Wilhelm Meyer-Förster Heidenstamm Meiner Frau Erstes Kapitel Auf Anordnung der Königlichen Staatsanwaltschaft zu Hannover wurde Abu Becker am 8. Januar 1888 nachmittags vier Uhr in Altona bei Hamburg festgenommen. Damit fand die Tätigkeit eines vielgewandten und weitbekannten Mannes ihren vorläufigen Abschluß. Joseph von Heidenstamm war einer der ersten, der in Hannover von der überraschenden und zunächst fast unglaublich klingenden Nachricht Kenntnis erhielt. Es war abends zehn Uhr, als er vom Hotel Kasten her über die Georgstraße ging, ganz in seinen Pelz gewickelt, die Mütze tief ins Gesicht gedrückt und so von dem Schneegestöber eingehüllt, daß Franz Zestow, der ihm entgegenkam, ihn auf den ersten Blick nicht erkannte. »Joseph?« »Ja.« »Bist du's?« »Natürlich.« »Weißt du das Neueste?« »Was denn?« »Sie haben Abu heute nachmittag verhaftet! In Hamburg.« »Rede keinen Unsinn.« »Auf Wort. Er sitzt. Den lassen sie vor zwanzig Jahren nicht wieder los. Was sagst du dazu?« »Das ist gar nicht möglich.« »Ich sage dir, es ist Tatsache. Wieviel schuldest du ihm?« »Zehn Mille.« »Dann gratuliere ich dir, mein lieber Joseph. Die zehn Mille kriegt Abu im Leben nicht wieder. Er hat dich begaunert, mich begaunert, die halbe Christenheit begaunert. Mit diesem Abu wird eine Abrechnung gehalten!« Joseph war stumm vor Ueberraschung. Er hatte verschiedene »Geschäftsfreunde«, die ihm mit ihren Quälereien das Dasein verbitterten, aber Abu übertraf alle. Sowohl durch die Höhe der Schuldforderung als auch durch die außerordentliche Zähigkeit, mit welcher er die Rechtsmittel des preußischen Gesetzbuches in Anwendung brachte. Seit einem Jahre beabsichtigte Joseph zu heiraten, aber Abu hätte das unter keinen Umständen gelitten. Er äußerte wiederholt, daß er über eine vernünftige, gut fundamentierte Ehe sich freuen würde, aufrichtig, aber er könnte unmöglich in eine Heirat willigen, die Herrn von Heidenstamms finanziellen Ruin herbeiführen mußte. Hannover ist eine sehr hübsche Stadt. Sie hat zweimalhunderttausend Einwohner und führt den Namen einer Königlichen Residenzstadt. Sie besitzt große Theater, eine Rennbahn, Wälder, Parks, eine exquisite Meute und das beste und berühmteste Reitgelände der Monarchie. Sie ist das Paradies der Kavallerie-Offiziere, und was Heidelberg für die Studenten, das ist Hannover mit seiner Militärreitschule für die Leutnants. Joseph gebrauchte eine kleine Weile, um die zwei Dutzend Konsequenzen von Abus Verhaftung zu überdenken, dann packte er den kleinen Zestow im Schneegestöber um die Schulter: »Wenn das wahr ist, Franz, dann geb' ich eine Sektbowle, heute nacht noch. Bei Kasten. Donnerwetter, wenn das Faktum ist!!« »Das ist Faktum!« »Dann stell' ich ganz Hannover auf den Kopf! Bei Gott, das tu' ich!« Er hieb mit seiner Faust im weißen Lederhandschuh dem andern so derb auf die Schulter, daß der Husar fast in die Kniee kam. »Verdammt, Joseph, gewöhn dir das ab! Das ist eine verdammte Manier. Deine Pfote ist nicht von Watte!« Joseph lachte ausgelassen. »Dann reiß' ich Bäume aus der Erde, wenn das wahr ist.« Er reckte die Arme, daß der Schnee von seinem Mantel stiebte. Aber plötzlich wurde er ernst. »Herrgott, wenn das meine Braut erfährt! Wenn Marie das hört morgen früh!« »Was?« »Das mit Abu. Daß der Schuft mich nicht mehr quälen kann! Wie spät ist es? – Viertel elf. Ob ich noch hin kann? Zu Marie? Ob das Haus noch offen ist?« »Wie kann das Haus noch offen sein!« »Vielleicht schläft sie auch schon.« »Natürlich schläft sie schon. Mach jetzt keinen Unsinn, sondern komm zu Kasten. Wir müssen Sporleder treffen und Rochus Rohrbeck und die andern.« »Ja, ja. Es ist zu spät, natürlich. Aber schade! Das Gesicht, das Marie machen wird – hm – das hätte ich gern heut noch gesehen.« . . . In dieser Nacht gab es im Hotel Kasten zu Hannover ein Bacchanal. Es hielt schwer, jeden einzelnen der durch Eilboten citierten und nach und nach eintreffenden Schuldner Abus von der Wahrheit der Tatsache zu überzeugen; jeder hielt es für Ulk, für einen schlechten Scherz, bis jedesmal von neuem der Sachverhalt unter einem Getose von Lachen und Zwischenrufen erzählt war, und der Ungläubige zu glauben begann. Es war eine Sensation, ein Ereignis. Oben an der Tafel saß Heidenstamm mit seinem liebenswürdigen, famosen Jungengesicht, das wie Feuer glühte. Neben ihm saß sein Freund Graf Rochus Rohrbeck, der Kürassier. Seine dicken, blonden Haare, die über Tag nur durch die große Kunst des Friseurs in Ordnung gehalten wurden, hingen dem Ostpreußen in Strähnen über Stirn und Schläfen. Mit seiner Bärenstimme, die durch den tollen Lärm über den langen Tisch fortschallte, rief er den Kellner: »Heda, Karl!« »Herr Graf?« »Papier und Tinte, aber fix!« »Rochus will einen Brief schreiben!« »Nein, Kinder, aber addieren. – Joseph, du schreibst, du kannst besser rechnen. – Sporleder, du fängst an. Wieviel schuldest du Abu?« »Sechstausendfünfhundert.« »Schreib, Joseph: sechs, fünfhundert. – Krosseck?« »Drei.« »Mille?« »Natürlich.« »Heinrich?« »Fünf.« »Fünf!« rief Joseph. Und mit der Laune eines Schuljungen, der irgend einer heillosen Affaire glücklich entronnen ist, schrieb er sein Register. Eine horrende Summe kam da zusammen, so groß, daß kurze Zeit selbst die Ausgelassensten stutzig wurden. »Donnerwetter, ja!« Abu Becker hatte sich da ein niedliches Conto zusammengewuchert, alle Achtung. Aber freilich, er war immer ein Spezialist gewesen, der das Feld seiner Tätigkeit auf die harmlose, geldbedürftige, lebenslustige und höchst unwirtschaftliche Reitschule beschränkte. Natürlich unterließ man nicht in dieser Nacht, die allerwichtigste Frage zu diskutieren: »Was wird nun werden?« Sehr seltsame juristische Gutachten wurden dabei zu Tage gefördert. Nicht einer zweifelte daran, daß Abu Beckers Macht ein für allemal gebrochen sei. Eine gerechte Justiz, so kalkulierten die Leutnants, hat sich von Abus Gemeinheiten überzeugt, und da sie verpflichtet ist, über das Wohl aller Staatsbürger, also auch der Reitschüler, zu wachen, hat sie kurz entschlossen ihn eingesperrt. Jemand, der hinter Schloß und Riegel sitzt, kann keine Mahnbriefe schreiben, keine Zinsen einziehen, niemand auflauern und keinem Menschen die Pferde abpfänden. John Becker aus Hamburg, den die Leutnants seit undenklichen Zeiten »Abu« nannten, existierte nicht mehr. Vielfach wurden Wetten über die Frage abgeschlossen, wie lange Abu dem öffentlichen Leben ferngehalten werden würde, ob auf Monate, ob auf Jahre oder vielleicht gar auf Lebenszeit. Diese letztere Hoffnung, so über alle Maßen schön sie auch sein mochte, schien natürlich auch der naivsten Seele unwahrscheinlich. Aber die Insassen der Reitschule gehörten nie zu den Leuten, die in grüblerischer Selbstquälerei sich um fernliegende Zeiten sorgen. In dieser Nacht tauten eingefrorene Leutnantsseelen zu neuem Leben auf, gequälte Herzen fanden zum ersten Male wieder Freude an einem guten Glase; und während Abu in seiner einsamen Zelle zu Altona schlaflos auf einer jämmerlichen Pritsche lag, feierten seine guten Bekannten zu Hannover ein Freudenfest. Nie wurde die Inhaftnahme eines Geschäftsmannes von seinen Klienten durch ein gleich großartiges und kostspieliges Gelage quittiert. Nicht einer an der tollen Tafelrunde ahnte, daß Abus Einsperrung das erste dumpfe Grollen eines aus weiter Ferne heranziehenden Gewitters bedeutete, eines Unwetters, das im Mai desselben Jahres sich über die arme Reitschule mit sehr schweren Schlägen entladen sollte. * Die Stadt Hannover ist berühmt durch ihre hübschen Mädchen. Sie sind groß und gut proportioniert, ähnlich dem englischen Typ, nur von etwas derberem Bau. Der niedersächsische Stamm kommt in diesen Mädchen, allerdings durch die städtische Kultur und fremde Einflüsse einigermaßen verfeinert, ausgezeichnet zur Geltung. Am hübschesten sind sie zwischen fünfzehn und achtzehn. Die eckigen Formen und das Ungraziöse in der Haltung der jüngeren Dinger, das einigermaßen an die täppische, wenn auch niedliche Ungelenkigkeit der Füllen erinnert, ist mit einem Schlage verschwunden, und große, schöne Mädchen mit gerader Haltung und festen Schritten wandeln über die breite Georgstraße. Mit sechzehn lassen sie noch die langen blonden Zöpfe über den Rücken fallen, aber mit siebzehn sind sie junge Damen geworden, die ihre schweren Flechten unter den Hut stecken. Sie haben nicht die Grazie der Französin oder der Polin oder ihrer Schwestern im Süden des Reiches, aber sie haben die Grazie der Jugend. Sie machen den Versuch, sehr kleine Handschuhe und sehr kleine Stiefel zu tragen, weil das im übrigen Europa Mode ist, sie schnüren auch ihre junge Taille mit allen Mitteln einer fremden Kunst, aber Hände und Füße und Taille setzen diesen Verschönerungsabsichten einen unbesieglichen Widerstand entgegen. Jedesmal, wenn der alte Kavalleriegeneral von Dewitz, Excellenz, nach Hannover kam, um die Reitschule zu inspizieren, ging er mittags zwischen zwölf und eins vor dem Hoftheater spazieren, nicht um das Promenadekonzert anzuhören, sondern um diese großen blonden Mädchen wieder einmal zu beobachten. »Das ist Rasse, lieber Freund,« sagte er zu seinem Adjutanten, »Mädels, an denen man seine Freude haben kann. Das ist nichts Halbes, nichts Zimperliches, das sind Mütter. Garantie für ganze Generationen. Sehen Sie mal die da, da drüben, die Hellblonde. Die roten Backen und der Schritt! Jeder Schritt einen Meter zwanzig! Das ist für einen alten Soldaten ein Labsal und eine Erquickung.« Aber wenn er abends kurz vor der Abfahrt bei seiner Cousine Frau von Schulenberg den Tee genommen und von ihr und Marie sich verabschiedet hatte und saß wieder in dem Coupé erster Klasse und war kurz vor Oebisfelde mit seiner ersten langen Henry Clay zu Ende, dann gab er sich einen kurzen Ruck und unterbrach das lange Schweigen, indem er dem Adjutanten auf die Schulter klopfte: »Wissen Sie, welches die Hübscheste war?« »Jawohl, Excellenz.« »Nämlich?« »Fräulein von Schulenberg.« »Sehr richtig.« Und wenn er in der Nähe von Rathenow seine zweite Zigarre verpafft hatte, nun schon nahe bei Berlin, das er so wenig liebte, und in dem er doch drei Viertel seines Lebens hatte zubringen müssen, dann unterbrach er zum zweiten Male das Schweigen und klopfte dem Rittmeister zum zweiten Male auf die Schulter: »Ich war ihr Pate.« »Ich weiß, Excellenz.« »Geboren siebzig, am Tage von Marie-aux-Chênes, wo ihr Vater totgeschossen wurde.« »Ein jammervolles Verhängnis,« sagte der Adjutant, der diese Geschichte auswendig wußte, aber notgedrungen sich jedesmal so stellte, als ob die Schicksale der Schulenbergs ihm absolut unbekannt seien. Dann, kurz vor der Einfahrt in Berlin, wenn man schon Charlottenburg passiert hatte und der Rittmeister das Handgepäck zusammenlegte, kam die Excellenz zum dritten und letzten Male auf Fräulein Marie zu sprechen. »Ist verlobt. Seit Sommer. Joseph Heidenstamm, famoser Reiter. Verlobung mir viel Freude gemacht. Guter Junge. Gibt 'ne Prachtehe.« Und der Rittmeister, der nach einer zehnjährigen Erfahrung an Prachtehen durchaus nicht mehr glaubte, nickte apathisch: »Gewiß, gewiß!« * Welche weithin rollende Freudenwellen, seltsam zu sagen, Abu Beckers Festsetzung emporwarf, und wie diese Wellen sogar in die Kreise stiller Familien sich fortpflanzten, dafür war der Glückstaumel des jungen Fräulein von Schulenberg ein wunderliches Beispiel. Sie wollte es nicht glauben und hielt ihre beiden schlanken Arme so fest um Josephs Nacken gepreßt, daß er fast erstickte. »Es ist ja gar nicht möglich. Dann wären wir ja aller Sorgen ledig. Du, Joseph?! Dann können wir ja heiraten, du?!« »Natürlich. Aber um Gottes willen, laß los! Ich kann nicht atmen.« »Sollst du auch nicht!« Und sie zog ihn mit ihren kräftigen Händen einen Moment noch dichter an sich. »Wir heiraten im Mai, sag ja!« »Ja, gewiß!« »Joseph, eins schwörst du mir!« »Was?« »Du spielst nie wieder Karten. Dadurch ist alles Unglück über uns gekommen. Denke dein ganzes Leben an diese letzten sechs Monate, wie ich mich um dich geängstigt und gesorgt habe. Jede Nacht habe ich geweint, wahrhaftig, Joseph.« Er lachte ausgelassen: »Das hätte ich sehen mögen!« und sie lachte auch: »Aber es ist wahr.« Sie holte Hut und Mantel und ging mit ihm die Georgstraße entlang, auf der Hunderte von Menschen beschäftigt waren, mit Schaufel und Besen den fußhoch liegenden Schnee beiseite zu räumen. Joseph im Pelzmantel und mit den hohen, sporenklirrenden Stiefeln sah brillant aus, lebenslustig wie nie, das etwas schmale, aber derbgesunde Gesicht von Frost und Freude gerötet. Hier auf der Georgstraße kannte ihn jeder Mensch: »Da geht Joseph Heidenstamm, da drüben, mit seiner Braut.« Er hatte von Frühling bis Herbst 1887 alle Reiterrekords der preußischen Armee geschlagen und sogar seinen berühmten Bruder weit hinter sich gelassen. In keiner Stadt der Welt werden dergleichen Bravourstücke höher taxiert und besser gewürdigt als in der alten Reiterstadt Hannover. »Joseph hat siebenundsechzig Rennen gewonnen, darunter die ›Armee‹. Er reitet oft miserable Pferde und gewinnt doch. Er kann alles.« Das wußte in Hannover jeder Straßenjunge, und jeder Straßenjunge sprach von dem Baron von Heidenstamm nie andere als von »Joseph«. Jeder Mensch hätte Marie Schulenberg um einen solchen Bräutigam beneidet, wenn sie nicht eben – Marie Schulenberg gewesen wäre. So aber – und darüber war jedermann sich einig – war Joseph derjenige, den man zu beneiden hatte. Ein solches Mädel! Ein famoses Mädel! Die Perle der Stadt! Da ging sie in ihrer Pelzkappe und dem grünen, pelzbesetzten Jackett, das alle Welt kannte, weil Marie es schon im vorigen Winter getragen hatte; eine junge Dame ihres Standes konnte sich mit dem besten Willen nicht einfacher kleiden. Nur vorn an der Brust im dritten Knopfloch trug sie ein kleines Veilchenbouquet, das Joseph ihr mitgebracht hatte, das war ihr einziger Schmuck. Niemand sah auf Joseph oder nur ganz flüchtig, jeder wandte sich um nach seiner schönen Braut. Sie sah strahlend aus, ganz von Glück übersonnt. Seine hagere, sehnige Reiterfigur präsentierte sich neben Marie fast klein, obwohl er gut eine Handbreit größer war. Aber ihre schlanke Mädchengestalt mit den runden, weichen Linien ließ den Begleiter beinahe dürftig erscheinen. Er ging immer etwas vornübergebeugt, in nachlässiger Haltung, was ihm beim Regiment, namentlich in den ersten Jahren, manches Donnerwetter eingetragen hatte. Vielleicht fehlte ihm die Energie, sich das abzugewöhnen, und vielleicht war diese Haltung für sein ganzes Wesen charakteristisch. In entscheidenden Momenten besaß er die Fähigkeit, seinen scharfen Verstand oder die herkulischen Kräfte seines sehnigen Körpers auf das höchste Maß zu konzentrieren; in hundert andern Fällen ließ er sich gehen. Er war dann von einer Lässigkeit, die an Schwäche streifte. »Joseph, halt dich gerade.« »Ja, ja.« Sie sagte ihm das alle paar Minuten, und wenn er sich dann einen Ruck gab, sah er mit einem Schlage wie verwandelt aus. Auf der Georgstraße, die mit ihren breiten Parkanlagen, ihren monumentalen Gebäuden und dem großstädtischen Verkehr vielleicht die schönste deutsche Straße ist, flanierte um diese Mittagsstunde die ganze elegante Welt. Man sieht da die bunten Offiziersuniformen aller preußischen Kavallerieregimenter, dazwischen immer wieder das vornehme Weiß-Blau der hannoverschen Königsulanen, die nach ihren unzähligen Siegen auf der Rennbahn den Anspruch erheben, das beste Reiterregiment der Armee zu sein. Man sieht die Studenten der Hochschule in bunten Mützen, hübsche Jungen mit zerprügelten Gesichtern, und man sieht die eleganten Damen dieser reichen Industrie- und Beamten- und Offizierstadt, die alle auf der rechten Seite der Straße auf und ab wandeln und der Regimentsmusik lauschen, die vor dem Königlichen Theater konzertiert. Das Brautpaar wurde von allen Bekannten liebenswürdig gegrüßt; man hatte die beiden gern, wie man die hübschen Leute überhaupt gern hat. Und dann lag über dem Paar ein so eigenartiger Zug von Zusammenpassen, der jedem, auch Fremden, unwillkürlich den Gedanken eingab: diese beiden gehören zusammen, »sie sind füreinander,« wie man trivial und ach! so oft unsinnig sagt, »wie geschaffen«. Wer mit den Verhältnissen des Paares Bescheid wußte, und das wußte in Hannover ungefähr jeder Mensch, freute sich außerdem über diesen feinen Hauch von Romantik, der Joseph von Heidenstamm und seine Braut umgab. Denn erstens: sie waren beide so lächerlich jung, sie achtzehn und er kaum fünf Jahre älter, und zweitens. sie hatten sich aus wirklicher Liebe zusammengefunden. Ein junger Offizier mit einem notorisch nur minimalen Vermögen und ein Mädchen, das in geradezu kärglichen Verhältnissen groß geworden war! Und alle beide hätten die glänzendsten Partien machen können, ganz ohne Frage, ganz selbstverständlich. Wem das strahlende Glück der beiden allzusehr in die Augen stach, und leider gab es solche Leute, mochte sich mit dem Gedanken trösten, daß die Zukunft auch diesen auserwählt Glücklichen mit unfehlbarer Sicherheit das notwendige Teil irdischer Lasten bringen werde. »Sie bleibt nicht immer so hübsch, und er bleibt nicht immer so jung. Dann kommen die Kinder, dann kommen die Sorgen, und von der ganzen Herrlichkeit ist in zehn Jahren nichts übrig als eine kümmerliche, kleine Offiziersehe.« Aber Joseph und seine junge Braut hörten nichts von solchen Reden. Sie gingen die Georgstraße entlang, bis das Gewühl der Spaziergänger weit hinter ihnen lag und der Schnee auf den Fußsteigen am Herrenhausener Tor, ungeschaufelt und ungefegt, sich vor ihnen türmte. »Wollen wir weiter, Mieze?« »Ja, natürlich.« Sie ließ seinen Arm los und schürzte mit beiden Händen das einfache Kleid, daß ihre hohen derben Stiefelchen unter dem weißen Unterkleid sichtbar wurden. »So, nun vorwärts. Geh du voran, Joseph, ich trete in deine Fußspuren.« So gingen sie eine Weile unter Lachen, weil es nicht leicht war, immer genau in seine Schneespur zu treffen. Oft trat sie fehl und versank dann so tief, daß ihr der Schnee die Strümpfe durchnäßte. Bis sie die Sache satt hatte, mit ein paar Sprüngen ihn einholte und sich an seinen Arm hing. »Dummes Zeug! Ich laufe nicht hinter dir her, ich gehe neben dir. Ist das herrlich hier draußen! Der Schnee! Die Menge Schnee! Schade, daß wir keinen Schlitten haben!« »Wir wollen zurück in die Stadt und einen mieten. Weißt du, das wäre eine Idee!« Aber sie schüttelte den Kopf: »Ach, Torheit! Immer Geld ausgeben. Außerdem; einen solchen Schlitten meine ich nicht. Ich meine einen kleinen, niedrigen Schlitten wie der, den ich damals zu Weihnachten bekam. Als ich sieben Jahre alt war und du Kadett warst, weißt du nicht mehr?« »Natürlich. Ja, den müßten wir hier haben.« »Du würdest mich ziehen als Pferd bis nach dem Georgengarten, und nachher würde ich dich ziehen. Ach, daß man schon so groß ist und darf so was alles nie mehr machen. Es war so schön, als man klein war, nicht wahr?« »Na ja.« »Meinst du nicht?« »Doch, natürlich, aber ich finde, es ist jetzt hübscher.« »Weil wir verlobt sind?« »Ja, deshalb.« Sie stampften durch den Schnee zwischen den weißbeschneiten Büschen des Georgengartens, die im Frühling in roter Fliederpracht duften und blühen, und an einem dieser Büsche blieben sie eine lange Weile stehen, um sich zu küssen. Es war ganz still ringsum. Alles lag weiß, tot, nur die endlose Linie der Herrenhausener Allee zeichnete sich jenseits der Büsche scharf gegen den Himmel ab, und aus dieser Allee klang von Zeit zu Zeit das Glockengebimmel eines Schlittens herüber. Mit der eigentümlichen Zähigkeit, die ihre Umgebung bisweilen ernstlich in Aerger versetzen konnte, kam Marie auf das Thema noch einmal zurück. »Es war doch schön, Joseph, damals. Und lieb gehabt haben wir uns damals auch schon. Ich meine nicht nur so als Vetter und Cousine.« Er zog sie an sich: »Weißt du noch, wie wir uns geküßt haben? In den Osterferien, als ich nach Sekunda versetzt war? Wie lange ist das her? Mein Gott, schon sieben Jahre!« »Schon sieben Jahre?« Sie waren beide erstaunt über diese Riesenspanne Zeit, und es kam ihnen plötzlich vor, als seien sie Leute von gereiftem Alter, die auf eine sehr ferne Kinderzeit zurückschauen. Nach einer Weile begann sie von neuem, und sie schmiegte sich im Vorwärtsschreiten enger an Joseph: »Ich kann weit zurück denken, ich glaube, weiter als du. Ich weiß noch genau den Tag, als Albrecht mit dir nach Bensberg fuhr und dich zur Kadettenschule brachte. Wie alt warst du damals? Zwölf Jahre und ich sieben. Wir hatten dir eine Reisedecke gekauft, schwarz und mit gelben Streifen wie ein Tigerfell. Hast du die noch?« »Gott bewahre.« »Albrecht war damals noch Artillerie-Offizier, ich erinnere mich ganz genau; ich hatte Angst vor ihm, vielleicht weil er die schwarze Uniform trug.« Joseph lachte, aber sie ärgerte sich darüber. »Lach nicht. Lach überhaupt nicht immer, wenn ich erzähle. Ich habe vor deinem Bruder immer Angst gehabt. Und wenn –« Sie brach ab. Sie hatte niemand, auch Joseph nicht, erzählt, daß Albrecht von Heidenstamm im Herbst vorigen Jahres um sie angehalten und sie ihn abgewiesen hatte. Von Kindheit an stand sie zu dem viel älteren Vetter in einer Art von Respektsverhältnis; Albrecht hatte sie und seinen eignen Bruder Joseph stets bevormundet. Sie war noch ein halbes Kind, als er um sie anhielt, und sie hatte ihren ganzen Mut zusammennehmen müssen, um ihn abzuweisen. Als sie wenige Monate später sich mit ihrem Jugendgespielen Joseph verlobte, nahm sie zitternd Albrechts Glückwunsch entgegen, den er mit seinem starren, kalten Gesichte abstattete. Sie fürchtete ihn, sie fürchtete ihn wirklich. »Du brauchst vor Albrecht keine Angst zu haben,« sagte Joseph mißmutig. Er haßte dieses Thema, das er mit Marie Dutzende von Malen durchgesprochen hatte. Sie kam immer wieder darauf zurück, mit einer unbegreiflichen Beharrlichkeit, wie jemand, der von ängstlichen Dingen am liebsten spricht. »Du fürchtest ihn auch,« sagte sie. »Ich?!« Er lachte. »Lächerlich! Ich möchte wissen, weshalb?!« »Du hast dich schon als Junge vor ihm gefürchtet.« Joseph blieb stehen: »Marie, ich will das nicht! Ein für allemal. Albrecht und ich haben uns nie besonders nahegestanden, einfach deshalb, weil er zehn Jahre älter ist und fast nie mit mir zusammengelebt hat. Wir haben keine gemeinsamen Interessen, das ist alles.« »Er hat es nie gut mir dir gemeint. Er hat dich von uns fortgeholt und dich auf die Kadettenschule gebracht.« »Weil er das für das beste hielt.« »Nein.« »Ich spreche kein Wort mehr über das Thema.« Sie gingen stumm nebeneinander durch den Schnee, vorbei an dem alten Palais der hannoverschen Könige, immer in der Richtung auf Herrenhausen. Erst nach einer langen Pause begann Marie von neuem zu sprechen, aber ihre Stimme klang jetzt weich: »Den Tag vergesse ich nie, Joseph, als er dich fortholte zur Kadettenschule. Er saß mit Mama im Nebenzimmer, und wir beide spielten noch. Sonst mußte ich immer schon um acht ins Bett, aber ihr wolltet um elf Uhr nachts abreisen mit dem Schnellzug nach Köln, und da durfte ich noch mit dir spielen. Weißt du's nicht mehr?« »Doch.« . . . Ob er's noch wußte!! Das war, alles in allem betrachtet, der jammervollste Tag seines Lebens gewesen. Denn mit diesem Tage hatte Josephs schöne Kinderzeit ihr Ende erreicht. Von seinem fünften Jahre an – seit der Major von Heidenstamm nach Frankreich zog und nie wieder kam – war Joseph im Hause seiner Tante, der Frau von Schulenberg zu Hannover, erzogen. Er saß ganz still in seinem Zimmerchen, als am Tage von St. Marie-aux-Chênes ein zweites kleines Lebewesen ins Haus kam, und wenige Tage nachher war dieses Neugeborene und wenige Wochen später Joseph selbst Waisen geworden. Er erinnerte sich an das alles nur noch ganz undeutlich, auch nicht mehr an die düstere Taufe mit Trauerkleidern und weinenden Frauen, bei der das kleine Mädchen, in jammervoller Bezugnahme auf den Todeskampf der Garden, den Namen Marie erhielt. Marie. Marie-aux-Chênes. Eine halb vergessene Zeit, bald ganz vergessen. Die Witwe, deren Kraft und Lebensmut in einer einzigen Stunde für immer gebrochen waren, konnte für den wilden Jungen keine gute Erzieherin sein. Es gab in allen drei Vorklassen des Lyceums und später in Sexta und Quinta kein zweites Beispiel von Faulheit und Unaufmerksamkeit wie das des kleinen Heidenstamm. Man hatte da allerlei Strafen, um ihn zu bessern, aber er ertrug sie mit großer Geduld und änderte sich nicht. Die Hauptschuld an dem Bummelleben jener sieben Jahre hatten die Offiziere, die alle ohne Ausnahme den kleinen Burschen protegierten. Er wußte selbst nicht, wie er sie kennen gelernt hatte, aber er kannte sie alle. Sie nahmen ihn mit auf ihren Pferden, in der großen Ulanenkaserne am Königsworther Platz lief er aus und ein, und wenn er aus der Schule kam und sah seine großen Freunde, so riefen sie ihn in ihre Mitte und machten sich einen Spaß daraus, mit dem kleinen Bengel auf der Georgsstraße zu promenieren. Kam ein fremder Offizier nach Hannover, so wurde Joseph ihm vorgestellt: »Das ist unser Zukunftsreiter. – Komm mal her, Junge, aufs Pferd. – Sie werden sich wundern, wie der Schlingel reitet.« Und man ging in die Rennbahn und ließ Joseph seine verwegenen Kunststücke produzieren. »Der Alte war Major bei der Garde – totgeschossen bei St. Privat. Was sagen Sie zu dem Bengel?« Diese reichen Kavaliere steckten ihm bei jeder Gelegenheit Geld in die Hand: »Da, Joseph, kauf dir was,« Talerstücke, Goldstücke, mit einer Leichtfertigkeit, die jeden ernsten Pädagogen entsetzt hätte. Natürlich war er das beneidete Ideal aller seiner Mitschüler. Er verteilte das Geld, dessen Wert er nie kennen lernte, unter sie mit vollen Händen, sie bewunderten ihn, wenn er zwischen den Kavallerie-Offizieren aus der Stadt ritt. Seine wissenschaftlichen Mißerfolge waren nicht im geringsten im stande, Josephs Ansehen bei seinen Altersgenossen zu schmälern, im Gegenteil, und die unvergleichliche Körperkraft des hageren, zähen Burschen sicherte ihm die unbedingt erste Rolle. Aber einen hatte er doch, der ihn erzog, das war die kleine Marie. Oft, wenn die andern Jungen draußen noch spielten und niemand ihn gezwungen hätte, heimzukommen, ging er aus freien Stücken nach Hause, weil er wußte, daß das kleine Ding allein war. Er paßte mit den fünf Jahren Altersunterschied absolut nicht zu dem Mädchen, aber er besaß eine merkwürdige Fähigkeit, auf ihre kleinen Wünsche und den Ideengang des Kindes einzugehen. Er ließ ihre Puppen marschieren und baute ihr aus den Holzklötzen und alten Spielkarten Häuser. Er war ihr Pferd, ihr Jagdhund, der auf allen vieren lief und bellte, er saß als Löwe in einem Käfig von Stühlen, aber als ein guter Löwe, der sich streicheln ließ und die feierliche Versicherung gab, er werde nie beißen. Sie wollte immer Geschichten hören, mit einer unermüdlichen Passion; aber die Mama lehnte in dem Trauerkleide, das sie nie mehr ablegte, am Fenster und starrte hinaus. Bisweilen sah sie wohl nach dem Kinde und sagte: »Spiele, Mariechen, oder geh zu Anna in die Küche;« dann schaute sie wieder mit einem teilnahmlosen Blick in die Weite. Ihre Bekannten sagten mit einer sentimentalen Deutung dieses ewigen Hinausstarrens: »Sie schaut immer noch nach der Ecke, um die das Regiment verschwand, als sie 70 fortmarschierten; sie denkt vielleicht immer noch, ihr Mann kommt wieder.« Und vielleicht gab es wirklich eine solche vage Idee in dem müden Kopfe der einsamen Frau. Quälte das Kind gar zu sehr: »Mamachen, erzähle mir eine Geschichte,« so gab sie sich wohl einen Ruck, raffte sich auf und nahm die Kleine auf den Schoß. Mit einer weichen, leeren Stimme erzählte sie dann, was Marie wollte: »Schneewittchen« oder »Dornröschen«, aber sie kam selten mit einer Geschichte zu Ende. Ihre Worte wurden langsamer, stockten, schliefen ein. »Und was kam dann, Mamachen?« »Dann –?« Was war denn? Was hatte sie denn erzählt? Sie wußte es nicht mehr. Ihre Gedanken waren beim Sprechen so fern gewesen, in Frankreich, bei ihm, auf dem kleinen Kirchhofe von St. Marie. »Geh, Kind, spiel.« Und Marie spielte wieder. Sie war noch zu klein, um nach der Uhr zu sehen oder die dumpfen Töne der Stundenschläge zu zählen, aber wenn es zwölf Uhr mittags war, wurde sie unruhig, weil sie instinktiv wußte, daß der lange, einsame Vormittag ohne Joseph nun zu Ende sei. Oft kam er erst spät, vielleicht weil er hatte nachsitzen müssen oder sich umhergetrieben hatte, aber mittags kam er wenigstens pünktlicher als nachmittags, wo sie bisweilen stundenlang auf ihn warten mußte. Einmal war er abends um halb neun noch nicht zu Hause, und die unerbittliche Anna steckte die Kleine ins Bett. Da geriet sie in eine so furchtbare Aufregung, daß die Mama aus ihrer Lethargie erwachte und – das einzige Mal in den sieben Jahren – den endlich heimkehrenden Joseph mit zwei wohlverdienten Ohrfeigen empfing. Der Junge war darüber mehr erstaunt als erschreckt, denn erstens war er an dergleichen von der Schule her gewöhnt, und zweitens hatten diese Ohrfeigen keine besondere Kraft; die Kleine aber geriet außer sich. Diese Schläge hatte er um ihretwillen erhalten, nur weil sie so geweint und die Mama aufgeschreckt hatte! Joseph selbst mußte sie beruhigen und ihr hundertmal versichern, daß es nicht weh getan hätte; erst dann schlief sie endlich ein, seine magere Jungenhand im Schlafe noch krampfhaft festhaltend. Seitdem kam er nie mehr so unpünktlich, er nahm sogar in der Schule – wenn auch nur für kurze Zeit – einen energischen und alle Lehrer in maßloses Erstaunen versetzenden Anlauf zur Besserung. Sie war wirklich seine Erzieherin, die kleine Cousine, seine einzige. Unermüdlich erzählte er ihr Geschichten, aber sie hatte ein gutes Gedächtnis und liebte es nicht, wenn ein Märchen, das sie schon kannte, wiederholt wurde. Er hatte da allerlei Kniffe, alte Geschichten in ein neues Gewand zu kleiden, vielleicht nur durch Veränderung der Namen, oder indem er aus dem Riesen eine Riesin machte. Immerhin mußte er dabei vorsichtig zu Werke gehen, weil sie andernfalls die List sofort merkte. Nach Beendigung einer Geschichte gab sie ihr Urteil ab: »Das war schön« – »das war sehr schön« – »das war nicht so schön« – aber unweigerlich fügte sie hinzu: »Nun eine andre!« Es war schwer, diesen kolossalen Anfordernden, die sich jahraus jahrein, Tag für Tag wiederholten zu genügen. Sie kannte alles: Grimms Märchen, Bechsteins Märchen, Hauffs Märchen, den Robinson, Gulliver, die Erzählungen aus Tausend und eine Nacht: so mußte Joseph seinen eignen Kopf anstrengen und selbst Geschichten erfinden. Merkwürdig: das wurden die schönsten. Man konnte sie beliebig ausdehnen und ins Ungewisse erweitern, indem man den Helden in immer neue und immer tollere Abenteuer verwickelte, und so saßen die beiden oft im Kinderzimmer zusammen, erzählend und horchend, bis es draußen dunkel wurde. Aber die Anforderungen, die das Gymnasium in Quinta und Quarta an seine Besucher stellt, litten unter alledem so intensiv, daß der Zusammenbruch über kurz oder lang fraglos erfolgen mußte. Er kam Ostern 1877, als Joseph zum zweiten Male in seinem jungen Leben sitzen blieb. »Der Junge verkommt hier,« sagte sein Bruder, »er muß lernen Ordre parieren und arbeiten. Er kommt zur Kadettenschule, da wird man ihn anders herannehmen.« Und so geschah es. Der General von Dewitz, Excellenz, Josephs Vormund, war dagegen, er liebte die Kadettenschulen nicht, aber Albrecht mit seiner kühlen Energie setzte die Sache durch: »Ich bin selbst fünf Jahre im Corps gewesen, ich verdanke meiner Kadettenzeit alles. Für Joseph ist das Corps das einzige und letzte Mittel.« Was Joseph selbst betrifft, er widersprach nicht. Die bunte Uniform hat noch jeden Jungen verlockt, und wie die kleine Marie die Trennung ertragen würde, daran dachte er nicht in der Hast, mit der die ganze Frage Hals über Kopf erledigt wurde. Uebrigens, sie war ja auch nicht mehr die »kleine« Marie. Sie war ein großes Mädchen geworden von sieben Jahren, das in die Schule ging, Freundinnen hatte, Stickereien anfertigte und durchaus nicht mehr auf ihn als einzigen Spielgefährten angewiesen war. So trennten sie sich. . . . Ob er noch an den Tag dachte!! Noch jetzt, wo diese fürchterliche Zeit längst hinter ihm lag, geschah es ihm, daß er nach einem durchzechten Abend aus schwerem Traume nachts auffuhr. Im Schlafe kamen die verfluchten Erinnerungen immer wieder. Die großen, düsteren Schlafsäle im Kadettenhaus, das kleine Arrestlokal, in das er immer und immer wieder gesperrt wurde, die brutale Kraft der älteren Kameraden, die ihn niederschlugen, malträtierten, verhetzten, ihn fälschlich anzeigten. Dann das Weihnachtsfest, wo alle zweihundert Kadetten Urlaub erhielten, nur er nicht! Wie er nachts über die Mauer kletterte, zwanzig Fuß hoch herabsprang und in die Nacht hinauslief nach der Rheinebene, nur von dem einen Gedanken getrieben: »Heim!« Natürlich holten sie ihn wieder, schon am nächsten Morgen, natürlich, natürlich. Sie holten ihn immer wieder. Er war wie ein wildes Tier, das mit heißen Eisen gebrannt werden muß, ehe es ruhig wird. Aber wie sein Bruder richtig prophezeit hatte: er lernte Ordre parieren. Er wurde Schablone wie die andern. Das Beste, die Energie, hatten sie zu drei Vierteilen in ihm getötet. Von nun an bekam er Urlaub wie alle. Niemand, auch Marie nicht, erzählte er in den Ferienwochen von seinen Leiden, die zum größten Teil nun ja auch aufgehört hatten. Ob er noch an jenen Tag dachte!! * »An was denkst du, Joseph?« »An nichts.« Er fuhr sich hastig mit der Hand über die Stirn; es war ja unsinnig, immer noch an diese längst vergangene Zeit sich zu erinnern. Jetzt, da alles in Erfüllung gegangen war, was er einst als Junge erträumt hatte! Er trug den Offizierssäbel an der Seite, die kleine Marie war seine große, schöne, geliebte Braut geworden, und was ihm seine einstigen Freunde prophezeit hatten – die jetzt bejahrt, Rittmeister oder Stabsoffiziere waren und sich seiner wohl kaum noch recht erinnerten –, war in Erfüllung gegangen: der beste Reiter der Armee, zum wenigsten einer der besten! Berühmt im ganzen Lande, der großen Menge besser bekannt als alle Obersten und Generale zusammengenommen. Es lohnte sich wirklich nicht, um die sechs grauen, finsteren Jahre der Kadettenzeit noch nachträglich sich zu erregen. »Wollen wir umkehren, Joseph?« »Aber nein. Wir gehen bis Herrenhausen. Vorausgesetzt, daß du Lust hast und es dir nicht beschwerlich fällt.« »Rede nicht so feierlich!« Er lachte, und Marie lachte auch. »Wenn wir jetzt nur den Schlitten hätten!« Im Park von Herrenhausen, der von dem Königsschlosse aus sich im Stile von Versailles weit hinzieht mit Rasenflächen, Fontänen und glatt geschnittenen Baumhecken, waren sie die einzigen Spaziergänger. Alles lag weiß beschneit, und nur ganz vorn am Schloß hatten die Gärtnerburschen Wege gekehrt. Marie schüttelte den Schnee von den Kleidern und stellte einen Fuß nach dem andern auf den Sandsteinsockel einer Juno, um sich mit dem Taschentuch den Schnee von den Strümpfen zu schlagen; aber als sie damit fertig war und eben Miene machte, den Arm ihres Bräutigams zu nehmen, um mit ihm sittsam am Schloß vorbei in das Dorf zu gehen und von dort aus mit der Pferdebahn heimzufahren, überkam sie plötzlich beim Anblick der weiten, glatten Schneefläche eine unbezwingliche Lust: »Fang mich, Joseph!« Und mit einem Satz war sie von dem sauber gekehrten Wege wieder mitten drin im Schnee, der bei ihrem hastigen Lauf um sie her wirbelte. »Aber Marie!« Er zögerte ein paar Augenblicke. »Fang mich!« und schon war sie eine Strecke weit fort, lief mitten über die erhöhte Rasenfläche und war im Nu hinter der ersten Hecke verschwunden. Sie flog wie ein Reh. Joseph hatte Mühe, so rasch er sich auch an die Verfolgung machte, sie nicht aus dem Auge zu verlieren. Sie bog im Lauf hinter eine immer andre Hecke, und plötzlich sah er sie überhaupt nicht mehr. Sie hatte sich versteckt, natürlich, mit ihrer lustigen Harmlosigkeit hinter einer Antinousstatue, die frierend und nackt, wie alle Götter und Göttinnen ringsum, wehmütig in den nordischen Winter starrte. Aber die Schneespuren waren deutliche Verräter, so daß Joseph leichte Mühe hatte, sie hinter dem Antinous hervorzuziehen. Sie war noch so außer Atem, daß sie seine ersten zwei Küsse eben noch duldete, aber gegen die andern sich verzweifelt wehrte: »Ich ersticke, ich ersticke!« »Sollst du auch. Ich mache es mit dir ebenso, wie du heute morgen mit mir.« Sie hatte so heftiges Herzklopfen, daß Joseph erschrak, aber das verging bald, und dann war sie wieder ganz außer Rand und Band. »Jetzt stellen wir uns vor: du bist der König und ich die Königin. Wir gehen ganz allein in unserm Park spazieren, niemand darf herein. Die Hofdamen stehen draußen hinter dem Gitter und brennen ordentlich vor Neugier: ach, wenn sie das doch sehen könnten, wie der König und die Königin im Parke sich küssen! Küsse mich, König!« In dem Amphitheater, wo vor hundert Jahren der hannoversche Hof mit dem Prinzen von Wales und allen englischen Vettern die lustigen Sommerfeste gefeiert hatten, wo die Damen im Reifrock neben den gepuderten Herren auf den Steinstufen Platz nahmen, um das Schauspiel auf der gegenüberliegenden Bühne zu betrachten, setzte sich Marie auf eine der beschneiten Steinbänke. Joseph protestierte: »Du weißt, was der Arzt sagt: Du sollst dich in acht nehmen!«, aber sie lachte leichtsinnig: »Es ist nicht kalt, Schnee wärmt, ich erkälte mich nicht, durchaus nicht.« – Aber Joseph zwang sie, aufzustehen, und nun schmiegte sie sich dicht an ihn. »Es ist so seltsam, Joseph, daß wir heute so lustig sind. Und eigentlich nur, weil dieser Abu Becker im Gefängnis sitzt und du damit deine Schulden los wirst. – Es ist kein schöner Gedanke.« »Aber ein angenehmer Gedanke,« sagte er mit einem schwachen Versuche, den Wechsel ihrer Stimmung zu verhindern. »Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Gefängnis ist für mich die furchtbarste Vorstellung, die ich kenne. Lieber möchte ich sterben, als in ein Gefängnis gebracht werden. Wenn man sich nicht mehr bewegen kann, wenn man nichts mehr sieht, nicht einmal die Sonne!« Joseph zog ein verdrießliches Gesicht; er wußte, daß Marie, wenn sie einmal einen solchen Gedanken erfaßt hatte, sich darauf festbiß und ihn mit ihrer bizarren Gründlichkeit nach allen Seiten hin erörterte. Und während sie weiter sprach, verfertigte er Schneeballen und warf von dem erhöhten Sitze aus nach der gegenüberliegenden Bühne. Das war ein ungewollt glücklicher Einfall, denn als er mit seiner enormen Schleuderkraft und Treffsicherheit zweimal dem Bronzefechter an der rechten Heckenkulisse einen Ball mitten ins Gesicht appliziert hatte, wurde Marie aufmerksam und vergaß, Abu Beckers Schicksal weiter zu erörtern. »Laß mich auch mal werfen.« Joseph drehte ihr einen ausgezeichnet schönen, glatten, runden Ball, aber so weit sie sich auch in der Taille rückwärts bog und so energisch sie ausholte, sie brachte ihr Wurfgeschoß nicht einmal bis an den Rand der Bühne. »Nochmal!« – dasselbe Resultat. »Nochmal!« – aber es war wieder nichts. Währenddessen setzte Joseph dem Fechter Ball auf Ball auf die Backe, und zwar mit solcher Wucht, als müßte der Bronzefigur der Kopf vom Rumpfe fliegen. Marie verfolgte jeden Wurf mit einer förmlichen Aufregung. Sie beobachtete Joseph, wie er sich rückwärts lehnte, zielte und mit einer eigentümlichen blitzschnellen Armbewegung den Schneeball schleuderte. Jede Muskel in ihm straffte sich, da war nichts von seiner gewöhnlichen lässigen Haltung. »Halt, Joseph!« »Was?« »Wenn du jetzt zwölfmal triffst, Joseph, der Reihe nach, dann – dann –« »Was dann?« »Dann soll das für uns eine Vorbedeutung sein, ein Zeichen, daß uns alles gelingen wird, was wir uns wünschen, daß wir zusammen glücklich werden.« »Dummes Zeug,« sagte er und warf dem Fechter gegen die Nase, daß der Schnee drüben nach allen Seiten stiebte. »Numero eins.« »Mit so was muß man nicht spielen,« sagte er und traf von neuem. »Numero zwei.« »Das ist doch nicht dein Ernst, Mieze?« Er knetete einen neuen Ball und blickte sie erstaunt an. »Lieber höre ich auf.« »Wirf weiter.« »Du bist doch nicht abergläubisch?« »Ja, ich bin abergläubisch.« »Komm her, Marie, wir gehen jetzt. Außerdem, es wird bald dunkel. Wahrhaftig, es ist bald vier Uhr.« Sie trat nahe an ihn heran mit einem ängstlichen Ausdruck im Gesicht: »Ich bitte dich, Joseph, wirf weiter, und schnell, ehe es Dämmerung wird, solange du noch gut sehen kannst.« Schweigend blickte er sie an, in ihren Zügen war etwas Fremdes, Starres. Ueber die Sonne am Himmel hatte der sinkende Tag graue Winterwolken gebreitet, durch die langen Heckengänge pfiff ein kalter Wind, die ganze Szenerie ringsum hatte plötzlich einen blassen, unheimlichen Zug von Oede. Er zielte sorgfältiger als sonst und traf. Sie sprachen beide nicht und zählten leise. Sie schauten sich nicht an, sondern blickten nur nach dem Fechter drüben, der vor der dunkeln Heckenkulisse in seiner schwarzen Erzfarbe immer undeutlicher sich abhob. »Elf.« Sie sagten es beide gleichzeitig und blickten sich gleichzeitig an. »Nun der zwölfte.« »Nein, ich werfe nicht weiter. Komm, Marie. Wenn es auch nur Unsinn ist, man soll es doch nicht tun. Ich kann fehlen, ich sehe nicht mehr ordentlich, und mein Arm ist müde. Und wenn ich nicht treffe, dann bist du im stande, die alberne Geschichte ernst zu nehmen. Ich kenne dich. Sei gut, Liebchen, komm.« Er legte den Arm um ihre Taille, aber sie machte sich frei. »Wirf!« Sie war sehr blaß, und die fahle Dämmerung zeichnete auf beide Gesichter graue Schatten. Joseph beugte sich nieder und knetete auf seinem Knie den Schneeball. Dann nahm er ihn, um die Hände frei zu bekommen, zwischen Oberarm und Mantel und streifte die ledernen Handschuhe ab. Zweimal beugte er sich rückwärts und zielte lange, aber jedesmal behielt er den Ball in der Hand und richtete sich wieder empor, um seine Fußstellung zu ändern. Dann bog er sich tief auf das rechte Knie, so daß seine Hand fast den Boden berührte, und dann, nach einer sekundenlangen Pause, schnellte er mit einer vehementen Bewegung den ganzen Körper vorwärts. Wo war der Ball? Einen Moment sahen sie ihn beide nicht, es flimmerte ihnen vor den Augen. Jetzt sahen sie ihn! Da flog er! Drüben schon – Und jetzt – »Bravo!!« Mitten dem Fechter ins Gesicht!! Joseph atmete tief auf und lächelte, und einen Augenblick fuhr er sich mit der schneefeuchten Hand über die Stirn, auf der Schweißtropfen perlten. »Joseph!« Stürmisch umschlang sie ihn, den Kopf an seiner Brust in dem Pelz des Mantels vergrabend. Er fühlte, wie sie zitterte, aber er zerbrach die feierliche Stimmung mit einem Scherz: »Du bist und bleibst ein albernes Mädel. Das wäre eine nette Art, sich mit Schneeballwerfen über das Schicksal zu vergewissern.