünktlich.« »Wenn Kleider Leute machen, so macht des Königs Kleid pünktliche Leute,« lachte der Rittmeister und zeigte eine Kolonne herrlicher Zähne unter dem blonden Schnurrbart. »Übrigens herzlichen Dank, lieber Doktor, für die freundliche Übersendung Ihres Heraklit und die famose Widmung.« Während die Herren sich setzten, fragte Lassalle eifrig: »Haben Sie hineingeguckt, lieber Baron?« »Hineingeguckt! Wort für Wort habe ich das Buch gelesen. Und meine helle Freude an Ihnen gehabt. Sie sind ein Mordskerl, Doktor. Diese Schärfe der Dialektik! Wie eine blitzende Toledanerklinge, geschmiedet freilich in der guten alten Berliner Hegelschmiede.« »Ja,« stimmte Lassalle bei, »ich bin stolz darauf, in der Geistesschmiede des alten Hegel Lehrbursche gewesen zu sein.« »Ihr oller Grieche gefällt mir.« Der Baron streckte forsch die langen Beine von sich. »Das ist ein Ganzer. Übrigens Ihr Urahne, Doktor. Einiges habe ich mir wörtlich gemerkt. Der eine Satz klingt wie in Ihrem Brutofen geschmort: ›alle Menschen sind unvernünftig, nur ich allein weiß, während alle anderen wie im Schlafe handeln‹.« »Nun – nun,« machte Lassalle. »Ganz so monopolsüchtig bin ich nicht. Wenn ich mein Selbstbewußtsein auch als mein Steckenpferd reite, bei der Gardekavallerie bleibe ich damit doch im Hintertreffen.« »Feine Parade,« lachte der junge Offizier, »Sie sind –« Da schnatterte die Glocke wieder. »Der Garde folgt die Linie,« scherzte Lassalle und ging dem schnurgeraden hochragenden alten Manne, der eben eintrat, zur Tür entgegen. Es war der Hofrat Dr. Friedrich Foerster. Ihm folgten auf dem Fuße der Dichter Scherenberg und Ernst Dohm, der Redakteur des Kladderadatsch. Als die Begrüßung beendet war und die Herren in den bequemen Polsterstühlen saßen, huschte noch der Maler Ludwig Pietsch herein. Der alte Hofrat streichelte mit der zärtlich gepflegten Hand sein schwungvoll frisiertes volles silbergraues Haar und seufzte: »Gottlob, bei Ihnen ist's warm. Draußen ist eine Hundekälte, trotz der heißen Begeisterung, die der überquellenden Volksseele entdampft.« »Waren Sie in der Stadt, Herr Hofrat?« fragte Ludwig Pietsch artig interessiert. Seine lebensfrohen Augen funkelten die aufpeitschende Frische des eisigen Wintertages. Doch um die Nasenwinkel, oberhalb des dichten Vollbartes, verrieten einige tiefschürfende Sorgenfalten den bitter verzweifelten Kampf, den der mittellose junge Maler um das karge tägliche Brot für seine schöne Frau und seine Kinder gekämpft hatte und noch rang. »Ja,« nickte der schöne Hofrat und wandte Pietsch die blauen Augen zu, »war Unter den Linden. Die Illumination brannte zur Probe, und die Volksbegeisterung desgleichen.« »Aber Hofrat!« mimte Lassalle Entrüstung, »nun habe ich mich den ganzen Nachmittag auf ein bißchen echte schwarz-weiß lackierte Begeisterung gefreut! Von Ihnen als königlichem Beamten können wir Steuerzahler offizielle Begeisterung geradezu fordern.« »Sonntags habe ich keinen Dienst,« belehrte mit altmodischer Zuvorkommenheit der Hofrat. »Nanu!« Korffs Sessel wippte ordentlich auf. »Ha,« lachte Lassalle und streckte die lebensvolle Hand ausgelassen von sich, »ein spannendes Farbenphänomen. Unserem Korff ›graut‹ vor der Schwärze dieser roten Gesinnung!« Und ehe der Baron beruhigende Versicherungen über die Couleur seines Seelenzustandes abgeben konnte, funkelten Dohms blitzende Brillengläser dazwischen: »Foerster hat doch unwiderleglich recht: Sonntag ist kein Dienstag.« Mit einer zierlichen Bewegung, die eigenartig fein zu dem liebevoll frisierten grauen Haare paßte, reichte der Hofrat dem Redakteur die kleine weiße Hand: »Der Kladderadatsch hat, wie immer, recht.« Stumm, fest in seinen abgetragenen schwarzen Gehrock gewickelt, saß während des Gesprächs der Dichter Scherenberg in seinem tiefen Sessel. Sein glattrasiertes knorriges Gesicht war unbewegt, die tiefliegenden grauen Augen unter der breiten edlen Stirn blickten nach innen, als sähen sie nicht die scherzende Herrengruppe ringsum. Der alternde berühmte Dichter von »Waterloo« und »Leuthen«, der Schilderer zahlloser glorreicher preußischer Schlachten, war kein Held im Wortscharmützel. Aber er kam gern in diesen skeptischen witzfunkelnden Kreis, er, den die Reaktion als ihren Dichter beschlagnahmte, zu dem berüchtigten Revolutionär von 48, angezogen von dem seltsamen Reiz, den des Hausherrn Wesen übte auf Freund und Feind. Als Pietsch jetzt den Dichter seinen Ruhm würdevoll in dem schäbigen alten Rocke bergen sah, öffnete er mutig die Knöpfe seines Kammgarn-Festkleides, dessen »glänzendes« Exterieur ihn ein wenig bedrückte, und dessen innere kunstvolle Mosaikarbeiten er sorgsam unter Verschluß gehalten hatte. – Ach, wie oft hatten Frau Pietschens kundige Hände das Futter in jenen Tagen geflickt, da sie anderes Futter manchmal tagelang kaum vor Augen bekam, damit er bei seinen Bittgängen um Arbeit honorig auftreten könne. – Pietsch öffnete den Rock und offerierte behaglich: »Lieber Lassalle, wenn Sie durchaus Begeisterung brauchen, stelle ich Ihnen die meine zur Verfügung. Ich bin begeistert. Nie war für mich wahrer das englische Wort: Zeit ist Geld. Diese Zeit des Jubels ist für mich bares Geld. Ich bin im Interesse des leeren Portemonnaies der deutschen Maler sehr für Ehebündnisse zwischen Preußen und England. Schade, daß wir nicht mehr Prinzen vorrätig haben. Na, vielleicht wird das mit der Zeit noch mal besser. Denn dann spitzt Frankreich plötzlich die Ohren. Und beauftragt einen armen Maler wie mich mit einer Kolossalzeichnung des morgigen Einzuges für die ›Illustration‹.« »Für Sie ist die Hochzeit des Prinzen Friedrich Wilhelm also eine goldene Hochzeit,« lachte Dohm, daß sein rundliches Bäuchlein wippte. Da sprach zierlich der Hofrat: »Verehrter Herr Pietsch, ich sehe, Sie betrachten diese eheliche Verbindung des Prinzen mit der Prinzessin Victoria als Realpolitiker. Ich auch. Und ich hoffe, daß durch den freiheitlichen englischen Einfluß die neue Ära nun ernsthaft einsetzen wird –« er wurde jäh grimmig – »und die Zeit dieser gottverdammten Reaktion –« »Hofdemagoge!« entsetzte sich Lassalle drollig, »was reden Sie da für gefängnisschwangeres Zeug! Hat Sie Ihre Strafversetzung von der Königlichen Kunstkammer in die Königliche Bibliothek noch nicht kuriert!« »Leider unheilbar veralteter Fall,« lachte der alte Herr, »gegen mich ist in der Königlichen Reaktionsapotheke kein Kraut gewachsen.« »Von welchem Kraute ist die Rede?« fragte eifrig höflich Dr. Prietzel, der Botaniker und Kustos der Königlichen Bibliothek, der leise eingetreten war. »Von dem Zauberkraut, mit dem der ›weiße Schrecken‹ des Herrn von Hinckeldey und seiner Nachfolger die Gegner bekehrt,« belehrte Lassalle. »Ach so,« machte Prietzel, »Sie sprachen von blauen Bohnen!« »Aber nicht doch!« kam es da aus Scherenbergs Stuhl, so laut und überzeugt kräftig, daß alle hell auflachten. Der Dichter von Waterloo blickte ganz erstaunt aus seinen grauen Lichtern. Da schellte es durchdringend, als verübe jemand ein erfolgreiches Attentat auf den Drahtzug der Klingel. Unwillkürlich horchten alle hinaus. »Das ist Bülow,« prophezeite Korff, »so fortissimo animato singt nur ein Musiker das Lied von der Glocke.« In wilder Hast sprang Dohms untersetzte proppere Leiblichkeit vom Stuhle, eilte spornstreichs zu dem Bechsteinflügel in der Ecke des Zimmers hinüber und begann mit gewaltiger Muskelkraft den Einzugsmarsch aus dem zweiten Akt des »Tannhäuser« zu pauken. In die heimtückische erwartungsfrohe Spannung der Gesellschaft hinein platzte die Tür; im Hut und Mantel, einen Riesenschal um den Hais gewunden, stand der sechsundzwanzigjährige Hans von Bülow im Türrahmen, die kleine Gestalt vorgereckt, die scharfen Augen grimmfunkelnd, den charakteristischen Ziegenbart vor Wut gesträubt, und schrie: »Fis, Mann! Fis!! Sie spielen fortwährend F!« Ein johlender Jubel erbrauste, hochgemut umrahmt von Dohms Wagnergetöse. Inzwischen befreite Friedrich den quecksilbrig vor Ungeduld zappelnden Pianisten von seiner Umhüllung. Kaum war er den Ärmeln des Pelzes entronnen, stürmte er zu dem Flügel hinüber und schmetterte ohne Rücksicht auf Dohms tobsüchtige Hände den Deckel des Instrumentes nieder. »Du läßt das!« herrschte er den Freund an. »Ihr, du und deinesgleichen, seid schuld, wenn der Meister nicht durchdringt. Wie kann einer ihn verstehen, wenn ein Pfuscher sich hinsetzt und immer F spielt statt Fis!« Dohms lustige Augen lachten durch die Brillengläser: »Lieber, wenn mein F allein deinem Propheten im Wege stände!« »Dein F ist typisch,« ereiferte sich Bülow. »Es zeigt –« »Nun hören Sie bloß auf, junger Mann,« hob der alte Foerster abwehrend die Hände. »Bei dieser Musik –« »Musik,« fing Prietzel auf, »das nennen Sie Musik! Hofrat! Diesen Bombast, diesen Phrasenschwulst, diesen Tataren-Radau-Tamtam!« Bülow schnaubte vernehmlich, seine kleine kampfbrünstige Gestalt reckte sich. Doch ehe er erwidern konnte, rief Lassalle: »Aber Prietzel, Junge, hast du kein Ohr für dieses hinreißende Pathos Wagners, für diese gewaltige Deklamation, für diese deutsche Wucht und Zartheit und urwüchsige Kraft!« Er stand da, vor Begeisterung sprühend. »Bravo,« sekundierte Pietsch enthusiastisch. Jetzt stand alles und rief durcheinander. »Entsetzlich,« schüttelte sich der Hofrat. »Paris hat ihm die Antwort Europas auf seine Zumutung erteilt,« frohlockte Dr. Prietzel. »Wenn er sich rechte Mühe gibt und noch etliches zulernt,« gönnerte Korff, »kann er vielleicht einmal einen brauchbaren Regimentsmarsch zusammenschreiben.« Scherenberg, der allein sitzen geblieben war, flüsterte mit versunkenen Augen: »Meyerbeer.« Es klang wie ein erlösendes Zauberwort. Bülows Bart zitterte. Er fuchtelte mit seinen aderreichen genialen Händen und sprach wild auf Dohm ein: »Ich sage dir, Wagner ist der deutscheste Musiker, der je gelebt hat. 1849, als Liszt den Lohengrin in Weimar –« »Paris – Paris!« hißte Prietzel sieghaft seine Fahne. »Paris!« spießte Bülow die Herausforderung wie auf der Spitze eines Floretts auf, »wollen Sie etwa behaupten, daß dieser Tobsuchtsanfall gegen Wagner in Paris –« »Allerdings,« betonte der Hofrat. Und jeder sprach wieder heftig auf seinen Spezialgegner ein. Zwei Parteien klafften jäh auseinander. Da stand plötzlich mitten unter den Fehdenden eine aufrechte hohe Gestalt mit langem, schlohweißem vollen Haar, das seltsam gegen das militärisch straffe Gesicht abstach. General von Pfuel, der Siebenundachtzigjährige, der ewig junge Ungebrochene blickte mit seinen klaren blauen Augen belustigt in den wogenden Streit. Man bemerkte ihn erst, als er mit kräftiger Kommandostimme dazwischenwetterte: »Alcibiades, ist das Ihre heurige Überraschung, daß Sie uns uns gegenseitig zum Schmause vorwerfen? Herr von Bülow ist gerade dabei, Dr. Prietzel menschenfresserlich zu behandeln.« Damit reichte er dem Hausherrn die eisenfeste Hand. Da verstummte alles zur Begrüßung. Dohm aber rief wie ein Heerrufer: »Exzellenz, Sie kommen als Retter in der Not. Ein 48 der Musik! Dort, Herr Hofrat Foerster und Genossen bilden den vormärzlichen Musikstaat, hier Bülow, Lassalle, Pietsch und ich schwingen die rote Fahne der Revolution. Wir erwarten von Ihnen, der Sie einst für den Antrag gestimmt haben, dem revolutionären Wien zu Hilfe zu ziehen, daß Sie jetzt auch uns zur Hilfe eilen. Ich verpfände mich und meinen Namensvetter, den Kölner Dom, für ein lorbeerumrahmtes Bild im Kladderadatsch.« Da drohte Prietzel mit seiner schönen guten Stimme und einem feinen Lächeln: »Ich sag's der Kreuzzeitung!« Alles lachte und dachte daran, daß die Kreuzzeitung das achtundvierziger Ministerium des Generals »das Ministerium der Schande« genannt hatte. Der aufrechte junge Greis besah sich der Reihe nach die kampferhitzten Gesichter. »Kinder,« schmunzelte er, »habe heute früh wie jeden Tag in der Spree gebadet. Loch ins Eis hacken lassen. Scheint mir ausgezeichnetes Lokal für 'ne Wagnerdebatte, so'n Eisloch. Empfehle ich euch dringend.« Da rief Lassalle: »Ausgezeichnete Idee, Exzellenz. Dann werden die Herren dort drüben doch nicht so unverfroren auftreten.« »Bravo,« erkannte Korff ritterlich an. »Aber jetzt geben Sie uns unser abendlich Brot, Lassalle. Ich befinde mich nämlich in der oktroyierten Verfassung des Verhungerns.« Man lachte, sofort umgestimmt, und Lassalle überzählte seine Gäste. »Duncker fehlt noch,« stellte er fest. »Natürlich,« rief Foerster, »der lange Weg entschuldigt –« »Frau Lina!« hob Dr. Prietzel den Zeigefinger. »Pst, pst, lästern Sie nicht,« dämpfte Lassalle drollig, »es ist mein Verleger.« »Meiner auch,« beteuerte Pietsch. Doch Dohm hatte schon das Fenster geöffnet, eine eisige Luft schnitt in das warme Zimmer, und mit mächtiger Stimme rief der Mann des Kladderadatsch durch die zum Schallrohr gerundeten Hände über die jetzt ganz einsame Potsdamerstraße: »He, Duncker – Du-uncker!« Alle traten zum Fenster und blickten hinüber zu der stillen Villa. Da sprang Duncker schon die Treppen zum Vordergarten hinab. Eine schmächtige Gestalt eilte vor ihm her. Er winkte hinauf und verabschiedete sich von seinem Begleiter. »Beeilen Sie sich,« rief Korff hinunter, »wir schreien nach Brot wie die schlesischen Weber.« Die schlanke Gestalt eilte über den Fahrdamm. »Empfangen wir ihn mit der Jubelouverture,« schlug Förster vor. Und während Webers jauchzende Klänge unter Bülows Meisterhänden hervorrauschten, trat der Verleger ein. Stumm blieb er in der Tür stehen, den unverhältnismäßig großen haarumwallten Kopf mit dem üppigen braunen Vollbart verklärt lauschend vorgebeugt. Als Bülow mit einem selbstherrlichen Akkord schloß, beugte er scherzhaft demütig das packende Gesicht und sagte: »Verzeihen Sie, meine Herren, daß ich Sie dem Hungertode ausgesetzt habe. Vielleicht kann Sie das aber trösten, daß meine Verzögerung höchstwahrscheinlich einen talentvollen jungen Dichter vom Hungertode errettet hat.« Und während ein feines Lächeln um die gewaltige kühne Nase zuckte, begrüßte er einzeln die Herren. Dann trat Lassalle in die Mitte des Zimmers und sagte mit harmloser Miene: »Meine Herren, darf ich Sie in den Rauchsalon bitten.« Und öffnete die kleine Tapetentür. »Nanu,« scheute Korff, der der Tür am nächsten stand, zur allgemeinen Belustigung entsetzt zurück. »Erst Schall, jetzt Rauch. Und Essen?!« »Bitte,« lud Lassalle mit steifen Zügen ein. Nur die blauen Augen flackerten vielverkündend. »Ihr, die Ihr hier eintretet, laßt alle Hoffnung hinter euch,« murmelte Dr. Prietzel und durchschritt die Pforte. »Hören Sie, Alcibiades,« runzelte der General die durchfurchte Stirn, »daß Sie Gesellschaftsumstürzler sind, wissen wir. Das ist nicht schlimm. Wenn Sie aber die Speisenfolge umstürzen und mit der Zigarre anfangen wollen, dann sind Sie ein Mensch, mit dem ein königstreuer Mann nicht mehr verkehren kann.« Geheimnisvoll trat Lassalle als letzter ein und schloß hinter sich die Tür. Dann stellte er sich in den Kreis der gespannt forschenden Augen und sprach: »Meine Herren, das Volk draußen hat heute seinen Rausch. Es träumt von Freiheit und Hohenzollernliebe. Wir Skeptischeren, die wir nicht glauben, daß die Heirat eines Prinzen uns allen den Himmel auf Erden bescheren wird, wir würden ohne Rausch ausgehen, wenn es nicht außer königlichen Familienfesten noch andere Mittel gäbe, auch uns einmal aus dem Elend unserer Alltagsmisere in lichtere Höhen zu erheben.« »Was mag nur wieder dahinterstecken?« kribbelte Bülow. »Auch für uns, meine lieben Gäste, gibt es ein Mittel, uns zu berauschen, wenn wir es auch freilich noch weiter herholen müssen, als das Volk da draußen seine britische Königstochter.« »Hm,« summte Dohm, »etwas Gutes kann es also nicht sein, denn das Gute liegt ja nah.« »Psch, psch,« rief erwartungserregt der Chorus. »Wir wollen uns berauschen, meine Herren. Unser Freund Heinrich Brugsch, der berühmte Archäologe, der leider ebenso wie unser allverehrter Herr Geheimrat Varnhagen von Ense heute am Erscheinen in unserer Mitte verhindert ist, hat uns das Mittel aus dem fernen Orient verschafft.« »Doch nicht etwa eine Odaliske oder Bajadere!« rief Pietsch mit lüstern funkelnden Augen. Alles lachte, und Korff neckte: »Unser lieber Pietsch schwelgt schon auf dem west-östlichen Divan.« Und prompt zitierte Foerster vor sich hin: »Und zu des Lagers vergnüglicher Feier Bereiten den dunklen behaglichen Schleier Die nächtlichen Stunden das schöne Gespinst. »Nein,« fuhr Lassalle fort, schalkumwittert, »es ist zwar eine Art Götterrausch, den ich Ihnen bereiten will. Sie sollen hinaufgeführt werden über die Schranken Ihres Lebens. Aber, mein lieber Pietsch, den Gott und die Bajadere wollen wir hier doch lieber nicht als lebendes Bild stellen.« »Spanne uns nicht auf die Folter,« flüsterte Prietzel ganz erregt. In allen Augen glitzerte die Neugier. »Brugsch hat mir aus Persien –« Wieder machte Lassalle eine wohlberechnete Kunstpause. Es bereitete ihm ein satanisches Vergnügen, die Geduld der Gäste auf das Prokrustesbett zu schnallen. »Nun los – los!« drängte Korff. »Protzen Sie endlich ab!« kommandierte der General. »Gemach, meine Herren, gemach, ich bin ja schon dabei, es Ihnen zu sagen, so schnell ich nur kann,« hielt Lassalle sie behaglich schäkernd hin und weidete sich an der aufgewühlten Neugier, die ihn unverhüllt aus acht Augenpaaren anstarrte. Jeder wußte, es mußte etwas Unerhörtes sein, wenn Lassalle solches Wesen davon machte. »Brugsch hat mir aus Persien – « er blickte in eitlem Triumph jedem einzelnen langsam ins Gesicht – »Haschisch besorgt.« Hellauf züngelte die lang zurückgedämmte Erregung. Alle riefen durcheinander. Was? Haschisch? Wir sollen Haschisch rauchen? Herrlich! Göttlich! Scheußlich! Ich bin doch in keine chinesische Opiumhöhle geraten! Lassalle stand unbeweglich mit imperatorisch gekreuzten Armen, ein rocher de bronce in dem Aufruhr. »Ist es nicht gefährlich?« erkundete endlich Foerster. »Unsinn,« ereiferte sich Bülow. »Ein genialer Einfall, Lassalle. Schade, schade, daß ich vor wenigen Stunden etwas gegessen habe. Man müßte ganz nüchtern sein, um den vollen Genuß zu haben. Macht aber nichts. Los, los. Wo haben Sie das Zeug?« Auch Dunckers Augen glänzten. »Das nenne ich mir eine Überraschung,« freute er sich in seinem behaglichen Phlegma. »Haschischrausch! Kinder, paßt auf, ich werde mich in einen Harun Al Raschid hineinträumen und Tausende beglücken.« »Ich werde Napoleon und leite Austerlitz.« beschloß Korff. »Ich möchte träumen, ich wäre zwanzig,« sagte der General, und sein herbes Gesicht löste sich auf, weich und lind. Einige waren bleich geworden. Doch sie scheuten sich, ihre Furcht zu verraten. Nur Scherenberg lehnte ab: »Ich danke Ihnen herzlich, verehrter Herr Doktor, für Ihre außerordentliche Aufmerksamkeit. Ich möchte aber bitten, mich ausschließen zu dürfen.« Die Beherztesten protestierten heftig: »Nicht desertieren – mitgefangen – mitgehangen! Sie, der Dichter des preußischen Heldentums, werden doch nicht kneifen!« Und Lassalle erwog: »Herr Scherenberg, gerade Sie als Dichter müßte es doch reizen. Denken Sie an die mühelose Inspiration.« Doch Scherenberg entgegnete fest und schlicht: »Mich inspirieren preußische Trommeln und klingendes Spiel, das den stürmenden Kolonnen voranschreitet, und flatternde Fahnen. Orientalischer Sinnenrausch ist meiner Kunst fremd.« Da schwiegen alle, und Lassalle bat liebenswürdig: »So nehmen Sie dort in dem Stuhle Platz und erzählen Sie uns, wie wir uns aufgeführt haben. Und noch eins, meine Herren! Jeder von uns verpflichtet sich, nachher wahrheitsgemäß seine Traumerlebnisse zu berichten. Sie wissen wohl, daß der Rausch sehr schnell verfliegt, ohne jede katzenjämmerliche Nachwirkung.« »Ja doch – ja doch!« trieb Bülow. »Geben Sie das Götterzeug nur endlich heraus!« »Erst Platz nehmen,« gebot Lassalle. »Auf das Sofa, das ich hier herein habe schaffen lassen, kommen zwei. Ihr beide, du, Prietzel und Dohm. Ihr werdet euch vertragen. Habt doch schon zusammen in Breslau die Schulbank gedrückt. Auf die beiden Divans bitte ich Sie, Exzellenz, und Sie, Hofdemagoge. Wir anderen machen es uns auf den Polstersesseln bequem. Man kann sich auch in ihnen recht gut hinlegen, wenn man die Beine kräftig von sich streckt.« Die Gesellschaft nahm die angewiesenen Plätze ein, die einen hastig, erwartungsfiebrig, die andern bleich, erwartungsbang. Die langen türkischen Pfeifen waren bereits gestopft. Jeder erhielt eine. Lassalle ging herum und reichte Feuer. Als der Tabak knisternd aufquoll und ein leichter blauer Rauch mit einem starkwürzigen narkotischen Duft untermischt durch das Zimmer zu ziehen begann, entnahm Lassalle einer Schachtel kleine weiße Pastillen und legte jedem ein Stückchen auf den leis prustelnd glimmenden Tabak. Dann setzte auch er sich und nahm die Pfeife zwischen die Zähne. Zunächst herrschte tiefes Schweigen. Jeder sog, emsig hastend oder furchtsam zögernd, das Haschischaroma ein. Stumm, mit nach innen gekehrten Augen, saß der Dichter. Dann rief Dohm: »Ich merke nichts.« »Stille,« gebot Korff, »stören Sie nicht den Betrieb.« Und alles sog am Rohre. Die Luft ward dick von grauen Rauchschwaden. Ein schwüler, schwerer, süßlicher Duft lag über den Köpfen. Und dann wurde das Ziehen an den Bernsteinspitzen mählich weniger stürmisch, hier setzte einer ab, dort erlosch der ausgebrannte Tabak – die Pfeifen entsanken den Händen – hier polterte eine zu Boden, dort glitt eine sacht auf den seidenen Gebetteppich – die Köpfe taumelten hintenüber – die Luft war treibhausdunstig, unheimlich, vibrierend und spannungsgeladen. Und da hob Bülow den markanten Kopf mit fahlbleicher Stirn von dem Polster, auf das er zurückgesunken war, die Augen wurden weit, weit und leuchtend, jeder Zug in dem Gesicht spannte sich in verklärtem Lauschen. Die Lippen lächelten in weltentrückter Verzückung. Die Erde trug ihn nicht mehr. Auf purpurnen Wolken lag er mit gelösten Gliedern hingestreckt wie in einem Blumenhag, leise wiegend trieben sie im Äther dahin über Länder und Meere, durch linde rosenduftige Lüfte, und rings um ihn her erklang Sphärenmusik, wehten beglückende, freudentränenlösende Harmonien, wie sie nie ein irdisches Ohr vernommen. Und in trunkener Begeisterung sang er plötzlich laut hinaus in den dicken Qualm, was ihm die Brust dehnte vor taumelig-seligem Entzücken. Scherenbergs graue Augen wandten sich erstaunt dem Sessel zu, aus dem ein seltsames Geheul erdröhnte. Doch keiner der andern hörte es. Sie trieben längst alle in wundersamen Welten. Lassalle lag ganz still in seinem Stuhle. Er empfand ein unendlich wohliges Behagen, die Schwere der Glieder schwand, ihm war, als ob er fliege, hoch über dem Weltraum schwebe in Leichtigkeit, Duft und streichelndem Lichte. Mit Anstrengung hielt er die Augen offen. Er wollte sehen, was mit den anderen geschah. Doch mit einemmal waren sie verschwunden, das Zimmer zerrann ins Nichts. Er war auf einer weiten öden Heide, die sich fern, fern in die Unendlichkeit verlor. Und mit der Weite der Ebene wuchsen seine Beine, schmerzlos, seltsam wohltuend, wie wenn er sich recke in milder Müdigkeit. Und dort, ganz in der Ferne, wo der Purpurrand des Horizonts die Heide säumte, dort ragten hoch wie himmelstrebende Gebirge seine Füße. Und die Spitzen der Lackschuhe glänzten auf wie die Riesengletscher der Islandküste. Und da – und es schien ihm alles so selbstverständlich – wuchs sein Oberkörper zyklopenhaft empor und stieß mit dem Scheitel an die blaue Wölbung des Himmels. Nicht schmerzhaft war das Anstoßen, nein, wie eine streichelnde liebkosende Gotteshand. Aber da rannen ihm plötzlich heiße Tränen über die Backen. Er weinte herzbrechend. Er wußte nun, daß er niemals seinen Kampf um die Freiheit der Menschheit würde kämpfen können. Denn er konnte ja nicht von seinem Sitz auf der weiten Ebene aufstehen, ohne mit seinem Schädel das Himmelsgewölbe zu zertrümmern. Und das durfte er doch nicht! Den Himmel zerbrechen, um die Menschen zu befreien. Nein. Was half es ihnen, wenn er ihnen den Himmel auf Erden bereitete und ihnen den Himmel im Himmel zerstörte! So saß er auf der endlosen Ebene und weinte einen weiten See um sich her. Ähnlich träumten Pietsch und Foerster. Auch ihnen wuchs alles ins Groteske, Ungeheure. Und in Foersters Kopf waren plötzlich Gedanken von solch unendlichen Dimensionen, daß sie im Hirnkasten nicht mehr Raum fanden. Sie öffneten die Schädeldecke, schmerzlos sanft, wie einen Kistendeckel in wohlgeölten Scharnieren, und wuchsen aus der engen Kopfhöhle hinauf in den Äther und breiteten sich hier in weiten Ausschweifungen aus wie Rauch aus einem Schlote bei trübem Wetter. Prietzel, der Botaniker, wanderte durch einen jungfräulichen Urwald mit baumhohen Märchenblumen, die einen betäubend wonnevollen Odem aushauchten. Endlos dehnte sich das Pflanzenlabyrinth, ein irrlichterndes Bacchanal nie geschauter Farben. Er ging und staunte und badete die Sinne in dem schwülen streichelnden Duften und wagte kaum zu atmen vor Seligkeit und Verzauberung – bis Dohm, sein Lagergenosse, ihn unsanft aus seinen Blütenträumen weckte. Freudebegeistert hieb der Redakteur mit beiden Fäusten kräftig auf den Urwaldpilger ein und schrie: »ich liebe dich, du bist mein Freund!« Und hämmerte auf den entsetzt Auffahrenden los, und schmetterte sein beglücktes Lachen heraus und stieß ihn von dem Sofa und zog ihn mit Berserkerkräften an den Beinen, trotz seines wilden Sträubens, wieder zurück auf das Lager und schlug weiter aus Leibeskräften ein auf den unseligen Jugendfreund. Schreckgelähmt starrte Scherenberg drein und wagte kein Glied zu rühren. Da berührte eine feine Gelehrtenhand seine Schulter. Er zuckte auf, als streckten Geisterfinger sich nach ihm aus, auch er angesteckt von dem Irrsinn, der ringsum aus diesem schweren Dunste hervorgrinste. Schlotternd wandte er den Kopf. Da sah er in Geheimrat Boeckhs durchgeistigtes Antlitz. Der Professor war ahnungslos zu einer gemütlichen Sonntagsabendvisite bei seinem jungen Freunde erschienen, hatte erst, als er die zahlreichen Überkleider im Korridor erblickte, entfliehen wollen, war aber schließlich eingetreten auf des intelligenten Friedrichs Bitten hin, der wußte, wie schmeichelhaft seinem Herrn der Besuch des großen Philologen sein würde, den er nicht gewagt hatte, einzuladen. Und nun stand der alte Boeckh an der Tür und starrte. Eben wollte Scherenberg aufklären, da erhob Duncker sich von seinem Stuhle, schlug gewaltig mit den Armen in die Luft, als wenn er flöge, erkletterte den Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und hockte dort in tiefem Kummer nieder. Er hatte nämlich zu seinem Leidwesen erkannt, daß er in einen Uhu verwandelt und in eine für Eulen peinliche Lage geraten war. Er saß auf einem Telegraphendrahte und fühlte die Depeschen durch seine Füße fetzen. Und plötzlich schrie er dem zurücktaumelnden Geheimrat mit furchtbar krähender Stimme entgegen: »He, Sie Kerl da, geben Sie mir das Beschwerdebuch! Ich will mich über die Frechheit der Telegraphenverwaltung beschweren, die mir die Füße kitzelt!« Und als der Gelehrte spürte, wie sich seine spärlichen grauen Haare mit einem eisigen Entsetzensgefühl von dem Schädel steil aufrichteten, da hatte Korff plötzlich eines der zierlichen Taburette zwischen die Beine geklemmt, schwang seine Pfeife mächtig im Kreise wie einen Pallasch und galoppierte mit wildem Indianergeheul gegen den Professor los. Er ritt gerade die Attacke bei Roßbach. Da flüchtete Boeckh, wie weiland Seine Hoheit der Prinz Soubise, und verriegelte mit zitternden Händen die Tapetentür und lauschte. Der Dichter saß mit angststarren Gliedern ganz klein und alt in seinem Sessel. Und Boeckh hörte den Rittmeister an der Tapetentür rasen wie Achill an den Toren und vernahm Bülows Gesang, und Duncker verlangte noch immer das Beschwerdebuch und Dohm brüllte vor Lachen und Prietzel jammerte unter seinen Fäusten. Ganz still lag der General auf dem Divan. Seine Lippen bewegten sich flüsternd. Und dann fühlte Lassalle, wie sein Körper zusammenschrumpfte, die Gletscher seiner Füße abtauten, die Ebene sich verengte. Da war wieder das Zimmer. – Mit leichtem freien Kopf saß er in seinem Stuhl. Frisch, ohne jede Mattigkeit in den Gliedern, erhob er sich. Und wie durch den Kuß des Prinzen aus dem Dornröschenschlaf erweckt, tauchten fast zur gleichen Zeit die andern zu ihrem irdischen Leben zurück. Lachend kletterte Duncker von dem Tisch, gutmütig schmollend rieb Prietzel die gebläuten Glieder. Und allen leuchteten die Erlebnisse ihres Traumes hell in der Erinnerung. Und ein Erzählen und Berichten begann, als man im Speisesaal an dem gemütlichen runden Tische heiter tafelte. Boeckh saß neben dem Hausherrn und lachte herzlich mit den andern, als er seine Schrecknisse beichtete. Der General Pfuel sprach mit feuchten Augen: »Ich habe etwas ganz Seltsames geträumt. Ich war, wie so oft anno 1811, bei meinem Jugendfreunde Heinrich von Kleist auf seiner Bude bei dem Quartiermeister Müller in der Mauerstraße 53. Jeden Nagel in dem Zimmer habe ich wiedererkannt, und es sind doch nun fast 48 Jahre her! Kleist hatte die Wunde in der Schläfe und sah noch bleicher aus als sonst. Er rannte, wie er das zu tun pflegte, beim Sprechen im Zimmer umher und sagte: ›Nun wird bald meine Zeit kommen. Noch ist sie nicht ganz reif. Aber wenn ich hundert Jahre tot sein werde, wird man mich als einen der größten deutschen Dichter feiern.‹ Und dann stand er still und raunte mit zuckenden Lippen: ›Und man hat mich doch in Scham und Not nach Wannsee gehen lassen!‹« Der General schwieg und kaute an seinem weißen Schnurrbart. Alle schwiegen bedrückt. Da brach der Hofrat den Bann. Zwischen ihm und dem General bestand eine unausgesprochene Nebenbuhlerschaft. Auch er hatte seinen berühmten Jugendfreund. Als Jüngling war er als Körners Nebenmann in Lützows wilder verwegener Schar in den Freiheitskampf gezogen. Goethe selbst hatte ihm, wie er oft, ein wenig Ehrfurcht heischend, erwähnte, die Waffen gesegnet. Als jetzt die Reihe des Erzählens an ihn kam, da flunkerte er aus Eifersucht gegen den General. Und er berichtete, wie ihn der Rausch in die große Zeit des heiligen Kampfes zurückgeführt und wie wieder, wie anno 13, der junge Sänger des Schwertliedes zu Gadebusch in seinen Armen verröchelt sei. Doch ein feines Lächeln spielte um Dohms und Pfuels Lippen. An diese Geschichte erinnerte der gute alte Foerster sich zu oft – auch wenn er just keinen Haschisch geraucht hatte! Lassalle sah das arglistige Zucken um Pfuels und Dohms Lippen, und ablenkend gab er geschickt dem Gespräch eine andere Richtung. Es war ein geräumiger Saal, über den das offene Holzfeuer im Kamin einen Hauch warmer Behaglichkeit atmete. An den Wänden, die der Lüster übers dem Tisch im Halbdunkel ließ, glänzte nur dann und wann beim Aufzucken der Gasflammen ein matt vergoldeter Rahmen auf und ließ ein Gemälde, einen Stich ahnen. Aus dem Dunkel des Wintergartens, in den eine breite, jetzt offene Glastür führte, leuchtete weich verdämmernd ein vortreffliches Heiligenbild Unserer lieben Frau von Melos. Sie stammte, wie die wertvollen Stiche an der Wand, aus des Hausherrn liebegeweihten Pariser Tagen. Das Gespräch hatte sich alsbald dem Ereignis zugewandt, das heute ganz Berlin die Stimmung aufprägte. Morgen, Montag, am 8. Februar 1858, sollte der Sohn des Prinzen Wilhelm mit seiner jungen Gemahlin Viktoria feierlich in Berlin einziehen. Duncker führte das Wort, eifrig sekundiert von Prietzel und Dohm. »Es ist ein neues Belle-Alliance zwischen Preußen und England,« frohlockte er. »Ich sehe darin die bestimmte Verheißung, daß Preußen jetzt in die liberalen Prinzipien einlenken wird, die England groß gemacht haben.« »Sicher,« nickte Dohm. »Diese Eheschließung ist das Symbol der neuen Ära und zugleich des Bruches mit Rußland.« »Ganz gewiß,« versicherte der Botaniker. »Hoffentlich,« rief Foerster skeptisch dazwischen. »Diese verdammte enge Freundschaft zwischen dem kranken König und dem Zaren ist an all den grausamen Verfehlungen der Regierung schuld, unter denen Preußen stöhnt seit 1815.« »Und vor allem auch an Olmütz,« erinnerte Pfuel. Begeistert hob Duncker sein Glas: »Die Tyrannenwehr England, der Hort der Freiheit der Nationen, die Stütze der Unterdrückten – hoch, meine Herren!« Alle, auch der alte Boeckh und Scherenberg, stießen zustimmend an. Nur Lassalle aß unbekümmert weiter. »Nun, Herr Doktor?« fragte Boeckh, der sich mit dem Glase in der Hand ihm zuwandte, »Sie stoßen nicht an auf England?« »Nein,« erwiderte Lassalle plötzlich heftig. Aller Augen richteten sich auf ihn. »Nein,« wiederholte er, »ich mache diesen allgemeinen Taumel nicht mit. Verzeihen Sie mir, meine Herren, ich finde diesen Freudenrummel geradezu kindisch.« Eine Bewegung lief um den Tisch. »Meine Herren, ich muß offen aussprechen, was ist. Ich bin heute vormittag studienhalber durch die Stadt gegangen. Der Unfug ging so weit, daß die Leute berauscht waren von der Anordnung des Polizeipräsidiums, die an den Anschlagsäulen angeheftet ist. Haben Sie sie gelesen? ›Immer links gehen.‹ Ich habe ergraute Männer gesehen, die sich die Polizeiverfügung zeigten und in die Arme fielen. Ich habe mir an den Kopf gegriffen. Glauben Sie wirklich, daß die Hohe Obrigkeit damit einen liberalen Kurs anzeigen will? Daß nun statt extrem rechts – links regiert werden wird? Meine Herren, das grenzt doch an Selbstbetrug, eine einfache Verkehrsvorschrift als Glaubensbekenntnis der Regierung zu interpretieren.« Alle schwiegen und sahen auf den Mann, dessen Gesicht jetzt scharf war wie aus Bronze gegossen, dessen Augen hart sprühten wie kostbarer blauer Stahl. Keiner fand gleich die Entgegnung. »Glauben Sie mir,« fuhr er eindringlich fort, »die Regierung denkt an keinen liberalen Kurs, und die englische Prinzessin wird vielleicht ihren jungen Gemahl, aber nicht das freiheitsdürstige Preußen beglücken. Sie wird es schon deshalb nicht, weil die Voraussetzung durchaus fehlt. Ihr Trinkspruch, mein lieber Duncker, war nämlich ein grausamer historischer Irrwahn. England soll eine Tyrannenwehr, ein Hort der Freiheit sein! Ach, ich wünschte, Sie würden lesen, was der verbannte Lothar Bucher, der Englands innere Zustände genau kennt, darüber schreibt. Aber Sie lesen nicht, Sie halten fest an diesem unausrottbaren falschen Glauben. Wissen Sie denn gar nicht, was diese scheinheiligen Freiheitsapostel eben erst in Ostindien getan haben zur Unterdrückung des Hinduaufstandes? In einem ungeheuren Meer von Blut haben sie die Freiheit dieses armen Volkes ertränkt. Das ›freie Albion‹ ist trotz aller politischen Freiheit im Innern der furchtbarste Bedrücker seiner Kolonien, aber keine Tyrannenwehr.« Er hielt erregt inne. Und als alle schwiegen, fuhr er nervös mit der Hand über die Stirn und lächelte. »Nichts für ungut, meine Herren. Ich kann nur Scheinwahrheiten nicht sich frech aufrecken sehen. Und nun wollen wir uns den Fasan schmecken lassen.« Liebenswürdig wandte er sich an Duncker und fragte nach dem jungen Dichter, den er heute vom Hungertode errettet hatte. Bald schwärmte die Unterhaltung wieder eifrig um den Tisch. Man nahm in diesem Hause ein kräftiges, entgegenstürmendes Wort nicht krumm, zumal wenn es zum Nachdenken anregte. Da schlug Boeckh an sein Glas und erhob sich. Alles verstummte sofort ehrerbietig und blickte andächtig zu dieser Zierde der Berliner Universität und des deutschen Gelehrtentums hinüber. Er hob sein feines Gesicht dem Lichte entgegen, als läse er dort seine Gedanken. »Meine Herren,« begann er schlicht und lächelnd, »ich bin gewissermaßen nur durch Zufall hereingeschneit in Ihre frohe Gesellschaft. Es kommt mir daher vielleicht nicht zu, mein Sprüchlein zu sagen. Es drängt mich aber, hier unter Ihnen ein Wort über das Werk unseres verehrten Wirtes zu sprechen.« Lassalle hob erwartungskühn die Stirn. Alle rückten lebhaft interessiert auf ihren Stühlen. z. T. historisch. »Meine Herren, Sie wissen gewiß, daß Leibniz, von der hohen Theorie herabsteigend, Versuche in der Praxis des Maschinenbaues gemacht hat. Seine Gegner behaupteten damals von ihm, er habe Kutschen bauen wollen, die in vierundzwanzig Stunden von Hannover bis Amsterdam führen. Man glaubte, ihn damals mit nichts lächerlicher machen zu können. Die heutigen Fortschritte in der Anwendung künstlich entwickelter Naturkräfte, welche auf die Fortschritte des Wissens begründet sind, beschämen alle vorhergegangenen Zeitalter durch die früher kaum oder gar nicht geahnte Überwindung der die Sterblichen einengenden Raum- und Zeitverhältnisse. Wenn irgendwann und irgendwodurch hat sich jetzt bewährt, was Sophokles vor Jahrtausenden sagt: ›Vieles Gewaltige lebt, und nichts ist gewaltiger als der Mensch‹. Aber, meine Herren, es gibt ein Gebiet, auf dem die Menschheit und ihr Erkennen nur sehr langsam vorrückt. Die großen Ideen des schöpferischen Geistes, die nicht von gestern sind, lassen sich nicht so leicht durch beabsichtigte oder zufällige Entdeckungen oder Erfindungen vermehren. Sie werden bisweilen für eine Zeitlang abgeschwächt und verdunkelt und wieder neu geschaffen und gekräftigt und wieder aufgelöst, wie das Gewebe der Penelope. Eben weil sie uralt und eine Prometheische Mitgift für die Menschheit auf ihrem dornenvollen Lebenspfade sind, behält das Altertum einen unvergänglichen Wert für die gesamte Nachwelt: denn es hat in jugendlicher Frische der Begeisterung jene ewigen Ideen erzeugt und ausgeprägt, und die Späteren können an jener heiligen Flamme Geist und Gemüt immer neu erwärmen und nähren. Wenn noch Jahrtausende hindurch fernerhin philosophiert wird, werden Platon und Aristoteles immer den hohen Rang behaupten, den sie jahrtausendelang unter den Philosophen einnehmen, und an ihrer Seite wird durch Äonen Herakleitos, der Dunkele, von Ephesos thronen, dessen Weisheitskrone unser verehrter Wirt einen neuen strahlenden Diamanten eingefügt hat. Ich erhebe mein Glas auf die ewigen Ideen der Menschheit und Ihre Verkünder –« er neigte sich gegen Lassalle – »und ihre opfermutigen Helfer.« Er trank Duncker zu, der das Werk verlegt hatte. Hell läuteten die kostbaren Römer durch den weiten Raum. Und man sprach und erwog und disputierte, bis Lassalle an das Glas schlug. »Liebe Gäste,« sagte er, »ich danke Herrn Geheimrat Boeckh zunächst für die Worte der Weisheit, die er gesprochen, und für die freundliche Anerkennung, die er meinem Werke gezollt hat. Herr Geheimrat Boeckh hat von den ewigen Ideen der Menschheit gesprochen. Gestatten Sie, daß ich Ihre Aufmerksamkeit auf zwei dieser ewigen Ideen des deutschen Volkes hinlenke: auf die politische Freiheit und die Einigkeit Deutschlands. Meine Herren, das sind unsere ewigen Ideen. Sie sind im tiefsten Grunde Ihres Herzens alle liberale Männer, die Sie an diesem Tische sitzen. Und ich meine, wo solche Männer sich versammeln, sollte von der Freiheit und Einigkeit Deutschlands die Rede sein. Meine Herren, ich bin kein unbedachter Schwärmer. Was ich hier sage, habe ich lange in mir herumgetragen. Ich weiß, Familienfeste und freier Wille der Regierung werden uns die Freiheit niemals geben. Freiheit gibt sich ein Volk nur allein. Meine Herren –« er richtete sich hoch auf, und jetzt sprach er stark und fest, ohne mit der Zunge anzustoßen, während seine im Gespräch hohe und dünne Stimme sonor wurde und ehern durchdringend – »48 ist keine Warnung und kein Ende. Nein, nein, wenn Sie auch skeptisch lächeln, mein lieber Foerster. Ich sage Ihnen, es gibt noch einen neuen grimmen Kampf, ehe wir freie Männer und Bürger eines Deutschland sein werden.« Sein Auge blickte in prophetischem Glanz ins Weite. »Der Kampf wird kommen, und siegreich wird er sein. Nur durch Blut wird die Freiheit errungen und ein Deutschland gekittet werden, glauben Sie mir. Der Kampf naht, und wir alle hier, wir werden seine Frucht noch ernten.« Leise, tief ergriffen schüttelte der alte Pfuel das Haupt mit dem langen schneeweißen Haar. Lassalle hob emphatisch die geballten Fäuste. »Wir brauchen nichts als einen entschlossenen Führer, der die Fahne flattern läßt. Der wird sich finden.« Er machte eine Pause. Alle starrten ihm in das entschlossene metallharte Gesicht. Da sagte er innig: »Deutsche Männer dürfen nicht beisammen sein, ohne derer zu gedenken, die diese grausame Zeit gemordet hat; derer, die seit langen Jahren in den Zuchthäusern modern; derer, die in weiter Ferne das harte Brot der Verbannung zehren. Denken Sie, meine Herren, an die Freiligrath, Marx, Bucher, Kinkel und all die andern Namen, die uns die Fäuste dereinst ballen werden zum Kampfe. Voran leuchte uns allerwege meines herzlieben Freundes Freiligrath Mahnung der ›Toten an die Lebendigen‹: »Zuviel des Hohns, zuviel der Schmach wird täglich Euch geboten: Euch muß der Grimm geblieben sein – o, glaubt es uns, den Toten! Er blieb Euch! ja, und er erwacht! er wird und muss erwachen, Die halbe Revolution zur ganzen wird er machen! Er wartet nur des Augenblicks, dann springt er auf allmächtig: Erhob'nen Armes, weh'nden Haars dasteht er wild und prächtig! Die rost'ge Büchse legt er an, mit Fensterblei geladen, Die rote Fahne läßt er wehn hoch auf den Barrikaden!« Meine Herren, das Glas auf diesen Grimm!« Er hatte so aufwühlend, empörertrotzig deklamiert, daß er sie alle, mochten sie ihm in tiefster Seele beistimmen oder nicht, von ihren Stühlen emporriß. Auch der Rittmeister ließ sein Glas hell erklingen. »Der Schönheit Ihrer Begeisterung!« sagte er lächelnd. – – Nach Tisch las Scherenberg auf Bitten des Hausherrn im Arbeitszimmer einige Abschnitte aus seinem »Franklin«. Grandiose Schilderungen von Eis und Schnee. Hingerissen unterbrach ihn Lassalle einmal: »Göttlich, mein Scherenberg, wie schön, wie herrlich! Seien Sie von Herzen dafür bedankt. Diese Schilderung des Polarmeeres. Ein besseres Eis ist sicher keinem meiner lieben Gäste je präsentiert worden. Nur weiter, weiter!« Und dann phantasierte Bülow auf dem Flügel bis lange nach Mitternacht. Und als die Herren sich vor der Haustür trennten, rief Pietsch ganz außer sich vor Bewunderung: »Aber das ist ja ein Mensch aus einem Hackländerschen Roman! Gibt es denn so etwas in unserem heutigen philiströsen Berlin?« Da versammelte Duncker die Auseinanderstrebenden noch einmal um sich im Kreise. »Ich verstehe den Mann dort oben sehr gut. Er ist einer von jenen Naturen, die mit einer unbändigen seelischen Kraft begabt, diese immerzu bis zum äußersten anspannen und verwerten müssen. Eine genialische Natur. Solche besitzen stets zugleich den Trieb, Taten zu vollbringen, gute Taten, Opfertaten, für andere zu kämpfen. Er erzählte einmal meiner Frau, als Knabe habe er sich geschworen, seine bedrückten Glaubensgenossen zum alten Glanze zurückzuführen. Mit neunzehn errang er Heine die Rente, mit zwanzig stürzte er sich in den Kampf für die Gräfin Hatzfeld, achtundvierzig für die Freiheit. Dann, als seine Betätigungssucht kein neues öffentliches Feld sah, verbiß sie sich in den Heraklit. Bald wird sie sich etwas anderes, ganz Unvermutetes erküren. Diesen Tatenmenschen ist das Ziel im Grunde gleichgültig. Sie wollen tun, irgend etwas Großes, und das Größte erscheint seit Jahrtausenden allen großen Geistern der Kampf um die Freiheit. Seine Rede heute abend zeigte mir, daß er sich bald in einen neuen Kampf stürzen wird. Ihn dürstet nach einer Tat in der Öffentlichkeit.« Boeckh nickte. »Es ist das Holz, aus dem Welteroberer, Usurpatoren und Revolutionshelden geschnitzt werden. Hätte er zur Zeit des Direktoriums gelebt, so hätte Bonaparte ihn aus dem Wege räumen müssen. Für beide war in Frankreich damals nicht Raum.« Da sagte Dr. Prietzel sehr traurig: »Ich fürchte für ihn.« »Fürchten Sie nicht,« tröstete Dohm. »Männer wie Lassalle bedürfen unserer Furcht nicht. Aber neugierig bin ich, was wir noch an ihm erleben werden.« »Qui vivra, verra,« sagte Pfuel und hob den Zylinder. »Bis dahin gute Nacht, meine Herren!« – Oben in seinem Arbeitszimmer saß Lassalle am Schreibtisch und schrieb bis in den grauenden Morgen an seinem Franz von Sickingen. IV. In einen frostklingenden Morgen trat Lassalle am nächsten Tage hinaus. Er ging erst einige Schritte nach rechts, dem Potsdamer Tore zu. Dann zögerte er, wandte sich um und nahm die Richtung auf die Brücke. Es war noch früh genug, auf einem kleinen Umwege zum Brandenburger Tore zu wandern. Der Hochzeitszug würde auch so noch lange genug auf sich warten lassen. Fest in seinen Nerzpelz gehüllt, den spiegelnden Zylinder verwegen in die Stirn gedrückt, den Spazierstock unterm Arm, ging er dahin, das Urbild des Berliner Lebemannes von 1858. Die eleganten Lackstiefel knisterten auf dem hartgefrorenen Schnee. Kurz vor dem still verschneiten weiten Garten der Heislerschen Bierwirtschaft an der Potsdamer Brücke überquerte er den Damm, durchmaß ein kleines Stück der Grabenstraße Heute Königin-Augusta-Straße. und bog dann nach rechts in die neu angelegte, zur Feier des heutigen Tages mit dem Namen »Viktoria« getaufte Straße ein. Staunend blieb er stehen. Welche Veränderung! Er war seit Wochen nicht hier gewesen. Quer durch den prächtigen langgestreckten Konzert- und Biergarten des »Kemperhofes«, in dem er oftmals nach seiner Ankunft in Berlin im Spätsommer die recht gute populäre Musik genossen hatte, war die neue Straße geschlagen. Noch ragten rechts und links des Weges die alten knorrigen Bäume des Parkes, stillgebeugt unter ihrer weißen Schneelast, hinauf in das zitternde Blau des klaren Wintermorgens. »Rechtes Hohenzollernwetter«, dachte Lassalle und schritt forsch aus. Mitten auf dem Damm stand eine mächtige alte Platane, mitleidig verschont von der vordringenden rodenden Zeit. Lassalle schüttelte den Kopf. »Wenn man einen Weg bahnt,« dachte er, »soll man alles aus dem Wege räumen, was hindert, oder man soll den Weg lassen. Diese alte Platane mitten in der Straße ist Gefühlsduselei.« Und er stieß mit der Zwinge des Spazierstockes gegen die Borke des alten Baumes. Als er sich der Bellevuestraße näherte, summte ihm dumpf das Getümmel des Festtages entgegen. Schon winkten bunt einige Fahnen herüber. Und bald schwamm er in dem eifervollen Menschenstrome, der zu der Charlottenburger Chaussee und dem Brandenburger Tore flutete. Berlin, das neugierige, schaulustige Berlin aller Zeiten, hatte heute seinen großen Tag. Nach altehrwürdigem Brauche sollte die britische Prinzessin vom Bellevueschlosse aus in die Hauptstadt Preußens einziehen mit ihrem jungen Glücke und ihrer jungen Lieblichkeit und ihrem jungen freudeklaren Stolze. Quer durch den Tiergarten schritt Lassalle auf die Schulgartenstraße Heute Königgrätzer Straße. zu und bog durch das Tor in die Linden ein. Hier galt es, den festgestauten Menschenwall zu durchbrechen. Rücksichtslos trieb er sich wie einen Keil in die lebendige Mauer, arbeitete nach rechts und links wie ein Schwimmer mit den Ellenbogen, beantwortete das Schimpfen und Fluchen in seinem Kielwasser mit freundlich sänftigendem: »immer gemütlich, Kinder,« landete bei der sperrenden Schutzmannskette, wies seine Tribünenkarte vor, preßte sich dicht an dem Gitter des Wachthäuschens dahin und stand auf dem Pariser Platze. Die Überraschung rammte den blasiert-skeptischen Mann auf das Trottoir. Jetzt, im verklärenden Zauber der schwirrenden Jubelstimmung bot die althistorische Galastraße einen sinnenfrohen, überwältigend festlichen Anblick. Ein farbenrauschendes sonnenbuntes Gewirr von Fahnen, Bändern, Girlanden, Kränzen, goldschimmernden Inschriften wogte, überdacht von dem schimmernden Schmelz des pastell-blauen Winterhimmels, weit, weit hinauf bis zum fernen Bollwerk des Schlosses. Und als zwei schmerzhaft blendende goldene Bänder spannten sich zu beiden Seiten der breiten Triumphstraße die gleißenden Bajonettspitzen der spalierbildenden Grenadierkordons. Doch zum Schauen blieb jetzt keine Zeit. Wie die Woge bei steigender Flut warf die Menschenbrandung den staunenden Mann gegen die Tribüne. Da wurde sein Name gerufen. Seine Augen folgten der Stimme. Und nun gewahrte er Ludmilla Assing. Sie war aufgesprungen und schwenkte einen roten Schal wie eine Jakobinerfahne. Er winkte mit dem Zylinder. Und da – dicht neben Ludmilla, da saß die ganze Clique. Die Dunckers und die Dohms. Rasch klomm Lassalle empor. »Morgen, Lassalle,« rief Lina Duncker und reichte ihm die kleine feste Hand aus dem großen Muff. »Sie sind natürlich wieder der Klügste und kommen im letzten Augenblick, während wir hier schon langsam zu Menschen der Eiszeit degeneriert sind.« Lachend sah sie zu ihm auf aus ihren seltsamen grünlich-grauen Augen mit ihrem eigentümlich bannenden Glanze. »Tag,« brummte Duncker, noch ein wenig verkatert vom gestrigen Abend, »gut bekommen?« »Danke. Und Ihnen?« Lassalle drückte sich in dem engen Gang just an Hedwig Dohms Knien vorbei. Von den fesselnden Reizen ihrer fremdartigen Schönheit gab die dichte Pelzvermummung nur die feine Nase und die braunen weichen »Märchenaugen« mit den samtnen langen Wimpern frei. »Ich begrüße Sie im Namen sämtlicher vereinigter Eskimoschönheiten,« streckte sie ihm aus dem Pelzgewirr lächelnd den kleinen Finger zu: »Mehr trau ich mich nicht hervor; aber Ihnen den kleinen Finger zu geben, ist ja auch schon gefährlich genug.« »Ach,« warf Lina Duncker dazwischen, »du in deinen Pelzen hast gut vorsichtig sein. Mir kann heute kein Teufel gefährlich werden. Ich bin hier kühl bis ans Herz hinan.« Lassalle wollte entgegnen, da faßte ihn Dohm hilfreich und wollte ihn auf den Platz an seiner Seite verstauen. Doch Ludmilla Assing rückte hastig dicht an Dohm heran und gab an ihrer Rechten für den heimlich Geliebten Raum. Sie wollte ihn so weit wie nur möglich von den anderen Damen trennen, ihn durch ihren Körper von jeder fremden Einwirkung isolieren, ihn für sich haben, ganz allein für sich. »Hier, Herr Doktor,« rief sie, »setzen Sie sich hierher. Hier können Sie alles am besten sehen.« Und sie entriß den in der Enge Taumelnden Dohms Händen und zog ihn auf die nackte Holzplanke nieder, die als Sitz diente. Natürlich war es keinem entgangen. Sie lächelten verstehend hinter ihren Muffen und hochgeschlagenen Pelzkragen, und Lina, die Ausgelassene, beugte sich vor und scherzte herüber: »Recht so, Ludmilla, nehmen Sie unseren Freund in Ihre ›warme‹ Hut!« Doch da gab ihr die feine Hedwig Dohm, an Dunckers Beinen vorbei, einen gelinden Stoß mit dem Fuß. So schwieg die lustige junge Frau und flüsterte nur leise ihrem Manne zu: »Nun wird er die Prinzessin nicht sehen. Ich wette, im kritischen Augenblick versperrt sie ihm aus Eifersucht die Aussicht.« Inzwischen hatte Lassalle sich eingenistet. Man saß sehr eng, und Ludmilla gab ihm wenig Raum. Nachdem er nach dem Befinden des Oheims gefragt hatte, sagte er: »Nun wollen wir uns die Ausschmückung mal ansehen. Es scheint wirklich pompös.« »Ja,« nickte Ludmilla, »es ist äußerst geschmackvoll.« Sie zitterte vor Kälte. »Aber, Fräulein Assing,« staunte Lassalle, »weshalb legen Sie den Schal nicht um?« Er griff helfend zu. »Nein, nein,« wehrte sie heftig, »mir ist ganz warm.« Sie hatte sich ganz leicht gekleidet, um ihre zarte schöne Gestalt zur Geltung zu bringen, und wußte, daß der rote Schal sie mißkleidete. Und da fror es lieber, dieses gescheite, geistreiche alternde Mädchen, das in Lassalles Gegenwart vor lauter bebender Befangenheit nie ein vernünftiges Wort fand. Er blickte sie von der Seite an. Die Züge waren schon scharf und herb; sie mochten wohl auch damals nicht allzu reizvoll gewesen sein, als noch die Frische der Jugend sie verklärte. Und da tat sie ihm plötzlich so sehr leid. Er rückte ganz dicht an sie heran und sagte weich: »Kommen Sie, Ludmilla, Sie sind ja ganz blau. Dann doch lieber rot. Sehen Sie so. Es steht Ihnen übrigens prächtig, das rote Tuch zu Ihrem schönen blonden Haar.« Da ward sie rot wie der Schal und wagte nicht sich zu rühren, und das Blut siedete ihr unter der Berührung seiner Hände brennend in das liebetörichte, alte arme Herz. Jetzt tippte es sacht in Lassalles Rücken. Als er sich umwandte, sah er in Marie Kraffts goldbraune Augen, die ihm unter der flotten Pelzmütze hervor entgegenleuchteten. »Guten Morgen, Herr Doktor,« grüßte sie, »ich bin auch da.« »Ah,« machte Lassalle überrascht, »Sie sind es, die mich – hinterrücks überfallen!« »Lassalle, lassen Sie die Witze,« tat Dohm ernsthaft. »Ich bitte um Würde. Wir machen momentan Geschichte.« Lassalle war aufgestanden und reichte dem Vater der Geliebten, einem langbärtigen Hünen von einigen Sechzig die Hand. »Aber, so sehen Sie doch bloß die Buben!« zupfte ihn Ludmilla. »Sie sehen ja gar nichts!« Er setzte sich wieder. Dicht neben der Tribüne stand eine alte Linde, die von einigen Schusterjungen finanzkräftig fruktifiziert wurde. Sie hatten eine hohe Leiter an den Stamm gelegt und vermieteten die Äste des Baumes als Orchesterfauteuils zu zwei Groschen das Stück an andere junge Burschen. Die Linde trug schon etliche nette Früchtchen. »Bravo,« rief Lassalle, »die Bengel gefallen mir. Das sind geborene Rothschilds.« »Hoffentlich geht es bald los,« trampelte Lina Duncker mit den Füßen, »sonst läßt mich der Finanzgeist der Jungen nicht ruhen und ich eröffne einen Handel mit Eisbeinen.« »Die würden viele ›warme‹ Verehrer finden,« beugte Lassalle sich nach links. »Sehen Sie doch den Polizisten,« zupfte Ludmilla, »der dort immer im Kreise umhergeht. Sieht er nicht aus, als sei die ganze Herrlichkeit nur als Folie für seine Amtswürde aufgebaut?« Lassalle sah gehorsam. »Der Geist Preußens geht um,« scherzte er. Da hörte er Herrn Kraffts wuchtige Stimme hinter seinem Rücken: »So – so?! Bei Egels sind Sie? Das ist ja sehr interessant.« Er wandte sich um. Neben dem Fabrikbesitzer saß ein junger Mann mit auffallend intelligentem Gesicht. »Fein warm?« fragte er Marie vertraulich besorgt. »FF,« versicherte sie mit beglücktem Lächeln. »Da kommt Wrangel!« zeigte Ludmilla. Lassalle wandte sich zurück. Ja, da sprengte der greise Feldmarschall mit seiner Eskorte heran. Gerade unter der Tribüne parierte er den Schimmel. Stürmische Rufe begrüßten ihn von allen Seiten. »Morgen, Papa Wrangel! Morgen, Papa Wrangel!« Er hob die behandschuhte Rechte an den blinkenden Helmrand, seine Äuglein zwinkerten lustig über dem hochgesteiften kleinen Schnauzbart. »Schönes Wetter, was?« rief der populärste Mann Berlins hinauf zu den Tribünen. »Kalt – kalt!« dröhnte es zurück. »I! Kalt!« machte der Feldmarschall. »Habt Ihr nicht vorgesorgt?« Und unter tosendem Jubel zog er aus der Satteltasche eine kleine Feldflasche, hob sie empor, rief: »Prost Kinder!« und tat einen kräftigen Zug. Die Herren seines Gefolges lächelten halb gewährend, halb mißbilligend. Da hörte Lassalle, wie Marie Krafft vorschlug: »Vielleicht kommt Herr Dr. Lassalle auch. Er wollte ja schon immer einmal die Fabrik sehen.« Schon berührte ihr kleiner Fuß ihn wieder im Rücken, und Marie fragte: »Herr Doktor, hätten Sie Lust, heute nachmittag unsere Fabrik zu besichtigen?« Lassalle wandte ihr das Gesicht zu. »Sehr gern.« »Wenn ich bitten darf, kommen Sie nicht zu spät, Herr Doktor. Sie werden gewiß die Illumination sehen wollen heute abend. Vielleicht so gegen vier. Ich werde mich freuen, wenn Sie erst ein Täßchen Kaffee im Bureau mit uns trinken.« »Danke sehr, Herr Krafft. Ich werde –« Da riß ihn ein Brausen herum, das von der Charlottenburger Chaussee her die Luft durchschütterte. »Sie kommen! Sie kommen!« stob alles von den Bänken auf. Die Pferde der Offiziere unten auf der Straße tänzelten nervös, die Luft zitterte vor Erregung, Kommandoworte schwirrten durch die bewegte summende Stille – »Präsentiert das Gewehr!« kommandierte irgendwo eine krähende Stimme. Des alten Wrangels Degen flog sonnenumgoldet aus der Lederscheide – dum! – donnerte der erste Kanonenschuß vom Lustgarten herüber – Hörner jubilierten – durch das Mittelportal des Tores knatterte die Tête des Zuges, vierzig Postillone, das blinkende Horn an den Lippen – die hohen Häuser des Pariser Platzes warfen ein tausendfältiges Hurra zurück – die goldene Kutsche glitzerte hervor – andere Galawagen folgten – die Kutsche stand wie aus einem Märchen hervorgezaubert unter dem blauen Februarhimmel – Lakaien sprangen vom Trittbrett – öffneten den Schlag – das lieblich-ernste rundliche Antlitz der jungen Prinzessin beugte sich lächelnd vor – neben ihr tauchte der Helm des Prinzen Friedrich Wilhelm auf über dem mannhaft kräftigen Gesicht mit dem blonden, zu beiden Seiten des Kinnes stehenden Barte – Papa Wrangel beugte sich im Sattel zu der Prinzessin nieder – plötzlich war es kirchenstill unter den Tausenden – nur vom Lustgarten her dröhnten die Kanonen und wie ein geweihtes Gewölbe legte sich über das farbenschimmernde Bild das Läuten der Glocken. Laut tönten Papa Wrangels Worte über den Platz: »Eure Königliche Hoheit habe ich die Ehre namens der Haupt- und Residenzstadt Berlin als deren Kommandant zu begrüßen. Mögen Sich Eure Königliche Hoheit in den Mauern unserer Stadt stets wohl und glücklich fühlen. Die janze Bürgerschaft Berlins schließt sich meinem Wunsche an. Wir hoffen alle, daß Eure Königliche Hoheit hier viele jlückliche Jahre an der Seite Seiner Königlichen Hoheit verleben werden, und daß es Ihnen allezeit bei uns Berlinern jefallen wird. Königliche Hoheit werden sehen, daß es eine janz schöne Jejend ist, und wir Berliner wollen alles tun, Sie hier alles recht jemütlich bei uns zu machen.« Der Alte richtete sich stramm im Sattel auf. Die Lippen der Prinzessin bewegten sich, sie sagte leise: »Ich danke Ihnen, Exzellenz, und den Bürgern Berlins.« Dann stieß Papa Wrangel den Degen in die Luft – die Lakaien sprangen, die sechs Schimmel warfen sich in die Riemen – das Volk schrie – weiße Tücher wehten – die Kanonen dröhnten – die Glocken sangen, und während der greise Feldmarschall mit seiner Eskorte zur Seite der Goldkutsche dahinsprengte, schmetterten die Postillonshörner hell in den Morgen hinein: »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« In schneller Fahrt brauste der Zug die Linden hinab, dem Schlosse zu, umrauscht von den bunten flatternden Fahnen der Gewerke und Innungen. Und während Wagen auf Wagen vorbeiglitt: Prinz Wilhelm, die Prinzessin Augusta, die Mitglieder des Königlichen Hauses, die Minister, der Hofstaat und alles um ihn herum Tücher schwenkte und schrie, stand Lassalle stumm und stolz aufgerichtet oben auf der Tribüne, die Rechte hart um den Elfenbeingriff seines Stockes gekrampft. Er hatte eine Vision. Plötzlich sah er sich in einer gläsernen Goldkutsche von sechs Schimmeln gezogen durch dieses ruhmreiche Brandenburger Tor einziehen in die jauchzende Stadt Berlin. – Erst Ludmilla Assings sachte Berührung riß ihn aus seiner Verzauberung. Wie aus tiefem Traume taumelte er empor. »Was ist Ihnen?« fragte sie in sanftem Staunen. »Sie sahen eben aus wie ein verjüngter Moses, dem Gott auf dem Berge erscheint.« Er blickte ihr stumm durchdringend in die Augen. »Vielleicht hat ein Gott mir die Gesetzestafeln für mein Volk in die Hand gedrückt,« entgegnete er langsam und folgte den andern, die sich zum Aufbruch rüsteten. Wie eine Wand sperrte der Menschenstrom die Zugänge zu den Tribünen. Es war nicht leicht, auf die Straße zu gelangen. Schwarz wälzte es sich durch das Tor die Linden hinab. Alles strebte hinunter zum Schlosse. »Wenn wir versprengt werden, wollen wir uns irgendwo wieder sammeln,« rief Duncker den anderen zu und nahm Linas Arm. »Bei Spargnapani sehen wir uns wieder,« rief Hedwig Dohm. »Denn,« wandte sich Lina im Gehen zurück, »uns gelüstet nach einem Baiser. Gelt, Ludmilla?« Ludmilla hörte nicht, sie sah nur, wie Lassalle sich von Marie Krafft verabschiedete. »Man geht,« zupfte sie. »Na, dann kommen Sie,« nickte er und reichte ihr den Arm, »wir werden schon durchdringen. Nur mutig in das Chaos hinein!« Sie schmiegte sich an seine Seite und folgte. Doch sie kamen nicht weit. Die Flut staute sich vor einem lachenden Wehr. Die Schusterjungen suchten eine künstliche Hausse ihrer fallenden Aktien zu erzwingen. Sie hatten die Leiter von dem Baume entfernt und erwiderten hohnlächelnd auf das Schreien und Zappeln ihrer Kundschaft auf der Linde, zwei Groschen habe das Hinaufsteigen und die Sitzgelegenheit gekostet. Wenn etwa der eine oder andere von den Herrschaften auch noch hinunterzusteigen wünschte mit Hilfe der Leiter, so sei eine neue Gebühr von zwei Groschen fällig. Und unter dem Spottgelächter der Menge fielen die Groschenstücke in die Mützen der wieder einmal witzig sieghaften Berliner Schusterjungen. Dann ergoß sich die aufgehemmte Flut gurgelnd weiter. Dohms und Dunckers hatte sie schon davongetragen. Die Gesellschaft war längst auseinandergerissen. Lassalle nahm fest Ludmillas Arm und zwängte sich schonungslos mit ihr vorwärts durch dieses kindlich erregte Volk. Seit bei dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelms IV. von Königsberg herüber die schwungvollen Reden des jungen Königs erklungen waren, hatte die nüchterne Berliner Bevölkerung nicht wieder in solch patriotischer Jubelstimmung geschwelgt. Eine warme royalistische Begeisterung, eine naive Liebe zum Herrscherhause war plötzlich aufgeflammt, man fühlte sich als Mitglied einer Riesenfamilie, die ihrem schönen stattlichen Sohne die liebliche Braut heimgeführt hatte. Und alle wußten zuversichtlich, daß jetzt alle Schikanen des Polizeiregimes, alle Bedrückung, alle Reaktion für immer versenkt waren in das hochwallende Meer der Festtagsfreude. Und man rief lustig in dem dichten Wirrwarr: »Immer links gehen!« und lachte sich bedeutungsvoll dabei zu und wurde ganz breit vor Freude darüber, daß nun das starre Junkerregiment für alle Zeit gebrochen war. Denn im Schlosse Friedrich Wilhelms III. hatte ja nun der Enkel für sich und seine schöne junge Vicky und für die Freiheit ihres Landes eine Heimstätte in Berlin gefunden. Als Lassalle sich mit Fräulein Assing langsam, Schritt für Schritt, bis zur Wilhelmstraße vorgearbeitet hatte, sagte Ludmilla: »Ich möchte Onkel nicht so lange allein lassen. Liegt Ihnen sehr viel daran, die andern bei Spargnapani zu treffen?« Lassalle sah ihr ins Gesicht. Da packte ihn das rührende Bitten ihrer guten Augen. »Nein,« willigte er rasch ein, »ich begleite Sie sehr gern und sehe mal nach dem Geheimrat.« Ihre kleine bewegliche Gestalt, die vor innerer Hast immer zitterte wenn sie sprach, vibrierte in Glück, wie das Holz einer Geige unter ihrer schwellenden Tonfülle. Und da kam über ihre Züge, die eigentlich nicht alt aussahen, doch so, als wären sie nie jung gewesen, etwas Flottes, Übermütiges. Sie hing sich verwegen in seinen Arm, machte ganz große Schritte und rief: »Ach, wie ist's hier gut, nach dem Gedränge in den Linden! Man kann wieder frei atmen und sich freuen an dem Lichte dieses sonnig blauen Wintertages. Sehen Sie nur, wie der Himmel sprüht. Und wie die Fenster des Ministeriums dort drüben blinken, als stieße die Sonne silberblanke Dolche in die dunklen Stuben hinein.« Und sie schnupperte mit ihrer langen Nase in die kalte Luft: »Riechen Sie den Winter? Wie dieser Geruch von Erinnerungen satt ist! Seit Jahren habe ich den Frost nicht so erinnerungsschwer mehr gerochen. In Hamburg roch es so, als ich noch als Mädchen mit meiner Schwester Ottilie und Mama an der Alster Schlitten fuhr. Da waren ganz blaue Tage. Und Mama erzählte Märchen, und wir kleinen Mädchen staunten zu ihr und der Märchenherrlichkeit auf und glaubten sie. Und als wir älter wurden, da glaubten wir auch noch, uns würde das blaue Märchen des Lebens begegnen. Und dann starb erst Mama, Onkels Schwester, und bald darauf Papa, kurz vor dem großen Brande 1842. Und da nahm Onkel uns beide zu sich nach Berlin. Tante Rahel war ja schon lange tot. Und wir kamen in das große Haus des Onkels und meinten, hier müsse uns nun gewiß das Märchen begegnen. Doch wir wurden älter und älter. Und dann heiratete Ottilie und ging nach Neuyork. Und ich blieb allein bei dem Onkel. Aber an das Märchen glaube ich im Grunde noch immer.« Lassalle sah sie stumm von der Seite an. Die kernige Luft hatte ihre Wangen gerötet, ihre Augen leuchteten froh und kindlich lieb. Da sagte er: »Wie schön Sie heute sind, Ludmilla!« Er fühlte, wie ihr Arm zuckte. Und hell zu ihm aufblickend, lachte sie ganz jung und mädchenhaft: »Dann muß ich doch wohl verzaubert und mitten in meinem Märchen sein.« Dann standen sie vor dem alten Hause in der Mauerstraße. Mit raschelnden Röcken sprang sie leichtfüßig die Stufen hinauf. Als er neben ihr vor der Entreetür wartete, gewahrte er zum ersten Male diese zarte gute Linie um ihre Augen. »Sie haben das gütigste Gesicht, Ludmilla, das mir begegnet ist,« sagte er ganz weich. Da hob sie die Hände und stieß hervor: »Sagen Sie das nicht, Lassalle. Das sagen alle. Immer bin ich die Gute, Hilfreiche, Selbstlose.« Und mit dem Fuß aufstampfend, empörte sie sich: »Ich will nicht immer anderen helfen und selbstlos sein. Egoistisch will ich mir nun endlich meinen Teil vom Leben nehmen, ehe es zu spät ist.« Da öffnete Dore, die liebe alte Dore, in deren Armen Rahel gestorben war, die Tür. »Ah,« nickte sie, »Herr Dr. Lassalle! Da wird der Herr Geheimrat sich aber freuen.« – Als sie abgelegt hatten und in den großen Salon getreten waren, sagte Ludmilla: »Ich werde Sie dem Onkel melden« und eilte hinaus. Lassalle blickte sich fast ehrfürchtig um in diesem langgestreckten Zimmer mit seinen altmodischen Empiremöbeln, in dem einst das »junge Deutschland« jung gewesen war. Ein feiner Duft entschwundener Tage, wie von verblichenen farbenfrohen Blumen und vergilbten Folianten, die man in der blauen Dämmerstunde wieder einmal aufschlägt, atmete in diesem Salon, der einmal der »Berliner Salon« gewesen. Da öffnete sich die Tür, und Varnhagens hohe Diplomatengestalt stand auf der Schwelle. In der vornehmen Ruhe seiner Haltung kopierte er ein wenig den alten Goethe. Mit dem feinen Lächeln, das einst den jungen Heine so bezaubert hatte, trat er auf Lassalle zu, streckte ihm die weiße Gelehrtenhand entgegen und sagte herzlich: »Ich freue mich sehr, Herr Doktor, Sie zu sehen.« »Und ich freue mich, Herr Geheimrat, Sie so frisch zu finden. Wir haben alle sehr bedauert, Sie gestern unter uns zu missen.« »Im Grunde,« lächelte Varnhagen, »freue ich mich, Ihren Vergiftungsversuch –« »Sie wissen schon?« fragte Lassalle emsig. »Gewiß, gewiß. Ganz Berlin weiß es schon. Mir sagte es Humboldt, der vorhin auf einen Augenblick vorsprach. Aber darf ich Sie in mein Kabinett bitten? Hier ist es kalt – und –« er senkte den Kopf, »hier gehen die lieben Geister meiner Jugend um.« Sie traten in das an den Salon stoßende hohe Kabinett, das ein ernster Schreibtisch beseelte. Die Wände waren mit Bücherschränken überladen, hinter einem grünen Vorhange lugten unzählige Schachteln und Schächtelchen hervor, peinlich etikettiert und nach dem Alphabet geordnet Der Greis bot dem Gast einen Stuhl und setzte sich an den mit Papieren übersäten Schreibtisch. Er hatte offenbar gearbeitet, als Ludmilla ihn aufscheuchte. »Nun,« begann der Alte, sich behaglich in den Stuhl zurücklegend, »ist die liebe künftige Landesmutter in ihre Residenzstadt eingezogen?« »Ja,« erwiderte Lassalle, »und das Volk hat den Rausch als Morgengabe.« »Ich wundere mich, daß Sie, der Revolutionär, sich solche dynastischen Feste ansehen,« staunte Varnhagen. »Ich sehe mir gern meine Zeitgeschichte und ihre Wirkung auf meine Zeitgenossen an,« lächelte Lassalle. »Ja, ja,« nickte der Geheimrat vor sich hin, »es ist eine herrlich schöne Zeitgeschichte.« Er lächelte, wie er immer lächelte. Doch dem scharfen Blick Lassalles entging nicht das leise spöttische Zucken der Augenwinkel. »Ich glaube, Herr Geheimrat,« sagte er, »wir beide sehen die Geschehnisse nicht gar zu verschieden.« Der Alte lächelte geheimnisvoll und diplomatisch. »Vielleicht,« wich er vielsagend aus. Sein Blick huschte hinüber zu den Schachteln und Schächtelchen, in denen seine grimmigen Angriffe gegen das herrschende Regime und seine Vertreter schlummerten, die dereinst nach seinem Tode als Rache für seine Zurücksetzung im auswärtigen Dienst hinausflattern sollten in die überraschte Welt. Er lächelte vor sich hin und malte sich den verblüfften Zorn der herrschenden Mächte und ihrer Schleppenträger an jenem Tage aus, an dem die »Impietäten« des stets liebenswürdig devoten Varnhagen von Ense aus ihrem Hinterhalt hervorbrechen würden. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, diesen klugen jungen Menschen da vor ihm einzuweihen in das Geheimnis, das nur Alexander von Humboldt mit ihm teilte. Doch da öffnete sich die Tür, und Ludmilla, ein Spitzenschürzchen hausmütterlich kokett über dem braunen Rocke, brachte auf silbernem Tablett einen Imbiß. Es wurde in leichtem Tone geplaudert, bis Lassalle den Geheimrat um die Rückgabe des Briefes bat, den Heine ihm einst aus Paris als Empfehlung an den Berliner Freund mitgegeben hatte. Der Geheimrat lächelte, doch die Finger, die nervös an dem Eisernen Kreuze zupften, das er sich 1813 erworben hatte und stets im Knopfloche trug, verrieten, wie peinlich ihm dieses Verlangen war. »Ich würde diese Bitte nicht wagen,« erläuterte Lassalle, »wenn ich nicht wüßte, daß Ihre Heinebriefe ein stattliches Konvolut darstellen.« »Gewiß, gewiß,« lächelte Varnhagen. Da schmeichelte auch Ludmilla: »Gib ihn doch heraus, Onkelchen. Dir bleiben ja noch so viele.« »Liegt Ihnen denn so sehr viel an dem Brief?« fragte der Greis unschlüssig. »Ungeheuer viel, Herr Geheimrat. Heine hat später, wie Sie wissen, sehr schlecht von mir und meiner Familie gesprochen. Er behauptet, mein Schwager Friedland, mein Vater und ich hätten ihn betrügen wollen und zu einer verfehlten Spekulation in Aktien der Prager Gasgesellschaft verleitet. Natürlich haben wir dem kranken Manne lediglich seine drückende materielle Lage erleichtern wollen. Daß die Sache fehlschlug, war nicht unsere Schuld. Ich bedarf daher jenes Briefes, um darzutun, wie Heine ursprünglich über mich geurteilt hat.« »Die Gründe sind zwingend,« entschied Ludmilla ermunternd. Da erhob sich der Alte fast unwirsch und griff zu einer der Schachteln. »Ich bin in meinen alten Tagen Autogrammsammler geworden,« lächelte er sofort wieder. »Es gibt kaum eine bedeutende Persönlichkeit, deren Handschrift ich nicht besitze.« Er blätterte unter den Bogen. »Die französischen hat mir Heine fast alle verschafft. Da Chateaubriand, Blanche, hier Thiers, da Saint-Beuve, Lafayette, Mirabeau – das ist Robespierre, hier Talleyrand, dies Carnot.