Franz Gräffer (Censurfrey.) Josephinische Curiosa oder ganz besondere, theils nicht mehr, theils noch nicht bekannte Persönlichkeiten, Geheimnisse, Details, Actenstücke und Denkwürdigkeiten der Lebens- und Zeitgeschichte Kaiser Josephs II.   »Joseph war so groß, daß man durchaus frey von ihm reden kann.« Joh. v. Müller. »Den Hingeschiedenen ist man Wahrheit schuldig; den Lebenden Rücksichten.« Voltaire. Inhalt: Erstes Bändchen, Wien 1848.         Vorwort 1)  Eine natürlichen Schwester. – – 2)  Der Kaiser und die Freymaurer. 3)  »Warum wird Kaiser Joseph von seinem Volke nicht geliebt?« 4)  Details über Josephs letzte Lebenstage. 5)  Kaiser Joseph und die Capuzinergräuel in Wien. 6)  Zwey französische Damen über Joseph in Paris. 7)  Josephinische Memorabilien, von Hofrath Bretschneider. 8)  Was Joseph von den Staatsbeamten, und wie er es mit ihnen hielt. 9)  Kaiser Josephs Gebethbuch. 10)  Kaiser Joseph und Prof. Feßler in Lemberg. 11)  Rhapsodien über den Kaiser. 12)  Trattners Project des Büchernachdrucks im Großen 13)  Josephs letzte Augenblicke; Catharinen von Rußland geschildert vom Prinzen de Ligne. 14)  Ein absonderliches Taschenbuch. – 15)  Hinrichtung des Mörders Zahlheim. 16)  Joseph II., kein Gemählde ohne Schatten 17)  Endlicher Beweggrund zur Aufhebung des Jesuitenordens. Zweytes Bändchen, Wien 1848. 18)  Josephs II. eigenhändiges Testament und Codicill. 19)  Josephs scharfe Blicke auf das Bestechungssystem. 20)  Kaiser Joseph und die Jesuiten in Oesterreich. 21)  Josephs Versuche gegen das heillose Asylrecht. 22)  Josephs Krönung zum römischen König. 23)  Der Vater Josephs des II. 24)  Kaiser Joseph und der Prinz de Ligne, vertrauliche Briefe des Letztern an seinen Monarchen und Freund. 25)  Josephs Bestimmungen bey der Klosteraufhebung. 26)  Josephinischer Criminalcodex. 27)  Marien Theresiens letzte Lebenstage. 28)  Der berühmte Corridor (Controlorgang). 29)  Curiose Feyerlichkeiten bey Josephs Geburt. 30)  Kaiser Joseph und Da Ponte. 31)  Josephs Ansicht von der Preßfreyheit. 32)  Die beyden Frauen Josephs. 33)  Drey Briefe Josephs, welche in den vorhandenen Sammlungen seiner Briefe nicht enthalten sind. 34)  Joseph in Windeln beym Preßburger Reichstag. Drittes Bändchen, Wien 1848. 35)  Szekely der Verbrecher, und Joseph der Richter. 36)  Der Prozeß Philipps Grafen von Kolowrat; und zur Geschichte der betreffenden Druckschrift, die nahe daran war, durch Henkers Hand verbrannt zu werden. 37)  Die Nonnen und der Nonnerich. 38)  Literarische Attentate auf den Kaiser. Züchtigung des ruchlosen Aufwieglers und Pasquillanten Georg Philipp Wucherer. 39)  Zahlheim der letzte Geräderte. 40)  Details über das Freymaurerwesen unter Kaiser Joseph. 41)  Zum Capitel der Frauenhäuser. 42)  »Joseph der II. im Controlor- Gang, oder: Allerley Scenen aus der heutigen Regierung.« 43)  Staatsrathssitzung des Kaisers mit dem Papste; Josephs durchgreifende Erklärung \&c. 44)  Mozart bey Hofe; Josephs Urtheil über ihn. 45)  Die ersten Spuren des Jacobinismus unter Joseph; die Zauberflöte als Allegorie der Revolution. 46)  Begegnungen mit Friedrich von der Trenck; Josephs Antwortschreiben an ihn. Anhang. Viertes Bändchen, Wien 1850. 47)  Hofrath Born; die Monachologie; Cardinal Migazzi, und der Kaiser. 48)  Josephs schwarzer Freund und Königssohn Angelo Soliman. 49)  Eines der frechsten Pasquille auf den Kaiser Joseph. 50)  Die Gutachten Lacys, Kaunitz's und Loudons contra Kaiser Joseph. 51)  Zur Geschichte des Reactionen gegen Josephs Reform. 52)  Der Jesuit und der Teufel. 53)  Briefe Josephs II., in den vorhandenen Sammlungen nicht enthalten. 54)  Vom Minister Thugut. 55)  Zur Geschichte der Aufstände gegen das Begräbnißpatent. 56)  Das gedruckte Zahlheimische Todesurtheil. 57)  Das berühmte Toleranzedict. 58)  »Kaiser Josephs Reformation der Freymaurer. Eine Denkschrift fürs achtzehnte Jahrhundert. Von E****.« 59)  Kaiser Joseph und die Abrahamiten (Deisten) in Böhmen. 60)  Ein Brief des berühmten Feßler über den Papst Pius VI. in Wien; 2) Des Papstes Homilie in der Stephanskirche; aus dem Lateinischen übersetzt. 61)  Ueber Josephs Reform in Ungarn; an den Kanzler Carl Grafen von Palffy. 62)  Der Classiker Wieland, über den Unfug des Büchernachdrucks unter Joseph II. 63)  Fassung der Bücherprivilegien. 64)  Josephs ungarisches Widerrufs-Rescript. 65)  Der Papst, die Römer, der österreichische Erzbischof Edling und Joseph. 66)  Eulog Schneiders Elegie. 67)  Verschiedenes Kleineres. Fünftes Bändchen, Wien 1850. 68)  Huldigung dargebracht der Wahrheit und den Manen des Herrn Feldmarschalls Grafen v. Lacy. 69)  Aus dem französ. Tagebuch der Königinn von Frankreich. 70)  Friedrich II. über Joseph II. 71)  »Deutsch« als ämtliche Geschäftssprache Ungarns. 72)  Die Broschürenfluth während der Josephinischen Preßfreyheit. 73)  Kaiser Joseph als Mensch; sein Privatcharacter; seine Lebensweise und Gewohnheiten; seine Neigungen und Eigenschaften, und seine Persönlichkeit überhaupt. 74)  Josephs Sorge für das Studienwesen. 75)  Die Wiener und die Wienerinnen unter Josephs Regierung. 76)  Josephs Plan zu einer Schauspieler-Pflanzschule (Pepiniére). 77)  Das Abenteuer mit Heinrichs Buch: Gesetze der k. k. Armee. 78)  Briefe Josephs II., in den vorhandenen Sammlungen nicht enthalten. 79)  Wie Trenck auf Kaiser Joseph zu sprechen ist; und die Prozeßsache. 80)  Das berühmte Rendezvous Josephs und Catharinens; von dem französischen Bothschafter Ludw. Philipp Grafen von Segur. In Commission bey I. Klang (Dorotheergasse Nr. 1105). Vorwort Bey der Gelegenheit seiner, während einer langen Reihe von Jahren fast ununterbrochenen Lecture pflegte der Herausgeber Alles, was ihm Unbekannteres und vorzüglich Markantes über Kaiser Joseph und seine Zeit vorkam, theils ungekürzt, theils in Auszügen, Übersetzungen \&c. zu sammeln. Da trat der fünfzehnte März ein; uns es both sich sofort der Anlaß dar, jene Materialien für die Öffentlichkeit zu benützen. Der Herausgeber nahm sie also vor, sichtete, ordnete, redigirte sie, und schrieb dazu eigene neue Artikel. Das vorliegende Buch ist eine Abtheilung alles Dessen. Findet es günstige Aufnahme, woran wohl kaum zu zweifeln seyn dürfte, so folgt unverzüglich die Fortsetzung, welche bereits druckfertig vorliegt. Der Titel übrigens sagt Alles, aber wohl schwerlich, wie es bey den meisten Titeln der Bücher und der Menschen der Fall ist, zu viel. Wien, Ende März 1848. I. Eine natürliche Schwester. Es ist hier nicht die Rede von einer Novelle oder von einem Roman; es wäre dieß schon bey der Überschrift bemerkt worden. – – Die Materialien dieser ausserordentlichen Begebenheit befinden sich in den Händen des Verfassers. Der Graf Cobenzl, bevollmächtigter Minister der österreichischen Niederlande zu Brüssel, saß an einem Sommertage des Jahres 1768 in einer Gartenlaube, und blätterte in einer politischen Broschure. Da näherte sich der Kammerdiener, und überbrachte einen Brief. Als der Graf die Adresse betrachtete, schmunzelte er. Sie war offenbar von weiblicher Hand, und ringsum voll plumper Federzeichnungen im Roccocogeschmack, welche Amoretten, Herzen, Pfeile und dergleichen vorstellen sollten. Der Graf entließ den Diener, und erbrach das schwerfällige Siegel. Er las ungefähr Folgendes: Gnädiger Herr! Stutzen Sie nicht, daß eine Fremde sich an Sie wendet, um Rath und Zuflucht zu finden. Die hohe Achtung, welche man Ihnen allenthalben zollt, und Ihr mächtiger Einfluß bey Hofe, bestimmen mich dazu. Wer diejenige sey, die es wagt, Sie um Ihre Freundschaft zu bitten, sollen Sie binnen kurzer Zeit erfahren; und vielleicht wird es Ihnen angenehm seyn, den Wunsch der Schreiberinn erfüllt zu haben. Ich lege auf diese Worte ein Gewicht, und bitte, die gütige Antwort an Mademoiselle Frêle zu Bordeaux zu adressiren. Der Brief war in schlechtem Französisch geschrieben und voll orthographischer Fehler. Der Graf steckte ihn zu sich, und fuhr fort, in seiner Broschure zu blättern. Kurze Zeit hierauf langte ein Schreiben aus Prag an, unterzeichnet »Johann von Weissenstein« und folgenden Inhalts: »Sie werden, verehrter Graf, von einer Demoiselle Frêle zu Bordeaux einen Brief empfangen haben, in welchem dieselbe Sie bittet, Sich für sie zu interessiren. Ich kann Sie nur aufmuntern, dieses Zutrauen zu rechtfertigen, und muß Ihnen rathen, den Wünschen jener Person zu entsprechen. Es versteht sich von selbst, daß Sie solche auch mit Barschaft unterstützen können, wenn sie deren bedürfen sollte; und hier käme es gar nicht auf die Summe an. Schiessen Sie ihr indeß Tausend Ducaten vor.« Nach mehreren ähnlichen vertraulichen Äusserungen schloß das Schreiben mit den Worten: »Wenn Sie erfahren werden, wer die Unbekannte ist, so wird es Sie freuen, ihr nützlich gewesen zu seyn; und Sie werden gegen Diejenigen erkenntlich seyn, die Ihnen Gelegenheit dazu gegeben haben.« Der Graf schrieb nun nach Bordeaux, und zwar, wie sich voraussetzen läßt, in den verbindlichsten Ausdrücken. Er sagte der Dame jegliche billige Willfahrung zu, machte aber zur Bedingung, daß sie ihm ihren wahren Namen nenne. Nicht lange hierauf erhielt Graf Cobenzl eine Zuschrift aus Wien, in welcher er angelegentlich aufgefordert wurde, nicht zu ermangeln, der Demoiselle Frêle in Bordeaux gefällig zu seyn. Geldsummen aber anlangend, hieß es, so möge er bey deren unbedenklichen Bewilligung nicht unterlassen, der Dame ernstlich an das Herz zu legen, sich bey ihren Ausgaben besser einzuschränken, als es seither geschehen sey, ohne daß sie deßhalb förmlich zu sparen brauche. – Dieß Schreiben war unterfertigt: »Ihr unterthäniger Diener Graf von D***n.« Graf Cobenzl beantwortete sowohl diesen Brief, als den früheren aus Prag. Keines seiner beyden Schreiben aber wurde erwiedert. Mit Demoiselle Frêle jedoch war ein förmlicher Briefwechsel eingetreten. Im Spätherbste desselben Jahres erschien bey dem Grafen Cobenzl die Gattin eines Handelsmanns in Bordeaux, Namens Englumée, um mit ihm in wichtigen commerziellen Angelegenheiten zu sprechen. Die Rede kam auch auf Demoiselle Frêle; und die Kaufmannsfrau wußte nun guten Bescheid. Sie erschöpfte sich in Lobeserhebungen ihrer Schönheit und Großmuth, welch letztere, da die Dame ein großes Haus mache, wohl gewisser Massen an Verschwendung gränze. Zu bedauern ist, bemerkte die Frau, daß solch ein junges unerfahrnes Wesen sich selbst überlassen sey. Seit 3 Jahren hieß es weiter, wohne Demoiselle Frêle in Bordeaux; Jedermann begegne ihr mit der größten Achtung, besonders der Marschall von Richelieu. Sie habe eine auffallende Ähnlichkeit mit dem nun verstorbenen Gemahl der Kaiserinn Maria Theresia; ein geheimnißvolles Dunkel schwebe über ihrer Geburt; Niemand aber wage es, sich deutlicher darüber zu äussern; und die Dame selbst weiche allen Erörterungen ihrer Herkunft aus. – Dieß sind die Auskünfte, welche die Kaufmannsfrau dem Grafen Cobenzl gesprächweise ertheilte. Des Grafen Correspondenz mit der Dame dauerte fort. Eines Tages schrieb sie ihm, es möge ihm gefallen, ihr eine Haube von Brüßlerspitzen zu senden im Werthe von 50 Louis'dor. Der Wunsch wurde augenblicklich erfüllt. Umgehend meldete sie ihm, daß sie die Haube zurückschicken werde; sie habe dieselbe nur einmahl getragen; sie sey nicht in der Lage, sie zu bezahlen. In der unverzüglichen Antwort des Grafen ward aber darauf gedrungen, die Haube zu behalten. Nach einiger Zeit kam ein Schreiben an, nachstehenden Inhalts: »Gnädiger Herr! Sie fahren fort, meine höflichen Bitten zu verwirklichen, und ich fahre fort, Ihnen auf das Verbindlichste dafür zu danken. Ich sehe auch ein, daß ich Ihnen mehr Aufrichtigkeit schuldig sey, als ich bisher beobachtet habe; allein man kann nicht Alles dem Papiere anvertrauen, und ich verspare eine offenherzige Mittheilung auf eine Reise nach Brüssel, die ich vorhabe, zu unternehmen. Ihnen dann, nur Ihnen gnädiger Herr, werde ich gewisse Geheimnisse enthüllen; nie aber dem Grafen Mercy, kaiserlichem Bothschafter in Paris, der mich mit Zumuthungen verfolgt, sie ihm zu entdecken. Ich muß mich bey Ihnen förmlich über diesen Herrn beschweren. Um Ihnen zu beweisen, daß ich alles Zutrauen zu Ihnen habe, sende ich Ihnen hierbey mein Bildniß; vielleicht verkündigt Ihnen schon der Anblick desselben Einiges von dem, was ich Ihnen werde zu entdecken haben; und ich bitte Sie, es sorgfältig aufzubewahren.« – Das Miniatur-Porträt lag wirklich bey. Graf Cobenzl betrachtete es mit Theilnahme und Aufmerksamkeit; er fand, daß es das Antlitz eines allerdings sehr reizenden jungen Frauenzimmers sey; allein irgend eine Erinnerung, die sich auf besondere Verhältnisse beziehe, erweckte es nicht in ihm. Der Herzog Carl von Lothringen jedoch fand, daß das Porträt große Ähnlichkeit mit den Gesichtszügen und dem Incarnat seines verstorbenen Bruders, des Kaisers Franz I. habe. Der Prinz fügte hinzu: »Nahmentlich sind es ganz seine Augen.« Dieses, wie alle andern Schreiben beantwortete der Graf mit Höflichkeit und Theilnahme, zugleich aber mit einer gewissen diplomatischen Zartheit, stets darauf bedacht, nicht zuviel zu wagen. Im Verlaufe dieses ununterbrochenen Briefwechsels meldete ihm die Dame, daß sie sich erlauben werde, ihm zwey Porträte zu schicken; mit einem derselben möchte er dann das ihrige vergleichen. Nachdem nun diese beyden Bildnisse geraume Zeit nicht eingetroffen waren, erinnerte der Graf daran. Hierauf wurde ihm die Antwort, sie befänden sich noch in den Händen eines Goldarbeiters, der noch nicht damit zu Stande gekommen sey, sie aus dem mit Brillanten besetzten Gehäuse heraus zu nehmen; wie dieß jedoch geschehen, würden sie sogleich folgen. Zwey Wochen hierauf kamen die beyden Porträte an. Es war das des Kaisers und jenes der Kaiserinn. Der Herzog Carl erkannte auf den ersten Anblick, daß sie von dem Meisterpinsel Livcards seyen. Im December desselben Jahres erhielt der Graf v. Cobenzl in Betreff dieser Dame eine Zuschrift mit der höchst überraschenden Datirung: »Aus meinem Bette um 2 Uhr des Morgens. Wien.« In diesem Briefe wurde der Graf hinsichtlich der Art und Weise seines Verhaltens gegen die junge Dame sehr belobt, und es wurde ihm befohlen , ebenso fortzufahren. Es wurde ihm gesagt, daß man mit dem Benehmen des Grafen Mercy sehr unzufrieden sey, und daß ihm selbes bereits Unannehmlichkeiten zugezogen habe. Dieses arme Kind, lautete es weiter, habe schon so viel gelitten, daß man beschlossen habe, es in eine Lage zu versetzen, in welcher es volle Entschädigung finden werde. Ausdrücklich hieß es in dem Schreiben in Bezug auf die Dame: »Sie wurde mir von derjenigen Person, welche mir die liebste auf Erden war, so zärtlich empfohlen!« Es wurde dem Grafen aufgetragen, dem jungen Frauenzimmer eine klügere Öconomie einzuschärfen; und zuletzt wurde ihm die Unverbrüchlichkeit des Geheimnisses zur Pflicht gemacht. Unterzeichnet war dieser Brief nicht. Der Inhalt und der ganze Ton deuteten genugsam darauf hin, von wem er sey. Nicht lange darauf schrieb die junge Dame dem Grafen, er müsse einen Brief empfangen haben, dessen Gegenstand sie selbst sey. Der Graf unterließ nicht, ihr dieß zu bestätigen, und hierauf lautete die Antwort: »Ich bin Ihnen für Ihre Güte sehr verbunden; allein wenn ich eines gewissen Dienstes benöthigt wäre, so muß ich Ihnen gestehen, daß ich mich vielmehr an Gott als an die Heiligen wenden würde. –« Beinahe ein Jahr hatte dieser Briefwechsel gewährt, als der Graf Cobenzl Anfangs des Sommers 1769 Depeschen aus Wien erhielt, deren Inhalt in Beziehung auf die junge Dame ein höchst unerwarteter, ja ganz ausserordentlicher Art war. Es verhielt sich damit wie folgt. Der Hof von Versailles hatte, wahrscheinlich auf Anlaß der umsichtigen Beobachtungen des Grafen Mercy, den Wienerhof angegangen, Mademoiselle Frêle zu Bordeaux festzunehmen, und streng bewacht nach Brüssel zu schicken, um daselbst von dem Grafen Cobenzl und dem ersten Präsidenten Grafen Neny verhört zu werden. Fast gleichzeitig erhielt der Herzog von Lothringen von der Kaiserinn den Auftrag, diese Gefangene auf das Strengste bewachen zu lassen, und in All und Jedem in diesem Fache weder Mühe noch Geld zu sparen. In diesem Briefe Theresiens kommt die Stelle vor: »Diese Unglückliche gibt sich für eine Tochter unsres verstorbenen Herrn aus. Wenn dieß nur den mindesten Anschein von Wahrheit hätte, so würde ich sie wie meine eigenen Kinder lieben und halten; aber ich weiß, daß es Betrügerey ist; und ich will, man soll Alles in der Welt anwenden, damit dieser so geliebte und heilige Name unsers Herrn, von dieser Unglücklichen nicht mehr entweiht werde.« Es leuchtet ein, daß sowohl der Herzog von Lothringen als der Graf Cobenzl Alles aufbothen, um einem so gemessenen, ja strengen, die Ehre des Kaiserhauses betreffenden Befehle auf das Gewissenhafteste und Pünktlichste zu entsprechen. Den Nachforschungen und Erhebungen des stets wachsamen, klug und thatkräftig wirksamen Grafen Mercy waren Geschehnisse vorausgegangen, die an das Fabelhafte gränzen, und von denen der Wienerhof mehr oder weniger unmittelbar war in Kenntniß gesetzt worden. Zu der Zeit nähmlich, als der unvergeßliche Kaiser Joseph nach Italien reisete, kam dem König von Spanien ein Schreiben zu, derart, daß er annehmen konnte, es rühre vom Kaiser her. In diesem Schreiben wurde ihm anvertraut, daß der verstorbene Kaiser Franz I. eine natürliche Tochter hinterlassen habe. Die Existenz derselben sey nur der Erzherzogin Marianna (Schwester des Kaisers) und einigen wenigen intimen Freunden des Vaters bekannt. Diese Tochter sey dem Kaiser Joseph als dessen natürliche Schwester auf das Zärtlichste empfohlen worden. Sie befinde sich zu Bordeaux. Der Kaiser wünsche, daß der König von Spanien sie von ihrem jetzigen Aufenthalte weg, und nach Madrid bringen lasse, um, bevor Anstalten, ihres hohen Standes würdig, getroffen worden, bey einer Dame oder in einem Kloster zu verweilen. Der Kaiser erbitte sich diesen Dienst als einen Beweis der Freundschaft von dem Könige; er selbst könne sich mit der Vollziehung einer solchen Maßregel nicht befassen, weil zu befürchten stehe, daß die Kaiserinn Etwas davon erfahre, der die Sache noch ein Geheimniß bleiben müsse. Dieser Brief brachte bey dem König bald eine entgegengesetzte Wirkung hervor. Er schickte ihn dem Kaiser zu, der sich damahls in Mailand aufhielt, und bath um Aufklärungen. Joseph fand sich höchlich betroffen, und sandte beyde Schreiben seiner Mutter zu. Maria Theresia verfügte dann, wie wir oben erzählt haben. In Gemäßheit dessen wurde Demoiselle Frêle im August 1769 zu Bordeaux in ihrer Wohnung festgenommen, und zwar von dem Lieutenant der Marechaussée Carel de Ferrand. Dieser Mann war ihr theilnehmendster Freund; sein Neffe hatte ihr seine Hand angetragen, die sie jedoch ausgeschlagen hatte. Die Verhaftung war kaum bekannt, als sich die zahlreichen Gläubiger einfanden, und mit Ungestüm Befriedigung verlangten. Besonders stürmisch und pöbelhaft erwies sich die Handelsfrau Englumée, von der Demoiselle Frêle bey dem Grafen Cobenzl so begeistert war vertreten worden. Das junge Frauenzimmer ward von dieser Catastrophe so ergriffen, daß sie Blut auswarf, und der Kolik unterlag. Ihre Reise konnte nur langsam vor sich gehen. Als man sich der französischen Gränze näherte, ritt ein Mann, der aussah wie ein Curier auf den Wagen zu, warf ein Billet in denselben, und sprengte davon. Demoiselle Frêle erhielt von ihrem Begleiter, der jetzt der Gefreyte Poyot war, die Bewilligung, es zu lesen. Der Inhalt war: »Geliebtes Kind, man hat alles mögliche gethan, Sie zu retten; verlieren Sie den Muth nicht; hoffen Sie immer!« Die Demoiselle gab die feyerliche Versicherung, daß ihr weder der Reiter noch die Handschrift bekannt sey. In Brüssel angekommen, wurde sie sogleich vor den Grafen Cobenzl gebracht. Ihr Anzug war höchst einfach; ihr Leibkleid war von grauem Tafft; darüber ein schwarzseidener Mantel mit Capuchon. Eine Art Schleyer von weißem Zeuge bedeckte ihr Gesicht. Wie sie in das Cabinett des Grafen trat, schlug sie den Schleyer zurück. Bey dem plötzlichen Anblick dieses liebreizenden, edlen und zugleich das innerste Seelenleid ausdrückenden Gesichts ward der Minister betroffen. »Ihr Gesicht« erzählt ein Augenzeuge »würde den unempfindlichsten Menschen zu ihrem Vortheil eingenommen haben. Sie ist groß und schlank gewachsen; ihre Schultern haben eine besonders gute Stellung; ihre Miene ist edel und sittsam. Sie hat den schönsten Hals und die schönsten Arme von der Welt; ihr Haar ist schwarz, von schönem Wuchs, und sehr geschickt zu dieser Krause, die so schwer zu finden ist. Sie hat eine frische Naturfarbe, gegen die entlehnte vortheilhaft abstechend; ihre Augen sind groß und lebhaft, und ihre Blicke könnten Alles sagen, was sie wollten. Eine kleine, zarte, etwas aufgestülpte Nase ist nicht die kleinste Zierde ihres Gesichts.« Was die Reize dieser schönen Gefangenen noch erhöhte, ist die Verlegenheit, in der sie sich befand. Selbe schwand aber bald durch des Grafen Gewandtheit, und seine Gabe, Vertrauen einzuflößen. Wie in ihren Briefen, nannte sie ihn auch jetzt »Vater.« Als sie ihm wie eine gute Tochter die Hand küssen wollte, ließ er es nicht zu, sondern umarmte sie. Ihre französische Aussprache trug den Stämpel des deutschen Accentes. Besonders muß bemerkbar gemacht werden, daß ihre anfängliche Unruhe gleichwohl nicht die mindeste Spur von Furcht zeigte. – Der Graf ersuchte sie, Platz zu nehmen, und setzte sich zu ihr. Er befragte sie um ihre Gesundheit; er bath sie, sich zu beruhigen, und versicherte sie, daß sie aller Beweise von Rücksicht und Achtung gewärtig seyn könne, wenn sie nicht ermangelte, aufrichtig zu seyn. »Ich werde Ihnen Alles sagen, mein lieber Vater,« entgegnete sie, »ich bin ein gutes Mädchen, das nie Jemanden Etwas zu Leide gethan hat. Es ist wahr, daß ich Schulden gemacht habe; aber ist denn das ein so großes Vergehen? Man hat mir so viel Geld gegeben; ich dachte, man werde immer damit fortfahren.« Auf dieses Thema kam sie immer wieder zurück, so daß es scheinen mußte, als hielte sie bloß ihre Verschwendung für die Ursache ihrer Verhaftung. Über das Benehmen der Englumée beklagte sie sich bitter. Sie bezog sich auf den Lieutenant Ferrand, der sie versichert habe, sie sey von jener Frau bey den Preisen der Putzartikel frech überhalten worden, und die Forderung könne um ein Gutes vermindert werden. Immer kam sie auf die Geldverwirrung zurück. Ihre Gefangenschaft, sagte sie im Verlaufe eines ziemlich einsylbigen Gespräches, mache ihr große Sorge; sie fragte den Grafen, ob sie nun wohl bey ihm könne wohnen bleiben? Der Graf legte ihr die Unmöglichkeit dar, und fügte bey, sie werbe sich in dem mehr bey der Stadt liegenden Schlosse Monterel, wo man ihr einen sehr anständigen Aufenthalt bereitet habe, recht wohl befinden; sie werde daselbst mit aller Achtung behandelt werden, und der Erfüllung ihrer billigen Wünsche werde nichts entgegen stehen. Der Graf versprach ihr, sie Tags darauf zu besuchen, und versicherte sie wiederholt seiner wärmsten Theilnahme. Seine Worte schienen den tröstendsten Eindruck hervorzubringen, und die schöne Gefangene beurlaubte sich mit allen Zeichen der Zufriedenheit. Demoiselle Frêle wurde nun auf das Schloß Monterel gebracht. Ihr Begleiter war der Platzmajor de Camerlang, ein milder, heiterer und geistreicher Mann. Den folgenden Tag erhielt sie durch den Grafen Neny eine Kammerfrau. Als der Graf Cobenzl sie besuchte, fand er sie wohlgemuth; sie zeigte sich mit allen Anordnungen sehr befriedigt. Der Graf trug ihr Lecture an; allein sie lehnte selbe ab mit dem Bemerken, daß sie nicht wisse, was Langeweile sey, indem sie sich immer damit beschäftige, Luftschlösser zu bauen. Die junge Dame verstand weder zu lesen, noch zu schreiben. – Herr von Camerlang mühte sich ab, ihr beyzubringen, ihren Namen zu schreiben. – Tags darauf begann das Verhör. Des Morgens um 10 Uhr fand sich der Graf Cobenzl und der erste Präsident Graf Neny bei der Gefangenen ein. Graf Neny war höchlich überrascht von der großen Ähnlichkeit der Dame mit dem verstorbenen Kaiser; er war betroffen und verlegen. Als man sie nach ihrem Geburtsort gefragt hatte, erwiederte sie, er sey ihr nicht bekannt; man habe ihr aber gesagt, das Land des Orts, in welchem sie erzogen worden, heiße Böhmen. – Der Präsident frage weiter: »Ist der Ort eine Stadt? und wie lange mag es. seyn, daß Sie sich daselbst befunden haben?« Die Antwort war: »Der Ort, an welchem ich erzogen worden bin, ist ein kleines abseitiges Landhaus; in der Nähe befand sich weder eine Stadt noch ein Dorf. Weiter zurück kann ich mich an nichts erinnern. Mein Gedächtniß sagt mir nur, daß ich zwey Frauen übergeben war, von denen die eine etwa 50, die andere ungefähr 30 Jahre alt gewesen seyn mag. Zu dem alten Weibe sagte ich Mama; das andere nannte ich Catharina. Ich schlief in der Kammer des ältern Weibes. Beyde behandelten mich sanft und achtungsvoll. Zeitweise kam ein Geistlicher zu uns, den ich späterhin für einen Jesuiten hielt. Er pflegte in einem Zimmer des Hauses Messe zu lesen, und gab mir Unterricht in der christlichen Religion. Die ältere Frau, die, welche ich Mama nannte, begann mir die Kunst zu lesen und zu schreiben beyzubringen. Als aber der Geistliche das erfuhr, sträubte er sich dagegen, und untersagte es, worauf denn die Frau es einstellte. Der Geistliche übrigens begegnete mir stets mit ausgezeichneter Achtung.« Es begreift sich, daß diese Aussagen einen eigenthümlichen Eindruck auf die beyden Richter hervorbrachten. Sie hielten inne, und besprachen sich leise; vielleicht theilten sie sich ihre Vermuthungen mit. In der Fortsetzung des Verhörs ertheilte die reizende Inquisitinn folgende Auskünfte: »Beyläufig ein Jahr hierauf kamen zwey Männer zu Pferde an; sie waren in Jagdkleidern; der Eine hatte eine sehr ansprechende Gesichtsbildung. Als sie in das Haus getreten waren, wurde ich sogleich gerufen. Dieser letztere Fremde umarmte mich, setzte mich auf den Schoß, liebkoste mich, und empfahl mir, mich gut aufzuführen und folgsam zu seyn. Ich vermuthe, daß dieser Mann mich schon in früherer Zeit gesehen habe, denn ich erinnere mich, ihn sagen gehört zu haben, ich sey bedeutend größer und sehr verändert. Ich kann mich aber nicht entsinnen, daß ich ihn jemahls gesehen hätte. Etwa anderthalb Jahre nach diesem Besuch, fand sich derselbe Mann mit dem nähmlichen Begleiter, Beyde in derselben Tracht wieder ein. Dießmahl prägten sich die Gesichtszüge des Fremden tief und unauslöschlich in meine Seele ein, dergestalt, daß ich ihn nie und nimmer werde vergessen können; sein Anblick übte dießmahl einen geheimen, mächtigen Eindruck auf mich aus. Dieser Mann war von mittlerer Statur und ziemlich beleibt; seine Stirne war frey, seine Gesichtsfarbe frisch, sein Bart schwarz; an einer der Schläfe hatte er ein kleines weißliches Mahl.« Bey diesen letztern Worten hefteten sich ihre Blicke eine Minute lang starr auf das Gesicht des Grafen Neny, und bemerkte hierauf, daß selbes große Ähnlichkeit mit jenem des Fremden habe, besonders was die untere Hälfte betrifft; eigens übereinstimmend sey der Mund. Dann fuhr sie fort: »Als ich jenen unvergeßlichen Fremden das zweyte Mahl sah, nahm ich unter seinem Oberrocke etwas Rothes an seinem Halse wahr; ich fragte darnach, und erhielt die Antwort, es sey ein Zeichen, an dem man die Offiziere unterscheide. Was ist denn das: ein Offizier? fragte ich; und der Mann erwiederte lächelnd: »Das sind brave Leute! Sie, mein Kind, sind verbunden selbe zu lieben, weil Sie selbst die Tochter eines Offiziers sind.« Diese Äußerung, gerade aus diesem Munde, erneuerte plötzlich eine unnennbare, zugleich süße und wehmüthige Sympathie in meinem Herzen; ich ward innig gerührt, betrachtete den Mann erröthend, und als er sich anschickte sich zu entfernen, brach ich in Thränen aus. Er ward bewegt, schien zu seufzen, und tröstete mich mit dem Versprechen, sich bald wieder einzufinden. Er kam wohl wieder, aber erst in zwey Jahren. In meiner stillen aber festen Anhänglichkeit entschlüpfte es mir, ihm darüber Vorwürfe zu machen. Er sagte, eine schwere Krankheit sey die Ursache seiner langen Abwesenheit, gerade in jener Jahreszeit gewesen, in welcher er vorhatte, mich zu besuchen; und zwar in Folge einer heftigen Erhitzung auf der Jagd Der Herzog Carl von Lothringen erinnerte sich, daß sein Bruder der Kaiser so ziemlich um jene Zeit, von der das Mädchen sprach, alsbald nach einer Jagdparthie bedenklich erkrankt sey. . Dieser dritte Besuch war der letzte; mit innigstem Schmerze erzähle ich dieß!« Bey diesen Worten schien die Sprechende sehr angegriffen. Doch erholte sie sich bald. »Diese letzte Zusammenkunft,« sagte sie, »war für mich sehr wichtig. Als der Fremde seine gefährliche Krankheit erwähnt hatte, zerfloß ich in Thränen. Dieß bewegte ihn sehr, und als er mich um die Ursache meiner Rührung fragte, entgegnete ich: »Weil ich Sie liebe.« Zärtlich erwiederte er, daß er mich gleichfalls liebe; er wolle für mich sorgen, mich reich und glücklich machen; Haus, Vermögen und Dienerschaft sollte ich erhalten; meine Domestiken würden gelbe und blaue Livrée haben. Während der Unterredung fragte mich der Fremde, ob ich die Königinn sehen wolle. Ich erwiederte, daß ich nicht wisse, was eine Königinn sey. Er sagte hierauf: »Die Königinn, welche ich meine, ist eine schöne Frau; Sie würden sehr von ihr geliebt werden; aber ihre Ruhe erheischt, daß sie nie Ihre Bekanntschaft mache.« Der Fremde umarmte mich zärtlich und schenkte mir jene zwey Bildnisse, die ich von Bordeaux aus dem Herrn Grafen von Cobenzl gesendet habe. Als ich die Porträte betrachtete, fand ich, daß das männliche desselben dem Fremden vollkommen ähnlich sey; ich sagte ihm das mit Verwunderung, und er bestätigte, daß er selbst das Original sey. Hierauf übergab er mir noch ein drittes Bildniß. Dieß stellte eine verschleyerte Dame vor. Der Fremde sagte, das sey seine Mutter, und setzte hinzu, ich möchte alle drey Porträte sorgfältig aufbewahren. Sie befanden sich in einem Beutel von blauer Seide, der auch eine große Anzahl Ducaten enthielt. Als der Mann Abschied nahm, versicherte er mich wiederholt, daß ich glücklich werden solle; ich müsse ihm aber versprechen, unverheirathet zu bleiben, und diese Zusage auf das gewissenhafteste erfüllen. Der Abschied war zärtlich und voll Trauer; Beyde schluchzten wir.« Bey diesen Worten hielt sie inne, blickte gen Himmel, und seufzte. Nach einer kleinen Pause, und nachdem sie mit dem Rücken der Hand sich mehrere Mahle über die Stirne gefahren, erzählte sie Folgendes: »In der Zeit zwischen dem ersten und zweyten Besuch jenes Herrn, kam eines Tages eine Dame in Begleitung zweyer Männer in dem Landhause an. Sie war von mittlerer Größe und etwas stark beleibt, von weißem Teint und anziehender Gesichtsbildung; ihre Kleidung war sehr einfach. Sie begehrte mich zu sehen, und betrachtete mich sehr aufmerksam und anhaltend. Bald gingen ihr die Augen über, und sie seufzte. Mit stammelnder Zunge richtete sie mehrere doch ganz unbedeutende Fragen an mich; dieß schien mehr zu geschehen, ihre Verlegenheit zu verbergen. Zwey bis drey Mahl umarmte sie mich. Schluchzend sprach sie: »Mein Kind, Sie sind sehr unglücklich.« Ihre Bewegung nahm so sehr zu, daß sie Wasser verlangte, um sich zu laben; sie war einer Ohnmacht nahe. Plötzlich dann erhob sie sich und zog von dannen. Ich war ebenfalls sehr gerührt. Es kam mir vor, als möge das meine Mutter seyn; allein ich kann gleichwohl nicht mit Bestimmtheit sagen, daß sie völlige Ähnlichkeit mit dem in meinen Händen befindlichen Porträt gehabt habe. »Es mögen einige Monathe nach der letzten Zusammenkunft mit dem fremden Herrn verflossen seyn, als eines Tages jener Geistliche, dessen ich schon erwähnt habe, mir berichtete, mein Beschützer sey gestorben Kaiser Franz I. starb 1765, den 18. August, zu Innsbruck. , und habe kurz vor seinem Hinscheiden befohlen, daß man mich in ein Kloster nach Frankreich bringe. In wenigen Tagen reisen wir ab, sagte der Mann, und er sey nun auch hier, mir das Maß zu Kleidern zu nehmen. Er that dieß auch wirklich mittelst eines Bandes. Eine Woche darnach kam er nächtlicher Weile in einer Postkutsche an, und brachte mir vollständige Anzüge mit, zwey Pelze, dann ein schwarzes und ein rothes Kleid. Seither war meine Tracht sehr ordinär, und zwar von Barchent. Auf Geheiß des Geistlichen wurden sogleich meine geringen Habseligkeiten zusammengepackt, und ich zog einen blauen Pelz an. Also reisefertig stieg ich mit meinem Führer und mit Catharinen in den Wagen; bey der Trennung von der ältern Frau, die ich stets Mama genannt hatte, zerfloß ich in Thränen; aber die Angst vor dem Kloster, gegen das ich einen unüberwindlichen Widerwillen hatte, überwältigte bald alle meine Empfindungen. Die Schilderung, welche mir die beyden Frauen während der letzten acht Tage von dem Klosterwesen gemacht, hatte mir Entsetzen eingeflößt; ich bebte vor dem Gedanken, zeitlebens in solchen Mauern zu schmachten; noch jetzt schaudere ich.« Die Sprechende zuckte bey diesen Worten auf, dachte einen Augenblick nach, und fuhr dann fort: »Unsere Reise ward ohne Aufenthalt fortgesetzt; die Städte und Orte aber, durch welche wir fuhren, vermag ich nicht zu nennen. Wir kamen in Hamburg an. Hier verabschiedete der Geistliche Catharinen, und mich hieß er ein nach Bordeaux abgehendes Schiff besteigen. Als ich mich am Bord befand, näherte sich mir ein Mann von etwa 50 Jahren, und erklärte mir, daß er während der Reise zu meinen Diensten sey, und für mich sorgen werde. In Bordeaux angelangt, wurde ich von ihm zu einem deutschen Handelsmanne gebracht, der sich daselbst ansässig gemacht hatte; dessen Frau übergab mich einer Frau Guillaumot. Bey dieser wohnte ich während der ganzen Zeit meines dortigen Aufenthalts. Ich muß nachträglich anführen, daß der Geistliche, als ich in Hamburg im Begriffe war, das Schiff zu besteigen, mir gesagt hatte, mein Nahme sey Felicie Julie von Schönau. Unter dieser Adresse kam 14 Tage nach meinem Eintreffen in Bordeaux ein Brief an. Die Frau Guillaumot las ihn mir vor. Der Brief enthielt gute Lehren, und die Zusage, daß ich reichlich mit Geld solle versehen werden. Ich solle, hieß es darinn, bey dieser Frau verbleiben, und sie angehen, ihre anderen Pensionärinnen aus dem Hause zu geben, um mir selbes für mich allein zu überlassen. Noch wurde mir in diesem Briefe empfohlen, bescheiden und nicht neugierig zu seyn. Er war ohne Unterschrift und ohne Datum. Nach einigen Tagen fand sich ein Mann bey uns ein, welcher mir Tausend Louisd'or behändigte. Er äußerte bloß, daß er den Befehl habe, diese Summe zu meiner Einrichtung zu überbringen. Als ich ihn fragte, woher dieses Geld komme, beschränkte er sich darauf, mich zu bitten, mir darüber keine Unruhe zu machen und nicht neugierig zu seyn. Ich hielt diesen Mann für einen Geistlichen. Alsbald miethete ich mir ein Haus, und schaffte mir Equipage an. Frau Guillaumot zog zu mir, und ich lebte in dem angenehmsten Umgang, unter den schönsten Zerstreuungen, heiter, froh und glücklich bis zu dem Augenblick meiner Verhaftung.« Es leuchtet ein, daß die meisten dieser Aussagen den Ansichten der beyden Richter nicht wohl entsprechen konnten. Insbesondere fand der Graf Cobenzl an dem Moment der Einschiffung und jenem der Ankunft zu Bordeaux viel Seltsames. Er bemerkte also der Dame, daß sie ihn wohl mit Erfindungen zu täuschen suche, und forderte sie auf, sich zu erinnern, was er gleich Anfangs zur Bedingung gemacht habe. Nur durch volle Aufrichtigkeit könne sie sich des Schutzes der Kaiserinn würdig machen; im Gegentheil müsse er ihr seine eigene Verwendung entziehen; alle Folgen ihrer Unwahrhaftigkeit würden nur sie selbst schwer treffen. Der Graf sagte das mit solcher Entschiedenheit, mit solchem strengen Ernst, daß die Inquisitinn in Verwirrung gerieth, um so mehr, als dieß sein jetziges Benehmen so grell gegen sein früheres sanftes, mildes vertrauenerweckendes abstach. Der Graf zeigte sich entrüstet, und ließ sogar das Wort »Betrügerey« fallen. Als er vollends Miene machte sich zu entfernen, fiel sie ihm zu Füssen, schluchzte und gestand, sie habe allerdings Ursache sich Vorwürfe zu machen; sie wolle noch ganz Anderes erzählen, allein sie könne das nicht in Beyseyn des Secretärs thun. Auf einen Wink des Grafen trat der Secretär ab. Nun verfiel sie in lautes Weinen, warf sich neuerdings vor dem Grafen nieder, und beschwor ihn, Mitleid zu haben, und ihr zu verzeihen, daß sie ihm in Betreff der Einschiffung nicht die Wahrheit erzählt habe. Alles aber schwur sie, was sie über ihre Schicksale in Böhmen beygebracht, verhalte sich genau so, bis zu dem Augenblick, wo sie von dem Geistlichen abgeholt wurde. In Betreff dieser ganzen früheren Periode beharrte sie mit Festigkeit auf ihrer Aussage, und bath sofort, sie ruhig anzuhören, indem sie nun das Übrige der Wahrheit gemäß verbessern und ergänzen wolle. Diese willkommene Bitte wurde ihr mit aller Bereitwilligkeit gewährt. Man ließ ihr Zeit, sich zu erholen, sich zu sammeln und vorzubereiten, schärfte ihr aber wiederholt ein, sich jeglicher Unwahrheit zu enthalten. Was sie nun erzählte, ist Folgendes: Man wird sich erinnern, daß der Geistliche, als er gekommen war, sie abzuholen, ihr eröffnet hatte, sie sey bestimmt, in ein Kloster gebracht zu werden. Ihr Widerwille gegen ein solches Los aber, erzeugte in ihr den Gedanken, einem so bittern Schicksal durch die Flucht zu entrinnen. Während der Reise both sich keine Gelegenheit dar, diesen Vorsatz auszuführen; bey der Ankunft in Hamburg jedoch, als sie das Meer und die Schiffe erblickte, faßte sie sogleich den Entschluß, ihre Flucht von hier aus zu bewerkstelligen. In der Nacht, welche der von dem Geistlichen festgesetzten Einschiffung vorausgegangen, entfernte sie sich von Catharinens Seite, aus dem Bette, kleidete sich an, packte einige Bündel Wäsche und Kleider zusammen, steckte den Beutel mit den drey Porträten und den hundert Ducaten zu sich, schlich sich zum Hause und zur Stadt hinaus, und wanderte rasch von dannen. Sie ging so schnell und so lange, daß sie bey ihrem angegriffenen Gemüthszustande vor Ermattung zusammensank, sich mühsam in die Scheune eines Meierhofs schleppte, und da einschlief. In diesem Zustande wurde sie von dem Eigenthümer der Meierey angetroffen. Dieser Mann, ein Bauer, hatte Mitleid mit ihr, ihre Jugend und Schönheit rührten ihn, und er trug ihr an, eine Stube in seinem Hause anzunehmen. Sie ging darauf ein; jedoch aus Furcht vor der Nähe Hamburgs, verließ sie dieses Asyl, ohne daß die theilnehmenden Bauersleute zu bewegen gewesen wären, eine Erkenntlichkeit anzunehmen. Auf einem schlechten Wagen fuhr sie die Straße nach Schweden zu. Den dritten Tag geschah es, daß sie vom Wagen fiel, und sich am Kopfe sehr verwundete; sie wurde in den nächstbesten Gasthof gebracht, und mußte da trepanirt werden. In demselben Hause war eine holländische Familie eingekehrt, im Begriffe, nach Schweden zu reisen. Diese menschenfreundlichen Personen nahmen sich der Verlassenen mit dem zärtlichsten Eifer an, bestritten die Auslagen für den Arzt und Wirth, und bothen ihr einen Platz im Wagen an. Sie nahm ihn an, und so reisete sie nach Stockholm. Die Namen der Holländer, und jenen eines protestantischen Predigers, der mit zur Reisegesellschaft gehörte, nannte sie ihren Richtern. Als man in Stockholm angekommen war, miethete sie sich bey Eheleuten ein, welche Deutsche waren; der Mann hatte eine kleine Anstellung. Die Frau war eine sehr würdige Person, und bewies innige Anhänglichkeit zur Fremden. Eines Tages vernahm sie von dem Friseur der Frau, daß der österreichische Minister, Graf Belgiojoso eifrigst bemüht sey, einer von Hamburg weg entflohenen jungen Frauensperson habhaft zu werden. Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf sie. Ihre Lage erwägend, fand sie, daß selbst der Aufenthalt in einem Kloster nicht so abschreckend seyn könne, als der Jammer, der sie erwarte, wenn ihre Baarschaft zu Ende gegangen. Sie erzählte also dem Friseur, daß sie selbst jene Flüchtige sey, und stellte ihm frey, den Grafen davon in Kenntniß zu setzen. Den folgenden Tag brachte man ihr ein Billet des Ministers mit der höflichen Einladung, sich zu ihm zu bemühen. Dieses Billet hatte sie sich von ihrem Dienstmädchen Sophie vorlesen lassen. Noch denselben Tag begab sie sich zu dem Grafen. Nach einem achtungsvollen Empfang wurde sie von ihm um die Details ihrer Entfernung von Hamburg befragt; und als er aus ihren anderweitigen Antworten entnehmen konnte, daß sie in der That die betreffende Person sey, so machte er ihr zu wissen, für sie Sorge tragen zu wollen, wozu er den Auftrag habe. Er werde, setzte er hinzu, nachsehen, ob ihre Wohnung anständig genug sey. Als ihr der Graf Geld antrug, nahm sie es an, da ihr eigenes schon ziemlich auf die Neige gegangen war. Tags darauf besuchte sie der Graf. Er fand, daß ihre jetzige Wohnung nicht für sie geeignet sey; und erklärte, er werde ihr eine passendere, die mehr in seiner Nähe gelegen, einrichten lassen. Diese neue Wohnung war bey einem Spezereyhändler; nach zwey Tagen bezog sie selbe; Sophie wurde von ihr beybehalten. Sie erhielt vom Grafen einen Bedienten; Speisen und Getränke wurden ihr in das Haus geschickt. Einige Tage darauf eröffnete ihr der Graf, daß er nun besondere Rücksichten für sie habe, indem sie ihm eigens empfohlen worden sey; von nun an möge sie belieben, in seinem eigenen Hotel zu wohnen. Wirklich bezog sie dieses noch den nähmlichen Tag. Hier befand sie sich ausgezeichnet und sehr wohl. Eines Tages bemerkte sie in einem der Gemächer des Grafen ein Porträt in Lebensgröße; es war jenes ihres frühern Beschützers in Böhmen. Dieser Anblick überraschte und ergriff sie dergestalt, daß sie ohnmächtig wurde, und in ein Fieber verfiel, das sie an den Rand des Grabes brachte. Die Krankheit dauerte sechs Wochen, und hatte zur Folge, daß die Patientinn in ihrem Wuchs plötzlich auffallend zunahm; auch ihre Gesichtszüge alterirten sich so, als wäre sie dreyßig Jahre alt, während sie doch höchstens sechzehn zählte. Nach ihrer Genesung bemerkte ihr der Graf, er habe von Hamburg aus erfahren, daß sie ihre Flucht von dort mit einem Begleiter, einem Engländer, unternommen habe. Hierauf entgegnete sie mit fester Beharrlichkeit, sie habe nie einen Engländer gekannt. Der Graf aber kam von seiner Behauptung nicht ab, worauf sie sich dann aus Unmuth, und um diese widrige Angelegenheit zu erledigen, dazu bekannte. Auch diese hier beygebrachten Geständnisse und Erläuterungen konnten nicht genügen, wiewohl gar manches fabelhaft Scheinende, durch die in die Augen springende Verwahrlosung und durch die Naivetät der Erzählerinn gemildert und gewisser Maßen begründet werden durfte. Unter Anderm hatte man den Buchhalter und Associé des kaiserlichen Consuls zu Bordeaux, nach Brüssel kommen lassen, weil man von ihm Aufklärungen in dieser räthselhaften Untersuchung hatte erwarten können. Er wurde einem dieser Verhöre beygezogen. Da sagte die Dame aus, er habe, als sie sich seiner als Secretär bedient, sich nicht dazu entschließen wollen, unter einen der Briefe einen falschen Namen zu setzen. Da habe sie denn ausgerufen: »Wer will mir verbiethen, zu thun was ich will? Kann ich nicht jeden Nahmen, der mir gefällt, wählen und unterzeichnen lassen.« Es kommen späterhin noch manche Dinge zum Vorschein, geeignet, die Inquisitinn Theils zu entschuldigen, Theils noch schärfer zu graviren. Von der Anklage, mit einem Mann aus Hamburg geflohen zu seyn, kann sie freygesprochen werden. Die Sache beruhte auf einer Verwechslung. Der Zufall hatte nähmlich gewollt, daß zu derselben Zeit die Tochter eines Hamburger Kaufmannes von einem Engländer entführt wurde. Der Graf Belgiojoso war also unabsichtlich irre geleitet worden. Er gab dieser vermeintlichen Tochter eines Handelsmannes 25 Louisd'or zu ihrer Rückreise, und einen Begleiter nach Hamburg, der ein Kaufmann, und eben im Begriffe war, nach dieser Stadt zurück zu kehren. Ihr Erstes war, den Geistlichen aufzusuchen; täglich besuchte sie den Hafen; ununterbrochen ging sie in den belebten Straßen umher. Ein Mann, etwa 50 Jahre alt, einfach gekleidet, war ihr bey ihren Wanderungen mehrere Tage gefolgt. Endlich sprach er sie an, und machte ihr den Vorschlag nach Bordeaux zu reisen. Sie ging darauf ein, in der beruhigenden Voraussetzung, daß sie auf solche Weise am Leichtesten von Denjenigen, denen sie entflohen, könne aufgefunden werden. Der Fremde machte die Reise mit, und unterzog sich der Rolle ihres Bedienten. Bey Frau Guillaumot hatte sie noch nicht lange gewohnt, als ein Brief, welcher nicht unterfertigt war, einging, des Inhalts, sie möge sich zu dem Marschall von Richelieu begeben, ihn um seinen Schutz zu bitten; er sey, hieß es weiter, auf ihren Besuch schon vorbereitet. Der Marschall nahm sie sehr achtungsvoll auf, und erzählte ihr, er habe von der Fürstinn *** einen Brief erhalten, in welchem ihm das Fräulein von Schönau angelegentlich empfohlen sey. Er bath sie, über seinen Diensteifer zu gebiethen, schlug ihr selbst mehrere Gefälligkeiten vor, und ging endlich in seiner gewohnten Galanterie zu einer Liebeserklärung über. Die Angebethete aber beschwor ihn, abzulassen und fiel ihm mit Thränen in den Augen zu Füssen. Der Marschall bekannte und entschuldigte seine Ungebühr, und beobachtete von nun an das anständigste Benehmen von der Welt. Nach einigen Tagen erhielt sie einen Besuch von ihm. Er munterte sie auf, sich im Französischen zu vervollkommnen. Noch oft besuchte er sie, benahm sich aber stets sehr anständig. Wenn er sie zu Festlichkeiten eingeladen, und Jemand ihn um den Namen und Stand seines Schützlings befragte, pflegte er nur zu antworten: »Sie ist eine sehr verehrungswürdige Person.« Sie machte starken Eindruck auf die Männerwelt; allein wenn die Rede von der ernsten Absicht einer Heirath war, sprach sie mit der größten Bestimmtheit dagegen, eingedenk des Versprechens, welches sie dem fremden Herrn in Böhmen gegeben hatte. Wie sie früher ausgesagt hatte, kam ihr von einem Manne, der sich nicht zu erkennen geben wollte, die Summe von Tausend Louisd'or zu. Dieselbe Person brachte ihr von Zeit zu Zeit Gelder, so daß sie im Ganzen 150,000 Livres erhielt. Nie vermochte sie zu ermitteln, woher diese Unterstützung komme, und bald kümmerte sie sich auch nicht mehr darum, in der begreiflichen Überzeugung, diese Quelle werde nicht versiegen. Deßhalb auch fröhnte sie den kostspieligsten Launen, verschwendete, und gerieth, als die Gelder ausblieben, in Schulden. Der Betrag derselben belief sich auf 60,000 Livres zu der Zeit, wo sie verhaftet wurde. In dieser Verlegenheit, Bedrängniß und Angst gerieth sie auf den Gedanken, Briefe fabriciren zu lassen. Die meisten dieser Briefe, als man sie ihr bey der Untersuchung vorzeigte, läugnete sie nicht ab, z. B. den ersten an den Grafen Cobenzl, dictirt: »Aus meinem Bette \&c..;« einen an den Kaiser nach Florenz unter der Adresse als Grafen von D**n; einen andern an den bayrischen Minister in Paris; jenen an den König von Spanien, durch welches Schreiben die Ertheilung der Mystification veranlaßt worden war. Jenen aber, unterzeichnet: »Ihr unterthänigster Diener Graf von D**n« läugnete sie standhaft, so wie einige andere an die Grafen Cobenzl und Neny. Als man ihr auseinandersetzen wollte, welchen Verbrechens sie sich durch diese Brieffälschungen schuldig gemacht habe, erklärte sie mit der größten Unbefangenheit und Einfalt, daß sie das nicht begreifen könne; sie sey, wie sie auch dem Secretär des Consuls gesagt habe, stets der Meinung gewesen, thun oder lassen zu können, was ihr beliebe, denn sie habe auch nicht daran zweifeln dürfen, die Tochter eines Monarchen zu seyn. »Nie,« bemerkte sie, »habe ich mich gegen Jemanden geäußert, wie ich von dieser Angelegenheit und diesem Verhältniß dachte. Als jedoch die Unterstützung aufhörte, mußte ich wohl annehmen, die Person, von welcher sie gekommen, sey nicht mehr am Leben. Da ich nun auch glauben konnte, mein Aufenthalt sey nur dieser Person allein bekannt gewesen, und anderseits auch der Meinung seyn mußte, sie habe mehrere Vertraute in das Geheimniß meiner Existenz eingeweiht, so war nichts natürlicher, als daß ich beschloß, an solche vornehme Personen zu schreiben, wie geschehen ist. Denn dadurch mußte ich doch bald wieder in eine, meiner hohen Herkunft angemessene Lage versetzt werden. Hatte mir doch mein Vater das Versprechen gegeben, mich reich und glücklich zu machen! In meinem eigenen Namen und als von mir selbst ausgehend, konnte ich diese Briefe nicht schreiben lassen, da ich mich zweifelhaften und bedenklichen Nachforschungen von Seite derjenigen Personen ausgesetzt hätte, die von meiner Abkunft keine Kenntniß gehabt. Feste Beweise von der Bewandtniß meiner Geburt hatte ich ja nicht in Händen; ich würde mich der Gefahr ausgesetzt haben, für eine Abenteuerinn oder noch für etwas Verfänglicheres angesehen, und darnach behandelt zu werden. Daß ich nicht hatte glauben können, mit diesen unechten Briefen Unrecht zu thun, geht schon aus der Namhaftmachung meines Aufenthalts hervor; und ich hatte ja dabey augenscheinlich einzig die Absicht, mich dem kaiserlichen Hofe in die Hände zu liefern. Hätte ich mich denn also zu einem sonst so gefährlichen Schritte entschließen können, wenn mich nicht die unerschütterliche Überzeugung beseelt hätte, wirklich die Tochter des Kaisers zu seyn?! Welch' schrecklicher Bestrafung hätte ich sonst gewärtig seyn müssen! Das Alles, darf ich behaupten, ist klar und einleuchtend. Bey meinem Verfahren habe ich Niemanden zu Rathe gezogen; ich betheure das aufs Neue. Ich muß aber hinzusetzen, daß der mit dem Namen der Fürstinn *** unterzeichnete, an den Marschall von Richelieu gerichtete Brief nicht von meiner Fabrication sey; ich betheure dieß ebenfalls und auf das Feyerlichste!« Was diesen letztern Brief betrifft, so stellte es sich heraus, daß das Fräulein von Schönau die Wahrheit gesagt habe. Der Marschall von Richelieu nähmlich, nachdem ihm das in Rede stehende Schreiben zugekommen war, hatte der Fürstinn unverzüglich geantwortet, und ihr gemeldet, daß er Alles Aufbiethen werde, ein so hohes schmeichelhaftes Vertrauen, eine so bedeutungsvolle Empfehlung zu rechtfertigen. Diese Zuschrift des Marschalls wurde der Fürstinn von dem französischen Gesandten in Wien Marqnis du Chatelet eingehändigt und die Fürstinn *** beantwortete ihn nicht. Unsere Quelle setzt hinzu: »Man kann natürlicher Weise denken, daß, wenn die Fürstinn jenen Brief an den Marschall nicht geschrieben hätte, sie ihm geantwortet haben würde, und erklärt, sie kenne Mademoiselle von Schönau nicht; denn Niemand begünstigt dergleichen Betrügereyen; sie antwortete aber nicht darauf. Man kann also glauben, daß dieses Empfehlungsschreiben von ihr war, und daß sie folglich um das Geheimniß der jungen Person gewußt habe.« Diese Quelle schließt mit den Worten: »Aber warum hat die Kaiserinn ausdrücklich verbothen, die Fürstinn darüber zu befragen? Dieß wäre auch das einzige unfehlbare Mittel gewesen, die ganze Sache aufzuklären.« – In Ansehung dieses Umstandes jedoch können wir die Bemerkung beyfügen, daß die Kaiserinn den galanten Sinn ihres Gemahls wohl gekannt, und bey dergleichen Vorfallenheiten stets mit der größten Zartheit und Schonung sich benommen habe, ja mit einer wahrhaft erhabenen Selbstverläugnung und einer Seelengröße, von der die Geschichte des menschlichen Herzens wenige Beyspiele aufzuweisen hat. In dieser Beziehung berufen wir uns auf einen der unpartheyischesten und angesehensten Geschichtschreiber, auf den Engländer Wilhelm Coxe nähmlich. In seiner Geschichte des Hauses Österreich, deutsch von Dippold und Wagner, vierter Band, in der Mitte des 118. Capitels, führt er, was des Kaisers Herzensverbindungen angeht, Folgendes an: »Ob sie (die Kaiserinn) gleich leidenschaftlich liebte, und ein Muster eheliger Zärtlichkeit war, hatte sie doch ohne das mindeste Murren, ja selbst ohne den Schein, es nur zu bemerken, Franzens unzählige Beweise von Untreue ertragen.« Des Kaisers Verhältniß mit der Fürstinn *** insbesondere anlangend, so gibt Coxe auf derselben Seite folgende Anmerkung: »Am Tage vor seinem Tode stellte der Kaiser seiner Geliebten, der Fürstinn *** eine Anweisung auf 200,000 Gulden aus. Da die Zeit nicht erlaubte, sie zu zahlen, so wurde in einer Berathung die Frage aufgeworfen, ob ein solches Geschenk gültig sey. Mehrere verneinten es; Maria Theresia aber, die nur auf ihre und ihres Gemahls Ehre Rücksicht nahm, ließ sie ganz auszahlen.« In der That, ganz des erhabenen Charakters dieser großen Frau würdig! Kehren wir wieder zu unserer reizenden natürlichen Tochter zurück! In ihren Geständnissen figurirte auch der Herzog von York. Von diesem Herrn erzählte sie Nachstehendes: »Als derselbe in Bordeaux eingeführt war, machte er mir zu wissen, er habe mir eine, mich selbst angehende sehr wichtige Mittheilung zu machen; er ließ mich bitten, ihm Zeit und Ort zu bestimmen, mich sprechen zu können; es solle aber Niemand in Bordeaux Etwas davon erfahren. Ich antwortete ihm, daß es, in Bezug auf den letzten Umstand, am Gerathensten seyn werde, sich zwischen 5 und 6 Uhr des Morgens nach dem Balle bey dem Herzog von Richelieu einzufinden. Wirklich erschien er auch zu dieser Stunde. Der Herzog von York begann damit, mir zu sagen, er sey hier, in Erfahrung zu bringen, worin die Summe meiner Schulden bestehe; eine vornehme Dame habe ihn beauftragt, mir diesen Betrag auszuzahlen. Der Wahrheit gemäß nannte ich denn meinen Schuldenstand, der sich auf 60,000 Livres belief; ich fügte bey, meine Gläubiger setzten mir sehr zu. Der Herzog bath mich, ohne Sorgen zu seyn. Noch denselben Tag schickte er mir 700 Louisd'or mit dem Bedeuten, er werde das, was zur Tilgung noch mangle, nachtragen; und den folgenden Tag reiste er ab. Einige Tage darauf erkrankte ich. Eines Morgens, eben wie Herr St. Gere an meinem Krankenlager verweilte, langte ein Brief des Herzogs von York an, datirt Monaco. Dieser Brief, welchen St. Gere mir vorlas, begann mit folgenden Worten: »Ich war bereit, Ihnen dasjenige zu schicken, was ich Ihnen noch zuzustellen habe; aber, als ich Sie verließ, erhielt ich einen Brief, worin man mir ausdrücklich auftrug, Ihnen dieses Geld nicht auf ein mal zu geben. Ich habe an die Fürstinn *** geschrieben.« Bei Anführung dieser Stelle entriß ich St. Gere den Brief; ich verbath mir, daß er fortfahre zu lesen, denn mir war daran gelegen, daß er von diesem Verhältnisse in Unkenntniß bliebe.« Dieß sagend, langte das Fräulein von Schönau das Schreiben des Herzogs von York aus der Tasche, und wies es vor. Der Graf Neny nahm ihn an sich und las die Fortsetzung, welche also lautete: »Ich habe an die Fürstinn *** geschrieben, sie zu bewegen, daß sie mir erlaube, Ihnen wenigstens diejenige Summe zuzustellen, deren Sie benöthigt sind, um den Verfolgungen Ihrer Gläubiger zu entgehen; allein . . . .« Das Fräulein nahm nun das Wort: »Der Herzog war schnell gestorben. Ich erfuhr es einige Tage nach dem Empfang dieser Zuschrift. Ich ließ an die Personen schreiben, welche die Angelegenheiten des Herzogs zu besorgen hatten, mit der Bitte, mir meine Briefe und mein Porträt zurück zu stellen. Ich erhielt aber außer dem Porträt nur einen Brief wieder.« Das Verhör hatte bereits aus 24 Sitzungen bestanden; man hatte so ziemlich erhoben, was man bey der verwickelten Beschaffenheit der ganzen Angelegenheit, und bey dem mysteriösen Dunkel, in welches selbe gehüllt war, nur immer hatte erheben können. Der Graf Cobenzl und Herr von Neny beriethen sich nun, was denn mit der Person der Inquisitinn anzufangen sey. Der Wienerhof hatte von diesen Herrn verlangt, daß sie hierüber ihre Ansicht aussprechen sollten. Sie vereinigten sich sofort in der Meinung, die junge Dame in einem entfernten Kloster zu verwahren, bis die Zeit statthaftere Aufklärungen werde herbeygeführt haben. Schon im Begriffe, dem Hofe diese ihre Meinung mitzutheilen, langte ein Brief von dem Bruder des Grafen Neny, Cabinettsecretär der Kaiserinn an, in welchem es lautete, die Kaiserinn habe aus dem Inhalt der ihr zeitweise eingehenden Verhörspapiere einen sehr ungünstigen Begriff von dem Charakter der Inquisitinn geschöpft, so, daß sie beschlossen habe, mit voller Strenge gegen selbe zu verfahren. Der Graf Neny nahm keinen Augenblick Anstand, seine ganze Beurtheilung der Sache dieser Nachricht anzupassen, und er ging so weit, vorzuschlagen, daß man diese Person ohne Umstände zurückschicken, und den Verfolgungen ihrer aufgebrachten Gläubiger überliefern solle. Dieses grelle Gutachten sendete er nach Wien ab. Wie ganz anders aber verfuhr der Graf Cobenzl!! Durchdrungen von den Gefühlen des Mitleids, der Menschlichkeit und der Großmuth; ausgehend von einem höhern Gesichtspuncte der öffentlichen Ehre, und weit entfernt von der Furcht, seiner Monarchinn, deren humanen erhabenen Charakter er wohl kannte, zu mißfallen, setzte er sich auch über alle sonstigen ämtlichen Bedenklichkeiten hinaus, lediglich dem Zuge seines gefühlvollen Herzens folgend, und sendete der Kaiserinn seine Meinung in folgendem Schreiben: »Euer Majestät! Obgleich es den Anschein hat, daß diese Person nicht die Tochter des verstorbenen Kaisers sey, so kamen doch Umstände in ihrer Geschichte vor, die einigen Zweifel über ihre Abkunft erzeugen müssen, und bey dieser Ungewißheit kann ich nicht der Meinung des Herrn von Neny seyn. Sein Vorschlag, die Person ihren Gläubigern auszuliefern, scheint mir sowohl in Beziehung auf den Willen Euerer Majestät, die Verlautbarung dieser Begebenheit so viel als möglich zu ersticken, gefährlich, als Allerhöchstdero Menschlichkeit und Herzensgüte entgegen zu seyn. Wenn man diese Unglückliche ihren Gläubigern zurückschickte, so würde man sie in die traurige, in die schreckliche Nothwendigkeit versetzen, zwischen der Gewißheit in einem Kerker zu verschmachten, oder der Schmach zu wählen, sich durch Mittel, die ihr ihre Reize verschaffen können, eine bessere Lage zu bereiten; ein Unglück, das um so mehr geeignet ist, Eurer Majestät Milde rege zu machen, als die Sitten dieser Person jederzeit untadelhaft gewesen. Überdieß würde man, wenn man sie nach Bordeaux zurückschickte, die Vermuthungen, welche man ersticken will, nur noch mehr befestigen, weil man dadurch ohne Zweifel zu erkennen gäbe, man sey auf eine gewisse Weise von ihrer Geburt überzeugt, da man den Betrug nicht gestattet habe. Der Einwurf, man müsse ihre Schulden bezahlen, wenn man sie ihren Gläubigern nicht überliefere, scheint mir im Vergleich mit den Gefahren, welche nach der Meinung des Herrn von Neny entstehen würden, sehr schwach zu seyn. Die Schulden belaufen sich nicht völlig auf 60,000 Livres; zu Bordeaux besitzt sie noch verschiedene Kostbarkeiten, eine vergoldete Toilette, viele reiche Kleider, werthvolle Hauseinrichtung u. dgl. Der Verkauf dieser Dinge könnte einen guten Theil der Summe decken, die sie schuldig ist; und was noch zu tilgen übrig bliebe, scheint mir für die Wohlthätigkeit Eurer Majestät ein geringfügiger Gegenstand zu seyn. Dieses Liebeswerk würde Eurer Majestät das unbeschränkte Recht einräumen, diese Unglückliche in eine Lage zu versetzen, in der sie vor den Gefahren der Verführung geschützt wäre. Meine Meinung besteht also darinn, daß Euer Majestät die Unglückliche in ein Kloster in Tyrol, oder in ein anderes Allerhöchstdero Bothmäßigkeit unterstehendes bringen lassen, wohin die Kunde dieser Begebenheit noch nicht gedrungen wäre. Daselbst könnte sie ein ruhiges und stilles Leben führen und mit geringen Kosten. Wenn dann die Zeit ihr Schicksal deutlicher aufklärte, und zeigte, daß sie rechtlichen und vornehmen Personen angehöre (was die großen Summen, die ihr zugekommen, vermuthen lassen müssen), so würde man nicht das Mißgeschick haben, sich die Unglücksfälle vorwerfen zu müssen, denen diese junge Person augenscheinlich ausgesetzt seyn würde, wenn man grausam genug wäre, dem Rathe des Herrn von Neny zu folgen. Ich finde seine Meinung in jedem Anbetracht gefährlich, und ich würde eher rathen, daß diese Person nach aller Strenge der Gesetze behandelt werde, wenn dieser Vorschlag mit der Milde Eurer Majestät nicht durchaus unverträglich wäre. Wenn der Hof meinen Vorschlag genehmigt, so wird man ihre Habseligkeiten verkaufen, um ihre Schulden zu bezahlen, ohne daß die Gläubiger denken könnten, daß dieses von Seite Eurer Majestät geschähe. Es würde auch bedenklich seyn, sie das vermuthen zu lassen, weil sie argwöhnen könnten, daß Eure Majestät aus andern Gründen als denen des einfachen Mitleids dabey betheiligt seyen. Es wird hinreichen, durch die Unglückliche an einen Banquier in Bordeaux schreiben zu lassen, daß er ihre Effekten zu Geld mache, und den Schuldenstand verzeichnen lasse; was nachträglich zu bezahlen wäre, müßte im Namen der Schuldnerinn übermacht werden. Ihre dann befriedigten Gläubiger, sich erinnernd, daß diese Person so häufig über große Summen gebothen habe, werden keine Ursache haben, die wohlthätige Hand zu ahnen, welche ihr diese letzte Hülfe würde geleistet haben.« Auf diesen Vorschlag des Grafen Cobenzl wurde nicht eingegangen; und jener des Grafen Neny konnte nicht verwirklicht werden. Der Herzog von Choiseul nähmlich verweigerte den Reisepaß nach Bordeaux. Fruchtlos verwendete sich bey ihm Herr von Barre, Gesandtschaftssecretär und Geschäftsträger in Abwesenheit des österreichischen Bothschafters Grafen von Mercy zu Paris. Er stellte dem Herzog vor, daß die Gläubiger zu Schaden kämen, wenn man ihnen ihre Schuldnerinn vorenthalte; allein der Minister legte darauf kein Gewicht, und blieb bey seinem Ausspruch. Mittlerweile war der Graf Cobenzl lebensgefährlich erkrankt. Als man ihm die Sterbesacramente reichte, sagte er zu einer intimen Person, welche von allem, was das beklagenswerthe Frauenzimmer anging, Kenntniß hatte: »Eben erhalte ich einen Befehl aus Wien, mit dem weitern Verfahren gegen die Gefangene inne zu halten, sie nicht zurückzuschicken, und bis auf neuen Befehl nichts mit ihr vorzunehmen.« Dieser Brief war von den Staatskanzler Fürsten von Kaunitz, von ihm eigenhändig geschrieben. Unverzüglich ließ der Graf Cobenzl diesen Brief verbrennen. Dann sagte er nach einigem Nachsinnen zu seinem Freunde: »Sie sehen, daß die Meinung eines ehrlichen Mannes wohl das Übergewicht erhalten könnte.« Den dritten Tag darauf starb der Graf. Ohne seinen Tod würde die verhängnißvolle Angelegenheit wohl eine ganz andere Wendung genommen haben. Indeß verfloß die Zeit, dergestalt, daß, wenn, was sehr möglich, ein wiederholter Befehl desselben Inhalts eingetroffen wäre, er zu spät gekommen seyn würde. Denn schon den Tag nach des würdigen Grafen Cobenzl Heimgang wurde die Unglückliche aus ihrem Gewahrsam gezogen; man reichte ihr ein für allemahl 50 Louisd'or; ein Unterlieutenant der Brabanter Marechaussée geleitete sie bis Quevrin jenseits Mons; und nun ward sie einem ungewissen Schicksale preisgegeben! Unsere Quelle, der wir, was die Thatsachen betrifft, genau gefolgt sind, und bey der wir nur nicht unterlassen wollten, das interessante Citat aus Coxes Geschichte Österreichs einzuschalten, schließt mit diesen Worten: »Diese Erzählung ist ein getreuer Auszug aus den 24 Verhören, welche mir von dem Grafen C . . . . (Cobenzl), dem Neffen des Grafen von C . . . . (Cobenzl, des Ministers zu Brüssel) der ihm erlaubte, dabey zu seyn, anvertraut worden.« Es ist nicht denkbar, daß jene grausame Maßregel an der unglücklichen Gefangenen, mit vollem Vorwissen, oder wohl gar auf Befehl der weisen, gefühlvollen, gerechten und großmüthigen Kaiserinn Maria Theresia vollzogen worden sey. Das bemitleidenswerthe Schlachtopfer nun also, geächtet, verbannt, hinausgestoßen in die Welt, und ausgewürfelt allen äußern Möglichkeiten: welche Zukunft wird dieser Unglücklichen beschieden seyn? Ach, leider, eine höchst jammervolle, ja eine entsetzliche Zukunft! Unsere Quelle selbst liefert hierüber keine Nachrichten; sie schließt mit der Ausweisung des erbarmungswürdigen Geschöpfes, mit der Vertreibung desselben, und weiter sagt sie kein Wort mehr, ohne Zweifel, weil sie gleichzeitig mit dieser Catastrophe ist. Ob irgendwo auf dem Continent Etwas über das fernere Los der Ärmsten veröffentlicht worden, ist uns nicht bekannt, und wir zweifeln daran. Allein von England aus erging traurige Bothschaft, und zwar mittelst einer periodischen Schrift 1780 und 1781, deren Titel: »The Craftman« ist (natürlich nicht zu verwechseln mit einem viel früher erschienenen 14bändigen Werk, welches den nähmlichen Titel führt, und von dem man auch eine Ausgabe London 1731–37 besitzt). Der in Rede stehende, grauenvolle, herzzerreißende Artikel des Craftman ist folgender: »Nachstehende kurze Erzählung ist so genau wahr, daß sie keine äußerliche Hülfe der Phantasie oder des Redeschmucks nöthig hat, um anzusprechen. Leser, welche das Wahre allein schön finden, werden davon gerührt werden; und nur für diese schreibe ich. Ich will also diese Geschichte mit der ihr eigenen Einfachheit erzählen, und mich genau an die Wahrheit halten. Vor etwa vier Jahren kam in ein kleines Dorf unweit Bristol ein junges Weib und bath um etwas Milch, sich zu erfrischen. In dem ganzen Äußern dieser Person war etwas so Anziehendes, daß es Jedermann auffiel. Sie war sehr jung und von bezaubernder Schönheit; ihr Benehmen war anmuthvoll und gewinnend; ihre Gesichtszüge waren von eigenem großen Interesse. Sie war eine Fremde, ohne Begleitung, in größter Dürftigkeit. Dessen ungeachtet klagte sie nicht, und enthielt sich jedes Versuchs, Mitleid zu erwecken. Ihre Benehmungsweise zeugte von feiner Erziehung; inzwischen war doch in Allem, was sie that, etwas Verwirrtes und Unzusammenhängendes. Tag für Tag streifte sie umher, ein Plätzchen zu finden, ihr elendes Haupt nieder zu legen. Kam die Nacht, so flüchtete sie sich in irgend eine verlassene Hütte auf dem Felde. Die Damen der Nachbarschaft stellten ihr vergebens die Gefahr einer solchen Lebensweise vor. Die Menschlichkeit dieser Damen verschaffte ihr die unentbehrlichsten Dinge des Unterhalts; doch weder durch Bitten, noch durch Drohungen konnte sie vermocht werden, in einem Hause zu schlafen. Weil sie nun aber augenscheinliche Thorheiten beging, so ward endlich beschlossen, sie in Gewahrsam zu bringen. Bey dem Zeitpuncte dieses Ereignisses mag ich nicht verweilen, es würde mir, wie dem Leser das Herz zerreissen; ich führe nur an, daß man sie endlich ihrer Haft wieder entließ. Sobald sich die Fremde wieder in Freyheit sah, both sie ihre wenigen noch übrigen Kräfte auf, um nach ihrem vorigen Zufluchtsort zu gelangen, obschon er 6 Meilen von dem Orte ihres Gefängnisses entfernt war. Ihr Entzücken, sich wieder in Freyheit und in jener jämmerlichen Hütte zu befinden, läßt sich nicht schildern. Beynahe vier Jahre sind es, daß dieses verehrenswerthe verlassene Geschöpf sich selbst zu diesem kümmerlichen Leben verurtheilt hat, ohne ein Bette, um zu ruhen, ohne ein Obdach, sich gegen die Witterung zu schützen. Durch die härtesten Entbehrungen, durch Krankheit, strenge Kälte und das äußerste Elend überhaupt mußte ihre Kraft untergraben werden, und ihre Schönheit sich vermindern; inzwischen ist ihre Gestalt noch immer höchst anziehend, und ihre Mienen, so wie ihre Art und Weise sich zu benehmen, verkündigen eine ungemeine Sanftmuth und Zärtlichkeit. Über Alles, was die Eitelkeit ihres Geschlechtes zu reizen pflegt, ist sie hinaus. Ganz gegen die Gewohnheit der Irrsinnigen, will sie weder ein Kleid oder irgend einen Gegenstand des Putzes annehmen oder tragen. Alle dergleichen Dinge hängt sie an den nächstbesten Strauch, der ihr auf dem Wege vorkommt, gleichsam als sey es ihrer Beachtung völlig unwerth. Über ihre Existenz gibt sie durchaus keine Auskunft; ihr Schweigen hierüber ist unbesiegbar; ihr Gedächtniß scheint geschwächt; ihre Urtheilskraft ist augenscheinlich zerrüttet. Indeß sind ihre Antworten ziemlich verständig, außer, wenn sie annehmen kann, daß die Fragen, welche man an sie richtet, die Absicht haben, ihr Geheimniß auszuforschen. Sie führt ein so unschuldiges Leben, als man sich nur immer vorstellen kann. Alle Morgen, wenn schönes Wetter ist, streift sie in den benachbarten Dörfern herum, unterhält sich mit den Kindern der armen Bauern, macht ihnen kleine Geschenke mit Dingen, die man ihr geschenkt hatte, und nimmt dafür andere von ihnen. Genießen will sie nichts anderes als Milch, Thee und die allereinfachsten Nahrungsmittel. Die benachbarten Damen, besonders Eine Mademoiselle Atking, die zu Bristol wohnt, und es auf sich genommen hat, diesen Flüchtling zu unterhalten. Durch viele Mühe und Geschicklichkeit ist es ihr endlich gelungen, sie zu einem Wundarzt in Bristol selbst zu bringen. Sie (die Fremde) gewann ihn lieb; aber sobald er sie um ihren Ursprung befragen will, legt sie den Finger auf den Mund. Da ihre Thorheit, in keinem Bette zu schlafen, noch besteht, so hat man ihr Matratzen auf die Erde gebreitet. Oft unterhält sie sich damit, daß sie sich aus ihrer Bettdecke einen königlichen Mantel macht. Als einst ein mit vier Pferden bespannter Wagen durch die Gassen fuhr, und man an das Fenster trat, fragte sie um die Ursache, und sagte hernach: »Das ist wohl der Mühe werth! Mein Vater fuhr allezeit mit acht Pferden!« Mademoiselle Atking hat erzählt, daß sie sich Bicky genannt habe; daß sie einen deutschen und italienischen Accent habe, und daß sie die Erzeugnisse Deutschlands und Italiens zu kennen scheine. , die nie aufgehört, ihre Wohlthäterinn zu seyn, haben alles Mögliche angewendet, sie dahin zu bringen, daß sie sich entschließe, in einem Hause zu wohnen; aber ihre gewöhnliche Antwort war: »In den Häusern wohnen die Verwirrung und das Elend; das wahre Glück besteht nur in der Freyheit und in frischer Luft.« Aus einer gewissen Eigenthümlichkeit im Ausdrucke, die mit einer besondern Wendung der Redensart verbunden ist, und aus der etwas fremdartigen Aussprache haben einige Personen gemuthmaßt, daß sie keine Engländerin sey. Man hat deßhalb viele Mühe angewendet und Versuche unternommen, einige Aufklärung über ihre Herkunft zu erhalten. Vor ungefähr einem Monat redete sie ein Edelmann in verschiedenen europäischen Sprachen an. Sie schien dadurch beunruhigt, verlegen und verwirrt zu seyn; als er sie aber deutsch ansprach, nahm ihre Unruhe so sehr zu, daß sie selbe nicht verbergen konnte; sie entfernte sich, und weinte bitterlich. Als sich diese Anekdote in der Nachbarschaft verbreitete, kam sie unter andern zweyen Edelleuten zu Ohren. Die Menschlichkeit führte sie zu dieser armen Verlassenen. Einer von ihnen, welcher sehr gut deutsch sprach, erneuerte diese Probe. Ihre Verwirrung war augenscheinlich; sie erröthete, und beantwortete entweder zufällig, oder, weil sie diese Sprache verstand, einige Fragen in englischer Sprache; aber auf der Stelle, gleich als hätte man sie gezwungen, oder auf dieser Unbesonnenheit überrascht, lenkte sie die Rede sehr geschickt auf einen andern Gegenstand, und läugnete, dasjenige verstanden zu haben, um was man sie gefragt hatte.« Der Verfasser dieses Artikels schließt denselben mit nachstehenden Worten: »Diese kleine ganz einfache Erzählung, ist aus keiner andern Absicht hier veröffentlicht worden, als in der Hoffnung, daß sie Denjenigen bekannt werde, welche bey dieser unglücklichen Angelegenheit betheiligt sind, und mit dem heißen Wunsche, ein junges liebenswürdiges in den bittersten Kummer versunkenes Geschöpf einer über dessen Verlust zweifelsohne trostlosen Familie wieder zu schenken. Der Verfasser wünschte herzlich daß all dieses bloß eine Erdichtung wäre, und er nicht mit eigenen Augen das Unglück gesehen hätte, welches er hier erzählt hat. Dieß würde ihm mehr als einen Seufzer, der ihm das Erbarmen ausgepreßt hat, und obgleich er ein Mann ist, viele Thränen eines nutzlosen Mitleids erspart haben.« In der Voraussetzung, daß sich Alles so verhalte, wie der Verfasser in Craftman es erzählt, müssen wir annehmen, er sey ein Mann von Gefühl gewesen. Aber schweigen müssen wir, wenn die Rede von dem herzzermalmend rührenden Eindruck seyn soll, den diese Nachrichten bey uns selbst, und gewiß bei jedem unsrer Leser hervorgebracht haben. Eine wahre Märtyrergeschichte! Was ferner die Einerleyheit der Person betrifft, so erscheint allerdings Manches räthselhaft, zum Beyspiel die Kenntniß so verschiedener Sprachen, von denen sich in den frühern Nachrichten keine Spuren finden. Indeß wir müssen dieses sowohl, als so manches Andere dahin gestellt seyn lassen. Wir haben nur das geliefert, was uns selbst vorgelegen war, und bemerken nur noch, daß für die Identität der Person auch die Übereinstimmung der Zeitfolge sprechen könne. In dieser Hinsicht findet eine Anmerkung des Craftman erst hier ihre geeignetere Stelle. Dieser Note zu Folge war man der Meinung, die Unglückliche sey an irgend einem englischen Seehafen an das Land gesetzt worden, und zwar im Jahre 1775 oder 1776. Wo und auf welche Weise dieses jedenfalls beyspiellos unglückliche weibliche Wesen das Ziel seiner Leiden gefunden haben mag? Wahrscheinlich wohl in irgend einem Irrenhause. Franz Gräffer . II. Der Kaiser und die Freymaurer. Das zu seiner Zeit so sehr famose Freymaurer-Patent Josephs II. rührt von seiner eigenen Hand her, das heißt, Joseph selbst ist der Verfasser desselben. Es erschien datirt: Wien den 16. December 1785, und hatte zur Folge, daß die mehr oder weniger bestürzten Brüder dieses Ordens das thaten, was man reformiren nennt; allgemein aber hießen sie eben diese Modificationen selbst nicht bloß Reformation, sondern sie gefielen sich darinn sie Revolution zu betiteln. Es erschien alsbald nach jenem kaiserlichen Edict eine kleine Fluth von Broschuren, von denen auch einige für dasselbe stimmten. Diese Piecen hat dann der Buchdrucker Wucherer gesammelt und in 10 Heften neu erscheinen lassen. Der Inhalt des Patentes ist der nachstehende: »Se. K. K. Maj. haben in Ansehung der Freymaurergesellschaften mittelst allerhöchsten Handbillets vom 11. dieses Monats, allergnädigst zu erkennen zu geben geruht: Da nichts ohne gewisse Ordnung in einem wohlgeordneten Staate bestehen soll, so finde ich nöthig, folgende meine Willensmeinung zu genauen Befolgung anzugeben: Die sogenannten Freymaurergesellschaften, deren Geheimnisse mir eben so unbewußt sind, als ich deren Gaukeleyen zu erfahren wenig vorwitzig jemals war, vermehren und erstrecken sich jetzt auch schon auf alle kleinsten Städte; diese Versammlungen, wenn sie sich selbst ganz überlassen und unter keiner Leitung sind, können in Ausschweifungen, die für Religion, Ordnung und Sitten allerdings verderblich seyn können, besonders aber bey Obern, durch eine fanatische engere Verknüpfung in nicht ganz vollkommene Billigkeit gegen ihre Untergebenen, die nicht in der nähmlichen gesellschaftlichen Verbindung mit ihnen stehen, ganz wohl ausarten, oder doch wenigstens zu einer Geldschneiderey dienen. Vormahls und in andern Ländern verboth und bestrafte man die Freymaurer und zerstörte ihre in den Logen abgehaltenen Versammlungen, bloß, weil man von ihren Geheimnissen nicht unterrichtet war; mir, obschon sie mir eben so unbekannt sind, ist genug zu wissen, daß von diesen Freymaurerversammlungen dennoch wirklich einiges Gutes für den Nächsten, für die Armuth und Erziehung schon ist geleistet worden, um mehr für sie, als je in einem Lande noch geschehen ist, hiermit zu verordnen; nähmlich: daß selbe auch unwissend ihrer Gesetze und Verhandlungen, dennoch so lange sie Gutes wirken, unter den Schutz und die Obhut des Staats zu nehmen, und also ihre Versammlungen förmlich zu gestatten sind, jedoch ist folgende meine Vorschrift von denselben genau zu beobachten, und zwar: Kann hinführo in einem jeden Lande in der Hauptstadt, wo die Landesregierung ist, nur eine Loge bestehen und abgehalten werden, dieses aber so oft sie es für gut finden. Diese Loge hat die Tage, an welchen sie ihre Versammlungen abhält, dem Magistrate, oder jenem, dem die Polizey in der Stadt obliegt, allemal mit Bemerkung der Stunde zu melden; sollte in einer großen Hauptstadt eine Loge nicht alle Verdrüderte in sich fassen können, so wäre höchstens noch eine zweyte oder dritte zu gestatten, welche aber von dem Chef der Hauptloge ganz abzuhängen, und ihre Versammlungstage und Stunden ebenfalls auch anzuzeigen hätten. 2. Soll in keiner Kreisstadt, wo nicht eine Landesstelle ist, noch weniger aber auf dem Lande, oder bey einem Particulier auf seinem Schlosse gestattet seyn, dergleichen Freymaurergesellschaften hinführo abzuhalten und wird auf die Abhaltung derselben der nähmliche Preis zu derer Entdeckung und Bestrafung gesetzt, der auf die Hazardspiele patentmäßig besteht; weil jede Versammlung von unterschiedlichen Ständen der Menschen sich selbst nicht kann überlassen bleiben, sondern unter bekannter Leitung und Aufsicht geprüfter Männer stehen muß; und würden die dawider Handelnden auch des Ungehorsames wegen, persönlich bestraft werden. 3. Die Vorsteher oder wie sie nun immer den Nahmen unter sich haben, einer jeden in der Provinzstadt hinführo bestehenden Loge, haben dem Landeschef auf Ehre und Reputation in einer Liste die Nahmen aller sich verbrüderten Maurer, weß Standes und Charakters sie immer sind, einzureichen, welcher selbe hierher einzuschicken haben wird, und solle alle Vierteljahr der Abgang und Zuwachs an Neuaufgenommenen von den Logenvorstehern nachgetragen werden, jedoch ohne ihre Vorrückungen oder Charakter und Titeln in der Gesellschaft selbst anzumerken; wenn aber der Logenmeister abgeändert wird, so muß der neuernannte es ebenfalls der Landesstelle melden; dahingegen, 4. Wenn diese Logen so eingeleitet seyn werden, sollen sie von aller weitern Untersuchung, Ausfragung oder was immer für vorwitzigen Auskunftsbegehrungen auf beständig befreyt seyn und frey und ungezwungen ihre Versammlungen abhalten können, und auf diese Art kann sich vielleicht diese Verbrüderung, welche aus so vielen mir bekannten rechtschaffenen Männern besteht, wahrhaft nutzbar für den Nächsten und die Gelehrsamkeit auszeichnen; zugleich aber werden auch alle Neben- und Winkellogen und Versammlungen, welche schon zu mehreren mir bewußten Unanständigkeiten Anlaß gegeben haben, gänzlich und auf das Strengste beseitigt. Ich zweifle nicht daß diese meine Entschließung allen rechtschaffenen und ehrlich denkenden Maurern zum Vergnügen und zur Sicherheit, allen übrigen aber zur billigen Enthaltung von weiteren dergleichen strafbaren Nebenversammlungen oder Ausschweifungen dienen wird. Diese allerhöchste Entschließung, welche mit dem 1. Jänner 1786 ihren Anfang zu nehmen hat, wird daher zur allgemeinen Wissenschaft und genauesten Erfüllung mit dem Beysatze durch die kaiserl. königl. Nied. Österreichische Regierung hiermit bekannt gemacht, daß jeder Fall der Übertretung, nach Inhalt des wegen der verbotenen Hazardspiele bestehenden Patents mit 300 Ducaten bestraft, der Anzeiger derley abgehaltenen verbotenen Versammlungen und Logen aber 100 Ducaten als den dritten Theil sogleich empfangen, selbst dann, wenn er von derley verbotenen Versammlungen mitgewesen ist, auch noch der Strafe enthoben, und sein Nahme jedesmahl genauest verschwiegen bleiben solle. Wien, den 16. December 1785.« Die Sammlung der Freymaurerschriften, oder der von dem Buchhändler Wucherer in Wien veranstaltete Wiederabdruck jener Broschuren, welche meist durch das gegen die Freymaurerey gerichtete Patent hervorgerufen worden sind, besteht, wie wir schon angeführt haben, aus 10 Heften, und gehört bereits zu den größten Seltenheiten. Wir haben ein Exemplar davon vor uns liegen, und da wir annehmen können, daß die Kenntniß der Titel der vorzüglichsten dieser Piecen für die Leser von Interesse seyn werde, so theilen wir sie hier mit, nähmlich: Briefe eines Biedermannes an einen Biedermann über die Freymaurer in Wien. Drey Briefe über die Maurer-Revolution in Wien. Kaiser Josephs Reformation der Freymaurer; eine Denkschrift. Was ist Gaukeley? (Ist gegen den Ausdruck: »Gaukeley« im Patent gerichtet.) Fortsetzung der Briefe über die neueste Maurer-Revolution in Wien (lauft vom 4. bis zum 7. Brief). Gedanken eines Profanen über die jetzige Revolution des Freymaurer-Ordens. Zweyte Fortsetzung der Briefe \&c.. (8. bis 13. Brief.) Briefe aus dem Himmel über die Freymaurer-Revolution in Wien. (Diese enthalten: Salomo an Joseph; Ganganelli an denselben; Theophrastus an den Hofrath B. (Born.) Dritte Fortsetzung der Briefe \&c.. (14. – 20.) Kaiser Josephs Reformation \&c.. (2. Lieferung.) Torrubia gegen das verabscheuungswürdige Institut der Freymaurer. Nach der span. Handschrift von Br. S**s (Sonnenfels, und mit einer Einleitung von diesem versehen). Freymaurer Auto da fé in Wien. (Von dem klaren energischen Kratter, eine maurerische Collision mit Born betreffend, gegen Alxinger, Hartl \&c.; vertheidigt den verunglimpften Sonnenfels \&c.) Drey Schriften über diese letztere Broschure. 1.) Eckhardt authentische Beylage. 2.) Über Kratters Freymaurer Auto da fé . 3.) Kratter, B..n und Socii. Bald darauf folgte: Kratter an den verkappten Eckhardt. Nachtrag zu den Briefen (21. – 26.) Gedichte von Blumauer, Ratschky, Leon \&c. Die Alteration, in welche das Josephinische Patent die Freymaurer versetzte, wurde von ihnen in der That für so wichtig gehalten , daß sie ihr den Nahmen Reform, und dann gar jenen der Revolution beylegten, mitunter wohl auch aus dem Beweggrund, zu imponiren. Dem Kaiser jedoch machte diese unblutige Revolution viel Spaß, wenn er es auch nicht merken ließ. III. Warum wird Kaiser Joseph von seinem Volke nicht geliebt? – (Eine im Jahre 1787 unter den Augen des Kaisers in Wien öffentlich aufgeworfene Frage.) In dem obgenannten Jahre erschien zu Wien eine Broschure mit dem Titel: »Warum wird Kaiser Joseph von seinem Volke nicht geliebt?« – Sie hat 67 Seiten in klein Octav, und ist bey dem berüchtigten Großhändler und Buchdrucker Wucherer verlegt, dessen Firma auch auf dem Titel steht. Man kann denken, welch' gewaltiges Aufsehen diese Schrift erregte, besonders da sie klar gedacht und gut geschrieben ist, nahmentlich im Vergleich mit der Fluth schülerhafter und jämmerlicher Broschuren jener Periode. Als Joseph sie zu Gesichte bekam, soll er bloß mitleidig gelächelt und die Achsel gezuckt haben, wie im Gefühl eines erhabenen Märtyrers, der sich seines hohen reinen Werthes bewußt ist, den Lästerern großmüthig verzeiht, und den Entschluß erneuert, sich fort und fort für sie zu opfern. Übrigens muß man gestehen, daß das kleine Buch viel Wahres enthalte, viel Beherzigungwerthes, und tiefe psychologische Blicke. Es kann auch versichert werden, daß ein großer Theil der Leute das verständig unterschied; die Wirkung im Ganzen aber blieb, wie man sich heut zu Tage ausdrücken würde eine fatale, denn es gibt Bemerkungen, die, wenn auch völlig gutgemeint, besser unterdrückt geblieben wären. Das Büchlein gehört schon längst zu den Seltenheiten, und schon aus diesem Grunde wird man es uns Dank wissen, einen neuen Abdruck zu bringen, da der Inhalt auch zu jener Zeitgeschichte von großer Wichtigkeit ist. Der Verfasser dieser famosen Schrift blieb so gut als unbekannt. Er war einer der gebildetsten, geschätztesten und beliebtesten Wiener Autoren; ein Mann von vielseitigem Talent, schönen Kenntnissen und gewandter Rede. Er hat auch mehrere dramatische Arbeiten geliefert, die auf der Bühne Glück machten und von denen mehrere noch in der neuesten Zeit mit Beyfall gegeben wurden. Dieser Mann war der, besonders durch seine 1785 gegründeten Eipeldauer-Briefe, die sich durch Witz, Satyre und Freymüthigkeit auszeichneten, und eine geißelnde Schilderung der Sittenzustände Wiens brachten, bekannte und vielbeliebte Joseph Richter. Er war zu Wien geboren den 1. März 1748 und starb ebendaselbst den 16. Juni 1813. Nach diesem Eingange folge hiermit die in Rede stehende Schrift Wort für Wort, mit den Noten des Verfassers. Ich habe nur dieß Einzige voraus zu schicken, daß ich unter dem Worte: Volk, den größten Theil der Nation verstehe. Einzelne Unterthanen lieben freylich ihren Fürsten, und es ist kein Stand, vom Bauer bis zum Minister, unter dem Kaiser Joseph nicht Anhänger und Bewunderer hätte; aber der größere Theil der Nation, das Volk liebt ihn nicht . . . Woher sonst die Geringschätzung der weisesten Verordnungen? Woher die Gleichgültigkeit, wenn er die gefahrvollsten Reisen unternimmt, und die Kälte, wenn er glücklich zu seinem Volke zurückkehrt? Wird ein Volk, das seinen Fürsten liebt, gerne Schmähschriften wider seinen Fürsten lesen? Wird es diese Schmähschriften mit einer Art von Raserey aufkaufen und verbreiten Wie z. B. die Berlinerbriefe, die kein Jesuit, sondern ein Preuße (vielleicht zum Danke für seine noch immerfort genießende gute Aufnahme in Wien) geschrieben hat. , oder ihren Urhebern, statt ihnen seine Verachtung fühlen zu lassen, noch Beifall Wie z. B. den Verfassern des Schlendrians und mehr andern. zuklatschten? Es ist also erwiesene Wahrheit, daß Joseph von seinem Volke nicht geliebt werde; da aber alles in der Welt seine Ursache hat, so muß auch diese Abneigung ihren zureichenden Grund haben. Vielleicht glückt es mir, ihn zu entdecken. Ich werde anfänglich anführen, was Joseph für sein Volk gethan hat, und dann, was er vielleicht hätte thun sollen, um allgemein geliebt zu werden: wenn anders ein Fürst allgemein geliebt werden kann. Noch ehe die unvergeßliche Theresia das Loos aller Sterblichen traf, durchreisete schon Joseph seine Staaten, um einst als Alleinherrscher, nicht mit fremden Augen zu sehen, nicht mit fremden Ohren zu hören, um Vater seines Volkes zu werden – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Er entriß sich mehr als einmahl den zärtlichen Armen seiner großen Mutter, eilte durch tausend Gefahren bloß vom Schutze des Himmels begleitet, in die entferntesten fremden Provinzen Seine Reisen nach Rußland und Frankreich. , stiftete mit ihren Beherrschern dauerhafte Bande des Friedens, kehrte mit tausend neuen Kenntnissen bereichert in seine Staaten zurück – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Hatte Getreidewucher oder listiger Auskauf des Nachbars, oder schlechte Polizeianstalt in irgend einer seiner Provinzen Theurung und Hunger Z. B. in Böhmen. herbeigeführt, so war Joseph der Schutzgott, der dem Übel Einhalt that, den Wucherer bestrafte, und den Mangel in Überfluß verwandelte. Tausende, die ein Opfer des wüthenden Hungers geworden wären, leben durch ihn – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Denk- und Schreibfreiheit sind nicht Begnadigungen des Fürsten, sind Vorrechte der Natur. Lange wurden sie durch übelverstandene Staatsmaxime Schon der gottselige van Swieten hatte seiner Monarchinn die Schändlichkeit dieser Staatsmaxime bewiesen, und für Denk- und Schreibfreiheit geeifert; aber so sehr er ein Liebling seiner Fürstinn war, so konnte er doch hier nicht durchdringen. seinen Unterthanen vorenthalten. Joseph gab sie, kaum war das Regierungsruder in seinen Händen, seinem Volke zurück – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Ein großer Theil seiner Provinzen lag in den schändlichen Ketten der Leibeigenschaft. Joseph zertrümmerte sie, setzte die unterdrückte Menschheit in ihre Rechte ein, stellte das wahre Verhältniß zwischen Fürst und Unterthan her – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Wer sich nicht zur herrschenden Religion bekannte, war von den meisten Vorrechten des Bürgers ausgeschlossen Die Länder ausgenommen, wo sie nach den Landesgesetzen mit der herrschenden Religion gleiche Vorrechte genoßen; obwohl sie auch in diesen durch die Geistlichkeit alle nur mögliche Kränkungen dulden mußten. Man befrage nur hierüber die ungarischen Protestanten. ; durfte auf eigenen Nahmen kein Gut, kein Haus, kein Grundstück besitzen; durfte nicht einmahl öffentlich seinen Gott anbethen. Durch Joseph wurden sie in alle Rechte des Bürgers eingesetzt Zwar sind noch bis jetzt die Juden von diesen Vorrechten ausgeschlossen; allein so lange dieses hartnäckige Volk sein Religionssystem nicht ändert, kann keine gesunde Politik ihm gleiche Vorrechte mit den übrigen Bürgern gestatten. – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Schmeichler, und kleine Despoten hatten vormahls den Weg zum Throne versperrt, und wer diese nicht gewann, konnte nie seine Klage ungeschminkt zum Ohr des Fürsten bringen. Joseph duldet keine Schmeichler, keine despotischen Diener um sich; der Zutritt zu ihm steht jedem ohne Unterschied täglich und fast stündlich offen – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Die Gesetze waren dunkel, der Gang der Rechte langsam, die Richter spielten mit den Gesetzen, und die Rechtsfreunde mästeten sich vom Vermögen ihrer betrogenen Partheyen. Joseph verbesserte die Gesetze, gab den Rechten einen raschen Gang, beschränkte die Habsucht der Advocaten, stellte unbestechliche Männer zu Richtern auf – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Millionen strömten für Bedürfnisse des Lebens und des Luxus fremden Staaten zu; der Geist der Nation lag in Trägheit; wir waren der Spott des Auslandes, das sich mit unserm Geld bereicherte. Zwar suchte schon die große Theresia Leben und Thätigkeit in den Geist der Nation zu bringen; aber unerfahrne Räthe, und unsere Kaufleute, die fast alle gedungene Factoren der Ausländer waren, ließen keine heilsame Anstalt empor keimen. Joseph griff das Übel bey der Wurzel an, indem er die Einfuhr fremder Waaren verbot. Nun lebt die ganze Nation auf – tausend neue Nahrungswege sind geöffnet, das Fabrikswesen blühet, fremde Künstler und Manufacturisten treten mit ihren Kenntnissen zu uns herüber, selbst unsere Kaufleute werden aus schädlichen Factoren der Ausländer, zu Selbstdenkern, Selbsterfindern, und Emporbringern des inländischen Handels; anstatt unser zu spotten, sieht nun der Ausländer neidisch unser Emporsteigen an Daher die hämischen Ausfälle der Berliner und Sachsen auf unsere Schriften, auf unsere Verbesserungsanstalten. Sie können unser Emporsteigen nicht hindern, und suchen daher unsere Größe verdächtig zu machen, oder die Welt zu bereden, daß bey uns alles den Krebsgang gehe; so nimmt der Neid immer seine Zuflucht zur Verläumdung. dies alles bewirkte Joseph – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Unzählige Gemeinden waren entweder gänzlich ohne Seelsorger, oder mußten stundenweit Unterricht und geistlichen Trost holen. Joseph gab nun jeder ihren geistlichen Hirten, der ihr Lehrer, Freund und Tröster seyn soll – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Der größte Theil der Geistlichkeit hing an Aberglauben, wußte nicht, was Christus sagen wolle, war gar nicht, oder schlecht unterrichtet, und also unfähig, andere zu unterrichten. Joseph gründete fast in jeder Provinz eine Pflanzschule für Seelsorger und Volkslehrer, wählte würdige, helldenkende Männer zu Vorstehern, die Früchte dieser Pflanzschulen entsprechen bereits der Erwartung – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Die Erhebung der Abgaben war nicht verhältnißmäßig, war lästig und drückend. Der Dürftige bezahlte oft zu viel, der Vermögliche zu wenig. Joseph stellte auch hier ein weises Ebenmaß her Die neue Steuerregulirung. , indem er die Abgaben nach den Besitzungen, nach dem Einkommen bestimmte – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Die Anzahl der Mönche war so übermäßig angewachsen, daß man sie mit den schändlichen Hummeln vergleichen konnte, die den arbeitsamen Bienen den besten Honig wegstehlen. Sie aßen dem Bauer sein Brot, tranken dem dürftigen Winzer seinen Wein weg. Als ein weiser Bienenvater befreite Joseph seine arbeitsamen Bürger von diesen schändlichen Hummeln – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Entehrend war das Joch, das Rom den deutschen Fürsten aufgelegt hatte. Die Bischöfe waren nicht mehr Unterthanen ihrer Fürsten, sie waren Unterthanen des Papstes. Millionen strömten durch hundert und hundert Wege dem Kirchenstaate zu. Joseph zertrümmerte diese Sclavenketten, und rettete die Ehre der deutschen Nation. Fast alle Canäle, durch die Geld nach Rom floß, sind verstopft. Rom leidet; aber seine Bewohner staunen, indem sie seufzen, bewundernd Besonders beym Gegenbesuch, den Joseph dem Papste machte. Josephs unerschrockenen Muth an – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Das gemeine Volk hatte lange keine öffentliche, schattenreiche, gesunde Spaziergänge. Joseph eröffnete ihm den herrlichen Prater, den geschmackvollen Augarten. Hier mischt er sich oft selbst, ohne Wache, ohne Begleiter in das Gewimmel seiner Bürger, zeigt ihnen, daß er keine andere Wache verlange, als ihre Liebe – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Die Unwissenheit der Dorfbader war schrecklich, und ihre Heilmethode raffte mehr Menschen weg, als die Krankheit selber. Joseph entfernte, was nur immer Quacksalber war, und stellte allenthalben geprüfte Wundärzte an. Nachdem er seinen Unterthanen geschickte Seelenärzte gegeben hatte, gab er ihnen nun auch erfahrne Ärzte für Krankheiten des Körpers – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Während seine Unterthanen sorgenlos der Ruhe pflegen, hat sich Joseph bereits den Armen des Schlafes entrissen. Oft findet ihn die aufgehende Sonne schon am Schreibpulte, wo er heilsame Entwürfe macht, Pläne prüft, Klagen untersucht, Recht spricht, Gefahren abwendet – kurz Joseph wachet, indem die halbe Nation schläft – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Joseph könnte, wie so viele Fürsten es thaten, und noch thun, der Wollust opfern, die Einkünfte des Staates mit Mätressen versplittern, Steuern ausschreiben, um einen Kuppler zu belohnen, eine neue Sängerinn zu bezahlen, ein neues Opernhaus zu bauen – Wie ganz anders denkt Joseph! er verehrt das schöne Geschlecht, ohne sein Sclave zu seyn, seine Tafel ist kaum die Tafel eines Privatmannes, die Einkünfte des Staats sind ihm heilig, wie dem ehrlichen Manne anvertraute Gelder, sein Vergnügen kostet dem Staat nichts – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Brechen Feuersbrünste aus, oder treten die Flüße aus ihren Ufern, oder was sonst für ein Unglück seine Bürger trifft, so eilt Joseph als Retter herbey, hilft, wo zu helfen ist, und wo Hülfe vergebens, tröstet, beschenkt, entschädiget, unterstützt er die Leidenden Dieß geschah bey Zerspringung des Pulverthurms, und bey den vielen Überschwemmungen. , kurz überall erfüllet Joseph die Pflichten eines weisen, guten und würdigen Regenten – und doch liebt ihn sein Volk nicht. Allein warum liebt es ihn nicht? Nach meiner Einsicht mag es aus folgenden Ursachen geschehen: Kaiser Joseph ist Reformator, ist es sogar im Religionswesen. Er hat Mönche und Nonnen aufgehoben, die übermäßigen Einkünfte der Priester beschnitten, die müßige Geistlichkeit zum Studieren, zur Thätigkeit, zum practischen Christenthum angehalten; dadurch sind die meisten Priester seine Feinde geworden, und mit ihnen sein Volk, das aus den Herzen der Priester denkt, aus dem Munde der Priester spricht. Kaiser Joseph hatte die Macht des Adels beschränkt, und dem Verdienst gegeben, was sonst ein Vorrecht hoher Geburt war. Dadurch ist ein großer Theil des Adels, der außer seinen Ahnen, keine andere Verdienste hat, Josephs Feind geworden, und mit ihm der ganze Nachtrab von Geheimschreibern, Kammerdienern, Verwaltern, Inspectoren, Kastnern und Schreibern, die oft mehr, als der Adel selbst, die Unterthanen quälten und tyrannisirten, und nun nicht mehr tyrannisiren dürfen. Kaiser Joseph hat seine Beamten, die bey großem Gehalte sehr wenig arbeiteten, zur Pflicht angehalten; dadurch sind alle Beamten, die gern großen Gehalt ziehen, und nicht viel arbeiten, seine Feinde geworden, und mit ihnen der ganze Anhang von Gemahlinnen, Tanten, Gesellschafterinnen, Lakeien und Kammermädchen, die nun alle über den Kaiser Joseph schreien, weil sie den Herrn Gemahl, oder den Herrn Vetter, oder den gnädigen Herrn über ihn jammern sehen. Ein großer Theil der Handelsleute lebt von Schleichhandel. Das Verbot fremder Waaren versperrte ihnen also den vorzüglichsten Nahrungsweg, und heißt sie nun auf erlaubte Mittel sinnen. Dadurch sind die meisten Kaufleute Josephs Feinde geworden, und mit ihnen abermahls der ganze Anhang von Beschauern, Handlungsdienern, Anverwandten und Tischfreunden. – Die Fabrikanten hätten zwar Ursache, Josephs Regierung zu segnen; allein Kaiser Joseph ertheilte keine ausschließende Freyheiten mehr, und dadurch sind viele Fabrikanten, die nur allein glänzen, allein gewinnen, keinen Größeren oder Gleichgroßen neben sich dulden wollen, seine Feinde geworden. Kaiser Joseph gab der Gerechtigkeit einen raschern Gang, verbesserte die Gesetze, beschnitt die Sportel der Richter; und mehr bedurft' es nicht, um sich die meisten Advocaten, die meisten Richter, und alle zu Feinden zu machen, die das Recht nach ihrem Vortheile zu drehen wußten. Kurz, Kaiser Joseph hat so viele Feinde, weil er Reformator ist, weil jede Reform Mißvergnügte machen muß, und weil selbst ein Engel vom Himmel, wenn er als Reformator zu uns Menschen herabstieg, Feinde in Menge haben würde – und doch, dächt' ich, stünd' es nur bey unserm großen Kaiser, die Herzen der Mißvergnügten wieder zu gewinnen, der Abgott seines Volkes zu werden. – – Mir geziemt es nicht, die Mittel vorzuschreiben, aber sagen darf ich, was so viele Edle im Volke wünschen. Sie wünschen, Kaiser Joseph möge am Normale in Ansehung der Pensionen und Besoldungen eine weise Abänderung treffen. Warum soll die Witwe eines Beamten, der nicht volle zehn Jahre gedient hat, keinen Gnadengehalt genießen? Bestimmt denn gerade die Anzahl der Jahre das Maß des Verdienstes, und kann mancher geschickte Beamte sich in fünf Jahren nicht verdienter um den Staat gemacht haben, als ein anderer in zehn? Wird durch dieses Normale nicht so mancher Beamte vom Ehestand abgeschreckt und dadurch der Lieblingsendzweck, die Bevölkerung, verfehlet? Ist es endlich nicht schon Unglück genug, wenn eine Familie ihren Vater verliert? muß sie, weil dem Vater nach dem Normale einige Dienstjahre fehlen, auch noch in äußerste Dürftigkeit gestürzt werden? Die Edlen im Volke wünschen, daß Kaiser Joseph seine Minister und Räthe, nicht so sehr wie Diener, als wie Freunde behandle. Liebe erreichet immer eher den Endzweck als Strenge. Sie bewirkt, daß man seine Pflichten mit Vergnügen erfüllt. Beym Militär ist freylich Strenge die Haupttriebfeder der Maschine, weil der ganze Körper größtentheils aus gezwungenen Gliedern besteht. Der Civilstand aber besteht aus freywilligen, und ebendeßwegen wünschen die Edlen im Volke, daß Kaiser Joseph seine Minister, Räthe und Beamte nicht wie seine Soldaten behandle. So sehr die Edlen im Volke Kaiser Josephs menschenfreundliche Anstalten: das allgemeine Krankenhaus, das Militärspital, das Geburts- und Findelhaus und dergleichen verehren und segnen, so wünschen sie doch abermahl, daß er so viele andere löbliche Stiftungen, z. B. das Armenhaus, das Kaiser- und Johannesspital, u. s. w. nicht hätte aufheben mögen, weil dadurch so viele Tausende gekränkt, und alles wider den Sinn der Stifter unternommen worden: denn diese richteten ihr Augenmerk nicht nur auf den bloßen Lebensunterhalt, sondern auch auf die Bequemlichkeit, auf die Ruhe und Zufriedenheit der Gestifteten. Hat nicht endlich Kaiser Joseph durch diese Aufhebung der fernern Mildthätigkeit seiner Unterthanen, zum Nachtheil der Menschheit, selbst einen Schranken gesetzt? Wer wird mehr solche milde Stiftungen machen, wenn er sieht, daß man dem Sinne der frommen Stifter so unbesorgt entgegenhandle, und den Fond zu ganz andern Absichten verwende? Die Edlen im Volke wünschen, Kaiser Joseph möge den Civilstand nicht weniger als sein Militär lieben. Es ist kränkend und niederschlagend für das Civilverdienst, zu sehen, daß so viele Civilstellen Zum Beyspiel: die Stelle eines Rathes, eines Secretärs, und mehr andere, zu denen der Soldat, der Bewegung gewöhnt ist, der alles rasch angreift, der wenig Phlegma hat, selten oder gar nicht tauglich ist. dem Militärverdienst ertheilt werden. So wünschen die Edlen im Volke auch, daß die Söhne der Beamten und Bürger in Hauptstädten von der Aushebung zum Militärstand wieder befreyet würden. Die Hauptstädte waren immer der Sitz der Künste und Wissenschaften; wer wird aber seinen Sohn den Künsten und Wissenschaften widmen, wenn er keine Stunde sicher ist, daß man ihn zum Soldaten aushebe? Wer wird einige tausend Gulden auf sein Kind verwenden, damit ein Musketier daraus werde? Die Folgen dieser preußischen Einrichtung sind bereits sichtbar. Viele junge Leute bleiben Taugenichtse, weil sie glauben, daß man zum Soldatenstande nichts zu lernen brauche; der Geist der Bürger ist niedergeschlagen, die Anzahl der Hagestolzen nimmt täglich mehr überhand, und diese sagen es laut: daß sie kein Weib nehmen, weil sie keine Soldaten zeugen wollen. Wir brauchen ja nicht bloß Soldaten; wir müssen ja auch Handwerker, Künstler und Gelehrte haben, die zusammengenommen eigentlich den Soldaten nähren. Die Edlen im Volke wünschen, Kaiser Joseph möge die Unglücklichen, die sich ohne vorher gegangene Zeichen einer Verrückung den Selbsttod geben, nicht auf dem Schinderanger einscharren lassen, da die Schande nicht den Verbrecher, sondern seine unschuldige Familie trifft. Überdies weiß ja der Philosoph, daß sich alles in seine ursprünglichen Theile auflöse, daß diese Theile überall hinfliegen, und daß also, selbst in den Gruben des Schinderangers, sich Partikeln von Edlen, von Frommen, – von Großen befinden können: Das Entehrende fällt also weg. Wer sieht endlich so tief in die Natur des Menschen, daß er mit Gewißheit bestimmen könnte, was Verrückung, was nicht Verrückung ist? Der Endzweck dieser entehrenden Begräbnißart ist freylich, andere vom Selbstmorde abzuhalten; aber der Erfolg zeigt es ja, daß dieser Endzweck nicht erreicht wurde. Die Edeln im Volke wünschen, Kaiser Joseph möge die Verbrecher nicht nach dem kalten Buchstaben des Gesetzes behandeln lassen, sondern mit unglücklichen Missethätern gelinder als mit boshaften und abgehärteten verfahren: und da sein Herz zu erhaben denkt, um sich an diesen Unglücklichen zu rächen, oder Freude über ihre Bestrafung zu äußern, so wünschen sie vom Herzen, daß alle Strafen auf Besserung abzielen. Ein Regent soll dem Gotte der Christen gleichen: Er soll kein strenger Richter, er soll ein liebreicher Vater seyn. Strenge verhärtet nur die Herzen; aber Großmuth und Güte gewinnt sie. Die Edlen im Volke wünschen, Kaiser Joseph möge überhaupt mit minder schädlichen Fehlern oder Schwachheiten der Menschen etwas mehr Nachsicht haben. Unter diese Schwachheiten gehört die Abneigung, sich in Säcke einnähen, und dann durcheinander in eine Kalkgrube hinschleudern zu lassen. Dem Philosophen gilt es freylich gleich viel, ob er hier oder da verwese; aber alle Menschen sind nicht Philosophen. Und dann liegt wirklich für gefühlvolle Menschen etwas Seelenerhebendes und Tröstendes in dem Gedanken: Meine Beine werden eine Ruhestätte haben: meine Kinder, meine Enkel werden zu meinem Grabe wandeln: ich werde nicht ausgelöscht aus ihrem Gedächtnisse seyn. Oder wenn die gerührte Mutter ihre Kinder zum Grabe ihres Mannes führet, und ihnen sagt: Hier ruht euer Vater: erinnert euch seiner Liebe: seyd tugendhaft, und werdet wackere Männer, wie er. Was ich hier sage, ist nicht Schwärmerey. Würde die vortreffliche Theresia wohl so innigst gerührt am Grabe ihres unvergeßlichen Gemahles gebethet haben, wenn nicht seine Gebeine da geruhet hätten? Ist endlich wohl dem Volke diese Abneigung vor der jetzigen Begräbnißart übel zu nehmen, da es sieht, daß die Großen ihre besondere Ruhestätte haben, und daß selbst der große Kaiser, der sich lebend so gern unter sein Volk mischt, einst nicht bey seinem Volke ruhen werde? Die Edlen im Volke wünschen: Kaiser Joseph möge bey Bestrafung großer Verbrecher auch auf Geburt und Stand einige Rücksicht nehmen. Die Verbrechen der Geistlichkeit werden im Stillen bestraft, vermuthlich, weil man befürchtet, das Volk möchte, wenn es Priester des Herrn öffentlich züchtigen sähe, endlich gegen die Religion selber die Achtung verlieren; tritt aber nicht bey Hofräthen, Justizpersonen und andern Männern von Ansehen der nähmliche Fall ein, und scheint nicht der Pöbel, seitdem er Regierungsräthe und Handhaber der Gesetze die Gassen kehren sieht, bereits die Achtung gegen die Gesetze selbst verloren zu haben? Freylich sagt man, daß nicht der Hofrath, nicht der Graf, sondern der Betrüger, der Falsarius als Züchtling erscheine; allein der Pöbel nimmt die Sache nicht von dieser Seite, denn er sagt noch bis diese Stunde: Heute hat der Graf, der Regierungsrath u. s. w. die Gasse gekehrt. Die Beschimpfung, die durch solche öffentliche Strafen schon so mancher würdigen, um den Staat verdienten Familie schuldlos zugefügt worden, verdiente endlich wohl auch, daß Kaiser Joseph sein Vaterauge auf diesen Gegenstand wendete. Daß Kaiser Joseph seine Beamten, die Schulden machen, mit Strenge behandelt, ist billig; aber die Edeln im Volke wünschen, daß er sie auch so bezahlen möge, daß sie nicht Schulden machen dürfen. Sie wünschen, daß bey Bestimmung des Gehalts vorzüglich auf die Familie des Beamten Rücksicht genommen würde, welche Rücksicht um so mehr bey Pensionen für diejenigen Beamtenwitwen zu nehmen wäre, die mit vielen Kindern belastet sind. – Mancher Unverehlichte zieht oft tausend und auch zweytausend Gulden, und wer sechs und sieben Kinder hat, muß oft mit drey und vierhundert Gulden leben. Das Geld, welches Beamte ziehen, kehrt ja ohnehin mit Wucher in die Staatscasse zurück. Die Edlen im Volke wünschen, Kaiser Joseph möge alten, im Dienste grau oder zur Arbeit gänzlich unfähig gewordenen Beamten eine bessere Versorgung anweisen, damit sie nicht gerade im unbehülflichen Alter am elendesten leben müssen. Nicht minder wünschen sie, daß Diener des Staats nicht wie Livereybedienten abgedanket werden. Auch wünschen die Edlen im Volke, Kaiser Joseph möge die Fehler oder Übersehungen der Beamten, wenn sie nicht von äußerster Wichtigkeit, und nicht wirkliche Staatsverbrechen sind, nie mit der Cassation bestrafen; am allerwenigsten, wenn der Beamte Familie hat. Der Staat muß nicht vorsätzlich unglückliche Familien machen, weil sie am Ende ihm selbst zur Last fallen. Sparsamkeit ist eine schöne Tugend der Fürsten, und sie ist für einen Staat um so nöthiger, wo vormahls so wenig gespart wurde; allein auch diese Tugend hat ihre Grenzen, und die Edlen im Volke wünschen, daß Josephs Sparsamkeit nie auf die Linie kommen möge, wo sie aufhört, Tugend zu seyn. Der menschliche Körper befindet sich nur damahls gesund, wenn das Herz das zuströmende Blut wieder in den Körper zurückgibt – und ist es nicht auch so mit dem Staatskörper? Die Edlen im Volke wünschen, Kaiser Joseph möge doch untersuchen, woher es komme, daß sich die Anzahl der Armen täglich vermehre, und ob am Ende, bey all seiner guten Absicht nicht gewisse Verordnungen und Aufhebungen daran Schuld seyn könnten? Die Edlen im Volke getrauten sich es kaum zu sagen, aber sie wünschen, daß Kaiser Joseph in Entscheidungen nie zu voreilig seyn möge, weil leicht viele Familien dadurch unglücklich werden. So wünschen sie auch, daß sein rastloser Eifer, von allem Guten bald die Frucht zu sehen, das Gute selbst nicht oft in der Blüthe ersticke. Welche Blößen hat das nicht ganz zur Reife gebrachte Gesetzbuch gegeben? Und wie sehr sind wir dadurch abermahl in den Augen des Auslandes herabgesunken? Die Edlen im Volke wünschen: Kaiser Josef möge nicht mit allzugroßer Bereitwilligkeit Denuncianten anhören. Es ist weniger schädlich für den Staat, wenn hie und da ein Verbrecher verborgen bleibt, als wenn Freund gegen Freund, Familie gegen Familie mißtrauisch gemacht, und das Band der menschlichen Gesellschaft dadurch zerstört wird. Die Edlen im Volke segnen ihren Fürsten, daß er Jedem freyen Zutritt gestattet; aber sie wünschen zugleich, daß er seinen Stellen, denen ohnedas die Bittschriften alle zugeschickt werden, erlauben möge, auch über die nicht Gezeichneten, einen Vortrag hinaufzugeben, oder eine Vorstellung zu machen, weil es sich ereignen kann, daß mancher verdienstvolle Bittsteller aus Mangel der Signirung in der gerechtesten Sache abgewiesen werde. Die Edlen im Volke wünschen, daß Kaiser Joseph den Künsten und Wissenschaften mehr Achtung schenke, weil es Schande für die Nation ist, wenn die Kunst nach Brod geht, wenn Schriftsteller darben, die sich um die Aufklärung des Volkes verdient gemacht haben. Ein Volk braucht nach unserer Staatsverfassung nicht bloße Trivialkenntnisse, es braucht höhere, es braucht schöne Wissenschaften. Dies sind ungefähr die Wünsche der Edlen im Volke. Gott gebe, daß Kaiser Joseph sie erfülle – oder einstweilen wenigstens lese. Amen. IV. Details über Josephs II. letzte Lebenstage und Begräbniß. Es ist sonderbar, daß die vorhandenen Biographien dieses Monarchen in Betreff seiner letzten Tage und Augenblicke, so wie seiner Bestattungsceremonien nur allgemeine Berichte geben, also der Einzelnheiten , die hier eben von besonderem Interesse sind, größtentheils entbehren. Wir theilen also hiermit eine detaillirte Schilderung mit, und zwar aus einer gleichzeitigen Feder, ohne Zweifel von einem Manne herrührend, welcher wohl von all den betreffenden Vorfallenheiten und Zügen auch in so fern Augenzeuge gewesen, als man es dabey hat seyn können. Anderweitiges z. B. das Leichenbegängniß anlangend, ist aus officiellen Bekanntmachungen geschöpft. Demnach erhält man in dem nachstehenden Artikel ein anschauliches Bild von dieses unvergeßlichen Fürsten Ausgang aus dem Leben und Eingang in die Ewigkeit. Der Kaiser war bereits zu wiederholten Malen von mancherley Unpäßlichkeiten befallen worden, machte sich aber nichts aus denselben, und behandelte sie ganz leicht, schonte sich wenig und überwand sie doch immer ohne viele Unbequemlichkeit, welches er seiner außerordentlich starken Leibesconstitution zu danken hatte. Aber im Jahre 1789, war seine Gesundheit unwiederbringlich zerstört. Dem Anschein nach befand er sich gesund und stark, als er im Frühjahr 1788 zur Armee ging. Die unerträgliche Hitze jenes Sommers, welche er im Lager bei Semlin auszustehen hatte; die rastlose Anstrengung bei Tag und bei Nacht, für die Geschäfte des Kriegs und des Friedens; der Unmuth über zerstörte Plane von Innen und von Außen, das innerlich fruchtlose Streben, den mißlichen Zustand der Sachen zu verbessern: kurz, Erschöpfung des Körpers und des Geistes, mußten ihn krank machen. Er ward vom Fieber befallen, erholte sich wieder; kam aber am 5. December 1788 kränklich nach Wien. Von nun an war er abwechselnd besser und schwächer; konnte sich manchmahl öffentlich zeigen, mußte manchmahl wieder im Zimmer eingeschlossen bleiben. In der Nacht vom 13. auf den 14. April 1789 wurde er sehr schwach, warf Blut aus, und hatte Ohnmachten. Man entdeckte ihm, daß sein Zustand gefährlich sey. Am 16. ließ er sich mit der bey solchen Gelegenheiten gewöhnlichen öffentlichen Feyerlichkeit, das heilige Abendmahl reichen. Er bekam abermahls etwas Kräfte, und erschien am 28. April wieder auf dem Balcon vor seinen Zimmern, doch glaubte er selbst an keine Besserung mehr; denn er sagte am 11. Mai ganz unverhohlen zu seinen Leuten: »Ich werde bald sterben, man wird mich einst am Morgen todt im Bette finden, und vielleicht auch sagen, ich sey vergiftet worden, wie Sultan Abdul Samid.« – Es hatte sich nähmlich in der Welt ein Gerücht verbreitet, der am 7. April verstorbene Kaiser, wäre durch Gift umgekommen. Im May ging der Kaiser auf Anrathen der Ärzte nach Laxenburg. Er war sonst den Ärzten nicht geneigt; als aber jetzt die Umstände so gefährlich wurden, ließ er sichs gefallen, ein Consilium Medicum zusammen zu rufen. In Laxenburg erholte er sich allmählich wieder zu Jedermanns Verwunderung. Er arbeitete wie gewöhnlich, machte selbst Musik, fuhr im Park spazieren, ritt auch einigemahl, und ging dann zu Fuß täglich aus. Man hatte im Park und in den Gärten allenthalben kleine Bänke angebracht, auf denen der Monarch im Falle der Ermüdung ausruhen konnte. Der erste Leibarzt, Herr von Störk, nebst dem Leibarzte Kolman, und der erste Leibchirurgus Brambilla mit seinem Bruder, wohnten zur Fürsorge im Schlosse. Eine im Monathe August erfolgte Überschwemmung vertrieb sie aus Laxenburg, und dann ging er nach Hetzendorf. Seine Besserung schien etwas Dauer zu versprechen. Er fuhr in der Morgenstunde gewöhnlich nach dem Garten von Schönbrunn, und lief mit seiner gewöhnlichen Hastigkeit ganz flink in demselben herum. Sein Körper war äußerst mager. Endlich war die Besserung so weit gediehen, daß die Ärzte erklärten, ihr fortdauernder Beystand sey ihm nicht weiter nöthig. Er beschenkte sie kaiserlich. Störk und Brambilla erhielten jeder 12000 Gulden an baarem Gelde, und einen Ring mit Brillanten, Kolman und der jüngere Brambilla etwas weniger. Mit Anfang des Octobers bezog der Kaiser seine Wohnung in der Burg wieder. In den heitern Tagen des Novembers, fuhr er noch oft aus, in den Augarten, in den Prater, oder in die übrigen angenehmen Gegenden um die Stadt herum. Im Monath December 1789 fühlte er sich wieder kränker. Dieser Zustand dauerte im Januar und Februar des Jahres 1790 fort, und verschlimmerte sich stets mehr. Er verlor alles Fleisch, alle Kräfte, wurde unbeschreiblich mager, schlief wenig, spie oft Blut aus, und hatte anhaltend einen trockenen Husten mit Eiterauswurf. Man wollte ihm seinen gefährlichen Zustand ohne die dringendste Nothwendigkeit nicht entdecken. Endlich erklärte ihm der Arzt Quarin ganz rund weg: er habe eine unheilbare Brustkrankheit. Joseph belohnte diese offenherzige Erklärung großmüthig. Er wurde schwächer, ließ sich am 13. Februar 1790 wieder das Abendmahl reichen; ward noch schwächer, und ließ sich am 15. auch die letzte Öhlung geben. Jetzt erwartete man bereits jede Stunde seinen Tod. Der Schleyer, der bisher vor den Gesundheitsumständen des Kaisers hing, ward nun auf einmal ganz weggezogen. Joseph selbst hob ihn auf, nachdem er lange nicht im Stande war, von seinen Ärzten die wahre Beschaffenheit seiner Krankheit zu erfahren. Er ließ am 5. Februar den Doctor von Quarin kommen, der seit drey Monathen sein gewöhnlicher Arzt gewesen war. Nach einigen Fragen über die Symptome seiner Krankheit, drang er stark in ihn, die Wahrheit nicht zu verhehlen. Herr von Quarin, der da sah, daß der Kaiser sie schlechterdings wissen wollte, erklärte ihm mit einem Ausbruch von Thränen, daß die Krankheit unheilbar sey. Hierauf verlangte der Kaiser zu wissen, ob er noch einige Zeit damit zubringen würde? Ja, sagte der Arzt, aber, fügte er hinzu: diese Krankheit ist eine von denen, wo die Patienten jeden Augenblick ihrem Tode entgegen sehen können. Nach einigem tiefen Stillschweigen entließ der Monarch mit der größten Danksagung den Arzt. An dem nähmlichen Tage empfing Herr von Quarin ein sehr verbindliches Billet, und die Summe von 10000 Gulden, nebst dem Titel eines Barones für sich und seine Nachkommen, die ihn zum Beweise führen würden, daß Aufrichtigkeit erhabener ist, als jene Schmeicheley, die aus den Großen der Erde unsterbliche Wesen machen will. Joseph war auf Alles gefaßt, und man kann mit Wahrheit sagen, daß Er allein ohne Erschütterung an diesen Todesfall dachte. Mit der vollkommensten Ruhe der Seele sah der Monarch bis zum letzten Hauch seiner Auflösung entgegen, nahm schriftlich und mündlich von seiner erhabenen Familie, und allen, die ihm werth waren, mehr um sie zu trösten, als selbst zu klagen, Abschied, und hörte bis an seine Todesstunde nicht auf, alle Staatsgeschäfte so angelegentlich zu besorgen, daß man sagen kann: er sey in Ausübung der Pflichten gestorben, von denen er in seinem Herzen von jeher so hohe Begriffe genährt hatte. Besonders aber wendete er die letzten Wochen seiner Regierung an, neue Wohlthaten über seine Völker und einzelne Unterthanen zu verbreiten. Entschlossenheit und Gelassenheit zeigten sich in jeder Handlung, in jedem Worte des seinem Ende nahen Fürsten. So sagte er noch am 14. Februar zu einem der Conferenzminister: »Ich weiß nicht, ob der Dichter so ganz Recht hat, wenn er schreibt: Et du Trone au cercueil le passage est terrible (d. i. Furchtbar, schrecklich ist der Schritt vom Throne zum Grabe.) »Ich vermisse den Thron nicht, fühle mich ruhig; nur ein wenig gekränkt, durch so viel Lebensplage, so wenig Glückliche, und so viel Undankbare gemacht zu haben; allein das ist ja das Schicksal der Männer auf dem Throne.« Als der Kaiser am 13. Februar mit dem Hochwürdigen versehen wurde, stürzten dem Helden Loudon beim Eintritt in den Vorsaal die Thränen über die Wangen herab, und es erschütterte die Zuschauer gewaltig, den Mann weinen zu sehen, der im Getümmel der Schlacht von tausenden Leichen umgeben, stets standhaft blieb. Die unerschütterliche Standhaftigkeit des erhabenen Patienten in diesem so wichtigen Zeitpuncte, erregte allgemeine Bewunderung. Er tröstete alles, was ihn umgab, und blickte mit Heiterkeit in die Schauer des Grabes hinab. Nach Empfang des Hochwürdigen schickte der Monarch unmittelbar nachher zum französischen und neapolitanischen Gesandten, und ließ beyden sagen, er vermuthete, daß nach der feyerlichen Handlung, die er so eben vorgenommen, sie ihren Höfen durch Couriere Nachricht von seinem Befinden geben würden, sie möchten aber damit nur noch ein paar Stunden warten, weil er selbst diesen Courieren etwas mitgeben wollte. Gegen 11 Uhr schickte er ihnen hierauf einen Brief an seine beiden Schwestern (die Königinn von Frankreich und die Königinn von Neapel) die sogar bis zur Aufschrift ganz von seiner eigenen Hand geschrieben waren. Die Gemahlinn des Erzherzogs Franz hatte vielfältig Verlangen gezeigt, ihn zu besuchen, es war ihr aber, ihrer nahe bevorstehenden Entbindung wegen, nicht erlaubt worden. Nachdem der Kaiser am 15. Februar die letzte Öhlung empfangen hatte, wollte sich die Erzherzoginn durch keine Vorstellung mehr abhalten lassen, ihn noch einmahl zu sehen, und er selbst mußte ihrem dringenden Verlangen nachgeben; nur ließ er sie bitten, daß sie um ihrer selbst Willen sich fassen und nicht weinen möchte. Dies versprach sie, und ward nun in einer Sänfte hingetragen. Damit sie über des Kaisers Todtenblässe und über seine Abgezehrtheit nicht erschrecken möge, ließ er, ehe sie ins Zimmer trat, die Fensterläden zumachen, und es ward in einer Ecke bloß ein Nachtlicht angezündet. Man kann denken, unter was für Empfindungen sie in das Sterbezimmer des Monarchen trat, der ihr so viele Beweise seiner Vorsorge gegeben hatte, und den sie deßhalb überaus hoch schätzte. Kaum war sie bis zu seinem Sitze hingewankt, und hatte nächst demselben Platz genommen, als schon die ersten Worte, die der Kaiser mit bebender Stimme zu ihr sagte, sie dermaßen erschütterten, daß sie ohnmächtig ward, und in diesem Zustande der Betäubung wieder hinausgebracht werden mußte, ohne daß sie weder etwas hätte sagen, noch von dem, was er ihr zu sagen gedachte, etwas vernehmen können. Es war dieß ein seelenerschütternder Auftritt. Der Monarch ermahnte sie zur Geduld, und zum Vertrauen auf Gott; bat sie ihre Frucht im Mutterleibe zu schonen, und sich durch Traurigkeit nicht zu kränken; und bezeigte ihr, daß ihn sein Zustand nur deßwegen schmerzte, weil eben die Zeit ihrer Entbindung vorhanden sey. Er gab ihr seinen Segen und entließ sie. Es hatte die Erzherzoginn in der Nacht auf den 17. Februar die ersten Geburtswehen empfunden, und man meldete dieses sogleich dem Kaiser. Von diesem Augenblicke an war er sehr unruhig, und schickte öfters zu ihr, um Nachrichten von ihren Umständen zu erhalten. Diese lauteten nicht erwünscht, und man mußte dem Monarchen jedesmal sagen, daß sie noch stark litte, bis man ihm dann meldete, daß die Erzherzoginn von einer Prinzessinn glücklich sey entbunden worden. Ungeachtet des schlechten Zustandes, in welchem der Kaiser sich befand, war er doch sehr vergnügt; er beschäftigte sich mit den Geschenken, die er für die Erzherzoginn bestimmte, und ließ ihr sehr viel Verbindliches sagen, um sie zu trösten. Der Graf von Rosenberg erschien gegen 8 Uhr des andern Morgens in dem Zimmer des Monarchen, der ihm wie gewöhnlich guten Morgen sagte, und sich nach der Erzherzoginn erkundigte. Der Graf sagte ihm sie befände sich schlecht; und als der Kaiser vermuthete, daß hier bloß die Rede von den Folgen der schweren Entbindung sey, sagte ihm der Graf, sie sey in Gefahr. Hierauf fragte der Kaiser, ob der Graf es für nöthig halte, daß man sie mit dem Hochwürdigen versehe; und da der Graf versetzte, daß es zu spät sey, so sah der Kaiser nun, daß er eine geliebte Nichte verloren habe. Er stützte den Kopf auf seine Hände, und rief: »Und ich lebe noch? – Herr dein Wille geschehe!« – Nachdem er nun 10 Minuten lang in sprachloser Betäubung gesessen hatte, gab er die Befehle zu ihrem Begräbniß, und setzte hinzu, daß, weil der Körper der Prinzessinn dem seinigen Platz machen müßte, so könnte sie keine 3 Tage in der Capelle ausgesetzt stehen, und es wäre also nöthig, daß man sie heute begrabe. Es ist unläugbar, daß dieser unvorhergesehene Todesfall den Kaiser sehr stark angriff, und seine ganze Hoffnung zu Boden schlug; denn Elisabeths Verbindung mit seinem Neffen Franz, war ganz sein Lieblingswerk gewesen. Dieß war der tödtlichste Stoß, welcher ihn bey seinen ohnehin unheilbaren Umständen treffen konnte. Auch sagte er öffentlich, daß er dadurch sich gänzlich niedergedrückt fühlte. Nebst diesem gaben noch die Unruhen in Ungarn, die denen noch in Böhmen nachzufolgen drohten, und dann noch das Gerücht, daß ein gewisser Hof diese Gährungen bewirkt habe, dem kranken Monarchen den Herzensstoß. Er soll sich der wehmüthigen Ausdrücke bedient haben: »Ich will ihnen ja gern alles gestatten, sie sollten mich nur in Frieden zur Grube fahren lassen.« – Der Kaiser hatte befohlen, daß man es ihm anzeigen sollte, wenn die ungarische Krone nach Ungarn abgeführt würde. Als dieses am 18. Februar geschah, sagte er: »Nun sehe ich, daß der Allmächtige noch bey meinen Lebenszeiten alle meine Werke zertrümmert.« Als er von seinem Loudon Abschied nahm, rief er ihm zu: »Reichen Sie mir Ihre alte Hand: ich werde nicht mehr das Vergnügen haben, sie zu drücken.« Am 19. Februar Vormittags gegen 10 Uhr, eben als Fürst Dietrichstein sich bei ihm befand, wurde es plötzlich dunkel vor den Augen. »Nun es ist Zeit, daß wir abbrechen,« sagte Joseph: »wir sprechen uns zum letztemahl. Lassen Sie mir den Beichtvater hereinkommen.« Nachmittags um 4 Uhr unterschrieb er noch eine Schrift, schrieb aber Jsoph statt Joseph, unerachtet er den Tag zuvor seinen Nahmen noch achtzigmahl ordentlich unterschrieben hatte. Während der letzten acht Tage seines Lebens verschenkte er eine halbe Million Gulden. In seinem Testamente hatte er der Erzherzoginn Elisabeth von seinem Allodial-Vermögen jährlich 80,000 fl. ausgesetzt; nach ihrem Tode änderte er diesen Punct, und sollte diese Summe die neugeborne Prinzessinn erhalten. Als der Monarch am 18. Februar vernommen, daß die Oberhofmeisterinn der verewigten Elisabeth, Gräfinn von Chanclos über den Verlust dieser Prinzessinn ganz untröstlich war, schrieb er ihr ein schmeichelhaftes Billet um sie zu trösten, und ihr zugleich für die Sorgfalt zu danken, die sie seit 8 Jahren für die Erzherzoginn bewiesen habe. Dieses Billet begleitete er mit einer Assignation von 100.000 Gulden, damit sie künftig in Ruhe und ohne Beschwerden leben könnte. Auch der Erzherzog Franz ließ derselben sagen, daß sie ihm vieles Vergnügen machen würde, wenn sie sich, was sie nur wollte, aus dem Nachlasse seiner Gemahlinn aussuchen wollte. Auch zahlte er alle Pensionen fort, die seine liebenswürdige Gemahlinn ausgesetzt hatte. – Dem Feldmarschall Loudon soll der Monarch ein Gut in Ungarn und eines in Böhmen vermacht haben. Dem Burgpfarrer, einem sehr würdigen Manne, setzte er noch eine Zulage bey von 300 fl. jährlich und auf Zeitlebens \&c. Während seiner ganzen Krankheit, bey unaussprechlichem Leiden hatte er beynahe noch immer eben so viel und so eifrig gearbeitet, wie in seinen gesunden Tagen. Noch am 19. Februar that er dieses. Jetzt ergriff er den Zeitpunct noch einige Rosen auf den Altar der Freundschaft zu streuen, ehe er ganz verwelkte. Er schrieb an den Fürsten Kaunitz, der ihm so eben ein Billet geschickt hatte, in französischer Sprache: »Lieber Freund! Ich bin von dem Ausdrucke Ihrer Theilnehmung ganz gerührt; allein was kann ich bey den Verhängnissen der Vorsicht anders thun, als mich denselben unterwerfen. Was Sie betrifft: empfangen Sie von mir die unbegränzte Versicherung der vollkommensten Erkenntlichkeit, der größten Hochachtung, und des aufrichtigsten Zutrauens, die Sie vor allen andern verdienen; und seyen Sie versichert, daß es mich unendlich schmerzt, wenn ich daran denke, daß ich außer Stande bin, länger Ihre Einsichten zu benützen. Ich umarme Sie, und empfehle Ihnen in diesem gefährlichen Zeitpuncte mein Vaterland, das mir so am Herzen liegt.« Joseph. An den Grafen Rosenberg schrieb er: »Mein lieber Graf von Rosenberg! Die Freundschaft hat gewöhnlich ihre Gränzen; aber die Ihrige gibt sich mir ganz hin. Könnte ich die Welt verlassen, ohne Ihnen vorher noch meine ganze Erkenntlichkeit für das zu beweisen, was Sie für mich gethan haben; für alles, was Sie bey dieser langen Krankheit gelitten haben, während welcher Sie sich ganz aufopferten, um mir meine Last tragen zu helfen, und mich zu trösten! – Die Weisheit und Vortrefflichkeit Ihrer Rathschläge, die Ergebenheit, welche Sie bey jedem Anlasse, bis zum letzten Augenblick gegen mich bewiesen haben, durchdringen mich mit Erkenntlichkeit und Freundschaft. Empfangen Sie die Versicherung derselben, und glauben Sie, daß das einzige, was ich bey meinem Austritt aus der Welt bedauere, die kleine Anzahl von Freunden ist, die ich verlassen muß, und denen ich Ungelegenheit gemacht habe. Leben Sie also wohl. Ich umarme Sie mit freundschaftlichem Herzen. Erinnern Sie sich meiner, Ihres aufrichtigen und empfindungsvollen Freundes Joseph. N. S. Nur meine zitternde Hand hat mich verhindert, Ihnen diese Zeilen mit eigener Hand zu schreiben.« Der Kaiser hatte, wie schon erwähnt worden, eine gewählte Abendgesellschaft aus Männern und Frauen gemischt. Die Damen dieses Kränzchens waren, die ebenfalls schon Genannten: die Fürstinn (nun auch Witwe) Karl Liechtenstein, die Fürstinn Kinsky, Fürstinn Clary und Gräfinn Ernst Kaunitz. An diese Damen schrieb Joseph: »Mein Ende nahet heran: es ist Zeit, Ihnen noch durch diese Zeilen meine ganze Erkenntlichkeit für jene Güte, Politesse, Freundschaft und angenehme Freyheit, zu bezeugen, die Sie mir während so vieler Jahre, welche wir in Gesellschaft mit einander zugebracht haben, zu erweisen und angedeihen zu lassen, die Gewogenheiten hatten. Ich bereue keinen Tag: Keiner war mir zu viel, und dieses Vergnügen mit Ihnen umzugehen, ist das einzige verdienstliche Opfer, das ich darbringe, indem ich die Welt verlasse. Haben Sie die Güte, sich meiner in Ihrem Gebeth zu erinnern. Ich kann die Gnade und unendliche Barmherzigkeit der Vorsehung in Ansehung meiner nicht genug mit Dank erkennen; dieses alles ist in denselben vereiniget, so, daß ich mit ganzer Resignation meine letzte Stunde erwarte. Leben Sie wohl! Sie werden meine unleserliche Schrift nicht mehr lesen können. Sie beweiset meinen Zustand.« Joseph. Was der Monarch etwa sonst noch an andere Vertraute geschrieben haben mag, ist nicht bekannt geworden. Die arbeitenden Secretäre blieben den ganzen Tag über bey ihm, und bis um 10 Uhr Nachts. Rosenberg und Lascy machten ihm an diesem letzten seiner Abende noch einen Besuch. Er hatte schon um Mittagszeit eine Anwandlung von Ohnmacht, ergriff aber sein Riechfläschchen, und ermunterte seine Sinne. Die Arbeit des Dictirens, Expedirens, und des Schreibens, ging immer fort. Um 10 Uhr entließ er die Secretäre und legte sich zu Bette. Den Tag über saß er schon seit einigen Wochen in einem großen Schlafsessel, oder ging im Zimmer herum spazieren; dabey war er stets angekleidet, trug Stiefel und einen Frack oder Kaput. Als er sich niedergelegt hatte, mußte ein Kammerlakay neben ihm wachen. In einem Nebenzimmer ruheten Störk und Brambilla, und ein vor wenigen Tagen zum Beichtvater ernannter Augustiner. Der Monarch fing an zu schlummern, phantasirte halb schlafend und halb wachend von Dingen, die eben jetzt der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit waren; schlummerte und phantasirte wieder, und so dauerte es wechselweise fort, bis gegen 5 Uhr Morgens am 20. Februar. Jetzt wurde er vollkommen munter, und fühlte sich doch übel. Er verlangte eine Suppe; man brachte sie, und ließ zugleich die Ärzte in das Zimmer treten. Störk fühlte ihm den Puls, und fand beynahe keinen mehr. Ohne dem Monarchen dieses zu entdecken, sagte er bloß, daß auch der Beichtvater im Nebenzimmer sey, wenn ihn Se. Majestät etwa sprechen wollten. Der Kaiser verstand vermuthlich den Wink, und ließ den Augustiner rufen. Dieser las ihm ganz gelassen aus einem Erbauungsbuche vor. Joseph wollte von der gebrachten Suppe etwas nehmen, vermochte es aber nicht mehr. Er sank zurück, hatte etwa 5 Minuten lang Zuckungen, und war 4 Minuten nach 5 Uhr Morgens den 20. Februar 1790 todt. Der Fürst von Dietrichstein, der Graf von Rosenberg und der Erzherzog Franz hatten ihn keinen Augenblick verlassen. – Bestürzung, Schmerz, Mitleid waren nun auf allen Gesichtern. – Ein erschütternder Fall. Man stelle sich einen Hof vor, wo zu gleicher Zeit die Körper eines in dem 49. Jahre seines Alters verstorbenen Kaisers, und einer 22jährigen Prinzessinn ausgestellt sind, und dann wird man sich ein Bild von Wien machen können. Mit Recht bejammerte man den Tod eines Fürsten, dessen vortreffliche Eigenschaften, selbst Preußens großer Friedrich hochschätzte. Gleich nach dem Tode des Kaisers verfügte sich der Erzherzog Franz nebst dem Grafen Rosenberg in das Cabinet, wo der Erzherzog den noch schreibenden Cabinetsecretarius aus dem Cabinet zu gehen befahl, und versiegelte alle Kasten, wo er glaubte, daß Schriften darin seyen, mit eigener Hand, und stellte daselbst die Wache an. Hierauf erließ er an alle Hofstellen ein Handbillet, worin alle Beamten ad interim bestätigt wurden, und zugleich befohlen ward, daß man den Titel: kaiserlich auslassen, und bis die neuen Wapen gestochen seyn würden, sich der Präsidenten ihrer bedienen sollte. Der geheime Staatsrath übernahm die Regierungsgeschäfte, und der k. Obersthofmeister Fürst von Starhemberg ertheilte die erforderlichen Befehle zur Besorgung des Leichnams, und der Reichshofvicekanzler, Fürst von Colloredo-Mannsfeld, als Vertreter des hohen Reichserzkanzlers, vollzog die Sperrung des Reichshofraths. Auch das Militär, welches gegen den Feind zu Felde war, mußte trauern. Die Offiziere mußten selbst in der Schlachtordnung mit dem Trauerzeichen aufmarschiren, die Fahnen konnten jedoch fliegend seyn, mußten aber an der Spitze ein schwarzes Zeichen haben. Der Kaiser hatte verbothen, den Leichnam der Erzherzoginn zu öffnen, auch seinen eigenen verboth er zu öffnen, mit dem Beysatz: »Seine Krankheit sey sichtbar genug gewesen, man würde also durch die Öffnung des Leichnams nichts weiter lernen.« An demselben Tage, Abends um 7 Uhr wurde, wie schon gesagt, die Erzherzoginn begraben. Nach dem Hintritte des Kaisers wurde der Leichnam in die Feldmarschallsuniform gekleidet, in dem kaiserl. Audienzzimmer auf eine mit schwarzem Tuche bedeckte Stufe gelegt, und dabey ein Crucifix nebst brennenden Wachskerzen aufgestellt. Am Sonntage den 21sten Abends wurde der Leichnam in den inwendig mit Goldstoff und auswendig mit schwarzem Sammt und goldenen Borden überzogenen Sarg gelegt, und nach vorläufiger durch den Hof- und Burgpfarrer verrichteten Einsegnung, von den kaiserl. königl. Kammerdienern unter Begleitung der Edelknaben, welche brennende Wachsfackeln trugen, einer Anzahl von Leibgarden und des hinterlassenen kaiserl. königl. obersten Kämmerers, wie auch einiger Kammerherren, in die Hofburgpfarrkirche übertragen, welche ganz schwarz behangen, und mit kaiserl. königl. Wapen ausgeziert, und in deren Mitte eine vier Stufen hohe, prächtig erleuchtete Trauerbühne errichtet war, auf die nun die Leiche in dem Sarge der öffentlichen Schau ausgestellt wurde. Neben dem Sarge zu beiden Seiten lagen auf schwarzsammetnen Polstern die Reichskrone sammt dem Zepter und Reichsapfel, die kais. Hauskrone, die ungarische und böhmische Krone, der Erzherzogliche Hut, die Toison- St. Stephans-Ordensketten, der militärische Marien-Theresienorden, sammt dem auf militärische Art gestülpten Hute, mit Quasten und Cocarde; ferner der Degen, der Stock und die Handschuhe. Die Feldmarschallsuniform des Monarchen war weiß, an den Füßen hatte er Stiefel mit Sporen, und auf dem Kopf eine stark gepuderte Perrücke. Die Mienen waren zwar unverändert, aber Gesicht und Körper waren sehr abgezehrt. Die drey adeligen Leibgarden hielten dabey die Wache. Der Sarg war, wie schon gesagt, mit schwarzem Sammt überzogen, und hatte sechs massiv silberne Handhaben, um ihn bequem tragen zu können. Das Gesicht lag gegen den Hochaltar. Auf diesem und den zwey Seitenaltären wurden bis Mittagszeit Messen gelesen, bey welchen die Minister, geheimen Räthe und Kämmerer, wie auch vornehme Damen ihr Gebeth verrichteten. Des Morgens und Abends wurde von der Hofmusik das Miserere abgesungen. Montags den 22. Nachmittags um 3 Uhr besetzten die Wachen alle die Gassen und Zugänge, wo die Leiche zu passiren hatte. Um 4 Uhr mußte sich alles entfernen. Um 5 Uhr ging der Leichenzug aus der Pfarrkirche der P. P. Augustiner über den Spitalplatz bis an die Capuzinerkirche in folgender Ordnung: Ein Commando von der Cavallerie, dann die sämmtlichen Spitalleute, hierauf alle Ordensgeistliche mit brennenden Wachskerzen, die sämmtlichen Pfarrer der Stadt und Vorstädte, der Stadtmagistrat, die niederösterr. Landstände, die Räthe vom Reichshofrath, wie auch von den Hof- und Landesstellen ohne Beobachtung eines Ranges, alle in Trauerkleidern und schwarzen Mänteln; ferner der hinterlassene Hofstaat, von allen Hofstäben in der vorgeschriebenen Trauerkleidung, machten die erste Abtheilung des Leichenzuges aus. Bis diese an die Capuziner-Kirche kamen, hatten sich mittlerweile die hinterlassenen obersten Hofämter, ferner die Ritter des goldenen Vließes, die Großkreuze, Commandeurs und Ritter des Marien-Theresien-Ordens, die geheimen Räthe, Kammerherren und der äußerste Hofstaat, die Damen, endlich der Rector Magnificus und die 4 Dechanten der Universität, wie auch das dortige Metropolitancapitel in der Capuziner-Kirche versammelt. Vom Josephs-Platze an, bis zu der Kirche waren brennende Pechkerzen aufgestellt, und längs derselben zu beiden Seiten, machte das Militär eine geschlossene Reihe. Auf dem Neumarkt paradirte ein Bataillon Infanterie und ein Commando Cavallerie. Um 6 Uhr verkündigte das Läuten aller Glocken, daß der Sarg gehoben werden sollte. In der Burg machte die daselbst befindliche Wache mit gesenktem Gewehre Parade, und man hörte die Trauermusik, die die Umstehenden zum Weinen brachte. Der Abend war helle, klar, und nicht kalt. Gleich nach 6 Uhr wurde der Leichnam von dem Trauergerüste durch kaiserl. königl. Kammerdiener gehoben, der Sarg verschlossen, und von dem Hofburgpfarrer, unter der Assistirung des Hofceremoniars und der Hofcapläne und im Beyseyn der mit brennenden Fackeln versehenen Edelknaben, der Leibgarden, des obersten Kämmerers und des obersten Stallmeisters, wie auch der anwesenden drey Gardecapitäne eingesegnet, und in den mit sechs Pferden bespannten, ringsumher mit Gläsern versehenen schwarzdrapirten Hofleichenwagen übertragen. Hierauf ging der weitere Leichenzug über den Josephsplatz nächst den P. P. Augustinern vorbey, über den Spitalplatz in folgender Ordnung zur Kapuziner-Kirche: Voraus ritt Cavallerie, dann folgten, 1) zwey einspännige; 2) drey viersitzige Hofwagen mit Hofkammerdienern und Kammerfouriren; 3) ein sechsspänniger Hofwagen, worin die drey anwesenden kaiserl. königl. Leibgardencapitäne saßen; und 4) ein zweyter sechsspänniger Hofwagen, mit dem obersten Kämmerer und dem obersten Stallmeister; hierauf folgten 5) die kaiserl. königl. Läufer und Leiblakayen in Trauerkleidung; endlich 6) der Leichenwagen mit dem auf Polstern erhaben liegenden Sarge. Zu jeder Seite des Schlags gingen zwey Hoflakayen, dann rechts und links Edelknaben mit brennenden Kerzen, und weiter auswärts, nächst demselben die Arcieren- und Leibgarden zu Fuß. Nach dem Leichenwagen folgte 7) die königl. ungarische Leibgarde zu Pferde mit entblößtem Seitengewehre, unter dem Spiele der mir Tuch bedecken Pauken und gedämpften Trompeten. Den Zug beschlossen 8) eine Compagnie Grenadiere und ein Commando von Cavallerie. Bey Anlangung an der Kirchthüre wurde der Sarg von Hofkammerdienern aus dem Wagen gehoben, und auf die in der Kirche errichtete, mit Goldstoff bedeckte Bühne gestellt, allda von dem Wiener Cardinalerzbischofe Migazzi unter Assistirung mehrerer Bischöfe, und der niederösterreichischen Prälaten, mit Würde und Salbung eingesegnet. Sodann übernahmen die Kammerherrn den Sarg und trugen ihn zu der in dieser Kirche befindlichen Erzherzoglichen österreichischen Gruft. Die P. P. Capuziner-Guardiane übernahmen ihn darauf, und brachten ihn unter Voraustretung vieler Ordensleute, die mit brennenden Kerzen versehen waren, bis an das eiserne Thor, welches (wie bey solchen Fällen gewöhnlich ist) verschlossen war. Einer von ihnen klopfte an, und der Pater Guardian fragte, wer da sey? – »Der Leichnam des durchlauchtigsten Kaisers, Josephs des Zweyten.« Nach dreymahligem Fragen und dreymahliger Antwort wurde das Thor geöffnet, und der Sarg hinein getragen. Der oberste Hofmeister ließ sodann den Sarg durch einen Kammerfourir eröffnen, und zeigte den P. P. Capuzinern den Leichnam, welcher hier von dem Cardinal-Erzbischof zum letztenmahl eingesegnet worden war. Nach Eröffnung des Sarges verlas der Pater Guardian den auf einer Rolle geschriebenen Titel des Monarchen, und legte solche im Sarg zu den Füßen des Leichnams. Die andere übernahm der Oberst-Hofmeister, die dritte wird bey Hofe aufbewahrt, und die vierte gehört den ehrwürdigen Augustinern. Nachdem hierauf der Pater Guardian des Klosters feyerlichst die beste Obsorge angelobt hatte, wurde der Sarg verschlossen, und ihm einer der beyden Schlüssel übergeben. Auf diese Weise war die feyerliche Ceremonie vollbracht. Am folgenden Tage nahmen in der Hofkirche der Augustiner in der Stadt die Todtenvigilien den Anfang, zu welcher Feyerlichkeit die Kirche nach Angabe des Hofarchitekten von Hohenberg folgendermaßen eingerichtet war: In der Mitte stand ein 26 Schuh hohes Trauergerüste. Über solches hing ein schwarzsammetner Prachthimmel, der mit Gold besetzt, und auf den vier Eckspitzen mit kaiserlichen Adlern versehen war, mit so vielen herablaufenden schwarz untermengten, ausgebreiteten Goldstoffen. Auf dem Trauergerüste stand ein Sarg, worauf nebst dem Crucifix auf reichen Kissen die Reichsinsignien und Kleinodien, sammt der Reichs-, Ungarischen, Böhmischen und der Hauskrone, wie auch der österreichische Erzherzoghut, und die Ordenszeichen, der Feldmarschallsstab, Hut, Degen, und die Schärpe lagen. Auf den 8 Stufen des Gerüstes, welches reich geziert, und rings umher mit kaiserl. königl. Wapen behangen war, standen 372 silberne Leuchter und an den 4 Ecken Pyramiden, jede mit 72 Wachskerzen besteckt. Die ganze Kirche war durchaus schwarz behangen, mit 80 Wand- und Spiegelleuchtern, zwischen welchen auch Wapen eingetheilt waren, und mit 45 Lustern versehen. Der Hochaltar war mit dem reichgestickten Kreuztuche ganz überzogen, und mit den kaiserl. königl. Trauerwapen geziert. Überhaupt brannten 1700 Wachslichter. Er starb, als ein Weiser und als ein Christ! – Als der Monarch, wie schon gesagt, am 13. Februar das Abendmahl empfing, bethete er: »Herr, der du allein mein Herz kennest, dich rufe ich zum Zeugen an, daß ich alles, was ich unternahm und befahl, aus keinen andern Absichten, als zum Wohle und Besten meiner Unterthanen meinte; dein Wille geschehe!« – Kurz vor seinem Ende, als man mit ihm aus seinem Gebethbuch bethete, sagte er: »Nun ist's genug! dieß Gebethbuch werde ich auch nicht mehr brauchen, ich schenke es Ihnen (zum Beichtvater) behalten Sie es zum Andenken. Jetzt bethen Sie mir vor: In deine Hände, o Herr, befehle ich meinen Geist!« Seine Sinne schwanden, und nach 10 Minuten war er todt. Sein Testament war ein redender Zug seines originellen Characters. Es bestand aus sechs Zeilen, und enthielt nichts anders, als daß Joseph seinen Bruder Peter Leopold, zum Universalerben erklärte. Als Codizill war beygelegt: Seine Secretäre und diejenigen Hofleute, welche unmittelbar seine Person bedient hatten, sollten lebenslänglich ihren ganzen Gehalt fortgenießen. V. Kaiser Joseph, Feßler und die Capuzinergräuel in Wien. Der nachmals so berühmte Schriftsteller Ignaz Aurel Feßler (geb. 1754 zu Czundorf in Ungarn, † 1839) war bekanntlich Mitglied des Capuzinerordens zuerst in Möding, dann in Wien auf dem neuen Markte. Hier sah und hörte er so entsetzliche Dinge, daß es ihn trieb und drängte, den Kaiser davon in Kenntniß zu setzen, und er that das schriftlich unterm 24. Februar 1782 mittelst eines verläßlichen Bothen, direct an die Person des Monarchen. Feßler erzählt über diesen Hergang Folgendes: »Seit dem 23. Februar singe ich mit David ohne Unterlaß in meinem Innersten: Gelobt und gepriesen sey der Herr, der meine Feinde in meine Hände gab! Hier die wunderbare Art und Weise wie dieß geschah. In der Nacht vom 23. zum 24. Februar nach der elften Stunde, wurde ich von einem Layenbruder geweckt. »Nehmen Sie,« sprach er, »Ihr Cruzifix und folgen Sie mir.« Erschrocken fragte ich: Wohin? »Wo ich Sie hinführen werde.« Was soll ich? »Das werde ich Ihnen dort sagen.« Ohne zu wissen wohin und wozu, gehe ich nicht. »Der Guardian hat Kraft des heiligen Gehorsams befohlen, daß Sie mir folgen, wohin ich Sie führe.« Sobald von der Kraft des heiligen Gehorsams die Rede ist, muß unbedingt geschehen, was befohlen wird, jede weitere Weigerung ist Capital-Verbrechen. Mit Schaudern nahm ich mein Cruzifix und folgte dem Layenbruder, der mit einer Blendlaterne vorausging. Vor der Zelle eines meiner vertrauten Mitschüler vorbeygehend, trat ich schnell hinein, schüttelte ihn aus dem Schlafe, und sagte ihm lateinisch zweymal in das Ohr: »Man führet mich, Gott weiß wohin; erscheine ich morgen nicht, so melde es an Rautenstrauch.« Unser Weg ging in die Kirche, aus dieser durch ein Paar Kammern; bey Eröffnung der Letzteren rief mir der Bruder zu: »sieben Stufen hinunter!« Mir ward es enge um das Herz, es schien mir entschieden, daß ich kein Tageslicht mehr erblicken sollte. Wir gingen einen langen schmalen Gang, in dem ich rechts in der Mitte des Ganges einen kleinen Altar, links einige mit Hängeschlößern verschlossene Thüren erblickte. Mein Führer schloß eine derselben auf und sprach: »Da liegt ein Sterbender, Frater Nicomedes, ein Ungar, der deutschen Sprache nur wenig kundig, dem sollen Sie die Seele aussegnen. Ich bleibe hier, ist er hingeschieden, so rufen Sie mich.« Vor mir lag ein langgestreckter Greis, in abgenutztem Habit, unter wollener Decke, auf einem Strohsacke; die Kapuze deckte sein graues Haupt; sein schneeweißer Bart reichte ihm bis an den Gürtel. Neben der Bettstelle ein alter, elender Strohstuhl, ein alter schmutziger Tisch, darauf eine brennende Lampe. Ich sprach einige Worte zu dem Sterbenden; er hatte die Sprache bereits verloren, gab mir jedoch Zeichen, daß er mich verstände. An eine Beichte war nicht zu denken; durch leises Zusprechen half ich ihm Liebe zu Gott, Reue über seine Sünden und Hoffnung auf göttliche Barmherzigkeit in seinem Innern erwecken, und als er mir durch kräftigen Händedruck seine innerliche Rührung zu erkennen gab, ertheilte ich ihm die General-Absolution. Durch die übrige Zeit sprach ich ihm, langsam und pausenweise, Worte des Trostes und der Hoffnung auf ewige Seligkeit ein. Gegen drey Uhr, nach viertelstündigem schweren Todeskampfe, war er dort, seine Leiden hienieden geendigt. Bevor ich den Layenbruder herbeyrief, besah ich das Gefängniß genau, denn bey der Hülle des Entseelten schwur ich, diesen Gräuel dem Kaiser anzuzeigen. Auf meinen Ruf trat der Layenbruder ein, und im kältesten, gleichgültigsten Tone sagte ich: »Bruder Nicomedes ist weg.« »Der mag froh seyn, es überstanden zu haben,« erwiederte mein Führer eben so kalt. Wie lange war er hier?« »Zwey und fünfzig Jahre.« Nun da hat er seine Vergehungen hinlänglich gebüßt. »Ja, ja. Indessen war er doch nie krank. Erst gestern Abends indem ich ihm seinen Krug Wasser und seine Collation vorsetzte, rührte ihn der Schlag.« Wozu ist der Altar im Gange? »Dort liest ein Pater alle heiligen Zeiten die Messe für die Löwen, und reicht ihnen die Communion. Sehen Sie, da ist in jeder Thür eine kleine Öffnung, die da aufgemacht wird, durch sie verrichten die Löwen ihre Beichte, hören die Messe und empfangen die Communion.« Sind mehr solche Löwen hier? »Ich habe noch vier Stück, zwey Priester und zwey Layenbrüder zu warten.« Wie lange sind diese hier? »Der eine 50, der andere 42, der dritte 15, der vierte 9 Jahre.« Warum? »Das weiß unser einer nicht.« Warum werden sie Löwen genannt? »Weil ich der Löwenwächter heiße.« Ich hielt es nicht für rathsam, noch mehrere Fragen an diesen Löwenwärter zu thun. Ich ließ mir von ihm in meine Zelle leuchten und überdachte ruhig, was, und wie es nun zu thun sey. Am 24. Februar schrieb ich eine nachdrückliche Anzeige an den Kaiser mit meines Namens Unterzeichnung. Bald nach meiner Ankunft in Wien hatte ich an einem alten weltlichen Studenten, Bokorny genannt, Böhme von Geburt, von aufgeweckter Gemüthsart und treuem Sinne, einen behutsamen und gewandten Freund gefunden, dessen ich mich ohne alle Gefahr zu geheimen Sendungen an meine Freunde in der Stadt bedienen konnte. Am 25. Februar des Morgens gab ich ihm nach eidlich angelobtem Schweigen meine Schrift an den Kaiser; um 8 Uhr war er damit auf der Burg in dem Courirgange, wo gewöhnlich eine Anzahl Menschen mit ihren Bittschriften der Erscheinung des Monarchen harrten. Joseph nahm das Papier meinem Bothen ab, sah es schnell durch, verwahrte es von den andern Eingaben abgesondert, und entließ meinen Mann mit drohender Ermahnung zur strengsten Verschwiegenheit. Der Schlag ist nun gefallen; was weiter geschehen ist, oder daraus werden wird, weiß ich heute noch nicht. So wie sich etwas näheres entwickelt, gebe ich Ihnen Nachricht. Unterdessen erzählen Sie diese Geschichte, als wäre sie irgendwo im benachbarten Lande geschehen, meiner Mutter; damit ihr Glaube an die Heiligkeit der Pfaffen allmählig erschüttert werde \&c.« So weit Feßler selbst. Welchen Eindruck die Kunde jener entsetzlichen Frevel auf das Herz des Menschenfreundes Joseph machen mußte, läßt sich begreifen. Ungeachtet seiner natürlichen Heftigkeit übereilte sich jedoch der Kaiser hier nicht; bedächtig erwog er Alles auch mit Zuziehung des aufgeklärten Prälaten Rautenstrauch, welch letzterer unterdeß auch Anlaß gehabt hatte, Feßlern achten und lieben zu lernen. In Bezug auf die baldig günstige Schicksalswendung Feßlers kam noch ein besonderer Umstand hinzu, der auch den Kaiser vollends für den talentvollen, vielseitig unterrichteten, wahrheitsliebenden und unerschrockenen jungen Capuziner einnahm. Feßler hatte nämlich den Muth gehabt, mitten unter den düstern fanatischen Mönchen eine Schrift zu verfassen und drucken zu lassen, des Titels: » Was ist der Kaiser. Verfaßt von einem Capuzinermönch, herausgegeben von Feßler. « Wie die Capuziner hierüber tobten, läßt sich ermessen, und wie sie Rache brüteten mit den gräßlichsten Strafen; allein sie fühlten wohl, daß sie Ursache hätten, das Opfer vor der Hand noch zu schonen, denn gar Manches war bereits ruchtbar geworden. Inzwischen hatten sie vor, Feßlern nach Ungarn zu transportiren, um ihn dem Gesichtskreis zu entziehen, und desto schärfer züchtigen zu können. »Anstatt dessen aber,« erzählt Feßler (16. Oct. 1782) weiter, »ereignete sich etwas, das sie nöthigte ihres Opfers auf einige Tage zu vergessen. Ganz unerwartet erschien eine kaiserliche Commission, an ihrer Spitze der Regierungsrath Hägelin in dem Kloster; der Guardian ward vorgerufen, und nach Klostergefängnissen gefragt. Seine Antwort war: »Von Gefängnissen wisse er nichts; nur eine Correctionszelle wäre da, in welche widerspänstige Geistliche auf einige Zeit gesetzt würden.« – Von ihm hingeführt, fand Hägelin in der Reihe der übrigen bewohnten Zellen eine, von den andern nur durch ein eisernes Gitter vor dem Fenster unterschieden, Hägelin damit nicht befriedigt, fragte dreymal den Guardian auf sein Gewissen und im Namen des Kaisers ob keine andern Gefängnisse im Kloster wären? und dreimal antwortete er mit »nein.« »Führen Sie uns in die Küche,« sagte Hägelin; und trotz aller Wendungen mußte der Guardian voraus fort. In der Küche wandte sich die Commission sogleich rechts in die Waschkammer, aus dieser weiter. Die kleine Thür mußte aufgeschlossen werden; da schien den Guardian eine Ohnmacht anzuwandeln. Der Locus delicti war nun entdeckt, eine Beschreibung davon wurde zu Protokoll genommen, worauf einige Layenbrüder die Gefangenen in den Speisesaal hinausführen mußten. Dort blieb die Commission mit den Unglücklichen allein, um sie zu verhören. Dabey ergab sich, daß drey, die Patres Florentinus und Paternus und der Layenbruder Nemesian bereits in völligen Wahnsinn gerathen waren. Da wurde der Löwenwärter gerufen, um an ihrer Stelle zu antworten. Aus seiner Aussage ergab sich, daß Nemesian, durch die Lehre seines Novitzmeisters, er müsse in allen Menschen Gott ehren und lieben, anfänglich in Schwärmerey, dann in die Thorheit verfiel, zu Hause und auf den Straßen vor jedem Menschen auf die Knie zu fallen und ihn um den Segen zu bitten. Um dieser Thorheit willen war er eingesperrt worden, er saß, 71 Jahre alt, im fünfzigsten Jahre. P. Florentinus hatte, nach der Aussage des Löwenwärters, ein ungeheures Verbrechen begangen; er hatte, mehrmaliger Beschimpfungen wegen, seinem Guardian ein Paar Ohrfeigen versetzt: jetzt 73 Jahre alt, saß er im zwei und vierzigsten. P. Paternus ging Nachmittags immer ohne Erlaubniß des Guardians aus dem Kloster, um Besuche zu machen, kam jedoch immer zur rechten Zeit nach Hause. Dieß willkührliche Auslaufen konnte ihm aber nicht gestattet werden, und da er es nicht lassen wollte, wurde er festgesetzt. Von 56 Jahren seines Alters verlebte er 15 im Gefängnisse. Da die zwey übrigen bey vollkommenem Verstande waren, so wurde der Löwenwärter entlassen. Der Layenbruder Barnabas war, seiner Aussage nach, Kaufmannsdiener in Wien, hatte sich in seines Prinzipals Tochter verliebt, dieser ihm das Mädel verweigert; der Verliebte wurde aus Verzweiflung Capuziner. Während seines Probejahrs starb der Kaufmann; die Tochter schrieb ihrem Geliebten, er möchte austreten, kommen, und sie glücklich machen. Der Novitzenmeister unterschlug den Brief. Barnabas verpflichtet sich in seiner Unwissenheit durch die unauflöslichen Gelübde dem Orden. Bald darauf sieht ihn das Mädel bey der Messe dem Priester dienen, ruft ihn zur Pforte, erzählet was geschehen ist, überhäuft ihn mit Vorwürfen über seine Treulosigkeit. Er weiß von Allem nichts, läuft in äußerster Verzweiflung zu dem Guardian, wirft ihm Rosenkranz und Regel zu Füßen, mit der Erklärung, er wolle nimmer bethen, beichten noch von einem Pater dieses verdammten Ordens das Abendmal nehmen. Der Guardian ließ ihn ohne weiterm einschließen; er saß 9 Jahre und ist 38 Jahre alt. P. Thuribius hatte mit Lust Wieland's, Gellert's, Rabener's \&c. Schriften gelesen, und sich dieselben angeschafft. Der Guardian nahm sie ihm, als ketzerische und verbothene Bücher weg. Er fand Mittel sie nocheinmal zu bekommen. Der Guardian nahm sie zum zweiten Male. Zum dritten Male raufte er sich darum mit dem Guardian, es kam zum Handgemenge; Thuribius wurde nun in abgelegenem Klostergemach eingesperrt, so oft der Guardian mißlaunig war, in die Bibliothek geführt, auf den großen Tisch hingelegt, von Layenbrüdern gehalten, und vom Guardian mit Ochsensehnen geschlagen. Auf diese Weise hatte der arme Mensch gegen 600 Streiche in einem Jahre bekommen, bis der Layenbruder Florentianus Eder sich drohend vernehmen ließ, des Guardians Grausamkeiten gehörigen Ortes anzuzeigen. Thuribius wurde nach Wien gebracht und in das Gefängniß gesetzt. Er saß 5 Monate, 10 Tage und ist 28 Jahre alt. Der Provinzial und der Guardian wurden sogleich von der dazu ermächtigten Commission, bis zur weitern Entscheidung des Kaisers, ab officio suspendirt, dem Kloster-Vicarius P. Isaak die Regierung übertragen, die fünf Unglücklichen an demselben Tage noch den barmherzigen Brüdern zur Pflege überliefert. An eben diesem Tage waren auch in allen andern Mönchs- und Nonnenklöstern durch die ganze Monarchie kaiserliche Commissionen erschienen; die Berichte derselben werden noch erwartet. Den Capuzinern ahnet nichts Gutes.« Feßler war dem Kaiser bald persönlich bekannt geworden. Joseph würdigte den so vielfach ausgezeichneten, jungen Mann und ernannte ihn zum Lector, alsbald dann zum Professor an der Lemberger Hochschule. Noch während seines Aufenthaltes in Wien wurde Feßler mit Sternen ersten Glanzes näher bekannt z. B. mit Gebler, Born, Greiner, Sonnenfels \&c.; Alle erkannten seinen hohen seltenen Werth. VI. Kaiser Joseph in Paris. (Skizzirt von zwey französischen Damen.) 1. Seit der Thronbesteigung Ludwigs XVI. erwartete die Königinn den Besuch ihres Bruders des Kaisers Joseph II. Dieser Fürst war gewöhnlich der Gegenstand ihrer Unterhaltung, sie rühmte seinen Verstand, seine Liebe zur Arbeit, seine militärischen Kenntnisse, seine außerordentliche Einfachheit. Se. Majestät wünschte lebhaft, einen seines Ranges so würdigen Fürsten am Versailler Hofe zu sehen. Endlich wurde der Augenblick der Ankunft Joseph des II. unter dem Nahmen eines Grafen von Falkenstein angekündigt und selbst der Tag festgesetzt, an welchem er in Marseille eintreffen sollte. Die ersten Umarmungen der Königinn und ihres Bruders hatten das ganze königliche Haus zum Zeugen. Dieses Schauspiel war sehr rührend . . . Anfangs wurde der Kaiser allgemein bewundert: Die Gelehrten, die unterrichteten Militärs, berühmten Künstler, priesen alle den Umfang seiner Kenntnisse. Weniger Huldigungen empfing er am Hofe, und noch weniger von Seiten der Königinn und des Königs. Die Königinn sprach mit ihm von den Appartements, die sie für ihn im Schlosse hatte einrichten lassen, allein er antwortete, daß er keinen Gebrauch davon machen werde, da er auf der Reise stets im Wirthshause ( au cabaret – ce fut sa propre expression – ) wohne. Die Königinn bestand jedoch auf ihrem Anerbieten und versicherte ihn, daß er ganz frey und von allem Lärm entfernt seyn werde. Er antwortete: er wisse, daß das Schloß von Versailles sehr groß sey, und daß man darin so viele »polissons« logiere, daß er wohl auch einen Platz finden könne, allein sein Kammerdiener habe schon in einem Gasthof sein Feldbett zurecht gelegt, und er wolle dort wohnen. Er speiste mit dem König und der Königinn, und soupirte mit der ganzen Familie. Er zeigte Interesse für die Prinzessinn Elisabeth, die eben die Kinderschuhe ausgezogen hatte, und die ganze Frische dieses Alters besaß. Es ging damahls das Gerücht von einer Heirath mit dieser jungen Schwester des Königs, allein ich glaube, es hatte keinen Grund. Ich war täglich bey dem Diner der Königinn. Der Kaiser sprach dabey viel und anhaltend, und drückte sich in unserer Sprache mit Leichtigkeit aus. Die Seltsamkeit seiner Ausdrücke machte diese Unterhaltungen pikant. Ich hörte ihn öfters sagen, daß er die choses spectaculeuses liebe; womit er alles bezeichnen wollte, was einen interessanten Anblick gewährte. Er verhehlte seine Vorurtheile gegen die Etikette und Gebräuche des Hofes keineswegs, und machte sie oft sogar in Gegenwart des Königs zum Gegenstand seiner Sarkasmen. Der König lächelte, und erwiederte kein Wort, die Königinn schien es anfangs zu dulden. Der Kaiser beschloß oft seine Erzählungen von dem, was er in Paris gesehen und bewundert hatte, mit Vorwürfen gegen den König, dem die merkwürdigsten Dinge unbekannt waren; er konnte nicht begreifen, wie man so viele Schätze an trefflichen Gemälden im Staub der Magazine verwahrlosen könne, und sagte eines Tages zu ihm, daß er selbst die größten Meisterstücke, die er besäße, nicht kennen würde, wäre es nicht üblich, einige davon in den Appartements von Versailles aufzustellen. Er warf ihm auch vor, daß er weder das Invalidenhaus noch die Militärschule besucht habe, und sagte ihm sogar in unserer Gegenwart, daß er nicht nur Alles, was in Paris wäre, kennen, sondern auch Reisen im Lande machen und in jeder seiner großen Städte einige Tage sich aufhalten sollte. Die Königinn wurde endlich durch die Aufrichtigkeit ihres Bruders verletzt und machte ihm darüber Vorwürfe. Eines Tages war sie beschäftigt mit Unterzeichnung einiger Anordnungen und Befehle zu Zahlungen für ihren Haushalt, und unterhielt sich mit Herrn Augeard, ihrem Secretär, der ihr nach und nach die Papiere zur Unterschrift überreichte und sie wieder in sein Portefeuille legte. Während dieser Beschäftigung ging der Kaiser im Zimmer auf und ab, plötzlich aber blieb er stehen, um der Königinn strenge Vorwürfe zu machen über den Leichtsinn, mit welchem sie die Papiere unterschrieb, ohne sie gelesen zu haben. Er stellte ihr die Gefahr dieses Verfahrens vor. Die Königinn antwortete, daß man die besten Grundsätze schlecht anwenden könne, daß ihr Secretär ihr volles Vertrauen verdiene, und daß sie bey ihrem Verfahren nichts riskire, da alle Zahlungen in der Rechnungskammer einregistrirt würden. Die Toilette der Königinn war nicht minder ein Gegenstand der unaufhörlichen Critik des Kaisers. Er machte ihr den Vorwurf, daß sie so viele Moden eingeführt habe, und neckte sie wegen des übermäßigen Auflegens von Roth, an das sich seine Augen nicht gewöhnen konnten. Eines Tages, als sie mehr als gewöhnlich auflegte, ehe sie ins Schauspiel ging, rieth er ihr noch mehr aufzulegen und sagte, indem er auf eine Dame wies, welche in der That sehr stark geschminkt war: »Noch ein wenig unter die Augen daß sie aussehe wie eine Furie und wie diese Dame.« Die Königinn bath ihren Bruder, seine Laune zu mäßigen, und seine Späße nur an sie zu richten, besonders wenn sie nichts Verbindliches enthielten. Diese Art, alle Gebräuche zu critisiren, wurde den Leuten, welche an den alten Sitten hingen, sehr unangenehm, und sie wußten ihm wenig Dank für seine übel angebrachte Offenheit. Die Königinn hatte mit dem Kaiser eine Zusammenkunft im théâtre italien verabredet, besann sich aber eines Andern und begab sich ins théâtre français. Sie schickte einen Pagen in das théâtre italien und ließ ihren Bruder bitten, zu ihr zu kommen. Der Kaiser verließ in Begleitung des Herrn de la Ferté, Intendanten der menus-plaisirs, die Loge, welcher sehr bestürzt war, als er den Kaiser zu dem Schauspieler Clairval sagen hörte: »Eure junge Königinn ist sehr unbesonnen, aber glücklicherweise mißfällt das euch Franzosen nicht.« Ich befand mich mit meinem Schwiegervater in einem Cabinet der Königinn. Der Kaiser kam dahin, um sie dort zu erwarten, und da er wußte, daß Herr Campan das Amt eines Bibliothekars bekleidete, so unterhielt er sich mit ihm über die Büchersammlung der Königinn. Nachdem er von unsern berühmtesten Schriftstellern gesprochen, sagte er: »Zuverlässig gibt es hier keine Werke über Finanz- und Staatsverwaltung.« Diesen Worten folgte seine Meinung über Alles was in diesem Fache geschrieben wurde, über unsere berühmten Minister Sully und Colbert, über die Fehler, welche unaufhörlich in Frankreich begangen würden und zwar in Dingen, welche für die Wohlfahrt des Reiches höchst wichtig wären, über die Reformen, welche er selbst in Wien vornehmen würde, wenn er die Macht dazu erlange. Er sprach so mit Herrn Campan, den er beym Rockknopf hielt, über eine Stunde mit der größten Heftigkeit und ohne den geringsten Rückhalt und Mäßigung über die französische Staatsverwaltung, was sehr unpassend gefunden wurde. Das Erstaunen und der Respect veranlaßte uns zu tiefem Stillschweigen, und da dieser Unterredung Niemand zuhörte als ich und Herr Campan, so nahmen wir uns vor, nie davon zu sprechen. Der Kaiser liebte es, die geheimen Anecdoten von den italienischen Höfen zu erzählen, welche er besucht hatte; die eifersüchtigen Zänkereyen zwischen dem König und der Königinn von Neapel amüsirten ihn sehr. Er schilderte vollkommen die Manieren dieses Monarchen. Er erzählte auch viel von dem Hofe zu Parma, von welchem er mit ziemlicher Geringschätzung sprach. Von seinem Bruder dem Großherzog von Toscana, erzählte er eine heitere Anecdote: Bey einer Zusammenkunft des Großherzogs von Toscana mit dem Könige von Neapel sprach der Erstere viel von den Veränderungen, welche er in seinen Staaten bewirkt habe. Der Großherzog hatte eine Menge neuer Edicte ergehen lassen, um die Vorschriften der Öconomisten in Ausübung zu bringen, in der Hoffnung, dadurch das Glück seines Volkes zu befördern. Der König von Neapel ließ ihn lange reden, dann stellte er ihm die einfache Frage: wie viel er wohl neapolitanische Familien in Toscana zähle? Der Großherzog hatte ihre kleine Zahl bald ausgemittelt. »Wohlan, mein Herr Bruder,« versetzte hierauf der König von Neapel, »ich begreife dann nicht, warum Ihre Völker so wenig das Glück suchen; denn ich habe viermahl mehr ansässige Familien aus Toscana in meinen Staaten, als Sie neapolitanische bey Ihnen haben.« Als eines Tages die Königinn mit dem Kaiser in der Oper sich befand, und der Letztere verborgen bleiben wollte, nahm ihn die Königinn bey der Hand und zog ihn mit einiger Gewalt zu den ersten Plätzen hervor. Diese Art einer Vorstellung ihres Bruders, machte auf das Publicum den größten Eindruck. Man gab Iphigenie in Aulis. Man verlangte mit großer Hitze die Wiederholung des Chors: Chansons, célébrons notre Reine, und begleitete ihn mit allgemein stürmischem Beyfall. Im kleinen Trianon wurde eine Festlichkeit neuer Art gegeben. Die Kunst mit welcher man den englischen Garten erleuchtet hatte, machte einen reizenden Effect; Sträucher und Blumen waren von kleinen Lampen beleuchtet und stellten sich in dem seltsamsten und angenehmsten Farbenspiel dar. Einige hundert Reisbündel unterhielten hinter dem Tempel der Liebe im Graben eine große Helle. Das Local erlaubte nicht, eine große Anzahl von Hofleuten zu dem Feste zuzulassen. Die nichtgeladenen Personen wurden mißvergnügt, und das Volk, welches nur die Feste verzeiht, welche es genießt, nahm großen Antheil an den Gerüchten, welche die Mißgunst ausstreute, und nach welchen die Kosten dieser Festlichkeit so groß waren, daß die verbrannten Reisbündel die Zerstörung eines ganzen Waldes erfordert zu haben schienen. Die Königinn, welche davon Nachricht erhielt, wollte durchaus genau wissen, wie viel Holz verbraucht wurde und man erfuhr, daß 1500 Reisbündel hingereicht hatten, das Feuer bis 4 Uhr Morgens zu unterhalten. Alle Offiziere der Kammer der Königinn hatten während des Aufenthaltes des Kaisers oft Gelegenheit, ihm zu dienen; man erwartete, daß er vor seiner Abreise Geschenke vertheilen werde. Es war ihnen jedoch durch ihren Eid verbothen, Geschenke von fremden Fürsten anzunehmen; man kam daher überein, daß man vorerst die Geschenke des Kaisers ablehnen werde, um mittlerweile die Erlaubniß zur Annahme derselben auszuwirken. Der Kaiser, von diesem Gebrauch unterrichtet, enthob alle diese ehrlichen Leute ihrer Verlegenheit und reiste ab, ohne ein einziges Geschenk zu machen. Madame de Campan. (Mémoires sur la vie privée de Marie Antoinette.) 2. Der Kaiser kam vorgestern zwischen 5 und 6 Uhr Abends an; er stieg bey seinem Gesandten ab, der ihn wegen eines Hämorrhoidalzufalles nicht begleiten konnte. Er war gestern Morgens in Versailles und besuchte alle Prinzen und Minister. Er zeichnete sich durch eine hinreißende Leutseligkeit aus. Man sagt, er werde keinen Besuch annehmen, aber Jedermann als Graf Falkenstein seinen Besuch abstatten. Der Kaiser wird allgemein bewundert; er war gestern in der Academie der Wissenschaften. Man erwartete ihn dort seit 12 bis 14 Tagen, und Alles war vorbereitet, um in seiner Gegenwart einige chemische Experimente vorzunehmen. Er wollte durchaus keinen ausgezeichneten Platz einnehmen; es hatte den Anschein, daß er keine andere Academie besuchen werde. Es vergeht kein Tag, an welchem er nicht einige Anstalten, Manufacturen \&c. besucht. Er schläft bei seinem Gesandten, dem Grafen von Mercy, steht um 8 Uhr Morgens auf, macht alle seine Touren bis 2 Uhr, worauf er sich in das Hotel de Treville begibt, wo sein ganzes Gefolge wohnt. Er speist dort mit Colloredo, Cobenzl, Belgiojoso, und geht dann mit ihnen oder ohne sie aus. Zuweilen besucht er das Schauspiel, oder die Häuser in der Umgebung von Paris. Er beobachtet Alles, kritisirt nichts; ich glaube, er ist über die außerordentliche Pracht unsers Hofes erstaunt, aber nicht eifersüchtig darauf. Die Schöngeister müssen sehr erstaunt seyn, wegen der geringen Aufmerksamkeit, welche er ihnen erweist, deßhalb erscheint weder in Versen noch in Prosa etwas zu seinem Lobe. Man gibt ihm Dienstag ein Fest im Trianon, und Donnerstag eines in Coisy. Man spricht hier nur vom Kaiser. Durch Zufall bekam ich ihn zu sehen, ich soupirte am vergangenen Montag bey Necker, und kam um halb 10 Uhr dahin. Der Kaiser war dort seit ein Viertel auf 8 Uhr, hatte sich fast zwey Stunden lang mit Herrn Necker unterhalten, worauf er sich zu Madame Necker verfügte, welche die Herren Gibbon, Boismont, Marmontel und Schouwaloff bey sich hatte. Als ich zur Thüre hineinkam, ging er mir entgegen und sagte zu Madame Necker: »Stellen Sie mich vor.« Ich machte eine tiefe Verbeugung und begab mich auf mein Fauteuil. Er ließ sich hierauf in ein kleines Gespräch mit mir ein. Er blieb bis nach 10 Uhr. Er spricht unsere Sprache sehr gut, ist sehr einfach und wundert sich daß man darüber erstaunt. Er sagt, der natürliche Zustand sey nicht der eines Königs, sondern der Menschen. Es gibt nichts was er nicht sehen oder wissen wollte. Er war Freytags in der Academie der schönen Wissenschaften und gestern in der Academie française. Man weiß den Tag seiner Abreise nicht. Er hat hier große Anerkennung gefunden, allein, da er Niemand auszeichnete, so fangen Jene, welche ausgezeichnet seyn wollen, an, in seinem Lobe zu erkalten. Er wollte Herrn Turgot sehen, und war in dieser Absicht bey der Herzoginn von Enville, und hierauf bey Madame Blondel, unter dem Vorwande, daß Herr Blondel als bevollmächtigter Minister in Wien gewesen sey, und daß er Alle besuche, welche dort gewesen sind. Er schwatzte viel mit Herrn Turgot, welchen er bey diesen beyden Damen antreffen konnte. Wahrscheinlich hat er ihn kennen lernen wollen, weil sein Verwaltungssystem in Florenz angewendet wurde. Bey seiner Unterredung mit Herrn Necker waren die Herren Colloredo, Mercy, Cobenzl und Belgiojoso gegenwärtig. Noch muß ich Ihnen von einem glücklichen Zufall erzählen, der sich in der comédie française, in Anwesenheit des Kaisers ereignet hat. Man gab den Ödipus, in welchem (2. Akt. 21. Scene.) Jocaste von Laius sagt: Ce Roi plus grand que sa fortune (!!) Dedaignait comme vous une pompe importune: On ne voyoit jamais marcher devant son char D'un bataillon nombreux le fastueux rempart: Au milien des sujets soumis à sa puissance, Comme il était sans crainte, il marchait sans défense; Par l'amour de son peuple il se croyoit garde. Bey diesen Versen erhob sich ein stürmischer Beyfall. Er war überall; er hat die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erforschen wollen, man weiß nicht, welche Epoche er vorzieht. Man hat sich vielleicht zu sehr daran gewöhnt, ihn zu sehen; die Eindrücke, welche er gemacht hat, sind abgenützt, die Einfachheit gefällt, aber auf die Länge scheint sie weniger pikant. Ich glaube, seine Reisen werden ihm nützlich seyn; er schreibt jeden Abend Alles auf, was er gesehen, gehört und behalten hat. Sein Kopf wird mit vielen Kenntnissen angefüllt werden, es können daraus Gedanken entspringen. Es hat allen Anschein, daß er ein sehr guter Souverän werden und mehr ihrem Heinrich VII. oder Carl V. gleichen wird, als Friedrich II. Marquise du Deffand. (Lettres à Horace Walpole.) VII. Josephinische Memorabilien von dem 1810 verstorbenen Hofrath von Bretschneider . Gelehrsamkeit oder auch nur oberflächliche wissenschaftliche Kenntnisse waren Josephs Sache nicht, ob er gleich nicht ganz leer war, und von den italienischen Dichtern viele Stellen auswendig hersagen konnte. Er hatte seinen Tasso und Ariost gelesen; und dazu ist er vermuthlich in seiner Jugend angehalten worden, denn er recitirte die Verse so ziemlich im Schultone. Der König von Preußen hatte ihm bey der Zusammenkunft in Schlesien die Reveries du Comte de Saxe empfohlen, und ihm ein elegant gebundenes Exemplar geschenkt. – Mich hat einer von seinen Leuten, der bis an sein Ende um ihn war, versichert, daß zwar dieses Buch in der ganzen langen Zeit seit der schlesischen Zusammenkunft nicht von des Kaisers Nachttische gekommen sey, daß aber alle Blätter noch am goldenen Schnitt fest zusammenklebten als er starb. Er kam einmal in die ehemahlige Garellische Bibliothek, die auf seinen Befehl die Lembergische Universitäts-Bibliothek geworden war, und erblickte da ein Werk in Folio von 9 oder 10 Bänden mit dem auswendigen Titel: Cornelii a Lapide Opera. »Hat der Patron so viel geschrieben? das hab ich nicht gewußt. Er gehört unter die Prohibita, und muß hier weggestellt werden; auch soll man das Buch Niemand zu lesen erlauben.« Hieraus sieht man, daß er den Cornelius a Lapide mit dem Hippolytus a Lapide verwechselte, welch letzterer ein Buch gegen das Haus Österreich geschrieben hat: Dissertatio de ratione status in omperio nostro Romano-Germanico etc. § 1. 1640 4. Der deutschen Sprache war Joseph günstig, und wollte sie durchaus in seinen Ländern, wo mancherley Zungen gesprochen werden, als die allgemeine Geschäftssprache einführen; welches eben nicht so geschwind auszuführen war, als er sich einbildete. Er erzählte uns einmal Abends im Casino zu Lemberg, der König von Preußen habe gegen ihn geäußert, die deutsche Sprache habe weder Wohlklang noch Tonkraft, dem Schalle der Worte fehle die Analogie mit der Sache die sie ausdrücken sollten, und er wisse im Deutschen von dieser Art nichts, als die saubere Floskel des Pöbels: Leck mich u. s. w., welche einen der Sache angemessenen Klange mit sich führe. Joseph liebte Musik, spielte selbst den Flügel und die Baßgeige, war ein Freund vom Theater, und beförderte gern öffentliche Lustbarkeiten aller Art; war gern da, wo viele Menschen sich versammelten, um sich zu ergötzen; und eröffnete aus dem Grunde Prater und Augarten allen Ständen. Die Oper, il Re Teodoro mußte der Hofpoet Casti, auf seinen Befehl verfertigen: aber sie fiel nicht ganz so aus, wie sie der Kaiser wünschte. Er wollte eine Satyre auf den König von Schweden haben, der damals in den europäischen Ländern herumreiste, aber der Geist der Satyre ruhte nicht auf dem Abbate, und Se. Majestät waren endlich auch mit dem zufrieden, was der Dichter geliefert hatte. Die vortreffliche Musik des Paisiello wird das Ohr des Kenners immer schätzen; diese Oper wird sich erhalten, wenn auch kein Mensch mehr weiß, daß sie auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers Joseph geschrieben wurde, und was den Text anbelangt, so möchte er durch einige kleine Veränderungen, die weder Zeit noch Kunst erfordern, sehr viel gewinnen. Es kommt mir sehr anstößig vor, daß der arme Theodor, der sich durch das ganze Stück als ein ehrlicher Mann aufführt, der mit seinem unglücklichen Schicksal das Mitleiden des Zuschauers erregt, am Ende von einem eifersüchtigen Kaufmannsburschen verspottet und gemißhandelt wird. Mich dünkt, der Dichter erwecke damit mehr Abscheu als Vergnügen. Wenn er seinen Helden, wie den Schelm Gafforio, als einen Windbeutel oder als einen Betrüger oder Bösewicht, wie Don Juan, aufgeführt hätte, dann könnte so ein Ausgang seinen moralischen Werth haben: aber er zeigt durchaus keinen bösen Character, und der Knoten des Dramas löset sich am Ende mit seinen Schulden, die ihm wie eine Litaney vorgesungen werden. Diese Schulden und die Liebe zu der schönen Wirthstochter sind also das Verbrechen, die ihn ins Gefängniß bringen, und ich finde darin eben die Eigenschaften, die ihn zum Könige qualificiren. Ludwig, dieses Nahmens der fünfzehnte, mit dem Zunahmen der Vielgeliebte, hat fünfzig Jahre regiert – Liebe und Schulden begleiteten ihn bis zum Grabe. Die ihn der Tiranney oder der Grausamkeit beschuldigen, bedenken nicht, wie nothwendig es bey dem Antritt seiner Regierung war, Beyspiele strenger Gerechtigkeit zu zeigen. Er war eben nicht hartherzig: aber das hab' ich an ihm bemerkt, daß er es gern sah, wenn man sich vor ihm fürchtete. Man konnte ihn durch nichts in bessere Laune versetzen, als durch eine Erzählung von Schrecken und Furcht vor seiner Person. Nichts hatte indessen mehr Aufsehen gemacht und auf seinen Ruf einen schlimmern Einfluß gehabt, als die Geschichte des Obersten Szekely. Dem Kaiser wird dabey hauptsächlich zur Last gelegt, daß dieser Mann sich ihm anvertraut und sich gleichsam in seine Arme geworfen hatte, und doch eine so entehrende Strafe ausstehen mußte. Man hat Beyspiele von Potentaten, welche groß genug dachten, denen, die sich ihnen anvertrauten, zu verzeihen. Ludwig der Vierzehnte schickte einem General, dem befohlen war, nach Paris zu kommen, einen Eilbothen entgegen, mit dem Befehle, sogleich wieder zurück zu der Armee zu gehen, weil die Frau dieses Generals dem Könige zu Füssen gefallen war, und ihm das Bekenntniß abgelegt hatte, daß sie sich in Abwesenheit ihres Mannes habe schwängern lassen. Das war freylich galant von einem Monarchen, den die Hugenotten einen Tyrannen hießen, weil er sie mit Feuer und Schwert bekehrte, und der die Pfalz verbrennen ließ; aber es war hier nicht die Rede von Eingriffen in eine Staatscasse, wobey das Beyspiel einer solchen Großmuth und Willfährigkeit zum Verzeihen, um der Folgen willen, nicht sehr rathsam wäre. Inzwischen verdient der gute Szekely, der ein Opfer ausgelernter Spitzbuben ward, daß man seine Geschichte in der wahren Gestalt darstelle. Denn sie ist aus Gründen, die jedem bey meiner Erzählung einleuchten müssen, der Welt noch immer ein Geheimniß geblieben. So wie Maria Theresia die Augen geschlossen hatte, kroch ein Völkchen aus Winkeln und Nebenwegen hervor, das sich zeither gar nicht hatte blicken lassen; es nennt sich Rosenkreutzer, und war bekannt genug. Diese Leute hoben nun ihre Häupter empor, wagten, in guter Hoffnung auf die bekannte Toleranz des neuen Regenten, daß er selbst bald mitarbeiten werde, ohne Scheu öffentlich ihr Wesen zu treiben, warben viele Rekruten und hatten starken Zulauf. Auf ihren Meisterstühlen saßen ein Paar feine Hypokriten, ein jeder nach seiner Weise, wovon ich jetzt nur den Reichshofraths-Agenten Matolai zu nennen brauche, weil er Meister vom Stuhl der nämlichen Loge war, in welche sich Szekely zu seinem Unglücke hatte aufnehmen lassen. Allein den armen Schafen, die sich in den Orden locken ließen, und den Worten der Apostel desselben glaubten, spiegelte man außerordentliche Glückseligkeiten vor, die ihrer warteten. Der glattzüngige Matolai wußte ihnen insbesondere das System der Goldmacherey und den Umgang mit den Geistern mit sehr geheimnißvollen Mienen ganz süß und lieblich beyzubringen; und der arme Szekely war auch einer von den Fischen, die an dieser Angel anbissen. Er dünkte sich unendlich glücklich, in eine Gesellschaft gekommen zu seyn, die ihm goldene Berge versprach, und arbeitete fleißig. Unter Arbeiten wird hier nichts Anderes verstanden, als fleißig alle Logen zu besuchen; seinen Beitrag richtig zu bezahlen, die Obern als außerordentliche große Männer zu verehren, und in den Hieroglyphen große und sehr nutzbare Geheimnisse zu suchen. Zum Glauben an solche Possen sind die Menschen sehr geneigt; denn die Mittel reich zu werden, die weder Zeit noch Mühe brauchen, sind doch wahrhaftig gescheidter, als wenn einer mit Krämereyen anfangen muß, und stufenweise nach 20 oder 30 Jahren mit vieler Mühe und Anstrengung zum Glück gelangen kann, ein Banquier zu werden. Matolai war zugleich Rosenkreutzer, welche letzte Stufe der Dummheit von der Einen und der Betrügerey von der andern Seite auch Szekely betrat; überdieß wurde er mit der Hoffnung gelabt, gar nicht mehr weit von dem Lapide (Stein der Weisen) entfernt zu seyn; einstweilen aber könne er vorher zu andern wichtigen Geheimnissen und Kunststücken gelangen, zu Universalarzeneyen, womit herrliche Wunderkuren zu verrichten wären, durch die man so viel gewinnen könne, als die Kosten des Hauptprozesses betragen würden. Kurz, Szekely träumte sich ein Himmelreich aus all den Hoffnungen, die er sich und Matolai ihm machte. Um diese Zeit kam ein gewisser Baron Liebenstein nach Wien, und brachte einen Laboranten mit, der Götz hieß und dieser hatte ein Weib, das viel schwatzte. Liebenstein ist der Erfinder des sogenannten philosophischen Goldsalzes, eines guten Arzeneymittels gegen Schärfe im Blute. Es besteht aus stark mit Vitriol gesättigtem Weinstein. Liebenstein kam nach Wien, um sich da Absatz seines Goldsalzes zu verschaffen, und hatte den Laboranten Götz mitgenommen, um ihn bey Verfertigung desselben zu brauchen. Außerdem waren Götz und seine Frau, er Bedienter und sie Köchinn des Barons. Nun traf sichs, daß der Visitator auf der Hauptmauth in Wien, der die Koffer des Baron Liebenstein zu untersuchen hatte, ein der Kunst sehr ergebener Rosenkreutzer war. Er hieß Bacciochi. Als dieser Mann so viel chemisches Geschirr und anderes Werkzeug, das zu dem Goldsalze gebraucht wurde, unter dem Geräthe des Barons fand; so kam er gleich auf den Gedanken, der Eigenthümer dieser Dinge müsse ohne Zweifel einer von den geheimen Obern der Rosenkreutzer seyn. Er begegnete ihm daher mit der größten Ehrfurcht, begleitete ihn in sein Quartier, und fand, weil Liebenstein sich nicht mit ihm einlassen wollte, alle Kennzeichen eines solchen geheimen Obern, die sich nicht zu erkennen geben. Er ermangelte also nicht, seinem bekannten Obern Matolai Rapport zu erstatten, und verbrämte seine Erzählung mit so vielen wunderbaren Eigenschaften, die er jenem beylegte, daß die ganze Societas Rosaecrucianorum, die damals in Wien schwärmte, in Bewegung über den Gast gerieth. Die Herren wollten sein Incognito nicht gelten lassen, und sendeten eine Deputation an ihn, die ihn, mit aller, einem unbekannten Obern gebührenden Reverenz und Unterwerfung einladen sollte, sie mit seinem Besuch zu beehren, ihre Arbeiten zu prüfen, und ihnen aus der Schatzkammer seiner Geheimnisse etliche Kleinodien mitzutheilen. Liebenstein, der noch im 83. Jahre seines Alters gesund und frisch herumwanderte, aber, wie man hören wird, durch diese Leute blutarm geworden ist, war im siebenjährigen Kriege Hauptmann in preußischen Diensten und Adjutant des Generals Salomon. Er ist ein Mann ohne Complimente, geradsinnig, ehrlich und aufrichtig. Da kamen nun freylich die Herren Deputati an den unrechten Mann. Er fertigte sie kurz ab, nannte ihre Rosenkreutzerey Narrenspossen und ihr ganzes Wesen Betrügerey, sagte ihnen, daß ihre unbekannten Obern sie bey der Nase herum führten, und wollte sich auf sein Geldsalz auf keine Art mit ihnen einlassen. Inzwischen hatte doch diese Arzeney schon unter den Brüdern einen gewissen Ruf erlangt. Matolai und Bacciochi hatten es als ein zuverlässiges Rosenkreutzerisches Product ausgegeben. Es war auch endlich nothwendig, nach so vielen Worten einmal etwas Reelles vorzubringen, und die Obern beschlossen mit List und Schlichen hinter das Geheimniß zu kommen. Ein jüngerer Bruder und Herr Bacciochi ließen sich dazu gebrauchen. Liebenstein war auf kurze Zeit nach Ungarn verreiset, welches man benutzte und Bekanntschaft mit dem Laboranten Götz und seinem Weibe machte. Die Herren wußten freilich nicht, daß sich Liebenstein einen Zusatz vorbehalten und bey der Verfertigung des Salzes dem Laboranten verborgen hatte. Aber er und sein Weib gaben vor, das Geheimniß ganz zu besitzen, und es wird noch bis auf den heutigen Tag so unvollständig in Ungarn nachgemacht. Götz und seine Eheconsortinn waren schlau genug, die hohe Meinung, die die Herren von dem Salze hatten, zu bestärken und den Preis für die Entdeckung darnach zu bestimmen. Dazu kam noch das persönliche Interesse eines von den zwey Unterhändlern, der dem Weibe gern etwas zuwenden wollte. Die Forderung war stark, und man fand keinen unter der Gesellschaft, der leichter zu bereden war, das Arcanum zu kaufen, als den armen Szekely, der, geblendet von den schmeichelhaften Aussichten, in kurzer Zeit so große Curen zu machen hoffte, deren eine so viel als die ganze ausgelegte Kaufsumme betrug, zurückbringen würde, daß er ganz ohne alles Bedenken in die ihm anvertraute Casse griff, und in der Hoffnung, das Geborgte bald wieder ersetzen zu können, welche fehl schlug, so unglücklich wurde, wie Jedermann weiß. Nun aber fürchteten Götz und sein Weib die Zurückkunft des Barons Liebenstein, ihres Herrn, der nicht mit sich spaßen ließ. Matolai hatte es übernommen, sie davon zu befreyen. Er examinirte das löbliche Ehepaar genau über alles Thun und Lassen und alle Worte und Werke des Barons, und fand in der Entdeckung, daß er ein Freygeist sey, das Mittel seiner los zu werden. Götz mußte sich auf den Controllorgang stellen und als ihn der vorbeygehende Kaiser fragte was er wolle? antworten: Sein Gewissen treibe ihn, Sr. Maj. anzuzeigen, daß er zweifle, ob sein Herr, der Baron Liebenstein, ein Christ sey, weil er oft von Jesu Christo und seiner hochgebenedeyten Mutter nicht mit geziemender Ehrfurcht spreche. Darauf antwortete der Kaiser kurz: Wenn sein Herr kein Christ sey, so könne er ihn dafür nicht strafen, so lang er nicht Proselyten mache und ihm, Götzen, stände es frey, seinem Herrn den Dienst aufzusagen und sich bey einem Christen zu verdingen. Das war dem Meister Matolai sehr unerwartet. Ein zweyter Kunstgriff gelang besser. Götz reiste dem Baron, der von Ofen aus geschrieben hatte, wann er zurückkommen würde, bis Wieselburg entgegen, und log ihm vor, daß er zu Wien in Verdacht stehe, ein heimlicher preußischer Werber zu seyn, daß er von der Polizey überall gesucht werde u. s. w. Diese Lüge konnte ihre Wirkung nicht verfehlen, und Liebenstein mußte, mit aller seiner Unschuld viele Unannehmlichkeiten befürchten, denen er damit auszuweichen glaubte, daß er, ohne Wien zu berühren, durch einen Umweg aus den österreichischen Landen ging. Seine in Wien zurückgelassenen Kleider und andere Sachen schenkte er seinem Verräther, dankte ihm für seine Treue und gab ihm ein Rendezvous in Regensburg nebst Reisegeld, wovon aber Götz keinen Gebrauch machte. – Was die Liebschaften Josephs anbelangt, so waren sie, wie manche seiner Lobredner behaupten, aus moralischen Grundsätzen bloß aus den Nymphen gewählt, deren aber keine leicht zum zweytenmahle gerufen. Ein Souveraind'or war die gewöhnliche Belohnung, die auch bisweilen überstiegen, aber nie vermindert wurde. Welchen üblen Einfluß diese Art sich zu vergnügen, auf die Gesundheit des Monarchen gehabt hat, das ist in Wien Jedermann bekannt: ob es aber wahr ist, was man dort ebenfalls sagt, daß ihn nähmlich der Leibchirurg Brambilla, um sich nothwendig zu machen und einen freyen Zutritt zu haben, niemahls recht geheilt habe, – dieß kann ich nicht behaupten. Der Herr war übrigens nichts weniger, als Misogyn. Er liebte den Umgang mit Frauenzimmern, wenn er aber merkte, daß das Herz Antheil zu nehmen begann, dann zog er sich weislich zurück, weil er die Macht der weiblichen Reitze und die Sucht der Weiber, sich in Geschäfte zu mengen, fürchtete. Unter seiner Mutter hatte er freylich genug Beyspiele erlebt, die seine Behutsamkeit rechtfertigen konnten: aber, da er physisch ohne Weiber nicht seyn konnte, so hätte er doch wohl besser gethan, wenn er, mit Beybehaltung seiner Grundsätze, in eine anhaltende Verbindung getreten und den Gegenstand seiner Zuneigung in gehöriger Entfernung gehalten hätte. Vielleicht wär' es auch dahin gekommen, wenn nur eine von seinen vielen Bekanntschaften die Probe ausgehalten hätte. Ich selbst habe deren zwey gekannt, die so fest glaubten, sich für ihre Freunde verwenden zu können oder nach Geheimnissen fragen zu dürfen, und sie wurden auf der Stelle abgedankt. Eben so sehr nahm er sich in Acht, erklärte Favoriten zu hegen. Der einzige Mensch von dem man sagen kann, daß er eine Zeit lang seine Gewogenheit vorzüglich genoß, war der bekannte Cabinetssekretär Günther, der aber, zu seinem Unglück nicht Kopf genug hatte, ein solches Glück zu ertragen. Sein natürliches Talent war gering; und in Wissenschaften hatte er, so wie alle Dummköpfe, gerade so viel gethan, als die Schulstudien mit sich bringen; praetereaque nihil. Er machte eine schönen Buchstaben und konnte rechnen. Hiermit und mit seiner Stupidität erwarb er sich die Gunst eines Monarchen – ein Glück, das er verdiente, wenn es genug Verdienst ist, für seinen Herrn die tiefste Verehrung und Treue zu hegen. Diese Eigenschaften besaß er, und hätte also nicht so fallen sollen, wie ein anderer voll Ränke, List und Schelmerey gemeiniglich zu fallen pflegt. Diesem Günstling widerfuhr eine solche Ehre, wegen seiner kurzen Einsichten, und wegen dessen, was ihm fehlte – das war Welt- und Menschenkenntniß. Die gute Portion Stolz, die sich bey erklärter Herrengunst nach und nach in ihm bildete, und die eben zu der Zeit seines Falles erst zu brausen anfing, muß man einem Menschen seiner Art gar nicht übel nehmen, sondern als eine natürliche Folge der Stufe seines Glückes ansehen, auf der auch große Geister nicht stark genug sind, diese Empfindung zu verläugnen: nur daß diese ihren Hochmuth auf Überlegenheit an Talenten steifen können; worauf Günther keinen Anspruch hatte. Von seinem Herrn hatte er die Idee der höchsten Vollkommenheit. Was aus seinem Munde floß, war bey Günthern Kraft und Geist, und was seine Feder entwarf, Kern aller Sentenzen. – Laudamus ut laudemur. – Auch der Kaiser fand an Günthers Aufsätzen Belieben. Das hätte nun Alles so in seiner Ordnung fort gehen können, wenn sich ein junger Mann, wie Günther damahls war, mit dem Umgange seines Herrn, der schon ziemlich familiär zu werden anfing, hätte begnügen können. Aber, er suchte sich bey Weibern zu erholen und ging nicht Regis ad exemplum von einer zu der andern, sondern blieb bey Madame Eskeles, einer hübschen Jüdinn von Amsterdam, verheirathet und geschieden in Berlin, stehen, und brachte seine Ruhestunden bey ihr zu. Diese Jüdinn wurde in Wien als eine Berlinerinn angesehen; und da hieß es, wie dort von Nazareth: was kann von Berlin Gutes kommen? Dazu kam, daß sie Bücherlesen liebte, und nun eine Gelehrte genannt wurde; welcher Beynahme in Wien sehr zweydeutige Auslegungen erdulden muß. Man glaubte, sie schreibe Alles nach Berlin, was ihr Günther zutrage; und so verleitete die Gewinnsucht einen Lumpenhund ihrer Nation, zu denunciren, daß Günther und diese Frau den Staat verriethen. Wahrhaftig, der arme Mensch erfuhr so wenig, daß er nichts verrathen konnte. Beyde Personen hatten, wenn sie allein waren, ganz andere Dinge zu verhandeln, als Staatsgeheimnisse. Indessen, der Denunciant handelte auch nach Überzeugung. Er hatte keine andern Begriffe vom Umgange der Menschen miteinander, als solche die sich auf Gewinnste gründen. Herzensangelegenheiten kamen bey ihm gar nicht in Anschlag. Denn das Ding kannte er nicht einmal dem Namen nach. Was konnten die zwey Personen anders machen, als Geld gewinnen, und wie konnten sie es anders gewinnen, als durch Verrätherey? Ein kluger Kopf will auch etwas für seine Entdeckungen gewinnen. Er zeigte also seine Muthmaßungen als entschiedene Wahrheit an, und glaubte, ein einziger Brief, den man auf der Post öffnen solle, würde ihm zum Beweise hinlänglich seyn. Anstatt aller seiner Hoffnungen wurden ihm für seine Weisheit vierzig Stockschläge auf öffentlichem Markte zugezählt. Denn Günther und Madame Eskeles, nachdem sie lange separirt, vernommen und untersucht waren, wurden unschuldig befunden: aber doch, sie exilirt, und er als Concipist beym Gubernium in Siebenbürgen angestellt. So weit bin ich Bürge für meine Erzählung, denn ich habe die Hauptpersonen gekannt und Umgang mit ihnen gehabt. Nun will ich noch die gemeine Sage erwähnen, für die ich nicht stehe. Man erzählt, daß zwar beyde Angeklagte in der Hauptsache völlig unschuldig befunden worden waren, daß aber Madame Eskeles, geschreckt durch den Examinator, der sie bereden wollte, Günther habe schon Alles bekannt, einige kleine Histörchen aus dem Venuskämmerlein Sr. Majestät, die ihr Günther im Vertrauen mitgetheilt haben sollte, ausgesagt habe. – Als die sogenannten Abrahamiten, die sich zu keiner der drey anerkannten christlichen Confessionen bekennen wollten, aus Böhmen weggeschafft und in das Banat transportirt wurden, war Joseph eben in Ofen, als man diese Leute durchführte. Er ließ sie insgesammt vor die Hauptwache in die Festung bringen, befragte sie erst über ihren Glauben und behandelte sie sehr hart mit Drohungen. General Alvinczi, der zugegen war, wagte es, ein Wort für sie zu reden, und sagte: »Aber diese Menschen glauben doch an Gott.