« Sie lachte nun auch, aber sie zitterte immer noch. »Natürlich war es dumm und albern, aber es war doch schön. Das hätte dir keiner nachgemacht, Joseph: so sicher zu werfen, wenn so viel auf dem Spiele steht.« »Gar nichts stand auf dem Spiele.« »Doch, doch, rede nicht, wir wollen gar nicht mehr davon sprechen. Ach, ich bin glücklich. Du wirst immer treffen, wenn Not an Mann ist. Du fürchtest dich vor nichts, du bist ein ganzer Mann. Lach nicht! Das ist mein heiligster Ernst, Liebster!« Sie standen aneinander gepreßt und küßten sich leidenschaftlich. Einmal sagte sie: »Komm, wir müssen nun gehen,« und dann sagte nach einer Pause Joseph: »Komm, wir müssen nun gehen,« aber der andre hatte jedesmal noch eine Umarmung und einen Kuß, bis endlich die hereinbrechende Dunkelheit sie aufschreckte. »Wenn jemand uns hier jetzt fände!« »Weshalb nicht!« »Nein, das geht nicht. Wir müßten längst zu Hause sein. Aber wenn wir verheiratet sind, gehen wir oft hierher, dann darf uns niemand mehr hineinreden. Es war zu schön heute.« Sie gingen die Stufen des Amphitheaters hinab, und als sie unten standen und durch den Heckengang links zum Schlosse zurück wollten, zögerten beide, als ob ihnen der Abschied von dem kleinen verschneiten Königstheater schwer fiele. Marie fand noch ein letztes Auskunftsmittel, diesen Abschied zu verlängern. »Wir müssen dem armen Fechter adieu sagen.« Sie kletterten auf die Bühne, um das Opfer ihrer Schneebälle zu betrachten; er stand in seiner athletischen Erzmuskulatur schwarz und dunkel vor ihnen, aber Kopf und Hals waren wie von einer weißen Haube überzogen. Und ehe Joseph es verhindern konnte, hatte sich Marie auf das Steinpostament geschwungen, hielt die Bronzefigur umklammert und fuhr dem Fechter mit ihrem Pelzhandschuh über das Gesicht, bis die letzten Spuren der Schneebälle verwischt waren. »Der arme Kerl, ihm brummt der Kopf gehörig! – So, nun sieht er wieder nett und sauber aus!« Ueberrascht, schweigend sah Joseph ihr zu. Das Mädchen mit seinen raschen Bewegungen neben der toten, kalten Figur, ringsum Winternacht, beide oben auf dem Postament in tiefem Schatten, und rechts, links, vorn, auf allen Seiten andre Erzgestalten, die durch das Dunkel herüberstarrten, – die Scene hatte etwas Gespenstisch-Unheimliches. Als Marie aber wieder neben ihm ging, ihr warmer Arm in dem seinen lag und ihre weiche Gestalt die seine berührte, war der kurze, seltsame Eindruck verwischt. Hinter den Hecken tauchte das Königsschloß auf, stumm und finster, ein verlassener Zeuge vergangener Pracht. Nichts mehr von englischen Königen, die hier in ihrer hannoverschen Heimat mit den Cambridges und Cumberlands und Yorks alte Erinnerungen auffrischten; nichts mehr von den Hannoverschen Königen selbst, die vor zwanzig Jahren in die Verbannung gingen; nichts mehr von Garden, Reitern, Equipagen, von Dienern mit Windlichtern, von schönen Damen, die durch den Park huschten; keine fröhlichen Klänge, keine Ballmusik, keine erleuchteten Fenster und keine Königsstandarte, die nachts hoch oben im Winde wehte. Joseph hatte Mühe, in dem kärglichen Lichte der wenigen Laternen den Ausgang zu finden. Am Tore wandte Marie den Kopf über die Schulter und blickte noch einmal in den Garten zurück. Sie hatte ein Gefühl der Dankbarkeit für die schönen Stunden dieses Nachmittags und für das Liebesglück, das der stille, verschwiegene Park ihr und Joseph geschenkt hatte. Als sie aber die tote Finsternis hinter sich sah, ging es durch sie hin wie ein Frösteln. Kam sie wirklich von dort her? Aus dieser lichtlosen, unheimlichen Tiefe? »Joseph, halt mich fest!« »Wie?« »Halt mich fest dein ganzes Leben lang. Bei dem ersten schweren Erlebnis würde ich zusammenbrechen, das fühle ich, wenn ich nicht dich dabei zum Schutze haben würde.« Er lächelte gutmütig: »Du brichst nicht zusammen, du großes, starkes Mädchen, du am allerletzten.« »Ich am allerersten.« Zweites Kapitel Am 3., 4. und 5. Mai 1888 gab es in Hannover eine Affäre von der besonderen Art, die man in der Donaukaiserstadt»a Hetz« nennt. Für die Reitschule und ihren alten Geschäftsfreund Abu war es eine sehr schwüle »Hetz«, für die Unbeteiligten eine sehr amüsante »Hetz«, alles in allem eine Sensationsgeschichte ersten Ranges. Abus Prozeß war vielleicht nach Umfang und Bedeutung nicht zu vergleichen mit jenem berühmten Spielerprozeß, der einige Jahre später die Reitschule, Hannover, ganz Deutschland und die Nachbarstaaten in Atem erhielt, aber er war zum mindesten ein nettes, kleines Vorspiel, das, wie die Zeitungen urteilen, »für gewisse Verhältnisse, Lebenskreise, Gewohnheiten, Anschauungen und so weiter als symptomatisch zu gelten hatten«. Auf jene Freude in den Januartagen nach Abus Verhaftung war für die Reitschule sehr bald eine außerordentliche Ernüchterung erfolgt. Eine grausame Ernüchterung! Am 23. Januar schrieb die »Kölnische Zeitung«: »Ein Wucherprozeß besonderer Art wird demnächst in Hannover zu erwarten sein. Ein gewisser John Becker und so weiter – bereits verhaftet – Offiziere beteiligt – große Summen, unmäßige Prozente –« und der Artikel schloß mit den milden, gütigen Worten: »Hoffentlich gelingt es, hier einen der vielen Krebsschäden aufzudecken, unter denen junge, allzu vertrauensselige und unerfahrene Offiziere so schwer zu leiden haben.« Die Reitschule liest für gewöhnlich keine Zeitungen, mit Ausnahme des »Militär-Wochenblatts« und irgend eines Berliner Blättchens, aber diese Nummer der »Kölnischen« ging von Hand zu Hand, wurde bei Kasten wiederholt laut recitiert und fand allgemeine Billigung. Man lächelte mit einem Augurenlächeln über das »vertrauensselig« und nannte das »unerfahren« einen etwas starken Ausdruck, ließ diesem Worte aber in Anbetracht der sonst »wohlwollenden und hochanständigen Gesinnung« des Artikels Verzeihung angedeihen. Aber am 26. Januar, also nur drei Tage später, wurde die Reitschule in eisigen Schrecken versetzt durch den Leitartikel einer Zeitung, deren »notorische Absicht ist es, alles Große, Bestehende, Wohlhabende, Adelige und so weiter in den Staub zu ziehen«. Name dieser Zeitung und Inhalt jenes Leitartikels seien hier nicht erwähnt, nur so viel muß gesagt werden, daß in den Ausführungen dieses Blattes Abu Becker, verglichen mit seinen Schuldnern, wie eine Lichtgestalt erschien. Nicht daß sein schändliches Treiben nicht als solches gebrandmarkt wurde, aber es war gleichsam ein unschuldiges Kinderspiel im Vergleich mit der Frivolität der jugendlichen Geldnehmer. Unheimliche Epitheta wurden der Reitschule an den Kopf geworfen, Ausdrücke so stark, boshaft und ausgesucht brutal, daß ihre bloße Andeutung sich verbietet. Auch dieser Artikel wurde bei Kasten verlesen, nachdem man alle Türen geschlossen und die Kellner hinausgeschickt hatte. Man las mit gedämpfter Stimme. Die Zigarren erloschen, und der Pommery wurde warm. Und der Artikel nannte Namen! Namen! »Sporleder – Krosseck – Zerbst – Graf Rohrbeck –« Blaß drängte man sich um den kleinen Zestow, der das verdammte Blatt in der Hand hielt. »Bin ich auch genannt?« »Und ich?« »Ich?« »Nein! Nein! Du nicht! Du nicht! Heidenstamm auch nicht! Nein! Um Gottes willen, beruhigt euch doch!« Sporleder saß wie eine Wachsfigur, und der immer fidele Rochus Rohrbeck hatte allen Humor verloren: »Ich sitze bei der Geschichte am tiefsten drin, wie immer, natürlich. Es wird faktisch unangenehm, es geht mir an die Nieren.« Ein Trost war der, daß »diese hundsföttische Zeitung von Ministern, Kommandeuren, Generalen und so weiter nicht gelesen wird, daß sie für Kavalier- und Militärkreise quasi unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheint. Niemand wird diesen Artikel zu Gesicht bekommen, niemand auch nur davon hören, man braucht sich wirklich nicht aufzuregen«. Arme, harmlose Reitschule! Tags darauf stand der infame Aufsatz in allen Zeitungen! Abgedruckt, nachgedruckt, ein wenig gemildert und zurechtgestutzt, aber im übrigen unversehrt und von entsetzlicher Deutlichkeit. Und dann wurde die Reitschule nervös. Jeden Tag brachte irgend eine Zeitung neue Details. Jeden Tag. Man war aus einem Selbsterhaltungstriebe heraus genötigt, stundenlang alle erreichbaren Zeitungen durchzufliegen: die Leitartikel, den politischen Teil, das Vermischte; man fand Notizen an den verborgensten Stellen dieser Blätter, man bekam solche Anklagen zu lesen, daß man allmählich anfing, an sich selbst zu zweifeln. Ganz unmöglich, die Einzelheiten dieser beständigen Anzapfungen zu referieren; sie waren wie eine Ueberschwemmung, die bis in die kleinsten Provinzblätter sich ergoß. Väter, Mütter, Onkel, alle Verwandten lasen sie; auf den entferntesten, weltabgelegenen Rittergütern, auf die nur ganz selten ein Wochenblättchen sich verirrt, wurde die Affäre bekannt und mit Schrecken durchgesprochen. Väter kamen von Litauen und weiter her angereist, um persönlich in Hannover Erkundigungen einzuziehen, aber sie erfuhren zu ihrem Troste, daß Abu Beckers Krallen denn doch nur einen verschwindend kleinen Teil der Reitschule erfaßt gehabt hatten. Beteiligt war jeder einzelne insofern, als die wenigen Opfer jedes einzelnen kameradschaftliches Beileid fanden, im übrigen aber stellte es sich bald heraus, daß, wie bei allen Sensationsaffären, das Gerücht ungeheuerlich übertrieben hatte. – »Am 3. Mai,« so schrieb der »Hannoversche Courier«, »wird der Prozeß John Becker vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts zur öffentlichen Verhandlung kommen.« Oeffentlichen Verhandlung. Dritten Mai. In drei Wochen. Oeffentlichen Verhandlung! Rochus Rohrbeck trank keinen Pommery mehr und rauchte nicht mehr. Er kam auch nicht mehr zu Kasten, sondern verkehrte viel mit Juristen, deren einige er aus seiner Heidelberger Zeit kannte. »Nette Leute,« sagte er einmal zu Joseph »verflucht schlau. O, lieber Heidenstamm, ich wollte, ich wäre damals in Heidelberg geblieben und wäre Jurist geworden. Wie ich es vorhatte. Bei Gott, ich hatte es vor. Man hätte viel gelernt, verflucht viel, und wäre nie diesem Gauner in die Krallen gefallen. Du kommst übrigens auch vor, lieber Joseph, als Zeuge, wir kommen alle vor. Jeder, der mit Abu zu tun gehabt hat. Wie denkst du dir das, wie erscheint man da? In Paradedreß? Oder wie?« »Ich weiß nicht.« »Ich werde mich erkundigen und es dir sagen. Komm heute abend mal zu Michaelis, wir sitzen da alle. Ein paar Rechtsanwälte, ein paar Assessoren und so weiter. Lustige Leute, wahrhaftig, und haben was gelernt, mehr als wir. Unsereins hat ja nichts gelernt, da sitzt der Haken. Wer heutzutage nicht das ganze Gesetzbuch im Kopfe hat, ist futsch. Adieu, lieber Joseph. Was machen die Pferde? Wirst du im Sommer wieder Rennen reiten? Na natürlich. Erste Nummer. Was macht dein Bruder? Adieu, ich muß jetzt Karten besorgen.« »Was für Karten?« »Eintrittskarten. Zur Gerichtsverhandlung. Alle Damen quälen mich um Karten; ich soll dreißig Karten besorgen, stell dir das vor. Als ob ich der Präsident wäre. Sie kommen alle zu mir, weil sie gehört hätten, ich wäre der Hauptzeuge. Das stimmt ja, aber ich habe nie gehört, daß man als Hauptzeuge dreißig Karten bekommt. Uebrigens guter Witz: Karten! Karten haben mich bei Abu hereingelegt, und nun soll man – ja, wie denn? – wie war denn der Witz? Ich vergesse das immer. Karten so – und Karten so – na, ist ja egal. Adieu, Joseph, laß dich mal sehen. Uebrigens, ich nehme meinen Abschied. Ich werde Landwirt, Agrarier.« »Abschied?« »Wenn ich ihn nicht nehme, bekomme ich ihn, das ist klar. Den kriegt mehr als einer, ich will keine Namen nennen.« Und als Joseph sichtlich erschrak, klopfte ihn der große Ostpreuße tröstend auf die Schulter: »Du nicht, Joseph, du nicht. Du sitzt nicht tief genug in Abus Kreide. Und außerdem der große Joseph Heidenstamm! Unser künftiger Zieten! Solche Leute läßt man nicht laufen, lieber Joseph. Trink einen Cognac, mein Junge, adieu. Aengstige dich nicht. Au revoir. « * Am Ostermontag wurde zu Charlottenburg die Rennsaison eröffnet. Joseph fuhr hinüber und gewann sämtliche vier Rennen, an denen er sich beteiligte. Alle Zeitungen berichteten über diesen glänzenden Erfolg, und die Reitschule empfing ihn nach seiner Rückkehr mit einem Bravo. Er quittierte mit einem matten Lächeln. »Im Reiten bist du noch der alte,« sagte sein Freund Zestow, »aber sonst, lieber Joseph, bist du, weiß Gott, nicht mehr der alte. Fehlt dir was? Oder sorgst du dich um den Prozeß? Das ist ja Blech. Wenn einer mit einem blauen Auge davonkommt, dann bist du es.« »Mag sein.« »Na, also.« Hundertmal ermahnte ihn Marie bei ihren Spaziergängen: »Joseph, halt dich doch gerade.« Aber wenn er auch jedesmal gehorchte und sich einen Ruck gab, so ging er wenige Minuten später wieder vornübergebeugt mit dem Blick zur Erde. »Joseph, dir fehlt etwas, du hast einen Kummer, den du mir verheimlichst, du hast kein Vertrauen zu mir.« Dann lächelte er und suchte nach einem Scherzwort, um sie zu beruhigen. Es war Frühjahr geworden, aber von der Hochzeit sprachen sie nicht mehr. Marie hatte bisweilen noch davon angefangen, sie fühlte indessen, daß Joseph jedesmal stockte und unruhig wurde. Der Prozeß mußte zunächst einmal vorüber sein, dann wurde wohl alles anders, und Joseph würde wieder heiter werden. Außerdem: sie waren ja beide noch so jung, sie konnten wirklich noch warten. Auf den zähen und eisigen Winter, der noch Ende März alle Bäche und Wasserrinnen draußen vor der Stadt gefangen hielt, folgte ein warmes Frühjahr, und an einem der ersten schönen Tage gingen sie zusammen durch den Wald, der in weitem Halbkreise die Stadt im Osten und Süden umzieht. Marie trug ein neues Frühlingskleid; die neue Frühlingsjacke, der Frühlingshut, alles an ihr war neu, sogar die Stiefelchen, die nach der letzten Mode nicht mehr schwarz, sondern hellgelb waren und dem Fuß eine hübsche Form gaben. Ein warmer Wind ging durch die Buchen, das Unterholz begann schon zu grünen, und als sie nach einer langen Wanderung gegen Abend sich auf den Heimweg machten, gab es rings um sie her ein solches Konzert von Drosseln und Finken, daß Marie alle paar Schritte stehen blieb und ein »Horch!« flüsterte. »Immer, wenn es Abend wird, fangen sie an zu singen. Horch, wie das lieb klingt.« Sie sprach ganz leise, um den Finken, der dicht über ihnen auf einem Zweige saß, nicht zu stören. »Ein Liebesduett,« sagte Joseph, und Marie blickte ihn an. »Ja, ein Liebesduett.« »Liebe Marie.« »Joseph.« Sie standen lange aneinander gelehnt und lauschten. Es war Abend geworden, als sie zu Hause anlangten. Die Wohnung der Frau von Schulenberg lag in einer der Nebenstraßen der Königstraße. Als sie mit ihrem Manne vor zwanzig Jahren hier eingezogen war, hatte das Haus mit seinen gelben, unverputzten Backsteinen einen neuen, freundlichen Eindruck gemacht, es war indessen rasch verwittert und nahm sich neben den stattlichen Neubauten der Nachbarschaft ziemlich dürftig aus. Aber Joseph, ein so elegantes Junggesellenquartier er auch selbst im Westen der Stadt inne hatte, war nie auf den Gedanken gekommen, daß seine Braut eigentlich nicht recht standesgemäß wohne. Das gelbe Haus mit der schäbigen Haustür, die im Laufe der Jahre alle Farbe verloren hatte, mit der dunkeln Holztreppe und dem lächerlich engen Treppenhause war und blieb seine eigne Heimat. Auf diesem Holzgeländer hatte er als Junge geturnt, bei dem Mietskutscher im Hinterhause seine ersten Pferde gestriegelt; er kannte hier jede Stufe, jeden Türgriff; sein Heimweh in dem bittersten Jahre der Kadettenzeit hatte diesem Hause gegolten. Seine Excellenz der General von Dewitz, wenn er von Berlin kam, oder Albrecht Heidenstamm, wenn er von Berlin kam, oder die wenigen Freundinnen der Frau von Schulenberg rieten immer wieder zu einem Wohnungswechsel, aber die Baronin, die mit ihren vierzig Jahren wie eine alte Frau aussah und eine alte Frau geworden war, schüttelte dann ängstlich den Kopf: »Nein, nein – nein – oder nur, wenn Marie es will.« Marie wollte nicht, man mußte mit jedem Pfennig rechnen, ein Umzug würde nur Geld gekostet haben, und eine moderne, elegante Wohnung paßte durchaus nicht zu ihrer Mutter beschränkten Mitteln. »Wenn Joseph und ich heiraten, ist das hier ja ohnehin zu Ende.« Auf dem stockfinstern Vorplatz, den der sparsame Hausverwalter immer erst sehr spät erleuchtete, verabschiedeten sich die beiden. Joseph war zum Souper eingeladen bei einem Kameraden, der von der Reitschule in sein Regiment zurückversetzt war und Abschied feiern wollte. »Also bis morgen, Mieze. Ich hole dich ab. Wir könnten auch einmal wieder nach Herrenhausen, wie?« »Gern. Willst du nicht einen Augenblick hinauf kommen und Mama guten Abend sagen?« »Ja, schön. Aber wirklich nur eine Minute. Es ist fürchterlich spät geworden.« Sie klingelten, und während drinnen die schlurfenden Schritte der alten Anna näher kamen, hielten sie sich noch in einem letzten, langen Kusse umarmt. Die Tür öffnete sich zunächst nur um einen schmalen Spalt, weil die alte Magd stets die Sicherheitskette in Anwendung brachte: »Wer ist da?« Und Marie, von einer ihrer plötzlichen tollen Launen gepackt, schob das Gesicht in den Spalt und gab ein schreckliches Brummen zur Antwort. »Jeses Maria!« »Ein Bär!« Aber die Alte drinnen faßte sich schnell, weil sie diesen Bär seit undenklichen Zeiten kannte, und während sie die Kette löste, die einem alten, schwer zu handhabenden System angehörte, vernahm man sie jenseits der Tür lamentieren: »Mariechen! Ach Gott, ach Gott!« »Was ist denn passiert?« »Was haben wir gewartet! Was haben wir uns geängstigt!« »Weshalb denn?« »Der Herr Rittmeister ist ja da!« Sie bekam die ganz verdrehte Kette immer noch nicht los, so daß man unwillkürlich erwägen mußte, welch nettes Hindernis dieser Sicherheitsapparat zum Beispiel bei einer Feuersgefahr sein würde. »Wer ist da, welcher Rittmeister?« »Der Herr Albrecht. Seit vier Stunden wartet er. Heute mittag ist er gekommen, um zwei, von Berlin. Ach Gott, ach Gott!« Marie wandte sich zu Joseph: »Albrecht ist da, von Berlin.« »Ja, ich höre es.« Es war so finster, daß sie nicht sehen konnte, wie aus seinem Gesicht plötzlich alle gute Laune gewichen war, aber sie begriff aus dem Tone seiner Stimme, wie wenig ihm die unerwartete Ankunft des Bruders zusagte. Sie tastete nach seiner Hand und drückte sie und behielt sie in der ihrigen, als die Tür sich nun endlich öffnete und die Alte ihnen ins Gesicht leuchtete. »Komm, Joseph.« Und leise fügte sie hinzu: »Aergere dich nicht. Zu deinem Souper gehst du doch, das setze ich durch.« Sein Mantel und Säbel und Mütze und ihre neue Jacke wurden dicht nebeneinander an den Kleiderständer gehängt, dann trat sie vor den kleinen Korridorspiegel, um ihre Haare zu ordnen. Mit den vom raschen Gehen geröteten Wangen, in dem knappen Tuchkleide, das ihre Büste straff umspannte, sah sie so frisch und reizend aus, daß Joseph sie in einer seltsamen Erregung betrachtete. »Marie!« Sie wandte sich nicht um, immer noch vor dem Spiegel beschäftigt: »Ja?« »Wenn er heute nicht hier wäre, ich bliebe bei dir, ich ginge nicht fort. Was liegt mir an dem langweiligen Souper.« »So bleib doch, tu's doch.« »Nein.« – Er trat hinter sie und zog sie vom Spiegel rückwärts an sich. Dann schauten sie beide unwillkürlich in das schmale Spiegelglas, in dem ihre Augen sich begegneten. So blickten sie sich unverwandt an, erst ernst, dann ein wenig lächelnd, bis das Lächeln schwand und die Blicke in einer unendlichen Sehnsucht sich zusammenketteten. Aus Maries Kleidern duftete es wie Frühlingsatem, den sie aus dem Walde mitgebracht hatte, er vermischte sich mit dem süßen Hauch der weißen Maiglöckchen an ihrer Brust und schien den engen Raum ringsum zu füllen. Die alte Magd war wieder in die Küche gegangen, aus den Zimmern kam kein Laut, die kleine Korridorlampe brannte mit ihrer bescheidenen Flamme, immer noch standen die beiden, Marie rückwärts in Josephs Arm gelehnt, im stummen Vorwärtsschauen. Der Spiegel hatte etwas Magisches. So, mit diesem starrenden Blick, hatte Joseph Marie nie angesehen, nie zuvor, nie – und der Blick im Spiegel zwang das schwer atmende Mädchen, auszuhalten, die Augen nicht fortzuwenden. Ihre feinen Nasenflügel bebten, der Mund war leise geöffnet – dann endlich riß sie sich los von dem Spiegel. »Joseph!« Sie warf sich herum in seine Arme und schlang die Hände um seinen Nacken: »Joseph! Liebster!« Sie suchte seine Augen, seine wirklichen Augen, mit einer förmlichen Angst: »Sieh mich an, Joseph!« Dann langsam löste sich die Spannung: »Ja, so sieh mich an, ja, so – so.« Das waren wieder seine lieben, zärtlichen Augen wie sonst, nichts mehr von diesem starrenden Blick, den sie im Spiegel erwidert hatte. Er fühlte, wie sie in seinem Arme zitterte, und liebkosend fuhr er ihr mit der Hand über die Stirn: »Liebe Marie – liebe Marie.« Und es war ihm, als ob sie wieder ein kleines Mädchen sei, das sich ihm in die Arme warf und Schutz suchte. »Meine bliebe, kleine Marie.« »Ja.« Ein glückliches Lächeln ging über ihr Gesicht: »Deine kleine Marie. Nenn mich immer so! Nenn mich immer so, Joseph.« Eine Tür öffnete sich, Sporen klirrten, Albrecht stand in dem Eingange zum Wohnzimmer. »Pardon.« »Albrecht, guten Abend!« »Albrecht! Wie geht es?« »Danke.« Er reichte Bruder und Cousine die Hand. Man tauschte alle konventionellen Fragen, die man stellt, wenn man sich längere Zeit nicht gesehen hat. Wann war er gekommen? Wie lange wollte er bleiben? Nur einen Tag? Wie ging es ihm? Und was macht Berlin? Marie musterte seine Uniform: »Laß dich betrachten. Ah! Generalstab! Mit Generalsstreifen! Du änderst deine Uniformen alle paar Jahre. Erst Artillerist, dann Ulan, dann Kürassier, und nun das allerfeinste: Generalstab.« Er lächelte mit einem kaum merklichen Anfluge von Selbstzufriedenheit, dann sagte er kühl: »Ich warte auf euch schon ziemlich lange. Meine Zeit ist kurz bemessen.« »Wir waren im Walde.« »Wenn du uns zu treffen wünschtest,« sagte Joseph, »so hätte es von Berlin aus nur einer Postkarte bedurft. Ich liebe sie nicht sehr, diese unerwarteten, freudigen Ueberraschungen.« Albrecht sah ihn mit einem merkwürdigen Blicke an: »Ich auch nicht. Sie lassen sich leider nicht immer umgehen.« »Leider.« »Wir wollen doch nicht hier im Korridor stehen bleiben,« sagte Marie, und im Gehen flüsterte sie Joseph zu: »Sei gut, ich bitte dich, laß es nicht zum Streit kommen.« Sie umarmte die Mama, die in der Fensterecke im Schatten saß und bei der herzlichen Begrüßung und Josephs Handkuß nur still nickte. Nach einer Pause deutete diese mit ihrer zitternden Hand ans den Rittmeister: »Albrecht ist da.« »Ja, Mama.« »Von Berlin.« »Ja, Mama.« »Er sieht gut aus, gut. – Gib mir deine – Hand, Albrecht, so – ja. Ich sehe krank aus, nicht wahr? Alt, alt. Ja, ja.« »O nein.« »Doch, doch, doch.« Das war alles, was sie an diesem Abend sprach. »Verzeih,« sagte Joseph nach einer stummen Pause zu seinem Bruder, »wenn ich dich heute abend allein lassen muß. Ich bin eingeladen zu Gerhard Mathieus Abschiedssouper, ich habe ihm versprochen zu kommen. Wann sehen wir uns morgen?« »Gar nicht. Ich reise mit dem Zwölfuhrzuge heute nacht wieder nach Berlin. Ich bin deinetwegen hier, vielleicht kannst du es also arrangieren, daß du an dem Souper nicht teilzunehmen brauchst.« »Meinetwegen? Du bist hier meinetwegen?« »Ja.« Er stand an den weißen Kachelofen gelehnt, der immer noch trotz der Frühlingsluft draußen geheizt wurde. Sein gelbes, hageres Gesicht mit dem dunkeln Schnurrbart blickte Marie an, während er mit Joseph sprach. In der ganzen folgenden Scene wandte er nur ganz selten mit einem kurzen Blicke seine scharfen Augen auf den Bruder, in aller übrigen Zeit gingen diese Augen beständig über Maries Gesicht und Gestalt. Marie ihrerseits, die in der Mitte des Zimmers saß, dicht unter der Hängelampe, und von dieser hell beschienen, sah nur auf Joseph, der, durch die ganze Breite des Zimmers von Albrecht getrennt, an dem Bücherschranke lehnte. »Du wirst mir vielleicht wie früher sagen,« begann der Rittmeister, und er schlug lässig ein Bein über das andre, so daß seine Sporen leise klirrten, »ich hätte mit deinen Angelegenheiten mich nicht zu befassen. Das ist eine Auffassung, die durchaus korrekt erscheint, solange deine Verhältnisse sich in guter Ordnung befinden. Sie wird hinfällig in dem Augenblicke, wo sie sich als derangiert darstellen.« »Auch dann nicht.« Josephs heisere Antwort klang wie eine Drohung, aber der Bruder fuhr fort mit derselben kalten, beinahe lässigen Ruhe: »Dein Name ist mein Name, ich lege Wert darauf, daß dieser Name sich nicht mit dem kleinsten Makel bedeckt.« »Makel?!« »Joseph?!« Marie war aufgesprungen und stürzte ihm entgegen. »Bleib ruhig, ich bitte dich!« Die kranke Frau saß in ihrer Ecke wie teilnahmlos, aber ihre verwelkten Hände zitterten, und sie flüsterte leise, unhörbar: »Kinder, Kinder.« Der Rittmeister hatte sich nicht von seinem Platze am Ofen gerührt. »Vielleicht liegt dir daran, daß wir diese Unterredung unter vier Augen fortsetzen, nicht in Gegenwart deiner Braut und« – er verneigte sich gegen Maries Mutter, die er beinahe vergessen hatte – »der Mama.« Joseph war weiß im Gesicht. Es war klar: Albrecht wußte alles. Seine Spielschulden, seine Wettschulden, diese Berglast, die er seit Monaten, seit einem Jahre allein geschleppt, von der er Marie nie etwas erzählt hatte. Vielleicht weil er sie schonen wollte, vielleicht weil er nicht den Mut gefunden hatte, das schwankende Gerüst seiner letzten Glückshoffnung zu berühren. Nun würde Marie alles hören. Der Atem stockte ihm. Aber Albrecht hatte die Frage geschickt genug gestellt, es gab darauf nur eine Antwort: »Ich will die Unterredung hier. In meiner Braut Gegenwart.« »Gut.« Der Rittmeister nahm ein Notizbuch aus der Tasche, ein einfaches schwarzes Heft, wie man es in den Papierhandlungen für wenige Pfennige kauft. Er war auch in solchen Kleinigkeiten sparsam. Und er begann, indem er einen Schritt näher an die Lampe trat, vorzulesen. Kaum einer der Schuldposten Josephs fehlte. Dieser hannoversche Prozeß, der vor der Tür stand, hatte alle sonst so geduldigen Gläubiger in Aufregung und Besorgnis versetzt, und in der richtigen Erwägung, daß Herrn von Heidenstamms älterer und vortrefflich rangierter Bruder ihr bester Vertreter sein werde, hatten sie die »kleinen« Angelegenheiten zunächst einmal ihm unterbreitet. Er las geschäftsmäßig klar, langsam, der Reihe nach. Maries Hände, die immer noch Josephs rechten Arm umklammert hielten, wie um ihn zurückzuhalten, zitterten stärker und stärker, dazwischen klang das eintönig eilige Ticktack der Standuhr und ein leises Murmeln aus der Ecke, wo die Baronin saß, ein Murmeln, auf das niemand achtete. Ueber Joseph kam eine merkwürdige Ruhe. Mit jeder neuen Schuldforderung, die sein Bruder verlas, schien es ihm, als falle Stein um Stein von seinem Herzen. ›Nun weiß Marie das,‹ dachte er, ›nun das – nun auch das – das – nur weiter. Endlich weiß sie es, endlich wird es zwischen uns klar.‹ Er zog sie leise an sich und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, dann streichelte er mit ganz ruhiger Hand ihre Haare. Albrecht schloß das Buch und blickte auf. »So.« »Ist das alles?« »Wieso alles?« »Du könntest ja etwas vergessen haben.« »Ich habe nichts vergessen.« »Schön.« Der Rittmeister kam aus der Fassung: »Wenn du diese Schulden bezahlt hast, bist du mit deinem Vermögen zu Ende. Und dann« – er schien sich auf noch ein Letztes zu besinnen, das er zu erwähnen vergessen hatte. Er trat ganz bis an den Tisch heran, stützte beide Hände auf die Platte und sah dem Bruder scharf ins Gesicht – »du hast, wie man gestern in Berlin erzählte, ›Frangipani‹ gekauft? Am Ostermontag?« »Jawohl.« »Von Baron Oppenheim?« »Ganz recht.« »Für zehntausend Mark?« »Für zwölftausend Mark.« »Wie willst du, wenn es zu fragen gestattet ist, das Pferd bezahlen?« »Es ist bezahlt.« »Bezahlt?« »Wie ich eben sagte.« »Und womit? Wovon?« »Mit Geld, mit was sonst. Mit Geld, das ich, wenn es dich zu hören interessiert, gewonnen habe. In Berlin. Am Ostermontag.« »Im Spiel?« »Ja, im Spiel.« Mit einem funkelnden Blick maß der Rittmeister ihn von oben bis unten, dann wandte er sich mit einer verächtlichen Bewegung zur Seite: »Ein Spieler! Und weiter nichts.« Joseph erwiderte den Blick nur einen Moment lang, dann legte er beide Arme um Marie und führte sie nach dem Stuhl am Tisch. »Komm, Marie, setz dich. So. – Du weißt nun alles, Marie. Ich hätte es dir eher sagen sollen, aber ich habe nicht den Mut gehabt. Ich will mich nicht entschuldigen, oder wenigstens nicht jetzt.« Er beugte sich neben ihrem Stuhl auf ein Knie und hielt ihre beiden Hände in den seinigen. Nun schaute Marie ihn an. Ihr Gesicht schien in der dämmernden Beleuchtung um Jahre gealtert. Sie hielt den Mund geöffnet, als ob ihr die Kraft fehlte, ihn zu schließen. Der Kopf war zwischen die Schultern hinabgeneigt und der Blick von Tränen verschleiert. »Hab Mut, Marie.« Eine große Träne löste sich von ihrer Wimper und fiel auf seine Hand. »Ticktack« ging die Uhr mit einer beängstigenden Schnelle, sonst war es totenstill im Zimmer. Das Murmeln in der Ecke hatte aufgehört. Irgendwo im Hause – war es oben oder unten? – begann jemand Klavier zu spielen, aber ganz langsam und nur mit einem Finger: »Wenn's Mailüfterl weht und vorbei ist der Schnee.« »Du wirst die Güte haben,« begann der Rittmeister, der wieder im Hintergrunde am Kachelofen lehnte, »mir mitzuteilen, wie du dich zu arrangieren gedenkst.« Maries Hände, die unter Josephs leisem Druck ruhig geworden waren, begannen von neuem zu zittern; bei Albrechts erstem Worte, das die Stille zerbrach, ging über sie ein Frost. Joseph preßte ihre Hände fester, seinem Bruder antwortete er nicht, er wandte nicht einmal den Kopf. »Da heben die Blauveilchen die Köpfe in die Höh'.« Der Klavierspieler, wohl ein Kind, tippte mit seinem Finger vorsichtig und immer erst die neue Taste suchend, auf das Instrument. Er griff auch bisweilen daneben, aber mit viel Geduld brachte er die Melodie doch schließlich zu Ende. Dann spielte er mit derselben Mühe das Lied noch einmal, und schließlich, ein wenig rascher, ein drittes Mal. Alle vier lauschten. Wie man in der tiefsten seelischen Depression seine Aufmerksamkeit irgend einem gleichgültigen Vorgange zuwendet. »Marie« – er zog ihren Kopf nahe an sich, so daß ihre tränenfeuchte Wange an der seinen lag – »es wird alles wieder gut.« Er flüsterte so leise, daß nur das Mädchen seine Worte verstand. »Wir werden mit der Heirat noch warten müssen, bis ich alles geordnet habe, aber du wartest, nicht wahr?« »Ja.« Sie stammelte es fast unhörbar. Er stand auf, und ohne seinen Bruder anzusehen, sagte er, als ob er zu irgend einem fremden Zuhörer spräche: »Ich habe zwei Jahre lang für gute Freunde und Bekannte und für Gott weiß wen Rennen geritten und Rennen gewonnen. Ich bin drei, vier Monate lang auf der Landstraße gewesen, in Baden, in Hamburg, in Berlin, in ganz Deutschland. Für andre habe ich auf deren Pferden die Preise davongetragen, und ich selbst habe dabei ein Vermögen zugesetzt. Man lebt bei diesen Reisen in den teuersten Hotels, in der opulentesten Gesellschaft, man kann sich nicht absondern, und schließlich sucht man unsinnigerweise die Kosten im Jeu hereinzubringen. Sagt man einmal: ›In Baden reite ich nicht, oder nach Berlin fahre ich nicht,‹ so gibt es ein allgemeines Kopfschütteln: ›Heidenstamm kommt nicht! Weshalb nicht? Weil er ein armer Schlucker ist.‹ Man wird angestarrt, als ob Gott weiß was mit einem los wäre. Es mag sein, daß andre sich für derartige Reisen von den Rennstallbesitzern entschädigen lassen, ich für mein Teil liebe das nicht. Wäre ich ein Jockey, der für Geld reitet, so hätte ich mir ein Vermögen erarbeitet, so habe ich es verloren.« Der Rittmeister, der kein Auge von Marie ließ, wandte eine Sekunde den Kopf zu seinem Bruder: »Nun? Und?« »Ich habe mir in allzu vorsichtiger Weise, als der Pedant, den du in Geldangelegenheiten aus mir hast machen wollen, stets gesagt: ›Du kannst dir nicht selbst Rennpferde kaufen. Das ist eine kostspielige Sache, bei der von zehn immer neun ihr Geld verlieren.‹ Hätte ich es nur getan! Hätte ich im vorigen Frühjahr, wie ich wollte, ›Stuart‹ gekauft, so stünde ich heute anders da. Ich habe auf ›Stuart‹ neun Rennen gewonnen mit mehr als fünfzigtausend Mark, aber nicht für meine Rechnung, sondern für die des Herrn von Treskow. Dann sagen die Leute: ›Ja! Aber die Ehre! Wer hat die Ehre von diesen neun Rennen?! Der Herr von Treskow oder Heidenstamm? Treskow bekommt nur das Geld!‹ Ehre und Ehrenpreise, das ist für unsereins ein brillantes Geschäft! Wenn alles schief geht, kann ich mich als Goldschmied etablieren und einen Laden auftun: silberne Peitschen und silberne Kannen und silberne Becher und silberne Bowlen, ein ganzes Zimmer voll. Ein wahres Vergnügen, zwischen dem Zeugs in seiner Wohnung zu sitzen!« »Und?« »Das ›und‹ ist sehr einfach; von jetzt an reite ich meine eignen Pferde. Mit ›Frangipani‹ wird der Anfang gemacht. Du sollst ihn sehen, Marie, nächste Woche wird der Hengst hierher transportiert. Ein Riese! Ein Prachtkerl! Der beste Steepler im Lande!« Seine Augen leuchteten, alle Sorge schien wie fortgeweht. »Und er geht unter mir wie ein Kind. Ich setze dich selbst einmal darauf, Mieze. In diesem Sommer sollst du nun endlich reiten lernen. Gestern bekam ich eine Depesche – wo steckt sie? – da, lies: Tepper bietet mir fünfzehn Mille für den Hengst, drei mehr als ich gezahlt habe. Aber ich gebe ihn nicht her, nicht für zwanzig.« Und hastig, mit einem plötzlich aufblitzenden Stolz, trat er mit zwei, drei Schritten dicht vor den Rittmeister: »Wer kann denn Frangipani reiten? Du? Selbst du nicht! Du hast ihn viermal geritten, Bredow hat ihn geritten, die Jockeys haben ihn geritten, und er war geschlagen, jedesmal. Nur unter mir hat der Hengst gewonnen, in neun Rennen der Reihe nach!« Er sah nicht den zornsprühenden Blick des Bruders, er ging auf und ab im Zimmer, immer fröhlicher, immer von dem Pferde erzählend und von den großen Hoffnungen, die er auf sich und das Pferd für die neu beginnende Rennsaison baute. Noch vor zwei Jahren war, wenn die Rede darauf kam, wer der beste Reiter der Armee sei, das einstimmige Urteil: »Albrecht Heidenstamm.« Mit seiner düsteren Ruhe und der unvergleichlichen Sicherheit im Sattel war er jahrelang der Heros der Rennplätze. Seine zahllosen Rennsiege hatten ihm eine beispiellos glänzende Carriere gesichert. Aus seinem Artillerieregiment wurde er zur Kavallerie versetzt, dann in die Garde, schließlich zum Generalstabe. Aber wie ein Meteor war vor jetzt zwei Jahren ein andrer erschienen, dem Glück und Siege auf der Rennbahn in kürzester Frist die dominierende Stelle verschafften. Das war – ein seltsamer Zufall – der eigne Bruder des berühmten Reiters. Sie trafen oft auf der Rennbahn zusammen, und fast regelmäßig behielt im Endkampfe der jüngere Bruder die Oberhand. Sie sprachen bisweilen darüber, wenn Joseph in der ersten Zeit den natürlichen Wunsch hatte, das Mißgeschick seines älteren Bruders vor diesem selbst in ein milderes Licht zu stellen, aber Albrecht war darin nicht empfindlich: »Laß doch das, das ist ja Unsinn. Man kann nicht immer ein guter Reiter bleiben. Man wird älter und läßt nach. Das geht jedem so, und wird dir auch einmal so gehen. Ich freue mich aufrichtig, daß du es bist, der mich ablöst.« Er freute sich damals wirklich, nichts war ja auch natürlicher. Das Verhältnis der Brüder zu einander hatte sich indessen langsam verändert. Als Junge und auch später noch war Joseph in seiner weichen Art dem berühmten und bewunderten Bruder gegenüber immer nachgiebig, gehorsam gewesen, in einer gewissen Verehrung; aber mit seinen eignen größeren Erfolgen und der Selbständigkeit, vor allem nach seiner Verlobung mit Marie hatte das aufgehört. Die Bevormundung, die Albrecht ihm immer noch zeigte, erschien ihm anmaßend und lächerlich, und die eigentümlich frostige Haltung, die der ältere Bruder bei der Verlobung eingenommen hatte, errichtete zwischen den beiden eine Scheidewand. Mit klirrenden Sporen ging Joseph auf und ab: »Man muß das Glück zwingen. Während andre Leute mit meiner Hilfe die Preise einstrichen, habe ich dumm dabeigestanden; das hört auf. Wenn ich Erfolge habe, bin ich in einem einzigen Jahre aus allen Sorgen.« »Oder du hast sie verdoppelt.« »Sicher nicht.« Er ging hochaufgerichtet, sein Gesicht von innerer Erregung gerötet, jung und lebenslustig: »Adieu, Marie, leb wohl, bis morgen. Adieu, Mama.« Vor Albrecht blieb er einen Moment stehen. In diesem Glücksgefühl von Hoffnung und Vertrauen auf seine Kraft war alle Bitterkeit in ihm geschwunden. »Wann fährst du? Um zwölf? Ich werde an die Bahn kommen.« Und er reichte ihm die Hand: »Du meinst es ja gut mit mir, ich weiß, aber du sorgst dich unnötig.« Albrecht gab ihm die Hand. Etwas Seltsames stieg ihm in die Kehle. Er hatte in seiner Art Joseph früher lieb gehabt, vielleicht mehr, als er es sich selbst je gestanden hatte. Das Gefühl kam ihm, daß jetzt mit einem freundlichen Worte alles wieder gut gemacht werden und das brüderliche Verhältnis wieder hergestellt werden könnte. Vielleicht auf einer andern Basis als früher: nicht mehr ein Bevormunden und Bevormundetwerden, sondern ein Zusammenstehen, eine wirkliche brüderliche Freundschaft. Aber seine verschlossene Seele, die nie einen Freund gehabt hatte, fand auch in diesem entscheidenden Augenblicke das versöhnende Wort nicht. »Adieu. Laß das nur: an die Bahn kommen. Es ist ja nicht nötig.« »Also adieu.« »Adieu.« Marie ging mit Joseph hinaus, nur die Baronin blieb in ihrer Ecke sitzen, während Albrecht immer noch an dem weißen Ofen lehnte. ›Geh ihm nach,‹ dachte er, ›sprich freundlich mit ihm, ohne den kalten, geschäftsmäßigen Ton. Setz ihm auseinander, welch ein Wahnsinn das ist, auf Turf und Turfglück die Zukunft zu bauen. Wenn du gütig und herzlich mit ihm redest, ist Joseph so leicht zu lenken.‹ Aber nach einer Weile hörte er draußen die Korridortür sich öffnen und dann sich schließen. Es wurde still, Joseph war fort. Drittes Kapitel Vor dem großen, weißgrauen Hause, das der Justiz geweiht ist und den merkwürdigen Namen »Justizpalast« führt – obwohl es weder außen noch innen, weder nach seinen Bewohnern noch nach seinen Besuchern irgend etwas mit einem Palaste gemein hat –, gab es am 3. Mai eine glänzende Anfahrt. Die meisten Leute, die hier zu tun haben, erscheinen bescheiden zu Fuß, eine kleinere Zahl benutzt Pferdebahn und Omnibus, die Anwälte kommen, wenn sie es eilig haben und ihre Praxis das gestattet, per Droschke, und wieder andre werden unentgeltlich in einem verschlossenen Wagen herbeigeführt. Am 3. Mai aber gab es eine Auffahrt ersten Ranges. Man konnte glauben, vor einem Theater zu sein. Equipagen rollten vor mit Dienern, und wieder Equipagen mit Dienern, und wieder, und wieder; Rochus Rohrbeck erschien mit seinem Juckergespann, Franz Zestow im Buggy, vor dem eine nette Traberstute trottete, – fast war es verwunderlich, daß in dem Korso die Mailcoaches und Viererzüge fehlten. Kein Portier stand bereit, den Damen beim Aussteigen behilflich zu sein, und als die jungen Ladies mit zusammengerafften Kleidern die kahle Steintreppe emporstiegen, schlug ihnen das Herz. Welch ein seltsames Haus, welch ein graues Haus! Ein Haus ohne Höflichkeit und Wärme. Riesige Treppen, weite, endlose Korridore und allenthalben weiße Zettel, auf denen dem Ankömmling gedruckte Befehle entgegenstarrten: »Nicht rauchen!« »Nicht anklopfen!« »Nicht laut sprechen!« »Nicht ausspucken!« Mein Gott, wenn man nun doch laut sprach oder – obwohl man das nie getan hatte und nie tun würde – ausspuckte?! Was geschah dann? An allen Treppen und Ecken und Türen sieht man Herren mit verbissenen, drohenden Gesichtern, die sich durch einen blauen Rock mit blanken Knöpfen als Leute vom Gericht ausweisen und alle neu Ankommenden mißfällig betrachten. Sie geben offenbar genau Obacht, ob jemand ausspuckt, und dann wehe dem Missetäter! In den langen Gängen, in denen sich auf der einen Seite Holzbänke und auf der andern zahllose numerierte Türen befinden, stehen oder sitzen viele Leute mit bedrückten oder verdrossenen Mienen, die vorübergehenden Damen böse anglotzend. Man sieht da verwegene Gesichter, ruinierte Gesichter, traurige Gesichter, armselige, hochmütige, weinende, ein solches Gemisch von Leiden und Stumpfsinn, wie man es nirgendwo wiederfindet, außer in andern Justizpalästen. In diesem Wirrwarr von Türen und Gängen, die alle einander gleich sehen, verirrt man sich und fragt endlich ängstlich einen der Uniformierten: »Bitte, würden Sie die Freundlichkeit haben, uns zu sagen, wo Nr. 67 ist?« – worauf er die Augenbrauen finster zusammenzieht und mit einer schreckenerregenden Stimme sagt: »Dritter Gang links.« Die Sonne scheint nicht, obwohl es Maientag ist. Und unwillkürlich denkt man, in dieses Haus könne sie nie hereinblicken. Kleine, lustige Damen, die auf der Eisbahn oder im Ballsaal die muntersten Geschöpfe sind, werden hier ganz still und gehen verschüchtert neben der Mama, die sich den Anschein gibt, als sei sie ruhig und fest wie immer, während sie in Wahrheit genau so erschreckt und ängstlich ist wie die Töchter. Wie jammervoll muß den wirklich Schuldigen oder den fälschlich Beschuldigten zu Mute sein, wenn sie in dieses Haus kommen! Sie sitzen da stundenlang und warten, warten. Die Luft wird dumpfer, stickiger, eine solche schwere Stimmung legt sich auf die Menschen, daß sie schließlich verstört vor dem Richter erscheinen. Es weht wie Grabesluft durch die Korridore. Tausend Jahre Gefängnis und tausend Jahre Zuchthaus wurden in jedem der Zimmer diktiert, und dort hinter den hohen Flügeltüren spricht man die Todesurteile. Erst als die Damen nach Kreuz- und Querfahrten Nr. 67 erreicht hatten, wurde ihnen freier ums Herz. Da schwirrte es von bunten Uniformen und reizenden Kleidern, da stand Graf Rochus inmitten einer Gruppe und erzählte die Anekdoten seiner juristischen Freunde, da gab es artige Gerichtsdiener, die in liebenswürdigster Weise Rede und Antwort standen; ach, man atmete auf! Wieder unter »Menschen«! Und immer voller wurde es auf dem langgestreckten Korridor. In einer Fensternische stand Fräulein von Schulenberg mit Joseph Heidenstamm, neben den beiden Excellenz von Dewitz. Marie war wieder die schönste, ganz ohne Frage, obwohl sie blaß aussah und unruhig vor sich hin blickte. Als man vom langen Stehen müde wurde, wagte es eine kleine Comtesse, auf einer der unheimlichen Bänke Platz zu nehmen, und das tapfere Beispiel fand Nachahmung. Bis die Damen in Rosa und Hellblau und dem ganzen bunten Glanz ihrer Frühjahrstoiletten die Wand entlang eine Reihe bildeten wie im Ballsaal, wenn man sitzt und auf die Tänzer wartet. Ganz plötzlich ein Geraune und Geflüster die Reihe lang: »Da kommt er!