« Kindlich stolz wies er seinen Schatz. Dann nahm er ein sorgfältig umwickeltes Paket Briefe hervor. »Das ist Heine,« nickte er und suchte in den leis vergilbten Blättern. »Hier, lieber Freund, als ein Zeichen meiner tiefen Zuneigung.« Lassalle griff mit freudigem Dank nach diesem Schreiben, das er vor zwölf Jahren als kostbaren Zauberschlüssel nach Berlin getragen hatte. Er hatte ihm, dem jungen unbekannten Menschen, die ersten Häuser der Stadt weit geöffnet. Er entfaltete das zusammengelegte Blatt und las in einem Anflug seiner Eitelkeit halblaut vor sich hin: »Liebster Varnhagen! Mein Freund, Herr Lassalle, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Geistesgaben: mit der gründlichsten Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größten Scharfsinn, der mir je vorgekommen, mit der reichsten Begabnis der Darstellung verbindet er eine Energie des Willens und eine Habilité im Handeln, die mich in Staunen setzen, und wenn seine Sympathie für mich nicht erlischt, erwarte ich von ihm den tätigsten Vorschub. Jedenfalls war diese Vereinigung von Wissen und Können, von Talent und Charakter, für mich eine freudige Erscheinung.« »Das klingt doch schon etwas anders, als das, was er später seinem Bruder über mich schrieb,« unterbrach sich Lassalle. »Lesen Sie weiter!« trieb Ludmilla heftig. Lassalle lächelte und fuhr in der Lektüre fort: »Herr Lassalle ist nun einmal so ein ausgeprägter Sohn der neuen Zeit, die nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mehr oder weniger heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt. Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir, die Alten, beugten uns demütig vor dem Unsichtbaren, haschten nach Schattenküssen und blauen Blumengerüchen, entsagten und flennten, und waren doch vielleicht glücklicher, als jene Gladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegen gehen.« Lassalle ließ das Blatt sinken, und ins Leere starrend, sagte er: »Welch ein Künder der Zukunft ist dieser große Mann gewesen!« »Ja,« nickte Varnhagen, »wie vieles, das er vorgeschaut hat, ist schon eingetroffen! An ihm hat sich wieder glanzvoll die Feinheit der lateinischen Sprache erwiesen, die den Dichter vates , den Seher, nennt.« »Aber,« richtete Ludmilla ihre zierliche Gestalt auf und zitterte vor Erregung, »Sie glauben doch nicht etwa daran, daß Sie einem Kampftode entgegengehen!« »Ich bin kein Dichter,« wich Lassalle lächelnd aus, »aber das weiß ich, daß ich ein Kämpfer bin.« Der Geheimrat hatte sich wieder gesetzt und lag plötzlich alt und morsch im Stuhle. Das Gesicht war eingefallen. Er nickte greisenhaft vor sich hin und sagte, wie zu sich selbst, mit der Härte des rückschauenden alten Mannes: »Ja, es ist eine rauhe häßliche Zeit geworden. Wie war das anders in meinen hellen Tagen.« Sein Blick glitt hinüber zu dem Gemälde an der Wand, das Rahels unregelmäßige, starkknochige geistvolle Züge verklärte. »Wie war damals die Welt zart und fein. Wie rauh ist sie geworden. Wenn ich auch dies Zimmer hier kaum noch verlasse, ich lausche von hier aus doch hinaus auf das Geräusch eurer Welt da draußen. Und ich sage Ihnen, junger Freund –« die blauen Schatten unter den weiten Augen hatten etwas unheimlich Ahnendes – »die Menschen werden immer kälter werden, immer brutaler. Der Kampf wird immer rücksichtsloser werden. Die Welt da drinnen,« – er wies mit zitternder Hand nach der Tür des Salons – »diese still beschauliche Welt des Geistes, ist für immer vorbei. An die Türen pocht die Zeit der Rastlosigkeit. Es kommen harte Kämpfe. Der Kampf um die Einigkeit Deutschlands wird bald ausgekämpft sein. Doch dann kommt die Zeit des sozialen Ringens. Wohl mir, daß ich vorher zur Ruhe komme.« Er wickelte sich fröstelnd in den langen schwarzen Rock. Sie schwiegen bedrückt. Endlich sagte Lassalle: »Sie haben recht, Herr Geheimrat. Die sozialen Kämpfe werden beginnen, sobald ein Führer aufersteht.« Da rafften Ludmillas nervöse Hände das zerflatternde Gespräch zusammen. »Obwohl ich nun schon solange bei dir und deiner sinnigen Güte lebe, Onkel, der du wie ein Symbol jener geistreichen Zeit zu uns herüberragst, liebe ich doch diese neue Zeit. Ich glaube nicht, daß ihr Alten glücklicher wart mit euren blauen Blumengerüchen, eurer Entsagung und euren Schattenküssen. Ich ziehe es vor, ein Kind dieses neuen Geschlechts zu sein, das genießen will und seine Wirklichkeit mutig lebt.« Und ihr heißer Blick umglühte Lassalles Stirn. Der lächelte. Doch der Greis seufzte: »Ach, liebes Kind, gewollt haben wir Alten das ja auch. Nur die heutige Rücksichtslosigkeit im Erringen, die hat uns gefehlt.« – – Bald darauf verabschiedete sich der Gast. Und als Ludmilla ihn hinausgeleitet, und er sich mit einem einenden Händedruck von ihr verabschiedet hatte, eilte sie in ihre Mädchenkammer und schaute lange prüfend in den Spiegel. Sie stand und schaute und suchte das Wunder in ihren Zügen. Doch sie waren bleich, leblos und ohne Reiz wie immer. Nur die Augen – ja, die glänzten heute so hell. Bange Zweifel griffen ihr an das liebeshungrige Herz. Aber er hatte doch gesagt: »Wie schön Sie heute sind, Ludmilla!« Nicht »hübsch«, nein »schön« hatte er gesagt. Ob er es am Ende nur aus Mitleid –? Nein, nein! Sie preßte die Hände zusammen. Kein Mitleid von diesem Manne, vor dem alles in ihr, was Lebensgier und Glückessehnsucht war, auf Knien lag. Liebe – Liebe – Liebe! Und sie starrte sich an und fand sich anmutlos wie immer. Doch eine kleine leise Stimme, ganz tief im Herzen, sang wehmütig hoffnungsvoll: »Was gilt das, wie ich mich sehe! Vielleicht bin ich schön in seinen Augen. Es mußte ja einmal kommen wie ein Wunder im Märchen. Und in einem Wunder darf man sich über nichts wundern.« Und sie schritt in dem großen öden Hause der Vergangenheit einher mit der leise singenden Stimme ihrer wunderholden Gegenwart. Am Nachmittage war Lassalle auf dem Wege zur Krafftschen Eisengießerei in der Lietzower Wegstraße. An der Potsdamer Brücke blieb er stehen und schaute die Grabenstraße entlang aus nach Marie Krafft mit dem Vater. Diesen Weg mußten sie von ihrer Villa in der Bendlerstraße kommen. Doch niemand war auf dem verschneiten Wege zu erblicken. Kalt rauchte es von den Eisschollen des Kanals in die Winterluft. Lassalle überquerte die schmale Holzbrücke und schritt nun auf dem Landwege dahin. Im Herbst war er hier im tiefen Sande oft hinausgewandert nach Schöneberg auf einsamen Spaziergängen, in denen die letzte Fassung des Heraklit zur Vollendung reifte. Kein Trottoir, keinen Fahrdamm gab es auf dieser Straße hinter der Brücke. Die wenigen Wagen, die hier fuhren, schufen sich aus eigener Kraft eine feste Fahrschiene im tiefen märkischen Sande. Mit ausgreifenden Schritten marschierte er auf der festgefrorenen Straße. Nur hier und da stand zur Seite des Weges ein einstöckiges Gartenhäuschen, das Dach tief und knurrig in die Stirn gedrückt. Sonst war hier draußen, wie der Berliner Jargon so treffend sagte, »nichts als Jejend«. Große Gärten, weite Felder, jetzt alles ruhend im Winterschlafe unter warmer weißer Schneedecke. Der einsame Wanderer dachte an die Spaziergänge im Spätsommer, als das Korn hier überall auf den Feldern wogte und die Gärten grün und früchtereif herübergrüßten. Und Lerchen stiegen, und eines Nachts, als er spät von einer weiten Wanderung heimkehrte, schluchzten rechts und links des Weges die Nachtigallen ihr altes junges Preislied auf die Schönheit der Natur. Plötzlich tauchte aus Lassalles Unterbewußtsein die Vision des Morgens wieder empor. Er lächelte ein bitteres ironisches Lächeln. Er durch das Brandenburger Tor einziehen in Goldkutsche mit sechs Schimmeln! Er! Er mußte an seine Kinderjahre denken, als er trotz aller Müdigkeit mit Gewalt den Schlaf verscheucht hatte, um mit wachen Augen zu träumen. In die Begebenheiten der Bücher, die er las, hatte er sich als Held hineingeflochten und tausend gewaltige Dinge erlebt. Ritter und Held, König, Kaiser und Aladin mit der Wunderlampe war er da gewesen. Wie prächtig hätte in diese Kinderschwelgereien die Goldkutsche mit den sechs Schimmeln hineingepaßt! Er war an der Lietzower Wegstraße angelangt, einem Landweg mit wenigen kleinen Gartenhäuschen. Nur da hinten ragte eigentümlich plastisch in den qualmig grauen Winternachmittag das rote hohe Gebäude der Jungbluthschen Wagenfabrik und dahinter schwarz und massig die Krafftsche Eisengießerei. Er zog die goldene Uhr. Es war noch Zeit. Er mußte denken. Weiter schritt er auf Schöneberg zu. Nein, das war eine tolle Vision seines überreizten Hirns. Als Triumphator über welche Mächte sollte er wohl in Berlin einziehen? Eine harte realistische Zeit brach an, die Wundern abhold war. Er ballte die Hände in den Manteltaschen. Aber er wollte, wollte hinauf! Anderen war es doch gelungen, Männern, die auch aus den Niederungen bürgerlicher Existenz kamen, waren hoch emporgestiegen. War er nicht auch aus solchem Eisen gegossen? »Ich will – will hinauf,« summte er grimmig zwischen den Zähnen. Er fühlte es doch, tief da drinnen in der heftig pochenden Brust, er war zu etwas Großem, Himmelragendem erkoren. Fühlte es seit den Kindertagen. Solch Gefühl lügt nicht! Er stand still und reckte sich. Etwas in ihm schrie: Messias des neunzehnten Jahrhunderts. Starr blickte er über die weißen Felder dem Fluge der krächzenden Krähen nach. Hatte auch Heine sich geirrt, als er ihn den Messias nannte? Er ging weiter in den fallenden Winterabend hinein und grübelte. Wie war diese Seherkunde über Heine gekommen? Damals in der kleinen Pariser Wohnung im Faubourg Poissonnière war es. Der Dichter saß in seinem Lehnstuhle, das eine Auge war schon ganz geschlossen, die Hälfte des Gesichts gelähmt. Sie hatten lange ins Weite hinaus geschwiegen. Da hob der kranke Mann sich plötzlich aus den Kissen, das gesunde Auge öffnete sich feurig, der gelähmte Mund verzog sich schief und er flüsterte, die zitternde Hand nach ihm ausgestreckt: »Sie werden der Messias des neunzehnten Jahrhunderts sein.« Damals im Rausch der unbegrenzten Hoffnungen seiner Zwanzig war ihm dieses Prophetenwort nicht wundersam erschienen. Damals wußte er selbst seine große Zukunft. Er hatte nur genickt. Und Heine war wieder in sich zusammengesunken und hatte noch leiser wiederholt: »Ja, Sie werden der Messias des neunzehnten Jahrhunderts sein.« Aber heute, in den Zweifeln seiner Zweiunddreißig, sah er es anders. Wem sollte er der Messias werden? Wem lohte die Flamme in seinem Herzen? Wem waren alle diese Geistes- und Willenskräfte im Hirn aufgespeichert? Wem? Welcher Helfertat? Er sann mit gefurchter Stirn. Der Freiheit? Ach, im tiefsten Innern wußte er, daß die Zeit einem Kampfe um die politische Freiheit ungünstig war. Die blutige Reaktion, der »weiße Schrecken«, war niedergebrochen, als Rochows Kugel den Berliner Polizeipräsidenten von Hinkeldey im Duell niederstreckte und verröcheln ließ, als Prinz Wilhelm den geisteskranken König ersetzte. Man sprach von Amnestie der Freiheitskämpfer von 48, von liberalen Reformen, vom Anbruch einer »neuen Ära«. Er wußte zwar, sie würde nicht kommen, gewiß, nicht durch eine englische Prinzessin. Der Prinz, der den Aufstand in Baden mit blutiger Faust niederkartätscht hatte, der »Erbfeind aller Volksrechte«, der wegen seiner volksfeindlichen Gesinnung nach England hatte fliehen müssen, der Mann, der nichts als strenger Soldat war, der war nicht der Mann liberaler Gedanken. Aber man glaubte an ihn, und im Volk war kein Verlangen nach neuen Kämpfen. »Doch die Zeit wird kommen, wenn sie sich in ihrem Hoffen getäuscht sehen,« verbiß sich Lassalle in seine Helferrolle, »dann wird sie kommen, dann werde ich sie aufrütteln und der Messias der Freiheit werden.« Er warf sich in die Brust und schritt weiter. Trotz des gewaltsamen Anklammerns an diese Zuversicht wühlte in ihm eine zweifelnde Qual. »Oder bin ich berufen, Deutschland aus seiner schmachvollen Zerrissenheit zu reißen?« grübelte er. »Ist das mein Messiasberuf?« War er von der Vorsehung auserkoren, Österreich niederzuschmettern und unter Preußens Führung Deutschland zu einen? Er blieb wieder stehen und starrte mit gefolterten Sinnen in die Runde. Wo war er nur hingeraten? Er suchte sich zurechtzufinden. Dort, weit hinten ragte aus der rauchigen Winterluft ein Bauernhaus. Er erkannte es wieder. Es stand auf dem »Alt Schöneberger Feld«. Heute Nollendorf-Platz. Er hatte sich aber tüchtig verlaufen! Nun hieß es schnell zurück. Sie warteten gewiß schon ungeduldig auf ihn, denn sie wollten am Abend in die Stadt hinein zur Illumination. Er machte kehrt und schritt rasch aus. Am Jacobschen Weg, Heute Kurfürstenstraße. erkennbar an den schneegekrönten Sanddünen, eilte er vorbei, dort ragten auch schon gespenstisch in den Abend die Arme der Windmühle an »Blums Mühlenweg«. Heute Steglitzer Straße. So, nun war er gleich da. Er bog in die Lietzower Wegstraße ein, hastete über den schmalen verschneiten Feldrain, der vom Kanal zwischen den dunkelnden Gärten herüberlief, Heute Blumeshof. jetzt schritt er dahin am Zaune der Jungbluthschen Fabrik, wieder ein holpriger Feldweg, Heute Magdeburger Straße. dann stand er vor dem Tor der Krafftschen Eisengießerei. Er trat ein. Auf der Schwelle eines niedrigen Wächterhäuschens erschien ein junges Mädchen. »Wohin wünscht der Herr?« fragte sie ein wenig schnippisch. »In das Privatkontor,« gab Lassalle Bescheid. »Gleich dort, gradeaus,« zeigte sie und trat in das Haus zurück. Lassalle eilte zu der gewiesenen Tür, öffnete und stand in einem traulichen Räume. Um einen ovalen weißgedeckten Kaffeetisch saßen Krafft, Marie und ein junger Herr, in dem Lassalle sofort den Tribünennachbar des Fabrikanten wiedererkannte. Marie war bei seinem Eintritt unbesonnen freudig in die Höhe gesprungen. Jetzt reichte sie ihm mit beherrschter Herzlichkeit die Hand. Der Hausherr stellte vor: »Herr Maschinenbauer Strasser – Herr Dr. Lassalle.« Dann bewillkommnete er den neuen Gast herzlich und schlicht. »Ich habe mich verspätet,« entschuldigte sich Lassalle. »Macht nichts,« lachte Krafft in seiner urwüchsigen Gemütlichkeit. »Herr Strasser erzählte uns eben von einem neuen Stern am Künstlerhimmel.« »Kennen Sie den Bildhauer Reinhold Begas?« fragte Marie eifrig dazwischen und lächelte ihm rasch und heimlich zu. »Reinhold Begas?« sann Lassalle, sich an den Tisch setzend, »nein. Ich kenne den verstorbenen Maler Karl Begas, dem Namen und den Werken nach.« »Reinhold ist einer der Söhne,« erläuterte freundlich Strasser. Da klopfte es an die Tür, und hereintrat mit dampfender Kaffeekanne das junge Mädchen, das vorhin Lassalle den Weg gewiesen hatte. Marie erhob sich und nahm das Tablett. »So, Hedwig,« nickte sie, »das wäre nun alles.« Das Mädchen ging, unter Lassalles prüfendem Blick errötend. Er hatte einen niederträchtig verwirrenden Funken in den blauen Augen, wenn er ranke junge Glieder betrachtete. Während Marie den Kaffee eingoß und die Sandtorte, die inmitten des Tisches thronte, austeilte, sprach Strasser weiter: »Reinhold Begas ist ein guter Bekannter von mir vom Gymnasium her. Wir haben dort in derselben Klasse gesessen. Er ist eben aus Rom zurückgekehrt und zeigte mir vor einigen Tagen das Gipsmodell seines neuen Werkes, das er von dort mitgebracht hat.« »Was stellt es dar?« fragte Lassalle. »› Pan tröstet die verlassene Psyche ‹. Ein wunderbares Werk. Ich habe so etwas Herrliches nie geschaut.« »Sie lieben Kunst wohl sehr?« lächelte Marie freundlich. »Sehr,« antwortete er mit aufleuchtenden Augen. »Erzählen Sie bitte weiter von Begas,« ermunterte Krafft und stippte den Kuchen in die Tasse. »Es ist ein Pan, der einem holdseligen Kinde, das arglos zwischen seinen Schenkeln sitzt, väterlich milde Trost zuspricht. Aber wie das gemacht ist! Diese Lebendigkeit und Naturwahrheit in den Körperformen, dieser durchgearbeitete menschliche Oberkörper des Pan und diese rührende naive Anmut der Psyche – diese geniale Harmonie des Malerischen und Realistischen –! Ich bin überzeugt, es wird das Ereignis der diesjährigen akademischen Kunstausstellung.« »Ei,« rief Marie lebhaft. »Er will es dort ausstellen? Dann können wir uns ja alle schon darauf freuen.« Hier sagte Lassalle: »Ich weiß nicht, ich kann mich für solche Darstellungen nicht begeistern. Pan und Psyche! Was soll ich mir dabei denken? Nach meiner Meinung ist die höchste Aufgabe der bildenden Kunst, die Kämpfe für die Freiheit, ihre Siege und das heroische Märtyrertum für die Freiheit darzustellen. Dann erhebt sie sich zu ihrem Zweck, die Menschheit zu erheben.« »Ich weiß doch nicht,« zweifelte Krafft. Der junge Mann lächelte nur. Marie aber rief: »Herr Doktor, welche Anschauung! Die Kunst soll einen Zweck verfolgen! Auf den Gegenstand der Darstellung kommt es doch überhaupt in der Kunst nicht an. Sondern allein darauf, wie das gemacht ist!« »Nein,« entgegnete er hitzig, »mir ist der Gegenstand alles.« Der junge Mann lächelte wieder. Da sagte Marie, den Liebsten beschirmend: »Sie müssen eben alles von Ihrem großen Standpunkte des Freiheitskampfes sehen, Herr Doktor. Das mag manchem einseitig scheinen, aber in dieser Einseitigkeit liegt die Größe des Genies.« Damit streckte sie ihm die Hand zu, über den Tisch herüber. »Na, dann wollen wir mal 'rein in die Fabrik,« meinte Krafft lächelnd. »Die Herren sind ja wohl fertig. Sonst wird es zu spät.« Sie traten in die Riesenhalle mit ihrem hellaufklirrenden, dumpfniederbrausenden Dröhnen, Sausen, Hämmern und Schwirren. Da ratterte und knatterte und wetterte es von hundert schwingenden Schlägen, da ging allmächtig wie das Schicksal der Koloß des Dampfhammers nieder auf glühweiße Eisenbarren, blau knisternde Sternenwelten versprühend unter seiner formengestaltenden Schöpferwucht. Da knarrte und krächzte und kreischte es an den Drehbänken, da feilte es, daß die Zähne schmerzten. Und aus den Höllenrachen der Rundöfen fauchte die rote Glut, und purpurn überhauchte schwarze Zyklopenschatten hantierten davor und schürten die Flamme und zogen an Titanenzangen das weißglutende Eisen mit seinem zitternden bläulichen Dunstgeflimmer hervor. Als sie eintraten, kam ein älterer Arbeiter mit bravem ehrlichen Gesicht auf sie zu. »Lassen Sie nur, Klingbeil,« schrie ihm der Herr durch den ohrenzersprengenden Lärm entgegen, »ich führe schon selbst.« Er ging wieder an seine Arbeit. »Mein erster Vorarbeiter,« erläuterte Krafft mit Anspannung seiner gewaltigen Stimmkraft. »Einer meiner Besten. Vielleicht übertrifft ihn nur der junge Mensch dort. Sehen Sie – der schwarze.« Und rasch auf ihn zugehend, fragte Krafft: »Na, Loewe, gelingt die neue Konstruktion?« Der junge Mechaniker hob den Kopf. Große feurige Genieaugen blickten auf den Chef. »Ich hoffe, Herr,« sagte er schlicht und wandte sich wieder der Arbeit zu. Krafft und Strasser schritten in eifrigem Fachgespräch weiter. Lassalle blieb an die Drehbank des jungen Mannes gebannt. Etwas in diesem arbeitsversunkenen Gesicht fesselte ihn. »Ein prachtvoller Kopf,« bewunderte er, sich dicht zu Mariens Ohre neigend. Der junge Mann sah auf. Eiserne Energie barst aus den klugen Augen. »Sie sind Jude?« fragte Lassalle. »Ja,« antwortete er, ohne sich in der Arbeit stören zu lassen. »Mein Vater ist Lehrer und Synagogenbeamter in Heiligenstadt im Eichsfelde.« »Wie heißen Sie?« fragte Lassalle liebenswürdig. »Ludwig Loewe.« »Ich bin der Dr. Lassalle,« stellte er sich stolzbewußt vor. »Haben Sie von mir gehört?« »Ja,« nickte Loewe, »Sie haben mal eine Kassette gestohlen.« Marie und Lassalle lachten. »Das habe ich zwar nicht,« stellte Lassalle richtig, »aber es tut nichts zur Sache. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie aussehen wie einer, der einmal ein Borsig wird.« »Das weiß ich,« bestätigte der Mechaniker bescheiden und kühn. »Auf Wiedersehen,« grüßte Lassalle, »vielleicht begegnen wir uns noch einmal irgendwo.« »Ich hoffe es,« sagte der andere, »denn Sie sehen aus, als hinge für Sie irgendwo eine Krone.« »Bravo,« klatschte Marie begeistert in die Hände. Dann gingen sie weiter und suchten die beiden andern. Sie waren nicht zu finden. Da schlug Marie vor: »Weißt du was, Ferdinand! Wir benutzen die gute Gelegenheit und gehen ins Bureau zurück und erlisten uns einige Minuten des Alleinseins.« »Ich möchte aber gern –« wandte er ein. »Du kommst ein anderes Mal wieder,« bat sie und drängte zum Ausgang. Er folgte widerstrebend. Und als sie in dem kleinen Zimmer an seinem Halse hing, fragte er: »Wer ist dieser Strasser? Der Mann gefällt mir nicht.« »Oh,« lachte sie, »mir gefällt er recht gut. Ein feiner, kunstverständiger Mensch. Papa hat ihn heute früh zufällig kennen gelernt. Sie haben viel über Maschinenbau miteinander geschwätzt. Papa sagt, er sei in seinem Fach eminent beschlagen. Er ist einer der leitenden Ingenieure bei Egels.« »So – so,« machte Lassalle. »Da muß er allerdings was weg haben. Er ist doch höchstens dreißig.« »Siebenundzwanzig,« berichtigte Marie. »Du bist ja schon sehr genau orientiert,« grollte er. Da fiel sie wieder stürmisch über seine Lippen her und lachte: »Bist du eifersüchtig, mein großartiger Frauenverächter!« »Achtung,« warnte er und löste sich von ihr. »Man kommt.« Bald darauf traten die Herren ein. »Ah,« lachte Krafft, »da haben wir die Ausreißer. Ein bißchen laut da drinnen, was?« »Ein Werk, auf das Sie stolz sein müssen,« rühmte Lassalle ehrlich bewundernd. »Bin ich auch,« reckte der Hüne sich machtvoll auf. »Habe ich aufgebaut, Stein auf Stein. Als einfacher Schlosserjunge bin ich anno 13 nach Berlin gekommen.« Marie blickte bewundernd auf den Vater. Doch Strasser sagte geschäftskundig: »Mit Kraft, Energie, Können und Fleiß ist auch heute in unserer aufblühenden Industrie noch groß zu werden. Nur darf man keinen Gefühlsduseleien nachgehen. Sie haben recht, daß Sie heute arbeiten lassen, Herr Krafft. Wir lassen heute ruhen, damit die Arbeiter den Festtag genießen können.« »Ih, wo werd' ich!« wies Krafft von sich. »Ich glaube überhaupt,« fuhr Strasser fort, und die Augen, die vorhin, als er von dem Kunstwerke des Reinhold Begas sprach, in zarter Begeisterung geleuchtet hatten, wurden hart und grausam, »große Erfolge erzielt man nur, wenn man in dem Arbeiter das sieht, was er für den Fabrikherrn sein muß: eine Ware, die er zu dem billigsten Preise handelt!« Lassalle warf den Kopf auf. Marie bemerkte es. Der alte Krafft nickte eifrig. »Ganz gewiß. Der Arbeiter darf uns nichts sein, als eine Ziffer in unserer Kalkulation. Das ist das ABC jeder Fabrikation.« »Das heißt mit anderen Worten,« fuhr Lassalle erregt dazwischen, »je größer Ihr Unternehmergewinn ist, desto weniger erhält der Arbeiter.« »Nein,« klärte Strasser sachlich auf. »Die Frage, ob der Unternehmer viel verdient oder wenig, berührt den Arbeiter kaum. Er erhält als Lohn stets nur soviel, als er zum notwendigen Unterhalt für sich und seine Familie braucht.« Und begierig, seine Unternehmertüchtigkeit vor dem großen Fabrikherrn zu erweisen, packte der junge Streber seine Weisheit tüchtig aus: »Weniger als den notwendigen Lebensunterhalt darf der Arbeiter nicht erhalten, sonst gehen die Familien zugrunde. Die Arbeiterzahl nimmt ab, und die Arbeitskräfte werden natürlich teurer. Aber mehr braucht der Unternehmer auch nicht zu zahlen. Denn sowie die Arbeiter mehr erhalten als das, was sie unbedingt zu ihrem Lebensunterhalte brauchen, nehmen die Arbeiterehen zu, die Kinderzeugung steigt, die Sterblichkeit nimmt ab, und es dauert gar nicht lange, so sind die Kinder zu Arbeitsfähigen herangewachsen. Zudem erfolgt in Gegenden, in denen gute Lohnbedingungen herrschen, sofort starker Zustrom fremder Arbeitshände, und alles ist wieder beim Alten. Denn durch das große Angebot von Arbeitskräften kann der Fabrikant, da nun eine große Konkurrenz unter den Arbeitern herrscht und jeder Arbeit haben muß, den Lohn drücken und wieder nur gerade das bieten, was der Arbeiter unbedingt braucht, damit er und seine Familie existieren kann. Das ist das ganze Geheimnis des Lohngesetzes.« »Aber das ist doch entsetzlich!« empörte sich Lassalle. Krafft zuckte die Achseln. Der junge Mann lächelte wieder, wie vorher, als Lassalle seine seltsame Ansicht über die Kunst äußerte. »Ja, aber,« fuhr Lassalle mit der Hand irr über die Stirn, »das ist doch etwas Furchtbares, was Sie da so ruhig hererzählen. Eine Unendlichkeit des Elends. Was Sie da sagen, leuchtet sofort ein. Dann wird doch aber niemals eine Zeit kommen, die dem Arbeiter mehr gibt, als den kümmerlichsten Lebensunterhalt.« »Nein,« bestätigte Strasser diese kleine Selbstverständlichkeit. »Aber – aber –!« Lassalle stammelte vor furchtbarster Erregung, »dann – dann – arbeiten die Leute doch unter der grausamsten Hoffnungslosigkeit. Nie wird sich ihr Los bessern. Der allgemeine Reichtum kann wachsen, die Industrie blühen, der Unternehmer Millionen auf Millionen häufen – nie wird dem Arbeiter ein Teil dieses Segens zufließen. In alle Ewigkeit bleibt er auf den Lohn beschränkt, den er zum kümmerlichsten Dasein braucht.« »So ist es leider,« bedauerte Krafft. »Es mag hart sein. Aber es liegt nun einmal in der Natur des Unternehmertums, das natürlich die Kräfte so billig nimmt, als es sie kriegen kann. Dafür tragen wir aber auch das ganze Risiko.« Lassalle schwieg. In ihm wogte und wallte es. »Mein Gott – mein Gott,« flüsterte er, noch ganz benommen von der aufquellenden neuen Erkenntnis, »dann werden ihnen nie die Segnungen der Kultur blühen, nie werden sie die Mittel besitzen, sich ein wenig Schönheit ins Leben zu bringen. Denn das ist Luxus für sie, die nur gerade genug verdienen, das tägliche Leben kümmerlich zu fristen. Es liegt etwas Aufpeitschendes, Hirntötendes in diesem Gedanken der ewig unwandelbaren verzweifelten Ausgeschlossenheit.« »Gott,« meinte Strasser, »sie sind doch ganz zufrieden. Sie glauben eben, es muß so sein.« Da sagte Krafft abschließend: »Wir werden es nicht ändern. Wie wär's, meine Herrschaften, wenn wir jetzt zur Illumination führen? Meine Equipage steht vor der Tür.« An diesem Abend sprach Lassalle kein Wort mehr. Die Illumination strahlte ihm nicht. Stumm saß er Marie Krafft gegenüber, fühlte ihr Knie warm an seinem Schenkel, starrte in die tausend Lichter, die vor seinen Augen wirr flimmerten, und dachte und dachte. Eine neue Welt des Elends hatte sich ihm ehern erschlossen. Bleich hob sich sein Cäsarenkopf aus dem Dunkel des Wagens. Marie wandte kein Auge von ihm. Nie war er ihr so anbetungheischend und fern aller irdischen Zärtlichkeit erschienen. Ihre tastende Liebe ahnte, daß weltenstürzende Gewalten in ihm sich emporreckten, die das Gespräch entfesselt hatte. Er starrte, starrte hinaus, auf die tausendköpfige jauchzende Menge. Und wußte plötzlich, wer des Messias harrte. V. Der Februar verging, der März verstürmte im Frühlingswehen, der April brachte den Lenz. Lassalle sah ihn nicht. Sein Dasein hatte eine neue Richtung genommen. Er hatte das Ziel seines Lebens gefunden. Jetzt wußte er, wo seine Aufgabe lag. Ja, die Enterbten befreien! Hier winkte die Mesiastat, hier winkte die Macht, von der er ahnungsvoll seit den jungen Tagen träumte. An der Spitze der marschierenden Bataillone der befreiten Arbeiter in Berlin einziehen durch das Brandenburger Tor! Dereinst – dereinst! Hier lag seine Lebensaufgabe. Und er griff sie auf mit dem lohenden wissenschaftlichen Eifer seiner Flammennatur. Sein klarer Verstand erkannte sofort, daß seine Aufgabe die tiefsten Einblicke in die Gesetze der Volkswirtschaft erzwang. Wer auf den Plan trat, die Lage der Lohnsklaven zu bessern, mußte das ökonomische Gebäude seines Volkes umstürzen und – wieder neu und besser von den Fundamenten an auf der Trümmerstätte errichten. Er mußte den Wirtschaftskörper seines Volkes kennen, wie der helfende Arzt den Körper des Kranken kennt. Er mußte jede verborgene Arterie klopfen hören, jeden Pulsschlag fühlen, jedem Atemzug lauschen, jeder Verästelung des Venensystems nachspüren, in dem das Blut des Volkslebens siedete. Wohl hatte er schon früher, angeregt durch die Freundschaft mit Karl Marx, ökonomische Studien getrieben, doch nur oberflächlich und immer von der Warte des Kämpfers um die politische Freiheit herab. Nie hatte er dabei die Arbeiter und ihre Erlösung als Ziel erspäht. Jetzt warf seine neu entzündete Lebensfackel in alle ökonomischen dunkeln Schächte ihr erleuchtendes Aufklärerlicht. Mit tiefbohrendem Ernste ging er ans Werk, sich zu umgürten mit dem ganzen Rüstzeug der nationalökonomischen Wissenschaft, um dann bis an die Zähne mit den Geisteswaffen seiner Zeit bewehrt, in den Kampfplatz hinabzuspringen. Doch auch das Drama galt es zu beenden. Rastlos schuf er Szene auf Szene. Kaum verließ er den Schreibtisch. Für Marie nicht, für Ludmilla nicht, für die Freunde nicht blieb ihm die Zeit. Und nur des Abends bisweilen wanderte er hinein in die Stadt, weit hinauf die Große Friedrichstraße zum ärmlichen Norden, wo in dunklen luftlosen Quartieren die Arbeiter Berlins eng zusammengepfercht hausten. Dort ging er hin durch die engen Straßen, wenn sie schweiß-dünstig von der Arbeit kamen, trieb in ihrer Mitte, und wenn staunende mißtrauische Blicke den eleganten Herrn im Zylinder und Nerzpelz streiften, glühten ihm die Augen auf, und er dachte: »Wartet nur, wartet nur noch kurze Zeit. Dann ist euer Tag gekommen und – der meine!« Marie Krafft litt bitter unter der Unerbittlichkeit, mit der er sich in seine Arbeit vergrub. Jedesmal, wenn sie scheu bei ihm anpochte, kribbelte er: »Ich habe wirklich keine Zeit, Kind. Das Drama brennt mir unter den Fingern. Es muß fertig werden. Eine andere Aufgabe ruft.« Und wenn sie ihn anflehte, ihr sein neues Planen anzuvertrauen, sie als guten Kameraden zu behandeln, schüttelte er nur den eigenwilligen Kopf und vertröstete: »Später, später sollt ihr von mir hören.« »Ihr!« betonte sie dann schmerzlich, »gehöre ich zu dem Troß ›Ihr‹! Ich weiß ja, das Neue ist dir an jenem Februartage in unserer Fabrik gekommen. Sag es mir! Laß mich an deinem Leben teilnehmen! Fühlst du nicht, wie schmachvoll es für mich ist, daß du nur das Weib in mir begehrst, den Menschen aber als fremden Bettler vor der Tür harren läßt?« Dann wurde er nervös, und sie ging in Erniedrigung und in Harm. – Eines Mittags bei Tisch war der Vater recht schweigsam. Sonst, wenn nicht geschäftliche Ärgernisse auf seiner guten Laune lasteten, war er heiter und unterhaltend. Etwas bedrückte seine kernige Behaglichkeit. Es war schon lange her, daß Herr Hirsch Mendelsohn ihm mit kummertiefen Leidfalten um die vorspringenden Augen schmerzbewegt berichtet hatte, daß »sein Freund«, Herr Dr. Lassalle, zurzeit leider jeder ehelichen Verbindung abgeneigt sei. Herr Krafft hatte die Botschaft ohne sonderliches Bedauern vernommen. Seine Pläne gingen seit einiger Zeit eine andere Richtung. Als Marie jetzt ihre Serviette zusammenrollte und durch den silbernen Ring zog, räusperte sich Vater Krafft und platzte, obwohl er sehr diplomatisch und zartfühlend hatte zu Werke gehen wollen, mit der Frage heraus: »Möchtest du Herrn Strasser heiraten?« Marie starrte auf. »Er hat heute bei mir um deine Hand angehalten,« erläuterte der Vater verlegen. Marie starrte noch immer wortlos. Dem Alten wurde es unbehaglich unter ihrem staunenden Blick. »Es kann dir doch nicht so überraschend kommen,« suchte er zu begründen, »es muß dir aufgefallen sein, wie oft er in letzter Zeit abends zu uns gekommen ist.« Nein, bei Gott, es war ihr nicht aufgefallen. Ihre Gedanken, ihr Sinnen und Grübeln war fern von diesen väterlichen Wänden geflattert. Sie begegnete dem jungen Menschen liebenswürdig und freundlich, wie es ihre Pflicht als Hausfrau war. Doch nie leuchtete ihr die Erkenntnis auf, daß seine häufigen Besuche ihr galten. Dem Vater und seiner Geschäftserfahrung schrieb sie seinen Eifer zu. Er hatte ja auch meist mit dem Vater gefachsimpelt. Sie schwieg noch immer. »Nun?« suchte der Vater die peinliche Stille zu beleben, »was denkst du? Ich für meinen Teil habe ihn liebgewonnen. Ein kluger Mensch ist er, und für die Fabrik könnte ich mir keinen tüchtigeren Teilhaber wünschen.« »Ich kenne ihn ja gar nicht,« begann Marie ihre Abwehr. »Du kennst ihn nicht!« Der Alte ließ das Streichholz sinken, mit dem er eben die Zigarre in Brand setzen wollte. »Du kennst ihn nicht?« »Nein, Papa. Er hat doch nie mit mir gesprochen. Immer nur Geschäftliches mit dir.« »Er hat doch oft genug über Kunst und Theater und alles Mögliche geredet, und du hast dich beteiligt.« Der Vater zog die Luft ein. Das Zigarrenende glühte auf in rotem Kreise. »Ich habe nie in ihm einen Bewerber gesehen,« gestand Marie zögernd. »Und ich kann auch keinen in ihm sehen.« Der Alte schwieg und betrachtete stumm die glimmende Zigarre. Da sprang Marie auf, trat zu ihm, legte den Arm um seinen Nacken und heuchelte: »Ich mag noch nicht heiraten, Papa. Laß mich doch noch! Du brauchst mich ja auch.« »Ich brauche einen Nachfolger,« sagte Krafft ernst. »Sieh mal,« schmeichelte sie, »wer soll für das Haus hier sorgen?« Da schwieg der Alte. Eine Pause, schwer von bösen Erinnerungen, sank nieder. Sie dachten beide an die Frau, die vor langen, langen Jahren mit dem italienischen Sänger von ihren Pflichten und ihrer Liebe in Nacht und Nebel davongelaufen war. Endlich erhob sich Krafft. »Es ist doch nicht am Ende noch Lassalle, der meiner kleinen Marie im Kopf herumspukt?« lächelte er mit kaum verborgener Sorge. Sie umkrallte die Stuhllehne. »Nein,« flüsterte ihr bleicher Mund. »Das ist gut,« sagte befreit der Vater, »denn unter uns, ich weiß aus guter Quelle, daß er nicht an Heiraten denkt.« Und ihr zärtlich die Wange streichelnd, nickte er trostreich: »Also überleg' dir das mit Strasser. Ich will dich nicht drängen. Du kannst es dir ruhig überlegen. Strasser ist geschäftlich nach London gereist und kommt erst in einigen Wochen zurück. Es eilt also gar nicht. Nur eins bitte ich dich zu bedenken: mir wäre es eine große Freude.« Er ging zur Tür. »Und dann,« er blieb noch einmal stehen, »wenn du meinst, du müßtest ihn erst noch besser kennen lernen, dem stünde doch nichts im Wege. Ich würde ihm das sagen und euch öfter euch überlassen.« Damit nickte er ihr ermunternd zu und ging. Marie schritt langsam hinüber in ihr lichtes Zimmer. Das hölzerne Bett mit seinem Himmel in strömendem Musseline, die zierlichen polierten Möbel, die Rahmen der Bilder an der Tapete, alles glänzte in schimmerndem Weiß. Die einzigen dunklen Stellen bildeten die Stiche selbst. Es waren Huldigungen Mariens an ihren Lieblingshelden, den jungen alten Fritz, und an seinen Tempelbauer, den kleinen kahlköpfigen Meister Adolf Menzel aus der Ritterstraße, dem sie oft auf der Straße begegnete. Da waren gute Holzschnitte der herrlichen »Tafelrunde zu Sanssouci«, des »Konzerts bei Hofe«, »Friedrich der Große auf Reisen«, »Friedrich und die Seinen bei Hochkirch«; da waren die teuer erstandenen eben erschienenen »Versuche auf Stein mit Pinsel und Schabeisen« und jene lebensprühenden Holzzeichnungen »aus König Friedrichs Zeit«. Sonst, wenn sie ihr helles Zimmer betrat, glitt ihr Blick stolz und liebefroh über ihren Bilderschatz. Aber heute ging sie achtlos an ihm vorbei, trat zu dem weit offenen Fenster, legte den Arm an das Kreuz, preßte die Stirn gegen die samtwarme Haut und blickte schmerzverloren hinaus. Ein würziger Duft von Erde und Werden atmete zu ihr herein aus den knospenden Gärten. Weit, weit vor ihr war nichts als junges treibendes Grün. An den Park ihrer Villa grenzte das Gelände des größten und schönsten Berliner Konzert- und Wirtsgartens, das baumreiche Gebiet des Hofjäger-Etablissements. Von ihrem Fenster aus genoß sie im Sommer die gute Musik der Wieprechtschen Monstrekonzerte. Jetzt war es noch still und feucht in der rieselnden Auferstehung. Das Mädchen stand und blickte hinaus. Draußen im Garten zankte sich eine Spatzensippe, in der Ferne klopfte irgendwo ein Specht. Und die quellende Lenzstimmung strömte dem jungen Weibe in die Brust und löste den Kummer zu Tränen. »Was wird daraus werden?« bangte sie. »Ich bin ihm nichts, nichts. Er kann nicht lieben, nichts als sich selbst. Ich werfe mich ihm zu Füßen, erniedrige mein Menschentum vor ihm und bettele um seine Liebe. Und bin ihm ein Nichts.« Sie löste den Arm vom Fenster und ballte die Fäuste. »Ich will mich von ihm losreißen,« biß sie die Lippen blutig, »ich will, ich will!« Unstet schritt sie auf dem weichen, weißen Teppich einher. »Gerade – ihm zu zeigen, daß ich frei von ihm bin,« trotzte sie auf, »nehme ich den andern. Ich tu's! Ich tu's!« Sie trat wieder zum Fenster. Draußen auf der Kastanie, die schon erste schüchterne rote Dolden fast bis zu ihr hereinstreckte, saß eine Amsel und blickte sie mit klugen schwarzen Augen treuherzig an. Da schwand ihr Trotz und ihre Festigkeit. Sie eilte zu dem mit weißem Kattun bespannten Hutschrank und griff nach ihrem hübschen Spitzenkapottchen. Als sie vor dem Spiegel stand, sanken ihr die Hände. Mit schnellem Griff schleuderte sie den Hut aufs Bett. Nein, nein, nicht diese Schmach! Nicht sich wieder von ihm fortweisen lassen. Nein, das nicht! Sie blickte ratlos im Zimmer umher. Ein jähes Einsamkeitsgefühl lief ihr kalt über die Schultern. Hinaus, fort, unter Menschen! Ihrem Suchen kam der Gedanke, daß heute am Donnerstag bei Dunckers Jour sei. Sie sah nach der Uhr. Es war noch zu früh. Da nahm sie von dem Schreibtischchen ein Buch, das ihr gestern die Nicolaische Buchhandlung gesandt hatte, die ihr die Neuerscheinungen übermittelte. Sie betrachtete es. »Gustave Flaubert. Madame Bovary.« Sie schnitt die Blätter mit dem elfenbeinernen Falzbein auf und las. – – Als Marie den lichter-strahlenden Salon im Hause Potsdamerstraße 20 betrat, tummelte sich bereits ein bunter Kreis in dieser herzlichen Dunckerschen Gastlichkeit. Farbe, Farbe, war ihr erster Eindruck. Die Mode der Krinolinen hatte die Roben zu ungeheuerlichem Umfang anschwellen lassen und verführte zu einer bunt schwelgenden Verschwendung von bauschender, drapierter, faltenstrotzender Fülle an Samt, Damast und Brokat. Sie brachte in die äußere Nüchternheit des guten alten Berliner Salons der Rahel und Herz ein jubelndes Gleißen in Üppigkeit und Farbenfrohsinn. Auf Sofas und Stühlen breitete sich diese neue Damenherrlichkeit. Sofort beim Eintreten in diesen großen Saal im Erdgeschoß der Villa mit seinen phantastischen Wandspiegeln in farbigen, goldgefaßten, geschnitzten Rahmen, den Büfetts, den seltsamen steifen Sofas im Empirestil, alles alte liebe Erbstücke Frau Linas, empfand Marie einen körperlichen Stoß in die Brust. Dort, in einer verschwiegenen Ecke, saß Lassalle dicht an der Seite der Schwester der Hausfrau in der ihm eigentümlichen lebhaften Vertraulichkeitsstellung. Er beugte sein Gesicht dicht an Betty Tenderings Busen und sprach lebhaft auf das schöne junge Weib ein. Während Marie durch die ungezwungen plaudernden Gruppen hinüber zu dem Erker schritt, in dem die Hausfrau mit dem Intendanturrat Fabrice saß, dachte sie bitter: »Dazu findet er Zeit! Aber für mich hat er keine Minute.« Lina streckte ihr mit ihrem anmutigen Lächeln die Hand entgegen und zog sie neben sich auf das Sofa nieder: »Kommen Sie, Marie, bleiben Sie hier bei mir! Vielleicht gelingt es Ihnen, Öl in die erregten Gemütswogen unseres braven Rats zu gießen.« »Das dürfte dem Fräulein kaum gelingen,« schüttelte Fabrice den Kopf. Man hätte ihn nach Haltung und Erscheinung für einen Kavallerieoberst in Zivil halten können, mit seinem strammen korrekten Gebaren und den wetterfesten schnurrbärtigen Zügen. »Ich wiederhole es Ihnen, Frau Lina, es gibt noch einmal einen Eklat. Sie kennen die Stimmung nicht, die gegen diesen Menschen unter uns älteren Freunden Ihres Hauses herrscht.« »Von wem ist die Rede?« fragte Marie. »Von Lassalle,« lächelte Lina. Fabrice fuhr heftig fort: »Wie harmonisch und freundlich war es hier in diesem Hause, ehe dieser Abenteurer hereinbrach. Und wie benimmt er sich! Als wäre dieser Salon nur für ihn da. Sehen Sie nur, wie er dasitzt, dieser Bursche! Diese Impertinenz in jeder Bewegung.« Sie blickte hinüber. Lassalles Knie streifte deutlich die Krinoline der Dame. »Ich würde ihn nicht fünf Minuten mit einer jungen Dame allein lassen, diesen Frauenverführer,« hetzte Fabrice weiter. »Ich begreife Sie nicht, Frau Lina, was Sie und alle die andern an diesem Menschen finden. Ich muß sagen, mir und sehr vielen Ihrer Freunde ist er geradezu peinlich.« Lina fuhr sacht mit der Hand über ihr mattbraunes, schlicht gescheiteltes Haar. In ihren grünlich-grauen Katzenaugen glomm es schalkhaft auf. »Sollte es nicht ein bißchen, ein ganz klein bißchen Eifersucht sein, lieber Freund?« fragte sie in ihrer bestrickend geraden Art. Fabrice schnappte nach Luft. »Ei – Eifersucht auf diesen Phrasendrescher!« »Nun,« lächelte Lina, und ihre bleichen unschönen Züge bekamen Farbe, »nur Phrasendrescher ist er wohl nicht. Geist kann ihm keine Erbitterung absprechen.« »Die paar schlechten Witze, die er macht, machen das aufdringliche Protzen mit seinen Geistesgaben nicht erträglicher. Ein Maulheld ist er, weiter nichts.« Lina öffnete den klugen schalkhaften Mund. Doch Marie stürmte vor: »Er hat doch wohl in seinem Kampf für die Gräfin Hatzfeld und 1848 bewiesen, daß er mehr ist als ein Maulheld.« Lina nickte Beistand. Fabrice aber grollte bissig: »Daß die jungen Damen in ihn vernarrt sind –« »Oh – oh,« bedauerte Lina die unschöne Heftigkeit. Doch Fabrice ließ sich nicht unterbrechen: »das wundert mich nicht. Heldenpose hat noch immer Weiber bestochen, und wenn ein Mohr sie stellte. Achtundvierzig war jeder Lausbub ein Held, und daß er für diese Dirne, die Hatzfeld – –« »Aber – aber,« machte Lina vergeblich. Er sprudelte weiter: »Ich sage Ihnen: stellen Sie den Menschen da vor einer Mutprobe, und Sie werden sehen, wohin sich diese antike Römerseele verkreucht.« »Sie dürften – –« begann Marie eine hitzige Entgegnung. Da öffnete sich die Tür, und Hedwig Dohm erschien mit ihrem Manne. Ganz in schwarze Seide gekleidet, einen schwarzen Schleier von dem schönen Kopfe niederwallend, schritt sie durch den Salon gerade auf Lassalle zu. Alles stob aus den gemütlichen Plauderecken auf und strömte ihr nach. Vor Lassalles Platz verbeugte sie sich tief, wandte sich dann um und schritt hoheitsvoll durch den Saal. Das Erbeben des Schleiers im Rücken verriet ihr koboldfrohes Lachen. Alles starrte verdutzt. Man blickte auf die zierliche Gestalt der Frau, die größer schien als sonst in dem langen schwarzen, schleppenden Gewande, man blickte fragend auf Ernst Dohm, der mit dumm versteintem Gesicht aus seiner Brille herausguckte. Da plötzlich federte Lassalle auf, eilte hinter der gravitätisch Schreitenden her, trat vor sie hin, hob den langen Schleier, der ihr liebliches Gesicht umsponn, und sprach: »Dein demütiger Schüler, der unter dem Beifall Europas schon einmal den Schleier von deiner unnahbaren Schönheit gelüftet hat, lüftet ihn wieder. Küsse deinen stolzen Schüler, oh Heraklit, der Dunkle, von Ephesos!« Und keck küßte er die schöne Frau auf den überraschten Kindermund. Da brach der Jubel los. Alles lachte und lärmte und klatschte in die Hände. Und Ernst Dohm stand da, nickte mit dem runden blonden Kopfe wie eine Pagode und staunte: »Er hat's erraten, er hat's wahrhaftig schon erraten!« Und nun belebte jene liebenswürdige heitere Stimmung diesen Salon, die ihn zum Mittelpunkte des geistigen Berlins gemacht hatte. Jetzt fand auch Lassalle Zeit, Marie zu begrüßen. Doch bald war er wieder von einem Kreise vergötternder junger Damen umschwärmt. Als der Hausherr aus dem Bureau hereinkam, ging es an die Büfetts. Im Dunckerschen Hause gab es noch nicht jene opulenten Massenabfütterungen, die später in jedem mittleren Bürgerhause Berlins zur Mode wurden. Stehend, plaudernd, anspruchslos aß man den einfachen kalten Imbiß und ließ sich sein Glas Bier kräftig munden. Und nach dem Schmause las man ein Shakespearesches oder Goethesches Drama mit verteilten Rollen, oder der Hausherr ließ seinen Gästen einen neuen Stern erglänzen, der an seinem Verlagshimmel aufgegangen war. Als heute alles erwartungsvoll auf die Hausfrau blickte, um ihren Vorschlag zu vernehmen, lächelte sie vielverheißend geheimnisvoll: »Freunde, heute harret Ihrer eine große Überraschung. Ein neuer Dichter wird Ihnen debütieren.« Ein allgemeines »Ah« antwortete. Man suchte den Neuling in allen Ecken und bestürmte Duncker mit neugierigen Fragen. Doch er zuckte die Achseln und blickte verschwiegen drein wie eine gut funktionierende Sphinx. »Bitte, Platz nehmen!« klatschte jetzt Lina in die Hände. Fügsam erwartungsvoll flatterte es zu den Sofas und Stühlen. In die Mitte des Hörerkreises wurde ein kleines Tischchen nebst einem Stuhle gestellt – atemlose Stille starrte auf die Tür – triumphierend rief Lina: »Ich bitte, Herr Poet!« und – Lassalle trat an den Tisch. Sekundenlang gähnten den Saal zwanzig weit geöffnete »Was!!« an. Mit gut gespielter Selbstverständlichkeit nahm Lassalle Platz. Ein Wispern und Flüstern huschte um den Saal, Marie wurde kalkigweiß in dem Schmerze, daß er hier sein Drama preisgab, ehe sie es kannte, aus der Ecke des Intendanturrates Fabrice kam ein unwilliges Knurren – und Lassalle sagte leichthin: »Ich habe ein historisches Trauerspiel geschrieben und bitte hierfür um Ihre Aufmerksamkeit.« Er kämmte die Finger durch sein dichtes kurzes Haar und begann. Gleich in der ersten Szene, als Marie, Sickingens Tochter, auftrat, blickte er rasch zu Marie Krafft hinüber. Da verstand sie die Huldigung und vergaß und vergab ihm alles Schmerzliche, das er ihr je getan. Die gewaltige Handlung des Reformationsdramas rollte auf. Und Mariens Augen strahlten und ihre Wangen glühten, als die Liebesszenen zwischen Marie von Sickingen und Ulrich von Hutten ihr zartes Lied summten. Das war ja sie, Zug um Zug, Linie um Linie! Jetzt feierten ihre stillen Stunden bei ihm ihre dichterische Verklärung: »Die Stunde ist's, Herr Ritter, wo Ihr mir Die alten Dichter zu verdeutschen pflegt. Denn nicht begnügt Ihr Euch, durch eigenen Gesang Uns zu bezaubern – alles Herrliche, Was Roms und Hellas' Dichter einst gesungen, Habt Ihr mir schlichtem Mädchen offenbart.« Ja, ja, die Stunden bei ihm waren reich gewesen, reich und gesegnet schön! Aufpassen, weiter! Alle Fibern in ihr waren gespannt. Jetzt gestand Marie dem Ritter ihre Liebe. Sie gestand ihre Liebe! Wie sie es an jenem Tage getan hatte, als sie zum ersten Male zu ihm gegangen war. »Ja – Ulrich – ich gesteh's, ich liebe Euch, Lieb' Euch mit aller Kraft des reinen Busens, Dem Ihr der Menschheit Ideal bedeutet! Ich liebe Euch – und sehet her, was mir – Indem ich's sage, von der Stirne flammt, Ist der Begeist'rung nur, und nicht der Scham, Errötung.« Ja, ja, sie liebte ihn, liebte ihn. War sein, nur sein, sein! Weiter – weiter, da wieder ihr Wort: »Eins nur wüßt' ich, dass die andern Männer Mir neben Euch so klein – so klein erschienen! Ich liebe Euch!« Marie beugte sich vor, was würde Ulrich antworten?! »Was Ihr mir hier gesagt, Marie, es hat Unendlich glücklich mich gemacht – jedoch Gleich einem Traumbild muß es allzuschnell verschwinden. Verweht sei jedes Wort! Nehmt hier Euch selbst zurück! Ich kann Euch nicht – darf Euch nicht an mich binden.« Marie atmete nicht mehr. »Ich sollt' in meines Lebens unstät Wirrsal Dies Kind, das lebensfrohe, mit verstricken? Auf dem Vulkane meines eignen Daseins Täglich ihr Haupt mit Zittern zu erblicken? Wenn ich in regellosem Laufe mit dem Erdball Zusammenschmettere, zerstört in hundert Stücken, Im ungeheuren Stoß sie mit mir zu erdrücken? O nimmer darf das sein!« Was sagt Marie? Ruft sie nicht – –?! Ja, da, da: »Wohl! diesen Fluch Ich will – wie gern! – ihn mit Euch teilen, Ulrich, Der Streich, der Euch zerschmettert, treff' auch mich.« Ah, ah, recht so, recht so! Jetzt antwortet Ulrich, wie er damals: »Du starkes Mädchen! Dir geziemt es, so Zu denken, doch würd' es auch mir ziemen, In solches finstre Opfer einzuwill'gen? Einsam muß gehen durch die Welt, wer sich Den dunklen Todesmächten hat geweiht.« Tief in ihrem Sessel saß Marie. Und die tragische Handlung rollte ab, der Bauernaufstand warf seine zuckenden Brände über den Horizont, Sickingen starb den Heldentod auf seiner Burg Landstuhl und Ulrich ging von Marie den Weg in Exil und Tod. Mit tragischer Kraft und hinreißender Gewalt hatte Lassalle ohne Unterbrechung gelesen. Die letzten bitteren Worte Huttens verhallten zukunftkündend an den Wänden. Keiner rührte sich, so hatte die Macht der Ereignisse, die Gewalt der Gedanken, die lapidare Wucht der Sprache sie gepackt. Dann schwärmte alles auf, zerpreßte dem Dichter die Hand, bewunderte seine Allseitigkeit, griff einzelne Schönheiten des Dialogs heraus. Und heller Jubel prasselte empor, als Betty Tenderings lächelnde Grazie dem Dichter den Lorbeerkranz, den Lina Duncker bereit gehalten, um die machtvolle Stirn wand. Alles sprudelte vor Begeisterung. Lange währte es, bis Marie Krafft einen Augenblick fand, ihm die Hand zu drücken. Sie flüsterte nur ganz leise: »Ich danke dir.« Ihr Blick sagte all das andere. Er nickte, wollte etwas entgegnen, doch schon riß eine andere Dame seine Aufmerksamkeit an sich mit der neckenden Frage nach dem Urbild der Marie. Er lächelte diplomatisch. Und dann saß man im Kreise, und die Herren kamen zu Wort. Fabrice und sein Anhang hatten bisher stumm und abwehrend abseits des Beifallsrausches gestanden. Jetzt streckte der Verleger den mächtigen bärtigen Kopf vor und sagte: »Das Drama sind Sie, lieber Lassalle. Darin pocht Ihre Revolutionsseele. Ich begreife, daß der Stoff Sie gelockt hat. Er liegt seit 48 in der Luft. Sie wissen natürlich, daß Böcking sich seit Jahren mit der Herausgabe der Werke Huttens beschäftigt, und kennen gewiß die Biographie Huttens, die David Strauß voriges Jahr herausgegeben hat.« »Der Stoff ist ja ganz aktuell,« ereiferte sich Dohm. »Die Reformation ist in der ganzen deutschen Geschichte der einzige politische, geistige und soziale Kampf, der sich mit der 48er Bewegung vergleichen läßt.« Ehe Lassalle etwas entgegnen konnte, warf Fabrice dazwischen: »Es ist überhaupt kein Kunstwerk, dieses Stück, sondern ein Tendenzdrama.« Lassalle wandte das Bronzegesicht dem Angreifer zu. Doch ehe er zu Worte kam, parierte Dohm: »Natürlich ist es ein Tendenzdrama. Haben Sie von Lassalle etwas anderes erwartet als ein Kampfdrama?« »Tendenzdramen sind keine Kunstwerke,« orakelte Fabricens Freund und Untergebener, der Intendanturassessor Bormann. »Oho,« rief Pietsch, »ich –« »Vom theatralischen Standpunkt aus halte ich das Stück für verfehlt,« kritisierte Fabrice hart und grimmgeladen. »Längen sind darin,« milderte Duncker, »die sich aber leicht kürzen lassen. Vor allem sollte man doch nicht über die grandiose Idee des Ganzen, diesen Gedankenreichtum –« »Diese Verse!« lachte Bormann auf. Da schwiegen alle verlegen. Die Verse waren wirklich fast unmöglich. Lassalle nahm den jungen Mann in den blauen Bann seiner kalten Augen. Doch Fabrice sagte: »Nach all den Lobeserhebungen und der Bekränzung wird der Herr Dichter sich auch einige Kritik gefallen lassen müssen. Die Verse zeigen, daß ihr Schöpfer ein völlig unmusikalischer Mensch ist, dem jedes Gefühl für Rhythmik abgeht.« Man sah seinen funkelnden Augen die Freude an, den Pfeil nach des verhaßten Feindes Achillesverse abzuschnellen. Jetzt sprang Lina Duncker wehrhaft in den Streit. Auch sie war, wie Lassalle, völlig unmusikalisch und gestand es freimütig ein. Doch sie kämpfte mit aller Energie gegen die Anschauung, daß mangelnder Musiksinn auf einen Mangel im Rhythmus des Gemütes deute. »Glauben Sie etwa, Fabrice,« fragte sie schroff, »unmusikalische Menschen besitzen kein Gefühl für die Schönheit des Verses?« Doch Lassalle sagte lächelnd: »Frau Lina, debattieren Sie hierüber nicht! Die Kritik meiner Verse stammt wohl aus der Verärgerung eines Menschen, der einen ›Unmusikalischen‹ dort die erste Geige spielen hört, wo er bisher die Schalmei seiner Seichtheit geflötet hat.« Die Damen und ein Teil der Herren konnten das Lachen nicht unterdrücken. Fabrice schnellte von seinem Stuhl. Duncker suchte zu vermitteln: »Aber, meine Herren, wir sind hier doch versammelt, ein Kunstwerk ernsthaft objektiv –« »Er nimmt das zurück!« drängte der Rat Duncker zur Seite und suchte an Lassalle heranzukommen, »er nimmt das sofort zurück!« Doch Lassalle wandte sich lächelnd zu Betty Tendering und fragte arglos: »Ist geben denn nicht seliger denn nehmen? Glauben Sie, daß es der Moral entspricht, zurückzunehmen, wenn man es eben jemandem tüchtig gegeben hat?« Alles biß sich auf die Lippen, das Lachen bekämpfend. Fabrice sah es. Er schwankte wutgepeitscht auf den Sohlen, schrie: »Das werden Sie mir büßen!« machte linksumkehrt und ging steif zur Tür hinaus. Einige Herren folgten. Duncker eilte ihnen nach, suchte zu beschwichtigen. Doch Fabrice, das wettergebräunte Jägergesicht grau vor Wut, keuchte nur: »Dieser freche Lümmel soll es mir büßen!« und ging, eskortiert von seinen Getreuen. Am nächsten Tage überbrachte Bormann eine Forderung auf krumme Säbel. Lassalle lehnte mit der Begründung ab, daß er das Duell nicht nur nach seinen eigenen Prinzipien für ein unsinniges Petrefakt einer überwundenen Kulturstufe halte, sondern auch glaube, daß es durch die Prinzipien der demokratischen Partei ausgeschlossen sei. Da triumphierte Fabrice im Kreise seiner Gefolgschaft: »Ha, da habt ihr den Maulhelden! Erst frech werden und dann, wenn es heißt, für seine große Schnauze einstehen, kneifen. Na, warte, mein Bürschchen!« Kurze Zeit später, an einem wunderjungen Maitage, ging Lassalle in tiefen Gedanken zum Essen ins Hôtel de Rôme. Ein Brief, den er heute aus Düsseldorf von der Gräfin Hatzfeld erhalten hatte, beschäftigte sein Hirn. Da trat kurz vor dem Brandenburger Tor, in der Schulgartenstraße, Fabrice mit geschwungener Reitpeitsche auf den Ahnungslosen zu. Neben ihm schwang Bormann den Knüttel. Ehe Lassalle noch recht zur Besinnung kam, schrie der Rat: »Verfluchter Judenbengel, willst du dich mit mir schlagen oder nicht?!« und fetzte ihm die Peitsche über das Gesicht. Und schon griff auch sein wackerer Sekundant vom Rücken her den Überraschten an. In der nächsten Sekunde hatte der »Maulheld« sich gefaßt. » Der Schlag soll dich treffen, du Strauchritter,« zischte Lassalle, packte seinen Spazierstock und schlug auf die beiden Angreifer ein. Blutüberströmt sanken sie in den Sand der Straße. Der Maulheld aber schritt gelassen durchs Brandenburger Tor. Polizisten klaubten die Demolierten auf. Im Schädel des Intendanturrats klaffte ein tiefes Loch. Eine wilde Erregung ergriff ganz Berlin, die Zeitungen schrien gegen den Revolutionär, die Zahl seiner Feinde wuchs. Doch der Dunckersche Kreis stand aufrecht an seiner Seite. Und Hofrat Foerster, der Alte, saß lange vor seiner kostbaren Raritätensammlung und suchte nach einem passenden Geschenk für seinen schlagfertigen Freund. Endlich ging ein Leuchten über seine feinen, altmodischen Züge. Und am Abend brachte er den angeblich echten Stockknopf Robespierres in die Potsdamer Straße zum Ersatz für die im »Straßenkampf« zersplitterte elfenbeinerne Stockkrücke. Seitdem trug Lassalle sein Leben lang mit Stolz diese kleine, in Silber getriebene Abbildung der Bastille, und wenn der Winter durch die Straßen fegte, hielt er oftmals den Stock in den Sturm und fragte manchen guten Freund: »Was erleben Sie in diesem geschichtlichen Moment?« Wenn dann der andere verdutzt dreinblickte, erklärte er triumphierend: »Den Sturm auf die Bastille.« VI. Noch immer bedrohte Lassalle die Ausweisung. Der Aufenthalt in Berlin war ihm wegen seiner Betätigung im Revolutionsjahr, wegen der Aufforderung zur Steuerverweigerung und Organisation des bewaffneten Widerstandes gegen die Regierung, nur auf Widerruf gestattet worden. Infolge des Skandals, den die öffentliche Schlägerei erregte, erfolgte der Widerruf. Doch sein Mißgeschick ward ihm zum Heile. Des braven Herrn Hirsch Mendelsohn Prophezeiung ward Ereignis. Humboldt verwandte sich für die Immediateingabe seines Schützlings beim Prinzen Wilhelm, und nach einigem Zaudern wurde dem »gefährlichen Menschen« der Aufenthalt in Berlin dauernd gestattet. Der Intendanturrat aber wurde kassiert und erhielt Gelegenheit, ein langes Jahr hindurch auf Festung die Technik des Indianerkampfes zu bebrüten. Handschriftliche Notiz: Lassalle. Nationalzeitung 29. Mai 1858. Lassalle. Franz Funcker. Labrig. Bermann. – Die hiesigen Blätter enthalten über einen vorgestern (Donnerstag) Nachmittag gegen 3 Uhr auf der Promenade im Thiergarten am Brandenburger Thore stattgehabten Vorfall folgende Mittheilung: »Hr. L. war in einem hiesigen Privathause oft mit einem Herrn Intendantur-Rath F. zusammengetroffen; letzterer, der lange Jahre in diesem Hause verkehrt hatte, gab den Besuch desselben vor drei Monaten plötzlich auf und zwar, wie er ziemlich deutlich an den Tag legte, aus Abneigung gegen Hrn. L., obschon kein Wortwechsel oder beleidigende Auftritte zwischen ihm und Hrn. L. vorgekommen waren. Vorgestern erschien unerwarteter Weise Herr Intendantur-Assessor V. bei dem Hrn. L. und brachte demselben vom Rathe F. eine Forderung auf Säbel, falls Herr L. nicht ein gewisses Lächeln, das bei einer bestimmten Gelegenheit in jenem Hause stattgehabt habe, vor Zeugen zurücknehmen wolle, Hr. L. erklärte, »es möge wohl nie ein Fall vorgekommen sein, in welchem eine Forderung auf einen so nichtssagenden und frivolen Vorwand gegründet worden.« (Jenes angebliche Lächeln, wegen dessen Hr. F. seine Forderung stellte, hatte überdies schon vor vier Monaten stattgehabt und beide Herren sich noch nach demselben in dem gedachten Hause mehrfach gesprochen.) »Ueberdies müsse ihm diese Forderung um so auffälliger erscheinen, als dem Herrn Rathe F. aus einem ausführlichen Gespräch von früherher seine (L.'s) Ansichten über die Verwerflichkeit des Duells bekannt seien; der Herr Rath habe daher allerdings leicht ihn zu fordern, da er wisse, daß er (L.) auf kein Duell eingehen werbe. Er müsse daher aus doppelten Gründen die Ehre, um welche der Herr Rath ihn ersuchen lasse, abschlagen.« – Vorgestern nun, als sich Herr L. von seiner Wohnung in die Stadt begiebt, begegnet ihm der Assessor B. Während L. seinen Weg ruhig fortsetzt, kehrt B. um und tritt bald darauf mit Herrn Intendanturrath F., der eine Reitpeitsche in der Hand schwingt, dem seinerseits stehen bleibenden Herrn L. in den Weg. Mit den Worten: »Verfluchter Judenjunge! hat man dir meine Ausforderung bestellt?« schlägt der Rath mit der Reitpeitsche nach L., während Assessor B. Herrn L. von hinten mit Schlägen überfällt und zu fassen sucht. Noch hat aber Herr L. Zeit, mit einem Stock, den er stets zu tragen pflegt, einen solchen Hieb auf den Kopf des Herrn F. zu führen, daß diesem das Blut in Strömen über das Gesicht schießt. Jetzt von Hrn. B. rücklings zur Erde gerissen, reißt L. seinerseits den inzwischen wieder zur Besinnung gekommenen und aufs neue auf ihn losschlagenden Rath mit sich zu Boden, zerbricht ihm die Reitpeitsche, die er ihm entwindet, und während er sich mit Schlägen und Tritten des von ihm festgehaltenen Rathes erwehrt, Hr. B. aber immer von hinten auf ihn losschlägt, nahen sich Leute, welche dem Ueberfall ein Ende machen, indem sie einen Schutzmann herbeirufen, der die Kämpfenden trennt und die beiden Angreifer, sowie den selbst unverletzten, aber von dem Blute des Hrn. Raths ganz bedeckten Hrn. L. zum Polizeilieutenant führt. – Ein derartiger Anfall zu Zweien gegen Einen ist in der Geschichte ähnlicher Händel wohl unerhört. Es steht zu erwarten, daß die strengste gerichtliche Verfolgung diesen brutalen und mit Vorbedacht ausgeführten Ueberfall gebührend zu strafen wissen wird.« Die neue Sicherung seines äußeren Lebens gab Lassalle die Ruhe zur Vorbereitung auf sein Lebenswerk. Noch lag der Plan, dem Heere der Enterbten ein Messias zu werden, nur wie eine rotglühende Morgenwolke am Horizonte seines Bewußtseins. Alte Erinnerungen wurden lebendig: Er dachte daran, daß Heine ihn einst in Paris dem Dichter Herwegh mit den Worten vorgestellt hatte: »Je vous présente un nouveau Mirabeau.« Ja, ein Mirabeau der Arbeiter wollte er werden. Ihr Führer und ihr Heiland. Zugleich sah sein schrankenloser Ehrgeiz ihn schon an der Spitze schwarzwimmelnder marschierender Bataillone auf dem Wege zur Macht, zu der er sich geboren fühlte. An die praktische Verwirklichung seiner Pläne dachte er noch nicht. Die Wege würde die Zeit weisen, wenn sie reif ward. Er studierte die Werke der englischen Nationalökonomen von Adam Smith bis Stuart Mill, er riß die Lehre der Franzosen Saint Simon, Fourier, Louis Blanc an sich, er bemächtigte sich der Deutschen. Und die debatteheißen Nächte, die er als Student einst in den Konventikeln der Breslauer Burschenschaft durchstritten, standen auf aus dem vergessenen Dunkel der Vergangenheit. Auflebten wieder die Gespräche, die er im Jahre 1848 mit Karl Marx geführet hatte, als jener aus der Neuen Rheinischen Zeitung ein heftiges Windlein in die Revolutionsstürme geblasen. – Damals hatte er oft den beredten Worten des um sechs Jahre älteren Freundes gelauscht. Doch andere Ziele lockten in dieser kampfwilden Zeit. Damals stand er für die Bourgeoisie auf der Schanze. Der vierte Stand ruhte noch ungeboren im Schöße der jungen deutschen Industrie. Lassalle eröffnete eine lange Korrespondenz mit dem in London Verbannten. Er disputierte mit ihm und lernte aus den lehrhaften Entgegnungen des Meisters, dessen wissenschaftliche Überlegenheit er neidlos allezeit anerkannte. In seinem neu erwachten Eifer bestimmte er Duncker, das eben vollendete Werk von Marx »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, zu verlegen. Er las und lernte und grübelte, und schmiedete sich in arbeitsheißen Monaten seine Wehr. – – Als Marie an jenem Maitage den Überfall auf den Geliebten erfuhr, flog sie zu ihm in Angst und in Bangen. Sie hatte ihn seit dem Jour bei Dunckers nicht wieder gesehen. Eine qualvolle Zeit des Kampfes hatte sie durchrungen. Gewiß, gewiß, er hatte sie liebevoll in seinem Drama geschildert. Aber war das ein untrüglicher Beweis seiner Liebe?! Nein, nein. Als der erste stolze Freudenrausch verglommen war, gab sie sich klar und fest diese Antwort. Sie sah ihn wieder neben Betty Tendering auf dem Sofa, sah ihn wie einen federspreizenden Hahn im Kreise schwärmender Hennen. Nein, der Mann liebte sie nicht, der konnte ein Weib nicht lieben. Sie war ihm nicht mehr als Betty Tendering und alle die anderen, die ihn verhimmelten. Daß er Marie von Sickingen zu ihrem Ebenbilde gestaltet hatte! Mein Gott, er brauchte ein Modell und nahm sie, weil ihr liebedemütiges Wesen just in sein Drama paßte. Und sie krümmte sich in Selbstverachtung und Scham. Nein, das war ihrer unwürdig. Dazu war Marie Krafft zu schade, Abfallskrumen zu erbetteln, wo sie das köstlich reiche Mahl ihrer ganzen Liebe auftischte. Und sie rang und rang nach Kraft, sich von ihm zu lösen. Und zerrieb sich in Kummer, daß er sie nicht vermißte, gar nicht merkte, daß sie ihn mied. Wie leicht wäre es ihm gewesen, ihr ein Wort zu senden, sie aufzusuchen! Nein, sie mußte ein Ende machen mit dieser schmachvollen Liebe, ein rasches bitteres Ende. Bleich ward sie und still und stumm unter dem sorgenvollen Blick des Vaters. Endlich sagte er eines Tages: »Aber Marie, wenn dir die Entscheidung so schwer fällt, dann laß es doch. So wichtig ist der ganze Herr Strasser nicht, daß du dich seinetwegen abhärmst. Dann sage ich ihm eben, wenn er zurückkommt, es ist nichts.« Sie schüttelte das Haupt. »Nein, Vater, ich werde ihn wohl nehmen.« Der Alte blickte verwundert auf, doch sagte er nichts. Da kam die Kunde von Lassalles Schlägerei. Kopflos stürmte sie zu ihm, die Grabenstraße hinab. Lassalle war in gereizter Stimmung. Seine »Heldentat« richtete ihn zwar auf in eitlem Stolze. Aber dieser Brief der Gräfin, der heute morgen auf seinen Arbeitstisch geflogen war! Sie teilte ihm mit, sie würde nun, da sein dauernder Aufenthalt in Berlin zur Gewißheit geworden, ebenfalls nach Berlin übersiedeln. Und bald, und sofort. Sie entbehre ihn grausam. Ingrimmig auf die unschuldige Zigarre einkauend, schritt er im Arbeitszimmer umher. Ja doch, er hatte sie gern, sehr. Er verdankte ihr ebensoviel, wie sie ihm. Ihre milde Vornehmheit hatte die großen Fehler in seiner Erziehung zum Teil wettgemacht. Viele wilde Instinkte hatten in ihm gebrodelt, ein fürchterlicher Jähzorn, eine grenzenlose Leidenschaftlichkeit, er konnte grausam hart sein und ohne Mitleid. Das alles hatte ihre sanfte Fraulichkeit gesänftigt und zur Ruhe gewiegt. Jadoch – jadoch! Er verehrte sie, er sah in ihr seine beste Freundin. Aber als Geliebte! Die dreiundfünfzigjährige Frau! Daß sie kein Empfinden dafür hatte, daß sie Greisin wurde, sie, die in allem anderen so feinfühlig war! Damals, als er, der Zwanzigjährige, die schöne stattliche Vierzigerin kennen lernte, ja, da war eine große Leidenschaft auf seiner Seite keine widersinnige Unmöglichkeit. Sie lockte und reizte ihn als Mann. Es lockte und reizte ihn, den unbekannten kleinen jüdischen Studenten, die vornehme Gräfin zu erobern. Aber die Zeit wandert, und das Altern folgt seinen eisernen Gesetzen. Die Frau von 53, mit all den Spuren der erlittenen Not in den verwitterten Zügen, war keine Liebesgenossin für die brausende Kraft des Mannes von 33! Er warf den Zigarrenstummel heftig in die Silberschale. Jetzt würde sie wieder ständig um ihn sein, mit ihrer bohrenden Eifersucht und quälenden Umhegung. Und er konnte sie nicht abweisen, nach alledem, was zwischen ihnen gewesen war. Und – ja – ja, im Grunde bedurfte er ihrer, ihres Rates, ihrer Milde, ihrer weitschauenden Frauenklugheit. Nur nicht ihrer peinlichen mürben Leidenschaft! Da meldete Friedrich Marie Krafft. An dem Diener vorbei stob sie ins Zimmer. Der junge Mann ging. Sie stand vor Lassalle, ihre goldbraunen Augen betasteten hastig forschend sein Gesicht, seinen Körper. Sprechen konnte sie nicht. »Nun,« lächelte er, »da bist du ja wieder einmal.« »Bist du heil?« stieß sie hervor. »Ach so,« er reckte sich großartig. »Hast du schon gehört? Na, ich habe die Strauchritter feste verbläut.« Sie küßte voll Leidenschaft den blutroten Striemen, der quer über die Wange schnitt. »Ach, die Schramme,« wehrte er. Und dann berichtete er ausführlich die tumultuante Szene. Während er sich in selbstgefälliger Epik erging, irrten ihre Gedanken umher. Und plötzlich sagte sie mitten in seine selbstbekränzenden Worte hinein: »Ich werde heiraten, Ferdinand.« »Wie?« staute er der Rede Strom. Etwas in ihr hatte es gesprochen, ihn zu versuchen, in einer letzten verzweifelten Hoffnung, er werde auf sie zustürzen, sie umklammern, halten, schreien, toben: »Du bist mein, du gehörst mir, mir allein, keinem auf der Welt gönne ich dich!« Und sie wäre geblieben, hätte auf Ehe, auf das Kind, auf jedes sitte-umschmiedete Glück mit jubelnder Freude verzichtet. Doch er tauchte schmerzhaft rasch aus seiner Überraschung hervor, kam zu ihr, reichte ihr freundschaftlich die Hand und gratulierte: »Da wünsche ich dir aber Glück.« Sie suchte mit dem Rücken am Tische Halt. »Das ist vernünftig von dir, Marie. Sieh, ich hätte dich ja doch nicht heiraten können. Du aber bist dazu geboren, einen Mann zu beglücken und Kinder zu haben. Wer ist denn der Glückliche?« »Gustav Strasser,« sagte sie mit letzter Kraft. »So – so, der!« nickte er gedehnt. »Na, da wird dein Alter ja auch zufrieden sein. Das scheint ja ein recht erfreulicher Arbeitsausbeuter – verzeih – Unternehmer zu sein. Im übrigen hätten wir uns jetzt so wie so trennen müssen. Die Gräfin Hatzfeld kommt nach Berlin.« »Das trifft sich ja vortrefflich,« erzwang Marie ein armes Lächeln. Dann löste sie sich vom Tisch, trat auf ihn zu, reichte ihm die kalte Hand und sagte: »Ich wünsche dir viel Glück auf deinem Wege hinauf.« Seine Ahnungslosigkeit staunte: »So feierlich, Kind! Wir werden uns doch noch oft bei Dunckers und bei anderen sehen. Du wirst doch auch ein Haus führen. Ich rechne auf eine Einladung.« »Gewiß,« lächelte sie. Biß die Zähne zusammen, würgte ein »Lebe wohl, Ferdinand« hervor, ging mit der Hast des letzten Stolzes zur Tür und eilte hinaus. Lassalle sah ihr kopfschüttelnd nach, »Pauvre enfant!« seufzte er in jähem Begreifen. Dann setzte er sich an den Tisch, das Schreiben der Gräfin zu beantworten. – Einige Wochen später, auf dem Wege zum Bahnhof, überholte er in der Potsdamer Straße Hedwig Dohm. Er erkannte die kleine zierliche Frau schon von fern an dem trippelnden Gang. Eine Weile schritt er hinter ihr her und freute sich an ihrer hübschen Erscheinung. Sie trug ein Kleidchen aus einem verschwenderisch mit bunten Blumen bedruckten Batist. Schwere blaue Seidenbänder umschlangen die zarte Taille. Das leichte Gewebe einer weißen Beduine, verziert mit einer Kapuze in der Farbe der Bänder, hing lose um die graziösen Schultern. Als er sie endlich überholte, und ihre dunkellockige Schönheit unter dem weißen Hütchen hervorstaunte, dachte Lassalle: Wie kommt diese liebliche Fremdheit in die nüchterne Berliner Straße? »Wohin des Wegs?« fragte er. »Zu Gerson, geschäfteln,« gestand sie lächelnd. »Darf ich Sie ein Stückchen begleiten? Ich muß zum Bahnhof.« »Wenn Sie mir garantieren, daß kein Überfall erfolgen wird,« neckte sie. »Dafür kann ein Mann in meiner Position nie garantieren. Wohl aber dafür, daß Ihnen jeder Angreifer sofort – zu Füßen liegen wird.« Sie lachte kindlich lieb. »Holen Sie jemand vom Bahnhof ab?« Er nickte. Und nach einer kleinen Pause sagte er: »Die Gräfin.« Sie hob überrascht die samtenen dunklen Augen zu ihm auf. »Die Gräfin Hatzfeld?« »Ja. Sie bleibt nun in Berlin.« Eine Weile ging sie mit kleinen, hastigen Schritten neben ihm her. Dann fragte sie: »Lieber Freund, ich kann offen mit Ihnen sprechen?« »Völlig.« »Sie sollten das nicht tun. Es schadet Ihnen.« »Was?« »Dieses Zusammenleben mit der Gräfin –.