Joseph von Lauff Der papierene Aloys Roman vom Niederrhein Erstes Kapitel »Ich bin immer der Meinung gewesen ...« mit diesen Worten beginnt der etwas leichtfertige, aber höchst ehrenwerte Oliver Goldsmith seine preziöse Erzählung des Landpredigers von Wakefield, um den ersten Satz mit den Worten zu schließen: »Ja, ich bin immer der Meinung gewesen, daß der rechtschaffene Mann, der ein Weib genommen und viele Kinder aufgezogen, mehr Gutes gestiftet hat, als der Hagestolz, der von Bevölkerung nur redet.« Sehr richtig, Herr Oliver Goldsmith, und gar nicht zu leugnen! Indessen, da gibt es noch andere Meinungen, die für sich das Recht beanspruchen können, auch ihrerseits in die Erscheinung zu treten und mit den Skrupelgewichten eines Doktors subtilis bewertet zu werden. Cum grano salis natürlich; denn ich bin meinerseits der Ansicht, daß man auch Gutes und Anregendes zu stiften vermag, falls man sich in die Tage seiner Jugend versetzt, sie wie ein Miezekätzchen in die Hände nimmt, über das knisternde Fellchen gleitet, immer fein sachte von den Lauschern bis zum äußersten Ende des biegsamen Schwänzleins, und sich dabei von dem angenehmen Miauen und Näseln des possierlichen Tierchens umschmeicheln läßt. Ach, so ein Miezekätzchen, so ein gutes und liebes! und im Hinblick auf dieses Streicheln, Miauen und Spinnen – ich erinnere mich. Ich erinnere mich als Dreikäsehoher noch aller Einzelheiten, die mir begegneten, als ich mein Schnüffelnäschen gegen eine Abteilscheibe der Rheinischen Eisenbahn plattdrückte, um mit Vater und Mutter und der Traben-Trabacher Marie aus der Stadt der heiligen drei Könige wie auf Gummischuhen in eine unermeßliche und fruchtbare Niederung zu gleiten, die immer unermeßlicher und fruchtbarer wurde. Als wohlbestallter Notarius publicus strebte mein gütiger Vater seinem neuen Wirkungskreis zu, einer kleinen niederrheinischen Stadt, unmittelbar an der holländischen Grenze gelegen, der nämlichen Stadt, wo heutigen Tages der Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz den Marktplatz beherrscht, gestiefelt und gespornt und mit gezogener Plempe, und vor Zeiten die Heertrompeter Johanns des Dritten, des Edlen von Kleve, vermählt mit der blassen Maria, der schönen und reichen Erbtochter des verewigten Herzogs Wilhelm von Jülich und Berg, ihr ›Harbolorifa‹ zur Huldigung bliesen ... der nämlichen Stadt, wo unter der gesprenkelten Linde der jugendliche Hofkapellanus sich erkühnte, sacht über die feingeäderte Hand seiner Herrin zu fingern und diese ihm ängstlich zuflüstern mußte: »Heribert, laßt das; es könnte Euch sonsten böslich ergehen.« Aber so heimlich und lind auch gesprochen – der Herzog rasselte mit seinen schwarzen Eisenkacheln und wandte sich jählings. »Pfäfflein, Pfäfflein,« meinte er heiser, »das ahnte ich lange. Haltet Euch bereit und sprecht Euer Sprüchlein; denn morgen mit dem Frühesten: Ihr werdet gehenkert.« Und als es geschah, stieß die schöne Maria einen herzzerreißenden Schrei aus, um gleich darauf in eine lange und wohltätige Ohnmacht überzugehen. An der großen Linde aber baumelte Heribert, das lüsterne Hofkaplänchen Johanns des Dritten, wahrend die Heertrompeter zur Huldigung aufbliesen und die Kartaunen von den Wällen herunterbummerten. So ungefähr erzählte mein Vater, während die Telegraphendrahte vor meinen aufgerissenen Blicken auf und nieder tänzelten, Flecken und Weiler vorüberhasteten und die warmen Sonnenlichter so lieblich mit den eiligen Roggen- und Weizenparzellen spielten, als züngelten Myriaden von Kerzenflämmchen von goldenen Ähren- und Grannenspitzen herunter. Dann kam Krefeld. »Alles aussteigen!« denn hier hatte die Rheinische Eisenbahngesellschaft ihren Atem verloren, und wer weiter ins Land wollte, hatte sich des gelben Wagens zu bedienen, der unter dem Schutz des preußischen Kuckucks und der wohltuenden Devise › Summ cuique ‹ gemächlich über die schnurgerade Landstraße trappelte. So auch wir. Von dem holperigen Krefelder Pflaster ging es in die offene Landschaft hinein, durch Wiesen und Wälder, an kleinen Gehöften vorüber, die aussahen, als hätte sie ein putziger Mynheer aus der Nymwegener Mark in die hiesige Gegend verpflanzt, frisch wie gestrullte Milch in einem blankgescheuerten Melkeimer, und dabei hörte ich zum erstenmal die wunderseltsamen Klänge eines königlich preußischen Posthorns, dessen silberne Bänder mit ihrem geheimnisvollen Tönen die ganze Gegend erfüllten. Ich war rein aus dem Häuschen, wie verlähmt, wie von den Schwingungen eines unermeßlichen Geistes umnebelt, zumal ich am Landstraßengraben einen Pfahl bemerkte, den mein Vater als › Lepus timidus ‹ ansprach, und der, wahrscheinlich durch das feierliche Trompeten veranlaßt, sich jählings inkarnierte, seine Blume zeigte, abhoppelte, nochmals einen grandiosen Kegel setzte, um dann mit der Fixigkeit eines ausgetragenen Prestidigitateurs in einer nahegelegenen Haferparzelle unterzutauchen. In Aldekerk und Geldern dasselbe Trompeten, auch in Kevelaer, wo ich wähnte, im himmlischen Jerusalem zu sein, umdüftelt von Kyrie eleison- Semmeln und Halleluja-Saucischen. In Uedem, dem Paradeis der Knollen und Dickwurze, begannen just in dem Augenblick, wo wir einfuhren und das Stangenpferd sich veranlaßt sah, seine goldenen Roßäpfel über das Straßenpflaster zu streuen, die Glocken den ›Engel des Herrn‹ zu läuten. » Angelus Dei, nuntiavit Mariae ...« Die Fernen schleierten ein, und Dämmerungen zogen über die Erde, aber es war noch immer sichtig genug, alle Gegenstande bis aufs Tiftelchen anzusprechen und erkennen zu können. So sah ich denn auch, daß in der Ferne etwas auftauchte, das mit einem massigen Turmkoloß eine große Ähnlichkeit hatte, welche Augenblicksspanne mein Vater dazu benutzte, seine Uhr zu ziehen, sie repetieren zu lassen und zu meiner Mutter zu sagen: »In einem kleinen halben Stündchen können wir da sein.