« »Wer?« »Da!« »Wer denn? Wer denn? Sag doch! Abu?« »Bewahre! Großmann!« Lächelnd ging der berühmte Berliner Verteidiger durch die Reihen, bald von diesem angehalten, bald von jenem. In seinem Talar sah er mit dem klugen, heiteren Gesichte aus wie jemand, der auf ein Maskenfest geht. Er war oder würde werden – das wußte er ganz genau – der Held des Tages. Er war das stets, bei allen Prozessen; nicht der Angeklagte, sondern der Advokat bildete den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit. Daun erschienen Herr Weißenburger und seine Leute. Man kannte sie nicht und beachtete sie nicht, obwohl Rochus Rohrbeck und Sporleder allen Anlaß gehabt hätten, das zu tun. Aber wer kennt Herrn Weißenburger? Den kennen nur die Leute vom Fach. Die Tätigkeit dieses Mannes führt ihn kreuz und quer durch ganz Deutschland; wie ein Stoßvogel erscheint er bei allen Prozessen, die »auf das Interesse weitester Kreise Anspruch erheben dürfen«. Er ist der Mann, der die Zeitungsberichte verfaßt, sie hektographisch vervielfältigt und mit Eilpost an die Redaktionen der großen Blätter versendet. Alle fürchterlichen Prozesse und alle sensationellen Prozesse sehen Herrn Weißenburger am Stenographentische; er lebt von diesen Ereignissen, oder richtiger gesagt, er sammelt hier sein hübsches Vermögen. Niemand, der irgendwie mit solchen Prozeßaffairen zu tun hat, sollte diesen Mann vernachlässigen, denn er vermag viel. Er gibt dem Zeitungsbericht die Farbe, schreibt kleine Einleitungen, mildert, verstärkt, tönt ab und verschweigt schonungsvoll, was seine Bekannten nicht in den Zeitungen publiziert sehen möchten. Aber wie gesagt: weder Rochus Rohrbeck noch Clemens Sporleder hatten in ihrer Weltunerfahrenheit je von der Existenz eines solchen Mannes gehört, so daß Herr Weißenburger wirklich keinen Anlaß hatte, die Zeugenaussagen beider sowie das originelle Kreuzverhör, dem Herr Doktor Großmann beide Herren der Reihe nach unterzog, zu mildern. Und so kam jener schauderhafte, lächerliche Zeitungsbericht zu stande, der Rochus und Clemens vier Wochen später das Genick brach. Unmöglich, diesen ganzen Prozeß zu beschreiben, so interessant er auch ohne jede Frage sich gestaltete. Abu Becker, der wie ein Gentleman gekleidet erschien, saß am ersten Tage still und blaß, so daß der gutmütige Rochus für seinen alten Geschäftsfreund trotz der zehn Monatsprozente und aller Mahnbriefe ein kleines Mitgefühl hatte. »Sie müssen ihn da verdammt schlecht beköstigt haben,« sagte er in der Pause, »und Abu war immer sehr verwöhnt und hatte einen schwachen Magen, so daß er mir im Juli seine Briefe immer von Karlsbad zukommen ließ.« Aber am zweiten Tage blickte Abu heiterer, denn er bemerkte zu seinem eignen höchsten Staunen, wie bei des Doktor Großmann Kreuzverhör, Zwischenfragen und Randbemerkungen sein – Abu Beckers – Charakter in immer hellerem Lichte erschien. Und am dritten Tage bei des Doktors großem Plaidoyer überkam den fünf Monate hart kasteiten Abu eine seltsame Bewegung. Er hatte bisher in ehrlicher Selbsterkenntnis nie daran gezweifelt, daß seine Tätigkeit eine zwar hervorragend praktische, aber doch nicht tadellose sei; nun erfuhr er vor Hunderten von Menschen und in öffentlichster Oeffentlichkeit, daß er in großer Verblendung sich selbst vollständig ungerecht beurteilt hatte. Er hatte Geld auf Zinsen geliehen, ja, zu außerordentlichen Prozenten, ja, er hatte gejeut, ja, dabei gewonnen, ja – aber mit wem hatte er es zu tun gehabt?! Mit jungen Leuten, die sehr oft sich vollständig zahlungsfähig erwiesen. Er hatte Verluste gehabt, enorme! Keine Zeuge, der Abu, diesem verkannten, verlästerten, öffentlich in Zeitungen gebrandmarkten, unglücklichen Manne eine direkte Schlechtigkeit nachsagen konnte! Keiner! »Jeu! Spiel! Ein Laster, zugegeben, aber, meine Herren Richter, die Hand aufs Herz, ein Laster, das unendlich verbreitet ist. Denken wir an unsre Voreltern, die auf niedersächsisch-germanischem Boden Haus, Hof und Weib verspielten! Denken wir an Lessing, der das Spiel so sehr liebte!« Rührung zog durch Abu Beckers Seele. Wenige Menschen können es vertragen, öffentlich über alle Maßen gelobt zu werden, und zu diesen wenigen gehörte Abu nicht, nein. Er war ein Mann, und als solcher zwang er seine Tränen zurück. Sonst hätte man Abu Becker weinen gesehen, wahrhaftig. Zwei waren im Saale, die weder auf den berühmten Verteidiger, noch auf Abu, noch auf des Staatsanwalts etwas schwächliche Rede viel achtgaben, sondern auf der letzten Bank bei einander saßen in einem großen Glücksgefühl. Das waren Joseph und seine Braut. Drei Tage lang ward Zeuge auf Zeuge vorgerufen, Rochus, Sporleder, Krosseck und mancher andre; über Joseph Heidenstamm war das Gewitter gnädig fortgezogen. Vielleicht, weil seine Zeugenschaft zu unbedeutend erschien und für den Angeklagten nichts Gravierendes enthielt. Nun war das Verhör geschlossen, die Gefahr vorüber, Joseph in dem ganzen Prozesse nicht einmal erwähnt. Marie saß an die Bank gelehnt, den Kopf etwas hintenüber geneigt. Sie war glücklich, aber eine tiefe Müdigkeit und Abspannung malten sich auf ihrem Gesichte. Dunkle Schatten lagen um die Augen. Sie hatte das Glücksgefühl jemandes, der vom Ertrinken gerettet wurde. Es war zu viel gewesen. Drei Tage in Angst, drei Tage mit schwatzenden Damen und galant plaudernden Kavalieren, mit Zeugenverhören und endlosen, immer gleichen Erörterungen von Zinsen, Wechseln und Schuldverschreibungen. Das alles in der dumpfen Luft, die viele Damen ohnmächtig werden ließ. Diese nüchternen, geschäftlichen Auseinandersetzungen nahmen allen Charm von den glänzenden Offizieren, die dort unten im Saal vor dem Präsidenten wie unbeholfene Kinder antworteten, gefragt wurden, hinausgehen mußten, wieder hereingerufen wurden, die vor Verlegenheit nicht wußten, wie sie gehen und stehen sollten, und die ihre ganze Unerfahrenheit und Lebensunklugheit hier vor einem Auditorium glänzender Damen und Herren bekennen mußten. Oft in diesen Tagen hatte sie das Gefühl: »Wenn Joseph hereingerufen wird, das ertrage ich nicht. Ich vergehe vor Scham« – und das viel entsetzlichere Gefühl: »Ich könnte ihn nicht mehr lieben, wenn ich ihn dort, in dieser hilflosen Lage, sehen müßte!« Nun war es vorüber! Alle Angst umsonst gewesen. Ja, sie war glücklich, dankbar, aber ihr war, als sei sie um viele Jahre älter geworden. Joseph und seine Kameraden, diese Ideale ihrer Mädchenzeit, erschienen in einem andern Lichte, nüchterner und farbloser. Zum erstenmal hatte sie einen Einblick getan in die Welt von Schein und Hohlheit, sie war nun kein Kind mehr. Es wurde spät, die Lichter im Saale entzündeten sich. »Wollen wir gehen, Joseph?« Er fuhr auf aus einem wachen Träumen: »Ja, ja, komm.« In den weiten Korridoren brannte nur hie und da ein Licht, über dem ganzen grauen Hause lag jetzt etwas Totes, Gespenstisches. Nirgendwo ein Mensch, alles schauerlich einsam. Sie preßte sich dicht an ihn, der so unbekümmert das grausige Haus durchschritt, als ob er auf der Georgstraße im hellen Tageslichte spazieren ginge. Da hatte sie wieder das Gefühl des Geborgenseins an seiner Seite. Er war doch der Stärkere, an den sie sich anlehnen konnte, immer, der sie in aller Not beschützen würde. Kein Heros, wie sie einst geträumt hatte, ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, für einen kritischen Blick vielleicht unbedeutend und klein; aber er und sie gehörten zusammen. Sie würden sich gegenseitig stützen und fest zu einander halten. Die frische Luft des kühlen Maienabends schlug ihnen entgegen, sie traten auf die Straße hinaus, und das finstere Hans lag hinter ihnen, für immer. »Nie wieder dort hinein!« Sie gingen an der Hochbahn entlang bis zur Königstraße. Vor dem Tivoli brannten die bunten, kleinen Lampen, die den Eingang des fashionablen Gartens markieren, und die lustige Melodie eines Wiener Walzers tönte zu ihnen hinüber. Um den Heimweg abzukürzen, schritten sie durch den Konzertgarten, der Königstraße und Schiffgraben verbindet, vielleicht würden sie im Vorbeigehen ein paar heitere Gesichter sehen und in dem Gewoge lustiger Menschen die trübe Stimmung der letzten Stunden vergessen. Aber der Garten war leer. Alle die vielen tausend bunten Lampen flimmerten in Kränzen und Gewinden an den Balkonen und Galerien, die Kristallgläser klingelten im Abendwinde aneinander, die Kapelle spielte die lustigsten Tanzmelodien, nur das Publikum fehlte. Keine Offiziere und keine Damen. Der große Prozeß lag heute an seinem letzten Abend wie ein Alpdruck über der ganzen Stadt. Schweigend verließ das Brautpaar den Garten und legte schweigend den letzten Teil ihres Weges zurück. »Soll ich dich hinaufbegleiten, Marie?« »Nein, Joseph. Geh lieber heim und schlafe, ich bin sterbensmüde. Morgen früh müssen wir beide zeitig heraus, du weißt doch: unsre Verabredung.« »Ja, richtig« »Hattest du das vergessen?« »Bewahre. Nur momentan.« Und mit einem schwachen Versuche zu lächeln, sagte er: »Du wirst dich verschlafen, Mieze.« »Ach, ich! Ich wache jeden Morgen um fünf auf! Punkt sechs bin ich draußen auf der Bult; es ist ja nur zehn Minuten von hier aus zu gehen. Wo treffen wir uns?« »Vor der großen Tribüne.« »Schön. Du kommst zu Pferde?« »Natürlich. Du wirst dich wundern, wie ›Frangipani‹ galoppiert, du wirst deinen Spaß daran haben. Du müßtest überhaupt jeden Morgen draußen sein, es gibt nichts Schöneres als solch einen Frühlingsmorgen. Uebrigens findest du da Gesellschaft: Gräfin Ella Munster ist tagtäglich bei den Frühgalopps, oft auch ihre Schwester.« Er war wieder heiter und ganz wie umgewandelt: »Verschlaf dich nicht. Nachher gehen wir alle zusammen Kaffee trinken, im ›Neuen Hause‹ oder im Zoologischen Garten.« »Schön.« »Also gute Nacht, Liebchen.« »Gute Nacht, Joseph.« Sie hielt seine Hand fest –: »Joseph?« »Was?« »Joseph, wir müssen sehr dankbar sein. Daß, daß es so gekommen ist, so gut. Nicht wahr?« Er nickte und küßte sie schweigend, dann trennten sie sich. Joseph schlug den Heimweg ein; als er aber schon beinahe sein Haus erreicht hatte, ging er langsamer und zögerte. Eigentlich war es eine Rücksichtslosigkeit, diesen Abend nicht mit Rochus und den andern zusammen zu sein, wie es verabredet war. Schließlich mußte er doch auch wissen, wie das Urteil ausgefallen war und wie der Prozeß geendet hatte. Außerdem war er hungrig, seit heute mittag hatte er nichts gegessen. In der Weinstube traf er indessen niemand. »Der Prozeß immer noch nicht zu Ende?« »Nein, Herr Baron.« »Geben Sie mir einen Schoppen Rotwein und etwas zu essen.« Es war elf Uhr, als die ersten eintrafen: »Ein Jahr Gefängnis, gar nichts, eine Bagatelle. Der Berliner hat Abu schön herausgelogen!« »Nicht möglich!« »Faktum.« Allmählich füllte sich die kleine Weinstube, und endlich erschien auch Graf Rochus. »Kinder, ich verhungere! Kellner, ein Stück Brot! Speisekarte.« Er stürzte ein großes Glas Wein hinunter und aß Brotstücke, die er von einem Brotlaib schnitt und in den Mund stopfte. »Ich habe zehn Pfund abgenommen in drei Tagen! Was sagt der Mensch dazu! Aber wer jetzt noch ein Wort von diesem Prozesse spricht, bei Gott, den mord' ich – Was ich essen will? Irgend was! Ganz egal! Liebe Kinder, seid gut zu mir in dieser letzten Zeit, ihr habt mich nicht mehr lange. Ich steige in die Versenkung, und niemand sieht mich wieder. Es war doch schön hier, weiß der Teufel!« Als Joseph um Mitternacht gehen wollte, geriet der lange Kürassier außer sich: »Was denn?! Gehen?! Heute?! Joseph, du bist wohl des Kuckucks! Macht mal Platz da! Kleiner, setz dich da hinüber, Joseph kommt neben mich. Hierher, Joseph! Ein Glas her. Da, Joseph, trink. Junge, Junge, du hast in diesen drei Tagen ein unmenschliches Glück gehabt, wie immer. Aber, Junge, ich gönn's dir, bei Gott. Wenn ich einem Menschen in der Christenheit was Gutes gönne, dann dir, Joseph. So ist's recht, hier neben mich. Kinder, wir wollen mal anstoßen, an diesem verdammten Tage muß irgend einer hochleben, damit wenigstens ein Mensch heut 'ne Freude hat. Auf Joseph, Kinder, und auf seine Braut! Er ist der einzige, der aus diesem vermaledeiten Hannover sich was Schönes holt, und zwar das Allerschönste! Joseph Heidenstamm, Fräulein Marie – hoch!!« »Hoch!!« Die Stimmung wurde etwas lustiger. »Hübsch war es,« sagte Graf Rochus, »wie dieser Berliner Rechtsverdreher den ganzen hohen Gerichtshof mit seinem Sermon über das Jeu zum besten hielt. Weiß der Teufel, es war das einzig Vernünftige, was in den ganzen drei Tagen geredet worden ist. Alte Germanen, Lessing, Haus, Hof und Weib – famos gesagt. Haus, Hof und Weib, stellt euch das vor, Kinder, so was gibt's heute nicht mehr. Das war noch Jeu im großen Stil! Heutzutage spielen die Leute um Hosenknöpfe. Es ist kein Mut mehr in der Welt, keine Schneid. Nehmt mal da die Flaschen weg! Kellner, einen Wischlappen und Karten!« »Wir wollen doch heute nacht nicht mehr mit Spielen anfangen?« sagte Joseph. »Just! Erst recht!« Er holte aus den Hosentaschen einen Haufen Geld und legte ihn neben sich. »Ich nicht.« »Auch du, mein lieber Joseph.« »Sicher nicht.« »Doch, doch. Wird's nun bald mit dem Wischlappen?! Der ganze Tisch schwimmt. In vier Wochen sitzt man in Ostpreußen und pflückt Kirschen. Falls sie schon reif sind. Ihr könnt da euern Rochus jeden Tag auf den Bäumen sitzen sehen. Das ist da mein einziges Amüsement, positiv. Ich esse die Dinger für mein Leben gern, namentlich die schwarzen, ich werde euch einen Korb schicken.« Er warf acht Karten auf den Tisch, die er ohne Sorgfalt in zwei Reihen ordnete; dann mischte er und zählte flüchtig sein Geld. »Zweitausend Mark, eine sehr anständige Bank. Faites le jeu, messieurs, allons! Joseph!« »Ich spiele nicht.« »Also nicht. Schön. Los!« Er warf zwei Karten rechts und links, strich seine Gewinne ein, zahlte die Verluste aus und begann von neuem. Das ging mit solcher Geschwindigkeit, daß er in jeder Minute zwei-, dreimal warf, einkassierte, auszahlte, um, wenn die Karten zu Ende waren, mit einer erstaunlichen Schnelligkeit wieder zu mischen und von neuem zu beginnen. In den fabelhaft kurzen Pausen zündete er seine Zigarre an, die nach drei Zügen wieder verlosch, trank ein halbes Glas Rotwein und stieß, ohne nach ihm hinzusehen, seinen Nachbar in die Seite: »Joseph!« Joseph lächelte. Er saß mit verschränkten Armen in dem bequemen Sessel zurückgelehnt und beobachtete den Freund. Der baumlange Kürassier war als ein Kind voriges Jahr nach Hannover gekommen und würde als genau dasselbe Kind wieder fortgehen. Harmlos, gutmütig, ein schlechter Reiter, der alle Pferde zu Schanden ritt, gegen die Männer grob und gegen die Frauen, auch die einfachsten, stets ein vollkommener Gentleman, immer guter Dinge, immer hungrig, immer durstig und zu jeder Nacht- und Tageszeit auf das Jeu versessen. »Joseph!« »Laß mich in Ruhe.« Wie wird dem armen Rochus zu Mute sein, wenn er nun den bunten Rock für immer ausziehen und in der Einsamkeit von Pillkehmen sich begraben muß! Er wird die Sache zunächst nicht tragisch nehmen, natürlich nicht, aber wie wird er sich zurücksehnen. »Joseph!« »Prost, Rochus.« Der Kürassier drehte sich zur Seite und sah ihn an: »Ich dachte, du schliefst, Joseph.« Sie blickten sich einige Sekunden ins Auge, zuerst lächelnd, dann ernster. Sie verstanden beide den Blick, er bedeutete: »Was wird nun aus unsrer guten Freundschaft? Wer weiß, wo und wann wir uns mal wiedersehen!« Dann klopfte Rochus ihm aufs Knie: »Geh schlafen, Joseph, ich dispensiere dich. Hast recht, spiel nicht, wir beide hätten das nie anfangen sollen, dann wäre uns verdammt wohler zu Mute.« Und schwermütig trank er sein Glas aus, zündete seinen Zigarrenstummel an und mischte. »Le jeu, messieurs.« »Wir wollen zusammen nach Hause gehen, Rochus. Wie lange spielst du noch?« »Schön, Joseph, famos. Also sagen wir noch genau fünfunddreißig Minuten, dann ist es eins. Dann gehen wir, bestimmt.« Aber um eins saß die Bank im Verlust und konnte unmöglich abbrechen. »Noch zehn Minuten, Joseph, keine Sekunde länger.« * Vier Uhr morgens. Hinter den schweren Vorhängen graute der Morgen. Rochus lehnte sich zurück und trank ein großes Glas Wasser mit einem Zuge leer. »Joseph, es ist vier Uhr.« »Geh nur.« »Joseph, ich bin hundemüde.« »So geh doch, laß mich.« Der Kürassier beugte sich zu ihm hinüber und fragte leise: »Wieviel hast du verloren, Joseph?« Und als er keine Antwort bekam, beobachtete er eine Zeitlang stumm des andern Spiel. Im stillen dachte er: ›Ja, ja, so geht's immer. Man kommt mit den besten Vorsätzen, und es nützt nischt. Zwei Stunden lang sieht man zu und freut sich, wie standhaft man ist, und in der dritten Stunde schmeißt man mit dem Gelde, als ob's Zuckerbohnen wären.‹ Plötzlich fuhr er von seinem Stuhl auf: »Joseph! Du bist verrückt!« »Laß mich!« Eintönig ging das Spiel hin und her. Der Zigarren- und Zigarettenqualm im Zimmer war kalt geworden und lag wie eine graue Wolke unter der Decke. Man trank nicht mehr und rauchte nicht mehr, aber die Karten fielen nach wie vor rechts und links. Der Kellner schlief, die meisten Herren waren fort, nur einige wenige saßen noch um den Tisch, an dem Sporleder seit drei Uhr morgens die Bank hielt. Der Kürassier schaute noch eine Zeitlang dem Spiel zu und ärgerte sich über Josephs Verluste, aber das Jeu mit seinem beständigen Wechsel von Glück und Mißgeschick war für ihn eine allzu gewohnte und alltägliche Beschäftigung, als daß er über eine gewisse Zeit hinaus wegen Gewinn und Verlust eines andern seine Müdigkeit überwinden konnte. Er machte noch einen schwachen Versuch, ein Streichholz in Brand zu setzen, die Hand kam indessen nicht so weit, denn ihr Herr war mittlerweile eingeschlafen. Nach einiger Zeit begann er zu schnarchen, laut, immer lauter, fürchterlich, es klang in dem kleinen Zimmer bizarr und wirkte durch das Steigen und Fallen der Töne grotesk – aber niemand achtete darauf. Sporleder mischte die Karten von neuem: »Sie schulden mir jetzt dreitausend Mark, Heidenstamm, stimmt das?« »Hm.« »Es ist fünf Uhr vorbei, ich denke, wir hören bald auf.« Niemand antwortete, und der Bankhalter nahm das als eine stillschweigende Ablehnung seines Vorschlages. Joseph legte seine Taschenuhr vor sich auf den Tisch. Um sechs Uhr mußte er draußen sein auf der Bult, bei Marie. Jeder Satz schlug fehl, und der Zeiger der Uhr rückte langsam weiter. – Halb sechs. Es war die höchste Zeit, aufzuhören, wenn er noch rechtzeitig hinauskommen wollte. – Aber er spielte weiter: noch einen Satz, eine außerordentlich große Summe. – Er verlor. – Noch einmal. – Er verlor wieder. – Ein merkwürdig trockener, bitterer Geschmack kam ihm auf die Zunge. – Er setzte ein drittes Mal und gewann. Er ließ den ganzen Betrag stehen, und das Geld wanderte in Sporleders Bank. Noch drei- oder viermal versuchte er, mit einem letzten Schlage das Glück zu zwingen, es mißlang. Dreiviertel sechs. Mühsam lehnte er sich einen Moment zurück, wie jemand, der nicht recht weiß, wo er ist und sich erst besinnen muß, dann stand er auf: »Ich komme heute mittag zu Ihnen, Sporleder, wir ordnen das dann.« »All right.« »Adieu, ich habe Eile, guten Morgen.« »Sie gehen nach Haus?« »Ich muß auf die Rennbahn, ich habe ein paar Pferde in der Morgenarbeit zu reiten.« »Jetzt? Nach der Nacht? Alle Achtung.« Und Sporleder und die zwei jungen Ulanen, die allein noch außer dem schnarchenden Rochus anwesend waren, sahen ihm bewundernd nach: »Das nennt man eiserne Nerven, Donnerwetter ja!« Von dem Kellner im Vorzimmer nahm Joseph Mütze und Säbel: »Ich habe Eile, ich zahle heute abend.« »Schön, Herr Baron.« Dann ging er. Es war ein warmer Frühlingsmorgen, die Sonne lag noch hinter einem dünnen Wolkenschleier, es wurde fraglos ein schöner, sommerlicher Tag. Alle Bäume und Sträucher in den Parkanlagen der Georgstraße standen in grünem Kleide. Die Straßen waren leer, aber einzelne Spaziergänger sah man doch schon, ältere Herren, die ihre Brunnenpromenade machten und sich über das Wetter ebensosehr freuten wie über die große Pünktlichkeit und Energie, mit der sie dem Versucher »Bett« zum Trotz auch heute morgen sich herausgemacht hatten. Sie fanden es abgeschmackt, daß alle andern Leute ihres Standes, den verhängten Fenstern nach zu urteilen, noch fest schliefen »an einem solchen Morgen!«, und sie vergaßen dabei, daß sie selbst noch vor vierzehn Tagen sich früh beim schönsten Sonnenschein nur um so behaglicher im Bett gedehnt hatten. Und daß sie, wenn die letzte Flasche »Karlsbader« getrunken ist, um Morgensonne und Vogelgezwitscher sich den Teufel kümmern würden. Die ersten Arbeitsleute erschienen nun auch in den Straßen – Menschen, die »Karlsbader« nie benötigen und dieses Getränk nicht einmal vom Hörensagen kennen – die Bäckerjungen kamen, die Zeitungsfrauen, die Milchwagen vom Lande, die große Provinzialstadt war aufgewacht. Joseph ging so rasch er konnte den Weg zur Rennbahn. Bisweilen schaute er sich um, ob keine Droschke zu sehen sei, aber er suchte danach vergeblich. Er dachte nur dumpf an die enormen Geldverluste dieser Nacht, er hatte das Gefühl, daß jetzt alles darauf ankomme, Marie nicht warten zu lassen. Einmal blieb er ein paar Augenblicke stehen, um Atem zu schöpfen und seine Gedanken zu sammeln. Was wird Marie sagen, wenn sie ihn so sieht: das übernächtige Gesicht, Zigarettenasche auf der Uniform, die Haare nicht geordnet, Hände und Gesicht nicht gewaschen! ›Kehr um,‹ dachte er, ›geh nach Haus. Leg dich zwei Stunden schlafen und begib dich dann zum Dienst. Oder auch nicht zum Dienst, melde dich krank. Und dann setze dich hin und schreibe an Marie einen Brief: »Ich habe an Dir miserabel gehandelt, ich stehe direkt vor dem Ruin, gib mich frei, nimm Deine Freiheit zurück.« Sie wird einen andern finden, der sie glücklicher macht, sie braucht nur die Hand auszustrecken, um unter hundert zu wählen, die mehr taugen als ich. – Aber sie wartet! Sie steht jetzt draußen vor der Tribüne und schaut sich ängstlich um, ob ich nicht kommen Er sah im Geiste die großen ängstlichen Augen, deren ganze Angst ihm galt! Und er sah die andern Herren zu ihr herantreten: »Nun, so allein? Läßt Herr von Heidenstamm Sie warten, gnädiges Fräulein?« Vorwärts. An einem Wasserbrunnen befeuchtete er sein Taschentuch und fuhr sich über Gesicht und Hände. Da war die Rennbahn, endlich – zwanzig Minuten nach sechs. Vielleicht war Marie noch gar nicht da, hatte es verschlafen, kam erst später oder gar nicht. Er gab sich einen letzten Ruck, schob die Mütze aus der Stirn und versuchte ein heiteres Gesicht zu machen. Nun bog er um die Ecke. Da stand Marie, fünfzig Schritte vor ihm, ganz allein. Sie sah ihn nicht, sondern lehnte an der Barriere und beobachtete zwei Damen, die querfeldein ritten. Die Sonne war durch die leichten Morgenwolken gedrungen und legte einen goldenen Schimmer über die Heide. Drüben am Rande der Rennbahn stand der Wald im Maiengrün, rechts in der Ferne fuhr ein Schnellzug vorbei. Marie hatte beide Arme auf die Holzbalken gelegt und wippte auf einer Fußspitze leicht auf und nieder, ihre schlanke junge Figur hob und neigte sich. »Guten Morgen, Marie!« Mit einer raschen Bewegung wandte sie sich um. »Na, endlich! Langschläfer!« »Verzeih, Marie, aber ich – ich –« »Entschuldige dich nur nicht, du hast dich verschlafen. Während ich schon um vier aus dem Bett war. Jede Stunde während der ganzen Nacht bin ich aufgewacht, immer in der Angst, ich könnte zu spät kommen.« Joseph versuchte, ein gutgelauntes Gesicht zu zeigen, aber es wurde nur eine Grimasse. Er hätte ihr sagen können: »Ich war die Nacht mit Rochus und den andern zusammen, ich war überhaupt nicht im Bett,« und sie hätte ein wenig geschmollt und ihn gescholten wie schon oft, wenn er ihr lächelnd seine nächtlichen Fahrten freiwillig beichtete, aber er fand nicht den Mut. Er belog sie, zum erstenmal. »Du siehst blaß aus, Joseph; um Gottes willen, werde nicht krank. Ein Glück, daß dieser Prozeß nun endlich vorbei ist!« »Vorbei ist, – sehr richtig, ein Glück. Und alles, jawohl.« »Wie?« »Was? Was sagte ich denn?« »Joseph, du bist krank!« »Unsinn, Unsinn. Ja – und was ich sagen wollte – die Pferde – ist der Bursche nicht da? Franz?« »Da drüben steht er.« »Richtig. Ja, dann wollen wir hingehen, nicht wahr? Ich werde ›Frangipani‹ über den Steeplechasekurs reiten.« »Joseph, du reitest heute nicht, tue mir die Liebe. Du zitterst ja, wahrhaftig! Mein Gott, Joseph, was fehlt dir?!« »Zittern?« Er lachte gezwungen. »Ich bitte dich! Weshalb soll ich zittern? Weil ich reiten will? Ja? Oder weshalb? Kleiner Narr!« Er zog sie an sich – niemand war in der Nähe – und drückte ihr einen Kuß auf den Mund. Er fühlte, daß dieser ganze Morgen eine einzige Lüge war: sogar die Zärtlichkeit, sogar der Kuß. Alles Lüge, alles Betrug! Aber er hatte jetzt einen gewissen Halt gewonnen, wie jemand, der die erste Unwahrheit glücklich überwunden hat und nun kaltblütig die verlorene Sache zu Ende führt. Er legte beide Hände an den Mund und rief wie in einen Schalltrichter: »Franz! He! Hierher!« Der verschlafene Bursche, der seitab einen großen Fuchs beständig in einem Kreise umherführte, horchte auf, stand einen Augenblick stramm und kam dann mit dem Pferde am Zügel über den Rasen getrabt. »Da hätten wir ihn.« Joseph klopfte dem Hengst auf den Hals und zog die Schnallen am Sattelgurt enger. »Du kannst ihn ruhig anfassen, Marie, er ist nur im Rennen ein Verbrecher, der mich am liebsten vor jedem Graben über den Hals schleudern möchte. Im übrigen ist er ein lieber, guter Kerl, was, Frangi?« Es war merkwürdig: in dem Augenblicke, wo er mit dem Pferde zu tun hatte, war er wieder ein andrer Mensch. Alle Sorgen schienen weit zurück zu liegen, die Augen verloren ihre müde Starrheit, und die Muskeln spannten sich. Dann trat er einige Schritte zurück neben Marie und musterte den Hengst. »Sieht er nicht wundervoll aus? Diese Brusttiefe und der kurze, stramme Buckel! Fühl mal die Beine an, klar wie Glas.« Marie fürchtete sich, denn sie hatte nie mit Pferden zu tun gehabt, aber Joseph zog sie lachend heran und legte ihre schlanken Finger um die feinen warmen Fesseln des Pferdes dicht über dem Vorderhuf. Der große Hengst stand ganz ruhig, und nun bekam sie Mut und streichelte seinen Hals und den hübschen Kopf. »Du wolltest ihm doch Zucker mitbringen?« »Ja, richtig!« Sie fuhr mit der Hand in die Tasche und holte einige Stücke hervor: »Wird er nicht beißen?« »Gott bewahre.« Das Pferd schnupperte nach ihrer Hand, die beim ersten Versuche ängstlich zurückzuckte, dann reichte sie ihm tapfer Stück auf Stück. Der Bursche stand mit einem Grinsen daneben, während Joseph in einer aufsteigenden seltsamen Bewegung die Gruppe betrachtete. Er schwang sich in den Sattel: »Du mußt dich nun eine Viertelstunde gedulden, Marie; ich reite den Hengst rings um die Bahn und komme dort drüben über den Graben wieder hierher. Addio.« Sie lächelte ihm zu: »Addio!« Lange blickte sie ihm nach, bis er links hinter den Pulverschuppen verschwand. Solange Joseph vor den Tribünen ritt und Maries Blick noch hinter sich wußte, saß er gerade aufgerichtet im Sattel, dann fiel er langsam, ohne sich dessen selbst bewußt zu werden, in sich zusammen. Die Augen hielt er mechanisch voraus, um den Kurs zu beobachten, aber der Kopf hing müde vornüber, die Schenkel lagen schlaff an. Der Hengst, der die Teilnahmlosigkeit des Reiters fühlte, wurde langsamer, aber erst in dem Moment, als das Pferd aus dem Galopp in Trab überging, fuhr Joseph auf und nahm sich und den Gaul wieder zusammen. Nach einiger Zeit wiederholte sich das Spiel. Vor den Hürden und Hindernissen raffte der Reiter sich jedesmal instinktiv in die Höhe und gab maschinenmäßig dem Pferde die notwendigen Hilfen, und nur einmal – als Frangipani die Steinmauer tadellos gesprungen hatte – wurde Joseph einige Sekunden lang wach zum Nachdenken. ›Seltsam, wie er heute springt, fast allein. Er kennt seinen Reiter. Wenn es auf mich eben angekommen wäre, so lägen wir beide hinter der Mauer im Heidekraut.‹ Er beugte sich vornüber und klopfte auf den schlanken, muskulösen Hals des Tieres. ›Gut so, gut. Wir hätten vielleicht beide das Wiederaufstehen vergessen – hm – und für einen von uns wäre das kein Unglück gewesen.‹ Marie sah ihn von weitem herangaloppieren, es sah hübsch aus, wie Pferd und Reiter in der Morgensonne über die Grasfläche näher kamen, während außer ihnen niemand auf der Rennbahn zu sehen war. »Da reitet Heidenstamm.« Sie blickte sich um: eine Anzahl junger und jüngster Offiziere, die sie nicht kannte und die wohl erst kürzlich herkommandiert waren, waren von der Stadt hergekommen und standen in ihrer Nähe; einer derselben glotzte ihr mit unverschämter Neugier ins Gesicht. »Heidenstamm?« schnarrte ein blutjunger Leutnant, »woher wissen Sie das? Sie können doch den Reiter da nicht aus zweihundertundfünfzig Meter Distanz erkennen.« »Mein lieber Freund, so sitzt nur ein Mensch in Hannover zu Pferde, und das ist Heidenstamm. Er sitzt im Sattel wie ein alter Herr und gewinnt seine Rennen wie ein junger Gott. Sehen Sie, da kommt er. Ist er es, oder ist er es nicht?« »Wahrhaftig.« »Ein Reiter, wie es keinen wieder gibt. Der zweite Seydlitz. Dreiundzwanzig Jahre alt, stellen Sie sich das vor! Stellen Sie sich vor: die Carriere!« Marie horchte mit aller Anstrengung. Der Sprecher war derselbe, der sie kurz vorher so unverfroren angestarrt hatte, aber sie war ihm nicht mehr böse. Unter ihrem Schleier, den sie rasch hinabgezogen hatte, blickte sie zu dem jungen Menschen hinüber und lächelte leise: »Wenn der wüßte, daß ich Josephs Braut bin!« Falls dieser flüchtige Einfall als ein Wunsch gedacht war, so ging er außerordentlich rasch in Erfüllung, denn zehn Sekunden später hielt Joseph seinen leise keuchenden und an den Flanken schweißbedeckten Hengst hart an der Barriere unmittelbar neben ihr an. Er grüßte zu den Offizieren hinüber, die außerordentlich artig den Gruß erwiderten, und reichte Marie die Hand. »Einen Moment noch, Schatz. Er soll den Wassergraben springen, dann hat er genug für heute. Nicht wahr, du langweilst dich?« »Nicht im geringsten, im Gegenteil.« »In fünf Minuten bin ich bei dir.« »Das ist seine Braut.« »Zum Donnerwetter, wer konnte das wissen!« »Eine berühmte Schönheit, Fräulein von Schulenberg.« Marie tat, als ob sie mit gespannter Aufmerksamkeit Joseph beobachtete, der jetzt Frangipani an den Wassergraben heranbrachte, aber sie wußte genau, daß alle Blicke der Herren auf sie gerichtet seien, und das gab ihr ein eigentümlich warmes und heiteres Glücksgefühl. ›Jetzt reden sie über mich, jetzt sagen sie: das ist Herrn von Heidenstamms Braut, jetzt wird der kleine Leutnant mich nicht wieder so keck anschauen. – Ob ich gut aussehe?‹ Sie ließ den Blick, ohne sich zu bewegen, über Jacke und Kleid gleiten und war zufrieden. Nichts ist so angenehm, als wenn die Leute uns untertaxiert hatten und werden plötzlich darüber aufgeklärt, welche vornehme und ausgezeichnete Persönlichkeit sie vor sich haben. Frangipani liebte die Wassergräben nicht, es hatte eine Zeit gegeben, wo er hartnäckig unter jedem Jockey und Herrenreiter Hindernisse dieser Art refüsierte, und auch Joseph hatte immer Mühe gehabt, den stets etwas stutzenden Hengst geradeaus zu halten und ihn mit genügendem Schwunge hinüber zu werfen. Heute zum erstenmal ging der Hengst ohne das geringste Zögern heran, sprang tadellos ab und flog wie ein Vogel hinüber, keinen Centimeter zu hoch, lang, glatt, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu verlieren. »Bravo!« Die Offiziere klatschten in die Hände, und Heidenstamm schaute, die Zügel verkürzend, nach links hinüber, den Zuruf mit Lächeln und Kopfnicken quittierend. Auch Marie hob unwillkürlich die Hände. Einen Moment hatte ihr das Herz stillstehen wollen, als Frangipani im Renntempo gegen den Graben heranjagte, sich hob und seinen Reiter durch die Luft trug, alles Blut war ihr zum Herzen geströmt und übergoß nun, rückwärts eilend, ihre Wangen mit tiefrotem Schimmer. »Bravo,« sagte sie leise, und »Bravo, Joseph!« nickte sie ihm zu, als er jetzt zurückgeritten kam. »Das war ein Sprung, was?« Er lachte über das ganze Gesicht. »Der Hengst ist seit heute zehntausend mehr wert. Ich komme, Marie, wir gehen nun.« Der Bursche lief heran, um dem Pferde Decken überzulegen, und Joseph sprang aus dem Sattel. »Nun wollen wir frühstücken, Schatz.« Er grüßte im Gehen die Kameraden, während Marie, den Arm in seinen Arm gelegt, nur leicht mit dem Kopfe nickte. Wie höflich verneigten sich die Herren, mit welchen Verbeugungen – es war ein reizender Moment, der jede junge Dame in gleicher Lage entzückt hätte. Joseph hatte seine ganze Elastizität wieder gewonnen. Vielleicht wurde nun doch noch alles gut, trotz dieser wahnsinnigen Nacht, die ihm beinahe den Todesstoß versetzt hatte. »Jetzt hängt alles davon ab,« sagte er, während sie in den Wald einbogen, »ob ich die ›Armee‹ gewinne, morgen in vier Wochen, in Berlin.« »Welche ›Armee‹?« »Die ›Armee‹, das größte Hindernisrennen des Landes. Das Jagdrennen der preußischen Armee; hast du davon nie gehört?« »Nein.« »Du kommst mit nach Berlin, Marie, du sollst dabei sein. Du bist immer mein guter Engel, du darfst an dem Tage nicht fehlen.« »Das wäre reizend!« »Da wirst du dich wundern! Du warst nie in Berlin, und das ist der schönste Tag, den Berlin hat. Du wirst Augen machen! Der Kaiser kommt hinaus zum Rennen, die Prinzen, der Hof, alle Generale, jeder Offizier, überhaupt ganz Berlin. Es ist der großartigste Renntag, den es in Deutschland gibt.« »Und du glaubst, Joseph, du wirst das Rennen gewinnen? Vor dem Kaiser?« »Ich muß.« »Mit Frangipani?« »Ja.« Er blieb einen Augenblick stehen, wie um Atem zu schöpfen. »Marie, dann – dann heiraten wir. Dann – dann bin ich aus allen Sorgen.« »Ist der Preis in dem Rennen so hoch?« »Das nicht, nein, aber man muß« – er wollte sagen: ›Auf diese Karte das Letzte setzen‹, – aber er besann sich und sagte: »Man muß das ausnutzen. Man kann jetzt, vier Wochen vor dem Rennen, lange Wetten bekommen, 12:1, 10:1, 8: 1 und so weiter. Man muß Frangipani zu jedem Betrage wetten, denn – Marie, ich bitte dich, sprich zu keinem Menschen darüber – nur Frangipani gewinnt das Rennen.« »Nicht darüber sprechen?« »Nicht einmal zu deiner Mutter, zu keinem Menschen in der Welt. Niemand weiß, wie der Hengst galoppiert, nicht einmal ich selbst habe es gewußt, bis heute. Es gibt kein Pferd im Lande, das ihn schlagen kann, ich kenne sie alle, es gibt keins.« »Aber, Joseph, wenn du dich irrst?!« »Nein, nein,« – er lachte nervös – »ich habe sie alle geritten, die da irgendwie in Betracht kommen, von heute an bin ich meiner Sache sicher, absolut.« Er setzte ihr hastig in seinen Fachausdrücken den Sachverhalt auseinander, erörterte die Chancen jedes seiner Gegner: »Für › Fritz George‹ ist der Weg zu weit – ›Lanterne‹ ist für ein solches Rennen nicht Klasse genug – ›Johannesburg‹ hat in Hoppegarten nie seine Charlottenburger Form gezeigt, und ›Bravienka‹, die allein ›Frangipani‹ schlagen könnte, wird von Questenberg geritten – Questenberg von den Deutzer Kürassieren, du kennst ihn, er war früher hier auf Reitschule – und diesen Questenberg« – er lachte – »steck' ich in die Tasche.« Marie verstand wenig von dem, was er sagte, aber sie hörte aus diesen vielen Worten auch nur das heraus, was sie zu hören sich sehnte: daß nun endlich für Joseph und sie das Glück vor der Tür stand. Noch vier Wochen! Am neunten Juni! An diesem neunten Juni würde man die Tür weit öffnen und das Glück herein rufen! Im »Neuen Hause«, dicht vor der Stadt, tranken sie unter den hohen alten Eichbäumen den Morgenkaffee. In dem großen Garten saßen nur vereinzelte Leute, die gleich ihnen ihr Frühstück im Freien einnahmen – vielleicht waren es die alten Herren, die ihre Brunnenpromenade beendet hatten –, so konnten die beiden ungestört ihren Zukunftstraum von Glück und Heirat weiter träumen. Marie schenkte den Kaffee in die Tassen und machte die Butterbrote zurecht. »Weißt du, Joseph, wie mir das heute morgen vorkommt?« »Nun?« »Als ob wir auf der Hochzeitsreise wären.« Er lachte, und Marie errötete und lachte auch. Dann machten sie Pläne, wohin die schönste aller Reisen sie führen solle: an den Rhein, nach Ostende, vielleicht, mit einem kurzen Abstecher, nach England. Und Marie, die nichts von der Welt gesehen hatte, absolut nichts als die engste Umgebung Hannovers, hörte mit leuchtenden Augen zu, wie Joseph vom Rhein und von Ostende und England erzählte. Das alles würde sie nun kennen lernen, mit einem solchen Führer! Die Spatzen hüpften um sie her, denen Joseph Brotkrumen zuwarf, aber Marie beachtete die zudringlichen kleinen Kerle nicht, obwohl sie den ganzen strengen Winter hindurch die graue Bande vor ihrem Fenster gefüttert hatte. Sie sah mit leuchtenden Augen auf den Geliebten, die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt und das Kinn auf die Hände gelehnt. Das Dampfschiff kam, und sie fuhr mit ihm über das Meer, die Themse hinaus, sie sah London, Windsor, Richmond – immer mit ihm, immer mit ihm. Ja, es war ein lieber Maienmorgen, an dem man nichts Schöneres tun konnte als Reisepläne schmieden – Hochzeitsreisepläne. Viertes Kapitel Wenn die Erdbeerenzeit kommt, wissen die Einwohner der Stadt Hannover nicht recht, was sie mit der unmäßigen Menge dieser Früchte anfangen sollen. Vor zwanzig, dreißig Jahren waren die Erdbeeren noch rar, aber spekulative Köpfe sagten sich, daß man ohne Schwierigkeit auch vornehme Gartenerzeugnisse en masse produzieren könne, und der Plan reüssierte so vortrefflich, daß Hannover heutzutage im Frühling von Erdbeeren und Spargeln überschwemmt wird. Die alte Welfenstadt gleicht in dieser Hinsicht der Nachbarin, der noch älteren Welfenstadt Braunschweig, die mit ihrer Riesenproduktion von Spargeln, Schokolade, Honigkuchen, Cervelatwürsten, Konserven, Leberwürsten und so weiter in der ganzen Welt einzig dasteht. Als Marie noch klein war, aß man die Erdbeeren mit gestoßenem Zucker, als sie größer wurde, erfand man die Mischung der roten Beeren mit weißer Schlagsahne, aber erst im Frühling 1888 lernte sie das allervornehmste Rezept kennen: Erdbeeren in Champagnercreme. Es ist das eine superbe Komposition, deren allgemeine Verbreitung sich durch die allzu großen Herstellungskosten verbietet, die aber allenthalben dort, wo man der Kochkunst Konzessionen machen kann, mit Recht beliebt ist. Natürlich war es Berlin, wo Marie die neue Speise kennen lernte – in Hannover hätte sie dazu keinerlei Gelegenheit gehabt –, und zwar bei dem famosen Diner, das die alte Excellenz von Dewitz ihr zu Ehren im Hotel Monopol veranstaltete. Diese ganzen acht Tage, die sie nun schon in Berlin verlebt hatte, waren ein einziger Freudenrausch. Sie wurde gefeiert wie ein glänzender Stern, der plötzlich aufgetaucht ist und der alle andern Sterne und Sternchen verdunkelt. Sie wohnte bei den Dewitz in der Kurfürstenstraße, aber die alte Tante, die sie mit offenen Armen aufgenommen hatte, sah ihren strahlenden jungen Gast eigentlich nur frühmorgens. »Joseph Heidenstamms Braut!« Die drei Worte hätten als Empfehlungsbrief für das »Provinzmädel« vollständig genügt, denn der glänzendste Reiter der Armee war in der Gesellschaft der »Garden-Stadt« – seiner eigentlichen Garnison – noch besser bekannt wie in seiner Heimat Hannover. Aber was brauchte Marie Empfehlungsbriefe! Sie sah reizender aus als je, sie hatte diesen Gipfel erreicht, den auch das schönste Mädchen nur kurze Zeit – vielleicht nur Monate, vielleicht nur Wochen, vielleicht nur einen einzigen Tag – behauptet. Sie selbst weiß es nicht, wann die Stunde dieser feinsten Blüte erreicht ist, und wir andern wissen es auch nicht, bis eines Tages auch der ungeübte Blick sieht, daß die lieblichsten Tage der kleinen, immer noch duftenden Rose vorüber sind. Und dann erinnern wir uns erst, wie schön sie war, – war! Sie selbst kommt zu dieser Einsicht erst viel, viel später, und das ist gut so. Moralische Philosophenklagen über das geringe Maß menschlicher Selbsterkenntnis, das doch eine der besten Gaben einer gütigen Natur ist. Wie jammervoll wäre die Welt, wenn jeder sich richtig beurteilen könnte und wollte! Eine larmoyante Welt ohne Freude! Die Reise nach Berlin bildete in ihrem größten Teile Maries glücklichste Zeit. Schon die Vorbereitungen boten eine Fülle angenehmer Sorgen. Man mußte eine Unmenge neuer Kleiderstoffe kaufen, die Joseph in eigner Person auswählen half und die von Fräulein Schilling – einer Dame, die schon Maries Kinderkleidchen genäht hatte – mit solcher Bewunderung betrachtet und mit solcher Aengstlichkeit zugeschnitten wurden (denn sie war sich der ungeheuern Verantwortung wohl bewußt), daß alle drei neuen Kleider total mißlangen. Aber was will auch das mißlungenste Kleid bedeuten, wenn seine Trägerin die schönste Jugendlichkeit verkörpert! Niemand bemerkte die technischen Irrtümer an der blauseidenen Taille, niemand die unmodernen Aermel an dem englischen Straßenkleide; und Maries unermeßlicher Erfolg, der von Berlin natürlich nach Hannover hinübertönte, versetzte Fräulein Schilling in den Wahn, daß sie die erste wirklich bedeutende Aufgabe ihres Lebens genial gelöst habe. Dann gab es große Wäsche, und alle die zahllosen Wäschestücke, die Maries Riesenkoffer zu füllen bestimmt waren – hinreichend, um damit eine Reise nach Australien anzutreten –, wurden von ihr selbst im Laufe zweier Tage geplättet. Zweimal kam Joseph, um sie zu einem Spaziergange abzuholen, und Marie lief dann aus der Küche zu ihm ins Wohnzimmer, um ihm mitzuteilen, daß sie unter keinen Umständen, selbst nicht dem Geliebten zuliebe, von dem Steinkohlenfeuer und den heißen Plättbolzen sich auf länger als fünf Minuten entfernen dürfe. Sie trug ein helles Kattunkleid mit ganz kurzen Aermeln, aus dem ihr weißer Hals und die schlanken Arme hervorschauten. Ihre Backen waren von der Herdhitze glühend heiß, und ihre Augen schienen noch strahlender als sonst. Es war wirklich Joseph nicht zu verdenken, daß er sich die Erlaubnis erbat, dem Plättgeschäfte beiwohnen zu dürfen, aber sie litt ihn nur eine kleine Viertelstunde in ihrer Küche, nur eben so lange, um ihm an einem harmlosen Taschentuche zu demonstrieren, daß sie wirklich in der Kunst des Plättens ebenso erfahren sei wie in der sonstigen Leitung eines Haushaltes. Bei der Instandsetzung aller übrigen Damenwäsche war seine Anwesenheit unnötig, durchaus, und all sein Bitten um Verlängerung des Aufenthaltes in der Küche fand unnachsichtliche Zurückweisung. Es wurde auf Gnade Joseph noch gestattet, das Plätteisen selbst einmal in Bewegung zu setzen, wobei er ein Batisttuch dermaßen malträtierte, daß Marie vor Lachen sterben und die alte Anna Krämpfe bekommen wollte, dann aber war die Gnadenfrist abgelaufen, und Joseph wurde mitleidlos hinauskomplimentiert. Schließlich mußte für die Berliner Reise eine förmliche kleine Aussteuer gekauft werden: neue Knopfstiefel, neue Hausschuhe, neue Ballschuhe – man konnte ja nicht wissen, ob in Berlin nicht auch im Sommer getanzt wird, und es wurde in der Tat während Maries dortigem Aufenthalt zweimal getanzt – neue Handschuhe, neue Bänder, neue Strümpfe, neue – kurz und gut, so viel Neues, daß die kleine Kasse der Mama außerordentlich stark mitgenommen wurde. Aber es war freilich hohe Zeit gewesen, die allzu sparsam gehaltene Toilettenausstattung Maries aufzufrischen. Berlin! Der bloße Name hatte für Marie seit ihrer Kinderzeit immer etwas Mystisches gehabt. Das war die große Stadt, die da im Osten lag; mit den Kurierzügen, die sie täglich über die Eisenbahnbrücke der Königstraße donnern hörte, in fünf Stunden zu erreichen, für Marie aber so fern wie ein Märchenland, von dem man wohl hört, das man indessen nie sehen wird. Die Stadt des Kaisers, der Garden, der großen Paläste, der Botschafter, die Stadt, wo die vielen Mordtaten passieren, voll von Schönem und Schrecklichem! Jeden Tag liest man in den Zeitungen irgend etwas, das in Berlin vor sich ging, alle Freundinnen waren schon dort und erzählen begeistert die kleinsten Details ihrer Reise, man sieht Abbildungen der Straßen, Schlösser, Theater, aber alles dieses Viele zusammengenommen gibt nur ein vages Bild, das allenthalben Lücken zeigt und im Grunde genommen nichts, gar nichts sagt. Und nun saß Marie in dem Schnellzuge, der aus der Glashalle des großen hannoverschen Bahnhofs langsam hinausrollte, und wußte, daß sie in vier Stunden und dreißig Minuten in Berlin sein würde. In der Stadt, die nach ihrer Verheiratung wohl für immer ihre neue Heimat werden sollte! Wie ein Kind schaute sie aus dem Fenster nach jedem vorbeifliegenden Hause. – – Die Leute in Berlin spielen nicht gern Bärenführer, weil sich das für alle die, die eine zahlreiche Provinzialverwandtschaft haben, als eine der mühseligsten, ewig gleichen, kostspieligen und zeitraubenden Arbeiten erweist. Man hat darüber oft geschrieben, es lohnt sich nicht, die uralte tragikomische Geschichte neu aufzuwärmen. Aber Marie durfte sich über ihre Führer nicht beklagen, denn – um bei dem Bilde zu bleiben – einen so niedlichen und hübschen Bären, einen so dankbaren und alles bewundernden Bären gab es nicht leicht zum zweitenmal. Joseph kam in den ganzen ersten zehn Tagen nur einmal nach Berlin, an einem Sonntage, weil er erstens keinen Urlaub hatte und zweitens mit dem Training seines Hengstes jeden Morgen in Hannover beschäftigt war; aber vielleicht war es ganz gut so, denn an diesem einen Tage zeigte er sich so nervös und müde, daß Marie von Sanssouci und der Dampferfahrt nach Wannsee wenig Freude hatte. Allen andern schien Josephs Wesen durchaus begreiflich, denn: »Beste Marie, in fünf Tagen haben wir die ›Armee‹!