« Er machte eine heftige Bewegung. Da legte sie die Hand zutraulich sänftigend auf seinen Arm: »Die ganze Sache kam so schön in Vergessenheit. Sie hat etwas Anrüchiges, glauben Sie mir, das Ihrem Rufe als Gelehrter schadet. Lassen Sie mich ausreden! Daß Sie damals als junger Mensch für die bedrängte Frau eingetreten sind und für sie zehn Jahre gekämpft haben, ehrt Sie. Aber das Drum und Dran! Die Familienskandale, in die Sie hineingerissen wurden, die Kassettengeschichte, die Kriminalprozesse, die sich daran geknüpft haben, das Unglück des armen Dr. Mendelsohn und dann dieses – verzeihen Sie, wenn ich ganz offen bin – dieses öffentliche Verhältnis mit der so viel älteren Frau – –« »Ich habe bereits 1848 vor den Geschworenen in Köln gesagt, daß die Gräfin nur meine Freundin ist.« Hedwig Dohms feines Näschen krauste sich. »Das weiß ich. Jedermann in Deutschland hat Ihre Verteidigungsrede gelesen. Aber Sie werden zugeben, daß diese Erklärung für Ihre Diskretion, aber für nichts anderes spricht.« Und rasch fuhr sie fort: »Ich möchte diesen Punkt nicht weiter berühren. Nur das will ich Ihnen sagen, lieber Freund: wir alle, Dunckers und Stahrs und Lübkes und mein Mann und ich, wir sind weiß Gott nicht prüde. Aber ich glaube doch, daß wir diese Frau nicht bei uns empfangen werden.« Da warf er den scharfgemeißelten Kopf heftig zurück und stieß hervor: »Gut. Dann werden sich unsere Wege trennen. Wer nicht für sie ist, ist gegen mich.« »Aber, lieber Freund,« beschwichtigte sie. »Nicht doch immer gleich so ungestüm! Ich stelle Ihnen das ja nur vor. Vielleicht geht sie doch wieder nach Düsseldorf zurück.« »Nein,« schüttelte er trotzig den Kopf. »Jetzt werde ich darauf dringen, daß sie hier bleibt. Was mich jetzt an die Frau fesselt, ist nichts als eine tiefe große dankbare Freundschaft. Wissen Sie, was solche Freundschaft ist, Frau Hedwig?« »O ja,« sagte sie mit großen Augen. »Ich kenne den schönen Vers von Simon Dach: »Der Mensch hat nichts so eigen, nichts steht so wohl ihm an, Als daß er Treu erzeigen und Freundschaft halten kann.« Sie waren zu dem armseligen Gebäude des Potsdamer Bahnhofs gekommen. Lassalle blickte nach der Uhr. »Ich habe noch Zeit,« sagte er, »ich begleite Sie noch ein Stückchen die Leipziger Straße hinab.« Als sie die Gleise der »Kommunikation« überschritten hatten und an den Torhäuschen vorbeikamen, nahm er das Gespräch wieder auf. »Wegen dieser schönen Worte Simon Dachs will ich versuchen, Ihnen das ureigenste Wesen meiner Freundschaft zu der Gräfin klarzulegen, und dann sollen Sie sagen, ob Sie Ihr hartes Anathema aufrechterhalten.« Er sann einige Sekunden, die klaren blauen Augen umzogen sich mit einem Schleier, dann begann er, zögernd, sinnend: »Die Gräfin ist mein Freund – nicht meine Freundin. Ich spreche von dem allein Wertvollen an unserer Gemeinschaft. Trotz einiger Gegensätze und Unterschiede, die ich nicht einmal missen möchte, weil sie durch den Unterschied des männlichen und weiblichen Charakters bedingt sind, besteht zwischen ihr und mir eine solche Gleichheit des Denkens und Fühlens, eine solche Gleichheit des innersten geistigen Wesens und fast aller Anschauungen, wie ich sie noch bei keinem andern Menschen wieder angetroffen habe. Diese innerste Gleichheit ist es, die den unendlich wohltuenden Genuß gibt, im andern die Welt des eignen Innern wiederzufinden und sich als ein Wesen mit ihm zu wissen. Darum habe ich seit je gesagt, sie ist mein Freund und nicht meine Freundin.« Sie überschritten die Wilhelmstraße. Hedwig schwieg. Eifrig fuhr er fort: »Die Gleichheit des Charakters und Gefühls, der ganzen geistigen Anlage, war schon vorhanden, als wir uns kennen lernten. Im Laufe dieser zwölf Jahre hat sich nun, wie natürlich, auch eine Gleichheit der Gedankenmasse, ihrer geistigen Bildung und Entwicklung daraus hergestellt. Wir sind jetzt, und schon sehr lange, auch jeder in dem Gedanken des andern zu Hause wie in dem eigenen Kopf. Und nun kommt noch die Gleichheit der äußeren Schicksale hinzu, der Kämpfe und Erlebnisse. Jeder hat dem andern soviel Treue und Edelmut bezeugt, wie hundert der rührendsten Romane, ausdrücklich zur Verherrlichung dieses Themas gedichtet, nicht enthalten könnten.« Und mit weiten blauen Augen sprach er, fast vor sich hin: »Sie steht vor mir wie meine eigene Geschichte, meine eigene Entwicklung. Sie ist identisch mit allen Gefahren und allen Triumphen, allen Ängsten und aller schweißtriefenden Arbeit, allen Leiden, Anstrengungen und Siegesgenüssen, allen weitfliegenden Sehnsüchten, kurz, mit jedem Erleben, das meine Seele je durchzittert hat. Sie ist meine Seele selbst.« Da fragte Hedwig Dohm leise: »Was ist Ihnen Seele?« »Das in eine Einheit zusammengefaßte Ganze, der Brennpunkt der gesamten Masse von Eindrücken, die man je erfahren.« Und aufatmend schloß er mit gutem Lächeln: »Ich kann also von ihr sagen, wie Wallenstein von Max: sie steht vor mir, wie meine Jugend, wie jene ›ungestüme Jugend‹, deren ich mich so manchmal elegisch erinnere.« Er schwieg. Da sagte Hedwig Dohm: »Jetzt begreife ich vieles.« Und ihm beherzt die kleine Hand gebend, lächelte ihre Anmut: »In meinem Hause soll sie willkommen sein. Ich will auch mit Lina Duncker und den andern sprechen.« Dann eilte Lassalle zurück. Jetzt, da er sich selbst durch den fremden Widerstand eifervoll zur Klarheit durchgesprochen hatte, war jedes Mißbehagen von ihm gewichen. Er freute sich auf das Wiedersehen. Offen und ehrlich wollte er mit ihr sprechen, wie ihre Vergangenheit es forderte. Ihr vorstellen, daß sie sein Freund war und ewig bleiben sollte, sein bester nächster Freund und Waffengefährte. Daß sie um dieser ewigen Freundschaft willen auf jenes andere, zeitliche, verzichten wollten. Er hastete zu dem kümmerlichen Bahnhofsgebäude hinüber und bebte vor Erwartung, ihr von dem neuen Lebensplane zu erzählen, der in ihm nach Klarheit rang. Und er wußte, daß keiner ihn so innig verstehen und alle Zweifel und Kämpfe mit ihm durchringen würde, wie sein Freund Sophie Hatzfeld. Auf dem Bahnhof erfuhr er, daß der Zug eine Viertelstunde Verspätung habe. Mit erregungshektischer Röte über den scharfen Backenknochen durchmaß er den sandigen schmalen Bahnsteig und dachte sich tief zurück in diese Gemeinschaft, die für sein ganzes Leben entscheidend geworden war. Er entsann sich noch so gut jenes grauen nebligen Novemberabends, an dem ihn der Oberst Graf Keyserling in die notdürftige Wohnung der Gräfin eingeführt hatte. Er fand in seiner Brust noch heute die ahnende Spur dieses ungebändigten sehnsüchtigen Verlangens, das ihm gleich beim ersten Begegnen das junge Herz spannte, diese schöne hohe Frau mit den wehen Augen zu streicheln, zu kosen, sie zu schirmen mit seiner sprudelnden Kraft, Heldentaten für sie zu tun. Und am nächsten Tage besuchte er sie allein. Da erzählte sie mit verhaltenen Tränen ihr herbes Geschick. Mit lachenden ahnungslosen Sechzehn hatte die junge Fürstentochter den schönen gräflichen Vetter geheiratet. Und der Himmel war so licht und so hell. Aber schon nach dem ersten Jahre hatte er begonnen, sie unflätig zu beschimpfen und bald zu schlagen und grausam zu quälen. Ohne äußeren Anlaß, aus ruchloser Verkommenheit. Lange, lange Jahre hatte sie aus Scham schweigend ihre Erniedrigung erduldet. Dann war das zertretene Weib in ihr aufgestanden zu leidenschaftlichem Widerstande. Ganz allein stritt sie den Kampf um ihr Menschentum und ihre Kinder. Die Verwandten wollten aus Furcht vor dem Skandal vertuschen, mahnten zur Geduld, wandten sich von ihr ab, als sie sich nicht fügte. Doch sie hielt aus und verteidigte ihre Frauenwürde. Da peitschte er sie aus dem Schlosse, entriß ihr die Kinder mit roher Gewalt. Nur den Jüngsten, Paul, hielt sie mit eisernen Mutterhänden, die keine Macht entklammern konnten, an den Busen gepreßt. So floh sie ins Leben hinaus, ohne Pfennig, hinaus in die zerfleischende Not, in den schmerzenden Hunger, suchte mit ihren verwöhnten feinen Händen das Brot für sich und ihr Kind zu erraffen, während er seine Millionen mit seinen Dirnen verpraßte. In ihren Bericht funkelte die Glut ungestillter Leidenschaft, blitzten Haß und Verachtung, reckte sich grell die Verzweiflung über ein verfehltes Leben. Lassalle war zwanzig Jahre. Die Brust voll von berstendem Verlangen, zu tun, zu helfen, zu retten. Das war nicht das Schicksal einer unseligen schönen Frau, das sich ihm da blutig enthüllte. Das war die getretene Menschheit, die da zu ihm als Retter aufschrie. Das war die zertretene Armut, die sich aufbäumte gegen die Macht des Adels und des Reichtums. Oh, das war verlockendste Erfüllung für diesen jungen Flammenkopf, der mit Fünfzehn den Tyrannen Kampf bis aufs Messer geschworen hatte, für das Recht dieses zermarterten Weibes im Kampfe die Arme zu regen. Noch in der Nacht schwor er ihr Rache und Sieg. Und noch in dieser Nacht gab das geschundene, verschmähte, leidenschaftliche Weib dem begeisterten jungen Rächer mit den verehrungshellen Augen und dem kühnen hinstürmenden Verlangen alles, alles, was ihr geblieben war von dem Reichtum und der Herrlichkeit ihrer glücklichen jungen Tage. Er stürzte sich wie ein Berserker in den ungleichen Streit. Der Graf höhnte den lächerlichen Gegner. Doch bald spürte er des Löwen Tatze, als die Prozesse hereinwetterten. Da griff er zu einem perfiden Mittel. Einen Angriff auf die gewaltigen Fidei-Kommißgüter brauchte er nicht zu fürchten. Die konnten ihm nicht entrissen werden. Aber sein enormes anderes Vermögen, all seine Allodialgüter, verschrieb er seiner Maitresse, der Baronin Meyendorf. Lassalle mußte sich Gewißheit über diesen neuen Frevelakt verschaffen. Er beauftragte seine jungen ergebenen Freunde, den Dr. Mendelsohn und den Assessor Dr. Oppenheim, den Sohn eines der angesehensten Berliner Patrizierhäuser, die Baronin zu beobachten und zu versuchen, näheres über die Schenkungsurkunde zu erfahren. Pflichteifrig reisten sie der Baronin überall nach. In Köln, im »Mainzer Hof«, stiegen die Verfolger zugleich mit der Meyendorf ab. Da bemerkte Oppenheim unter den Gepäckstücken der Baronin eine Kassette. Aufzuckte in ihm die Vermutung, daß diese Kassette jene Urkunde berge, ohne weiteres Überlegen griff er sie auf und eilte damit in Mendelsohns Zimmer. Der Arzt erbleichte. Doch um den Freund nicht zu verraten, barg er sie, da Oppenheim in der Eile ohne Koffer gereist war, in dem seinen. Dann fuhren sie Hals über Kopf davon, da man die Entwendung bereits bemerkt hatte. In der Kassette fand sich nichts als 3000 Franken in Papieren, ein Kamm und ein Zopf vom Haupte der Baronin. Bald darauf wurde Oppenheim verhaftet und wegen Diebstahls vor die Geschworenen gestellt. Sie sprachen ihn frei. Jetzt kehrte Mendelsohn von Paris, wohin er geflüchtet war, heim und stellte sich den Gerichten. Wenn der Täter freigesprochen worden war, konnte ihn, der nur dem Freunde nach der Tat beigestanden hatte, doch keine Strafe treffen. Doch das Unglaubliche geschah. Er wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Freilich wurden sie im Gnadenwege zu einem Jahr Gefängnis gemildert. Doch sein Leben war vernichtet. Nach Verbüßung der Strafe zog er in die Fremde, trat als Arzt in türkische Militärdienste und starb bald darauf im Krimkriege auf einem Parforcemarsche nach Bajazid. In tiefem schmerzlichen Gedenken schritt Lassalle den Bahnsteig auf und nieder. Da riß ein durchdringender Pfiff ihn empor. Langsam, schwerfällig prustend ratterte die Lokomotive des Eilzuges in den Bahnhof. Dort grüßte auch schon aus dem geöffneten Coupéfenster der schöne Maria Theresia-Kopf heraus. Das Blut sprang ihm ins Herz. Er stürzte auf die Tür zu, umklammerte ihre fröhlich winkende kleine energische Hand und lief wie ein jauchzender Bub neben dem Zuge her. Dann riß er den Schlag auf und hob ihre gewichtige Stattlichkeit heraus. Und hätte sie im Überschwang der Wiedersehensfreude mitten auf dem wimmelnden Bahnsteig umarmt, wenn sie ihn nicht unter der strengen Zucht der Enthaltung, die sie sich in der Öffentlichkeit stets auferlegten, mit sanfter gebietender Milde ferngehalten hätte. »Wie gut du aussiehst!« glühte er in freudestaunender Überraschung. In der verärgert peinlichen Furcht vor ihrem Kommen hatte die Erinnerung ihm stets das Bild einer alten welkenden Frau vorgebangt. Und nun stand sie vor ihm in ihrer lebhaften würdevollen Schönheit, ihrer prächtigen Gestalt der Reife, ihrem frischen Alabasterteint, mit den strahlenden lebensfrohen braunen Augen, ihrem grauen, üppigen, kunstvoll koiffürten Haar, in ihrem geschmackvoll eleganten Reisekleide, das Urbild starker herbstlicher Weiblichkeit. Ihr Blick glitt glückstränenheiß über seine Augen, seine Stirn, seinen Mund, streichelnd lind wie die Hand einer Mutter, die den Sohn, rührend beschirmend wie die Finger einer Künstlerfrau, die den müde heimkehrenden, wild dereinst fortgestürmten Geliebten endlich, endlich wieder hält in ihrer zärtlich zagen Hut. »In Ihren Augen ist etwas,« sagte sie, sofort das »Sie« der Vorsicht aufnehmend. »Was?« lächelte er, einem Gepäckträger winkend. Sie schwieg und forschte. »Etwas – Neues, wie von fremden Gedanken.« Er preßte ihre Hand. »Ihre lieben Augen haben es gleich gefunden. Da brodelt viel Neues, hier drinnen.« Und an ihrer Seite den Perron hinabwandelnd, schwelgte er: »Wie habe ich mich gefreut, es Ihnen anzuvertrauen! Schreiben ließ es sich nicht. Es ist noch zu vag. Aber sprechen – mit Ihnen kann ich darüber. Und bei Ihnen es widerhallen lassen und es an Ihrer reinen Klugheit klären.« Ihre reife herbe Schönheit strahlte weich und beseligt. Er hatte sie gleich ins Hotel geleiten wollen. Jetzt bat er leise: »Wir wollen erst zu mir, ja?« »Nein,« wehrte sie, »lieber ins Hotel.« Er kannte diesen resoluten Ton, gegen den es keine Auflehnung gab, ließ die Koffer auf die Droschke verladen und befahl: »Hotel de Rôme.« Und dann suchte er ihre Finger und umspannte sie mit seinen beiden Händen und fühlte sich plötzlich so seltsam geborgen, als wäre er aus irgendeiner Gefahr errettet. Der Einfluß, den diese Frau nun zwölf Jahre auf ihn ausübte, hatte ihn, den sonst so starken, festen, selbstsicheren, sofort wieder umsponnen, ihn zum Kinde gemacht, das sich warm einhegte in der Mutter still sorgende Güte. Sie saß stumm, glücksdurchrieselt. Und er sprach und sprach. Wie die Reise gewesen sei und der Abbruch ihrer Häuslichkeit in Düsseldorf? Er habe schon für sie eine Wohnung gesucht und eine sehr hübsch geeignete in der Grabenstraße, im ersten Geschoß des Schleicherschen Hauses Königin Augustastraße, dort, wo heute das Reichsversicherungsamt steht. gefunden. Und dann wies er hinaus auf die Straßen. »Nun bist du wieder in Berlin, Liebe! Sieh, da das Brandenburger Tor. Nein, bist du lange nicht hiergewesen! Was ist alles in der Zwischenzeit geschehen. Unser ganzer Kampf von 1848 und unsere Prozesse und unser wunderherrliches Idyll und unser trotziges Flüchtlingsasyl in Düsseldorf.« Sie lächelte stumm vor sich hin, und ihre Hand preßte leidenschaftlich seine Finger. Dann, als die Tür des Hotelzimmers sich hinter dem Kellner, der es ihnen gewiesen hatte, schloß und die auffordernde Einsamkeit sie umfriedete, kam eine Sekunde lang das frühere Unbehagen über Lassalle. Er empfand ernüchternd die Erwartungen der Lage. Etwas in ihm sträubte sich gegen die Frau empor. Nein, nein, keine leidenschaftlichen Zärtlichkeiten! Bei ihr sein, ihre gute Hand in der seinen fühlen, die Ausstrahlung ihrer warmen Mütterlichkeit empfinden – ja – ja. Aber – – Doch in chevalereskem Zwange trat er auf sie zu, hob die Arme – – Da warf sie den majestätischen Kopf in eisernem Entschluß in den Nacken, das Gesicht war fahl, die Augen schimmerten feucht. Und mit belegter Stimme rang sie hervor: »Ich will es dir gleich sagen. Ich wäre nicht zu dir nach Berlin gekommen, wenn ich mich nicht unbeugsam dazu entschlossen hätte. Du weißt, ich kann durchführen, was ich einmal gewollt habe.« Er starrte erstaunt in ihr schmerzzuckendes Gesicht. Die erhobenen Arme sanken zögernd. Sie schloß die Augen, die Lider zitterten, als sie weiter sprach: »Die Vergangenheit soll uns nicht tot sein. Nein. Sie soll uns bleiben in süßer heiliger Lebendigkeit. Doch sie soll vergangen sein. Ich werde im August 53, du bist im April 33 geworden. Ich bin keine Liebesgenossin mehr für dich. Ich will dein ›Freund‹ sein, wie du mich so oft genannt hast. Das will ich sein bis an mein Lebensende.« Sie öffnete weit die umflorten Augen. Einen Augenblick stutzte Lassalle. Dann raste ein Taumel von Erlöstsein, Freude über ihren Entschluß, Rührung und Achtung vor ihrem Heldentum durch sein Hirn. Ungestüm riß er sie an sein Herz. Mit geschlossenen Lidern preßte sie sich an ihn, sog sich vergehend fest an seinen Lippen, krallte die Finger, haltend, haltend, zum letzten Male haltend, in seine Arme. Dann löste sie sich gewaltsam von ihm, ordnete mit tastenden Händen das verflatterte Haar und lächelte mit blutlosen Lippen: »Das war der Abschied von unserer Liebe. Nun gib mir die Hand als Freund.« In mutiger Herbheit drückte sie die dargebotene Rechte. »So, und jetzt, lieber Freund,« lächelte sie dann, »geh hinab ins Lesezimmer und erwarte mich dort. Ich möchte mich vom Reisestaub reinigen und umkleiden.« Als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, fiel die starke Frau in den Sessel, die Stirn schlug nieder auf den Tisch und schwere Tränen tropften herab und bildeten schwarze böse Flecke auf dem roten Plüsch der Decke. So saß sie lange, biß die Zähne tief in die Lippen, das Schluchzen der Auflehnung zu meistern, und weinte, weinte, wie innerlich junge Frauen zu allen Zeiten geweint haben und weinen werden um das Hinwelken der äußeren Jugend und das Sterben des Mutes zum Glück. – VII. Das Jahr 1858 ging zur Neige. Die Gräfin hatte in dem Schleicherschen Hause ihr behagliches Heim eingerichtet, der Lassallesche Kreis hatte sich ihr längst freundschaftlich erschlossen. Marie Kraffts Verlobung war gefeiert worden, zu Weihnachten sollte die Hochzeit sein. Im Herbst hatte der grimme Lächler Varnhagen von Ense dem fast neunzigjährigen Freunde Humboldt sanft lächelnd den letzten grimmigen Schritt vorausgetan und seiner Nichte Ludmilla das verpflichtende Vermächtnis der Veröffentlichung seiner Schriften hinterlassen. Ihre Klugheit und Kenntnis war dieser Aufgabe gewachsen. Doch sie erbat Lassalles Beistand. Jeden Nachmittag schloß er gegen fünf Uhr die Folianten, über die er seit dem frühen Morgen gebeugt saß. Dann hob die Gräfin den Kopf von der Stickerei, einen stechenden Schmerz in der Brust. Jeden Mittag erschien sie in der Potsdamer Straße, nahm dort das Mittagsmahl ein, das Lassalle jetzt zuhause genoß, und blieb bis zum späten Abend bei dem Freunde. Er las und studierte, und sie las oder stickte. Und ab und zu hob er das Gesicht von dem Buche und lächelte zu ihr hinüber und fühlte sich treu behütet und geborgen in ihrer Nähe. Und ab und zu sprang er auf und sprach die Ausbeute seiner Studien vor ihr zur Klarheit durch. Ihr heller Verstand faßte und begriff und ward beschlagen und kundig in allen dunklen Irrwegen der schwierigen ökonomischen Wissenschaft. Wenn er das Buch zuschlug und sagte: »Nun werde ich zu Ludmilla gehen und ihr ein bißchen helfen,« hob sie den grauen Kopf, empfand den bösen Stich am Herzen und lächelte: »Ja – geh.« Dann saß sie mit verzerrtem Munde in dem weiten schattenhaften Bibliothekzimmer, die Eifersucht grub tiefe Runen in die weiße glatte Haut um den Mund und die Augen und das Kinn. Sie ordnete das Hauswesen, besprach den Küchenzettel wie ehedem in Düsseldorf mit der alten Johanna, bewachte das Decken des Abendbrottisches und lauschte, lauschte, bis sein Schritt am Abend wieder im Korridor erklang. Dann trat sie ihm mütterlich lächelnd entgegen und fragte mit bezwungener Milde: »Nun, seid Ihr schön vorwärts gekommen?« Er nickte und erzählte und lachte bissig über den devoten kongenialen Spötter Varnhagen von Ense. Das Entzünden dieser heimlich gelegten Pulverminen des geistvollen Mannes gewährte ihm eine aufstachelnde Freude. Wie ein Maulwurf wühlte er in dieser kritzligen Schrift der feinen Greisenhand. Dicht an seiner Seite saß Ludmilla Assing. Doch sie verstand kein Wort von dem, was Lassalle aus diesen tausend Papieren und Papierchen entzifferte. Sie hatte auch schon am Morgen alles allein durchgearbeitet. Jetzt saß sie da, scheinbar in das Manuskript vertieft, und sah nichts als die schönen scharfgeschnittenen Züge des Mannes an ihrer Seite. Und hörte das Rauschen seiner Stimme, hörte es wie bestrickende Musik. Doch verstand sie kein Wort. Ihre Gedanken hasteten anderen Fragen nach. Warum sagte er nie wieder: »Wie schön Sie heute sind, Ludmilla!!« Nie wieder hatte er es gesagt. Das Schwarz des Trauerkleides stand ihr nicht. Sie wußte es ja, und ihr Spiegel, ach, der wußte es auch. Was half es, daß sie stundenlang in der Kälte draußen in den Straßen umherlief, ehe er kam! Er sah ja nicht mehr die Frische des Winters auf ihren bleichen Wangen und in ihren grauen Augen. Er gab ihr höflich liebenswürdig die Hand und ging sofort an die Arbeit. Und wenn die alte Standuhr im Salon nebenan acht schlug, stand er auf, gab ihr wieder liebenswürdig höflich die Hand und ging. Und sie rannte zum Fenster und sah mit brennenden Augen seine elastische Gestalt um die Ecke in die Leipziger Straße hinein verschwinden. Dann grub sie die Nägel in das Fenstergesims und dachte voll Harm, daß er nun zu der »guten Gräfin« heimeilte. Wie sie diese Frau haßte! Diese Frau, die soviel älter war als sie und soviel verblühter. Und die, die, die lockte und reizte sein Verlangen, diese Alte! Ahnte er denn nicht, wieviel unverbrauchte Kraft und Sehnsucht in ihr auf den Erwecker harrte! Ahnte er nichts von den Schätzen ungehobener Weibesleidenschaft, die in ihrem Körper nach dem Schatzgräber schrien! Und sie warf sich nieder vor dem Sessel, auf dem er gesessen hatte, und schmiegte das heiße Gesicht in das sanft streichelnde kühle Lederpolster. Und wenn es in den alten Möbeln knackte oder im Salon nebenan in den Saiten des alten Spinetts erinnerungträumend aufsang, packte sie ein Grausen vor dieser flüsternden Stätte der Vergangenheit, in der ihre lebendige Wirklichkeit eingesargt versteinte. Furchtgehetzt lief sie hinaus in die Küche zur alten Dore. Die sagte nichts. Sie hatte in ihrem reichen langen Leben so viel gesehen, daß sie nun ohne Staunen, ohne Worte alles begriff. Sie wischte mit ihrer blauen Schürze über den harten Küchenstuhl und schob ihn Fräulein Ludmilla zu. Und während das Wasser auf dem Herde seine Märchen brodelte, erzählte sie sänftigend von den guten alten Tagen. »Und eines Tages, als Frau Rahel schon recht krank war, bat ich sie, doch etwas Tee zu nehmen. Sie sträubte sich. Da sagte ich dringend: ›aber, gnädige Frau!‹ Da lachte Frau Rahel so hell, wie nur sie lachen konnte, und sagte: ›Ach, meine liebe gute Dore, jetzt hat es sich ausgegnädigefraut. Nun kommt bald der große Gleichmacher‹.« – Und der Teekessel sang sein Lied, und Ludmilla dachte an den Liebsten und an ihr Leben, das hier sacht versickerte wie die alten Geschichten der alten Dore. – – Und Neujahr kam in Frostglanz und tiefem Schnee. Ganz Europa hob plötzlich den Kopf und horchte. Wie Donnerhall dröhnte es von Paris herüber. Bei der Neujahrsgratulation in den Tuilerien hatte Napoleon zum österreichischen Gesandten mit hochgezogenen Brauen gesprochen: »Ich bedauere, daß die Beziehungen zwischen unseren Regierungen nicht mehr so gut sind wie früher.« Wer Ohren hatte zu hören und Verständnis für diplomatische Brüskierung, der wußte: das war der Krieg. Das war das Eingreifen Frankreichs in die Freiheitsbestrebungen Italiens. Die sieche Halbinsel reckte sich wieder auf ihrem Krankenlager. Im allgemeinen Völkersturm von 1848 hatten auch die oberitalienischen Stämme sich gegen die österreichische Herrschaft empört, unter der sie stöhnten. Der König von Sardinien stand an ihrer Seite. Österreich hatte den Aufstand blutig unterdrückt. Unter der Asche äußerer Entsagung glühte es weiter. Jetzt hatte Sardiniens Thron der junge tatkräftige Victor Emanuel bestiegen. Cavour, die energische Klugheit, war sein Berater. Ihm gelang es, den Groll, den Napoleon seit dem Krimkriege gegen Österreich hegte, zu einem Bündnis umzuschmieden. Frankreich sollte mit Sardinien im Bunde die Lombardei und Venetien von der österreichischen Herrschaft befreien. Als Lohn winkte Nizza und Savoyen. Mit diesem Bündnis im Rücken sprach Napoleon jene friedenzertrümmernden Neujahrsworte. Der Mann in der Potsdamer Straße zu Berlin hob das Antlitz von seinen ökonomischen Werken. Auf stand er und klappte sie resolut zu. Was sollte in dem ausbrechenden Sturm der Gegenwart die Arbeit für die Zukunft! All die alten trauten langgehegten, wirr verschwommenen Pläne vom Kampfe um die politische Freiheit seines Volkes, vom Kampfe um die Einigkeit Deutschlands flammten hervor aus der einlullenden Dämmerung. Jetzt war seine Zeit gekommen. Die Fanfaren riefen. Der Krieg Italiens war der Kampf eines Volkes um seine politische Freiheit. Das war Bruders Sache. Es ging gegen Österreich, den Feind der deutschen Einigkeit. Jetzt lag Deutschlands Einheit in Preußens Hand. Was würde Prinz Wilhelm, der jetzt die Regentschaft für den geisteskranken König übernommen hatte, tun? Wem würde er sich anschließen? Würde er dem Buhlen Österreichs folgen, das den Erzherzog Albrecht nach Berlin entsandt hatte, den Regenten zu einem Schutz- und Trutzbündnis zu gewinnen? Lassalle fieberte. Er lief bei den Freunden umher, bei Duncker und bei den anderen Demokraten. »Es muß etwas geschehen!« ging er empor wie eine Rakete, »es muß auf die Regierung ein Druck ausgeübt werden, damit das Bündnis mit Österreich scheitert. Jetzt ist die Zeit zu Deutschlands Befreiung und Einigkeit reif. Wir müssen Italien helfen, schon deshalb, weil dort ein Volk um seine Freiheit ringt. Aber auch für unsere eigene Freiheit. Österreich hält die Reaktion mit eisernen Händen. Es ist seit Jahrhunderten eine kulturfeindliche Macht. Darum muß es zerdrückt, zerfetzt, vernichtet, zermalmt werden. Unterliegt dort die Militärgewalt, so wird das Volk aufstehen. Das Beispiel wird zünden und übergreifen. Österreich hindert aber auch die Einigung Deutschlands. Es muß hinausgeworfen werden aus dem deutschen Bunde. Dann wird Preußen die übrigen deutschen Staaten als neues junges Kaisertum einen. Also: Kampf gegen Österreich an Frankreichs und Italiens Seite. Helft, Freunde, helft, die Regierung auf den rechten Weg zu drängen.« »Ja,« wandte Duncker sorgenvoll ein, »die Entscheidung ist nicht so leicht, wie es Ihnen scheint, lieber Freund. Gewiß, jeder demokratisch oder auch nur liberal denkende Kopf kann den Italienern seine Sympathie nicht versagen, die für das Recht ihres Volkes auf freie Selbstbestimmung kämpfen.« »Aber,« fiel Dohm ein, »kein Demokrat kann an die Seite Napoleons treten, dieses Mannes, der 1848 durch Freiheitsschwüre zur Macht gelangte und durch den Staatsstreich 1851 die Republik eidbündig erdrosselt hat. Und dann –« Hitzig unterbrach Lassalle: »Glauben Sie nicht, daß in mir ein Funken Neigung für diesen ›Dezembermann‹ glüht! Aber ich seihe weiter. Er ist wider Willen ahnungslos das Werkzeug des Weltgeistes zur Befreiung der Menschheit geworden. Er wird an diesem Widerspruch zugrunde gehen.« Doch die Freunde schüttelten den Kopf. Und die von Duncker herausgegebene Volkszeitung brachte franzosenfeindliche Kampfartikel. Da griff Lassalle zu seiner starken Waffe, der Feder. Schreien wollte er, der Regierung seine Mahnung und Warnung zuschreien, laut, laut, mit der ganzen Kraft seiner Lungen und seines funkenschlagenden Geistes. In wenigen Nächten warf er seine Schrift: »Der Italienische Krieg und die Aufgabe Preußens« nieder. »Eine Stimme aus der Demokratie« nannte er als Verfasser. Mit der feurigen eindringlichen Kraft seiner überzeugenden Logik wies er nach, daß die Hetze gegen Napoleon ein kindischer Fehler sei. Wohl wäre er mit Recht verhaßt, aber zwischen der Person und dem Staatswesen sei zu unterscheiden. Die italienische Erhebung sei darum eine nicht weniger gute Sache, weil ein schlechter Mann sie aus erbärmlichen politischen Motiven in die Hand nähme. Louis Napoleons Regierungssystem stehe im Widerspruch mit den Prinzipien, die er selbst verkündet habe. Er müsse an diesem Widerspruche, der zu ewigen Reibungen führe, scheitern und sei daher weit weniger gefährlich, als das in sich gefestete und seinem innersten Wesen nach reaktionäre Regierungssystem Österreichs. »Louis Napoleon mag noch so sehr alle Schriften konfiszieren, welche man von London und Jersey aus in Frankreich zu kolportieren sucht. Wer konfisziert ihm aber seine eigenen Manifeste, Moniteur-Artikel und Proklamationen?« Schon zeigten die Dinge in Frankreich die Folgen jenes Widerspruchs. »Die französischen Orgeln spielen plötzlich wieder die revolutionären Lieder, die Regimenter singen die Marseillaise, durch die Arbeiter geht eine ungeheure Gärung.« In einem solchen Augenblick Frankreich entgegenzutreten und ihm zu verbieten, den Italienern beizustehen, sei der größte Fehler, den die Demokratie in Deutschland begehen könne. Und nun Preußens Aufgabe! »Ein Friedrich der Große würde den Moment für den geeignetsten halten, in Österreich einzurücken, das deutsche Kaisertum zu proklamieren und der habsburgischen Dynastie zu überlassen, ob und wie sie sich in ihren außerdeutschen Ländern behaupten kann. Ja, noch einmal liegt die deutsche Kaiserkrone auf der Straße. Sie wird nicht aufgehoben werden. Es wäre unbillig von jedermann zu verlangen, daß er ein Friedrich der Große sei.« Aber welche Haltung könne man dem preußischen Kabinett zutrauen? In jedem Falle sei von der Regierung zu verlangen, daß sie zunächst neutral bleibe, aber ihre Truppen mit der Erklärung bereit halte: »Revidiert Napoleon die europäische Karte nach dem Prinzip der Nationalitäten im Süden, gut, so tun wir dasselbe im Norden. Befreit Napoleon Italien, gut, so nehmen wir Schleswig-Holstein. Mit dieser Proklamation unsere Heere gegen Dänemark gesendet!« Die Broschüre mit dem Motto: »Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo« – kann ich die Höhen nicht bewegen, so werde ich die Niederung in Wallung bringen – fand reißenden Absatz. Auf dem Titelblatt der zweiten Auflage bekannte sich Lassalle als Verfasser. Mit Spannung erwartete er die Wirkung des mutigen Mahnrufs. Wie würde der Prinzregent, dem die Prinzessin Viktoria soeben den ersten Enkel geboren hatte, sich entscheiden?! Inzwischen drängte Österreich zum Kriege. Am 23. April erschien ein habsburgischer Offizier beim König Viktor Emanuel in Turin und stellte ein Ultimatum dahin: entweder vollständige Entwaffnung oder Krieg. Cavour wählte gierig den Krieg. Lassalles Stolz und Freude kannte keine Grenzen, als die preußische Regierung die von ihm empfohlene abwartende Haltung einnahm. Die Armee wurde zwar mobilisiert, doch nur, wie das am 26. April an die deutschen und auswärtigen Mächte erlassene Rundschreiben kundtat, »zur Beschützung des Bundesgebietes«. Mit entnervender Unrast folgte Lassalle den Vorgängen auf dem Kriegsschauplatze. Sein Sehnen, sein Fürchten, sein Hoffen war bei den französisch-italienischen Scharen. Kaum berührt wurde er von der Ablehnung seines Dramas durch die Intendanz des Schauspielhauses, kaum hineingezogen in den Streit, der in Berlin um Richard Wagner in grandioser Heftigkeit entbrannte. Am Sonntag, den 23. Januar, war in Berlin zum ersten Male der »Lohengrin« aufgeführt worden. Wohl saß er mit der Gräfin in der Loge. Doch seine Seele war nicht bei den Kämpfen um den Erfolg des Werkes. Sie flatterte in weiter Ferne bei gewaltigerem Ringen der Freiheit. In Berlin aber sprach man in allen Kreisen lange Zeit von nichts anderem als dieser Aufführung, von Tauberts vortrefflicher Leitung, von Formes' Schönheit und Stimmkraft als Lohengrin, von Fräulein Wipperns lieblicher Elsa, von Fräulein Wagners Ortrud und Pfisters Heerrufer. Und wie das Publikum von der Schönheit des ersten Aktes eingenommen gewesen, dann aber von »den Längen« und der »teilweisen musikalischen Zerfahrenheit« des zweiten Aufzuges zu ermüdet und abgespannt worden sei, als daß es hoch für die Schönheiten des Schlußaktes habe empfänglich sein können. Und man stritt für und wieder. Antiwagnerianer hoben höhnend ihr Haupt, Philowagnerianer tobten unter Bülows Fahne. Lassalle spähte über die Alpen. – Im Mai starb Alexander von Humboldt, der Weise, an den Lassalle einst Heines kurzen Empfehlungsbrief mit dem traurig-langen Inhalt gebracht hatte: »Dem großen Alexandros sendet die letzten Grüße der sterbende H. Heine.« Nun hatte auch der große weltumsegelnde Alexandros die letzte große Reise angetreten. Für Lassalle gab es in dieser Zeit keinen Tod. Seine Sinne hingen an dem wild erwachten Leben dort unten im Süden. Da – da am 4. Juni – donnerten die Kanonen von Magenta, wenige Tage später am 24. Juni knatterte das Gewehrfeuer von Solferino herüber. Italien siegte, die Freiheit triumphierte! Österreich wurde zerfetzt! Machtlos stand es nun bald dem Drängen seiner Völker nach Freiheit gegenüber, kräftelos hing es im deutschen Bunde, seines Übergewichts und seiner Führerrolle beraubt. Frei ward der Weg für Freiheit und Einheit. – – Am Abend des 11. Juli verließ Lassalle das Haus. Er wohnte seit dem 28. März in der Bellevuestraße. Jetzt, da sein Aufenthalt in Berlin gesichert war, hatte er sich ein noch geräumigeres und noch üppigeres Heim geschaffen. Er eilte fieberheiß dahin, dem Heislerschen Lokale an der Potsdamer Brücke zu, in dem die neuesten Zeitungen auslagen. Vielleicht war eine dritte Schlacht geschlagen! Wer weiß, am Ende hatte Mac Mahon die Österreicher aufgerieben, während er hier spazierte. Wer weiß! Er schlug den nächsten Pfad ein, diesen Sommerlinden, schwül duftenden »Kanonenweg«, der zwischen den Gärten der Potsdamer Straßenhäuser und der dunkellaubigen Pracht des Bendemannschen Parkes und dem Garten des Kemperhofes sich dahinschlängelte. Jetzt, in dem sinkenden blauen Sommerabend war dieser schmale, rechts und links von alten verwitterten Staketenzäunen eingefriedete Weg eine blumenträumende Unwirklichkeit, dicht vor den Toren der werdenden Großstadt. Weit über die Zäune segneten zu beiden Seiten die Fliederbüsche ihre letzte Blütenherrlichkeit über den Wandelnden hin, und Jasmin und Schlehdorn atmeten betäubend und wollüstig dem einsamen Wanderer ihre nächtliche Sehnsucht zu. Und die Finken schlugen ihr nachtgedämpftes Lied, und die Nachtigallen entlasteten in süßem Flöten ihr kleines seligkeitswehes Herz. Nein, durch diese belebte Blumennacht eilte niemand hastigen Schrittes der Zeitung zu. Hier schwieg der Lärm der Stadt, hier sänftigte sich mild die Unrast des Lebens. Ganz langsam schritt Lassalle zwischen dem Duft und Vogelsang und dem wehenden Atem der Natur, trat leise auf den weichen Sand des Weges, die heilige Stille nicht zu stören. Dicht vor der Brücke mündete dieser Blumenweg in die Potsdamer Straße. Auch hier war noch Gartenwelt und Einsamkeit. Doch hier hatte das Leben schon seine ersten Furchen gezogen. Lassalle blieb sekundenlang stehen und blickte zurück auf den dunklen flüsternden Weg. »Dort ist das Berliner Nachtleben,« dachte er lächelnd und eilte hurtig über den einsamen Fahrweg, auf dem bei Tage alle zwanzig Minuten der Omnibus vom Alexanderplatz in seiner unbenutzten Würde dahintrottete. Durch die kleine Tür des niedrigen Plankenzaunes trat er in den Garten. Hier war Menschengetriebe. Denn an solch weichen Sommerabenden versammelte sich dort alles, was zwischen der Potsdamer Brücke, dem Brandenburger und Anhaltischen Tore wohnte. Nirgends schien ein Platz frei. Doch Lieschen, die jüngste der vier frischen Töchter der Witwe Heisler, hatte sofort den schönen Gast erspäht. Rasch eilte sie ihm entgegen, durch das lange grünende Gewölbe, das die zusammengebogenen kurzgeschorenen Kronen der Linden bauten. »Guten Abend, Herr Doktor,« grüßte sie, zutraulich und verehrend zugleich, »ich habe Ihnen einen schönen Platz auf dem Belvedere reserviert, ganz hinten, wo es einsam ist. Und die neuesten Zeitungen habe ich auch für Sie versteckt.« Lassalle lachte. »Sie sind die Krone aller deutschen Wirtstöchterlein, Fräulein Lieschen. Wenn ich ein Dichter wäre, würde ich Sie in hundert fröhlichen Burschenliedern anmutig verewigen.« Er folgte ihr die engen Wege durch dichtes Fliedergebüsch, schritt vorbei an den weißen dichtbesetzten Holztischchen, an dem Bierausschank in tiefem Schatten einer Laube ging es hin; dann erklomm er auf der alten wackeligen Holzstiege die Plattform, die sich an den Zaun der Grabenstraße schmiegte. Das war das »Belvedere«. Und vor ihm her raschelte das prächtige braunlockige Lieschen in ihrem frischgestärkten knatternden blumigen Kattunkleide und plauderte lebhaft und meinte, der Herr Doktor sei doch ein Dichter, denn sie habe ja das schöne Stück gelesen, das eben bei Herrn Duncker erschienen sei. Frau Lina habe es ihr geliehen. Also stände ihrer Verewigung im Liede eigentlich nichts entgegen. Und sie kicherte, daß die weiße Gesundheit ihrer Zähne aufglänzte im Lichte der Öllampen auf ihren grünen Pfählen: »Ich habe Sie expreß durch die Gebüsche geführt, damit Dunckers und die andern Sie nicht sehen. Die sitzen drüben am Hause. Ich weiß doch, der Herr Doktor will erst die Zeitung lesen.« »Sie sind nicht nur die Krone aller Wirtstöchterlein, Fräulein Lieschen,« erwog Lassalle, »Sie sind ein Engel, der den Verschmachtenden zur Quelle im Blätterparadiese führt. Ah, wohl dort hinten? Sehr schön. Vielen Dank.« Und er setzte sich und griff gierig nach den Journalen. Schwarzglänzend wie Lack floß lautlos das Wasser des Kanals jenseits der Grabenstraße, Gespräch und Gelächter schwirrte aus den dichten Laubgängen, und von der anspruchslosen kleinen Kegelbahn an der anderen Seite des Gartens rollte das ratternde erwartungsvolle Kollern der Kugel, klang ihre Vernichtung des Kegelstaates hell schmetternd herüber. Lassalle entfaltete mit behenden Fingern die Dunckersche Volkszeitung und suchte mit stürmenden Augen die Ecke, in der die letzteingetroffenen Depeschen im Moment des Redaktionsschlusses eingeschoben wurden. Ob da nicht die Kunde eines neuen Waffenerfolges der italienisch-französischen Alliance –? Was –?! Wie?!!! Er riß das Blatt dem flackernden Lichte des Öllämpchens entgegen. W–a–as??!! Da brachte Lieschen den Bierkrug. Lassalles Arme sanken herab, das Blatt zerknitterte auf seinen Knien. Mit aufgerissenen Augen starrte er das Mädchen an. »Mein Gott, Herr Doktor!« verschüttete sie in gelindem Schrecken den Schaum des Bieres, »was ist Ihnen?!« »Unmöglich – das ist ja nicht menschenmöglich?!« gurgelte er hervor – und preßte die Nationalzeitung gegen die Augen. Doch sofort flatterte sie hilflos zur Erde aus seinen haltversagenden Fingern. »Was ist denn?« bangte Lieschen wieder. »Frieden!« schrie Lassalle ihr zu, daß alle Blicke zu ihm hinüberschreckten. »Frieden!« »Ach so,« beruhigte Lieschen sich sichtlich. »Politik! Ja, sowas kommt vor. Sie können sich ja auch nicht immer raufen. Heldentum ist ja ganz was Schönes. Besser ist doch aber, wenn die jungen Menschen nicht sterben müssen. Deswegen brauchen Sie sich doch aber nicht so aufzuregen, Herr Doktor.« Der Doktor aber regte sich auf, regte sich ganz erschrecklich auf. Er sprang empor, stob an dem verdutzten Lieschen Heisler vorbei und verschwand wie ein rasend gewordener Schatten im dichten Gebüsch. Kopfschüttelnd nahm Lieschen den Bierkrug wieder vom Tische und brachte den Trank einem weniger eruptiven Gaste. Lassalle stürmte geradeaus, die Grabenstraße hinab. Er mußte laufen, wüten, toben. Er gestikulierte wild mit den Armen in die einsame Gasse hinaus. Das war Verrat – Verrat! Mitten im Siege, im unerhörtesten Erfolge hatte Frankreich mit Österreich Frieden geschlossen! Das war blutiger Verrat an der italienischen Sache, Verrat an der Sache der Freiheit. Er rannte, rannte, vorbei an der Matthäikirchstraße, vorbei an der Bendlerstraße, vorbei an dem Garten des Hofjägeretablissements, aus dem die Musik eines Monstrekonzerts herüberschmetterte. Ach, er wußte es, wußte es in erbarmungsloser Hellseherei: diese blutige Schmach von Villafranca zertrümmerte mit einem mörderischen Schlage alle deutschen und preußischen Hoffnungen. Was half es, wenn Österreich zwei italienische Provinzen verlor? Was half das der Freiheit und der deutschen Einheit! Ungeschwächt stand in Wien die österreichische Macht der eisernen Reaktion! Alle hochstürmenden Hoffnungen waren tot! Alle kühnen Erwartungen lagen auf der Bahre. Es war aus – aus. – Er lief, bis hinter dem ländlichen Wirtshaus des Moritzhofes der »Graben« ihm den Weg versperrte. Er stand und blickte ohne klares Bewußtsein auf das heitere Abendtreiben hinab. Eine Flotte von Gondeln und Ruderbooten trieb dort auf der trüben Flut, befrachtet mit weißen Sommerkleidern und ausgelassenem schönen Lachen. Nein, nein, jetzt war alles aus. Trügerisch war alles Hoffen gewesen. Umsonst hatte im verflossenen Jahre der Komet seinen glühenden Schweif über den Himmel gepeitscht. Er starrte auf die sanft schaukelnden, lustig getriebenen Nachen und dachte daran, wie oft er im vorigen Sommer zu dem nächtlichen Himmel hinaufgeblickt und das flammende Wahrzeichen als gute Vorbedeutung für all das Kampfesfrohe in seiner Brust genommen hatte. Und als das Jahr waffenrauschend anbrach, hatte er erkenntnislächelnd des Kometen von 1858 gedacht! Ach, der Komet hatte gelogen, das Waffengerassel hatte gelogen, der Kanonendonner von Magenta hatte gelogen! Das Kinn sank dem Manne zur Brust nieder. Jäh hatte ihn die Anklage ins Hirn gebrannt, daß er um dieser lächerlichen Phantastereien jenes andere Ureigene zurückgesetzt hatte: den Kampf um das Recht der Enterbten. Eine heftige Sehnsucht nach seinen ökonomischen Büchern faßte ihn, ein Heimverlangen in sein Bestes, Stillstes. Sacht löste er sich von dem Eisengitter, das den »Graben« einhegte, eilte mit schnellen Schritten an dem Wasser entlang bis dorthin, wo er in die Seeparks des Tiergartens mündete. Er floß durch die heutige Kaiserin Augusta-, Rauch-, Hitzig-, Stülerstraße. Dann hastete er durch die Tiergartenstraße seiner Wohnung zu. Bis zum frühen Morgen saß er über der »Kritik der politischen Ökonomie« von Marx. – Und nun arbeitete er ohne Aufschauen Monat um Monat. Die Feier des hundertsten Geburtstages Schillers rauschte an dem Arbeitenden vorüber. Trotz seiner glühenden Verehrung für den Dichter, dessen philosophische Verstandespoesie sein dialektischer Sinn weit über Goethes Lyrik stellte, wohnte er der Grundsteinlegung des Denkmals vor Schinkels Schauspielhause auf dem Gendarmenmarkt durch den Prinzregenten nicht bei. Doch einer seiner Feinde sandte ihm an diesem 10. November 1859 eine Zeitung ins Haus, mit einer höhnischen Anspielung auf seinen Franz von Sickingen. An der Spitze des Blattes stand folgendes Patent: »Im Namen Seiner Majestät des Königs! Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden Prinz von Preußen, Regent, thun kund und fügen hiermit zu wissen: Die hundertjährige Geburtstagsfeier Friedrichs von Schiller hat in Uns den Wunsch hervorgerufen, das Andenken des großen Dichters durch eine zur Förderung des geistigen Lebens in Deutschland geeignete Stiftung zu ehren. Deshalb haben Wir beschlossen: Für das beste in dem Zeitraum von je drei Jahren hervorgetretene Werk der deutschen dramatischen Dichtkunst einen Preis ..... zu bestimmen.« Lassalle warf Schreiben und Zeitung in den Papierkorb. Ein gewaltiger wissenschaftlicher Plan war gerade in diesen Tagen seinen Studien entkeimt. – Lassalle bekannte sich, daß er Schritt vor Schritt auf den Spuren des Freundes Karl Marx wandle. Denn das war ihm längst klar geworden: den Enterbten helfen, hieß Kampf gegen die Besitzenden. Jenen geben, bedeutete diesen nehmen. Immer tiefer geriet er hinein in sozialistische Spekulationen. Der Kommunismus, die Aufhebung des Sondereigentums, die Aufteilung des Kapitals, das mußte das letzte Ziel sein. Er wußte, daß er hier dicht hinter Karl Marx und seinem kommunistischen Manifest von 1848 marschierte. Doch da bäumte sich Lassalles nüchtern praktischer Wirklichkeitssinn auf. Auflösung des Kapitals, ja, gewiß: das Ziel. Ein zartes violettes Gebirge am fernen, fernen Gestade der Seligen. Wohl mußte der Kiel auf dieses traumweite Eiland gerichtet werden. Doch das erkannte sein hellsichtiger Verstand: er würde in jenen Glückshafen als Lotse nicht mehr einfahren. Nein, er nicht und seine Kindeskinder nicht. Jahrhunderte würde die Fahrt währen. An dieser Gedankenecke sprang er stets vom Schreibpult empor und rannte einher in dem Arbeitszimmer. Er wollte den Anker niederrasseln hören im glücklichen Hafen, er wollte wirken, sein Ehrgeiz wollte noch vollenden. Bald, bald wollte er helfen und retten. Nicht noch bleiche Generationen zähneknirschender Lohnsklaven ihr menschenunwürdiges Dasein hinkeuchen lassen. Nähere Ziele finden, einen anderen Port ausspähen, fort, fort aus dem Kurse des Kommunistenmeisters Marx, der nach jahrhundertfernen Häfen strebte. Heute wirken, morgen spätestens! Seine Ungeduld summte. Doch noch lastete niederbeugend auf der Selbständigkeit seines Denkens Karl Marxens gewichtige wissenschaftliche Wucht. Da eines Tages, als er wieder seinen Weg suchte, baute sich ihm ein Hemmnis sperrend in den Weg. Er lehnte sich tief im Stuhle zurück. Ja – wie denn? Hm! Wo nun immer auch der Weg ging, ob zum extremsten Kommunismus oder zu einem anderen Ziele: ohne Umwälzungen, ohne tiefgreifende ökonomische Revolutionen keine Rettungstat! Wenn er geben wollte, mußte er nehmen. Von denen nehmen, die es hatten. Das Endziel war also in jedem Falle ein neuer Besitzstand, ein neuer Rechtszustand. Lassalle trat zu den Bildern der Revolutionsmänner an der Wand. Ein neuer Zustand des Rechts? Ja, was war Recht? Er sah in Robespierres verkniffene spießige Advokatenzüge. Recht bedeutete Macht. Ein absolutes Recht gibt es im Volksleben nicht. Nur ein relatives, das am Bügel der herrschenden Machtverhältnisse hängt. Hm. Es galt demnach den Besitzlosen, die heute entrechtet waren, die Macht in die Hand zu spielen und auf der Plattform dieser neuen Macht ein neues Recht der Enterbten aufzupflanzen. Gut, das hatte er hundertmal durchdacht. Doch nun regte sich der tiefgründige Wissenschaftler in ihm. Er, den Boeckh und Humboldt und hundert andere einen der Ihren nannten, er konnte nicht wie irgendein Wildling hineinpatzen in das Bestehende. Seine Stellung in der wissenschaftlichen Welt forderte ihre Verpflichtung. Er mußte das, was er für seine Arbeiter tat, vor dem Richtstuhle der Wissenschaft verantworten können. Er kniff scharfdenkend die Augen zusammen. Wie ließ es sich wissenschaftlich begründen, daß dieses neue Recht nun in der Welt galt? Daß es das alte Recht der Besitzenden entrechtete? Die Macht schuf das neue Recht. Gewiß. Aber dieses neue Recht galt doch erst von heute an, da es entstanden war. Es galt doch erst für die Zukunft. Entraffte es dem Nachbar aber auch das, was er gestern noch kraft seines alten Rechts besessen hatte? Das war die große Frage, die sich vor seinem wissenschaftlichen Gewissen auftürmte. Wirkt das neue, von der Revolution geschaffene Recht zurück auf das alte Recht, das vor der neuen Machtkatastrophe gegolten hat? Oder galt es nur für die neuen Tage? Durfte das neue Recht nur Erwerb von Sondereigentum für die Zukunft verpönen, mußte es aber haltmachen vor dem bereits erworbenen Eigentum und mußte der kraft alten erworbenen Rechts Besitzende, wenn er enteignet wurde, entschädigt werden? Mußte das neue Recht vor den »erworbenen Rechten« ohnmächtig die Hände sinken lassen? Das waren die Fragen, die jählings aufragten. Wie ein Gebirge verbauten sie ihm den Weg. Und mit der alten wissenschaftlichen Heftigkeit ging er daran, sich durch diesen sperrenden Wall seinen Tunnel zu graben. Er mußte eine befriedigende Lösung finden, ehe er wieder freien Weg zu einem Ziele sah. Am Mittage, als die Gräfin kam, hatte er die verworrenen Gelände schon soweit durchforscht, daß er erkannte, es würde ein Eintauchen in alle Rechtsmaterien nötig sein. Sein alter juridischer Eifer flammte hell auf. »Es bleibt nichts übrig,« sagte er bei Tisch, »ich muß die gesamte Theorie der erworbenen Rechte schreiben und hierzu das gesamte Rechtssystem durchgehen und die einzelnen Rechtsinstitute in ihren philosophischen Begriff auflösen. Es wird eine Gigantenarbeit. Doch ich muß mich hineinstürzen, ich muß, wenn auch meine praktische Messiastat hierdurch verzögert wird.« »Es ist doch eine Arbeit für jenes Ziel,« tröstete die Gräfin. Er nickte grübelnd. »Ja, es ist meine wissenschaftliche Rückendeckung. Ich fürchte nur, es kann Jahre dauern, ehe ich dieses Meer von Schwierigkeiten durchschwimme.« Doch Sophie Hatzfeld lächelte ihr ermutigendes mütterliches Lächeln. »Du durchschwimmst es in kurzer Zeit, mein delischer Schwimmer.« »Delischer Schwimmer?« fragte er. »Ja,« erläuterte sie, »neulich erzählte mir Boeckh, während er auf dich wartete, Sokrates habe einmal zu seinen Schülern über Heraklit geäußert: ›Es ist vortrefflich, was ich aus dem Werke des Herakleitos verstanden habe; deshalb glaube ich auch, daß auch gleich vortrefflich sein wird, was ich nicht verstanden habe. Aber um sich durch das Werk des Ephesiers hindurchzuarbeiten, müßte man ein delischer Schwimmer sein.‹ Nun, du bist der delische Schwimmer gewesen, der es gewagt und das andere Ufer erschwommen hat.« Da reichte ihr Lassalle stolz die Hand über den Tisch hinweg. »Ich werde auch dieses Meer juristischen Wagens durchschwimmen.« Und er stürzte sich kopfüber in den wirbelnden Strudel. Er schuf sein großes Werk: »Das System der erworbenen Rechte. Eine Versöhnung des positiven Rechts und der Rechtsphilosophie.« Er schuf es unter dem Banne seines Zieles. Von den Dekreten der Nacht vom 4. August 1789 nahm er seinen Ausgang, durch die einst die Konstituierende Versammlung die Vorrechte des Adels abgeschafft hatte. So zimmerte er, wie er kraftbewußt sagte, die feste Burg eines wissenschaftlichen Rechtssystems für Revolution und Sozialismus. Und er beantwortete die einstürmenden Fragen im Sinne seines Lebenszieles. Wieder kam Neujahr. Lassalle saß an seinem juristischen Werke. Und wieder trieb der Lenz die Knospen, und die würzige Kraft der frühlingstaumeligen Erde duftete süß erregend in sein Arbeitszimmer herein. Er grub seinen Tunnel. Doch da hob er aufhorchend den Kopf. Lauschte er auf das quellende Rieseln in seinem Garten? Nein. Fern jenseits der Alpen brauste der Frühlingssturm. Italien erwachte wieder. Ein Frühlingswunder blaute der Welt. Garibaldi war mit seinen »Tausend« in Marsala gelandet und hatte die Truppen König »Bombas« von Neapel und Sizilien in der blutigen Schlacht von Calatafimi aufs Haupt geschlagen. Lassalle sah hinauf in den blauen Maihimmel, in dessen zartem Hauch einige kleine blasse Wölkchen segelten, sah lange schmerzlich hinauf – und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Er hoffte nicht mehr auf eine deutsche Wendung durch italienische Kämpfe. Nein, nein. Hier, an seinem Schreibtisch schmiedete er die Waffen für seinen Kampf. Im August brach seine Gesundheit zusammen. Das Hirn war erschöpft, ein schmerzlicher Rheumatismus riß in den Gliedern. Professor Frerichs gebot eine Badekur in Aachen. Die Gräfin wollte ihn begleiten. Er sehnte sich nach Alleinsein. Sie fügte sich entsagend. Fürsorglich packte sie seine Koffer, er reiste ab. In der Lade des Schreibtisches ruhte vollendet das große Werk. VIII. Trübe und schmerzhaft schlichen die Tage in Aachen dahin. Die Bäder strengten ihn an, die Massage war äußerst peinvoll, wie ein Krüppel mußte er sich oft von den Quellen ins Hotel in einer Sänfte tragen lassen. Mit bitterer Beschämung sah er dann vor sich nieder auf die Straße. Da schleppten sie ihn dahin, siech, morsch, niedergebrochen, ihn, der sich hochmütig zum Messias des neunzehnten Jahrhunderts erkoren fühlte, der mehr als Menschenkräfte brauchen würde für sein gewaltiges Werk! Böse bange Stimmungen quälten ihn in seinem öden Hotelzimmer. In solcher Niedergeschlagenheit schrieb er an den Freund von 1848, den in London in der Verbannung lebenden Dichter Freiligrath: »Nun wird es Nachmittag! Das Gefühl verstehe ich gar sehr! Verstehe es um so mehr, als ich mich, ich weiß nicht mit welchem Recht, so lange für den Repräsentanten der ewigen Jugend gehalten habe und nun seit einiger Zeit einzusehen anfange, daß es mir auch geht wie Jedem. Zwar bin ich kaum auf dem Mittag des Lebens, bin noch jung; aber das Alter naht mir in Form von Krankheit. Wo ist jene unbesiegbare, Alles verlockende Jugendkraft hin! Seit Monaten leide ich sehr und muß mich gewöhnen, krank zu sein und nicht mehr allmächtig über mich, wie sonst! Die Seele, da hast Du recht, die bleibt ungebeugt! * Nein, auch die Seele war gebeugt. Er lag auf seinem Schmerzenslager, dachte hypochondrisch an den kranken Heine und fing Grillen. Er langweilte sich. Verkehr wollte er im Hotel nicht anspinnen. Eine wilde Sehnsucht nach der Gräfin packte ihn. Mühselig erhob er sich, schleppte sich ächzend zum Tisch und schrieb ihr: »Komm, komm bald!« Ja, sein Feuergeist langweilte sich. Sein Temperament war nicht auf langwierige Badekuren gestimmt. Plötzlich aus der monatelangen überhitzten Arbeit herausgerissen, suchte sein unbeschäftigter Geist nach Betätigung, Beschäftigung, Ablenkung. Und fand sie. Er verliebte sich. Verliebte sich mit der ganzen Glut seiner ungezügelten Leidenschaft. Er, der Frauenverächter, liebte. Zweimal in seinem frauenholden Leben hat er geliebt. Und jetzt und später knüpften sich die Fäden an, als er Erholung suchte nach stürmischer Arbeit. Etwas in ihm mußte immer sieden: ruhte das Hirn, so raste das Herz. Ja, er verliebte sich, toll, brausend, kopflos verloren wie ein Primaner. Denn es war, trotz seiner Fünfunddreißig, trotz der Glut, die einst die reife Sehnsucht der Gräfin Hatzfeld umloht, trotz aller raffenden Abenteuer, seine erste große Liebe! Im Wagen sah er sie zuerst, im Entschwinden. Schwer auf seinen Robespierre gestützt, kehrte er eines Nachmittags vom Bade heim. Da saß sie im Wagen vor der Tür eines Hotels, die Hausknechte luden die Koffer auf den Kutschbock. Betroffen blieb Lassalle stehen. Minutenlang starrten sie sich in die Augen. Ohne Scheu, ohne Scham. »Meine Augen,« erkannte er überrascht, »sie hat meine Augen!« Und starrte und starrte. Da trat ein Herr in mittleren Jahren aus der Hoteltür, stieg zu der jungen Dame in den Wagen, der Schlag schlug zu, die Pferde zogen an. – Mit einem schier körperlichen Schmerz wurden ihre Blicke auseinandergerissen. Er blickte dem offenen Wagen nach, das dumme junge Weh des unwiederbringlichen Verlustes wund in der Brust. Wird sie zurückblicken? Wird sie –? Da biegt der Wagen um die Ecke – ganz wenig wendet sie den Kopf mit den sprechenden Augen – vorbei. – Lange suchte der Mann in der Leere, die hinter dem Wagen sich bleich geöffnet hatte. Dann raffte er sich auf und schleppte sich schwer seinem Hotel entgegen. »Dummheit,« murmelte er, »knabenhafte Torheit. Die berühmte Liebe auf den ersten Blick! Ich bin doch kein Narr.« Er stieg hart auf den Stock gestützt zu seinem Zimmer hinauf, legte sich auf das Kanapee und griff zu Friedrich Engels' Broschüre »Po und Rhein«. Doch das Buch sank herab. Er sah plötzlich ihr zartes bleiches Gesicht mit den unverkennbar slawischen Zügen. Ein dummes, dummes armes Weh war da in der Brust. Eine unnennbar törichte Sehnsucht, die fühlte, daß weinen gut tun kann. Unfug! Ein Gesicht! Er hob Engels' Broschüre vor die Augen und las. Und verstand kein Wort von diesem politischen klaren Wägen, das ihm so nahe ging. Und noch am nächsten Tage gärte eine schmerzende Sehnsucht unter seinem Denken und Empfinden. – – Am Abend des folgenden Tages saß sie im Musiksalon des Hotels und sang Lieder von Glinka. Lassalle hörte im Lesezimmer die Stimme, erhielt einen Stoß in die Herzgrube, wußte: das ist ihre Stimme – taumelte bleich und fassungslos zur Glastür des Musiksalons und umkrallte die Klinke mit eisigen Fingern. Lassalle glaubte weiß Gott nicht an Zeichen und Wunder. An hypnotische Kräfte glaubte er und hatte oft in Berlin seinen Kreis mit magnetischen Kunststückchen unterhalten. Doch Wunder – nein! Aber dort saß das Wunder an dem verstimmten Hotelpiano und sang seine russischen Lieder. Lassalle zerrte sich zusammen, öffnete lautlos die Tür, trat leise ein und schlich auf den Zehenspitzen zu einem Stuhle und sank hinein. Er kauerte so, daß er ihren Rücken sehen konnte und das milde Profil. Leicht nach vorn über die Tasten gebeugt, saß sie, die Schultern atmeten rund und lebendig unter dem grünseidenen Kleide. Als das Lied verklang, wendete sie sich zu ihm um. Sie erkannte ihn sofort wieder. »Störe ich?« fragte er verbindlich auf französisch. »Lieben Sie Glinkas Lieder?« kam ihre deutsche Gegenfrage. Sie sprach mit stark slawischem Akzent. »Ich habe sie nie gehört,« gestand er. »Doch Ihre Stimme klingt mir ins Ohr wie alte Erinnerung.« Sie lächelte nur und sagte: »Soll ich noch singen?« »Ich bitte Sie sehr darum, mein Fräulein.« Sie begann ein neues Lied. Doch mitten im Takte brach sie ab, schwang sich auf dem Drehsessel zu ihm herum und sagte mit einem neckenden Zucken um den großen klugen Mund: »Es ist kein Wunder, daß ich wieder hier bin.« »Es ist manches ein Wunder, was man vernünftig erklären kann,« lächelte Lassalle. »Sie werden sagen, Sie hatten etwas in Aachen vergessen oder dergleichen. Kann das etwas von dem Wunder erhellen, daß ich Ihnen nun plötzlich gegenübersitze?« »Wir hatten die Absicht, über Brüssel nach Paris zu fahren,« gab sie Bescheid. »Doch in Brüssel fühlte Papa sich so elend, daß wir die Pariser Reise aufgaben und beschlossen, nach Rußland zurückzukehren. Hier wollen wir noch einen Tag rasten. Da in unserem Hotel kein Platz war, kamen wir hierher ins Hôtel Grand Monarque. Voilà tout.« »Und diese Verkettung bedauerlicher und beglückender Zufälle soll kein Wunder sein!« scherzte Lassalle. »Ich habe damals gleich geahnt, daß wir uns wiedersehen würden.« »Ich habe es nicht geglaubt,« schüttelte sie die Haarkrone, die aufglänzte in ihrer schwarzblauen metallischen Schönheit. »War es nicht seltsam, wie wir uns dort auf der Straße begegnet sind!« »Ihr Gesicht hat mich interessiert,« wich sie kühl zurück. Eine heiße Glut glomm in Lassalles bleichen Wangen auf. Nach einer kleinen Pause sagte er steif: »Gestatten Sie übrigens, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Ferdinand Lassalle.« Sie nickte dankend und gab Bescheid: »Ich heiße Sophie Adrianowna de Solutzeff.« »Erzählen Sie mir von Ihren Beglückungstaten, Fräulein von Solutzeff,« sagte er plötzlich. »Meinen Beglückungstaten?! Wer hat Ihnen von diesen erzählt?!« »Ihre Augen.« »Sie sind ein scharfer Beobachter,« lobte sie. »Beglückungstaten ist freilich ein viel zu großes Wort. Aber Sie haben recht, ich möchte beglücken!« Sie reckte die festen jungen Arme. »Ich habe eine Aufgabe.« »Erzählen Sie.« Sie blickte in das stolze Cäsarengesicht mit den blauen Prophetenaugen da vor ihr und dachte: nie hatte ich solch verstehenden Hörer. Und sie erzählte, während eine zarte Röte der Inbrunst ihre schmalen Wangen überhauchte: »Ich bin auf dem Lande aufgewachsen, inmitten der eigenartigen kleinrussischen Natur in unserem herrlichen südlichen Klima. Unser Haus versank in dem Grün des wunderbar großen Gartens, voller Blumen und Pflanzen. Hinten floß der breite Strom. Wir haben wohl fünfhundert Seelen. Sie wissen, wir Russen rechnen unseren Besitz nach – –« Er nickte. »Alle die Kinder unserer Leibeigenen kenne ich und liebe sie. Sie freuen sich, wenn sie mich sehen. Als ich noch Unterricht hatte, habe ich alle meine freie Zeit unter ihnen verbracht, habe die Säuglinge gewaschen und gereinigt, ihnen die Mücken und Fliegen verscheucht, mit den größeren Kindern habe ich gespielt und meinen Altersgenossen übermittelt, was ich selbst lernte. Sie hörten gern zu, lernten bei mir lesen und schreiben und liebten mich sehr. Ich habe mich dann auch, als ich älter wurde, für die sozialen Verhältnisse unserer Bauern interessiert, ihre Arbeit, ihre Entbehrungen, ihr Kummer gingen mir nahe. Und ich schwärmte von der Zeit, da sie nicht mehr leibeigen sein würden. Nun ist, während unseres Aufenthaltes im Auslande die Befreiung der Bauern beinahe Tatsache geworden. Aber wieviel Finsternis und Barbarei mit ihrem ewigen Gefolge der Bettelarmut und des Elends ist noch da! Und« – ihre schwarzen Augen blühten auf – »ich möchte unseren Bauern etwas Licht in die dunklen Wohnungen bringen. Sie durch Bildung erziehen – die Jugend, die reifende Generation. Die Krankheit meines Vaters hat mich aus meinen Plänen und Beschäftigungen herausgerissen, aber im Auslande habe ich mir gründlich angesehen, was dem Elementarunterricht dient, und ich werde meine Beobachtungen nach meiner Heimkehr für meine Zwecke nutzbar machen. So hoffe ich, wenn auch nur in einem kleinen Kreise, ein wenig Glück verbreiten zu können.« Sie verrankte die Hände um ihr Knie. »Aber – aber – das ist doch wundervoll, Fräulein von Solutzeff!« stammelte Lassalle hingerissen. »Ich sehe Sie inmitten dieser Kinder im russischen Nationalkostüm« – »Das ich besitze,« schaltete sie ein. »Prächtig bodenständig müssen Sie darin aussehen! Nein, nein, was lerne ich da in Ihnen kennen!« »Es ist nicht allzuviel,« schränkte sie seinen Enthusiasmus ein, »aber immerhin habe ich eine Lebensaufgabe, die das Leben eines Mädchens lohnt, Herr von Lassalle.« Er lächelte. »Nur Lassalle, bitte. Ich habe die Ehre, nicht adelig zu sein.« »Wie?« fragte sie. »Bürgerlich von Geburt,« erklärte er, »zum Volk nach meinem Herzen mich rechnend, habe ich weder das Recht, noch die Lust ein ›von‹ zu führen, das der unterscheidende Titel der Familien ist, welche sich deshalb adelig nennen, weil sie im Besitze irgend eines kleinen Dorfes oder Landgutes waren, dessen Name mit einem ›von‹ den Besitz oder die Abstammung bekundete. Da mir aber nichts Geringeres als die ganze Welt gehört, so kann ich nicht jene Vorsatzsilbe annehmen, noch will ich meinen Ursprung und Besitzstand durch dieses Abzeichen verkleinern.« »Ah,« machte sie. »Sie sind stolz.« »Ja,« warf er den schönen Kopf zurück, »sehr. Und ich hoffe, es auch einmal mit Grund zu sein.« Sie erhob sich. »Jetzt muß ich mich zu Tisch umkleiden.« Sie stand vor ihm, fast klein, aber sehr proportioniert gewachsen. »Schade,« bedauerte er, »es plaudert sich mit Ihnen so gut. Doch wenn für jetzt geendet sein muß, wollen wir lieber gewaltsam mitten in der Unterhaltung schließen. Ich liebe dieses Abreißen. Wenn ich Musiker, Komponist wäre, würde ich nie eine Dissonanz auflösen.« Sie zögerte. »Das interessiert mich, was Sie da sagen. Wir sind doch alle Komponisten der Melodie unseres Lebens. Wollen Sie auch da die Dissonanzen nicht harmonisch auflösen?« »Bisher habe ich auf die Harmonie meines Lebens keinen Wert gelegt,« sagte Lassalle und sah ihr bedeutungsvoll in die Augen. Sie gab ihm die Hand. »Auf Wiedersehen, nachher. Bürger Lassalle.« Und lachend ging sie hinaus mit ihrem Gang, der weich und rhythmisch war wie ein einsames Lied in der weiten russischen Steppe. – Bei der table d'hôte saß Sophie Adrianowna an der gegenüberliegenden Seite der Tafel, weit von Lassalle getrennt. Seine Augen fanden sie sofort, als er eintrat. Zu ihrer Linken Lächelte die verbindliche Vornehmheit des Vaters, des Gouverneurs. Von der anderen Seite redete ein junger Herr eifrig auf sie ein. Lassalle merkte, daß er beim Sprechen oft die Augen zu ihm hinüberwandte. Und plötzlich sah Sophie Adrianowna zu ihm herüber mit forschender Bewunderung in den schwarz glänzenden Augen. »Er hat ihr erzählt, wer ich bin,« dachte Lassalle und beschäftigte sich in geheuchelter Gleichgültigkeit mit seinem Beefsteak. Nach dem Diner trafen sie wieder in dem einsamen Musiksalon zusammen. Sie stellte ihn dem Vater vor. Eine Weile unterhielt Lassalle sich mit dem Gouverneur auf französisch über die wunderbaren Erfolge Garibaldis. Er war als Sieger in Palermo, in Neapel eingezogen, hatte die Bourbonen aus ihren italienischen Königreichen vertrieben und Viktor Emanuel die Kronen von Neapel und Sizilien aufs Haupt gesetzt. »Man sieht,« ereiferte sich Lassalle, »daß wirkliche nationale Erfolge nur durch die revolutionäre Partei als solche erlangt werden.« »Oh, mais non, Monsieur!« rief der Gouverneur und erhob sich mit der Entschuldigung, daß sein Zustand die Bettruhe erfordere. »Du kannst noch bleiben, Sophie,« gewährte er freundlich, »du bist ja auch so ein Stückchen Revolutionärin.« Kaum hatte die Tür sich hinter ihm geschlossen, da beugte Sophie Adrianowna sich in ihrem Stuhle zu ihm vor und sagte mit flimmernden Augensternen: »Ich habe ja gar nicht gewußt, Herr Doktor, welch berühmter Mann Sie sind.« »Man hat Sie aufgeklärt,« lächelte er geschmeichelt. »Ja, mein Tischnachbar erzählte, Sie seien ein berühmter Philosoph. Noch größer aber sei Ihr Ruhm als Empörer. Sie hätten in der Revolution von 1848 eine große Rolle gespielt.« »Ich habe meinen Teil beigetragen,« tat Lassalle bescheiden. »Aber was will das sagen, Fräulein von Solutzeff! Die Taten, um deretwillen Sie vielleicht noch einmal stolz sein werden, mit mir hier in diesem stimmungslosen Musikzimmer geplaudert zu haben, werden erst noch kommen.« Er schwieg. Seinen Worten hallte eine tönende Stille nach. »Sie machen mich sehr neugierig,« bekannte Sophie Adrianowna. »Ihnen kann ich davon sprechen, Fräulein von Solutzeff,« dabei rückte er seinen Stuhl näher zu ihr hin. »Das ist sehr ehrenvoll für mich,« lächelte sie, »zumal Sie mich doch erst seit Stunden kennen.« »Es ist folgendes.« Lassalle deckte nachdenkend die Hand über die Augen. »Ist es Ihnen, Sophie Adrianowna, noch nie als eine empörende Ungerechtigkeit erschienen, daß wir beide in diesem luxuriösen Hotel hier sitzen; Sie in diesem entzückenden lila Kleide mit dem wunderfeinen Kollier, das ein uraltes Familienerbstück sein muß?« Sie nickte. »Es stammt von meinen fürstlichen Ahnen.« »Wir sitzen hier und tun uns gütlich, und draußen in allen Weltgegenden zucken Millionen in Elend und bitterster Not. Millionen, die vom Morgen bis zum Abend scharwerken und fronden – für andere, für den Kapitalisten. Haben Sie daran noch nie gedacht?« »Nein,« gestand sie ehrlich. »Ich habe stets nur in meinem engen Kreise herumgedacht. Aber, was Sie da sagen – – sprechen Sie weiter!« »Mein Lebenswerk ist nun,« hob er feierlichernst die Stimme, »diesen Enterbten ihr Recht zu geben!« Sie sah ihn überrascht an. »Das ist aber viel.« sagte sie nach einer Pause. »Sehr viel. Das Größte, was die Zeit gebären kann. Aber ich werde es, Sophie Adrianowna, ich werde es vollbringen. Sie werden schon jetzt wissen, ob ein Schwätzer so spricht wie ich. Ich kann Ihnen heute noch nicht meinen Weg im einzelnen darlegen. Ich sage Ihnen ehrlich, ich kenne ihn noch nicht. Ich bin noch mitten in den Vorbereitungen. Sie begreifen, daß es eine ökonomische Revolution ist die ich vorbereite. Ich arbeite seit Jahren jetzt in der Wissenschaft der Volkswirtschaft. Habe eigentlich immer darin gelebt. Seit 48 bin ich mit Marx intim befreundet, den Namen kennen Sie?« Sie nickte. »Er ist der Verfasser des kommunistischen Manifestes.« – »Ganz recht. Er und Friedrich Engels. Er hat den Grundstock des ökonomischen Wissens in mir gelegt. Doch damals war ich nur politischer Revolutionär. Seit ich bewußter sozialer Revolutionär geworden bin, habe ich mit ganz anderem Klarblick die Fäden unserer Volkswirtschaft verfolgt. Jetzt gerade habe ich ein enormes grundlegendes Werk über das Recht der Revolution beendet. Und jetzt wird die praktische Agitation beginnen. Und das weiß ich heute schon, diese ganze Revolution wird den Umsturz eines einzigen ehernen ökonomischen Gesetzes zum Ziele haben. Dieses Gesetz ist das von Ricardo, einem englischen Ökonomen, formulierte Lohngesetz. Das wird der Kernpunkt meiner Revolution sein, das Joch dieses Gesetzes von den gebeugten Schultern der Arbeiter zu nehmen. Nun kennen Sie meinen Lebensplan.« Er sank in das Polster des Sessels zurück. Sie schwieg und sah zu ihm voll entflammter Bewunderung hinüber. Und plötzlich sprang sie auf, kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Sie sind ein edler, großer Mensch, Herr Lassalle, das fühle ich.« Ihre Lippen bebten. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, es macht mich stolz.« Er preßte innig ihre Hand. »Wir sind Kampfgenossen,« lächelte er. »Auch Sie haben Ihren Kampf um das Glück der Armen.« Sie blieb vor ihm stehen. »Ja, ja gewiß. Aber in wie kleinen Grenzen! Sie werden das Elend der Welt befreien.« »Ich kämpfe zunächst nur für das deutsche Elend.« »Ja, aber das Beispiel muß wirken. Es muß weiter über die Grenzen aller Länder greifen. Sie werden die Welt befreien.« »Ja,« entgegnete er, jeden Zweifel vernichtend. »Und Sie werden Ihr Ziel erreichen,« sprach sie glühend, »Sie werden es erreichen. Ihre Augen sagen es, Ihre Stirn. Oh, wie gering scheine ich mir plötzlich. Wie war ich stolz auf meine Arbeit, und wie ist sie nichts neben Ihrer Aufgabe!« »Es kommt nicht auf den Kreis an, den wir beglücken,« belehrte er ernst, »sondern auf den Trieb in uns, überhaupt zu beglücken. Und daß Sie diesen Trieb haben, Sophie Adrianowna, das macht uns zu Kampfgenossen.« Sie schwieg einige Augenblicke. Dann verklärte sich ihr intelligentes Gesicht, das Herbe in den Zügen wurde weich und lieblich, als sie sprach: »Wenn ich jetzt unter meinen Bauernkindern arbeite, ihnen meine europäische Bildung übermittele und sie aus dem tierischen Vegetieren herausreiße, dann werde ich immer daran denken, daß fern im Westen auch einer ist, der sein Leben für das Glück der Armen hingibt. Das wird mir eine Hilfe, ein Stolz und eine Ermutigung sein.« Da stand auch Lassalle. Seine Schmerzen waren verflogen. Mit einer großen segnenden Geste legte er beide Hände auf ihre zuckenden Schultern und sagte: »Ich segne meine Krankheit, die mich gezwungen hat, nach Aachen zu reisen, und mir dadurch in diesem melancholischen und traurigen Dinge, das man Leben nennt, eine so traute Begegnung verschafft hat.« Und plötzlich wurden seine hellen Augen feucht. Sie sah es und beugte das schwarze Haupt. So standen sie zeitlos. In ihm wühlte ein verzweifelter Schmerz, daß sie da weit, weit im Osten irgendwo, fern von ihm ihr Werk tun würde. Unerreichbar fern. Ihm war es plötzlich, als würde er arm und hilflos werden, wenn er sie verlöre. Als ginge mit ihr die Kraft zu seinem Werke von ihm. Und fast ohne Willen flüsterte er: »Ich habe Sie lieb, Sophie Adrianowna, ich habe Sie sehr lieb.