« – Eben das, antwortete Joseph, zeugt von ihrer Hartnäckigkeit; denn wenn sie einen Gott glauben können; so müssen sie ja auch eine Kirche glauben; eines folgt aus dem andern. Ich weiß gar nicht was das für Dummköpfe sind, die da viel von ihrem Glauben an Gott schwatzen, und das übrige der christlichen Religion nicht glauben wollen, was doch eine ganz entschiedene Folge von dem Glauben an Gott ist. Ich habe noch mehrere Leute so argumentiren gehört und lange nicht begreifen können, worauf sich die Folgerung gründet, nach welcher der, der einen Gott glaubt, auch alles das, was die katholische Kirche lehrt, glauben müsse. Endlich entdeckte ich, daß sich das Problem auflöset in der Idee, die diese Leute von Gott haben. Ihr Gott ist der, der täglich in viel tausend Kirchen ausgesetzt, gespeist, zu den Kranken getragen und mit dem gewöhnlichen Namen Unser Herr Gott bezeichnet wird, z. B. Unser Herr Gott wird heute bey St. Peter ausgesetzt. – Unser Herr Gott wird vorbey getragen u. s. w. Also haben die Leute Recht: Wer an diesen Herr Gott glauben und ihn für seinen Gott halten kann, der kann das andere freylich alles glauben, und muß es glauben. – Die herrlichste von Josephs Eigenschaften war, daß er seine Pflichten gegen seine Unterthanen kannte und sie zu erfüllen wünschte. Über die Art und Weise, dieß auszuführen, haben die Potentaten keine ausschließenden Vorschriften, und der, der wie Kaiser Joseph, diese Pflicht zu seinem Hauptaugenmerk macht, handelt nach seinen Einsichten oder folget dem Rathe, den er für den besten hält. Joseph glaubte nicht, daß er auf den Thron gesetzt sey, um Andere für sich arbeiten zu lassen; er arbeitete selbst, ließ Jedermann vor sich, duldete kein Ansehen der Person, sondern schätzte die Menschen nach ihren Eigenschaften und ihrem innern Werth, nannte sich den ersten Beamten des Staats, und handelte, so weit seine Kräfte reichten, als ein solcher. Weil ich das Glück gehabt habe, diesen Monarchen in der Nähe beobachten zu können, indem er mich stundenlang bey sich geduldet und viel mit mir gesprochen hat; so kann ich einzelne Züge von ihm mittheilen, die vielleicht manchem Leser nicht unbedeutend vorkommen werden. Was seine Religion anbelangt; so war er ein guter katholischer Christ, der die Lehrsätze der Kirche vom Herzen glaubte, nur bisweilen die Unfehlbarkeit des Papstes in Zweifel zog, und sich eingeschlichenen Mißbräuchen kräftig widersetzte. Als er im Jahre 1787 die bekannte Reise zu der Zusammenkunft mit Catharinen der II. unternahm und sich in Lemberg dazu vorbereitete, trat ich ein paar Tage vor seiner Abreise in sein Zimmer. »Nun, sagte er, ist mir recht wohl, daß ich mich ausgeleert habe.« Ich nahm dieses, nicht ohne Verwunderung, in anderm Verstande, aber Se. Maj. belehrten mich bald eines beßern. »Ich habe gebeichtet – ich reise so einen weiten Weg; man kann nicht wissen, was einem zustoßt ( sic ). Ich nehme zwar einen Geistlichen mit: ein jeder ist mir aber nicht recht zum Beichtvater. Der Feldsuperior, der mich heute Beichte gehört hat, versteht seine Sache.« – Dieser Feldsuperior war der gröbste Bauernlümmel von allen, die mir jemals vorgekommen sind. Aber er erwarb sich durch diese einzige Beichte, in der er vermuthlich sein Beichtkind sanft behandelt hatte, eines der einträglichsten Bisthümer in Ungarn. Es war damals ein jüdischer Abenteurer aus Schlesien in Lemberg, der den Monarchen so für sich einzunehmen wußte, daß er ihm die Direction des sehr beträchtlichen Salzhandels in Galizien anvertraute. Ich meines Ortes hätte den Menschen nicht zum Pferdeknecht angenommen. Denn er hatte eine Galgenphysiognomie, war ein unerträglicher Schwätzer, und verrieth mit jeder Bewegung alle Unarten seiner Nation: Zudringlichkeit, Schelmengriffe, Trotz und Feigheit. Dieser Mensch, der im ganz eigentlichem Verstande die Hälfte seiner Tage ein Bettelbube gewesen war, und als solcher manchen jüdischen und christlichen Rippenstoß empfangen hatte, wollte nun auch einmahl, da er im Besitze von 4000 fl. jährlicher Besoldung war, und die Tantieme die auf seinen Theil 2 bis 3000 fl. jährlich betragen konnte, den Petit-Maitre machen, behängte sich mit gestickten Kleidern und Juwelen, ließ sich in Gesellschaften einführen und war ein großer Verehrer der christlichen Frauen und Jungfrauen, deren viele auch seinem Gelde hofirten. Goldschmidt war sein Name. Er war 1786 während der Fastnachtszeit in Wien, und wollte besonders in einer Redoute recht glänzen, zu welcher er sich mit einer prächtigen Maske vorbereitet hatte. Allein zwey Tage vorher überfiel ihn Rheumatismus an dem Orte, den seinem Vorfahren Jacob vor so vielen hundert Jahren ein Engel verrenkt hatte. Er konnte nicht gehen, viel weniger tanzen. Ein Barbiergeselle versprach ihn so herzustellen, daß er auf dem Balle gehen könnte, und hielt Wort. Er zog mit Schröpfköpfen die Materie an die Oberfläche. Goldschmidt konnte auf die Redoute gehen, sich in seiner Pracht zeigen, tanzte wacker u. s. w. und erwachte den andern Mittag mit neuen Schmerzen. Denn an dem Orte, wo er den Rheumatismus hatte vertreiben lassen, entstand ein Gewächs, welches von Tag zu Tag größer wurde und ihn endlich ums Leben brachte. Er war mit dem Gewächse nach Lemberg gereiset und fing an, sich seiner Auflösung zu nähern, als Kaiser Joseph nach Lemberg kam, der ihn auch sogleich besuchte, und ihn kräftig vermahnte, sich vor seiner Abfahrt taufen zu lassen. Darauf gab Goldschmidt ganz ernsthaft und aufrichtig die bündigste Versicherung, daß er es thun wolle, wenn er wieder aufkäme, wenn er aber sterben sollte, wäre nichts dabey zu profitiren. Indessen wiederhohlte doch der Kaiser sehr oft den Wunsch, daß sich doch Jemand finden möchte, der ihn zur Bekehrung berede, damit seine Seele gerettet würde. Kaiser Joseph war sehr geneigt, Vorschläge und Entwürfe zu Verbesserungen und überhaupt vielversprechende Neuerungen anzunehmen und anzuhören. Er faßte aber dergleichen Dinge meistens nur von der Seite der guten Folgen, die sie versprachen, überlegte nicht allezeit gründlich die Schwierigkeiten der Ausführung und dachte oft nicht daran, daß die Nationen, die er beherrschte, in Denkungsart, Sitten und Gebräuchen, in der Cultur und sogar nach ihrer physischen Beschaffenheit gar sehr von einander unterschieden sind. Er wollte Alles unter Generalregeln bringen, und dazu war es noch nicht Zeit. Er wollte z. B. ohne Rücksicht der großen Verschiedenheit in der Landesverfassung das nähmliche Urbarium in Galizien einführen, wie in Österreich, Steyermark u. s. w. warf damit die Grundherrn aus dem Besitze ihrer angeerbten Gerechtsame und Einkünfte oder wenigstens eines Theiles der letztern, und war genöthigt, bey den vielen Anstößen, die sich ihm in dem Laufe seiner neuen Einrichtungen täglich entgegenstellten, immer vieles zu widerrufen, und aufs neue abzuändern, wodurch die Güterbesitzer und Unterthanen ihre Einkünfte niemahl sicher berechnen konnten. In dieser Epoche ließ sich ein Schmierer beygehen ein Buch über Galizien zu schreiben, welches er, Briefe über Galizien, betitelte. In dem 79. Bande der allgemeinen deutschen Bibliothek (S. 590 u. f.) findet man eine Recension dieser Broschure, die von mir geschrieben ist, und ganz unparteiische Bemerkungen über das neue System, das damals in Galizien eingeführt werden sollte, liefert. Herr von B. urtheilt gar zu ungerecht über Kratter, der ein Mann von Kopf, Kenntnissen und leichter kräftiger Feder war. Was mag ihn so bitter gestimmt haben? Ich stand nur einige Schritte auf der Gasse in Lemberg vom Kaiser Joseph, als er mit einem polnischen Edelmann sprach, der Güter, sowohl in Galizien als in dem neu erworbenen preußischen Antheil von Pohlen besaß, und der so eben im Begriff stand, die erstern zu verkaufen und sich ganz in das Preußische zu übersiedeln. Er sprach gut Deutsch. Der Kaiser fragte ihn, warum er die preußische Regierung der österreichischen vorziehe und lieber sein Eigenthum in Galizien als jenes im Preußischen verlassen wollte? – Der Mann ließ sich drey- oder viermahl fragen, bis ihn der Kaiser aufmunterte nur frey zu reden. Da lauteten dann seine Worte also: »Der König in Preußen hat uns gleich nach der Übernahme des Landes ohne viel Schreibereyen das Fell über die Ohren gezogen, und wir wissen, woran wir sind, was wir zu zahlen haben und was uns übrig bleibt. Hiervon ist keine Abänderung weder zu hoffen, noch zu fürchten und wir können sicher darauf rechnen und unsere Einrichtung darnach machen. Hier in Galizien aber, wird heut etwas befohlen und in acht Tagen widerrufen. Wenn wir Arbeit und Kosten gehabt haben um eine Verordnung zu befolgen, so kommt ein Gegenbefehl und ein neues Gesetz, das oft dem ersten ganz widerspricht. Ein entschiedenes unangenehmes Schicksal ist nicht so peinlich als eine fortdauernde Ungewißheit.« Se. Majestät geruhten nichts hierauf zu antworten. Bei der Bereitwilligkeit des Kaisers jeden anzuhören, der ihm etwas Nutzbares zu entdecken vorgab, mußte er seine Zeit oft ganz unbedeutenden und sogar abenteuerlichen Dingen aufopfern. Ein gewisser Baron Calisius bath sich eine Audienz aus, um Sr. Majestät eine Sache von der äußersten Wichtigkeit vorzutragen, die er denn auch mit folgenden Worten anbrachte: »Die Stadt Komorn in Ungarn hat fast alle fünf Jahre das Unglück Erdbeben bey sich zu verspüren, die ihr schon oft großen Schaden zugefügt haben und sie noch immer der größten Gefahr aussetzen und den gänzlichen Untergang drohen. Nun habe ich bemerkt, daß in Egypten niemahls Erdbeben waren, noch sind. Da sich nun Egypten vor andern Ländern in nichts unterscheidet, als daß es Pyramiden hat; so müssen Pyramiden ein sicheres Mittel gegen Erdbeben seyn.« Quod erat demonstrandum! K. J. Also wäre es gut, ein Paar, oder mehrere der Dinger aufzubauen? C. Das ist eben mein allerunterthänigster Vorschlag und ich überreiche hiermit Ewr. Majestät einen Riß, wie sie können gebaut werden. K. J. Haben Sie auch die Kosten berechnet? C. Nein, aber ich glaube mit drey- bis viermahlhundert tausend Gulden könnte man zwey recht artige Pyramiden aufführen; etwas kleiner freylich als die egyptischen. K. J. Hat die Stadt Komorn so viel Geld? C. Nein, aber sie darf hoffen, daß Ew. Majestät etwas beytragen, und der Rest wäre wohl durch eine Collecte vom Lande zusammen zu bringen. K. J. Nun, ich habe nichts dagegen, wenn ein schicklicher Platz dazu vorhanden ist, der zu sonst nichts gebraucht werden kann und Sie wollen das Werk auf Subscription unternehmen, so bauen Sie nur frisch darauf los. Ich kann mich aber über meinen Beytrag nicht eher erklären, als bis ich wenigstens Eine Pyramide völlig ausgebaut mit eigenen Augen gesehen habe. Servus. Alles das hab' ich mit meinen Ohren auf dem Controllorgang in Wien mit angehört. Ein anderer Projectant vom Ingenieurcorps überreichte dem Kaiser einen Plan, wie er die Gränzen seiner Länder durchaus unterminiren könnte, um sich damit gegen alle feindliche Einfälle sicher zu stellen!!! Joseph war mißtrauisch, besonders weil er aus täglicher Erfahrung einzusehen glaubte, daß seine Mutter durch ihr Zutrauen täglich betrogen werde. Der Reichshofrathspräsident von Hagen war ein, bey aller Welt anerkannt grundehrlicher Mann. Der Kaiser sprach einst mit ihm über eine Sache die ihm Baron Hagen nach der Wahrheit entwickelte, wovon aber Joseph nichts eher glauben wollte, bis er die zum Beweise dienenden Papiere gesehen habe, welche auch sogleich herbeigeschafft wurden. Da sagte Joseph: »Mein lieber Baron Hagen. Ich habe zwar nicht an Ihrer Ehrlichkeit gezweifelt, aber ich bin so sehr daran gewöhnt, alles Gute zu bezweifeln, daß ich auch meinen eigenen Bruder, bei ähnlicher Gelegenheit, eben so behandelt haben würde, wie Sie. Die Erfahrung hat mich mißtrauisch gemacht.« Auch hatte Joseph eine sehr geringe Meinung von der bürgerlichen Ehre, von der man aber wohl überhaupt die richtigsten Begriffe nicht auf dem Throne suchen muß. Ein gewisser Präsident wurde von einem Subalternbeamten denuncirt, und mußte, länger als ein halbes Jahr suspendirt von seinem Amte, die schärfste Untersuchung und sehr ehrenkränkende Beschuldigungen dulden. Seine Sache wurde von einer, besonders dazu niedergesetzten Commission untersucht, die den Beklagten unschuldig erklärte und dem Verläumder eine Strafe ansetzte, die ihm aber der Kaiser erließ. Als nun der gerechtfertigte Präsident auf Bestrafung des falschen Denuncianten zu seiner Genugthuung drang und den Kaiser mündlich darum bath, antwortete er: Das kann ich nicht thun, damit würde ich andere, die mir Wahrheiten entdecken können, abschrecken, und ich muß beym Antritt der Regierung alles anwenden, um die Schleichwege der Frevler zu entdecken. Oft ist auch der Angeber nicht boshaft, sondern selbst hintergangen. Präs. Aber Ew. Maj. werden es dadurch dahin bringen, daß kein ehrlicher Mann mehr vom Anklagen sicher ist. K. J. Der ehrliche Mann wird sich rechtfertigen und losgesprochen werden, wie Ihr eigenes Exempel bezeugt. Präs. Es ist wahr: aber das ist doch keine Kleinigkeit, wenn ein ehrlicher Mann, so wie es mir ergangen ist, 6 Monate lang bey aller Welt in Verdacht stehen muß, ein Schelm zu seyn. K. J. Sie sind doch nicht daran gestorben, und keiner wird daran sterben. Wer sich nichts vorzuwerfen hat, kann dazu lachen, und zufrieden seyn, daß sich seine Unschuld am Ende zeigen wird. Präs. Ich kann schwören, daß ich bey aller meiner Unschuld und der Gerechtigkeit meiner Sache, in diesem halben Jahre Höllenangst ausgestanden habe. Nur der Gedanke, zweydeutig vor der Welt zu erscheinen, hat mir manche schlaflose Nacht verursacht. K. J. Je nun, da müssen Sie eine verzagte Seele haben. Ich würde das ganz wohl ertragen können, und meine Gegner im Voraus auslachen, daß sie sich am Ende betrogen sehen müssen. VIII. Was Joseph von den Staatsbeamten, und wie er es mit ihnen hielt. Hierüber erklärte er sich, nachdem er drey Jahre selbstständig regiert hatte, in nachstehenden Worten, die einen tiefen Blick in seine Grundsätze überhaupt gestatten. Drei Jahre sind nun verflossen, daß ich die Staatsverwaltung habe übernehmen müssen. Ich habe durch selbe Zeit in allen Theilen der Administration, meine Grundsätze, meine Gesinnungen, und meine Absichten mit nicht geringer Mühe, Sorgfalt und Langmuth, sattsam zu erkennen gegeben: ich habe mich nicht begnügt, einmahl eine Sache nur zu befehlen. Ich habe sie ausgearbeitet und entwickelt. Ich habe die von Vorurtheilen und eingewurzelten alten Gewohnheiten entsprungenen Umstände, durch Aufklärung geschwächt und mit Beweisen bestritten. Ich habe die Liebe, die ich für das allgemeine Beste empfinde, und den Eifer für dessen Dienst jedem Staatsbeamten einzuflößen gesucht. Ich habe gezeigt, daß von sich selbst anzufangen, man keine andere Absicht in seinen Handlungen haben müsse, als den Nutzen und das Beste der größeren Zahl. Ich habe den Chefs Vertrauen geschenkt, und Gewalt eingeräumt, damit sie sowohl mit ihrem Beyspiel, als mit ihrem Ansehen auf die Gesinnungen ihrer Untergebenen in That wirken können. Die Auswahl der Personen ist ihnen ganz frey gelassen worden. Vorstellungen und beygebrachte Ursachen, dann die allemahl schätzbaren Wahrheiten, habe ich von Chefs, so wie von Jedermann; immer mit Vergnügen aufgenommen. Täglich und stündlich stand ihnen meine Thüre offen, theils um ihre Vorstellungen anzuhören, theils um sie über ihre Zweifel aufzuklären. Nun erachte ich meiner Pflicht, und derjenigen Treue gemäß, so ich dem Staate in allen meinen Handlungen lebenslänglich gewidmet habe, daß ich ernstgemessen auf die Erfüllung und Ausübung aller ohne Ausnahme von mir gegebenen Befehle und Grundsätze halte, welche ich bis jetzo nicht ohne Leidwesen so sehr vernachläßigt sehe, daß zwar vieles auch befohlen und expedirt worden ist, aber auf die Befolg- und Ausübung auf keine Art gesehen wird; daraus entstehet, daß so viele wiederhohlte Befehle erfolgen müssen, und man demnach von nichts versichert ist, ja nur die meisten in so weit handwerksmäßig die Geschäfte behandeln, daß nicht mit dem Absehen das Gute zu bewirken, und die Leute von demselben zu belehren zu Werke gegangen, sondern nur das Höchstnothwendige geleistet werde, um nicht in Verantwortung zu gerathen, und die Cassation zu verdienen. Auf diese mechanisch-knechtische Art ist es unmöglich mit Nutzen die Geschäfte zu betreiben. Wer bey meiner Hofstelle, oder in meinem Lande ein Chef, Vicepräsident, Rath, Kreishauptmann, Obergespann, Vorgespann oder Vorsteher, oder von was immer für einer Gattung, geistlich, weltlich, oder Militärstande, seyn oder verbleiben will, muß I. von nun an, alle nach Maas des ihm anvertrauten Faches der Staatsverwaltung von Mir erlassene Hauptentschliessungen und Normal-Resolutionen, neuerdings aus den Registraturen erheben, selbe sammeln, und dergestalt fleißig lesen und durchgehen, damit er den wahren Sinn derselben und deren Absehen sich ganz eigen mache. II. Hat die Erfahrung nur leider bewiesen, daß, anstatt das Gute in einer Resolution aufzusuchen, und den Sinn, den man nicht gleich recht begreift, zu ergründen, oder nach billigem Vertrauen auf die bekannten Gesinnungen, selben mit Eifer zu ergreifen, und sich die Befolgung angelegen zu halten, man nur den Befehl auf der unangenehmen oder verkehrten Seite betrachtet, dessen Expedirung so viel als möglich verzögert, ohne alle Erläuterung dahingibt, keinen Menschen belehrt und dergestalt nur ein unwirksames Geschrey auszubreiten trachtet, oder eine unbedeutende und zur Befolgung nicht genug klare Belehrung hinausgibt, damit aber den wahren Unterschied nicht beobachtet, daß der Landesfürst durch seine Befehle nur seine Gesinnungen und Absehen zu erkennen gibt, seine Hof- und Landesstellen aber gemacht sind, seine Willensmeinung bestimmter zu erklären, und alle Wege, welche zu deren richtiger, genauern und geschwindern Befolgung führen können, auszuwählen, und Anstände zu entfernen, auch darauf beständig zu wachen, daß sie fleißig und ohne Ausnahme befolgt werden, weil nur aus dem ganzen Umfange, und aus genauer Befolgung das wahre Gute entstehen kann und zu geschehen hat. Ohne dieses Absehen und Gesinnung, wäre die Beybehaltung so vieler Hof- und anderer Stellen und übriger davon abhangender Beamten, die übelste Staatswirthschaft; da mit so viel Kosten so viele Leute gehalten würden, die mehr zur Verwirrung und zur Vereitlung der Geschäfte als zu deren Beförderung und Befolgung dienen. Wenn diese Stellen nur materialisch verbleiben, nicht wirken, und nicht nachsehen: so könnte keine wirthschaftlichere Einrichtung seyn, als sie sämmtlich abzudanken, und dadurch Millionen zu ersparen, welche an der Contributionen nachgelassen würden, und wovon den Unterthan eine viel größere Wohlthat spürte, als ihm bey schlechter Verwaltung von so zahlreichen Beamten zugeht; und könnten die Befehle und Berichte eben so gut hierher ad Centrum von den Dominis und Kreishauptleuten einlaufen, allhier die Generalien gedruckt, an alle hinausgeschickt, so wie alle die Particuliers betreffende Gegenstände abgethan werden, als wenn sie, so wie jetzt, durch einen langen Umtrieb mit einer kahlen Begleitung des Kreishauptmannes, Comitats, oder der Landesstelle, oder ebenso der Hofstelle herausgegeben, und eben so die erfolgende Entschließung ohne weitere Belehrung hinaus erlassen wird: wodurch nur Zeit verloren, und viele Aufsätze machende, überlegende, eintragende, abschreibende und endlich unterschreibende besoldet werden. Wenn aber, wie ich es für die Zukunft verhoffen will, und einzuführen wissen werde, diese insgesammt vom Staat besoldete, allein nach ihrem Amt mit allen ihren Kräften auf die Befolgung aller Befehle, auf die Erklärung und Einleitung aller Aufträge, wachen, und das Gute in allen Theilen erhalten und bewerkstelligt werden wird: alsdann ist deren Zahl und Beköstigung eine natürliche Vorsorge, wovon jedes Individuum in der Monarchie seinen Nutzen und das Gute zu ziehen hat. III. Aus diesem folgt, daß bey allen Stellen, ohne Ausnahme, jedermann einen solchen Trieb zu seinem Geschäfte haben muß, daß er nicht nach Stunden, nicht nach Tagen, nicht nach Seiten seine Arbeit berechnen, sondern alle seine Kräfte anspannen muß, um selbe vollkommen nach der Erwartung, und nach seiner Pflicht, auszuführen und wenn er keine hat, auch derjenigen Erhohlung, die man so billig doppelt empfindet, wenn man seine Pflicht erfüllt zu haben, sich bewußt ist, genießt. Der nicht Liebe zum Dienst des Vaterlandes und seiner Mitbürger hat, der für Erhaltung des Guten nicht von einem besonderen Eifer sich entflammt fühlet; der ist für die Geschäfte nicht gemacht, und nicht werth, Ehrenstellen zu besitzen, und Besoldungen zu ziehen. IV. Eigennutz von aller Gattung, ist das Verderben aller Geschäfte, und das unverzeihlichste Laster eines Staatsbeamten. Der Eigennutz ist nicht allein vom Geld zu verstehen, sondern auch von allen Nebenabsichten, welche das einzige wahre Beste, die aufgetragene Pflicht, die Wahrheit in Berichten, und die Genauigkeit im Befolgen verdunkeln, bemänteln, verschweigen, verzögern und entkräften machen. Jeder der sich dessen schuldig macht, ist für alle weitere Staatsdienste gefährlich und schädlich; so wie jener, der es weiß, und nicht entdeckt, mit ihm unter der Karte steckt, und ebenfalls aus dessen Eigennützigkeit seinen Nutzen ziehet, oder nur die Gelegenheit erwartet, solches gleichfalls zu thun. Ein Chef, der es von seinem Untergebenen leidet, ist meineidig, wogegen keine Erbarmniß und Nebenrücksichten Platz zu greifen haben. Ein Untergebener, der seinen Vorgesetzten nicht angibt, handelt gegen seine Pflicht, die er seinem Landesfürsten und allen seinen Mitbürgern schuldig ist. V. Wer dem Staat dienen will, und dienet, muß sich gänzlich hintansetzen, wie schon oben gesagt worden. Aus diesem folgt, daß kein Nebending, kein persönliches Geschäft, keine Unterhaltung, ihn vom Hauptgeschäft abhalten und entfernen muß; und also, daß auch kein Ceremoniel, kein Autoritätsstreit, Courtoisie, oder Rang, ihn im mindesten abhalten muß, zur Erreichung des Hauptzieles das Beste zu wirken. Der Eifrigste zu seyn, am mehresten Ordnung unter seinen Untergebenen zu halten, heißt der Erste und Vornehmste seyn. Ob also Insinuata, Noten und dergleichen Kanzleysprünge und Titulaturen beobachtet, ob in Stiefeln oder Schuhen, gekämmt oder ungekämmt, die Geschäfte geschehen, muß für einen vernünftigen Mann, der nur auf derselben Erfüllung sieht, ganz gleich, und alles eins seyn: er muß kein Mittel unterlassen, damit sie guten Fortgang gewinnen, er muß sie betreiben, er muß mit Schwächern und Kränklichern Nachsicht, er muß Geduld mit seinen Untergebenen tragen, ihr Vertrauen zu gewinnen wissen; und er muß nichts für eine Kleinigkeit halten, was wesentlich ist, dagegen alles Unwesentliche hintansetzen. Das wird dann ein Mann seyn, der ein echter Vorgesetzter, in seinem Theile der Verwaltung, so wie jeder Untergeordnete in seinem Fache seyn wird. VI. So wie eines jeden Pflicht ist, verlässig zu berichten, alle Facta nach den Hauptgrundsätzen zu beurtheilen, und seine Meinung freymüthig beyzurücken; so ist es auch die Schuldigkeit eines jeden Staatsbeamten, daß er selbst auf Abstellung aller Mißbräuche, auf die wahre und beste Art zur Befolgung der Befehle, auf die Entdeckung der dagegen Handelnden, endlich auf alles, was zur Aufnahme und zum Besten seiner Mitbürger gereichen könnte, nachsinne, als zu deren Dienst wir sämmtlich bestimmt sind. Die gute Ordnung aber erheischet, daß ein Untergebener, diese seine Gedanken durch seinen Obern einreiche. Dieser, wenn er der Mann ist, der er seyn soll, und seyn muß, wird den vielleicht in seinem Eifer Irregehenden, mit Belehrung und mit Überzeugung väterlich zurechtweisen. Thut er dieses, und findet, daß ein solcher ein Vertrauen verdiene: so kann ers benutzen. Jeder Chef soll aber vorzüglich dieses zu verdienen trachten, und wäre er höchst sträflich, wenn er nicht auf diese Art sich gegen seine Untergebenen benähme oder wohl gar das Gute, das sie vorschlügen, unterdrückte und aus Nebenabsichten, oder vielleicht aus Eigendünkel, ihnen nicht Gerechtigkeit über das widerfahren ließe, was sie ersonnen hätten, und anzeigten. VII. Jedes Chefs Schuldigkeit ist, daß er alles Unnütze und Unnothwendige anzeige und zur Abstellung vorschlage; so wie ein jeder Untergebener seinem Chef vorzutragen hat, was er nur als einen Umtrieb der Geschäfte ansiehet, das zum Wesentlichen nicht führt, und zwecklose Schreiberey und Zeitverlust verursacht, damit derley Hindernisse sogleich auf die Seite geräumt, und Hände nicht unnütz beschäftigt werden, da es sonst an hinlänglicher Zeit zum Nachdenken und zu wichtigern Sachen gebrechen müßte. VIII. Da das Gute nur Eins seyn kann, nähmlich jenes, so das Allgemeine, und die größte Zahl betrifft, und ebenfalls alle Provinzen der Monarchie ein Ganzes ausmachen, und also nur ein Absehen haben können: so muß nothwendig alle Eifersucht, alles Vorurtheil, so bis jetzo öfters zwischen Provinzen und Nationen, dann zwischen Departements so viele unnütze Schreibereyen verursacht hat, aufhören; und muß man sich nur einmahl recht eigen machen, daß bey dem Staatskörper, so wie bey dem menschlichen Körper, wenn nicht jeder Theil gesund ist, alle leiden. und alle zur Heilung auch des mindesten Übels beytragen müssen. Nation, Religion muß in allem diesen keinen Unterschied machen, und als Brüder in einer Monarchie müssen alle sich gleich verwenden, und einander nutzbar seyn. IX. Fälschlich werden die unterschiedlichen Theile, und Branchen einer Monarchie unter einander verwickelt und mißkannt. Schon vom Landesfürsten anzufangen, dünkt sich jener der Mäßigste, welcher nicht wie viele, das Vermögen des Staats und seine Unterthanen als sein vollkommenes Eigenthum ansieht, und glaubt, daß die Vorsicht Millionen Menschen für ihn erschaffen, und sich nicht träumen läßt, daß er für den Dienst dieser Millionen, zu diesem Platz von selben bestimmt worden. Und jener unter den Ministern hält sich für den gewissenhaftesten, der nicht die Plusmacherey, um sich seinem Landesfürsten beliebt zu machen, zum einzigen Augenmerk annimmt. Ersterer und die Letztern glauben sich gefällig genug, wenn sie die Staatseinkünfte als ein Interesse betrachten, das ihnen an dem Kapital des innern Staatsreichthums zusteht und auf dessen Erhaltung sie zwar wachen, zugleich aber möglichst bedacht zu seyn haben, daß die Benutzung in allen Gefällen und Rubriken um ihr Kapital nur stets auf ein höheres pro Cent zu bringen, immer wachse. So hält der Civilstand den Militärstand bloß zu Eroberungen und zur Hintanhaltung des Friedens geeignet, in Friedenszeiten aber für einen Blutegel des contribuirenden Standes, und der Soldat glaubt sich wieder berechtigt, vom Land für sich den möglichsten Nutzen zu erhalten. Der Mauthner sieht nur auf die Vermehrung des ihm anvertrauten Gefälles, und so trachtet der, dem die Leitung der Bergwerkserzeugung übertragen worden, damit er nur sein vorhandenes Erz vermehre, selbes wohlfeil erzeuge, und seine Ausfuhr gut ausfalle. Und endlich der Richter befleißigt sich seinerseits nur, daß das Ansehen und alle Formen in Behandlung der Gerichtshändel, wohl betrachtet werden. Dieses sind die Hauptleiter, Führer eines Staates, welche sammt allen ihren Individuis nur auf sich, und nicht auf das Allgemeine sehen, ja unter ganz falschen Grundsätzen der Staatsverwaltung. Der Soldatenstand besteht aus mehreren Tausend in der Ordnung gehaltenen und zum Dienst des Staates gebildeten Leuten. Das Wenige, was sie an Gehalt empfangen, verzehren sie im Lande, und sind also Consumenten. Dasjenige, was ihnen der Staat in Natura verschafft, nähmlich Nahrung und Kleidung, wird im Lande bis auf sehr weniges, produciret, manifacturiret und fabriciret, ja die Beurlaubung gibt dem Ackerbau, den bürgerlichen Gewerben, mehrere Hände, und die Leichtigkeit zu heirathen, macht sie ebenfalls zu Procreanten. Die Finanzen betrachte ich nicht in obigem Gesichtspuncte mit dem großen Haufen; sondern ich erwäge hierbey, daß, da die Belegung und Gefällsbenützung unmittelbar vom Landesfürsten und seiner Finanzstelle abhängt, ein jedes Individuum, so entweder Besitzungen, oder einen Nahrungsverdienst im Lande hat, sein, durch seiner Ältern Vorsicht oder durch seinen Schweiß oder Industrie erworbenes Vermögen, dergestalt und in einer Monarchie mit einem blinden Vertrauen auf den Landesfürsten, compromittirt, daß nähmlich jeder nur in so weit beleget und beitragen wird, als es die unumgängliche Nothwendigkeit des Ansehens, und der daraus entstehenden Sicherheit, die Verwaltung der Gerechtigkeit, die innerliche Ordnung, und die mehrere Aufnahme des ganzen Staatskörpers, von dem jeder einen Theil ausmacht, fordert; daß ferner die Monarchie in der Ausgabe nichts außer dieser Hauptabsicht verschwenden, die Abgaben auf die wohlfeilste und verläßlichste Art zu erhalten, und den Staat in allen seinen Theilen zu bedienen trachten wird, wofür er dem Allgemeinen und jedem Individuo Rechenschaft zu geben schuldig, und seiner eigenen Vorliebe für Personen, der Freigebigkeit selbst gegen Nothleidende, wiewohl einer der vorzüglichsten Tugenden des Wohlhabenden, bey Verwaltung der allgemeinen ihm nicht gehörigen Staatseinkünfte, sich keineswegs überlassen, sondern nur mit dem ihm als Particulier eigenthümlichen Vermögen sich dergleichen Vergnügen verschaffen dürfe. Sollte er aber nach hinlänglicher Übersehung der Monarchie in allen Theilen, etwas Ansehnliches in den Ausgaben vermindern können: so ist er schuldig, auch die Einnahme durch Nachlässe zu vermindern, weil der Bürger nicht für den Überfluß, sondern nur für den Bedarf des Staats beyträgt. So muß ein Vorsteher der Mauth selbe lediglich als die Schleussen des Handels und der Landesindustrie betrachten, und sich versichert halten, daß der sich etwa bey diesem Gefäll ergebende Abgang reichlich und gewiß in einem doppelten Betrage, durch den Vortheil ersetzt werde, der durch die erweiterte innerlichen Nahrungswege und Industrie, in zertheilten Händen sich ergeben wird: und also muß er sein Hauptaugenmerk auf die Hintanhaltung des dieser Verbreitung der Nahrungswege schädlichen Schleich- und fremden Handels richten. So muß ebenfalls der Bergwerksproducent gleich jedwedem Particulier denken, und diese Production der Erze als eine Fabrike ansehen, wo jeder Mann, der bey selber arbeitet, oder durch seine besitzende Oberfläche und deren Erzeugniß beyträgt, seine Convenienz finden muß, ohne daß er gezwungen werde, wegen Erzeugung eines mehreren Erzes und Salzes seiner Convenienz oder dem bessern Verschleiß seiner Producte zu entsagen. So muß endlich der Richter nicht auf die Form mehr, als die Ausübung der Gerechtigkeit sehen; und da das Wort Gerechtigkeit nur in sich die größte Billigkeit fasset, so muß er auch auf die Behendigkeit und wohlfeile Bedienung des Staates darin den Bedacht nehmen. X. In Geschäften zum Dienst des Staates kann und muß keine persönliche Zu- und Abneigung den mindesten Einfluß haben. So wenig als sich unterschiedene Charactere und Denkungsarten unter einander in dem bürgerlichen Umgange in eine freundschaftliche Verbindung nöthigen lassen, eben so muß in Geschäften, deren gute Ausführung und Beförderung, das einzige Ziel der Dienenden, und jenen jeder der liebste und schätzbarste seyn, welcher am tauglichsten und fleißigsten ist. Dieses ist die Pflicht der Obern gegen ihre Untergebenen: jene aber, so in gleichem Range unter einander sind, müssen die nähmliche Wirksamkeit, die nähmliche Thätigkeit in Geschäften haben, und mitsammen, ohne Rücksicht auf Rang und Ceremonie, die Geschäfte behandeln, betreiben, einander besuchen, mit einander verabreden, einer den andern belehren, nicht Beschwerden gegen einander aufführen, vielmehr alles vergessen, um das Geschäft gehen zu machen. Sie müssen die wechselseitigen Unvollkommenheiten ertragen, geschwächte Gesundheit zu gute halten, Tage und Stunden verwenden, und kurz als Freunde, als Brüder, die nur ein Ziel haben, mitsammen handeln. Dieses versteht sich vorzüglich auf die Chefs, und diese müssen also auch ihre Subalternen untereinander und mitsammen dazu anhalten. XI. Die Eigenliebe muß keinen Diener so weit verblenden, daß er sich scheue, von einem andern etwas zu lernen, er mag nun seines Gleichen oder minder seyn. Die gute Wirkung, die ein oder andrer in Einleitung eines Geschäftes, und dessen Ausübung ersonnen hat, muß er eben so froh seyn, seinen Mitbrüdern und Collegen zu erklären, so wie diese froh seyn müssen, selbe von ihm zu überkommen, alles in dem allgemeinen Hauptziel zum Besten für den Dienst des Staates. XII. Die Expedirung der Befehle, so in wichtigen Sachen ergehen, die Anfragen und die Berichtigungen müssen nicht nach dem materiellen Laufe für Raths- und gewöhnliche Expeditionstage verschoben bleiben, sondern derjenige Trieb, der jeden zur Erfüllung der Endzwecke beseelen muß, muß sie auch in diesem leiten, und ohne weitern Zeitverlust in Bewegung setzen. XIII. Da alles darauf ankömmt, daß die Befehle richtig begriffen, genau vollzogen, und die zu verwendenden Individua nach ihrer Fähigkeit oder Unfähigkeit richtig beurtheilt, erkannt, und darnach angewendet werden; so ist es unumgänglich nothwendig, daß alle Jahre, oder so oft als nur eine Vermuthung ist, daß es in einer oder andern Provinz entweder unordentlich, oder langsam, oder nicht zweckmäßig zugeht, entweder der Chef selbst, oder von ihm Abzuschickende, sogleich sich zur Landesstelle, oder dem Generalcommando begebe, die Umstände in Loco untersuche, die verwendeten Subjecte prüfe, jedermann anhöre, und darnach sogleich, nach den schon bestehenden Befehlen, das Unrecht abstelle, jeden zurecht weise, oder die sich findende erhebliche Anstände mir anzeige, zugleich aber die Beseitigung der untauglichen Subjecte veranlasse. Auf diese nähmliche Art hat eine jede Landesstelle ihre untergebenen Kreishauptleute, Comitate \&c. zu respiciren, und alljährlich, entweder in Person des Chefs, oder durch einen abgeschickten vertrauten Mann zu untersuchen, und das Nähmliche darin zu beobachten, was die Hofstelle gegen sie thut, und besonders sie auf die ordentliche Haltung der Protocolle und Erfüllung der Vorschriften und Befehle anzuhalten. Bey diesen Untersuchungen müssen hauptsächlich die eingeführten Conduitenlisten rectificirt, und die Meinungen, die man von diesen Beamten im Publico hat, erhoben und bestimmt werden. Die Kreishauptleute, die Ober- und Vicegespäne müssen auf die nähmliche Art ihre Kreiscommissarien, ihre Stuhlrichter und diejenigen Dominien visitiren und bereisen, welche ihrer Aufsicht unterstehen, und so sollen ebenfalls bey dem Kreis über jeden Oberbeamten oder Präfecten eines Dominii die Conduitenlisten hauptsächlich in Ansehung folgender zwey Puncte geführt werden, nähmlich: ob er in Beobachtung der Befehle genau, auch sonst ein billiger Mann sey? weil jene Grundobrigkeiten, die nicht in Persona ihre Güter verwalten, und also die Befehle nicht selbst in Ausübung bringen können, und daher in ihre Oberbeamte und Präfecten compromittiren, für deren Facta sich verpflichten, und zu deren Abdankung bey vorkommenden Unordnungen von Staatswegen angehalten werden müssen. XIV. Jeder wahre Diener des Staats und redlich Denkende muß bey allen Vorschlägen und Verbesserungen, welche offenbar für das Allgemeine sind, in der Belegungsart, in der Besteuerung, oder an einer wirthschaftlichen Gebahrung nutzbarer, einfacher oder ordentlicher ausfallen können, nie auf sich zurücksehen, niemahl seine persönlichen Interesse, die Annehmlichkeit der Sache berechnen, und sich dagegen, wenn sie ihm lästig, und dafür wenn sie ihm nutzbar wäre, erklären, sondern er muß sich stets nach dem Grundsatze benehmen, daß er ein einzelnes Individuum sey, und das Beste des größeren Haufens weit das Seinige, so wie eines jeden Particuliers und selbst des Landesfürsten, als einzelnen Mann betrachtet, übertreffe; er muß erwägen, daß er an dem, was für das Allgemeine, dessen einzelnen Theil er ausmacht, nutzbar ist, ganz gewiß, wenn er ihm auch nicht gleich Anfangs einleuchtend wird, dennoch in der Folge einen der Vortheile selbst finden werde. Dieses sind in der Kürze meine Gesinnungen; daß, selbe befolgen zu machen, mich Pflicht und Überzeugung leitet, können meine Worte, und mein Beyspiel beweisen; und daß ich selbe in Ausübung setzen werde, kann man hiernach versichert seyn. Wer nun mit mir so denkt, und sich als einen wahren Diener des Staates, so lange er selbem dient, ganz mit Hintansetzung aller andern Rücksichten widmen will; für diesen werden bevorstehende meine Sätze begreiflich seyn, und ihm deren Ausübung eben so wenig als mir beschwerlich fallen. Jener aber, der nur das, meinem Dienst anklebende Utile oder Honorificum zum Augenmerk hat, die Bedienung des Staates aber, als ein Nebending betrachtet: der soll es lieber voraussagen, und ein Amt verlassen, zu dem er weder würdig noch gemacht ist, dessen Verwaltung eine warme Seele für des Staates Beste, und eine vollkommene Entsagung seiner selbst und aller Gemächlichkeiten fordert. Dieses ist, was ich jedermann zu erkennen zu geben finde, damit das so wichtige Werk der Staatsverwaltung zu seinem wesentlichen Endzweck von jedem dazu gebraucht werdenden geleitet werde. IX. Kaiser Josephs Gebethbuch. Es kann hier natürlich nicht davon die Rede seyn, daß Joseph II. ein eigenes Gebethbuch gehabt habe, wie seine orthodoxe Mutter deren mehrere gehabt; nicht darum kann es sich handeln, daß Joseph II., um seine Seele zum Himmel zu erheben, eines Buches bedurft hätte, voll von Wünschen, Betrachtungen und Bitten. Da nun gleichwohl ein gedrucktes Werkchen existirt, welches den Titel »Kaiser Josephs Gebethbuch« führt, so ergibt sich von selbst, daß die Absicht des Verfassers keine andere gewesen sey, als einen Spiegel von Josephs schöner und reiner Seele, von seinem edlen menschenfreundlichen Herzen, von seinem erhabenen, selbstschöpferischen Geiste aufzustellen, dergestalt, daß der Leser sich werde gestehen müssen: »Ja, so war Josephs, so war seine durch lebendiges Wirken ausgesprochene Andacht.« Deßhalb sagt der Verfasser der kleinen Schrift als Vorwort: »Aus den Handlungen der Menschen lassen sich auch ihre Gedanken errathen; wer nun mit philosophischem Auge Josephs Thaten durchforscht, wird sich leicht mit seinem Geiste bekannt machen können; mehr gehört aber nicht dazu, um zu wissen, wie dieser erhabene Fürst in den Stunden stiller Betrachtung und frommer Andacht zu seinem Schöpfer bethe. Ist dieß also gleich nicht Josephs wirkliches Gebethbuch, so ist es doch ein getreuer Abdruck seiner Herzenserhebung und Andacht zu Gott – und folglich konnte man dieses Werklein ohne Vermessenheit und Lüge, Josephs Gebethbuch nennen.«. Das hier erwähnte Werkchen hat, ohne 6 Seiten Titelblatt, Vorrede und Inhaltsanzeige zu rechnen, 52 Seiten in klein Octav; ist zu Wien bey Joseph Hraschanzky (im Melkerhofe) 1787 gedruckt, und sehr selten und gesucht. Wir setzen jetzt zuerst das Inhaltsverzeichniß her, und theilen dann einige derjenigen Gebethe mit, die uns am Bezeichnendsten dünken. – Inhalt: Morgengebeth; Abendgedanken. – Gedanken vor der Beicht. – Gedanken bey Aufhebung der Mönche. – Gedanken vor Einführung der Toleranz. – Gedanken vor Bestrafung eines Missethäters. – Gedanken bey Durchlesung einer Schmähschrift. – Gedanken vor Einführung des neuen Gesetzbuches. – Gedanken bey einem bevorstehenden Kriege. – Gedanken beym Besuche des heiligen Vaters. – Gebeth für den Kronprinzen. – Von den einzelnen Gebethen, oder wie der Verfasser des Werkchens sich ausdrückt: »Gedanken« heben wir nachstehende aus: Gedanken bey Aufhebung der Mönche . Ich thue nun einen Schritt, der mir Feinde in Menge zuziehen, und selbst von vielen, sonst guten Unterthanen, nicht ungetadelt bleiben dürfte. Allein ich vertraue auf dich, ewiges allerweisestes Wesen – du siehst mein Herz, weißt, daß ich nur das Wohl der Menschheit, nur das Glück meiner Länder zum Endzweck habe. Jesus, den du zur Welt sandtest, lehrte thätige Bruderliebe , und machte dieß zum Ziel menschlicher Glückseligkeit. Meine Mönche sind gänzlich von dieser Lehre abgewichen. Sie leben im Müssiggange und lieben nur sich selbst. Sie verführen mein Volk – ziehen es von der Anbethung deiner Allmacht zum Aberglauben hin, und lehren es Bruderhaß. Ihre Anzahl ist dem Staate zur drückenden Last geworden. Sie verzehren sein bestes Mark, schaden der Bevölkerung, und ersticken durch ihr Beyspiel die Industrie. Sie sammeln Schätze, die sie dem allgemeinen Kreislauf entziehen, hindern jede Art von Aufklärung, und sind unnütze Glieder des Staats. Ich glaube also die Macht, die mir nach deinem ewig weisen Plan in die Hände gegeben wurde, nicht zu mißbrauchen, wenn ich diese Mönchsorden einen nach dem andern aufhebe. Damit ich aber des Guten nicht halb thue, werde ich Sorge tragen, daß sie, so viel möglich, reinere Grundsätze annehmen, und würdige Nachfolger unsers göttlichen Lehrers werden. Stärke mich also, ewiges allmächtiges Wesen, gegen alle Einwendungen und Drohungen des päpstlichen Hofes, gegen alle Gegenvorstellungen parteyischer Minister und Räthe, gegen die Vorspieglungen mancher Bischöfe, gegen das Murren meines Volkes, auf daß ich dieses, zum Wohl meiner Länder und der reinen Lehre Christi unternommene Werk glücklich und standhaft vollende. Amen. Gedanken vor Einführung der Toleranz . Ewiges, unbegreifliches Wesen! du bist ganz Duldung und Liebe. – Deine Sonne scheint dem Christen, wie dem Gottesläugner, dein Regen befruchtet die Felder des Irrenden, wie jene des Rechtgläubigen, und der Keim zu jeder Tugend liegt auch in den Herzen der Heiden und Ketzer. Du lehrst mich also, ewiges Wesen, Duldung und Liebe, lehrest mich, daß Verschiedenheit der Meinungen dich nicht abhalten, ein wohlthätiger Vater aller Menschen zu seyn. Und ich, dein Geschöpf, soll weniger duldend seyn? soll nicht zugeben, daß jeder meiner Unterthanen dich nach seiner Art anbethe? soll die verfolgen, die anders denken als ich, und Irrende durch das Schwert bekehren? Nein! allmächtiges, mit deiner Liebe allumfassendes Wesen, dieß sey weit von mir! Ich will dir gleichen, so weit ein Geschöpf dir gleichen kann, will duldend seyn wie du. Von nun an sey aller Gewissenszwang in meinen Staaten aufgehoben. Wo ist eine Religion, die nicht die Tugend lieben, nicht das Laster verabscheuen lehrte? Jede sey also von mir tolerirt, Jeder bethe dich, ewiges Wesen nach der Art an, die ihm die beste dünkt. Verdienen Irrthümer des Verstandes wohl die Verbannung aus der Gesellschaft, und ist Strenge wohl das Mittel, die Gemüther zu gewinnen und Irrende zu bekehren! Zerrissen seyen also von nun an die schändlichen Ketten der Intoleranz! Dafür vereinige das süße Band der Duldung und Bruderliebe meine Unterthanen auf immer! Ich weiß, daß ich der Schwierigkeiten viel werde zu überwinden haben, und daß die Meisten von denjenigen kommen werden, die sich deine Priester nennen. Verlaß mich also nicht mit deiner Macht! stärke mich mit deiner Liebe, ewiges, unerklärbares Wesen, auf daß ich alle diese Hindernisse glücklich übersteige, und das Gesetz unsers göttlichen Lehrers, welches kein anderes als Duldung und Liebe ist, durch mich erfüllet werde. Amen. Gedanken bey Durchlesung einer Schmähschrift . Kannst du es, ewiges unerforschbares Wesen, bey all deiner Weisheit, nicht immer nach Menschensinn machen; stehen gegen dich und deine ewig weisen Naturgesetze Lästerer auf; wie soll ich, der ich nur Menschenwerke verrichte, tadellos bleiben? Gern und geduldig will ich also allen Tadel, alle Lästerung, alle Schmähschriften wider mich und meine Befehle ertragen. Wo ihr Tadel gegründet ist, will ich es meinen Feinden sogar danken, daß sie mich auf diesem Wege die Wahrheit finden ließen. Sie sind in diesem Falle keine Feinde mehr, sondern ohne es zu wollen, meine Freunde geworden. Doch selbst da, wo bloß Schmähsucht ihre Feder regieret, wo sie mich nur einseitig beurtheilen und Verordnungen angreifen, die ich nach innigster Überzeugung nur zum Wohl meiner Staaten ergehen ließ, auch da will ich ihnen verzeihen, und für sie, wie einst der göttliche Lehrer deiner Liebe zu dir beten: Vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun. Amen. Gedanken beym Besuche des heil. Vaters . Der Papst will mich besuchen, und ich will ihn freudig in meinen Mauern aufnehmen. Er nennt sich ja, ewiges, unerkanntes Wesen, deinen Statthalter, und ist er dieser, so kann die Absicht seiner Reise nicht anders als löblich und menschenbeglückend seyn. Gern will ich ihm also mein Ohr leihen, und ihm in allem seinen Willen thun. Er soll mit mir unter einem Dache wohnen, mit mir an einer Tafel speisen, alle Achtung, alle Rechte der Gastfreundschaft genießen – Doch, wenn er Dinge von mir verlangte, die mit dem Wohl meiner Länder, mit den Rechten meiner Krone unverträglich wären; wenn er, gleich manchem seiner Vorfahren gewisse angemaßte Vorrechte geltend machen, oder mich auch im Vorschritte meines großen Planes hindern wollte, dann vergieb es mir ewiges, höchst gerechtes Wesen, wenn ich ihn nicht weiter für deinen Statthalter erkenne, sondern ihm standhaft alles abschlage, was meiner Ehre oder meinen Rechten nachtheilig seyn könnte. Zwar strömt Beredsamkeit von seinen Lippen, und ehrwürdiges graues Haar deckt sein Haupt. Aber wie oft hat nicht Beredsamkeit und Ansehen die Fürsten blind gegen ihre eigenen Vortheile gemacht? Allein mich stärkt Überzeugung meiner guten Sache, und lebhaftes Gefühl meiner Rechte. Ich will also seiner süßen Beredsamkeit trockne Gründe und seinem Zudringen unerschütterlichen Muth entgegensetzen. Erleuchte dann aber auch, allmächtiges Wesen, seinen Geist, auf daß er sich von der Güte meiner Reformen, und der Gründlichkeit meiner Rechte überzeuge, und (er mag in was immer für einer Absicht zu mir gereiset seyn) als mein Freund zurückkehre. Amen. Gebeth für den Kronprinzen . Wie innigst danke ich es dir, ewiges, gütiges Wesen, daß du mir einen Neffen gabst, der so viel für die Zukunft verspricht. Ich habe tief in seine Seele geblickt – Sein Herz denkt groß und edel, und schlägt für Menschenglück. Du hast, ewiges Wesen, des Keimes zum Guten so viel in seine Seele gelegt – laß ihn doch zu großen Tugenden aufsprossen, und einst zum Beglücker seines Volkes werden! Verschließ sein Herz dem süßen Gelispel der Schmeichler, und gib ihm, wenn ich nicht mehr seyn werde, Räthe zur Seite, die es redlich mit dem Vaterlande meinen! Segne einst das Band seiner Ehe, das nicht Eigennutz und Politik, sondern Übereinstimmung und Liebe knüpfen wird! Laß ihn sein Volk in Frieden beherrschen, und den zweydeutigen Durst nach Heldenruhm nie sein Herz verführen! Wird er aber zum Kriege gereizt, so segne seine Waffen! Habe ich endlich je der Thaten einige gethan, die Lohn von dir verdienen, so laß sein Volk einst von mir sagen: Joseph erzog uns einen Nachfolger, der unser Glück macht. Amen. Ja »Amen« läßt der Verfasser der »Gedanken« den edlen, reinen Joseph ausrufen: »Amen!« X. Joseph II. und Professor Feßler in Lemberg. Als der Kaiser auf seiner Reise nach Rußland im Jahre 1787 nach Lemberg kam, sprach er Feßlern mehrere Mahle. Feßler erzählte über Josephs Aufenthalt daselbst manches Wichtige und Pikante; und es muß uns wirklich wundern, daß es von den Anecdotensammlern nicht benützt worden ist. Wir geben hier einen Auszug. Feßler berichtet: An der Pforte des Seminariums für den griechischen Ritus empfingen ihn der Rector, den er weder eines Anblickes, noch einer Anrede würdigte, und die Professoren der theologischen Facultät, unter welchen ich ihm in netter Abbé-Kleidung am meisten mochte aufgefallen seyn. Auf die von ihm verlangte Angabe meines Nahmens und ehemahligen Standes, erwiederte er freundlich lächelnd: »Jetzt ziemlich luftig,« und unterhielt sich forthin nur mit mir. Im Hofe standen die Seminaristen, über zweihundert, nach ihren Classen, in zwei Reihen aufgestellt. Er ging die Reihen hinunter und herauf, besah jeden und fragte mehrere, die ihm entweder der ausdrucksvollen Physiognomie, des guten Wuchses, oder des Alters wegen auffielen, um ihre Nahmen. Hierauf befahl er ihnen sich nach ihren Landsmannschaften zu stellen, und rühmte die Schnelligkeit, mit welcher die Galizier, Ungarn, Slavonier und Croaten abgesondert sich stellten. Alle Museen, Dormitoren und Zimmer durchgehend, trat er auch in das meinige. Unter flüchtigem Anblicke meiner Bücherschränke fielen ihm des Helvetius Schriften in das Gesicht. »Dieß Buch« sprach er, »wird von Rom aus, selbst Bischöfen verboten: wer hat es Ihnen erlaubt?« meine Antwort: »Ew. Majestät und mein Gewissen,« nahm er mit Wohlgefallen auf. Er liebte fertige, kurze und freymüthige Antworten, wer damit zauderte, oder ihm nicht unwandelbar in die Augen sah, hatte schon dadurch viel bey ihm verloren. Sein Blick hingegen fixirte stark, und sein Übergang von der anziehendsten Popularität zur höchsten Majestät war meisterhaft und eindringend. In dem Speisesaal kostete er das Brot und war damit zufrieden. Im Correctionszimmer erzählte er mir, daß bey der Untersuchung der Klostergefängnisse in den Nonnenklöstern Spuren weit größerer Grausamkeiten, als in den Mönchsklöstern entdeckt worden seyen. Manches hatte er italienisch, seine Lieblingssprache, vieles lateinisch, fertig und richtig, das meiste deutsch, ganz im wienerischen Dialecte gesprochen. Allen Menschen zugänglich, unterhielt er sich doch mit denen, die nichts von ihm verlangten am liebsten und längsten; sie zutraulich und aufrichtig zu machen, hatte er ganz in seiner Gewalt. Das erfuhr ich am 15. In einen blauen soliden Leibrock gekleidet, verfügte ich mich nach geschlossenen Vorlesungen in Preschels Haus, wo er vier Zimmer, das hinterste seine Kanzlei, bewohnte. Meine hebräische Anthologie hatte ich in der Tasche. Bücher ihm zu präsentiren, war gewagt; es war bekannt, daß er einige Professoren in Pavia damit etwas unsanft zurückgewiesen, und einen ruhmwürdigen Numismatiker, der ihm sein Werk mit Münzabbildungen überreichen wollte, mit den Worten: »er hätte seine Zeit besser anwenden können,« gekränkt hatte. Der wachhabende Offizier hieß mich sogleich in das dritte Zimmer hineintreten, und daselbst warten, bis der Kaiser aus der Kanzlei heraus käme. In keinem dieser Zimmer war Wache: so sicher war er im Gefühle seiner Erhabenheit. Er kam, und seine Anrede war: »So gefallen Sie mir besser; forma virum neglecta decet; « und das sah ich an ihm selbst, denn seine Stiefletten waren nicht gereinigt, und in seinen Strümpfen bemerkte ich Löcher. – »Nicht wahr«, – fuhr er fort, – »wir sind dem Cardinal Migazzi recht durch den Sinn gefahren?« »Das gnädige Werk Ew. Maj.; ich nur der gefügige Stoff; mich armes Mönchlein würde seine Macht vernichtet haben.« »Ich habe ihm Waitzen, sein zweytes Bisthum genommen. Wie kein Mann zwey Frauen, eben so wenig darf ein Bischof zwey Kirchen haben \&c. Der Mann, der sonst so aufgeklärt gedacht hat, ist jetzt allen meinen redlichen Absichten zuwider.« »Er ist Priester und Kirchenfürst.« »Desto schlimmer!« »Doch ganz natürlich!« »Wie so natürlich? »Den ihm gebührenden ersten Platz in der Classe der Aufgeklärten hat er verpaßt, in dem Wahne Ew. Maj. würden ihn rufen. Dieß geschah nicht; sein Hoherpriesterstolz fühlte sich dadurch gekränkt; es war natürlich, daß er sich in die Arme der Gegenpartey warf, die ihm den ersten Platz mit Freuden einräumte.« »Sie mögen wohl recht haben. – Was sind Sie hier?« »Ew. Maj. treuer Diener, als Schriftgelehrter und Pharisäer verfolgt, und ohne zu verfolgen in Geduld harrend, bis Ew. Majestät geruhen, mich im Nahmen Jesu zum Nachfolger der Apostel zu berufen.« »Das kann mit der Zeit geschehen; fahren Sie nur so fort. Gehen Sie hier in den Chor?« »Als Ew. Majestät Beamter bin ich aller klösterlichen Verrichtungen und Obliegenheiten entbunden.« »Sie fasten also auch nicht?« »Nur, wenn dem Seminariums-Koch etwas Menschliches begegnet.« »Dann sind Sie Capuziner wie ich.« »Bis auf das Gelübde der Armuth, dieß halte ich strenger als Ew. Majestät.« Er faßte anstatt seinen, meinen Rockknopf und sprach: »Nicht einmahl dieser Knopf ist mein.« »Auch nicht der meinige, denn ich bin ihn noch schuldig.« Daß dieß etwas naseweis war, bemerkte ich an seinem ernsthaften, majestätischen Blick, mit dem er weiter sprach: »Schreiben Sie hier nichts?« »Ich habe geschrieben« (und hiermit zog ich meine Anthologie hervor, und überreichte sie ihm.) – »Ich habe Sie zum Censor aller Bücher der Juden im Lande ernannt; nimmt dieses Volk auch in der Cultur einigermassen zu?« – »Vielleicht könnte ich etwas dazu beytragen, wenn Ew. Majestät meine Censur-Befugnisse zu erweitern geruhten.« »Wieso?« »Sie drucken unter ihrer Thora einen chaldäischen Commentar Raschi genannt, welchen der gemeine Jude nicht versteht, der Rabbiner zur Hineintragung mancherley Irrthümer und Aberglauben mißbraucht. Wie, wenn ich ihnen diesen Raschi streichen, und sie anhalten dürfte, anstatt desselben Moses Mendelssohns Übersetzung beyzudrucken?« »Das geht nicht an. Mendelssohn war ein Naturalist, und ich will nicht, daß meine Juden Naturalisten werden.« Ich wollte weggehen; er hieß mich bleiben bis zu seiner Wiederkehr. Nach einer Viertelstunde stand er wieder vor mir, mit der Frage: »Was ist das für eine Aufführung von Ihrem zum Bischof von mir ernannten Rector?« »Ich weiß nichts, stehe auch mit ihm in keiner nähern Verbindung.« »Er ist sehr gravirt und was das schlimmste ist, in puncto sexti. « »Ich habe die Anklage nicht gesehen, weiß daher auch nicht, was der sechste Punct ist. »Ich meine in puncto sexti praecepti. « »Ew. Majestät wir sind alle gebrechliche Menschen.« »Aber der Priester sollte doch wissen, und sich darnach richten, was der heil. Augustinus sagt: si non caste, saltem caute. – Ich muß seine Ernennung zum Bischofe widerrufen, und Rector kann er auch nicht mehr bleiben, propter Scandalum. – Wo nehmen wir aber einen andern Rector her?« »Der ist nicht schwer zu finden, wenn Ew. Majestät geruhen wollen, gnädig und gerecht zu seyn. Der gegenwärtige Rector hat den Vorigen durch mancherley Künste verdrängt. Nach Entlassung des Dominicaners Dechanies hatte er sich zum Concurs für den Lehrstuhl der Dogmatik gestellt: Die Facultät gab rühmliches Zeugniß für ihn, und Ew. Majestät genehmigten das Votum der Facultät, doch nach meiner Kenntniß von ihm besitzt er mehr Talent zum Regieren, als zum Lehren.« »Hat er Haare auf den Zähnen?« »Er hat Ruhe und Sanftmuth, kalten Ernst, Besonnenheit und Selbstbeherrschung. Die häusliche Zucht war nie besser als unter seinem Rectorat.« »Wie heißt er?« »Antonius Angelovicz, Weltpriester und Professor ordinar. der dogmatischen Theologie.« Er zog seine Schreibtafel heraus, und schrieb den Namen auf, worauf er sprach: »Und nun, wo soll sogleich ein andrer Professor herkommen? – Doch leichter als ich einen tüchtigen Rector, werdet ihr einen Professor finden, für eine Wissenschaft, welche mit dem Glauben anfangen und endigen muß.« – Hiermit nahm er mein Buch zu sich, und entließ mich mit einer Kopfverneigung. Am 17. May des Nachmittags, es war Christi Himmelfahrtsfest, kam er zum zweyten Male um die theologischen Hörsäle zu besehen. Dabey fragte er mich um die besten meiner Zuhörer. Als der Kaiser in den Wagen stieg, sah er eine Menge Equipagen vorbeifahren. Auf seine Frage, wo diese Leute hineilen, antwortete ich, nach Zboisk, einem allgemeinen Erhohlungsort der Beamten und Kaufleute, eine Viertelstunde von der Stadt. Er befahl nach Zboisk. Bey seiner Ankunft daselbst wollte der jovialische Wirth Vogetzer in Ohnmacht fallen, seine dicke runde Frau schrie mit ausgestreckten Armen aus vollem Halse: »Jesus Maria Joseph! Der Kaiser, um Gottes Willen, der Kaiser!« Die Gäste und die Kegelaufsteller liefen auseinander, Geld, Mäntel und Kleider im Stiche lassend. Helllaut lachend befahl der Kaiser seinen Rückzug, und plötzlich stand alles wieder auf seinem Platze in Ordnung. Er geboth allen, das Spiel fortzusetzen, und als die Gubernialsecretärinn Albrecht eine schlechte Kugel warf, sprach er: mit Erlaubniß meine Herren, für die Frau; nahm die Kugel, zeigte ihr, wo sie aufwerfen müsse, und schob sieben Kegel mit dem König. Wie ein Blitz war der Wirth Vogetzer auf dem Platze, nahm Kugel und König weg und lief fort, mit jubelndem Geschrey: »Diese Kugel soll niemand mehr in die Hand kriegen, diesen König niemand mehr niederwerfen! in Silber gefaßt sollen sie auf meine Kinder und Kindeskinder kommen, zum Denkzeichen an unsern großen Kaiser!« – Freylich ist der Kaiser groß; der in dem lebendigen Gefühl innerer Majestät ohne sich herabzuwürdigen, Gott nachahmend auch im Kleinsten seine Größe zu zeigen weiß. Am 18. May reiste Joseph mit einem Gefolge von 27 Personen in sieben Wagen von Lemberg ab. XI. Rhapsodien über Kaiser Joseph. von Friedr. Carl von Moser (Reichshofrath, berühmter Pub- licist, †1798) handschriftlich an seinen Freund, der dann (1816) Einiges davon veröffentlichte. 1. Seine Erziehung und sein Unterricht war ganz von Jesuiten entworfen und geleitet. Sprachen, Mathematik, Physik, und überhaupt Memoirenwerk, waren die Hauptsache. Sein erster Ajo oder Oberhofmeister war der Graf, nachher Fürst Batthyani, um den Ungarn zu schmeicheln. Ich stand dabey, als der Kaiser einst, noch bey Batthyanis Leben, sagte: Ich habe von meinem Oberhofmeister nichts gelernt, als zu sagen: Leck mich im A***. Wenn die Lehrstunden kamen; so ward unter zehn Stunden fünfmal gesagt: Der Herr kann nur wieder gehen! Wollen Ihr Hoheit nicht ins Ballhaus? Wollen Sie nicht spazieren reiten? Es sollte so ein königlicher Bär mit dem Ring in der Nase aus ihm gezogen werden. Sein Geist keimte aber früh in ihm hervor. Ich weiß aus dem Mund des nun verstorbenen Herrn von Martini, der ihn die Geschichte lehren mußte, daß Joseph ihn oft gebeten, ihm heimlich Bücher mitzubringen, aus denen er was lernen könnte; wie er dann auch in zunehmenden Jahren ganze halbe Tage in der kaiserlichen Bibliothek zugebracht, und noch als Kaiser, äußerst les- und wißbegierig war. Das meiste Verdienst um ihn hat der Baron Beck, der als gewesener Corrector von Frankfurt nach Wien kam, allda aus Armuth katholisch, Professor und zuletzt Reichsreferendarius wurde. Dieser mußte den Kaiser als Kronprinzen das Staatsrecht lehren; und dieser wars, der ihm zuerst die Gräuel und Tiefen der römischen Hierarchie, und wie die Päpste mit den Kaisern hausten, kenntlich machte, und den ersten Grund legte zu der nachherigen Explosion. 2. Seinen Starrkopf erbte er von seiner Mutter. Schon als Knabe von vier Jahren hatte er einen so eisernen Eigensinn, daß er sich einst vornahm, nichts zu essen, als was ihm beliebte. Zu allem, was Ihm sein Ajo präsentirte, sagte er: »I mog net.« Er trieb dieß Spiel acht Tage lang. Die Kaiserinn Königinn kam darüber selbst in Angst. Ein alter Offizier, der den kleinen Starrkopf besser als die Mutter kannte, und der ein Bauchredner war, erboth sich, ihn zu kuriren, ließ sich, mit Vorwissen der Aja, unter den langen Teppich der Tafel verstecken und als der Knabe wieder sagte: »I mog net,« brüllte er fürchterlich unter dem Teppich: »Willst du essen?« Das Kind, durch die Aja bestärkt, meinte, die Stimme käme vom Himmel, und sagte von Stund an nicht mehr: »I mog net.« 3. Als es hieß, daß ein Paar Reichshofräthe wären abgesetzt worden, schrieb Moser 1790: Es ist kein Reichshofrath abgesetzt worden. Der Schelm, dem der Kaiser auf der Spur war, lebt noch. Der Kaiser konnte mit den Beweisen gegen ihn nicht aufkommen, und wollte doch nicht via facti zufahren, ungeachtet ganz Wien und Deutschland den Mäkler kannten. Graf Grävenitz und Baron Ditmar, die er erst vor wenigen Jahren cassirte, sind nicht wegen Justiz-Verfälschung, sondern wegen Schuldenmachen und unedler Handlungen entlassen worden. Der Kaiser sprach mehr denn einmal mit mir über jenen Schurken und sagte dann: »Es wird mir mit ihm gehen, wie meinem Herrn Vater mit dem Vockel; so lang er lebte, wollte keiner das Maul aufthun; und kaum war er todt, so haben sie ihm alle aufs Grab gemacht.« Dagegen hatte er aber auch eine so souveräne Verachtung gegen den Reichshofrath gefaßt, daß er sich nicht nur mit seinen Kammerdienern glühend lustig über manche Mitglieder machte, sondern, ungeachtet er alle andern Collegien, ja Gefängnisse und Lazarethe besuchte, er in seinem ganzen Leben nicht dahin zu bringen war, nur einmal in den Reichshofrath zu kommen. 4. Ganz zuverläßig wahr ist es, daß die Concepte der ersten, nach Marien Theresiens Tode publicirten Toleranz-Patente schon drey Jahre lang in ihrem Schreibcabinet gelegen hatten. Sie wollte aber in Ruhe sterben. Der Joseph, sagte sie, mags ausführen. Der Kaiser gab sie in der ersten ungeduldigen Wärme zur Bekanntmachung hinaus, und die Österreicher hatten die Bosheit, sie wie sie waren, ohne Eingang und Schluß, ohne Kopf und ohne Schweif bekannt zu machen. Drum sehen sie auch so verhunzt aus. 5. Personen, die es wissen können, haben mich in Wien versichert, Papst Pius VI. habe den Kaiser mit Thränen gebethen, die völlige Ausführung seiner kirchlichen Plane doch bis zu seinem, des Papstes Ableben zu versparen, der Kaiser habe es ihm auch versprochen. Die Plane gingen viel, viel weiter. Wie römische List und Verkettung mit und durch Rußland, großen Theils auch die Erinnerung einer gewissen höchst interessanten Rede Friedrichs des Großen an Kaiser Joseph, den Sachen eine ganz andere Wendung gegeben, wäre zu weitläufig zu erzählen. Wäre es in dem Ideengang des Kaisers gelegen, langsam zu handeln; hätte er nicht immer gesagt: Ich habe schon zwanzig Jahre warten müssen u. s. w., welche Katastrophen wären erfolgt! Man sah aber zu bald, daß die Toleranz nur auf der Mauth wohne, und da der Kaiser die Bischöfe zu Passau, Brixen u. s. w. selbst nöthigte, den König in Preußen um Schutz und Fürsprache anzuflehen, so wurden die Blinden bald wieder sehend und die holländischen, frankfurtischen, cölnischen \&c. Banquiers trauten vom Anfang an, dem Handel nicht. 6. Aus einem Brief vom 21. October 1787: Dem Kaiser wird ein Türkenkrieg willkommen seyn, und in Hoffnung schläft er gewiß schon in Belgrad. Der Großvezier hatte aber auch nicht Unrecht, wenn er dem österreichischen Gesandten vorhielt, daß unter allen christlichen Potentaten die Türken die einzigen waren, die das Hans Österreich in seiner größten Noth im Jahre 1740 nicht mit unterdrücken halfen. Wenn Joseph die Stimme eines seiner größten Generale hören wollte – er wird sie aber nicht hören – so würde er sich vor einem Türkenkrieg hüthen, wie vor der Hölle, und, wenn Er's seiner Freundinn Katharine machte, wie sie Ihm, da Sie die Krimm wegschnappte, und Ihn zusehen ließ; so würde nur eine alte Fabel wieder gespielt. Aus einem Brief vom 5. April 1785: Wenn bey dem jetzigen Türkenkrieg die ehemahligen Kirchengebethe wieder eingeführt werden; so dürfte im Herzen mehr für die Türken, als für Joseph II. gebethet werden. Es ist ein ungerechter Krieg, und ein Monument von Undank, das keine Zeit noch Geschichte vertilgen wird. Noch ist gar nicht angefangen, und wie viele Tausende sind schon gemetzelt! Wie viele wird Klima, schlechtes Wasser, Seuchen und der türkische Säbel wegraffen? Wie früh wird der Kaiser Ursache finden, sichs gereuen zu lassen, und wie bald wird er Graecam fidem seiner Bundesgenossen näher kennen lernen! Wie unsterblich wäre sein Ruhm und Nahme geworden, wenn er den zehnten Theil dieser Kosten zum Flor und Besten seiner alten Erblande verwendet hätte! Ich kann nicht aufhören zu jammern, so oft ich nur daran denke, und beklage den Irrgang eines sonst mit großen Parthien und Gaben versehenen Monarchen. Doch danke ich Gott dafür, weder im Civili noch im Militari sein Diener zu seyn. XII. Trattners Project des Büchernachdruckes en gros ; seine Umfrage; Antwort auf selbe. An Gelehrte und Schriftsteller in Wien sendete der Buchdrucker und Buchhändler von Trattnern ein Circular mit dem Verzeichniß der zum Nachdruck projectirten Werke, betitelt: »Gehorsamste Nota« aus folgenden Zeilen bestehend: Unterzeichneter Verleger bittet über den anliegenden Entwurf um Dero erleuchtet und patriotische Meinung, sammt Anmerkung jener Bücher, welche zu weiterer Aufklärung in jedem Fache der Wissenschaften zum Gegenstand erforderlich oder zu wünschen wären. Wien den 3. December 1784. Gehorsamer Diener Edler von Trattnern . Unter den Antworten befanden sich folgende: P. P. Obschon der Nachdruck auswärtiger Bücher in den K. K. Staaten geduldet ist; so bin ich dennoch überzeugt, daß es eine unleugbare und dem Fortgange der Wissenschaften höchst nachtheilige Ungerechtigkeit ist, einem Gelehrten oder auch nur einem Verleger sein rechtmäßig an sich gebrachtes Eigenthum durch Nachdruck zu rauben. Ich würde diese meine Grundsätze verläugnen, und mich als einen Handlanger bey einem öffentlichen Raube ansehen müssen, wenn ich dieß Unternehmen unterstützen, und die Gelehrten anzeigen sollte, die nach dem mir eingeschickten Plane geplündert und um ihr Eigenthum gebracht werden sollen. Wenn Ew. Hochedelgeboren die Sache genauer überlegen wollen, so werden Sie gewiß in meine Grundsätze einstimmen, und Ihre Rechtschaffenheit wird sich gegen den Elenden empören, der den Plan zu dieser unser Vaterland entehrenden Räuberey entworfen hat. In dieser Überzeugung bin ich Euer Hochedelgeboren Wien den 4. Dec. 1781. gehorsamster J. E. v. Born . Ich schmeichle mir durch keine meiner Handlungen verdient zu haben, daß Euer Hochedelgeboren an mir einen Mann zu treffen hofften, der in seinen Grundsätzen mit sich selbst unübereinstimmig seyn würde. Als Euer Hochedelgeboren diesen skizzirten Plan Sr. Majestät überreichten, habe ich meine Meinung darüber mit derjenigen Freymüthigkeit eröffnet, die ich an dem Mann in Geschäften für Pflicht halte, und die von guten Regenten immer mit größerem Wohlwollen aufgenommen wird, als die vorsichtig zweysinnigen Unmaßgeblichkeiten, die für jeden Erfolg auf beyde Seiten genommen werden können. Als Lehrer, oder wenn Sie wollen, als Schriftsteller an meinem Pulte denke ich wie der Rath am Rathstische. Wenn Nachdruck ein Beweis patriotischer Gesinnung ist, so muß es Straßenraub, durch den fremde Waare, statt sie zu bezahlen, mit Gewalt genommen wird, nicht weniger seyn. Beydes erspart dem Staate den Ausfluß der Baarschaft und aller Unterschied liegt in der Förmlichkeit des Benehmens. Wien den 5. December 1784. J. v. Sonnenfels . Der beyliegende Entwurf scheint doch am Ende zum Nachtheile der Schriftsteller ausfallen zu müssen. Der Unterzeichnete bittet also um Vergebung, wenn er wider eine Gattung von Menschen nicht sprechen kann, zu welcher er selbst gehört, erbietet sich aber sonst zu allen gefälligen Diensten. Denis . Ich werde es mit meinen Grundsätzen von Recht und Billigkeit nie vereinigen können, Theil an einer Sache zu nehmen, die ich für eine Beeinträchtigung fremden Eigenthumes halte, so wie ich das Unternehmen, die Ausländer um ihr Eigenthum zu bringen, für die Ehre unseres Vaterlandes schlechterdings nicht patriotisch finden kann. Euer Wohlgeborn werden daher von selbst einsehen, daß ich in diesem und allen dergleichen Fällen nicht seyn kann Dero dienstwilliger Diener Blumauer . Euer Wohlgeb. verlangen von mir eine patriotische Meinung über den mir zugeschickten Entwurf, sammt Anmerkungen über jene Bücher, welche zur Aufklärung in jedem Fache der Wissenschaften zu wünschen wären. Ich will Ihnen in beyden Stücken ohne Umstände willfahren. Wenn es hier bloß auf die Frage ankäme, durch welche Werke die Aufklärung befördert werden könnte, so wäre die Antwort ganz kurz: durch die besten in jedem Fache der Wissenschaften; dieses ist aber in dem beygelegten Plane nicht beobachtet worden; denn um mich nur auf ein Fach, das mich näher angeht, einzuschränken, so fehlen bey jenem der schönen Wissenschaften, außer Ramlern, Zachariä und Wielanden, alle großen und berühmten Dichter Deutschlands, als Klopstock, Kleist, Uz, Haller, Gleim, Goethe, Rabener, Weiße, Bürger, Karschin, Stollberg, Nicolai, Gellert, Hagedorn, Lichtwer, Lessing, Schlegel, Michaelis, Blum, Gökingk, Dusch, Jakobi, Hölty, Voß u. s. w. Es fehlen weiters Mendelssohns philosophische Schriften, Winkelmanns Geschichte der Kunst des Alterthums, Garves Abhandlungen und Cicero von den Pflichten, Gerards Versuch über den Geschmack, Meister über die Einbildungskraft, Bettinelli vom Enthusiasmus in den sch. K. u. Wiss, Burke von dem Ursprung unserer Begriffe vom Erhabenen, Lessings Laokoon, Du Bos, Harris, Webb, Gravina u. s. w., wofür ein paar Werke gesetzt sind, die zwar das schöne Geschlecht, nicht aber die schönen Wissenschaften betreffen. Ist aber die Frage, ob man unter dem Vorwande der Aufklärung die besten und nützlichsten Schriftsteller nachdrucken soll, so gestehe ichs, daß ich einen so ungerechten Plan als Menschenfreund und als Schriftsteller von ganzem Herzen verabscheue. Ich habe die Ehre \&c. Mastalier . Mein edler Herr von Trattnern! Ich achte den Büchernachdruck einem Straßenraube gleich. Schändliche Handlungen dergleichen jeder Straßenraub in sich ist, kann Gott selber mit aller seiner Gottesmacht nicht unschändlich machen. Ich werde mich also Ihrem Ansinnen so wenig fügen, als ich einem Unglücklichen, der da unter die Räuber gefallen, die Hände halten würde, sollte mich auch der Harambassa mit einem allerhöchsten Freybriefe dazu auffordern können. Sie will rühmen, etwas recht vaterländisches gethan zu haben, dafern Sie an Richtigkeit und Schönheit des Druckes Eckard in Altona, Bohn in Hamburg, Dietrich in Göttingen, Voß in Berlin, Reich in Leipzig, und Orell in Zürch, auch nur in weiter Entfernung erreichen werden: ich aber bilde mir ein, es so lange mit der Ehre meines Geburtslandes edel und gut zu meinen, als ich dem allverfluchten Nachdrucke widerstreite; was ich auch redlich mit Mund und Hand thun werde, so lange ich Feder und Zunge bewegen kann. Da haben Sie über Ihr nicht einmal zweydeutiges Unternehmen die verlangte patriotische Meinung Ihres gehorsamen Dieners Lorenz Leopold Haschka . Vom Hause, den 2. Dec. 1784. XIII. Joseph II. letzte Augenblicke; sein Characterbild \&c., der Kaiserinn Catharina von Rußland geschildert vom Prinzen de Ligne, am 21. Februar 1790 . Er ist nicht mehr, Madame; der Fürst ist dahin welcher der Menschheit Ehre machte; der Mensch, welcher der Fürsten Stolz und Ruhm war! Dieser glühende Geist ist erloschen, wie ein Licht, dessen äußerer Gehalt aufgezehrt ist; und sein gerühriger Körper liegt zwischen vier Bretern still. – Ich habe seine theuren Überreste begleitet, und war einer von den Vieren, die sie zu den Capuzinern trugen. Gestern würde ich nicht im Stande gewesen seyn, Ew. kaiserlichen Majestät davon Bericht abzustatten. – Joseph der Zweyte ist mit Standhaftigkeit, wie er lebte, gestorben: mit demselben methodischen Geiste, der ihn beginnen ließ, hat er geendet. Er selbst ordnete den Zug, welcher das heilige Sacrament begleitete, das ihm an sein Bett getragen wurde, und richtete sich auf, um zu sehen, ob alles sey, wie er angeordnet. Als der niederwerfendste Schlag – der letzte Schlag des Schicksals Der Tod der Erzherzoginn, gebornen Prinzessinn von Würtemberg. – seiner Leiden Gipfel ihn erreichen ließ, fragte er: »Wo wird man die Leiche der Prinzessinn beysetzen?« – Man antwortete, in der Capelle? – »Keineswegs,« sagte Joseph, »das ist mein Ort; man würde genöthigt seyn, sie wieder fortzunehmen. Bringt sie an einen andern Platz, wo sie ruhig stehen bleiben kann.« – Ich gewinne Kraft an diesen kleinen Zügen; ich glaubte nicht, einen solchen Bericht fortsetzen zu können. Er wählte und bestimmte die Stunden für die Gebethe, welche ihm vorgelesen wurden. So viel er es vermochte, las er deren auch selbst; und auch in Erfüllung der christlichen Pflichten hatte es bey ihm das Ansehen, als ob er seine Seele ordne, wie er in seinem Reiche alles hatte selbst ordnen mögen. Den Arzt machte er zum Baron, welcher ihm die letzte Wahrheit nicht vorenthielt, und hatte ihn so lieb, daß er ihn bath, sein Leichenbegängniß bis an das Grab zu begleiten; er bath ihn, den Tag und wo möglich die Stunde, wo er hinabsteigen werde, zu bestimmen; und nur zu bestimmt sagte es der Arzt vorher. Der Kaiser sprach mich wenige Tage vor seinem Tode, als ich von der Armee aus Ungarn, die ich nach Schlesien geführt hatte, zurückgekommen war. »Ich befand mich gestern nicht in dem Zustande, Sie zu sehen,« waren seine Worte, »Ihr Land tödtet mich; – mit Gents Einnahme begann mein Todeskampf, und Brüssel verlassen, ist mein Ende! – welche Beschimpfung für mich! (Er wiederholte das Wort öfter.) Ich sterbe daran. – Der müßte von Holz seyn, der anders könnte. – Ich danke Ihnen für alles, was Sie mir gethan haben. – London hat mir viel Gutes von Ihnen gesagt. – Ich danke Ihnen für Ihre Treue. – Gehen Sie nach den Niederlanden.. Lassen Sie sie zu ihrem Monarchen zurückkehren, und wenn Sie das nicht können, so bleiben Sie dort; opfern Sie mir nicht alle Ihre Vortheile, – Sie haben Kinder! –« Des Kaisers Worte haben mich so lebendig durchdrungen, sind meiner Erinnerung so fest eingeprägt, daß Ew. kaiserliche Majestät dessen gewiß seyn können: nicht eins steht hier, das er nicht gesagt hat. Mein Benehmen soll meine Antwort seyn: es ist unnütz, daß ich von Thränen unterbrochene Worte wiederhole. »Hat man hier und da Thränen vergießen sehen, als mir das heilige Abendmahl gereicht ward?« fragte der Kaiser Frau von Chanclos, die er kurz darauf gewahr ward. Ihre Antwort war: »Ja, ich habe unter mehreren den Prinzen von Ligne sehr heftig weinen sehen.« »Ich glaubte nicht, so viel werth zu seyn,« erwiederte der Kaiser fast in einem schmerzhaften Tone. Übrigens, Madame, soll ich es zur Schande der Menschheit sagen? Vier große Monarchen sah ich sterben; man beklagte ihren Verlust erst ein Jahr nach ihrem Tode; man hofft die ersten sechs Monathe, und man lästert in den sechs folgenden. So geschah es bey Maria Theresiens Hinscheiden. Man fühlt kaum den Verlust. Die Neugierigen, die Gleichgültigen, die Ränkesüchtler beschäftigen sich mit den neuen Regenten. Nur erst in einem Jahre wird der Soldat sagen: Joseph der Zweyte hat vor den Dämmen von Beschania den Kanonenkugeln, und in den Vorstädten von Sabatsch dem heftigsten Flintenfeuer gestanden: der Tapferkeit Denkmünzen schlagen lassen!. Der Reisende aber wird sagen: welche herrliche Stiftungen für Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse und Erziehungsanstalten! Der Manufacturist: welche Aufmunterungen! – – – Der Landmann: er selbst baute Felder an! der Ketzer: er selbst war unser Vertheidiger! die Vorsitzer aller Gerichtskammern, die ersten der Staatsbehörden: er war unser erster Geschäftsführer und Aufseher zugleich! die Minister: er arbeitete sich zu Tode für den Staat, dessen erster Unterthan, seinen eigenen Worten gemäß, er seyn wollte! der Kranke: uns besuchte er ohne Aufhören! der Bürger: unsere Städte verschönerte er durch herrliche Plätze und Spaziergänge! der Bauer, der Dienstmann, der Hausvater, alle werden sagen: wir durften zu ihm reden, wie wir wollten; er war unsere Zuflucht, wenn wir Raths bedurften! – seine gesellschaftlichen Umgebungen: er war zuverläßig, liebreich, ein lustiger Erzähler; seine Unterhaltung sinnreich; man konnte über alles mit unverstellter Wahrheit mit ihm reden! Doch, Madame, ich wollte Ihnen den Tod des Kaisers erzählen, und unterhalte Sie von seinem Leben! Ihro kaiserliche Majestät sagten mir vor zehn Jahren auf dem Wege nach Czarskozelo: – Ihr Monarch hat einen Geist, der immer zum Nützlichen sich wendet. Nichts Leichtfertiges in seinem Denken; er ist wie Peter der Erste, er vergönnt, daß man ihm widerspreche, wird nicht beleidigt, wenn man sich weigert, seine Meinung anzunehmen, und mag überzeugen, ehe er befiehlt. Gemälde Josephs des Zweyten . Wenn es hinreichend wäre, um den Nahmen des Großen zu erhalten, aller Niedrigkeit unfähig zu seyn, so würde man sagen können, Joseph der Große! allein ich fühle, daß mehr dazu gehört, um diesen Beynahmen zu verdienen. Ein glorreiches, glänzendes, glückliches Herrscherthum, ruhmwürdige Kriegsglücksfälle, unerwartete Unternehmungen, sieggekrönte Erfolge; vielleicht auch schimmernde Feste, Vergnügen und Pracht! Ich vermag nach dem Tode nicht mehr zu schmeicheln als im Leben. Die Umstände versagten Joseph dem Zweyten glänzende Veranlassungen, sein Inneres kund zu thun. Es war ihm nicht gegeben, ein großer Mensch zu seyn; aber er war ein großer Fürst, und der Erste unter seines Gleichen. Weder der Liebe, noch der Freundschaft sich hingebend, vielleicht, weil er sich zu sehr zu ihnen gezogen fühlte; zuweilen Berechnetes in seine Neigungen mischend hielt er zurück im Vertrauen, weil er sah, wie andere Monarchen durch Maitressen, Beichtväter, Minister oder Freunde betrogen wurden; hielt zurück in der Nachsicht, weil er vor allem gerecht zu seyn begehrte, künstelte sich Strenge an, wenn er nur glaubte, pünktlich zu seyn. Man erhielt vielleicht sein Herz, ohne es zu verdienen, allein, man konnte sicher seyn, seine Achtung nie zu verfehlen. Joseph fürchtete für partheyisch bey der Austheilung von Gnadenbezeigungen zu gelten: gewährte sie ohne Anmuth, und versagte sie eben so hart. Er verlangte vom Adel mehr Adel, und verachtete ihn heftiger als jede andere Classe, wenn Adel ihm fehlte; allein falsch ist es, wenn man annimmt, er habe in seinen Rechten ihn kränken wollen. Er forderte nur darum für sich die höchste Obergewalt, um keinem Rechte einzuräumen, Übles zu thun. – Schonungslos beraubte er sich selbst aller Freuden des Lebens, um Andere zu steter Arbeit zu verpflichten, weil von allen Menschen auf Erden die Müßigen seinen größten Abscheu erregten. Eine treffende Antwort, eine kühne Vorstellung konnte ihn unmuthig machen; dann rieb er sich die Hände, ging einige Minuten im Zimmer einher, kehrte zurück, und hörte, antwortete, untersuchte, als ob nichts vorgefallen sey. Des Kaisers Erziehung war, gleich der so vieler Monarchen, aus übergroßer Sorgfalt versäumt gewesen, man unterrichtet sie in allem, außer in dem, was sie wissen sollen. Joseph der Zweyte hatte in seiner Jugend keine Liebenswürdigkeit versprochen, und erhielt sie plötzlich bey seiner Krönung in Frankfurt. Reisen, Feldzüge, und der Umgang mit einigen ausgezeichneten Frauen vollendeten seine Bildung. Er liebte Vertraulichkeit, und wußte doch an sich zu halten, wenn gleich in alles sich mischend. Seine Sitten waren angenehm, und niemahls pedantisch. Ich habe ihn auf Pergament-Tafeln, deren er immer bey sich trug, einer jungen Person, welche seine Mutter verlassen wollte, die sie zur Verzweiflung brachte, Vorschriften der Moral, der Sanftmuth und des Gehorsams, und einer andern jungen Person, mit deren Fortschritten – nachdem er einer Unterrichtsstunde ihres Meisters beygewohnt – er nicht völlig zufrieden war, Musikregeln aufschreiben sehen. Er konnte es den Leuten gleich anmerken, ob man einer Verordnung, einer Unternehmung, einer Bestrafung wegen mit ihm unzufrieden war. Dann wendete er etwas auf, um mit der Gesellschaft wieder gut zu stehen, den Reiz seiner Unterhaltung, seiner Galanterie gegen die Frauen verdoppelnd; dann rückte er ihnen den Sessel zurecht, öffnete hier eine Thür, verschloß dort ein Fenster, durch seine Beweglichkeit den Dienst im ganzen Zimmer versehend. – Seine Höflichkeit war zugleich eine Sicherheitsmaßregel gegen Vertraulichkeit. Er fühlte genau die kleinen Übergänge: ihm ging die Art von Leutseligkeit ab, von der so viele andre Monarchen ein Gewerbe machen, die ihnen behilflich seyn muß, ihre Übergewalt anzudeuten. Joseph verbarg die, welche in so vielen Rücksichten sein Heil war; dabey erzählte er leicht, und mit sehr viel natürlichem Geiste. Doch weder zu trinken, noch zu essen, noch sich zu ergötzen, noch etwas Anderes, als Geschäftssachen zu lesen, verstand er; war zu sehr Herrscher und nicht eigentlich Regierer! Seine musikalische Unterhaltung im Laufe des Tages machte er sich selber. Dabey stand er um sieben Uhr auf, und lachte während des Anziehens wohl manchmahl, ohne sich gemein zu machen, wenn gleich seine Kämmerlinge, Wundärzte und die übrigen Leute, die ihn sämmtlich anbetheten, von ihm zum Lachen gebracht wurden. Von acht Morgens bis Mittag ging er in seinen Kanzleien umher, dictirte, schrieb, corrigirte eigenhändig; des Abends war er im Schauspiele. Beym Hinausgehen aus seinem Zimmer in das Cabinet begegnete er oft zwanzig, dreyßig, bis auf hundert dürftig gekleideten Männern und Weibern aus dem Volke, deren Bittschriften er empfing, mit ihnen redete, sie tröstete, schriftlich oder anderweitig am andern Tage, zur selbigen Stunde, ihnen Antwort ertheilend, und Klagen, die ihm unstatthaft schienen, mit Stillschweigen übergehend. Er schrieb nur dann schlecht, wenn er allzugut schreiben wollte; seine Wortstellungen waren lang und verwickelt. Vier Sprachen verstand er vortrefflich, zwey andere mittelmäßig. Sein Gedächtniß, in der Jugend geschont, ward vielleicht erst späterhin tüchtig; denn nie vergaß er ein Wort, ein Geschäft, eine Gestalt. Leute, welche zum Vortritt bey ihm erschienen, ließ er neben sich im Zimmer herumgehen, fast mit überströmender Wortfülle und halb lachend das Gespräch fortführend; er faßte wohl gar einen solchen Mann beym Ellbogen, halb erschreckt wieder in sich gehend, und mit dem Scheine, es zu bereuen, sein ernsthaftes Ansehen wieder annehmend. Oft auch unterbrach er sich, um Holz in den Kamin zu legen, oder die Zange zu brauchen, oder einen Augenblick an das Fenster zu treten. Nie blieb er eines gegebenen Wortes Schuldner; über das Böse, was man von ihm sagte, machte er sich lustig. Den Papst, den Großherrn, das Reich, Ungarn, Preußen und die Niederlande hat er in Schrecken gesetzt. Die Furcht, für ungerecht gehalten zu werden, und Unglückliche zu machen, wenn er mit bewaffnetem Arme, was er angefangen, durchsetzte, hielt seine Plane an, welche fast immer die Frucht der ersten Aufwallung waren. Dem heiß bewegten Blute Joseph's des Zweyten muß man die Unruhe seiner Regierung beymessen: er vollendete und feilte keines seiner Werke, und sein einziges Unrecht ist gewesen, vom Guten, gleichwie vom Bösen, nur Umrisse entworfen zu haben. XIV. Ein absonderliches Taschenbuch. Ein Taschenbuch, in der That so absonderlich, daß man heut zu Tage vor lauter Pruderie, vor lauter falscher Scham, vor lauter Zimperlichkeit fast Bedenken tragen muß, den Titel zu nennen, obschon derselbe einen Gegenstand betrifft, der physiologisch von hohem Interesse, und im Leben aller Stände der Lieblingsstoff der Gesprächsunterhaltung ist; obschon dieser Gegenstand, fahren wir fort zu sagen, den süßesten Lebensgenuß ausmacht, zu welchem die Natur den unwiderstehlichsten Trieb eingepflanzt hat, damit »die Gattung bestehe.« – Nun also, die Liebe, und zwar die materielle Liebe, die Geschlechtsliebe; jene Liebe nähmlich, der nicht von Jedermann auf legale Weise gehuldigt werden kann, weßhalb sich denn so häufig an Surrogatgelegenheiten gewendet wird, gewendet werden muß, – so lange es noch an, vom Staat aus gegründeten förmlichen Anstalten gebricht. Von allen weitern Nebenreflexionen wollen wir aber lieber gleich abkommen, und einen frischen Anlauf nehmen, unser Taschenbuch zu nennen und ein wenig zu schildern, nähmlich nach dem wohl erhaltenen Exemplare, welches vor uns liegt, als eines Büchleins, das zu den pikantesten Seltenheiten und Curiositäten gehören mag. Der in Kupfer gestochene Titel ist: » Taschenbuch für Grabennymphen Der »Graben« in Wien, einer der größten öffentlichen Plätze, besonders aber diejenige Passage, auf welcher sich die öffentlichen Mädchen am häufigsten einzufinden pflegen, so daß derselbe in dieser Hinsicht förmlich berüchtigt ist, und deßhalb ehrbare Frauenzimmer Anstand nehmen, ihn im Abenddunkel ohne männliche Begleitung zu beschreiten. auf das Jahr 1787. « Also, jetzt ist es heraus! Und nun was ist es denn so Arges darum? Einmahl ist es etwas Thatsächliches in der Literargeschichte; dann ist es ein Beytrag zur Sittengeschichte in der Josephinischen Periode; und der Inhalt ist ja nicht gar so erschrecklich arg. Weiter also im Texte! Das Büchlein ist im 32stel Formate, hat 4 Seiten Vorrede und 84 Seiten Haupttext, auf Schreibpapier gedruckt. Es ist geziert mit 12 Kupferstichen, die recht nett und unverkennbar von dem Grabstichel J. Mannsfelds sind, zu jedem Monath einer. Verleger steht keiner auf dem Titel; wir können aber verbürgen, daß es im Verlage des famosen Großhändlers und Buchdruckers Wucherer erschienen sey. Der Ladenpreis war 40 kr. oder 2 Zwanziger. Die Vorrede ist adressirt: »Theuerste Grabennymphen,« und unterschrieben: »Der Verleger.« Derselbe entwickelt die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit der Unternehmung, die sich denn freylich motiviren läßt. Und nun wird zu den 12 Monathen übergegangen, als Rubrik I. Rubrik I. hat die Überschrift: » Wie sich eine Graben-Nymphe jeden Monath ins Besondere zu betragen habe. « Wir führen hier, wie von den übrigen Monathen einige Stellen als Probe an. Also Monath Januar . »Dieser Monath ist euch sehr günstig, und der Neujahrstag allein kann euch für ein paar Wochen eure Revenuen versichern. Die große Hofgalla zieht außer euren gewöhnlichen Verehrern eine Menge Freunde nach der Stadt. Ihr dürfet euch bloß frühzeitig in der Burg einfinden, und allen, denen ihr durch eure Blicke au dessous die Zähne lang gemacht habt, auf Visitkarten eure Adresse geben. . . . Außerdem ist euch der Monath Jenner auch deßwegen günstig, weil die Witterung gemeiniglich trocken, und die Sonne schon um 4 Uhr untergeht. . . . Das beste Wild für diesen Monath sind: Thürhüter, Heizer, Marqueurs, auch Livréebedienten bey Präsidenten und Hofräthen, denn alle diese bekommen ansehnliche Neujahrsgeschenke, und haben, wenigstens in den ersten Tagen den Beutel gespickt. . . . Am 20. Fällt Fabian und Sebastian; Fest in der Schottenkirche. könnt ihr die Jagdbahn nach dem Schottenplatz verlegen. Es wird hier ein großes Fest begangen.« – Das Titelbildchen stellt eine solche Phryne vor, wie sie eben einen auf sie Reflectirenden ihre Adresse in die Hand steckt. – Februar . »Der Tag fängt nun merklich zu wachsen an, und ihr könnt nicht wohl vor 5 Uhr auf die Jagd gehen. . . . Dieses ist aber nöthig, daß ihr euch selbst auf die Tanzsäle begebt. Einer der bequemsten wäre wohl die Mehlgrube.« Tanzsaal, auf welchem sich Freudenmädchen zahlreich einzufinden pflegten, und woselbst es sehr ungezwungen zuging. – Das Bildlein zeigt einen in eine Nebenstube ins Netz gegangenen Anbether, wie ihm von der Schönen so eben die Uhr aus der Tasche entwendet wird. – März . »Die gewöhnliche Jagd fängt diesen Monath zwischen 5 und 6 Uhr an. Ihr könnt aber andere Streifungen vornehmen. Der günstigste Ort dazu ist Hernals. Splendider Calvarienberg, sehr stark besucht. Sonst möget ihr auch den Fastenpredigten beywohnen . . . Vormahl war dieser Monath einer der einträglichsten; allein Kaiser Joseph, der die Schwärzer, Dienstverkäufer und so viele andere brave Leute um's Brod gebracht, hat nun auch durch die Erlaubniß, in der Fasten Komödien aufzuführen, eure Einkünfte ansehnlich geschmälert; so lange indessen Fastenpredigten gehalten werden, könnt ihr immer noch euren Schnitt machen. . . , denn sogar die Mönche sollen es eingestehen, daß sie in der Fastenzeit am meisten vom Fleischteufel angefochten werden.« – Der Kupferstich läßt in einem Gebüsch einen Abbé sehen, der in einem Buche liest, sich aber umsieht nach einer speculirenden Schönen, die ihm nachfolgt. – April . »Ihr müsset in diesem Monath euch noch immer mit der gesperrten Jagd begnügen . . . Während der Peregrinus-Octav wäre eine Morgen-Promenade nach den Pater Serviten vorm Schottenthor nicht unrathsam. . . . Die gewöhnliche Jagdzeit ist diesen Monath gegen 7 Uhr.« – Das Bildchen zeigt den Beginn einer Orgie in einer Gasthausstube. – May . »Die günstigsten Örter für euch sind der Augarten und Prater. Es trinken freylich viele Herren den Brunnen hier Seit einem halben Jahrhundert nicht mehr Mode. Früher jedoch hatte es zum guten Ton gehört, besonders im Augarten. ; das muß euch aber nicht abschrecken . . . Ihr könnet euch auch, ohne Aufsehen zu erregen, beym guten Hirten, beym Einsiedler, oder bey einer andern Praterschenke niederlassen . . . Die gewöhnliche Jagdstunde für diesen Monath ist Abends gegen 8 Uhr.« – Das Bildlein stellt einen alten Herrn vor, der einem Nymphchen Geld auf den Tisch legt, vermuthlich anticipando. – Juny . »Augarten und Prater bleiben noch für diesen Monath gute Jagdbahnen, besonders wenn musikalische Academien und Feuerwerke gegeben werden. Die Frohnleichnams-Octav hat für euch bey 50 Procent verloren. . . . Ihr könnet euch aber in der Aloisi-Octav und der Herzjesu-Andacht erhohlen. Die Jesuiten setzen die erste noch immer auf eine verstohlene Art fort. . . . und seitdem Pater Fast bewiesen, daß man außer dem Herz Jesu noch einen andern Theil anbethen könne, ist die Stephanskirche am 23. Juny über die massen angefüllt. Es fallen auch noch andere für euch sehr einträgliche Festtage Den 13. Anton v. Padua; am 24. Johann der Taufer, den 29. Peter und Paul. Bey letzterem sagt das Taschenbuch ziemlich fade: »Der letzte Festtag macht wegen einer gewissen Anspielung in den Männern verschiedene Gedanken rege, die euch nützlich seyn können.« Unter Peter und Paul versteht das gemeine Volk in Österreich die beyden Theile eines stattlichen weiblichen Busens.  . . . In diesem Monath fangen auch die sogenannten Kirchtäge an, wo immer Abends dreymahl so viel »geludert« wird, als Vormittags gebethet wurde. . . . Die Abendjagd kann diesen Monath vor acht Uhr nicht anheben.« – Das Bildchen zeigt eine Gegend des Stephansplatzes, in welche sich ein paar verliebte Engagements anspinnen. – July . »Augarten und Prater sind diesen Monath der vielen Gelsen (Schnacken) wegen zu eurem Unternehmen nicht mehr sehr dienlich; dafür hat aber das Belvedere für euch einen desto bequemern Jagdboden. Besonders ist euch der obere Theil des Gartens günstig, weil er mit schönen Fruchtfeldern umgränzet ist. . . . Diesen Monath gibt es auch der Magdalenen und Annen wegen verschiedene Nachtmusiken. . . . Am 31. möget ihr euch in der Jesuitenkirche einfinden, wo immer noch starker Zulauf ist.« Nahmenstag des Stifters und Patrons der Jesuiten: Ignatz von Loyola. – Der Gegenstand des Bildchens ist eine Nymphenmutter mit einem jungen Zögling, der mit Garderobe betheiligt werden soll. – August . »Die Limonadehütten bleiben auch diesen Monath, besonders um die Hundstage herum, für euch der beste Anstand. . . . Ihr werdet nicht übel thun, wenn ihr in der Gegend, wo die kalten Bäder errichtet sind, herumstreifet. . . . Falls ihr zu Haus keine reinlichen Better habt, oder zu sehr von Wanzen gequält werdet, so könnet ihr diesen Monath auf der Bastey euer Nachtlager aufschlagen. . . . Ich kann euch versichern, daß die bravsten Herren öfters Nachts auf der Bastey liegen.«(!!) – Das Bildchen sieht aus, wie eine Arretirungsscene. – September . »Die große Hitze ist nun meistens vorüber, und die Männer bedürfen, um Männer zu seyn, keines kalten Bades mehr. . . . Wenn ihr meinem Rathe folgen wollt, so werdet ihr euch öfters um die Gegend sehen lassen, wo große Kanzleyen sind. Es ist eine bekannte Wahrheit, daß Leute, die viel sitzen, den Adam ungleich stärker verspüren.« – Das Object des Bildchens ist ein vornehmer Herr, welcher einer Wäscherinn einen Besuch macht. – October . »Dieser Monath ist einer der schlechtesten für euch. . . . Indessen könnet ihr doch am ersten des Monaths, wo das Rosenkranzfest gefeyert wird, bey den Pater Dominicanern euer Glück versuchen. Das Fest des heiligen Franciscus Seraphicus kann euch auch kleine Sportel abwerfen. . . . Die Anfangsstunde zur Jagd ist nach 5 Uhr.« – Das Bildchen liefert abendliche Bekanntschaften auf einem der genannten Plätze. – November . »Es gibt nun einen Jahrmarkt. . . . Zum Glück sind auch die Kreuzerhütten Ambulirende Baraken, in denen gegen Eintrittsgeld von 1 Kreuzer allerhand Possen getrieben, und Comödien gespielt wurden, nähmlich zur Marktzeit. sehr elend beleuchtet. . . . Diesen Monath gibt es auch verschiedene Festtage, Allerheiligen und Allerseelen. . . . Die gewöhnliche Jagdstunde ist nach 4 Uhr.« – Bildchen: Eine Schöne mit einem Anbether accordirend. – December . Ihr müsset in diesem Monathe schon einige Morgenstunden zu Hilfe nehmen; und fleißig zum Rorate gehen. . . . Die Weihnachtmette darf ich euch nicht erst empfehlen.« – Bildchen: Eine Nymphe in einsamer Kammer, reflectirend. Das wären nun die 12 Monathe, und nun kommen wir zu den andern Rubriken. Diese sind: 1) » Von den Eigenschaften einer Grabennymphe; « 2) » Über die vorzüglichsten Verdienste der Grabennymphen. « – Diese beyden Artikel sind satyrisch behandelt. Nicht so aber ist es der Fall bey dem dritten, dessen Überschrift lautet: » Eine kleine Physiognomik für Grabennymphen, « der eigentlich eine Art politischen Systems genannt werden kann. Auch ist derselbe von ungleich mehr Interesse als die andern, weßhalb wir nicht anstehen, ihn hier einzuschalten. Dieser Artikel lautet folgender Maßen: »Eine kleine Physiognomik ist zu eurer Kunst unentbehrlich. Das heißt, ihr müsset beym ersten Anblick wissen, ob dieß oder jenes Stück Wild den Schuß verdiene oder nicht. Ich will euch also die Hauptkennzeichen hier kurz mittheilen. – Alte Herren, die in einem Capot eingeschlagen, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, ungefähr eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang mit langsamen Schritten den Graben und Kohlmarkt auf und nieder gehen, und so oft eine von euren Schwestern vorbey streift, ein kleines Hüsteln bekommen, sind schußmäßig. – Welsche Abbés, die entweder vor den Kaufmannsbuden oder am Milanischen Caffehhaus Auf dem Kohlmarkt, breite Straße, sehr begangen und befahren; in demselben Locale, welches nun Daum einnimmt. lehnen, und, indem ihr vorbeystreichet: o che bella ragazza! was für schöne Madele, leise bey sich rufen, sind schußmäßig, oder wissen euch wenigstens ein anderes Wild aufzutreiben. – Offiziere, die außer einer weissen Hose alle übrigen Militärzeichen abgelegt haben, und im Vorbeygehen an euch anstoßen, oder mit dem Stock auf den Hintern schlagen Außerst naiv und cynisch zugleich. , sind schußmäßig. Das Hinternschlagen (!) dienet euch zugleich zum Zeichen, daß sie Cavaliere sind. – Diejenigen Herren, die sich zwar das Ansehen der Geschäftigkeit geben, euch aber ein paarmahl den Weg abzuschneiden suchen, und euch nur mit halben Blicken ansehen, sind junge Ehemänner, die Zeugen scheuen. Ihr dürfet sie also nur in ein Seitengäßchen locken, dann sind sie hochschußmäßig. – Männer, die in der Kirche einen langen Rosenkranz haben, dabey aber bald nach dem Himmel, bald nach eurer Schnürbrust und bald noch mehr abwärts schielen, sind größtentheils heimliche Sünder, aber eben deßwegen um so schußmäßiger; nur müsset ihr etwas Vorsicht brauchen, und ihrer Reputation schonen. – Abbés oder andere saubere Herren, die bey eurem Anblick tiefer ins Gebüsche, oder gegen die Donau sich verirren Gegen die Donau zu, also vom Prater, oder vom Augarten, oder aber von dem Leopoldstädter Theater her. , und öfters umsehen, ob ihr ihnen nachfolget, dabey schüchtern links und rechts herum blicken, sind erzschußmäßig, und sollten sie auch ein Buch, oder selbst »das Brevier« in der Hand haben. – Stallmeister und Bereiter sind auch zum Theil schußmäßig. Es finden sich aber viele Liebhaberinnen zu diesem Wild, und eure unprivilegirten Broddiebinnen schießen euch viele vor der Nase weg Läßt sich errathen. . – Cavaliere, die in der Michaelskirche die ganze letzte Messe hindurch plaudern und schäckern, oder wenn sie kutschiren, mit der Peitsche nach euch hauen Würdiges Seitenstück zu dem »auf den Hintern schlagen« mit dem Stocke. , sind schußmäßig. – Kaufmannsdiener oder auch ihre Prinzipale, die euch tief in die Hand drücken, und bey einer Elle ein Viertel gratis geben, sind schußmäßig. – Stutzer, die ohne ein Pferd zu haben, in Stiefel und Sporen herumlaufen, oder an Caffehhäusern durch halbe Tage mit der Tobakpfeife im Maul stehen, sind schußmäßig. Ihr möget aber zusehen, ob ihr das Schußgeld aus ihrem Balg heraus kriegt. – Schußmäßig sind endlich: alle Herren, die ohne Fernglas nicht mehr sehen können; am schußmäßigsten aber sind diejenigen, die euch gnädige Fräuleins nennen, und sich die Gnade ausbitten, euch nach Hause begleiten zu dürfen. Das sind entweder Anfänger, oder Fremde, die den Brauch nicht wissen. Diese müsset ihr ja nicht entwischen lassen, denn so ein Wild wiegt oft sechs andere auf.« – Auf diese väterlich eröffnete Schußpraxis folgt die Rubrik: » Von den bequemsten Wohnungen der Grabennymphen. « Hier einige Stellen daraus: »Wer aus euch auf der Bastey oder in der Gegend herumjagen will, dem biethen die Basteyen selbst die bequemsten Quartiere an. . . . Vor einigen Jahren wohnte an der Kärnthnerthorbastey eine von euren Mitschwestern, die diesen doppelten Zugang sehr gut zu nutzen wußte, indem sie den Grafen immer zur Bastey hinausließ, wenn der Baron von der Stadtseite die Treppe hinauf kam. . . . In den Zeiten der Verfolgung waren eure Schwestern freylich gezwungen, sich, wie einst die Freymaurer, auf dem Spittelberg in Bier- und Weinkeller Noch vor 20 Jahren gab es in diesen Spelunken solch zügelloses Treiben. zu verkriechen; allein, danket es der Vorsicht, daß ihr in Zeiten lebt, wo ihr eure Kunst ungehindert ausüben könnet . . . . Von Meubeln braucht ihr wenig oder nichts. Da ihr wie die Soldaten heute hier, morgen dort seyd, so ist es genug, wenn ihr ein paar Nägel, um eure Bouffants ober falsche Hintern daran zu hängen, einen Strohsack, eine Matratze und ein paar Stühle habt.« – Nun folgt ein Artikel: » Klugheitsregeln für die Grabennymphen ,« welcher voll weiser Lehren ist, und in dem besonders empfohlen wird, es mit den Lohnlakayen und Friseurs nicht zu verderben. – Diesem Artikel reihen sich an: » Verzeichniß der vorzüglichsten Kirchtage « in Stadt und Vorstädten; eine Münzentabelle ; ein » Verzeichniß der Gasthäuser, welche die stärkste Einkehr haben; « die Erklärung der Kupfer macht den Beschluß. Aus Allem nun geht hervor, daß es sich in diesem erotischen Almanach eigentlich nur um die geringere oder fast geringste Classe der sogenannten Freudenmädchen handelt, denn mit den distinguirten Dämchen dieses Gelichters geht Alles auch in einem feinern Styl. Allein dieser Umstand ist uns hier ganz gleichgültig, in so ferne es uns bloß darum zu thun war, von diesem Taschenbuch als von einem nicht unwesentlichen Beytrag zur damahligen Sittengeschichte und Verlegerspeculation Nachricht zu geben, und überhaupt auch von einem wahren Curiosum der Literatur. Was diese Lustdirnen Unwirthschaft an und für sich betrifft, so wurde Joseph einst darauf aufmerksam gemacht, und ihm vorgeschlagen, förmliche Bordelle zu errichten. Er antwortete hierauf: »Was Bordelle! Da brauchte ich über ganz Wien nur ein großes Dach machen zu lassen, und das Bordell wäre fertig.« Von seinen Reisen zurückgekehrt, gab er jenem Vorschlag Raum; er kam aber nicht zur Ausführung, da ihn gar Manches daran hinderte. Franz Gräffer . XV. Hinrichtung des Mörders Zahlheim; letzte Execution durch das Rad. Gegen diese Hinrichtung, in Rücksicht der dabey anbefohlenen Verschärfung erschien eine sehr grelle Broschure, die alle Spuren der empörendsten Gehäßigkeit an sich trägt. Es wird hier hinreichen, den Criminalfall selbst in Kürze zu geben, wie er seiner Zeit erzählt worden; und wir fügen nur noch bey, daß Zahlheim eigentlich Zahlheimb sich geschrieben, daß er adelig war, und seine Wohnung, in welcher er die Gräuelthat verübt hatte, in einem der drey Häuser auf der Elendbastey (zu Wien) war. »Die Wiedereinführung der Todesstrafen ward in dem Monath März mehr als wahrscheinlich und schon wurde bey der Residenzstadt Wien noch in gedachtem Monathe ein Begräbnißplatz für die Hingerichteten angewiesen. Hierzu schien den Monarchen besonders zu veranlassen, die gräßliche Mordthat des grausamen und unmenschlichen Zahlheims, der auch wirklich hingerichtet wurde, und also der erste nach jener Aufhebung war. Dieser Zahlheim war Kanzelist bey dem Wiener Stadtmagistrate, er hatte bereits 400 Gulden Gage. Er hatte eine etwas ältliche Anverwandtin, die einiges Vermögen besaß, in die er sich verliebt stellte, und die ihn auch mit Gelde oft unterstützte. Diese bath er am 14. Januar d. J. zu sich auf ein Frühstück und sie kam auch. Er ersuchte sie bald darauf ihn auf seinen Boden zu begleiten, um ihm seine Sachen in Ordnung bringen zu helfen. Sie that es. Aber kaum war sie auf den Boden gekommen, so ermordete er sie hier meuchelmörderischer Weise durch verschiedene Messerstiche, verbarg ihren Körper, ging in ihr Logis, nahm ihr Geld und alles, was er wegbringen konnte, worunter auch eine Obligation von 1500 Gulden befindlich war. Aber die Sache konnte nicht lange verschwiegen bleiben, indem er sich durch mehrere Ausgaben leicht selbst verrieth: auch lieh er bald nach dieser schrecklichen That einem beym Depositenamte angestellten jungen Menschen 800 Gulden, welcher zwar auch mit arretirt wurde, da er aber als unschuldig und unwissend an der Mordthat befunden ward, wieder los kam. Zahlheim gestand nach einigen scharfen und verfänglichen Verhören die ganze Abscheulichkeit seiner That. Als die Sache dem Monarchen berichtet wurde, schlug er mit der Hand an die Stirne und sprach: Himmel! wo werden wir denn noch hinkommen. – Als dem Kaiser das Todesurtheil dieses Bösewichts vorgelegt wurde, bestätigte er es folgender Gestalt: »Ich bin in diesem ganz besondern Falle mit dem Spruch meiner Appellation vollkommen einverstanden; jedoch ist der Diurnist – – wegen seines mit sothanen Unmenschen gehabten Umganges und sich dieserwegen zugezogenen Verdachts einiger gehabten Wissenschaft von dieser gräßlichen That sogleich zu entlassen, und von hier ohne weiters abzuschaffen.« Als diesem Mörder am 6. März früh sein Tod angekündigt wurde, protestirte er zwar förmlich gegen diese Ungerechtigkeit, wie er sagte, und bediente sich dabey sehr ungeziemender Ausdrücke; drang darauf, alles zu Protokoll zu nehmen, welches dann dem Kaiser vorgelegt ward, und gebehrdete sich dabey wie ein Rasender. Aber als er nachher vernahm, daß keine Gnade für ihn zu hoffen sey, gab er sich willig darein, und seitdem bethete er ohne Unterlaß mit den ihm beygegebenen zwey Augustiner-Mönchen. Am 10. März ward er des Morgens früh aus dem Kerker geführt, und auf dem hohen Markt, bey der sogenannten Schranne auf einen hohen Wagen gesetzt, auf welchem eine Säule befestiget war; an diese wurde er mit verbundenen Augen fest gemacht, und an der rechten Brust zum erstenmahle mit glühenden Zangen gezwickt. Er ward darauf wieder losgemacht und weiter gefahren. Bey seiner Ankunft auf der Freyung ward er an der linken Brust zum zweytenmahle gezwickt. Sein reuevolles und Bußfertiges Betragen brachte ihm noch die Gnade zuwege, daß er nicht wie im Urtheile stand, von unten hinauf, sondern von oben herab gerädert, hernach aufs Rad geflochten, der Kopf auf einen Pfahl gesteckt und über demselben ein Galgen mit herabhängendem Strange (er war Dieb und Mörder) aufgerichtet ward.–« XVI. Joseph der Zweyte; ein Gemählde ohne Schatten. Dieß ist der Titel einer, 61 Seiten starken Schrift von Franz Cajetan Reisinger, Professor der Philosophie in Olmütz, nähmlich einer Vorlesung, gehalten den 10. April 1790, gedruckt zu Olmütz bey Hirnlein. Der 6 Seiten lange Eingang, betitelt »Übersicht,« eigentlich das Programm bildend, eine Centralansicht von des unvergeßlichen Monarchen Wesen und Seyn, muß uns der Aufbewahrung und größern Verbreitung würdig scheinen. Die Leser werden mit uns einverstanden seyn; und hier also ist das Porträt, wie der würdige Reisinger mit scharfen Pinselstrichen es entworfen. Übersicht . Nicht nur der Geschichte, auch dem gleichzeitigen Schriftsteller und Redner ist es erlaubt, strenge und unpartheyisch Monarchen zu schildern, wenn trockene Erzählung der Thaten die Stelle des Lobes vertritt, und man es wagt, zu gestehen, daß auch Monarchen Menschen sind. Der Zweck dieser Vorlesung ist: ein vollständiger, unpartheyischer Begriff von Josephs Charakter und lebhaftes Gefühl seines Verlustes. Diesen Zweck zu erreichen, bedarf es weder eines rednerischen Schmuckes, noch aus der Vorwelt hergeholten Beyspiele. Josephs Bild bedarf keiner fremden Strahlen; denn er verdient: als Mensch unsre Liebe, als Monarch unsre Hochachtung, und als Christ unsre Nachahmung. Joseph als Mensch. Er kannte den Werth der Menschheit – schätzte sie, und schützte ihre Rechte. Deßwegen: Gestattete er Jedem freyen Zutritt. War er am liebsten im Zirkel seiner Unterthanen. Verboth er die Kniebeugung, die er für erniedrigend hielt. Und hob die Leibeigenschaft auf. Menschen waren seine Brüder, denn er liebte sie. Diese Liebe zeigte er: Durch den warmen Antheil an dem Leiden seiner Unterthanen. Durch seine Gegenwart bey Unglücksfällen. Durch den Muth, mit dem er selbst Gefahren entgegen ging – Beyspiel. Durch das Aufsuchen des verborgenen Elendes – Beyspiel. Joseph als Monarch. Seine Bildung ist merkwürdig – denn sie war: Zum Theil unbekannt; Theresiens religiöse Grundsätze, Franzens Vorliebe für Handlung und Wissenschaften stimmen mit Josephs Denkungsart und Lieblingsbeschäftigung nicht überein. zum Theil selbst erworben, durch Reisen, welche nützlich für seine Staaten waren, dieß beweisen sowohl seine inländischen Reisen nach Ungarn, Böhmen u. s. w. – als auch seine ausländischen nach Rom und Paris, wo er das Taubstummen-Institut sah, und in seinen Ländern errichtete. Seine Regierung ist glänzend! Groß und erhaben war der Plan derselben. Diesen erkennt man aus einem Schreiben Josephs an die Stadt Ofen. Mühsam und wohlthätig für die Nation war die Ausführung dieses Planes. Auswurzlung der Vorurtheile und Aufklärung beförderte Joseph durch Preßfreyheit und Toleranz. Population durch die Aufnahme der Fremden, deren Anzahl 38000 beträgt, und durch den ausländischen Waarenverboth; Handlung durch neueröffnete, und verbesserte Seehäfen. Trost und Hilfe verschaffte er der leidenden Menschheit durch verbessertes chirurgisches Studium, Kranken- Gebähr und Findelhäuser. Beschleunigung aller Geschäfte. Alle Klagen verdunkeln den Glanz seiner Regierung nicht. Viele dieser Klagen treffen nicht ihn und sind daher ungerecht. Seine Absichten wurden oft verkannt, darüber beschwerte er sich selbst. Seine besten Anstalten oft gemißbrauchet, als: Preßfreyheit und Toleranz. Jene Klagen, die ihn treffen, beweisen nichts gegen sein Herz, sondern nur: daß auch Monarchen Menschen sind. Joseph entschied durch Machtsprüche und verschärfte zuweilen die vom Gesetze bestimmte Strafe; dazu verleiteten ihn zu eifriger Wunsch, Verbrechen zu mindern. Er wurde mißtrauisch, durch unglückliche Erfahrung. Durch die Einziehung aller Stiftungen entzog er den Unterthanen nichts. Seine Öconomie bezog sich mehr auf seine eigene Person – wurde aber verkannt. Endlich waren seine Anstalten oft aufgedrungen, und ihre Ausführung zu schnell, weil sein Eifer für das Gute zu heftig war. Joseph als Christ. Wie Joseph bethete, bethet der Christ. Ohne Prunk, im Gefühle des Staubes, mitten unter dem Volk, auf seinen Knien. Wie Joseph litt, leidet der Christ. In seinem Leben erlitt er manchen traurigen Verlust, Verlust zweyer Gemahlinnen, eines Vaters, einer Mutter, einer Tochter. Auf seinem Sterbebette konnten weder die Schmerzen des Körpers seinen Geist beugen, noch die Ankündigung des nahen Todes ihn niederschlagen. Aber schwer empfand er den Gedanken vereitelter Plane, unvollendeter Werke, und das Gefühl, von seinen Unterthanen verkannt zu seyn. Tief kränkten ihn Niederlands Trotz und Starrsinn – und Elisens Tod machte das Maß seiner Leiden voll! Reisingers Schrift schließt mit folgender Strophe aus Eulogius Schneiders Elegie an den sterbenden Joseph: Gibt's für dich noch einen Kummer? Nein! – So schlaf den Todesschlummer, Schlaf ihn sanft und ohne Schmerz! Schlaf du ärmster aller Großen, Denn der Kelch ist ausgegossen, Ausgeblutet hat dein Herz. XVII. Der entscheidende Beweggrund zur Aufhebung des Jesuitenordens. Es ist begreiflich und bekannt, daß Joseph nichts unterließ, Maria Theresia endlich dahin zu stimmen, daß sie den Jesuitenorden aufhebe. Vielleicht aber wäre es ihm dennoch nicht gelungen, wenn, wie von mehreren glaubwürdigen Seiten her berichtet wird, Clemens XIV. ihr nicht ein Packet Papiere zugesendet hätte, welche den Inhalt ihrer eigenen und der Beichte ihrer Familie so wie mehrerer Großen (darunter natürlich die allergeheimsten Dinge) ausmachten; und diese Schriften waren dem Papste von Wien aus zugemittelt worden. Diese Entdeckung gab den Ausschlag, und die Kaiserinn hob den Orden in ihren Staaten auf. Wie nun der Papst zu jenen Papieren gelangte, damit verhält es sich folgender Maßen: Der Rector des Profeßhauses der Jesuiten auf dem Hofe zu Wien (jetziges Gebäude des Hofkriegsraths) hatte eine Reise zu unternehmen, und beauftragte den Ordensgenossen Joseph Julian Monsperger (welcher 1774, also das Jahr nach der Aufhebung der Jesuiten die Professur der Hermeneutik an der Wiener Universität erhielt, und sich auch als Schriftsteller bekannt gemacht hat), indeß im Rectoratsaal aufräumen und säubern zu lassen. Als Monsperger mit dieser Anordnung beschäftigt war, fiel ihm ein an der Wand hängendes Gemälde auf; es bey günstigem Lichte zu betrachten, nahm er es herab, und siehe, hinter dem Bilde erscheint die kleine Thüre eines Wandschrankes. Ein Knöpfchen zeigt sich; Monsperger drückt daran, und das Thürchen springt auf. Eine Masse Papiere stellt sich dem Blicke des überraschten Entdeckers dar, und darunter ein ledernes Futteral, auf welchem geschrieben steht: »Beichten der Großen und Mächtigen.« Monsperger öffnet das Futteral, und zu seinem unbeschreiblichen Erstaunen findet er die Beichten der Kaiserinn, der Erzherzoge und Erzherzoginnen, mehrerer Minister und sonstigen Großen und wichtiger Damen. Monsperger, dem Jesuitenorden schon längst im höchsten Grade abhold, nimmt das verhängnißvolle Futteral mit sich, entschließt sich rasch und kurz, macht sich auf, und reist mit seinem Funde unmittelbar nach . . . Rom, zum heiligen Vater, welcher damahls Clemens XIII. war. Von diesem überkam Clemens XIV. die Papiere, und alles Übrige erklärt sich von selbst. Wir bringen in Bezug auf die Jesuitenaufhebung hier noch eine Anecdote an, deren Doppelsinn wahrhaft pikant ist. Der um das Wiener Waisenhaus so verdiente Pater Parhamer († 1780,) als er die Nachricht von Clemens XIV. (Ganganelli) Hintritt, den man bekanntermassen einer Vergiftung von Seite der Jesuiten zuschrieb, deren Ordensaufhebung er decretirt hatte, erhalten, beeilte sich, den Kaiser von dieser Neuigkeit in Kenntniß zu setzten. Parhamer, der selbst Jesuit gewesen, erfuhr, daß der Monarch schon darum wisse. Und, setzte der Kaiser hinzu, es wird behauptet, die rachevollen Patres Jesuiten haben den heiligen Vater mit Gift aus der Welt geschafft. Parhamer war verlegen. Der Kaiser fragte: Was sagen Sie dazu? Der Gefragte antwortete: Ja Eure Majestät, es war stets der Grundsatz der Jesuiten, ihren Feinden zu vergeben . – Zweytes Bändchen. XVIII. Josephs II. eigenhändiges Testament und Codicill. Unmittelbar nach des Kaisers Handschrift diplomatisch getreu Daher denn auch die Orthographie auf das Sorgfältigste beobachtet wurde. Manchem wird sie seltsam vorkommen; allein man möge bedenken, daß es überhaupt des großen Joseph Sache nicht war, auf Formen und Äußerlichkeiten viel zu achten. zum erstenmahle veröffentlicht . In Namen der allerheiligsten Dreyfaltigkeit Obwohlen ich noch niemahlen ein Testament gesehen welches klar genug verfasset worden wäre so verhoffe denoch, das diese meine letzte willens meinung keiner moglichen zweydeütigkeit unterliegen werde; zur genauesten befolgung derselben schreibe ich sie hiemit eigenhandig hier nieder. Meine Seele gehört dem Schöpfer; an meinem Körper ist nichts gelegen; als ein Diener des Staatts hab ich gelebet für denselben gewacht; alles gehoret also dem der durch die natürliche in Meinem hause eingeführte Erbfolge, mir am Throne folgen, und landesfürst werden wird, seye es nun in Geld Capitalien geldeswerth Mobilien oder schrifften nur diejenigen Capitalien so ich auf leibrenten angeleget, ausgenohmen welche ohnedis ex pacto mit meinem Tode erlöschen und der Credits cassa als eine getilgte schuld anheimfallen. Wenn mein Tod erfolget so solle alles gespert und Petschiret werden von jenen denen es amtswegen gebühret und die weiteren befehle sind von zukünftigen landesfürsten als mein ein eintzigen und gantzlichen Universall Erben und des Staats vorsteher zu erwarten. allmosen Messen gebeter werde ich suchen anoch lebender nicht zu vernachlässigen und toder überlas ich alles dieses dem eingeführten hoffgebrauch. Ueber diese meine letzte willens meinung hoffe ich wird wohl kein Zweifel noch gerichtlicher anstand jemahlen ereget werden wanenhero selbes hiermit unterzeichne Wienn den 21. May 1781 Joseph  m — p   (L.S.)   Vertatur Auf der andern Seite ist das Codicill . Codicill. Dieses Codicill solle die nähmliche volle kraft meiner letztwilligen willensmeinung haben. Da jeder schuldig ist auf die Treüe diener seiner person auch nach seinen Tod für ihr auskommen bedacht zu seyn, so will ich folgendes für jene bestimmen, welche bei meinen erfolgenden Tod, bey nur in dienste seyn werden. Jeder meiner beambten, und dienern, welche von meinen nachfolger nicht werden, in der nehmlichen arth, und mit dem nehmlichen genus und vortheilen wie vormals von mir verwendet werden; diesen solle er schuldig seyn ihnen, ihre bey meinem ableben gantz geniessende gage, vortheile, samt einen caracteurs mässigen quartiers equivalent, jährlich und bis zu ihren ableben, zu bezahlen. und das aus mein ihme freywillig überlassenden vermögen. auch ihren witwen solle nach dem Normali die Pension bewilliget werden. verwendet er sie aber, auf die nähmliche, oder einer ihnen anehmlichen arth, und begehren sie nicht selbst ihre Entlassung welches ihnen vollkommen freigestellet seyn solle, so verbleiben sie, in ihren jetzigen genus, ohne dopelte bezahlung fordern zu könen. unter denen dienern meiner person verstehe ich, nur folgende, und keine andere, nähmlich. 1 mo.   Meinen geheimen Camerzahlmeister samt sein Cassier . 2 do. Meine geheime Secretairs so täglich in meiner Cantzley arbeiten, nicht die von Staats Rath, noch von der sogenannten Ciffer Cantzley, die diener des Staats 3 tio. Meine geheime Canzelisten , so ebenfalls täglich in meiner geheimen Cantzley arbeiten. 4 to. Die in meiner Camer dienende Camerdieners nicht die von vorzimern 5 to. Mein kamerlaquey und die bey mir angestelte und dienende leiblaqueys nicht die nur in der kantzley oder abweslungsweis nur dienen. Da ich die Maria Elisabetha in der Crim selbst erkauft habe, sie in Christenthum unterrichten und erziehen lassen, so bin ich schuldig auf ihre weitere versorgung bedacht zu seyn, und will ich also, ihr lebenslänglich sie mag heyrathen, bey hoff verbleiben, oder nicht; ihr Tausend gulden jährlich ohne abzug, bey meinen Erben aus meinen vermögen anweisen, und er solle schuldig seyn, auf ihre Erziehung, bis sie grosjährig ist, zu sorgen. hernach aber diese Tausend gulden jährlich ihr zur freyen verwaltung richtig auszahlen zu lassen. Ich kann nicht zweifeln, das diese in der vollkomenen billigkeit gegründete anweisungen, und Legaten, von meinen nachfolger und Erben nicht werden genauest erfüllet werden, wozu ich sein gewissen will auf das strengste verpflichten. Wienn den 28ten Aprill 1789. Joseph  m — p (L.S.)           ( Auf dem Umschlage ) Hierinen ist meine Eigenhandig niedergeschriebene letzte willensmeinung enthalten sammt Codicill So von mir in die Staats Cantzley den 28ten Aprill 1789 zur aufbewahrung überschicket worden ist. Joseph  m — p XIX. Josephs scharfe Blicke auf das Bestechungssystem. Deren warf er unter Anderm auf den Reichshofrath, in einem an den Präsidenten desselben Ferdinand Grafen von Harrach gerichteten Cabinetsbefehl vom 21. October 1767, des Inhalts: Lieber Graf von Harrach! Nachdem, außer dem allgemeinen Ruf, Ich auch sonst in sichere Erfahrung gebracht habe, daß bey meinem Reichshofrath verschiedene Geschenknisse oder sogenannte Regalien unter allerley Vorwand, von Höchsten bis zu den Niedern, angeboten, auch öfters angenommen, ja wohl gar gefordert worden: So gebiete Ich hiermit Allen insgesammt und einem Jeden insbesondere, daß a I mo. November a. c. anzufangen, ein Jeder vierteljährig, unter seiner eigenhändigen Unterschrift und Petschaft, meinem Präsidenten specifice, unter zwei separirten Rubriken eingeben solle, was er erstlich an erlaubten Tax- und Laudemialgebühren, dann zweytens an Geschenknissen oder sogenannten Erkenntlichkeiten, unter was auch noch so scheinbarem Namen und Vorwand es nur immer sey, entweder selbst oder durch die Seinigen empfangen, oder ihme und den Seinigen angetragen worden, es bestehe nun in barem Geld (wovon jederzeit die Summe zu specificiren), Geldeswerth, Comestibilien, oder sogenannte Kuchelregalien und, mit einem Wort, was es nur immer seyn, oder wie es immer heißen möge, nichts ausgenommen, mit ausdrücklicher nahmentlicher Beyrückung des Agenten oder anderer Person, so es ihm überbracht oder angetragen, wie auch der Ursache oder des Vorwandes, unter welchem er es empfangen, oder hätte empfangen sollen. Die mindeste Verhehlung oder Uebertretung dieses Meines ernstlichsten Befehles werde Ich, ohne Ansehung der auch noch so lange geleisteten Dienste, oder noch so großer Geschicklichkeit, denen Redlichen zur Genugthuung, Eigennützigen aber zum billigen Schrecken, auf das Allerschärfeste, auch mit Cassation ahnden. Um auch dieses Uebel recht aus der Wurzel zu heben, soll derjenige, der anträgt, derjenige der annimmt, oder der durch die Seinigen annehmen läßt, und Derjenige, der davon weiß, und Mir es nicht anzeigt, Einer wie der Andere, für gleich strafmäßig angesehen werden. Es soll auch kein sogenannter respectus humanus Minderer gegen die Obern, von Anzeigung eines der Justiz so zuwiderlaufenden Vergehens sie entschuldigt halten. Nur werden keine anonyme Denuntiationen angenommen werden, sondern ein Jeder für die Wahrheit der Anzeige selbst zu haften haben. Wien, den 21. October 1767. Joseph. Eigenhändig von Ihro kaiserl. Majestät beygesetzt: Dieses Billet ist öffentlich im Rath vorzulesen, und einem Jeden in die Feder zu dictiren. Inscriptio. Des kaiserlichen Herrn Reichshofrathspräsidenten Grafen von Harrach hochgräfl. Excellenz gehorsamst einzuhändigen. Auf diese Rüge hielt der Reichshofrath eine Collegialberathschlagung, deren Resultat aus Rechtfertigungsgründen, Vorstellungen, und Bitten bestehend in einem Memoire unterm 2. December desselben Jahres an den Kaiser abging, unterzeichnet von dem Grafen Harrach, Baron von Hagen, von Überacker, dem Grafen Sternberg, von Türkheim, Grafen Kaunitz, Baron v. Senkenberg, v. Waldstätter, v. Bartenstein, v. Hillebrand, v. Braun, dem Herrn v. Gärtner, v. Steeb, Baron v. Münch, v. Moser, und dem Secretär Reizer. Die nach der Durchsicht und Erwägung dieser Replik vom Kaiser erfolgte Entschließung ist diese. »Wann der wahre Sinn und klare Buchstaben meines Billets recht eingenommen und nicht auf diese so unanständige Art verdreht worden wäre, so hätte ich diese so schwache Rechtfertigung gar nicht gebraucht, welche nur denen Eigennützigen, sich hinter die Redlichen zu verbergen, Gelegenheit gibt. Daß in gewissen Gelegenheiten Geschenke genommen sind worden, das wird hier selbst eingestanden; um also deren eigentliche Bewandniß zu erfahren, sind mir ohne weitere Widerrede, die anverlangten vierteljährigen Eingaben zu geben, und da die Angebung der Schuldigen reichsgesetzmäßig beim Cammergericht eingeführet ist, so hat es bey meinem Befehl sein ohnabweichliches Verbleiben. Joseph. « Des Reichshofraths Entgegnung war: Imperator. Ew. K. Majestät gehorsamster Reichshofrath hat die in dreyen Puncten bestehende allerhöchste Resolution über die Vorstellung auf das unterm 21. Octbr. jüngsthin erlassene kaiserliche Billet mit unterthänigstem Respect erhalten. Der erste Resolutionspunct gibt dem gehorsamsten Reichshofrath in Corpore nicht nur angenehme Vermuthung, man habe Ew. K. M. bis anhero noch keine zulängliche Indicia von dem Verschulden eines Individui beygebracht, sondern auch die sichere Hoffnung, daß wenn es jemahls beschehen sollte, Ew. K. M. geruhen würden, hierüber gesetzmäßig inquiriren zu lassen. In Ansehung des zweyten Puncts, nähmlich deren vierteljährigen Eingaben, wird die gehorsamste, unumwundene Erklärung wiederhohlt, daß gehorsamster Reichshofrath über die bishero in causis pure gratialibus für erlaubt gehaltene und Ew. K. M. angezeigte Geschenknissen die Specificationen einzureichen pflichtschuldigst unermangeln werde, woraus Ew. K. M. die Veranlassung zu weiteres allerhöchsten Verordnung zu nehmen allergnädigst geruhen werden. Soviel endlichen die Angebung der Schuldigen anlanget, sollte auch mit solcher nicht zurückgehalten werden, wenn nähmlich nach Maßgabe obenangeführten allerhöchsten Billets vom 27. Octbr. man für die Wahrheit der Anzeige zu haften im Stande seyn wird. Hierauf erfolgte nachstehendes Handbillet des Kaisers: »Lieber Graf von Harrach! Nach nunmehro eingesehenen vierteljährigen Eingaben erkläre alle Schenkungen, wie diese Namen haben mögen, bey meinem Reichshofrath für unerlaubt, und untersage deren Anbietung und Annehmung, unter denen in meinem Decret vom 5. April 1766 ausgedruckten Strafen, weil eine jede derselben denen Partheyen zur Last gereichet, solche überhaupt für ein Justizcollegium nicht geeignet seynd, und zu einem bedenklichen Nachsinnen Anlaß geben können. Ich bin hingegen nicht ungeneigt, Denenjenigen, so durch ihren Fleiß und uneigennützigen Diensteifer sich besonders verdienstlich machen werden, auch nach Maß deren Reichseinkünften außerordentliche Belohnungen angedeihen zu lassen. Wien den 19. Februar 1768. Joseph. « XX. Kaiser Joseph und die Jesuiten in Oesterreich. Schon unter Ferdinand I. hatten die Jesuiten in Österreich durch ihre Willkühr, ihre Übergriffe und Unduldsamkeit die allgemeine Erbitterung aller Confessionen gegen sich erregt. Der jesuitische Hofprediger Canisius war der Haupturheber der gräßlichsten Religionsverfolgungen, welche sehr leicht Empörungen des Volkes hätten herbeyführen können; und erwarb sich durch sein Wüthen gegen Andersgläubige den schimpflichen Beynamen der »österreichische Hund.« Franz Rodriquez , ein portugiesischer Jesuit, folgte unter Maximilian II. seinem Beyspiele. Er wußte es durch seinen Einfluß bey Hofe dahin zu bringen, daß jeder Hofprediger mit Gefängniß bestraft wurde, wenn er nicht wüthend genug von der Kanzel herab gegen die Protestanten donnerte. Unter Rudolph II. und Ferdinand II. brachten sich die Jesuiten in so üblen Ruf, daß sie von den steyrischen Ständen schon damals als »fremde, friedhässige, schädliche, landesverderbliche und unruhige Leute, welche unter dem Deckmantel der Religion sich auf Kosten des Landes zu bereichern suchen und auf nichts als gewaltsame Mittel denken,« bezeichnet wurden. Ein schauderhaftes Gemählde könnte man aus den Geschichtsbüchern der damaligen Zeit zusammenstellen, so heillos empfand Österreich und Böhmen die schreckliche Geißel dieses Ordens. Im Jahre 1618 schrieben die Stände an den Kaiser: »daß sie, seit die scheinandächtige Jesuitensecte allhier eingeführt worden, öftere Rebellionen und Aufruhr zu gefährden hatten. Weil sie aber in Wahrheit befunden, daß die Urheber all dieses Unheils obgedachte Jesuiten seyen, die sich ganz dahin verwendeten, wie sie den römischen Stuhl befestigen und alle Königreiche und Länder unter ihre Macht und Gewalt bringen möchten, die sich zu solchem Zwecke der unerlaubtesten Mittel bedienten; die Regenten gegen einander verhetzten, unter den Ständen eines jeden Landes, sonderlich in solchen, deren Religion verschieden ist, Aufruhr und Empörung anspännen, Obrigkeiten gegen Unterthanen und Unterthanen gegen Obrigkeiten aufbrächten, auf Könige und Gesalbte des Herrn, die ihren bösen Rathschlägen nicht folgen wollten, jeden Meuchelmörder greifen ließen, Freunde wider Freunde bewaffneten; durch die Beichte alle Geheimnisse erforschten, der Gewissen aller Menschen sich bemächtigten, nach dem Beyspiele der Tempelherren ansehnliche Güter an sich brächten, allenthalben sich des politischen Regimentes anmaßten und durchgehends die Lehre einführten, daß man demjenigen, der nicht katholischer Religion sey, weder Treue noch Glauben schuldig wäre.« Nicht minderen Antheil hatten die Jesuiten an dem unsäglichen Elende, welches als Folge des dreyßigjährigen Krieges über die betreffenden Länder hereinbrach. »In Böhmen« sagt Luzius in seiner »Jesuitengeschichte Th. IV. Kap. VI. S. 816, »waren die Jesuiten für die Einwohner nicht minder furchtbar als die kaiserlichen Kriegsheere. Sie liefen an der Spitze kaiserlicher Soldaten in Städten und Dörfern umher, überfielen die wehrlosen Leute in der Nacht, schleppten sie aus den Betten und nöthigten sie mit Stockstreichen und andern gewaltthätigen Mitteln zur Annehmung der katholischen Religion. In einem ihnen zugehörigen Dorfe, unweit Prag, ließen sie ihre Unterthanen nach vielen vergeblichen und abscheulichen Versuchen, sie zum Pabstthum zurückzubringen, durch ihre eigenen Schüler nächtlicher Weile überfallen und ausplündern.« – Wolf in seiner Geschichte der Jesuiten sagt: »Vom Galgen erbetene Verbrecher und Leute von notorischer Liederlichkeit wurden mittelst der Jesuiten in die wichtigsten Hof- und Civildienste eingeschoben. Das größte Verdienst, das man sich damahls erwerben konnte, bestund darin, wenn man mit neu erfundenen Grausamkeiten die Protestanten quälen konnte. Man durfte sicher auf Belohnung Anspruch machen, wenn man sich durch ein von den Jesuiten gebilligtes Bubenstück auszeichnete.« Andere Klagen kamen endlich unter Maria Theresia über die Jesuiten zum Vorschein. Man hatte bisher allen Anschuldigungen der Jesuiten, ihre Verdienste entgegengestellt, welche sie sich um den allgemeinen Unterricht erwarben, aber es erhoben sich nun auch gegründete Beschwerden über den Verfall des Schulwesens, dort wo die Jesuiten den Unterricht leiteten. Auf Maria Theresiens Befehl sollte alsogleich der Cardinal von Trautson die Ursachen dieser Übelstände untersuchen, allein er starb, ehe er seinen Auftrag vollziehen konnte. Die Untersuchung wurde indessen vom Schulrath fortgesetzt und der erste Schritt gegen die Jesuiten war, daß man den Rector des Jesuiten Collegiums, welcher sich anmaßte, beständiger Präsident der Universität zu seyn, für beständig von seiner Stelle entfernte. Die Aufsicht über die Universität erhielt nun der Erzbischof Migazzi, welcher aber eben kein Feind der Jesuiten war. Er wollte mit Hülfe zweyer italienischer Jesuiten einen Verbesserungsplan an der Universität ausführen; aber die Wiener Jesuiten protestirten gegen jede untergeordnete Stellung der Ordensbrüder und so nahm man statt ihrer einen Dominikaner und einen Augustiner. Migazzi glaubte nun selbst gegen die Anmaßungen der Jesuiten noch weiter gehen zu müssen, und es wurde ihnen das Recht genommen, die Bücher zu censiren. Ein Canonicus und van Swieten wurden als Censoren angestellt. Die lateinische Grammatik des portugiesischen Jesuiten Alvarez wurde verworfen und vom Hofe erging ein strenges Verbot gegen die Werke des Tamburin, Gobat, Busenbaum und La Croix. – So sank nun das Ansehen der Jesuiten immer mehr, so daß endlich der hohe Adel seine Söhne aus dem Jesuitencollegium hinwegnahm, da man bemerkt hatte, daß diese Zöglinge vor Allen durch eine ausgelassene Lebensart, durch Atheisterey, Pelagianismus und die unsichere Moral des Probabilismus sich auszeichneten. Migazzi ging aber noch weiter und machte in die Privilegien der Jesuiten die entschiedensten Eingriffe. Den Verfolgten war es natürlich nun darum zu thun, eine Veranlassung zur Verlästerung des Erzbischofes zu finden. Diese Gelegenheit fand sich bald, da Migazzi die wohleingerichtete Andachtsübung für Christen, welche Muratori unter dem Namen Lamindo Pritanio herausgab, seinen Diöcesanen empfahl. Alsogleich behaupteten die Jesuiten, daß in diesem Buche Irrlehren enthalten seyen und der Beichtvater der Prinzessinnen, der Jesuite Franz Lener war so frech, nicht nur selbst am Hofe darüber zu schimpfen, sondern sogar ein Exemplar dieses Buches den Erzherzoginnen wegzunehmen. Der unverschämte Pfaffe wurde zwar augenblicklich weggejagt, aber seine Ordensbrüder wußten es beym Papst Clemens XIII. dahin zu bringen daß der päpstliche Nuntius den Auftrag erhielt, den Erzbischof Migazzi zu einem gelinderen Verfahren gegen die Bedrängten zu ermahnen. Folgende, für die Geschichte der österreichischen Jesuiten wichtige Stellen, sind in dem Rechtfertigungsschreiben enthalten, welches hierauf von Migazzi an den Pabst gelangte. »Schon seit vielen Jahren her waren die Studien den Jesuiten anvertraut, welche auf eine gewisse Weise ganz unbeschränkt darüber schalteten. Alles hing hierin nur bloß von ihrer Willkühr ab. Allein dieses war kein Vortheil für die Wissenschaften, indem sie sich gar nicht in dem Zustande befanden, in welchem sie verständige Leute zu sehen wünschten. Sie hatten, wie jedes menschliche Ding, das allgemeine und klägliche Schicksal, welches will, daß sich Alles seinem Untergange nähere, und schienen durchaus von der guten Straße abzuweichen, auf welche sie einst selbst von der Gesellschaft geführt wurden. Unsere durchlauchtigste Fürstinn erfuhr diesen Verfall, und wünschte nach dem großen Eifer, von welchem sie für das allgemeine Beste beseelt ist, daß den in Verfall gerathenen Künsten aufgeholfen, und dieselben nach ihrem Verdienste cultivirt werden möchten. In dieser Absicht befahl sie dem Cardinal Trautson , sowohl die Ursachen ihres Verfalls, als auch die Mittel zu ihrer Wiederherstellung aufzusuchen. Nachdem dieser Prälat kurze Zeit darauf starb, so wurde diese Commission dem höchsten Rathe, nähmlich dem Directorium, aufgetragen, und die Königinn bestätigte sowohl die Anordnungen dieses Tribunales, als auch dasjenige, was Cardinal Trautson bereits verfügt hatte. Man traf damahls, so viel mir bekannt ist, in Ansehung der Jesuiten keine andere Abänderung bei der Universität, als daß der Rector des Collegiums an derselben nicht mehr zugelassen wurde. Seit einiger Zeit hatte sich nähmlich der Rector eines solchen Postens angemaßt, und sich dessen bey den Großen des Hofes gerühmt. Allein die durchlauchtigste Fürstinn erklärte, daß die Gesetze einer solchen Anmaßung zuwider seyen.« »Ich würde übrigens gern dem Wunsche der Jesuiten entsprochen, und mich bemühet haben, sowohl für jetzt als auch für die Zukunft dem Rector der Gesellschaft einen freyen Zutritt in die Universität zu verschaffen, allein ich bin daran durch die Macht Ihrer Majestät und durch die offenbarste Widersetzlichkeit aller Großen des Hofes abgehalten worden . Außerdem aber entdeckte ich in den Schulen der Gesellschaft viele Dinge, die ich nicht billigen konnte. Ich bemerkte sonderheitlich, daß die ersten Gesetze ihrer Stiftung darin nicht mehr befolgt, und das Directorium der Studien, welches sonst aus verschiedenen angesehenen Gliedern der Gesellschaft bestund, gänzlich aufgehoben wurde.« »Ich komme nun auf dasjenige zu sprechen, was mich insonderheit angehet. Kaum wurde mir die Verwaltung dieser Kirche anvertraut, als sogleich meine erste Sorge dahin ging, eine solche Geistlichkeit zu bilden, wie sie die Canonen und die Erhabenheit des Amtes, zu dem sie berufen sind, erfordern. Deßwegen lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf jene kleine Schaar Geistlicher, welche meine Vorfahren der Aufsicht der Jesuiten anzuvertrauen gewohnt waren. Ich bemerkte, daß keine Disciplin mehr unter ihnen herrschte; daß man nach und nach das Studium der heiligen Wissenschaften und die Ausübung der Kirchengebräuche vernachläßigte, und daß man weder für ihre Sitten und äußerliche Ehrbarkeit, noch für dasjenige sorgte, was ihren Körper anging. Da ich nun befürchtet, es an Beobachtung meiner Pflicht mangeln zu lassen, und da ich zugleich den Religiosen der Gesellschaft Beweise meiner Wohlgewogenheit und Freundschaft geben wollte, so ließ ich den P. Provinzial und den Rector des Hauses erinnern, daß sie das Nöthige veranstalten, die Disciplin besser befolgen lassen und dem Verderben abhelfen möchten. Ich ließ ihnen ein ganzes Jahr lang Zeit, um Alles in gehörige Ordnung zu bringen; aber ich versicherte sie zugleich, daß sie in dem Falle, wenn sie meinen Wink nicht befolgten, es nicht übel nehmen müßten, wenn ich wegen der Aufsicht über die jungen Priester andere Maßregeln ergreifen würde. Meine Winke waren vergebens; sie machten mir glänzende Versprechungen, von denen sie aber keine hielten. Ich wiederhohlte meine Ermahnungen oft. Aber anstatt mir Gehör zu geben, wendeten die Jesuiten heimlicher Weise tausend Kunstgriffe an, diejenigen Zöglinge, die ich ihnen, falls sie meinen Forderungen Genüge geleistet hätten, freywillig gelassen haben würde, mit Gewalt und wider meinen Willen zu behalten. Gleichwohl wartete ich das versprochene Jahr ab. Nachdem ich aber sah, daß die Übel, worüber ich klagte, immer fortdauerten, so gab ich die Jünglinge unter die Aufsicht zweyer Weltpriester. Die Jesuiten blieben immer erzürnt; aber meine Beharrlichkeit verdiente ihren Haß.« »Ich habe ein Priesterseminar errichtet, und dieses ist die Wirkung der göttlichen Gnade. Ich würde die Aufsicht darüber den Jesuiten gegeben haben, wenn sie sich geneigt bewiesen hätten, diejenigen, die ich ihnen anvertraut hatte, nach Gebühr zu erziehen, und nach den Canonen zu unterrichten. Allein was thaten sie nicht Alles, um meine vorhergegangenen Rathschläge zu vereiteln? Was hatte ich für einen Nutzen von meiner jahrelangen Geduld? u. s. w.« Migazzi, nachdem er jedoch Cardinal geworden war, änderte plötzlich seine Gesinnung gegen den Orden. Clemens XIII. und seine Schützlinge die Jesuiten wendeten alles an um ihn für ihr Interesse zu gewinnen, und es soll Migazzis Wunsch, vom päpstlichen Hofe Dispens zu erhalten, damit er nebst dem Erzbisthum von Wien auch noch das sehr einträgliche Bisthum Waizen in Ungarn erhalte, das Meiste zur Sinnesänderung des Cardinals beygetragen haben. Für diese Dispens verlangte Clemens von Migazzi die Auswirkung eines Verbotes gegen den Febronius in Oesterreich – ein Werk welches den Unfug der Jesuiten scharf rügte. Migazzi betrieb diese Angelegenheit auf das eifrigste, allein weder van Swieten noch die Kaiserinn waren geneigt, sein Begehren zu genehmigen. Van Swieten fragte ihn bey diesem Anlasse laconisch: Legistine librum Febronii; eminentissime princeps? – Faetor non legi, antwortete Migazzi. Sed quommodo potes damnare librum, quem non legisti? – Ego legi Febronium et dico tibi, hic liber continet multas duras veritates – Sed veritates – erwiederte van Swieten. Migazzis Protection war nicht mächtig genug, das Schicksal des Ordens abzulenken, denn der heftigste Widersacher desselben war der – Kaiser. Dieser gab seine Gesinnungen in Bezug auf die Jesuiten in nachfolgendem Schreiben an den Herzog von Choiseul, der ihn zur Unterstützung seiner Entwürfe gegen sie aufgefordert hatte, zu erkennen. »Für das Zutrauen danke ich Ihnen. Auf meine Unterstützung könnten Sie, wenn ich Regent wäre , Staat machen, und meinen Beyfall in Absicht der Jesuiten und des Plans zu ihrer Aufhebung haben Sie vollkommen.« »Auf meine Mutter rechnen Sie nicht sehr; die Anhänglichkeit für diesen Orden ist in der Familie des Hauses Habsburg erblich geworden. Clemens XIV. hat selbst hievon Beweise.« »Indeß ist Kaunitz Ihr Freund; er vermag Alles bey der Kaiserinn, hält es in Ansehung ihrer Aufhebung mit Ihnen und dem Marquis Pombal; und er ist ein Mann, der keine Sache zur Hälfte ausgeführt läßt.« »Choiseul! ich kenne diese Leute so gut, wie irgend Einer; weiß alle ihre Entwürfe, die sie durchgesetzt, ihre Bemühungen, Finsterniß über den Erdboden zu verbreiten, und Europa vom Kap finis terrae bis an die Nordsee zu regieren und zu verwirren.« »In Deutschland waren sie Mandarins, in Frankreich Akademiker, Hofleute und Beichtväter, in Spanien und Portugal die Grandes der Nation, und in Paraguay Könige.« »Wäre mein Großonkel, Joseph I., nicht Kaiser geworden, so hätten wir in Deutschland vermuthlich Malagridas, Aveiros und einen Versuch des Königsmordes erleben können. Er kannte sie aber vollkommen, und als das Synedrium des Ordens seinen Beichtvater einstens im Verdacht der Redlichkeit hatte, und daß dieser Mann mehr Anhänglichkeit an den Kaiser als für den Vatican bewies, so wurde er nach Rom citirt. Er sah sein ganzes. grausames Schicksal voraus, wenn er dahin müßte, und bat den Kaiser, es zu verhindern. Umsonst war Alles, was der Monarch gethan, um diesem Schritt vorzubeugen. Selbst der Nuntius verlangte im Namen seines Hofes seine Entfernung. Aufgebracht über diesen Despotismus Roms, erklärte der Kaiser, daß, wenn dieser Priester ja unumgänglich nach Rom müßte, er nicht ohne zahlreiche Gesellschaft dahin reisen solle, und daß ihn alle Jesuiten in den österreichischen Ländern dahin begleiten müßten, von denen er keinen wieder sehen wolle. Diese in den damahligen Zeiten unerwartete und außerordentlich entschlossene Antwort des Kaisers machte die Jesuiten von ihrem Vorhaben zurück gehen.« »So war es einst, Choiseul! ich sehe voraus, daß es anders werden muß.« »Adieu! der Himmel erhalte Sie noch lange für Frankreich, für mich und für das Heer Ihrer Freunde! Im Januar 1770. Joseph. « Als nun von mehreren Höfen zugleich die Aufhebung des Jesuitenordens begehrt wurde, leistete Maria Theresia, wie Joseph voraussagte, den größten Widerstand. Papst Clemens XIV. ließ den Wiener Hof hinsichtlich seiner Gesinnungen gegen den Orden durch den Nuntius Visconti ausforschen. Während jedoch Kaiser Joseph offen erklärte, daß er die Aufhebung aller Orden wünschte und dem heiligen Stuhle antworten ließ, daß man von seiner Seite keinen Widerstand zu gewärtigen habe, bedeutete Maria Theresia in großer Frömmigkeit und Bescheidenheit auf dieselben Anfragen: »Ich untersuche nicht, ob die Jesuiten verdient haben, was ihnen so eben in Frankreich, Spanien und Portugall widerfahren ist, denn ohne Zweifel hatten die Souveräne, welche die Unterdrückung des Ordens verfügt, das Für und Wider in ihrer Weisheit abgewogen; allein da ich sie wegen ihrer Aufführung in meinen Staaten nur loben kann, nicht minder wegen ihres Eifers und ihrer Arbeiten, so halte ich ihre Existenz für das Wohl der Religion und meiner Völker höchst wichtig und muß sie in dieser Überzeugung aufrecht erhalten und beschützen.« Da Maria Theresia diese Erklärung in sehr bestimmtem Tone gab, so verhehlte es Visconti dem Papste nicht, daß er ihren Entschluß für unerschütterlich halte. Aber Maria Theresiens Festigkeit wurde von Innen und von Außen heftig bestürmt. Joseph und Kaunitz suchten nach Kräften unmittelbar am Hofe gegen das Vorurtheil der Kaiserinn zu wirken und alle auswärtigen Höfe, welche mit den Jesuiten unzufrieden waren, unterstützten ihre Bemühungen. Der König von Spanien, vereinigt mit den Königen von Frankreich und Portugal, suchte Maria Theresia zur Uebereinstimmung mit ihnen zu bewegen und der Marquis von Pombal gab deshalb dem Bevollmächtigten in Wien angemessene Aufträge. Der Herzog von Aiguillon, Nachfolger des in Ungnade gefallenen Choiseul, wagte es nicht, sich der Aufhebung des Jesuitenordens zu widersetzen, da er fürchtete, die Unzufriedenheit des Königs zu erregen, der die Absetzung seines Gegners zu bereuen schien. Es wurde daher der Prinz Louis von Rohan zum außerordentlichen Gesandten Frankreichs am Wienerhofe ernannt und hatte die Weisung in Übereinstimmung mit dem Gesandten Spaniens, dem Grafen von Mahoni zu handeln. Der Prinz Rohan besaß vereint mit andern Vorzügen besonders die Gabe der Überredung, allein man beschuldigte ihn, er sey dem Orden insgeheim ergeben gewesen und habe seine eigene Überzeugung der höhern Pflicht aufopfern müssen. Ein eigenhändiger Brief Carls III., dessen leidenschaftlicher Ton einen tiefen Eindruck auf Maria Theresia machte, ohne aber ihren Entschluß zu erschüttern, unterstützte die Bemühungen aller dieser Bevollmächtigten. Da Kaiser Joseph sehnlichst wünschte, einen baldigen Erfolg der Bemühungen der vereinigten Höfe zu sehen, so stellte er seiner Mutter vor, daß ein längerer Widerstand von ihrer Seite nur geeignet wäre, das gute Einvernehmen mit den vereinigten Höfen zu stören, daß sehr leicht auch eine Kirchenspaltung daraus entstehen könne und es daher unter solchen Umständen – damit man sich keinen Vorwurf zu machen habe – in politischer und religiöser Hinsicht weise wäre, die Sache dem Gewissen und Urtheil des Papstes, der die Unterdrückung des Ordens für nothwendig halte, anheim zu stellen. Dennoch aber hätte Maria Theresia noch immer nicht nachgegeben, allein Clemens XIV. machte nun von dem ganzen Umfange seiner kirchlichen Gewalt Gebrauch, und stellte der Kaiserinn vor, daß sie durch einen so hartnäckigen Widerstand gegen die Kirche nur ihr Gewissen belaste, »denn diese sey mit der göttlichen Autorität bekleidet und halte die Schlüssel des Lebens und Todes in ihren Händen.« Dieses Argument verfehlte seine Wirkung nicht, und die tief betrübte Kaiserinn schrieb: »sie würde sich niemahls haben bestimmen lassen, die Jesuiten in ihren Staaten zu unterdrücken; da jedoch Seine Heiligkeit die Aufhebung des Ordens für nothwendig halte, so wolle sie als eine treue gehorsame Tochter der Kirche nicht länger sich widersetzen, und sey bereit, die Aufhebungsbulle vollziehen zu lassen, sobald sie erscheine. In wie ferne auch die durch Monsperger veranlaßte Mittheilung der aufgeschriebenen Beichten des kaiserl. Hofes auf der Monarchinn Entschluß eingewirkt, ist im 1. Theile angedeutet. So ward nun endlich durch diese Erklärung das letzte Hinderniß der völligen Abschaffung des Ordens beseitigt, und der Papst erließ sonach das berühmte Dominus ac redemptor noster welches die Jesuiten in der ganzen christlichen Welt aufhob. Welche Freude Joseph II. hierüber hatte, verlautbaret in nachfolgendem Schreiben, welches er an den Grafen von Aranda, Ambassadeur in Frankreich, ergehen ließ: »Clemens XIV. hat sich durch die Abolition der Jesuiten einen fortdauernden Ruhm erworben. Er hat die Existenz dieser Sybillen des Apostolats von der Erde verbannt, und ihr Name wird künftig nur in der Geschichte der Streitigkeiten und des Jansenismus erwähnt werden.« »Noch ehe sie in Deutschland bekannt geworden, war die Religion eine Glückseligkeitslehre der Völker; sie haben sie zum empörenden Bild umgeschaffen, zum Gegenstand ihres Ehrgeizes und zum Deckmantel ihrer Entwürfe herabgewürdigt.« »Ein Institut, das die schwärmerische Einbildungskraft eines spanischen Veteranen in einer der südlichen Gegenden Europas entwarf, das eine Universal-Herrschaft über den menschlichen Geist zu erwerben gesucht, und in diesem Gesichtspuncte alles dem infalliblen Senat des Laterans unterwerfen wollte, mußte ein unseliges Geschenk für die Enkel Thuiskons seyn.« »Das Synedrium dieser Loyoliten hatte ihren Ruhm, die Ausbreitung ihrer Größe, und die Finsterniß der übrigen Welt zum ersten Augenmerk ihrer Plane gemacht.« »Ihre Intoleranz war Ursache, daß Deutschland das Elend eines dreyßigjährigen Krieges dulden mußte. Ihre Prinzipe haben die Heinriche von Frankreich um Leben und Krone gebracht; und sie sind Urheber des abscheulichen Edicts von Nantes geworden.« »Der mächtige Einfluß, den sie über die Prinzen des Hauses Habsburg hatten, ist zu sehr bekannt. – Ferdinand II. und Leopold I. sind ihre Gönner bis zum letzten Hauch ihres Lebens gewesen.« »Die Erziehung der Jugend, Literatur, Belohnungen, Ertheilung der größten Würden im Staat, das Ohr der Könige und das Herz der Königinnen, alles war ihrer weisen Führung anvertraut.« »Man weiß zu sehr, welchen Gebrauch sie davon gemacht, welche Plane sie ausgeführt und welche Fesseln sie den Nationen auferlegt haben.« »Es ist mir nicht unbekannt, daß außer dem großen Clemens die Minister der bourbonischen Höfe und der Herr von Pombal an ihrer Aufhebung gearbeitet haben. – – Die Nachwelt wird einst ihren Bemühungen Gerechtigkeit widerfahren lassen, und wird ihnen in dem Tempel des Ruhms Altäre errichten.« »Wenn ich zu irgend einem Haß fähig wäre, so müßte ich diejenige Menschengattung hassen, die einen Fenelon verfolgt, und welche die Bulla in coena Domini hervorgebracht, die so viel Verachtung für Rom erzeugt. Adieu! Wien, im Juli 1773. Joseph. So sehr aber Joseph diese Maßregel des päpstlichen Stuhles billigte, so bemerkte er mit Mißvergnügen die anmaßenden Bestimmungen, nach welchen das päpstliche Breve im deutschen Reiche vollzogen werden sollte. Es hatte nähmlich Clemens XIV. das Breve durch seine Nuntien den Bischöfen mittheilen lassen, und diesen die Befugniß der auszuübenden geistlichen und weltlichen Gerichtsbarkeit über die Personen der aufgehobenen Gesellschaft eingeräumt. Dieses war aber den kaiserlichen Vorrechten so sehr entgegen, daß der Reichshofrath sich in einem vom 6. Wintermonat 1773 erlassenen Gutachten wie folgt äußerte: Der Gegenstand des päpstlichen Breve sey von einer solchen Beschaffenheit, daß dasselbe nicht eher an die Bischöfe hätte erlassen, noch viel weniger von diesen vollzogen werden sollen, ehe es zuvor Seiner Kaiserlichen Majestät zur Einsicht vorgelegt, und durch Dero darauf im behörigen Wege erfolgtes Placitum Regium gebilligt worden wäre. Da aber mit dessen Übergehung beydes wirklich geschehen, so sey der Reichshofrath der Meinung, daß Seine kaiserliche Majestät durch eine, auf die päpstliche Communication zu ertheilende Erklärung das von dem römischen Hofe hierin geäußerte befremdliche Betragen mit Nachdruck zu ahnden, und demselben zu erkennen zu geben hatten, was massen Allerhöchstdieselbe sich für die Zukunft die Mittheilung dergleichen Bullen und Abwartung des kaiserlichen Placiti, vor erfolgender Promulgation und Insinuation an die Bischöfe, um so unfehlbarer versehen, daß man im widrigen Falle auf deren Vollzug, ohne weiteres, ein allgemeines Verboth zu legen, bemüssiget seyn würde. Und da außerdem in der päpstlichen Bulle vom 21. Juli die bedenkliche Stelle vorkäme: Ideoque declaramus, cassatam manere penitus et extinctam, omnem atque quamcumque auctoritatem quorumlibet dictae Societatis Superiorum, tam in spiritualibus quam in temporalibus, eademque jurisdictionem et auctoritatem in Locorum Ordinarios, totaliter et omnimodo transferimus. Da doch der Papst die Autorität des Ordens nie weiter, als ad Spiritualia, unmittelbar aufheben, vielweniger aber die Jurisdiction in Temporalibus, den Bischöfen oder Ordinarien zum Nachtheil Seiner kaiserlichen Majestät sowohl, als den Landesherren im Reiche übertragen könne; so dürfte auch in obgedachter Erklärung an den römischen Hof die Bulle nicht anders, als mit ausdrücklicher Ausnahme dessen, was von dieser anmaßlichen Cassation und respectiven Translation der weltlichen Jurisdiction und Autorität in demselben enthalten ist, anzunehmen seyn. Zu gleicher Zeit wäre von kaiserlicher Majestät ein Commissionsdecret an den Reichstag zu erlassen, und dadurch nicht nur die an den päpstlichen Hof ergehende Ahndung und Ausnahme im gesammten Reiche bekannt zu machen, sondern auch eine Erinnerung an die Bischöfe dahin beyzufügen, wie Seine Majestät verhofften, daß dieselben in Zukunft auch ihres Orts von selbst den Bedacht nehmen würden, ohne allerhöchst Dero Vorwissen und Genehmigung dergleichen in den Statum publicum einschlagende Bullen nicht zu vollziehen. In Folge dieses Gutachtens erwartete man nun, daß der Reichstag einen Schluß fassen werde, aber verschiedene Rücksichten veranlaßten Joseph, stillzuschweigen und dem Reichstage bloß kurz anzuzeigen, daß der Jesuitenorden aufgehoben sey. An den meisten Orten ging die Vollziehung des päpstlichen Breve ruhig vor sich. Die Jesuiten waren längst vorbereitet und hatten Zeit genug gefunden, Baarschaften und wichtige Papiere bey Seite zu schaffen. Man soll aber demungeachtet in ihren Behausungen allerley Dinge gefunden haben, welche den Verdacht, welchen man gegen sie hatte, in vieler Hinsicht bestätigten. Wie unter andern Wolf erzählt, fand man in ihrem Archive zu Ingolstadt außer einigen Heften geschriebener Beichten, unter welchen auch die Beichte eines ehemahligen großen Fürsten vor seinem Tode war, ein Henkerschwerd, auf welchem die Worte stunden: Hoc ferrum centum et decem reis capita demessuit.  (?) Bei Besitznehmung ihres Collegiums zu München entdeckte ein churfürstlicher Commissär durch einen besonderen Zufall ein Gewölbe mit eilf an Ketten gelegenen Leichnamen, von denen einige noch als Jesuiten mit ihrer Kleidung kenntlich waren. Die zur Rede gestellten Obern gaben sie für rasend gewordene Jesuiten aus. An demselben Orte soll man ein Cruzifix gefunden haben, welches, wenn man es küßte, den Küssenden mit einem scharfen krummen Dolch verwundete. In Oesterreich fand jedoch die Aufhebung der Jesuiten nicht von allen Seiten den gehofften Beyfall. Viele machten es jetzt recht eigentlich zum Geschäfte, die Vorzüge derselben in das schönste Licht zu stellen, wo sie doch selbst während der Existenz des Ordens allerley Makel an selbem zu finden gewußt hatten. Migazzi stand an der Spitze jener, welche diese Strenge gegen den Orden tadelten und konnte dessen Tugenden jetzt nicht genug rühmen. »Alle die Arbeiten (der Jesuiten)« schrieb er 1773 nach Rom, »waren so wundervoll und hatten einen so glücklichen Erfolg, daß die Individuen dieser vertilgten Gesellschaft eine Menge Schäfchen, welche von den verkehrten Irrthümern des Luther, des Calvin, des Arius, der Widertäufer und den schismatischen Griechen verführt und angesteckt worden, in den Schaafstall Christi zurückführten. Um endlich Alles mit wenigen Worten zu sagen, so war das Betragen eben dieser Individuen in allen Verrichtungen, welche darauf abzielten, in Kindern, Jünglingen, Erwachsenen, Alten und Greisen, Tugend und Religion zu befördern, von einer solchen Beschaffenheit, daß sie nicht etwa durch Zufall, sondern durch ihre eigene Tugend und durch ihre ruhmwürdigen Bemühungen die Verehrung und das Zutrauen jeder Gesellschaft und jedes Standes der Menschen verdienen.« Diese Lobsprüche müssen aber alle um so mehr verdächtig erscheinen, als der Cardinal-Erzbischof in seinem ersten Memorial an den Papst ganz eine andere Sprache führte. Das Widersprechende in seinem und der Gleichgesinnten Benehmen ließ sich jedoch recht wohl erklären durch die gerechten Besorgnisse, welche die Aufhebung des Ordens der Jesuiten bei allen Orthodoxen erregen mußte. O – b. XXI. Josephs Versuche gegen das heillose Asylrecht. Diese blieben bis zum Jahre 1775 erfolglos, wiewohl er damals schon seit 10 Jahren Mitregent gewesen war. Man erräth den Grund dieser Fruchtlosigkeit, denn gar zu ernst oder wohl gar entschieden wollte er gegen seine Mutter in Dingen nicht auftreten, die mit ihrem mitunter nur allzustrengen religiösen Sinne verwachsen waren. Kirchen und Klöster blieben also nach wie vor die sichernden Zufluchtsorte für Verbrecher aller Art. Ein beschränkendes Patent hatte die Kaiserinn wohl 1752 erlassen; allein der empörende Mißbrauch dauerte fort. Es erschien daher i. J. 1775 ein noch mehr ausnehmendes Gesetz, und dieß gab Veranlassung zu rigorosern Erörterungen und Vorstellungen von Seite Josephs und anderer gewichtiger Freunde der Gerechtigkeit, so zwar, daß die Kaiserinn sich bewogen fand, 1776 das verderbliche Asylrecht gänzlich aufzuheben. Jenes letzte Edict aber bleibt ein äußerst merkwürdiges Document, ein wahres Curiosum zur Geschichte jener Zeit; und man mag aus selbem entnehmen, welch schweren Stand der aufgeklärte menschenfreundliche Joseph in kirchlichen und gesetzlichen Dingen gehabt habe. Diese Urkunde von so hohem Interesse ist die nachstehende: Wir Maria Theresia \&c. \&c. Entbieten allen und jeden Inwohnern, und Unterthanen, was Würden, Standes, Amts und Wesens, die in Unsren gesammten Erbkönigreichen und Ländern sind, Unsre kaiserl. königl. und erzherzogliche Gnade, und geben euch gnädigst zu vernehmen: Obschon Unsere Vorfahrer in der Regierung aus Eifer für die Religion, und aus Liebe zur Gerechtigkeit die Orte und Personen durch öffentliche Gesetze bestimmt haben, wo und bey welchen das Asylum, oder das Recht der Freystädte Platz greifen sollte; obschon Wir ferner auch selbst bereits unterm 10. May 1752 durch eine allgemeine Anordnung noch weiteres Maaß und Ziel hierin festgesetzet haben; So hat doch die Erfahrung gelehret, daß verschiedene Zweifel über die Auslegung der besagten Verordnungen entstanden, und daß in der Folge auch keine gleichförmige Beobachtung in Unseren Erblanden beygenommen worden sey. Damit also die öffentliche Sicherheit so, wie die strafende Gerechtigkeit mit der Verehrung für gewisse Gott gewidmete Orte vereinbaret werde, haben wir Uns mit reifer Überlegung eine beständige Maaßregel nach Erforderniß der Umstände hiemit gesetzmäßig einzuführen gnädigst entschlossen, worüber alle in Unseren kaiserl. königl. Staaten sich befindende Vorsteher der heiligen christkatholischen Kirche, und alle weltliche Obrigkeiten die wachsamste Aufmerksamkeit zu dem gänzlichen Vollzuge tragen sollen. Wir erklären und befehlen dahero Erstens: Daß von dem Asylo oder dem Rechte der gewissen Gott geweihten Orten von den weltlichen Fürsten und Regenten verliehenen Freistätte alle hier nachstehende Verbrecher ausgeschlossen seyn, und bleiben sollen, wenn sie auch ihre Zuflucht in besagte Orte wirklich genommen hätten als: a)  Die Schuldigen der Beleidigung der göttlichen Majestät. b) Die Lästerer der Heiligen Gottes. c) Die Urheber des Todschlages, so in Kirchen und Freydhöfen verübt worden. d) Die gottesräuberischen Diebe, oder fures sacrilegi . e) Vorsetzliche Mörder. f) Die Straßenräuber. g) Die zur nächtlichen Zeit die Feldfrüchte rauben oder verwüsten. h) Die Meuchelmörder, sie mögen den Meuchelmord eines Menschen selbst verübt, oder nur dazu geholfen, oder an demselben durch einen andern vollbracht haben. i) Die sich der Beleidigung der weltlichen Majestät schuldig machen. k) Die einer Verschwörung oder Empörung gegen den Staat schuldig sind. l) Die Schuldigen des Hochverraths nach allen Gattungen dieses schwersten Verbrechens. m) Die Münzverfälscher. n) Jene, welche das Pettschaft, oder Insiegel andere auf gefährliche Weise, und o) Eben so diejenigen, welche den Stempel des Papieres und öffentliche Schuldscheine nachahmen. p) Welche Menschen, Brünne, andere Wasserbehältnisse, und die Hutwaiden vergiften. q) Die Mordbrenner, oder welche Feuer anlegen. r) Jene, so zur Zeit einer Feuersbrunst, einer Wassernoth oder Überschwemmung, eines Schiffbruches, oder sonst in derley Drangsalen etwas diebischer Weise entwenden. s) Die, welche öffentliche Cassen berauben oder daraus zum eigenen Gebrauche etwas verwenden, wie nicht weniger alle sonstige Diebe. t) Die Kindesmörderinnen und jene, so eine Leibesfrucht abtreiben, wenn sie auch nur dazu geholfen haben. u) Die Entführer einer Jungfrau. w) Jene, so wegen dergleichen ausgenommen Lastern gerichtlich verwahrt sind, und mit Erbrechung der Kerker die Flucht nehmen. x) Die Banquerotiers. y) Die Betrüger der Mauth- und Zollstätte. z) Die Ausreißer von der Militz, und endlich jene, so Diener der Obrigkeit in ihren Amtsverrichtungen tödten, oder verwunden. Zweytens: Soll die Local-Immunität oder das Recht der Freystädte keinem andern Orte, als bloß und allein denjenigen Gott geweihten Orten eigen seyn, worin die heiligsten Sacramente ausgespendet werden, oder das hochwürdigste Gut verwahrt ist; Inmassen die Klöster, Collegia, und sonstige Wohnhäuser der Ordens und anderer geistlichen Personen, die Schulen, Spitäler und andere derley Orte sich dieser Verleihung nicht zu erfreuen haben, sondern in Ansehung des Asyli mit andern bürgerlichen, weltlichen Häusern gleich zu halten sind. Drittens: Wollen wir gnädigst, daß bey sich ergebenden Fällen, wo Jemand in ein, wie obbenannt, Gott geweihtes Ort sich flüchtet, Folgendes beobachtet wissen: Es soll nähmlich die betreffende weltliche Obrigkeit oder der weltliche Richter alsogleich die Aushändigung des Asylanten von dem geistlichen Vorsteher der Kirche, oder des Gotteshauses, worein jener sich geflüchtet, gehörig begehren, und diese Aushändigung hat der Kirchenvorsteher auch ohne weiterer Anfrage bey seiner geistlichen Instanz unverzüglich platterdingen ins Werk zu setzen; wo im widrigen der weltliche Richter, oder Vorsteher den Asylanten selbst aus dem Gotteshause herauszunehmen, und nur so viel zu beobachten haben wird, daß solches nach Thunlichkeit ohne besondern Aufsehen geschehe. Wenn nun Viertens: Der Asylant in den Händen der weltlichen Obrigkeit oder des richterlichen Arms ist, hat dieser ganz allein zu erkennen, ob das Verbrechen zu einer von jenen Classen gehöre, welche hieroben von dem Rechte der Freystädte ausgeschlossen worden, oder nicht? Im ersten Falle soll der Lauf der Gerechtigkeit eben so wider den Übelthäter oder Beinzüchtigten fortgehen, als wenn derselbe niemahls in der Kirche ein Asylum gesucht hätte, wogegen in dem letzten Falle ein solcher Mensch wiederum in die nähmliche Kirche als den Ort des Asyli zurück zu stellen ist, woraus er genommen worden. Fünftens: Gebiethen Wir allen und jeden, was Standes sie immer sind, bey der Strafe Unserer schweren Ungnade, daß Niemand sich unterstehen sollte, einen das Asylum suchenden Menschen, unter was für Vorwande es seyn mag, zu verhehlen, oder demselben fortzuhelfen; und befehlen zugleich allen Unseren Stellen, Richtern und Obrigkeiten hiemit ernstgemessen, daß in dem Falle, wo eine geistliche Person oder Gemeinde wider diese Unsere Verordnung selbst, oder durch andere etwas zu unternehmen sich beygehen ließe, dieselben nicht allein zu gänzlicher Ersetzung des etwann daraus jemand erwachsenen Schadens angehalten, sondern auch noch über dieses mit einer angemessenen Geldstrafe belegt werden solle. Wir gebiethen demnach allen Unseren geistlich- und weltlichen Stellen, Instanzen, Ämtern, Richtern und Unterthanen, wes Standes sie nur immer seyn können, daß sie insgesammt nicht nur selbst auf genaueste Erfüllung dieser Unserer höchsten gesetzgebigen Meynung den pflichtschuldigsten Bedacht nehmen, sondern auch ihre Untergebene hierzu ernsthaft anhalten, und nichts dagegen geschehen lassen, bey Vermeidung schwerer Strafen und Unserer höchsten Ungnade. Hieran geschieht Unser gnädigster Wille und Befehl. Gegeben in Unserer Haupt- und Residenzstadt Wien den 15. Monathstag August, im siebenzehenhundert fünf und siebenzigsten, Unserer Reiche im fünf und dreyßigsten Jahr. Maria Theresia. (L.S.) Henricus Comes à Blumegen, Reg ae. Boh ae. Sup as. st A. A. pr us. Canc ius. Ad Mandatum Sacrae Caes. Regiae Majestatis proprium. Franz Joseph von Heinke .         XXII. Joseph's Krönung zum römischen König. Beschrieben von einem Augenzeugen Von Goethe. Hier auszugsweise. . Der Krönungstag brach endlich an, den 3. April 1764; das Wetter war günstig und alle Menschen in Bewegung. Man hatte mir, nebst mehreren Verwandten und Freunden, in dem Römer selbst, in einer der obern Etagen, einen guten Platz angewiesen, wo wir das Ganze vollkommen übersehen konnten. Mit dem frühesten begaben wir uns an Ort und Stelle, und beschauten nunmehr von oben, wie in der Vogelperspective, die Anstalten, die wir Tags vorher in näheren Augenschein genommen hatten. Da war der neuerrichtete Springbrunnen mit zwey großen Kufen rechts und links, in welche der Doppeladler auf dem Ständer, weißen Wein hüben und rothen Wein drüben aus seinen zwey Schnäbeln ausgießen sollte. Aufgeschüttet zu einem Haufen lag dort der Hafer, hier stand die große Bretterhütte, in der man schon einige Tage den ganzen fetten Ochsen an einem ungeheuren Spieße bei Kohlenfeuer braten und schmoren sah. Alle Zugänge, die vom Römer aus dahin, und von andern Straßen nach dem Römer führen, waren zu beyden Seiten durch Schranken und Wachen gesichert. Der große Platz füllte sich nach und nach, und das Wogen und Drängen ward immer stärker und bewegter, weil die Menge wo möglich immer nach der Gegend hinstrebte, wo ein neuer Auftritt erschien, und etwas Besonderes angekündigt wurde. Bey allen dem herrschte eine ziemliche Stille, und als die Sturmglocke geläutet wurde, schien das ganze Volk von Schauer und Erstaunen ergriffen. Was nun zuerst die Aufmerksamkeit Aller, die von oben herab den Platz übersehen konnten, erregte, war der Zug, in welchem die Herrn von Aachen und Nürnberg die Reichskleinodien nach dem Dome brachten. Diese hatten als Schutzheiligthümer den ersten Platz im Wagen eingenommen, und die Deputirten saßen vor ihnen in anständiger Verehrung auf dem Rücksitz. Nunmehr begaben sich die drey Churfürsten in den Dom. Nach Überreichung der Insignien an Chur-Mainz werden Krone und Schwert sogleich nach dem kaiserlichen Quartiere gebracht. Die weiteren Anstalten und mancherley Ceremonien beschäftigen mittlerweile die Hauptpersonen so wie die Zuschauer in der Kirche, wie wir andern Unterrichteten uns wohl denken konnten. Vor unsern Augen fuhren indessen die Gesandten auf den Römer, aus welchem der Baldachin von Unteroffizieren in das kaiserliche Quartier getragen wird. Sogleich besteigt der Erbmarschall Graf von Pappenheim sein Pferd; ein sehr schöner schlankgebildeter Herr, den die spanische Tracht, das reiche Wamms, der goldene Mantel, der hohe Federhut und die gestrählten, fliegenden Haare sehr wohl kleideten. Er setzt sich in Bewegung, und unter dem Geläute aller Glocken folgen ihm zu Pferde die Gesandten nach dem kaiserlichen Quartier in noch größerer Pracht als am Wahltage. Dort hätte man auch seyn mögen, wie man sich an diesem Tage durchaus zu vervielfältigen wünschte. Wir erzählten einander indessen, was dort vorgehe. Nun zieht der Kaiser seinen Hausornat an, sagten sie, eine neue Bekleidung, nach dem Muster der alten Carolingischen verfertigt. Die Erbämter erhalten die Reichsinsignien und setzen sich damit zu Pferde. Der Kaiser im Ornat, der römische König im spanischen Habit, besteigen gleichfalls ihre Rosse, und indem dieses geschieht, hat sie uns der vorausgeschrittene unendliche Zug bereits angemeldet. Das Auge war schon ermüdet durch die Menge der reichgekleideten Dienerschaft und der übrigen Behörden, durch den stattlich einher wandelnden Adel; und als nunmehr die Wahlbothschafter, die Erbämter und zuletzt unter dem reichgestickten, von zwölf Schöffen und Rathsherrn getragenen Baldachin der Kaiser in romantischer Kleidung, zur Linken, etwas hinter ihm sein Sohn in spanischer Tracht, langsam auf prächtig geschmückten Pferden einherschwebten, war das Auge nicht mehr sich selbst genug. Man hätte gewünscht, durch eine Zauberformel die Erscheinung nur einen Augenblick zu fesseln; aber die Herrlichkeit zog unaufhaltsam vorbei, und den kaum verlassenen Raum erfüllte sogleich wieder das hereinwogende Volk. Nun aber entstand ein neues Gedränge, denn es mußte ein anderer Zugang von dem Markte her nach der Römerthür eröffnet und ein Bretterweg aufgebrückt werden, welchen der aus dem Dome zurückkehrende Zug beschreiten sollte. Was in dem Dome vorgegangen, die unendlichen Ceremonien, welche die Salbung, die Krönung, den Ritterschlag vorbereiten und begleiten, Alles dieses ließen wir uns in der Folge gar gerne von denen erzählen, die manches Andere aufgeopfert hatten, um in der Kirche gegenwärtig zu seyn. Auf dem Platze war jetzt das Sehenswürdigste, die fertig gewordene und mit rothgelb- und weißem Tuche überlegte Brücke, und wir sollten den Kaiser, den wir zuerst im Wagen, dann zu Pferde sitzend, angestaunt, nun auch zu Fuße wandelnd, bewundern; und, sonderbar genug, auf das Letzte freuten wir uns am meisten; denn uns däuchte diese Weise sich darzustellen, so wie die natürlichste, so auch die würdigste Ältere Personen, welche der Krönung Franz des Ersten beygewohnt, erzählten: Maria Theresia, über die Maßen schön, habe jener Feyerlichkeit an einem Balkonfenster des Hauses Frauenstein, gleich neben dem Römer, zugesehen. Als nun ihr Gemahl in der seltsamen Verkleidung aus dem Dome zurückgekommen, und sich ihr, so zu sagen, als ein Gespenst Carls des Großen dargestellt, habe er, wie zum Scherz, beyde Hände erhoben und ihr den Reichsapfel, den Scepter und die wundersamen Handschuhe hingewiesen, worüber sie in ein unendliches Lachen ausgebrochen, welches dem ganzen zuschauenden Volke zur größten Freude und Erbauung gedient, indem es darin das gute und natürliche Ehegattenverhältniß des allerhöchsten Paares der Christenheit mit Augen zu sehen gewürdigt worden. Als aber die Kaiserinn, ihren Gemahl zu begrüßen, das Schnupftuch geschwungen und ihm selbst ein lautes Vivat zugerufen, sey der Enthusiasmus und der Jubel des Volks auf's Höchste gestiegen, so, daß das Freudengeschrey gar kein Ende finden können. . Nun verkündigte der Glockenschall, und nun die Vordersten des ganzen Zuges, welche über die bunte Brücke ganz sachte einherschritten, daß Alles gethan sey. Die Aufmerksamkeit war größer denn je, der Zug deutlicher als vorher, besonders für uns, da er gerade nach uns zuging. Wir sahen ihn, so wie den ganzen volkserfüllten Platz beynahe im Grundriß. Nur zu sehr drängte sich am Ende die Pracht; denn die Gesandten, die Erbämter, Kaiser und König unter dem Baldachin, die drey geistlichen Churfürsten, die sich anschlossen, die schwarz gekleideten Schöffen und Rathsherrn, der goldgestickte Himmel, Alles schien nur eine Masse zu seyn, die nur von einem Willen bewegt, prächtig harmonisch, und so eben unter dem Geläute der Glocken, aus dem Tempel tretend, als ein Heiliges uns entgegenstrahlte. Der von dem Markt her ertönende Jubel verbreitete sich nun auch über den großen Platz, und ein ungestümes Vivat erscholl aus tausend und aber tausend Kehlen, und gewiß auch aus den Herzen. Denn dieses große Fest sollte ja das Pfand eines dauerhaften Friedens werden, der auch wirklich lange Jahre hindurch Teutschland beglückte. Mehrere Tage vorher war durch öffentlichen Ausruf bekannt gemacht, daß weder die Brücke noch der Adler über dem Brunnen, Preis gegeben, und also nicht dann, wie sonst, angetastet werden solle. Es geschah dieß, um manches bey solchem Anstürmen unvermeidliche Unglück zu verhüthen. Allein um doch einigermaßen dem Genius des Pöbels zu opfern, gingen eigens bestellte Personen hinter dem Zuge her, lösten das Tuch von der Brücke, wickelten es ballenweise zusammen, und warfen es in die Luft. Hierdurch entstand nun zwar kein Unglück, aber ein lächerliches Unheil: denn das Tuch entrollte sich in der Luft, und bedeckte, wie es niederfiel, eine größere oder geringere Anzahl Menschen. Diejenigen nun, welche die Enden faßten und solche an sich zogen, rissen alle die mittleren zu Boden, umhüllten und ängstigten sie so lange, bis sie sich durchgerissen oder durchgeschnitten, und jeder nach seiner Weise einen Zipfel dieses durch die Fußtritte der Majestäten geheiligten Gewebes davongetragen hatte. Endlich kamen auch die beyden Majestäten herauf. Vater und Sohn waren wie Menächmen überein gekleidet. Des Kaisers Hausornat von purpurfarbner Seide, mit Perlen und Steinen reich geziert, so wie Krone, Scepter und Reichsapfel fielen wohl in die Augen: denn Alles war neu daran, und die Nachahmung des Alterthums geschmackvoll. So bewegte er sich in seinem Anzuge ganz bequem, und sein treuherzig würdiges Gesicht gab zugleich den Kaiser und den Vater zu erkennen. Der junge König hingegen schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Carls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher, so daß er selbst, von Zeit zu Zeit seinen Vater ansehend, des Lächelns sich nicht enthalten konnte. Die Krone, welche man sehr hatte füttern müssen, stand, wie ein übergreifendes Dach, vom Kopfe ab. Die Dalmatica, die Stola, so gut sie auch angepaßt und eingenäht worden, gewährte doch keinesweges ein vortheilhaftes Aussehen. Scepter und Reichsapfel setzten in Verwunderung. Es war eben die rechte Zeit, daß ich von meinem Fenster wieder Besitz nahm; denn das Merkwürdigste, was öffentlich zu erblicken war, sollte eben vorgehen. Alles Volk hatte sich gegen den Römer zugewendet, und ein abermaliges Vivatschreien gab uns zu erkennen, daß Kaiser und König an dem Balkonfenster des großen Saales in ihrem Ornate sich dem Volke zeigten. Aber sie sollten nicht allein zum Schauspiel dienen, sondern vor ihren Augen sollte ein seltsames Schauspiel vorgehen. Vor Allen schwang sich nun der schöne schlanke Erbmarschall auf sein Roß; er hatte das Schwert abgelegt, in seiner Rechten hielt er ein silbernes gehenkeltes Gemeß und ein Streichblech in der Linken. So ritt er in den Schranken auf den großen Haferhaufen zu, sprengte hinein, schöpfte das Gefäß übervoll, strich es ab und trug es mit großem Anstande wieder zurück. Der kaiserliche Marstall war nunmehr versorgt. Der Erbkämmerer ritt sodann gleichfalls auf jene Gegend zu, und brachte ein Handbecken nebst Gießfaß und Handquele zurück. Unterhaltender aber für die Zuschauer war der Erbtruchseß, der ein Stück von dem gebratenen Ochsen zu holen kam. Auch er ritt mit einer silbernen Schüssel durch die Schranken bis zu der großen Bretterküche, und kam bald mit verdecktem Gericht wieder hervor, um seinen Weg nach dem Römer zu nehmen. Die Reihe traf nun den Erbschenken, der zu dem Springbrunnen ritt und Wein holte. So war nun auch die kaiserliche Tafel bestellt, und aller Augen warteten auf den Erbschatzmeister, der das Geld auswerfen sollte. Auch er bestieg ein schönes Roß, dem zu beyden Seiten des Sattels anstatt der Pistolenhalfter ein Paar prächtige, mit dem churpfälzischen Wappen gestickte Beutel befestigt hingen. Kaum hatte er sich in Bewegung gesetzt, als er in diese Taschen griff, und rechts und links Gold- und Silbermünzen freigebig ausstreute, welche jedesmal in der Luft als ein metallner Regen gar lustig glänzten. Tausend Hände zappelten augenblicklich in der Höhe, um die Gaben aufzufangen; kaum aber waren die Münzen niedergefallen, so wühlte die Masse in sich selbst gegen den Boden und rang gewaltig um die Stücke, welche zur Erde mochten gekommen seyn. Da nun diese Bewegung von beyden Seiten sich immer wiederholte, wie der Geber vorwärts ritt, so war es für den Zuschauer ein sehr belustigender Anblick. Zum Schlusse ging es am allerlebhaftesten her, als er die Beutel selbst auswarf, und ein jeder noch diesen Preis zu erhaschen trachtete. Die Majestäten hatten sich vom Balkon zurückgezogen, und nun sollte dem Pöbel abermals ein Opfer gebracht werden, der in solchen Fällen lieber die Gaben rauben als sie gelassen und dankbar empfangen will. In rohern und derberen Zeiten herrschte der Gebrauch, den Hafer, gleich nachdem der Erbmarschall das Theil weggenommen, den Springbrunnen, nachdem der Erbschenk, die Küche, nachdem der Erbtruchseß sein Amt verrichtet, auf der Stelle Preis zu geben. Dießmal aber hielt man, um alles Unglück zu verhüthen, so viel es sich thun ließ, Ordnung und Maß. Doch fielen die alten schadenfrohen Späße wieder vor, daß, wenn Einer einen Sack Hafer aufgepackt hatte, der Andere ihm ein Loch hineinschnitt, und was dergleichen Artigkeiten mehr waren. Um den gebratenen Ochsen aber wurde dießmal, wie sonst, ein ernsterer Kampf geführt. Man konnte sich denselben nur in Masse streitig machen. Zwei Innungen, die Metzger und Weinschröter, hatten sich hergebrachtermaßen wieder so postirt, daß einer von beyden dieser ungeheure Braten zu Theil werden mußte. Die Metzger glaubten das größte Recht an einen Ochsen zu haben, den sie unzerstückt in die Küche geliefert; die Weinschröter dagegen machten Anspruch, weil die Küche in der Nähe ihres zunftmäßigen Aufenthaltes erbaut war, und weil sie das letztemal obgesiegt hatten; wie denn aus dem vergitterten Giebelfenster ihres Zunft- und Versammlungshauses die Hörner jenes erbeuteten Stiers als Siegeszeichen hervorstarrend zu sehen waren. Beyde zahlreichen Innungen hatten sehr kräftige und tüchtige Mitglieder; wer aber dießmahl den Sieg davon getragen, ist mir nicht mehr erinnerlich. Wie nun aber eine Feyerlichkeit dieser Art mit etwas Gefährlichem und Schreckhaftem schließen soll, so war es wirklich ein fürchterlicher Augenblick, als die bretterne Küche selbst Preis gemacht wurde. Das Dach derselben wimmelte sogleich von Menschen, ohne daß man wußte, wie sie hinaufgekommen; die Bretter wurden losgerissen und heruntergestürzt, so daß man, besonders in der Ferne denken mußte, ein jedes werde ein Paar der Zudringenden todtschlagen. Im einem Nu war die Hütte abgedeckt und einzelne Menschen hingen an Sparren und Balken, um auch diese aus den Fugen zu reißen; ja, manche schwebten noch oben herum, als schon unten die Pfosten abgesägt waren, das Gerippe hin und wieder schwankte und jähen Einsturz drohte. Zarte Personen wandten die Augen hinweg, und Jedermann erwartete sich ein großes Unglück; allein man hörte nicht einmahl von irgend einer Beschädigung, und Alles war, obgleich heftig und gewaltsam, doch glücklich vorübergegangen. Jeder wußte nun, daß Kaiser und König aus dem Cabinet, wohin sie vom Balkon abgetreten, sich wieder hervorbegeben und in dem großen Römersaale speisen würden. Man hatte die Anstalten dazu Tages vorher bewundern können, und mein sehnlichster Wunsch war, heute wo möglich nur einen Blick hinein zu thun. Ich begab mich daher auf gewohnten Pfaden wieder an die große Treppe, welcher die Thür des Saales gerade gegenüber steht. Hier staunte ich nun die vornehmen Personen an, welche sich heute als Diener des Reichsoberhauptes bekannten. Vier und vierzig Grafen, die Speise hervortragend, zogen an mir vorbey, alle prächtig gekleidet, so daß der Kontrast ihres Anstandes mit der Handlung für einen Knaben wohl sinnverwirrend seyn konnte. Das Gedränge war nicht groß, doch wegen des kleinen Raums merklich genug. Die Saalthüre war bewacht, indeß gingen die Befugten häufig aus und ein. Ich erblickte einen pfälzischen Hausofficianten, den ich anredete, ob er mich nicht hineinbringen könne. Er besann sich nicht lange, gab mir eins der silbernen Gefäße, die er eben trug, welches er um so eher konnte, als ich sauber gekleidet war; und so gelangte ich denn in das Heiligthum. Das pfälzische Büffet stand links, unmittelbar an der Thüre, und mit einigen Schritten befand ich mich auf der Erhöhung desselben hinter den Schranken. Am andern Ende des Saales, unmittelbar an den Fenstern, saßen auf Thronstufen erhöht, unter Baldachinen, Kaiser und König in ihren Ornaten; Krone und Scepter aber lagen auf goldnen Kissen rückwärts in einiger Entfernung. Die drey geistlichen Churfürsten hatten, ihre Büffete hinter sich, auf einzelnen Estraden Platz genommen: Chur-Mainz den Majestäten gegenüber, Chur-Trier zur Rechten und Chur-Cöln zur Linken. Dieser obere Theil war würdig und erfreulich anzusehen, und erregte die Bemerkung, daß die Geistlichkeit so lange als möglich mit dem Herrscher halten mag. Dagegen ließen die zwar prächtig aufgeputzten aber Herrenleeren Büffets und Tische der sämmtlichen weltlichen Churfürsten an das Mißverhältniß denken, welches zwischen ihnen und dem Reichsoberhaupt durch Jahrhunderte allmählig entstanden war. Die Gesandten derselben hatten sich schon entfernt, um in einem Seitenzimmer zu speisen; und wenn dadurch der größte Theil des Saales ein gespensterhaftes Ansehen bekam, daß so viele unsichtbare Gäste auf das prächtigste bedient wurden, so war eine große unbesetzte Tafel in der Mitte noch betrübter anzusehen; denn hier standen auch so viele Couverte leer, weil Alle die, welche allenfalls ein Recht hatten, sich daran zu setzen, Anstands halber, um an dem größten Ehrentage ihrer Ehre nichts zu vergeben, ausblieben, wenn sie sich auch dermalen in der Stadt befanden. Abends war Beleuchtung. Vor den Häusern einiger Gesandten, wo man prächtige Illuminationen angebracht hatte (der Churpfälzische zeichnete sich vorzüglich aus), war es so hell, wie es am Tage nur seyn kann. Wir bewunderten die verschiedenen glänzenden Darstellungen und die feenmäßigen Flammengebäude, womit immer ein Gesandter den andern zu überbieten gedacht hatte. Die Anstalt des Fürsten Esterhazy jedoch übertraf alle die übrigen. Man sprach von der herrlichen Erleuchtung, womit der brandenburgische Gesandte sein Quartier ausgeschmückt habe. Dieser hohe Bothschafter hatte, diesen Tag zu ehren, sein ungünstig gelegenes Quartier ganz übergangen, und dafür die große Linden-Esplanade am Roßmarkt, vorn mit einem farbig erleuchteten Portal, im Hintergrund aber mit einem wohl noch prächtigeren Prospecte verzieren lassen. Die ganze Einfassung bezeichneten Lampen. Zwischen den Bäumen standen Lichtpyramiden und Kugeln auf durch scheinenden Piedestalen; von einem Baum zum andern zogen sich leuchtende Guirlanden, an welchen Hängeleuchter schwebten. An mehreren Orten vertheilte man Brod und Würste unter das Volk und ließ es an Wein nicht fehlen. XXIII. Der Vater Josephs des II. Man weiß, daß, als Joseph Mitregent wurde, seine erste Handlung die einer glänzenden Großmuth war, indem er 22 Millionen Staatspapiere (geschaffen nach dem siebenjährigen Kriege und Coupons genannt), welche er von seinem Vater geerbt hatte, verbrannte, wodurch er dem Lande eine große, ja außerordentliche Wohlthat erwies. Josephs Vater, der Kaiser Franz, »der sich nähmlich,« wie sich Friedrich der Große ausdrückte, »nicht in die Regierungsangelegenheiten mischen durfte, warf sich auf Handelsangelegenheiten. – Er sparte jährlich große Summen von seinen Einkünften in Toscana und verbrauchte sie im Handel. Er legte Manufacturen an und lieh auf Pfänder, übernahm die Lieferung der Uniformen, Waffen, Pferde und Monturen für das ganze kaiserliche Heer. Mit einem Grafen Bolza und einem Kaufmann Schimmelmann, hatte er die sächsischen Zölle gepachtet, und im Jahre 1756 lieferte er sogar Fütterung und Mehl für das Heer des Königs (von Preußen), der mit seiner Gemahlinn der Kaiserinn Krieg führte. Während des Krieges schoß der Kaiser ihr bedeutende Summen auf gute Sicherheit vor. Er war mit einem Worte Hofbanquier.« Franz hinterließ zwey volle Geldkasten. Einer gehörte ihm, den andern führte er für die Kaiserinn Königinn. Der seinige soll eine Million Gulden in Münze und 19,000 in Staatspapieren enthalten haben. Sein Sohn Joseph erbte ihn. Seine Liebe zum Reichthum verschloß aber sein Herz der Wohlthätigkeit nicht; er theilte alljährlich bedeutende Summen an Almosen aus.« Franz war in Innsbruck, wo man die Vermählung des Erzherzogs Leopold und Marie Louisens Infantinn von Spanien, feyerte. Seit einiger Zeit drohte ihm der Schlagfluß, und er bildete sich ein, die dicke Luft der tirolischen Thäler mehre nur sein Übelbefinden. Wie Kaiser Albrecht I. äußerte er mehrere Mahl den lebhaften Wunsch, nach Wien zurückzukehren, und wenn er die Berge, welche Innsbruck umziehen, ansah, rief er: »ach, könnt' ich nur aus diesen Tiroler Bergen.« Am 18. August 1765 früh drang die Prinzessinn Charlotte seine Schwester, Aebtissinn von Remiremont, in ihn, Blut zu lassen. Er antwortete: »Ich muß heute Abend bei Joseph speisen; ich mag nicht unhöflich seyn; morgen aber verspreche ich Dir, deinen Rath zu befolgen.« Noch an demselben Tage in der Oper ward Franz unwohl, und er ging mit dem römischen König hinaus. Als er durch ein Zimmer nahe an dem seinen ging, rührte ihn der Schlag. Er wankte anfangs, Joseph nahm ihn in seine Arme, konnte ihn aber nicht erhalten. Der Kaiser fiel auf den Boden und starb, ohne auch nur einen Seufzer zu thun. Er war 58 Jahre alt. Franz war heiter, leutselig, höflich, aber nicht geeignet, äußerlich die hohe Würde, wozu ihn seine Vermählung mit Maria Theresien erhoben, zu behaupten; die Zeichen des höchsten Ranges, schienen ihn eher zu drücken. Wiewohl er zum Mitregenten der österreichischen Staaten ernannt war und auf dem ersten Throne der Welt saß, hatte er doch nur einen Schatten von Ansehen, und in allen wichtigen Angelegenheiten war seine Meinung von keinem Gewichte. Seine natürliche Lässigkeit und sein geringer Ehrgeiz vertrugen sich gar wohl mit diesem Zustand politischer Unbedeutendheit; es genügte ihm, um der Form willen, den Gesandten auswärtiger Mächte Gehör zu geben. Er ließ es sich sogar gern abmerken, daß er nichts war und sich nur als Maria Theresien untergeordnet betrachtete. Eines Tages als die Kaiserinn Königinn ihren Unterthanen Gehör gab, trat Franz aus dem Kreise und setzte sich in einen Winkel des Saales zu zwey Frauen, welche aufstehen wollten. »Achten Sie nicht auf mich,« sagte der Kaiser; »ich will hier bleiben, bis der Hof sich zurück zieht, und mich am Anblicke der Menge ergötzen.« Eine der Frauen antwortete: »Der Hof wird so lange hier bleiben als Ew. Majestät.« »Sie irren,« antwortete Franz lächelnd, »die Kaiserinn und meine Kinder machen den Hof aus, ich bin bloß Privatmann.« Hätte dieser Fürst mehr Gewicht gehabt, so wäre das europäische Staatensystem nicht umgestürzt worden; denn ihm war Frankreich so verhaßt, wie Marien Theresien Preußen. Nicht ohne viel Bedauern hatte er in das Bündniß mit dem Hause Bourbon gewilliget, und man fand unter seinen Papieren folgende Bemerkung: »so wenig Verbindung als möglich mit Frankreich ist das Beste.« Dieser Fürst, welcher die Gelehrten beschützte, bemühte sich, die Geheimnisse der Natur zu entdecken, und wollte seine Kenntnisse hierin zur Befriedigung seiner Geldliebe brauchen. Er brauchte immer Scheidekünstler, um den Stein der Weisen zu suchen, und versuchte mittelst Brenngläser mehrere kleine Diamanten in einen zusammen zu schmelzen. Wien verdankt ihm die Gründung einer Naturgeschichts- und Münzsammlung, die so reich sind, als irgend eine in Europa. Wiewohl Franz nicht die großen Eigenschaften der Maria Theresia hatte, übertraf er sie doch in einem Punkte; er war duldsamer und empfahl in Religionssachen immer Überzeugung statt Gewalt. Unendlich viel Züge von Wohlthätigkeit ehren sein Gedächtniß; und wir wollen darunter nur zwey wählen, welche ganz besonders auf die Nachwelt zu kommen verdienen. Am 15. December 1752 kam in Wien in der Salpeterniederlage Feuer aus. Alsbald begab sich der Kaiser dahin. Da er vorwärts ging, überall, wo die meiste Gefahr war, Befehle zu ertheilen, stellte ihm ein Herr, der ihn begleitete vor, er setze sich zu sehr aus. Der Kaiser antwortete: »Für mich ist nichts zu fürchten, sondern für die armen Menschen, die man mit vieler Mühe retten wird.