« »Beste Marie, da soll einer nicht nervös sein! Wenn er sein eignes Pferd vor Seiner Majestät in der ›Armee‹ reiten soll! Ein Pferd, das Favorit ist! Von dem ganz Berlin redet!« Wirklich, ganz Berlin redete davon. Saß Marie früh beim Kaffee, so stöberte Cousine Franziska »Post« und »Kreuzzeitung« durch, bis sie die »Sportnachrichten« entdeckt hatte, in denen fast regelmäßig und täglich von Herrn von Heidenstamm und »Frangipani« irgend etwas zu lesen stand. Alle Vettern und Cousinen waren erstaunt, daß Marie von der Sache nichts verstand. »Sie kann nicht einmal reiten!« erzählte Franziska allen Bekannten, die das zunächst nicht glauben wollten, nachträglich aber fanden, daß diese sportliche Unerfahrenheit Marie einen entzückenden Schimmer von Naivität verlieh. »Sie weiß nicht, was Training ist, sie weiß nicht, daß ›Frangipani‹ Favorit ist, sie weiß nicht einmal, was das heißt: Favorit!« »Reizend, reizend!« sagte der lange Onkel, »wie das einem wohl tut, endlich einmal ein junges Mädchen zu finden, das Mensch ist!« »Sie hat nie die ›Sportwelt‹ in der Hand gehabt, sie weiß nicht, was Wetten sind, ich meine Rennwetten.« »Reizend.« Franziska gab ihr die Sportzeitungen zu lesen, die in langen Leitartikeln das bevorstehende große Rennen besprachen, und es war für Marie ein seltsames Gefühl, Josephs Namen da immer wieder zu finden. Seine Reitkunst und seine körperliche Kraft wurden in Ausdrücken gelobt, die sie in Erstaunen und Verwirrung versetzten. Fremde Menschen schrieben das, wußten das, und sie, seine Braut, hatte sich um das alles nie gekümmert. »Warum hat er mir das nie zu lesen gegeben?« fragte sie sich, und ein Gefühl von stolzer Freude stieg in ihr auf: »Weil Joseph zu groß denkt und zu bescheiden!« Sie sammelte alle die Zeitungen und bat Franziska, ihr jeden Fachausdruck zu erklären. Sie war bei dem Studium dieser trockenen Materie mit einem wahren Feuereifer und freute sich wie ein Kind darauf: welches erstaunte Gesicht Joseph machen mußte, wenn sie wie eine Sportlady mit allem vertraut sein würde. In den Gesellschaften drängten die Herren um sie mit Fragen nach Joseph: Glaubt er, daß er gewinnen wird? Wann kommt er? Ist »Frangipani« schon nach Berlin geschafft? – bis in dem weltunerfahrenen Mädchenkopfe Wesen und Wert und Bedeutung dieses Themas bizarre Formen annahmen. Ganz Berlin schien für sie nur noch um das große Armeerennen sich zu drehen, in dessen Mittelpunkt wie alle Menschen und alle Zeitungen versicherten, Joseph stand. Ihr Liebster war der Held, den die Männer bewunderten und die Frauen wie einen ruhmgekrönten Sieger verehrten, dem vielleicht der Kaiser selbst den Preis reichen, und der, wie Franziska ihr hundertmal erzählte, unter einem Jubelsturm der Menschen über den Rennplatz reiten würde. Maries Liebe zu Joseph konnte nicht größer werden, gewiß nicht, aber ihre Liebe wurde in diesen letzten Tagen fast demütig und fast scheu. Sie so klein und er so groß! Schließlich schien es ihr, als drücke das alles wie eine schwere Last sie tiefer und tiefer, aber in dem Augenblicke, wo Joseph kommen und sie umarmen würde, fiel diese Last, das wußte sie, von ihrem Herzen, und sie würde sich an ihn schmiegen und wieder ganz leicht und ganz glücklich an seiner Brust ruhen. Nein: sie nicht klein und er nicht groß. Zwei, die zu einander gehören, wie früher, wie immer. Was braucht man da zu messen! Wäre er nur schon da und nähme sie wieder mit! Dieses Berlin war amüsant und herrlich, von früh bis zur Nacht ein Taumel von Lust und Aufregungen und immer Neues, aber Marie sehnte sich heim. Nur noch der eine große Tag und dann heim! * Sie stand mit Franziska in der Halle des Friedrichs-Bahnhofs, als der hannoversche Zug abends sieben Uhr hereinkam. Blitzschnell flogen ihre Augen die lange Wagenreihe auf und ab, und da – »Joseph!« »Marie!« »Ach, endlich, endlich!« Sie küßte ihn fast zu stürmisch. »Endlich! Endlich!« Bis Fräulein Franziska ungeduldig wurde und gleichfalls Beachtung verlangte. »Nun, – Joseph, wie geht's?« Er schüttelte ihre Hand und stotterte ein paar Worte, wie jemand, der auf das »Abgeholtwerden« nicht vorbereitet war oder doch nur eine einige junge Dame auf dem Bahnhof erwartet hatte, dann blickte er sich ratlos um: »Ist da kein Gepäckträger?« Er hatte ganz das Wesen eines Menschen, der zum erstenmal auf der Eisenbahn gefahren ist und nun ganz verwirrt mit nichts Bescheid weiß. Zwischendurch schenkte er Marie ein flüchtiges Lächeln: »Wie geht's?« – ein Lächeln auf Abschlagszahlung – und suchte dann wieder: »Ist da wirklich kein Gepäckträger? Sie sind alle besetzt. Ich werde die Sachen selbst tragen.« Die »Sachen« bestanden nur in zwei Gegenständen: einer alten, vielgebrauchten Reitpeitsche und einer großen, vielgereisten Ledertasche, in der sich Sattel und Reitausrüstung befanden. »Faß an, Marie,« lachte die Cousine, »wir tragen die Tasche,« und Joseph war in einer so merkwürdig kopflosen Verfassung, daß er zunächst keinen Einspruch erhob. Dann freilich besann er sich und nahm den Mädchen die Tasche ab, um sie selbst zur Droschke zu bringen. »Morgen um diese Zeit,« sagte Franziska, und Joseph und Marie wiederholten den Satz: »Ja, morgen um diese Zeit!« Dann war das große Rennen vorüber, dann wußte man, wie die Zukunft sich gestalten würde. »Ist ›Frangipani‹ schon in Berlin?« »Ja, seit gestern abend.« »Bist du aufgeregt, Joseph?« Und er nickte ehrlich: »Ja.« »Tröste ihn, Marie, ich drehe mich um.« Marie nahm seine beiden Hände in die ihrigen und beugte sich vor: »Joseph?« Sie schauten sich lange an, während die Droschke über den Königsplatz humpelte und Franziska nach den flatternden Goldkleidern der goldenen Siegesgöttin so aufmerksam emporblickte, als ob sie den starren Faltenwurf zum erstenmal kritisch in Augenschein nähme. Ein weher Ausdruck zog über Maries Gesicht, denn mit so müden, erschöpften, hoffnungslosen Augen erwiderte Joseph ihren Blick, daß eine tödliche Angst in ihr emporstieg. An diesem ganzen Abend fanden sie nur ein einziges Mal Gelegenheit, ein paar Minuten miteinander allein zu sein, durch Franziskas Vermittlung, die sie in ihr eignes Zimmerchen führte und als Schutzengel vor der Türe Wache hielt. Zu Josephs Ehren gab es ein festliches Diner, bei dem Marie in dem blauen Seidenmusselin neben Joseph saß, bei dem nur von dem morgen stattfindenden Armeerennen die Rede war, bei dem auf das Brautpaar getoastet wurde, auf Joseph einzeln, auf Marie einzeln, auf den Sieg, bei dem gleich nach der Suppe mit Sekttrinken begonnen wurde und bei dem der alte General allen Nichten und anwesenden jungen Damen die Eröffnung machte, daß er für jede einzelne auf »Frangipani« ein Zwanzigmarkstück wetten werde. Gewann Joseph, so würde die ganze lustige Mädchenschar mit einem klingenden Geldgewinne an dem Siege beteiligt sein. Sie waren selig: eine Wette, eine richtige Geldwette! »Wieviel wird man da gewinnen?!« Sie drängten mit ihren hellen, leichten Kleidern wie eine Wolke um Joseph: »Joseph, gib dir Mühe! Dies eine Mal mußt du gewinnen! Auf jeden Fall!« Er lachte, sein blasses Gesicht war von dem Wein und der Aufregung gerötet. »Ja, ja, selbstverständlich! Wir gewinnen!« Nachher wurde getanzt, da endlich gelang es Franziska, ihre beiden Schützlinge für ein paar Minuten zusammenzuführen. Er umschlang Marie stürmisch, seine düstere Stimmung war verflogen, und Marie selbst hatten Wein und Tanz erregt. Sie sprachen nicht mehr über das Rennen und diese unheimliche Entscheidung ihres Lebensglücks, der sie mit jeder Stunde und jeder Minute näher kamen. Von fernher aus den Zimmern jenseits des Korridors klangen Musik und Lachen und der dumpfe Ton der tanzenden Füße, von der Straße herauf kam durch die geöffneten Fenster das Klingeln eines verspäteten Pferdebahnwagens. Und die kleine Wächterin vor der Tür fühlte trotz aller selbstlosen Freundschaft etwas wie einen Stich durch ihr Herz gehen. Die da drinnen waren das glücklichste Brautpaar auf dem weiten Erdenrund, und sie selbst – allein! Vielleicht – großer Gott! – für immer! * Um ein Uhr mittags begann auf allen Bahnhöfen der Berliner Stadtbahn der Andrang der Menschen. Eine halbe Stunde später nahm das Drängen an den Billetschaltern und vor den Coupés der langsam einfahrenden Rennzüge lebensgefährliche Dimensionen an. Die Gentlemen mit den gelben Tickets erster Klasse waren froh, in einem Wagen dritter Klasse stehend und in Gluthitze eingepfercht hinausbefördert zu werden, während die Gentlemen mit den Tickets dritter Klasse noch viel froher waren, auf den roten Sammetkissen die kleine Reise zu absolvieren. An eine Kontrolle nicht zu denken! Auf dem Schlesischen Bahnhof wurde der letzte Ansturm so fürchterlich, daß aller Flüche der Beamten ungeachtet die Leute auf die Plattform sich zusammenschoben, auf das Verdeck der Waggons kletterten und in den unglaublichsten Situationen die zwei Meilen lange Schnellzugsfahrt riskierten. Man kann das Publikum bändigen, wenn es zu Hunderttausenden beim Pfingstfeste ins Freie befördert zu werden wünscht, aber alle Beamtenschaft ist ohnmächtig gegenüber den zehntausend Rennbahnbesuchern, die von der hetzenden Besorgnis gedrängt werden, sie könnten das erste Rennen versäumen, das heißt die erste Gelegenheit zum Wetten verpassen. »Wer gewinnt die ›Armee‹?« »›Frangipani‹ und kein andrer!« »Heidenstamm und kein andrer.« Die Sonne deckte die riesigen Trains mit einer afrikanischen Glut, bohrte sich durch die verhängten Fenster der Coupés und brachte unglückliche Asthmatiker drinnen in Erstickungsgefahr. »Wer gewinnt die ›Armee‹?« Allenthalben dieselbe Frage. Bekannte, die sich einige Zeit nicht gesehen hatten und einander begrüßten, fragten nicht: »Wie geht's?« sondern: »Wer gewinnt die ›Armee‹?« Nur vorn am Zuge, wo die großen Salonwagen laufen, »reserviert für die Mitglieder des Unionklubs«, gab es glückliche Damen, die ihre neuen Toiletten in leidlicher Verfassung nach Hoppegarten brachten, alle andern Damenkleider wurden zerdrückt, abgerissen, abgetreten, mit Staub bedeckt, von Zigarrenasche überschüttet und von dem Ruß der Lokomotiven geschwärmt. Das einstimmige Gelübde jedes Mitreisenden war: »Einmal zum Armeerennen und nie wieder,« als man aber glücklich draußen angelangt war und am Büfett die erste Stärkung eingenommen hatte, schien aller Reiseärger verflogen, und die große Frage zirkulierte von neuem: »Wer gewinnt die ›Armee‹?« Die Kellner, die mit ihren Brettern voll Kaffeetassen und Biergläsern durch die Menge drängten, fanden, halbtot von Hitze und Arbeit, noch die Kraft, mit den Kollegen oder dem Mann am Bierausschank die vier Worte auszutauschen: »Wer gewinnt die ›Armee‹?« Und »wer gewinnt die ›Armee‹?« fragte Seine Königliche Hoheit Prinz Leopold, der in Begleitung seines Adjutanten von Berlin her die Fahrt im Zweispänner zurücklegte. »Joseph Heidenstamm, Königliche Hoheit, mit ›Frangipani‹.« Ein Gerücht ging über den Rennplatz: »Joseph gewinnt über die ›Armee‹ ein Vermögen, er hat seit Wochen in Berlin und Hamburg sein Pferd wetten lassen: 12000:1000, 10000:1000, nochmal dasselbe, dann 24000:3000, 20000:3000 und so weiter, er steckt mit ›Frangipani‹ alle Buchmacher in die Tasche.« War das Tatsache, dann mußte Josephs Ritt in der Tat eine »gute Sache« sein, und nun bemächtigte sich des ganzen Rennplatzes ein »Frangipanifieber«. »Wie lang ›Frangipani‹?« »Pari.« »Pari! Bei siebzehn Pferden! Das ist ja Wahnsinn! In einer Steeplechase, wo auch das beste Pferd stürzen kann!« Aber die Buchmacher und Wettagenten zuckten mit einem verdrossenen Blick die Achseln: »Pari und keinen Deut länger.« Einer war dabei, ein kleiner Buchmacher Namens Isidor Rosenthal – damals nur wenig bekannt, heute ein angesehener Mann –, der einen Nervenanfall bekam und ins Krankenzimmer geschafft werden mußte, wo man ihm mit Eis und Selterwasser nach einiger Zeit wieder auf die Beine half. Der behandelnde Arzt gab sich dem verzeihlichen Irrtume hin, daß der Kranke bei der fürchterlichen Hitze eine Art Sonnenstich bekommen habe, aber der »Ring der Buchmacher« wußte besser, an welchem Stich der arme kleine Isidor zusammengeknickt war, nämlich an der ›Armee‹. Es war allgemein bekannt, daß dieser unglückliche verblendete Mensch seit Wochen gegen »Frangipani« gewettet hatte, zu unsinnigen Kursen, daß ihn Habsucht und Spielteufel immer tiefer, zu immer tolleren Engagements veranlaßt hatten, und daß »Frangipanis« todsicherer Sieg Isidor heute das Rückgrat brechen würde. Man setzte den bleichen und zitternden kleinen Mann in die schattigste Ecke der Tribüne zwischen seine Frau und Schwester, denen der Arzt befahl, ihn unter keiner Bedingung vor Abend wieder in die Sonne zu lassen, und da saß er den langen Nachmittag und wartete mit unnatürlich weit geöffneten Augen auf die ›Armee‹. Denn das große Ereignis sollte erst nach einigen Stunden in Scene gehen, nachdem drei andre, minderwertige Rennen als Vorspeisen den Appetit des Publikums auf das höchste Maß gesteigert haben würden. Albrecht von Heidenstamm kam mit einem der Vorortzüge hinaus, so daß er das erste Rennen überhaupt nicht zu sehen erhielt. Er hatte keine Eile, das Gedränge der Menschen war ihm unangenehm, und ihm, der nie auch nur einen Pfennig wettete, war der Anblick eines Rennens mehr oder weniger absolut gleichgültig. Für das Armeejagdrennen hatte er den Ritt auf »Madagaskar« übernommen, einem hochbeinigen irischen Steepler, der seinem früheren Regimentskameraden Brandenberg gehörte. Es war ein aussichtsloser Ritt, den man ihm in früheren Jahren nicht anzubieten gewagt hätte, ein schlechtes Pferd, ein mäßiger Springer, gut genug für eine Jagd im Gelände, aber ohne alle Chancen in einem wirklichen großen Rennen. In seiner Uniform als Hauptmann des Großen Generalstabes wurde er von dem Publikum nur hie und da erkannt und auch von diesen wenigen Rennplatzbesuchern, die sich seiner Glanzzeit erinnerten, kaum beachtet. Er war nicht eitel, wenigstens nicht in dem Sinne der Bühnensterne und Rennbahnhelden; er hatte auch keinerlei Anlaß, sich über das rasche Vergessen der großen Menge zu erregen; seine glanzvolle Laufbahn innerhalb der preußischen Armee war gesichert, und an leitender Stelle hatte man ein besseres Erinnerungsvermögen für seine einst unvergleichliche Reiterbravour. Aber ein bitteres Lächeln ging doch über sein Gesicht, als er seitab stehend und unbeachtet plötzlich Joseph sah, der in einem dichten Gefolge von Damen und Herren über den Platz ging. Allenthalben machte man Joseph Platz, drängte heran, um ihn zu sehen, wies auf ihn mit Fingern und grüßte. »Da! Der da! Ja, der! Das ist der, der Frangipani reitet.« Nur die wenigsten Leute bedurften dieser Belehrung, aber am »Armeetage« sind Tausende in Hoppegarten, die das ganze Jahr hindurch keine Rennen besuchen und deshalb von den Stammgästen des Turfs über alle Personen und Vorgänge instruiert werden müssen. So hatte man einst auch auf Albrecht mit Fingern gedeutet! Es ist ja gut, wenn man den sicheren Hafen erreicht hat, aber damals – das Ringen und Kämpfen – war doch vielleicht schöner. Es war die Jugend gewesen. ›Weshalb habe ich diesen Ritt heute angenommen?‹ dachte er, als Joseph mit seinem Troß hinter den Büschen der Stallungen verschwunden war und er immer noch allein an der Eiche auf der Höhe des Sattelplatzes stand. ›Wie ein alter Komödiant, der immer noch nach den Lampen sich zurücksehnt und immer noch einmal vor dem Publikum sich verbeugen möchte.‹ Da kam Joseph zurück. Er ging wieder mitten über den Platz mit seinem lachenden, schwatzenden Gefolge von Herren und Damen, aber er ging nicht mehr allein, sondern führte Marie am Arm, die mit ihren großen Augen rechts und links schaute. Und wieder drängte die hin und her wogende Masse hinzu, um den Helden der Rennbahn anzustarren, man bildete förmlich Spalier, diesmal doppelt neugierig, denn wie ein Lauffeuer ging es durch die Menschenmenge: »Das ist Heidenstamms Braut.« »Seine Braut? Wo?« »Da.« Man sprach so laut, daß sie es hören mußte, eine Purpurröte bedeckte ihr schönes Gesicht. Joseph ging ganz ruhig und unbekümmert, er kannte dieses neugierige Herzudrängen, das sich an jedem Renntage wiederholte, aber Marie war verwirrt, und diese Verwirrung gab dem sonst so ruhigen Mädchen einen seltsamen Liebreiz. Fürstlichkeiten, Generale, Großwürdenträger des Kaiserlichen Hofes promenierten mit ihren Damen, die in großen Pariser Toiletten erschienen waren, über den weiten Rennplatz, ohne daß die Menge bei dieser Ueberfülle von Uniformen und Schönheiten die einzelnen besonders beachtet hätte, nur um Joseph Heidenstamm und seine junge Braut standen die Menschen wie um ein Königspaar. Sie verschwanden in der Richtung auf die große Tribüne, und Albrecht stand wieder allein. In zehn Tagen, seit Marie in Berlin war, hatte er sie nur ein einziges Mal flüchtig gesehen, als er ihr im Hause der Verwandten seinen kurzen formellen Besuch abstattete. Man hatte ihm Einladungen zukommen lassen zu allen Ausflügen, Diners und sonstigen Festlichkeiten, mit denen die Dewitz und die übrige Verwandtschaft den kurzen Aufenthalt der jungen Schönheit feierten, aber er hatte seine Arbeiten vorgeschützt und war allen diesen Veranstaltungen fern geblieben. Niemand bemerkte das; man war dieses düstere, abweisende, unfrohe Wesen an ihm gewohnt, seit Jahren schon. Er war ein Sonderling geworden, um den sich die Gesellschaft kaum noch kümmerte. »Marie!« Er hatte den Namen halblaut ausgesprochen. Dann raffte er sich zusammen, als wollte er alle Gedanken mit dieser hastigen Bewegung von sich schütteln, und verließ seinen einsamen Platz. Er ging zwischen den Rennpferden durch, die für das nächste Jockeyflachrennen gesattelt wurden, grüßte hie und da einen Bekannten, unterhielt sich eine Zeitlang mit dem Landstallmeister von Trakehnen über den Stand der Remonten und war dann wieder allein. »Marie!« Ja, alles, alles gehörte Joseph: das Glück, der Ruhm, die Jugend und Marie. Und Marie! Es war zwei Jahre her – im Herbst zwei Jahre –, als Albrecht nach Hannover gereist war und – und – um Marie angehalten hatte. Eine heiße Röte stieg noch jetzt in sein blasses Gesicht, wenn er an jenen Abend dachte. Damals stand er noch im Zenit seines Ruhms, aber was gingen das junge Ding Reiterruhm und glanzvolle Zukunft an! Sie hatte wohl schon zu jener Zeit den Jungen geliebt, der, kaum der Kadettenschule entwachsen, noch die Fähnrichsuniform trug. Wie ein abgewiesener Bettler hatte er die letzte Bitte an sie gestellt, daß sie seine Werbung vergessen und mit niemand je darüber sprechen solle. Vielleicht hatte sie ihr Versprechen gehalten, vielleicht nicht. Auch ein Weib erinnert sich gern seiner Siege und erzählt davon. »Wenn sie es Joseph gesagt hat –« Er ballte die Hände in ohnmächtigem Grimm. Seit jenem Abend war Albrecht von Heidenstamm ein einsamer Mensch geworden. Ein Sonderling war er jederzeit gewesen, vielleicht hätte er an der Seite Maries sein Wesen geändert, jetzt zog er sich ganz in sich selbst zurück. Im Frühling darauf entriß Joseph ihm auf der Rennbahn die führende Stellung, und im nächstfolgenden Herbst eroberte Joseph Marie. Dem glückte alles. »Marie!« Ein großer, schöner Fuchs wurde nahe an ihm vorbeigeführt, und irgend jemand fragte den Stalljungen, der das Pferd ritt: »Wer ist das? Wie heißt der?« Der Junge wandte träge den Kopf zur Seite, spuckte aus und sagte mit der mißmutigen Miene jemands, der diese neugierige Frage im Laufe des Nachmittags sehr oft beantworten muß: »Frangipani.« Albrecht horchte auf und musterte den Hengst. »Frangipani.« Er erkannte das Pferd, das er seit einem Jahre nicht gesehen hatte, wieder. Der Hengst hatte sich ausgezeichnet entwickelt, er präsentierte sich glänzend im Haar, mit Muskeln bepackt, vielleicht etwas zu schwer, aber in allen andern Points das Bild eines Steeplers. »Ja, wer Mut hat, gewinnt.« Er sagte es leise vor sich hin. Er, Albrecht, hatte das nie riskiert, eigne Rennpferde zu halten, die ihn hätten Geld kosten können! Immer vorsichtig, kühl, abwägend! Leute wie Joseph haben das Glück, die Spieler und Draufgeher, die über alle kleinlichen Bedenken sich fortsetzen und das Leben wie eine Hindernisbahn betrachten, wo der am ehesten den Erfolg hat, der ohne Bedenken über Gräben und Mauern fliegt. Das sind die Leute, die bei den Weibern alle andern ausstechen, während die ernst-bedächtigen Bewerber ausgelacht werden. Er sah seine Zukunft: ein Hagestolz, der einsam seinen Weg weiter gehen wird, schon jetzt fast zu alt, um sich noch um ein Weib zu bewerben. Er wird alles werden, was innerhalb seiner Carriere jemand erstreben kann: Oberst, General, schließlich eine vertrocknete Exzellenz, die in ihrem Lehnstuhl stirbt. »Albrecht?« Er wandte sich um: Joseph stand vor ihm und Marie. »Wie geht's?« »Danke.« Beide reichten ihm die Hand wie einem Bekannten, den man zufällig trifft. Er hatte physische Mühe, Marie anzuschauen und einige gleichgültige Fragen an sie zu stellen: »Hast du dich in Berlin gut unterhalten?« »Sehr gut.« »Wann reisest du wieder nach Hannover?« »Wahrscheinlich schon morgen.« »Ah, morgen.« »Da geht Frangipani,« sagte Joseph, »wie gefällt er dir?« »Gut.« »Du reitest, höre ich, auch in der ›Armee‹?« »Ja.« »Wen?« »Madagaskar.« »Ja, richtig, ich habe davon gehört. Er hat keine besonderen Chancen.« »Nein.« »Pardon, Marie, einen Moment.« Joseph ließ sie neben Albrecht stehen und eilte einige Schritte nach rechts, wo sein alter Gönner, der General von Bernstorff, stand, der ihn mit einem Lächeln herübergewinkt hatte. Der General, der zu den Proponenten des Armeerennens gehörte und an diesem Tage zu Hoppegarten gewissermaßen die leitende Rolle spielte, stellte Joseph seinem Begleiter, dem Herzog von Bayern, vor: »Gestatten Königliche Hoheit: Herr Leutnant Baron von Heidenstamm, unter den jungen Reiteroffizieren der preußischen Armee seit einigen Jahren der erfolgreichste.« »Wer sind die Herren?« fragte Marie, und Albrecht nannte ihr die Namen: »Der Herzog Ludwig von Bayern und der General von Bernstorff.« Sie sah Joseph im Gespräch mit Seiner Königlichen Hoheit über den Platz gehen, vor Frangipani eine Minute stehen bleiben und dann, immer noch neben dem Herzog, in dem Gewühl der Menschen verschwinden. Dann atmete sie tief auf und sah Albrecht an, sie hatte fast vergessen, daß er neben ihr stand. »Wollen wir weiter gehen?« »Ja.« Nur um etwas zu sagen, nannte er ihr einige Personen, denen sie begegneten: »Das ist der Graf Lehndorff, der Oberlandstallmeister, Leiter von Graditz, der neben ihm der Erbprinz von Fürstenberg, da drüben der Kleine ist der Baron Oppenheim aus Köln, da euer Nachbar, Herr Manske aus Lehrte bei Hannover, da rechts Heyden- Linden –« »Den kenne ich.« Es gab viele hannoverische Bekannte auf dem Rennplatz, alle Augenblicke wurde Marie gegrüßt, die halbe Reitschule und fast alle Königsulanen schienen herübergekommen zu sein, um dem größten Offizierrennen des Jahres beizuwohnen. Seit langer Zeit hatten die beiden sich nicht mehr allein zusammengefunden und so andauernd unterhalten. Sie gaben sich Mühe, unbefangen zu erscheinen, und Marie, die sonst ihm gegenüber schweigsam war, suchte in der nervösen, fieberhaften Spannung sogar bei diesem Begleiter eine Art von Trost. »Albrecht!« »Was?« »Glaubst du, daß Joseph gewinnt?« Er sah sie erstaunt an. Es war eine natürliche Frage, aber zwischen ihm und Marie gab es seit Jahren solche natürliche Fragen nicht mehr. Das wenige, was sie bei ihrem seltenen Zusammentreffen miteinander sprachen, war kalt, abgemessen, immer nur das Notwendigste. »Ja, das glaube ich.« »Wirklich?« Sie blickte ihm mit so großen, fürchtenden, hoffenden Augen ins Gesicht, daß er stutzte. Lag Joseph so viel an diesem Siege? »Er hat das beste Pferd und ist ohne Frage auch der beste Reiter. Passiert ihm unterwegs kein Malheur, so wird er gewinnen, selbstverständlich.« Marie atmete tief auf, es lag etwas wie Dankbarkeit in dem Blick, den sie ihm einen Moment schenkte. Sie sprachen noch allerlei Gleichgültiges, bis sie ihre Loge gefunden hatte, wo Franziska und die andern Damen sie erwarteten. Dort trennten sie sich, und Albrecht ging wieder die Treppen hinunter zum Sattelplatz. Etwas Warmes war aus dieser Unterhaltung mit Marie in ihm haften geblieben, als ob nach langer Einsamkeit eine weiche Mädchenhand über seine Stirn gestreift hätte. Vielleicht gab es doch noch einen modus vivendi, der ihn zu seinem Bruder und Marie zurückführen konnte. Er mußte vergessen lernen. Er gehörte zu diesen beiden Menschen, sie waren seine nächsten Verwandten, sie meinten es vielleicht beide gut mit ihm, Joseph meinte es ganz sicher gut mit ihm. Sein schroffes Bevormunden hatte den Bruder ihm entfremdet, ganz natürlich, Joseph hätte in einer milderen und liebevolleren Führung des älteren Bruders vielleicht manchen dummen Streich weniger begangen. Und Marie? Er liebte sie immer noch, aber sie war für ihn verloren, unwiederbringlich. Weshalb ihr ganz fremd werden, die nun seinem Bruder gehörte? Er war in einer seltsam weichen Stimmung. Er ging in den Wageraum, um Joseph zu suchen und ihm einige freundliche Worte zu sagen, und als er ihn dort nicht fand, ging er weiter und fragte wiederholt bekannte Herren: »Haben Sie vielleicht meinen Bruder gesehen?« Man wies ihn dahin und dorthin, bis er ganz plötzlich und unvermutet in der Nähe der Totalisatortribüne mit ihm zusammenstieß. »Joseph!« »Hast du Marie zurückbegleitet? In ihre Loge?« »Ja.« »Besten Dank.« Er wollte rasch weitergehen, aber Albrecht hielt ihn zurück: »Einen Moment, Joseph, ich wollte, ich . . . Joseph, du hast heute einen großen Ritt vor dir, ich wünsche dir von ganzem Herzen, daß du Glück hast.« Joseph fand nicht gleich eine Antwort. Das war ein so neuer, fremder Ton, den Albrecht anschlug, daß er einen Moment stutzte. Dann ergriff er hastig die dargebotene Hand, und es war, als ob auch bei ihm die fürchterliche Spannung dieses Tages sich löste: »Ich danke dir, ich danke dir herzlich.« »Nun komm, Joseph, wir wollen zur Wage gehen, es wird Zeit, sich zurecht zu machen.« »Ja, ja.« Was war das? Was bedeutete das? Der erste warme Ton aus Albrechts Munde! Er ging schweigend neben dem älteren Bruder, der seinen Arm genommen hatte und allerlei über den Kurs der Steeplechasebahn sprach, alles in einer freundschaftlichen, herzlichen Weise, wie ein älterer Berater, der die lange Erfahrung auf seiner Seite hat. »Nimm dich in acht am Fließ, der Boden ist da sehr weich, man muß sehr genau Obacht geben.« »Danke schön.« Joseph ging vornübergeneigt, während er den ganzen Tag sich stramm aufrecht gehalten hatte. Seine Riesenenergie, die in entscheidenden Situationen ihn stets emporriß, hatte seit frühem Morgen nach einer schlaflosen Nacht ihn wie mit eisernen Klammern hochgerichtet. Er scherzte mit Marie, lachte mit den Damen, erwiderte in scheinbar bester Laune die tausend Fragen, die heute jeder, jeder, jeder an ihn stellte, und jetzt, bei dieser unerwarteten Anrede Albrechts, diesem unbegreiflich freundschaftlichen Entgegenkommen des älteren Bruders verließ ihn die künstliche Ruhe. Es war ihm, als ob plötzlich der Boden unter ihm unsicher werde. Er hatte die Empfindung eines Spielers, dessen eiserne Ruhe im Augenblicke der größten Gefahr durch einen lange vergessenen weichen Ton, der ihm ins Ohr klingt, ins Wanken gerät. Seit Jahren hatte Albrecht nicht mehr so zu ihm gesprochen, seit vielen Jahren, nicht mehr seit der Kinderzeit, in der Joseph den großen, berühmten Bruder vergöttert und der Große den Kleinen vielleicht aufrichtig geliebt hatte. Im Ankleideraum trennten sie sich, Joseph ging noch einmal hinaus, um an dem Büfett nebenan ein Glas Sekt zu trinken. Dann zündete er eine Zigarette an und ließ sich noch ein zweites Glas geben. Ein Herr aus dem Klub, den er nur flüchtig kannte, trat mit einem gezierten Lächeln an ihn heran. »Nun, Herr Baron, wie steht's? Werden Sie gewinnen?« Aber fast grob wandte er sich ab. »Ich weiß nicht, kann sein. Pardon, ich habe noch etwas zu ordnen.« Er setzte sich an den letzten Tisch in der halbdunkeln Ecke und tat, als ob er in einem Briefe läse, aber er las nicht. Die Zigarette hielt er zwischen den Zähnen und die Hände um die schmale Tischplatte gespannt, als ob er sie zerbrechen wollte. »Gib dir Mühe, nicht zu denken! Gib dir Mühe, nicht zu denken! Wenn du nachdenkst und duldest dieses Nachdenken, so bist du verloren. Nur ganz ruhig, – so, nimm eine neue Zigarette, so, zerbeiß sie, trink noch, so, nur nicht denken. Wenn du ruhig bleibst, Joseph, und denkst nicht nach, so gewinnst du. Es ist ja Spaß, Kinderspiel, ein Ritt wie alle. Das Pferd gewinnt von selber, du mußt es nur ruhig laufen lassen, den Gaul nicht irritieren. Nicht irritieren. Das ist die ganze Weisheit beim Rennreiten.« Er atmete schwer. Er keuchte fast. Ein Offizier schaute in die offene Tür, als ob er jemand suchte: »Joseph!« »Ja –?« »Zum Donnerwetter, wo steckst du? Es ist die höchste Zeit!« »Ich komme.« Er ging zur Wage hinüber und kleidete sich um: englisch geschnittene Reitbeinkleider, leichte Stiefel von feinem, weichem Leder mit ganz niedrigen Absätzen, ein dünner, ungefütterter Waffenrock von minimalem Gewichte und die alte bequeme Offiziersmütze, die sich fest an den Kopf schmiegte. Der Bursche gab ihm Sattel, Bügel, Gurten und Reitpeitsche, dann ging er hinüber in den kahlen Wageraum, der so angefüllt war von Menschen, daß er Mühe hatte, bis an die niedrigen Holzschranken vorzudringen, hinter denen die Wage sich befand. Einige Minuten mußte er noch warten, dann kam an ihn die Reihe. »Numero siebzehn, Frangipani,« rief der Beamte, der das Protokoll führte, »Reiter: Besitzer.« »Fünfundsiebzig Kilo,« sagte Joseph, und setzte sich auf die eine Seite der Wage. Der Mann, der die Gewichte dirigierte, legte fünfundsiebzig Kilo auf die Gewichtsseite, die Wage hob sich, schwankte, dann hing sie im Gleichgewicht. »Fertig, weiter.« Die letzten geschäftlichen Präliminarien des großen Rennens waren erledigt, nun konnte der Wettkampf seinen Anfang nehmen. Joseph ging im Gefolge seiner Freunde über den Rennplatz, und während diese ihre letzten Meinungen über den Ausgang des Rennens austauschten, blieb er stumm, hielt die Hand um die Peitsche gepreßt und murmelte vor sich hin, was er seit einer Viertelstunde eintönig memorierte: »Nur nicht nachdenken, nur nicht irritieren.« Fünftes Kapitel Der Kaiser kam nicht! Man hatte ihn bestimmt erwartet, denn es ist eine alte Sitte, daß die Majestäten selbst der Entscheidung des größten Rennens der Armee beiwohnen. In letzter Stunde war der Kaiser verhindert worden. Die allgemeine Enttäuschung war groß, namentlich bei den Damen, bei den zahlreich anwesenden Fremden und vor allen bei denjenigen Offizieren, die als Reiter an dem Armeerennen sich beteiligten. Keine größere Ehre, als den kostbaren Siegespreis aus des obersten Kriegsherrn Händen entgegennehmen zu dürfen! Aber in dem Kaiserpavillon, der am äußersten linken Flügel der Tribünenreihe leicht und elegant sich erhebt, wo man einen weiten Blick hat über die Rasenflächen der unvergleichlich schönen Rennbahn, über den Kiefernwald in der Ferne und die Hoppegartener Häuser zur Linken, hatte sich, wenn der Kaiser selbst auch nicht anwesend war, eine illustre Gesellschaft versammelt. Prinz Leopold stand in Husarenuniform neben dem Herzog von Bayern; ganz vorn saßen die Damen und betrachteten die beiden kostbaren Silbergeräte, die für den Sieger und den Zweiten bestimmt waren; weiter im Hintergrunde erblickte die Menge, die sich neugierig vor dem Pavillon drängte, die Hofchargen, den Oberlandstallmeister, den greisen Fürsten Hohenlohe, die Adjutanten, die Kammerherren und ganz im Hintergrunde die Lakaien und Jäger. Die Kapelle des Eisenbahnregiments – merkwürdig, daß just diese und nicht die Kapelle eines der Gardekavallerieregimenter konzertierte – spielte ein lustiges Potpourri von Studentenliedern, und immer noch schien die Sonne von einem italienisch blauen Himmel auf das bunte Gewoge des weiten Rennplatzes herab. Nun endlich zog man die Nummern auf: neunzehn Reiter! Ein kolossales Feld, wie man es seit Jahren nicht auf der Hoppegartener Rennbahn gesehen hatte! Gleich darauf begann der Ansturm auf den Totalisator, dessen Schalter unmittelbar nach Bekanntwerden der Starterliste für das wettende Publikum geöffnet wurden. Hunderte, Tausende drängten sich heran, sie standen vor jedem Schalter in langen Reihen, und die Maschinen, die die Tickets (zu zwanzig Mark und zu fünfzig Mark) abstempeln, machten ein seltsames Geräusch, das sich aus der Ferne anhörte wie das Knattern vieler Gewehre, während das Rufen der Menge sich mit diesem Knattern mischte. Numero siebzehn! Numero siebzehn! Numero siebzehn! Numero siebzehn! Numero acht! Numero sechs! Numero siebzehn! Numero siebzehn! – alle Welt wettete Numero siebzehn, Frangipanis Nummer, Heidenstamms Nummer. An dem Hauptschalter, wo jedes Ticket einen Einsatz von fünfzig Mark bedeutet, verlangte ein dicker Herr vierzigmal Numero siebzehn, und als er mit zwanzig blauen Scheinen bezahlte, geriet das umstehende Publikum in eine Art von Paroxysmus. »Frangipani gewinnt! Todsicher!« Man stürzte vorwärts und drängte verzweifelt, um an die Schalter heranzukommen, in den Kassen türmten sich die Goldstücke zu Bergen. Numero siebzehn! Numero siebzehn! Immer dasselbe! Bis die Wett-Berechner unruhig wurden: »Man kann Frangipani vernünftigerweise nicht weiter wetten! Man bekommt für zwanzig Mark, falls er siegt, kaum dreißig zurück. Das ist ein Gewinn von zehn bei einem Risiko von zwanzig! Ein Nonsens in einer Steeplechase!« Man begann auch die andern Pferde zu wetten, deren eventueller Gewinn enorme Quoten versprach, aber das große Publikum blieb wie immer dem Favorit treu und legte auf seinen Sieg weitere Unsummen an der Kasse des Totalisators nieder. Wie er es versprochen hatte, löste der alte General von Dewitz acht Tickets zu zwanzig Mark, die er seinen Nichten und Marie zum Präsent machte. Sie betrachteten die kleinen grünen Karten, die einem Eisenbahnbillet zum Verwechseln ähnlich sahen, mit neugieriger Freude und schoben sie in ihre Handschuhe, unter Lachen und allgemeiner Aufregung darüber debattierend, was jede einzelne mit ihrem Gewinne anfangen wolle. Die Glocke zum Aufsitzen läutete, der Starter begab sich mit seinem Gehilfen in die Mitte der Rennbahn, und die ersten Reiter, zwei Rathenower Husarenoffiziere, erschienen hoch zu Pferde auf dem Sattelplatze. Als Albrecht von Heidenstamm auf Madagaskar auf den Platz ritt, war das Publikum erstaunt. »Wer ist das?« »Ein Generalstabsoffizier! Ein Hauptmann?!« »Seit wann reiten denn auch die Generalstabsleute auf der Rennbahn?!« Bis man ihn erkannte und es von Mund zu Munde lief: »Das ist Heidenstamm, der ältere! Josephs Bruder. Der frühere Kürassier.« »Richtig, natürlich, der ist es. War früher ein verdammt guter Rennreiter.« »Und ob!« »Was reitet er?« »Madagaskar.« »Ach, den Schinder!« Und man ging über den älteren Heidenstamm zur Tagesordnung über und wartete ungeduldig auf den jüngeren. Aber Joseph ließ seine zahllosen Verehrer noch eine beträchtliche Weile in unruhiger Erwartung. Denn als er eben hatte aufsitzen wollen, nahe am Gestütshofe, wo man den Lärm und das Tosen der Menschenmasse nur ganz fern hörte, klopfte ihm jemand auf die Schulter: »Guten Tag, Joseph.« Es war ein baumlanger Mensch in einem merkwürdig uneleganten Zivil, den Joseph auf den ersten Blick nicht erkannte. Er sah den Fremden erstaunt, unwillig an, aber dann ging die helle Freude des Erkennens über sein Gesicht. »Rochus! Zum Donnerwetter, du! Weiß Gott, ich hatte dich nicht gleich – wie siehst du aus!« »Aus? Wieso?« »Wo kommst du her?« »Wo soll ich herkommen? Aus Pillkehmen komm' ich. Gestern nacht weggefahren, heute mittag auf Schlesischem Bahnhof angelangt, heute abend wieder zurück. Aus Freundschaft, mein lieber Joseph, für dich. Dieses Rennen muß ich sehen, und wenn sie zu Hause mir das Donnerwetter auf den Hals laden. Ich habe niemand zu Hause etwas von der Reise gesagt, dem Alten nicht, keinem. Sie halten mich nämlich verflucht kurz. Ich freue mich, Junge, daß ich dich wenigstens einen Moment treffe und spreche.« »Aber weshalb bist du nicht auf die Tribüne gekommen? Oder auf den Sattelplatz drüben? Wir hätten doch die paar Stunden bis jetzt zusammen sein können.« »Ne, ne, Unsinn. In dem Anzug! Der Alte hat mir einen neuen bestellt in Insterburg, aber ehe das Zeugs fertig ist, muß ich in diesem miserabeln Filz herumlaufen. Das ist nämlich ein Winteranzug, stell dir das vor, bei der Hitze!« Joseph fühlte etwas in der Kehle emporsteigen, das ihn am Sprechen hinderte. Sein Freund Rochus, der es von allen Kameraden immer am treuesten und besten mit ihm gemeint hatte, dieser große, schwitzende Mensch in dem beinahe ordinären Kostüm! Das war der frühere brillante Kürassier! »Rochus!« sagte er nur und schüttelte schweigend die breiten Hände des Freundes, die trotz der kolossalen Hitze in einem Paar sehr eleganter grauer Handschuhe steckten. Vielleicht waren es gerade diese Handschuhe, die durch den Kontrast die ganze übrige Erscheinung in ein so fabelhaft gewöhnliches Licht rückten. »Ich stehe da rechts,« sagte Rochus, »da kommt kein Mensch den ganzen Nachmittag vorbei, mich sieht keiner, und ich selbst sehe famos. Der hier ist mein Adjutant« – er klopfte einem halbwüchsigen Bengel derb auf die Schulter –, »ich schicke ihn vor jedem Rennen hinüber, und er muß mir die Totalisatorbillets holen, ein ulkiges Geschäft, was? Uebrigens, ich habe immenses Glück, schon achtzig Mark gewonnen. Für dich, lieber Joseph, ist das eine Bagatelle, aber ich armer Schlucker lebe in Pillkehmen von des Alten Gnaden. Vorwärts, Junge, lauf; wie ich es dir aufgeschrieben habe: fünf Tickets Numero siebzehn – zwanzig Mark, macht zusammen hundert. Da hast du einen blauen Lappen, fix!« Joseph ließ sich aufs Pferd heben und gab Rochus die Hand. »Wenn ich gewinne, Rochus, bist du heute abend mein Gast. Dann wollen wir einen lustigen Abend feiern, im Monopol. Meine Braut, die Dewitz', ein paar reizende Mädels, der alte General, vielleicht mein Bruder und noch ein paar Herren. Willst du?« Rochus schüttelte den Kopf: »Leb wohl, Joseph, du mußt jetzt hinübertreten, es ist die höchste Zeit. Um acht fährt mein Zug, und nach dem Rennen hast du keine Zeit, dich um mich zu kümmern. Soll mich wundern, ob und wann wir beide uns mal wiedersehen.« Joseph bat noch einmal und dringender, aber Rochus wehrt mit einer etwas rauhen und unsicheren Stimme ab: »Nicht doch, Joseph, ist ja Unsinn. Der Anzug und mein Alter, – wenn ich morgen früh nicht zu Hause bin! – leb wohl, Joseph, viel Glück.« Er reichte ihm die Hand, ohne Joseph anzusehen, dann lösten sich ihre Hände, und erst langsam, dann im Trabe ging der Hengst vorwärts. Joseph fuhr sich mit dem Handrücken flüchtig über das Auge, dann stemmte er die Füße in die Bügel und richtete sich auf: »Nur nicht nachdenken, nicht irritieren!« »Frangipani!« »Endlich!« Eine weite Gasse tat sich in dem Meer von Menschen vor dem Pferde auseinander, und Joseph ritt in die Gasse hinein. Der Hengst wurde unruhig, aber sein Reiter nahm die Zügel fester und klopfte ihm auf den Hals. Tausend Augen waren auf ihn gerichtet, und ein Gewirr von Stimmen brandete unter ihm. »Ein famoser Hengst!« – »Ein schönes Pferd!« – »Die Muskeln! Der weite Schritt! Die Hinterhand!« – »Der gewinnt und kein andrer!« Dreimal ritt Joseph in weitem Kreise durch die Menschenmasse, dann gab der Zielrichter die Ordre, hinauszureiten, und in langer Reihe verließen die neunzehn Reiter den Sattelplatz, immer noch von einer Zuschauermauer umdrängt, bis sie die weite freie Rasenbahn erreicht hatten. »Bravienka« war die erste, die zum Start kanterte, dann folgten »Lanterne«, »Madagaskar«, »Frangipani« und in dichtem Rudel der Rest. Am Totalisator vollzog sich der letzte Ansturm, die Krimstecher und Operngläser der Zuschauer wurden in Bereitschaft gesetzt; man sah, wie der Starter in der Ferne seine rote Fahne hob, wie das kolossale Feld sich ordnete, sich in Bewegung setzte, und dann – »Ab!