« Statt meiner Mutter antwortete ein drolliges Männlein, das mir gerade gegenüber saß und seit dem Passieren von Geldern zu den Reisenden des Wagens gehörte. »I der Tausend noch mal! Dann belieben der Herr wohl nach Kalkar zu fahren?« »Allerdings,« sagte mein Vater, ohne weitere Auskunft zu geben, ließ nochmals seine Uhr repetieren, um sie dann umständlich und mit einer gesuchten Akkuratesse in seine linke Westentasche zu senkeln. »Sehr interessant,« gab der Fragesteller zurück, sichtlich bemüht, weitere Anknüpfungspunkte zu finden, denn er begann damit, sein vorgestoßenes Kinn zu schaben, kaum merkliche Staubpartikeln von seiner gemusterten Buckskinhose zu knipsen und stieren Blickes seine neben ihm stehende Reisetasche zu mustern, als läge in dem aufgestickten › Bon voyage ‹ das Mittel geborgen, vogelsprachekundig wie Salomo zu werden. Der Mann im gemusterten Buckskin gefiel mir, und wenn ich mich heutzutage seiner erinnere, mir ihn vergegenwärtige, so kann ich nur sagen: er war von mittlerer Größe, den Dreißigern nahe, nicht uneben gewachsen und mit einem Gesichtlein behaftet, das dem eines Kaplänchens in der äußersten Schneeeifel ähnelte, so glatt rasiert trat es in die Erscheinung, so ohne Falten und Fältchen wie das Ei einer gutmütigen Dorkinghenne, wenn auch still und verhärmt und hier und da mit den bräunlichen Tupfen eines ungesäuerten Osterbrotes gesprenkelt. Ja, ich erinnere mich, denn in diesem Schneeeifelgesichtlein standen zwei Augen, wie ich und der gesamte Orbus pictus sie wohl niemals gesehen: blau wie das leuchtende Blau von Frauengewändern auf den Tafeln niederländischer Meister, groß wie die Lichter eines Koboldmaki, mit den wundersamen Spiegelungen von Florentiner Steinen umrandet. Und das Troddelmützchen erst, das neckische Troddelmützchen, mit silbernen Fäden durchsetzt und mit einer fidelen Bammelquaste versehen, die sich dem Schaukeln des gelben Postwagens anpaßte, als wäre ihm geboten worden, eine Polka Mazurka oder einen munteren Ländler zu tanzen! kurz, ein Troddelmützchen, wert und würdig, von einem Scheich am Libanon von Dan bis Berseba getragen zu werden. Selbstverständlich – Dan und Berseba waren mir damals böhmische Dörfer. Erst später, viel später traten sie in meinen Gesichtskreis, genau so wie der Orbus pictus , die Florentiner Steine und der Koboldmaki von den malaiischen Inseln, aber das Troddelmützchen und die gespenstischen Augen sind mir noch heute so frisch und präsent, als wären die inzwischen durchlebten siebenundsechzig Jahre, teils in Freuden, teils in Bitternissen hingenommen, nur ein Nichts vor dem Hauche des Herrn gewesen; denn mit offenem Munde, den schon etwas ermüdeten Kopf an die imposanten Hemisphären der Traben-Trabacher Marie gelehnt, erschauerte ich vor den Besitztiteln des Mitreisenden in gemustertem Buckskin, der noch immer Anstalten machte, eine abermalige Unterredung in die Wege zu leiten. Und wirklich, seine Bemühungen verdichteten sich. Ich entsinne mich jeder Einzelheit, wie er es anstellte, ihnen die völlige Reife zu geben. Wiederum ein Schaben des vorgestoßenen Kinnes, ein Schlenkern der Mützentroddel, ein Quirlen des rotbaumwollenen Regenschirmes mit blankgeputzter Messingkrücke, eines Parapluies aus Großvaterzeiten, das ihm zwischen den Knien herauswuchs – ein verhaltenes Räuspern, ein gütiges Lächeln und dann ein Säuseln und Seufzen: »Also der Herr belieben nach Kalkar zu fahren?! Sehr interessant, und da dürften wir uns wohl die Frage erlauben: Gewißlich ein Besuch bei lieben Verwandten?« »Das weniger,« sagte mein Vater. »Dann wohl in Geschäften?« »Schon eher.« »Also Geschäfte?! Wir nehmen geziemend Notiz davon, und da wir uns rühmen dürfen, Land und Leute hiesiger Gegend bis in die Fingerspitzen zu kennen, so sind wir gerne erbötig, Reisenden über die hiesigen Verhältnisse nähere Auskunft zu geben.« Das ›wir‹ betonte er mit sichtlicher Genugtuung, denn wie sich im Laufe der Jahre herausstellte, hielt der offenherzige Mitpassagier den › Pluralis majestaticus ‹ für das Alpha und Omega aller Dinge und für das Höchste auf Erden, eine Eigenmächtigkeit, die er dem Polizeidiener Iwan Kasimir Brill bei seinen amtlichen Funktionen abgeluchst hatte, ohne sich dabei der Ichform ganz zu entschlagen. »Ja, mein Herr, wir bitten darum, über uns verfügen zu wollen; denn alles was Recht ist: die hiesigen Verhältnisse wollen studiert sein. Die Menschen dahier sind von 'ner ganz besonderen Sorte. Schnirkelköpfig und mit 'nem kleinen Vokativus im Nacken. Wir finden uns aus.« Dabei schob er sein Troddelmützchen von der einen auf die andere Seite. Mein Vater sah zum Wagenfenster hinaus, über die weite Niederung fort, die allmählich einschleierte, woselbst die Pappelreihen wie preußische Grenadiere aufragten, die gemessen die breite Heerstraße entlangmarschierten. Meine Mutter jedoch, mitteilsameren Sinnes und leichter sich anschmiegend, raffte ihre weitbauschige Krinoline enger zusammen, streichelte sacht über die Falbeln ihres Kleides und sagte: »Nicht nur vorübergehende geschäftliche Angelegenheiten führen uns in die hiesige Gegend, sondern auch langfristige Dinge, die uns nötigen, uns auf mehrere Jahre hinaus in besagter Ortschaft niederzulassen.« »I der Tausend noch mal!