« – Mitten im Winter überschwemmte die ausgetretene Donau die Vorstädte von Wien. Da das Wasser außerordentlich hoch stand, suchten mehrere Bewohner Schutz auf den Dächern ihrer Häuser. Schon drey Tage fehlte es an Nahrungsmitteln. Der reißende Strom und die ungeheuern Eisschollen, die er führte, schreckten die unerschrockensten Fischer. Franz selbst sprang in einen Kahn, trotzte der Gefahr und kam zu den Häusern. Sein Beyspiel ward befolgt, und eine Menge Unglücklicher, welche hätten umkommen müssen, gerettet. Ist die Geschichte nützlich, so ist sie es besonders. wo sie solche Züge des Muthes und der Menschlichkeit aufführt. Dieser Schilderung aus der Feder eines Engländers fügen wir die Erzählung eines außerordentlichen Abenteuers bey, welches Theresiens Gemahl und sein Bruder der Herzog Carl glücklich bestanden haben. Als Bundesgenosse Rußlands war Österreich im Jahre 1737 in einen neuen Krieg mit den Türken verwickelt. Prinz Eugen war im vorigen Jahre zu Wien gestorben und hörte auf der Schrecken der Türken zu seyn. An seiner Statt wurde daher in diesem Jahre vom Kaiser Carl den Sechsten, der Herzog von Lothringen, Franz – der schon im Jahre 1728 nach dem Tode des Palatinus, Grafen Johann Pallffy, die Würde eines Statthalters von Ungarn erhielt, und im Jahre 1736 mit Marien Theresien, seiner einzigen Erbinn vermählt wurde – zum Generalissimus der Armeen ernannt. Der Krieg fing so unglücklich an, daß schon im darauf folgenden Jahre 1738 die Türken Mehadia erobert hatten. Um hier den Fortschritten der Türken einen Damm entgegen zu setzen, ward österreichischer Seits bey Karansebes und Illora eine Armee aufgestellt, bei der sich beyde Herzoge von Lothringen, Franz und Carl befanden. Hier erheben sich auf beyden Ufern der Temes Der Fluß Temes entquillt hinter dem Dorfe Teregora in dem Gebirge, das sich auf dem linken Ufer erhebt, und drängt sich im schlängelnden gegen Norden gerichteten Lauf durch das Thal zwischen hohen Felsenwänden, an welchen sich die Straße windet, davon der von beyden Seiten am stärksten eingeengte Punct, der Schlüssel genannt wird, da andere gleichfalls hier entspringende Flüsse als: Berzawo, Keras, Nera, gegen Südwest der Donau zuströmen, wohin auch die Temes, nachdem sie das Gebieth von Temeswar berührt und kreisförmig sich derselben genähert hat, parallel mit dieser durch das ganze deutsch-banatische Regiment zueilet, und bey Pancsowa in dieselbe fällt. große und hohe Gebirge, die mit mannigfaltigem Wild, als Bären, Gemsen, Wildschweinen, Auer- und Birkhähnen und so fort, angefüllt sind. Reize genug für die Herzoge, um eine Jagdparthie anzustellen. Ein zahlreiches Gefolge begleitet sie, die rechte Stelle im hohen Gebirge wird glücklich erreicht, die Jagd nimmt ihren Anfang. Die Herzoge, die beysammen blieben, setzen einem Wilde hastiger nach, und unbemerkt entfernen sie sich zu weit von dem Gefolge. Als man beyde länger vermißte, wurden die gewöhnlichen Zeichen, damit man sich versammeln solle, von Zeit zu Zeit wiederholt. Aber die Herzoge hatte der Eifer in Verfolgung des Wildes zu weit getrieben, als daß die Zeichen in ihre Ohren hätten dringen können; so wie auch ihr gegenseitiges Rufen, und ihre Flintenschüsse zwischen den tiefen Klüften und dichten Wald verhallten, ohne von dem Gefolge gehört zu werden. Sie treten also auf gutes Glück den Rückweg an: aber indem sie durch Dickicht sich winden müssen, verlieren sie die rechte Orientirung, und statt rückwärts dem Orte, woher sie ausgegangen sind, sich zu nähern, entfernen sie sich vielmehr davon, und dringen immer vorwärts, bis sie zuletzt klar einsehen, daß sie sich wirklich verirrt haben. Als sie unschlüssig, wohin sie ihre Richtung nehmen sollen, langsam weiter fortschreiten, stellten sich zu ihrem Erstaunen auf einmal mehrere wilde und scheußliche Gesichter ihren Blicken dar. Es war eine aus Wallachen bestehende Räuberbande, die ihr Lager hier aufgeschlagen hatte. Sie wurden bemerkt, und konnten sich nicht mehr zurückziehen. Sie gingen also dem Lager gerade zu. Die Räuber ihrerseits sahen auch nicht ohne Entsetzen Männer mit Gewehren auf sich losgehen, und in dem Wahne, es wären ihre Verfolger, machten sie sich zur Gegenwehr fertig. Doch als sie merkten, daß sich außer ihrer zwei Niemand mehr blicken lasse, so erkennen sie selbe als verirrte Wanderer, freu'n sich des guten Fanges, und in der Vermuthung, bey so wohl bekleideten Personen volle Börsen und andere Kostbarkeiten zu finden, schickten sie sich an, ihr Handwerk auf der Stelle an beyden auszuüben. In dieser Verwirrung sprang der Oberrock des Herzogs Franz auf, der Stern des Ordens, den er an hatte, blitzte den Kerlen in die Augen, sie stutzten, und der Harampascha So wird in der untern Gegend Ungarns, Slavoniens und Croatiens der Räuberanführer genannt. , der sich an Größe und Stärke des Körpers vor den übrigen auszeichnete, sah ein, daß er keinen gemeinen Fang gemacht habe. Er geboth der Bande sich ruhig zu verhalten, und da er gleich Anfangs beyde für österreichische Offiziere hielt, so war er jetzt um so neugieriger zu erfahren, wer sie eigentlich seyen. Der Herzog Franz suchte seiner Neugierde entgegen zu kommen, indem er sich gleich die Mühe nahm ihn durch Worte und Zeichen zu verstehen zu geben, wer sowohl er selbst als auch sein Gefährte sey, verlangte in das Lager zurückgeführt zu werden, und versprach gute Belohnung. So entstand ein Parlamentiren. Der Harampascha machte verschiedene Forderungen und Bedingnisse, und schloß mit dem Begehren, daß ihm und seinen Mitgesellen ein Pardon bewilliget werde. – Alles ward ihm zugesprochen. – Unter andern Ungereimtheiten soll er auch das sonderbare Verlangen geäußert haben, daß, wenn Neu-Orsowa von den Türken zurückgenommen werden sollte, er zum Commandanten dieser Festung ernannt werden möchte. Als nun Alles ins Reine gebracht war, und der Harampascha sich anschickte sein Versprechen ins Werk zu setzen, da kam einhergeschlichen das Eheweib des Harampscha, ein an Bosheit und Grausamkeit diesen weit übertreffendes Geschöpf. Sie war gleichfalls die Anführerinn einer Räuberbande, die in einer andern Gegend hausete. Als sie erfuhr, was für hohe Gäste ihr Ehegemahl in seiner Gewalt habe, beneidete sie sein Glück, und verlangte mit Ungestümm, er solle ihr solche überlassen. Von den Türken, sagte sie, ließe sich für ihre Überlieferung eine weit größere Belohnung erwarten, als von den Deutschen für ihre Befreyung. Der Harampascha, der sich fest vorgenommen, sein Wort zu halten, schalt sein Weib derb aus, und als sie sah, daß sie nichts ausrichten könne, warf sie einen grimmigen Blick auf den Herzog Franz, und ging unter Fluchen mit der Drohung fort, bald mit den Türken zurückkommen zu wollen. Da war keine Zeit zu verlieren. Der riesenstarke Harampascha begann in Begleitung seiner Bande die Wanderung in das österreichische Lager. Er schlug vorsichtig nicht den gewöhnlichen Weg ein, damit er nicht etwa von seinem bösen Weibe mit den Türken ereilt werde. Er befolgte einen schlängelnden Gang durch unwegsame Gegenden. Und um die Spur seiner Wanderung noch besser zu verdecken, setzte er bald von dem linken Ufer der Temes auf das rechte, bald von diesem auf das linke. So suchte er den bösen Absichten seines Weibes zu entgehen. Bey den Raststunden und Nachtlagern mußten die Herzoge natürlich mit der Kost der Räuber vorlieb nehmen, und so oft man auf Quellen stieß, oder durch die Temes waten mußte, wurde ein ausgeschnitzter hölzerner Pokal Unfehlbar gleich jenen aus Holz geschnitzten Gefäßen, womit auch heut zu Tage die Batscher Oberschäfler, auf den in Oberungarn üblichen Koschar's, Berg- oder Feldschaafheerden, den Gästen mit Zsentiepa, warmen Käsemolken zu kredenzen pflegen. hervorgebracht, dessen sich auch die Herzoge bedienten, um ihren Durst zu löschen. Dieser Pokal soll noch als ein Denkmahl dieses Ereignisses bey der Nachkommenschaft des Harampascha aufbewahrt werden. Die schlängelnde Richtung, in welcher der Harampascha seine Wanderung anstellte, war Ursache, daß er erst am dritten Tage der Gegend, wo das Lager stand, sich nähern konnte. Als man dessen ansichtig wurde, so ging es demselben rascher zu, und als der Rand des Gebirgsabhanges auf dem linken Ufer der Temes erreichet wurde, setzte der Harampascha den Herzog Franz von seinen Schultern auf einen Felsen nahe bey dem Dorfe Szlatina nieder. So glücklich den Gefahren entronnen, und wohlbehalten, eilten von hier die Herzoge in das Lager, wo sie mit desto lebhafterer Freude und Jubel empfangen, als ihr langes Ausbleiben nichts Gutes von ihrem Schicksal ahnen ließ. Der Harampascha nebst seinen Mitgesellen erhielt den verlangten und so wohl verdienten Pardon, sammt den übrigen Belohnungen, die er sich bedungen hatte. Aber Commandant in Orsowa konnte er nicht werden, da man diese Festung nicht mehr zurückgenommen hat. Er hieß Petru Bagyu, und hat sich, nachdem sein böses Weib gestorben war, in seinen spätern Jahren mit einer Witwe, Wantscha, die sich in schwangerem Zustande befand, verheurathet, die ihm einen Stiefsohn gebar, der noch leben soll. Auf dieser Stelle, wo der Harampascha den Herzog Franz niedergesetzt hatte, ward eine kleine Kirche zum Andenken dieser Begebenheit errichtet, welche Maria Theresia als Wittwe i. J. 1771 neu aufbauen und verschönern ließ. Der Felsen, worauf der Herzog Franz nach der Wanderung niedergesetzt wurde, war mit eingeschlossen, so daß er jetzt einen Fleck des Bodens und der Wand bildet. Die Kirche wurde gehörig dotirt, und mit kostbaren Gefäßen und andern Requisiten reichlichst versehen; worunter sich Meßornate, selbst von der Hand Maria Theresiens, mit Details, die sich auf diese Begebenheit beziehen, gestickt befinden sollen Die Kirche präsentirt sich denen von Karansebes nach Mehadia Reisenden, rechts von der Straße unter dem Abhang des Gebirges, und als Denkmahl dieser Begebenheit verdient sie die Aufmerksamkeit jedes wißbegierigen Pilgers. . Bei dieser Kirche fand etwas Außerordentliches und das Einzige in seiner Art Statt. Es hatte sich hier nähmlich eine Gemeinde gebildet, welche dermahlen der Sprache nach, aus Wallachen bestand, dennoch aber nicht den griechisch-katholischen, wie es sonst unter dieser Nation bey Veränderung ihrer alten Religion der Fall zu seyn pflegte, sondern den römisch-katholischen lateinischen Ritus befolgte. Solche Sonderbarkeit findet nirgends sonst Statt. Vermuthlich waren die ersten Mitglieder dieser Gemeinde Cziprowaczer Emigranten aus der Türkey, die von jeher der römisch-katholischen Religion zugethan, nun aber von lauter Wallachen umrungen ihren slavischen Dialect zuletzt ganz vergessen, und sich in Wallachen metamorphosirt haben. Dieser kleinen Gemeinde ward ein Ordensgeistlicher vorgesetzt. Der größere Theil der Einwohner des Dorfes Szlatina besteht aus griechisch-unirten Wallachen, die mit eigener Pfarre und Kirche versehen sind. Diese Begebenheit ward durch eine Inschrift verewigt, welche auf einer an der Altarseite der Kirche auswendig eingemauerten marmornen Tafel angebracht wurde. Sie ist diese: Quod Franciscus, post Caesar, et Carolus Fratres Lothari, Venando errantes hic Turcas evaserunt. 1738. Largitate viduae ac affinis Mariae Theresiae restructa. 1771. XXIV. Kaiser Joseph und der Prinz de Ligne; vertrauliche Briefe des Letztern an seinen Monarchen und Freund. Ehe wir diese auch in geschichtlicher Hinsicht so merkwürdigen geist- und anmuthsvollen Briefe geben, senden wir eine biographische und characteristische Skizze des Prinzen voraus, theils weil dieser selbst einen der hervorragendsten Charactere der Josephinischen Periode bildet, anderseits aber zur nähern Verständigung des Inhalts seiner Briefe selbst. Carl Joseph Fürst de Ligne war Grand von Spanien erster Classe, k. k. Generalfeldmarschall und Inhaber des 30. Infanterieregiments, Ritter des goldenen Vließes und Commandeur des Maria-Theresienordens. – Seine frühern Titel waren: Fürst des heil. röm. Reiches, erster Pair von Flandern, Pair, Marschall, Grand-Baillif und souverainer Officier der Land- und Grafschaft Hennegau, Gouverneur von Mons , Pair von Namur und Artois; – er war am 23. Mai 1735 zu Brüssel geboren, aus einem der edelsten und angesehensten Geschlechter Belgiens, das 3 Jahrhunderte hindurch in treuer Ergebenheit gegen den Landesfürsten seinen Ruhm in den Waffen gründete. Sein Vater und Großvater standen als Generallieutenants in österr. Diensten. Ein ritterlicher Sinn und Muth, gesteigert durch die vielen Gefahren, denen er sich seit den frühesten Jahren unterzog, ein edles Streben nach rühmlichen Waffenthaten, gaben seinem Geiste eine hohe militärische Richtung, die ihm bis zum Grabe treu geblieben ist. Noch als Knabe hörte er im Vorgefühle seiner künftigen Bahn, die Großthaten der mörderischen Schlacht bey Fontenay erzählen, und ergötzte sich daran. – Zum Jünglingsalter herangereift, widmete er sich dem Studium der classischen Literatur und der Kriegskunde, die er bis zu seinem Lebensende mit rastlosem Eifer und Fleiße betrieb. – Ligne glühte vor Begierde, sich auf dem Felde der Ehre, auf dem sich seine Vorfahren Ruhm und Lorbern gesammelt hatten, auszuzeichnen, so daß er im 15. Jahre seines Alters mit einem Hauptmanne des französischen Regimentes Royal Baisseaux die Verabredung traf, im Falle der Krieg ausbrechen würde, sich aus dem väterlichen Hause zu entfernen, und bei seinem Regimente anzuwerben. Sein Vater wußte diesen erhabenen Sinn für den Militärstand in dem talentvollen Jünglinge zu unterhalten, und ihm eine richtige Bahn vorzuzeichnen. Schon 1755, ausgerüstet mit allen nöthigen Kenntnissen, erhielt er in österr. Kriegsdiensten in dem Regimente seines Vaters eine Compagnie. Nun eröffnete sich die ruhmvolle Bahn des heldenmüthigen Prinzen, eine Bahn, auf der er volle 60 Jahre als Held und Schriftsteller mit Ruhm bekränzt wandelte. – An den Schlachten von Collin , Breslau , Leuthen , an der Belagerung von Schweidnitz nahm er selbst den thätigsten Antheil, und stellte als Schriftsteller diese Schlachten mit treffenden Bemerkungen und höchst originellen Ansichten historisch dar. – In der Schlacht von Collin erwarb sich das Regiment de Ligne und der junge Fürst, der schon damahls die Seele dieses Regimentes war, unsterblichen Ruhm. In den Treffen, die auf jenen glänzenden Sieg folgten, war Ligne stets auf den Vorposten, und in der Schlacht bey Leuthen , wo Friedrich die Niederlage bey Collin rächte, sammelte er mehrmahls unter dem heftigsten Kugelregen sein Regiment, und führte es mit Blitzesschnelle durch die unwegsamsten Gegenden ohne Verlust nach Böhmen. 1757 wurde er zum Oberstlieutenant befördert. 1758 war er in der Schlacht bei Hohenkirchen , eroberte mit stürmender Hand den sogenannten großen Garten von Dresden , und wurde, da der Oberst des Regiments in die Gefangenschaft gerieth, zum commandirenden Obersten des Regiments ernannt. Nach dem Siege bey Maxen , an dem er ebenfalls den thätigsten Antheil nahm, wurde er an Ludwig XV. gesandt. In Paris durchlebte er den ganzen Winter, und genoß daselbst nach seiner eigenen Äußerung viele Freuden, die ihm aber manche Unannehmlichkeiten verbitterten. – 1760 befand sich der Prinz bey der Armee unter General Lascy , und wohnte der Einnahme von Berlin , Potsdam und der Schlacht bey Torgau bey. – Nach dem Frieden zu Hubertsburg und bey Gelegenheit der Krönung Josephs  II. zum römischen Kaiser wurde er 1764 zum Generalmajor befördert, und begleitete 1770 diesen Fürsten zu jener denkwürdigen Zusammenkunft mit dem König Friedrich II. zu Mährisch-Neustadt , die er mit vielem Scharfsinn entworfen, und dargestellt der Nachwelt aufbewahrte. 1771 wurde er Inhaber eines Infanterie-Regiments, Feldmarschall-Lieutenant und Ritter des goldenen Vließes. Nachdem der siebenjährige Krieg beendigt war, genoß Europa bis zum Ausbruche des Türkenkriegs eines wohlthätigen Friedens, und diese Periode benützte der Fürst, um seine Kenntnisse im Umgange mit den würdigsten Männern und Frauen zu erweitern, und sich die geselligen Tugenden anzueignen. – In diese Periode fallen auch seine Reisen nach England, Italien und der Schweiz, nach Frankreich, Deutschland und Polen, die vielen Besuche, mit denen er von Prinzen des französischen Regentenhauses auf seinem Landsitze zu Beloeil beehrt wurde, seine Bekanntschaft mit Montesquieu , d'Alembert , Voltaire . Eben so würdigte ihn auch Friedrich II. seines besondern Zutrauens. – Die nähere Bekanntschaft mit dem französischen Hofe machte er durch den Grafen von Artois , den er schon früher in den Niederlanden kennen lernte. – In Paris und Versailles wetteiferten die größten Gelehrten und geistreichsten Männer um die Freundschaft und Gunst des Fürsten. Sein Scharfsinn, sein tiefer Witz, der oft überraschend die Gesellschaft entzückte, erregte allgemeine Bewunderung. – Seine dramatischen Verbindungen zu Paris verwickelten ihn in manche literarische Intriguen, und verleiteten ihn zum Widerwillen gegen Marmontel . – 1778 war er General en Chef in dem kurzen Kriege, und focht gegen den Prinzen Heinrich . In den Niederlanden machte ihn seine Herablassung und Popularität allgemein beliebt, und als die Streitigkeiten 1784 mit Holland einen Krieg vermuthen ließen, traf er als General en Chef die kräftigsten Maßregeln, um der Sache einen ehrenvollen Ausgang geben zu können. – Schon 1781 besuchte er den Petersburger Hof, von welchem sein ältester Sohn, vermählt mit der Prinzessinn Massalsky , 400.000 Rubel zu fordern hatte. Auch hier genoß er Achtung und Liebe, und gewann die Gunst Catharina's . Bey jener berühmten Zusammenkunft Josephs II. mit Catharina wurde Ligne mit wichtigen Aufträgen an den Petersburger Hof geschickt. Hier verrichtete er seine Aufträge als der treueste Unterthan seines Monarchen, und zeigte sich zugleich als einen feinen Hoffmann gegen die Kaiserinn von Rußland, die er auf ihrer Reise nach Cherson begleitete. Mit vieler Laune scherzte er in seinen Briefen über das sonderbare Versetzen eines so glänzenden Hofes an die Ufer des Boristhenes. – 1788 begab er sich in der Eigenschaft eines Feldzeugmeisters mit diplomatischen Aufträgen an den Fürsten Potemkin , und folgte der russischen Armee bis nach der Eroberung von Oczakow . – Im Türkenkriege 1789 befehligte er mit vieler Auszeichnung ein Armeecorps, theilte mit Loudon bei der Einnahme von Belgrad den Ruhm, und wurde hierauf zum Commandeur des Maria-Theresien-Ordens ernannt. Mit diesem Feldzuge endete auch seine militärische Laufbahn und Thätigkeit. – Seine Gesinnung und Anhänglichkeit an das Kaiserhaus bewies er bey jeder Gelegenheit auf eine Art, die über jeden Zweifel erhaben war. Er wollte lieber seine schönen Güter in Brabant verlieren, als eine zweydeutige Gesinnung gegen Österreich äußern. Kaiser Joseph II. , als er jene Umwälzungen voraussah, sprach am Sterbebette zu dem Fürsten de Ligne: »Ich habe mich von Ihrer Ergebenheit vollkommen überzeugt, gehen Sie nach Brabant, um Ihre eigenen Geschäfte zu besorgen.«– Ligne traf nach dem Verluste seiner Güter noch ein härterer Schlag. Sein ältester Sohn, der Oberst Fürst Carl de Ligne , ein junger Mann, voll Talent und Muth, allgemein geachtet und geliebt, fiel in dem Feldzuge in der Champagne am 14. September 1792. Dieser Schmerz beugte das tief verwundete Vaterherz so sehr, daß sich über ihn die Kraft seines Gemüthes nie emporheben konnte. – Bis 1807 lebte der Fürst de Ligne in ruhiger Muße der Wissenschaft und Kunst geweiht, von allen öffentlichen Geschäften entfernt. – 1807 ernannte ihn Kaiser Franz I. in Anerkennung seiner Verdienste um das Vaterland und das Kaiserhaus, zum Capitän der Trabantenleibgarde und Hofburgwache, und 1808 zum Generalfeldmarschall. Seit dieser Zeit nahm er sehr oft Antheil an militärischen Berathungen, und präsidirte im Capitel des Maria-Theresien-Ordens. Auch seine Vermögensumstände besserten sich um diese Zeit. Als man zur Entschädigung für diejenigen, die an dem linken Rheinufer ihre Besitzungen verloren, schritt, erhielt Ligne als Entschädigung für seine verlornen Güter die Abtei Edelstetten , ein Ersatz, der den Verlust weit überstieg. – Die Zeit seiner Zurückgezogenheit von öffentlichen Geschäften verwendete er auf literarische Ausarbeitungen. Seine Mémoires sind eine Frucht seiner vieljährigen militärischen Erfahrungen und gründlichen Kriegskenntniß, und wiewohl man in ihnen Ordnung und Zusammenhang vermißt, indem Ligne nach seiner eigenen Äußerung seine Gedanken jedesmahl so niederschrieb, wie sie ihm kamen, so bleiben doch diese Mémoires durch die große Zahl der Begebenheiten, die sie umständlich schildern, für die Geschichte jener Periode von besonderer Wichtigkeit. Die Sammlung seiner übrigen Werke biethet ebenfalls eine interessante Lectüre dar. – Eben so versuchte sich Ligne auch in der Poesie, und zwar mit gutem Erfolge. Die Herausgabe seiner gesammten Werke in 35 Bänden besorgte er selbst zu Wien und Dresden 1795–1811 unter dem Titel: Melanges militaires, litéraires etc. Seine Oeuvres posthumes erschienen 1817 in 6 Bänden. Die von ihm 1809 herausgekommene Schrift: Vie du Price Eugène de Savoye écrite par lui-même ist lediglich fingirt. Er selbst war ebenfalls noch bey seinen Lebzeiten der Gegenstand mehrerer Schriften. – Frau von Staël gab 1806 Lettres et pensées du Prince de Ligne heraus, eine Huldigung, die sie seinen Talenten und seiner Liebenswürdigkeit darbrachte. – Die letzte Zeit seines Lebens, als er zurückgezogen in ländlicher Stille lebte, und eines heitern Greisenalters genoß, war sein Haus der Vereinigungspunct der ausgezeichnetesten Personen. – Als die Souveraine 1814 zu Wien bey dem Congresse versammelt waren, wurde er mit ungemeiner Auszeichnung behandelt, und sein nie alternder Witz, seine Heiterkeit und Lebhaftigkeit wurden allgemein bewundert. – In seinem Privatleben vereinigte er die mannigfaltigsten Vorzüge. Sein trefflicher Witz ohne Dornen, seine Lebendigkeit mit so viel Ruhe, so viel Eigenthümlichkeit ohne Unart, die seltene Kunst, das Gespräch in ein Spiel zu verwandeln, in dem er seinen Gegner gern gewinnen ließ, und endlich die unerschöpfliche Güte seines Herzens, die hohe Liebenswürdigkeit, das immer rege Bedürfniß, Hülfe und Trost in jedes verwundete Herz zu gießen, hatten über sein ganzes Wesen einen ihm eigenen und eben deßhalb unverwelklichen Reiz verbreitet. Jedem Unglücklichen verwandt, war sein Haus eine Freystätte der gebeugten Menschheit, wie es sich der geselligen Freude öffnete. In einer langen Reihe von Jahren hat er, ein Mann von angenehmer Persönlichkeit, ein Muster von altfränkischer Feinheit und Grazie, mit ausgezeichnetem Erfolge über das gesellschaftliche Leben geherrscht. Eine Existenz, wie die seine, war eine ganz eigene Erscheinung, die von dem nicht begriffen werden kann, der nicht Zeuge davon war. Durch seine vielen Verbindungen in allen Theilen des cultivirten Europa's, noch mehr durch seine witzigen Worte, die oft mit unglaublicher Schnelligkeit in den entferntesten Ländern wiederholt wurden, war nicht sowohl das Eigenthum der Familie, eines Kreises von Freunden, einer Stadt, als er dem ganzen gebildeten Geschlechte seiner Zeit angehörte, und dennoch – von der Familie, von den Freunden, von der Stadt, in der er lebte, wurde er geliebt, als wäre er einzig für sie alle gewesen. Mit der unerschöpflichen Anmuth seines Umganges erfreute er, was in seiner Nähe lebte. Indem er die Gegenwart mit der Heiterkeit seines Humors und mit der Fülle seines Herzens liebend umfaßte und erwärmte, fühlte man es mit Rührung – er war der Widerhall einer schon verklungenen Zeit. Am 13. December 1814 starb er im 80. Jahre seines anakreontischen Lebens. Dieß ein Lebensabriß des unvergeßlichen Prinzen de Ligne , den man mit Recht den letzten Ritter der Neuzeit nannte; und nun folge die Reihe seiner Briefe an den Kaiser Joseph . 1. Elisabeth-Gorod, (Dec. 1787.) Ich wollte meine Ankunft damit bezeichnen, Ew. kaiserlichen Majestät von Ihren Freunden und Feinden genaue Rechnung abzulegen; allein die letztern sind zu entfernt, und die erstern zu egoistisch. Welch ein Unterschied, dieß Jahr und das vorige! Welch edler Eifer war es, Sire, den Sie damals hier antrafen! Die Kaiserinn hat mich mehrmahls mit Fragen gepeinigt, ob die Oesterreicher Belgrad genommen? Das letzte Mahl antwortete ich ihr: wie der Pascha von Oczakow viel zu galant sey, um ohne ihre Einwilligung sich zu ergeben. Endlich komme ich hier an. Welch ein Wetter! welche Wege! welch ein Winter! welch ein Hauptquartier! – – Ich bin nicht ohne Selbstvertrauen; ich meine immer, man liebt mich; ich stellte mir vor, daß Fürst Potemkin entzückt seyn würde über mein Kommen. Ich falle ihm um den Hals, ich frage ihn: wenn haben wir Oczakow? – »Gerechter Gott,« antwortete er, »die Garnison ist 18.000 Mann stark; ich habe nicht so viel Leute in meiner Armee. Es fehlt mir an allem; ich bin der unglücklichste Mensch, wenn Gott sich meiner nicht annimmt.« »Was!« sagte ich, »die Geschichte von Kinburn, die Abfahrt der Flotte – – – das alles wäre also zu nichts? Ich bin Tag und Nacht gerannt, um hierher zu kommen – man sagt mir, Sie haben die Belagerung bereits angefangen.« »O Jesus,« sagte er, »Gott gebe, daß die Tataren nur nicht hierher kommen, und mit Feuer und Schwert uns vertilgen. Gott hat zwar sich meiner erbarmt, (ich vergesse es niemals,) hat mir vergönnt, was noch von Truppen hinter dem Bog stand, hier zusammenzuziehen, – sonst wäre es ein Wunder, daß ich bis hierher noch so viel Land behalten.« – »Wo sind denn aber die Tataren?« rief ich. – »Himmel, überall!« antwortete mir der Fürst; »und dann steht der Seraskier mit viel türkischer Mannschaft nahe an Ackermann; 12.000 Türken in Bender; der Dniester besetzt, und 6.000 in Chozim.« Es war aber nicht ein einziges Wort wahr an allen den Reden. – Doch wie konnte ich glauben, daß der Fürst den täuschen wolle, von dem ich glaubte, daß er seiner bedürfe? Wenn ich indessen unglücklich seyn soll, in meiner ganzen militärisch-politischen Sendung, unglücklich; so geschieht mir nach Verdienst. Ich bin, wie der Marschall Neipperg beym Friedensschluße 1739 sagte, Lucifer, den sein Stolz zu Grunde richtet. Glaubte ich mich nicht schon der beiden russischen Armeen Feldherr? Späterhin sagte ich dem Fürsten, wie ich der Kaiserinn abgerathen, eine Flotte in das mittelländische Meer zu schicken, weil diese Flotte ungeheuer viel kosten und nichts helfen werde. Ob nun gleich die Kaiserinn in demselben Augenblicke mir ihr Vorhaben mittheilte, als sie es faßte; so wollte der Fürst mich doch glauben machen, daß es sein Einfall gewesen. Einige Tage später, wo dieß wieder seinen Gedanken entwischt war, sagte er mir, er habe der Kaiserinn geschrieben, die Flotte nicht absegeln zu lassen. – »Aber so macht es die Frau,« setzte er hinzu – »zumal wenn ich nicht da bin. Immer in's Riesenhafte, und warum hat sie Preußen so schnöde geantwortet, das ihr 30.000 Mann Truppen, oder Geld anboth? Immer die verdammte Eitelkeit.« – »Hier,« sprach ich, »ist ein Brief vom Kaiser, welcher den Plan für den ganzen Krieg enthält; er bezeichnet den Gang der Unternehmungen; Ihre verschiedenen Corps müssen das nun, ohne Verzug und den Umständen gemäß, im Einzelnen ausführen. Se. Majestät haben mich beauftragt, Sie zu fragen, was man eben vorhabe. – Der Fürst antwortete, daß er es mir andern Tags schriftlich sagen werde. Ich warte einen Tag, zwey, drey, acht, vierzehn Tage, endlich gelangt sein ganzer Feldplan an mich; wir hatten keinen andern; hier ist er: Mit Gottes Beystand werde ich angreifen, alles was vom Bog bis zum Dniester sich mir entgegen stellt. Ob nun gleich bey dem Allen keine Ursache zum Lachen ist, so hätte ich doch über Eins fast Lust dazu bekommen. Unsere Kosaken – weil sie gut laufen – greifen vier häßliche Tataren, denen nicht einmahl nachgesagt werden konnte, Türken zu seyn. Der Prinz schickt nach mir. Mit verstörtem Ansehen, zitternd stehen sie vor ihm. Ich zittere mit ihnen, denke aber doch, daß er zu menschlich seyn wird, um ihnen, mir nichts, dir nichts, die Köpfe abschlagen zu lassen. Die vier Männer, meine Hoffnung nicht theilend, fühlten meine Angst. Der Fürst befiehlt, sie zu greifen, ich bebe heftiger; allein ich sehe nirgends einen Säbel gezückt. Plötzlich stürzt man sie in eine tiefe Grube, die ich nicht gesehen hatte. »Gott sey Dank,« rief der Fürst, »da hätten wir einmal wieder Mohamedaner getauft, und zwar auf griechisch, durch Eintauchung.« »Sie werden den Schnupfen davon bekommen,« sprach ich, »doch, Gott sey gelobt!« Eine einzig sonderbare Idee hat er gehabt; die Errichtung eines Regiments von Juden, die er Israelowsky nennt. Wir haben schon eine Schwadron davon, die meine Lust ist, denn ihre Bärte, tief auf die Knie herabhangend – so kurz sitzen ihnen die Steigbügel – und die Furcht, welche mit ihnen zu Pferde steigt, gibt ihnen das Ansehen von Affen. Unruhig blicken sie umher; die großen Picken auf die lächerlichste Weise von ihnen gehalten, erregen den Glauben, daß sie es den Kosaken nachthun wollen. 2. Elisabeth-Gorod, (April 1788.) Wenn wir Lebensmittel hätten so marschirten wir; wenn wir Schiffbrucken hätten, so setzten wir über Flüsse; wenn wir Kugeln und Bomben hätten, so belagerten wir; man hat nur eben das vergessen: Der Fürst läßt alles dieses mit der Post kommen, der Munition-Ankauf und Transport beträgt drei Millionen Rubel. Ich bitte Ew. Majestät, mich vor dem Unwillen des Kriegsrathes und dem der Staatskanzley in Schutz zu nehmen. Denn wenn ich auch wollte, ich habe nichts, Ihnen zu schreiben. Wir thun nichts. Überdieß, Sire, so möchte die vertraute und aufrichtige Freundinn Ihrer erhabenen Person nicht gern, daß, was sie nur sagt, oder schreibt, Ihre Minister und die andern Höfe erführen. Könnte ich z. B. einem Menschen mittheilen, was ich Ew. Majestät gemeldet, daß, wenn ich es von Ihnen zugestanden erhalte, den Prinzen Coburg in die Moldau vorrücken zu lassen, die Kaiserinn, ihr kaiserliches Wort uns gibt, daß wir Choczim erhalten, und den Raya, welche Bedingungen man auch beym Frieden machen möchte? Die Kaiserinn kann es kaum erwarten, und möchte, daß der Krieg schnell vorwärts rückte; sie zweifelt nicht, daß Preußen etwa schon den heißen, verkehrten Kopf des Königs von Schweden bearbeite. So viel fällt wenigstens in die Augen, daß wenn man nicht von hieraus den leicht- oder zu tiefsinnigen Köpfen der französischen Nation, so wie den ohnmächtigen Anschlägen der mißvergnügten Niederländer Einhalt thue, unser ganzer Welttheil bald sich entzünden werde. Es möchte sich nicht gut thun lassen, Asien in Brand zu stecken, um Europa zu retten. Wir haben gerade persische Bothschafter hier, die mit Entschuldigungen angelangt sich, vorgebend, daß Aufruhr bey ihnen selber sie hindere, den Türken Krieg zu erklären. Mir däucht, Sire, auch Sie sind um nichts glücklicher im Aufwiegeln – und Mahmud, Pascha von Skutari, versöhnt sich mit der Pforte. Das ist's was uns die Bothschafter mitgebracht haben, welche der Fürst Potemkin in jenes Land geschickt hatte, aber ich verbürge mich nie für diese Nachrichten, weil es zum Charakter dieses Kindes gehört, boshaft zu lügen. Andern Tages warf ich ihm unsere Unthätigkeit vor. Sogleich läßt er eine Viertelstunde darauf Couriere ankommen mit der Nachricht von einer am Kaukasus gewonnenen Schlacht. – Nun seh't, rief er mir zu, ob ich nichts thue; so eben habe ich 10.000 Circassier, Abyssinier, Immaretten und Georgier getödtet, und 5000 Türken fielen bei Kinburn. Ich bin entzückt, antwortete ich, so mit Ruhm mich bedeckt zu haben, ohne es gewahr worden zu seyn, denn ich bin nicht von Ihrer Seite gewichen. Da es einem frey steht, üble Laune zu haben, wenn man vierzehn Tage lang vom Fieber befallen ist; und da es hier gilt zu maulen und verdrießlich zu thun, um seinen Credit zu erneuern; so sagte ich letzthin: ich würde 6.000 Croaten kommen lassen, die hier sehr in Ansehen stehen, um Oczakow einzunehmen. Ungeachtet aller Fehlgriffe meines Feldherrn, ist er im Besitz einer guten Eigenschaft; die ist, herzliche Ergebenheit an das Haus Österreich. Euere kais. Majestät haben die Gallerie und die Säle von Hermitage für sich, doch nicht das Cabinet. – Hierbey fällt mir etwas ein. Ich weiß nicht, was letzthin dem Fürsten anwandeln mußte: – in der Mitte der Diamanten, mit welchen er auf seinem Tische Linien und Stellungen zeichnet, lag ein köstliches Vließ, hunderttausend Rubel am Werthe. – Ob es nun da lag, um mir zu bedeuten, daß er die Kaiserinn bereden wolle, es mir zu verehren, wenn ich ihr schriebe, daß alles gut gehe, oder um mir zu verstehen zu geben, daß er es sich selbst schenken werde, wenn Ew. Majestät ihm das Band dazu geben möchten? Die Kaiserinn wird befremdet seyn, keine Briefe von mir zu erhalten, und sieht sicherlich ein, daß ich ihrer Güte – von Anfang des Fürsten Potemkin Werk – zu dankbar eingedenk bin, um mich über ihn beklagen zu können, und von der andern Seite zu treu der Wahrheit, um ihr schreiben zu mögen, er könne nicht mehr thun, als er thue. Auch gedenke ich nicht mehr meiner Forderungen an Rußland; Carls Heirath mit einer Massatska betreffend – Forderungen, welche meine erste Reise nach Petersburg veranlaßten. Ich glaube nicht, daß ich noch nöthig haben werde, die Diamanten und Bauern, die man vor einem Jahre mir schenken wollte, von mir abzuwehren. Wie dem auch sey, ich habe dem Fürsten gesagt, daß ich den Geschmack, welchen er unserem Hofe und dem Kriege gegen die Türken abgenommen habe, nicht anders ansehe, als seinen Geschmack für Schildereyen und Diamanten, befürchtend, er werde eben so leicht wieder davon zurückkommen, als bey diesen es der Fall ist. 3. Elisabeth-Gorod, (Mai 1788.) Wo soll ich Worte hernehmen, meine Dankbarkeit Ew. kaiserl. Majestät auszusprechen für das, was Sie meinem guten Carl gesagt, und an ihm gethan haben? Zwey Gnadenbezeugungen der Art, auf der Bresche ertheilt, und Ihr Brief, Sire, sind furchtbare Rechte, die Sie auf Seel' und Leben von Vater und Sohn erworben haben. Ich habe geweint vor Freuden, vor Zärtlichkeit und vielleicht auch vor Eifersucht. Ich habe alle zum Weinen gebracht, denen ich lesen ließ, was Ew. Majestät geschrieben; da sieht man, wie es noch gute Menschen gibt auf der Erde! Es ist mehr aus diesem trefflichen Carl zu machen, als aus mir, und glücklich will ich mich fühlen, nach meinem Hingang Ew. Majestät einen Unterthan zu hinterlassen, den Sie zu gebrauchen wissen werden. Eure kais. Majestät haben Ihre Laufbahn damit eröffnet, im Kriege von 1778 dem Wiener-Cabinet, (was wohl das Schwerste seyn mochte,) und späterhin denen von Berlin, von Versailles und Petersburg zu widerstehen. Sie haben sich dem Genie des Königes von Preußen in den Weg gestellt, und es zurückgedrängt; Sie werden die Fülle des Ruhm's durch glänzendere Thaten erwerben: die Einnahme von Belgrad, wird die von Sabatscz herbei führen, und ein vollständiger Sieg diesen neuen Fortschritten auf dem Fuße nachfolgen. Ew. Majestät haben gewollt, und die Moldau war Ihre. Diese Eroberung hat uns nur zwey Märsche gekostet, den Russen zwey Feldzüge im letzten Kriege. – – Hier eine kleine Geschichte, die mich eben belustiget hat. Lafayette schickte mir einen sogenannten französischen Ingenieur, Marolle genannt, um die Belagerung zu commandiren. Ich trete mit ihm in das Zelt des Prinzen; noch ehe ich ihn vorgestellt habe, ganz dicht an ihn, schreit der Ingenieur: » Wo ist der General? « Hier , sagte ich ihm. » Guten Morgen General! Nun was gibts? Sie wollen Oczakow haben? « – » Ich denke, « sagte der Fürst. » Je nun, « ruft mein Schreyer, » das wollen wir machen. Ist nicht Vauban und Cohorn zur Hand? Ich könnte auch Saint-Remy brauchen, um mich wieder ein wenig auf das zu besinnen, was ich vergessen, oder wohl gar nie so recht ordentlich gewußt habe; denn im Grunde bin ich nur Ingenieur beym Brücken- und Wegebaue. « Der Fürst, immer gut und liebreich, wenn er die Zeit dazu hat, fing an zu lachen und sagte: »Ruhen Sie nur erst aus von Ihrer Reise, und martern Sie sich jetzt nicht ab mit Lesen; ich werde Ihnen in Ihr Zelt zu essen schicken.« Ihre Majestät erschrecken mich durch das, was Sie in Hinsicht Frankreichs und Flanderns zu äußern mich würdigen. Es müßten denn doch wahrlich diese beyden Länder seit den zwey Jahren, daß ich sie nicht sahe, durchaus verwandelt worden seyn, wenn man nicht mit Vernunft zu Ihnen reden oder sie zur Vernunft bringen können sollte. Wenn Ew. Kais. Majestät die drey Körper aufrecht erhalten, welche die Staaten bilden, und die wesentlichen Theile der Constitution in Acht nehmen; so werden es nur Ränkeschmiede und Mißpatrioten seyn, die aus persönlich eigennützigen Absichten sich eine Parthey bilden. Diese Versicherung den Staaten zu ertheilen, sucht' ich Ew. Majestät zu bewegen; und ich würde unter diesen Bedingungen in Zeit von acht Tagen den Frieden überall hergestellt haben. Jetzt wird ein wenig Kraft von Seiten der Regierung Strenge unnöthig machen. Wenn ich dort wäre, würde ich als ehrenwerther Patriot reden; ein Wort, was widerlich zu werden anfängt; als Bürger, ein ebenfalls entstellter Name; und wenn das nichts hälfe, als österreichischer General reden und handeln: hier einen Erzbischof, dort einen Priester, einen dicken Mönch von Abt, einen Professor, einen Brauer und einen Advocaten einsperren lassen. Was nun Frankreich betrifft, so werden Ew. Majestät bey ihrem trefflichen Gedächtniß – sich erinnern, mir einst in meinem Gouvernement, bey einem Spaziergange durch die Festungswerke, den ich Sie führte, gesagt zu haben: Sie kennen nur Einen Arzt, dieses Reich zu retten – Herrn Necker! 4. (Mai 1788.) Hier sind wir! im Lager zu Novo-Gregori, wo die Nachricht von dem ersten Siege des Prinzen von Nassau uns überbracht ward. Fürst Potemkin ließ mich rufen, umarmte mich und rief: » Das kommt von Gott! Sehen Sie diese Kirche an; ich weihte sie dem heiligen Georg, meinem Schutzpatrone, das Gefecht von Kinburn fand Statt am Tage, der auf seinen Nahmenstag folgt. « Nach Verlauf von einigen Wochen Aufenthalts und verschiedenen Rückmärschen, der Brücke wegen, die man nicht aufzuschlagen wußte, um über den verdammten Fluß zu kommen, befanden wir uns auf der Höhe von Novo-Gregori, wo die Nachricht von den beyden andern Siegen Nassau's uns gleichfalls erreichte. – » Nun, liebster Freund, « sagte Fürst Potemkin, mir an den Hals springend, » was sagte ich Ihnen von Novo-Gregori? Da haben wir ihn wieder. Leuchtet es Ihnen nicht ein, daß ich des lieben Gottes Hätschelkind bin. « So lauteten seine eigenen Worte, und ich berichte sie nur, um den außerordentlichsten Menschen, der je lebte, noch mehr kenntlich zu machen. » Welch glücklicher Umstand, « sagte der Fürst, » die Garnison von Oczakow reißt aus. Ich mache mich Augenblick's auf den Weg; gehen Sie mit? « Zweifeln Sie daran, war meine Antwort. Anstatt aber geradezu auf diesen Platz los zu rücken, wo ich in zwey Tagen mit meiner ganzen Cavallerie einzutreffen gedachte, brachten wir drey auf dem Wasser zu; legten überall an, um Fische mitzunehmen, und zu essen, und statteten dem siegreichen Geschwader einen Besuch ab. 5. Aus dem Lager von Arnuntzka. (Am 18. Juni, Jahrestag der Schlacht bei Collin.) Heute ist es ein und dreyßig Jahr, daß um diese nähmliche Stunde ich des erhabenen österreichischen Hauses Waffen siegreich in Böhmen sah: möchten sie heut ähnlicher Vortheile über die halben Monde der Osmanen sich rühmen dürfen! Damahls ließ ich mit meinen Wallonen Maria Theresia hoch leben; bald, hoffe ich, wird das Beyspiel und die Anstrengung Ew. Majestät dazu verhelfen, daß man auf den Mauern von Belgrad schreyen höre: » Vivat Josephus secundus! « Das heißt hier: – glücklich , was Ew. Majestät Ihres uneigennützigen, und auf Kosten Ihres eigenen Vortheils sich aussprechenden Eifers für das allgemeine Beste zu seyn, so gar sehr verdienen. Ich suche hier alle Unzufriedenen Rußland's so viel als möglich zu schonen; nicht um ihnen etwas zu vergeben, aber um unseres Besten willen, das ja auf Rußland selbst wieder zurückstrahlen kann. So sind z. B. die Griechen offenbar von der Kaiserinn vernachlässiget, und vom Fürsten Potemkin vergessen. Ihrer mehr als zwey Hundert hat er länger als drey Monathe hier hingehalten; sie sind zu mir gekommen, und versichern mich, daß Ew. Majestät auf sie rechnen dürfen. Ich habe mir nichts vergeben, denn ich weiß, daß man ihnen nicht trauen darf. Ich mag lieber Geld als Credit einbüßen. Einen jungen, höchst verständigen Mann, Namens Georgi, habe ich dreyhundert Ducaten gegeben; er will Ew. Majestät eine kleine Colonie im Banat zuführen, und sogar zum Besitz einiger Inseln behülflich seyn, die dem Handel von Triest sehr ersprießlich seyn dürften. Wenn mein Eifer, von Allem Vortheil zu ziehen; wenn Vorwürfe über ihre Unthätigkeit, die ich den beyden Marschällen nicht immer vorenthalten kann, einige Wolken zwischen uns aufthürmen sollten: so werden sie gewiß bald wieder vorüberziehen; die Kaiserinn weiß zu gut, wie sehr ich sie bewundere und anbethe. Wenn sie jener Elisabeth gliche, deren Stelle sie einnahm, so würde ein ihr zugeeignetes Madrigal, ein Lied für den Günstling, und ein Spottgedicht auf die Könige von Preußen und Schweden hinreichend seyn, sie mit mir wieder auszusöhnen. Doch die alte, geprüfte Freundschaft Catharinens, und der Kern guter Gesinnung im Herzen ihres Feldherrn für mich, werden die Marschälle hoffentlich abhalten, über Dinge mit mir zu grollen, die, von einem andern herrührend, ihnen wahrscheinlich mißfallen würde. 6. Im Lager der Wüste. (Juni 1788.) Ich will ein Wagestück begehen! Doch: Zelus domûs tuae comedit me. Ew. Majestät sind gewiß keiner Rathschläge von mir gewärtig; auch würde ich mich nicht damit befassen, wenn ich nicht die Gewißheit vor mir sähe, sehr lange von Ihnen entfernt zu bleiben, und ich nicht hoffen dürfte, daß bis zur Zeit meiner Rückkehr Sie sie entweder befolgt oder vergessen haben würden. Europa ist in solcher Verwirrung, daß nicht ein Augenblick Zeit zu verlieren ist, um von den Umständen Vortheil zu ziehen. Der König von Preußen nimmt es übel, daß die Kaiserinn ihm sagen läßt, er säße zu kurze Zeit auf dem Thron, um über das Interesse der andern Mächte den Ausspruch zu thun; er solle sich nicht einbilden, dreyen Kaiserthümern, wie der Republik Holland den Kopf zurecht setzen zu können, und sie wie Pohlen zu bearbeiten. Ew. kaiserliche Majestät werden die Projecte, welchen hier Gehör gegeben werden könnte, zuvorkommen, wenn Sie mich eines ostensiblen Schreibens würdigen, worin Sie versprechen, daß zwey der Theilhabenden Mächte gewaffneten Armes sofort gegen den Dritten aufstehen würden, der auch selbst die kleinste Starostie nur an sich zu reißen Miene machte. Unter dem Vorwande, dem Türken entgegen zu arbeiten, habe ich den Fürsten Potemkin bewogen, den Pohlen 40,000 Flinten auszuliefern, wenn sie sich bereit finden lassen, eine an die beyden Kaiserhöfe sich lehnende Conföderation zu Stande zu bringen. Mehrere polnische Große, die ich bey dieser Ansicht der Sache zu erhalten suche, erwarten nur die Verwirklichung dieses Projectes, um die preußische Parthey zu ersticken. Ich fordere von ihnen nur Pohlen, und nichts als Pohlen zu seyn. Fürst Cz***, eben so eifrig als hellsehend in seinem Patriotismus, arbeitet ebenfalls darauf hin, und kam gestern mit mir darin überein, daß die Anhänger der fremden Mächte das Unglück des Landes herbeyführen würden. Ich sage ihnen unaufhörlich: Weder nach Wien, noch nach Petersburg, noch nach Berlin haben Sie sich zu wenden, meine Herren; eilen Sie nicht, um Rußlands Joch abzuschütteln, einem noch gefährlicheren zu: dem preußischen Corporalstocke. Ich habe das Versprechen abgelegt, daß Ew. kaiserliche Majestät die Kaiserinn vermögen würden, den Mißbräuchen Einhalt zu thun, welche ihre Generale und Minister über die Polen sich zu Schulden kommen lassen; dieß wird eben so politisch als moralisch zum Guten führen. Bevor ich mit Geschäften mich abgab, würde ich die Moral der Politik voran gesetzt haben; allein ich sehe, wie man immer mehr zum Schlechten sich hinneigt. Hier bin ich nun ganz eine gute Bonne ; allein mein Kind hier ist groß, stark und halsstarrig. Noch gestern sagte es zu mir: – »Glauben Sie hierhergekommen zu seyn, um mich bey der Nase herum zu führen?« – »Glauben Sie, daß ich gekommen wäre, wenn ich dieß nicht voraus gewußt hätte?« war meine Antwort. – »Träge, und ohne Erfahrung, lieber Fürst, was können Sie Besseres mit sich thun lassen? – Warum wollen Sie sich nicht einem Manne, der wie ein verliebter Thor auf Ihren Ruhm, und auf das Wohl beyder Reiche ersessen ist, gutmüthig anvertrauen? Es fehlt Ihnen so wenig. um vollkommen zu seyn! – Was kann aber ein Genie, wie Ihres, ausrichten, wenn der Freundschaft Arm es nicht unterstützt?« Hierauf antwortete der Fürst: – »Machen Sie, daß Ihr Kaiser über die Save vorrückt; ich werde über den Bog gehen.« – »Wie können Sie hier nun,« erwiederte ich, »Complimente machen wollen, wie vor der Thür eines Salons? Mein Kaiser läßt Ihnen den Vortritt; er hat eine türkische Armee gegen sich, Sie aber nicht.« »Glauben Sie wohl, daß er uns das Theresienkreuz geben, das St. Georgen-Kreuz dagegen für die empfangen würde, welche in beyden Armeen sich hervorgethan hätten?« – Ich sahe wohl, wo er hinaus wollte. Er hat einmahl die Ordenswuth, und trägt bereits deren zwölf. Ich sagte ihm: Oczakow sey wohl unser Theresienkreuz werth! Wenn er jedoch Ew. kaiserlichen Majestät die Einnahme von Belgrad zu erleichtern wußte, so würde der Stephans-Orden ihm ebenfalls nicht entgehen. Ich bitte Ew. Majestät, ihm diese Hoffnung zu bekräftigen, und wenn unsere allerkatholischeste Majestät gar sich zu seinen Gunsten bemühen, und ihm das Vließ verleihen wollte, so hätten wir ihn – auf immer. 7. Lager vor Oczakow. (Juli.) Der Prinz sagte mir neulich: »Das Vieh von Stadt setzt mich in Verlegenheit.« Ich antwortete: »Es wird es noch lange, wenn Sie sich nicht tüchtiger dabey benehmen. Von der einen Seite einen falschen Angriff gemacht, von der andern die Verschanzungen gesprengt; alles durcheinander – die Besatzung in die alte Festung gedrängt – dann wird's gehen.« – »Glauben Sie,« war seine Rede, »daß das so gehen wird, wie bey Euerem Sabatsch, wo tausend Mann vertheidigten, und zwanzigtausend einnahmen?« Ich antwortete, er dürfe hierauf nur zukommen, um mit Respect davon zu reden, ein Angriff wo möglich nachzuahmen sich befleißigend, den Ihro Majestät, der Kaiser, selbst, mit zwei Bataillonen, von Kugeln umsaust, auf die tapferste Weise vollbracht hätten, allem Widerstande ungeachtet, den rechten Augenblick zum Sturmlaufen treffend. Am anderen Tage, als der Fürst eine Batterie von sechzehn Kanonen in Augenschein zu nehmen ging, die er selbst im offenen Felde, achtzig Toisen von den Verschanzungen aufgepflanzt hatte, erinnerte er sich unseres vorabendlichen Gesprächs; und in einem Augenblick, wo Kugeln von allen Seiten auf uns regneten, und dicht neben ihm einen Stückknecht mit seinen beiden Pferden niederrissen, sagte er lachend zum Grafen Branicki: »Fragen Sie einmahl den Fürsten von Ligne, ob sein Kaiser beym Sabatsch tapferer gewesen, als ich hier?« – So viel ist gewiß, daß es bey diesem halben Angriff heiß genug herging; man kann keinen edlern und heiterern Kriegsmuth sehen, als den des Prinzen. Auch war ich an dem Tage und noch an drey andern, wo er sich der augenscheinlichsten Gefahr aussetzte, wie ein Narr von ihm eingenommen; ich sagte ihm, daß ich nun wohl sehe, man müsse mit Kanonenkugeln nach ihm zielen, um ihn guter Laune zu machen. Da ich dafür hielt, man werde sich nun ernstlich aller Mittel bedienen, die Stadt zu erobern; eines Angriffs aus aller Macht nähmlich, oder einer förmlichen Belagerung, die ungefähr das Werk von acht Tagen gewesen seyn würde: so war mir sehr darum zu thun, bey den Vorpostengefechten zugegen zu seyn. – Ich hatte noch niemahls Spahi's gesehen. Unsere Cirkassier tödteten ihrer viele mit Pfeilen; es war ein unterhaltendes Schauspiel. Zuweilen pfiffen Kugeln um unsere Ohren, aus den Gärten, wo Janitscharen sich verborgen hatten, auf uns abgeschossen; auch viele Pistolenschüsse derer, die sich Bravi nennen. Wir nahmen und verließen abwechselnd die Gärten des Pascha's. Der Prinz führte uns an einem Tage dorthin, um den Überschuß der Kugeln zu empfangen, welcher die von Pahlen commandirten Angreifenden verfehlt hatte. Einmal schlug mein Pferd dort mit mir über; ich weiß nicht, ob vor dem Winde, den eine Kugel machte, oder ob sonst nur aus Furcht. Da ich sehe, daß diese Art zu belagern gefährlicher, als ruhmvoller für die Umhergehenden ist, so vermeide ich, wenn ich daran denke, das Gehen in gerader Richtung; denn kaum tritt man aus des Lagers Linie, so wird man von einem Guß Kugeln, wie von einem Platzregen, überrascht: wir sind also eigentlich eben so wohl Belagerte, als Belagerer. Ich habe dem Grafen Roger von Damas diese Bemerkung vergeblich gemacht. Eine Kanonenkugel hat ihm gestern, ehe er noch von seiner neulichen Schußwunde ganz hergestellt war, eine Contusion im Schenkel gegeben. Ich wünsche Ew. kaiserlichen Majestät bald wichtigere Neuigkeiten mittheilen zu können; aber ich fange an, daran zu verzweifeln. 8. Lager von Oczakow. (Aug. 1788.) Ich glaube, man bildet sich ein, die Belagerung von Oczakow bereits angefangen zu haben. Sieben hundert Toisen abseits von den Verschanzungen, und neun hundert vom Platze, hat man so eben vier elende Redouten vollendet. Der Feind nahm sich nicht einmahl die Mühe, auf die Arbeiter zu schießen, ob man gleich den schönsten Mondschein, und zwey der Taghellsten Nächte zu dieser Arbeit gewählt hatte. Nun heißt es, zwey andere Redouten auf zwey hundert Toisen von jenen, in Verbindung mit einer Batterie von zwanzig Kanonen, die gegen die Mauer anprallt, sollen neuerdings wieder in Arbeit genommen werden. Alles das geschieht nach Angabe von einigen Subalternen, die nichts gesehen haben, und weder zum Ingenieur-Corps, noch zur Artillerie gehören. Der Prinz, um nicht das Ansehen zu haben, sich irgendwo Raths zu erholen, wirft alle Meinungen zusammen, gibt Befehle und Gegenbefehle, Zeit und Menschen zwecklos vergeudend. Am neun und zwanzigsten näherten sich der Zahl nach höchstens vierzig Türken, das Meer hinauf rudernd und an die Wälle ankletternd, um auf die Batterie zu schießen, von welcher Prinz von Anhalt so eben den General Chotoussoff abgelöset hatte; denselben, welcher im letzten Kriege einen Flintenschuß, seitwärts am Kopfe, hinter dem Auge, davon trug, und fast ohne Beyspiel sein Auge behielt. Dieser General erhielt gestern einen ähnlichen Schuß, und stirbt wahrscheinlich heute oder morgen. Ich nahm den Anfang eines Ausfalls, vor einer Schießscharte stehend, in Augenschein, er näherte sich mir, um ein Gleiches zu thun, und ward augenblicklich niedergestreckt. Die Jäger, welche den Fall ihres Generals zu rächen entschlossen waren, liefen, ohne die Befehle des Prinzen von Anhalt abzuwarten, der eben anlangte, wild durch einander. Ihre Absicht war, jene vierzig Türken, durch dreyhundert Soldaten des Hassan-Pascha verstärkt, zu verjagen. Das erste Bataillon aus der Gefahr zu retten, mußte Prinz Anhalt sich entschließen, mit dem zweyten vorzurücken: eine Kugel traf ihn, welche zugleich den Grafen Roger von Damas, französischen Freywilligen, an der Achsel verwundete. Fast alle seine Offiziere einbüßend, vertheidigte der Prinz von Anhalt seine Batterie, die die Türken bereits angriffen, und es gelang ihm, nach einem hartnäckigen Feuer sie zurück zu treiben. Kaum aber waren sie in die Verschanzungen zurück, als man mehr als zwey tausend Türken mit fliegenden Fahnen von Neuem hervorbrechen sah. Prinz Anhalt, der seine Jäger mit sehr vieler Mühe wieder gesammelt hatte, griff diese Türken an. Hunderte sich in den Höhlen der Schießscharte versteckt haltend, schossen ohne Unterlaß; man konnte sie nicht hervortreiben; sie würden die Nacht hindurch hier versteckt geblieben seyn, um sofort die Batterie einzunehmen, zu welcher sie schon den Weg seitwärts an den Gräben ausfindig gemacht hatten. Endlich hatte der Prinz von Nassau, bis dahin nur eines Befehles gewärtig, die dreyfache Freude, die Batterie und den Prinzen Anhalt zu retten, und zugleich an dem Fürsten Potemkin Rache zu üben, indem er in seinem Bericht an ihn sich entschuldigt, ohne Befehl mit drey Kanonenböten vorgerückt zu seyn, und die Türken zum Rückzuge gezwungen zu haben. Schon vorher hatte in seinem Berichte der Prinz von Anhalt erklärt, daß er dem Nassauer seine Rettung danke. Der Feind zog sich zurück; wir hatten einen General-Major verwundet; ein Oberster, ein Oberst-Lieutenant, ein Major, drey Capitaine, wovon einer Neffe des Generals Chotousoff, sind in Stücken gehauen. Man hat uns an hundert und achtzig Mann erschossen, und in allem, seit sieben Wochen, die wir nun hier sind, ohne noch eigentlich die Belagerung angefangen zu haben, beträgt unser Verlust mehr als zwölfhundert. Eigentlich geschieht es nur, um Blut zu sparen, daß der Prinz sich so sehr der List und des Geldes bedient. Der winzig kleine Laskasoff, dessen Ansehen im verwichenen Jahre Ew. Majestät so belustigte, bleibt in einem Jagen. Der Prinz hat sich fest eingebildet, daß die Türken zur Übergabe Lust haben. Nach einer starken Kanonade von der Flotte des Capitän Pascha, dessen herrlich weißen Bart ich sehr wohl unterscheiden konnte, sah man einige Kähne türkischer Zaporoger längs der Küste des schwarzen Meeres sich uns nähern; sogleich sagte Fürst Potemkin zu Revain und zu mir: Ich weiß von guter Hand, daß sie zu uns übergehen wollen. – Schon nahm er sie für so gut, als getauft. Wir gingen auf sie zu, um ihnen landen zu helfen; sie lachten uns aus, schrien und schimpften hinter uns her, und legten ihre Flinten an, um nach uns zu schiessen. 9. Lager von Oczakow. (Aug. 1788.) Wäre ich Monarch, gar sehr würde ich Unterthanen lieben, die ich verläugnen dürfte. Ich bin in diesem Puncte nicht stolz, und es hängt nur von Ihnen ab, Sire, sich diese Freiheit zu erlauben: meine Liebe zu Ihrer Monarchie ist größer, als meine Eigenliebe. Ew. Majestät haben es nicht gern, daß ich mich zu sehr in Pohlens Angelegenheiten mische; allein nur folgender Maßen geschah es, daß ich blindlings einer Anwandlung von politischem Interesse mich hingeben mußte. Fürst Cz***, einer der Großen unseres Heeres, in welchem ich dem hellsten Verstande begegne, fragte den Fürsten Potemkin: was Rußland nun wohl möchte oder könne. Ich sagte ihm und den Übrigen: Wenden Sie sich weder nach Wien, noch nach Petersburg, noch nach Berlin: bleiben Sie Pohlen, meine Herren! mein Kaiser will Ihnen nichts nehmen. Der Kaiser wird es ebenfalls lieber sehen, den Einfluß auf Ihr Land zu behalten, welchen die geographische Lage ihr zusichert, als einen Theil davon an sich zu reißen. Allein, Sie sehen aus den aufgefangenen Briefen des Ministers Herzberg, daß der Hof von Berlin es ist: qui circuit leo rugiens, quaerens, quem devoret. Er möchte zum allerwenigsten Groß-Pohlen sich zueignen. Fürst Potemkin hat mir 40.000 Flinten von Toula für eine Conföderation gegen die Tataren – so heißt es – zugesagt; eigentlich aber gegen jegliche Macht, der es gelüstete, eine neue Theilung zu machen: Preußen – wenn man recht versteht – ohne es zu nennen. Trauen Sie dem nicht! – Doch wenn, um die langen, losen Zügel abzuschütteln, welche Petersburg in seiner Hand hält, Sie einer Macht sich unterwerfen, die sie näher zu sich hinziehen will; so verschwinden Sie von der Oberfläche der Erde. Sie sind verloren, entweder weil Ihr Land Schauplatz des Krieges wird, oder weil die beyden Kaiserhöfe gezwungen sind, nunmehr auch nach ihrem Antheil zu fragen. Ich schrieb letzthin dem Könige von Pohlen: Sire, das Ungewitter donnert bereits über Ihrem Haupte! Auf seine gewöhnliche, geistreich gewandte Art – wenn sie zum regieren nur hinreichte – antwortete er mir: Wie er sich nach einem Blitzableiter umsehen wolle, dem Wetterstrahle eine andre Richtung zu geben. Es langweilt mich, Ew. Majestät mit unsrer Unthätigkeit zu langweilen. Neulich wurden wir auf eine lächerliche Weise daraus aufgerüttelt, ohne zu wissen, warum? Der sogenannte, unüberwindliche Suvarow, nachdem er um acht Uhr Morgens, seiner Gewohnheit gemäß, gut zu Mittag gegessen, ließ, aus eigener Autorität, ohne daß man dessen gewärtig war, seinen linken Flügel in vier Bataillone im Viereck gegen die Verschanzung zur Rechten aufmarschiren. Es war klar, wie der Tag, daß er auf diese Weise nicht hinein kommen würde. Auf halbem Wege nur hatte er auch bereits 1000 Mann verloren, und selbst einen tüchtigen Schuß davon getragen. Da ich all die kleinen türkischen Fahnen auf diesem Puncte versammelt sah, woraus ich schloß, daß die Verschanzung zur Linken nothwendig leer seyn müsse; so eilte ich auf die Rechte zu, um den russischen General aufzufordern, mit seinem rechten Flügel in die Verschanzung einzudringen. Er hatte die größte Lust dazu. Sogleich beorderte ich meine beyden Flügeladjutanten, den österreichischen und russischen, zum Prinzen Potemkin, seine Erlaubniß fordernd. Erst keine Antwort! dafür lieber geweint; dann ein verwünschtes Mitleid – nicht erkünstelt, nur übel angebracht – läßt über die Todten ihn jammern, die doch einmal fallen müssen, um dieser Unternehmung willen. Dann keine Erlaubniß! Ich sprengte vor bis zum Fürsten Repnin, der, ohne lange auf mich zu hören, mit dem Centrum gegen die Verschanzung anrückte, um eine veränderte Stellung zu bewirken; Souvarow's unausstehliche Vierecke auflösend, die, ehe sie einen Schritt gethan haben würden, zu Grunde gerichtet seyn mußten. Diese Bewegung hatte hinlänglichen Erfolg. Ich bin bemüht, Einigkeit zwischen Rapina und Potemkin, so viel ich kann, zu erhalten, und dieß vermittelst der Bibel, welche bey Letzterem viel Gewicht hat, und vermittelst des Christenthums, welches den andern eben so mild gemacht hat, als sonst schwer mit ihm umzugehen war. Oft sagt er mir, daß er seine Demüthigungen zu den Füssen des Crucifixes niederlege! Ein Mann, der die größte Pünktlichkeit mit der glänzendsten Tapferkeit verbindet. Jüngst gab es eine Gelegenheit, wo beyde ihre Tüchtigkeit auf eine in die Augen leuchtende Weise bewähren konnten. Prinz von Nassau fährt uns in seinem Kahn, Potemkin und mich, um den Platz von der Seeseite in Augenschein zu nehmen. Man grüßt uns mit allerley gehacktem Eisen; man begleitete uns mit Kanonenschüssen; wir sehen, was ich schon im Monath März gesagt hatte, den Thurm und die Ecke der Mauer, die zusammen geschossen werden müssen. Nun warfen sich eine Menge Türken in kleine, an der Mauer befestigte Kähne, um auf uns zu schießen; andere lösen sie ab, um hinter uns d'rein zu rudern. Alle Feinde des Prinzen, alle Neugierigen der Armee stehen am Ufer, verfolgen uns mit den Augen, thun Gelübde für unsern Untergang. Ich glaube Nassau getödtet; sein Kopf sinkt auf meine Schulter: allein im Gegentheile, seine nie von ihm weichende Besonnenheit läßt ihn eine Prellkugel richtig beurtheilen, die ohne diese Bewegung ihn niedergeschossen haben würde. 10. Lager von Oczakow. (Oct. 1788.) Meine Lage ist in mancher Rücksicht angenehm: wenn es eine Verschanzung mit Sturmleitern zu erklimmen, eine Unternehmung von Gewicht auszuführen geben wird, verspricht man mir eine Anführerstelle, dem Grade gemäß, welchen ich in beyder Reiche Armeen behaupte. Übrigens bin ich, wie die Günstlinge, Maitressen und Beichtväter, für nichts verantwortlich; allein ich will es seyn, wie hart auch die Bedingung. – Ich fühle Schamröthe, beynahe glücklich mich nennen zu dürfen, da Ew. Majestät leiden. – Sire! vier Ihrer Feldherrn haben Dummheiten begangen, die ich wieder gut zu machen mich bestrebe. Sehr gemäßigt nennen Ew. Majestät in Ihrem Briefe sie Ungeschicklichkeiten. Wenn mir dergleichen widerfährt, so glaube ich nicht, es zu überleben; da ich das Leben aber lieb habe, so will ich meine Anstalten schon zu treffen wissen. Rufen Sie mich zurück, ich reise auf der Stelle. Ich bin vom Zustande Ew. kaiserlichen Majestät so durchdrungen, daß ich meinem Herzen genug thun muß, indem ich Ihnen schildre, was seit dem Empfange des Briefes, mit welchem unterm 27sten September Sie mich beehrt haben, in mir vorgeht. Ihre Gesundheit beunruhigt mich, Sire, mehr als die Türken, über welche die Zeit gewiß einige Vortheile darbiethen wird; und der erste Vortheil wird mehrere nach sich ziehen. Nicht meine Talente sind es, mit denen ich Ew. Majestät zu huldigen vermag: mein guter Wille, meine Thätigkeit sind es. Die schauerlichste Felskluft, der winklichste Hohlweg sollen mir erfreuliche Winterquartiere seyn. Der September wird dienen, das Unglück des Banats und das Nichtglück in Bosnien wieder gut zu machen. Hätte man glauben sollen, daß dieß verfallene Osmanenland den russischen Staat in die traurigste Lage zu versetzen vermögen werde? Der Plan der Türken war wohl berechnet; denn wenn der König von Schweden drey Wochen früher oder später angriff, und wenn es dem Capitän Pascha hätte glücken mögen, mit dem Wald von Masten, die den Liman bedeckten, die armen Fischerkähne und die Küstenfahrzeuge zu vernichten, welche die ganze Flotte unserer romanhaften Fahrt auf dem Boristhenes ausmachten: so ging der König nach Petersburg, und der Pascha nach Cherson. 11. Lager von Oczakow. (Letzter Oct. 1788.) Endlich, Sire, bin ich fertig zur Abreise, es sind nur noch zwey General-Lieutenants hier anwesend, die sich vor den Laufgräben ablösen: mein lieber Prinz Anhalt und Basil Dolgorucki. Ich werde Ew. Majestät Erlaubniß benutzen, – was ich vermag, für Ihre Dienste zu thun. Nur noch eine That der Verzweiflung kann uns in den Besitz Oczakow's setzen, aber auf eine Art wird man sich aus dem Eise, Schnee oder Morast wenigstens ziehen müssen, in welchen jeden Tag wir tiefer einsinken. Branicki ist auf seine Güter gereist, Nassau nach Petersburg, Georg Dolgorucki nach Moskau, Xaver Lubomirski und Solohup nach Pohlen: andere Generale, ich weiß nicht, wohin – es hat es ein jeder zum Eckel, und sie kränkeln fast alle. Ich habe dem Fürsten nebst fünfzig Generalen, Consuln, Zaporogern, Juden und Armeniern ein Mittagsessen gegeben. Er erschien in Uniform. »Sie haben heut nicht die grüne Kutka an, Prinz! das nehme ich als das sicherste Zeichen Ihrer Ungnade.« Er lachte, warf sich mir an die Brust, und wir umarmten uns wie arme Leute. Da man immer nur vor Popen, Brandschatzern und Ränkeschmieden des Orients, oder vor Neugetauften mit ihm reden kann; so ließ ich ihm sagen, daß ich das Fest seines heiligen Gregor's abwarten werde, der, wie ich hoffte, noch ein Wunder für ihn thun solle, auf den Tag nach dem 12. October aber meine Abreise bestimmt habe. Er antwortete mir, daß er nur noch eine Fregatte erwarte; sie erschien nicht, aber der Tag des heiligen Gregors war erschienen. Kein Angriff; nicht einmahl die Rede von einem Angriff! eine Lustbarkeit gedachte er sich und seinem Patron zu geben: an seinem Nahmenstage ein türkisches Schiff erobernd; doch das Schiff ward nicht einmal erobert. Darauf war er den ganzen Tag melancholisch und trüb in sich versenkt, und behandelte mich wie gar nichts, vorzüglich in Gegenwart der Großen seiner Armee. Doch Abends, als ich Abschied von ihm nahm, schien er wie aus einem Traume aufzuwachen, die Worte sagend: – » Sie reisen also! « – – – Wehmuth übermannte ihn, er hielt mich lange und fest in seinen Armen, lief mir nach, fing noch einmal an, und nur mit Mühe konnte ich mich von ihm losreißen. Ich verlasse ihn, indem ich seinen guten Eigenschaften, seinem Geiste, seinem Anstande, dem guten Tone, den er hat, wenn er ihn haben will, seinem adeligen Gemüth, seiner Tapferkeit, seiner Großmuth, selbst dem, was bey ihm Menschlichkeit ist, Gerechtigkeit widerfahren lasse. Es thut mir leid um ihn, und ihm ist es leid um mich. Ich steige in den Wagen, erschöpft von elendem Essen, elendem Weine, elendem Wasser, von Kälte und langer Weile, und müde des Meeres und der Wüsten Anblick seit einem Jahre. Ich fühle, daß ich mich andern Irrfahrten hingeben werde, die nicht mehr zum Vortheile der beiden Kaiserhöfe, und zu meinem eigenen Genuß gereichen werden, als diese. Ich verlasse die wilden Sitten, und die asiatischen Feinheiten eines Marschalls, um einen andern aufzusuchen, dessen europäisch abgeschliffene Formen seine wenige Lust verrathen. sich preis zu geben. Marschall Romanzow. Ich weiß sehr gut, daß er immer thut, als habe er sich zu beklagen, als seyen ihm die Hände gebunden, als widerspräche man ihm; doch er weiß sich gut auszudrücken, wenn gleich ein wenig weitläufig; er ist liebreich, verführerisch; er hat ein kriegerisches Ansehen. – Angebethet selbst von denen, über die er sich aufhält; seiner Armee Enthusiasmus einflößend, und sie durch Kriegszucht, so wie sein Hauptquartier durch Anständigkeit und Adel seiner Sitte zusammenhaltend, ist er in Europa geachtet, und von den Türken gefürchtet. 12. Belgrad. (Nov. 1789.) Ich bin außer mir vor Freude, daß Ew. Majestät mir Erlaubniß gewähren, mich zu Ihren Füssen werfen, und in Wien bleiben zu dürfen, bis, wie ich hoffe, die aus Syrmien zurückkehrenden Truppen durch mich nach Schlesien oder Mähren geführt werden. Ich bin empfindlicher für Gnade, als für Ungnade, Sire. Die angestrengte Sorge, welche bey der Belagerung von Belgrad mich nicht verließ, so wie das Fieber, welches der China nicht wich, verhinderten mich, den Kummer zu fühlen, welchen die schreckliche Äußerung mir gegeben haben würde: Machen Sie sich auf Zeichen meiner Unzufriedenheit gefaßt. Ich bin weder geneigt, noch gewohnt, meine Befehle nicht befolgt zu sehen. Vor eilf Jahren, in Bayern, Sire, wußte ich mich gut in mein Benehmen zu finden, und Sie dankten es mir; dießmal hatten Ew. Majestät mir bey der Rückkehr meines Couriers, des Capitains Jakobiska, befohlen, Ihnen nur Staffetten zu schicken, weil die fremden Minister immer sehr lüstern auf Neuigkeiten sind: daß ich meinen Adjutanten geschickt habe, geschah, weil Graf Choiseul von Constantinopel schrieb, seine für den Marquis von Noailles dem Fürsten Kaunitz mitzutheilende, höchst wichtige Depesche ja auf das vorsichtigste und sorgfältigste zu befördern. Mein Courier hat sich in Laxenburg aufgehalten. Seine Ankunft hat also in Wien kein Aufsehen machen können. Die Staffeten schlafen, betrinken sich, oder werden ermordet. Noch neulich wurden mir mit Blut und Hirn eines armen Teufels besteckte Depeschen überbracht, der im Banat umgebracht war. Verzeihung, Sire, daß Ihr Zorn mich nicht stärker beunruhigt. Ich blieb ruhig, weil ich mit Ihrer Gerechtigkeit noch inniger bekannt bin. Sehr habe ich die Zeit zurückgesehnt, wo im verflossenen Jahre Ew. Majestät mir Briefe voll Güte und Vertrauen schrieben; aber ich habe nicht gezweifelt, an die Rückkehr derselben, selbst nach dem strengen Befehle nicht gezweifelt, zu meinen Winterquartieren Belgrad oder Essegg, oder Peterwardein zu wählen, anstatt mir zu erlauben, in Wien meine Gesundheit wieder herstellen zu dürfen. Ich habe bey mir gedacht: eine Reise, die einer meiner Adjutanten nach Brabant, wohl sehr zu unrechter Zeit, als der Aufruhr seine höchste Spitze erreicht hatte, unternahm, ließe Ew. Majestät vielleicht glauben, daß ich für etwas dabei gezählt werde; allein das kann nicht lange währen. Ew. Majestät werden Ihr Gedächtniß zu Hilfe nehmen, und sich dann selbst sagen, daß es unmöglich ist. Während der Zeit dachte ich auf Rache gegen Sie, Sire, und schrieb an die Königinn von Frankreich, Ihnen den Doctor Seyffert zu schicken, der das große Talent besitzt, schnell die Uebel, an welchen Ew. Majestät leiden, zu heilen. Ich wünsche, daß Sie seiner nicht mehr bedürfen, oder daß er schnell genug eintreffe. Nichts ist mir wichtiger, Sire, als Ihr Ruhm und Ihr Leben, für welches ich das meinige hingeben würde. Herzlich gerne werde ich es wenigstens vor Neiße daran wagen, wenn, wie der Marschall Loudon es wünscht, man ihm erlaubt, sich unter die Mauern dieses Platzes zu stellen, um dem König von Preußen zu verhindern, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen, was mir seine Liebhaberey zu seyn scheint. XXV. Josephs Bestimmungen bey der Klösteraufhebung. Die merkwürdige Schrift: Joseph der II. und Luther (Nürnberg 1782) äußert sich hierüber unter Anderm: »Von dem was Luther theils gethan, theils nur veranlasset hat, genießen wir nach dritthalb hundert Jahren die Früchte noch lebhafter, als unsere Vorfahren sie genossen, und die Nachwelt, die späteste, wie die nächste, wird gewiß die Vortheile von Josephs Verbesserungen noch stärker, als seine Ihn segnenden Zeitgenossen, einernten. Der gute Maximilian I. machte in den letzten Jahren seiner Regierung den Entwurf, mit Niederlegung der kaiserlichen Würde Papst zu werden, um an der Verbesserung der Kirche arbeiten zu können. Joseph bleibt Kaiser, und thut mehr, als vielleicht sein preißwürdiger Vorfahr damahls würde haben thun können. Er schafft blos in den österreichischen Erblanden mehr als fünfzig Klöster voll unnütziger Mönche und Nonnen ab, und Kundmachung der Decrete und Besitznehmungen folgen auf einander wie Sonne und Tag. Die Mönche erhalten täglich 30 kr. wozu sie noch täglich eine Messe um 30 kr. lesen können. Den Nonnen werden 40 kr. gereichet. Binnen fünf Monaten vom 12. Januar an, nach deren Verlauf die Klöster geräumt seyn müssen, haben sie einen festen Entschluß ihrer künftigen Bestimmung zu fassen. Was sich jedes Mitglied dieser aufgehobenen Ordensleute für eine Lebensart wählen wolle, darüber gibt der 6. Artikel der kaiserl. Verordnung folgende Auskunft: »Jede in ihren Zellen befindliche Effecten, als Bücher, Bilder, Mobilien u. s. w. werden ihnen auf immer gelassen. Ihnen ist zu bedeuten: Daß die, welche die Profession noch nicht abgelegt haben, nach Erhaltung der Summe von 450 Rthlr. ein für allemahl binnen vier Wochen das Kloster verlassen sollen; wobey sie aber ihr annoch habendes Eigenthum, und was sie in das Kloster mitgebracht haben, mitnehmen können. Bleibe es allen Priestern oder in höheren Würden stehenden Geistlichen sowohl, als Klosterfrauen, frey, sich außer den k. k. Staaten in fremde Klöster ihres Ordens zu begeben, wozu sie mit einem Paß und einem der Entfernung angemessenen Reisegeld versehen werden; jedoch ohne weitere Pension. Welche in einen andern Orden übertreten wollen, denen wird ein jährlicher Beytrag von 150 Gulden gegeben; wenn sie aber barmherzige Brüder oder Piaristen würden, so solle jedem 300 Gulden, und den Weibern, die Elisabethinerinnen würden, 500 Gulden ex Camerali geleistet werden. Diejenigen, welche in den weltgeistlichen Stand übertreten, sollen jährlich 300 Gulden haben, bis sie mit Beneficien versorgt sind; ein Abt der Karthäuser jährlich 800, bis zur Versorgung mit einer Pfründe. Die etwa erforderliche Auflösung der Ordensgelübde für beyderley Geschlecht gehört für die ihnen sonst vorgesetzte Obrigkeit. Es stehet jedem Mitglied der aufgehobenen Männerorden frey, in andern Klöstern (wohin das ihnen zugetheilte Pensionsquantum gezahlt werden soll) nach ihren Ordensregeln ferner zu leben. Alte und Kranke können auch verbleiben, oder man wird sie auf's anständigste versorgen. Von weiblichen Klöstern aber können Professen, die nicht in andere Ordensklöster übergehen, zwar in einem ihnen anzuweisenden Kloster beysammen bleiben, jedoch ihnen von der Landesstelle und dem Ordinario einverständlich eine Lebensordnung in geist- und weltlichen Dingen vorgeschrieben, auch geistliche Vorgesetzte, so wie auch den in männlichen Klöstern bleibenden Alten und Kranken, der die Aufsicht führet, zugegeben werden; ein solcher Oberer erhält jährlich 600 Gulden. Von den Eremiten sind Verzeichnisse einzulangen, damit sie als Kirchenbediente, Meßner u. s. w. aufgestellt werden, oder nach ihrem Alter und Bedürfnissen verpflegt werden können. Von den eingezogenen Klostergütern macht Joseph, der wahre Landesvater, die heilsamste Anwendung. Es sollen jedem Regimente 2000 Gulden zur Erziehung der Soldatenkinder angewiesen; es soll in jedem Dorfe eine Schule gestiftet werden, der Schulmeister in derselben soll eine besondere, von dem Kirchendienst getrennte Person seyn. Er soll nebst freyer Wohnung, Garten und Feuerung jährlich 300 Gulden Besoldung haben, wofür er verpflichtet seyn soll, alle Kinder des Dorfes unentgeldlich zu unterrichten, ferner sollen von den Klostergütern Waisenhäuser auf dem platten Lande angelegt werden. Mit diesen Waisenhäusern soll eine Landwirthschaft verknüpft seyn, damit die Kinder dieselbe erlernen können, und in dem Bauernstande bleiben können. Obigem Auszug fügen wir hier aus inländischer Quelle das Verzeichniß der vom Jahre 1782 bis 1783 in den k. k. Staaten erloschenen Manns- und Frauensorden bey. In Böhmen . Im Jahre. Seelen. 1782. Carthäuser zu Walditz 18 " Benedictinerinnen zu Prag auf dem Hradschin 33 " Carmeliterinnen zu Prag 19 " Cisterzienserinnen zu Frauenthal 35 " Clarisserinnen zu Krumau " " Eger " " Prag 20 " 30 " 21 " Cölestinerinnen zu Prag 26 " Dominicanerinnen zu Brix " " Pilsen " " Prag 28 " 21 " 14 " Prämonstratenserinnen zu Chotieschau " " Doxan 41 " 44 1783 Kreutzherrn zu Prag Theatiner " " Trinitaren " " " zu Stinowitz 17 " 15 " 15 " 4 401 In Galizien : Im Jahre. Seelen. 1782. Benedictinerinnen zu Jacobslau 32 " Brigittinerinnen zu Lemberg " " Sambor " " Sokal 21 " 16 " 26 " Canonisserinnen zu Lemberg 9 " Carmeliterinnen, beschuhte, zu Lemberg " unbeschuhte, zu " 30 " 16 " Cisterzienserinnen zu Lemberg 30 " Clarisserinnen zu Sandec " " Zamosk 51 " 13 " Dominicanerinnen zu Lemberg " " Przemisl " " Zulikow 46 " 18 " 19 " Franziscanerinnen zu Stanow 19 1783 Trinitaren zu Burstin " " Lemberg " in der Vorstadt zu Milek " zu Stamslawow " " Tomaszow 5 " 128 " 15 " 11 " 10 " Carmeliterinnen, unbeschuhte, zu Witenik 9 429 In Görz . Im Jahre. Seelen. 1782. Benedictinerinnen zu Manstero in Aquileja 23 " Catharinerinnen zu Ferra 29 " Clarisserinnen zu Görz 25 77 In Ungarn . Im Jahre. Seelen. 1782 Camaldulenser zu Langern " im Thale Lechnitz " zu Malk " " Zobern 10 " 13 " 13 " 11 " Augustinerinnen zu Eisenstadt 22 " Clarisserinnen zu Agram " " Ofen " " Pesth " " Preßburg " " Tyrnau 19 " 47 " 19 " 45 " 44 246 In Kärnthen : Im Jahre. Seelen. 1782. Benedictiner zu Arnoldstein 17 " Benedictinerinnen zu Langensee " " Lauretto 34 " 24 1783. Benedictiner zu Ossiach 17 92 In Krain . Im Jahre. Seelen. 1782. Carthäuser zu Freudenthal 15 " Clarisserinnen zu Lack " " Laibach " " Minkendorf 21 " 22 " 19 " Dominicanerinnen zu Michelstätten 18 1783 Pauliner zu Mariensee " " St. Peter im Walde 6 " 12 113 In Mähren : Im Jahre. Seelen. 1782 Carthäuser zu Königsfeld " " Ollmütz 16 " 11 " Cisterzienserinnen zu Brünn " " Teschnowitz 60 " 50 " Dominicanerinnen zu Brünn " " Olmütz 39 " 36 " Franziscanerinnen zu Brünn 31 " Clarisserinnen zu Olmütz " " Znaim 22 " 36 " Trinitaren zu Holleschau " " Zoschau 12 " 13 326 In Oesterreich ob der Enns . Im Jahre. Seelen. 1782. Carmeliterinnen zu Linz 18 " Dominicanerinnen zu Windhag 21 " Cölestinerinnen zu Steyer, nahmen das Ursulinerinstitut an 32 71 In Oesterreich unter der Enns . Im Jahre. Seelen. 1782. Camaldulenser auf dem Kahlenberg 19 " Carthäuser zu Aggsbach 11 " Carthäuser zu Gamming " " Mauerbach 21 " 23 " Carmeliterinnen zu Neustadt " " St. Pölten " " Wien 18 " 19 " 21 " Clarisserinnen zu Wien im Königskloster " " " bey St. Nikolai 48 " 35 " Dominicanerinnen zu Imbach " " Tuln 24 " 38 " Benedictiner zu Klein-Mariazell " in Wien in der Alserpfarre 21 " 19 " Chorherrn des St. Andreas zu Trasen 13 " Zu St. Dorothee in Wien Philippi Neri " " 19 " 6 " Prämonstratenser zu Parnek 16 " Capuziner zu Hollabrunn " " Korneuburg 14 " 19 " Carmeliter zu Mannersdorf " " St. Pölten 12 " 15 " Hierommitaner zu Wien 8 " Pauliner zu Hernals " " Neustadt " " Ranne 9 " 16 " 11 " Serviten zu Schönbüchl 11 " Theatiner zu Wien Trinitaren " " 11 " 62 " Canonisserinnen zu Kirchenberg " in Wien zur Himmelspforte " " " zu St. Jacob " " " zu St. Laurenzi 30 " 67 " 64 " 50 770 In Steyermark . Im Jahre. Seelen. 1782. Carthäuser 14 " Benedictiner zu Göß 36 " Carmeliterinnen zu Grätz Clarisserinnen " " 18 " 37 " Dominicanerinnen zu Müh " " Studenitz 24 " 16 " Cölestinerinnen zu Marburg 16 1783. Chorherrn des St. Augustin zu Seccau 31 " Capuziner zu Marburg 25 " Trinitaren zu Grätz 6 " Dominicaner zu Grätz 44 267 In Tyrol . Im Jahre. Seelen. 1782. Carthäuser zu Schnalls 12 " Augustinerinnen zu St. Martin bey Schwatz 38 " Clarisserinnen zu Borgo " " Hall " " Meran " " Rovereit " " Walduna 28 " 37 " 23 " 24 " 31 " Dominicanerinnen zu Marienthal " " Steinach 36 " 48 " Franziscanerinnen zu Tollbach 25 " Capuzinerinnen zu St. Anna bei Bregenz 33 " Carmeliterinnen zu Lizomo 19 " Servitinnen zu Innsbruck 33 " Cölestinerinnen zu Rotterburg 32 " Tertianerinnen zu Innsbruck 23 442 In Vorderösterreich . Im Jahre. Seelen. 1782. Carthäuser zu Freyburg 10 " Clarisserinnen zu Freyburg " " Seckingen 20 " 18 " Dominicanerinnen zu Willingen 13 " Franziscanerinnen zu Altdorf " " Ehingen " " Görheim " " Günzburg " " Laitz " " Mosheim " " Reukertingen " " Oberklausen " " Reite " " Riedlingen " " Seckingen " " Sipplingen " " Sulgau " " Ambrigen " " Waldsee " " Welden " " Warthausen 15 " 23 " 26 " 26 " 16 " 17 " 14 " 19 " 17 " 11 " 20 " 7 " 17 " 16 " 15 " 16 " 18 346 Von welch echt christlichen, rein philanthropischen Principien Joseph nicht nur bey der Idee der Klösteraufhebung, sondern bey all seinen religiösen Reformen ausgegangen, davon liefern folgende drey seiner Briefe die hellsten Belege: 1. An Franz Carl Freyherrn von Kressel, Präsident der Geistl. und Stiftungs-Hofcommission. Herr Präsident! Die unermüdete Sorgfalt, welche ich seit meiner Thronbesteigung vorzüglich auf Verbreitung des Unterrichts in den ächten Grundsätzen der Glaubenslehren, auf die Herstellung der Reinigkeit und erhabenen Würde der Religion, und auf die Verbesserung der Sitten gehabt, sind Beweise von dem Eifer, den ich für das Beste der Religion empfand. Von ähnlichen Absichten beseelt habe ich in dem Verlauf weniger Jahre verschiedene Bisthümer und Domcapitel neu gestiftet, andere gehörig dotiret, in allen Provinzen meiner Reiche die Anzahl der Pfarren und Local-Caplaneyen nach den Bedürfnissen beträchtlich vermehret, vielfältige Kirchen, Pfarrhäuser und Schulen theils ganz neu erbaut, theils in besseren Stand gesetzt, in jedem Land zur Bildung guter Seelenhirten General-Seminarien und Priesterhäuser errichtet; und endlich um das Betteln der Mönchsorden, welches für die Religion eine Abwürdigung, für die Ordensleute selbst eine erniedrigende Beschäftigung, und für den Landmann eine nicht geringe Bedrückung war, nach und nach abzustellen, denselben schon in mehreren Ländern zureichende Einkünfte anweisen lassen. Zur Erreichung so wichtiger und heilsamer Endzwecke betrachte ich es als ein Hülfsmittel, einige der Religion und dem Staat entbehrliche, zum Theil wohl auch lästige Klöster aufzuheben, und einige Pfründen einzuziehen, um deren Einkünfte ihrer eigentlichen Bestimmung gemäßer zur Bedeckung des vermehrten nützlicheren Aufwandes zu verwenden. Da aber aus dem neuerrichteten Religionsfond zugleich eine große Anzahl der in die Welt getretenen geistlichen Personen beyderley Geschlechts und ihre Diener erhalten werden müssen, meine Vorsorge aber nicht gestattet, daß einzelne Personen bey den zum Besten des Staats und der Religion getroffenen Verfügungen auf irgend eine Art gekränkt werden sollen, der Ertrag des Religionsfonds hingegen noch zur Zeit, und bis die beträchtlichen Zahlungen von dieser Seite sich nach und nach vermindern werden, zu so vielfältigen Auslagen nicht zureichet, der öffentliche Schatz auch bey nunmehrigen Kriegsumständen demselben keinen weitern Beschluß leisten kann; so glaube ich mir von den guten und ehrfurchtsvollen Gesinnungen des sämmtlichen Clerus meiner deutschen Erbländer versprechen zu können, derselbe werde zur Ehre Gottes, zur Verbreitung der Religion und guter Sitten, und zum Besten der Kirche und ihrer Diener selbst, der unmittelbar damit verbundenen Absichten unterstützen, und zur Aufrechthaltung und dauerhaften Gründung des Religionsfonds auf einige Zeit einen geringen Theil ihrer Einkünfte dazu beytragen. In dieser Erwartung schreibe ich für das gegenwärtige Militärjahr 1788 auf die gesammte Geistlichkeit der deutschen Erblanden einen dem gegenwärtigen Bedürfniß des Religionsfonds angemessenen Beytrag folgendermaßen aus, daß 1) die Besitzer einer geistlichen Pfründe, welche nach der zum Maßstab genommenen Bekenntniß vom Jahre 1782 nur 600 fl. oder weniger Einkünfte haben, von der Beysteuer frey seyn, 2) nur die übrigen ein höheres Einkommen genießenden geistlichen Personen des weltlichen sowohl, als regulirten Klerus nach Maßgebung ihrer fatirten Einkünfte, ohne davon etwas anderes als die Passivschulden der Stifter und Klöster in Abschlag zu bringen, ihren verhältnißmäßigen Beytrag entrichten sollen; 3) nach den aus den eigenen Bekenntnissen erhobenen, und jenen berechneten Einkünften des gesammten Klerus fällt zu Aufbringung der heuer erforderlichen Summe der Quotient mit 7 fl. 30 kr. vom Hundert, oder 4 / 12  kr. vom Gulden aus, und ist in dem angehängten Auszuge jedem Beytragenden sein Antheil besonders auszuweisen. 4) Bey Stiftern und Klöstern wird die Bezahlung nicht von einzelnen Personen, sondern von den Einkünften der ganzen Gemeinde erhoben, den Capiteln aber die beliebige Abtheilung unter sich frey gelassen. Und diese nach dem mir vorgelegten Plane approbirte Beytragssteuer werden dieselben durch die hiezu bestimmten Behörden für den Religionsfond eingehen zu machen den erforderlichen Bedacht nehmen. Wien, den 28. Febr. 1788. Joseph. 2. An van Swieten. Mein Herr! Bis nun war die evangelische Religion in meinen Staaten niedergedrückt, die Bekenner derselben wie Fremde behandelt, bürgerliche Rechte, der Besitzstand von Gütern, Würden und Ehrenstellen, alles war ihnen geraubt. Schon beym Anfang meiner Regierung war ich entschlossen, das Diadem mit der Liebe meines Volkes zu zieren, Grundsätze in dem Verwaltungssystem zu äußern, die ohne Unterschied großmüthig und gerecht wären; dem zu Folge erließ ich die Duldungsgesetze, und nahm das Joch hinweg, welches die Protestanten Jahrhunderte gebeugt. Der Fanatismus soll künftig in meinen Staaten nur durch die Verachtung bekannt seyn, die ich dafür habe; Niemand werde mehr seines Glaubens wegen Drangsalen ausgesetzt, kein Mensch müsse künftig genöthigt seyn, das Evangelium des Staats anzunehmen, wenn es wider seine Ueberzeugung wäre, und wenn er andere Begriffe von der Glückseligkeit habe. Die Scenen der abscheulichen Intoleranz müssen ganz aus meinem Reich verbannt werden. Glücklich, daß es noch keine falsche Opfer wie Calas und Sirvan gegeben hat, und daß dieser Schandfleck keine vorhergegangene Regierung betraf. Wenn in vorigen Zeiten der Wille des Monarchen Anlaß zu Ungerechtigkeiten war, wenn die Schranken ausübender Gewalt überschritten worden, und der Privathaß seine Rolle gespielt, so kann ich nichts mehr thun, als daß ich die Könige bedaure, die weiter nichts als Könige gewesen. Die Toleranz ist eine Wirkung jener wohlthätigen Aufklärung, die nun Europa erleuchtet, die die Philosophie zum Grund, und große Männer zu Stiftern gehabt hat. Sie ist ein redender Beweis von den Fortschritten des menschlichen Geistes: der durch die Macht des Aberglaubens sich kühn einen Weg gebahnt, welchen Jahrtausende vorher die Zoroaster und Confuze gewandelt, und der zum Glück der Menschheit zur Heerstraße der Monarchen geworden. Adieu! Wien, im December 1787. Joseph. 3) An Papst Pius VI. Heiliger Vater! Der Religionsfond in meinen Staaten ist nicht dazu bestimmt, daß er ein Denkmahl meiner Regierung allein werde, wie man sich in Rom zu sagen erlaubte, sondern daß er eine Wohlthat für meine Völker seye; und da seine Existenz so wie das Mißfallen, das man darüber bezeugte, in das Reich der Geschichte gehört, so wird er ohne unser Zuthun auf die Nachwelt kommen; und folglich ein Monument werden, das aber, wie ich hoffe, nicht das einzige meiner Zeiten seyn solle. Die unnützen Klöster habe ich so wie die noch unnützern Bruderschaften aufgehoben, den Fond derselben zum Unterhalt der neuen Pfarreyen und eines verbesserten Unterrichts in Schulen bestimmt, und außer der Verwaltung, die ich nothwendig durch Staatsbeamte besorgen lassen muß, hat der Fond des Staats und jener der Kirche bey mir nicht die geringste Gemeinschaft. Ein Factum muß man erst aus dem Gesichtspuncte der Bestimmung, die Wirkungen des Factums aber nach dem Erfolg beurtheilen, der sich binnen einigen Jahren offenbaren kann. Aber ich sehe wohl, man hat in Rom die Logik nicht, deren man sich in meinen Staaten bedient, deßwegen so viele Disharmonien zwischen Italien und dem deutschen Reich. Wenn sich Eure Heiligkeit die löbliche Mühe genommen hätten, sich über das, was in meinen Staaten vorgekehret worden, aus denjenigen Quellen zu unterrichten, die dazu bestimmt sind, so würde Vieles unterblieben seyn; aber mir däucht, es gibt Leute in Rom, die es so wollen, daß noch länger Finsterniß auf unserer Halbkugel gebe. Dieß ist ein kurzer Inbegriff von den Ursachen meiner Anordnungen, und von der Veranlassung dazu; ich hoffe, daß Sie mich meiner Kürze wegen für entschuldigt halten; es gebricht mir an der Zeit, und zugleich an der Fähigkeit, ein Thema zu schreiben, und das von einem so weitläufigen Inhalt, wie sie gewöhnlich in einem römischen Musäo sind. – Ich bitte Gott, daß er Sie noch lange für seine Kirche erhalte, und einen seiner Engel vor Ihnen hergehen lasse, der Ihnen die Wege hienieden bereite. Dero                           gehorsamster Sohn in Christo Joseph. Wien, im Juli 1784. XXVI. Josephinischer Criminalcodex. Mit dem Titel: » Allgemeine Gesetze über Verbrechen und derselben Bestrafung, « erschien unterm 13. Jänner 1787 dieser von dem berühmten Hofrath v. Keeß bearbeitete Codex. Ein Zeitgenosse lieferte einen Auszug der bezeichnendsten Paragraphe und Stellen, und fügt seine Bemerkungen bey. Hier ist Beydes: Der erste Theil handelt von Criminalverbrechen . §. 20. Die Todesstrafe soll, außer dem Verbrechen, bey welchem nach dem Gesetz mit Standrecht verfahren werden muß, nicht statt finden. In den standrechtlichen Fällen aber ist der Strang zur alleinigen Todesstrafe bestimmt. §. 21. Die weitern Criminalstrafen sind Anschmiedung, Gefängniß mit öffentlicher Arbeit, Gefängniß allein, Stock, Karbatsch und Ruthenstreiche, und Ausstellung auf der Schandbühne. §. 22. und 23. Das Gefängniß ist a) langwierig im zweyten Grade, und dann nie unter 30 Jahren, nie über 100; b) langwierig im ersten Grade, nie unter 15 Jahren, nie über 30; c) anhaltend im zweyten Grade, nie unter 12 Jahren, nie über 15; d) anhaltend im ersten Grade, nie unter 8 Jahren, nie über 12; e) zeitlich im zweyten Grade, nie unter 5 Jahren, nie über 8; f) zeitlich im ersten Grade, nie unter einem Monat, nie über 5 Jahre. §. 24. Wo das Gesetz langwieriges Gefängniß im zweyten Grade bestimmt, kann auch die öffentliche Brandmarkung beygefügt werden. §. 25. Die Anschmiedung besteht darin: Der Verbrecher wird in schwerem Gefängniß gehalten, und dermassen enge angekettet, daß ihm nur zur unentbehrlichsten Bewegung des Körpers Raum gelassen wird. Der zur Anschmiedung verurtheilte Verbrecher wird zum öffentlichen Beyspiel alle Jahr mit Streichen gezüchtiget. §. 26. Die Grade des Gefängnisses sind: a) schwerstes, b) hartes, c) gelinderes. Bey allen drey Graden ist dem Verbrecher eine verhältnißmäßige Arbeit anzuweisen. §. 27. Beym schwersten Gefängniß ein eiserner Ring um die Mitte des Körpers, schwere Eisen an die Füße, Breter zum Liegen, Wasser und Brot, Unterredung mit Niemand. §. 28. Hartes Gefängniß, gleich dem Vorigen, nur minder schwere Eisen, zweymahl die Woche ein halbes Pfund Fleisch. §. 29. Der zu einem solchen Gefängniß Verurtheilte kann vom Tage seiner Verhaftung an kein Testament machen. §. 30. Gelindes Gefängniß, mit leichten Eisen, bessere Nahrung, aber nur Wasser. §. 32. Stock, Karbatsch und Ruthenstreiche, nicht über 100 auf einmahl. §. 36. Vom Tage der Verurtheilung an verliert der Criminalverbrecher den Fruchtgenuß seines Vermögens. Seine Familie zieht daraus anständigen Unterhalt, das Übrige fließt während der Strafzeit in den Criminalfond. §. 37. Nach geendigter Strafzeit tritt der Verurtheilte in alle Rechte des Eigenthums zurück. §. 38. Die Entadelung trifft nur die Person des Verbrechers. §. 42. Die Strafe des Verbrechens der beleidigten Majestät ist gänzliche Einziehung des Vermögens, und langwieriges schwerstes Gefängniß im zweyten Grade. Eben so Landesverrath. §. 53. Bey Aufruhr im höchsten Grade werden die Rädelsführer, nebst gänzlicher Einziehung des Vermögens, mit dem Tode bestraft. §. 87. Wer die Entweichung eines Kriegsmannes befördert, muß ohne Ausnahme an dessen Stelle Soldat werden, im Fall der Untauglichkeit doppeltes Recrutengeld bezahlen, oder zeitlichen Arrest und öffentliche Arbeit aushalten. §. 123. Ein Selbstmörder, der sogleich oder ohne bezeugte Reue stirbt, ist durch den Schinder einzuscharren. §. 124. Geschieht der Selbstmord aus Furcht vor verdienter Strafe wegen Verbrechen, so wird er an den Galgen geschlagen. §. 125. Ist der Selbstmord versucht, aber nicht ausgeführt worden, so wird der Thäter im Gefängniß gehalten, bis er, durch Unterricht überwiesen, Reue und Besserung erwarten läßt. §. 183. Gegen Verbrechen und Strafbarkeit soll künftig keine Verjährung seyn. §. 184. Wenn das Verbrechen und die Strafbarkeit durch ausgestandene Strafe oder Begnadigung erloschen ist, so tritt der ehemahlige Verbrecher wieder in alle gemeinschaftliche bürgerliche Rechte. Zweyter Theil, von politischen Verbrechen und politischen Strafen. §. 10. Die politischen Strafen sind Züchtigung mit Schlägen, Ausstellung auf der Schandbühne, Arreste, öffentliche Arbeit in Eisen, Abschaffung aus einem bestimmten Orte; Geldstrafe kann nur in dem einzigen Fall verbotenen Spieles verhängt werden. §. 11. Züchtigung mit Schlägen muß allemahl öffentlich geschehen. Dem Mann können auf einmahl nicht über 50 Haselnußstockstreiche, dem Weib nicht über 30 Karbatschstreiche mit Ochsenzähm oder Ruthen gegeben werden, und diese immer auf die Hinterbacken. §. 13. Arrest ist strenger oder gelinder. §. 14. Der gelinde Arrest kann auch in Hausarrest verwandelt werden. §. 19. u. f. Unter die politischen Verbrechen gehören Beschädigungen der Menschen durch verfälschte Arzeneyen, Fahren, Reiten, Überschreitung der Gesundheits-Cordons, Beschleichung der Landstraßen \&c.; kleinere Diebstähle und Betrügereyen aller Art; falsches Spiel, verbothenes Spiel, falsches Maß und Gewicht, Überschreitung der Taxen; Ehebruch; unberechtigte und erzwungene Ehe; Vergehungen der Dienstleute gegen ihre Herren; Verbreitung von Schmähschriften und Schandbildern; unvorsichtige, gefährliche Handlungen, wodurch Feuer entstehen, oder sonst Hab und Gut der Mitbürger in Gefahr gerathen könnte; Muthwille auf öffentlicher Straße, durch Belästigung, Beschädigung von Menschen, Kleidern, Gebäuden, Gärten \&c., Gotteslästerung, welche als Wahnwitz mit Einsetzung in das Tollhaus zu bestrafen ist, bis der Gotteslästerer Besserung zeigt; Störung des Gottesdienstes der herrschenden und geduldeten Religion; die Verführung von der christlichen Religion, oder von aller Religion; Unzucht an öffentlichen Ortern, Sodomie und Bestialität; Kuppeley; Gewerb mit eigenem Körper; Handel mit verbothenen Büchern und unzüchtigen Schildereyen; Verkleidung außer der erlaubten Maskenfreyheit; Beytritt zu geheimen Zusammenkünften und Verbrüderungen, welche der Obrigkeit nicht angezeigt werden; Zurückkehr an einen Ort, aus dem man verwiesen worden ist. *           * * Ich enthalte mich, viele Anmerkungen über ein Gesetzbuch zu machen, das die wirklich schätzbaren Verdienste der Kürze, der Deutlichkeit und Faßlichkeit für jedermann, und manche gute neue Idee hat, auch uns allen ehrwürdig seyn muß, so lange es zur Richtschnur unseres bürgerlichen Lebens vorgeschrieben ist. Am fernsten aber sey von mir, im Tone der Satyre darüber zu sprechen. Nur ein Paar Erinnerungen muß ich anführen, welche allgemein von Männern gemacht werden, denen man Einsicht und Eifer für das allgemeine Beste nicht absprechen kann. Die schrecklichen Strafen der Anschmiedung, des schwersten und harten Gefängnisses, der öffentlichen Arbeit, welche für die gröbsten Verbrechen gewöhnlich im Schiffziehen besteht, sind für das Publicum gleichsam verborgene Strafen, weil es den Angeschmiedeten, den im Kerker Schmachtenden, den Schiffziehenden nicht sieht; da hingegen die Leute an dem Orte ihrer Bestrafung, wo man ihre Verbrechen nicht kennt, nur Gegenstände des Mitleids seyn können. Dieß ist der erste Einwurf. Ferner behaupten sie, daß die überall und beständig ausgetheilten Stockprügel die Sittlichkeit eines sonst sanften Volkes – wie die Österreicher im Ganzen gewiß sind – eben nicht befördern; und daß eine solche Behandlung Sclavensinn, abgestumpftes Gefühl und Rachegeist verursachen dürfte. Noch liegt ein Zug im menschlichen Herzen, auf den die Antagonisten der Todesstrafen nicht geachtet zu haben scheinen. Läßt man den todeswürdigen Verbrechern eine nur erträgliche Existenz, so gewöhnen sie sich, durch das Beyspiel der verworfenen Gesellschaft, in welche sie gerathen, nach wenigen Wochen, ja sogar Tagen, so vertraulich daran; zeigen sich mit so vieler Gleichgültigkeit, ja wohl gar Munterkeit, daß es für sie weiter weder Strafe, noch für das Volk Beyspiel ist. Wir haben davon in Wien Beweise von Leuten ehemahligen sehr hohen Ranges erlebt, welche, ungesehen, allen Glauben übersteigen würden . . . Peinigt man sie beständig mit auffallender Strenge, so tritt endlich statt des Abscheues Mitleiden in die Seele der Richter sowohl, als des ganzen Publicums. Eine große Schwierigkeit bey Aufstellung des neuen allgemeinen Gesetzbuches möchte wohl diese seyn, daß es für alle Erbländer der österreichischen Monarchie bestimmt ist, deren Provinzen doch zur Zeit noch im moralischen Betracht äußerst von einander abstehen, und wovon einige auf den ersten Grad europäischer Cultur und Verfeinerung, andere hingegen noch auf sehr tiefen Stufen derselben stehen . . . Für die Dame aus Wien, für den Banquier aus Brüssel und Mailand, für den Rath bey den höchsten Landesstellen, für den Cavalier von 32 Ahnen, sind Ausstellung auf der Schandbühne, Gassenkehren in der Hauptstadt, jahrelanger Arrest mit Wasser und Brot und einem Bret zur Lagerstätte, hundert Prügel, Schiffziehen \&c., allerdings Strafen, zehnmahl bitterer als der Tod selbst. Aber was sind eben diese Strafen für den wallachischen Bauern, für den slavonischen Ochsentreiber, für den galizischen Juden, für den Kohlenbrenner aus der Bukovina? . . . Eine Sache, die ihn wenig schreckt, oder die ihm vollends gleichgültig ist, wie wir practische Beweise davon haben. Um das billige Ebenmaß zwischen Verbrechen und Strafen zu treffen , wie es in dem vor dem Gesetzbuch stehenden Manifest heißt, müßte man es erst dann allgemein einführen, wenn alle Provinzen und Einwohner eines Landes in einem verhältnißmäßigen Ebenmaß von Cultur, Verfeinerung, Aufklärung, Ehrgefühl, Erziehung und Lebensart stehen. Mir scheint, die letztere Bemerkung verdiente einige Aufmerksamkeit. XXVII. Marien Theresiens letzte Lebenstage. Von Jos. v. Sonnenfels. ( Vorlesung .) Als ich durch die betrübtste Veranlassung in der letzten Vorlesung unterbrochen wurde Die Lehrstunden in den Hörsälen, die Geschäfte in Kanzleyen, wurden ausgesetzt, als die Gefahr für das kostbare Leben sich ankündigte. hatten wir keine Vorempfindung, meine Herren! daß der große Name Maria Theresia unter uns nicht mehr anders, als mit dem Beysatze, die Selige, sollte ausgesprochen werden. Ihr Tod war jedermann unerwarteter als ihr selbst. Aber das Tagebuch ihrer Krankheit, die kurze Geschichte dieses Todes wird ein wichtiger Beytrag zu den Jahrbüchern merkwürdiger Regierungen, und des christlichen Heldenmuths. Bey dem Sterbelager dieser Fürstinn, hätte, wie bey dem Tode des Sokrates, ein Phädon aufzeichnen sollen, was er gesehen, was er gehöret. – Jedes ihrer Worte war Unterricht; jede ihrer Handlungen Beyspiel. Die Krankheit erklärte sich anfangs nur schwach, und schien an sich, nichts weniger als von ernsthaften Folgen seyn zu können. Aber, so vielen Kindern das Leben gegeben haben, durch 40 Jahre alle Wechselfälle des Glückes, die über einen Regenten kommen mögen, alles, wodurch die Vorsehung die Unterwerfung eines Menschen prüfen, alles was Standhaftigkeit und Geduld üben kann – den Verlust eines Vaters, eines Gemahls, den Verlust blühender Kinder, theurer Schnuren, einer Enkelinn, in der sich mit dem Namen, einst das Andenken der sanftsten Herrschaft erneuert haben würde, erlitten haben – gesehen haben, wie Unterthanen in langwierigen Kriegen, von wüthenden Seuchen, vom Hunger dahin gerissen, durch Irrthümer von dem Wege der Wahrheit abgeleitet worden; erfahren haben, daß die edeln Absichten der heilsamsten Anstalten selbst von denen, zu deren Wohl sie gemacht wurden, verkennet, und mit ausbrechendem Ungehorsame belohnet wurden; alles dieses erduldet haben, mit einer solchen Fühlbarkeit des Herzens, wie sie sich in der wärmsten Theilnehmung der Monarchinn bey jedem häuslichen Leiden derer, die sich ihr näherten, offenbarte, das waren die beunruhigenden Umstände, die sich unsrer Einbildung mit einmahl vorstellten, die jede Krankheit gefahrvoll, und uns bey jeder Gefahr um das kostbarste Leben besorgt machen mußten. Ihre Seele hatten wir stets grösser, als ihre Widerwärtigkeiten, stets unabhängig von Ereignungen, und Zufällen gekannt: aber der Körper war der Körper einer Sterblichen; und 63 arbeitende, mühvolle Jahre hatten seiner nicht geschonet – Das war, was uns bestürzen konnte. Indessen hofften wir, Sie von der Vorsicht, die ehemahls bey gefährlicheren Umständen Sie uns wiedergeschenkt hatte, nochmahl zu erbitten. Unser Gebet war inbrünstig, und beynahe eigennützig. Der Rathschluß des Ewigen hatte es anders geordnet: und Theresiens Geist schien davon durch einen höheren Einspruch bereits benachrichtiget zu seyn. Sie sagte es gleich von Anbeginn der Krankheit vor, daß Sie sterben würde: doch, sagte Sie das mit einer Heiterkeit, die ihre Worte widerlegte, und uns gegen die Furcht der Erfüllung sicher machte. Auch das vermehrte unsere Zuversicht, daß wir bey einer Fürstinn von so unterscheidender Frömmigkeit keine Zubereitung zu diesem wichtigen Schritte sahen. Ach! wir wußten noch nicht, daß Sie sich dazu seit langer Jahre her beständig vorbereitet hatte. Ein heftigerer Anstoß der folgenden Nacht zeigte uns zu bald alles, was wir zu befürchten hatten. Der Pfeil des Todes war in ihrem Herzen: der Keim der Zernichtung entwickelte sich – Theresia welche ihr ganzes Leben durch das Vorbild der reinsten Gottesfurcht gewesen, wollte ihre Gesetze am Ende desselben durch das Beyspiel eigener Befolgung befestigen. Sie verlangte morgens die Stärkung der Gläubigen auf die grosse Wanderung. Ihr Zutrauen und lebhafter Glaube erhuben Sie dabey über die Kräfte ihres Zustandes, und stützten Sie, daß Sie dem Boten des Heils in das Vorgemach entgegen gehen, und aufrecht auf ihren Knien, das Abendmahl empfangen konnte. Es hatte das Ansehen, als trüge das Übel selbst Ehrfurcht, die tiefe Selbstversammlung der Gestärkten, welche auf diese Religionshandlung folgte, und einige Stunden durch verlängert ward, zu unterbrechen. Der Tag war ruhig, sogar mit einigem Anscheine der Erleichterung. und wir, die wir jeden Schimmer der Linderung begierig für die Besserung annahmen, welche wir so sehnlich wünschten, wir öffneten unsere Herzen bereits der Hoffnung. Diese verschwand mit dem Abende auf ewig. Die Anfälle kamen mit verdoppelter Wuth zurücke, hielten den größten Theil der Nacht über an, und schwächten, zwar nicht die Geduld: aber die Kräfte der Leidenden so sehr, daß Sie gegen Morgen die letzte Salbung foderte, und erhielt. Sie haben die allgemeine Bestürzung mit empfunden, meine Herren! Sie haben das Weheklagen mit vermehret, als diese unglückliche Nachricht sich in der Stadt verbreitete. Urtheilen Sie von der Betäubung derjenigen, nächst deren Füssen gewissermassen der Donnerschlag niederfiel, und von der Verzweiflung der innern Hofstatt, von der Trostlosigkeit der Söhne und Töchter! – Der Kaiser, der Erzherzog, Maximilian war allein noch am Hofe. die Erzherzoginnen Maria Anna, Maria Christina und Elisabeth standen in einem sprachlosen Kreise um das Krankenlager, und hefteten ihre schmerzlichen Blicke unabgewendet auf die, die sie zu verlieren zitterten: als die Kaiserinn den fremden Anwesenden sich zu entfernen befahl. »Gott, sprach Sie, gegen den Kaiser gewendet; hat über mein Leben geboten: ich fühle es. Nichts von allem, was ich zurücklassen werde, ist mein: alles wird Ihnen angehören. Nur diese beyden Töchter (womit Sie auf Mariannen und Elisabethen wies) sind mein Eigenthum. Auch diese trete ich an Sie ab. Seyn Sie nicht blos ihr Fürst, ihr Bruder! seyn Sie ihr Vater! Ich glaube beyden ein schätzbares Erbtheil zu hinterlassen.« – Die Liebe Josephs war dieser Empfehlung lange zuvorgekommen. Er eilte durch die ehrerbietigste Verheissung das mütterliche Besorgniß in diesem Augenblicke zu erleichtern, und seine Schwestern über den bevorstehenden Verlust wenigstens von einer Seite zu beruhigen. Dieser rührende Auftritt hatte die kindliche Empfindung auf das höchste gespannet. Die liebvolle Mutter beobachtete den Zwang, den sich alle auflegten, sah in den hervordringenden Thränen die Unmöglichkeit, ihn länger auszuhalten – »Es wird nöthig seyn,« verfolgte Sie mit ungeänderter Stimme, »daß man in ein Nebengemach abtrete, um sich zu erholen.« Der Kaiser allein blieb der Monarchinn zur Seite. Das war der große Zeitpunct, worin Theresia Ihm ihre Reiche übergab, und den Nationen, deren Glückseligkeit bis nun das einzige Ziel aller ihrer Bemühungen war, das kostbare Vermächtniß ließ, ihre dringendste Anempfehlung, ihre weisheitvollen Erinnerungen an den Thronfolger. Könnte der Inhalt dieser feyerlichen Unterredung uns zur Tröstung, Königen zur Richtschnur bekannt gemacht werden! Doch die beyden Häupter behandelten die Maßregeln einer glücklichmachenden Regierung, das Wohl ihrer Staaten, und im Zusammenhange das Wohl Europens, ohne Zeugen ab. Hier würde es verwegen seyn, Vermuthungen an die Stelle der Wirklichkeit unterzuschieben. Aber keine der erhabenen Lehren Theresiens wird für uns je verloren seyn. Das Herz Josephs ist die Tafel, worin sie tief, und ewig unauslöschbar, gegraben bleiben. Man will wissen, die Unterredung der Fürsten habe nicht bloß die Verwaltung im Allgemeinen betroffen. Sie hätten sich über jedes Reich, jede Provinz im Einzelnen besprochen, und gleichsam jede Nation insbesondere vor sich übergehen lassen. Die Kaiserinn habe über den Zusammenhang, das Verhältniß, über die Schwäche und Stärke jedes Theiles, über das Genie jeder Nation, über ihre Fähigkeiten, Eigenschaften, über die Art, sie zu behandeln, mit einer Kenntniß, mit einer Scharfsinnigkeit Anmerkungen gemacht, die den an ihrem Munde hangenden Nachfolger in Erstaunen gesetzt, und, wie Er sich darüber ausgedrückt haben soll – einem Montesquieu in der heitersten Stunde seiner Betrachtungen Ehre gemacht haben würden – und Maria Theresia hatte nur noch zwey Tage zu leben. Sie widmete sich, dieselben hindurch, ihren gewöhnlichen Beschäftigungen, und arbeitete mit eben der Thätigkeit, mit gleich ruhigem, gleich gegenwärtigem Geiste, wie Sie zu andern Zeiten pflegte. Sie las Bittschriften, Vorträge, entschloß, unterzeichnete an ihre Stellen. Ohne Zweifel wird man bedacht seyn, diese letzten Entschlüssungen und Unterschriften, an einem unterscheidenden Orte aufzubewahren, und sie Fremden und dem Nachkömmlinge als Merkwürdigkeit weisen, die zugleich, von der beynahe über die Menschheit erhöhten Seele dieser Regentinn, zugleich von der Sorgfalt gegen ihre Unterthanen zeugen werden, welche sich noch in den letzten Augenblicken des Lebens nicht verläugnete. Nur die wiederholten Anwandlungen der Krankheit, und die nunmehr zunehmende Schwachheit nöthigten Sie, sich darin öfters zu unterbrechen. Sobald jedoch das Uebel aussetzte, und Sie ihr selbst wiedergab, wechselten die Erhebungen zu Gott, mit der Besorgung der allgemeinen Geschäfte, und mit den Bestellungen ab, welche Sie noch für die Zukunft zu machen, bestimmt hatte. In solchen sanfteren Zwischenräumen trug Sie von Zeit zu Zeit Verschiedenes nach, was Sie ihrem letzten Willen beygesetzt wünschte. Dieser letzte Wille, der seit einiger Zeit entworfen, in dem geheimen Pulte der Fürstinn aufbewahrt lag, ist so ganz der Abdruck ihres vortrefflichen Herzens, voll anbetenswürdiger Theilnehmung und Besorgnisses, damit die, welche der Wohlthätigkeit der Fürstinn, entweder den ganzen Unterhalt, oder eine Unterstützung, einige Erleichterung zu danken hatten, durch ihren Hintritt nicht in Verlegenheit gerathen möchten. Nach der mütterlichen Vorsehung für die unverehelichten Erzherzoginnen, und nach der Vorsorge für Erziehungsanstalten, Schulen und andere wohlthätige Stiftungen, enthält er anfangs einen langen Artikel, worin die Fürstinn jeden ihrer vertrauteren Diener mit einem Andenken lohnet. Diese ehrenvolle Erwähnung ist der schmeichelhafteste Preis, den je Dienste erwarten konnten, das unverdächtige Zeugniß der Rechtschaffenheit, welches mit der wichtigen Urkunde, worin es enthalten ist, in den Archiven der Monarchie beygelegt, und verewigt wird. Wer einst immer diese Urkunde liest, wird die Namen, die einer solchen Unterscheidung gewürdiget sind, mit Achtung aussprechen. Den übrigen, und größten Theil dieses letzten Willens nimmt die Versorgung derjenigen ein, welche durch ihre Bedienung der Person der Fürstinn näher zu seyn, das glückliche Loos getroffen hatte. Ihnen wollte die gütigste Gebieterinn den bevorstehenden Verlust, so weit es in ihrer Macht lag, unempfindlich machen. Der lebenslängliche Genuß, oder ein vergrösserter Ersatz der Vortheile, die sie nun besassen, wurde ihnen im Testamente zugesichert. Der Kaiser hatte seiner Mutter zu dieser, zu jeder Verlängerung ihrer Wohlthaten, die Ihr immer gefällig seyn dürfte, seine unbedingte Einwilligung gegeben. Sie hatte ihn darum ersucht, damit Sie diejenigen, welche von Ihr so freygebig bedacht waren, belehrte, den Wohlstand, dessen sie in der Zukunft froh seyn würden, zwar als ein Vermächtniß von Ihr, aber nicht weniger als ein Geschenk seiner Gnade zu betrachten. Unter solchen Lieblingsbeschäftigungen des großmüthigsten Herzens war die Auflösung ganz herangerückt. Die um die sterbende Fürstinn waren, sahen derselben mit Furcht und Schrecken, Sie, welche es betraf, mit Gleichmuth entgegen. Da alles um Sie herum trostlos war, in Thränen zerfloß, war Sie allein gelassen, sprach Sie jedermann Trost ein. Der Tod schien bey ihr gleichsam seine Schreckengestalt abgelegt zu haben. Es wurde Ihr aus einem der Gelegenheit angemessenen Werke vorgelesen. Man überschlug eine Stelle über den Tod, die man für die Umstände der Kranken zu rührend hielt. Als Sie es gewahr nahm, befahl Sie, gerade diese Stelle ohne Abkürzung zu lesen. Der Leserinn, welche bis dahin ihren Schmerzen in sich verschlossen gehalten, schossen, da sie fortfahren sollte, die Thränen unaufhaltbar hervor – »Entferne dich! und wenn du ausgeweinet hast, so komm wieder, deine Lesung fortzusetzen.« »Ihr seyd alle so zaghaft,« sagte Sie bey dieser Gelegenheit, oder einer ähnlichen zu den weinenden Wärterinnen: »ich fürchte mich nicht im geringsten vor dem Tode. Seit fünfzehn Jahren mache ich mich mit ihm vertraut.« – Und bald darauf als Sie nach einem kurzen Schlummer erwachte – »Laßt mich doch nicht schlafen! Ich will den Tod kommen sehen, und ihm – setzte Sie lächelnd bey – so starr ich vermag, in die Augen blicken.« Dieser scherzhafte Ausdruck, in einem solchen Augenblicke, ist erhaben. Das war nicht das einzigemahl, wo Sie über einen Gegenstand scherzte, gegen welchen die Natur der gemeinen Menschheit ein unüberwindliches Entsetzen einflößt. Sie hatte sich nie gerne in geheizten Zimmern befunden, und war gewohnt, selbst im stärksten Winter ihre Fenster größtentheils offen zu halten. Während dieser Krankheit ließ Sie sich einmal an eines derselben führen, um der kälteren Luft zu geniessen. Der Tag war neblicht. – »das Wetter,« sagte Sie zu dem Kaiser, auf dessen Schultern Sie sich stützte, »ist nicht eben das günstigste zu einer so fernen Reise.« – Und doch, wer trat diese Reise je mit grösserem Muthe an! Sie hatte dem Leibarzte ausdrücklich befohlen, ihr den Wachsthum des Uebels nicht im Geringsten zu bemänteln, Sie von der Annäherung der letzten Stunde genau zu benachrichtigen. Aus Besorgniß, er dürfte Ihrer schonen wollen, erinnerte Sie ihn öfters an diesen Befehl, forschte Sie ihn von einer Zwischenzeit zur andern aus: und seine Antworten erweckten stets mehr Bewegung an ihm, als an der, welcher sie sagten, wie wenig Sie noch zu leben haben würde. Nein! ich schäme mich nicht, zu gestehen: bey der blossen Erinnerung des entscheidenden Augenblicks, in dem Sie uns endlich entrissen worden, fehlt mir die Standhaftigkeit, welche die große Sterbende noch damahls nicht verließ, als ihr Auge dunkelte, aber die Heiterkeit ihres Geistes sich noch so sehr erhielt, daß Sie mit den Anwesenden, obgleich mit schon gebrochener Stimme, sich besprechen konnte – Sie nahm beynahe am ersten die Zuckungen des Todes gewahr – »Sind das,« fragte Sie den beobachtenden Arzt, »die letzten, eigentlichen Todeszüge?« – »Vielleicht nicht die letzten,« versetzte dieser verwirrt – »Ach! so müssen die letzten dennoch sehr schwer seyn!« Das war der einzige Seufzer, der Ihr die ganze Krankheit über entfuhr; das einzige Anzeichen, daß Sie litte. Die brennende Hitze, die den kleinen Ueberrest ihres Lebens vollends aufzehrte, war die Ursache einer maschinmässigen Bewegung, durch die Sie Athem und Kühlung suchte. Auf diese folgte ein krampfhafter Anfall im Unterleibe, der Sie gewaltig emporstämmte – »Wohin wollen Eure Majestät?« fragte der Kaiser – Ihren schon unbelebten Blick dem Himmel zugekehrt: »Zu Dir hinauf! ich komme!« war das Abschiedswort der verscheidenden Monarchinn – und hin sank Sie auf das Ruhbett, gestützt von den Armen ihres Sohnes, der den letzten Hauch der sterbenden Mutter in einem Kusse sammelte, aber nun dem Schmerze, den Er so lange bemeistert hatte, an der Seite der Seligen unterlag. Als er wieder zu sich gebracht, aber in tiefer Schwermuth versenkt, wie empfindungslos um sich blickte, wagte es jemand, ihn an die Gegenwart des Geistes zu erinnern, durch die Er sich von jeher über Fälle, und Begebenheiten hinwegzusetzen, bestrebt hätte. »Bey einem solchen Falle,« versetzte er mit dem zerfleischenden Accente der äussersten Wehmuth – »muß alle Gegenwart des Geistes versagen.« Diese Antwort konnte die allgemeine Erwartung über die künftige Regierung Josephs keinen Augenblick unentschieden lassen. Seine Verehrung für eine so theure Mutter, und unvergeßliche Regentinn mußte ohne Zweifel sehr bey der Unterwerfung leiden, die er sich auflegte, ihren Willen wegen ihres Leichenbegängnisses nicht zu überschreiten. Es war, wie Sie es angeordnet, erbaulicher, als prächtig. Auf ihren Befehl war der größte Theil der Gepränge, welche die Bestattung der Fürsten in ein Schauspiel verwandeln, unterdrückt. Die Leichenreden besonders, hatte Sie mit nachdrücklichem Ernste verboten. Theresia war gegen den Wirbel der Ruhmsucht in ihrem Leben stets so sehr auf der Hut, daß Sie dem mässigsten Lobe sorgfältig auswich. Sie ertrug daher den Gedanken nicht, sich nach ihrem Tode den Schmeicheleyen eines Lobredners überliefert zu wissen, der sich aufgeboten glaubt, mit den Schwachheiten zu heucheln, und die Tugenden zu übertreiben; der, um beredt zu scheinen, unbesorgt ist, wahrhaft zu bleiben. – Der reine Lobspruch preiswürdiger Monarchen ist die Weisheit ihrer Verwaltung. Das Andenken der theresianischen wird sich den fernen Nachkömmlingen mit den großen Anstalten überliefern, deren Aussicht nicht auf die Glückseligkeit der Zeitgenossen allein eingeschränkt war. Wann jede Spur von den einzelnen Ursachen einst verloschen, aber die zusammstimmende Wirkung derselben in ein Ganzes verflossen seyn, und sich befestiget haben wird, dann wird die Geschichte erzählen: Belgrad und Serbien, Neapel und Sicilien waren verloren: die Aussichten der Gesellschaft von Ostende aufgeopfert. Durch einen Zusammenfluß unglücklicher Umstände waren alle großen Entwürfe, zu denen die Siege Eugens, und der Friede von 1725 Carl den VI. berechtigten, im Jahr 1740 vereitelt, und die Geschichte wird keinen Anachronismus machen, wie der Anmerker, dem eine durch die Aufhebung der Societät verunstaltete Regierung so sehr mißfällt, die Besorgniß äusserte. Ich weiß nicht, woher es der Biograph Carl des VI. geschöpft haben muß, daß der Vater der verstorbenen Kaiserinn 150,000 Mann zu Friedenszeit unterhalten habe. Aber ich weiß aus zuverlässigen Urkunden, daß es dem Regimente, welches das Leichenbegängniß dieses Fürsten begleiten sollte, an Beinkleidern und Schuhen fehlte, und daß der ganze Geldvorrath in den Cassen der Monarchie in mehr nicht, denn 9000 fl. bestand. Als Theresia den Thron bestieg, war Österreich von aussen ohne Einfluß, ohne Achtung, von innen ohne Nerven, ohne Bestand: die Talente ohne Ermunterung, ohne Wetteifer; der Feldbau in Händen, welche Unterdrückung und Elend schlaff machten; die Ämsigkeit ohne Kräfte, ohne Muth; Handlung wenige, und diese auf die nachtheiligste Art für die Nation geleitet; und, um die Schilderung zu vollenden, die Finanzverwaltung ohne Plan, ohne Überschlag, ohne Credit. – Bey ihrem Tode übergab Sie dem Nachfolger die Monarchie, in wesentlichen Theilen der inneren Verfassung verbessert, zu den übrigen Verbesserungen vorbereitet, und in dem Systeme Europens wiedereingesetzt in den entscheidenden Rang, den ihr die Größe, die allgemeine Fruchtbarkeit ihrer Länder, die glücklichen Nationalfähigkeiten unter den Mächten desselben stets hätte versichern sollen. – Wenn Sie nicht mehr noch, wenn Sie nicht alles geleistet hat, so war es darum, weil für eine Regierung, zu viel zu leisten war. Aber bey Vergleichung der zwey Epochen, werden die künftigen Jahrhunderte, wie das laufende, Sie billig die Wiederherstellerinn der österreichischen Monarchie nennen. Die allgemeine und Privaterkenntlichkeit hat diesen Beynahmen durch einen weniger prächtigen, aber rührendern, aber für die Menschheit anziehungsvollern überholt, durch den Beynahmen der »gütigsten.« Das war eine Benennung, welcher sich die Bescheidenheit Theresiens am wenigsten zu versagen schien. Wenn man Sie ihre Wohlthaten über jedermann verbreiten, jedermann, der sein Bedürfniß Ihr erklären konnte, erleichtern, oft den Blöden über seine Noth liebreich ausholen, oft dem Bitten, nicht selten dem Wunsche zuvoreilen sah, so war man versucht, die Wohlthätigkeit ihre Günstlinginn unter den Tugenden zu nennen. Aber es waren auch einige, an denen Sie sich vorzüglich wohlgefiel, diese Tugend auszuüben. Unsre Ehrfurcht für die richtige Beurtheilung der Fürstinn heißt uns glauben, daß die Gegenstände ihrer Vorliebe einen solchen Vorzug verdient haben. Die, welche es wagten, an ihrer Wahl auszusetzen, würden sie gerecht gefunden haben, diese Wahl, woferne das Urtheil der Monarchinn sich bis zu ihnen hätte verirren können. Nun suchten sie ihren Neid, ihre Eifersucht hinter einer Staatsmaxime zu verbergen: Der Regent soll keinen Liebling kennen! Die Grausamen! Welchen Reiz könnte der Thron haben, wenn dem Fürsten die Süssigkeit der Freundschaft zu schmecken, nicht vergönnet, wenn es ihm untersagt wäre, sich von den Beschwerlichkeiten der Regierung in den Armen einer innigern Vertraulichkeit zu erholen! Der Thron soll also von aller Gesellschaft absondern! ihr Regent soll unfähig, Verdienste zu unterscheiden, unfähig den Werth einer größeren Anhänglichkeit für ihn zu schätzen, und zu erwiedern, er soll ohne Gefühl seyn! Die Unbesonnenen, und er soll sie glücklich machen! – Sagen wir also: das Herz Theresens habe sich jezuweilen überraschen lassen. Wohl der Erde! wenn die größte Schwachheit der Großen Übermaaß der Güte wäre! Die Völker würden dann nicht so oft unter dem Gewichte des Ruhmes ihrer Fürsten erliegen! Das Götzenbild der Eroberungssucht würde ohne Opferknechte, und Opfer bleiben. Wenn die unbeschränkte Güte Theresiens, die nicht wußte, wie man versaget, manchmahl einen zu schnellen Trieb von der schätzbaren, aber oft zu zärtlichen Empfindsamkeit ihres Geschlechtes empfangen haben konnte, um so bewunderungswürdiger ist es, daß sie ihre Gottesfurcht stets über alle die kleinen Übungen desselben emporgehalten hatte. Ihr Glaube war lebhaft, aber aufgeklärt Mein Skoliast hat in diesem Worte eine theologische Unrichtigkeit suchen wollen, es mag seyn! Der Professor der politischen Wissenschaften kennt die Schriften des Montesquieu und Fortbonnais besser, als die Summe des heil. Thomas, und den Melchior Canus. Aber da er seinen Glauben nicht blos im Dogma, sondern auch in der Moral und Handlungen bestehen läßt, so erinnerte er sich an den Befehl des Paulus: Sit obsequium vestrum rationabile. , ihre Andacht, der freye Aufschwung der Seele, deren Flug keine schwermüthige Ängstlichkeit einhielt. Und was einst bezweifelt werden würde, wenn das unläugbare Zeugniß bestehender Gesetze einem Zweifel Raum lassen könnte; ihre Gelehrigkeit für die Kirche, machte Sie den Forderungen des Clerus nicht unterwürfig. Genau bestimmte Schranken der Erwerbung, das Verbot jugendlicher, und daher zu wenig überdachter Klostergelübde, verhältnißmässig auf ihn vertheilte Beytragspflicht, die Einschränkung der Freyörter, der Bruderschaften, und Wallfahrten sind Verordnungen einer Fürstinn, die man sich beynahe erlaubt, als eine Heilige anzurufen. Die ausgezeichnete Ehrerbietung, womit Sie die Diener des Altars dem Volke ehrwürdig machen wollte, hinderte Sie nicht, die Gränzen genau zu bewahren, die dieser Stand, ohne Nachtheil der übrigen Stände des gemeinen Wesens, nicht überschreiten kann. Die Aufhebung der Klöster, womit die Monarchie überladen war, hatte unter der Regierung Theresiens in der Lombardey bereits den Anfang genommen. – Sie hat in mehr als einer Gelegenheit gezeigt Die Wahrheit dieser Stelle wird nicht geläugnet; und wie könnte man das? Nur sagten die Anmerker – ich, hätte sie nicht sagen sollen. Eine Wahrheit? und ich nicht sagen sollen? Wer denn? Hätte ein Theolog sie gesagt? daß die Demuth der Christinn der Würde und Gewalt der Regentinn nichts zu vergeben Willens war; und daß Bonifazie und Gregorie an ihr eine eben so standhafte Gegnerinn getroffen haben würden, als Benedicte und Clemente an Ihr eine folgsame Tochter gefunden haben. Aber, das war der Grundsatz, den Sie in einem Puncte, wo die Überschreitung auf beyden Seiten die traurigsten Folgen nach sich ziehen kann, aufmerksam beobachtete: gewagten Anmassungen und Eingriffen nur Standhaftigkeit, nicht öffentliche Geringschätzung entgegen zu stellen; Bullen, denen Sie das königliche Placet zu verweigern für nöthig finden würde, nicht verbrennen, sondern uneröffnet bey Seite legen zu lassen. Durch eine so wohl überdachte Mässigung kam Sie dem Ärgernisse der Uneinigkeit zwischen dem Throne und Altare zuvor, und wußte die schuldige Verehrung gegen das Oberhaupt der Kirche in einen Bund mit der Vertheidigung der Rechte zu bringen, denen nie ein Fürst ungestraft entsaget hat. Von diesem Betragen empfängt der Character der Gesetze, welche Theresia den Untergrabungen des Unglaubens entgegen setzte, einen um so höheren Werth. Überzeugt daß die Religion der weltlichen Gesetzgebung zur Stütze dienen müsse, hielt Sie es für die Gegenpflicht der weltlichen Gesetzgebung, die Stütze der Religion zu werden. Aber mehr als durch Gewalt ihrer Gesetze, ward das Ansehen dieses heiligen Bandes der bürgerlichen Gesellschaft durch den eigenen Vorgang der Fürstinn erhoben. Sie war ihrem Hofe, wie ihrem Volke in jeder gottesdienstlichen Übung, in Erfüllung jeder wesentlichen Pflicht das Muster. Ihr Wandel lehrte, ihre Handlungen empfahlen die Religion in der Ausübung, und machten dieselbe eben so liebenswürdig, als sie verehrungswürdig ist. Diese geläuterte Religion war der Grundtrieb von allem, was die Fürstinn unternahm, war der undurchdringliche Schild, welchen Sie den so vielfältig auf Sie einstürmenden Widerwärtigkeiten entgegen warf, war der Pfeiler der Standhaftigkeit bey ihrem Hintritte. Wenn der Held in dem Gewühle der Schlacht dem Tode Hohn zu sprechen scheint, so umnebelt ihn der Dunst der Ehrsucht, und verhüllt ihm die Gefahren, in die er sich stürzt: seine Herzhaftigkeit ist Betäubung. Die Ruhe des Geistes, die ungeschwächte Heiterkeit Theresiens, als Sie mit jedem Athemzuge den Wink erwartete, der Sie zur Rechenschaft von ihrer Verwaltung abfordern würde, war die Entschlossenheit der Tugend. Das hohe Selbstbewußtseyn, vor dem Richter der Könige ohne Vorwurf erscheinen zu können, flößte der Heldinn der Religion bey dem erhabenen Ende die Zuversicht ein, mit welcher Sie ihre ruhmvolle Laufbahn so würdig beschloß. Europa wird den Namen Maria Theresia immer mit Bewunderung, und die Nationen, die unter ihrem sanften Zepter glücklich waren, mit ewigdankbarer Verehrung aussprechen. Die unsrige, meine Herren! soll sich in der Fortsetzung unsrer Anwendung auf Wissenschaften offenbaren, die in der großen Verstorbenen die Stifterinn dieses Lehrstuhls betrauern, aber nach nicht zweydeutigen Merkmahlen sich eines gleichen Schutzes von Demjenigen versichert halten können, den die Vorsicht ausersehen hat, so viele Reiche über den erlittenen Verlust zu trösten, und zu entschädigen.  XXVIII. Der berühmte Corridor (Controlorgang). In der Hofburg zu Wien befindet sich ein, 160 bis 170 Schritte langer, 5 Schritte breiter Corridor, welcher von europäischer, ja globischer Berühmtheit, und mit dem unsterblichen Andenken Kaiser Josephs II. auf das Innigste verknüpft ist; er heißt . . . der Controlorgang, und hat diese Benennung von dem Hofcontroloramte (Amt der Privatverpflegung des kaiserlichen Hofes), welches vor diesem Monarchen daselbst bestanden. Dieser Corridor, das erste Stockwerk in dem, von Leopold I. herrührenden langen Tracte, welcher den Schweizerhof mit dem Amalienhofe verbindet, ist eigentlich eine Mezzanine, oder ein Halbgeschoß. Seine Fenster zeigen auf den Paradeplatz; jene der Localitäten, in welchen sich auch die Bureaux des Staats- und Conferenzrathes befinden, zeigen auf den Burgplatz, der seit der Aufstellung des Franzensmonuments der Franzensplatz heißt. Der Controlorgang ist für Jedermann offen, der, versteht sich, zu den bessern Classen gehört. Seine beyden Endpuncte sind der Aufgang neben der Herkulesstiege rechts, und die Josephs- oder Kammercapelle, deren Eingang das breite, gewölbte eichene Flügelportal bildet. In dem Controlorgange war Kaiser Joseph täglich, und fast zu allen Stunden des Tages für Jedermann, selbst für den allergeringsten seiner eigenen oder fremden Unterthanen, also auch für die allerordinärsten Leute zu sprechen. Den ganzen Tag war dieser väterliche Gang mit Supplicanten angefüllt, die meistens Bittschriften bey sich hatten. Die Zeit, zu welcher der Kaiser in diesem Corridor erschien, war nicht bestimmt; aber die Leute harrten in Geduld und Vertrauen, oft mehrere Stunden lang. Er kam im Verlaufe des Tages öfter aus seinem Cabinette, sprach auf dem Gange selbst mit diesen Parteyen, und wies manche nach Umständen ihrer Person oder ihres Anliegens in ein eigenes Cabinett, in welchem sie ihn ohne Zeugen sprechen konnten. Hunderte von Anecdoten hatten den Controlorgang zum Schauplatz; und nichts ist characteristischer und begreiflicher, als seine Popularität. Sonderbar genug existirt unseres Wissens nach keine Abbildung dieser an und für sich äußerst unscheinbaren Passage; und wir haben daher eigens die als Titelblatt vorgeheftete Zeichnung anfertigen lassen. XXIX. Curiose Feyerlichkeiten bey Josephs Geburt. Freylich sind seitdem mehr als hundert Jahre verflossen; freylich wissen wir Alle, daß damahls und von da zurück bey solchen Festivitäten eine ganz unbekümmerte Einfalt, eine eigenthümliche Naivetät und splitternackte Natürlichkeit und Herzlichkeit sich auszusprechen pflegten; was aber die Illumination der Stadt Wien im Jahre 1741 zur Verherrlichung der Geburt des Prinzen Joseph betrifft, so sind wir der Meinung, daß bey derselben fast Unglaubliches vorgekommen sey, und wir wählen daher aus einem über 300 Seiten starken Quartbande eine Anzahl solcher Curiositäten. Auch Titel und Vorwort sind höchst ergetzlich; deßhalb mögen sie hier unabgekürzt stehen, nämlich: »Wienerische Beleuchtungen, oder Beschreibung Aller derer Triumph- und Ehren-Gerüsten, Sinn-Bildern, Und anderen sowol herrlich- als kostbar, und annoch nie so prächtig gesehenen Auszierungen, Welche bey denen zu Ehren der höchstgewünschten Geburt JOSEPHI den 13. Martii das erstemal, Und sodann Bey Allerhöchst-Ihro Majestät der Königin von Hungarn und Böheim, Ertz-Hertzogin zu Oesterreich, und vermählten Hertzogin zu Lothringen und Bar, Groß Hertzogin von Toscana, \&c. Mariae Theresiae Unserer allergnädigsten Frauen, Frauen, Beseegneten Hervorgang, Den 23. und 24. April zum andert- und drittenmal, allstäts Abends, und die Nächte hindurch, nicht nur in allhiesig frohlockenden Stadt Wienn, sondern auch mancher Orten in denen herumliegenden Vorstädten angestellten allgemeinen Freudens-Bezeugungen, sowol an Geistlichen Collegien, Klöstern, und Stiften, als auch weltlichen Pallästen, und Privat-Häusern zu bewundern, und zu sehen gewesen. Cum Permissu Superiorum. Zusammen getragen, und verlegt von Johann Peter von Ghelen, Königl. Hof-Buchdruckern, und Verlegern des alhiesigen Wienerischen Diarii. Wien, gedrukt und zu finden in der Kön. Hof-Buchdrukerey im Neuen Michaeler-Haus, 1741.« Nun folgt der. Vorbericht . Was für eine unglaubliche Freude und Vergnügen die den 13. Martii lauffenden Jahres 1741 um 2 Uhr in der Nacht beschehene glücklichste Geburt des Durchläuchtigsten Königl. Printzens Josephs Ertz-Hertzogs zu Osterreich, \&c. \&c. in denen Gemütern deren alhiesig-getreuesten Vasallen, und Inwohnern der Königl. Haupt und Residentz-Stadt Wien verursacht hat, ist um so weniger zu beschreiben möglich, als sogar einig deroselben gleichkommendes Beyspiel, womit man sie, wie durch den Schatten das Licht entwerfen könnte, ermangelt; dann obwolen bey der gleichmässig glorreichen Geburt weil. des Durchläuchtigsten Ertzherzogs Leopolds den 14. April 1716. alhier in Wien ein solcher Jubel gewesen, daß man sich etwas, so denselben übertreffen wurde, damals keines weegs vorstellen, noch einbilden können, so haben doch die gegenwärtige allgemeine Illuminations-Feyerlichkeiten, nach einhelligen Zeugnuß, aller deren, die von beyden den Augenschein eingenommen, alle vorige dergestalt überstiegen, daß man im vorstehenden Titul gantz billich hat ansetzen können, daß dergleichen annoch niemalen gesehen worden; und obwolen demnach zu einer genugsamen Erklärung aller deren meistentheils gelehrt und sinnreichen, auch fast durchgehends ungemein herrlich, kostbar, und anmütig entworffenen Vorstellungen, deren so vielfältig aller Orten in aufgemachten Gemählden zum Vorschein gekommenen treu gesinnten Glückwünschen, vielmehr ein kunstreicher Pinsel, als eilende Feder nöthig wäre, so hat man doch in gegenwärtiger Beschreibung derenselben nach Möglichkeit alles dasjenige auszudrücken sich beflissen, was immer zu der Haupt-Sach gehörig zu seyn erachtet worden, sintemalen ohnedeme die Nebenauszierungen alle anzudeuten viel zu weitläuffig gefallen seyn wurde. Was übrigens die Ordnung anbetrift, so hat man sich zwar wol vorgenommen gehabt, das Werk in 3 Theile abzutheilen, und in dem ersten die Sinn-Bilder, deren Collegiorum, Klöstern, und Ehren-Gerüste, so an allgemeinen Gebäuden und Herrschaftlichen Pallästen zu sehen waren, und endlich in dem Dritten die Sinn-Bilder, auch lustigen Gedanken deren Particular - Wohnungen heraus zu geben, und sich in allen nach dem Alphabet zu halten, es ist aber solches Vorhaben theils auf Verlangen verschiedener deren jenigen Partheyen (welche das ihrige selbst zur gegenwärtigen Sammlung gütigst eingesendet haben) theils auch, ut varietas eò magis delectet, um damit die Abwechslung das Werk desto angenehmer machen sollte, dahin abgeändert worden, daß nämlich zwar wol die Collegia, Klöster und Stiftungen nach dem Alphabet, jedoch nicht allein, und in einer unzertrennten Folge, sondern mit verschiedenen anderweitigen Triumph-Gerüsten, und Particular-Wohnungs Sinn-Bildern untermenget herauskommen, und ausser mehr besagten Collegiis,  \&c. in denen übrigen keine andere Ordnung beobachtet werden solle, als wie sie von Zeit zu Zeit zu dieser Sammlung eingeschickt werden, als womit eben seria cum jocosis das Ernsthafte mit dem Lustigen noch mehr unterspicket, und denen curieusen Liebhabern ein grösseres Vergnügen, wie auch denen, welche das ihrige noch fernershin einschicken möchten, ein grösserer Antrieb, solches desto ehender zu thun, gemacht werden dörfte; da man hingegen, um damit annoch ein jeder das Seinige in diesem Werk leichtlich finden möge, auf die letzt umsonst ein Register über alle darinnen enthaltene Häuser, und Wohnungen beyfügen, auch nicht nur versprochener massen, alle Wochen einen, sondern (weilen man doch bereits eine sehr große Anzahl bey Handen hat) wenigstens wochentlich zwey Bögen mit ordentlich darauf gestellten Numeris heraus geben, und so oft ein neuer Bogen zu haben, solches Post-täglich in dem Diario publiciren wird; zu welcher einzelner Herausgebung deren, wie gedacht nach denen Numeris auf einander folgenden Bögen man von daher verleitet worden, weilen auf solche Art nicht denen, die das gantze Wercke, sondern auch denen, die davon etwann nur manchen Theil, oder Bogen haben wollen, gedienet ist, da die erstere die nach und nach wochentlich zweymal herauskommende Bögen sich bis zu Erfüllung des gantzen Werkes von Zeit zu Zeit aufheben, die andern aber sich nur dasjenige, so ihnen anständig ist, anschaffen, und das übrige hindannlassen können. Ferners wird man zu eines jedwederen Verständnuß die Lateinische, und in andern ausländischen Sprachen verfaste Inschriften, jedoch nur in Prosa, oder ungebundener Schreib-Art verteutschen, theils weilen im widrigen durch die Verse (welche gemeiniglich um den vollkommenen Sinn des übersetzten recht, und klar auszudrücken, einige Umschreibung, auch zuweilen des Reimens halber gar einen Zusatz erheuschen) das Werke allzu groß, folgsam gar zu lang hinaus dauren wurde, theils auch, weilen man eben aus deme, wo dannoch teutsche Verse anzutreffen seyn werden, zum Unterschied wird abnehmen können, daß solche selbst in denen Original -Sinnbildern also gestanden. Welche übrigens ihre Sinn-Bilder entweder hier gar nicht, oder doch in etwas verändert antreffen werden, müssen die Schuld hiervon nicht auf den Zusammen-trager legen, als der hierinnen nach höherer Anordnung sich richten, und dasjenige auslassen müssen, darinnen die unbeschränkte Freud die Gräntzen des schuldigsten Respects, und geziemender Ehrbarkeit überschritten, oder solche sonst bedenklich aufgenommen worden. Wo bey denen Symbolis gar kein Name, noch Haus angedeutet, sondern nur dieses Zeichen * * * stehet, bedeutet solches, daß bey diesen von denen Authoribus in dem eingeschickten Original das Ort, wo solche zu sehen waren, entweder übergangen, oder aber nach derenselben eigenen Belieben mit Fleiß nicht beygesetzet worden seyn. Unter denen obgedachten lustigen Sinn-Bildern wird man auch verschiedene (an denen zwar ein wolmeinendes Gemüt hervor-leuchtet, im übrigen aber nicht viel Sinnreiches, sondern vielmehr öfters ziemlich einfältige Ausdrückungen anzutreffen) von darumen nicht auslassen, alldieweilen doch auch diese in ihrer Gattung eines vor dem anderen schön seyn können, und davon manche denen curieusen Liebhabern deren wunderlichen Einfällen halber gefallen dörften. Deme man noch letzlich dieses beydrucken sollen, daß man nemlichen auf Begehren aus folgender Ursach gegenwärtiges Format, und Schrift zu diesem Werk genommen, alldieweilen die Anno 1716 herausgegangene Beschreibung der damaligen Illumination eben von solcher Schrift und Form gewesen, und also diejenige, welche besagt vorige Beschreibung haben, mit selber die gegenwärtige vereinbaren, folgsam beyde diesfällige Wercke, als von einerley Materie handelnd, bequem zusammen fügen können. NB. Ost heisset überall: Oben stunde. Ust. aber heisset: Unten stunde. J. L. v. G. Nun also zu den Inschriften selbst: Im goldenen Greiffen in die Himmel-Port Gassen hinaus . Im ersten Stock. Waren in 5. Fenstern folgende 5. illuminirte Sinn-Bilder. 1. Eine Bildhauer-Werk-Stadt voll verschiedener verfertigter Kunst-Stücken, und Werk-Zeuges. Zur Erden lagen etwelche halb ausgearbeitete Figuren herum. Etwas zur Seiten auf dem Werck-Stuhl erhoben, ware ein gantz ausgehaut kleines Knäblein. Der Bildhauer in einer Hand den Schlegel, in der anderen das Stem-Eisen haltend, betrachtete das ausgearbeitete Stuck mit verwunderter Stellung. O. st. Das Sprich-Wort ist: Ein jedes Werck thut seinen Meister loben. Nur kleine Frist! Hier ligt schon eins. Ich mach noch mehrer Proben. 2. Eine Kindbetterinn in einem ausgezierten Schlaf-Cabinet unter einem Baldachin im Beth liegend, und das Haupt hervor neigend. Zur rechten Seite eine Manns- und zur linken eine Weibs-Person, neben welcher ein anderes Manns-Bild stunde, betrachteten mit fröhlicher Verwunderung 3 im vollen Laufe begriffene Mägdlein, welche in Hemd gemahlen, und auf dem Haupt jede ein Ertz-Herzog-Hüttl auf hatte, diesen liefe der junge Printz ebenfalls mit einem Ertz-Herzog-Hütel auf den Haupt, in einer Hand aber den Reichs Apfel, und in der andern den Scepter haltend nach. O. st. Es ist eine alte Sach: Die Buben laufen den Mägdeln nach. U. st. Diß hat sich auch heut wahr gemacht, Weil unsre Frau ein Printzen bracht. 3. Die Königin mit der Kron auf dem Haupt, unter einem Baldachin sitzend, und den eingefaschten Printzen auf dem Schoß haltend, ringsherum der Hof-Staat. Nebenher auf einem Tischl verschiedene Cronen nebst dem Scepter auf Bölstern liegend. Darzu kamen etwelche Bauers-Leut beederley Geschlechts, deren einige in Büttlen, und Körblein unterschiedliche Bauern-Geschenke, als Lämmer, Butter, Obst und Hühner, theils auf dem Kopf, theils in denen Händen trugen, und vor dem Thron auf die Knie fallend sagten: Ma kömma gstreng Frau Kinigin, und falla Eng zu Fiessa, Da Richta, und die gantzi Gma Eng lassen gar schön griessa, Sie bitta halt gar feindla hübsch, ös möchts do nix verschmeha, Was mä da engarn kloana Kind, zbringa uns untersteha. Globt sey der lieb HerrJesu Christ, er schenk Eng a langs Leben, Möcht aber a dem liaben Schatz viel Glück, und Segen geben. 4. Ein Kind in der Wiegen, ruckwerts bey dem Haupt der Schutz-Engel stehend, und mit einer Hand auf den oberen Theil der Wiegen, mit der andern auf einen von weiten geflogen kommenden 2köpfigten Adler, der auf dem Kopf die Kron in einer Klaue den Reichs-Apfel, in der andern den Scepter hielte, deutend. Ober der Wiege stunden die Worte: Felix Austria. Beglücktes Oesterreich. Auf den 4 Knöpfen der Wiegen waren das Hungarische, Böheimische, Tyrolische und Oesterreichische Wappen. O. st. Kron und Scepter muß ich bringen dem heut neugebornen Kind, Wo man thut das vivat singen, flieg ich hin als wie der Wind. 5. Der obere Jesuiter-Platz, oder Hof, mit der gewesten Triumph-Pforten der Stadt und übrigen Beleuchtungen, sonderbahr die Bühne, wo rot und weisser Wein sprunge, auch Brod und Brättel ausgeworffen und die Trompeten und Paucken gehöret wurden; unten eine Menge Leute, deren einige mit Stangen und Ampern den rinnenden Wein auffingen, einige denen andern die Krüge zerschlugen, wiederum einige voll da lagen: Auf einem andern Haus darneben schauete ein Rauchfangkehrer bey einem Rauchfang heraus, welcher mit einem Amper auf der Stangen nach dem Wein langte. O. st. Ick pover Teifl kans auf Gäßl kän Platz finden. Probir alt per Camin, ob mi kanns auffi winden. Pua far! ja das is kut, kans perfetman wohl sehen, Will ick halt ä bräf lusti seyn, e droben bleiben stehen. Unten schlugen ihm die Leute die Stangen hinweg, und die Buben warfen mit Steinen nach ihme, sagend: Du Kätzelmacher pack dich fort. Sonst zeig'n wir dir ein anderes Ort, Rinnt Wein, und wirft man Brätl aus, So g'hörts allein zu unsern Schmaus. In dem Chaosischen Stift im ersten Stock auf die Kärntner-Straß hinaus, in des Herrn Kriegs-Agenten Forsters Wohnung von 6 .  Fenstern . Ware von gutem Pensel auf seinen Leinwat-Wänden mit bunten Farben entworffen: 1. Ein halb gedeckter Saal, an welchem sich in perspectivischer Ordnung ein Lust-Garten anschloße: Unter der halben Bedeckung des Saals lage eine Frau, ob Dero Haupt ein Baldachin aufgespannet war. Von der Garten-Seite gegen Sie über erschienen gewaffnete Soldaten, welche dieselbe unversehens in ihrer Ruhe überfallen wollten, an dem unbedeckten Theil des Saals aber eilete Jupiter auf einem in vollem Flug begriffenen Adler, in einem zur Rechten schimmerend, zur linken aber stürmischen Gewölk herab; in der rechten Hand ein Überfluß-Horn unter die Decke des Saales schwingend, aus welchem ein Kind auf die Frau herab fiele, welche es mit entgegen aufhaltenden Schooß-Kleid empfienge. Mit der linken Hand warffe Jupiter eine Faust voll Donner-Keule auf die andringende Soldaten, davon einige zu Boden geschlagen, die andere in die Flucht gejagt wurden. O. st. Jove disponente, Da Jupiter ordnet. U. st. So lohnt, und racht, Des Himmels g'rechte Macht. 2. Ein grosses, ohne sonderem Pracht, doch wohlgebautes Gemach, oder Zimmer, in welchem zur linken Seite eine Frau sasse, und ihrem kleinen Säugling die Brust reichte. In der Mitte zeigte sich in perspectivischer Ferne des Zimmers ein angefeuerter Camin, an welchen ein einfältiger Knab auf die in einen Kessel ober dem Feuer kochende Speise fleissige Acht hielte; wo indessen sein Gespann einen von ungefähr in das Zimmer eintrettenden Artzten mit einem in die Peruque spielenden Blaß-Balg durch die zur Rechten halboffen stehende Thür abwiese: O. st. Natura nutrice. Da die Natur ernähret. U. st. Hier weich der Artzte nur, Der gütigen Natur. 3. Zeigte sich eine halbgedeckte Gallerie an einem grossen Gebäude, ausser welchem sich eine anmuthige Landschaft mit dem in Perspectiv entlegenen Parnasso, über welchen der Pegasus zu sehen war, entdeckte. Ein halbgewachsener Printz mit seinem Ertz Hertzoglichen Kleinod auf dem Haupt, und herrlicher Kleidung angethan, sasse an einem Pult zu studiren, neben sich eine kleine Hand-Bibliothec habend; zu welchem die Göttin derer freyen Künsten eintrettend, denselben liebreich bey der Hand anfassete, und nach ihren Parnassum (den Sie ihm mit der Lantzen wiese) anfrischete, und einlude: O. st. Pallade Duce, Da Pallas anführet. U. st. Da grünt der zarte Zweig, Durch Witz, und Kunst sein Reich. 4. Zwey gegen einander stehende Feld-Lager mit ihren zerschiedenen Gezelten; in der Mitten 2. Fürsten (deren einer aus dem alten Riesen-Geschlecht zu seyn schiene) in einem Zwey-Kampf verfangen, in welchem endlich der große von dem kleinen überwunden wird. In einem Perspectiv ware eine Bataille zwischen beyder Fürsten Armeen, wol abgeschildert, zu sehen, davon der kleinere Hauffen den grösseren in die Flucht triebe. O. st. Marte favente, Da Mars sich günstig zeiget. U. st. Da findt das Recht sein Ziel, Nach höchster Götter Will. 5. Ein offen freyes Feld; an beyden Seiten waren Tropheen, mit Lorber-Zweigen umflochten, zwischen welchen der haupt-Auftritt die 2. vorher beschriebene Fürsten (die einander die Hand gaben, und umarmten) machten. Längst des hinaus in Perspectiv angelegten Feldes erzeigten sich 2. Armeen in ansehentlicher Parade stehend. O. st. Pace redeunte. Da der Friede zuruck kehrt. U. st. Da stellen sich dann dar, Die goldene Friedens-Jahr. 6. Ein Baum in einer lustigen Gegend vom Land, in dessen perspectivischer Weite, und Umkreis eine reiche Ernde mit Schnittern, Garben-Bindern, und Einführungen zu bemerken ware; Unter dem Schatten sasse ein starker wohlgekleideter Bauer, in dessen Schooß der Landes-Fürst sein Haupt einem sicher und gantz ruhigen Schlaf überlieferte: O. st. Felicitas Ingenua Die freye Glückseligkeit. U. st. Da schlaft im Schooß des Unterthan, Der Fürst so glücklich heissen kan. In dem Wirts-Haus zum schwarzen Bärn genannt nächst denen Fleisch-Bänken. Hatte der aldasige Wirt seine Fenster mit folgendenSinnbildern auszieren lassen. 1. Ein Bär bey der Wiegen sitzend, und ein Kind einwiegend. Auf der andern Seiten auch ein Bär dem Kind die Fliegen mit einem Fliegen-Wadl vertreibend. U. st. Ein Bär sitzt bey dem Kind, und thut es sanft einwiegen; Ein anderer sitzt auch, und wehrt dem Kind die Fliegen. 2. Verschiedene Gäste beym Tisch sitzend, welche essen, und trinken. Etliche Bären mit umgebundenen Schurtz-Tuch gleich denen Kellnern, die Gäste bedienend. U. st. Seyd guten Muts, wohl auf, ihr Gäst beym schwartzen Bären; Sehr höflich ist der Wirth, und thut die Gäst nicht scheeren. 3. Lauter Bären bey einem Tisch sitzend, und die Gläser zusammstoßend, als wann sie Gesundheit trinkten. U. st. Der Wein wachst nicht für uns, doch trinken wir heut Wein, Und muß des kleinen Printzen, Gesundheit trunken seyn. 4. Bärn, und Gäste unter einander sich rauffend, Gläser, und Kandel zerschlagen, Tische umgekehrt, und dergleichen Verwirrung. U. st. Ihr wollet sehen ein Illumination, Und sehet sonsten nichts, als nur Confusion. 5. Ein Kind in einem Kinder oder Gängel-Wagen. Ein Bär an den Wagen angespannt, und das Kind hatte eine Peitschen, und triebe den Bärn. Hinter den Wagen auch ein Bär, welcher auf zwey Füssen gehend den Wagen fortschube. U. st. Das Kind wird auch verehrt, sogar von wilden Thieren, Sie seynd darum gantz zahm, und thun den Wagen führen. 6. Ein Bärn-Tantz von mehreren Bären, ein Polack darbey, welcher aufpfeiffet. Der Printz auf einem Bolster sitzend, und zuschauend. U. st. Sie tantzen lustig, um dem Kind ein Freud zu machen, Wer dieses siehet zu, der möcht vor Einfalt lachen. In eben schon besagt Amonischen , oder sogenannt Färberischen Haus auf der Hohen Brucken im 2 . Stock . Waren weitershin bey einem Koch annoch folgende 2 Sinn-Bilder. 1. Drey bey einem Tisch sitzende Manns-Personen im essen, und trinken begriffen, denen eine Köchin auf einer Schüssel ein gekochtes Krösel auftruge. U. st. Weg mit dem Gschnattel, bringts mir ein Krösel. Es lebe des Printzens Frau Mutter die Resel. 2. Drey Mannspersonen, so beysammen stunden, deren der eine einen Apfel, der andere ein Glas Wein hinweg warffe, der Dritte aber Ruben asse. U. st. Weg mit den Aepfeln, jetzt iß ich Ruben He lusti Guraschi! Es gibt noch mehr Buben. Im tiefen Graben nächst dem Rumor-Haus . Bey einer Hebamme. Waren in dreyen Fenstern folgende 3. Sinn-Bilder. 1. Ein Lebzelter-Stand, worbey 2. Bauren mit Würffeln spieleten, und da der eine nach dem Geld griffe, der andere nach ihm schluge. Ein anderer Bauer führete seinen kleinen Buben an der Hand zu dem Lebzelterstand hinzu. U. st. S' ist selten ein Kirchtag, wos nichts gibt zu rauffen. Jetzt will ich mein Bubn ein Lebzelten kauffen. 2. Ein Kinds-Weib, so das Koch machte, ein feindlicher Soldat aber ihr die Koch-Pfanne wegnehmen wollte, deswegen er von dem Weib mit dem Koch-Löffel auf die Hand geschlagen wurde. U. st. Seynd die Feinde nicht so keck, Frässen dem Kind das Koch hinweg. 3. Die Heb-Amme den Printzen auf dem Arm haltend; darneben ein Oesterreichischer Bauer stunde, und sagte: Sopherl, ich rath Dirs, laß den Printzen nicht fallen, Sonst mußt Du ein greuliches Straf-Geld bezahlen. Im Hof-Schlosserischen Haus in der Nagler-Gassen . Waren folgende Sinn-Bilder. 1. Der Name JOSEPH gleich einen 6Ekigten Stern in der Luft, von durchscheinenden Buchstaben. Herunten ein Schif mit Oesterreichischen Flaggen auf stürmender See. O. st. Hoc Duce. U. st. Dieser solle nur allein, Unsrer Schiffarth Leit-Stern seyn. 2. Die Königin auf der Welt-Kugel sitzend, und den Printzen auf den Schooß habend. O. st. Ex hoc beatam me dicent. U. st. Kinder, und Kindes-Kinder werden mich wegen Deiner preisen, Und die Ursach ihres Glücks und vollkommener Ruhe heißen. 3. Eine in dem Meer schwimmende Perl-Muschel. Oben die Sonne nächst einem abweichenden trüben Gewölk. O. st. Post nubila Phoebus. Nach Regen folgt Sonnenschein. U. st. Schönste Muschel thu dich auf, Alles wart mit Schmertzen drauf. 4. Cupido als ein Berg-Knapp den Printzen in einer Scheib-Truhe aus einem Berg-Werk heraus führend. In der Luft ein blühender Oel-Zweig. O. st. Vigeat oliva pacio aetzerum tibi. Es grüne der Oel-Zweig des Friedens für dich in Ewigkeit. U. st. Fahr nur Cupido fahr, Und bringe noch ein Paar. In dem neuen Michaeler-Haus bey einem Herrn Chyrurgo in dem ersten Stock hinten hinaus auf das Breuner-Plätzlein, Waren folgende Sinn Bilder. 1. Die Königl. Hebamme, wie sie nach Hauß fuhre, in einem Perutscherl sitzend, das von 2. Krebsen gezogen ware, und die Helfferin hinten aufstunde. U. st. Frau Sopherl reist nach Haus, ihr Arbeit ist vollbracht, Sechs Wochen seynd nun aus, aufs neu ist sie bedacht, Wie's in 9 Monats Zeit wird wieder zuruk gehen, Und wir mit größter Freud ein neuen Printzen sehen. 2. Ein Zieh-Brunn, ober diesem die Königliche Cron, der Groß-Hertzog schauete in selben hinein, die Frau Sopherl zoge einen Amper in die Höhe, worinnen der Printz lage. Mercurius kame als ein Bott, die Frau Sopherl anredend mit folgenden darbey gestandenen Reimen: Frau Sopherl ists ein Prinz? Was sollt es anders seyn? Dann Frantz von Lotharing schaut nicht umsonst hinein. Es seynd noch mehr darin, Frau Sopherl zieht nur an, Ihr werd für eure Müh bekommen schon den Lohn. Nebst der Hungarischen Cron in dem Bier-Haus im 2ten Stock Waren folgende Sinn-Bilder. 1. Ein Weibsbild mit einem Manns-Bild Karten spielend, das Manns-Bild warffe den Eichel-Buben aus, welchen das Weibs-Bild mit der Dame stache, anbey auf dem Tisch ein Glas Wein, und eine Bratwurst lage, auch ein Katz, eine Maus fangend zu sehen ware. U. st. Der Aichel-Bub ist schon heraus, So stich ich mit der Dam, Da kommt die Katz, und fangt die Maus, Wie stehts um d' Wurst Frau Mam. 2. Eine brüttende Henn in dem Nest, der ein Bauer lauter Hertzen als Futter vorstreuete. U. st. Die Henne voller Herrlichkeit     Sitzt jetzo in dem Nest, Und weil sie uns hiemit erfreut,     So gibt man ihm das Best. 3^. Ein Lerchen fangender Jäger, dessen Netz zwar zerrissen, er aber solches wieder flickete. U. st. Dem Jäger ist das Netz gerissen,     Bey seinem Lerchen-Fang, Doch wird er es ergäntzet wissen,     Und ihm nicht werden bang. In der Bogner-Gassen bey dem Todten Kopf . Das österreichische und das florentinische Wappen, zwischen solchen der Printz in der Wiegen, und beyderseits die Ende des Wiegen-Bands an obige 2. Wappen gebunden. O. st. Das ist das wahre Band, So schützt das Vaterland. Zwey Burger dem Printzen auf dem Weg findend. O. st. Quem expectavimus omnes. Den wir alle erwartet haben. Ein Astrologus, den Calender wegwerffend. O. st. Ich schmeiß in den Calender, Wann es kein Printz ist, So verlieren wir Länder. Die Königin, als eine Bäuerin, welche auf einer Seite aus ihren Rockfalten etliche Printzessinen, auf der anderen Seiten aber einen Printzen heraus beutelte. Der Herzog, als ein Bauer sagte zu ihr: Mein Schatz du hast dich wohl verhalten, Beutle noch öfter aus diesen Falten. Ein lustiger in den Himmel hinauf schauender Bauer. Oben die Sonne, darinnen der Printz. U. st. O weils nur einmal geraht, Das unser Frau ein Printzen hat. Der Printz auf allerhand Waffen liegend. O. st. Bist noch ein kleines Kind, ligst schon auf Krieges-Waffen, Doch wirst du mit der Zeit den Frieden damit schaffen. Drey mit Flügeln zusammen verflochtene Hertzen, auf deren jeden ein 3er stunde, und auf jedem Hertz eine brennende Kertzen aufgestecket ware. U. st. Aus treuen Hertzen, Verbrenne ich meine Kertzen. Eine Hosen. U. st. Nun können die Feinde losen, Weil Österreich tragt Hosen. Bey einem Schul-Meister . 1. Ein Schulmeister, welcher bey einem Tisch schriebe. Ober ihm stunde: Da sich nun jedermann befleist auf gelehrte Sachen, Sieht man auch eben mich tiefsinn'ge Schriften machen. Die Schrift so er schriebe. war diese: Weil M schon tausend ist, D fünf, CC zwey hundert XXXX viertzig, und I eins, darum es mich nicht wundert, Daß (o ein schlechte Kunst! und wohl geringe Sachen) 1741 zusam die Buchstabn alle machen. 2. Eine Kindsfrau, dem neugebornen Printzen also zusingend: Heidl Pupeidl wills Printzerl nicht schweigen, Wollen wir ihm kauffen frische Feigen, Die er kann denen Feinden zeigen. 3. Ein Mark-Schreyer mit einem Stäberl auf die Bildnus eines gecrönten Knabens schlagend. Beyschrift: Ihr fromme Christen kommet her,     Ich gib euch ein Rätzel auf: Wer glaubet ihr, ist wohl der,     Der in der Wiegen ein Cron hat auf! Antwort: Der Prinz. 4. Ein Schwein vor einer versperrten Thür stehend, bey welcher ein Bauer also sunge: Ich loß schon lang als wie ein Sau, Bis uns ein Printzen hat bracht unser Frau. 5. Ein Bauer dem andern einen Rosen Knopf (welcher neben einer schönen Rosen hervorgienge) zeigend. Beyschrift: Schau siehst dann nicht du tummer Esel! Ein kleines bey der großen RESEL. XXX. Kaiser Joseph und Da Ponte . Es erzählen uns die Denkwürdigkeiten des Italieners Da Ponte gar interessante Details. Lorenzo Da Ponte , 1749 zu Ceneda im Venetianischen geboren, kam mit einem Empfehlungsschreiben an Salieri nach Wien. Er hatte dichterisches Talent, und schrieb allerliebste Opertexte. Kaiser Joseph ernannte ihn zum Hofpoeten. Für Mozart schrieb Da Ponte »Figaro«, »Don Juan« \&c., ein Umstand, an den sich leider kein Mensch mehr erinnert, denn die Libretti sind in den Augen des Publicums eine Gattung Nichts, und in dessen Ohren nicht minder. Nach des Kaisers Tode erfuhr der vielverdiente Poet nur Zurücksetzung und Verfolgung. Er zog von Wien fort, und ging späterhin nach London, woselbst er Theaterunternehmer wurde, und nach allerley Mißgeschicken eine italienische Buchhandlung errichtete. Man kann sagen, daß Da Ponte es sey, der den Engländern Geschmack für die italienische Literatur beygebracht. Gegen tausend Unfälle kämpfend, verließ Da Ponte England, und siedelte sich in Newyork an, italienischen Unterricht und Waarenhandel treibend. Neun und achtzigjährig starb er daselbst im Jahre 1838. Seine Memoiren ließ er italienisch erscheinen; kein Mensch aber konnte sie zu Gesichte bekommen. Spät genug erhalten wir eine deutsche Übersetzung, deren erste Hälfte jedoch häßlich genug ist. – Lassen wir jetzt Da Ponte erzählen! Ich schickte mich an, ganz ernstlich an die beyden Dramen für meine lieben Freunde Mozart und Martini zu denken. Was den ersten anbelangt, sah ich leicht ein, daß sein unermeßliches Genie einen ausgebreiteten, vielseitigen, erhabenen Stoff erfordere. Als ich mich eines Tages mit ihm über diesen Gegenstand unterhielt, fragte er mich, ob ich nicht vielleicht ohne zu große Mühe die Comödie von Beaumarchais , betitelt: »Die Hochzeit des Figaro« in ein Drama umarbeiten könne. – Dieser Vorschlag gefiel mir sehr wohl, und ich versprach ihm, es zu thun, es war aber eine sehr große Schwierigkeit dabey zu überwinden. – Wenige Tage früher hatte der Kaiser der Gesellschaft des deutschen Theaters die Aufführung dieser Comödie untersagt, weil sie, wie er sagte, nicht ganz anständig für ein gut gesittetes Publicum sey: wie sollte ich ihm diese nun als Drama in Vorschlag bringen? Der Baron Wetzlar both mir ein sehr anständiges Honorar für den Text, um dann die Oper in London oder in Frankreich aufführen zu lassen, wenn sie in Wien nicht erlaubt werden sollte; aber ich schlug sein Anerbiethen aus, und machte den Vorschlag, wir wollen Text und Musik so schreiben, daß durchaus niemand eine Ahnung davon habe, und dann einen günstigen Augenblick ergreifen, um sie den Directoren oder dem Kaiser selbst anzubieten, und hatte selbst den Muth, mich zu der Ausführung dieses Projects anzutragen. Martini war der Einzige, dem ich das Geheimniß mitgetheilt hatte, und er war so gutmüthig, aus Achtung für Mozart , seine Zustimmung zu geben, daß ich sein Drama erst dann beginnen sollte, wenn die Bearbeitung des »Figaro« beendigt sey. – Ich machte mich also an das Unternehmen, wir arbeiteten Hand in Hand, so wie ich etwas vom Texte geschrieben hatte, setzte er es in Musik, und in sechs Wochen war Alles fertig. Das Glück begünstigte Mozart , das Theater hatte Mangel an neuen Partituren. Ich ergriff diese Gelegenheit, und ohne mit jemand darüber zu sprechen, both ich dem Kaiser selbst den »Figaro« an. »Wie?« sagte er, »Sie wissen doch, daß Mozart in der Instrumentalmusik ganz ausgezeichnet gut ist, er hat aber bis jetzt nur eine Oper geschrieben, und diese hatte keinen besondern Werth!« »Ich selbst,« erwiederte ich mit Unterwürfigkeit, »hätte ohne die gnädige Nachsicht Euerer kaiserlichen Majestät nur ein Drama in Wien geschrieben.« »Das ist wahr,« erwiederte er; »aber diese »Hochzeit des Figaro« habe ich auch der Gesellschaft des deutschen Theaters zu geben verbothen.« »Ich weiß es,« sagte ich, »aber da ich ein Drama für Musik, und nicht eine Comödie geschrieben habe, so mußte ich mehrere Scenen ganz weglassen und viele andere sehr abkürzen, und somit habe ich alles das weggelassen und abgekürzt, was gegen den Anstand und die Sittlichkeit ist, und was in einem Theater anstößig seyn könnte, in welchem die höchste Majestät selbst zugegen ist. Was aber die Musik anbelangt, so scheint sie mir, so weit ich sie zu beurtheilen vermag, von einer ganz außerordentlichen Schönheit.« » Gut, wenn sich die Sache so verhält, so verlasse ich mich, rücksichtlich der Musik auf Ihren guten Geschmack und auf Ihre Klugheit, in Beziehung auf die Schicklichkeit des Textes. Lassen Sie gleich die Partitur dem Copisten geben. « Ich lief eiligst zu Mozart, aber noch hatte ich nicht geendigt, ihm diese frohe Nachricht mitzutheilen, als ihm schon ein Lakay ein Billet überbrachte, welches den kaiserlichen Befehl enthielt, sich sogleich mit der Partitur in der Burg einzufinden. Er gehorchte sogleich dem kaiserlichen Befehle, und ließ ihn einige Stücke aus der Oper hören, die dem Kaiser außerordentlich gefielen, ich darf selbst ohne Übertreibung sagen, die ihn ganz in Erstaunen setzten. Er hatte in der Musik sowohl, als in allen schönen Künsten, einen auserlesenen, guten Geschmack. Die außerordentlich gute Aufnahme, welche diese Oper in der ganzen Welt fand, und selbst heutigen Tages noch findet, ist der genügendste Beweis, daß er sich in seinem Urtheile nicht betrogen hatte. Der Kaiser hatte den Damen von Wien ein prächtiges, schönes Fest in Schönbrunn gegeben, in dessen kleinen Theater der Director der Schauspiele eine kleine deutsche Comödie und ein italienisches Drama aufführen ließ, dessen Text auf seinen Rath von Casti geschrieben worden und das » Le parole donola Musica « (die Worte nach der Musik) betitelt war. Um sich zu überzeugen, daß es ein schlechtes Machwerk war, ohne Witz, ohne Charactere und ohne entsprechenden Inhalt, wird wohl genügen, zu wissen, daß es Niemand, als der Graf von Rosenberg , zu loben gewagt hat. Um des Erfolges sich desto mehr zu versichern, kamen sie überein, eine galante Satyre über den gegenwärtigen Theaterdichter einzuflechten, und man kann sich leicht denken, daß der Herr Casti mich darin nicht so artig behandelt hat, wie der Apelles den Antigonus! Wenn man aber die Art, wie ich mich kleidete, und wie ich meine Haare zu tragen pflegte, davon wegnimmt, so war das Übrige mehr eine Abbildung des Casti selbst, als die meinige. Er sprach unter andern Sachen von meinen Liebschaften mit den Sängerinnen des Theaters, das Schöne aber war, daß er selbst von den beyden Frauen, die in der Posse auftraten, der feurigste Anbeter und Beschützer war. Am Tage nach diesem Feste bekam der Graf, als er, als erster Kämmerer des Kaisers Joseph , demselben das Hemd darreichte, den Befehl, ihm ein Nahmensverzeichniß der Sänger und Schauspieler zu entwerfen, die aufgetreten waren, und, nach Maßgabe ihrer Verdienste, eine gewisse Anzahl von Ducaten für jeden beyzusetzen, welche sie als Beweis der höchsten Zufriedenheit von dem Regenten erhalten sollten. – Während der Kaiser sich ankleidete, schrieb der Graf die Liste, und überreichte sie ihm, als er damit fertig war. Der Kaiser durchlief sie mit einem Blicke, lächelte, und nachdem er die Feder ergriffen hatte, fügte er jeder der Zahlen des Grafen noch eine Nulle bey, so daß zehn: hundert, fünfzehn: hundertfünfzig wurden u. s. f. Indem er ihm die Liste zurückgab, fügte er bey: » Nicht der Graf von Rosenberg, sondern der Kaiser hat das Fest gegeben. « – Gleich, nachdem die erste Vorstellung »des Baumes der Diana« statt gehabt hatte, war ich genöthigt, nach Prag zu reisen, woselbst man zum ersten Mahle den » Don Juan « von Mozart , bey der Ankunft der Prinzessinn von Toscana in jener Stadt aufführen sollte. Ich verweilte daselbst acht Tage, um die Schauspieler, die darin auftreten sollten, einzuleiten; aber bevor diese Oper noch über die Bretter ging, war ich genöthiget, nach Wien zurückzukehren, auf ein äußerst dringendes Schreiben von Salieri , in welchem er mir – ob wahr oder nicht, lasse ich dahingestellt – anzeigte, daß der »Azor« auf kaiserlichen Befehl unverzüglich zur Vermählung des Erzherzogs Franz gegeben werden solle, und der Kaiser selbst ihn beauftragt habe, mich zurückzuberufen. – Ich hatte also die Vorstellung des »Don Juan« in Prag nicht gesehen, aber Mozart gab mir sogleich Nachricht von der außerordentlich guten Aufnahme, und Guardassoni schrieb mir darüber: Es lebe Da Ponte, es lebe Mozart! Alle Theaterunternehmer, alle Virtuosen müssen Sie segnen; so lange Sie leben, wird man nichts mehr von theatralischen Erbärmlichkeiten hören. Der Kaiser ließ mich rufen, und indem er mich in den schmeichelhaftesten Ausdrücken mit Lob überhäufte, machte er mir ein Geschenk von andern hundert Zechinen, und sagte mir, daß er sehr wünsche, bald den »Don Juan« zu sehen. Mozart kam zurück, gab die Partitur augenblicklich dem Copisten, der sich sehr beeilte, die Stimmen herauszuziehen, weil der Kaiser Joseph verreisen mußte. Er kam zur Vorstellung, und soll ich es sagen? . . . Der »Don Juan« gefiel nicht! Alle – Mozart ausgenommen, – glaubten, es fehle etwas daran. Man machte Zusätze, man veränderte ganze Arien, man brachte ihn neuerdings in die Scene – und der »Don Juan gefiel nicht! Und was sagte der Kaiser davon? » Die Oper ist köstlich, ist göttlich, vielleicht selbst besser noch, als der »Figaro,« aber sie ist keine Speise für die Zähne meiner Wiener. « Ich erzählte Mozart diesen Ausspruch, der mir, ohne unruhig zu werden, erwiederte: » Man soll ihnen nur Zeit lassen, sie zu kauen. « Er betrog sich auch nicht. Auf seinen Rath veranstaltete ich, daß diese Oper häufig wiederholt wurde: mit jeder erneuerten Vorstellung nahm der Beyfall zu, und auch die Herrn Wiener, mit den schlechten Zähnen, fanden nach und nach Geschmack daran und erkannten ihre Schönheit, und räumten dem » Don Juan « den ihm gebührenden Rang unter den schönsten Opern ein, die je auf einem Operntheater aufgeführt worden sind. Es war um diese Zeit, wenn ich nicht irre, daß die Coltellini , eine berühmte Schauspielerinn, aber schwache Sängerinn, zum zweyten Mahle nach Wien kam. Sie war die begünstigte Syrene des Sig. Casti , und folglich auch die des Grafen von Rosenberg , vom Kaiser selbst war sie wohl gelitten. Ich lasse es dahingestellt seyn, ob sie von Salieri , der größtentheils das kaiserliche Operntheater dirigirte, wirklich gedrückt und verfolgt wurde, oder ob sie es nur sich vorstellte, kurz, sie schrieb an den Kaiser einen so über alle Maßen lebhaften, selbst unverschämten Brief, daß er sogleich den bestimmten Befehl gab, die Gesellschaft der italienischen Oper aufzulösen, und zu verabschieden. Thorwart , Vice-Theaterdirector, und geschworner Feind der Italiener, kam mit größter Freude in die Opernprobe, und las ein, aus dem Lager vom Kaiser, an den Director Grafen von Rosenberg erlassenes Schreiben, mit dem ausdrücklichen Befehle, jedem von uns zu sagen, daß er gesonnen sey, am Ende der Saison das italienische Theater schließen zu lassen. Diese Neuigkeit betrübte die ganze Stadt, das ganze Gesangpersonale, und wenigstens hundert andere Personen, als: Musiker, Lampenzünder, Figuranten, Comparsen, Schneider, Maler, Billetabnehmer. Diener u. s. w., die aus dieser Anstalt ihren und ihrer Familie Lebensunterhalt bezogen. Es ging mir der kühne, gewagte Gedanke durch den Kopf, den Kaiser von seinem Entschlusse abzubringen, und irgend ein Mittel aufzufinden, daß die ganze Oper, unabhängig vom Hofe, beybehalten werden könne. Ich machte allen Damen meine Aufwartung, welche besonders unser Theater liebten, und nachdem ich einen ganz einfachen, aber überzeugend anschaulichen Plan entworfen hatte, nach welchem allerwenigstens ein Drittheil der jährlichen Kosten erspart werden mußte, ohne jedoch den Lieblingsvirtuosen den mindesten Abbruch zu thun, brachte ich in Vorschlag, eine Subscription für hunderttausend Gulden zu unternehmen, um ein Capital für den Betrieb des Theaters zu haben, und dasselbe in der kaiserlichen Bank, ohne Vergütung von Interessen, niederzulegen. Nachdem nun mit dieser Summe und mit der Einnahme von Eintrittsgeldern alle Kosten bestritten waren, legte ich klar den Beweis dar, daß ein jährlicher Gewinn von fünfundzwanzigtausend Gulden übrig bleiben müsse. In weniger als acht Tagen hatte ich auch vollständig die Unterschriften für hunderttausend Gulden. – Herr Baron von Gondar (Gontard), einer der reichsten und angesehensten Herrn von Wien, sollte die subscribirten Gelder in Empfang nehmen, und Theater-Director, ich aber Unterdirector werden. Indessen kam der Kaiser nach Wien zurück, und ich verfügte mich unverzüglich zu ihm. Kaum hatte er mich erblickt, so nahm er mich in sein Cabinet und fragte mich, wie es mit dem Theater gehe. Euere Majestät, mit dem Theater kann es wohl nicht schlechter gehen. Der Kaiser: Aber warum? Da Ponte: Weil wir alle beklagenswerth und in Verzweiflung sind, im September unsern anbethungswürdigen Herrn zu verlieren und verlassen zu müssen; indem ich dieß sagte, perlten mir einige Thränen in den Augen, die er bemerkte, und mit einer Güte, die sich nicht mit Worten beschreiben läßt, mir sagte: nein, Sie werden ihn nicht verlieren. Da Ponte: Aber wenn das Theater nicht mehr besteht, wie viele Personen, wie viele Familien werden ihren Lebensunterhalt verlieren, und zu Grunde gehen? Der Kaiser: Aber ich darf mir nicht erlauben, große Summen auszugeben, um mich und andere zu unterhalten, und besonders in gegenwärtiger Zeit, wo ich meiner Gelder für so viele wichtigere Gegenstände bedarf. Wissen Sie wohl, daß das italienische Theater mich jährlich über zehntausend Gulden kostet? Ich kann nicht den Einen das Geld nehmen, um es Andern zu geben. Und dann . . . . und dann . . . . unsere liebe Coltellini! – Während er dieß sagte, zog ich vorsichtig einen großen, vielfach zusammengelegten Bogen Papier, Imperialfolio Format, aus meiner Tasche, ließ ihn künstlich, halb versteckt demselben sehen, damit er mich fragen sollte, was er enthalte. – Meine Absicht war gleich erreicht; er fragte mich sogleich, und ich erwiederte ihm, es wäre eine kurze Bittschrift. Der Kaiser: Kurz? Da Ponte: Sehr kurz. Der Kaiser: Auf einem Bogen Imperialfolio-Papier? Er entfaltete das Papier mit einer ziemlich ernsthaften Miene, und auf dem ganzen großen Raume waren nur diese zwey Verse von Casti: Proposizioni ognuno farle può Il punto sta nell' acretarle o no. (Wenn ich nach meinem Sinn den besten Vorschlag mache: ob er genehmigt wird – ist eine andre Sache.) Er konnte sich des Lachens nicht enthalten, und fragte mich, welche Vorschläge ich zu machen habe. Euere Majestät, erwiederte ich, ich bitte nur um die gnädigste Erlaubniß, das Theater benützen zu dürfen, so werde ich Euer Majestät und ganz Wien, mit der nähmlichen Gesellschaft wöchentlich dreymal dieselben Vorstellungen geben. Der Kaiser: Sie, sind Sie also so reich? Da Ponte: Nein Ew. Majestät. Aber hier ist das, was ich gemacht habe, seit uns die traurige Nachricht unserer Verabschiedung zugekommen ist. – Ich nahm nun aus meiner Tasche zwey andere Bogen Papier; auf einem derselben standen die verschiedenen Namen der Damen und Herrn, von denen jede und jeder sich unterzeichnet hatte, fünfhundert Gulden für eine Loge im ersten, zweyten und dritten Range zu bezahlen, und eine gewisse Summe für eine bestimmte Anzahl Eintrittskarten überhaupt, nach den Gebräuchen von London. Der andere enthielt eine genaue Berechnung der übrigen Einnahmen und der Kosten, die ich aus den Büchern des Theaters entnommen hatte. Er durchlief Alles schnell und sagte: »Wohlan, gehen Sie zu Rosenberg , und sagen Sie ihm, daß ich Ihnen das Theater überlasse.« Rosenberg empfing mich mit vieler Freude, als aber Thorwart dazukam, so wollte er unter verschiedenen Einreden Alles wieder verderben: »Ew. Excellenz, wir haben weder eine reiche Bühneneinrichtung, noch eine reiche Garderobe. Es würde dadurch ein immerwährender Streit zwischen den italienischen Sängern und den deutschen Schauspielern statthaben, man kann nicht alle Tage die Einrichtungen der Scenen ohne die größten Beschwerden hin und hertragen lassen. Ew. Excellenz, es kann nicht seyn.« Auch der Graf stimmte ihm nun bey, und sagte: »Nein, es kann nicht seyn, es kann nicht seyn.« – Ich verabschiedete mich sogleich, und so wie ich das Haus verlassen hatte, begab ich mich eiligst in die kaiserliche Burg – traf den Kaiser allein, und ohne abzuwarten, daß er zuerst mich anrede, sagte ich ganz schnaubend und außer Athem: »Eure Majestät, Thorwart sagt, es kann nicht seyn, und der Graf Rosenberg wiederholt es als Echo.« »Geben Sie mir Ihren Plan,« sagte der Kaiser alsdann. Ich überreichte ihm denselben, und er schrieb sogleich darunter: » Graf, sagen Sie Thorwart, daß es seyn kann, und daß ich das Theater für meine eigene Rechnung behalte, nach dem von Da Ponte entworfenen Plane, welchem Sie übrigens seinen Gehalt verdoppeln werden. « Joseph. XXXI. Josephs Ansicht von der Preßfreyheit. Hier seine Worte: 1. Es kann nicht mehr als eine Büchercensur in den deutschen und ungarischen Erblanden seyn. 2. Die Frage, ob man mehr irre gehe, wenn sich Bücher einschleichen, die zu verbiethen wären, als wenn man mit äußerster Strenge viel gute zurückweiset, unangenehme Zwangsmittel anwendet, ja einen wesentlichen Handelszweig sich selbst sperrt? wird dahin entschieden, daß man gegen alles, was ungereimte Zoten enthält, und woraus die Gelehrsamkeit keine Aufklärung ziehen kann, strenge, gegen alles übrige aber, wo Gelehrsamkeit, Kenntnisse und ordentliche Sätze sich befinden, um so mehr nachsichtig seyn soll, als erstere Classe, ohnedem nur von dem großen Haufen und schwachen Seelen gelesen wird, letztere aber nur schon bereiteten Gemüthern und keimenden Köpfen unter die Hände kömmt. Bücher, die systematisch die katholische und öfters gar die christliche Religion angreifen, oder lächerlich machen wollen, werden auf keine Art geduldet. Protestantische und überhaupt solche Schriften, welche zur Ausübung der im Lande bestehenden Religion üblich sind, können nicht verboten werden, doch ist darauf zu sehen, daß dergleichen protestantische Bücher welche ihrem Inhalte nach, selbst dem gemeinen Manne zum Unterricht bestimmt sind, in den Provinzen wo diese Religion nicht geduldet ist, nur gegen Zettel der dort sich aufhaltenden Glaubensgenossen vom Civil- und Militärstand gestattet werden, dort aber, wo die Mischung der beyden Religionen wirklich statt hat, als in Ungarn, Schlesien u. s. f. mit nöthigen Vorsichten gegen die Verschleifungen der Gebrauch frey gelassen würde. 3. Critiken, wenn es keine Schmähschriften sind, sie mögen den Landesfürsten, oder den Untersten betreffen, sind nicht zu verbiethen, der Verfasser mag seinen Nahmen beysetzen oder nicht, jedoch um desto weniger, wenn er denselben beyzusetzen für gut findet, und sich also für die Wahrheit verbürgt. – Jedem Wahrheitsliebenden muß es eine Freude seyn, wenn ihm solche auf die Art zukömmt: »Sind diese Critiken schlecht (sagt der Monarch) so werden sie von selbst fallen; sind sie gut, so werden wir alle daraus lernen.« 4. Ganze Werke, periodische Schriften sind wegen einzelner Stellen nicht zu verbiethen, wenn nur das Werk sonst von Nutzbarkeit ist. Wenn jedoch eine solche periodische Schrift, auch als einfache Broschure betrachtet, wirklich unter die verbothene Classe zu setzen wäre, so ist sie blos den Abonnenten zu verabfolgen, und auch diesen zu verweigern, wenn sie Religion, Sitten, den Staat oder den Landesfürsten geradezu gar zu anstößig behandelt. 5. Das juridische, medicinische, wie das militärische Fach, ist gar nicht zur Censur geeignet, und sind die daraus vorkommenden Bücher, wie nicht weniger alle, blos Wissenschaften und freye Künste zum Gegenstand habende und mit Religion und Sitten nicht in Verbindung stehende Werke ununtersucht zu passiren, ausgenommen, wenn welche unter einem zwar einfachen Titel, weltkündig gefährliche und unleidliche Sätze enthalten, so wie die Broschuren der Marktschreyer, Quacksalber und Alchymisten. Deßgleichen bleiben auch der Censur unterworfen, die das geistliche Recht und deutsche Staatsrecht behandeln, auch alle, welche unter dem Titel vermischte Sammlungen herauskommen. 6. Was in's Staatswesen einschlägt, darüber müßte, wenn von fremden Höfen ärgerliche Sätze oder Schriften erscheinen, die Entscheidung der Staatskanzley, an welche solche einzusenden wären, abverlangt und erwartet werden. (Dieses über die aus der Fremde einzubringende Bücher. Nun von dem, was eigentlich unter der Censur-Aufsicht und Gewalt seyn solle.) 7. Der Gebrauch, jedem Reisenden, so wie jedem nur von seinem Gute nach den Städten kommenden Innländer alle Truhen und Bettsäcke zu durchsuchen und entweder ein verbothenes Buch zum Verbrechen oder ein noch unbekanntes zum censuriren zu finden, und jedem also sein Eigenthum, bis es gelesen und darüber resolvirt worden, Wochen und Monate vorzuenthalten, oder auch ihn zu nöthigen, daß er solches zurückschicke, scheint weder räthlich noch billig. Es stehen auch künftig jedem Particulier seine Bücher frey, ausgenommen, er habe von einem Buche mehrere Exemplare, oder sey durch geheime Kundschaften, als ein mit Buchmäklern verstandener Einschlepper entdeckt, in welchem Falle er wie ein wirklicher Mauthübertreter genau visitirt und nach Umständen auch noch stärker bestraft werden soll. Die Censur wird sich also: 8. Lediglich an die zum öffentlichen Verkauf gewidmeten Bücher, die sowohl bey Buchführern, als in öffentlichen Versteigerungen erscheinen, halten; die Polizey aber 9. auf die heimlichen Buchmäkler mit den Buchführern einverstanden, auf das schärfste wachsam bezeigen. 10. Nach diesen Sätzen wäre der Catalogus prohibitorum nochmahls durchzugehen, um zu bestimmen, was noch verbothen bleibe, oder künftig zum Verkauf gestattet werden könne, wobey sich's gleich entscheidet, daß alle Bücher, die dermahlen nur durch Schein erlaubt sind, als blos gelehrte Schriften künftig ganz frey gelassen; wie denn die Distinctionen erga schedam und continuantibus nicht mehr statt haben außer in dem Falle, wo wirklich religions- und staatswidrige verbothene Bücher gewissen Gelehrten und denen Bibliotheken erga schedam abgegeben werden. 11. Die Censur wird also vieler bisherigen Arbeit entladen, und können sonach auch die Buchführer in den Provinzen von neuen Werken Exemplare leichter nach Wien senden. Den Manuscripten das Imprimatur vorzusetzen, könnten die Landesstellen in den Provinzen bevollmächtigt werden. Was aber erheblichere, in Gelehrsamkeit und Religion wesentlichen Einfluß habende, neue Werke der innerlichen Buchdruckereyen betrifft, müßten solche, bevor sie das Imprimatur erhielten, der Censur zur Genehmigung eingebracht werden, doch daß sie von einem der Materie gewachsenem Gelehrten ihrer Provinzen mit einem Attestat begleitet werden. Anschlagzettel, Zeitungen, Gebete u. d. gl. werden von den Landesstellen einem ihrer Glieder zur kurzen Untersuchung und Genehmigung übergeben. Was aber Comödien betrifft, so werden, da selbige so sehr Einfluß auf die Sitten haben, in den regulären Theatern der Provinzen keine aufgeführt, als welche zu Wien zu spielen gestattet worden sind. 12. Hieraus folget, daß die sämmtlichen gegenwärtigen Censurcommissionen als gänzlich aufgehoben angesehen werden müssen, und dafür zu Wien eine ganz neue von benannten Subjecten zusammengesetzte, und nach einer, vorstehenden Puncten angemessenen zu verfahrenden Instruction operirende Commission eintrete; die übrigen sowohl zu Wien als anderwärts unangestellt bleibende Individua treten in ihren Ämtern zurück, und so wie diese, der Censurarbeit überhoben sind, so behält auch der Staat die für dieselben ausgelegten Ausgaben, Zulagen und Besoldungen. XXXII. Die beyden Frauen Josephs. Seine erste Gemahlinn liebte er, liebte er innig, ja leidenschaftlich, ohne jedoch Gegenneigung zu finden; seine zweyte liebte ihn mit Innigkeit, ja mit Leidenschaft, ohne daß ihr Erwiederung ward: und diese verhängnißvollen Contraste mußten begreiflicher Weise beytragen, den edlen Character dieses Fürsten gar oft durch Bitterkeit und Schärfe zu verdunkeln. Mit Maria Isabella von Bourbon, Tochter des Herzogs Philipp von Parma vermählte sich Joseph 1760. Fürst Wenzel Liechtenstein führte sie aus ihrer Heimath nach Wien; feyerlich angetraut wurde sie den 6. October desselben Jahres. Joseph war entzückt, denn nicht nur äußere Schönheit und Anmuth: auch Verstand, Geist und Talente zeichneten sie aus. Mehr als einmahl äußerte er, es schmerze ihn, ihr nur ein Herz biethen zu können. Vom ganzen Hofe wurde sie angebethet; insonderheit besaß sie die Bewunderung und Liebe ihrer Schwiegermutter. Maria Theresia pflegte zu sagen: »Es gibt im Verlaufe des Tages nicht einen Augenblick, in welchem ich nicht veranlaßt wäre, sie zu bewundern.« Daß Isabella großen Einfluß auf ihren Gemahl ausübte, ist sehr erklärbar; sie wußte seinen oft so feurigen Ungestüm zu mäßigen, und durch Bildung und Kenntnisse war sie auch nicht selten eine glückliche Rathgeberinn in Geschäften. Indeß, eine gewisse Schwermuth zehrte an ihr; Todesahnungen erfüllten ihr Gemüth; unendlich litt dabey ihr Gemahl. Maria Theresia zitterte für Beyde. Sie sagte eines Tages zu Carracioli: »Ich liebe sie zu sehr, um sie nicht verlieren zu müssen; sie wird ein Opfer seyn, das der Himmel von mir verlangt.« Und leider erfüllte sich ihre Prophezeyung; Isabella starb nach einer kaum dreyjährigen Ehe am 27. November 1763. Joseph war in der That untröstlich; viele Jahre trug er ihr Porträt bey sich, und küßte es häufig in Wehmuth und Rührung. Das heißgeliebte Weib hatte ihm zwey Töchter geboren. Die erste, Maria Theresia ward den 20. März 1762 geboren, lebte nur 8 Jahre und starb am 23. Jänner 1770; die zweyte, Christine, geboren den 22. November 1763, eine Frühgeburt, erlosch sogleich wieder. – 1765 vermählte sich Joseph mit Maria Josepha von Bayern, Tochter des Churfürsten Carl (Kaiser Carls VII.). An und für sich rein staatspolitisch, war diese Ehe auch mehr oder weniger durch die Persönlichkeit der Braut für Joseph beynahe unleidlich. »Maria Josepha« sagt Coxe in seiner Geschichte des Hauses Österreich »der es an Geist und Anmuth fehlte, konnte sich nie der Liebe ihres Gemahls erfreuen, und er behandelte sie sehr kalt. Ein Ausbruch von Scharbock, woran sie litt, verwandelte die Gleichgültigkeit in Widerwillen. Joseph, der denselben gar nicht bergen konnte, verglich immer seine erste und zweyte Gemahlinn. Die unglückliche Fürstinn, welche ihn brünstig liebte, kümmerte sich tief über seine Verachtung. Da sie von Natur aus etwas zaghaft war, und gar wohl fühlte, wie tief sie unter ihm stehe, so erbleichte und bebte sie, so oft sie vor ihrem Gemahl erschien.« Nach einer kaum zweyjährigen unsäglich peinlichen kinderlosen Ehe, starb Maria Josepha den 28. May 1767. Tiefere Einblicke indeß in die Verhältnisse dieser beyden Ehen gewähren einige Stellen in den » Denkwürdigkeiten « der Frau Caroline Pichler Wir halten es, und im Interesse der Lesewelt und Geschichtsfreunde, besonders der vaterländischen für eine Art von Verpflichtung, auf diese Memoiren aus dem Leben der ehrenwerthen und beliebten Schriftstellerinn ganz eigens aufmerksam zu machen, da es scheint, daß dieses schätzbare Werk (4 Bände, Wien, Verlag von A. Pichler's sel. Witwe) nicht so bekannt und verbreitet ist, als es dieß zu seyn verdiente. Es enthält allerdings manches Unerhebliche und Gleichgültigere; allein dafür wird man durch so viele interessante, zum Theil ganz neue Details reichlich entschädigt, einen so wichtigen Zeitabschnitt von 1769 an betreffend. Das Werk ist natürlich zugleich ein Spiegel, und ein treuer Spiegel der so merkwürdigen Individualität der Verfasserinn, ohne Schminke, ehrlich und wahr. , erster Band (Wien 1844) Seite 136–142. Diese Stellen sind folgende: Es sey mir erlaubt, einige Züge, einzelne Striche zu dem Bilde des großen Verewigten, das in seiner vollen Herrlichkeit nun vor den Augen der Nachwelt steht, hier einzuschalten, welche, wie mich dünkt, manche Eigenthümlichkeit seiner Sinnes- und Handlungsart erklären, und die ich theils den Erzählungen meiner Mutter, theils Mittheilungen von Personen danke, die wohlunterrichtet seyn konnten, weil ihre Geburt und Stellung in der Welt sie dem Hofe nahe brachten. Kaiser Joseph war ein äußerst schönes, herrliches, geistvolles Kind, mit ausgezeichneten Anlagen und einer sehr starken Willenskraft. Diese Willenskraft wurde gefürchtet, man wollte sie bändigen, man wollte den eigensinnigen Knaben, wie man sich ausdrückte, den Kopf brechen. Das wäre auf jeden Fall ein mißliches Unternehmen gewesen, auch wenn Ältern und Erzieher alle nöthige Kraft, Einsicht und Muße besessen hätten, um dieß Experiment zu leiten. Aber Maria Theresia war Regentinn großer Staaten, und konnte, so wichtig ihr ihre Mutterpflicht war, sich dieser doch nicht widmen. Ihr Gemahl war von allen Geschäften entfernt. Wohl wählte sie die Männer, deren Leitung sie den Prinzen, den künftigen Erben ihrer Krone übergeben wollte, mit Rücksicht und Sorgfalt; dennoch fielen diese Wahlen unglücklich aus, und der Prinz, mit seinem überwiegenden Geiste, mit seinem vorstrebenden Genius sah sich von Männern umgeben, und was schlimmer war, solchen untergeben, die er weit und leicht übersah. Seine Ansichten, seine Entschlüsse waren immer die bessern, klügern, passenderen gewesen, und er wurde gezwungen, sie fahren zu lassen, um sich beschränkten unstatthaften Meinungen zu fügen, die ihm noch dazu mit einer kränkenden Superiorität aufgedrungen wurden. Das war's, was man hieß: ihm den Kopf brechen, und was vielleicht den Keim jenes Starrsinns in ihm entwickelte, und mächtig nährte, der ihn später zu manchem falschen Schritt verleitete. Kaiser Joseph hatte mehrere Brüder, wovon einige ihn überlebten. In früherer Jugend stand ihm der Zweytgeborne, der Sohn des Kaisers, während Joseph nur der Sohn des Großherzogs war, am nächsten. Dieser Erzherzog, Carl genannt, scheint in vieler Rücksicht in einer Art von Opposition mit dem ältern Bruder gestanden zu haben. Schon der Vorzug der Purpurgeburt – so zufällig, so unbedeutend er bey dem entschiedenen Rechte des Erstgeborenen seyn mußte, war eine Art von Zankapfel zwischen den Knaben, von denen der ältere das Übergewicht durch Verstand und Geisteskraft, so wie der jüngere durch Gemüth und Liebenswürdigkeit behauptete. Immer aber ist solch ein Antagonismus von schädlichem Einfluß auf die Herzen der Geschwister, und es war vielleicht ein Glück, daß ein frühzeitiger Tod im beginnenden Jünglingsalter den gefährlichen Nebenbuhler Carl hinraffte und so diesen Zwist lösete. Aber in Josephs Seele keimte nach und nach etwas Bitteres, Scharfes, Schneidendes empor, das einen verdunkelnden Schatten auf seine großen Eigenschaften warf. Das Unglück seiner beyden Ehen mochte ebenfalls vieles dazu beygetragen haben. Man hatte die Prinzessinn von Parma, Isabella, für ihn gewählt. Diese Prinzessinn hatte sich früher dem Kloster bestimmt, und eine Anecdote, welche ich von ihr erzählen hörte, läßt helle Blicke in die Tiefe ihres kräftigen und eigenthümlichen Gemüthes werfen. Ihr war eine geliebte Person – wenn ich nicht irre – ihre Mutter gestorben. Ganz in den tiefsten Schmerz aufgelöst, kniete sie am Sarge und flehte zu Gott, sie bald mit der Vorangegangenen zu vereinigen. Da war es ihr, als spräche Jemand die Zahl Drey aus. Ihre hocherhobene Seele ergriff mit Begierde diesen wie sie glaubte prophetischen Ausspruch, und in drey Tagen hoffte sie die Erfüllung ihres sehnlichen Wunsches. – Aber es vergingen drey Tage, drey Wochen, drey Monathe, und der erwartete Friedensbothe, der die der Welt Überdrüßige abrufen sollte, erschien nicht. Wohl aber erschienen bald darauf die Bothen des österreichischen Hofes, welche die Hand der Prinzessinn für den Erben so vieler Kronen, für einen der schönsten, geistvollsten und versprechendsten Prinzen forderten. Nur ungern, nur aus Zwang entsagte die Prinzessinn ihrem Wunsche, ihr Leben in Einsamkeit und Trauer hinzubringen, und ward des römischen Königs (denn das war Joseph damahls schon) Frau. Er umfaßte die nicht schöne, aber höchst liebenswürdige und anziehende Braut mit aller leidenschaftlichen Glut eines starken Gemüthes. Er liebte sie heftig, innig, zärtlich, und obwohl sie diese Gefühle zu erwiedern sich außer Stand fühlte, so mußte sie doch von ihrem richtigen Verstand und einem geläuterten Gefühle geleitet, sehr wohl verstanden haben, selbst den Forderungen seines liebenden Herzens zu entsprechen; denn so lange sie lebte, glaubte er sich von ihr geliebt. Eine Prinzessinn ward bald darauf zum neuen beglückenden Bande zwischen den jungen Eheleuten; doch dies Glück sollte nicht von Dauer seyn. Ehe drey Jahre nach jenem verhängnißvollen Ereigniß am Sarge der Verewigten dahingegangen waren, starb Isabella von Parma an bösartigen Blattern im Arme ihres verzweifelnden Gemahls. Während ihres kurzen Lebens an seiner Seite hatte sie ihr Herz, vor allen Andern, einer seiner Schwestern, der wunderschönen Erzherzoginn Christina, nachmahligen Gouvernantinn der Niederlande, zugeneigt. Mit dieser hatte die Verstorbene einen Freundschaftsbund errichtet und häufige Briefe gewechselt, in welchen sie ihr Herz und den wahren Stand ihrer Empfindungen treu darstellte. Als nun Christina ihren geliebten Bruder so der Verzweiflung zum Raub sah, sie, die doch wußte, daß er um ein Gut trauerte, was er im Grunde nie besessen, um Isabella's Liebe – glaubte sie sich aus Mitgefühl und Rechtlichkeit verpflichtet, dem Getäuschten die Wahrheit zu eröffnen, und so seinen allzu heftigen Schmerz zu mäßigen. – Sie zeigte ihm die Briefe der Verstorbenen. – Es war ein Mißgriff, ein unseliger Einfall! und er verfehlte seine Wirkung nicht. Joseph sah sein blutendes, hingebendes Herz verschmäht – getäuscht; seine hohe Meinung von der Verstorbenen zernichtet. – Wohl mögen seine Thränen um die Verlorne versiegt seyn, aber Erbitterung, Verachtung gegen das ganze weibliche Geschlecht setzten sich in seiner Brust fest, von denen sein besserer Sinn nur Wenige ausnahm, indeß er die Übrigen als bloße Puppen oder Gegenstände der Sinnlichkeit betrachtete. – Dennoch besuchte er in spätern Jahren gern einige ältere Damen, eine Fürstinn Liechtenstein, eine Kaunitz und Andere und unterhielt sich gern mit ihnen, die verständige, gebildete Matronen waren. Seine zweyte Vermählung war nicht geeignet, diese Vorstellungen zu berichtigen. Schon vor der Bewerbung hatte er sich schroff und kalt über die Nothwendigkeit seiner Wiederverheirathung, und die traurige Wahl zwischen mehreren gleich unliebenswürdigen Competentinnen um seine Hand ausgesprochen, aus welchen er doch seine künftige Lebensgefährtinn wählen müsse. Eine Prinzessinn von Bayern traf dieses unglückliche Loos. Von der Natur höchst stiefmütterlich behandelt, ohne Anmuth, ohne Takt, um den Character ihres Gemahls aufzufassen und sich in ihn zu schicken, dienten selbst ihre guten Eigenschaften, ihre Sanftmuth, Herzensgüte und Liebe zu ihm nur dazu, ihn noch mehr von ihr zu entfernen. Beschämend war die grelle Entfernung, in der er sich von ihr hielt, so daß er unter Anderm auf dem Balcon, der vor ihrem gemeinsamen Appartement war, ein Separatim machen ließ, damit sie ihm dort nicht begegnen könne und er lieber vor aller Welt Augen beym Fenster hinaus stieg, um nur nicht durch den gemeinschaftlichen Salon gehen zu müssen, in welchem sich die Thüre zum Balcon befand. Auch dieses Band, welches ganz kinderlos blieb, löste endlich der Tod, auch die unglückliche Maria Josepha von Bayern befreyte dieser unausbleibliche Freund aus ihrer schweren Lage, und gab dem ungeduldigen Gemahle seine Freyheit wieder. Aber die Art, wie diese Prinzessinn von ihm behandelt worden, hatte den alten Nationalunwillen zwischen Bayern und Osterreich nicht gemindert und gar viele ihres Volkes behaupteten noch lange nach ihrem Tode, sie sey nicht gestorben, nur verstoßen und lebe unbekannt in einem Kloster in Bayern, wo sogar Einige sie gesehen haben wollten. XXXIII. Drey Briefe Josephs, welche in den vorhandenen Sammlungen seiner Briefe nicht enthalten sind. 1. An den k. k. General Feldzeugmeister Graf v. Wiedt; de dato Prag den 21. September 1774. Lieber Feldzeugmeister Graf von Wiedt – Sie werden in meinem Namen der hier angestellten Generalität und denen Regimentern zu erkennen geben: daß ich für diesesmal die zwar wichtig fürgegangenen Fehler in denen großen Manövers wegen denen mehreren Behindernissen und weniger Übung bey Ihrer Majestät der Kaiserinn bestmöglichst zu entschuldigen trachten werde, in der Hoffnung, daß eine stets mehrere Verwendung, Lesung, Nachsinnung und Übung des Augenmasses auf das Jahr ganz andere Früchte mit sich bringen werde. Was aber ohnentschuldlich ist, das sind die unterschiedliche Neuerungen und Neuigkeiten, die sowohl die Regiments-Kommandanten oder die Brigadiers bei ihren Brigaden eingeführt, oder haben einschleichen lassen. Diese erstrecken sich vom Kopfe bis zu denen Füssen bei dem Manne; sie durchgehen alle Theile des Exercitii-, des Dienst Regulaments, der Lager Verhältnisse, der Kirchen-Paraden, der Gesänge, u. s. w. Dieses werden Sie ihnen allen vorenthalten und bedeuten: daß der ernstliche Wille Ihrer Majestät der Kaiserinn seye: die mit Wohlbedacht eingeführte Dienst- und Exercier-Regulaments in allen Theilen beyzubehalten und genau beobachten zu machen. Wannenhero eine ganze Armee in diesen Stücken nur wie eine Compagnie so gleichförmig seyn muß, damit in selber von einem zum andern in nichts ein Unterschied ist. Ich werde zukünftige Lagers genauestens hierauf Obacht haben, und werden sich alsdann alle vor weitere Unannehmlichkeiten durch fleißige Lesung und genaue Beobachtung der Dienst- und Exercitien-Regulaments so wie derer herausgegebenen Lager-Remarquen und Nachtrags-Punkten zu hüten haben. – Da der gemeine Mann bei einigen Regimentern schon ziemlich ausgearbeitet ist, so ist nicht durch Plagung desselben die Verbesserung derer Regimenter zu suchen, sondern in genauer Unterrichtung der Offiziers, Verwendung der Stabsoffiziers und allseitiger Application und Attention in der Führung ihrer Truppen und Abtheilungen, im Augenmaaß und Alignement der Offiziers zu finden. Die recht zur Säuerey gediehene übertriebene Frisur, welche den Mann sowohl seiner nothwendigen Ruhe, als seines Eigenthumes öfters beraubet, wäre hinführo vorschriftsmäßig in so weit zu mäßigen, daß alles gepappte und die Farbe derer Haare gänzlich benehmende hinweggelassen und der Mann nur zum Wachsthum derer Haare eingeschmiert und zur Sauberkeit durchgepudert werde. Joseph. Correg. 