« Da riß sie sich aus dem schwingenden Bann. »Nun muß ich gehen,« sagte sie scheu und gab ihm die Hand. »Gute Nacht, lieber Kampfgenoß.« »Gute Nacht, Sophie Adrianowna. Und heute nacht wollen wir nicht von dem Glück träumen, das wir den anderen bringen werden, sondern von dem Glück, das für uns das Leben in seinem reichen Füllhorn birgt.« – – – – – – Lange, lange ging der Doktor in dieser Nacht in seinem Zimmer auf und nieder. Er sah ihr kluges verklärtes Gesicht und hörte ihre linde Stimme in diesem schwermütigen slawischen Tonfall. Und seine fünfunddreißig Jahre mit ihrer Angst des Alterns bangten in ihm. Mit einem Male schien ihm sein Berliner Leben so leer und so trostlos öde. Und so banal und schal und würdelos seine brutalen Liebeleien. Und aller Hochmut vor dem Weibe war vergessen und alles Pochen auf Freiheit und Einsamkeit war eine Phrase geworden. Er ging im Zimmer einher, die Finger verzweifelt verkettet, und taumelte vor Angst, sie möchte sich weigern – sein Weib zu werden. Er hob die verkrampften Hände empor zur Decke, und in dem töricht kindlichen Wähnen, daß der Geist seines Lebens ihn hören könne, flüsterte er inbrünstig wie im Gebet: »Laß sie mich lieben – laß sie mich lieben!« Und in jähem Umschwung seiner Verzagtheit malte ihm sein Selbstvertrauen die Zukunft. Er sah sie in seiner Wohnung in der Bellevuestraße. Ihre junge kluge knabenhafte Zierlichkeit huschte erhellend durch seine schönen Räume. Sie saß ihm gegenüber am Schreibtisch. Wie wird das Arbeiten leicht und licht sein, schwärmte er wie ein Zwanzigjähriger. Welch ein Gefährte wird sie meinem Werke sein, sie, die selbst Messiaspläne in der Brust trägt. Welch ein kluger verstehender Helfer wird sie sein! Und plötzlich wußte er, daß ohne ihre fördernde Gegenwart sein Werk niemals gelungen wäre, niemals. Jetzt machte sie in dem weiten Eßsaal an seinem Tisch die Honneurs des Hauses, und seine Gäste, Duncker und Dohm und Pfuel und Pietsch und Korff, Prietzel, Bülow und der weise Boeckh, alle, alle hingen, Zustimmung lächelnd, an ihrem jungen Munde, der alte Weisheit sprach. Oh, und ihre stillen Stunden, wenn die Leidenschaft, die noch in den schwarzen Augen und um den großen sinnlichen Mund schlummerte, aufloderte unter seinen Erweckerküssen! Wenn der Kampfgenosse Weib ward, selig verzücktes hingebendes jubelndes gewährendes Weib! Sein Weib. Sein, sein Weib! Er rannte durchs Zimmer und rang die Hände und flehte zu dem Geist seines Lebens um ihre Liebe, bis fröstelnd der graue Septembertag ins Zimmer kroch. – Als er sich ankleidete, mit noch größerer Sorgsamkeit als sonst, brachte der Kellner ein Telegramm von der Gräfin. Es war in Köln aufgegeben und kündete ihre Ankunft für den Vormittag an. Verständnislos blickte Lassalle auf das Papier nieder. Es dauerte geraume Zeit, bis sein verflattertes Hirn sich entsann, daß er ihr Kommen vor wenigen Tagen dringend erbeten hatte. Ärgerliche Gedanken wühlten in ihm, während er vor dem Spiegel die schwarze Krawatte knüpfte. Die »gute« Gräfin! Jetzt! Teufel, wie zur Unpaß erschien sie mitten in diesem aufkeimendem Blütentraum! Was tun? Sie zurücksenden war unmöglich. Es war doch eine böse Last, die er sich mit dieser alternden Frau aufgebürdet hatte! Und wie sollte das werden, wenn er heiratete! Würde sie sich klug in das Unvermeidliche fügen, zurückgedrängt zu werden von der jungen Liebe? Es war eine peinliche Bürde. – Vergeblich spähte er im Frühstückszimmer nach der jungen Russin aus. Auch im Lesesaal und Musiksalon fand er sie nicht. Endlich wagte er eine Anfrage an den Portier. Da erfuhr er, daß Herr von Solutzeff mit Fräulein Tochter eine Wagentour unternommen hatte und vor dem Mittagsmahle nicht zurückkehren würde. Mißmutig griff er zu den Zeitungen, die er während seiner Kur noch nicht berührt hatte, und schlenderte dann, Grimmfalten in der Stirn, zum Bahnhof. Beglückt, heimlich sein Knie kosend, saß die Gräfin neben ihm im Wagen. Seine einsilbige Bedrücktheit schob sie mitleidsvoll auf die Leiden seiner Krankheit. Und sie erzählte, wie einsam es in Berlin gewesen, wie sie sich nach ihm gebangt und sich gesehnt habe, ihn zu pflegen und zu hegen in seiner schmerzhaften Hilflosigkeit. Er schwieg; aber nachher im Hotelzimmer, sagte er plötzlich: »Ich habe hier eine reizende junge Dame kennen gelernt, eine Nachkommin von Fürsten, eine Russin.« »So?« lächelte Sophie Hatzfeld gewaltsam, »davon hast du mir ja gar nichts geschrieben. Desto höher schlage ich es an, daß du mich herbeigerufen hast.« Befangen sprach er weiter: »Sie heißt Sophie, wie du. Eine Messiasnatur ist sie, will ihren leibeigenen Bauern Bildung bringen. Sie kam erst gestern.« Die Gräfin schwieg, das leidenschaftliche junge Herz stürmte in der alternden Brust. Da sagte er und wandte sich halb zum Fenster: »Ich bin entschlossen, sie zu heiraten.« Ein Schrei riß ihn herum, hastig sprang er zu, die Blumenvase aufzufangen. Die Finger der Gräfin, die sich in die Tischdecke einkrallten, hatten sie niedergezerrt, als sie in den Stuhl getaumelt war. »Aber, Sophie!« bekämpfte er mühsam den aufkeimenden Groll. Die Gräfin tupfte mit dem Battisttuche die eiskalte frierende Stirn. »Verzeih,« entschuldigte sie mit violetten Lippen, »ich – ich – bin – nur – ein wenig – überrascht – über – diese – Schnelligkeit –.« Er stellte sich breitbeinig vor die ringende Frau hin und dozierte: »Ein einziges Gespräch hat genügt, uns von der völligen Übereinstimmung unseres Denkens und Empfindens zu überzeugen. Eine passendere Frau werde ich nie finden. Es kommt auch nicht auf die Zeit an, die man sich kennt. Haben wir beide nicht am zweiten Tage gewußt, daß wir zueinander gehören!« »Ja – ja,« würgte die Gräfin. Da tat sie ihm quälend leid. Er streichelte ihre eisige Wange und tröstete: »Du wirst mir immer die gute liebe Freundin bleiben, Sophie. Keine wird dich verdrängen. Du weißt, ich liebe dich mit der Liebe des zärtlichsten Sohnes. Wie meine Mutter liebe ich dich, nein, dreimal mehr als meine zärtlich geliebte Mutter. Aber sieh, gerade in dieser Krankheit habe ich empfunden, daß ich altere, daß ich ein junges Geschöpf brauche als einen Quell ewiger Jugend. Ich bin dieser ewigen Liebeleien so müde! Ich will ein Weib besitzen, das ganz mein ist, geistig und körperlich. Verstehst du das nicht?!« Sie nickte vor sich hin. »Ich verstehe es,« sagte sie mit mehr Bitterkeit, als sie wollte. »Du wirst sie auch lieben,« schmeichelte er. »Du wirst sie lieben wie deine Tochter. Wie dein Kind wird sie an dir hängen. In euer beider liebevollen Hut werde ich leben. Herrgott, wird das ein Glück werden!« Und plötzlich das Entsetzen in den Augen, keuchte er: »Wenn sie mich nur liebt! Wenn ich bloß wüßte, ob sie mich lieben kann!« »Sie wird dich lieben,« wußte die Liebe dieser armen Frau. Ein Weib ihren Abgott nicht lieben! Da hallte die Tischglocke durch den Korridor. Hastig fuhr er auf. »Komm, rasch, Sophie. Man ißt hier sehr pünktlich.« »Geh voran,« bat sie, »ich muß mich erst ein wenig – in Ordnung bringen.« »Gut,« willigte er befreit ein. Streichelte sie wieder, tröstete: »Sei tapfer und lieb!« und eilte hinaus. An der Tafel fand er Sophie Adrianowna neben dem Vater. Ein vertrautes Grüßen huschte hinüber, herüber. Der junge Herr an ihrer Rechten zog ein verdutztes Gesicht. Nach einiger Zeit erschien die Gräfin. In ihren Augen schwelte die stumpfe Glut heimlicher Tränen. Kaum hatte sie neben Lassalle Platz genommen, da glitt ihr Blick unmerklich über die Tischgenossen hin. »Das ist sie,« sagte sie leise. »Dies feine pikante Gesicht dort unten.« »Ja,« flüsterte er glücklich und stolz. Da bemerkte er, daß der junge Herr wieder eifrig auf Sophie Adrianowna einsprach, während ein schneller Blick verächtlich die Gräfin streifte. Sie führte just das Glas zum Munde, beugte den Kopf ein wenig hintenüber und trank. Und Lassalle sah den Hals, diesen armen Hals, aus dessen schroff hervortretenden Sehnen das Alter grinste. Plötzlich überkam ihn die Erinnerung daran, wie sammetweich und prangend voll dieser Hals einstmals gewesen war, damals, als er in jungem Rausche seine begehrlichen Lippen an ihm festgesogen hatte. Da quoll eine verteidigende Rührung in ihm empor über diese Freudenspenderin seiner Jugend, über diese treue Gefährtin seiner Manneszeit. Er beugte sich dicht zu ihr heran und raunte mit beschirmender Innigkeit: »Sei nicht traurig, Liebe, du wirst sehen, wie gut du es haben sollst. Zwei Kinder statt eines. Und hegen wollen wir dich und dir das Leben hell und heiter machen.« Ein rascher Blick dankte, doch die Tränen quollen der starken Frau wieder sengend in die Augen. Nach Tisch gesellte man sich im Vestibül zueinander und beschloß einen Spaziergang in die Anlagen. Die Gräfin schritt mit dem Gouverneur in eifrigem Plaudern. Die beiden Aristokraten sponnen sofort mannigfache Anknüpfungsfäden weiter. In einigem Abstand folgte Lassalle mit dem Mädchen. Kaum waren sie allein, da fragte Lassalle mit leiser vertraulicher Stimme: »Nun, was haben Sie heute nacht geträumt, Sophie Adrianowna?!« »Nichts,« lachte sie, »ich habe ausgezeichnet geschlafen.« Da sagte er mit heißer erregter Stimme: »Ich habe kein Äuge geschlossen. Aber es war die schönste Nacht meines Lebens.« »Sie haben an Ihre Arbeiter gedacht?« »Auch. Vor allem habe ich aber an das Beste gedacht, was meiner Lebensaufgabe erblühen könnte.« »Das wäre?« fragte sie arglos verwundert. Da atmete er heftig, die lebhaften Nasenflügel zitterten, und ganz leise kam es: »Sie, Sophie Adrianowna!« Sie zuckte zusammen, warf einen raschen Blick auf den Mann neben ihr, nein, das hatte nicht geklungen, als ob ein Frechling bösen Scherz mit ihr treibe, sah sein arbeitendes Gesicht und senkte das Haupt. So schritten sie einige Augenblicke hin. Endlich sagte er: »Sie antworten nichts, Sophie Adrianowna!« Sie hob den Kopf, sah ihn aus ihren schwarzen Augen schmerzlich an und sagte: »Ich bin sehr traurig, Herr Lassalle.« »Traurig? Sophie, traurig? Mein Gott, weshalb traurig?!« »Weil Sie nur so hoch standen, so hoch! Wie ein Meister meiner Sehnsucht nach Betätigung. Wie ein Lehrer. Wie ein kluger reifer Kamerad, zu dem ich lernend aufsehen konnte.« »Und jetzt?« »Jetzt sind Sie in die große Menge hinabgesunken,« klagte sie, und der Mund zuckte trotz der Beherrschung. »Jetzt sprechen Sie wie all die andern jungen Männer meines Alltags – von Liebe.« Sie schürzte verächtlich und weh die Lippen. Da fuhr er auf. »Sie täuschen sich, Sophie Adrianowna, wenn Sie glauben, meine Liebe sei alltäglich. Ich schwöre Ihnen, ich habe in meinem Leben noch keinem Mädchen von Liebe gesprochen. Nie ist mir noch der Gedanke an Ehe gekommen. Ein Entsetzen war er mir stets. Sie sind das erste Weib, das ich so liebe, daß ich es zu meinem Weibe machen möchte.« »Sie kennen mich doch kaum,« wich sie aus. »Ich kenne Sie,« begehrte er auf. »Was bedeutet die Zeit! Nichts, nichts. Die wahre Liebe liebt sofort, im ersten Augenblick. Ich kenne Sie, wie ich mich kenne.« Und sich dicht an sie herandrängend, flüsterte er sich überstürzend: »Sophie, ich liebe Sie mit all der Innigkeit und Leidenschaft meiner glühenden Seele. Mein Leben ohne Sie erscheint mir undenkbar. Nie wieder kann ich Sie aus meinen Tagen herausdenken. Ich schwatze nicht. Ich spreche meine ehrlichsten tiefsten Gefühle aus meiner Brust heraus. Ich habe es heute nacht empfunden: ich liebe Sie, wie nie ein Mann vorher geliebt hat. Hören Sie! Nie! Ich kenne Sie nicht!? Sophie Adrianowna! Ich halte Sie nicht für ein gewöhnliches Mädchen, dem man Bêtisen sagt. Ich weiß, wie ich weiß, daß ich Sie liebe, daß Sie ein höheres, von Gott oder Natur, oder wie Sie es nennen wollen, mit Empfänglichkeit und Begeisterung für alles Erhabene gesegnetes und mit moralischer Kraft begabtes Wesen sind. Wie will ich diese herrliche Anlage in Ihnen hegen! Denken Sie nur, was Sie mir und meinem Werke werden können! Hilfe, Stütze, Ansporn. Sophie, ist das nicht schön, übermenschlich schön?! Sagen Sie – nicht ob Sie mich lieben. Sie sollen Zeit haben, sich zu prüfen. – Nur eins sagen Sie mir, ob Sie glauben, daß Sie mich werden lieben können. Ich hätte noch geschwiegen. Hätte Ihnen Gelegenheit gegeben, mit mir vertrauter zu werden. Doch Sie reisen heute abend ab. Wer weiß, ob wir uns je wieder begegnen, wenn ich nicht spreche. Darum mußte ich reden, damit Sie wissen, daß hier einer zurückbleibt, der Sie liebt, der Sie anbetet wie seine Gottheit, der Sie zu seinem Weibe machen will!« Er schwieg erschöpft. Jeder Gesichtsmuskel spiegelte seine bis in die dunkelsten Tiefen aufgewühlte Erregung wieder. Sophie Adrianowna war betäubt von dem Schwall der Leidenschaft, der da plötzlich mitten auf dem Wege auf sie einflutete. »Mein Gott, Herr Doktor,« stammelte sie, »mein Gott!« »Antworten Sie jetzt nicht,« ebbte er zur Vernunft zurück, »überlegen Sie es sich! Sie fahren heute nach Dresden. Schreiben Sie mir von dort.« »Ja – ja,« flüsterte sie hilflos. »Sie schreiben mir bestimmt!« forderte er. Sie nickte stumm. »Dank, Dank!« atmete er lastenbefreit. »Und wenn es ein ›Ja‹ wird, fliege ich zu Ihnen. Und wenn es nach Ihrem Gute in Witesb sein müßte.« Sie schritt schweigend aus, eine Schwäche in den Kniekehlen. Der Mann da neben ihr mit seiner aufdringlichen Liebesforderung war ihr ganz fremd geworden. Gestern abend, wie war das traut gewesen! So wohlig hatte sie sich in seine beredte begeisternde Nähe eingeschmiegt. Jetzt empfand sie nichts als Angst und peinliche Befangenheit. Doch Lassalle segelte schon mit tausend glücksgeblähten Segeln dahin, sein Selbstvertrauen führte das Ruder in markigen Händen. »Nun will ich Ihnen ein wenig von meinem Leben erzählen,« plauderte er zukunftsgewiß. »Ich habe gesehen, daß Ihr Tischnachbar von der Gräfin sprach. Es laufen viele Verleumdungen über sie.« »Ich höre nicht auf Verleumdungen,« wehrte Sophie. »Doch der Schein kann gegen sie sein.« Und er erzählte, wie er mit zwanzig Jahren die Gräfin gefunden, sprach von ihrer Not und seinem Eingreifen, von den Prozessen und dem Kassettendiebstahl, hastig, freudig, ruhmredig, mit vielen Worten, wie das seine weitschweifende Art war. »Dann wurde ich selbst wegen Anstiftung zum Kassettendiebstahl angeklagt,« berichtete er stolz. »Ich warf mich auf die Anklagebank, nicht wie ein Mensch, der sich verteidigen soll, sondern wie ein Sieger, der seinem sicheren Triumph entgegengeht. In einer sechsstündigen Rede schlug ich die Anklage zu Boden. Nichts, Sophie Adrianowna, kann Ihnen auch nur annähernd eine Vorstellung von dem elektrischen Eindruck geben, den ich hervorbrachte. Die ganze Stadt Köln, die Bevölkerung der ganzen Provinz schwamm sozusagen auf den Wogen des Enthusiasmus! Das Volk hatte das Antlitz eines Mannes geschaut. Es hatte mich verstanden. Aber nicht nur das Volk, alle Klassen, die ganze Bourgeoisie war trunken vor Entzücken. Als ich mit der Gräfin in Düsseldorf ankam, betäubten mich die Einwohner dieser Stadt fast mit ihren Zurufen. Sie spannten die Pferde der Equipage, in der wir saßen, aus und zogen uns selbst. Obschon der Prozeß kein eigentlich politischer war, hatte das Volk wohl begriffen, daß es doch im tiefsten Sinne des Wortes ein solcher war, daß er die Auflehnung gegen die Unterdrückung bedeutete.« »Das war ein lichter Tag,« bewunderte sie ehrlich. »Ja, das war es, Sophie. Doch lichtere Tage werden uns kommen. Und dann werden Sie –« Er preßte ihre Hand. »Sagen Sie, Sophie Adrianowna, glauben Sie, daß Sie mich lieben können.« »Vielleicht,« gestand sie, fast wider Willen. Da ließ er schroff ihre Hand fahren. Seine Eigenliebe hatte mehr, hatte jetzt schon ein hingebendes Bekenntnis erwartet. Erstaunt blickte sie ihn an. Sie hatte doch mehr, viel mehr zugestanden, als sie ehrlich zugestehen durfte. Trotzig wie ein Junge stampfte er neben ihr her. »Sie scheinen mir ein recht verzogenes Kind,« lächelte sie und hatte ihre alte Überlegenheit wiedergefunden. »Allerdings bin ich verwöhnt,« schnurrte er gereizt. »Bisher habe ich noch nie um Liebe zu bitten brauchen.« Sie schwieg. Erbost, gekränkt stolzierte er neben ihr her und sprach kein Wort mehr, bis der Vater sich ihnen zuwandte. Auf dem Heimwege gesellte sich Lassalle zu Herrn von Solutzeff und bot seine kluge bestrickende Liebenswürdigkeit auf, den Vater der Liebsten zu gewinnen. Es gelang ihm spielend. Und auch die Gräfin kam der jungen Russin mit der beglückten Kraft ihrer einnehmenden Vornehmheit entgegen. Ihre bangspähenden Augen hatten sofort entdeckt, daß die Werbung des vergötterten Mannes auf herben Widerstand geprallt war. – – Die Russen waren nach Dresden abgereist, wo der Gouverneur noch einmal seinen Arzt Dr. Walter konsultieren wollte. Lassalle hatte Sophie Adrianowna nicht wieder allein gesprochen. Nur auf dem Bahnhof, beim Abschied, flüsterte er ihr mit einem verzweifelten Händedruck zu: »Sie werden mir schreiben!« Sie nickte. Vor Ungeduld fiebernd wartete er, plagte die arme Gräfin mit tausend Zweifeln und zehntausend Hoffnungen und schleppte sich trotz der wiedererwachten Schmerzen hundertmal am Tage zu der Portiersloge, um zu fragen, ob kein Brief für ihn angelangt sei. Endlich überreichte ihm der Mann, durchschauend lächelnd, ein blaues Kuvert. Wie ein Raubtier schleppte er die Beute in sein Zimmer, verriegelte die Tür, küßte die feste große Schrift und öffnete endlich den Umschlag. In wenigen flüchtigen Zeilen zeigte sie ihre glückliche Ankunft in Dresden an und sandte Grüße von sich und dem Vater, der recht leidend sei. Und bat ihn, falls er ihr antworten wolle, französisch zu schreiben, da sie das Deutsche schriftlich nicht hinreichend beherrsche. Sonst kein Wort. Er las, las, immer wieder, immer wieder, wie ein Narr. Dann stürmte er zum Schreibtisch und schrieb gehorsam in französischer Sprache: »Oh, welche Enttäuschung! Ich erhalte einen Brief, einen Brief von Ihnen! Ich erkenne Ihre Handschrift, den Dresdner Stempel, lese das entzückende Wort auf Ihrem Siegel (semper idem)! Oh, mit welch fieberhafter Ungeduld erbrach ich den Brief, ängstlich sogar, um nicht das Kuvert, das aus Ihren Händen kam, zu zerreißen! Und nun? Ich öffne ihn, und was finde ich anstatt eines Briefes? Nichts als einige hingeworfene Zeilen, einige unbedeutende Phrasen, wie man sie Jedem hinwirft – und weiter nichts – nichts! Oh, Sophie Adrianowna! Welch andern Brief würde ich Ihnen geschrieben haben, wenn ich Ihnen zuerst geschrieben hätte! Ich habe übrigens ein Mittel gefunden, diesen so kurzen Brief länger zu machen! Indem ich ihn zehn- dreißig- hundertmal gelesen, habe ich ihn mir ausgedehnt, was mich so zwei Stunden lang glücklich gemacht hat! Und deshalb danke ich Ihnen für dies bescheidene Glück! Aber Unselige, warum haben Sie mir geboten, Ihnen französisch zu schreiben, wozu absolut kein Anlaß vorliegt. Sie verstehen deutsch wie eine Deutsche! Für mich ist kein Herzenserguß möglich in einer anderen Sprache als in meiner Muttersprache. Ach, wenn ich Ihnen deutsch schreiben dürfte, welches Leben, welche Bewegung würde in diesem Briefe sein! Es wären nicht, wie jetzt, tote Buchstaben, Aneinanderreihungen von Silben an Silben, von Wörtern an Wörter. Jedes Wort würde ein individuelles, durchgeistigtes Wesen sein, belebt durch die Seelenwärme, die ich ihm einhauchen würde! Es wären ebenso viele kleine Vögelchen, mit rührendem Gesange, mit vergoldeten Flügelchen, welche nicht erst diese Schneckenpost nötig hätten; nein, sie würden von selbst davonfliegen und sich vor Ihnen niederlassen, um Ihnen Hände und Füße zu küssen!« Und wieder flammte er ihr seine Leidenschaft entgegen, flehte um ihre Liebe und teilte ihr mit, daß er noch heute nach Berlin zurückkehre, um ihr näher zu sein und die Qual des Wartens auf ihre Antwort abzukürzen. Und allen Abmahnungen der Gräfin und all ihren Bitten, die Kur nicht abzubrechen, zum Trotz packte er die Koffer und reiste noch am selben Tage nach Berlin. Sophie Hatzfeld mußte ihn, wohl oder übel, begleiten. Doch in den langen Stunden der Bahnfahrt keimte aus seinem versunkenen Grübeln ein neuer Plan. Sophie Adrianowna sollte noch nicht antworten. Sie kannte noch nicht alle Höhen und alle Abgründe seines Wesens. Wenn sie jetzt schon antwortete, ohne ihn ganz zu kennen – vielleicht würde sie später in Kummer bereuen, wenn sie ihn sah in seiner guten und bösen Wirklichkeit. Seine wahrhafte große Liebe bebte. Kaum in seiner Wohnung angelangt, schrieb er ihr. Sie möge ihre Antwort zurückhalten. Er würde ihr erst eingehend sein Leben darlegen. Ehe sie diesen Brief nicht gelesen hätte, solle sie keine Entschlüsse fassen. Und mit zweifel- und hochmutzitternden Fingern warf er eine Schilderung seines Charakters und seines Lebens hin, eine logisch entwickelte Abhandlung, die seltsamste Warnungsschrift, mit der jemals ein Mann um die Liebste geworben hat. Als Sophie Adrianowna das »Manuskript« gelesen hatte, saß sie lange Zeit ganz still. Mild und gut flutete es in ihr. Sie empfand die Ehrlichkeit, die aus dem Schreiben drängte, sie fühlte die große tiefe Liebe, die in ihm bangte, sie sah die krausen Schwächen dieses Mannes. Und das Weib in ihr erwachte mit all dem mütterlich Lieben, und ein Verlangen schwoll in ihr an, all dieses Kindliche, Schwache, Verzerrte in diesem starken Manne in ihre Hut zu nehmen, all dieses Wahrhafte, Ehrliche zu kosen, all dieses Hingebende, Verlangende lind zu hegen und zu betreuen. Plötzlich stand sie auf. Ja, war das nicht eine größere Aufgabe, als ihre Bauernkinder zu erziehen? Lag darin nicht ein Lebenswerk, diesem Manne bei seiner gewaltigen Befreiungstat zu helfen, alles Große in ihm zu pflegen, alles Kleinliche auszuroden, alle Schlacken auszumerzen, daß ein Ganzes aus reinem Edelmetalle aus ihm werde! Sie richtete sich schlank empor. Ja, sie fühlte zu solcher Fördertat die Kraft in ihren jungen festen Händen. Das war auch ein Lebenswerk, das das Leben lohnte. Mit erhitzten Wangen eilte sie aus dem Zimmer. Der Überschwang ihrer Neunzehn forderte sein Recht. Sie wollte ihm telegraphieren, sofort sollte er ihre Antwort haben: »Ja. Erwarte Dich in Glück!« Doch als sie die Worte erregt auf das Papier warf, da waren es gerade wieder ihre jungen Neunzehn, die ihr die Hand bannten. Sie sah blicklos auf die Tapete des Schreibzimmers und horchte voll Angst in sich hinein. Ja, wie denn?! Wie denn?! Sie gab da einem Manne ihr Jawort. Sie gab sich da einem Manne zur Ehe. Sie gab sich da einem Manne für das ganze Leben. Ja, wie denn, wie denn?! Da mußte doch, da mußte es doch da drinnen in der Brust jubeln und toben und tanzen. Da mußte doch die Liebe in ihr jauchzen und kreisen in ihrem Blute! Der Kiel entfiel ihrer Hand. War das die Liebe?! War das ihre Liebe? Kam so dieses größte Glück des Weibes zu ihr? Sie fuhr empor. Nein, nein, nein! Das war nicht ihre Liebe, nein, nein. Ah, sie fühlte in sich die Kraft zu lieben, mit – allen Sinnen, mit allen Gluten, mit allen Wonnen. Hingebend, beseligt, bacchantisch, mit Fiebern und Stürmen und Bränden und Flammen. Nein, das war nicht ihre Liebe. Das war Güte und Mitleid und Helfermut, nicht ihre Liebe. Sie zerriß das Blatt und klomm langsam die Treppen hinauf in ihr Zimmer. Und stand am Fenster und blickte hinab auf das Kleinstadttreiben der sächsischen Hauptstadt. Und wußte nicht ein noch aus. Dann trat der Vater ein. Sie gab ihm den langen, langen Brief. Als er gelesen hatte, blickte er fragend auf. »Ich weiß nicht,« zagte sie. »Wenn du mich fragst, wie er mir gefallen hat,« half der Gouverneur, »kann ich nur sagen: sehr gut. Ein kluger kerniger Mensch, der in der Welt vorwärts kommen wird. Seine politischen Ideen sind nicht die meinen. Aber ich kann andere Ansichten gelten lassen. Seine Religion stört mich nicht. Etwa dich?« »Nein, Papa.« »Ich würde es mir überlegen, Kind, wenn du nicht bestimmt fühlst, daß du ihn nicht heiraten kannst.« »Ich weiß nicht recht, was ich fühle,« quälte sie sich. »Überleg es ruhig,« riet der Vater. »Aber denk doch, wie er auf Antwort wartet!« »Schreib ihm, du brauchst Zeit. Oder –« der Gouverneur hatte seine diplomatische Erleuchtung – »vielleicht ist es das beste, du siehst ihn dir noch etwas näher an. Eine Ausrede findet sich leicht. Ich sage, ich will Frerichs konsultieren. Lassalle hat mir ja oftmals geraten, ihn zu fragen. Was denkst du?« »Es ist gut,« sann sie. »Ich gewinne Zeit und gebe ihm zugleich die Freude des Wiedersehens.« Und sie schrieb ihm, welch starken Eindruck seine Bekenntnisse auf sie gemacht hätten, daß sie aber jetzt mehr noch als früher an sein Glück denken müsse und sich daher mit ihrer Einwilligung nicht übereilen dürfe. Streng und gewissenhaft wolle sie ihre Gefühle abwägen. Sie kämen übrigens in nächster Zeit nach Berlin, da der Vater sich doch entschlossen habe, Professor Frerichs zu konsultieren. Bis dahin solle er sich auf ihre Antwort gedulden. Als Lassalle dieser Bescheid zuging, war er aus dem Zustande jünglingshafter Liebestrunkenheit zur wägenden Vernunft des Mannes zurückgekehrt. Die Ferienstimmung war verraucht, Berlin mit seinen Pflichten hatte ihn wieder umstrickt. Und er antwortete: »Ich verstehe zu gut Ihren edlen Brief und das darin niedergelegte zarte und edelmütige Gefühl, um nicht vollständig auf Ihre Ideen einzugehen. Möge es so geschehen, wie Sie es wünschen. Ich bin entzückt von dem Entschluß Ihres Vaters, nach Berlin zu kommen. Das ist geradezu prächtig von ihm.« Ja, Berlin umkrallte immer atemraubender den Heimgekehrten. Preußens innere Politik schlug den Rastlosen wieder einmal in Bann. Die Regierung hatte im März des Jahres die Militärvorlage eingebracht. Der Prinzregent, in erster Linie Soldat, glaubte, daß die preußische Armee weder den Ansprüchen der Gegenwart noch den kommenden Aufgaben der Zukunft genüge. Unter des Kriegsministers von Roon tätiger Mitwirkung plante er eine starke Vermehrung des Heeres. Hand in Hand mit dieser Ausgestaltung der Präsenzstärke der Armee sollte ein Zurückdrängen der Landwehr bewirkt werden. Der Prinzregent hatte 1849 bei Niederwerfung des Badischen Aufstandes die praktische Erfahrung gemacht, daß die Landwehrmänner für innere Kämpfe keine allzu zuverlässige Waffe seien. Diese Einschränkung des Landwehrsystems öffnete jedem Demokraten die Augen. Man erkannte voll Grimm, daß es sich bei dieser Heeresreorganisation nicht so sehr um Stärkung der Machtmittel des Staates nach außen , als vielmehr darum handelte, der Regierung eine schneidige schlagfertige Waffe gegen das Volk in die Hand zu spielen. Das also war der Kern der langerhofften »neuen Ära«, die der Prinzregent 1858 verheißen hatte! Wild empört schäumte die Volksseele auf über diese Zurücksetzung des Landwehrmannes, der in der Bedrängnis der Freiheitskriege den Staat gerettet hatte. Sie war jedem Demokraten ein Frevel gegen geheiligte Liebe, Traditionen und Erinnerungen. Zugleich aber baute diese Militärvorlage den Bestrebungen der Liberalen, das verfassungsmäßige Regiment in Preußen zu verwirklichen, einen trotzigen Damm entgegen. Mit aller Kraft galt es, sich gegen diesen Anschlag auf die Freiheit und die Volkstümlichkeit des Heeres zu wehren. Es handelte sich allein um eine Machtfrage zwischen Volk und Krone. Es handelte sich um einen Kampf der liberalen Bestrebungen gegen geplante Unterdrückung. Und da rief seine ganze Vergangenheit Lassalle als Kämpfer auf die Walstatt. Leidenschaftlich agitierte er im Kreise der Freunde. Die geforderten Geldmittel mußten verweigert werden, verweigert unter allen Umständen. Damit fiel die Demokratie der Regierung in den erhobenen Arm, damit fielen die knebelnden Pläne. »Wir werden uns schon wehren,« versicherte Dohm, »nur nicht so hitzig, werter Freund.« »Nicht so hitzig!« höhnte Lassalle auf. »Kann man überhaupt hitzig genug gegen diese Hinterhältigkeit vorgehen? Der Teufel hole eure liberale Langmut!« Und er wühlte und wühlte weiter. Zugleich aber raffte er seine Arbeiterbeglückungspläne wieder mit aller Energie seiner Feuerseele zusammen. Jetzt war der Tunnel gegraben. Frei war wieder der Weg. Vorwärts also, dem Ziele entgegen! Nun galt es, endlich zur Praxis zu gelangen, endlich zu »tun«. Er lief trotz seiner rheumatischen Schmerzen unter dem tiefblauen Herbsthimmel einher, grübelnd, sinnend, suchend. Jetzt hatte er sein Rüstzeug blank und hell geputzt in der Waffenkammer. Heraus mit der Plempe und gegen den Feind für Freiheit und Glück der Enterbten. Doch wie fechten, wie ausfallen, wie die Klinge führen? Er lief nach seiner Gewohnheit, wenn es galt, sich klar zu denken, im raschelnden Herbstlaub einher und grübelte und sann und suchte. Eines Abends, als er müde und durstig mit zerwühltem Hirn in die Heislersche Wirtschaft eintrat, sich mit einem Glase Bier die Kehle zu feuchten, kam er dicht an dem Tische vorüber, an dem Marie Strasser mit ihrem Manne saß. Ausweichen war unmöglich, schon hatte ihn der junge Ehemann erkannt. Lassalle mußte stehen bleiben, begrüßen, sich an den Tisch setzen. Marie war noch schmäler und zarter geworden, Strassers Leiblichkeit wies bereits die Rundungen des behaglichen Ehelebens. Als Lassalle der jungen Frau die Hand reichte, fühlte er, wie ihre Finger leise unter seinem Drucke zuckten. Dann saß sie bleich und still, nur die goldbraunen schönen großen Augen flackerten in jäher Freude und altem, nie verjährtem Schmerze. »Sehr glücklich ist sie nicht geworden,« erkannte Lassalle; er schaute heimlich nach den blauen Leidensschatten unter den Augen, die dem bleichen Gesicht etwas rührend Verhärmtes gaben. »Man sieht Sie ja nirgends, Herr Doktor,« meinte Strasser verwundert. »Ich glaube, es sind mindestens zwei Jahre her, daß wir uns nicht begegnet sind. Nicht wahr, Marie?« Marie blickte ins Leere. »Ich habe viel in den letzten Jahren gearbeitet,« begründete Lassalle. »Nächstens erscheint ein neues großes Werk von mir.« Marie beugte sich hastig vor. »Wieder ein philosophisches?« »Nein, ein juridisches.« »Sie sind ja ein Tausendsassa,« bewunderte Strasser. »Juristisches liegt mir nach den vielen Prozessen, die ich in meinem Leben für andere und mich geführt habe, ja nicht so fern,« erklärte Lassalle. »Gewiß, gewiß,« versicherte Strasser höflich. Dann sprach man von den Sommerreisen und den Winteraussichten, bis Strasser sich mit schönem Eifer über die Gemälde der diesjährigen Akademischen Kunstausstellung erging. Lassalle gestand seine Unbekanntschaft mit dem Gebotenen ein. »Aber,« entsetzte sich der junge Fabrikherr, »Sie haben den Spangenberg nicht gesehen! Herr Doktor!« Und er schilderte dieses Erstlingswerk mit begeisterter Anschaulichkeit. Marie saß stumm und starrte in das Antlitz ihres großen Lebensleides. Mitten in die Kunstschwelgereien des jungen Ehemannes hinein fiel aus den Grübeleien seines Abends Lassalles unvermittelte Frage: »Wie haben Sie sich in die Fabrik eingelebt, Herr Strasser?« Der stutzte. Er gruselte gerade in dem Gespenstischen des »Rattenfängers von Hameln« umher. Doch schnell gefaßt lächelte er: »Verzeihung, ich erinnere mich eben, daß Sie in der Kunst nur einen Zweck für Freiheitsverherrlichung sehen. Nichts für ungut! Man glaubt so leicht, daß alle die eigenen Liebhabereien teilen. Die Fabrik? danke. Ich habe mich sehr gut eingelebt. Nicht wahr, Marie?« Marie nickte. »Wir haben,« berichtete er sachlich, plötzlich ganz Geschäftsmann, »in den letzten zwei Jahren den Betrieb enorm erweitert, fast um das Doppelte. Wir beschäftigen jetzt an die fünfhundert Arbeiter.« »Wissen Sie,« sagte Lassalle sinnend und sprach im Grunde nur zu der Geliebten von ehedem, »daß jener Nachmittag am Tage des Einzugs der Prinzessin Viktoria meinem ganzen Leben Richtung gegeben hat.« »Ach nein!« rief Strasser. Marie beugte sich über den Tisch vor, daß die Brust sich schmerzhaft gegen das Holz preßte. Ihre Augen sogen die Worte von seinen Lippen. Sie hatte, bei aller wackeren Erfüllung der Pflichten ihrer Ehe, doch immer atemlos hinausgehorcht, ob noch immer nicht das Dröhnen der Tat des Mannes die Welt durchwettere, dem allein trotz allen guten ehrlichen Willens das Beste ihres Weibtums gehörte. Trotz allen guten strebenden Willens, das Blütenreinste ihrer innigen Seele. »Ja,« erklärte Lassalle, »an jenem Tage hat mir die größte Frage unseres Jahrhunderts ans Herz gegriffen.« »Alle Wetter!« rückte Strasser näher, »da bin ich doch aber gespannt. Welche Frage denn?« »Die Arbeiterfrage.« Mariens Erregung tat der Schmerz, den die Tischkante ihr in den Busen drückte, fast wohl. In entspannter Enttäuschung schob der Fabrikant seinen Stuhl wieder zurück. »Sie scherzen,« sagte er höflich, doch sehr ernüchtert. Marie aber flüsterte: »Sprechen Sie!« »Seit jenem Tage weiß ich, durch Ihre Worte damals, Herr Strasser, daß mein Leben dieser Frage gehört.« »Durch meine Worte!« zog Strasser die Stirn verwundert kraus. »Ich erinnere mich wirklich nicht, Herr Doktor, daß ich damals solch lebenerschütternde Worte gesprochen hätte.« »Doch,« bestätigte Lassalle mit einem kleinen ironischen Lächeln. »Ich erinnere mich,« sagte Marie. Wie eine ungewollte, schicksalsgefügte neue Einigung mit dem Geliebten war es. »Du erinnerst dich, Marie?! Ja, mein Gott, wovon haben wir damals bloß gesprochen?« »Von der Arbeiterfrage,« lächelte Lassalle. »Von der Arbeiterfrage!« hob Strasser ungläubig das energische Kinn. »Eine Arbeiterfrage gibt es doch gar nicht.« »Meinen Sie?« fragte Lassalle geheimnisvoll. »Ja, das meine ich. Wo soll denn die Frage liegen! Mir ist die sogenannte Arbeiterfrage ganz klar. Die Lage der Arbeiter ist die logische Folgeerscheinung unserer gewaltig aufblühenden Industrie.« »Auch die elende Lage des Arbeiterstandes?« erwog Lassalle. »Allerdings,« setzte Strasser jetzt wuchtig ein, »ein besitzloser Arbeiterstand ist die unbedingte Voraussetzung für die Nachfrage nach Arbeitsgelegenheit. Oder meinen Sie etwa, Menschen, die im Überfluß leben, werden für mich die Arbeit verrichten?!« »Für Sie nicht, aber für sich,« orakelte Lassalle. »Ich verstehe nicht,« wurde Strasser nervös, »für sich! Was meinen Sie damit?« »Ich meine, das heutige Unternehmertum ist an der ganzen Misere schuld,« erläuterte Lassalle. »Jetzt entsinne ich mich,« hob Strasser erkenntnisreich die Hand. »Richtig! Damals haben Sie sich so außerordentlich über das Lohngesetz erregt. Freilich, freilich!« »Ja,« nickte Lassalle, »das tat ich. Über das von Ihnen entwickelte Ricardosche Lohngesetz.« »So?« fragte der junge Fabrikant, »nennt man es so? Das wußte ich nicht. Mir ist es aus der Praxis und meiner Einsicht erwachsen. Ja, leugnen Sie etwa dieses Lohngesetz, Herr Doktor?« Er lächelte in leisem Triumphe. »Bei Gott nicht!« rief Lassalle emphatisch. »Keiner, der seine fünf Sinne beisammen hat, kann leugnen, daß dieses eherne Gesetz heute gilt. Aber eins leugne ich: daß es in Geltung bleiben wird.« Marie zitterte, daß der Tisch leise mitvibrierte. Ihr Mann aber prallte auf. »Das leugnen Sie! Aber Doktor! Wer soll es denn aufheben?« Er schmunzelte sein überlegenes Lächeln. »Ich,« entgegnete Lassalle klar und stolz. »Sie!« Des jungen Mannes Augen wurden rund vor Staunen. Marie flüsterte: »Weiter – weiter!« Doch Strasser lachte: »Sie sind heute abend in spaßiger Laune, Herr Doktor. Prosit!« Und er hob sein Glas. Lassalle trank ihm zu, neigte sich dann lächelnd zu Marie und sagte: »Auf Ihr Wohl, Madame!« Das Blut siedete ihr in die Stirn, als sie ihm zutrank. »Sprechen Sie!« drängte sie wieder. »Aber Marie,« tadelte der Mann, »siehst du denn nicht, daß es ein Scherz des Doktors war? Das Lohngesetz aufheben! Das hieße die Quadratur des Kreises finden.« »Dann wird Herr Doktor Lassalle sie finden,« entgegnete sie in unerschütterlichem Vertrauen. Strasser blickte auf. Lassalle aber sagte gelassen: »Ihre Frau Gemahlin hat ganz recht. Dann werde ich sie eben finden.« Der Fabrikherr äugte den Doktor in komischer Ängstlichkeit an, als fürchte er jeden Augenblick einen geringfügigen Wahnsinnsanfall. Lächelnd beruhigte Lassalle: »Seien Sie unbesorgt, Herr Strasser, mein Gehirn ist leidlich intakt.« »Aber,« starrte der Fabrikant; »ein Mensch mit gesunden Sinnen kann doch nicht ernsthaft glauben, daß er das Lohngesetz aufheben wird. Das ist doch – solange es ein Unternehmertum gibt, wird das Gesetz gelten, so sicher, wie die Erde sich dreht.« »Sie meinen,« lächelte Lassalle freundlich sarkastisch, »solange es Ihr Unternehmertum gibt.« »Mein Unternehmertum?!« »Das Unternehmertum des Kapitals,« berichtigte Lassalle. »Eben dieses Unternehmertum wird aufgehoben werden.« Jetzt lachte Herr Strasser herzhaft. »Das Unternehmen wollen Sie aufheben? Brillante Idee! Du, Marie, dann können wir also so langsam einpacken. Herr Doktor Lassalle geht uns an den Kragen. Ich wußte ja gleich, daß Sie scherzen. Prosit, Herr Doktor!« »Prosit, Herr Strasser. Auf Ihr Wohl, Madame!« Man trank, und einlenkend sagte Lassalle: »Vielleicht sprechen wir davon ein andermal, Herr Strasser. Aber eins möchte ich gern von Ihnen als Fachmann hören: leugnen Sie die elende Lage der Arbeiter?« »Leugnen? Direkt leugnen, nein. Trotzdem auch da natürlich lächerlich übertrieben wird. Das Elend ist bei uns jedenfalls lange nicht so groß, wie es bei den ersten Generationen der englischen Industriearbeiter gewesen ist.« »Richtig,« räumte Lassalle ein. »Das war aber auch das Grauenvollste, was je Menschen gelitten haben. Ich weiß nicht, ob Sie Friedrich Engels' Schilderungen darüber kennen?« Der Fabrikant schüttelte abwehrend den Kopf. »Puh, nun kommen Sie mir bloß noch mit Marx und Engels!« entsetzte er sich scherzhaft. »Schön, wenn Sie vor ihnen Angst haben, wollen wir sie ruhig in London lassen. Aber damit darf ich Ihnen doch wohl kommen, was Sie täglich im Norden Berlins vor Augen haben: daß auch auf unseren Industriearbeitern ein häuserhohes Elend lastet?« »Vielleicht. Aber wer will das ändern?« zuckte Strasser die Schultern. »Das ist die Kehrseite unserer – gottlob – im letzten Jahrzehnt ungeahnt aufblühenden deutschen Industrie. Das leuchtet Ihnen doch wohl ein: Das Unternehmertum muß einfach, um konkurrenzfähig, vor allem auch mit dem Auslande, zu bleiben, mit allen Mitteln nach Herabdrückung der Produktionskosten streben. Muß also die Arbeitslöhne so niedrig als möglich halten. Also: entweder blühende Industrie und Arbeiternot oder Niedergang der Industrie – na, und dann doch erst recht Arbeiterelend, wenn kein Arbeitsmarkt vorhanden ist. Was wollen Sie also?« Er schwieg und blickte beifallheischend auf sein Weib. Doch Maries Augen dürsteten nach Lassalles Antwort. »Sie meinen also,« sagte er, »alles das, was in dem einen Satze: Herabdrückung der Produktionskosten liegt: niedrige Löhne, lange Arbeitszeit, Frauen- und Kinderarbeit, Heimarbeit sei der Schatten, den die Sonne unserer Industrie werfen muß?« »Ja, das meine ich,« beichtete Strasser sein unerschütterliches Glaubensbekenntnis. »Und wer meint, dieser Schatten könne getilgt werden, den – verzeihen Sie – halte ich für einen umgekehrten Peter Schlemihl.« Er lachte und fuhr fort: »Aber ich weiß, Herr Doktor, im Innersten sind Sie ganz meiner Meinung. Müssen Sie ja sein. Sie wollen nur debattieren. Mach' ich gern einmal mit. Debatte bringt das träge Blut hübsch in Wallung.« Er bestellte ein neues Glas Bier bei dem hübschen Lieschen, der Wirtstochter. »Willst du auch noch eins, Marie?« fragte er höflich. Sie dankte leise. Der Mann dort, mit dem sie verheiratet war, erschien ihr plötzlich so fremd neben dem Geliebten von einst und heute und immer, in dessen Augen sie las, daß er nicht spaße und scherze, sondern sein heiliges Wollen verkünde. Aber wie, wie würde er dieses Lohngesetz aufheben, wie? Sie hätte gern gefragt; wagte es aber nicht, aus Scheu vor ihrem Manne, in der Unsicherheit, mit der ihr quälendes Schuldgefühl sie umfing. Lassalle schwieg gedankenvoll. Da griff Strasser munter den Faden der Erörterung wieder auf. »Man darf auch nicht zu schwarz sehen, lieber Doktor. Die Lage der Arbeiter wird sich heben. Sie geben ja selbst zu, daß es unseren deutschen Arbeitern besser geht, als den englischen aus der ersten Zeit der Industrie. Gerade die wachsende Industrie wird ihnen Erleichterung bringen durch die Verbilligung der Existenzmittel, Kleider, Möbel, alles wird wohlfeiler werden. Jetzt freilich ist eine böse Zeit. Wir sind mitten drin in einer Übergangsepoche. Die heutige Not ist die unumgängliche Begleiterscheinung des Werdens neuer Betriebsformen.« Lassalle wollte unterbrechen, wollte bedeuten, daß mit der Verbilligung der Existenzmittel gerade durch jenes Lohngesetz auch wieder die Löhne herabgepreßt werden müßten, da der Lebensunterhalt hierdurch verbilligt würde, der Arbeiter aber unter der Herrschaft jenes Gesetzes nie mehr erhalten könne als das, was er zum notwendigsten Lebensunterhalt bedürfe. Doch Straßer fuhr selbstgefällig fort: »Und dann, geschieht nicht gerade in letzter Zeit alles Mögliche zur Besserung der Lage der Arbeiter? Gerade in den letzten Monaten? Schießen die Arbeiterbildungsvereine nicht nur so aus dem Boden? Ich selbst halte Vorträge über Kunst im Potsdamer Tor-Verein. Nicht wahr, Marie?« Da wurde Lassalle plötzlich zornig. »Sprechen Sie mir nicht von diesen Arbeiterbildungsvereinen!« drohte er so heftig, daß Strasser gegen die Stuhllehne zurücktaumelte. »Gerade in der Schaffung dieser Vereine zeigt sich der ganze überhebliche Hochmut des liberalen Unternehmertums.« »Nanu!« setzte sich Strasser zur Wehr. »Ja, gerade darin,« trotzte Lassalle. »Gerade diese Vereine zeigen, daß dem Bürgertum der Arbeiter kein vollgültiger Mensch, sondern ein unmündiges Objekt seiner Fürsorge ist. Welch eine freche Großmannssucht gehört dazu, erwachsene Menschen in diese Vereine wie in Kleinkinderbewahranstalten einzusperren. Statt ihnen Menschenwürde zu geben, sie mit dieser verlogenen Menschenfreundlichkeit zu päppeln!« »Verlogen?! Was? Erlauben Sie!« schäumte nun auch Strasser zornig auf. »Das sind doch sonderbare Anschauungen, die Sie da äußern. Verlogen! Sehr gut. Ist es etwa nicht menschenfreundlich, die Unwissenden zu bilden, ihr Menschentum durch Kultur zu erhöhen?!« »Gebt ihnen ihre Menschenrechte, gebt ihnen Brot,« schalt Lassalle, »das ist ihnen nötiger, als Goethes Lyrik, wenn sie dabei verhungern.« »Wir geben ihnen das,« protestierte der Fabrikherr, »was wir ihnen heute nach Lage der Dinge geben können. Gottlob, verstehen die Arbeiter auch besser, als Sie, Herr Doktor, wie gut wir es mit ihnen meinen. Sie strömen scharenweise in die Vereine.« Er rückte sich kulturbewußt in dem Stuhle zurecht. Doch Lassalle spottete. »Ob sie strömen! die Toren. Weil ihr sie künstlich in politischer Dummheit erhaltet, ihr Menschenfreunde. Das ist der Hauptzweck eurer Vereine, ihr Braven! Im Grunde zittert die Bourgeoisie vor diesen Arbeiterbataillonen, und aus Furcht, aus ganz gemeiner Furcht sucht sie die schlummernde Bestie am Kleinkindergängelband und unter der Zuchtrute zu halten.« »Das ist einfach nicht wahr!« schlug Strasser mit der Hand auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. »Aber, Strasser!« mahnte Marie. »Nun ja doch,« erhitzte er sich immer mehr. »Da soll einem die Galle wohl nicht überlaufen! Man tut, was man nur kann, man rackert sich ab, den Leuten zu helfen, und dann wird es einem noch als Feigheit ausgelegt.« »Ich zweifle keinen Augenblick,« lenkte Lassalle ein, »daß mancher Unternehmer es ehrlich meint. Indessen –« Hier mischte Marie Strasser sich zum erstenmal in das Gespräch. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben,« entschuldigte sie scheu, »muß ich bekennen, daß mein Vater neulich einmal geäußert hat, diese Bildungsvereine seien ein Schutz dagegen, daß die Arbeiter als eine Partei gegen die Bourgeoisie ausgespielt würden, wie das in Frankreich doch geschehen ist!« Strasser blickte die junge Frau entgeistert an. »Dein Vater mag ja solchen Anschauungen huldigen,« sagte er erbittert. »Ich halte meine Vorträge im Potsdamer Tor-Verein jedenfalls nicht aus Furcht, sondern aus Menschenliebe. Und« – er wandte sein empörungsgerötetes Gesicht Lassalle zu – »wollen Sie etwa auch behaupten, Schulze-Delitzsch organisiere aus Furcht?« »Nein,« gestand Lassalle ehrlich zu. »Ich kenne Herrn Schulze-Delitzsch zwar nicht persönlich. Aber aus allem, was ich von ihm höre und sehe, weiß ich, daß er ehrlich und warmherzig den Arbeitern helfen will.« »Na, also,« beruhigte sich gutmütig der Fabrikant. »Aber ich verhehle mir keinen Augenblick,« fuhr Lassalle fort, »daß seine Mittel das Elend nicht mindern können. Genossenschaften, Konsumvereine, Sparkassen, Invaliden- Hilfs- und Krankenkassen sind geradezu kindliche Mittel gegen die Arbeiternot.« Da schob Herr Strasser ärgerlich den Stuhl zurück. »Verzeihen Sie, Herr Doktor. Ich bin heute abend etwas abgespannt. Wir hatten in letzter Zeit viel zu tun. Ich bin müde und nicht recht auf Ihre Paradoxen gestimmt. Vielleicht sprechen wir ein andermal weiter. Bitte zahlen, Fräulein Lieschen. Komm, Marie.« Ein schneller, schmerzlich aufflammender Blick – ein kurzer einender Händedruck – dann verschwand ihre mädchenhafte Gestalt am Arme des Mannes zwischen den Fliedersträuchern. Gedankenverloren blickte Lassalle ihr nach. Plötzlich faßte er es nicht, daß er damals so paschahaft ihre selbstlose Liebe hingenommen hatte, in den reichen Tagen, da sie in Schönheit und Zärtlichkeit an ihm gehangen hatte. Sekundenlang durchzitterte ihn die Ahnung eines Versäumnisses, der törichten Verschleuderung einer Kostbarkeit seines Lebens. Dann glomm Sophie Adrianownas feines bleiches, schwarz umrahmtes Gesicht aus dem Blätterdunkel heraus. Es war ihm, als hauche der Herbstabend ihm diesen erregenden Duft der Brünetten zu, den er geatmet hatte an jenem Abend, als sie hingerissen von ihrer Lebensaufgabe sprach. Er griff an die Brusttasche. Dort knisterte traut und hoffnungsfreudig ihr letzter Brief, in dem sie ihm mitteilte, daß ihre Reise nach Berlin sich noch immer durch des Vaters Unpäßlichkeit verzögere. »Bald, bald!« dachte er, zahlte und ging. »Sie ist mir bestimmt,« frohlockte es in ihm, »nur sie. Marie Krafft ist lieb und gut und sinnig. Aber Sophie ist – – ja, mein zweites Ich ist sie.« Er sah auf die Uhr. Es war noch früh, kaum halb neun. Nein, nach Hause ging er noch nicht. Jetzt nicht sprechen müssen, auch nicht mit der »guten Gräfin«. Er wollte an Sophie denken und an die heilige Zukunft an ihrer Seite. Er schritt über die Brücke auf Schöneberg zu. Doch bald entflatterten seine Gedanken dem Liebesidyll. Das Gespräch mit dem Unternehmer hatte seine Tatkraft aufgewühlt. So wie der dachten alle seine Freunde. Duncker, Dohm, Pietsch, alle diese Leute, die sich brusttönend »Demokraten« nannten. Ach, er wußte es ja längst, sehr weit würde er nicht mehr mit ihnen gehen können. Wenn sein Planen reifte, klaffte jäh die unüberbrückbare Kluft auf, die zwischen ihrer Welt und der seinen gähnte. Er stieß den Stock klirrend auf die Erde, daß die feine Ziselierung der Bastille am Knauf sich empfindlich in seine Handfläche einprägte. »Gut,« preßte er willensstark die Lippen zusammen, »dann wird es eben der Tag des Bastillensturms sein, der alle falsche Scheindemokratie und Scheinfreundschaft zum Teufel bläst.« Da sah er auf der einsamen ländlichen Straße einen Mann auf sich zuschreiten. Er ging gebeugten Kopfes, in schwerem Grübeln. Lassalle nahm ihn scharf in die Augen und lächelte. »Vielleicht auch ein Bastillenstürmer,« dachte er, »der hier draußen vor der Stadt seine Pläne brütet.« Jetzt hatte auch der andere seine Schritte vernommen. Er hob das Gesicht. Da fiel das Licht der Laterne, an der er gerade vorbeikam, auf seine Stirn. »Diesen Eroberer kenne ich doch,« durchzuckte es Lassalle. Er suchte hastig in seiner Erinnerung. Richtig. Aber natürlich! Und in einer unerklärlichen Stimmung des Glaubens an ein Fatum, ging er auf den Mann zu, den ihm dieser milde Herbstabend in den Weg geführt hatte. »Guten Abend, Herr Loewe,« grüßte er ihn frank. Der junge Mann stutzte einen Augenblick, dann sagte er, seine Überraschung niederdrückend: »Guten Abend, Herr Doktor Lassalle.« »Was macht das Königreich Borsig?« scherzte der Doktor. »Danke,« lachte Loewe und zeigte seine prächtigen Zähne unter dem schwarzen kleinen Schnurrbart. »Die Stammburg ist errichtet.« »Allewetter!« machte Lassalle. »Sie gehen aber ins Zeug! Darf ich Sie ein Stück begleiten, Sie wollen wohl zur Stadt zurück?« »Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Doktor,« sagte der andere höflich erfreut. Sie gingen nebeneinander her. »Also schon die Stammburg gegründet!« knüpfte Lassalle wieder an, »aus der die Eroberungszüge rings ins Land hinein unternommen werden sollen!« »Ja,« schmunzelte Loewe. »Die Burg steht. Oben im Norden Berlins.« »Und da ergehen Sie sich hier im wildesten Westen!« neckte Lassalle. »Ich will zum alten Klingbeil,« erklärte der junge Fabrikant seinen Ausflug. »Sie werden ihn damals in der Krafftschen Gießerei gesehen haben, den ersten Vorarbeiter.« »Ich entsinne mich nicht,« sann Lassalle. »Ein findiger Kopf, Solch alter Praktikus kennt jeden Pfiff, den unsereiner sich erst mit langem Kopfzerbrechen austifteln muß. Er hat mir bei meinem jungen Unternehmen mit manchem guten Rat geholfen. – Er wohnt in dem Wächterhäuschen der Fabrik.« »Dann sind Sie doch aber entschieden zu weit gegangen,« witzelte Lassalle. »Wir sind hier doch längst auf Schöneberger Gelände.« »Freilich,« nickte Loewe, »ich habe mich in Gedanken – verlaufen.« »Seit wann sind Sie selbständig?« fragte Lassalle in reger Teilnahme an dem Werden dieses bedeutenden Menschen. »Seit einigen Monaten.« Und lächelnd fügte er hinzu: »Meine Ausfallsburg ist ein Zimmer in der Borsigstraße, meine Kriegsmannschaft sind zwei Lehrlinge.« »Es werden ihrer bald hundert sein,« versicherte Lassalle zuversichtlich. »Ihr Vertrauen spornt mich an,« gestand Loewe warm. »Und Ihre Krone, Herr Doktor? Was ist mit der?« Lassalle lächelte über das gute Gedächtnis des anderen. »Ich habe sie inzwischen schön blank geputzt,« sagte er, »und nun werde ich sie mir bald aufs Haupt setzen.« Der junge Unternehmer nickte wie zu etwas ganz Natürlichem und fragte: »Darf man wissen, Herr Doktor, ob Ihr Reich von dieser Welt ist?« »Es ist von dieser Welt,« entgegnete Lassalle stark, »es klammert sich mit allen Fasern an diese schöne herrliche Welt. Es will diese Welt hienieden den Millionen zu ihrer Welt gestalten. Es wird das Reich der Mühseligen und Beladenen sein.« Der junge Mann warf jäh den Kopf zurück und starrte in das bleiche tiefbewegte Gesicht des andern. »Herr Doktor!« stieß er hervor. In seinen schwarzen Augen glomm Gespensterfurcht. »Was haben Sie?« fragte Lassalle. »Ich – eben als ich Sie da traf – Sie sprechen doch von den Arbeitern?« »Ja – gewiß.« »Seltsam – seltsam,« flüsterte er mit erstarrten Lippen. »Als wir uns trafen – Sehen Sie, Herr Doktor. Heute bin ich Unternehmer, nicht wahr? Aber gestern war ich noch Arbeiter. Und eben dachte ich an meine Zukunft. Ich –« er lächelte kindlich bescheiden – »ich hatte schon meine zwei – dreihundert Arbeiter. In der Phantasie hat das gar keine Schwierigkeiten. Da bin ich im Handumdrehen Gewehrkönig. Ich treibe nämlich Feinmechanik. Besonders Gewehrfabrikation ist mein Ideal. Ja –« er hob, den Faden suchend, den Hut aus der hohen weißen Stirn und strich über die Augen – »ich war also Herr von etlichen hundert Arbeitern. Und wollte ihnen nicht nur Herr werden, sondern auch der Vater sein. Sie bewahren vor all dem Leid, das ich selbst als Arbeiter erfahren habe. Und fand keinen Weg. Das Lohngesetz – –« Da lächelte Lassalle. »Sie haben den Kern der Not erfaßt, junger Freund. Das Lohngesetz, ja, das ist es. Das muß aufgehoben werden.« »Ja – wie?« Er sah mit gierig funkelnden Blicken zu dem großen schlanken Mann auf. Und unter dem Banne dieser forschend brennenden Augen sprach Lassalle zum ersten Male das aus, was er bisher nur zaghaft verschwommen, kaum recht zum greifbaren Gedanken geformt, in sich herumgetragen hatte. »Durch Staatshilfe,« antwortete er, selbst vor der geborenen Idee erbebend. Der junge Mensch fuhr herum. »Wie – Staatshilfe?!« Es war ein greller Zweifelsschrei. »Ja,« sprach Lassalle fest. »Einen andern Weg gibt es nicht.« »Aber – aber – Herr Doktor – der Staat soll den Arbeitern helfen! Dieser Staat! Unser Staat! Sind Sie nicht Demokrat?« »Ja, das bin ich. War ich, solange ich denken kann.« »Und Sie hoffen auf den Staat!« »Ich hoffe nicht auf ihn. Ich will ihn zwingen.« Da pfiff es leise zwischen Loewes Lippen. »Ah so – Gewalt!« Lassalle nickte. »Durch die Revolution. Einen andern Weg sehe ich nicht aus der Wüste. Durch die Revolution muß das allgemeine direkte Wahlrecht erzwungen werden.« Er blickte verwegen auf den jungen Menschen nieder. »Ich verstehe nicht recht,« bat der um Aufklärung. »Ist Ihnen klar, daß die Genossenschaften und all die anderen Mittel Schulze-Delitzschens nichts nützen?« suchte Lassalle auf anderem Wege seinem Begreifen entgegenzukommen. »Ja.« »Gut. Nach meiner felsenfesten Überzeugung kann das Joch des Lohngesetzes nur dann gebrochen werden, wenn die Arbeiter selbst – die Unternehmer sind.« »Wie in Schulze-Delitzschens Genossenschaften?« fragte Loewe enttäuscht. »Nein, mein lieber junger Freund. Die Schulze-Delitzschischen Genossenschaften sind Kredit-, Vorschuß- oder Rohstoffvereine. Nicht wahr? Das heißt also: eine Anzahl Handwerker tut sich zu einer Gemeinschaft zusammen, die ihnen im Bedarfsfalle Kredit und Vorschüsse gewährt oder als Rohstoffverein, meinetwegen der Schuster, en gros, also billiger als der einzelne es könnte, Leder einkauft. So ist es doch?« Loewe nickte erkenntnisglühend. »Sie begreifen sofort,« drang Lassalle vorwärts, »daß diese Schulze-Delitzschischen Genossenschaften überhaupt nicht für den Industriearbeiter, sondern nur für denjenigen existieren, der ein Geschäft für eigene Rechnung betreibt, also für den kleinen Handwerksbetrieb. Für den Arbeiterstand im engeren Sinne, für den in der fabrikmäßigen Großproduktion beschäftigten Arbeiter, der doch keinen eigenen Geschäftsbetrieb hat, für den er Kredit und Rohstoff benutzen könnte, existieren beide Vereine nicht.« Sie waren an die Lietzower Wegstraße gekommen. Da legte Loewe seine Hand bittend auf Lassalles Arm: »Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich Sie unterbreche. Wollen Sie mir eine große Freude bereiten? Begleiten Sie mich zu Klingbeil. Wenn Sie ein Mittel zur Befreiung des Arbeiterstandes besitzen, werden Sie dem Manne wie ein Heiland erscheinen. Er bangt und harrt und hofft jede freie Stunde seines Tages und seiner Nächte nach einem Messias für seiner Genossen Not. Wollen Sie? Sonst laufe ich schnell hin und sage ihm, daß ich heute nicht kommen kann. Ich muß Ihren Plan zu Ende hören.« »Ich komme sehr gern mit, lieber Loewe,« willigte Lassalle sofort ein. »Ich bin Ihnen sogar für diese Einführung dankbar. Ich habe hier in Berlin fast gar keine Fühlung mit Arbeiterkreisen. Das tut meiner Sache Abbruch, weil ich nicht weiß, wie sie hier fühlen und denken. In Düsseldorf früher war das besser.« »Ich danke Ihnen,« preßte der junge Mensch Lassalles Hand. Sie bogen in die Lietzower Wegstraße ein. »Es wundert mich eigentlich,« bekannte Lassalle, »unter den Arbeitern solch kundigen Thebaner wie diesen Klingbeil zu finden. Im großen ganzen haben die Arbeiter heute leider noch keine Spur von Klassenbewußtsein, noch davon eine Ahnung, daß es überhaupt eine soziale Frage gibt.« »Leider,« bedauerte Loewe. »Die heute Ausschlaggebenden sind während der letzten zehn Jahre dunkelster Reaktion aufgewachsen, in denen jedes politische Leben tot war. Sie hatten daher keine Gelegenheit, sich politisch oder sozial zu bilden. Doch trotz alledem –« er lächelte – »wenn ein Messias aufersteht, wird er sein Volk finden.« Sie waren zu dem Tor des Krafftschen Etablissements gekommen. Da zauderte Lassalle in feinfühligem Bedenken: »Ich weiß nicht, ob ich dieses Grundstück betreten darf. Ich bringe den Krieg gegen seinen Besitzer.« »Bah!« schnitt Loewe mit der Hand durch die Luft, »Sie bringen den Krieg, ja. Im Krieg aber ist jedes Mittel recht.« Und er durchschritt stracks das Tor und ging auf die Tür des niedrigen Wächterhäuschens zu. Lassalle folgte. Er sah über die alten Arbeitshallen hinweg neue große Fabrikbauten sich türmen. Ei ja, Strasser hatte recht, sie hatten hier seit dazumal tüchtig geschafft. Loewe klopfte an die Tür, öffnete sie und wandte sich Lassalle zu: »Bitte, treten Sie nur ein!« Als der Doktor die etwas erhöhte Schwelle überstieg, stand er mitten in dem Zimmer der Familie Klingbeil. Sein erster blitzhafter Eindruck war: Gartenlaubestimmung. Behagliche Gartenlaubestimmung in dieser Arbeiterwohnung! Um den Tisch mit der Berzeliuslampe saß Klingbeil, die Hornbrille auf dem Sattel der Nase, in eifriger Lektüre der demokratischen »Reform«. Frau Klingbeil strickte eifrig an einem grauen Strumpfe, und Hedwig, die Tochter, las in einem abgegriffenen Romanhefte. Beim Eintritt des fremden eleganten Herrn fuhr alles empor. »Guten Abend!« grüßte Lassalle. Klingbeil blickte spähend über den Hornrand der Brille hinüber in das Dunkel der Tür. Da war auch Loewe eingetreten, drang rasch in den Lichtkreis der Lampe vor und sagte: »Abend! Ich bringe hier einen Gast – Herrn Dr. Lassalle, der eine wichtige Mitteilung für Sie hat, lieber Klingbeil.« Nun stand alles um den Tisch herum. Die Frauen blickten neugierig drein, der Mann kam auf Lassalle zu, bot ihm die arbeitsschwielige Hand und sagte: »Ich freue mich, Herr.« Damit nahm er ihm Zylinder und Bastillenstock ab. Während Lassalle sich artig vor den »Damen des Hauses« verbeugte, erläuterte Loewe: »Ich traf Herrn Dr. Lassalle zufällig auf dem Wege hierher. Er hatte die große Güte, mir von seinem Plane der Arbeiterbefreiung zu sprechen. Da dachte ich, das wäre was für Sie, Klingbeil, und bat Herrn Doktor um seine Begleitung.« »Sehr wacker, lieber Loewe,« dankte der Arbeiter. »Sehr freundlich von Ihnen, Herr Doktor, in unsere bescheidene Behausung zu kommen.« »Oh,« lächelte Lassalle und sah sich in dem sauberen Räume mit der lastenden Decke um, »ich finde es ganz reizend gemütlich bei Ihnen.« »Ja,« sagte der große Mann mit dem energischen glattrasierten runzligen Gesicht, »man hat es ja besser als die andern. Erstens bin ich technisch geschulter Vorarbeiter, Und dann habe ich freie Wohnung, weil ich zugleich Fabrikaufseher bin.« Damit lud er den Gast auf einen Stuhl ein, den Mutter Klingbeil flugs mit ihrer derben Schürze bearbeitet hatte. »Danke,« nickte Lassalle und setzte sich. Auch die andern nahmen wieder Platz. Die Frau hantierte befangen mit ihren Nadeln, die Tochter aber sah dem feinen Gast hell in die Augen. Sie hatte in ihm sofort den Herrn wiedererkannt, der sie damals so dreist angeschaut hatte, als sie den Kaffee ins Bureau trug. Heute erschreckte sie solcher Blick nicht mehr. Sie war seit Jahr und Tag Verkäuferin in Gersons Modebazar und hatte manchen frech bewundernden Blick aus Männeraugen aufgefangen, wenn sie in ihrem netten, gutsitzenden Kleide den weiten Weg zum Geschäft durcheilte. Doch Lassalle beachtete sie kaum, so sehr sie auch seine Aufmerksamkeit einzufangen suchte. Der schöne Mann gefiel Fräulein Hedwig Klingbeil. Denn sie war voll der flotten Lebenslust, die ein erbauliches Erbteil der hübschen Berliner Bazarfräulein geblieben ist. »Also,« begann Vater Klingbeil in seiner langsam wägenden Art, »Sie wollen die Lage von uns Arbeitern bessern? Das ist ja sehr schön.« Es klang ein wenig zweifelnd. »Vielleicht,« wandte Loewe sich höflich an Lassalle, »darf ich erst einige Worte zu Ihrer Einführung sagen. Herr Dr. Lassalle, mein lieber Klingbeil, ist –« er lächelte Lassalle zu – »ich habe seit unserer ersten Begegnung öfter Ihren Namen gehört – Herr Doktor ist einer unserer ersten Berliner Gelehrten.« Vor Hochachtung entfielen der guten Frau Klingbeil etliche Maschen. Hedwig machte sich noch ein wenig bemerkbarer durch Rücken mit ihrem Stuhle, Vater Klingbeil nickte. »Er hat auch 1848 wacker gestritten und ist sogar wegen Aufforderung zur Waffengewalt bestraft worden.« Frau Klingbeil blickte ganz bang, Hedwig rief: »Ach nee!« Lassalle lachte. »Doch. Sie haben meine Vergangenheit ja gründlich sondiert, lieber Loewe.« »Das weiß fast jeder in Berlin,« entschuldigte er. »Ich habe auch vernommen, daß Sie neun Jahre die Prozesse der Gräfin Hatzfeld geführt und gesiegt haben. Sie sehen also, Klingbeil, wir haben es mit einem Manne zu tun, von dem man erwarten muß, daß er das auch durchführt, was er sich vornimmt. So, nun kennen Sie Herrn Dr. Lassalle, nun soll er reden!« In strahlender Befriedigung setzte er sich auf den Holzstuhl zurück. Da sagte Klingbeil: »Besten Dank, Loewe. Wissen Sie, Herr Doktor, unsereins ist 'n bißchen unglaubhaft, wenn 'n Herr wie Sie uns Arbeitern, helfen will. Es wollen heutzutage zu viele helfen. Die ganze Bourgeoisie will uns helfen. Da kommen sie angesetzt mit ihren Bildungsvereinen und Genossenschaften und Sparvereinen, und wie das Zeugs alles heißt. Mag ja ganz gut gemeint sind, aber nutzen tut es uns keinen Deut.« »Freut mich, Herr Klingbeil, das aus Ihrem Munde zu hören,« begrüßte Lassalle diesen Vorwurf. »Da werden wir uns sehr bald verstehen. Ich möchte nur gern –« er warf einen zögernden Blick auf die beiden Frauen – »daß mein Plan noch geheim bleibt. Er ist noch nicht in allen Teilen reif. Nur mit einigen einsichtigen Männern aus Ihren Kreisen möchte ich ihn vorerst beraten.« »Ih,« machte der Mann, »Sie meinen von wegen der Weiber. Da können Sie ruhig reden. Meine Olle versteht so nichts wie ihre Wirtschaft. Und das Mädel – die hat andre Dinge im Kopf. Leider nur zu ville. Steck die Nase in den Schmöker, Mädel!« Als er so die Tochter gutmütig schnauzend anfuhr, wurde sein arbeitzerfurchtes Gesicht ganz hell vor Zärtlichkeit. Das Mädel war sein Stolz, das sah Lassalle sofort. Und plötzlich betrachtete er sie aufmerksam. Sehr hübsch, entschied er wohlwollend, sehr hübsch. Richtiger Berliner Typ. Da entschuldigte Frau Klingbeil hastig: »Wir können ja hinausgehen.« »Aber bitte!« wehrte Lassalle. »Wo willst du denn hin, Mutter!« bedachte der Mann. »Wir haben nämlich nur diese eine Stube,« belehrte er, »und da hinten eine kleine Kamurke, wo die Jöhre schläft.« Die »Jöhre« schnitt ein vorwurfsvolles Gesicht. »Ich meine natürlich die Dame dort,« verbesserte lachend der Vater. »Aber nun legen Sie mal los, Herr!« Er kreuzte die Arme über dem blauen Arbeitskittel und ward ganz gespannteste kritische Aufmerksamkeit. »Ich sagte bereits,« hob Lassalle an, »daß mir die Einzelheiten meines Programms, ja der Schlüssel des ganzen Planes noch nicht klar sind. Meine Reformvorschläge, die ich Ihnen nur in ganz großen Linien zeichnen kann, zerfallen in politische und soziale. Die Arbeiter müssen zunächst eine neue politische Partei konstituieren. Sie dürfen nicht länger am Gängelband der liberalen Partei einhertorkeln.« »Sehr gut,« brummte Klingbeil. »Der Arbeiterstand muß sich als selbständige politische Partei konstituieren.« Die beiden Männer steckten aufhorchend die Köpfe vor. » Die Vertretung des Arbeiterstandes in den gesetzgebenden Körpern Deutschlands – dies ist es allein, was in politischer Hinsicht seine legitimen Interessen befriedigen und seine sozialen Forderungen durchdrücken kann. Also: los von der Demokratie – Bildung einer selbständigen Partei mit eigenen großen Zielen.« Lassalle blickte die beiden Männer beifallfordernd an. »Ich verstehe,« sagte Loewe, »möchte aber erst noch Ihre sozialen Vorschläge hören.« »Ja, bitte,« sekundierte Klingbeil. »Jedenfalls fassen Sie die Sache richtig an, wenn Sie uns Arbeiter von der Fortschrittspartei wegholen, mit der unsere Interessen nichts zu tun haben.« Und bärbeißig gemütlich herrschte er die Tochter an, die kein Auge von Lassalle wandte: »Steck die Nase in den Schmöker, Jöhre!« »Nun zu der mit Recht in höherem Grade Sie interessierenden sozialen Frage!« fuhr Lassalle fort. »Auf die Unfähigkeit der Schulze-Delitzschischen Mittel brauche ich nicht einzugehen. Die kennen Sie beide.« Die Männer nickten stumm. »Ich kann also gleich auf den Kern meiner Reform zusteuern und Ihnen darlegen, wie ich das eherne ökonomische Gesetz zu beseitigen gedenke. Alles heutige Arbeiterelend kommt, mein lieber Klingbeil, von diesem Lohngesetz, das den Arbeitslohn dahin bestimmt, daß der durchschnittliche Arbeitslohn immer auf den notwendigsten Lebensunterhalt beschränkt bleibt, der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist. Verstehen Sie, Klingbeil! Dies ist der Punkt, um den der wirkliche Tageslohn in Pendelschwingungen jederzeit herum graviert, ohne sich jemals lange weder über ihn erheben, noch unter ihn hinunterfallen zu können. Diesen Ausgangspunkt müssen Sie ganz klar erfassen, meine Herren.« Man sah dem alten intelligenten Arbeiter die harte Denkarbeit an. »Sprechen Sie nur weiter,« bat er, »ich folge.« Langsam, eindringlich legte Lassalle den beiden Männern die Wucht dieses Gesetzes dar. »Aber das alles ist ja so klar wie dicke Tinte!« stellte Klingbeil plötzlich erstaunt fest. »Da haben wir ja mit einemmal den Schlüssel zu unserem Elend.« »Ja,« lächelte Lassalle, »den haben Sie nun in der Hand. Ich freue mich, wie Sie ihn gleich gepackt haben. Dieses Lohngesetz sagt alles. Es beweist klipp und klar, daß, solange es waltet, der Arbeiter niemals mehr erhalten kann als das, was er zum nackten Leben braucht. In alle Ewigkeit hinein nicht.« Die beiden Männer sahen sich an und nickten schwer und bedeutungsvoll. Lassalle schritt weiter. »In diesem Gesetz liegt, wie in einem riesigen Pulverturm, ein Sprengstoff aufgehäuft, der die moderne Gesellschaft zertrümmern muß, wenn ein Feuerfunken hineinfliegt. Ah, die Bourgeoisie stellt ihre Wächter vor den Turm, daß kein Arbeiterauge den gefährlichen Zündstoff erblickt! Denn in diesem Gesetz brütet eine solche hoffnungslose Verzweiflung, die Ewigkeit des Elends ist so aufpeitschend, daß die gequälten Arbeiterseelen wie Feuergarben aufprasseln müssen, wenn einmal die furchtbare Tiefe ihres Jammers sich sichtbar vor ihnen aufkluftet. Dann muß der Brand den Pulverturm in die Luft sprengen und das Bourgeois-Unternehmertum unter seinen Trümmern begraben. Das weiß sie und hütet die Kraft dieses Gesetzes. Und deshalb, Klingbeil, ist es eine Tat, dieses Gesetz den Arbeitern zu weisen, eine Tat voll innerer Befreiungskraft.« »Wie er spricht!« flüsterte Hedwig der Mutter zu, doch laut genug, daß Lassalle es hören mußte. »Steck die Nase ins Buch!« drohte der Vater, und zu Lassalle gewendet sagte er: »Da haben Sie recht. Nun weiter, wie wollen Sie dieses Lohngesetz umstürzen?! Da bin ich doch gespannt.« Auch Loewe rückte Vor Ungeduld auf seinem Stuhle. Lassalle saß einige Sekunden stumm sinnend, dann sprach er weiter: »Betrachten wir einen Augenblick näher die Wirkung und Natur dieses Gesetzes. Von dem Arbeitsertrag des produzierten Gegenstandes wird zunächst so viel abgezogen und unter die Arbeiter verteilt, als zu ihrer Lebensfristung erforderlich ist. Das ist der Arbeitslohn. Der ganze Überschuß dieses Arbeitsertrages fällt auf dem Unternehmeranteil. Es ist daher die Folge dieses ehernen Lohngesetzes, daß der Arbeiter sogar von dem gesteigerten Arbeitsertrage, von der gesteigerten Ertragsfähigkeit seiner eigenen Arbeit notwendig ausgeschlossen ist! Für ihn immer in alle Ewigkeit die Lebensnotdurft, für den Unternehmer immer alles, was über diese hinaus an der Arbeit verdient wird.« »Stimmt,« rief Hedwig. Die Mutter fuhr erschreckt auf und stieß sie in die Seite. Der Vater drohte: »Wirst du woll!« Lassalle und Loewe lachten. »Kann mir gar nichts schaden, wenn ich in diesen Dingen auch ein bißchen aufgeklärt werde,« wehrte sie sich. »Auch unser Lohn ist elend genug. Und« – sie sprach zu Lassalle, »Sie brauchen nichts zu fürchten. Ich kann schweigen, Herr Doktor.« »Ich zweifle nicht,« meinte er höflich. »Ein rabiates Mädel,« schwelgte der Vater. »Und nun das Mittel,« nahm Lassalle seine Ausführung wieder auf. »Einen Augenblick,« unterbrach Klingbeil. »Hede, bring mal ein bißchen Bier! Dem Herrn Doktor muß ja die Kehle ganz trocken werden von dem vielen Sprechen.« Hedwig holte, Lassalle und Loewe tranken dankend, dann fuhr der Doktor fort: »Wir sind uns darüber einig, daß die Schulze-Delitzschischen Assoziationen dem Arbeiterstande als solchem nicht helfen können, weil sie lediglich dem kleinen Handwerker, der ein eigenes Geschäft betreibt, Kredit und Vorschuß und billige Einkaufsmöglichkeiten für sein Rohmaterial gewähren. Das kann dem Arbeiter, der in der Industrie tätig ist, naturgemäß nichts helfen. Und doch liegt in der Idee dieser Assoziationen ein gesunder, brauchbarer Gedanke. Das Prinzip der freien individuellen Assoziation der Arbeiter vermag die Lage des Arbeiterstandes zu bessern –« – er hob die Stimme – »allerdings nur durch seine Anwendung und Ausdehnung auf die fabrikmäßige Großproduktion .« »Nanu?!« machte Loewe. Klingbeil stützte die Ellenbogen auf die Knie, legte das runzlige Gesicht in die verarbeiteten Hände und saß in vorgebeugter gespannter Horcherstellung. »Den Arbeiterstand zu seinem eigenen Unternehmer machen,« rief Lassalle triumphierend – »das ist das Mittel, durch welches – und durch welches allein – wie Sie jetzt sofort selbst sehen werden, jenes eherne und grausame Gesetz beseitigt werden kann, das den Lohn bestimmt.« Die Männer atmeten erregt. »Wenn der Arbeiterstand sein eigener Unternehmer ist, so fällt jene Scheidung zwischen Arbeitslohn und Unternehmergewinn und mit ihr der bloße Arbeitslohn überhaupt fort, und an seine Stelle tritt als Vergeltung der Arbeit: der Arbeitsertrag! « »Aber!« schnellte Loewe wie eine Feder in die Höhe, »wie denken Sie sich denn das?« Und Klingbeil schüttelte den Kopf. »Wo sollen wir das Geld hernehmen!« »Ja,« rief Loewe hitzig enttäuscht, »wo sollen die zur Anlage der Fabriken erforderlichen Millionen herkommen, Herr Doktor!« Lassalle lächelte überlegen, wie er damals gelächelt hatte, als er der Neugier seiner Gäste langsam die Überraschung des Haschisch verriet. »Ihnen habe ich es ja schon gesagt, lieber Loewe.« »Was,« sprang Loewe auf, »der Staat?!« »Der Staat?!