« Zehntausend Menschen wiederholten das Wort, das große Rennen um den Ehrenpreis des Kaisers hatte seinen Anfang genommen. Wie in einem Sturm plötzlich eine sekundenlange tote Ruhe eintritt, so breitete sich über Tribünen und Sattelplatz eine Stille, die eigentümlich zu dem vorausgegangenen Lärm im Gegensatz stand. Die Totalisatormaschinen hörten alle zugleich auf zu klappern, das Schreien verstummte, und die Gespräche brachen ab. Zunächst suchte jeder Zuschauer mit bloßem Auge oder Fernglas zu konstatieren, welchen Platz das von ihm gewettete Pferd beim Start erwischt hatte. »Bravienka führt!« rief einer, und wie ein tausendstimmiges Echo riefen oder murmelten die andern: »Bravienka führt.« Die langen, hohen Tribünen, auf denen Kopf an Kopf die Menschen sich drängten, boten ein interessantes Bild. Wer unten an der Barriere stand, konnte dem Rennen den Rücken zuwenden und brauchte nur dieses Menschenmeer auf den Tribünen zu beobachten, um genau zu wissen, was hinter ihm vorging, und welchen Verlauf das Rennen nahm. Wie wenn ein Wind über ein Kornfeld geht, so waren diese Tausende fortwährend in Bewegung. Sie setzten sich nieder, standen auf, setzten sich wieder, bogen sich rechts, links vor, um besser zu sehen, sie gestikulierten – es war wie eine Bühne in den großen Ausstattungstheatern, wo eine Unzahl Schauspieler, auf einen geringen Raum zusammengedrängt, sich beugt und hebt und bewegt. Jedesmal, wenn die Pferde an einen Sprung herangingen, trat eine gewitterschwüle Stille ein, und jedesmal, wenn sie das Hindernis überwunden hatten, entlud sich die Spannung in einem Brausen von Worten und Ausrufen. Jeder einzelne sprach vielleicht nicht viel lauter als gewöhnlich, aber die Tausende von Stimmen vereinigten sich zu einem Konzert, das, jeder kleinsten Erregung des Rennens folgend, in seinem Auf- und Abschwellen wie der Wogenanprall an der Meeresküste weithin vernehmbar war. Dann plötzlich ein einziger Aufschrei, der für jemand, welcher nicht das Rennen, sondern die Zuschauermasse beobachtete, etwas Nervenerschütterndes, Unheimliches hatte. Es war etwas geschehen, Reiter waren gestürzt. »Lanterne!« »Und Roland! Und Johannisburg!« »Noch einer!« Mit einer grausigen Deutlichkeit spiegelten sich diese Unglücksfälle in dem Schreien und Gestikulieren der Tribüne wider. Aber gleich darauf wurde alles wieder ruhig: Reiter und Pferde, die an der Steinmauer kopfüber gegangen waren, hatten wie gewöhnlich keinen Schaden genommen und standen wieder auf den Füßen. Einer oder der andre, der seine Wette mit diesem Sturz verloren sah, schaute noch einen Moment mißmutig auf den »ungeschickten Reiter« und den »miserabeln Gaul«, aber alle andern Blicke eilten weiter mit dem Felde der Reiter, das lang auseinandergezogen dem Bach sich näherte. Bravienka sprang zuerst, die kleine Stute ging wie immer tapfer wie kein zweites Pferd, und als sie fünf Längen vor den übrigen in den Wald einbog, begannen auf den Tribünen die vorlauten Prophezeiungen aller derer, die ein Rennen bereits für entschieden ansehen, wenn kaum die erste Hälfte des Weges von den Pferden zurückgelegt ist. »Bravienka gewinnt!« Und wie jeder Ruf in der aufgeregten Masse ein Echo findet, so wiederholten ein paar Dutzend Stimmen: »Bravienka gewinnt!« Ganz oben in der schattigen Ecke stand der kleine Isidor Rosenthal auf seinem Stuhle, rechts und links von seinen Frauen gestützt, und schaute geisterbleich nach dem Walde drüben: »Bravienka gewinnt!« Er wollte die zwei Worte wiederholen, aber er brachte es nur zu einem Bewegen der Lippen. Wenn dieser Frangipani nicht gewann, wenn Bravienka oder irgend ein andres Pferd siegte, dann war Isidor gerettet, war wohlhabend war – er würde Gutes tun für die Armen, er würde tausend Mark geben, sofort. Der kalte Schweiß stand dem kleinen Mann auf Stirn und Händen, aber er blieb auf seinem erhöhten Posten, die unerhörte Aufregung hielt ihn oben. Zehn Bänke tiefer, in einer der vornehmen Logen, saß Marie und schaute durch Josephs Krimstecher, den er ihr mitgegeben hatte, nach den Reitern. Der letzte Blutstropfen war aus ihrem Gesichte gewichen, aber ihre Hände in den weißen Handschuhen hielten das Glas, ohne zu zittern. Sie sah durch das Vergrößerungsglas Joseph ganz deutlich, wie er, vornübergelehnt, ruhig auf Frangipani saß. Er ritt mitten im Rudel, an sechster Stelle, während die andern dicht hinter ihm folgten. Irgend jemand in ihrer Nähe sagte: »Heidenstamm wird das Rennen gewinnen, er rührt sich nicht auf Frangipani, er wartet, bis der rechte Moment kommt. Sacrebleu, wie dieser Frangipani springt!« Wie ein Windhund war der große Hengst über den Flechtzaun gehuscht, jetzt ging es zum zweiten mal an den Bach heran, Bravienka sprang zuerst, und dann: ein Tosen auf den Tribünen! Alles beugte sich vor, schrie, lärmte: »Frangipani!« Es war verblüffend, wie Joseph Heidenstamm mit einem Ruck seinen Hengst vorwärts geworfen hatte, drei, vier Pferde im Nu passierend, jetzt dicht hinter Bravienka, jetzt neben ihr, jetzt vor ihr, an der Spitze! Das Publikum jubelte, war außer sich! »Heidenstamm! Heidenstamm!« »Er reitet wie ein Gott!« Die kleine Stute blieb immer weiter zurück, sie hatte des Guten genug; das allzu schnelle Rennen war ihr selbst zum Unheil ausgeschlagen. Die letzte Hürde, das letzte Hindernis nahte. Wird Frangipani hinüberkommen? Man hat es hundertmal erlebt, daß der sichere Sieger an diesem letzten kleinen Sprunge zu Fall kam! Er hob sich, er sprang – ein tiefes Aufatmen aller – er war glücklich hinüber, der Sieg war so gut wie entschieden. Und in diesem Augenblick trat jene Wendung in dem Rennen ein, die allen, welche Zeugen des Schauspiels waren, unvergeßlich geblieben ist, über die man heute noch spricht, und von der man erzählen wird, solange ein Armeerennen auf dem grünen Rasen von Hoppegarten zur Entscheidung gelangt. Dicht hinter Frangipani hatte ein zweites Pferd die Hürde gesprungen, nicht Bravienka, die jetzt weit zurücklag, sondern – »Ja, wer? Wer ist das?« Ein Pferd, das niemand beachtet hatte, ein Reiter, den niemand kannte! Bis blitzschnell ein Erinnern durch die Zuschauer flog: »Der Generalstabsoffizier! Madagaskar? Der andre Heidenstamm!« »Aber Frangipani gewinnt!« »Nein!« »Doch!« »Madagaskar!« Sie ritten Kopf an Kopf, beide ohne Peitsche, beide nur mit den Händen ihre Pferde vorwärts schiebend. Einen Moment sah es so aus, als ob trotz allem der Favorit leicht gewinnen werde, als ob er nur, nachlässig und des Sieges sicher, für einige Sekunden sich habe überrumpeln lassen, und einen Moment hatte Joseph selbst diese Empfindung. Mit einem Blick zur Seite hatte er seinen Bruder erkannt, – konnte dieser schäbige irische Steepler, den Albrecht ritt, Frangipani schlagen?! Unsinn! Aber in der nächsten Sekunde rieselte ein tödlicher Schrecken durch ihn hin: Frangipani war fertig, er reagierte nicht mehr! Mit dieser unvergleichlichen Treue und Tapferkeit, die das englische Vollblut auszeichnet, ging der todmüde Hengst immer noch in langen Galoppsprüngen neben dem Gegner, aber diese letzte, maschinenmäßige Anstrengung des Pferdes schien durch keine Kunst des Reiters mehr einer Verstärkung fähig. Madagaskars Zähigkeit glich einer starren Feste, an der das letzte, heldenmütige, verzweifelte Ringen des Gegners zerbricht. Von den Tribünen und dem Sattelplatze her scholl zu den beiden Reitern ein betäubender, ohrenzerreißender Lärm: »Frangipani! Frangipani!«, als ob die vielen Tausende, die ihr Geld auf den Favorit gewettet hatten, durch ihr Gestikulieren und verzweifeltes Zurufen Reiter und Pferd zu einer letzten Kraftanstrengung hetzen wollten. »Frangipani!« Es klang aus vieler Munde wie ein Wehschrei, wie ein Verzweiflungsschrei, aber Zoll um Zoll schob sich Madagaskar, mit eiserner Kraft geritten, an dem unglücklichen Gegner vorbei. »Albrecht!« – es war ein halb erstickter Ruf. Er wandte sich um, und einen Moment lang, den Bruchteil eines Momentes, begegneten sich die Blicke der Brüder: ein Blick des Erstaunens und ein Blick der Todesangst. Und einen Moment, den Bruchteil eines Momentes, schien es, als ob Madagaskar langsamer würde, als ob der kurze Vorsprung sich verringerte, als ob sein Reiter unsicher geworden sei, nicht recht wisse, was er tun solle, aber gleich darauf gewann der Irländer seinen Vorteil zurück. Jetzt war er eine gute halbe Lauge voraus, dreiviertel Längen. Noch einmal klang es mit einem dumpfen, verzweifelten Rufe: »Albrecht!« Und dann, fünf Sekunden später, war das große Rennen um die »Armee« beendet. Unmöglich, die nun folgenden Scenen zu beschreiben: Die Buchmacher befanden sich in einem Freudentaumel; die wenigen Leute, die Madagaskar gewettet hatten, stürzten wie Wahnsinnige an die Kassen des Totalisators, um die Höhe ihrer voraussichtlich kolossalen Gewinnsumme zu erkunden; und was Isidor Rosenthal betrifft: er war ganz still; er stieg von seinem Stuhl und setzte sich zwischen Frau und Schwester und weinte Glückstränen. Sehr betrübte Gesichter gab es bei den Dewitz', in deren Loge die jungen Mädchen auf ihre grünen Zwanzig-Mark-Tickets starrten, die jetzt genau so wertlos geworden waren wie ein abgefahrenes Eisenbahnbillet. Aus Rücksicht auf Marie gaben sie ihrer bitteren Enttäuschung keinen lauten Ausdruck; nur der alte General beugte sich nach einer verlegenen Pause vor, legte die Hand auf Maries Schulter und sagte mit einem gutgemeinten Scherz: »Zum wenigsten bleibt die ›Armee‹ in der Familie. Bei den Heidenstamms.« Sie nickte und lächelte mit schneeweißem Gesicht. Sie hörte um sich her in den benachbarten Logen aufgeregt reden, sie sah unter sich die Menschen hin und her rennen, und sie hörte zu, wie jemand sagte: »Gehen wir heute abend zu Kroll oder in den Ausstellungspark?« »Ich denke zu Kroll.« »Schön. Man kann da im Garten sitzen und frische Luft atmen. Es ist eine fürchterliche Hitze heute.« »In vierzehn Tagen reisen wir nach Ostende.« »Sehr vernünftig. Man kann gar nicht früh genug aus Berlin heraus.« Mechanisch verfolgte sie das gleichgültige Gespräch, das nun auf Ostende und die Vorzüge dieses ausgezeichneten Bades überlenkte. Dann fiel ihr ein, daß Joseph und sie auf ihrer Hochzeitsreise auch nach Ostende hatten reisen wollen. In ungefähr zwei Monaten hätten sie heiraten und die Reise antreten können. Ein erstes Zittern lief über sie hin. Sie wußte nur, daß für sie und Joseph mit dem Verluste dieses Rennens die Heirat sich um Jahre hinausschob; daß aber für Joseph ganz etwas andres auf dem Spiele gestanden hatte und verloren gegangen war, davon hatte sie keine Ahnung. Die Pferde, die im Renntempo weit über das Ziel hinausschießen, ehe der Reiter sie langsam und vorsichtig abstoppen kann, kehrten jetzt zurück und gingen im müden Schritt an den Tribünen vorbei. In dem Augenblick, wo Albrecht von Heidenstamm auf Madagaskar in die Umfriedigung des Sattelplatzes ritt, intonierte die Musik die Nationalhymne, und in demselben Augenblick begann der stürmische Jubel des Publikums, das den Sieger jauchzend empfing. Man hatte viel Geld verloren, aber man hatte dafür auch ein Rennen gesehen, einen Endkampf, wie er selten auf dem grünen Rasen der Rennbahn sich dem Auge bietet. Zwei Brüder, die unter neunzehn Offizieren als die beiden Ersten ins Ziel ritten! Der beste Reiter früherer Jahre und der beste der Gegenwart in einem verzweifelten, großartigen, unvergleichlichen Kampfe! Von zweien kann immer nur einer der Sieger sein, selbstverständlich, aber der Ruhm des Tages gehört beiden Heidenstamms gleichermaßen! Und als Joseph näher kam und nun in die Menschenmasse des Sattelplatzes langsam hineinritt, empfing ihn ein fast noch größerer Enthusiasmus. Er hatte gekämpft wie ein Löwe, das Publikum wollte seinen Liebling für die bittere Enttäuschung trösten. »Bravo, Heidenstamm!« »Bravo, Joseph!« Es war ein so fanatischer Jubel, der ihn umdrängte und umtoste, daß er nach allen Seiten hin grüßend danken mußte. Er hatte die klare, ruhige Empfindung: das ist das letzte Mal. Du wirst hier nie wieder über den Platz reiten, alle diese Menschen sehen dich nicht wieder. Aber als er um die Ecke bog und der Wage sich näherte, staute sich die Masse vor ihm so, erreichte das Bravorufen der umdrängenden Offiziere und Damen, der Volksmenge einen solchen Grad, daß über sein blasses, hageres Gesicht ein letzter Schimmer flog, ein Rest jenes glücklichen, halb kindlichen Lächelns, mit dem er sonst nach seinen unzähligen Siegen gedankt hatte. Der Gedanke durchzuckte ihn: ›Es hat sich doch gelohnt, dieses Reiterleben!‹ Und noch einmal, ein allerletztes Mal umbrauste ihn das Zurufen der Tausende, als er von der Treppe des Kaiserpavillons hinabschritt, neben Albrecht, beide ihre silbernen Ehrenpreise in den Händen tragend, die Seine Königliche Hoheit mit Worten großer Anerkennung ihnen gereicht hatte. Dann war er allein. Er kleidete sich um und legte die elegante Uniform wieder an. Stück für Stück seines Rennanzuges schob er auf den Stuhl neben sich, bis er zuletzt die Mützen tauschte. Die alte, verbrauchte Reitpeitsche nahm er noch einmal zur Hand, ehe er zur Tür hinausging. Mit dieser Peitsche, die er als kleiner Junge zum Geschenk bekommen hatte, waren alle großen Siege erfochten: die Badener Steeplechase, die Badener »Armee«, die »Armee« zu Charlottenburg, hundert andre. Er nahm sie in beide Hände und zerbrach sie über dem Knie. Es war fünf Uhr nachmittags, drei Rennen folgten noch. Joseph ging die Treppe zur Tribüne hinaus nach der Loge. Marie reichte ihm mit einem fragenden Blick voll tiefer Angst die Hand, die andern waren verlegen und wußten nicht recht, was sie sagen oder ob sie ihn trösten sollten. Mit einer merkwürdigen Ruhe erwiderte er des Generals Fragen nach dem Verlaufe des Rennens. »Ja, Frangipani war müde,« – »ja, der Vorstoß kam von meiner Seite zu früh, ich hätte noch warten sollen, vielleicht wäre die Sache dann anders gekommen.« – »Ob der Hengst gut und gesund aus dem Rennen hervorgegangen ist? O gewiß. Müde, natürlich, aber sonst – ja, Marie, was ich sagen wollte, du mußt mich entschuldigen. Ich habe meinen Freund Rochus getroffen, der heute abend wieder nach Ostpreußen zurückfährt, ich muß mich ihm ein paar Stunden widmen. Erlaubst du?« Sie atmete tief auf. Er schien so ruhig, vielleicht war die ganze Sache nicht entfernt so schlimm, als sie es sich vorgestellt hatte. »Adieu, Marie.« »Adieu, Joseph.« Er reichte dem General und den jungen Damen, die ihre gute Laune wiederfanden, die Hand und ging festen Schrittes den schmalen Gang zwischen den Logen der Tribünen entlang. Aber am Ende des Ganges machte er noch einmal Halt und schaute zurück. Sie sahen ihn nicht mehr, denn die Brüstung der zweiten Logenreihe und die Insassen dieser Logen verdeckten ihn. Marie saß etwas vornübergeneigt und starrte hinunter, wohl um Joseph beim Vorbeigehen dort unten noch einmal zu erblicken. Die andern um sie her schwatzten eifrig und schienen irgend ein interessantes Thema zu erörtern, sie saß in deren Mitte wie eine Einsame. Und nun wird sie einsamer werden. Mit starren, brennenden Augen schaute Joseph hinüber: betrogene Marie. Um alles betrogen, um ihr Glück und ihre Jugend. Durch einen Spieler. Ein Nebel legte sich vor seine Augen, aber er zerteilte ihn gewaltsam und riß sich empor und schaute noch einmal zu ihr hin und ging. * Er ging durch die dichtgedrängte Menge an der Tribüne, an der zweiten Tribüne vorbei, wo jetzt unmittelbar vor dem neu beginnenden Jockeyrennen nur wenige Leute sich aufhielten, dann zwischen den Rennpferden hindurch, die, zum Teil in Decken gehüllt, in weitem Kreise umhergeführt wurden, durch das Ausgangstor, dessen Kontrollbeamte die Hand zum Gruß an den Cylinder legten, und nun die Chaussee entlang an der endlosen Wagenreihe vorbei, deren Kutscher in Hemdärmeln im Grase saßen und Karten spielten. Seine Lackstiefel bedeckten sich in dem Mehlstaub der sonnigen Landstraße mit einer grauen Schicht. Er hatte die letzten Wagen passiert, der Lärm des Rennplatzes tönte immer ferner, bis er ganz verhallte. Joseph bog von der Chaussee ab in den Kiefernwald, um aus dem fußhohen, widerwärtigen Straßenstaub loszukommen, und gleich darauf wunderte er sich über sich selbst, daß ihm dieser Staub überhaupt störend zum Bewußtsein gekommen war. Der Wald war nur schmal, er bildete einen Streifen zwischen der durch Barrieren eingefriedigten Rennbahn und der Landstraße. Ein dumpfes Trommeln von Pferdehufen ließ ihn zur Seite blicken: dicht neben ihm jagten acht Pferde heran mit Jockeys im Sattel, deren seidene Blusen in dem raschen Galopp sich blähten. Sie waren im Nu vorbei und verschwanden in der Ferne. Nun war er allein. Er blieb einige Augenblicke stehen, die linke Hand an die linke Schläfe gelegt, und sann nach: Wie war er hierher gekommen? Er wußte es selbst nicht recht, er war wie in einem somnambulen Schlaf den Weg gegangen. Dann nickte er vor sich hin: »Ganz gut so, ja, ganz gut so.« Und er wollte seinen Weg fortsetzen, als es neben ihm in den trockenen Kiefernnadeln knisterte. Er schrak nervös zusammen, da legte sich eine breite Hand auf seine Schulter: »Du hast einen verdammt raschen Schritt, lieber Joseph, man hat seine Mühe, mit hundertfünfundneunzig Pfund Gewicht hinter dir her zu kommen.« »Rochus.« »Wenn du die Absicht hast, zu Fuß nach Berlin zu spazieren, so begleite ich dich, obwohl es ein höllisch weiter Weg ist. Wenn du erlaubst.« »Ich möchte allein gehen.« »Ne.« »Tu mir den Gefallen, Rochus, und laß mich allein.« »Nein, mein Junge.« Sie schritten schweigend nebeneinander her, Erklärungen waren von des einen und des andern Seite nicht nötig. Am Ende des Waldes kreuzten sie die Frankfurter Chaussee und gingen dann durch die Wiesen an den Mönchsheimer Rennställen vorbei, bis sie den großen Kiefernwald erreichten, der sich stundenlang zwischen Dahlwitz und Friedrichshagen hinzieht. Joseph blieb an der Waldgrenze stehen: »Ich bitte dich, geh jetzt zurück.« »Nein.« »Ich sage dir noch einmal, ich will allein sein.« Der andre schüttelte nur den Kopf, da geriet Joseph in eine Art Wut: »Ich bin nicht in der Stimmung, mit einem andern zu gehen. Laß mich jetzt in Ruhe!« Aber Rochus blieb an seiner Seite; so gingen sie weitere tausend Schritte, als Joseph sich plötzlich umwandte und ihn mit beiden Fäusten an der Brust packte: »Du! verstehst du nicht?!« Langsam schloß der andre seine großen Hände um Josephs Handgelenke, und ohne ihm wehzutun, aber mit der überlegenen Kraft seines riesigen Körpers drückte er die Fäuste nieder. »Du magst sagen und tun, was du willst, Joseph, ich lasse dich nicht allein. Du bist fertig, Joseph, ich weiß es, ich sehe es, du brauchst mir nichts zu erzählen. Darum, mein armer Junge, braucht man noch immer nicht das Letzte zu tun. Die Welt ist groß, und einer wie du findet auch anderswo seinen Platz. Man kann da später vieles wieder gut machen. Ich habe in Pillkehmen jetzt oft über so was nachgedacht, man hat da viel Zeit zum Nachdenken. Das Leben ist eine verfluchte Sache, mein lieber, kleiner Joseph, aber man muß sich davon nicht unterkriegen lassen.« »Rochus, – es – es ist aus!« Er zitterte wie ein Kind, seine Kraft war zerbrochen. »Natürlich ist es aus, aber nicht ganz, verstehst du. Aus ist es mit uns allen beiden, aber nicht ganz, verstehst du, weißt du. Ich werde dir das alles klar machen, ich habe jetzt viel darüber nachgedacht.« Und während sie durch den schweigenden Wald schritten, dessen Stämme oft so dicht stehen, daß die Spätnachmittagssonne nicht mehr hineindringen kann, gab der lange Exkürassier seine neue Philosophie zum besten, von der Joseph wenig hörte und nichts verstand, die aber mit dem langsamen, schweren Tonfall und den breit angesprochenen Darlegungen etwas Beruhigendes, Einschläferndes hatte, etwas Treuherziges und Warmes. Als es Abend wurde, kamen sie aus dem Walde heraus, den Rochus, obwohl sie längst Weg und Steg verloren hatten, mit der Sicherheit eines Jägers kreuzte. Ein Eisenbahnzug rasselte vorbei, die weiten Wiesen bis Köpenick hin lagen in einem weichen Schimmer von Abendsonne, ein paar arme Weiber mit großen Holzbündeln gingen lachend und schwatzend an den beiden vorüber. Von den Einwohnern des großen Ortes angestarrt, schritten sie die lange Hauptstraße von Friedrichshagen entlang, bis sie nach der Fähre kamen. »Wollen wir hinüber, Joseph?« »Ja.« Der Müggelsee lag vor ihnen mit seiner weiten ruhigen Fläche, unter den vielen Seen der Mark der größte. Ein paar Jungen waren weit in den See hinausgeschwommen, und einige junge Damen hatten es von der nahen Badeanstalt aus ihnen gleichtun wollen, waren aber lange vorher umgekehrt. Ein Fischreiher flog über das Wasser, ein Dampfer kam aus der Spree und zog, den See durchschneidend, einen langen Rauchstreifen hinter sich her; große Segel der Lastkähne glühten in den schrägen Strahlen der niedergehenden Sonne. Irgendwo spielte jemand Handharmonika, sonst war alles still, nur von der Damenbadeanstalt tönte bisweilen ein lachendes Kreischen über Wasser und Schilf. »Joseph, es wird bald Nacht.« »Hm.« Ein ganzes Dutzend Mädchen kam aus dem Bade, die Wäschepacken unter dem Arm, und lief dicht an die beiden heran. Ihre Haare waren noch feucht und die Gesichter von dem allzu langen Baden blaß. Sie lachten und tollten; als sie aber Joseph gewahr wurden, hielten sie im Laufe an, steckten die Köpfe zusammen und gingen mit Würde an ihm und seinem unbeachteten Begleiter vorüber. Erst nach zwanzig, dreißig Schritt Entfernung wagte die eine sich umzudrehen, dann noch eine, dann wieder andre. Ihre Schritte wurden langsamer, und es dauerte eine lange Weile, ehe die neugierige Schar von dem Anblick sich trennen konnte und ihre hellen Sommerkleider in den letzten Büschen in der Richtung auf die Fähre verschwanden. Rochus sah nach seiner Uhr: »Es ist acht. Jetzt fährt mein Zug aus Berlin.« Joseph blickte auf. »Du hast den Zug verpaßt.« »Ja.« Wieder gingen sie schweigend eine Stunde und länger. Sie folgten dem Laufe der Spree, die sich breit zwischen Kiefernwälder hinzieht und im Abendrot in wundervollen Farben spiegelte. Dann wurden diese Farben matter, der Himmel im Westen vor ihnen begann zu dunkeln, es wurde langsam Nacht. Als sie nach der kleinen Stadt Köpenick kamen, brannten die Straßenlampen. »Ich denke, wir fahren mit dem Schiffe heim, Joseph? Heda, du! Junge, wo ist die Dampferstation?« Der Junge lief herzu, von drei andern gefolgt, alle vier geleiteten den fremden Offizier und dessen Begleiter durch die Stadt. Vor einem niedrigen Hause inmitten einer Straße machten sie Halt: »Da 'rin.« Sie mußten einen dunkeln Hausflur passieren, dann kamen sie in einen schmalen, langgestreckten Garten, an dessen Ende, zwischen zwei weinbewachsenen Lauben, sich der Anlegeplatz der Dampfer befand. Der Kellner, ein alter, vergrämter, schmutziger Mann, kam sofort dienstbeflissen herbei. »Wann fährt der nächste Dampfer nach Berlin?« »In einer Stunde, ein Vergnügungsdampfer, der von Grünau kommt.« »Dann müssen wir warten, Joseph.« »Hm.« »Geben Sie uns was zu trinken, Bier, und was zu essen.« »Schinken, Braten, Aal grün mit Gurkensalat, Rühreier –« »Aal, ja, aber rasch.« Sie setzten sich in die Laube am Wasser und blickten auf ein lampiongeschmücktes Segelboot, das in dem schwachen Winde sich auf der breiten Wasserfläche langsam fortbewegte. Etwas Weißes kam aus dem Dunkel herangeschossen, um ebenso rasch wieder zu verschwinden, ein fünfsitziges Rennboot, dessen Insassen wohl für die nahe bevorstehende Kaiserregatta trainierten. ›Billiger Sport,‹ dachte Rochus, aber er hütete sich, das Thema laut zu erwähnen. »Man ist doch hungrig geworden,« sagte er, »und verteufelt durstig. Es war ein netter Mensch. Trink mal, Joseph.« Dann überlegte er in dem langen Schweigen, das nun folgte, wie und wann er nach Pillkehmen zurückkommen sollte, mit welchen Gesichtern man ihn empfangen würde, welcher Heidenlärm von dem Alten erhoben werden würde; und daß aller Wahrscheinlichkeit nach seitens des erbitterten alten Herrn die straffen Zügel noch außerordentlich viel schärfer gefaßt werden würden. Er holte sein Portemonnaie aus der Tasche und zählte unter dem Tisch, ohne daß Joseph es bemerken konnte, den Inhalt: »Sechs, sieben, zehn, zwölf, zwölf fünfzig – zwölf Mark fünfzig und ein Retourbillet.« ›Am besten wäre es,‹ dachte er, ›man käme überhaupt nicht wieder nach Hause, aber was soll man anfangen?‹ Dann blickte er auf Joseph und vergaß seine eignen Sorgen. Als die Lichter des Dampfers in Sicht kamen, stellte sich der Kellner ein, um die Herren zum Aufbruch zu mahnen und sein Geld zu erbitten, das Rochus mit Hinzufügung eines »fürstlichen« Trinkgeldes erlegte. Dann kaufte Rochus zwei Dampferbillets und zählte mit einem raschen Blick noch einmal: »Sieben Mark sechzig – und damit heute ins Hotel und morgen nach Pillkehmen!« Das Schiff legte unter den Klängen der Musik an, es war so von Menschen überfüllt, daß die neuen Passagiere Mühe hatten, Plätze zu finden. Schließlich wurden Rochus und sein Begleiter auf dem Vorderdeck inmitten einer lustigen Mädchengesellschaft plaziert, die kichernd zusammenrückte und in den ersten zehn Minuten ihre überaus lebhafte Konversation auf ein Flüstern beschränkte. Die große Schiffsglocke bimmelte, die Räder setzten sich in Bewegung, und die Lichter des kleinen Gasthausgartens von Köpenick verschwanden langsam in der Nacht. Joseph lehnte sich rückwärts über die Lehne und starrte in das gurgelnde, schwarze Wasser, das pfeilschnell vorüberglitt. Wäre Rochus nicht gekommen, dann wäre nun schon alles vorbei. Ein verfehltes Leben geendet und Marie frei. Sie hätte geweint, sie wäre untröstlich gewesen, aber sie hätte begriffen, daß das der einzige Ausweg war, und schließlich, vielleicht erst nach Jahren, würde sie aufgehört haben, um einen zu weinen, der das nicht verdiente! Mein Gott, weshalb kam Rochus dazwischen! Jetzt eine Bewegung, ein einziger Sprung, und das Versäumte war nachgeholt. Aber man macht sich nicht lächerlich. Man springt nicht von einem Spreedampfer ins Wasser, während die Musik spielt. Gesetzt gar den Fall: man wird »gerettet,« wieder herausgeholt, man steht pudelnaß auf dem Deck und wird von Gevatter Schneider und Handschuhmacher angeglotzt. Ein grimmiges Lächeln verzerrte sein Gesicht, unbarmherzig malte er sich die Situation aus: die Kinder weinen vor Schreck, und die Mamas trocknen den durchnäßten Herrn mit ihren Taschentüchern. Die Musik spielte, wie bei jeder nächtlichen Sommerfahrt, sentimentale Volkslieder, die Passagiere sangen mit, erst nur vereinzelt, dann im Chor. Auch die vielen hellgekleideten Mädchen um Rochus und Joseph stimmten schließlich ein. Lied folgte auf Lied. Dazwischen tönte das gleichmäßige Rauschen der Räder und das dumpfe Arbeiten der Schiffsmaschine. Die dunkeln Spreeufer glitten vorüber, nur hin und wieder kam man an Häusern und Gärten vorbei, in denen noch Lichter glänzten. Eine unendliche Trauer füllte Josephs Herz. Rochus, dessen glühende Zigarre in dem Dunkel leuchtete, saß still neben ihm, aber von Zeit zu Zeit hörte Joseph ihn summend die Melodien begleiten. Die Kinderzeit wurde wieder wach, längst vergessene Sommernächte, in denen man alle diese Lieder gesungen hatte, zusammen mit den andern Kindern, glückliche Stunden ohne Sorgen, ohne verzweifeltes Ringen, einfache, harmlose Stunden, die man nie vergißt. Leise, unbewußt sprach er die Worte des Liedes mit, ohne die Lippen zu bewegen. Zwei Mädchen auf der Bank gegenüber hielten sich umarmt, und ihre reinen, hellen Stimmen klangen aus dem Chor der vielen andern zu ihm herüber. Am Brunnen vor dem Tore –« ›Wäre Marie hier,‹ dachte er. ›Diese eine Stunde noch! Sie säße hier neben mir zwischen all den andern Mädchen und hielte meine Hand, und es wäre noch ein letztes Glück.‹ Brücken kamen, ein hellerleuchteter Eisenbahnzug brauste über sie hin, der Strom wurde enger, und hohe Häuser mit riesigen Fabrikschornsteinen säumten die Ufer. Berlin begann. Die Musik spielte immer noch, aber nur noch vereinzelt sangen die Mädchen, bis auch die letzten verstummten. Man suchte nach den Mänteln und Blumen, die man draußen gepflückt hatte, kleine Kinder, die eingeschlafen waren, wurden aufgeweckt und begannen laut zu lärmen, der Straßenlärm tönte herüber, und immer dumpfer wurde die Luft, je weiter das Schiff stromabwärts in das Innere der großen Stadt glitt. »Es ist doch schön,« sagte Rochus, indem er seine letzte Zigarre hervorholte. »Was?« »Dieses Berlin. Der Lichterglanz und der ganze tolle Lärm. Man paßt doch nur in die großen Städte. Und mich wollen sie in Pillkehmen begraben!« Sechstes Kapitel. »Und das ist die Photographie.« Marie nahm das Bild, das Albrecht ihr reichte. Einige Sekunden betrachtete sie es mit einem seltsamen, fast gleichgültigen Gesichtsausdruck, dann legte sie es beiseite. »Marie,« sagte er und beugte sich vor, »du bist kein Kind mehr. Nimm die Sache, wie sie ist. Es liegen fünf Jahre dazwischen, du mußt das bedenken.« »Ich bedenke es,« sagte sie stumpf. Er ging im Zimmer auf und ab und blickte dann lange aus dem Fenster. Als er sich wieder umwendete, sah er Marie mit dem Bilde in der Hand, auf das sie niederschaute, ohne Albrechts Blick zu sehen. Als er näher trat, fuhr sie zusammen wie jemand, der bei einem Unrecht ertappt ist. Erst zögernd, als ob sie nicht recht wüßte, was sie tun sollte, dann mit einer hastigen Bewegung legte sie das Bild wieder auf den Tisch. »Ich glaube, wir können mit dieser Lösung sehr zufrieden sein,« sagte er, »in aller Interesse. Er hat sich fünf Jahre drüben in Nord und Süd umhergetrieben, ohne was zu erreichen. Bis er schließlich und eben noch zur rechten Zeit eingesehen hat, daß ihn einzig und allein eine Heirat wieder in die Höhe bringen kann. Stimmt das?« »Ja,« sagte sie scheu. »Also.« Nach einer Weile begann er von neuem. »Joseph ist siebenundzwanzig Jahre alt, oder achtundzwanzig; aus eigner Kraft, wie andre Leute, die man nach drüben schickt, wäre er nie zu etwas gekommen. Ich dächte, das wäre vollständig klar, nicht wahr?« Er fragte präzis und scharf wie immer, er erwartete eine Antwort. »Ja,« sagte sie mit einem Murmeln. »Er ist ein Yankee geworden wie alle, natürlich. Es gibt Leute, die meinen Bruder immer sehr hoch taxiert haben, als eine Art Idealisten. Pah!« Er lachte verächtlich. »Uebrigens, ich habe durchaus keinen Anlaß und keine Lust, den Sittenrichter zu spielen: er konnte einfach nicht anders. Ehe man ertrinkt, greift man nach – nach – na, was? Ein Strohhalm wäre ein allzu lächerlicher Vergleich.« Er nahm das Bild der schönen Miß Belmont und betrachtete es lange. »Eine schöne Person, weiß Gott. Und ein Sack Dollarnoten als Mitgift, man kann sich das gefallen lassen. Wie?« Wieder nickte sie stumpf, sie hatte kaum gehört, was er sagte. Es folgte eine lange Pause, in der Marie, immer noch neben ihm sitzend, aus dem Fenster schaute nach den weißen Wolken jenseits der Dächer, mit einem leeren Blick. Die Nachricht von Josephs Verlobung war schon vor Wochen eingetroffen, das Bild der Miß Belmont war aber erst heute angelangt. Albrecht wandte seine Augen nicht von ihr ab. Nein, ein Kind war Marie nicht mehr, sie sah fast alt aus. Das volle Gesicht war schmäler geworden, blaß und müde, alles Kindliche war daraus geschwunden, und nur um den Mund lag noch ein weicher Zug von Jugend. Er stand endlich auf: »Ich muß nun gehen. Wenn ihr es gestattet, komme ich zum Abendbrot. Wo ist das Bild?« »Laß es mir hier. Bitte.« »Weshalb?« »Bitte.« »Hm. Wie du willst. Adieu, Marie.« »Adieu, Albrecht.« Er hielt ihre Hand fest. Nun, wo sie aufrecht neben ihm stand mit ihrer großen, schlanken Figur und den runden Linien ihrer schönen Gestalt, erschien sie wieder jugendlich, wie ein Mädchen, das lange krank war, das aber vielleicht wieder genesen und neu aufblühen mag. »Am treuesten von allen, Marie, habe ich es mit dir gemeint, und werde es immer tun. Das weißt du.« Sie nickte, sie wagte es nicht, irgend eine seiner Fragen ohne Antwort zu lassen; denn sie wußte, daß er andernfalls auf einer ausdrücklichen Erwiderung seiner Worte bestehen würde. »Also bis Abend, Marie.« »Bis Abend.« Er preßte ihre Hand fest in seiner erstickten Leidenschaft und ging. Eine Zeitlang stand Marie ganz still im Korridor, ohne sich zu bewegen. Sie lauschte auf seine Schritte, die die Treppe hinab verhallten, aber auch dann bewegte sie sich noch nicht von der Stelle. So stand sie jedesmal, wenn Albrecht fortgegangen war, als ob er immer noch gegenwärtig sei und vor ihr stände und irgend etwas fragte. Erst ganz langsam löste sich diese Starrheit. Es war immer noch dieselbe kleine Wohnung, nur daß das Haus draußen grauer geworden war, die Tapeten vergilbter und die Oelfarbe an den niedrigen Türen fleckiger. Sie trat in das Wohnzimmer, an dessen einem Fenster die Mutter saß, apathisch wie immer, die Hände im Schoß und das verwelkte Gesicht auf die Straße gerichtet. An ihr waren die fünf Jahre vorübergegangen, ohne ihr müdes Herz zu erregen, kaum daß sie bemerkt hatte, Joseph sei fort. Auch die Geldsorgen, die vor zwei Jahren über die beiden einsamen Frauen hereingebrochen waren, als trotz aller Sparsamkeit das kleine Kapital versiegte, hatte Marie allein getragen. Es war damals die Rede davon, daß sie die Wohnung aufgeben und in eine kleine Stadt am Harz übersiedeln wollten, aber Albrecht gab das nicht zu. Marie hatte seine Hilfe anzunehmen sich geweigert, er zwang sie dazu. Sie setzte sich der Mutter gegenüber an das zweite Fenster und nahm eine Arbeit zur Hand. Jedesmal, wenn unten auf der Straße jemand vorbeiging, den die alte Frau kannte, nannte sie laut den Namen: »Da geht Goßler.« »Da geht Johanna Frerichs.« Oft erblickte sie stundenlang kein bekanntes Gesicht, kam dann aber endlich jemand vorbei, dessen Namen sie wußte, so lag in dem Tone nichts Ueberraschtes oder Erfreutes, es war immer derselbe kurze, matte Ausspruch: »Da geht der Oberst.« Weiter sprach sie nichts. Waren Besucher anwesend, die – über dieses Lebenszeichen der Frau erstaunt und erfreut – daran anzuknüpfen versuchten und etwa sagten: »Johanna Frerichs hat kürzlich ihren Mann verloren,« – »der Oberst wird nächstens nach Berlin übersiedeln,« – und so weiter, so reagierte sie nicht. Sie wandte nicht einmal den Kopf und blickte nach wie vor auf die Straße. Es gab alte Herren, einstige Kameraden ihres Gatten, die hinauf grüßten, ohne je von ihr einen Gegengruß zu erhalten. Andre Bekannte gab es, die sich förmlich scheuten, vorüberzugehen, und lieber einen Umweg machten, um der einsamen Beobachterin zu entgehen. Sie wußten vielleicht nicht, daß sie der alten, gebrochenen Frau damit die letzte Freude schmälerten, wenn das auch nur eine starre, tote Freude war. »Da geht Lydia.« Marie schaute hinaus. Ja, da ging Lydia. Mit ihrem Manne und dem Kinde. Lydia, die ein kleiner, dürrer Backfisch war, als Marie mit Joseph Heidenstamm sich verlobte. Das Bild lag vor ihr auf dem Nähtisch. Auf der Mahagoniplatte des altmodischen Tisches zwischen Strickgarn und Wäschebündeln erschien die blanke amerikanische Photographie in dem langen Imperialformat wie verirrt. Ein blendendes Gesicht, bildschön, mit blitzenden, lachenden Augen, die vollen Lippen leicht geöffnet, als ob sie mit jemand plaudere, der ihr gegenüberstand. Vielleicht mit Joseph. Kein feierliches Gesicht, wie es junge Damen ziehen, die alle paar Jahre einmal sich photographieren lassen, wenn das ersparte Taschengeld dazu reicht, – ein lustiges, fast spöttisches Lächeln, das sich um den Photographen keinen Augenblick kümmert. Mit großer, fester, schrägliegender Schrift stand auf dem unteren Rande, halb in das Bild selbst hineingeschrieben: »Jane Belmont«. Joseph verlobt, der Tragödie letzter Akt. Der Vorhang konnte nun fallen. Je länger sie auf das Bild schaute, je stiller wurde es in ihrem Herzen. Es war Jahre her, daß sie von Joseph nichts mehr gehört hatte, er war fast verschollen gewesen. Sein letzter Brief an sie war von Hamburg aus datiert an dem Tage, als er von Deutschland Abschied nahm: »Du bist frei, Marie, du wirst nie mehr von mir hören, Marie. Denke, ich wäre tot.« Nur aus seinen seltenen Briefen an Albrecht erfuhr sie noch bisweilen von ihm. Vielleicht hatte, ihr selbst unbewußt, in ihrem zerstörten Herzen immer noch ein phantastischer Gedanke geschlummert: eines Tages werde Joseph wiederkommen, einer von den vielen, die drüben ihr Glück gemacht haben, und nun, wie der Prinz im Märchen, alles zum Guten wenden. Ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen: Joseph hatte wirklich sein Glück gemacht, drüben. Immer starrte sie auf das Bild: ein guter Tausch, wahrhaftig, diese schöne, glänzende Amerikanerin für ein altes, verblühtes Mädchen! Marie war fast ruhig gewesen, als vor drei Wochen Albrecht die Nachricht brachte, Joseph habe sich verlobt mit einer Miß Belmont, einer der reichen Damen von Boston. »Es ist für ihn das Beste,« sagte Albrecht, »der einzige Ausweg, den er noch hat,« und Marie hatte mit starren Augen dazu genickt: »Ja, das Beste.« In der einsamen Nacht war freilich Verzweiflung über sie gekommen, ein letztes, herzzerreißendes Weh, ein letzter Abschied von Hoffnung und verlorenem Glück. Aber dann hatte sie sich zusammengerafft: »Er hat gelitten wie keiner, er ist zu Grunde gerichtet wie keiner, nun endlich kann er sich noch einmal aufrichten. Gott segne dich, Joseph! Gott schütze dich, Joseph, lebewohl, Joseph!« Aber dieses Bild riß die Wunden von neuem auf. Mit einer vagen Idee hatte sie beim Empfange jener Nachricht Josephs Braut sich als ein gealtertes Mädchen vorgestellt, das den ruinierten Offizier mit ihrem Gelde erkaufte. Menschliche Herzen sind sonderbar. Sie können vieles und Schweres ertragen, aber sie zucken in unerträglichem Schmerze zusammen, wenn man eine scheinbar gleichgültige Stelle berührt, die der Eitelkeit. Sie hatte Joseph alles vergeben, auch dieses Letzte und Schwerste, das sie und den Geliebten für immer trennte, sie hatte für ihn und sein Glück gebetet; und dieses Bild riß alles Vergeben und alle Gebete in Stücke. Er nahm die Amerikanerin, weil sie jung war, schön, blühend, er begnügte sich nicht mit dem Gelde, er suchte auch eine neue Liebe! Armes, eitles, verwundetes Herz! Sie hatte für sein Glück gebetet, aber für ein Glück mit Einschränkung, ein Glück neben einer gealterten Frau, ein trauriges, jämmerliches Glück. Sie war in jener Nacht, da sie für ihn betete, fast stolz gewesen auf ihr Sichselbstbesiegen, auf diese sittliche Kraft, die alles vergibt und feurige Kohlen auf das Haupt des andern sammelt. – – Immer lächelte Miß Janes Bild sie an. Sie beugte sich über das Bild mit Augen voll Haß und Verzweiflung, aber die schöne Amerikanerin lächelte unbeirrt weiter. Sie war ja so weit, viele tausend Meilen, einen Ozean weit. Marie träumte. Jetzt, zu dieser selben Stunde sitzt Joseph neben seiner schönen Braut, und sie läßt ihn erzählen. »Erzähle mir, Joseph, von früher, von Deutschland, von deinen Siegen auf der Rennbahn, von den deutschen Offizieren. Sind sie alle so hübsch und schlank wie du? Ja? Und dann von deiner früheren Braut. Wie hieß sie doch? Ja, Marie. Ein häßlicher Name. War sie schön? Schöner als ich? Nein? Nicht wahr, sie war nicht so schön wie ich. Und außerdem, jetzt ist sie alt. Wie alt? Rechne mal nach, Joseph. Vierundzwanzig?! Großer Gott! Und ich bin achtzehn! Ich bin jung und blühend, umarme mich, Joseph! Küsse mich!« Marie fuhr auf mit einem Schrei. Mit einem entsetzten Blick sah die alte Frau sie an. »Marie?! Kind – was – hast – du?!« Marie zog mit beiden Händen Strähne von Haar über Schläfen und Wangen, bis sie nach einem langen, stieren Blick aufwachte. Sie sah die furchtvollen Augen der Mutter auf sich gerichtet und atmete tief auf. »Nichts, Mama, nichts, es ist nur – es ist nichts, nichts.« Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und nahm mechanisch eine Arbeit zur Hand. »Nichts,« sagte sie leise vor sich hin und nach einer Pause noch einmal: »Nichts.« Ein langes Schweigen folgte, das an diesem dumpfen Nachmittage die alte Frau nur einmal unterbrach: »Da geht Frerichs.« * Albrecht von Heidenstamm zeigte fast gleichzeitig mit seinem Bruder in der »Kreuzzeitung« seine Verlobung an. »Also doch!« sagte die ganze Verwandtschaft. »Also endlich!« Jeder Mensch hatte diese Verlobung erwartet, denn aus rein verwandtschaftlicher Rücksichtnahme war Herrn von Heidenstamms jahrelange Fürsorge für die beiden einsamen Frauen nicht zu erklären gewesen. Wo immer das »junge« Brautpaar einen Besuch abstattete, gratulierten die Damen Marie in einer eigentümlich artigen und reservierten Form: o, sie machte wirklich eine brillante Partie! Der Oberstleutnant von Heidenstamm war ein Mann der großen Carriere, ohne jede Frage. Seine Reitersiege lagen nun freilich hinter ihm, die Triumphe der Rennbahn überließ er jüngeren Kameraden, aber wenn je auf deutschen Rennplätzen von den glänzenden Reitererfolgen vergangener Zeit die Rede war, so vergaß man sicherlich nicht, den Oberstleutnant von Heidenstamm – und allerdings auch seinen verschollenen Bruder – in erster Reihe zu nennen. Außerdem: er war gut situiert. Er hatte ein leidliches Vermögen zusammenzuhalten verstanden und konnte seiner Frau eine behagliche Zukunft bieten. Und was hatte dieses Fräulein Marie als Ausgleich für so viele Vorzüge ihres Bräutigams in die Wagschale zu legen? Nach der Ansicht aller Sachverständigen, das heißt der meisten Damen ihrer Bekanntschaft, nichts! Gar nichts! Im Gegenteil! Erstens, sie war verblüht, ja, durchaus. Eine dieser norddeutschen Schönheiten, die in ihrer Glanzzeit nach Statur und Gesichtsfarbe aussehen, als ob sie zwanzig Jahre lang sich nie verändern und alle Stürme der Zeit überdauern würden und die eines Tages nach dem ersten Rauhfrost ruiniert sind. Und zweitens: diese Vergangenheit! »Eine junge Dame, die einmal verlobt war und deren Bräutigam auf Nimmerwiedersehen verschwand! Wie lange ist es her? Acht Jahre? Zehn Jahre? Erst fünf? Nicht möglich! Sie war damals achtzehn alt, und jetzt ist sie mindestens achtundzwanzig!« Aber durch Vergleich und Nachrechnen konstatierte man, daß in der Tat erst fünf Jahre seit Josephs Niederbruch ins Land gegangen seien und daß mithin des Oberstleutnants Braut knapp vierundzwanzig Jahre zähle. Indessen: »Man ist so alt, wie man aussieht, und sie sieht aus wie dreißig.