2. Im Gefühle der Dankbarkeit, Anhänglichkeit und Freundschaft dictirte Joseph Tags vor seinem Hinscheiden folgenden so erhabenen als rührenden, sein edles Gemüth so sehr bezeichnenden Brief an Lascy: Mein lieber Feldmarschall Lascy! Meine zitternde Hand allein macht es mir unmöglich, diese wenigen Zeilen mit eigener Hand zu schreiben; daher muß ich mich einer fremden bedienen, weil ich den Augenblick mit schnellen Schritten herannahen sehe, der uns auf immer trennen soll. Ich würde sehr undankbar seyn, wenn ich diese Welt verließe, ohne Ihnen mein theurer Freund, die Gesinnungen von Erkenntlichkeit an Tag zu legen, die ich Ihnen in so verschiedenen Rücksichten schuldig bin, und das Vergnügen hatte, im Angesichte der ganzen Erde geltend zu machen. Ja! wenn ich in der Welt etwas geworden bin, so danke ich es Ihnen, denn Sie waren es, der mich gebildet, der mich aufgeklärt hat, und der mich die Menschen kennen lehrte, und überdieß verdankt auch die ganze Armee Ihnen ihre Bildung, ihren Ruhm und ihr Ansehen. Die Sicherheit Ihrer Rathschläge in allen Angelegenheiten, die persönliche Anhänglichkeit für mich, die kein großes oder kleines Ereigniß jemahls erschüttert hat, alles dieß, mein lieber Feldmarschall, macht, daß ich außer Stande bin, Ihnen meinen Dank hinlänglich bezeigen zu können. Ich sah Ihre Thränen um mich fließen; Thränen eines großen Mannes und eines Weisen sind die schönste Apologie. Empfangen Sie dafür, indem ich Sie zärtlich umarme, mein Lebewohl. Das Einzige, was ich in der Welt zu verlassen bedauere, ist die kleine Anzahl von Freunden, unter denen Sie gewiß der erste sind. Erinnern Sie sich meiner, Ihres aufrichtigsten Freundes und zugethanenen Joseph. 3. An Carl Theodor von Dalberg, nachmahligen Großherzog \&c. Ich habe, mein lieber Baron, mit vielem Vergnügen Ihr Schreiben durch den Grafen Trantmannsdorf erhalten. Recht gern nehm' ich das Anerbiethen an, welches Sie mir machen: Ihre Ansichten über die Mittel mir mitzutheilen, um das allgemeine Wohl Deutschlands zu erzielen, unsres gemeinschaftlichen Vaterlands, das ich gerne so nenne, weil ich es liebe und stolz darauf bin, ein Deutscher zu seyn. Wir haben darin eine völlig gleiche Denkungsart, und ich glaube, wenn Alle so dächten und gerecht wären, so würde man sich nicht beklagen, einen Obern zu haben, wie ich bin, so wie ich Ihnen versichere, daß ich mich sehr glücklich fühlte, wenn alle Churfürsten und Fürsten so dächten wie Sie, mein lieber Coadjutor, den ich der Kenntniß und wiederholten Beweise wegen, die ich von der Rechtlichkeit Ihres Characters und Ihrer Einsicht habe, achte und liebe. Gleich Ihnen habe ich mich öfters beschäftigt, darüber nachzudenken, was unser Vaterland glücklich machen könnte; ich bin ganz einstimmig mit Ihnen, daß nur ein enges Band des Kaisers mit dem deutschen Staatskörper und seinen Mitstaaten das einzige Mittel sey; aber bis dahin zu kommen – hierin liegt der Stein der Weisen. Er ist um so schwerer zu finden, da es darauf ankommt, die verschiedenen Interessen zu vereinigen, besonders der Untergebungen, die vorsätzlich die Angelegenheiten Deutschlands verwirren und sie zu einer wahrhaft unerträglichen Pedanterie machen, um die Fürsten abzuschrecken, ihre Angelegenheit durch sich selbst zu betrachten, um sie über ihre eigenen Interessen zu verblenden, sie in Abhängigkeit zu erhalten und sich nothwendig zu machen, indem man Mährchen aller Gattungen ersinnt, abgeschmackte Ideen ausbreitet, die man erdichtet, ihnen glauben macht, und wonach man sie zu handeln bewegt, als ob es die wahrsten Thatsachen wären. In jeder Gesellschaft, von welcher Art sie sey, muß ein Allen gemeinschaftliches Objekt vorhanden seyn, aber das Wort »Patriotism,« dessen man sich gegenwärtig so gemeiniglich bedient, sollte ausschließlich auch eine reelle Bedeutung haben, während das Interesse des Augenblicks, die Eitelkeit der Personen, politische Intriguen Verbindungen bilden und Besorgnisse rege machen, denen man, selbst bis zu den juridischen Entscheidungen unter Einzelnen Alles unterwerfen möchte. Wenn unsere guten deutschen Mitpatrioten sich wenigstens eine patriotische Denkungsart geben könnten; wenn sie weder Gallomanie noch Anglomanie, weder Prussiomanie noch Austromanie hätten, sondern eine Ansicht, die ihnen eigen wäre, nicht von Andern erborgt; wenn sie wenigstens selbst sehen und ihre Interessen prüfen wollten, während sie meistens nur das Echo einiger elender Pedanten und Intriguants sind. Ihnen, mein lieber Baron, ist dieses rühmliche Unternehmen einzig aufbewahrt, und wenn es Ihnen mißlingt, dann muß man ihm auf immer entsagen; denn zum ersten Mahle sehe ich zu meinem großen Vergnügen ganz Deutschland auf einen Punkt vereinigt, nämlich in seiner Ansicht über Ihre Person. Alle verschiedenen Parteyen lassen Ihrem Character und Ihren Einsichten Gerechtigkeit widerfahren, während Sie der Schrecken der Brausköpfe, der Intriguants und Pedanten sind. Glauben Sie daher, daß ich mit aller Aufrichtigkeit und Achtung bin, mein lieber Baron, Ihr wohlgeneigter Joseph. Wien, 13. July 1787. XXXIV. Joseph in Windeln beym Preßburger-Reichstag. Wie?   Was?   Wann? (Die gründlichste Widerlegung seitheriger Angaben.) Jenen ewig denkwürdigen Augenblick, wo die große Theresia in ihrer Bedrängniß die Hülfe der edlen Ungarn in Anspruch nahm, und begeistert und donnernd das classische: » Moriamur pro rege nostro Maria Theresia « erscholl, können sich noch jetzt gar Manche nicht anders vergegenwärtigen, als daß die Königinn das Kind Joseph auf dem Arme gehabt, es empor und den Ungarn hingehalten, daß Letztere die Säbel gezogen zum Schwur und dergleichen. Ja selbst in neueren und neuesten »geschichtlichen« Darstellungen, sogar von renommirten Schriftstellern wird diese theatralische Scene fort und fort weiter verpflanzt. Unser edler ehrenwerther Barde Denis z. B. der, wie angenommen wird, damahls in Preßburg anwesend war, sagt in seinen überaus wohlschmeckenden Lesefrüchten (2r Theil, S. 216, Artikel Theresia ): »Unter allen den merkwürdigen Auftritten in dem Leben dieser ewig unvergeßlichen Monarchinn weide ich mich an keinem so gern, als an dem im Jahre 1741 zu Preßburg gehaltenen Landtage Rumy vor 20 Jahren verlangte im »Österreichischen Beobachter« daß man Reichstag sage. , auf dem sie mit ihrem Erstgebornen in den Armen, jene Begeisterung der edlen ungarischen Nation hervorbrachte, die ganz Europa staunen machte, und gleichsam die Grundlage zur folgenden Größe der Fürstinn ward. Ich habe diese Begebenheit im IV. Liede meiner Bardenfeyer am Tage Theresia besungen; ich habe sie aus einem englischen Dichter verdeutschet meinen Zurückerinnerungen einverleibet; und unlängst bin ich in einem Protrepticon inclitae nationi hungaricae wieder auf sie zurückgekommen \&c.« Also auch Denis; nicht zu gedenken, daß diese Scenen häufig in großen und kleinen Kupferstichen, oder als Titelbild (wie bey Kalchberg) existiren. Gleichwohl aber hatte die unsterbliche Fürstinn (wirklich Rex nicht bloß einfach Regina ) weder den Prinzen Joseph auf dem Arme (er war damahls 6 Monathe alt; in mehreren Abbildungen aber erscheint er im ungarischen Nationalcostüm und in einem Alter von eben so vielen Jahren), noch hatten die Magyaren die Säbel gezogen u. s. w. Das Unhistorische dieser und anderweitiger damit im Zusammenhange stehender Angaben ist allerdings hier und da berichtigt worden; von Niemanden aber noch mit solch einleuchtender Nachweisung und schlagender Augenscheinlichkeit, wie von dem geist- und kenntnißreichen Grafen Johann Mailáth Österreichische Zeitschrift für Geschichts- und Staatskunde, Jahrgang 1835, Wien; redigirt und herausgegeben von dem hochschätzbaren Forscher und Historiker Herrn J. P. Kaltenbaeck, jetzigem k. k. Archivar. . Wir erlauben uns daher, diese wichtige Darlegung unserer Curiositätensammlung einzuverleiben. Unter dem Titel: »Der Landtag 1741« stellt der Herr Graf die Sache folgendermassen fest: Es ist eine allgemeinverbreitete, selbst in bedeutende Geschichtswerke, namentlich in Feßlers Geschichte der Ungarn B. X. S. 97 und 98 übergegangene Sage, daß die Kaiserinn Maria Theresia den ungarischen Reichstag eröffnet habe, mit ihrem erstgebornen Sohn auf dem Arm, daß von diesem Anblick gerührt die Ungarn, deren Schutz sie anrief, ihre Säbel gezogen, und gerufen: Moriamur pro rege nostro Maria Theresia! Der Erste, welcher an der Wahrheit dieser Sage zweifelte, war ich. Im letzten Capitel meiner Geschichte der Magyaren habe ich gesagt, es sey für diese Sage kein historischer Beweis zu finden; dennoch wird sie von Vielen geglaubt, und ein später erschienenes Compendium der ungarischen Geschichte von Herrn Klein wärmt sie wieder auf und greift mich dabei indirect an. Folgendes wird, wie ich hoffe, die Frage für alle Zeiten entscheiden. Der Landtag 1411 wurde am 14. Mai eröffnet, die Königinn gekrönt, die Verhandlungen hatten ihren gewöhnlichen Gang, als durch die Angriffe Frankreichs, Bayerns, Preußens, die österreichische Monarchie in die höchste Gefahr gerieth. Die Kaiserinn beschloß die ungarische Insurrection aufzurufen. Es mußten deßhalb den Ständen nachträgliche königliche Propositionen übergeben werden. Hierzu war der 11. September bestimmt. Der Hergang dieses Tages, und des 21. Septembers hat zu der oben erwähnten allgemein verbreiteten Sage Anlaß gegeben; ich theile daher die Umstände mit, so wie sie im Tagebuche des Landtags 1741, welches sich bey der königl. ungarischen Hofkanzley befindet, aufgezeichnet sind. Am 11 September um 11 Uhr Vormittags versammelten sich die Stände im Preßburger Schloß. Die Königinn erschien, bestieg den Thron, und der ungarische Hofkanzler redete zu den Ständen im Nahmen der Königinn folgendermassen: »Nach der glücklichen Krönung Ihrer Majestät unserer allergnädigsten Frau, die hier unter einstimmigem Zuruf und allgemeinem Jubel vollzogen worden, hatte Ihre Majestät keinen höheren Wunsch, als daß ihr vielliebes Königreich Ungarn unter ihrer glorreichen, gerechten, und gnädigen Regierung im beglückten Frieden, in seinen Rechten und Freyheiten, für alle Zeiten begründet, zu immer höherem Flor, und dem Zuwachs jedes Glückes aufgerichtet werde. Ihre Majestät hofften dabey fest, daß auch ihre andern Erbländer in wünschenswerther Ruhe würden erhalten werden. Wie sehr diese Hoffnung Ihrer Majestät durch den Neid und den Haß der angrenzenden Mächte getäuscht worden, läßt sich daraus abnehmen, daß weder nahe Blutsverwandtschaft, noch ungezweifeltes Recht der Erbfolge, nicht offenkundige Tractate, nicht die Gerechtigkeit der Sache dieselben von ungerechten Versuchen abhalten konnten. Es ist bereits dahin gekommen, daß durch widerrechtliche Angriffe, welche von verschiedenen Reichen auf die unauflöslich verbundenen Erbprovinzen ausgehen, die seit so vielen Jahrhunderten blühende Monarchie beynahe in einem Augenblick mit großer Gefahr bedroht, die Residenz Ihrer Majestät selbst nahe gefährdet und alle Erbstaaten, insbesondere aber dieses Königreich Ungarn durch die ungerechten Ansprüche des Churfürsten von Bayern angetastet werden, welches nicht ohne bitterste Gemüthsbewegung wahrzunehmen ist. Ihre Majestät können dieß den reichstäglich versammelten Ständen nicht nur nicht verschweigen, sondern versichern sie vielmehr in Ihrer mütterlichen Sorge und Besorgniß, daß Sie, in den gegenwärtigen kaum hinreichend ausdrückbaren Drangsalen, Ihr vielliebes Königreich Ungarn nicht zu verlassen denke, sondern vielmehr für jeden unerwarteten Fall Ihre erlauchte Person, das königliche Haus und die geheiligte Krone ihrer erprobten Treue, ihrem in den Geschichten berühmten Eifer und Ruhm zu vertrauen gedenke. Deßhalb haben Ihre Majestät die Stände gnädigst zu Sich berufen lassen, auf daß sie nicht nur aus den alsobald schriftlich zu übergebenden königlichen Propositionen, sondern auch aus dem königlichen Munde dieß Alles vernehmen mögen. Fest und unerschütterlich hoffend, daß die Stände, in Folge ihrer ewigen Treue zu ihrer Herrinn und Mutter, und ihrer wechselseitigen, so wie der Unterthanenliebe, mit einstimmiger Gesinnung, vereinten Kräften, und gemeinsamen Rathschlägen, all ihr Streben dahin richten werden, daß dem ungerechten Beginnen neidischer, ungerechter Feinde schnell möglichst ein Damm entgegengesetzt und für jeden unerwarteten Fall für die Sicherheit Ihrer geheiligten Person, des königlichen Hofes, und der Krone, wie auch das Wohl des ganzen Reiches ohne höchst gefährlichen Zeitverlust gesorgt werde, und auf diese Weise der alt angestammte Ruhm der ungarischen Nation von der ganzen Welt abermahls neu auflebe. Indem Ihre Majestät dieß den Ständen wegen der höchsten Gefahr, die im Verzug liegt, mit königlicher und mütterlicher Zuneigung empfiehlt, bleiben Ihre Majestät den Ständen zugleich königlich und mütterlich gewogen.« Nach dem Kanzler sprach der Primas, im Nahmen der Stände kurz Folgendes: »Euer Majestät haben in vielfacher Beziehung gerechte Ursache, in der gegenwärtigen Crisis die Stände aufzurufen, für die allgemeine Sicherheit zu wachen. Seyen Euer geheiligte Majestät überzeugt, daß die reichstäglich versammelten Stände alle Kräfte ihres Geistes, Gemüthes und Körpers anstrengen, und so sich benehmen werden, daß Euer geheiligten Majestät geholfen, und gegen alle Feinde Sicherheit geschafft wird.« Zuletzt sprach die Königinn also zu den Ständen: »Unsere betrübte Lage ist von der Art, daß wir selbe den Ständen nicht verhehlen können. Es handelt sich von der Erhaltung des Königreichs Ungarn, der heiligen Krone, von Unserer Person, Unseren Kindern. Von allen verlassen, flüchten Wir Uns einzig zu der alt angestammten Tugend der Ungarn. Ihrer Treue vertrauen wir Uns und Unsere Kinder. In dieser gegenwärtigen Gefahr muß ohne Zögerung Rath geschafft, das Schwert ergriffen werden, um Unsere und des Reiches Feinde zurück zu drängen. Wir vertrauen fest, daß die Stände nach ihrer Liebe und Treue, Uns mit Rath und That beystehen werden.« Es war betrübt anzusehen, wie die Königinn, besonders als sie der Kinder erwähnte, in Thränen ausbrach, so daß sie ihre kurze Rede kaum zu enden im Stande war. Viele der Anwesenden weinten mit, und bezeigten ihre Hingebung, indem sie mit lauter Stimme riefen: daß sie Habe, Blut und Leben opfern wollen. Während sich die Königinn zurückgezogen, und noch einigen aus den Ständen, so wie dem Primas und Palatinus, welche im Schloß einige Zeit zurück behalten wurden, ihre Angelegenheiten noch einmahl dringend empfohlen hatte, verfügten sich die Stände in das Landhaus, wo die königlichen Propositionen kund gegeben wurden. Noch in derselben Sitzung decretirten die Stände die Insurrection. Kolinovics, der 1741 beym Landtage gegenwärtig war, und ein ausführliches Tagebuch geschrieben hat, erzählt den Hergang eben so, nur hat er in den Reden selbst einige Varianten, und auch darin ist er verschieden, daß er die Rede des Primas nicht vor, sondern nach der Rede Maria Theresia's anführt. ( Gabrielis Kolinovics Nova Ungariae Periodus. Budae 1790, pag. 488 u. d. f.) Am 20. September wurde Franz, Herzog von Lothringen, Gemahl der Königinn, zum Mitregenten gewählt. Am Abend desselben Tages um 6 Uhr langte der Erzherzog Joseph und eine Erzherzoginn zu Schiff von Wien in Preßburg an. Viel Volk war versammelt, um die Ankommenden zu sehen, und es war auch gestattet, das Schiff zu besichtigen. Kolinovics im oben angeführten Werk S. 530. Er spricht als Augenzeuge. Am 21. September um 8 Uhr Morgens stiegen sämmtliche Stände hinauf in das Schloß. Nachdem sie eine kleine Weile im ersten Vorgemach gewartet, gingen sie in das zweyte Gemach. Nach einer kurzen Weile trat die Königinn heraus, mit ihrem Gemahl und dem Prinzen, welcher in Windeln von der Amme getragen wurde. Als sie eintraten, wurde Vivat gerufen. Dann schwur der Herzog den Eid, welchen der Erzbischof von Gran vorlas und als der Eid geschworen war, setzte der Herzog noch hinzu: Blut und Leben für die Königinn und das Reich. Da wurde abermahls Vivat gerufen. Hierauf hob die Amme den königlichen Prinzen in die Höhe, so daß er von Allen gesehen werden konnte, nun wurde zum drittenmahle Vivat gerufen. Die Königinn mit den Ihren zog sich zurück, die Stände aber gingen in ihre Wohnungen hinab. (Wörtlich übersetzt aus dem oberwähnten Diarium des Landtags 1741.) Aus den angeführten Daten ergibt sich nun mit Gewißheit Folgendes: 1. Die Königinn Maria Theresia hat die Ungarn beym Beginn des Landtags zu ihrer Vertheidigung aufgerufen. 2. Als sie im Verlaufe des Landtags am 11. September die Insurrection begehrte, hatte sie ihren Sohn den Erzherzog Joseph nicht auf dem Arm. 3. Sie konnte ihn gar nicht auf dem Arm haben, denn Erzherzog Joseph war damahls nicht in Preßburg. 4. Erzherzog Joseph kam erst 9 Tage nach dem Aufruf der Insurrection, nähmlich am 20. September nach Preßburg. 5. Die Stände in Corpore sahen den Kronprinzen Erzherzog Joseph zum ersten Mahl am 21. September, als sein Vater, Herzog Franz von Lothringen, den Eid als Mitregent schwur. 6. Auch bey dieser Gelegenheit hatte nicht Maria Theresia, sondern die Amme den Erzherzog Kronprinzen auf dem Arm, die Amme hob ihn empor, und zeigte ihn den Ständen. 7. Als die Stände durch Maria Theresia zur Insurrection aufgefordert wurden, bezeigten sie ihre Bereitwilligkeit durch freudigen Zuruf, aber die Säbel zogen sie nicht. 8. Aus den Ereignissen des 11. und 21. Septembers hat die mündliche Überlieferung die Eingangs angeführte Sage gestaltet, an welcher 9. Nichts wahr ist, als die große entscheidende Wirkung, welche Maria Theresiens liebenswürdige Persönlichkeit hervorbrachte, und die edle Bereitwilligkeit der Nation, ihrer bedrängten Fürstinn beyzustehen. Drittes Bändchen. 35. Szekely der Verbrecher, und Joseph der Richter. Unter der Verwaltung des Gardeoberstlieutenants Szekely entsteht in der Hauptcassa ein Deficit von nicht weniger als Sieben und Neunzig Tausend Gulden!! Freymaurerische und alchymistische Verlockungen hatten den Unglücklichen bethört (worüber einige Andeutungen im 1. Bändchen der »Curiosa,« Seite 110 ). Szekely wird vor Gericht gezogen. – »Joseph hatte die Strafe des Cassendiebs, der von der zweyten Instanz zur achtjährigen Festungsarbeit verurtheilt wurde, dahin abgeändert, daß dieser Arrest nur vier Jahre dauern, der Verbrecher aber zwey Stunden auf öffentlicher Schandbühne stehen sollte. Dieses schien einem politischen Flugblättler eine Erhöhung der Strafe;« also drückt sich Wolf in seiner »Geschichte der Veränderungen unter Joseph \&c.« aus. Die in Rede stehende Flugschrift oder Broschure ist betitelt: »Freymüthige Bemerkungen über das Verbrechen und die Strafe des Garde-Obristlieutenant Szekely; von einem Freunde der Wahrheit, 1786;« Duodez. Der (ungenannte) Verfasser derselben ist J. J. Fezer, Druckereyfactor des berüchtigten Wucherer; dieser selbst der Verleger. Die giftige, verbrecherische Schmähschrift machte unerhörtes Aufsehen (macht es noch jetzt), wurde auch in den Zeitschriften des In- und des Auslandes des Breiten besprochen, in Büchern abgehandelt \&c., und Joseph der Erhabene gestattete, daß sie öffentlich verkauft werden dürfe. Einiges Nähere kommt in dem Artikel: »Literarische Attentate auf den Kaiser« vor (Rautenstrauchs Schrift über Wucherer: Wie lange noch? im Ver1aufe dieses dritten Bändchens unserer »Curiosa«). Auf Wucherers Veranlassung erschien dann alsbald eine Piece, die eine Art Critik vorstellen sollte: »An den Verfasser der freymüthigen Bemerkungen \&c.« Hier folge nun zuerst die famose Lästerschrift; dann aus einer Masse von Besprechungen (unter denen jene in Schlözers Staatsanzeigen zu den detaillirtesten gehören mögen) jene Notiz aus einem zu Zürich erschienenen Buche, auch die Gegenschrift betreffend. »Seye es der Wahrheit erlaubt, heute wieder einmal unverkappt, ungeschminkt, ganz in ihrer schaudervollen Blöße zu erscheinen! – Höret, unbestechliche Richter, was ich Euch von Szekely's Verbrechen, von seiner Strafe, mit reinem unpartheiischen Munde, mit warmem Herzen sagen werde, und fället dann Euer Urtheil über mich, über Szekely, über seinen Richter. Szekely, sobald er die bei der Gardekasse obwaltende Verwirrung und den in derselben bemerkten Abgang angezeigt hatte, wurde sogleich eingezogen, und nach, zum Schein vorläufig gemachten Untersuchungen, ein Kriegsrecht über ihn gehalten. Hiebey hat sich zwar ein baarer Abgang in der Kasse von 97000 fl. veroffenbaret; allein, da Szekely bewiesen hat, daß er sich ganz auf den verstorbenen Garde-Rechnungsführer Lakner verlassen, daß er demselben die Kasseschlüsseln auf immer anvertrauet, ja sogar, da er seine gänzliche Unwissenheit im Rechnungsgeschäft mehr als einmal ganz offenherzig einbekannt, die Rechnungen nie durchgesehen hat; so hat man ihn nicht wohl eines Kasse-Angrifs beschuldigen können, zumalen das ganze Garde-Korps die Niederträchtigkeit, und den über sein Vermögen glänzenden Aufwand des verstorbenen Rechnungsführers Lakner bestättiget hat. Man hat daher den Oberstlieutenant Szekely nur die äußerste – immer strafbare Nachlässigkeit zeugen können, woraus von selbst folgt, wie nach dem abgemessenen Verhältniß zwischen dem Verbrechen und Strafe, leztere ausfallen müsse. Das Kriegsrecht hat auch aus diesem Anbetracht, da er, um mich juridisch auszudrücken, weder confessus, noch convictus war, auf eine sechsjährige Gefangenschaft in einer Festung angetragen, und der Hofkriegsrath, dem nach der bestehenden Vorschrift dieses Kriegsrecht zum revidiren übergeben werden mußte, beging den groben Fehler, den kriegsrechtlichen Straf-Spruch zu verschärfen, und die Dauerzeit der Gefangenschaft auf acht Jahre auszudehnen; wo demselben doch unmöglich unbekannt seyn kann, daß unser Allergnädigster Monarch ohnehin gewohnt seye, die von den Gerichtsstellen über Verbrecher gefällte Urtheile immer in Gnaden zu – verstrengen. Doch hierüber will ich hinausgehen, und glauben, daß das Revisorium nach den Gesetzen und der strengen Gerechtigkeit so sprechen mußte. Ich begreife aber nicht, wie der Kaiser auf den vom Hofkriegsrath über die Untersuchung der Kasse-Veruntreuung des Szekely hat sagen können: »Szekely ist ohne weiters zu kassiren, des Militärstandes unfähig zu erklären, und dem Zivile zur Bestrafung zu übergeben, wo er nachher in loco Delicti, nemlich in Wien, drey Täge nach einander, alle Tage zwey Stunden auf der Bühne auf dem hohen Markt, zum erspiegelnden Beispiel zu stehen hat.« »Die ihm zuerkannte achtjährige Arreststrafe will Ich ihm aus Gnaden wegen seines Alters bis auf 4 Jahre vermindern, diese hat er in dem Zivil-Strafort Szegedin, der für Hungarn besteht, mit der gewöhnlichen Atzung, wie andere Delinquenten auszuhalten.« Noch weniger ist es möglich, mich zu überführen, daß der Monarch auf einen neuerlichen wegen dieser so scharfen Resolution erstatteten Vortrag, wo man ihm so gründlich vorstellte, daß diese Strafe gar nicht Platz greifen könne, und sie so unverdient, als den Gesetzen und der Gerechtigkeit widersprechend ist, dennoch auf seiner ersten Entschließung hat beharren, und neuerdings so streng sprechen können. Ich will diese letzte Resolution auch von Wort zu Wort hersetzen: »Ein jeder unrichtiger Kassebeamter kann, wie Szekely, sagen, er wüßte nicht, wo das Geld hingekommen ist, wenn er es auch gestohlen hätte. Sobald als Geld, besonders eine so ansehnliche Summe, wie diese von 97000 fl. in der Kasse sich nicht befindet, so stehet es nicht mehr dem Richter zu, ihm zu beweisen, daß er es entfremdet hat; sondern ihm steht zu, zu beweisen, daß er es nicht entwendet hat, und sobald er dieß nicht beweisen kann, so bleibt er ein Dieb. Es ist also ohne weiters der Sentenz gegen ihn, sobald er kassiret ist, folglich aufhöret, militar zu seyn, zu vollziehen, und ihm das Zettel, als untreuer Beamter anzuhängen.« Man erlaube mir über beide diese Allerhöchste Entschließungen meine Meinungen zu sagen. Szekely ist strafbar wegen seiner supinen Nachlässigkeit; er ist strafbar, daß er sein volles Zutrauen in einen Rechnungsführer setzte, von dem, da es das ganze Garde-Korps wußte, es ihm gewiß nicht unbekannt seyn konnte, daß er splendide lebe, und solches von seinem eigenen Vermögen zu bestreitten nicht wohl im Stande seyn möge. Es kann zwar auch seyn, daß Szekely die Unordnung bei der Garde-Kasse mag wahrgenommen und einen Defekt befürchtet haben, welches ihn vielleicht, und, da er auf die bei desselben Entdeckung zu befahren habende schändlich-entehrende Bestrafung rechnen konnte, verleitet hat, all sein Studium der Chemie zu widmen, um vielleicht durch eine glückliche Erfindung sich aus dem Labirinth und der Gefahr, die ihm drohte, herauszuhelfen. So kindisch dieses immer bei Männern klingen mag, so ist es doch auch eine Leidenschaft, die er um so weniger bezwingen konnte, als er in selber allein Hilfe suchte und hoffte. Zu seiner Entschuldigung tritt noch bei, seine oben angezogene, von ihm einbekannte gänzliche Unwissenheit im Rechnungsgeschäft. Freilich hätte Szekely, bei dem Gefühle seines Unvermögens, nie ein Rechnungsgeschäft übernehmen sollen; aber, wenn jeder das Amt, dem er nicht gewachsen ist, niederlegen sollte, wie öde, wie ausgefegt würden sich die Kanzleien unsern Augen darstellen!! Rabener giebt derley Menschen Muth, wenn er ihnen zulispelt: wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verstand dazu; obwolen Szekely nie so gedacht haben würde, wenn er das traurige Ende davon vorgesehen hätte. Endlich muß auch Szekely immer als ein ehrlicher Beamter, dem man nie einen Kasse-Angriff zutrauen konnte, bekannt gewesen seyn, da selbst ein bei der Untersuchung vorgekommenes Allerhöchstes Handschreiben der weiland Kaiserin Maria Theresia besteht, wo Sie in Szekely als einen bekannten treuen Diener so viel Vertrauen zu setzen sagt, daß es platterdings bei der Garde-Kasse keiner Gegensperr benöthiget. Dieses kann, dieses muß dem Szekely zum Behuf gereichen; man müßte nur zu den übrigen Undankbarkeiten auch noch jene hinzuthun, daß man die unvergeßliche Monarchin einer unvernünftigen Leichtgläubigkeit, und eines blinden Zutrauens in diesem Falle beschuldigen wollte; obwolen Sie bey all diesen Ihr angedichteten Gebrechen doch nicht so viel Schurken in ihrer Regierung aufweisen kann, als unser Monarch durch all seine Strenge nicht abschrecken konnte. Ein Beweis, daß der Fürst durch Liebe die Unterthanen immer mehr im Zaum halten könne, als durch Tiranney. Um wieder zurückzukommen: obwolen dieses Handbillet der Kaiserin eigentlich ein Bürge für Szekely's Treue ist; so kann es doch kein Deckmantel seyn, worunter Fürst Esterhazy seine Nachlässigkeit verbergen will. Esterhazy ist hiedurch gar nicht entschuldigt, daß er als Garde-Kapitaine, dem diese Charge zur genauen Obsorge auf alles, was das Garde-Korps betrifft, übertragen wurde, niemals von Szekely die Rechnungen abfoderte, oder eine mehrmalige Kasse-Durchsuchung (Revision) veranlaßte. – Keineswegs fällt auch die Schuld von der Hungarisch-Siebenbürgischen Hofkanzley hinweg, die als obere Stelle nach der bestehenden Vorschrift hierauf ein wachsames Aug' hätte haben sollen; aber wer verdenkt es auch dieser Hof-Stelle, bei der Unordnung und Unrichtigkeit nach bekannten – überzeugenden Beispielen allenthalben eingerissen hat? – bey der Buchhalterey bloß dem Namen nach bestehet? – wo man von richtiger Kombinirung des Empfangs und der Ausgabe eben so richtige Begriffe als Brambilla von der Medizin hat? – Doch, ich schweife aus; ich wollte nur sagen: wenn man Nachlässigkeit an Einem bestraft, so muß man sie auch an dem Andern bestrafen; und, gleichwie Szekely durch seine wenige Bekümmerniß um das Kasse- und Rechnungswesen dem Rechnungs-Führer den Weeg zur Veruntreuung öfnete; eben so kann Szekely zu seiner nachsichtvollen Unbesorglichkeit nur durch die wenige Darobhaltung des Garde-Kapitäns und der Hungarischen Hofkanzley auf Ordnung und Richtigkeit, verleitet worden seyn. Bei diesen Umständen, wo Szekely von seinem Verbrechen, der Kasseveruntreuung nemlich, weder überwiesen ist, noch auch solches einbekennet hat, und wo es wahrscheinlich ist, daß Lakner vielmehr ein Spizbube war, und man den Szekely nur einer Nachlässigkeit, deren Bestrafung er der Nachlässigkeit seiner Vorgesetzten, die man nicht bestraft, zu verdanken hat, beschuldigen kann; wäre es würklich Strafe genug gewesen, ihn auf eine achtjährige Festungs-Gefangenschaft zu verdammen. Ich komme daher jetzt, nachdem ich das, was man zum Behuf des Szekely über das an ihm bestrafte Verbrechen sagen konnte, gesagt habe, auf seine erlittene Strafe selbst. Vormals und auch jetzt, bey allen gesitteten Völkern pflegten die Fürsten, die von den Gerichtsstellen über Verbrecher gefällte Urtheile in Gnaden zu mildern; – bei uns ist es nunmehr zur Mode geworden, solche zu – verschärfen, vielleicht, um des entzükenden Vergnügens in vollem Maße zu genießen, daß man Beweise seines unumschränkten Despotismus ablegen könne. Armer, bedaurenswürdiger Szekely! daß es in der Kugel deines traurigen Schicksals aufgezeichnet seyn mußte, daß die Untersuchung deines Verbrechens einem wetterwendischen Monarchen eben in dem Augenblick vorgelegt werde, wo ihn vielleicht eine Fliege an der Nase nekte, und er im Zorn hierüber dein schändliches Urtheil fällte! – Unglücklicher Mann! du Opfer der Laune des Monarchen! Du grausames Opfer eines unmenschlichen, tyrannischen Herzens! Sagt, Männer von Gefühl, sagt, Männer der Gerechtigkeit! welcher Monarch kann Urtheile verstrengen? – – ein Tirann! Welcher Monarch kann die Rechte der Menschheit mit Füßen tretten? – – ein Tirann!! Welcher Monarch kann Gesetze und Gerechtigkeit verlachen? – – ein Tirann!!! Welcher Monarch kann in Kriminal-Sachen nach eigener Willkühr handeln? – – ein Tirann!!!! – – Gott! Gott! was bist du armer Mensch! schwaches Geschöpf, das dieser launigte Kopf unverschuldet im Staube tritt, daß du dich krümmest, und unter siebentausend Schmerzen von einer siebentausendköpfigen Hidra erwürget wirst? Schreckliches, die Menschheit entehrendes Bild! und doch wahr, aus Erfahrung wahr. Laßt mich nun wieder zurukkommen, laßt mich sagen, was das heißt, die Urtheile, welche die Untersuchungs-Kommission spricht, zu verschärfen. Entweder heißt es: ihr Richter, die ich aufgestellt habe, nach dem Gesez und der Gerechtigkeit zu richten, ihr seyd Spizbuben, ihr habt euch von eurer Pflicht entfernt, habt partheiisch gesprochen, habt mich zu hintergehen, zu belügen gesucht; – und dann kann freilich der Monarch nicht länger zusehen, er muß diese ungerechten Richter abdanken; thut er dieses nicht, so ist es ein stilles Bekenntniß, daß sie, ihrer Pflicht getreu nach den Gesezen und der Gerechtigkeit gesprochen haben; aber auch ein schmetternder Donner: Ich will euer Urtheil aus Willkühr nicht genehmigen, ich will als Herr, der Macht über Leben und Tod hat, diesen euren Sentenz verschärfen. Himmel! was für eine Sprache in dem Munde eines Monarchen, den Du uns zum Beschüzer, nicht zum Tyrann gabst! – Also ungerecht, und noch einmal ungerecht, daß Szekely's Strafe so sehr verstrenget wurde; so sehr, sage ich, denn zwo Stunden auf der Bühne stehen, ist eben so ungewöhnlich, als unerhört. Daß der Kaiser ihm von dem ihm zuerkannten achtjährigen Arrest vier Jahre wegen seines Alters nachsieht, um den schwachen, unter dem Dienst ergrauten Greisen durch das schändliche Bühnestehen desto mehr zu beugen, ist wahrlich keine Gnade; denn es ist eben so viel, als: weil du sehr schwache Füsse hast, und folglich die Leiter sehr hart hinanklettern kannst, so will ich dich statt henken, von unten auf rädern lassen. Aber ich glaube, Szekely würde nie zu der Schandbühne verdammet worden seyn, wenn er nicht Maurer, oder Rosenkreuzer gewesen wäre, denn man will sagen: der Monarch habe ganz deutlich zu erkennen gegeben, er wolle denen Kerln (Maurern) zeigen, daß ihre Protektion nichts helfe. Und nun beantworte mir jemand die Frage: Ob es nicht billig seye, daß der Monarch den Haß, den er wider eine ganze Gesellschaft gefaßt hat, an einem Mitglied derselben durch die Macht des Stärkern bezeige? – ist es nicht sehr possirlich, wenn der Bauer in der Finster zu seinem Nachbar geht, und ihm unerkannt einen Knips versezt, und dann fortlauft, und in seine Faust lacht, daß er demselben so einen Streich gespielt hat? – O Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! spielst du denn unter uns blinde Maus! – – – – – – Daß der Kaiser über den ersten Vortrag des Hof-Kriegs-Raths diese strenge Strafe über den Szekely verhängte, wäre noch zu entschuldigen, man könnte sie aus dem Gesichtspunkte einer Unbesonnenheit, einer Übereilung betrachten. Aber daß er auf eine neuerliche Vorstellung darauf beharrte, und aus welchem Grunde er beharrte, zeigt erstens ein hartes Herz, und zweitens ungegründetes Raisonnement. Sobald als Geld, heißt es in der leztern Resoluzion, besonders eine so ansehnliche Summe, wie diese von sieben und neunzigtausend Gulden ist, in der Kasse sich nicht befindet, so stehet es nicht mehr dem Richter zu, ihm zu beweisen, daß er es entfremdet hat; sondern ihm steht zu, zu beweisen, daß er es nicht entfremdet hat, und sobald er dieß nicht beweisen kann, so ist und bleibt er ein Dieb. Ich seze nun den Fall: von zweien Kassebeamten, deren jeder die Gegensperr von der Kasse hat, ist einer ein Spizbube; sucht die Schlüsseln des andern auf einen Augenblick zu Handen zu bekommen, drucket sie in Wachs, und läßt sich dann darnach die Schlüsseln von dem Schlosser verfertigen. Bei Gelegenheit öffnet er, da er nun beede Gegensperr-Schlüsseln; seine und die des andern nachgemachter, in Handen hat, die Truhen, nimmt Geld heraus, und verschließt sie wieder. Bei der monatlichen Kasserevision zeiget sich der Abgang, und beede Kasse-Beamten müssen nun dafür haften; jeder soll die Hälfte davon zahlen, und dem Spizbuben bleibt folglich noch eine Hälfte von dem Entfremdeten zu Gute. Der andere ehrliche Beamte kommt hiedurch wider sein Verschulden in Ungelegenheiten; der Kasse-Abgang ist erwiesen; er kann es nicht beweisen, daß er das Geld nicht entfremdet hat; und doch hat er es nicht entwendet, und ist folglich kein Dieb. Wie bestehet also die Richtigkeit der kaiserlichen Resoluzion? und ist es nicht klar, nicht nach den Gesezen, daß der Richter den Dolum des Verbrechers beweisen müsse, weil der Verbrecher das Gegentheil niemals anders, als durch ein plattes Nein zu beweisen im Stande ist. Noch eine Bemerkung will ich machen. Der Kaiser befahl: man solle dem Szekely, nachdeme er kassiret ist, und folglich aufhört, militär zu seyn, auf der Bühne den Zettel anhängen: Untreuer Beamter . Auf welche listige Art suchte Er von seinem lieben Militair die Schande wegzuwälzen, und sie denen Beamten aufzubürden? Ich will nun nichts weiters sagen, als mich über das niederträchtige Betragen des Wiener Publikums bey Vollziehung der Strafe an Szekely beklagen. Welche herrliche Augenweide war dieses jammervolle Spektakel dem gaffenden Pöbel! Da stand er nun versammelt um die Bühne, starrte ihn an, den zitternden Greisen, wie eine leblose Bildsäule, und begnügte sich nicht, ihn mit einigen Blicken zu fassen; nein! stundenlang verweilten sie, die neugierigen Wiener, um ihn her, und zürnten vielleicht noch im Herzen, wenn die Gloke die Stunde seiner Erlösung von dem Bühnestehen läutete. Ein Beweiß, wie viele Müssiggänger Wien in seinen Mauern einschließe, die ihre Zeit nicht anderst zu tödten wissen, als durch den vergnügenden Anblick eines unglücklich bestraften Verbrechers. Ein Beweiß, wie wenig die Wiener feines Gefühl und wahres Mitleiden für den Elenden haben. Ein Beweiß, daß Kaiser Joseph recht dazu gemacht ist, den Geist der Wiener, der sich immer nach neuen auffallenden Gegenständen sehnt, zu ernähren.« Obiges also das Fezersche Pasquill; und nun, laut unserm Eingang folgende Notizen aus: »Briefe über den gegenwärtigen Zustand der Literatur und des Buchhandels in Oesterreich. 1788.« Das(anonyme) Buch ist von einem gewissen Full verfaßt, und in Zürich gedruckt; es hat 288 Seiten in gr. Octav. Der Text, welchen wir mittheilen, steht Seite 156–162; er lautet: Da Szekely, wegen Veruntreuung der Casse, die er unter seiner Aufsicht hatte, auf der Bühne stehen mußte, so erschien bald darauf bey Wucherer die Schrift: »Freymüthige Bemerkungen über das Verbrechen und die Strafe des Garde-Oberstlieutenant Szekely.« – Wenn du die freymüthigen Bemerkungen über Aufklärung und Reformen unserer Zeit mit Bedacht lesen wirst, so wird dir nicht schwer seyn, den Verfasser dieser alle Gränzen der Ehrfurcht gegen den Monarchen überschreitenden Skarteke zu errathen. – Weimar, der diese Schrift selbst setzte, und nächtlich einige Buche für Wucherer davon abdruckte, um sie durch einen Dritten der Censur vorlegen zu lassen – dieser Weimar, der dem Monarchen versprach, etwas Besseres zu drucken, wie Schönfeld, verbesserte noch an dem Manuscript. Er setzte nach seiner eigenen Aussage zu jedem Wort, Tyrann! welches in drey nach einander folgenden Fragesätzen steht, und jedesmahl nur mit Einem Ausrufzeichen geschrieben war, nähmlich: ein Tyrann! – ein Tyrann! – ein Tyrann! – Diese Wörter so: ein Tyrann! – ein Tyrann!! – ein Tyrann!!! – Da diese Schrift in Eile gedruckt ward, so ließ der Verfasser diese Wörter so stehen, entweder weil er sie nach seiner Abschrift nicht verglich, oder auch, weil es ihm so recht war. – So gering diese Änderung ist, oder scheinen mag, so verräth es doch den dummen, boshaften Antheil, den dieser Mensch bey solchen Unternehmungen nimmt. – Mein Lieber! ist es nicht thöricht von dem Ochsen, der da in der Tenne seines Herrn drischt, und dafür täglich nichts mehr und nichts weniger, als sein Bündel Heu bekömmt, den Jochdruck über die Schranken dehnen will, die ohnehin schon gesetzt und berechnet sind, um das Mögliche aus dem Stroh herauszupressen? Sobald die Schrift gedruckt war, ward sie durch einen Unbekannten an den hiesigen Buchhändler Hohenleithner gesendet, um sie der Censur zu übergeben. Die Censurcommission schickte dieselbe dem Monarchen, der damahls in Ungarn war, durch eine Staffete nach, um seine Resolution derwegen zu vernehmen. Der Monarch ließ sich dieselbe durch seinen Adjutanten vorlesen, und schrieb dann darauf, »daß sie öffentlich verkauft werden solle, weil sie nur seine Person anbelange – aber eine andere Schrift, (Beweis, daß Zahlheim als ein Opfer der Unwissenheit seiner Richter hingerichtet worden \&c.) verbiete er, weil sie seine Richter und ihr Verfahren durchzöge,« u. s. w. – Nun war der Teufel los! – Sie wurde aller Orten und Enden angekündigt, in den ersten Tagen um 30 kr, verkauft, und nachher um 15 kr., bey welchem Preise es bey Wucherer verblieb. Alles kaufte, was nur lesen konnte; es wurden bis 6 Auflagen verschlissen. Wucherer würde noch ein paar Auflagen haben veranstalten dürfen, wenn nicht Schmidt und Steinsberg dieselbe, da kein Verleger darauf stand, nachgedruckt, und bey 4000 davon verschlissen hätten, weil sie dieselbe zu 10 und 7 kr. verkauften. Letzterer ließ eine Vignette, einen Ochsenkopf vorstellend, dazu verfertigen – er wollte den Verfasser damit bezeichnen, vergaß aber anfänglich es ausdrücklich zu benennen, und gab daher zu verschiedenen Deutungen Anlaß. – Viele, die auch den Nachdruck gekauft hatten, kauften doch wieder das Original bey Wucherer, weil sie nicht recht trauten, ob auch der Nachdruck das nähmliche enthalte, was im Original stehe. Rautenstrauch, der mit Wucherer in einer Disharmonie steht, ließ in die Erlanger Realzeitung setzen, »daß eine Schrift über Szekely's Verurtheilung in Wien erschienen sey, die alle Schranken der Ehrfurcht gegen den Monarchen überschreite: Ein gewisser Mann, der den Verlag der Skarteken wider Joseph II. zu seiner einzigen Speculation mache, sey der Drucker und Verleger davon.« – Wucherer fand sich durch diese Nachricht des Erlangers betroffen; er ließ daher durch seinen Hausautor, Fezer, eine entgegengesetzte, dem Erlanger Zeitungsschreiber zusenden, nähmlich, »daß er von seinem Correspondenten wegen diesen Artikel irre geführt worden; daß sich keine Wienerpresse so weit vergessen hätte, eine Schmähschrift gegen den Monarchen zu drucken, sondern, Gott weiß, woher, an den hiesigen Kunsthändler Hohenleithner eingeschickt; und nachher, da der Verkauf dieser Schrift erlaubt worden, auch von jenem Mann, von dem es heiße, er nehme alle Skarteken gegen den Monarchen in Verlag, angekündigt worden.« – Dieses brachte Hohenleithner, der sich indessen mit Wucherer entzweyt hatte, weil er auch den Nachdruck in Commission nahm, dermaßen auf, daß er in der nächsten Wienerzeitung eine Beylage zulegte, worinn er den ganzen Hergang dieser Sache erzählt, oder durch Rautenstrauchen erzählen läßt. Da es zu viele Abschreiberey gäbe, so will ich sie dir hier gedruckter beilegen. Sie hat die Überschrift: Ehrenrettung Weil ich mich noch weiter unten in diesem Briefe auf diese Zeitungsbeylage berufen werde, so will ich sie, da ich sie mit diesen Briefen in meine Hände bekam, hier von Wort zu Wort hersetzen. – A. d. H. » Ehrenrettung .« Im 54. Stück der beliebten Erlanger Realzeitung befindet sich S. 465–466 folgende Stelle: »Über die Verurtheilung des gewesenen Garde-Oberstlieutenants Szekely ist in Wien eine mit lateinischen Lettern gedruckte Schrift erschienen, deren Inhalt alle Schranken der Ehrfurcht gegen den Monarchen überschreitet. Ein gewisser Mann, der den Verlag der Skarteken wider Joseph II. zu seiner einzigen Speculation gemacht hat, ist der Drucker und Verleger derselben.« Dieser mir unbekannte Freund und Gönner des Erlanger Herrn Zeitungsverfassers war allerdings ein patriotisch-gesinnter, rechtschaffener Mann, weil er ihm nichts anders, als die lautere Wahrheit schrieb. Allein diese Wahrheit ward durch Vermittlung des Druckers und Verlegers dieses Schandwerkes, im 58. Stück S. 499 zu einer Lüge verunstaltet, bey der ich Endesgenannter unmöglich gleichgültig bleiben kann. Es heißt nähmlich daselbst: »Daß er von seinem Correspondenten, in Ansehung des Druckers und Verlegers dieser Schrift, irre geführt worden; daß sich keine Wienerpresse so weit vergaß, ein Pasquill gegen den Monarchen zu drucken; daß jene Piece, vielleicht von einem innländischen Verfasser geschrieben – Gott weiß woher – an den hiesigen Buch- und Kunsthändler Hohenleithner eingeschickt, und erst, nach dem der Kaiser den öffentlichen Verkauf bewilligte, auch von jenem Manne angekündigt wurde, von dem es heißt, daß er alle Skarteken gegen Kaiser Joseph II. in Verlag nehme \&c.« »Da nun auf diese Weise der Schuldige sein Vergehen auf mich, – den Unschuldigen, wälzen will, so finde ich mich nothgedrungen, den wahren Verlauf der Sache hier öffentlich bekannt zu machen.« Ungefähr den 27. oder 28. Juny. als eben diese Schrift unter der Presse war, kam der hiesige Groß- und Buchhändler, Herr Georg Philipp Wucherer, ganz hastig zu mir und fragte: Ob ich verschwiegen seyn könnte? Er habe eine Piece, an der Alles gelegen wäre, von welcher ich die Censur besorgen möchte.« Er setzte hinzu: »Daß er mich nicht zum Mittler brauchte, wenn ihm nicht darum zu thun wäre, den Verdacht abzulehnen, daß Er den Autoren Anlaß gebe, solche Brochüren zu verfassen.« »Ohne mir bestimmt vorher zu sagen, von was diese Broschüre handle, sendete er mir hierauf den 30. Juny, durch einen seiner Miethlinge, ein Packet franco, bey dessen Eröffnung ich 50 Stücke derselben mit einem fingirten Brief fand, des wörtlichen Inhalts:« Mein Herr ! »Die mitkommende Schrift – 50 Exemplare à 14 kr. empfangen Sie hiemit, und haben die Güte, den Verkauf zu besorgen; nach Abzug 15 Procent Rabats belieben Sie den Betrag demjenigen zuzustellen, der die Hälfte des innliegenden Papiers« (hier lag ein gleich einem Versatzzettel ausgeschnittenes Stück Papier) – »zeigen wird.« »Ich gab aber am 1. July ein Exemplar derselben, nebst dem Brief und dem Fetzen von Papier zur Censur; am 3. July wurden mir die 50 Exemplare von der Censur abgefordert, und am 14. erhielt ich sie, mit der Nachricht, daß man sie verkaufen könne, wieder zurück.« »Diese 50 Stück waren in einigen Minuten abgesetzt. Ich wendete mich also an den Verleger, der mir nach und nach gegen 200 Stück zukommen ließ, bis er endlich (weil ich auch den Nachdruck mit der Ochsenvignette in Commission nahm) Gelegenheit fand, die mir versprochenen 15 Procent selbst zu verdienen, wozu ohnehin schon die Anstalt getroffen war, weil diese Piece, gleich in der ersten Stunde, in allen hiesigen Caffeehäusern bekannt gemacht wurde.« Nach ein Paar Tagen verbreitete sich das Gerücht, daß wegen den Urhebern dieser Schrift eine Untersuchung angestellt werden sollte. Ich machte es Herrn Wucherer schriftlich zu wissen, und erhielt von ihm folgende eigenhändige Antwort: P. P. »Ich glaube es nicht, daß eine Untersuchung vorgenommen werden wird. Inzwischen will ich Sie doch belehren, was Sie zu thun haben, falls es geschehen sollte. Sie können ja mit gutem Gewissen sagen, daß Ihnen die 50 Exemplare, ohne zu wissen von wem, zugeschickt worden seyen. Nach erhaltener Erlaubniß zum Verkaufe hätten Sie von mir erfahren, daß auch ich eine zum Verkauf hätte; und hätten also solche, wenn Sie eine gebraucht hätten, von mir holen lassen. Mit diesem werden Sie hinlänglich gerechtfertigt seyn.« »Das Publicum wird also aus diesem wahren Vorgange überzeugt seyn, daß die im 58. Stück der Erlanger Realzeitung wegen dieser Sache eingeschaltete Nachricht, Zeile für Zeile unwahr ist; daß es dennoch eine Wienerpresse war, die sich so weit vergaß, ein Pasquill gegen den Monarchen zu drucken; daß niemand anderer, als Herr Wucherer, der es druckte, mir zuschickte, und das Geld dafür bezog, der Verleger desselben ist, und folglich ich deshalb schuldlos bin.« »Ich bin diese öffentliche Nachricht meiner Ehre, meiner Rechtschaffenheit und meiner Unterthanspflicht schuldig, und überlasse es dem guten Gewissen des Hrn. Wucherer, durch welche Scheingründe er diese abermahlige Verwegenheit vor den Patrioten Österreichs rechtfertigen will.« Wien, den 5. August 1786. Lucas Hohenleitner, Buch- und Kunsthändler, am Kohlmarkt Nr. 1180. . Wucherer, so rüstig er sonst mit einer Gegenantwortung aufwartet, beantwortete diese Ehrenrettung mit Stillschweigen. – Es kamen nachher einige Schriften in seinem Verlage heraus, die beweisen sollten, daß er jedes, es mag für oder wider den Monarchen geschrieben seyn, in Verlag nehme, und er als Verleger, mit dem Inhalte nichts zu thun hätte. Die erste dieser Schriften hieß: An den Verfasser der freymüthigen Bemerkungen über das Verbrechen und die Strafe des Garde-Oberstlieutenant Szekely, worin der Monarch wieder neue Hiebe bekam, anstatt den Verfasser und seine Scribeley zu beurtheilen und zurecht zu weisen – aber was helfen auch dem Verleger solche Widerlegungen? Das Publicum kauft sie nicht, und dem Verleger bleibt sein Säckel leer, – er muß absolut, und sollt' es ihm auch den Kopf kosten, solche Schriften haben, die Persiflagen gegen den Monarchen oder Staat enthalten! – Da nun aber Rautenstrauch seine volle Ladung gegen ihn abfeuerte, so wurde ihm, und auch seinen Autoren, um die Hosen herum bange, weil sie an der Unmöglichkeit von ein paar Schock Arschpöller, wovon ihnen vorher gar nichts träumte, doch zu zweifeln anfingen. 36. Der Prozeß Philipps Grafen v. Kolowrat; und zur Geschichte der betreffenden Druckschrift, die nahe daran war, durch Henkers Hand verbrannt zu werden. Diese 196 Seiten umfassende Schrift von Juolfinger Ritter von Steinsberg hat nachstehenden Titel: »Vollständiger Prozeß und Vertheidigung des Grafen Philipp von Kolowrat Krakowsky. Als ein Beytrag zu den noch mächtigen Prälatenkniffen in Österreich. Nebst einem wahren dramatischen Scharmützel: Bischof, Prälaten und Nonnen. Amsterdam 1783.« (Nürnberg, Lochner.) Auf dem Titel befindet sich als Vignette das silhouettirte Porträt des Grafen. – Das Buch besteht aus Fragmenten; die Auszüge, welche wir hier bringen, müssen folglich noch fragmentarischer seyn; allein sie biethen unter Anderm einen leuchtenden Beweis von Josephs des Philosophen und Menschenfreundes strenger »Unbestechlichkeit des Herzens,« indem er, während er den Sohn abgesetzt ließ, den Vater zu den höchsten Staatswürden erhob. Von dem in 6 Abtheilungen zerfallenden Buche geben wir zuerst bloß aus dem ersten und dritten Extracte; die zweyte (Bischof, Prälaten und Nonnen; ein dramatisches Scharmützel) folgt darauf in einem eigenen Artikel. Aus der ersten Abtheilung. An das Prager Publikum . Liebe Landsleute! Ihr würdet ohne Zweifel mir herzlich danken, wenn ich einem unter euch, den die Schlange gestochen hätte, erschiene, ihm das Leben zu retten; würdet mir's danken, ich trau es eurem Christenthume zu, wenn auch der Unglückliche, in Rücksicht seines moralischen Characters, bey euch nicht bestens angeschrieben wäre. Nun handelt sich's hier um ein moralisches Leben eines angesehenen Mannes, der von tausend giftigen Schlangen gestochen wurde, von Klapperschlangen, die – wie uns die Geschichte beweiset, manch gekröntes Haupt tödteten; die unsere Aufklärung erstickt zu haben glaubten, und die heute noch den schändlichsten Gift unter die Menschen ausspritzten. – Diese Schlangen überfielen, mit einem aufgezischten Trupp abergläubischer Dummköpfe, den würdigen Kreishauptmann, Grafen v. Kolowrat, dem sie wohl Garaus gemacht haben würden, lebten wir nicht unter dem Schutze Joseph's, wo der thätigste Großinquisitor selbst aus Verzweiflung, mit über den Kopf geschlagenen Händen, ausrufen müßte: Hier regieret die Vernunft, – hier ist's um uns geschehen! – Ich schrieb nun den Namen nieder, – des euch allen verhaßten Grafen, dessen Ehre öffentlich beleidigt – auch öffentlich Genugthuung erhalten muß. – Ihr zittert vielleicht für mich, wenn – die Geistlichkeit mich entdecken sollte? – aber ich zittere vor verkappten Schurken nicht, die man nur entlarven darf, um sie zu entwaffnen. Nun will ich muthig zur Sache schreiten, und fordere die Billigkeit zur Richterinn meiner Worte auf. Herr Philipp Graf von Kolowrat Krakowsky ist unter dem 16. März 1782 vom Gubernium, als ein landesfürstlicher Commissär, nach Doxan beordert worden, um, vermöge der folgenden kaiserl. Instruction, das dortige Nonnenkloster aufzuheben. Während daß Herr Kreishauptmann, Graf Philipp v. Kolowrat, mit seinen Untergeordneten die Nächte durchwachte, um das Geschäfte, vermöge der kaiserlichen Instruction, zu beschleunigen, so wie er dann auch unter allen Commissarien der erste war, so fertig wurde, entfernte sich der Herr Prälat, ohne sich dem Herrn Commissair zu empfehlen, der doch damals des Kaisers Person vorstellte, von Doxan, um zu Prag wider den Grafen eine Klage zu veranstalten, und durch sein politisches den stummen Schmerz anzeigendes, Betragen, dann durch die thätige Freundschaft des Herrn Prälaten von Strahof, ihn zu stürzen. Er speißte mit dem reducirten Doxaner Herrn Prälaten zu Prag an einer prächtigen Tafel, wie dann die geistlichen Tafeln immer die prächtigsten sind, und erzählte da in Gegenwart von 40 Personen, wie grausam der Graf mit dem Prälaten zu Doxan verfahren, der doch ein Landstand wäre, welcher unglückliche Landstand, während dieser Beschreibung, seinen Freund mit Thränen secundirte. – Wie hätten Menschen, so die königliche Hospitalität des apostolischen Prälaten zu Doxan öfters erfuhren, nicht an seinen Schmerzen Theil nehmen, und dem grausamen Grafen, der diesem Aufwand, auf kaiserl. Befehl, Einhalt thun müssen, nicht Rache schwören sollen? Kurz – und die ganze Stadt war mit Verläumdungen angefüllt; man spottete des braven Cavaliers, alle Caffee- und Bierhäuser, und alle Gesellschaften waren beschäftigt, seine Ehre zu verletzen. Unter tausend Possen, die P. Kochem nicht hätte lächerlicher erfinden können, erzählte man von dem Grafen folgendes: – daß er die keuschen Ohren der Nonnen mit ärgerlichen Ausdrücken beleidigt, mit offenen Unterkleidern ihre Zellen besuchte, und wie die Frau Oberinn in einem Briefe an ihre Frau Schwester nach Prag betheuert, ihnen auf die Brüste gegriffen habe. Ferner hätte er der heiligen Mutter Gottes gespottet, welche den Herr Baron v. Eben, als er sie des überflüssigen Schmucks entledigte, bey der Hand ergriffen, einige behaupten, ihn in den Finger gebissen hätte . Möglich kann Gott, durch seine Wunder, alles machen; – ich untersuchte seine Finger aufmerksam, aber ich habe kein Merkmal von einem Marienbisse daran entdecken können. Die Umstehenden hätten sich darüber entsetzt, und wären aus der Kirche geflohen. Der Commissair hätte für seine Person einen Thron errichten lassen; aus dem Ciborium die heiligen Hostien ausgeschüttet, um sich des silbernen Gefässes zu bemächtigen; hätte dem Herrn Prälaten 1 Gulden, als seine künftige Taglöhnung, in's Gesicht geworfen, und das goldene Kreuz von seiner Brust abgerissen. Der Graf hätte, da die 49 Nonnen und 6 geistliche Herren versammelt gewesen wären, gesagt, daß es ein Wunder sey, wie so wenige Hengste so viele Stuten befriedigen! – Und auf die Klage der Nonnen, daß sie mit der geringen ihnen ausgeworfenen Pension nicht werden leben können, hätte der Commissair erwiedert: Ihr werdet ja Huren – und euch daher eine beträchtliche Zulage zu erwerben im Stande seyn. Endlich habe der Commissair mit brennenden, auf Stricken herabgelassenen, Fackeln die Abtritte, als die außerordentliche Gruft der unmündigen Kinder untersuchen lassen. Ich bin müde, die einfältigen Mährchen zu sammeln, die die Pfaffen wider den Grafen erdichtet, und die ein jeder vernünftiger Mensch für das, was sie wirklich sind, für grobe Lügen der pfäffischen Boßheit halten muß. Denn wäre nur ein Schatten derselben wahr: so würde der Herr Prälat von Doxan, in der veranstalteten, beym Gubernium eingereichten, Klage – mit kluger Wendung Gebrauch davon gemacht haben. Dazu sind sie freylich nicht brauchbar gewesen; um aber den Grafen bey dem größten Theile der Menschen, die kurzsichtig sind, lächerlich und verächtlich zu machen, dazu waren sie gut genug. Der Graf rechtfertigte sich und Folgendes ist der Schluß der Verantwortung: Gleichwie nun Endesgefertigter sich schmeichelt, daß ihm mit Grunde nichts Gesetzwidriges zur Last gelegt werden könne; eben so überläßt er's gänzlich einer hohen Einsicht des hochlöbl. Landesguberniums, wie sehr ihm die, ohne Zweifel, auf einige falsche Anzeigen erfolgte, Verordnung schmerzlich fallen müsse; da man ihn, ohne ihn zu vernehmen, in einer, seine Ehre und guten Nahmen treffenden, Sache verurtheilet. Er bittet indessen, daß vor aller Entscheidung der Hauptbericht abgewartet, dann sein ganzes Betragen durch eine unpartheiische Commission untersucht, und nach Befinden, zur Rettung seiner verletzten Ehre, eine gebührende Genugthuung geleistet werden möchte! Den 4. April 1782. Auf diese Verantwortung erhielt der Herr Graf folgende Verordnung unter dem 5. April: »Es wird zwar demselben die Beendigung des Doxaner Kloster Aufhebungsgeschäfts überlassen, jedoch ist der Hauptbericht des ehestens anhero zu berichten.« Dieses berichtete man abermahls nach Hofe – doch ohne Beysatz – daß sich der Graf gut – verantwortet habe. In dem Hauptberichte, welchen der Graf an das Gubernium abstattete, hatte er dargezeigt, daß er sich an die Instruction pünktlich gehalten habe. Dem ungeachtet erhielt er darauffolgende Gubernialverordnung vom 12. April 1782: daß, nachdem er in Angelegenheit des Doxaner Geschäftes auf die ihm ertheilte Instruction willkührlich fürgegangen (worin dieses Willkührliche bestand, beliebte dem Herrn Referenten, Grafen Philipp von Clary nicht anzuzeigen): so hätte das Gubernium dem Kaurzimer Herrn Kreishauptmann neuerdings aufgetragen, sich nach Doxan zu begeben, um das Mangelhafte zu ersetzen. Wornach der Herr Kreishauptmann alle vom Gubernium erhaltene Verordnungen sowohl, als auch die annoch in Händen habende Acta, dem Kaurzimer Herrn Kreishauptmann sogleich zu übergeben habe An Hrn. Bienenberg aber ist zugleich eine Verordnung ergangen, worinnen er unterrichtet worden, auf was Art er dem Grafen werde beikommen können, die ihm gleichsam Waffen in die Hände gab, womit er sich an seinem Feind rächen dürfe. . Der Kreishauptmann von Bienenberg ist allso hierauf nach Doxan abgegangen, und kaum daß er zurück kam, bat der Graf von Kolowrat unter dem 23. April, daß ihm die Anstände, so jener Kreishauptmann in seiner Untersuchung gefunden, zur Beantwortung zugestellt werden möchten, und daß sodann zur gründlichen Erörterung der Sache, eine unpartheiische Commission festgesetzt würde. Abermahls eine, wie mich deucht, bescheidene und billige Bitte. Und die Antwort darauf? – Gar keine. Zu Wien ist aber während der Zeit die Sache so gut eingeleitet worden, daß der Graf unter dem 27. Ap. 1782 seine Entlassung erhielt. Also ehe er gehört, ehe noch seine Sache untersucht wurde, bloß auf den ersten Bericht des Guberniums. Der Graf bat inständig, seine Geschäfte zu untersuchen, und es erschien dem zufolge Anfangs May eine Hofverordnung, kraft welcher das Gubernium anbefehligt wurde, die Sache des Grafen von Kolowrat genau zu untersuchen. Das Gubernium, oder vielmehr der Referent bey der Klosteraufhebungscommission, denn im Gubernio ist es nie vorgekommen, trug seinem Präsidenten, dem Stadthauptmann, auf, jedoch ohne Beysatz, daß dies auf eine Hofverordnung geschehe, damit das Gubernium sagen könnte, es aus eigenem Antrieb gethan zu haben, – daß er zu diesem Ende vom Grafen von Kolowrat zwey Fascikeln von Abschriften, einiger in's Doxaner Archiv gehöriger Documente, abverlange. Das anschlüßliche, vom Herrn von Bienenberg aufgenommene, Beschwerdenprotocoll zur Beantwortung dem Grafen von Kolowrat zustelle. Zugleich von ihm erhebe, was ihn bewogen habe, eine Untersuchung zu veranlassen, ob einige Kinderknochen in dem Doxaner Nonnenabtritt gefunden worden? Endlich die Quittung über die für's Abschreiben, aus den Doxaner Renten ausgelegte Gelder abfordere. Um den Prozeß des Grafen v. Kolowrat desto mehr zu verwickeln, hat man eine andere Sache hineingezogen, und das Personale des Grafen einer Malversation beschuldigt: besonders den Herrn Kreiscommissär, Baron von Eben, der die Prätiosa in's königl. Kreiskammerzahlamt eingeliefert hatte. Er hätte nähmlich einen Koffer mit Prätiosis unterschlagen, die man bey der Nonnenaufhebung zu Doxan herausgenommen, und die er in das königliche Kreiskammerzahlamt hätte abliefern sollen. Er ist von dem Herrn Baron von Langendorf, auf Befehl des Guberniums, vernommen worden; er hat sich aber darüber auf eine Art verantwortet, die dem Prälaten von Doxan, und dem Herrn von Bienenberg, welche diese Beschuldigung veranlaßten, wenig Ehre bringen werden. Er sagt unter andern in seiner Verantwortung, die er ad Protocollum gegeben, daß jene Menschen, so ihn kennen, ihm – eine so niederträchtige Handlung, ohne selbst einer solchen fähig zu seyn – nicht zumuthen können; und erklärte sich hiermit öffentlich, falls, wider Vermuthen, das hochlöbliche Landesgubernium ihm nicht hinlängliche Genugthuung verschaffen würde, er solche bey dem Throne des Monarchen suchen wolle, der ihn nicht nur als einen Adelichen, sondern, welches mehr ist – als einen seine Pflichten jederzeit genau erfüllenden Bürger des Staats schützen werde. Er bringt vier Attestate bei, allen Verdacht von sich abzulehnen, und sich gänzlich auszuweisen; unter welchen eines von der ersten Qualität ist, und zwar von dem Kammerzahlamte selbst. Der Prälat, der ihn anklagte, ist, da er vernommen werden sollte, auf dem Land krank geworden, und hatte sich daher zur Gegenäußerung nicht stellen können. Ich halte nicht viel auf Vorbedeutungen, aber diese Krankheit des Prälaten scheint mir für die Ehre des Herrn Baron von Eben von der besten Vorbedeutung zu seyn. Man mag den Prozeß zu verwickeln suchen, so viel man will, man kann ihn nur mit Verläumdungen verwickeln, welche in der Entwicklung unter Joseph's Regierung den Verwicklern theuer zu stehen kommen dürfen. Der Graf von Kolowrat dringt auf nichts mehr, als auf diese Entwickelung, welches er wohl nicht thun würde, wenn er sich nicht wohl bewußt wäre; dagegen werden seine Gegner krank, wenn sie sich verantworten sollen! – Aber sie müssen endlich gesund werden, und dann – – – Doch, wir wollen nicht voreilig seyn, und nur noch einiges berühren, welches sich bisher darzeigte. – Es sind nähmlich die zween Faszikeln, die man mit Ungestüm vom Herrn Grafen von Kolowrat forderte, ungeachtet seiner Verantwortung daß dieselbe in Doxan im Archiv seyn müssen, dennoch von ihm forderte – im Doxaner Archiv gelegen, und der geistliche Herr Secretär, Gabriel Schöttner, der diese Lüge componirte – wird er wohl ungestraft sie componirt haben? Wenn Philipp Graf von Clary darüber zu entscheiden hätte, freilich! Wo wir von der nochmahligen Untersuchung gehandelt, sagten wir, daß das Gubernium den Auftrag dazu erhalten; dieses ist wahr; es ist aber auch wahr, daß man, noch ehe diese Verordnung kam, per majora beschlossen hatte, die Sache des Grafen von Kolowrat nochmahls zu untersuchen. Diese majora hat der Graf einem komischen Zufall zu danken. Der Graf Philipp Clary hat votirt, daß, nachdem der Hof bereits gesprochen, und dem Grafen von Kolowrat sein Amt benommen hätte; so wäre es fruchtlos und überflüssig, die Sache noch einmahl zu untersuchen; diesem Votum sind beygefallen, Herr von Smittner, Herr von Hemdet. Der Herr Gubernialrath von Herrmann hingegen hat sich dagegen gesetzt, und die Billigkeit erwiesen, daß man den Grafen vernehme, als welches Recht jedem Malifikanten, in monarchischen Staaten, wiederfahren wird. Die geistliche Herren Assessors, der Domdechant John, und der Generalgroßmeister der Kreuzherren, Suchaneck, die indessen geschlafen, oder doch nicht aufmerksam darauf waren, erklärten sich, sie wären eben dieser Meinung; und es sind also die Majora, wider Willen dieser geistlichen Assessoren, zu Gunsten des Grafen ausgefallen; denn Herr John hat es irgendwo selbst erzählt, und er glaubt heutigen Tages noch, daß er wider die Untersuchung votirt habe. Wie glücklich sind oft die Partheyen, wenn solche Räthe und Assessoren im Rathe schlafen. – Bis hieher. – Sollte dieser Prozeß noch mehr verwickelt werden: so wird zu Amsterdam, oder sonst irgendwo, ein drittes Fragment dem Publicum geliefert werden. Solche Fragmente werden in künftigen Zeiten den böhmischen Historikern wichtig seyn, und ich werde derley Schriften mehrere drucken lassen, um unschuldiger Leute Ehre zu retten, und der Boßheit und der Heucheley die Larve abzuziehen. Aus dem wenigen wird jeder unpartheyische Leser einsehen, wie mächtig die Prälaten in Österreich noch sind, und wie unglücklich der Monarch ist, der in seinem Reiche Bigotten und Pfaffenfreunde zu Referenten und Räthen hat. – Wenn der so streng gerechte Joseph – in dessen Augen niemand groß ist, – als der Tugendhafte – nicht Hülfe schafft: so ist er gewiß außer aller Schuld; und sein Biograph, wenn er billig ist, wird einst gestehen müssen, – daß unserm Zeitpuncte nicht zu helfen gewesen. Aus der dritten Abtheilung. Prag, am 21. Dez. 1782. Der Verleger der zwey ersten Fragmente, Herr Lochner von Nürnberg, fragte sich bei der Prager Censur an, ob es erlaubt sey, dieselben , nebst dem Scharmützel , Bischof, Prälaten und Nonnen, einzuführen? Nein, erwiederte eigenmächtig der Prager Bücherbeschauer Mayer; diese Broschüren wären ein für allemahl verbothen; allein, zu seinem, des Herrn Mayers, Gebrauche dürfe der Buchhändler immerhin einige Exemplare mitbringen. Ehe noch Lochner damit erschien, rulirten bereits in der ganzen Stadt Kopien davon, welche ganz vermuthlich von dem löblichen Censurpersonale veranstaltet wurden, – weil damahls noch kein anderes Exemplar, ausser dem, so der Verleger an die Censur abgeschickt, zu Prag existirte. Möglich, daß der Prager Bücherbeschauer, Mayer, seine Freunde mit diesen Abschriften, als einer äußerst interessanten Seltenheit, habe regaliren wollen; aber auch möglich, daß ohne sein Wissen und Willen die Bücherbeschauerey-Subalternen sich eine Amtslauigkeit zu Nutzen machten, und die Mühe auf sich genommen haben, ein verbothenes Buch in – – gleichsam vidimirten Copien theuer genug an Mann zu bringen, und das Honorarium dafür als ein erlaubtes Amtsaccidenz anzusehen. Dieses brachte die halbe Stadt, besonders die Interessenten in Bewegung. Der Domdechant John, der Kreuzherrengeneral Suchaneck, die Norbertiner Prälaten, oder der doppelte weiße Adler von Strahof; alle Pfaffenknechte und Anhang, Herr v. Bienenberg, Clary's hochgräfliche Excellenz und Anhang – vor den Augen des Publicums entlarvet, und mit Schanden bedeckt, brannten Wuth, sich zu rächen; aber wie? Der Verfasser war noch unbekannt, und man sehnte sich nach der Ankunft des Verlegers, der nach Prag zu Markte geht, und der, wie sie glaubten, das Corpus delicti mitbringen würde. Er kam und brachte auch, vom Bücherbeschauer dazu, wie wir oben gesehen, aufgemuntert, 2 Exemplarien mit; das Eine überreichte er dem Grafen von Kolowrat, das andere behielt er selbst. Er wurde bestürmet, und man muß zu seinem Ruhme nachsagen, daß er oftmaligen Anerbietungen, pro 6 Dukaten für jedes Exemplar, wacker widerstand; man hätte ihm auch nimmer beykommen können, hätte es nicht einem dummen Burschen gelungen, was allen andern Intriguen fehlschlug. Herr v. Bienenberg hatte in pleno seines Kreisamtspersonals bey der Cavaliersparole hohe Gunst und baldige Beförderung demjenigen versprochen, welcher das Glück haben würde, ihm ein Exemplar von dem Graf v. Kolowratischen Proceß zu verschaffen. Einer seiner Practicanten, Nahmens Johann Glaser, ein ausgetretener Mönch, der die Raserey hat, Bücher anzuschaffen, die er nicht liest, um mit einer beträchtlichen Bibliothek vor den Augen noch, – wo möglich, dümmerer Menschen, als er ist, zu brilliren, der sonach unter die Buchhändler groß Theil seines ansehnlichen Vermögens kommen ließ, und folglich auch dem Buchhändler, als ein respectabler Mann, bekannt war, nahm es auf sich, seine Ehre dem Verleger zu verpfänden, von ihm nur auf eine Stunde lang den Proceß zum Überlesen zu erhalten. Da bekanntlich jeder Kaufmann die Ehre seiner Kunden nach ihrem Vermögen zu taxiren pflegt, machte auch Lochner sich kein Bedenken, einem seiner besten Kunden hierin gefällig zu seyn. Johann Glaser aber lief um die nähmliche Minute, beym noch warmen Eide – seine Ehre zum Speck in den Rauchfang aufzuhängen, und für die angebothene Huld seines gnädigen Kreishauptmanns, – ein schändlicher Denunciant zu werden. Ein ausgetretener dummlistiger Mönch – kann nur bey einer Obrigkeit, wie Bienenberg, sein Glück machen; denn nur Kreishauptleute, wie er, finden Handlungen dieser Art verdienstlich. Mit dem Entzücken eines für den Jammer und Elend der Menschen abgehärteten Blutrichters, der vom Hängen und Rädern seine Vortheile zieht, fuhr Bienenberg zum Grafen v. Nostiz Excellenz, um dem Verleger auf dem letzten Sprossel die nächste Staffel in den Schoos Abrahams zu verhelfen, und wo Gott will, auch dem Autor. Er betheuerte, diese Schrift schände die Majestät, die Religion, und andere angesehene Personen; – seine hochangesehene Person mitgerechnet; und folglich müsse Lochner, der sie öffentlich verkaufe, criminaliter behandelt werden. Auf diese Anzeige zog – schröckbar, wie die leidige Inquisition, das ganze Censurpersonale – ein Mann vom Stadtgericht, und 6 Stücke furchtbarer Helden von der handvesten Kotzischen Garde mit entblößtem Seitengewehr nach dem Buchladen Lochners, bemeisterten sich seiner Person zuerst, besetzten alle Ausgänge, lasen ihm, mit gehöriger Ceremonie, sein Urtheil ab, und die löbliche Bücherbeschauerey kroch kunstmäßig alle Winke. durch, guckte sogar in das Ofenloch, um den Prozeß des Grafen von Kolowrat zu finden. Aber sie fanden nichts. Dem ungeachtet wurde Lochner in ein Armensünderkämmerchen gesteckt, darin er viele Wochen schmachtete. Er machte gehörige Vorstellungen, daß er nähmlich hiedurch zwey Märkte verlöre, daß er Caution und angesehene Bürgen für seine Person stellen könne; daß seine Frau, die hoch schwanger sey, den Tod davon haben werde, wenn sie erfährt, daß er im Kerker schmachtete, u. s. w.; aber man mußte um der Gerechtigkeit willen, – grausam und unmenschlich seyn; und Lochner säße gewiß noch im tiefen Kerker, wenn er sich nicht mit seiner Bitte an den huldreichsten Monarchen selbst gewandt hätte. Den Tag darauf, als er arretirt wurde, wurde er auch ad Protocollum vernommen, und versichert, man wolle ihn nicht eher los lassen, bis er den Verfasser dieser Schrift genannt habe. Nothgedrungen nannte er also den Ritter Juolfinger von Steinsberg, den bekannten Verfasser der Predigtencritik und einiger Schauspiele Herr Appellationsrath v. Escherich, der der Lochnerischen Untersuchung beygezogen wurde, behauptete, die Broschüre enthalte ein Crimen laesae Majestatis secundi generis; denn es stehe darinnen, der Graf sey ungehört verurtheilt worden . Kann wohl der Fürst weitläufiger und großer Staaten alle Klagen seiner Unterthanen anhören? Muß er nicht seine meisten Urtheile nach den Referaten seiner Räthe abfassen? Wie viele Ungerechtigkeiten muß er bestätigen, die er nicht untersuchen kann? Und eben so wenig, als ihm diese Ungerechtigkeiten zur Last gelegt werden können, kann ihn auch der Vorwurf treffen, daß der Graf ungehört verdammt worden. Wenn z. B. auf Ihr Gutdünken, mein Herr v. Escherich, der Buchhändler und Autor, als Schänder der Majestät, zum Tode wären verurtheilt worden: so wäre der Monarch unschuldig an diesem Blute, und der gerechte Vorwurf einer hierfalls verübten Ungerechtigkeit träfe nicht ihn, sondern Sie, kurzsichtiger Criminalist! . Der Graf Philipp v. Clary drang darauf, diese Schrift durch Henkers Hände verbrennen zu lassen, aber der Graf Nostiz, ein strenger, doch ein gerechter Mann, soll erwiedert haben: Clary's Excellenz wolle erwägen, daß, nachdem er in dieser Schrift so oft genannt worden, der Henker somit auch seinen Nahmen verbrennen würde. Mit diesem Autodafé ging es also schlechterdings nicht an, und man begnügte sich blos von Seiten des Guberniums daran, des Kaisers Majestät zu bitten, daß er andern zum Exempel, den Verfasser bestrafen lasse, weil sich sonst kein Rath getrauen würde, irgend einer Commission beyzusitzen, wenn er Gefahr liefe, so, wie jene Assessors bey der Doxaner Nonnenaufhebungs-Commission – ausgelacht zu werden. Nun erwartete man den kaiserl. Machtspruch, der sowohl dem Verfasser, als dem Verleger dieser Schrift, den Hals brechen, oder sie doch wenigstens zum Gassenkehren, mit einer Norbertinertonsur, verdammen würde; aber der weise Kaiser, dem es wohl bekannt seyn mag, daß es noch hie und da Räthe gibt, die, so wie sie nur den Mund öffnen, auch schon ausgelacht werden müssen, befahl Lochnern des Arrestes zu entlassen, und die Sache auf das Schärfste zu untersuchen. Der Ritter v. Steinsberg, der nichts anderes vermuthen konnte, als daß seine, wie leicht zu erachten, unpartheyischen Richter diese kaiserliche Resolution dahin deuten würden, ihn so lange im weißen Thurm sitzen zu lassen, bis die Sache entschieden, er aber im Thurm indessen grau geworden ist, beschloß, über die Gränze zu gehen, und seinen Feinden gewonnen Spiel zu geben. Indessen ließ man, mittelst einer Estafette, das Manuscript selbst von Nürnberg kommen; man erkannte daran zweer Canzelisten Handschrift, die alsogleich abgesetzt werden sollten. Jetzt mit allen Documenten versehen, trug das Gubernium die weitere Untersuchung der K. Appellation an, aber sie schob es von sich, mit dem Vorwand, daß von Steinsberg vermöge seines Ritterstandes, nicht zu ihrer Jurisdiction gehöre. Was man hierauf unternommen hat, ist mir unbekannt; so viel ist gewiß, daß währender Zeit die Bittschrift des Ritter v. Steinsberg an den Kaiser, nach Prag dem Gubernium zugeschickt wurde, die ich mit vieler Mühe zu lesen bekam, und die ungefähr so lautet: Von Aussen. An des Kaisers Majestät . Fr. von Steinsberg bittet, Ihro Majestät wollen gegenwärtige Bittschrift und Beylagen selbst lesen; denn nur von ihrer Gerechtigkeitsliebe erwartet er schleunige und gewisse Hülfe. Von Innen. Ihro Majestät! Unterzeichneter wurde aufgefordert A die Flucht zu nehmen, weil das Gubernium seinen Untergang beschloß, das er lächerlich gemacht hätte. Der Herausgeber hätte dies nie im Sinne gehabt; vielweniger an der geheiligten Person seines Landesvaters zu vergreifen. Seine Absicht sey lediglich gewesen, die Ehre eines Cavaliers zu retten, dessen Vorfahren sich um sein Vaterland unsterblich verdient gemacht hatten; laut der Geschichte, und laut der höchsten Publication bey Ernennung des itzigen Obristkanzlers selbst. Beschaffenheit der Sache . Zu Anfang des Frühlings erhielt Unterfertigter das erste, im Sommer das zweyte Fragment beyliegender Schrift B von einem Ungenannten. Lochnern wurde sie zugesagt. Der Markt ging zu Ende, und das Manuscript war, der Unleserlichkeit wegen, fast unbrauchbar. Aus dieser Verlegenheit hätten ihm die 2 Canzellisten, Ulen und Korboda, geholfen, die solche zum Theil abschrieben. Das Gröbste habe er gemildert, daran werde man seine Handschrift erkennen; das Original müsse noch in Böhmen bey seinem Vater liegen. Unterzeichneter habe also diesen Prozeß nicht selbst verfaßt, und seine weitern Beweggründe für die Publication desselben wären: weil er aus dieser Schrift die Unschuld des Grafen v. Kolowrat erkannte, habe ihn sein Gewissen und die Pflicht der Menschlichkeit bestimmt. sie bekannt zu machen. Über dies sey es ihm bekannt, daß vermöge der erweiterten Preßfreiheit, auch diejenigen kritischen Schriften die Censur frey passiren, die Ihrer Majestät allerhöchste Person selbst angreifen; welche Freyheit das einzige Mittel sey, sich gegen Cabale und Verläumdung zu schützen. Was die Bekanntmachung der Stimmen anbetrifft, die über den Grafen Kolowrat fielen, und welches man als eine Verrätherey ansehen wolle, diese wäre durch den Assessor, Domdechant John verrathen worden, welcher alles, so viel er sich aus der Session davon merken konnte, seiner Freundinn, der Frau von Marchand, erzählt habe, und diese hätte es dann weiter ausgebracht. Überhaupt aber hätte Unterzeichneter unter zwey Bedingungen diese Schrift Lochnern in Verlag gegeben: einmahl, ihn nicht zu nennen; und dann, die Schrift selbst der Censur zuzuschicken; da er aber beyde gebrochen hätte: so höre Unterzeichneter auch auf, der Herausgeber derselben zu seyn. Aus gegründeter Furcht, das Opfer seiner mächtigen Feinde zu werden, und also nicht aus Furcht vor der Gerechtigkeit Sr. Majestät, zu welcher er einzig Zuflucht nimmt, halte er sich, bis zum Ausgang des Prozesses, verborgen; und er sey überzeugt, daß, wofern er einen Fehler beging, er dazu von der Menschlichkeit verleitet werde, und deshalb also vor dem erklärten Schützer aller Menschen nicht zu zittern habe. Ritter v. Steinsberg. Wie gesagt, wurde diese Bittschrift nebst Beylagen, vornähmlich dem Prozesse selbst – nach Prag den 2. December mit dem Auftrage abgeschickt, das Gubernium solle sich äußern, und – – rechtfertigen. Am 3. Dec. wurden die Acta des Graf v. Kolowrat'schen Prozesses nach Wien, zur nochmahligen Untersuchung, abgefordert, und des Kaisers angebethete Gerechtigkeit neuerdings bewiesen. Währender Zeit, da er beschloß, den Vater auf die höchste Stuffe der Würde in seiner Monarchie, zum Obristkanzler und dirigirenden Minister bey der Stellen der Hofkanzley und der Hofkammer zu erhöhen, hat er seinen Sohn abgesetzt, weil er ihn, zufolge der Clary'schen schiefen Referate, schuldig erachtete. Sein Vater, der würdige Minister, bath vergebens für seinen Sohn. – Der Kaiser beschloß, von den Vergehungen desselben informirt, daß die Sache nicht weiter gerüget werde, und der junge Graf abgesetzt bliebe; und bald darauf bekam der Vater zum Beweise der kaiserlichen Huld, das goldene Vlies. Welch' eine Strenge! welch' eine seltene Unbestechbarkeit des Herzens, die nicht dem Lieblinge, dem verdienstvollen Manne zu gefallen, auf Unkosten der Billigkeit, ein Auge zudrückt, oder den verdienstvollen Mann fremde Vergehungen entgelten läßt! Der Chikanen überdrüssig, verfügte sich der Graf K. selbst nach Wien, um den allerhöchsten Entschluß auf sein Memorial zu betreiben, und der Wuth der Prager Cabalisten Schranken zu setzen, die weil er von all' den Pretiosen zu Doxan nichts entwandt, ihn zum Dieb an zwey kleinen unbedeutenden Globen machen wollten, u. d. m. Und so sehr auch schon zu Wien alle Gemüther wider ihn erbittert waren, gelang es ihm doch, die Augen seiner Richter aufzuklären, so, daß von Seiten der böhmischen Hofkanzley Sr. Majestät eingerathen wurde, dem Grafen Kolowrat die anverlangte unpartheyische Commission zu verwilligen. Dieses Gutachten wurde von dem Staatsrath zu seiner Äußerung zugeschickt, welcher aber Sr. Majestät rieth: die angesuchte unpartheyische Commission zu versagen, weil man ein ganzes Gubernium, die erste Landesstelle, nicht wohl der Gefahr aussetzen könne, prostituirt zu werden. In Gleichförmigkeit dieses Anrathens wurde dem Grafen von Kolowrat beygefügtes Decret zugefertigt. »Se. Majestät haben über den von ihm, Herrn Grafen, allerhöchsten Orts angebrachten Recurs und Anlangen um eine unpartheyische Commission auf seine Kosten, in dem Betreff, was ihm in seinem, als Commissarius bei der Aufhebung des Doxaner Frauenkloster gebrauchten, Benehmen zu Schulden gekommen, und Beschleunigung der diesfalls schon unterm 27. April bereits angeordneten, aber noch nicht vollzogenen, Untersuchung abzukommen habe; und demselben die geschehene Entsetzung von der Kreishauptmannsstelle, zur Strafe für seine begangene Übereilung, anzunehmen sey. Doch wollen Se. Majestät aus Gnade gestatten, daß er, Herr Graf, wieder bey der Appellation zur Dienstleistung angestellt werde. Diese allerhöchste Entschließung wird daher ihm, Herrn Graf von Kolowrat, zur tröstlichen Wissenschaft mit dem Beysatz eröffnet, daß das Nöthige hierwegen, sowohl an die kaiserl. königl. Obristjustizstelle, und das königl. böhmische Gubernium, unter einem ergehe. Wien, den 17. August 1781.« Der Graf verschmerzte es leicht, zum Theil das Opfer der Sotisen eines ihn im Nahmen des Gubernii verfolgenden Referenten zu seyn, da doch hiedurch wenigstens seines Vaters Kummer gelindert wurde, und er die wenigen ihm übrig gebliebenen Freunde von seiner Unschuld überzeugen konnte. Es war auch billig, daß, nachdem seine Name, durch die Vermittelung der Chicane, in vielen öffentlichen Zeitungen geschändet ward, durch die Gegenvermittelung des Ritter v. Steinsberg das Publicum von der wahren Beschaffenheit der Sache informirt, und auf die verwundete Ehre des Geschändeten Balsam gegossen wurde. Es ist aus der böhmisch- und österreichischen Geschichte erweislich, daß eine beträchtliche Menge von Kolowrat'schem Blut für Österreich floß; es ist erweislich, daß Kolowrate von jeher in den für Österreich gefährlichsten Revolutionen sich jedesmahl für Österreich mit Gut und Blut erklärt haben; erweislich, daß die Geschichte von den Handlungen dieser Familie nie zweydeutig spricht; erweislich, daß diese Familie eine von den wenigen ist, die wir als den ächten Schmuck der böhmischen Geschichte ansehen können; und so zufällig dieser Schmuck auch an und für sich selbst ist: so ist er doch merkwürdig und schön, und wir wollen ihn noch länger unbesudelt erhalten! 37. Die Nonnen und der Nonnerich » Nonnerich? « Warum denn nicht? – Lasse man uns den Ausdruck, wie man der Sprache die Ausdrücke Enterich und Gänserich läßt. . Scenen aus der Wirklichkeit, nämlich aus der Aufhebungsgeschichte des Doxaner-Klosters, bey welcher Philipp Graf v. Kolowrat beordert gewesen. (Man sehe den vorhergehenden Artikel: » Der Proceß des Grafen v. Kolowrat. «) Das Nonnerich-Drama bildet in der betreffenden Druckschrift die zweyte Abtheilung, wie es denn auf dem Titel lautet: Nebst einem wahren dramatischen Scharmützel: »Bischof, Prälaten und Nonnen.« Alles übrige erklärt sich aus des Verfassers Vorbericht zu diesem Scharmützel selbst. Vorbericht. Gegenwärtige Scenen, wären sie auch von keinem inneren Werthe, verdienten schon deshalb aufbewahrt zu werden, weil sie sich auf wahre Begebenheit gründen, und mit Rechte als ein Beytrag zur geheimen Geschichte des österreichischen Clerus angesehen werden dürfen, da von künftig, zur Beleuchtung der mächtigen geistlichen Hindernisse der gewaltig einbrechenden josephinischen Reformation, die späteren Geschichtschreiber werden Gebrauch machen können. Man wird sich wundern, Prälaten und Geistliche unter den Nonnen zu finden; daher dient es jedermänniglich zur Nachricht, daß Doxan dieses Wunderbare vor den meisten Nonnenklöstern für sich hatte, unter einer männlichen Direction, ganz jüngferlich, den Weinberg Gottes zu bearbeiten. Sie hatten vormahls einige Beichtväter aus ihrem Orden, welche, einem Prior subordinirt, den Gottesdienst zu Doxan verwalteten. Endlich wurden sie von einem dieser Prioren verleitet, denselben zum Prälaten graduiren zu lassen, dem sie alle ihre Habseligkeiten anvertrauet, und den zu ihrem Herrn gemacht haben. Dieser Prälat also war und blieb ein unumschränkter Herr von Doxan, der nichts anderes zu thun hatte, als seine Renten zu verbessern; das ist, den Nonnen so viel, wie möglich abzuzwacken, und seine Unterthanen zu schinden, um mit auswärtigen Freunden und hohen Gästen, daran es nie zu Doxan mangelte, die beträchtlichen Früchte dieser seiner Industrie zu verprassen. Warum sich die Nonnen ihre Herrschaft und Capitalien aus den Händen reißen ließen; ob aus Demuth, aus Mangel an gehöriger Einsicht, oder einfältiger Gutherzigkeit, ist nicht zu bestimmen; so viel aber ist gewiß, daß seit 20 Jahren nur schön, jung, rothbackig, gesund und starke Norbertiner, als Nonnenbeichtväter, nach Doxan beordert wurden; ob dieses darum geschah, um den Nonnen ihren Cölibatrecht sauer zu machen, oder, um der hospitälen Prälatur einen Glanz dadurch zu geben, ist abermahls nicht zu enträthseln. Bey so gestalten Dingen mußte es seiner hochwürdigen Rotundität, dem Prälaten von Doxan, höchst angelegen seyn, entweder die ganze Herrschaft zu erhalten, oder doch aus dem Feuer, so viel als möglich, zu retten; und da der Commissär, Graf v. Kolowrat, das Feuer so gut anlegte, daß man sich aller Orten, wo man nur mausen wollte, verbrannte, da dieser landesfürstliche Commissär weder überlistet noch bestochen werden konnte: so faßte man den löblichen Entschluß, die Nonnen übertölpeln zu lassen, um sie zur Annahme eines der Orden zu bereden, welche bisher von der Reformation unangetastet geblieben sind. Zu dieser wohllöblichen Übertölpeley haben sich Herr und Frau v. Bienenberg, dann Phil. v. Clary brauchen lassen, nachdem die beyden Prälaten, von Doxan und Strahof, mit Verachtung zurück gewiesen worden. Diesen Prälatenpfiff entdeckte Ritter v. Steinsberg beyzeiten, und da noch sein Ausgang ungewiß war, ließ er diese Scenen in Nürnberg drucken, um die dummkühnen Anschläge der Prälaten zu vereiteln, und das Publicum auf ihre Seitensprünge, die kaiserl. königl. Befehle zu eludiren, aufmerksam zu machen. Nur die Besorgniß, durch eine Ungleichheit des Styls das Ganze zu verderben, hielt mich ab, dem Werkchen einige Scenen zwischen den Nonnen und der Frau v. Bienenberg, und andern mehr – einzuschalten. Prag, den 2. Jänner 1783. Der Herausgeber G . Garten in Doxan. Erste Scene. Der Prälat von Doxan, (auf und abgehend.) Dich soll ich nun auf ewig verlassen, meiner Ruhe geweihter, durch meine Hände verherrlichter Garten! Was für eine bittere Erinnerung, dich jemahls gehabt, hier in dieser Laube manche Lust genossen, dort an jener Terrasse manchen herrlichen Schmaus gegeben, an jenem Springbrunnen manchmahl, von stiller Freude und geheiligten Grazien eingewiegt, eingeschlummert zu haben! Ich will mich auf jenen grünen Skarpen hinwerfen, auf jenes Jägerhaus, so ich meinem und meiner Freunde Vergnügen baute, hinblicken, und vor Wehmuth sterben. Ich unglückseliger Prälat, aus meinem Paradiese von einem freygeisterischen Fürsten vertrieben! o Jesu Maria! o heiliger Norbert! (Sinkt nieder. Seine Einbildungskraft mahlt ihm alle seine Gastereyen und Schwelgereyen lebhaft vor; er sieht den durch seine menschenfreundliche Verwendung gestürzten Kreishauptmann, und lächelt; nun aber kehrt die traurige Scene in seine Seele zurück, da er seines Silbers, seiner Capitalien beraubt wurde; – und weint.) Zweyte Scene. Vertrauter Mönch, der Vorige. Vertrauter Mönch . (Mit einer Flasche und 2 Trinkgläsern in der Hand.) Victoria! gnädigster Papa! Victoria, alles gewonnen, nichts verloren! Prälat . Gott gabs, und Gott nahms; sein Wille geschehe! Vertr . Mönch . Nichts nahm er, nichts. Vorerst eine Dosis Wertheimer, Euer Gnaden; und hat diese himmlische Medicin, wie sie es immer zu thun pflegt, die leidige Schwermuth von Euer Gnaden hoher Seele weggeschwemmt, dann, gnädigster Papa, einen wohlmeinenden Rath von Dero devotestem Knechte. Einen Rath, den der heilige Norbert nicht besser geben kann, der so viel werth ist, wie dieser Nectar. – Auf langes Wohlleben, Reverendissime. Klu lu lu lu lu lu. O Wertheimer! o Wertheimer! Prälat . (Nach einigen Seufzern.) Geh, leichtsinniger Freund! mir schmeckt nichts mehr; alles ist mit Galle vermischt. Dieser Garten, jene Lusthäuser, jene Keller, mein Pallast, meine Herrschaft, alles, alles ist verloren; und ich armseliger Prälat, – ich mit zwey Gulden täglich abgespeister Landstand, bin nichts mehr! – Alles, alles ist verloren. Vertr . Mönch . Nicht ein geweihter Floh einer ihrer liebenswürdigen Nonnen, gnädigster Papa. (Der Prälat trinkt, wird heiterer.) Ich erhielt eben einen Brief, daß, nachdem sich die Klosterjungfern zu Brix Die Klosteroberinn und Ältesten haben, aus einer gegründeten Verachtung der Welt, weil sie nähmlich alte Jungfern sind, und aus Liebe zur bequemen Bigotterie, mit dem wohlweisen Magistrat zu Brix, diese Finte erfunden, um die übrigen Nonnen, die sich so sehr nach der ihnen zugestandenen Freyheit sehnten, zu zwingen, noch länger in ihrem Kerker zu schmachten. O wenn doch der Landesfürst sie einzeln vernehmen ließe, liegt es ihm daran, sich der Menschheit zu erbarmen!!! entschlossen hätten, Ursulinerinnen zu werden: so hätte sie der Kaiser, wie zuvor, in ihrem Kloster gelassen. Wenn nun Euer Gnaden Dero Nonnen auch persuadiren, ein gleiches zuthun: so setzen Euer Gnaden dem Ministerium eine Brille auf die Nase, und behalten alles, wie zuvor. Prälat . Wirklich? (voll Freuden) ach! Du sprichst ja weiser, als Salomo! Mir fällt ein Stein vom Herzen, (hat zuvor eine Flasche ausgestochen) ich freue mich recht kindisch darüber, dem Prälaten von Strahof Nachricht davon zu geben; er und meine angesehenen Freunde, die ich so oft und so königlich bewirthet habe, und deren es bey Hof und zu Prag eine Menge giebt, werden mir beystehen, werden ihren Freund retten! Dritte Scene. (In der Klausur. Im Parlatorio.) Zwo jüngere Nonnen. Electa und Michaela. Electa . Freu dich, liebe Schwester, der Prälat hat nichts beym Monarchen ausgerichtet. Wir dürfen hinaus. O wie will ich des Lebens genießen, mit welchen Freuden diesen Kerker fliehen, wie die verlornen Tage wieder einbringen! Ach! Schade nur für die rosenfarbnen Tage meiner Jugend! Dann, wenn ich in freyer Luft, in Wonne und Entzücken hintaumele, dann soll der aufrichtige Seufzer zu Gott Wohl und langes Leben für den Schützer aller Menschen anflehen, der mir ein zweytes Leben gab. Michaela . Hast Recht, liebe Schwester. Endlich werden wir dieser Gürteln, dieser Breviere, dieser Werkzeuge der Schwermuth, dieser Fesseln des Aberglaubens los werden. Der liebe Kaiser hat der beleidigten Menschheit ihr ursprünglich natürliches Recht gelten gemacht; Gott mach ihn dafür gesund; erhalt ihm sein Gesicht, erhalt ihn der Menschheit, und nie möge er den schleichenden Pfaffen trauen, die um so gefährlicher sind, je gelehrter sie sind, oder es zu seyn scheinen. Im Grunde ihres Herzens sind sie doch Feinde der Menschen und des Staats! denn sie sind Pfaffen!!! Bst! Stille! unsere Oberinn kommt, die es nicht leiden kann, wenn unser eins ein bischen vernünftig spricht. Vierte Scene. Oberinn. Elisabeth. Vorige. Elisabetha . Gelobt sey Jesus Christus! Beyde . In Ewigkeit. Amen. Elisabetha . Ach, du Gekreuzigter, was erlebten wir nicht für Zeiten! – Gott sey uns gnädig, meine Kinder, den wir jederzeit mit vereinigten Gebethern verehrten, entfernt von dem weltlichen Geräusche, von den Schlingen, die der leidige Satan † † † den schwachen Menschen legt. Und nun, du ewiger Erbarmer, sollen wir uns trennen! das ist die Strafe des Himmels, o daß Gott unsern Fürsten erleuchten, oder von der Welt nehmen möchte, der uns so in der heiligen Andacht stört; o! daß alle seine Rathgeber ewig verdammt würden! Michaela . Nein, das wolle Gott verhüthen, unser Landesfürst ist unser Vater, mehr, als unser Beherrscher. Elisabetha . Ich glaube in diesen heiligen Mauern gar eine Gotteslästerinn zu hören? Nimmt mich nicht Wunder, die Jungfer ist in einen Offizier verliebt, man spricht garstig davon; sie hat ihr Herz entweihet. Sie ist im heiligen Schaafstalle, das aussätzige, das räudige Schaf. Sie ist die Urheberinn alles Unheils unsers Klosters; die einzige Ursache der Geißel des Himmels, sie wird ewig in der Hölle brennen. Michaela . Daß doch die Frömmigkeit, die Andacht selbst – von allen etwas aufgeklärten Menschen immer am schlimmsten spricht. Elisabetha . Was plappert sie da? Michaela . Daß Gott mein Herz besser kenne, als sie hochwürdige Mutter. Fünfte Scene. (Es kommen mehrere Nonnen dazu; die Alten mit traurigen, die Jungen mit fröhlichen Gesichtern. In der meisten Nonnen Augen schimmert die Wonne, ein Resultat von der lebhaften Vorstellung künftiger Glückseligkeit, die uns zwar Natur und Religion gewähren, welche aber diese Unglücklichen dem Aberglauben bisher aufopferten. Das schärfere Auge des Menschenkenners sieht hier eine Auferstehung der Natur vormahls geschlachteter Herzen; es sieht den Nahmen des Landesfürsten, der sie, Gott ähnlich, auferweckte, – auf dem Throne der Freude, der Tugend, und der Wohlthätigkeit, mit heißen Wünschen und Segnungen überschüttet. – Doch ist diese herrliche Scene mit einem dünnen Flor von affectirter Frömmigkeit überzogen, der dem blödern Auge sie ganz entzieht, dem schärfern interessanter macht.) Sechste Scene. (Der Prälat von Strahof, der Prälat von Doxan, und der vertraute Mönch kommen. Jener dünne Flor verwandelt sich in grobes Tuch bey ihrer Ankunft. Die sichtbare Freude tritt ganz in ihre Herzen zurück, und man sieht um und um, Emanuelas Gesicht ausgenommen, nichts, als lauter Nonnengesichter . Einige von diesen Klosterjungfrauen küssen mit tiefster Ehrfurcht der beyden Prälaten Hände; diese aber stellen sich an, als ob sie dabey gar nichts empfänden, und doch waren darunter noch ganz junge Nonnen, und auch ganz hübsch! – Ein Wink entfernt sie auf einige Augenblicke.) Der Prälat v . Doxan (zu seinem Collega). Hier führe ich Ihnen Reverendissime, den vertrauten Mönch auf, der unter seinem eigenen Nahmen, wider die Aufhebung der Klöster, ein Werk drucken ließ Unter diesem Titel erschien vermuthlich zu München eine Broschüre, die von dem habsburgischen Hause und vom Kaiser sehr viel Ungegründetes, Grobes, Pfäffisches enthält. Der Prälat von Strahof hat es mit Entzücken gelesen, hat es Anfangs May als ein Werk, an dem nichts auszusetzen sey, angerühmt. Darum hat man diesem dramatischen Gedichte diese Person einverleibet, welche die einzige erdichtete ist, die übrigen sind alle, und das ganze Factum, – mit andern Worten wahr!!! . Prälat von Strahof . Lassen Sie sich umarmen, würdigster Mann, ich bin, seitdem ich Ihr Werk gelesen, Ihr zärtlichster Freund. Ein Werk, darin kein Wort überflüssig und umsonst ist. Lauter gründliche Wahrheit. Das sollte der Kaiser lesen; dem haben Sie es recht gesagt. Darum haben sie es auch zu Wien verbothen. Vertrauter Mönch . Aber man hat dieses Werk jämmerlich zugerichtet. Man hat in einem Nachdruck die fürstlichen Nahmen weggestrichen, und ein Ketzer hat Noten dazu gemacht, worüber ich vor Galle zerplatzen möchte. Prälat von Strahof . Gott wird ihn strafen; das sind Zeiten! das sind Zeiten! Siebente Scene. Anfangs May 1782. (Es erscheinen alle 49 Nonnen.) Prälat von Strahof . Zittert, ach zittert nur, euer Schmerz ist gerecht; nun ist die Stunde gekommen, da ihr einen Kirchenraub begehen, da ihr euerm heiligsten Orden, die ihm auf ewig dargebrachten, die ihm geweihten Herzen, rauben sollet. Ihr habt wohlbedächtlich diesen Weg erwählt, die ewige Seligkeit zu erringen: denn was nützt es dem Menschen, sagt der goldene Mund, wenn er auch alle Reichthümer besäße, und die Seele darüber verloren ginge! – Man hat bisher sorgfältig und väterlich eure Schritte beobachtet, damit ihr keinen Fehltritt thun möget! nun aber wirft man euch auf's brausende Meer, euch Ärmste, die ihr das Rudern nicht versteht; die Wellen, die ihr mit euern schwachen Armen nicht zurückschlagen können werdet, werden euch verschlingen. (Während daß der Prälat auf die zweyte Periode seiner Rede studirt, sagt) Elisabetha, (ungefähr eine Sechzigerin, tief seufzend: ) Mein Gott, wie leicht kann unser eins verführt werden! Prälat von Strahof . Der Landesfürst sieht dieses nicht so gut ein, und kann es auch nicht so gut einsehen, wie wir, denn er ist nie ein Prälat gewesen: wir aber sind Prälaten. Und was würde endlich aus dem Staate werden, hätte der Kaiser keine Prälaten bey der Hand, auf deren Schultern die ganze Monarchie ruhet. Wir wissen, wie der heilige Jungfrauenstand im Himmel allen andern Tugenden weit vorgezogen, und in alle Ewigkeit verherrlichet wird, und wir wissen, wie gebrechlich dieser heilige Jungfernstand sey; denn wir sind Prälaten. Eine Fünfzigerinn . Ja, wohl wahr; Gott behüthe unser eins! – Prälat von Doxan . Daher, meine lieben Jungfern müssen wir alles anwenden, um dem Himmel und dem heiligen Norbert, dem wir unsere Herzen darbrachten, nicht untreu zu werden; denn da er bey Gott in großem Ansehen steht; so würde er uns auch untreu werden, und Gott leicht gegen uns erbittern, wesfalls wir denn ganz gewiß des ewigen Todes würden. Die Fünfzigerinn (mit Klosterzärtlichkeit). Ach gnädigster Papa, wir wollen alles thun, wenn wir noch ein Mittel haben, hier in diesen heiligen Mauern uns zu erhalten. Prälat von Doxan . Der Landesfürst, Gott erleuchte seinen Verstand, und erweiche sein Herz, hat die Klosterfrauen zu Brix in ihrem Stande gelassen, weil sie den heiligen Geist hörten, und alle einmüthig, gewiß konnte das ihnen nur der heilige Geist eingeben, Ursulinnerinnen werden wollten. Nun, wenn ihr eurem heiligen Schutzengel, wenn ihr dem heiligen Geist der sich den Brixernonnen sichtbarlich offenbarte, geneigtes Ohr zu verleihen ohnermangelt: so thut das nähmliche, und bedenket, daß ihr dadurch eure Seele von dem ewigen Feuer errettet. Electa . Gnädiger Papa, wenn mich der Fürst in den Orden den ich mir erwählte, nicht duldet; so verlang ich meine mir verheißene Freiheit; denn zu dem Orden der heiligen Ursula fühl' ich keinen Beruf. Mehrere . Ich auch nicht! ich auch nicht! Prälat v . Strahof, (darüber erschrocken, sagt:) Gott, im Himmel, wär es möglich, ich erstaune über euch. Der Satan muß euch verblendet haben. Wir wollen für sie ein Vater Unser bethen. (Sie bethen.) Ihr fühltet keinen Beruf, im Kloster zu bleiben? Meint ihr, daß euch der Landesfürst von eurem Gelübde lösen kann? Daß es keine Todsünde sey, nur den Wunsch, davon losgesprochen zu werden, zu äußern? Und glaubt ihr, daß es dem heiligen Vater, dem euer Heil am Herzen liegt, und der unfehlbar ist, denn er ist Statthalter Gottes, daß er es, sage ich, jemahls thun werde? Und seyd ihr nicht sträflich, wenn ihr euer Gelübde verletzet? Ich sage euch also, der ich mit dem heiligen Vater die höchste Gnade hatte, zu sprechen; und seinen heiligen Fuß zu küssen, ich sage euch, der heilige Vater will nicht euer Gelübde lösen. Nun geht von Gott und dem heiligen Norbert verlassen, wie Kain, der Mörder, und heult Verzweiflung in die Felsen der Wüsten, ihr Mörderinnen eurer Seelen! Geht, von mir und dem heiligen Vater, im Nahmen Gottes des Vaters † und des Sohnes † und des heiligen Geistes †, verflucht! Gewissensbisse mögen eure ungetreuen Herzen zerfressen, die Sünde eure Seelen umnebeln, und der heilige Norbert in euren letzten Zügen sein Antlitz von euch abwenden; der heilige Norbert, der sonst eure tugendhaften, eure unbefleckten Seelen von den Lippen eures Mundes aufgefaßt und zum Throne des Allmächtigen getragen hätte im Triumphe! – Nun aber wird der leidige Satan eure Seelen ergreifen, und das Hohngelächter der Hölle wird sie empfangen. (Hier weint der Prälat vor heiligem Eifer und – Galle.) Die Nonnen (zittern. Eine 55zigerin sagt geängstigt:) Ach! – wir wollen ja unserm Gotte treu bleiben ewiglich! – Der Prälat von Doxan . Thut es doch, und seht nur Euer Bestes vor Augen. Ihr sollt öfters in Hinkunft Duplex d. i. Doppelschmaus. haben; dürft öfters zur Ader lassen Dies ist für sie eine besondere Wohlthat, weil sie dabei besser als sonst, gehalten werden. , öfters unter uns speisen, ausfahren, öfters in's Parlatorium kommen, wollen Euch hübsche Bücher, als z. B. den galanten Bauern Ist in der Doxaner Bibliothek 20mahl gefunden worden. , und dergleichen verschaffen; kurz es sollen Euch alle christlichen Freuden im vollen Maße gewährt werden. Euch die Ihr getreu Eurem Orden verbleibet. Zudem dürft ihr nur den Namen der Ursulinerinnen annehmen, und im Herzen doch immer bleiben, was Ihr jetzo seyd, und was Ihr immer gewesen. Dürft z. B. dieses Kleid des heiligen Norberts unter dem, und näher also am Herzen, unter dem Kleide der heiligen Ursula tragen: und das Äußerliche jenes Ordens nur obenhin, nur nebenbey, schlechtweg, erfüllen. Damit wird sich der Fürst besänftigen, und Euch an diesem heilsamen Wege der Seligkeit belassen. Entschließet euch also: und ihr, die ihr euch nicht entschließen werdet, zittert vor der Strafe des Himmels. Wir werden es dahin einleiten, daß ihr gezwungen werden sollet, im Kloster in unserer Gewalt zu verbleiben, und dann soll euch euer Muthwille vertrieben werden. Eine junge Nonne . Der Landesfürst hat es uns frey gestellt, ob wir bleiben wollen, oder nicht; und daß sich dieser Gnade der heilige Vater widersetzen sollte, er, der selbst die Klöster abschaffen läßt, und so viel Weisheit besitzet, ist, denk ich, ein bischen schwer zu glauben. Prälat von Strahof . Wie thöricht seyd ihr. Ihr glaubt, daß es euch der Fürst hat freystellen können: was hat denn der Landesfürst dem Himmel fürzuschreiben? Ihr gehört nicht dem Landesfürsten: ihr gehört dem Himmel. Gewalt geht freylich für Recht; aber können wir den blöden Monarchen zurechte weisen: so thun wir daran ein gutes Werk. Und über alles das, meint ihr, daß euch die gebratenen Vögel in die Mäuler fliegen werden? und daß sich die Hasen die Felle abstreichen, an den Spieß stecken, braten, zerlegen, und euch bitten werden, damit ihr sie essen möget? Nein, in der Welt werdet ihr alles mit euren Händen angreifen, und euch verschiedenen ungewohnten schweren Arbeiten unterwerfen müssen. Denn, wo wollt ihr mit einem halben Gulden hinkommen? Ihr versteht nichts von der Welt; man wird euch auf allen Seiten betrügen. Der Hunger, die Noth, und tausend euch jetzo unbekannte Bedürfnisse werden euch zur Verzweiflung bringen. Der Satan wird diese Gelegenheit nützen, und euch den Begierden der Wollüstigen ausliefern, und mit eurem jungfräulichen Kranze verwelkt auch eure Seele? (Die Jungen unterdrücken darüber ein schelmisch Lachen, die Alten machen ein Kreuz. Der Prälat räusperte sich, und lenkte nach einigen Minuten folgendermaßen wieder ein:) Wo sind die Zeiten, da noch eine heilige Maria Magdalena von Pazzi lebte? Für ihre Tugenden erhielt sie im 17. Jahre die Gabe der Weissagung und der Wunder. Mit Freude ließ sie sich von der Mutter Priorinn die Hand auf den Rücken binden, und bis auf's Blut geißeln. Im Sommer und Winter war ihr Rock aus Flicken und Lumpen zusammengesetzt, ihre Hände beständig braun gefroren. Sie schlief auf der Erde, und geißelte sich alle Nacht. Hatte dafür auch seltsame Entzückungen. Einst sah sie eine vollkommene Einheit in einer unzertrennlichen Dreifaltigkeit. Sie dachte über das Geheimniß der Menschwerdung nach, und ihre Andacht verweilte vornähmlich bey den Worten: Das Wort ward Fleisch. Sie fiel in eine Entzückung, welche von Abend um 5 Uhr, bis zum folgenden Morgen dauerte. Sie rief: das ewige Wort ist in dem Schoos des heiligen Geistes unermeßlich groß, aber in Marien Schoos ist's nur ein Pünctchen. Gott Vater, Sohn und heiliger Geist besuchten sie wechselweise. Christus vermählte sich mit ihr in Gegenwart des heil. Augustin und der heil. Catharina von Siena. Die bösen Geister warfen sie manchmahl die Treppen herunter, und ihre Keuschheit kam auch sehr auf die Probe. Der Geist der Unreinigkeit gab ihr die größten Abscheulichkeiten ein. Aber sie, beherzt genug, kam dergleichen Anfechtung zuvor. ging um ihr zu widerstehen, in den Holzstall, band ein Bündel Dornsträuche los, machte sich daraus ein Lager, entkleidete sich, und wälzte sich darauf, so lange, bis ihr ganzer Leib über und über eine Wunde war, und daß allenthalben hervorströmende Blut das Feuer auslöschte, das der böse Geist in ihr entzündet hatte. Wo ist unter euch eine M. M. Pazzi? Ihr alle seyd ausgeartet! Die junge Nonne . Gnädigster Papa, wir erfüllen jederzeit pünctlich, ohne Rücksicht auf irgend eine Pazzi, – unsere Ordensregel, damit ist's gut. Was die vorigen Gründe anbetrifft: so ist es wahr, daß wir in vielen Dingen unerfahren sind; daß aber die Verheißungen und Gebothe der Religion nicht stark genug sein sollten, sie allen Versuchungen entgegen zu setzen, sollte mich wundern. Gesetzt auch, eine von uns möchte der Gewalt, der Noth, der Versuchung und der Verführung unterliegen: so ist's keine vorsetzliche Sünde, so ist Gewalt von Außen und Schwäche von Innen ihr Fall, und es wird über einen Sünder, der Buße thut, viele Freude im Himmel. Daß wir mit einem halben Gulden nicht sollten leben können Diejenigen, so in weltliche Kosten treten, erhalten jährlich 200 Gulden. , ist abermahls falsch. Es leben tausend Menschen mit noch viel weniger, freylich wohl kümmerlich; aber sorgloses Wohlleben ist ja nicht des Menschen Bestimmung. Es ist menschenfreundlicher geurtheilt, und auch wahrscheinlicher, daß uns die Noth, sollten wir einige zu befürchten haben, zwingen werde, eher zu arbeiten, als uns den Wollüsten zu ergeben. Daß wir in der Welt weniger bequem und mehr den Versuchungen ausgesetzt sein werden, ist wahr. Aber sollen wir denn nicht mit der Welt, mit dem Fleische und dem Satan streiten? Sollte das Himmelreich ohne allen Streit erobert werden können? Wir sollen hier kämpfen, und wir weichen allen Kämpfen aus: wir desertiren gleichsam aus der Schlacht, verbergen uns sorgfältig vor allen Anfällen, und wir sollten dafür im Himmel auf höhern Stufen stehen? Warum denn? Weil wir uns in gar keinen Streit einlassen wollen? Nein; vielmehr glaub ich, daß außerm Kloster die Leute mehr Gelegenheit haben, sich Verdienste zu sammeln. Das Christenthum besteht nicht im Brevierbeten, Chorquitschen und dergleichen Kinderpossen mehr, es besteht in thätiger Menschenliebe und guten Werken. Wie aber, um Christi willen, können wir diese ausüben? Wir, die wir von der Gesellschaft ganz abgerissen sind, deren Herzen, mit Unzufriedenheit angefüllt, alle Empfindungen der Menschheit verläugnen müssen; wir, von dummen, unbarmherzigen Anverwandten in einem geheiligten Kerker auf Zeit unsers Lebens gesteckt; wir, deren Handlungen alle nicht aus dem reinen Quell der Religion, sondern aus dem schwarzen Aberglauben hervorsprudeln; wir, die wir in diesen Mauern einander hassen und verfolgen, unterjocht dem Eigensinne der Oberinn; wir, die wir mit unverletzter Natur armseliger sind, als die Verschnittenen in türkischen Serailen; wie sollen wir nur die Fähigkeit haben, tugendhaft zu seyn, und den Himmel zu verdienen? Vernunft, Natur und Religion sind es, die den Fürsten bestimmten, diese Fesseln der Schwärmerey zu brechen: und weh! tausendmahl weh über euch Prälaten, wenn ihr die Befehle des liebreichen Fürsten mit feingewebten, aus Andächteleyen und falscher Politik gekneteten Lügen entkräften, und vom wahren Zwecke ableiten werdet, damit ja noch länger dieser Prälat, der zwanzig Jahre hindurch mit unsern Einkünften seine Freunde und sich selbst genähret, in dem glänzenden Prasserstande erhalten werde! Wir wollen befreyt seyn von diesen Fesseln. Wir werden euch, wenn ihr sie befestigen solltet, unaufhörlich fluchen, und der Schöpfer der Natur muß uns hören, muß euch strafen, die ihr euch wider jene heilige Natur versündiget. Er wäre ungerecht, wenn er sich so vieler wehrlosen Geschöpfe nicht erbarmte, die ihr auf ewig unglücklich zu machen sucht; die verschlossen jammern, ihre Haare zerraufen, und die Stunden ihres Daseyns verfluchen werden. Vereinigt eure Kräfte mit den meinigen, ihr lieben Schwestern, in deren Busen noch einige Funken von Menschlichkeit leben, deren Blut noch nicht kalt, deren Geist noch nicht ganz kraftlos geworden; widersetzt euch mit mir den unverzeihlichen Absichten wollüstiger, schwelgerischer Prälaten, die mit unserm Unglücke ihren Glanz erneuern, und den Landesfürsten auf das Schändlichste hintergehen wollen. Traut ihren glatten Worten und leeren Versprechungen nicht, sie würden es mit uns eben so machen, wie zu Prag bei St. G** geschieht, da den Nonnen von ihrem halben Gulden die Hälfte abgezwacket, und indem sie elend leben müssen, die Oberinn indessen die Domherren herrlich bewirthet. Ruft weh über sie, und jammert so lange, bis ihr der Prälaten Herzen erweichet, oder sie, aus Furcht, verrathen zu werden, ihre Absichten aufgeben. (Die beyden Prälaten schlichen ganz betreten davon, alles war mit Zerstörung, Mißvergnügen, Leiden und Ängsten angefüllt.) Achte Scene. Nonne Emanuela, und der Prälat von Doxan. Emanuela . Ach, gnädigster Papa, was hab' ich für Ängsten! Prälat . Tröste dich, liebe Emanuela; wirst meinem Herzen immer die schätzbarste bleiben. Beste Emanuela! wo sind die süßen Augenblicke all? die schönen Sommertage, da wir oft im Garten – ach, laß uns deren vergessen. Emanuela . Kann man denn alles vergessen? Als ich noch ihre schönen Hündchen, deren sie immer eine Menge hatten, so rein hielte, sie uns in den Alleen vorliefen – und wir – wir – das alles vergessen? Und nun verschwindet alles auf einmahl! Ich habe ausgelebt. Prälat . Ich glaube nicht. Meine Freunde bey Hof sind groß. Die alten Nonnen werden mir attestiren, daß sie im Kloster bleiben wollen, einige jungen werde ich mit Versprechungen, – einige du und die Oberinn, gewinnen; und die wenigen, die sich nicht gewinnen lassen, werden nicht in Anbetracht kommen. Gib nur acht, der Hof wird auf unserer Freunde Vorstellungen – befehlen, ihr sollt Ursulinnerinnen werden, und dann, ob ich an meiner Emanuela eine Ursulinerinn oder Norbertinerinn besitze, – das ist für mich, für dich und jene Lauben im Garten, all' eins! Emanuela . An mir soll es nicht fehlen, der heil. Ursula viele Anhängerinnen zu verschaffen, wenn nur die Tage der Freude wiederkehren. (Sie sieht ihn starr an, seine und ihre Augen werden naß; ihre Lippen zittern – ihre Knie wanken, – sie sinken beyde nieder, und bethen ein Vater Unser, und ein Ave Maria, daß ihnen vor Andacht der Schweiß ausbricht.) Neunte Scene, am 23. May 1782. (Zu Prag in der Prälatur auf dem Strahof. In der Nacht um 12 Uhr. Der Tisch ist noch seit Mittag gedeckt, einige Geistliche und einige Anverwandtinnen des Prälaten sitzen halb betrunken in der Runde; der Generalvikar präsidirt in einem braunen Überrocke mit Gold. Er ist ungefähr 5 Fuß hoch, 3 Fuß breit, trägt eine Perücke, wiegt bis 300 Pfund, ißt gerne Wildpret, und trinket eben so gern Rheinwein. Er spricht Küchenlatein mit vieler Fertigkeit, ist ein Doctor Theologiä, und folglich ein grundgelehrter Herr. Er hat zwar kein Weib, darf nichts von Ehepraktik und dergleichen Materien aus Erfahrung wissen; aber er ist doch ein Präsident beym Consistorium, wo die Ehestreitigkeiten, Hurereyen, Schwangerschaften, und physische Unfähigkeiten untersucht und beygelegt werden. Dieses thut er mit vieler Geschicklichkeit. Wo er solche erworben, ist unbekannt. Übrigens verdauet er gut, hat bis 20,000 Gulden aus apostolischen Renten zu verzehren, und man nennt ihn: Ihro bischöfliche Gnaden; ist also, wie ihr seht, ein Herr von hohem Ansehen, und unsterblichen Verdiensten.) Eine Frau . Sie wollten also hinaus, die Nonnen zu Pilsen? wollten nicht in ihrem Kloster bleiben? haben sich an das Consistorium, an Ihro bischöfliche Gnaden gewendet? – Generalvikar . Allerdings; (will aufstehen, trocknet den Schweiß von seinem Gesichte, seine Beine sind schwach, er hat ein kleines apostolisches Räuschchen, fällt in seinen Sessel zurück.) allerdings wollten sie; aber ich hab sie kriegt, die Menscher; ich hab sie ausgezahlt! – Frau . Wie denn, Ihr bischöfliche Gnaden? Generalvikar . Ich hab's halt so gedreht beim Consistorium, daß sie haben nichts ausgerichtet. Sein die Menscher so lange drinn gewest, mögen sie noch bishero darinner ihr Verbleiben haben. Prälat von Strahof . Noch ein Gläschen Malaga. – Generalvikar . Darf nicht, darf nicht. – Prälat . Tokayer! Generalvikar . Bleib schon bei meinem Magenwein. Prälat . Haben ja gar nichts getrunken, Euer bischöfliche Gnaden. Generalvikar . Zuviel ist zu viel; man bekömmt darüber Kopfschmerzen. Ja, die Menscher, die hätten gern mögen, ha, ha, ha; ihr wißts schon – die haben wir kriegt, – sie hätten freylich gern mögen – ha, ha, ha, und das Unheil reißt um sich. Neulich wollte auch ein dummer Franziscaner aus dem Kloster, und wir sollten das Gelübd lösen; ja, da werden wir gescheidt seyn, da werden wir ihm ein's hermahlen; warum ist er ein Franziscaner geworden? Ich bin Jude, spricht der Jude, und will als Jude sterben; warum nicht auch ein Franziscaner? Frau . Man hat sagen wollen, er wolle sich oder andere umbringen, wolle lutherisch werden. Generalvikar . Ha ha ha ha, – der Guardian wird ihm den Muth schon austreiben; und mag's doch; was ist an einen so dummen Mönch gelegen, ob er sich erhenkt oder nicht; besser, als daß er ein Skandal ist, und lutherisch wird. (Endlich kommen die Bedienten, schleppen den Herrn Generalvikar in den Wagen; einige von den Geistlichen trinken Wasser, um die Hitze zu dämpfen; und so geht die Scene nach 1 Uhr Nachts aus einander.) Alles ist wahr, und zu Prag wohl bekannt. Der arme Franziscaner verzweifelt, von seinen Vorgesetzten gepeinigt, vom Consistorium unerhört. Er hat seine Klage bey dem Gubernium bereits eingereicht, – aber was will ein armer Franziscaner, ohne aller Unterstützung, gegen ein ganzes Consistorium ausrichten? Wahr ist es, daß den Nonnen von Pilsen, Brix und Doxan so mitgespielt wurde. Den späteren Fortsetzern der Geschichte von Böhmen können diese Blätter gute Dienste leisten. Ich bin von dem Factum wohl unterrichtet, ich habe es auch mit aller Freimüthigkeit verfaßt, und ich werde alle Facta dieser Art sammeln, und mit eben dieser Freymüthigkeit bearbeiten. Das Publicum wird es mir danken und der Hof? Wenn dieser es ernstlich untersuchen ließe: so würde sich zeigen, daß dieses Blatt kein Pasquill sey, wofür man es gewiß ausschreyen wird. Aber man mag immerhin schreyen, – mag mich für einen Pasquillanten halten, ich werde dennoch fortfahren, alle Facta dieser Gattung zu publiciren. Ich bin überzeugt, daß dieser Entschluß – wenigstens den Nutzen haben wird, daß die Herren Prälaten und Bischöfe nicht so leicht etwas wider die kaiserl. königl. Verordnungen, und zur Schande der Menschheit unternehmen werden. 38. Literarische Attentate auf den Kaiser. Züchtigung des ruchlosen Aufwieglers und Pasquillanten Georg Phil. Wucherer. Dieser berüchtigte Unhold verband die That mit dem Nahmen; seiner Habsucht opferte er selbst den edelsten der Fürsten; und man muß in der That staunen über Josephs Großmuth. Auf diese sündigte Wucherer los; sein böser verworfener Sinn fand Gefallen und Befriedigung an den mehr oder minder gefährlichen Wirkungen seiner Gifte. Verschmitzt bediente er sich ausländischer Lettern; einige Winkelpressen soll er in einem der vielen Keller des Seizerhofes gehabt haben. Das freche, verrätherische egoistische Treiben dieses famosen Menschen stachelte endlich einen der bessern Wiener Schriftsteller auf, ihn zu schildern, zu entlarven und zu geißeln. Dieß geschah in einem Büchlein, welches den Titel hat: » Wie lange noch? Eine Patriotenfrage an die Behörde über Wucherers Skarteken-Großhandel. Wien 1786.« Diese Schrift ist zugleich von Wichtigkeit zur Kenntniß der damahligen Zustände und Broschürenliteratur und von picantem Interesse, mit vollem Recht unter die Curiosa zu zählen (namentlich in Bezug auf Szekely, auf den Raubmörder Zahlheim, die ungarische »Handschrift«) auch längst nicht mehr zu finden, weßhalb wir unterstehend einen Wiederabdruck derselben liefern. Der nicht genannte Verfasser ist der Licentiat Rautenstrauch. Wucherer hatte den an und für sich gesunden Einfall, jene Piece nachzudrucken, mit Anmerkungen zu begleiten, und ihr eine besondere Vertheidigungsschrift voraus zu schicken, mit dem Titel: » Eine Beylage zum Pasquill , von dem Verleumdeten.« Wir besitzen auch diese; können aber versichern, daß sie ihrer Grundlosigkeit, Lahmheit und Nichtigkeit wegen, wahrlich nicht verdient, auch nur auszugsweise mitgetheilt zu werden. Also: Wie lange noch? Aufruf . Die Zeit ist gekommen, wo es Verbrechen wäre, zu schweigen, Patrioten, Freunde, Mitbürger!!! leiht mir eure Ohren! Es hat sich ein Fremdling unter die Bewohner Wiens eingeschlichen, der ein Auswürfling ist, der den ehrenvollen Nahmen eines österreichischen Staatsbürgers nicht verdient, der sich in der schändlichen Absicht in Wien ansäßig machte, um seinen Mitmenschen durch diebischen Nachdruck das Ihrige zu rauben, durch den Verlag zügelloser Lästerschriften den Monarchen um die Liebe guter Unterthanen zu bringen, und durch häufigen Absatz der infamsten Skarteken sich zu mästen und zu bereichern. Was diesen – wie soll ich ihn nennen? – noch verabscheuungswürdiger macht, ist seine beispiellose Frechheit, mit der er Lügen auf Lügen, ohne zu stottern oder roth zu werden, auf alle Fälle in Bereitschaft hat, und seine abgefeimte Bösewichts-Gleißnerey, wodurch er sogar Hohen und Niedern weis zu machen sucht, daß er einer der besten Staatsbürger sey. Aufgefordert von dem lauten Rufe der Rechtschaffenheit, des Patriotismus und der Unterthanspflicht, angefeuert von dem gerechten Unwillen gegen seine so vielfältige sträfliche Unternehmungen, bewaffnet mit der guten Sache, und weit entfernt von der Furcht. daß er, um sich an mir von hintenzu zu rächen, über kurz oder lang durch einen seiner literarischen Söldner ein Pasquill gegen mich aushecken lassen möchte, trete ich hier vor den Richterstuhl des gesammten Publicums der Kaiserstaaten in jene Schranken, wo über Ehre und Bürgerpflicht gestritten und entschieden wird, und werfe den Handschuh hin, bereit, es aufzunehmen mit Jedem, der es wagen will, die Sache dessen zu vertheidigen, den ich hier laut als einen Meineidigen und Pflichtvergessenen anklage, der nicht verdient, ferner in Österreichs Staaten geduldet zu werden; und der Mann heißt: Wucherer! Des festen Entschlusses, ihn zu entlarven, und dieser Hyäne im Schafspelz das Fell über den Kopf herab bis zur letzten Klaue auszuziehen, werde ich hier seine Thatsachen erzählen, und ihren Einfluß auf die innere Ruhe des Staats schildern. Ich will den Teufel mit ihm spielen, weil dieser bisher säumte, ex officio mit ihm zu verfahren. Noch ist mein Gesicht bedeckt; aber ich gelobe hier feyerlich, das Visir aufzuziehen, und mich öffentlich zu zeigen, sobald einer unter seinem wahren Nahmen aufzutreten, und dieses Mannes Rechtfertigung gegen mich zu unternehmen wagen sollte. Und somit vor der Hand genug! Es giebt zwey Nahmen in Wien, welche bey allen Rechtschaffenen der Gegenstand einer allgemeinen Verachtung geworben sind; sie heißen: Wucherer und Pfeiferl. Wenn man die Unternehmungen eines schmutzigen eigennützigen Buchhändlerauswürflings, so wie die gewissenlosen Handlungen eines staatsschädlichen katholischen Judens, mit passenden Ausdrücken bezeichnen will, so sagt man: à la Wucherer – à la Pfeiferl. Über letzteres Subject soll nächstens ein besonderer öffentlicher Gerichtstag gehalten werden, im Falle, wider Verhoffen, die Obrigkeit diesen Staatsblutigel nicht jetzt schon zur längstverdienten Züchtigung reif befinden sollte; deswegen will ich hier, (weil beyde zugleich allzuviel Stoff zu einer Schrift geben würden) mich nur mit dem erstern allein beschäftigen, und den Beweis, daß Er selbst es war, der seinen Nahmen so tief abwürdigte, aus dem herleiten, was er gethan hat. Der theure Mann Wucherer kam, ich weiß nicht eigentlich in welchem Jahr, aus seiner schwäbischen Heimath nach Österreich. Er kam als Buchhalter oder Factor in den Dienst eines bekannten Wiener Handelshauses, welches, wie man laut sagt, es in der Folge sehr schwer empfunden haben soll, daß Er dessen Geschäfte führte. Alles, was man überhaupt davon weiß, ist dieß, daß dieses Haus unter seinen Händen in Verfall gerieth, er hingegen sich so wohl darin befand, daß er sich selbst etabliren. und den Großhändlerfond ausweisen konnte. Wie dieß möglich war, und was man insbesondere davon spricht, dieß lasse ich dahin gestellt seyn, weil es eigentlich nicht zum Endzweck dieser Schrift gehört. Genug, er ward Großhändler. Daß jene Speculation, weßwegen er es geworden, nicht so gut war, als er wünschte, ergiebt sich daraus, weil er sie aufgab, und sich, ohne noch dazu berechtigt zu seyn, auf den Buchhandel verlegte. Er erfuhr, daß der bekannte Nachdrucksgroßhändler Schmieder zu Carlsruhe etwas sehr Einträgliches unternommen habe, alle Buchhändler und Schriftsteller Deutschlands zu bestehlen, und so entstand der Gedanke in ihm, auf eine ähnliche leichte Art sein eben so leicht erhaschtes Großhandlungscapital in Kürze zu verdoppeln. Um nun unvermerkt wenigstens den Schein des Rechtes zum Buchhandel zu erlangen, nahm er vorläufig die Carlsruher Nachdrücke in Commission, die er indeß nur zur Wienermarktzeit ankündigen durfte, die übrige Zeit hindurch aber ebenfalls verkaufte, wovon die darüber gegen ihn bey Gericht angebrachten vielfältigen Klagen der Wienerbuchhändler zeugen können. Daß er aber ganz andere weit aussehendere Absichten hatte, und es hiebey nicht bewenden ließ, versteht sich ohnehin. Er fing nun an, bey dem vormahligen Factor der Schönfeldischen Buchdruckerey, Nahmens Weimar, verschiedenes, auf seine Rechnung theils nachdrucken, theils auflegen zu lassen, und es, als ausländische Commissionswaare ebenfalls zu verkaufen. Auch zu Reutlingen und Tübingen ließ er allerley nachdrucken und auflegen, und diese Auflagen kamen so incognito nach Wien, daß weder Mauth noch Censur sie gewahr wurden. Zu gleicher Zeit bewarb er sich um die Buchhandlungsfreyheit, die ihm aus guten Gründen, zu wiederhohltenmahlen von der Behörde abgeschlagen wurde. Ein Mann, wie Wucherer, läßt sich nicht so leicht von einer Speculation abwendig machen, die ihm behagt. Er ließ, ohne Bedenken fortdrucken, und, ohne zu wissen, ob er je die Buchhandlungsfreyheit erhalten würde, machte er schon Anstalt, sogar in Wien eine eigene Buchdruckerey sich anzuschaffen, wozu sich von ungefähr eine Gelegenheit für ihn darboth. Es hatte nähmlich der damahlige Schönfeldische Factor Weimar das Glück, wegen dem in Prag erschienenen sogenannten Militärgesetzbuch Wohl Heinrichs Gesetze in Auszug. vor den Monarchen gerufen, und deßhalb über ein und anderes befragt zu werden. Er gestand die Wahrheit, und erhielt die Erlaubniß, sich etwas zu erbitten. Wucherer vernahm es, und beredete ihn, um das Recht anzusuchen, eine Buchdruckerey in Wien errichten zu dürfen, welches ihm auch gewährt wurde. Man lachte über dieses Begehren, weil man wußte, daß dieser Mensch nicht fünf Groschen übrig hatte, geschweige die Baarschaft zu Errichtung eines solchen Werkes, bis es sich endlich aufklärte, daß nicht er, sondern Wucherer sie errichte, der dazu die Matritzen aus dem Ausland kommen ließ, welche Schiffleute seiner Landsmannschaft nach Wien brachten, damit, nach einem verabredeten Pfiff, auf einem Arm der Donau, zwischen den Brücken anlandeten, woselbst sie von einem seiner Leute übernommen, und der Mauth zum Trotz, in einem Lehnwagen, Mauthfrey, ihm überliefert wurden. Nun ward die Buchdruckerey in einem Vorstadtwinkel, der zu seiner Absicht dienlich schien, nähmlich hinter dem ehemahligen Johannesspital, ungesäumt errichtet. Weimar trägt den Namen eines Buchdruckers, und Wucherer ists! O Monarch! wie oft wirst Du hintergangen! Jetzt fehlt unserm lieben Wucherer nichts weiter, als die Buchhandlungsfreyheit. Er ging zum Monarchen, und stellte vor, daß er, wenn sie ihm verweigert würde gezwungen wäre, mit seinem Geld sich außer Land zu begeben; und nun erhielt er sie. Wie er sich dieser Gnade in der Folge würdig machte, werden wir bald sehen, denn die Geschichte seines Buchhandels ist wahre chronique scandaleuse. Hier ist eine Skizze seiner Industrie, seiner Speculation. »Nachdruck guter Werke von Inn- und Ausländern. Selbstverlag frecher, zügelloser, empörender, den Monarchen beleidigender, und allgemeines Aufsehen erregender fliegenden Schriften, je verwegener, je besser. Theure Preise weniger Blätter, verhältnißmäßig mit der darin enthaltenen Kühnheit. Unbedenklicher freyer Verkauf aller dieser Verlagsartikel, sie möge nun erlaubt oder verbothen werden. Gleichviel! – Hartnäckiges Läugnen auf alle Fälle einer Entdeckung seines Schleichhandels. Gleißnerische Betheuerung der Unwissenheit in Ansehung des Inhaltes der verlegten Skarteken. Bestellung heimlicher Commissionäre in den sämmtlichen k. k. Provinzen, zu Verbreitung der Skarteken und ihrem Absatze. Verbindung mit all' jenen Buchhändlern, die im Rufe stehen, daß sie beym Bücherverkauf eben nicht so scrupulös sind, sich an die Vorschrift der Censur zu binden. Gewinnung Jener, die seine Manipulationen hindern oder befördern können. Frühzeitige Versendung der Neuheiten in die Provinzen, noch ehe sie der Wiener Censur vorgelegt werden, damit die erste Auflage derselben beynahe abgesetzt ist, bis entschieden wird, ob sie erlaubt oder verbothen werden sollen, um, bey näherer Nachfrage vorgeben zu können, daß er sie weder gedruckt, noch verlegt habe, sondern, daß sie – Gott weiß woher! – (seine Lieblingslüge) ihm und andern zugeschickt worden \&c. u. s. w. Um solchemnach bey allen merkwürdigen Vorfällen, woran es in Josephs Zeiten ohnehin nicht fehlt, mit einer anziehenden, Neugierde erregenden und kühnen Piece das Publicum reizen und bethören zu können, war es nöthig, einige eben nicht ungeschickte Literatur-Gesellen an sich zu locken, und an der Hand zu haben, bey denen dergleichen Dinge in der Eile bestellt werden können. Auch dieß gerieth ihm nach Wunsch, und man kennt nunmehr jene einheimische Schreiber, die seine Entwürfe sehr wohl befördern. Sein Geheimschreiber aber ist ein Vetter von ihm, der sich in der Absicht schon ein paar Jahr in Wien befindet, um bey dem Reichshofrath es zu bewirken, daß er zum Syndikus der Reichsstadt Reutlingen angenommen werden soll, und indeß die Mittel zu seiner Subsistenz in Wucherers literarischem Frohndienst erwirbt. Mit diesen Entwürfen und den Hülfsmitteln zu ihrer Ausführung gerüstet, begann der nunmehrige Groß- und Buchhändler seine Laufbahn, und that, was ich alsbald, (soviel möglich, der chronologischen Ordnung nach) erzählen werde. Noch ehe seine Buchdruckerey errichtet war, ließ er bey dem Schönfeldischen Factor Weimar die bekannten Berliner Briefe Anfangs bloß nachdrucken, nachher aber veranstaltete er eine zweyte Auflage derselben, mit impertinenten Noten vom Verfasser des zwey und vierzigjährigen Affen, welche zwar verbothen, von ihm aber, ohne allen Scrupel, unbedenklich verkauft wurde. Mit gleicher Sorglosigkeit bestellte er einen Nachdruck der verbothenen marokkanischen Briefe. Die einträgliche Schelmenspeculation, die ein bekannter Prager Buchhändler mit dem zwey und vierzigjährigen Affen machte, brachte den Großhändler Wucherer auf den Gedanken, durch einen Pendant, unter der Aufschrift: Der vier und siebenzigjährige Bär, den der nähmliche Verfasser fabriziren sollte, einen gleichen Schnitt zu machen. Ob Verleger und Autor in Ansehung der Bedingungen nicht einig wurden, oder was sonst die Ursache war, daß dies löbliche Vorhaben unterblieb, weiß ich nicht. Genug es gerieth ins Stocken. Indeß erschien er bald mit einer andern Skarteke, genannt Babylon, oder das große Geheimniß der europäischen Mächte. Diesen Wirrwarr von Frechheit und Unsinn, der nicht volle zween Bögen betrug, verkaufte er, obwohl er verbothen ward, für dreyßig Kreuzer. und fand destomehr Käufer, je dummdreister der Inhalt war. Die verbothenen Briefe aus Rom, über die Aufklärung in Österreich, ein sogenannter zweyter Theil zu Faustins philosophischem Jahrhundert, gleichfalls verbothen, die geheimen Beyträge zur Geschichte Ludwigs des XIV., ein anderer Schmarren, unter dem Titel: Roms gesetzgeberische Gewalt vernichtet, Figaro's Reise nach und in Spanien, und mehr ähnliche Piecen, sind lauter Artikel des Wucherischen Großhandels, die in Kürze aufeinander folgten, und theils von ihm selbst, theils für ihn auf seine Rechnung gedruckt worden. Zu gleicher Zahl gehört auch die saubere Jesuitengeschichte, unter der Aufschrift: Aloysia von Blumenau, vom Verfasser Babylons. Dieser Autor schien so ganz der Mann nach Wucherers Herz und Sinn zu seyn, deßhalb hing er sich nun fester an ihn. Die Frucht dieser Verbindung waren die berufenen Unwahrscheinlichkeiten, welche eigentlich das erste Product der wucherischen Pressen waren, und zum Muster dienen konnten, was man etwa künftig von daher zu erwarten habe. Nur die schändlichste Absicht konnte diese frechen Blätter aushecken; nur der gewinnsüchtigste Waghals konnte sie an sich kaufen, drucken und in Verlag nehmen! nur ein Wucherer konnte dieß. Gerade zu jener Zeit, wo der Monarch das große Werk begann, das Königreich Ungarn mit den übrigen Ländern seiner Monarchie in eine solche Verbindung zu setzen, wie es das gemeinschaftliche Wohl erheischt; gerade damahls, als die Ungarn Miene machten, ihre alten Feudalsysteme, welche den jetzigen Zeiten, Bedürfnissen und Anstalten keineswegs mehr angemessen sind, hartnäckig zu behaupten; in eben diesem kritischen Zeitpunct, der folglich für Wucherers Geldgierde der günstigste schien, kamen diese Empörung athmenden Paragraphe der Unwahrscheinlichkeiten zum Vorschein, und zwar dort am ersten, wo sie wirken, und Volk und Adel, wo nicht zum Aufruhr stimmen, doch wenigstens zum tausendfachen Aufkauf reizen sollten, nähmlich in Ungarn. Dorthin hatte sie der Verleger am ersten gesendet, noch ehe sie der Censur in Wien vorgelegt wurden; von dorther wurden Exemplare durch die Obrigkeit an die Behörde zu Wien eingeschickt, und der Frevel angezeigt. Der Monarch, der schon bey den Berlinerbriefen bewiesen hat, daß Er ungerechten und boshaften Tadel verachte, gab bey dieser Lästerschrift eine neue Probe seiner Mässigung, und erlaubte den öffentlichen Verkauf derselben, der für den Verleger so einträglich war, daß er – nach seinem eigenen Geständniß – achttausend Exemplare absetzte. Sie waren zwey Bogen stark, und kosteten fünfzehn Kreuzer. So ein übermäßiger Profit an einer in Rücksicht der Verlagskosten so unbedeutenden Skarteke, mußte natürlich unsern Großhändler mit der kleinen Waare zu mehr ähnlichen Unternehmungen reizen. Hätte man ihn gleich damahls nach Verdienst bestraft, so würden vermuthlich seine bisherigen Pamphlete von gleichem Schlag unterblieben seyn. Daß Langmuth und Nachsicht nicht immer, sondern fast nie die eigentlichen Mittel sind, die Frevler zu bessern, dieß wissen jene Gerichtsstellen aus der leidigen Erfahrung, welche die ersten Vergehungen eines Bösewichts entweder gar nicht oder sehr gelinde ahndeten, und in der Folge nur allzudeutlich überzeugt wurden, daß ihre unzeitige Milde die Grundursache zu neuen noch größern Verbrechen gewesen. Dieß Gleichniß paßt sehr genau auf Wucherer, wie besser unten sich aufklären wird. Zum Beweis, daß die oben entworfene Skizze seiner Industrie treffend und wahr ist, muß ich hier eine Probe von Wucherers Unverschämtheit im Läugnen und seiner Gleißnerey anführen, dergleichen noch mehrere vorkommen werden. Unerachtet nähmlich die Unwahrscheinlichkeiten mit seinen nach ausländischen Mauthfrey hereinspazirten Matritzen gegossenen Lettern abgedruckt waren; unerachtet er ihren Inhalt so wohl verstand, daß er sie zum Absatz nach Ungarn verschickte, eh' er sie der Wiener Censur vorlegte; unerachtet schon in Ungarn gerichtlich erhoben war, daß sie von ihm dahin geschickt worden; so behauptete er doch, (ehe noch die Erlaubniß zum öffentlichen Verkauf gegeben ward,) allenthalben mit dreister Stirne, daß er nicht wisse, wer sie gedruckt habe, daß sie ihm – Gott weiß woher – eingeschickt worden, daß er nur wenige Exemplare derselben habe, und überhaupt ihren Inhalt nicht verstehe und begreife. Kaum ward sie aber erlaubt, so waren schon, in der nähmlichen Stunde, die Exemplare in solcher Menge in seinem Gewölbe angekommen, daß er jedermann damit für 15 kr. bedienen konnte. Ein Patriot verfertigte Noten zu den Unwahrscheinlichkeiten, wodurch er ihren schädlichen Eindruck zu mindern suchte, und zugleich die Absichten des Autors und des Verlegers entlarvte. Weil man aber von Seiten der Behörde dieser Skarteke durch Widerlegungen kein Gewicht oder Ansehen geben wollte, so wurden sie unterdrückt. Eine neue Speculation für unsern Großhändler. Er druckte diese Noten selbst, und ließ von seinem schwäbischen Vetter eine Vorrede dazu machen, worin er unter andern mit heuchlerischer Miene spricht: »Man muß gestehen, daß es schwer zu errathen ist, wohin der Verfasser mit seinen Paragraphen ziele, die größtentheils in den Schleyer der Unverständlichkeit eingehüllet sind, \&c., daß vielleicht Niemand den wahren Sinn derselben einsehen dürfte, als der unbekannte Verfasser selbst, \&c. daß der Verleger, er mag auch seyn wer er immer will, dennoch zu entschuldigen sey, weil der Sinn für ihn unerklärbar ist \&c. \&c. und so verkaufte er sie ebenfalls. Nun frage ich Jeden, der sie gelesen hat, ob man nicht seinen Verstand bey Pfeiferl versetzt, und nie mehr eingelöst haben müßte, um nicht einzusehen, wohin sie zielen? Warum wurden sie denn vom Verleger gerade am ersten nach Ungarn geschickt? O des Wuchererischen Gaukelspiels! Wie frech er in dieser Vorrede dem Publicum ins Angesicht gelogen hat, kann man aus seiner dießjährigen der öffentlichen Zeitung beygelegten Ankündigung sehen, worin die Unwahrscheinlichkeiten unter der Rubrik seiner Verlagsartikel nebst unzähligen andern Skarteken stehen, die ihm, wenn er sie zur Censur brachte, seinem jedesmahligen Vorgeben nach – Gott weiß woher – allemahl eingeschickt worden. Der Titel Unwahrscheinlichkeiten war ihm allzuwerth, als daß er so geschwind darauf hätte Verzicht thun sollen. Deßhalb kam er bald darauf mit einem Pendant dazu in Vorschein, unter der Aufschrift: Unwahrscheinlichkeiten aus Zwangburg wider die Unwahrscheinlichkeiten aus Freyburg. Zwar wurden sie verbothen, aber was kümmert dieß einen Wucherer, der durch irgend Jemand nur allzuwohl belehrt ward, wie weit die Censur von der Absicht entfernt ist, die Verletzung ihrer Gebothe inquisitionsmäßig zu untersuchen! Was die Unwahrscheinlichkeiten in Ansehung Ungarns gewesen, das waren die Wahrscheinlichkeiten, welche unmittelbar darauf folgten, in Ansehung Österreichs und anderer k. k. Länder. Es wurden darin die neuern Anstalten und Verfügungen Josephs mit einer lauten Impertinenz getadelt. Auch diese wurden erlaubt, und kosteten einen Gulden. Gleich darauf kam ein Supplement dazu, vom nähmlichen Gepräge, unter dem Titel: Prüfung der Wahrscheinlichkeiten, und auch vom nähmlichen Verfasser, dem bekannten Herrn Vetter Wucherer, Nahmens Fezer, von welchem auch die dieses Jahr erschienene sogenannte reine Wahrheiten sind, Erstere kosten dreyßig, und letztere fünf und vierzig Kreuzer. Man glaube ja nicht, daß diese Dinge etwa der Censur im Manuscript vorgelegt, und bey dieser, der Ordnung nach, angefragt worden, ob sie gedruckt werden dürfen? Bewahre! Mit solchen kleinstädtischen Bedenklichkeiten gibt sich ein Großhändler, wie Wucherer, nicht ab. Er druckt, was er will, giebt sodann einige Exemplare zur Censur, und läßt es dahin gestellt seyn, was diese darüber zu entschließen für gut befindet; genug, er verkauft davon, so viel er kann, und versendet das übrige in die Provinzen, an Leute, die sich eben so trefflich auf den literarischen Schleichhandel verstehen, als er selbst. Nur mit einer einzigen Piece hat er sich verrechnet, mit der er keinen geringern vielleicht gar einen noch größern Schnitt machen wollte, als mit den Unwahrscheinlichkeiten. Es war eine so betitelte Handschrift, welche im Landtag des Königreichs Ungarn ausgestreut, und sodann durch den Henker öffentlich auf dem Platze in Preßburg verbrannt wurde, die er lateinisch und deutsch, auf seinem Postpapier, zu mehrern Tausenden abdrucken ließ. Vermuthlich muß er, durch einen seiner Anhänger, dergleichen er unter den Nichtpatrioten sehr viele hat, Wind bekommen haben, daß er dießmahl sehr ernstlich auf die Finger geklopft werden dürfte, weil er plötzlich damit zurück hielt, und sie (wenigstens innerhalb der k. k. Länder) nicht öffentlich verkaufte. Desto sorgloser war er mit der Verbannung der Jesuiten aus China, die er ebenfalls druckte, und, so sehr sie auch Lärm erregte, so anstössig auch ihr Inhalt, (der nirgends erlaubt werden kann,) immer war, dennoch, ohne Anzeige, daß sie streng verbothen ist, Packelweise allenthalben pr. 15 kr. versendet, in Wien aber, unter der Hand um einen Gulden noch unlängst verkauft hat. Wo die Beweise sind, überall dieses? In Jedermanns Händen: und wenn die Polizey es nicht außer ihrem Amte und unter ihrer Würde gehalten hat, den Großhandel Wucherers zu beobachten; so muß sie längst von all' diesem, und von weit mehr noch sehr wohl unterrichtet seyn, denn was ein Privatmann zufälligerweise, ohne Mühe erfährt, muß sie nothwendig, wenn sie anderst will, noch verläßlicher wissen können. – Doch, weiter. Von einer an sich gut geschriebenen, wegen einiger Ausfälle auf gewisse geheiligte Religionsgegenstände aber verbothenen kleinen Volksschrift, unter dem Titel: Werden wir Katholiken im Jahre 1786 noch fasten? will ich hier gar nichts besonders erwähnen, weil man von Wucherer ohnehin mit Lessings Orsina sagen kann: »eine Sünde mehr oder weniger, für einen der doch verdammt ist.« Wenn indeß seine Industrie, mit kleinen Broschüren große Einnahmen zu verschaffen, hier fehlschlug, so hatte er doch mit einer andern, vom nähmlichen Verfasser mehr Glück, ich meine mit den sogenannten Briefen eines Biedermannes an einen Biedermann, über die Freymaurer in Wien, weil zu eben der Zeit die bekannte k. k. Verordnung erschien, welche wenigstens dreyßig fliegende kleine Schriften veranlaßte, wovon allein in Wucherers Verlag fünf und zwanzig zum Vorschein kamen, deren größter Theil in einem Tone abgefaßt war, den nur allein Joseph's Nachsicht und Großmuth dulden konnte. Wucherer hatte sie, seiner Gewohnheit nach, erst gedruckt und dann – zur Censur gegeben. Eine einzige wurde verbothen, unter der Aufschrift: »Sendschreiben des h. Ignaz v. Lojola, an seine Brüder Freymaurer in Wien.« Daß aber bey Wucherer ein Verboth den Verkauf nicht beschränkt, wissen wir ohnehin. Während dem Curs der sogenannten Maurerschriften erschienen die Briefe über den jetzigen Zustand von Galizien, in zwey Theilen, welche zwar, da sie schon gedruckt zur Censur kamen, tolerirt wurden, die aber, bey dem wirklichen Guten, was sie enthalten, mit bittern Sarkasmen und skandaleusen Privatanekdoten dergestalt angefüllt sind, daß die Einwohner zu Lemberg ein Exemplar derselben an den Galgen hefteten, mit einem Zettel: Dies gebührt dem Verleger! Da kein Gerichtsdiener das Buch herabhohlen wollte, so mußte es der Henker thun. Der Großhändler Wucherer hat, wie man sagt, über diese Prozedur herzlich gelacht, in der Zuversicht, daß er nun desto mehr davon absetzen würde. Nun ist die Rede von der Zahlheimschen Broschüre; dieser Text bildet den nächsten Artikel.  – Nach welchen Grundsätzen, und mit welchem Recht hat man den Buchdrucker Schmidt, der blos das alberne Dreybrüderschafts-Büchel, ohne Censur, druckte, um 500 fl. – strafen und diese Strafe ohne Gnade eintreiben können, indeß Wucherer, ohne alle Anfrage bey der Censur, von Zeit zu Zeit druckt, was er will, Woche für Woche mit einer neuen Skarteke seines Drucks und Verlags zur Censur kömmt, und sich überhaupt den Teufel um ihr Verbiethen bekümmert? Hat denn dieser hergelaufene Schwabe ein Vorrecht vor andern innländischen Buchdruckern und Verlegern? Oder findet man es nicht mehr rathsam und thunlich, ihn eines Vergehens wegen zu bestrafen, weil er schon hunderte begangen hat? Wahrlich, ich glaube, man hätte jedem andern Buchdrucker und Verleger, der den zehnten Theil von Wucherers Sünden verübt hatte, schon die Haut abgezogen, so wie man vielleicht jeden andern Schriftsteller, der Brochüren à la Fezer geschrieben hätte, längst über die Linien hinaus gewiesen haben würde, wenn gleich im Grunde der Verfasser einer Lästerschrift weniger strafbar ist, als der, so sie zu drucken und zu verlegen wagt. Ein für allemahl bleibt es ein Räthsel, warum Wucherern alles hingeht, warum man ihm nicht auf die Haut gehen, und seinen offenbaren Skartekenhandel nicht abstellen will? Zum wenigsten ist es sehr sonderbar, daß dieser Mann so manche Anhänger, Freunde und Gönner hat, unter denen sicher einige sind, auf deren Verwendung und Einfluß er rechnen kann, wenn er allenfalls in die Klemme kommen sollte. Er hat sich selbst unter denen, die seine Manipulationen hindern könnten, einen dergestalt eigen gemacht, daß er den Schwindel bekömmt, wenn er irgendwo über seinen Freund Wucherer reden hört. Ich bin es satt, dieses Mannes Großhändlers-Schritte weiter zu verfolgen, und man merkt es ohnehin, daß ich nur der gröbsten Spur derselben nachgegangen bin. Für jenen Beweis, wozu ich mich im Anfang dieser Schrift anheischig machte, ist das schon mehr als überflüssig, was ich bisher berührte. Indeß kann ich doch nicht umhin, noch von einigen seiner neuesten Verlagsartikel zu sprechen. Der erste ist eine nur zwey Bogen starke Broschüre, unter dem Titel: »Bordelle sind in Wien nothwendig, Herr Hofrath von Sonnenfels mag dagegen auf seinem Katheder predigen was er will.« Sie hier zu zergliedern, ihre Sätze näher zu analysiren, alle für Wiens Obrigkeiten und Bewohner darin enthaltene Grobheiten zu rügen, oder gar die unflätigen Ausdrücke derselben nach der Reihe anzuführen, ist überflüßig, denn was heut zu Tage von schon gedruckten Schriften verbothen wird, muß allerdings sehr anstößig sein. Das gleiche gilt von den sogenannten »freymüthigen Bemerkungen über Aufklärung und Reformen unserer Zeit,« von einem gewissen Z . . . r, welche sicher innerhalb der k. k. Länder kein anderer Buchhändler an sich gekauft haben würde, da sie die frechste Persiflage über Josephs Anstalten und die bißigsten Anspielungen auf allen Seiten enthalten. Obwohl sie verbothen wurden, so kaufte doch Wucherer erst jüngst vom gleichen Verfasser das Manuscript eines zweyten Theils dazu, welchen wir mit ehestem aus der Buchdruckerey in der Bischofsgasse zu Ottahaite gleichfalls zu erwarten haben. Ich komme nunmehr auf das Non plus ultra von Wucherers Großhandel, auf jenes famose Libell, wodurch er seinen bisherigen Unternehmungen gleichsam das Siegel aufdrückte, und womit er am 11. Julius dieses Jahres zum Vorschein kam. Es führt die Aufschrift: Freymüthige Bemerkungen über das Verbrechen und die Strafe des Garde-Obristlieutenant Szekely. Hier gab es den stärksten Beweis, wie die Bosheit stufenweise steigen kann, wenn man ihr nicht zeitig genug auf den Kopf tritt; hier entdeckte es sich allzudeutlich, wie gierig er auf jede Gelegenheit lauert, das Publicum auf Kosten der geheiligten Ehre des Monarchen brandschatzen zu können; hier ward es klar, daß er die Skarteken dieser Art bestelle. Da dieses Schandwerk nicht allein für die deutschen k. k. Provinzen, sondern auch vorzüglich für Ungarn bestimmt war; so fand er seiner Industrie gemäß, es mit lateinischen Lettern abdrucken zu lassen, um auch jene, die nach deutschen Buchstaben nicht gut lesen, zum Ankauf derselben zu reizen, beyher dem Ding einen Schein zu geben, als ob es in Ungarn gedruckt worden wäre. Freylich würde man dieses nicht so geradezu geglaubt haben, wenn Wucherer der Einsender dieser Schrift gewesen wäre; deshalb fand er für dienlich, einen andern vor das Loch zu schieben. Auf welche Art er dabey zu Werke ging, haben wir aus der von dem Buch- und Kunsthändler, Lucas Hohenleitner, am 5. August der Wienerzeitung beygelegten Ehrenrettung ersehen, deren Inhalt unser Großhändler, so trefflich er sonst läugnen kann, stillschweigend zugestehen mußte. Wer dieses saubere Product gelesen hat – und wer hat es nicht gelesen? wird, wenn er Patriot und kein heimlicher Widersacher des Monarchen ist, gestehen müssen, daß die Frechheit hier ihren höchsten Gipfel erreicht habe. Was konnte mehr gewagt werden, als den Monarchen für einen launigten wetterwenderischen Tyrannen zu erklären, der die Rechte der Menschen mit Füßen tritt, der Gesetze und Gerechtigkeit verlacht? Und – wer begreifts? – der Bösewicht, der sich erkühnte, diese Majestätsschändung zu drucken, ist aus Gnade des Monarchen Wien's Bürger, ist k. k. privilegirter Groß- und Buchhändler, und lacht sich über die beyspiellose kaiserliche Großmuth die Fäuste voll, je mehr sie seinen Wucherer Säckel spickt!!! Wie! ein Unterthan sollte in diesem Tone mit seinem Regenten sprechen, sollte seinen Mitbürgern alles Vertrauen, alle Liebe zu Ihm rauben, »sollte die Millionen Seiner Völkerschaften wider Ihn aufbringen, und zur Empörung reizen,« sollte von Zeit zu Zeit die schändlichsten Pasquille gegen Ihn drucken und verkaufen dürfen, blos um sich zu bereichern? Bey Gott! es ist die höchste Zeit, diesem Verräther das Handwerk auf ewig zu legen, und ihn dahin zu jagen, wohin er längst gehöret. Es liegt ein verfluchter Sinn in dem Worte: Tyrann! Wer die Geschichte der Jesuiten gelesen hat, kennt ihn. Ich sehe hier zwey Fälle, deren jeder schrecklich ist. Angenommen also, daß ein von Pfaffen und Mißvergnügten entflammter Fanatiker auf jenen teuflischen Gedanken, den einst die Jesuiten in Ansehung erklärter Tyrannen lehrten, geriethe, und ihn in's Werk setzen wollte; welch' nahmenloses Elend könnte daraus entstehen? Angenommen, im Gegentheil, daß ein von Treue und Liebe für den Monarchen ganz erfüllter Unterthan über den Schänder seines Landesfürsten von gerechtem Grimm dergestalt entbrannt würde, daß er ihn aufsuchte, und vor den Kopf schlüge; was wollte man ihm thun? nach welchen Grundsätzen sollte man ihn verurtheilen? Wenn ununterrichtete Bewohner des Auslandes diese Schandschrift zu Gesichte bekommen, so werden sie verleitet, zu glauben, es ist entweder die Stimme beleidigter Großen, oder die Stimme gedrückter Völker, welche in dieser Sprache ausbricht; und doch ist es nur ein einzelner Elender, ein von der niedrigsten Gewinnsucht befallener Skartekentrödler, der darauf ausgeht, das ganze Publikum zu nachtheiligen Gesinnungen gegen den Beherrscher gleichsam zu stimmen, damit es all' seinen Verlagswust desto gewisser aufkaufen, und ihn dadurch mästen möge. Die Vergehungen dieses Mannes haben in der That den höchsten Grad erreicht. Wo der Regent als Tyrann erklärt ist, da ist die innere Ruhe des Staats in äußerster Gefahr, da kann Zucht und Ordnung nicht ferner bestehen, Ehrfurcht und Gehorsam werden zum Unding, zum leeren Wortschall, und die Gefahr einer allgemeinen Zerrüttung ist, unerachtet dreymahlhunderttausend bewaffneter Arme, dennoch zu fürchten. Wenn auch all' dieses nur leere Furcht wäre, so entehrt doch wenigstens dieser Mann das für Aufklärung und Wissenschaften so heilsame Gewerbe des Buchhandels; so schadet er doch mindestens dem Geschmack an der Literatur, und erregt durch seine Lasterblätter einen allgemeinen Eckel gegen sie; so würdigt er doch den ehrenvollen Stand der Schriftsteller zu jener schwarzen Zunft herab, die der Abschaum der Menschheit genennt zu werden verdient; so erregt er doch bey vielen einen äußerst nachtheiligen Begriff von den bisher stets als die rechtschaffensten Menschen bekannten Protestanten, deren unwürdiges Mitglied er ist, und bey deren Gemeinde in Wien er zur Stelle eines Kirchenvaters – Gott weiß, wie? – gelangt ist. Ich selbst hörte unlängst einen angesehenen Protestanten in Wien sagen: er würde in Versuchung gerathen, das Bethhaus anzuzünden, wenn der Kirchenvater Wucherer darinn wohnte, um den Schandfleck der Protestanten zu vertilgen. Man mache mir ja nicht den Einwurf, daß Wucherer frey von aller Verantwortung sey, weil der Monarch so erhaben handelte, den Verkauf der Pasquille auf Seine geheiligte Person zu erlauben; denn dadurch wird die darinn enthaltene Lästerung noch nicht zur Wahrheit; dadurch wird sein sträfliches Unternehmen noch lange nicht gerechtfertigt. Ist die Klapperschlange deswegen weniger giftig, wenn der, der ihr den Kopf zertreten kann, sie länger leben läßt? Auch dadurch ist Wucherer noch nicht gerechtfertigt, wenn er gleich, um seinen Profit zu vergrößern, vom Verfasser des ersten Pasquills ein paar andere Schmarren dagegen verfertigen und drucken ließ, denen man es allzuwohl ansieht, daß sie den Hauptartikel nur desto mehr heben sollen. Noch weniger nützt ihm diesmahl sein jedesmahliger Kunstgriff, sich durch den übelberüchteten Erlanger Zeitungsverfasser für unschuldig erklären zu lassen, und beyher seine Skarteken dem Publicum auf's Beste zu empfehlen, da uns Hohenleitner allzuwohl überzeugte, wie schuldig er ist. Und sonach frage man mich ja nicht: wer mich zum Ankläger Wucherers berufen oder bevollmächtiget habe: denn ich würde im Gegentheil fragen: Wer dem Wucherer das Recht gibt, den Monarchen zu lästern, und das Publicum zu ärgern? Aus mir spricht Bürgerpflicht und Patriotismus; aus ihm schändlicher Eigennutz und Bosheit. Meine Anklage gegen diesen meineidigen, pflichtvergessenen, unwürdigen Bürger Wiens ist also keine Sache die durch ein paar Magistratsbeysitzer privatim untersucht und abgethan werden kann; sie ist res publica, und muß, erforderlichen Falls durch eine eigene von der höhern Behörde niedergesetzte außerordentliche Commission auseinander gesetzt werden. Wucherer hat publice gesündigt, so, wie ich ihn publice anklagte; er verantworte sich publice darauf, und nach publice geschlossenem rechtlichen Verfahren kann, (wenn er es ausdrücklich zu verlangen rathsam finden sollte), auch publice in der Sache entschieden und gesprochen werden. Ich beharre demnach darauf, daß ich Wahrheit schrieb, und, von Pflicht und Rechtschaffenheit angetrieben, in Ansehung Wucherers Skarteken Großhandel zu fragen berechtigt war: Wie lange noch? Mit dieser Frage schließt Rautenstrauch; und auf dieselbe antworten wir: »O noch allzulange!« In dem nämlichen Jahre noch, 1786 gingen aus Wucherers Schmachpresse folgende freche Pasquille auf Joseph hervor: Die Regierung des Hanswurstes; eine Comödie aus dem vorigen Jahrhundert. Salzburg (47 S. in 8.) – Das Handbillet des Hannswurstes. Eine Beylage zur Regierung in Salzburg (23 S. in 8.) – Die Verbindung des Nabobs von Indostan wider den Groß-Mogul. Ein politisches Schauspiel. (Verfasser ist Fr. Schulz. 70 S. in 8.) Wir haben sie sämmtlich vor uns liegen; aber nicht weil sie Pasquille sind (die letzte Piece zielt auf den Fürstenbund) enthalten wir uns, sie wieder abdrucken zu lassen, sondern ihres unglaublich schalen, nichtigen, faden, läppischen und zugleich höchst geschmackwidrigen Inhaltes wegen. Alle drey sind noch überdieß in Versen, und o Himmel, in welchen Versen?! Überhaupt taugen von hundert Piecen der Josephinischen Periode wohl kaum zwey zu erneuerter Mittheilung, eben ihrer innern Nichtigkeit und äußern Rohheit wegen. 39. Zahlheim der letzte Geräderte. Nachtrag zu dem Artikel im ersten Bändchen . Über die in jenem Artikel angedeutete Broschüre gegen den Kaiser verbreitet sich Rautenstrauch in seiner Schrift: »Wie lange noch?« (man sehe den vorstehenden Artikel) wie folgt: Am 10. März dieses Jahres 1786 ward zu Wien der bekannte Dieb und Mörder Z . . . hingerichtet. Da jede auffallende Begebenheit, zumahl wenn sie Gelegenheit darbiethet, über den Kaiser loszuziehen, dem Großhändler Wucherer willkommen ist; so griff er um so schneller und gieriger nach einem Manuscript, das, so wie viele andere gewiß nie verfaßt worden wäre, wenn der Autor nicht darauf hätte rechnen können, es bey ihm anzubringen. Es ward in Kurzem der Censur gedruckt übergeben, unter der Aufschrift: Beweis, daß Zahlheim als ein Opfer der Unwissenheit seiner Richter und durch Gewalt des Stärkern hingerichtet worden. Von einem Menschen. Gedruckt in Ottahaite, (d. i. hinter dem Johannesspital auf der Landstraße). Diese Schrift war ihres Verlegers und seinen bekannten Gesinnungen vollkommen würdig. Sie ist mit dem Motto versehen: Die Gewalt des Fürsten muß kein Messer in der Hand des Kindes werden. Sie sollte, wie die Vorrede an den Leser unter andern sagt, die Zukunft vor Aufritten sichern, die Natur- und Gesellschaftsrechte in leere Grillen der Vorzeit umwandeln. Wir erfahren aus der Einleitung derselben, wie es der Verfasser nach all seinen Kräften verhüten will, daß eine Gewalt, welche die sinkende Menschheit zur traurigen Nothwendigkeit gemacht, von Menschen, nicht von Barbaren \&c. daß sie nicht nach Eigendünkel, oder nach der guten und bösen Laune, worin man sich eben befand, verwaltet werde. Alles, was man von dieser Schrift Vortheilhaftes sagen kann, ist dieß, daß die Schreibart derselben rein, fließend und körnigt ist. Daß aber darin rechtlich erörtert und erwiesen seyn soll, als hätte man diesen Verbrecher, wie es S. 77 heißt, wider alles Recht der Natur und der Gesellschaft zur Richtstätte geschleppt, dieß kann nur ein Jurist behaupten, der für Wucherer schreibt. So wie dieser das Factum vorgetragen und dargelegt hat, so will er daraus nichts geringeres erproben, als daß der ganze verübte Diebstahl und Mord dieses Übelthäters nur eine Folge seiner Umstände war, nach denen er gerade so handeln mußte, und also nicht die mindeste moralische Freyheit hatte, sein Vergehen zu unterlassen. Ein sauberer Grundsatz, der um so schnöder ist, je mehr er zu beweisen sich bemüht, daß man, den Umständen nach, sogar berechtigt sey, ein Bösewicht zu werden, nur um dasjenige nicht entbehren zu müssen, was das Leben schmackhaft machen kann; denn er sagt: »Jeder Mensch ist unglücklich, wenn er den Besitz desjenigen nicht hat, was sein Verstand für ein Gut erkennt. Wer in einen gemästeteten Kapaun seine Glückseligkeit setzt, und ihn nicht hat, ist nicht glücklicher als jener, der vergebens nach einer Krone hinstrebt.« Mithin ist die Schlußfolge deutlich, daß man alles darf, was die Leidenschaften befriedigen kann. Nicht so? Wucherer wenigstens, den die Leidenschaft des Geldgeizes beseelt, hegt sicher ähnliche Grundsätze. Wäre diese Schrift nur eine Abhandlung des aufgestellten Gegenstandes, bliebe sie bloß bey demselben, so möchte sie noch hingehen. Aber die unter das Stückweise eingeschaltete Urtheil angebrachten infamen Noten verrathen eine ganz andere Absicht. Man höre den Schluß der Note zum 10. §. »Endlich ist das Wort Dankbarkeit, Dank sey es unserm philosophischen Jahrhunderte! ein Schall dem kein Begriff mehr entspricht; ein Wort, das man längst unter die aus dem Werth gekommenen gesetzt haben sollte. Wer wird jetzt noch, wenn er seinen Nutzen durch des andern Schaden befördern kann, erst lange griesgramen, ob er diesem Menschen Dank schuldig ist? – – Das sind lächerliche Chimären, denen das Dunkel der unaufgeklärten Vorzeit Gewicht gab. Der Undank ist mit der Wohlthätigkeit eben so, möcht' ich sagen, verbunden, wie die Wirkung mit ihrer Ursache; und wollte man jeden des Undankes wegen mit dem Tode strafen, so müßte das Menschengeschlecht um drey Theile vermindert werden! Selbst vor gekrönten Häuptern hat dieß Ungeheuer keine Ehrfurcht; es windet sich selbst bis über die Stufen des Thrones hinauf, und die Geschichte zeigt uns einen Monarchen, der Zahlheims That tausendfach an einem Volke zu thun entschlossen war, wenn anders der Krieg ein tausendfacher Mord ist, an einem Volke, das seine Mutter mit Wohlthaten überhäufte, ohne die sein Thron auf schwankendem Grunde stehen dürfte. Daß die Umstände sich geändert, und der unüberlegte Schritt zurück gethan werden mußte, mindert weder den Undank, noch die Entschlossenheit zum Morden!« Gesagt und geschrieben zu Wien. im März 1786, und gedruckt und verlegt von Georg Philipp Wucherer, k. k. privilegirtem Groß- und Buchhändler, im Seizerhof unter den Tuchlauben. Gedruckt und verlegt, sage ich; er trete auf, und spreche Nein! er läugne, wenn er kann, seine Lettern, sein Papier, seinen Verschleiß, trotz des Verboths! Würde von ihm das Censurverboth nicht als ein alberner Popanz angesehen und behandelt, wie hätte er in kurzer Zeit eine zweyte Auflage davon machen können, die sich von der ersten im Papier und durch den auf dem Titel befindlichen Druckfehler auszeichnet, da bey den Worten: Von einem Menschen, statt dem V ein B stehet? 40. Details über das Freymauererwesen unter Kaiser Joseph. Mit Beziehung auf den Artikel: » Der Kaiser und die Freymaurer, « im ersten Bändchen, S. 42 und folg. geben wir nachstehend einige Einzelnheiten, wobey es dienlich seyn wird, jenen Artikel damit zu vergleichen, wiewohl sie für sich ganz selbstständig sind. 1. Von den Maurerlogen \&c. \&c. in Wien. (Aus den Briefen eines Biedermannes an einen Biedermann.) Dritter Brief . Wien, den – – Ich habe in meinem letzten Schreiben an Sie ein Hauptmotiv vergessen, wegen welchem sich so viele Unheilige den hiesigen Logen zudrängen. Es sind die Geheimnisse, derer Aufschluß sie in unserm Schoße erwarten. Einige bilden sich ein, daß wir Gold machen können – andere schreiben uns das Arcanum einer Lebenstinctur zu, durch die wir unser Leben Jahrhunderte hinaus verlängern, wenn sie gleich die tägliche Erfahrung überzeugen soll, daß wir, wie die gewöhnlichen Menschen dahin sterben. Viele lassen sich es wohl auch nicht aus dem Kopfe bringen, daß wir die höheren Geister beschwören können, und daß uns alle verborgenen Schätze zu Gebothe stehen, wenn sie auch gleich wieder mit Augen sehen, daß ein großer Theil der Wiener Freymaurer eher Geldjuden, als Geister beschwören müssen, und daß einige von ihnen nicht in gewisse Verlegenheiten gekommen wären, wenn sie über verborgene Schätze zu gebiethen gehabt hätten. Ich muß es zwar den hiesigen Logen nachsagen, daß sie es jedem, sogar vor der Aufnahme sagen, und versichern, daß sie keine Geheimnisse besitzen. Allein wie wenig sie diesen Worten glauben, können Sie, liebster Freund, daraus abnehmen, daß es in jeder Loge Goldmacher, Geisterbeschwörer und sogar Schatzgräber gibt. Ich habe es auch aus dem Munde eines Buchhändlers, daß mystische Bücher, und theophrastischer, schon zur Maculatur gewordener Unsinn, nun seine gangbarsten Artikel seyn. Doch Sie dürfen ja nur die Bücherverzeichnisse in der Wienerzeitung (wenn anders von dieser letzten aller Zeitungen ein Blatt zu Ihnen kommt) durchblättern, um den Geist der jetzigen Wienerfreymaurer kennen zu lernen. Und wer glauben Sie wohl, bester Freund, daß sich am meisten mit diesen Wissenschaften abgebe? Leute, die nicht einmal das ABC der Chemie wissen – Sie könnten sich unmöglich des Lachens enthalten, wenn sie diese Leute in einer aus mystischen, größtentheils übel angebrachten Ausdrücken, zusammgeflickten Sprache über die Alchemie reden hörten. Nach ihrem Vorgeben ist das Ding so klar, daß man sich nur hinsetzen, und Gold machen darf. Es gibt aber nicht bloß Thoren, sondern auch Betrüger unter ihnen, die ich fast wirkliche Goldmacher nennen möchte, weil sie sich auf Kosten der Leichtgläubigen zu bereichern wissen. Sie werden sich wundern, daß die hiesige mit Recht berühmte Polizey nicht aufmerksam auf diesen Unfug werde? Ich wunderte mich selbst, bis ich hörte, daß die Logen hier nicht so viel tolerirt, als ignorirt würden – und so ergibt sich ja die Folge von selbst, daß man auch die Handlungen dieser Leute ignoriren müsse, wenn gleich die übrige profane Welt nicht ignoriret, daß dieser oder jener vorhin brave Mann durch das unselige Laboriren und einen übelverstandenen Freymaurergeist an den Bettelstab und wohl auch in das Gefängniß gekommen ist. Freylich ist es eine der vorzüglichsten Beschäftigungen unsers Ordens, den Urkräften der Natur nachzuspüren, allein dazu gehören Kenntnisse, die man nicht am Spieltische, im Casino oder im Bordell erlanget. Wir haben sehr oft über das Goldmachen zusammen gesprochen, und Sie kennen beyläufig meine Gedanken hierüber. Ich gebe zwar zu, daß ein geschickter Scheidekünstler aus verschiedenen Körpern Gold herausziehen könne: aber unmöglich kann er die Bestandtheile dieser Körper, die nicht Gold sind, in Gold verwandeln; denn Gold bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit Gold, und Bley von Ewigkeit zu Ewigkeit Bley. Sie können sich also wohl vorstellen, wie lächerlich mir die Alchemisterey der hiesigen Maurer vorkommen müsse, da die meisten von ihnen den Verwandlungsproceß vornehmen. Sie haben nun einen Hauptzweig von der hiesigen Bauart kennen gelernt, und müssen inzwischen vorlieb nehmen, bis ich Sie wieder über die hiesigen Logen unterhalten kann. Mein Aufenthalt hier wird ohnehin noch von langer Dauer seyn. Sie wissen, daß mein Geschäft beym Reichshofrath anhängig ist, und so darf es Sie nicht Wunder nehmen, wenn Sie mich auch erst nach zehn Jahren wieder in meinem Vaterlande sehen sollten. Ihre Nachricht, daß der vertriebene Professor Weishaupt nach Wien kommen werde, hat mir viele Freude gemacht. – Wird die Verfolgung gegen die würdigsten Männer nicht bald ein Ende bey uns nehmen? Sechster Brief . Beym Bau des Thurms Babel verwirrte Gott die Sprachen, und beym Bau unsers Tempels verwirrten die Regenten durch ihre Duldung die Köpfe der Maurer vom Meister bis zum Lehrjung hinab. Wollen Sie sich überzeugen, so stellen Sie sich zum Beyspiele vor den Bau der Wienerlogen hin. In der glücklichen Epoche unsers Ordens bauten alle Brüder nach einem gemeinschaftlichen Plane. Alle waren von einem und eben demselben Geiste durchdrungen und belebt. – Nun aber bildet sich jede Loge ein, daß sie bessere Arbeit mache als die andern; daher auch der Haß unter ihnen, von dem ich Ihnen in meinem zweyten Schreiben sagte; daher statt dem echten Maurergeist – der Logengeist – daher aber auch die elende Arbeit. Der Haß aber zeigt sich nie deutlicher, als beym Ballotiren, wo schon manchem braven Manne Schwierigkeiten gemacht worden, weil er sich gerade in der Loge A und nicht in der Loge B wollte aufnehmen lassen; dafür aber ermangelte die Loge A bey Gelegenheit nicht, der Schwester B ebenfalls mit schwarzen Kugeln aufzuwarten. Was aber bey diesem Partheygeiste die gute Sache verliere, und wie stark die Bruderliebe unter diesen Brüdern seyn müsse, können Sie sich nun selbst vorstellen. Ich will Ihnen nun zum Beschluß von einigen Wienerlogen, die ich näher kennen lernte, eine flüchtige Schilderung machen; sie wird zum Beleg meines Urtheils dienen können. Ich nenne Ihnen vor allen andern die Eintracht. Sie finden hier Wien's beste Köpfe beysammen: einen B—n, einen S—s, einen B—r, einen R—r Born, Sonnenfels, Blumauer, Retzer. und viel andere würdige Männer. Ihr Hauptverdienst besteht darin, daß sie den wissenschaftlichen Theil des Baues fleißig bearbeiten, und den Afterbau der übrigen Logen einzureißen suchen, wofür sie aber auch nicht wenig angefeindet werden. Nur bedaure ich, daß sie manchmahl das Kind mit dem Bade verschütten, und in ihrem Eifer wesentliche Stücke unsers Ordens angreifen. – So machte S—s in einer schön geschriebenen Rede unsern Eid lächerlich, oder wollte wenigstens beweisen, daß es lächerlich sey, von Leuten, die nie etwas erfahren können, einen fürchterlichen Eid zu verlangen, daß sie nichts sagen wollen. Allein dieser große Redner bedachte nie, daß dieser Eid als Hieroglyphe einen wesentlichen Theil unsers Ordens ausmache. So ist auch B—n in einer Abhandlung über die Nichtigkeit der Magie etwas zu weit gegangen; denn kennt der Mensch wohl alle Naturkräfte, und gibt es nicht Dinge in der Welt, vor denen, wie Lavater sagt, der größte Philosoph den Finger auf den Mund legen muß? Mein Urtheil überhaupt von dieser Loge ist, daß sie zwar aus vortrefflichen und gelehrten Männern bestehe, daß ich aber nur einen einzigen ächten Mann unter ihnen kennen lernte. Die gekrönte Hoffnung ist die älteste der hiesigen Logen, wenn man gleich keine Spur mehr vom alten Geiste in ihr antrifft. Sie bestehet größtentheils aus adelichen oder doch sehr bemittelten Gliedern. Sie kennen ja die Ursachen, warum es der Adel so hart mit der Wahrheit halten könne, und werden also wohl muthmassen, wie hier gearbeitet werde. Diese Loge hat gegenwärtig einen jungen sehr galanten Cavalier an ihrer Spitze. Ein alter Maurer, der öfters bey ihren Festen erscheinet, versicherte mich, daß sämmtliche Brüder vortrefflich für den Bauch bauen, wenn es gleich ein paar starke Alchymisten unter ihnen geben soll. Die Josephsloge besteht abermahl größtentheils aus Adelichen, und gibt in Ansehung der Baumeister der gekrönten Hoffnung nicht viel nach. Die Hauptempfehlung zur Aufnahme, ist hier vorzüglich alter Adel und Geld. Ihre Glieder sehen auf die Brüder der übrigen Logen mit Verachtung herab; vermuthlich weil die ihrige die Josephsloge heißt. Von den übrigen habe ich außer der Beständigkeit im Orient, noch keine so nahe kennen gelernt, daß ich ein unpartheyisches Urtheil fällen könnte. Letztere zählt nur ein paar Cavaliere, und könnte daher bessere Arbeit machen, wenn nicht so viele brave Brüder schon gedeckt hätten, und wenn sie nicht ebenfalls vom Partheygeiste angesteckt wäre. In dieser Loge geht es sehr andächtig her, und es wird stark von Christus gesprochen. Ein gewisser F—l verfertigt Kantaten, denen aber der Geist der Maurerey fehlt. – So hat sie auch einen gewissen B—l zum Bruder Redner, der mit der allerweisesten Miene in einer Minute hundert Betisen sagt. Diese Loge hat unter den übrigen große Feinde, und wenn ihre Arbeit gleich selbst nicht weit her ist, so sagen sie doch von dieser, daß sie schlecht arbeite. Wenn mich nun also bey dieser Verfassung ein Freund fragte: in welche Loge er sich sollte aufnehmen lassen: so würde ich ungefähr so zu ihm sagen: Suchen Sie durch die Maurerey Ihr zeitliches Glück zu machen, das heißt: sind Sie entweder ein Arzt, oder ein Künstler, oder ein Geldausleiher, oder (wenn es Sie nicht verdrießt) auch ein Kuppler, so sehen Sie bey der »gekrönten Hoffnung« oder bey der »Josephsloge« anzukommen. Sie können hier sicher Bekanntschaften machen, die Sie zu Ihrem Zwecke führen. Sind Sie ein Mann von der Welt, der gute Gesellschaft und ein Glas Wein liebt, oder dem überhaupt mehr um Zeitvertreib, als um den Zweck des Ordens zu thun ist, so können Sie ebenfalls bey besagten Logen Ihren Conto finden. Lieben Sie aber den Umgang mit Gelehrten, oder wollen Sie Ihre Kenntnisse in was immer für einem Fache erweitern, und endlich in Rücksicht auf Ihre Kenntnisse die hohe Gnade erlangen, an das Dienstjoch gespannt zu werden, so rathe ich Ihnen, bey der »Eintracht« um die Aufnahme anzuhalten. Ist endlich Ihr Wunsch, recht fromm zu werden, oder haben Sie andere Anfälle von Hypochondrie, so weiß ich Ihnen keinen bessern Rath zu geben, als Sie lassen sich je eher je lieber bey der »Beständigkeit im Orient« aufnehmen; nur bilden Sie Sich nicht ein, daß Sie (Sie mögen wo immer aufgenommen werden) deswegen ein ächter Maurer sind. Nehmen Sie einstweilen mit diesem Tableau der Wienerlogen vorlieb, und leben Sie wohl. 2. Critik des kaiserlichen Patents über das Maurerwesen. (Drey Briefe über die neueste Maurer-Revolution.) Den 18. des 12. Erster Brief . Mein Bruder! Die schreckbarsten Dinge sind oft darum nur schreckbar, weil sie unerwartet kommen. So kam gestern ein Patent zum Vorschein, das eine sehr schmeichelhafte Außenseite für die Maurerey hatte, aber im Grunde den unausbleiblichen Sturz derselben nach sich ziehen wird. Unser ganzes System, mein Bruder, ist seiner Umschmelzung nahe! – Nahe? Es ist schon umgeschmolzen im Herzen derer, die sich Brüder nennen, und Brüdern zu befehlen sich anmassen. Du siehst nun, mein Bruder, daß ich diesen Augenblick anführen muß, mich als Maurer zu zeigen, wenn ich noch ferner im Herzen ein ächter Maurer bleiben will. Das Patent selbst, das ich dir hier beyschließe, ist für uns so nachtheilig nicht, als manche glauben wollen, obgleich der Anfang davon der ernsthaften Sprache einer majestätischen Gesetzgebung nicht zu sehr zu entsprechen scheint. Es heißt: »Nachdem die sogenannten Freymaurer-Gesellschaften, deren Geheimnisse Seiner Majestät unbekannt sind, und deren Gaukeleyen Allerhöchst Dieselbe auch nicht zu erfahren verlangen, u. s. w.« Wie kann man das, mein Bruder, Gaukeleyen nennen, was man nicht kennt, was man nicht zu kennen verlangt, was man am Ende nützlich, des allgemeinen Schutzes würdig findet? Fürsten, Minister, Könige und Kaiser, große Gelehrte, große Künstler, und was im Auge des wahren Menschenfreundes noch mehr ist, edle Männer, Philosophen von der strengsten Ausübung ihrer Grundsätze waren solche Gaukler! Durch diese Gaukler wurde die Armuth unterstützt, die Thräne des Elends abgetrocknet, Waisen erzogen, Talente gebildet, Künste und Wissenschaften empor gebracht, heilsame Plane angelegt, nützliche Vorschläge gemacht, und wenige Gesetze von der edlern, gemeinnützigern Art werden seit einer Zeit erschienen seyn, die nicht wenigstens mittelbar durch besondere dem Profanen noch unbekannte Wege von diesen Gauklern veranlaßt wurden. Preßfreyheit, Toleranz, Reformirung der Religion u. s. w. was sind sie anders, als Werke dieser Gaukeley? Wo wäre das undankbare Österreich noch sonst, als in den Händen unheiliger Pfaffen, wenn diese Gaukler nicht schon seit vielen Jahren ihre Entwaffnung mit einer klugen, bewundernswürdigen Vorsicht vorbereitet hätten? Gesetzgebung, du mußt dich an eine andere Sprache gewöhnen, wenn du im Herzen des freyen Menschen ehrwürdig bleiben willst! Aber du wirst staunen mein Bruder, wenn ich dir sage, daß eben diejenigen, von denen wir alle mögliche Hülfe erwarteten, die wir mit einem zärtlichen, von Dank, Hochachtung, Ehrfurcht erfülltem Herzen im Brudernahmen als unsere Obern, unsere Väter erkannten, die ersten am Verderben der Maurerey arbeiten. Doch mein Bruder, politische Rücksichten müssen immer der Maurerey höchst nachtheilig seyn! Es war gefehlt, daß wir blind genug seyn konnten, jene, die Reichthum, Ansehen, Weltgröße hatten, mit Sternen, Orden und Titeln prahlten, zu den Hauptringen an der großen Kette unsers Bruderbundes zu machen. Nur Tugend und Weisheit können unauflösliche Bande flechten. Es ist lächerlich, die kleine, wie ein gelber Nebeldunst dahin schwindende Scheingröße zur Oberaufseherinn über Freye, Tugendhafte und Weise machen zu wollen. Der Große ist nie wahrer Bruder des Kleinern. Sein Herablächeln, seine Verneigungen, seine süßklingenden Worte sind weiter nichts, als eine täuschende Maske, in die er zur beliebigen Abwechslung seinen Stolz auf einige Augenblicke einzukleiden pflegt. Aus solchen Leuten, doch nein, nicht aus lauter solchen, aber aus vielen solchen Leuten besteht unsere Landesloge; auch diese, da sie an Zahl und Gewicht die wenigen Edlen weit überstimmen, haben sich nun vereint, den vatikanischen Bannstrahl über das Schicksal der Maurerey mit inquisitorischer Entscheidung zu sprechen. Wir hätten es schon längst voraussehen sollen, und keiner sah es voraus, daß wir unter die Hände herrschsüchtiger Despoten gerathen sind. Gleich nach Erscheinung der Verordnung erging von dem Landsgroßmeister ein Schreiben an sämmtliche Johanneslogen, daß am 20. des 12. von jeder Loge zwey mit unbedingter Vollmacht versehene Deputirte am bestimmten Ort Abends um fünf Uhr erscheinen, von dem nähmlichen Tage an alle Maurerarbeiten eingestellt, den andern Tag darauf alle Acten und Schätze mit einem Siegel verschlossen werden sollen. Diese Befehle gingen voraus, und man berief die Brüder nicht, sich mit ihnen freundschaftlich zu berathschlagen, sondern ihnen weitere Befehle vorzulesen. Was sie aber heimlich, ohne zuvor eine gesetzmäßig zusammenberufene Versammlung zu halten, beschlossen, oder mit einer mehr denn herrschsüchtigen Mönchs-Kabale unter sich unterminirten, war a) daß alle Johannes-Logen in Wien aufhören sollten, b) daß zu den drey neuzuerrichtenden Logen von ihnen drey Großmeister bestimmt würden, denen dann frey stünde, ihre Beamten selbst zu wählen. c) Daß die übrigen Brüder bey den nun schon stehenden Logen ansuchen, und ihre Aufnahme durch die gewöhnliche Ballote bestimmt werden müßte. Das Patent konnte so was nicht zur Absicht haben, und was es eigentlich beschloß, macht in der Grundverfassung der Maurerey nichts besser und nichts schlechter. Denn wahren Brüdern ist es gleich viel, ob sie sich in diesem, oder jenem Orte versammeln, ob ihr Bund in wenig oder viel Classen untergetheilt ist, ob sie unter der Aufsicht dieses, oder jenes von ihnen gewählten Großmeisters ihre Maurerarbeiten beginnen. Aber herrschsüchtige Brüder ergriffen hier die gewünschte, und von ihnen selbst veranlaßte Gelegenheit, die ganze Maurerey in eine ihrem Stolze, ihrem Eigendünkel, ihren Privatabsichten entsprechendere Gestalt umzuformen. Unter allen Umständen durften sie's nie wagen zu gebiethen. Unter dem Vorwande, den landesfürstlichen Gesetzen zu gehorchen, gebothen sie nun. Wozu hatten sie nöthig alle Johanneslogen eigenmächtig zu schließen? Seine Majestät wollten aus acht Logen drey haben. Wessen Sache ist es nun, die der Landes-Loge, oder der sämmtlichen Johanneslogen selbst, eine dem allerhöchsten Befehle gemässe Veränderung zu treffen? Würde dieses nicht freundschaftlicher, brüderlicher geschehen, wenn alle Logen, jede durch fünf oder sechs Deputirte, zusammentreten, und sich ohne Zwang, ohne Vorschriften, über ihre Vereinigung berathschlagen könnten? Die drey Meister für die drey neuen Logen waren schon gewählt, weil man sich durch Erbettlung, Erschmeichlung, und Ertrotzung der Stimmen in den Stand zu setzen wußte, den schwächern Theil zu überstimmen. Man berief die Brüder zur Meisterwahl, und die Meister waren schon gewählt! Was heißt das anders, als etliche hundert Brüder nach Gutdünken an der Nase herumführen. Die neuen drey Meister müssen also mit jenen eine gleiche Gesinnung haben, von denen sie gewählt worden; diese Meister wählen ihre Beamten, und können also auch nur solche wählen, die mit ihnen einer gleichen Gesinnung sind. Die übrigen Brüder aber müssen erst bey diesen auf einem solchen Fuße stehenden Logen ansuchen, und ihre Einlassung oder Verwerfung hängt von der blinden Entscheidung der Ballote ab. O pfui! Brüder sollen bey Brüdern ansuchen, um für ihre Brüder erkannt zu werden. Sind wir Maurer nicht alle freye Maurer? Haben wir nicht immer, in brüderlichen Versammlungen ungetheilt alle Rechte der Freymaurerey ausgeübt, alle Vortheile dieser engen Verbindung genossen, die Bürde derselben mit unsern Beyträgen unterstützt? Hat uns nicht selbst die gesammte Maurerey bey unserer Einweihung mit einem hohen unverbrüchlichen Maurereide geschworen, mit uns einen Bund einzugehen, den kein Mensch, keine Macht, kein Verhängniß, kein Gott trennen kann? Was müssen diese Männer für Männer seyn, die mit hohen furchtbaren Eidschwüren, wie ein Kind mit seiner Puppe spielen können? – Und ihr, Brüder, wie sie, von ihnen selbst gut geheißen, anerkannt als solche von einer ganzen Maurerwelt, die wir vielleicht bisher thätigere Hände an dem wohlthätigen Plan unsers Tempelbaues angelegt, wir sollen nun erst ansuchen, bey diesen unbrüderlichen Brüdern, sollen, weil wir nicht denken, wie sie des Schimpfes zwischen Furcht und Hoffnung gewärtig seyn, durch Privatabsichten, durch Partheylichkeit, durch Cabale dieses oder jenes, unter dem Namen eines unächten Bruders ausgeschlossen, dem Vernünftigen zur Verachtung, dem Pöbel zum Hohngelächter bloßgestellt zu werden? Was wird dann die Maurerey anders seyn, als ein oligarchisches Despotencomplot, das jeden andern von sich entfernen wird, der entweder nicht klein genug ist, ihre Herrschsucht mit ähnlichen Gesinnungen zu unterstützen, oder nicht niedrig und entartet genug, ihr Sclave, ihr Speichellecker, ihr Vergötterer zu seyn. Kein edler Maurer wird sich je zu einem solchen alle Gefühle von Freyheit herabwürdigenden Schritt entschließen können! Aber der Fluch der gesammten Maurerey wird einst auf diesen Aufwieglern, diesen Zerstörern des heiligen Tempelbaues ruhen! Sie sagen: um ihrem Unternehmen einen Anstrich von Verdienst zu geben: Dies sey das einzige Mittel, die Gesellschaft von so vielen unedlen Maurern zu reinigen. So gibt es unedle Maurer? Nun, wenn es solche gibt, wessen Schuld ist es, als eure, daß ihr unwachsam, sorglos, für das Wohl der Maurerey kalt, und gleichgültig genug waret, Unedle als Brüder einzuweihen, oder unedlen, unverbesserlichen Brüdern die Thore unsers Tempels nicht bey Zeiten zu verschließen? Man wird euch Dank wissen, wenn ihr uns von solchen befreyet, sie sind keine Brüder, wie mancher verderblicher Anmasser unter euch kein Bruder ist! Aber nicht jeder Unedle ist unverbesserlich. Hier kann die Maurerey die Absichten ihrer Wohlthätigkeit im höchsten, glänzendsten Grade zeigen, hier kann sie ein Meisterstück, ein Wunderwerk verüben, wenn sie aus unwürdigen, würdige Brüder macht! Und wie oft gelang ihr dies nicht schon? Ich habe dieses Geständniß aus dem Munde manches Maurers, daß er seine Rückkehr zum Weg der Tugend und Rechtschaffenheit bloß den Ermahnungen, den Warnungen, den Zurechtweisungen, der sanften nachgiebigen Langmuth, den erbaulichen Beyspielen seiner Brüder zu danken habe. Wien selbst kann Männer mit Titeln, Sternen und Ordensbändern aufweisen, die Verschwender, Taugenichtse, Ausschweifer, die Schande ihrer Familie, Greuel ihres Bundes waren, und die nun durch die heiligen, an's Herz greifenden, mit der Unwiderstehlichkeit eines Zaubers alles an sich reißenden Sittenlehren der Maurerey edle, menschenfreundliche Männer, brauchbar für den Staat, und groß für die Gesellschaft geworden sind! Doch genug für heut, meine Gefühle sind in Empörung! Leb wohl! und nimm Antheil am Schicksale deiner Brüder. Ich bin durch die geheiligte Zahl Dein u. s. w. Zweyter Brief . Den 19. des 12. Abends. Mein Bruder! Die gute Sache ist noch nicht so ganz verloren, als ich sie im Taumel des Schreckens für verloren hielt. Es gibt noch Männer von Gewicht, denen das Schicksal der Maurerey am Herzen liegt, und die entschlossen sind, mit einem gestählten Muthe, mit der Herzhaftigkeit eines Löwen alle Kräfte der Möglichkeit aufzubiethen, und dem allgemeinen Verderbnisse entgegen zu arbeiten! Es hat ihnen schon gelungen, manchem getäuschten Bruder die Augen zu öffnen, und ihn von der Parthey der Despoten wegzuziehen, und so können sie, wo nicht auf die Mehrheit, wenigst auf das Gleichgewicht der Stimmen sichere Rechnung machen. Morgen also treten unter den entgegengesetztesten Meinungen zwey Partheyen zusammen, und vom Siege der einen, oder der andern hängt vielleicht auch die Zukunft eines ganzen Menschengeschlechtes, das Wohl, oder das Verderben der Maurerey in Österreich ab! Jeder Menschenfreund zittert mit bangem Angstgefühl der Entscheidung dieser entsetzlichen Stunde entgegen. Morgen auf den Abend ein mehreres! Dritter Brief . Den 20. des 12. Abends. Mein Bruder! Die gute Sache siegte, und wenn zugleich die Feinde der guten Sache demüthigen auch siegen heißt, so siegte sie doppelt. Einer von ihnen, der vielleicht hier eine besonders große, und glänzende Rolle zu spielen hoffte, mußte wider seine Erwartung die erbärmlichste von der Welt spielen, denn er wurde gleich anfangs durch Exzeptionen, auf die er nicht vorbereitet war, in eine Lage versetzt, daß er, der alles allein sagen, anordnen, bestimmen, entscheiden wollte, durchaus nichts zu sagen, anzuordnen, zu bestimmen, zu entscheiden hatte. Daß man die Landesloge hier nicht als Landesloge erkannte, weil der Grund ihrer Gewalt blos die Existenz der Johanneslogen ist, und also, da sie selbe eigenmächtig aufhob, sich selbst aufheben mußte, vereitelte auf einmahl ihr ganzes Cabalensysten.. Männer sprachen hier wie freye Maurer! mit dem warmen Antheil eines Menschenfreundes, mit der Heftigkeit eines beleidigten Gefühles, mit den Machtgründen einer vollen Überzeugung! Ich widerrufe hier, mein Bruder, was ich dir im ersten Briefe gesagt habe! Es traten hier Cavaliers auf, die sich als Maurer, als Brüder, als Freunde des Rechtes, und der Wahrheit in einer auffallenden Größe zeigten! Ohne sie, ohne das Gewicht ihres Ansehens würde die gute Sache wenig oder gar nichts gewonnen haben. Ich habe in meiner Heftigkeit oben beleidigend gesprochen. Ein Cavalier mit einem edlen Maurerherzen ist der Maurerey bey ihrer jetzigen Lage, da ihr's weniger, als sonst möglich ist, sich ganz von politischen Verhältnissen loszureissen, der unentbehrlichste Bruder! Nur werden durch diesen Zufall die Brüder klüger werden, und sich nie wieder der Leitung seichter, leerer, von jedem Thoren auf allen Seiten sich leiten lassenden Köpfe, oder einem stolzen, herabsehenden, eigendünkelnden, im Nebel seiner Phantasie blind, und hungrig nach Größe und Ansehen haschenden Geiste anvertrauen. Der erste Punct, alle Logen aufzuheben, war sogleich entschieden. Die sechzehn Deputirten der acht Logen traten zusammen, und vereinigten sich durch wechselseitige, freye Einverständnisse. Mit einer einzigen schien es eine Schwierigkeit zu haben, weil sie ohne Geräth, und zugleich mit einer Schuld von sechs hundert Gulden beladen war. Eine andere Loge trat ihr auf der Stelle ihre Geräthschaften als ein Schwestergeschenk ab, und ein edler Bruder war großmüthig genug, die sechshundert Gulden Schulden, ob er gleich nicht zur nämlichen Loge gehörte, auf sich zu nehmen. Die Vereinigung geschah nun so, daß zusammentraten 1) Die »drey Feuer« und »die Wohlthätigkeit.« 2) »Die gekrönte Hoffnung,« »St. Joseph« und »die Beständigkeit.« 3) »Der Palmbaum,« »die drey Adler« und die »wahre Eintracht.