« ereiferte sich der possierliche Mitreisende, »das ist ja sehr interessant. Wir erstaunen uns höchstlich. Also langfristige Dinge?! Civis calcariensis und so. Wir können nur sagen: ein Städtchen, wie aus 'ner Kartoffelschale gepellt. Und was für Kartoffeln?! Nur Industrie- und die mittleren blauen Nierenkartoffeln kommen hierbei in Frage. Die katholische Kirche – über alles Erwarten. Das Rathaus – ein Wunder aus gemauerten Ziegeln. Die große Linde allda – schon Jan van Kalkar hat sie auf seinen Tafeln verewigt. Außerdem christkatholische Menschen, äußerst katholisch, lauter ausbündige, christkatholische Menschen. Wir gratulieren, Madam, und wenn eine Frage erlaubt ist: Zu welchem Behufe wollen sich die Herrschaften als Bürger einschreiben lassen? Vielleicht kann ich mit meinen Ratschlägen dienen.« »Mein Mann ist Notar.« Die breitbauchige Krinoline mit ihrem Falbelbesatz begann selbstgefällig zu plaudern. »Potztausend noch mal!« und der feingesichtige Sonderling lüftete so ehrerbietig sein Troddelmützchen, als würde eine umfangreiche Gebetkasserolle der Tibetaner oder ein auf irgendeiner Dichtertagung prämiiertes Machwerk vorübergetragen. »Also Notar!« sagte er mit dem feierlichen Gehabe eines Gesalbten in partibus infidelium . »Wir können auch hier gratulieren. Denn die Notariatsstelle im hiesigen Friedensgerichtsbezirk ist gut, ja, über alles Erwarten. Schon der selige Notarius Lenz hat Speziestaler über Speziestaler gesammelt – nein, nicht gesammelt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes gescheffelt, und war keiner von den strammen Juristen ... und da sollte ich meinen ... Wissen Sie, Herr Notar« – und er wandte sich jetzt mit aufgerissenen Lichtern an meinen Vater, der noch immer ein großes Interesse für die vorüberziehenden Grenadiere auf der breiten Heerstraße bekundete – »wissen Sie, Herr Notar, in der hiesigen Gegend sind für einen Rechtsbeflissenen gediegene Geschäfte zu machen: Obligationen, Testamente, Hypothekenverschreibungen und so, denn was in den Kreisen Geldern und Kleve unter Siegel und Petschaft gelangt, hat Mist unter den Füßen.« »So, so!« sagte mein Vater, noch immer kurz angebunden. Die breitbauchige Krinoline meiner Mutter jedoch raschelte stärker. In den Reifen und den Kräuselungen des resedafarbigen Kleides war ein Kichern und Knistern, ein Zirpen wie das Zirpen und Lautenieren eines pläsierlichen Heimchens in einer wohlgeordneten Bäckerstube. »Also Sie meinen ...?« »Aber natürlich, Madam. Ich stelle Ihrem Herrn Gemahl eine bedeutsame Praxis in Aussicht. Überall ein gutarrondierter Besitz. Die Niederungsbauern dahier wissen zu leben ... sterben ab ... vermachen ihre Besitztitel an Kinder und Kindeskinder, falls sie es nicht vorziehen, für die Tote Hand zu testieren. Also immer Bewegung. Und der hiesige Boden erst! Kleiig und fettkrumig bis in die tiefste Tiefe hinein. Mannshohes Korn drauf. Ein Doppelgespann geht unter im Wieswuchs, und wenn so die von der Sonne gerösteten Weibsbilder die Rübenkampagne bestellen, kleistert ihnen der liebe Herrgott den massigen Lehmboden bis über die Schenkel hinauf.« »Aber, aber!« rief meine Mutter. Mit beiden Händen preßte sie ihre Krinoline zusammen. »Nichts für ungut, Madam. Ich wollte nur dartun, in welch opulenter Verfassung sich hier Land und Leute befinden. Alles und jedes von der obersten Sorte. Primissima Klasse ... und aus dieser opulenten Verfassung heraus lassen sich die amtlichen Spesen leichthin berechnen, und drum, Herr Notar ...« und der treuherzige Mann in gemustertem Buckskin, dessen glattrasiertes Gesichtlein, wie schon oben bemerkt, dem eines Kaplänchens in der äußersten Schneeeifel ähnelte, begann unter weitschweifigen Auseinandersetzungen auf meinen Vater einzureden, ihm die Vorteile seiner nunmehrigen Bestallung auseinanderzusetzen, um dann unter einem verschämten Räuspern und Schmunzeln ihm sein eigenes Anliegen an die rotgepunkte Samtweste zu legen. »Herr Notar, wenn es zu sprechen erlaubt ist?« »Ich bitte darum, zumal ich sehe, daß Sie für meine Person ein gewisses Interesse bekunden.« »Sehr obligiert, Herr Notar, und da möchten wir bitten, meinem papierenen Ansinnen Ihr geneigtes Ohr nicht verschließen zu wollen.« »Papierenes Ansinnen ...?« Um die Mundecken meines Vaters drehte es sich mit den fidelen Windungen eines Eidechsenschwänzleins. »Papierenes Ansinnen ...?« fragte er nochmals, aber schon ernster und nachdenklicher, denn der Mitpassagier gefiel sich darin, eine äußerst feierliche Miene aufzusetzen und mit der rechten Hand eine bedeutungsvolle Bewegung zu machen. »Gewißlich, denn meine Branche ergeht sich auf papierenen Wegen, und da Papier und Notar sich wechselseitig ergänzen, das eine ohne den andern Not leiden müßte, so möchten wir ergebenst anheimstellen ...« Er schnappte plötzlich ab und sah erwartungsvoll in das Gesicht meines Vaters. »Mann,« fiel meine Mutter dazwischen, indem sie Gelegenheit nahm, ihre zusammengeraffte Krinoline wieder auseinanderknistern zu lassen, »da könntest du ein übriges tun, um mit dem Herrn in geschäftliche Verbindung zu treten.« Mein Gegenüber lüftete beseligt sein Troddelmützchen. »Sehr obligiert,« sagte er glücklich. »Schon der Herr Notarius Lenz zählte zu meinen gediegensten Kunden. Wir halten nur das Beste vom Besten auf Lager: Schreib-, Dokument- und Wertzeichenpapiere, Aktendeckel in allen Farben und Preislagen ... und was das Format anbetrifft« – und er zählte an den Fingern herunter: »Propatria, Royal, Median und feinstes Register, alles in Buch, Ries oder Ballen zu haben. Preise äußerst solide bemessen ... und weiter ...« »Genügt mir,« sagte mein Vater. »Ich werde nicht verfehlen, gegebenen Falles ...« »Ah, diese Ehre! aber nicht nur Papiere allein – sondern auch ...