« Höchst merkwürdig und lächerlich, dieses Ballspiel: erst des einen Bruders Braut, dann des andern, erst des jüngeren, dann des älteren! Der Oberstleutnant hatte einen seltsamen Geschmack. Er hätte ganz andre Partien machen können. Marie mußte viel lächeln und freundliche Worte sagen in dieser Zeit. Sie wurde von Haus zu Haus gefahren und allenthalben präsentiert als die besondere Sehenswürdigkeit, die jede Braut darstellt, und die mit Muße zu betrachten ein verbrieftes Recht der Gesellschaft ist. Sie hatte immer dieselben Worte zu wiederholen, und das Lächeln um ihren Mund bekam ein starres Gepräge. Wie ein warmer Sonnenstrahl oft der halbverblühten Blume nach kalten Tagen noch einen letzten Glanz leiht, so geht es den Mädchen, denen eine späte Brautzeit noch einmal den Schimmer der Jugend zurückgibt, aber bei Marie war es, als ob ein hartes Unwetter auch den letzten weichen Zug von Jugend um den Mund zerstört habe. Albrecht selbst fiel das auf. Um dieses Mädchen hatte er geworben, als sie noch eine halbgeschlossene Knospe war, er sah sie Josephs Braut werden und sah sie von Joseph verlassen, er war seitdem beständig um sie gewesen und hatte das langsame Verwelken, das Anderswerden ihres Gesichtes nur undeutlich empfunden. Er hatte fünf weitere Jahre um sie geworben, und nun endlich am Ziele, das Mädchen in seinen Armen, ihr Mund an seinem Munde, das erste Sehnen gestillt, war es ihm, als ob Schuppen von seinen Augen fielen! Ein altes, verblühtes Mädchen, dessen letzter warmer Hauch unter seinen heißen Umarmungen erstarrt war! Betrogen! Er hatte sich selbst betrogen! Bisweilen, wenn er in einem Uebermaß ungestillten Verlangens und tiefen Grimms sie aufrüttelte: »Marie! Sieh mich an! Starr nicht so vor dich hin!« streckte sie sich in seiner Umarmung empor, erschreckt und voll Angst, eine heiße Röte schoß in ihr Gesicht, und die Augen leuchteten in einem hellen Glanze von bebender Furcht. Es war, als ob plötzlich das Gesicht wieder jung, die Gestalt wieder straff und die tote Seele wieder wach sei. Dann umschlang er sie in einer wilden Erregung: »Marie, ich habe dich lieb! Ich habe dich immer geliebt. Du gehörst nun zu mir, ich trage dich auf Händen, raff dich auf! So, ja, so, küß mich!« Aber das Strohfeuer sank in Asche zusammen. * An einem Herbsttage, vier Wochen vor der Hochzeit, gingen sie zusammen durch den Buchenwald, der sich um die Stadt zieht und dessen gelbbraune Blätter langsam und ohne Hast niederflatterten. Sie sprachen darüber, ob es nicht besser sei, die Verlobung wieder rückgängig zu machen. »Ich liebe dich, Marie,« hatte er an jenem Abende zu ihr gesagt, als er Marie an ihrem Nähtische gefunden hatte, immer noch das Bild der schönen Miß Belmont vor sich. »Ich habe dich immer geliebt und du mich nicht, ich weiß. Du hast ihn nicht vergessen, ich weiß, aber er hat dich vergessen. Ich fordere ja nichts, Marie, ich will nur der sein, der dein Leben beschützen und immer um dich sein darf. Ich bin einsam, und du bist einsam, laß uns unsern Lebensweg zusammengehen.« Und Marie, müde und hoffnungslos, hatte eingewilligt. Und eine einzige Minute später hatte sie gewußt, daß alles, was er knieend und stammelnd gesagt hatte, Lüge war. Denn er hatte sie an sich gerissen wie ein Wahnsinniger, sie an sich gepreßt und ihren Mund geküßt zum Ersticken. O, er forderte! Er wollte nicht nur der sein, der ihr Leben beschützte! Eine Lüge. Die Lüge eines Menschen, der alles Werben erschöpft hat und resigniert nur noch um Dulden fleht, kaum selber wissend, was er sagt und verspricht. Sie erinnerte ihn daran, und er nickte. »Ja, du hast recht.« In einem verzweifelten Ringen dieser wenigen Wochen, in dem die tote Gleichgültigkeit des Weibes Siegerin geblieben war, hatte das zehnjährige Sehnen des Mannes sich erschöpft. Er liebte sie nicht mehr. Zuweilen von einer inneren Angst gepackt, versuchte er den Brand in sich selbst noch einmal zu schüren, leidenschaftliche Worte zu finden, aber diese Worte stockten und sanken in sich selbst zusammen. Strohfeuer. Auch bei ihm. Sie starrten düster vor sich hin, wenn sie an die Zukunft dachten: ein Zusammenleben bis ans Ende, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre, oder noch länger. Vielleicht malten sie es sich schlimmer aus als nötig, es gibt so manche konventionelle Ehe auf noch schwankerer Basis, die schließlich sich erträglich gestaltet. Sie sprachen das auch aus, ohne doch zu einem entscheidenden Entschluß zu kommen. Zweimal verlobt gewesen und zweimal die Verlobung wieder gelöst – das ist mehr, als die Welt einer Dame verzeihen kann. Mag sie es tun auf ihre eigne Verantwortung hin, aber für die Gesellschaft ist eine solche Dame in Zukunft tot, existiert nicht mehr. Es ist das Ende, der Schluß, basta. Marie fürchtete diese Verurteilung der Welt nicht, aber der Oberstleutnant legte mehr Wert auf die Meinung der Gesellschaft. Man kann vieles ertragen, nur nicht das Gefühl, lächerlich zu erscheinen. Unmöglich, ein solcher Eklat, ganz undenkbar! Und ein Gefühl der Ritterlichkeit, die mehr oder weniger jeden Mann beseelt, sagte ihm: »Du kannst Marie das nicht antun. Es wäre nicht mehr und nicht weniger als eine Vernichtung ihrer ohnehin so ärmlichen, kleinen Lebensstellung.« Ein Mitleid überkam ihn, das für kurze Zeit die halbzerrissenen Fäden von ihm zu ihr neu spannte und sein schroffes Wesen milderte. Er zog ihren Arm, der schlaff in seinem Arme lag, dichter an sich und preßte ihre schmale Hand: »Wir sind Toren, alle beide, Marie. Es gibt für uns kein Zurück, wir müssen vorwärts. Wir müssen versuchen, zwei gute Kameraden zu werden, ja?« Es lag etwas Weiches in seiner Stimme, das sie bisher nie darin gehört hatte, und diese leise Regung von Milde und sanfter Güte wirkte so überraschend auf sie, daß Tränen in ihre Augen kamen. Der Wald um sie her stand in tiefem Schweigen. Sie gingen dieselben Wege, die Marie einst mit Joseph gegangen war. Blatt um Blatt flatterte in dem kühlen, sonnenlosen Lichte des grauen Tages zwischen den Stämmen zu Boden, und draußen auf den weiten Feldern lag eine freudlose Stimmung von Spätherbst und nahem Winter. Siebentes Kapitel Seit länger als einem Jahre beabsichtigte die Frau Baronin von Heidenstamm, in Gesellschaft ihres Gemahls die Europatournee anzutreten. Man hatte sich schon zu verschiedenen Malen drüben angesagt: bei Lady Eleanor Southdown in London – Schulkameradin der Baronin, Tochter des Bostoner Krösus Jeremy M'Adam, vermählt 1892 mit Lord William Southdown –, bei den Heidenstamms in Berlin, bei Nest Millman in Florenz, einer Cousine der Baronin, in Paris, in Rom, beinahe in ganz Europa. Aber Europa muß sich gedulden, denn die schöne Jane hatte so viel zu tun, ihren jungen Gemahl in Amerika selbst den drei Dutzend Freundinnen vorzustellen, daß an eine Abreise vorerst nicht zu denken war. Alle diese Freundinnen wurden von des Bräutigams einstigen Erfolgen in Kenntnis gesetzt: »Joe war der beste Reiter auf dem europäischen Kontinent, nicht wahr, Joe?« Und Joseph zuckte die Achseln mit einem Lächeln, als wollte er sagen: »Es nützt nichts, zu widersprechen, sie erzählt es jedem.« Uebrigens hatten die New Yorker Zeitungen und der »Boston Herald« bei Gelegenheit der Verlobung ausführlich über den Baron Heidenstamm berichtet: seine enormen Erfolge auf der Rennbahn, sein denkwürdiger Endkampf in der »German army« , Sportsman allerersten Ranges, eine der Größen des europäischen Turfs. Und das einzige Land England ausgenommen, gibt es keinen Platz in der Welt, wo man Sport, Reiten und Pferde höher taxiert als in Nordamerika. Für einen Trotter, ein Wagenpferd Namens Axtell, wurden in dem Winter nach Josephs Heirat mehr als viermalhunderttausend Mark gezahlt, während das beste Rennpferd jener Tage, das merkwürdigerweise den Namen »Hannover« trug, einen noch höheren Wert repräsentierte. »Wenn wir die Europatournee beendet haben, gehen wir nach England und kaufen Rennpferde,« sagte die Baronin. »Wer sich darauf versteht, kauft in Newmarket zehnmal billiger als in Kentucky, und mein Mann versteht sich darauf. Wir begründen einen Rennstall, wie ihr ihn hierzulande noch nicht gesehen habt. Wir werden eventuell auch in Chantilly Pferde kaufen, denn die normannischen Vollbluts sind die zweitbesten der Welt. Nicht wahr, Joe?« »Sicher.« »Wir werden alle europäischen Rennställe besuchen und deren Besitzer kennen lernen, Joe kennt die Herren ja ohnehin. Kennst du den Herzog von Portland, Joe?« »Ja.« »Den Duc de Feltres?« Er nickte. »Wir gehen nach Wien, wo Joseph 1887 die Große Steeplechase für den Fürsten Esterhazy gewann. Auf Ungarn freue ich mich. Alle die Magnaten kennen zu lernen, das muß wundervoll sein. Vielleicht, Joe, kaufen wir auch in Ungarn Pferde?« »Vielleicht.« Sie war eine geschäftskluge Dame, die sich von dieser Reise und von der sportlichen Erfahrung ihres Gatten pekuniäre Vorteile ebensogut wie Ruhm und Ansehen versprach. Die Geschichte Frangipanis mußte er ihr wiederholt erzählen. »Armer Schelm,« sagte sie dann und küßte ihn, »du hattest alles auf eine Karte gesetzt, das darf man nicht. Du hast nie rechnen gelernt. Ihr Kavaliere versteht davon nichts, von nun an rechne ich für dich. Mit einem so kleinen Vermögen Rennpferde kaufen, das ist doch Torheit! Armer Joe, du hast schwer dafür büßen müssen.« Sie sprach ohne jede Befangenheit mit ihm über Marie. »Sie muß sehr lieb gewesen sein,« sagte sie, »ich freue mich, sie kennen zu lernen, wirklich, Joe, aufrichtig. Welch eine Fügung des Himmels, daß sie nun doch noch geheiratet hat, und noch dazu Albrecht. Es ist viel besser so, als wenn wir sie drüben besucht hätten und hätten sie noch ledig gefunden. Aufrichtig, Joe, es wäre mir peinlich gewesen. So ein armes Ding! Nun ist alles gut, und ihr gebt euch die Hand, und wir werden alle vier die schönsten Tage zusammen verleben.« Mit einem komischen, aber ernstgemeinten Seufzer fügte sie hinzu: »Niemand heiratet seine Jugendliebe.« »Du auch nicht, Jane?« »Auch nicht, Joe.« Sie sagte das mit einem so wehmütig-lustigen Gesicht, daß Joseph sie an sich zog und sie küßte. Wie in einem fernen Nebel schwand Maries Bild. Er hielt sein schönes Weib im Arm, in der alles Leben und Feuer war, an der alles ihn entzückte: die prachtvolle Figur mit der vollen üppigen Büste, das schwere, dunkle Haar, die lachenden Augen, die immer gleiche sonnige Heiterkeit. Sie setzte sich auf sein Knie und legte ihre runden weichen Arme um seinen Hals: »Ihr wäret nicht glücklich zusammen geworden, Joe, glaub mir das. Wenn das damals in der ›army‹ mit Frangipani auch alles glücklicher gekommen wäre. Du hättest immer wieder das Glück versucht, und schließlich wärst du doch dabei kopfüber gegangen. Denke dann: die arme Frau!« Er schüttelte den Kopf, in der alten Erinnerung verloren: »Nein. Ich hätte es nicht wieder versucht. Nie.« »Und wenn nicht! Joe, das wäre fast noch schlimmer gewesen. Der Gewinn hätte eben hingereicht, deine Schulden zu bezahlen und die Aussteuer zu kaufen. Dann hättet ihr euch einschränken müssen an allen Ecken und Enden, und Kinder wären gekommen, und deine Frau wäre in Mühen und Sorgen verblüht und – glaub's nur, Joe, es war besser so. Ganz abgesehen davon« – sie lachte und küßte ihn zärtlich –, »daß du nie Jane Belmont zur Frau bekommen hättest.« Joseph versuchte zu lächeln, aber ein Frösteln ging über ihn hin. Er hatte sich wenig verändert. Seine Gestalt war breiter geworden, vielleicht ließ ihn der elegante Zivilanzug so erscheinen. Seine Augen hatten immer noch das Lässige, Gutmütige, und das Gesicht sah noch so jugendlich aus, daß alle Damen erstaunt waren, wenn die Baronin das wahre Alter ihres Gemahls raten ließ. »Achtundzwanzig!« Das wollte niemand glauben. Merkwürdig, wie spurlos diese Jahre an ihm vorübergegangen waren. Sein Gesicht, das in der Sonne von Mexiko verbrannt war, wurde da oben in Boston wieder hell; und sein Wesen, das in der Arbeit um das Dasein etwas Hastiges, Rasches, Energisches angenommen hatte, wandelte sich auffallend rasch rückwärts zu seiner alten, legeren Form. Nur ein leiser Rest des Yankeetums, das auf jeden da drüben abfärbt, blieb zurück, so schwach und undeutlich, daß es dem Auge Janes und der Amerikanerinnen nicht zum Bewußtsein kam. Trist und ärmlich wie den meisten, die in seiner Lage ins Dollarland kommen, war es ihm nie ergangen. Die kleinen Unterstützungen, die sein Bruder und Rochus ihm zukommen ließen, hielten ihn zunächst über Wasser, seine Kenntnis des Pferdes half ihm dann durch und brachte ihm mehr als einmal gute Stellungen und bedeutende Gewinne. Er war nicht Geschäftsmann genug, um eine Chance auszubeuten, andernfalls hätte er in Kentucky und zwei Jahre später in Kalifornien ein Vermögen machen können. Jane Belmont lernte er kennen, als er mit Leland Stanford, dem kalifornischen Erzmillionär, und dessen Rennpferden nach New York kam. Stanfords Name war damals in aller Munde, er hatte die große, nach seines Sohnes Namen getaufte Universität aus eignen Mitteln dem Lande geschenkt, er war selbst schriftstellerisch tätig und galt als Rennmann und als Züchter für die erste Autorität. Er führte Joseph Heidenstamm in die New Yorker Gesellschaft ein, und wenige Wochen später hatte das schönste und reichste Mädchen von Boston den Kavalier für sich erobert. »Greifen Sie zu, lieber Freund,« sagte der Senator Stanford, »es ist eine Partie, wie Sie im Leben keine bessere finden werden. Miß Jane liebt Sie, das ist sonnenklar. Nur nicht zögern!« Die Yankees meinten es gut mit Joseph Heidenstamm, sie hatten ihn immer liebenswürdig aufgenommen und behandelt, vielleicht weil er in seinem ganzen Wesen das schroffe Gegenteil ihrer selbst bildete. Jane Belmont war ein Weib, das keinem Manne gleichgültig bleiben konnte, auch Joseph nicht, aber seine Liebe zu ihr erwachte doch erst spät. Der Wendepunkt war für ihn der Tag, da er Albrechts Brief mit der Mitteilung erhielt, daß Marie sich seinem Bruder verlobt habe. Er begriff es nicht, er war wie vor den Kopf geschlagen! Er hatte geglaubt, ohne sich dieses Gedankens je recht bewußt zu werden, Marie werde ledig bleiben in aller Zukunft. Es schien ihm, als sei sie die Hüterin jener glücklichen Jugenderinnerungen, die sie gleichsam rein zu bewahren die Priesterinpflicht habe. Auf ihn, Joseph, kam es nicht an: er war ein Verbannter, Ruinierter, ein Mensch auf schwankendem Boden, den das rauhe Leben hin und her warf. Ob er ein reiches Mädchen heiratete oder nicht, schien fast gleichgültig. Er war nie ein Heiliger gewesen, im Gegenteil, aber Marie war in seiner Erinnerung die Heilige. Sie umschloß gleichsam wie ein Kelch von Kristall alles Schöne und Gute seines Lebens, seiner Kinderzeit, seiner Jugend, seiner glücklichsten Tage. Albrechts Braut! Er begriff es nicht. Damit war alles zerstört, alles. Ihr süßes Bild, das in der Entfernung des Raumes und der Zeit immer zartere, feinere Linien angenommen hatte, das für ihn in den schwersten Tagen ein Halt und in den schlimmsten Stunden da unten in Mexiko und drüben in dem verruchten Francisco ein Schutz gewesen war, das lag gestürzt, zerschmettert. Die erste Träne seit undenklicher Zeit kam in sein Auge. Als er Jane den Brief gab, las sie und sah ihn dann mit einem seltsamen Blick an: »Du bist traurig, Joseph?« Er antwortete nicht, seine Kehle war wie zugeschnürt. Sie nahm seine Hände: »Joseph, glaubst du, ich verstehe das nicht? Die erste Liebe vergißt man nie, und wenn man eines Tages hört, daß sie nun auch zu einem andern gegangen ist, dann tut das weh. Das ist doch so menschlich begreiflich. Engel sind wir alle nicht, Joe, du auch nicht, du erst recht nicht.« Sie sah ihn mit ihren großen, verständigen Augen nahe an. »Du darfst ihr nicht böse sein, weil sie dir nicht böse sein darf. Nun komm, Joe, wir fahren nach Monmouth Park, das bringt dich auf andre Gedanken.« Sie fuhren nach Monmouth Park, und Joseph kam wirklich auf andre Gedanken. Er saß in dem kleinen Buggy, Jane links neben ihm, und er hatte alle Hände voll zu tun, um die Zügel des Trabers zu regieren, der ihm fast die Arme ausriß. Es gibt nur ein Land in der Welt, wo man zu fahren versteht! Was sind die ungarischen Jucker, mit denen die Kavaliere in Wien und Budapest kutschieren, oder die Orloffs in Moskau, oder die irischen Hacks in Hyde Park verglichen mit diesen amerikanischen Wunderpferden?! Sie fegen in einem Tempo, daß den Insassen Hören und Sehen vergeht, und man muß ausgezeichnete Nerven und eine sehr sichere Hand haben, um in einem wilden Trubel nebenher hastender Wagen die Linie zu halten. Joseph saß wie aus Erz gegossen, den Kopf leicht vorgeneigt, die sehnigen Arme fast kerzengerade ausgestreckt, und Jane lehnte neben ihm in ihrem hellen, duftigen Musselinkleide, über das der Straßenschmutz fortspritzte, als ob Pariser Musselinkostüme den Wert eines Kattunfetzens hätten. Ihre Augen blitzten vor Freude: »Bravo, Joe, allez !« und ihre schneeweißen scharfen Zähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen wie eine Elfenbeinreihe: » Allez, Joe, hol sie! Den da! Da vorn! Den Fuchs! By Jove, das ist Jay Goulds Trotter! Hol ihn!« Sie holten ihn, sie holten alle! Der kalifornische Traber ging wie eine Maschine, und die eiserne Faust seines Lenkers zuckte nicht. Bisweilen schnalzte Joseph leise mit der Zunge, dann spitzte der Hengst die Ohren und blickte Jane mit noch helleren Augen. Und als sie die riesige Menge der zum Rennen kutschierenden Wagen passiert hatten und mit freier Fahrt geradeaus sausten, lehnte sie sich zufrieden zurück, streifte mit dem weißen Handschuh gleichgültig über die Spritzflecken auf dem Musselin und schaute mit einem bewundernden Blick auf ihren Begleiter: Ein Mann! Ein ganzer Mann! Wie hübsch er aussah mit den leicht gerunzelten Augenbrauen, unter denen die Augen groß und ruhig geradeaus blickten! »Joe?« Er schaute einen Moment zur Seite: »Jane?« Mit einer leisen, fast unmerklichen Bewegung rückte sie ihm näher: »Ich habe dich lieb, Joe.« Noch einmal blickte er nach ihr hin und lächelte, dann mußte er wieder alle Aufmerksamkeit dem Pferde zuwenden, das wie ein Pfeil vorwärts zog und einer neuen Wagengruppe sich näherte. ›Wahnsinn,‹ dachte Joseph, ›alle Sentimentalität! Nimm das Leben, wie es ist. Neben dir sitzt das schönste Mädchen, und die andre hat dich längst vergessen!‹ Und er beugte sich vorwärts, die Arme um eine Handbreit vorschiebend. Der Hengst ging rascher, von seinem Gebiß flogen leichte Schaumflocken, und wieder blieb Wagen um Wagen hinter ihnen. Er fühlte neben sich das warm pulsierende Leben des schönen Weibes, hörte ihren Atem, und plötzlich, mit einer kurzen, raschen Wendung sah er ihr ins Gesicht. »Jane?« »Joe?« »Ich habe dich lieb!« Er stieß es zischend zwischen den Zähnen vor. »Joe, paß auf! Um Gottes willen!« Um ein Haar hätte der leichte Wagen mit einem Sulky karamboliert, aber schon war die Gefahr vorüber, hatten sie den andern passiert. »Sieh nicht wieder zur Seite, Liebling, um keinen Preis. Aber sag es noch einmal: Ich habe dich lieb.« »Ich habe dich lieb!« Sie wiederholte es in einem zärtlichen, entzückten Tone: »Ich habe dich lieb!« Und mit heißen Wangen, sich näher aneinander schmiegend, sagten sie beide abwechselnd in kleinen Pausen immer dieselben glühenden Worte, während der Staub der Landstraße um sie her sauste, rechts und links Wagen vorbeiflogen, Flüche erschallten und Pferdeköpfe, Räder, Menschen wie ein Hexensabbat auf der vollgedrängten Chaussee um sie her wirbelten. In Monmouth Park auf der Rennbahn begrüßen sie tausend Leute. Das ganze vornehme New York war draußen, und Miß Jane kannte dieses ganze vornehme New York. Ihre wunderbare Toilette war ruiniert, von hundert Schmutzflecken und Staub überdeckt, aber nichts ist so chic als diese vernichteten Rennkostüme. So kann man nur aussehen, wenn man hinter einem Trotter saß, der die englische Meile in 2:10 geht. Und neben einem Kavalier, der 2:10 zu fahren versteht. Und wer versteht das? Von tausend nicht einer! Joseph ging neben ihr in einem Rausch. Er sah, wie alle Welt ihn und seine schöne Gefährtin bewunderte: »Vollblut alle beide! Nicht eine dieser künstlich zusammengeschraubten Verbindungen, wie sie sonst die niedergebrochenen europäischen Seigneurs mit den amerikanischen Erbinnen eingehen.« Nun stand er wieder auf der Höhe, dort, wohin er gehörte. Wieder Gentleman großen Stils, reich, und vor ihm ein wirkliches Leben: zunächst weite Reisen, dann auf den großen Gütern der Belmonts die Anlegung eines erstklassigen Gestüts, eine Tätigkeit, die scharfe Arbeit und volle Kraft erforderte. Jane verlangte von ihm, daß er arbeitete: »Nur nie müßig gehen, Joe, das ist für uns beide die Hauptsache; ein Mann, der nichts leisten würde, wäre für mich nicht gemacht.« Er hatte schon jetzt Vermessungen angestellt, die Paddocks abgrenzen lassen und genaue Berechnungen gezogen. »Mit deutscher Gründlichkeit und amerikanischen Mitteln etwas leisten dürfen, das lohnte sich zu leben, by Jove. « Weiter und immer weiter schwand Maries Bild. Es versank in einem Strudel von neuem Leben, Genießen und von einer – ja, einer neuen Liebe! Er hatte Jane Belmont vom ersten Tage an, da er sie kennen lernte, gern gehabt: ihr schönes Gesicht, die volle Gestalt, ihr offenes Wesen, aber ihre Verlobung war mehr ein Zusammenfinden gewesen, ein Geschäft auf gesunder, guter Basis, als eine zwingende Neigung. Jane selbst in ihrer offenen, heiteren Weise leugnete das nicht. »Wir passen zusammen, Joe, und das ist die Hauptsache. Du bist ein Mann, wie ich ihn mir immer gewünscht habe.« Im Vergleich zu den Heiraten ihrer meisten Freundinnen, die entweder nach Europa verhandelt wurden an die finanziell und körperlich ruinierten Kavaliere, oder in New York Millionäre oder Milliardäre zum Manne nahmen, war Janes Verbindung eine Art »Liebesheirat«. Ein Mann mit dem besten Namen, vornehm, jung, hübsch, ein glänzender Reiter, ein liebenswürdiger Mensch – sie hatte ihn wirklich gern. Es war eine so vernünftige und dabei reizende Heirat, wie sie von hundert reichen Mädchen kaum eine abschließt. Und das im Anfang etwas kühle, kluge, liebenswürdige Verhältnis zwischen ihr und Joseph wurde mit den Wochen und Monaten immer wärmer. Während die Ehen ihrer Freundinnen nach der kümmerlichen Komödie der Hochzeitswochen zu Eis erstarrten, fühlte Jane zu ihrem jungen Gatten sich immer näher hingezogen. Damals auf der Fahrt nach Monmouth Park hatte das Liebesspiel zwischen ihnen begonnen, aber es war doch nur ein Spiel gewesen, ein flüchtiges Auflodern der sinnlichen Leidenschaft. Jetzt langsam kamen sie einander immer näher. Sie waren beide junge Menschen, und die Glut, die unter Janes etwas kalter, angelsächsischer Schönheit schlief, wachte auf. Es gab zwischen ihnen keinen Liebessturm, der mit alles besiegender Gewalt zwei Menschen zusammenführt, dazu fehlte es durchaus an einem Anlaß, denn sie gehörten einander nach Gesetz und eigner freier Bestimmung, der zu widersprechen niemand auf der Welt ein Recht oder auch nur einen Anlaß hatte. Niemand stand zwischen ihnen, und die einzige, die wie ein dunkler Schatten sie durch die Macht der Erinnerung hätte trennen können, hatte diese Macht selbst zerbrochen und war eines andern Mannes Frau geworden. Janes Liebe behielt immer einen etwas nüchternen Zug, der nach einer heißen Liebesstunde in einem sarkastischen Lächeln sich äußerte, einem Lächeln, das halb verlegen, halb ironisch sie selbst und Joseph verspottete. Aber es kamen immer wieder Stunden, in denen sie dieses Lächeln vergaß und in einem Rausch von Jugend und Verlangen ihn umschlang. Dann wieder das Lächeln, und dann wieder Liebesglut. Sie fing an, Joseph wirklich zu lieben – in ihrer Art, mit ihm glücklich zu sein – in ihrer Art. Und in ihren stürmischen Umarmungen begann er zu glauben, daß jene Liebe damals in der kühlen norddeutschen Stadt eine Art Kinderliebe gewesen sei, ohne Feuer und ohne Gewalt. Eine Vorfrühlingsliebe, sehr weich und sehr fein, aber so schwächlich und zart, daß sie keine Lebensdauer hat. Wie die kleinen Blumen, die in warmen Märztagen sich siegesfroh hervorwagen und von dem ersten Frost zerknickt werden, kraftlos und ärmlich. Nur nachts im Traum sah er alles wieder wie einst. Marie!? Er fuhr dann auf und blickte wirr um sich. Marie – – – Achtes Kapitel Der Schnellzug von Hamburg nach Hannover fuhr durch die Lüneburger Heide. Während der ganzen langen Fahrt zwischen den beiden großen Städten sieht man rechts und links fast nichts als die weißen Birken, die den Bahndamm säumen, gelbe Ginsterbüsche mit den leuchtenden Blüten, die Richard Plantagenet im Schilde führte, rote Disteln, die das Wappenbild der Stuartkönige waren, und niedrige Kiefern und rotblühende Heide. Wenn man einsam auf einem der kleinen Hügel steht und sieht weit hinaus rechts und links und nach allen Seiten in die endlose Fläche mit ihrer unbeschreiblichen Einsamkeit, über die sich der Himmel wölbt, so ist es, als ob über das Herz ein Friede geht. In diesem großen, lärmenden Deutschland mit wohlbestellten Feldern, fleißigen Städten, vielbesuchten Gebirgen und Menschen und Menschen und Menschen die einzige Stätte tiefster Ruhe! Die Bienen summen, ein Vogel zieht über die Heide, sonst ist alles voll Schweigen und Unbeweglichkeit. Man hört sein eignes Herz pochen, vielleicht weil es lauter pocht als draußen im Getriebe. Aber man darf diese heilige Heide nicht von dem Coupéfenster des Schnellzuges sehen. Da erscheint sie rechts und links eingerahmt durch kahle Telegraphenstangen, deren Drähte immer auf und ab schwippen, bald hoch steigend, daß man Himmel und Kiefern sehen kann, bald herniedertanzend, daß man nichts als lange Parallelstreifen erblickt, die sich beständig heben und senken. Alle tausend Meter erscheint die nüchterne Bude eines Bahnwärters mit ihren roten, schmutzigen Ziegeln und dem kleinen, elenden Garten, in dem auf der Wäscheleine buntes Zeug flattert. Bisweilen ein Dorf, bisweilen eine Stadt. Alles um diese Eisenbahn her ist peinlich korrekt, die Birken stehen wie Soldaten, und wenn man eben glaubt, einen Blick in die weite Heide tun zu können, so erscheint ein schwarzbrauner Bahnzaun, der genau so lange neben dem Courierzuge herläuft, bis das Auge sich müde und geärgert abwendet. Man liest die »Hamburger Nachrichten« oder lehnt sich zurück und schläft ein. »Also das ist Deutschland,« sagte Baronin Jane und schüttelte den Kopf. »Mein Gott, Joe, ich hatte es mir anders gedacht.« Sie hatte sich aufrichtig Mühe gegeben, die Heide, von der Joseph ihr gestern abend bei »Pforte« in Hamburg viel vorgeschwärmt hatte, schön zu finden, aber ihr Empfinden versagte. Es hätte vielleicht auch versagt, wenn die Heide ihr in stillster Einsamkeit fern von dem dröhnenden Rollen der Eisenbahnräder gezeigt worden wäre. Wie kann man schön finden, was der Ausdruck grenzenloser Oede und Hoffnungslosigkeit ist?! Nie wird auf diesen dürren Flächen ein Kornfeld seine goldenen Aehren wiegen, nie Obst reifen. Mit allen Mitteln einer vollendeten Technik und chemischer Durcharbeitung des Bodens macht man an den Grenzen schmale Landstriche urbar, aber die Heide liegt wie eine schlafende Riesin, die es kaum empfindet, daß die Zwerge in ohnmächtigem Eifer an ihrem Gewande zerren. So wird sie noch Jahrtausende schlafen, ein gewaltiges Wahrzeichen, das den die Erde erobernden Menschen ein Halt gebietet. »Das ist nicht Deutschland,« sagte Joseph, »sondern nur ein kleiner Teil,« und nach einer Pause fügte er hinzu: »wenn man so will: der traurigste Teil, wenn man so will: der schönste.« Sie lächelte in ihrer aufrichtigen, freundlichen Weise, die nichts Verletzendes hatte: »Dir gefällt es, weil es deine Heimat ist, Joe, aber mir gefällt's nicht, sei nicht böse.« »O, böse.« Sie waren nun länger als ein Jahr verheiratet und stimmten immer gut zusammen. Daß sie den leisen Zug von Sentimentalität, der über ihm lag, nicht verstand, empfand er bisweilen herber, als notwendig war, aber in ruhigen Stunden sagte er sich, daß es unsinnig sei, von seinem schönen Weibe etwas zu verlangen, das ihrem klaren Wesen und dem Wesen ihres ganzen Volkes widersprach. Heute zum erstenmal erschien ihm ihr »Nichtverstehen« wie etwas Kaltes, das ihn beinahe körperlich schmerzte. Seit gestern früh, da die Ufer der Elbe an ihn vorbeiglitten, war er sonderbar erregt. Diese Elbufer waren das Letzte gewesen, das an dem traurigsten Tage seines Lebens ihm Lebewohl zugerufen hatte, und sie waren das Erste, das ihn wieder grüßte. Alle Erinnerungen waren mit diesem Willkomm wieder aufgewacht. Während der Ueberfahrt schien er an Bord einer der Lustigsten, man lachte, man tanzte, man spielte, ein ganzes Regiment schöner Amerikanerinnen war auf dem Dampfer gewesen, und Baronin Jane die schönste. Was Deutschland! Amerika, das war seine neue Heimat! Vier Wochen in Deutschland und dann weiter nach Florenz, Paris, und nie wieder zurück. Nie! Unter keinen Umständen! Zuerst hatte es an Jane gelegen, daß man die Europareise immer wieder hinausschob, dann an Joseph selbst. Er sehnte sich nicht mehr heim, im Gegenteil. Die Vergangenheit lag so weit hinter ihm, es hatte keinen Sinn und Zweck, sie noch einmal heraufzubeschwören. Was suchte er in Deutschland? Nichts! Es gab da nichts mehr, was ihn heimrief. Etwa Albrecht? Wahrhaftig nicht! Oder Marie? Marie und er hatten ihre Wege getrennt, sie hatten einander nichts zu sagen, nichts Böses, nichts Gutes. Aber Jane hatte auf der Ausführung der Reise bestanden. »Ich will Europa kennen lernen,« sagte sie, »und deine Freunde,« – und: ›Ich will diese Marie kennen lernen,‹ dachte sie, ›und deren Mann.‹ Diese Reise würde für sie, die schöne junge Frau, ein Triumph sondergleichen sein, ein Triumph vor allem gegenüber der einstigen Rivalin! Weshalb auf einen solchen Triumph verzichten?! Noch dazu wenn man ihn vereinigen kann mit einer interessanten Reise, Zerstreuungen, Amüsements! Als sie nach Deutschland kamen, war sie heiterer als je, vielleicht auch schöner als je. Seltsam war Joseph zu Mute gewesen, als er gestern mit Jane durch Hamburg ging. Die Stadt hat noch etwas Amerikanisches, Fremdes, aber auch da schon tönten ihm auf Schritt und Tritt die Erinnerungen entgegen. Auf dem Horner Moor bei Hamburg hatte er einst seinen ersten großen Sieg erfochten – auf »King Harold« im »Hansajagdrennen« – und bei »Pforte«, wo er abends mit Jane soupierte, hatten seine Freunde damals den Sieg mit Champagner gefeiert. Vor dem Alsterpavillon traf er zwei Wandsbecker Husarenoffiziere, er erkannte sie auf den ersten Blick; der eine war Clemens Berenburg, der früher bei den Verdener Ulanen stand und mit Joseph die tollen Suiten in Baden-Baden ausgeführt hatte. Beide sahen ihn und seine schöne Begleiterin an und blickten dann gleichgültig wieder geradeaus. Dieser Herr im hellen Ueberzieher, mit hellen Handschuhen und dem Pariser Cylinder konnte sie unmöglich an Joseph Heidenstamm erinnern. – – – Ueber der Heide lag eine feine, weiche Abendstimmung; das Kinn auf die Hand gestützt, blickte Joseph stumm hinaus. Hier in der Heide hatte er seine schönsten Stunden als kleiner Junge verlebt, wenn seine Freunde, die Offiziere, ihn mit hinaus nahmen und man lange über die weiten Flächen ritt, bis irgend ein Dorf auftauchte, in dem man Rast machte. Er hörte noch die laute, lachende Stimme des Grafen Brügge: »Ein Glas Milch für den Jungen!« und er lächelte, wenn er an seine tiefgekränkte und zornige Jungenart dachte, mit der er das Glas Milch beiseite geschoben, zehn Pfennige aus der Tasche geholt und ein Glas Bier gefordert hatte. »Bravo, Joseph, trink!« Sie gaben ihm Zigaretten und Wein, und ging es abends heim, so schwankte er auf dem breiten Rücken des Gauls und mußte seinen ganzen Mut und alle Entschlossenheit zusammennehmen, um sich oben zu halten. Wenn die Heide blühte, stieg man vom Pferde und schnitt mit dem Taschenmesser große Erikasträuße, die vorn an den Sattel gebunden wurden und im Kasino als Tafelschmuck Verwendung fanden. Joseph brachte seinen Strauß – der kleinen Marie. Mit einem heftigen Ruck riß er sich empor und schaute nach Jane; sie schlief. Ihr weißer Staubmantel breitete sich auf den roten Sammetkissen um sie her, den rechten Fuß hatte sie auf die Polster der andern Seite gestemmt, und ihr feiner gelber Stiefel schaute unter dem herabhängenden Seidenkleide hervor. Langsam, regelmäßig hob und senkte sich die Brust, auf dem Gesichte lag ein Lächeln und ein Schein der sinkenden Sonne. Was Heide! Was Deutschland! Fort mit allen diesen Erinnerungen! Das schönste Weib gehörte ihm, und vor ihm lag das große amerikanische Leben, in dem man nicht träumt, sondern schafft. Er dachte an die beiden Hamburger Offiziere von gestern. Welch ein eintöniges, zweckloses Leben! Morgens in den Stall, mittags in die Reitbahn und abends eine Promenade durch Hamburg; ewig dasselbe Einerlei. Sie leisten nichts, sie schaffen nichts, sie sehen nichts, sie klettern langsam ihre Leiter empor, und von tausend kommt kaum einer auf die Höhe dieser Leiter. Wie hinreißend Jane aussah! Lauge schaute er nach ihr hin, als ob er aus diesem schönen Gesichte sich Mut holen wollte für den drohenden Kampf mit den sentimentalen Erinnerungen. Langsam kam die Dämmerung, Uelzen war längst passiert, Celle vorüber, eine Stunde noch, und der Zug fuhr in die große Halle zu Hannover. Die Heide wurde dunkler, erst grau, dann finster. An solchen Abenden war er oft als junger Offizier auf dem Heimritt gewesen, vor allem an den nebligen Novembertagen, wenn die Reitschule mit der Meute gejagt hatte. In Isernhagen trank man noch einen Grog, und dann ging's durch die kalte Nacht heim, bis die Lichter von Hannover kamen und er sich eilen mußte, um Marie mit dem Abendessen nicht allzulange warten zu lassen. Marie – immer Marie, zu der seine Gedanken wanderten! Heute abend würde er sie wiedersehen. In Streits Hotel zu Hamburg hatten Jane und er zwei Briefe gefunden, von Albrecht und Marie. Beide baten Bruder und Schwägerin, während ihres Aufenthaltes in Hannover das wenn auch nur bescheidene Quartier in ihrem Hause nehmen zu wollen. Maries Brief war ruhig und höflich; zögernd, mit einem Blick auf Jane, die immer noch fest schlief, nahm er den Brief hervor und blickte auf die Schrift. Ein einfacher, weißer Briefbogen. Es waren dieselben Schriftzüge, die ihm einst so viel Liebes und Gutes gesagt, und die er nun seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Oder war die Schrift anders geworden? Ja. Die Lampe flackerte, draußen war die Nacht hereingebrochen, er hatte Mühe, in seiner Ecke die Buchstaben zu lesen. Maries Schrift war groß, steil, fest gewesen, jetzt schien sie unsicher und hastig und müde. Eine kleine Station mit grellen Lichtern flog vorbei, dann wurde es wieder finster; dann kamen Häuser mit erleuchteten Fenstern, mehr, immer mehr, Hannover nahte. Einen Augenblick hatte er die Empfindung, als ob ihm der Atem stockte, dann nahm er sich zusammen und stand auf. »Jane!« Sie zog im Schlaf ein mißmutiges Gesicht wie ein Kind, das man in der Nachtruhe stört, und drehte sich seitwärts. »Jane! Wach auf! Wir sind da!« Sie schlug die Augen auf und zwinkerte gegen das Licht: »Wo?« »In Hannover.« »Ach so! Ich hatte wohl geschlafen?« Und im nächsten Augenblick war sie völlig wach. Sie schüttelte sich ein wenig und lehnte sich dann an ihn: »Ich hatte so schön geträumt, Joe, rate, von wem?« Er war nicht in der Stimmung, zu raten, da legte sie den Arm um seinen Hals und küßte ihn zärtlich: »Von dir.« »Nimm deine Sachen zusammen, Jane.« »Das eilt ja nicht so.« »Doch. Es ist immerhin möglich, daß man uns auf dem Bahnhof erwartet.« »Das ist wahr, ja.« Sie beugte sich hastig über ihre Taschen und hatte im Augenblick alles geordnet. Sie sah nach dem Schlaf frisch und rosig aus, und als sie das in dem kleinen Kristallspiegel bemerkte, freute sie sich: »Heute müssen wir Staat machen, Joe, wir beide. Mir wird ordentlich feierlich zu Mute.« Die großen elektrischen Bogenlampen warfen ihr Licht in das Coupé, langsam rollte der Zug in die Halle. Joseph öffnete das Fenster und beugte sich hinaus. Da stand Albrecht! Allein, Gott sei Dank! Ohne Marie. Der Zug fuhr noch ein paar Dutzend Meter weiter, die Brüder waren dicht aneinander vorüber geglitten, aber Albrecht, der den Zug entlang spähte, hatte Joseph nicht bemerkt. Und Joseph ihn nicht angerufen. Weshalb nicht? Er wußte selbst nicht weshalb. Er hatte rufen wollen, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Er winkte einem Gepäckträger, und erst als alles besorgt war und die Menge bereits anfing, sich zu verlaufen, tauchte Albrecht suchend aus dem Gedränge hervor. »Joseph!« »Albrecht!« Sie reichten sich die Hände und schauten einander ins Gesicht mit einem fremden, unsicheren Ausdruck. »Wie geht es dir?« »Was machst du?« »Mein Bruder Albrecht – meine Frau.« »Meine Gnädige, ich« – er reichte ihr die Hand und sah sie an und wurde verwirrt – »wir freuen uns aufrichtig.« Und er starrte sie von neuem an, von der glänzenden Frau wie geblendet. Sie bemerkte sein Staunen und freute sich darüber. Nun fand sie sofort ihren leichten, heiteren Ton: »Wir haben lange auf uns warten lassen, Joe und ich, ein ganzes Jahr und noch länger. Sie wollten uns zu Hause nicht fortlassen. Aber nun sind wir da. Und wo ist Marie?« »Meine Frau konnte leider nicht mitkommen, sie bittet um Entschuldigung. Sie ist nicht recht wohl, aber sie freut sich, Sie, meine gnädige Frau, und – und Joseph zu empfangen.« »Sie ist krank?!« »Nicht krank, o nein. Nicht das, was man krank nennt.« Er reichte Jane die Hand. »Hoffentlich wird es Ihnen in Deutschland und speziell bei uns in Hannover gefallen, meine Gnädige. Ich freue mich, daß Ihnen die weite Reise, wie es scheint, gut bekommen ist.« »O, was das betrifft!« Sie lachte und ging an seinem Arm die Treppen hinab. »Welch ein großartiger Bahnhof! Tausendmal schöner als in Hamburg! Ich dachte, Hannover wäre so klein. Joe, kommst du?« Sie blickte sich flüchtig nach ihm um. »Welch ein Gedränge! Diese Menschenmenge! Wie in einer Weltstadt!« Einige Soldaten kamen vorbei und grüßten militärisch, das erschien ihr seltsam und doch auch hübsch. Diese fremden Soldaten grüßten sie, die eben angekommene Amerikanerin, oder doch wenigstens ihren Begleiter. Seine Sporen klirrten bei jedem Schritt, und die glänzende Uniform gefiel ihr ausgezeichnet. Sie plauderte mit ihm in munterster Laune, während Joseph in dem Gedränge der Menschen abwechselnd neben ihr oder hinter ihr schritt. Er hatte vor diesem ersten Wiedersehen mit Albrecht ein Unbehagen empfunden: es würde tragische Gesichter und schulmeisterhaft ernste Worte geben, eine unbequeme Scene mit feierlichen Allüren. Statt dessen löste sich alles in bequemster, banalster Weise, in einer fast allzu bequemen Weise. Zwischen ihm und Albrecht hatte es zeitlebens sehr wenige Berührungspunkte gegeben, aber immerhin waren sie Brüder. Sie hatten sich fünf lange und sehr ereignisreiche Jahre nicht gesehen, es wäre das beste und richtigste gewesen, sie hätten sich überhaupt nicht wieder getroffen. Wenn das nun aber einmal der Fall war, so hatte das in einer gewissen feierlichen Weise zu geschehen. Mochten dabei tragische und unbequeme Worte gewechselt werden, immerhin besser als dieses flache »Guten Tag« und »Wie geht's?« Und das seltsame Gefühl kam einen Moment lang über ihn, als ob diese Frau da, seine eigne Frau, eine Fremde sei, die sich unberechtigt zwischen ihn und den Bruder drängte. »Nein, nein, wir wohnen im Hotel, aber das ist ja selbstverständlich. Joe, so sprich doch.« »Natürlich, wir wohnen im Hotel.« Es folgte vor der Droschke ein kurzes Hin und Her von Worten, dann gab Albrecht, dem diese Lösung der Wohnungsfrage durchaus willkommen war, in seinem höflichen Drängen nach: »Aber ihr kommt zum Abendessen. Marie wartet auf euch. In einer Stunde seid ihr bei uns. Auf Wiedersehen, meine gnädige Frau.« »Auf Wiedersehen« – »Auf Wiedersehen.« Der Wagenschlag schloß sich, und die Droschke [fuhr] zum Hotel. »Ein sehr netter Mensch.« »Albrecht?« »Natürlich. Wer sonst? Und wie glänzend er aussieht in dieser bunten Offiziersuniform. Ach, Joe, du bist ein Narr, daß du dich mit deinem Bruder zeitlebens gezankt hast. Uebrigens, er sieht dir ähnlich.« Als er schwieg und aus dem Wagenfenster in die alten, bekannten Straßen starrte, lehnte sie sich zärtlich an ihn: »Nur daß er viel älter ist, Joe, als du, und lange nicht so schön.« »Hm.« Er hörte kaum auf sie, ihre Berührung tat ihm fast weh. Der Springbrunnen neben dem Denkmal Ernst Augusts plätscherte, ein Soldat ging mit seinem Liebchen, einem drallen Hausmädchen, im Schatten der Bäume, eine warme, weiche Sommernacht lag über den Straßen. Er hatte nur ein Gefühl: »Allein sein! Eine einzige Stunde!« – – Er stand an dem geöffneten Fenster in dem Hotelzimmer und blickte zur Georgstraße hinüber, wo das Leben an dem schönen Abend noch auf und ab flutete. Jane kleidete sich hinter ihm vor dem hohen Spiegel um. »Joe, reich mir das Necessaire. Du hast es eingeschlossen. Bitte.« Er ging zum Koffer und brachte ihr das Etui. Ihr weißer Nacken leuchtete ihm entgegen, und die fein gerundeten Arme, die hoch erhoben die schweren Flechten ordneten, schimmerten in dem Kerzenlicht. Aber er schenkte seinem schönen Weibe keinen Blick und trat wieder an das Fenster. Beständig schwatzte die Kammerfrau mit ihrer Herrin; sie probierten erst das grauseidene Kostüm von Worth, dann zwei oder drei andre Toiletten, und entschieden sich nach langem Hin und Her für ein pompöses Gesellschaftskleid aus Laferrieres Meisteratelier: bordeauxrote Seide mit einem Perlbesatz von etwas hellerer Färbung. Joseph gab sich Mühe, nicht zuzuhören, aber obwohl Jane und die Kammerfrau auf seine Anwesenheit Rücksicht nahmen und halb flüsternd sprachen, vernahm er jedes Wort. Ein Strom von Erinnerungen flutete zu ihm hinauf von draußen her, von dem Hoftheater, das schwer und massiv und dunkel sich dicht vor seinem Fenster erhob, von der hellen Georgstraße, von den vorbeigehenden Menschen, von der Heimatsstadt, aber keiner der Eindrücke blieb in ihm haften, weil das Schwatzen hinter ihm jeden Gedanken tötete. »Frau Baronin ist stärker geworden.« »Wirklich?« »Man hatte ja auf dem Schiff keine Bewegung; wenn Frau Baronin erst wieder reiten und Tennis spielen, ändert sich das wieder.« »Joe?« »Was?« »Findest du, daß ich stärker geworden bin?« Er wandte sich gequält um und betrachtete sie. Ja, sie war stärker geworden, aber er hatte keinerlei Neigung, dieses Thema zu erörtern. »Ich finde nicht.« »Na, also. Wie gefällt dir das Kleid?« Es war eine der neuen Pariser Toiletten, die eigens für die Europatournee angeschafft und ihm noch nicht vorgestellt waren. Er betrachtete sie stumm und sagte dann: »Sehr schön, aber – etwas auffällig.