« Über den andern Punct, die aus dem Complotsgremium gewählten Großmeister sich aufdringen lassen zu müssen, war man eben so geschwind fertig, denn die drey vereinten Logen, »zur gekrönten Hoffnung,« »zur Beständigkeit« und zu »St. Joseph« wählten sich auf der Stelle ihren Großmeister, und die Wahl fiel einstimmig auf einen Cavalier, der sich durch eifrige Verfechtung der guten Sache unvergeßliche Verdienste um die Maurerey erworben. Der streitigste Punct von allen, war das Ansuchen der übrigen Brüder, und die Ballote, und über diese schändliche Forderung konnte man noch nicht ganz einig werden. Aber nie werden ächte Brüder zu einer so schimpflichen Nachgiebigkeit gegen falsche Brüder sich herablassen können. Man stellte der unbilligen Gegenparthey vor, daß es ungerecht, grausam, gesetzwidrig sey, daß Brüder von Brüdern so sollten behandelt werden. Man wolle, hieß es dagegen, den durch die Ballote ausgeschlossenen Brüdern erlauben, die Loge zu besuchen, nur können sie nicht als Mitglieder erkannt werden. Auf diese Art, warf man wieder ein, würden Se. Majestät hintergangen werden, wenn selbe das Verzeichniß aller Brüder fordern sollten. Man kann ja, gab einer zurück, eine doppelte Liste einreichen, nämlich eine der wirklich einverleibten, und eine andere der besuchenden Brüder. Diesen Vorschlag, mein Lieber, hatte ein Bruder die eiserne Unverschämtheit, im Angesichte so edler, würdiger, menschlichgesinnter Brüder zu machen. Was könnten da besuchende Brüder im Auge des Hofes, und der Stadt anders seyn, als für unwürdig erkannte, verstossene, an Ruf und Ehre gebrandmarkte Auswürfe einer Gesellschaft, von deren Menschlichkeit man von jeher so hohe, so heilige Begriffe hatte! Anmassungen, Gährungen, Mißhandlungen von innen sind unedel und verabscheuungswürdig. Aber was für einen Nahmen des Abscheues habe ich dafür, wenn ein Bruder eine ganze Stadt, was sag ich Stadt, ein Reich, halb Europa zum offenbaren Schauplatz der Unverträglichkeit, der Verfolgung, des Bruderhasses machen will! Er könne sich nicht entschließen, setzte dieser nämlich hinzu, seinen Namen auf einer so zweydeutigen Liste eingeben zu lassen. – So streich deinen Namen aus, Unedler! der Maurer erkennt dich für keinen Bruder! Du hörst es im Augenblicke auf zu seyn, indem der Höllengedanke in deine Seele fuhr, dieses Kabalengewebe anzuspinnen! Man forderte ihn auf, die unwürdigen Brüder zu nennen, und versprach ihm Genugthuung. Da stand er nun in der erbärmlichen Nacktheit eines überraschten Verläumders, und konnte keine nennen! Zwo von den neuen Logen waren gegen und eine für die Ballote. Und wenn es wahr ist, daß der stärkere Theil über den schwächern in einer so auffallend gerechten Sache ein Übergewicht vermag, so haben wir auch hierinn schon so viel, als gesiegt. Die Brüder, welche sich mit besonderem Antheil für das Wohl ihrer Mitbrüder bewarben, sind Sonnenfels, Sauer, Karl Lichtenstein, Paar, Ellinger, Gemmingen. Le Noble, Linden u. s. w. Aber noch immer fürchtete man, daß dadurch die Despoten noch nicht aufhören, gefährlich zu seyn, ihre Widersacher in einem Berichte an Seine Majestät herabzusetzen, und dadurch eine Vollmacht, die Einrichtung nach ihrem Gutdünken zu treffen, erschleichen werden. Doch ich kenne unsern Kaiser zu gut, als daß ich dies befürchten sollte. Joseph glaubt keine einseitigen Berichte, indem ihm nur von der gesammten Deputation vollständige Berichte eingereicht werden können. Vielweniger wird er Eingriffe in eine ihrer innern Verfassung nach unschuldige, und nun von ihm selbst in Schutz genommene Gesellschaft machen wollen. Am Schlusse dieses Briefes muß ich dir noch bekennen, daß ich mich schäme, mich seither zu einer Loge bekannt zu haben, die weil sie sich gelehrter dünkte, als die übrigen, selbe zu beherrschen, ihnen Vorschriften zu machen, sie da und dort zu necken sich anmaßte, von der seit etlichen Jahren alle Unordnung, alles Unheil in der Maurerey herrührte. Mein Wunsch vereinigt sich mit dem allgemeinen Wunsch der ächten Maurer, daß diese Loge eine gelehrte Akademie bleiben, und die friedliche, in sich genügsame, ruhige Maurergesellschaft von Menschenfreunden, und Biedermännern für die Zukunft unangefochten lassen möchte. Leb wohl. Ich bin \&c. 3. Freymaurer Auto da fé Kratters. Die lustige Geschichte, welche sich mit mir den zehnten März im Freymaurerkasino ereignete, ist ein mit besonderer Förmlichkeit über mich gehaltenes Auto da fé, so ziemlich nach dem Geschmack der spanischen Inquisitiongerichte. Sie wurde bereits durch die dabey anwesenden Freymaurer, welche mit viel brüderlicher Dienstfertigkeit Nachbarn und Nachbarinnen, Damen- und Männergesellschaften, volle Bier- und Weinschenken damit zu amusiren suchten, unter der zweydeutigsten Ruchbarkeit eines tausendfach verunstalteten Mährchens, zum Gespräch der ganzen Stadt. Ich bin als Mensch, als Bürger, als Verehrer, und Anhänger der ächten Freymaurerey schuldig, dem Publikum den ganzen Hergang der Sache mit gehöriger Umständlichkeit vorzulegen, weil ich keinen andern, und gewissern Weg kenne, meine angegriffene Ehre zu retten, als diesen! Der hochwürdige Bruder B**n, Meister vom Stuhl, der s. e. neuen Loge zur Wahrheit, schrieb den 2. September 1785 an den Präsidenten der churfürstlichen Akademie der Wissenschaften in München, und begehrte von ihm, seinen Nahmen aus dem Verzeichnisse der Mitglieder dieser Akademie wegzustreichen Diesem Beyspiele wollte A*x*nger rühmlichst nachfolgen, und sich, als P. Hald zum Dekan der philosophischen Fakultät ernannt wurde, aus der Liste der Doctoren der Weltweisheit ausstreichen lassen. Ob er's wirklich gethan, weis ich nicht! Da aber in einem Verlauf von zwey Monaten keine Antwort erfolgen wollte, so wandte er sich dessentwillen an den Kanzler des herzoglich-bayrischen Hofraths Freyherrn von Kreitmayer. Will man voraussetzen, daß sich's Br. B**n zur besondern Ehre rechnen mußte, einst in dieser Akademie als Ehrenmitglied aufgenommen worden zu seyn, so konnte man, wenn er auch durch die traurigen Maurerangelegenheiten in Bayern veranlaßt werden wollte, dieser Ehre zu entsagen, von ihm wenigst keine andern, als freundliche, im Tone einer höflichen, bescheidenen Mässigung verfaßte, der empfangenen Ehrenbezeugung vollkommen entsprechende, besonders aber durch keine beleidigenden Anspielungen auf Ämter, Verordnungen und Verfassungen des Churfürstenthumes die fremden Staaten schuldige Achtung und Ehrfurcht verletzende Briefe erwarten. Ich war nicht wenig betroffen, als ich diese im Journal für Freymaurer abgedruckte, und zugleich in mehreren Zeitungen bekannt gemachten Briefe las, und sie meiner Erwartung ganz entgegengesetzt fand. Als ein erzogener Bayer, als Verehrer des Churfürsten, als ein besonderer Theilnehmer an dem kläglichen Schicksale der Akademie, durch das Urtheil so vieler würdiger und angesehener Männer in meiner Meinung bestätigt, glaubte ich berechtigt zu seyn, den Eindruck, den diese Briefe, etwa auf den schwächern Theil des Publicums machen dürften, durch Anmerkungen, und Beleuchtungen entweder zu schwächen, oder ganz zu unterdrücken. Wenn ich dem Br. B**n Bitterkeiten gesagt habe, so mag er mir's verzeihen, daß ich kühn genug war, mir hier in der Stimmung meines Tones durchgehends den Seinigen zum Muster genommen zu haben. Indessen wäre es hier zur Unzeit, die Erscheinung einer Schrift vertheidigen zu wollen, die noch nicht erschienen ist, so sehr ich auch ihrer Erscheinung mit banger, unruhiger Erwartung entgegen sehe. Ich weis nicht, was für ein unseliges Mißgeschick mich an den Biedermann Hartl adreßiren mußte. Ich schickte ihm mein Manuscript durch die kleine Post, und forderte, weil es doch gewöhnlich ist, etwas für seine Arbeit zu fordern, das mäßigste Honorarium von der Welt; indem mir nicht so sehr am Gelde, als an der Erscheinung des Manuscriptes gelegen war. Ich setzte einem beygelegten Briefe folgende Bedingnisse: Wenn Hartl das Manuscript zu verlegen Schwierigkeiten finden sollte, selbes ohne Verzug den andern Tag unter der Adreße: An Ignaz Berger, auf der kleinen Post abzugeben. Sollte Hartl das Manuscript verlegen, mir selbes sammt meinem Briefe nach vollendetem Drucke, unter der nämlichen Adresse zurückschicken. Und weil ich zugleich hinzufügte, daß ich durch mein Manuscript nicht gerne Muthmassungen gegen mich, oder einen andern veranlassen möchte, so verstand sich's von selbst, selbes in keine fremden Hände geben zu dürfen. Ein Manuscript, das noch nicht gedruckt ist, das man einem Manne anvertraut, den man für ehrlich hält, das man ihm nur unter gewissen Bedingnissen überlassen will, ist ein Geheimniß, ein unverletzbares Heiligthum, so gut, als ein verschlossener Brief. Und wer ein solches Manuscript mißbraucht, hat nicht weniger einen Schurkenstreich begangen, als wenn er selbes dem Verfasser räuberischer Weise aus dem gewaltsam erbrochenen Pulte gestohlen hätte. Und was that Hartl? Er lief geraden Wegs mit meinem Manuscripte zu Br. B**n, und beging damit einen schändlichen Verrath. Eine Schrift, die gerade gegen Br. B**n gerichtet war, die dem Geiste seiner Philosophie wenig Ehre machen mußte, auffangen, sie etwa gar unterdrücken, und was nicht weniger wichtig seyn mußte, vielleicht zugleich den verwünschten Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution in Wien, nach so vielem mühsamen, fruchtlosen Nachforschen entdecken zu können, das war für ihn auf einmahl zu schön, zu willkommen, zu überraschend, als daß er erst bedenken sollte, ob man das, was man thun wollte, mit Billigkeit, mit Recht mit Ehre thun konnte, ob man dadurch nicht widerrechtliche Eingriffe in das Eigenthum des Verfassers mache, ob man sich nicht durch Auffangung eines zum Drucke bestimmten Manuscripts an den Gerechtsamen einer löblichen k. k. Censur versündige. Br. B**n also hielt das Manuscript zurück, schickte das verlangte Honorarium durch Hartl auf die kleine Post, und ließ zugleich seinen Lakey, der nun bey ihm bis zum Stufenmäkler avancirte, bey selbiger spioniren, wer das Geld abhohlen würde? – Der es abhohlte, war ich selbst. Man wende mir nicht ein, Hartl sey durch Bezahlung des Preises Eigenthümer des Manuscripts geworden; denn Er hat es nicht gekauft, sondern Br. B**n, wie er in der Folge selbst gestand. Aber wenn auch Hartl selbiges gekauft hätte, so würde er durch bloße Bezahlung doch nicht Eigenthümer geworden seyn, weil erst die damit verflochtenen, ausdrücklichen, wesentlichen Bedingnisse, die hier unerfüllt blieben, die Giltigkeit des Contractes bestimmen. Und wenn auch Hartl Eigenthümer des Manuscriptes geworden wäre, so hätte ihn kein verzehnfachter Preis berechtigen können, dasselbe zum Nachtheil des Verfassers zu gebrauchen, sonst dürfte mit einem gleichen Rechte der Giftmischer, weil er durch förmlichen Kauf Herr des Giftes geworden, den Verkäufer vergiften. Aber, wie gesagt, Hartl war nicht Eigenthümer, und Br. B**n konnte es nie werden. Denn ich both das Manuscript einem Verleger an. Es durfte vermöge der Bedingung unter keine fremden Hände gegeben werden. Es war zum Drucke bestimmt. Zu einem andern Endzweck würde dem Verfasser nie eingefallen seyn, es feil zu biethen. Die Absicht des Käufers war der Absicht des Verkäufers entgegen. Aus entgegengesetzten Absichten kann kein Einverständniß, also auch kein Kauf, kein Contract entstehen. Ich muß also hier öffentlich mein Manuscript zurückfordern. Denn weil man das Geld, ohne eine Ausnahme zu machen, auf die kleine Post schickte, so war das ein stillschweigendes Bekenntniß, die vorgelegten Bedingungen pünctlich erfüllen zu wollen! – Noch den nämlichen Tag schickte Br. B** um mich. Er muß mich für furchtsam gehalten haben, denn er bediente sich eines lügenhaften Vorwandes, mich um so sicherer in's Haus zu locken. Ich will hier den Mann nicht nennen, der weil er meine Wohnung nicht wußte, zu einem gewissen Buchhändler ging, um mich zu Br. B**n zu bestellen; indem er vorgab, selbiger habe mir etwas zur Ausarbeitung zu übergeben. Ich schätze seine Eigenschaften, und Kenntnisse, und ersuche ihn brüderlich, sich nie wieder zu einem Geschäft von so niedriger, unanständiger Art gebrauchen zu lassen. Ich erschien. Ein Freund und Knappe des Br. B**n kam, als man mich gemeldet, aus dessen Studierzimmer mit freundlichem Lächeln auf mich zu, drückte mir mit heftiger Empfindsamkeit die Hand, entschuldigte den Br. B**n, daß er mich heute nicht sprechen könne, und bath mich in seinem Nahmen, nächsten Freytag im Freymaurercasino sein Gast zu seyn. Ich ließ dem Br. B**n mein Compliment sagen, und nahm die höfliche Einladung mit gleicher Höflichkeit an. Den andern Tag Abends traf mich besagter Freund und Knappe des Br. B**n im Casino an. Er eilte, so bald er mich erblickte, mit einer wichtigen, geheimnißvollen Miene auf mich zu, drückte mich bey der Hand, und sagte, Br. B**n habe vernommen, ich glaube, er halte mich für den Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution. Er lasse mich aber versichern, daß es dem nicht so sey. Ich erwiederte ihm, daß mir dies die angenehmste Nachricht von der Welt wäre: indem mich das nicht nur einmal unruhig gemacht habe, für den Verfasser dieser Briefe gehalten zu werden. Aber den Mann, um nichts von Wesentlichkeiten zu übergehen, muß ich hier nennen, der mir so freundlich lächelte, so brüderlich die Hände drückte, mich mit so viel Höflichkeit zum Gastmahl einlud, mir mit so viel Zuversichtlichkeit die Versicherung von Br. B**n brachte, und dieser Mann ist Weber , Ceremonienmeister der s. e. neuen Loge zur wahren Eintracht. Ich kann ihm in keinem Falle zu nahe treten. Denn entweder war er von der Sache unterrichtet, oder nicht. War er's, so schäm' er sich in seine Seele hinein, sich zu einem so schändlichen Lügenwerkzeug gebrauchen zu lassen. War er's nicht, so danke ich ihm hier öffentlich für seine Höflichkeit. Im übrigen aber mag ers mit Br. B**n aufnehmen, daß er so wenig Achtung, und Rücksicht für einen Mann, einen Freymaurer, einen Beamten der k. k. Staatskanzley hat, ihn zu einem so schändlichen Lügenwerkzeug gebrauchen zu wollen. War mir die höfliche Einladung zuvor gleichgültig, so mußte sie mir jetzt auf die vielbedeutende Versicherung des Br. B**n verdächtig werden. Der Freytag erschien. Die Hälfte der geladenen Gäste war schon versammelt, als ich kam. Eine Tafel für etliche dreyßig Personen stand in Bereitschaft. Einige, die sonst sehr freundlich mit mir sprachen, begegneten mir jetzt mit Zurückhaltung, mit Gleichgültigkeit, mit Kälte Einer von denen soll einem andern Bruder, als er ihn den vorigen Tag zu diesem Gastmahl einlud, gesagt haben: Kommen Sie fein gewiß, wir haben eine Hetze! . Endlich kam auch Br. B**n, und mit ihm andere Männer von großem, sowohl maurerischen, als politischem Character. Ich machte dem Br. B**n meine Verneigung. Es kostete ihn Zwang, mir zu danken. Der Abstand des gegenwärtigen Empfanges von der ungemein höflichen Einladung war mir jetzt so unerklärbar nicht. Man setzte sich zur Tafel. Der Stufenmäkler, der sich gegen mich zum Spion brauchen ließ, nahm mit Vorsatz an meiner Seite Platz. Verstellungskunst ist wahrlich die Sache dieser Herren nicht, so sehr sie's auch in ihrer jetzigen kritischen Lage seyn sollte. Der Landesgroßmeister sah mich während der Tafel oft zu langen Minuten mit einem ununterbrochenen, wilden, Vorwürfe, Wuth und Rache sprühenden Blicke an. Mein ruhiger, kalter, unzerstörter Blick, womit ich ihm antwortete, hätte ihm sagen sollen: Ihr seyd die Männer nicht, vor denen ich zittern könnte! Nach geendigter Tafel machte Br. B**n, als Meister vom Stuhl, einen Schlag. Sch! Sch! zischte es auf allen Seiten. Eine Stille von der furchtbarsten Feyerlichkeit war in einem Augenblicke hergestellt. Man wollte nun, wie man sogleich sehen wird, jene bekannte Scene aus Clavigo produciren; aber zum Unglücke hatte man an mir keinen Clavigo, wie man ihn gerne haben möchte, und die Herren Beaumarchais spielten ihre Rollen bis zur tiradenmäßigsten Erbärmlichkeit. Meine Brüder, fing Br. B**n an, wir sind von jeher gewohnt, unsere Maurermahle mit philosophischen Berathschlagungen zu schließen. Das wenigste, was ich hier erwartete, war eine Rede philosophischen Inhalts. Aber Br. B**n machte sogleich eine ziemlich unrednerische Transgreßion auf seine zwey Briefe, die er nach München geschrieben, um aus der Liste der Academiker ausgestrichen zu werden, zog mein aufgefangenes Manuscripts aus der Tasche, und las mit besonderer Auswahl einige Bruchstücke aus meinen zur Erläuterung seiner Briefe hinzugefügten Noten. Br. B**n hätte hier mit mehr maurerischer Aufrichtigkeit zu Werke gehen, und seine Briefe, und meine Noten ganz im gehörigen Zusammenhange lesen sollen. Aber von seinen Briefen las er kein Wort. Sie waren hier der Text. Noten ohne Text haben meistens einen schiefen, verkehrten, den zweydeutigsten Auslegungen unterworfenen, selten mit der Absicht des Verfassers übereinstimmenden Verstand. Zudem ließ Br. B**n ganz wichtige Stellen aus, die auch ohne Text einen ziemlich lauten, bestimmten Verstand gehabt hätten, und die hier vorzüglich verdienten gelesen zu werden. Ich saß ruhig und unbetroffen, so wenig gewiß ich auch seyn könnte, in was für einer Gesellschaft ich mich befinde. Der Landesgroßmeister brach während der Vorlesung etlichemahl in eine Art von Wuth, und von dieser in die niedrigsten, ihn in dieser Lage tief zur Classe gemeiner Leute herabwürdigenden Beschimpfungen aus, drohte mit Prügeln, und warf mit, Gott weiß! was für Gewaltthätigkeiten um sich. Das alles mußte mich angehen. Meine Verfassung war die nähmliche. Ich faßte ihn mit seinem ganzen Gebärdenspiele ins Gesicht, und es war ganz gewiß von allen seinen gegenwärtigen Freunden und Günstlingen Keiner, der ihn so herzlich bedauerte, als ich, sein vermeinter Feind ihn in diesem Augenblicke bedauern mußte. Bruder B**n versicherte nun, daß ihm kein Zweifel übrig bleibe, im Verfasser des aufgefangenen Manuscriptes auch den Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution zu entdecken, und legte der Gesellschaft zwey Puncte zur philosophischen Berathschlagung vor, nämlich: Den Verfasser ausfindig machen, und dann zu beschließen, was man mit dem ausfindig gemachten Verfasser anfangen wolle. Er sammelte die Stimmen für die Entscheidung des ersten Punctes. Da und dort war man so witzig, sehr saubere Sächelchen in Vorschlag zu bringen. Es kam sogar die Polizey mit aufs Tapet. Endlich traf auch mich die Reihe. Man hoffte wenigstens, mich dadurch in einen besonders kritischen Augenblick zu versetzen. Meine Antwort war: Hochwürdiger Großmeister! Ich dank' Ihnen für Ihre Einladung. Da ich aber von Ihrer Verbindung nicht bin, so kann ich hier keine Stimme haben. Ganz gewiß das Natürlichste, was ich hier sagen konnte, aber zugleich auch lange nicht das, was man von mir erwartete. Was indessen vor sich ging, war nichts mehr und nicht weniger, als eine Figura suspensionis. Meine Brüder, fuhr Br. B**n mit einer Miene der ersten Staatswichtigkeit fort, wir haben auch den Verfasser schon entdeckt. Pause! Er ist sogar unter uns. Pause! Er hat mit dem Meister in die Schüssel getaucht Dieser Mann wird doch seine Eigenmächtigkeiten nicht so weit treiben, sich zu meinem Meister aufwerfen zu wollen! . Pause! und dieser ist (mit dem Finger auf mich deutend) Bruder Kratter! Wer um die Comödie wußte, stellte sich in diesem Augenblicke betroffen, und wer nichts wußte, war es wirklich. Nur ich blieb in der nämlichen glücklichen Verfassung, sah mit einem ruhigen Blicke wechselweise auf den Landesgroßmeister, und Br. B**n, veränderte nicht einmahl die Farbe im Gesichte, und hatte in einem Augenblicke Gegenwart des Geistes genug, einzusehen, daß mir hier läugnen unendlich zuträglicher seyn mußte, als gestehen. Denn ich erinnerte mich, daß kurz zuvor sehr ernsthaft von fünfzig Prügeln gesprochen wurde. Der Landesgroßmeister schimpfte jetzt mit ungleich größerer Ereiferung auf mich los. Man hatte mich meuchelmörderischer Weise in diese Gesellschaft gelockt. Sechs handfeste dienende Brüder standen nicht weit hinter mir. Ich wußte nicht, war ein Einziger unter dieser Gesellschaft, der ein solches Verfahren mißbilligte. Wer garantirte mir, daß nicht am Ende die philosophischen Berathschlagungen der Herren Brüder mir auf dem Rücken herum tanzen würden? Ich läugnete also, und wer verdenkt mir's daß ich da noch läugnete, als man mich mit meinem wackern Nachbar constituirte. Einen Schritt außer der Thüre würde ich ohne Anstand bekannt haben. Ich warf im Angesichte der ganzen Versammlung dem Br. B**n vor, daß er auch unter der Versicherung, er halte mich nicht für den Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution, habe einladen lassen. Ja, sagte der edle Maurer, das that ich nur, um Sie um so sicherer hieher zu kriegen. Der Landesgroßmeister drohte mir nun sogar, mich um meine Bedienstung zu bringen. Freilich nur eine eitle, aber immer eines Maurers höchst unwürdige Drohung! Am Ende wurde er im Eifer so vertraut, daß er mich mit Er betitelte. Um der Sache ein Ende zu machen, sagte ich mit Bedeutung: Ich bin kein ***Er! nahm Hut und Mantel, und empfahl mich der brüderlichen Gesellschaft. Ein lautes, für die Herren in der That sehr rühmliches Händeklatschen folgte mir nach. Dieß ist die offenherzige, ungeheuchelte Erzählung des ganzen Herganges mit allen zur Sache gehörigen Umständen. Und nun ein paar Anwendungen davon. Ich frage hier jeden Mann von Ehre, Gefühl und Menschlichkeit, ob dieses ein Betragen ist, das man Freymaurern, Männern von Ansehen und Character, zu den bessern Zeiten der Duldung und Aufklärung, in einem polizirten Staate zutrauen sollte? Man belog mich, lockte mich betrügerischer Weise, unter dem Scheine der friedfertigsten Gesinnungen zu einem Maurermahle, in eine vornehme, zahlreiche Gesellschaft, um mich da in die Enge zu treiben, mich mit Grobheiten, Sotisen, Beschimpfungen, Infamien zu überhäufen! – Pfui! sind das Männer, Freymaurer, Brüder? Die menschlichen Rechte der Gastfreyheit waren von jeher dem Deutschen heilig, und unverletzbar! Erst zu unsern Zeiten mußten sie von Freymaurern auf die verabscheuungswürdigste Art geschändet werden! Und was für Rechte hatten denn diese Herren an mich? Vielleicht weil sie mich für den Verfasser der Briefe über die neueste Maurerrevolution halten? – Aber sind sie dessen gewiß? Und wenn sie's auch wären? – Diese Briefe sind auf allerhöchste Bewilligung erschienen. Enthalten sie Wahrheit, was können da die Herren anders, als schweigen, und sich schämen? Enthalten sie Lügen, warum widerlegen sie selbe nicht? Es lohnt sich doch immer der Mühe, eine so fatale, bereits im Besitze eines allgemeinen Credits stehende, der neuen Verfassung eines ganzen Ordens so nahe tretende Schrift zu widerlegen! Oder weil ich der Verfasser der Anmerkungen zu den Briefen des Br. B**n bin? – Sie existiren noch bloß im Manuscripte. Es hing noch immer von der k. k. Censur ab, die ich nicht hinterschleichen wollte, wie mein Brief an Hartl beweist, ob sie erscheinen dürfen oder nicht. Oder weil ich Freymaurer bin? – Aber ich bin ja nicht Mitglied ihrer Loge. Ich bin mit meinen Brüdern bey der neuen Revolution ganz vom hiesigen Maurerzusammenhange ausgetreten, und erklärte auch an meine Brüder, noch ehe wir von einander gegangen sind, daß ich die jetzige Verbindung nie für ächte Freymaurerey erkennen werde, weil man in ihr ganz von der Grundfassung einer freyen Gesellschaft abgegangen ist. Ich stehe auch sonst mit keinem von der neuen Loge zur Wahrheit in irgend einem freundschaftlichen, oder bürgerlichen Verhältnisse Es sind Lügen, was man hier, Gott weiß! aus was für Absichten zum Nachtheile meines Characters aussprengt, nähmlich ich habe bey der Loge zur Wahrheit angesucht, als Mitglied derselben aufgenommen zu werden. Von der Loge zu St. Joseph, deren Mitglied zu seyn ich das Vergnügen hatte, ist bis jetzt noch kein einziger Bruder zum neuen System übergetreten. Und ich erklärte mich immer, daß ich, wenn es auch an ein Übertreten gehen sollte, mich kaum entschließen werde, dabey der letzte zu seyn. Ich wäre noch vor der Tafel zum Br. B**n gegangen, um ihm Abbitte zu thun. Wie konnt ich das? die eigentliche Ursache des Br. B**n, die ihn verleitete, mich zur Tafel zu laden, war mir unbekannt. Br. B**n habe mir Wohlthaten von Erheblichkeit erwiesen. Ich hätte also undankbar an ihm gehandelt. . Wohl aber genieße ich unter dem wohlthätigen Schutze des Staates mit jedem Bürger gleiche Vorrechte, gegen Privatmißhandlungen gesichert zu seyn. Aber man hat mich sogar an einem Orte mißhandelt, der für nichts mehr und nichts weniger, als für einen Gasthof anzusehen ist, zu dem ich mit jedem andern gleiche Beyträge machte, den ich mit Anschaffung der besten Journale von Deutschland bereicherte, um das Vergnügen der da versammelten Brüder angenehmer, ihre Unterhaltungen lehrreicher, und mannigfaltiger zu machen. Man überhäufte mich da mit den entehrendsten Beschimpfungen! – Man trete auf, man überweise mich in meiner Moralität einer unehrlichen Handlung, eines schlechten Streiches, eines niedrigen Bubenstückes! – Meine öconomischen Umstände sind in Ordnung. Ich begegne dem mit Achtung, dem Achtung gebührt. Meine Freunde kennen, und lieben mich. Ich habe mich noch nie in nachtheilige Verbindungen eingelassen, keinen Sektirgeist in mir genährt, mich von keinem zu Pasquillen gegen würdige Männer aufhetzen lassen, keinem Despoten den Sclaven, den Speichellecker, den Achselträger gemacht. Ich habe noch kein Zutrauen mit Cabale, keine Wohlthätigkeit mit Undank, keine Freundschaft mit Verrath erwiedert!! Ich erinnere mich, daß man mich unter andern Beschimpfungen einen Pasquillanten nannte. Wenn mein aufgefangenes Manuscript einmahl gedruckt ist, so mag das Publicum entscheiden, ob es Pasquill sey oder nicht! – Aber wenn vielleicht gar unter uns so mancher Pasquillant gesessen wäre? – Wenn der Verfasser der elenden, die edelsten Absichten, das würdigste Verdienst verhöhnenden Verseley: Die Musen in Wien auf dem Salzgries im Hanswurstischen Hause Verfasser dieses meisterhaften Productes soll A*x*ger, der zugleich den Ausschuß und die Universität mit Sächelchen ähnlichen Witzes schon becomplimentirte, seyn. Es wurde in Br. B**ns Wohnung in einer gewissen Versammlung vorgelesen, und diese Versammlung gibt uns schon dadurch sehr hohe Begriffe von sich, daß sie eine elende, auf allen Seiten nichts, als Schmähsucht, Entehrung und Unbilden zur Absicht habende Pasquillanterey gutheißen konnte. Was ist Sonnenfels für ein Mann? und was sind diese Leute, die Ihn lächerlich machen wollten? – Wer wird in Sonnenfels auch dann noch den Mann vom vorzüglichsten Verdienste. den unvergeßlichen Reformirer des Nationalschauspieles, den muthvollen, standhaften Entgegenarbeiter aller seinen edlen Unternehmungen entgegengesetzten Hindernisse, den Freund, den Kenner und Beförderer der schönen Künste, den unermüdsamen Verbreiter der Wissenschaften und Kenntnisse in Österreich, den großen Statistiker, den angenehmen, freymüthigen Professor, den beneidenswerthen, bewunderten Schriftsteller, den Bürger und Menschenfreund verkennen, wenn auch tausend schmähsüchtige Sudler complotiren, die Ehrensäule seines Ruhmes mit Unrath zu bekleksen. Sonnenfels wollte den Grund zu einer gelehrten Akademie legen. Verdienen so edle, auf den Staat so heilsamen Einfluß habende, vielleicht im Felde der Wissenschaften nach und nach eine neue Bahn brechende Absichten ausgehöhnt zu werden? Kann man sich eine ehrwürdigere Gesellschaft denken, als die Versammlung von Männern aus allen Fächern der Wissenschaften, die sich über wichtige Gegenstände berathschlagen, nützliche Plane entwerfen, neue Wahrheiten entdecken, sich wechselseitig durch rühmliche Nacheiferung zur Thätigkeit ermuntern? Wozu verdiente der würdige rechtschaffene Retzer auf eine so schimpfliche Art behandelt zu werden? Seine Schriften, angenehme Früchte der wenigen Nebenstunden, die ihm seine häufigen Geschäfte gewähren, werden mit Antheil, mit Beyfall, mit Vergnügen gelesen. Das Ausland nennt ihn mit Achtung. Seine Auswahl der besten englischen Gedichte ist ein Beweis von seinen tief in das Heiligthum der Dichtkunst eingeweihten Kenntnissen. Ich habe schon mit viel rechtschaffenen Männern von ihm gesprochen, aber keiner war, der nicht seiner Gelehrsamkeit und der edlen Denkungsart seines Herzens gleiche Gerechtigkeit hätte wiederfahren lassen! Auch der vortreffliche Professor Mayer blieb nicht unbeleidigt. Dieser Mann war der erste, der auf die philosophische Kanzel in Wien eine gesunde, von allen Schlaken geläuterte Philosophie brachte. Er ist mit dem Geiste der Ältern und Neuern gleich stark bekannt. Er läßt von Jahr zu Jahr durch unermüdsame Verwendung des Systems seines Studiums zu einer vollkommern Gemeinnützigkeit heranreifen, er weiß durch Deutlichkeit in seinen Erklärungen, durch Überzeugung in seinen Beweisen, durch einen ächt und rein deklamirenden Vortrag, und eine faßliche, angenehme, wohlstylisirte Sprache den trokensten Gegenständen Anzüglichkeit und Leben zu geben, durch eine edle Kunst die Grundsätze der Philosophie aus Verstand und Herz und Sitte gleich anwendbar zu machen, sich der Aufmerksamkeit, des Zutrauens, der Seele seiner Schüler zu versichern. Er hat die gelehrte Welt mit Schriften von besonderer Gründlichkeit bereichert. Man kennt, und verehrt ihn als einen Mann von einer einfachen Lebensart, von strenger, tadelloser Sitte. Man muthe mir nicht zu, ich schreibe das aus niederer Absicht, aus sklavischer Speichelleckerey. Ich habe keinen von diesen würdigen Männern persönlich gekannt, nie ihren Umgang gesucht, und ich bin ihnen in keinem Falle einen andern Dank schuldig, als den überhaupt das Publicum nützlichen, durch ihre Schriften Aufklärung, und Wahrheit verbreitenden Männern schuldig ist. Das indessen vom Inhalte des saubern Heldengedichts. Nun noch etwas von Br. Weber, das so ziemlich hieher gehören mag. Man gab sich Mühe, das Pasquill Exjesuiten zu Last zu legen. Br. Weber leistete hierin vortrefflich Dienste, posaunte die Sache an allen Orten und Ecken aus, borgte sogar von gewissen Leuten, die auf ihre Schandschriften fremde Nahmen setzen, einen glücklichen Einfall, und gab den Exjesuiten Hofstätter für den Verfasser aus. Er sicherte sogar in diesem und jenem Hause, er habe irgendwo in einem Briefe Hofstätters eigenhändiges Geständniß gelesen. Was Weber bei dieser Gelegenheit seinem Geschmacke, seinem Freundschaftsgefühle, seinem Charakter für ein ausgezeichnetes Kompliment machte, ist nicht weniger merkwürdig. Um die Leute, die mehr, als blossen Verdacht auf A*x*ger et Comp. hatten; vom Gegentheile zu überzeugen, sagte er ihnen: glauben sies doch nicht! Ich kenne A*x*gern, er ist nicht im Stande, so was Solides und Kernhaftes zu schreiben! Um eine Probe von der Solidität und Kernhaftigkeit dieses Produktes zu geben, will ich die ersten acht Verse hersetzen. Singt salzgriesische Musen! denn von Pierien wurde Euer heiliger Dienst hieher übergetragen, darum heißt ihr Künftig statt Pierinnen Salzgrieserinnen; o singt uns Unakademischem Pöbel die Wundergeschichte von eurer Übersiedlung, worüber der tiefe Graben erstaunet, Und am ferneren Hof die Fratschlerinnen, entzücket Ob dem gelehrten Geruch, der über die Weintraube wallend Sich verbreitete, auf von ihren Stühlen gefahren. , der Verfasser einer gewissen ruchlosen, Staats- und Souveränitätsrechte schänderischen Possenreisserey, und dann ein gewisser Veranlasser so manchen Pasquilles, so mancher Bänkelsängerey, so manchen Gassenhauers unter uns gewesen wäre Ich muthmaße nur, aber doch immer mit eben so viel Gründen, als man gegen mich muthmaßte. ? Man braucht hier nicht erst zu überlegen, ob ein solches Verfahren mit den Grundsätzen einer ächten Freymaurerey übereinstimmen könne, die ihre Söhne Bruderliebe, brüderliche Zurechtweisung, Reinheit, und Untadelhaftigkeit der Sitte, weise Mäßigung, männliches Betragen, standhafte Bekämpfung der Leidenschaften lehrt, die die würdigsten, rechtschaffensten, edelmüthigsten Männer in ihrem Mittel versammelt, um sie zur Tugend, zur hohen Weisheit, zur liebenswürdigsten Menschlichkeit, zur unbefangensten Verbreitung des Schönen, des Guten, des Trostreichen, der Wohlthätigkeit im ausgedehntesten Verstande zu ermuntern. Ich hoffe doch nicht, daß man jetzt, bey Entwerfung neuer Gesetze, eine der ächten Maurerey entgegengesetzte Moralität anzunehmen sich erlaubt haben werde! Was ich hier gesagt habe, betrifft jene Brüder nicht, die unwissend zum Gastmahl geladen waren, mit der Denkungsart einer brüderlichen Friedfertigkeit kamen, und an denen nicht weniger, als an mir, die Rechte der Gastfreyheit verletzt wurden. Sie haben eine laute Unzufriedenheit über ein solches Verfahren geäußert. Ich gäbe, sagte einer, fünfzig baare Ducaten, so wenig reich ich auch bin, wenn ich nicht zugegen gewesen wäre. Wenn diese Leute, sagte ein anderer, in Unanständigkeiten und Sottisen gegen diesen oder jenen ausbrechen wollen, wozu brauchen sie Gäste dazu einzuladen? Was man sich nicht alles herausnimmt! sagte ein Dritter, was man sich für Eigenmächtigkeiten in Sachen erlaubt, die am Ende der ganzen Versammlung zu Last fallen können, ohne sie vorher um ihre Einwilligung befragt zu haben u. s. w. Aber auch Brüder, die geladen, und von Geschäften zu erscheinen gehindert waren, sagten ohne Scheu, daß sie dem glücklichen Ungefähr mehr, als bloßen Dank wissen, das sie mit der Ehre, Zuschauer dieses ehrbaren Maurerspektakels zu seyn, zu verschonen gewußt. Aber so sehr auch diese Geschichte unter den verschiedensten Gestalten bekannt ist, so sehr find' ich schon darin Beruhigung, daß bereits das Publicum, auch bey den so vielen, meinem Character nachtheiligen Ausstreuungen, ein für mich nicht sehr ungünstiges Urtheil gefällt hat. Was kann ich erst erwarten, wann man den ganzen Hergang der Sache unter einem richtigern Gesichtspuncte beurtheilen kann? Man hätte, heißt es da und dort, diesen Männern doch nie Unbesonnenheiten von solcher Art zugetraut. Das, spricht man laut, und öffentlich, hat ihnen noch gefehlt, um das neue System im Auge des Publicums lächerlich, und geringschätzig zu machen. Nun, frohlocken politische und maurerische Widersacher, haben sie durch diesen Streich alles, was man über sie geschrieben, auf ein Neues bestätiget. Wenn sie sich, sagen unzufriedene Brüder des neuen Systems, solche Dinge gegen einen Mann erlauben, der mit ihnen in keiner Verbindung steht, was werden erst am Ende wir zu erwarten haben? Wenn das, scherzt man in Gesellschaften, die philosophischen Berathschlagungen dieser Herren sind, so hat man sich wahrlich vor ihrer Philosophie in Acht zu nehmen, u. s. w. Was ich bereits gethan, that ich wahrlich nicht aus Rache. Wären der Rettung meiner Ehre gelindere Mittel möglich gewesen, ich hätte sie ganz gewiß mit dem bereitwilligsten Herzen eingeschlagen. Ich habe nicht ohne Ursache diese Schrift länger zurückgehalten, als ich vielleicht sollte. Ich verzeihe allen, die meine Feinde sind, und mich hassen. Bin ich einem von ihnen aus Eifer, aus Unwissenheit, aus Übereilung zu nahe getreten, so schäm' ich mich nicht, ihn vor den Augen der Welt um Verzeihung zu bitten! Ich schätze jene aus ihrer Gesellschaft, die sich bereits durch ihre Kenntnisse und Verdienste ausgezeichnet haben, mit einer besondern Achtung, und bedaure sie, wenn sie unglücklich genug sind, in unbesonnenen Augenblicken den Ruf ihres Verdienstes der Gefahr einer unrühmlichen Verdunklung auszusetzen. Ich hoffe, dieses Inquisitionsgericht wird das Letzte seyn, das man sich zu halten erlaubt hat, sonst müßte bald die Gesetzgebung auf eine Versammlung aufmerksam werden, die, um sich gallsüchtige Privatrache verschaffen zu können, kein Bedenken trägt, einen Bürger in sein Mittel zu locken, ihn da zu überraschen, zu entehren, zu beschimpfen, Richter in eigener Sache zu seyn, die Gesetze der öffentlichen Staatssicherheit zu verletzen, und so sich der sanften Duldung, des aus den weisesten Absichten verliehenen huldreichen Schutzes des gütigsten Monarchen unwürdig zu machen. 4. Der Orden und seine ferneren Schicksale in Österreich. »Ein characteristisches Merkmahl jener Zeit unter Kaiser Joseph waren die Bewegungen, welche durch die sogenannten geheimen Gesellschaften in der geselligen Welt hervorgebracht wurden. Der Orden der Freymaurer trieb sein Wesen mit einer fast lächerlichen Öffentlichkeit und Ostentation. Freymaurerlieder wurden gedruckt, componirt und allgemein gesungen. Man trug Freymaurerzeichen als joujoux an den Uhren, die Damen empfingen weiße Handschuhe von Lehrlingen und Gesellen, und mehrere Modeartikel, wie die weißatlaßenen Müffe mit dem blauumsäumten Überschlage, der den Maurerschurz vorstellte, hießen à la franc-maçon. Viele Männer ließen sich aus Neugier aufnehmen, traten dann, wenn der frère terrible nicht gar zu arg mit ihnen umsprang, in den Orden, und genossen wenigstens die Freuden der Tafellogen. Andere hatten andere Absichten. Es war damahls nicht unnützlich, zu dieser Bruderschaft zu gehören, welche in allen Collegien Mitglieder hatte, und überall den Vorsteher, Präsidenten, Gouverneur in ihren Schooß zu ziehen verstanden hatte. Da half denn ein Bruder dem andern; und wie man von dem würdig geheimnißvollen Orden der Pythagoräer erzählt, ging es hier auf unwürdigere und minder geheime Weise. Die Bruderschaft unterstützte sich überall; wer nicht dazu gehörte, fand oft Hindernisse, und dies lockte Viele. Wieder Andere, die ehrlicher oder beschränkter waren, suchten mit gläubigem Sinn höhere Geheimnisse, und glaubten Aufschlüsse über geheime Wissenschaften, über den Stein der Weisen, über Umgang mit Geistern in dem Orden zu erhalten. Da gab es allerlei Arten und Abtheilungen der Maurerey – Rosenkreuzer, Templer, Schottische Maurer u. s. w., endlich sogar die Illuminaten, und es war damit in den letzten Jahren der Regierung Kaiser Josephs großer Spectakel und wohl auch großer Unfug getrieben. Indessen wäre es undankbar, nicht auch das wenige Gute, das diesem an sich trüben Quell entfloß, zu erwähnen. Wohlthätig waren die Freymaurer gewiß. In ihren Versammlungen wurden sehr oft Collecten für Arme oder Verunglückte gemacht, und Prinz Leopold von Braunschweig, der bey einer Wassernoth, als er den Bedrängten mit Lebensgefahr Hilfe brachte, selbst den Tod fand, war ein glänzendes Beyspiel, mit dem der Orden sich sehr brüstete.« Also äußert sich Caroline Pichler über den Freymaurerorden. Werfen wir nun noch einen chronologischen Blick auf denselben bis auf unsere Tage! Untersagt war er 1764 von Maria Theresia. Unter ihrem großen Sohne ward 1785 schon eine Landesloge aller österreichischen Provinzen in Wien errichtet; Josephs Patent ist in dem ersten Bändchen enthalten. Leopold war entschiedener Gegner; die Logen wirkten aber bis 1794 fort; in der Lombardey entstanden deren allenthalben. In dem genannten Jahre trug Franz II. beym Reichstage darauf an, daß in ganz Deutschland das Maurerwesen aufhören solle; Preußen und Braunschweig aber erklärten, der deutsche Kaiser möge den Orden in seinen eigenen Staaten immerhin aufheben; die Reichsstände jedoch würden sich dießfalls keine Gesetze vorschreiben lassen. Kaiser Franz ließ indeß die Sache hingehen; die Jacobinerperiode aber machte, daß er sich zur legalen Aufhebung aller geheimen Gesellschaften in den österreichischen Staaten entschloß. Das betreffende Edict vom 23. April 1801 an die Chefs der Hofstellen lautet wie folgt: »Bey dermahl hergestelltem Frieden von Außen ist es Mein sehnlichster Wunsch, Meinen getreuen Unterthanen auch die innerliche Ruhe und Sicherheit, so viel in meinen Kräften steht zu verschaffen, und alles zu entfernen, was selbe auch nur derohalben beunruhigen könnte.« »Da nun die Erfahrung gelehret hat, daß geheime Gesellschaften und Verbrüderungen eine der Hauptquellen waren, wodurch die verderblichsten Grundsätze verbreitet, die wahre Religion untergraben, die Moralität, wo nicht ganz verdorben, wenigstens sehr verändert, der Partheygeist durch alle mögliche Kunstgriffe auf das stärkste angefeuert, und folglich auch die häusliche Ruhe und Glückseligkeit gestöret worden ist; so hat es bey dem von Mir schon vorlängst gegebenen Befehle: keine derley geheimen Gesellschaften oder Verbrüderungen in meinen Staaten unter was immer für einer Benennung oder Vorwand zu dulden, um so mehr sein Bewenden, als auch die vielleicht in guter Absicht errichteten öfters ausarten, und folglich in jedem Staate so unschicklich als gefährlich sind.« »Um nun das gegenseitige Vertrauen zwischen dem Landesfürsten und seinen Unterthanen, deren beyderseitiges Wohl und Beste so eng verbunden ist, so wie die innerliche Ruhe durch Meine Beamten nicht gestöhret zu sehen, sondern vielmehr das gehörige Vertrauen in selbe setzen zu können, ist es erforderlich, sie von allen derley geheimen Verbindungen frey zu wissen, welche einen auch sonst redlich denkenden Diener in strenger Ausübung seiner Amtspflichten entweder hindern, oder wenigstens in Verlegenheit setzen.« »Ich befehle Ihnen daher, von allen unter Ihrer Leitung stehenden Beamten, von welchem Range oder Gattung sie immer seyn mögen, mit gänzlicher Übergehung des Vergangenen, einen eidlichen Revers abzufordern: daß sie dermahl mit keiner geheimen Gesellschaft oder Verbrüderung, weder in dem In- noch Auslande verflochten sind, oder, wenn sie es wären, alsogleich sich davon losmachen, noch sich fürs Künftige in dergleichen geheime Verbindungen, unter was immer für einem Vorwande, mehr einlassen werden.« »Bey Annehmung neuer Beamten ist die obige Klausel in den abzulegenden Eid einzurücken.« »Sie haben also streng auf diesen Befehl zu halten, Mir die von Ihnen gesammelten eidlichen Reverse zu überreichen, und mit Ihrem Berichte zu begleiten, wie nicht weniger einen derley eidlichen Revers für Ihre Person Mir unmittelbar zu überreichen.« »Die Abforderung dieser eidlichen Reverse ist jährlich zu wiederhohlen, so wie Ich auch jedem Meiner Beamten, welcher Anstand fände, sich dieser Anordnung zu fügen, gestatten will, bey Mir mit Anführung der Beweggründe seine Dienstentlassung anzusuchen.« 5. Verschiedenes. Franz I. , Gemahl der großen Theresia, war Maurer, ohne daß sie es wußte. Einigermaßen vermuthete sie es wohl, und ging eines Tages so weit, das Haus, in welchem eben Logen-Versammlung war, nähmlich den Margarethenhof auf dem Bauernmarkt, besetzen zu lassen. Franz aber hatte seinen guten vorbereiteten Rückweg durch das tiefe Gebäude, und kam unbemerkt von dannen. Er ward 1731 als Herzog von Lothringen im Haag unter dem Vorsitz des Grafen von Chesterfield, Lehrling und Gesell, erhielt aber noch in demselben Jahre zu London den Meistergrad. Als Großherzog schützte er den Orden. Theresia verboth ihn 1764 mit Strenge; die Logenmeister Wiens hatten sich standhaft widersetzt, sie von der innern Organisation der Bruderschaft zu unterrichten. – Sehr lesenswerth ist, was die Nr. XLIII. der »Zeitgenossen« (Leipzig 1825) über die Freymaurerey in Wien, während jener Perioden in der Biographie Reinholds anführt: »In den letzten Jahren der Regierung Maria Theresiens vereinigten sich die vorzüglichsten Köpfe Wiens zu einem Maurerbunde, dessen nächster Zweck war, die Aufklärung in Österreich möglichst zu befördern, und demnach theils die noch immer so mächtigen Widersacher derselben, die Mönche zu bekämpfen, theils talentvolle junge Männer, die zu einer heilsamen bürgerlichen oder schriftstellerischen Wirksamkeit geschickt erschienen, mit Rath und That zu unterstützen. Sie bildeten eine Loge, welche den Nahmen: »Zur wahren Eintracht« führte, deren Meister Born war. Reinhold erhielt in ihr das ehrenvolle Amt des Redners. Richtigere und freyere Ansichten über Religion und Kirche faßten schon unter der Regierung der Kaiserinn allmählig in Wien und im Österreichischen überhaupt Fuß. . . Doch so lange die Kaiserinn lebte, konnte die Loge zur wahren Eintracht nur wenig nach Außen wirken, und beschränkte sich größtentheils darauf, sich in ihrem Innern zu veredeln und zu befestigen, um sich vorzubereiten für die als nahe vorausgesehene Zeit einer von Oben herab begünstigten Thätigkeit. Zu dieser gelangten die Verbündeten mit dem Beginne des Jahres 1781, da Joseph II., als Alleinherrscher anfing, seine großen Entwürfe auszuführen, und vornähmlich in möglichst kurzer Zeit die Gewissens- und Denkfreyheit in seinen Staaten zu befördern, den Einfluß des Papstes zu beschränken, und die Macht der Clerisey der Civilgewalt mehr unterzuordnen strebte. Es trat nunmehr für die österreichische Schriftstellerey eine neue Periode ein, mit der im Jahre 1781 von Joseph gegebenen neuen Vorschrift für die Büchercensur . . . . Diese erweiterte Preßfreyheit ward von den Verbündeten zu freymüthigen vor dem Publikum angestellten Untersuchungen und Anregungen des Volks benutzt . . . – Das hauptsächliche Organ, durch welches die Verbündeten auf die öffentliche Meinung zu wirken suchten, war die Wiener Realzeitung. Das Wiener Freymaurer-Journal , unter dem Titel: »Journal für Freymaurer, als Manuscript gedruckt für Brüder und Meister des Ordens, herausgegeben von den Brüdern der □ zur wahren Eintracht im Orient von Wien.« (Gründer und Meister dieser Loge war Born). Das Journal erschien von 1784 bis 1786 in Quartalheften in gr. Octav, bey Wappler; das Heft, oder eigentlich wohl der Band, ist 16–17 Bogen stark; es hat verschiedene Kupferstiche, welche Logensiegel, Musiknoten \&c. liefern. Zu den vorzüglichsten Mitarbeitern gehörten: Bianchi, Orientalist; Blumauer; Born; C. J. Friedrich; Gretzmillern, Rechnungsrath; Holzer; Kreil; Leon; Mayer, Professor der Philosophie; Michaeler; Ratschky; Schittlersberg; Sonnenfels; Stütz. Complete Exemplare sind selten. Joseph der Zweyte, Beschützer des Freymaurerordens . Von Blumauer.         Seht, in Josephs großen weiten Staaten,     Wo, vermählet durch der Weisheit Hand, Duldung sich und edle Freyheit gatten,     Und die Nacht der Vorurtheile schwand, Hebt in heller, nun entschleyr'ter Klarheit     Eine Brüderschaft ihr Haupt empor, Die im Stillen Wohlthun nur und Wahrheit     Sich zu ihrer Arbeit Zweck erkohr. Joseph, dem in seinem Herrscherkreise     Nichts zu groß ist, das sein Geist nicht faßt, Nichts zu klein, das er nicht minder weise,     Ordnet und in seine Plane paßt; Joseph, der so eben von den Horden     Träger Mönche seinen Staat befreyt, Schätzt und schützt dafür nun einen Orden,     Der sich ganz dem Wohl der Menschheit weiht. Einen Orden, den man oft verkannte,     Weil er in geheim sein Gutes übt, Und erst jüngst aus einem Staat verbannte,     Wo ein Exmönch nun Gesetze gibt; Einen Orden, dem der Arme Segen,     Fluch der Frömmler, Hohn der Laye spricht, Der indeß im Stillen sich dagegen     Einen Kranz von edlen Thaten flicht; Einen Orden, den der Mönch zu schmähen     Oder zu verdammen nie vergißt, Weil sein Zweck nicht müssig betteln gehen,     Sondern Thätigkeit im Wohlthun ist; Einen Orden, den der Heuchler scheuet,     Weil er ihm die schwarze Seel' entblößt, Wider den der Schurke tobt und schreyet,     Weil er ihn von sich zurückestößt; Einen Orden, den als Staatsverräther     Und Verführer man schon oft bestraft; Während er der Unschuld treue Retter,     Und dem Staate gute Bürger schafft. Dieser Orden ists, den, frey vom Wahne,     Joseph seines Schutzes würdig fand, Und zu seinem weisen Herrscherplane,     Wie ein Glied zur Kette, mit verband; Weil mit ihm der Orden, festen Blickes,     Und von einem gleichen Geist belebt, Zu dem großen Zweck des Menschenglückes     Hand in Hand hinan zu dringen strebt. Drum ihr Brüder, lasset uns im Stillen     Nicht durch Worte, sondern auch durch That All' die großen Hoffnungen erfüllen,     Die von uns der große Weise hat! Laßt uns dankbar unsern Schützer preisen,     Und ihm zeigen, daß die Maurerey Werth der Achtung eines jeden Weisen     Werth des Schutzes eines Josephs sey! Br. B***n. Auf die dem Freymaurerorden von Kaiser Joseph dem Zweyten öffentlich bewilligte Duldung. Von J . F . Ratschky .         Warum ertönt in jeder Maurerhalle Der laute Ruf des Hammers; warum ziehn Erwartungsvoll die scheuen Brüder alle         Zu ihren Tempeln hin; Kam wiederum mit einer Hiobskunde Ein banger Schwarm verjagter Brüder an; Dräut irgendwo dem königlichen Bunde         Ein neuer Fürstenbann; Drang abermahl sich eine ungeweihte Zelotenschaar in einen Maurerkreis Wuthschnaubend ein, und gab des Tempels Beute         Ergrimmten Flammen preis; Riß wiederum die schon besiegte Hyder Des Mönchthums sich aus ihrer Kluft hervor, Und hob zur Rache wider unsre Brüder         Die scharfe Klau' empor; Nein, Brüder, bannt des Unmuths trübe Wolke Von eurer Stirn', und jauchzet! Josephs Mund That feyerlich vor seinem ganzen Volke         Uns Schutz und Duldung kund. Ihr schüchternen, zerstreuten Maurerhorden, Faßt neuen Muth! die Hand des Starken schlug Das ehrne Joch zu Trümmern, das der Orden         In unserm Osten trug. Verkündigt es den Brüdern jeder Zone, Daß unsern Bau, auf Menschenwohl gestützt, Der größte Fürst auf Deutschlands Kaiserthrone         Mit seinem Schilde schützt! Ihm danken wir's, daß um des Tempels Schwelle Nicht mehr ein Schwarm verkappter Häscher irrt, Und nun nicht mehr, wie vormahl, Schürz' und Kelle         Des Hasses Losung wird. Zwar schäumen drob, voll Galle, Zions Wächter, Die, Eulen gleich, den Strahl des Lichtes scheun, Und mühn sich, uns beym Pöbel als Verächter         Der Gottheit zu verschreyn. Doch, Brüder, scheut der Bonzen niemahls müde Erbittrung nicht! sie grinse, wie sie will! Fiel nicht vor Josephs schrecklicher Ägide.         Manch stärkres Krokodill: Bleibt standhaft! zeigt, daß wir in Josephs Staaten Vor Tausenden des Schutzes würdig sind, Und machet euch durch ächte Maurerthaten         Um seine Huld verdient! Beweist es laut, daß euern fesselfreyen Erhabnen Blick des Lichtes Glanz umschwebt, Und nach dem Tand verjährter Gaukeleyen         Kein heller Maurer strebt! Laßt Weisheit, Lieb' und Tugend stets euch leiten: Dann, Brüder, dann wird unser Bund gedeihn, Und einst noch in den fernsten Afterzeiten         Der Menschheit Segen seyn. 41. Zum Capitel der Frauenhäuser. Es mag sich wohl von selbst verstehen, daß ein so aufgeklärter, über die Vorurtheile so erhabener Landesfürst wie Joseph II. (Joseph I. war es auch in dieser Hinsicht nicht minder) in Ansehung des Bestandes sogenannter Bordelle nicht nur nicht gegen , sondern vielmehr für dieselben gewesen sey. Während jedoch seine vielleicht über fromme Mutter noch lebte, die bekanntlich eine eigene Keuschheitscommission unterhielt, (in Folge welcher den Leuten beyderley Geschlechts sogar auf der Straße aufgepaßt wurde) war natürlich nicht daran zu denken; und seine, leider nur so kurze Alleinherrschaft ließ diesen Gegenstand seiner landesväterlichen Sorgfalt nicht zum Durchbruch gelangen, wenn er auch öfter als ein Mahl zur Sprache gekommen war. Tausend näher liegende, wichtigere und dringendere »Expedienda« waren begreiflich die Gründe. Inzwischen wurde dieses Thema von den Schriftstellern aufgefaßt und in eigenen Broschüren besprochen. Unter Andern erschien eine Piece mit dem Titel: » Bordelle sind in Wien nothwendig ; Herr Hofrath v. Sonnenfels möge dagegen auf seinem Catheder predigen was er will. 1786.« (Bey Wucherer; 2 Bogen stark, Verfasser ist Nic. Paulsen, ein überspannter Kopf, † 10. Dec. 1818.) Diese Broschüre enthält aber nicht viel Besseres als die oberflächlichsten abgedroschensten Gemeinplätze, ist also fern von jeder höhern oder philosophischen Idee. Auch werthvolle Autoren gaben ihre Meinung über, namentlich in Wien zu errichtende Bordelle ab In Wien bestanden deren schon im 13. Jahrhundert. Sehr merkwürdige und wahrhaft curiose geschichtliche und urkundliche Nachweisungen bringt darüber ein Buch, welches von hohem Werth und Interesse, und dessen Herr Verfasser unter die verdienstvollsten Geschichtforscher ruhmwürdig zu zählen ist. Es sind dieß die »Wiener-Skizzen des Mittelalters von J. E. Schlager,« bisher 5 Bände. Der 5. Band enthält von Seite 345 an einen Artikel: »Das gemayne Frauenhaus. (Mit 20 Urkunden und Auszügen aus mehreren Stadtregistern).« – Sowohl im Interesse des in Rede stehenden Gegenstandes, als um auf jenes, wie es scheint, nicht sehr verbreitete vortreffliche Werk (das doch in keiner vaterländischen Büchersammlung fehlen sollte), besonders aufmerksam zu machen, erlauben wir uns hier, einige Stellen des Eingangs auszuziehen, und zwar: »Zum Verständniß seiner Entstehung und Blüthe (des Frauenhauses) durch einige Jahrhunderte hindurch, muß man sich ganz in die gesellschaftlichen Zustände jener Zeit, und die einstige Stellung der sogenannten freyen Töchter, schönen Frauen, gemein (allgemeinen) Weiber oder Hübschlerinnen, versetzen. Die früheste urkundliche Nachweisung, daß sie als eine eigene Classe der Bewohner angesehen wurden, bildet die Stelle in dem Strafgesetze K. Rudolph's von Habsburg für Wien vom 20. Juni 1278: de communibus mulieribus nullum Statutum facimus, quia indignum esset ipsas legum laqueis inodare, volumus tamen, ne ab aliquo indebite offendantur sed offensor pro qualitate offense ad arbitrium judicis et consulum corrigatur. In der Handfeste Herzog Albrechts II. vom 23. July 1340 ist diese Stelle in deutscher Sprache wörtlich wiederholt: »Wir tun auch dehain gepot von den gemainen weiben , wan ez wer vnwirdig vnd vnzeitlich daz man sew in die pant der ee besluzze. Doch wellen wir, daz si nieman an schulde laydig; Swer si aber laydigt, den sol der Richtter puezzen, nach des rates rat.« ( Rauch Scriptores Rerum Austr. III. 44–45.) Im 15. Jahrhunderte, von welchem Äneas Sylvius ihre große Anzahl in Wien bestätiget, bestand nach dem Zeugnisse des Reichsritter von Geusau , in seiner »Geschichte der Belagerung Wiens durch Mathias Corvinus« ( pag. 95–96), in den Stadtbüchern wahrscheinlich aus den Zeiten K. Max I. eine eigene, nun im Originale nicht mehr vorfindige Kleiderordnung, zu Folge welcher die gemeinen Weiber, zur Unterscheidung, ein offenbares Zeichen von einem gelben Tüchlein an der Achsel tragen mußten, eine Hand breit und eine Spanne lang. Abgesehen von ihrer herkömmlichen Begleitung des Söldnervolkes bei Feldzügen in Schwärmen, worüber wir uns nur auf die Königshofer Chronik, Vulpius Curiositäten, dann Kollar's Analecten med. aev., beziehen, oblagen diesen freyen Töchtern, bey Empfängen angesehener Fremden stadtbräuchlich eigene Functionen, so wie durch sie die Volksfeste und öffentlichen Tagesfeyer jener Zeit erst ihre lebensvolle Färbung gewannen. Daß sie wie in anderen Städten auch in Wien bey feyerlichen Einzügen, zur üblichen Bestimmung Blumensträuße auszutheilen, von dem Stadtrathe verwendet wurden, zeigt sich, in Ermanglung der betreffenden Wiener Stadtrechnungen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, urkundlich erst aus den gleichzeitigen Rechnungsprotocollen des J. 1438, bey dem Einzuge K. Albrecht's II. von der Krönung zu Prag in Wien, in welchem die Rubrik vorkömmt: »vmb Wein den gemain Frawen 12 achterin. Item den Frawen die gen den kunig geuarn (gezogen) sind, 21 Achterin Wein pr. 12 dl., facit 1 Pf. 12 dl.« Ebenso waren sie 1452 bey dem Empfange K. Ladislaus Posthumus in Wien vom Bürgermeister und Rath abgeordnet, dem Könige an dem Wienerberg entgegen zu ziehen, worüber eine im J. 1484 geschriebene österreichische Chronik ( hist. nova. Nr. 265 in der k. k. Hofbibliothek) v. J. 1452 folgende Stelle enthält: »Darnach zoch er gen Wienn, vnd die gancz herschaft (Ladislaus mit seiner Begleitung). Da ward er schön emphangen von Armen vnd Reichen mit Zelt aufgeschlagen, vnd paner an dem Wienerperg, darunter die schönen Frawen vnd all hantwerch frawen sein warten an (ohne) Mäntl, so köstlich machten Sy ain Prozessen, vnd all Ir kinder die Diern waren, die vor Jugent gen (zu Fusse gehen) mochten, die gingen entgegen.« \&c. Als Ladislaus später von Breslau nach Wien zurückkehrte, sagt die Chronik wieder: »Darnach zog er wieder gen Österreich, ward er aber« (nochmahls) »mit Prozessen schön vnd erlich empfangen, mit Zelt in dem Werd« (die heutige Vorstadt Leopoldstadt) »vnd schön Frawen wieuor auf dem Wienerperg.« Was die weiteren Repräsentations-Obliegenheiten der schönen Frauen betrifft, so lag es in der Sitte der Zeit, ihre Wohnungen bey der Durchreise hoher Häupter zum Empfange bereit zu halten, wodurch freylich die bloße Huldigung des Schönheitssinnes bey dem Straßenempfang, überschritten wurde. Beyspiele von Ulm, Bern und Siena finden sich in Jäger's schwäbischem Städtewesen, in dem Stadtregister von Bern, in Müllers Schweizergeschichte u. a. m. Da jedoch in keinem der Schriftsteller, welche sich bisher über diesen Gegenstand eingelassen haben, des Empfanges der österreichischen Gesandtschaft in den neapolitanischen Staaten, wo sie im Jahre 1450 zur Übernahme der Braut K. Friedrichs IV. nach Portugal abgeordnet war, in dieser Beziehung erwähnt ist, dessen gleichzeitige Beschreibung in Wurmbrand's Collectaneis genealogicis, Wien 1705 S. 65. vorkömmt, so soll die betreffende Stelle hier eingerückt werden: »In allen Städten und Kastellen waren die Thor an den Häusern offen, Streu und Heu alles zugericht, was jeder haben wollt, das gab man ihm, die Frawen in Frawenhaus, die waren all bestellt, durft kheine khein Pfennnig nicht nemen, schnittens nur auf ain Rabisch da fandt ainer Mörin (Mohrinen) vnd sonst schöne Frawen, was ain lustet.« Daß auch in Wien die hohen Fremden von Bürgermeister und Rath, mit derley Frauen bey Bürgern, in deren Häusern größerer Raum zu Festen und Tänzen war, geehrt wurden, zeigt sich aus gleichzeitigen Stadtrechnungen des 15. Jahrhunderts, in welchen jederzeit die Purgerinn (Bürgerinnen), wenn diese zugegen waren, ausdrücklich zum Unterschied von den Frawen (schönen Frauen, benannt werden. Die gemeinen Frawen oder sogenannten freyen Töchter bildeten ferner die Tanzgruppe in Wien am Johann des Täuferstag um das Sonnenwendfeuer, und bekamen dafür vom Bürgermeister und Rath Erfrischungen, worüber die gleichzeitigen Vorschreibungen in den Wiener Skizzen aus dem Mittelalter Band I. 1835 Seite 270. Eben so waren sie endlich die Hauptpersonen bey den jährlich zweymahl Statt gehabten Wettrennen in Wien. Wir sehen aus dem bisher Angeführten, die freyen Töchter von dem Gesetze zwar stiefmütterlich bedacht, aber doch nicht nur geduldet, sondern bey mancher Gelegenheit sogar hervorgezogen. Bey der Lebendigkeit des Gefühls unserer Vorfahren, welches sich den Weg nach Außen bahnte, deren Freude in der Regel nur eine öffentliche war, welche noch keiner polizeylichen Überwachung unterstand, kann die fragliche Repräsentation nicht befremden. Das noch nicht gereifte Schicklichkeitsgefühl jener Zeit war ein anderes, als das heutige, und der Bestand eines autorisirten Frauenhauses damit nicht nur in keinem Widerspruche, sondern wie gezeigt, gebothen. Fragen wir nach dem Alter der Errichtung desselben (des Frauenhauses in Wien) so fehlen zwar zur genauen Bestimmung die direkten urkundlichen Behelfe; nach den indirekten scheint es aber keinem Zweifel zu unterliegen, daß Wien hierin mit anderen Städten gleichen Schritt gehalten habe, bey denen der Bestand von Frauenhäusern bis in das 13. Jahrhundert zurückreicht. Diese indirecten Beweise über das Alter, gibt die Wiener Topographie jener Zeit an die Hand. Zwischen ungeregelten, breiten und sandigen Ufern, die man »Gries« benannte, floß einst das klare Wasser der Wien durch lauter Weingartenland, bis gegen das Kärnthnerthor. Hier, am alten Spital der Wienerbürger, wandte sich ihr Wildwasser plötzlich nordostwärts an die Niederungen und Erdabhänge unter der Karlskirche und der Rabengasse, wie dieses in Vischer's Perspektivansicht von Wien v. J. 1640 (in Braun's Städtebuch schon 1618, dann bey Merian 1649 u. 1677 reduzirt), deutlich zu erkennen ist. Nur der abgeleitete Mühlbach blieb der oberen Richtung des Flusses treu, und war mitten über das gegenwärtige Glacis bis zum Bieberthurm gezogen, wo er in die Donau fiel. Oben, am »Gries,« an der Stelle des k. k. privilegirten Theatergebäudes an der Wien, und der damahls noch von keiner Straße durchschnittenen Nebenhäuser gegen die Stadt zu, lagen jene zwey gemeinen Frauenhäuser, mit ihren Eingehörungen, sich bis gegen den Hügel der Laimgrube, hinter das St. Mertensspital erstreckend. Von diesen Häusern hatte die dortige Weingarten-Ried den Nahmen »Fraueneck« angenommen. Noch befanden sich dort, am »Frauenfleck« selbst, einzelne Gehöfte und Gärten, in denen beym Weinschank viel Unfug getrieben wurde, »Welich Ungefür vnd Beswernuß« der Stadtrath im J. 1482 des »Eritags nach vnserer lieben Frawentag der lichtmeß« einstellte. (Zechordnungen der Stadt, gleichzeitiger Archivs-Codex Fol. 109.) Die alte Ortsbenennung »Fraweneck« findet sich zuerst in einer Stadtarchivs-Urkunde vom J. 1344 »nach Christez geburd am Sant Niclas tag;« Sie lautet: »Ich Anna vnd Chunegunt, Maister Marcharts Fursten dem Got gnad Swestern, mit Ires pergmaister Hant Herrn Friedreichen von sant Vlreich, ze den Zeiten des Erbern Herren Hagens von Spielberch Amptmann, versetzen irn Weingarten gelegn an dem Griecz, pey dem Frowen Eck ze Wienne vmb 16 Pfd. 29 dr., dem erbern Mann, Hernn Peter den Golein Purger ze Wienne \&c. \&c.« . Der hochschätzbare Pezzl wirft die Frage auf: »Soll man Bordelle (Freudenhäuser) anlegen?« und beantwortet sie folgendermassen: »Vor einigen Monathen fiel es mit einmahl mehreren Broschüristen in den Kopf, über die Anlegung von Freudenhäusern zu schreiben. Alle riethen zur Einführung derselben. Um eben diese Zeit kam dieser Gegenstand in ernstliche Überlegung bey der Regierung selbst. Man hohlte von der Polizey und von der medicinischen Facultät Gutachten und Vorschläge darüber ein. Seitdem ist nichts weiter in der Sache geschehen; auch sind die Stimmen jener Stellen und der Entscheidung der Regierung nicht bekannt geworden. Ich meines Theils glaube, daß man förmliche öffentliche Bordelle (Freudenhäuser) nicht einführen soll. Man höre meine Gründe. So lange die Freudenmädchen zerstreut leben, und von der Polizey nur tolerirt werden, ist für die öffentliche Sittlichkeit immer noch ein Schritt mehr gewonnen. Der neue unerfahrne Jüngling scheut sich stets noch etwas mehr, solche Geschöpfe zu besuchen, weil der abschreckende Gedanke nicht ganz von ihm weicht, er könnte vielleicht überfallen werden, Verdruß haben, oder beschimpft werden. Wird aber durch öffentlich errichtete Häuser die Sache authorisirt, so fällt dieser Grund ganz weg. Der wichtigste Grund zur Errichtung solcher Häuser ist die Verhüthung der Ansteckung. Ja! Wenn der Himmel bloß die Lustmädchen mit der heillosen Krankheit geschlagen hätte, dann möchte es angehen. Aber wo wollt ihr mit den galanten Weibern hohen und gemeinen Ranges, wo mit so vielen honettscheinenden Mädchen hin? Es ist leider nur zu wahr, daß die Zahl der Vergifteten von diesen beyden Classen eben nicht unansehnlich ist. Die Liebhaber werden es also von Zeit zu Zeit bey jenen galanten Geschöpfen, welche von außen mit Zucht und Keuschheit prangen, holen, und zu den Lustmädchen verpflanzen. Endlich würde durch diese Anstalt die gesellschaftliche Freyheit unvermeidlich neuerdings einen gewaltigen Stoß leiden. Um jenen Häusern hinlängliche Kunden zu verschaffen; um zu verhüthen, daß durch Galanterien außer jenen Häusern die Krankheit nicht immer noch ebenso sehr verbreitet würde, wie gegenwärtig, würde man mit äußerster unerbittlicher Strenge gegen alle unauthorisirte Häuser und Personen wüthen; ein Umstand der die gehäßigsten Spionerien, Denunciationen, Keuschheitscommissionen, Haus- und Bett-Durchsuchungen nach sich ziehen müßte: Proceduren, welche für die ganze Masse des Publicums ein größeres Übel sind, als die venerische Krankheit für einige Ausschweiflinge ist. Ein minder gehäßiger, und vielleicht doch eben so wirksamer Ausweg wäre, wenn die Polizey die Freudenmädchen anhielte, sich alle acht oder zehn Tage bey gewissen dazu bestellten Chirurgen visitiren zu lassen. Die Kranken würden behalten, und in's Heilungshaus geschickt. Den Gesunden würde eingestämpeltes Gesundheits-Attestat, immer vom Tage der letzten Visitation datirt, gegeben, welches sich jeder bey ihnen Eintretende könnte allemahl vorweisen lassen. Laßt uns aufrichtig sprechen. Wie einseitig sind solche Anstalten! Glaubt man denn wirklich etwas so gar Großes gethan zu haben, wenn man ein paar tausend Pflastertretern in der Hauptstadt jährlich eine Quecksilber-Cur erspart; indessen unsere ungeheuren stehenden Armeen dieses Gift weit und breit über das ganze platte Land vertheilen. . . . Laßt immerhin die Stutzer der Residenz ein bischen zucken und zappeln; aber für die ganze Nationalmasse, für das Landvolk sorget, um es gesund zu erhalten.« Wie nun hier Pezzl seine subjective Ansicht ausgesprochen hat, so sey es nachstehend auch einem Andern gestattet, dasselbe zu thun. Unbefangen, folglich partheylos aufgefaßt, werden seine unmaßgeblichen Verlautbarungen wohl nicht mißdeutet werden können. Beliebe man also zu vernehmen! Vielleicht der wichtigste und der süßeste der Naturtriebe ist jener der Geschlechtsliebe; der wichtigste, die Menschengattung fortzupflanzen; der süßeste . . . das bedarf keiner weitern Erörterung. Unsern gesellschaftlichen Einrichtungen gemäß, soll aber dieser, jedem organischen, jedem thierischen Wesen angeborne Trieb von Seite desjenigen Thieres, welches Mensch genannt wird, nur auf gesetzlichem Wege befriedigt werden, nämlich mittelst der Ehe. Allen Personen demnach, welche nicht verheirathet sind, ist der Genuß der Geschlechtsliebe untersagt. Die unheilvollen, mitunter schauderhaften Wirkungen dieses naturwidrigen unsinnigen Grundsatzes sind Jedermann bekannt. Statt die Sittlichkeit aufrecht zu halten, zerstört er sie; Verführung, sogenannte natürliche Geburten, die furchtbarste aller Krankheiten, sind die unausbleiblichen Folgen, mit denen das ruchlos beleidigte Gesetz der Natur sich rächt. Da nicht Jedermann heirathen kann oder will oder soll, so haben aufgeklärte Staatsverwaltungen, wie in neuern Zeiten in England, Frankreich, Holland \&c. Frauenhäuser errichtet oder gestattet, während man sich in dem stets unpractischen Deutschland mit dieser Idee nie recht hat befreunden wollen. Obgleich nun jenes Auskunftsmittel, wie wir sogleich andeuten wollen, eigentlich auch nur ein halbes, ein unzureichendes ist, so muß es uns dennoch als sehr berücksichtigungswerth erscheinen. Die Existenz zweckmäßig eingerichteter Frauenhäuser hat nämlich sehr viele statthafte Beweggründe für sich. Zu diesen Gründen gehören: der Verführung und den außereheligen Geburten ist ein Damm gesetzt; die öffentliche Sittlichkeit wird geschützt; das Gesundheitswohl wird befördert, insofern die Ansteckung verhindert oder wenigstens möglichst vermindert wird; die jugendliche Selbstbefleckung kann verschwinden; die Findelhäuser eher geeignet, der Zügellosigkeit Vorschub zu leisten, werden entbehrlich. Warum aber diese und noch gar manche andere ersprießliche Wirkungen der Frauenhäuser gleichwohl nur halb erzielt worden sind, liegt in dem Umstande, daß die Einführung derselben ebenfalls nur eine halbe Maßregel ist. Ein Augenblick Nachdenken, und man hat uns verstanden. Man hat erkannt, daß Frauen häuser nur für die eine Hälfte des Menschengeschlechtes vorhanden sind, nur für Männer da sind; und es ergiebt sich also von selbst, daß es an Männer häusern noch gebricht. Was man, und vermuthlich in empörtem Ingrimm, einwenden kann, wissen wir recht gut; wir wissen aber auch recht gut, daß die Natur nichts von Vorurtheilen weiß, daß sie dem Weibe dieselben Triebe und dieselben Rechte verliehen hat, wie dem Manne, und conventionelle Debatten gehören nicht hieher. Wir haben gesagt, Europa sollte Frauenhäuser und Männerhäuser haben; und nun wollen wir noch einen besondern höchst wichtigen Unterstützungsgrund unserer Meinung aufstellen. Wenn nähmlich solche Institute bestehen, so wird auch eine der unheilbringendsten Gefahren, die unsern Welttheil nur immer bedrohen kann, und die schon begonnen hat, einzutreten vorgebeugt, nähmlich die Übervölkerung . Weiter sagen wir nichts. Der ruhige Denker, der Unbefangene, der Philosoph wird uns verstehen, wird unsere Ansicht theilen; und Derjenige welcher weder denkt, noch unbefangen, noch philosophisch ist, wird blos gebethen, uns zu glauben, daß wohl auch Er sich zu uns neigen werde, wenn das oben Gesagte entwickelt und begründet dargelegt würde. Hier hat es sich blos um die Idee, kaum um die Absicht eines Impulses gehandelt. 42. »Joseph der II. im Controleur -Gang, oder: Allerley Scenen aus der heutigen Regierung. Von Ibrahim Goether. Wien 1782.« Welch ein Titel, und wie wenig dahinter? Wie bey so vielen Duzenden Piecen der Josephinischen Periode. Bey dieser Broschüre aber ist wenigstens die Farbe der Zeit echt; und so legen wir denn unsern Lesern ein paar dieser Scenen vor, genau in derselben Schreibweise. Erste Scene. Handelnde. (Ein abgesetzter Rath, eine Wittwe, Lebbauer, Soldatenweib mit 5 Kindern, Landpfarrer. \&c.) I. Handlung . Rath (seine Bittschrift überreichend). Ich lege mich Euer Majestät unterthänigst zu Füßen. Joseph (die Bittschrift durchlaufend). Sie waren also Rath? und sind abgesetzt. S'ist zwar für jetzt mein Wille, ich werd' aber darauf denken, meine brauchbaren Leute wieder zu sammeln. Sie dienten beim N..schen Departement? Rath . E. M. unterthänigst aufzuwarten. Und ich hoffe, wenn Allerhöchstdieselben die Verdienste meines seligen Großvaters. Joseph . Lassen Sie das Herr Rath; ich brauche zu Ihrer Empfehlung kein fremdes Verdienst, von Ihnen ist die Rede. Sind Sie für's erste Ihrer Muttersprache kundig? Rath . E. M. geruhen allergnädigst zu erwägen, daß ich hier geboren und erzogen bin. Joseph . Das ist nicht hinlänglich, sind's ihrer so viele, und ich kann die wenigsten brauchen. Finden Sie am jetzt herrschenden Styl (in den Kanzleyen mein ich) nichts zu tadeln? Rath . Nicht das Geringste E. M. es ist ja der uralte probate Stilus Curiae. Joseph . So, so; reden Sie fremde Sprachen? Rath . Ja E. M, französisch, und etwas wälisch. Joseph . Schreiben Sie selbe? Rath . Nein E. M. Joseph . Haben Sie studirt? Rath . Bis an das Jus Naturae. Joseph . Bis dahin! und man machte Ihn zum Rath? mit welcher Unverschämtheit wagt Er's noch ferner auf eine Stelle Ansprüche zu machen, bey welcher Er ohne alle Kenntnisse nur unnütz und unthätig seyn kann? wie will Er seine Stimme mit Einsicht geben? wenn er nichts von der Verfassung meiner Bürger und ihren Rechten weiß? Mein Gott! welchen Köpfen war das Wohl meiner Bürger anvertraut: ich weiß wohl, s'gibt noch mehrere seines Gleichen; aber – Rath . Ich bitte unterthänigst E. M. Joseph . Aus besonderer Gnade, weil ich's andrer Thorheit, und Gewissenlosigkeit mehr noch zuschreiben muß, als seiner eigenen, daß er die Stelle eines Raths so lange beschimpft hat, mach ich Ihn zum Kanzlisten. Befleiß Er sich ja einer leserlichen Hand, und lern er die Sprachen, die Er zu reden weiß, correct schreiben, sonst ist er auch als das unnütz. (wendet sich zum Lebbauer). II. Handlung . Joseph (nachdem er gelesen). Ist das wahr? Lebbauer . Ja E. M. wahr und wahrhaftig. Der Spitzbube mit Ehren zu sagen, hat mir mit eitlem Versprechen mein letztes Stück Geld herausgelockt, daß ich jetzt mit Weib und Kindern am Bettelstab bin. Ich dachts gleich unterm Kaiser Joseph laßt sich nichts schmieren; da sagt er aber immer, das geht'n Kaiser nichts an, wir nehmen auf die Maut, wem wir wollen, und da gings immer an ein Geben, bis ich nichts mehr hatte, und'n Dienst forderte, oder mein Blutgeld, ja! ausgelacht wurde ich obendrein, und das that mir weh, und da wurd ich toll, und dachte, wart, dacht ich, dir will ich'n Herrn finden, und – Joseph . Ich weiß genug mein Alter! kann er ferm rechnen und gut schreiben. Lebbauer . Ja E. M., das kann ich fix und findig, bins auch gleich erbötig – Joseph . Nun wohl, ich will's glauben, warte! (aus der Kanzley kommend) geh' mit dem Zettel zum Einnehmer, du bist an seinem Platz. Lebbauer . Ach E. M. soll ich ihm sein Brot entreißen! Joseph . Sorge nicht ehrlicher Mann, ich werd's ihm anderswo anweisen, jedem, wo er's verdient! erfülle nur deine Pflicht, und erinnere dich öfter deines Vorfahrers. (Joseph geht weiter). Lebbauer . Ach E. M. wie soll ich danken! was soll ich sagen? Mein krankes Weib, meine hungrigen Kinder, das wird eine Freude seyn! das wird eine Freude seyn. (Joseph kömmt an die Wittwe.) III. Handlung . Joseph . (Die Außenseite besehend.) Ja Madam! mir ist leid, Sie wissen, der Kammerbeutel ist aufgehoben. Wittwe . E. M. nur diese 1000 Thaler allergnädigster Zulage machten mir den Verlust meines Mannes, und die geringe Pension einigermaßen erträglich, ich mußte zwar Equipage, einen Bedienten und die größten Häuser aufgeben, lebte aber doch in der Stille, sicher vor jenem Mangel, der mich jetzt so schmerzlich trifft. Nun bleibt mir nichts übrig, als die platten 500 Gulden, erwägen E. M. selbst allergnädigst, ob ich, und eine groß gewachsene Tochter davon leben können. E. M. strenge Gerechtigkeit wird meine dringendste Fürsprecherinn seyn. Joseph . Allerdings Madam! allerdings! Sie ist die Richtschnur aller meiner Verordnungen, so wie sie Schuld ist, daß sie jene 1000 Thlr. verloren, und so lang ich lebe, gewiß nicht mehr erhalten werden. Wittwe . Ich bin äußerst betroffen. E. M. die Verdienste meines Mannes, mein Stand. Joseph . Die Verdienste ihres Mannes waren belohnt im Leben, und werfen ihnen noch jährlich Zinsen ab. Und ihr Stand? ich muß auf alle Stände sehen, meine Liebe, und bin nicht nur Kaiser Wiens, und habe nicht nur Unterthanen ihrer Classe. Soll der Niedere Hungers sterben, daß der Höhere im Überfluß leben könne? Ich gebe zu, daß ihr Verlust sein Widriges hat, daß er ihre Bequemlichkeit einschränkt, von ihren eingegangenen aber werden sich 7 andere begnügen, und auf das muß ich sehen, also mir ist leid, aber ich vergebe der Billigkeit keinen Punct. Wittwe (weinend.) Aber E. M. was soll aus meiner Tochter werden, ohne Vermögen? Joseph . Sie hat den Mangel nur ihrer übeln Wirthschaft zu danken, das Amt ihres Mannes forderte keinen Aufwand, und sein Gehalt war ansehnlich. Sie hätten immer vorwärts blicken, und ihrem einzigen Kind was zurücklegen können, wenn sie's nicht gethan haben, so ist die Schuld nur ihre. Wittwe . Und so ganz ohne Trost soll ich E. M. verlassen? Joseph . Ich weiß Ihnen nur einen Rath, wenn Sie meynen, 500 fl. wären unzulänglich für Sie Beide, lassen Sie Ihre Tochter dienen. Wittwe . Dienen? Joseph . Und warum nicht, ich diene als Kaiser Ihnen, und so vielen in rastloser Thätigkeit; doch halten Sie's, wie Sie wollen, ich kann nicht helfen, wie ich gesagt habe, wie ich gesagt habe. (Joseph kommt ans Soldatenweib.) IV. Handlung . Joseph . Hat sie eine Bittschrift? Soldatenweib . Hier E. M. ist meine Bittschrift (auf die Kinder weisend). Mein Mann diente unterm N***schen Regiemente 22 Jahre, blieb im letzten Feldzug, und hat mir nichts hinterlassen, als den Haufen Kinder ohne Vater. Joseph . So will ich ihr Vater seyn. (betrachtet die Kinder.) Lauter Buben! nun wollt ihr auch Soldaten werden? (der Älteste stellt sich mit gestrecktem Leibe, die zwey jüngern rufen) Ja! Ja! Joseph . Nun gut, melde sie sich Morgen hierinne (auf die Kanzley) ich werd Befehl geben, auf die vier Größern, den Kleinern bringt sie über's Jahr. Soldatenweib . (den Joseph nachrufend.) Gott lohn's E. M. tausendmahl vergelt er's. Ha – nun Buben seyd ihr versorgt, aber das sag' ich euch, werdet brave Kerls, und bethet für den guten Kaiser. (Joseph weiter.) V. Handlung . Joseph . Wer sind Sie? Pfarrer . Ich komme auf E. M. allerhöchsten Befehl, und bin Pfarrer in N*n. Joseph (ihn freundlich auf die Schulter schlagend) Sie sind ein rechtschaffener Mann, schreiben Sie's meiner Unwissenheit zu, daß Sie so lange im Mangel lebten. Ich habe mit warmer Herzensfreude in ihrem Bezirke die gute Unterweisung in der Religion bemerkt, und daß Sie durch ihren elenden Gehalt in ihren Pflichten nicht lauer wurden, schätz ich Sie noch eins so hoch, Sie sollen künftig statt 50 jährlich 500 fl. haben, dafür fällt, was Sie an Grundstück, und unbeweglichen Gütern haben, dem Flecken heim, der Prediger der Nächstenliebe muß nicht gezwungen seyn, seine Worte durch Eintreibung der Abgaben zu widerlegen, auch zerstreut die Sorge einer Wirthschaft, und raubt jene Zeit, die dem Unterricht der Pflegeempfohlenen gewidmet seyn soll, nicht wahr? Pfarrer . Dies E. M. habe ich längst mit inniger Trauer bemerkt, und da bis in meinem einsamen Flecken E. M. Leutseligkeit bekannt wurde, und da Allerhöchstdieselbe jeden anhören, der nach Maß seines empfangenen Pfundes nützlich werden will, hab ich mir von den Pfründen in E. M. Erblanden Kenntniß gesammelt, und einen kleinen Entwurf zu ihrer Ausgleichung zu Papier gebracht, den ich E. M. hier unterthänigst überreiche. 43. Staatsrathssitzung des Kaisers mit dem Papste; Josephs durchgreifende Erklärung \&c. (Pet. Phil) Wolf Geschichte der röm. kathol. Kirche unter Pius VI. (Auszug.) Pius VI. war nicht nach Wien gekommen, um nur einzig Segen zu ertheilen, sich den Pantoffel küssen zu lassen, Messen zu lesen, Rosenkränze zu weihen, und Ablaßbreven auszufertigen. Seine Absicht ging viel weiter. Er wollte den Lauf der für ihn so schmerzlichen Reformation hemmen. Daß dieses eine beynahe unmögliche Sache sey, hatte ihn Joseph II., ehe er noch von Rom abging, schon vernehmlich genug zu verstehen gegeben. Er hätte wohl gethan, wenn er einen so bedeutenden Wink beherzigt hätte. Es war leicht vorauszusehen, daß er, anstatt etwas für sich zu gewinnen, durch seine persönliche Stellung am Kaiserhofe nur den Triumph der Reformation verherrlichen würde. Joseph II. hätte ein Schwachkopf, oder ein blos nach flüchtigen Launen handelnder Monarch seyn müssen, wenn er sich in seinen Grundsätzen gegen Pius VI. der sich ihm in so vielen Blößen zeigte, nicht hätte behaupten können. Dieser mußte, er mochte von einer Seite angreifen, von welcher er immer wollte, stets weichen, weil sein Gegner zumahl in Deutschland, immer auf den Beyfall aller verständigen Menschen zählen konnte. Toleranz war ein Segen für die Welt, und Joseph gewann dieser einzigen Wohlthat wegen Millionen von dankbaren Bewunderern. Wie hätte also Pius sammt allen Mönchen, die ihm anhingen, zumahl zu einer Zeit, wo sich das menschliche Geschlecht auf verschiedene Weise, theils durch Zufall, und theils durch Begünstigung seiner eigenen Beherrscher allmählich aus dem Zustande von Sklaverey, worinn es Jahrhunderte seufzte, empor zu heben anfing, den so natürlichen und durch die öffentliche Meinung begünstigten Lauf der mit so allgemeinem Beyfall angefangenen Reformation hemmen können? Der Papst hatte unter solchen Umständen eine ungemein schwere Rolle zu spielen. Er sah sich am kaiserlichen Hofe gleichsam in eine neue Welt versetzt. Man begegnete ihm mit einer Achtung und einer Aufmerksamkeit, auf die er sich nicht versehen hatte. Aber er fand zugleich hohen deutschen Sinn, Offenherzigkeit und festen Character. Wie mußte es nicht dem Italiener und dem Papste ans Herz greifen, als Joseph II. seinem Gaste das erstemahl den großen Fürsten Kaunitz darstellte, und Pius VI. diesem noch einen besondern Beweis seiner Herablassung gegen ihn dadurch geben wollte, daß er ihm seinen Fischerring zum Küssen darstreckte, Kaunitz aber, anstatt sich so weit zu erniedrigen, die päpstliche Hand ergriff, und sie nach deutscher Art drückte! Eine solche Überraschung konnte allerdings den Papst in Verwirrung bringen. Aber ungleich größer war die Verlegenheit, in der sich Pius befand, so oft er mit Joseph von dem Gegenstande und der Absicht seiner Reise sprechen wollte. Der Monarch, seinen Grundsätzen getreu, hatte sich gleich anfangs so bestimmt gegen den Papst geäußert, daß es dieser in den nachfolgenden Unterredungen kaum mehr wagen durfte, jenes Gegenstandes auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Gleichwohl geschah es, daß der heilige Vater zu einer förmlichen Staatsconferenz zugezogen wurde, welche außer Sr. Majestät auch der Fürst Kaunitz, und die Cardinäle Migazzi und Herzan beywohnten. Pius wurde nach dem Hofceremoniel durch den Cardinal Migazzi in das Cabinet eingeführt. An diesen hielt er über die vorwaltenden Irrungen eine sehr hohe pathetische und rührende Anrede, und sprach sehr vieles vom Kirchenrechte. »Ich bin kein Theologe,« erwiederte Joseph, als der Papst zu reden aufgehört hatte, »und verstehe das canonische Recht zu wenig. Ew. Heiligkeit werden also verzeihen, daß ich nichts mehr mündlich abhandle, sondern mir ausbitte, daß Sie alles, was Sie mir vorzustellen für nöthig erachten, schriftlich thun lassen, damit ich sodann meine Theologen darüber befragen kann. Was übrigens die von mir gefaßten Entschlüsse über Kirchen und Klöster in meinen Staaten betrifft; so wird, wie ich glaube, der Cardinal Herzan, mein Abgesandter bey Ew. Heiligkeit, Ihnen dieselben bereits kund gemacht, und Sie überzeugt haben, daß meine Absicht dabey gut sey. Was bereits gethan ist, und noch erst geschehen soll, hat alles das Beste meiner Unterthanen zum Augenmerk, das zu befördern ich Gewissenshalber verbunden bin; und zwar um so mehr, da die neuen Einrichtungen höchst nothwendig sind, und durch keine derselben irgend einer Glaubens- oder Religionslehre zu nahe getreten worden ist. Wollen Ew. Heiligkeit eine weitläufigere Antwort, so belieben Sie nur Ihre Einwendungen schriftlich verfassen zu lassen, und dann soll mein Kanzler dieselben auch so pünctlich und ministerialisch beantworten, und ich werde sie noch zum Unterricht und zur Belehrung meiner Unterthanen drucken und publiciren lassen.« Nach dieser Antwort ertheilte Pius dem Kaiser den apostolischen Segen und entfernte sich aus der Conferenz. Man hätte dem Papste nicht leicht einen schlimmern Streich spielen können, als von ihm zu fordern, daß er sich bloß auf schriftliche Unterhandlungen einschränken sollte. Noch konnte ihm der Inhalt jener berühmten Antwort, womit der Fürst Kaunitz den Nuntius Garampi abfertigte, in frischem Gedächtnisse seyn, und es war so leicht vorauszusehen, daß man päpstlicher Seits ungemein schlecht gegen kaiserliche Minister bestehen würde, die einmahl den kitzlichen Punct getroffen hatten, der nicht berührt werden konnte, ohne den ganzen Körper der römischen Kirche auf eine höchstschmerzhafte Weise zu erschüttern. Man mußte außerdem noch den sehr bedeutenden Zusatz des Kaisers nicht außer acht lassen, wo dieser versichert, daß die schriftlichen Verhandlungen, die gegenseitig gepflogen würden, zur Belehrung und zum Unterrichte seiner Untergebenen durch den Druck öffentlich bekannt gemacht werden sollten. Schon dieser letzte Umstand allein mußte für die römische Parthey abschreckend genug seyn, sich zu oft in schriftliche Erörterungen einzulassen, nachdem man besorgen mußte, daß bey einer solchen Denkungsart der kaiserliche Hof sich leicht jeder auf solche Weise geschehenen Äußerung gleichsam als eines Triumphes seiner Reformation bedienen könnte, wie dieses denn auch mit den gegenseitigen, zwischen Kaunitz und Garampi schon vorhin gewechselten Noten zum auffallenden Ärgernisse des römischen Hofes geschehen ist. Zu Unterhändlern wurden von Seite des Papstes der Nuntius Garampi, von kaiserlicher Seite der Kardinal Herzan gebraucht. Beyde waren aber in ihren Grundsätzen und Forderungen so unendlich weit von einander entfernt, daß es zu keinen Resultaten kommen konnte. Nebstdem durfte auch vom kaiserlichen Minister nichts entschieden werden, ohne zuvor die Bewilligung des Monarchen zu haben. So verstrich beynahe ein Monath, ehe Pius noch wußte, woran er sey. Er konnte vielmehr mit jedem Tage auffallender gewahr werden, daß er sich am Ende mit einzelnen Gefälligkeiten, aus blosser Rücksicht gegen seine Person, würde begnügen müssen. Bey so bewandten Umständen mußte es für Se. Heiligkeit noch eine Art Begünstigung seyn, daß es einigen ungarischen Bischöfen gestattet wurde, sich wegen verschiedener Puncte, worüber sie aus allzuzärtlichem Gewissen durch mehrere kaiserliche Verfügungen beunruhigt waren, unmittelbar selbst mit dem Papste zu besprechen. Diese Bischöfe waren der Primas von Ungarn, Cardinal und Erzbischof von Gran, Joseph Graf von Bathiany, der Erzbischof von Colocza, Adam Padachich von Zajesda, der Bischof von Raab, Franz Zichy, der Bischof von Erlau, Carl Graf von Esterhazy, der Bischof von Agram, Joseph Gallyuff, der Bischof von Bosnien, Mathäus Franz Kertiza, der Bischof von Zips, Carl von Salbeck, der Bischof von Nitre, Johann Rusztinz, der Bischof von Kreutz, Blasius Bosicsovich und der Bischof von Rosenau, Anton von Revay. Was in der Abschiedsaudienz, die diese Bischöfe am 20. April bey Sr. Heiligkeit hatten, verhandelt worden, hatte der Hof, fast sollte man glauben, in der Absicht die unbischöfliche Denkungsart dieser Hirten und die unapostolischen Grundsätze des Papstes zur Schau zu stellen, öffentlich durch den Druck bekannt gemacht. Am 22. April hatten die nähmlichen Bischöfe eine zweyte Conferenz, welcher auch noch der Bischof von Fünfkirchen, und ein ungarischer Abt beywohnten. Es kam in derselben zur Frage: Ob die anwesenden Bischöfe, ohne weitern Recurs nach Rom zu nehmen, von den ihnen in der vorigen Zusammenkunft ertheilten Facultäten sogleich Gebrauch machen dürften? Auf diese Frage antwortete Se. Eminenz, der Cardinal Primas: Se. Heiligkeit habe sich in einer Tags zuvor gehaltenen Unterredung dahin geäußert, daß sie, sobald sie wissen könnten, daß Se. Heiligkeit wieder in Rom angelangt seyn würden, sich wegen solcher Facultäten schriftlich melden, inzwischen aber im Nothfalle von denselben einstweiligen Gebrauch machen sollen. Auf die weitere Anfrage: Ob erwähnte Facultäten auch den abwesenden Bischöfen zu statten kämen? hieß es, daß sich diese erst um die Bewilligung nach Rom wenden müßten. Ob nun gleich der Bescheid, den der Papst auf die Anfragen der ungarischen Bischöfe ertheilte, nicht ganz mit der Denkungsart des Kaisers übereinstimmte; so schien doch dieser sehr wohl damit zufrieden zu seyn. Denn er beschenkte den Fürsten Primas mit einem kostbaren Schmuck und begleitete dieses Geschenke mit folgendem schmeichelhaften Handschreiben: »Lieber Cardinal Bathiany! Mir ist bekannt, daß Sie nur durch die Überzeugung des Guten, und Ihre Amtspflicht gegen Gott und den Staat, zu derjenigen Verabredung bewogen worden, welche Sie zu meiner vollkommenen Zufriedenheit bey der Gegenwart des Papstes hier mit den Ihnen untergebenen und anwesenden Bischöfen getroffen haben. Das Bewußtseyn, recht und nutzbar gehandelt zu haben, würde Ihnen zwar genug seyn; mir aber ist daran gelegen, daß Jedermann aus diesem Merkmahle, welches ich Ihnen hier überschicke, meine für Sie hegende Denkungsart öffentlich ersehe. Sie werden dem hauptsächlich mitwirkenden Erzbischof von Colozka dieses Ordenskreuz, das unter seiner Adresse hier beyliegt, in meinem Nahmen, sammt der Versicherung meiner vollkommenen Zufriedenheit, daß er Ihnen so treulich an die Hand gegangen ist, übergeben; zugleich auch dem Bischofe von Erlau, den Sie mir besonders angerühmt haben, in meinem Nahmen bedeuten, daß ich ihm das Großkreuz vom heil. Stephans-Orden verleihen wolle, und daß ich von ihm so, wie von allen übrigen Bischöfen, denen Sie ebenfalls mein Wohlgefallen werden bekannt machen, die wohlangemessene eifrige Mitwirkung in allen denjenigen Aufträgen und Veranlassungen erwarte, die zum Besten der Religion, zur Bildung der Ihnen untergeordneten Priesterschaft, und daraus entstehenden wahren Belehrung und Anleitung des Volkes zu guten Christen und Mitbürgern, allein führen, welches mein einziges und vorzüglichstes Augenmerk ist \&c.« Joseph hatte aber auch Ursache, mit seinen ungarischen Bischöfen zufrieden zu seyn. Bekanntlich waren diese, nebst dem Cardinale Migazzi, die heftigsten Gegner der Reformation. Ihrer Vorstellungen an den Monarchen, worinn sie sich als Feinde aller Aufklärung und aller Duldung zeigten, ist schon an ihrem Orte erwähnt worden. Sie hätten, da sie zugleich als Magnaten und Reichsstände auf die ungarische Nation einen bedeutenden Einfluß behaupteten, dem Kaiser in mehr als einer Rücksicht gefährlich werden können. Sie mußten geschont werden; und vielleicht dieser Betrachtung ist es zuzuschreiben, daß es ihnen Joseph vorzugsweise erlaubte, sich unmittelbar selbst mit Sr. Heiligkeit wegen ihrer vorgeblichen Gewissenszweifel in Unterhandlungen einzulassen. Wenn man daher ihre vorhin geäußerten Grundsätze mit der Klugheit vergleicht, mit welcher sie dem Papste diese Zweifel vortrugen, und wenn man auch andererseits auf die unverkennbare Mäßigung Rücksicht nimmt, die aus den Antworten des Papstes bey aller sonst auffallenden Empfindlichkeit hervorleuchtet; so konnte der Monarch allerdings mit der Einleitung und Ausführung eines Geschäftes zufrieden seyn, welches für ihn auf eine gewisse Art mit Besorgnissen verbunden seyn mußte. Ehe Pius von Wien abreisete, hielt er am 19. April noch ein öffentliches Consistorium, welchem, außer dem Kaiser und dem Erzherzoge Maximilian, die Cardinäle Migazzi, Herzan, Firmian und Bathiany beywohnten. Den beyden letztern setzte der Papst bey dieser Gelegenheit die rothen Hüte auf, wofür jeder 30000 fl. bezahlte. Die lateinische Rede, die er in diesem Consistorium hielt, schloß er mit folgenden Worten: »Wir können endlich nicht mit Stillschweigen übergehen, was zu Jedermanns Wissenschaft gelangen soll. Es war Uns nähmlich höchst angenehm, Se. kaiserl. Majestät, die Wir von jeher schätzten, persönlich zu sehen, um dem Kaiser Unsere besondere Ergebenheit zu bezeugen. Wir haben Unserer Amtspflicht gemäß sehr oft mit ihm gesprochen, und häufigen Anlaß gefunden, sowohl seine ungemein große Leutseligkeit, womit er Uns in seiner kaiserlichen Wohnung mit allen Ehrenbezeugungen aufgenommen, und täglich bewirthet hat, als auch seine besondere Gottesfurcht, seine hohen Verstandeskräfte, und seine unermüdete Thätigkeit in Geschäften zu bewundern. Ein gleicher Trost für unser väterliches Herz war die Bemerkung, daß Frömmigkeit und Religion nicht nur in dieser prachtvollen Hauptstadt, sondern auch bey allen Völkern der kaiserlichen Staaten, die Wir auf Unserer Hieherreise zu sehen Gelegenheit hatten, in ihrer ganzen Reinigkeit sich erhalten haben. Aus dieser Ursache werden Wir auch niemahls aufhören, diese Frömmigkeit und Religion anzurühmen, und durch Unser beständiges Gebet zu unterstützen. Wir wollen auch den allmächtigen Gott auf das dringendste bitten, daß er, der Niemand, wer zu ihm seine Hände ausstrecket, verläßt, sie in ihrem eigenen Vorhaben bestärken, und mit dem fruchtbaren Thau seines himmlischen Segens überschütten möge.« Die Frage: In wie weit der Papst seine Absicht erreicht habe? wurde nicht lange nach dessen Abreise aus Wien von dem Kaiser selbst durch das Edict vom 30. Mai an alle Länderstellen beantwortet. 44. Mozart bey Hofe; Josephs Urtheil über ihn. An seinen Vater schrieb Mozart: Wien den 26. Dezember 1781. Alle Tage früh um 6 Uhr kommt mein Friseur, und dann schreib ich bis 10 Uhr. Um 10 Uhr habe ich die Stunde bey der Frau von Trattner, um 11 Uhr bey der Gräfinn Rombeck, und jede gibt mir für zwölf Lectionen sechs Ducaten.– Wenn Sie einem so elenden Buben glauben können, daß es wahr sey, daß ich bey Hofe und bey der ganzen Noblesse verhaßt sey, so schreiben Sie nur an Herrn von Strack, Gräfinn Thun, Gräfinn Rombeck, Baroninn Waldstätten, Herrn von Sonnenfels, Frau von Trattner, enfin an wen Sie wollen. Unterdessen will ich Ihnen nur sagen, daß der Kaiser letzthin bey der Tafel das größte Eloge von mir gemacht hat, mit den Worten begleitet: »C'est un talent decidé,« und vorgestern, als den 24., habe ich bey Hofe gespielt. Es ist noch ein Clavierspieler hier angekommen, ein Italiener, er heißt Clementi. Dieser war auch hinein berufen. Gestern sind mir für mein Spiel 50 Ducaten geschickt worden. Nun von Clementi. – Dieser ist ein braver Cembalist, damit ist aber auch Alles gesagt. – Er hat sehr viele Fertigkeit in der rechten Hand, seine Hauptpassagen sind die Terzen – übrigens hat er um keinen Kreuzer weder Geschmack noch Empfindung – ein bloßer Mechanicus. Der Kaiser that bey dem Concert (nachdem wir uns genug Complimente machten) den Ausspruch, daß Er zu spielen anfangen sollte. La santa Chiesa catholica, sagte der Kaiser, weil Clementi ein Römer ist. – Er präludirte und spielte eine Sonate. – Dann sagte der Kaiser zu mir: Allons, d'rauf los! – Ich präludirte auch, und spielte Variationen. – Dann gab die Großfürstinn Sonaten von Paesiello (miserabel von seiner Hand geschrieben) her, darauf mußte ich die Allegro und er die Andante und Rondo spielen. – Dann nahmen wir ein Thema daraus, und führten es auf zwey Pianoforten aus – Merkwürdig ist dabey, daß ich für mich das Pianoforte der Gräfinn Thun geliehen, ich aber nur, als ich allein gespielt, darauf gespielt habe, weil es der Kaiser so gewollt. – Das andere Pianoforte war verstimmt, und drey Tasten blieben stecken. – »Es thut nichts,« sagte der Kaiser. – Ich nehme es so, und zwar an der besten Seite, daß nähmlich der Kaiser meine Kunst und Wissenschaft in der Musik schon kennt, und nur den Fremden recht hat verkosten wollen. Übrigens weiß ich von sehr guter Hand, daß er recht zufrieden war, denn der Kaiser war sehr gnädig gegen mich, und hat Vieles heimlich mit mir gesprochen, – auch sogar von meiner Heirath. Der vortreffliche Tonsetzer Ditters von Dittersdorf, hatte mit dem Kaiser eine Unterredung über Mozart und Clementi. Dittersdorf schrieb dieselbe sorgfältig und gewissenhaft auf, möglichst Wort für Wort. Es war im Jahre 1786. Vernehme man dieses merkwürdige Gespräch! Der Kaiser . Wie gefällt Ihnen Mozarts Spiel? Ich . Wie es jedem Kenner gefallen muß. K . Einige ziehen Clementi dem Mozart vor. Ihre Meinung? I . In Clementi's Spiele herrscht viel Kunst und Tiefsinn, in Mozarts nebst Kunst und Tiefsinn außerordentlich viel Geschmack. K . Das sage ich auch. Was sagen Sie zu Mozarts Composition? I . Er ist unstreitig ein großes Originalgenie, und ich habe noch keinen Componisten gefunden, der einen so erstaunlichen Reichthum an neuen Gedanken besäße. Ich wünschte, er wäre nicht damit so verschwenderisch. Er läßt den Zuhörer nicht zu Athem kommen; denn kaum will man einem Gedanken nachsinnen, so steht schon wieder ein anderer da, der den erstern verdrängt, und das geht immer in Einem fort, so daß man am Ende keine dieser wahren Schönheiten im Gedächtnisse aufbewahren kann. K . Wahr. Nur in Theaterstücken dünkt mich, daß er öfters zu viele Noten anbringt, worüber die Sänger sich sehr beklagen. I . Wenn man aber die Gabe besitzt, durch Harmonie und Geschicklichkeit im Begleitungsspiele den Sänger doch nicht zu verdecken, so halte ich das für keinen Fehler. K . Distinguo. Wenn man die Gabe besitzt, die Sie in Ihrem Hiob gezeigt haben. – Hören Sie! Ich habe zwischen Haydn und Mozart eine Parallele gezogen. Ziehen Sie auch eine, damit ich sehe, ob sie mit meiner übereinstimmt. I . Wenn es seyn muß, bitte ich Ew. Majestät, mir eine Urfrage zu erlauben. K . Auch das. I . Was ziehen Ew. Majestät für eine Parallele zwischen Klopstocks und Gellerts Werken? K . (Pause) Hm! daß beyde große Dichter sind – daß man Klopstocks Gedichte öfters als ein Mahl lesen müsse, um alle Schönheiten zu entschleyern – daß Gellerts Schönheiten schon beim ersten Anblicke ganz enthüllt da liegen. I . Nun haben Ihro Majestät Ihre Frage selbst beantwortet. K . Mozart wäre also Klopstock, Haydn Gellert? I . So halte ich dafür. K . Ich kann nichts einwenden. I . Darf ich so kühn seyn, um die Parallele Ew. Majestät zu fragen? K . Ich vergleiche Mozarts Composition mit einer goldenen Tabatiere, die in Paris gearbeitet, und Haydns mit einer, die in London verfertigt ist. Beyde schön; die erste ihrer vielen geschmackvollen Verzierungen, die zweyte ihrer Simplicität und ausnehmend schönen Politur wegen. Auch hierin sind wir fast einerley Meinung. (Nissen Biographie Mozarts) 45. Die ersten Spuren des Jacobinismus unter Joseph; die Zauberflöte als Allegorie der Revolution. »Es ist fast unglaublich,« sagt der Verfasser einer bereits seltenen kleinen Schrift Geheime Geschichte des Verschwörungs-Systemes der Jacobiner \&c. für Wahrheitsfreunde, London 1795. Octav; 56 Seiten. , »daß nicht schon vor dem Jahre 1789, eine jacobinische Verbrüderung sollte da gewesen seyn In Österreich, und namentlich in Wien. . Die außerordentliche Gährung in der Versammlung der Stände in jenem Lande, die Kühnheit ihrer Antworten und Adressen an den Thron, und viele andere Dinge, die nicht hieher gehören, zeugen für diese Vermuthung. Doch in Wien findet man keine Spur, daß es vor dem Jahre 1789 eine eigentliche Verbindung gab, deren Plane von dem Umfange waren. Man richtete auch damahls keine Aufmerksamkeit auf dergleichen Dinge Kaiser Joseph aber wohl, und gewiß mehr als sonst Jemand in Österreich. Ein Geist wie der seinige erkannte und durchschaute die Wirkungen, und den Einfluß desselben auf seine Staaten. Indeß . . er befand sich leider schon am Rande des Grabes. Wäre er, und in ungeschwächter Geisteskraft nur noch wenige Jahre am Leben geblieben: ohne Zweifel hätte durch seine Thätigkeit die ganze französische Revolution einen andern Character angenommen, ihre ganze Richtung geändert; und wie ganz anders stünde es jetzt um die Lage der Welt, und Österreichs insbesondere! Von Bonaparte-Napoleon hätte man vielleicht nie ein Wort gehört. – Anm. des Herausg. , denn man lebte noch in jener glücklichen Unbefangenheit, in jener süssen Unbekanntschaft mit Ruhestörern und Verschwörungen, die jetzt so sehr verschwunden ist. Man konnte reden und schreiben, was man wollte, und die Polizey hatte nur auf Beutelschneider, Diebe, und wie die Betrüger dieser gröbern Art sonst heißen mögen, ein wachsames Auge. Gutmüthigkeit und eine besondere Vorliebe für Fremde waren von jeher in dem Character der Bewohner dieser Stadt. Man nahm also gewisse Reisende um desto besser auf, da sie mit guten Empfehlungen versehen und Leute von Kopf waren. Sie wurden in die angenehmsten und geistreichsten Zirkel geführt, ohne daß man nur ahnete, welches Gelichters sie waren. Hier hatten sie Gelegenheit, viele Menschen zu sehen, kennen zu lernen und an sich zu ziehen. Die Aufmerksamkeit der jüngern in der Gesellschaft fesselten sie sehr bald. Die Kunst zu überreden, die sie hinreichend besaßen, gelang ihnen um desto mehr, je tiefer ihre Entwürfe in ihrem Innern lagen, und je stärker sie davon durchdrungen waren. Ich zweifle daran, daß sie damahls nur ahneten, welche schreckliche, umübersehbar schreckliche Folgen für die Menschheit, die Ausführung ihrer Ideen nach sich ziehen könnten, die sie im Feuer der herrschsüchtigsten und ehrgeizigsten Leidenschaften gebrütet hatten; denn sie waren noch zu offen, und ließen sich zu sehr von dem hinreißen, was so wild in ihrem Innern gährte. Es ward viel von der Geistesgewalt geredet, die Menschen über Menschen auszuüben vermöchten. Man hörte nicht selten, mit diesen oder andern Worten einen Satz behaupten, den ich aber mehrere Jahre nachher erst ganz verstand: »Wenn es drey Menschen geben könnte,« so hieß es, »die nach dem gemeinen Ausdrucke, ein Herz und eine Seele wären; deren Wesen so innigst in einander verwebt wären, daß sie stets ein Interesse leitete, ein Wunsch beseelte und ein Plan durchglühte, aber drey Menschen von überwiegenden Geisteskräften, – sie könnten Herren einer Welt werden.« Natürlich, daß Männer mit solchen Ideen, mit diesen Talenten und der Überredungskunst, Anhänger einer Verbindung verschaffen mußten, deren Zwecke so schön ausgeschmückt und doch dabei so schmeichelhaft für den träumenden Jüngling waren. Doch unbemerkt und klein schien diese unselige Verbrüderung bis jetzt zu seyn, obgleich sie schon Zusammenkunftsörter hatten, wo aber sehr wenige den Eintritt haben konnten, indem nur die obern Leiter mit einander Umgang hielten. Die übrigen wurden an einer Kette gezogen, die ihnen unsichtbar war, und manche wußten vielleicht selbst nicht, in was für einer Verbindung sie standen. So gering nun auch die Anzahl der Mitglieder seyn mochte, so mußte doch schon eine Art von Casse vorhanden seyn, woraus verschiedene Unkosten bestritten wurden. Es waren zum Beyspiele zwey junge Leute, als stets residirende Emissairs in Paris angestellt, mit 600 Kaisergulden jährlichen Gehalt ein Jeder. Ihr Auftrag soll gewesen seyn, die nöthigen Unterhandlungen mit den dortigen Freunden und Mitbrüdern zu betreiben, und treue Berichte von den jedesmahligen Ereignissen abzustatten. Man hat nachher erfahren, daß sie unter den Trümmern der Parthie Mirabeaus, und nach ihm, der des Lafayette und Clermont-Tonnere mit umgekommen sind. Hier muß ich auch bemerken, daß bey den ersten Fortschritten der Verbindung, nur sehr wenige Eingeborne aufgenommen wurden, oder sich aufnehmen ließen; meistens hielt man sich an Fremde, von welchen es in einer so großen Stadt wimmelt. Bald nach der Revolution in Frankreich, fing man an von einer Propaganda zu reden, die sich in allen Ländern verbreitet hatte, und dem dort herrschenden Systeme Anhänger verschaffen sollte. Der Beweise ihres Daseyns gibt es leider nur zu viele. Doch die ersten Apostel, die davon nach Wien kamen, waren weiter nichts, als plumpe, aufbrausende Jacobiner, die sehr bald entdeckt wurden, und auch nicht viel Schaden anrichten konnten. Sie hatten mit den Verschwornen, von welchen hier die Rede ist, gar nichts gemein; diese gaben sich auch nicht mit ihnen ab, im Gegentheile denuncirten sie manche und besorgten aus Politik ihre Verhaftnehmung. Die heimliche Verschwörung in Wien bedurfte keiner Propaganda; sie stand mit den Häuptern des Unwesens in Frankreich in zu genauer Verbindung, und ihre Plane waren zu weit aussehend, als daß ihnen das armselige Gewäsche einiger Democraten in den Caffehhäusern, hätte nützen können. Sie verhielten sich bis jetzt noch in einer Art von Waffenstillstand, und nahmen auch selbst an den im Jahre 1790 entstandenen Unruhen in Ungarn wenig oder gar keinen Theil, weil hier eine ganz andere Sache im Spiele war, als daß sie ein Interesse dabey hätten finden können. Die Verhaftungen verschiedener verdächtigen Fremden, von welchen die meisten schon wieder los, aber des Landes verwiesen sind; die Zerstörung und Entdeckung eines Klubbs, der aus lauter Hausoffizieren und Bedienten französischer Nation bestand, unter welchen selbst einige Leute im Dienste des Fürsten Kaunitz waren; alles dieß hatte noch nichts mit der viel verborgenern, viel gefährlichern Secte gemein. Ja, man entfernte sich dadurch nur noch mehr von der Spur, auf welcher man sie hätte entdecken können; denn es gab keine größern Feinde der Jacobiner, keine eifrigeren Nachforscher, diese aufzufinden, als gerade sie, von deren furchtbaren Existenz man eigentlich noch nichts ahnete. Bey der Zerstörung jenes Klubbs glaubte man sich ganz sicher, denn man wußte nicht, daß man nur auf die dümmern, die minder gefährlichen, die subalternen Bösewichter gestossen war, und die großen ganz verfehlte. Die heimlichen Ruhestörer unterließen auch nicht, schon seit mehrern Jahren Gedichte und Zettel auszustreuen, die theils offenbar aufrührerisch waren, theils nur dazu dienen sollten, die öffentliche Stimmung für ihr Unwesen empfänglich zu machen. Zu Tausenden wurden solche saubere Blätter verbreitet. In allen Autoren suchten sie nach, um etwas zu finden, das in ihren Kram taugte. Von den ganz groben und tollen dieser im Dunkeln fliegenden Papiere will ich keines anführen. Nur zwey Gedichte will ich erwähnen, um zu beweisen, welchen außerordentlichen Schaden das Genie anstiften kann, wenn es durch falsche Schwärmerey oder durch Bosheit verleitet wird, seine Schwungkraft zum Giftmischen anzuwenden. Das erste ist von Schubart, dem ältern; ward bereits vor vier Jahren 1790. in Wien des Nachts ausgestreut und mit Entzücken aufgenommen. Der Titel ist: Der Aderlaß.         »Du bist so heiß, o Blut! So heiß! Was sprudelst du in dieser ird'nen Schale? Hast du noch Gluth, noch Sonnengluth? Zuckt Freyheit noch in deinem rothen Strahle? *   * * O Arzt, so binde du Nur schnell mit deiner Binde Die offne Wunde wieder zu, Denn Freyheit ist des Deutschen größte Sünde. *   * * Doch willst du nimmer heiß O Blut! aus deinen Adern schießen? Willst, frostig wie zerschmolz'nes Eis Vom nackten Fels in kalten Tropfen fließen? *   * * So fließe, fließe nur; Kein Fürst wird deine Kälte strafen, Denn kalte, frostige Natur Schickt sich allein für arme deutsche Sclaven.« Jünglinge und Mädchen griffen begierig nach diesen Versen. Sie lernten sie auswendig; sie declamirten sie sich einander mit einer Art von Begeisterung vor. Tonkünstler und Dilettanten machten Melodien dazu \&c. Man bekümmerte sich damahls um dergleichen nicht viel, denn man war noch nicht zu der unseligen Nothwendigkeit, wie jetzt, gezwungen, auf die geringste Kleinigkeit und den unbedeutendsten Vorgang in dieser Stadt ein wachsames Auge zu verwenden. Das zweyte Gedicht ist von einem der ersten und beliebtesten Dichter unserer Nation. Die Todte. 1.         Für Tugend, Menschenrecht und Menschenfreyheit sterben, Ist höchst erhabner Muth, ist Welterlösers Tod! Denn nur die Göttlichsten der Heldenmenschen färben Dafür den Panzerrock mit ihrem Herzblut roth. 2. Am höchsten ragt an ihm die hohe Todesweihe Für sein gedrücktes Volk, – für Vaterland hinan. Dreyhundert Sparter ziehn in dieser Heldenreihe, Durchs Thor der Ewigkeit den Übrigen voran. 3. Der Tod für Freund und Kind und für die süße Holde, Ist – wo nicht immer groß – doch rührend stets und schön; Denn er ist Todesgang, den, nicht erkauft mit Golde, Im Drange des Gefühls, nur edle Menschen gehn. 4. Für blanke Majestät, und weiter nichts verbluten, Wer das für groß, für schön und rührend hält, der irrt; Denn das ist Hundewuth, die eingepeitscht mit Ruthen Und eingefüttert mit des Hofmanns Brocken wird. 5. Sich für Tyrannen gar hinab zur Hölle balgen, Das ist ein Tod, der nur der Hölle wohlgefällt; Wo so ein Held erliegt, da werde Rad und Galgen Für Straßenräuber und für Mörder aufgestellt. Besonders bemühte man sich, mit einer Art von Leidenschaft die Aufmerksamkeit vieler Menschen, hauptsächlich der Jünglinge, auf die Begebenheiten von Frankreich zu ziehen. Kupferstecher, Künstler aller Art mußten das Ihrige dazu beytragen. Auf den Theatern gab es unzählige Allegorien, die nur die Unterrichteten verstehen konnten. Das geheimnißvolle Wesen, das man dabey affektirte, war wiederum Plan, denn die Führer und Leiter des Ganzen wußten sehr wohl, daß alles Geheimnißvolle den Enthusiasmus erhöht, ja oft erzeugt. So ist zum Beyspiel (solltet ihr es wohl glauben) die ganze Oper, die berühmte, allgemein bekannte Zauberflöte, eine Allegorie auf die französische Revolution, nach ihrer Lage in den Jahren 1789–90 und 91, in welchem letztern dieses Stück zum erstenmahle in Wien auf dem sogenannten Wiedner-Theater gegeben ward. Doch dem guten Mozart wollen wir deßwegen nichts zur Last legen; er war nur der Schöpfer der vortrefflichen Musik, und hatte mit dem übrigen Baue des Stückes nichts zu schaffen. Sehr wahrscheinlich war er ganz mit der Idee unbekannt, die im Hinterhalte liegt. Daher kommt so Manchem, der nicht unterrichtet ist, der Gang des Stücks lächerlich, ungereimt und abgeschmackt vor. Der Beyfall, den es in Wien erhielt, war also aus doppelter Rücksicht so außerordentlich groß, theils wegen der schönen Musik, theils wegen des versteckten Sinns. Zwey und sechzigmahl nach einander ward es aufgeführt, und immer blieb der Zulauf derselbe. Um sieben Uhr fangen in Wien die Schauspiele an; doch in den ersten vierzehn Tagen der Vorstellung der Zauberflöte, mußte man schon um fünf Uhr seinen Platz suchen, denn etwas später mußten die Menschen zu Hunderten abgewiesen werden, weil das Haus voll war. Erst in der dritten Woche konnte man es so weit bringen, daß man um sechs Uhr mit Mühe ein Plätzchen sich erkämpfte. Natürlich wurden immer mehr Menschen mit den darin liegenden Anspielungen bekannt, bis endlich folgende schriftliche Andeutungen entdeckt wurden, wodurch auch die profane Welt des Glücks theilhaftig wird, Licht zu erhalten. Die Allegorie gehört freylich nicht zu den sinnreichsten, aber zur Beförderung der heimlichen Zwecke hielt man sie immer für sinnreich genug. Personen . Die Königinn der Nacht. Die vorige Regierung. Pamina, ihre Tochter. Die Freyheit, welche immer eine Tochter des Despotismus ist. Tamino. Das Volk. Die drey Nymphen der Königinn der Nacht. Die Deputirten der drey Stände. Sarastro. Die Weisheit einer bessern Gesetzgebung. Die Priester des Sarastro. Die Nationalversammlung. Papageno. Die Reichen. Eine Alte. Die Gleichheit. Monastatos, der Mohr. Emigranten. Sclaven. Die Diener und Söldner der Emigranten. Drey gute Genien. Klugheit, Gerechtigkeit und Vaterlandsliebe, welche Tamino leiten. Die Idee, die diesem Stücke zum Grunde liegt, ist: Die Befreyung des französischen Volkes aus den Händen des alten Despotismus durch die Weisheit einer bessern Gesetzgebung. Gang des Stückes . Tamino wird von einer ungeheuren Schlange (dem bevorstehenden Staatsbanqueroute), die ihn zu verschlingen droht, verfolgt. Die Königinn der Nacht will ihn gern retten, da auf der Existenz des Tamino auch die ihrige beruht. Sie kann es aber nicht allein, und braucht daher ihre drey Nymphen dazu, die auch das Unthier vernichten. Tamino bricht in lautem Dank gegen seine Erretterinnen aus, und erhält von ihnen noch überdieß ein vorzügliches Geschenk, eine Zauberflöte. (Die Freyheit, für sein Bestes sprechen und sich beklagen zu dürfen.) Zugleich trägt ihm aber die Königinn auf, ihre Tochter aus den Händen eines grausamen, wollüstigen und tyrannischen Königs, des Sarastro, zu befreyen, der sie ihr geraubt habe, und in einer Höhle verborgen halte. Um den Tamino desto mehr zu diesem Unternehmen zu entflammen, verspricht sie ihm diese Tochter dann zur Ehe; welches aber ihr wahrer Ernst nicht ist, da sie schon längst dem Monastatos von der Königinn zur Gemahlinn versprochen worden ist. Tamino schwört der Königinn, alle Kräfte anzuwenden, ihr die geraubte Tochter wieder zu schaffen. Die Königinn läßt ihm durch die Nymphen sagen, daß er sich bey seinem Abenteuer nur ganz auf die Leitung dreyer guter Genien verlassen sollte. Nun tritt er wirklich in Begleitung des Papageno (der Reichen, die, wie bekannt, darum, daß sie vor der Revolution so sehr vom Adel und der Geistlichkeit zurückgesetzt wurden, sehr gern durch ihren Einfluß die Staatsveränderung bewirken halfen) seine Reise in die Staaten des so sehr verschrienen Sarastro an. Aber wie erstaunt er, als er in diesem gerade das Gegentheil von dem findet, was er erwartet hatte! Sarastro ist zwar ein mächtiger und glänzender König, aber diese Macht und dieser Glanz sind nicht auf den Ruin der Unterthanen, nicht auf den Schweiß und das Blut seines Volkes, sondern auf die beste Regierungsform gegründet, daher ihn auch seine Unterthanen innig lieben, und unter seinem weisen Scepter höchst glücklich sind. Er erscheint auf einem von wilden Thieren gezogenen Triumphwagen; anzudeuten, daß gesetzgebende Weisheit die natürliche Rohheit des Menschen mildert, und daß ihr die ganze Welt mit Freuden sich unterwirft. Statt den Tamino, wie dieser glaubte, feindselig zu behandeln, kommt ihm Sarastro mit Liebe entgegen; sagt ihm, daß er von der Königinn der Nacht betrogen, offenbar in sein Unglück rennen würde, wenn er Willens wäre, den Versuch zur Ausführung seines Vorsatzes zu wagen, und biethet ihm freywillig an, ihn in den Tempel der Ehre und Glückseligkeit zu führen, wenn er ihm folgen wollte. Tamino, gerührt von der Güte des trefflichen Alten, überzeugt von der Wahrheit seiner Äußerungen, überläßt sich nun mit ganzer Seele dem Sarastro; besonders da ihm dieser feyerlich verspricht, ihm die holde Pamina zur Ehe zu geben. Sarastro beruft nun seine Priester zusammen, um ihnen vorzutragen, daß er den Tamino werth halte, in den Tempel der Ehre und des Glückes aufgenommen zu werden, und läßt sie darüber stimmen. Auch diese halten ihn einstimmig dessen würdig; ihre Verhandlungen darüber drücken sie durch weit schallende Sprachröhre aus, zum Zeichen, daß sie an den ganzen Erdboden gerichtet sind. Auch erleuchten die Priester bey der Aufnahme des Tamino die grausenvollsten Örter mit Fackeln, anzudeuten, daß endlich auch die Fackel der Aufklärung in die finstersten Gegenden des Weltalls dringe. Ehe aber Tamino wirklich in den Tempel des Glückes gelangen kann, muß er sich alle die mühseligen Vorbereitungen gefallen lassen, welchen ein jeder Eingeweihte sich unterwerfen mußte. Hierher gehört, das ihm auferlegte Schweigen, das Verweilen an grausenvollen Örtern, und endlich die fürchterliche Probe des Feuers und des Wassers. Alles das besteht Tamino, überzeugt von der Güte des alten Sarastro, mit dem standhaftesten Muthe, und wird endlich mit seiner Pamina in den Tempel des Glücks aufgenommen, wo sie seine Gattinn wird. Sein Begleiter Papageno, der Anfangs, so lange das Abenteuer recht nach Wunsche ging, gutes Muths, und selbst prahlerisch war, ist im Grunde ein schwacher und roher Mensch, der, so gern er auch glücklich seyn möchte, doch jede Anstrengung und Schwierigkeit haßt, und besonders sich nicht gern etwas versagt. Während Tamino geduldig alle auferlegten Proben aushält, denkt er nur auf seine plumpen Vergnügungen, Fressen und Saufen. Er sieht indeß bald ein, daß alles dieß doch nicht wahrhaft glücklich macht, und will daher, seines Lebens satt und furchtsam vor kommenden Gefahren, sich aufhängen. Zur rechten Zeit wird er jedoch noch durch die guten Genien eines Bessern belehrt, und gibt, wie wohl immer höchst ungern, dem alten Weibchen (der Gleichheit, als der ältesten Eigenschaft des menschlichen Geschlechtes) seine Hand, das sich nun wieder in ein holdes Mädchen verjüngt, und den Papageno glücklich macht. Das Auszeichnende an Papageno ist: schöne Federn über den ganzen Leib, wegen seiner Eitelkeit. Die Hirtenpfeife bezeichnet seine Rohheit, und das Glockenspiel, (wornach alles tanzen muß, als eine Wirkung des Reichthums) gleicht dem Schalle des Goldes, das in den Händen der Reichen circulirt. Monastatos (die Emigranten) sucht auf alle Weise, dem Glücke des Tamino Hindernisse in den Weg zu legen, durch List und Trug, auch durch Gewalt; so daß er am Ende die Pamina gar tödten will. Aber Sarastro straft ihn dafür. Noch einmahl rafft er seine letzten Kräfte, um mit der Königinn der Nacht einen Sturm auf den Tempel des Glückes zu wagen; aber er wird mit ihr auf ewig in den Abgrund gestürzt, nachdem er vorher feyerlich geschworen hat, daß er mit seiner Geliebten und ihm an Schwärze gleichenden Königinn stets verbunden bleiben wolle. Die wilden Thiere, die auf die süßen Töne der Flöte ihre Wildheit auf einige Zeit ablegen, sind Löwen, Wappen der Niederlande; Leoparden, England; Adler, Österreich, Rußland und Preußen. Die übrigen bedeuten die kleinern Staaten. Mancher wird sich vielleicht wundern, wie es möglich ist, daß eine Verbindung, oder vielmehr Verschwörung so lange unentdeckt blieb, die von dem außerordentlichen Umfange war, und über so weitläufige Länder sich ausdehnte. Doch wenn man die Art und Weise kennen lernt, wie die furchtbare Kette an einander hing, so begreift man es bald. Sehr lange dauerte es, ehe einer, der erst aufgenommen war, einen andern der Verbindung kennen lernte, als denjenigen, welcher ihn aufgenommen, und so auch jenen, welchen er selbst wiederum angeworben hatte. Die Bekanntschaft unter einander war nicht wechselseitig. Nur die, welche an der Spitze der Verschwörung standen, übersahen die ganze Kette. Die untersten im Range hingegen, konnten nicht weit sehen. Daher kommt es auch, daß die Entdeckungen so langsam und allmählig geschehen und daß manche, die vor einem Jahre schon hätten flüchten können, ganz ruhig auf ihrem Posten blieben, in der Überzeugung, daß man sie nicht der Finsterniß entreißen könnte, in welche sie sich hüllten. Man setze nun noch hinzu, daß sehr oft diejenigen, welche den Auftrag bekamen, sie zu entdecken, zu den Häuptern gehörten. und man wird sich gar nicht mehr wundern, wie sie sich verborgen halten konnten. So war zum Beyspiel ganz kürzlich einer der ersten Polizeybeamten in Lemberg entlarvt, und nach Wien geführt. Schließlich muß ich noch anmerken, daß das Volk noch ganz und gar keinen Theil genommen hat, an diesen Verräthereyen und Verschwörungen. Im Gegentheile äußert es seinen lebhaften Unwillen darüber.« 46. Begegnungen mit Friedrich v. der Trenck; Josephs Antwortschreiben an ihn. Nicht lange nach seinem, man kann wohl sagen, beyspiellosen Magdeburger-Gefängniß, befand sich dieser an Körper und Geist gleich staunenswerthe Kraftmann und Abenteurer in Wien, an seinen nicht weniger als 63 Prozessen zu laboriren. Im 2. Bande seiner Lebensgeschichte erzählt er: Ich ging einst in Wien nach meiner Krankheit auf dem Walle spazieren. Die Frühlingsluft, der heitere Himmel, erfüllten meine Seele mit Empfindung der edeln Freyheit; eine gewisse Art der Freude, die ich Niemand schildern kann! Die Lerche trillerte ihr Morgenlied, und mein Herz pochte schnell mit jedem Pulsschlage. Das wallende Blut rollte schnell in meinen Adern – kurz gesagt! in diesem Augenblicke empfand ich, daß ich ein Mensch war. Nun begegne mir, was immer noch geschehen kann, dacht ich bey mir selbst; wenn nur meine Füße, mein Wille, mein Herz nicht gefesselt sind, und wenn ich nur die Sonne als ein freyer Mensch sehen, oder so wie diese Lerche sich willkührlich von der Erde entfernen kann, wo unserer Freyheit Netze gestellt werden. Hier dankte ich Gott mit gerührter Seele, beschloß, von Wien zu entfliehen, und mir einen Winkel zu suchen, wo die Tugend keine Fürstenmacht noch Verläumder und Machtsprüche zu fürchten hat. Kam ich in große Gesellschaft, so betäubte mich alles Geschwätz, und die vielen Lichter wirkten so lebhaft auf meine Augennerven, daß ich mit Kopfschmerzen und Eckel schwermüthig nach Hause ging. Nun ereignete sich die Gelegenheit zufällig, daß ich meinen Zweck erreichen konnte. Der Feldmarschall Loudon reisete nach Aachen, um daselbst die Bäder zu brauchen. Diesen Mann hatte ich allezeit verehrt, auch persönlich geliebt, da er noch Pandurenhauptmann bey meines Vetters Regiment war. Er nahm Abschied von der Oberhofmeisterinn Gräfinn Paar. Ich kam dazu; gleich darauf trat die Monarchinn in das Zimmer; man sprach von Loudons Reise, und sie sagte mir: Trenk! Ihnen wäre das Bad in Aachen auch nothwendig, um ihre Gesundheit herzustellen. Gleich war ich bereit, folgte ihm in ein paar Tagen nach, und begleitete ihn sodann bis dahin, wo wir gegen 3 Monathe blieben. Wir waren daselbst Beyde seltsame Geschöpfe. Ihn wollte Jedermann wegen seines großen Kriegsglückes, mich aber wegen meines überstandenen großen Unglückes kennen lernen. – Die Gesellschaft dieses ehrwürdigen Mannes war eine Erquickung für meine mißvergnügte Seele. Er kannte Wien so gut, als ich aus geprüfter Erfahrung, und hatte durch Großmuth und Standhaftigkeit seine Feinde besiegt; sein Schicksal also seinem eigenen Betragen zu danken. Die Lebensart in Aachen und Spaa gefiel mir, wo Menschen aus allen Ländern auftreten; und auch regierende Fürsten, um nicht allein zu bleiben, mit Menschen von allerhand Ständen und Gattung Umgang suchen müssen. Ich fand daselbst in einem Tage mehr Freunde, mehr Achtung, mehr Vergnügen, als ich in meinem ganzen Leben in Wien gefunden habe. Kaum war ich 4 Wochen daselbst, so ließ mir die Oberhofmeisterinn Gräfinn Paar, welche bis zum Grabe meine Freundinn und Beschützerinn war, schreiben – daß Ihre Majestät die Kaiserinn gesorgt hätten, und mich glücklich machen würden, sobald ich nach Wien zurück käme. Ich forschte durch Kundschafter, worin dieses Glück bestehen sollte, konnte aber nichts entdecken, hoffte also Alles von meiner Monarchinn, die mein Schicksal kannte. Indessen starb der Kaiser Franz in Innsbruck. – Dies beschleunigte die Rückreise des Generals Loudon, und ich folgte ihm auf dem Fuße nach Wien. Gleich ging ich zur Gräfinn Paar, und durch sie erhielt ich in wenig Tagen eine Audienz. Die Monarchinn betrachtete mich mit gnädigen Blicken und redete mich mit folgenden Worten an – – Trenk! ich will ihm zeigen, daß ich Wort halte; ich habe für sein Glück gesorgt, ich will ihm eine reiche, sehr vernünftige Frau geben. Gnädigste Souveraininn! war meine Antwort, ich kann mich nie entschließen zu heirathen. – Und wenn es je geschehen sollte, so habe ich bereits in Aachen gewählt! – Wie? hat er schon eine Frau? – Nein, Ew. Majestät, noch nicht. – – Ist er versprochen? – Ja, Ew. Majestät. – Das hat nichts zu bedeuten; Ich will Alles ausmachen; denn Ich habe ihm die reiche Wittib des Herrn von N. N. bestimmt, die mit meiner Wahl zufrieden ist. Ein gescheidtes Weib, und sie hat 50,000 fl. Einkünfte. Er braucht eben eine solche Frau, um ruhig zu leben. Ich erschrack, der liebenswürdige Gegenstand war eine 63jährige alte Bethschwester, ein Weib, das ich genau kannte, das im höchsten Grade vom Geize beseßen, und dabey dumm und zänkisch war. – Ich erschrack und antwortete: – Ich muß Ew. Majestät die Wahrheit sagen – diese möchte ich nicht, und wenn sie alle Schätze der Erde besäße. – Ich will nicht unglücklich, sondern glücklich seyn. – In Aachen habe ich gewählt, und mein Ehrenwort gegeben, und ich will auch ein ehrlicher Mann bleiben. – Hiermit hatte die Audienz eine Ende. Die erzürnte Monarchinn, die es wirklich gut meinte, sagte mir mit einer gewissen Verachtung: Sein Eigensinn verursacht all' sein Unglück; folg er seinem Kopf; Ich wünsch ihm Glück – Hiermit ward ich abgefertigt und sah mein Urtheil für ewig gefällt. Wenn ich jemahls durch ein altes Weib mein Glück hätte machen wollen, so konnte dieses schon im Jahre 1750 in Holland mit drey Millionen geschehen. Es war also dieses Anerbiethen ein trauriger Ersatz für meine flavonischen Güter, auch erlittenen anderweiten Verlust und Drangsale. Noch weit unmöglicher war ein solcher Entschluß, da ich in Aachen wirklich verliebt war; da mir Vernunft, eigenes Wohl, Geschmack, Schönheit und ein edler Character dahin wirkten, um im Ehestande glücklich zu seyn. Versprochen war ich damahls noch nicht mit meiner gegenwärtigen Frau, es war aber bereits im Herzen beschlossen, daß ich nach Aachen zurückkehren, und meinen ernsthaften Gegenstand erst näher wollte kennen lernen. Der Feldmarschall Loudon, der sie kannte, hat viel dazu beygetragen. Er kannte mein Herz, auch meine feurigen Entschließungen. Er wußte, daß ich eine heimliche Rache im Busen trug, und leicht in neue Verwicklungen gerathen könnte. Er rieth mir; und Professor Gellert, mein Freund, den ich in Leipzig besuchte und befragte, rieth mir es auch – daß ich meinen, zu großen Unternehmungen fähigen Leidenschaften durch einen vernünftigen Ehestand ein Gebiß anlegen; mir allein Ruhe suchen und mich von allen Geschäften der großen Welt entfernen sollte. Ich folgte diesem Rathe, welcher mit meinen Wünschen übereinstimmte; kehrte im December 1765 nach Aachen zurück, und verehelichte mich mit der jüngsten Tochter des ehemahligen daselbst regierenden Bürgermeisters de Brüe zu Diepenbendt. Er war bereits todt, und hatte ehedem von eigenen Mitteln in Brüssel gelebt, wo auch meine Frau geboren und erzogen ist; wurde auch in Aachen auf eine besondere Art durch Liebe der Bürgerschaft gezwungen, dieses Ehrenamt anzunehmen. Er stammte aus einem alten adeligen Geschlechte in der Grafschaft Artois in Flandern, und seine bey Aachen begüterten Vorfahren hatten, ich weiß nicht, aus was für Ursachen das reichsritterliche Diplom von Wien erhalten. Die Mutter meiner Frau war eine Schwester des Vicekanzlers in Düsseldorf, Baron Roberts, Herrn zu Roland. Man weiß in Wien nicht, daß nach den Fundamentalgesetzen ehemahls in Aachen einer von den zwey regierenden Bürgermeistern allezeit ein guter alter Edelmann seyn mußte; der andere ward aus dem Bürgerstande gewählt. Mein Schwiegervater blieb also Edelmann, wie er es zuvor war, ehe er aus Gefälligkeit die Bürgermeistersstelle annahm. Und folglich dürfen meine Kinder ihren Geburtsrechten gemäß, sich ihrer Mutter nicht schämen, und können in allen Fällen ihre Ahnen aufweisen. Meine Frau ist mit mir im größten Theile Europens bekannt und hat sich überall den rühmlichsten Beifall erworben. Sie war dabey jung und schön, tugendhaft und redlich. Sie hat mir eilf Kinder gegeben, wovon noch 8 leben, auch alle mit eigenen Brüsten gesäugt und rühmlich erzogen. Gott gebe, daß ich sie versorgen kann, wie sie es verdient und wie ichs verpflichtet bin! denn durch meine Verfolgung hat sie während unsers 22jährigen Ehestandes viel mitgelitten. In meinem letzten kurzen Aufenthalte in Wien wagte ich einen neuen Schritt; ich suchte eine Audienz bey unserm gegenwärtigen Kaiser Joseph; sprach von meinem Schicksale, besonders von den gründlichen Kenntnissen, die ich mir von den Mängeln seiner Staaten erworben hatte; fand Aufmerksamkeit und einen Monarchen, der sich unterrichten wollte, um sein Volk glücklich zu machen; erhielt Befehl, ihm meine Gedanken schriftlich aufzusetzen. Dies geschah in 19 ganzen Bogen trockenem Deutsch, worin ich jedem Gegenstande im Civil-, Militär- und öconomischen Fache seinen rechten Namen gab. Dürfte ich diese Schrift jemahls dem öffentlichen Drucke übergeben; sie würde mir gewiß Ehre machen, auch erweisen, daß der Monarch sie nicht unbenützt gelassen, und viele wichtige Entwürfe aus derselben wirklich bewerkstelliget wurden. Indessen bis ich dieses vielleicht bekannt machen darf, lese man den fünften Band meiner sämmtlichen gedruckten Schriften. In diesen hab ich einen Theil meiner damahligen Gedanken verwebt, und so vorgetragen, daß man das übrige errathen kann. Der Monarch nahm diese Schrift gnädig auf, ich bath bloß, sie geheim zu halten, weil ich in derselben Männer mit Nahmen genannt hatte, die mich von neuem unglücklich machen könnten. Auch das, was mir selbst in diesen Ländern begegnet war, und ich in diesen Blättern nur dunkel und mit möglichster Enthaltsamkeit angebracht habe, übergab ich höchstdemselben mit den gründlichsten Beweisen, in Hoffnung bey neu aufgehender Staatssonne mehr Licht für mein Recht zu finden. Alles ward gnädig aufgenommen; blieb jedoch bisher für mich ohne Wirkung; ich aber eilte damahls nach Aachen. Im ersten Jahre begegnete mir nichts besonderes. Ich lebte ruhig; und da mein Haus ein Sammelplatz aller großen und umgangswürdigen Fremden war, welche die Bäder daselbst zu brauchen hinreisen, so fing ich an, bekannter in der großen Welt zu werden, und machte mir überall Freunde der edelsten auch erhabensten Gattung; besuchte auch den Professor Gellert aus Leipzig; zeigte ihm meine Manuscripte und fragte ihn um Rath; in welchem Fache ich mit Beyfall in der gelehrten Welt aufzutreten wagen dürfe. Er wählte vorzüglich meine Fabeln und Erzählungen, tadelte aber die übertriebene höchst gefährliche Freymüthigkeit in meinen Staatsschriften. Ich bin ihm nicht gefolgt, und habe deßhalb viele Verdrießlichkeiten erdulden müssen. Nun gebar mir im Dezember 1766 meine Frau ihren ersten Sohn. Hier nahm ich Gelegenheit und schrieb folgenden Brief nach Wien an den jungen Monarchen, unsern gegenwärtig mit Ruhm herrschenden Kaiser. Dieser Brief ist im achten Bande meiner Schriften, unter dem Titel Belisarius an den Kaiser Justinian in verdeckter Gestalt zu finden, und bereits in dem zweyten Bande meines Menschenfreundes abgedruckt worden. – Der kurze Auszug desselben ist dieser: »Ich habe hier in Aachen mit Ew. Majestät Vorwissen eine Frau genommen; und heute hat sie mir einen Sohn geboren, dem ich in der Taufe den Nahmen Joseph gegeben habe. Der hiesige kaiserl. Kämmerer und Oberst Baron Rippenda vertrat Ew. Majestät Stelle; es ist geschehen, ohne Dero gnädigste Bewilligung hierzu erbethen zu haben; meine Eigenliebe schmeichelt mir aber, daß ich dieselbe von einem Monarchen erwarten darf, der mein Herz und Schicksal kennt, und von dem ich durch mein Betragen eine günstigere Zukunft, Lohn, Schutz und Achtung zu erwarten habe. Ich werde diesen Sohn für Ew. Majestät Staaten erziehen; und ihn lieber Gift mit der Muttermilch trinken, als die Grundsätze seines Vaters entbehren lassen. Gnädigster Kaiser! er heißt dessenungeachtet nicht Joseph nach Wiener Gebrauch; denn so lange ich lebe, bedarf er nichts. Wenn ich aber sterbe, so heißt er Joseph, um seinem Monarchen zu sagen, daß er der Sohn und rechtmässige Erbe der beyden Trenck sey, deren große Güter in Slavonien durch offenbare Ungerechtigkeit in fremde Hände gerathen sind. Gnädigster Herr, den ich als künftigen Schutzgott des Erben meines Schicksals verehre! Erfreuen mich Ew. Majestät mit einer huldreichen Aufnahme dieses neuen Weltbürgers, und lassen mich zugleich bemerken, ob ich meine patriotischen Schriften und Staatspflichten noch ferner Dero scharfsinnigen Beurtheilung vorlegen darf? Meine Wiener Feinde werden mir zwar täglich gefährlicher, ich stütze mich aber auf Höchstdero Gerechtigkeit und bin in allen möglichen Fällen des Glückes Ew. Majestät allerunterthänigster und treuer Patriot Trenck .« Auf diesen Brief erhielt ich nun folgende Antwort, die ich aus erheblichen Ursachen hier bekannt mache, weil sie eigenhändig geschrieben war und in meinen Händen ist. »Lieber Oberstwachtmeister Baron Trenck! Ich nehme in Gnaden auf, daß Sie obwohl ohne mich vorher darum zu fragen, ihrem Sohn den Nahmen Joseph beygelegt, auch den Obersten Rippenda gewählt haben, um bey der Taufe meine Stelle zu vertreten. Zu einem Merkmahle meiner Ihnen künftig zuwenden wollenden besten Gesinnung mache ich Ihnen hiermit zu wissen, daß auch ihre Gage künftig nicht in Wien, sondern in Brüssel zu beziehen, aus erheblichen Ursachen angewiesen habe. Ihre patriotischen und mir wohlgefälligen Schriften können Sie fortsetzen, und mir einschicken, weil ich die Wahrheit allezeit gern lese, lieber wird es mir aber seyn, wenn ich sie in natürlicher Gestalt, als in satyrischer Einkleidung lesen kann. Ich bin Ihr Joseph.«     Bis hernach erhielt ich Befehl, mit Sr. Majestät Cabinetssecretär, Baron Röder, in Correspondenz zu bleiben. Anhang. 1. Zum Titelbildchen . Gleich beym Eintritt in den Augarten durch das Hauptgebäude biethet sich dem Auge, wenn man rechts blickt, ein kleines ebenerdiges Haus dar, welches jetzt ziemlich verdeckt ist. Dieß kleine Haus hatte sich Kaiser Joseph erbaut, um daselbst die Sommermonathe zuzubringen und ruhiger arbeiten zu können. Es war mit einem niedlichen Gärtchen umgeben, in welchem der Bewohner gern viele Rosen sah. Hier suchten ihn auch mehrere ausgezeichnete Reisende auf, so der russische Großfürst Paul, das Jahr darauf der Papst. Zwey Denksteine berichten dieß durch folgende Inschriften: a) x. Decembris 1781.– Advenientes Magni Russiarum Duces Paulus et Maria Principes Würtembergicos Suos Parentes, Fratrem, Sororem hoc in loco amplexi sunt. – Josephus II. Augustus hospites amice suscepit, mutuos amplexus vidit, sensit, aeternae memoriae in lapide consecravit. b) Aeternae Memoriae 18. Mai. 1782. Josephus II. Augusti gratus Hospes Pius VI. Pont. max. ex hoc loco populo undique confluenti benedixit. 2. Eigenhändiges Schreiben Maria Theresias an den Feldmarschall Grafen v. Neipperg. Diese höchst merkwürdige Zuschrift, welche wir erst nach der Hand aufgefunden, fügen wir hier dem Artikel XXXIV im 2. Bändchen (S. 384): » Joseph in Windeln beim Reichstag « bey. Ohne Datum ist sie vom Ende August 1741, kurz bevor die Kaiserinn die Reise nach Preßburg angetreten. Lieber Graf Neipperg! Es könnte wohl einige Gefahr für die hiesige Residenz sich ereignen. Wie viel an ihrer Erhaltung uns sowohl als der Monarchie liegt, brauche Ihm nicht vorzustellen. Hoffe zwar zu Gott, daß es nicht dazu kommen werde, wann es aber geschehe, so haben Wir beyde unser Vertrauen allein in seine so lange Kriegsexperienz , und thun Ihm von nun an für selbe Zeit die Stadt anvertrauen mit uneingeschränktem pouvoir , daß er sowohl im Militärischen als Politischen ohne weitere Nachfrage alles verordne, wie er es am besten finden wird. Dessentwegen Ich vor zwey Tagen diesen Aufsatz von de Böhm anverlangt, der sehr weitläufig und klar alles anmerket, auch diese Tabellen vom Fürst Lichtenstein anbegehrt, mit welchen beyden noch weiter die Sachen zu concertiren, wie auch mit Managetta , der schweigen kann, und sehr activ ist. Denn wegen der Vivres und andere Polizeyanstalten wird man ihn sehr nöthig brauchen. Es muß freylich so viel möglich dem Publico nicht einige Gefahr kund gemacht werden; doch aber bey einem so geschwinden Feind alle precautions zu nehmen wären. Wir verlassen Uns nach Gottes Beystand vollkommen auf ihn , und sind ganz ruhig, ein so wichtiges Werk in seine Hände zu geben, und verbleibe allezeit seine gnädige Frau Maria Theresia. 3. Anecdotischs, Kaiser Joseph betreffend. nähmlich einzelne Züge, Bonmots, kürzere Denkwürdigkeiten, sämmtlich weniger oder nicht bekannt, ist in ziemlicher Anzahl in den 8 Bänden von Gräffers vermischten Original-Wiener-Skizzen enthalten. Indem wir uns erlauben, auf selbe, denen sowohl im Lande selbst, als in der fernsten Fremde so gut als einhelliger Beyfall zu Theil geworden, auch dießfalls aufmerksam zu machen, bemerken wir, daß dasjenige, was nicht zugleich die Aufschrift: Novelle, Genrebild u. dergl. und also außer dem Titel des Artikels gar keine weitere Characteristik hat, als rein thatsächlich zu betrachten sey. – Die kleinen Memoiren sind Band I–III; die Dosenstücke Band IV und V; Kurzweil ist Band VI; Localfresken und Tabletten sind Band VII und VIII. Unmittelbar Josephinische Artikel befinden sich in I, 204; II, 36, 88; III, 95, 251; IV, 36, 73, 220, 250; V, 8, 87, 274; VII, 146, 232, 299; VIII, 125, 266, 333, 334. Über die Josephinische Periode und deren markante Individualitäten enthalten jene vermischten Wiener-Skizzen zahlreiche Artikel. Zum Beyspiel: Alchymisten, I, 90; II, 136; V. 94; – Alringer, I, 58; II, 71; III, 207 – Angelo Soliman, I, 146; VIII, 313 – Arnstein Fanny I, 248; III, 247 – Augarten I, 203; III, 247 – Ayrenhoff, I, 55, III, 247; IV, 275 – Birkenstock, IV, 59 – Blumauer I, 60, I; 81; III. 146, 207; V, 276; VIII, 125 – Born, II, 89; IV, 50 – Bretschneider, II, 1, 71 – Cagliostro III, 88; VI, 211; VII, 250 – Casanova, I, 21, VIII, 142 – Casti, I, 146; IV, 73 – Denis, II, 176; III, 207 – Dianagesellschaft, IV, 267 – Flugschriften, VII, 111 – Glacis, V, 149; VIII, 34 – Greiner, III, 207 – Grossing, IV, 36 – Haschka, I, 58; II, 71; III, 207 – Hetze, II, 114, 162; III, 83 – Jesuiten, VIII, 318 – Kaunitz, I, 204; II, 107, 134; IV, 73; V. 49 – Kempelen IV, 8; VII, 205 – Lascy, VIII, 200 – Loudon, I, 207; III, 200 – Lessing, III, 224 – Ligne, de, II, 65, 74, 271; III, 73, 140; VIII, 43 – Metastasio, I, 171; IV, 73, 209 – Mozart, I, 224, 227; III, 21; IV, 29, 32, 73 – Paradis, IV, 231, VII, 40 – Perinet, I, 115; VIII, 271 – Pezzl, II, 237 – Platzel, IV, 46 – Quarin, II 103 – Ratschky, I, 57; III, 207; VIII, 33 – Rautenstrauch, I, 60; II, 97; VIII, 316 – Retzer, I, 85; II, 194; III. 207 – Sonnenfels, II, 59, 73; III, 112, 225 Die erste datenausgestattete Biographie dieses großen Mannes befindet sich im 1. Theile des jüdischen Plutarch, Wien 1848. – Swieten, I. 96; II, 51; III, 10; VII, 276 – Stoll, II, 239; IV, 73; V, 173; VII, 155; – Stubenmädchen, V, 161, VII, 21, VIII, 341 – Szekely, VII, 98 – Theresia, II, 51, 104; III, 47, 95, 219, 228, 243; IV, 71; VIII, 330 – Trenck, II, 94; III, 249 – Weiskern, VII, 135 – Winckelmann, III, 160 – Zeitschriften, II, 102; V, 224; VI, 296. Viertes Bändchen. In derselben Handlung ist ferner zu haben: Francisceische Curiosa; oder ganz besondere Denkwürdigkeiten aus der Lebens- und Regierungs-Periode des Kaisers Franz II. (I.) Inhalt: Die erste Vermählung; Costum, Ceremonien \&c. – Die Jacobiner-Verschwörung in Oesterreich. – Ursprung und Sachverhalt des Volksliedes: »Gott erhalte Franz den Kaiser!« – Der Bernadotte'sche Auflauf in Wien 1798. – General Lindenau. – Die Reiterstatuen des Oheims und des Großvaters. – Andreas Hofer im Parterre des Kärnthnerthor-Theaters. – Kolbielsky, der geniale, vielkundige und vielseitige Abentheurer. – Zwey Briefe Ludwigs XVIII. an Gentz. – Des Kaisers Privatbibliothek und der Hofrath Young. – Ein Tyroler-Brief an Kaiser Franz. – Das Monument des bürgerlichen Gesetzbuches. – Die Heimkehr und ihre Feyer. 1814. – Viel Kopfbrechens um einen Titel. – Don Miguel an Kaiser Franz, und Dieser an Jenen, nach des Kaisers schwerer Krankheit. – Vision (1826). – Denkmünze auf des Kaisers Genesung. – Beschreibung der Apartements des Kaisers Franz in der Wiener Hofburg. – Zur Geschichte der Todeskrankheit des Herzogs von Reichsstadt. – Eine höchst merkwürdige Reliquie: Napoleons Feldbecher, mit der Abbildung.     47. Hofrath Dorn; die Monachologie; Cardinal Migazzi, und der Kaiser. Ignaz v. Born war einer der markantesten, werkthätigsten, verdienstvollsten und unvergänglichsten Männer der Josephinischen Zeit, vom Kaiser sehr geschätzt, ausgezeichnet, und als Freund behandelt, nachdem schon Maria Theresia seine Vorzüge zu würdigen gewußt. Born war ein mehr oder weniger encyklopädischer Gelehrter, hatte die europäischen Sprachen fest inne, und besaß gediegenen Humor, Swift-Lichtenbergische Laune, von welcher weniger seine Satyre: Die Staatsperücke, als seine Monachologie ( Specimen Monachologiae methodo Linnaeana ) zeugt, eine Schrift, die stets zu den famosesten Producten des menschlichen Geistes gehöret, bey deren Beurtheilung man aber gut thun wird, die damahlige geistliche Reformtendenz und den Umstand vor Augen zu halten, daß der moralische Character der Mönche sich seitdem bedeutend zu ihrem Vortheil geändert habe. Eine gedrängte Übersicht von Borns Leben und Wirken schicken wir voraus. Es ist nachstehende aus einem vaterländischen Lexicon Österreichische National-Encyklopädie. : »Ignaz Edler v. Born, geb. den 26. December 1742 zu Carlsburg in Siebenbürgen, erlernte die Elementarkenntnisse in Hermannstadt . Nachdem er in Wien Humaniora und Philosophie studirt hatte, trat er in die Gesellschaft Jesu, verließ sie aber wieder, und begab sich nach Prag , wo er die juristischen Vorlesungen hörte. Nach Vollendung seines academischen Cursus bereiste er Deutschland, Holland, die Niederlande und Frankreich, und als er wieder in sein Vaterland zurückgekommen war, weihte er sich ausschließend dem Studium der Mineralogie, Naturlehre und der Bergwerkswissenschaften. Er wurde 1770 Beysitzer in dem obersten Münz- und Bergmeisteramte zu Prag , und unternahm in demselben Jahre eine mineralogische Reise nach Niederungarn, Siebenbürgen und Krain. Die scharfsinnigen Resultate dieser Reise enthalten seine an den berühmten Mineralogen J. J. Ferber geschriebenen und von diesem herausgegebenen reichhaltigen Briefe über mineralogische Gegenstände, Frankfurt und Leipzig, 1774, mit Kpfn. von Raspe , ins Englische (London 1777), zu Venedig ins Italienische (1778), und von Monnet ins Französische (1780) übersetzt. Nachdem er Nic. Podà's Beschreibung der bey dem Bergbau zu Schemnitz in Niederungarn errichteten Maschinen (Prag 1771)herausgegeben hatte, erschien sein nach Cronstadt geordnetes, viele neue Mineralien enthaltendes: Lithophylacium Bornianum s. index fossilium, quae collegit, in classes et ordines degessit Ign. de B., Prag, 1772–75, 2 Bde., und schon damahls rechneten es sich die Academien zu Stockholm , Siena , Padua und London zur Ehre, ihn unter ihre Mitglieder zu zählen. Obgleich Naturforschung immer seine Hauptbeschäftigung blieb, so nahm er doch auch an andern literarischen Unternehmungen Antheil, und förderte ihr Gedeihen. Die (von Pelzel und Andern herausgegebenen) Abbildungen böhm. und mähr. Gelehrter und Künstler nebst kurzen Nachrichten von ihrem Leben und Wirken, Prag, 4 Thle. die Acta literaria Bohemiae et Moraviae und die Abhandlungen einer Privatgesellschaft in Böhmen zur Aufnahme der Mathematik, der vaterländischen Geschichte, und der Naturgeschichte. Prag, 1775–84, 6 Thle., würden vielleicht ohne ihn nicht vorhanden seyn. Die letztere Gesellschaft dankte ihm ihre Stiftung, und er bereicherte die Schriften derselben, deren Herausgeber er war, mit vielen gehaltvollen Aufsätzen. Eine Folge dieser ausgezeichneten Verdienste war es, daß ihn die Kaiserinn Maria Theresia 1776 nach Wien berief, um das k. k. Naturaliencabinet neu zu ordnen. Er entsprach nicht nur diesem Befehle, sondern erwarb sich zugleich ein neues Verdienst um die Naturkunde durch Herausgabe des Index rerum naturalium Musei Caesar. Vindob., Testacea, Wien, 1778, neu gedruckt und prächtig ausgestattet, unter dem Titel: Testacea Musei Caesar. Vindob. quae jussu Mariae Theresiae deposuit et descr. Ign. a Born, . eb. 1780, mit 18 Kupf. Die Kaiserinn ernannte ihn 1779 zum wirkl. Hofrath bey der Hofkammer im Münz- und Bergwesen, und da er jetzt seinen beständigen Aufenthalt in Wien hatte, so sammelte er auch hier die verdienstvollsten Männer um sich, z. B. in der von ihm gestifteten Loge zur wahren Eintracht, und benutzte unter andern seine Verbindungen zu wissenschaftlichen Zwecken, und durch die unter seiner wirksamsten Theilnahme erschienenen: Physikalischen Arbeiten der einträchtigen Freunde in Wien; Wien, 2 Jahrgänge oder 7 Quartale, 1783–91. Durch alle Welttheile aber erscholl seines Nahmens Ruhm als Verbesserer der Amalgamation, oder des Anquickens der, edlere Metalle haltenden Mineralien, die er 1784 nach Besiegung zahlloser Schwierigkeiten, und nach einer Menge gelungener Versuche glücklich zu Stande brachte. In dieser Hinsicht schrieb er: Über das Anquicken der gold- und silberhaltigen Erze, Rohsteine, Schwarzkupfer und Hüttenspeise, Wien, 1786, mit 21 Kupf., auch französisch übersetzt. Der Kaiser, welcher die neue Amalgamations-Methode, die Anfangs vielen Widerspruch fand, in allen seinen Erbstaaten einführte, und die sich von da nach Sachsen, Schweden, bis nach Mexico verbreitete, bewilligte dem Erfinder auf 10 Jahre den 3. Theil der Summe, welche durch diese Einrichtung an den Kosten der gewöhnlichen Schmelzarbeit erspart wurde, und auf die folgenden 10 die Zinsen von ebenfalls dem 3. Theil der ersparten Summe. Ein neues Verdienst erwarb sich B. durch die mit dem Berghauptmann von Trebra gemeinschaftlich besorgte Herausgabe des wichtigen Werkes: Bergbaukunde, Leipzig, 2 Bde., 1789, und durch die Bearbeitung des Catalogue méthodique et raisonné de la collection des fossiles de Mad. Eléonore de Raab. 2 Bde. Wien, 1790, deutsch unter des Verfassers Aufsicht 1790, der in der Mineralogie zu den classischen Arbeiten gezählt wird. An der Vollendung mehrerer anderer Erfindungen und literarischen Arbeiten hinderte ihn seine anhaltende Kränklichkeit, und die empfindlichsten Körperschmerzen, die er mit bewunderungswürdiger Geduld ertrug, bis der Tod am 24. July 1791 sein Leben endigte. Anonym war von B. erschienen: Die Staatsperücke, Wien, 1772 (Satyre). Viel Aufsehen machte sein satyrisches Werk: Physiophili specimen etc. Wien, 1783; deutsch, eb. 1783; das Original vermehrt: Physiophili opuscula, Augsburg, 1784. Auch englisch und französisch übersetzt; deutsch mehrmahls nachgedruckt.« Die Monachologie, diese unübertreffliche, ja unerreichbare Satyre auf den Geist, die Tendenz und Einrichtung der Mönchsorden, könnten wir, da sie nicht eben voluminos ist, wohl ganz hier einschalten; wir glauben jedoch, es werde genügen, außer der Einleitung, dem Plan und der allgemeinen Characteristik des Mönches nur einige der Artikel selbst wieder zu geben. Und so möge sich denn Männiglich an dem Folgenden ergetzen! »Monachologie nach Linné'scher Methode; oder Naturgeschichte des Mönchthums. Einleitung . – Mutter Natur machet nicht nur keinen Sprung, sondern sie beobachtet, warum? das weiß ich nicht, in allen ihren schöpferischen Bewegungen die gewissenhafteste Regelmäßigkeit, und Einförmigkeit. Liegt zwischen zwey Provinzen ihres Reiches die unbedeutendste Vertiefung, so rufet sie, um nur den Fuß nicht höher heben zu müssen, eine ganz neue Art von Wesen aus dem Nichts hervor, um dann auf dieser Brücke ins angränzende Ländchen hinüber zu kommen. Faulheit hat nie Rosen gebracht, und so ging's auch dießmal: Um von dem Affengeschlechte ins Reich der Menschheit hinüber zu kommen, wurde eine fatale Brücke geschlagen, Mönchthum genannt. In früheren Zeiten, da das Studium der Naturgeschichte noch in ihrer Kindheit war, zählte man die Mönche zu den Menschen. Ungefähr im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts wurden zwischen Menschen und Mönchen die auffallendsten Verschiedenheiten entdeckt, und die Naturforscher, nicht so bedachtsam einherwandelnd, wie die Natur, fingen nun einstimmig an, den Mönchen ihren Platz bey dem Geschlechte der Affen anzuweisen. Wieder zu viel! die Wahrheit steht meistens in der Mitte; auch hier traf es so zu. Uns war es vorbehalten, den Mönchen ihren eigenthümlichen Platz zwischen Menschen und Affen anzuweisen. Um uns dieser Eigenmächtigkeit wegen zu rechtfertigen, haben wir einige Mönchsorden naturhistorisch zergliedert, und aus dieser Zergliederung wirst du lieber Leser! ganz deutlich erkennen, daß die Mönche weder Menschen, noch Thiere sind. Plan zur Abfassung einer vollständigen Naturgeschichte des Mönchthums. – Das Geschlecht der Mönche ist in drei Familien abzutheilen: In Fleisch -, Fisch - und Früchte fräßige Mönche. Die Kennzeichen der Gattungen sind vom Kopfe, den Füssen, dem Hintern, der Kaputze, und der Tracht abzuleiten. Der Kopf ist entweder haarig, oder borstig, oder geschoren; die Haarhalbrunde, die Krone, je nachdem sie haarig oder geschnittelt ist; das Kinn, je nachdem es bartig oder bartlos ist, macht eine Aenderung. Die Füsse, je nachdem sie beschuhet, halbbeschuhet, bloß sind. Die Kaputze, je nachdem sie drehbar oder weit, oder beweglich; und dann zugespitzt, trichterartig, herzförmig, kurz, verlängt, stutz- oder langzipflig ist, u. s. f. Der Hintere, oder After, je nachdem er nackt, halbbedeckt, ganz bedeckt ist. Die Tracht. Das Kleid und die Kutte; dabei bemerke man des Tuches Gattung, Farbe, und ob das Kleid weit, oder eng ist. Das Scapulier, oder Flügelkleid, ob es weit oder eng, hängend oder festgebunden, abgestutzt, oder weitschweifig sey. Der Kragen: ist er dem Rocke angenäht? weit? steif? oder gar keiner? Der Schild, oder Kaputzenanhang von vorne und Hinten, und seine Gestalt. Der Ärmel, ob er gleichlaufend, zugeschnitten, weit, sackförmig ist. Der Mantel: ist er lang? kurz? gefaltet? gleichhängend? Die Unterkleider: Das Hemd, der Brustlatz u. s. f. Die Gürtel, ob sie breit, rund, ledern, wollen, knöpflicht ist? u. s. f. Ferner bemerke man: das Geschrey oder den Ton, ob er wohlklingend oder widrig; singend oder bethend; gurgelnd oder schnuselnd; schreyend oder murmelnd; weinerlich oder fröhlich; grunzend oder bellend ist? u. s. w. Den Gang: ob er schleppend, eilig, träg, oder schwermüthig ist, u. s. f. Die Beschaffenheit des ganzen Mönchs: ob er streng oder üppig; grobleibig oder mager, ernst oder leichtsinnig; eingezogen oder ein Heuchler ist? Die Sitten: die Zeit des Geschreyes, des Stillschweigens, die Probezeit und Beschäftigung. Speis und Trank, den Geruch, den Wohnort, die Verwandlungen. Die Zwittergattungen, z. B. ein nordländischer Servit. Die Verschiedenheit unter verschiedenen Himmelsstrichen. Dazu füge man die Geschichte der Gattung; des Ursprungs; der Aufhebung, und des Unterschieds des Geschlechtes. Der Mönch überhaupt. – Der Mönch ist ein menschenartiges, bekuttetes, zu Nachts heulendes, durstiges Thier. Des Mönchs Körper ist zweyfüssig, gerade; der Rücken krumm gebogen, der Kopf vorgesenkt; er ist immer bekapuzet, und allenthalben bekleidet, mit der Ausnahme einiger Gattungen, derer Kopf, Füße, Hintern und Hände bloß sind; übrigens ein geitziges, stinkendes, unflätiges, dürstelndes, träges Thier, das lieber Hunger, als Arbeit ertragen will. Beim Auf- und Niedergange der Sonne, vorzüglich aber bey Nacht, sammeln sich die Mönche; da schreyt einer, und die andern schreyen nach. Auf den Glockenklang laufen alle zusammen. Immer fast gehen sie paarweise. Sie kleiden sich in Wolle; leben vom Raub und Wucher; prahlen: die Welt sey nur um ihretwillen erschaffen worden; halten Winkelversammlungen; gehen keine Ehen ein; setzen ihre Kinder aus; wüthen gegen ihre eigene Gattung, und fallen den Feind hinterlistig an. Das andere Geschlecht unterscheidet sich kaum vom männlichen, außer, daß sein Kopf immer überzogen ist; doch ist die Mönchinn säuberlicher, nicht so dürstelnd; hält das Haus rein, und geht niemahls heraus. Noch jung, hascht sie, ein spielendes Kind, nach allem, gäffelt überall herum, nickt den Männern ihren Gruß zu. Erwachsen und alternd wird sie bissig und boshaft; schwellt im Zorne die Mundangeln gähnend weit auf; die Mönchinnen antworten auf den Ruf; Ave! auf erhaltene Erlaubniß plaudern sie durcheinander, auf den Klang der Glocke reißt das Gespräch, und sie verstummen. Der Mensch redet, vernünftelt, will. Der Mönch, zu Zeiten stumm, hat weder Urtheilskraft, noch Willen: Nur die Willkühr regiert ihn. Des Menschen Haupt steht aufrecht: Menschen ward ein erhabenes Haupt, und den Himmel zu schauen, Und ihr Aug' empor zu den Sternen zu richten befohlen; des Mönchs Kopf ist vorgebeugt, mit zur Erde niedergesenkten Augen. Der Mensch sucht im Schweiße des Angesichts sein Brot; der Mönch wird im Müssiggange gefüttert. Der Mensch wohnt unter Menschen; der Mönch sucht die Einsamkeit, und verbirgt sich lichtscheu. Woraus denn klar ist: daß der Mönch ein Geschlecht Säugthiere sey, das von Menschen unterschieden ist, ein Mittelding zwischen Menschen und Affen, und diesem noch näher, als von dem er nur kaum noch durch Stimme und Speise absteht. Das häßlichste im Thierreich Der Aff, wie ähnlich ist er euch! Der Nutzen des Mönches Daseyns ist: den Raum zu füllen, und zu fressen da. Der Dominicanermönch. – Der Dominicanermönch ist unbärtig, der Kopf geschoren; haarig die Krone, breit, ungetrennt, die Füsse beschuhet; der Hintere behoset; die Kutte wollen, gewebt, weiß, mit einem drey Finger breiten Riemen gegürtet; die Kaputze drehbar, gegen den Nacken höckerig, mit einer schooßförmigen Randvertiefung; gegen die Spitze zu stumpf gestutzt. Der Kapuzenanhang oder der Schild auf der Brust zugerundet, auf dem Rücken zugespitzt. mit einer Längennaht, die diese beyden Schilde theilt. Die Ärmel gleichweit übergeschlagen; der Kragen weiß, kaum sichtbar: das fette Kinn, und des Nackens Schmeervordrang geht darüber hinaus, und in den Körperrumpf über. Geht er aus, so ist sein Anzug ein langer, schwarzwollener Mantel, Kaputze, Brust, und Rückenschild ist schwarz, und bedeckt den Unterbauch; die Unterkleider größtentheils weiß, der Brustlatzärmel eng, vor dem weiteren hervorragend. Die Laienbrüder sind mantellos, legen die Kaputze, und das schwarze Scapulier nie ab. Die Beschaffenheit des Dominicanermönchs ist die eines Gleißners, ein wollüstiger Gang, treuloses Gesicht. Er brüllt um Mitternacht mit widerlicher, rauher Stimme. Hat überaus feinen Geruch; wittert Wein und Ketzerey von weitem; hungert immer der Vielfraß. Die Jünger werden durch Hunger geprüft; die Ältern legen alle Sorge und Beschäftigung ab, thun sich gute Tage auf, nähren sich mit Saftspeisen, liegen gemächlich, ruhen sanft, schlafen lang in den Tag, und daß kraft so einer Schweinsdiät, all ihr Fraß Schmeer ansetze, und ihnen der Speck wachse. Darum trabt meistens ein schnaubender Collossalwanst vor ihnen her; je größer sein Bauch, je höher wird er geschätzt. Anstreiter der heiligen Jungfrauschaft, wälzen sie sich in aller Geilheit herum. Ist dem Menschengeschlechte, und der gesunden Vernunft, eine grundverderbliche Gattung, bey deren Schöpfung der Urheber der Natur nicht sprach: Es ist gut; spürt aus der Ferne auf den Raub herum, läuft auf die Angabe von andern zusammen, bringt ihn durch Mühe und List in die Klauen, und treibt ihn vor sich her zum flammigen Scheiterhaufen: indeß steht rund herum die Krone der Mönche, alle schnaubend nach Blut und Tod, hohnlacht über die Martern der elenden Beute, klatscht sich schrecklichen Gejauchzes, und fürchterlichen Gebrülls, sein Frohlocken zu, und theilet unter sich den Raub aus. Der grausamste sagt man, sey der Großinquisitor: schon sein Anblick tödtet. Die bösesten giebts in Spanien, Portugall und dem mittägigen Amerika. Jedoch auch die hierländischen sind nicht frey vom Gifte, und werden in einen heissen Himmelsstrich versetzt, tödtlich. Bunthäutig, bald weiß, bald schwarz gekleidet, wollte sie die Natur, daß sie, alle unsicher, von allen gefürchtet würden. Um dem Uebermaße ihrer Wuth zu steuern, gab der wohlthätige Schöpfer dem Menschengeschlechte Regenten, diese Gattung entweder auszurotten, oder durch Beschwörungen unschädlich zu machen. Die Dominicanermönchinn hat, außer des schwarzen Schleiers, und reinerer Sitten, kein Unterscheidungszeichen vom Männlein. Der Dominicanermönch lebt nach den Gesetzen Dominiks, eines Spaniers, der, der Erste, mit Gutheissen päbstlicher Heiligkeit, gegen das Menschengeschlecht mit Feuer gewüthet, und, daß es nicht an Verbreitern dieser heillosen Wuth fehlen sollte, im dreizehnten Jahrhunderte einen Mönchsorden gestiftet hat, der mit Feuer und Schwert seine Lehre predigt. Das Sinnbild: ein wüthiger Hund, trägt eine Fackel vor sich her, dräut mit Foltern, Scheiterhaufen, und Tod. Der Camaldulensermönch. – Der Camaldulensermönch ist bartig; der Bart hangt auf die Brust vor; der Kopf ist geschoren, borstig, die Krone nach dem Striche geschnittelt; der Hintern behoset; die Füsse beschuhet, die Schuhsohle hölzern; die Kutte weiß, tuchen, grob, bis auf die Füsse schlagend; die Kaputze weit, und gerundet; die Ärmel von gleicher Weite; das Scapulier von der Länge der Kutte, mit einem weissen, tuchenen Gürtel gebunden; der Kragen steif, der Kutte angenäht; der Mantel weiß, weit, und wickelt den ganzen Körper ein bis auf die Füsse hinunter; eine wollene Weste statt des Hemds, öfters mit einem dornigen Cilicium, das ihm den Rücken zerkratzt, versehen. Die Beschaffenheit des Camaldulensermönchs ist streng, sein Gang gesetzt. Er singt rottenweis siebenmal des Tags, und um Mitternacht, mit gurgelnder, tiefer, langsamer Stimme. Er schweigt zu Hause; vertieft sich in Betrachtungen, wie sie's nennen: lebt müssig dahin; läßt sich wunderselten sehn. Seine Nahrung ist: Fische, Eyer, Erdgewächse; zur Fastenzeit Hülsenfrüchte, und Mehlspeisen in Öhl; den Durst löscht er sich mit Wein. Legt, wenn er vor Leute geht, die Sandalien (Holzschuhe) ab, und Schuhe an. Die Laienbrüder gürten sich mit Riemen. Das Weiblein unterscheidet sich von der Mannsgattung nur durch den Kopfsüberthan (Kopftuch). Hält sich in Waldgebürgen auf. Die Camaldulenser stehen unter der Regel Benedicts, nach der Vorschrift eines gewissen Romualdus, der geträumt, als stiegen Mönche in weissen Kutten gekleidet auf einer Leiter gen Himmel, und, durch dieß Gesicht bekehrt, das schwarze Benediktinerkleid, mit Genehmigung des Himmels, in ein weisses verwandelt hat. Diese Gattung ward in dem Gebiethe der österreichischen Monarchie im Jahre 1782 ausgerottet. Capuzinermönch. – Der Capuzinermönch ist ums Kinn, die Wangen und Oberlippe bärtig; der Kopf geschoren, die Krone haarig, am Vorderkopfe getheilt; die Füsse halbbeschuht; After und Hals nackt; die Kutte braun, tuchen, allenthalben abgeschabene Tuchstücke eingesetzt, mit zwey Bauchfalten. Die Kaputze schiebbar, verlängt, zugespitzt, gegen das Ende abgestutzt, Trichterförmig; gleichlaufende weite Ärmel, die die haarigen Arme bedecken; kein Scapulier; der Strick leinen, weiß, dreyknöpfig; der Mantel dem After zu abgestumpft; darein werden Rücken, Bauch, und Hände gewickelt. Unterkleider – gar keine. Die Beschaffenheit des Capucinermönchs ist armselig! der Gang träg; das Gesicht wüste, am allerähnlichsten einem Satyr vom Affengeschlechte. Läßt wilden Gestank von sich; verwahret allen Vorrath in den Achselsäcklein; schlägt die Kutte zurück, und entledigt sich seines Unraths und seines Wassers so ohne allen Anstand, wischt sich den After mit seinem Strick ab. Sein Rücken beugt sich sehr leicht, und er wirft sich auf einen Wink des Vorgesetzten zur Erde nieder. Gold und Silber rührt er nicht an, sondern hält eine Läusejagd, die ihn sehr plagen, und die er nicht tödtet, doch balgt er sich mit seinen Mitbrüdern. Ist er zornig, so legt sich seine Wuth, so bald man ihm den Bart streichelt, den er mit gröster Sorgfalt groß zieht. Zu festgesetzten Stunden des Tages, und bey Nacht heult er in schnuffelndem, widrigem Tone. Er frißt und säuft, was ihm vors Maul kömmt; hat öfter Stillschweigen, und denkt kaum etwas. Ist er hungrig, so geht er aus, und bettelt sich sein Essen; sein Bettelein trägt er sich aus Stroh zusammen. Die Capucinermönchinn trägt einen oberhalb schwarzen, unterhalb weissen, immer aber gegen die Stirne zu etwas herzförmigen Schleyer; der Hals ist blos; die Brust mit einem weissen Schweißtuche verschanzt. Der Jüngere trägt Holz, feget den Hausrath, kehret den Mist aus, lecket den Erdboden; und dieß ist ein ganzes Jahr hindurch seine Prüfung, damit es sich zeigte: Wie er zum Esel taugt. Quid valeant, humeri, quid ferre recusent. Die Brüder des dritten Ordens haben den Kopf borstig, und einer Larve gleich, noch keinen ganzen Mönch angezogen, und tragen keine Capuzenkutte. Hält sich in Flecken auf, und hat sich auch schon in die Städte eingedrungen. Ist ein Kind Franzens, von Matthäus Bassi reformirt. Baarfüssiger Augustinermönch. – Der baarfüssige Augustinermönch ist bartlos; sein Kopf geschoren, die Krone ununterbrochen haarig, hat ein schwarzes rundes fünftheiliges Hütchen auf; der Hintern halbbedeckt; der Hals bloß; die Füsse unbeschuht; die Kutte schwarz, tuchen, ziemlich weit, mit schwarzen Riemen, wovon ein überflüssiges Stück vom Nabel bis unter die Knie hinabhängt, um die Lenden herum zusammengezwängt, das Hängekleid wandelbar, kurz, herzförmig, die Kaputze vorne zugerundet, rückwärts aber in einen spitzen Winkel zusammengepreßt, die Ärmel gleichlaufend, bey der Vorhand übergeschlagen; der Mantel schwarz, dehnt sich bis auf die Hüfte hinab; das Hemd wollen. Die Beschaffenheit des baarfüsser Augustinermönchs ist schwächlich, das Gesicht trunkenboldisch, der Gang wakelnd. Singt zuweilen unter Tags, und um Mitternacht in melodischem hohem Tone; unter Tags schleppt er sich zwischen Müssiggang und Rausch herum. Der Wiener verwahret das mit Spezereyen balsamirte Eingeweide der Fürsten. Ist ein Fleischfresser; wird von unlöschbarem Durste geplagt: allein, wasserscheu, kann er kein Gewässer leiden, will er aber den brennenden Durst, der den Armseligen peinigt, mit Wein stillen, so wächst ein neuer Durst. Im Weine begraben, träumt er vom Weine. Wenn der Rebstock Äuglein setzt, singt er munterer. Vom Weine, den er etwas reichlich trinkt, ist sein Kitzel erschlafft. Nonnenklöster von dieser Gattung sind daher selten, und in dem traubenreichen Deutschland gar keins. Hält sich in Städten und Dörfern bey Wäldern auf. Steht unter der Regel Augustins, die ein gewisser Thomas, ein Portugiese, ins bessere, oder bösere? refomirt hat, im sechzehnten Jahrhundert. Beschuhter Carmelitermönch. Der beschuhte Carmelitermönch ist unbärtig, der Kopf geschoren; die Krone unterbrochen haarig; die Füsse beschuht; der Hintern behoset; die Kutte braun, tuchen; der Überhang weit, breit; die Kaputze vorwärts kurz, zugerundet, rückwärts dreyeckig, stößt mit der Spitze an den Hintern; der Kragen tuchen, braun; die Ärmel gleichlaufend, weit, der Riemen schwarz, beym Nabel unterm Scapulier geschloßen; der Mantel weiß, wollen, mit der Kutte gleichlaufend, sammt einem geräumigern Überhange, und einer vor und rückwärts weißen Kaputze, bedeckt alle Zugehör der untern Kutte; das Hemd leinen, die Weste tuchen. Die Beschaffenheit des beschuhten Carmelitermönchs ist starkleibicht, das Gesicht munter, die Stirne unverschämt, die Schultern breit, der Gang fest. Seine Weide ist Fleisch. Schreyt zu Tags und bey Nacht mit rauher Stimme. Raufsüchtig und wohllüstig sucht er Schlägereyen und Händel, immer gerüstet mit jedem Mönche seiner Gattung anzubinden. Im Zorn ihm entgegen zu gehen, ist gefährlich. Aber auch nächtliche Händel, und Kämpfe der Venus liebt er. Mit den grösten Zeugegliedern, besonders in Frankreich, begabt, thut er Weibern leichtlich Gewalt an. Die Mönchinn der folgenden Gattung ist auch diesem Carmeliten zu Dienste. Hält sich in Städten auf. Schreibt seinen Ursprung vom Berge Carmelus her, und prahlt: er sey ein Sohn des Elias und Elisäus; hat aber von der erhabenen Tugend der Väter so ausgeartet, als je einer! Paulanermönch. – Der Paulanermönch ist unbärtig; der Kopf haarig, auf dem Wirbel eine runde bloße Platte; die Füsse beschuht; der Hintern behoset; die Kutte schwarz, halbtüchen, weit; die Kaputze dreyeckig, beweglich, scheckichtschuppig, steif, tüchen, mit doppelter Zusammennath, so, daß der Kopf, wenn die Kaputze darüber gezogen ist, geharnischt zu seyn scheint; der Kragen schwarz, weiß ausgeschlagen; die Ärmel weit, bey der Vorderhand übergeschlagen, beym Ellenbogen sackicht, ziemlich ungeschickt bis auf die Kniee hinabfallend; das Scapulier breit, untenher zugerundet, vorne bis auf die Kniee, hinten über die Kniee hinabreichend, weitschweifig, schröterförmig; ist auch, wie der Schröterrücken mittelst einer längelangen Nath, beiderseits in zwey gleiche Theile getheilt, und mit einer, vorne den Winkel gegen die Brust, hinten gegen den Hintern gekehrt, dreyeckigen Nath durchschnitten. Der Gürtel wollen, rund, mit einem über den rechten Fuß streifenden fünfknotigten, doppelt geknüpften Stricklein, schließt, bey der linken Brust zusammen gebunden, Kutte und Scapulier an. Das Hemd, der Brustlatz, und die Kutte, die er auch zu Nachts nicht ablegt, dämpfelt nach dem Öhle, das den Körper durchriecht. Die Beschaffenheit des Paulanermönchs ist liederlich, der Gang ungeschickt, schwankend; dampft einen schmerkelnden Geruch aus, der zum Erbrechen reitzt, und Eckel macht, wie verschüttetes Öhl. Nichts ist gräuserlicher als der Wind, den er läßt. Von Läusen, Flöhen, und allen Gattungen Ungeziefers, die das Öhl vertreibt, ist er frey. Singt um Mitternacht mit schreyender Stimme; unter Tags ein schnarchender Faullenzer, ist an ihm Crisam und Taufe verlohren. Verwirft Fleisch, Milchspeisen, und Eyer; nährt sich von Fischen und Erdgewächsen, in Öhl gebaitzt. Dieser seiner stinkenden Küche hilft er in etwas durch Wasservögel, Schwarz- und Weißtäucher, Kriechändten, dann Frösche, Schildkröten u. s. f., die er unter die Fische rechnet, auf. Seine Plage sind: unlöschbarer Durst, und immerwährende Empörung des Fleisches. Ist vielleicht ein Zwitter (Hermaphrodit), denn das andere Geschlecht dieser Gattung hat man noch nicht entdeckt. Die Layenbrüder tragen zum Abzeichen ein vorne längeres, hinten kürzeres Scapulier. Hält sich in Städten und Flecken auf. Diese Gattung ward in Calabrien, dem Vaterlande des Öhls, vom Franz von Paula gezeuget, bey deren Geburt Papst Alexander der VI. im 15. Jahrhunderte Hebammenstelle vertrat. Daß dieser Franz, durch und durch mit Öhl getränkt, auf dem Wasser daher geschwommen, pausen sie als ein Wunder aus; allein wer weiß es nicht, daß Öhl über dem Wasser schwimmt?« Hiermit schließen wir den Auszug der berühmten, in vielen andern Augen jedoch berüchtigten Monachologie oder Naturgeschichte (richtiger: Naturbeschreibung) des Mönchthums. Daß dieses Buch bey der Geistlichkeit überhaupt ein ungeheures Ärgerniß hervorbrachte, liegt auf der Hand. Der Zorn aber stieg, als man erfuhr, daß es nicht etwa à la Wucherer insgeheim gedruckt worden, oder im Verkauf beschränkt sey, sondern daß die Censur, selbst nach eigener Anfrage beym Kaiser den öffentlichen Verschleiß förmlich gestattet habe. Die ehrwürdigen Väter machten ihre Gegenschritte, und der Cardinal Migazzi both Alles auf, das Buch zu unterdrücken. Er verfaßte unter Anderm eine ausführliche Vorstellung an den Kaiser. Folgendes ist ein Auszug: »Allergnädigster Herr! Ich müßte zu weitläufig seyn, wenn ich Ew. Majestät alle die Lobsprüche anführen wollte, womit erlauchte und fromme Väter zu allen Zeiten die Regularorden beehrt und anempfohlen haben. Cyprian nennt die heiligen Jungfrauen eine Blüthe der kirchlichen Pflanzen, eine Zierde der Gnade des heiligen Geistes, und den edlern Theil der christlichen Heerde. Gregor von Nazianz, wenn er für Mönche redet, gibt ihnen das Zeugniß, das sie mit dem Eifer ihres Gebeths, und mit dem Verdienste ihrer Tugenden, dem Christenvolke zur Ehre, der Kirche zur Grundveste und Säule, dem Glauben zur Krone, und Allen zur Stütze des Ganzen sind. Hieronymus schreibt: Die Chöre der Mönche und geistlichen Jungfrauen sind gleich einer Blüthe, gleich dem köstlichsten Steine unter den Kirchenzierden.« »Aber niemand erklärt sich stärker und deutlicher, als es Johannes Chrysostomus in seinen Büchern that, die er wider die Bestürmer des Mönchslebens schrieb. Was sich nur von Seite der Vernunft und von Seiten der Religion bündiges auffinden läßt, das alles hat der beredte Bischof den Feinden der Mönche und der Religion entgegengesetzt. Dieses alles übergehe ich mit Stillschweigen.« »Wenn überdieß anderswo und zu verschiedenen Zeiten die Ordensstände reiche Früchte trugen, vorzüglich in Deutschland, und selbst in den weiten Staaten Ew. Majestät; wenn durch sie, selbst in den unseligen Zeiten der Unruhen, das Licht der Offenbarung in dem bessern Theile fortleuchtet; wenn durch sie Wissenschaften und Künste eingeführt und erhalten wurden; wenn wir ihnen größtentheils Bildung, Aufklärung und Religion zu danken haben; was Wunder, wenn Ew. Majestät ruhmwürdigste Ahnen, unsere erhabene Kaiser, die Ordensstände in den Schoos ihrer Kirche liebevoll aufgenommen und mit Gnade geziert haben? Ich habe nicht nöthig, erst ihr gebührendes Lob auszusprechen, da alle Denkmäler der Geschichte, auch ohne mich, für sie das Wort führen. Mir ist es genug, hier anzumerken, daß sie, selbst nach dem einsichtsvollsten Urtheile Ew. Majestät, keine ungerathene Söhne rechtschaffener Väter sind; denn sie haben bisher ihre Bemühungen für das Heil der Seelen also geleistet, daß viele derselben auf die allerhöchste Verordnung Ew. Majestät den Pfarrern als Mitarbeiter zugegeben, und zu einem so wichtigen Geschäfte gänzlich eingeweiht worden sind. Ich sehe mich also sowohl meines heiligen Amtes wegen, als auch um das Aergerniß von allen Gutgesinnten abzulehnen, vor Gott verpflichtet, die mächtige Hülfe Ew. Majestät, zum Schutze so vieler frommen und gelehrten Männer anzuflehen.« »Ew. Majestät sehen es ungezweifelt ein, auf welche Schrift ich besonders zielen wollte: Auf eine Schrift, erhabenster Monarch! in welcher wir so viele handgreifliche Verläumdungen wider Ordensgeistliche, so viele Schmähungen, Unbilden und Lügen in einem rohen, oft schmutzigen, durchaus unverschämten Tone über einander gehäuft lesen, daß wir so was noch nie in einem lutherischen oder kalvinischen Buche gefunden haben. Ja, was noch mehr ist, so finde ich in keinem Buche des heidnischen Alterthums so viele Züge der Schmähung mit schlüpfrigen und unehrbaren Ausdrücken durchwebt, als unsere tolerantesten Katholiken Männern anbinden, die sich der Religion vorzüglich geweiht, und die evangelischen Räthe unsers göttlichen Stifters zur Richtschnur ihres Wandels gewählt haben. Ich müßte mich also selbst für einen Miethling und Verräther des Hirtenamtes, welches mir Gott auftrug, ansehen, wenn ich nicht meine gehorsamste Vorstellung vor Ew. Majestät Thron brächte, und zu Höchstderselben dringend flehte, einer so zügellosen Kühnheit Einhalt zu thun.« »Es ist hier zu thun, erhabenster Monarch, um die Aufrechthaltung der Sittlichkeit, um den Schutz der öffentlichen Ehrbarkeit, um die Rettung des guten Nahmens so vieler Bürger, die zugleich einer der edelsten Theile unserer Kirche sind. Um meinen Nahmen bin ich nicht sehr besorgt; man lasse seine Wuth wider mich los, ich werde es jederzeit mit standhafter Geduld ertragen; denn ich vertraue auf denjenigen, der allen die wahre Stärke gibt: Aber daß man so viele, so fürtreffliche Mitarbeiter in meinem Hirtenamte, die im Weinberge des Herrn den Schweiß des Tages mit mir theilen, ganz wüthend anfällt, und ihren rühmlichen Nahmen so schändlich lästert, dazu, erhabenster Monarch! kann ich nicht schweigen. Ich untersuche nicht, wer der Verfasser dieser Schrift sey; ich untersuche nicht den Ort, wo sie geschmiedet wurde; dieß weiß ich, und es kränkt mich in der Seele, daß so eine Schandschrift allhier verkauft, und begierig aufgesucht und gelesen wird.« »Ich vertraue auf die allgemein bekannte Menschenliebe und Frömmigkeit Ew. Majestät, Höchstdieselben werden nicht zugeben, daß so ein Ehrenraub fernershin feilgebothen, und ein Bild vor aller Augen aufgestellt werde, das nicht ohne Ärgerniß und Sittenverderbniß gesehen werden kann, und Gott geweihte Männer mit eben so falschen als häßlichen Farben mahlt. Ganz ein anderes Bild stellt uns der gelehrte und heilige Gregor von Nazianz auf: Er erbaut sich an ihren Kasteiungen, an durchgewachten Nächten, an frommen Gebethern, an heiligen Thränen. Ihr Gesang, womit sie Gott preisen, ihre heiligen Betrachtungen, womit sie Tage und Nächte zubringen, ihr abgeschnittenes und ungekünsteltes Haar, ihre, nach Art der Apostel, entblößten Füße, ihre Kleidung, die der Weltpracht Vorwürfe macht, Gürtel und Mantel, deren Schmuck in Verachtung des Schmuckes besteht, ihr männlicher Schritt, ihr sittsames Auge, ihr schweigender Mund, waren ihm kein Gegenstand des niederträchtigen Gespöttes, sondern der christlichen Erbauung.« »Obgleich solche Schandschriften das Urtheil der Verdammung an der Stirne tragen, und bey rechtschaffenen Weisen den Triumph der guten Sache bestätigen; so läßt doch jeder Stachel der Schmähung bey dem größern und schwächern Theile Wunden zurück, die nicht leicht geheilet werden. Wenn nun sie auf eine so schändliche Art vor dem Volke heruntergesetzt werden, was für Nutzen kann man sich von der ihnen anvertrauten geistlichen Verwaltung versprechen? Keinen gewiß; denn sie müssen der sichere Gegenstand des Mißtrauens, der Verachtung und der Abneigung, durch eine solche ehrenrührerische Behandlung, bey dem ganzen Publikum werden. Ich vertraue also erstlich zwar auf Gottes Erbarmen, der für die heilige Kirche seines eingebornen Sohnes wachet, dann auch vorzüglich auf die erhabenste Gerechtigkeit Ew. Majestät, daß Allerhöchstdieselben gemäß Ihrer Frömmigkeit, Religion und Menschenliebe, einem Uebel, das täglich weiter um sich greift, die Heilung noch eher zu bereiten geruhen, als wir dessen Unheilbarkeit beklagen müssen.« Dieß der Auszug der Migazzischen Eingabe. Es läßt sich (bemerkt P. P. Wolf, in seiner Geschichte der römischen Kirche) nicht läugnen, daß vorstehende Klagschrift mit vieler Kunst verfasset sey. Aber eben so wenig kann man die Tücke unbemerkt lassen, mit welcher darin das Mönchthum so genau mit der Religion verflochten wird. Der Herr Cardinal sagt zwar mit den Worten sehr verdächtiger Kirchenväter, was die Mönche ehemahls waren; aber er hüthet sich, zu sagen, was sie jetzt seyen. Gregor von Nazianz, der an den Casteyungen, an den durchwachten Nächten, an den heiligen Thränen, an dem Gesange, an dem abgeschnittenen Haare, an Gürtel und Mantel, an dem sittsamen Auge und dem schweigenden Munde der Mönche seiner Zeit so viele Gegenstände der Erbauung sah, würde, wenn er jetzt unter uns lebte, an den heutigen Mönchen vielleicht nichts besseres sehen, als was der Hofrath von Born, und überhaupt alle vorurtheillose Menschen, versteht sich, mit einigen Ausnahmen, an ihnen gesehen haben; nähmlich eine Classe von Halbmenschen, die sich mittelst eines Privilegiums von allen weltbürgerlichen Pflichten frey glauben; die nur dem Privatinteresse einer einzelnen sehr unbürgerlichen Gesellschaft frohnen, bald ihrem Bauche und bald ihrer Leidenschaft dienen, und ganz vorzüglich dazu Geschicklichkeit zu haben scheinen, alle vernünftige Religion, wenn dieß je möglich wäre, unter uns Sterblichen auszurotten. Übrigens scheint der Cardinal nicht so fast das Verboth des bornischen Werkes, als vielmehr eine viel wichtigere Sache beabsichtet zu haben. Zu der Zeit nähmlich, als jenes Werk erschien, hatte bereits der Monarch verschiedene Mönchsorden aus keinem andern Grunde, als weil sie wegen ihres bloß beschaulichen Lebens zum Besten des Nächsten und der bürgerlichen Gesellschaft nichts Sichtbarliches beytragen, aufzuheben angefangen. Wäre es nun unter solchen Umständen dem Cardinale einzig nur um das Verboth einer Schrift zu thun gewesen, worin der Regulargeistlichkeit auf eine allzu unglimpfliche Art gespottet wurde; so hätte es keiner eigentlichen Apologie des gesammten Mönchthums, und am allerwenigsten einer solchen bedurft, wie sie in der Vorstellung des Cardinals enthalten ist. Allein man wollte in der Person des Herrn von Born den Kaiser tadeln, und ihn mittelst einer eben so schwärmerischen als übertriebenen Lobpreisung der Möncherey bey dem leichtgläubigen Volke als einen Störer der Religion verhaßt machen. Aus dieser Ursache wird Mönchthum und Religion immer zusammengestellt, daß der Schwachkopf glauben sollte, das eine könnte ohne dem andern nicht bestehen. Inzwischen blieb das eingeklagte Buch nach wie vor erlaubt. Ohne Zweifel wäre der öffentliche Verkauf desselben untersagt worden, wenn der Inhalt der erzbischöflichen Klagschrift von einer andern Beschaffenheit gewesen wäre. Man hätte das Specimen Monachologiae als eine Schrift, worin mit allzubitterer Satyre das Mönchthum lächerlich gemacht wird, verbiethen können; aber es wäre von Seite der Regierung ein Fehler gegen die Politik gewesen, dem Cardinale zu willfahren, weil es in diesem Falle das Ansehen gehabt hätte, als wäre jene Schrift nicht des darin enthaltenen anstößigen Witzes wegen, sondern in Rücksicht der Verdienste und der Heiligkeit der Mönche verbothen worden. 48. Josephs schwarzer Freund und Königssohn Angelo Soliman. Dieser merkwürdige Genosse der Josephinischen Periode flößt durch seine abenteuerlichen Schicksale, durch die Freundschaft mehrerer Fürsten, durch anderwärtige Beziehungen, z. B. als Schwiegervater des nachmahligen k. k. Hofraths Baron Feuchtersleben und besonders dadurch Interesse ein, daß der Kaiser ihn seines unmittelbaren Schutzes würdig hielt, seinen Umgang liebte und sich selbst an öffentlichen Orten von ihm Gesellschaft leisten ließ, an seinem Arm mit ihm lustwandelnd. Der verständige, sinnreiche, gebildete und unterrichtete Neger war in Wien der Gegenstand allgemeiner Hochachtung und Liebe; dessen ungeachtet besäßen wir vielleicht die Geschichte seines Lebens nicht, hätte der französische Bischof Heinrich Graf Gregoire, der so viele Verdienste um die allmählige Abschaffung der Negersclaverey hatte, ihn nicht seinem schätzbaren Werke: De la littérature des Nègres (Paris 1808) einverleibt. Diese Biographie aber ist nicht von Gregoire selbst, sondern von einer österreichischen Schriftstellerinn, der ehrenwerthen Caroline Pichler verfaßt. Die Daten dazu wurden ihr von einer Wiener Dame geliefert, an welche Gregoire sich gewendet hatte. Wir kommen wohl auf Dieses und Jenes und noch Anderes. Die Gestalt Angelo Solimans, plastisch in seiner natürlichen Haut existirt noch, und zwar im Wiener naturhistorischen Museum, im vierten Stockwerk in einer besondern Localität, nicht Jedermann zugänglich. Sein Lebensabriß also ist dieser: Unter den Negern, welche sich durch höhere Geistesbildung, Kenntnisse, aber noch weit mehr durch moralische Ausbildung und Vortrefflichkeit des Characters auszeichneten, verdient Angelo Soliman, der im Jahre 1796 in Wien starb, gewiß einen der ersten Plätze. Die Schicksale seiner Kindheit und ersten Jugend, welche ihn, den africanischen Königssohn, aus dem Schooße seiner Familie, aus dem Reiche seiner Väter rißen, und bis nach Wien in das Haus der Fürsten von Liechtenstein führten, sind zu merkwürdig, und haben zu viel Einfluß auf seine moralische und intellectuelle Bildung gehabt, um mit Stillschweigen übergangen zu werden. Hier ist das, was seine Freunde noch jetzt nicht ohne innige Theilnahme nach seinen eigenen Erzählungen mitzutheilen wissen. Er war der Sohn eines africanischen Fürsten. Das Land, worin dieser herrschte, hieß Pangusitlang, des Geschlecht, aus dem er stammte, Magni Famori. Außer dem kleinen Mmadi Make (dieß war Angelos vaterländischer Name) hatten seine Altern noch ein jüngeres Kind, ein Mädchen. Er erinnerte sich noch der Ehrfurcht, womit sein Vater behandelt wurde, der großen Anzahl von Dienern, die ihm zu Gebothe stand. Er selbst war, wie alle Fürstenkinder jenes Landes, auf beiden Schenkeln mit einer Art von Schrift bezeichnet, und lange nährte er noch die süße Hoffnung, daß man ihn aufsuchen und an diesen Zeichen erkennen würde. Überhaupt kehrten ihm selbst in späteren Jahren die Erinnerungen an seine Jugend, an seinen ersten Unterricht im Pfeilschießen, worin er bald sein Gefährten übertraf, an manche einfache Sitte Aus Angelo's Erinnerungen scheint hervorzugehen, daß sein Stamm schon einige Cultur hatte. Sein Vater besaß viele Elephanten und selbst einige Pferde, die dort eine Seltenheit sind. Sie hatten keine Münze; aber der Tauschhandel wurde regelmäßig durch öffentliches Ausrufen und Feilbiethen bey ihnen getrieben. Ihre Religion war Gestirndienst. Sie beobachteten die Beschreibung; auch wohnten zwey weiße Familien unter ihnen. und den schönen Himmel seines Vaterlandes mit schmerzlicher Sehnsucht zurück, und er konnte nie ohne tiefe Bewegung die vaterländischen Lieder singen, die sein treffliches Gedächtniß aus jener frühen Zeit ihm treu bewahrt hatte. Von den ewigen Fehden der kleinen Völkerschaften im Binnenlande von Africa, deren Zweck bald Rache, bald Raubsucht, bald die schändlichste Art von Geiz ist, indem der Sieger die erbeuteten Gefangenen auf den nächsten Sclavenmarkt bringt, und dort an die Weißen verhandelt, erzählen alle Reisebeschreibungen. Eine solche brach gegen Mmadi Make's Stamm aus, und so unvermuthet, wie es scheint, daß sein Vater keine Ahnung von der Gefahr hatte. Der siebenjährige Knabe stand bey seiner Mutter Fatuma, die das jüngste Kind an der Brust hielt, als plötzlich ein fürchterliches Getöse, Waffengeklirr und Geheul der Verwundeten die Familie aufschreckten. Mmadi Make's Großvater stürzte voll Entsetzen in die Hütte und rief: »Feinde! Feinde!« Fatuma sprang erschrocken auf; sein Vater eilte sich zu waffnen, und der erschrockene Kleine lief pfeilschnell davon. »Wohin gehst du, Mmad Make?« rief ihm die Mutter nach. »Wohin Gott will, Mutter!« antwortete der Knabe, und noch in späteren Jahren dachte er an den bedeutungsvollen Sinn dieser Worte. Als er in's Freye kam und zurück blickte, sah er seine Mutter nebst mehreren von seines Vaters Leuten unter den Streichen der Feinde sinken. Außer sich vor Entsetzen lehnte er sich nebst noch einem andern Knaben an einen Baum und verdeckte seine Augen mit den Händen. Das Gefecht dauerte fort; endlich wurde er ergriffen und in die Höhe gehoben. Es waren Leute von der feindlichen Parthey, die nun wahrscheinlich schon das Feld behauptet hatten. Doch wollten seine Mitbrüder den Sohn ihres Königs nicht so gutwillig in ihren Händen lassen. Es begann ein Streit um seinen Besitz; man hielt ihn während desselben meist freyschwebend in der Luft. Endlich erlagen die Seinen auch hier, und der siebenjährige Knabe ging, mit welchen Empfindungen ist leicht zu denken, nun ganz in die Hände der Sieger über. Sein Herr vertauschte ihn indessen bald an einen andern Neger um ein schönes Pferd, und dieser führte ihn an einen Ort, wo sie sich einschifften. Hier fand er viele von seinen Landsleuten, alle gefangen wie er, alle wie er zur Knechtschaft bestimmt. Sie erkannten ihn mit Schmerzen, aber es war ihnen unmöglich, etwas für ihn zu thun, da ihnen nicht einmahl der kleine Trost vergönnt war, mit ihm sprechen zu dürfen. Als sie auf diesen kleineren Schiffen das Meeresufer erreicht hatten, sah Mmadi Make mit Erstaunen die großen schwimmenden Häuser. Eines derselben, wahrscheinlich ein Spanisches, nahm ihn nebst seinem neuen Gebiether auf. Nachdem sie einen Sturm überstanden hatten, landeten sie an einer Küste, wo der neue Gebiether ihn zu seiner Mutter zu führen versprach. Mmadi Make war außer sich vor Freuden, aber wie bald schwand die süße Täuschung, als er in das Haus kam, und statt seiner Mutter nur die Frau seines Gebiethers fand, die ihn aber äußerst liebreich aufnahm, ihn liebkosete und mit der größten Zärtlichkeit behandelte, wenn ihr Mann nicht gegenwärtig war. Der Mann gab Mmadi Make den Nahmen Andreas und befahl ihm, die Kamehle zur Weide zu rühren und zu hüthen. Es ist nicht zu bestimmen, von welcher Nation dieser Mann war, noch wie lange der Knabe bei ihm blieb, jetzt, da Angelo längst todt ist und diese Nachrichten größten Theils aus dem Munde seiner Freunde niedergeschrieben sind. Nach einer langen Zeit verkündigte ihm endlich sein Herr, daß er ihn an einen Ort bringen wolle, wo es ihm besser gefallen würde, als hier bei ihm. Mmadi Make freute sich sehr darüber, aber die Frau seines Herrn trennte sich mit Schmerzen von ihm. Sie schifften sich ein, und kamen nach Messina. Hier wurde er in das Haus einer ansehnlichen reichen Dame gebracht, die, wie es schien, schon auf seine Ankunft vorbereitet war. Sie empfing ihn sehr gütig und gab ihm sogleich einen Lehrer, der ihn in der Landessprache unterweisen sollte. Mmadi Make lernte leicht und schnell, sein gutmüthiges Betragen erwarb ihm die Zuneigung aller seiner Hausgenossen, die sehr zahlreich waren und unter welchen er vor allen eine Mohrinn, die man Angelina nannte, wegen ihrer Sanftmuth und ihres freundlichen Betragens auszeichnete. Er wurde gefährlich krank. Die Marquise, seine Gebietherinn, empfand und trug alle Sorge einer Mutter für ihn. Die geschicktesten Ärzte wurden gerufen; sein Bett war von einer Menge Personen umgeben, die auf seinen Wink warteten. Die Marquise selbst wachte manche Nacht bey ihm. Sie hatte längst den Wunsch geäußert, daß er sich taufen lassen möchte, aber Mmadi Make wollte nicht, und so blieb es verschoben, bis er selbst einst in seiner Krankheit, als er sich in der Besserung befand, davon zu reden anfing und getauft zu werden begehrte. Die Marquise, innig erfreut über diesen Entschluß, ließ sogleich alle Anstalten aufs Prächtigste treffen. In einem Saale wurde ein reich gestickter Himmel über einer Art von Prachtbette errichtet; die ganze Familie, alle Freunde des Hauses waren gegenwärtig. Mmadi Make ward auf dieß Bett gelegt und gefragt, wie er getauft werden wolle. Aus Dankbarkeit und Liebe zu jener mohrischen Frau begehrte er Angelo getauft zu werden. Man willfahrte ihm und gab ihm noch überdieß den Zunahmen Soliman, den er künftig immer führte. Diesen Tag seiner Aufnahme ins Christenthum, den 11. September, feierte er dann mit frommem Gefühle jährlich als seinen Geburtstag. Seine Güte, seine Gefälligkeit und sein richtiger Verstand machten ihn Jedermann werth. Die Marquise behandelte ihn wie ein eigenes Kind, und Fürst Lobkowitz, der als kaiserlicher General damahls in Sicilien stand, und oft ins Haus der Marquise kam, fühlte ebenfalls eine innige Neigung gegen den liebenswürdigen Knaben. Er bath die Marquise wiederhohlt, ihm den artigen Pagen zu überlassen. Ihre Liebe zu Angelo stritt lange mit ihrer Klugheit, die ihr rieth, sich dem kaiserlichen General durch dieses Geschenk zu verbinden. Der Fürst ließ nicht nach, in sie zu dringen; und sie wich endlich den Rücksichten, die sie für den Fürsten haben mußte. Sie trennte sich unter vielen Thränen von dem kleinen Neger, und dieser folgte seinem neuen Herrn mit Schmerz. Der Stand des Fürsten erlaubte ihm nicht, lange an einem Orte zu verweilen. Er liebte den jungen Angelo; aber theils diese Lebensweise, theils vielleicht der Geist der damahligen Zeit machte, daß er sich nicht viel um seine eigentliche Erziehung und Ausbildung bekümmerte. Angelo wurde wild und jähzornig, er verlebte seine Tage in Kinderspielen und Müßiggang. Da nahm ein alter Haushofmeister des Fürsten, der trotz dieser Wildheit doch des Knaben gutes Herz und seine trefflichen Anlagen erkannte, sich seiner an, hielt ihm einen Lehrmeister, bei dem Angelo in siebzehn Tagen deutsch schreiben lernte, und die innigste Anhänglichkeit des Knaben und seine schnellen Fortschritte in jeder Art des Unterrichtes, den er empfing, belohnten den guten Alten für seine treue Sorge, und bürgten für die Richtigkeit seines Urtheils über den jungen Neger. So wuchs Angelo im Hause des Fürsten heran, und war sein stäter Begleiter auf Reisen, und selbst in der Schlacht. Freiwillig zog er mit ihm zu Felde, theilte jede Gefahr mit seinem geliebten Herrn, kämpfte heldenmüthig an seiner Seite und trug seinen Gebiether, als dieser verwundet wurde, auf seinen Schultern aus dem Schlachtgetümmel. Angelo zeichnete sich bey diesen Gelegenheiten nicht bloß als ein treuer Diener und Freund, sondern auch als tapferer Krieger und erfahrner Officier aus, obwohl er nie eine militärische Charge begleitete. Er machte mit eigener Hand mehrere Gefangene, er diente dem Fürsten als Galopin , und erwarb sich bey diesem Amte viele Kenntnisse und Einsichten, so daß ihn Feldmarschall Lascy außerordentlich schätzte, ihm eine Compagnie antrug, die sich Angelo aber verbath, und ihm einst in Gegenwart einer Menge Officiere das rühmlichste Zeugniß der Tapferkeit, und zum Beweise seiner Achtung einen schönen türkischen Säbel gab. Sein Gebiether starb endlich, und bestimmte ihn im Testamente dem Fürsten Wenzel Liechtenstein, der ihn längst in seinem Hause zu besitzen gewünscht hatte. Der Fürst befragte Angelo, ob er mit dieser Bestimmung zufrieden sey und zu ihm ziehen wolle? Angelo gab sein Wort, und machte Anstalt zu der neuen Veränderung seiner Lebensweise, als ihn der verstorbene Kaiser Franz hohlen ließ, und ihm unter sehr schmeichelhaften Bedingungen denselben Antrag machte. Aber Angelo war sein Wort heilig, und er blieb bey dem Fürsten von Liechtenstein. Bey diesem sowohl, als bey seinem vorigen Herrn war er der Schutzgeist der Unglücklichen und Bedrängten. Er brachte den Fürsten die Bitten derjenigen vor, die etwas bey ihnen zu suchen hatten. Seine Taschen wurden nie von Memorialien und Bittschriften leer; und so wenig er im Stande war etwas für sich selbst zu erbitten, so willig und glücklich war er in Erfüllung dieser Pflicht für Andere. Auch diesen zweyten Herrn begleitete er auf seinen Reisen nach Parma, Frankfurt u. s. w. In Frankfurt bey der Krönung des Kaisers Joseph zum römischen Könige wagte er einst, auf Geheiß seines Fürsten, bey einer der öffentlich gehaltenen Pharaobanken sein Glück, und gewann in einem Tage zwanzigtausend Gulden. Er both dem Gegner Revange an; aber dieser war so unglücklich, am zweyten Tage von neuem vier und zwanzig tausend Gulden an Angelo zu verlieren. Nun wußte Angelo auf eine feine Art, indem er ihm nochmahl Revange both, dem Bankier die vier und zwanzigtausend Gulden wieder gewinnen zu lassen und erwarb sich dadurch die Achtung Aller, die dem Spiele zusahen, und die Bewunderung des Bankiers, der den folgenden Tag zu ihm kam, ihn umarmte, und seine Großmuth gerührt erkannte. Unverführt von diesem außerordentlichen Glücke, spielte er nie wieder um hohes Geld, und überhaupt meist nur Schach, worin er es zu einer großen Fertigkeit gebracht, und sich den Ruhm eines der ersten Spieler erworben hatte. In seinen spätern Jahren vermählte er sich mit einer verwitweten Frau von Christiani, gebornen Kellermann, die aus den Niederlanden gebürtig war. Der Fürst wußte nicht um diese Verbindung; Angelo mochte gute Ursachen haben, sie vor ihm geheim zu halten, wie es der Erfolg bewies. Kaiser Joseph der Zweyte, der sehr vielen Antheil an Angelo's Schicksalen nahm, und ihn öffentlich auszeichnete, indem er mehr als Ein Mahl auf Spaziergängen sich an seinen Arm hing, verrieth eines Tages, ohne die Folgen zu ahnen, Angelo's Geheimniß an den Fürsten. Dieser ließ ihn alsbald rufen, stellte ihn zur Rede, und als Angelo nicht läugnete, daß er verheirathet sey, kündigte er ihm die Verbannung aus seinem Hause an, und strich ihn gleichfalls aus seinem Testamente aus, worin er ihm bereits den ganzen, ziemlich kostbaren Schmuck zugedacht hatte, den Angelo, wenn er bey feyerlichen Aufzügen seinen Herrn begleitete, zu tragen pflegte. Angelo, der so oft für Andere gebethen hatte, sagte nicht ein Wort für sich. Er verließ das Hans des Fürsten, und bezog ein kleines Haus mit einem Garten in einer stillen Vorstadt, das er längst gekauft, und zum Aufenthalte seiner Gemahlinn hatte einrichten lassen. Hier lebte er still und zufrieden im Genuße des häuslichen Glückes mit ihr. Die sorgfältigste Erziehung seiner einzigen Tochter, der nun ebenfalls verstorbenen Freyinn von Feuchtersleben, die Pflege seines Gartens, der Umgang mit einigen sehr gebildeten vorzüglichen Menschen machten seine Beschäftigung und Erhohlung aus. Beynahe zwey Jahre nach Fürst Wenzels Tode begegnete sein Neffe und Erbe, Fürst Franz von Liechtenstein, ihm auf der Gasse. Er ließ sogleich halten, und rief Angelo in seinen Wagen; er sagte ihm, daß er vollkommen von seiner Schuldlosigkeit überzeugt und gesonnen wäre, die Unbilligkeit seines Oheims wieder gut zu machen. Hiermit setzte er Angelo einen jährlichen Gehalt aus, der zugleich nach seinem Tode die Pension seiner Frau seyn sollte, und bedung sich nur dafür aus, daß Angelo eine Art von Aufsicht über die Erziehung seines Sohnes, des jüngst verstorbenen Fürsten Aloys von Liechtenstein führen sollte. – Angelo kam pünktlich diesem neuen Berufe nach, und besuchte täglich das fürstliche Haus, um über den, seiner Sorge anbefohlenen Prinzen zu wachen. Der Fürst sah endlich ein, daß der weite Weg in üblem Wetter für Angelo sehr beschwerlich seyn mußte, er trug ihm eine Wohnung in seinem Hause an, und so bezog Angelo zum zweyten Mahle, jetzt aber mit seiner Familie, den fürstlichen Pallast. Er lebte still und eingezogen wie vorher, und nur in dem Umgange einiger Freunde und der Wissenschaften, die er mit Lust und Eifer trieb. Geschichte war sein Lieblingsstudium, sein treffliches Gedächtniß unterstützte ihn hierin, und er wußte von allen merkwürdigen Personen und Begebenheiten Nahmen, Jahrzahl, Geburtsjahr u. s. w. anzugeben. Seine Frau kränkelte lange, nur die Sorge ihres Gemahls, der die geschicktesten Ärzte zu Hülfe rief, erhielt sie noch einige Jahre. Sie starb, und von diesem Tage an schränkte Angelo seinen Haushalt strenge ein, sah keine Freunde mehr zu Tische, trank nur Wasser, und suchte seiner Tochter, deren vollendete Erziehung ganz sein Werk war, hierdurch ein Beyspiel und vielleicht einst ein kleines Vermögen zu geben. Er machte späterhin noch einige Reisen, theils in eigenen, theils in fremden Angelegenheiten. Überall, wohin er kam, erinnerte man sich der Gefälligkeiten und Wohlthaten, welche er in seinen frühern Jahren diesem und jenem erwiesen hatte, überall begegnete man ihm mit ausgezeichneter Hochachtung und Liebe. Besonders zeichnete ihn der verstorbene Erzherzog Ferdinand, Gouverneur von Mailand aus, als er auf einer Reise in diese Stadt kam. Er genoß bis in sein höchstes Alter einer ununterbrochenen Gesundheit, und man konnte beynahe keine Spur der Abnahme oder des Alters in seinem Äußerlichen entdecken. Dieß gab zu manchem Mißverständniß und scherzhaften Streite Anlaß, indem es öfters geschah, daß er von Personen, die ihn vor zwanzig oder dreyßig Jahren gesehen hatten, für einen Sohn von sich selbst gehalten, und also behandelt wurde. In seinem siebzigsten Jahre machte endlich ein Schlagfluß seinem Leben auf der Straße ein Ende. Er wurde nach Hause gebracht, aber es war keine Möglichkeit mehr ihn zu erwecken. Er starb den 21. November 1796, betrauert von allen seinen Freunden, denen sein Andenken noch jetzt heilig ist, und die größtentheils nicht ohne Rührung und Thränen seiner gedenken können. Die Achtung aller Redlichen folgte ihm ins Grab. Angelo war von mittlerer Größe, schlank und schön gebaut; seine Züge waren bey Weitem nicht so sehr von unseren Begriffen über Schönheit entfernt, als die Züge der Neger sonst zu seyn pflegen. Eine außerordentliche Gewandtheit in allen körperlichen Übungen gab seiner Haltung und seinen Bewegungen Anmuth und Leichtigkeit. Sein Gedächtniß war vortrefflich; nebst vielen andern gründlichen Kenntnissen sprach er drey Sprachen, Italienisch, Französisch und Deutsch vollkommen geläufig, und las und sprach zur Noth auch Lateinisch, Böhmisch und Englisch. Sein Gemüthscharacter war von Natur nach der Weise seines Vaterlandes aufbrausend und heftig; desto schöner, desto verehrungswürdiger war die stets gleiche Heiterkeit und Sanftmuth seines Betragens, eine Frucht mühsamer Kämpfe und manches Sieges über sich selbst. Nie entschlüpfte ihm, selbst wenn er heftig gereizt wurde, ein unanständiger Ausdruck oder ein Fluch. Er war gottesfürchtig, ohne abergläubisch zu seyn, er beobachtete gewissenhaft alle Vorschriften der Religion, und hielt es nicht unter seiner Würde, seinen Hausgenossen hierin ein Beyspiel zu geben. Sein Wort war ihm unabänderlich heilig, und was er nach reifer Überlegung beschlossen hatte, war durch keine Überredung mehr zu erschüttern. Seine Tracht war immer die vaterländische, eine Art von türkischer weiter Kleidung, meistens blendend weiß, wodurch die glänzende Schwärze seiner Haut noch vortheilhafter erschien. 