« fragte der Arbeiter und hielt die Hand an die Ohrmuschel, als glaube er, schlecht gehört zu haben. Doch Lassalle erhärtete zuversichtlich: »Ja, meine Herren, der Staat. So unwahrscheinlich es zuerst auch klingen mag. Lassen Sie mich nur erst ausreden! Es ist unwiderleglich Sache und Aufgabe des Staates, die große Sache der freien individuellen Assoziation des Arbeiterstandes fördernd und entwickelnd in seine Hand zu nehmen und es zu seiner heiligsten Pflicht zu machen, den Arbeitern Mittel und Möglichkeit zu dieser Selbstorganisation und Selbstassoziation zu bieten.« »Keinen Groschen!« sprudelte Loewe. Unbeirrt sprach Lassalle weiter: »Ist es nicht gerade die Aufgabe und Bestimmung des Staates, die großen Kulturfortschritte der Menschheit zu erleichtern und zu vermitteln? Dies ist sein Beruf. Dazu existiert er.« Klingbeil lachte zornig auf. »Ich könnte Ihnen hundert Beispiele anführen, Herr Klingbeil, bei denen der Staat geholfen hat: bei dem Bau von Kanälen, Chausseen, Posten, Paketbootlinien, Telegraphen, Landrentenbanken, Einführungen neuer Fabrikationszweige. Und vor allem bei den Eisenbahnen. Als, mein lieber Klingbeil, bei uns die Eisenbahnen gebaut werden sollten, da mußte in allen deutschen – und ebenso in allen auswärtigen – Ländern der Staat in der einen oder andern Weise helfen, meistens in der Weise, daß er mindestens die Zinsgarantie für die Aktien – in vielen Ländern noch weit größere Leistungen – übernahm.« »Allerdings,« kam Loewe ein wenig näher. »Und,« bedachte Lassalle, »diese Zinsgarantie, mein lieber Klingbeil, stellt noch dazu folgenden Löwenkontrakt der Unternehmer – der reichen Aktionäre – mit dem Staat dar: Sind die neuen Eisenbahnunternehmungen unvorteilhaft, so soll der Nachteil auf den Staat fallen. Sind die neuen Unternehmungen dagegen vorteilhaft, so soll der Vorteil – die starken Dividenden – nur den reichen Aktionären zukommen. Ohne diese Hilfe des Staates hätten wir vielleicht noch heute auf dem ganzen Kontinent nicht eine Eisenbahn! Scheint es Ihnen jetzt noch so fern aller Möglichkeit, daß der Staat bei großen Kulturaufgaben einspringt?« Loewe gestand zögernd ein: »Allerdings« zu, Klingbeil machte ein zugänglicheres »Hm«. Mutig sponn Lassalle den Faden weiter: »So groß nun auch der durch die Eisenbahnen bewirkte Kulturfortschritt war, er sinkt doch zu einem verschwindenden Punkte zusammen gegenüber jenem gewaltigen Kulturfortschritt, der durch die Assoziation der arbeitenden Klasse vollbracht würde. Denn was nützen alle aufgespeicherten Reichtümer und alle Früchte der Zivilisation, wenn sie immer nur für einige wenige vorhanden sind und die große unendliche Menschheit stets der Tantalus bleibt, der vergeblich nach diesen Früchten greift?!« »Bravo,« applaudierte Hedwig hingerissen. Lächelnd wandte Lassalle sich ihr zu: »Nein, schlimmer als Tantalus, Fräulein Klingbeil; denn er hatte doch wenigstens nicht die Früchte hervorgebracht, nach denen sein dürstender Gaumen vergeblich zu lechzen verdammt war.« Da lachten alle, und Klingbeil meinte: »Nun sind diese Arbeiterbildungsvereine doch zu etwas gut gewesen. Sie haben uns wenigstens auf Ihre Worte vorbereitet. Da haben sie uns doch nicht ganz umsonst den Kopf mit Tantalus und all sowas vollgestopft, statt uns den Magen vollzustopfen. Nun weiter, Herr Doktor, weiter!« »Sie sehen also, wenn je, so würde dieser gewaltige Kulturfortschritt eine hilfreiche Intervention des Staates rechtfertigen. Und nun, vor allem, Fräulein Klingbeil,« lächelte Lassalle, »was ist denn der Staat?« Sie wurde glühend rot. »Sie brauchen sich Ihren hübschen Kopf nicht zu zergrübeln,« befreite er ihre Verlegenheit, »ich sag' es Ihnen schon selbst. Der Staat« – er machte eine verkündungsstolze Pause – »der Staat sind die armen Klassen. Das ist der Staat. Nicht wahr, Fräulein Klingbeil?« »Ja, natürlich,« begriff sie behende. »Und nu soll Vater noch mal sagen, ich soll keinen Staat machen.« »So ein Mädel!« tadelte sanft die Mutter. »'n richtiger Berliner Schnabel,« lobte der Vater. »Aber nu sagen Sie, Herr Doktor, wieso sind wir Armen der Staat?« »Das kann man sehr einfach zahlenmäßig nachweisen. Nach der offiziellen preußischen Statistik haben in Preußen 72 ¼ Prozent der Bevölkerung ein Jahreseinkommen von unter 100 Talern, leben also in der elendesten Lage. 16 ¾ Prozent haben ein Einkommen von 100 bis 200 Talern, leben also noch in einer kaum besseren Lage, 7 ¼ Prozent haben ein Einkommen von 200 bis 400 Talern, leben also noch in bedrückter Lage. Daraus ergibt sich klar, denn diese stummen amtlichen Zahlen schreien eindringlicher als lange Reden die traurige Größe des Elends in alle Welt, daß die beiden untersten, ganz elenden Klassen allein 89 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Nimmt man noch die 7 ¼ Prozent der dritten, immer noch unbemittelten und bedrückten Klasse hinzu, so erhalten Sie 96 ¼ Prozent der Bevölkerung in gedrückter dürftiger Lage. Also von 100 Einwohnern Preußens gehören mehr als 96 zu den notleidenden Klassen! Was ist also der Staat? Diese 96 ¼ Prozent sind der Staat, Fräulein Klingbeil, neben denen die 3 ¾ Prozent der Besitzenden vollständig verschwinden. Ist das klar?« Die Männer nickten bestätigend. Das junge Mädchen rief: »Aber mächtig!« »Sie sehen also,« belächelte Lassalle das eifrige Verständnis, »daß der Staat überhaupt nichts anderes ist, als die große Gemeinschaft der arbeitenden Klassen, und daß also die Hilfe und Förderung, durch welche der Staat jene kleineren Produktionsgemeinschaften ermöglichen würde, gar nichts anderes wäre, als die vollkommen natur- und rechtmäßige, vollkommen soziale Selbsthilfe, welche die arbeitenden Klassen als große Staatsgemeinschaft sich selbst, ihren Mitgliedern, als vereinzelte Individuen erweisen.« »Gut,« schloß Loewe. »Ich bekenne, alles was Sie sagen, Herr Doktor, hat etwas ungemein Verführerisches. Aber –« »Ja,« zweifelte Klingbeil, »wie soll man den Staat zur Hilfe zwingen?« »Ja doch,« drängte Hedwig. Sie hatte ganz fieberhafte Wangen. »Die Antwort,« lächelte Lassalle – »wird sofort vor Ihren klugen braunen Augen liegen, Fräulein Klingbeil. Die Hilfe wird nur ermöglicht werden« – – er erhob sich und stand hoch und schlank in der niedrigen Stube – »durch das allgemeine und direkte Wahlrecht. Wenn die gesetzgebenden Körper Deutschlands aus dem allgemeinen und direkten Wahlrecht hervorgehen, – dann, nur dann werden die Arbeiter den Staat bestimmen können, sich dieser seiner heiligsten Pflicht zu unterziehen. Das allgemeine direkte Wahlrecht muß also das prinzipielle Banner und Losungswort der politischen Arbeiterpartei werden!« Alle schwiegen, gepackt von dieser kraftvollen Verkündung. »Und dann werden die unbemittelten Klassen der Gesellschaft,« fuhr er leiser fort, »es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn und so lange ihre Vertreter in der Minorität bleiben.« Er setzte sich. Keiner wagte ein Wort in die niedergesunkene Stille der Offenbarung. »Mehr weiß ich heute noch nicht,« kam es endlich schlicht von Lassalles Lippen. »Wie man wieder die Einführung des allgemeinen direkten Wahlrechts erzwingt – das wollen wir ein andermal beraten.« Da hatte Ludwig Loewe seine Hand mit seinen beiden Fäusten umklammert und bebte in leidenschaftlichem Hoffen: »Sie haben den Weg gefunden. Sie werden ihn gehen. Und wenn Sie einen treuen Kämpen brauchen: ich gehe mit Ihnen durch dick und dünn.« Da war auch das junge Mädchen von ihrem Stuhl herunter und bei Lassalle. Ganz ernst und flammend, ohne jede weibliche Koketterie, brachte sie ihre begeisterte Jugend dar: »Ich gehe auch mit Ihnen, Herr Doktor. Auch ich bin ein Weib der notleidenden Klassen. Ich hatte nicht alles verstanden, was Sie gesagt haben. Aber doch so viel, daß ich weiß, Sie meinen es gut mit uns und werden uns helfen.« Gerührt, betroffen nahm Lassalle die kleine gepflegte Hand. Die Mutter starrte mit großen Augen, ans denen die alte, ewige Verwunderung der Mütter staunte, die so wenig von dem heimlichen Ringen ihrer Kinder weiß und vor Rätseln steht, wenn es plötzlich einmal zur Tat auflebt. Vater Klingbeil aber legte den Arm um des Mädchens Schulter und schmunzelte: »Sag' ich's nicht, ein rabiates Ding! Aber recht hat sie, wenn ich selbst auch nicht ganz so stürmisch in die Zukunft laufe.« Und plötzlich gab er Lassalle die Hand, daß er fast aufschrie unter dem Druck dieser Schmiedefaust: »Sie sehen den Weg, Doktor. Wer soweit gefunden hat, findet auch weiter.« Und mit belegter rauher Stimme sagte er ganz leise: »Ich freue mich, Doktor, daß wir Sie gefunden haben.« IX. Am nächsten Morgen stand Ludmilla Assing verlegen und schüchtern vor dem Diener Friedrich. »Ist Herr Doktor allein?« fragte sie scheu. Friedrich, der Weise, verstand. »Unsere Gräfin kommt immer erst zu Mittag,« belehrte er. »Dann melden Sie mich, bitte, dem Herrn Doktor.« In freudiger Herzlichkeit kam Lassalle der Freundin entgegen. »Guten Morgen, das ist aber mal eine Überraschung! Wie geht es denn? Wir haben uns ja eine halbe Ewigkeit nicht gesehen!« Sie betrachtete mit liebevoller Besorgnis seine eingesunkenen gelben Wangen. Die Backenknochen standen schrecklich hervor. »Wie geht es Ihnen denn?« fragte sie bekümmert, »hat Ihnen die Kur gutgetan?« »Wenig. Ich leide noch sehr. Aber setzen Sie sich doch, Ludmilla.« »Setzen Sie sich nur erst.« Sie sah sich mütterlich besorgt im Zimmer um. – »Ist da nicht eine Decke oder sonst etwas zum Einhüllen? Sie müssen sich doch sicher recht warm halten.« »Aber nein,« lachte er, »es ist ja ganz warmes Oktoberwetter. Ich habe, wie Sie sehen, sogar die Fenster weit offen. Nun erzählen Sie! Sind die Briefe schon heraus?« »Das wissen Sie nicht!« rief Ludmilla erstaunt. »Nein. Ich habe keine Zeitung gelesen, die ganze Zeit über. Absichtlich nicht. Wollte ausruhen.« »Oh, dann hören Sie nur. Als Humboldts Briefe an Varnhagen in Leipzig erschienen, hat das hier einen wahren Aufruhr gegeben. Sämtliche Bourgeoisblätter, mit Ausnahme der Dunckerschen Volkszeitung, und natürlich auch die Kreuzzeitung haben mich wie eine Meute toller Hunde angefallen.« »Aber – Ludmilla – das erfahre ich erst jetzt! Sowas schreiben Sie mir nicht sofort?« »Ich wußte ja Ihre Adresse nicht. Sie haben mir ja all die Monate über nicht einmal geschrieben.« Das kam sehr bitter. »Sie hätten meine Adresse doch von der Gräfin erfahren können,« erregte er sich. »Oder ihr die Zeitungen zuschicken.« Ludmilla schwieg und blickte zum Fenster hinaus. »Nein, das erfahre ich erst jetzt! Weiter, erzählen Sie weiter.« »Zuerst erfolgte eine Beschlagnahme –« Lassalle sprang auf. »Setzen Sie sich, Lassalle. Wer weiß, ob Ihnen das Stehen gut ist. Man ließ die Konfiskation von oben herab sofort aufheben, weil man einen um so größeren Lärm fürchtete.« »Köstlich,« rieb Lassalle sich schadenfroh die Hände, »ganz köstlich. Das habe ich mir gedacht, daß die bitterbösen Enthüllungen dieser beiden großen stacheligen Ehrerbietigkeiten wie Skorpionenstiche wirken würden. Es gibt ja auch gar kein Buch dieser Art, das so nützlich in unserm demokratischen Sinne wirken wird wie dieses. Diese Briefe des Königsfreundes Humboldt blasen ja mit vollen Backen in die Posaune der Revolution. Haha,« er lachte schabernack-froh, »auf solche Hilfe war man da oben nicht gefaßt, was?« »Nein,« erwiderte sie, »das Buch ist reißend gegangen. Die zweite Auflage ist bereits vergriffen.« »Sehen Sie. Was sagte ich Ihnen damals gleich? Und diese demokratisch sein wollenden Blätter und Leutchen schnauben natürlich Wut. Diese Limonadenseelen. Wie ich sie kenne!« »Bei Hofe hier und in Weimar hat man fast Trauer angelegt,« berichtete Ludmilla fort. »Und die Kreuzzeitung hat, natürlich ohne Sie zu nennen, mit allerlei giftigen Anschuldigungen auf Sie hingedeutet und Sie für die Herausgabe verantwortlich gemacht.« »Ha, sie hat eine gute Nase. Aber, Ludmilla, das muß ich sofort alles lesen. Sie haben doch die Blätter aufgehoben?« »Alles,« beruhigte sie. »Wann wollen Sie zu mir kommen? Sie gehen doch aus.« »Ja, gewiß. Heute nachmittag natürlich.« »Ich wohne jetzt Potsdamer Straße,« lächelte sie zutraulich. »Wie? Sie sind umgezogen?!« »Es war mir zu einsam in dem leeren großen Hause. Jetzt habe ich eine kleine gemütliche Wohnung, gleich hier um die Ecke.« »Also ich komme heute. Und dann wollen wir tüchtig weiterarbeiten. Den braven Weibern männlichen Geschlechts soll der Sturm noch pfeifend um die Nase blasen und manche alte Bourgeoisperücke tüchtig zausen. Ich komme dann gleich nach dem Essen –« Es klopfte, Friedrich brachte einen Brief. – Lassalle erkannte sofort Sophie Adrianownas Handschrift, schnellte empor, sagte: »Entschuldigen Sie einen Augenblick, Ludmilla, es ist sehr leicht möglich, daß ich heute nachmittag nicht kommen kann, ich erwarte eine wichtige Nachricht –« und erbrach mit erwartungsvollen Fingern das Siegel »Semper idem«. Dann flogen seine Augen über die Schrift. Ludmilla war gewiß nicht indiskret. Nein. Doch sie war ein armes, mit der letzten verschüchterten Leidenschaft des Alterns liebendes Weib. Sie sah die große selbstbewußte Damenhandschrift, und sie sah das beglückte Aufglimmen in Lassalles blauen Augen. Und sie sank haltlos in sich zusammen und dachte an diese schwarzen letzten Monate mit ihrer ungebärdigen Sehnsucht und dem aufreibenden Harren auf seine Rückkehr und das tägliche bange Anfragen bei Lina Duncker, ob sie etwas wisse, und das Zittern der Glieder, als sie gestern die atemraubende Nachricht von seiner Heimkehr erhalten hatte, und an diese letzte schlaflos durchfieberte Nacht. – Und nun saß er da vor ihr und las den Liebesbrief einer andern. Sie sank armselig in sich zusammen und war eine alte verzweifelte Frau. Lassalle war aufgesprungen und lief in kopfloser Aufregung irr im Zimmer umher. Er öffnete die Tür, wollte dem Diener etwas sagen, schloß sie wieder, kam zu Ludmilla zurück, lächelte töricht und sprudelte hervor: »Ja, Ludmilla, heute wird es nun nichts. Ich bekomme Besuch von außerhalb.« »Wohl eine Badebekanntschaft?« heuchelte sie Gleichgültigkeit. Doch es wurde eine grausame Grimasse. »Ja, eine Badebekanntschaft,« tat er leichthin, »wie man sie so macht.« »Ist sie jung und hübsch?« forschte da weh die dumme Eifersucht aus ihr hervor. »Woher wissen Sie es denn?« fragte er schroff. »Ich weiß ja nichts,« weidete ihr Schmerz sich boshaft an seiner Verlegenheit. »Ich weiß nur, daß die klügsten Männer oft sehr dumm sind.« Damit stand sie auf und griff zu ihrer Pompadour. »Ich glaube, es lohnt nicht recht, Herr Doktor, daß Sie sich mit der Herausgabe des weiteren Nachlasses meines Onkels bemühen,« sagte sie scharf. »Ich werde sehen, allein damit fertig zu werden. Ich ziehe nun bald nach Florenz.« Lassalle blickte ohne Begreifen drein. »Wie? Sie wollen von Berlin fortgehen?« »Ja.« »Aber Ludmilla, davon haben Sie doch nie ein Wort gesagt! Weshalb auf einmal?« »Weil – weil –« Da verließ sie die Kraft. Mit keuchendem Schluchzen rannte sie zur Tür hinaus, durch den Korridor, durch den Garten, durch die Straße, bis sie in ihr Zimmer kam. Dort lag sie und wand sich in Eifersucht und Wut und Gram und beschloß, nun endlich zu tun, was sie so oft beschlossen hatte, wenn er höflich und liebenswürdig von ihr gegangen war. Zu entfliehen, weit fort, dorthin, wo es keine Versuchung, ihn zu sehen, gab, wo er die Wunden nicht immer wieder blutig aufriß, wo er sie nicht immer wieder schmachvoll erniedrigte mit seiner höflichen Liebenswürdigkeit, wo nur der vernichtende Schmerz des Entsagens war. Ja, jetzt ging sie nach Florenz! Lassalle sah der Davoneilenden verblüfft nach, schüttelte den Kopf, murrte: »Ja, ja, die alten Jungfern,« und nahm wieder mit zärtlicher Verehrung den Brief seiner jungen Liebe auf. Doch abermals wurde er in der schwärmerischen Lektüre unterbrochen. Es läutete draußen. Er hörte es nicht in seiner verschwärmten Versunkenheit. Dann sprach draußen eine laute tiefe Stimme mit dem Diener. Zurück warf Lassalle den Kopf, der Brief entfiel seiner Hand – er war an der Tür und hing am Halse des schönen stattlichen Mannes. »Vater, Vater!« stammelte er. »Aber, Vater!« Der Alte preßte ihn mit starken Armen an die breite Brust. Dann trat er von ihm zurück, Tränen der Freude in den schönen, guten, klaren Augen und sagte: »Laß dich anschauen, mein Junge!« Und ihm die Backe tätschelnd, fragte er besorgt: »Na, wie geht es denn?« »Ganz gut, Vater. Aber komm doch in die Stube. Friedrich, nehmen Sie den Reisesack.« Und er legte den Arm um die Schulter des Mannes und führte ihn ins Zimmer. »Das ist eine Überraschung! Warum hast du die Mutter nicht mitgebracht?« »Es ging nicht recht. Du weißt ja, das alte Leiden.« »Ärgert sie dich noch tüchtig?« lachte Lassalle zutraulich. Der alte Heymann Lassal (das »le« des Schlusses hatte der Sohn autokratisch in Paris angenommen) hob die Hände: »O ja, habe unberufen nicht zu klagen. Sie macht einem das Leben ganz hübsch sauer. Aber, weißt du, Ferdinand, unter uns im Vertrauen, wenn sie mal einen ganzen Tag bei guter Laune ist, fehlt mir was. Aber daß du mich nicht verrätst!« »Parole d'honneur!« versprach der Sohn. »Aber, mein Kind,« sagte der Alte ernst, »was ist das mit deiner Krankheit? Wir sind sehr besorgt. Als gestern dein Brief kam, in dem du schreibst, die Kur habe dir nicht geholfen, bekamen wir einen solchen Schreck, daß ich mich sofort auf die Bahn setzte.« »Ihr Geliebten!« strahlte Lassalle gerührt. »Na, nun siehst du ja, noch stehe ich so ziemlich aufrecht. Und nun komm, Vater, du wirst dich nach der Reise ein wenig ausruhen wollen.« »Ausruhen! Nein, mein Junge. So schlapp sind wir noch nicht. Du glaubst wohl, ich bin alt. Noch nicht, mein Junge, mit meinen lumpigen etlichen Sechzig. Aber ein bißchen waschen möchte ich mich.« Später saßen sie behaglich einander gegenüber im Speisezimmer beim Frühstück, und des alten Lassals blaue Augen blickten mit mannhafter Zärtlichkeit aus dem feinen Gesicht voller Verstand und Güte auf den geliebten einzigen Sohn. Und Lassalle fragte nach dem Seidengeschäft und der Schwester Friederike, der rundlichen, blonden, hübschen, deren Ehe mit dem Breslauer Vetter Ferdinand Friedländer – jetzt nannte er sich stolz »Chevalier von Friedland« und war Direktor der Gasanstalt in Prag – leider keine recht glückliche werden wollte. Und Heymann Lassal blickte sich in dem geschmackvollen Raume befriedigt um und freute sich: »Schön hast du es, mein Junge. Du weißt, ich war nicht sehr für deinen Kampf für die Gräfin. Aber der Erfolg ist für dich. Und recht hast du gehabt, dir im Falle des Obsiegens eine Rente von 4000 Talern auszubedingen.« »Ohne diese Verpflichtung hätte die Gräfin meine Hilfe niemals angenommen.« »Eine gute, anständige Frau,« billigte der Vater. »Alles, was recht ist. Aber nun freue ich mich, daß du die Kämpfe aufgegeben hast. Ist doch ganz schön, so behaglich seiner wissenschaftlichen Arbeit zu leben, gelt?« »Es kommen vielleicht noch bittrere Kämpfe,« sagte der Sohn ernst. Der Alte legte klirrend das Messer hin. »Das wirst du mir nicht antun, Ferdinand!« bat er. »Du hast uns, weiß Gott, schon genug Sorge gemacht mit diesem Eintreten für Fremde.« Lassalle legte die Hand innig auf des Vaters Rechte. »Iß nur ruhig weiter, Vater. Ich muß doch so handeln, wie mein Charakter es verlangt.« »Du bist jetzt so schön auf dem Wege,« trauerte der Alte. »Werd' Professor. Das ist doch auch ein schöner Beruf. Laß die andern allein mit ihren Sorgen fertig werden!« Da lachte Lassalle. »Du sprichst ja wie damals in Leipzig, als ich dich bat, mich von der Handelsschule fortzunehmen und mich studieren zu lassen. Erinnerst du dich?« »Ob ich mich erinnere!« Lassalle sah vor sich hin. »Wie gestern ist es. Ich sagte dir, ich werde ein Kämpfer werden. Jetzt ist die Zeit, in der man um die heiligsten Zwecke der Menschheit kämpft.« Der Alte nickte erinnerungsumfangen. »Und du, Vater, sagtest: ›Was willst gerade du zum Märtyrer werden! Du, unsere einzige Hoffnung und Stütze. Die Freiheit wird errungen werden, auch ohne dich!‹« »Hatt' ich nicht recht?« »Von deinem Standpunkte aus, ja. Aber was ich dir damals antwortete, war noch treffender: ›Wenn jeder so spräche, so feig sich zurückzöge, wann würde dann einmal ein Kämpfer auferstehen‹?« »Ja, ja,« nickte der Alte, »auch darin liegt eine Wahrheit. Aber nun hast du doch gekämpft. Was haben wir 48 mit dir durchgemacht! Nun gib schon Ruh. Du kannst so behaglich hier leben. Und weißt du was, Ferdinand? Heiraten solltest du. Meinst, ich möchte nicht noch Enkel von dir erleben!« Da wurden des Sohnes Augen ganz weit und feucht. »Vater,« flüsterte er, » die Freude sollst du haben. Ich werde heiraten.« Und er erzählte dem beglückt Aufhorchenden von der feinen schwarzen Sophie Adrianowna von Solutzeff. »Ich weiß,« lächelte er, »dir wäre eine Jüdin lieber als eine russische Fürstentochter, aber die Hauptsache ist doch, daß sie mich liebt und euch ehrt.« »Das ist die Hauptsache,« sagte der Alte fest, »daß sie dich liebt. Aber, Junge, da bin ich ja gerade zupaß gekommen. Also heute nachmittag! Kind, ist das aber eine Freude! Da werde ich mich nachher mal fein machen. Sollst Staat vor deiner Liebsten machen mit deinem alten Vater.« »Mach' ich auch!« sagte Lassalle stolz. »Das Dumme ist nur, sie hat nicht geschrieben, mit welchem Zuge sie kommen.« »Nun, sie wird sich melden,« tröstete Heymann Lassal. »Und jetzt, mein Junge, laß dich durch mich nicht stören! Du wirst zu tun haben. Ich setz' mich ganz still in dein Zimmer und schau' dir zu.« »Nein,« wehrte Lassalle. »Heute ist Freudenfest. Heute wird nichts gearbeitet.« »Weißt du was?« bat da der Alte, »wenn du doch nicht arbeiten willst, lies mir ein paar Kapitel aus deinem neuen juristischen Werk vor. Das Konzept hast du doch. Wenn ich auch nicht viel davon verstehe, ich höre doch den Stil und deine Sprache. Und hab' doch meine Freude.« – – Des alten Heymanns Welterfahrenheit behielt recht. Gegen abend kam ein Bote aus dem Petersburger Hofe mit einem Zettelchen. Sofort eilte Lassalle nach den Linden. Im Wohnzimmer blieb der Vater mit der Gräfin zurück. »Es wird nichts werden,« kassandrate Sophie Hatzfeld. »Wieso nicht?« schreckte Lassal empor. »Sie wird ihn nicht nehmen,« prophezeite die Frau. »Sie wird sich die Finger lecken,« wurde der Vater heftig. »Sie meinen, weil sie eine ›von‹ ist?!« »Nein, nicht deshalb,« blieb die Frau ruhig, »weil sie sich ihm nicht gewachsen fühlt. Sie empfindet seine geistige Überlegenheit zu stark, sie muß sich vor ihm in acht nehmen, keine Dummheiten zu schwatzen. Das wird auf die Dauer peinlich anstrengend. Sie nimmt ihn nicht.« »Das wäre sehr schade,« seufzte der Alte. Da richtete sich die Gräfin auf. »Was braucht Ferdinand zu heiraten! Er ist nicht zur Ehe gemacht. Er muß frei sein. Er hat ja auch seine Behaglichkeit und Fürsorge.« Doch der Alte sagte in seiner köstlichen Geradheit: »Verehrte Frau Gräfin, das ist ja alles ganz schön und ganz gut. Aber das Rechte ist's nicht. Ein Mann muß ein Weib haben, die ihm Kinder gebiert. Sonst ist das Leben nur ein halbes. Und das weiß ich: wenn Ferdinand Weib und Kinder hätte, würde er ruhiger und glücklicher werden.« Da schwieg die Frau erbittert und zerballte ihr Taschentuch in der angstfeuchten Hand. Denn im Grunde ihres martervoll pochenden Herzens war sie der Ablehnung des Fräuleins von Solutzeff keineswegs so gewiß, wie ihre Unrast ihr vorzuspiegeln suchte. – Bewegte Tage brachen an. Es erging Lassalle, wie es noch heute so vielen Berlinern geht: sie besuchen die Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt erst dann, wenn es gilt, sie Fremden zu zeigen. Er wurde geradezu Fremdenführer. Gleich beim ersten Alleinsein hatte Sophie Adrianowna ihn gebeten, sie nicht zu drängen und nicht ihre Antwort zu ertrotzen. Sie würde sie ihm freiwillig geben, ehe sie abreiste. Er hatte eingewilligt. Und wenn sie allein waren, sprach Lassalle wohl von seiner Liebe, doch ohne Ungestüm und Bedrängnis, sondern selbstbewußt, verehrend und hoffnungssicher. Und Sophie von Solutzeff wußte es einzurichten, daß sie selten allein waren. Doch eines Abends besuchten Sophie und Lassalle die Oper. Lohengrin wurde gegeben. Er saß hinter ihr in der Loge und sprach ihr, zu besserem Verständnis, den Text vor. Er kannte ihn bei seiner Wagnerbegeisterung und seinem ungewöhnlichen Gedächtnis Wort für Wort. Sie beugte sich leicht zu ihm zurück, die Musik erregte ihren empfänglichen Sinn und seine flüsternde melodiöse Stimme berührte sie körperlich wohltuend. In einer warmen Lindheit saß sie, zwischen den Vorgängen auf der Bühne und der liebkosenden Nähe des rezitierenden Mannes. Und da hatte sie ihn plötzlich lieb. Alles Weibliche, Innige, Zarte in ihr neigte sich ihm zu. Kelche öffneten sich in ihrer Seele ihm entgegen. Ja – jetzt wußte sie es, sie würde ihm heute das erlösende Wort sprechen. Sie neigte sich weit zu ihm zurück und fühlte den Hauch seines Mundes auf den entblößten Schultern mit verlangendem Erschauern und schloß die Augen in Wünschen und Seligkeiten. Und dann im Wagen ließ sie ihm die Hand. Und dann im Wagen gab sie ihm den jungen verlangenden Mund. Und dann im Dunkel des Wagens schmiegte sie leidenschaftlich an ihn die aufgeschreckte Sehnsucht ihres Körpers. Und als er sprechen wollte, schloß sie ihm die Lippen mit zagen Küssen und flüsterte: »Kein Wort – kein Wort. Morgen.« Im Vestibül des Hotels gab sie ihm stumm die Hand und eilte die Treppen hinauf. Er stand und blickte ihr entzaubert nach. Und sah die ranken Glieder gegen den weichen Seidenstoff streben und sah die Röcke aufleuchten beim Steigen und sah die zarten durchbrochenen Strümpfe und sah das Weib in ihr – nur das begehrte, junge, liebeswarme Weib. Langsam schritt er heim durch den dunklen Tiergarten und fühlte sich irgendwie ärmer und irgendwie befreit. Diesen Genießer weiblicher Schwäche hatte im Grunde Sophie Adrianownas Stärke gelockt. Jetzt war sie ihm ein Weib geworden wie andere. Wohl tat nun der Verstand sein Rettungswerk. Wohl suchte die Vernunft seine Zweifel zur Ruhe zu warnen. Wohl wußte er am nächsten Morgen, als er zu ihr ging, daß er sie liebe, daß sie allein für ihn bestimmt, daß sie sein Glück und daß für ihre kluge Holdheit die Ehe kein allzu schweres Opfer sei. Da trat sie in den Salon, der zu den Solutzeffschen Apartements gehörte. Er ging ihr beflügelt entgegen, sie hob scheu abwehrend die Hand. Ihr Gesicht war bleicher als je. Sie hatte die dunkelste Nacht ihres Lebens durchrungen. Als sie am Abend in ihr Zimmer getreten war, sank mit den raschelnden Gewändern der süße Rausch ihres Körpers zu Boden. Nein, sie liebte den Mann nicht, nein, nein. Die Musik, seine vibrierende Männlichkeit hatten das Weib in ihr aufgerüttelt. Sie liebte ihn nicht. Und sie saß Stunde um Stunde im Nachtgewand auf dem Bettrand und sann und kämpfte. Nun stand sie vor ihm. »Herr Doktor,« begann sie, die Stimme hatte jede Tonfarbe verloren, »vergessen Sie den gestrigen Abend. Das war nicht ich. Ich habe heute nacht gerungen. Ich weiß nun, ich kann meine Lebensaufgabe nicht verlassen.« Er prallte einen Schritt zurück. Doch tief, tief im Unbewußten empfand er die Befreiung, trotz des Schmerzes seiner wund getroffenen Eitelkeit. »Nein, ich kann meine Bauernkinder nicht verlassen. So wenig wie Sie Ihre Arbeiter meinetwegen preisgeben würden.« »Das ist etwas anderes,« sprach der Mime in ihm, der in jedem Menschen spielt, »ich bin ein Mann. Bei einem Weibe ist das anders. Wenn es wirklich liebt, dann verläßt es Heim und Eltern und – Bauernkinder und folgt dem Manne seiner Liebe.« Sie beugte das schwarze schimmernde Haar und schwieg. »Sie lieben mich also nicht,« erkannte er bitter, und sein Selbstbewußtsein empfand zuckend den Schmerz, der in Wahrheit nicht echt war. Ohne die Augen zu heben, flüsterte sie: »Nicht, so, wie ich es müßte, um mein Werk zu verlassen.« Dann standen sie in schwerbelastetem Schweigen vor einander. Beider Atem rauschte in die Stille. Endlich sagte Lassalle: »Ich werde es tragen wie alles andere Schwere meines Lebens.« Da hob sie den tränenfunkelnden Blick und flehte: »Grollen Sie mir nicht! Ich kann nicht anders.« »Ich grolle Ihnen nicht,« sagte er mit ehrlichen, bebenden Lippen. »Ich –« Er wurde ganz weich. »Erinnern Sie sich noch unseres ersten Abends? Ich segne auch heute noch unser Begegnen. Wenn ich heute auch soviel ärmer geworden bin, reicher hat mich unser Finden dennoch gemacht.« Er reichte ihr die Hand. »Leben Sie wohl, Sophie Adrianowna. Wenn ich ein alter Mann werden sollte, wird oft in linden Dämmerstunden Heines schönes Lied in mir erklingen: »In mein allzu dunkles Leben Strahlte einst ein helles Bild.« Sie nahm seine Hand. »Leben Sie wohl. Und viel Glück zu Ihrem Werke! Bei jedem Erfolg, den ich in meinem kleinen Bezirk erringe, werde ich dankbar an all das denken, was Sie mir gegeben haben. Und wenn wir beide einmal alt geworden sind und beide ein Ziel gefunden haben, vielleicht führen dann noch einmal unsere Wege in Freundschaft zusammen.« »Vielleicht,« nahm er die vage Hoffnung auf. »Leben Sie wohl. Ich kehre nun so viel älter an mein Werk zurück. Denn ich gehe nun heim aus dem verklärenden Glück meiner ersten großen Liebe.« Sie haben sich niemals wiedergesehen. X. »Hm,« brummte Karl Marx in den gewaltigen wallenden schwarzen Bart, »soweit wäre ja alles ganz schön und gut. Die Idee gefällt mir. Fehlen nur noch zwei unerläßliche Voraussetzungen: das Kapital und meine Amnestie.« »Das Kapital, lieber Mohr,« nannte Lassalle den großen Führer mit dem Schmeichelnamen seiner Vertrauten, »das werde ich aufbringen. Ich nehme einen großen Teil der Aktien, ebenso die Gräfin, auch mein Vater, den Rest wird Brockhaus schon nehmen. Ich bin jetzt recht liiert mit ihm. Mein System der erworbenen Rechte kommt dieser Tage bei ihm heraus.« »Nanu, nicht bei Duncker?« Marx hob das Haupt mit der schwarzen Löwenmähne. »Nein. Er hat es abgelehnt. War ihm zu revolutionär.« »So, so,« machte Marx. »Offen gesagt, hat mir seine ganze Art nicht gefallen. Ich bin überzeugt, er hat die Herausgabe meiner ›Kritik der öffentlichen Ökonomie‹ absichtlich verschleppt.« »Nein,« wehrte Lassalle. »Das hat er nicht. Dazu ist er zu vornehm. Langsam und phlegmatisch ist er. Und gerät immer mehr ins seichte Fahrwasser dieser schönen neuen Fortschrittspartei. Reden wir nicht darüber! Zwischen ihm und seinesgleichen wird es ja doch zum öffentlichen Bruche kommen, wenn wir unsere Zeitung gründen. Um die Männer tut es mir nicht sonderlich leid, nur schade, daß ich dann auch die Frauen verliere. Lina Duncker und Hedwig Dohm waren ein recht angenehmer Umgang.« »Na,« scherzte Marx, »vielleicht kann meine holde Weiblichkeit dir die Damen ersetzen. Meine Frau ist tapfer, lieb und schön wie in ihren jüngsten Tagen, trotz allen Leides, das sie in England erfahren hat. Dem Hunger hat sie immer ins hohle Gesicht gelacht. Aber daß ihr die beiden Jungen gestorben sind –!« Er wischte sich hastig über die Augen. »Nun, die Mädel sind ja noch da. Auch bald Damen. Die Zeit vergeht, alter Knabe. Wir sind nicht mehr anno 48. Die schwarze Jenny und die blonde Laura werden allmählich Dämchen, und meine kleine Tussy eilt ihnen nach. Auch Lenchen, das gute Lenchen, ist noch bei uns und führt stramm das Szepter im Haus, die treue Seele.« »Ich freue mich darauf, euch alle hier zu haben,« sagte Lassalle innig. »Ja, Lieber, aber mit der Amnestie scheint es doch zu hapern,« zweifelte Marx. »Laß mich nur machen!« sprach Lassalle groß. Doch es ließ sich nichts machen. – Der kranke König war gestorben. Mit der Thronbesteigung König Wilhelms erfolgte am 12. Januar 1861 die Amnestie der politischen »Verbrecher« von 1848. Sofort entkeimte Lassalles grübelndem Hirn ein Plan. Er hatte gesonnen und gesonnen und mit Loewe und Klingbeil in langen erregten Stunden nach einer Gelegenheit getastet, mit der Arbeiterpropaganda einzusetzen. Er empfand deutlich, das Schicksal, die Zeitgeschichte mußte einen Angriffsring zum Einhaken bieten. Plötzlich, ohne äußeren Anlaß, mit seiner Idee der Staatsassoziationen hervorzutreten, war ein Schlag ins fließende Wasser. Da befruchtete der Erlaß der Amnestie sein Zaudern. Das war es! Mit den Freunden von 1848, die damals als Redakteure die Neue Rheinische Zeitung zur wirbelnden Trommel der Revolution gemacht hatten, eine große demokratische Zeitung gründen. In ihr die kommunistische Lehre von Marx und ihre Anwendung auf seine Arbeiterbewegung propagieren; durch sie den Boden vorbereiten, die Massen bearbeiten, das Feld zur Tat düngen. Wohl zögerte er noch. Er wußte, wie weit er sich innerlich von der Lehre des Freundes entfernt hatte. Doch er wußte auch, daß er jetzt dem Meister von ehedem nicht mehr als folgsamer Lehrling gegenüberstand. Gleichberechtigung, völlige Gleichberechtigung, mußte herrschen unter den Gebietern der Zeitung. Dann konnte er für seine Idee kämpfen. Die Lehre des Freundes konnte ihr als wissenschaftliche Basis nur dienlich sein. Und er schrieb an Marx, ob er geneigt sei, mit Friedrich Engels und ihm ein großes, echt demokratisches Blatt in Berlin zu gründen, jetzt, da die Amnestie seine und Engels' Rückkehr gestatte. Mit Freuden ergriff Marx die rettende Hand, die ihn herausreißen wollte aus dem Elend und der bitteren Not des Exils. Er kam sofort und ward Lassalles Gast in der Bellevuestraße. Sie sprachen von den vergangenen Zeiten gemeinsamer Kämpfe und von den kommenden Tagen gemeinsamen Wagens, und eine innige frische Herzlichkeit blühte zwischen den beiden Männern empor, trotz des etwas lehrhaften Tones, den der ältere dem einstigen Jünger gegenüber anzuschlagen liebte. Da bereitete die Regierung unerwartete Schwierigkeiten. Sie machte gegen Marx geltend, daß er durch seinen mehr als zehnjährigen Aufenthalt im Auslande das Bürgerrecht in Preußen verloren habe, daß er daher nicht als Amnestierter, sondern als Ausländer anzusehen sei, der auf Naturalisation antrage. Seine Naturalisation aber lehnte der Polizeipräsident von Zedlitz-Neukirch wegen seiner politischen »Bescholtenheit« ab. Da rannte Lassalle mit gewohntem Eifer vom Minister des Inneren zum Präsidenten, vom Präsidenten zum Minister, agitierte in den Blättern, die sich ihm nicht, wie die Dunckersche Volkszeitung, verschlossen, und setzte in alter Leidenschaftlichkeit Himmel und Hölle für den Freund in Bewegung. Und hoffte in eingewurzeltem Selbstvertrauen auf den sicheren Erfolg. – Schon war Marx fast eine Woche bei ihm zu Gaste, und immer noch hatte Lassalle kein Wort von seinen wahren Plänen gesprochen. Immer wieder zögerte er, in dem instinktiven Bangen, daß Marx sich seiner praktischen Beglückungstat feindlich entgegenstellen würde. Doch eines Nachmittags, ganz unvermutet, erzählte er von seinen Plänen. Als sie bei der Zigarre im Arbeitszimmer saßen und eine Zeitlang geschwiegen hatten, sagte Lassalle plötzlich: »Mohr. Ich beabsichtige, nächstens einen großen Coup zu machen.« »So,« schmauchte Marx. »An der Börse?« »Nein. In der Arbeiterbewegung.« »Ach,« richtete Marx sich lässig in seinem Sessel auf, »was du nicht sagst! Was wirst du denn Großes verrichten?« »Ich werde das Ricardosche Lohngesetz aufheben.« »Sieh mal einer an,« sagte der Freund und schnellte die Asche von der Zigarre. »Mit Kleinigkeiten hast du dich ja nie abgegeben.« »Du brauchst nicht so ex cathedra zu spötteln, mein lieber Mohr,« zürnte Lassalle. »Ich rede ernst. Überhaupt brauchst du nicht so groß zu tun, mein lieber Mohr. In unserer Differenz über die Politik 1859, als du und Engels durchaus gegen Napoleon losziehen wolltet, habe doch schließlich ich recht behalten.« »Bis jetzt, ja. Aber wir werden ja weiter sehen. Noch ist die Frage nicht erledigt. Doch, bitte, lege mir deinen Coup dar. Du scheinst wirklich ernst zu sprechen.« »Allerdings, mein lieber Mohr, sehr ernst. Ich spreche von den ernstesten Dingen meines Lebens.« »Bitte,« forderte Marx auf und setzte sich mit übergeschlagenen Armen erwartungsvoll im Stuhle zurück. »Ich habe die Absicht, Assoziationen der Arbeiter zu propagieren.« »A la Schulze-Delitzsch?« »Nein. Assoziationen im fabrikmäßigen Großbetriebe.« »Und das dazu erforderliche Kapital?« »Soll der Staat geben.« Marx warf ärgerlich den Zigarrenstummel in die Schale, daß die Asche grau aufstäubte. »Laß die Narreteien, wenn du vorgibst, ernst zu reden,« schalt er. »Es ist mein heiliger Ernst.« »Was?!« Marx richtete sich rasch im Sessel empor. »Ich kann deine Taktik nicht mehr befolgen, lieber Mohr. So schmerzlich es mir ankommt, dir die Gefolgschaft zu kündigen. Ich weiß sehr wohl und bin dir ewig dafür dankbar: mein wissenschaftliches Rüstzeug bist du. Praktisch aber muß ich jetzt meine eigenen Wege wandeln.« »Habe ich recht verstanden,« fragte Marx langsam, »du willst das Ricardosche Lohngesetz dadurch beseitigen, daß du mit Staatshilfe die Arbeiter zu ihren eigenen Unternehmern machst?« »Ja,« sagte Lassalle fest. Da wanderte der Mann mit großen Schritten schnaubend durchs Zimmer. Seine Augen waren hinter den borstigen Brauen verschwunden. Sein Gesicht war nichts als ein schwarzer Haarwulst. Endlich blieb er vor Lassalle stehen und sagte hart: »Von der Unausführbarkeit dieser unsinnigen Idee will ich nicht reden. Dazu ist mir meine Zeit zu kostbar. Staatshilfe ist eine Utopie. Aber der Gedanke scheint mir eines Wortes wert. Du hast eben angedeutet, du seiest mein Schüler. Ich verbitte mir das. Ich habe mit diesem Unfug nichts gemein.« Lassalle wollte unterbrechen, doch Marx hob gebieterisch die Hand und sprach fort: »Deine ›Idee‹ hat mit meiner Lehre nichts zu schaffen. Ich schüttele dich ab. Du bist kein Kommunist.« »Ich bin Kommunist,« begehrte Lassalle auf. »Nur dein internationaler Standpunkt ist nicht der meine. Ich bin Deutscher mit jeder Faser meines Empfindens. Mein Ziel ist die Befreiung der deutschen Arbeiter.« »Darin liegt eben der Widersinn. Gibt es ein deutsches Proletariat, oder ist das Proletariat allen Ländern gemein?« »Ich arbeite nur für das deutsche.« »Dann ist das Tuch zwischen uns zerschnitten,« schrie ihm der Mann feindselig entgegen. »Damit setzest du dich in direkten Gegensatz zu meinen Bestrebungen. Mensch, siehst du nicht ein, wie du unserer Sache schadest!« Er kam dicht an ihn heran. »Nicht als ob ich deinen Sieg fürchte. Ach, wenn du siegtest, würde ich gern meine Fahne einziehen. Dein Sieg aber ist unmöglich. Du jagst einem Phantom nach. Was ich fürchte, ist, daß du bei der überzeugenden Kraft deiner Dialektik bodenlose Verwirrung und unabsehbares Unheil stiften wirst. Glaub' mir, Lassalle, der Sozialismus und die Arbeiterbewegung kann nur dadurch siegen, daß durch Jahrzehnte, ja, durch Generationen hindurch durch eiserne Organisation das Proletariat aller Länder zu einem ungeheuren Ganzen zusammengeschweißt wird.« »Das ist deine Ansicht,« entgegnete Lassalle. »Mein Glaube aber ist, daß dem deutschen Arbeiter durch Assoziationen mit Staatshilfe geholfen werden kann. Die andern interessieren mich augenblicklich nicht.« »Damit verläßt du die Fahne des Kommunismus,« schleuderte Marx ihm entgegen. »Nein. Mein Ziel ist genau wie das eure: Sturz der Bourgeoisie, Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, Abschaffung des Kapitals.« »So? Und glaubst du, der Staat wird deinen famosen Assoziationen die Mittel umsonst geben?« »Nein. Gegen Zinsen.« »Du willst also Kapitaleigentum dadurch abschaffen, daß du Kapitalien gegen Zinsen entleihst. Ausgezeichnet!« »Meine Assoziationen sollen die Lage der Arbeiter nur verbessern . Eine Lösung der sozialen Frage sollen sie nicht sein. Ich will den Arbeitern nur etwas Bestimmtes, Greifbares geben, um sie für meine Idee zu interessieren. Es handelt sich zunächst lediglich um eine praktische Übergangsmaßregel, nicht um eine prinzipielle Lösung. Daß diese Lösung durch die Assoziationen erstaunlich erleichtert und herbeigeführt wird, erscheint mir unbestreitbar.« »So?« »Ja. Denn mit den Zinsen, die für das Staatskapital gezahlt werden, erhält der Staat die Mittel, die Ausgaben für Schulunterricht, für die Wissenschaft und Kunst, für öffentliche Arbeiten jeder Art zu bestreiten, und so hätte denn niemand oder hätten vielmehr alle gleichmäßig die Zinsen. Die Assoziationen haben also durchaus bahnbrechenden wegbahnenden Charakter, der zur definitiven Lösung der sozialen Frage allmählich – vielleicht in 100, 300 oder erst 500 Jahren führen muß. Im übrigen gestehe ich gern zu, daß diese Assoziationsidee eine Verlegenheitsidee ist. Wenn du etwas Besseres weißt für den Augenblick, bin ich gern bereit, es anzunehmen.« Marx räusperte sich und fragte: »Bist du fertig?« »Vorläufig ja.« »Schön. Dann habe ich ja wohl das Wort. Aus dem vielen, was du da geschwätzt hast, habe ich nur eins herausgehört: du willst wirken ›für den Augenblick‹, wie du so schön sagst. Dich willst du hervorkehren. Laß mich jetzt reden! Und greifst einfach zu der ersten besten Nachtwächteridee, die dir kommt. Ein besseres Mittel willst du wissen? Lies das kommunistische Manifest, mein Sohn. Da steht's. Glaubst du, wir wollen nicht wirken! Glaubst du, wir wollen unsere Lehre in dicken Büchern ausschließlich der gelehrten Welt zuflüstern! Arbeiten wir nicht propagandistisch! Freilich, wir wollen nicht unsere Person in rosige bengalische Beleuchtung stellen. Wir wollen nicht morgen fertig sein. Wir wissen, daß große historische Bewegungen ihre Äonen brauchen wie geologische Epochen. Laß mich ausreden! Du verwischst die Ziele. Hauptsache bei jeder großen Bewegung sind die Ziele. Ohne Ziele keine Organisation. Nur das gemeinsame Ziel kann die verschiedenen Individuen zu einer großen Organisation vereinen. Das Ziel ist die ökonomische Befreiung der Proletarier. Der Weg dahin ist der ökonomische und politische Klassenkampf. Er kann zu dem Ziele nur führen durch die Zusammenfassung der Gesamtmasse der Proletarier aller Länder in gewaltigen selbständigen, von allen bürgerlichen Einflüssen freien Organisationen. Diese Organisationen sind die Gewerkschaften.« »Von Gewerkschaften halte ich nichts,« wehrte sich Lassalle. »Schon deshalb nicht, weil sie das Lohnsystem nicht antasten. Aber gerade das System des Lohnes muß durch das System des Arbeitsertrages ersetzt werden. Und dann haben wir ja 1852 in England beim Streik der Maschinenbauer gesehen, wie ohnmächtig die Gewerkschaft ist. Nach unsäglichen Opfern ist der Streik unterlegen. Für mich sind die Gewerkschaften nur Versuche der Ware Arbeit, sich als Mensch zu gebärden.« »Du übersiehst,« belehrte Marx gelassen, »daß gerade in jenem Kampfe der Maschinenbauer die Gewerkschaft, trotz der augenblicklichen Niederlage, ihre wunderbare Elastizität bewiesen hat. Aber ganz abgesehen davon – die Gewerkschaft ist der Erziehungsmittelpunkt der ganzen Bewegung. In ihr sollen die Proletarier mit dem Geist des Klassenkampfes erfüllt und zum Verständnis der Bedingungen herangebildet werden, unter denen die Befreiung des Proletariats möglich ist. Also Erziehungsanstalten sind sie in erster Linie, mein Gutester. Aber weiter! Ist dir nicht klar, daß nur in der Masse das Element des Erfolges der Proletarier liegt? Daß diese Masse nur dann schwer ins Gewicht fällt, wenn es die durch eine internationale Organisation vereinigte Masse der Proletarier aller Länder ist?« »Das ist eben der Punkt, an dem unsere Ansichten klaffend auseinanderstreben,« rief Lassalle. »Du bist internationaler Kommunist, ich nationaler Sozialdemokrat. Deine internationale Propaganda birgt nach meiner Ansicht eine totale Verkennung dessen, wie fest begründet in Europa noch die Nationen sind. Noch lange werden nationale Ideen eine sehr bedeutende Macht ausüben, noch Jahrhunderte werden sie Faktoren sein, mit denen zu rechnen ist. Deshalb sehe ich einen Erfolg nur in der nationalen Arbeit. Und wenn du mir vorwirfst, daß ich wirken will heute, morgen schon. Ja doch, das gebe ich zu. Für mich heißt Politik treiben: aktuelle momentane Wirksamkeit. Alles andere kann man auch von der Wissenschaft aus besorgen. Nun, in erster Reihe treiben wir Sozialisten doch wohl Politik.« »Ich verzichte auf jede weitere Erörterung,« schloß Marx da scharf ab, »es ist aussichtslos. Aber das rate ich dir: nenne dich in meiner Gegenwart nie wieder einen Kommunisten. Wir haben nichts mehr miteinander gemein.« Mit diesem Gespräch war der Bruch zwischen den Begründern der Sozialdemokratie unhaltbar vollzogen. Von der Zeitung war nicht mehr die Rede. Der Plan scheiterte äußerlich an der Starrheit der Regierung. So kehrte Marx nach London zurück und buchte die Versagung der Heimkehr ins Vaterland in das große Enttäuschungskonto seines tapferen, entbehrungsreichen Lebens. – Auch Lassalle blieb um eine Hoffnung ärmer zurück. Wieder war der Weg, der zur Tat führen sollte, im Gehölz verirrt. Denn allein wagte er die Gründung der Zeitung nicht. Die praktische Erfahrung der Marx und Engels hatten dem technischen Teile des Unternehmens die Hauptpfeiler bieten sollen. Und wieder hoben die langen Beratungen mit dem jungen Loewe und dem alten Klingbeil an, und Lassalle blickte sinnend in Hedwigs braune kluge Augen und beratschlagte mit der Gräfin und fand keinen Pfad zur Verwirklichung seiner reifen Pläne. Da, eines Nachts, als er ruhelos, von Tatendurst überschäumend, im Arbeitszimmer auf- und niederging, zuckte wie eine Rakete eine Idee in seinem Hirne auf, eine echte rechte Tollhausidee der bleichen Verzweiflung. Garibaldi! Der alte Bandenführer saß jetzt, seiner großen Siege froh, auf dem kleinen Gute, das er sich auf dem felsigen Inselchen Caprera erworben hatte. Der mußte helfen! Garibaldi mußte sein Mitstreiter werden. So irrsinnig die Idee war, so fest verbiß sich Lassalles Wahllosigkeit darein. Ja, hin zu ihm nach Caprera! Ihn mit der ganzen Glut seiner Überredungskunst aufhetzen, in Österreich einzufallen. In Dalmatien. Ja. Die slawische Bevölkerung der habsburgischen Dynastie durch die Tat auf die Beine bringen gegen Österreich. Es so im voraus lendenlahm machen. Bisher hatte seine Widerstandskraft vor allem auf den Slawen beruht, die es der ungarischen, deutschen, italienischen Revolution entgegenwarf. Auf sie konnte es aber nicht mehr rechnen, sobald das slawische Element selber in Aufruhr tobte. Ja, das war ein Weg! Der Erhebung in Dalmatien würde sofort die Revolution in Ungarn folgen. Revolution in Pest war Revolution in Wien, Revolution in Wien aber war Revolution in Berlin! Revolution in Berlin war Sieg seiner Pläne. Mitten in das entstehende Chaos würde er dann hineinspringen, das allgemeine direkte Wahlrecht proklamieren, und mit seiner Einführung waren die Assoziationen mit Staatshilfe begründet. Das war der Weg – das allein war der klare richtige, endlich gefundene Weg! Eine toll-freudige Triumphstimmung riß ihn fort. Zwei Tage später war er mit der Gräfin unterwegs. Zunächst wollte er sich bei den Revolutionsfreunden in der Schweiz Empfehlungen an Garibaldi verschaffen. Zu dem ehemaligen preußischen Offizier Wilhelm Rüstow, der als Oberst unter Garibaldis Siegesfahnen gekämpft hatte und jetzt in Zürich wohnte, mußte der Freund Georg Herwegh den Weg bahnen. Sommerhelle glückliche Tage verlebten Lassalle und die Gräfin bei der »eisernen Lerche« und ihrem prächtigen Weibchen Emma Herwegh. Aus Florenz, wohin sie in kraftvollem Entschlüsse gezogen war, wurde Ludmilla Assing herbeigerufen. Und jetzt in seiner siegesgeschwellten Stimmung erfuhr sie viel Gutes von ihrem bösen, lieben, offen-heimlich vergötterten Freunde. Er war in diesen Tagen der Erwartung in einer ausgelassenen Jubellaune. Eines Abends saß man – Lassalle, die Gräfin, Ludmilla, Herwegh, Frau Emma, Rüstow und noch einige Bekannte – im Gasthaus beim Sekte. Lassalle trieb seine Possen und wollte Ludmilla hypnotisieren. Er sprang vom Stuhle auf, trat vor sie hin, strich ihr mit gespreizten Fingern über die Schläfen, hüpfte zurück, fuhr auf sie mit gespenstisch vorgestreckten Händen zu, schnaufte stiermäßig durch die Nase und tat, als spritze aus den Fingerspitzen schmerzhaft das magnetische Fluidum. Da brach, von dem närrischen Treiben angewidert, ein kleiner dicker Mann hinter seinem Weinglase hervor, packte mit starken Fäusten einen Stuhl, drang damit auf den verdutzten Magier ein und brüllte: »Jetzt ist mir's zu dick, ihr Lumpenpack, ihr Gauner!« In gewohnter Praxis der Abwehr jäher Überfälle schlug Lassalle den Stuhl beiseite, griff den kleinen, grausig zappelnden bärtigen Gesellen am Kragen, stieß ihn zur Tür und expedierte ihn auf die Straße. Dort nahm ihn ein Wachtmann in seine Hut und geleitete ihn heim aufs »Bergl«. Dann erkundigte Lassalle sich beim Wirt nach dem bullenbeißerischen Gaste. »Das ist unser neu gewählter Staatsschreiber, Herr Gottfried Keller,« gab der Züricher Bescheid. »Er soll auch so was wie ein Dichter sein.« Da wurde Lassalles sekt- und kampferhitztes Gesicht sehr lang. Er dachte an sein Lieblingsbuch, den »grünen Heinrich«. Flugs setzte er sich an den Tisch und schrieb dem Dichter: »Wundersam ist Bacchus' Gabe. Das weiß ich sehr gut. Niemand könne daher bereiter sein, über eine Weinlaune zur Tagesordnung überzugehen.« Der frischgebackene Staatsschreiber aber, der am nächsten Tage sein neues Amt antreten sollte, war von den weinseligen Begegnungen der Nacht so benommen, daß er gleich am ersten Tage einen hohen Rat des Kantons Zürich vergeblich auf den Protokollführer harren ließ. – – In ungetrübter Laune ging es an den oberitalienischen Seen hin nach Florenz und Rom. Dort trennte Lassalle sich von den andern, bestieg einen Dampfer und fuhr nach Sardinien. Dicht vor der Insel liegt das Felsenriff Caprera. Rüstows Schreiben öffnete dem Gaste weit die hölzerne Tür der Feldsteinhütte, darin der alte Degen und Seemann der kurzen wohlverdienten Ruhe pflegte. Er hörte mit verstehendem Lächeln Lassalles geistesverwandten Plan und schüttelte den grauen strapazen-zerwühlten Kopf. »Es ist noch so viel in meinem Lande zu tun!« wich er aus. Doch Lassalle bestürmte und bestürmte. Er hatte seit dem Aufblitzen der Idee mit eiserner Energie Italienisch gelernt und beherrschte die Sprache dank seines Talentes und Gedächtnisses leidlich. »Ich will es mir durchdenken,« ergab sich der kühne Condottiere. Mit der Gastfreundschaft des einsamen Inselbewohners hielt er den Fremden fünf Tage zurück. Des Abends saßen sie in den milden Novembertagen des Südens am prasselnden Kaminfeuer, und der Held ließ die klingende Flut rinnen aus dem unversieglichen Quell seiner ruhmreichen Erinnerung. Und draußen, vor der weitgeöffneten Tür, brauste das Meer die markige Begleitung zu dieser leidenschaftlichen Eroica. Garibaldi erzählte von seinen Kämpfen im Dienste der südamerikanischen Republiken, von der Rückkehr nach der Heimat auf der Brigantine Speranza, als das Vaterland zur Freiheit rief, von den Kämpfen um Rom im Jahre 1848, von der Verzweiflung über den Verrat von Villafranka, von dem Siegeszug der Tausend im Jahre 1860. Lassalle erlebte die wagemutige Fahrt der Rothemden nach Marsala auf den in Genua mit Gewalt genommenen Dampfern »Lombardo« und »Piemonte«. Und dann stürmte an ihm die erste blutige sieghafte Schlacht von Calatafimi vom 15. Mai 1860 hin, in der diese »Tausend« die Braven König Bombas wie die Hasen gehetzt hatten. historisch »Der Feind rückte heran. Auf unserer Seite hatte ich den Befehl gegeben, nicht zu feuern, bis die Feinde ganz in der Nähe wären. Ein Hornsignal, eine amerikanische Reveille blasend, brachte, wie durch Zauber, den Feind zum Stillstand. Jetzt begann der Angriff der Tausend, voran die genuesischen Schützen, mit ihnen aber eine erlesene Schar von Jünglingen, die ungeduldig waren, an den Feind zu gelangen. Der Zweck des Vorstoßes war, die feindliche Vorhut in die Flucht zu schlagen. Keineswegs aber war es meine Absicht, die von den Bourbonischen mit starken Streitkräften besetzte furchtbare Bergstellung anzugreifen. Allein wer vermochte jene feurigen hochgemuten Freiwilligen aufzuhalten, nachdem sie sich einmal auf den Feind gestürzt hatten?! Vergebens bliesen die Hörner das Haltsignal, die Unsrigen hörten es nicht und verfuhren wie Nelson in der Schlacht bei Kopenhagen.« Er blickte fragend auf den aufmerksamen Hörer. Lassalle nickte. »Admiral Parker gab Nelson das Signal, zurückzugehen. Als seine Offiziere ihn hierauf aufmerksam machten, setzte er das Fernrohr an das Auge, das er bei Calvi verloren hatte, und sagte: ›Ich sehe nichts‹. Er kämpfte weiter und errang den Sieg.« Garibaldi lachte dumpf. »So taten es die Unsrigen. Jetzt war keine Zeit zu verlieren, sonst wäre jene hochgemute Schar dem Untergange geweiht gewesen. Ich ließ also sofort zum Angriff blasen, und das ganze Korps der Tausend ging vor, die Vorhut herauszuhauen. Der Feind hatte sich auf den Römerberg zurückgezogen und verteidigte seine Stellung mit Tapferkeit und Zähigkeit. Die Lage war kritisch: wir mußten siegen! Mit diesem festen Entschluß begannen wir unter einem Hagel von Geschossen die erste Stufe des Berges zu ersteigen. Ich weiß nicht mehr die Zahl, aber es waren sicherlich mehrere Stufen zu überwinden. Und jedesmal, wenn wir von einem Absatz zum folgenden emporkletterten, was fast stets ohne Deckung geschehen mußte, empfing uns ein mörderisches Feuer. Der Befehl, den ich den Unsrigen gegeben hatte, selten zu feuern, paßte sich der Beschaffenheit der Flinten, mit denen uns die sardinische Regierung beschenkt hatte, aufs beste an, da sie nämlich fast immer versagten.« Er schwieg sinnend. Das Feuer im Kamin zuckte blutig auf, draußen tobte das Meer heulend gegen die Klippen. Da sprach er leise vor sich hin: »Calatafimi! Wenn ich, der Überlebende aus hundert Schlachten, in meinen letzten Zügen liege und meine Freunde zum letzten Male ein Lächeln des Stolzes auf meinem Antlitz wahrnehmen, dann wird es die Erinnerung an dich sein, die dieses Lächeln hervorbringt. Denn ich erinnere mich keiner Schlacht, die ruhmvoller gewesen wäre!« So spann er die Erinnerungen bis in den grauen Meeresmorgen. Und als Lassalle am fünften Tage schied, gab er ihm ermunternd die Hand und lächelte: »Wir wollen sehen, was uns der Frühling bringt.« Eine bestimmte Zusage hatte des Deutschen Beredsamkeit nicht erzwungen! XI. Tatenfroh, mit reicher Hoffnung, die frische Brise der Erwartung in den Segeln, war Lassalle nach Italien ausgezogen. Verzagt, enttäuschungsarm, mit schlaff hängenden Segellappen kehrte er heim. Er wußte, Garibaldis Abschiedstrost waren Worte der Höflichkeit, nicht der Tat gewesen. Die Gräfin blieb in Florenz bei Ludmilla Assing. Er wollte allein sein. Seine flügellahme Verzweiflung duldete keinen Trost. Die beiden Frauen hatten sich in ihrer gemeinsamen hoffnungslosen Liebe zu dem Einen gefunden. Lange blieben sie nun beisammen. Und an knospenden Frühlingstagen gingen sie Arm in Arm durch die Stadt Dantes und sprachen von dem fernen Einen, der ihr Leben war. Und in heißer italischer Sommerglut lagen sie Seite an Seite hinter geschlossenen Fensterläden im brütenden Dämmer, und durch das Zimmer summten ihre müdegeflatterten Gedanken an den Einen, der ihre Welt war. Und als regnerisch und kalt der toskanische Winter kam, da saßen sie am Fenster und die Regentropfen rieselten an den Scheiben schwer und spurenziehend hernieder wie die tränenbelasteten Seufzer ihrer Sehnsucht nach dem Einen, der ihrer Seele Seligkeit war. Ihr Dasein war ein gequältes Horchen nach dem Norden geworden. – – Im Januar 1862 war Lassalle aus Italien zurückgekehrt. Er hatte geglaubt, den Punkt im All gefunden zu haben, auf dem fußend er die alte Welt aus den Angeln heben konnte. Doch der Punkt war unter seinen Füßen jählings verglitten, er war hinabgestürzt ins uferlose hoffnungsleere Nichts grausamster Enttäuschung. Da führte ihm das Geschick einen Gesinnungsgenossen zu, an dessen streitbarem Widerstände sich sein gebeugter Kampfsinn wieder bald lebensfroh aufrichten sollte. Eines Abends fiel ihm in der »Philosophischen Gesellschaft«, deren Mitglied er war, ein kleiner, etwa 40jähriger Herr auf durch die frappante Ähnlichkeit mit der berühmten antiken Büste des Demosthenes. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Unbekannten anzusprechen. Doch welch ein Finden! Dieser Demostheneskopf gehörte einem Manne, dessen Schriften Lassalle seit langen Jahren bewunderte und propagierte. Es war der infolge der Amnestie aus London heimgekehrte Lothar Bucher , der ehemalige Assessor aus Stolp, der als Mitglied der Berliner Nationalversammlung von 1848 gewagt hatte, die beschlossene Steuerverweigerung auch in die Tat umzusetzen. Nach seiner Verurteilung war er nach England entwichen. Sein Buch über den englischen Parlamentarismus, die Artikel, die er aus der Verbannung über die englische Bourgeoisieherrschaft an die Nationalzeitung geschrieben hatte, gaben vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft Anknüpfungspunkte die Fülle und schlugen bald das einende Band der Verachtung der Liberalen um die beiden Männer. Im Wesen waren sie Gegenpole, aber gerade das zog sie zueinander. Lassalle redesprühend, losstürmend, in Minuten eine Welt von Projekten gebärend; der andere durch seinen zehnjährigen Aufenthalt in der Verbannung desillusioniert, entsagend, mit scharfem Blick für reale Möglichkeiten, ein stiller, verschlossener, wortkarger, hoffnungsloser Mann. Noch am ersten Abende auf dem Heimwege fanden sie sich im Hohn auf die Fortschrittspartei: »Sie werden begreifen,« lächelte Bucher sein resigniertes Lächeln, »daß ein Mensch, der zehn Jahre lang den englischen Parlamentarismus studiert, seziert und analysiert hat, für die Karikatur desselben, den die Fortschrittspartei hier aufführt, nur ein Lächeln hat.« O ja, Lassalle begriff, er begriff enthusiastisch. Er hatte nicht bloß ein Lächeln, er hatte ein »ungeheures Gelächter«. Und gepackt von der Geisterverwandtschaft des neuen schweigsamen Demosthenes, nahm er freundschaftlich dessen Arm und drang in ihn, ihn zu besuchen, bald, morgen. Bucher willigte ein. Und Lassalle begleitete ihn, wie ein Stehaufmännlein wieder auflebend in seinen Plänen, bis zu seiner Wohnung in der Werderschen Rosenstraße. Am nächsten Tage kam Bucher in die Bellevuestraße und dann immer häufiger, trotz aller Gegensätze, trotz alles mißbilligenden Staunens über den Optimismus dieses strahlenden eleganten Mannes, seltsam angezogen von der dämonischen Kraft, die in ihm die Arme reckte. Sie saßen in diesem Arbeitszimmer, das auf so viele verblühte Hoffnungen seines Inhabers schon niedergeschaut hatte, und Lassalle sprach. Das kluge, stille Gesicht des Gastes lockte Geheimnisse aus ihm hervor; Sehnsuchten, die er selbst schon in der Brust still verzagt eingesargt hatte, wurden blutdurchströmtes Leben. Er erzählte von Garibaldi, dem Einfall in Dalmatien und dem Aufstand der Südslawen der österreichischen Lande. Doch der nüchterne Mann da vor ihm lächelte nur leise statt jeder Antwort. Dann sprach Lassalle von seinem sozialen Programm. »Wie wollen Sie das allgemeine direkte Wahlrecht erzwingen?« fragte Bucher allein. »Durch die Revolution,« entgegnete Lassalle mit schön aufsprießender Selbstverständlichkeit. Doch der Pessimist aus Erfahrung schüttelte den Kopf. Dann sagte er nach langer Pause: »Die ganze Kette Ihrer sozialen Reform hängt also an der Frage, ob es möglich ist, in Deutschland die bestehende Ordnung oder Unordnung der Dinge niederzuwerfen und –« er streckte den Zeigefinger zu Boden – »niederzuhalten.« »Ja.« »Das erste halte ich – wenn der geeignete Moment einmal kommt – für möglich, das letzte nicht. Sie sehen es auf eine Änderung des gesellschaftlichen Zustandes, mit anderen Worten: des Besitzes und der Möglichkeiten des Erwerbes ab. Sie haben also nicht bloß, wie die französische Revolution, die Reste einer tausendjährigen, verwickelten Organisation zu zerstören und wie die französische Revolution ein neues Evangelium an die Stelle zu setzen, sondern Sie haben das Gleiche mit der auf Grund jener Revolution entstandenen Bourgeoisordnung zu tun.« »Freilich, freilich,« beeilte sich Lassalle. »Was Sie an die Stelle setzen wollen,« grübelte Bucher, »befriedigt mich nicht. Alle Maßregeln, die Sie nennen, sind doch wieder nur politisch-juristisch, kann man sagen, stehen auf dem alten sozialem Boden, schaffen nur neue Bourgeois.« »Ja,« schnitt Lassalle dazwischen, »was ich Ihnen darlegte, ist nur ein Anfang. Das sind nur Kleinigkeiten, avantcoureurs meines sozialen Programms, das ich Ihnen nun entwickeln will.« »Erlauben Sie,« unterbrach Bucher, »einiges ist mir noch unklar. Jede solche Arbeiterassoziation, von der Sie da sprechen, würde als konstitutioneller Mikrokosmos eine widrige und schwerfällige Maschinerie werden.« »O nein,« wandte Lassalle ein, »das ist nicht nötig. Der Arbeiter vermag Disziplin und Autorität sehr wohl zu tragen. In allen diesen Assoziationen würde ein Geschäftsleiter für die gesamte Geschäftsführung mehr oder weniger unbeschränkte Befugnisse erhalten.« »Ich bezweifele,« bedachte Bucher, »ob ein Arbeiter den Genossen gegenüber diese Autorität besäße. Aber weiter. Wie denken Sie sich das? Es würde doch eine unendliche, konkurrierende Menge gleicher Assoziationen in jeder Stadt geben?« »Nein,« widerlegte Lassalle, »in 20 bis 30 Jahren würde sich in jeder Stadt jede bestimmte Produktionsbranche notwendig und von selbst zu einer einzigen großen Assoziation zusammengezogen haben. Also: alle Tischler, Schneider, Wagenbauer, Eisengießer. Das würde mit Notwendigkeit z. B. dahin führen, daß der private Zwischenhandel aufhört und der Verkauf in Verkaufshallen besorgt würde, die der Staat anlegt.« Und siegesgewiß mit der Hand durch die Luft fegend, kündete er seine Gewißheit: »Sie können mir schon glauben, die Assoziation, vom Staate ausgehend, ist und bleibt der organische Entwicklungskeim, der zu allem weiteren führt.« Keineswegs überzeugt, drang Bucher weiter auf den Grund: »Und die ländlichen Arbeiter?« »Für sie sind bäuerliche Assoziationen auf Bodenflächen zu gründen, die der Staat beschafft. Im übrigen denke ich zunächst vor allem an die industrielle Arbeiterschaft. Sie ist die Avantgarde des Arbeiterstandes überhaupt. Durch die vollbrachte Befreiung dieses vorgeschrittenen Standes wird das Bewußtsein und die Agitation in den ländlichen Bezirken schon erwachen.« Bucher mißtraute. »Und das Ziel, der sozialistische Zukunftsstaat?« fragte er. »Wie soll der kommen?« »Ich glaube,« hatte Lassalle die Antwort bereit, »daß, wenn wir erst den Staatskredit für die Assoziationen haben, dies eben der kleine Finger ist, der mit der Konsequenz des sich selbst entwickelnden Lebens allmählich, freilich erst in 100 bis 200, vielleicht sogar erst in 500 Jahren zur Ablösung des Grund- und Kapitaleigentums führen muß.« Und wie er einst zu Marx gesprochen, entbot er sich auch jetzt: »Ich habe die Staatsassoziationen übrigens nur vorgeschlagen, weil ich momentan wirklich kein Mittel sehe, das zugleich so relativ leicht und so wirksam wäre, den Arbeitern aber irgendetwas ganz Bestimmtes, Greifbares vorgeschlagen werden muß, damit sie anbeißen. Ich spreche daher auch nie von einer ›Lösung‹ der sozialen Frage, sondern nur von einer ›Besserung der Lage der arbeitenden Klassen‹. Mehr duldet mein Gewissen nicht. Ich bin auch auf meine Mittel nicht erpicht. Ich weiß nur sonnenklar: etwas muß geschehen. Zeigen Sie mir ein anderes gleich leichtes und wirksames Mittel, und ich bin bereit, auf dieses sofort einzugehen und das meinige fahren zu lassen.« Bucher zog die Schultern hoch. »Von diesen Einzelheiten abgesehen,« sann er, »erscheint mir Ihr Ausgangspunkt überhaupt falsch. Die neuen Besitzverhältnisse, die Sie einführen wollen, können nur durch den dauernden Krieg, einen Terrorismus einer sehr kleinen Minorität behauptet werden. Denn in der ersten Zeit wird – darüber machen Sie sich nur keine Illusionen – die Zahl Ihrer Anhänger sehr gering sein.« »Revolutionen werden immer nur von Minoritäten gemacht,« warf Lassalle entgegen. »Richtig. Aber sie werden nur behauptet, wenn die Minorität der Majorität einen Genuß, wenigstens einen Glauben zu bieten hat.« »Aber –« wollte Lassalle bedeuten. Doch Bucher sprach fort: »Es fehlt dem populo der Dio, um Mazzinis Wahlspruch zu gebrauchen, und Ihnen fehlt das, wofür Sie mit Ehren untergehen können.« »Sie irren,« erhob sich Lassalle. »Ich gebe doch ein neues Weltprinzip, eine neue Ethik. Das meinen Sie doch mit dem ›Dio‹.« Und er suchte mit vielen Worten das Begeisternde seines Programms darzulegen. Doch Lothar Bucher schüttelte immer wieder den bärtigen Kopf. Er kehrte immer von neuem zu dem Einwände zurück, die Zeit sei für Revolutionen, die Arbeiter für das Verständnis ihrer Befreiung nicht reif. »Sie machen den Fehler so vieler Hegelianer, Lassalle, daß Sie glauben, es liege eine Gleichheit vor zwischen der Entwicklung der Begriffe im reinem Denken, zum Beispiel der Algebra, und den Erscheinungen der Natur und den Vorgängen der Geschichte. Diese gestattet aber keine Rechnung mit benannten Größen.« Und unerschütterlich hielt er dem neuen Freund das Wort Lessings vor: »Es hat zu allen Zeiten Menschen gegeben, welche richtige Blicke in die Zukunft taten und nur diese Zukunft nicht erwarten konnten. Wozu die Geschichte sich Jahrhunderte Zeit nimmt, das soll in dem Augenblick ihres Daseins reifen.« Da sagte Lassalle stolz: »Die Großen werden geboren, die Jahrhunderte zu überwinden.« So debattierten sie Stunde um Stunde und Tag für Tag. Der Widerspruch dieses klugen wirklichkeitwägenden Mannes reizte Lassalles entgegenstürmenden Willen zur Tat. Doch die realpolitischen Bedenken des andern klärten ihm den Blick für die Möglichkeiten des Tages. Er wanderte stundenlang allein im Zimmer umher und ward immer schwankender in der Gewißheit, daß nur die Revolution das allgemeine direkte Wahlrecht erzwingen könne. Aber wie? Aber wie sonst? Das fragte er auch Bucher. Der legte die Hände müde auf die Knie und trauerte: »Ich habe nur die lahme Antwort Macchiavellis: Politik ist die Wahl unter Übeln. Ich wähle das Übel der Resignation.« Das war Öl in das Feuer Lassallescher Leidenschaft. Resignieren, die Hände in den Schoß sinken lassen und alle Hoffnungen und alles Streben den Jahrhunderten überlassen? Nein. Nein! Dazu gebiert die Zeit nicht ihre großen Männer. Und heftig entgegnete er: »Dann wollen wir überhaupt nicht mehr von Staat und Politik sprechen.« »Na, na,« beschwichtigte Bucher. Doch Lassalle rief bitter: »Von zwei Dingen eins: entweder lassen Sie uns Zypernwein trinken und schöne Mädchen küssen, also dem gewöhnlichen Genußegoismus frönen – oder aber, wenn wir von Staat und Sittlichkeit sprechen wollen, so lassen Sie uns alle unsere Kraft der Verbesserung des Loses der unendlichen Mehrheit des Menschengeschlechtes weihen, aus deren nachtbedeckten Fluten wir Besitzenden nur herausragen wie einzelne Pfeiler, gleich um zu zeigen, wie dunkel jene Flut, wie tief der Abgrund ist.« – Still lächelte Bucher zu dieser Emphase. Lassalle aber verwühlte sein Hirn mit der Frage nach dem »Wie?« Doch bald hatte die innere Politik Preußens ihn wieder einmal beim Schopfe. Schwankend, wie er in dieser Zeit noch war, scheu gemacht in seinen eigenen Beglückungsplänen durch Buchers Skepsis, griff er tatenlüstern in den Konflikt der Liberalen mit der Regierung ein. Die Fortschrittspartei hatte die Kosten für die geplante Vermehrung des Heeres verweigert, der König die Reorganisation gleichwohl durchgeführt und damit die Verfassung verletzt, die für dauernde Staatsausgaben die Bewilligung des Abgeordnetenhauses forderte. Dem Widerstände der Fortschrittspartei war der König im März 1862 mit der Auflösung des Abgeordnetenhauses begegnet. Die »neue Ära« war endgültig entschwunden. Die Neuwahlen standen bevor. In diesen Wahlkampf sprang Lassalle. Lange beriet er mit Bucher seine Stellungnahme. »Ich muß etwas tun,« rief er, wirkungsbrünstig den ruhig dasitzenden Freund umkreisend, »ich werde diesen Liberalen einen Vortrag halten. Ihnen die Augen dafür öffnen, daß es sich hier um nichts anderes handelt, als um die Frage: wer hat die Macht in Preußen, die Regierung oder das Volk? Einmal diesen Liberalen zeigen, was diese Verfassung eigentlich ist, auf die sie so rechtsbesessen pochen. Man muß ihnen endlich einmal beweisen, daß es kein Kampf um Aufrechterhaltung dieser schönen Verfassung von 1850 ist, sondern einfach ein Kampf um die Macht.« Bucher schwieg. »Was halten Sie davon?« forderte Lassalle sein Urteil heraus. »Gar nichts,« erwiderte er gelassen. »Die Fortschrittsmänner werden Sie mit Ihrem Vortrage nicht aufrütteln. Im Gegenteil. Die wollen den Streit gar nicht als Machtfrage ansehen, weil sie diesen Konflikt mit Reden, aber nicht mit Taten führen wollen. Ihnen ist es ein Streit um ihr Recht. Da kann man mit Worten zu überzeugen suchen. Einen Kampf um die Macht muß man auf der Straße und der Barrikade ausfechten. Davor graut unseren Fortschrittshelden.« »Dann will ich ihnen das Grauen ins Haus schicken,« prasselte Lassalle auf und ging daran, seinen Vortrag: »Über Verfassungswesen« auszuarbeiten. Am 16. April wollte er ihn im Berliner Bürger-Bezirksverein halten. Einladungen ergingen an all die alten Freunde. Denn ganz im stillen hoffte er, sie zu überzeugen, sie zur mutigen Tat zu gewinnen, das schlaffe Band ihrer Beziehungen zu ihm wieder fest und stark zu knüpfen, wie es einst im Jahre 1858 gewesen. Tief in die Arbeit versunken, saß er am Schreibtisch. Das Fenster stand weit offen. Frühlingsgären sollte einströmen in seine aufmahnenden Worte. Erregend atmete der Lenzabend ins Zimmer. Da klopfte es. Friedrich meldete eine Dame. »Eine Dame?« fragte Lassalle verwundert. Er hatte zur Zeit nicht die kleinste Liaison. »Eine ganz neue,« belehrte Friedrich. »Jung und hübsch. Sie hat so was.« »Dann lassen Sie sie doch herein,« belächelte Lassalle seine Kennermiene und blickte erwartungsvoll zur Tür. Herein trat Hedwig Klingbeil. »Sie – Fräulein Hedwig!« erhob er sich überrascht. »Guten Abend, Herr Doktor,« kam sie forsch auf ihn zu. »Vater schickt mich zu Ihnen.« »Ihr Vater?« staunte Lassalle. »Ja. Er läßt Sie bitten, am 12. April einen Vortrag in seinem Verein zu halten.« »Einen Vortrag!« erwog Lassalle. »Ihr Vater ist Vorsitzender des Berliner Handwerkervereins der Oranienburger Vorstadt, wenn ich mich recht entsinne.« »Ja, im Verein der Maschinenbauer.« »Hm, worüber denn, Fräulein Hedwig? Hat er davon nichts gesagt?« »Irgend etwas Wissenschaftliches, meinte Vater. Das interessiert die Leute immer am meisten. Vorigen Dienstag hat ein Doktor Kunhold einen Vortrag über die Freundschaft von Goethe und Schiller gehalten.