« und Kopf und Troddelmützchen legten sich still auf die Seite: »Nein, Herr Notar, Royal-, Propatria- und Registerpapiere tun es allein nicht. Sie würden keine gesicherte Lebensführung verbürgen, keine solide merkantile Lage gewährleisten, und so führen wir denn neben Papier und Kuverts noch Bleistifte, Faber und so, Siegellackstangen und Gummi, Gebetbücher, wie der ›Himmelstau‹ und ›Blüten und Perlen für christkatholische Menschen‹ ... und schließlich – man muß eben alles haben, um ehrlich und gottgefällig durchs Leben zu kommen: Papierservietten und Heiligenbildchen, und last not least ...« und seine Stimme schrumpfelte ein zu einem armseligen Stimmchen, wurde zu einem Säuseln, das über trockene Kirchhofsgräser dahinwehte, wobei sein Gesichtlein sich wie das eines Leichenbitters verfärbte: »Für gegebene Fälle auch Schirtingröschen und Sterbehemden, sakrale Dinge ...« Meine Mutter schreckte unwillkürlich zusammen. »Mein Gott, auch dieses?« »Ohne dieses, Madam, wäre die Kasse man spärlich.« »Schön!« bemerkte mein Vater. »Geschäft bleibt Geschäft. Darüber hat jeder selbst zu befinden. Aber was uns anbetrifft – die sakralen Dinge wollen wir vorläufig lieber in Ihrem Laden belassen.« »Aber gewiß, Herr Notar. Das wäre sonst äußerst und nicht auszudenken die Sache. Wir wollten auch nur unsere Offizin im großen und ganzen umreißen. Bleiben wir also lediglich bei Gänsekielen und Siegellackstangen, bei Propatria-, Kanzleipapier und feinstem Register. Aber hören Sie bloß ...« und das Männlein mit dem putzigen und doch ernsthaften Gebaren stand plötzlich pielgeradeaufrecht im Postwagen, mit gezücktem Parapluie, die Reisetasche mit dem aufgestickten ›Bon voyage‹ in der Rechten, und sagte: »Meine Herrschaften, wir befinden uns nunmehr am Ziele. Willkommen dahier!« Das gezückte Parapluie hob sich und senkte sich wieder. Und ich ...?! Von den bequemen Halbkugeln der Traben-Trabacher Marie sackte ich plötzlich herunter. Also in Kalkar! Mein Herz pupperte auf. Lautes Pferdegetrappel hastete über das holperige Pflaster. Das Lied vom ›Guten Kameraden‹ revierte durch die verlorene Stille des niederrheinischen Städtchens. Aus den Kramladen eilten bereits vereinzelte erleuchtete Fenster vorüber. Eine Klingel schlug an, eine zweite, eine dritte. Meine Nase gegen eine angelaufene Wagenscheibe gedrückt, sah ich, wie verschiedene Dinge auftauchten: eine mächtige Linde, seltsame Giebel, ein weitläuftiges Gebäude mit Buckeln und Zinnen, das ich später als Rathaus erkannte. Über dem Dachreiter stand der Abendstern in unendlicher Klarheit. Das Lied vom ›Guten Kameraden‹ verdämmerte in den todstillen Straßen, die aussahen, als wären sie von Lemurenhänden umschattet. Dann eine Laterne. In ihrem dunstigen Lichtkreis, der nach Docht und Rübsenöl schmeckte, hielt der Postwagen an. Wir waren zur Stelle. Mein Vater erhob sich. Der sonderbare Herr in gemustertem Buckskin klemmte sein Parapluie ein und hielt ihm die Hand hin. »Also, Herr Notar, wenn Sie meiner benötigen, wir sind immer zu finden. Marktplatz Numero sieben, unmittelbar neben der Wirtschaft ›Zum Waldkarnickel‹.« »Schön, und Ihr Name? Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, und möchte doch gerne ... denn einem guten Manne soll man begegnen, wie das Herz es gebietet.« »Sehr obligiert, Herr Notar. Aloysius Teerling, zu dienen ... Aloysius Teerling! Für gewöhnlich aber,« und ein lustiges Schweineschwänzchen saß ihm im Nacken, »sozusagen im Volksmund, heiße ich: der papierene Aloys.« Damit schurfelte er mit Troddelmützchen, Parapluie und Reisetasche über das Trittbrett. »Der papierene Aloys!« kicherte es über den vereinsamten Marktplatz, »der papierene Aloys!« Der Abendstern aber sah still und insichgekehrt aus steiler und verklärter Höhe herunter. Zweites Kapitel Ein köstlicher Herbst ging über die niederrheinische Landschaft. Das Haus ›Zu den sieben Linden‹, das mein Vater erstanden hatte, sonnte sich in seiner ganzen Breite und leuchtenden Weiße auf der Grabenstraße, die das kleine Städtchen von Norden nach Süden durchquerte. Die lichtgrünen Jalousien gaben ihm ein freundliches Aussehen. Jenseits des weitläufigen Gartens, der an ein stilles Wasser grenzte, wuchs eine gigantische Windmühle aus der Niederung auf, deren Flügel mir vorkamen, als trügen sie bei ihrer geruhsamen Arbeit rätselhafte Dinge und Geschehnisse von der Erde in den Himmel hinein, als brächten sie Wundersames aus dem Paradiese zu den Menschen hernieder. Darüber hinaus erstreckten sich unabsehbare Wiesen und Weiden, von Binnendeichen durchzogen, die in der Osternacht aufleuchteten, als wanderten die hehren Gestalten der Cherubim und Seraphim stumm ihres Weges. Die sieben Linden vor dem neuen Anwesen meines Vaters standen in Gold. Wie lichte Dublonen schaukelten sich die überständigen Blätter von den Zweigen herunter, wiegten sich gleich Zitronenfaltern die Straßenzeile entlang, um ihren Ringelreihenrosenkranz durch die warmen Lüfte weiter zu tragen. Trotz der bereits vorgeschrittenen Jahreszeit rokuzeten noch die Ringeltauben so munter in den safrangelben Laubmassen, als gölte es, einen zweiten Liebesfrühling zu begehen, noch einmal die preziösen Tage der Minne zu kosten. Hinter mir lagen die endlosen Stunden im Postwagen, die schnurgeraden Reihen der kanadischen Pappeln, die wie preußische Grenadiere an meinen Sinnen vorbeidefilierten, das Trappeln der Pferde und das sanfte Ruhen auf den Halbkugeln der Traben- Trabacher Marie, der würdigen Marie, die jetzt im Hause ›Zu den sieben Linden‹ schaltete und waltete und meine jungen Jahre behütete. Ich selber aber ... als fideler Knirps ließ ich mich von den fallenden Blättern überschaukeln, trudelte mit meinen kurzen Beinchen durch ein melodisches Rascheln, durch