49. Eines der frechsten Pasquille auf den Kaiser Joseph, ist nicht etwa bloß ein Placat oder ein Flugschriftlein, sondern ein ganzes ziemlich dickes Buch von 262 enggedruckten Octavseiten, welches da heißt: » Der 42jährige Affe . Ein ganz vermaledeites Mährchen. Aus dem Französischen. Berlin 1784.« – Der Eingang der Vorrede (welche die Überschrift hat: Vorrede des Übersetzers –) lautet also: »Seit 1781 – sind wohl tausendmahl viele Buchhändler Deutschlands gequälet worden, das Buch – vom 42jährigen Affen herbeyzuschaffen. Man both 6 auch 12 Ducaten dafür an; allein die erste Auflage ging versiegelt von Haus zu Haus – einen noch viel heimlichern Gang – als Horus Horus, ein gleichsam berüchtigtes Buch: Astrognostisches Endurtheil über die Offenbarung Johannis und über die Weissagungen auf den Messias. Der nicht genannte sehr gelehrte Verfasser ist Chr. E. Wünsch. Das Buch erschien 1783. Es machte großes Aufsehen, und fährt fort, das zu thun. Am häufigsten wird es nach Ungarn begehrt, wie Mirabaud, Helvetius \&c. \&c. – Ein dritter Cavalier, der Reichsritter v. Mösle in Wien, hatte die Keckheit, den Horus nachzudrucken. – Anm. d. Herausg. . Man hat noch einen weit größern Lärm geschlagen – weil es noch weniger zu haben war.« – Mit diesen Worten hat es aber die Bewandtniß, daß sie eitle Mystification sind, ein Kniff, eine Autorspeculation, dabey allenfalls auch der Zweck, sich als lediglicher Übersetzer, der schärfern Verantwortlichkeit zu entziehen, oder wie dem immer seyn möge. Wir versichern nähmlich unsere werthen Leser, daß das Buch erstens keine Übersetzung sey, weil es in keiner andern Sprache existirt hatte, und zweytens, daß der Verfasser ein edler Ritter von Steinsberg war, der sonst noch Mehreres geschrieben, und im Druck herausgegeben hat, z. B. Ob der heil. Johann von Nepomuk jemahls existirt habe?; Briefe aus Berlin; Offenbarungen über Deutschland; Predigtcitiren; Proceß des Grafen Kolowrat; dann Romane und Schauspiele. – Der Druckort: Berlin, ist falsch; das Buch ist zu Prag bey einem andern Ritter, dem v. Schönfeld, gedruckt, und in dessen Verlag erschienen, ein zweytes Mahl 1786 ausgegeben. Der Preis war nicht so und so viele Ducaten, sondern so und so wenige Groschen, nähmlich 30 Kreuzer. In dem vielfach anziehenden Buche: Briefe über den gegenwärtigen Zustand der Literatur in Österreich (von Full), 1788 (Zürich) lesen wir Seite 30: »In Leipzig machte er (der Verleger) gut Glück damit; denn obgleich er nicht in den Meßcatalog gesetzt werden durfte, so gingen doch in weniger als 2 Stunden 1500 Exemplare ab.« Was wir nun thun wollen, besteht darin, daß wir 1) zur Veranschaulichung des Gesichtspunctes dieses Buches die Vorrede wieder geben; 2) einige Capitel ganz oder auszugsweise, und 3) das Inhaltsverzeichniß. In Sonstiges gedenken wir nicht einzugehen; urtheile der Leser selbst. – Also 1) Fortsetzung und Schluß des Vorwortes: Und eben darum wollt' es auch jeder gelesen haben. A Conto des 42jährigen Affen erzählte dieser dieß – jener jenes, und alle diese Erzähler waren darinn eines, daß dieses Buch eine versteckte Satyre auf denjenigen Monarchen seye, – welcher gegenwärtig Europens vorzügliche Aufmerksamkeit verdienet. Der ganze Lärm war, wie ich es voraus sah ein gebährender Berg, der – Wunder ankündigte, und endlich mit einem Mäuslein niederkam. Erlogen war es, daß der Inhalt diesen oder einen andern Monarchen treffe: und das Bruit war wohl nichts mehr und nichts weniger, als ein artiger Kniff – des französischen Verlegers gewesen, der sich unserer löblichen Neigung zu pasquillantischen Schriften bedienen wollte, dieses vermaledeite Mährchen für einen sehr hohen Preis an Mann zu bringen. Man kann ihn nicht besser dafür züchtigen; als wenn man mit einer getreuen Übersetzung seiner Speculation durch die Nase fährt, und das Exemplar im gewöhnlichen Preis verkaufte. Dieses ist auch das einzige Mittel, die Schadenfreude des Neides, der Bigotterie, und des Monachismus, – dieser von jeher erklärten Feinde eines reelen Verdienstes – und folglich jenes Anbetens werthen Monarchens mit einmahl nieder zu werfen, und das Publicum zu überzeugen, daß bis hieher noch kein Pasquillant die Verwegenheit hatte, – sich an der geheiligten Person eines gekrönten Menschenfreundes zu vergreifen, der bloß von Menschenliebe und Weisheit geleitet – auf eigenen Schwingen der Ewigkeit eines wünschenswerthen Ruhms entgegenfliegt. Indessen ist das ganz vermaledeite Mährchen vom 42jährigen Affen an und für sich selbst mit vielem Witz dem menschlichen Verstande und Herzen nahe gelegt, und wenn es nicht von Mercier selbst herrührt, so hat es gewiß einen Mann zum Verfasser, dessen Verdienste nicht geringer sind, als jene des Mercier. Der Gedanke: das Jahr 2440; oder das Gemälde von Paris ist nicht glücklicher als dieser: der 42jährige Affe; – und der Witz im Verfolg der Ausführung desselben, dann die Grundsätze, Autorkunstgriffe und die Ründung der Perioden – kurz, dieses Mährchen sieht seinen übrigen Schriften wie ein Wassertropfen dem andern ähnlich. Indessen mag dieß nun Mercier oder ein anderer Schriftsteller von gleichem Gehalt, wenn auch nicht von eben dem Ruhme geschrieben haben: das Publicum ist ein Richter, das freylich wohl bisweilen, aber doch nicht so oft – wie andere Richter nach der Person desjenigen frägt, – der vor seinem Richterstuhl erscheint. Es bleibt bey Criminalprocessen noch immer zur Schande der Menschheit die erste Frage: wer bist du? – Wenn diese Übersetzung, weil ich doch meinen Mann mit Verläßlichkeit zu stellen außer Stande bin, – nicht in die Hände solcher Richter fällt, so wird dieses Buch gewiß bald eine zwote Auflage erleben, wobey der Übersetzer zu sehr interessirt ist, als daß er sich nicht alle Mühe gegeben haben sollte, das französische Original bey dieser ziemlich kühnen Operation im gleichen Werthe zu erhalten. Ziemlich kühnen sag ich, – weil ich, um Gallicismen auszuweichen, und stets deutsch zu bleiben – manchmahl an dem oder jenem französischen Gedanken selbst etwas ändern mußte. Allein, meine lieben Leser, wißt' ihr auch was ein Mährchen sey? Wenn ihr es wißt, so werdet ihr auch nichts mehr und nichts weniger fordern – als ein Mährchen: – wobey nähmlich weder der Autor noch vielweniger der Übersetzer nicht nur nicht für Wahrheit, sondern auch nur kaum für die poetische Wahrscheinlichkeit Bürge seyn darf. Denn sonst, (wenn Ähnlichkeit der Charactere ersonnener Affen mit wirklichen Originalen euch vielleicht vermuthen ließe, daß dieses Mährchen – mehr als ein Mährchen sey,) so denkt nur, daß die Einbildungskraft des Autors von äußeren Gegenständen geschwängert – nie etwas so eigenes zur Welt bringen kann, das dem Vater, der es zeugte, ganz und gar unähnlich seyn könnte. Indessen, was noch mehr zur Entschuldigung des Autors dient, ist, daß seine Einbildungskraft, die mit einer unbeschreiblichen, ihrem Feuer gemäßen, Geilheit, durch die Aufmerksamkeit, der Gedanken Mutter, viele Eindrücke empfängt, oft mit Kindern, einer öffentlichen Jungfer gleich – niederkommt, ohne selbst Rechenschaft von ihrem eigentlichen Vater geben zu können. Ein solcher Autor ist, wenn er, ohne daran zu denken, mit einem Hieb hundert Narren trifft, eben so sehr zu entschuldigen, als wenn ihr jemand im Traume eine Maulschelle gäbet. Die Narren, welche euch deßhalb einen Proceß machen wollten, würden stillschweigend eingestehen, daß sie die Züchtigung verdienet haben. Auszüge des Textes selbst . 3. Capitel. Der alte Affe räsonirt als Fürst. – Der alte Fürst, der bereits schon seit dreyßig Jahren jede noch so gleichgiltige Erzählung seiner Erfahrungen und täglicher Begebenheiten mit Trojens Zerstörung anzufangen, und seinen Text mit Moral von allen Seiten auszuspicken pflegte, hieng nun, da er von Molla, der Braut seines Sohnes erzählen, und den Kummer seines Herzens mit Beschreibungen ihres Hinscheidens, und wie oft sie röchelnd noch seiner gedacht, nähren sollte, einer Grille nach, einer Meinung, für deren Wahrheit sich in seinem Gehirn tausend Facta an einander reiheten. Ich habe gesagt, sprach der alte Philosoph, daß Mangel an Überzeugung von der Verläßlichkeit der durch die Propheten verheissenen himmlischen Glückseligkeit und der ewigen Höllenpein die hinreichende Ursache der Bosheiten und Lasterthaten sey. Aus diesem Grunde wäre es dann löblich, einen Befehl zu geben, daß jedermann, der sich unserer Gnade getrösten wolle, auf diese geoffenbarten Wahrheiten völligen Glauben setzen müsse. Der blinde Glaube tritt oft an die Stelle der Überzeugung, und so sehr sich auch jede Religion von der wahren, von der natürlichen durch Aufhäufung der Wunder entfernt, so brauchbar ist sie für Regenten und Priester, die beyde nur einen Zweck haben, nähmlich den Willen ihrer Untergebenen unumschränkt zu beherrschen. Die Berliner Academisten, welche ihre Versammlungen über den Ställen der Maulesel halten, und daher zuweilen von unten hinauf inspirirt zu werden pflegen, haben zum Vortheil ihrer Miteinwohner, der Maulesel, sehr wohl behauptet, daß Unterdrückung der Kenntniße und Wissenschaften dem menschlichen Geschlechte und den monarchischen Regierungen insbesondere ersprießlich sey. Man muß diese Weisheit bewundern: denn sie ist leicht mit Erfahrungen beyzulegen. Ein Pferd, daß vielleicht mehr Verstand als ein Esel besitzt, ist schwerer der Nase nach fortzutreiben: und viel leichter ein Ochse, der sich nicht einmahl seiner spitzen Hörner bewußt ist. Wenn Füchse Hörner hätten, so würden sie vielen andern Geschöpfen gefährlich seyn. Der Affe und der Mensch, die so nahe mitsammen verwandt sind, – sind ihrer Natur nach viel klüger als Füchse, allein ihren Verstand ausbilden und verfeinern, heißt, ihnen Hörner aufsetzen. Also ist es schädlich und gefährlich, die alten Vorurtheile auszurotten und die Wissenschaften in Aufnahme zu bringen; also ist es nützlich, eine Verordnung ergehen zu lassen, kraft deren jeder bey Verlust seiner Güter und seines Lebens zum blinden und folglich festen Glauben auf die Höllenpein und himmlischen Lohn angehalten werden muß. Brida . Molla, sagen sie, mein Vater, sey todt? Der Alte . Ja, glauben müssen die Affen, und zwar blind glauben, wenn sie glücklich seyn wollen. Brida . Das ist mir sehr gleichgültig, mein Vater: nur Molla sollte bey Leben geblieben seyn, und ich wollte all' des Jammers vergessen, den mir ihre Abwesenheit noch mehr als die Gesellschaft der Menschen unerträglich macht. Der Alte . Laß mich nicht vergessen Brida, die dogmatische Verordnung zur Ehre der Berlin'schen Academie zu verfassen. Mein Secretär Primora, an dem ein ganzer Prophet verdorben ist, welcher nähmlich die Gabe hat, so viel schöne Dinge auf viele Bogen hübsch auseinander gezogen und dergestallt zu schreiben, daß kein Geschöpf von fünf gesunden Sinnen daraus klug werden oder etwas verstehen kann, schon recht! der Secretär Primora soll diese Verordnung componiren, damit ich sie Morgen noch vor Sonnenuntergang mit eigener Hand unterzeichnen kann. Wenn dir noch einige Dogmate einfallen, mein Sohn, die zur Erleichterung der politischen Regierung unentbehrlich sind, so vergiß nicht den Secretär daran zu erinnern. Den wahren Geistlichen wirds schon recht seyn, daß ich ihre Glaubensartikel vermehre: denn je mehr Glaubensartikel eine Religion enthält, desto weiter gehen die Bäuche der Priester auseinander, und müssen nun schon einmahl die Affen so viel ungereimtes Zeug, das man den Hunden nicht vorwerfen möchte, glauben, mögen sie auch noch die wenigen meiner glücklichen Einfälle in die Antiquitätskammer ihres Glaubens werfen. Verstand dürfen die Affen nicht haben, lieber Sohn und Thronfolger, denn sonst lassen sie sich von ihren gnädigsten Fürsten, so wahr ich lebe, die Felle nicht über die Ohren ziehen. Brida kannte seinen Vater. So lange er als Privatmann sprach, war kein Moralist ihm gleich gekommen. Er wußte Weisheit und Tugend auszukramen, die an Glanz und Wahrheit alles, was noch darüber unter den Affen geschrieben wurde, übertraf, sobald er aber erwachte, und sich seiner fürstlichen Macht erinnerte, war Er, von Eitelkeit, Stolz und Interesse mißleitet, der einfältigste aller Affen. Brida hörte ihn an, ohne ihn zu vernehmen. Seine Augen waren zwar an ihn gerichtet, allein seine Seele war ganz von dem Bilde seiner verlornen Molla erfüllt. 8. Capitel. Der Prinz wird erzogen, gefangen und geprügelt. – Es wird Ihro Gnaden bekannt seyn, so fing Prinz Brida seine Erzählung an, daß Ihro Majestät mein Herr Vater, der beßte und großmüthigste Affe von der Welt sey. Er hat keinen andern Fehler, als daß er gar keinen haben will, und er weis alles bis auf die große, ihm stets unbekannt gebliebene Wahrheit, daß derjenige ein großer Weise sey, der da wisse, daß er nichts weis. Dieses eingebildete Allwissen und die Zuversicht in seine fehlerfreye Denkungsart, sind die einzigen Ursachen, warum Ihro Hoheit mein Herr Vater zuweilen wie das Buch der Weisheit selbst und zuweilen wie ein toller Affe spricht. Der ganze Kram seines königlichen Gedächtnisses ist mit Compilationen und auswendig gelernten Maximen und Sprüchen angefüllt, allein sein Auskramen hat einen auffallenden Schnitt von so wunderlicher Originalität, daß man den Eigenthümer, dem diese Waare entlehnt wurde, darüber vergißt. Ihre Hoheit mein Herr Vater haben nichts gründlich erlernt: sie waren von jeher ein abgesagter Feind von Systemen: daher sind alle seine moralisch-philosophisch-politischen Gedanken nur Einfälle. Nach den verschiedenen Modificationen derselben bin auch ich natürlicherweise erzogen worden. Heute ist meinem Vater eingefallen, daß ohne Religion mein zeitliches und ewiges Wohl verloren gehe, – und in der nehmlichen Minute wurden alle meine Lehrer, die mich in verschiedenen Dingen unterrichten sollten, abgeschafft, und ein Pfaffe wurde mein einziger bevollmächtigter Hofmeister. Morgen las mein Papa in dem Werke eines starken Geistes, wie viel schädlicher der Aberglaube sey, als der Unglaube, und eben in dieser Minute wurde der Pfaffe, mein Mentor, die Treppen herunter geworfen, und ich einem starken Geiste anvertraut. Übermorgen fiel meinem Vater eine medicinische Abhandlung in die Hände, darin die Schädlichkeit des Viellernens, und die Nothwendigkeit der gymnastischen Spiele zur Erhaltung der Gesundheit und Befestigung des Verstandes erwiesen wurde, sogleich mußte der starke Geist dem Reit- und Fechtmeister Platz machen, und der Wettrennmeister mußte meine Bibliothek ins Feuer tragen. Ein andermahl schrieb ein Phantast über die Pädagogik, darin er den Vätern die Ermahnung gab, ihre Söhne in Hurenhäuser und Lazarette zu führen, und sie mit allen Fallstricken, welche die Buhlschwestern der jugendlichen Lüsternheit zu legen gewohnt wären, bekannt zu machen – und so mußte ich sogleich zusehen, wie allerley Unzuchten getrieben und Baucken operirt werden. Ich bin 32 Jahre alt geworden, ohne etwas erlernt zu haben, und wäre aus lauter väterlicher Zärtlichkeit, wie die meisten Prinzen auf Gottes Erdboden, – ein Esel geblieben, wenn ich nicht gezwungen gewesen wäre, 10 Jahre lang auf Reisen zu seyn, wo ich meinem eigenen Nachdenken überlassen, ungestört die verschiedenen Gegenstände mit einander vergleichen, und durch die Wahrnehmung ihrer Verschiedenheiten meine Vernunft aufhellen und bereichern durfte. Die fürstliche Leidenschaft zu jagen; das Wild zu schützen, welches der Unterthanen Fluren verwüstet, und alle Geschöpfe zu verfolgen, die einer andern Meinung sind, als wir, hatte auch in meinem Busen gelodert. Ich ritt auf einem Hunde und hetzte mit Katzen eine Maus, deren es eine Menge in meinem Gehege gegeben hat, und welche sich immer so gut zu verkriechen wußte, daß meine Taxhunde nicht genug graben und meine Katzen ihr nicht pfiffig genug nachsetzen konnten. Ich verfolgte die arme Maus 6 Tage durch Meilen lange Krümmungen, bis ich mich in einer ganz anderen Welt verloren fand. Die Bäume ragten dort bis an die Bläue des Himmels und es wimmelte da von schrecklichen Geschöpfen, die wohl hundertmahl größer als ich waren. Meine Hunde und Katzen liefen mir beym ersten Anblicke dieser Thiere über Hals und Kopf mit sammt der Begleitung meiner Hofleute, die oft genug ihr Blut für mich zu verspritzen schwuren, davon. Ich blieb allein. Auf allen Seiten, wohin ich nur meine Augen warf, lauerte Verderben und Tod. Hier saß ein zwanzigmahl so groser Hund, als in unserem Lande vorhanden sind, und zerriß ein Schaf, das sechsmahl größer war als unsere größten Ochsen, welches Schaf er fast ganz aufzehrte. Mir lief der Todesfrost über den Nacken. Hiernächst nagten sogenannte Löwen, die so groß sind, wie unsere Palläste, an Thieren, die man dort Landes Pferde nennt, und deren Haut weit genug ist, unser ganzes Rathhaus zu überziehen, unweit davon zerquetschte ein Bär, dessen langes Haar Grausen erweckte, einen Hund von ungeheurer Größe, – und einem anderen Hunde von eben der Race, schlizte ein wildes Schwein mit Zähnen, die so groß und scharf waren, wie es die Säbel unserer Leibgarde sind, den Bauch auf, daß ihm die Därme herunter hingen. Ich, in der Mitte von solchen Spectakeln konnte nichts anders, als Reue und Leid erwecken. Die Prinzessinn Molla, welche eine so lebhafte Einbildungskraft als Träume hatte, bebte vor Furcht: ach! Lieber Prinz, sprach sie – hören sie auf; mir stehen die Haare zu Berge! und wie! Sind sie doch mit der ganzen Haut davon gekommen? Brida drückte die besorgliche Prinzessinn lächelnd an seine Brust. Ich hielte mich, versetzte er, ganz stille, und war bereit mein Leben hinzugeben. Allein diese wilden Thiere gingen bey mir vorbey ohne mir Leides zu thun. Auf einmahl sahe ich ein Geschöpf, das ich für eine himmlische Erscheinung hielt. Es war hoch wie ein Thurm, ging auf den Hinterbeinen und mit seinem braunlichten Gesichte aufrecht, und hatte etwas sehr Einnehmendes in seinen Augen. Es war ein Mensch. Ein Mensch? rief Molla voll Verwunderung. Dieser Anblick verscheuchte meine ganze Furcht, die jene wilden Thiere mir eingeflößt haben; ich versprach mir Errettung und Gnade – da schon jene blutdürstigen Unholden meinem Leben verziehen haben. Allein dieses holde Geschöpf, dessen äußeres Ansehen Anbethung heischte, war grausamer als das wilde Schwein, der Wolf, der Löwe, und der Bär; Er beraubte mich meiner Freiheit, und weil ich diese unveräußerliche Gabe des Himmels, meine Freiheit, gegen seine Stricke, womit er mich gebunden hat, vertheidigen wollte, schlug er mit einem harten Stocke mich fast halb zu tode. Dieß also war ein Mensch, wie ich ihrer nachher mehrere kennen lernte. Molla . O! so reden sie nie wieder von ihnen. 27. Capitel. Statistik vom Fett- und Freßland; und was ein Cardinal sey? – Endlich erreichten wir das Fett- und Freßland. Wir fanden daselbst eben so viel Bäuche von der beträchtlichsten Peripherie, als wir in dem Hungerland Pickelhäringe gefunden haben. Was man dort zu geschmeidig ist, das ist man hier zu träge. Fressen und Saufen ist der einzige Abgott, dem diese Einwohner häufige Opfer bringen. Man hat eine Erfahrung, daß hungerige Leute gern pfeifen und singen, daher mags auch rühren; daß in dem Sandlande die Künste und Wissenschaften mehr geschätzt und getrieben wurden. Volle Bäuche gelangen selten zum Ruhm der Unsterblichkeit und in den Tempel der Musen. Daher sieht es auch mit dem Verstande dieser fetten Freßländer sehr mißlich aus. An Dichtern fehlt es ihnen eben so sehr als an Künstlern, allein ihre Köche und Kellermeister suchen in der ganzen Welt ihres Gleichen. Sie entrichten nur sehr geringe Abgaben, und würden ihren Regenten für sehr despotisch und tyrannisch verschreyen, wenn sie zum Besten ihres Vaterlandes nur die zwölfte Schüssel entbehren sollten. Ob ihr liebenswürdiger Monarch Vernunft und Wissenschaften, Gewissensfreiheit und Gerechtigkeit etablirt, ob sie den Ruhm einer aufgeklärten, gefürchteten, freyen und selbstständigen Nation erlangen oder nicht, daran ist ihnen sehr wenig gelegen, wenn nur ihre Kapaunen und Fasanen fett sind. Man kann leicht entbehren, wovon man nie einen Begriff gehabt hat. Ihr Patriotismus kann nur mit Kalbsbraten aufgefrischt werden, wenn sie für ihr Vaterland streiten, und der Gedanke, den benachbarten Hungerlanden einverleibet zu werden, kann allenfalls sowohl in den Landeskollegien, als im Felde Heldenthaten hervorbringen. Auf starke Magazine halten sie große Stücke. Der König . Hörst du Brida, ich werde ordentlich hungrig bey deiner Beschreibung. Wenn man viele Fresser beysammen sieht, denen es wohl schmeckt, so kriegt man selbst einen Appetit. Die Hofräthe mögen es da nicht übel haben, und alles was an der Regierung Theil nimmt? Brida . Sie sind lauter Speck, wie Mastschweine. Der König . Und dumm, bilde ich mir ein? Brida . Nicht durchgehends, allein, was dumm ist, das ist es auch aus Herzensgrunde. Sie haben einen Oberpriester. Der König . Ach da kömmst du ja schon auf meinen Lieblingsartikel, der Glaube mag wohl dort auch nicht einmahl Maulwurfsaugen haben, die wahrhaftig so gut, als gar keine Augen sind. Ich sehe, wie das alles langsam und träge ist. Daß sich solche Leute mit Untersuchungen abgeben sollten, ist nicht sehr wahrscheinlich. Brida . Ihro Majestät haben richtig und scharf geurtheilt. Der größte Theil ist so fett wie eine Auster, und hat nicht mehr Verstand. Ihr Oberpriester ist so dumm nicht, als er sich das Ansehen gibt, man sieht es ihm an, daß er nicht glaubt, was er andern zu glauben befiehlt. Er lebt wie ein Fürst, und hat einen angebornen Eckel vor allen Bettelleuten. Sein Hund und sein Portier sind unaufhörlich beschäftigt, sie fortzujagen. Seine treuesten Freunde sind die Exjesuiten, deren Feind er gewesen ist, so lange er nicht zu seiner Würde gelangte. Nun aber versucht er es seinem Charactere, und dem römischen Hofe, weil er von ihm mit einem rothen Huthe begnädigt worden, treu zu bleiben. König . Rothen Huth? Macht die Farbe des Huths dort einen so wesentlichen Unterschied? Brida . Freylich wohl. Weiß z. B. oder grau tragen die Hüthe nur Stutzer, grün die Hanswursten nur, und roth nur die Cardinäle. König . Ich bin so klug wie zuvor. Was ist denn ein Cardinal? Brida . Ein rothgekleideter Priester, der außer Rom oft mehr als eine halbe Million Gulden zu verzehren hat, einen königlichen Rang behauptet; dem Papste mit Leib und Seele ergeben ist, vom jesuitischen Genius inspirirt wird, die Luft mit der Rechten zu gewissen Zeiten, und wobey die Gläubigen sich auf die Bäuche klopfen müssen, in 4 Theile drangirt, und dessen sich der Papst bey großen Feyerlichkeiten statt eines Maulesels bedient. Denn da sind die Cardinäle seine Sesselträger, und tragen ihn in der St. Peters Kirche herum. König . Ey! Ey! – was sind die Europäer nicht für Schufte! Räumen päpstlichen Sesselträgern königlichen Character ein. Das äffen wir ihnen nicht nach, lieber Brida. Erzähle nur nichts vor unserem Oberpriester, denn sonst könnt es ihm gelüsten, auch hier zu einer Cardinalsfarce den Ton anzustimmen. Der Teufel! gleichen Rang mit den Königen zu besitzen? das muß so einen Schlingel bis in die Nieren kitzeln; allein, ich fühle, daß ich mich ereifere. Und was Wunder! königlichen Rang! Es ist eine wahre Schändung der Majestät, wenn ein jeder Schusterbube von Rom sich sollte bis zum königlichen Character emporschwingen können. Sind auch unsere Minister und Obergeistliche Schafköpfe, so wollen sie sich doch nicht uns Königen gleich setzen. Und noch obendrein dem Papste getreu und ergeben? Brida . Ein jeder Cardinal, muß, wenn er den rothen Mantel und den rothen Huth bekömmt, den Papst für den Oberhirten der Kirche erkennen, ihm den Gehorsam versprechen, und schwören, die Schismatiker und Ketzer aus allen Kräften zu verfolgen, und die Waffen nicht eher nieder zu legen, bis sie ausgerottet sind Diese Eidesformel ist dem Erzbischof von Mohilow, welcher 1783 – zum Cardinal sollte befördert werden, vorgelegt, allein von dem russischen Hof nicht angenommen worden. . König . Also schwören müssen sie in fremden Ländern, wo sie brav gemästet werden, Rebellen zu seyn? und dieses für einen rothen Mantel? Laßt die Kerls in Kaputröcken gehen; was gehen rothe Mäntel die Religion an? Wenn Verräther und eingebildete Phantasten rothe Hüthe hervorbringen, so laßt sie grüne aufsetzen. Auf meine königliche Parole, ich kenne das aus Erfahrung, und sehe die Folgen davon ein. Schafft die Narrensposse, wenn ihr klug seyd, ab, es ist euch besser in euerer Residenz einen Hanswurst als einen Cardinal zu haben. Primora muß mir einige Briefe an die europäischen Könige, die noch einige Cardinäle halten, oder dulden, aufsetzen. Was ich noch in dem Eide wahrnehme! ihr werdet über meinen Scharfsinn erstaunen. Ich finde darin, daß der Papst mit keinem gültigen. sondern nur mit einem Advocatenrechte der Oberhirt ihrer Kirche sey. Wüßt ihr warum? Seht! wenn sein Recht gültig wäre, da möcht' es ihm ja gar nicht einfallen, die Versicherung, daß er es sey, zu verlangen, und sie jedesmahl zur Bedingung zu machen, unter welcher er dem oder jenem Priester den rothen Mantel, welcher in der kirchlichen Kleiderordnung ein so großes Ansehen hat, ertheilen. Allein sein Recht, merk ich wohl, ist nur ein Advocatenrecht, welches ein König als Oberrichter von dem Wahren und Billigen zu unterscheiden wissen muß. Er mag sich fürchten, daß so ein Cardinal vielleicht selbst Lust bekommen könnte, den Schafstall, wo er als Oberhirt angestellt ist, nicht zur Hand des Papstes, sondern zu seiner eigenen zu administriren, und also da den Papst im Kleinen vorzustellen. Das ist aber den Gesetzen der Kirche zuwider, welche, ich merk es wohl, die Absicht hat, alle Länder dem Papste zinsbar zu machen. Darum schickt er seine Sesselträger als Commendanten in die entferntesten Länder, um den Clerus gegen die Ketzer und Schismatiker anzuführen. Bey uns wird das nicht angehen. Ich hab den Kopf so voll, daß ich mir heute nichts will mehr erzählen lassen. Nimm mir das ja nicht übel. Als Thronfolger mußt du auch einsehen, wie leicht es möglich sey, daß ein König auch nur bey dem entferntesten Gedanken an einen Cardinal üble Laune bekömmt! Inhalt . 1. Capitel. Bal. Mieder lies außer Österreich Schnürbrüste. Der Prinz erreicht die Gränzen des Affenlandes. 2. Capitel. Die Folter. 3. Capitel. Der alte Affe räsonnirt als Fürst. 4. Capitel. Prinzessinn Molla. 5. Capitel. Ein Professor der Philosophie und ein Hofprediger. 6. Capitel. Molla erscheint. 7. Capitel. Man liebt auch im Traume. 8. Capitel. Der Prinz wird erzogen, gefangen und geprügelt. 9. Capitel. Der hohe Adel. 10. Capitel. Ich wurd als Kronprinz aufgeführt. 11. Capitel. Was eine große Nase vermag. Der deutsche Adel. 12. Capitel. Die Nase. 13. Capitel. Die Prinzessinn und der König beweisen, daß sie Verstand haben. 14. Capitel. Note des Verfassers. 15. Capitel. Vapeurs. 16. Capitel. Eine deutsche Dame bekömmt Kopfschmerzen. 17. Capitel. Beruf des Bärentreibers zum Gouverneur einer Provinz. 18. Capitel. Religion und Priester. 19. Capitel. Zu was die Beichtväter gut sind. 20. Capitel. Wie dem König die Präsidenten gefallen. 21. Capitel. Die Unschuld. 22. Capitel. Selbstmord. Der Bärentreiber wird kurirt. 23. Capitel. Des Verfassers Glaubensbekenntniß. 24. Capitel. Fortsetzung. 25. Capitel. Statistik vom Hungerlande. 26. Capitel. Heilsamer Glaube in der Ehe. 27. Capitel. Statistik vom Fett- und Freßlande; und was ein Cardinal sey. 28. Capitel. Fortsetzung. 50. Die Gutachten Lascys, Kaunitz's und Loudons contra Kaiser Joseph. Der königliche Geschichtschreiber erwähnt in den Denkwürdigkeiten des bayerischen Erbfolgekrieges ( 1778 V. Oeuvres posthumes de Frédéric II. Vol. V. p. 247. ) auch das Zwistes, der sich wegen der geheimen Sendung des Freyherrn von Thugut an den König zwischen Maria Theresia und Joseph erhoben. »Der Kaiser,« so lautet Friedrichs Worte, »davon benachrichtigt, wurde darüber äußerst aufgereitzt, ( en fut furieux ), und schrieb seiner Mutter: er werde nie mehr nach Wien zurückkehren, wenn Sie Frieden schließen wolle, sondern lieber nach Aachen oder in eine andere Stadt sich begeben, als jemahls wieder ihrer Person nähern. Die Kaiserinn ließ den Großherzog von Toscana kommen, und sandte ihn sogleich zum Heere, um seinen Bruder, den Kaiser zu besänftigen, und ihm friedlichere Gesinnungen einzuflößen. Allein diese Zusammenkunft diente nur, um beyde Brüder zu entzweyen, die bis dahin in vollkommener Eintracht gelebt hatten.« »Dieselbe Thatsache, auf die Berichte des englischen Gesandten am Wiener Hofe, des Lord Keith, sich stützend, erzählt auch Coxe in der Geschichte des Hauses Österreich, indem er den, Theresien bezeichnenden Zug beyfügt: »Sie habe dem Könige durch den Freyherrn von Thugut mündlich sagen lassen: Sie sey in Verzweiflung zu sehen, wie Sie im Begriffe ständen, einander ihre vom Alter gebleichten Haare auszureißen.« Alle diese Angaben sind vollkommen gegründet; wir fügen bloß einige noch unbekannte Einzelheiten hinzu, welche als denkwürdige Züge in dem Leben einiger berühmten Männer aus jener Zeit zu betrachten sind, durch die ihr Character noch genauer bekannt wird. Über die wichtige Frage, ob Österreich auf einen Theil seiner wohlbegründeten Ansprüche auf Bayern verzichten, und den Forderungen des Königs von Preußen in dieser Hinsicht nachgeben solle, waren nicht bloß Theresia und Joseph, sondern auch die Glieder des Staatsrathes in ihren Ansichten getheilt. Fürst Kaunitz und Graf Lascy sprachen sich für die Fortsetzung des Krieges mit Nachdruck aus, und der Erste erklärte wiederhohlt: Füge sich Österreich, ungeachtet seiner erwiesenen Rechte den Forderungen des Königs von Preußen, so zeige es eine Furcht, die mit der Würde und den Kräften des Staates in keinem Einklange stehe; Preußen, durch diese Nachgiebigkeit ermuntert, werde seine bisherige Opposition auf dem Reichstage zu einer Dictatur erheben, die mit dem Ansehen des Reichsoberhauptes unvereinbar sey. Allein auch der König fühle die Last des Krieges, und könne nicht wünschen, ihn Jahre lang hinzuziehen, und die Kräfte seines Staats für eine fremde Sache zu opfern; eine größere Entschlossenheit von Österreichs Seite werde auch ihn nachgiebiger machen. Wenn dieses daher, auf seine weiteren Ansprüche verzichtend, sich mit der Inngränze begnüge, so seyen dieß Cessionen, die keinesweges die Furcht vor den preußischen Waffen abgepreßt, sondern die seine erhabene Kaiserinn dem Frieden zum Opfer bringe; dieß müsse nicht bloß Preußen, sondern ganz Europa laut erkennen, und nur unter diesen Bedingungen könne er zur Anknüpfung von Friedensunterhandlungen rathen. – Über das von Senkenberg in den Papieren seines Vaters aufgefundene Document, kraft dessen Herzogs Albrecht (V.) von Österreich seinen Ansprüchen auf Niederbayern angeblich entsagt haben soll, sprach er stets im Tone tiefer Verachtung: Wozu nützen alle alten, mit Sorgfalt aufgehobene Urkunden, wenn zuletzt über die heiligsten Verträge nach der Copie einer Copie, deren Original nirgends aufgefunden worden, Rechtens entschieden werden soll? Von derselben Meinung war auch Graf Lascy beseelt, und bestritt in der Unterredung, welche der Kaiser mit dem Großherzoge zu Gitschin gehabt, des Letztern Gründe für den Frieden so lebhaft, daß Joseph es zuletzt für schicklich hielt, das Gespräch durch Eröffnung der Thüre schnell abzubrechen, indem er mit erkünsteltem Scherze den Streitenden, ein großes Kreuz über sie schlagend, zurief: Pax vobiscum! – Wenn auch einige Mitglieder des Staatsrathes der entgegengesetzten Meinung waren, so beachteten sie doch weit mehr die Gemüthsunruhe, und die daraus entspringenden Wünsche ihrer guten Kaiserinn, als alle noch so kräftigen politischen Gründe. Da Joseph seine Behauptung durch die vollgültigen Betrachtungen eines Kaunitz und Lascys gerechtfertiget sah, hielt er bey seinem Gefühle des Rechtes sich durch die geheime Sendung des Freyherrn von Thugut äußerst gekränkt, und die Bedingungen, unter welchen die Kaiserinn den Frieden abschließen wollte, für so wenig ehrenvoll, daß er sich gegen mehrere Vertraute erklärte: Er werde sich nie herbeylassen, einen solchen Frieden zu unterzeichnen, und im äußersten Falle lieber zu Frankfurt am Main seine Residenz aufschlagen, als nach Wien zurückkehren. Er hoffte, daß gerade die Männer, die für die Fortsetzung des Krieges gestimmt, auch seinen Entschluß billigen würden; allein in dieser Meinung fand sich Joseph sehr getäuscht, und schon Graf Lascy, dem er zuerst diese Idee mitgetheilt, erschrack heftig darüber, und bath den Kaiser, nur sogleich diesen unheilbringenden Gedanken aufzugeben, indem er ihm alle nachtheiligen Folgen, die ein solcher Schritt nach sich ziehen müsse, mit der Gründlichkeit des Staatsmannes, und der Wärme des Freundes auseinander setzte. Ein Stocken in den wesentlichsten Zweigen der Staatsverwaltung werde eintreten, vorzüglich in der Bildung des Heeres, das der Stolz Sr. Majestät, eine kräftige Stütze des Staates sey. Die Feinde Österreichs würden diese Uneinigkeit zwischen Mutter und Sohn gewiß benützen, um von der Nachgiebigkeit der Kaiserinn noch größere Concessionen zu erhalten, die Sr. Majestät nur durch ihre Gegenwart zu verhindern im Stande sey. Auf Josephs Bemerkung: Er sey über die Äußerung seines Freundes erstaunt, der sich für die Fortsetzung des Krieges so nachdrücklich erklärt, erwiederte der Graf: Er sey auch jetzt noch immer der Meinung, es sey vortheilhafter für den Staat, den Krieg fortzusetzen, als einen Frieden einzugehen, dem man so wohlbegründete Ansprüche opfern müsse; aber eine ganz andere Sache sey der Zwist zwischen Mutter und Sohn, und hätte derselbe auch keine andere Folge als eine Trennung von seinem gnädigsten Monarchen, sey diese auch noch so kurz, so müsse er schon um seinetwillen dagegen rathen; er beschwöre daher Sr. Majestät, – dem edlen Grafen traten jetzt Thränen in die Augen – an Ihren Vorsatz nicht mehr zu denken. Nicht glücklicher war Joseph bey dem Fürsten Kaunitz, dem er seinen Entschluß schriftlich mitgetheilt. »Er bemerke«, war die frostige Antwort des Fürsten, »daß man seit einiger Zeit seinen Vorschlägen seltener beypflichte, so, daß es schiene, man bedürfe seines Rathes nicht mehr. Diese Betrachtung habe den Gedanken in ihm geweckt, seine Stelle nieder zu legen, und den Rest seiner Tage in Zurückgezogenheit den Freunden und den Wissenschaften zu leben. Der Entschluß Sr. Majestät, Ihre Residenz nach Frankfurt zu verlegen, bestimme ihn nur, seinen Vorsatz sogleich auszuführen; denn er könne unmöglich wünschen, daß man von ihm einst sage, er habe während seiner Verwaltung ein Ereigniß nicht zu verhindern gewußt, das die Welt mit Erstaunen vernehmen, alle österreichischen Völker mit tiefen Kummer erfüllen müsse, und dem Staate höchst verderblich sey.« – Durch die Äußerungen der beyden Staatsmänner und Patrioten in seinem Entschlusse bereits erschüttert, wünschte Joseph wenigstens Einen Mann von Ansehen zu finden, der seinen Vorsatz billige; um durch dessen Urtheil gerechtfertiget, dann das Verdienstliche seines Benehmens um so mehr hervorzuheben, wenn er alle Staatsrücksichten den kindlichen Gefühlen zum Opfer bringe. Er wandte sich daher an den Mann, der gegen das Ende des Feldzuges durch den Befehl, keine Hauptschlacht zu wagen, gerade in dem Zeitpunct verhindert worden, eine zu liefern, als die Überlegenheit seiner Streitkräfte, der Muth seiner Truppen und die gewagte Stellung des feindlichen Heeres ihm einen glänzenden Sieg über einen der berühmtesten Feldherrn jener Zeit zu erringen versprach; der daher im entscheidenden Augenblicke durch die Friedensliebe Theresiens gezwungen worden, einen schönen Lorber ungepflückt zu lassen. Joseph erwartete daher eine seinen Absichten entsprechende Antwort mit um so größerer Zuversicht, je genauer er unterrichtet war, in welche Gemüthsstimmung Loudon durch jenen Befehl versetzt worden sey. Der Feldmarschall beeilte sich, dem Kaiser zu antworten: »Er theile ganz die Ansichten Sr. Majestät, daß die Nachgiebigkeit Österreichs erst in der Folge ihre herben Früchte tragen werde; und finde daher den Unwillen, welchen der Kaiser über den bevorstehenden Frieden geäußert, ganz natürlich, und betrachte jedes erlaubte Mittel, dessen Abschluß zu verhindern, als ein Geboth der Staatsklugheit. Aber als alter Kriegsmann müsse er dem Wahne widersprechen, als ob Österreich bey einem Heere von 400,000 Mann, mit dem der Kaiser den nächsten Feldzug eröffnen könne, gar nichts zu fürchten habe; das Kriegsspiel sey nun einmahl kein Schachspiel, bey dem man das Terrain übersehe, und vorauswisse, daß jede Figur ihre Schuldigkeit thue; allein dieß sey im Kriege nicht immer der Fall, und die Feigheit eines Einzelnen sey nicht selten die entfernte Ursache des Verlustes ganzer Länder geworden. Auch fehle es Böhmen, dem Hauptschauplatze des gegenwärtigen Krieges, an den nöthigen Festungen; er berufe sich über die nachtheiligen Folgen dieses Mangels auf die Geschichte des siebenjährigen Krieges, ja des letzten Feldzugs selbst; nur diesem Umstande sey es zuzuschreiben, daß der König von Preußen so leicht bis in das Herz dieses Landes eingedrungen, die wichtigsten Magazine weggenommen, Millionen an Brandschatzungen erpreßt, und durch einen errungenen Sieg den Besitz desselben schon zweifelhaft gemacht, wenigstens durch den zeitweiligen Aufenthalt in einem Theile desselben bedeutende Hülfsmittel jeder Art zur Fortsetzung des Krieges gefunden. Anders sey dieß in Schlesien, das nach einem wohlüberdachten System durch Festungen geschützt sey, auf die sich ein geschlagenes Heer zurückziehen, und aus denen es nach Bedarf verproviantirt werden könne.« »Ferner sey ein zahlreiches Heer noch kein vollkommenes, und das österreichische leide, ungeachtet aller rastlosen Bemühungen Sr. Majestät, denselben abzuhelfen, noch immer an großen Gebrechen, da jede nützliche Reform auch ihrer Zeit zur Reife bedürfe. Es fehle vor Allem an einem wohlorganisirten Generalstabe, wie er bey dem französischen Heere bestehe, dessen Mitglieder, mit den Verrichtungen jeder Waffe vertraut, sie auch für jedes Terrain zweckmäßig zu verwenden und die Verrichtungen eines Artillerie- und Ingenieur-, Pontonier- und Pionier-Officiers zu verbinden verständen, ja selbst durch eine höhere Bildung und Sprachkenntnisse geeignet seyn, diplomatische Verhandlungen zu führen. Er betrachte wenigstens jeden Officier, der alle Eigenschaften und Kenntnisse, die man von einem ausgezeichneten Mitgliede des Generalstabes verlange, als ein außerordentliches Talent, das zu entwickeln und für seine Bestimmung auszubilden man bisher noch nicht die gehörige Sorgfalt angewendet; zwar wähle man bey jedem Anfang eines Krieges die geschicktesten Officiere aus den Regimentern, um aus ihnen den Generalstab zu bilden; allein die Mehrzahl lerne erst im Laufe des Feldzugs ihre hohen Pflichten kennen, aber nicht selten auf Kosten des Heeres. Ein bleibender, und der Anzahl der Truppen angemessener Generalstab, der in Friedenszeiten für seinen höchstwichtigen Dienst gebildet werde, sey ein hohes Bedürfniß für das österreichische Heer, und er wage es, den Wohlthäter und Vater desselben ehrfurchtsvoll zu bitten, diesen Wunsch eines alten Kriegers gnädigst beherzigen zu wollen.« »Eben so fehle es dem österreichischen Heere an geübten leichten Truppen, seitdem die Croaten immer mehr und mehr zum Liniendienste verwendet würden; man errichte zwar beym Anfang eines jeden Krieges Freycorps und Jägerbataillons; aber auch diese müßten den Vorpostendienst erst erlernen. Er halte es daher für sehr zweckmäßig, nicht allein die Zahl der Scharfschützen bey den Gränzregimentern um das Doppelte zu vermehren, sondern auch wenigstens zwanzig Jägerbataillons zu errichten, dafür aber die deutsche Linieninfanterie um dieselbe Zahl zu vermindern.« »Nicht weniger bedürfe das Fuhrwesen großer Verbesserungen, und die französische Sitte, die Mannschaft für diese Abtheilung des Heeres zu wählen, verdiene auch in Österreich nachgeahmt zu werden; dort nehme man aus den Dragonerregimentern zuverläßige Veteranen, und erhöhe ihren Sold, da man ihrem Muthe ein bedeutendes Staatsgut anvertraue. Bey dem österreichischen Heere hingegen verwende man nur diejenigen für das Fuhrwesen, die man als unbrauchbar für die deutsche Cavallerie, als wahren Ausschuß betrachte; daher geschehe es auch, daß solche Knechte, ohne Muth und Ehrgefühl, beym ersten blinden Lärm, nur auf ihre Rettung bedacht, die Stränge abhauen, und wie Unsinnige davon jagen, wodurch so oft die größte Verwirrung beym Heere, der Verlust bedeutender Transporte an Munition, Geschütz und Lebensmitteln herbeygeführt worden ist.« »Doch einer gänzlichen Umstaltung bedürften die Feldspitäler, denn trotz der väterlichen Sorgfalt Sr. Majestät für die Pflege ihrer Soldaten, und trotz Ihres preiswürdigen Eifers, Alles selbst zu besichtigen, hätten Sr. Majestät doch nur einen kleinen Theil des großen Jammers in den Feldspitälern gesehen, wo Tausende von wackern Kriegern das Opfer schlechter Anstalten und der Unwissenheit der Wundärzte geworden sind. Genaue Listen über diejenigen, die während des letzten Feldzugs hier zu Grunde gegangen, verglichen mit der Zahl derjenigen, die vor dem Feinde gefallen, müßten erweisen, wie nothwendig durchgreifende Reformen in diesem Zweige der Heeresadministration, vorzüglich aber, wie unerläßlich die Errichtung mehrerer Anstalten zur Bildung von Feldärzten seyen.« »Wenn man nun auf die Menge sieht, die allein während des letzten Feldzugs durch die gewöhnlichen Lagerkrankheiten hingerafft worden, ohne über Epidemien klagen zu dürfen, so werde Sr. Majestät leicht einsehen, daß, nach dem Abzuge, welchen schon die Feldspitäler verschlingen, einige Schlachten, verbunden mit den täglichen Gefechten, eine Belagerung auch ein Heer von 400,000 Mann so mindern könne, daß selbst der herzlose, nur auf seinen Ruhm bedachte Feldherr beym Ende der Campagne erschrecke, der Vater seines Volkes aber bittere Thränen vergieße«. »Die gegenwärtige Aufstellung des Heeres, oder die sogenannte Ordre de Bataille sey pedantisch, zu schnellen Manöuvers nicht geeignet: er schlage daher nach dem Beyspiele der Alten die Eintheilung in kleinere Heerabtheilungen vor, von welchem jede unter dem Befehle eines Feldzeugmeisters oder eines F. M. Lieutenants stehe, ihren eigenen Generalstab habe, so daß sie ein kleines Heer für sich bilde. Durch diese Vertheilung erhalte das ganze Heer eine größere Beweglichkeit, der General en Chef eine leichtere Übersicht des Ganzen, der lächerliche Rangstreit der Regimenter, der zuweilen noch spucke, werde vertilgt, und dem Feinde erschwert, sich eine genaue Kenntniß von der Aufstellung des Heeres zu verschaffen. Dieser Vorschlag sey indeß von solcher Wichtigkeit, daß er eine reife Berathung der erfahrensten Generäle verdiene, bevor man das alte System in dieser Hinsicht ändere.« »Schließlich erlaube er sich über den ihm vertrauungsvoll mitgetheilten Entschluß Sr. Majestät noch eine unterthänigste Bemerkung zu machen. Das Schauspiel eines Zwistes zwischen Mutter und Sohn sey in jeder Hinsicht ein beklagenswerthes Ereigniß, und die Welt sey glücklicher Weise noch nicht so verderbt, um nicht in einem solchen Falle die Parthey der Mutter gegen den Sohn zu nehmen, selbst wenn das Recht auf dessen Seite stände. Auf die gemüthvollen österreichischen Völker werde dieser Zwist einen um so tieferen Eindruck machen, je mehr sie sich unter der wahrhaft patriarchalischen Regierung der Kaiserinn glücklich fühlen, je größer ihre Verehrung für die beste Landesmutter sey; diese innige Liebe habe in gefahrvollen Zeitpuncten Wunder gewirkt, ja selbst den Staat gerettet. Sr. Majestät, von der Vorsehung erkohren, einst mit der österreichischen Monarchie auch diese Anhänglichkeit der Unterthanen zu erben, werde auf diesen Theil der Erbschaft, durch welchen der andere erst seinen vollen Werth erhalte, gewiß nicht verzichten, oder in einigen Districten von Bayern etwan einen Ersatz dafür suchen; ein so weiser Monarch, der durch seine Handlungen die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen, die frohesten Hoffnungen in den österreichischen Völkern geweckt, könne diesen unmöglich das Beyspiel eines mit seiner Erhabenen Mutter im Zwiste lebenden Sohnes geben, und dann von ihnen die Erfüllung der kindlichen Pflichten erwarten, über die er sich selbst hinweggesetzt.« »Von Sr. Majestät aufgefordert, frey seine Meinung zu sagen, halte er es für eine heilige Pflicht, sie mit aller Freymüthigkeit eines alten Soldaten auszusprechen; er sey aber fest überzeugt, daß, bevor noch sein Brief anlange, die plötzliche Aufwallung des gekränkten Ehrgeitzes sich bereits gelegt, und daß er als ein treuer Diener des österreichischen Hauses noch ferner des Glückes sich erfreuen werde, Sr. Majestät in der kaiserlichen Burg zu Wien seine Huldigung darzubringen.« Joseph las mit großer Aufmerksamkeit dieses merkwürdige Schreiben, legte es bewegt auf den Tisch, um es nach wenigen Minuten aufs neue zu lesen, und rief einigemal aus: »Aus dieser Sprache erkenne ich den alten Graukopf; doch hätte ich nie geglaubt, daß der rauhe Krieger mit so gemüthvollen Gründen mich aus meiner Stellung heraus manöuvriren werde. Beym ersten Wiedersehen will ich ihm den herzlichsten Dank dafür zollen.« Daß Joseph, um den Abschluß des Waffenstillstandes zu hintertreiben, und den König von Preußen zur Fortsetzung der Feindseligkeiten zu reitzen, den Befehl ertheilt, Neustadt in Preußisch-Schlesien in Asche zu legen, gehört zu den leidenschaftlichen Beschuldigungen, von welchen auch der königliche Geschichtschreiber nicht ganz frey ist. Eine solche Barbarey lag nicht im Character des Kaisers, wohl aber in der Ungeschicklichkeit des Feldherrn, dem diese Unternehmung aufgetragen war. Allein Fürst Kaunitz glaubte es seiner Ehre schuldig zu seyn, nach abgeschlossenem Frieden um seine Entlassung anzuhalten. Beyde Monarchen fühlten jedoch zu sehr die Wichtigkeit dieses Mannes, um nicht in ihn zu dringen, sein Vorhaben zum Besten des Staates wieder aufzugeben, und er gab den Vorstellungen seiner Souveräne nach, als er wenigstens in einem Ehrenpuncte seine Forderungen und Wünsche erfüllt sah. Indem der König von Preußen seinem Minister zu Teschen den Antrag gab, nur am Geburtstage der Kaiserinn, deren Friedensliebe allein den Abschluß möglich gemacht, den Vertrag zu unterzeichnen, erkannte er laut das Großartige und Ehrenvolle in Theresiens Benehmen. Alle Bourbonischen Höfe beeilten sich, der Kaiserinn zu dem geschlossenen Frieden Glück zu wünschen, und ihr zu danken, daß sie Europa die Ruhe geschenkt. Diesem Beyspiele folgte Papst Pius VI. und alle Churfürsten des deutschen Reiches. So sprach sich durch die Huldigung, die man wetteifernd ihren Tugenden gebracht, die allgemeine Stimme aus, nicht die Furcht, sondern nur Friedensliebe habe die Kaiserinn bestimmt, so wichtige Concessionen zu machen. Ein anderes Begehren des Fürsten Kaunitz wurde gleichfalls bewilliget, und nach seinem Wunsche zum Vicekanzler der Staatskanzley Philipp Graf Cobenzl ernannt, der Österreichs Bevollmächtigter bey den Unterhandlungen zu Teschen gewesen, und zugleich das volle Vertrauen des Kaisers besaß Ridler im Österreichischen Archiv 1831. Es wäre zu wünschen, daß die kleinen zerstreuten historischen Schriften dieses rechtschaffenen und kenntnißbegabten Autors gesammelt erschienen. . 51. Zur Geschichte der Reactionen gegen Josephs Reform Wolf, Geschichte der Veränderungen unter Joseph II., nach der Wiener Kirchenzeitung (die von 1781–1789 erschienen), \&c. \&c. . Joseph hatten seinem Freunde geschrieben: »Wenn es einstens Neronen, und einen Dionys gab, der über die Schranken seiner Macht hinausging – wenn Tyrannen gewesen sind, die einen Mißbrauch von der Gewalt gemacht, die ihnen das Schicksal in die Hände gab; ist es darum billig, daß man unter dem Vorwande von Besorgnissen, die Rechte einer Nation für die Zukunft zu bewahren, einem Fürsten alle mögliche Hindernisse in seinen Regierungsanstalten in den Weg legt, die nichts anderes, als das Wohl und das Beste seiner Unterthanen zum Entzweck haben? Ich habe, seit dem Antritt meiner Regierung, mir jede Zeit angelegen seyn lassen, die Vorurtheile meines Standes zu besiegen; mir Mühe gegeben, das Zutrauen meiner Völker zu gewinnen; und seitdem ich den Thron bestiegen, habe ich mehrmahlen Beweise davon abgelegt, daß das Wohl meiner Unterthanen meine Leidenschaft sey; daß ich zur Befriedigung derselben keine Arbeit, keine Mühe, keine Qualen selbst scheue, und daß ich genau die Mittel überlege, die mich den Absichten näher bringen, die ich mir vorgesetzt habe; und dessen ungeachtet finde ich in den Reformen allenthalben Widersetzlichkeit von solchen, von denen ich es am wenigsten vermuthen konnte. Als Monarch verdiene ich das Mißtrauen meiner Unterthanen nicht. Als Regent eines großen Reichs muß ich den ganzen Umfang meines Staates vor Augen haben, den ich mit Einem Blick umfasse, und kann auf die separaten Stimmen einzelner Provinzen, die nur ihren eigenen Kreis betrachten, nicht allezeit Rücksicht nehmen. Das Privatbeste ist eine Chimäre; und indem ich es auf einer Seite verliere, um meinem Vaterlande damit ein Opfer zu bringen, kann ich auf der andern Seite an dem allgemeinen Wohl Antheil nehmen. Aber wie viele denken daran? Wenn ich unbekannt mit den Pflichten meines Standes, wenn ich nicht moralisch davon überzeugt wäre, daß ich von der Vorsehung dazu bestimmt sey, mein Diadem mit aller der Last der Verbindlichkeiten zu tragen, die mir damit auferlegt werden; so müßte Mißvergnügen, Unzufriedenheit mit dem Loose meiner Tage, und der Wunsch, nicht zu seyn, diejenige meiner Empfindungen seyn, die sich unwillkührlich meinem Geiste darstellte. Ich kenne aber mein Herz; ich bin von der Redlichkeit meiner Absichten in meinem Innersten überzeugt; und hoffe, daß, wenn ich einstens nicht mehr bin, die Nachwelt billiger, gerechter und unparteyischer dasjenige untersuchen, prüfen, und beurtheilen werden, was ich für mein Volk gethan habe.« So groß dachte Joseph, und gleichwohl waren Pasquille der Lohn seines unbegränzten Wohlwollens für die Menschen. Im Augarten fand man einst die Aufschrift: Joseph prémier, aimable et charmant; Joseph second, scorpion et tyran, Auf sein Schlafgemach wurde folgendes Pasquill geheftet: Wittwenmark und Waisengut Ist für Kaisers Augen gut. Im Controllorgange, wo Joseph die meisten Bittschriften abzunehmen gewohnt war, erhielt er eine, worin es am Ende hieß: Ein rechter Kahlmäuser Ist unser Kaiser. »Trotz so vieler christlichen Verordnungen des Hofes,« so drückte sich im Jahre 1784 ein in Wien öffentlich gedrucktes Zeitungsblatt (Kirchenzeitung) aus, »werden die alten Mißbräuche der Religion ungescheut fortgetrieben. Ihre Angreifer werden als unruhige Köpfe verfolget und unterdrückt; die sie aber mitmachen, und das Volk in andächtige Contribution setzen, werden als würdige Geistliche belobet, und oft im kaiserlichen Nahmen befördert. Schlechte Bischöfe sind der Reformation ohnedem feind, und die guten werden von Leuten, die sie von Amtswegen unterstützen sollten, unaufhörlich geneckt, verschrieen, und auf allen Schritten gehindert. So müssen freylich alle Verbesserungen, welchen unordentliche Leidenschaften ohnehin schon einen so starken Damm entgegen setzen, natürlich ins Stocken gerathen.« Unter allen neuen Anstalten haben jene, welche zunächst den Volksaberglauben ausrotten sollten, den meisten Widerstand gefunden. Noch im Jahre 1784 konnte man, ungeachtet der kaiserlichen Verbothe, in der Pfarrkirche der Dominicaner in Wien ober dem Tabernakel ein großes ausgeschmücktes Marienbild sehen, in welchem sieben Schwerter steckten. Im nähmlichen Jahre, und in der Residenz des Kaisers, der alle geistlichen Bruderschaftspossen abschaffte, feyerten die Mönche zu den Schotten das Fest ihres Bruderschaftspatrons, des heil. Sebastian, gerade auf eine Art, als wäre keine Verordnung, die dergleichen Afterandachten verboth, vorhanden. Im darauf folgenden Jahre trieben die gleichen Mönche ihren Unfug noch weiter. Nicht nur wurde an diesem Tage ihr schönster Kirchenornat, der mit Gold gestickte rothsammtene Baldachin, die großen silbernen Leuchter und das silberne Cruzifix gebraucht, sondern auch durch die ganze Octave dieses Bruderschaftsheiligen Vor- und Nachmittags mit der großen Glocke geläutet, und das Hochamt selbst vom Prälaten, wie es nur an den höchsten Kirchenfesten zu geschehen pflegt, gehalten. In der Cathedralkirche zu Wien, die allen übrigen zum Muster dienen sollte, konnte man immerfort Gegenstände des Ärgernisses sehen. Vor dem Aloysius-Bilde, und auf dem Altare des Herzens Jesu, brannten stets mehr Kerzen, als vor dem Tabernakel, worin das Allerheiligste aufbewahrt wurde. Joseph hatte befohlen, daß man die Heiligenbilder nicht zieren soll. Dieses gefiel dem Cardinalerzbischof nicht. Er ließ den Statuen der Muttergottessen metallene Kronen aufsetzen, und konnte auf die Frage, warum dieses geschähe, nichts bessers antworten, als daß Maria die Königinn des Himmels sey, und folglich gekrönt seyn müsse. Mehrere Marienbilder hatten sogar zwo Kronen auf dem Haupte. Einem andern Bilde floß im Jahre 1785 noch Wasser aus beiden Brüsten, und zu Mundensing im Innviertel erblickte man neben einem Altarblatte ein hangendes Bild, wo die Milch einer Frauensperson mit dem aus einem Cruzifixe quellenden Blute in eine in der Mitte befindliche Monstranze zusammenfließt. In einer Mönchskirche des Cillierkreises fand man im Jahre 1787 noch eine Wappentafel, worauf das Leiden Christi vorgestellt war. Unten am Rande war in großen Fracturbuchstaben folgende Aufschrift zu lesen: Dem allermächtigst- allerheiligst- und unüberwindlichsten Herrn Herrn Jesu Christo, von Ewigkeit gekrönten Kaiser der himmlischen Heerschaaren, erwählten unsterblichen König des Erdbodens, des heiligen römischen Reichs einzigen Hohenpriester, Erzbischofe der Seelen, Churfürsten der Wahrheit, Erzherzog der Tugend, einzigen und gnädigsten König der Juden, Herzog von Bethlehem, Landesfürsten in Galiläa, gefürsteten Grafen zu Jerusalem, Freyherrn von Nazareth, Ritter der höllischen Pforten, Herrn der Heiligkeit, Selig- und Gerechtigkeit, Pfleger der Wittwen und Waisen, Richter der Lebendigen und Todten, unserm allerheiligsten Herrn Herrn, und herablassend-gnädigsten Erlöser \&c. Zu Eisenstadt in Ungarn konnte man noch im Jahre 1788 in einer Kirche vorgestellt sehen, wie Gott Vater aus der Seitenwunde Christi Blut ausdrückt, das in den von einem Engel gehaltenen Kelch fällt. Der Kelch überläuft, und das Blut rinnt in's Fegfeuer hinab, wo die Seelen mit heissester Begierde darnach schnappen. Am nähmlichen Orte befand sich im nähmlichen Jahre noch ein sogenannter, von Pius VI. mit Ablaß versehener Calvariberg, bey dessen Eingange man verschiedene sehr ärgerliche Vorstellungen erblickt. Hier bläst ein Gerichtsdiener dem gefangenen Jesu mit einem Ochsenhorne in's linke Ohr. Dort wurde Maria von sechs Aposteln zur Erde bestattet, und Johann, der Evangelist, verrichtete bey dieser Begräbniß das Amt eines Pfarrers. An einem andern Orte bläst der Teufel dem linken Schächer mit einem Posthorne ins Ohr, während den rechten ein Engel umflattert. In allen Stationen dieses Calvariberges war das Kreuz Christi allenthalben zerschnitten, weil der Pöbel jeden Splitter davon für eine Reliquie mit sich nach Hause nahm. Die Juden und Gerichtsdiener sahen jämmerlich zerstümmelt aus. Diesem fehlte ein Arm, jenem ein Fuß, und einem andern die Nase. Das Volk glaubte Jesu zu ehren, wenn es die Bilder der Juden, die ihn kreuzigten, zerstümmelte. So ungerne man den landesherrlichen Befehlen in Ansehung des Bildertandes gehorchte, eben so wenig wollte man sich jene gefallen lassen, wodurch das Wallfahrten an sogenannte Mirakelorte eingestellt wurde. Man zog mit Kreuz und Fahne von einer Kirche in die andere, und stellte noch im Jahre 1788 und 1789 weite Pilgerreisen nach Maria-Zell, nach Maria-Taferl, nach Schloßberg, nach Lanzendorf, und sogar noch nach Einsiedlen in die Schweiz an, von woher die Pilgrime ganze Säcke Malefizpulver, womit verhexten und vom Teufel besessenen Menschen und Viehe geholfen werden soll, mit sich nach Hause schleppten. Solche Verletzungen der bestehenden Landesgesetze geschahen nicht nur auf dem Lande in einzelnen Dörfern, sondern auch in Städten, wo Länderstellen waren, und sogar in der Kaiserstadt, und unter den Augen des Monarchen. Wurde hier oder dort ein solcher Frevel geahndet, so wurde er an einem dritten Orte nur noch mit mehr Aufsehen und Celebrität wiederhohlt. Zog die Regierung einen Pfarrer, welcher dergleichen Unfug gestattete, zur Verantwortung, so hatte ein solcher in der erzbischöflichen Cur wieder eine Menge Freunde, von welchen er sich Schutz zu versprechen hatte. Überhaupt konnte der gute Kaiser leicht gewahr werden, daß der Widerstand, den er als Reformator gefunden, allermeistens von Seite der Geistlichkeit herrührte, der es eben so sehr an guten Willen, als an Einsichten fehlte, seine Anstalten durch ihren weit ausgebreiteten Einfluß zu begünstigen. Was einzelne wohldenkende Seelsorger erzweckten, hatte fürs Ganze noch immer jene Folgen nicht, mit denen man sich geschmeichelt hatte; und es war sogar zu besorgen, daß bey der Verschiedenheit der Denkungsart, die zwischen Seelsorgern und Gemeinden herrschte, am Ende ein fanatischer Geist der Intoleranz die Gemüther in Empörung bringen könnte. Bey dem Mangel an hinlänglich unterrichteten, aufgeklärten, und mit dem wahren Geiste des Christenthums vertrauten Geistlichen war es überhaupt ganz unmöglich, den unter dem Volke herrschenden Aberglauben auszurotten; und es mußte sogar gefährlich seyn, etwas durch Staatsbefehle erzwingen zu wollen, was sich dem Laufe der Natur gemäß so ungemein schwer erzwingen läßt. Vergebens wird man dem Pöbel, der einmahl im Wahne steht, daß seine Amulete den Teufel bannen, und der schon von Jugend auf gewohnt war, gedankenlos alles für Religionswahrheit anzunehmen, was der faule Mönch ihn lehrte, das Christenthum von einer würdigern Seite zu empfehlen suchen. Der gröbste Aberglaube ist ihm schon zur Natur geworden, und es ist unmöglich, ihn anders, als durch eine stufenweise, fast unbemerkbare Lenkung, auf bessere Begriffe zu leiten. Und dieses hätte nur allein der Geistlichkeit möglich werden können. Jede obrigkeitliche Anstalt in Sachen der Religion bleibt fruchtlos, wenn es jene unterläßt, durch ihren Einfluß den Gesetzgeber zu unterstützen. Joseph berechnete die Gewalt dieses Einflusses zu wenig, und wollte ein Volk, welches noch so tief in Aberglauben versenkt war, in dem Zeitraume von wenigen Jahren aufklären. Er fühlte allerdings die Nothwendigkeit, eine solche Aufklärung mittelst der Geistlichkeit zu Stande zu bringen. Daher seine vielfältigen, und im Allgemeinen sehr großen Anstalten zur Priestercultur. Aber auch diese Cultur wollte er auf eben die Art, wie überhaupt die Cultur des Volkes, bewerkstelligen, ohne im Voraus zu beherzigen, daß ein solches Werk nicht das Werk eines Augenblickes seyn könnte; daß, wenigstens weit der größte Theil der alten Priesterschaft theils zu träge, und theils zu fanatisch war, um ein altes bequemes System gegen ein neues zu vertauschen; daß die Mönche, die er, vielleicht aus Öconomie, zur Seelsorge anstellte, ihren mönchischen Geist nicht verläugnen könnten; und daß es endlich zu besorgen war, ob nicht die junge, nach neuen Grundsätzen gebildete Geistlichkeit, noch zur Unzeit überlaut würde, und der Contrast, der sich zwischen den neuen und alten Begriffen zeigte, am Ende nicht eine geistliche Anarchie nach sich ziehen, und tausend unvorgesehene Verwirrungen im Staate veranlassen könnte? Die Erfahrung hat es durch unzählige Beyspiele bewiesen, wie wenig sich Joseph hierin auf seine Gesetze verlassen konnte. Allenthalben fand er Widerstand. Nicht allein in einzelnen Dörfern, sondern auch in großen Städten, und in ganzen Provinzen erlaubte sich die Geistlichkeit Schritte, die den weisen Absichten des Gesetzgebers durchaus entgegen waren. Wenn hin und wieder ein helldenkender Kopf im Geiste des Reformators wirkte, so thaten hundert lichtscheue, träge und fanatische Menschen an ihrem Orte das Gegentheil. Man begnügte sich nicht damit, bey allen Anstalten, die der Hof zur Veredlung der Religion traf, unthätig zu bleiben; sondern man ließ es sich hier und dort gelüsten, durch heimliche und öffentliche Aufhetzungen das fanatische Volk in Gährung zu bringen. Die um diese Zeit in Wien gedruckte Kirchenzeitung enthielt fast auf jedem Blatte Thatsachen, welche den unglaublichen Eigensinn, die stockblinde Unwissenheit, und den tiefen Reformationshaß der Geistlichkeit von der einen, und von der andern Seite den bigoten und stupiden Mönchsgeist des Volkes auf die traurigste Weise darstellen. Eines Tages fand man an der neu erbauten evangelischen Kirche zu Wien, wo ehedem Nonnen ihre lateinischen Psalmen gesungen hatten, folgende Schmähschrift angeheftet Hübners Lebensgeschichte Josephs II. Theil 1. S. 81 u. f. : »Dieser Tempel war erst zum Dienste des allmächtigen Gottes von den frömmsten Beherrschern Östreichs eingerichtet, war die Wohnung heiliger Jungfrauen des unbefleckten Lamms; aber es plünderte darin die Kirchenschätze, es zerstreute in alle Welt die Gott geheiligten Nonnen –jener Verführer der Braut Christi, und Schwächer reiner Jungfrauen, des Martin Luthers treuer Anhänger und Nachfolger, Joseph II. ein Lutheraner, uneingedenk der göttlichen Barmherzigkeit, die ihn auf den Thron erhoben, ein berüchtigter Verächter der heiligen Kirchengesetze, begünstigt und befördert selbst alle Ketzereyen, und ist selbst ein Mann von keiner Religion. Nun hat er, ein seit Jahrhunderten unerhörtes Beyspiel; eben diesen Tempel, unter der Maske der Tugend zum Sammelplatze der Greuel angewiesen und verkauft!« Joseph ließ diese Schmähschrift drucken, das Stück für 6 Kreuzer verkaufen, und das daraus gelöste Geld den protestantischen Kirchenvorstehern als Beysteuer für die Armen überreichen. Noch weit mehr hatten die Nichtkatholiken von unwissenden und fanatischen Priestern zu dulden. So predigte z. B. einer auf öffentlicher Kanzel: »Wenn die evangelische die wahre Religion wäre; so soll mich gleich auf der Stelle der Teufel hohlen.« Er hielt eine Weile inne; und da der Teufel nicht kommen wollte, so fuhr er fort: »Vielleicht hat der Teufel an meinen Priesterkleidern keine Gewalt. Ich will sie also ablegen.« Er entkleidete sich wirklich, und schrie jetzt mit brüllender Stimme: »Nun Teufel, komm, und hohle mich!« Ein anderer Geistlicher fragte ein Weib, welches in den Beichtstuhl trat, ob sie an Fegfeuer und Heilige glaube? Nein! erwiederte das Weib. So leck mich . . . . . schrie der Rasende. packte sie an, und schleuderte sie fort. Bey den Commissionen, wo die Erklärungen der Protestanten aufgenommen wurden, erlaubte man sich die pöbelhaftesten Flüche und Lästerungen. »Verdammt seyd ihr alle,« heißt es dort; »zum Teufel müßt ihr alle, so wie eure Eltern, also auch eure Kinder und alle Lutheraner in der Welt, fahren. Schon wachsen euch Hörner und Schwänze, wie den Teufeln; nur seyd ihr verblendet, daß ihr sie nicht sehet und fühlet. Der Kaiser will jetzt nur die heimlichen Lutheraner durch öffentliche Erklärungen ausfindig machen, um die bekannten alle, sammt Weib und Kind, binden, und an die türkische Gränze führen zu lassen Schlözer Staatsanzeiger. . Füglich können wir hier noch erwähnen, wie es damahls zu Wien in den Kirchen überhaupt zuging. Nicolai (in dieser Hinsicht mit Unrecht angefeindet) erzählt in seiner Reisebeschreibung: Alles läuft untereinander, und man hört ein beständiges Sumsen. Ist einer mit seinem Gebeth fertig, so geht er weg, und andere kommen; daher in der Kirche ein beständiges Hin- und Herlaufen, und an den Thüren sehr oft ein Gedränge ist. Bey meiner Anwesenheit in Wien ward noch an zehn oder zwölf Altären zugleich Messe gelesen. Bald ging die Musik zum Hochamte, bald schrie der Priester: Dominus vobiscum, bald ward geantwortet: Et cum Spiritu tuo; bald ward an diesem, bald an jenem Altare geklingelt. Hier fiel eine Anzahl Leute nieder, dort stand eine Anzahl anderer auf. Mit einem Mahl fielen sie alle nieder und erhoben sich wieder. Hier las einer halblaut im Gebethbuche, dort zupften andere am Rosenkranze; hier bewegten sich viele hundert Lippen, um Gebethe zu käuen, dort schlugen sich eine Menge Leute an die Brust; hier seufzten einige, und dort stöhnten andere. Einmahl sah ich sogar in Wien, daß bey einem Hochamt mit Musik und bey den Nebenmessen noch zugleich in verschiedenen Beichtstühlen Beichte gehört, und an den Schranken des Altars die Communion ausgetheilt ward. Beständig war die größte Verwirrung und alles voll Geräusch. In den Kirchen zu Wien gehen Leute in kaiserlicher Liveree herum, die man Schwazcommissarien nennt. Sie nöthigen diejenigen, die bey Aufhebung der Hostie nicht niederknieen, dazu, und verbiethen den Plaudernden das Schwätzen. Aber es hilft sehr wenig. Unter der Messe wird viel geplaudert. Die Kirchen müssen oft zu Zusammenkünften dienen, die gar nichts Geistliches an sich haben. Man sieht sehr oft, daß jemand dicht neben einem Frauenzimmer in einem Bethstuhle knieet, und man merkt wohl zuweilen, daß sie nicht bloß Gebethe murmeln. Das Ärgerniß wird oft ohne Scheu getrieben. Bey dem Segen und Litaneyen gegen Abend, wo es schon dunkel ist, werden die gröbsten Unanständigkeiten begangen. Die letzte Messe, die nach halb 12 täglich gelesen wird, hat einigermaßen den Argwohn für sich, daß sie oft zu Zusammenkünften diene. Besonders nennt man in Wien diese letzte Messe bey den Kapuzinern ungescheut und öffentlich die Hurenmesse. Daselbst kommen sehr viele Frauenzimmer von zweydeutigem Rufe zusammen, und die jungen Herrn gehen dahin, um zu sehen, was für Waare angekommen ist. Man denke nicht etwan, daß ich etwas übertreibe; die Sache ist in Wien (und in München und Mainz) bekannt genug, und man kann, so oft man will, sie mit Augen sehen. 52. Der Jesuit und der Teufel, ( über Josephs Reformen ). »Der Jesuit und der Teufel. Eine Entdeckung zum Besten der Menschheit. Ignatienburg, 1786.« 29 Seiten in Octav. Auch ein Verlagsfrüchtchen des berüchtigten Großhändlers und Buchdruckers Wucherers. Es ist eine der bessern Jesuitenbroschuren, und verdient allerdings gelesen zu werden, besonders da sie Josephs Reformen betrifft. Es sind Passagen darinnen, welche an Berangers päpstliches Abenteuer mit dem Teufel erinnern. Von der Anzahl der jesuitistischen Flugschriften jener Zeit, reizen die meisten nur durch den Titel, z. B. »Jesuitengift, wie es unter Clemens XIII. entdeckt, unter Clemens XIV. unterdrückt, und unter Pius VI. noch fortschleicht; Philadelphia (Wien) 1784«; »Aloysia von Blumenau, eine junge und reiche Witwe, Pater Batleme Schlieff, ein Jesuit und Provinz-Procurator; eine concentrirte Jesuitengeschichte. Constantinopel (Wien bey Wucherer) 1784« In dieser Aloysia von Blumenau, befindet sich jedoch ein Anhang, der uns interessant genug erscheint, um nicht übergangen zu werden. Er betrifft das Wechselbriefwesen der Jesuiten. Der Verfasser ertheilt über die geheime Manipulation der ehrwürdigen Väter folgende Auskunft: »Ich habe in einer Anmerkung über den Ausdruck: Wechsel fünfte Classe , eine Erklärung der Jesuitenwechsel versprochen; hier ist sie. Daß die Jesuiten in allen Theilen der Welt ihre Banken hatten, wäre überflüssig zu erweisen; allein wie ihre Wechsel eingerichtet waren, wissen bis heutigen Tages sehr Wenige, auch sogar von jener Classe der Menschen, welche immer die Geheimnisse der Jesuiten studirten. Wenn sie dieses ergründet hätten, würden sie die Jesuiten zwar in die Enge getrieben, niemahls aber ihre gänzliche Aufhebung befördert haben. Allein von diesem ein andermahl, und zwar in einer Schrift, welche ich unter dem Titel: »Meine Muthmassungen, daß es immer Jesuiten geben werde,« so bald es möglich, will drucken lassen. – Die Wechsel der Jesuiten waren in fünf Classen eingetheilt; mit der ersten hatte es folgende Beschaffenheit. Ich wollte z. B. aus Wien in welch immer einen Theil der Welt reisen, dabei aber keine Münze oder sonst welche Papiere, so man abermahl in einem andern Lande aus- und umwechseln müßte, mitschleppen; ging ich in das Profeßhaus der Jesuiten und erlegte, ich will sagen dreyßigtausend Gulden dem Provinzprocurator. Dieser gab mir dafür ein weißes Stück Papier, welches einen Triangel, ein Quadrat oder welch immer eine Figur, in der Größe eines halben wienerischen Bankozettels vorstellte, er ermahnte mich aber zugleich, daß ich nirgens dieses Papier anbringen werde, als wo ich sagte, daß ich das Geld erheben wolle, z. B. in Madrid, und daß ich nur die erlegte Summe, wie auch den Ort, das Jahr, das Monath und den Tag, in welchen ich das Geld erlegte, nicht vergessen solle; sonst würde alles verloren seyn Ja da steckt es! – . Dies weiße Papier gab ich sodann, wie ich sagte, z. B. zu Madrid im Profeßhause dem Provinzial-Procurator. Dieser fragte mich, wie viel ich erlegt habe? wie auch wo? in welchem Jahr, Monath und Tag? Darauf nahm er ein großes Buch, in welchem alle erdenkliche Figuren abgezeichnet waren, legte auf eine mein überbrachtes Papier, welches vollkommen mit seiner Figur eintraf, und sodann zahlte er meine dreyßigtausend Gulden baar, ohne allem Abbruch aus; oder wenn ich weiter reisen wollte, gab er mir ein neues Papier mit den nämlichen Warnungen, die ich in Wien bekommen habe. Kam ich mit so einem Papier nach Indien, oder sonst wohin, wo ich ausländische Waaren kaufen wollte, z. B. Zimmt, Chinarinde oder auch Perlen, Edelsteine u. m. d., so habe ich statt des baaren Geldes, wenn ich wollte, alles dieses um einen sehr leidentlichen Preis durch die Jesuiten haben können, die mir es aber nicht selbst gaben, sondern mich bey andern gewissen Kaufleuten angewiesen hatten. Derley Papiere hat man in allen Profeßhäusern der Jesuiten erheben können; allein unter Millionen gab es nicht zwey Stücke, welche einander vollkommen gleich wären geschnitten gewesen. Man fand nach Aufhebung der Jesuiten ganze Kisten mit dergleichen Papierchen angefüllt; allein man glaubte, es wären nur Abschnitze von andern Papieren, und warf selbe in das Feuer. Ja wenn man es auch gewußt hätte, daß so vieles daran gelegen wäre, so fehlte doch der Schlüssel dazu, wie viel, wohin, zu welcher Zeit u. s. f. – Die zweyte Classe ihrer Wechsel war also beschaffen: Ich war z. B. in einem Orte wohnhaft, wo die österreichische Provinz ein Collegium oder eine Residenz hatte, und ich sollte in Wien tausend Gulden bezahlen; so ging ich zu dem Rector collegii oder Superior Residentiae und erlegte ihm die tausend Gulden. Dieser schrieb dem Provinz-Procurator folgendermassen: Reverende in Christo Pater! Dignetur Reverentia Nostra et Cassa Collegii ( oder Residentiae) Domino N. N. folvere Florenes Rhenenses mille; quam ego solutionem pro parte Collegii ( oder Residentiae) ratam habebo. ct. Diesen Brief gab er mir, und ich überschickte ihn meinem Gläubiger; kam nun dieser Dominus N. N. zu dem Provinz-Procurator, so bekam er gegen diese Schrift seine tausend Gulden ohne allen Abbruch. Die dritte Classe war zwar ganz sonderbar; wenn man eine Dispensation oder sonst welche Erlaubniß von dem Papste aus Rom verlangte, so ging man in das Profeßhaus, erlegte da die Taxe, und holte zur von dem Provinz-Procurator bestimmten Zeit seine Dispensation oder Erlaubniß ab. Die vierte Classe bestand in dem, daß diejenigen, welche aus den päpstlichen Staaten kamen, im Profeßhause für päpstliche Ducaten reine Kremnitzer erhalten konnten. Die fünfte Classe war so beschaffen, wie es bey allen öffentlichen Wechselherren gewöhnlich ist; doch mit kleinerem Interesse. Allein dies geschah nur demjenigen, welcher von einem Jesuiten eine Empfehlung mitbrachte, daß er ein Mann sey, welchem zu trauen wäre. Die Juden hatten hierbey ihren guten Gewinn. Die 1. Classe hieß Cambium Jesuiticum; die 2. Cambium Provinciale; die 3. Cambium Sacrum; die 4. Cambium Pontificale; die 5. Cambium Christianum. . Hier also »Der Jesuit und der Teufel«: Prolog . Wer einen Teufel glaubt, wird an der Möglichkeit dieser Unterredung nicht zweifeln. Hat der Teufel mit so vielen Heiligen gesprochen, so kann er sich ja auch mit einem Jesuiten in ein vertrautes Gespräch eingelassen haben. Hat er dann einmahl mit ihm geredet, so ist es eben so möglich, daß irgend ein Bedienter, der an der Thüre horchte, oder ein Freund, der neben dem Jesuiten wohnte, diese Unterredung aufgefangen, und zu Papier gebracht habe. Die Herren Jesuiten reden ja über ähnliche Materien ziemlich laut, und natürlicherweise um so lauter, wenn sie mit Teufeln sprechen. Die Ehre der Möglichkeit wäre also gerettet; was aber viele an der Wahrscheinlichkeit könnte zweifeln machen, ist der Umstand, daß der Jesuit in diesem Dialoge sehr oft [wie] ein Teufel spricht; allein auch da könnte man entgegen sagen, daß dieser nicht der einzige Jesuit sey, der als Teufel gesprochen habe. Freygeister, die keinen Teufel glauben , werden natürlicherweise die Möglichkeit dieser Unterredung platterdings abläugnen. Mögen sie es immer! wenn sie nur eingestehen, daß Jesuit und Teufel bey einer Zusammenkunft so reden könnten, wie sie hier reden. Was aber die Herren Jesuiten selbst betrifft, so werden sie vermuthlich dem Herausgeber Dank wissen, daß er ihre Grundsätze auch denjenigen bekannt gemacht habe, die nicht das Glück ihres vertrautern Umganges geniessen. »Geschrieben an der Sternwarte des Aberglaubens im fünften Jahr der Aufklärung«. (Der Jesuit ist eben beschäftiget, verschiedene aufrührische Bücher in seinem Schranke zu verbergen.) Der Teufel . Vergieb, daß ich dich unterbreche. Jesuit . Wesen deiner Art sind mir allezeit willkommen. Setz dich – Teufel . (Sich im Armstuhl niederlassend.) Ich werde vom Pluto zu dir geschickt – – Jesuit . Mich zu holen? Teufel . Nein! Du bist uns auf der Oberwelt zu unentbehrlich, als daß wir dich so frühzeitig von deinem Gesandtschaftsposten ablösen sollten. Jesuit . Was will also mein Gebieter von mir? Teufel . Laß mich eher verschnauben. Du wohnst abscheulich hoch – – und kannst du dann so hell leiden? Jesuit . Wir können die Fensterläden zumachen, wenn dir das Licht zu weh thut. Auch ich bin ein Freund der Nacht. Teufel . Du wirst mir einen Gefallen thun. Jesuit . (Die Fensterläden zuschliessend.) So wird es gut seyn! Teufel . Ich danke dir. Wir sind beyde Kinder der Finsterniß. Für uns schickt sich kein Licht. Jesuit . Ist es dir nun gefällig, dich deiner Aufträge zu entladen? Teufel . Nur eine Prise Tabak, wenn du magst so gut seyn. Der, den wir in der Hölle schnupfen, wird täglich schlechter. ( Jesuit gibt ihm Tabak.) Teufel . Er ist nicht übel. Wie nennt man ihn? Jesuit . (Lächelnd.) Der gemeine Mann nennt ihn durchaus den Jesuitentabak. Teufel . Ha! ha! ein feiner Kunstgriff, euern Namen auf die Nachwelt fortzupflanzen. Jesuiterräuschchen; Jesuiterschläfchen! Jesuitertabak! Jesuiterzeug auf Hosen! Bey meiner Hölle! euer Andenken kann nicht sterben. Jesuit . (Seufzend.) Nur ewig Schade, daß unser Tabak und unser Hosenzeug unsern Orden überleben mußte. Teufel . Du führst mich nun selber auf die Ursache, warum ich zu dir deputirt wurde. Es sind seit kurzer Zeit verschiedene Mitglieder euers Ordens bey uns angelangt, die dem Pluto die Ohren volllügen. Wenigstens hält sie die ganze Hölle für Windbeutel. Sie behaupten, daß euer Orden bald in neuem Glanze hervortreten werde. Der Schlag, den euch Ganganelli versetzte, wäre, sagen sie, zu ihrer künftigen Größe nöthig gewesen. Sie versprechen unserm alten Monarchen, daß sie nun seinem Reiche eine ewige Dauer geben wollen. Sie nennen ihm protestantische Fürsten, die mit in ihrem Plane arbeiten, und prahlen mit dem Einfluß, den sie in die Kabinete von Rom, Berlin, Schweden und Dänemark haben. Das kitzelt nun freylich unsern Pluto über die Maßen. Ihr habt ihn aber schon einigemahl angeführt, und ihn gegen eure süssen Worte mißtrauisch gemacht. Er hat mich also zur Welt geschickt, damit ich untersuche, wie es mit seinem Reiche stehe, und zugleich von dir, als seinem Lieblinge und höllischen Charge d'affaire, vernehme, in wie weit es mit den Verheissungen deiner verdammten Ordensbrüder seine Richtigkeit habe. Jesuit . (Lächelnd.) Du hast es ja nun mit deinen Augen gesehen. Was hältst du von der Sache? Teufel . Ich muß dir's aufrichtig gestehen: ich kann daraus nicht klug werden. Ich habe in den Ländern, die ich durchgereiset, nichts als Widersprüche gefunden. Ich fand fast eben so viele Rebellen als eifrige Anhänger unsers Reichs. Man reißt hier ein Stück vom Gebäude des Aberglaubens nieder, und bauet dort ein anderes dafür hin. Ich sah in Spanien am nämlichen Tag einen Auto da Fe, als im Staatsrath die Einschränkung der Klöster resolvirt wurde. In Portugal hingegen scheint mir der Geist von eurem guten Freund Pombal von neuem herum zu spucken, und alles unvermerkt zu untergraben, was die Königinn zu unserm Besten aufgeführt hatte. Ja in Frankreich habe ich, seit meiner letzten Reise vor fünfzig Jahren, keine besondere Veränderung gefunden. Die Geistlichkeit weiß sich durch ihr Geld im alten Ansehen zu erhalten. Man verbiethet noch immer die schlechten Der Teufel wird hierunter wohl Voltaires Werke verstehen, die er natürlich, wegen dem Schaden, den sie dem Aberglauben zufügten, nicht anders als schlecht nennen kann. Bücher, und läßt dafür den schlechten Sitten freyen Lauf; der Franzos ist daher noch immer in seiner Jugend ohne Grundsätze ein Freygeist und in seinem Alter ohne Grundsätze ein Bethbruder. In Deutschland fand ich ungleich größere Veränderungen, und doch sind es kaum fünf Jahre, daß ich ein paar geistliche Fürsten daraus abholte. Trier scheint uns (ich weiß nicht, ist es Politik oder eine Folge der Aufklärungsseuche) untreu zu werden. In Köln untergräbt der Bruder von unserm Erbfeind einen Hauptpfeiler von unserm Gebäude. Ich wäre trostlos von dannen gezogen, wenn mich nicht ein Paar Mitglieder des Kapitels versichert hätten, daß sie ihrem Fürsten alle nur mögliche Prügel unter die Füsse werfen würden. Im Maynzischen haben wir zu frühe triumphiret. Eine Menge von unsern Anhängern sind zu unsern Feinden übergangen. Dafür habe ich in Bayern Trost und Labsal gefunden. Doctor Sänftl soll deswegen um eine Stuffe höher sitzen, daß er uns vom Maximilian befreyet hat. So gern er auch in sein Herzogspital zu seiner Maria ging, so hat er doch keine Courage gehabt, der Aufklärungspest Einhalt zu thun. Hätte der Fürst noch zehn Jahre gelebt, wir hätten halb Bayern verloren. Nun aber können wir unsre fettesten Braten wieder aus diesem Lande holen. Wenn sich nur euer Frank nicht zu Tode sauft oder zu Tode h—t, so ist mir Bayern lieber als Spanien. Wer mich doch für Bayern fürchten macht, ist der Buchhändler Strobel. Wenn nur irgend ein Buch wider uns herauskommt, puff! druckt er's nach, und verbreitet es dann unter dem Volk. Aber weh ihm, wenn er eurem Frank einmahl in die Klauen kömmt. Der wird ihn noch ärger rupfen als der kaiserl. Gesandte. In Salzburg bin ich zitternd eingetreten. Nach dem Hirtenbrief zu schliessen, der so großes Aufsehen in unsrer Hölle machte, getraue ich mich kaum sehen zu lassen, und doch fand ich im ganzen Lande nicht eine Spur von wirklichen Abfall. Das Volk scheint freylich der Pfaffenregierung müde zu seyn; aber in der Hauptsache halten sie es mit uns. Nichts freute mich aber mehr, als daß die Kapitularherren und andere geistliche Excellenzen ihr scandaleuses Leben noch immer fortführen, und (ein Paar ausgenommen) ihrem Landesherrn in seinem dummen Aufklärungssysteme aus vollen Kräften entgegen arbeiten. Mit dem einzigen Handelstand war ich nicht zufrieden. Dieser hat gerade durch die saubere Mautheinrichtung eures Kaisers, (die uns so um so viele Schwärzerseelen bringt), am meisten verloren, und doch wünschen die meisten aus ihnen kaiserlich zu seyn. Doch Passau gab mir neue Herzstärkung. Sie hängen noch mit Leib und Seele an uns, und haben mir versprochen, daß sie den Eybel und jeden Aufklärer todt schlagen wollen, der es wagt nach Passau zu kommen. In Linz wäre ich bald kleinmüthig geworden. Wir haben da seit fünf Jahren einen guten Theil unsrer Anhänger verloren. Dafür aber habe ich mich in den Prälaturen wieder erholt. Da ist noch alles vom Prälaten bis zum Pförtner herab uns so eifrig ergeben, daß ich eine rechte Freude daran hatte. Auch die meisten Pfarrer zeigen sich noch als treue Unterthanen meines Fürsten, und als erklärte Feinde eures Kaisers. Jesuit . Was denkst du denn von Wien? Teufel . Das scheint mir ein wahres Räthsel, da sind freylich viele tausend Hände mit dem Einreissen beschäftiget. Wenn man aber nach ihrer Arbeit sieht, so sieht man, daß sie wenig oder nichts gethan haben. Ich hab ordentlich an einigen bemerket, daß es ihnen mit dem Einreissen nicht Ernst seyn möge, und daß sie es blos ex officio thun müssen. Es traten ihnen fast Thränen in die Augen, so oft sie einen Schlag an irgend einen Grundpfeiler der Hölle thaten. Einige legten auch wohl verstohlner weise den Stein wieder hin, wo ihn die andern herab genommen hatten, und lachten bey sich ins Fäustchen über ihre Mitcollegen, die sich das Einreissen im Ernste angelegen seyn lassen. Und doch muß ich dir aufrichtig sagen, fürchte ich, daß es hier mit unserm Reiche noch am ersten Ex seyn möge. Ich habe freylich eine Menge Großköpfe mit Ordensketten, und besonders in ungerischen Hosen angetroffen, die ihr Leben für uns liessen; auch Fürstinnen und Gräfinnen der Menge helfen das baufällige Gebäude des Aberglaubens mit ihren großen Reifröcken unterstützen; dafür aber fand ich unter der gemeinsten Classe Leute, die vor unserm und euerm Namen ausspucken, und den Untergang unsers Reichs mit Ungeduld erwarten. Kurz, ich habe eben so viele Hoffnung vor mir, daß die Versicherungen deiner Ordensbrüder eintreffen werden, als ich das Gegentheil fürchte. Jesuit . Und welchen Bericht wirst du also bey solchen Umständen unserm Monarchen, dem Pluto, erstatten? Teufel . Aufrichtig, Freund, ich finde mich mit manchem eurer Hofräthe in gleicher Verlegenheit, und muß dich bitten, das Referat für mich zu machen. Jesuit . Herzlich gern. Es ist nicht das erstemahl, daß wir Dinge thun, die kein Teufel zu thun im Stande war. Höre mir also aufmerksam zu. Die Grille, daß unser Orden wieder aufleben werde, ist eben so viel werth, als die Grille vom ewigen Frieden. Zu wünschen wär das Erstere freylich; aber es wird nie geschehen. Ein Orden, der sich zu einer Zeit nicht erhalten konnte, wo er in alle katholische Cabinete unmittelbar und mittelbar Einfluß hatte, der dabey im Besitz von unzähligen Reichthümern war, und von einer Hemisphäre zur andern den Glauben der Völker und den Geldcurs bestimmte, kann um so weniger zu einer Zeit von seinem Falle aufstehen, wo die Vernunft ihre Rechte zu behaupten anfängt, die Beichtväter und Hofschranzen in den Quiescentenstand gesetzt werden, und die Karte, die wir spielten, so offen da liegt, daß die Minister Schaafsköpfe seyn müßten, wenn sie uns die Parthie gewinnen liessen. Dann haben uns die monarchisch gesinnten Autoren die Kutte von allen Seiten so hoch aufgehoben, daß wir uns kaum mehr vor ehrlichen Leuten können sehen lassen. Teufel . Ohne dich zu unterbrechen. Ist doch alles wahr, was euch die Leute zur Last legen? Jesuit . Mehr als zu wahr – – Teufel . So waret ihr aber doch rechte Erzschelme – Jesuit . (Lächelnd.) Eine Universalmonarchie ist ja einige Schelmstreiche werth. Haben nicht auch die Römer ihr Reich durch eine Schandthat, durch den Raub der sabinischen Weiber gegründet? Teufel . Ich muß dich noch mit einer Frage unterbrechen. Hätte die Menschheit dabey gewonnen, wenn eure Universalmonarchie zu Stand gekommen wäre? Jesuit . Wie magst du so eine Frage thun? Wenn nur wir dabey gewannen. Was bekümmert uns das Wohl der Menschheit? Doch wir sind von unserm Stoffe abgekommen. Teufel . Wir blieben bey der traurigen Nachricht, daß dein Orden auf immer dahin gestorben sey. Jesuit . So ist es, und doch haben wir die Kraft zu wirken beybehalten; denn alle die Widersprüche, die du auf deiner Reise angetroffen hast, sind unser Werk. Teufel . Aber was soll euch alles das nützen, wenn ihr keine Hoffnung habt, je wieder aufzuleben? Jesuit . Du bist Teufel, und kannst so eine Frage thun? Kennst du nicht das Süsse der Rache, und die Wollust übel zu thun? Teufel . Ich bitte dich um Vergebung. Ich vergaß, daß ihr Jesuiten seyd. Jesuit . Wenn dem wilden Eber auf der Jagd auch der Mordstahl schon im Leibe steckt, so wird er doch den Jäger und die Hunde zu zerfleischen suchen, und Mord und Tod um sich her verbreiten, obwohl weder das eine noch das andere seinen Tod aufhalten kann. Sollte es uns weniger erlaubt seyn, den süssen Tod der Rache zu sterben? Teufel . Hat man euch denn, wie dem Wildschweine die Waffen gelassen? Jesuit . Das war eben der Fehler, den die Monarchen und ihre Minister begingen. Sie glaubten, wir würden unsre Natur ändern, wenn sie uns mit Wohlthaten überhäuften. Sie liessen uns also die Kanzel und Beichtstuhl, – gaben uns die fettesten Pfarren – machten uns zu Pröbsten und Bischöfen, und dachten nicht daran, daß man Wölfe nicht zu Schaafhirten machen soll, und daß der Wolf lebenslänglich ein Wolf bleibe. Ich will dir, wenn du Geduld hast, nur einige Hauptverwüstungen anführen, die wir blos allein in dem kaiserl. Schaafsstall angerichtet hatten, und noch anrichten. Teufel . Wie gern will ich dir zuhören. Ich vergesse über solche Erzählungen die Peinen der Hölle. Jesuit . So sehr wir auch vermög unsers Instituts allen Monarchen Feind seyn müssen, so haben wir doch unsern Haupthaß gegen den Kaiser gerichtet. Sein Toleranzsystem und seine Preßfreiheit waren es, die unsre Hoffnung wieder lebendig zu werden auf immer zernichteten; aber wir beschlossen, ihm so viele Steine in den Acker zu werfen, daß er sobald von seinem Aussäen keine Früchte sehen soll. Das erste war, seine Unterthanen wider ihn aufzuhetzen. Dazu hatten wir nun sehr weites Feld. Jede Reformation muß Mißvergnügte machen, und um so mehrere, wenn, wie es hier der Fall war, alles reformirt werden muß. Leute, die sich durch Strickröcke oder Kutten in Kanzley- oder Gerichtsstuben hineingeschlichen hatten, wurden abgesetzt; andere verloren ihre unverdienten Pensionen. Verschiedene Beamte, die schönen Gehalt zogen, und andere für sich arbeiten ließen, mußten nun selbst das Arbeiten versuchen; die Großen, die kleine Tyrannen spielten, und ungestraft jedes Bubenstück ausüben konnten, wurden zur Menschlichkeit angehalten; den Richtern, die nur zu oft das Recht verkauften, wurde bey dem Wägen auf die Finger gesehen; kurz, jeder Schritt, den der Kaiser in seinem System vorwärts that, mußte von allen Seiten Mißvergnügte erregen, und wenn sie gleich alle fühlten, daß ihnen nach Rechten geschah, so schrieen sie doch über Gewalt und Tiranney; denn welcher Mensch wird selbst von sich gestehn, daß er ein Dummkopf, ein Despot, ein Faullenzer, und ein ungerechter Richter war. Wir hatten bey diesen Klagliedern wider Joseph nichts zu thun, als daß wir die Achseln zuckten, und in zweydeutigen Ausdrücken noch schrecklichere Dinge prophezeihten. Doch so groß auch dieser Anhang war, so stand doch von der andern Seite eine ungleich stärckere Parthey wider uns und unser Reich auf. Leute von wirklichem Verdienste konnten nun, weil ihnen keine Dummköpfe mehr den Weg verstellten, weiter rücken; der unterdrückte Arme konnte nun wider seinen despotischen Grundherrn Gerechtigkeit und Schutz finden; der Sclave sah seine Fessel zertrümmert! der dürftige Hauer, dem die geistlichen Sammler seinen Schweiß wegkapperten, konnte seinen Wein nun für gutes Geld verkaufen, oder doch auf seine eigene Gesundheit trinken. Der Protestant durfte nun seinem Gewissen nicht mehr Gewalt anthun, und konnte seine Kinder nach den Grundsätzen seiner Religion erziehen; und so war es sehr natürlich, daß alle diese, theils aus Dankbarkeit und theils aus Eigennutz dem Kaiser anhingen. Zu diesen schlugen sich verschiedene Bischöfe, die ihre Macht erweitert fanden, und nun selbst gern den Papst im Kleinen spielen wollten – dann eine unzählige Menge von jungen Mönchen, die die Kutte genierte, und der Fleischteufel juckte, nebst den Nonnen, denen ihre Beichtväter zu alt waren; ferners die meisten Weltpriester, die sich einbildeten, daß man bloß ein Anhänger des Kaisers seyn dürfe, um eine fette Pfarre zu kriegen, und endlich eine unzählige Menge von Hofmännern, die es immer mit der herrschenden Parthey halten, von denen aber mehr als die Hälfte wieder unsre Freunde geworden. Unsre gefährlichsten Feinde aber waren die Autoren. Es gab freylich Leute unter ihnen, die kaum lesen konnten. Indessen verwirrten ihre Schriften doch dem gemeinen Manne den Kopf, und machten ihn an unsrer unfehlbaren Lehre zweifeln, und es hätte nur noch einige Monathe so fortdauern dürfen, so wären uns die meisten Truppen durchgegangen. Es war also die höchste Zeit, einen von unsern alten Jesuiterstreichen zu spielen. – – Wir ließen den Papst nach Wien reisen – Wir hätten auch den Herrn Joseph in keine feinere Falle bringen können. Hätt' er den Besuch des Papstes nicht angenommen, so hätten wir ausgesprengt, daß er sich vor ihm fürchte – und nahm er ihn an, so konnte er nicht anders, als nachtheilig für ihn ausfallen. Teufel . Ich bitte dich, nenne das lieber einen Teufelsstreich; denn er würde jedem Teufel Ehre gemacht haben. Jesuit . Gewiß! Wir genossen auch in unserm größten Flor keines solchen Triumphes. Mit einem einzigen Segen trieb er den Geist der Aufklärung aus den Köpfen der Wiener. Sie krochen nun zu ihren Beichtvätern hin und klagten sich an, daß sie es gewagt hätten, ihre Vernunft brauchen zu wollen. Wir bissen uns vor Lachen in die Lippen, als wir Männer mit Ordensketten, und Damen vom ersten Range zu den Füßen des Papstes sahen – und wie täglich zwanzig und mehr tausend Menschen den halben Tag auf seinen Segen harrten. Doch wir ließen bald noch andere Minen springen. Wir zogen die Bischöfe in unser Interesse; und bey den schwachen Köpfen, die die meisten aus ihnen hatten, gelang es uns sehr leicht, sie nach unserer Pfeife tanzen zu lassen. Wir beredeten sie, daß man sie nur deßwegen vom päpstlichen Stuhle losmachen wolle, um ihnen dann ihre Einkünfte nach Belieben beschneiden zu können. Nun weißt du wohl, daß Geld, besonders bey Bischöfen, der Hausgott ist, und daß sie sich lieber an einem jeden andern Orte beschneiden ließen, als an ihren Einkünften. Sie wurden also halsstärrig, und legen nun dem Aufklärungswerke selbst die größten Hindernisse in den Weg. Den Protestanten machten wir weiß, daß der Kaiser sie nur ins Land zu locken suche, und daß man sie mit der Zeit zwingen werde, die herrschende Religion anzunehmen. Was uns bey dieser Lüge am besten zu statten kam, waren die verschiedenen, oft zweydeutigen Abänderungen im Toleranzwesen, und die tölpelhafte Art, mit der die Vollzieher der kaiserlichen Befehle zu Werke gingen. Es gelang uns also, einen guten Theil der Protestanten, sowohl im als außer Land von dem Kaiser abwendig zu machen. Die Nonnen, die so gern zur Bevölkerung beygetragen hätten, vertrauten sich nun wieder unserer Leitung, nachdem sie sahen, daß man sie gerade vom beschwerlichsten Gelübde nicht befreyen wolle, und ihnen nicht erlaube, öffentlich Mütter zu werden. Teufel . Warum gibt man ihnen denn keine Männer? Jesuit . Der Erzbischof macht sich ein Gewissen daraus. (Der Teufel lacht und nimmt eine Prise Tabak.) Aber die jungen Mönche und die Weltpriester werden es wohl noch mit eurem Kaiser halten? Jesuit . Fast alle sind von ihm abgefallen. Das haben wir zwar nicht unsern Kunstgriffen, sondern dem Kaiser selbst zu danken. Seit er sie zum Studieren anhält, sind sie fast alle seine Feinde geworden. Sie glaubten, man werde ihnen gleich junge Weiber und alte Pfarren geben. Ans Studieren dachte keiner. Denn hätten sie was lernen wollen, so wären sie in der Welt geblieben. Teufel . Du hast recht, es ist so was Dummes um einen Mönch, daß ich mich schäme, so oft ich einen hohle. Wie seyd ihr aber mit euren Hauptfeinden, den Autoren, fertig geworden? Jesuit . Diese Oracel sind nach und nach von sich selbst verstummt; aber freylich nicht ohne unser Zuthun. Wir bedienten uns verschiedener Kunstgriffe. Theils verbothen wir dem gemeinen Manne das Lesen aller Broschüren unter einer Sünde – theils zogen wir einige Autoren durch Geld und gute Worte auf unsere Seite; oder wir beredeten das Publicum, daß Eybel und dergleichen nicht aus eigenem Antriebe so schrieben, sondern, daß sie so schreiben mußten. War aber ein Autor im Ansehen, so machten wir ihn lächerlich; streuten die ärgerlichsten Anecdoten von ihm aus, und stellten ihn öffentlich an den Pranger, wie wir es mit Eybel, Blumauer, Sonnenfels, Rautenstrauch, Friedel u. s. w. machten. Am besten gelang es uns aber dadurch, daß wir von den besten Schriften mit Verachtung sprachen, und das Publicum bedauerten, das mit so elendem Zeuge heimgesucht wurde. Hätten wir diese Broschüren gottlos, schädlich und dergleichen genennt, so würde man sie gerade deßwegen gekauft haben. Allein wer wird sein Geld für Werke hingeben, die ihm von allen Seiten als fehlerhaft, dumm, und trivial verschrieen werden? Es geschah also, was natürlicherweise erfolgen mußte: die Leute kauften keine Broschüren mehr, und die Autoren, die entweder diese Kälte gegen ihre wirklich guten Schriften verdroß, oder die nicht gern das Publicum auf Kosten ihres Beutels unterhalten wollten, hörten zu schreiben auf. Teufel . Ich muß dich umarmen. Denn so seine Spitzbuben habe ich in meinem Leben nicht gesehen. (Er umarmt den Jesuiten). Jesuit . Du wirst mich schwarz machen. Teufel . Ich kann dich unmöglich schwärzer machen, als du bist. Jesuit . (Lächelnd.) Doch wir spielten dem Kaiser wohl noch ärgere Streiche. Es genügte uns nicht, ihn bey seinen Unterthanen verhaßt zu machen. Wir suchten auch auswärtige Fürsten wider ihn aufzubringen. Teufel . Laß mich doch hören, wie ihr das anstelltet. Darin waret ihr ja von jeher Meister. Jesuit . Es kostete uns sehr wenig Mühe. Ein Monarch, wie Joseph, der bey einem öconomischen Geiste Muth und Entschlossenheit besitzt, mußte ohne das den heimlichen Neid seiner Nachbarn erregen. Wir hatten also weiter nichts zu thun, als daß wir durch unsere Emissäre die Regenten und vorzüglich die Fürsten des Reiches in ihrer Furcht bestärkten. Dabey leisteten uns die Zeitungsschreiber, die zum guten Theile selbst Jesuiten sind, oder doch durch Jesuiten regiert werden, die besten Dienste. Wir ließen durch sie verschiedene Artikel nach und nach einrücken, die die Aufmerksamkeit aller übrigen Fürsten auf sich ziehen mußten. Man las also bald von einer engen Verbindung der Kaiserhöfe mit einer andern Macht, die das Gleichgewicht in Europa nothwendig aufheben müßte. Gleich darauf ließen wir das Project vom Ländertausch vorrücken, wodurch wir besonders die Bayern so aufbrachten und kleinmüthig machten, daß der Churfürst endlich durch ein öffentliches Manifest die Nullität dieses Gerüchtes bekannt machen mußte. Die Franzosen, die ohnehin den Groll gegen Österreich mit auf die Welt bringen, wußten wir um so leichter wider den Kaiser aufzubringen; Joseph hatte es ohnehin selbst mit ihnen verdorben, daß er ihrem Könige über viele Fehler seiner Regierung die Augen öffnete, und sich über das lächerliche Etiquette, wodurch der König fast zu einer Drahtpuppe wurde, in bitterm Spott herausließ: denn diese Nation will durchaus keinen König haben, der mit eignen Augen sieht, dabey öconomisch ist, und die Gerechtigkeit ausübt. Teufel . Was sagst du zur Geschichte des Cardinals? Jesuit . Die Franzosen nennen seine Arretirung une action à l'Empereur . – – Teufel . Also billigen sie solche nicht? Jesuit . Natürlich nicht! denn sie waren bisher gewöhnet, nur ehrliche Leute in der Bastille zu sehen. – Die Franzosen wurden also durch diese Umstände, und durch die verschiedenen Gerüchte, die wir von dem Eroberungsgeiste des Kaisers ausstreuten, seine geschwornen Feinde. Sie äußerten solches auch bey seiner Fehde mit Holland, und vorzüglich bey der Anwesenheit des Prinzen Heinrichs, dem sie sogar auf der Gasse zuschrieen: de bien battre les Autrichiens . – – Teufel . Ihr werdet bey dem Scheldestreit wohl eben so wenig müßig gesessen seyn? Jesuit . Kannst du wohl fragen? Haben wir nicht noch jetzt in Holland unsere meisten Gelder stehen? Wir mußten uns also wohl dieser Leute annehmen. Teufel . So habt ihr wirklich Gelder auf die Seite geschafft? Jesuit . Frag einmahl die Monarchen. Ha! ha! die haben wunderliche Gesichter gemacht, als sie statt der ungeheuern Schätze kaum genug fanden, um uns erhalten zu können. – – In Schlesien hatte Joseph unter den Katholiken einen starken Anhang gehabt, und wenn gleich Herzberg in seiner schönen Rede ungemein die Glückseligkeit dieses Landes herausstreicht, so gibt es doch viele, die gerne weniger glücklich seyn möchten, wenn sie wieder unter die vorige Regierung kämen. Doch es gelang uns, auch diese vom Kaiser abwendig zu machen, indem wir ihnen weiß machten, daß Joseph ein heimlicher Protestant sey, und daß er sein Volk tyrannisire. Kurz wir suchten ihn durch Reden und Schriften in ganz Europa gehässig und sogar lächerlich zu machen. Teufel . Wie z. B. in euren Berlinerbriefen? Jesuit . Kennst du diese? Teufel . Es ist kein Teufel in der Hölle, der sie nicht gelesen hätte. Wir haben eurem Buchhändler Mösle eine ganze Auflage abgenommen. Jesuit . Was sagt euer Pluto dazu? – Teufel . Daß es das vollkommenste Werk eines Teufels wäre. Aber sag mir aufrichtig, weiß euer Kaiser, daß ihr es seyd, die sein Volk verwirren, und ihm seine besten Absichten vereitlen? Jesuit . Er weiß alles. Teufel . Und er läßt euch nicht aufhenken? Jesuit . (Lächelnd.) Er gibt uns Pension, und verachtet uns. Er hätte auch viel zu thun, wenn er alle diejenigen wollte aufhenken lassen, die ihrem Herzen nach Jesuiten sind. Teufel . Ihr müsset euch also gut auf das Fortpflanzungswerk verstehen? Jesuit . Es ist nicht leicht eine Familie, in die nicht etwas von unserm Saamen gekommen wäre. Wir haben Fürsten, Grafen, Baronen, Edelleute, Handelsmänner, Schuster, Schneider, und sogar bey einer gewissen Stelle im Mauthhause einen guten Freund zum Anhänger, der die Migräne kriegt, so oft etwas wider uns gedruckt wird. Teufel . Und bey einem so großen Anhange soll euch gar keine Hoffnung zu eurer Auferstehung übrig bleiben? Jesuit . Ich habe dir schon die Ursache gesagt, warum dieß nicht seyn könne. Teufel . Was soll ich also meinem Monarchen melden? Jesuit . Sag ihm, daß wir zwar von unserm Falle nie wieder auferstehen können; daß aber sein Reich demungeachtet noch von langer Dauer seyn werde. Sag ihm, daß wir als seine treuesten Unterthanen Verwirrung, Feindschaft, Heucheley und alle Laster, die aus Pandorens Büchse kamen, im Menschengeschlechte zu verbreiten suchen, und nicht eher ruhen wollen, bis die Kriegsfackel lodert, und Josephs System, sein Volk glücklich zu machen, zerstört ist. Melde ihm dieß, und empfehle mich seinem Schutze. Teufel . Das werde ich – – Lebe wohl! (Sie umarmen sich.) Jesuit . Lebe wohl! Teufel . Du hast mich durch deine Erzählung entzücket, und ich versichere dich, wenn ich nicht ein Teufel wäre, so möcht ich Jesuit seyn. Die Leser werden bemerkt haben, daß der Teufel auch unsers Reichsritters v. Mösle erwähnt. Einerseits hat er etwas Unrecht, so ferne der Ritter von ziemlich ehrwürdiger Abstammung war, aus dem Salzburgischen, woselbst er auch einen netten Wirthschaftshof besaß. Sonst aber, als speculirender Verleger hat sich Herr v. M. allerdings zu sehr curiosen Unternehmungen verleiten lassen. Wir meinen hier nur: Der Jesuit in guter Laune; Maursius Elegantiae latini sermonis etc. (sagen mit der Firma Elzevir); De tribus impostoribus, deutsch \&c. \&c. der schnackische Rococo-Elegant verdient eine eigene Skizze \&c. \&c. 53. Briefe Josephs II., in den vorhandenen Sammlungen nicht enthalten. II. Nr. I. im ersten Bändchen. 4. An seinen Neffen den Erzherzog, nachmahligen Kaiser Franz. (Noch ungedruckt.) J'ai reçu mon cher neveu votre lettre de Brandeiss. Je suis charmé que votre Régiment vous ait fait plaisir; c'est preuve de connaissances que de distinguer le mieux du bon; j'ai appris avec satisfaction que vous vous êtes bien acquitté del'exercice et que vous vous etiez fait aimer; je ne doute pas que vous vous en ferez de même à Prague ou l'assemblage du monde exige encore d'autres attentions de votre part. Quand une fois vous sentirez la douceur de bien faire et de mériter l'approbation générale, je dis sentir, meriter; car on nous en donne au travèrs du visage souvent bien mal à propos, alors rien ne vous coutera de toute les gênes ou éfforts que vous aurez à faire pour obtenir ce but; je souhaite donc bien sincérement appendre bientôt la même chose de Prague. en attendant je veux vous donner part que la déclaration de guerre que la porte a faite si injustement à la Russie, exige de ma part, connue allié de la Russie, que je fasse également la guerre. Je compte donc faire assembler un corps d'armée sur les frontières de l'Hongrie pour agir avec lui selon les circonstances. c'est une trop belle occasion pour établir votre reputation et pour vous procurer les connaissances de l'art de la guerre que je ne veux point vous la faire manquer, et par conséquent je vous avertis que je vous destine à faire en volontaire les campagnes qui pourront avoir lieu. Je suis sûre que vous sentirez la prix de cette marque de mon interet et en même temps de ma confiance. Je fais faire les tentes et les équipages nécéssaires, et vous pouvez achever votre voyage selon qu'il est projétté. Je vous embrasse tendrement et vous me croirez pour la vie votre. (1787) An den Grafen Camillo Lamberti, nachmahls General der Cavallerie und Generaladjutant. (Ebenfalls noch nicht gedruckt. Die Originale aller vier Briefe im Besitz des Herausgebers.) 5. Hezendorf ce 29. September 1789. Je vous suis infiniment obligé mon cher Marquis Lambertie de ce que vous avéz voulu vous charger de m'écrire à la place de Bourgeois, et de m'avoir donné des détails aussi clairs, tant sur les ouvrages faits que sur les dispositions de l'attaque des fauxbourgs de Belgrade. Vous pouvés facilement vous persuader, combien je souffre d'ètre ici toussant et crachant à l'ordinaire; et combien je desire par consequent d'ètre informé le plus que possible de tout ce qui se passe. Je suis très charmé qu'on ait augmenté le nombre des attaques sur les fauxbourgs, si elles s'entreprennent une heure avant le jour, je me flatte de leur reussite, Je ne comprens pas que vous ayés si mauvais tems, ici il fait les plus belles journées. Le nombre des malades qui augmente est bien facheur et surtout puisque cela s'étend même aux Généraux et personnes en Place. Je suis charmé que mon Neveu Derselbe, nachmahls Kaiser Franz, hatte seinen großen Gönner 1788 in den Türkenkrieg begleitet, und nach dessen Rückkehr nach Wien ein Jahr darauf den Oberbefehl übernommen, wobey ihm Loudon zur Seite gegeben wurde. jouisse d'une bonne santé et voye les objets avec intérèt et en détail, au moins il y a beaucoup d'écriture dans ses Journaux. Adieu Monsieur le Marquis, menagés bien votre Santé, et je desire bien, que les malades de votre petite Société pussent se remettre dans peu. Croyés moi avec bien de l'estime. Votre très affectioné Joseph. 6. Hezendorf ce 4 Octobre 1789. J'ai reçu, mon cher Marquis Lambertie, vos differentes lettres, et vous suis très obligé de la peine que vous vous donnés pour me mettre au fait de tout ce qui se passe, ce qui m'est d'autant plus agréable, que, vû l'intérèt que je mest à cet important objet, je ne puis que desirer d'en avoir tous les jour la suite. Le Comte Hadik, qui est arrivé hier avec la nouvelle de la prise des Fauxbourgs de Belgrade, m'en a donné en même tems une qui m'a causé la plus grande peine, savoir celle de la mort du Feldzeugmeister Rouvroy qui est d'une perte réelle pour le service, et qui fera bien de la peine au Marechal. Le nombre des malades, qui, à ce que vous me mandés, s'accroit excessivement tous les jours, est d'autant plus incomprehensible, que les grandes chaleurs sont passées, et que l'on se promettoit de la position plus élevée dans la Servie, et des meilleurs eaux tout le contraire. Je vous prie de me marquer ce qui vous manquera dans votre petit menage en gens, et de faire venir de Neusatz tout le renfort possible; en attendant pour suppléer au defaut des cuisiniers, objet très interessant, j'en fais partir deux par la poste, et j'en ferai de même pour les autres personnes si vous ne pouvés plus rien tirer de Neusatz. Il y a aussi Ecuyers en campagne, j'espère qu'il y en aura pourtant un qui pourra servir, mais si cela ne se trouvoit pas ainsi, je vous prie de me le marquer, pour que je puisse envoyer un cinquième et même un sixième s'il le falloit; il y a de même des Domestiques et gens d'écurie. Comme je sais que mon Neveu est grand amateur de bonnes Cartes, et fait Collection de Plans, je vous joins ici celui que l'on vend à Gratz, et qui fait connoitre clairement loutes les operations de l'Armée, et dont surtout la situation est très heureusement exprimée. Adieu, mon cher Marquis, je vous prie de faire mes Complimens à mon Neveu; je suis très aise, que vous ayés fait passer les malades Rollin et Bourgeois à Semlin, et j'espère qu'ils y seront à même de pouvoir se remettre d'autant plus aisement. Croyés moi bien sincerement. Votre affectioné Joseph. 7. Vienne ce 12 Octobre 1789. J'ai reçu, mon cher Marquis, votre Lettre du 7. et je vous laisse juger du plaisir que j'ai eu à la reception de la nouvelle de la prise de Belgrad, d'autant plus qu'elle a fait honneur à la troupe et que la perte n'est point proportionnée à l'acquisition d'une Place aussi importante. Le Général Klebeck m'a apporté la Capitulation avec tous les details. Je presse beaucoup le Marechal de faire l'impossible pour tenter encore le reste de cette Campagne quelque chose sur Orsowa, puisque cela influerait infiniment sur la pacification future. Comme j'espère q'uil trouvera moyen d'en essayer quelque expédient, il s'entend que mon Neveu ne quittera point l'Armée tout q'uil sera à portée de voir et d'apprendre quelque chose. Je lui ecris en conséquence. Je vous reitére, mon cher Marquis, mes remercimens de l'exactitude avec laquelle vous m'avec, constamment informé de tout ce qui s'est passé durant le siége. Je ne puis asséz vous témoigner la peine que je ressente il m'avoir pû y assister moi-même. Adieu, portés vous bien, et mandés moi l'état de Santé de nos Messieurs et surtout de M. de Clerfayt. Joseph. 8. Vienne ce 27 Octobre 1789 J'ai reçu, mon cher Marquis, toutes les Lettres que vous m'avéz ecites successivement et en dernier lieu celle du 22. Je vous suis bien obligé de tout ce que vous me mandés et ne trouve rien à ajouter à ce que vous avés trés sagement disposé; mais tout dependre de ce qui sera decídé pour Orsowa en attendant les difficultés s'augmentent de jour en jour aprés qu'on a laissé écouler un tems precieuse depuis le 8 jour de la prise de Belgrad jusqu'aujourdhui 27. cequi fait presque 3 Semaines. Vous avés pourtant très bien fait de faire prendre les devants aux Bagages a tout événément, quoique je crois la chose decidemment manquée, ainsi que je l'ai jugée par les premieres dispositions que j'ai vues et sachant que ce seroit M. de Wartensleben qui seroit chargé de l'expédition en chef. Je suis tre's charmé que le General Clerfayt, qui m'a ecrit lui même un mot, soit hors de danger, je l'ai placé expressemment auprés les Bataillons de Boheme et de Moravie qui reviennent ici, pour lui fournir l'occasion, de se retablir mieux à Vienne. Je vous prie de lui conseiller de ma part, de se mettre en route aussitôt que sa Santé le lui permettra. Le Depositoire ne peut jamais être ailleurs qu'à Neusatz, puisque le Danube nous y conduit nos provisions et que cest delá qu'il faut faire les dispositions, comme l'année passée, pour les faire aller au Banat. Si l'Expédition d'Orsowa n'a plus lieu et qu'il n'y a plus rien a faire, je crois que mon Neveu fera bien de donner un coup d'oeil à Vailjevo ou jusqu'à l'endroit où seront placés nos postes avancés, pour avoir une idée de ce païs. Ensuite vous pourrés vous acheminer pour revenir ici, et vous avertirés en même tems le Major Fooky qui à déjà les ordres, de faire egalement retourner à Vienne tous les Equipages del'Archiduc, dés qu'il n'en aura plus besoin. Je vous joins ici, mon cher Marquis, une Medaille, que le Marechal m'a demandée pour le Partisan Marian et je vous prie de la lui remettre en mon nom. Adieu! j'attends avec empressement vos ultérieures nouvelles. Joseph. 54. Vom Minister Thugut. Franz Thugut war im Jahre des schmähligen Belgraderfriedens (der wieder wett zu machen mehr als einmahl seine Aufgabe war), geboren, (8. März 1739 zu Linz; starb im achtzigsten Lebensjahr, 28. May 1818 zu Wien). Er entstammte einer aus der Straubingergegend in jene von Linz hinabgezogenen Schiffersfamilie. Wie in derley Zünften nicht selten, trug sie ihren Spitznahmen Thuniggut allmählig als Geschlechtsnahmen. Er war schon Freyherr und Gesandter, als einst Joseph II., von Budweis kommend, ober Linz über die angeschwollene Donau setzend, von seinem Fuhrmann unter andern Anecdoten über Thugut auch vernahm, wie ein schlechter Spaß der Mitschüler den Vater Schiffmeister vermocht habe, um des Sohnes willen, den Nahmen in Thugut zu verändern. Sein Vater Philipp Joseph, ein Client des Kaisers Franz I., früher Schiffmeister, starb früh als Verwalter des Vicedomamtes in Linz. – Schon der Knabe Thugut zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, auch der practischesten Schätzmeister der Jesuiten. Der einflußreiche Pater Franz, erster Director der 1752 gestifteten orientalischen Academie und sein biederer Gehülfe Ignaz Menak, interessirten sich ungemein für den Jüngling. Kein Plebejer machte vor ihm in Österreich so schnelles Glück. Kaum zählte er 30 Jahre und er war schon Minister-Resident an der ottomanischen Pforte, und noch nicht vierzig, war er in der wichtigsten Epoche, während des grossen rußischen Krieges und der ersten Theilung Pohlens, Internuntius in Constantinopel, 1774 designirter Gesandter auf dem (nicht zu Stande gekommenen) Congreß, hatte den Türken, die zur Verbindung des neuerrungenen Galizien und Siebenbürgens höchstwichtige, Bukowina abgeschwätzt, die Freyherrn-, die Geheimrathswürde, das Commandeurkreuz des Stephansordens erhalten, – hinter Josephs Rücken und zu seinem höchsten Zorn, auf Theresia's Befehl, Friedensentwürfe zur Beylegung des bayrischen Erbfolgekrieges an Friedrich II. gemacht und den Weg zum Teschner-Congreß durch die Braunauer-Conferenzen geebnet, – Reisen nach Neapel und zweimahl nach Paris gethan, und dort die vielvermögenden königl. Schwestern, Caroline und Antonie mit den Ansichten des hohen Bruders vertraut gemacht. Er hatte sofort den Gesandtschaftsposten in Warschau angetreten, den ihm Stackelberg und Luchesini so arg verbitterten (1780), diesen Posten kurz vor dem Ausbruche des Türkenkrieges mit Neapel vertauscht, 1789 aber beym Coburg-Suwarow'schen Heere in der Moldau und Walachey, so wie bey der Einleitung der, von dem hinwelkenden Joseph zu ungeduldig herbey gewünschten Friedensanwürfe große Dienste geleistet. – In der letzten Waffenthat des Türkenkrieges, in der Belagerung von Giurgewo, erlitten die österreichischen Waffen einen Affront, wie zwey Jahre früher bey Lugos und Karansebes. Prinz Coburg recognoscirte in einiger Entfernung. Die Türken thaten einen rasenden Ausfall. Der Commandant der Trencheen, General Aufseß, wurde schwer verwundet, der Commandant der Artillerie, General Graf Thurn, zusammengehauen, die Verwirrung allgemein, die Belagerung aufgehoben. – Die Einzigen, die den Kopf nicht verloren, waren der einzige Civilist und die einzige Frau im Lager, eine Frau, zu deren ungemeiner Erhöhung Thugut nachmahls nicht weniger beytrug, als sie zu seiner Befestigung. – Er zog in allem Ernst seinen Galanteriedegen auf die Türken und machte die zweckmäßigsten Anordnungen. – Bald darauf mußte er in den kochenden Krater der Tuilerien, der unglücklichen Marie Antonie guten Rath zu geben, der aber zugleich zu früh und zu spät kam. Er führte schlau und gewandt die Unterhandlungen mit Mirabeau, die ohne dessen unvermutheten Tod nicht erfolglos geblieben wären. – In Paris von mehreren Machthabern persönlich beleidigt, voll Verachtung des französischen Heeres, angesteckt von den sanguinischen Hoffnungen, von den lügenhaften Verheißungen der Emigranten, stieß er (obgleich unvermögend, dem nunmehr versöhnten und enge verbündeten Preußen auch nur zum Schein ein freundliches Gesicht zu machen), leidenschaftlich in die Kriegstrompete, Kaunitz und Lascy , und fast alle alten Diener ohne Ausnahme des Kleinmuthes und der Kurzsichtigkeit anklagend, »weil sie den Vulkan im eigenen Innern austoben lassen«! Im zweyten Feldzuge (1793) mit Mack zu Coburgs Heer berufen, das in vier Wochen Belgien glorreich über Dumouriez erstritt, zauderte und zögerte er in Wien, wohl wissend warum? Als sein alter Freund, der Staatsreferendär Spielmann, und der Vicekanzler Graf Philipp Cobenzl, von der Gründonnerstags-Communion bey Hofe nach Hause kamen, wo Kaiser Franz besonders gnädig gegen sie gewesen, fanden sie dort ihre Entlassung, und Thugut vorerst als Generaldirector der auswärtigen Angelegenheiten. Streng und fest griff der Schiffmeisters-Sohn nach dem Ruder, und handhabte es nach Innen und nach Aussen mit möglichst wenigem Plätschern, aber desto stärkerem Schlag. Thugut war von kaum mittlerer Größe, im vorgerückten Alter (er erreichte beynahe das achtzigste Jahr) sehr gebückt, – seine Züge die eines faunischen Mephistopheles, – selbst seine Artigkeit nicht ohne Anstrich versteckten Hohnes und eines gewissen Cynism. – Von heiterer Annehmlichkeit, von Grazie oder selbstbewusster Vornehmheit war nichts in seinem Wesen. Dennoch war er viel zu geistreich, um jemahls gemein zu seyn. Er war ungeheuer einseitig und sah doch aus wie hundert Seiten aus dem Principe! In einem Wachscabinet hätte kein Österreicher in dieser Figur einen Landsmann vermuthet, – weit eher einen Geheimschreiber Ludwigs XI., des Lodovico Moro-Sforza, des Cäsar Borgia, oder einen der vertrautesten Emissären Louvois, oder der chambre ardente. Thugut sprach nur, wenn er wollte, und was er eben wollte. Wie Wilhelm von Oranien hätte er seine Perücke verbrannt, hätte eines seiner Geheimnisse in sie transpirirt. – Ohne Kaunitzens andoctrinirte stereotype Physiognomie, entlockte ihm nicht einmahl der leichtbewegliche Zorn eine unmotivirte Sylbe. Diesen verriethen höchstens das schnellere Abbrechen und das Zusammenziehen der buschigten, weissen Augenbraunen. – Ein Glas Wasser und sieben Pflaumen waren sein unverbrüchliches Abendessen, sein Schlaf war kurz, aber noch im hohen Greisenalter so sanft, wie eines Kindes. Oderint, dum metuant! murrte er oft zwischen den Zähnen und erzählte lachend, was Nero für ein charmanter Mann, den man nur nicht verstanden habe! und wie sehr sein: qualis artifex pereo! – wahrheittreu gewesen sey! Was sich doch begeben hätte, wenn der dicke König Friedrich von Würtemberg etwa Kaiser von Rußland und Thugut sein Minister gewesen wäre?? Seine schönsten Jahre hatte Thugut in der Türkey verlebt. Dieser Serailsduft zog durch sein ganzes Leben. Andächtig war er, wie der Verfasser des Buches: »de tribus imposteribus«. – Immer voltairisirend, liebte er den Clerus (den er nicht einmahl mehr als kräftiges Werkzeug des leidenden Gehorsams und des Nichtdenkens gelten ließ) und die Oligarchie im Sinne von Diderots bekanntem Sprüchlein. – Pohlen gab ihm die Wasserscheue gegen die Aristocraten. Paris hielt ihm das Medusenhaupt der Demokratie entgegen. Es ist auch für einen bloßen Gewaltmenschen Nichts schrecklicher, als eine (gleich empörten Elementen) unwiderstehliche Gewalt!? Man kann sich denken, was dieser Mann in seinem Innern gelitten haben mag, als er in geheimer Sendung in Paris, zum Beystande der unglücklichen Königinn und zur Unterhandlung mit Mirabeau , der gerade jetzt im verhängnißvollsten Augenblick hinweg starb und aus welcher Thugut Nichts mitbrachte, als den jungen talentvollen Geheimschreiber des Verstorbenen, Pellenc, der zwanzig Jahre als einer der geheimen Arbeiter und französischen Redacteurs der Staatskanzley in Wien lebte, und erst nach dem Kriege vom 1809 kurz vor Bonaparte's Vermählung wieder in sein Vaterland ging. – Trotz des allgewaltigen Unterdrückungs- und Verfinsterungs-Instinktes liebte Thugut (für sich selbst) die Gelehrsamkeit. Er liebte den Umgang mit Gelehrten, weil er lieber fragte , als las. Übrigens war seine geschichtliche, seine staatsrechtliche und seine politische Bildung eine französische. – Sieben Jahre lang war er unbeschränkter Premierminister. Der 34jährige, kraft- und talentvolle, in jedem Verwaltungszweig einheimische, in literarischer, devoter und absolutistischer Richtung mit ihm übereinstimmende, Graf Franz von Saurau schloß sich bald an ihn, und schlug zugleich eine, freylich nur lückenhafte, Laufbrücke zwischen dem despotischen Emporkömmling, und zwischen der durch die Emigranten so sehr gesteigerten haute volée. Thugut brachte den Grafen Saurau an die Spitze der Polizey und der Finanzen . Im Hofkriegsrathe duldete er nur blind gehorchende Schreiber. – (Hormayr: Lebensbilder aus dem Befreyungskriege; Auszug.) 55. Zur Geschichte der Aufstände gegen das Begräbnißpatent. I. Unterm 15. September 1784 erschien folgende Verordnung: Sr. Majestät haben allergnädigst zu entschließen geruhet, daß Erstens, alle Grüfte, Kirchhöfe, oder sogenannten Gottesäcker, die sich inner dem Umfange der Ortschaften befinden, von nun an geschlossen, und statt solchen diese außer den Ortschaften in einer angemessenen Entfernung ausgewählt werden sollen. Zweytens: Sollen alle, und jede Leichen, wie bisher, so auch künftighin von ihrem Sterbhause aus, nach der letztwilligen Anordnung der Verstorbenen, oder nach Veranstaltung ihrer Angehörigen nach Vorschrift der Stoll- und Conductordnung bey Tag, oder auf den Abend in die Kirche getragen, oder geführet, sodann nach abgesungenen gewöhnlichen Kirchengebethern eingesegnet und beygesetzt, von dannen aus aber hernach von dem Pfarrer in die außer den Ortschaften gewählten Freythöfe zur Eingrabung ohne Gepränge überbracht werden. Drittens: Zu diesen Freythöfen sey ein der Volksmenge ausgemessener hinlänglicher Platz zu wählen, welcher keinem Wasser ausgesetzt, noch sonst von einer solchen Erdegattung sey, daß selber die Fäulung verhindere, und wenn nun dieser Grund ausgesucht, so sey solcher mit einer Mauer zu umfangen, und mit einem Kreuze zu versehen. Viertens: Da bey der Begrabung kein anders Absehen seyn könne, als die Verwesung so bald es möglich zu befördern, und solcher nichts so hinderlich seye, als die Eingrabung der Leichen in Todtentruhen, so werde gebothen, daß alle Leichen in einen leinenen Sack ganz bloß ohne Kleidungsstücke eingenähet, sodann in Todtentruhe gelegt, und in solcher auf den Gottesacker gebracht werden sollen. Fünftens: Solle bey diesen Kirchhöfen jederzeit ein Graben von 6 Schuhe tief gemacht, die dahin gebrachten Leichen aus der Truhe allemahl herausgenommen, und wie sie in dem leinenen Sack eingenähet sind, in diese Grube gelegt – mit ungelöschtem Kalke überworfen, und gleich mit der Erde zugedeckt werden. Sollten zu gleicher Zeit mehrere Leichen ankommen, so können Mehrere in die nähmliche Grube gelegt werden, jedoch sey unfehlbar die Veranstaltung zu treffen, daß jeder Graben, in welchen todte Körper gelegt werden, alsogleich, in so weit Körper liegen, in der nähmlichen Nacht wieder ganz mit Erde angefüllt und zugedeckt werden, auf welche Art dergestalt fortzufahren sey, daß jederzeit zwischen den Gräbern ein Raum von vier Schuhen zu lassen sey. Sechstens: Zu Ersparung der Kosten sey die Veranlassung zu treffen, daß jede Pfarr eine ihrer Volksmenge angemessenen Anzahl gut gemachter Todtentruhen von verschiedener Größe sich beyschaffe, welche jedem unentgeldlich dazu gegeben seyen, sollte aber jemand eigene Todtentruhen für seine verstorbene Verwandten sich beyschaffen, so ist solches unbenommen, jedoch können die Leichen nie mit den Truhen unter die Erde gebracht werden, sondern müssen aus solchen wieder herausgenommen, und diese zu anderen Leichen gebraucht werden. Siebentens: Solle den Anverwandten, oder Freunden, welche der Nachwelt ein besonderes Denkmahl der Liebe, der Hochachtung, oder der Dankbarkeit für den Verstorbenen darstellen wollen, allerdings gestattet seyn, diesen ihren Trieben zu folgen, es seyen aber diese lediglich an dem Umfang der Mauern zu errichten, nicht aber auf dem Kirchhofe zu setzen, um allda keinen Platz zu benehmen. Endlich Achtens: Da alle Grüfte und Begräbnisse in den sämmtlichen Klöstern; dann die sogenannten Kalkgruben und Schachten bey den Spitälern, barmherzigen Brüdern und Elisabethinerinnen nun aufhören, und alle Verstorbene ebenfalls auf den Freythöfen derjenigen Pfarre, wohin sie gehören, begraben werden müssen: so sollen diese Klöster und Spitäler, wegen Entschädigung der Todtengräber, für ihre Mühe mit selben ein billiges Abkommen treffen; und jene Pfarrkirchhöfe, in deren Umfang diese Spitäler und Klöster liegen, nach der Erforderniß größer gemacht werden. – Welches – zu männiglicher Kundmachung. \&c. \&c. Allein, wie sehr mußte Joseph die Macht der eingewurzelten Vorurtheile erfahren? – Nichts zu melden, wie sehr sich selbst der oberste Hirt seiner Wiener Heerde dagegen sträubte; in Böhmen entstand sogar wegen dem Begraben ohne Sarg eine Empörung. Der Cardinal Erzbischof Migazzi ließ den Kaiser fragen, wo Er dann nach dem Tode sich sollte begraben lassen; weil alle Begräbnisse in Kirchen und Städten aufgehoben? – Der Monarch antwortete ihm: – der Hirt gehöre zu seinen Schaafen. In den ersten Tagen des laufenden Jahres 1785 machte das böhmische Gubernium bey der Hofkanzley die Anzeige, daß die allerhöchst kaiserl. Verordnung wegen des Begrabens ohne Sarg bey Leichen, die dieses Vorurtheil, wie viele andere abzulegen, sich nicht mächtig genug sind, schon verschiedene Unruhen verursachet habe, wobey unter andern vorzüglich von einem Vorfalle, der sich zu Bidschowar in Böhmen ereignete, Meldung geschieht. –Ein Beurlaubter vom gemingischen Regimente riß dem Todtengräber, als er eben eine Leiche ohne Sarg beerdigen wollte, die Schaufel aus der Hand, stieß ihn mit Gewalt beyseits, und scharrte Leiche und Sarg mit unter die Erde. – Der Muth dieses Mannes erhielt bey dem gemeinen Pöbel so großen Beyfall, daß sie sich alle für die Sicherheit seiner Person, wenn er deßwegen zur Strafe gezogen werden sollte, erklärten. Die Regierung fand Anstand, ihn handfest zu machen, aus Furcht einer noch gefährlicheren Ausruhr, als jene vom Jahr 1775 war, welche so viele Tausende unglücklich gemacht, und sich eben itzt auf den Gesichtern aller Anwesenden deutlich merken ließ, und durch das allgemeine Murren gegen diese landesherrliche Verordnung öffentlich verrieth. II. Es war ein alter, übel verstandener Gebrauch, unsere Kirchen, und die Kirchhöfe selbst in der Mitte der volkreichsten Städte mit Leichen zu pflastern: Pour honorer les morts, on tue les vivans. In der That mußten an solchen Plätzen Ausdünstungen entstehen, die den Andächtigen, besonders bey großem Gedränge in den warmen Jahrszeiten, nicht anders als höchst ungesund seyn konnten. Indessen hatten der Stolz der Reichen, und der fromme Wahn der eifrigen Christgläubigen überhaupt, diese Sache zu einem Ehren- und Seligkeitspunct gemacht. Die einen wollten mit schönen Grabsteinen ihr Andenken auch nach dem Tode noch verherrlichen: und die andern glaubten, nahe bey einer Kirche, in geweihtem Erdreich zu liegen, manchmahl mit einem Kerzchen oder Lämpchen beleuchtet, und mit Weihwasser bespritzt zu werden, seyen Dinge, die kräftig und unfehlbar in den Himmel helfen. Gesunde Physik siegte endlich, wiewohl sehr langsam, über frommen ansteckenden Glauben. Man verlegte die Grabstätten wenigstens aus der Stadt selbst in die geräumigern, und etwas luftigern Vorstädte. Da indessen jährliche zehntausend Leichen, mitten in der Gesellschaft einiger hunderttausend lebender immer noch eine eckelhafte Masse von Fäulniß ausmachen, so geschah im Jahre 1784, was längst hätte geschehen sollen. Man errichtete außer den Linien, auf freyem Felde einige Grabstätten, wohin nun alle in Wien Sterbende gebracht werden; die Leichen der kaiserlichen Familie ausgenommen, die ihre Gruft bey den Capuzinern auf dem Neuen Markt haben; und jene der reich begüterten Vasallen, die sich gewöhnlich nach ihren Familien-Gruften auf ihre Güter nach Österreich, Böhmen, Mähren, Ungarn \&c. abführen lassen. Übrigens ist jedem unverwehrt, sich mit allen Glocken von ganz Wien und dessen Vorstädten, ins Paradies hinüber läuten zu lassen, wenn er es für seine Seele behaglich hält; auch sich so viele Messen und Requiem zu bestellen, als er zu seiner Erlösung nöthig zu haben glaubt. Aber Abends kömmt der schwarze Todtenwagen und legt ihn neben dem armen Taglöhner, für den kein Paternoster ist gebethet worden. Das Holz ist, wie man weis, in Wien sehr theuer; indessen nehmen die zehntausend Särge der jährlich hier Sterbenden eine große Menge dieses Artikels hinweg, das ohne Nutzen unter der Erde verfault. Diesem zu wehren, und die Verwesung der Todten mehr zu befördern, gab der Kaiser gegen Ende des Jahrs 1784 eine Verordnung, daß alle Leichen bloß in einen leinenen Sack genäht, und so in die Erde gesenkt werden sollten. Keine Verordnung wirkte ein so allgemeines Mißvergnügen, als dieses Sackbegräbniß. Die hiesigen Griechen machten zuerst eine Vorstellung dagegen, indem sie anzeigten, daß es gegen ihren Ritus sey; in Böhmen, Mähren \&c. dachten die Leute sogar an das Auswandern; einige auswärtige Fabrikanten, die eben im Begriff waren, sich in den österreichischen Staaten anzusiedeln, machten es zur wesentlichen Bedingung ihrer Einwanderung, daß sie sich in Särgen dürften begraben lassen. Die allgemeine Unzufriedenheit bewog endlich Sr. Majestät, dem Vorurtheil mitleidig nachzugeben, und die Begräbnisse nach voriger Art und Weise zu gestatten. Der oberste Kanzler erhielt darüber in den ersten Tagen des Monath Januar 1785 folgendes allerhöchstes Handbillet: »Da ich sehe, und täglich erfahre, daß die Begriffe der Lebendigen leider! noch so materiell sind, daß sie einen unendlichen Preis darauf setzen, daß ihre Körper nach dem Tode langsamer faulen, und länger ein stinkendes Aas bleiben: so ist mir wenig daran gelegen, wie sich die Leute wollen begraben lassen; und werden Sie also durchaus erklären, daß nachdem ich die vernünftigen Ursachen, die Nutzbarkeit und Möglichkeit dieser Art Begräbnisse gezeiget habe, ich keinen Menschen, der nicht davon überzeugt ist, zwingen will, vernünftig zu seyn, und daß also ein jeder, was die Truhen anbelangt, frey thun kann, was er für seinen todten Körper zum voraus für das Angenehmste hält.« Dieses Handbillet, welches wohl unendlich mehr Eindruck hätte machen müssen, wenn der große Haufe denken könnte, that weiter keine andere Wirkung, als daß die Österreicher eilig zum Tischler liefen, und sich neue Särge bestellten . . . (Pezzl.) 56. Das gedruckte Zahlheimische Todesurtheil. Die Hinrichtung des Mörders Zahlheim (10. März 1786) machte seiner Zeit ganz ausserordentliches Aufsehen, und noch fort und fort ist sie ein Gegenstand von besonderem Interesse. Zahlheim hatte bey seiner Unthat darauf gepocht, daß ihm, nachdem kurz zuvor die Todesstrafe war aufgehoben worden, nicht ans Leben werde gegangen werden. Er hatte sich nicht nur in dieser Hauptsache getäuscht, sondern die Strafe durch das Rad wurde noch verschärft, und er wurde auf dem Wege zum Richtplatz (vor dem Schottenthor) zwey Mahl mit glühender Zange an die Brust gezwickt. Joseph machte sich dadurch viele Feinde; man schalt ihn öffentlich einen Tyrannen. Kurz, Zahlheims Execution bildet in der Biographie Josephs einen sehr markanten Moment, und die Lesewelt nahmentlich Wiens bekümmert sich mit besonderem Antheil darum. Deßwegen haben wir uns auch umgesehen, von den Behörden die Acten zu erlangen; allein unsere Mühe war vergebens, weil, so ward uns bedeutet, die Criminalacten in der Regel von 30 zu 30 Jahren vernichtet zu werden pflegen. Nichts war mehr aufzufinden, als ein Fragment des Recurses der Familie des Delinquenten. Auch das gedruckte Todesurtheil, in welchem wir biographische Daten anzutreffen hofften, vermochten wir nicht aufzufinden lange, lange Zeit, bis uns endlich einfiel, noch einen Versuch bey dem Gastwirth Herrn Haydinger anzustellen, bey einem literarischen Freunde, Kenner und Sammler nahmentlich der Geschichte Wiens, einem sehr schätzbaren dienstfertigen Manne; und siehe denn, unter seinen zahlreichen Curiositäten fand sich auch jene Urkunde im Original, also gedruckt, dabey noch die Silhoette Zahlheims in Quarto, vermuthlich aus der Löschenkohl'schen Fabrik. Gern gestattete uns Herr Haydinger von Beyden die Copie, und somit folgt hier die möglichste Vervollständigung unsers Gegenstandes mit Hinweisung auf die ihn betreffenden Artikel im 1. und 3. Bändchen der Josephinischen Curiosa. » Todesurtheil einer ledigen Mannsperson, Nahmens Franz Z. , 33 Jahre alt, allhier in Wien gebürtig, und catholischer Religion, welches über die bey dem allhiesigen Magistrat der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien wider ihn wegen Diebstahls und Meuchelmords abgeführte peinliche Verfahrung zu Folge der hierüber geschöpft- und ergangener allerhöchsten Entschliessung an ihm, dem zu Ende angeführten Inhalt gemäß heut am 10. März 1786 allhier in Wien vollzogen worden ist«. Inhalt seines Verbrechens. Dieser Franz Z. wurde vor mehreren Jahren mit einer ledigen Weibsperson bekannt, und pflegte sohin mit ihr einen so freundschaftlichen Umgang, daß er ihr vor anderthalb Jahren, seinem eigenen Geständniß nach, die Ehe versprach, welcher mit dieser, obschon ziemlich bejahrten Weibsperson, um so mehr zu vollziehen entschlossen war, als er bey ihr ein Vermögen von 1400 fl. wußte. Sie erwies ihm daher mehrere Dienste, besonders, da er vom 23. Jänner dies Jahr wegen eines Ausschlages durch einige Tage sich zu Hause halten mußte, unter welcher Zelt ihm, wie er frey bekannte, der Gedanke beyfiel, sie zu bestehlen. In dieser Absicht demnach unterschlug er Franz Z. ihr den 28. des erstbemeldten Monaths Jänner früh Morgens, wo sie ihn eben in seiner Wohnung durch drey Tage aus Freundschaft bediente, auch allda über Nacht blieb, ihren Wohnungsschlüssel, ging damit noch den nähmlichen Vormittags in ihre Wohnung, und ließ solche von der dortigen Hausmeisterinn unter dem Vorwand aufsperren, als ob er von seiner Freundinn, um ihrer allda zu warten, den Schlüssel erhalten hätte. Da er sich auf solche Art allein im Zimmer befand, eröffnete er mit dem ihm bekanntlich, nächst des Fensters gelegenen Schlüssel, die erste Schublad des Kastens, worin er wußte, daß ihr Vermögen lag, nahm aus einem Kardanl Obligazionen im Betrag 1700 fl, und ein Säckel Geldes mit 140 oder 142 fl., ging mit dem gestohlenen Gut, nachdem er den Wohnungsschlüssel bey der Hausmeisterinn mit der Erinnrung zurück ließ, daß er nicht mehr warten könnte fort, und verhandelte noch am nähmlichen Tage die gesammten Obligationen, faßte aber zugleich den bösen Vorsatz, die von ihm Bestohlene zu ermorden. Tages darauf, den 29. früh Morgens besuchte ihn seiner Aussage gemäß, diese Weibsperson, frühstückte allda mit ihm ganz allein, und wollte von ihm drey andere Einsatzschalen, welche er auf seinem Hausboden hatte, ausborgen. Nachdem er nun in ihr Ansuchen gewilliget hatte, begab sie sich sohin auf gedachten Boden, wo sie nicht nur allein mit Zusammenräumung desselben, sondern auch mit Aufsuchung eines von ihm vorgeblich allda verlornen Schlüssels bey anderthalb Stunde, und zwar bis gegen halb 12 Uhr Mittags zubrachte, während er sie zweymahl besuchte, endlich aber das drittemahl, um sein mörderisches Vorhaben auszuführen, und auf solche Art den von ihm begangenen Diebstahl zu verhehlen, ein großes geschliffenes Messer von seiner Küche mit sich auf den Boden nahm, allda die Weibsperson, welche mit dem Gesichte gegen Thür auf der Erde kniete, mit seiner linken Hand auf die Seite stieß, und mit dem in seiner rechten Hand gehaltenen Messer in ihren Hals einen so gewaltigen Hieb führte, daß das Messer stecken blieb, und sie auf der Stelle ihren Geist aufgeben mußte; denn bey der hierauf gerichtlich vorgenommenen Beschau zeigte sich, daß die Schlund- und Luftröhren, dann die beyden Drossel-, Puls- und Blutadern ganz durchschnitten worden seyen, worauf der Tod unmittelbar erfolgen mußte. Er verschloß hierauf den entleibten Körper in eine allda auf seinem Boden befindliche Marktküste, wo selbe nach der den 14. des erst abgerückten Monaths Hornung, erfolgt gefängliche Einziehung des Franz Z. noch vorgefunden worden ist. Von daher ist wider den Franz Z., welcher wegen dieses, nach vorher unternommenen beträchtlichen Diebstahl, höchst ärgerlich, abscheulich und vorsetzlich ausgeübten Meuchelmordes, wodurch er den Abscheu aller Menschen sich zugezogen hat, folgendes Urtheil nach Vorschrift der peinlichen Gesetze wider ihn verhänget worden: Daß dieser Delinquent des Adels für seine Person entsetzet, sohin auf den hohen Markt, und die sogenannte Schranne geführet, nach ihm allda öffentlich verlesenen Urtheile, auf den hohen Wagen gesetzt, und ihm in die rechte Brust ein Zwick mit glühenden Zangen, sodann auf der Freyung eben ein gleicher Zwick in die linke Brust gegeben, sofort auf die gewöhnliche Richtstätte geführt, und dorten von unten hinauf mit dem Rade vom Leben zum Tode hingerichtet, dessen Körper auf das Rad geflochten, und darüber ein Galgen mit herabhängendem Strange aufgerichtet werden solle.« 57. Das berühmte Toleranzedict. Dasselbe ist vom 13. October 1781. Für Ungarn erging unterm 21. December desselben Jahres ein eigenes in Folge der Vorstellungen der Protestanten am 29. April des nähmlichen Jahres. Mehrere die Toleranz betreffende Publicationen waren vorausgegangen; andere, auch als Nachträge, Erläuterungen folgten (als 1782: 6. 13. und 18. März, 26. April, 23. August; 1783. 6. Februar, 11. November.) Alle diese Gesetze sind in Schwerdlings practischer Anwendung aller k. k. Verordnungen in publico ecclesiastico (Wien 1788) am Richtigsten erläutert. Das Hauptpatent aber, dieß unvergängliche Denkmahl der Humanität und Weisheit des erhabenen Joseph ist das oben bezeichnete, und Nachstehendes sein Inhalt: »Überzeugt einerseits von der Schädlichkeit alles Gewissenzwanges, und anderseits von dem großen Nutzen, der für die Religion und den Staat aus einer wahren christlichen Toleranz entspringt, haben Sich Sr. Majestät bewogen gefunden, den augsburgischen und helvetischen Religionsverwandten, dann den nicht unirten Griechen, ein ihrer Religion gemäßes Privatexercicium allenthalben zu gestatten, ohne Rücksicht, ob solches jemahls gebräuchlich oder eingeführt war oder nicht. Der katholischen Religion allein soll der Vorzug des öffentlichen Religionsexerciciums verbleiben, den beyden protestantischen aber, so wie der schon bestehenden nicht unirten griechischen, aller Orten, wo es nach der hier unten bemerkten Anzahl der Menschen, und nach den Facultäten der Einwohner thunlich ist, und sie, Akatholische, nicht bereits im Besitze des öffentlichen Religionsexerciciums stehen, das Privatexercicium auszuüben erlaubt seyn. Daher 1) den akatholischen Unterthanen, wo hundert Familien existieren, wenn sie auch nicht an einem Orte, sondern einige Stunden entfernt wohnen, ein eigenes Bethhaus, jedoch, wo es nicht schon anders ist, ohne Glocken, Thürme und öffentlichen Eingang von der Gasse, nebst einer Schule zu erbauen, auch alle Administrirung ihrer Sacramente und Ausübung des Gottesdienstes, sowohl im Orte selbst, als auch deren Überbringung zu den Kranken in den dazu gehörigen Filialen, dann die öffentliche Begräbnisse mit Begleitung ihres Geistlichen bewilliget wird. Die weiter entfernten aber können sich in das nächste, jedoch inner den k. k. Erbländern befindliche Bethhaus begeben, ihre erbländischen Geistlichen und Glaubensverwandte besuchen, und ihren Kranken mit nöthigem Seelen- und Leibestroste beystehen, jedoch unter schwerster Verantwortung nie verhindern, daß ein von dem Kranken verlangter katholischer Geistlicher berufen werde. 2) Können sie ihre eigene von den Gemeinden zu erhaltende Schulmeister bestellen, über welche jedoch die Landesdirection, was die Lehre, Methode und Ordnung betrifft, die Einsicht zu nehmen hat. 3.) Dürfen sie, wenn sie ihre Pastoren votieren und unterhalten, dieselben auswählen. Wenn aber die Obrigkeiten sie votieren und unterhalten wollen, so haben auch sie das jus praesentandi. Jedoch soll die Confirmation durch die existirenden protestantischen Consistorien, und, wo keine sind, durch die im Teschnischen oder in Ungarn schon bestehenden protestantischen Consistorien ertheilt werden, so lange, bis nicht die Umstände fordern, in Ländern eigene Consistorien zu errichten. 4.) Die Jura Stola verbleiben so wie in Schlesien dem Parochus Ordinarius vorbehalten. 5.) Die Indicatur in Religionssachen der Acatholischen nach ihren Religionssätzen wird der politischen Landesstelle mit Zuziehung eines ihrer Pastoren und Theologen aufgetragen, von welcher der weitere Recurs an die politische Hofstelle freysteht. 6.) Die Heurathsreverse wegen Erziehung der Kinder hören von nun an gänzlich auf, und sollen bey einem katholischen Vater alle Kinder sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts ohne Anfrage in der katholischen Religion erzogen werden, bey einem protestantischen Vater und einer katholischen Mutter hingegen ist dem Geschlechte zu folgen. 7.) Können die Acatholiken zum Häuser- und Güterankaufe, zum Bürger- und Meisterrechte, zu academischen Würden und Civilbedienstungen, künftig dispensando zugelassen werden, und sind zu keiner andern, als ihrer Religion angemessenen Eidesformel, noch auch zur Beywohnung der Functionen der dominanten Religion, wenn sie nicht selbst wollen, anzuhalten. Auch soll ohne Rücksicht auf Religion in allen Wahlen und Dienstvergebungen, wie es bey dem Militär täglich, ohne mindesten Anstand, und mit vieler Frucht geschieht, auf die Rechtschaffenheit und Redlichkeit der Competenten, dann auf ihren christlichen und moralischen Lebenswandel, lediglich der genaue Bedacht genommen werden. Dergleichen Dispensationes Possessionum, und zum Bürger- und Meisterrechte, sind bey den unterthänigen Städten durch die Kreisämter, bey den königlichen und Leibgedingstädten durch Landeskämmerer, oder in deren Ermanglung durch die Landesstelle, ohne alle Erschwerung zu ertheilen. Die sich ergebenden Abschlagsmotiva der angesuchten Dispensation sind jedesmahl der Landesstelle, und von da dem allerhöchsten Orte zur Einhohlung der allerhöchsten Entschließung anzuzeigen. Wo es aber um das Jus incolatus des höhern Standes zu thun ist, da ist die Dispensation nach vorläufig vernommener Landesstelle von der k. k. böhmischen Hofkanzley zu ertheilen.« Der treffliche Pezzl äußert sich über dieses Patent: »Ohne Zweifel bewogen den Kaiser die schönen Grundsätze dazu: daß man ein guter Bürger des Staats seyn könne, ohne gerade auf diesen oder jenen Ritus zu halten; daß es ungerecht sey, Jemanden Ideen mit Gewalt aufdringen zu wollen, von deren Richtigkeit er sich nicht überzeugen kann; daß der Staat sich selbst eine unverzeihliche Wunde schlage, wenn er ruhige, arbeitsame, ehrliche Unterthanen bloß deßwegen unterdrücken, verjagen, oder ausschließen wolle, weil sie einige besondere kirchliche Meinungen und Gebräuche für sich eigen haben. Dieses Toleranzedict war eigentlich für die deutschen Erbländer, für Böhmen, Mähren und Galizien am willkommensten. Hier, wo man unter der Kaiserinn Regierung etwas strenge über die alleinige Aufrechthaltung des Katholicismus gehalten hatte, durften sich vermöge desselben nun die schon heimlich wirklich daseyenden Protestanten öffentlich zu ihrem Gottesdienst bekennen, und andere, die Lust hatten, zu demselben übertreten. Sie bekamen Kirchen, Schulen, und Pastoren; und die daselbst neu entstandenen Gemeinden sind gegen 60,000 Köpfe stark. . . . . In Ungarn, Siebenbürgen \&c. waren sie immer in einigem Besitze ihrer Rechte und freyern Religionsübung geblieben; aber die Intoleranz des katholischen Clerus hatte so viel bewirkt, daß man sie allmählig aus allen öffentlichen Ämtern und Würden des Königreichs verdrängte. Seit dem Toleranzedicte werden sie wieder, ohne Rücksicht auf ihr Kirchensymbol, nach der Brauchbarkeit ihrer Talente, allenthalben befördert. Die Ungarisch-Siebenbürgische Canzelley in Wien, und die Statthalterey in Ofen, sind mit Reformirten und Lutherischen Vicepräsidenten, Räthen, und subalternen Beamten besetzt. . . . . Die Juden waren schon seit lange in Böhmen, Mähren, Ungarn, besonders in Galizien so häufig, daß ihre bloße zahlreiche Existenz von der ihnen gewährten Duldung zeugt. Durch das Toleranzedict wurde ihnen ihr Daseyn noch mehr gesichert, auch wurden ihnen einige neue Vortheile gewährt. . . . . Die Nichtunirten Griechen machen nach den Katholiken die stärkste Religionsparthie. Sie haben 1 Erzbischof, 8 Bischöfe, und 5857 Popen oder Pfarrer. . . . . Kaum war die Toleranz in den österreichischen Staaten förmlich und feyerlich eingeführt, so fing auch ungesäumt eine gewisse Partey auswärtiger Herren in periodischen und andern Schriften an, zweydeutig davon zu sprechen, und sie auf mancherley Art verdächtig zu machen. Diese Leute stützten sich auf einige Ausschweifungen Böhmischer und Kärnthnerischer Bauern, auf einige tolle Predigten einzelner Dorfpfarrer und Mönche, welche gegen die Vorschriften und Befehle des Landesherrn handelten und sprachen. In einem Lande, wo der Katholicismus Jahrhunderte lang allein herrschend war, war es unmöglich, bey der so ganz plötzlichen Einführung der Duldung, jeden einzelnen Ausbruch des dadurch gekränkten Fanatismus zu verhindern. Genug daß die Regierung der Sache abhalf, sobald sie den Unfug erfuhr. So weit Pezzl. Wir fügen hier noch als höchst merkwürdig die von den Chrudimer heimlichen Protestanten kurze Zeit vor Josephs II. Toleranzedict, an dem großen Friedrich erlassene Bittschrift bey: Allerdurchlauchtigster, großmächtigster König! Gnädigster Fürst und Herr Herr! Euer königliche Majestät fallen wir arme bedrängte und um der christlichen Freyheit Willen hart geplagte Unterthanen des Chrudimer und andern Kreisen wohnende, unterthänigst zu Füssen, und unterfangen uns, Allerhöchstdemselben als einen die Gerechtigkeit liebenden, und den christlichen Glauben handhabenden allergnädigsten Potentaten unser und unserer Mitbrüder in dem Königreich Böheim (als welche um der Gewissensfreyheit wegen gefangen und gebunden seyn) leidende Noth unterthänigst vor Augen zu stellen, und zugleich um Recht und Gerechtigkeit anzustehen. – Ja, allergnädigster Monarch, es haben sich allbereits unter uns so betrübte Zufälle ereignet, welche wir ohne thränenden Augen zu erzählen nicht vermögend seyen; denn die katholische Geistlichkeit verfahret mit uns nicht anders, als wie die Wölfe mit den Schafen, indem sie einen nach dem andern von uns auf Wagen binden und in die abscheulichste Gefängniß stecken; als in welchen sie unter Ketten und Banden den allergrausamsten Tod zu erwarten haben, und zwar aus keiner andern Ursach, als weil wir durch innerliche Erleuchtung von den groben Irrthümern und von einer Religion, die den apostolischen Grundsätzen und dem wahren Gott zuwider lauft, hinlänglich überzeugt seyen und uns nicht, (wie leider Gott schon geschehen!) in den höllischen Wolfsstall durch die vorgedachte falsche Propheten wollen führen, und die Seele verderben lassen. Obschon nun wir bereits an Ihre kaiserl. königl. Majestät als unsern allergnädigsten Landesfürsten, alleruntherthänigst suppliciret haben, so sind wir doch mit eitel leeren Vorwänden (abgewiesen worden) und ist uns folgende Resolution: wie das Allerhöchstdieselben dem apostolischen Stuhl mit Eidespflicht verwandt, und also ohnmöglich unsere Sachen könnten statt finden lassen, noch viel weniger aber uns das freye Exercitium Religionis gestatten könnten, gegeben worden. – Ja von derselben Zeit machen es die Patres Missionarii noch viel ärger; so daß uns von denenselben an die 4000 Bücher (welche wir zur Seel-Erbauung gebraucht) weggenommen, und an die 300 Mitbrüder, als bey welchen einige dergleichen Bücher vorgefunden worden, in die Gefängnisse geführt, oder nach Siebenbürgen geschleppt. – Dannenhero allergnädigster und großmächtigster König, wissen wir bey dieser allgemeinen Noth uns nirgend anders als unter dero mächtigste Schutzflügel zu wenden, und um Gottes willen zu bitten, sich unserer gedrückten Gewissens-Freiheit anzunehmen, und als ein Hauptfürst corporis Evangeliorum bey unserm allergnädigsten Kaiser Josepho vor- und dahin zu intercediren, daß wir und unsere Brüder in Frieden leben mögen, und des Arrestes entlassen seyn. Sollte es aber (wider Vermuthen) durch allerhöchst deroselben Vorbitte nicht dahin gebracht werden können, so bitten wir flehentlich, daß Euer \&c. als ein das Recht und Gerechtigkeit liebender, ja die Ehre Gottes selbst beschützender König uns armen Bedrängten zulieb als ein starker Gideon sich aufmachen, und die Feinde Gottes und der wahren Religion mit gewaffneter Hand anzugreifen, als wozu wir unsern möglichsten Beystand, auch mit Vermeidung (?) Leib und Lebens anzuerbiethen, nicht ohnhin gehen wollen; und ob wir wohl zwar eine kleine Heerde und nicht über 20,000 seyn, so hoffen wir doch, daß Gott selbst für seine gerechte Sache streiten wird. Ach ja, großer König, wir getrösten uns eines gnädigen Fiat; es geschehe nur bald, dann wollen wir mit unsern entledigten Mitbrüdern in unsern Kirchen ein freudiges Hosanna anstimmen und zu bethen nicht aufhören, daß der große Gott Euer königl. Majestät und allerhöchst dero Scepter das ganze Königreich Böheim unterliegen soll. Nun so verschmähen Allerhöchst Dieselben unser demüthigstes Bitten, ja selbsten gerechte Anverlangen Gottes nicht; sondern besitzen und erhalten durch Dero siegreiche Waffen unsere gekränkte Gewissensfreyheit, damit Euer \&c. einmahl die Krone des Himmels und dem Streite empfangen, wir aber getrösten uns einer Freyheit, die in Dero Landen schon allgemein ist, und ersterben in submissester Hoffnung als Euer \&c. Unsers \&c. sämmtliche Inwohner des Chrudimer und der übrigen Kreise.« Hier erwähnen wir noch des obwohl bekannten Verses mit großen plastischen vergoldeten Lettern ober dem 3. Stockwerk des Hauses Nr. 695 auf dem alten Fleischmarkt zu Wien 1786 an den Erbauer des Hauses, den griechischen Großhändler Natorp angebracht. Dieser Vers lautet: Vergänglich ist dieß Haus Doch Josephs Nachruhm nie; Er gab uns Toleranz, Unsterblichkeit gibt sie. 58. »Kaiser Josephs Reformation der Freymaurer. Eine Denkschrift fürs achtzehnte Jahrhundert. Von E****.« Der Verfasser dieser Schrift ist der Doctor und Professor Leopold Aloys Hoffmann, derselbe, welcher die bekannten Prediger-Critiken geschrieben hat. Sie erschien 1786 bey Wucherer in Wien in zwey Heften, und wurde dann eben in die Sammlung der Freymaurerschriften aufgenommen, was im ersten Bändchen der Josephinischen Curiosa, Artikel: Kaiser Joseph und die Freymaurer , angeführt ist. Die erste Lieferung hatte Hoffmann schon geraume Zeit in seinem Pulte liegen. Es scheint, daß er mit dieser Arbeit selbst nicht recht zufrieden gewesen sey. Er sagt in der Vorrede: Ich muß vorläufig bemerken, was dieß Manuscript etwa für ein Ding seyn möge. Es ist eine Art Predigt, Rhapsodie, Fragment, Declamation oder dergleichen über das Thema: » Die Freymaurer sollten einmahl anfangen, klug zu werden. « – In der That kann man den Inhalt der ersten Lieferung füglich übergehen; Niemand wird etwas dabey verlieren. Die Vorrede der zweyten Lieferung schließt mit den Worten: Ich habe mir es zur Pflicht aufgelegt, die Josephinische Reformation dem profanen, denkenden Publicum im wahren Lichte zu zeigen. Was ich in der ersten Lieferung sagte, sollte unterdessen in allgemeinen Betrachtungen das Wahre und Unwahre von einander absondern; es ist aber noch vieles vergessen worden: dieses will ich hier nachholen und noch einige besondere Dinge hinzufügen, die durch die vorhandenen Umstände das Recht der öffentlichen Kundmachung erhalten haben. Der Text des zweyten Heftes läßt erkennen, wie damahl wohl die meisten aufgeklärten Leute über das Freymaurerwesen, nahmentlich in Österreich gedacht haben mögen; und in dieser Hinsicht besonders in Bezug auf Joseph, ist die Schrift allerdings beachtenswerth. Ihr Inhalt ist dieser: Das Volk, dem ich vorhin den characteristischen Titel: Grundsuppe der Maurerey gab, bellt mit fürchterlichen Zähnen den hellen Mond an. Es ist das Geschrey eines gepeitschten Sclaven, womit sie den Kaiser wegen seinem Patentausdruck: Gaukeley, verfolgen. Auch ich bediente mich einigemahl des nähmlichen Ausdrucks. Die Klugen begnügen sich bereits mit meinen hierüber angeführten Gründen; aber da, wie Salomo sagt, der Narren mehr sind als der Klugen, und es ferner so derbe Narren gibt, die man wie Grütze im Mörser stampfen muß, so sollen auch die weiteren Gründe nicht verschwiegen bleiben, daß Gaukeley die wahre passende Benennung der heutigen Maurerey ist. Diese Art von Nothwehr gilt dann auch, wie man einsehen wird, jenen Männern, die als Triebwerke des kaiserlichen Patents bekannt geworden sind, und die eine Heerde mißmüthiger Knaben zum Lohn für die Wohlthat mit Koth wirft. Ich lege, ehe ich zur Arbeit mich anschicke, noch einmahl das feyerliche Bekenntniß ab, daß nur Mißbräuche, Tollheit, Kinderpossen und Sottisen die Gegenstände meiner Geisel seyn sollen; daß das wahre Gute einen warmen Verehrer an mir hat; daß ich nur Baal zertrümmern helfen will, damit weise Baumeister dem lebendigen Gott auf dem öden Trümmerwerk einen neuen Tempel aufführen können. Was ist Gaukeley: Eine verhältnißmäßige Beschäftigung für Kinder, Narrenkluge, alte Leute. Das Kind gaukelt mit seinen Kartenhäusern; der Narr mit seinen Schimären; der Kluge mit ernsthaften Lächerlichkeiten – und so weiter jeder Sohn der Erde mit seinem Steckenpferde. Es können Eingriffe eines Handwerks ins andere geschehen. Das Kind kann ein ernsthafter Gaukler, der Kluge ein Kindischer werden, – und dieß erzeugt vermischte Gaukeleyen, die natürlicher Weise noch schlimmer sind, als die einfachen. Wir kommen zur Anwendung. Mit Recht nennen wir den Mann einen vermischten oder doppelten Gaukler, der nicht nur mit einer wichtigen und ernstvollen Miene Lächerlichkeit und Kinderwesen treibt, sondern der noch überdieß mit dem Bewußtseyn, daß sein Thun und Lassen Kinderey ist, doch Kindereyen ernsthaft mitmacht. Laßt uns sehen, ob dieser zweyfache Fall in der Maurerey eintrifft. Zu Babel verwirrten sich die Sprachen. Die Maurer nennen ihre Candidaten Suchende, obschon sie die meisten selbst suchen – ihre Arbeitsstube Loge, ihre zwecklose Zusammenkünfte Arbeiten, ihren Wein Pulver, ihr Wasser Sand, ihre Trinkgläser Kanonen, den Großmeistersitz Altar, u. s. w. Vernünftige Leute, die nicht gaukeln. nennen jedes Ding nach dem angenommenen Sprachgebrauch mit dem rechten Nahmen. Dieses Verkehren der Begriffe hat große Aehnlichkeit mit der geheimen Sprache der Handwerksburschen, oder der noch geheimern der Diebe. Der Maurer trägt eine Kelle – zum Zeichen, daß er ein Maurer ist, der nichts mauert – einen Schlüssel, der kein Schloß aufschliessen kann, weil nichts aufzuschliessen ist – einen Degen zur Vertheidigung seiner Brüder, und zum Beweise, daß er ein Ritter, und zwar ein freyer Ritter ist – eine mit allerley Blumwerk verbrämte lederne Schürze, als Symbol seiner Keuschheit. Alle diese Zeichen und Symbole sind wohl aber vermuthlich nicht Gaukeleyen, am wenigsten bey gesetzten, bejahrten, denkenden, philosophischen Männern! Der Maurer führt seinen Candidaten in ein finstres Loch, wo nicht eine Sonne, nicht Mond hinscheinen darf. Er nennt diesen Probekerker die schwarze Kammer. Hier sitzt der Candidat stundenlang, paßt in der Furcht seiner Seele auf Erlösung; ein sogenannter fürchterlicher Bruder secirt ihn von Zeit zu Zeit mit albernen Fragen. Das Zeug sieht auf ein Haar nicht besser aus, als die alten Teufelscomödien am Charfreytag, oder die St. Niclasfarce um Weihnachten. Endlich bekömmt er Licht zu sehen; man fängt an, ihn zu entkleiden. Alles Metall, Schnallen, Uhr, Geld wird ihm abgenommen; ein Knie entblößt; Rock und Weste muß weg; die linke Brust wird aufgedeckt; eine Binde vor den Augen macht ihn zum Belisar, der nun guter Dinge eine Reise antreten muß. Je nachdem der fürchterliche Bruder Grütze im Kopf hat, treibt er seine Schwänke mit dem reisenden Candidaten. Er lügt ihm von Grüften, Bergen, Thälern, Teufeln und Engeln vor. Endlich wird an der Logenpforte Halt gemacht. Man pocht an. Der wacheführende Thürsteher mit seinem bloßen Degen in der Hand erstattet Rapport. Es fängt ein Examen an, als wenn der arme Reisende in der Qualitaet eines Maleficanten eine Reise nach dem Rabenstein zu machen hätte. Die Logenpforte fliegt auf; der blinde Reisende wird eingeführt, er bekömmt vom fürchterlichen Bruder einen Rippenstoß, daß ihm Seele und Herz wakeln muß, mit dem Bedeuten, daß er nun sich allein überlassen sey. Ein neues Verhör vom Meisterstuhl herab nimmt seinen Anfang. Der Bruder Aufseher packt ihn dann an, und setzt mit der Degenspitze auf der Brust die Reise fort. Es wird dreymahl gereist. Auf dem Wege begegnet allerley Ungemach. Man muß Hügel und Graben steigen; der Teufel kömmt mitunter auch in Vorschein; am schrecklichsten ist aber das dreyfache Kolofonienfeuer des Bruders Ceremonienmeisters, durch welches der Reisende dreymahl muß. Nach derley überstandenen Drangsalen und Mühseligkeiten, wo die zusehenden Brüder vor langer Weile das Frieren kriegen, wird die Ablegung des Eides beliebt. Die Reise geht zum Altar des Großmeisters. Der Candidat kniet nieder, und papageyt dem Bruder Secretär einen Schwur nach, bey dessen Ablegung man von Rechtswegen das ganze Collegium mit Nießwurz bedienen sollte. Der Eid ist fürchterlich; man mischt Gottes Barmherzigkeit, Körperverbrennen, Herzausreissen, und Zungenabschneiden drein, alles in Absicht auf Verschwiegenheit der mitgetheilten Geheimnisse. Die Klugen haben sich ein Sprichwort gemacht, indem sie die Handlung Juramentspielen nennen. Ein weiser Bruder sagte ehemahl über diesen strafbaren Eidmißbrauch einige kräftige Wahrheiten; er wurde aber zum Ketzer gemacht. Lassen wir es unterdessen hiebey bewendet. Ich fordre alle vernünftige Maurer auf, zu gestehen, ob sie diese Art von Ceremonien und Arbeiten je anders als Gaukeley genannt haben, und nennen haben können? das profane Publicum fordre ich auf, zu prüfen, ob dieß Gaukeley sey oder nicht! Wer aber an der Wahrheit meines Berichts zweifeln wollte, der gehe hin, lasse sich zum Maurer machen, erfahre selbst, was hier geschrieben steht, und mehr, wovon vielleicht späterhin noch die Rede fallen wird. Wer wagt es nun, ohne Heuchler und Lügner zu werden, dem Ausdruck Gaukeley zu widersprechen? Armselig und feig ist das Geschrey der Getroffenen, die mit Kaiser Joseph zur Fehde sich rüsten, weil er das Kind beym wahren Nahmen genannt hat. Unverschämtheit ists, jene Obern und kluge Brüder mit Schimpf und Feindschaft zu behandeln, die, müde des Marionetenspiels und schamroth über das schale Kinderceremoniel, den Unfug einschränken, und nicht länger Kinder seyn wollen. Laut sey es gesagt, daß ich zur Fahne dieser gehöre, und längst dazu gehörte, und daß ich so lange aus allen Listen ausgestrichen seyn will, als solch sinnloses Fratzenwerk den Maurerorden zu einer Congregation hölzerner Mönche machen wird. Ja es muß einmahl über gewisse Dinge unter uns zur Sprache kommen. Aufklärung und Philosophie ist das ewige dacapo eurer Predigten; ihr reformirt alles vom Monarchen bis zum Capuciner, von Leibnitz bis zum Bänkelsänger. Faunengelächter begleitet jede Handlung der Profanen, die nicht euer Cirkel und Winkelmaas vorgezeichnet hat. Alleinweisheit macht eure Köpfe schwindlicht; wer nicht in der schwarzen Kammer Blut geschwitzt, nicht die blinde Reise durchs Colofonienfeuer gemacht hat, gilt euch für einen Idioten, kann nicht am Menschenwohl zweckmäßig arbeiten, denn er hat eure Pläne, und Risse zu Salomos Tempel nicht gesehen. Und da ihr eure Köpfe in der Wolke des Eigendünkels herumtragt, so nehmt ihr euch nicht Zeit auf eure Füsse zu sehen; die ganze Erde ist euch ein Narrennest, ein Clubb von Dummköpfen, und auf den Schnickschnak eurer Logen denkt ihr nicht. Blutig habt ihr mit vereinigten Hieben in die Mönche und Pabstthum hineingegeiselt. Spott und guten Rath enthalten eure Schriften zur Besserung der Geistlichkeit. Aber warum rathet ihr euch denn nicht auch selbst? Warum gilt es für Hochverrath, auch eurer zu spotten, da ihr der schwachen Seiten so viele habt, als die Mönche. Wir wollen einige dieser schwachen Seiten aufdecken. Es sey dem profanen Publicum überlassen, Gaukeley oder gar Abgeschmacktheit darin zu finden. Laut ist das Geständniß geworden, daß in der Maurerey noch das Beste die Tafellogen sind, vorzüglich bey einer gewissen Loge, die jeder selbst sich nennen kann. Traurig genug, wenn ein philophischer Orden sein Primum et Summum in Essen und Trinken setzt. Es gehört ein großer Glaube dazu, in Eß- und Trinkgelagen Schulen der Weisheit zu finden. Oder vielleicht verkündigt sich bey diesen Gelagen die Weisheit in den mancherley Gesundheitsformeln, die der Witz der Brüder als das Granum Salis auftischt? Blumauer, der als treuer Bruder und Menschenfreund meine ganze Achtung hat, konnte den Tafellogen keinen giftigern Geruch geben, als er durch öffentliche Bekanntmachung seiner Freymaurergedichte gethan hat; und der edle Mann B. erscheint hier in einem Lichte, worüber seine vielen und warmen Freunde (seine Schmeichler weggerechnet) nichts anders als betroffen seyn können. Die Welt erfährt Dinge, darüber im geheimen Kreise der Brüder schon mancher überlegende Mann mit Recht in Ärger kommen mußte. Spottgelächter über Heilig und Unheilig; Zweydeutigkeiten im Geschmack von Rosts Schäfergedichten; unerträgliche Selbstsucht und Selbstlobrednerey; hämische und satyrische Parodien auf heilig gehaltene Ordensgebräuche – dies sind die Ingredienzien jener Gedichte. Wenn man solche Sachen der Welt um einen Gulden verkauft, so darf ich und jeder auch Bemerkungen der Wahrheit, Klagen und Erinnerungen der Welt bekannt machen. Ich muß einige Strophen aufschreiben, ächten Maurern zum Verdruß, den Profanen zum Fingerzeig. Wer da wissen will, was ein Maurer nach der Mode zu seinem Ordenszweck macht, oder wenigstens mitmacht, der lese Seite 153. »Sanct Ignatz sandte Jünger gar Nach Indien, der Heiden Schaar     Zu tödten und zu plündern. Wenn Maurer nach den Ländern ziehn, So werden sie die Heiden drinn     Eh' mehren als vermindern«. Man verstehe diesen Witz im religiösen oder physischen Sinne, so ist das Ende vom Liede immer eine abgeschmackte Sottise. Eine gute Lehre, wie ein Bruder Maurer mit seinem Weib, Schwester sich in gewissen Puncten zu benehmen habe, gibt Seite 104. »Wenn eine Schwester zankt, daß sie Nicht Erben kriegt, so machet nie     Durch Zwang das Übel größer; Beruhigt sie für diesen Fall, Und machet für ein andersmahl     Die Ehstandsarbeit besser.« Allerdings kann auch die profane Welt von dergleichen geheimnißreicher Weisheit ihren Nutzen ziehen. Eine Probe, wie man sich in pleno brüderliche Etikette beweisen kann, liefert Seite 132 in der Schwestergesundheit am Nahmensfeste der Schwester Theresia v. S . . s             Die eine (die h. Theresia) hat als Weib sogar Der ganzen Carmelitenschaar     Die Hosen weggenommen; Allein der Mann der anderen Ist um die seinen, wie wir sehn,     Bis dato nicht gekommen.« Im nähmlichen Liede folgt sogleich eine Belehrung, was die Maurer mit ihrem Trinken für mächtige Dinge wirken können. »Die eine sieht man nun zum Lohn Auf Bildern und Altären schon     Als Heil'ge figuriren; Die andre aber wollen wir Mit unseren Canonen hier     Nun auch canonisiren.« Die Bibel, wie wir wissen, ist jedem echten Maurer ein heiliges und ehrwürdiges Buch, denn er muß seinen Eid darauf schwören. Seite 158 liest man folgenden wohlgerathenen Commentar. »– Schnellkraft für Jahrhunderte     Lag in der Maurer Lenden; Was jetzo kaum ein Fünfziger Mehr kann, hat als Fünfhunderter     Durch Buben, stark wie Riesen,     Herr Abraham bewiesen. Die Hausfrau wußte da nicht viel     Von Zwang und Etikette, Und gieng, so lang es ihr gefiel,     Mit ihrem Mann zu Bette; Und war sie nun des Dinges satt, So konnte sie, wie Sara that,     Dem Manne nach Belieben     Ihr Mädchen unterschieben«. Man muß gestehen, daß hierinn wenigstens tiefe Weisheit der Natur liegt, und daß die Maurer bey weitem keine so geschwornen Freunde des Cölibats sind, als ihre Brüder, die Capuciner und Franciscaner. Auch gewinnen wir hieraus einige Begriffe von ihren Arbeiten und ihrem salomonischen Tempelbau. Sollten diese gegebenen Proben nur wenigen hinreichend sein, der Maurerey auch den Ehrentitel einer komischen Freygeisterey beyzulegen; so muß man mit einer gewissen Gattung von Brüdern persönliche Bekanntschaft machen. Ich hoffe jenes Vertrauen von den Vernünftigen erworben zu haben, daß ich in so fern ein Freygeist bin, als meine Religion keine Lucaszettelreligion ist. Und so kann man sich auch denken, von welcher Freygeisterey hier die Rede seyn mag. Von jener nähmlich, wo gedankenlose Knaben wie die Elstern über alles schnattern, was sich schnattern läßt; wo man nichts glaubt, weil man gehört hat, ein Maurer müsse ein Philosoph seyn; wo man über alles spottet und lacht, weil dies ein Bonmot zu einer Schwestergesundheit hergeben kann; wo man den religiösen Mann als einen Schafkopf verachten lernt, weil dieser glaubt, positive Religion sey die Grundfeste der bürgerlichen Gesellschaft; wo man ein Schwätzer wird, der nach Art der Missionäre seine Aufklärung von den Dächern predigt. Und diese Freygeisterey – wer wagt es, den ersten Stein wider mich aufzuheben, daß ich es laut sage? – frißt wie der Krebs in dem maurerischen Körper herum. Es wimmelt von Milchbärten, die, kaum der Ruthe des Schulmeisters entlaufen, schon Modeglauben verkündigen, schon Philosophen werden, ohne den Catechism verstanden zu haben. Ich muß mir den Rücken freyhalten, und den Teufel des Mißdeutens entwaffnen, der mich etwa zu beschuldigen Lust hätte, als meinte ich hier jene bejahrte und junge Männer, die durch Verbreitung wahrer und mässiger Aufklärung dem Staat und der Religion wesentliche Dienste geleistet haben, einen S. B. K. G. P. H. R. Ich meine die vielen Affen wahrer Aufklärer, denen zu einem solchen nichts fehlt, als Kopf und Herz. Indessen ist das Übel doch sehr ansteckend. Selbst die Klugen werden in dem Wirbel mitfortgerissen. Und weil der schwache Kopf da anbeissen muß, wo seine Zähne Kraft haben, so geht es natürlich zu, daß der größte Theil des Aufklärervolks sich an dem Mönchen reibt. Gut paßt hier eine Stelle, auf die ich mich eben erinnere: »Wider die Mönche! Das war die Losung. Da zogen sie aus, in hellen Haufen, mit Schellen und Bockfüßen, und langen Ohren und Löwenhäuten. Gutes Gesindel! du bist berauscht; du hörst das Schellengeklingel und läufst muthig hinten drein. Aber die Klugen lachen über dich, denn sie wissen, daß das Sturmgeschrey der Narren den Sieg zweydeutig macht.« Ja wohl lachen die Klugen, und müssen lachen, wenn der Mohr seinen Bruder schwarz schimpft. Aber unwillig müssen sie werden, wenn immer und ewig über den Schiefer im Auge des Mitmönchs geschrien, und der große Balke im eigenen Auge nicht gesehen wird. Es ist Weisheit des Regenten, die nach und nach die Klosterconventikeln einschränkt. Sollte es aber nicht noch größere Weisheit seyn, auf die Conventikeln solcher Leute zu merken, die durchaus für das nicht angesehen seyn wollen, was sie sind. Die eigentlichen Mönche waren so redlich, durch ihre Kleidung sich der Welt als solche zu zeigen, so ehrlich, der Welt laut zu sagen, was ihr Entzweck sey, welche Statuten, welche Ordensgesetze sie hätten. Die Maurer verstecken sich hinter die Wolke des Geheimnisses, scheuen wie Nachteulen das Licht, und wollen nur durch Zeichen und Griffe gekannt seyn, wie – das Gleichniß mag unterdrückt bleiben. Ich hätte eine treffende Parallele zwischen der Maurerey und Möncherey bey der Hand. Aber ich mag mich nicht zu tief in dieses Detail einlassen; man könnte mich sonst vielleicht gar für einen Mönch halten, oder glauben, die Mönche hätten mich in Sold genommen. Wir haben angefangen einige schwache Seiten der Maurer aufzudecken; die Rede war bisher von den Tafellogen und der Freygeisterey vieler Brüder. Laßt uns noch einige aufdecken. Das Zanken und Hadern unter den Eingeweihten war schon lange her ein großer Stein des Anstoßes für brave Maurer. Manche Loge hat ihre determinirte diabolos rotae, die ihr Geschäft daraus machen, überall zu widersprechen. Sie nehmen Grobheiten und Beleidigungen zu Hilfe, wenn die Loge nicht ihre Meinung per vota majora annimmt. Man hat viele Beyspiele, daß sich die ehrwürdigen Brüder in gremio charitatis mit Buben, jungen Leckern, Eseln und Dummköpfen honoriren. Wehe einem neuen Bruder, der ein unrechtes Wort wider diese Cromwells der Maurerey fallen läßt! sie hassen und verfolgen ihn so lange, bis er auf allen Vieren seine demüthige Abbitte macht. Leute, die im profanen Leben lange Zeit warme Freunde waren, sind oft als Brüder bey der Ballote über einen Candidaten ewige Feinde geworden. Hinz proponirt jemanden zur Aufnahme. Kunz meint, die Aufnahme könne nicht statt haben aus Gründen A, B, C, D, u. s. w. Hinz, den es verdrießt, daß sein Candidat nicht logenfähig seyn soll, fährt Kunzen übers Leder. Der Meister von oben schlägt mit dem Hammer in den Tisch; die Brüder factioniren sich in Partheyen, Kunz behält Recht, der Candidat wird abgewiesen. Und nun gebt acht, ob Hinz und Kunz in ihrem Leben einander mehr aufrichtig ansehen werden. Irgend ein Bruder, jung oder alt, der bey dem immer wiederhohlten Strohdreschen des salomonischen Tempelbaus seine Geduld verloren hat, denkt mit redlichem Herzen auf einen Vorschlag, wie die öffentlichen Zusammenkünfte doch zu etwas Besserm werden könnten, als zum blinden Kuhspiel. Er ist mit seinem Vorschlag fertig, und bringt ihn ad deliberandum. Heiliger Salomo! welche Gesichter schneiden deine alten Gesellen und Meister über den heterodoxen Projectmacher! Was, schreyen sie, der will reformiren? der will die Grundfeste des heiligen Ordens umstoßen? dem sind unsre uralten und mit Ablaß begabten Ceremonien nicht recht? der will klüger seyn als wir? der ist so dumm, in unsern weisheitschwangern Hyeroglyphen nicht Nahrung und Stroh genug für seinen hungrigen Geist zu finden? Proh Scandalum! Crucifige, crucifige illum! Ich bitte hier um eine kleine Gewissenserforschung, und dann um gebührende Reu und Leid. Die Sache läßt sich übrigens durch ein Beyspiel erläutern. Eine gewisse Loge in Wien, die so geheimnißreich ist, daß alle Profane sie kennen, war des ewigen sinnlosen Gegaukels mit X und A, und A und X müde; sie sammelte verschiedene Schriftsteller unter ihre Flügel, und der größte Theil ihrer Arbeiten wurden phylosophische und belletristische Unterhaltungen. Sie hat aber ihre Ketzerey theuer zahlen müssen. Beynahe alle übrigen Logen nahmen ihren Witz zusammen, sich über den gelehrten Clubb der B . . . r lustig zu machen. Zum Beweise lese man die bey der gegenwärtigen Revolution erschienenen Maurerschriftchen; fast alle theilen ihre Hiebe über diese gelehrte Loge aus. Und das heißt der Maurer seinen Einigkeitsgeist!!! Nicht minder erbaulich ist die von den Profanen sogenannte Rangsucht, die sich in dem Herzen der Maurerey ihren festen Wohnsitz aufgeschlagen hat. Rabener oder Swift hätten immer einige Thaler drum schuldig seyn dürfen, einer maurerischen Beamtenwahl spectando beyzuwohnen. Es ist freylich weltbekannt, daß es unter Brüdern eine allgemeine Gleichheit gibt. Aber deßwegen möchte doch gern Paul und Peter und Caiphas und Herodes auf dem Großmeisterstuhl sitzen, denn der Hammer ist ein gar zu verführerisches Instrument zur Tyrannisirung freyer Ritter. Da werden denn Vota gebettelt. Kuns, der ein brünstiges Auge auf den Stuhl nächst dem Großstuhl geworfen hat, fällt auf den dritten Stuhl herab. Er meint, St. Michael habe ihn vom Himmel geschleudert; er mag nun gar keinen Stuhl, und macht den Brüdern die Predigt, daß sie nur zusehen sollen, wie es ihnen jetzt gerade so gehen wird, wie den Fröschen mit dem König Storch. Und so gar Unrecht hat Kuns eben immer nicht. Ich habe Leute gesehen, die in ihrem Großstuhl und mit ihrem Hammer gravitätischer ausgesehen haben, als Sancho Pansa bey seiner Statthalterschaft. Brüderliche Despoten haben so manchen Großstuhl usurpirt; haben gutdenkende Brüder niedergetreten in den Staub, Chicanen gebrütet, und von elenden Speichelleckern sich zum Götzen hinaus schmeicheln lassen. Die Mönche wollen von meiner Seele nicht weg. Eben jetzt drängen sie sich mit Gewalt heran. Sie wollen sich schlechterdings in eine Parallele stellen. Es sey! Der Guardian, der Prälat hat seine Lieblinge, seine Ohrenbläser; er haßt alle, die nicht um ihn kriechen, alle, die seine Sclaven nicht seyn wollen, alle die klüger sind, als er. – Die Guardiane der Maurerey folgen ihren Mustern Schritt vor Schritt. Wie mancher Taugenichts hat durch sein Kriechen und Ohrenblasen beym Großstuhl sein Glück gemacht, und wie manches maurerische Verdienst darbt in der Stille, oder bettelt, weil es dem Großstuhl nicht hofiren wollte. Die Mönche haben ihre Emissarien, die dem Orden Proselyten anwerben, ihre Spione, die Familiengeheimnisse ausforschen, ihre Beichtväter, die Minister und Hofrathsweiber in das Interesse des Ordens ziehen müssen. – Die Maurer stellen in öffentlichen Ämtern und Kanzeleyen ihre Emissarien und Spione aus; sie passen ihre Feinde ab, und wo ein leerer Fleck zu finden ist, da schieben sie ihre Creaturen ein. Ein Mönchsorden lästert über den andern, die braune Kutte über die weiße, die weiße über die schwarze. – Jede Loge dünkt sich die beste. Bist du in die Loge Y aufgenommen, so sagt die Loge A, du wärst in einen hochadelichen Eselsstall gekommen; Loge B, du wärst unter Beutelschneider gefallen; Loge C, du würdest Magie lernen müssen; Loge D, du gewännst in der profanen Welt keinen Einfluß u. s. w. Und dafür verspricht dir die Loge A gereinigte Philosophie, Loge B Freygebigkeit und Schätze, Loge C den ächten Stein der Weisen, Loge D giltige Ansprüche auf ein Churfürstenthum, und so fort jeder Zahnbrecher seine ächte und gerechte Universaltinctur vor Sausen und Brausen der Ohren \&c. \&c. \&c. Die Mönche in corpore halten sich für den Grund und Eckstein der Religion, des Staats, der Wissenschaften. – Die Maurer sind lauter Atlasse und St. Christophs, die Himmel und Erde, und alles was drinn und drauf ist, auf ihren Schultern tragen; Generalpachter des Verstandes, der Vernunft und aller sieben Gaben des heiligen Geistes; Monopolisten der wahren und mit päpstlicher Authentica versehenen Nieswurz – und so ferner. In den Lobreden auf ihre Ordensheilige suchen die Mönche immer den halben Himmel durch, ehe sie den rechten Platz für ihren Mann finden können. – Ein Maurer läßt der ganzen Welt in so weit wohl Gerechtigkeit widerfahren; aber das behauptet er doch mit gutem Gewissen über jedes fünfte Wort, daß alles um und um keinen Pappenstil taugt, gegen die himmelstürmenden Vorzüge der hochheiligen Maurerey. Ein jeder Mönchsorden sucht, wo und wie er kann, einem andern die besten Bissen wegzuschnappen, Beichtväter-, Prediger-, Hofnarrenstellen für sich zu acquiriren. – Die Maurerey in genere und jede Loge insbesondere, schwitzt für ihre Glieder um Hofraths-, Professor-, Domherrn-Favoritenstellen. Genug hievon! So gewiß es aber ist, daß zu große Ähnlichkeit vielmehr Haß als Zuneigung stiftet, eben so wenig darf man sich über die Bitterkeit und Feindseligkeit wundern, mit welchen die Maurermönche die Capuzenmönche verfolgen. Nicht leicht wird es in einem Gremium so viel Intoleranz und Fanatismus geben, als im Gremium der Maurerey. Beobachtet zum Beyspiel ihr Betragen gegen die Jesuiten. Eigentlich zu reden, ist es Neid und Eifersucht, womit sie diese ansehen. Bey allen möglichen feinen und klugen Anstalten haben sie es doch noch nicht so weit gebracht, in der Schule der Jesuiten auf der vierten Bank zu sitzen. Und gerade, weil die Jesuiten ihnen so gern die Eyer aus dem Nest stehlen und zerschlagen, so möchten sie immer den Kopf an die Wand stoßen, wenn ein Jesuit ihnen in die Zähne lacht. Wenn es wahr ist, daß ein Staat sich eben dadurch wohl befindet, wenn die gefährlichsten Partheyen darinn einander immerfort in den Haaren liegen, so ist es gewiß nicht zu rathen, die Freymaurer mit den Jesuiten auszusöhnen. Es gibt ein gesundes Clima, wo Winde die böse Luft reinigen; und eine ruhige Speisekammer, wo Katzen gegen die Mäuse fleißig Wache halten. Indessen ist doch auch hiebey die Vorsicht nicht zu vergessen, daß beyde Partheyen nicht durch sich selbst schädlich und gefährlich werden. Diese Gefahr wächst ganz natürlich nach dem Grade der Gewalt, des Einigkeitsgeistes und der Wahl der besten Mittel, welche den grossen Entzweck Eigennutz und Eigenvortheil befördern. Wer beyde Partheyen kennt, wird gern gestehen, daß von dieser Seite den Maurern um einen guten Theil mehr zu trauen ist, als den Jesuiten. Schädlich im eigentlichen Sinne ist die Maurerey wohl nicht; einzelne Complotte gelten nicht fürs Ganze, und solche Complotte für sich genommen sind auch schädlich, wie ich es auf Begehren zu erweisen erböthig bin. Also schädlich ist die Maurerey im Allgemeinen nicht. Aber Gaukeley treibt sie, und Abgeschmacktheiten und Kinderpossen; Zeit verdirbt sie, und macht unerfahrne Köpfe schwindlicht; eine lächerliche Physiognomie hat sie durch ihren gravitätischen Ernst; sie ist Faschings-Larve, und könnte sofort allenfalls im Carneval ihre Figur ohne Anstand spielen, aber ausserdem nicht. Und dieß ist nun der ganze Zweck meiner gegenwärtigen Predigt; den Vernünftigen rufe ich zu, sich von dem mönchischen Fratzenwesen eines sinnlosen Ceremonielspiels mit männlichem Muth loszusagen; und die Unvernünftigen, die das nicht wollen und werden, habe ich mit ihren Schellenkappen vor den Spiegel gestellet, damit die Profanen sie kennen, und die Weisen von den Thoren unterscheiden. Es muß dahin kommen, daß die Maurerey eine andre Form annimmt, oder sie bleibt im Archiv der Philosophie eine urkundenmässige Satyr auf das achtzehnte Jahrhundert und dessen Aufklärung für die klügere Nachwelt. Ich weiß, welches Bärengeschrey das geben wird, wenn die klugen Baumeister ihre Hammerschläge zum Niederreissen des alten Zauberschlosses anfangen werden; in Ost und West werden Cometen am Himmel erscheinen, und alle egyptische Plagen ihnen auf den Hals gebethet werden. Das muß euch aber nicht irre machen. Laßt sie schreyen und bethen, bis sie müde sind; am Ende kriechen sie doch zu Kreuze, und hammern allenfalls gar mit. Mit einem Worte: der ganze Maurerorden muß in neues Werk werden. Mit Flicken und Nähen richtet ihr nichts aus; ihr bringt nur ein neues Mondkalb auf die Welt, das euch bey weitem nicht die Geburtsschmerzen lohnt. Es ist noch sehr wenig und fast so viel als nichts zur Reformation und Verbesserung des Ganzen gethan, wenn aus drey oder vier Logen Eine zusammengezimmert wird. Es muß auch darauf gesehen werden, daß diese Eine Loge etwas Reelleres arbeite, als vordem die Drey oder Vier gearbeitet haben. Es muß ein wachsames Auge auf jene Freybeuter gehalten werden, die in geheimen Winkeln geheime Conventikeln versammeln, und mit ihren Schwänken und Zeichen junge Leute um ihr Geld und ihren gesunden Kopf bestehlen. Am wachsamsten soll man aber auf die Austheiler der sogenannten höhern Grade merken. Diese Schwärmer sind eine Art Tollhauswaare, die eine eigene Polizeyinspection fordert. Wenn es den Obern des Ordens Ernst ist, den Orden zu einem vernünftigen Institut zu machen, so muß schlechterdings alles dieses Gegaukel mit höhern Graden zuerst bey Seite geschafft werden. Ferner muß man solche Ceremonien erfinden, die ein bedächtiger Mann, ohne roth zu werden, mitmachen kann. Und endlich müssen Gesetze gegeben werden, die noch zu etwas mehr taugen können, als daß sie schwarz auf weiß gedruckt stehen, und vom Bruder Secretär ad Acta gelegt werden. Ich beschließe hiemit meine freymüthigen Bemerkungen, weil ich doch so ziemlich das wichtigste, obschon nur sehr kurz gesagt habe. Die Weisen und Guten werden mich hinlänglich verstanden haben. Sehr viele werden den Fluch auf mich werfen, daß ich solche Dinge öffentlich sage. Das können sie; und meine ganze Antwort ist: der hat alle Anlage zu einem schlechten und gefährlichen Menschen, der den Muth nicht besitzt, seine Handlungen der billigen Welt zur Beurtheilung vorzulegen. Man wird sagen, ich sey ein hungriger Lobredner Kaiser Josephs, und ich möchte etwa ein Bildchen verdienen. Grade da liegt der Hase im Pfeffer. Ja was noch mehr ist, vielleicht bin ich gar dafür bezahlt, daß ich diese Wahrheiten schreibe! Liebe Brüder! laßt euch berichten. Ich bin ein ächter vieljähriger Maurer. Wo mein Wohnort ist, das kann und muß euch gleichgiltig seyn; auch mein Nahme thut nichts zur Sache. Immer nahm ich den wärmsten Antheil an den Umständen des Ordens. Das wenige Gute machte mir jeder Zeit große Freude; das viele Üble und Alberne machte mich traurig und unwillig. Ich dachte hin und her, wie dem Unheil abzuhelfen sey. Aber da ich euch kenne, daß es leider eine eurer schwachen Seiten ist, nicht gern Wahrheiten zu hören, so blieb ich still, zog mich von allem Logenschnack zurück, und ließ euch mauern und zimmern, so viel euch beliebte. Endlich muß doch eine bessere Zeit kommen, hoffte ich: und siehe, sie ist gekommen. Deßwegen trete ich jetzt ins offne Licht, und sage euch das laut und öffentlich, was man euch zwischen vier Mauern ohne Gefahr nicht sagen darf. Wenn ihr böse auf mich werdet, so muß ich es leiden. Aber der mir etwa mit einer Antwort aufwarten wollte, dem bedeute ich, daß ich nach Umständen auch noch eine dritte Lieferung dieser Rhapsodie geben kann. An Materialien leide ich wahrlich keinen Mangel.    Geschrieben im Orient von * i * * zwischen dem   12 – 23   5786. 1 59. Kaiser Joseph und die Abrahamiten (Deisten) in Böhmen. Gerade in der Gegend Böhmens, wo fehlgeschlagene Erwartungen wegen der von der Kaiserinn Maria Theresia beabsichtigten Aufhebung der Leibeigenschaft 1775 Aufruhr gegen die Grundherren veranlaßt hatten, in der Pardubitzer Herrschaft, trat, dem Toleranzedict Joseph II. vertrauend, 1782 aus dem bisherigen Dunkel eine Anzahl unwissender Landleute hervor, die sich zu dem Glauben bekannten, den Abraham vor der Beschneidung gehabt hatte, die Lehre vom einigen Gott, das Vaterunser und die zehn Gebothe, doch sonst nichts aus der Bibel annahmen und sich weder zu einer christlichen Confession halten, noch Juden seyn wollten. Daher wurden sie in den Berichten der inquirirenden Beamten Abrahamiten oder Deisten genannt. Der Kaiser ließ diese Leute, da sie allen Bekehrungsversuchen widerstanden, im April 1783 unter militärischer Aufsicht in kleinen Abtheilungen nach verschiedenen Gränzorten Galiziens, Siebenbürgens, Slavoniens, der Bukowina, des Banats und ungarischen Küstenlandes transportiren, wo die Männer unter Gränzbataillons eingetheilt, und nach der Hand doch zum Theil nebst einigen ihrer Weiber zur katholischen Kirche bekehrt wurden. Die Meisten blieben jedoch bis zum Tode bey ihrem Deismus, dessen Fortpflanzung durch diese Maßregel verhindert blieb. Österreichische National-Encyclopädie. Nicht so gelinde als die Juden, sagt Peter Phil. Wolf in seiner Geschichte der römisch-katholischen Kirche unter Pius VI., wurde eine andere Secte behandelt, die sich zum Deism' bekannte. Allerdings war es eine ganz auffallende Erscheinung, wie etliche tausend Landleute, die ihres äußerlichen katholischen Bekenntnisses ungeachtet, bereits schon mehr als zweyhundert Jahre hindurch heimliche Deisten waren, nun auf einmahl sich als solche öffentlich erklärten, und an die den übrigen Religionen bewilligte Duldung Anspruch machten. Diese Secte hatte sich, den Augen der Regierung unbemerkt, in Böhmen erhalten. Ursprünglich mochten ihre Anhänger Protestanten gewesen seyn, die aber in der Folge durch die höchst fanatischen Missionarien aller Hülfsmittel beraubt worden, sich in ihrer Religion zu unterrichten. Sie mußten sich also an eine sogenannte Erblehre halten, die sich von Geschlecht auf Geschlecht in den Familien fortpflanzte. Ihr Religionssystem, kurz zusammengefaßt, besteht in folgenden Sätzen: »Es ist nur ein einziger Gott. Der Lehre von der Dreyeinigkeit widersprechen die bekannten Stellen bey Jesaias und Jeremias. Die Bibel ist nicht von Gott eingegeben; aber ein Buch, das, wie noch manches andere, viel nützliches und erbauliches zu lesen enthält. Sie selbst gibt die Vorschrift, daß man nicht alles, was in derselben steht, ohne Unterschied zu glauben habe, durch den bekannten Ausspruch: Prüfet alles, und das Gute behaltet! Jesus ist ein bloßer Mensch. Er hat die Welt viel Gutes gelehrt. Von seinen Wundern sowohl, als von allen denen, die in der Schrift erzählt werden, kann man nicht wissen, ob und in wie weit sie wahr seyen. Er mußte sterben, aber nicht zur Versöhnung unserer Sünden, sondern so, wie alle Menschen einmahl sterben müssen. Er wurde gekreuziget, gleichwie schon viele Unschuldige hingerichtet worden sind. Von seiner Auferstehung und Himmelfahrt weiß man so wenig etwas zuverlässiges, als von hundert andern Begebenheiten, die in der Bibel stehen. Nur der Rechtschaffene und Gottesfürchtige hat von Gott Belohnungen in der Ewigkeit, und der Lasterhafte und Gottlose Strafen zu erwarten. Taufe und Abendmahl sind im Grunde unnöthige Ceremonien. Der heil. Geist bedeutet in der heil. Schrift eine Kraft in Gott.« Ihre Moral hingegen ist sehr christlich. Liebe Gottes und des Nächsten, Treue in Haltung der gegebenen Versprechungen, Keuschheit, Sanftmuth, Geduld, volle Ergebenheit in Gottes Willen, Liebe der Feinde und Verfolger, und alle übrigen Tugenden des Christenthums, empfehlen sie einander auf das dringendste. Weder Ehe, noch Eid, noch Kriegsdienste, halten sie für was unerlaubtes. Diese Leute nun verlangten zwar keinen öffentlichen Gottesdienst, aber sie wollten gleich den übrigen Confessionen geduldet seyn. Wenn völlige Gewissensfreyheit kein leerer Nahme seyn sollte; so hätte ihnen im Grunde eine bürgerliche Duldung um so weniger verweigert werden dürfen, da ihr Lehrbegriff sowohl als ihre Moral, für die Gesellschaft, die sie unter gewissen Einschränkungen geduldet hätte, so leicht nicht gefährlich werden konnten. Überhaupt wäre wohl jedem Staate weit mehr mit Menschen, die so moralisch als die böhmischen Deisten lebten, als mit Katholiken gedient, die zwar an Transsubstantiation glauben, aber keine einzige bürgerliche Tugend ausüben. Joseph II. dachte hierüber ganz anders, und ließ sich wahrscheinlich durch das Phantom der alleinseligmachenden Religion verleiten, den Deisten in Böhmen keine Toleranz zu gestatten. Unterm 11. März 1783 erschien nachstehendes k. k. Edict. 1) »Alle Männer, Weiber, Dienstmägde und Wittfrauen, welche sich erklären werden, auf dem Deism' beharren zu wollen, sollen, um Ansiedlung zu vermeiden, unter die ungarischen Militärcorps gesteckt, und dort von fünf zu fünf Personen in die flavonischen, siebenbürgischen, galizischen und andere Regimenter zerstreut werden. Ihre Häuser, und ihr übriges Vermögen soll ihren minderjährigen Kindern, oder, in deren Ermangelung, ihren nächsten Verwandten, jedoch mit der Bedingniß erhalten werden, daß sie ihnen die nöthige Kleidung und Nahrung verschaffen. 2) Kranke und schwache Greise sollen in Militärspitäler gebracht, und dort, in so weit sie hiezu tauglich sind, zur Krankenpflege angestellt werden. 3) Man soll sie menschlich behandeln, aber auch strafen, wenn sie sich unterstehen, Proselyten zu machen. 4) Die Feldprediger sollen sich Mühe geben, diesen Sectierern, jedoch ohne alle Gewaltthätigkeit, bessere Gesinnungen, und von der Religion überhaupt richtigere Begriffe beyzubringen. Diejenigen, welche ein Verlangen äußern, zu ihrer Pflicht und auf den wahren Weg zurückzukehren, sollen ein oder zwey Jahre geprüft, und, wenn sich Beweise einer aufrichtigen Bekehrung zeigen, der Kriegsrath darüber berichtet werden. 