« »Hm,« machte Lassalle wieder, überlegend. »Augenblicklich bin ich ein wenig mit Vorträgen überlastet. Am 16. April halte ich einen im Bürger-Bezirksverein, am 19. Mai muß ich zur Feier des hundertjährigen Geburtstages des Philosophen Fichte die Festrede in der Philosophischen Gesellschaft halten.« – »Sie können alles, was Sie wollen,« himmelte sie mit großen Augen. »Sie werden doch die Arbeiter, gerade die Arbeiter, nicht zurückstehen lassen wollen!« Da lächelte er: »Ihr Vertrauen soll bei mir nicht zuschanden werden, Fräulein Hedwig. Also, sagen Sie dem Vater, ich werde den Vortrag halten. Das Thema werde ich ihm in einigen Tagen mitteilen.« »Ich danke Ihnen,« gab sie ihm zum Abschied die Hand, »und freue mich schon sehr darauf.« Sie ging der Tür zu. Da fragte er: »Haben Sie es so eilig, Fräulein Hedwig? Es wäre doch sehr nett, wenn Sie ein bißchen ablegten und ein Stündchen gemütlich mit mir verplauderten. Bei Ihnen zu Hause habe ich doch nie viel von Ihnen über all unseren politischen Debatten.« »Gern,« willigte sie ein ohne Prüderie, »wenn ich Sie nicht störe.« Und legte Hut und Jackett vor dem Spiegel ab. Als sie mit raschen Griffen das braune Haar über der Stirn ordnete, musterte er ihre biegsame schöne Figur in dem hübschen schwarzen Kleide. Sie fing seinen Blick im Spiegel auf. »Was ist?« fragte sie ein wenig verwirrt. »Ich wundere mich,« gestand er, »daß Sie so schmuck gekleidet gehen.« »Ja,« sagte sie mit hochgezogenen Brauen. »Wir müssen das wegen der Kunden. Es kostet Geld genug.« Dann wandte sie sich ins Zimmer zurück, und sich neugierig umblickend, lobte sie naiv: »Fein ist es bei Ihnen!« Stolz zeigte er die anderen Räume. Als sie dann in dem orientalischen Salon behaglich beisammen saßen und Friedrich den Lieblingswein des Hausherrn, den feurigen Tokayer, gebracht hatte, seufzte sie: »Ach, wer es so haben kann!« Er tröstete: »Vielleicht kommt einmal die Zeit, da alle es so haben werden.« »Ich werde es nicht erleben,« klagte sie. »Und meine Kinder auch nicht.« »Nein,« stimmte er bedauernd zu. »Aber vielleicht unsere Urenkel.« »Ach,« trauerte sie, »das ist für mich kein Trost.« »Sie haben es doch ganz gut,« erwog er, »sind sehr hübsch und verständig. Sie werden sicher einen braven Mann finden.« Da wurde ihr Gesicht ganz düster. »Herr Doktor, seit Sie zu uns kommen und über die Arbeiterbewegung reden, habe ich auch über so vieles nachgedacht. Über uns Mädchen aus dem Arbeiterstande, die in den vornehmen Geschäften arbeiten. Es ist so schlimm.« »Die Löhne?« vermutete Lassalle. Sie schüttelte den Kopf. »Das nicht allein. Das Seelische, wenn man es so nennen kann.« »Erzählen Sie,« ermunterte er interessiert. »Sehen Sie mal,« lehnte sie sich auf dem Taburet nach vorn über, »da kommen wir Mädchen aus den engen armen Stuben – es mag ja bei uns ganz ordentlich aussehen, aber eng und ärmlich bleibt es doch immer – wir kommen nun in diese vornehmen Geschäfte und hantieren den ganzen Tag mit feinen Linnen und Seide und Mousseline und probieren den Damen die feinen Kleider an und leben den ganzen Tag in diesen Spitzen und diesem Tand und dieser ganzen Welt der andern, die oft nicht besser und oft lange nicht so hübsch sind wie wir. Und da kommt solch dürre, häßliche, dumme Bourgeoistochter mit ihrem Bräutigam und sucht ihren Hochzeitsstaat aus. Und er ist ein feiner eleganter Mensch. Das tut doch weh.« »Ich verstehe,« begriff Lassalle. »Und da,« sie legte im Eifer die Hand auf Lassalles Arm, »da kommen so dumme Gedanken. Man guckt wie durch einen Spalt in eine andere, feine Welt. Und dann scheint einem am Abend zu Hause alles so ärmlich: der Tisch ohne Tischtuch, das Essen, die eigene grobe Wäsche, das harte schlechte Bett. Man kennt all das Feine, das die andern haben, zu gut. Und man kriegt selbst eine Sehnsucht nach dem Feinen. Ich meine nicht nur nach feinen Kleidern und so. Da drinnen meine ich.« Sie legte die Hand auf die Brust. »Sprechen Sie nur weiter,« bat der Mann. »Das ist mir sehr wissenswert.« Und sie beichtete weiter diese Not, die jung geblieben ist unter den jungen Verkäuferinnen der Berliner Bazare. »Es färbt auf das ganze Fühlen ab, Herr Doktor.« »Sie sprechen ja wie eine Dame,« lächelte er. »Ja – das macht der Umgang mit ihnen,« bekannte sie. Und fuhr erregt fort: »Man kann die Männer zu Hause, die Arbeiter und alles so was, das für unsereinen als Mann in Betracht kommt, nicht mehr lieben. Sie kommen einem roh und plump vor. Man möchte auch einmal solche Dame sein, die in all dieser feinen Wäsche und diesen Spitzen und in diesen Röcken geht. Ich meine gar nicht wirklich. Man möchte aber nicht einem solchen arbeitsschwitzigen Manne gehören. Begreifen Sie? Man möchte einem Manne angehören, der fein und sauber und ein ›Herr‹ ist. So denken sehr viele von uns.« »Ich verstehe das psychologisch sehr gut,« sann Lassalle und sah vor sich hin. Da gewahrte er plötzlich ihr hübsches, vom Sprechen belebtes Gesicht. Er rückte dicht an sie heran, nahm ihre Hand und lächelte schelmisch: »Ja, Fräulein Hedwig, ob wir diese soziale Frage nicht noch in unserer Zeit lösen könnten?« Und in alter Siegerlaune küßte er sie auf den lieben klugredenden Berliner Mädelmund. Sie hatte ihn seit langem sehr lieb. Seit langem war dieser elegante sprühende Mann ihr das Urbild des »Herrn«. Und sie gab ihm freudevoll bedenkenlos ihre jungen Herrlichkeiten, wie ihre Enkelinnen noch heute geben und zu allen Zeiten geben werden, um in den Armen der »feinen Männer« als »Damen« zu schwelgen, ehe sie hinabsteigen in die engen kleinen Stuben der Handwerker, Portiers und Kleinkrämer, die ihren zerstreuten Schätzen dann das Asyl der Ehe bereiten. Als sie, den Schimmer süßen schmerzlichen jähen Weibtums in den Augen, von ihm schied, bat sie: »Daß Vater nur ja nichts erfährt! Er würde mich totschlagen.« – – – – In dieser Nacht tat Lassalles Lebenswerk den ersten lebendigen tiefen Atemzug. In dieser Nacht, in der er die Tochter des vierten Standes ans Herz gepreßt hatte, schrieb er das »Hohelied des Arbeiterstandes«. Ihm galt nicht das Wort, das er Bucher entgegengestellt hatte: »entweder Zypernwein trinken und schöne Mädchen küssen oder aber alle Kraft der Verbesserung des Loses der unendlichen Mehrheit des Menschengeschlechtes weihen.« Seine ungebärdige Kraft vermochte beides. Er küßte sein Mädchen und stürzte sich aus seiner glücksbangen Umarmung in die bang beglückende Umschlingung seiner Lebenstat. In der Hast seines Charakters hatte er sofort begonnen, über ein Thema für den Vortrag im Arbeiterverein zu sinnen. Da schlug die Geburtsstunde seines Messiastums erhaben feierlich, in erschütternder Heiligkeit. Plötzlich wuchs er aus seinem Schreibsessel empor, bleich, mit feuchten Seheraugen. So stand er lange Zeit in bebender Erkenntnis. Das war der Fingerzeig! Das war das Tor, das sein Geschick ihm gnadenvoll öffnete zu seiner Berufung. Dort, in dem Arbeiterverein, wollte er beginnen. Dort ihnen ihre Mission weisen. Dort sein Panier unter ihnen entfalten. Dort ihnen den Weg zeigen zur Freiheit! Und ohne innezuhalten, ohne Überlegung, warf er in dieser Nacht die Grundzüge seines Vortrages. »Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsepoche mit der Idee des Arbeiterstandes«, seines »Arbeiterprogramms« nieder, das fortleben wird, solange es eine Arbeiterbewegung gibt in der Welt. Nicht wollte er ihnen gleich seine ganze Reform enthüllen. Nein, das hatte Zeit. Erst unter ihnen den Boden düngen, erst sie vorbereiten auf ihre weltgeschichtliche Rolle. Die reifen Früchte seiner jahrelangen Vorbereitung schüttete er ihnen in den Schoß, streng wissenschaftlich ging er zu Werke, klar, daß jedes Arbeiterhirn ihn verstehen konnte, setzte er die Schönheit seiner Sprache. Nach einem gewaltigen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der modernen Arbeiterklasse verherrlichte er in begeisterndem Pathos die sittliche Idee des Arbeiterstandes. Und er rüttelte an dem Selbstbewußtsein und dem Pflichtgefühl seiner Hörer: »Für alle, welche zum Arbeiterstande gehören, folgt die Pflicht einer ganz neuen Haltung. Nichts ist mehr geeignet, einem Stande ein würdevolles und tiefsittliches Gepräge aufzudrücken, als das Bewußtsein, daß er zum herrschenden Stande bestimmt, daß er berufen ist, das Prinzip seines Standes zum Prinzip des gesamten Zeitalters zu erheben, seine Idee zur leitenden Idee der ganzen Gesellschaft zu machen und so diese wiederum zu einem Abbilde seines eigenen Gepräges zu gestalten. Die hohe weltgeschichtliche Ehre dieser Bestimmung muß alle Ihre Gedanken in Anspruch nehmen. Es ziemen Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten und die müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen noch selbst der harmlose Leichtsinn der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, auf welchem die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll! Der hohe sittliche Ernst dieses Gedankens ist es, der sich mit einer verzehrenden Ausschließlichkeit Ihres Geistes bemächtigen, Ihr Gemüt erfüllen und Ihr gesamtes Leben als ein seiner würdiges, ihm angemessenes und immer auf ihn bezogenes gestalten muß. Der sittliche Ernst dieses Gedankens ist es, der, ohne Sie je zu verlassen, vor Ihrem Innern stehen muß in Ihrem Atelier, während der Arbeit, in Ihren Mußestunden, Ihren Spaziergängen, Ihren Zusammenkünften; und selbst, wenn Sie sich auf Ihr hartes Lager zur Ruhe strecken, ist es dieser Gedanke, welcher Ihre Seele erfüllen und beschäftigen muß, bis Sie in die Arme des Traumgottes hinübergleiten. Je ausschließender Sie sich vertiefen in den sittlichen Ernst dieses Gedankens, je ungeteilter Sie sich der Glut desselben hingeben, um so mehr werden Sie wiederum – dessen seien Sie sicher – die Zeit beschleunigen , innerhalb welcher unsere gegenwärtige Geschichtsperiode ihre Aufgabe zu vollziehen hat, um so schneller werden Sie die Erfüllung dieser Aufgabe herbeiführen. Wenn unter Ihnen, meine Herren, die Sie mir heute zuhören, nur zwei oder drei wären, in welchen es mir geglückt wäre, die sittliche Glut dieses Gedankens zu entzünden, in jener Vertiefung, die ich meine und Ihnen geschildert habe, so würde ich das bereits für einen großen Gewinn und mich für meinen Vortrag reich belohnt betrachten.« Der Morgen glitt bleich über den Tisch, als er mit den Worten endete: »Von den hohen Bergspitzen der Wissenschaft aus sieht man das Morgenrot des neuen Tages früher, als unten im Gewühl des täglichen Lebens. Haben Sie, meine Herren, einen Sonnenaufgang von einem hohen Berge aus gesehen? Ein Purpursaum färbt rot und blutig den äußersten Horizont, das neue Licht verkündend, Nebel und Wolken raffen sich auf, ballen sich zusammen und werfen sich dem Morgenrot entgegen, seine Strahlen momentan verhüllend – aber keine Macht der Erde vermag das langsame und majestätische Aufsteigen der Sonne selbst zu hindern, die eine Stunde später, aller Welt sichtbar, hell leuchtend und erwärmend am Firmamente steht. Was eine Stunde ist in dem Naturschauspiel eines jeden Tages, das sind ein oder zwei Jahrzehnte in dem noch weit imposanteren Schauspiel eines weltgeschichtlichen Sonnenaufganges.« – Er legte die Feder nieder und trat befreit, hoffnungzitternd an das offene Fenster. Das hohe Lied des Arbeiterstandes war gedichtet. Über den Gärten hob sich die Sonne in den Frühlingshimmel. Verklärt stand der Mann im Morgenrot des neuen Tages. XII. Der Tag brach an. Wohl hatte der Vortrag nicht gleich Weltbrände entfacht. Ein wenig verdutzt und staunend über die wunderbaren Dinge, zu denen sie berufen seien, saßen die Maschinenbauer vor dem bleichen Redner mit den Feueraugen, äußerlich fortgerissen von seiner wie Frühlingssturm brausenden Stimme und der flammenden Begeisterung auf dem schönen Antlitz. Doch das »Arbeiterprogramm« erschien als Broschüre und wurde von Klingbeil, dem alten, und Loewe, dem jungen, und den wenigen, die den Vortrag begriffen hatten, emsig verbreitet in den biederen Arbeiterbildungsvereinen. In Leipzig brachte der junge Drechsler Bebel etliche Exemplare unter seine Bekannten. Doch nur ganz langsam, langsam kam das Steinchen ins Rollen, das zur niederwetternden Lawine anschwellen sollte. Da sprang zur Beschleunigung des Werdegangs der entfesselten Bewegung die Hilfe des Staats ein. Nicht ganz in der Gestalt, in der Lassalle sie zu erkämpfen strebte, aber doch in durchaus förderlicher Form. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte die Broschüre und erhob gegen Lassalle Anklage »wegen Gefährdung des öffentlichen Friedens durch Anreizung der Angehörigen des Staats zu Haß und Verachtung gegeneinander«. Lassalle jubelte. Denn zu allen Zeiten ist die Anklagebehörde der tüchtigste Propagandamacher gewesen. Jetzt wurden die Arbeiter in allen deutschen Landen auf das Arbeiterprogramm aufmerksam. Überall gingen die der Beschlagnahme entronnenen Heftlein von Hand zu Hand, in allen Arbeitervereinen wurden sie herumgereicht und eifrig diskutiert. Das Steinchen rollte – rollte. – Lassalle legte seine Verteidigung in die Hände des tüchtigen Anwalts Holthoff und kümmerte sich im übrigen um die Anklage nicht. Vor einem halben Jahre war die Hauptverhandlung auch kaum zu erwarten. Er hatte Wichtigeres zu tun, als wegen einer drohenden Verurteilung zu bangen. Er hoffte noch immer auf die Hilfe der Fortschrittspartei für seine Befreiertat. Am 16. April hatte er den Vortrag »Über Verfassungswesen« im Bürger-Bezirksverein gehalten. Doch nachher, als er mit den Freunden in dem niedrigen, gemütlichen, verräucherten Kellerraum bei Lutter zusammensaß, griff Duncker ihn kräftig an. »Sie behaupten,« rief der gelassene Mann erregt, »die Verfassung ist ein nichtiges Stück Papier ohne realen Hintergrund. Lieber Freund, uns ist sie das Panier, um das wir uns bis zum letzten Blutstropfen scharen. Nicht auf der Barrikade. Nein. Mit der Kraft, die das Bewußtsein des Rechtes gibt.« Und Dohm fiel ein: »Es ist geradezu ein Frevel, den Konflikt auf eine Machtprobe zuzuspitzen. Dann kann die Regierung nicht nachgeben. Wir müssen gerade im Gegenteil immer wieder betonen, daß wir nicht um die Macht, sondern um unser verfassungsmäßiges Recht kämpfen.« Vergebens suchte Lassalle sie zu überzeugen. Doch sehr bald gab die Entwicklung der Dinge ihm recht. Als er von seiner Reise zur Londoner Weltausstellung und von der Bahre seines plötzlich dahingerafften Vaters im Herbst heimkehrte, war der Konflikt für jedermann klar zum Machtkampf geworden. Der neugewählte Landtag des Jahres 1862 trat am 11. September in die Beratung der Militärvorlage ein. Nach siebentägiger Redeschlacht beschloß er mit 273 gegen 48 Stimmen, die gesamten Kosten der Heeresreform aus dem Haushaltungsplane für 1862 zu streichen. Das Ministerium Hohenlohe-Ingelfingen war in furchtbarer Niederlage niedergerungen. Am Morgen des 21. September stand König Wilhelm am Fenster seines Arbeitskabinetts und blickte mit umflorten Augen hinaus in den herbstlich bunten Park von Babelsberg. Er hatte seit vielen Nächten nicht geschlafen. Die Verzweiflung starrte aus den entzündeten Augen. Der alte Herr war am Ende seiner Kräfte. Ein müdes Zittern rieselte über die gebeugte Gestalt des hohen Sechzigers. Er riß sich vom Fenster los, ging mit matten Knien zum Schreibtisch, tauchte den Kiel in die Tinte und zögerte wieder. Dann setzte er an, seine Abdankungsurkunde zu unterschreiben. Es pochte. Wie auf feiger Tat ertappt, fuhr der König empor. Der Lakai trat ein und meldete – Herrn von Bismarck. Als verstehe er nicht, blickte der König aus stumpfen Augen auf den Mann. Nur mählich fanden die Gedanken ihren Weg. Ja doch – ja doch. Gestern hatte Roon geraten, in dieser höchsten Not den Botschafter in Paris, Herrn von Bismarck, zum Ministerpräsidenten zu berufen. Nach einigem Zaudern hatte der König eingewilligt. Der Lakai stand noch immer unbeweglich. Der König nickte, der Diener ging. Ja, Roon hatte den Jugendfreund telegraphisch aus Paris gelockt und war dann nach Babelsberg zum König geeilt. »Er wird nicht wollen,« hatte Wilhelm ratlos entgegnet, als der Kriegsminister Bismarcks Berufung vorschlug. »Er wird es jetzt auch nicht übernehmen. Er ist auch nicht da, es kann mit ihm nichts besprochen werden.« »Er ist hier,« erwiderte Roon, »und wird Ew. Majestät Rufe bereitwilligst folgen.« – Die Tür des Kabinetts ging, Herr von Bismarck stand vor seinem Könige. Deutschlands Geschick war mit ihm eingetreten. Nach kurzer Begrüßung fragte Wilhelm mit zagender Stimme: »Ja, wollen Sie denn auch gegen die Majorität des Landes Ihr Amt antreten und führen?« »Ja, Majestät,« entgegnete der große schlanke kraftvolle Mann, der noch nichts vom General und alles vom Kavalier hatte. Der Duft der Hofparketts von Petersburg und Paris umwehte noch seine kernige Eleganz, der flotte Quadrillentänzer zuckte noch in den geschmeidigen Gliedern. »Auch ohne Budget?« fragte bang der König. Des Mannes große Augen leuchteten auf unter den buschigen Brauen. »Ja, Majestät.« »Und ohne die Reorganisation der Armee preiszugeben?« »Ja, Majestät.« Der König griff etliche Bogen vom Tisch. »Ich habe hier,« sagte er zögernd, unschlüssig, »ein auf liberalen Grundsätzen beruhendes Programm für meinen Nachfolger angefertigt. Ich hatte die Absicht heute abzudanken. Lesen Sie das Programm. Vielleicht können wir es beibehalten.« Bismarck nahm die Bogen und überflog sie scharf und prüfend. Dann legte er sie auf den Tisch zurück. Hilflos, in ängstlicher Spannung, sah der König dem Manne in die beherzten Augen. »Auf Ew. Majestät Befehl,« sagte er fest, »bin ich bereit, das Amt zu übernehmen, aber ohne Programm.« Da zerriß der König unter der hypnotischen Wucht dieses selbstsicheren Mannes die Abdankungsurkunde und das Programm und warf die Fetzen in den Papierkorb. Doch Bismarck bückte sich, raffte die Papierstücke bedächtig zusammen und steckte sie in die Tasche. »Damit sie nicht in unrechte Hände kommen,« sagte er lächelnd. Drei Tage später, nachdem das Ministerium Hohenlohe-Ingelfingen demissioniert hatte und der König noch einmal unschlüssig geworden war, erschien endlich auf Roons wiederholte eindringliche Mahnung die Kabinettsorder: »Nachdem der Prinz zu Hohenlohe-Ingelfingen auf sein wiederholtes Gesuch von dem Vorsitz im Staatsministerium entbunden, habe Ich den Wirklichen Geheimen Rath von Bismarck-Schönhausen zum Staatsminister ernannt und ihm den interimistischen Vorsitz des Staatsministeriums übertragen. Wilhelm.« Ein Sturm der Entrüstung heulte dem neuen Manne entgegen. Ein Hagelschauer von Schmähungen und Verdächtigungen ging in der Fortschrittspresse gegen den »burschikosen Junker«, den »hohlen Renommisten«, den »Napoleonvergötterer« nieder. Und überall erscholl der Schrei: »Bismarck ist der Staatsstreich!« Die Optimisten sahen in dieser Ernennung nur ein heiteres Intermezzo. Herr von Bismarck würde ebensowenig wie seine Vorgänger den Militärkonflikt beilegen können. Und man erzählte sich hundert Anekdoten von der Originalität der Ausdrucksweise, der spaßigen Laune, dem treffenden Witz und der Selbstironie des neuen Ministerpräsidenten, die deutlich bewiesen, daß er sich des Ernstes der Lage nicht bewußt war. Aber das wußte ja auch der kleinste Berliner Schusterjunge, daß dieser lustige Abenteurer keinen Hauch staatsmännischer Weisheit je verspürt. Da, schon in den ersten Parlamentsreden, zeigte der Löwe die Tatzen. Am 30. September tönte es drohend von der Ministerbank: »Eine Verfassung wird nicht gegeben als etwas Totes, wohl aber erst zu Belebendes; diese Praxis zu beleben, ist nicht rätlich, dann wird die Rechtsfrage leicht zur Machtfrage.« Da wußte der kleinste Berliner Schusterjunge und der größte Fortschrittler: mit dem Manne dort oben war nicht zu spaßen. Der Konflikt war zur Machtfrage geworden. Nun erhob Lassalle sich triumphierend. Jetzt würden den Herren der Fortschrittspartei doch wohl die Augen aufgegangen sein! Wieder sprach er vor liberaler Hörerschaft. Am 17. November hielt er im Berliner Bürger-Bezirksverein den Vortrag: »Was nun?« Stolz wies er darauf hin, daß auch Bismarck sich zu seiner Theorie bekannt habe, daß Verfassungsfragen Machtfragen seien. Und indem er rücksichtslos der Fortschrittspartei die Anklage der Großsprecherei, der Feigheit und Kleinmütigkeit entgegenschleuderte, gab er als einzig wirksames Kampfmittel an, zu sagen, »was ist«. Die Kammer solle, solange die Regierung fortfahre, gegen das Geldbewilligungsrecht der Volksvertretung zu sündigen, streiken, einfach die Arbeit einstellen und dadurch die Regierung zwingen, formell vor aller Welt zu zeigen, was sie sei: eine absolute Regierung. Damit werde die Regierung besiegt. Denn sie könne zwar die Verfassung, aber nicht den Schein der Verfassung entbehren. Die liberale Partei wies seinen Rat aufs schroffste zurück. Sie hatte nicht den Mut zu gewaltsamem Widerstande, den beherztes Vorgehen gegen die Regierung im Gefolge haben konnte. Und just die Dunckersche Volkszeitung griff, ohne ihn zu nennen, den Urheber dieses Rates persönlich aufs heftigste an. »Ein jeder, der in seiner Überspanntheit nach sogenannter Machtpolitik für die Volksvertretung hascht,« schrieb sie im Januar 1863, »leistet bewußt oder unbewußt der Reaktion sehr kostbare Dienste.« Damit war das Band zwischen Lassalle und der Fortschrittspartei zerrissen. Bei einem Diner, das er im Winter gab, waren von jener heiteren Tischrunde des Haschischabends nur noch Prietzel, Korff, Pfuel, Boeckh und Bülow geblieben. Die andern hatte der politische Wind verweht. Doch die Feindschaft klärte die Lage. Jetzt endlich erkannte Lassalle die Vergeblichkeit aller Bemühungen, die Fortschrittspartei vor seinen Siegeswagen zu spannen. Und jetzt endlich, endlich ging er auf seinem Wege, ohne zu schwanken, ohne Abbiegen, stracks und gerade auf sein großes einsames Ziel los. Endlich stellte er sich auf nichts als auf seine eigene Kraft und erkannte – wie so mancher nach ihm – daß der Mann der stärkste ist, der allein steht. Das Steinchen rollte. Für Liebessachen blieb keine Zeit. Und doch stürmten sie gerade jetzt wieder auf ihn ein. Hedwig Klingbeils erweckte junge Leidenschaft stellte ihre Ansprüche. Und am Tage nach seinem Angriff auf die Fortschrittspartei, als die Zeitungen ihn in Stücke rissen, als die früheren Freunde sich in heftigen Briefen von ihm lossagten, kam zu ihm leise eine Überraschung. Er saß am Schreibtisch und las mit verächtlichem Lächeln diese Absagen. Da war auch ein Brief Strassers. Lassalle überflog ihn höhnisch. »Ich kann nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, daß Ihr Vorgehen gegen unsere Partei mich aufs tiefste empört. Für den Fall, daß wir uns wieder in Gesellschaft oder sonst sehen sollten, erkläre ich Ihnen zu meinem Bedauern, daß ich in Ihnen einen persönlichen Feind sehen und danach handeln müßte. Das gleiche gilt natürlich von meiner Frau.« Da meldete Friedrich, der im Laufe der Jahre ein vertrautes Faktotum geworden war, mit geheimnisvollem Staunen eine Dame. »Wer denn?« fragte Lassalle unwillig ob der Störung. »Die, welche früher so oft gekommen ist. Nun war sie ja jahrelang nicht hier.« Und mit intimer Wissermiene flüsterte er: »Ich habe sie in den Salon geführt und gesagt, ich müßte erst mal nachsehen, ob Herr Doktor nicht Besuch hat. Nach so langer Zeit kann man ja nicht wissen, ob Herr Doktor wieder anfangen wollen.« »Sie sind ein genialer Männerkenner,« lachte Lassalle und schritt neugierig zur Tür. Es war einst ein buntes Bukett gewesen und nicht leicht zu erraten, welche Blume ihm neu erblühte. – Wie damals in der alten Wohnung stand Marie Strasser im Salon unter dem Lüster. Doch sie breitete nicht die Arme in gebender Freude und verlangender Schönheit. Bleich und schmal, mit scheuem Lächeln stand sie da, die Arme matt herniederhängend. »Marie!« stutzte Lassalle in der Tür. »Du!« »Ja,« sagte sie, und auch ihre wohltuende tiefe Altstimme war geblichen, »ich.« Er war bei ihr und nahm wortlos ihre Hände. Schmerzlich hastete sie hervor: »Ich habe heute früh die Zeitungen gelesen. Und Mittag schalt mein Mann so erbost auf dich und meinte, jetzt würde jeder anständige Mensch sich von dir zurückziehen. Da bin ich gekommen –« und sehr leise fügte sie hinzu: »daß du nicht so ganz allein bist.« Da übermannte ihn die Erinnerung und die Rührung. Erschüttert küßte er ihr beide Hände und stammelte: »Du Liebe – Du Gute!« Dann führte er sie in das Arbeitszimmer und setzte sie ganz zart in den tiefen Polsterstuhl, in dem sie oft gesessen hatte damals, als er ihr den Heraklit erklärte und Ovid und Properz mit ihr las. Und stand vor ihr und blickte stumm auf ihr blondes schönes Haar, das das Gaslicht umsonnte wie einst – wie einst. Und alte Sehnsucht erwachte, und er sprach leise: »Marie, wie eine linde süße Erinnerung sitzest du da vor mir. Und wie eine Schuld. Ich glaube, ich war damals grausam zu dir. Ich hatte nicht das Verständnis für deine selbstlose große Liebe.« Er streichelte ihren Scheitel. »Lieber,« hob sie die schönen schmerzgeweihten Augen zu ihm empor, »Männer, wie du, sind für uns Frauen ein schmerzliches Glück. Heute habe ich das längst erkannt. Und deshalb kann ich dir heute meine Freundschaft bringen.« Ein Lächeln glitt über die scharfen Linien seines Gesichts. Er ging zum Schreibtisch. »Hier liegen die Briefe dieser Edlen,« höhnte er. »Auch dein Mann kündigt mir die Freundschaft – lächerlich – wir sind uns kaum alle Jahr einmal begegnet – und teilt mir mit, daß auch du nun meine Feindin seiest.« Da sagte sie einfach: »Ich habe dir gehört, immer, immer. Und werde immer bei dir sein, wenn du meiner bedarfst.« Er trat wieder zu ihr, setzte sich auf die Lehne des Stuhls und legte den Arm um ihre Schulter. »Du Treue,« liebkoste er weich. »Ich danke dir. Doch ganz so einsam, wie diese Biederleute meinen, stehe ich denn doch nicht. Einige meiner Freunde sind mir geblieben. Und dann – die große Armee meiner wahren Freunde ist im Anmarsch.« Und stolz rief er: »Weißt du noch, Marie, wie ich immer sagte, meine Zeit wird kommen? Jetzt ist sie gekommen. Die Morgenröte meiner Zeit steht purpurn am Himmel. Jetzt wird es tagen. In allen Arbeitervereinen geht mein Arbeiterprogramm um. Es regt sich und gärt. Bald sollen die Herren Unternehmer von der Fortschrittspartei erbleichen unter dem Dröhnen der marschierenden Arbeiterbataillone.« Sie bekannte in verehrender Schlichtheit: »Ich habe immer gewußt, daß dein Tag kommt.« Und plötzlich stand sie auf, umkettete seine Hände und flehte atemlos: »Wenn du je in Gefahr bist, wenn du einen Menschen brauchst in deiner einsamen Höhe, versprich, schwöre mir, daß du mich dann rufst. Sonst finde ich keine Ruhe. Immer treibt mich die Sorge umher, du bist allein, ohne Hilfe, ohne Nähe eines Freundes. Schwöre mir, daß du mich rufen wirst! Ich komme sofort – über tausend Hemmnisse hinweg. Aber schwöre es mir, sonst ist mir jede Stunde mit Qualen getränkt und Furcht und Bangen. Ich stehe am Fenster und horche hinaus nach deiner Not. Ich gehe täglich an deinem Hause vorbei und suche mit meinen Blicken die Wände zu durchbohren. Sag, daß du mich rufen wirst!« »Aber, Kind,« beschwichtigte er, »was soll mir denn geschehen!« Sie klammerte sich an seine Schulter und flüsterte mit brennenden Augen: »Ich habe solche Angst um dich!« Da lachte er auf in seinem sieghaften Fatalismus. »Ich bin unverwundbar wie Siegfried. Ehe mein Werk nicht getan ist, kann mich kein Speer des Schicksals verletzen.« Sie aber beharrte: »Versprich, daß du mich rufen wirst!!« »Weshalb rufen? Jetzt, da du den Weg wieder zu mir gefunden hast, wirst du doch oft kommen, Marie!« Sie schüttelte mild den blonden Kopf: »Nein, Ferdinand, das kann ich nicht.« Da ward es ganz still im Zimmer. Er fragte nicht, bat nicht, drängte nicht. Er verstand und ehrte ihre Pflichtentreue. Endlich sagte er: »Wenn ich einmal niederbreche und ganz einsam bin, will ich dich rufen, Marie. Aber ich glaube nicht, daß wir uns dann je wiedersehen werden.« Da riß sie sich mit tragischer Kraft von ihm. »So will ich es freudig tragen, dich niemals wieder zu sehen.« – – An diesem Abende, an dem die von ihm ging, die alle Fesseln sprengen und zu ihm eilen wollte in der Stunde der Gefahr, begegnete er ihr, die dereinst die bitterste Not seines Lebens werden sollte. An diesem Abende besuchte Lassalle seinen Freund und Anwalt Holthoff. Der Termin der Hauptverhandlung stand bevor. Der Anwalt lud den Klienten zum Abendbrot. »Wir haben noch einen Gast,« suchte er Lassalle neugierig zu machen, »Fräulein Helene von Dönniges, die darauf brennt, Sie kennen zu lernen.« Geschmeichelt blieb Lassalle. Als die Herren aus dem Bureau in die Wohnung hinüberkamen, ward Lassalle einer großen, schlanken Dame mit geschmeidiger Fülle der Glieder vorgestellt. Überrascht bohrten sich seine Augen in dieses erstaunlich schöne Gesicht. »Guten Abend, Herr Lassalle,« grüßte sie burschikos und gab ihm die Hand. »Endlich sehen meine Augen Sie. Meine Ohren haben schon oft genug von Ihnen geklungen.« Ihre innere Freiheit gefiel ihm. »Seien Sie bloß einen Augenblick still!« gebot er ebenso munter, »meine Augen sind so voll beschäftigt, daß meine Ohren ruhen müssen.« »Bitte sehr,« lachte sie, »bedienen Sie sich!« Mit ungenierter heiterer Gründlichkeit durchforschte er ihre wundersame Schönheit. Doch Lassalles scherzhafte Stimmung erstarb langsam. Bitterernst starrte er in ihr bleiches, scharfgeschnittenes Gesicht, über dem das rotgoldene Haar lohte wie Feuerbrand. Da stieß Frau Holthoff ihren Mann an: »Aber, sieh doch, Aurel, sie sehen sich ja sprechend ähnlich!« »Mir fiel es auch schon auf,« staunte der Anwalt. Auch Lassalle hatte es bemerkt. »Seltsam,« sagte er leise, »einmal schon bin ich einem Weibe begegnet, das hatte meine Augen. Diesmal finde ich eins, das hat meine Züge.« »Wir haben vielleicht beide ein Allerweltsgesicht,« lachte Helene von Dönniges, Widerspruch herausfordernd. »Ihr!« entsetzte sich Frau Holthoff. Lassalle tauchte noch immer hinein in diese flimmernden Augen mit ihrem unbestimmbaren Schmelz von Grün und Blau und Grau. Sie sprühten von Geist und Sinnlichkeit. »Sie sind unheimlich,« erklärte er in seiner dreisten Offenheit. »Sie gleichen den Nixen der nordischen Sage, die aus der verborgenen Tiefe schwarzumrauschter Waldseen emporsteigen, die Sterblichen zu beglücken und zu verderben.« »Nanu!« lachte Holthoff. Helene aber funkelte ihm grüne Flämmchen entgegen aus den Augen, die plötzlich etwas vom Raubtier hatten, und lachte mit ihrem gefrierend klirrenden Lachen: »Haben Sie den Mut, sich der Nixe zu nahen!« Da zerbrach die liebenswürdige, brave Frau Holthoff das Gespenstige der Frage. Sie überwand ihren Schauer und scherzte: »Herr Doktor Lassalle wird den Mut wohl oder übel haben müssen, denn er soll Sie nun zu Tisch führen.« Beim Abendessen sprach man von Lassalles Vorträgen, von der Politik, von Herrn von Bismarck und hundert anderen Dingen. Doch nachher, als Lassalle Fräulein von Dönniges nach Hause begleitete, kam wieder die tolle Laune über beide. Kaum hatte die Korridortür sich hinter ihnen geschlossen, da peitschte Lassalle sie auf: »Ich habe den Eindruck, Sie überrascht nichts.« »Wenig,« gestand sie. »Auch das nicht?« lachte er hell auf, umfaßte ihre Glieder und trug sie hocherhoben die Treppe hinab. »Nein,« bekannte sie gelassen. »Ich bin. es gewöhnt, auf Händen getragen zu werden.« Wie eine Wildkatze hing sie an seinem Halse und preßte den Leib an seine Brust. Unten im Hausflur setzte er sie nieder und küßte sie keck auf den gierigen feuchten Genießermund. Sie verbiß die Zähne in seine Lippen, daß ihm das Blut heraussprang. Und als sie dann Arm in Arm durch die Straßen wanderten, erzählte sie ungeniert von ihrem wilden Leben in Nizza, wo sie einen jungen russischen Seekadetten, Paul von Krusenstern, geliebt hatte – ah, geliebt! Sie ließ die schweren Lider halb herabsinken in einer schamlosen, vergehend wollüstigen Erinnerung. Es war Lassalle, als atme ihm plötzlich eine beklemmende Schwüle mänadischer Ekstase von ihrem üppig straffen jungen Busen zu. Er legte den Arm um ihren Leib, der sich weich und lebendig unter dem Jackett bewegte. Da lachte sie auf. »Ach, und in Tegernsee! Da nannten mich alle »Die Nixe vom Tegernsee!« »Du scheinst schon recht bunt erlebt zu haben,« erriet Lassalle. Sie reckte den Körper unter dem Druck seines Armes. »Ja,« dehnte sie sich, »ich will auch nicht dasitzen und zusehen, bis ich in die Ehe hineintorkele. Ich will leben und genießen und mich hingeben und nehmen!« Sie krallte die Finger wie Raubtierfänge. »Das sind lobenswerte Grundsätze,« billigte Lassalle. »Wann darf ich auf deinen Besuch rechnen? Ich wohne Bellevuestraße 13.« Sie überlegte. »Es wird nicht gehen. Ich bin hier zu Besuch bei meiner Großmutter, Frau Wolf. Meine Eltern wohnen in Bern, mein Vater ist dort bayerischer Gesandter. Großmama beaufsichtigt mich streng, sie hat immer sehr über die ›Verwahrlosung‹ geschimpft, in der meine guten Eltern mich haben aufwachsen lassen.« Sie lachte gespenstisch, und ihre Augen züngelten. »Aber ich habe sie doch betrogen, ich habe mich verlobt.« »Ah,« machte Lassalle ohne Staunen. »Nichts von Bedeutung,« beruhigte sie. »Ein guter, lieber Junge, fast ein Knabe. Ein Student aus der Wallachei. Janko von Rakowitza heißt er. Aber er weiß, daß ich ihn laufen lasse, wenn ich etwas Besseres finde.« »Deine Grundsätze entzücken mich,« lobte Lassalle spöttisch belustigt. »Also, ich harre deiner. Denn ich huldige ähnlichen Prinzipien. Wir werden uns ausgezeichnet verstehen.« Sie standen vor dem Hause. »Es wird nicht gehen,« schüttelte sie den Kopf, daß ihr goldenes Geflimmer unter dem chicken Hute wie ein Feuerreif knisterte. »Man beobachtet mich zu gut.« »Doch der Wallache!« bedeutete Lassalle. »Der kommt zu uns ins Haus. Ich gebe vor, daß er mir Unterricht erteilt in den alten Sprachen.« »Das tut er doch auch,« lächelte Lassalle. »Er unterrichtet dich in der allerältesten Sprache der Menschheit. Gut, dann werde ich auch meinen Besuch machen. Ich glaube, ich bin ein ziemlich gewiegter Lehrmeister.« »Das glaube ich auch,« sie räkelte lüstern die Brüste gegen das Jackett. »Aber es geht nicht. Ich sprach neulich von dir – Boeckh hatte bei einer Bekannten von dir geschwärmt. Aber das Entsetzen von Großmama! Das hättest du sehen sollen. Du seiest ein Revolutionär und Umstürzler und Feind der Fortschrittspartei und ein Dieb und Räuber.« Und sie schmiegte sich an ihn und glitzerte ihn aus grünlichen Augenschlitzen an: »Bist du ja auch, du Dieb und Räuber meiner Ruhe: für diese Nacht.« Damit ging sie ins Haus. »Auf Wiedersehen,« rief er ihr anzüglich nach. Da wandte sie sich um und geisterte ihm unheimlich zu: »Wir werden uns wiedersehen!« Dann verschwand sie auf der Treppe. Lassalle aber ging beklommen heim. Ein gespenstisches Gefühl saß ihm im Nacken. Doch am nächsten Morgen hatte er die Begegnung vergessen. Denn am nächsten Tage stand er vor Gericht und wurde trotz seiner glänzenden Verteidigung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Als er mit Holthoff über die Einlegung der Berufung beriet, fragte ihn dieser nebenbei, wie ihm Fräulein von Dönniges gefallen habe, sie scheine ihm die passende Frau für ihn. Da hob Lassalle abwehrend die Hände: »Nein, lieber Freund, mein ehemännliches Selbstgefühl würde mir bei dieser Wassernixe zu sehr verwässert werden.« XIII. Dann kam ein stolzer Tag für die Getreuen Klingbeil und Loewe. Und ein stolzer Tag für Ferdinand Lassalle. Die Gärung in den Arbeiterbildungsvereinen war zu einer lebhaften Bewegung aufgebrandet. In Leipzig, wo ein besonders reges politisches Leben in dem Verein »Vorwärts« pulsierte, war die Idee eines großen allgemeinen Arbeiterkongresses aufgeblüht, ein Komitee zur Vorbereitung dieses Kongresses hatte sich gebildet und eine Abordnung nach Berlin entsandt, mit den Berliner Genossen über diesen Kongreßplan zu beraten. Die Deputation wandte sich zunächst an die Führer der Fortschrittspartei; denn noch immer haftete in ihnen der eingeborene Glaube, daß diese Partei die Mutter der Arbeiter sei, in deren Hut, an deren Gängelband sie leben und sterben müsse. Hier hörten sie das alte Lied: Die Idee eines Kongresses sei absurd, der Arbeiter solle sich nicht mit Politik befassen, er solle seine Arbeit tun und alle Sorge für die Besserung seiner Lage hübsch der Fortschrittspartei überlassen, die ihm doch in jeder Weise helfe und ihn bilde und für ihn sorge, wie eine Mutter für ihre lieben Sorgenkinder. Die Deputation ging zu Schulze-Delitzsch. Er nahm sie auf in seine warme mitfühlende Güte. Die Kongreßidee riet er zu vertagen. Sie sei noch zu früh. Er wolle sie erst vorbereiten durch Vorträge über Kapital und Arbeit. Und wacker rief er den Leuten zu, er stehe nicht an, die Demokratie solange für eine hohle Phrase zu erklären, als sie nicht zur Verbesserung der materiellen Existenzbedingungen der arbeitenden Bevölkerung führe. »Ja, aber wie?« fragte der Führer der Deputation, Doktor Otto Dammer, ein Chemiker, der sein Leben der Arbeitersache geweiht hatte. Da verwies Schulze-Delitzsch auf seine Genossenschaften, seine Spar- und Kreditvereine. Stumm und niedergeschlagen verließ die Abordnung das gastliche Haus. Auch hier hatte sie Steine statt Brot gefunden. Da trafen sie mit dem jungen Loewe zusammen und klagten ihm ihre Not. Ja, hatten sie denn nicht von Doktor Lassalle gehört! Gewiß, sie kannten sein Arbeiterprogramm recht gut. Hätten sich nur nicht recht getraut, ihn aufzusuchen. Er sei doch solch vornehmer Herr. Da lachte Loewe ihnen seine frohe Hilfe entgegen. Es war eine erhabene Stunde, als er diese beistandsuchende Abgesandtschaft der Leipziger Arbeiter durch den verschneiten Vordergarten des Hauses in der Bellevuestraße führte. Es war ein Ziel, und es war ein verheißender Anfang. Dann standen sie in dem ernsten Arbeitsraum, der ruhige Dr. Dammer, der besonnene verständige Zigarrenarbeiter Wilhelm Fritsche, der kribbelige, junge intelligente Julius Vahlteich und der Fabrikant Ludwig Loewe. »Hübsch hat er's,« sah Vahlteich sich um, »fast zu hübsch für einen Arbeiterfreund.« »Hier wird gearbeitet, das sieht man,« erwog Fritsche. Da öffnete sich die Tür, Lassalle trat herein, Stolz und Genugtuung auf der markigen Stirn. Sofort riß er alle drei in den Bann seiner zwingenden Augen, in den Charme seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit. Schon als er ihnen kameradschaftlich entgegenkommend die Hände drückte, wußte der behende Vahlteich: das ist unser Mann. Nach einigen einführenden Erläuterungen ergriff Dr. Dammer das Wort. »Wir wollten Sie bitten, Herr Doktor, uns Ihre Ansichten über die Arbeiterbewegung und die Mittel auszusprechen, deren sie sich zu bedienen hat, um die Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes in politischer, materieller und geistiger Beziehung zu erreichen.« »Was die andern sagen,« fiel Vahlteich ein, »hilft ja doch zu nichts. Die einen sagen, wir sollen uns nicht um Politik kümmern und sollen nur den selbstlosen Chor der Fortschrittspartei abgeben, und Schulze-Delitzsch kommt immer mit seinen Genossenschaften, die uns Arbeitern nichts helfen, wenn wir nicht Kleinhandwerker sind.« »Ja,« nahm Dr. Dammer wieder das Wort, »besonders möchten wir Sie auch bitten, sich über den Wert der Assoziationen für die ganz unbemittelten Volksklassen auszusprechen.« Alle blickten erwartungsvoll auf Lassalle. Still stieg der Rauch der Zigarren zur Decke. »Zunächst,« hob er an, »ist es geradezu vollständig beschränkt, zu glauben, daß die Arbeiter die politische Bewegung und Entwicklung nicht zu kümmern habe. Schon die Frage, ob Sie sich versammeln dürfen, Vereine gründen, ist eine von politischer Gesetzgebung abhängige Frage.« Die Männer nickten. »Nicht weniger falsch,« fuhr er fort, »ist das Ansinnen, daß Sie sich nur als Anhängsel und Resonanzboden der Fortschrittspartei zu betrachten haben. Eine solche Haltung geziemt nicht einer so mächtigen und selbständigen, ganz andere Ziele verfolgenden Partei, wie sie die deutsche Arbeiterpartei zu werden hat. Und dann, meine Herren,« – seine Wangen röteten sich – »diese Fortschrittspartei hat doch wohl gezeigt, daß sie einer entschlossenen Regierung gegenüber durchaus ohnmächtig ist und stets sein wird.« Die Männer nickten. »Hieraus folgt, daß der Arbeiterstand sich als selbständige Partei konstituieren muß.« Die Männer nickten. »Sie wünschen nun auch meine Meinung über den Wert der Assoziationen des Herrn Schulze-Delitzsch zu wissen. Nun, meine Herren, er ist das einzige Mitglied der Fortschrittspartei, das etwas für das Volk getan hat! Er ist durch seine unermüdliche Tätigkeit und obwohl alleinstehend und in gedrücktester Zeit der Vater und Stifter des deutschen Genossenschaftswesens geworden. Das ist ein Verdienst, das wir nicht hoch genug anschlagen können. Denn Wahrheit und Gerechtigkeit, meine Herren, auch gegen einen Gegner, ist die erste Pflicht eines Mannes. Und vor allem geziemt es dem Arbeiterstande, sich dies tief einzuprägen.« Die Männer murmelten beifällig. Loewe strahlte. »Aber,« hob Lassalle die Stimme, »die Wärme, mit der ich Schulze-Delitzschens Verdienst anerkenne, darf uns nicht hindern, mit kritischer Schärfe die Frage ins Auge zu fassen: sind seine Assoziationen, die Kredit- und Vorschuß-, die Rohstoff- und die Konsumvereine imstande, die Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu bewirken? Und auf diese Frage muß die Antwort allerdings das entschiedenste ›Nein‹ sein! Das will ich Ihnen in aller Kürze beweisen.« Und er legte ihnen dar, daß die Kredit-, Vorschuß- und Rohstoffvereine nur für den kleinen Handwerker mit eigenem Betriebe in Betracht kämen, diesen indessen auch nicht förderten, vielmehr nur seinen Todeskampf mit der Großindustrie verlängerten, die Qualen seiner Agonie vermehrten und die Entwicklung der Kultur unnütz aufhielten. »Bleiben also die Konsumvereine. Sie helfen gewiß momentan. Aber wie lange? So lange, meine Herren, bis das eherne Lohngesetz sich die Verbilligung der Lebenshaltung, die durch die Konsumvereine im Lebensunterhalt der Arbeiter eintritt, zunutze macht.« Und nun hob Lassalle den erregt aufhorchenden Männern den Schleier von der aussaugenden Macht des Ricardoschen Lohngesetzes und entwickelte ihnen das Programm, durch welches seine tückische Herrschaft gestürzt werden sollte. Klar, logisch, hinreißend sprach er, wie damals in Klingbeils niedriger Stube. Doch jetzt war ihm alles altgewohnt und oft durchdacht. Mit packender Anschaulichkeit legte er sein Reformwerk dar. Der junge Loewe saß stumm dabei und blickte triumphierend in die aufstaunenden Augen der drei Leipziger. Oftmals taten sie Fragen, die ihr tiefdringendes Verstehen verrieten. Und als Lassalle rief: »Das allgemeine und direkte Wahlrecht ist also nicht nur Ihr politisches, es ist auch Ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller sozialen Hilfe, es ist das einzige Mittel, um die materielle Lage des Arbeiterstandes zu verbessern,« da fragten sie alle drei wie aus einem Munde: »Ja, wie sollen wir die Einführung dieses Wahlrechts bewirken?« Jetzt hatte Lassalle den Weg gefunden. Damals, als er bei Klingbeil zuerst von seinem Plane sprach, hatte die Revolution noch im Hintergrunde seiner Gedanken als Zwangseinführung des Wahlrechts gedroht. Doch Buchers Realpolitik war nicht vergeblich in diesem Zimmer verhallt. Jetzt hatte Lassalle ein anderes Mittel ersonnen. »Blicken Sie auf England,« wies er. »Mehr als fünf Jahre hat die große Agitation des englischen Volkes gegen die Korngesetze gedauert. Dann aber mußten sie fallen.« Und nun stand er inmitten dieser ersten kleinen Arbeitergemeinde, die ihn um Rat und Hilfe anrief. Mit erhobener gebietender Stimme befahl er: »Organisieren Sie sich als ein Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein zu dem Zweck einer gesetzlichen und friedlichen, aber unermüdlichen Agitation für die Einführung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen Ländern. Von dem Augenblicke an, wo dieser Verein nur 100 000 deutsche Arbeiter umfaßt, wird er bereits eine Macht sein, mit der jeder rechnen muß. Pflanzen Sie diesen Ruf fort in jede Werkstatt, in jedes Dorf, in jede Hütte. Debattieren Sie, diskutieren Sie überall, täglich, unablässig, unaufhörlich. Je mehr das Echo Ihrer Stimme millionenfach widerhallt, desto unwiderstehlicher wird ihr Druck sein. Stiften Sie Kassen, zu welchen jedes Mitglied des Deutschen Arbeitervereins Beiträge zahlen muß. Bei einem wöchentlichen Beitrag von nur einem Silbergroschen würde bei hunderttausend Mitgliedern der Verein jährlich 160 000 Taler verwenden können. Gründen Sie mit dem Gelde öffentliche Blätter, die täglich dieselbe Forderung erheben, verbreiten Sie Flugschriften, besolden Sie Agenten, welche dieselbe Einsicht in jeden Winkel des Landes tragen, das Herz eines jeden Arbeiters, eines jeden Häuslers, eines jeden Ackerknechts mit demselben Rufe durchdringen. Entschädigen Sie aus den Mitteln dieses Vereins alle diejenigen Arbeiter, die wegen ihrer Tätigkeit für denselben Schaden und Verfolgung erlitten haben. Wiederholen Sie täglich, unermüdlich dasselbe! Wieder dasselbe, immer dasselbe! Je mehr es wiederholt wird, desto mehr greift es um sich, desto gewaltiger wächst seine Macht!« »Bravo!« schoß Vahlteich begeistert in die Höhe. »Ausgezeichnet!« flüsterte Dr. Dammer. Fritsche rieb sich verständig die braunen Zigarrendreherhände. Loewe sprühte Triumph. Da schloß Lassalle: »Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft zu jeder Zeit auf einen Punkt – auf den wichtigsten – zu konzentrieren und nicht nach rechts noch links zu sehen. Blicken Sie nicht nach rechts noch links, seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines und direktes Wahlrecht heißt oder damit im Zusammenhang steht und dazu führen kann. Das allgemeine Wahlrecht von 96 Prozent der Bevölkerung als Magenfrage aufgefaßt und daher auch mit der Magenwärme durch den ganzen nationalen Körper hin verbreitet – es gibt keine Macht, die sich dem lange widersetzen könnte! Dies, meine Herren, ist das Zeichen, das Sie aufpflanzen müssen. Dies ist das Zeichen, in dem Sie siegen werden! Es gibt kein anderes für Sie!« Er schwieg, heiß vom langen Sprechen und vom Rausche der Idee. Die Männer standen lange ehrfürchtig vor dem Sessel, in den er erschöpft gesunken war. »Das ist – das ist –« stammelte Dr. Dammer, »das ist das Größte, das ich erleben kann.« »Sie sind ein Lichtbringer,« bebte Vahlteich, der viel gelesen hatte. Und Fritsche sagte: »Sie sind unser Retter, Herr Doktor.« Ihre Gesichter glühten. Das war der Mann ihres Heils! Das war die Idee des Jahrhunderts. Das war der Messias, der die Idee des Jahrhunderts zur Tat führen konnte! Langsam überwanden sie die andächtige Scheu. Sie standen umher und siedeten und sprachen kampfhitzig durcheinander. Der junge Loewe sprühte Triumph. Ehe sie, kurz vor Mitternacht, das Haus verließen, bat Dr. Dammer: »Wäre es sehr unbescheiden, wenn wir Sie bäten, uns das kurz aufzuschreiben» was Sie uns soeben entwickelt haben? Das Komitee in Leipzig würde Sie dann noch offiziell darum bitten.« »Ich schreibe es gern für Sie nieder,« erfaßte Lassalle sofort die Hand des Schicksals. Und als die Deputation unter Loewes Führung die einsame Bellevuestraße hinabschritt, ein jeder begeistert die Lobesfanfare auf diesen seltenen Mann schmetternd, stand er am Fenster und sah auf zu den ewigen Sternen am kalten frostklaren Nachthimmel. – Jetzt war sein Tag, sein arbeitsheißer Tag gekommen. Jetzt stand er mitten in der Bewegung. Jetzt war der Kampf entbrannt. Vorwärts jetzt zum Siege! Wenige Tage später kam die schriftliche Bitte des Zentralkomitees. Und wieder einige Tage später flatterte Lassalles »Offenes Antwortschreiben« als Broschüre hinaus in die Welt. »Die Stiftungsurkunde des deutschen Sozialismus« war mit ehernen Lettern geschrieben. Faksimile Wie einst Luther an die Schloßkirche zu Wittenberg hatte er seine Thesen an die verschlossenen Pforten der Menschlichkeit geschlagen, daß sie weit aufsprangen unter der Wucht seiner dröhnenden Hammerschläge. Wie ein Feuerbrand im Pulverfaß zündete das Antwortschreiben unter den Arbeitern. Es las sich in Lassalles klarer Sprache so leicht, daß es ihnen war, als wüßten sie all diese Weisheit jahrelang. Doch aus dem Lager der Fortschrittspartei heulte und pfiff der Sturm. Man erkannte sofort, was auf dem Spiele stand. Die ganze liberale Presse fiel über das »Antwortschreiben« her und zerfetzte es in Stücke. Sie behauptete, das eherne Lohngesetz gelte in der Wissenschaft als längst überwunden, Lassalle verstehe von Ökonomie kein Wort, er greife die Fortschrittspartei nur an, um sich lieb Kind bei der Regierung zu machen und in der Berufungsinstanz seines Strafprozesses eine geringere Strafe zu erlangen. Renegat, Apostat, schrie es durch den fortschrittlichen Blätterwald. Und Herr Schulze-Delitzsch schalt gewaltig auf »das ganze Halbwissen des Herrn Lassalle und seine gänzliche Unfähigkeit, jemals auf diesem Gebiet eine irgend lebensfähige Schöpfung hervorzubringen – und die Sinnlosigkeit der von ihm empfohlenen Mittel.« Die konservative Presse aber freute sich über die Wut der Liberalen. Die Arbeitervereine wurden gegen den Friedensstörer Lassalle mobil gemacht. Heftige Kämpfe prasselten auf in allen Bildungsvereinen. Durch die gesamte Arbeiterschaft klaffte ein tiefer Riß. Hie Lassalle! – Hie die Anhänglichkeit an die alte Tradition und die liebe fürsorgliche Mutter Fortschrittspartei! Doch Lassalle war nicht müßig. Jetzt brach die Zeit an, da seines Lebens Tag darin bestand, in Wort und Schrift sein Programm zu propagieren und gegen alle Einwände und Angriffe mit Titanenkraft zu verteidigen. Die kurze Spanne, die ihm das Schicksal noch ließ, ward ein großer nimmerruhender Kampf um die Durchsetzung der Thesen seines Antwortschreibens. Schon der 16. April 1863 fand ihn in Leipzig auf der Rednerbühne des »Odeon«. Auf Einladung des Komitees war er hinübergeeilt, mit seinem Worte seine Reform zu verteidigen. Dichtgedrängt saßen und standen die 4000 Arbeiter, die gekommen waren, den neuen Messias zu sehen und sein Heilandswort zu hören. Auch der Feind war zugegen in Scharen. Lassalle stand oben am Rednerpult, das Katheder vor ihm mit einem Wall von Büchern und Folianten umkränzt. Denn er blieb stets der ernste Mann der Wissenschaft, der auch in seinen Volksreden die treue Jüngerschaft der hehren Göttin seines Geistes nicht verleugnete. Er ersparte seinen Hörern nicht die längsten wissenschaftlichen ökonomischen Ausführungen, als spräche er vor einer Akademie der Wissenschaft. Doch immer blieb er einfach und jedem Arbeiterhirn verständlich. Er häufte ihnen in endlosen Zitaten die Zeugnisse aller großen Gelehrten als Beweis für die geltende Herrschaft des »ehernen Lohngesetzes«. Aber wenn er dann mit feinem Taktgefühl die Erschlaffung ihrer Aufmerksamkeit empfand, dann brach der geborene Demagoge und leidenschaftliche Volksredner aufpeitschend und die verborgensten Tiefen dieser dunklen Seelen aufwühlend aus ihm hervor. Dann schleuderte er die vornehme Ruhe des Gelehrten zu Boden, dann arbeiteten die Arme, dann blitzten die machtvollen blauen Augen, dann rollte die Stimme stark und sonor bis in den hintersten Winkel der großen Säle. Dann schlug der Wetterstrahl seiner Empörung zündend ein in das dumpfeste Gemüt auf der allerletzten Bank, dann brach eine wilde Springflut hernieder über die aufhorchende Gemeinde, schwemmte sie heraus aus den Niederungen ihrer stumpfen Gleichgültigkeit und riß sie auf hochgischtenden Wogen hinaus ins weite Meer der Hoffnung und der Zukunft. Und in die Sturmflut heulte der Orkan der Gegner. Dann stand Lassalle auf seinem Podium, die Arme über der Brust gekreuzt, den Cäsarenkopf stolz zurückgeworfen – und wartete – wartete, wie er sein Leben lang gewartet hatte, bis seine Zeit kam. Und sie kam fast stets. Denn schließlich warf der Zorn seiner Anhänger die tobenden Widersacher zur Tür hinaus. Immer schloß er unter spontanem Jubel seiner Hörer. In Leipzig rief er, seine Rede krönend, unter die 4000 Hörer: »Hier in Sachsen war es, daß Luther die berühmten Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg schlug; hier in Sachsen war es, daß nach der Leipziger Disputation die päpstliche Bannbulle von den Wittenberger Studenten verbrannt wurde. Hoffen wir, daß auch der belebende Hauch der großen Reformation, welche dieses Jahrhundert erfordert, von hier ausgehen und seine Wirkung über die Fluren des Vaterlandes verbreiten werde!« Da stürmten 4000 deutsche arbeitende Männer auf zu dem Podium und streckten ihm die arbeitsschwieligen Hände entgegen und blickten zu ihm empor als dem Retter in ihrer schweren Not. Bald darauf sprach er in Frankfurt zu den Arbeitern des Maingaues. Die Feinde hatten ihn gefordert. Zu Frankfurt sollte ihm sein Hauptgegner Schulze-Delitzsch öffentlich entgegentreten und ihm vor aller Welt seine Unwissenheit ins Gesicht schleudern. Freunde rieten ihm ab von der Fahrt. Doch Lassalle lachte stolz: »Der ewige Ruhm des Römers Manlius war es, eine Schlacht unter den ungünstigsten Zeichen, unter den unheilvollsten Vorbedeutungen zu beginnen, und dennoch zu siegen. Ich will versuchen, ihm nachzuahmen. Ich muß hin und muß siegen. Ha, ich will meine alte revolutionäre Mähne schütteln.« Und er ging und siegte, wie einst Napoleon bei der Rückkehr von Elba mit den Truppen siegte, die ihm die Feinde entgegengesandt hatten. Schulze-Delitzsch hatte der Tapferkeit klügeren Teil gewählt – und blieb der Disputation fern – »wegen geschäftlicher Überbürdung!« Und Lassalle sprach, sprach vier Stunden lang, allen Unterbrechungen der Gegner zum Trotz. Er variierte immer wieder von neuem das Thema vom »ehernen Lohngesetz«: »Sie glauben, meine Herren, daß Sie Menschen sind? Ökonomisch gesprochen und also in der Wirklichkeit, irren Sie sich ganz ungeheuer. Ökonomisch gesprochen sind Sie weiter nichts als eine Ware! Sie werden vermehrt durch höheren Lohn, wie die Strümpfe, wenn sie fehlen; und Sie werden wieder abgeschafft, Ihre Zahl wird durch geringeren Arbeitslohn, – durch das, was der englische Ökonom Malthus die vorbeugenden und zerstörenden Hindernisse nennt – vermindert wie Ungeziefer, mit welchem die Gesellschaft Krieg führt. Ducpectiaux sagt: ›Die Hälfte der Spinnkinder stirbt, ehe sie das erste Jahr zurückgelegt haben, während bei Unternehmern und Kaufleuten die Hälfte der Kinder das Alter von 30 Jahren erreicht.‹ Wenn Ihnen Ihre Kinder sterben, meine Herren, so glauben Sie, das sei ein Zufall . Es ist kein Zufall, wie Sie sehen, es ist ein eisernes, statistisches Gesetz, wurzelnd in Ihrer schlechten Lage!« Und als er schließlich durch wüstes Gebrüll gezwungen wurde abzubrechen, vertagte er die Versammlung auf den übernächsten Tag und hielt am 19. Mai unter tosendem Beifall seine Rede zu Ende, nachdem die Gegner unter Hohngelächter der Anhänger Lassalles den Saal verlassen hatten. Mit allen Stimmen gegen eine wurde der Antrag auf »Bildung eines Deutschen Arbeitervereins Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins §. 1. Unter dem Namen »Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein« begründen die Unterzeichneten für die Deutschen Bundesstaaten einen Verein, welcher, von der Ueberzeugung ausgehend, daß nur durch das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht eine genügende Vertretung der sozialen Interessen des Deutschen Arbeiterstandes und eine wahrhafte Beseitigung ber Klassengegensätze in der Gesellschaft herbeigeführt werden kann, den Zweck verfolgt, auf friedlichem und legalem Wege, insbesondere durch das Gewinnen der öffentlichen Ueberzeugung, für die Herstellung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts zu wirken. §. 2. Jeder Deutsche Arbeiter wird durch einfache Beitrittserklärung Mitglied des Vereins mit vollem gleichen Stimmrecht und kann jeder Zeit austreten. auf Grund des Lassalleschen Programms« angenommen. Denn er hatte mit den Worten geschlossen: »Und darum sage ich Ihnen, meine Herren, bei der ganzen Liebe, die ich zu der Sache der arbeitenden Klasse in mir trage, meine ganze Seele hängt an Ihrer Abstimmung. Jetzt stimmen Sie!« Da stimmten sie Mann für Mann die Gegnerschaft nieder, stimmten für ihren fackelschwingenden Prometheus dort oben auf der Rednerkanzel. Jetzt stand er an der ersten Siegessäule seines Weges: Der allgemeine Deutsche Arbeiterverein, den er in seinem Antwortschreiben als nächstes Ziel der Bewegung bezeichnet hatte, wurde in Leipzig gegründet. Der 23. Mai 1863 war dieser Ruhmestag. Lange wurde über die Statuten des Vereins beraten. Faksimile Mit Rücksicht auf die noch nicht vertretenen Städte sollen bei der Vorstandswahl nur siebenzehn Mitglieder, einschließlich des Präsidenten, erwählt und denselben die Befugnis übertragen werden, sich mit einfacher Majorität auf die Zahl von fünfundzwanzig zu ergänzen Leipzig, den 23. Mai 1863. J. Vahlteich aus Leipzig, als 1. Vorsitzender. J. Schöppler aus Mainz, als 2. Vorsitzender. Otto Dammer aus Leipzig, als Schriftführer. Th. Audorf aus Hamburg. W. Heymann aus Frankfurt a. M. H. Hillmann aus Elberfeld, N. Läßig aus Dresden, G. Lewy aus Düsseldorf, F.C.A. Perl aus Hamburg, Th. Yorck aus Harburg. Hier brach Lassalles Ehrgeiz, sein tiefeingewurzeltes Verlangen nach Macht, unverschleiert hervor. Hier warf der Herrscher in ihm den Mantel des Demokraten ab. Er schmiedete die Verfassung des Vereins so, daß er absoluter, unumschränkter Autokrat seines Arbeitervolkes wurde. Der Verein, gebot er, muß der Hammer in der Hand eines einzelnen sein. Vahlteich widersetzte sich und rief: »Jetzt ist die Diktatur fertig.« Da lächelte Lassalle: »Ganz fertig ist sie doch noch nicht; aber es läßt sich eine gute Diktatur daraus machen.« Er wurde auf fünf Jahre zum Präsidenten des Vereins gewählt. – Der Traum seiner Jugend war Wirklichkeit geworden. Er war ein gekrönter Gebieter, ein regierender König, und sein Volk würde bald zählen nach Tausenden, nach den Hunderttausenden der enterbten ringenden Söhne der deutschen Lande. XIV. Ach, er wußte bald, daß er sich eine Dornenkrone aufs Haupt gesetzt hatte! Eines Abends im Juni ging er heftig im Zimmer auf und nieder, Hedwig Klingbeils braune Augen folgten seinem stürmischen Gange. »Was hast du?« wagte sie endlich. »Nichts,« wich er unwirsch aus und schritt weiter, auf und nieder, auf und nieder. Da vertrat sie ihm den Weg. »Du,« sagte sie scherzhaft ernst, »ich bin damals zu dir gekommen, um mich einmal in meinem Leben als ›Frau‹ eines ›feinen Mannes‹ zu fühlen und auf Zeit sein ganzes Leben mit ihm zu teilen. Nun ist mein feiner Mann gar ein König geworden. Als Königin darf ich seine Staatssorgen doch mit ihm teilen?« Er lächelte bezwungen. »Du darfst, meine kluge kleine Volkskönigin.« »So sag' mir, was dich quält!« drängte sie. »Nichts,« wich er wieder zur Seite. Da sagte sie keck: »Dann werde ich es dir sagen: Dein Verein geht nicht vorwärts, das drückt dich.« »Woher weißt du das?« fuhr er auf. »Na, von Vater natürlich.« »So,« knurrte er, »sprechen sie schon davon.« Und brüsk schrie er sie an: »Sie sollen nicht davon sprechen. Diese Hunde da draußen sollen es nicht wissen! Sie lauern nur auf meine Niederlage.« »Aber Ferdinand,« beschwichtigte sie, »Vater hat ja nur mit Loewe darüber gesprochen; von uns erfährt es doch keiner. Steht es denn so schlimm?« Mitgliedskarte »Schlimm! Schlimm!« wütete er. »Zum Sterben ist es. Diese Stumpfheit! Diese elende Dumpfheit. Da haben sie gejohlt und vor Begeisterung gebrüllt, wenn ich zu ihnen gesprochen habe, aber in den Verein eintreten! Kein Gedanke. Und ich – mit Hunderttausenden habe ich gerechnet, müssen wir rechnen, wenn wir eine Macht darstellen wollen.« Er warf sich verzweifelt in einen Sessel. »Der Verein besteht doch noch keine vier Wochen,« tröstete sie. »So was kommt doch nicht von heute auf morgen!« »Gleich muß es kommen,« richtete er sich auf, »gleich jetzt, nachdem ich mir tagelang in den Versammlungen die Kehle wund geredet habe. Wann denn soll es kommen, wenn nicht in der ersten Begeisterung?!« »Wieviel Mitglieder habt ihr denn?« fragte sie Er blickte zur Seite. Endlich rang er sich ab: »Noch keine vierhundert!« Sie prallte betroffen zurück. »Nanu, man spricht doch von zehntausend!« »Ja – man spricht.« Er sprang auf. »Nach all dem Reden keine vierhundert! Ah, es ist eine Freude, diesen Arbeitern ihr Glück zu bringen! Eine herrliche Freude! Was habe ich mir die Finger in diesen Wochen abgeschrieben. Täglich an zweihundert Briefe an Bekannte und Freunde und an Gott und den Teufel.« Er hob die Hände. »Der Satan hole diese Kleinarbeit! Ich bin dazu nicht geschaffen, Mann für Mann einzeln mühselig herbeizuschleppen. Ich habe dazu keine Zeit. Ich habe dazu keine Lust! Ich habe dazu keine Geduld!!« Fast schluchzend vor Ratlosigkeit stand er verloren inmitten des Zimmers. Sie schlang die Arme um seinen Körper und zwang ihn mit linder Gewalt in den Stuhl zurück. Dann kniete sie vor ihm nieder und streichelte zärtlich beruhigend seine eiskalten Finger. »Nein,« sänftigte sie, »auch Vater sagt, du bist zu diesem jämmerlichen Kleinkram, dem Ärger mit den einzelnen Mitgliedern, dem Eintreiben der nicht gezahlten Mitgliederbeiträge und was da alles so ist, viel zu schade. Das kann doch wahrhaftig auch ein anderer machen.« »Wer soll es machen?« stöhnte er. Seine Augen irrten durch das Zimmer. »Vahlteich hilft ja, aber es ist zu viel für zwei Menschen. Wir können keine Hilfskräfte anstellen, wir haben kein Geld. Die Beiträge der 400 Mitglieder reichen kaum für Papier und Tinte. Und vor allem, es versteht auch keiner außer mir die Propaganda.« Er warf sich in den Sessel zurück: »Ach, und wir brauchen Geld für Zeitungen, Flugblätter, Agenten. Sonst kann nichts geschehen. Meine Reden allein tun es nicht. Der Deutsche ist geistesträge, er handelt nicht. Von tausend Anhängern meiner Idee sind noch nicht zehn bereit, für sie auch nur einen Finger zu rühren. Man braucht Agenten, diese Leute einzeln zu ihrem Heile zu zwingen. Und dazu wieder Geld, Geld, Geld!« Sein Körper bäumte sich gequält auf im Stuhle. Sie streichelte ihn noch immer liebkosend. Endlich wagte sie: »Du bist doch reich. Kannst du das Geld nicht geben?« Da sprang er auf, daß sie zur Seite taumelte. »Ich bin nicht reich,« warf er die Bedenken der eigenen Gedanken heraus. »Ich habe gerade so viel, wie ich zu meinem Leben brauche. Ich kann nicht alles hergeben. Ich habe die Idee gegeben, ich gebe meine ganze ungeheure Arbeitskraft, ich gebe meine Tage, meine Nächte, meine Gesundheit. Mehr kann ich nicht geben. Ich kann meine Lebensgewohnheiten nicht plötzlich ändern und von Wasser und Brot leben.« »Aber, aber,« rief sie und trat wieder zu ihm, »deswegen brauchst du dich doch nicht so zu erregen. Du hast ja ganz recht.« »Ich habe auch schon weit mehr gegeben, als ich kann,« verteidigte er sich wieder. Da stellte sie sich mit verschränkten Armen vor ihn hin. »Weißt du,« sagte sie, »was du bist? Ein Eroberer, ein Sieger. Aber kein Kleinarbeiter und Märtyrer.« Er sah sie lange an. »Wie wunderklug du redest, meine weise kleine Freundin!« »Habe ich recht, mein König?« Er lachte bitter auf. »Ein König ohne Land!« Da legte sie die Schläfe an seinen Kopf und raunte: » Ich bin doch dein Land und dein Königreich. Laß die Sorgen. Regiere mich.« Und sie gab ihm das Königreich ihrer Jugend. – Am nächsten Morgen trat pünktlich, wie immer, der Vereinssekretär Vahlteich bei Lassalle ein. Er war von Leipzig nach Berlin übergesiedelt und betrieb nun hier seine Arbeit und sein Vereinsamt. Er begrüßte den Präsidenten und legte die dicke Aktenmappe mit den Eingängen auf den Schreibtisch. »Guten Morgen, Vahlteich,« nickte Lassalle. »Was gibt es Neues? Etwas Erfreuliches endlich einmal?« »Wenig, Herr Doktor. Nichts wie Absagen.« Er kramte in den Papieren. »Da ein Schreiben von Martiny, er will nicht für uns tätig sein.« Lassalle riß den Brief an sich. »Wie – Martiny will nicht!« Er starrte auf den Brief. »Auf ihn hatte ich bestimmt als Bevollmächtigten für den Osten gerechnet. Hm, auch er nicht! Er war der einzige liberale Abgeordnete – Vahlteich, der einst meine Obstruktionsvorschläge befolgt hat.« Er schüttelte bitter den sorgenvollen Kopf. Dann warf er den Brief beiseite. »Legen wir es zu dem Rest. Weiter!« »Mögling lehnt auch ab.« »Was? Mögling, dieser alte schwäbische Achtundvierziger! Das ist unmöglich!« Er zerrte dem Sekretär das Schreiben aus der Hand. Grimmig schleuderte er es zur Seite. »Dann nicht! Wir haben andere. Hat Herwegh endlich geschrieben?« »Nein.« Lassalle sprang auf und lief durchs Zimmer. »Alle verlassen einen, alle! Da sitzt der Mann nun, nimmt das Amt eines Bevollmächtigten für die Schweiz an und rührt sich nicht. Das sind die guten Freunde! Es ist zum Haarausraufen!« Vahlteich ließ ihn austoben. Er kannte diese Zornausbrüche des Präsidenten schon. Nur ein höhnisches Lächeln kroch heimtückisch unter dem schwarzen Barte hervor. Endlich fragte Lassalle ruhiger: »Sind die Beiträge aus Barmen eingegangen?« »Nicht ein Heller.« »Wo anders her?« »Nicht ein Heller.« »Ja – aber Mensch!« schrie Lassalle den Mann an, »wie denken Sie sich den Fortgang des Vereins! Wie denken Sie sich den? he? Da stehen Sie und sagen mir diese entsetzlichen Nachrichten in aller Ruhe, als ob Sie das gar nichts anginge! Setzen Sie sich hin, schreiben Sie an die Leute, drohen Sie ihnen mit Ausstoßung aus dem Verein, mit Klage, mit Tod und Teufel! Wir müssen das Geld haben. Wir müssen, hören Sie! Sonst können wir die Bude schließen!« »Mit Drohungen ist von den Leuten nichts zu holen. Damit stoßen wir sie nur vor den Kopf und jagen sie aus dem Verein hinaus,« entgegnete Vahlteich ruhig. Lassalle sah ihn verblüfft an. »Sie werden schreiben, wie ich Ihnen befehle, verstanden! Im Verein gebiete ich und kein anderer. Merken Sie sich das! Belehrungen lehne ich ab.« Der Sekretär schwieg und lächelte höhnisch. Lassalle tat, als bemerke er es nicht. »Weiter,« gebot er, »was gibt es noch?« »Marx wühlt weiter von London aus gegen den Verein.« Lassalle lachte zornig auf. »Das habe ich erwartet. Nun, wir werden ja sehen, wer Sieger bleibt! Weiter!« »Karl Bruhn in Altona hat die Beschwerde gegen die Polizeiverfügung zurückgenommen.« »Wie?!« machte Lassalle. »Die Beschwerde,« tat Vahlteich unschuldig. »Die Beschwerde! die ich befohlen habe, einzulegen!« Er stand schon wieder. »Ist der Mensch wahnsinnig! Ist der Mensch –?!« Er fegte durchs Zimmer. »Das ist doch! Da hört doch alles auf!« Er kam in Sturmschritten zurück zum Schreibtisch. »Schreiben Sie ihm! Schreiben Sie ihm sofort. Das ist doch eine Auflehnung sondergleichen. Das ist doch ein Mangel an Subordination, den ich im Keim ersticken werde. Schreiben Sie ihm, daß die Beschwerde sofort wieder eingelegt wird. Sofort! Schreiben Sie ihm, daß ich sein Vorgehen als eine ungeheure Ungebührlichkeit gegen mich betrachte. Schreiben Sie ihm, daß ich nicht dulden werde, daß ein Bevollmächtigter zu irgendeiner Sache – nicht der kleinsten – verstehen Sie! – Stellung nimmt, ehe ich ihn dazu aufgefordert habe. Schreiben Sie! – Lassen Sie, ich werde selbst schreiben.« Da sagte Vahlteich schroff: »Ich rate Ihnen, lieber nicht in diesem Tone zu schreiben.« Lassalle warf den Kopf zurück und packte den verwegenen Mann mit den Augen. »Wa–as?« dehnte er das a unheilverkündend. Doch mutig sprach Vahlteich. »Ich muß es Ihnen endlich einmal sagen, im Interesse des Vereins. Sie ruinieren den Verein mit Ihrem Kommandoton. Wir sind doch keine Rekruten. Sie graulen den letzten Mann damit aus dem Verein hinaus.« Er preßte entschlossen die Lippen zusammen. »Sind Sie bei Troste?« fragte Lassalle ruhig und verwundert. Da sprudelte Vahlteich hervor: »Oh, sehr. Aber ich sehe das nicht mehr ruhig mit an. Der Verein ist wichtiger als Sie. Sie haben keine Menschenkenntnis. Sie haben keine Ahnung, wie diese Befehlshaberbriefe auf die Arbeiter draußen wirken. Sie kennen die Arbeiter nicht, weil Sie nicht mit ihnen verkehrt haben. Den Unteroffizierston läßt sich kein Arbeiter von Ihnen bieten. Sie denken nur für die Arbeiter, fühlen aber nicht mit ihnen. Sie spielen den vornehmen Mann, der uns beglücken will und deshalb uns von seiner Höhe herab schuhriegeln darf. Aber Sie irren sich.« Er schaukelte vor Erregung auf den Sohlen. »Haben Sie sonst noch etwas zu sagen?« fragte Lassalle kalt. »Ja. Wenn Sie es hören wollen. Der Verein geht zugrunde, wenn diese Verfassung bleibt. Ein sozialistischer Arbeiterverein duldet auf die Dauer keine monarchische Spitze. Das ist ein Widersinn. Ich war von Anfang an dagegen. Nur damals im ersten Rausch hörten die andern nicht auf mich. – Die Organisation muß umgestaltet werden. Ihre absolute Herrschaft muß gebrochen werden.« »Sind Sie fertig?« »Ja. Vorläufig.« »Dann können Sie gehen. Nach Leipzig zurück. Sie sind Ihres Amtes enthoben.« »Schön,« nahm Vahlteich die Kündigung sachlich. »Heute haben Sie ja noch die Macht. Aber das sage ich Ihnen: die Bewegung ist wichtiger als Sie. Die wird bleiben – Sie nicht.