ein Gespinst von glitzernden Marienfäden und sah, ohne mir Rechenschaft darüber geben zu können, was eigentlich vorging, in eine Welt von Gold, gleichsam durch das Guckloch eines Zauber- und Wunderkastens. Alles so seltsam und abenteuerlich, so mit Engelshaar umgeistert, und dazu das Geklapper der Holzschuhe, das die totenstillen Straßen durchirrte, hin und wieder ein mageres Glockenspiel von Sankt Nikolai herunter, ein Klingeln an den Türen der Verkaufsläden, irgendwo das Geigen eines Heimchens aus irgendeiner Bäckerstube heraus, von wannen ein Düften apothekerte, als wären hierzulande die Spekulationsmänner und Rymwegener Moppen so wohlfeil wie Brombeeren gewesen. Aus dieser freundlichen Gegenwart erwuchsen mir Träume und Vorstellungen, Gestalten und Menschen, Spiegelungen und Spiegelbilder, und aus diesen Spiegelbildern ... Da war einer ... einer von den Großen unter den Großen, einer, der, so klein er auch war, so unscheinbar er auch mit seiner Otterfellmütze umherstolzieren mochte, meine ganze Estimierung besaß und bis zur heutigen Stunde kein Tiftelchen davon eingebüßt hatte, einer mit pfiffigen Äugelchen und einem Gesicht, als wäre es aus einem Kasperletheater genommen – er selber: Heinrich Hübbers, der köstliche Heinrich Hübbers mit seinem fünfundzwanzigpfündigen Leibrock, der Unvergeßliche, dem, außer seiner Flickschusterei, noch das gewichtige Amt oblag, seine Vaterstadt allnächtlich in sanfte Träume zu tuten und meinem Vater bei seinen Amtshandlungen als Zeuge zu dienen. Dabei hatte er noch Muße genug, alljährlich auf Lichtmeß in seinem bescheidenen Häuschen Taufe zu feiern. Erst in späteren Jahren erfuhr ich die ganze Bedeutung dieses einzigen Mannes, dieses Sinnierers und Eigenbrötlers, dieses Philosophen und Weltweisen hinter der gläsernen Kugel ... und wenn ich seiner gedenke, beginnen übermütige Schellen zu klingeln, heben die Merlen an, in den laulichen Abend zu singen, ist es mir, als schritte ich wieder durch das Land meiner Jugend. Neben dem papierenen Aloys – Heinrich Hübbers war alles und jedes für mich und spielte eine ausschlaggebende Rolle auf meinem engumschriebenen Welttheater. Er war mein Freund und Vertrauter, mein Führer auf den vielverschlungenen Wegen und Stegen meiner seligen Kinderzeit. Wenn auch rege und arbeitsam – über größere Besitztitel verfügte er nicht, obgleich er, wie schon eben dargetan, einen prächtigen kornblumenblauen Leibrock besaß, der schon seit Jahren den Neid seiner Mitbürger erregte. Und das von Rechts wegen; denn dieser ›Blaue‹ war eine wundersame Schneideridee aus englischem Düffel. Dazu besaß er einen fettigen Kragen, wog unter Brüdern wenigstens fünfundzwanzig Pfund und stand, wenn man ihn frei auf den Boden plazierte, wie ein Geharnischter in blauem Eisen, ohne auch nur die geringste Miene zu machen, aus dem Senkel zu trudeln. Die Erinnerungen dieses Düffelgewaltigen gingen in alte Zeiten zurück. Er hatte manches erlebt und traurige und lächelnde Tage gesehen. Wie krampften sich seine Nähte zusammen, wenn er der bösen Jahre gedachte, als der kleine Korporal, diese infame Geißel des Herrn und der nichtsnutzige Prediger des vielbewunderten ›La recherche de la paternité est interdite‹ , die niederrheinischen Lande drangsalierte und die preußischen Spießer bei seinem Empfang an den Straßenecken katzbuckelten, vor Ergebung wie Lilienstengel absterben wollten, um dann wieder ... ja, um dann wieder ... Ein neuer Geist strömte über sie fort. Ein Johann Gottlieb Fichte donnerte seine ›Reden an die deutsche Nation‹ durch die Welt, ein Gneisenau hob aus Nacht und Nebel die Morgenröte der Befreiung empor und ein Gebhard Lebrecht von Blücher stürmte in sie hinein auf feurigem Schimmel und mit blitzendem Saraß ... und das waren die glücklichen Zeiten des ›Blauen‹ gewesen. Und so vergingen die Wochen, die Monde, die Jahre, und so vererbte er sich vom Vater auf den Sohn, und wenn Heinrich Hübbers, der fidele, putzige, fünfkäsehohe Heinrich Hübbers mit dem ›Blitzblauen‹ anrückte, dann rückte eine echte, lautere, altpreußische Gesinnung mit vor, und man mußte die Augen einkneifen, um trotz des ramponierten Kragens von all der Würde, dem Glanz und dem Altgroßväterlichen nicht geblendet zu werden. Der goldene Tanz der Blätter ging weiter. Ganz umhüllt von ihrem Schimmern und Scheinen, hörte ich das Rucksen der Ringeltauben, vernahm ich das Geckern der Elstervögel, die ab- und zuflogen und zeitweilig ein ohrbetäubendes Lärmen vollführten, als sich mir eine schwere Hand auf die Schulter legte und eine liebe Stimme mir zurief: »Jupp, ich mache nach dem papierenen Aloys hin. Willst du mit? Ich hab' 'ne Portion Aktendeckel für deinen Pappa zu holen.« Natürlich wollte ich mit, denn zum ersten Male im Leben sollte ich das Geschäftslokal dieses seltsamen Mannes betreten. Gemeinsam pilgerten wir durch das Rathausgäßlein dem Großen Markt zu, dann an der stattlichen Linde vorüber, an deren Hauptast Heribert, der Kapellanus, seinen letzten Seufzer verhauchte, um von hier schnurgeradeaus auf den Laden des Papierenen loszumarschieren. Gleich darauf riß mich Hübbers zusammen. »Jupp, Achtung ergriffen! Benimm dir. Mach' deinen Baselemanes; denn nu wirst du vor die Alte in Beobachtung kommen. Da steht sie ... neben der Haustür ... unmittelbar bei's Wirtslakal ›Zum Waldkarnickel‹!