5) Diejenigen, welche, etwa durch die Bekanntmachung und Vollziehung des gegenwärtigen Edictes bewogen, jetzt sagen würden, daß sie die katholische Religion, oder eine der tolerirten Secten annehmen wollten, sollten nicht eher nach Hause geschickt, und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt werden, als bis sie zuvor an den für ihre Prüfung bestimmten Orten ihre Bekehrung erprobet haben werden. 6) Verheiratheten Weibern soll es gestattet seyn, mit ihren Ehemännern zu leben. 7) Wittwen aber und Töchter sollen unter militärischer Bedeckung bis an die Gränzen von Polen, der Türkey und von Dalmatien geführt, und dort, so viel es sich thun läßt, von einander getrennt werden. So lange, bis sie im Stande seyn werden, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, sollen ihnen täglich aus der Kriegscasse drey Kreuzer gereicht werden.« Unterm 10. Brachmonath des nähmlichen Jahres erging ein kaiserl. Hofdecret des Inhalts: »Wenn ein Mann, Weib, oder wer immer, bey einem Ober- oder Kreisamte als Deist sich meldete, sollen ihm ohne weitere Rückfrage 24 Prügel oder Carbatschstreiche auf den Hintern gegeben, und er hiemit wieder nach Hause geschicket, auch dieses so oft wiederhohlet werden, als er sich neuerdings zu melden kömmt, nicht, weil er ein Deist ist, sondern weil er sagt, das zu seyn, was er nicht weiß, was das ist. So eben soll auch jener, der einen Deisten in der Gemeinde nennet, oder angiebet, von dem Ober- oder Kreisamte mit 12 Stockstreichen belegt werden.« Diese Verordnung wurde am 13. April des folgenden Jahres darauf durch nachstehendes Edict erneuert. »Die sich bey ihren Behörden öffentlich zum Deismus Meldenden, und also muthwillig Erklärenden, sollen gar nicht gehöret, am wenigsten zu einem sechswöchentlichen Unterricht verhalten, sondern, so bald sie sich melden, sogleich nach dieser wiederhohlten allerhöchsten Entschließung wegen dieser ihrer Hartnäckigkeit, nicht wegen dessen, was sie innerlich glauben oder nicht glauben, mit 24 Stock- oder Carbatschstreichen bestraft werden.« Wolf räsonnirt nun wie folgt: Wie sich Stockschläge mit der im ersten Edicte empfohlenen Schonung und menschlichen Behandlung vereinbaren lassen, ist wohl schwer zu begreifen. Der Umstand, daß der Deist sich zu etwas erklärt, von dem er selbst nicht weiß, was es eigentlich sey, ist, wenn er so ganz unbedingt angenommen werden dürfte, noch lange kein hinreichender Grund, Menschen, denen man doch sonst völlige Gewissensfreyheit einräumen will, gerade darum mit Carbatschstreichen zu züchtigen, weil sie einen sehr natürlichen Gebrauch von jener Gewissensfreyheit machen wollen. Will man dieselbe bloß auf die christlichen Bekenntnisse einschränken, so kann sie eigentlich keine Freyheit mehr genennet werden; sondern sie ist ein Recht, an welches nach den bestehenden Friedensverträgen ohnehin jeder deutsche Bürger Anspruch zu machen hat. Man hat zwar den Monarchen wegen eines so strengen Verfahrens gegen die Deisten damit entschuldigen wollen, daß man diese unglücklichen Leute eine wilde Horde nannte, welche in Wildheit erzogen, in der rohesten Unwissenheit abgehärtet, weder Pflicht, noch Recht, noch Ordnung gekannt, und ein Schlaraffenleben geführt haben soll, das an das Viehische gränzte. Hübners Lebensgeschichte Josephs II. Theil 1. Seite 80. Allein einer solchen Beschuldigung widerspricht nicht nur die notorisch bekannte Lauterkeit ihrer Moral, sondern auch das Zeugniß vernünftiger Menschen, welche Gelegenheit gehabt haben, persönlichen Umgang mit den böhmischen Deisten zu pflegen. Wilde und in roher Unwissenheit abgehärtete Horden können weder Stille, noch Gelassenheit, noch Melancholie in ihrem Betragen äußern; und man hat bemerkt, daß sie gegen ihre Obrigkeiten so uneingeschränkten Gehorsam lehrten, daß sie sich für verpflichtet hielten, nicht den geringsten Widerwillen gegen die Strenge zu äußern, mit welcher der Kaiser sie behandelte. In wie weit es von Seite derjenigen, die sich öffentlich zum Deism' bekennen, aus Muthwillen geschieht, ist schwer zu beurtheilen; aber leicht fällt die Unbilligkeit in die Augen, dergleichen Leute nicht nur allein nicht weiter anzuhören, sondern ihnen sogar den, andern Religionsverwandten gestatteten, Unterricht zu entziehen, und statt alles weitern Befragens oder Belehrens sogleich auf der Stelle Stockstreiche auf den Hintern geben zu lassen. Von Ludwig XIV. hätte sich allenfalls so etwas vermuthen lassen; aber wie der populäre Menschenschätzer Joseph II. darauf verfallen konnte, Menschen bloß deßwegen, weil sie an die Gottheit Christi nicht glauben, im übrigen aber alles, was Christus befiehlt, in der Praxis ausübten, mit einer entehrenden Strafe zu züchtigen, läßt sich wohl am allerwenigsten begreifen. Das Vorgeben, als geschähe eine solche Züchtigung nicht wegen dessen, was sie innerlich glauben, oder nicht glauben, ist elender Spott, und ganz des Systems würdig, jeden Menschen, der sich nicht zu einer der tolerirten Religionen bekannte, für einen Katholiken anzusehen, und als solchen zu behandeln. Ist die Religion der Letztern das, wofür sie der Kaiser in seinen Gesetzen ausgibt, die allein seligmachende; so ist es ja für sie ein Schimpf, Leute, die weder Katholiken noch Protestanten sind, den allein seligmachenden Menschen gleich zu setzen. Vernehmen wir nun, wie sich der aufgeklärte Pezzl äußert: Nun sagt, ob es thunlich war, denselben (den Deismus) feyerlich zu authorisiren? Fern sey es von mir, daß ich nicht wünschen sollte, man möchte jedermann öffentlich bekennen lassen, wessen er innerlich überzeugt ist! . . . . Aber wenn der Kaiser den Deismus schon einmahl hätte toleriren wollen, so würde er ihn doch wohl nicht bloß für die Bauern von Pardubitz zugestanden haben. Bewohner von Wien hätten dann doch wohl eben so viel Recht, Duldung des Deismus zu fordern als eine böhmische Dorfgemeinde. Und ob sich in Wien, und in allen Erbländern überhaupt auch jemand zum Deismus würde bekannt haben . . . Und was die Geistlichkeit, nicht bloß die katholische sondern alles was Geistlichkeit heißt, von Aufgang bis Niedergang, dazu würde gesagt und gethan haben! – – – – – – O meine Herren, die ihr in der allgemeinen deutschen Bibliothek, in Schlözers Staatsanzeigen, im deutschen Museum, in den Ephemeriden der Menschheit, im deutschen Merkur, und wo immer sonst noch, mit gut gemeintem Eifer, mit Ungestümme, mit Bitterkeit, oder mit Hohngelächter von der Geschichte der böhmischen Deisten gesprochen habt; überlegt diese Umstände noch einmahl, erinnert euch dabey an gewisse Facta aus der neuen Geschichte, und tadelt den Kaiser, wenn ihr noch Lust habt. 60. Ein Brief des berühmten Feßler über den Papst Pius VI. in Wien; 2) des Papstes Homilie in der Stephanskirche; aus dem Lateinischen übersetzt. Wien, am 23. April 1782. Pius der VI. der schönste, stattlichste Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe, ist voll schöner Hoffnungen am 22. März in Wien eingezogen, und gestern ohne Hoffnung von Wien ausgefahren; in der Zwischenzeit von jesuitischgläubigen Andächtlern, als sichtbarer Statthalter Christi auf Erden angebethet; von wohlerzogenen Menschen als kraftvoller Greis, als Herr und regierender Fürst eines, für Wissenschaft und Kunst classischen Bodens verehret, von ungezogenen Philistern und Bethels muthwilligen Knaben als ein zweyter Elisa verspottet; von dem Kaiser auf alle mögliche Weise ausgezeichnet. Ich sah ihn dreymahl, nie ohne Empfindungen, die ich mir nicht zu erklären weiß; das erste Mahl am 25. März, an dem er sich zum ersten Mahle öffentlich gezeigt, und alle Damen vom ersten Range in die Capuzinerkirche auf dem Neuen Markte beschieden hatte. Dort las er, ohne Musik und Gesang, unter Assistenz des Titular-Patriarchen von Constantinopel, Franz Anton Maroncoi und des Titular-Bischofs von Athen, Joseph Maria Gontessini, die Messe. Ich stand nur drey Schritte von ihm, so, daß ich ihn stets im Gesichte hatte, und alle seine Mienen, Geberden und Bewegungen genau beobachten konnte. Nie kämpften Glaube und Unglaube, Jansenismus und Deismus heftiger in mir, als unter dieser Messe; der Kampf blieb unentschieden unter der Macht des in mir aufgestiegenen Gedankens: es ist doch alles nur exaltirte theatralische Kunst. Dennoch hörten die Thränen nicht auf, aus meinen Augen zu fliessen. Am Ende der Messe, welche 56 Minuten gedauert hatte, befestigte sich in mir die Überzeugung, daß ich entweder einen in Liebe zu Gott brennenden Seraph, oder den größten Schauspieler auf Erden gesehen habe. Ich glaube nicht, daß Anstand und Würde in Stellung und Haltung des Körpers, Ebenmaß und Rundung in allen Bewegungen, Feuer und Inbrunst der Liebe im Blick und Erhebung der Augen gen Himmel, Kraft und Verklärung der Andacht in dem ganzen Antlitz unter den laut gesprochenen Gebethen, menschlicher Weise höher getrieben werden können, als ich es hier gewahrte und anstaunte. Auf sein Geheiß wurde die klösterliche Clausur auf einige Stunden aufgehoben. Die Damen versammelten sich in dem geräumigten Speisesaal des Klosters; die Gräfinn Louise, meine Muse und Grazie zugleich, war darunter: hinter ihnen standen wir Conventualen, alle in gespannter Erwartung des Eintrittes Sr. Heiligkeit. Er kam aus der kaiserl. Gruft, wo er in Maria Theresia's Mausoleum ein kurzes Gebeth verrichtet hatte. Er trat ein, mit dem anziehenden Ausdrucke der Majestät, mit Liebe und Sanftmuth verschmolzen, in päpstlicher Hauskleidung, einem weissen Talar vom feinsten schafwollenen Zeuge, scharlachrother Mozzetta, das bischöfliche Kreuz an goldener Kette vor der Brust, verfügte er sich auf den erhöhten, für ihn bereiteten Stuhl, um die Damen zum Kusse der segnenden Hand, oder vielmehr des geheiligten Fischerringes zuzulassen. Allein die frommen, von Ehrfurcht ergriffenen Frauen verlangten noch mehr, die vornehmsten derselben, die junge Fürstinn Lichtenstein, fiel ihm zu Füssen, und küßte den, mit dem heiligen Kreuze gezierten Schuh. Ihr folgten die Andern, alle in gleicher Ehrerbiethung, zuletzt sämmtliche Conventualen, unter welchen auch ich, gewiß ohne Andacht; aber nicht ohne Zittern, wovon ich die Ursache nicht weiß. – Nach vollbrachter Veneration wandte er sich zu uns jüngern Geistlichen, fragte jeden nach seinem Nahmen, Alter im Orden und im Priesterthume, auch nach unsern Studien, und ermahnte uns väterlich, feste Steine zu werden zur Mauer für das Haus Israel, in gegenwärtiger und künftiger schlimmer Zeit. Hatte ich des unsterblichen Ganganelli's Nachfolger bey uns in einfacher Erhabenheit gesehen; so genoß ich des Glückes am Ostertage (den 31. März) im hohen Dome zu St. Stephan, das sichtbare Oberhaupt der römischen Kirche im Glanze seiner höchsten Pracht und Herrlichkeit anzustaunen. In Anwesenheit einer großen Anzahl Bischöfe und unter Assistenz mehrerer Cardinäle, alle im prächtigsten Ornate, feyerte er die Hochmesse. Nur bey dem Offertorio, bey der Consecration und bey dem Schlusse des Hochamtes stand er am Altare, mit dem Angesichte gegen das Volk gekehrt, bey den übrigen Ceremonien stand oder saß er auf seinem Throne, von welchem her ich ihn mit kräftiger Stimme bethen, nach abgesungener Epistel und Evangelium, zuerst in lateinischer, dann in griechischer Sprache, in der lateinischen kurz, aber mit Würde und Begeisterung, predigen gehört, und die geheiligten Zeichen des Sacramentes, den Kelch vermittelst eines goldenen Röhrchens genießen sah. Es glückte mir durch den Prälaten de Perme, von der päpstlichen Predigt eine getreue Abschrift zu erhalten, welche ich ihnen, dem Liebhaber solcher Dinge, hier beyfüge Siche unten als Nr. 2. . Sie wirkte mehr durch die Lebendigkeit und Kraft des Vortrages, als durch die gehaltleere Wortfülle ihres Inhaltes. Heut zu Tage höret man Päpste und Bischöfe nur bey großen Feyerlichkeiten predigen; eben darum sollten sie nicht anders, als und lediglich in Beweisung des Geistes und der Kraft reden; denn auch unter dem gläubigen Volke gibt es eine Anzahl besonnener Seelen, welche mehr auf das Quid? als auf das Quis? hören und sehen. Die Feyerlichkeit hätte sich zum hohen Kunst-Triumph des römisch-katholischen Cultus erheben können, wäre nicht durch den widrigen Contrast zwischen den edelsten Anstands-Formen in dem päpstlichen Walten, und dem gemeinen Herumtreiben einiger Mitwalter, alle Illusion gänzlich gestöret worden. Mir gereichte es noch zu besonderm Ärgernisse, daß gegen den Geist der alten, apostolischen und wahrhaft katholischen Kirche, eben so wenig hier, als in der Capuzinerkirche, die assistirenden Bischöfe, Cardinäle und Priester gemeinschaftlich mit dem Papste communicirt hatten. Wenigstens sollte bey des Papstes feyerlicher Liturgie die Form und das Communicative des Sacramentes beybehalten und beobachtet werden. Zuverlässig würden sich hier auch die heiligen Cyprianus, Hilarius, Ambrosius, Augustinus \&c. geärgert haben! An diesem feyerlichen Tage waren mehrere würdige Männer, welche Jansenisten hießen, darunter auch meine Gönner und Freunde, Propst Wittola und Abbé Blarer, bey dem Stadt-Unterkämmerer Vallery zur Tafel geladen. Er wohnte an der Ecke des großen, allerseits von 5 bis 7 Stock hohen Häusern eingeschlossenen Platzes, der Hof genannt. Auch ich eilte dahin, um von den Kämmerey-Fenstern herab unbefangener Augenzeuge zu seyn von der großen Handlung, welche daselbst nach einigen Stunden vorgehen sollte. Es war angesagt, der Papst werde von dem Altan der dortigen Jesuitenkirche herab das auf dem Platze versammelte Volk segnen. Gegen fünfzigtausend Menschen waren daselbst zusammengedrängt; überdieß alle Fenster und Dächer der umliegenden Häuser mit Menschen besetzt. In der dritten Stunde traten der Papst, die dreyfach gekrönte Tiara auf dem Haupt, drey Cardinäle und zwey Bischöfe, alle im vollen kirchlichen Ornat, auf den Altan heraus, der Papst setzte sich auf den erhöhten Thron unter goldgesticktem Baldachin; intonirte mit weithallender Stimme die Absolutions-Formel, welche vierhundert Hof-Chorsänger fortsetzten. Nachdem sie geendigt hatten, erhob sich Pius von dem Throne; die Tiara wurde ihm abgenommen, er trat vorwärts, erhob langsam, in abgemessener Rundung gen Himmel gerichtet, begann er in reiner Verklärung der Andacht ein inbrünstiges Gebeth. Nur Seufzen und Schluchzen unterbrachen bisweilen die tiefe Stille, welche unter der, auf dem Platze zur Erde niedergesunkenen Menschenmenge herrschte. Er schien mehr himmelan zu schweben, als zu stehen. Unter dem langen Gebeth unterstützten die Bischöfe seine Arme; also mag Moses auf des Hügels Spitze gestanden, mit dem Stabe Gottes in der Hand, von Aron und Hur unterstützt, seine Arme emporgehalten haben, als er für Josua und seine Männer wider Amalek bethete. Endlich ließ dieser zweyte Moses seine Arme sinken, und erhob seine Rechte, im Nahmen des dreyeinigen Gottes zu segnen. Auf sein Amen wurde von der Freyung her mit gewaltigem Feuern geantwortet, und sogleich erscholl der Donner der Kanonen von den Wällen der Stadt. Er begab sich wieder auf den Thron, dem der Cardinal und Graner Erzbischof Batthyanyi mit tiefer Verbeugung sich näherte, und im Nahmen des versammelten gläubigen Volkes um einen Ablaß der Sünden bat. Der oberste Bewahrer der Schlüssel Petri bewilligte einen vollkommenen, den der Cardinal dem Volke sogleich verkündigte. Hiermit war die Handlung vollbracht, unter welcher mir die Hauptperson in der Glorie erhabener Größe erschienen war. Dieß ist alles, geliebter Oheim Andreas Kneidinger, k. k. Kammeringenieur in Preßburg. was ich als Augenzeuge gesehen, und von dem hiesigen Aufenthalt des Papstes Ihrem Verlangen zufolge Ihnen in Wahrheit berichten konnte, \&c. Dieser Schilderung fügen wir jene des Engländers Moore bey; er zeichnet den Papst auf eine eigenthümliche Weise, und zwar mit nachstehenden Worten: »Pius VI., \&c. ein wohlgewachsener Mann, von schlanker Leibeslänge, 64 Jahr alt, hat noch das frische Ansehen eines viel jüngern Mannes. Für das Ceremoniel seiner Religion hat er weit mehr Achtung, als sein Vorgänger, unter welchem, wie es heißt, dieser Theil des äussern Gottesdienstes sehr in Verfall gekommen ist. Der letztverstorbene Papst (Clement XVI.) war ein Mann von Mässigung, guter Beurtheilungskraft, und gerade in seinen Sitten. Nicht ohne Widerwillen und Ekel konnte er alle diejenige Pracht zur Schau aufstellen, welche sein Stand erforderte. Er sah ein, daß seit der Zeit, da diese Ceremonien zuerst eingeführt wurden, die Denkungsart des menschlichen Geschlechtes sich sehr verändert hatte, und daß viele der ansehnlichsten Zuschauer diejenigen Ceremonien für ungereimt hielten, welche ehedem als heilig angebethet wurden. Den jetzigen Papst hielt man schon vorher, ehe er zu dieser Würde gelangte, für einen Mann, der alle Artikel der römischen Religion festiglich glaubte, und alle ihre Gebote und Ceremonien streng beobachtete. Da er von geringerer Familie, Vermögens- und Glücksumständen war, als seine Mitcompetenten, die übrigen Cardinäle; so ist wahrscheinlich, daß er seine Erhebung zu dieser Würde seinem vorbemeldeten Character zu verdanken hat, welcher dazu geschaffen zu seyn schien, die unter dem vorigen Papste eingerissenen Mißbräuche abzustellen, unter dessen Regierung, wie man klagte, die Freydenkerey und der Protestantism' zu sehr geduldet wurden. Pius VI. verrichtet alle ihm obliegende geistliche Handlungen auf die allerfeyerlichste Weise, nicht allein bey öffentlichen und ausserordentlichen Gelegenheiten, sondern auch ganz gemeine Handlungen der Andacht. Neulich war ich in der Peterskirche fast ganz allein, schlich von Altar zu Altar, und besah Bildhauerey und Gemählde, als der Papst mit wenigen Bedienten hereinkam. Bey der Statue des heil. Petrus begnügte er sich nicht allein daran, sich vor derselben zu beugen, welches die gewöhnliche Ehrenbezeugung ist, oder vor ihr niederzuknieen, welches schon einen höhern Grad der Religion anzeigt, oder seinen Fuß zu küssen, welches als die höchste Andacht angesehen werden kann; sondern er that alles, beugte sich, kniete, küßte den Fuß, und rieb seine Stirne und Haupt an dem heiligen Steine, mit allen möglichen Zeichen der Erniedrigung, Andacht und Eifer. Schon die Hälfte dieses Fusses ist von andächtigen Lippen hinweggeleckt. Wofern das Beyspiel des Papstes durchgängig befolgt werden sollte, so müßte ein Wunder verhindern, daß nicht seine Lenden, Hüften und übrigen Theile seines Leibes ein gleiches Schicksal erlitten. Diese ungewöhnliche Bezeugung eines heiligen Eifers schreibt man bey dem Papste keiner Politik oder Scheinheiligkeit zu, sondern man glaubt, sie rühre aus einer wahren Überzeugung von der heilsamen Wirkung einer solchen heiligen Reibung her, welches freylich einen großen Begriff von einem starken Glauben gibt. – Die regelmässigen Gesichtszüge, die leichten und angenehmen Bewegungen, und das schöne Ansehen des Papstes Pius VI. haben seiner Person so viele Lobsprüche erworben, daß er mehr als Mensch seyn müßte, wenn er davon nicht selbst etwas fühlen sollte. Die Eitelkeit hat eine so allgemeine Kraft über das menschliche Geschlecht, daß man nicht bloß an der Jugend, sondern auch an ältern Personen Spuren eines solchen Gefühls wahrnehmen könnte. Auch sind Se. Heiligkeit gegen die Schönheit ihrer Person nicht unempfindlich und für deren möglichste Zierde nicht sorglos. Seine wohlgebauten Beine und Füsse sind stets mit den schönsten seidenen Strümpfen und rothen Pantoffeln von der feinsten Arbeit gezieret. Obgleich die päpstliche Tracht nicht so ausgesonnen ist, daß sie eine Mannsperson gut kleiden könnte; so gibt dennoch die ungemeine Nettigkeit, womit sie dem heiligen Vater angelegt ist, und die feine Verarbeitung derselben in den kleinsten Theilen, genugsam die Aufmerksamkeit auf Schönheit und Zierde zu erkennen. – Ich sah den Papst am heiligen Christtage dem Volke den Segen ertheilen. Sobald er auf dem Balcon an der Peterskirche von seinem prächtigen Sessel aufstund, erfolgte eine ehrfurchtsvolle Stille; das Volk fiel auf die Kniee nieder, und erhob seine Augen und seine Hände gegen den Papst, als gegen eine wohlthätige Gottheit. Nach einer feyerlichen Pause sprach er den Segen; mit größerer Inbrunst streckte er seine Arme, so weit er konnte, in die Höhe, dann schlug er sie zusammen, zog sie in geschwinder Bewegung herunter auf die Brust, gleichsam als wenn er den Segen in der Höhe gefaßt, und ihn vom Himmel herunter gezogen hätte. Endlich spreitete er seine Arme aus, schüttelte und schwenkte sich eine Zeitlang, gleichsam als wenn er den Segen unpartheyisch in voller Masse über das Volk ausschüttete. Keine Ceremonie kann besser ausgedacht werden, als diese Segenssprechung. Für meine Person, wenn ich nicht schon in meiner frühen Jugend davon sehr widrige Begriffe bekommen hätte, so würde ich gleichfalls in Gefahr gerathen seyn, ihm eine Ehrfurcht zu weihen, welche mit den Grundsätzen der Religion, worin ich erzogen bin, nicht übereinstimmet. 2. Des Papstes Predigt in der Stephanskirche, am Ostersonntag 1782. (Übersetzt von Feßler.) Die glorreiche Auferstehung unsers Herrn Jesu Christi dienet unserm Glauben zum Beweis der leiblichen Auferstehung in den Gliedern, welche in dem Haupte vorangegangen ist, damit der zerbrechliche, durch Zeit und Entkräftung veränderliche Leib nach Erlöschung der Begierden und Mühseligkeiten die Unsterblichkeit anziehe. Denn welchen Grund hätte Christus gehabt, zu sterben, hätte er nicht wiederauferstehen wollen, und ist er nicht um unsertwillen auferstanden, so ist er im Mangel eines hinlänglichen Antriebes hierzu, gar nicht erstanden. Er hatte von der Mutter genommen, was dem Tode unterworfen war; von dem Vater herniedergebracht, was den Todten wieder auferweckte. Verborgen war im Fleische die Anwesenheit der Majestät, und in der Hinfälligkeit des Fleisches lag die Kraft der Göttlichkeit versteckt. Unaussprechlich ist dieß Geschenk, darum frohlocke unser Fleisch, welches an sich Staub, aber durch Christum verherrlicht, einer gewissen Gemeinschaft der Göttlichkeit gewürdigt worden ist, wodurch der Tod von uns genommen, die Hölle ihre tyrannische Herrschaft verloren hat, und das menschliche Geschlecht durch die Strafe der Sünde schon im Voraus verdammt, durch das Geschenk der Gnade wiedergeboren dargestellt wird. Man glaube doch fest den Lehrsatz von unserer Auferstehung auf den Grund der prophethischen Aussprüche, des Evangeliums der Beyspiele Christi des Herrn, welcher den Lazarus aus dem Grabe hervorgerufen, den Jüngling seiner verwittweten Mutter wieder gegeben, die Tochter des Obersten der Schule wieder zum Leben erweckt hatte, damit er die Wahrheit der künftigen Auferstehung befestige. Es mögen daher erröthen und zu Schanden werden alle, die frech die Wahrheit der Auferstehung des Herrn und der unsrigen (wie es mehrern unter Euch bekannt ist), bezweifeln und bestreiten. Denn indem sie sich mühen, Gottes Rathschlüsse nach irdischem Sinne zu verdrehen, rasen sie jämmerlich; und werden nach dem prophetischen Worte verabscheuungswerth in ihren Bestrebungen. Daß sie doch aufhörten der kirchlichen Gemeinschaft mit uns sich zu rühmen, da sie nach der Auferstehung von der Versammlung der Heiligen werden ausgeschlossen bleiben! Höret mich jetzt ihr Kinder der Welt, höret mich ihr Spreu, auf der mystischen Tenne der Kirche mit den Kernen vermengt! Höret ihr mich, so werdet ihr aufhören Spreu zu seyn, denn es hat Gott gefallen, daß die Völker aus meinem Munde das Wort des Evangeliums vernehmen und daran glauben sollen. Jesus Christus der Sohn Gottes hat die ganze, mit teuflischer Gottlosigkeit befleckte Welt mit dem göttlichen Blute seines unbefleckten Leibes gereinigt; ihm also, die Wahrheit unseres Glaubens erkennend und die Irrthümer der Meisten in der Gottlosigkeit verwerfend, glaubet an die Auferstehung des Fleisches in kindlicher Einfalt, welche dem göttlichen Willen mit Beyfall, nicht mit widersprechenden Gründen begegnet. Schon jetzt richtet Euer Bestreben dahin, die Gaben der Herrlichkeit Jesu Christi zu erlangen und zu behalten, damit der Glaube euern Wandel unterstütze, und eure Lebensweise dem Glauben nicht widerstreite. Darum, Geliebte, wollen wir den Herrn preisen, dessen Leiden uns Heil gebracht, und in das Recht der väterlichen Liebe eingesetzt hat. Wohl sollte ich euch noch viele Geheimnisse der Auferstehung des Herrn enthüllen, wie Christus Gott, von dem Vater keinen Augenblick scheidend, im Mutterleibe Fleisch angenommen hat, gestorben und aus dem Grabe wieder erstanden ist; was der Frauen Wallen zu dem Grabe, was die gewaltige Erderschütterung, das Erscheinen des Engels, die Wegwälzung des Steines, und mehr andere, sowohl alte als neue Geheimnisse bedeuteten; damit aber würde die Rede zu weit sich verbreiten und die Kürze der Zeit gebiethet mir, sie zu beschränken. Es sey daher genug, Geliebte, euch daran erinnert zu haben, daß heute der Glaube der Kirche in Christo bestätiget worden ist, und daß, wenn wir alle in Adam sterben müssen, wir alle auch in Christo wieder zum Leben erwachen werden. Wenn einst in Ägypten durch Schlachtung des Opferlammes das österliche Sacrament geheimnißvoll verrichtet ward, so wird jetzt durch das Evangelium der Auferstehungstag des Herrn gefeyert. Dort ward das Lamm aus dem Schafstall, hier wird der Hirt selbst geopfert. Darum hatte das verdüsterte Judenvolk, in der Absicht, die Kraft des Kreuzes zu vernichten und das Werk des Heils zu hintertreiben, den Erlöser aufgefordert, von dem Kreuze herabzusteigen, er aber wollte ausharren in der Zeit, und das Leiden vollenden uns zur Belehrung, daß die Zeit der Buße nicht zu unterbrechen, und zu den Freuden der Welt zurückzukehren sey. Darum wird in dem heutigen Evangelio nicht nur verkündiget: »Christus ist auferstanden,« sondern es wird auch hinzu gesetzt: »Er ist nicht hier; siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten;« wir sollten belehret werden, daß derjenige nicht wahrhaft auferstehet, welcher dort noch verbleibet, wo er gestorben war, oder gern dahin zurückfällt, wovon er erstanden ist. Wir sollen an unserm Kreuze ausharren, bis wir von unserer Arbeit zur Ruhe gelangen, auch nicht in das Ägypten-Land zurückschauen, damit unsere Füsse, durch die Buße gewaschen, nicht wider besudelt werden. Wie der Erlöser sterbend uns Heil und Freude bringen wollte, so ist es geziemend, daß wir lebend ihm nicht mißfallen. Lasset euch doch nicht erschrecken von dem Unflat euers bisher geführten Lebens; denn das Verdienst eines einzigen Bekenntnisses hat alle Verbrechen des bittenden Übelthäters ausgelöscht, indem die Gnade an ihm wirksamer war, als sein Gebeth. Niemand verzweifle daher an der Barmherzigkeit und Gnade, wenn nur nach Verwerfung der Irrthümer der Glaube des Mörders erfolget. Der gute Hirt läuft durch Thäler und über Berge, um das verirrte Schaf zu suchen, hat er es gefunden, so nimmt er es auf dieselben Schultern, auf welchen er das Holz des Kreuzes getragen hat, und bringt es unter den Haufen der andern, welche dem Schafstalle nie entlaufen waren. Und war es denn nicht der Meister selbst, der seinem Verräther den Friedenskuß gewährte? Damit bewies er sich als Gott, bereit, zu verzeihen; als Freund, willig, zu lieben; als Lamm, gefaßt, zu versöhnen. Er gab sein Blut hin zur Erlösung, und ließ aus seiner Seite Wasser fließen zur Abwaschung. Durch die Erlösung im Blute sollte die Herrschaft der Sünde in uns aufhören, durch Abwaschung im Wasser unsere Reinigung von begangenen Sünden bewirkt werden. Es wäre ein gottlästerndes Verbrechen, wenn eure Buße in der Heucheley, oder lediglich in der Gewohnheit der Zeit ihren Grund hätte; denn Spötter, nicht Büßer ist derjenige, der das zu thun fortfährt, was er zu beweinen nicht aufhört. Dadurch würde dieser Tag der Versöhnung und des Friedens auch nur zum Verderben und Untergang gereichen; und ihr würdet unvermeidlich gleich werden dem Judas, in den nach dem Büßen der Satan gefahren war. Doch diejenigen, welche aus menschlicher Gebrechlichkeit in mancherley Vergehungen fallen, sollen durch Reue und Bußthränen gereinigt, wieder aufgerichtet werden, gleichwie Elisa den Haeman angewiesen hatte, sieben Mahl sich im Jordan zu waschen, damit er vom Aussatze geheilet wurde. Schärfet also eure ganze Aufmerksamkeit auf den erhabenen Sieg der Auferstehung und vertilget in euch durch ein wahrhaft zerknirschtes Herz alle Spuren alter Begierlichkeit, damit des Teufels Neid euch nicht entwende, was Gottes Gnade euch geschenkt hat. Erhebet euch, meine Kinder, durch die Demuth zur Höhe, denn wer anders thut, der fällt, anstatt empor zu steigen. Ihr werdet jetzt würdiglich das Osterfest feyern, wenn eure Sinne, das Brot des Herrn genießend, mit keiner teuflischen Beymischung gesättiget sind, und die Nacht böser Gedanken in euren Herzen das Licht des erhabenen Sacraments nicht verfinstert. Niemand kann mit dem Teufel die Gemeinschaft des Lasters unterhalten, und zugleich das allerheiligste Geheimniß mit Christo feyern. Lasset uns wandeln auf dem Weg der Gebothe, wohin wir von ihm geleitet werden, unsere Augen seyen stets auf den Herrn gerichtet, damit er unsere Füsse den Stricken entwinde. Ich freue mich, euch erweckt zu haben zu würdiger Behandlung heiliger Gebräuche, auf welche sich das ganze Heil der Seelen gründet; aber ich kann nicht ablassen, euch zugleich zu ermahnen, daß ihr die heutige Freude mit einiger Traurigkeit verbindet; diese umfasse unsere Sünden; jene die Hoffnung der uns bereiteten ewigen Seligkeit. Meine Seele ist schon mit euren Seelen innigst zusammengefügt und gleiche Liebe hat unsere Herzen gleich und einig gemacht, damit ich mit euch in die himmlische Herrlichkeit eingehe, welches Gott verleihen möge, durch Jesum Christum unsern Herrn. 61. Ueber Josephs Reform in Ungarn; an den Kanzler Carl Grafen von Palffy. Mit der Aufschrift: » Was Joseph von den Staatsbeamten, und wie er es mit ihnen hielt .« (Handbillet an die Chefs der Behörden vor seiner Abreise nach Italien 1783) liefert das erste Bändchen des energischen Herrschers Instructionen für seine Angestellten überhaupt. In Beziehung auf Ungarn nun, bey der Eigenthümlichkeit der Verfassung dieses Königreichs, mußten Josephs Ansichten, Maßregeln und Reformen nothwendig auf große Widersprüche und Hindernisse stoßen, was ihn jedoch nicht abhielt, muthig fortzukämpfen. Er zeigte dieß unter Anderm auch in vier Zuschriften an den ungarischen Kanzler, Carl Grafen von Palffy, welche einen tiefen Blick in seine Begriffe und Vorstellungen von dem Wesen der verschiedenen Ämter-Cathegorien und der Art und Weise gestattet, wie er es mit den Functionen derselben gehalten wissen will. Diese vier Briefe sind sämmtlich vom Jahre 1786. Das Jahr zuvor, im Juni, hatte Joseph sich in einem Schreiben an einen andern ungarischen Magnaten über die Einführung des Steuersystems und der deutschen Sprache in Ungarn ausgesprochen. In diesem Briefe kommen folgende Stellen vor: »Das Erstere versichert dem Unterthan sein Eigenthum; bestimmt die Abgabe für die Krone und jene für den Güterbesitzer auf eine solche Art, wie sie in meinen deutschen Erblanden längst üblich ist, und überläßt der Willkühr der Edelleute keine eigennützige Erhöhung derselben mehr. Ist dieß kein Vortheil für den gemeinen Mann? Der Landmann, welcher die größten Lasten der allgemeinen Bedürfnisse zu tragen verbunden ist, hat auch ein vorzügliches Recht auf den Schutz seines Königs, und dieses, mein Herr, sieht man in ihrem Vaterlande mit einem neidigen Auge an. – Die deutsche Sprache ist Universalsprache meines Reichs; warum sollte ich die Gesetze und die öffentlichen Geschäfte in einer einzigen Provinz nach der Nationalsprache derselben tractiren lassen? Ich bin Kaiser des deutschen Reiches; dem zu Folge sind die übrigen Staaten, die ich besitze, Provinzen, die mit dem ganzen Staat in Vereinigung einen Körper bilden, wovon ich das Haupt bin. Wäre das Königreich Ungarn die wichtigste und erste meiner Besitzungen, so würde ich die Sprache desselben zur Hauptsprache meiner Länder machen; so aber verhält es sich anders.« Denselben Geist athmen auch die vier in Rede stehenden Briefe an den Kanzler Palffy, welche hier folgen: 1. Herr Kanzler! – – – – – – – – – – Aus allem diesem folgt demnach, daß alles, was mit Nos Universitas anfängt, und vorwärts und rückwärts dahin führt, und daraus entstehet, bey sämmtlichen Comitaten aufhöre, und ins Künftige vermieden werden muß. Im Plural existirten nur Nos Status Regni Hungariae. Diese mit ihrem König in einem Landtag versammelt, sagen Statuimus u. s. w. Die Comitate aber sind Singularien, die jenem Plural platterdings Folge zu leisten haben, und nur in dem einzigen Falle, wo Deputirte zum Landtag von demselben auserkohren werden müssen, können hiezu außerordentliche Versammlungen in den Comitaten statt finden. Der Vice-Gespan ist nichts anders, als der vom König dieser Abtheilung oder Gespanschaft vorgesetzte Mann, welcher alle Berichte richtig abzugeben, und alle Befehle genau befolgen zu machen hat; man muß ihm also alles erfolgen lassen, was zu diesem seinem blos exequirenden Amte nöthig ist; hingegen auch ihm nichts auftragen, was ihn daran im mindesten aufhalten oder verhindern könnte, und ihm den Schein und die Form einer überliegenden Dicasterialstelle gäbe; weil er dadurch wieder nur mit Formalitäten und Schreibereyen beschäftigt seyn und die Responsabilität mit Assessoren theilen müßte, wie es der bekannte Handwerksgebrauch der meisten Dikasterien ist. – Zur Ausübung seines Amtes muß er nur solche Untergebene haben, die aus verschiedenen Theilen des Comitats ihm die Vorfälle berichten, den Local-Augenschein nehmen, die Befehle kund machen, und auf deren Befolgung Obsicht tragen, den Unterthan gegen jede Bedrückung schützen, dem Militär allen Vorschub leisten, auf die Eintreibung der Contribution wachen, und allenthalben Sicherheit, Ruhe und Ordnung erhalten. – Diese untergebenen Commissarien, Stuhlrichter, – oder wie man sie heißen will, ihre Abtheilungen mögen Districte oder Processe benennt werden – mögen so oder wie immer betitelt seyn, der Nahme ist gleichgültig, wenn nur die Wesenheit der Sache bleibt. Überdieß muß der Vice-Gespan allzeit den ältesten und geschicktesten Stuhlrichter bey sich im Orte haben, damit dieser im Erkrankungsfalle, während der Reisen des Vice-Gespans, deren er in seinem Comitate jährlich viele vornehmen muß, oder bey dessen sonstiger Abwesenheit ihn vertreten könne. Er muß ferner einen Secretär und alle nöthige Schreiber überkommen, welche seine Correspondenz und sein Journal führen; seine ganze Kanzleyarbeit aber muß in nichts bestehen, als in diesen Journalien, in welchen der Datum aller empfangenen Befehle und einkommenden Beschwerden richtig von Tag zu Tag angemerkt sind. In der zweyten Columne ist die Currentirung der ersteren, oder die Decretirung der anderen, dann in Betreff jener, wenn sie durch die gewöhnliche Currende wieder zurück gekommen sind, und man also gewiß ist, daß sie allenthalben kund gemacht worden, so wie in Betreff der Beschwerden wieder das Datum der Befolgung vorzumerken, welches durch eine kurze Meldung von dem Stuhlrichter, den das Geschäft betrifft, an den Vice-Gespan kommen muß. Von den Auskünften, Berichten und Meldungen, so dieser an das Consilium erstattet, hat er blos den Aufsatz bey sich zu behalten, der jedoch ebenfalls in dem Journal nach dem Tage, wo selbiger abgeschickt worden ist, extractive angemerkt werden muß, damit man ihm nachsehen könne. Rathshaltung, Assessoren, Protocollführung, alles dieses sind für ihn zeitverderbliche Sachen. Wien, im July 1786. Joseph. 2. Herr Kanzler! Um eine passende Comitatsverfassung, und wie die Geschäfte in derselben sollen verhandelt werden, zu bestimmen, muß man vor allem wohl erörtern, was eigentlich ein Comitat sey, und worin die Obliegenheiten eines demselben vorgesetzten Vice-Gespans bestehe. Dieses scheinen das Consilium und die Canzley nicht ganz unpartheyisch betrachtet und schief gesehen zu haben. – Ein Comitat ist ein kleiner Theil des Königreichs; ich heiße ihn klein, nicht als wenn er unbedeutend wäre, sondern weil das Königreich in ungefähr 43 dergleichen Theile abgesondert ist. Dieser Theil bekömmt also seine Richtung lediglich vom Ganzen. Es wäre eine monstreuse Verfassung, – und als so eine hat selbe sich bis nun ausgezeichnet, wenn man alle diese Theile wie besondere Provinzen betrachten wollte, und über die von der allgemeinen Gesetzgebung und Verfassung herrührenden Befehle, die diesen Abtheilungen oder Comitaten mitgetheilt worden, von denselben noch Gutachten, Überlegungen, Repräsentationen, Prästationen und Sistirungen bey der Befolgung duldete, und gestattete, da, wo nur Folgsamkeit und Ausübung ihr Loos seyn sollte. Die Ursache von der Fortdauer dieses Unwesens war gedoppelt, nähmlich eine von altersher, und durch innere und äußere Kriege, nach dem Ungefähr entstandene Abtheilung der Comitate, auf deren Beybehaltung man, ohne zu wissen warum, die Güte der Constitution zu gründen schien; zweytens, weil die Könige selbst durch diese vielfache Abtheilungen und den Einfluß, so sie durch verschiedene Mittel, und die sogenannten Aulicos in die Gesinnungen und Entscheidungen derselben privatim zu erlangen wußten, entweder augenblickliche Vortheile oder einzelne Bewilligungen, oder eine vermehrte Anzahl Stimmen für ihre Verträge bey Abhaltung des Landtages sich verschaffen wollten, oder weil der König bey dieser vielfältigen Trennung und daraus entstehenden Verschiedenheit der Meinungen die Erhaltung seiner Sicherheit oder Vermehrung seiner Gewalt und seiner Einkünfte zum Absehen hatte. Jedermann, und besonders die Canzley, wird wohl begreifen, und ich beweise es, daß so elende Mittel nicht die meinigen sind, und daß ich außer meiner Seelenkraft keiner Sicherheit bedarf, auch nur das allgemeine Beste unausweichlich zum alleinigen Ziele habe. Wien, im July 1786. Joseph. 3. Herr Kanzler! Das Wesentliche in der Justizverwaltung sowohl von Civil- als Criminalfällen, hängt meines Erachtens hauptsächlich von der guten Besetzung der ersten Instanzen ab, welche das Factum zu erheben, und in das klare Licht ganz allein zu bringen haben, weil der alte Spruch ganz richtig ist: Quod si dederis mihi factum, dabo tibi legem durch die Einrichtung so bey dem Septemviral und bey der königlichen Tafel getroffen worden, ist den Causanten in dem Königreiche, im Appellatorio und Revisorio hinlänglich vorgesehen; auch kann die Septemviral-Tafel die Oberaufsicht über die Administration ganz gut führen. Es kömmt also nur noch auf die ersten Instanzen an, die Gemächlichkeit der Causanten einerseits und ihre Sicherheit anderer Seite scheinen verschiedene Maßregeln zu fordern, welche sich schier kreuzen. Erstere macht in einem jeden Comitat, in einer jeden königlichen Stadt eine Instanz erwünschlich; aber die Sicherheit fordert ein ausgebildetes Gericht von auserwählten, geschickten, und in der Anzahl hinlänglichen Räthen, so wie z. B. die jetzt verbesserten fünf Districtual-Tafeln sind. Es kann also nur ein solcher Vorschlag statt finden, welcher entweder in einem jeden Comitat und in einer jeden königlichen Freystadt ein solches beständiges Gericht, Judicium continuum, bestimmte, das alle wirkliche Processe und Criminalsachen, sie mögen nun von großer oder kleiner Wichtigkeit seyn, erheben und entscheiden müßte, und von welchen sämmtlichen Gerichten die Appellation an die königliche Tafel gingen, und es müßten alle derley Gerichte bey den Comitaten oder den Magistraten in den Städten sowohl in Civil- als Criminal-Angelegenheiten ganz aufhören, und dafür eben so viele förmliche Districtual-Tafeln errichtet werden, als jetzt königliche Commissäre sind – also auch um fünf mehr, als bisher schon bestehen – bey welchen in erster Instanz über alle Processe gesprochen, und bey welchen auch alle Criminal-Verbrecher versammelt, verhört und abgeurtheilt werden sollen. Eine jede von diesen Districtual-Tafeln müßte dann ganz gewiß in zwey Senate abgetheilet werden. Welche nun von beyden Gerichtsarten vorzüglicher sey, und wie, wenn man die Comitats- und städtischen Gerichte vorziehet, diese ohne unerschwinglichen Kosten, jedoch hinlänglich mit tauglichen Subjecten besetzt, die jetzt bestehenden fünf Districtual-Tafeln aber ganz aufgehoben werden könnten, darüber erwarte ich eine weitere Ausarbeitung und Berechnung. Nur ist dabey wohl zu beobachten, daß die sämmtlichen Comitatsbeamten, welche so wie die königlichen Commissäre lediglich in politischen und Cameral-Angelegenheiten verwendet werden, mit dem Justizfache gar nichts zu thun haben müssen, das Begnadigungsrecht allein ausgenommen, welches dem königlichen Commissär als Delegirten des Königs eingeräumt worden ist. Auch ist nicht außer Acht zu lassen, daß alle Urbarial-Beschwerden und Unterthans-Bedrückungssachen, von was immer einer Gattung, nie vor Gericht gezogen, sondern nur von den politischen Behörden allein untersucht und abgethan werden müssen. Diese meine Gesinnungen würde die Kanzley dem Consilium und den zehn Commissären mittheilen, um darüber, in so weit sie die politische und Cameral-Verwaltung betreffen, ihr Gutachten zu vernehmen, wozu ich hier den Amtsunterricht für die Kreisämter in deutschen Provinzen zur Erleichterung der Arbeit beylege. Wien, im July 1786. Joseph. 4. Herr Kanzler! Ich will noch weiter den Zusammenhang erörtern, welcher zwischen dem Vice-Gespan im Comitate und dem königlichen Commissär obwaltet. Die zehn Commissäre sind von mir als Männer aufgestellt, denen meine Gesinnungen und Grundsätze bekannt sind, und die auf deren Auslegung, Verbreitung und Befolgung sehen sollen; die also ein Mittelding zwischen dem Consilium und den Comitaten so lange auszumachen haben, bis die Vorurtheile mehr verbannt, die Überzeugung des Guten allgemein verbreitet, das Consilium mit weniger mechanischen Schreibereyen überladen, und alle Theile der Administration, die Politika, Cameralia, Contributionalia und Commerzialia in eine genauere und einfachere Verbindung werden gebracht worden seyn. Dann wird auch ihre Stelle entbehrlich; doch läßt sich dieses wohl nur bey der folgenden Generation verhoffen. Aus dieser Absicht folgt ganz natürlich, daß diese Commissäre keine Schreibstuben vorstellen sollen, wo nichts als eingetragen, protocollirt und revidirt wird. Alle Geschäfte müssen in ihrem ordentlichen Laufe zwischen den Comitaten und Consilium ununterbrochen fortgeführt werden, als wenn keine königlichen Commissäre im Lande vorhanden wären. Eben so ist es ganz unrecht, wenn die Comitate directe an die Kanzley und von dieser wieder an die Comitate geschrieben wird, ausgenommen in solchen ganz geheimen und sehr dringenden Fällen, wo die Sache wegen Entdeckung oder Verzug Gefahr liefe; welches jedoch nur sehr selten sich ereignen kann. Dem königlichen Commissär sieht also nur allein frey; von seinen untergebenen Vice-Gespanen die Einsicht von jenen Journalen und Concepten zu verlangen, welche er will, und auf welche er sich verlassen kann. Ihm liegt ob, alle Klagen gegen die Comitatsbeamten anzuhören, dieselben zu beurtheilen, die Klagenden zu belehren, die Angeklagten selbst zu untersuchen oder untersuchen zu lassen, und insonderheit alle Mißbräuche abzuschaffen. Er hat keine ordentlichen Berichte zu machen, ausgenommen, wenn er dem Consilium etwas Nutzbares vorzuschlagen, oder eine Abänderung entweder in den erlassenen Befehlen oder bey dem angestellten Personale zu treffen nöthig findet, welches Letztere er auch nur nach geschehener That anzuzeigen hat, da er berechtiget ist, die Vice-Gespäne allein ausgenommen, alles übrige ihm unterstehende Personale anzunehmen, und nach Erkenntniß auch wieder zu entlassen. Mit der Kanzley hat er nur in obenerwähnten Fällen, oder wenn er einen allgemeinen Befehl, den das Consilium nicht geben kann, zum Besten des Landes und zur Beförderung des Dienstes geschwind zu erhalten wünschen, directe zu correspondiren, oder hat ihr diejenigen Antworten und Auskünfte zu geben, die sowohl der Chef des Consiliums oder jener der Hofkanzley von ihm verlangen können. Ich sage wohlbedacht der Chef; denn aus dem Consilium und von Amtswegen muß die Correspondenz nur immer durch Decrete von der Kanzley mit dem Consilium, und von diesem mit den Comitaten geführet werden; aber der Chef des Consiliums und der von der Kanzley müssen beseelt von Eifer zur Beförderung des Guten, zur Beobachtung der dahin abzielenden Befehle, und zur Hintansetzung alles Nachtheils eine Particular-Correspondenz mit den Commissären führen, in welcher sie mit demselben in einiges Detail darüber einzugehen haben, wie die Befehle begreiflich und vortheilhaft auszulegen sind, und wie sie von Jedermann befolgt werden müssen. Sie sollen ihnen diejenigen Klagen, die sie vernehmen, die Verbesserungen von ihren Districten, so ihnen eingefallen oder beygebracht werden, mittheilen, kurz, mit ihnen brüderlich und freundschaftlich handeln, und das allgemeine Beste mit gleichem Eifer zu erhalten suchen. Wien, im July 1786. Joseph. 62. Der Classiker Wieland, über den Unfug des Büchernachdrucks unter Joseph II. Die Josephinischen Curiosa enthalten im ersten Theile auch Trattners famoses Project des Nachdruckes en gros und die Urtheile der dießfalls von ihm befragten renommirten Wiener Autoren. Nun hat sich aber auch Vater Wieland über jenes Thema in den österreichischen Staaten ausgesprochen! Wohl gewiß für uns Alle von eigenem Interesse! Deßhalb bringen wir hier aus seinen Ansichten und Meinungen nachstehende Stellen: So wenig es mich also befremdete, daß das vorbemeldte Sendschreiben eines Nachdruckers mir, aus einem wirklich mehr lächerlichen als ärgerlichen Mißverstande, für eine Verrätherei an der gemeinen Sache der Schriftsteller ausgedeutet wurde, und daß sich kaum noch ein einziger wackerer Mann fand, dem es möglich vorkam, daß vielleicht wohl gar der ganze Brief bloße Persiflage seyn könnte; so war doch von Nöthen, daß ich, um nicht manche alte und neue gute Freunde, die ich in der Welt habe, unvorsichtiger Weise in Versuchung zu neuen Zungensünden zu führen, mich hier über diesen Punct öffentlich erkläre, und in gutem derbem Deutsch, ohne Ironie oder Zurückhaltung, versichere, daß ich – des großen Vortheils ungeachtet, der mir davon zunächst, wenn meine Schriften, beynahe noch feucht von der Presse, von Leuten, die mir kein gutes Wort darum geben, nachgedruckt werden; und wiewohl ich aus Staatsklugheit mich gar stark in Acht nehmen sollte, mir noch obendrein die Ungnade der Herren Schmieder , Trattner , Traßler , Gule , und wie die wackeren Patrioten weiter heißen, zuzuziehen, als welche mir ja leicht bey ihren höchsten und hohen Gönnern und Beschützern ein Tüchtiges verreiben könnten – daß ich, sage ich, dieser und anderer öconomischen und politischen Ursachen ungeachtet, über das Eigenthumsrecht der Schriftsteller an ihre Werke, über die Unrechtmäßigkeit des Nachdrucks, und über die Pflicht der Landesobrigkeiten, jene bey ihrem Rechte zu schützen, und diesem durch nachdrückliche Zwanggesetze Einhalt zu thun, jederzeit ebenso gedacht habe und noch immer ebenso denke, wie die edeln und biederherzigen österreichischen Gelehrten, deren Erklärung auf die Trattnerische Einladung zur Theilnehmung an seinem bücherräuberischen Vorhaben, ich hier, mit ihrer Genehmigung dem Publico in perpetuam rei memoriam vorzulegen das Vergnügen habe. Die große Unternehmung, wovon hier die Rede ist, und an welcher Theil zu nehmen Herr Johann Thomas Edler von Trattner , k. k. Hofbuchdrucker und Buchhändler, wie es scheint, alle österreichischen Gelehrten von einiger Bedeutung eingeladen hat, ist zufolge des im November 1784 von ihm publicirten skizzirten Plans zur allgemeinen Verbreitung der Lectüre in den k. k. Staaten durch wohlfeile Lieferung der Bücher für alle Fächer der Wissenschaften, das Geschäft einer unsichtbaren Gesellschaft von Männern, deren Geschäft und Vergnügen die Wissenschaften sind, und denen nichts mehr am Herzen liegt als die Aufklärung in den k. k. Staaten per fas et nefas möglichst befördert und verbreitet zu sehen. Sie wollen in dieser patriotischen Absicht nicht nur eine nahmhafte Anzahl der gangbarsten und zum Theil der besten Werke aus allen Fächern der Wissenschaften und Literatur, Werke, welche größtentheils das rechtmäßig erworbene Eigenthum bekannter Buchhandlungen in verschiedenen Städten Deutschlands sind, nachdrucken: sondern, um sich so viel nur immer möglich eines ausschließlichen Bücherhandels zu versichern, suchen sie auch die Schriftsteller sowohl in als außer den k. k. Staaten durch Versprechung der vortheilhaftesten Bedingnisse anzulocken, ihnen neue Originalwerke oder gute Übersetzung zum Druck zu überlassen. Fistula dulce canit volucrem cum decipit anceps. Allein, was von dieser Lockstimme zu halten sey, läßt sich genugsam daraus erkennen, weil die Einladung mit gezogener Pistole gemacht wird. »Die Herren (so lautet sie eigentlich in gutem Deutsch) geruhen uns ihre Werke, gegen die Bedingungen die wir ihnen zu machen belieben werden, herzugeben, oder – wir drucken sie nach, ohne die Herren zu fragen.« Es ist die Geschichte des Gellert'schen Bettlers: Sie sehen ich fordre nichts mit Unbescheidenheit: Nein! ich verlasse mich (hier wies er ihm den Degen) Allein auf Ihre Gütigkeit. Die unsichtbare Gesellschaft erwählte sich zur Ausführung dieses glänzenden Plans, einer Art von Universal-Monarchie über Schriftsteller und Buchhandel, den weltbekannten Herrn Johann Thomas Edlen von Trattner. Ihre Wahl hätte auf kein würdigeres Subject fallen können. Herr von Trattner ist nicht nur mit allen zu einer solchen Unternehmung erforderlichen moralischen Eigenschaften reichlich versehen, sondern hat auch allein in Wien 26 Pressen in Gang, ist mit Papier, Schriftgießerey, Kupferstecherey, Kupferdruckerey und Buchbinderey eingerichtet, hat in den meisten Hauptstädten der k. k. Provinzen, als in Prag, Linz, Gräz, Brünn, Innsbruck, Triest, Agram, eigene Buchhandlungscomptoirs, und ist sich der Übermacht, die ihm dieß alles gibt, so lebhaft bewußt, daß er sogar darauf rechnet, mehr als 60 zum Theil sehr ansehnliche Buchhandlungen in den vornehmsten deutschen Städten, mit in seinen großen Plan einzuziehen; in einen Plan, der auf nichts Geringeres ausgerechnet ist, als alle deutschen Schriftsteller und Buchhändler entweder auszurauben, oder zu seinen Taglöhnern, Handlangern und Sclaven zu machen. Die Schändlichkeit des ganzen Projects springt einem jeden ehrlichen Menschen in die Augen, und kann durch keine Vorspiegelung von guten patriotischen Absichten vertuscht noch gemildert werden. Die Heldenthaten einer Bande edler Landstraßenritter ( Gentlemens of the highway ) würden dadurch um kein Haar besser und löblicher, wenn die Herren gleich zur Absicht hätten, von den zusammengeraubten Uhren und Geldbeuteln dem Ritter Sanct Georg und seinem Lindwurm, oder irgend einem andern heiligen Legendenritter die schönste Capelle von der Welt zu erbauen. Merkwürdiges Beyspiel, wie sehr die Begierde nach Alleinherrschaft, die Lust zu großen Speculationen, und die Beeiferung 26 Pressen im Gang zu erhalten sogar – den Kopf eines Trattners benebeln kann! Der Edle v. Trattnern sah so wenig Unedles in dem Plane der unsichtbaren Gesellschaft, daß er sich nicht entblödete, die edelsten unter Wiens gelehrten Männern und Schriftstellern zur Theilnehmung an demselben einzuladen. – Und nun noch ein paar Worte zur Bestätigung dessen, was ich oben davon sagte, wie gefährlich es sey, sich unter Böotiern der Ironie zu bedienen. Unsere Leser erinnern sich vielleicht des Plans einer Universalbibliothek, den ich in den T. M. vom August 1783 einrücken ließ. Die Sache war offenbar ein bloses Persifflage über die ungeheure Zahl und grenzenlose Behändigkeit unsrer Büchermacher; über gewisse Buchhändler, welche die Schriftstellerey als blosse Manufactur und die Gelehrten als Strumpfweber ansehen, die ihnen so und so viel Dutzend wöchentlich ums Taglohn fertig machen müssen; über die Nachdrucker, die ihre diebische Gewinnsucht durch patriotische Absichten zu adeln hoffen; und endlich (mit allem Respect) über das Publicum selbst, welches alles was gedruckt wird, gerne auf einmahl verschlingen, und um etliche Gulden eine ganze Bibliothek kaufen möchte, gewöhnlich von allen Scharlatans Dupe ist, aber sich auch dafür vor ehrlichen Leuten destomehr in Acht nimmt. – Sie werden sehen, was Sie angerichtet haben, sagte ich zu dem Verfasser dieser Satyre; man wird ihre Universalbibliothek für Ernst nehmen – und was ich vorher gesagt hatte, erfolgte. Die Herren die keine Nase haben, freuten sich mächtig auf ein so löbliches Institut, und ich erhielt die seltsamsten Zuschriften von Ungenannten darüber. Endlich, da die Ausführung so lange verzog und die vorgebliche Gesellschaft patriotischer Literaturfreunde nichts mehr von sich hören ließ, beschlossen jene Hand an's Werk zu legen; und nun trat zuerst der Buchhändler Gerle in Prag auf, bemächtigte sich des Nahmens der erdichteten Gesellschaft, und kündigte eine Art von Universalbibliothek an, worin er alle gute Bücher in allen Fächern um ein Spottgeld nachgedruckt zu liefern versprach, und um Subscriptionen warb. Bald darauf erschien auch der Edle von Trattnern mit seinem Plan, der ebenfalls nur eine Trattnerisirte Copie der Universalbibliothek ist. Daß nun alles was man im October 1784 und im März 1785 des T. M. unter dem Nahmen jener patriotischen Gesellschaft gelesen hat, bloße Fortsetzung des im Jahre 1783 angefangenen Spaßes sey, und lediglich durch die albern ernsthafte Art, wie Herr Gerle die Sache genommen, veranlaßt worden, brauche ich kaum zu erinnern. Aber ist es nicht lustig – oder auch traurig, wenn man will – daß es in unserm lieben deutschen Vaterlande nur einen komischen Einfall, nur ein bischen Persifflage und Ironie braucht, um gleich ganze Gesellschaften von Plattköpfen in Activität zu setzen, und unschuldiger Weise Scandal und Unheil anzurichten, wo man zu warnen und zu bessern dachte? W. 63. Fassung der Bücherprivilegien. Die Textirung auch solcher Privilegien war selbst unter Joseph noch, und trotz der Sprachreformation eines Sonnenfels, in dem allongeperückischen schwülstigen grauenhaften Curialstyl des heiligen römischen Reichs. Haben die Männer des Geschmackes und der Regel, die Lehrer, die Professoren, die Schriftsteller und Kunstrichter es, als ledigliche devote submisseste ersterbende Unterthanen, es nicht gewagt, in die höhern, höchsten und allerhöchsten Kanzleysphären reformirend einzudringen, weil es vermuthlich als Rebellion wäre gedeutet worden? Und selbst noch in neuer und neuester Zeit, denn da sehen solche Privilegien auch nicht viel anders aus, wenn auch nicht gar so à la Rococo. Von Joseph II. theilen wir zwey solche Schutzbriefe mit; der eine auf des Schauspielers Weiskern hochmustergültige Topographie von Niederösterreich vom Jahre 1769; der andere auf Joseph von Sonnenfels gesammelte Schriften von 1783. 1. Wir Joseph der II. von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs \&c. \&c. Bekennen öffentlich mit diesem Brief, und thun kund allermänniglich, daß Uns die verwittibte Paulina Weiskerninn allerdemüthigst zu vernehmen gegeben, was maßen ihr verstorbener Ehemann Friedrich Wilhelm Weiskern ein selbst verfaßtes Werk in zweyen Bänden, unter dem Titel: Topographie von Niederösterreich, sammt einem Anhang oder Nachtrag, welcher eigentlich eine verbesserte Beschreibung von Wien ist, und den dritten Band jenes Werkes ausmacht, zurück gelassen habe, und sie die ersagte Wittib, solches zum Nutzen der gelehrten Welt in den Druck aufzulegen entschlossen seye; Nachdem aber zu besorgen stehe, daß gewinnsüchtige Leute sich unterfangen möchten, mehrgedachtes Werk auch anderer Orten nachzudrucken, Supplicantinn sofort die Verkauffung desselben erschweret, und über ihre darauf verwendete viele Kösten ein großer Schaden zugefüget werden dörfte; als hat uns dieselbe gebethen, Wir Unser Kaiserl. Privilegium impressorium ihr und ihren Erben auf zehn Jahre zu ertheilen gnädigst geruhen möchten. Wann Wir nun gnädiglich angesehen, solche der Supplicantinn demüthigste Bitte, so haben Wir ihr die Gnade gethan, und Freyheit gegeben, thun solches auch in Kraft dieses Briefs, also und dergestalten, daß gedachte Weiskerninn obbemelte Topographie, sammt dem Anhang oder Nachtrag, in offenem Druck auflegen, ausgehen, hin und wieder ausgeben, feil haben und verkaufen könne und möge, auch ihr solche niemand ohne ihren Consens, Wissen oder Willen innerhalb zehn Jahren von Dato dieses Kaiserl. Privilegii anzurechnen, im Heil. Röm. Reich nachdrucken, und verkaufen lassen solle, und gebieten darauf allen und jeden Unseren, und des Heil. Röm. Reichs Unterthanen und Getreuen, insonderheit aber allen Buchdruckern, Buchführern, Buchbindern, und Buchverkaufern bey Vermeidung einer Poen von fünf Mark löthigen Golds, die ein jeder, so oft er freventlich darwider thäte, Uns halb in Unsere und des Reichs Kammer, und den andern halben Theil mehr besagter Wittib unnachläßig zu bezahlen gehalten seyn solle, hiermit ernstlich und wollen, daß ihr oder einiger aus euch selbst, noch jemand von euertwegen obangeregtes Werk in vorbemelten zehen Jahren nicht nachdrucket, feil habet, umtraget, oder verkaufet, noch dieß anderen zu thun gestattet, in keine Weiß, noch Wege alles bey Vermeidung Unserer Kaiserl. Ungnad, vorgemelter Poen, und Verliehrung desselben euren Drucks, den sie Paulina Weiskerninn, ihre Erben, oder Befehlshabere, mit Hilf und Zuthun eines jeden Orts Obrigkeit, wie sie dergleichen bey euch und einem jeden finden werden, alsogleich aus eigenen Gewalt, ohne Verhinderung männiglich zu nehmen, und darmit nach ihrem Gefallen handeln und thun mögen. Jedoch solle sie verwittibte Paulina Weiskerninn schuldig und verbunden seyn, die gewöhnliche fünf Exemplarien von jeden Band bey Verlust Unserer Kaiserl. Freyheit zu Unserem Kaiserl. Reichshofrath zu liefern, und dieses Unser Kaiserl. Privilegium anderen zur Nachricht und Warnung, voran drucken lassen. Mithin Urkund dieses Briefs, besiegelt und mit Unsern aufgedruckten Innsiegel gegeben zu Wienn den neunzehnten September siebenzehn hundert neun und sechzig Unsers Reichs im sechsten. Joseph.     ( L. S. )                         Vt. R. F. Colloredo . Ad Mandatum Sac. Caes. Majestatis proprium Andreas Edler von Stock . 2. Wir JOSEPH der Andere von Gottes Gnaden erwählter Römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, König in Germanien, zu Jerusalem, Hungarn, Böheim, Dalmatien, Croatien, Slavonien, Galizien, und Lodomerien, Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgund, und zu Lothringen, Großherzog zu Toskana, Großfürst zu Siebenbürgen, Herzog zu Mayland, Mantua, Parma, \&c. gefürsteter Graf zu Habsburg, zu Flandern, zu Tyrol \&c. \&c. \&c. Bekennen öffentlich mit diesem Brief, und thun Kund allermänniglich, daß Uns Unser und des Reichs lieber Getreuer Joseph von Baumeister, Juris utriusque Doctor, und Eigenthümer einer allhiesigen Buchdruckerey, unterthänigst zu vernehmen gegeben, wasmassen er eine Auflage der sämmtlichen Sonnenfelsischen Schriften, bestehend beyläufig in dreyzehn bis vierzehn Bänden, unter den Tituln: Fragment des Vertrauten, der Mann ohne Vorurtheil, Theresie, und Elenore, das weibliche Orakel, die Briefe über die Wiener Schaubühne, über die Liebe des Vaterlandes, die bey verschiedenen Gelegenheiten gehabten Reden, und Vorlesungen, politische Abhandlungen, welche mit dem noch ungedruckten Commentar der Grundsätze über die Polizey, Handlung und Finanz vermehret sind, Briefe, Poesien und kleine Aufsätze, veranstaltet habe, hierbey aber einen seinen darauf gewandten großen Kösten schädlichen Nachdruck besorge, dahero Uns derselbe allerunterthänigst bitte, Wir ihme zu Verhütung alles sonst etwa erwachsen mögenden Schadens Unser Kaiserliches Druck-Privilegium hierüber zu ertheilen gnädigst geruhen mögten. Wenn wir nun mildest angesehen solche des Supplicanten demüthigst ziemliche Bitte, anbey auch den für das Publicum durch mehrere Verbreitung dieses Werks sich veroffenbarenden Nutzen erwogen haben, als haben Wir ihme von Baumeister, seinen Erben und Nachkommen die Gnade gethan, und Freyheit gegeben, thun solches auch hiemit wissentlich, in Kraft dieses Briefs, also- und dergestalt, daß Er, seine Erben, und Nachkommen, obbesagtes Werk in offenen Druck auflegen, ausgehen, hin- und wieder ausgeben, feil haben, und verkaufen mögen, auch ihnen solches Niemand ohne ihren Consens, Wissen, oder Willen, innerhalb zehn Jahren, vom ersten März dieses Jahres anzufangen, im heiligen Römischen Reich, weder unter diesem noch andern Titul, weder ganz noch extractsweis, weder in größern noch kleinern Form, nachdrucken und verkaufen solle. Und gebieten darauf allen, und jeden Unsern und des heiligen Reichs Unterthanen, und Getreuen, insonderheit aber allen Buchdruckern, Buchführern, und Buchhändlern, bey Vermeidung einer Poen von fünf Mark löthigen Goldes, die ein jeder, so oft er freventlich hierwider thäte, Uns halb in Unsere Kaiserliche Kammer, und den andern halben Theil mehrbesagtem von Baumeister oder seinen Erben, und Nachkommen unnachläßlich zu bezahlen verfallen seyn solle, hiemit ernstlich, und wollen, daß ihr, noch einiger aus euch selbst, oder Jemand von euertwegen obangeregtes Werk innerhalb den bestimmten zehn Jahren, obverstandener massen nicht nachdrucket, distrahiret, feil habet, umtraget, oder verkaufet, noch auch solches andern zu thun gestattet, in keine Weis noch Wege, alles bey Vermeidung Unser Kaiserlichen Ungnade, und vorangesetzter Poen der fünf Mark löthigen Goldes, auch Verliehrung desselben euern Drucks, den vielgemeldter von Baumeister, oder seine Erben, und Nachkommen, oder deren Befehlshabere, mit Hülf, und Zuthuung eines jeden Orts-Obrigkeit, wo sie dergleichen bey euch, und einem jeden finden werden, alsogleich aus eigener Gewalt, ohne Verhinderung männiglichs zu sich nehmen, und damit nach ihrem Gefallen handeln und thun mögen: Hingegen soll Er, von Baumeister, schuldig und verbunden seyn, bey Verlust dieser Kaiserlichen Freyheit, die gewöhnlichen fünf Exemplarien von dem ganzen Werk zu Unsern Kaiserlichen Reichs-Hof-Rath zu liefern, und dieses Privilegium andern zur Warnung demselben vorandrucken zu lassen. Mit Urkund dieses Briefes besiegelt mit Unserm Kaiserlichen aufgedruckten Secret-Insiegel, der geben ist zu Wien den Siebenzehenden January, im Jahr Siebenzehen Hundert Drey und Achzig, Unserer Reiche, des Römischen im Neunzehenden, des Hungarischen, und Böhmischen aber im Dritten. Joseph. Vt. Reichsfürst Colloredo . Ad Mandatum Sac. Caes. Majestatis proprium Ignatz von Hofmann .         64. Josephs ungarisches Widerrufs-Rescript. Es ist bekannt, daß Joseph II. fast am Ausgang seiner Märtyrerlaufbahn (den 28. Jänner 1790, also drey Wochen vor seinem Heimgang) alle seine, das Königreich Ungarn betroffenen Neuerungen förmlich zurück nahm, was mittelst eines Rescriptes in lateinischer Sprache geschah. »Durch dieses Rescript« ruft ein ehrenwerther Zeitgenosse aus, »worüber ganz Europa erstaunen mußte, wurde also mit einem Federzuge, von Joseph, selbst alles wieder umgestürzt und vernichtet, was er seit neun langen Jahren mit unglaublicher Mühe und mit Geduld, mit guten und bösen Worten, mit Nachgeben und Strenge in einem Reiche eingeführt hatte, welches die ansehnlichste seiner Besitzungen war, und von einem Volke bewohnt wurde, dessen Nationalgeist Joseph nicht genugsam gekannt zu haben scheint. . . . Dieses Rescript, von diesem Kaiser, in diesen Umständen erlassen, welches dem Schicksale von zehn Millionen Menschen, vielleicht auf mehrere Jahrhunderte, eine neue Wendung gibt, ist eine der merkwürdigsten Urkunden aus Josephs Geschichte.« Dieses in der That höchst merkwürdige Document lautet: »Da wir den Landtag, den Wir Euch unter dem 18. December vorigen Jahres auf Unser königliches Wort zugesagt haben, nach der im zweyten Artikel des Landtagsschlusses vom Jahre 1723 festgesetzten gesetzmäßigen Krönung und Ausfertigung des Inaugural-Diploms beginnen, und daher diesem Landtage persönlich beywohnen wollen; so haben Wir denselben auf die Zeiten des Friedens zu verschieben für gut befunden, um frey von den Sorgen des Krieges und von der Krankheit, die Uns schwächet, wieder hergestellt, Uns ganz den auf dem Landtage vorkommenden Angelegenheiten des Königreichs widmen zu können. Damit Ihr aber, in der Erwartung der noch unbestimmten Zeit, keinen Besorgnissen Raum geben möget, so haben Wir nun festgesetzt, den Landtag nicht über das Jahr 1791 zu verschieben.« »Diesem nach versichern Wir Euch hiermit auf Unser königliches Wort, daß Wir nächstes Jahr unfehlbar den Landtag ansagen, und denselben nach Vorschrift der Landesgesetze halten werden.« »Und um hierauf die Mildthätigkeit Unsers gegen die Ungarische Nation väterlich gesinnten Gemüths nicht allein zu beschränken. und auch in der kurzen Zwischenzeit, bis zur Haltung des Landtages, Eure Wünsche zu befriedigen, haben Wir aus freyem Antriebe die Entschliessung gefaßt, die öffentliche Verwaltung in Staats- und Rechtssachen, vom 1. May dieses Jahres angefangen, vollkommen wieder in den Stand zu setzen, in dem sich selbige befanden, als Wir im Jahre 1780, nach dem Hintritte I. M. der Kaiserinn und apostolischen Königinn, Unserer geliebtesten Mutter, die Regierung angetreten haben.« »Obschon Wir seit dieser Zeit einige Zweige der öffentlichen Verwaltung in der Absicht, die allgemeine Wohlfahrt des Reichs dadurch zu befördern, und in der Hoffnung geändert haben, daß Ihr, durch die Erfahrung bekehrt, daran Wohlgefallen finden würdet: so nehmen Wir doch, da Uns nun berichtet wird, daß Ihr die vorige Verwaltungsart vorziehet, und in derselben Aufrechthaltung Eure Zufriedenheit suchet und findet, keinen Anstand, auch in diesem Stücke Eurem Verlangen zu willfahren; denn da die Wohlfahrt der Unserer Beherrschung anvertrauten Völker der einzige Gegenstand aller Unserer Wünsche und Bestrebungen ist, so ist Uns auch jener Weg der angenehmste, auf welchem Wir, nach dem einstimmigen Sinne der Nation, am sichersten dahin gelangen.« »Diesem nach wollen Wir, so bald alle Gespanschaften des Reichs so wohl in Ansehung der Verhandlungsart der Geschäfte, auf General- und Particular-Congregationen, als in Ansehung der gesetzmäßigen Wahl der Beamten ihre vorige, von den Gesetzen ihnen verliehene, Gewalt wieder erhalten haben; ingleichen die königlichen Freystädte und Freybezirke in ihre ehemahlige Wirksamkeit wieder eingesetzt seyn werden; auch alle übrigen, seit dem Antritte Unserer Regierung erlassenen, Verordnungen, die nach der gemeinen Meinung den Landesgesetzen zu widerstreben scheinen dürften, durch Gegenwärtiges für aufgehoben und außer Wirkung gesetzt erklären. Doch wollen Wir damit bis wegen der besonderen Aufhebung dieser Anordnungen, wozu Wir bereits die nöthigen Befehle ertheilt haben, die weitere Verfügung an Euch gelanget, die öffentliche Verwaltung in keine Verwirrung gerathe, daß nichts eigenmächtig aufgehoben werde; Ihr auch, bis der Obergespan die Ausübung seines Amtes antreten kann, den bisherigen wirkenden Obergespanen noch Folge leistet.« »Im Übrigen geht Unser Wille dahin, daß Unser so genanntes Duldungs-Edict, die Verfügungen wegen Einrichtung der Pfarren, und was Wir zu Gunsten der Unterthanen, so wohl wegen derselben Behandlung, als wegen des Bandes der Unabhängigkeit, verordnet haben, in voller Kraft verbleiben; da ohnehin diese Anordnung sowohl mit den Landesgesetzen ganz sich vereinbaren läßt, als auf die natürliche Billigkeit gegründet ist; die Pfarreinrichtung aber die Würde eines obersten Patrons der Kirche uns zur Pflicht macht, übrigens Wir Uns für überzeugt halten, daß Ihr, nach Eurer billigen Denkungsart, diesen Anordnungen Euern vollkommenen Beyfall geschenkt habet.« »Damit endlich zur gänzlichen Erfüllung Eurer Wünsche nichts mehr übrig bleibe, so haben Wir befohlen, daß die heilige Reichskrone und die übrigen Kleinodien, welche Wir inzwischen in Unserem Schatze in Verwahrung gebracht hatten, nun ehestens nach Ofen in Unser königliches Schloß gebracht, und dort nach Vorschrift der Gesetze bewahret werden sollen, wozu Wir einen schicklichen Platz zu bereiten den Befehl bereits ertheilet haben.« »Durch diese, den bestehenden Gesetzen zu Folge erlassenen, Anordnungen, erhaltet Ihr ein neues Denkmahl unserer väterlichen Liebe gegen die Ungarische Nation, und zugleich ein unverbrüchliches, für ewige Zeiten gültiges Zeugniß, daß, da die gesetzgebende Macht durch die Grundgesetze des Königreichs zwischen dem Fürsten und allen Ständen des Reichs gleichmäßig getheilt ist, Wir eben so das Recht der Stände aufrecht erhalten wollen, und gleichwie dasselbe von Unseren Vorfahren an Uns gelanget ist, es auch unverletzt an Unsere Nachfolger überliefern wollen.« »Wir versehen Uns auch, daß Ihr für den Feldzug des gegenwärtigen Jahres, den Bedürfnissen des Vaterlandes, Früchte zum Unterhalte der für die Sicherheit des Königreichs versammelten Truppen, und durch Rekrutirung derselben, auf die Euch am zweckmäßigsten scheinende Art, bereitwillige Hülfe leisten werdet.« Am Morgen des 18. Februar, also 2 Tage vor Josephs Tod, ward die ungarische Krone aus der Wiener Hofburg nach Ofen zurück abgeführt. 65. Der Papst, die Römer, der österreichische Erzbischof Edling und Joseph. P. P. Wolf in seiner Geschichte der römisch-katholischen Kirche (1. Band, Zürich 1793) erzählt: Es mußte den Stolz der Römer unendlich beleidigen, daß ein Papst, der sich einen sichtbaren Statthalter Gottes, einen Vicegott, und das höchste Oberhaupt der Welt nennen läßt, sich zu einen Schritt entschloß, den vor ihm noch Keiner seiner Vorfahrer gewagt hatte. Gewohnt, sich stets noch mit einer Art Eitelkeit jener weltlichen Monarchen zu erinnern, die einst den Päpsten auf den Knieen huldigten, ihnen bey öffentlichen Cavalkaden als Stalljungen dienten, oder sich gar die Disciplin von ihnen geben ließen, konnten sie es ihrem Pius VI. nicht leicht verzeihen, in einer so demüthigen Stellung vor dem Kaiser zu erscheinen. In der That war es wohl sehr auffallend, daß eine solche Reise, wie auch immer der Erfolg seyn möchte, auf keine Art mit den gangbaren Ideen von der Hoheit des Pontificats vereiniget werden konnte; und noch auffallender mußte dieses seyn, wenn man den Umstand betrachtete, daß der Papst sich gleichsam aufdrang, und, anstatt eine Einladung von Seite des Kaisers zu erwarten, vielmehr selbst um die Erlaubniß bath, vor seinem Throne erscheinen zu dürfen. Ein solches Benehmen war so neu, und so unerwartet, daß man natürlicher Weise auf tausend Vermuthungen fiel, um nur einen wahrscheinlichen Beweggrund zu einem so ausserordentlichen Entschlusse zu finden. Freylich mag Pius VI. heimliche Beweggründe, so zu handeln, gehabt haben. Die Eitelkeit, einer der herrschendsten Züge seines Characters, kann ihn vielleicht gekizelt haben, den Weihrauch zu riechen, den man ihm in allen katholischen Ländern, durch die er reisen mußte, streuen würde. Daß man ihn am Kaiserhofe öffentlich beschimpfen würde, hatte er kaum zu besorgen, und für die kleinen Kränkungen, die er etwa an diesem Orte erfahren dürfte, glaubte er sich durch die prunkvollen Schmeicheleyen, mit welchen man ihm anderorts begegnen würde, wieder hinlänglich entschädigen zu können. Noch mag die Hoffnung, sich durch persönliche Aufmunterungen des Beystandes gewisser Bischöfe und Äbte gegen den Kaiser zu versichern, keiner der letzten Gründe gewesen seyn, die ihn bewogen, seinen einmahl gefaßten Entschluß auszuführen. Endlich muß auch noch die Gutmüthigkeit des Papstes, und sein mehr frommer als politischer Eifer, die Sache der Kirche zu verfechten, mit in Anschlag gebracht werden. Er war zu wenig Staatsmann, um die Folgen gehörig erwägen zu können, die aus einem solchen Schritte erwachsen würden, und er war zu innig überzeugt, daß die Sache seines Stuhles nicht Sache der Politik, sondern Sache Gottes sey, als daß er, um diese zu retten, nicht selbst auf seine eigene Würde Verzicht gethan hätte. Verschiedene Cardinäle, die in der Politik weiter als Pius sahen, mißriethen ihm fortdauernd, eine solche Reise, und unter solchen Umständen zu wagen; und in allen geheimen Congregationen, die er hielt, war immer die Stimme einmüthig, daß ein solcher Schritt nicht rathsam sey. Ja selbst der Kaiser ließ es durch seinen Geschäftsträger, den Cardinal Herzan, noch im Christmonath 1781 versuchen, den Papst auf andere Gedanken zu bringen. Herzan mußte ihn nebenbey versichern, daß diese Reise um so unnöthiger sey, da Se. kaiserl. Majestät ohnehin entschlossen wären, zu einer gelegenen Zelt nach Rom zu kommen, und sich dann von Sr. Heiligkeit Ihren Rath auszubitten. Als diese Vorstellungen nichts fruchteten, suchte man ihn Anfangs des Jahres 1782 mit dem Vorgeben, daß nächstens in Florenz eine Zusammenkunft zwischen Sr. Heiligkeit, dem Kaiser, und andern hohen Standespersonen statt finden könnte, von seinem Vorhaben abzubringen. Man schilderte ihm zu gleicher Zeit die Gefahren, denen er bey seinem hohen Alter und schwächlicher Gesundheit auf einer so weiten Reise, und zu einer so rauhen Jahreszeit ausgesetzt wäre. Aber weder jenes Vorgeben von einer Zusammenkunft in Florenz, noch diese Gefahren, konnten ihn zum Wanken bringen. Er blieb gegen alle Vorstellungen taub, und wußte in der letzten Conferenz, die er mit den Cardinälen hielt, von den Absichten und Hoffnungen dieser Reise mit so vieler Wärme zu sprechen, daß es jene weiter nicht mehr thunlich fanden, sich der Ausführung eines so festgesetzten Entschlusses noch lange zu widersetzen. Jetzt traf man sehr thätig die nöthigen Anstalten zur Reise. In allen Kirchen zu Rom wurden öffentliche Gebethe angestellt, und feyerliche Bußprozessionen gehalten, um Gott zum Beystande seiner in Gefahr stehenden Kirche aufzufordern. Wie es während der Abwesenheit des Papstes mit der Verwaltung der öffentlichen Geschäfte gehalten seyn soll, wurde sehr genau vorgeschrieben, und die Regierung bey Tage dem Cardinalvikar Colonna, und bey Nacht dem Statthalter Spinelli übergeben. Da der Staatssecretär Pallavicini nicht der besten Gesundheit genoß, so ernannte Pius aus Vorsorge seinen Nachfolger in dieser wichtigen Ministerstelle. Um die Cardinäle auf den Fall hin, wenn er selbst unter Wegen mit Tod abgehen sollte, wegen der Wahl eines neuen Oberhauptes nicht verlegen zu machen, hob er die Bulle Ubi Papa, ibi Roma auf, und setzte dadurch das heil. Collegium in Stand, in Rom das Conclave beziehen zu können, welches sonst, wenn der Papst außerhalb des Kirchenstaats gestorben wäre, in Kraft jener Bulle nicht hätte geschehen dürfen. Seinem Neffen, dem Grafen Onesti, überreichte er sein Bildniß und sein Testament mit thränenden Augen, und bath ihn, sich seiner im Gebethe zu erinnern. In der Nacht vor seiner Abreise stieg er ganz allein in das unterirdische Gewölbe der Peterskirche, wo unter dem größern Altare die Gebeine der heil. Apostel Peter und Paul liegen. Hier verrichtete er sein stilles Gebeth, und las dann eine geheime Messe. Am 27. Februar (1782) erhub er sich am frühesten Morgen in die Privatkapelle des Vaticans, bethete dort eine Stunde lang mit großer Innbrunst, ließ sich hierauf in die Peterskirche tragen, wo er am hohen Altare die Messe hörte, nahm von dem russischen Großfürsten und dessen Gemahlinn, die eben vor einigen Tagen in Rom angelangt waren, den rührendsten Abschied, und bestieg sodann in Gegenwart eines unzählbaren Volkes den Reisewagen, in welchem ihm gegenüber der Patriarch von Constantinopel und Viceregent von Rom, Franz Anton Marcucci, und der Bischof von Athen, Joseph Contessini, saßen. Diese zween Prälaten, sehr listige Köpfe, wählte er zu seinen Reisegesellschaftern, nachdem die Cardinäle Albani, Antonelli, Giraud und Antamori, welche er zuerst hiezu ausersehen, sich diese Ehre verbethen hatten. Im zweyten Wagen saßen der geheime Kämmerer und Ceremonienmeister, Joseph Dini, der Reiseauditor, Dominicus Nardini, der Leibmedicus, Rossi, der päpstliche Schweifträger und Beichtvater, Abbt Ponzetti, und im dritten der Kreuzträger Spagna, der Leibchirurgus Morelli, und die Kammerdiener Stephano und Bernardino, und im vierten endlich der Leibkoch, der Mundschenk, und etliche andere Bediente. Unter dem Geräthe, welches Pius auf die Reise mitnahm, befanden sich sehr kostbare Ornate und Kleider, die dreyfache päpstliche Krone, zwo reiche Infeln, zwey schwere goldene Becher, vier Cardinalshüte, und tausend Stück goldene Medaillen, jede 15 Scudi am Werth. Alle Strassen, durch die er fuhr, waren mit Menschen bedeckt, die theils aus Neugierde, und theils aus Andacht seinen Wagen mehr als anderthalbe Meilen ausser die Stadt begleiteten. Nicht ohne tiefe Rührung konnte der Papst die Menge übersehen, die ihn mit Thränen um seinen Segen bath, und auf mannigfaltige Art ihren Schmerz über seine Entfernung an den Tag legte. Pius machte nur kleine Tagreisen, und wurde allenthalben mit ausserordentlichen Ehrenbezeugungen empfangen. Überall war die Andacht sein erstes Geschäft, und er ließ keine Mirakelkirche, kein Gnadenbild, und keine etwas bedeutende Reliquie unbesucht. Seine Reise ging über Otricoli, Foligno, Tolentino, Loretto, Rimini, Cesena, Imola, Bologna, Ferrara, auf dem Po über Chiozza, durch das venetianische Gebiet, über Mestre, Sacile, Udine, Görz, Wippach, Laibach, Cilly, Gräz, und Wienerisch-Neustadt Die ganze Reisegeschichte findet man sehr umständlich beschrieben in der Lebens- und Regierungsgeschichte Pius VI. Theil III. §. 93. S. 207. u. f. und in Bauers Geschichte der Reise des Papstes. III. Theile. . Auf allen Stationen, und in allen Nachtlagern, hatten sich immer die benachbarten hohen Prälaten und Standespersonen eingefunden, um dem Reisenden ihre Aufwartung zu machen. Das Volksgedränge. war allenthalben sehr groß, und überall ertheilte Pius seinen apostolischen Segen. Der Kaiser schickte seinen Minister und Vicestaatskanzler, Grafen von Cobenzl, nebst einer Escadron der Nobelgarde, auf die erste erbländische Poststation nach Görz ab, um dort den Papst zu bewillkommen, und ihn nach Wien zu begleiten. An diesem Orte traf Pius erst am 14. März ein, wo er nebst vorgenanntem Minister auch den Nunzius Garampi zu seinem Empfang in Bereitschaft fand. Hier wurde er bald auf eine höchst unangenehme Art gewahr, daß er in den Landen Josephs II. sey. Er bezeugte nähmlich sein Befremden darüber, von dem Erzbischofe dieser Stadt, dem Rudolph Joseph, Baron von Edling, keinen Besuch zu erhalten. Als er sich um die Ursache eines solchen Nichterscheinens erkundigte, erfuhr er, daß gedachter Erzbischof vor wenigen Tagen nach Wien berufen worden sey, um sich darüber zu verantworten, daß er anstatt die kaiserlichen Toleranzedicte in seinem Sprengel bekannt zu machen, nach Rom appellirt habe. Bey dieser Gelegenheit soll sich Pius geäußert haben, wie er allerdings für ganz billig ansehe, wenn Bischöfe zur Verantwortung gezogen werden, die den landesherrlichen Befehlen keinen Gehorsam leisten. Aber es scheint, daß er, wenn wirklich eine solche Äusserung von Seite des Papstes geschehen ist, vielmehr aus Höflichkeit, als aus inniger Überzeugung so gesprochen habe. Denn wie hätte er einen Bischof deßwegen, daß er an ihn oder seinen Stuhl appellirte, verdammen können? Wäre es dem Papste hierin wirklicher Ernst gewesen, so hätte er der beschwerlichen Mühe überhoben seyn können, eine so weite Reise zu unternehmen. Nachdem der Cardinalerzbischof Migazzi bereits am 19. März dem Papste bis Stuppach entgegen reisete, gingen zwey Tage später auch der Kaiser und sein Bruder, der Erzherzog Maximilian, nach Neustadt ab, wo beyde übernachteten, und am folgenden Morgen Sr. Heiligkeit eine Strecke Wegs entgegen fuhren. Als beyde Wagen einander ins Gesicht kamen, stiegen Joseph II. und sein Bruder aus dem ihrigen, und gingen dem Papste, der ebenfalls seine Kutsche verlassen hatte, zu Fusse entgegen. Plus VI. umarmte den Kaiser, küßte ihn auf Backen und Mund, und ertheilte ihm den Segen. Beyden Monarchen stunden Thränen in den Augen. Joseph II. hatte sich schon gleich anfangs, als Pius so nachdrücklich auf dem Entschlusse, nach Wien kommen zu wollen, beharrte, gegen seine Vertrauten geäussert, daß ihn jener Entschluß von Seite des Papstes sehr rühre. Pius setzte sich in den Wagen des Kaisers, der ihm zur Linken saß. Hinter ihnen folgten der Erzherzog Maximilian in einem eigenen Wagen, das päpstliche Reisegefolge, und mehr als 200 Carossen. Der Zug konnte wegen des ausserordentlichen Gedränges von Menschen nur sehr langsam vor sich gehen. Das Volk, in unübersehbarer Menge auf den Strassen versammelt, brach bey Ansicht des Papstes in lautes Jubelgeschrey aus, und fiel auf die Kniee, als dieser, nach seiner Gewohnheit, unaufhörlich aus dem Wagen den Segen ertheilte. Der Einzug in Wien geschah unter dem Geläute aller Glocken. Um 3 Uhr Nachmittags kam man vor der kaiserlichen Hofburg an. Joseph hub den Papst aus dem Wagen, und führte denselben in die für ihn sehr prächtig meublirten Zimmer. Ihnen folgten der päpstliche Nuntius Garampi, alle kaiserlichen Minister, geheime Räthe, Kämmerer und Truchsesse. Pius trug sich bey seiner Ankunft in einem langen Talar von perlfarbnem Halbtuch, und auf dem Haupte hatte er ein kleines Tonsurkäppchen von weissem Seidenzwirn. Auf der Reise war er in einen weissen Pelz eingehüllt, und trug einen runden rothen Huth mit einer schmalen goldenen Borte, und einer goldenen Schnur. Die Zimmer, in welche er eingeführt wurde, waren ehedem von der Kaiserinn Maria Theresia bewohnt worden. Sein Bette stund an dem nähmlichen Orte, an welchem diese fromme Monarchinn ihren letzten Athemzug aushauchte. In dem Oratorium oder Bethzimmer des Papstes wurde das bekannte Cruzifixbild, welches nach der Jesuitenlegende zu Kaiser Ferdinand II. die Worte gesprochen haben soll: Ferdinande, non te deseram, sammt allen kostbaren Reliquien, welche Maria Theresia während ihrer Regierung aus Rom erhalten hatte, auf einem eigens dazu errichteten und prächtig ausgeschmückten Altare ausgestellt. Das päpstliche Audienzzimmer war violet, und mit Silber ausspaliert. Um 5 Uhr Abends hielt der Papst, nachdem er zuvor in der Kammerkapelle dem wegen seiner glücklichen Ankunft abgesungenen Te Deum beygewohnt, und der Kaiser sich entfernt hatte, Mittagstafel. Sein Tisch, an welchem er stets allein aß, wurde, so lange er in Wien sich aufhielt, immer mit 8 Schüsseln bedient, wobey allemahl 2 weichgesottene Eyer und einige Stengel Zimmet befindlich seyn mußten. Alle Speisen wurden von seinem eigenen Mundkoche zubereitet, der ihm auch allemahl bey der Tafel als Credenzer an der Seite stund, und von jedem Gerüchte zuerst aß, ehe der Papst zugriff. Derjenige, welcher die Speisen auftrug, knieete allemahl auf der Thürschwelle nieder, erhub sich, und warf sich beym Niedersetzen der Speisen auf die Tafel neuerdings zu Boden. Nach jeder Mahlzeit legte sich, nach italienischer Gewohnheit, der Papst zu Bette, und gab erst Audienz, wenn er aus einem kurzen Schlummer wieder erwacht war. Der Erzbischof Edling war am 20. März, also zwey Tage früher, als der Papst, in Wien angekommen. Gleich beym Aussteigen aus seinem Reisewagen wurde ihm mittelst eines Billetes bedeutet, andern Tages in der Hofkanzley bey dem Oberstkanzler, dem Grafen von Blümegen, zu erscheinen. Derselbe foderte ihm vor der in Pleno versammelten Commission seine nach Rom geführte Correspondenz ab, und legte ihm zwo Schriften vor, deren eine davon er unterschreiben sollte. Der Inhalt der ersten bestund in einer Verpflichtung, sich ins künftige jeder landesherrlichen Verordnung unterwerfen zu wollen. Als der Erzbischof betheuerte, daß es sein Gewissen nicht erlaube, sich zu einem solchen Gehorsam zu verpflichten, legte ihm der Oberstkanzler die zweyte Schrift vor, welche eine Resignation seines Erzbisthumes enthielt. Bey Ansicht derselben war das Gewissen des Prälaten augenblicklich beruhiget. Er unterzeichnete den Gehorsamseid, um die einträgliche Pfründe noch ferner genießen zu können, und versprach jetzt weit mehr Unterwerfung, als man von ihm gefodert hatte. Dieser eines Bischofes höchst unwürdige Auftritt wurde endlich mit einer scharfen Strafpredigt beschlossen, die ihm der Graf Blümegen in Gegenwart aller kaiserlichen Räthe hielt, und worinn es unter andern hieß: »Der Kaiser hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß er Ihnen dießmahl Ihr Vergehen aus kaiserlicher Langmuth nachsehen wolle: in Zukunft aber würden Sie bey einem ähnlichen Falle nicht nur Ihres Hirtenamtes entsetzt werden, sondern auch allen den Ahndungen sich bloß gestellt sehen, die man gegen ungehorsame Unterthanen anzuwenden im Gesetze berechtiget ist.« Der Erzbischof mußte hierauf unverzüglich, und ohne den Papst zu sehen, in seinen Sprengel zurückreisen, 2700 fl. Strafe an das Zucht- und Arbeitshaus zu Talosch erlegen, und sich ausserdem noch gefallen lassen, von den Einkünften seiner in Ungarn besitzenden Probstey jährlich 1500 fl. an eine fromme Stiftung zu bezahlen. Pius VI. wollte bey seiner Anwesenheit in Wien ein Wort zu Gunsten dieses Prälaten sprechen; aber er fand kein Gehör. Joseph II. scheint überhaupt die Absicht gehabt zu haben, durch eine so strenge Züchtigung andern Bischöfen ein abschreckendes Beyspiel, und zwar gerade zur Zeit zu geben, wo die Anwesenheit des Papstes mehrere Prälaten zur Ungehorsamkeit hätte aufmuntern können. 66. Eulog Schneider's Guter Dichter. 1794 zu Paris guillotinirt. Elegie an den sterbenden Kaiser Joseph den zweyten. Quis talia fando Temperet a lacrymis?             Ach! so war noch diese Wunde Vor der bangen Todesstunde, Dulder Joseph , Dir bestimmt? Brechend muß Dein Aug' noch sehen Auch den letzten Stern vergehen,     Der für Dich am Himmel flimmt? Wird die Welt Dich noch beneiden? Wird beym Anblick deiner Leiden     Nicht der Neid versöhnet seyn? Wird nicht Deines Armes Stärke, Deiner Weisheit Schöpferwerke,     Deine Größe Dir verzeih'n? Groß war Deines Armes Stärke, Glänzend Deiner Schöpfung Werke,     Gut Dein Herz, und weit, und groß. Hingewelkt ist Deine Stärke, Unvollendet Deine Werke     Gram ist Deines Herzens Loos. Mögen ihren Fritz die Brennen Groß durch Geist und Thaten nennen;     Auch durch's Glück war's Friederich: Aber nie hat Dir's gelächelt, Nie sein Zephyr Dich gefächelt, Deine Größe war Dein Ich . Wer hat so wie Du gelitten? Wer für Weisheit so gestritten?     Wer das Gute so erstürmt? Hat nicht gegen Deine Schlüsse Jetzt die Bosheit Hindernisse     Jetzt die Dummheit aufgethürmt? Ach! Du warst ein Kind der Schmerzen, Da noch unter ihrem Herzen     Ahnend Dich Therese trug; Da der Bojer Alles wagte, Und der Franzmann spottend fragte:     »Ist Toscana nicht genug?« Und wenn Deiner treuen Helden Löwenmuth, empörte Welten     Und das Schicksal selbst bezwang; Wußt' es dennoch Dich zu quälen Durch die Folter großer Seelen,     Durch gehemmten Thatendrang. Zweymahl schlangen keusche Triebe Um Dein Herz das Band der Liebe,     Zweymahl schlug's der Tod entzwey. Ach! Du hast nur wenig Stunden Hymens süße Lust empfunden,     Und was Vaterfreude sey. Und gelangtest Du zum Throne, Griffest Du dem Höllensohne     Fanatismus ins Gesicht: Ha! Da spie das Ungeheuer Schwefeldampf und Gift und Feuer,     Ganz besiegtest Du es nicht. Ziehest Du an Lacy's Seite Wider Abdul aus zum Streite;     Flieht vor Dir des Krieges Glück: Wider Deine Donnerkeile Schießt die Seuche ihre Pfeile,     Und Du kehrest krank zurück. Wenn nun Loudon , gleich dem Blitze Flammt an Deines Heeres Spitze,     Dein Kronat in Belgrad zecht, Coburg den Vezier bestehet, Tausende, wie Disteln, mähet,     Und Dich an dem Glücke rächt: Sieh! da wirbt im Niederlande Priesterwuth sich eine Bande,     Schwingt des Aufruhr's Fackel hoch: Brüder würgen ihre Brüder, Väter ihre Söhne nieder. Joseph! und Du lebest noch? Ja Du lebst zu neuen Wehen: Auch Elisens Tod zu sehen,     Großer Dulder! lebest Du. Sie, so theuer Deinem Herzen, Stürzt, gewürgt von Mutterschmerzen,     Noch vor Dir dem Grabe zu. Ach! Dort lieget sie die Milde, Da sie ihrem Ebenbilde     Sterbend noch entgegenblickt: Ach! den Säugling in dem Schooße, Welkt sie, eine Frühlingsrose     Mit der Knospe abgeknickt. Giebt's für Dich noch einen Kummer? Nein; so schlaf' den Todesschlummer,     Schlaf' ihn sanft und sonder Schmerz: Schlaf' Du ärmster aller Großen! Denn die Schal' ist ausgegossen,     Ausgeblutet hat Dein Herz. 67. Verschiedenes Kleinere. 1. Zur Szekelyschrift . – Kaiser Joseph wurde gefragt, auf welche Art man den Verfasser der Szekelyschen Vertheidigung bestrafen solle. Als Antwort schrieb der Monarch diese Worte: »Lex: un. C. Si quis Imper. maledix. Si quis modestiae nescius et pudoris ignarus, improbo petulantique maledicto nomina nostra crediderit lacessenda, ac temulantia turbulentus obtrectator temporum nostrorum fuerit, cum poenae nolumus subjugari neque durum aliquid, nec asperum colomus sustinere, quoniam si id ex levitate processerit, condemnendum est, si ex insania miseratione dignissimum, si ab injuria remittendum.« Zu Deutsch: Sollte Jemand in schamloser Unbescheidenheit so weit gehen, Uns durch leichtsinnige und muthwillige Lästerungen zu schmähen, oder Unsere Handlungen herab zu setzen, so soll seine Verwegenheit nicht mit Strafen, sondern mit Verachtung geahndet werden; und rühret seine Lästerung von Leichtsinn her, so verdient sie Verachtung; ist Blödsinn der Grund, so erfordert sie Mitleid; ist aber Frevel die Ursache, so verzeihen wir den Thoren. 2. Verzeichniß sämmtlicher Maurerlogen, welche 1786 zur großen Landesloge Wiens gehörten . – Zur Provinzialloge von Böhmen gehörten die Logen zu Brünn 1) zu den vereinigten Freunden, 2) zur aufgehenden Sonne; Klattau: zur Aufrichtigkeit; Prag: 1) zu den drey gekrönten Säulen, 2) zu den drey gekrönten Sternen, 3) zur Union, 4) zur Wahrheit und Einigkeit. Zur Provinzialloge in Galizien und Loge zu Lemberg: 1) zur aufrichtigen Freundschaft 2) zur runden Tafel; Tarnow: 1) zu den drey rothen Bändern; 2) zu den drey weißen Lilien. Zur Provinzialloge der Lombardie: Cremona, 1) S. Paola celeste, 2) Concordia. Zur Provinzialloge in Österreich die Loge zu Freyburg im Breisgau zur edlen Aufsicht; Görz: zur Freymüthigkeit; Gratz: zu den vereinigten Herzen; Klagenfurt: zur wohlthätigen Marianna; Innsbruck: 1) zu den drey Bergen, 2) zum symbolischen Cylinder; Linz: zu den sieben Weisen; Passau: zu den drey vereinigten Wässern; Triest: zur Harmonie und allgemeinen Eintracht. Wien: 1) zu den drey Adlern, 2) zur Beständigkeit, 3) zur wahren Eintracht, 4) zu den drey Frauen, 5) zur gekrönter Hoffnung, 6) zum heiligen Joseph, 7) zum Palmbaum, 8) zur Wohlthätigkeit. Zur Provinzialloge in Siebenbürgen die Logen zu Herrmannstadt: 1) Andres zu den drey Seeblättern, 2) zum geheiligten Eifer; St. Philipp in der Bukowina. zu den tugendhaften Weltbürgern. Zur Provinzialloge in Ungarn die Loge zu Agram: zur Klugheit; Carlstadt: zur Tapferkeit; Eberu: zum goldenen Rad; Eperies: zu den tugendhaften Reisenden; Essegg: zur Wachsamkeit; Gyarnath: zum tugendhaften Cosmopoliten; Pesth zur Großmuth; Preßburg 1) zur Sicherheit, 2) zur Verschwiegenheit; Warasdin zum guten Rath. Die große (eigene) Provinzialloge in den Niederlanden, welche mit der Wiener-Nationalloge nicht vereinigt ist, begreift: Alonst: la discrète impériale; Antwerpen: le concorde universelle; Brügge: la parfaite égalité; Brüßel: 1) l'union, 2) la constante union, 3) les vrais amis de l'union; Gand: 1) le bienfaisante, 2) la felicité, 3) la parfaite union au regiment de Murrai; Mecheln: la constante fidelité; Marchen: le constante; Mon: 1) la vraie et perfaite harmonie, 2) la parfaite union; Namour: la bonne amitié; Ostende: 1) les 3 niveaux, 2) les frères reunis – (»Die zwo Schwestern P*** und W***, oder neu entdecktes Freymaurer- und Revolutionssystem 1796,« Octav. Ist eine partheyische Revision des Wiener-Journals für Freymaurer.) 3. Bescheidene Klugheit . – Es läßt sich nicht läugnen, daß Kaiser Joseph einen großen Hang zur Eigenmacht, zur uneingeschränkten Regierungsart hatte; doch nahm er nie die öffentliche Miene davon an. In seinen Patenten \&c. hieß es niemahls, wie in den Patenten so mancher anderer Fürsten: So ist unser Wille, der Monarch will es so \&c. Nein, Josephs Sprache war immer: Das allgemeine Beste \&c. Unsere Pflicht als Landesvater \&c. verlangt es so. Man hat schon weiter oben aus einem seiner eigenhändigen Aufsätze gehört, daß er sagte, es wäre thöricht, wenn ein Landesherr sich einbildete, das Land sey für ihn, so viele Millionen Menschen seyen für ihn, nicht Er für das Land und die Unterthanen da. Allein man wollte bey solchen Gelegenheiten öfter einen Widerspruch zwischen Worten und Thaten bey ihm bemerkt haben. (Pezzl.) 4. Die Hofpartheyen . – Die erste und stärkste, ist jene der Kaiserinn. Sie besteht nebst der Hauptperson aus dem Cardinal Migazzi, aus einigen Mönchen, besonders Capuzinern, und einigen alten, frommen Damen, die der Monarchinn sogar mit Nachahmung ihrer Trauer-Kleider schmeicheln. Diese Parthey geht immerfort mit Keuschheits-Commission, Bücher-Verbothen, Vertreibung gefährlicher Lehrer und Prediger, Beförderung von Heuchlern, Aufrechthaltung der päpstlichen Monarchie und Verfolgung der sogenannten neuen Philosophie schwanger. Ein großer Theil des alten Adels, dessen Rechte mit jenen der Pfaffen auch wirklich in Verbindung stehen, dient dieser Parthey zum Rückhalt. Die zweyte Parthey ist jene des Kaisers. Diese liegt mit der ersten in einem unaufhörlichen Kampfe. Sie ist mit Verbesserung der Gesetzgebung, mit Beförderung des Ackerbaues, der Handlung und Industrie überhaupt, mit Untergrabung der Gewalt der Dummheit ihren Trabanten, mit Verbreitung der Philosophie und des Geschmackes, mit Beschneidung der unbegründeten Rechte des Adels, mit Beschützung der Niedern gegen die Unterdrückung der Großen und mit alle dem beschäftigt, was Erdengötter thun können. Eine Hauptstütze dieser Parthey ist der Feldmarschall Lacy, dessen Art, die Mönche und ihren Anhang zu bekriegen, gerade die nämliche ist, womit er vor einigen Jahren dem Könige von Preußen die Spitze bot; nämlich es ist die vertheidigende Art, Krieg zu führen, die auch der Graf von Sachsen wohl kannte. Er legt dem Kaiser die Pläne von verschanzten Lagern, Zickzackmärschen und vortheilhaften Retiraden vor; und der General Migazzi mit seinen braunen, schwarzen, weißen, halbschwarzen und halbbraunen Truppen mußte oft schon das Feld räumen und das Winterquartier beziehen, ohne schlagen zu können. Diese zwey Partheyen, die offenbare Feinde sind, pflegen durch Vermittlung der dritten unablässig Unterhandlungen mit einander. An der Spitze derselben steht Fürst Kaunitz, einer der größten Staatsmänner unserer Zeit, der sich durch seine Verdienste um das kaiserliche Haus in das Vertrauen der Kaiserinn und ihres Sohnes gesetzt hat und würdig ist, der Vermittler zwischen beyden zu seyn. Im Herzen mag er mehr der Parthey des Kaisers anhängen, als den Grundsätzen seiner Frau Mutter; aber es ist jener selbst daran gelegen, an ihm einen Vermittler zu haben, der bey der Monarchinn Ansehen genug hat, um bey derselben ihren philosophischen Operationen die Farbe von Religiosität zu geben, ohne welche sie ihren Zweck nie erreichen könnte. Er maskirt die Märsche des Kaisers und seines großen Feldmarschalls; und so wachsam auch der Cardinal mit allen seinen vortrefflichen Spionen ist, so mußte er doch öfters capituliren, ehe er noch wußte, daß der Feind im Anmarsch sey. (Risbek, Briefe eines reisenden Franzosen.) 5 . Der Judenfriedhof in Wien . – Wer die Geschichte der Stadt Wien auch nur einiger Maßen kennt, der weiß, daß die Leopoldstadt früher »Judenstadt« geheißen, weil sie der Wohnsitz der in Wien lebenden Juden gewesen. Doch nicht Jedem wird bekannt seyn, daß die Häuser Nr. 28, 29, 38, 39, 48, 50 vor dem Jahre 1670 einer jüdischen Familie angehörten, die den Nahmen Frankl geführt, und noch weniger, daß unter dieser Familie, die Ahnen unseres gefeyerten Dichters gewesen. Diese Familie gehörte zu den wohlhabenderen der damahligen Wiener Judengemeinde, und sie zeichnete sich noch außerdem durch frommen Sinn und Eifer für ihren Glauben aus, Eigenschaften, welche sie, wie unser Dichter in einem Beytrage zur Geschichte Wiens: »Der alte Judenfreythof« berichtet, in einer verhängnißvollen Stunde auf eine schöne Weise an den Tag legte. Im Jahre 1671 nähmlich, wo sämmtliche Juden aus der Stadt Wien vertrieben wurden, kaufte die Familie Frankl den jüdischen Leichenhof in der Rossau von dem Magistrate, und zwar um 4000 Silbergulden, damit er, wie es die Pietät jüdischer Glaubensgenossen will, unangetastet verbleibe für ewige Zeiten, auf daß die Ruhe ihrer hingeschiedenen Ältern und Freunde nicht gestört werde. Der Leichenhof besteht heute noch, und der große Kaiser Joseph, der aus Sanitätsrücksichten allen Leichenhöfen außerhalb der Linie ihren Platz anwies, achtete den zwischen der Familie Frankl und dem Wiener Magistrate bestehenden Vertrag. (Jüdischer Plutarch, Wien 1848; 1. Theil, Artikel X. A. Frankl). So blieb der Freythof in der Rossau der Begräbnißplatz der hiesigen Juden bis zum Jahre 1784, wo auf Befehl Josephs II. die Gottesacker außerhalb der Linien Wiens verlegt, und die in der Stadt und Vorstadt verkauft wurden; nur der der Juden, weil sie einen neuen vor der Währinger Linie auf eigene Kosten ankauften, blieb verschont; worüber folgendes Decret erlassen worden ist: » An die hiesige Judenschaft! Über einen erstatteten allerunterthänigsten Bericht, daß die Übergabe des jüdischen alten Freythofs an die Cameraladministration und der sohinnige Verkauf desselben nicht statt habe, da den Juden zur Herstellung eines neuen Freythofs außer der Linien auch kein Vorschuß aus dem Religionsfond gemacht, sondern derselbe ex propriis bestritten wurde, ist unterm 19. vorigen und praesentato 14. dieses, die höchste Entschließung herabgelanget, daß dieser Antrag begnehmigt werde. Welches derselben hiermit zur Wissenschaft erinnert wird. Wien den 17. May 1748. Graf von Pergen. Hegelin. « Der Besitzer des Begräbnißplatzes, Samuel Oppenheim , wurde Stifter und Begründer des israelitischen Spitales in Wien, dessen Geschichte, so wie die des neuen israelitischen Freythofes in Währing, wir uns als fernere Beyträge zur Geschichte Wiens vorbehalten. Während der türkischen Belagerung verbrannte die hölzerne Einfriedung des Gottesackers. Oppenheim ließ dieselbe um das Jahr 1704 von Stein aufführen, die bis zum Jahre 1784 aushielt, wo sie durch die große Überschwemmung fast ganz niedergewühlt wurde. Viele Grabsteine, vielleicht die ältesten, gingen bey dieser Gelegenheit zu Grunde. Der glorreiche Kaiser Joseph II. besichtigte die Verwüstung und ordnete den neuen Aufbau des bey dieser Gelegenheit auch zerstörten Spitals an; die Ausführung kam durch mannigfache Hindernisse erst im Jahre 1793 zu Stande. (Frankl, zur Geschichte der Juden in Wien, I. Heft, Wien 1847). 6. Joseph zu Gunsten der Greiner gegen den obersten Kanzler Ridler im österr. Archiv 1831. . – Die Geschichte des siebenjährigen Krieges hatte Joseph II. hinreichend belehrt, welchen Einfluß die schlesischen Festungen auf den Gang der Kriegsereignisse gehabt; wie dagegen Böhmen den Plünderungen der Feinde offen gestanden. Dieses schöne Königreich nach einem reiflich erwogenen Befestigungssystem zu schützen, lag schon längst im Plane des Kaisers, und noch im letzten Jahre der Regierung seiner erhabenen Mutter schritt er mit gewohnter Raschheit zur Ausführung desselben. Das schon befestigte Königingrätz wurde durch neue Werke verstärkt, der Platz auf dem die neue Festung Theresienstadt nicht fern von der Mündung der Eger in die Elbe erbaut werden sollte, wurde ausgemessen, dasselbe geschah mit Pleß am Zusammenfluße der Metau und Elbe, welchen strategischen Punct der Scharfsinn Lascy für eine Festung gewählt. Aus Dankbarkeit ließ Joseph dessen Brustbild aus Carrarischem Marmor von Jos. Ceracchi in halberhobener Arbeit verfertigt, im Pleßer Zeughause mit folgender Inschrift aufstellen: JOSEPHUS II. AUG. MAURITIO. LACI DE TUTISSIMAE ARCIS FUNDANDAE CONSILIO. ET. LOCO, ANNO. MDCCLXXXVII. Des F. M. L. Querlonds Plan zum Bau dieser Festung wurde ohne die geringste Abänderung angenommen. – Zu einer dritten hatte der würdige Oberst-Lieutenant Des Traux, dessen Verdienste und Einsichten im Kriegsbaue Theresienstadt beurkundet, den geeigneten Platz nicht fern von Münchengrätz an der Iser gefunden, durch welche die genannten Festungen in eine engere Verbindung getreten wären. Zwey andere sollten auch noch an der Eger zum Schutze des westlichen Theils von Böhmen und eine zur Sperrung des Wagthales hinter dem Jablunkapasse erbaut, auch der Tafelberg bey Olmütz mit einem starken Hornwerk versehen werden, nicht ohne einen Rückblick auf den ersten Operationsplan, welchen der König von Preußen im Jahre 1778 entworfen. Allein der im Jahre 1783 ausgebrochene Türkenkrieg, die niederländischen Unruhen, vor Allem aber der frühe Tod Josephs verhinderten die Ausführung eines Plans, durch den die wichtigsten Länder der österreichischen Monarchie gegen die Einfälle vom Norden her gedeckt worden wären. Es liegt in der Natur der Dinge, daß bey einem Festungsbaue gewöhnlich Übersiedlungen der Landleute statt finden; auch mit Pleßer Unterthanen war dieß der Fall, und die Staatsverwaltung wies ihnen andere den ihrigen gleich große Grundstücke bey dem herrschaftlichen Mayerhofe Rozbierzitz an, gegen Zahlung ihrer vorigen Steuer, gegen Leistung derselben Roboth und gegen Bezug des Erbsilberzinses. Obgleich nun, nach der Äußerung des Oberamtmannes zu Smirzitz, diese Grundstücke weit besser als die Pleßer gewesen, und wenigstens um zwey Körner mehr in der Erträgniß abgeworfen, so weigerten sich diese Unterthanen dennoch den Tausch einzugehen, und bathen den Kaiser, als er die Festungsarbeiten zum erstenmahl in Augenschein nahm, um die Einräumung anderer bey dem obrigkeitlichen Mayerhofe Holohlaw. Als sie einige Zeit darnach, auf das mündliche Versprechen des Kaisers sich stützend, die Einräumung dieser Grundstücke vom Oberamtmann zu Smirzitz verlangt, jedoch zurückgewiesen worden, so sandten sie einige aus ihrer Mitte nach Wien, um dem Kaiser persönlich ihr Gesuch zu überreichen, in welchem sie bathen, Se. Majestät möge dem Oberamtmanne zu Smirzitz befehlen, ihnen die mündlich versprochenen Grundstücke zu übergeben; sie wären jedoch im vollen Vertrauen auf die Gnade des Landesvaters bereit, sich jedem andern kaiserlichen Befehle willig zu fügen. Dieses Gesuch übersandte der Kaiser dem obersten Kanzler, Leopold Grafen von Kollowrat, zur Äußerung mit dem Zusatze, den Bittstellern, so weit er sich erinnere, keine mündliche Zusage gemacht zu haben. – Der Graf, von hohem Unwillen ergriffen, daß Unterthanen, selbst gegen ihren Vortheil, Anordnungen der Staatsverwaltung störrisch zurückweisen, ja sogar frech behaupten, der Landesfürst habe ihnen mündliche Versprechungen gemacht, von welchen dieser nichts wisse, trug auf eine kreisämtliche Commission an, um nach den Grundsätzen der Billigkeit die Grundstücke einzutauschen, die Frevler gebührend zu strafen und zur Ruhe zu bringen; die zu Wien befindlichen Pleßer Unterthanen aber sogleich abzuweisen, mit dem Bedeuten, den Ausspruch der kreisämtlichen Commission zu Hause abzuwarten. So glaubte der hohe Staatsbeamte sprechen zu müssen, der eben so wohl für die bestehende gesetzliche Ordnung, als für das Ansehen und die Würde seines Kaisers eifrig besorgt war; anders jedoch sprach der Fürst, welcher den Pflug selbst geführt, und durch diese Handlung seine Achtung für den Stand des Pflügers erwiesen, in dessen Wohlstande er die Kraft und Wohlfahrt des Staats und die gesicherte Ruhe in künftigen Zeiten erblickte. Er erließ daher den 19. April 1781 folgende Resolution an den Grafen von Kollowrat: »Da die Supplicanten, in Ansehung der ihnen von Mir auf die holohlower Gründe gemacht seyn sollenden mündlichen Zusage in einem irrigen Wahne sind, so müssen sie ausfindig gemacht, und ihnen solcher ohne mindeste Ahnung benommen werden; zugleich aber ist auch an das Wirthschaftsamt, so wie an das Kreisamt durch Behörde der Befehl zu erlassen, daß der Gemeinde Meine Entschließung mit aller Glimpflichkeit und Anstand vorgetragen, und der selbst in ihrer Bittschrift bezeugte Gehorsam gegen Meinen Willen besonders belobet werden solle.« Joseph . 7. Das Pasquill an der Lutherischen Kirche in Wien, welche nebst mehreren andern Bauten bekanntlich auf der Stelle des von Joseph II. aufgehobenen Königklosters, (erbaut von Maximilians II. Tochter, Elisabeth, Wittwe Carls IX. von Frankreich), sich befindet, war handschriftlich. Der Kaiser, als er es zu lesen bekam, befahl, daß es, und zwar zum Besten jener Kirche selbst, gedruckt werde. Dieser Druck ist in klein Quart auf Schreibpapier, und besteht aus 18 Zeilen. Wir haben diese Curiosität vor uns liegen; sie lautet: Pasquill gegen den Kaiser, so an der Lutherischen Kirche in Wien gestanden, welches Ihre Kaiserliche Majestät aber abdrucken lassen, und das dafür eingekommene Geld der protestantischen Kirche geschenkt haben. Dieser Tempel war einst zum Dienst des allmächtigen Gottes, von den frommsten Beherrschern Österreichs eingeweiht; war die Wohnung heiliger Jungfrauen des unbefleckten Lammes. Aber es plünderte darin die Kirchenschätze, zerstreute in alle Welt die geheiligten Nonnen, und warf aus ihren Grüften die Gebeine der Verstorbenen, jener Kirchenräuber, Verführer der Braut Christi, und Schwächer reiner Jungfrauen – Des Martin Luthers Anhänger und Nachfolger: – Joseph der Zweyte , ein Lothringer von Geburt, uneingedenk der göttlichen Barmherzigkeit, welche ihn auf den Thron erhoben, ein berüchtigter Verächter heiliger Kirchengesetze. – Nach Gelde dürstend und von schändlicher Gewinnsucht entflammt, begünstigt und befördert er alle Ketzereyen, und ist selbst kein Mann von Religion. Nun hat er ein seit Jahrhunderten unerhörtes Beyspiel gegeben, eben diesen Tempel, zum Sammelplatz der Gräuel, diebischer Weise verkauft und angewiesen. (Vergl. S. 274 .) Fünftes und letztes Bändchen. 68. Huldigung dargebracht der Wahrheit und den Manen des Hrn. Feldmarschalls Grafen von Lacy 24 Octavseiten, gedruckt zu Lausanne; in sehr wenig Exemplaren, Französisch und extra Deutsch; schon beynahe vierzig Jahre, so gut als gar nicht mehr bekannt, und dabey von besonderer Wichtigkeit. Hier wird Joseph zugleich geschildert. Der Herr Verfasser, 1767 geboren, 1767, der Fürst D***, lebt noch, zur Freude Aller die ihn kennen. . Rien n'est beau que le vrai; le vrai seul est aimable. Boileau.     Inhalt. – Auszug aus dem Journal de l'Empire vom 20. October 1811. –Widerlegung dieses Artikels von einem gewesenen österreichischen Officier. – Historische Nachricht über den Herrn Feldmarschall Grafen von Lacy. – Nachträgliche Anmerkungen. Vorläufige Anmerkung . Man wird sehr leicht bemerken: daß der Verfasser der Widerlegung des in dem Journal de l'Empire vom 20. October 1811 aufgenommenen Artikels, sehr entfernt war, sich in eine Streitfrage über Militärgrundsätze und Systeme einzulassen und eben so entfernt, die Vorzüge von Massen-Operationen gegen Zertheilungs-Operationen zu verkennen. Er hat blos einen biographischen Irrthum berichtigen und demnach versichern wollen; erstens: »Daß Feldmarschall Lacy nicht der Urheber eines Systems der Streitkräfte-Vertheilung war;« zweytens »daß er an den Planen, welche die alliirten Armeen in den ersten Feldzügen der Revolution gegen Frankreich befolgt haben, keinen Antheil gehabt hat.« Da aber die negativen Beweise stets Schwierigkeiten unterworfen sind, so stünde es vielmehr jenen zu, welche die hier widerlegten zwo Thatsachen behaupten wollten, die Beweise ihrer Angaben zu liefern. I. Auszug aus dem Journal de l'Empire vom 20. October 1811. Verschiedenes . Kriegskunst und Geschichte . Abhandlung über die großen militärischen Operationen u. s. f. Von Herrn General Baron v. Jomini . Zweyte Auflage. ( Zweyter Artikel .) .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   Friedrich aber war mehr ein geschickter General, als ein großer Kriegsmann   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   Die in Europa seit Friedrichs Tode vergessene Kriegskunst bestand, im Augenblicke der Revolution, darin: Truppen in Lustlagern manoeuvriren zu machen und in allen Details des Dienstes eine kleinliche Regelmäßigkeit zu bringen. Zu dieser dürftigen Gewohnheit gesellte sich ein System der Vertheilung der Streitkräfte, das der Feldmarschall Lascy Es sollte heißen Lacy. im Türkenkriege einführte und das, zur Beschützung einiger Dörfer im Banat, dem Kaiser Joseph die Hälfte seiner Armee verlieren machte. Dieses unglückliche System wurde bey den österreichischen Armeen – den einzigen die damahls Krieg führten – bis zur Ankunft des Feldmarschalls Laudon Es sollte heißen Loudon. befolgt, der, durch ein entgegengesetztes und den Grundsätzen angemessenes Benehmen, sich würdig bewies, die größten Unternehmungen zu leiten. Aber der Tod dieses Generals ließ Lascy seinen ganzen Einfluß, und die coalisirten Armeen, hauptsächlich nach seinen Planen geführt, fielen in die nähmlichen Irrthümer zurück und traten abtheilungsweise auf der ganzen Strecke von Frankreichs Gränzen auf.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   Kaum hatte Dumouriez den, durch die üble Jahrszeit und Mangel an Lebensmitteln schon ermüdeten Feind genöthigt, das französische Gebiet zu räumen: kaum hatte er die Schlacht von Jemappes – natürliche Folge dieses Rückzuges – gewonnen, so . . . . . Die Alliirten . . . . . . . zerstreuten sich ihrerseits auch: die einen (1793) gehen rechts, Dünkirchen belagern, die andern Maubeuge im Centrum, indeß die Preußen und Wurmser Landau blokiren und bis unter den Mauern von Straßburg erscheinen . . . . . . . Beyderseits beging man einen großen Fehler, indem man große Anstrengungen nach Flandern wendete, indeß die Positionen der Maaß den Franzosen den Schlüssel der Niederlande und den Österreichern die Grundlinie ihrer Operationen zum Eindringen in Frankreich darbothen.  . . . . . . General Jomini, entschuldigt die Fehler der ersten Feldzüge der Revolution, wenn sie aus Ursachen entstunden, die den Kriegsereignissen fremd waren . . . . . . . Unglücklicherweise hat er nicht immer sehr sichere Daten über die geheimen Ursachen der Ereignisse gehabt, die er vielleicht als Nebendinge bey seinem Plan ansah. II. Widerlegung des vorstehenden Artikels. Von einem gewesenen österreichischen Offizier, der die Feldzüge von 1788 und 1789 gegen die Türken – das erste Jahr in der Suite des Feldmarschalls Lacy, daß zweyte Jahr in der des Feldmarschalls Loudon, dann auch die ersten Feldzüge der Revolution in der Champagne und den Niederlanden gemacht hat Diese Widerlegung ist schon in öffentlichen Blättern erschienen. . Ich werde es gewiß nicht unternehmen, die vom Herzoge von Braunschweig, bey seinem Eintritt in Frankreich gewählte, Operationslinie weder zu rechtfertigen, noch selbst zu erklären; aber ich getraue mich zu glauben: daß es die geringe, zur Besetzung des verschanzten Lagers vor Mons unzulängliche Anzahl Truppen, und nicht eigentlich der Rückzug aus der Champagne war, was dem General Dumouriez den Gewinn der Schlacht von Jemappes erleichterte. Beyläufig zwölf- bis vierzehntausend Österreicher unter den Befehlen Sr. königl. Hoheit des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen machten ihm lebhaft diesen Sieg streitig, der seitdem in Frankreich selbst »ein geräumiges, von einem finsteren Strahl des Ruhms erleuchtetes Grab« genannt wurde Im Moniteur. . Ich konnte es auch nicht zur Absicht haben – selbst wenn ich das dazu erfoderte Talent besäße – die Operationen der Alliirten im Elsaß und in den Niederlanden aufzuklären; eben so wenig die Plane, nach denen 1793 die Belagerung von Dünkirchen unternommen und die Blokade von Maubeuge ungezwungenerweise aufgegeben wurde; noch auch die Unthätigkeit darauf der Armee in den Niederlanden, während die französische Armee nach Elsaß marschirte, und wie die Alliirten 1794 dem Vortheil einer Linie von befestigten und genommenen Plätzen entsagten und sie hinter sich setzten, um zuerst vom Centrum aus zu operiren, indem sie ihre Flanken blos gaben, dann große Anstrengungen nach Flandern wendeten, statt – wie General Jomini bemerkt – ihre Operationen auf die Maas zu gründen. Vielleicht daß der künftige Geschichtschreiber, von den geheimen Ursachen dieser Ereignisse besser unterrichtet – über welche Herr Al . . . L . . . . mit Recht bedauert, daß General Jomini nicht immer sehr sichere Daten gehabt hat – sie unter die großen Wirkungen kleiner Ursachen reihen und sie durch die Irrthümer und Fehler von einzelnen erklärt finden wird. Feldmarschall Lacy war bekanntermassen, als General-Quartiermeister, die Seele der Operationen des Feldmarschalls Daun in dem denkwürdigen siebenjährigen Kriege: man verdankte ihm insbesondere die glorreichen Siege von Hochkirchen und Maxen. Friedrich II. selbst würdigte, in seinen Briefen an seine Generale, die Talente und die Thätigkeit des Feldmarschalls Lacy. Er war es, der 1778 und 1779 die Operationen der österreichischen Armeen in Böhmen leitete; und wenn auch höhere Befehle ihm damahls nicht erlaubten, angriffsweise fürzugehen, so bewies dieser Feldzug wenigstens, daß er die Vertheidigungs-Kriegskunst in einem hohen Grade besaß. Es würde ihm gegen Feldherren wie Friedrich II. und Prinz Heinrich, wohl nicht gelungen seyn, wenn er sich dem System der Vertheilung der Streitkräfte überlassen hätte, dessen Einführung im Türkenkriege man ihm ungerechterweise zugemuthet hat. Kaiser Joseph commandirte in eigener Person 1788. Die österreichischen Armeen waren nicht die einzigen die damahls Krieg führten: Sie hatten an dem Kriege von 1768 zwischen Russen und Türken keinen Antheil genommen; in diesem Kriege aber war Österreich mit Rußland verbunden. Das rechtsseitige Armeecorps in Croatien war unter den Befehlen des Fürsten Carl von Liechtenstein, und später des Feldmarschalls Loudon; die große österreichische Armee an der Save vom Kaiser befehligt, unter welchem sich Feldmarschall Lacy befand; das linksseitige Corps in Banat vom General Wartensleben commandirt. Ein anderes in Siebenbürgen unter den Befehlen des Generals Fabris, dann des Fürsten von Hohenlohe, vertheidigte diese bergigte und wichtige Provinz, und unterhielt die Verbindung mit dem österreichischen Armeecorps, das unter den Befehlen des Herzogs von Sachsen-Coburg mit dem von Suwarow commandirten russischen rechten Flügel vereinigt war, da Fürst Potemkin damahls vor Oczakow stand. Man wird gewiß nicht behaupten, daß es besser gewesen wäre, keine Truppen in Croatien zu haben, dem ganz kriegerischen und mit festen Plätzen angefüllten Bosnien entgegen, oder im Banat in der Nähe der Festungen Belgrad, Orsova und Widdin, oder in den Engpässen Siebenbürgens, die sich hinter der Verbindung zwischen den zwey großen alliirten Armeen befanden. Es waren übrigens nicht einige Dörfer im Banat, die von den Türken in diesem Feldzuge verbrannt wurden; sie verheerten das ganze Mehadyerthal, das rechte Donauufer, und verbrannten Pancsova, eine bevölkerte und reiche Handelsstadt: so daß man vielmehr hätte wünschen können, daß das Banat besser besetzt gewesen wäre, als es in der That war. Wenn man sich die Standtabellen der Truppen in diesem Feldzuge an der Save und Donau verschaffen könnte, so würde man sehen, daß das nördliche Ufer dieser Flüsse, mit Ausnahme der hauptsächlichen Übergangsplätze und der Nähe der feindlichen Festungen, nicht viel mehr mit Truppen besetzt war, als dieß in Friedenszeiten gegen die Pestseuche und gegen die Streifereyen der Einwohner der Fall ist. Und was die, aus Mangel an festen Plätzen in erster und selbst in zweyter Linie, besetzten Puncte betrifft, getraue ich mir zu zweifeln, daß der größte Feldherr unsrer Zeit sie unbesetzt gelassen haben würde, und urtheile so nach der hohen Weisheit, welche die Vermehrung der Befestigung am Rhein zu der Zeit befahl, wo sie an der Weichsel siegte – nil actum reputans, si quid superesset agendum. Und wenn auch übrigens einige mindere wichtige Zwischenpuncte etwas mehr besetzt gewesen wären, als es nöthig war, so waren es nur kleine Abtheilungen der Hauptcorps, die man verstärkte Vorposten nennen könnte; und müßte man die Ursache davon nicht in dem System des Feldmarschalls Lacy, sondern in der bekannten Sorgfalt Josephs II. für seine Unterthanen und zwar gegen einen Feind suchen, der in seinen Streifereyen eben so wenig die Gesetze der Menschlichkeit, als die der Kriegskunst beobachtete. Es gibt – wenn ich mich nicht irre – keine allgemeine Regel für, noch wider die Vertheilung der Streitkräfte; die Eigenheiten des Terrains entscheiden darüber. Es ist allerdings nicht nöthig, sich zu zerstreuen, um eine gerade Linie im flachen Lande zu vertheidigen; aber könnte man Engpässe unbesetzt und Flüsse unbeobachtet lassen wollen? Der General, der 1799 Sr. kaiserl. Hoheit dem Erzherzog Carl in der Schweiz folgte, würde sich wahrscheinlich besser darin behauptet haben, wenn er das von diesem Prinzen angenommene System befolgt hätte, als da er ein ganz entgegengesetztes annahm. Feldmarschall Loudon, der 1789 den Oberbefehl übernahm, da Kaiser Joseph selbiges Jahr nicht an der Spitze seiner Armee erschien, beendigte diesen Feldzug mit der Einnahme von Belgrad Er nahm auch Orsova. Die übrigen hauptsächlichen Thaten in diesem Kriege waren die von den Österreichern und Russen vereinigt gewonnenen Schlachten von Foksan und Martinestie durch den Herzog von Sachsen-Coburg und Suwarow; die von dem General Clerfait gewonnene Schlacht bey Calafat; ruhmvolle Gefechte unter dem Fürsten von Hohenlohe an der siebenbürgischen Gränze; Sabaecs, Dubitza, Novi, Berbir, Czettyn durch die Österreicher – Oczakow und Ismael durch die Russen mit Sturm erobert, und die durch den Fürsten Repnin bey Maczyn gewonnene Schlacht. . Beweggründe, die der Tactik fremd waren, hatten den Kaiser gehindert, die von dem Feldmarschall Lacy vorbereitete und angetragene Belagerung am Anfange des vorjährigen Feldzugs zu erlauben. Aber in allem, was das nördliche Donau- und Save-Ufer betraf, befolgte Feldmarschall Loudon, der in seinen alten Tagen äußerst behutsam geworden war, was 1788 beobachtet worden, mit Ausnahme der aus dem Übergange selbst über die Save und der Belagerung von Belgrad natürlicherweise entstandenen Veränderungen. Feldmarschall Lacy hat an den Plänen der alliirten Armeen gegen Frankreich keinen Antheil gehabt, er hat deren Resultate geahndet, und in dieser Hinsicht dem Herzog von Braunschweig im Frühjahre 1792 zu Mainz, sowohl über die, seiner Meinung nach, unzulänglichen Streitkräfte überhaupt, als auch über die entworfenen Operationen, Vorstellungen gemacht; aber er wurde nicht gehört. III. Historische Nachricht über den Feldmarschall Grafen von Lacy. Der Verfasser der Widerlegung des in dem Journal de l'Empire vom 20. October 1811 aufgenommenen Artikels hat blos dem Triebe seines Herzens gefolgt, indem er die Vertheidigung seines Generals übernahm. Er achtete sich dazu besonders zu einer Zeit verbunden, wo sehr oft der Tadel mit eben so viel Ungrund verschwendet wird, als man in Lobeserhebungen Übertreibung anbringt. Wer schweigt, scheint einzugestehen; und wenn Zeitgenossen sich weder durch Gefühle der Dankbarkeit, der Wahrheit, noch der Gerechtigkeit, bewogen fänden, Irrthümer zu berichtigen, so würde die Geschichte diese Irrthümer aufnehmen, und jene Männer, die das meiste gethan hätten, um in der Meinung der Nachwelt ehrenvoll zu leben, würden ungerechterweise des ihren Bemühungen gebührenden Preises beraubt seyn. Der Verfasser obiger Widerlegung maßt sich nicht an, der Geschichtschreiber des Feldmarschalls Lacy zu werden; die wahrhafte Geschichte dieses großen Kriegsmanns würde zugleich sein Lob seyn. Der Verfasser ist übrigens in diesem Augenblicke von den dazu benöthigten Materialien zu sehr entfernt, selbst um eine Skizze zu entwerfen und die vorzüglichsten Thatsachen dazu zu sammeln. Er wird sich demnach begnügen, aus dem Gedächtnisse zu sprechen, wo er nicht als Augenzeuge sprechen könnte. Feldmarschall Lacy, aus einem der edlen Geschlechter entsprossen, die Wilhelm dem Eroberer nach England folgten, und dessen Vorfahren einer sich durch die denkwürdige Vertheidigung eines festen Schlosses in Frankreich berühmt machte, war der Sohn des Eroberers von Azow, das Feldmarschall Münich nicht bezwingen konnte. Als Held gebaut und zum Kriege geboren, war seine Gestalt Ehrfurcht befehlend; er trat zuerst als Grenadier-Hauptmann und Volontär in dem Successionskriege Marien Theresiens auf. Reich an Fähigkeiten und Glücksgütern, voll Begierde sich zu bilden und auszuzeichnen, hatte er eine Equipage in Italien, eine andere in Böhmen, eine dritte in Deutschland; er flog aus einer Gegend in die andere, je nachdem er hoffen konnte, sich bey einer Schlacht oder Belagerung einzufinden, und in der Zwischenzeit übte er seinen Blick und seinen Muth in ritterlichen Unternehmungen: von seinen Kameraden, oder auch nur von seinen Reitknechten begleitet, recognoscirte er, beunruhigte die feindlichen Vorposten, überfiel Vedetten und Pikete und machte Gefangene. Die Denkschriften jener Zeit sprachen von diesem militärischen Zeitvertreib des Feldmarschalls Lacy, in seiner Jugend. Er erhielt in dem Zeitraume seiner Laufbahn viele Wunden; außer mehreren Pferden, die ihm unter dem Leib erschossen wurden, verlor er deren drey, blos in der Schlacht bey Velletri. Darin wurde er nur durch den berühmtesten seiner Schüler, den Fürsten Johann von Liechtenstein, diesen österreichischen Achill, übertroffen – und war mit 76 Jahren deshalb eifersüchtig – welcher in der Schlacht an der Trebbia vier Pferde verlor. Allein die Tugenden eines Kriegers waren nicht die einzigen, die der Feldmarschall Lacy besaß: man sah ihn eben so liebenswürdig, selbst munter, in der Gesellschaft, als furchtbar auf dem Schlachtfeld. Er war edel, voll Zartgefühl, großmüthig; der sanfteste Gebieter; der zugänglichste, mittheilendeste, unterrichtendeste Anführer; der standhafteste, vortrefflichste Freund Sein Jugendfreund, der Oberststallmeister Fürst von Dietrichstein und die Frau Fürstinn Franz von Liechtenstein sind nicht mehr, um es zu bezeugen; ihre Kinder könnten es bestätigen. Aber die Frau Fürstinn Carl von Liechtenstein, aber der Herr Fürst de Ligne, welche seine und des Kaisers Joseph Gesellschaft bildeten, werden ihrem Freunde diese Gerechtigkeit widerfahren lassen. ; der unerschütterlichste Beschützer (er würde nicht aufgehört haben, es gegen einen Undankbaren zu seyn, obschon er selbst äusserst dankbar war). Grenadier-Hauptmann zugleich als Graf Pellegrini, hörte dieser, eine Nacht, da er in einer Stadt in Italien die Ronde machte, Lärmen in einem Wirthshause und fand daselbst den Grafen Lacy, der seiner betrunkenen Soldaten nicht Meister werden konnte und im Begriffe war, ihr Opfer zu werden. Diesen zwar wichtigen, jedoch blos zufälligen Dienst vergaß er durch sechzig Jahre nicht, und großentheils war es diesem, daß Graf Pellegrini nacheinander, neben seiner Tapferkeit und seinen Diensten, die Auszeichnungen zu verdanken hatte, die er erhielt. Er starb 1796 als Feldmarschall, Chef des Ingenieur-Corps, Inhaber eines Infanterieregiments seines Nahmens, Großkreuz des militärischen Marien-Theresien-Ordens und Ritter des goldenen Vliesses. Ich würde sagen: »daß der Löwe keinen Geschichtschreiber hatte,« wenn ich nicht hätte sagen hören, daß der verstorbene General Browne, ein Schwestersohn des Feldmarschalls Lacy, die Geschichte, wo nicht des Successions- doch des siebenjährigen Krieges und der Feldzüge von 1778 und 1779 geschrieben habe. Ist dies, so muß sich das Manuscript in der Kriegskanzley zu Wien befinden und jeder Militär müßte wünschen, daß diese Geschichte gedruckt würde. Da sie aber unter den Augen des Feldmarschalls Lacy geschrieben worden wäre, so ist vorauszusehen, daß sie dem, von dem Antheil, den er an den Ereignissen hatte. ununterrichteten Leser minder die Geschichte des Feldmarschalls scheinen würde. Aber seine Gegner selbst und besonders Friedrich II. haben ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Einst schrieb der König einem seiner Generale: »er könne ruhig seyn, da General Lacy die Armee verlassen habe um nach Wien zu gehen; bey dessen Rückkehr aber solle er auf seiner Hut seyn, indem er gewiß nur sich in die Hauptstadt begeben habe, um einen neuen Angriffsvorschlag genehmigen zu machen.« Es käme übrigens den noch lebenden und vom siebenjährigen Kriege unterrichteten Zeugen, und jenen, denen diese Umständlichkeiten am meisten überliefert wurden, zu: die Lücken zu füllen, welche die bekannte Unbefangenheit des Feldmarschalls Lacy in dieser Geschichte verursacht hätte. Ich will nur bemerken, daß er mit 39 Jahren Feldmarschall wurde: daß niemand ihm den Ruhm des Vorschlags und des Gewinns der Schlacht von Hochkirchen streitig gemacht hat, wo Friedrich II. in seinem Lager überfallen und geschlagen wurde, hundert Kanonen verlor, was diesen großen Feldherrn dennoch nicht hinderte, seinen Sieger stutzen zu machen, indem er nur eine oder zwo Stunden weit vom Schlachtfelde und mit den einzigen vier Kanonen stehen blieb, die er gerettet hatte. Es ist hier der Ort, anzumerken: daß Feldmarschall Lacy auch in einem hohen Grade die Kunst der Lagerung, der Zeit- und Distanzen-Berechnung, der Approvisionirungs-Details und jene Vorsicht besaß, die allein einen geschickten Generalen zum großen Feldherrn macht Und in dieser Hinsicht verdiente Friedrich II. gewiß auch, daß Herr Al . . . L . . . . nicht ausgesprochen hätte: »er sey kein großer Feldherr gewesen.« . Seinen Terrain, durch sich selbst, oder durch seine Offiziere vom Generalstab, die er in Athem zu halten wußte, vollkommen kennend: kaum war er in einer Position angekommen, kaum hatte er seinen Vortrab aufgestellt, seine Vorpostenlinie geordnet und die nothwendigen Verschanzungen anbefohlen, als schon eine, oder selbst zwo Positionen auf einen oder zween Märsche rückwärts, vorbereitet und verschanzt wurden, um die Armee im Nothfalle aufzunehmen. Nie selbst überfallen oder umgeben, war ihm der Ruhm zu Theil geworden, bey Maxen fünfzehntausend Preußen das Gewehr niederlegen zu heißen. Edelmüthig eifernder, nicht neidischer oder gehässiger Bewunderer des Feldmarschalls Loudon, war er sein erster Lobredner, und dieser andere große Feldherr, eben so bieder, aber von minder gelassenem Character, sah nur in so ferne die Vorzüge seines Rangsältesten wirklich mit einiger Unbehaglichkeit, als er selbst, ungeachtet der für sich habenden größeren Anzahl von glänzenden Thaten, sich die Überlegenheit seines Nebenbuhlers in der unermeßlichen Gesammtheit dessen eingestand, was die Kriegskunst in sich faßt Die Kriegskunst wird stets den Feldmarschall Lacy zu den Meistern zählen, deren Beyspiel lehrreich war; und die Geschichte wird nicht anders von ihm sprechen können, ohne die Wahrheit zu verletzen, deren Character sie stets haben sollte. . Eben so sorgfältig in der Vorbereitung, als geschickt in der Führung des Krieges, öffnete dem Feldmarschall Lacy der Friede von Hubertsburg und die Stimme des Feldmarschalls Daun, der ihn Marien Theresien als ihren nutzbarster Diener andeutete, einen neuen Wirkungskreis. Österreich hatte seit dem Prinzen Eugen von Savayen, keinen Hofkriegsraths-Präsidenten gehabt, wie Feldmarschall Lacy, der auch stets davon ein Muster bleiben wird, wie er es auch in dem Amte eines General-Quartiermeisters war. Er organisirte die Armee nach einem neuen Reglement, das der damahligen Zeit ganz angemessen, und in welchem der Hauptzweck mit einer erstaunlichen Öconomie und mit einer bis dahin unbekannten Rechnungs-Evidenz erreicht war. Man werfe ihm nicht die Vervielfältigung der Schreiberey vor: er reformirte sie vielmehr, als daß er sie eingeführt hätte, und, als er, nachdem er seit langen Jahren das Kriegspräsidium verlassen hatte, das Commando der Armee unter Kaiser Joseph 1788 übernahm, erkannte er nicht mehr seine Organisation, und war der erste der über die viele Schreiberey klagte, welche sich nach und nach während dem Frieden in den Kanzleyen eingeschlichen hatte. Diese Uneigenheit schien daraus entstanden zu seyn, daß die Nachfolger des Feldmarschalls und ihre Untergebenen aus dieser Schreiberey ihr Hauptgeschäft und gewissermaßen ihre Unterhaltung gemacht hatten, die Feldmarschall Lacy – sie aus das zur guten Ordnung und zur Evidenz nöthige beschränkend – blos als ein nothwendiges Übel angesehen hatte Feldmarschall Loudon, der die Details haßte, entledigte sich ihrer in dem folgenden Feldzuge, da er dem ersten nach ihm, launig genug sagte: »ich bitte Euer Excellenz, sich mit den Kleinigkeiten abzugeben.« . Dieses Übel aber wurde sehr groß, wenn es sich bis auf den Chef der Armee ausdehnte und ihm eine Zeit raubte, die er den höheren Theilen der Kunst schuldig war. Feldmarschall Lacy konnte es, durch seine Vorstellungen und durch die während dem siebenjährigen Kriege gemachte Erfahrung, nicht bewirken, daß der Vorschlag einer Festung zu Pleß, bey Nachod, an der schlesischen Gränze, angenommen wurde. Es war doch einer der Haupteingänge in Böhmen, und wo eine Festung von zwölftausend Mann Besatzung, sammt einem zur Aufnahme eines Corps von zwanzigtausend Mann verschanzten Lager, eine Armee, von achtzigtausend Streitern ersetzt hätte. Erst nach dem Teschner-Frieden wurde sein Vorschlag in dieser Hinsicht gewürdigt. Er, der die seiner Monarchinn durch den berühmten General de Grivauval Bey der Belagerung von Schweidnitz. geleisteten Dienste nicht vergessen hatte, vertraute den Entwurf und die Ausführung einem französischen Ingenieur, Herr von Querlonde Er starb in einem hohen Alter als pensionirter Feldmarschall-Lieutenant; und sein Sohn, Ingenieur-Oberst-Lieutenant wurde bey der Belagerung von Valenciennes erschossen. . Die zu Pleß gebaute Festung wurde Josephstadt benannt; man vermehrte Königgrätz, eine ältere, nicht weit rückwärts von ersterer entfernte, und baute eine andere mit Nahmen Theresienstadt gegen die sächsische Gränze zu. In Josephstadt mitten im Arsenal, ließ Kaiser Joseph das Brustbild des Feldmarschalls Lacy mit folgender, ihrer Einfachheit wegen, schönen Innschrift, aufstellen; DE TUTISSIMAE ARCIS FUNDANDAE, CONSILIO ET LOCO, zum Gedächtniß zwanzigjähriger, endlich befolgter Rathgebung. Zwey andere, von dem nähmlichen Monarchen den Feldmarschällen Lacy und Loudon, in dem Saal des hofkriegsräthlichen Gebäudes zu Wien, gesetzte Brustbilder gereichen, durch ihre Innschriften, eben so sehr diesem Fürsten, als seinen beyden Helden zum Lobe. Der zweyte erhielt: FORTI, FELICI, ET CIVUS OPTIMI EXEMPLUM; der erstere; QUI BELLI AEQUE AC PACIS ARTIBUS PERITUS, ILLIS VINCERE, HIS PATRIAM INVICTAM REDDERE DOCUIT – und der Kaiser – der kein illustre ingrat Jedermann kennt die Verse: »L'amitié que les rois, ces illustres ingrats,« u. s. w. war. endigte, indem er sagte: Der bayrische, mehr politische als militärische und, von seinem Anfange an, durch die französischen und russischen Unterhandlungen gestörte Krieg erlaubte dem Feldmarschall Lacy nur, die Talente eines Fabius zu zeigen. Es war im Jahre 1788, wo Feldmarschall Lacy zum letztenmahl an der Spitze der österreichischen Armeen, nicht als Oberbefehlshaber, sondern mit seinem Fürsten und als dessen Lieutenant erscheinen sollte. Der Krieg von 1778 hatte einen fünf und zwanzigjährigen Frieden nur wenig unterbrochen. Es gab also viele Zöglinge des Mars, viele Liebhaber, die nie Flintenschüsse gehört hatten. Man war gierig nach den ersten die statt haben würden. Der Kaiser, feurig und zu sehr geneigt, die Gefahren mit seinen Truppen zu theilen, setzte sich aus, wie ein Grenadier; der Feldmarschall, der ihn nicht zurückhalten konnte, folgte ihm mißbilligend. Die erste Kriegsthat war die Einnahme von Sabács. Der Feldmarschall, wohl wissend, daß die Türken ihre Mauern gut zu vertheidigen pflegen, wollte diesen kleinen Platz nach den Regeln genommen haben. Es entstand ein Plänkeln auf dem Glacis: der Kaiser schickte den Fürsten Joseph Ponyatowski Der nähmliche, der sich in dem polnischen Revolutionskriege gegen die Russen berühmt machte und seitdem 1809 die warschauische Armee mit Auszeichnung commandirte. dahin, um Bericht; dieser fand ein Gefecht im Gange, setzte sich an die Spitze der Angreifenden und wurde sogleich schwer verwundet Man erfuhr nachher, daß die Türken ihn für den Kaiser angesehen hatten. In der That trug er auch die nähmliche Uniform, und einen Orden. . Fürst Carl de Ligne, Ingenieur-Major – »ostendent terris hunc tantum fata, nec ultra esses sinent« – nahm den Degen seines Freundes und bestieg, der erste, die escarpe Er wurde bey dieser Gelegenheit Oberst-Lieutenant und Marien-Theresienordens-Ritter. Im nähmlichen Feldzuge, eine Nacht wo es Verwirrung gab, rettete ihm Feldmarschall Lacy das Leben, indem er einen Soldaten mit der Pistole niederschoß, der schon nach dem Fürsten gezielt hatte. Dieser erwarb sich, das nächste Jahr, das St. Georgenkreuz der dritten Classe, und blieb in dem ersten Feldzuge der Revolution 1792. . Die Umgebung des Kaisers folgte dieser Bewegung: er selbst vergaß so sehr seine Stelle, daß er sich bey dem Übergang über den Graben befand; der Feldmarschall, der Anfangs getadelt hatte, was er »einen Panduren-Streich« nannte, wollte ihn ausgeführt haben, und es war schön, den ehrwürdigen Greis zu sehen, wie er die Stärke seiner Jugend wieder fand, und unter dem Muscetenfeuer, Palissaden ausriß, um sie in den Graben zu werfen. Jedermann kennt die estampe: »Ziethen sitzend vor seinem Könige«: aber in einem Zelte, während einem Lustlager. Man wird den höheren Antheil fühlen, den es bey den Zeugen erregen mußte, als der Angriff auf Sabács vorgerückt war, den Kaiser zu sehen, wie er die Ermüdung seines alten Dieners wahrnahm, um sich sah, ein Faß bemerkte, es ihm selbst brachte, und ihn nöthigte, sich darauf zu setzen. Man glaubte damahls, daß die Belagerung von Belgrad sogleich vor sich gehen würde; allein der Kaiser, welcher das Blut seiner Soldaten eben so sehr, als das seine wenig schonte, hätte gerne gesehen, daß die Russen über die Donau gegangen wären, wie sie es thun konnten, statt einen Feldzug und eine Armee vor Oczakow zu verlieren, das sie dann in einem Tage nahmen. Dieser Monarch fühlte auch schon damahls, daß sein Ende nicht entfernt sey und sah vor, daß ihm die Zeit gebrechen würde, die großen Unternehmungen zu beendigen, die sein großer Geist und seine Liebe zu seinem Volke ihn hatte entwerfen machen: Er ahndete, daß seine Plane nicht fortgeführt, daß seine Meinungen über Preußen – die erst achtzehn Jahre darnach ihre Bestättigung erhielten – nicht getheilt werden würden; auch würdigte er, nach seinem vollen Werthe, den Anfang der französischen Revolution. In Ermanglung von Siegen, jedoch, werden jene, die sich dem Kaiser damahls am meisten genaht haben, nie das Gedächtniß seiner Güte, seiner Menschlichkeit, seiner Wohlthätigkeit, seiner unermüdeten Thätigkeit bis zu seiner letzten Stunde, seiner Selbstvergessenheit, seiner Einfachheit, seines Edelmuths und seiner Seelenstärke verlieren. Sie werden auch nicht seine Gerechtigkeit gegen den Feldmarschall Lacy vergessen; denn, obschon dieser Letztere den Beweis davon vernichtet hat, so bleibt es doch stets lebend in unserm Gedächtniß, jenes rührende Schreiben, das Joseph II. auf dem Todtenbette an ihn erließ: um ihm für seine Rathschläge zu danken und ihm das Zeugniß zu geben, daß er sich ihrer stets zu erfreuen gehabt habe, und sich ihrer stets zu erfreuen gehabt haben würde Der Kaiser, indem er seine Freunde seinen Verwandten und Alliirten zugesellte, schrieb auch ein rührendes Lebewohl an die Damen, bey denen er seinen Abend zuzubringen pflegte. Daselbst war er nicht Souverän, war er nur der liebenswürdigste, artigste, interessanteste Gesellschafter. . Kein Monarch, wenn nicht Heinrich IV. von Frankreich, ist aufrichtiger beweint worden; kein Monarch hat in der That mehr Freunde gehabt, als Joseph II. Feldmarschall Lacy überlebte ihn zwölf Jahre; eben so viele seinen Nebenbuhler im Ruhm, den Feldmarschall Loudon, und einige seinen Neffen und Zögling, den General Browne, welcher, mit einer besseren Gesundheit, den Fußstapfen seines Oheims gefolgt haben würde und von der ganzen Armee bedauert starb. General Browne wurde zu Neu-Waldek, dem Landsitze des Feldmarschalls Lacy, des österreichischen Cincinnatus ganz würdigen Schöpfung, begraben. Er selbst wurde, nach seinem letzten Willen, neben seinem Neffen beygesetzt. Die Sorge dieses Grabes ist den Fürsten von Schwarzenberg anvertraut; der Lorbeer wird also nicht aus Vernachläßigung darauf wachsen Jedermann weiß die Antwort in der römischen Geschichte, die diesen Gedanken gab. . Möge der Schatten eines Helden mit Wohlgefallen diese Huldigung aufnehmen, die so rein ist, als das Gefühl, daß sie entstehen hieß! Möge besonders eine geübtere Feder die Großthaten bald sammeln, die des Feldmarschalls Lacy Leben ausgemacht haben, damit er in der Geschichte seines Jahrhunderts den ihm gebührenden Platz einnehme! Nachträgliche Anmerkungen . Historische Nachricht. Feldmarschall Pellegrini war wirklich, was man einen biedern wackern Ritter – preux Chevalier – nennen kann: voll Rechtlichkeit und Ehrgefühl. Bey der Berennung von Belgrad vergaß sich Feldmarschall Loudon einen Augenblick gegen ihn, und machte ihm – da er vielmehr selbst die gegebene Stunde vergessen hatte – etwas lebhafte Vorwürfe. Feldmarschall Pellegrini rechtfertigte sich mit Kraft, und bewies, daß er nicht gefehlt hatte, und Feldmarschall Loudon glaubte, ihm, zur Genugthuung, den Antrag machen zu müssen, »sich mit ihm auf Pistolen zu schlagen.« Es läßt sich leicht denken, daß Feldmarschall Pellegrini mit dem Antrag allein zufrieden war. Man weis einen ähnlichen Zug des Feldmarschalls Loudon im Feldzug von 1778. Er war gegen einen Subalternofficier in Zorn gerathen; man meldete ihm, daß dieser Officier darüber sich empfindlich gekränkt fühlte: – »will er mit mir raufen?« – »er denkt nicht daran;« – »warum nicht? er soll« – und er ließ ihn rufen, both ihm Genugthuung an, zog seinen Degen, nöthigte den Officier den seinigen zu ziehen und mit ihm anzulegen; ja er wollte sogar durchaus: »daß er einen Stoß auf ihn führen sollte.« Dieß erinnert an die Geschichte des Marschalls d'Armentières, die ebenfalls zum Beweise dienen kann: wie wichtig die Erhaltung von dem, was man den point d'honneur nennt, jenen stets schien, die, durch eine lange Erfahrung, dessen Bestehung schätzen gelernt haben. Man muß gestehen, daß Feldmarschall Loudon manchmahl Anlaß gab, ähnliche Genugthuungen zu leisten. Einst drohte er einem, »ihn hängen zu lassen, wenn das, was er ihm aufgetragen hatte, nicht zur bestimmten Zeit vollbracht seyn würde.« Dieser erzählte es nachher klagend dem Kaiser Joseph, der ihm antwortete: »Feldmarschall Loudon sey es wohl fähig.« Ebendaselbst. Kein Monarch hat mehr Freunde, als Joseph II. Man erlaubt sich, hier zween Züge anzuführen, die characteristisch scheinen werden. Der Kaiser war im Begriffe, sich zur Armee zu begeben; er war nicht ganz gesund; er hatte den Gang der Geschäfte während seiner Abwesenheit von Wien festgesetzt; er hatte eben sein Testament unterzeichnet; er kam aus seinem Cabinet und ging, durch einen schwach beleuchteten Gang, in seine Gemächer. Er begegnete einem jungen Officier, ohne Uniform, der mit den Secretären des Kaisers in freundschaftlichen Verhältnissen stand, selbst am andern Tage abreisen sollte, und da er eine sterbende Mutter hatte, mit seinen Freunden von seiner Verlegenheit sprechen wollte. Der Kaiser erkennt ihn, frägt ihn: »was er will?« – »Ich wollte zu Herrn Danton gehen.« – Der Kaiser wollte ihn hinführen; der Officier, demnach, nimmt keinen Anstand, dem Kaiser seine allerdings delicate Lage zu eröffnen. – »Sie müssen Ihre Abreise verschieben; Sie waren Sohn, bevor Sie Soldat wurden.« Im Banat kam ein Haufen wallachischer Bauern, dem Kaiser eine Bittschrift zu überreichen. So zugänglich als Joseph II. immer war, so war doch ihre Anzahl und der Gegenstand ihres Begehrens der bestehenden Ordnung zuwider, so daß, da er zuerst in seine Tasche gegriffen hatte, um ihnen Geld zu geben, er nach einem Blicke auf ihre Zahl und ihre Bittschrift, sagte: »es ist gegen das System«, und sie mit Strenge von sich wies. Fürst Joseph Ponyatowski, der sich hinter dem Kaiser befand, und nicht glaubte, daß er ihn hören könne, sagte halblaut zu seinem Nachbarn: »das verfluchte System«! Der Kaiser hörte es, kehrte sich zu ihm und frug ihn: »was er gesagt habe?« Der Fürst schwieg; der Kaiser drang auf Antwort: – »Sire! ich habe gesagt, das verfluchte System.« – »Warum haben Sie das gesagt?« – »Sire! weil, seitdem ich die Ehre habe, mich in Ihrem Gefolge zu befinden, ich bemerkt habe, daß Ihre erste Bewegung stets voll Güte ist, und daß dann das System dazwischen kommt, Sie aufzuhalten.« Statt aller Antwort griff der Kaiser hastig in seine Tasche, und gab den wallachischen Bauern eine Hand voll Ducaten. Man konnte viele ähnliche Züge anführen und muß sich daher nicht wundern wenn »multis ille, bonis, flebilis, occidit.« 69. Aus dem französischen Tagebuch der Königinn von Frankreich, zugeeignet von dem Ritter du Coudroy . (Veränderte und vermehrte Ausgabe). Der Kaiser kam unter dem Nahmen des Grafen von Falkenstein am 18. April um 5 Uhr Abends zu Paris an, und speiste bey seinem Gesandten zu Nacht. Am 19. Früh um 8 Uhr begab er sich nach Versailles, und besuchte gleich nach seiner Ankunft daselbst die Königinn, bey welcher sich der König befand. Die Königinn selbst führte ihn zu der ganzen königlichen Familie und er speiste mit beyden Majestäten zu Mittag. Nach der Tafel besuchte er die Minister und kehrte hierauf nach Paris zurück. Am 20. um 9 Uhr Morgens ging er aus, spazierte in dem Garten des Luxembourg, hörte bey den Carmelitern Messe, besuchte die Invaliden, Kriegsschule, den Lord Stormont, den Fürsten von Pane, die Gräfinn von Bücanoy, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag. Abends war er in der Oper, und hernach bey der Frau Gräfinn von Brionne. Am 21. besuchte er Früh um 8 Uhr das Hotel Dieu, und die Kirche Unserer lieben Frau; um 11 Uhr kam er wieder nach Hause, fuhr nach Versailles, wo er mit der Königinn speiste, bey Madame dem Abendessen der ganzen königlichen Familie beywohnte, und in einem Hotel Garni übernachtete. Am 22. ging er Früh um 8 Uhr in dem Park zu Versailles spazieren, sah die Menagerie, speiste bey der Königinn zu Mittag in Kleintrianon, und wohnte dem Abendessen des Königs bey, wo sich der ganze Hof einfand. Am 23. kam er nach Paris zurück, unterwegs besah er die Porzellanfabrik zu Seves, ging in dem Park zu St. Cloud spazieren und speiste in dem Hotel de Treville; nach der Tafel besuchte er die Kirche St. Sulpice und St. Genevieve, war in der italienischen Comödie, und brachte den Abend bey der Frau Herzoginn von Chartres zu. Am 24. besuchte er Frühe um 8 Uhr die Wundarzneyschule und das Findelingshaus; von da begab er sich in das Palais; wo er in verschiedenen Kammern processiren hörte; darnach stattete er einen Besuch bey Lord Stormont ab, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; Nachmittags besah er das Münzhaus und die königliche Bibliothek, gab der Frau Herzoginn von Bourbon Visite, und brachte den Abend daselbst zu. Am 25. ging er Früh um 8 Uhr nach Versailles, und kam zur Mittagstafel ins Hotel de Treville zurück; Nachmittags ging er auf den Wällen von dem Thore Sanct Honerè an, bis an die Straße du Temple spazieren; darnach in die Oper, zur Frau Marschallinn von Monchy, und den Abend brachte er bey der Frau Herzoginn von Bourbon zu. Am 26. ging er Früh um 9 Uhr in den Tuillerien spazieren, sah im Louvre die Academien der Wissenschaften, der Mahlerey, und der Architectur – alles, was dieß prächtige Gebäude in sich enthält. Abends war er in der französischen Comödie, darnach besuchte er die Frau Herzoginn de la Valliere, und brachte den Abend bey der Frau Herzoginn du Chatelet zu. Am 27. erhob er sich nach der angehörten Messe au petit Calvaire nach Versailles, wo er in seinem Gasthofe speiste, dem Grandcouvert beywohnte, und den übrigen Theil des Abends bey der Königinn zubrachte. Am 28. kam er nach Paris zurück, sah unterwegs die Brücke von Neuilly, wohnte der Musterung, den Kriegsübungen und dem Feuer der Schweizergarde in der Ebene von Salons bey, speiste in dem Hotel de Treville, und blieb den Abend zu Hause. Am 29. begab er sich Früh um 9 Uhr nach Versailles, wo er mit den beyden Majestäten an der Königinn Tafel speiste. Morgens hatte er sich in dem Saale der Gesandten eingefunden. Nachmittag fuhr er mit der Königinn in die Abtey St. Cyr, und Abends wohnte er dem Spiele bey der Königinn bey. Am 30. sah er die Gemählde der Krone, speiste mit der Königinn, begleitete sie nach Marly zu Pferde, wohnte dem Spiele bey der Königinn bey, und kam Abends nach Paris zurück. Am 1. May hörte er Morgens um 10 Uhr die Messe bey St. Sulpice, ging von da zu dem Herrn von Trüdeine, wo er die Amtsstuben vom Post- und Straßenwesen besah, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; Nachmittags besah er den Kronschatz und die Brodhalle. Abends war er in der italienischen Comödie, ging aber von da in die französischen Schauspiele, darnach zur Prinzessinn von Morsau, zum Lord Stormont und zu der Gemahlinn des sardinischen Gesandten. Am 2. besah er Früh um 8 Uhr Bicetre, das allgemeine Hospital, das Zeughaus, die Bastille, den königlichen Platz, das Rathhaus, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag. Nachmittags war er im Colisee, und besuchte in der Oper die Herzoginn von Prolie und den General Cock. Am 3. begab er sich nach den Gabelins, deren Manufacturen er besah; hierauf ging er in den königlichen Pflanzengarten, wo er das Naturaliencabinet in Augenschein nahm, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; um 2 Uhr begab er sich nach Versailles, wohnte der Probe einer Oper in dem großen Saale des Schlosses und dem Soupee des Königs in den kleinen Zimmern bey, und kehrte nach Paris zurück. Am 4. hörte er in Gnadenthal Messe, besah die kleinen Appartements der Prinzen von Condé und den englischen Garten des Herzogs von Chartres. Am 5. betrachtete er Früh um 8 Uhr die Plans bey den Invaliden, begab sich hierauf nach Versailles, wo er mit der Königinn allein speiste, und Abends der Oper Castor und Pollux in dem großen Hoftheater beywohnte. Am 6. kam er mit der Königinn und dem ganzen Hofe nach dem Schlosse la Muette, ritt mit dem Könige aus, um die französische Schweizergarde in der Ebene von Salons zu mustern, und kehrte zum Soupee der ganzen königlichen Familie bey Madame zurück. Am 7. kam er Früh um 8 Uhr in Paris an, ging um 9 Uhr aus, besah vollends das Louvre, besuchte viele Künstler, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; Nachmittag fuhr er zu dem Abbé de l'Epée, der die Stummen und Tauben lehret; Abends besuchte er in der Comödie die Prinzessinn bey dem spanischen Gesandten. Am 8. hörte er Früh um 8 Uhr Messe bey den Theatinern, besah die königliche Druckerei, ging nach dem Cours de la Reine, wo er die Eleven der französischen Garde manövriren sah, begab sich nach Chaillot und nahm die Seifensiedereymanufactur und ein Naturaliencabinet in Augenschein, ging von da in den Tuillerien spazieren, kam zum königlichen Architekt, Herrn Soufflot, ließ dem Herrn Coustou das schwarze Band des St. Michaelsordens umhängen, kam hierauf nach dem Luxembourg, besah das Cabinet, die Gallerie von Rubens gemahlt, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag. Nachmittag ging er auf den großen Boulevards bis an den Pont-auxnoux spazieren, kam in das Concert spirituel, und begab sich um 7 Uhr nach Versailles, wo er den Abend bey der Königinn zubrachte. Am 9. wohnte er mit dem Könige dem Hirschjagen in dem Gehölze von Verviers bey, speiste in seinem Gasthofe zu Mittag, ging in dem Park spazieren, erwartete daselbst die Königinn, welche in Kleintrianon gespeist hatte, und wohnte dem Soupee in den kleinen Appartements bey, wo sich die ganze königliche Familie befand. Am 10. fuhr er Früh um 8 Uhr von Versailles ab, stieg bey der französischen Garde aus, wo ihn der Herr Marschall von Biron erwartete, um die Eleven manövriren zu lassen, und ihre Erziehung zu untersuchen, stattete bey der berühmten Tänzerinn Guimord einen Besuch ab, ging in dem königlichen Pallaste spazieren, sah alle Gemählde des Herzogs von Orleans, das Cabinet des Herrn Loriol, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag. Nachmittags begab er sich in die Versammlung der Academie der Wissenschaften, hierauf in die französische Comödie, wo er den Herrn Necker, Oberaufseher der Finanzen und königlichen Schatzmeister besuchte; den Abend aber brachte er bey der Herzoginn von Bourbon zu. Am 11. hörte er Früh um 9 Uhr zu St. Roch Messe, besuchte den berühmten Verfertiger der Seeuhren, Herrn Berton, fuhr um halb 1 Uhr nach Versailles, und kam um 6 Uhr von da wieder zurück, stieg an der italienischen Comödie ab, und brachte den Abend bey der Herzoginn von Enville zu. Am 12. besah er Früh um 9 Uhr zu Charenton die Vieharzneyschule, besuchte das Schloß und den Park zu Bercy, kam zu dem Herrn Berton zurück, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; Nachmittags nahm er das Hotel und den Garten des Generalpächters, Herrn Beaujou in Augenschein, begab sich von da nach Torre, wo er ein kleines Collise sah, war Abends in der französischen Comödie, und brachte den Abend bey der Frau von Necker zu. Am 13. begab er sich Früh um 8 Uhr nach Versailles, kam durch Bellevue, sah das Schloß zu Meudon, speiste mit der Königinn in Kleintrianon zu Mittag, und ging den ganzen Nachmittag in den Bouquets spazieren, wo die Königinn ihrem Bruder eine unvermuthete Festivität anstellte. Abends war großes Soupee, wo sich die ganze königliche Familie und die ersten Damen aus der Suite einfanden; nach dem Soupee war Comödie, auf welche ein Ballet von Noverre und ein prächtiges Feuerwerk folgte. Bey der Tafel zeigte sich der König so besonders freundschaftlich gegen den Grafen von Falkenstein, daß er ihn immer mit dem wärmsten Gefühl seinen lieben Bruder, den würdigen Kaiser nannte, und in verschiedene andere eben so rührende Ausdrücke ausbrach, daß alle Gäste und Zuschauer vor Freuden weinten. Um halb 3 Uhr ging der Hof auseinander, und der König führte den Grafen von Falkenstein in seiner Kutsche nach Versailles zurück. Am 14. besah er die Maschinen zu Marly und den Pavillon de Lucianne und speiste zu Versailles mit Ihren Majestäten zu Mittag; Abends besuchte er in der französischen Comödie die Marschallinn von Dücas, und brachte den Abend bey Madame Blondet zu. Am 15. begab er sich Früh um 8 Uhr in das Palais, um einem Rechtshandel zuzuhören, besah das Haus des Herrn von Monville, kehrte zu dem Herrn von Beaujou zurück, und begab sich nach Choisi, wo er mit dem König speiste, welcher ihm ein prächtiges Fest anstellte, dem der ganze Hof beywohnte; Nachmittags wurde eine Spazierfahrt zu Wasser gehalten, und früh soupirt, hierauf war Comödie, auf welche ein Ballet von Noverre folgte, um 11 Uhr begab sich der Hof nach Versailles und der Graf nach Paris. Am 16. ritt er mit allen Herrn seines Gefolges Früh um 9 Uhr aus, sah die französische Garde manövriren, welche auf dem Marsfelde im Feuer exercirte, besuchte ihr Hospital, begab sich von da zum Comus, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; Nachmittags begab er sich in die Versammlung der Academie der Aufschriften, von da in die Oper, und brachte den Abend in seinem Hotel zu. Am 17. begab er sich Früh um 9 Uhr nach St. Denis, stattete bey Madame Louise, Tante des Königs, einen Besuch ab, besah die Gräber der Könige in der Abtey, fuhr von da nach St. Quen, besah das Haus des Prinzen von Soubise und den Garten des Herrn Boutin, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; Nachmittags begab er sich in die Versammlung der Academie der Wissenschaften, und fuhr nach Versailles, wo er den Abend bey der Königinn zubrachte. Am 18. speiste er in seinem Gasthofe zu Mittag, sah die Prozession der Cordonsbleus, besuchte das Kriegshotel, wohnte der offenen Tafel bey, und kehrte nach Hause zurück. Am 19. besah er die Küchengärten und die Orangerie zu Versailles; speiste mit der Königinn zu Mittag, besuchte verschiedene Minister und kehrte nach Paris zur französischen Comödie zurück, wo er bey der Herzoginn von Losse einen Besuch abstattete. Am 20. hörte er au petit Calvaire Messe, besuchte den General Corke, besah zu Nevily das Haus des Herrn St. Foix und die schöne Mühle, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag. Nachmittags war er in der französischen Comödie und begab sich nach Versailles, wo er dem Soupee des ganzen Hofes in den kleinen Appartements beywohnte. Am 21. speiste er mit der Königinn und kehrte nach Paris zurück, stieg in der französischen Comödie ab, und stattete daselbst bey der Gräfinn Bentheim einen Besuch ab. Am 22. begab er sich Früh um 9 Uhr zu dem berühmten Mechanicis und Mitglied der Academie, Herrn v. Vaucanson, kam in das Zeughaus und besah die Salpeterverwaltung, besuchte die beyden königlichen Mahler, Robert und Greuze, begab sich von da in das Medaillencabinet und in die königliche Bibliothek, besah ein kleines Theater bey einem geschickten Brabanter, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; Nachmittags besuchte er den Herzog von Panthievre in seinem schönen Schlosse zu Sceaux, und kehrte nach Paris zurück, wo er den Abend bey der Herzoginn du Chatelet zubrachte. Am 23. besah er Früh um 9 Uhr den Garten des Herrn Marschalls von Biron, begab sich hierauf nach Versailles, wo er mit der Königinn speiste; Nachmittags besuchte er den Minister der Marine, Herrn von Sartine, war in der Stadtcomödie mit der Königinn, wohnte dem Soupee bey Madame, wo sich die ganze königliche Familie befand, bey, und kehrte nach Paris zurück. Am 24. besah er Früh um 8 Uhr das Schloß und den Park d'Amsterdam, speiste in dem Gasthofe zu Mittag, begab sich hierauf nach Chantilli, und besuchte den Prinzen von Condé, der ihn überall in diesem Zauberpallaste herumführte, hier blieb er bis um 4 Uhr und kehrte nach Paris zurück. Am 25. hörte er um 11 Uhr bey den Carmelitern Messe, besah den Comus, das Cabinet des Herrn Grafen von Beaudouin, Capitains der französischen Garde, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; Nachmittags besuchte er die Prinzessinn von Conti, den Lord Stormont, die Gräfinn von Matignon, Madame Jessein, die Gräfinn von Birone, und begab sich hierauf nach Versailles, wo er der offenen Tafel beywohnte. Am 26. begab er sich um 10 Uhr nach St. Hubert, einem acht Stunden von Paris gelegenem königlichen Jagdhause, mit dem Könige und der Königinn, speiste in dem Schlosse zu Nacht und kehrte nach Versailles zurück. Am 27. speiste er mit dem König und der Königinn zu Mittag; Nachmittags besuchte er den Kriegsminister, Herrn von St. Germain, und den Herrn von Maurepas, wohnte dem Soupee der ganzen königlichen Familie in den kleinen Appartements bei, und kehrte nach Paris zurück. Am 28. besuchte er Mittags um 12 Uhr den Lord Stormont, und speiste in dem Hotel de Treville zu Mittag; Nachmittags besuchte er die Herzoginn von Duras und die Gräfinn Julles de Polignac, kam zur Königinn in die französische Comödie und fuhr mit ihr nach Versailles, wo er dem Soupee bey Madame beywohnte. Am 29. sah er die Frohnleichnamsprozession auf dem königlichen Balcon und speiste mit Ihren Majestäten zu Mittag. Nachmittags besuchte er den Herrn von Sartemis und den Minister der ausländischen Geschäfte, Herrn von Vergennes, wohnte der Bethstunde in der königlichen Schloßkapelle bey, ging hierauf mit dem Könige allein beynahe drey Stunden lang spazieren, fand sich bey dem Soupee bey Madame ein, und kehrte nach Paris zurück. Am 30. besah er Früh um 10 Uhr die Manufactur zu Joui, begab sich von da nach Versailles und nahm von Ihren Majestäten und dem ganzen Hofe Abschied. Am 31. reiste Seine kaiserliche Majestät von Paris ab, um die Provinzen des Königreichs zu besehen. 70. Friedrich II. über Joseph II. Ich komme so eben von einer langen Reise zurück. Ich bin in Mähren gewesen und habe da den Kaiser besucht, der im Begriff steht, eine große Rolle in Europa zu spielen. Er ist an einem bigotten Hofe geboren, und hat den Aberglauben abgeworfen; ist in Prunk erzogen, und hat einfache Sitten angenommen; wird mit Weihrauch genährt, und ist bescheiden; glüht von Ruhmbegierde (?), und opfert seinen Ehrgeitz der kindlichen Pflicht auf, die er wirklich äußerst gewissenhaft erfüllt; hat nur Pedanten zu Lehrern gehabt, und doch Geschmack genug, Voltaire's Werke zu lesen, und ihr Verdienst zu schätzen. Er sagte mir einmahl beynahe einen ganzen Gesang aus dem Pastor fido und einige Verse aus dem Tasso her. (Aus einem Briefe des Königs an Voltaire den 16. September 1770.) Der Kaiser wollte ein vollkommenes Incognito beobachten; er nahm den Nahmen des Grafen von Falkenstein an, und man glaubte, ihm nicht mehr Ehre erweisen zu können, als wenn man ihm in Allem zu Willen wäre. Dieser junge Fürst affectirte eine Offenherzigkeit, die ihm natürlich schien; sein liebenswürdiger Character verrieth einen frohen Sinn, mit dem er eine große Lebhaftigkeit verband; aber bey aller Begierde zu lernen, hatte er nicht die Geduld, sich zu unterrichten, welches indessen nicht hinderte, daß nicht Bande der Freundschaft zwischen beyden Monarchen geknüpft worden wären. Der König sagte dem Kaiser, er sehe diesen Tag als den schönsten seines Lebens an, denn er würde die Epoche der Vereinigung zweyer Häuser ausmachen, die zu lange Feinde gewesen wären, und deren gegenseitiges Interesse es erfordere, sich einander eher beyzustehen, als sich aufzureiben. Der Kaiser antwortete: Für Österreich gebe es kein Schlesien mehr. – Hierauf ließ er auf eine gute Art etwas davon fallen, daß, so lange seine Mutter lebe, er sich nicht schmeicheln dürfe, einen hinlänglichen Einfluß bey ihr zu erlangen, um seine Wünsche auszuführen. Jedoch verhehlte er nicht, daß bey der jetzigen Lage der Sache in Europa weder seine Mutter noch er jemahls zugeben würden, daß die Russen im Besitz der Moldau und Wallachey blieben. Er schlug hierauf vor, solche Maßregeln zu nehmen, daß Deutschland eine völlige Neutralität behaupte, im Fall sich ein Krieg zwischen England und Frankreich entspänne \&c. \&c. Der König, um sein Verlangen nach der Erhaltung des guten Vernehmens zwischen Preußen und Österreich zu bezeugen, nahm das Anerbiethen des Kaisers an, und die beyden Fürsten machten sich wechselseitig schriftlich anheischig, diese Neutralität zu behaupten. Diese Verschreibung war eben so unverletzlich, als es ein in aller Form gemachter, und mit den Unterschriften der Minister ausgeschmückter Vertrag seyn kann. Der Kaiser versprach im Namen seiner Mutter und in dem seinigen, und der König verpfändete sein Ehrenwort dafür, daß, wenn der Krieg zwischen Frankreich und England ausbräche, sie mit aller Treue den zwischen Preußen und Österreich glücklich hergestellten Frieden erhalten wollten, und daß, wenn andere Umstände oder Unruhen dazu kämen, deren Veranlassung man unmöglich voraussehen könnte, sie von beyden Seiten die vollkommenste Neutralität in Ansehung ihrer beyderseitigen Besitzungen beobachten wollten. Diese Versprechungen, worüber man ein sorgfältiges Stillschweigen beobachtete, wurden zu Neisse, zur gemeinschaftlichen Zufriedenheit beyder Monarchen unterzeichnet. Die zweyte Zusammenkunft des Königs und Kaisers geschah im Lager von Neustadt in Mähren. Man fand keinen einzigen Österreicher, der nicht irgend ein Zeichen von Animosität gegen die Russen hätte blicken lassen. Der Kaiser erschien dem König noch immer in demselben Lichte, wie das erste Mahl in Neisse. Der Fürst Kaunitz, der ebenfalls anwesend war, hatte lange Conferenzen mit Seiner preusischen Majestät, in welchen er mit Emphase das System seines Hofes entwickelnd, es für ein Meisterstück der Politik ausgab, dessen Schöpfer er sey. Er stellte hierauf die Nothwendigkeit dar, sich den ehrgeizigen Absichten Rußlands zu widersetzen, und erklärte, die Kaiserinn würde es niemahls dulden, daß die russischen Armeen die Donau überschritten, noch daß Rußland solche Acquisitionen mache, durch welche es zum Grenznachbar von Ungarn würde. Er gestand, daß die Vereinigung Preußens mit Österreich der einzige Damm sey, den man dem ungeheuern Strom, welcher ganz Europa zu überschwemmen drohe, entgegen setzen könne. Als er aufgehört hatte, zu sprechen, antwortete der König, daß er stets bemüht seyn werde, die Freundschaft Ihrer kaiserlichen Majestäten, welche ihm unendlich schätzbar sey, zu erhalten, bath aber andererseits den Fürsten Kaunitz, die Pflichten zu bedenken, welche dem König durch die Allianz mit Rußland auferlegt worden seyen, und wie es ihm unmöglich sey, sich von solchen loszusagen obgleich in eben diesen Verbindlichkeiten gerade die vornehmsten Hindernisse lägen, in die ihm eben gemachten Vorschläge des Fürsten einzugehen. Der König fügte hinzu, daß es sein einziger Wunsch sey, zu verhindern, daß der Krieg zwischen den Russen und Türken ein allgemeiner werde , daß er sich zu dem Behuf zum Vermittler zwischen den beyden kaiserlichen Höfen erbiethe, daß es sogar Zeit sey, daran zu denken, wie man bey der gegenseitigen Unzufriedenheit einen offenen Bruch verhindern könne . Um jedoch den Wiener Hof in der günstigen Stimmung zu erhalten, fand es der König angemessen ( à propos ), dieselben Versicherungen, welche er dem Kaiser Joseph gegeben hatte, zu erneuern, auch einigen kleinen Chicanen zwischen den Grenzbeamten ein Ziel zu setzen, dazu versprach man dem Kaiser, der offene Mittheilung aller dem Berliner Hofe gemachten und künftigen Eröffnungen verlangte, freundliche Gewährung. Da jedoch Alles das zwischen dem König und Kaunitz allein verhandelt wurde, so fand es der König schicklich, den Kaiser von dem in Kenntniß zu setzen, was gesagt und abgemacht worden war. Es schien, daß dieser Monarch, wenig gewohnt an solche Rücksichten, für diese Aufmerksamkeit dem Könige Dank wußte. Des andern Tags kam ein Curier von Constantinopel mit Briefen des Caimacan vom 12. August, durch welche der Großherr die Höfe von Berlin und Wien einlud, die Vermittlung zu übernehmen, um die zwischen der Pforte und Rußland herrschenden Mißhelligkeiten auszugleichen. Es war in dieser Depesche ausdrücklich bemerkt, daß die Pforte sich nur im Fall des Dazwischentretens der beyden Höfe zu irgend einem Friedensschluß herbeylassen würde. Der Kaiser gestand, daß er diese Vermittlung nur den Bemühungen des Königs von Preußen verdanke, und er zeigte ihm dafür seine Erkenntlichkeit. Denselben Tag hatte der König eine Zusammenkunft mit dem Fürsten Kaunitz; er ermangelte nicht, ihm wegen dieser günstigen Begebenheit Glück zu wünschen, da sie ihn einigermaßen beruhigen und selbst die Eifersucht, welche die Fortschritte Rußlands in seinem Gemüth erregt hatten, vermindern konnte. Er sagte ihm, daß diese Nachgiebigkeit der Pforte dem Wiener Hofe die Bestimmung der Bedingungen, welche sie zwischen beyden Mächten aufsetzen wolle, freystelle. Der Minister nahm dieses Compliment mit affectirter Gleichgültigkeit auf und sagte, daß er dieses Benehmen der Pforte billige, aber im Grunde wurde keine Vermittlung mit lebhafterem Eifer ergriffen. ( Oeuvres post.; Memoires. ) Über Josephs Selbstansicht des großen Vorzugs nationaler Einheit in Frankreich. Dieß veranlaßte die für Joseph niederschlagende Vergleichung zwischen diesem unter Einem Haupte vereinigten Staats-Körper und der deutschen Reichsverfassung, wo er zwar Kaiser war, worin sich aber Könige und Souveräne befanden, welche mächtig genug waren, sich ihm zu widersetzen, ja selbst Krieg mit ihm zu führen. Hätt' es in seiner Gewalt gestanden, er würde unverzüglich alle Provinzen des Reichs zu seinen Domänen geschlagen haben, um sich zum Souverän dieses Staatskörpers zu machen und damit seine Macht über die Macht aller Monarchen Europens zu erheben. Dieser Plan beschäftigte ihn unaufhörlich, und er war der Meinung, das Haus Österreich müsse denselben niemahls aus den Augen verlieren. Dieser herrschsüchtige Grundsatz war es, aus welchem seine brennende Begierde, Bayern zu besitzen, floß; und ungeachtet es schien, als wenn der Tod des Churfürsten von Bayern eben nicht so bald erfolgen dürfte, so sparte doch der Kaiser nichts, um den Churfürsten von der Pfalz und seine Minister in sein Interesse zu ziehen \&c. \&c. Der österreichische Hof war zu gefährlich und zu mächtig, als daß man ihn hätte vernachlässigen dürfen \&c. \&c. Joseph hatte zween Generale, Lacy und Loudon, die sich in dem vorigen Krieg Ruf erworben hatten. Sein Kriegsheer war besser versehen und auf einem bessern Fuß, als jemahls. Er hatte die Zahl der Feldkanonen vermehrt und sie bis auf zweytausend gebracht. Seine Finanzen, welche noch die erstaunlichen Kosten des letzten Krieges fühlten, waren nicht auf einem ganz soliden Fuß. Man schätzte die Staatsschulden auf hundert Millionen Thaler, deren Interesse man auf vier Procent herabgesetzt hatte, und trotz allem Gelde, welches man von den Provinzen – – erpreßte, und in Wien zusammenbrachte, behielt die Kaiserinn, nach Abzug aller festgesetzten Ausgaben und angewiesenen Jahrgelder, nicht mehr als zwey Millionen übrig, womit sie nach Gefallen schalten konnte. Es blieb also kein anderer Fond, als vier Millionen Reichsthaler, die der Feldmarschall Lacy an der Erhaltung der Armee erspart hatte; aber durch die Pünctlichkeit, womit die Wiener Bank die Zinsen für die von dem Hof angenommenen Capitalien bezahlte, hatte sie ihren Credit, sowohl in Holland als Genua, dergestalt gegründet und befestigt, daß, wenn der Hof es für dienlich fand, seine Zuflucht zu neuen Anleihen zu nehmen, er sich schmeicheln konnte, neue Hülfsquellen zu finden. Man rechne zu diesem festgestellten Credit eine Armee von 170,000 Mann, die beständig auf den Beinen war, und jeder Leser wird eingestehen, daß Österreich damahls eine ungleich furchtbarere Macht besaß, als die vorigen Kaiser, selbst Carl V. nicht ausgenommen, je gehabt hatten. Der stolze österreichische Hof, der immer die andern zu beherrschen strebte, warf sein Auge nach allen Seiten umher, um seine Gränzen zu erweitern, und die Staaten in seine Monarchie zu verschlingen, die ihm am bequemsten lagen. Nach dem Orient zu dachte er darauf, Servien und Bosnien mit seinen weit ausgebreiteten Ländern zu verbinden. – Gegen Mittag , reizte ihn die Begierde, einen Theil vom Gebiethe der Republik Venedig an sich zu ziehen; und er wartete nur auf eine Gelegenheit, Triest und das Mailändische auf eine passende Art mit Tyrol zu vereinigen. Dieß war noch nicht genug; er versprach sich sogar. nach dem Tode des Herzogs von Modena , dessen Erbinn mit einem Großherzog vermählt war, Ferrara , welches die Päpste besaßen, zurück zu fordern und dem König von Sardinien die Landschaften Tortonese und Alessandria abzunehmen, weil sie immer den Herzogen von Mayland gehört hatten. Gegen Abend war Bayern ein ungemein reizender Bissen; da es in der Nachbarschaft von Österreich lag, eröffnete es diesem den Weg nach Tyrol. Gehörte ihm Bayern, so sah das Haus Österreich die Donau beständig in seinem Gebieth fließen. Man muthmaßte überdieß, daß es dem Interesse des Kaisers zuwider seyn würde, die Vereinigung von Bayern und Pfalz unter einem Souverän zuzugeben; und da diese Erbschaft den Churfürsten von der Pfalz allzumächtig gemacht haben würde, so war es ungleich vortheilhafter, wenn der Kaiser dieselbe für sich nahm. Wenn man von dort die Donau hinauf ging, stieß man auf das Herzogthum Würtemberg , an welches der Wiener Hof sehr rechtskräftige Ansprüche zu haben glaubte. Alle diese Erweiterungen würden eine Art von Gallerie gemacht haben, welche von Wien aus, immer von einer zur andern, bis an die Ufer des Rheins geführt hätte, wo das Elsaß, das vor Alters einen Theil des Reichs ausmachte, wieder einzuziehen war, und dieses führte nach Lothringen , welches unlängst noch ein Eigenthum der Vorfahren Josephs gewesen war. Wenn wir uns gegen Mitternacht wenden, finden wir jenes Schlesien , dessen Verlust Österreich nicht vergessen konnte, und dessen Besitz es wieder erlangen wollte, sobald sich die Gelegenheit dazu fände. Der Kaiser wußte seine umfassenden Entwürfe nicht zu verbergen. Seine Lebhaftigkeit verrieth ihn häufig. Um davon ein Beyspiel zu geben, ist es hinlänglich, zu erzählen, daß der König von Preußen gegen Ende des Jahres 1775 einige heftige Krankheitsanfälle hatte, welche dem österreichischen Minister am preußischen Hofe, von Swieten, so gefährlich schienen, daß er dem Kaiser melden zu dürfen glaubte, es gehe zu Ende mit dem König, und er werde kein neues Jahr mehr erleben. Sogleich setzten sich alle österreichischen Truppen in Bewegung; der Punct ihres Zusammentreffens war in Böhmen bestimmt, und der Kaiser erwartete mit Ungeduld die Bestätigung dieser Neuigkeit, um sogleich in Sachsen einzufallen, und von da über die Grenzen von Brandenburg zu schreiten, worauf er dem Nachfolger die Alternative stellen wollte, entweder Schlesien dem Hause Österreich wieder abzutreten, oder vernichtet zu werden, ehe er sich zur Wehre setzen könnte. Alle diese Dinge, welche ganz offen geschahen, wurden bald überall ruchbar und vermehrten die Freundschaft zwischen den beyden Höfen nicht, wie man sich wohl denken kann. Diese Scene war um so sonderbarer, da der König von Preußen nur an einem gewöhnlichen Gichtanfalle litt und schon genesen war, ehe man nur die österreichische Armee versammelt hatte. Der Kaiser ließ hierauf alle seine Truppen in ihre gewöhnlichen Quartiere zurückkehren. Ein Jahr darauf machte er die Reise nach Frankreich. ( Oeuvres posthumes et Memoires. ) 71. »Deutsch« als ämtliche Geschichtssprache Ungarns u. s. w. Schon seiner politischen Centralisationsidee nach ging Joseph darauf aus, die deutsche Sprache als die herrschende in Dicasterialgeschäften, geltend zu machen. Insonderheit aber was Ungarn betrifft, so konnte ihm jenes Latein, jenes sogenannte und vielleicht auch sozunennende Küchen- oder Mönchslatein (das, seiner Corruptheit wegen auch insgemein mit »Ungarisch-Latein« bezeichnet zu werden pflegte) schon gar nicht zusagen. Daß es einst dahin kommen werde, die magyarische zur vorschriftmäßig Dominirenden zu erheben: davon mochte Joseph wohl noch gar keine Ahnung gehabt haben; wenn aber dieß gleichwohl der Fall gewesen wäre, so würde er um so energischer vorgegangen seyn, die deutsche durchzusetzen; und ohne Zweifel stünde es jetzt um Ungarn und seine incorporirten Nebenländer ganz anders . . . Möglich auch, daß Joseph von divinatorischen Motiven geleitet worden. Seine Verordnung ist diese: »Der Gebrauch einer todten Sprache, wie die lateinische ist, in allen Geschäften, zeiget genugsam, daß die Nation noch nicht einen gewissen Grad der Aufklärung erreicht habe, indem er zum schweigenden Zeugnisse dient, daß entweder die Nationalsprache mangelhaft sey, oder daß kein anderes Volk in derselben lesen oder schreiben kann, und daß einzig und allein Diejenigen, welche sich dem Studium der lateinischen Sprache gewidmet haben, im Stande sind, ihre Gesinnungen schriftlich zu äußern, die Nation überhaupt aber in einer Sprache beherrscht wird und Gerichtsentscheidungen erhält, die sie selbst nicht versteht: ein noch klarerer Beweis ist es, daß bey allen aufgeklärten Völkern der Gebrauch der lateinischen Sprache von den öffentlichen Geschäften verbannt worden ist, indessen er allein noch in Hungarn und dessen angehörigen Reichen, sowie in dem Großherzogthum Siebenbürgen und in Polen, seinen alten Besitz behauptet.« »Wenn die hungarische Sprache in dem Königreiche Hungarn und den dazu gehörigen Theilen, und in dem Großfürstenthum Siebenbürgen die allgemeine Landessprache wäre, so könnte man sich zwar derselben bey der Verwaltung öffentlicher Geschäfte bedienen; allein es ist bekannt, daß die deutsche und illyrische Sprache mit ihren vielfältigen Dialecten, so auch die wallachische, ebenfalls so sehr im Gebrauche seyen, daß man die hungarische keineswegs für die allgemeine halten könne. Man würde also nicht füglich eine andere Sprache zur Führung der Geschäfte wählen können, als eben die deutsche, deren sich die Regierung bereits sowohl in allen militärischen als politischen Geschäften bedient hat. Wie viele Vortheile aber dem allgemeinen Besten zuwachsen, wenn nur eine einzige Sprache in der ganzen Monarchie gebraucht wird, und wenn in dieser allein die Geschäfte besorgt werden, daß dadurch alle Theile der Monarchie fester untereinander verbunden, und die Einwohner durch ein stärkeres Band der Bruderliebe zusammengezogen werden, wird ein Jeder leicht einsehen und durch die Beyspiele der Franzosen, Engländer und Russen davon hinlänglich überzeugt werden. Und wie nutzbar muß es hauptsächlich für die Hungarn werden; wenn sie ihre Zeit nicht mit der Erlernung so vielerley Sprachen, die im Reiche üblich sind, verderben müssen, wenn sie selbst den größern Theil des Gebrauches der lateinischen Sprache entbehren, und doch Alle durch die Kenntnisse der einzigen Sprache der Monarchie, sowohl zu vaterländischen, als zu auswärtigen Geschäften und zu den antretenden Ämtern sich geschickt machen können.« »Da nun Se. Majestät glauben, daß eben jetzt der Zeitpunct da sey, wo dieser zur Ehre der Nation und zugleich der ganzen Monarchie gefaßte Endzweck ausgeführt werden kann, so haben Se. Majestät verordnet, daß »1) vom 1. November des laufenden Jahres angefangen, bey der königl. hungarisch-siebenbürgischen Hofkanzley alle Geschäfte, die Prozeßsachen ausgenommen, welche durch den Zeitlauf eines Jahres noch lateinisch abgehandelt werden dürfen, nicht anders als in deutscher Sprache behandelt werden, und in eben dieser Sprache alle Expeditionen an die Provinzial-Dicasterien und an diese Kanzley geschehen sollen. Doch sind diejenigen, die unmittelbar an die Gespannschaften ergehen, bis zum 1. November 1785 noch in der lateinischen Sprache auszufertigen. Daher werden auch bey dieser Hofkanzley vom 1. November 1784 an keine anderen Memorialien, als die in deutscher Sprache abgefaßt sind, angenommen werden.« »2) Eben so werden vom 1. November des 1784. Jahres alle Provinzialdicasterien des Königsreichs Hungarn und der dazu gehörigen Theile und die im Großfürstenthum Siebenbürgen alle Geschäfte, die bey ihnen vorgefallen, unter sich selbst in deutscher Sprache abhandeln, und alle an H. S. abzulassende Berichte und Vorstellungen in der nähmlichen Sprache abfassen; die Expedition aber an subalterne Jurisdictionen können sie noch ein Jahr hindurch lateinisch ausarbeiten, und eben in dieser Zeit können sie die von diesen eingekommenen Berichte in der lateinischen Sprache beylegen und an Se. Majestät abfertigen.« »3) Vom 1. November 1785 sollen alle Gespannschaften, freye königl. Städte, wie auch alle besondere Districte und Stühle, alle ihre Geschäfte in deutscher Sprache bearbeiten; und in dieser sollen sowohl die eingeschickten Berichte, als alle wechselweise zu führende Korrespondenzen abgefaßt seyn; sowie es auch der hungarisch-siebenbürgischen Hofkanzley anbefohlen worden ist, daß sie die Expeditionen, die sie an das königl. Gubernium abzulassen hat, bis 1. November des 1785. Jahres in lateinischer Sprache, alsdann innerhalb zweyer Jahre sowohl diese als andere Patente columnenförmig auf eine Seite lateinisch, auf der andern deutsch abfassen, und endlich nach Verfluß dieses Zeitraums nicht anders als deutsch ausfertigen soll, welches auch die Provinzialdicasterien in ihren an verschiedene Jurisdictionen des Reichs abzufertigenden Expeditionen beobachten werden.« »4) Nach Verlauf dreyer Jahre sollen alle juristische Dicasterien und Gerichtsstühle die bey ihnen vorfallenden Prozesse in ihren Sitzungen deutsch behandeln, und die Advocaten selbst werden ihre Allegationen in dieser Sprache abzufassen und den Gerichten vorzutragen haben. Doch sind Se. Majestät nicht ungeneigt, diesen Termin nach Befinden der Umstände, die H. S. zu ihrer Zeit vorgestellt werden dürfen, zu verlängern. Die Gesetze werden lateinisch bleiben, weil die Advocaten und Richter ohnehin dieser Sprache, die zu den höhern Wissenschaften gehört, kundig seyn müssen.« »5) Hiernach wird Niemand zu einem Amte, was es immer für eines sey, in Dicasterien, Komitaten oder bey der Kirche zugelassen werden, wenn er der deutschen Sprache nicht mächtig ist; welches bey den Dicasterien von dem heutigen Datum an, bey den Komitaten innerhalb Jahresfrist, bey geringern aber, sowohl kirchlichen als weltlichen Geschäften, nach dreyen Jahren ohne Widerrede zu beobachten seyn wird. Deßwegen wird vom 1. November 1785 Jedermann, der die deutsche Sprache nicht versteht, bey Komitaten, auch zur Kandidatur zu allerhand Magistratualgeschäften unfähig seyn.« »6) Auf den Landtagen selbst wollen Se. Majestät den Gebrauch der deutschen Sprache bey abzuhandelnden Geschäften einführen. Daher soll nach dreyen Jahren kein Deputirter dahingeschickt werden, der nicht Deutsch kann.« »7) Es soll ferner vom 1. November 1784 kein Jüngling in die lateinische Schule gelassen werden, der nicht im Stande ist, darzuthun, daß er deutsch lesen und schreiben könne.« »Dieß ist Sr. Majestät festgesetzter, und nach reifer Überlegung und erfolgter völliger Überzeugung zum Besten und zur Ehre der hungarischen Nation abzielender Entschluß. Se. Majestät haben diesen Rath nicht deßwegen entworfen, daß H. S. die Nationalsprache zu vertilgen gesonnen seyen, oder daß die verschiedenen im Königreiche Ungarn und dessen angehörigen Theilen und im Großfürstenthum Siebenbürgen lebenden Nationen den Glauben ihrer Muttersprache bey Seite legen und eine andere lernen sollten, auch nicht deßwegen, daß Se. Majestät damit Ihrer eigenen Bequemlichkeit dienen möchten; sondern blos dahin zielt diese höchste Verordnung, daß Diejenigen, die sich der Führung öffentlicher Geschäfte widmen, sowohl deutsch als lateinisch verstehen und in der Handhabung öffentlicher Vorfallenheiten davon Gebrauch machen können. Se. Majestät werden sich demnach auch durch keine Gegenvorstellungen ableiten lassen, diese Verordnung in Ausübung zu setzen.« Alsbald kam die Reihe auch an Galizien. Unterm 1. Dezember 1785 erfolgte das Edict, die deutsche als Geschichtssprache [Gerichtssprache?] in dieser Provinz einzuführen. Binnen drey Jahren mußte jeder Beamte sich mit der Kenntniß der deutschen Sprache ausweisen können. Der Termin wurde späterhin verlängert. Aber die Maßregel griff eben so wenig durch, als in Ungarn. Wie zweckmäßig Josephs Vorhaben auch rücksichtlich Galiziens gewesen, hat sich bey unserm Reichstag herausgestellt. 72. Die Broschurenfluth während der Josephinischen Preßfreyheit. ( Von Blumauer und Pezzl .) Seit der zweyten Hälfte des März 1848 konnte man sich einen ziemlichen Begriff von jener Piecenüberschwemmung machen. Nur waren die ephemeren Erscheinungen der Preße in unsern Tagen nicht Broschuren zu 7 kr. oder 10 kr., sondern mehr einzelne Flugblätter und Maueranschläge, auch deßhalb vielleicht schon in weit größerer Anzahl. Was den literarischen Werth des Inhalts betrifft, so war dieser in den 80 er Jahre mit sehr geringer Ausnahme wirklich unter aller Critik, denn tüchtige Köpfe und befähigte Federn verschmähten es, sich mit solchen Tagsfliegen-Productionen zu beschäftigen; nun aber, nach beynahe 70 Jahren, während welcher Zeit die Bildung nothwendig so ausserordentliche Fortschritte gemacht, mußten und müssen sich unsere Flugschriften vortheilhaft genug von den damahligen unterscheiden, obschon Erstere wohl allerdings viel unbegreiflich schmähliges und profanes Pfuschwerk darbrachten. Unter jenen Autoren, welche über das Josephinische Broschurenunwesen geschrieben, sind zwey, deren Stimme characteristisch, unpartheyisch und beachtenswerth ist. Diese sind: der auch bibliographisch competente Poet Blumauer, und der substantiose und gediegene Pezzl. Wir lassen hiermit Beyde sprechen, indem wir jedoch von Ersterem nur einen Auszug geben. 1. Blumauer. In einem Staate, in dem von jeher Liebe zur Lectüre herrschte, in dem man von jeher die Schriften aller aufgeklärten Nationen las, um desto gieriger las, jemehr Schwierigkeiten die Neugierde der Leser reizten, in dessen aufgeklärterem Theile von jeher Grundsätze und Meinungen keimten, die jeder denkende Kopf wohl im Stillen hegen, aber nicht öffentlich ausbrechen lassen konnte, wo Wißbegierde dem starken Damm seit langer Zeit entgegen arbeitete und dem Durchbrechen bereits nahe war; in so einem Staate mußte auf die Wegräumung der Hindernisse, und die Erweiterung der Preßfreyheit nothwendig eine Überschwemmung von Broschüren folgen. Auf welchen hohen Grad schon vor dieser Epoche die Schreibbegierde der Schriftsteller des Landes gestiegen war, bewiesen die zahllosen Leichengedichte, Reden, Träume u. s. w. auf den Tod der seligen Kaiserinn, und der nicht zu bändigende Eifer, mit welchem viele derselben den Verstorbenen noch ins zweyte Jahr hinein nachleyerten. Der Werth dieser Gedichte, so verschieden er war, und so zweydeutig er allemahl bey bloßen Gelegenheitsgedichten seyn muß, eröffnete dennoch der inländischen Dichtkunst eine nicht zu verachtende Aussicht. Die Schreiblust war nun einmahl rege, und sie schien nur eine kurze Zeit, wie in einer kurzen Sturm prophezeihenden Windstille zu laviren, als ihr der Ruf der erweiterten Preßfreyheit auf einmahl in die Segel blies. Die kleine Schrift: über die Begräbnisse , die am ersten von dieser größeren Freyheit Gebrauch machte, war der Vorläufer, und gleichsam das Zeichen zum Angriffe, das hundert Federn in Bewegung setzte. Man schrieb itzt, von Allem und über Alles, man nahm den nächsten besten Gegenstand her, goß eine bald längere bald kürzere, bald gesalzene bald ungesalzene Brühe darüber, und tischte ihn dem damahls noch sehr heißhungrigen Publicum zur Mahlzeit auf. Nichts war von nun an vor der rüstigen Feder der Autoren sicher: für 10 Kreuzer konnte man jeden Gegenstand, er mochte groß oder klein seyn, durchgebeutelt lesen, und ein vollständiges Verzeichniß all der Von und Über , die damahls erschienen, würde ein Gemählde von der possierlichsten Composition geben. Ich will zur Probe nur einige dieser Broschüren hersetzen: Über die Stubenmädchen in Wien. – Über die Bürgermädchen. – Über die Halbfräulein. – Über die Fräulein in Wien. – Das Lamentabel der gnädigen Frau. – Über die Schwachheiten der gnädigen Frauen des leonischen Adels. – Über den hohen Adel in Wien. – Über Doctoren, Chirurgen und Apotheker. – Dem Hausherren im Vertrauen etwas ins Ohr. – Über die Kaufleute in Wien. – Über die Dicasterianten. – Über die Stutzer in Wien. – Über die Kaufmannsdiener. – Über die Schneider. – Über die Bäcker. – Über die Perückenmacher. – Über die Friseurs. – Der ehrliche Wastel mit dem Klingelbeutel. – An Herrn H. S.* Chef der Maulaffenloge auf dem Graben. – Über die Kleiderpracht im Prater. – Über die Unterhaltung bey der Tafel zu Schönbrunn. – Über den Schwimmer aus Tyrol beym Tabor. – Beurtheilung der Feuerwerke des Stuwer und Mellina. – Über die Hetze. – Casperl, das Insect unsers Zeitalters. – Über das Nationaltheater. – Über den Mißbrauch des Wörtchens Von und Euer Gnaden. – Über das Gratulieren. – Über die Kleiderpracht. – Etwas über die schopfichten Wienerinnen. – Philosophie der Modeschnallen. – Über die Hochzeiten in Wien. – Das Gespenst auf dem Hose.– Über den großen Brand der Magdalenakirche. – Über den Selbstmord, bey Gelegenheit des Friseurs, der sich erschoß. – Ist der Antichrist blau oder grün? – Über die Bruderschaften. – Über die Kirchenmusik. – Über die Nonnen. – Über die Tracht der Ordensgeistlichen. – Über die Reliquien, Opfer und Mirakelbilder. – Von Abschaffung der Weihnachtsmetten. – Über die Universität in Wien. – Die Gelehrten im Hasenlande. – Der Glückshafen für gelehrte Maulaffen. – Über die 10 Kreuzer-Autoren. – Kaufts allerhand! Kaufts allerhand! Kaufts lang und kurze Waar! \&c. Alle diese Broschüren, davon die meisten in die Rubrik Maculatur gehören, und noch beyläufig dreymahl so viel, erschienen in einer Zeit von wenigen Monathen, wurden gekauft und gelesen. Sie sind den Titeln nach ein ziemlich vollständiges Repertorium über Wien; aber wehe dem, der daraus Wien beurtheilen wollte! Die meisten erschienen blos des Geldes wegen, waren in einem Tage fertig, am zweyten gelesen, und am dritten vergessen. Man glaube indessen ja nicht, daß man es bey einer Broschüre über einen Gegenstand bewenden ließ. Es war beynahe keiner über den man nicht wortwechselte. Die Schrift: Über die Begräbnisse, die allerdings viel bessere Nachfolger verdient hätte, zog 21 Streitschriften nach sich, bey welcher Gelegenheit der ehrwürdige P. P. Fast, Curatus zu St. Stephan, mit zweyen von Amtswegen verfaßten Gegenschriften seine rühmliche Schriftstellerlaufbahn eröffnete. – Die Beyträge zur Schilderung Wiens, eine in vielem Betracht merkwürdige Schrift, der zur Empfehlung nichts, als ein den Gegenständen angemessener Ton fehlte, veranlaßte über 10 Streitschriften, und ihr haben wir den katholischen Unterricht des oberwähnten P. P. Fast in 10 Theilen, das Stück zu 7 Kreuzer zu danken, durch welchen der eifrige Herr Verfasser dem christlichen Fragbüchelunterricht des 16. Jahrhunderts, der durch die neuen Normalbücher schon beynahe in Vergessenheit gesunken war, wieder auf die Beine geholfen hat. – Die Schrift: Über die Stubenmädchen in Wien, von Herrn Rautenstrauch, war eine der glücklichsten Autorspeculationen für ihn und die Herren, welche sich an ihn anhingen. 