« Und stracks schritt er hinaus und schlug die Tür klirrend ins Schloß. In markigen Zügen verfügte Lassalle seine Absetzung. Dann stand er lange am Fenster und blickte hinaus in den juniwarmen Garten. Und wurde kühler und ruhiger und milder, kleiner – und müde. Die Verzweiflung des gestrigen Abends kroch ihm wieder ans Herz. Die Augen wurden dem starken Manne feucht. Nein, nein, so ging es nicht weiter. So nicht. So verröchelte sein großes Werk in elendem Kleinkram. So verreckte das Größte, das er seinem Jahrhundert gegeben, im jämmerlichen Alltag. Es war ein schwerer Irrtum gewesen, zu glauben, der Verein würde zu einer Macht anwachsen und durch die Wucht seiner Mitgliederzahl das allgemeine direkte Wahlrecht ertrotzen. Nein. Der deutsche Arbeiter war noch zu ungeschult, zu wenig gedrillt, zu ungebildet, zu wenig organisiert, um sein einziges Heil in dem Eintritt in den Verein zu erkennen. Er war noch so wenig seiner Befreiung gewachsen, daß er aus Scheu vor den verschwindend geringen Geldopfern lieber seine große weltgeschichtliche Rolle und seine Menschwerdung preisgab. Ach, das forderte die unermüdliche Aufklärungsarbeit von Jahrzehnten, ehe diese grobe Masse zu wertvollem Stahl umgeschweißt war, aus dem ein starkes geschmeidiges Schwert geschmiedet werden konnte. Das forderte Jahrzehnte. Der Mann am Fenster ballte die Fäuste. Nein. Er hatte nicht mehr Zeit, Jahrzehnte den Hochofen zu schüren. Dazu fehlte ihm die Geduld und die Ausdauer. – Hedwig hatte recht, er war ein Sieger und Eroberer, kein Organisator und Märtyrer. Aber was? was? Sollte das Werk elend verbluten nach diesen leuchtenden Anfängen! Jetzt verröcheln unter dem Hohngelächter der Feinde!! Er verrankte die Finger, daß sie in den Gelenken knackten. Nein, nein, tausendmal nein! Das nicht. Nicht das, nach all diesen Kämpfen und Qualen und Hoffnungen seit den Jünglingstagen. Nein, nicht jetzt feige die Fahne zu Boden werfen. Aber was? was? So ging es nicht weiter. So erstickte das Werk. Er preßte die Stirn an die Scheibe und brütete. Sekundenlang fiel silberleuchtend wie eine Sternschnuppe der alte Gedanke an Revolution, durch die Nacht seiner Verzweiflung – und versprühte. Dazu war jetzt nicht die Zeit. Gewalt hatte keine Aussicht. Aber was? was? Er drückte die Stirn in die Scheibe, daß sie dumpf auftönte. Was? Da wurde er so matt und so hilflos. Eine kindliche Sehnsucht nach einem Freunde sprang in ihm auf. Einen Freund, mit dem er sich rückhaltslos aussprechen, dem er all seine Not aus der überlasteten Seele herausbeichten, bei dem er Rat und Trost und Aufrichtung finden könnte. Er durcheilte die Reihe der Vertrauten. Ach, da war keiner, der ihn verstehen würde. Nicht Prietzel, nicht Bülow, nicht Korff. Ein bitteres Zucken umglitt die Lippen, als er an Bucher dachte. Ach, Bucher! Erst hatte er einen Vortrag in seinem Verein über »das Verhalten der englischen Liberalen zur Arbeiterschutzgesetzgebung« zugesagt. Aber als dann der Inhaber des Wolffschen Telegraphenbureaus ihm dieserhalb mit Entlassung drohte, war jener böse, feige Brief ihm ins Haus geflogen: »Ich muß den Umgang mit Ihnen aufgeben. Wenn ich ihn fortsetze, so würde ich über kurz oder lang durch Sie in schwere Verwicklungen hineingezogen oder in Lagen versetzt werden, die mich zwingen, mich selbst in Verwicklungen zu stürzen.« Ach, Bucher! Gewiß, er hatte viel Leid in seinem Leben erfahren und sehnte sich endlich nach Ruhe und Heim. Nein, Bucher war kein Freund mehr und keine Tröstung. – Und da wuchs eine unbezwingbare Sehnsucht in ihm empor nach seinem mütterlichen zweiten Ich. Ja, sie, nur sie. Hedwig war lieb und klug, überraschend geistig aufgeblüht unter seinen Schwingen. Aber sie war jung und verliebt. Sie konnte sänftigen, nicht helfen. Nur Sophie, nur Sophie Hatzfeld! In raschem Entschluß machte er von seiner verfassungsmäßigen Befugnis Gebrauch, einen Stellvertreter zu ernennen, und erließ in traurig-groteskem Aufzucken seines Imperatorentums den Tagesbefehl vom 27. Juni 1863: »Arbeiter! Bei meiner morgen erfolgenden Abreise in die Bäder der Schweiz ernenne ich bis zu meiner Rückkehr Herrn Dr. Otto Dammer in Leipzig zum Vizepräsidenten des Vereins,« und reiste davon. Die Gräfin hatte er telegraphisch aus Florenz nach Luzern berufen. Deutschland aber hallte wider von dem Spottgelächter der Feinde über den Befreier des Proletariats, der »in die Bäder reiste« und dieses Vorhaben mit autokratischer Wichtigkeit seinem Volke verkündete. XV. Er war mit der Gräfin in der Schweiz gewesen, doch sie wußte keinen Rat. Sie hatte all die unendliche, in der Einsamkeit bei Ludmilla Assing aufgestaute Liebe und Zärtlichkeit über ihn niederströmen lassen, hatte sein müdes Haupt gehegt und betreut mit überrauschender Innigkeit. – Doch Rat wußte sie nicht. Und auch die Berge wußten ihn nicht. Sie ragten hoch, starr und unerschütterlich, mit der Gelassenheit der Äonen in den blauen Himmel, und die unnahbar stolzen Firne blickten kalt und verächtlich hernieder auf die verzweifelt fragenden Augen dieses Titanenmenschleins. Da floh er mit der Gräfin an die See. Nach Ostende. Die Stimme des Meeres wollte er hören, in ihrem Ewigkeits-Raunen den Rat erlauschen. Er mied die bewegte Welt des Modebades. Stundenlange Wanderungen machte er einsam an der Digue hin, auf Middelkerke, auf Westende zu, in der fallenden Nacht. Und in seiner Rocktasche knatterten aufscheuchend die Briefe Dr. Dammers, mit dem er pflichtgetreu rege Verbindung hielt. Ach, aus den Schreiben stierte der Tod des Vereins. Er lag in den letzten Zügen. Kein neues Blut floß ihm zu, das alte ward dick und schwerflüssig. Das Werk lag verröchelnd auf dem Totenbette. – Das Meer stürmte. Die Flut krachte herein. Lassalle saß weit draußen auf einem vorspringenden Felsen und sah hinein in den tobenden Aufruhr. Hinter ihm stand ein schwarzer Schatten. Es war spät nachts geworden. Der Himmel drohte in schwarzen Wolken, nur die volle Scheibe des Mondes hatte sich siegreich ihren Platz erobert. Hell stand sie in einem weiß grünen befreiten Raum. Eine unheimliche packende Einsamkeit schlug sich wie ein Mantel um den Mann auf dem Riff und hüllte ihn ein und den Schatten, der hinter ihm stand. In dumpfer Betäubung lauschte er auf das Brausen der erregten See, zweifelzerrüttet schielte er hinter sich nach dem gespenstischen Schatten. Wie das Rollen eines Zuges über eine Eisenbahnbrücke schwoll das Branden an im Crescendo, ebbte dann ab wie das Rauschen dichtbelaubter Sommerbäume im Ahnen des Gewitters und verrieselte hellklingend wie frühlingsseliger Gebirgsbach. Und brauste wieder empor zum Donnergeroll. Der Mann saß und lauschte und rührte sich nicht, wenn die Gischt an dem Felsen hoch aufspritzte und ihm ihre feuchte Peitsche salzig über das Gesicht fetzte. Er saß eingelullt von dem anwachsenden und niederflutenden Rhythmus der Wogen und horchte bang hinter sich nach dem flüsternden Schatten. Der unheimliche Schatten war der arge Plan, der ihn seit einigen Tagen hetzte. Das Meer hatte ihn ausgeworfen an einem Sturmtage. Und nun schlich er hinter dem Manne her, auf Schritt und Tritt, kauerte hinter ihm, wenn er ruhte, und starrte ihm mit feurigen Augen ins Hirn. Ein wilder toller Geselle war es, wie einstmals die Hoffnung auf Garibaldis Eingreifen. Wieder die Ausgeburt eines Gehirns in letzter Verzweiflung. Auf leisen Diebessohlen schlich dieser Plan hinter ihm drein, und Lassalle wagte nicht, ihm offen ins Gesicht zu blicken, weil er den schwarzen Mantel des Verrates trug, des Verrates an allen Erinnerungen und aller jungen Sehnsucht. Er saß und lauschte auf das immer wilder emporschauernde Meer. Ist es Verrat, quälte er sich, ist es Verrat an meinen Jugendphantastereien, an meinen Manneskämpfen, mit der Regierung zu paktieren?! Ich, der ich als Knabe davon geträumt habe, die Tyrannen zu vernichten, ich, der ich 1848 die Revolutionsfackel geschwungen habe, ich, der ich zu allen Zeiten für die Freiheit die Stimme erhoben habe, ich soll mit der Regierung gegen die Volkspartei paktieren! Er saß und lauschte und schielte hinter sich auf den flüsternden schwarzen Plan. »Bismarck ist der einzige, der dir helfen kann,« versuchte der Verführer, »er steht da wie dieser Fels in der Brandung im Ansturm der Liberalen. Er muß und wird sie vernichten, um die Heeresreorganisation durchzuführen. Auch du kämpfst heftig und erbittert gegen die Liberalen, die Feinde deines Werkes. Ihr beide, Bismarck und du, ihr seid geborene Bundesgenossen.« »Äußerlich, äußerlich!« schrie Lassalles Vergangenheit. »Bismarck will im Kampf mit den Liberalen Volksrechte vernichten, zum Heile der Krone, ich bekämpfe die Liberalen, um größere Volksrechte einzuführen. Nur äußerlich ist eine Gemeinschaft. Im Innersten ist bitterste Feindschaft. Nein, nein,« wehrte sich der alte Demokrat in ihm, »ich kann mit der Regierung nicht einen Bund schließen, die Liberalen, meine alten Freunde und Waffenbrüder von 1848, zu vernichten, nein, nein, dagegen steht die ganze Entwicklung meiner Seele!« »Denk daran,« raunte der Schatten hinter ihm, »wie die lieben Freunde und Waffenbrüder über dich hergefallen sind, wie sie dich geschmäht und verunglimpft haben, wie sie dein Lebenswerk zu vernichten streben, wie sie dich persönlich mit Kot beworfen haben, dich als einen phrasenhaften Abenteurer, ja, immer schon als einen verkappten Agenten der Regierung verdächtigt haben. Schon nach deinen Verfassungsreden logen sie, du seist von der Regierung bestochen, die Sache der Fortschrittspartei in den Schmutz zu ziehen. Werde jetzt, was sie dich immer gescholten haben! Zeig ihnen, daß du ein ganzer Mann bist, daß du die Mittel wählst, die deine Ziele fordern! Paktiere mit Bismarck, biete ihm deine Bundesgenossenschaft im Kampfe gegen die Liberalen, biete ihm die Arbeiterbataillone, die hinter dir marschieren, überrede ihn, das allgemeine direkte Wahlrecht aufzuzwingen, zeig ihm deine Macht über die Arbeiterlegionen, beweise ihm, wie du sie in den Versammlungen mit deinem Worte berauschest, und laß ihn erkennen, daß er mit den Arbeiterstimmen in deiner Hand die Liberalen in wenigen Tagen aus dem Landtage hinausfegt. Und gelobe, mit deiner Arbeitergefolgschaft die volksknechtenden Militärausgaben der Regierung zu genehmigen!« Der Mann bog die Brust qualgebeugt bis auf die Knie nieder. Wolken schoben sich vor den Mond. Eine ängstliche Dunkelheit kroch über Meer und Land. Der Mann erschauerte. In ihm war es dunkel und brausend wie draußen in der nächtlichen Einsamkeit. »Ja,« sann er, »dann ist das allgemeine direkte Wahlrecht erreicht!« Da richteten sich plötzlich die Haare auf dem Kopfe des Mannes steif empor. Die eisige Kälte einer überwältigenden jähen Erkenntnis überrieselte die Schädeldecke. Das – das! Er sprang empor. Der Mond hatte sich aus der Ummauerung der Wolken hervorgearbeitet und warf klarer als vorher sein weißes Licht hernieder auf die Welt. Da stand der Mann hoch aufgerichtet in greller Helle. Der schwarze Schatten hinter ihm war zerronnen. Tränen der Erregung liefen ihm über die Wangen. Er stürmte heim über die nachtverlorene Digue ins Hotel. Im Zimmer der Gräfin war noch Licht. Ohne anzuklopfen stob er hinein. »Was ist?« schnellte sie empor. Sie hatte angstvoll seiner geharrt. »Ich habe es,« rief er und fiel in seiner haltlosen Beglückung an ihre Brust, »ich habe es gefunden.« »Wie durchnäßt du bist,« klagte sie und trocknete mit ihrem Tuche sein triefendes Gesicht. Er riß sich los und rannte durchs Zimmer. »Das Ei des Columbus!« jubelte er. »Sophie, das alte, immer wieder aufgewärmte Ei des braven Columbus. Ich habe dir nichts gesagt. Du sahst aber, daß etwas in mir kreißte. Jetzt ist es geboren. Weißt du, mit wessen Hilfe ich das allgemeine direkte Wahlrecht einführen werde?« »Nun?« »Mit Bismarcks!« »Wie!« beugte sie sich vor, als habe sie sich verhört. »Du willst mit Bismarck zusammengehen?!« »Nein,« wies er stolz von sich, »ich werde ihn als Werkzeug benutzen.« »Bismarck als Werkzeug!« zweifelte die Frau ängstlich. »Ja,« erhärtete er siegessicher. »Das will ich. Du brauchst nicht zu erschrecken. Es ist keine Untreue gegen meine Vergangenheit, es ist die Treue gegen meine Gegenwart. Es hat schon lange in mir gebrodelt. Heute nacht ist es zur Greifbarkeit gereift. Die Zeiten der Unklarheit, der Halbheiten, der Utopien sind vorbei. Mein ganzes politisches Leben bisher war ein dauerndes Schwanken. Bald kämpfte ich für die Freiheit, bald für Deutschlands Einheit, bald für diese Scheindemokratie. Dann tauchte der Plan meiner Lebenstat in mir auf. Aber ich konnte mich nicht so schnell häuten. Meine Entwicklung hing mir noch in den Gliedern. Ich bog immer wieder auf alte Lieblingswege ab. Der Sturm heute nacht hat alle Halbheiten mit fortgerissen. Jetzt gilt es Realpolitik zu treiben. Mein Werk zum Ziele zu führen und – vor dir will ich nicht heucheln, meinen Ehrgeiz. Ja, Sophie, ich will noch, solange ich stark und genußfähig bin, den Stolz genießen, der Messias eines ganzen Volkes, ja der ganzen Erde zu sein. Das will ich und das bekenne ich offen. Also: keine Unmöglichkeiten, keine Utopien mehr! Der Verein geht nicht vorwärts, mit dem Vereine werde ich nie die Macht erlangen, das allgemeine direkte Wahlrecht zu ertrotzen. Ohne das Wahlrecht aber keine Staatsassoziationen. Ohne Staatsassoziationen aber keine Vernichtung des Lohngesetzes. Daher gilt es andere Mittel zu finden, das Wahlrecht Wahrheit werden zu lassen. Ich habe sie gefunden.« »Bismarck?« fragte sie wieder bleich, voll zager Bedenken. »Ja. Bismarck,« bekräftigte er im alten, fröhlich aufgeblühten Selbstbewußtsein. »Ich werde eine Strecke Weges, soweit es meinen Zwecken dient, mit ihm zusammengehen. Was sagst du zu dem Plane?« Sie zögerte. »So neu ist es. Und solch krasser Bruch mit deiner Vergangenheit! Was werden die Feinde sagen – und die Freunde!« »Laß sie sagen, was sie wollen!« trotzte er auf. »Politik treiben heißt wirken und Wirklichkeiten gestalten. Ich kann meiner Vergangenheit nicht das Opfer meiner Gegenwart und der Zukunft meiner Arbeiter bringen. Und dann – wenn wir ein Stück Wegs zusammen gegangen sind, werde ich mich schon von ihm zu trennen wissen. Habe ich ihm erst das allgemeine direkte Wahlrecht abgelockt, dann gehe ich meinen eigenen Weg zu meinem Ziele. Und wenn er mir den kreuzen will, dann schlage ich ihn mit dem Schwerte, das ich mir auf seinem Amboß geschmiedet habe.« »Das ist nicht schön,« erwog ihr Frauenzartsinn. Doch er fuhr auf: »Schön, schön! In der Politik hört die Schönheit auf. Mit Bismarck brauchst du kein Mitgefühl zu haben. Der kann sich allein seiner dicken Haut wehren.« »Es gefällt mir nicht,« bedauerte sie. »Du spielst ein gefährliches Spiel.« »Das weiß ich. Aber begreifst du nicht, daß ein großer Politiker den Augenblick erfassen muß, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind durch den andern aufreiben zu lassen und die dem großen Zwecke günstige Konjunktur, sie möge hervorgebracht werden, von wem sie wolle, zu benutzen! Die Leute der bloßen ehrlichen Gesinnungen, die sich immer nur auf den idealen, in der Luft schwebenden Standpunkt der zukünftigen Dinge stellen und daraufhin das momentane Handeln bestimmen, mögen privatim als recht brave Menschen gelten. Aber zu großen Handlungen sind sie nicht geboren, sondern nur zur gehorsamen Gefolgschaft in der Masse. Weite Politik verlangt ein weites Gewissen.« Die Frau nickte, noch zaudernd. Es kam ihr zu plötzlich. Nur ihre Klugheit bedachte: »Ja, Ferdinand, wird Bismarck sich denn mit dir einlassen? Kannst du ihm genug bieten?« Er reckte sich hoch auf: »Ich biete mich , Sophie. Ist das nicht genug! Der Mann ist ein Weltgestalter wie ich. Er wird Verständnis haben für meine Größe, wie ich Verständnis für seine Größe habe. Ich biete ihm ferner die Arbeiterbataillone, die hinter mir marschieren, als Vernichter der Fortschrittspartei.« »Es sind so wenige im Verein,« seufzte sie. »Im Verein, ja. Aber wenn ich rede, strömen sie zu Tausenden herbei: Darauf muß ich sein Auge lenken. Das muß er sehen. Von hier gehe ich ins Rheinland. Dort lieben sie mich noch von 48 her, dort haben sie nicht vergessen, wie wir beide uns zehn Jahre lang in Düsseldorf ihnen geweiht haben, wie unser Haus ihr rettendes Asyl war gegen alle Verfolgung der Reaktion. Am Rhein werde ich Versammlungen abhalten. Zu Zehntausenden werden sie herbeiströmen. Du kennst die rasche Entflammtheit des Rheinländers. In den Verein werden auch sie nicht eintreten, ich weiß; aber herbeiströmen werden sie in hellen Scharen und mir im Augenblick der Begeisterung stürmisch zujubeln. Ich kenne meine alten Rheinländer. Ich werde für Zeitungsberichte sorgen, ich werde sie Bismarck einsenden. Glaube ja nicht, daß er meinen Weg nicht sehr genau beobachtet. Männer wie er haben wachsame Augen. Männer wie er verfolgen eine solche ungeheure Volksbewegung, wie ich sie entfacht habe. Vertraue nur meiner Kraft! Und wenn ich erst einmal in seinem Arbeitszimmer vor ihm stehe – ist er mein Mann. Vertraue der Kraft meiner Worte und meiner Persönlichkeit!« Sie sah hinüber zu seiner entschlußstrahlenden Männlichkeit und lächelte schon fast gewonnen: »Ich vertraue auf dich.« – Diese Nacht schmiedete Lassalle zu einem der Großen der Geschichte. Er wurde ein anderer. Alles Haltlose, alles Kleine und Kleinliche fiel von ihm ab. Keine Rückfälle kamen je wieder. Jetzt hatte er sein letztes großes Ziel gefunden: die Gewinnung Bismarcks und mit seiner Hilfe die Oktroyierung des allgemeinen direkten Wahlrechts und damit die Einführung der Staatsassoziationen als ersten Schrittes zum Sozialismus. Noch von Ostende aus kündigte er die »Heerschau« im Rheinlande an. Am 20. September sprach er in Elberfeld, wenige Tage darauf in Solingen und in Düsseldorf. Und es wurde eine imponierende Heerschau. Trotz des strömenden Regens erwarteten in Elberfeld viele Hunderte Lassalle am Bahnhof. Unter stürmischen Hochrufen der Versammlung von dreitausend Arbeitern bestieg er die Tribüne. »Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag, drei Symptome des öffentlichen Geistes«, lautete der Titel seiner Rede. Sie war ein neuer hitziger Vorstoß gegen die Fortschrittspartei, die als Besiegte Siegesfeste feierte, ein heftiger Ansturm gegen die Presse, die ihn gelästert hatte, und eine kühne Verbeugung gegen Bismarck. Zu ihm sprach er von den Rednerkanzeln des Rheinlands her, ihm rief er seine schmeichelnde Anerkennung zu aus dem Dunst und Gewühl dieser wogenden Arbeiterversammlungen. Seine Macht, seine Gefolgschaft wollte er dem zukünftigen »Werkzeuge« zeigen. »Freunde!« begann er die Ansprache, »nicht sowohl um lange Reden, als besonders um Heerschau zu halten, bin ich zu Euch gekommen!« Ja, Otto von Bismarck, der Mann, der bald mit dem Bündnis in der Hand zu dir kommen wird, ist ein Herr von Tausenden, ein großer General, ein Führer, ein Feldherr über ein Volk, über das er machtvoll »Heerschau« hält! »Es war mir ein Bedürfnis, diese Macht in ihrer Entfaltung zu sehen. Darum danke ich euch, daß ihr in dieser Massenhaftigkeit euch eingefunden. Ich konstatiere mit Wohlgefallen, daß trotz des greulichen Unwetters, trotz eines in Strömen niedergießenden Regens dieser Saal Tausende faßt, wie mich bereits viele Hunderte von Arbeitern am Bahnhof erwarteten.« Hörst du, Otto von Bismarck, diesen Tritt der Bataillone, die ihrem großen Führer entgegenziehen! Und dann sprach er ohne Umschweife nach Berlin hinüber: »Die Fortschrittler liebäugeln mit den Fürsten, um – Herrn von Bismarck bange zu machen! Sie hoffen ihn einzuschüchtern durch Kokettieren mit den deutschen Fürsten! Das sind die Mittel dieser Ärmsten! Und wenn wir Flintenschüsse mit Herrn von Bismarck wechselten, so würde die Gerechtigkeit erfordern, noch während der Salven einzugestehen: er ist ein Mann, jene aber sind alte Weiber!« – Hörst du, Otto von Bismarck, diese ehrenden Worte des großen Volksführers! Doch noch deutlicher wurde Lassalle in Solingen. Das schöne Wetter hatte die Arbeiter der ganzen Umgegend herbeigelockt. Der riesige Saal der »Schützenburg« war schon vollgedrängt von Erwartung und Begeisterung, als mit grünem Laub geschmückt, mit Fahnen und klingendem Spiel die Kolonnen der Wuppertaler Arbeiter ihren Einzug hielten. Das waren die marschierenden Bataillone. Tausende mußten vor den Türen des Saales harren. Zehntausend Mann waren herbeigeeilt, den Messias zu sehen und sein hoffensgewaltiges Wort zu hören. Unter minutenlangem Jubel betrat Lassalle das Podium. Und sprach. Da schrien einige Fabrikanten und Kaufleute, die sich unter die Menge auf der Straße eingemischt hatten, in die offenen Saaltüren hinein: »Hoch Schulze-Delitzsch! Hoch Schulze-Delitzsch!« Mit Messerstichen wurden sie verjagt. Gelassen sprach Lassalle unter brausendem Beifall weiter. Da plötzlich, nach ungefähr dreiviertel Stunden, als jedermann den Vorgang längst vergessen hatte, entstand unter den Arbeitern, die Mann bei Mann dichtgeschart in den Gängen des Saales standen, eine Bewegung, eine blinkende Pickelhaube glitzerte über den dunklen Köpfen, schob sich mit roher Gewalt immer weiter nach vorn, der Tribüne zu – jetzt stieg der Gendarm die Stufen hinauf – alles reckte die Hälse, alles wartete atemlos. Der Redner streifte die Uniform mit einem kurzen verächtlichen Blick und sprach weiter. Da faßte ihn der Mann mit der Pickelhaube am Arm. Lassalle riß sich los und fragte drohend: »Sie wünschen?« »Die Versammlung ist aufgelöst,« rief der Mann des Gesetzes, und der wichtige Stolz, den Staat zu retten, lag auf seinen gebietenden Schutzmannszügen. Die Menschenflut wallte brandend gegen die Tribüne. »Was?« fragte Lassalle. »Jawohl!« wichtelte der Beamte, »ich löse die Versammlung hiermit auf.« »Weshalb?« erkundigte Lassalle sich sachlich. »Weil vorhin da draußen von den Arbeitern angesehene Bürger verwundet worden sind.« Die Volksmenge brandete murrend höher. Lassalle hob beschwichtigend die Hand. »Ich verlange von Ihrem Intellekt,« wandte er sich väterlich an den Gendarm, »nicht die Kenntnis, daß Sie nach dem Vereinsgesetz zur Auflösung der Versammlung nur dann berechtigt sind, wenn darin Vorschläge zu strafbaren Handlungen erörtert würden oder Bewaffnete erschienen. Beides liegt nicht vor. Die Auflösung ist daher ungesetzmäßig. Ich hoffe aber, Sie lassen sich belehren. So – und nun gehen Sie und stören Sie mich nicht weiter!« »Ich löse die Versammlung auf!« schrie der Mann der Ordnung und griff an den Schwertgriff. Die Volksmenge gischtete an der Tribüne empor. Lassalle hob die Hand. Und unter lautlosem Schweigen sagte er: »Die Unterhaltung mit Ihnen ist zwar recht spannend, wir wollen sie aber lieber ein anderes Mal fortsetzen. Ich bin augenblicklich, wie Sie sehen, beschäftigt. Vielleicht besuchen Sie mich einmal im Hotel. Bis dahin auf Wiedersehen!« Und ohne weiter den staunengelähmten Mann zu beachten, setzte er seine Rede fort. Die Volkswoge warf lachende Wassergarben schillernd hoch empor. Die Pickelhaube glänzte etliche Augenblicke verdutzt und fassungslos neben dem Redner, dann tauchte sie in das dunkle Meer der Hörer hinab und blitzte eilig zur Tür hinaus. Lassalle sprach weiter, und alles schien erledigt. Da entstand Lärm an der Tür. In den Arbeiterwall klaffte eine Bresche, und herein marschierten unter Führung des Bürgermeisters von Solingen zehn Gendarmen mit gefälltem Bajonett und eine Horde Polizisten mit gezogenen Säbeln. Mit dröhnendem Männerschritt rückten sie kriegerisch durch die aufgescheuchte Hörerschaft gegen die Rednertribüne vor. Schwarze Arbeiterfäuste reckten sich in die Luft, kampfesmutige Schreie schwirrten durch den Saal. Tausende von Augen suchten des Redners Wink. Eine Bewegung von ihm, ein Wort, das leiseste Aufzucken der blauen Flammenaugen – und Bajonette, Säbel, Bürgermeister und bewaffnetes Aufgebot lag zerbrochen am Boden! Doch um des Mannes Lippen schwebte ein Lächeln. Ganz deutlich schwebte es sekundenlang um den energischen Mund. In greller Helle hatte sein politischer Scharfblick die Gunst der Lage erspäht. Das Schicksal bot ihm die Hand. Fest griff er zu. Der Bürgermeister stand auf der Tribüne. »Die Versammlung ist aufgelöst!« gebot er gewaltig. Kein Laut war unter den Tausenden. Sie harrten atemlos. Nur feste Fäuste krallten sich schwungbereit um harte Stuhllehnen. Doch seltsam, der Führer lächelte: »Den Bajonetten muß ich weichen. Ich habe es immer gesagt: Macht geht vor Recht. Aber ich werde mich bei dem Ministerpräsidenten beschweren.« Und flugs setzte er sich an den Tisch der Estrade, die Depesche zu entwerfen. Einige Arbeiter erklommen das Podium, ihrem Retter Leibwache zu sein. »Die Versammlung ist aufgelöst!« schrie der Bürgermeister, »Sie haben das Lokal sofort zu räumen!« Unbekümmert schrieb Lassalle sein Telegramm an Bismarck. Da bliesen die Gendarmen die Lichter aus und stießen den Tisch um. Beherrscht erhob sich Lassalle: »Ruhe, Freunde,« rief er mit seiner Stentorstimme in den Aufruhr der Wut, »begleitet mich zum Telegraphenamt. Das Telegramm soll noch heute nacht in Bismarcks Händen sein!« Und nun zog er, von den Gendarmen mit aufgepflanztem Seitengewehr eskortiert, an der Spitze der zehntausend Arbeiter in einem Triumphzuge, wie ihn die Rheinlande nie geschaut haben, durch die nachtdunklen Straßen Solingens zum Telegraphenamte. In den engen Straßen der Bergstadt, durch die der Zug sich schmiegte, standen die Frauen und Kinder am Fenster und winkten mit Tüchern und jauchzten und jubelten. Und unten auf der Straße erklang der feste Marschtritt der Tausende, die mit begeisterten Hochrufen als Leibkohorte herzogen hinter ihrem Führer. Voran aber eilte eine kleine Schar, die mit der Mahnung: »Platz für Lassalle« dem Helfer in ihrer Not den Weg bahnten wie einem gottverwandten Fürsten des Orients. Auf dem Amte gab Lassalle das Telegramm auf, das Bismarcks Auge auf diesen Triumphzug lenken sollte: »Ministerpräsident von Bismarck, Berlin. Fortschrittlicher Bürgermeister hat soeben an der Spitze von zehn mit Bajonettgewehren bewaffneten Gendarmen und mehreren Polizisten mit gezogenen Säbeln von mir einberufene Arbeiterversammlung ohne jeden gesetzlichen Grund aufgelöst. Umsonst mich auf das Vereinsgesetz berufend protestiert. Mit Mühe das Volk – an 5000 Mann in dem großen Saale der Schützenhalle, noch mehrere Tausend vor demselben – von Tätlichkeiten abgehalten. Von Gendarmen und Zehntausenden vom Volk, die mich arretiert glaubten, nach dem Telegraphenamt transportiert. Fahne der Elberfelder Arbeiter konfisziert. Bitte um strengste, schleunigste, gesetzliche Genugtuung. F. Lassalle.« Oh, Lassalle, der gewiegte Jurist, wußte sehr genau, daß Bismarck für diese Beschwerde nicht die zuständige Instanz war; er wußte so gut wie jeder erfahrene Verwaltungsbeamte, daß Bismarck nicht einschreiten und keine »gesetzliche Genugtuung« geben konnte. Aber der Zweck dieses Telegramms war auch ein weit höherer. Zehntausende vom Volk ziehen hinter mir her in einer einzigen preußischen Stadt, hörst du es, Otto von Bismarck! Die Obrigkeit dieser Stadt, eine fortschrittliche, hält mich für so gefährlich, daß sie meine Versammlung sprengt und eine Macht von zehn Gendarmen mit Bajonettgewehren und mehreren Polizisten mit gezogenen Säbeln gegen mich aufbietet. Ich habe Einfluß auf die Menge, ich kann sie mit einem Winke – wenn auch in ihrem gerechten Zorn nur »mit Mühe« – von Tätlichkeiten zurückhalten. Ich bin ein mächtiger Volksgebieter! Hörst du es auch recht deutlich, Otto von Bismarck? XVI. Am 8. Oktober 1863 traf Lassalle wieder in Berlin ein. Jetzt galt es, die Früchte der rheinischen Heerschau im Palais des Ministerpräsidenten in der Wilhelmstraße zu ernten. Doch vorher mußte er noch vor dem Kammergericht gegen jenes Urteil kämpfen, das ihn wegen des Arbeiterprogramms zu vier Monaten Gefängnis verurteilt hatte. Er benutzte den Anlaß zu einer flammenden Agitationsrede. Am 12. Oktober hielt er den Kammergerichtsräten eine wissenschaftliche Vorlesung über »die indirekten Steuern und die Lage der arbeitenden Klasse« und errang einen glänzenden Sieg über die ersten Richter und den Staatsanwalt Schelling, der die Anklage gezimmert hatte. Die Gefängnisstrafe wurde in eine geringfügige Geldstrafe gewandelt. Auch jetzt noch vertagte er den Weg in die Wilhelmstraße. Unmittelbar unter Bismarcks Augen wollte er erst seine Macht entfalten. Jetzt wollte er Berlin erstürmen. Mit den Berliner Arbeitern unter seinen Fahnen wollte er vor Bismarcks Palais ziehen. In Berlin hatte der Verein trotz Klingbeils und Loewes unermüdlichem Werben so gut wie gar keine Anhänger. Fest standen sie hier zu Schulze-Delitzsch und der Fortschrittspartei. Die erste öffentliche Versammlung, die in Klingbeils Wohnung stattfand, hatte das Ergebnis, daß gerade ein Arbeiter erschien. Und der hatte so konfuse Ansichten, daß Klingbeil es vorzog, ihn nicht in die Mitgliederliste einzutragen. Jetzt, bei seiner Rückkehr nach Berlin, schrieb Lassalle eine neue öffentliche Versammlung aus. Sie tagte im Saale des Admiralgartens in der Friedrichstraße. Etwa dreißig Personen waren erschienen, davon die Hälfte des Spaßes wegen, trotz des Eintrittsgeldes, das zur Fernhaltung feindlicher Elemente gefordert wurde. Gleich zu Beginn der Versammlung erhob sich ein Mann und stellte Anträge. Lassalle suchte ihn zu unterbrechen, doch er stellte seine Anträge, in einem nicht niederzuringenden Antragsfuror. »Ich beantrage,« beharrte er unerschütterlich, »der Verein soll an die Regierung Petitionen einreichen.« »Worüber?« fragte Lassalle ergeben. »Über die Gewerbefreiheit, Freizügigkeit und überhaupt.« Die Spaßvögel lachten und riefen: »Jawohl. Jawohl. Petitionen und überhaupt!« »Unsinn,« bekämpfte Lassalle den Antrag, »das Petitionieren wollen wir den Fortschrittlern überlassen. Unser Prinzip ist, daß sich die Arbeiter durch das allgemeine gleiche Wahlrecht die Herrschaft im Staate erringen. Um Almosen petitioniert man, nicht um die Herrschaft.« Doch der Mann hatte seine Grundsätze. Er stellte seine Anträge. »Ich will petitionieren,« rief er trunken von der Wichtigkeit des dicken Wortes. »Wenn ich aber petitionieren will!« Auch die Spaßvögel wollten es johlend. Da schrie Lassalle in maßloser Wut: »Klingbeil, streichen Sie den Menschen aus der Liste. Und wer von Ihnen die gleiche Ansicht hat wie dieser Mensch oder sonst durch Mißverständnis in diese Versammlung geraten ist, der trete vor und lasse sich sein Eintrittsgeld zurückzahlen!« Da lief fast die ganze Versammlung lachend und lärmend zur Kasse. Jetzt erkannte Lassalle, daß er in Berlin andere Wege einschlagen müsse. Der nüchterne skeptische Berliner Arbeiter war nicht durch enthusiastisch gesprochene Reden fortzureißen und zu begeistern, wie der leicht entzündliche Rheinländer und Maingauer. Ihm mußte man etwas zu ruhigem Bedenken in die Hand geben. Am 14. Oktober ließ Lassalle in 16 000 Exemplaren ein Flugblatt auf den Straßen verteilen. In dieser »Ansprache an die Arbeiter Berlins« legte er wieder sein Programm dar und schilderte in übertriebener Darstellung die Erfolge des Vereins in der Provinz. Er sprach von der Messerstecherei in Solingen. Die Arbeiter seien durch die Fabrikanten terrorisiert und zu diesem Mißgriff gereizt worden. »Ohne Leidenschaft wird in der Geschichte kein Stein vom andern gerückt! Ohne Leidenschaft ist keine einzige jener gewaltigen Befreiungen ausgeführt worden, deren Aufeinanderfolge die Weltgeschichte bildet!« Und er schloß mit der eindringlichen Mahnung: »Arbeiter Berlins! Der zu euch spricht, führt vor euch nicht seine Sache, sondern eure eigene! Der zu euch spricht, spricht nicht zu euch als einzelner Mann, sondern als der Repräsentant vieler Tausende von Arbeitern, und mit dem ganzen Ansehen, das es ihm bei euch geben muß, so viele Tausende eurer Klasse vor euch zu verkörpern! Durch meinen Mund sprechen zu euch euere Brüder vom Rhein und vom Main, von der Elbe und von der Nordsee. Sie strecken euch die schwieligen Fäuste hin und verlangen, daß ihr einschlagt in ihre Bruderhand! Sie rufen euch zu: Erwachet aus eurer Teilnahmslosigkeit und tretet ein in unseren Bruderbund! Sie rufen euch zu: Wie könntet ihr hinter den Fortschrittlern herlaufen oder in trägem Indifferentismus verharren, hier wo es sich um die politische Freiheit, um die Wiedererhebung der Demokratie und um die materiellen Interessen eurer Klasse, um die Befreiung der Arbeit von dem Tribut an das Kapital überhaupt handelt? Sie rufen euch zu: Denket eurer großen Toten vom März 1848! Wollet ihr, die Söhne und Brüder jener, welche mit die ersten waren in der Bewegung von damals, die letzten sein in der Bewegung von heute? Faksimile Und damals handelte es sich bloß um die politische Freiheit! Heute handelt es sich um die politische Freiheit und um die Arbeitsinteressen zugleich. Und damals handelte es sich darum, Barrikaden zu bauen – heute handelt es sich zunächst nur darum, durch den gesetzlich vollkommen erlaubten Eintritt in unseren Verein, durch eine imposante Entfaltung unserer Zahl und Einmütigkeit eine Stellung einzunehmen, welche einen immensen Druck auf Regierung wie Fortschrittler zugleich ausüben und eine neue Wendung in der Entwicklung unseres Volkes herbeiführen muß! Auf also, Arbeiter Berlins! Zeichnet euch ein in die Listen des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins! Bedenket die Verantwortlichkeit, Arbeiter Berlins, die ihr durch fortgesetztes Zaudern vor euren Brüdern, vor euch selbst, vor der gesamten Geschichte auf euch laden würdet! Die wichtigsten Zentren Deutschlands sind gewonnen. Leipzig und die Fabrikgegenden Sachsens sind für uns. Hamburg und Frankfurt a. M. marschieren unter unserer Fahne. Das preußische Rheinland geht bereits im vollen Sturmschritt voran! Mit Berlin wird die Bewegung unwiderstehlich. Wollt ihr, Arbeiter Berlins, die Verantwortung auf euch laden, durch eure Haltung diese große deutsche Bewegung, den Triumph eurer gemeinsamen Sache zurückgeworfen zu haben? Wollt ihr, die Arbeiter der Hauptstadt, welche die Verpflichtung hätten, allen voranzumarschieren, den Vorwurf auf euch laden, die Letzten gewesen zu sein, die sich der Bewegung anschlossen? Bedenket die auseinanderreißenden Folgen, die es für euren eigenen Stand haben muß, wenn ihr euch feindlich oder teilnahmslos verhaltet gegen eine Bewegung, welche den Arbeiterstand in so vielen deutschen Städten und Provinzen mit Begeisterung und Enthusiasmus ergriffen hat! Die Uneinigkeit der deutschen Fürsten und Stämme, dieser traurige Charakterzug unserer bisherigen Geschichte – soll sie sich sogar auch noch im deutschen Arbeiterstande wiederfinden und unsere nationale Entwicklung vereiteln? Fern sei das von euch! Fern von mir, es zu glauben! Also, Arbeiter Berlins, – erwachet und – die Besten von euch voran – zeichnet euch ein in die Listen unseres Vereins! Im Namen des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins! Berlin, den 14. Oktober 1863. Der Präsident: Ferdinand Lassalle.« Am nächsten Tage war das Flugblatt von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und Lassalle unter die Anklage des Hochverrats gestellt. Da zögerte er nicht länger. Am hellen Vormittage ließ er sich von dem erstaunten Diener den Frack bringen. »Haben Herr Doktor wieder einen Termin?« fragte er in der Vertraulichkeit des alten Faktotums. »Mir ist doch davon nichts bewußt.« »Nein, Friedrich. Um solch eine Lappalie handelt es sich heute nicht. Heute gehe ich zu der Zusammenkunft zweier Könige.« Und er stülpte den Zylinder verwegen aufs Haupt, faßte fest den Bastillenstock und ging zur Tür hinaus. »Nanu?« dachte Friedrich, »sollte die Volkszeitung recht haben, daß er sich der Regierung verkauft hat. Und gleich zwei Könige!! Ich muß ihm doch mal ein bißchen auf die Finger sehen.« Durch das Tor des Hauses Nr. 76 in der Wilhelmstraße trat der elegante Herr. Er schritt die breite Einfahrt hinan, an deren Ende zwischen zwei gewaltigen ruhenden Löwen die Treppe ins Innere des Hauses emporstieg. Da öffnete sich ein Fenster der Portierloge, ein Mann steckte den Kopf mit der Dienstmütze heraus und erkundete gleichgültig: »Wohin?« »Ist der Herr Ministerpräsident zu Hause?« fragte der elegante Herr nachlässig, mit der Miene eines mittleren Kaisers. Der Mann sprang aus der Loge und öffnete weit das Glastor. »Zu Befehl. Ex –« Da besann er sich und berichtete devot: »Exzellenz Graf Eulenburg sind soeben fortgegangen. Jetzt ist niemand drin.« Und er geleitete den vornehmen Besucher hinauf in das erste Stockwerk. In einem Vorzimmer übergab er den Gast einem Kammerdiener unter der hochachtungsvollen Weisung: »Melden Sie Seine Hoheit Seiner Exzellenz.« Dann grüßte er mit der Strammheit des alten Soldaten und stieg wieder in seine Loge hinab. »Wen darf ich melden?« bat der Lakai. Mit großartiger Gebärde reichte ihm Lassalle seine Karte. Der Diener ging rasch, heimlich den Namen entziffernd. Nach weniger Sekunden kam er zurück: »Exzellenz lassen bitten.« Dann schritt er durch den weiten Vorsaal voran, öffnete eine Tür, meldete hinein: »Herr Dr. Lassalle« und gab dem Besucher den Weg frei. Lassalle stand im Kabinett des Ministers. Bei seinem Eintritt saß Bismarck an dem großen; aktenbedeckten Schreibtisch in der Mitte des Zimmers. Doch sofort erhob er sich zu seiner schlanken Reckenhaftigkeit, kam dem Gast bis an die Tür entgegen, reichte ihm die Hand und sagte mit gewinnendstem Lächeln: »Ich freue mich, Sie einmal von Angesicht zu sehen, Herr Doktor.« »Auch ich bin glücklich«, verbeugte sich Lassalle, »den einzigen Mann in Preußen zu begrüßen.« Bismarck lächelte fein und rückte dem Besuch einen Sessel zurecht. »Darf ich bitten, Herr Doktor.« Und zu einem Wandschränkchen hinübergehend, fragte er: »Sie rauchen doch?« »Wenn ich darf, mit bestem Danke.« Dann saßen die beiden Männer einander gegenüber. Blauer Rauch ringelte sich in die Helle des Zimmers empor. Und sie sprachen, freundlich, scherzend, bitter ernst. Jeder fühlte die Größe des andern, jeder wußte: »Dort sitzt dein ebenbürtiger Feind.« Lächelnd, in der bestrickenden Liebenswürdigkeit des Diplomaten und Hofmannes, leitete der Minister das Gespräch, vorsichtig und mit seiner verblüffenden Kühnheit. Lässig saß seine sinnenfrohe Germanengestalt vor dem schmächtigen, bleichen, um zehn Jahre jüngeren Manne mit der von Arbeit und Denken herausgemeißelten Stirn, mit den leidenschaftlichen, willensstarken Augen und Worten. Zwei Große der Weltgeschichte saßen sich gegenüber, jeder eine noch ungeborene Welt im Hirne tragend: der eine das Deutsche Reich, der andere die deutsche Sozialdemokratie, zwei Mächte, deren Kampf der Kampf der Zeit werden sollte. In seiner chevaleresken Ungeniertheit, die jede Förmlichkeit sofort bannte, fragte jetzt der Minister: »Was verschafft mir die Annehmlichkeit Ihres Besuches?« Da erwiderte Lassalle: »Ich wollte mich bei Eurer Exzellenz über die rasche Erledigung meiner Solinger Depesche bedanken.« Überrascht warf Bismarck den mächtigen Kopf zurück. »Rasche Erledigung? Ich habe sie lediglich der zuständigen Instanz, der Königlichen Regierung in Düsseldorf, überwiesen.« »Dafür wollte ich mich bedanken,« entgegnete Lassalle keck. Bismarck lachte kurz auf. »Den Dank kann ich nun allerdings nicht annehmen. Doch den Vorwand akzeptiere ich gern.« »Ich sehe, wir verstehen uns,« scherzte Lassalle. »Zwischen verständigen Männern gibt es immer eine Verständigung,« nickte Bismarck und schlug behaglich ein Bein über das andere. »Ja, ja,« scherzte er, »unsere Polizei ist sehr eifrig. Mir selbst könnte es ergehen, daß irgendein Bürgermeister mich arretieren läßt. Hören Sie, mein lieber Herr Doktor, Sie haben es aber auch ein bißchen arg getrieben. Unsere liebe Fortschrittspartei schätzt es nicht, wenn man ihr den Spiegel so nahe vors Gesicht hält.« Dabei blätterte er unter den Aktenstücken auf dem Tisch und zog Lassalles Solinger Rede hervor. Wie absichtslos spielten seine Finger mit der Broschüre. Lassalle sah es wohl. »Exzellenz,« gestand er, »ich habe die Fortschrittspartei nicht aus bloßer Prinzipienreiterei angegriffen, sondern deshalb, weil ich mich überzeugt habe, daß sie ganz und gar zu jeder Klärung der Verhältnisse unfähig ist und keinen Nutzen oder Vorteil irgendwelcher Art für das Volk herbeiführen kann. Sie wird es vielmehr nur möglichst lange in Halbheit und Unklarheit erhalten.« »Ich weiß,« ließ Bismarck die Hand auf den Tisch sinken, »es sind viele eitle Schwätzer darunter. Es ist oft kein Vergnügen, ihnen im Abgeordnetenhaus zu lauschen. Doch sie können es nun einmal nicht besser. Aber Sie« – er schlug auf den Deckel der Broschüre – »Sie können es besser. Sie sind neben Robert Blum und Friedrich List der größte Volksagitator des Jahrhunderts.« Lassalle verbeugte sich lächelnd. »Dieses Lob aus solchem Munde ist der schönste Ehrenkranz meines Lebens,« bekannte er ehrlich. »Auch Ihr Flugblatt an die Berliner Arbeiter gefällt mir.« »Exzellenz besitzen es?« fragte Lassalle aufglühend. »Pst!« machte der Minister und hob das Heftchen vom Tisch. »Sagen Sie dem Untersuchungsrichter nichts davon, sonst läßt er es mir wegnehmen.« Und ernst werdend, daß die ausgeprägten Züge noch schärfer heraustraten, sagte er: »Ich habe Ihre gesamte Tätigkeit verfolgt.« »Und was halten Sie davon?« fragte Lassalle hitzig. Bismarck lächelte vorsichtig. »Hm – sehr interessant, lieber Herr Doktor. Sehr interessant.« »Was halten Exzellenz von dem allgemeinen direkten Wahlrecht?« versuchte Lassalle. »Viel. Ich stehe ihm durchaus sympathisch gegenüber. Zumal für die Zukunft, wenn wir ein einiges Deutschland haben werden.« In seiner kühnen Offenheit ließ er eine Tür des Geheimtresors, in dem er die kostbaren Gedanken seiner Zukunft bewahrte, weit vor dem Besucher aufspringen. »Als eiserne Klammer für die Einigung Deutschlands unter Preußen, gegen den Partikularismus der Dynastien und Stämme ist es unentbehrlich. Nur eine auf Grund des allgemeinen direkten Wahlrechtes berufene Volksvertretung wird für Preußen die Sicherheit gewähren, daß es nichts zu opfern hat, was nicht dem ganzen Deutschland zugute kommt. Kein noch so künstlich ausgedachter Organismus von Bundesbehörden kann das Spiel und Widerspiel dynastischer und partikularistischer Interessen ausschließen, welches sein Gegengewicht und seine Korrektion daher allein in der Nationalvertretung finden muß. In einer Versammlung, die aus dem ganzen Deutschland nach dem Maßstab der Bevölkerung durch direkte Wahlen hervorgeht, wird der Schwerpunkt, so wenig wie außer Deutschland, so auch nie in einen einzelnen, von dem Ganzen sich innerlich loslösenden Teil fallen.« Lassalle hatte ihn mit äußerer Aufmerksamkeit, doch innerer Ungeduld aussprechen lassen. Er wollte den Mann in andere Richtung treiben. »Ich pflichte Ihnen vollständig bei,« sagte er jetzt. »Exzellenz werden vielleicht wissen, daß mir Zeit meines Lebens alles Kleindeutsche verhaßt gewesen ist, daß ich stets für ein einiges großes Deutschland gekämpft habe.« »Ich weiß,« stieß Bismarck den Rauch zur Decke. »Doch,« bog Lassalle in seine Fährte ein, »mir scheint zurzeit das allgemeine und direkte Wahlrecht eine dringendere Aufgabe im Innern Preußens als im zukünftigen Deutschland zu haben.« Bismarck rauchte freundlich ermunternd. Da entschloß sich Lassalle. »Mit Hilfe des allgemeinen und direkten Wahlrechtes ist in Monatsfrist der Konflikt erledigt.« »Ja,« lachte Bismarck auf, »aber wie kriegen wir's?« Lassalle beugte sich vor, seine Augen funkelten. »Oktroyieren Sie es!« Bismarck wurde sekundenlang steinern ernst. Doch sofort hatte er sich wieder in seiner lächelnden Gewalt. »Das hieße den Eid brechen, den der König auf die Verfassung geschworen hat.« Lassalle erhob sich heftig. »Scheuen Sie davor zurück!« »Ich vielleicht nicht, doch Seine Majestät. Aber behalten Sie doch Platz, Herr Doktor.« Lassalle überhörte die Einladung. »So bestimmen Sie Seine Majestät!« Bismarck zuckte die breiten Schultern. »Der König sieht sich gebunden und wird nie seine Zustimmung zu einem Verfassungsbruch geben. Aber setzen Sie sich doch, Herr Doktor. Ihre Zigarre brennt wohl nicht recht? Bitte, nehmen Sie eine andere.« Mechanisch griff Lassalle in das Kistchen. »Ist es kein Verfassungsbruch,« hielt er verwegen dem Minister entgegen, »ohne Bewilligung der Kammer die Kosten der Heeresreform zu verausgaben?!« »Sie werden nicht erwarten,« lächelte Bismarck, »diese Frage von mir bejaht zu hören.« Da riß Lassalle die ganze Kraft seines Geistes zusammen, dem Manne da, an dessen liebenswürdiger Heiterkeit er immer wieder abprallte, mit der überzeugenden Eindringlichkeit seiner Dialektik zu beweisen, daß die Oktroyierung des allgemeinen, direkten Wahlrechtes keinen Verfassungsbruch bedeute. »Sie werden es einführen müssen, Exzellenz,« rief er überlegen lächelnd. »Wir können mit offenen Karten spielen. Es ist die stärkste Diplomatie, die ihre Berechnungen mit keiner Heimlichkeit zu umgeben braucht, weil sie auf erzene Notwendigkeit gegründet sind. Und so sage ich Ihnen denn: ehe ein Jahr vergangen ist, werden Eure Exzellenz die Rolle Robert Peels gespielt und das allgemeine direkte Wahlrecht oktroyiert haben.« Er warf den Kopf stolz zurück. Bismarck rückte näher an den Tisch, stützte den Ellenbogen auf die Tischplatte, legte das Ohr in die Hand und horchte gespannt auf diese beherzte Sprache, die er nie in seiner Welt noch gehört. »Die Staatsregierung,« sprach Lassalle mit gut gespielter Nonchalance weiter, »wird die Rolle Sir Robert Peels spielen, sage ich, und zwar aus dem sehr einfachen Grunde, weil ihr gar nichts anderes übrig bleibt.« Bismarck rückte den Kopf noch weiter vor. »Nichts anderes,« erhärtete Lassalle lächelnd. »Ein nicht beizulegender, tödlicher Kampf ist zwischen dem Königtum und der Bourgeoisie entbrannt. Wer von beiden weicht, ist verloren! Das Königtum kann einer Clique nicht weichen, aber ebensowenig kann es andererseits die unregelmäßigen Zustände verewigen, die wir jetzt haben.« »Weiter,« bat Bismarck mitgerissen. »Es ist daher,« erklärte Lassalle mit immer echterer Überlegenheit, »ein Kampf ohne Ausweg und Ende, denn es ist ein Kampf von zwei Gegnern, von denen jeder unbesiegbar ist für den andern in seinem eigenen Lager!« Bismarck warf sich im Sessel zurück, kreuzte die Arme über der Brust und sog dem sprechenden Manne die Worte vom Munde. »In diesem Kampf ohne scheinbaren Ausweg ist der einzig mögliche Ausweg, der überhaupt denkbar ist, der, das Volk selbst auf die Bühne zu führen und sein Recht herzustellen. Ein Ausweg von der höchsten rechtlichen und historischen Weihe. Und diesen Ausweg wird Eure Exzellenz wählen.« »Bitte, fahren Sie fort,« forderte Bismarck. »Mit der Notwendigkeit der Naturgesetze drängt der Druck des unmittelbaren Volksgefühls und der Intelligenz der Höchstbesitzenden im Reiche des Geistes nach jener Öffnung, die in den fatalistischen Kreis gebrochen ist. Hinzukommen die großen auswärtigen Konflikte –« Bismarck horchte gespannt – »die Auseinandersetzung mit Österreich, die schleswig-holsteinsche Frage, die es unmöglich machen, das Volk zu ignorieren, und Sie zwingen, das, was Sie tun müssen, zu tun, gestützt auf das Volk und getragen vom Volke.« »Hm,« machte Bismarck. »Im Prinzip,« fuhr Lassalle fort, »werden Sie mir zugeben, daß das Königtum, ohne sich etwas zu vergeben, das Volk auf die Bühne rufen und sich darauf stützen kann. Es braucht sich hierzu nur bewußt zu werden, welches die Säule ist, auf der es steht. Das Volk, nicht die Bourgeoisie zahlt die Steuern! Das Volk, nicht die Bourgeoisie schlägt die Schlachten! Es braucht sich endlich nur seines Ursprungs zu erinnern, denn alles Königtum ist ursprünglich Volkskönigtum gewesen. Ein Louisphilippsches Königtum, ein Königtum von der Schöpfung der Bourgeoisie, könnte dies freilich nicht. Aber ein Königtum, das noch aus seinem ursprünglichen Teige geknetet dasteht, auf den Knauf des Schwertes gestützt, könnte das vollkommen wohl, wenn es entschlossen ist, wahrhaft große nationale und volksgemäße Ziele zu verfolgen.« Er blickte dem Minister Zustimmung heischend in die lebhaften Augen. »Sehr interessant,« murmelte Bismarck. »Sprechen Sie, bitte, weiter!« »Also der Ausweg ist da,« lächelte Lassalle. »Es handelt sich nur darum, ihn für Ihren königlichen Herrn recht verlockend auszuschmücken. Auch dafür habe ich einige hübsche historische Fähnchen. Eure Exzellenz wissen, daß die preußische Verfassung noch nicht einen einzigen Tag lang zu Recht bestanden hat.« »Sie haben es in Ihren Reden immer wieder behauptet.« »Mit Recht,« ereiferte sich Lassalle. »Friedrich Wilhelm IV. hatte nicht die Machtbefugnis, das Dreiklassenwahlrecht zu oktroyieren.« »Hm,« machte Bismarck wieder. »Die Bourgeoisie aber hat sich 1849 die Vernichtung des 1848 gesetzlich eingeführten allgemeinen Wahlrechts gefallen lassen. Ja, sie hat diese Verkümmerung des Volksrechtes als eine königliche Gunst mit Jubel begrüßt, die brave Bourgeoisie. Keine einzige Kammerverhandlung seit 1849 hat dagegen protestiert. Jetzt aber, da sie mit dem Königtum über die Auslegung jener königlichen Gunst in Streit geraten ist, will die Bourgeoisie das Königtum im Namen des Rechts bekämpfen, während sie doch gar nicht auf dem Boden des Rechts, sondern seiner – gebilligten Verletzung steht. Und das rächt sich jetzt, Exzellenz, wie sich jeder Fehler hienieden rächt.« Bismarck horchte. »Jetzt, da das Königtum in einem fort angegriffen, eingeschüchtert und zu Boden gerannt wird im Namen des »Rechts«, erscheint mir doch der Augenblick gekommen, in dem das Königtum sich dieses ›Recht‹ einmal etwas näher ansieht. Jedermann muß das Recht respektieren. Gewiß. Aber niemand läßt sich gern aus seiner eigenen Gunst ein Halsband drehen, an welchem er erwürgt wird.« Bismarck lächelte leise unter dem dichten Schnurrbart. »Sehr geistreich. Ich verstehe Sie vollkommen. Bitte weiter.« »Das Königtum kann also die mißbrauchte Gunst wieder zurücknehmen. Tut es dies und oktroyiert es das allgemeine und direkte Wahlrecht, so ist es statt der Vernichter des Rechts, vielmehr nur der Wiederhersteller des Rechts, das 1848 gegolten hat. Von einem Verfassungsbruche kann also keine Rede sein. Und wenn der König etwa einwenden sollte, daß im Jahre 1848 nur das allgemeine, nicht aber das allgemeine und direkte Wahlrecht eingeführt worden sei, so werden Eure Exzellenz ihn an die Worte des Herrn von Vincke erinnern, die Sie selbst auf dem Vereinigten Landtage von 1847 gehört haben: »Die Freiheiten eines Volkes sind ein Majorat, das im Laufe der Zeit niemals vermindert, immer aber vermehrt werden kann.« Er schwieg überzeugungsfroh. Da stand Bismarck in seiner ganzen Stattlichkeit. »Sehr geistvoll,« wiederholte er ernst. »Außerordentlich geistvolle Deduktion, mein lieber Herr Doktor. Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Anregung. Sie war mir sehr wertvoll.« »Ich bitte Eure Exzellenz auch zu bedenken,« schlug Lassalle im Übermut des Erfolges einen neuen Hieb, »daß das Volk durchaus keine rohe, undisziplinierte Masse ist. Tausende und aber Tausende stehen gehorsam unter dem Wirbelzeichen meiner Werbetrommel.« Da fiel ihm Bismarck flugs in die Parade. Der Mann führte ihm zu selbstbewußt die blitzende Klinge. »Nach den Zeitungsnotizen,« lächelte er, »haben Sie im Rheinlande ja ganz schöne Erfolge gehabt. Wie steht es denn mit Berlin?« Lassalle fühlte den Stich. »Berlin werde ich jetzt erobern,« tat er zukunftssicher. »Exzellenz werden es sehen.« Und wieder einbiegend, versuchte er es in seiner angeborenen Eindringlichkeit von neuem: »Ich hoffe Exzellenz überzeugt zu haben, daß die Einführung des allgemeinen direkten Wahlrechts im Interesse der Monarchie liegt, wie im Interesse des Volkes.« Bismarck nickte. »Das ist auch meine Überzeugung, daß das künstliche System indirekter und Klassenwahlen ein viel gefährlicheres ist, indem es die Berührung der höchsten Gewalt mit den gesunden Elementen, die den Kern und die Masse des Volkes bilden, verhindert. In einem Lande mit monarchischen Traditionen und loyaler Gesinnung wird das allgemeine Stimmrecht auch zu monarchischen Wahlen führen.« Lassalle unterdrückte mit Mühe den aufglimmenden Triumph. Der Mann dort hatte angebissen. Und wie er sich über die Wirkung des allgemeinen direkten Wahlrechtes täuschte! Jetzt vorsichtig weiter! Er preßte die Hände zusammen, die vor Erregung feucht waren, und zwang sich zur Ruhe. »In Preußen,« sprach Bismarck nachdenkend fort, »sind neun Zehntel des Volkes dem Könige treu und nur durch den künstlichen Mechanismus der Wahl um den Ausdruck ihrer Meinung gebracht.« »Dann würde ich,« lächelte Lassalle beherrscht, während jeder Nerv an ihm zuckte, »an Eurer Exzellenz Stelle die Konsequenzen dieser Einsicht ziehen.« »Ja,« hob Bismarck die Arme, »man kann nicht jeder Einsicht folgen.« »Jede Einsicht trägt die eingeborene Kraft des Sieges in sich,« versicherte Lassalle. »Gut,« lächelte Bismarck, »dann wollen wir darauf hoffen, daß dieser Sieg einmal eintritt.« Und Lassalles weitere Entgegnung abschneidend, sagte er: »Ich möchte gern eins wissen, Herr Doktor, was uns im Moment näher liegt. In Ihrer Solinger Rede haben Sie über die bevorstehenden Wahlen zum Landtag gesprochen. Eins ist mir nicht ganz klar geworden. Warum befehlen Sie Ihrer Gefolgschaft nicht, mit der konservativen Partei zu stimmen, dort wo Sie keine Aussicht haben, Ihren eigenen Kandidaten durchzubringen? Diese Konsequenz vermisse ich in Ihrer Rede. Unsere Interessen sind doch – wie Sie selbst vorhin richtig bemerkten – gemeinschaftliche. Sie kämpfen von Ihrem wie wir von unserem Standpunkte gegen das Bestreben der Bourgeoisie, die Herrschaft an sich zu reißen.« Da spürte Lassalle den Versucher. Und jetzt lächelte er: »Es käme ja nur auf ein Bündnis an. Geben Sie das allgemeine direkte Wahlrecht, so gebe ich die Stimmen meiner Arbeiter.« Da lachte Bismarck in seinem ungenierten Freimut heraus: »Das möchte Ihnen so passen, mein lieber Doktor. Nee, is nich! Damit Sie ein Stückchen Wegs mit uns gehen und uns dann um so bitterer bekämpfen.« »Aber Exzellenz,« beteuerte Lassalle, »sagten doch eben selbst, das gleiche direkte Wahlrecht würde monarchische Wahlen geben.« »Stimmt, lieber Doktor. Aber trotzdem stehe ich nicht gern – nicht einmal scheinbar – als der Übertölpelte da. Nichts für ungut, lieber Doktor. Jeder tut, was er kann. Im Grunde kommt es zwischen uns beiden ja nur darauf an, wer der Mann ist, der mit dem Teufel Kirschen essen kann. Nous verrons.« Er erhob sich. »Aber dieses Kirschenessen ist mir recht lehrreich. Ich bitte Sie, recht bald wiederzukommen. Für heute ist meine Zeit leider erschöpft. Wir haben noch manches zu besprechen. Ihre Assoziationen mit Staatshilfe interessieren mich sehr. Also, bitte, recht bald wieder!« – Als kurze Zeit darauf Herr von Keudell eintrat, einige Unterschriften des Chefs zu erbitten, lächelte Bismarck beim Schreiben vor sich hin: »Heute war der Dr. Lassalle bei mir, lieber Keudell. Wollte mich für seine Bewegung ködern. Prachtvolle Idee, die ihm ähnlich sieht. Hat mir viel Vergnügen gemacht. Ist ein Mann, der ehrgeizig im großen Stile ist. Ein energischer, geistreicher Mensch, mit dem zu sprechen sehr lehrreich war. Ich hoffe, er wird den Eindruck gehabt haben, daß ich ein intelligenter und bereitwilliger Hörer bin. Schade, daß seine politische Stellung und die meinige mir nicht gestattet, viel mit ihm zu verkehren. Aber ich würde mich freuen, einen Mann von dieser Begabung und geistreichen Natur als Gutsnachbar zu haben.« Und mit splitterndem Kiele warf er seinen Namen unter die Urkunden. – Lassalle aber ging hoch erhobenen Hauptes an dem verblüfften Kammerdiener und dem strammstehenden Portier vorbei, mit wohlwollend herablassendem Gruße. Dann sprang er in eine Droschke. Heim, heim zur guten Gräfin, die fieberhaft des Ergebnisses harrte! Ah, sie würde staunen. Wie er auf seine Ausführungen gehorcht hatte! Sapperment ja, das war ein Zuhörer. Wie die dichten Brauen zuckten im Begreifen! Er warf dem Droschkenkutscher einen Taler hin und rannte ins Haus. Der Mann besah das Geldstück, besah den Rücken des davoneilenden Fahrgastes, schüttelte den Kopf und fragte seine treue Lebensgefährtin, die alte Schimmelstute: »Verstehste det, Laura?« Die schüttelte den greisen Schweif. Lassalle stürzte ins Arbeitszimmer, schwenkte den Zylinder und rief: »Ein entzückender Mensch, dieser Bismarck. So etwas burschikos Liebenswürdiges! Es war die unterhaltsamste Stunde meines Lebens.« »Und der Erfolg?« drängte Sophie Hatzfeld. »Die Festung hat noch nicht kapituliert,« berichtete er freudebetört. »Das wäre auch etwas zu viel verlangt. Aber breite Breschen habe ich in die Umfassungsmauern geschossen. Beim nächsten Sturm wird sie sich ergeben und das sieghafte Banner des allgemeinen gleichen direkten Wahlrechts auf der Zitadelle hissen.« XVII. In Vater Klingbeils niedriger Stube brodelte die Öllampe. Schweigend saßen der Alte und Loewe in schwere Gedanken und dichte Rauchwolken gehüllt. Mutter Klingbeil strickte ihren unendlichen grauen Strumpf. Hedwig las. Lange wurde kein Wort gesprochen. Da hob Hedwig den hübschen braunen Kopf, wandte das lebhafte Gesicht dem jungen Fabrikanten zu und rief: »Nein, solch oller Quatschkopf, dieser Schulze-Delitzsch!« Loewe lachte, der Mutter entfielen vor Schreck über das dreiste Wort zwei Maschen, der Vater aber brummte: »So'n rabiates Mädel! Was schmökerst du denn da schon wieder, he?« »Schulze-Delitzschens Arbeitervorträge. ›Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus‹,« gab sie leichthin Bescheid. »Wo haste die denn her?« fragte erstaunt der Vater. »Von meiner Freundin Elli,« kam forsch die begehrte Auskunft. »Das muß ja ein ganz besonders kluges Mädel sein, diese Elli, die da seit einiger Zeit bei euch im Geschäft ist,« bewunderte der Vater. »Aber weißte, schön von ihr finde ich's nicht, daß sie dich nie besuchen kommt. Das schickt sich nicht, daß du immer hinläufst.« »Ich habe dir doch schon hundertmal die Gründe gesagt,« verwies Hedwig mit der Strenge des verwöhnten Kindes. »Sie kann ihre kranke Mutter nicht allein lassen. Was du nur immer wieder hast!« Die Mutter blickte sie scharf von der Seite an. »Jotte doch,« gab Klingbeil klein bei, »verzeihen Sie nur gütigst, Mamsellchen, daß ich mir herausnehme, was zu bemerken! Nee, diese Weibsleute!« Und in seiner väterlichen Ahnungslosigkeit wandte er sich gutmütig bedächtig an Loewe: »Da sehen Sie, wie Lassalle seine Agitation schon wirkt. Selbst die Ladenfräuleins lesen die Arbeiterschriften!« Loewe schwieg. Sein scharfer Blick hatte längst die Quellen der überraschenden Wandlung in Hedwig Klingbeils Seelenleben entdeckt. Er kannte die Frauen gut genug, um zu wissen, daß solche jähe geistige Knospen nur aufspringen unter der Bestrahlung eines Liebesgestirns. Und er ahnte, welches Himmelslicht an Hedwig Klingbeils Horizont aufgegangen war. Doch er wußte auch, daß es nicht seines Amtes war, hierüber zu sinnen und zu sprechen. Er schwieg. Und Hedwig vergrub ihr Gesicht in den Blättern des Buches. Denn die Mutter, deren Weibesinstinkt schon lange Verdacht hegte, blickte scharf forschend zu ihr herüber. Wieder rauchten die Männer in schweren Gedanken. Nur dann und wann klang das Umblättern einer Seite und das leise Klirren der Stricknadeln verloren durch die sinnende Stille. Endlich seufzte Loewe: »Es wird hier in Berlin nichts werden. Das ist mir gestern klar geworden. Dieser Radau in der Versammlung! Die Leute stehen zu fest zu Schulze-Delitzsch. Und dann diese häufigen Besuche bei Bismarck. Das sickert doch durch und macht Lassalle den Arbeitern verdächtig.« Klingbeil klopfte andächtig die kurze Tonpfeife aus. »Lassen Sie man, Herr Loewe –« »Nanu, seit wann nennen Sie mich ›Herr‹!«, lachte der junge Fabrikant. »Sie sind doch nu ein Herr. Wo Sie schon zwanzig Arbeiter haben.« »Ih!« machte Loewe eine wegwerfende Geste, »das lassen Sie nur. Ich bleib' immer, der ich war.« »Desto besser,« nickte Klingbeil. »Ja, was ich sagen wollte. Lassen Sie man Lassalle bloß machen! Da können wir gar nichts drein reden. Ich nicht und Sie nicht, Loewe, wenn Sie auch noch so'n feiner Kerl sind, und keiner nich. Wir sind man alle bloß Menschen. Aber Lassalle – das habe ich gleich am ersten Abend, wo Sie'n damals hergebracht haben, gemerkt, das ist kein Mensch wie unsereiner, das is 'n – ja, Sie können mir's glauben, der hat so was, wie man sich den Messias vorstellt. Das is kein Mensch wie unsereiner.« Loewe schwieg beklommen. Hedwig lächelte leise vor sich hin. Ach, sie wußte, wie menschlich der Messias war! Der Alte sah es. »Was grienst du Jöhre?« schalt er bärbeißig, »was verstehst du davon! Steck' die Nase in deinen ollen Schulze!« Die Mutter spähte scharf. Loewe sog heftig an der Zigarre. »Ich will Ihnen Ihren schönen Glauben nicht nehmen, lieber Klingbeil. Ich wünschte wahrhaftig, es hätten noch einige Dutzend diesen Enthusiasmus in Berlin, dann ständen andere Erfolge da. Aber mir gefällt diese Sache mit Bismarck nicht. Lassalle verrennt sich da in eine Sackgasse. Ich kann mir denken, was er von ihm will. Er soll das allgemeine direkte Wahlrecht als Kampfmittel gegen die Fortschrittler oktroyieren. Aber –« er zog die gedankenreine Stirn kraus, und aus ihm sprach der tüchtige Parlamentarier, der er später wurde – »Bismarck denkt nicht daran, das allgemeine direkte Wahlrecht aufzuzwingen. Er hält Lassalle hin. Bismarck hat ganz andere Pläne. Sie werden sehen, die Zukunft wird mir recht geben. Der Mann will Deutschlands Einheit schmieden. Das ist sein großes Ziel. Und das sage ich Ihnen: mit dem allgemeinen direkten Wahlrecht wird er Deutschland zusammenkitten. Aber er denkt nicht daran, es für diesen Kampf mit den Liberalen, der ihm im Vergleich zu seiner Lebenspolitik eine Bagatelle ist, zu vergeuden.« Hedwig starrte ihn angstvoll an. »Dann wäre Lassalle doch auf ganz falschem Wege!« brach die Sorge um den Geliebten aus ihr hervor. Der Vater lachte: »Sieh einer die Bange von der Jöhre an! Reg' dir man nich auf, Mädel, der Mann is nich auf falschem Wege, der kennt seine Richtung ganz genau!« Die Mutter prüfte wieder heimlich und sah ihre schreiende Angst um den Mann. Und wußte fast alles. Loewe aber sagte ernst: »Ja, Fräulein Hedwig. Er ist auf falschem Wege. Er verrennt sich auf einen Holzweg. Und verliert dadurch jede Fühlung mit dem Empfinden der Arbeiter. Und seine Gegner beuten den regen Verdacht gegen ihn weidlich aus. Ich habe es ihm schon mehrmals gesagt. Er hat mich verlacht. Sein Selbstbewußtsein will es nicht wahrhaben, daß Bismarck seinem Einfluß überlegen ist. Vielleicht –« er sah ihr fest in die Augen – »könnte ein anderer es ihm immer und immer wieder sagen.« Hedwig barg das blutunterströmte Gesicht in den Blättern des Buches. Die Mutter hatte ihre schmerzliche Gewißheit. Der brave Alte aber faltete die Arme über dem blauen Kittel und beharrte in seinem felsenharten Vertrauen. »Reden Sie keinen Unsinn, Loewe! Der Mann weiß, was er tut. Wenn es jetzt hier in Berlin auch schlecht geht. Am Rhein haben sie ihn doch als richtigen Messias gefeiert. Sie selbst haben uns doch die ›Düsseldorfer Zeitung‹ vorgelesen, wo alles drin stand. Hauptsache sage ich ist: an ihn glauben. Ich glaube an ihn. Er ist meine Zuversicht!« Er faltete unwillkürlich fromm die Hände. »Ich sag' nur immer wieder: wäre er ein Mensch wie du und Sie und alle, schön, dann könnte man schwanken. Aber er is zu unserm Messias bestimmt. Das fühle ich. Und das haben die am Rheine auch gefühlt. Und darum kann auch kein Bismarck und keiner nich gegen ihn an. Und Sie werden ja am 22. sehen, wie er da die Berliner packt. Gestern nach der Radauversammlung hat er zu mir gesagt: ›Klingbeil,‹ sagt er, ›nu erst recht. Jetzt werde ich den Stier bei den Hörnern fassen.‹ Und er tut's, darauf können Sie Ihnen verlassen.« Loewe kaute stumm an seiner Zigarre. Er hatte seine bösen Ahnungen. Da rief Klingbeil: »Nu wollen wir nicht Trübsal blasen, Kinder. Hede, hol' mal das schöne Lied aus der Lade, das er uns gestern in der Versammlung gegeben hat. Wir wollen's noch mal singen. Das gibt Mut!« Und Hedwig holte das Arbeiterlied, das Herwegh auf Lassalles Drängen dem Verein gestiftet und Bülow vertont hatte. Jeder erhielt ein Blatt. Und andächtig sangen die beiden Männerstimmen, begleitet von Frau Klingbeils schüchternem Sopran und Hedwigs mutigem Alt, das blutaufpeitschende Arbeiterlied: »Bet' und arbeit'! ruft die Welt. Bete kurz! Denn Zeit ist Geld, An die Türe pocht die Not; Bete kurz! Denn Zeit ist Brot. Und du ackerst und du säst, Und du nietest und du nähst, Und du hämmerst und du spinnst, Sag', o Volk, was du gewinnst! Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht, Schürfst im Erz- und Kohlenschacht, Füllst des Überflusses Horn, Füllst es hoch mit Wein und Korn. Doch wo ist dein Mahl bereit? Doch wo ist dein Feierkleid? Doch wo ist dein warmer Herd? Doch wo ist dein scharfes Schwert? Mann der Arbeit, aufgewacht Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will! Brecht das Doppeljoch entzwei! Brecht die Not der Sklaverei! Brecht die Sklaverei der Not! Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!« Mächtig dröhnte Klingbeils führender Baß an der niedrigen Decke wieder. »Da liegt Marks drin,« wischte er sich befriedigt über die Lippen. »Donnerwetter ja, da liegt Marks drin!« »Das ist mit Eisen geschrieben!« lobte Loewe und stand auf. »Gute Nacht, denn,« sagte er sorgenvoll, »auf bessere Zeiten!« Kaum war er aus der Tür, da stand Hedwig vor dem Spiegel. »Wo willst du denn jetzt noch hin?« fuhr der Vater sie an. »Gleich halb zehne ist's.« »Zu Elli, natürlich,« versetzte sie harmlos gelassen. »Ich spring' noch auf'n Augenblick zu ihr herum. Jetzt kann ich doch noch nicht schlafen. Das Lied macht einen ordentlich heiß. Ich hab' ihr auch versprochen, es ihr noch heute abend zu bringen.« »Daß du aber bald wiederkommst,« gab der Vater gutmütig nach. »Um sechse mußt du aus den Federn.« »Ja, ja,« lachte sie, sagte gute Nacht und war draußen. Rasch eilte sie durch den Feldweg zum Kanal. Sie durfte jetzt nie vor halb zehn zu ihm kommen, er arbeitete in dieser Zeit über alle menschliche Kraft. Betrieb wieder allein die ganze Kleinarbeit des Werbens für den Verein, schrieb ein großes ökonomisches Werk gegen Schulze-Delitzschens »Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus«, arbeitete seine Verteidigungsreden aus in dem Hochverratsprozeß, der wegen der Ansprache an die Arbeiter Berlins gegen ihn schwebte, und in den Strafprozessen, die ihm zwei Agitationsreden wegen Aufreizung zum Klassenhaß eingebracht hatten, und schlug sich in nimmermüden Eingaben, Beschwerdeschriften, Rekursen mit Polizeibehörden, Gerichten und Ministerien wegen Beschlagnahme seiner Schriften, Verhaftungsbedrohungen und Belästigungen seiner Anhänger herum. Der Verkehr mit Bismarck half ihm da weiß Gott nicht. Er mußte sich wacker seiner Haut wehren und tat es mit fast übermenschlicher Stärke. Nein, vor halb zehn hatte er für Liebesgetändel keine Zeit! Als das Mädchen die Stube verlassen hatte, geschah etwas nie Geschehenes. Frau Klingbeil legte den Strickstrumpf beiseite, ehe es Schlafenszeit war! Sie legte ihn geradezu endgültig für heute in den Arbeitskorb. Der Alte, der für sich noch einmal mit halblauter Stimme das Lied brummte, ließ baff das Blatt sinken und fragte: »Is dir nicht gut, Mutter?« »Ich hab' so 'ne Angst,« flüsterte sie. »Angst? Nanu! Wovor denn?« »Von wegen dem Mädel. Die geht zu keiner Freundin.« Dem Alten entfiel das Blatt. »Was sagst du da?!!« »Ich fürchte, sie hat'n Verhältnis,« grauste der Frau. Der Mann stand auf beiden Füßen. »Was sagst du da!! Die Jöhre! Unsere Hede! Bei dir rappelt's wohl!« »Mir is so,« beharrte die Frau verstockt. Der Arbeiter sah sich mit blutunterlaufenen Augen im Zimmer um, als suche er eine handfeste Waffe. »Das – das –« ächzte er – »wenn das –« Doch schnell beruhigte er sich. »Unfug, Alte, siehst Gespenster. Unsere Hede! Ne, so was tut die nich. So 'n propperes Mädchen wie die is. Bist ja übergeschnappt.« Und er setzte sich wieder schwer in den stöhnenden Stuhl. »Ordentlich bange kannst du einem machen.« »Ich hab' sie schon lange beobachtet. Sie is so anders geworden im letzten Jahr. Und immer diese Freundin! Und all die Bücher. Da steckt wer dahinter,« blieb die Mutter fest. »Wer soll denn da dahinter stecken!« lachte er großartig, wieder ganz im Banne seiner vernarrten Vaterliebe. »Lassalle,« flüsterte die Mutter und starrte angstvoll zu dem Manne hin. Ganz langsam, wie eine Dampfsäge, kam der Oberkörper des Alten nach vorn. »Wa-a-s!« riß er die Zähne auseinander. »Sie hat ein Verhältnis mit Dr. Lassalle,« sprach die Frau in seltener Lebhaftigkeit. »So gewiß wir zwei hier sitzen.« Der Mann lehnte sich im Stuhle zurück. »Geh schlafen, Alte,« murrte er, »du träumst.« »Man muß sie von ihm losreißen,« drängte besorgt die Frau. »Ehe es zu spät ist. Nachher läßt er sie sitzen, und dann haben wir die Bescherung. Du müßtest mal mit ihr sprechen. Auf mich hört sie ja doch nicht.« »Ist ja Unsinn,« räkelte sich der Mann im Stuhle. »Ist ja heller Unsinn. Lassalle unser Mädel verführen! Unser Messias! Geh schlafen, Alte!« Da rief die verängstigte Frau: »Geh doch mal hin zu ihm! Jetzt. Eine Ausrede findest du. Da wirst du ja sehen.« »Laß mich in Frieden,« fuhr er da auf, »laß mich mit deinem verdrehten Frauenkram in Frieden.« Er hob das Blatt von der Erde. Doch die Frau ruhte nicht. Sie bat und bettelte und drängte, bis er endlich die Mütze vom Riegel nahm. Noch in der Tür knurrte er: »Solch'n Blödsinn! So 'n hanebüchener Blödsinn! Wenn so 'n Weib sich was in'n Bregen gesetzt hat!« Und ärgerlich schritt er der Potsdamer Straße zu. Denn Lassalle war wieder einmal umgezogen. Aber bald siegte seine Gutmütigkeit über den Grimm auf die Frau, die ihn im Grunde trotz ihrer scheinbaren Sanftmut kräftig beherrschte. Es war ja alles Unsinn. Aber wenn er ihr nicht die Gewißheit brachte, gab sie die ganze Nacht keine Ruhe. Er kannte das. Na, er würde Lassalle wegen der Versammlung vom 22. fragen. Ausreden gab es ja genug. Schön. Die Alte sollte wieder mal ihren Willen durchsetzen. Wie übrigens immer. Ergeben ging er rasch dahin, um noch vor Toresschluß das Haus zu erreichen, und sang laut in die Stille der Winternacht vor sich hin: »Mann der Arbeit, aufgewacht Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will!« – – »Sie haben heute wieder den ganzen Abend von dir gesprochen,« erzählte Hedwig, sich auf seinen Knien schaukelnd. »Und Loewe meinte, mit Bismarck das würde nichts.« »So,« lachte Lassalle und wiegte sie sorglos in den Armen. »So? Also mit Bismarck ist nichts? Nun, Loewe muß es ja wissen. Aber, weißt du, Kindchen, sprechen wir von was anderem! Du bist doch meine frohe Ruhepause im Sturm meiner Arbeit. Erzähl' mir was Lustiges. Mach' noch mal euren Reisenden Stein nach. Das machst du zu drollig.« Gefügig stellte sie sich in Positur. Doch plötzlich schwand ihr die Lust. »Ich bin nicht in Stimmung. Ich sing' dir lieber was. Das Arbeiterlied. Ja?« »Sehr gut.« »Ich kann es schon auswendig,« tat sie stolz und sang mit ihrem schönen frischen ungeschulten Alt. Lassalle lauschte überwachend und schlug ein wenig pedantisch den Takt mit dem Zeigefinger. Plötzlich stand die Hand steil in der Luft. Draußen im Korridor polterte lauter Wortwechsel. Friedrich suchte gerade Klingbeil begreiflich zu machen, daß Herr Dr. Lassalle nicht zu sprechen sei. Da spitzte der Mann die Ohren, den Diener warf eine mächtige Schmiedefaust gegen die Wand. Der Vater stand im Zimmer. Grell riß das Lied ab. »Va–« schrie Hedwig und flüchtete in die dunkelste Ecke der Stube. Lassalle starrte auf den Mann, dessen Kehle im Ausschnitt des Arbeiterkittels furchtbar arbeitete. Doch schnell meisterte er seine Überraschung. »Sie sind erstaunt, Ihre Tochter hier zu finden, Klingbeil,« sagte er ruhig. »Ja, sie kommt bisweilen abends zu mir. Sie sang mir eben unser Arbeiterlied.