« und richtig, da stand sie: die Mutter des Papierenen, Frau Johanna Kordula Teerling, geborene Wintjes, seit vierzehn Jahren verwitwet, übergroß und rank gewachsen, anzusehen wie eine Schicksalschwester, der es oblag, nur wenige heitere, aber viele graue Fäden zu spinnen. Wegen ihrer hageren und vornehmen Gestalt und ob ihres adretten Aussehens wurde sie in der Bevölkerung vielfach die ›Staatse‹ oder auch ›Oma‹ geheißen. Fast gespenstisch ragte sie neben dem Türpfosten auf, schwarz gekleidet, ein festanliegendes geklöppeltes Häubchen auf den eisgrauen Haaren, ein goldenes Kreuz auf der Brust, einen Krückstock in der verknöcherten Rechten, während die Linke sich damit beschäftigte, die Pockholzkügelchen eines Rosenkranzes durch die harten Finger gleiten zu lassen. Unbeweglich saß der kleine Kopf auf dem welken und gefältelten Hals, der mit dem eines Geiers eine gewisse Ähnlichkeit hatte. Mit wächsernem Gesicht und stahlgrauen Augen sah sie uns kommen. Sie rührte sich nicht. Nur ihre schmalen Lippen öffneten sich, um dabei gesunde Zähne wie die eines Tieres zu zeigen. »Tag, Hübbers,« sagte sie mit ihrer scharfen, wenn auch brüchigen Stimme. »Tag, Oma!« und der Mann im blitzblauen Überrock pflanzte sich vor der Alten auf, als sei ihm geboten worden, eine große Mission zu erfüllen. »Merci! und was verschafft mir die Ehre?« »Order an Aloys. Ich habe zweihundertundfünfzig Aktendeckel in Bestellung zu geben.« »Soll uns angenehm sein. Auf Ziel oder sonstwie?« »Per sofort,« sagte Hübbers. »Schön! da muß ich Euch schon selber bedienen.« »Ist denn Aloys nicht da?« »Hat nach Kleve gemacht, um neue Aufträge einzuholen.« »Und die junge Madam?« »Die?!« fragte die Alte, und ihr Krückstock stieß auf das Pflaster, daß es Funken setzte. Ihr Hals wurde länger, nahm einen ockerfarbigen Ton an. »Wie immer – die liegt auf dem Sofa. Die ist zu gut für den Laden. Romane natürlich – die liest sie, und wenn sie dieses nicht tut, besieht sie ihre weißen Zuckerballen im Spiegel, toujours des Glaubens, solch extraordinäres Spielzeug wäre nicht mehr zwischen Kleve und Geldern zu finden ... und ich als Schwiegermutter habe die Arbeit.« »Es wird wohl so schlimm und gefährlich nicht sein,« meinte Hübbers. »Noch schlimmer,« hieb die Staatse blitzsauber nach, »denn ich kenne das besser. In der Jugend schindet man sich das Fett aus dem Leibe, strapaziert man sich die Gicht in die Knochen, und wenn man endlich dran denkt, die müden Hände in den Schoß zu legen, bequem hinterm Ofen zu sitzen, macht so'n eingeheiratetes Weibsbild einem die nobelsten und gediegensten Ausklamüsierungen völlig zuschanden.« »Oma, das wird sich noch geben.« Wiederum begann der Krückstock zu lärmen. »Was – geben?!« und die Alte schien noch um eine starre Handbreit zu wachsen. »Wer sich in 'ner regelrechten Ordnung befindet, hat es kommod, 'nem andern 'ne Portion Trost und Hoffnung um die Löffel zu schmieren. Ja, Ihr auch! Mit Eurer Frau habt Ihr die große Nummer gezogen. Die ist früh aus den Federn, rahmig wie Milch und bei aller Arbeit noch immer munter dabei, Euch abends ein heimliches Pläsierchen zu machen.« »Hm, hm!« meinte Hübbers. »So ist das, denn wer Augen hat, zu sehen, der sehe, und wer Ohren hat, zu hören, der höre. Ich habe Augen und Ohren und weiß drum: bei Euch befindet sich jegliches im Lot – fleißige Hände und alljährlich noch ein Kind in der Wiege. Das ist christkatholisch gelebt und vor dem Herrn ein gottwohlgefälliger Zustand. Hier aber ist von 'nem gottwohlgefälligen Zustand gar nichts zu spüren, bloß Ziererei und Getue, und dazu hat die junge Madam bei ihrem Geltesein noch extraordinären Kleister am Hintern.« »Aber Oma!« rief mein Freund und Beschützer. »Hübbers, es bleibt so. Das hat seinen richtigen Gang nicht; denn was vom Emmericher Eiland herstammt, das gibt sich wie Katzennaturen, und täte man so 'ne adrette Mieze in ein schmuckes Frauenzimmer verzaubern, bei erster Gelegenheit würde sich das Weibsbild doch wieder an Mäusen und Ratzen vergreifen.« »Oma,« sagte mein Gönner, »das kann ich nicht für voll estimieren.« »Aber ich!« hielt ihm die Alte entgegen, um wiederum etliche Funken aus dem Straßenpflaster zu holen. »Überhaupt solche neumodischen Frauenzimmer! Die sind wie Zuckerrüben an 'ner schattigen Gartenmauer. Die geilen auf, ohne reguläre Früchte aufzubringen. Nichts für den Ertrag. Die sind wurmstichig, genau so wie die heutigen Zeiten ... und wie ich höre, wird das noch schlimmer werden, denn wenn man von den Weibern genug hat, sollen sich hier in der Gegend noch ganz andere Dinge begeben.« Hübbers trat vor. »Woso das?« fragte er mit kreisrunden Augen. »Na, das zwischen Himmel und Erde! Das kommt immer näher und näher, und es kann jeden Momentus passiren ... Gottes Tore öffnen sich und Gottes Feuer kommt aus der Ewigkeit herunter. Aber was reden wir hier! Eure Zeit ist bemessen und die meinige dito. Schwätzer und Müßiggänger sind ein Greuel vor dem Herrn. Drum kommt man. Also zweihundertundfünfzig Aktendeckel sind in Bestellung gegeben?« »Zweihundertundfünfzig,« nickte mein Freund und Genosse. Frau Johanna Kordula Teerling, geborene Wintjes, reckte sich hoch. »Dann darf ich wohl bitten.« In diesem Augenblick berührte sie mich mit ihren stahlgrauen Augen. Gleich Eisnadeln drang es mir bis in die innerste Seele. »Hübbers, wohl der Kleine von drüben?« fragte sie hastig. »Oma, zu dienen. Jupp, mach' deinen Baselemanes und benimm dir manierlich.« Na, das tat ich denn auch, und da schob sie ihren Rosenkranz in die Rocktasche hinein, nahm den Stock in die Linke und legte mir ihre rechte Hand auf den Scheitel. »Ein nettes Jüngsken!« sagte sie freundlich, und siehe: in ihren harten Blicken begann es warm und wohlig aufzuleuchten. Sie räusperte sich, um mit einer großen und feierlichen Stimme weiter zu sprechen: »Wer mit tapferem Willen ins Leben hinein geht, dem reift die Ernte freudig entgegen. Sind Disteln und Dornen dazwischen, so kann er sie leichthin entfernen. Werde wie mein Aloys, und es wird dir an Arbeit nicht mangeln, wähle wie Hübbers, und du wirst selig am Weibe, denn Gott ist gerecht und seine Werke sind ewig. Das wollte ich sagen. So – und nu kommt man.