« Jane lächelte, und die Kammerfrau, Miß Dash, war konsterniert über dieses Urteil. Sie belehrten ihn beide, daß es durchaus nicht auffällig sei, worauf er müde zustimmte und äußerte, es sei in der Tat wohl nicht auffällig. Er trat wieder an das offene Fenster. Nun sprachen sie über das Parfüm, über die Handschuhe, über Miß Bliß, die während der Seereise sich sehr auffällig an die Baronin attachiert hatte; ob Miß Bliß und Mr. Kelly sich verloben würden? »Vielleicht.« – »Vielleicht nicht.« – »Es wäre für Miß Bliß ein Glück, denn sie ist nicht mehr jung.« – »Sie ist mindestens fünfundzwanzig« – »Mindestens achtundzwanzig.« Bis endlich die Toilette beendet war und Jane ihren Gatten zärtlich vom Fenster holte. »Du hast lange warten müssen, Joe, bist du böse? Du bist nicht böse. Gefall' ich dir so?« Und sie breitete ihren dünnen, feinen Seidenmantel mit beiden Armen weit auseinander, daß ihre üppige Figur in dem leuchtenden Rot sich königlich präsentierte. Um den weißen Hals trug sie ein dunkelrotes Sammetband, an dem ein einziger großer Diamant blitzte, weiteren Schmuck hatte sie nicht angelegt. Miß Dash ging zur letzten Prüfung um ihre Herrin, sie von allen Seiten aufmerksam betrachtend, wobei sie sich auf den Zehenspitzen hob, sich tief beugte, zurücktrat, um einen Blick aus gewisser Distanz zu gewinnen, zupfte, glättete, strich und fortwährend kleine Bewunderungsäußerungen murmelte. Jane stand stumm und ließ Miß Dash gewähren. Ihre rechte Hand machte sich ein wenig mit dem linken Handschuh zu schaffen, der über dem vollen Arm sich allzusehr straffte, den Kopf hatte sie ein klein wenig zurückgebogen, und so blickte sie stumm, unverwandt auf Joseph und lächelte ihm zu. Es war eine seltsame Minute, in der beide nicht sprachen und sich nur anschauten, eine Minute, die scheinbar Miß Dash und ihrer Inspektion gehörte, in Wahrheit aber ganz ausgefüllt war von diesem einen strahlenden, siegessicheren, weichen, kosenden und dann wieder übermütigen, lächelnden Blick der schönen Jane. Bis Joseph, wie von einem Magnet gezwungen, mit drei raschen Schritten zu ihr kam und den Arm um sie legte: »Du bist schöner als je.« Sie beugte den Kopf noch tiefer in den Nacken zurück und sah ihn mit halbverschleierten Augen an: »Bin ich schöner als je?« »Ja.« Miß Dash ging immer noch um ihre Herrin, das heißt jetzt um Herrin und Herrn, immer von dem Gedanken geleitet, daß irgend etwas noch nicht in letzter und höchster Vollendung sein könnte. Sie hatte das Wort aufgeschnappt und murmelte es vor sich hin: »Schöner als je, schöner als je,« während die beiden ihre Anwesenheit kaum zu bemerken schienen. Um diese Miß Dash brauchte man sich nicht zu genieren, ebensowenig wie man sich etwa um einen treuen, alten Pudel geniert hätte. »Wollen wir nun gehen, Joe?« Er wachte auf und nickte: »Ja.« * – – »Sie lassen auf sich warten,« sagte der Oberstleutnant ungeduldig. Er ging mit knarrenden Stiefeln im Eßzimmer auf und ab, während Marie an dem Fensterplatz saß, die Hände in den Schoß gelegt und die Augen seit langer Zeit auf eine Stelle des Teppichmusters geheftet. »Findest du nicht auch?« Er blieb hart vor ihr stehen. »Ja.« »Also. Antworte doch, wenn man etwas spricht oder fragt. Das ist fürchterlich, dieses Nie-Antwort-geben.« »Verzeih.« »Was verzeihen! Da ist nichts zu verzeihen! Es ist nur unangenehm, wenn man nie eine Antwort bekommt. Das erfordert doch schließlich die einfachste Höflichkeit. Befindest du dich wieder schlechter?« Sie sah ihn mit einem vagen Blick an, als hätte sie nicht recht gehört, was er fragte, und sei nun in Angst, weil sie keine Antwort wußte. Er fühlte etwas wie Mitleid. Er nahm einen Stuhl vom Eßtisch und setzte sich neben sie. »Wenn ich Urlaub erhalte, gehen wir vier Wochen an die See; du mußt dich erholen, Marie, du siehst nicht gut aus.« Er nahm mit einer etwas gezwungenen Bewegung ihre schmale Hand und streichelte sie. Er hatte das Gefühl: an diesem Abend mußt du dich zusammennehmen. In deine Ehe und ihre Oede hat niemand das Recht hineinzuschauen, am allerwenigsten Joseph oder dessen Frau. Aber während er stumm die kalte, magere Hand streichelte, zog langsam in diese halb weichen, halb nüchternen Gedanken eine Empfindung voll maßloser Bitterkeit. Immer und immer, solange er zurückdenken konnte, war er der Benachteiligte und Joseph der Glückliche! Während er gearbeitet und jeden Pfennig gespart hatte, vergeudete Joseph sein Geld, um dann in Amerika ein hundertmal größeres Vermögen in der leichtesten und angenehmsten Weise zurückzugewinnen. Während er die schöne Marie geliebt hatte, wurde sie Josephs Braut, und als Joseph sie verlassen hatte und aller Jugendschimmer des Mädchens verblaßt war, nahm er, Albrecht, die kümmerlichen Reste, die der jüngere Bruder zurückließ! Das schönste Weib von drüben fiel Joseph als Beute zu, und heute kam er und präsentierte seine neue Erwerbung, während er, Albrecht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen hatte. »Er wird sich wundern, wenn er Marie wiedersieht und sie mit seiner Frau vergleicht! Wundern wird er sich! Aber über wen? Ueber mich! Und wird mir sehr dankbar sein und denken: ist doch ein guter Kerl, der Albrecht, er begnügt sich immer mit dem, was man überläßt.« »Wie?« Marie beugte sich ängstlich vor und sah ihn fragend an. »Ich sagte nichts.« »Du sagtest doch was . . .« »Durchaus nicht.« Mit einer brüsken Bewegung ließ er ihre Hand los und ging auf und ab. Er betrachtete den Tisch, das kostbare Gedeck, die großen Kristallschalen voll seltener Früchte, und plötzlich lachte er laut auf: »Sie kommen nicht. Sie lassen auf sich warten wie Könige oder wie amerikanische Millionäre, die sie sind! Die uns armem Gesindel eine Gnade erweisen, wenn sie überhaupt einmal hereinschauen. Laß hinschicken zum Hotel: Ich bedauerte, ich – ich – ich wartete nicht länger!« »Albrecht!« Er nahm eine der Kristallschalen in die Hand und hob sie empor. Er mußte sich zusammennehmen, um seinem Grimm nicht die Zügel schießen zu lassen und die Schale nicht zu zerschmettern. Da tönte im Flur die schrille Glocke. Er atmete tief auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Eine Pause entstand. Er lehnte mit der Hand auf dem Eßtisch, während Marie in der dämmerigen Ecke am Büfett stand. Sie hörten draußen sprechen: die Stimme des Hausmädchens, eine helle Damenstimme mit fremdartigem Accent und dann – Marie begann zu zittern – Josephs Stimme. Eine Minute verging, eine zweite Minute, eine Ewigkeit. Ein blutroter Schimmer legte sich vor Maries Augen, er wurde dunkler, sie bewegte die Lippen, als wollte sie etwas sagen, da zerriß der Schleier vor den Augen, und das Zittern hörte aus. Sie stand gerade aufrecht, nur die Arme hingen leblos herab. Die Tür hatte sich geöffnet, sie sah den hell erleuchteten Korridor und in der Tür eine Frau in rotseidenem Kleide, die einen Moment zögerte und nun ins Zimmer trat. Dann Joseph. Er trug einen dunkeln Anzug, einen englisch gebogenen Stehkragen und eine breite schwarze Seidenkrawatte. Sie sah das alles mit einem Blick. In einem traumhaften Empfinden hatte sie geglaubt, er werde hereinkommen wie sonst in der blauen Uniform, so wie er in ihrer Erinnerung lebte; nun erschien er in einer fremden Kleidung. Da war ihr, als ob sie aus einem unendlich langen Schlafe aufwachte. Ganz ruhig ging sie einige Schritte vor und verneigte sich, als ihr Gatte sie der fremden Frau vorstellte. Sie und die Dame wechselten Worte, eine ganze Reihe von Worten, dann wandte sie langsam den Kopf, ganz ohne Eile, und sah Joseph an. Er bot ihr die Hand, und sie nahm sie an. Mit einer merkwürdigen Ruhe sagte sie: »Wie geht es dir, Joseph?« Und dann ereignete sich eine sehr peinliche Scene. Joseph, der eben draußen im Korridor noch fest und ruhig gewesen war und zu den neckenden Worten der schönen Jane: »Nun mach mich nicht eifersüchtig, Joe,« gelächelt hatte – wenn es auch nur ein sehr mühsames Lächeln gewesen war – Joseph verlor die Haltung! Er versuchte auf Maries Worte etwas zu erwidern, irgend ein banales: »Danke, und wie geht es dir?« Aber seine Lippen begannen krampfhaft zu zittern. Mit einer ungeheuern Anstrengung hielt er sich noch einige Sekunden, dann verlor er die Fassung. Er schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. Eine Totenstille im Zimmer. Jane war blaß geworden wie eine Marmorstatue, während Albrecht einen Schritt zurückgetreten war und mit eisiger Miene von einem zum andern blickte. Die einzige, die ruhig blieb, war Marie. Ueber ihr blasses, müdes Gesicht ging es einen Moment wie ein Sonnenblick. Sie sah nicht auf ihren Gatten, sie sah nicht auf die Fremde, sie trat zu Joseph und legte die Hände tröstend auf seinen Arm: »Joseph!« Sie geleitete ihn wie ein Kind nach dem Stuhl und zog ihn sanft nieder, während sie neben ihm stehen blieb. Immer noch tödliches Schweigen, das nur Josephs krampfhaftes Schluchzen von Zeit zu Zeit unterbrach. Er hatte die Arme auf den Tisch gelegt und sein Gesicht darin verborgen. Nach einer langen Pause blickte Marie auf und wandte langsam ihre Augen zu der Frau, dann zu ihrem Manne und wieder zu Jane. Dann begann sie zu sprechen: »Sie müssen ihm nicht böse sein. Er hat mich nicht wieder erkannt, das ist der Grund. Ich bin sehr alt geworden und sehr verfallen, er war darauf – wohl nicht vorbereitet.« Jane trat heran. Schweigend blickte sie sekundenlang, dicht vor Marie stehend, der andern ins Auge, dann nahm sie, immer ohne ein Wort zu sprechen, Maries Hände und preßte sie. »Joseph?« Sie legte die Hand auf seine Schulter: »Nun komm. Sei wieder ruhig.« Sie hatte wirklich keinen Grund, eifersüchtig zu sein; auf eine Zerbrochene ist niemand mehr eifersüchtig. Und während sie ihres Mannes Hand in die ihrige nahm und mit ihrem Batisttuch ihm über Stirn und Augen fuhr, verzieh sie ihm. Er hätte ja ein Herz von Stein haben müssen, wenn dieses blasse, zerstörte Gesicht einer einst geliebten Frau ihn nicht erschüttert hätte. Auch ihr Herz schwoll von einem tiefen, frauenhaften Mitleid, diesem Mitleid, das man dem zum Tode getroffenen Gegner stets gewährt. Sie hatte nur das eine Bild Maries gekannt, das Joseph ihr in Boston gezeigt und das sie aus seinem Besitz in den ihren übernommen hatte: ein junges, liebreizendes Mädchengesicht, ein halbes Kind in einem grenzenlos einfachen Kattunkleidchen mit einer Blume an der jungen Brust. Sie hatte nicht erwartet, dieses Kind zu finden, aber sie hatte sich Josephs Jugendgeliebte als eine junge, schöne Frau vorgestellt, deren Gesicht vielleicht herber geworden sein mochte, mit der in Wettstreit zu treten aber immer noch einen gewissen Kampf erfordern würde. Auf diesen Wettstreit hatte sie, die um sechs Jahre jüngere, sich gefreut. Sie war ihres Sieges so sicher, und die andre würde nach einigen Tagen gedemütigt das Feld räumen. Seinen eignen Mann sich nach den Flitterwochen und Honigmonaten noch einmal erkämpfen müssen oder wenigstens ihn verteidigen müssen, das war ihr wie etwas Außerordentliches erschienen, wie etwas Extravagantes, das andre nie kennen lernen oder kennen zu lernen nicht den Mut haben. Sie, Jane, hatte den Mut! Sie, Jane, würde siegen! Sie, Jane, unternahm diese Europareise, um den Kampf gegen Josephs Jugenderinnerungen und Jugendliebe zu bestehen. Nun gab es keinen Kampf. Einen Moment hatte sie das Glücksgefühl: ›auch diese Letzte, die zwischen dir und Joseph stand, ist vernichtet,‹ aber dann vergaß sie die egoistische Empfindung in einem tiefen Mitleid. »Wir haben oft von Ihnen gesprochen,« sagte sie und nahm Maries Hand. »Joseph hat mir viel von Ihnen erzählt. Ich bin so glücklich, Sie zu sehen.« Hätte sie jetzt das grauseidene Kleid zur Stelle und nicht dieses prahlende rote, das bei jeder Wendung rauschte und beim Sitzen knisterte! Miß Dash hatte die Schuld, nur Miß Dash! Die mit ihren plumpen Ratschlägen Jane schon hundertmal in Verlegenheiten und Aerger gebracht hatte! Und der große, fürchterliche Diamant an dem rotsammetnen Bande am Hals! Er brannte förmlich und tat weh! Sie dachte daran, ihn heimlich herunterzureißen und in die Tasche zu stecken, aber es war zu spät, es ging nicht mehr. Mit großen, seltsam feierlichen, traurigen Augen sah Marie sie an, während Jane zu ihr sprach – vieles sprach und erzählte. Sie saßen nebeneinander in dem steifen, geradlehnigen Sofa, das Albrecht zur Aussteuer gekauft hatte; Joseph und Albrecht waren nebenan in den Salon gegangen. »Darf ich ›Marie‹ sagen?« Marie nickte stumm. »Und ›du‹?« Marie nickte stumm. »Und willst du ›Jane‹ sagen?« Mit einem sonderbaren, stumpfen Blicke antwortete Marie. Was wollte diese fremde Person von ihr? Was drängte sie sich an sie? Diese Frau, die ihr ohnehin alles fortgenommen hatte?! In ihren müden, glanzlosen Augen begann etwas zu zittern wie der letzte Grimm einer Vernichteten, aber die schöne Jane sah nichts davon. Sie plauderte weiter, unbefangen und fast zärtlich, und während sie sprach und sprach, erlosch das schwache Flackern in den Augen Maries. Man setzte sich zu Tische und nahm ein wenig von den Speisen und nippte von dem Wein. Joseph war der einzige, der trank. Er saß stumm und leerte sein Glas. Er schenkte ein und leerte es von neuem. Jane führte die Unterhaltung, während Albrecht erst langsam in Stimmung kam. Sie redete so ungezwungen und blickte ihn mit ihren großen, lächelnden Augen so liebenswürdig an, daß er erst unsicher wurde, dann gefesselt und interessiert. Das Gespräch drehte sich um die gleichgültigsten Themata: Boston, die großen Ozeandampfer, Hamburg, die Einwohnerzahl von Hannover. Aber sie hatte eine fascinierende Art zu sprechen, rasch, mit schnellen Fragen, lebhaft, hin, her, ein kurzes Lachen, ein erstauntes Aufleuchten der schönen Augen, und immer dieses reizende, gebrochene Deutsch mit dem fremdartigen Accent. Bisweilen sprach sie eine Minute oder länger nur englisch, und obwohl der Oberstleutnant Mühe hatte, ihr zu folgen und durchaus nicht jedes Wort verstand, schmeichelte ihm ihr Zutrauen auf seine Sprachkenntnisse, und er nickte und wurde immer aufmerksamer. Es war eine liebenswürdige Aufwallung Janes, die sie veranlaßte, in dieser beinahe forcierten Weise die drei andern über die fürchterliche lähmende Stimmung hinwegzutäuschen, mit der der Abend begonnen hatte. Sie tat es Marie zuliebe. Aus einer tiefen und aufrichtigen Teilnahme. Ein modus vivendi war für alle Zukunft nur zu erreichen, wenn dieser erste Abend des Zusammenseins nicht mit einer grellen Disharmonie endete. Marie fühlte das, wenn auch nur undeutlich. Sie gab sich Mühe, dem Gespräche zu folgen und bisweilen ein Wort zu sagen, das ungefähr in den Gang der Unterhaltung paßte. Nur Joseph saß stumm. Er schenkte ein und hielt die Weinflasche in der Hand und starrte minutenlang auf die Etikette: »Chateau Portets, Bordeaux« und las die paar Worte immer von neuem. Bis Jane sich lächelnd zu ihm neigte: »Joseph, was fällt dir ein! Du trinkst –« Zum erstenmal blickte er empor. Er sah auf Jane, dann auf Albrecht, dann nahm er sein Glas, und sich schwerfällig erhebend und immer nur seinen Bruder anstarrend, sagte er: »Ich freue mich – und meine – Frau freut sich, meinen Bruder und – Marie zu sehen – ja – ich war lange fort und – und – es ist ja nun alles gut, und das hier – das – trinke ich auf euer aller Wohl.« Jane lachte: »Bravo, Joe!« Man stieß an, die Gläser klirrten, aber Joseph blickte beim Anstoßen nicht rechts, nicht links, nur geradeaus auf seinen Bruder. Jane nahm eine Zigarette und fragte ihren Schwager, ob er es schicklich finde, daß Damen rauchten. Er hatte es nie schicklich gefunden, aber er versicherte ihr galant das Gegenteil. »Sie müssen uns im nächsten Sommer drüben besuchen,« sagte sie, »Sie müssen beide das fest versprechen. Die Hand darauf, Albrecht.« Er fühlte ihre weiche, schlanke Hand in der seinigen und hielt sie einen Augenblick fest. Dieses »Albrecht« klang so sonderbar in ihrem Munde, die ganze Frau hatte etwas Faszinierendes, das ihn berauschte. Er füllte die Gläser und befahl dem Burschen, der in Dienerlivree bediente, Champagner heraufzuholen. Er hatte dem Besuche seines Bruders und seiner neuen Schwägerin mit der Erbitterung jemandes entgegengesehen, der in aller eignen Misere der gezwungene Zeuge eines fremden, unerhörten Glückes sein soll, diese Erbitterung hatte sich zu einem maßlosen Zorn gesteigert, als Joseph heute abend Marie in der unerhörten Weise entgegengetreten war, aber aller Zorn verflog neben dem schönen Weibe, das ihm in einer seltsam liebenswürdigen Weise entgegenkam. Er lachte, er erzählte, er wurde fast ausgelassen. Er füllte die Gläser: »Trink, Marie,« – »Joseph, trink,« – und als der Champagner kam und eingeschenkt war, erhob er sich mit gerötetem Gesichte und in seiner etwas linkischen Weise: »Meine Frau und ich sind euch dankbar für euern Besuch. Er gibt uns Gelegenheit, eine neue Verwandte kennen zu lernen, von der wir bisher nur gehört hatten. Wir sind entzückt durch ihre Liebenswürdigkeit und überrascht durch ihre Schönheit. Ich bitte, diesen Trinkspruch nicht als einen Akt der Höflichkeit aufzufassen, sondern als den Ausdruck meiner innersten Ueberzeugung, wenn ich« – er stotterte und fand nicht gleich eine logische Fortsetzung – »wenn ich dieses Glas leere auf das Wohl meiner Schwägerin Jane von Heidenstamm.« Eine kurze Pause folgte seinen Worten. Marie schaute einen Moment ihren Gatten an, und Joseph blickte gleichfalls flüchtig auf seinen Bruder, sie waren beide überrascht. Die Worte, die in jedem andern Munde als kühle Höflichkeit gelten konnten, klangen bei ihm neu und fremd. Die schöne Jane mußte auf Albrecht einen außerordentlichen Eindruck gemacht haben, wenn er für sie solche Worte fand! Vielleicht daß Jane selbst mit ihrem scharfen Verstande und ihrer ausgezeichneten Menschenkenntnis das einsah. Sie neigte sich vor und stieß mit dem Schwager an, ihre Augen begegneten sich einen Moment, dann schaute sie in ihr Glas, nippte daran und lächelte vor sich hin. Der Abend wurde fast heiter. Jane sang Lieder, indem sie sich selbst dazu begleitete; zuerst elegische schottische Romanzen, dann deutsche Volkslieder, die sie in einem so seltsam verstümmelten Text brachte, daß selbst Marie lächeln mußte. Und als die Stimmung freier wurde, sang sie ein keckes New Yorker Lied, das Albrecht entzückt noch einmal zu wiederholen bat. Er ging mit der Weinflasche von einem zum andern und schenkte ein. Seiner Frau strich er über die schweren, aschblonden Flechten: »Trink aus, Marie. Freust du dich? Bei Gott, ich freue mich, daß wir ihn einmal wieder hier haben.« Er schlug Joseph auf die Schulter: »Trink aus, Joseph.« Und er beugte sich über Jane und füllte ihr Glas: »Sie müssen noch mehr singen, Jane, und dann müssen Sie uns versprechen, lange hier zu bleiben. Wir haben das hier nötig: Fröhlichkeit – und – und – denn sehen Sie, es ist hier – nicht wahr, Marie« – er tat einen Schritt hinüber zu seiner Frau – »wir beide sind nicht die lustigsten.« Er lachte mit einem gezwungenen, bizarren Lachen und trat wieder zu Jane: »Wir leben hier ein Sklavendasein, nie ein frischer Luftzug. Sie müssen noch singen.« Jane war gern bereit. Wie sie diesen schwerfälligen Menschen, dem man das Verbittertsein auf zehn Schritte Entfernung ansah, in der ersten Stunde gefangen hatte! Es war reizend, ein wahrer Triumph! Während er mit dem Glas in der Hand neben ihr stand und sprach und immer weiter sprach, musterte sie ihn. Gut vierzig Jahre alt, nichts Anziehendes; je länger man ihn betrachtete, je mehr verlor er. Sie hatte sich von ihrer liebenswürdigsten Seite gezeigt, um sich und den andern über diesen trüben Abend fortzuhelfen, und sie hatte dabei ganz mühelos und en passant eine neue Eroberung gemacht. Alles Gute wird belohnt! Sie lächelte vor sich hin. Wenn der Mensch wüßte, wie gleichgültig er ihr war! Dann wurde sie ernster, und ihr frauenhaftes Mitleid regte sich von neuem. Ihre Augen gingen, während Albrecht immer weiter sprach, von ihm zu Marie und zurück; eine trübe Ehe, eine traurige Ehe; die Frau zerstört, und der Mann ein fühlloser Alltagsmensch, der das Verfehltsein der Ehe die Frau entgelten läßt. Sie sah das alles so klar, sie brauchte die Vorgeschichte nicht zu kennen, um Josephs Bruder zu verstehen. »Nur um Gottes willen heute an das alles nicht rühren! Nur heiter sein!« Jane sang das französische Chanson, mit dessen keckem Vortrage sie Boston und New York und die Gesellschaft auf dem Dampfer und alle Welt schon entzückt hatte. Marie saß stumm, sie verstand nicht die Worte und nicht den Sinn. Joseph, der so oft diesem Liede Beifall geklatscht hatte, erhob nicht einmal den Kopf. Aber der Oberstleutnant war außer sich: »Bravo! Bravo!« Seine Nüstern dehnten sich. Er goß die Gläser voll Champagner, und während er Glas auf Glas hinunter stürzte, füllten vage Gedanken sein Hirn: vielleicht wurde das Unmögliche möglich! Kam diese Amerikanerin, um ihm – endlich ihm, der nie etwas erreicht hatte! – das Glück zu bringen?! Es war spät in der Nacht, als Joseph und seine Frau das Haus verließen, um heimzugehen. Albrecht wollte sie begleiten, aber mit einer kühlen Ruhe, die seltsam gegen ihre bisherige Laune abstach, hatte Jane das abgelehnt. Sie gingen schweigend durch die Nacht, alle Straßen waren totenstill. Während Jane droben sang, hatte sie das Gefühl beherrscht: wenn du nachher mit Joseph allein bist, wirst du ihm sagen, daß du ihm nicht zürnst; daß du es begreifst, wenn das zerstörte Bild der Jugendgeliebten ihn zu Tränen überwältigt hat. Aber nun, da sie mit ihm allein war, fand sie das Wort nicht. Der kühle Nachtwind strich um ihre Schläfen, und je länger dieses Schweigen dauerte, um so mehr erstarrten die Worte, die sie sagen wollte. Mochte sie es jetzt ansehen, wie sie wollte, es war etwas Fremdes zwischen sie und ihren Mann getreten. Oben im heißen Zimmer, beim Wein, in dem hellen Licht und in der künstlichen Erregung der hin und her gehenden Reden war sie nicht zum Nachdenken gekommen, der eine Gedanke hatte sie die ganzen Stunden geleitet: ›Der Kampf, um dessentwillen du nach Deutschland gekommen bist, ist vorbei, existiert gar nicht, weil es keine Gegnerin gibt.‹ Jetzt in dem kühlen Winde und dem nächtlichen Schweigen kam sie zur Besinnung. Was denn? Keine Gegnerin?! War sie denn blind gewesen?! Diese zerbrochene, gealterte Frau war eine zehnfach stärkere Gegnerin als eine junge, gesunde Person, mit der sie, Jane, spielend den Kampf aufgenommen hätte! Joseph war ruhig und kühl neben ihr ins Zimmer getreten, und in dem Augenblick, wo er Marie gesehen, hatte er die Fassung verloren! Jane war ihrem ganzen Wesen nach nicht im stande, diese Gewalt sentimentalen Empfindens zu begreifen, aber instinktiv fühlte sie, daß der erste Waffengang, zu dem sie sich gegen ihre Gegnerin so siegesgewiß gerüstet hatte, verloren war. Sie lachte auf, ein kurzes, heiseres Lachen, so daß Joseph, der schweigend neben ihr ging, einen Moment stutzte. Sie gingen weiter, und Jane blickte mit einem verächtlichen Lächeln geradeaus in die menschenleere Straße, über die sich der erste graue Schimmer des dämmernden Morgens breitete. Schön: war dieser erste Waffengang verloren, den zweiten würde sie um so sicherer gewinnen. Und jeden nächstfolgenden, und damit den Siegespreis. In ihr regte sich der sportliche Ehrgeiz, den die Amerikanerinnen auf den Tennisplätzen lernen: man kann einmal verlieren, und vielleicht noch ein zweites Mal; nur zäh bleiben, den Griff fest in der Hand halten! Sie biß mit den scharfen, weißen Zähnen in das Batisttuch, das sie mit der linken Hand vor den Mund hielt. »Jane!« »Was?« Joseph legte seinen Arm um ihre Schulter und zog sie im Gehen leicht an sich. »Jane, ich bin dir viel Dank schuldig.« »Weshalb?« »Daß du gut warst gegen Marie. Jane, das vergess' ich dir nicht.« Sie zuckte unter seinem Arm die Achseln und gab keine Antwort. Sie gingen über den Marktplatz nahe vorbei an dem hochgegiebelten Hause des Philosophen Leibniz. Eine graue, tote Stimmung lag über der schlafenden Stadt. Der kolossale Turm der Marktkirche mit seinen ungegliederten Backsteinmassen erhob sich vor ihnen wie ein Riese. Dann kamen sie durch eine lange, finstere Gasse, die auf Jane wie ein schauerlicher Engpaß wirkte. Sie hatte eine solche Gasse nie gesehen, ihr war, als ob ihr in dieser dumpfen Enge der Atem versagte. Dann endete die Straße, und vor ihnen lagen die weiten Anlagen mit dem Hoftheater, dem Lyceum, den hohen Prachtbauten der Georgstraße. »Ich habe Marie gekannt,« begann er von neuem, »seit sie geboren wurde. Wir sind miteinander aufgewachsen, du weißt. Ich habe sie auf dem Arm getragen und habe sie gehen gelehrt. Und nun das! Und nun so!« »Da ist unser Hotel,« sagte sie. Aber Joseph, immer den Arm um ihre Schulter gelegt, ging an dem Hause vorüber. »Laß uns noch unten bleiben. – Sie war meine Schwester, nicht wahr? Sie war doch wie meine Schwester. Wenigstens damals. Sie war so lieb, du glaubst es nicht. Wenn sie zu mir kam mit ihren kleinen Händchen und wollte etwas haben, und ich mußte ihr Geschichten erzählen . . . Und als sie größer wurde – sie war so hübsch, so frisch, lustig und gesund – und – wie ist es möglich, daß Marie so geworden ist?!« Sie gingen auf und ab, im Osten färbte der Himmel sich heller. Von den alten Erinnerungen gebannt, erzählte Joseph noch immer von Marie. Jane sprach kein Wort, aber er achtete nicht darauf. Instinktiv fühlte sie, daß dieses Erzählen ein Beweis seines herzlichen und dankbaren Zutrauens war. So spricht man nicht zu seiner eignen Frau von der Jugendgeliebten, wenn man seine Frau nicht liebt und ihr voll vertraut. Und stumm neben ihm her schreitend, sagte sie sich: ›Wenn du jetzt ruhig und klug bleibst und gehst auf seine Rede ein, so hast du gewonnenes Spiel. Nimm die Sache, wie sie ist und wie du sie richtig heute begonnen hast: ein wenig Mitleid, etwas Herzlichkeit, diplomatische Gelassenheit, vierzehn Tage ohne stürmische Liebkosungen; dann folgt die Abreise, und dein Mann gehört dir. Mehr als je und für immer! ›Nein!‹ Sie knirschte mit den Zähnen: ›Nein! Was geht mich diese Fremde an?! Joseph gehört mir und nur mir! Resigniert daneben stehen, während er sich mit seinen Jugenderinnerungen abfindet? Narrheit! Mitleid – was heißt das? Wer hat Mitleid mit mir, wenn ich einmal alt werde?! Niemand. Sie hat ihn besessen, als sie jung war, und jetzt besitze ich ihn, denn jetzt bin ich jung! Was ist dieses Mitleid, dieses übertriebene Mitleid? Eine alberne Schwäche und weiter nichts!‹ . . . Mitten in seinen Erzählungen von der Kinderzeit unterbrach sie ihn mit einer kurzen Bewegung. »Komm, wir gehen jetzt hinauf.« Der verschlafene Portier öffnete und geleitete sie in das dunkle Treppenhaus. Und Jane, während sie eine Stufe hinter Joseph aufwärts stieg, ballte ihre Hände zur Faust. Marie erschien ihr setzt bei scharfem, kühlem Nachdenken als ein unbedeutendes spießbürgerliches Geschöpf. Stumm hatte diese Frau den ganzen Abend dagesessen, nur bisweilen hatte sie ein gleichgültiges, nichtssagendes Wort zur Unterhaltung beigetragen. Joseph natürlich sah sie mit andern Augen an, aber sie, Jane, hatte wahrhaftig keinen Anlaß, diese deutsche verblühte Alltagsfrau mit einem romantischen Aufputz zu umkleiden. ›Ich will meinen Mann für mich selbst,‹ dachte sie, ›ich habe nicht Lust, auf ihn zu resignieren, und wäre es auch nur für einen einzigen Tag! Wer bin ich denn? Eine Frau, die in der großen Welt erzogen wurde! Mit weiten, freien Lebensanschauungen. Diese andre ist in sich selbst und in ihrer dumpfen Beschränktheit erstickt; das ist es!‹ Miß Dash saß in einem Schaukelstuhl, ein warmes Tuch um die Schultern und einen Paletot über die Kniee gebreitet. Im Warten war sie eingeschlafen. Sie wachte auch nicht auf, als die Tür sich öffnete und die beiden hereinkamen. »Diese Luft!« sagte Jane, »sie hat wieder alle Fenster geschlossen!« Und sie stieß sie weit auf, daß der kühle Morgenwind die Vorhänge aufflattern machte. »Dash!« –sie rüttelte sie, »gehen Sie schlafen. Nein, es ist gut, ich brauche Sie nicht mehr. Gehen Sie in Ihr Zimmer.« Es war der verschlafenen, blinzelnden Dash schwer begreiflich zu machen, daß Frau Baronin die seltsame, unfaßliche Idee habe, sich selbst auszukleiden, daß man nach der Heimkehr von einer Gesellschaft, noch dazu in einem fremden Hotel, Dash nicht benötige, daß – ja was? Aber ehe sie recht zum Bewußtsein kam, befand sie sich draußen und hörte den Riegel hinter sich zuschnappen. Sie stand noch eine ganze Weile vor der Tür und sann nach: wer sollte die Stiefel hinaussetzen? Das Kleid in den Schrank hängen? Die fünfzig andern Dienstleistungen besorgen, deren einzelne Aufzählung unmöglich ist? Mit einem Frösteln – denn Dash fror immer – ging sie in ihr Zimmer. Joseph war an das geöffnete Fenster getreten, und Jane stand dicht hinter ihm. ›Heute oder nie! Heute gewinne ich ihn ganz oder nie!‹ »Es wird Morgen,« sagte sie und trat dicht neben ihn, »du mußt müde sein, mein armer Joe.« »Ich nicht, aber du.« Er wandte sich zu ihr, und mit einer weichen Bewegung lehnte sie sich an ihn, die Hände auf seine Schultern gelegt, den Kopf an seine Brust schmiegend. »Warum hast du Miß Dash hinausgeschickt?« »Ich wollte mit dir allein sein. – Sieh mich an, Joe. So. Aber freundlicher. Ja, so.« »Du mußt schlafen gehen, Jane. Es ist vier Uhr vorbei.« Mit einem reizenden Lächeln schüttelte sie den Kopf: »Ich will noch mit dir plaudern. Wir werden wach bleiben, bis die Sonne aufgeht, ja?« »Wie du willst.« »Erkläre mir alles, Joe, komm.« Sie zog ihn ans Fenster. »Was ist das für ein Haus da drüben? Nein, laß, ich will raten. Es ist das Theater, ja?« »Ja.« »Und das da die Georgstraße?« »Ja.« »Ich weiß alles, ich kenne die Stadt so gut wie du. Weil es deine Stadt ist, Joe, und ich immer aufgepaßt habe, wenn du erzähltest.« Er setzte sich auf den Stuhl am Fenster, während Jane mit ihrem knisternden Seidenkleide sich wie ein müdes Kind auf seinen Schoß schmiegte und sich an ihn lehnte. Sie plauderte unbefangen von allem möglichen, und dann wehte der Morgenwind noch kühler ins Fenster, und sie tat, als fröstelte sie ein wenig und schob sich dichter in seine Arme. Die Sonne kam groß und strahlend herauf und blitzte auf dem roten, seidenen Kleide. Sie schien mit goldenem Lichte auf das schöne, rosige Gesicht. »Joe.« Er schaute sie an, lange, ihre großen Augen blickten zu ihm weich, sehnsüchtig empor, sekundenlang, eine Minute lang. Es waren traurige Augen, die sagten: ›Um Jane kümmerst du dich nicht mehr, seit du die andre wiedergesehen hast!‹ Es waren verlangende Augen: »Küß uns!« Es waren Augen mit seltsamem Feuer, das loderte und zu ihm emporschlug. Sie hatte sich mit zwei, drei Handgriffen die schweren Flechten gelöst, die nun wie eine Flut über Stirn und Wangen und das rote Seidenkleid strömten. »Joe?« »Jane!« Mit einem Ruck riß er sie empor an sein Gesicht und bedeckte ihren roten Mund mit Küssen. Mit unzähligen Küssen, die ihr den Atem raubten. »Ja,« sagte sie mit zuckenden Lippen, »ja, ja.« Von einem blitzgleichen Gedanken gepackt – einem Gedanken an Marie! – stieß er sie einen Moment zurück, mit beiden Händen ihre runden, weichen Arme pressend und sie niederdrückend, aber mit ihrer ganzen Kraft hielt sie die Hände um seinen Nacken verschlungen und küßte ihn. Und er erwiderte ihre Küsse, sinnlos; und immer flüsterte sie zwischen den Küssen mit fliegendem Atem: »Ja – ja – ja!« * Nun war es auf den Straßen lebendig geworden. Es war Sonntagmorgen, und allenthalben regte es sich. Drüben auf der andern Seite der Straße ging ein ganzer Schwarm Mädchen in hellen Kattunkleidern und weißen Strohhüten. Sie hatten es eilig, vielleicht wollten sie zum Bahnhof, um einen weiten Ausflug zu unternehmen. Grüne Birkenstämmchen vor allen Häusern – Pfingstsonntag. »Ja, Pfingstsonntag. Mit Birken.« Joseph flüsterte es vor sich hin. Er hatte nicht daran gedacht, daß es der Abend vor Pfingsten war, der ihn in die Heimat zurückgebracht hatte. Er nahm gedankenlos eine Zigarette und schob sie zwischen die Lippen, aber er vergaß, sie anzuzünden. Da lag die Stadt im hellen Morgenglanze. Alles wie sonst. Nur da drüben ein Neubau, sehr stattlich, ja. Hannover, – sonderbar! – er war wieder in Hannover. Und just Pfingsten. Pfingsten war in der Kinderzeit vielleicht nicht das schönste Fest gewesen, Weihnachten war schöner und Ostern auch, aber es war ein heiteres Fest voll Frühling und Jugend. Rief da jemand? Er wandte sich hastig um. Nein, Jane schlief. Am Abend vor Pfingsten gingen die Kinder aus, um kleine weiße Birkenstämme zu kaufen, die an alle Türen gebunden wurden und mit ihrem zarten, feinen Grün der ganzen Stadt ein heiteres Gepräge gaben. Später, wenn sie verwelkten, strömten sie einen starken Duft aus, an den er sich deutlich erinnerte. Einige Tage vor dem Feste führten die Gesellen der großen Schlächtermeister in Hemdsärmeln und weißen Schürzen durch die Stadt mächtige ostfriesische Ochsen, die zwischen den Hörnern Kränze trugen und eine Guirlande um den Leib. Man hieß sie Pfingstochsen, weil sie eigens zum Feste geschlachtet wurden, und wer zu Pfingsten einen Ochsenbraten bestellte, bildete sich ein, daß der Braten just von jenen Prachtexemplaren herrühre. Er lächelte. Es waren kleine, unbedeutende Erinnerungen, aber in ihrer Gesamtheit führten sie deutlich das Bild längstvergangener Pfingstfeste zu ihm zurück. Damals standen er und Marie früh um fünf Uhr auf, um das Morgenkonzert zu hören, das in allen Waldwirtschaften nahe bei der Stadt abgehalten wurde, – heute war es früh fünf Uhr, und Joseph war im Begriff, schlafen zu gehen. »Ja, schlafen.« Er war müde zum Sterben. Er warf noch einen letzten Blick hinaus auf die Straße, auf der jetzt ganze Trupps von Männern und Frauen und Kindern in den Frühlingsmorgen hinauszogen, dann löste er die Scharniere der schweren Jalousien und ließ die dunkeln Holzwände an den Fenstern hinabrollen. Es wurde finster im Zimmer; er zündete eine Kerze an, aber das dürftige gelbe Licht wirkte gespensterhaft düster im Vergleich zu dem Sonnenlichte, das er eine Minute zuvor noch gesehen hatte. Und plötzlich war es Joseph, als ob er aus einem Traume erwache! Als ob er diese halbe Stunde, seit Jane eingeschlafen war und er am Fenster in den Pfingstmorgen gestarrt hatte, ein Nachtwandler gewesen sei! Ein Wahnsinniger, der – der – »Großer Gott!« Da lag sie und schlief. Mit glattem Gesicht, lächelnd im Schlaf. Er hatte sie umarmt, heute! Geküßt, heute! An sich gerissen, heute! In dieser selben Nacht, in der er Marie wiedergefunden hatte! Die tote, sterbende Marie! Er hatte – er schlug mit einem wilden Schlage die Hände vor sein Gesicht und brach zusammen auf dem Teppich. »Marie!« Lange Zeit nachher stand Joseph auf und nahm die Kerze, die halb hinabgebrannt war, und trat an das Fußende von Janes Bett. In den Zimmern nebenan war es laut geworden. Ein Herr rief nach Wasser, und draußen im Korridor gellte eine elektrische Glocke. Sie schlief. Sie hatte sich von rechts nach links hinübergeworfen, und ihr rundes, rosiges Gesicht lag auf dem weißen Arm. Ein Grauen ging über ihn hin. Diese Liebesnacht war ein Mord. Ein Mord an Marie. An allem Guten und Heiligen. Ein Verrat – ein Verrat. Die Kerze verlosch. Jane schlief. Der Sonntagmorgen war um viele Stunden vorgerückt, nun begannen die Kirchenglocken von allen Seiten her zu läuten. Aber das Zimmer blieb finster wie Nacht, denn Jane schlief, und Joseph saß in dem Sessel am Fußende des Bettes, das erloschene Licht noch immer in der Hand. Neuntes Kapitel. »Und wann geht's wieder fort, Joseph?« »Am Dienstag. Uebermorgen.« »Nach Paris?« »Ja.« »Und dann nach London?« »Ja.« »Und dann retour nach drüben?« »Ja.« »Glücklicher Joseph!« Er saß in einem Kreise bunter Uniformen an dem alten Stammtisch, in den er vor Jahren mit ein paar ungefügen Schnitten seines Federmessers J. v. H. geschnitzt hatte. Die Buchstaben waren noch zu lesen und würden wahrscheinlich bestehen bleiben, solange der Tisch im Gebrauch blieb. Aber er, Joseph, würde sie nie wieder lesen, denn er saß heute hier zum letztenmal. Es war Sonntagabend, genau acht Tage nach seiner Ankunft. Albrecht und die Damen befanden sich drüben in der Oper; bis zwanzig Minuten nach zehn hatte er Zeit, hier zu sitzen. Es hatte ein Hallo gegeben, als er vor einer Stunde hereinkam. Der eine und andre hatte ihn im Laufe der Woche schon auf der Straße begrüßt, und in der ganzen Zeit war in Hannover nur von ihm und seiner schönen Frau die Rede gewesen. Man sprang auf, drängte sich um ihn, schüttelte seine Hände: »Joseph! Alter Junge! Zeigst du dich endlich! Was machst du?« Selbst der Kellner Karl war in Aufregung. Er nahm den leichten, hellen Paletot und den blanken Cylinder und hing sie an Josephs früheren Stammplatz, den dritten Haken links vom Ofen, wo Hut und Mantel zwischen den Säbeln und Mützen eingezwängt wurden. Aber er brachte nicht wie einst den traditionellen Schoppen »Laubenheimer« zu fünfundsiebzig Pfennig, sondern reichte Herrn von Heidenstamm die in Leder gebundene Weinkarte. Da erst sah ihn Joseph. »Karl,« sagte er und lächelte und gab dem alten Karl über den Tisch vor allen Offizieren – eine Ehre, die Karl noch nie widerfahren war – die Hand, »er lebt auch noch! Ihr lebt alle noch! Was soll ich mit der Weinkarte?« »Befehlen – Herr Baron – den Schoppen? Laubenheimer?« »Was sonst?!« Nach den ersten dringendsten Fragen und Antworten lenkte das allgemeine Gespräch auf Josephs Frau. Er versuchte von Zeit zu Zeit ein andres Thema in Gang zu bringen, er fragte nach diesem und jenem, nach Rochus, nach Sporleder, aber er bekam nur kurze Antworten. »Rochus? Welcher Rochus? Ach so: Rohrbeck. Von dem hört man nichts mehr, nein.« »War er nie wieder hier, zu Besuch?« »Nein. Joseph, du hast die schönste Frau, die ich je gesehen habe. Auf Ehre und Gewissen. Herrgott, wie ich euch gestern sah! Herrgott, ist die Frau schön!« »Sitzt Rochus denn immer noch in Pillkehmen?« »Kann sein, ich weiß nicht.« Niemand wußte es, aber jeder einzelne wünschte zu erfahren, ob alle Amerikanerinnen, respektive viele, so schön seien. Der alte pensionierte Rittmeister von Trenk, der kniesteif und rheumatisch jeden Abend hier saß, gab mit seiner knarrenden Stimme eine Definition: »Angelsächsische Rasse, verpflanzt nach drüben, dann vermischt und aufgefrischt, verstehen Sie recht, meine Herren: aufgefrischt! Durch alle möglichen Kreuzungen: irisches Blut, französisches, spanisches, vielleicht sogar indianisches, hochinteressant. Vor allem vom züchterischen Standpunkte.« Hätte Joseph ihm zugehört, so hätte er vielleicht Anlaß genommen, sich diesen »züchterischen Standpunkt, angewandt auf den Stammbaum seiner Frau« zu verbitten, aber er saß apathisch und gab auf die hin und her schwirrenden Fragen nur vage Antworten. Er hatte sich auf diesen Abend gefreut, es gab da vielleicht ein letztes Mal alte Erinnerungen auszutauschen, jetzt schienen ihm die kurzen zwei Stunden unerträglich lang. Man fragte ihn aus wie einen Geschäftsreisenden: lohnt es sich faktisch, in Amerika Umschau zu halten? Gibt es wirklich Dutzende dieser schönen Millionärinnen, die Lust hätten, nach Deutschland überzusiedeln? Sie horchten mit gespannter Aufmerksamkeit, denn da saß nun einer, der in dem Märchenlande reüssiert hatte, der einem vielleicht wirklich und ernstlich raten konnte! Er leerte sein Glas auf einen Zug und stand auf: »Karl! Zahlen!« »Du willst fort, Joseph? Jetzt schon?!« »Ich muß. Meine Frau erwartet mich in der Oper.« Er sagte die Unwahrheit, aber alles Blut drängte nach seinem Kopfe, er mußte hinaus um jeden Preis. Und als sie ihn nicht fortlassen wollten, fügte er eine zweite Unwahrheit hinzu: »Ich komme wieder, vielleicht heute abend, oder wenn nicht, dann morgen.« Ganz flüchtig schüttelte er Trenks und Krachts und der andern Hände, und ohne sich noch einmal nach dem Stammtische umzusehen, verließ er das Zimmer. Vor dem Theater ging Joseph auf und ab und wartete. Es war kaum neun Uhr vorbei, vor einer Stunde konnte die Oper nicht zu Ende sein. Er übersann diese letzten acht Tage noch einmal. Die alten Bekannten hatten ihn außerordentlich freundlich aufgenommen, man überschüttete ihn mit liebenswürdigen Einladungen, die er abgelehnt hatte, und mit noch liebenswürdigeren Offerten. Irgendwie hatte sich das Gerücht verbreitet: »Heidenstamm ist hier, um Rennpferde für Amerika zu kaufen,« und nun erhielt er stoßweise Anerbieten. Leute, die sich keinen Deut um ihn gekümmert hatten, als er nach »Frangipanis« Versagen und Niederlage außer Landes gehen mußte, schrieben ihm Briefe in einem Stile, als ob sie nie aufgehört hätten, seine herzlichsten Freunde zu sein. Und das alles nur, um ihre Pferde zu verkaufen! Das Pferdegeschäft ist doch das sonderbarste von der Welt, weiß der Teufel! Um einen tat es ihm weh, daß der für Monate berechnete Aufenthalt in Deutschland nach knapp acht Tagen zu Ende ging: um Rochus. Aber während Joseph an der langen steinernen Auffahrtsrampe des Königlichen Theaters auf und nieder ging, sann er darüber nach und dachte: ›Es ist vielleicht gut so. Der Rochus von heute ist vielleicht auch nicht mehr der Rochus von damals. Behalt ihn so im Gedächtnis, wie er war.‹ Zwischen Joseph und seiner Frau hatten diese acht Tage Schranken aufgerichtet, die von Tag zu Tag wuchsen und zu Mauern wurden. Mit ihrem scharfen Verstande begriff Jane am ersten Tage nach jener Liebesnacht den strategischen Fehler, den sie begangen hatte. Sie suchte ihn wieder gut zu machen; sie war ruhig und freundlich gegen Joseph, weich und zärtlich gegen Marie – zu weich und zu zärtlich. Am zweiten Tage lehnte sie sich an ihren Mann und sagte mit ihrem gutmütig-spöttischen Lächeln: »Ich weiß alles, was du denkst, Joe. Und du hast ganz recht. Es war häßlich von uns beiden. Nun denk nicht mehr daran, Joe, sei wieder gut und vernünftig, Joe.« Er nickte kühl und dachte doch daran. Am dritten Tage wechselten sie kaum ein Wort miteinander, und am Mittwoch ritt Jane mit ihrem Schwager in die Heide, um erst spät abends heimzukehren. Von da an war Albrecht von früh bis spät um seine schöne Schwägerin. Er zeigte ihr die Stadt, das Schloß, die Museen, man sah sie zusammen zu Pferd und zu Wagen, im Theater, auf der Georgstraße, – ihr Zusammensein wurde dermaßen auffällig, daß am Ende dieser Woche alle Welt davon redete. Der einzige, der die beiden nicht beachtete, war Joseph. – – Im Innern des Theaters wurde es lebendig, die Vorhallen erleuchteten sich, die Türen wurden weit geöffnet, die Vorstellung war beendet. Im Strome der herausdrängenden Menschen erschien Albrecht mit seiner Frau und Jane. Es folgte eine flüchtige Begrüßung mit Joseph, dann ging man die Straße entlang, Albrecht mit seiner Schwägerin voran, Joseph und Marie einige Schritte hinterdrein. Er sah, wie sich die Vorbeigehenden nach Jane und ihrem Begleiter umwandten, die beiden bildeten in der Tat ein stattliches Paar: Albrecht mit klirrenden Sporen in seiner reichen Uniform, Jane mit dem Federhut und der großen Toilette, deren seidene Unterkleider bei jedem Schritte raschelten und rauschten. Auf Joseph und Marie sah niemand. Noch achtundvierzig Stunden. Sie hatten wochenlang bleiben wollen, aber ganz plötzlich hatte Jane ihn heute morgen gefragt: »Ist es dir recht, wenn wir reisen? Ich langweile mich.