25 Broschüren schlugen sich für und wider diesen Gegenstand und beweisen deutlich, was für einen wichtigen Theil des Publicums die Stubenmädchen ausmachen müssen. Von dieser Zeit an gingen die Manufacturen der Tagesproducte unermüdet fort, und in jedem Monathe durfte man auf 50 bis 60 Broschüren sicher Rechnung machen. Jeder Vorfall, jede Tagsneuigkeit ward zur Broschüre, und die alles regierende Göttinn Gelegenheit, die sonst Juvenale und Butlers zu unsterblichen Werken des Geistes aufrief, amusirte sich in Wien damit, zwey Bogen langen Broschüren das Daseyn zu geben. Die Schriftsteller schienen den Geschmack des Publicums wohl getroffen zu haben, sie verlegten sich auf Persönlichkeiten, Familienvorfälle u. dgl., und Dinge, die sonst nur in vertrauten Kreisen und freundschaftlichen Unterredungen abgehandelt wurden, gingen jetzt durch die Hände eines ganzen Publicums. Aber auch dieser Speisen ward man in die Länge satt, und als man minder gierig zuzugreifen anfing, so war es eine Freude zu sehen, wie mancherley Schilde die Herren aushingen, wie einer des andern Küche lästerte, wie einer den andern Schmierer schalt, und wie jeder gegen den Schwall von Broschüren loszog, den er mit den seinigen vermehren half. Allein der Käufer wurden demungeachtet weniger, die Verleger behuthsamer und edler, und vermuthlich würde die sichtbar zunehmende Lauigkeit des Publicums den Schreibern nach und nach das Handwerk gelegt haben, hätte nicht die Ankunft des Papstes dem ganzen Schriftstellerwesen eine neue Schnellkraft und eine andere Wendung gegeben. Diese zweyte Epoche eröffnete der inländischen Literatur eine tröstlichere, hellere Aussicht. Mit Eybels Abhandlung: Was ist der Papst? begann nun die neuere bessere Periode der inländischen Schriftstellerey. Eine deutsche, selbst dem Volk verständliche Abhandlung über einen Gegenstand, der bisher entweder bloß lateinisch, oder nur von protestantischen Schriftstellern deutsch, aber immer nur für Sachkundige allein behandelt worden war, würde auch ohne die freymüthige Einschränkung der päpstlichen Rechte, die ihren Inhalt ausmachten, Aufmerksamkeit zu einer Zeit erregt haben, wo der Gedanke Papst in den Köpfen einer halben Welt, und vor allen in denen des Wiener Publicums ein ausschließendes Recht zu walten hatte. Schon der Titel der Schrift war für das Volk, geistlichen und weltlichen, adeligen und bürgerlichen Standes, eine kühne vermessene Frage, unerhört in den ältern Katechismen, in welche man sich wohl jede andere Frage nur niemahls die: Was ist der Papst? erlaubt hatte. Noch weit unverzeihlicher schien der Inhalt, und fast allgemein war die Empörung derjenigen, welche in ihren Klöstern eine freylich ganz andere Lehre über diesen Gegenstand eingesogen hatten. Aber was diese Zeloten am meisten wider den Verfasser empörte, waren dessen sieben Capitel von den Klosterleuten, die mit seiner Abhandlung über den Papst zugleich erschienen, und gegen ihr unmittelbares Interesse gerichtet waren. Da sie nun gegen diese wenig oder nichts vorbringen konnten, so war es natürlich, daß ihnen die Schrift über den Papst zum Ableiter ihrer Erbitterung dienen mußte. Sie donnerten von der Kanzel herab gegen den Verfasser, und P. Merz in Augsburg hielt in einer öffentlichen Controverspredigt Gericht über ihn. Nichts war bey dieser Gelegenheit lustiger anzusehen, als wie sich die Eiferer auf der Kanzel wandten und krümmten, um dem Verfasser eins anzuhängen, ohne sich gegen die Grundsätze des Staats und der Censur, welche diese Schrift billigte, zu verstossen. Aber noch eifriger, und folglich noch gröber waren sie mit der Feder. Ein jeder der dagegen schrieb, nannte seine Lehre echt und uralt, und bedachte unglücklicher Weise nicht, daß die Grundsätze des Mittelalters freylich leider! uralt, aber die der ersten Kirche noch urälter und folglich auch ächter seyn. Kurz über 70 Schriften zogen allein für und wider diesen Gegenstande zu Felde, und das Resultat aller Gegenschriften war, daß sie des Verfassers Abhandlung, statt sie zu widerlegen, bekannter, gesuchter und folglich gemeinnütziger machten. Dieß bewies augenscheinlich der erstaunliche Absatz derselben, und die Eilfertigkeit, mit welcher sie in's Lateinische und Französische übersetzt ward. Sogar der Titel dieser Abhandlung schien Epoche zu machen; eine Menge Schriften erschienen von nun an in Gestalt von Fragen, und indeß der Verfasser selbst noch einige Gegenstände des Kirchenrechts auf die Art behandelte, wimmelte es von fragenden Titeln. Man frug: Was ist der Verfasser der Abhandlung: Was ist der Papst? – Was ist der Cardinal? – Was soll der Pfarrer seyn? – Was ist die Religion? – Was ist die Kirche? – Was ist der Kaiser? – Was sind die Pflichten gegen Gott? – Was ist der Peter? – Was ist der Teufel? – Was sind die Wiener Schriften überhaupt? Und man würde vielleicht noch mehr gefragt haben, wenn das Antworten nicht so schwer wäre. Wenigstens machte ein Gegner dieser Herrn Fragesteller die feine Bemerkung: daß ein Narr mehr fragen könne, als zehn Weise beantworten. Noch eine Schrift, über welche bey Gelegenheit der Ankunft des Papstes bis zum Ekel gestritten ward, war: Die Vorstellung an Seine päpstliche Heiligkeit Pius VI. von Herrn Rautenstrauch. Der ehrwürdige P. P. Fast, der sichs nun einmahl zum Geschäft gemacht zu haben scheint, auf der erzbischöflichen Warte die Aspecten der Aufklärung am Wiener Horizonte zu beobachten, konnte diesen Irrstern nicht unangehalten vorbeylassen. Er glaubte an demselben durch sein altes Sehrohr eine Menge Flecken wahrzunehmen, und ohne erst zu untersuchen, ob diese Flecken nicht etwa an den Gläsern seines eigenen Tubus befindlich seyn, ereiferte er sich dagegen in einem Tone, der in den Zeiten, da man mit Fäusten schrieb, einem Weislinger Ehre gemacht haben würde. Herr Rautenstrauch, der keinem seiner Gegner gern das letzte Wort läßt, fing an Episteln an ihn zu schreiben, deren keine unbeantwortet blieb; und hieraus entstand jener artige Briefwechsel, der wenigstens von der Seite des ehrwürdigen P. P. Fasts einen herrlichen Beytrag zu deutschen Epistolis obscurorum abgeben würde. Unstreitig bleibt Herrn Rautenstrauch bey diesem Handel die Ehre einer ungleich größeren Mässigung, und die noch größere, der Verfasser einer Schrift zu seyn, wie seine Vorstellung ist. Es erschienen in dieser zweyten Schriftstellerperiode, welche den Papst zum Gegenstand hatte, noch mehrere sehr gut geschriebene Abhandlungen, deren Auseinandersetzung mich zu weit führen würde. Genug; aus allen zusammengenommenen ergibt sich der Schluß, daß sich von dem jungen Nachwuchs der Autoren – derjenigen versteht sich, die nicht Pfuscher sind – wenn nicht Schreibbegierde allein sie leiten, und Überlegung die aufbrausende Hitze mäßigen wird, noch viel Gutes hoffen läßt. Mit dem Institute der Predigerkritiker begann für Wien eine neue Schriftstellerperiode, die sowohl wegen der Wichtigkeit des Gegenstandes, als ihrer unstreitigen Gemeinnützigkeit merkwürdig ist So einleuchtend nun die Nothwendigkeit irgend einer Art von öffentlicher Aufsicht über die Prediger jedem unbefangenen Kopfe seyn muß, so nichtig sind anderer Seits die Gründe, welche die Vertheidiger einer unbeschränkten Kanzleyfreyheit diesem Institute entgegen stellen. Alle ihre Gründe, in so mancherley Formen sie dieselben auch einkleiden, laufen immer in den Punct zusammen: daß eine öffentliche profane Critik das Ansehen des Worts Gottes entkräfte, und der Ehrerbiethung, die man den Verkündern desselben schuldig ist, zuwider sey. Zweyen Einwürfe, die kaum einer Widerlegung werth sind. Der Endzweck dieses Institutes ist zweyfach. Es soll ein Zaum und ein Sporn für die Prediger, und ein Belehrungs- und Verwahrungsmittel für die Zuhörer seyn. Der erste Endzweck fordert freymüthigen, bescheidenen Tadel, ohne Ansehung der Person, wo was zu tadeln ist, und gerechtes unpartheyisches Lob dessen, was Lob verdient. Der zweyte Endzweck fordert Aufklärung über Dunkelheiten, Zurechtweisung irriger Meinungen, Unterscheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen, nützlichen und schädlichen, abergläubischen und erbaulichen Religionsgebräuchen, genaue Kenntniß der geistlichen und weltlichen Gewalt, und der Gränzlinie zwischen beyden, und endlich das Zutrauen der Leser, dazu nur aufrichtige Wahrheitsliebe, Mässigung und Bescheidenheit ein gegründetes Recht geben können. Die übrigen kleinen Schriften dieser dritten Periode waren meist ein leidiges Durcheinander. Gegenstände der Religion fingen wieder mit allerley Von und Über abzuwechseln an, und viele Schriften schienen nur der einmahl in Gang gebrachten Schreibegewohnheit der Hände ihr Daseyn zu danken. Und da, wie natürlich, der Kopf den Händen nicht immer folgen kann, so paßten einige jede Gelegenheit ab, und suchten ihre Schreibmaterialien auf der Gasse. So bald der Pöbel was zu sprechen hatte, hatten sie was zu schreiben, und wie der Hunger gierig an einer harten Brotkruste nagt, so nagte ihre Schreibsucht heißhungrig an jedem Gassenspectakel. Die öffentliche Arbeit der geschornen Verbrecherinnen war ihnen ein willkommener Stoff. Sogar die Musen mußten sich von ihnen zu diesem Gegenstande brauchen lassen, aber die Lieder, welche sie zur Welt brachten, sahen leider eben so aus, wie die Musen, welche sie zu Gesängen begeistert hatten. Wobey sie noch die lächerliche Irrung begingen, die Criminalverbrechen mit den Polizeybetretungen zu vermengen, und alle geschorne Verbrecherinnen für Gassenphrynen auszugeben, vermuthlich weil sie von ihren Gegenständen begeistert, es ihnen nicht ansahen, daß so eine Vermuthung die gröbste Satyre auf ihr eigenes männliches Geschlecht sey. Von dem ersten April des vorigen Jahres 1782 an bis Ende September des gegenwärtigen 1783, folglich in einer Zeit von achtzehn Monathen erschienen bloß allein in Wien 1172 Schriften, die Nachdrücke fremder Werke nicht mitgerechnet. Welch eine Zahl! und doch würde das Publicum noch um ein Paar hundert mehr zu sehen gekrigt haben, wenn es bloß auf den guten Willen der Autoren angekommen wäre. Angenommen nun, daß von eilfhundert zwey und siebzig Schriften drey Viertheile – welches doch für jeden Kenner derselben das allerglimpflichste Postulatum seyn muß – mittelmäßiges, oder schlechtes Zeug waren, so entsteht daraus ein Verhältniß von 293 guten, gegen 879 entbehrlichen, oder gar schlechten Producten. Wenn wir nun weiter annehmen wollen, daß eine Schrift in die andere gerechnet nicht mehr als 10 Kreuzer gekostet habe – welches man in Rücksicht so vieler periodischen Schriften, und so vieler größeren Werke leicht annehmen kann, und wenn wir ferner voraussetzen, daß von jeder Schrift im Durchschnitt nur 200 gekauft worden sind, – so geben uns die sämmtlichen bisher erschienenen Schriften eine Summa von baaren 39066 Gulden 40 Kreuzern. Wenn wir nun von dieser Summa drey Viertheile, welche auf Rechnung der entbehrlichen Schriften kommen, abziehen, so ergibt sich daraus an unnütz verschwendetem Gelde eine Summe von 29299 Gulden 30 Kreuzern. Man rechne hiezu noch den mit Lesung dieser Schriften erlittenen Zeitverlust, und addire damit das Lucrum cesans von Ideen und Kenntnissen, mit welchen man während dieser Zeit den Verstand aus bessern Schriften hätte bereichern können, und urtheile dann, ob man dem Publicum die Verachtung und Geringschätzung so ganz und gar verargen könne, mit welcher dasselbe auf die heutigen Schriftstellerproducte herabsieht. Indessen würde das Publicum sehr voreilig und ungerecht handeln, wenn es diese ganze unnütze Ausgabe bloß auf Rechnung der Autoren schreiben und glauben wollte, daß diese beträchtliche Summe von 29299 Gulden, nach Abzug der Druckkosten, ein reiner unverdienter Gewinn der Autoren gewesen sey. Nach dem hiesigen Verlegerfuß, der gerade für jene Autoren der schlechteste ist, die des Geldes am meisten bedürfen, fallen von jeder Schrift im Durchschnitte sicher zwey Drittheile reinen Gewinnstes in den Säckel derjenigen, die bey fremden Geistesgeburten Hebammendienste verrichten, das ist, die, um ein Geisteskind in die Welt zu setzen, ihre Hände, Maschinen und Windeln herleihen, oder sie wohl gar für den bloßen Aufenthalt fremder Kinder in ihrem Gewölbe einen größern Zins, als je in Wien für eine Wohnung gezahlt wird, abreichen lassen. Nach diesem Zweydrittelfuß also kömmt von den obenangeführten unnütz verwendeten 29299 Gulden ein sicherer Betrag von 19533 Gulden auf Rechnung der Verleger. Eine Summe, die jene große Bereitwilligkeit allerdings begreiflich macht, mit welcher dieselben noch immer fortfahren, jeder unreinen Geburt ohne Rücksicht auf derselben künftiges Schicksal an das Tageslicht zu helfen, und sich der Schuld zu frühe entbundener Antoren theilhaftig zu machen. 2. Pezzl. Wie ein Sturmwind aus Süden oft in den öden Sandwüsten des inneren Afrika ein Heuschreckenheer emporhebt, und plötzlich über eine ruhige Provinz hinschleudert: so hob das kaiserl. Handbillet über die Preßfreyheit im Jahre 1781 aus den öden Köpfen selbstgefälliger Müssiggänger jenes bekannte unzählbare Broschürenheer empor, und ließ es auf das erstaunte Wien niederregnen. Vom Tage dieser Federnfreyheit bis zu Ende des August 1782 waren schon über tausend solcher Heftlein erschienen. Die Druckereyen konnten die Preßbengel nicht schnell genug drehen, die Censoren lasen sich die Augen müde an den Manuscripten-Ladungen, die täglich und stündlich auf der Censur einliefen. Sie waren damahls in der That die geplagtesten Leute in Wien. Sie mußten ex officio jeden Quark lesen, auch der nicht gedruckt wurde. Um sie einigermassen von dieser Folter zu befreyen und zu verhindern, daß nicht gar jeder armselige Wisch zum Druck angetragen würde, geschah im May 1784 der ernstliche Vorschlag, daß jeder Schrifterling mit seinem Manuscript sechs Ducaten in der Censur deponiren sollte, die verfallen wären, wenn das Manuscript nicht zugelassen würde. Man sah aber die unzweckmässigen Folgen dieses Vorschlags ein, führte ihn nicht aus, und gab dafür den Censoren die Freyheit, auf ein nichtswürdiges Manuscript ohne alle andere Umstände zu setzen: Typum non meretur, wodurch es dann nicht weiter an das Tageslicht kam. In eben diesem Jahre 1784 fing die Fluth der Broschüren schon an, sich zu verlieren. Im Jahre 1783 hörte die ungewöhnliche Menge derselben gänglich auf; und seitdem steht die Zahl der erscheinenden Broschüren mit der Zahl der übrigen Bücher, mit dem Lesebedürfniß einer so großen Stadt, und mit der Broschürenzahl in andern Hauptstädten so ziemlich in leidlichem Verhältniß. Die erste neugierige Lesewuth des Publicums ist gestillt, die Lust zu kaufen ist verschwunden; und die Schmierer, welche wohl noch öfter Lust hätten, mit ihrer Waare zu Markte zu kommen, finden keine Verleger mehr. Diese lustigen Dinger, welche einige Millionen Papierbögen färbten, sind wie Nebel verflogen. Von 49–50 derselben ist weder Spur noch Andenken mehr übrig. Ihre körperlichen Überreste sind in die Gewürz- und Käseläden gewandert, als Fidibus verbrannt, in Papilloten verwikelt, zu Tabakdosen gekauft worden; sind durch Stuwers Feuerwerke in die Luft geflogen, in den Lägern bey Minkendorf, Pettau und Prag verschossen, oder der Göttinn Kloazina geopfert worden. Sie haben Übels und Gutes gestiftet . . . . Ihre übeln Wirkungen waren, daß sie die bessere und ernsthafte Lectüre auf einige Zeit verdrängten; daß sie grobe Fehden zwischen verschiedenen Leuten stifteten Leider ist das nicht in Wien allein der Fall. Man sehe sich nur ein bischen um im übrigen Deutschland, und man wird ähnliche Balgereyen allenthalben finden. Nicolai und Wieland Leßing – Götz Schlözer – Schirach Lichtenberg – Voß Basedow – Reiche Semler – Bahrdt Biester – Starke Winkopp – die Mainzer Nicolai – Lavater, Garve, Seiler \&c. \&c. haben mächtige Kämpfe gekämpfet. Was Wunder, wenn auch einige Wienerische Literati einander in die Haare kamen! Illiacos intra muros peccatur et extra. ; daß sie eine Menge von jungen Hohlköpfen verleiteten, sich mit Bücherschreiberey abzugeben, welche mehr für die Elle, die Drehbank, den Perückenstock \&c. gemacht schienen, als für den Helicon; daß sie der Wienerischen Literatur im Auslande einen üblen Ruf zugezogen \&c. . . Ihre guten Wirkungen waren, daß sie gleichsam einen neuen Zweig der Betriebsamkeit stifteten, Buchdruckereyen entstehen machten, und dem Mechanischen des kleinen Local-Buchhandels eine bis dahin in Wien unbekannte Lebhaftigkeit verschafften; daß sie alle Volksclassen an das Lesen und ein bischen Nachdenken gewöhnten; daß sie die Gemüther für die plötzlichen auffallenden Reformen vorbereiteten und geneigt machten; daß sie wichtige und nothwendige Dinge in einer leichten populären, jedermann verständlichen und für solche Gassenblätter erträglichen Schreibart vortrugen \&c. In einigen Gegenden von Deutschland haben diese Broschüren seltsame Begriffe und Urtheile erweckt. Nicolai machte einen eigenen Abschnitt in seine allgemeine deutsche Bibliothek unter der Rubrik: Wienerschriften, und urtheilte dort die unbedeutendsten Blättchen mit einem Ernst ab, als ob es Bücher von Wichtigkeit wären. Man spottete an andern Orten, daß z. E. so viel über den Papst ist geschrieben worden. War etwa seine Reise nach Wien nicht eine so auffallende Erscheinung, daß es wohl im Publicum darüber zur Sprache kommen mußte? Waren die Anstalten, welche man gegen seinen Einfluß, gegen das System seiner Anhänger machte, nicht lebhaft genug, um dem darüber hoch erstaunten, und in seinen Begriffen schwankenden Volke einige Kenntniß von den rechtmäßigen Ansprüchen des römischen Hofes geben zu müssen? Und wie konnte dieses am füglichsten geschehen? Hätte man es an die lateinischen Quartbände des Febronius De legitima potestate Romani Pontificis oder gar lateinischen Folianten des Harzheim und Van-Espen weisen sollen, um zu lernen, was der Papst sey, was er fordern könne oder nicht! . . . Freylich wäre zu wünschen gewesen, daß nicht gar so vieles Geschmiere erschienen wäre; allein dieß ist nun einmahl das Schicksal der großen Städte. Wie viel ist z. E. in Paris bey der tollen Halsbandgeschichte, bey der Versammlung der Notabeln, wie viel in Berlin bey dem lächerlichen Gesangbuchs-Streit, bey der Regierungsveränderung geschrieben worden! . . Tout comme chez nous. Andere hat die Menge dieser fliegenden Schriftchen verführt, auf eine eben so ungeheuere Zahl von Schriftstellern in Wien zu schließen. Diese Herren thaten den Vätern jener Lilliputischen Geschöpfe mehr Ehre an, als man ihnen in Wien selbst widerfahren ließ. Hier ist es keinem Menschen eingefallen, die Fabrikanten solcher Waare mit dem Nahmen der Schriftsteller zu belegen. Dagegen mußte man in der Berlinischen Monathschrift und mehreren auswärtigen Journalen beynahe bis zum Ekel wiederhohlt lesen, das es in Wien der privatisirenden Gelehrten, der Schriftsteller eine ungeheure Menge gebe. Sogar Herr Meusel, der doch sonst billiger von ähnlichen Sachen urtheilt, that in seinem ersten Nachtrag zum gelehrten Deutschland am Ende in einer Anmerkung den höchst schiefen ironischen Seufzer: »Wer sollte es wohl glauben, daß aus dem großen weiten Wien, wo es Schriftsteller zu hunderten gibt, mir nicht ein einziger Beytrag zugekommen ist!« Ich versichere Herrn Meusel, daß man in dem großen weiten Wien von Schriftstellern zu hunderten nichts weiß; daß man da die leidigen Broschüristen keineswegs unter die Gelehrten oder Schriftsteller zählt. Daß ihm kein Beytrag zu seinem Werke geliefert wurde, kann ich mir kaum anders erklären, als daß er sich darum nur an jemand von jenen hunderten, nicht aber an wirkliche Schriftsteller in Wien muß gewendet haben. 73. Kaiser Joseph als Mensch; sein Privatcharacter; seine Lebensweise und Gewohnheiten; seine Neigungen und Eigenheiten, und seine Persönlichkeit überhaupt. »Niemand ist ein Held vor seinem Kammerdiener.« Montaigne.     Über jene individuellen Eigenheiten des Kaisers Joseph II. haben seine Biographen sich mehr oder weniger verbreitet; die meisten aber haben das nur gar zu oberflächlich und dürftig gethan, so, daß der Leser nur ein sehr mattes schales Bild vor Augen hat. Am Treffendsten und Schärfsten, wenn auch nur als Skizze, hat ihn ein Mann characterisirt, der, ein Zeitgenosse des erhabenen Fürsten, Gelegenheit gehabt hat, ihn häufig in unmittelbarer Nähe zu beobachten; ein Schriftsteller, dessen Arbeiten unter die partheylosesten und gediegensten gehören, und in All und Jedem der österreichischen Literatur zur Ehre gereichen. Dieser Autor nun (der Nahme thut gar nichts zur Sache und der kundigere Leser wird ihn sogleich erkennen) zeichnet mit folgenden Strichen die Silhoette Josephs: Joseph der Zweyte war von mittelmäßiger Leibesstatur: er mochte etwa 5 Fuß 6 Zoll haben. Sein Körper war sehr gut gebaut: nervig, ohne plump; kernhaft, ohne fett; mehr voll als mager. Seine Leibes-Constitution zeugte von jener Geistesblüthe, von jenem Feuer, das er aus Franzens und Theresiens Geblüt ererbt hatte. Er besaß eine Gesundheit, Kraft und Stärke, die es allein möglich machten, daß er alle die unaufhörlichen und gräulichen Beschwerlichkeiten ertragen konnte, welche jeden anderen würden aufgerieben haben. Er besaß eine schöne gewölbte Stirne, starke Augenbrauen, eine große gebogene Adlernase, Augen von so schönem Blau, daß es in Österreich eine Zeit lang Mode war, Kleider von der Farbe seiner Augen zu tragen; und diese Farbe hieß buchstäblich in allen Kaufmannsläden Kaiser-Augenblau . Seine Haare waren lichtbraun. Er trug sie in einem Zopfe gebunden, nach Art der Officiere, mit zwey ganz ungekünstelten Seitenlocken, und einem kurz abgeschnittenen Toupet Toupet: eine um 1780 übliche Mode, die unmittelbar über der Stirn befindlichen Haare rückwärts in die Höhe gekämmt und gekräuselt zu tragen. . Seine Gesichtsmiene war in jüngeren Jahren unbeschreiblich angenehm, und zugleich majestätisch. Seine unmäßigen körperlichen Beschwerden aller Art zogen ihm einige kleine Gebrechlichkeiten zu: er bekam Aderbrüche in den Füßen, Flüsse in den Augen, die Rose Im gemeinen Ausdrucke: der Rothlauf. am Kopfe. Um die Heilung dieser letzteren bequemer zu besorgen, fing er im Jahre 1785 an, Perrücken zu tragen, welche ihn schon stark entstellten. In späteren Jahren war seine Gesichtsfarbe, durch die vielen Reisen, durch den Aufenthalt im Felde, wo er weder Frost noch Hitze, weder Schnee noch Regen scheute, stark rothbraun geworden. Auch bekam er allmählich tief herunter hängende Backen, wodurch jene Züge von Anmuth und freundlicher Theilnehmung beynahe ganz verwischt wurden. Er sprach meistentheils hastig und ernsthaft. Wenn er zornig ward, so zog er die Oberlippe stark aufwärts, daß man die Zähne sah; die Augen wurden starr und feurig; er pflegte in diesem Zustande wohl auch mit den Füßen zu stampfen. In seiner frühesten Jugend wurde Joseph Ungarisch gekleidet. In seinen Jünglingsjahren wechselte er diese Tracht mit der Deutschen; und im männlichen Alter ging er immer in deutscher Kleidung. Nur am Theresientage 1765 zog er zum ersten Mahle die blaue Husaren-Uniform an, von dem Regimente, welches seinen Nahmen führte; und in dieser Uniform stattete er an diesem Tage seiner Mutter den Glückwunsch ab. Auch trug er einige Jahre hindurch bey verschiedenen Anlässen diese Husaren-Uniform, besonders wenn er bey den jährlichen Manövres in die Gegend kam, wo sein Husaren-Regiment mit exercierte. Seit dem Jahre 1768 ungefähr, kleidete er sich gewöhnlich in deutsche Uniform, entweder weiß und roth, oder grün und roth, wie das nach ihm benannte Regiment Chevauxlegers. Auch auf der Reise, wenn sie nicht über die Gränzen seines eigenen Staates hinaus ging, trug er beständig die Uniform. . . Die grüne stand ihm am besten zum Gesichte. Ob er diesen militärischen Anzug deßwegen trug, weil ihm seine Frau Mutter nach Franzens Tode das ganze Kriegswesen übergeben hatte; ob es aus eigenem Geschmacke, aus Hange zur Simplicität, mitunter auch als Nachahmung des Königs Friedrich geschah, den er öfters mündlich und schriftlich seinen Meister in der Kriegskunst genannt hatte, weiß ich nicht. Aber dieses weiß ich, daß man ihn außer der Zeit seiner militärischen Beschäftigungen, auch lieber ohne Soldatenkleidung gesehen hätte; weil ein Landesherr nicht bloß Vertheidiger seines Staates, sondern auch Gesetzgeber und Bürger seyn muß. Auf der Reise in fremde Länder, oder sonst im Negligee zu Hause trug er gern einen braunen oder andern dunkelfarbigen Frack; und über alle diese Kleidungen in der kälteren Jahreszeit einen grünen oder dunkelblauen Capot; einen schlichten Hut ohne alle Verzierung, Stiefel und Sporn. An Galla-Tagen, Ritterordensfesten, bey der Frohnleichnamsprocession, und bey andern öffentlichen feyerlichen Anlässen, trug er die Feldmarschalls-Uniform, nähmlich weiß und roth; an der Brust die mit Brillanten gestickten Sterne, und über die rechte Schulter, nach der linken Hüfte, die Bänder der beyden inländischen Orden; um den Hals den goldenen Vließ; große Schuhschnallen mit Brillanten, aber äußerst selten Ringe an den Fingern. – »Man muß sehr schöne Hände haben, wenn man Ringe tragen will,« sagte er. Er hielt sich in seinem Anzuge nett und reinlich, und sah es gern, wenn die Leute, welche um seine Person zu thun hatten, nicht prächtig, aber ebenfalls nett und reinlich im Anzuge waren. Seit dem Tode seines Vaters schlief der Kaiser Joseph der Zweyte beständig auf Stroh. In Wien hatte er seine Strohsäcke mit Stroh von türkischem Weizen gefüllt; darüber lag eine Hirschhaut ausgebreitet; auf derselben ein Leintuch, und ein mit Roßhaaren ausgestopftes, mit Leder überzogenes Kopfkissen. . . . Auf Reisen nahm er gemeines Stroh, und allemahl die Hirschhaut darauf. Man denke aber nicht, daß er dieses nur in Dörfern oder solchen Örtern that, wo er gar keine oder nur schlechte Betten haben konnte: nein, auch in Pallästen und Schlössern von Fürsten und Großen ließ er die Betten aus seinem Schlafzimmer wegräumen, und legte sich auf das Stroh. . . Mit Mühe konnte man ihn bey Verschlimmerung seiner Krankheit, im Frühjahre 1789, bereden, daß er sich statt des Strohsackes eine Matratze unterlegen ließ. Er stand im Sommer längstens um 5 Uhr Morgens auf, im Winter etwas nach 6 Uhr. Die Cabinets-Secretäre, welche jeden Tag den Dienst hatten, mußten dann schon in Bereitschaft gegenwärtig seyn. . . . So bald der Kaiser munter war, wurde, in den kältern Monathen nähmlich, in dem Camine des Schlafzimmers, Feuer gemacht. Zu diesem stellte er sich, zog ein frisches Hemd und eine bequeme Morgenkleidung an, und begann dann sogleich die Arbeit. Gegen 9 Uhr nahm er sein Frühstück, ehemahls Caffeh mit Milch, den er sehr gern trank; in den letzteren Jahren aber Chocolate. Um diese Zeit zog er sich auch ordentlich an, ließ sich von einem Kammerdiener das Haar in Ordnung richten, welches so geschwind als möglich abgethan seyn mußte, und nahm sich täglich selbst den Bart ab. Während dieser Zeit des Frühstückens und Anziehens, war gewöhnlich der Oberst Kämmerer, Graf Rosenberg, zur Conversation bey dem Kaiser. Sein Schlafzimmer war in der eigentlichen sogenannten Burg im ersten Stockwerke, auf die Bastey hinaus, neben dem großen Altane. Wenn er gefrühstückt hatte und angezogen war, ging er aus dem Schlafzimmer hinunter in das Cabinet auf den Controlorgang, wo er mit seinen Secretären fortfuhr in Staatsgeschäften zu arbeiten. Hier ging er beynahe von Stunde zu Stunde auf den Gang hinaus, hörte Leute an, nahm Bittschriften und Vorträge ab; ließ diejenigen, welche mündlich mit ihm sprechen zu müssen glaubten, zu sich in das Zimmer treten, und fertigte sie so bald als möglich wieder ab, um andere anzuhören. Leute jedes Standes, Alters und Geschlechts, konnten hier täglich, in allen Arten von Angelegenheiten, zu ihm kommen. Dieses geschah auch. Der Controlorgang war meistens den ganzen Tag über dergestalt mit Leuten angefüllt, daß ein ordentliches Gedränge an der Thüre zum Cabinete entstand. . . . So dauerte es bis gegen 12 Uhr. Dann ritt oder fuhr er ein Paar Stunden spazieren. Bey schöner Witterung saß er in einem offenen, grün lackirten und ausgefütterten Pirutsch, immer nur mit zwey Pferden bespannt, die er sehr gern und fast immer selbst lenkte, bis auf die letzten Jahre, da er schon kränklich oder nicht gut aufgeräumt war. Ein einziger Bedienter saß oder stand hinten auf. Beym Reiten hatte er meistens ein Paar Handpferde, und einen Bereiter mit sich; manchmahl auch einen Chevalier, und in den letzteren Jahren von Zeit zu Zeit seinen Neffen, den Erzherzog Franz, zur Gesellschaft. Er ritt oder fuhr in den Augarten, in den Prater, auf die übrigen Donau-Inseln, in die Gegend von Schönbrunn, oder sonst ausser den Linien auf offenem Felde herum. Die Stunde zu speisen war bey ihm nicht festgesetzt. Er aß manchmahl um 3, um 4, auch wohl um 5 Uhr zu Mittag, je nachdem er sich von seinen Geschäften los machen konnte oder wollte. Die Hofköche hatten für seine Person alle nichts zu thun, sondern eine einzige Mundköchinn kochte für ihn. In früheren Zeiten hatte er zuweilen selbst einen Küchenzettel gegeben; in den letzteren Jahren aber überließ er die Auswahl der Speisen seiner Köchinn. Die Tafel war eben nicht sehr prächtig. Sie bestand gewöhnlich aus zwey Trachten, und jede derselben aus 6 Schüsseln, alle kleinen Zwischenspeisen und den Nachtisch mit eingerechnet. Unter diesen 12 Schüsseln aß er täglich Suppe, Rindfleisch, grünes Gemüse, Braten, gekochtes Obst und süßes Backwerk. Von allen diesen genoß er eine ziemlich starke Portion. Von den übrigen Schüsseln wählte er manchmahl etwas, wenn es gerade nach seinem Appetite war; manchmahl aber auch nichts. Vorzüglich liebte er das gekochte Obst, und hatte es alle Tage ohne Ausnahme auf seinem Tische. Übrigens aß er noch gerne Kalbsbraten, Fasanen, Kapaunen, Backwerk und süßes Confect, von welchem er den Tag über stets etwas in seinem Zimmer, oder auch wohl in der Tasche hatte. Sein Trank war von jeher und blieb beständig bloßes Wasser. Nur im Feldzuge gegen die Türken und in seiner letzten Krankheit trank er, auf Zureden seiner Ärzte, manchmahl ein wenig Tokayer. Wenn er in der Stadt wohnte, speiste er immer ganz allein. Im Augarten oder in Laxenburg hatte er Gäste. Auf der Reise speisten gewöhnlich die Secretäre mit ihm. Wenn er allein oder mit den Secretären speiste, so war die ganze Tafel allemahl in einer halben Stunde geendigt; denn er benahm sich bey dem Essen eben so hastig, wie in allen seinen übrigen Verrichtungen. . . . Es war ihm sehr lästig, daß er an den Festen der drey Ritterorden, als Großmeister, mit Pomp und Ceremoniel an offener Tafel speisen mußte. Auch genoß er gewöhnlich nichts von einer solchen Tafel, sondern unterhielt sich durch Gespräche mit den neben ihm stehenden Großen. Nach seiner Tafel hatte er beynahe täglich etwa eine Stunde lang in seinem Zimmer Musik, wobey er sehr oft selbst mitspielte. Nach der Musik arbeitete er wieder, oder gab Audienzen, gewöhnlich bis um 7 Uhr Abends, wo er dann entweder in das Theater, oder in Gesellschaft, oder in das Theater, und nachher auch in Gesellschaft ging. Indessen mußten täglich Abends noch von allen Stellen die nöthigen Depeschen, Entscheidungen und andere Staatspapiere zur Unterschrift oder anderen Verfügungen, zu ihm in das Cabinet gebracht werden. . . . Gegen 11 Uhr kam er nach Hause, und erbrach unfehlbar alle Pakete. Fand sich etwas Dringendes dabey, so arbeitete er noch stundenlang in die Nacht hinein. War dieses nicht, so legte er sich um 11 Uhr zu Bette. Ein Nachtmahl nahm er zu keiner Zeit. Begehrte er aber vor dem Schlafengehen noch eine Suppe, so war es ein Zeichen, daß er sich nicht ganz wohl befand. Dieß war seine Tagesordnung im Winter. Blieb er den Sommer über in Wien, so wohnte er in seinem Gebäude im Augarten, manchmahl auch einige Wochen in Laxenburg. Hier beobachtete er im Grunde dieselbe Ordnung, nur daß er im Augarten des Tages ein paar Mahl sich unter die dortigen Spaziergänger mischte, und im Garten herum ging. In Laxenburg geschah eben dieses; und nebst dem ging er auch auf die Reigerbeitze. Schönbrunn hat er niemahls bewohnt. Vier Kammerdiener, wovon abwechselnd zwey und zwey im Dienste waren, ein Kammerlakay und einige Leib-Lakayen, dieß war alles, was zu seiner persönlichen Bedienung gehörte. Er nahm in Wien an allen öffentlichen Vorfällen schleunigen Antheil. Bey Feuersbrünsten, auch mitten in der Nacht, bey Überschwemmungen \&c. war Kaiser Joseph allemahl einer der ersten auf dem Platze, zu welchem Ende Tag und Nacht ein Reitpferd für ihn gesattelt und bereit stehen mußte. . . . Er ordnete an, ermunterte die Arbeitenden und Helfenden, durch Theilnehmung, Gegenwart, Zuspruch, und wo es Noth that, auch durch Geschenke. Es verflossen wenige Sommer, während welcher Joseph nicht eine Reise machte. Besuchte er keine auswärtigen Länder, so reiste er wenigstens in seinen eigenen Provinzen herum. . . . Auf diesen Reisen ging es Tag und Nacht, in jeder Witterung, auf guten und schlimmen Wegen, mit gleicher Standhaftigkeit fort. Es kümmerte ihn sehr wenig, ob er in einer Stadt oder in dem elendesten Dorfe zu übernachten kam, oder auch ganze Nächte lang fahren mußte; ob er viel oder wenig, Warmes oder Kaltes, oder gar nichts zu essen vorfand; auf alle Fälle und zur größten Nothdurft war doch immer etwas in einem Wagen des Gefolges vorräthig. Weil er auch auf diesen Reisen die Staatsgeschäfte keineswegs aus den Händen ließ, so hatte er stets ein Paar seiner Cabinets-Secretäre mit sich. . . . In früheren Jahren nahm er eine Begleitung von einigen Cavalieren mit sich, besonders wenn er innerhalb der Gränzen seiner eigenen Länder reiste. Diese Gesellschaft aber wurde von Jahr zu Jahr kleiner; und in den letzten Zeiten nahm er etwa nur noch Einen Generalen, oder gar Niemand mehr mit sich. Allenthalben untersuchte er genau den Zustand des Landes, die öffentlichen Anstalten; sprach mit Leuten aus allen Ständen; hörte ihre Beschwerden an; half oft auf der Stelle, wenn es seyn konnte, oder versprach doch schleunige Hülfe. Seine Reisen waren in keinem Betrachte Lustreisen, und für Jedermann äußerst ermüdend; nur Er fühlte weder Beschwerde noch Ermattung dabey. Er ging einst in vier Tagen und einigen Stunden von Pisa nach Wien, eine Reise, worauf selbst Couriers über fünf Tage zubringen. In Ungarn machte er oft 14 Posten in 6 Stunden. Kaiser Joseph besaß ein außerordentlich glückliches Gedächtniß, einen schnell durchdringenden Verstand, eine äußerst lebhafte Phantasie, rasche Beurtheilungskraft, und eine höchst reichhaltige Ader von Witz, – – dem's nie an Reitz gebrach; Zu stechen, oder liebzukosen Gleich aufgelegt. – – Im Arbeiten hatte er eine Fertigkeit erlangt, daß es ihm an Schnelligkeit, Vielfältigkeit und ausdauernder Anstrengung keiner seiner Beamten gleich that. Eine Menge von ihm selbst entworfener, geschriebener oder dictirter Aufsätze, Resolutionen, Handbillets \&c. beweisen jenen Grad von Verstand, Beurtheilungskraft und Witz. . . . . . Niemanden fiel es bey, ihm diese Gaben je streitig zu machen; wohl aber hat man oft gewünscht, daß es ihm möglich gewesen wäre, hier und da etwas mehr kalte Vernunft, ruhige Überlegung, ernsten Forschgeist in seinen Geschäften und Entscheidungen anzuwenden. Manche Stellen, manche Chefs und andere Beamte, mußten bey seinen eigenhändigen Zuschriften schmerzliche Hiebe von der Geißel seines Witzes und feurigen Verstandes aushalten. Er hat keine Bücher zum Drucke geschrieben. Auch seine freundschaftliche Correspondenz wird wahrscheinlich ganz, oder doch größten Theils dem Publicum unbekannt bleiben. Aber gewiß ist, daß seine Briefe so reichhaltig an schönen und großen Grundsätzen, an Welt- und Menschenkenntniß, an den treffendsten Bemerkungen über Länder und Fürsten und Völker; über große und kleine Begebenheiten in der politischen und moralischen Welt; so voll gesunden Menschenverstandes, natürlichen Witzes, oft auch satyrischer Laune; und in einem so körnichten, ausdrucksvollen Style geschrieben sind, als sie je aus der Feder irgend eines berühmten Fürsten der ältern oder neuern Zeit geflossen sind. Es müssen mehrere Tausende solcher Briefe in ganz Europa existiren. . . . . . Seine Handschrift war deutsch. Von seinen witzigen Einfällen, Antworten \&c. auf Reisen und zu Hause, haben die Anecdotensammler schon manches aufgeschrieben, und werden die Sammlung jetzt, nach seinem Tode, vermuthlich noch um vieles vermehren. Schon in der Jugendgeschichte Josephs habe ich angeführt, daß es mit seinem Schulfleiße schlecht stand. Bey den öffentlichen Prüfungen, welche jährlich in Gegenwart des Kaiser Franz, der Kaiserinn Theresia, und der ansehnlichsten Männer vom Hofe, mit den Prinzen vorgenommen wurden, waren Josephs Lehrer gewöhnlich übel daran, weil er wenig von dem lernte, was vorgeschrieben war. Methodische Schulkenntnisse erlangte er also während seiner Studierjahre nur wenige. In Sprachen machte er sehr guten Fortgang. Er sprach sein ganzes Leben hindurch gut Deutsch, Französisch, Italienisch und Lateinisch. Auch schrieb er alle diese Sprachen, zwar nicht ganz fehlerfrey, wie ich es aus einigen seiner eigenhändigen Billets gesehen habe, aber doch, im Vergleiche mit anderen Königen und Geschäftsmännern über die Erwartung gut. Auch Böhmisch sprach er sein ganzes Leben hindurch mit vieler Fertigkeit. Ungarisch hatte er in seiner Jugend gut geredet, in älteren Jahren verlor er zwar die Übung darin, aber doch ohne es ganz zu vergessen. Mit den vornehmen Ungarn, Croaten, Pohlen, Slavoniern, Illyriern und Wallachen sprach er also bey seinen Reisen durch diese Länder, oder in Geschäftssachen, immer Latein. Bey reiferen Jahren fing er an, aus eigenem Geschmacke und Wissenschaftstriebe, Kenntnisse für seinen künftigen Stand zu sammeln. Er las Bücher über die militärischen Wissenschaften, über die Regierungskunst, Staats-Ökonomie, über den Zustand und das Verhältniß der Europäischen Länder und Staaten. Aus der Französischen großen Encyclopädie und einigen andern Schriften der sogenannten Ökonomisten, die er einige Zeit hindurch fleißig las, scheint er seine Grundsätze und Anhänglichkeit an das physiocratische System geschöpft zu haben, das er in seinem Staate einführen wollte. Darum las er auch Schlettwein's Schriften. In der Zeit seiner wirklichen Regierung nahm er sich wenig Muße mehr zum Lesen, und that es in einigen Stunden Morgens und Abends, mehr zur Unterhaltung als zur Belehrung. Dazu nahm er vorzüglich Voltaires Schriften, die also ihren Verfasser für die Kälte entschädigten, welche Joseph, bey seiner Reise durch Ferney, gegen denselben geäußert hatte. Die Schriften, worin Er selbst, seine Anstalten und Unternehmungen getadelt wurden, las er mit Aufmerksamkeit. Der Procés des trois Rois, des Mirabeaud Doutes sur la liberté de l'Escaut, die kühnsten Broschüren, welche in Wien wider ihn erschienen, gehören dahin. Eben so nahm er Notiz von dem, was in periodischen Schriften über seine Regierung und seinen Staat gesagt wurde. Darum mußten seine Secretäre den deutschen Merkur, das deutsche Museum, Schlözers Staatsanzeigen, die Ephemeriden der Menschheit, Linguets Annalen \&c. immer durchgehen, und ihm die Aufsätze zum Lesen anzeichnen, welche Ihn selbst betrafen. Im Allgemeinen genommen, muß man gestehen, daß Er eben keine gar hohe Meinung von den Gelehrten hegte. Dazu hat freylich der Umstand viel beygetragen, daß er so viel schlechtes Geschmiere an das Licht kommen sah, und daß er selbst von mehrern großen und kleinen Büchermachern einige Mahle mit unverschämter Dreistigkeit angefallen ward. . . . . . Es geschah auch, daß Sachen, die er als Staatsgeheimnisse bewahrt wissen wollte, durch den Druck bekannt wurden. Dieses schmerzte ihn. Er betrachtete nun die gewöhnlichen Schriftsteller als Leute, die aus Gewinnsucht schrieben, und die sich alles erlaubten, um ihre Bücher desto besser zu verkaufen. Darum sah er es nicht gern, wenn Leute in öffentlichen Staatsdiensten sich mit Bücherschreiben abgaben. Aus diesen Gründen entstand auch eine Gleichgültigkeit über Lob und Tadel der Journalisten und Schriftsteller. Er verschmähte die von ihm so genannten kleinen Mittel, sich Ruhm zu verschaffen; aber er that Unrecht, diese kleinen Mittel nicht zu achten; denn mancher Fürst hatte und hat denselben so viel zu danken, daß es nebst dem persönlichen Ruhm, selbst für das Wohl seines Staats, wesentliche Folgen hatte. Kaiser Joseph war zu sehr in seinen Lieblingsprojecten, in seinen großen Planen vertieft. Er achtete nicht genug auf die Bemerkung, daß die Welt durch Meinungen beherrscht werde, daß einem Monarchen unserer Zeiten die öffentliche Meinung nicht mehr gleichgültig seyn dürfte; und daß diese öffentliche Meinung im Grunde doch von den Journalisten, Broschüristen, und Schriftstellern überhaupt geleitet wird. Dessen ungeachtet haben mehrere Gelehrte die Ehre seines Besuchs, seiner Zuschrift, haben Geschenke, auch Belohnungen von ihm erhalten. Überhaupt schätzte er eigentlich jene Wissenschaften, die ich, nach seinem Sinne, die practischen nennen möchte; solche nähmlich, aus deren Betrieb sogleich thätiger, handgreiflicher Nutzen entstand: als Chirurgie, Mineralogie, Mechanik, Mathemathik, in so weit sie für das Kriegswesen \&c. nothwendig ist; Technologie, Naturgeschichte, in Beziehung auf nützliche Staatsanstalten \&c. – Für speculative und schöne Wissenschaften aber war er kälter. Kein Monarch vor Ihm und mit Ihm hat sich wohl seinen Stand, im Puncte der Vergnügungen, so wenig zu Nutze gemacht, hat so wenig auf Zerstreuungen und Lebensgenuß gehalten, wie Kaiser Joseph der Zweyte. Wer den Kaiser und seine Verhältnisse genauer kannte, der darf wohl behaupten, daß der geringste Handwerksmann, daß der Taglöhner in seiner Art weniger arbeitete, und sich mehr Ergötzlichkeiten verschaffte, als sein Landesherr. Indessen, da es keinem Menschen möglich ist, unaufhörlich angestrengt zu seyn, so erlaubte sich auch Joseph einige Vergnügungen. Die politischen Absichten weggerechnet, waren seine Reisen ein wirkliches Vergnügen für ihn. So viele Länder, so viele Völkerschaften, die abstechenden Sitten, Gebräuche, Lebensart kennen zu lernen, hatte einen unauslöschlichen Reitz für ihn. Und es ist ein sehr gültiger Beweis von großem Geiste, wenn man das Reisen liebt. Dabey verschaffte ihm sein gewöhnliches Incognito, seine simple Art zu reisen, hundert lustige Auftritte in fremden Ländern. Bald ließ er sich zum Gevatter bitten, bald wohnte er einer ländlichen Hochzeit bey, bald tröstete er hülflose Ältern, bald überraschte er mit glänzenden Geschenken unschuldige Kinder. Musik war eine seiner angenehmsten Vergnügungen. Ich habe schon weiter oben angeführt, daß er sie bey seinem Aufenthalte in Wien beynahe täglich nach Tische hatte. Wenn ein großes vollstimmiges Concert war, so spielte er oft das Violoncello dabey. Bey Quartetten und kleineren Partien aber spielte er das Clavier, und sang manchmahl Arien aus den auf dem Theater aufgeführten Opern. Er sang einen reinen angenehmen Paß. Das Theater liebte, schützte und unterstützte er großmüthig. Muntere komische Stücke und lustige Opern hörte er gern. Er saß niemahls in der eigentlichen Hof-Loge, sondern in der dritten Loge neben dem Theater. Wenn er von großen Reisen zurück kam, und das erste Mahl wieder in dem Theater erschien, empfing ihn das Publicum mit einem allgemeinen Geklatsche. Er neigte sich dann über die Loge heraus, und dankte freundlich. Manchmahl hielt er das ganze Stück aus. Öfter aber blieb er nur während ein Paar Acten, oder hörte nur einige Arien aus einer Oper, und ging noch vor dem Ende des Stückes hinweg. Die Jagd brauchte er mehr wie eine, seiner natürlichen Thätigkeit nothwendige Leibesübung, als ein Vergnügen. Er jagte Hirschen in der Gegend von Stammersdorf, schoß Wild im Prater, in der Brigittenau, selten auf seinen Familiengütern. Einst war er dabey in großer Lebensgefahr. Ein Hirsch sprang auf ihn zu, kam mit dem Geweih in sein Kleid, und hob ihn von der Erde auf; aber das Kleid riß aus, der Hirsch rannte davon, und der Kaiser hatte eine Contusion auf der Brust, die er Monathe lang empfand. Während seines Feldzuges gegen die Türken hob er die Equipage der Parforce-Jagd gänzlich auf. Statt des Theaters, oder aus dem Theater weg, ging er gewöhnlich in Gesellschaft. Sie war gemischt von geistreichen Damen und Männern. Er besuchte verschiedene Häuser; von jeher aber hatte er eine besondere Gesellschaft von 5 Damen, die er mit dem allgemeinen Nahmen die Fürstinnen nannte. Es waren die Wittwe des Fürsten Franz Liechtenstein, die Fürstinn Carl Liechtenstein, ihre Schwester die Gräfinn Ernst Kaunitz, die Fürstinn Kinsky, die Fürstinn Clary: dieselben, an welche er das oben angeführte Abschieds-Billet schrieb. Diese Gesellschaft versammelte sich abwechselnd in einem Hause von den 5 Damen, am öftesten aber bey der Fürstinn Franz Liechtenstein. Von Männern kam dazu Graf Ernst Kaunitz, Rosenberg, Lacy. Es dauerte gewöhnlich bis nach 10 Uhr, und am Sonntagen bis 12 Uhr Nachts. Joseph erschien hier nicht als Monarch, sondern als Bürger und angenehmer Gesellschafter. In der That besaß er dieses Gesellschafts-Talent im vorzüglichen Grade. Er hatte Welt, Anstand, Witz, Feinheit und Leichtigkeit im Ausdrucke, war mit den Damen galant, höflich und gesprächig mit Jedermann. Zeugen davon sind alle jene Länder und Höfe, die er auf seinen Reisen persönlich besuchte. Man war allenthalben von seiner Person und seiner Art, mit den Leuten umzugehen, bezaubert. König Friedrich behauptet in seinen Schriften sogar, man sey in einigen Ländern auf Joseph heimlich eifersüchtig geworden, weil dieser durch seine gute, feine, gefällige Lebensart Jedermanns Neigung gewann, und manchen anderen Fürsten an Popularität weit übertraf. Wenn er während des Sommers im Augarten wohnte, mischte er sich gewöhnlich des Tages ein Paar Mahl unter den Schwarm der Spaziergänger, und ging stundenlang im Garten, auch im Prater herum. . . . Selbst wenn er Jemanden etwas abschlug, geschah es auf eine freundliche Art. Nur in den zwey letzten Jahren seines Lebens war er etwas mürrischer und auffahrender. Cholerisch-sanguinische Leute sind die, welche sich in der Welt am meisten bemerkt und gefürchtet, welche Epoche machen; am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen. Josephs Temperament war das cholerisch-sanguinische, und seine Handlungen verriethen es. Herrschen, wirken, zerstören, bauen, war ganz und unaufhörlich seine Sache. Alle seine Fehler und Schwachheiten waren Resultate seines Temperaments. Rasch und aufbrausend, schnell ergreifend, und eben so schnell wieder verwerfend, war seine Gemüthsart. Rasch sein Gang, rasch seine Geberden, rasch all sein Thun. Weichlichkeit war eine ihm unbekannte Sache, und Sorge und Schonung für sein Leben und Gesundheit waren ihm lästig. Er stürzte mit Pferden, gerieth auf Reisen in aufgeschwollene reißende Ströme, kaum Nagel breit mehr vom Tode entfernt; war zwey Mahl auf dem Puncte, von Hirschen gespieset zu werden. Alles das machte ihm keine Minute Sorge, machte ihn nicht schüchtern, sondern gab ihm Gelegenheit, darüber zu scherzen. Sein sonst offener Character gewann allmählig mehr Zusatz von Mißtrauen, und darum begünstigte er das Denunciren etwas zu stark. Er hatte aber gesehen, wie sehr das Zutrauen seiner Mutter von verschmitzten Leuten mißbraucht worden; hatte an sich selbst erfahren, wie oft er hintergangen ward, wie selten seine Absichten recht ausgeführt, wie häufig seine Befehle verdreht wurden. Dieß mußte ihn mißtrauisch und eigensinnig machen. Könnte man, zum Beyspiele, dem Publicum nur genau und umständlich erzählen, welche Hindernisse, Gehässigkeiten, Schwierigkeiten und Verdrießlichkeiten man ihm bey der einzigen Einführung der Toleranz in den Weg legte, die doch so öffentlich und allgemein gepriesen wurde; das Publicum würde Mitleiden mit ihm haben, würde ihm manchen heftigen Schritt, manchen harten Ausspruch zu gute halten. Ohne Schmeicheley darf man es behaupten: Josephs erste und stärkste Leidenschaft war, herrschen, regieren, arbeiten. Dieser opferte er alles Übrige auf. . . . Ambition hatte Joseph ebenfalls; und ein Monarch eines so mächtigen Staates muß sie haben. Zum Zorne machte ihn sein aufbrausendes Temperament geneigt; und dieses erfuhr zu Zeiten seine Dienerschaft, die er überhaupt strenge hielt; in späteren Jahren aber reichlicher beschenkte, als ehedem. Eigentliche Favoriten hatte Joseph nicht. Denn, daß er einem Kammerdiener oder Kammer-Lakayen gewisse häusliche Vertraulichkeiten machte, das heißt in der politischen Welt kein Günstling. Seinem geraden, hitzigen, offenherzigen, thätigen Character gemäß, hatte er eine unüberwindliche Abneigung gegen alles, was weitschweifig, steif, schwülstig, was Ceremoniel, Etikette, überflüssige Formalität war. Es fiel ihm lästig, daß er manchmahl im feyerlichen Aufzuge bey offener Tafel speisen, daß er bey geistlichen und weltlichen Ceremonien im Pomp erscheinen sollte. Er war der erste, welcher die Gewohnheit aufhob, daß immer die adelichen Leibwachen neben dem Wagen der Personen vom regierenden Hause reiten mußten. Er verboth durch eine eigene Verordnung das Kniebeugen vor sich selbst und seinem Hause, weil dieses eine dem höchsten Wesen allein zuständige Ehrenbezeugung sey. Er schränkte die Zahl der dienenden Kammerherren auf 36 ein, und überhob auch diese sehr oft ihres Dienstes. Indessen gestehe ich ganz willig, daß sein moralischer und politischer Character, genau genommen, noch eine Art von Räthsel ist: eine wunderbare Mischung von Gutherzigkeit und Härte, von großen und kleinen, von überdachten und übereilten Ideen, von weit aussehenden und kurzsichtigen Planen und Entwürfen. 74. Josephs Sorge für das Studienwesen. Der Kaiser war mit dem bestehenden Studienplane, wie man leicht denken kann, keineswegs zufrieden; und wie sehr es ihm am Herzen lag, ihn zu verbessern, und dem Geiste der Zeit, so wie den höhern Anforderungen, die er an die Aufklärung und Bildung seiner Unterthanen stellte, mehr anzupassen, geht aus seinem Erlaß vom 9. Februar 1790 (also gleichsam an der Pforte des Todes, 11 Tage vor seinem Hintritt), an den obersten Kanzler, Grafen von Kollowrat hervor. Dieses Schreiben lautet: »Schon mehrmahl habe ich der Hofkanzley die von mehreren Seiten eingegangenen Klagen über die bey der jetzigen Einrichtung der Studien in der Monarchie bestehende Anhäufung der Lehrgegenstände mit Abbruch der zur Bildung tüchtigen Beamten für jede Geschäftsabtheilung höchst wichtigen Berufsstudien zu erkennen gegeben. Seitdem sind diese Klagen so allgemein geworden, daß umsichtsvolle Ältern es für Pflicht halten, ihre Söhne dem öffentlichen Unterrichte zu entziehen, weil dieser größtentheils nur im Memoriren, also in einem leeren Gedächtnißwerke, besteht, keineswegs aber die Jugend zum eigenen Nachdenken und Reflectiren anleitet; weil man nur die Außenseite zu schmücken sucht, und durch Beybringung oberflächlicher Kenntnisse und witziger Gedanken die Zeit verschwendet, wodurch der Jugend für das Erste, für die eigentlichen Berufsstudien und die dazu nöthigen Vorbereitungen keine Zeit übrig bleibt, auch ihr Geschmack dafür nicht gebildet wird, sondern vielmehr eine ganz falsche Richtung erhält. Auf diese Weise muß der größere Theil nach hinterlegter Studienzeit eben so schnell das, was er bloß herzusagen gelernt hat, wieder vergessen, oder wenn auch dieses der Fall nicht ist, einsehen lernen, daß er mit denjenigen Kenntnissen, die brauchbaren Staatsbeamten unermäßlich sind, nicht ausgerüstet ist. Da ein wesentlicher Punct in Erziehung und Bildung der Jugend, Religion und Moralität viel zu leichtsinnig behandelt, das Herz nicht gebildet, und eben so wenig das Gefühl für seine Standespflichten entwickelt wird, so vermißt der Staat dadurch den wesentlichen Vortheil, redliche, denkende und wohlgebildete Bürger sich erzogen zu haben. Alle diese Betrachtungen haben mich bereits vor einigen Monathen veranlaßt, dem Hofrath Heinke , dessen Kenntnisse und Rechtschaffenheit vielseitig erprobt sind, den Auftrag zu ertheilen, einen mit aller Freymüthigkeit verfaßten Vorschlag zur Beseitigung dieser Gebrechen in den hiesigen Schulanstalten auszuarbeiten. Ich überschicke Ihnen daher denjenigen Theil davon, der die Grundsätze enthält, welche festgestellt werden müssen, bevor der Plan für jeden einzelnen Zweig bearbeitet werden kann. Sie werden diese in einer bey der Kanzley abzuhaltenden eigenen Zusammentretung reiflich erwägen, wozu Sie nebst den Hofräthen Heinke und Birkenstock , dann dem im philosophischen Fache mir als besonders geschickt bekannten, für die Niederlande zur Direction dieses Studiums bestimmt gewesenen Mayer , noch ein oder das andere Individuum von der Studiencommission, so wie von der Hofkanzley, wenn Sie einige Räthe dazu geeignet finden, beyziehen werden. Wenn die Commission über die Grundsätze sich vereiniget haben wird, so werden Sie dann die Bearbeitung der verschiedenen Lehrfächer einleiten, und die dazu verwendeten Individuen vorzüglich auf den wichtigen Umstand, von dessen genauer Ausführung allein ein glücklicher Erfolg von dem umgearbeiteten Studienplane zu erwarten ist, aufmerksam machen, daß eine genaue Verbindung der verschiedenen Lehrfächer in einem angemessenen Stufengange bestehe; daß die Schüler der Normalschulen für die Gymnasien vorbereitet werden, die Schüler der Gymnasien dagegen in der Philosophie nicht als in eine neue, ihnen bisher unbekannte Welt eintreten, und auch die philosophischen Lehrzweige in einer genauen Verbindung zu den höhern Wissenschaften stehen, und eine lehrreiche Vorbereitung für diese seyn sollen. Sie werden dann den ganzen neuen Plan mit der schließlichen Wohlmeinung dieser Commission Mir zur Entscheidung vorlegen, damit alsdann das Ganze der Studien-Commission gleich zur Ausführung könne vorgelegt werden. Da es aber höchst wichtig ist, daß so wesentliche Gebrechen in kürzester Zeit beseitiget, und die angegebenen Verbesserungen um so gewisser schon im nächsten Schuljahre benützt werden, so trage Ich Ihnen auf, diejenigen Individuum, welchen diese Arbeit aufgetragen wird, in meinem Nahmen aufzufordern, alle ihre Kräfte aufzubiethen, um ein Geschäft zu beendigen, welches das Wohl ganzer Nationen wesentlich berührt. 75. Die Wiener und die Wienerinnen unter Josephs Regierung. (Auszug eines Zeitgenossen und Augenzeugen.) 1. Menschengattung und Tracht . Der eingeborne Österreicher ist von mittelmäßiger, doch mehr groß als kleiner Statur, schlank und lang gespalten; mit einem Wort, von jener Figur, die im Durchschnitt das schönste Menschengeschlecht darstellt. Allein in Wien hat sich das vaterländische Geblüt durch Vermischung mit allen Nationen so sehr verdünnt, daß es nicht sehr häufig mehr hervorsticht. Indessen haben die eigentlichern, das heißt, die schon seit längerer Zeit hier nationalisirten Wiener, einen etwas merkbaren Gesichtszug: dieß ist ein langes, spitzig zulaufendes Kinn. Die Ungarn zeichnen sich durch etwas erhöhetere Knochen unter den Augen einiger Maßen aus. Die Wienerinnen – denn diese verdienen mehr so genannt zu werden, weil sie doch größtentheils auf dem Platz geboren sind – die Wienerinnen sind schön gewachsen, frischen Blutes, rascher Nerven, leichtfüßig, schlank, schmächtig, weiß von Farbe und fein von Fell. Sie verwelken aber etwas frühzeitig, bekommen schlaffes Fleisch; und werden im Alter etwas dickleibig. Der Anzug beyder Geschlechter ist immer nach den Gesetztafeln der neuesten Mode; er hat alle Vorzüge und Abgeschmacktheiten dieser launischen Göttinn. Die Männer tragen heut zu Tage alles kurz und knapp anliegend. Die Frisur ist niedrig. Die ungeheuern Pferdeschnallen erhalten sich noch immer, ob sie schon um ein paar Zoll kürzer und schmäler geworden sind; die hohen altangelsächsischen Hüte erhielten sich nur sechs Monathe allgemein; eben jetzt werden die runden, klein zugeschnittenen englischen Hüte zur Mode-Kopftracht; die zwey Uhrketten werden wieder seltener; die Bänderschuhe und gestreiften Strümpfe sind die neueste Phantasie; zum Alltagshabit sind die rostfarbigen und dunkelgrünen Fracks gewählt. Die Ringe führen die Büsten berühmter Männer, die Degen sind ganz brillantirt. Und die Weiber! O wer kann ihre Launen zählen? Welche Feder ist schnellfüßig genug, um alle jene tausend Abwechslungen zu haschen; alle jene kleinen Nichts auf das Papier zu heften, welche die Wesenheit des weiblichen Putzes erschaffen, und auf den Flügeln der Frivolität ab- und zustiegen! So viel ist gewiß, daß sich das schöne Geschlecht in unsern Tagen ungleich natürlicher, geschmackvoller, leichter, und anziehender kleidet, als ehedem. Die Stoffe sind nicht mehr so schwerfällig, so kostbar und dauerhaft; aber sie werden eben wegen ihrer Leichtigkeit und ihren geringen Preis öfters gewechselt, durch neue ersetzt, und geben also einen vielfältigern, reinlichern und immer frischen Anzug. Der ländliche Hut auf tausenderley Arten mit Bändern, Blumen, Guirlanden, Spitzen, Federn, Schmucknadeln \&c. \&c. verziert, wie unendlich reitzender bildet er den Kopf, als das ehmahlige steife Haufengebäude! . . . Die weißen Sommerkleider, mit einem Hüftenbande schattirt, wie nymphenhaft schweben die lebhaften Mädchen darin auf der Promenade umher! . . . Die Pelze im Winter – meine Lieblingstracht – welch griechische Symplicität stellen sie dar! Welche Reize leihen sie dem wallenden Busen: in der That, der Pelz ist eines der besiegendsten Kleidungsstücke unserer Weiber. Ach! . . . Alle diese Reize, alle diese Schönheiten werden durch die abscheulichen, die plumpen, die vermaledeyten Buffanten zerstört. Nie hat eine Erfindung mehr Niedlichkeit und Grazie zu Grunde gerichtet, als dieses monströse Gereife. Das schlankeste Mädchen wird dadurch in eine Häringstonne verwandelt. Seht ihr jene wandelnden Pyramiden? Es sind ein paar Fräulein mit Buffanten und dem schwarzen Mantel. So vernichten diese Maschinen Brust, Wuchs, Fuß, kurz, das ganze Wesen der weiblichen Reize. Wozu sollen sie auch? Etwa die Tugend zu schützen? Getäuschte Mädchen! wißt Ihr den Text nicht: Dieses siebenfache Bollwerk widersteht nicht stets der List, Ob es schon mit Wallfischrippen und mit Stachel geschützet ist. Dank den Huldgöttinnen! Die Damen der obern Stände haben schon wieder angefangen, sich dieses lästigen Gepäckes zu entledigen, und sich in ihrer natürlichen Gestalt zu zeigen. In diesem Fall wird die Nachäffungssucht der untern Stände einen guten Dienst thun Im Jahre 1787 waren alle Buffanten verschwunden. . Der Anzug der berühmten wienerischen Stubenmädchen hat gewisse Vorzüge, die ihn selbst über den Damenanzug erheben. Die Tracht der Bürgersfrauen und ihrer Töchter ist reich, aber etwas steif. Was soll man endlich vom Palladium der weiblichen Tugend sagen? . . . Dieses steht unter dem Schutz gewisser dienstfertiger Geister; die mögen für dessen Unentweihung sorgen: To fifty chosen Sylphs, of special note We trust th' important Charge, the Petticoat. 2. Der hohe Adel . Wer zählt die Barone, die Grafen und Fürsten in Wien? . . . Dieß sind drey Classen, welche man gewöhnlich unter die Mitglieder des höhern Adels zählt. Es ist natürlich, daß sich an einem Platz, wie Wien ist, viel Adel versammelt. Der Thron, die Geschäfte, die große Welt, das Bestreben, seine Talente zu zeigen, zu verfeinern, zu bereichern, auszubreiten, zu entwickeln, in Thätigkeit zu setzen; die Familienverbindungen, die Vergnügungen endlich und die Bequemlichkeit ziehen aus allen Provinzen der österreichischen Erblande eine Menge Standespersonen hieher. Doch hat Wien in diesem Betracht nicht ganz die Vortheile, welche London und Paris besitzen; in diesen Ländern zieht jeder Edelmann, auch aus der entferntesten Provinz wenigstens einmahl in seinem Leben auf einige Zeit nach der Hauptstadt, sey es auch bloß, um dort gewesen zu seyn. Diese Maxime ist im österreichischen Staat noch nicht allgemein. Der Adel aus den Niederlanden, aus der Lombardie und aus Steyermark ist im Vergleich mit dem übrigen ungleich seltener. Diese Familien schließen sich theils wegen der Entfernung, theils aus Bequemlichkeit, theils aus öconomischen Gründen, theils aus Eigensinn in ihre Provinzen ein. Sie haben sich Brüssel, Mailand und Gräz zu ihrer Sphäre erkohren, worin sie in behaglicher Selbstgenügsamkeit leben und weben. Auch in Ofen und Pesth, in Prag, Innsbruck, Preßburg, Linz, Hermannstadt, Klagenfurt und Lemberg sind sehr viele Cavaliere. Es war wirklich eine Zeit, wo man in Wien, so wie an allen europäischen Höfen, den größten Haufen des Adels zu nichts Besserem anzuwenden wußte, als etwa bey feyerlichen Gelegenheiten die Audienzsäle damit zu tapezieren, und bey Processionen und Einzügen Spalieren von Perücken daraus um sich her zu pflanzen. Das verbrämteste Kleid, die flimmerndste Livree machten dann das größte Verdienst aus. Diese Zeiten sind nicht mehr. Alte Pergamente und neue Kleider verschaffen nun nicht mehr die Gunst des Monarchen, die Ansprüche auf Ehrenstellen, die Ehrfurcht des Publicums. Ein ahnenreicher und verdienstvoller Cavalier mag wohl seine Einkünfte nach Belieben verzehren, mit sechsen fahren, Tafeln geben, die ersten Logen in den Spectakeln besetzen, ein großes Haus halten, dagegen hat man nichts: aber sobald er sich bloß dieser Rubriken wegen für einen wichtigen Mann halten, Hochachtung fordern will, so erhält er sie nicht. Ein kopf- und sittenloser, unbrauchbarer Fürsten- und Grafensohn wird heut zu Tage von den wahren Edeln nicht geachtet Wie wäre es auch anders möglich? Die hohe Noblesse besitzt eine Reihe von Köpfen, die durch persönliche Vorzüge eben so viel Glanz auf ihre Abstammung werfen, als sie von denselben erhalten; die sich durch ihre geprüften Talente, durch die wichtigsten Ämter, durch das Zutrauen des Monarchen, und durch ihren Einfluß auf die Verwaltung, das Wohl, und die Bewachung des Staates zu ihrem allgemeinen unwidersprochenen Ruhm auf das vortheilhafteste auszeichnen. Außer einigen niederländischen und lombardischen fürstlichen Familien leben die Chefs der meisten übrigen Fürstenhäuser der österreichischen Erbstaaten gewöhnlich für immer, oder doch einen Theil der Jahreszeit in Wien. Diese Häuser sind: Auersperg. Grassalkowicz. Lobkowitz. Bathiany. Kaunitz. Paar. Clary. Khevenhüller. Palm. Colloredo. Kinsky. Poniatowsky. Czatorisky. Lichnowsky. Schwarzenberg. Dietrichstein. Liechtenstein. Starhemberg. Esterhazy. Ligne. Sulkowsky. Diese Häuser zeichnen sich durch alte wichtige Verdienste um den Staat, durch fortdauernden Glanz ihrer Familien, durch persönliche Vorzüge ihrer Mitglieder aus. Das Register gräflicher und freyherrlicher Häuser, die sich aus der großen Menge aller hiesigen hervorgedrungen haben, ist zu zahlreich, als daß ich es hersetzen kann. Das Meiste, was Österreich, Böhmen und Ungarn Ansehnliches und Reiches aus dieser Classe hat, zieht sich in die Residenz. Wenn man in Anschlag bringt, wie leicht und bequem es einem gebornen Cavalier gemacht wird, sich zum brauchbaren Mann zu bilden; wie er Zeit und Geld zu seiner Disposition hat, welche Erziehung er genießt, wie sorgfältig man ihn mit ausgesuchten Lehrern und Büchern versieht; wie man ihm allenthalben Ermunterung, Beyfall und Belohnung zuwinkt – Vortheile, die dem bürgerlichen Jüngling so selten zu Theil werden; – und wenn er bey dem allen zum Taugenichts aufwächst: so hat man wahrlich das klare Recht, einen solchen Mann zu verachten. Auch scheint dieß das Sentiment der wahren Edeln selbst zu werden. Sie schätzen den bürgerlichen Gelehrten, Künstler, Geschäftsmann ungleich mehr, als den unnützen Edelmann. . . . . Laßt uns gerecht seyn. Geist, Witz und Kenntnisse sind nicht bloß das Erbtheil der Männer allein. Es gibt unter dem hohen Adel in Wien auch Damen, die wahre Schwestern der Musen und Grazien sind . . . – – – schön von Sitten, Voll Geist und Witz; von Zwang und Ziererei, Und allen ähnlichen Fehlern frey; Mit der Gabe begabt, so angenehm zu scherzen, Und mit so guter Art Die feinsten Gedanken anzubringen, Daß, wer sie je hörte, von ihnen bezaubert ward. 3. Der zweyte Adel . In diese Classe gehören die ganz neuen Baronen, die diplomatisch erklärten Ritter und Edeln. Seitdem aber der Werth der Diplome allenthalben etwas fällt, und ein Ehrenamt und die gute Verwaltung desselben den Mann adelt, ist der Kreis dieses Adels erweitert. Dieß hat man in Wien allgemein zur Regel gemacht. Man zählt zu dem zweyten Adel diejenigen Personen, welche man sonst die Honoratiores nennt; nähmlich die Räthe, Agenten, Doctoren \&c. auch Banquiers und Negozianten. Dieser Stand besitzt einen Kern von Geschäftsmännern, die den Staatssternen der ersten Größe in die Hände arbeiten, und den Gang der großen Maschine befördern helfen. Patriotismus, Rechtschaffenheit, Fleiß, Sachenkenntniß, Einsichten und Arbeitsamkeit machen sie ehrwürdig und beliebt. Diese Classe fängt an, sich unter allen Ständen am meisten aufzuhellen, welches eine treffliche Wirkung thut. Da die Gesellschaften derselben für andere ehrliche aber ungeadelte Erdensöhne nicht sogar sorgfältig verpalissadirt sind, wie jene der ersten Noblesse: so verbreitet sich durch sie die lichtere Denkart auf mehrere Köpfe, und durch diese wieder auf mehrere Stände des Publicums. Hier wirkt besonders daß einige Damen aus diesen Häusern, die nähmliche Denkart mit weiblicher Grazie verbinden, und dadurch doppelt liebenswürdig sind. Ich würde sie nennen, wenn es ihre Bescheidenheit erlaubte, die sie nur um so schätzbarer macht. Sie sind Schülerinnen Musarions: ihr Umgang ist so belehrend und geschmackvoll, als reizend; in ihren Häusern vergähnt man die Abende nicht mit elenden Kartengeblätter. Kleine Musiken, vertrauliches Freundschaftsgeplauder, literarische Neuheiten, Raisonnements über Bücher, Reisen, Kunstwerke, Theater; die Vorfälle des Tages, und interessante Neuigkeiten mit Salz erzählt, beurtheilt, beleuchtet, machte die Unterhaltung aus, und kürzen dem vertrauten Zirkel die langen Winterabende. Man lernt dort die meisten einheimischen, und die fremden, gelegenheitlich durch Wien reisenden Gelehrten kennen. Sollte man es glauben! Diese Damen erfuhren eben das Schicksal, welches die Madame Geoffrin und Necker in Paris betraf. Einige Kleingeister suchten sie darüber verhaßt zu machen, daß sie Bureaux d'Esprit hielten. Diese Polissons sollten bedenken, daß es ein wahrer Lobspruch für eine Dame ist, wenn sie ein Bureau d'Esprit bildet, indeß so viele andere Weiber Bureaux de Sottise halten. 4. Der gemeine Mann . So nenne ich nicht den letzten Pöbel, sondern den Bürger, oder, um es eigentlicher auszudrücken, den Professionisten und Handwerksmann, den Hof- und Herrschaftsbedienten von der untern Classe, den Kleinhändler; kurz die gewöhnliche Menschengattung zwischen Adel und Domestiken. Der gemeine Mann in Wien ist bieder, höflich, offenherzig, dienstfertig, redlich, lenksam, willig und guter Patriot, ob er schon seinem Kaiser nicht immer mit Händeklatschen zujauchzt, wenn er ihn auf der Strasse, auf dem Spaziergang, oder im Schauspiel sieht. Verschlagenheit, feiner Betrug, niedrige Gewinnsucht, Geldgierde, Filzigkeit, mißtrauische Kälte gegen Fremde, Hochmuth, Eigendünkel und Schmähsucht sind weit von ihm entfernt. Er ist im Handel und Wandel billig und gewissenhaft, verträglich gegen seinen Nachbar, gegen den Fremden freundlich und gutmüthig. Sein allgemeiner Grundsatz ist: man muß leben und leben lassen. Wer mich über diesen Umriß des Ganzen etwa mit einer aufgerafften einzelnen Gegenanecdote schicaniren will, der verdient keine Antwort. Der gemeine Mann in Wien liebt Schmaus, Tanz, Spectakel, Zerstreuung. Er spaziert an Festtagen fleißig in den Prater und Augarten, besucht Hetze und Feuerwerk, fährt auch wohl mit seiner Familie über Land, und bestellt sich allenthalben einen wohlbedeckten Tisch. Diese Sünde, welche gewissen Leuten so himmelschreyend vorkömmt, ist in meinen Augen sehr verzeihlich. Da in Wien bis auf Wohnung und Holz, in Verhältniß mit andern Hauptstädten, alles wohlfeil ist, so ist klar, daß der Handwerksmann seine Käufer nicht übersetzt; und da der gemeine Mann im Durchschnitt selten Bancrout macht, im Gegentheil noch wohlhabend ist, so muß man daraus schließen, daß er seine Vergnügungen nicht über seine öconomischen Kräfte treibt. Worin besteht nun das Verdammliche seiner Vergnügungen? Predigt einem Westphälinger, einem Schweden immerhin Sparsamkeit und magere Schüsseln: die Natur seines Landes will es nicht anders; aber gönnt dem im Überfluß lebenden Wiener seine Tafel; sie macht ihn zum glücklichen und gutlaunigen Unterthan, und was wollt ihr mehr? Noch armseliger ist es, wenn man den Wiener darüber tadeln will, daß er im zufriedenen Gefühl seiner Herzensfreude manchmahl ausruft: Es ist nur Ein Wien! Wenn er allein in diesem selbstgenügsamen Taumel schwebte, da möchte es noch hingehen, ihn darüber zu beschnarchen; aber welche Nation ist, die nicht ihre Hauptstadt für die beste hält? Der Pariser sagt: Es ist nur ein Paris in der Welt. Der Portugiese spricht: Wer Lissabon nicht gesehen hat, hat nichts Schönes gesehen. Der Spanier empfiehlt seinem Sohn noch auf dem Todtbette, ja in seinem Leben wenigstens ein Mahl nach Madrid zu gehen. Selbst der hochkluge, bescheidene Brandenburger sagt von seiner Hauptstadt: »Berlin ist die schönste Stadt in Europa; Berlin ist das Emblem der preußischen Monarchie, wo alles zu Nutzen und Vergnügen zusammengedrängt ist, um sich selbst zu genügen; Berlin ist Athen an Geist, und voll Muth wie Sparta« Berlinische Monathschrift. . Was Wunder, wenn auch der Wiener seine Mutterstadt für ein Paradies hält? Er hat doch wohl eben so viel Grund dazu, als der Pariser, Spanier und Berliner. 5. Politischer Charakter der Wiener . In den neuern Zeiten waren vier gefährliche, politische Krisen für Wien. Das Jahr 1683, da die Stadt von den Osmanen beynahe zur Verzweiflung gebracht ward; der Zeitraum von 1704 bis 1708, da die ungarischen Rebellen unter den Fahnen des Ragoczy und Tekely bis vor die Thore von Wien streiften; das Jahr 1741, da Bayern und Franzosen Linz erobert hatten; und endlich die ersten Märztage des Jahres 1757, nach der verlornen Schlacht bey Prag. Dieß waren die niederschlagendsten Epochen für die Einwohner Wiens, und das mit gutem Grunde. Angst und Verwirrung bemächtigte sich der Stadt. Glücklicher Weise überstand sie alle diese Crisen, ohne zu erliegen. Jetzt ist sogar das Andenken derselben verwischt; und wenn nicht noch an einigen Häusern gemahlte Türkenköpfe klebten, würde man sich kaum mehr ihres ehmahligen Besuches erinnern. Die heutigen Wiener haben eine zwar nur dunkle, aber ihnen fest vorschwebende Idee von der gegenwärtigen Stärke und Übermacht ihres Staates. Sie zittern vor Niemanden mehr, in der Überzeugung, daß ihre Minister und Generäle wohl dafür sorgen, daß nie wieder ein feindliches Heer ihren Linien zu nahe komme. Übrigens lassen sie ihren Landesherrn machen, was ihm gut däucht. Er hat sie schon an sehr empfindlichen Fleckchen angegriffen; aber sie haben keine offene sauere Miene darüber gemacht. Es war für das wienerische Publicum keine ganz gleichgültige Sache, die sogenannten Ketzer toleriren, Mönche und Nonnen aufheben, die Kirchenmusik abstellen, die Andachten vermindern, die Heiligen entkleiden, und sich einen Besuch vom heiligsten Vater Papst auf den Hals zu ziehen. Indessen duldeten die Wiener alles mit froher Gleichmüthigkeit: und hätten sich gewisse Menschen nicht so viele Mühe gegeben, die Gemüther auf alle ihnen mögliche Weise zu verbittern; so würde man auch nicht einmahl in Privatgesellschaften die Stimme der Unzufriedenheit und Schmähsucht gehört haben. Dieß zeugt von der Weichheit des Charakters der Wiener; sie ist ihnen so eigenthümlich, daß in Wien ein Aufwiegler gewiß sein Glück nie machen wird. 6. Moralischer Charakter der Wiener . Es ist ein gutes Volk um die Wiener. Auch in diesem Punct stimmen alle Beobachter dieses Platzes überein. Der Character dieser Stadtbewohner ist sanft, leicht, gutherzig, artig, angenehm, gesellig, beugsam und mittheilend. Eine bewunderungswürdige Bonhomie ist ohne Ausnahme über alle Stände und Menschenclassen verbreitet; wozu das milde Clima, der allgemeine Wohlstand, die sanfte Regierung, und der nicht schwer zu findende Erwerb für Jedermann, gewiß auch das Ihrige beytragen. Wahr ist es, der weiche Character der Wiener erzeugt keine heroische Tugenden. Aber wozu taugt auch Heldengefühl in unsern Tagen, bey unserer Verfassung? Unsere Staatsmaschinen sind so mechanisch aufgezogen; selbst unser bürgerliches und häusliches Leben ist so methodisch eingeleitet, daß große außerordentliche Explosionen des Kopfes und Herzens mehr Verwirrung und Unheil als Nutzen und Segen stiften. Das Volk zu Wien ist sehr sinnlich; ein Characterzug, den die Beschaffenheit des fruchtbaren Landes mit sich bringt; so wie sie ihn zu allen Zeiten und bey allen Völkern hervorbrachte, die unter einem milden Himmel und auf einem freygebigen Boden leben. Es ist eine abgenützte Sache, daß Völker, die in ärmern Weltgegenden wohnen, den von der Natur begünstigtern Vorwürfe darüber machen, daß sie weichlich leben. Die Spartaner thaten es schon gegen ihre Landsleute, die feinern und wollüstiger lebenden Athenienser; und seit diesen thun das so viele andere; mit welchem Grunde, will ich hier nicht untersuchen. Ich sage nicht wie jener wetterauische Pfarrer, daß es die schweren Sünden machen, daß in der Wetterau und ähnlichen Gegenden keine Ananas, Feigen, Citronen und Mandeln, sondern Kartoffeln und Holzbirnen wachsen: aber lächerlich dünkt es mich immer, wenn ein theoretischer Länderverbesserer es einer Nation verbiethen oder übel nehmen will, daß sie den Reichthum ihres Vaterlandes genießt. Man hielt ehedem die Wiener für große Tugenden und große Laster gleich unfähig, und einige speculative Beobachter wollen bemerkt haben, daß unter sechs in Wien öffentlich bestraften Verbrechern allemahl vier Ausländer, und daß dieser ihre Verbrechen die gröbern waren. Ich kenne die ehemahligen Wiener nicht; aber wenn grobe Verbrechen ein Beweis eines starken Nationalgeistes sind: so muß es, nach einigen neuen Beyspielen zu urtheilen, den heutigen Wienern nicht an Stärke und Schwungkraft fehlen. Wenn es nicht an die Linie der Eitelkeit und Prahlerey gränzte, die Wohlthaten und Äußerungen der Mildherzigkeit eines ganzen Publicums herzuzählen: so könnte ich arithmetisch darthun, daß der den Wienern so stark anklebende Hang zur Zerstreuung und Sinnlichkeit sie wahrlich nicht unbarmherzig mache. Ein Übel, dessen man die Wiener ehedem kaum fähig hielt, und das in der That äußerst selten war; welches aber jetzt hier, so wie in ganz Europa ziemlich häufig wird, ist der Selbstmord. Man findet ihn gegenwärtig unter allen Ständen, obschon die Polizey aus guten Gründen die Opfer desselben, so viel möglich verheimlicht. 7. Freiheit im Reden . Ungeachtet dieser alles wissenden, alles ausspähenden Polizey, herrscht doch in Wien die ungezwungenste Freyheit im Reden, sowohl in Privathäusern, als selbst an öffentlichen Orten und Plätzen. Wenn man den hiesigen freyen Ton, sowohl an Reden als Schriften, mit dem Tone der meisten sogenannten freyen Staaten, als da sind: Schweiz, Venedig, Genua \&c. vergleicht: so ist man in heißer Versuchung, über jedes hochklingende Prädicat der eingebildeten freyen Leute gewaltig zu lachen. Wenn man dagegen das ängstige Ohrengeflüster hält, das in so mancher kleinen Residenz so manches kleinen Fürsten, so manches kleinen Ländchens nothwendige Vorsicht ist: so preist man sich glücklich, in der Hauptstadt eines mächtigen großen Fürsten zu leben. Man hat seit der jetzigen Regierung in Wien kein Beyspiel, daß Jemand seiner freyen Sprache wegen von der Polizey Verdruß gehabt hätte. Dieß ist ohne Zweifel der vollgiltigste Beweis von den klugen Gesinnungen der Regierung über diesen Punct. Die Person des Landesherrn, die Politik und die Religion sind die drey Klippen, an welchen schon so mancher neue Demosthen gescheitert ist, und Ruhm, Vaterland oder Freyheit verloren hat. Nicht so hier. Kaiser Joseph setzt sich für seine Person über die böse Laune einiger Mißvergnügten hinaus. . . Die Politik treibt heut zu Tage ihr Spiel und ihre Plane mit einem so undurchdringlichen Geheimniß, daß sich alle, die im Ernste Kannegießerey treiben, mit ihren vermeintlich feinen Nasen bloß lächerlich machen, und die Regierung mehr belustigen als beunruhigen. . . Die Religion greift ein nüchterner, mit seinen fünf Sinnen versehener Mensch nie gröblich an. Wenn also etwa in einem schmutzigen, finstern, abgelegenen Saufwinkel sich ein toller Tropf, plumpe, grausliche Lästerungen dagegen entfahren ließ, so weiß man, daß dieß das Gebrüll der Beschaffenheit ist, welches den unsinnigen Wicht selbst bey seinen Zuhörern verächtlich macht. 8. Reife Mädchen . Ihre Zahl ist groß, und ihre Lage sehr unangenehm. Die von der zweyten und dritten Ordnung sind am schlimmsten daran. Die Hofdienste, welche doch hier einigen tausend Männern Beschäftigung und Unterhalt geben, sind heut zu Tage so sehr in die Form einer Schneckentreppe gebracht, daß die Leute dabey vierzig Jahre alt werden, ehe sie zu einer Stelle kommen, die ihnen erlaubt, eine Frau zu nehmen. In Sparta peitschten die Weiber jährlich die Hagestolzen im Tempel der Venus mit Ruthen, um sie für ihre Ehelosigkeit zu strafen. Diese Strafe, welche in Sparta wohl angebracht seyn mochte, wäre bey uns höchst unbillig, weil der größte Theil der Hagestolzen es wider seinen Willen ist. Man sieht eine Menge von Kanzeleymännern, Hausofficieren \&c., die schon seit Jahrzehenden ordentliche Liebschaften unterhalten, und als Freyer sammt ihren Liebsten grau werden. Um diesem Mißstand einigermaßen abzuhelfen, würde es besser seyn, wenn man statt der Spartanischen Methode, Ehestandsproselyten zu machen, die alte Babylonische einführte. Wer ein schönes Mädchen zur Frau nahm, mußte eine Taxe erlegen, und mit diesen Taxen steuerte man die Häßlichen und Armen aus, um ihnen ebenfalls Männer zu verschaffen. So frey und flüchtig die verheiratheten Weiber leben, so gezwungen und langweilig ist hingegen die Lebensart der ledigen erwachsenen Mädchen. Es jammert einen ordentlich, sie keinen Schritt machen, in keine Gesellschaft kommen zu sehen, ohne eine grämliche Tante, eine hämische Gouvernante, oder die Mama selbst mit der Miene ihrer ganzen mütterlichen Autorität zur Forscherinn aller ihrer Worte und Aufseherinn aller ihrer Blicke an der Seite zu haben. Man lehrt sie die Regel des Putzes, der Gefälligkeit; alle Beschäftigungen zielen dahin, um ihnen die Kunst zu gefallen einzupflanzen, natürlich zu machen, und dann fordert man, daß sie die Spröde spiele, daß sie bey den Siegen ihrer Reitze fühllos bleibe! In der That ist auch ihre Conversation ziemlich trocken. Eine sogenannte Unschuld – nach dem alten Begriff von diesem Worte – ist leider in den Zirkeln der großen Welt nach dem heutigen Tone eine Geschöpf, das mehr zur Belästigung als Belebung der Gesellschaft beyträgt. Man unterhält sich lieber mit Weibern. Das Wesen eines Mädchens hat etwas gezwungenes, ängstiges, leeres und geziertes, das in die Länge nur ein in sie Verliebter aushalten kann. Sobald aber das Mädchen einen Liebhaber erhascht hat, in den auch ihre Ältern willigen, dann wird aus dem blöden, zimperlichen Dinge oft plötzlich ein stolzes, schnippisches, naseweises Püppchen. Die Mädchen kennen die Vorzüge der Weiber; daher trachten sie so sehr nach diesem Stande. Viele junge Mannspersonen meiden jene Häuser, wo reife Mädchen ohne Liebhaber sind, weil man ihre öfters widerholten Besuche gern für eine Liebeserklärung nimmt, oder sie nach einiger Zeit wohl gar zwischen vier Wänden constituirt, und zwingt, zum väterlichen und mütterlichen Protocoll auszusagen, mit welchen Absichten sie in das Haus kommen. 9. Lustmädchen » Die öffentlichen Häuser, welche seit mehreren Jahren eingegangen waren, sollen vor allen Instanzen und mediz. Behörden, als für den Gesundheitszustand der Stadt durchaus unerläßlich, wieder hergestellt werden, und man soll beabsichtigen, deren auf dem Kopniker Felde anzulegen«. Corresp. Nachr. Berlin, Humorist 1849. N. 5. . Es sind nicht fünfzehn Weiber und Mädchen in Wien, denen ihre Liebhaber Kutscher und Pferde halten; und unter diesen fahren nicht fünf als bekannte Mätressen großer Herren herum: eine Anzahl, die im Verhältniß mit andern großen Städten wahrlich geringe ist. Größer ist die Zahl derjenigen, welche auf einem ganz artigen Fuß von reichen Liebhabern unterhalten werden; aber meistentheils in ihren Häusern versperrt sitzen, nie öffentlich mit ihren Liebhabern erscheinen, und denselben jährlich zwey bis dreytausend Gulden kosten. Noch größer ist die Zahl derjenigen, die von minder reichen Leuten unterhalten werden, zu zwey bis dreyen bey einer gutherzigen Matrone beysammenwohnen, jährlich fünf bis sechshundert Gulden von ihrem Liebhaber ziehen, und diesem, bey plötzlicher günstiger Gelegenheit, einige Ducaten zu erwischen, von Zeit zu Zeit auf eine Viertelstunde untreu werden. Alle diese unterhaltenen Mädchen gehen von Hand zu Hand. Es wird nach einiger Zeit entweder der Liebhaber ihrer satt, oder es bietet sich ein Anderer an, der jährlich einige Ducaten mehr verspricht, und so, wie billig, vorgezogen wird. In die vierte Classe gehören diejenigen, welche zwar von Niemand unterhalten werden, aber doch nicht jedem zu Gebothe stehen, sondern nur bekannte gewisse gute Freunde haben, von denen sie wechselweise besucht werden. Nach diesen folgt die Schaar derjenigen, die ganz leidlich, zum Theil auch niedlich gekleidet, in der Mittags- und Abendstunde auf den volkreichsten Straßen der Stadt herum streichen, und jeden, der seinem äußern Ansehen nach einen Gulden im Sack zu haben scheint, gutwillig mit sich nach Hause nehmen. Die letzten, unter diese Rubrike gehörigen Mädchen sind jene brutalen Dirnen, die in den Saufhäusern der Vorstädte sich mit Bierkannen berauschen, und dann mit Soldaten, Fiakerknechten, groben Handwerksburschen \&c. im wilden Taumel erliegen. »Irre ich, frägt der Verfasser der Schwachheiten der Wiener – wenn ich behaupte, daß Wien zehntausend weibliche Geschöpfe hat, die Jedermann für jeden Preis zu Dienste stehen, und viertausend andere minder ausschweifende, die von Hand in Hand gehen? . . . Freylich irrt er: seine Rechnung ist um ein merkliches übertrieben. Ich glaube der Wahrheit näher zu kommen, wenn ich sage, daß Wien ungefähr zweytausend öffentliche Straßendirnen, und etwa fünfhundert unterhaltene Mädchen hat. . . . Ich würde jene Angabe nicht berührt haben, wenn sie nicht Herr Nicolai, trotz ihrer auffallenden Unwahrscheinlichkeit, getreulich in seine Reisebeschreibung eingetragen hätte, vermuthlich bloß, weil sie so gelegen kam, den Wienern eine Schlappe mehr anzuhängen.« Soll ich es wiederhohlen, daß die Wienerischen Lustmädchen, im Vergleich mit den Parisischen und Berlinischen züchtig sind? Wenn man den Reisenden glauben darf, ist dieß wirklich so. In Wien wird euch ein solches Mädchen nie verfolgen, nie in den Weg treten, nie beym Rock an sich ziehen. Sie blickt euch verständlich genug an, oder sagt höchstens im Vorbeigehen leise: Kommen Sie mit? . . Dagegen beklagen sich die Dilettanten auch, daß die hiesigen Mädchen zu wenig in ihrem Metier raffiniren, daß sie nicht bequem eingerichtet sind, daß sie ihre Gesellschaft sehr wenig zu unterhalten wissen. – Wie wäre es auch anders möglich! Unter der vorigen Regierung wurde mit äußerster Strenge gegen diese armen Geschöpfe verfahren, und seit der jetzigen ist die Zeit noch zu kurz, um diesen Zweig des Luxus schon in einiger Vollkommenheit hergestellt sehen. Ehemahls wüthete man, wenigstens dem Vorgeben nach aus religiösen und moralischen Gründen gegen den unehlichen Genuß der Liebe. Die Moralität der Sache überläßt man zwar heute dem Gewissen des Sünders; aber man hat sie dagegen zu einem politischen Problem gemacht. Immer hört man noch die Fragen: Kann der Staat öffentliche Mädchen dulden? Wie hoch kann er ihre Zahl anwachsen lassen? Bis auf welchen Grad kann er die Publizität ihres Gewerbes dulden? Soll er sie ihrem eigenen Schicksal überlassen, oder soll er eine Art von Aufsicht darüber führen? . . . daß er sie nicht gänzlich vertilgen oder aufreiben könne, scheint er wohl endlich durch sein Benehmen zu bestättigen. Das Ob? ist also so gut als entschieden, und es kömmt noch auf das Wie? an. Indessen dünkt mich, man lege dieser Sache mehr Ernst und Wichtigkeit bey, als sie verdient. Wenn der ganze Staat mit öffentlichen Priesterinnen der Liebe angefüllt wäre, dann müßte er freylich auf kräftige Gegenmittel denken. Allein, wie ausgebreitet ist denn das Reich der Lustmädchen? Es ist die Hauptstadt und etwa noch ein Paar der größern Provinzstädte; da habt ihr den ganzen Wirkungskreis des Unwesens. Wie nun die Hauptstadt in der ganzen Form ihrer Verwaltung gewöhnlich eine große Ausnahme von der Verwaltung des Staates macht, so wird sie es auch wohl in diesem Artikel machen müssen. So abgeschmackt und beleidigend für das Publicum es ist, wenn ein Mann, der jährlich 60000 Gulden verzehrt, dem Monarchen eine Rechnung vorpinselt, worin er klar zeigt, wie jeder Beamte von hundert Gulden Besoldung ganz bequem mit Weib und Kindern leben könne, er, der auf jede Schindmähre, die an seinem Wagen zieht, jährlich mehr verwendet; der gar keinen Begriff haben muß, was hundert Gulden für eine ganze Familie in unsern Zeiten sind, eben so abgeschmackt ist es, wenn ein Mann, der eine sehr einträgliche Stelle, ein schönes Weib, und etwa nebenher etwas noch Schöneres hat, nachdem er niedlich getafelt, und eine Stunde mit seiner schönen Frau Cabinetsruhe gehalten hat; wenn er dann hingeht, und ganz trocken predigt: Man muß der Lüderlichkeit Einhalt thun, um dadurch die Leute zum Heirathen zu zwingen . Was sind es für Leute, die nicht heirathen wollen, die den Lustmädchen nachlaufen? Sie sind nicht aus der Classe der Bürger, der Handwerker, des geringen arbeitssamen Volkes: nein, es sind junge Cavaliers, reiche Wollüstlinge, Leute vom Mittelstande, junge Beamte, Künstler \&c. die bey geringen Einkünften doch in ihrem Äußern für die große Welt präsentabel erscheinen müssen. Wer solche Leute durch Verjagung der Lustmädchen zum Heirathen zwingen zu können glaubt, der muß die Menschen wenig kennen. Was werden die Folgen des Zwanges sein? Entweder die abscheulichsten Laster, oder man wird sich an ehrliche Weiber und Mädchen machen, und sie zu seinen Absichten zu leiten suchen. . . Man hat von jeher die Lustmädchen als moralische Strahlableiter für die Sicherheit der tugendhaften Weiber gehalten. Was die gewissen abscheulichen Laster betrifft: diese sind dem Staat sichtbar noch unendlich schädlicher als die unehliche Liebe, sie schwächen ihre Anhänger noch mehr, und bringen gar nichts hervor, da die Mädchenfreunde doch immer jährlich zwey Drittheile von Schwangern in das Gebärhaus liefern. Endlich, wer kennt die Tyranney der Weiber, ihre Herrschsucht, ihren Stolz, ihren Trotz nicht! Da uns ein unglückliches physisches Bedürfniß von ihnen abhängig macht, so wissen sie sich ihrer Macht gewöhnlich nur zu wirksam zu bedienen. Will man einen ehrlichen Mann zur Verzweiflung, zu Unthaten; will man einen Weisen zu Albernheiten, zu Narrenstreichen verleiten, so gebe man ihn nur einer schönen Spröden Preis. Wie der arme Teufel Monathe und Jahre lang zu den Füßen der schelmischen Cokette seufzen wird; wie er Zeit und Vermögen verschwendet, ihren Genuß zu erringen, wie er darüber zum Mährchen der Stadt wird, wie er Freundschaften, Pflichten, Verbindungen vergißt und aufopfert? – In solchen verzweifelten Fällen ist kaum ein anderes Gegenmittel, als ihm ein Freudenmädchen in die Hände zu spielen: dieß kühlt sein Blut ab, und gibt ihm seine Vernunft wieder, daß er lachend seine Unerbittliche verläßt. Die Weiber wissen, wie sehr die Lustmädchen ihrer Herrschsucht im Wege stehen; darum sind sie ihre unerbittlichen Feindinnen, und haben stets an den Verfolgungen derselben den größten Theil gehabt. 10. Der Kaiserhof! Der Wiener Kaiserhof hat besonders unter der jetzigen Regierung eine ganz eigene Gestalt. . . . Wenn man den Maßstab von den Höfen zu Versailles, Petersburg, Madrid \&c. nehmen wollte, um ihn nach denselben zu beurtheilen: so würde man vergebens suchen, gewisse Ähnlichkeiten zwischen ihnen zu entdecken. Wer ist in Europa, der nicht von einer gewissen Gattung Geschöpfe gehört hat, die um die Häuser der Könige schwärmen, Ränke knüpfen, Gift im Busen und Honig auf den Lippen tragen; die mit beugsamen Rückgelenken und geläufiger Zunge jedem zuvorkommen, seine Geheimnisse ausforschen, ihn heute umarmen, und morgen in den Abgrund stürzen, die auf jede Frage eine Antwort fertig haben, alles wissen; den Thron umlagern; die schwache Seite des Fürsten ausspähen; ihn am Gängelbande führen, während sie ihn von Selbstherrschung träumen lassen; die ewigen Maskenhändler, welche die Göttinn der Wahrheit stündlich mit falschen Farben bepinseln, und sie so bepinselt, mit Spott und Hohn aus den Cabineten verscheuchen; deren Nahrung Cabale ist; die der Stimme des Elends und der Unschuld den ehernen Schild ihres verstumpften Gefühls entgegen halten, und ihr den Weg zum Thron abschneiden? . . . Kurz wer kennt die Pest der Höfe, die Hofschranzen nicht, welche die Triebräder und Lebensgeister so mancher europäischen Höfe ausmachen! Geht nach Wien, und fragt nach dieser Menschengattung: man wird euch nicht verstehen. Weder der Monarch, noch die an der Verwaltung des Staates mitarbeitenden Großen leiden ähnliche Geschöpfe um sich. Überhaupt gibt es am hiesigen Hofe keine Bedienungen und Titel, die den damit Versehenen Gelegenheit und Muße verschaffen, den Höfling im gewöhnlichen Verstande zu spielen. Es ist ein Schauspiel von einer besondern Art, wenn man die Geschichte einiger europäischen Höfe genauer ansieht, wie Günstlinge, Weiber und Priester darein wirken, wie Minister steigen und fallen, Feldherrn erschaffen und vernichtet werden, wie der Fürst mitten unter seinem Volk in einem so dichten Hofnebel lebt, sein Volk so wenig kennt, und von demselben so wenig gekannt ist, als ob er dreytausend Meilen weit von demselben entfernt lebte. Der Hof in Wien ist auf den einfachsten Ton gestimmt. Der Kaiser ist die Seele von allen seinen Stellen, er will selbst allenthalben und alles sehen und hören, und ist beynahe täglich von Jedermann, wessen Ranges und Standes er immer sein mag, zu sprechen. Gählinger Ministerwechsel, Hinterschleichungen der höchsten Gewalt, Protectionen ohne Grund und Verdienste, politische Eifersüchteleyen, verwickelte Intriguen und alle dergleichen kleinliche Maschinerien, sind am Hofe zu Wien Dinge, die man theils nicht kennt, theils verachtet. Dieser einfache offene Gang der Sachen ist freylich gewissen Leuten nicht am angenehmsten, weil es nicht Jedermanns Bequemlichkeit ist, gerade zu handeln und behandelt zu werden. . . . Auch jene müßigen Gaffer, die sich bloß davon nähren, die Ärger-Chronik der Höfe auszuspähen, Anecdoten herumzutragen, um das kleine Hofgesinde herumzuschmarozen, sind nicht damit zufrieden. Aber wer bekümmert sich darum? Der Character der deutschen Nation war von jeher etwas ernster. Es ist gut, daß der Hof in diesem Punct eine Art von Würde erhält, die auch auf die Denkart des Publicums Einfluß hat. 76. Josephs Plan zu einer Schauspieler-Pflanzschule (Pepiniére). Dieser Plan sollte nach des Kaisers Antrag durch den Hofschauspieler Joh. Heinr. Friedr. Müller zur Ausführung kommen, durch einen Mann also, der in jedem Anbetrachte die Eigenschaften dazu besaß. Unter Anderm hatte er auf Josephs Befehl die vorzüglichsten Theater Deutschlands besucht, um dem Kaiser ausführliche Berichte über deren Zustände zu liefern, tüchtige Subjecte für die Wienerbühne anzuwerben \&c., da Joseph nun einmahl die Absicht hatte, sein »National« Theater auf jegliche Weise zu heben. Wenn wir sagen »Müller, Vater«, so werden die auch nur einiger Maßen kundigen Leser schon Alles wissen. Die Sache mit der Pepiniére knüpfte sich alsbald nach Müllers Rückkunft von seiner Kunstreise an. Über deren Resultate erhielt er ein Belobungsdecret, welches wir schon seiner eigenthümlichen Fassung wegen hier einschalten wollen. Es lautet: Decret. Von der k. k. obersten Hof-Theatral-Direction wegen dem Johann Heinrich Friedrich Müller, Mitglied der allhiesigen National-Schauspieler-Gesellschaft anzufügen. Es hätten Se. römisch-kaiserliche Majestät, unser allergnädigster Herr über seine respectu der – zu der von Sr. Majestät vorgeschriebenen und allergnädigst anbefohlenen Theatral-Reise von der untergeordneten Cassa in vier Ratis zusammen auf Verrechnung erhaltenen 1911 Gulden 40 kr. eingereichte Berechnung und darin gemachte Aufrechnung ihme Müller zu absolviren, auch zugleich den sich gezeigten Hinausrest pr. 31 Gulden 43 kr. gegen seine Quittung ohne einigen Abzug zahlen zu lassen, annebens Allerhöchst dero Zufriedenheit über seine bey diesem Geschäfte mit aller Wohlanständigkeit an Tag gelegte Geschicklichkeit und erprobte Kenntniß, wessen derselbe durch die am 18. dieses Monaths ihm Allermildest ausgeworfenen zweyhundert kaiserl. Ducaten bereits ohnehin überzeugt worden, auch schriftlich erkennen geben zu dürfen, Allergnädigst anzubefehlen geruhet. Welches Ihme Müller zur Wissenschaften und fernerer Aneiferung in seinen Pflichten anmit ohnverhalten wird. Wien den 27. Februar 1777. (L. S.) Rosenberg . Michael Freyh. v. Kienmayer. Rudolph Joseph v. Melzer. In seinem »Abschied von der k. k. Hof- und National-Schaubühne« (Wien 1802) erzählt Müller die Angelegenheit der Pepiniéres, wie man das Project damahls nannte, auf nachstehende Weise: »Ich dankte Sr. Excellenz mit gerührter Seele, und bat ihn, mein Dankgefühl vor den Thron zu bringen. Ich will es dem Kaiser sagen, antwortete er, aber Sie werden bald Gelegenheit erhalten, es selbst thun zu können. Jetzt setzen Sie sich, und sprechen Sie von dem, was ich Ihnen zu sagen habe, mit Niemanden! – Bey Parhammern hat der Kaiser neulich einige Knaben und Mädchen bemerkt, in welchen er Genie und Talent für das Theater gefunden zu haben glaubt. Besonders haben ihn ein paar junge Mädchen aufmerksam gemacht, die bey dem Hochamte sangen und von der Natur mit einer ausnehmend schönen Stimme begabt sind. Nun haben ihn ihre Berichte von der Mannheimer Sing- und Theaterschule auf den Gedanken gebracht, eine solche Pepiniére hier zu errichten. Überdenken Sie, wie die Sache am schicklichsten einzuleiten ist und entwerfen Sie einen Plan dazu. Bringen Sie mir diesen halbbrüchig geschrieben, daß ich die Stellen bezeichnen kann, die ich abzuändern finde. Haben Sie ihn dann ins Reine gebracht, so gehen Sie gerade damit zum Kaiser. Machen Sie sich gleich an diese Arbeit; der Entwurf muß kurz und nicht zu gedehnt seyn; – und – ich erinnere Sie nochmahls auf höchsten Befehl, Niemanden von diesem Auftrage etwas zu sagen.« – Den 3. März brachte ich nach erhaltener Vorschrift den Plan zu diesem Institute. Se. Excellenz lasen ihn aufmerksam durch, zeigten einige Stellen an, die ich in Ihrer Gegenwart abändern mußte; und andere, die ganz wegbleiben sollten. »Wenn sie diesen Entwurf mundirt haben, sagten Sie endlich, so tragen Sie ihn selbst zum Kaiser, und sagen Sie nur, ich schickte Sie damit.« Tags nachher gegen vier Uhr Nachmittags ging ich auf den sogenannten Controllorgang, wo gewöhnlich die Bittschriften eingereicht wurden. Es waren gegen fünfzig Bittsteller von allen Classen und Ständen da. Als Se. Majestät aus Ihrer Cabinetskanzley traten und einige Supliken angenommen hatten, erblickten Sie mich in der Ferne. – Sie riefen: »Müller, bringen sie mir was?« – Da ich mit Ja! Ew. Majestät! antwortete, fuhren Sie fort: »Nur her damit, – und gehen sie in meine Kanzley, ich komme gleich.« Bey Seinem Eintritte wollte ich für das erhaltene Belobungs-Decret danken; der Monarch fiel mir ins Wort: »Lassen sie das,« und blätterten in meinem Plane. »Ich habe,« fuhren Sie fort, »heut viel zu thun, doch werde ichs lesen und mit Rosenberg darüber sprechen.« – Ich ging. – Als ich bereits an der Thür war, wurde ich zurückberufen. »Noch Eins! Geben sie bey Gelegenheit Rosenbergen einen Vorschlag wegen einer Theater-Bibliothek. Nicht an mich, an ihn selbst, nur ein pro Memoria. Ich möchte doch hören, was er mir darüber sagen wird;« fügten Se. Majestät lächelnd hinzu. – Mein blos skizzirter und nicht mit allen dazugehörigen evidenten Gründen begleiteter Plan war folgender. Allergnädigster Monarch! Ich befolge in allertiefster Ehrfurcht den Befehl, welchen mir Ew. Majestät durch den Grafen Rosenberg in Betreff einer Theater-Pflanzenschule so huldvoll haben bekannt machen lassen. Durchdrungen vom Gefühle der Glückseligkeit einer Nationalbühne, die der Erste Monarch seines allerhöchsten besondern Schutzes würdiget: – für welche Er Selbst Sich zur Ausfindung der wirksamsten, der einzigen Mittel, durch die sie Vollständigkeit, Fortdauer und mögliche Vollkommenheit erhalten kann und muß, herabläßt, lege ich Ew. Majestät diesen Entwurf in allerehrfurchtsvollster Unterthänigkeit zu Füßen. a. Nothwendigkeit . Meine auf Ew. Majestät allergnädigsten Befehl gemachte Theatral-Reise, gab mir Stoff zu vielen Bemerkungen über die Nothwendigkeit und den ausgebreiteten Nutzen eines dergleichen Instituts, da ich an so manchem Beyspiele sah, wie oft das Genie ohne selbst die jedem Menschen unentbehrlichen Vorkenntniße, ohne allen Unterricht für seine Bestimmung, vom Mangel unterdrückt, zur Unbrauchbarkeit herabsinkt: anstatt, daß durch glückliche, zweckmäßige Bildung, selbst schwache Talente zur Brauchbarkeit und über das Mittelmäßige erhoben werden können. – Bisher sind die Schaubühnen meist in Verlegenheit gewesen, Personen von aller Art, ohne ihre Talente recht zu kennen, wenn eben das Bedürfniß da war, anzunehmen, davon Einige die Hoffnung des Publicums erfüllten, Einige übertrafen, die Meisten aber hintergingen. Die Ursache liegt am Tage, wenn man eines Theils erwägt, wie viele Schauspieler bis in ihr zwanzigstes, dreyßigstes Jahr zu einer ganz andern Bestimmung geleitet, nur dann erst durch Eigensinn oder Unglücksfälle zum Theater getrieben wurden; andern Theils mit Befremdung sieht, wie viele von ihnen ohne Kenntniß, jeder in ihre Kunst eingeschlagenden Wissenschaft, ohne die ersten Grundsätze eines gereinigten Geschmacks, ohne Lectüre, mitten in Deutschland, oft Deutschlands Dichter nicht kennen, – und, – nie mit Nutzen zu lesen wissen. – Ohne Kenntniß ihrer Mängel, ohne innrer Kraft, ihnen abzuhelfen, ohne klugen Ehrgeitz, ohne Aufmunterung kriechen dergleichen Schauspieler mechanisch zu einer Local-Tauglichkeit empor, bleiben auch wohl phlegmatisch auf der untersten Stufe stehen, und kommt ja mancher davon etwas weiter, welche einförmige Unterhaltung für seine Beschützer, für das Publicum, alle seine ängstlichen Bestrebungen, und meist mißlungenen Versuche mit ansehen zu müßen, ehe ein solches Subject nur einigermassen erträglich wird. – Preville hat vor einigen Jahren in Frankreich durch eine Pflanzschule diesen Unbequemlichkeiten abzuhelfen gesucht; wie? und mit welchem Erfolge? bin ich aus Mangel zureichender Nachrichten, anzugeben außer Stande. Ein zweyter Versuch wird jetzt in Mannheim gemacht. b. Nutzen . Mit glänzenderm Erfolge und mäßigem Aufwande (der von Jahr zu Jahr sich eher vermindern als steigen würde) könnte hier in Wien der Gedanke in seinem ganzen Umfange zur Wirklichkeit reifen, und ich schmeichle mir, daß der glückliche Einfluß einer solchen Anstalt, nicht nur auf das Wiener National- sondern auch auf alle Provinzialtheater unserer weitläufigen Staaten und die dadurch beförderte allgemeinere Verbreitung des sittlichen Gefühls und verbesserten Geschmacks, der berichtigten und verfeinerten Sprache in wenig Jahren sich unwidersprechlich äussern muß. Es erhielte auch dadurch von einer andern Seite der Geschmack der Nation an erlaubten Vergnügungen eine neue Nahrung, wenn die Glieder der Theaterschule nach einiger Bildung Freyheit erhielten, in den Zeiten, wo sonst die hiesige Bühne gewöhnlich geschlossen ist, als in den ersten Advent- und Fastenwochen, oder in Sommer bey der Abwesenheit des Allerhöchsten Hofes in Laxenburg, auf dem National-Theater für die, diesen Zöglingen und Zeiten angemessene Stücke, vorzustellen. Außer der Unschädlichkeit der Sache an sich selbst, ermuntert mich noch das Beyspiel auswärtiger, selbst geistlicher Fürsten, bey denen dergleichen Vorstellungen in gedachten Zeiten erlaubt sind, diesen Gedanken nicht für zu dreist zu halten. Das Publicum gewönne eine anständige Unterhaltung mehr, und viele würden durch dieses sittliche Vergnügen von manchen schädlichen Spielgesellschaften und andern sinnlichen Ausschweifungen abgehalten werden, die nach der Beobachtung von Männern, welchen die Aufsicht über Polizey und Sitten anvertraut ist, gerade in diesen Zeiten größer zu seyn pflegen, als in jeder andern des Jahres. Die Neuheit der Stücke und Spielenden; die Begierde zu sehen, was man sich wohl von der Anstalt im Ganzen, oder von jedem Individuum insbesondere zu versprechen habe; der Antheil, den das hiesige Publicum auch schon darum daran nehmen würde, weil die Eleven Eingeborne wären, würden hoffentlich den Schauplatz nicht leer lassen; – und wenn die jedesmahlige Einnahme dem Institute zu Gute käme, so wäre dieß ein Mittel zu der obgedachten Verminderung des Aufwandes für die Errichtung dieser Schule, – in der Folge vielleicht gar die Quelle zu einem Fond, aus welchen sich die Anstalt durch sich selbst erhielte. – Indem durch diese Pepiniére manchen zwar rechtschaffenen aber mittellosen Ältern die drückende Sorge für die Erziehung talentvoller Kinder abgenommen, oder wenigstens ansehnlich erleichtert – und manchem verwaisten jungen Genie Wege und Mittel dargebothen würden, sich zu bilden und empor zu schwingen, das vielleicht sonst verrostet, oder umschlägt, so erhebt sich diese Anstalt zugleich zu der Würde einer wohlthätigen und menschenfreundlichen Nationalstiftung. c. Subjecte . Die Zahl der Bildenden sollte wenigstens dreyßig, nie aber über sechzig steigen. Unter zehn Jahre dürfte kein Kind angenommen werden, so wie sein Alter auch nicht über zwölfe hinausgehen sollte. Alle müßten die gewöhnlichen Kinderkrankheiten, das Zähnen, die Pocken und Masern bereits überstanden, keinen Sprachfehler oder übelgebaueten Körper von Natur aus haben. Es ist nicht zu zweifeln, daß sich nicht allein in den hiesigen Waisen- und Erziehungshäusern, sondern auch aus unsern Provinzen und auswärtigen deutschen Ländern, sogar für ein mäßiges jährliches Kostgeld Talente finden sollten, sobald der Plan dieses Instituts durch eine Anzeige auf allerhöchsten Befehl öffentlich bekannt gemacht würde. d. Hauptgegenstände bey der Bildung angehender Schauspieler. Erstens . Gesittetes, einträchtiges Betragen, – unermüdete Sorgfalt, daß sie nicht nur gute Acteur und Actricen würden, sondern, daß sie auch – (wenn sich entdeckt, daß man sich im Talente vergriffen hätte,) so viel in dieser Schule erlernten, um brauchbare und nützliche Glieder der bürgerlichen Gesellschaft in andern Verhältnissen und Gewerben zu werden. Zweytens . Schickliche, freye, richtige, empfehlende und angenehme Bewegung des Körpers, nach den Mustern der großen Welt und den Regeln der Tanzkunst. Drittens . Wahrheit, Empfindung, Ausdruck und Abwechslung im mündlichen Vortrage , wenn er nicht deklamatorisch werden soll. Wobey nicht bloß auf den mündlichen , sondern auch auf den körperlichen Rücksicht genommen, und dabey das Geberdenspiel gelehrt werden muß. Viertens . Geschärftes Urtheil und richtiger Geschmack im dramatischen und allen dahin einschlagenden schönen Künsten und Wissenschaften, nach Grundsätzen , durch Vorlesungen, tägliches Lesen und eigene Aufsätze gegründet und geübt. Fünftens . Wenigstens allgemeine Kenntniß derer ins dramatische Fach einschlagenden Wissenschaften, ganz oder Theilweise. Sechstens . Kenntniß der französischen und englischen Sprache. e. Lehrendes Personale des Instituts . Vorstehende Hauptpuncte bestimmen die Zahl der bey demselben nöthigen Lehrer, und ihrer Qualität. 1. Ein würdiger, vorurtheilsfreyer Religions-Lehrer. 2. Ein Mann von wissenschaftlichen Kenntnissen und Geschmack zu denen Vorlesungen und Übungen, welcher zugleich eine Art von Aufsicht über die Sitten, besonders der männlichen Eleven haben, die Correspondenz führen, und die Besorgung einer bey dem Institute unentbehrlichen Theatral-Bibliothek übernehmen müßte. 3. Eines Mannes, den vorigen Lehrern den Unterricht zu erleichtern, im Schreiben an die Hand zu gehen, und mit den Zöglingen zu wiederhohlen. 4. Einer gesitteten, rechtschaffenen Frau, wohlgeübt in allen weiblichen Arbeiten, zur Aufseherinn junger Actricen. 5. Eine ebenfalls geschickte Gehülfinn derselben. 6. Eines guten Tanzmeisters, und endlich 7. Eines gesetzten Schauspielers von gutem Rufe, der vom Publicum geliebt ist, auch Fähigkeiten hat, Proben anzuordnen und zu dirigiren. f. Ort . Da, wofern die Früchte einer solchen Theatralbildung nicht erst spät reifen sollen, viel Fleiß, stündliche Beschäftigung, tägliches Agiren, und ein eigenes Theater dazu erfordert wird, das Letzte aber hier in Wien selbst schwerlich aufzufinden und der Aufwand im Ganzen größer seyn würde, so dürfte Schönbrunn oder Laxenburg zum Aufenthalte der Gesellschaft unstreitig vorzuziehen seyn, allwo Theater und Wohnungen schon vorhanden sind, und für den Unterhalt des Personals eine gute öconomische Einrichtung könnte getroffen werden. Ew. Majestät! allerunterthänigster Müller . Den 17. April wurde ich zu des Herrn Grafen Rosenbergs Excell. berufen. Der Kaiser hat Ihren Plan gelesen, sagte der Graf; Er ist im Ganzen damit zufrieden, nur hin und wieder ist er nicht Ihrer Meinung. Er glaubt, es wäre besser, wenn man das Institut nach Wien, oder in eine hiesige Vorstadt verlegte. Laxenburg wäre zu entfernt. Die jungen Leute müßten, um sich zu bilden und schnellere Fortschritte zu machen, täglich unser Theater besuchen. Er wird Sie rufen lassen und mit Ihnen selbst darüber sprechen. Bestehen Sie also nicht auf Laxenburg. Halten Sie überhaupt diesen Entwurf noch geheim. Es gibt gewisse Leute, die sich ein Verdienst daraus machen, den besten Absichten unsers Herrn in Geheim entgegen zu arbeiten. Den 3. November hatte ich Audienz bey Seiner Majestät. Ich überreichte darin die verschiedenen Meinungen der auswärtigen Gelehrten in ihren Original-Entwürfen und Briefen über die Errichtung eines Institutes zur Bildung junger Schauspieler und Schauspielerinnen; und zeigte zuletzt den Brief unsers Ministers in Berlin , worin dieser am Schlusse schrieb: »Ich hätte bald vergessen, von dem Plane der Theatralpflanzschule, den Sie mir durch den Herrn Legations-Secretär nun ausgearbeiteter haben mittheilen lassen, Meldung zu machen. Ich finde denselben überhaupt so verfaßt, daß man sich vielen Nutzen davon versprechen kann. In der Entfernung aber bin ich nicht im Stande, zu erwägen, ob und wie weit alle und jede darin enthaltene Vorschläge zu dem Endzweck führen mögen, welches über das nur bey der wirklichen Anwendung sich besser mit Gewißheit bestimmen läßt. Indessen sind die Grundsätze ausser allem Zweifel und richtig, und – ich wünsche, daß man Ihnen bald die Mittel verschaffe, die Hand an das Ruhmbringende Werk legen zu können.« Swieten . Seine Majestät gaben mir diesen Brief zurück und sagten: »Wir wollen zuvor noch einen andern Versuch machen, glückt uns der, so führen wir auch diesen aus.« Ich sagte: ich habe aus denen verschiedenen Meinungen und Vorschlägen dieser gelehrten Männer ein Ganzes zusammen gesetzt, und den Plan nach dem Allerhöchsten Befehle Ew. Majestät besser ausgearbeitet. – »Geben sie her, ich will ihn selbst lesen, die Briefe behalte ich auch hier. – Diese Herren, fügten Sie lächelnd hinzu, werden sich wohl hie und da widersprechen?« – Nein Ew. Majestät, nur in den Vorschlägen zum Unterrichte dieser zur Kunst gezogenen Jugend weichen sie etwas von einander ab, sind aber einstimmig der Meinung, Theorie gleich mit Practik zu verbinden. »Ja! der Meinung bin ich auch, das muß seyn; man sieht da gleich, wer Talent hat und übergibt die Schwachen einer andern Bestimmung. Wir sprechen darüber bald wieder. Adijeu!« Einige Tage nachher sagte mir Graf Rosenberg: Der Kaiser will eine deutsche Oper errichten; er hat bey Seiner Kammer-Musik bereits einige hiesige Sänger probirt und wird einen Versuch machen. Sie sollen diesen Leuten in der Sprache und Action Unterricht geben. So weit der wackere Müller. Der Plan des Pepiniére aber kam nicht zur Ausführung, obschon Müller es zu Schaden und Verdruß auf eigene Kosten versuchte. 77. Das Abentheuer mit Heinrichs Buch: Gesetze der k. k. Armee Briefe über den Zustand der Litteratur in Österreich (von Full) 1788 (Zürich). . – Weimar hat nun auch die Freyheit, Buchdruckereyen zu errichten. Wie und auf was Art er sie bekam, will ich dir erzählen. – Sein Prinzipal, der Edle von Schönfeld, verlegte in Prag ein Manuscript, vom Auditeur Heinrich, unter dem Titel: Gesetze der k. k. Armee. Nun waren es nicht bloß Gesetze, die das Militär angingen, sondern es waren auch andere Circularien und Werbungsreglements und geheime Instructionen für die Kreishauptleute in Böhmen, die nicht in Jedermanns Händen seyn durften. Schönfeld hatte freylich die Censur in Prag darauf genommen, diese aber wußte nicht, daß ein solches Werk vom Kriegsrath in Wien censurirt werden müsse. Die Schönfeldische Handlung schickte eine Partie von diesem Werke nach Wien, hier wurde gleich Lärm. – Der Kaiser ließ durch seinen Läufer ein Exemplar hohlen – des andern Tags wurde Weimar zum Hofkriegs-Präsidenten, dem Generalfeldmarschall Hadik, berufen; da er zu ihm kam, las ihm dieser ein Billet vom Kaiser vor, worin stand, »daß er, Graf Hadik, dem Schönfeldischen Factor seine allerhöchste Unzufriedenheit ankünden soll, weil er sich unterstanden, dieß Buch ohne Censur zu drucken, zugleich kündigte er ihm Arrest an. Weimar bath den Präsidenten, ihn zum Monarchen selbst zu schicken, um sich da zu verantworten, daß er es nicht gedruckt habe, sondern von seinem Prinzipal aus Prag zum Verkauf hieher geschickt bekommen. Der Präsident schickte ihn durch 2 Corporäle, nebst einem Billet zum Monarchen. Der Kaiser ganz entrüstet über dieß Vergehen, fuhr ihn, als er zu ihm kam, hart an, und sagte: Ist er der garstige Kerl, der das Buch (er hatte es so eben bey Handen) druckte? Weimar betheuerte, daß er unschuldig sey und erzählte dem Monarchen, wie ers aus Prag erhalten. Nun frug der Monarch, wie viel schon verkauft seyen? – Weimar nannte die Zahl und die Personen, die es gekauft hätten. Der Monarch nahm ein Stück Papier, schrieb die Personen auf: da die Zahl, die Weimar angab, auf die Art nicht herauskam, so wurde der Kaiser wieder in seine Reden mißtrauisch. – Weimar bath um Erlaubniß, nach Hause gehen zu dürfen, weil er sich nicht gleich in der Verlegenheit, darin er jetzt sey fassen könne; er wolle aber alles schriftlich aufsetzen. – Nun schrieb der Kaiser wieder ein Billet an den Grafen Hadik und schickte Weimar mit obigen Unterofficieren wieder zu ihm, mit den Worten: Geh' er nur itzt, und beantworte er alles pünctlich, um was ihn mein Minister fragen wird! – Als der Graf von Hadik das Billet gelesen hatte, kündigte er ihm wieder die allerhöchste Gnade des Monarchen an, wenn er das redlich beantworten werde, was er ihn fragen werde. Weimar versprach es. Der Minister fragte ihn: 1. wann die Exemplarien von Prag hier angekommen wären? 2. welche Personen solche hier schon gekauft? 3. wie viel Abdrücke von Schönfeld muthmaßlich von solchen Werken, die nicht so bald wieder aufgelegt werden können, gewöhnlich veranstaltete? – und 4. ob er glaube, daß Schönfeld schon einige nach Leipzig auf die Messe gesendet habe? – Diese Puncte müsse er höchstens bis andern Tags Frühe zu ihm bringen, im widrigen Fall er durch die Wache abgehohlt werden würde; daneben wurde ihm gebothen, sich nicht ausser den Linien zu entfernen. Weimar wartete nicht auf die Wache, sondern brachte um die bestimmte Stunde alle Puncte schriftlich beantwortet zum Minister. Die Auflage gab er auf 2000 Stück an, und die Zahl, die vermuthlich nach Leipzig auf die Messe gekommen sey, auf 500. Durch diese Aufrichtigkeit gewann er das Zutrauen des Ministers, so daß er sich für seinen Gönner erklärte, und ihn bey allen Vorfallenheiten und Vergehen, wenn er nur die Wahrheit allzeit sage, vertreten wolle; und gab ihm zu verstehen, daß, wenn er Lust hätte, eine eigene Druckerey zu errichten, er nur zu ihm kommen möge, wo er denn schon beym Monarchen für diese Gnade besorgt seyn wolle. – Es war schon Tags vorher eine Staffete nach Prag geschickt worden, bey deren Ankunft der Vicekönig, Graf Nostiz, alle Exemplare, die Schönfeld in seinem Hause hatte, durch das Militär abhohlen ließ. Der Auditeur kam in Arrest und wurde kassirt. Von Schönfeld entschuldigte sich mit der Censur. – Nach der Hand hieß es, daß der Auditeur, weil er sich gut vertheidigt hätte, wieder in seine Charge eingesetzt worden sey. – Man überlegte von Seiten des Hofkriegsrathes, was nun zu thun sey, da eine ziemliche Anzahl von diesem Werke nach Leipzig auf die Messe geschickt, und von da aus in alle Welt marschirt wären? – Nichts Klügers war zu thun, als den öffentlichen Verkauf desselben zu bewilligen, und neue Instructionen zu entwerfen von dem, was man nicht in Jedermanns Händen wissen wollte. – Dieser Vorfall blieb doch nicht so verschwiegen, daß ihn nicht der größte Theil der Officiers und der Civilbeamten gewahr wurde; jeder kaufte sich ein solches Buch und Schönfeld sah in kurzer Zeit eine zweyte Auflage, die er in der Stille in aller Eile verfertigen ließ, veräußert. – Weimar ging nun einige Wochen nachher zum Kriegspräsidenten, bath ihn um sein Vorwort bey dem Monarchen wegen der Freyheit, eine Druckerey errichten zu dürfen. Der Minister sagte ihm, er solle nur getrost zum Monarchen gehen, weil er schon deßwegen mit ihm gesprochen hätte. – Da er zum Kaiser kam, sagte dieser ihm, daß er eine Bittschrift verfertigen möge. Als er nachher diese Bittschrift brachte, besprach sich der Kaiser mit ihm, sagte, er solle fein was Gutes drucken, was besseres wie Schönfeld – und Weimar versprach etwas besseres zu drucken, wie Schönfeld. – Der Kaiser sah ihn von Fuß auf an, – sein Äußeres muß ihm Zweifel an der vollkommenen Kenntniß seiner Kunst erregt haben – fragte ihn, ob er auch das Werk verstünde – doch meinte er zuletzt, daß ers verstehen müsse, weil ihn Schönfeld als Factor angestellt hätte. – Der Monarch ließ die Bittschrift der Ordnung gemäß, an die Stellen ergehen. Bey der Tagsatzung, die jederzeit bey der Landhauptmannschaft gehalten wird, wenn einer um die Druckereyfreiheit einkommt, da alle Buchdrucker beschieden wurden, um zu hören, ob keiner etwas dagegen einzuwenden habe, gab es wenige Debatten, weil man schon wußte, daß es nichts helfen würde – ein einziger, der Reichsbuchdrucker Gerold, wendete ein, daß Weimar kein Vermögen hätte, und da man zum Voraus wisse, daß Wucherer dahinter stecke, und wo nicht als wirklicher Herr, doch wenigstens als Capitalverleiher, alles bey ihm drucken lassen würde – und da er alles von ihm zu drucken bekäme, so würden viele lutherische Schriften künftig zum Vorschein kommen. Der Landeshauptmann fragte Weimarn, ob das wahr sey? Weimar gestand zwar ein, daß er kein Vermögen habe, aber einen Freund hätte, der ihm das Capital vorschösse, doch nebenbey meinte, daß es hier gleichgültig seyn müsse, wer dieser Freund wäre: so nahm der Landeshauptmann keine Notiz davon – und die Versammlung ging auseinander. Niemand hatte bey diesem Vorfalle mehr Vortheil zu erwarten, als G. P. Wucherer, dessen Betriebsamkeit auch Weimar seine Freyheit zu danken hatte, weil er, da er nicht im Stande war, die Taxe zu erlegen, nicht so darauf gedrungen haben würde. 78. Briefe Josephs II., in den vorhandenen Sammlungen nicht enthalten. III. Nr. 1 im 2. Bändchen , und Nr. 2 im 4. Bändchen . 9. An den Prinzen Coburg . Laxenburg , den 13. August 1789 durch den Cadeten Poppowitsch. Ich lasse Euer Liebden selbst zu beurtheilen übrig, mit was für einem Vergnügen Ich Ihre zwey Schreiben durch den Cadeten Pecz und den Oberlieutenant Vermati, die miteinander angekommen sind, empfangen habe, da sie die Nachricht des so glorreichen als in allem Anbetracht vortheilhaften über die Türken erfochtenen Sieges enthielten. Ich kann Euer Excellenz nicht genug hierüber meine Dankbarkeit und Zufriedenheit zu erkennen geben, da ich Ihnen allein die Einleitung und Ausführung dieser Unternehmung, und besonders den guten Esprit, so Sie den Ihnen unterstehenden Truppen einzuflößen gewußt haben, verdanke. Empfangen Sie also zum öffentlichen Merkmahl meiner Erkenntlichkeit für diesen dem Staate geleisteten wichtigen Dienst das Großkreuz des militärischen Maria-Theresien-Ordens, das Ich Ihnen mit ausnehmendem Vergnügen überschicke. Ich ersuche Sie auch, beygelegenes Schreiben sammt der mitkommenden Tabatiere dem russischen General Suwarov nebst dem darinn liegenden Ring für seinen Aider -Major zu überschicken, und sämmtlichen Generalen und Officiers, so wie der ganzen Truppe, nicht allein meine Zufriedenheit, sondern auch meinen Dank für die treu geleisteten Dienste und den meinen Waffen erworbenen Ruhm zu bezeigen, da man die Relation von den verschiedenen tapfern Benehmen der Truppe nicht ohne Rührung lesen kann; nur thut mir leid, daß Ich nicht selbst Augenzeuge und Theilnehmer ihrer Intriguen und Gefahren seyn konnte; auch bedaure Ich sehr den Verlust des Obersten Auersberg. Ihr Antrag, die Wallachey einverständlich mit Fürst Hohenlohe zu besetzen, wäre ganz gut; nur tritt dabey die Betrachtung ein, daß, da es von den Umständen der Hauptarmee abhängt, ob und was sie wird zur Verstärkung Siebenbürgens abgeben können, ich solches bloß dem Gutbefinden des Feldmarschall Loudon, der das Commando derselben ehestens übernehmen wird, ganz überlassen muß. Ich ersuche Sie daher, sich hierüber mit ihm ins Einvernehmen zu setzen. – – – Leben Euer Excellenz recht wohl – Ich sehe einstweilen demjenigen entgegen, was Fürst Potemkin gegen die Türken unternehmen wird. Joseph . (Zwischen der zweyten und dritten Periode dieses Briefes hatte der Kaiser die Belohnungen anderer Ausgezeichneter dieses Treffens eingeschaltet. Der Brief geht das Treffen bey Foksan an, 1789). 10. An einen Freund . Mon cher! Der Feldzug ist vorüber, – und der König hat dabey weder seinen Ruhm noch seine Vortheile vergrößert; er hat vielmehr eingesehen, daß er das non plus ultra seiner Entwürfe gewesen. Demungeachtet wird er der Kaiserinn in einem verhaßten Gesichtspunct gezeigt, – und in dem Senat, dem keiner in Europa Gesetze geben sollte, wurde der Friede projectirt. In dieser Absicht hat man Teschen zum Congreßorte bestimmt. Hierauf erschienen sogleich eine große Anzahl Ambassadeurs und arbeiteten mit vieler Weisheit drey Monden lang an einem Frieden, dem zu Folge Österreich einen geringen Antheil von dem acquirirten Bayern überkommen. Man ermangelte nicht, der Kaiserinn, meiner Mutter, die Vortheile hievon sehr einleuchtend darzuthun und die Macht des Königs durch ein Prisma zu zeigen. Sofort sagte einer dem andern eine Menge Complimente und in Wien wurden deßwegen 99,000 Te Deum gesungen und geschossen! Zwar genehmigte ich, um die Kaiserinn nicht zu betrüben, diesen Frieden und leistete die Garantie hierüber. Ich kann aber mein Betragen hiebey mit jenem von Carl V. in Afrika vergleichen, der nach einem widrigen Feldzug mit seiner Flotte nach Spanien zurückkehrte; er stieg zwar auch zu Schiff, war aber der Letzte, der es that. Ich bin, wie einer der venetianischen Generals, der im Kriege ihre Landarmee commandiret und in dieser Absicht die Bestallung der Republik erhielt. – Wenn die Feldzüge vorbey sind, so bekommt er eine Pension. Leben Sie zufrieden, als ein Weiser, genießen Sie alle die Reize Ihres Privatstandes, und beneiden Sie ja das Glück der Könige nicht. Joseph . Wien, im Mai 1779. 11. An den Grafen Nicolas Papini in Forli . Ich erinnere mich, mein lieber Papini! allzeit mit Vergnügen der Unterhaltung, welche ich bey meiner Durchreise durch Forli mit Ihnen hatte, und der guten Rathschläge, die Sie mir bey dieser Gelegenheit gütigst gaben. Die Aufrichtigkeit, welche Sie in unserem Gespräche zeigten, läßt mich nicht an den Gesinnungen zweifeln, die Sie mir in Ihrem Briefe vom 1. December zu erkennen geben, und an allen den glücklichen Vorhersagungen, welche Sie mir ankündigen. Diejenigen Empfindungen sind mir die angenehmsten, die Sie mir zu der Zeit zeigten, als Sie mich noch nicht kannten, wo Sie mich für einen Privatmann hielten, ohne die erlauchte Würde zu vermuthen, zu welcher es der göttlichen Vorsehung gefallen hat, mich zu erheben. Die Lobsprüche, welche man an uns verschwendet und alle Sachen, die man uns sagt, gehen unglücklicher Weise mehr auf unsern hohen Stand, als unsere Person. Erhalten Sie mir Ihre Zuneigung, mein lieber Papini! und seyn Sie versichert, daß ich mich sehr betrüben würde, wenn Sie in mir nicht den Menschen schätzen – der höchste Titel unter allen, die man mir geben kann – und daß Joseph das Glück, geliebt zu seyn, allen äußerlichen Vortheilen und allen Huldigungen, womit man dem Kaiser unaufhörlich Weihrauch streut, vorzieht. Glauben Sie mir, daß ich diese Gesinnungen allzeit behalten werde. Ich empfehle Sie dem heiligen Schutze Gottes. Joseph . Wien, den 31. Jänner 1770. 12. An Friedrich Baron von der Trenck Obschon dieß Schreiben schon in einem Artikel des dritten Bändchens vorkommt, glaubten wir dennoch, es dieser Rubrik einschalten zu sollen (da es in einer andern Eigenschaft erscheint) besonders da es kurz ist. . Leber Oberstwachtmeister Baron Trenck! Ich nehme in Gnaden auf, daß Sie obwohl ohne mich vorher darum zu fragen, ihrem Sohn den Nahmen Joseph beygelegt, auch den Obersten Rippenda gewählt haben, um bey der Taufe meine Stelle zu vertreten. Zu einem Merkmahle meiner Ihnen künftig zuwenden wollenden besten Gesinnung mache ich Ihnen hiermit zu wissen, daß auch ihre Gage künftig nicht in Wien, sondern in Brüssel zu beziehen, aus erheblichen Ursachen angewiesen habe. Ihre patriotischen und mir wohlgefälligen Schriften können Sie fortsetzen, und mir einschicken, weil ich die Wahrheit allezeit gern lese, lieber wird es mir aber seyn, wenn ich sie in natürlicher Gestalt, als in satyrischer Einkleidung lesen kann. Ich bin Ihr Joseph. 79. Wie Trenck auf Kaiser Joseph zu sprechen ist; und die Prozeßsache. »Kaiser Joseph war nicht mein Mann«; so, unter Anderm ruft der malcontente Trenck aus. Wir sagen: »Der malcontente«, und darinn liegt Alles. Trencks Ansicht vom Character des Kaisers war rein individuell, folglich schon dadurch einseitig und partheyisch, um so mehr, als der durch Mißgeschicke aufgereizte Mann nie die Ruhe gewann, sich zu einer gerechten phylosophischen Anschauung einer Erscheinung zu erheben, wie jene des Kaisers Joseph war. Daß Trenck dessen ungeachtet nicht alle Lichtseiten ingrerirt, versteht sich wohl von selbst; eben sowohl, daß Alles, was er sagt, Geist und Kraft athmet. Es ist also jedenfalls sehr der Mühe werth, ihn zu vernehmen, und zwar besonders in Dingen, die seine eigenen Verhältnisse angehen. Was hier geliefert wird, ist ein Auszug seiner größern Lebensgeschichte Einen biographischen Abriß des höchst merkwürdigen Abentheurers biethet nachstehender Artikel aus der National-Encyklopädie, Friedr. Freyherr von der Trenck, Herr der Herrschaften Zwerbach und Grabeneck in Österreich, und Erbherr auf Groß-Scharlach in Preußen, Vetter des Panduren-Obersten Franz, durch seine sonderbaren Schicksale allbekannt, war geboren 1726 zu Königsberg und widmete sich daselbst frühzeitig den Studien; bey dem Ausbruche des zweyten schlesischen Krieges trat er jedoch in preußische Kriegsdienste, und war 1744 Adjutant Friedrich's II. Wegen eines Liebeshandels mit einer vornehmen Person und einer Correspondenz mit seinem Verwandten, dem kaiserl. Panduren-Obersten, wurde T. auf die Festung Glatz gefangen gesetzt. Nach mehrmahligen vergeblichen Versuchen zur Flucht, die ihm jedesmahl engere Haft und Vermehrung des Unwillens des Königs zuzog, wußte er sich doch endlich fast romanhafter Weise zu befreyen, und machte unter tausend Gefahren eine Fußreise von 169 Meilen durch Mähren, Polen und Preußen nach Königsberg zu seiner Mutter. Von da aus wandte er sich an seinen Vetter, um eine Anstellung im österr. Heere zu erlangen, dieser saß jedoch bereits auf dem Spielberge, und empfing ihn äußerst übel, doch erlangte T. eine Anstellung als österr. Rittmeister. Auf erhaltenen Urlaub machte T. eine Reise nach Moskau , und begab sich sodann nach Danzig , um mit seinen Geschwistern das Erbe seiner mittlerweile verstorbenen Mutter zu theilen. Hier wurde er jedoch auf Ansuchen Friedrich's II. verhaftet und trotz seines Ranges als kaiserl. Officier nach Magdeburg in ein eigenes für ihn zubereitetes Gefängniß gebracht. Seine verschiedenen Befreyungsversuche mißglückten, und hatten jedesmahl härtere Verwahrungsmaßregeln zur Folge. So wurde er z. B. seinen Angaben nach, an Händen, Füssen und Leib mit eisernen, 68 Pfund schweren Fesseln angeschmiedet. Beym Ausbruche des siebenjährigen Krieges wurde er, womöglich, härter noch behandelt, alle, mit großem Erfindungsgeiste erdachten Befreyungsversuche scheiterten, und er wurde erst im December 1763 aus dem Gefängnisse entlassen, und nach Prag gebracht. Nun begann T. ein wanderndes Leben zu führen; er zog sich jedoch an mehreren Orten, nahmentlich in Wien , Aachen , Spaa und Mannheim durch seine zu freymüthigen und vorlauten Reden und Schriften viele Verdrüßlichkeiten zu, und verlor auch dadurch einen großen Theil seines Vermögens. Nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's II. erhielt er seine in Preußen eingezogenen Güter wieder zurück, wodurch er sich, hätte es sein unruhiger Geist zugelassen, eines sorgenfreyen Lebens hätte erfreuen können. Beym Ausbruche der Revolution aber eilte er, von den Ideen einer ungezügelten Freyheit berauscht, unverzüglich nach Paris , wo ihn jedoch Robespierre 1794 als einen angeblichen Geschäftsträger auswärtiger Mächte verhaften, und im July desselben Jahres guillotiniren ließ. Er hatte im Drucke hinterlassen: Sämmtliche Gedichte und Schriften, 8 Bde. Leipzig (Wien) 1786. – Seine Lebensgeschichte, 4 Bde. Berlin, Altona und Wien 1786–92. (Ein 5. von anderer Feder erschien 1796, zu Bautzen .) Dieselbe wurde von ihm auch ins Französische übersetzt und erschien zu Paris , 1789. . Trenck schreibt: Kaiser Joseph war nicht mein Mann, dessen Beyfall ich jemahls suchte, dem ich auch nicht in den ersten Ehrenstufen zu dienen verlangte. Seine Biographen dürfen die Wahrheit nicht schreiben, und man mögte meine Feder der Partheylichkeit beschuldigen, wann ich sie bekannt mache. Genug für mich, er war ein wirklicher Feind der Literatur, verachtete alle Gelehrte, und hatte ein Gelübde gethan, so lange er lebte, nie ein gedrucktes Buch zu lesen. Despot war er im höchstmöglichsten Grade, folglich gefiel ihm mein macedonischer Held und freie Schreibart gar nicht. Er gestattete nur die Preßfreyheit, weil er sein Volk zu tief im Schlamm der gröbsten Unwissenheit versenkt sahe, um verbundene Aufklärung zu befürchten Bey einer andern Erziehungsart hätte er können ein großer Regent, aber nie ein großer Mann werden. Anstrengung war aber nie seine Sache, deßwegen schien er in der Oberfläche Kenntnisse zu besitzen, zur Gründlichkeit war niemahls Anlage bey ihm. Seine Schwäche war der Stolz, sein Herz grausam, unerbittlich; seine Gesichtszüge verriethen den Spötter, den Gebieter, der sich über Alles erhaben glaubt. Gerecht wollte er scheinen, ohne es zu seyn. Meister seiner Leidenschaften war er nicht; und die vorgesetzte Heldenrolle zu spielen, war er weder geboren noch gebildet. Mißtrauisch von Natur, mußte er bey einer Nation streng, unempfindlich werden, die wirklich bis zum tiefstmöglichen Grad von Corruption und Niederträchtigkeit gefallen ist. Ehre, Vaterlandsliebe, Menschenpflicht, Großmuth, Tugend, Redlichkeit sind in Wien nicht einmahl dem Namen nach bekannt. Joseph konnte also keine Hauptreformen ausführen, denn in einem so tief gefallenen Lande nützen Befehle und Ausprügel, auch Scharfrichter nicht. Es muß der ganze Nationalcharacter geändert und gebildet in eine andere Form geschmolzen werden. Im Erziehungsplan müssen Theologen ausgeschlossen bleiben, denn diese lehren nach römischen Vorschriften, diesen gemäß nähret man Dummheit und Laster, weil der Kluge dem Priester wenig glaubt, der Tugendsame hingegen keinen Ablaß bedarf. Nun fehlen in österreichischen Staaten die guten Lehrer, folglich kann man keine gute Pflanzschule errichten. Hierzu werden wenigstens zwey neue Generationen erfordert, und wenig Monarchen leben so lange wie Friedrich, um dieselbe keinem, wachsen und blühen zu sehen, auch für jedes Fach im Staatsgebäude brauchbare Männer hervorzubringen. Joseph aber war zur Ausführung solcher Entwürfe ganz unfähig. Er wollte alles über die Knie brechen. Er durchdachte nichts gründlich, kannte die wahren Quellen des Übels nicht, und machte Gesetze und Verordnungen, ehe er die Hindernisse aus dem Wege geräumt hatte, und die Möglichkeit der Ausführung bestimmen konnte. Was folgte? Eine ungeheure Menge Auslegungen, weil seine Handbillete sehr dunkel und zweydeutig von Mutterleibe erschienen, dann aber wenig Ernst in der Ausführung, endlich aber gleichgültig Stillschweigen bey Übertretung, oder wohl gar Widerrufung, oder ganz neue Verordnungen, die eben das Schicksal hatten. Nie ist der dummste Fürst mehr verspottet, weniger geschätzt, noch geliebt und gehorsamet worden, als der in seiner Art gewiß kluge Joseph, der aber bald in seiner Arbeit müde, abgeschreckt, unwillig und unzufrieden wurde, weil seine Minister und Räthe bey dem alten, gewöhnlichen Schlendrian blieben, und kein geschickter Kopf mit ihm arbeitete, weil er allein wissen und ohne Hilfe ausführen wollte. In solcher Lage wurde er wirklich Menschenfeind und wäre stufenweise der fühlloseste Tyrann geworden, wenn er länger gelebt hätte. Sein täglicher Umgang war mit solchen Leuten, die noch weniger Einsicht besaßen, als er, Kenntnisse, die zur Regierungskunst gehören, hatte er nie gesammelt. Er wollte sich hin und wieder von groben Vorurtheilen losreißen; sie unterjochten aber bald seinen natürlichen und nicht ausgearbeiteten Verstand, und die, welche er zu Rathgeber wählte, bemeisterten sich bald aller seiner umwölkten Begriffe, benutzten seine Schwäche, waren selbst Menschenfeinde oder ehrgeitzige Despoten, führten ihn am Leitfaden, und ließen ihn im wirbelnden Verwirrungsstrome vergebens das Ufer suchen. Je mehr Widerstand er überall fand, je mehr versteinerte sich sein Herz zum Gefühl des Edeln und Erhabenen. Seine gewählten Mithelfer mußten Despoten, gefühllose Menschen, Tyrannen seyn. Sie schmeichelten seiner natürlichen Neigung zur Unfehlbarkeit, verstockten sein Herz gegen alles sanfte Gefühl, das allein Fürsten im Wohlthun glücklich machen kann, und tyrannisirten die Völker unter seinem Nahmen. Sein Stolz gestattete keine Widerrede. Schmeichler, Betrüger drängten sich zum Throne, und umnebelten die Wahrheit. Da nun alle die, welche seinen Eigensinn, Standhaftigkeit hießen, und die willkührliche Eigenmacht himmelhoch als das einige Mittel erhoben, wodurch er des größten aller Fürsten, des großen Friedrichs Ruhm verdunkeln, und ihn folglich übertreffen könnte, so wollte er auch schon unfehlbar scheinen, und diese Unfehlbarkeit allen Gerichtsstellen, Präsidenten, und in der Armee vom General bis zum Corporal mittheilen. Nichts konnte ihn mehr beleidigen, als wenn man ihm erwies, daß ein Referent einen Schurkenstreich begangen hätte. Mir selbst gab er zur Antwort, da ich bey ihm den berüchtigten Regierungsrath, Edlen von Zetto, als Betrüger schilderte: Ein Referent kann und muß nicht Unrecht haben, sonst verliert die ganze Stelle ihre Ehrfurcht, ihre Wirkkraft, und wer ganze Gerichtstellen beleidigt, der beleidigt mich.« Ich verlor hierbey 13000 Franks, mußte schweigen, Zetto hingegen wurde mir zum Curator gesetzt, hat mich noch 12 Jahre barbarisch geschoren und gerupft, bis er endlich wegen neuer Verbrechen, mit dem Besen in der Hand die Straßen in Wien reinigen mußte, und im Zuchthause starb. Um der ganzen Welt die Manipulation einer Wiener Gerichtsstelle aufzudecken, werde ich besser unten das damahlige Juditium militari mixtum in wahrer Gestalt schildern; wobey der ehrliche Mann gewiß zurückschaudern und die bedauern wird, die bey dergleichen Richter Gerechtigkeit suchen müssen. Hier glaubte er nun durch eine ungeheure Menge neuer Verordnungen, Gesetze und Rescripte dem Übel abzuhelfen; da aber alles unverdaut, undeutlich, unausführlich erschien, so wurde kein Befehl manutenirt noch vollzogen: das alte Sprichwort . . . Wiener Geboth gilt nur 3 Tage . . . bestättigt, und Alles blieb nicht nur beym Alten, sondern die Verwirrung wurde noch größer, die Ränkemacher, Betrüger gewannen offenes Feld, und der Despotismus wüthete ungezähmt bey Hofe, in den Gerichtsstellen und in der Armee. Kaiser Joseph sahe den Verlust der besten Provinz, hier war er so klein, daß er ein Bittschreiben an den Papst ergehen ließ, welcher eigentlich das ganze Rebellionsfeuer angefächelt hatte. Er möchte die Brabanter durch angedrohte Excommunication zu ihrer vorigen Pflicht zwingen. Er wurde in Rom ausgelacht, und von allen Staatsklugen bedauert. Er schrieb sogar an die grobgereizte Nation, daß alle Gewaltthätigkeiten des commandierenden Generals d'Alton und seines Ministers Trautmannsdorf, wider seinen Befehl geschehen wären, und daß er ihnen diese beyden Männer zur Bestrafung überliefern wolle. Welches unglaubliche Verfahren für einen Monarchen! Graf Trautmannsdorf hat sich in Wien im öffentlichen Drucke gerechtfertigt, und alle Briefe und Ordres des Kaisers, die seiner Versicherung widersprechen, bekannt gemacht. D'Altons Adjutant desertirte, und brachte denen Brabantern des Kaisers Originalbriefe, laut welchen er das Kind im Mutterleibe nicht schonen, alles verheeren, und die Gefangenen nach Tartarenbrauch an Pferdeschwänze binden solle. So unveränderlich, so wankelmüthig, so kriechend, so zweydeutig handelte dieser Monarch, da wo er seine Fehler vermänteln und anders scheinen wollte, als er wirklich war. Des Berliner Hofes Hauptbeschäftigung war, ihn genau zu beobachten, um alle Gelegenheit zu benutzen, Österreich zu schwächen, und Josephs Entwürfe zu vereiteln. Man hatte seinem Stolze geschmeichelt, und ihm irrige Begriffe von der Unüberwindlichkeit seiner Armee beygebracht. Deßwegen sprach er bey allen Gelegenheiten nur von seinen dreymahlhunderttausend Kriegern Josephs, und suchte Händel überall. Schmeichler hatten ihm glauben gemacht, daß er geschaffen sey, um Friedrichs Ruhm zu verdunkeln. Er selbst glaubte, daß bey seinem ersten Auftritte auf dem Schlachtfelde, Friedrichs Sonne untergehen müsse. Joseph würde aber allein die Welt unterjochen, und allen Monarchen Gesetze vorschreiben. Die deutschen Reichsfürsten, die er gar nicht leiden konnte, weil Fürst Kaunitz sie ihm so ohnmächtig, so verächtlich geschildert hatte, wollte er, wie Cäsar seine Besiegte, in Wien im Triumphe aufführen. Diese Gesinnung wurde ruchbar, die Falle ihm gelegt, in welche er unvorsichtig fiel und zum Gespötte diente. Der pfälzische Gesandte in Wien, Baron Ritter, wurde zum Hauptwerkzeuge vom Berlinerhofe gebraucht, um ihn zu dem Hauptschritte zu bewegen, welcher ihn als Usurpator der deutschen Freyheit auftreten ließ. Dieser arglistige Mann, welcher in Wien alle Gesandtschastsstuffen bis zum Minister erlangt hatte, kannte durch 26jährige Erfahrung die Wiener Manipulation genau, war ein angenehmer Gesellschafter in weiblichen, auch in gelehrten Gesellschaften; ein wahrer Hofmann, den der alte Minister Becker gebildet, und den sein großer Einfluß bey den Hof-Damens und Beichtvätern so beliebt machten, daß er wirklich das Organ aller auswärtigen Gesandten wurde, die große Entdeckungen und Entwürfe ausführen wollten. Er wußte sich als Menschenkenner so gut bey dem Kaiser Joseph einzuschmeicheln, daß er sein unbegränztes Vertrauen gewann. Da nun Ritter Busenfreund des Minister Becker, welcher seinen Herrn am Leitfaden führte, und dem an Bayerns Wohlfahrt weniger als an der seinigen gelegen war, so wurde durch diese zwey, von dem Berliner Hofe wohl instruirten Männer, die Convention zwischen dem Kaiser und dem schwachen Churfürsten auf eine solche Art geschlossen, daß Joseph dabey als ein wahrer Usurpator und deutscher Reichsfeind auftreten mußte, um eigentlich dem schlauen Friedrich Gelegenheit zu geben, ihn in dieser Gestalt zu schildern, anzugreifen, und den deutschen Fürstenbund hervorzubringen. Dieses war die Hauptintrigue, und sie gelang nach dem Plane, den Ritter zu bewerkstelligen wußte, um den Kaiser in das Garn zu locken. Mit Einverständniß des Berliner Hofes, hätte Joseph seinen Zweck erreichen können. Man wollte aber die Sache just so und nicht anders einleiten, und sie gelang durch Ritters Ränke nach dem Wunsche der Feinde Österreichs, der den Kaiser so zu lenken wußte, daß er bis zu seinem Tode in Wien verehrt, auch unentdeckt blieb, seinen Beutel auf allen Seiten spickte, und die brillanteste Ministerrolle an einem Hof spielte, den er hinterging. Was die aufgeklärten Bayern von ihm, und vom Tode ihres Churfürsten urtheilen, der gleich nach der Unterschrift der Convention in eine redlichere Welt überging, ist nicht meine Sache, zu beurtheilen, noch bekannt zu machen. Genug, der Krieg mit Preußen brach los, und Joseph wollte nach seinen damahls sehr umnebelten Begriffen schon gerade nach Berlin marschieren. Mir war damahls die ganze Intrigue, die Ritter spielte, durch einen Zufall genau bekannt. Der Erzherzog Leopold; nachmahliger Kaiser, kam eben nach Wien, da der Kaiser nach Böhmen zur anrückenden Armee abgereiset war. Ich hatte diesen Herrn lieb, war eben von Paris und Mannheim nach Wien gekommen, ging zu ihm, und entdeckte ihm das ganze Geheimniß, auch die große Gefahr, in welche dieser Krieg Österreich verwickelte, und die mir genau bekannten Anschläge, welche in den Operationen verdeckt lagen, und überall besonders von unzufriedenen Ungarn ohnfehlbar ausbrechen würden. Seine Entscheidung war: Mein lieber Trenck, ich muß Morgen dem Kaiser nach Böhmen folgen. Schreiben sie mir einen Brief, als ob ich ihnen befohlen hätte, sie sollten Morgen zu mir kommen. Sie hätten mich aber nicht mehr gefunden, und schickten mir deßhalb diesen Brief per Estaffette nach, dessen Inhalt sie dem Monarchen bekannt zu machen wünschten. In diesem Briefe sagen sie mir alles, was sie mir heute mit so warmem Diensteifer vertraueten, ich werde davon Gebrauch zu ihrem Vortheile zu machen wissen. Ich erfüllte diesen Befehl buchstäblich, und expedirte mit diesem Briefe eine Estaffete, die ich selbst bezahlte. Bey der Zurückkunft nach Wien sagte mir Leopold: Er habe den Brief eben erhalten, da er mit dem Kaiser zu Pferde stieg, um das Lager zu bereiten. Der Monarch habe nach dem Inhalte dieses Briefes gefragt, den er ihm zur Durchlesung übergeben: Er habe ihn mit Aufmerksamkeit lächelnd durchforscht, ihn zurück gegeben, und nichts anders gesagt als: »Es ist doch sicher, der Trenck schreibt scharmant.« Dieß war also die Folge und Wirkung einer Entdeckung der äußersten Wichtigkeit. Die Folge hat erwiesen, daß ich alles richtig vorsagte, was bald darnach geschah, und noch sicher ausgebrochen wäre, wann die scharfsichtigste Theresia nicht Wege zum Frieden gefunden hätte. Das ist der österreichische Lohn für rechtschaffene Handlungen. Joseph war auch viel zu sehr von seinen großen Kriegskenntnissen eingenommen, um einen Augenblick zu zweifeln, daß er ganz Europa Gesetze vorschreiben und unterjochen werde. Maria Theresia hatte Erfahrung, sie mußte nur von ihrem nach Ruhm, Blut und Krieg lechzenden Sohne gereizt, halb gezwungen nachgeben, und ihre Armee marschieren lassen, negotirte aber immer heimlich den Frieden in Berlin. Joseph hingegen schrieb ihr noch 3 Tage vor der wirklichen Einrückung der Preußen in Böhmen: »Nimmermehr würde der vor dem großen bewaffneten Joseph zitternde Friedrich den wirklichen Krieg wagen. Es wären alle seine Anstalten nur Schreckbilder, um ihm die Besitzung Bayerns zu hindern. Er würde schon andere Saiten aufziehen, sobald er Ernst sehe.« Große Dinge hat er unternommen, mehr als man möglich glaubte, weit mehr als alle seine Vorfahren. Da er die Hierarchie mit wahrem Heldenmuthe angriff, und alle unsichtbare Fesseln Roms zu zertrümmern schien, der Entschluß war aber nicht anhaltend: Er wankte in der Ausführung, griff das Werk auf der unrechten Seite an, und ob zwar wirklich unglaubliche Dinge in Österreich geschahen, wo sogar schon einige Hofräthe und Minister wirklich anfingen, vernünftige Bücher zu lesen, ohne den Beichtvater um Rath zu fragen: so rollte doch viel in das alte Chaos zurück, da man den Kaiser wieder als einen reumüthigen Sünder vor dem Priester knien, und sogar Rosenkränze bethen, und bekuttete Gaukler öffentlich begleiten sahe. Mönchsklöster wurden zwar aufgehoben, aber die Mönche selbst nicht nach Rom getrieben, sondern auf den Dörfern und Städten als Pfarrer und Vikäre angestellt, wo sie itzt mehr als vertriebene Märtyrer darstellen, und Controvers-Gaukelspiele verbrüllen. Josephs Ruhm würde unsterblicher als aller möglichen Helden seyn, wenn er das angefangene heilsame Werk für das Wohl seiner Staaten männlich ausgeführt, und die römische vielköpfige Hydra gar erwürgt hätte. Er quetschte der Geistlichkeit aber nur etwas Geld heraus, und hinderte nicht, daß sie es auf der andern Seite wieder doppelt bey mitleidigen Dummköpfen herauslocken konnte. Sein Schild war aber zu schwach, um im Kampfe des Aberglaubens gegen Menschenverstand zu siegen. Er unterlag der Arglist und wurde erst ein heimlicher Fanatiker, weil er sich seiner Schwachheit schämte. Ich kannte diesen Kopf schon im ersten Anblicke, nirgends fand er aber Hilfe, weil er keine zu suchen wagte. Die schlauen Kundschafter Roms benutzten die Gelegenheit. Hierzu kam noch, daß alle seine Entwürfe mißlangen, dieses schrieb sein schwacher Geist nicht seinem eigenen Betragen, sondern der Rache der im Himmel und auf Erden beleidigten heiligen Ordensstifter zu. Er wankte, unterlag und wenn er länger gelebt hätte, so war das spanische Inquisitions-Gericht ohnfehlbar in Wien eingeführt, wobey er selbst die neuesten Arten von Martern erfunden hätte. Gottlob! kann man also sagen, daß er mit solchen Gesinnungen noch zur rechten Zeit starb, ehe die geheim vereinigte Geistlichkeit eine Bartholomäusnacht in den Erblanden ausführen konnte, wobey er selbst gelacht, und der Protestanten Güter pro indemnisatione der Pfaffen Raubsucht überlassen hätte. Indessen hat Joseph doch die Ehre, daß er in die Zahl der großen Reformatoren auftreten kann, die Dank und Ehrfurcht der Nachwelt verdienen und Licht zu verbreiten anfingen. Diese große Unternehmung löscht schon wirklich große Flecken in seiner wahren Biographie aus, und ich ehre allein deßwegen seine Asche, weil er nach einer so blödsüchtigen Erziehungsart mitten unter fanatischen Wienern dennoch Muth genug hatte, den Angriff zu wagen, der mit mehr anhaltendem Ernste hätte die glücklichsten Folgen für den Menschenverstand, für das Wesentliche der österreichischen Macht hervorbringen können. Gott lohne ihn für seinen guten Willen! und behüthe seinen Nachfolger, in eben die Grube zu fallen, worinnen die römische Politik so viele gute Könige, als niederträchtige Sclaven gefesselt hielt. Joseph verdiente aber doch ein besser Schicksal, weil seine Absicht bey vielen Unternehmungen dennoch gut war, ob er gleich in der Art der Ausführung sehr fehlte, besonders da der Brabanter ganz anders als der kriechende Österreicher, und der stolze Ungar anders als der hartnäckige Böhme behandelt werden muß. Der Ungar sollte sogar seine Muttersprache vergessen, alle seine Fundamentalgesetze, seine Nationalprivilegien verlieren. Ihre Krone, ihr Palladium des Aberglaubens wurde mit Schmach durch Polizeysoldaten gewaltsam aus Preßburg nach Wien gebracht, und ein so unbedeutendes Ding empörte das ganze Königreich. Des Monarchen Eigensinn, der überall ein militärisch-sclavisches Gouvernement einführen wolle und Völkerrechte mit Füßen trat, verursachte allein die Empörungen, und alle Schmach, die er in seinen letzten Tagen erdulden mußte. Seine Staats- und persönliche Feinde benutzten diese Gelegenheit und seine despotischen Rathgeber spotteten des Monarchen, der alle Volksliebe verloren hatte, und sich in solcher Lage in auswärtig verderbliche Kriege mischte. In Böhmen, in Tyrol spuckte es auch schon, die Galizier befanden sich in Umständen, wo sie nichts mehr zu verlieren hatten, und am Rande der Verzweiflung zur Nothwehr gegen ihre Büttel greifen mußten, die man ihnen vom Schaum der niederträchtigst dümmsten und raubgierigsten Wiener geschickt hatte, um das Land zu regieren. Die Folgen waren handgreiflich vorherzusehen, und Joseph starb just zu rechter Zeit, um die Trennungen aller österreichischen Provinzen zurückzuhalten. Das sind die Folgen des eisernen Scepters, wenn der Despot die Priester nicht auf seiner Seite, und die Armee mit auswärtigen Feinden zu kämpfen hat. Noch just zu rechter Zeit trat ein sanftmüthiger Leopold auf den Thron, der durch Nachgiebigkeit, Menschenliebe und Großmuth das drohende Wetter zurückhielt, die aufgebrachten Gemüther besänftigte, und sich selbst und seine gährenden Staaten zu beruhigen Mittel fand. Wogegen Joseph die Peitsche der Erde heißen konnte, wenn seine herrschsüchtigen Entwürfe in der Ausführung möglich gewesen wären. Seine wirklich heldenmäßige Unternehmung gegen die römische Hierarchie würde ihm eine ewige Ehrensäule unter den größten Menschen bauen, wenn er nicht in der Ausführung gewankt hätte. Das Eis war gebrochen, die Hindernisse schon aus dem Weg geräumt, der Sieg über Aberglauben gewiß, die Preßfreyheit bewirkte bereits Wunder . . . aber die brabantische Revolution machte ihn schüchtern, er sahe, daß ein Despot Pfaffen-Mitwirkung bedarf. Die französische Revolution schreckte ihn, die arglistigen wohlinstruirten Beichtväter mahlten seinen wankenden Begriffen die Teufel schwarz, und er gerieth selbst in den tiefsten Schlamm des Fanatismus. Indessen hätte der Staat große Summen durch Aufhebung vieler Klöster gewonnen, wenn die hierzu gebrauchten Commissarien ehrliche, uneigennützige Leute gewesen wären. Seine unbedachtsam angefangenen Kriege verschwendeten aber dieses Geld doppelt, und seine wirklich kostbaren Reisen, die weder ihm noch dem Lande nutzten, vereitelten alles und machten die Cassen leer. Seine Liebeshändel kosteten ihm wenig, weil er ganz gemeinen Dirnen wenig zahlte. In Paris und Venedig allein wurde er von ihnen geschröpft. Dagegen richteten ihn venerische Krankheiten zu Grunde, die ihm den schmerzhaftesten Tod und ein zu frühes Grab verursachten. Nun will ich auch die versprochene treue Schilderung eines wienerischen Justiz-Collegio hier anbringen, wozu ich Beweise und legale Documente in Händen habe. Dann wird jeder Leser, der eine gerechte Sache zu suchen hat, gewiß mit Abscheu zurückbeben und sagen . . . Trenck, warum hast du so lange in Österreich gelebt? Dorthin gehört kein Mann wie du. Das Judicium militare mixtum, eine vom Hofkriegsrathe abhängige Stelle, war mein Forma competens , weil ich Uniform trug, und bestand aus Militärpersonen und Regimentsräthen oder Justitiarien. Der Präsident war der Fürst Carl Liechtenstein, ein edelfühlender und gerechter Herr, der aber nur sehr selten den Rath besuchte. In seiner Abwesenheit präsidirte der 80jährige Greis General Faber, ein wahrer Menschenfreund und rechtschaffener auch geschickter Mann. Er war aber Invalide, und von Wunden so zugerichtet, daß er den größten Theil des Jahres von der Gicht gefoltert im Bette liegen mußte, folglich erschien er selten. Dann präsidirte der General, Baron Kösporn, ein ehrlicher Mann, der aber die Rechte nicht studiert hatte, und gegen die zankenden Rabulisten den Mund nicht öffnete, weil er gleich überstimmt wurde. Er saß als ein friedliebender Mann demnach im Rathe unwirksam und widersprach selten, weil er der einzige Soldat in demselben war, hatte auch nur Eine Stimme. Die sogenannten Justitiarien, oder Rabulisten waren folgende: Herr Regierungsrath Zetto, Edler von Kronsdorf, war der Wortführer und erster Referent. Dieser Mann war in ganz Wien öffentlich als der größte Spitzbube und Rechtsverdreher bekannt, der liederliche Streiche, Falsa machte, alles im Hurenleben verschwendete, und Weib und Kinder darben ließ. Er hatte aber eine schöne Tochter, die dem Kaiser Besuche abstattete, hierdurch saß er als Referent in der Gerichtsstelle. Fürst Liechtenstein, ein unmäßiger Liebhaber des schönen Geschlechtes, schützte ihn auch aus eben der Ursache, und hat dreymahl seine Schulden bezahlt, auch zweymahl ihn vom Galgen errettet, um seine unglückliche Familie zu retten. Dieser böse Mensch regierte damahls die ganze Stelle, weil er Arglist, Maulwerk, Vortrag, Justizpractik im vollkommensten Grade besaß, und ein vortrefflicher Referent gewesen wäre, wenn er ein ehrlicher Mann hätte seyn können. Der Andere war ein gewesener Auditor, Nahmens Demscher. Dieser Mann war nicht reich genug, um seine Hausverschwendung zu bestreiten; er benutzte eine schöne Tochter, welche der Jude Wetzlar geschwängert hatte, auch unterhielt. Sein Haß gegen mich war unbegrenzt, weil er als Fanaticus Gott ein Opfer zu bringen glaubte, wenn er mich als Ketzer verfolgte. Er war in einer Gerichtssache mein Referent, las sein Referat im Rathe vor. Es wurde gut geheißen und er unterschob ein andres ganz widriges. Da dieses von der Oberstelle decratirt erschien, erkannte es kein Beysitzer für das vorgelesene. Es war schändlich und ehrenrührig gegen mich und meinen Agenten, Nahmens Dorfner. Es mußte uns zugestellt werden. Ich schrie laut um Gerechtigkeit, und mein Agent foderte öffentliche Satisfaction. Er erhielt sie auch, weil es geschehen mußte, und Demscher bath ihn um Verzeihung. Ich aber erhielt gar keine, und das Urtheil wurde zu meinem größten Nachtheile vollzogen. Jetzt sitzt eben dieser Mann als Hofrath und Referent im großen Hofkriegsrathe, und Gott behüthe mich, jemahls in demselben Gerechtigkeit für mich zu suchen. An seine Stelle trat der Regierungsrath Baron Waldstätten. Dieser Mann, der arm war, hatte seine Frau dem reichen Lieferantensohn, Baron Grechtler genannt, ordentlich verpachtet. Er unterhielt sie und das ganze Haus, gab dem Manne jährlich 6000 fl. Recrationsgeld, und lebte öffentlich mit ihr als seiner Maitresse. Er starb vor zwey Jahren, und hinterließ ein Vermögen von mehr als zwey Millionen der 3jährigen Tochter dieser Maitresse, die er von seiner eignen Fabrike glaubte, und dennoch den Nahmen des Verpachters führt. Ob aber ein solcher Mann, der so niederträchtig mit seinem Weibe wuchert, in den ehrwürdigen Richterstuhl gehöre; ob von ihm Gerechtigkeit zu erwarten sey, da er ohne Ehre lebt, und sein Eigennutz erwiesen ist; dieses überlasse ich dem Urtheile meiner Leser, und besonders dessen, welcher seine Räthe für Justizstellen wählt. Der Secretär in diesem Collegio, eines arglistigen Advocaten Sohn, Nahmens Edler von Fillenbaum, dirigirte das ganze Collegium, und sprach mehr im Rathe als alle Beysitzer, weil er mit Zetto gemeinschaftliche Sache machte, mit ihm negocirte und mit ihm alle Beute theilte. Fürst Liechtenstein protegirte ihn besonders, weil seine schöne Frau ehemahls seine Maitresse war. Fillenbaum zeigte sogar Jedermann seinen ältesten Sohn mit Stolz als einen Sohn des Fürsten, dem er vollkommen ähnlich war, und versicherte, der Fürst habe ihm als Taufzeuge 300 Ducaten geschenkt. Zetto der Bösewicht, arbeitete mit ihm gemeinschaftlich, und verschaffte diesem schlauen Rabulisten die besten Curatelen, bey denen sie sich beyderseits mästeten. So wurde mir auch durch Zettos Anordnung eben der Fillenbaum zum Fideicommiß-Curator ernannt, der mir binnen zwey Jahren mehr als 4000 fl. aus dem Beutel schröpfte, und noch dreymahl mehr Schaden verursachte. Hatte Zetto etwas für mich zu referiren, so blieb die Sache liegen, bis ich dem Fillenbaum 50 Ducaten oder eine Kiste Champagner behändigte, um den Herrn Referenten zur Beschleunigung aufzumuntern. Der Raub wurde sodann unter ihnen brüderlich getheilt. Wie es denen armen Pupillen bey solchen Curatoren geht, will ich hier erklären. Der Herr Curator legt alle Jahre seine Rechnung ab, und übergibt sie im Rathe. Dann erhält sie ein Zetto zum Revidiren und Referiren, folglich ist der Curator immer gepriesen und vom ganzen Collegio absolvirt. Ein in ganz Wien bekanntes Beyspiel. Eine Officierstochter, ein schönes Mädchen, stand unter Curatel mit 16 bis 20000 fl. Vermögen. Der Herr Curator verstand sich mit einem Vagabunden, der sich für einen Grafen ausgab, eigentlich aber ein Montenegriner-Räuber und ein abscheulicher Kerl war. Der Herr Curator war mit ihm einig, und der Heirathscontract wurde unter ihnen geschlossen, der Braut auch ein großes Gegenvermächtniß bestimmt. Diese wurde nun nebst der rechtschaffenen Mutter vor Gericht citirt. Die ehrwürdige Frau widersprach der Heirath, forderte Sicherheit für ihr einziges Kind mit aller möglichen mütterlichen Beredsamkeit . . . Die Tochter that eben das, warf sich auf die Knie, und erklärte, daß sie ohnmöglich einen so barbarischen Mann heirathen könne. Nichts half . . . nichts erregte Erbarmen. Zetto drang durch, die Heirath wurde gerichtlich decretirt. Der Bräutigam empfing aus Zetto und des Curators Händen das Capital, gewiß nicht ohne merklichen Abzug, und reisete schleunigst mit seiner Frau nach Ungarn. Hier lebte er drey Monathe mit ihr bey oft wiederhohlten Karbatschenstreichen in prächtiger Livree von seinem Raubgesindel bedient. Endlich ließ er sie nackt und bloß, schwanger und ausgeplündert sitzen, und flüchtete aus dem Lande. Nun erschien die Mutter in Wien, schrie laut um Gerechtigkeit und Erbarmen; nichts half. Sie flohe zum Kaiser. Dieser schickte nach Wiener Brauch die Sache ad referendum an eben die Gerichtsstelle, wo die Schandthat begangen war. Man kann sich leicht vorstellen, was diese referirte um sich zu rechtfertigen. Der Curator ward gerichtlich absolvirt, und gegen alle Klage hierdurch gedeckt, der Monarch wurde betrogen, und wehe dem der eine Gerichtsstelle anzugreifen wagt. Der Monarch muß ihr glauben, und alle Rettung blieb verloren. Die weinende Mutter wurde noch dazu als eine frevelnde Klägerinn aus dem Controllorgange getrieben, ihre Bittschrift vor die Füsse geworfen, und die unglückselige schwangere Tochter lebt jetzt im tiefsten Elende. Ich selbst gab ihr ein Almosen zum Kindbette. Noch ärger. Sie hatte noch 1000 fl. anliegen, die dem Bräutigam nicht gleich konnten baar erlegt werden, weil sie nicht sogleich eingetrieben werden konnten. Sie warf sich auf die Knie vor dem Gerichte und bath um ihr Geld zur Unterstützung. Der infame Curator protestirte aber und sagte, ihr Taufschein sey falsch, und sie sey noch nicht majoren. Zetto fiel bey und sagte: dieses Geld gehöre dem Kinde, und ihr nicht. Und sie erhielt keinen Groschen. Dieß devertirte eben der Mann, der nicht sagte, daß sie noch nicht majoren sey, da er ihre Person und ganzes Vermögen einem Spitzbuben übergab. So verfährt man in Wien mit Pupillen, und solche Vorfälle ereignen sich überall häufig. Und was das ärgste ist, so werden immer Advocaten oder Agenten zu Curatoren und Vormundschaften gewählt, die von denen Richtern Protection erkaufen können. Ich kenne einen Agenten, der 43 Curatelen hatte, und ohne zu betrügen, seine Procenten von allen zog, auch ausserdem für Sporteln gute Rechnung zu machen wußte. Auch sogar der berüchtigte Zetto und Fillenbaum hatten eine Menge Vormundschaften zu verwalten. Ich selbst mußte noch in meinem 60sten Jahre ihr Pupille seyn, und mich von solchen Kerlen chicaniren lassen. Die übrigen Beysitzer außer denen Benannten im Judicium militare mixto waren ein alter guter, aber immer schweigender Regierungsrath, und ein achselzuckender Actuarius. Fillenbaum aber führte Protocoll und Feder. Über das ebenfalls tragische Ende (wir sagen »ebenfalls,« da der Major im July 1794 zu Paris guillotinirt wurde) seines Verwandten, des berüchtigten Panduren-Obersten und nebenbey über die famose Erbschaft äußert sich unser Held im 1. Band seiner Selbstbiographie (ausführlich jedoch im 3. Bande). Wir glauben aus Gründen, es werde manchem unserer inländischen Leser nicht unwillkommen seyn, diese Äußerung hier angebracht zu finden; und sie folge also: Der Vater dieses auf dem Spielberge verstorbenen Trenck, hatte im Jahre 1743, da er als Commandant und Obrister zu Leitschau in Ungarn starb, als ungarischer Cavalier und Güterbesitzer ein solennes Testament errichtet, in welchem er mich als seines Bruders Sohn, seinem eigenen Sohne substituiret, falls dieser ohne männliche Erben sterben sollte. Dieses Testament war vom Domcapitel zu Zips verfertigt, von 7 Capitularen unterschrieben und vom Palatino Grafen Palfy ratifiziret, folglich ohne Widerspruch gültig. Der alte Trenck starb zu Leitschau 1743. Sein Sohn war damahls Panduren-Oberst im bayrischen Kriege. Das Zipser Capitel schickte dieses Testament an den kaiserl. Hofkriegsrath nach Wien ad exequendum. Dieser übergab dem Sohne die Verlassenschaft simpliciter, ohne für die Sicherheit des Substituirten den rechtlichen Curatoren anzustellen. Durch dieses Versehen konnte aber meinem Substitutionsrechte gar nichts präjudicirt noch vergeben werden. Der Trenck übernahm die Erbschaft seines Vaters, hat auch niemahls gegen diese klare Substitution protestirt. Er starb im Jahre 1749 wirklich ohne Kinder, folglich konnte er auch nie in praejudicium meines per substitutionem erlangten Rechtes über sein Vermögen disponiren noch testiren noch clausuliren. Ich war allezeit haeres ab intestato; ja sogar in causa confiscationes, hätte ich die Güter seines Vaters niemahls verlieren können. Diese in Rechten gegründete Wahrheit, wird gewiß kein Richter zernichten noch widerlegen. Mein Spielberger Testator wußte alles nur gar zu wohl. Er war, wie ich bereits erzählt habe, mein ärgster Feind, der mir sogar nach dem Leben getrachtet hatte. Nun will ich auch das eigentliche Räthsel seines arglistigen Testamentes entwickeln. Dieser in sich selbst böse Mann wollte nicht länger im Gefängnisse leben; er wollte auch nicht um Gnade bitten, wodurch er, wie landkündig ist, sogleich seine Freyheit hätte erhalten können. Er war keineswegs als überzeugter Übelthäter auf den Spielberg verurtheilt. Seine mächtigen Feinde fürchteten seine Rache mit Recht, er hatte schon im Arrest zu Wien gedroht, sie fanden aber Mittel, ihm den Willen zu fesseln. Deshalb allein war er das Opfer ihrer Kunstgriffe bey Hofe. Sein Prozeß hatte schon viel gekostet, sein Geiz, seine einmahl verlorne Hoffnung, den Schaden zu ersetzen, oder noch reicher zu werden, erniedrigte seine raubgierige Seele bis zur Verzweiflung. Seine Ruhmbegierde war unbegrenzt und diese konnte nicht besser befriedigt werden, als wann der Pandur als ein Heiliger starb und nach dem Tode Mirakel machte. Dies war wirklich sein Entwurf, denn er war einer der ärgsten Atheisten, glaubte nichts nach dem Tode als Überzeugung und gestattete sich alles, weil er ein böses Herz im Busen nährte. – Hierzu kam noch dieses. Er wußte, daß ich nach seinem Tode sogleich die Verlassenschaft seines Vaters fordern, auch gewiß erhalten würde. Dieser hatte bereits im Jahre 1723 die Herrschaft Prestowacz und Pleterniz in Sclavonien von seinen aus Preußen erhaltenen Familiengeldern erkauft. Und noch bey Leben kaufte der Sohn mit 40000 Fr. von des Vaters Capitalien die Herrschaft Pakraz. Diese drey Herrschaften waren also Güter, die auf mich directe derolvirt waren, und worüber er so wenig als über die übrigen ererbten Gelder, Mobilien und Häuser seines Vaters testiren noch clausuliren konnte. Alles Vermögen, das er selbst erworben hatte, stand in Administration, aber 100,000 Fr. waren schon für den Prozeß verloren gegangen und 63 Prozesse und Forderungen waren noch wirklich gegen ihn bey Gericht anhängig. Nun wollte er auch gerne für die 80,000 Fr. Legate machen. Wenn ich also nach Wien gekommen wäre, und meine bona avica von seinem Vermögen weggenommen, mich aber um die anhängigen 63 Prozeße gegen seine Masse nicht angenommen hätte, so sah er wohl voraus, daß für seine Legatarien gar nichts überbleiben würde. Er errichtete demnach ein doloses Testament, um mich noch nach seinem Tode unglücklich zu machen. Deshalb ernannte er mich allein zum Universalerben, machte gar keine Erwähnung von seines Vaters Testament, welches ihm die Hände gebunden hätte, verordnete gegen 80,000 Franks Legate und Stiftungen und suchte sowohl durch die vermäntelte Art seines Todes, als besonders durch folgende Bedingungen die Monarchie zur Protection seines Testamentes zu bewegen: daß ich Die katholische Religion annehmen. Keinem andern Herrn als dem Hause Österreich dienen sollte, und machte er seine ganze Verlassenschaft ohne das väterliche Vermögen auszunehmen zum Fideicommiß. Eben hieraus wuchs mein ganzes Unglück und dieses war seine Absicht. Denn noch kurz vor seinem Tode sagte er dem Commandanten Baron Kottulinsky: Jetzt sterb ich mit der Freude, daß ich meinen Vetter noch nach meinem Tode chicaniren und unglücklich machen kann. – Sein in Wien geglaubter mirakulöser Tod erfolgte auf folgende Art; wodurch er besonders viele Kurzsichtige, ganz für seine Absichten lenkte, die ihn wirklich heilig glaubten. Drey Tage vor seinem Tode, da er vollkommen gesund war, ließ er dem Commandanten sagen, er wolle seinen Beichtvater nach Wien schicken, denn der heilige Franciscus habe ihm offenbaret, er würde ihn an seinem Nahmenstage um 12 Uhr in die selige Ewigkeit abholen. Man schickte ihm den Capuziner, den er nach Wien abfertigte und lachte mit den übrigen. Am Tage nach des Beichtvaters Abreise, sagte er – Gottlob! Nun ist meine Reise auch gewiß. Mein Beichtvater ist todt und mir bereits erschienen. Dieses bestätigte sich am folgenden Tage wirklich. Der Pfaff war gestorben. Nun ließ er die Officiere der Brünner Garnison zusammen kommen, sich als Capuziner tonsiren, auch in die Kutte einkleiden, hielt seine öffentliche Beicht und dann eine stundenlange Predigt, worinnen er alles zum heilig werden aufmunterte, und den größten aufrichtigsten Büßer spielte. Dann umarmte er sie alle, sprach von der Nichtigkeit der Erdengüter lächelnd, nahm Abschied und kniedete nieder zum Gebeth, schlief ruhig, stand auf, kniete, bethete wieder, nahm um 11 Uhr Mittags am 4 October die Uhr in die Hand und sagte: Gottlob! die letzte Stunde nahet. Jedermann lachte über dieses Gaukelspiel eines Mannes seiner Art, man bemerkte aber, daß sein Gesicht auf der linken Seite weiß wurde. Hier setzte er sich nun an den Tisch mit aufgelehntem Arm, bethete, blieb aber ganz still mit geschlossenen Augen. Es schlug zwölf Uhr, er bewegte sich nicht, man redete ihn an, und er war wirklich todt. Nun erscholl das ganze Land von dem Mirakel, der heilige Franciscus habe den Panduren Trenck in den Himmel geholt. Die Auflösung des Räthsels und Mirakels ist aber eigentlich diese, und mir allein gründlich bekannt. Er besaß das Geheimniß des sogenannten Aqua Toffana und hatte beschlossen, nicht länger zu leben. Seinem Beichtvater, den er nach Wien schickte, hatte er alle Geheimniße vertraut und ihm viel Kleinodien und Wechselbriefe mitgegeben, die er an die Seite geschafft wissen wollte. Ich weiß positiv, daß er einem gewissen großen Prinzen damahls seine Wechsel pr. 200,000 Fr. zurück geschickt und cassirt hat, der mir als rechtmäßigen Erben keinen Groschen wieder gab. Der Beichtvater sollte aber außer Stand gesetzt werden, ihn jemahls zu verrathen, deshalb nahm er seine Giftdose mit auf die Reise und ward bey der Rückkehr todt gefunden. Er selbst hatte dieses Gift genommen und wußte daher die Stunde seines Todes. Nun spielte er seine tragische Rolle als Heiliger, um dereinst dem Florianus oder Crispinus den Rang streitig zu machen. Da er auf Erden nicht mehr der Reichste und Größte werden konnte, wollte er im Grabe angebethet seyn. Versichert war er, daß Mirakel bey seinem Grabe erfolgen würden, weil er eine Kapelle erbaut, eine ewige Stiftmesse fundirt, und den Capuzinern 6000 Franks vermacht hatte. So starb eigentlich dieser ganz besondere Mann im 34. Jahre seines Alters, er, welchem die Natur keine Gabe, kein Talent versagt hatte, der die Geißel der Bayern und das Schrecken der Franzosen war, der mit seinen verächtlich geglaubten Panduren sogar gegen 6000 preußische Gefangene geliefert hat. Er lebte als Tyrann und Menschenfeind und starb als heiliger Schurke. So war nun die Lage des Trenckischen Testamentes, da ich im Jahre 1750 nach Wien kam. Ich erschien nicht, so wie einige Verläumder unlängst in Gesellschaft gesagt haben, als ein Dienst- und brotsuchender Bettler. Nein, ich hatte die russischen Dienste verlassen, wo ich glücklich war. Der kaiserl. Gesandte hatte mich überredet, mein gewisses Glück zu verlassen, um mein Unglück in Wien zu finden. Ich brachte von meinem russischen Gelde noch gegen 20,000 Fr. baares Geld und in Schmuck nach Österreich. Ich habe während der Wienerprozesse noch gegen 15,000 Fr. aus Berlin, Petersburg und von meiner Familie in Wien erhalten, und aufgeopfert, folglich vom Trenck nicht nur nichts geerbt, sondern noch über 120,000 Fr. von meinem eigenen Gelde, und von dem auf mich decretirten Vermögen seines Vaters verloren und zugesetzt. Daß aber der Hofkriegsrath im Jahre 1743 die väterliche Verlassenschaft dem Sohne simpliciter übergab, und die sonnenklare Substitution mit höchst strafbarem Stillschweigen überging, das hat dem Trenck gewiß ein paar hundert Ducaten Geschenk gekostet. Ich war aber das schmähligste Opfer dieser rechtlosen Prozedur, weil der jetzt neue Hofkriegsrath die Fehler des Alten niemahls aufdecken, noch vermitteln wollte, und mich deshalb unterdrückte, weil seine Vorfahren keine Richterpflicht erfüllt hatten. Man läugnete mir sogar im Jahre 1764 das ganze Original-Testament, bis ich eine eigene hofkriegsräthliche copiam vidimatam vom Jahre 1751 gezeichnet, aus Preußen und den Empfangschein desselben aus dem Zipser Capitel erhielt, welches das Original dem Hofkriegsrath übergeben hatte. Doch endlich fand sichs auch im Protocoll – half mir aber nichts mehr, weil mir niemand wollte Gerechtigkeit wiederfahren lassen, wär ich aber in Magdeburg gestorben, so hätte meine Familie gewiß nichts mehr im Protocoll gefunden. So verfährt man bey Gerichtshöfen in Wien ungestraft. Wehe dem ehrlichen Manne, welcher sich daselbst nicht in Zeit und Umstände zu schicken weiß. Ein Hofrath Zetto verfälschte ja ein Testament für etliche Ducaten Remuneration. Und solche Zetto's leben noch viele außer dem Zuchthause in Wien. Nun weiter zur Geschichte. Bey der ersten Audienz konnte die Monarchinn nicht gnädiger sein als sie zu seyn schien. Sie sprach von meinem Vetter mit gerührter Achtung, Sie versprach mir allen Schutz und Gnade und sagte, das Graf Bernes mich Ihr besonders empfohlen hätte. Da Judicium delegatum wurde allein für die Trenckische Verlassenschaft angeordnet. – Sobald ich aber den bestimmten Präsidenten und die Räthe kennen lernte, sobald ich 63 wirklich anhängige Prozesse sah, die ich in Wien ausführen sollte, wo ein ehrlicher Mann eine Lebenszeit bedarf, um nur für einen Recht zu finden; – beschloß ich sogleich die ganze Erbschaft abzulehnen, auf das Spielberger Testament Verzicht zu thun, und nur allein meine bona avita zu fordern. Zu dem Ende begehrte ich copiam vidimatam von dem Leitschauisch Alt-Trenckischen Testamente. Ich erhielt sie. Hiermit erschien ich vor Gericht in Person, erklärte, daß ich von Franz Trenck nichts verlange, keine Prozesse noch Legate von ihm übernehmen wolle und allein das Vermögen seines Vaters laut produzirten legalen Testamentes von der Massa im voraus fodre, welches die drey Herrschaften Pakraz, Prestowaz und Pleterniz ohne die Capitalien und Mobilien betraf. Nichts war billiger, nichts unwidersprechlicher als diese Forderung. Wie erschrack ich aber, da man mir ganz entscheidend im öffentlichen Rathe antwortete: Ihro Majestät die Kaiserinn haben ausdrücklich befohlen. »Daß falls Sie nicht alle Bedingungen des Franz Trenckischen Testamentes erfüllen wollen, Sie absolut und entschieden von der ganzen Massa abgewiesen werden, und gar nichts zu hoffen haben!« – Was war zu thun? Ich wagte einen Schritt bey Hofe – ward aber ebenso abgewiesen. Es war einmahl beschlossen, ich sollte römisch-katholisch werden, und so war ich schutz- und hilflos. 80. Das berühmte Rendezvous Josephs und Catharinens; von dem französ. Bothschafter Ludw. Philipp Grafen v. Segur. Segur Vater Paul Philipps, Marechal de Camp, als Schriftsteller ehrenvoll bekannt durch seine Geschichte des rußischen Feldzuges 1812 \&c. in seinen pittoresken und anmuthigen Denkwürdigkeiten schildert jene illustre Zusammenkunft leicht, heiter und geistreich und das, als mithandelnde Person in viel höherem Grade, als alle gleichzeitigen, wie selbst der unvergleichliche Prinz de Ligne, der ebenfalls Genosse gewesen, und nachherigen Federn. Hören wir sonach den Franzosen! Der Plan dieses Monarchen war gewesen, die Kaiserinn auf ihrer Galeere zu besuchen; allein der Fürst Potemkin, der nach Kaydak vorausgegangen war, benachrichtigte seine Gebietherinn bey Zeiten. Sie ließ sich ans Land setzen, ließ uns fast alle auf der Flotte, stieg geschwind in den Wagen und fuhr dem Kaiser entgegen, dem sie bey dem einfach stehenden Hause eines Kosaken begegnete, wo sie sich wenige Stunden aufhielten und darauf zusammen nach Kaydak fuhren, wo wir am andern Morgen, den 19. May 1787. wieder zu ihnen trafen. Zu Kamirz hatte ich einen König gesehen, ohne Macht und Ansehen, aber mit dem Glanz und der Pracht des größten Monarchen umgeben; zu Cherson sah ich (ein merkwürdiger Contrast!) einen mächtigen Kaiser, der einfach in seinem Äußern, bescheiden in seinen Manieren, vertraulich im Umgang, jedem Zwange feind war, über alle mögliche Gegenstände Gespräche anknüpfte, und durch nichts glänzen wollte, als durch ausgebreitete Kenntnisse, treffendes Urtheil und einen gebildeten Geist. Als Katharina II. in Kaydak mich ihm vorstellen wollte, sagte er zu ihr: »Gnädige Frau, ich bin hier nur der Graf von Falkenstein , und ich bin es daher, der dem französischen Gesandten vorgestellt werden muß.« Dieser Fürst war in einer einfachen Kalesche nach Rußland gekommen, von einem General und zwey Bedienten begleitet. Das strenge Incognito, welches er beobachtete, war ihm ebenso bequem als nützlich, um mehr zu sehen und zu hören; auch wollte er durchaus, man sollte ihn wie einen Reisenden, nicht wie einen Monarchen behandeln. Alle Morgen kam er zum Lever der Kaiserinn, mischte sich unter uns, und wartete mit uns, bis die Fürstinn erschien. Den Tag über durchstreifte er die Umgegenden der Orte, in welchen wir uns aufhielten, und da ihm zufällig meine Unterhaltung gefiel, so machte er oft lange Spaziergänge mit mir, indem er vertraulich Arm in Arm mit mir ging. Er zeigte sich in seinen Gesprächen nicht geneigt, den Ehrgeiz Katharinens zu unterstützen. Die Politik des Königs schien ihm in diesem Puncte sehr weise. »Constantinopel,« sagte er, »wäre ein Zankapfel welcher eine Vereinigung der großen Mächte, zu einer Theilung des türkischen Reichs immer unmöglich machen würde.« Ich bemerkte, daß er wenig Verwunderung über das Fortschreiten der russischen Unternehmungen zeigte. »Ich sehe darin mehr Glanz,« sagte er, »als Reelles; der Fürst Potemkin ist thätig, aber mehr geeignet, große Unternehmungen anzufangen, als sie zu vollenden. Übrigens scheint Alles leicht, wenn man Geld und Menschenleben verschwendet. Wir in Deutschland oder Frankreich können nicht versuchen, was man hier ungehindert wagt. Der Herr befiehlt; Schaaren von Sclaven arbeiten. Man bezahlt ihnen wenig oder nichts; man ernährt sie schlecht; sie wagen nicht zu murren und ich weiß, daß seit drey Jahren in diesen neuen Gouvernements, durch die Strapazen und die verderblichen Ausdünstungen der Moräste 50,000 Menschen zu Grund gegangen sind, ohne daß man sie beklagte, ja, ohne daß man nur von ihnen sprach.« Da an einem andern Tage das Gespräch auf den Fürsten Potemkin kam, so sagte er: »Ich begreife wohl, wie trotz seiner Bizarrerien dieser sonderbare Mensch eine große Gewalt über die Kaiserinn erlangt und behauptet hat; er hat einen starken Willen, einen scharfen Blick; hierdurch wird er nicht nur nützlich, sondern sogar nothwendig; denn Sie kennen die Russen und müssen gestehen, daß man nicht leicht unter ihnen einen Mann finden würde, der fähiger wäre, ein noch so rohes Volk im Zaum zu halten, dem die Civilisation erst seit so kurzer Zeit näher gerückt ist, und einen Hof zu zügeln, der seit so lange an Verschwörungen gewöhnt ist.« Je mehr Herr von Cobenzl sah, daß mich der Kaiser mit seinem Wohlwollen beehrte, desto offener wurde das Vertrauen, das er mir erwies; er versicherte mich zwar, daß er wirklich Befehl habe, meine Schritte zur Erhaltung des Friedens zu unterstützen, schien mir aber zu fürchten, der Kaiser lasse sich doch endlich zum Kriege verleiten, wenn die Kaiserinn ihre Forderungen auf Oczakow und Acjerman beschränke und ihn über die Idee einer weiteren Vergrößerung beruhige. »Übrigens,« sagte er, »würde der Monarch nur mit dem äußersten Widerwillen, die Hände dazu bieten, weil er befürchtet, ein Bruch mit Preußen und eine Spannung mit Frankreich möchten die Folgen dieser Nachgiebigkeit gegen seine Verbündeten seyn.« Indessen waren Herr von Bulgakow , der Gesandte der Kaiserinn, und Herr von Herbert , der Internuntius des Kaisers, von Constantinopel angekommen und es eröffneten sich einige Conferenzen zwischen ihnen, dem Grafen Bezborodko und mir. Ein neuer Zufall befestigte die Hoffnung zur Erhaltung des Friedens: der Kaiser bekam einige beunruhigende Nachrichten aus den Niederlanden, wo sich große Gährung zeigte. Diese neuen Unruhen mußten ihn natürlich von dem Gedanken abbringen, der Kaiserinn beyzustehen, wenn sie die Türken angreifen wollte. Am Abend, als sie den Cirkel entlassen hatte, wollte der Kaiser den schönen Abend genießen, und nahm mich beym Arm; wir verließen das Lager, und lustwandelten lange auf der ungeheuren, grünen Ebene, wo das Auge keine Grenze finden konnte. Beym Anblick mehrerer Kamehle und einiger tatarischen Hirten, welche in der Ebene herumschweiften, sagte der Fürst zu mir: »Welch' sonderbare Scene! wer hätte geglaubt, man würde mich mit Katharina II. und dem Gesandten von Frankreich und England in der Tatarenwüste herumirren sehen. Das ist ein ganz neues Blatt in der Geschichte.« »Mir,« antwortete ich, »scheint es eher ein Blatt aus Tausend und einer Nacht; ich bin Giafer, und gehe mit dem Kalifen Harun-al-Reschid spazieren, der nach seiner Gewohnheit verkleidet ist.« Als wir wieder herauskamen, sahen wir eine ziemlich starke Abtheilung tatarischer Reiterey, reichlich gekleidet und bewaffnet, welche der Kaiserinn entgegen kam, um ihr als Ehrenwache zu dienen. Diese Fürstinn, deren Ideen alle großartig, erhaben und kühn waren, wollte während ihres Aufenthalts in der Krimm keine andere Eskorte, als eben von diesen Tataren, welche ihr Geschlecht so verachteten, die Christen so tief haßten, und erst so kurz von ihr besiegt worden waren. Diese unerwartete Probe von Vertrauen glückte, wie fast Alles, was kühn ist. »Gestehen Sie, lieber Segur ,« sagte der Prinz von Ligne lachend zu mir, »daß es ein sonderbares Ereigniß wäre und großen Lärm in Europa verursachen würde, wenn die 1200 Tataren, die uns hier umgeben, sich es einfallen ließen, uns Hals über Kopf in einen benachbarten Hafen zu schleppen, sich dort mit der erhabenen Katharina , so wie mit dem mächtigen römischen Kaiser Joseph , einzuschiffen, und sie nach Constantinopel zu führen, zur Unterhaltung und zum Vergnügen Sr. Hoheit Abdul-Hamids, Beherrschers der Gläubigen, und diese List hätte durchaus nichts Unmoralisches; denn sie könnten ohne Scrupel zwey Monarchen wegcapern, die mit Verletzung aller Verträge und alles Völkerrechts, ihr Land geraubt, ihren Fürsten entthront und ihre Freyheit in Fesseln geschlagen haben.« Glücklicherweise kam diese Tollheit den loyalen Kindern Mahomets nicht in den Sinn. – Zu Baschtschi-Sarai kam der Prinz von Ligne zu mir, und sagte lachend: »Wissen Sie wohl, mit was sich gegenwärtig unsere beyden großen Reisenden beschäftigen, der gewaltige römische Kaiser und die erlauchte Selbstherrscherinn aller Reußen? Ich habe einige Worte von dem Gespräch dieser beyden großen Despoten abgelauscht. Sollte man es glauben, mein Lieber? sie unterhielten sich freundschaftlich von einem sehr schönen Project, von der Wiederherstellung der griechischen Republiken.« »Sie sehen mich nicht so sehr in Erstaunen, wie Sie glauben,« versetzte ich, »umsonst will man sich der Luft seines Jahrhunderts entziehen; man muß sie athmen und wird von ihr durchdrungen. Die Luft des unsrigen ist die der Philosophie und der Freyheit; sie breitet sich ganz in der Stille aus und dringt in die Palläste wie in die Hütten. Man kann sie nicht wegdrücken, und wenn man es mit Gewalt versucht, wie England in Amerika, so verwandelt man sie nur in einen furchtbaren Sturmwind.« Der Fürst von Ligne spottete über diese philosophische Träumerey. Wir ahnten damahls nicht, daß es eine Prophezeihung war, die in Erfüllung gehen sollte. Während des letzten Theils unserer Reise wiederholten wir in den Steppen unsere gewohnten Spaziergänge; der Kaiser erlaubte mir, mich mit ihm über die constantinopolitanischen Angelegenheiten zu unterhalten, und sprach sehr offen von seinen und von Katharinens politischen Absichten. Ich halte es nicht für unnütz, hier in wenigen Worten dieses Gespräch zu wiederholen, um zu zeigen, welche Idee er von dem Character, dem Ehrgeiz und der Macht der Kaiserinn hatte. »Sie sind jetzt zufrieden, wie ich hoffe,« sagte er eines Tags zu mir, »Herr v. Bulgakow und Herr von Herbert werden der Pforte die von Ihnen gebilligten Vorschläge vorlegen: Halten Sie in diesem Augenblick nicht den Frieden für wahrscheinlich?« »Herr Graf,« antwortete ich (denn er wurde ernstlich böse, wenn mir manchmahl das Wort Sire oder Eure Majestät entschlüpfte), »Alles hängt von der Art ab, wie die Kaiserinn selbst diese Vorschläge betrachtet, und von dem Ton, in dem sie vorgebracht werden; vielleicht sieht sie darin nur gute Materialien zu einer Kriegserklärung. Ich fürchte, der Anblick ihrer versammelten Land- und Seemacht haben in ihrem Geist die Furcht vor den Hindernissen zerstreut, auf die sie bey ihren Vergrößerungsplänen stoßen könnte.« »Alles ist bereit, und sobald sie will, kann unter dem Vorwand, daß die Türken mit der Abstellung ihrer Beschwerden zögern, ein Theil ihrer Truppen Oczakow und Akjerman anstreifen. Diese Plätze sind unfähig, lange zu widerstehen, und werden leicht erobert werden. Zugleich kann ein anderer Theil der Armee sich auf der Flotte zu Sebastopel einschiffen, eine Landung an der Küste zwischen Constantinopel und Warna machen, und so die Hauptstadt des türkischen Reichs bedrohen, ja, sie vielleicht selbst erobern, wenn Schrecken den abergläubigen Geist der Muselmänner ergriffe. Die Türken dagegen, welche die Krimm nicht mehr haben, müßten, ehe Sie die Russen angreifen könnten, durch die Bulgarey, Bessarabien, die Moldau, die Wallachey, Neu-Serbien ziehen, wo kaum eine disciplinirte Armee bestehen kann. Überdieß würden 15,000 Russen hinreichend seyn, sie am Bug oder Dnieper aufzuhalten. Ich sehe nur ein politisches Hinderniß, das diese Fürstinn aufhalten konnte, und Sie wissen besser als ich, bis zu welchem Punct sie dieses Hinderniß zu fürchten hat.« »Ich verstehe Sie recht gut,« erwiederte der Kaiser, »meine Nachgiebigkeit zur Zeit der Eroberung der Krimm, flößt Ihnen Furcht ein, ich möchte sie noch in neuen Vergrößerungs-Planen unterstützen. Sie irren sich, ich wünsche aufrichtig die Erhaltung des Friedens, die Besitznahme der Krimm durch die Russen brachte mir keinen Nachtheil; die einzige Folge davon war, daß die Türken friedlicher wurden, weil ihnen das Mittel benommen war, einen Offensiv-Krieg anzufangen.« »Überdieß gewann ich dadurch unberechenbare Vortheile: erstlich den, meine eigenen Staaten vor jedem Angriff der Türken zu schützen, weil sie die Truppen und Schiffe in der Krimm fürchten, die zur Rache bereit sind, und dann die Gewißheit, den Petersburger Hof mit dem Berliner zu entzweyen, und so dem letzteren einen mächtigen Allirten zu rauben.« »Dieß hat mich in der That bestimmt, Tauris durch die Pforte an Katharinen abtreten zu lassen; aber jetzt hat Alles eine andere Gestalt; ich werde nicht dulden, daß sich die Russen in Constantinopel niederlassen. Die Nachbarschaft der Turbane wird für Wien immer weniger gefährlich als die der Hüte. Übrigens kann dieser durch die erhitzte Einbildungskraft der Kaiserinn ausgebrütete Plan nicht ausgeführt werden, und bedürfte sie auch nur einer Ukase, um sich Constantinopels zu bemächtigen, und ihren Onkel Constantin krönen zu lassen, so könnte sie sich nicht gegen die türkischen Streitkräfte in Klein-Asien und gegen mehrere große Mächte halten, die sich der Türken annehmen würden; überdieß müßte sie in diesem Falle ihr ganzes Reich von Truppen entblößen, die Hälfte davon verlassen und die Hauptstadt wechseln.« »Ich glaube in der That,« versetzte ich, »daß man sich über die Existenz von Constantinopel beruhigen kann, dessen Erhaltung dem Wiener Hof so wichtig ist, als dem französischen; aber nach den ungeheuren Rüstungen, von welchen wir Zeugen waren, muß man wohl über ein anderes viel wahrscheinlicheres Project beunruhigt seyn, nämlich die russischen Grenzen bis zum Dniester auszudehnen. Wenn dieser Plan ausgeführt würde, so würde er unvermeidlich einen für unsere Interessen sehr ernstlichen Krieg herbeyführen.« »Was ich noch hoffe,« sagte ich, »ist, daß die Weisheit des Kaisers und seine Freundschaft für den König ihn bewegen werden, seine Bemühung zur Erhaltung des Friedens fortzusetzen und alle Maßregeln zu ergreifen, die einen Bruch verhüten können. Es scheint mir, der König habe ein Recht, darauf zu zählen, denn zur Zeit der Invasion in die Krimm hat er die Türken nur in der Absicht zur Abtretung dieser Halbinsel an Rußland bewogen, um etwas zur Ruhe und zur Beförderung der politischen Interessen seines Schwagers und Allirten beyzutragen.« »Ich thue, was ich kann,« versetzte der Kaiser, »aber sie sehen selbst, daß diese Frau exaltirt ist, die Türken müssen in den Streitpuncten nachgeben. Wenn sie Katharinen durch eine Weigerung herausfordern, wie kann man sie hindern, sich durch Wegnahme einiger Städte zu entschädigen? Sie hat zahlreiche, abgehärtete, unermüdliche Truppen. Man kann sie hinführen, wo man will.« »Sie sehen, wie wenig man sich hier aus dem Leben und den Strapazen der Menschen macht; 800 Stunden von der Hauptstadt legen sie Straßen an, graben Häfen, bauen auf Moräste, errichten Palläste, pflanzen englische Gärten mitten in Wüsten, Alles dieß ohne Bezahlung, ohne Bett, oft ohne Lebensmittel und immer ohne Murren.« »Die Kaiserin ist der einzig wahrhaft reiche Souverain in Europa: sie braucht viel überall und ist nichts schuldig, ihre Papiere gelten so viel sie will; wenn ihr der Gedanke käme, sie könnte Geld aus Leder schlagen lassen. England liegt unter einem Berg von Papiergeld begraben. Frankreich machte das öffentliche Geständniß von dem schlechten Zustand seiner Finanzen, und ich kann kaum aufbringen, was mich meine Kollonien in Gallizien und die Festungen kosten, die ich dort habe bauen lassen.« Ich erwiederte, daß alle diese nur zu gegründeten Umstände eben so viele Gründe seyen, die Anstrengungen zu verdoppeln, um nicht in einen kostspieligen Krieg verwickelt zu werden. Da wir verschiedene Mahle auf denselben Gegenstand der Unterhaltung zurückkamen, so suchte ich ihm zu beweisen, daß die colossale Macht Rußlands mehr in die Höhe steige, als eine feste Grundlage habe. »Sehen Sie,« sagte ich, »Alles hat hier mehr Glanz, als Realität; Alles wird angefangen, nichts vollendet. Der Fürst Potemkin läßt schnell wieder liegen, was er mit Feuer unternommen hat; keiner seiner Plane ist gerecht und ganz ausgeführt. Er hat Sie zu Ekaterinoslow den Grundstein zu einer Hauptstadt legen lassen, die man nicht bewohnen wird; zu einer Kirche, so groß, wie St. Peter in Rom, in der vielleicht nie eine Messe gelesen werden wird. Er hat zur Gründung dieser neuen Katharinens-Stadt einen Berg gewählt, auf dem man eine sehr schöne Aussicht hat, dem es aber gänzlich an Wasser gebricht. Cherson, das eine schlechte Lage hat, hat 20,000 Menschen gekostet; es ist von verpesteten Sümpfen umgeben. Schiffe können beladen gar nicht einfahren. Seit sechs Jahren sind die Steppen öder, als sie es je waren. Die Krimm hat zwey Drittel ihrer Bevölkerung verloren. Kaffa liegt in Trümmern und wird sich nicht wieder erheben. Sebastopel allein ist jetzt schon ein bedeutender Platz; aber es braucht noch eine gute Zeit, bis eine wahre Stadt daraus wird.« »Man hat sich bestrebt, Alles zu schmücken, Alles zu verschönern, Alles augenblicklich vor den Augen der Kaiserinn zu beleben; aber wenn Katharina abgereist seyn wird, verschwinden mit ihr die Zaubereyen aus diesen weiten Gegenden.« »Ich kenne den Fürsten Potemkin : er hat seinen Theaterstreich ausgeführt, der Vorhang ist gefallen; jetzt will er sich mit neuen Scenen beschäftigen, sey es in Polen oder in der Türkey. Die Verwaltung und Alles, was anhaltende Thätigkeit verlangt. ist unverträglich mit seinem Character; der Krieg selbst, wenn er ihn je anfängt, wird ihm bald beschwerlich fallen, und hat er einmahl das Großkreuz des St. Georgen-Ordens gewonnen, so werden wir ihn eben so eilig sehen, wieder Frieden zu schließen, als jetzt, ihn zu brechen.« »Ich gebe dieses Alles zu,« sagte der Kaiser, »man hat uns von Täuschung zu Täuschung geführt: Das Innere hat hier große Fehler, aber die äußere Macht ist eben so reel, als glänzend. Der Soldat, der leibeigene Bauer sind Werkzeuge, deren man sich bedient, um abzutreiben, was man will. Der sclavische Adel kennt kein anderes Gesetz, als den Willen seiner Monarchinn, keinen andern Zweck, als ihre Gunst. In Rußland findet keine Zwischenzeit zwischen einem Befehl, so launenhaft er seyn mag, und seiner Ausführung Statt. Wäre ein Carl XII. das Haupt dieser Nation, er würde mit 600,000 Mann ganz Europa in Schrecken setzen.«