« Ihr Stock hämmerte auf. Mit harten Sohlen schritt sie voran, mußte aber in der Tür den Nacken beugen, um nicht mit ihrem Kopf an den oberen Rahmen zu stoßen. Im Laden angekommen, trat sie hinter die engbrüstige Theke und machte sich an einem der vielen Regale zu schaffen. Ich stand wie verzaubert. Ein fader Geruch nach Kleister und Bindfaden umwölkte mich. Ich sah Papiermassen in allen Sorten und Arten, Gebetbücher mit vergoldeten Rücken, Tintenfässer und aufgeschichtete Federhalter. Neu-Ruppiner Bilderbogen hingen von den Wänden, dazwischen Devotionalien von Kevelaer und Marienbaum, grellilluminierte Drucke aus der Offizin von Benziger- Einsiedeln. Auf der Anrichte reihten sich Bleistifte und Siegellackstangen dicht nebeneinander. Haussprüche für alle Gelegenheiten und Festlichkeiten des Jahres grüßten von niedrigen Konsolen herunter. In einem Glasschränkchen sah ich weiße Papierröschen und Blättchen von Goldschaum. Es war ein ernstes und trauriges Glänzen. Dann hörte ich: aus einem Nebenzimmer hob ein Kanarienvogel an, eine silberdrähtige Wasserrolle zu pfeifen, fein und wunderseltsam, als würde irgendwo in einem verwunschenen Walde eine Geige gestrichen. Ich dachte dabei unwillkürlich an den papierenen Aloys, denn es kam mir so vor, als bestände zwischen ihm und der Geige irgendeine Verbindung, eine Seelengemeinschaft, ein ungewisses Sehnen und Suchen, das sich allmählich mit Trauerfloren umschleierte, um schließlich in eine ungewisse und verlorene Ferne zu gleiten. »So!« sagte die Alte. Sie hatte inzwischen die Aktendeckel gezählt, sie säuberlichst umschnürt und zusammengebündelt. Beide Hände stemmte sie auf. »Wird das nu gleich verrechnet oder aufs Konto geschrieben?« Sie sah fragend auf Hübbers. »Wie immer aufs Konto. Dann kommt mehr auf 'nen Hümpel zusammen.« »Soll mir angenehm sein, Kredit wird gegeben ...« und sie war gerade dabei, ihre Notizen zu machen, als sich die Tür, hinter der noch immer der Harzer Roller sein Silberfädchen drehte, ganz unauffällig in ihren Angeln bewegte. Und dann eine Stimme: »Kann ich was helfen?« Die Staatse fuhr auf. Eine junge Frau, schmucken Gesichtes, straff gescheitelten Haares, wenn auch mit allzu üppigen Formen unter der buntgewürfelten Bluse, war unvermittelt in den Laden getreten. »Wie ist es nu damit? Ja oder nein?« fragte sie nochmals, aber herausfordernd, mit vorgestoßenen Brüsten und blankgeschliffenen Augen. »Du ...?!« rief die Alte. Herrisch griff sie in ihre Tasche, aber nicht um den Rosenkranz, sondern um eine hürnerne Schnupftabaksdose aus der Tiefe zu heben. Ebenso herrisch klappte sie den Deckel auf und warf sich mit ihren knochentrockenen Fingern eine Prise Spaniol in die Nase. »Wärest du früher gekommen – jawoll. Ich hätte mich in 'ner gewissen Verpflichtung befunden. Aber so! Jetzt hab' ich mir schon selber geholfen. Genau so wie immer. Das erscheint allzeit 'nen Posttag zu spät, um dann verstörte Nasenlöcher zu machen. Ich bin das gewohnt. Die vom Emmericher Eiland haben das an sich, ohne sich darüber mit vielen Molesten zu quälen. Bei der Ziehharmonika immer heidi, im Haushalt hingegen lurksig und toujours auf dem Sofa.« »Aber Mutter!« »So ist das. Ich kann mich heute nicht so und morgen anders befassen. Das liegt mir nicht. Ich kenne dich aus. Schon seit drei Jahren zieht das an dem nämlichen Strähmel: immer die noble Madam, ohne an die Kasserollen und den Laden zu denken, und wenn ich dich so richtig betrachte,« und mit heiserem Lachen fingerte sie ihre Schnupftabaksdose wieder an Ort, »du kommst mir vor wie das rosinfarbige Weib in der Bibel.« »Ich?!« »Wer denn anders? Ja – du und noch dabei mit 'nem goldenen Ring in der Nase.« »Na, so was!« Die junge Frau begehrte auf. Ihr Gesicht schien blutleer geworden. Die Brust hob und senkte sich stürmisch. »Soll ich das für volle Wahrheit verschleißen?« »Ich bitte, sich bedienen zu wollen.« »Merci!« Hinter der Erregten klinkte die Tür ein. Die Alte sah ihr nach und zuckte die Schultern: »So ist sie nu mal, und so was will die Frau von meinem Aloys bedeuten! Ich lache darüber, wie die Peijatze lachen. Lieber 'n fleißiges Maultier im Hause als 'ne hübsche Kamelin. Da hat man doch sein Gusto in den Kammern und sein geordnetes Auskommen. Aber bei diesem Gehabe ...« »Oma, Ihr seid etwas happig gewesen.« »Ich nicht, aber sie. Ich weiß das: dem neumodischen Weibsvolk hat man die Kandare anzulegen, sonst zieht das die kurzen Röcke bis über das Knie, um wie 'ne Wachtelhenne zu kakeln. Der Rest ist bloß Malör zwischen den Pfählen. Prosit die Mahlzeit! ich danke für solche Begebenheiten und Fisimatenten. So! und hier sind die Altendeckel ... zweihundertundfünfzig ... und hier was für das niedliche Jüngsken ...« und sie steckte mir ein Kevelaerer Pilgerfähnchen in die gierigen Finger, bedruckt mit den buntfarbigen Seligkeiten des Paradieses und den furchtbaren Unseligkeiten der ewigen Höllenstrafen. In heller Freude wollte ich schon auf die Straße hinaus, als Hübbers noch ein Anliegen vorbrachte. »Oma,« meinte er mit gerunzelten Mundecken, »Ihr sagtet soeben ... da draußen ... vor 'ner kleinen Viertelstunde vielleicht ... Gottverdorie nochmal! wie war doch die Sache? Ja so ... Ihr spracht da was von Himmel und Erde ... von 'nem gewissen Momentus ... Man hat doch auch sein Interesse daran ... Ich meine: wie war das doch mit den offenen Toren und dem gewaltigen Feuer aus der Ewigkeit herunter?« »Das wißt Ihr nicht, Hübbers?