« »Wann?« »Wann du willst. Vielleicht in zwei Tagen. Am Dienstag.« »Gut.« Er ging neben Marie und wechselte mit ihr gleichgültige Worte. In dem Gedränge der Menschen, die vom Theater heim eilten, verloren sie das vorn gehende Paar eine Zeitlang aus den Augen, sie gingen in diesem schwatzenden Gewühl so unbeachtet und einsam wie in einer Fremde. Noch achtundvierzig Stunden! Dann fort und nie wiederkommen! Marie nie wiedersehen! Bis heute hatte er mit sich gekämpft. Er hatte es vermieden, mit Marie allein zu sein, ihr nahe zu kommen, er wollte standhaft bleiben, und er blieb auch heute standhaft. Er zog ihren Arm nicht an sich und sagte nicht »Marie« und blickte sie nicht an. Eine tote Konversation: »Was wurde im Theater gegeben?« »Der Freischütz.« »Geht ihr oft ins Theater?« »Bisweilen.« Ihre Hand lag ganz lose auf seinem Arm, aber sie fühlte, wie dieser Arm zitterte. Mit einem sonderbaren Blick musterte Jane die weißen Gesichter, als sie – an der Schillerstraße wartend – die beiden in der Menge herankommen sah. Vergebens drängte Albrecht: »Ihr wollt doch noch nicht heim? Wir werden doch den Abend zusammen sein?! Diesen vorletzten Abend?!« Sie lehnte es kalt ab: »Ich bin müde. Gute Nacht.« Albrecht bat noch einmal, mit einem feindseligen Blicke schaute er auf seinen Bruder und Marie, die stumm dabeistanden, aber Jane bot ihm kühl die Hand: »Gute Nacht. Bis morgen. Also wie heißt das, wohin wir morgen fahren?« »Herrenhausen.« »Schön, Herrenhausen.« Sie sprach das Wort mühsam mit ihrem fremdartigen Accent. »Joe, deinen Arm. Auf Wiedersehen.« Im Hotel ging sie schweigend in ihr Zimmer, während Joseph im Salon blieb und noch aus dem Fenster schaute. Es war früh, kaum elf Uhr, er hatte keine Neigung, schon schlafen zu gehen. Er hörte sie drinnen mit Dash reden, eine Stunde lang, dann wurde es still. Auch draußen auf der Straße war es einsam geworden. Joseph hielt eine halbverbrannte, längst erloschene Zigarette zwischen den Zähnen und starrte fast ohne Gedanken vor sich hin. Es war finster im Zimmer, er ließ den Kopf auf die Brust sinken. Da fuhr er auf und öffnete die Augen; Lichtschein war im Zimmer, die Tür hatte sich geöffnet, und in der Tür stand Jane im Nachtkleid mit der Kerze in der Hand. »Joe?« sagte sie und streckte den Arm mit der Kerze vor und suchte in der Dunkelheit nach ihrem Mann. »Was?« »Es ist zwei Uhr nachts. Du solltest schlafen gehen.« »Ja, bald.« Er rührte sich nicht von seinem Platze. Eine Minute stand Jane unbeweglich und wartete auf sein Mitkommen, dann, als er keine Miene machte, ihr zu folgen, brach der ganze dumpfe, niedergepreßte Grimm dieser Tage hervor. »Ob dein Bruder mir den Hof macht und mich verfolgt mit seinen lächerlichen Anerbietungen, dir ist es gleich!« Joseph blickte sie groß an und schwieg. Mit einem mißtönenden Lachen fuhr sie fort: »Und es wird dir gleich sein, wenn nach ihm andre kommen werden, nicht wahr?« Er rührte sich nicht von seinem Platze. Ohne Zusammenhang und logische Gedankenverbindung sprang ihr Grimm über auf Marie: »Um einer solchen Person willen! Weißt du, du machst dich lächerlich. Ich könnte alles verstehen und alles verzeihen. Ich könnte es verstehen, wenn mein eigner Mann mir fortgerissen würde durch eine Frau von Geist und Schönheit und blendendem Licht. Durch eine, die größer wäre als ich – aber so?! Das?! – Du machst dich lächerlich, lächerlich!« Er schwieg und saß mit einer eisigen Ruhe in dem Sessel ihr gegenüber. Und durch seine steinerne Kälte empört, sinnlos gemacht, suchte sie nach den verletzendsten Worten. »Eine Larve, weiter nichts! Ein Gesicht, das vielleicht einmal schön war, gut, meinetwegen, aber eine Schönheit ohne Geist, einfältig, nichtssagend, so nüchtern, so grenzenlos nüchtern.« Sie erschrak über ihre eignen Worte, die in dem dunkeln Zimmer schrill nachzuhallen schienen. Die Kerze brannte herunter, in dem dünnen Nachtkleide begann sie zu frösteln. Er saß, den Kopf auf die Hände gelegt und die Arme auf die Kniee gestützt, als ob er schliefe, er blickte ihr nicht nach, als sie ging. * Die große Sehenswürdigkeit des einstigen Königssitzes »Herrenhausen« ist die riesenhafte Palme, deren Glashaus so hoch emporragt, daß man es in weitem Umkreise von Hannover und den Dörfern aus sehen kann. Tausendmal war Joseph als Junge und später als Offizier vorbeigeritten, aber er erinnerte sich, nur einmal in seinem Leben die Palme gesehen zu haben. Irgendwelcher Verwandtenbesuch war anwesend gewesen, und da die Fremden alles das zu sehen erhalten, was die Einheimischen zwar hochschätzen, aber selten oder nie betrachten, so hatte man damals auch ihn und die kleine Marie mit zu der Palme genommen. Jetzt, da er wieder neben Marie am Fuß des gewaltigen Baumes stand, erinnerte er sich an jenen Tag aus der Kinderzeit mit einer Deutlichkeit von unheimlicher Schärfe. Er hatte damals an der Faserrinde des Baumes gezupft, was man ihm verbot, aber er zupfte nachher doch wieder daran, und zwar so energisch, daß er ein großes Stück abriß. Niemand sah es, nur die kleine Marie, die ihn mit großen, erschreckten Augen beobachtete. Natürlich war sie es, der er das erbeutete Stück Rinde schenkte, und als sie ein paar Stunden später im Kaffeegarten zum »Herzog von Braunschweig« mit den Fasern spielten, kam die Untat zur Kenntnis der Verwandten, wurde aber nicht bestraft, sondern belacht, und er erinnerte sich, wie eine der Tanten sagte: »Ein toller Junge.« Ein toller Junge – heute war er kein toller Junge mehr. Er hielt die Hand im hellen Handschuh auf die silberne Krücke seines Stockes gestützt, und als der Gärtner eine Handvoll Fasern von der Palme schnitt und sie im Kreise umherreichte, rührte Joseph keinen Finger danach. Albrecht gab, immer zu Jane gewendet, in seiner pedantisch genauen Weise einen Kommentar des Baumes: »Es ist die höchste Palme in ganz Europa. Sie ist ganz und gar einzig in ihrer Art. Und sie wächst noch immer. Früher war das Glashaus wesentlich niedriger, und man half sich damit, daß man den großen Behälter mit den Baumwurzeln immer tiefer in einen Erdschacht hinabließ. Dann hat man mit ganz enormen Kosten dieses neue Haus erbaut.« Der Baum hatte in der Tat etwas Gewaltiges. Er erschien mit seinen kristallenen, üppigen Häusern, seinem wechselnden Wohnort, seinem Auf- und Niederschweben in künstlichen Schachten, seinen kostspieligen Bedürfnissen und der zauberhaften Pracht der ihn umgebenden feineren Vasallen wie ein königliches Lebewesen, das den Wechsel der Zeiten überdauert hat und in dieser Einsamkeit von Herrenhausen das Dasein eines Verbannten führt. Es gab vergangene Tage, da Könige auf diesen Baum stolz waren und ihn hegten und ihn andern Königen zeigten. Aber seit Jahrzehnten kommen keine Könige mehr ins Palmenhaus, keine englischen Prinzen, keine Liebespaare vom Königshof, die in dem Dickicht der afrikanischen Schlingpflanzen und in dem betäubenden, feuchten, heißen Dufte der Palmen sich küssen. Nur Fremde kommen, nüchterne Leute, die für fünfundzwanzig Pfennige Eintrittsgeld von dem Gärtner botanische Informationen verlangen und genau zu wissen wünschen, wie hoch die alte Königspalme sei, wie breit an der Krone und wie alt. Marie tastete nach Josephs Arm: »Ich möchte – hinaus.« Der kalte Schweiß stand ihr auf der Stirn, dieses Stehen in der beklemmenden, atemraubenden Hitze hatte ihr Gesicht mit einer fahlen Blässe überzogen. Draußen in der Sonne wurde ihr besser. Sie sahen noch, wie der Gärtner die eiserne Tür in dem Glashause verschloß, damit kein Unberufener in das Haus der Palme eindringen könne, dann gingen sie durch die lieblichen englischen Gärten, die selbst Janes verwöhntes Auge fesselten. Ueber die breite Dorfstraße, deren weiße Häuser und Villen – einst Wohnungen der Hofbeamten und der Kastellane und der Dienerschaft – leer und verschlossen in der Sonne blinkten, kamen sie am Schloß vorbei in die weiten, großartigen Anlagen des französischen Parks. Jane war erstaunt. Sie hatte nie dergleichen gesehen: dieser riesige, viereckige Platz, die endlosen, geradlinigen Hecken und in der Ferne blaue Berge, die den Horizont schließen. »Das ist sehr schön,« sagte sie aufrichtig, und mit einem impulsiven Versuch, über einen Abgrund weg eine Brücke zu spannen, wandte sie sich – das erste Mal heute – zu Joseph: »Sieh doch, Joe. Wie schön – nicht wahr?« Noch einmal, zögernd, langsam sagte sie: »– nicht wahr?« Und dann flammte etwas auf in ihrem jungen Gesicht, das gleich darauf einer Totenblässe wich. Er hatte nicht geantwortet, nicht einmal den Kopf nach ihr gewendet. Albrecht, der zur Seite getreten war und die steinerne Sonnenuhr mit seiner eignen Uhr verglichen hatte – er versäumte das nie, wenn er in den Gärten von Herrenhausen war –, rief sie an: »Sehen Sie hier, Jane: die Sonnenuhr.« Er erläuterte mit seiner langweiligen Genauigkeit Zeiger und Platte, dann bot er ihr wieder den Arm und führte sie weiter: »Morgen sind Sie in Paris. Uebermorgen vielleicht in Versailles. Dann werden Sie uns und Herrenhausen vergessen.« Sie hörte nicht, was er sagte. Sie hörte nur hinter sich den Kies knirschen unter den Schritten der beiden, die hinter ihr gingen. »Und das ist das Theater.« Albrecht führte sie die steinernen Sitzreihen hinauf und zeigte ihr den Blick auf die Bühne; er führte sie hinüber zur Bühne selbst, deren Kulissen aus Hecken bestehen, während vor jeder Kulisse eine Erzfigur steht: Tänzer, Fechter, Tänzerinnen – dieses Mal war sie wirklich überrascht! »Das ist seltsam, wie seltsam das ist. Ein wirkliches Theater!« Sie gingen hin und her und betrachteten jede einzelne Figur. Dann führte er sie über die steinerne Rundtreppe am Ende der Bühne hinab und . . . Sie stand von neuem erstaunt: ganz von der Sonne überglänzt erhob sich jenseits der Hecken eine kolossale Wassersäule, deren riesige Wasserfülle in hundert Fuß Höhe zu Gischt zerstäubte. »Das sind die berühmten Wasserwerke von Herrenhausen,« sagte er dozierend, »auch eine unsrer Sehenswürdigkeiten.« Rechts, links, allenthalben rauschten Fontänen, stiebten Kaskaden, während die Sonne Regenbogen in die stäubenden Wasser malte. Er führte sie von einem Wasserbecken zum andern, sie gingen durch lange Heckengänge und fanden immer neue Fontänen. Ein breiter Wasserlauf, auf dem Schwäne schliefen, zog sich schnurgerade an beiden Seiten der französischen Anlagen. In den weiten, verlassenen Gärten war es still, nur die Wasser plätscherten. Wenn man nach langem Gehen an die Grenze des Königsgartens gelangt war, sah man auf grüne Wiesen und Felder, und jenseits dieser Wiesen in weiter Ferne hohe Schornsteine, die ihre dunkeln Rauchwolken unablässig kerzengerade in die Luft sandten. »Was ist dort?« »Linden, die Fabrikstadt.« »Ah!« Sie blickte lange hinüber. Die langen Reihen gigantischer, arbeitender Schlote hatten für sie etwas Heimatliches, das nach allen den sonderbaren Hecken, Palmen, steinernen Götterbildern und Goldfischen und schlafenden Schwänen an Jersey erinnerte, und an Boston, wo Jane in den schwarzen Höfen der väterlichen Fabrik noch vor wenigen Jahren umhergetollt hatte. »Was sind es für Fabriken?« fragte sie nach einer Pause, »sind es Eisenfabriken?« Albrecht zuckte die Achseln: »Ich kann es nicht sagen.« »Ich glaube, es sind Eisenfabriken,« sagte sie. * An dem Sandsteinsockel des ehernen Fechters, ganz vorn an der ersten Kulisse, war Marie stehen geblieben. Es war ein warmer Tag, aber sie zitterte vor Frost. Sie suchte nach einem Halt, sie konnte nicht weiter. Und während ihr Mann Jane von Kulisse zu Kulisse führte, die einzelnen Figuren zu erklären suchte und von den prunkvollen Festen erzählte, die der Hof hier einst veranstaltet hatte, stand sie mit geschlossenen Augen. Sie hörte die Schritte der beiden verhallen, die Stimmen immer ferner, eine traumgleiche Müdigkeit zog über sie hin. Ein Vogel begann ganz in der Nähe zu zwitschern. Dann legte sich ein Arm um ihre Schultern, eine Hand nahm ihre Hand. Sie öffnete nicht die Augen. Sie tat drei, vier Schritte und fühlte sich niedergezogen auf einen Steinsitz. War es die Sonne, die so warm auf ihre kalten Hände schien? Die Kälte schwand, und aus der Hand, die ihre Hände umspannt hielt, und aus der andern Hand, die auf ihrer Schulter lag, kam eine weiche Wärme, die auf der Schulter durch das dünne Sommerkleid unablässig wie ein warmer Strom drang. Wieder begann der Vogel zu zwitschern. Er hörte auf und fing von neuem an. Und schwieg wieder. ›Wird er noch einmal singen?‹ dachte sie, und sie wußte ganz genau und fühlte ganz genau, er werde es tun. Richtig, er tat es! Ein Lächeln zog über ihr Gesicht, dann atmete sie tief auf und öffnete die Augen. »Joseph!« sagte sie leise und schloß die Augen von neuem. Mit starrem Gesichte saß er neben ihr. Hier an dieser selben Stelle hatten sie vor sechs Jahren als junge, glückliche Menschen in Winterkälte und Schnee Frühling gefeiert. Die er jetzt im Arme hielt, glich in keinem Zuge mehr der schönen, süßen Marie von einst. Aber je länger er niederschaute, um so mehr schien das Gesicht der Frau sich zu ändern. Ein weicher, glücklicher Zug legte sich um den Mund, die blassen Lippen röteten sich, und nun öffnete sie nach einem langen, tiefen Atemzuge die Augen zum zweiten Male: »Joseph –« Die Augen waren dieselben geblieben, oder schien es nur so? Oder hatten sie nur heute, in dieser einzigen Stunde, den alten zauberhaften Glanz zurückgewonnen? Es war nichts Schmerzliches in Maries Blick, nichts von einem Bewußtsein, daß in wenigen Stunden der letzte Abschied kommen würde – nichts als der Ausdruck unsäglichen Glücks. »Joseph –« »Marie!!« Er riß sie, außer sich, empor und preßte seinen Mund auf ihren Mund. »Marie – Marie – Marie –« Tot und starr standen die alten steinernen Götterbilder und stumm und kalt die grünen Hecken, die in jedem Frühjahr, wenn sie aufleben und die Arme ausbreiten möchten, von der unbarmherzigen Hand des Gärtners in die leblose Form zurückgezwängt werden. In ihrem Schatten haben in hundert Jahren zahllose Menschen sich gefunden und sich getrennt, gelacht und geweint, getollt und gesündigt, waren Menschen überglücklich und Menschen verzweifelt. Alles wiederholt sich, alles. Einmal fuhr Joseph auf und spähte um sich: war da jemand? Keine zehn Schritte entfernt gingen Albrecht und Jane vorüber. Sie suchten und blieben einen Augenblick stehen und schauten rechts nach dem Amphitheater und links nach der Bühne. Er fürchtete sie nicht: mochten sie kommen, wenn sie Lust hatten, und ihn sehen, wie Marie in seinem Arme ruhte, – aber doch hielt er den Atem an. Um Maries willen. Sie gingen weiter, und ihre Schritte verhallten von neuem. Marie, die mit geschlossenen Augen an seiner Brust lehnte, hatte nichts gehört. Aber sie fühlte seinen Atem stocken und dann rasch gehen; ängstlich blickte sie auf: »Joseph –?« Sie sprachen nur wenig miteinander. Sie fragte nicht: »Joseph, weshalb hast du mir das getan?« Und er sagte nicht: »Ich habe immer nur dich lieb gehabt, Marie –« Sie sprachen nicht vom Abschied und daß sie sich nie wieder finden würden. Sie sprachen von damals: »Weißt du noch –?« »Weißt du noch –?« Und sie wußten noch. Es war ja erst so kurze Zeit her: sechs Jahre seit der Liebeszeit, zwölf Jahre seit Maries Konfirmation, an die sie sich erinnerten: »Weißt du noch, ich kam herüber von Potsdam, in Fähnrichsuniform?« – und achtzehn Jahre, seit sie ein kleines Ding war, das bei Joseph lesen lernte und die erste Schiefertafel vollkritzelte. Was sind achtzehn Jahre? Ein Nichts! Aber den beiden erschienen sie wie eine Ewigkeit. Sie sprachen von jenem Wintertage, da sie hier zusammen gewesen waren, und dem gleichen Gedanken folgend, blickten sie beide zu gleicher Zeit nach dem ehernen Fechter, dessen Gesicht und Nacken damals von Josephs Schneebällen überstiebt wurden. »Wenn du zwölfmal triffst, soll das ein Zeichen sein, daß wir zusammen glücklich werden –« Er hatte alle zwölf Male getroffen, aber glücklich – Sie schauten sich an, jeder von einem unendlichen Mitleid für den andern erfüllt. »Joseph –« »Liebe Marie –« Ich werde sie nie wiedersehen – das wußte er. Ich werde nie wiederkommen; aber wenn ich auch käme, Marie fände ich nicht mehr. Er blickte über sie fort nach der lächerlichen Figur eines Dionysos und versuchte mit Anspannung aller Muskeln, Nerven, Gehirntätigkeit irgend einen banalen Gedanken zu fassen, irgend etwas Ernstes oder Lustiges oder – aber er war nicht im stande, seine Bewegung niederzuzwingen. Wie in jener Minute, da er Marie zum ersten Male wiedergesehen hatte, überwältigte ihn der Schmerz, und plötzlich zuckte ein fassungsloses Schluchzen durch seinen Körper. Marie richtete sich auf und zog seinen Kopf an ihre Schulter: »Weine nicht, Joseph – lieber Joseph!« Sie trocknete seine Tränen, und sein Weinen wurde allmählich ruhiger. Mit einem merkwürdigen, unzusammenhängenden Einfall dachte sie daran, daß die andre ihn nie »Joseph« nannte. Immer nur mit englischen Abkürzungen. Dieser Name wenigstens gehörte ihr, Marie, allein, und als ob sie den Namen liebkosen wollte, wiederholte sie zärtlich: »Joseph – Joseph –« Während sein Kopf an ihrer Schulter ruhte und sein Weinen leiser wurde, betrachtete sie ihn: wie jung Joseph noch aussah! Zwischen Schläfe und Auge zog sich eine feine Linie, die wohl noch niemand außer ihr bemerkt hatte, und über die sie nun leise mit den Fingerspitzen glitt, als ob sie sie fortwischen wollte. Aber sonst war es ein so junges Gesicht. Es gab eine Zeit, wo sie zu ihm aufgeblickt hatte wie zu einer Respektsperson, als sie ein kleines Mädchen war und er ein großer Junge, der hoch zu Pferde am Hause vorbeiritt. Nun, heute war sie alt geworden und Joseph jung geblieben. Und noch ein Jahr oder zwei oder ein paar Jahre, dann würde sie fort sein, ausgelöscht und bald vergessen. Aber Joseph, den sie da im Arme hielt, würde weiter leben, noch zwanzig Jahre, vierzig Jahre, sechzig Jahre. Seltsam. Er wird hier in Herrenhausen vielleicht einmal umhergehen als ein ganz alter Mann, aber vielleicht gibt es dann gar kein Herrenhausen mehr. Dann leben ganz andre Menschen – Menschen, an die wir heute noch gar nicht denken, an die man sogar in zwanzig Jahren noch gar nicht denkt – und Joseph lebt immer noch. Wenn er dann ausgehen wollte und mein Grab suchen, er fände es nicht mehr. Weil es nicht mehr existiert. Vielleicht gibt es dann überhaupt keine Kirchhöfe mehr. Die Menschen lassen sich verbrennen wie in alten Zeiten auf großen Scheiterhaufen, die prasselnd und blutigrot leuchtend ihre Flammen in die Luft schlagen – »In die Luft schlagen –« »Marie!« Joseph fuhr auf und blickte mit seinem verweinten Gesichte erschreckt empor: »Marie, was ist?!« Sie öffnete die Augen und sah ihn angstvoll an. Dann schlang sie mit einem wilden und doch nur schwachen Ungestüm ihre Arme um seinen Hals: »Joseph! Laß mich nicht allein! Joseph, ich bin so allein!!« »Marie, was – was ist –?« »Geh nicht fort, Joseph! Geh du nicht fort!!« Dann, hastig ließ sie ihn los: »Hör nicht auf mich, Joseph, nein, nein« – aber im nächsten Moment warf sie sich wieder an seine Brust: »Joseph, bleib bei mir, bleib bei mir!« Sie preßte sich zitternd in seine Arme: »Mich friert, Joseph, deck mich zu. Ach, mich friert so, Joseph, mich friert so, mich friert so!« Er hörte ihre Zähne zusammenschlagen, ihre Hände waren eiskalt. Er schaute sich hilfesuchend um: war da niemand, der helfen konnte? Aber es blieb ganz still ringsum, und mit ihren steinernen Gesichtern standen die Götter und Göttinnen im Kreise, während die Frau irre zu reden begann. Ihre Hände flogen im Fieber, sie lachte, sie weinte, ihr ganzer Körper bebte, und die Worte, die fortwährend von ihren Lippen kamen, verloren den Zusammenhang, wurden leiser, undeutlich. Joseph wollte rufen, aber er tat es nicht. Er redete ihr zu: »Marie, beruhige dich; liebe, beste Marie, ich bleibe bei dir, ich verspreche es dir, ich – ich –« und er blickte sich wieder verzweifelt um. Kam denn niemand, der ihm helfen konnte?! Wo blieb Albrecht? Wo blieb Jane?! Ihre zitternden Hände hielten wie mit Klammern seinen Hals umspannt; Joseph versuchte sich frei zu machen, um einen Moment Atem zu schöpfen und sich zu sammeln, aber die schwache Kraft ihrer Hände verdreifachte sich. Halb sinnlos hob er Marie empor und trug sie die steinernen Stufen der Bühne hinab. Nur aus dieser Einsamkeit fort ins Freie, wo man vielleicht Hilfe finden würde oder einen Wagen, der sie heimbringen konnte! Er ging mit langen, raschen Schritten einen Heckengang entlang, immer zu ihr sprechend wie zu einem Kinde: »Ruhig, Liebchen, nun mußt du ganz ruhig sein, ja, ja –« und dann einen zweiten Heckengang, einen dritten – er fand den Ausweg nicht! Diese französischen Baumhecken von dreifacher Mannshöhe verdeckten nach allen Seiten hin den Ausblick, und als Joseph nach tausend Schritten keuchend aus den Hecken hinaus gelangte, sah er vor sich die Wiesen von Limmer. Er war in der falschen Richtung gegangen; nun mußte er den ganzen weiten Park noch einmal durchschreiten. Einen Augenblick blieb er stehen, um Atem zu schöpfen; die Sonne schien ihre Glut verdoppelt zu haben, und der Schweiß perlte unter seinem Hut hervor und rann über sein Gesicht. Joseph wandte um und ging den Weg zurück. Fortwährend sprach sie, während ihre Arme, so oft er keuchend anhielt, sich fester um seinen Hals preßten, als ob sie in solchen Augenblicken fürchtete, von Joseph fortgerissen zu werden. Hecke um Hecke, Gang um Gang! Die feinen Adern seiner Augen schwollen blutrot, seine Kniee zitterten. Da lag das kleine Königstheater wieder vor ihm. Still und einsam wie zuvor. In den Steingesichtern der Götter ein boshaftes Lachen. Er konnte nicht weiter. Stumm, verzweifelt ließ er sich auf eine Steinbank fallen, die arme Last immer noch an seinem Halse. Er lehnte den Kopf mit geschlossenen Augen und offenem, nach Atem ringendem Munde zurück, und Maries abgerissene Worte schienen ihm aus weiter Ferne zu kommen. Aber Angst, Mitleid, Verzweiflung rissen ihn von neuem in die Höhe. Als ob sie kleiner und schmaler würde, duckte Marie sich frierend, bebend in seinen Armen zusammen; die Worte verloren den letzten Zusammenhang und lösten sich zu einem herzzerreißenden Weinen. Er fühlte nicht mehr die Glut der Sonne, sondern schritt mit seiner Last stieren Blickes vorwärts. Merkwürdig, daß er in dieser letzten Anspannung die Ruhe gewonnen hatte, auf den Weg zu achten. Die Hecken hörten nach wenigen hundert Schritten auf, eine weite Allee uralter Bäume öffnete sich vor ihm – nun wußte er Bescheid: da drüben die Parkanlagen jenseits des Wassers waren der Georgengarten und links am Ende der Allee lag das Schloß. Auf einer Bank saß eine Kindermagd und strickte, während ein paar Jungen und Mädchen, die ihrer Obhut anvertraut waren, Ball spielten. Sie rückte bestürzt zur Seite, als er mit der Frau im Arme an die Bank herankam. Er ging ohne Hut, der Halskragen war auf der einen Seite aufgerissen und die seidene Krawatte herabgezerrt. Schwer atmend sagte er: »Sie müssen mir einen Gefallen erweisen und mir einen Wagen besorgen, Fräulein. Die Dame hier ist sehr krank.« Das Mädchen verstand ihn nicht, er mußte die Bitte noch einmal wiederholen. Dann raffte sie ihr Strickzeug zusammen, rief die Kinder und ging eilends davon. Zwei andre Kinder, deren Mutter oder Fräulein irgendwo in der Nähe sitzen mochte, kamen vorbeigelaufen, machten neugierig Halt und betrachteten Joseph und die Kranke mit großen Augen. Aber dann liefen sie weiter, spielten in der Allee Verstecken und kümmerten sich nicht mehr um die beiden. Und Joseph, während die Kranke in seinen Armen fieberte, folgte mit den Augen dem Hin und Her der Kinder. Es war ein hübscher, fester Junge und ein etwas kleineres Mädchen, beide sehr fein und elegant gekleidet, in Matrosenanzügen mit ganz kurzen, schwarzen Strümpfen, gelben Knopfstiefeln und nackten Beinen. Sie mochten sieben Jahre alt sein. Als Joseph von Deutschland damals Abschied nahm, waren diese beiden kaum geboren. ›Das ist die neue Generation,‹ dachte er, ›die kommenden Leute. Und wir hier sind die Verbrauchten.‹ »Marie!« rief der Junge, »such mich!« Marie. – Joseph horchte auf. Wie wird der Junge heißen? Vielleicht heißt er Joseph. Aber er erfuhr es nicht. Sie jagten davon, und er sah sie nur noch in der Ferne über die Einfriedigungen springen und dem strengen Verbot zuwider über den Rasen laufen. War es nicht gestern, daß er selbst noch ein solcher Junge gewesen war? Oder nur ein paar Jahre, daß Marie so aussah wie das kleine Ding da im kurzen Kleidchen? Nein. Nicht gestern. Zwanzig Jahre. Ein Menschenleben. Einen Moment hatte er das Gefühl: es ist alles nicht wahr; alles nur ein wüster Traum! Als könnte er Marie emporreißen und sagen: »Komm, Mieze, wir wollen Verstecken spielen oder –« aber dann ging es über ihn hin mit einem eisigen Zittern. Nichts von Traum! Er hielt kein kleines Mädel im Arm, sondern eine sterbende Frau! Nach einiger Zeit kam der Wagen wirklich angefahren, eine sehr elegante Droschke mit zwei armseligen, schlecht geschirrten, langsamen Gäulen. Das kleine Dienstmädchen saß stolz auf den Sammetpolstern, die kleinen Mädchen neben ihr, die beiden Jungen auf dem Bock neben dem Kutscher. Die ganze Gesellschaft schien betrübt, daß die kurze Herrlichkeit schon zu Ende war. Sie stiegen zögernd aus dem Wagen, die Jungen kletterten schweren Herzens vom Bock, dann trat Joseph heran und bettete Marie in die Kissen. Er deckte sie zu und hüllte sie in die Pferdedecken, die der Kutscher erstaunt und phlegmatisch ihm reichte. Er setzte sich neben Marie, und während das Dienstmädchen und die Kinder im Kreise standen, befestigte der Kutscher auf das Geheiß des Herrn mit vieler Mühe und Umständlichkeit das Regendach über dem Wagen. Die Fenster wurden hinaufgezogen, die Türen ins Schloß gedrückt, und wie ein enger, dumpfer Kasten, wie ein schwarzer Sarg schloß sich der dunkle Raum um die beiden. »Hü!« rief der Kutscher und knallte mit der Peitsche. Die armseligen Pferde zogen langsam an und gingen in müdem Schritt durch den tiefen Sand der Allee. Ein Tor kam mit hohen, schmiedeeisernen Gittern, das Tor des Königsparkes. Nun war es passiert, nun begannen die Pferde auf der Chaussee zu traben, nun lag Herrenhausen hinter Joseph und Marie. Sie würden nicht wieder dorthin kommen. Nie. Zehntes Kapitel Jane saß in ihrem schwarzen, einfachen Kleide zwischen fünf oder sechs Damen in gleichfalls schwarzen, einfachen Kleidern, alle andern Anwesenden in dem mäßig großen runden Raume strahlten und blitzten in bunten Uniformen. Excellenzen und Generale mit schimmernden Orden standen im Vordergrund neben Albrecht von Heidenstamm, während hinter ihnen Kopf an Kopf Offiziere sich drängten. Alles leuchtete von Gold und Rot, Silber und Blau; die ganze Skala der Farben schob sich in hundertfachen Wiederholungen durcheinander. Im Anfang herrschte eine Totenstille in der Versammlung, als aber die Rede des Geistlichen weit ausholte, begann diese eintönige Bewegung, wenn jeder einzelne ermüdet von Zeit zu Zeit sich von dem einen Fuß auf den andern lehnt. Die Sporen tönten, die Säbel klirrten, immer nur leise, in ihrer Gesamtheit aber doch laut und unfeierlich. Nur zwei waren anwesend, die in ihrer düsteren Kleidung sich scharf von der bunt strahlenden Versammlung abhoben: der Pastor und Joseph. Aber der Pastor befand sich gesondert von allen auf der erhöhten Stufe neben dem von Blumen überdeckten Sarge, während Joseph in seinem schwarzen Anzuge einsam vor den glitzernden Uniformen stand. Eine Zeitlang saß Jane still, geradeaus vor sich hin schauend auf die Blumen und die sechs großen Wachskerzen, deren dünne Flammen in den voll hereinfallenden Sonnenstrahlen zerflimmerten. Sie fühlte die Blicke dieser hundert Offiziere auf sich gerichtet, neugierige, spöttische, begehrliche Augen; aber sie war nicht in der Stimmung, auch nur einen dieser Blicke zu beachten. Sie war traurig. Die schweren Krankheitstage, das Sterben und die dumpfe, feierliche Stimmung des Todes hatten sie bewegt. Es war alles so rasch gekommen, sie hatte kaum einen Augenblick Zeit gefunden, über sich selbst und Joseph nachzusinnen und über das, was nun werden sollte. Ja, was sollte werden? Sie schaute einen Moment empor auf Joseph, der mit einem blassen, versteinerten Gesicht drüben stand, vor seinem Bruder durch fast die ganze Breitseite der Kapelle getrennt. Der Geistliche sprach in einem feierlichen, gleichmäßigen Tone; Jane gab sich Mühe, ihm zu folgen, aber ihre Gedanken irrten ab. Was das für eine seltsame Leichenfeier war! Offiziere, Uniformen, Säbel, als ob es sich um ein kriegerisches Fest gehandelt hätte und nicht um das Zugrabetragen einer zerbrochenen Frau! Mußten diese Herren, wenn sie kommen wollten, in ihren bunten Kleidern erscheinen? Sie als Amerikanerin begriff das nicht. Oder konnten sie nicht wenigstens die Waffen draußen lassen? Sie schüttelte leise den Kopf, und ein sarkastisches Lächeln huschte über ihre Lippen. Vorn vor allen andern stand Albrecht, den Kopf geneigt und starr vor sich hinblickend. In seinen goldenen Uniformknöpfen blitzte die Sonne. Nur sein Gesicht war blaß und trübe, alles andre strahlte an ihm in der tadellosen Vollendung der Offizierskleidung. Wieder ging es wie ein bitteres Lächeln um Janes Mund. Sie dachte an den Nachmittag vor Maries Sterben, als drinnen am Bett der Todkranken Joseph saß. Sie und Albrecht standen damals nebenan im Eßzimmer am Fenster, dicht nebeneinander: zwei Betrogene! Zwei, über die hinweg die Sterbende und Joseph sich wiedergefunden hatten! Albrecht nahm ihre Hand und sagte: »Jane! Sie sind unglücklich, ebenso wie ich.« Und mit stammelnden, halbverhüllten Worten sprach er von allem, was sie selbst längst wußte, von seinem Bruder, von seiner eignen, liebeleeren Ehe, von Jane, die in diesen fürchterlichsten Tagen wie ein tröstender Stern für ihn erschienen sei, – banale Vergleiche, schwächliche Andeutungen seiner Liebe, ein jämmerlicher Versuch, für sein Betrogensein einen schöneren Ersatz zu finden. ›Ein gutes Geschäft zu machen,‹ dachte sie. Selbst in dieser feierlichen Stunde ging bei der Erinnerung daran ein grimmiger Spott über ihr Gesicht. Es hatte einen Rollentausch geben sollen wie in der Komödie. Dann war jemand hereingestürzt mit verstörtem Gesicht, ein Dienstmädchen oder eine Wärterin: »Sie ist tot!« Vor dem Bett, das Gesicht in den Händen, saß Joseph. Jane trat an das Fußende und blickte auf die Tote, die Siegerin geblieben war im Kampfe um Joseph. Sie lag ganz still und friedlich; sie hatte einen schönen Tod gehabt. In den Armen des Geliebten. Den schönsten Tod . . . Immer noch dauerte die Rede des Geistlichen. Er hatte einen Absatz gemacht, so daß jeder glaubte, die Ansprache sei beendet. Ein Aufatmen ging durch die Reihen und ein Klirren von Säbeln, aber gleich darauf trat wieder tiefe Stille ein, denn die Rede begann von neuem. Niemand horchte mehr, man wurde unruhig, in den hinteren Reihen beugten sich Köpfe zu einander und flüsterten. Nur einer stand wie zuvor und schaute mit großen, starren Augen auf den Geistlichen, der jetzt von dem Kinde Marie erzählte, das er getauft und dem er das erste Abendmahl gereicht hatte. Jane blickte ihren Mann an: er weinte. Große, schwere Tropfen rannen ihm über das Gesicht, das unverwandt auf den Geistlichen gerichtet war. Der einzige Mensch, der weinte! Einen Augenblick war es ihr, als ob diese Tränen ihr das Herz zerschnitten, als ob damit das Letzte ausgelöscht würde, was ihr Herz noch an diesen Mann band, aber da kam es über sie mit tiefer, weicher Bewegung. Der einzige, der weinte! Der einzige, der fühlte! Der den Mut gehabt hatte, über seinen Bruder, über sie, Jane, über die geifernde Welt fort zu seiner Liebsten zurückzueilen! Der einzige Mann! Ja, der einzige Mann! Und während sie ihn unverwandt anstarrte, schien er zu wachsen, schien alles Bunte hinter ihm zu verschwimmen, zu verschwinden, stand er ganz allein mit seinem schmalen, blassen Gesicht – der einzige Mensch. Da fuhr sie auf. Die Rede war beendet. Die Herren traten zur Seite, die Damen erhoben sich. Verwirrt tastete Jane nach ihrem Tuch, denn ihr Gesicht war, sie hatte es selbst nicht gefühlt, von Tränen naß. Aus der Halle hinaus ging es auf den weiten, sonnigen Kirchhof. In der heißen Sommernacht war ein Regen über Stadt und Felder niedergegangen, nun glitzerten die Tropfen in den Büschen, im Grase und an den Eisengittern der Gräber. In den Händen der Sargträger schwankte der Sarg langsam und schwer hin und her, er hatte zum letzten Male vor der Ruhe im Grabe etwas Bewegtes, Lebendes. Man wandelte durch endlose Alleen, über dieses ganze weite Totenfeld des Döhrener Kirchhofs. Jenseits der Sandsteinmauern sah man grüne Wiesen, die sich lustig in die Ferne ziehen und die eines Tages vielleicht auch von den Sandsteinquadern umfriedigt und dann aufgebrochen werden, um in ihrer Tiefe Särge und Särge aufzunehmen. Der Blick in die sonnige Weite hatte etwas Beruhigendes. Am Horizont sah man die blauen Gebirge, die zur Weser hinüberleiten. Man atmete wieder freier. Es war, als ob der Tod auf diesen großen Flächen von Feldern und Wiesen seine Schrecken verloren hätte. Das Gras verwelkt, die Bäume vergehen. Staub wird wieder zu Staub. Man kehrt zurück zur Erde, und der müde Wanderer legt sich hier draußen nieder zur Ruhe. Ueber sein Grab wird der Wind rauschen und der Regen fallen, wird die Sonne scheinen und es Nacht werden und wieder Tag. Ueber diesen Friedhof, der nach allen Seiten hin sich immer weiter ausdehnt, breiten sich nicht die Schatten alter Bäume, und es gibt da nichts von der feinen Stimmung einer Kirche, deren Turm mitten zwischen den Gräbern emporragt und seine Abendglocken hoch oben ertönen läßt. Es ist der Friedhof einer großen Stadt, planmäßig angelegt mit schnurgeraden Alleen und Gräberreihen. Es ist alles sehr sauber und vieles sehr prunkvoll. Gärtnerburschen harken die Wege, und der Totengräber, ein Mann mit dem Einkommen eines Ministers, ist ein organisatorisches Talent, das darauf Bedacht zu nehmen hat, diese Totenstadt ordnungsgemäß zu verwalten. Und doch liegt auch über dem immensen Kirchhofe einer neuen praktischen Zeit Frieden. Hoch oben wölbt sich die Weite des Himmels, durch keine ragende Kirche und keinen hohen Baumstamm für das Auge geteilt, wie ein großer blauer, erzener Schild, der gewaltiger an die Allmacht und Unendlichkeit erinnert als die feine, wehmütige Enge eines Dorfkirchhofs. Mit weit ausgebreiteten Armen nimmt diese Riesenstätte Tausende und Hunderttausende zur letzten Ruhe entgegen, legt sie dicht bei einander, als ob der große Allgleichmacher Tod die weite, eintönige Fläche als sein Wahrzeichen geschaffen hätte. Die glänzende Gefolgschaft der Generale und andern Offiziere, die wie eine schillernde Kette hinter dem Sarge gewandert war, bildete einen weiten Halbkreis, in dessen Mitte Albrecht von Heidenstamm stand, dicht hinter dem Pfarrer. Wo war Joseph? Janes Augen suchten ihn, bis sie ihn schließlich sah. Er lehnte unbeachtet in der letzten Reihe an dem Gitter eines Grabes, zwanzig Schritt von seinem Bruder entfernt und ganz von den Uniformen der vor ihm Stehenden verdeckt. Eine lange, feierliche Stille. Man hörte nur dumpf die Erdschollen aufschlagen und bisweilen das Klingen eines Spatens, der gegen einen Stein stieß. Die Leichenträger schleppten Kränze herbei, die sie in solchen Massen auf den schmalen Hügel häuften, daß die zu unterst liegenden Blumen erstickten. Nur auf die breiten Seidenbänder gaben sie Obacht, und die ermüdeten Umstehenden versuchten die einzelnen Inschriften zu lesen, glänzende Inschriften mit prunkvollen Namen; Prinzen, Regimenter, Rennvereine, Excellenzen, Generale. Die kleineren und bescheideneren Kränze von den Schulfreundinnen und dem Hauswirt und andern, wenig bedeutenden Leuten, die irgendwann mit Marie im Leben zusammengetroffen waren und sie gern gehabt hatten, wurden von den Trägern zu unterst verborgen. Noch einmal begann der Pastor, aber er sprach nur noch wenige Worte. Er segnete das Grab und segnete die Umstehenden: »Der Herr halte seine Hand über euch und gebe euch Frieden.« Mau atmete tief auf, die Zeremonie hatte über eine Stunde gewährt. Und jeder einzelne trat heran zu Albrecht von Heidenstamm und schüttelte ihm stumm die Hand. Dann ging man, langsam, ohne Eile, würdevoll. Bis man am Ausgange den Wagen fand und dem Kutscher zurief: »Was die Gäule laufen können!« Wie ein pompöser Hetzkorso jagte die Masse der Wagen die Hildesheimer Straße entlang zur Stadt zurück, so daß alle Leute stehen blieben und das glänzende Schauspiel betrachteten. Offiziere, Offiziere, nichts als Offiziere! Es war wie bei einer Heimfahrt vom Rennen! Großartig! Albrecht von Heidenstamm fuhr mit dem Pastor. Ihr Wagen war der einzige, der in gemessenem Tempo und guter Haltung zur Stadt rollte. * Joseph stand an dem Grabe, das setzt ganz still und einsam lag. Ein paar Bekannte hatten ihm, ehe sie gingen, die Hand gedrückt, – nun waren sie alle fort. Er konnte nichts denken, eine bleischwere Müdigkeit preßte ihn nach diesen vielen durchwachten Nächten nieder. Er legte die Hände um zwei der Grabgitterspitzen und beugte den Kopf darauf. Was nun? Marie dort vor ihm tief im Grabe und er ganz allein. Er richtete den Kopf in die Höhe und blickte nach dem fernen Horizont und versuchte seine Gedanken zu sammeln. Er zuckte mechanisch die Achseln, als wollte er sich selbst sagen: ›Es ist zu Ende, du hast niemand mehr und nichts.‹ Grab an Grab lag vor ihm, Grab neben Grab. Die Sonne breitete ihre Lichter über alle die Rosenbüsche und blühenden Sträucher, auf einem Marmorkreuz saß ein Vogel und zwitscherte – es war wohl viel Wehmut aus diesem Totenfelde, aber nichts Trauriges. Alles sagte: »Hier ist die Ruhe und hier ist der Frieden – komm – bleib.« Eine seltsame, halbvergessene Erinnerung kam ihm in den Sinn, wie Marie so oft gesagt hatte: »Joseph, halt dich gerade.« Und er richtete sich aus seiner gebeugten Haltung empor und lächelte. Aber nur einige Sekunden stand er so, dann legte er den Kopf wieder auf die Hände, die immer noch die Gitterstäbe umspannt hielten, und schloß die Augen. Sie schmerzten, das helle Licht tat ihnen weh. Er fühlte keine Trauer mehr, es war ja gut so für Marie, das Beste: er fühlte nur eine Leere in sich und um sich. Wie jemand, der das dumpfe Bewußtsein hat: ›irgend etwas muß geschehen, irgend etwas mußt du tun,‹ aber nicht weiß, was. ›Du gehst jetzt hinaus aus dem Kirchhofe, ‹ dachte er, ›und kommst auf die Hildesheimer Straße, wie sollst du dann weitergehen? Links nach der Stadt oder rechts in die Felder? Und dann? Was dann?‹ Er sann darüber nach. Wenn er jetzt ein Pferd hätte, so würde er irgendwohin reiten und das Pferd laufen lassen. Er brauchte nicht auf den Weg zu achten und Fuß vor Fuß zu setzen, er hätte gewissermaßen jemand, der ihn führen, der schon auf den Weg achtgeben würde. Oder wenn er seinen kleinen Terrier hier hätte. Der würde vor ihm her laufen, und er konnte einfach hinterher gehen. Bisweilen würde er ihn rufen: »Fox, hier!« und würde ihn streicheln. Irgend jemand muß man haben, mit dem man sprechen kann. Vielleicht könnte man einen Jungen in die Stadt schicken nach dem Hotel und Fox holen lassen. Aber Fox wird den Jungen beißen. Und vielleicht gibt Jane den Hund gar nicht her, denn er gehört eigentlich ihr. Jane – was sie jetzt anfangen mag – Sie wird heute abreisen oder ist schon abgereist, – arme Jane! Sie hat es nie böse gemeint. Sie würde mir Fox schicken, wenn ich darum bitte, selbstverständlich. Sie war nie kleinlich. ›Nie kleinlich‹ – er sann über die zwei Worte nach und hielt sie fest. Er hatte in diesen letzten Wochen so viel Kleinliches gesehen, auf Schritt und Tritt. »Joseph!« Er fuhr auf und starrte sie an. Jane hatte ihn ganz leise gerufen. Sie stand einige Schritte von ihm entfernt, ebenso wie er an das Gitter gelehnt, ihre beiden Hände ebenso wie seine Hände um die Eisenspitzen gelegt. »Du? Noch hier?« Sie antwortete nicht gleich und blickte ihn auch nicht an. Sie schaute auf die Kränze und Seidenschleifen, und erst nach einer langen, minutenlangen Pause begann sie leise zu sprechen, immer ohne Joseph anzusehen: »Du hast sie sehr lieb gehabt, Joseph, und sie ist sicherlich dieser Liebe auch wert gewesen. Für mich war sie eine Fremde, und ich war es für Marie. Wir sind uns auch fremd geblieben, wie es natürlich war. Ich habe geglaubt, als wir herkamen, deine Liebe für mich sei größer als die Erinnerung an deine Jugendliebe, aber es war nicht so.« Sie suchte nach Worten, aber sie fand sie nicht in dem immer hastigeren Reden, und nun begann sie, erst abgebrochen, dann im Zusammenhang englisch zu reden. »Denn es war nur Erinnerung, was dich zu ihr zurückgeführt hat. Jede andre Frau wäre außer sich gewesen, ich war es nicht, Joe. Man soll jedem Menschen seine Freiheit lassen, auch im Denken und Fühlen; ich habe kein Wort zu dir gesagt, ich habe dir alle Freiheit gelassen, – habe ich nicht, Joe?« Ihre Stimme zitterte ein wenig. Sie wollte aufschauen, aber sie tat es nicht. Sie fühlte, daß er sie anblickte. »Ich bin unglücklich geworden, Joe, aber ich zürne dir nicht. Du hast mich nicht verraten mit einer andern, du bist ihr treu gewesen, das war es. Nicht weil sie noch schön war, sondern weil du und sie, weil ihr beide – weil –« ihre Stimme versagte einen Augenblick, aber sie überwand den Schmerz: »Sie hat dich lieb gehabt, Joe, aber ich habe dich auch lieb gehabt. Nicht damals, als wir uns kennen lernten, oder doch, auch da schon, aber nicht so wie, wie jetzt, wie – und – und« »Jane!« Er löste ihre beiden Hände von den Gitterstäben und zog sie an sich. Und zum erstenmal in ihrem klaren und ruhigen Leben verlor sie die Fassung, schluchzte sie auf, verbarg sie zitternd, hilfesuchend ihren Kopf an der Brust eines andern. Lange blickte Joseph stumm zur Seite auf das Grab, als ob er auf jemand horchte, der von dort her zu ihm spräche. Dann nickte er dem Grabe zu: »Ja.« Er legte die Hand auf Janes Arm und sagte müde: »Komm.« So gingen sie die lange, gerade Allee entlang, und nur an der Biegung hielt er noch einmal an und wandte den Kopf rückwärts. Mit schweren, langsamen Schritten ging er dann weiter an Janes Seite durch die Reihen, durch die hohe Halle am Eingang hinaus.