« Der Alte rang nach Luft. Da hatte Hedwig die unverwüstliche Berliner Dreistigkeit wiedergefunden. »Vater,« rief sie keck, »du brauchst nicht glauben, daß hier irgendwas passiert oder so. Der Herr Doktor ist nur so freundlich, mich in seine Lehre einzuweihen.« Da machte der große Mann eine müde traurige Bewegung mit der Hand. »Laß,« sagte er leise, »laß das!« »Nein wirklich,« suchte sie ihn zu überzeugen. »Zieh dich an. Komm mit,« gebot er heiser. Sie rührte sich nicht und blickte ängstlich auf den Geliebten. »Sie müssen es richtig sehen, Klingbeil,« griff Lassalle ein. »Das Mädchen war mir eine große Hilfe. Ihr verständiger Sinn, ihre echte rechte Berliner Munterkeit war mir eine erfrischende Erholung nach des Tages Arbeit.« »Lassen Sie,« machte der Mann. »Komm, Hedwig, du brauchst keine Bange zu haben, ich tu' dir nichts. Du kannst wohl nichts dafür. Der da hat noch ganz andere benebelt, als so 'nen dummen unerfahrenen Mädchenkopf.« Da kam sie näher und griff zum Hute. Mit Vatern würde sie schon fertig werden. Die Sache lief ja ganz gut ab. Währenddessen sprach Lassalle emsig auf den schweigenden Mann ein. Wie sie ihn in seiner Arbeit gefördert habe, wie er alles mit ihr habe besprechen können, wie ihre Gegenwart der gesamten Arbeitersache genützt habe. »Sie ist mir wahrhaftig mehr gewesen als manche Bourgeoisdame, die mich geliebt hat.« Der Mann hörte wortlos zu. Als Hedwig in Hut und Jacke dastand, sagte er: »Geh.« An der Tür wandte er sich noch einmal zurück: »Sie haben mir mehr genommen, Herr Doktor, als den Glauben an mein Kind. Loewe hat recht: auch Sie sind nur ein Mensch.« Damit ging er hinaus, das Mädchen vor sich hertreibend. Lassalle sah ihnen betroffen nach. Dann setzte er sich langsam an den Tisch. »Schade,« sagte er laut vor sich hin. Und meinte den Verlust der lustig klaren Liebsten und seines treuesten Anhängers. Dann tauchte er die Feder ein und arbeitete weiter an seinem »Herrn Bastiat-Schulze von Delitzsch.« Stumm rannte Hedwig neben den Siebenmeilenschritten des Vaters her. Er schwieg. Nur einmal warf er ihr bitter hin: »Das also war diese Freundin Elli!« Sie wagte kein Wort. Zu Hause lief sie sofort in ihre Kammer und verriegelte die Tür. Morgen würde wieder klareres Wetter sein. Sie kannte den Vater. Vor der Mutter hatte sie keine Angst. Die beiden Klingbeils saßen noch lange bei der Lampe, der Mann erschüttert, die Frau verstört, aber doch ein wenig triumphierend ob ihrer klugen Nase. Da klang es aus der Tochter Verschlag sorglos und markig: »Bet' und arbeit'! ruft die Welt. Bete kurz! Denn Zeit ist Geld. An die Türe pocht die Not; Bete kurz! Denn Zeit ist Brot.« »Da singt sie schon wieder, ganz munter!« entsetzte sich die Mutter. Der Alte aber murmelte mit zerbrochener Zärtlichkeit: »so 'n rabiates Mädel!! –« XVIII. Am Morgen des 22. November 1863 war die Gräfin ganz zeitig in die Potsdamerstraße 13 gekommen. Lassalle hatte gestern den ganzen Tag lang seine Rede für die heutige Versammlung mit der peinlichen Beharrlichkeit memoriert, mit der er sich auf jedes öffentliche Auftreten vorbereitete. Und am Abend hatte er, obwohl er sich nicht wohl fühlte und das alte Leiden wieder in den Gliedern wühlte, der Gräfin und Emma Herwegh, die zum Besuch bei ihrem Vater in Berlin weilte, die Rede gehalten. Dann aber war er zusammengebrochen. Er hatte in den letzten Wochen das Kapital seines Geistesvermögens verschleudert und stand vor einem Bankrott seines Hirns. »Wie geht es heute!« war Sophie Hatzfelds erste angstbedachte Frage. »Etwas besser. Es muß einfach gehen. Ich muß heute abend in die Versammlung, und wenn es das Leben kostete.« »Wenn du krank bist –« versuchte sie einen Einwand der Sorge. »Ich muß hin. Sonst schreit ganz Berlin morgen, ich hätte mich aus Furcht vor neuen Radauszenen gedrückt. Den Triumph sollen meine Feinde nicht haben. Heute abend sollen sie toben, soviel sie wollen. Ich werde wie ein Fels in der Brandung stehen. Ich rede meine Rede heute zu Ende. Und das sollst du sehen, Sophie, wenn ich mir Gehör erzwinge, dann reiße ich sie fort. Soll ich noch einmal dir den Schluß vormemorieren? Der ist doch unwiderstehlich!« »Strengt es dich nicht zu sehr an!« bangte sie. »Du siehst sehr angegriffen aus.« »Nein.« Er stützte den Arm auf eine Stuhllehne, nahm unwillkürlich seine stolze Rednerpose ein und begann: »Und nun, ihr Arbeiter Berlins –« Da meldete Friedrich zwei Herren, die den Doktor zu sprechen wünschten. Als Lassalle gerade gegen den Diener auffahren und ihm »ein für allemal« jede Störung während der Arbeit verbieten wollte, standen die beiden Herren auch schon im Arbeitszimmer. »Was wünschen Sie zu dieser frühen Stunde?« herrschte Lassalle sie an. Der eine hatte eine humoristische Ader. »Sie – Herr Doktor,« entgegnete er und stellte sich und seinen Begleiter als königliche Polizeikommissare vor. »Wir haben Befehl, Sie zu verhaften.« Die Gräfin schrie unterdrückt auf, der Doktor prallte zurück. »Mich verhaften? Weshalb, wenn ich fragen darf?!« »Fragen dürfen Sie, Herr Doktor,« gewährte der Witzige entgegenkommend und überreichte Lassalle den Haftbefehl. »Es ist bloß wegen Ihres Hochverratsprozesses.« Lassalle überflog die Urkunde und überlegte. Sein Hirn tastete in rasender Hast alle Möglichkeiten ab. Verhaftet durfte er heute nicht werden. Unter keinen Umständen. Heute erstürmte er doch Berlin. Heute pflanzte er seine Fahne doch auf das Brandenburger Tor. Heute mußte er frei sein, unbedingt. Ob er es mit Bestechung versuchte? Unsinn. Mit Bitten? Aufschub bis morgen? Die Gräfin war mit versagenden Knien auf einen Stuhl gesunken und sah auf den lesenden Mann mit der vom Nachdenken straff gewölbten Stirn. Verwittert und greisenhaft, mit hängendem Unterkiefer, saß sie dort im Stuhle. Um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, sagte er: »Aber, meine Herren, ich verstehe das gar nicht. Die Anklage schwebt seit Oktober. Und jetzt im November sieht der Herr Untersuchungsrichter plötzlich die Notwendigkeit, mich hinter Schloß und Riegel zu setzen. Das verstehe ich nicht.« »Ja,« zuckte der Humorvolle die Schultern, »den Herren, die wir so besuchen, denen fehlt oftmals das richtige Verständnis für die Notwendigkeit unserer Erscheinung.« Lassalle machte eine hitzige Bewegung, sich diesen Ton zu verbitten. Doch er beherrschte sich. Da sagte Sophie Hatzfeld: »In Ihrem Zustande können Sie doch unmöglich ins Gefängnis!« Sofort griff die Schnellkraft seines Geistes zu. »Ja, meine Herren,« erzwang er ein Lächeln, »so ehrenvoll es für mich wäre, Ihre Begleitung anzunehmen, und so amüsant mir das fernere Lauschen auf Ihre Bonmots wäre, Herr Kommissar, meine Gesundheit verbietet mir zu meinem lebhaften Bedauern diesen Genuß. Ich bin krank, schwerkrank. Ein schmerzvoller Rheumatismus plagt mich. Ich habe auch Fieber.« »Hm,« machte der Scherzhafte, »eine alte Erscheinung. Unser Besuch wirkt in vielen Fällen erkältend.« »Ich werde Ihnen ein ärztliches Attest bringen. Ich werde sofort Herrn Professor Frerichs kommen lassen!« brauste Lassalle jetzt auf. »Ein Attest von Professor Frerichs,« lächelte der Kommissar, ein verunglückter Jurist, »würde freilich auf uns wirken, wie das Pentagramma auf Beelzebub.« »Wollen Sie, bitte, sogleich hinfahren, persönlich, daß Frerichs sofort kommt, und ihn mitbringen,« wandte Lassalle sich an die Gräfin. Sie flüchtete schon hinaus. »Wir werden inzwischen vor dem Hause auf und nieder spazieren,« schlug der Witzbold zartfühlend vor, »Kranke lieben Besuche nicht immer.« Mit einer Verbeugung zogen die Herren sich zurück. Nach einer Viertelstunde kam Frerichs, untersuchte den Patienten, fand den Aufenthalt im Gefängnis seinem Zustande geradezu gefahrdrohend und stellte das Attest aus. Die Gräfin übergab es dem Leutseligen, der sich mit einer verbindlichen Entschuldigung nebst seinem Kameraden entfernte. Der Rest des Tages ging mit dem Sturm der Gräfin auf Lassalles Hartnäckigkeit hin. Vergeblich stellte sie ihm vor, daß er morgen bestimmt abgeführt werden würde, wenn er heute die Versammlung abhielt. Er blieb fest. Er ging. Ja, er ging. Heute nahm er Berlin gefangen, mochte morgen Berlin ihn hinter spanische Gardinen setzen. Gegen sieben Uhr verließ er, den Kragen des Mantels vermummend hochgeschlagen, das Haus. Die Gräfin durfte ihn, um jedes Späherauge zu täuschen, nicht begleiten. Erst am Potsdamerplatz bestieg er eine Droschke. »Zum Eldorado,« befahl er leise, sich vorsichtig umschauend, »Ecke Berg- und Torstraße«. Heutige Elsasser Straße. »Det Tanzlokal von Wollschläger?« erkundigte sich der Kutscher. Lassalle nickte und sprang hinein. Langsam rumpelte der Kasten durch die Große Friedrichstraße dem Norden zu. Endlich passierte das Gefährt die Stadtmauer; so, nun war er bald da. Endlich! Den Kopf tief in den Kragen geduckt, schlüpfte Lassalle in den Torweg. Das Tanzlokal – der Wirt des Admiralsgartens hatte seinen Saal versagt – war bis auf den letzten Platz gefüllt. Arbeiter aller Berufe drängten sich zwischen den Tischen: die vornehmen Maschinenbauer, die Schlosser, die Tischler, die Leute aus den Webereien, Zigarrenfabriken, Eisengießereien, Porzellanmanufakturen, alles, alles war da. Gegner zu Hunderten und das winzige Häuflein der Getreuen. Klingbeil, früher der eifrigste Ruhestifter, saß mit gesenktem Haupte auf seinem Platze am Vorstandstische. Gleich als Lassalle die Tribüne betrat, wütete wüstes Schreien und Toben empor. Er verschränkte die Arme und wartete gelassen. Der Sturm verebbte. Er sprach. Sprach mit einem Feuer, mit einer demagogischen Gewalt, wie er nie gesprochen hatte. Vergaß seine Schmerzen, seine Ermattung, stand wie eine Feuersäule dort oben auf der Kanzel und warf seine zündenden Flammengarben prasselnd unter die feindliche Rotte. Und der Haß verknisterte, der Argwohn gegen den »Knecht der Reaktion« verlohte unter dem Feuerbrand, der aus diesem leidenschaftlichen Munde niedersengte. Wenige versuchten, einen Wasserstrahl in das heiße Aufglimmen der Begeisterung zu schütten. Sie wurden drohend zur Ruhe gemurrt. »Weiter – weiter!« drängte das aufflackernde Verstehen dort unten. Niederglutete die alte aufpeitschende Enthüllung des großen Geheimnisses vom ehernen Lohngesetz, von dem gesetzmäßigen Hinsterben ihrer Kinder, von der in alle Ewigkeit unentrinnbaren Verzweiflung ihrer Sklaverei. Sie horchten, sie nickten, sie starrten mit wutentzündeten Augen. Brände, Brände, immer neue zischende Brände schleuderte er nieder auf ihre Häupter. »Ihr meint, Bedürfnislosigkeit ist eure Tugend! Zum Teufel eure Tugend! Warum ist der russische Kosak so weit zurück in der Kultur? Weil er Talglichte frißt und froh ist, wenn er sein Elend in schlechtem Fusel ertränkt. Möglichst viel Bedürfnisse haben, aber sie auf ehrliche und anständige Art befriedigen, das ist die Tugend der heutigen national-ökonomischen Zeit. Lernt endlich eure Bedürfnisse haben! Hört endlich auf, gezähmte Haustiere zu sein. Gehet ab von dieser Widernatürlichkeit, von dieser Schmach, die so erbärmlich ist, daß ich rot werde für euch und in eure Seelen hinein, wenn ich nur daran denke.« In dem großen Saale war es weihevoll still wie in einem Dome. Nur das schwere Atmen der aufgewühlten Menge keuchte zur Decke wie dicker massiger Dunst. Da ging der Redner zu unerhörten Angriffen auf die Führer der Fortschrittspartei über. Einige erwachten aus dem Rausche. »Hoch Schulze-Delitzsch!« schrie eine Stimme aus der Mitte. Und sofort zerriß der Bann. »Hoch Schulze-Delitzsch! Hoch – Hoch!« brüllte das jäh aufgewirbelte Chaos. Ohne Bewegung stand der Mann auf der Kanzel und wartete. Heute sprach er zu Ende. Den weißglühendsten Funken trug er noch in der Brust. Der würde zünden. Mit seinen großen stahlharten Augen blickte er auf die erregten Gesichter nieder. Und wieder wirkte die zwingende Kraft dieser blauen Lichter. Die johlend erhobenen Arme sanken in zaudernd eckigen Bewegungen, die Schreie verröchelten gurgelnd in den aufgerissenen Rachen – die drohend aufgerichteten Leiber duckten kraftentseelt nieder auf die Stühle. Er hob den Arm. »Arbeiter Berlins,« begann er wieder in lautlose Stille hinein mit aufstachelndem Glühen in der Stimme: »Schon höre ich in der Ferne den dumpfen Massenschritt der Arbeiterbataillone! Rettet – rettet – rettet euch aus den Banden des Produktionszustandes, der euch zur Ware entmenscht! Rettet – rettet – rettet den deutschen Geist vom geistigen Untergange! Schon zuckt in den Höhen der Blitz des allgemeinen direkten Wahlrechts! Bald fährt er zischend hernieder. Bald –« Da klirrte und stampfte es an der Tür, – Säbel blitzten – ein Leutnant mit einer Eskorte von 25 Schutzleuten stürmte durch den Mittelgang. Den »Kranken« erreichte das Geschick vom Morgen. Ehe man recht zur Besinnung kam, war die Tribüne umzingelt, Lassalle mit roher Gewalt von der Kanzel herabgezerrt, von den Polizisten in die Mitte genommen, man hörte einzelne wutgellende Schreie aus seinem Munde, sah seine erhobenen fuchtelnden Arme über den Helmspitzen emporirren, – dann war er aus dem Saale hinausgeschleift. Die Verzauberung wich von der Versammlung. Ein großer schwarzer Kerl sprang auf das Podium und brüllte in das brausende Erwachen: »Genossen! Sie haben den Schurken verhaftet, diesen Knecht der Reaktion, der unsere Sache verrät und uns verführen will. Hoch Schulze-Delitzsch!« Und die aufgesammelte Erregung tobte sich aus in wutgeifernden Hochrufen auf Lassalles tödlichsten Feind. Lassalle war wie ein Stück Vieh, das man zur Schlachtbank reißt, in eine Droschke geworfen und nach der Stadtvogtei am Molkenmarkt geschleppt worden. Brutal warf man den kranken Mann in ein kaltes feuchtes Loch. Wie ein Tiger lief er in der Dunkelheit umher, raufte sein Haar, schlug mit den Fäusten gegen die Eisentür, schrie die blutigsten Drohungen gegen die Regierung an die stumpfen Wände, schwur der infamen Gewalttat der Polizei die unmenschlichste Rache. Keiner hörte ihn. Endlich gegen Morgen brach er auf der Pritsche bewußtlos zusammen. – Nach drei Tagen wurde er gegen eine Kaution entlassen. Entstellt, verzerrt, fieberschlotternd saß er neben der Gräfin in der Droschke. Aber graniten raffte er sich zusammen. Jetzt wollte er nicht zusammenbrechen. Der »Sturm auf Berlin« war abgeschlagen. Ja. Aber nicht kraft des Geistes der Gegner, sondern durch heimtückische Gewalt. Das war nicht seine Niederlage, das war eine Schmach für die andern. Die Berliner Arbeiter würde er nicht gewinnen, das erkannte er. Das waren keine leicht entflammbaren Söhne des Rheinlandes. An ihrer Spitze würde er nicht vor das Palais des Ministerpräsidenten ziehen. Gut, dann ging er auch fernerhin allein, nur auf sich und seine Kraft gestellt, in die Wilhelmstraße. Bald darauf war er wieder dort. Die Zeit drängte. Die Schleswig-Holsteinsche Frage war eine Forderung des Tages geworden. Kein Wort über seine Mißhandlung durch die Polizei sprach er zu Bismarck; keine persönlichen Klagen führte er. Immer das gleiche Thema umbrandeten die stundenlangen Debatten: das allgemeine Wahlrecht und die Staatsassoziationen. Als er heute eintrat, rief ihm der Ministerpräsident entgegen: »Ich habe eine gute Nachricht für Sie, Herr Doktor. Ihre Idee der Gewährung von Staatsmitteln an Produktivgenossenschaften hat mich erobert.« »Ei!« machte Lassalle. »Ich habe es mir eingehend durchdacht,« lächelte Bismarck über die offenkundige kindliche Freude dieses klugen Mannes. »Das Hundertmillionenprojekt erscheint mir eine durchaus diskutable Sache. Freilich nicht ganz von Ihrem Standpunkt aus.« Lassalle stellte sich töricht. »Sie sehen in diesen Staatsassoziationen,« sagte Bismarck in seiner lächelnden Rücksichtslosigkeit, »einen Anfang vom Ende. Einen Handgriff zur Erringung des sozialistischen Zukunftsstaates.« »Ja,« bekannte Lassalle kühn in dem Gefühl, daß ein Versteckspielen mit diesem Gegner verächtlich sei. Bismarck schmunzelte: »Nun, ich sehe darin ein Mittel des Staates, seine Einflußsphäre zu erweitern. Mit einigem Geschick kann daraus eine neue starke Stütze des Königtums gezimmert werden.« »Die Entscheidung dieser Frage überlasse ich der Zukunft,« verbeugte sich Lassalle, »und der Staatskunst Eurer Exzellenz. Die Hauptsache ist mir, daß die Assoziationen werden.« »Das übrige wird Ihr Ehrgeiz dann schon besorgen,« neckte Bismarck. »Nun, der Kampf mit Ihnen ist spannend genug, ihn zu riskieren. Ich werde die Angelegenheit dem Staatsministerium zur Beratung unterbreiten.« Lassalles Hirn schmerzte vor Freude. Dann erörterte Bismarck einige Details der Wahltechnik und hörte gespannt auf Lassalles weitschauende Vorschläge. Und beim Abschied sagte er: »Und wie denken Sie sich die Entwicklung der Schleswig-Holsteinschen Frage?« »Ehe vier Wochen vergehen, rücken die preußischen Truppen in Schleswig-Holstein ein,« entschied Lassalle bündig. »Und dann?« »Nach der Niederzwingung Dänemarks muß Schleswig-Holstein preußische Provinz werden. Ich habe das bereits im Jahre 1859 in meiner Schrift ›Der Italienische Krieg und die Aufgabe Preußens‹ dargetan.« »Ich weiß,« sann Bismarck. »Die Annexion wird nur sehr schwer sein, alles ist dagegen: die Kronprinzlichen wegen der Verwandtschaft, Majestät selbst, die Liberalen, die auf einmal das Fürstenrecht für wichtig halten, und last not least Österreich. Das hat das größte Interesse, dort einen neuen deutschen Kleinstaat zu gründen, und bewacht unsere Politik mit Argwohn.« »Dann müssen Sie gegen den Willen Österreichs annektieren,« begehrte Lassalle auf. »Das wäre der Krieg,« bedachte Bismarck. »Der ist unvermeidlich.« »Wohl möglich. Aber jetzt ist er noch zu früh. Erst muß der Frieden im Innern gesichert sein.« Hier platzte Lassalle wieder mit seinem Ceterum censeo herein: »Oktroyieren Sie das allgemeine direkte Wahlrecht, und die Fortschrittspartei und der Konflikt ist gewesen.« Da gab ihm Bismarck lachend die Hand. »Sie kann man werfen, wie man will, Sie fallen immer wieder auf Ihr Wahlrecht. Nun, vielleicht fall' auch ich einmal darauf – hinein.« »Jedenfalls,« sagte Lassalle, »werde ich die Annexion Schleswig-Holsteins in mein Programm aufnehmen.« »Schön,« nickte der Ministerpräsident. »Ich glaube sogar, daß dieser Punkt Ihres Programms in Erfüllung gehen wird, wenn auch nicht jetzt, so doch später.« Am nächsten Tage schrieb Lassalle, auf das Gespräch über die Wahltechnik zurückkommend, an Bismarck: »Was die Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern Nacht die gesamte französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings wenig Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und bin nunmehr allerdings wohl in der Lage, Ew. Exzellenz die gewünschten Zauberrezepte zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröcklung vorlegen zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre nicht im geringsten zu zweifeln! Ich erwarte demnach die Fixierung eines Abends seitens Ew. Exzellenz. Ich bitte aber dringend, den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über anderes mit Ew. Exzellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende Besprechung ist bei dem dringenden Charakter der Situation wirklich unumgängliches Bedürfnis.« Am nächsten Tage erging die Kriegserklärung an Dänemark. Wichtigeres hielt Bismarcks Gedanken umfesselt. Als Freitag eine Antwort nicht eingegangen war, schrieb Lassalle abermals: »Ich würde nicht drängen, aber die äußeren Ereignisse drängen gewaltig, und somit bitte ich, mein Drängen zu entschuldigen. Ich schrieb Ihnen bereits Mittwoch, daß ich die gewünschten Zauberrezepte – Zauberrezepte von der durchgreifendsten Wirkung – gefunden habe. Unsere nächste Unterredung wird, wie ich glaube, endlich von entscheidenden Beschlüssen gefolgt sein, und da, wie ich ebenso glaube, diese entscheidenden Beschlüsse unmöglich länger zu verschieben sind, so werde ich mir erlauben, morgen, (Sonnabend) abends 8 ½ Uhr bei Ihnen vorzusprechen.« Darauf traf ein Schreiben Bismarcks ein, das Lassalles Besuch am Sonntag erbat. Doch zu »entscheidenden Beschlüssen« kam es nicht. Bismarck hatte seine eigenen weltgestaltenden Pläne und ließ sich von keiner Macht des Himmels und der Erden aus seiner Bahn drängen, auch nicht von dem weltvernichtungsbeseelten Kometen Ferdinand Lassalle. Bedrückt erkannte es allmählich der stürmische Mann. – Das Jahr 1864 war eingezogen. Die Verhandlungen blieben immer auf demselben toten Punkt verankert. Eines Sonntags vormittags zogen die ersten, Wagenkolonnen des Train aus dem Brandenburger Tor auf der hartgefrorenen Charlottenburger Chaussee auf Spandau zu, hinaus in den Dänischen Krieg. Lassalle traf den Zug auf einem Spaziergang im Tiergarten. Er ballte ungeduldig die Fäuste. Die Zeit drängte, die äußeren Konflikte riefen nach der Tat des Ministerpräsidenten. Warum zögerte er? Warum handelte er nicht? Warum faßte er nicht den Mut der Oktroyierung? Warum? Warum bloß?! Mit einer wütenden Enttäuschung schäumte in ihm ein ohnmächtiger, zähneknirschender Haß gegen den Mann mit der eisernen Hartnäckigkeit empor. Doch am Tage darauf stieg das Barometer seiner Zuversicht wieder auf Sonnenschein. Er begegnete Bismarck in der Leipziger Straße. Der Minister blieb stehen. »Ah, lieber Doktor, wieder eine gute Nachricht für Sie.« Und burschikos schob er die Hand unter Lassalles Arm und schritt mit ihm Arm in Arm die Leipziger Straße hinab, der Wilhelmstraße zu. Die Passanten grinsten: Aha, also doch! Sie hatten es ja immer gewußt, daß er von der Regierung bestochen war. »Sie haben von der Weberdeputation gehört?« fragte Bismarck Lassalle. Lassalle bestätigte. »Ich habe Seine Majestät bewogen, ihnen 7000 Taler aus der Privatschatulle zur versuchsweisen Begründung einer Produktivgenossenschaft zur Verfügung zu stellen.« Bismarck fühlte den Arm des Begleiters vor übermannender Freude zucken. »Das ist – das ist ja herrlich!« stieß Lassalle mühselig hervor. »Ich danke Ihnen.« »Bitte, bitte,« lächelte Bismarck. »Ich tat es des Staats und der Weber wegen. Es ist ein Experiment. Ich weiß. Auch der Betrag ist vielleicht zu klein. Aber es ist immerhin ein Anfang.« »Es ist herrlich,« wiederholte Lassalle trunken. Die Kunde überwältigte ihn so stark, daß sein ökonomischer Verstand gar nicht daran dachte, welch unmögliches Ding diese Probe in solch kleinem Rahmen war. Er sah nur das Eingehen der Staatsleitung auf seine Pläne. Im Überschwang des Glückes preßte er Bismarcks Arm dankbar an seine Brust. Da ward dem Minister die seltsame Lage bewußt. Lächelnd zog er den Arm zurück. »Wenn uns jetzt ein Mitglied der Fortschrittspartei begegnet,« scherzte er, »steht morgen unsere angebliche Allianz in allen Zeitungen. Nun, mir kann's nicht schaden.« »Mir auch nicht,« strahlten Lassalles blaue Augen wie Saphire. Und noch ein letzter großer Triumph war ihm beschieden. Am 12. März stand er vor dem Staatsgerichtshofe zu Berlin. Nie feierte seine Schlagfertigkeit, sein gewandter, dialektisch geschulter Geist höhere Erfolge, als wenn er auf der Anklagebank seine Freiheit verteidigte. Den Ruhm, den er als Zwanzigjähriger sich vor den Assisen in Köln errungen hatte, einer der besten forensischen Redner seiner Zeit zu sein, hat er durch all seine zahllosen Verteidigungsreden zu neuem Glanze erhoben. Im Sitzungssaale Nr. 1 des Kammergerichtsgebäudes, Lindenstraße 15, tagte der Staatsgerichtshof. Der zweite Präsident des Kammergerichts Büchtemann führte den Vorsitz unter den neun Richtern. Die Anklage vertrat der Oberstaatsanwalt am Kammergerichte, Adelung, selbst. Punkt zehn Uhr wurde die Sache »wider den Privatmann Lassalle« aufgerufen. Er erschien im Frack an der Seite seines Verteidigers Holthoff und nahm neben ihm am Tische der Verteidigung Platz. Im Zuschauerraum war ein zahlreiches Publikum versammelt: Abgeordnete, Mitglieder des Vereins, Freunde, unter ihnen auch Lothar Bucher, mit dem Bülow vor kurzem die Versöhnung vermittelt hatte. Der Gerichtsschreiber verlas die zuchthausumwitterte Anklage, die Lassalle beschuldigte, in der »Ansprache an die Arbeiter Berlins«, »ein auf gewaltsame Änderung der Preußischen Staatsverfassung gerichtetes Unternehmen vorbereitet, die Staatseinrichtungen durch öffentliche Verhöhnung der Verachtung ausgesetzt, die Mitglieder des Königlichen Staatsministeriums mit Bezug auf deren Beruf beleidigt zu haben.« Am Schlusse seines Plädoyers beantragte Adelung eine Strafe von drei Jahren Zuchthaus , 100 Taler Geldbuße und fünf Jahre Polizeiaufsicht. Da stürmte Lassalle ins Feuer. Mit Hohn, mit Pathos, mit dem Genie seiner Widerlegungskunst rang er um seine bürgerliche Ehre. Und keck rief er: »Der Staatsanwalt beschuldigt mich, das allgemeine und direkte Wahlrecht herstellen und somit die Verfassung stürzen zu wollen! Nun wohl, meine Herren, obwohl ein einfacher ›Privatmann‹, kann ich Ihnen sagen, ich will nicht nur die Verfassung stürzen, sondern es vergeht vielleicht nicht mehr als ein Jahr, so habe ich sie gestürzt! Aber wie? Ohne daß ein Tropfen Blutes geflossen, ohne daß eine Faust zur Gewalt sich geballt hat! Es vergeht vielleicht nicht ein Jahr mehr, so ist in der friedlichsten Weise von der Welt das allgemeine und direkte Wahlrecht oktroyiert.« Er dachte an den Mann in der Wilhelmstraße, der schon den ersten Schritt getan hatte, seine Staatsassoziationen zur Tat werden zu lassen. Der würde auch das allgemeine direkte Wahlrecht oktroyieren. Und in stolzem Gedenken seines ersten Gespräches mit Bismarck rief er den Richtern dieselben Worte zu, die er damals dem Minister entgegengeworfen hatte: »Die starken Spiele, meine Herren, können gespielt werden, die Karten auf dem Tisch. Es ist die stärkste Diplomatie, welche ihre Berechnungen mit keiner Heimlichkeit zu umgeben braucht, weil sie auf erzene Notwendigkeit gegründet sind. Und so verkünde ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte: es wird kein Jahr mehr vergehen – und Herr von Bismarck hat die Rolle Robert Peels gespielt und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert!« Und alles, Wort für Wort, was er damals zur Überredung Otto von Bismarcks gesprochen, rief er heute zur Überzeugung seiner Richter in diesen alten drohenden Saal des Kammergerichts zu Berlin. Seine Richter haben ihn freigesprochen. – Das war sein letzter großer Erfolg. Dann kam der tragische Niedergang. Sein neues Werk »Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian, oder Kapital und Arbeit« war erschienen. Er sandte zwei Exemplare an Bismarck mit einem Briefe, in dem er überheblich versicherte, Bismarck würde aus diesem Holze Kernbolzen schneiden können zu tödlichem Gebrauche. Auch wäre es sehr nützlich, wenn der König einige Abschnitte des Buches läse, dann würde er erkennen, welches Königtum noch eine Zukunft habe, und klar sehen, wo seine Freunde, wo seine wirklichen Feinde ständen.« Bismarck lächelte über das Schreiben und erteilte Keudell den Auftrag, in seinem Namen Lassalle zu danken. Faksimile Gerade in diesen Tagen sah es schwarz aus in des Volksbeglückers Seele. Der Verein hatte an Mitgliedern kaum gewonnen. Der war keine Wucht und keine Waffe. Die einzige Hoffnung seines Werkes war Bismarck. Trotz der großen Worte seiner Verteidigung, trotz des Erfolges seiner Idee der Staatsassoziationen, war eine raunende Stimme in seiner Brust, die ihn ängstigte und quälte. Eine zermürbende Ahnung in ihm empfand das klugfreundliche Zurückweichen des Ministers. In Stunden, in denen diese Angst Macht über ihn gewann, saß Lassalle mit verzerrten Zügen an seinem Schreibtisch, dachte an die Tausende, denen er den Funken der Hoffnung in die darbende Brust gesenkt, wo er jetzt aufzüngelte zu flammendem Begehren; die Bürde der Verantwortung beugte seine stolze Stirn zu Boden und die Verzweiflung starrte ihm weiß aus den Augen. In einer solchen tiefen Bedrücktheit traf ihn Keudells kühl formeller Dankesbrief. Da zuckte die Angst vor dem Abgrund in dem Manne auf und all der Groll, den er seit langem gegen den Unbesieglichen in der Wilhelmstraße im Herzen trug. Er griff zur Feder und schleuderte in törichtem, unbesonnenem Hasse die Worte hin: »Eurer Exzellenz muß ich mich bitter darüber beklagen, daß mir für die große Mühe, die ich auf das Buch verwendet habe, das ich Ihnen kürzlich übersandte, nur durch das trockene Billet eines Rats aus dem Ministerium gelohnt wird. Ein Mann von meinen Geistesgaben kann doch wohl ein sachliches Eingehen auf sein Werk verlangen. Ich verlange es von Ihnen! Ich muß Sie unbedingt bald sprechen und bitte um Angabe einer Zeit. Lassalle.« Bismarck las den Brief, die Brauen gingen gesträubt buschig zur Stirn empor, dann klingelte er kurz, scharf. »Herr von Keudell,« befahl er. Als der Legationsrat eintrat, reichte er ihm wortlos den Brief. Keudell las, wurde blaß und blickte fragend auf den Chef. »Schade,« sagte Bismarck. »Aber das geht denn doch zu weit. Früher oder später wäre es ja allerdings doch zum Bruche gekommen. Der Mann muß sich durchsetzen oder seine Stirn am Widerstände zerschellen. Bei mir hätte er sich die Stirn eingerannt, wenn er nicht vorzeitig dieses Ende provoziert haben würde. Schreiben Sie dem Mann, daß ich für ihn nicht mehr zu sprechen bin.« XIX. Lassalle wußte, daß sein Stern erloschen war. Tief in der Brust wußte er es, wenn sein gewaltsam aufgepeitschtes Selbstvertrauen sich auch bisweilen in den bleichen Trost der Gräfin verbiß, daß er auch ohne Bismarcks Hilfe sein Werk vollenden könne. Der Verstand schrie ihm zu, er würde es nicht vollenden; er nicht, wohl die Zeit. Sein Gedanke würde fortleben und sich entwickeln mit der treibenden Kraft, die in Ewigkeitsgedanken pulst. Sein Weckruf würde laut hallend läuten durch die Jahrhunderte mit dröhnendem Glockenklang. Er selbst würde hinübergehen ins All, fern, fern dem bekränzten Ziele. Bisweilen sprang er nachts aus dem Bette und schlug die Stirn gegen die Wand, daß sein alter böser Fehler, seine aufschwellende verwundete Eitelkeit ihm jenen Brief diktiert hatte. Dann sprach eine ruhige traurige Stimme in ihm: er hätte dir auch ohnedies nicht geholfen. Er hat andere Pläne. Er will das allgemeine und direkte Wahlrecht noch nicht einführen. Noch nicht. Dein Brief hat die Lage nur geklärt. Dich vor dem Fortspielen einer lächerlichen Narrenrolle bewahrt. Dann saß er lange im Bette aufrecht und starrte an die Wand und wußte, daß sein letztes Rettungsmittel ihm entglitten war. Jetzt drang hoffnungslose Dunkelheit ringsum auf ihn ein. Sein Kopf war hohl und zerquält. Sein ausgepreßtes Hirn konnte nun keinen neuen Weg mehr suchen nach all den Irrgängen der letzten Jahre. Es schmerzte und war so müde und so wund! Nein, er würde nicht der Messias seines Jahrhunderts werden. Er würde nicht einziehen mit seinem erlösten Volke in das gelobte Land. Und bleich verhärmt gedachte er der warnenden Worte seines früheren Freundes Marx. Ach, der hatte recht! der hatte recht! Der Sieg der Arbeiterbewegung, die Eroberung der Geister durch den Sozialismus forderte gewaltige Zeitspannen wie geologische Epochen. Forderte Jahrhunderte ernster, ehrgeizentäußerter zäher Arbeit. Marx hatte recht gehabt. Sein selbstloser Arbeitsplan würde siegen. Ja – ja. Tief stieß der niedergebrochene Mann sich den spitzen Stachel der späten reuevollen Einsicht in die Brust. Er dachte in dieser dunklen Zeit an das Versprechen, das er einmal Marie Strasser gegeben hatte. Sollte er sie jetzt, in seiner großen Not, rufen? Sein armes gebeugtes Selbstgefühl richtete sich gramvoll auf. Nein nein, nicht klein beigeben, nicht Fremden die Schmach eingestehen! Nicht bekennen, daß sein Lebenswerk jammervoll gescheitert war. Nein, nein! Nicht in die Tiefen seiner verzweifelten Nacht hinableuchten. Er raffte sich empor, rang verloren die Arme und flüsterte vor sich hin: »Nein nein, ich werde mein Volk nicht in das gelobte Land einführen. Mein Los ist das Schicksal der Mose aller Zeiten.« Der Gedanke gab ihm etwas Trost und Halt. »Auch jener gewaltige Horngekrönte hat nur den Weg nach Kanaan gewiesen und es nur von den Höhen der Ferne erschaut. Auch ich habe den Weg gewiesen. Auch ich habe ihnen vom hohen Berge aus das Land ihrer Sehnsucht gezeigt. Andere, Spätere werden das ernten, was ich gesät.« Und er warf sich in Qualen in die Kissen. Denn er war nicht der Mann, für die Zukunft zu säen. Er wollte ernten, sein Ehrgeiz wollte einziehen in die Scheuer hoch oben auf kornbeladenem, fruchtschwankendem Erntewagen. Wohl reckte er noch einmal die Glieder, wohl trieb er weiter die Räder seines Werkes. Doch ohne Hoffnung, ohne Glauben an sich und den Erfolg. Er reiste ins Rheinland, in das alte, treue, ihm ergebene Rheinland. Darin lag Trotz. Er wollte dem Manne in der Wilhelmstraße zeigen, wie groß seine Macht trotz alledem war, trotz alledem und alledem. Und schauerlich ernst erfüllte sich die Tragödie dieses Raketenlebens. Jetzt, gerade jetzt, da er innerlich an seinem Werk verzagt war, riß es ihn zu den höchsten Triumphen hinauf, die in deutschen Landen jemals einen Ungekrönten gekrönt haben. Ein volksumrauschter verzückter Messiaszug ward diese letzte rheinische Heerfahrt. In Düsseldorf, in Solingen, in Barmen sprach er unter trunkener Begeisterung. Der Tag von Wermelskirchen wurde am 19. Mai zu einem jauchzenden Volksfeste. An der Bahnstation Küppersteg nahm ihn eine Arbeiterdeputation mit zwei festlich bekränzten Wagen in Empfang. Drei Stunden währte der Weg nach Wermelskirchen. Es war die Fahrt des Heilands durch die Reihen seines begnadeten Volkes. Überall stießen Massen von Arbeitern und Landleuten zu dem Zuge. Längs des Weges bildete die Jugend Spalier und rief und winkte dem bleichen stillen Manne in dem vorbeirollenden Wagen stürmisch und beseligt zu. An der Grenze der Burscheider und Wermelskirchener Gemarkung erhob sich die erste Ehrenpforte über die ganze Breite der Chaussee. Hier wurde der Präsident durch eine Ansprache festlich begrüßt und mit Hochrufen und Liedern gefeiert. Jetzt war der Zug so gewaltig angeschwollen, daß die Wagen nur ganz langsam unter der herandrängenden, freudeberauschten Menge der Männer, Frauen und Kinder dahinziehen konnten. Mädchen streckten dem Messias die Hände entgegen. Weiber reichten ihm ihre Säuglinge voll Dankbarkeit zu, daß er sie segne, und riefen in gläubiger Verklärtheit: »Die werden es besser haben, durch dich – durch dich!« Und alles umtanzte, der Alltagsnot entrückt, bacchantisch den Wagen, warf die Arme in die Luft, schwenkte Mützen und Hüte und Tücher und jauchzte fanatisch: »Heil dem Heiland! Heil unserem Messias Ferdinand Lassalle!« Still und bleich saß der vergötterte Mann in den Polstern des Wagens. Seine Augen brannten. Eine halbe Stunde Weges weiter hinan ragte die zweite Ehrenpforte, und die dritte baute sich kurz dahinter. An dem dritten Tore sangen Tausende von Stimmen ein Lied, das wie eine uralte Volksweise zwischen ihnen aufgesprungen war. Es war da, keiner kannte den Verfasser, keiner den Tondichter, das Lied war da und sang aus Tausenden von Arbeiterkehlen. Stark, innig, naiv, wie echte alte deutsche Volksweise. »Zum freudevollen Feste, Das heute schön dir blüht, Da bringen wir das beste, Ein fröhlich heitres Lied. Wir richten voll Vertrauen Zu dir jetzt unsern Blick Und werden bald das schauen, Was aller größtes Glück. Ein Lorbeer wird uns krönen. Denn unsre Stimme zählt; Da können wir drauf bauen, Daß dieses bald gerät. Wir großen dich, Herr Präsident, In unserm Deutsch-Verein; Denn dir gebührt die Ehre Zu unserm Groß-Verein. Die Eintracht wird sich mehren; Denn du gehst uns voran, Die Ketten zu zerbrechen, Die unsre Väter han. Und wenn wir nun gesieget, Da wollen wir uns freun, Du bist uns hoch erkoren In unserm Deutsch-Verein!« Die Hymne umbrauste wie Urväter Schlachtgesang den Mann. Er war im Wagen aufgestanden und beugte tief das entblößte Haupt unter Schmerz und Verantwortung. Wer will sagen, was dieser umjubelte besiegte Mann in diesen größten Momenten seines Lebens durchlitten hat! Wer will das sagen? Und wer kann sprechen von diesem siegumkränzten, blutigen Märtyrertume! Nur er allein wußte, daß ihr schlichter Kinderglaube an ihn eitler Götzendienst war. Er hatte ihnen Worte gegeben, große starke Worte, an die sie glaubten, wie der Fromme an die Worte des Heils. Ach, was halfen alle großen starken Worte ihrem Elend! Taten erwartete jetzt ihre zum Himmel langende Sehnsucht, Taten der Befreiung. Er hatte keine Taten mehr zu geben. Dann wurde er wie ein König in das Versammlungslokal geleitet. Es war ein großes duftendes Blumenbeet. Zwei Tage lang hatten alle Kinder der Gemeinde Feldblumen gepflückt zu Ehren des Retters aus der Sklaverei der Väter. Ehe Lassalle sprach, wurde Herweghs Arbeiterlied gesungen. Es war geistiges Eigentum jedes Dorfkindes geworden. Dann hielt Lassalle seine Festrede. Und da kam wie durch Zauberkraft sein alter, bunt blühender Optimismus über ihn. Er sprach beherzt, kühn, herrlich, wie in seinen besten Tagen. Er sprach von der Freiheit, die auf dem Marsche sei. Und in diesen Stunden glaubte er, wie die Tausende der fromm vertrauenden Zuhörer, an seine Worte. Bis in die späte Nacht, als Lassalle schon lange geendet hatte und beim Festmahl unter dem Volke saß, kamen noch aus der fernsten Umgegend die Landleute herbeigezogen, um die Hände des Propheten zu küssen, wenn sie schon seine Worte nicht hatten hören können. Und ein achtzigjähriger Mann, halbblind und verfallen, ließ sich von seinen beiden ernst dreinschauenden Söhnen zu dem Retter führen. Er tastete nach Lassalles weißen, aristokratischen Händen und drückte sie stumm an die eingesunkenen Greisenlippen. »Jetzt will ich sterben,« flüsterte er und ließ sich von hinnen führen. – Wenige Tage später wurde zu Ronsdorf das Stiftungsfest des Vereins begangen. Eine weißbekränzte Wagenprozession harrte des Präsidenten am Elberfelder Bahnhof. Frühlingsfroh erregte Volkshaufen umschwirrten den Landauer des Schöpfers neuen Werdens auf den Wegen, die grüne Maien lenzlustig überspannten. An der Ronsdorfer Grenze war alt und jung versammelt. Eine Girlande mit der Inschrift: »Willkommen dem Dr. Ferdinand Lassalle Viel tausendmal im Ronsdorfer Tal!« begrüßte den Triumphator. Als der Wagen unter dem Spruche hindurchglitt, rieselte plötzlich ein duftiger Blumenregen auf das dunkle Haupt des Präsidenten nieder. Ein reizender Chor frischer Arbeitermädchen hatten ihn mit schelmisch sicherem Wurfe über den Erstaunten hereingesegnet. Eine mystische Erregung und ein Freudentaumel wie bei der Stiftung einer neuen Religion zitterte in der klaren Maienluft. Hier zu Ronsdorf hielt der Mann, der heute die Nachricht erhalten hatte, daß er in seiner Abwesenheit in Berlin in einer seiner zahlreichen Strafprozesse zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden war, seine letzte große Volksrede. Wieder riß ihn die emporatmende Glaubensinnigkeit der Gemeinde von allen schreckensdunklen Ufern fort. Wieder schloß er auf Stunden die Augen vor dem Abgrund, an dem er und sein Werk schwindelnd dahinrollte. In verzweifelten, selbsttäuschenden Worten schilderte er die Erfolge des Vereins. Zugleich sprach er auch nach Berlin hinüber. Bismarck sollte hören, was alles er ohne seine Hilfe vollendet hatte. »Ich erinnere mich einer sehr poetischen Sage,« rief er, »daß der Löwe immer tot geboren werde, und erst das furchtbare Gebrüll des Löwenvaters ihn zum Leben erwecke! Wohl, wir haben im Sinne dieser Sage gehandelt! Er schien am ersten Tage vielleicht ein totgeborenes Kind, unser Verein, aber wir haben so furchtbar gebrüllt, daß dieser Ruf ein Echo fand in allen deutschen Landen, daß dieses Kind zum freudigsten Leben erwachte und sich eben dadurch als echter Löwe betätigt hat!« Ach, sein armer verzerrter Selbstbetrug verstieg sich bis zu der Verkündung: »Einen der größten Beweise unserer Erfolge bietet aber Berlin selbst.« Doch mitten in diesen angstgegeißelten Selbsttäuschungen packte den Mann grausig die Wirklichkeit. Die Aussichtslosigkeit seiner Kämpfe grinste ihn an, die Hoffnungsöde, die ihm aus den glückesklaren Augen der Hörer entgegenstarrte, schnürte ihm die Kehle zusammen. Während er die großen vollen eitlen Worte hinausschleuderte, brannte die grausame Nichtigkeit seines Lebenskampfes verzehrend durch sein Hirn. Er sah das Diadem inbrünstiger Hoffnung auf baldige Erlösung die einfältigen Stirnen der Geknechteten da vor ihm umkrönen, er sah ihre unerschütterliche Zuversicht zu seiner prophetischen Helferkraft und göttlichen Stärke, und die zermalmende Verantwortung, die er ihrem Glauben trug, raubte ihm den Atem. Todessehnsucht im Herzen keuchte er seine hoffnungsgeblähten Worte des Lebens. Eine zage menschliche Müdigkeit, ein Fertigsein mit allem Irdischen sank vernichtend nieder auf seine gewaltsame Gespreiztheit. Und da stiegen aus der überbürdeten Brust des Mannes auch die Worte zum Munde. Bang schloß diese bombastische Prunkrede mit dem demütigen Bekenntnis: »Wie stark auch einer ist, einer gewissen Erbitterung gegenüber ist er verloren! Das kümmert mich wenig! Ich habe, wie ihr denken könnt, dieses Banner nicht ergriffen, ohne ganz genau voraus zu wissen, daß ich dabei persönlich zugrunde gehen kann.« Und ganz leise bat er: »Möge mit meiner Person diese gewaltige und nationale Kulturbewegung nicht zugrunde gehen, sondern die Feuersbrunst, die ich entzündet, weiter und weiter fressen, solange ein einziger von euch noch atmet! Dies versprecht mir, und zum Zeichen dessen hebt eure Rechte empor!« Alle warfen in staunender Erregung die Rechte empor. Und diesen Wald schwörender Hände vor Augen verließ Ferdinand Lassalle die Tribüne und sein zerschelltes Werk. XX. Wenige Wochen später traf die mitleidige Kugel sein zerbrochenes Leben. Noch einmal war es in Wirrnis und Leidenschaft grell aufgezüngelt. Von Ronsdorf hatte die Gerichtsverhandlung über die Rheinreden vom vorigen Jahre ihn nach Düsseldorf gerufen. Abermals war er zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Ein treibendes, zerspelltes Wrack, kam er im Juli nach Rigi-Kaltbad. Die Gräfin war zur Kur in Wildbad. Er wollte allein sein mit seinem Elend. Es regnete tagelang in düsteren Strähnen. Er ging von einer Ecke des Zimmers zur andern und wußte, daß sein Leben zerborsten war. Und aus den Trümmern wuchs ein wahnwitziger Durst nach Leben empor. Leben, leben, endlich leben wollte er. Den Torso seines Werkes zu Boden schleudern und Mensch sein, nichts als schlichter lebender Mensch. Eine feige Furcht vor dem Gefängnis, das seiner in Deutschland harrte, trieb ihn um. Nein, er kehrte nicht wieder dorthin zurück, wo Gefängnis und unerfüllbare, ehern fordernde Pflichten seiner lauerten. Er ging ins Ausland. Er zog mit der Gräfin nach Italien, er gründete sich dort ein stilles Heim und lebte dort endlich sein Leben. Das Panier seines Geistes lag zerknittert am Boden. Er schrieb an die treue Freundin, in der vorsichtigen Sie-Form, die er in Briefen an sie stets anwandte: »Ich wünsche nichts sehnlicher, als die ganze Politik loszuwerden, um mich in Wissenschaft, Freundschaft und Natur zurückzuziehen. Ich bin der Politik müde und satt. Zwar würde ich so leidenschaftlich wie je für dieselbe entflammen, wenn ernste Ereignisse da wären, oder wenn ich die Macht hätte oder ein Mittel sähe, sie zu erobern – ein solches Mittel, das sich für mich schickt; denn ohne höchste Macht läßt sich nichts machen. Zum Kinderspiel aber bin ich zu alt und zu groß. Wenn ich das Präsidium los wäre, jetzt wäre der Moment, wo ich entschlossen wäre, mit Ihnen nach Neapel zu ziehen. (Aber, wie es los werden?!) Denn die Ereignisse werden sich, fürchte ich, langsam, langsam entwickeln, und meine glühende Seele hat an diesen Kinderkrankheiten und chronischen Prozessen keinen Spaß. Ach, könnte ich mich zurückziehen!« Es regnete und regnete, die Aussicht vom Rigi hinab in die Welt war grau verschleiert. Graue Nebel verschleierten die Aussichten seines Lebens. Und inmitten dieser Verzagtheit, dieses untätigen Trübsinns erfüllte sich sein Geschick. Die »Nixe vom Tegernsee« hielt Wort. Sie sahen sich wieder. Helene von Dönniges, zu Besuch bei einer Freundin in Wabern, hatte aus der Kurliste die Anwesenheit des Berliner Bekannten auf Rigi-Kaltbad ersehen. Sie riß ihn aus seiner Verzweiflung. Am ersten hellen Tage trat ein Bauernknabe in Lassalles Zimmer mit der Meldung: eine Dame erwarte ihn an der Terrasse. Überrascht, ahnungslos ging er hinaus. Da harrte sie hoch zu Roß mit einigen Bekannten. Wie er sich vor vier Jahren in Aachen in der Erschlaffung des Geistes jungenhaft in Sophie Adrianowna von Solutzeff verliebt hatte, verlor er jetzt den Verstand an die kokette wunderschöne bleiche goldhaarige Nixe. Sie umsponn und umgarnte ihn. Er vergaß das Wort, das er einst in Berlin seinem Anwalt Holthoff gesprochen, als der ihm Helenes Hand antrug. Er vergaß dieses Wort, vergaß Helenes berüchtigte Vergangenheit, ihre Unzuverlässigkeit, alles, alles. Er verlor sich unrettbar in ihre grünen, abgrundtiefen Nixenaugen. Seltsame Tage und Nächte kamen. Er war ihr nach Wabern gefolgt. Und in den Nächten schlich er zu ihr in den Garten, sie stand mit aufgelöstem, brennendem Haar am offenen Fenster und ihre irisierenden Augen behexten den gebrochenen Mann. Sie brannten ihm in das entkräftete Hirn und trieben dort groteske irre Zauberblumen zur Blüte. Sie beugte sich hinaus aus dem Fenster, umfing ihn mit den weißen, nackten Armen und küßte ihm den Wahnwitz von den stammelnden Lippen. Und sie spielten wie Kinder mit den sprießenden Wunderblumen seines armen Hirns. Jede Niederlage war vergessen, jede bleiche Hoffnung von ehedem entfaltete sich zur berauschend duftenden Wirklichkeit. Er war kein verzweifelt niedergekämpfter Streiter, nein, ein Sieger, ein ruhmreicher Held, ein Triumphator. Deutschland lag ihm zu Füßen, hinter ihm marschierten mit trotzig klirrendem Schritt die schwarzen Bataillone. Bald, bald würde er einziehen in Berlin durch das Brandenburger Tor in goldener Galakutsche mit sechs silberglänzenden Schimmeln als Präsident der Deutschen Republik. Und an seiner Seite saß die goldhaarige Nixe, seine Brunhilde, seine Königin, mit ihrem güldenen Diadem flammender Haare. Und das Volk jauchzte und jubelte ihr zu, wie nie einem irdischen Weib gejauchzt und gejubelt worden war. In mancher stillen Gebirgssommernacht, wenn die Firne mild herniederglänzten und die Bäche durch das Schweigen sangen, trank sie die berauschende Mythe von seinen raunenden Lippen. Ihr phantastischer Schwarmsinn glaubte ihm jedes Wort. Sie sah sich als Kaiserin hoch über der Menschheit thronen neben ihrem »kaiserlichen Aar«. Und ihr goldenes Haar knisterte in Ehrgeiz und erhabenem Wahne. Sie phantasierten von der Ehe. Helene war zwar noch immer Janko von Rakowitzas Braut. Doch ihm schrieb sie eben den Absagebrief. Sie wußte zwar, der Vater, jetzt bayerischer Gesandter in Genf, würde dem sozialen Revolutionär niemals die Tochter geben. Sie ballte die Fäuste. »Sie müssen!« zischte sie. »Und wenn sie trotzen, dann trägst du mich fort, hoch in die Lüfte, mein stolzer Aar.« Er floh mit ihr hinaus, weit fort von allen Ufern der Vernunft. »Ja, dann fliehe ich mit dir, mein Goldfuchs. Ich entführe dich nach Caprera. Dort ist ein Kaplan Garibaldis, der wird uns trauen und dann – dann ziehen wir weiter – nach Ägypten. Dort bauen wir uns unser Nest.« »Und die goldene Kutsche,« bedachte sie, »mit den sechs silberglänzenden Schimmeln?!« »Später, später,« fabelte er, »kehren wir zurück. Ich schwenke hoch das Banner meiner Tat, die Trommeln wirbeln, die Bataillone marschieren, die Erde dröhnt von ihrem Schritt –« – – Still glitzerten die ewigen Sterne am dunklen Sommerhimmel. Sie kehrte nach Genf zurück. Er wollte am Abend folgen. Und sollte am nächsten Tage vor die Eltern hintreten und die Geliebte fordern. Versagten sie ihm ihr Kind – – dann winkte Caprera. Als Lassalle am Abend in Genf in der Pension Bovet aux Pacquis abstieg, übergab ihm die Zofe der Liebsten einen Brief. Im Hausflur las er ihn. »Mittwoch, den 3. August 1864. Mein liebes Herz, mein schöner herrlicher Aar – noch keine Stunde im elterlichen Haus, kann ich Dir schon Neues – aber nur Trübes erzählen. Ich kam hier an und fand meine kleine Schwester Margarethe als verlobte Braut des Grafen Kayserling – das Glück und die hohe Freude darüber bei den Meinen ist nicht zu beschreiben. Ach, Ferdinand, es tut mir wehe, zu denken, wie verschieden mein Glück auf sie einwirken wird! – doch ist's mir ganz gleich: in Freud und Leid Dein treues, nur Dir ergebenes Weib. Diesen Moment benutzte ich und zeigte Mama Deine Visite an. Ich erzählte ihr in Kürze unser Wiedersehn und fuhr fort: ›Es tut mir unendlich leid, Euch so betrüben zu müssen – denn ich sehe, daß Du außer Dir bist, – aber ich kann nicht anders; seid Ihr vernünftig und willigt ein – nun so werdet Ihr ihn kennen und lieben lernen, und alles wird ruhig und glatt abgehen, – wo nicht, nun, tut es mir auch leid, und Gott weiß, was ich darunter leide, so muß ich mich mit dem Gesetz verteidigen und so zu meinem Recht und meinem Glück gelangen.‹ – Sie weinte leise und verließ mein Zimmer, und ich wurde Deine wirkliche Brunhilde; – ich weinte nicht, ich zitterte auch nicht, ich sah Dein Bild an und bat Dich leise: Komm', mein hoher, mein stolzer, mein kaiserlicher Aar, gib mir mit Deinem herrlichen Adlerblick Kraft und Stärke! So bat ich, und mein Glaube an Dich hat mir geholfen – ich danke Dir, mein starker Siegfried! Nach einer kleinen Pause kam die arme Mutter und sagte: sie müsse dem Papa die ganze Sache mitteilen, sonst gäbe es einen furchtbaren Skandal. Ich sagte darauf, das sei das Einzige, was ich verlange für mein Vertrauen, und Du wünschtest nicht, daß Papa Dich kennen lerne, mit Gedanken für oder wider , – kurz, Du möchtest unbefangen ins Haus treten und ebenso beurteilt werden. – Aber hier blieb sie unerbittlich und sagte: ›Papa nimmt ihn nie und nimmer an, ich muß zu ihm gehen und ihm sagen, wie die Sachen stehen.‹ Aber da sie sah, daß ich fest war, so ging sie hinaus mit dem noch immer festen Entschluß, Papa alles zu sagen. Jetzt ist es 6 Uhr, und Du mein Herz und Gott bist nun schon hier? O! dieser Gedanke gibt mir wieder Kraft und Stärke – denn ich muß die Nähe und Allgewalt meines Herrn und Gebieters fühlen, um nicht zu weichen, um nicht auch andern gegenüber zu sein, wie Dir – das Kind . Aber ich fühle Dich und Deine Liebe – und so fürchte ich nichts mehr und bin jetzt und für immer Dein Weib, Dein Kind, Deine Dich anbetende Sache! Sage mir auf einem kleinen Zettel, daß Du mich liebst! Denn ich, Ferdinand, ich liebe Dich ja so sehr! – Es ist geschehen – sie haben gesprochen – – mein Vater hat erklärt: ich wäre seine Tochter nicht mehr! – und was nun geschieht –« So weit hatte Lassalle gelesen, da stürzte Helene zur Tür herein. »Was ist?« entsetzte er sich über ihre Verstörtheit. Sie brach zu seinen Füßen nieder, stöhnend, fassungslos. Er trug sie an dem erstaunten Wirt vorbei in das bestellte Zimmer. »Um Gott, Helene, was ist?« drängte er. Da zerrte sie den Hut von den Haaren, schleuderte ihn in die Ecke, warf sich rücklings auf das Bett und ächzte: »Nimm mich, nimm mich hin, ich bin deine Sache – ich bin dein – nimm mich!« Der Mann stand und starrte auf diese leidenschaftliche Hingabe. Sie lag mit violetten Lidern, und jede Pore harrte seiner Liebe. Da trat er zum Bett, ergriff ihre fiebernde Hand und sänftigte: »Nein, Helene, so nicht. So nehme ich dich nicht.« Seine böse alte Eitelkeit flammte auf. »Was denken sich denn deine Eltern! Mir, mir ihre Tochter versagen. Mir! Wie einem hergelaufenen Bettler. Mir, den Männer wie Humboldt und Boeckh –« Er sprach noch lange. Das junge Weib lag steif auf dem Bette. Ihre Glieder wurden eisig, ihre Leidenschaft gefror. Plötzlich stand sie auf, ihre Augen irrlichterten grün. Sie sprach kein Wort. Langsam bückte sie sich nach dem Hut und setzte ihn hart auf das goldene Haar. Er redete noch immer: »Nur aus ihrer Hand nehme ich dich. Wir wollen doch sehen, ob sie es wagen dürfen, mich so zu behandeln! Mich von der Tür weisen! Jetzt ertrotze ich dich. Aber du bist an allem Schuld. Was brauchtest du zu sprechen! Wir hatten doch verabredet, daß ich morgen zu deinen Eltern komme. Bis dahin solltest du schweigen. Jetzt mußt du das ausessen, was du dir eingebrockt hast. Denn nur aus den Händen –« Da pochte es stürmisch an die Tür. Ehe er Einlaß gestatten konnte, platzte die junge, der Herrin treu ergebene Zofe ins Zimmer: »Um Jesu willen, Mademoiselle, fliehen Sie! Herr von Dönniges hat Ihre Flucht gemerkt. Er rast. Er sucht Sie. Er wird Sie töten! Retten Sie sich!« Helene stand weiß und kalt. Nur in den Augenhöhlen brannten heiße grüne Wildkatzenlichter. »Unsinn,« herrschte Lassalle die Zofe an, »meine Braut flieht nicht. Meine Braut braucht nicht zu fliehen, sie hat nichts zu scheuen.« Und herrisch gebot er: »Führen Sie Fräulein von Dönniges zu ihrer Mutter!« »Herr,« wagte das Mädchen, »Sie verkennen –« »Taisez-vous!« schrie der gekränkte törichte Mann. »Führen Sie Fräulein von Dönniges zu ihrer Mutter!« »Das traue ich mich nicht,« weigerte sich die Zofe energisch. »Dann lieber zu Madame Rognon. Das ist eine gute Freundin von Madame. Die wird nicht schelten. Und dann sag' ich Madame, daß das gnädige Fräulein bei Madame Rognon ist.« »Meinetwegen,« gab Lassalle nach. »Komm, Helene, ich begleite dich zu Madame Rognon. Mut doch, Goldfuchs, ich ringe dich ihnen ab!« Und er führte die Eisige zu Madame Rognon. Die Zofe schritt nachdenklich hinter den beiden hohen Gestalten. – * Helene war wieder in ihrem Zimmer im Hause der Eltern. Der Traum war zerstoben. In ihrer Brust wühlte ein mordgieriger Haß. Dieser Mensch, dieser Feigling, dem sie sich schrankenlos hingegeben, hatte sie verschmäht. Sie, die Vielbegehrte, an der kein Mann auf der Gasse vorüberging, ohne daß ihm das Blut zu Kopfe schoß, ihre Pracht, ihren Sinnenbrand verschmäht! Liegenlassen wie einen Lumpen, als sie sich ihm in besinnungsloser Liebe hinwarf! »Dieser feige Schwadroneur! Pfui, pfui, pfui!« Wie eine Eissäule stand sie im Zimmer, und ihr Haß fror hart und klingend wie Kristall. Lassalle erbat eine Zusammenkunft mit dem Gesandten. Sie wurde verweigert. Er schrieb verständnislos Brief auf Brief an die Geliebte. Ihm ward keine Antwort. In seiner Verblendung glaubte er, dem Mädchen werde Gewalt angetan, es würde gefangen gehalten und grausam mißhandelt. Da prasselte seine ungezügelte Heftigkeit zum letzten Male auf. Jetzt, da seine Liebe auf Widerstand anrannte, brandete sie an dieser Mole zu lebenverschlingender Woge empor. Er umstellte das Haus der Geliebten mit Spionen. Er erfuhr, der Bräutigam Helenes, der Walache Janko von Rakowitza, sei aus Berlin berufen worden. Ha, man wollte sie zur Ehe mit ihm zwingen! Er hörte, Helene habe Genf verlassen. Ha, man hatte sie ihm mit Gewalt entführt! Hoch, hoch auf zum Himmel stieg die Rakete seiner Leidenschaft. Die alte Kraft tobte in ihm auf. Der alte Berserkergrimm raste. Alle Freunde hetzte er in Bewegung, die ganze Welt rief er zu Hilfe. Rüstow mußte aus Zürich herbei, das Haus Dönniges zu bewachen, Herwegh und Frau Emma erhielten telegraphisch Weisung, sich zur sofortigen Abreise nach Genf bereit zu halten, Holthoff in Berlin, Freund der Familie Dönniges, wurde um Fürsprache angefleht, Boeckh sollte an den Gesandten ein Leumundszeugnis über den Verfasser des Heraklit einsenden, Bülow mußte eine Empfehlung an Wagner in München geben, die Gräfin wurde zum Bischof Ketteler nach Mainz beordert, ihn zu veranlassen, auf Herrn von Dönniges, den Lassalle irrtümlich für einen Katholiken hielt, als Oberhirte einzuwirken. Er selbst jagte nach München. Mit Wagners Empfehlungsschreiben wollte er zum König Ludwig II. vordringen, sich über seinen Gesandten in Genf bitter beschweren und den Befehl des Königs an Herrn von Dönniges ertrotzen, seine Tochter unverzüglich an Lassalle zu vermählen. Und dieser wundersame Plan, der dem Abenteuersinn entwuchs, der einst die Fahrt zu Garibaldi als Mittel zur Erzwingung des allgemeinen direkten Wahlrechts ersonnen, hatte den fast unglaublichen Erfolg. Der König zwar war auf Schloß Hohenschwangau und nicht zu sprechen. Doch den Minister des Auswärtigen, Baron von Schrenck, den direkten Vorgesetzten des Herrn von Dönniges, eroberte Lassalles sprühender Geist zu schier unfaßbarem Beistand. Er sandte mit dem leidenschaftlichen Manne den angesehensten Münchener Rechtsanwalt, Dr. Haenle, als offiziellen Kommissar nach Genf, auf Herrn von Dönniges im Sinne Lassalles einzuwirken. Lassalle und Haenle reisten in Eiltouren nach Genf. Inzwischen war Helene, auf die Kunde, Lassalle habe Genf verlassen, ins elterliche Haus zurückgekehrt. Dort hatte Rüstow und die Gräfin, die inzwischen aus Mainz eingetroffen war, mit ihr Verbindung gefunden. Aufopfernden Mutes hatte die Frau den selbstmörderischen Schritt beim Bischof getan. Er hatte freundlich jede Einmischung abgelehnt. Jetzt in Genf brach ihre liebesbange Angst hellseherisch hervor. Sie brachte Rüstow rasch zu der Einsicht, daß es für Lassalle nur eine Rettung gäbe: schleunige Losreißung von diesem Weibe. In dieser Erkenntnis hatten beide in Genf gewirkt. Mit wilder Freude hatte Sophie Hatzfeld Helenes dreisten Absagebrief in Rüstows bevollmächtigte Hände flattern sehen. Wenn ihn dieser kaltberechnete Stich ins Herz traf, mußten ihrem irregegangenen Liebling doch die Augen aufgehen. Helene schrieb: »Sr. Wohlgeboren Herrn Lassalle! Nachdem ich mich mit ganzem Herzen und in tiefster Reue über die von mir unternommenen Schritte wieder mit meinem verlobten Bräutigam, Janko von Rakowitza, ausgesöhnt und dessen Liebe und Verzeihung wiedergewonnen habe, erkläre ich Ihnen freiwillig und aus voller Überzeugung, daß von einer Verbindung zwischen uns nie die Rede sein kann, daß ich mich von Ihnen in jeder Beziehung lossage und fest entschlossen bin, meinem verlobten Bräutigam ewige Liebe und Treue zu widmen. Helene von Dönniges.« Doch Lassalle lachte wutbesessen auf, als er das Schreiben las. »Das ist gewaltsam erschlichen,« schrie er, »jede Zeile verrät es. In Angst und Bedrängnis, unter der väterlichen Faust hat sie das geschrieben. Ich komme, ich komme schon mit der Rettung, mein armer, armer mißhandelter Goldfuchs!« Und Dr. Haenle trat in Aktion. Ihm bewilligte Herr von Dönniges sofort eine Unterredung. Der Kommissar des bayerischen Ministers begab sich mit dem Oberst Rüstow in die Villa des Gesandten. Dr. Haenle wünschte Helene selbst zu sprechen, um zu erforschen, ob sie unter Zwang gehandelt habe oder nicht. Bereitwillig rief der Vater sie herbei. In einer blutroten Seidenbluse trat sie herein, keck, frei und höhnisch-heiter. Rüstow erklärte ihr, daß Lassalle sie um eine Unterredung bitte. Sie entgegnete kalt: »Wozu das? Ich weiß, was er will. Ich habe die Sache satt.« Da erinnerte der fassungslose Freund Lassalles sie an die Schwüre der Nächte in Wabern. »Pah,« lachte sie, »Schwüre!« »Aber,« rief Dr. Haenle, »mein gnädiges Fräulein, ich begreife Ihren Ton nicht! Der steht doch im krassesten Gegensatz zu Ihrem Besuch bei Lassalle in der Pension Bovet!« »Ja,« lächelte sie, »das ist richtig. Aber so handelte ich nur im ersten Moment.« Die beiden Abgesandten blickten sich verwirrt in die Augen. Herr von Dönniges triumphierte. »Aber,« drängte Rüstow, »eine Unterredung werden Sie dem Manne nicht verweigern, dem Sie noch vor wenigen Tagen ewige Liebe geschworen haben!« »Es ist ganz nutzlos,« blieb sie eisig, »ich bin mit ihm fertig.« »Aber eine kurze Unterredung,« suchte Dr. Haenle zu vermitteln, »sie braucht ja nicht gleich zwei Stunden zu dauern.« »Ach,« spottete das bleiche, innerlich erstarrte Weib, »Lassalle spricht ja gern und viel. Der wird auch in zwei Stunden nicht fertig.« »Herrgottsakrament,« fuhr da der alte Garibaldisoldat in die Höhe, »Sie sind nach alledem ihm doch wenigstens eine Aussprache, irgendeine Genugtuung schuldig!« »Seiner Eitelkeit?« fragte sie spitz. »Nein,« brüllte Rüstow da los, »seinem Mannesbewußtsein!« warf den Sessel um und stürmte hinaus. Dr. Haenle folgte. Jedes weitere Wort war verloren. Jetzt sah auch Lassalle klar. Seine Liebe ward mordsüchtiger Haß. Ein Tobsuchtsanfall warf den erschöpften Mann an die Wand. Er wütete im Zimmer umher, Schaum stand ihm vor den Zähnen, er riß sich die Haare aus und raste in Schreikrämpfen: »Mir, mir, das mir! Mit mir soll solch ein Spiel ungestraft getrieben werden! Ich soll von solch einer Dirne hintergangen und verspottet sein! Ich! Ich! Ich soll an solchen miserablen Gegnern und Hindernissen zerschellen, die jeder dumme Junge überwindet! Rache, Rache, ich muß bluttriefende Rache haben!!« Ohne auf der Freunde Abmahnung zu achten, warf er sein Leben hin. Er provozierte das Duell. Mit blutgeschwollenen Augen schrieb er: »Genf, 26. August. Herrn von Dönniges Hochwohlgeboren. Nachdem ich durch den Bericht des Oberst Rüstow und des Herrn Dr. Haenle vernommen habe, daß Ihre Tochter Helene eine verworfene Dirne ist, und es folglicherweise nicht mehr meine Absicht sein kann, mich durch eine Heirat mit ihr zu entehren, habe ich keinen Grund mehr, die Forderung der Satisfaktion für die verschiedenen mir von Ihnen widerfahrenen Avanien und Beleidigungen länger zu verschieben, und fordere Sie daher auf, mit den beiden Freunden, die Ihnen diese Erklärung überbringen, die erforderlichen Verabredungen zu treffen. F. Lassalle.« Und dem Bräutigam der »Dirne« spie er entgegen: Genf, 26. August. Herrn von Rakowitza, Hochwohlgeboren. Nachdem Sie durch den Oberst Rüstow zum Theil über das zwischen mir und Fräulein Helene von Dönniges bestehende Verhältnis unterrichtet worden sind, würde es Ihnen vielleicht auffallend erscheinen können, nicht von mir aufgesucht und über die Übernahme der eigentümlichen Rolle, die man Ihnen zugeteilt hat, zur Rede gestellt zu werden. Zur Erklärung dessen sende ich Ihnen Abschrift der Sie interessierenden Stelle eines Briefes, den ich soeben an Herrn von Dönniges zu richten mich genötigt sah. Sie ersehen daraus, daß Sie in mir keineswegs mehr einen Rivalen haben, und daß ich Ihnen ein Glück von nun an ungeteilt gönne, auf das ich meinesteils nach der heute erlangten Überzeugung freudig verzichte. Mit aufrichtiger Teilnahme F. Lassalle. Herr von Dönniges entzog sich den Konsequenzen des Briefes durch schleunige Flucht. Der junge Student Rakowitza aber übersandte Lassalle die Pistolenforderung. Am 28. August, früh halb acht, standen sich die Gegner im Wäldchen von Carrouge gegenüber. Rüstow kommandierte: »Achtung! Eins!« Da fiel ein Schuß. Rakowitza hatte abgedrückt. Eine Sekunde später krachte Lassalles Pistole. Seine Kugel ging fehl. Der Tod hatte ihn schon umkrallt. Mit zerschossnem Unterleib brachten die Freunde ihn ins Hotel. Oben am Geländer der Treppe stand ahnungsvoll die Gräfin. Da tat sein eiserner Wille seine letzte große Tat. Um die Geliebte seiner jungen Tage nicht zu erschrecken, schleppte der totwunde Mann sich lächelnd die Stufen hinauf. Zu ihren Füßen brach er zusammen. Drei Tage lag er, ohne sich zu regen, im Opiumdämmer. Hilfe gab es nicht. Chelius aus Heidelberg, Billroth aus Zürich zuckten hoffnungslos die Schultern. Die Gräfin saß versteint an seinem Bett und richtete dem Sterbenden die Kissen. Sie konnte und wollte es nicht fassen, daß diese stürmische Glut ihres Lebens verglomm. Sie verkettete die Finger und hoffte, hoffte mit der Verzweiflung des Unmöglichen, bis er am 31. August, als der Sommermorgen blau ins Fenster kam, sich dehnte, dehnte und steif und kalt in seinem Bette lag. Da warf sie sich über ihn und schrie, schrie ihre Liebe der entflohenen Seele nach. Stundenlang saß sie an der Leiche unbeweglich. An den ersten Abend, an dem er zu ihr gekommen war mit Graf Keyserling, dachte sie. An die erste Nacht, da sie ihm alles gegeben hatte, was noch ihr gehörte. An jedes liebe Wort dachte sie, das er je zu ihr gesprochen, an jede Liebkosung der steifen, weißen Hand dort auf der Decke. Und plötzlich verzerrte sich ihr Gesicht. Sie dachte an all das Leid, das seine Liebeleien ihrer armen Eifersucht bereitet. Ein jammerndes Stöhnen barst aus ihrer Kehle. Jetzt, ja, jetzt gehörte er ihr, endlich ihr, endlich ihr allein! Sie warf sich wieder über ihn. Nein nein, nicht diesen grauenvollen Trost! Er sollte leben! Millionenfach stärkere martervolle Qualen wollte sie leiden, ihn entbehren, immer, immer. Nur leben, leben sollte er. Sie wollte ihn fliehen, ihn nie wiedersehen, nur wissen, daß er lebe und glücklich sei. Und plötzlich schien es ihr unmöglich, ungeschehbar, daß er unerweckbar tot sei. Ein solch herzzerreißendes Unglück geschah nicht in der Welt. Sie lag über ihm und fühlte, daß ihre ungeheure Willenskraft, ihre unendliche Sehnsucht ihn zurückreißen konnte ins Leben. Sie preßte die Stirn auf seinen kalten Mund und flüsterte irr: »Komm – komm – wolle doch! wolle doch! Du Willensstarker! – Reißt dich deine Sehnsucht – reißt dich meine Sehnsucht nicht zurück! Weißt du nicht mehr, was du mir in jener ersten Nacht, damals, in meiner armseligen Wohnung in Berlin, verzückt geschworen hast? Weißt du das nicht mehr! Immer wolltest du bei mir bleiben, immer, immer bis zu meinem späten Ende. Komm – komm, halt Wort – halt mir dein Wort! – Lieg nicht so kalt – lieg nicht so kalt!!« Stumm und starr lag der Tote. Dann raffte sie sich auf und lief verloren in dem stillen Hotelzimmer umher. Und zergrübelte ihr Hirn, wie er hätte gerettet werden können. Sie rang die Arme. Man hätte behütender für ihn sehen müssen, er war ja mit Blindheit geschlagen. Man hätte ihn halten müssen, er taumelte ja doch. Oder hätte sie nicht gegen diese Verbindung wirken dürfen?! Dann lebte er vielleicht noch. Dann ging er draußen im Sonnenlicht am Arme dieses rothaarigen Teufels einher – aber lebte – lebte!! Sie fiel in die Knie und schlug die Stirn am Bettrande blutig, daß sie gegen diese Verbindung gewühlt hatte. Plötzlich hob sie das reuezernagte Greisengesicht. Die Nase stand steil aus der lappigen Haut hervor. Groß, gespenstig wuchs sie auf, griff seine schweißige Totenhand und sprach laut und feierlich: »Ich schwöre dir, Geliebter, dich an deinen Mördern zu rächen! Ich schwöre dir, Geliebter, dein Andenken gegen deine Feinde zu verteidigen. Ich schwöre dir, Geliebter, dein Werk mit jedem Opfer zu erhalten!« Der Tote lag starr und stumm. Die Mutter und Schwester kamen. Zerbrochen sank die alte kleine Frau an der Bahre nieder. Da tröstete die Gräfin groß und stolz: »Halten Sie immer den einen Gedanken fest, daß trotz des schweren Schlages, der Sie getroffen hat, es ein großes Glück, eine große Ehre ist, der Welt einen Ferdinand Lassalle geboren zu haben!« Die alte Frau schüttelte vernichtet den Kopf. Ihr Sohn war tot, da tröstete kein Stolz und keine Ehre! Sie ließ der Freundin seines Lebens den geliebten Toten. – – Die in Genf verbannten Revolutionäre aller Länder veranstalteten eine großartige Totenfeier für den gefallenen Kämpfer. An den Mauern der Häuser erschien der Aufruf: »Bürger von Genf! Republikaner! In der Blüte seiner Kraft, inmitten seines großartigen Wirkens für das Wohl der Menschheit, verstarb heute früh 7 Uhr Ferdinand Lassalle, der Stolz Deutschlands, die Hoffnung des Vaterlandes und der deutschen Republikaner, eines unnatürlichen Todes, das Opfer der schmählichsten Intrigue, die jemals verworfene Personen mit einem großen Manne gespielt haben. Bürger von Genf, Republikaner aller Nationen, die hier eine Freistätte gefunden, vereinigt euch mit uns an dem Sarge des größten deutschen Bürgers! Der Blitz hat jene stolze Eiche gefällt, aber ihre Wurzeln sind nicht erstorben, solange es Republikaner auf Erden gibt. Die Leichenfeierlichkeit findet statt: Freitag, den 2. September Nachmittags 1 Uhr im großen Saale des Tempels Unique. Genf, den 31. August 1864. Das Comité der deutschen Republikaner«. Und nach dieser imposanten Trauerkundgebung führte die Gräfin die einbalsamierte Leiche an den Rhein, auf den Wegen, die der Tote im Frühling im Triumphe durchzogen hatte. In Mainz bezeugte ihm das Volk die Ehren eines toten Königs. Die ganze Stadt und die Umgebung wogte um den Sarg, der, offen gefahren, unter Blumen und Lorbeerkränzen fast verschwand. Von Trauerfeuern, Musikchören, Jünglingen mit gesenkten Fackeln geleitet, schritt der unübersehbare Zug durch die florgeschmückten Straßen zum Dampfschiff. Bis auf die Dächer hinauf standen schmerzgebeugt die Menschen. Die Trauer war so überwältigend, daß die Polizei nicht wagte, einzuschreiten. Reden wurden gehalten, die Worte ertranken den Rednern in Tränen. Rauhe Arbeiter schluchzten wie Kinder. Ihr Vater, ihr Heiland, ihr Messias war tot. Und die Erbitterung gegen die Mörder qualmte zum blauen Herbsthimmel drohend empor. Dann wurde der Sarg von Arbeitern auf das Dampfschiff getragen. Eine Ehrenwache, starke braune Männer aus dem Volke, standen stumm am seiner Bahre durch die lange dunkle Nacht. Und dann führte die Gräfin den toten Messias unter der Trauer des Volkes den Rhein hinab, im letzten ehrenden Siegeszuge seines verewigten Geistes. Überall flammten die Herzen empor, blutigrote Fanale grüßten von den Bergen hernieder, ein sichtbares Zeichen dessen, daß einst der Tag anbrechen würde, an dem das Samenkorn, das er in diese gebeugten Seelen gepflanzt, aufstreben würde zu einem starken, tragkräftigen, früchtereichen Baume. Als das Schiff in Köln landete, drangen zwei Polizeileutnants an Bord und entrissen der fassungslosen Frau das letzte, was ihr von dem Geliebten geblieben. Der Leichnam ward beschlagnahmt und nach Breslau, seiner Geburtsstadt, eskortiert. Dort wurde er im Erbbegräbnis der Familie beigesetzt. – Und noch heute ziehen an seinem Todestage Hunderte von schlesischen Arbeitern hinaus auf den Breslauer Friedhof, lesen erschüttert die von dem greisen Freunde Boeckh verfaßte Grabinschrift: »Hier ruht, was sterblich war von Ferdinand Lassalle, dem Denker und Kämpfer« und singen kampfesfroh und dankbar im Erfolge das schwermütig-trotzige Arbeiterlied: »Zu Breslau ein Kirchhof, Ein Toter im Grab, Dort schlummert der Eine, Der Schwerter uns gab!«   Ende.