« »Keine Idee.« »Und habt nachts herum noch gar nichts bemorken?« »Oma, kein Spierchen.« »Mann Gottes ...« und sie musterte meinen Freund vom Kopf bis zu den Schuhspitzen, »das ist doch, um mit den Hühnern zu krähen! Kommt mit mir.« »Schön!« sagte Hübbers, »also avanti!« Er, das Aktenbündel unterm Arm, und ich, mit dem Kevelaerer Papierfähnchen bewaffnet, folgten der Alten. Selbstbewußt verließ sie den Laden, stapfte gemessen durch den Hausflur, um von hier aus das Freie zu gewinnen. Nach wenigen Schritten pflanzte sie sich neben der Türschwelle auf. In ihren stahlgrauen Augen begann es zu lichtern. »Hübbers, dort oben!« Mit ihrem Krückstock stieß sie ein scharfes Loch in das Himmelreich, just neben dem vergoldeten Hahn auf Sankt Nikolai. Ihre Stimme nahm einen prophetischen Ton an. »Dort wird ein Zeichen stehen wie eine haarscharfe Sichel,« also begann sie, »pures Gold, und wird alles bedecken mit seinem feurigen Regen. Was es bedeutet, ist uns Menschen verborgen, aber das wissen wir schon, es übermittelt nichts Gutes: Krieg oder so was, Pestilenz und betrübte, armselige Zeiten.« Sie suchte nach Atem. Hübbers folgte dem Bakel, als wenn sich jetzt schon irgendetwas Verdächtiges in der Nähe des Turmes erhöbe. »Wann soll es denn kommen?« fragte er schüchtern. Die Alte sah ihn an, als müßte sie ein großes Geheimnis in den blauen Düffelrock versenken. Dabei ließ sie ihren Stock wieder herunter. »Die Schriftgelehrten behaupten: so Ende des Monats, genau auf Tag und Stunde, wenn die Nächte einen immer längeren Atem empfangen. Mit Hirtzensprüngen geht's dann durch die ewigen Welten. Sterne ziehen herauf, und Sterne pilgern wieder der Niederung zu. Aber einer ist drunter, der hat weder Anfang noch Ende, der dreht sich, wie mir Aloys noch gestern abend erzählt hat, aus 'ner Gegend heraus, dicht beim überirdischen Jerusalem ... noch weit hinterm Mond fort ... in der Nähe der ewigen Anbetung ...« »Oma, was Ihr nicht aufbringt!« fiel Hübbers dazwischen. »Das läuft einem ja ordentlich kalt und warm den Buckel herunter.« »Warum auch nicht?! denn alles, was aus dem Unbewußten herauswill, kommt einem so vor, als wenn auf dem Allerseelentag die Toten den Mund auftun, um sich von ihren Sünden und unnützen Begebenheiten freizusprechen ... und ich sage Euch, Hübbers – schon Anno dazumal, um die Zeit herum, als die Franzosen die rheinischen Schinken aus den Räucherkammern angelten und ihre Kanonen die ganze Welt beunruhigten, hat schon so was Ähnliches zwischen Himmel und Erde gestanden. Da ist ein großes Sterben über die Menschheit hergefallen, besonders über die Kriegsvölker, in Rußland und Leipzig dahinten; hingegen das jetzige Zeichen ...« »Aber wo steht's denn?« »Hübbers, noch ist es im Unbewußten geblieben. Indessen jedoch, wenn die Nächte recht hell sind, können solche, die ein Perspektivum besitzen, was Lichtes neben dem Kirchturm herausspekulieren. Und Aloys, der so'n bißchen vom Gelehrten besitzt, weil er bis Quarta auf der Rektoratschule arbeitete, will es als Wahrheit ansprechen, daß solche Menschen, die ein vives Auge besitzen und nächtlicherweise herumpatrouillieren, schon so'n helles Schimmern empfangen, und da sollte ich annehmen: Ihr als eingeborener Nachtwächter, dem nichts verborgen bleibt von abends zehne bis morgens um dreie, wo die Hähne laut werden, hätte schon so 'n Fünkchen von Gottes Allmacht und Allgegenwärtigkeit betrachtet.« »Nee,« sagte Hübbers, »mir ist noch gar kein besonderes Zeichen erschienen, höchstens, daß sich der Schuster Kogeleboom manchmal aus dem Bette erhebt, um sich bei brennender Laterne von wegen seines barbarischen Durstes eins auf die Lampe zu gießen. Aber das kann ich nicht als besonders auffällig taxieren, denn solches ist bei seinem allgemeinen Lebenswandel für erklärlich zu nehmen und weiter nicht ängstlich.« »Hübbers,« unterbrach ihn die Alte, »ich rede von dem himmlischen Zeichen,« und ihr Krückstock deutete wieder hart auf den Turmhahn, »von dem gewaltigen Zeichen, das aus der fernen Ewigkeit näherrückt, immer näher und näher, feurig und glühend, mit tausend und abertausend höllischen Flammen behaftet – von Gott gewollt, von Gott eingesetzt und beglaubigt als Darbringung seines gerechten Zornes auf die sündige Menschheit. Aber dann Gnade uns allen!« »Oma, nu laßt man. Solche Geschichten hör' ich nicht gerne.« Die Sprecherin ließ sich nicht irremachen. »Hübbers, dann Gnade uns allen!« prophezeite sie weiter, »denn so'n brennender Besenstern geht nicht umsonst aus der Hand des himmlischen Vaters und Erlösers. Der peitscht scheußliche Striemen über Gerechte und Ungerechte, über Wasser und Felder, der kommt mit Sturmschritt daher, obgleich mein Aloys so recht noch nicht klar darüber ist, wo das alles hinausführt – ob das Kriegszeiten werden oder sonstige Ängste, wie Pestilenz, Hungersnot und ein allgegenwärtiges Sterben auf Erden, so daß die Tischlermeister sich selber nicht mehr Rat wissen, wo sie nur all die Bretter für die Särge hernehmen sollen. Aber das weiß ich ...« Mein Freund gestikulierte mit Armen und Beinen. Ihm saß etwas Kaltes im Nacken. »Oma, hört auf!« »Nein, ich höre nicht auf!« rief die Alte, jetzt völlig aus ihrer sonst so ebenmäßigen Ruhe getrieben. Ihr derber Krückstock stand drohend über ihrem geklöppelten Häubchen. »Das wäre noch schöner. Das wäre ja gegen die heilige Offenbarung gesündigt, denn was da kommen soll, ist eine Offenbarung aus dem Himmelreich. Die predigt man so, die ist größer als Bibel und Babel. Die fährt den lässigen und üppigen Weibsbildern unter die Röcke, daß ihnen die Brunst genommen wird, wie sie den Kamelinnen genommen wird in der heidnischen Wüste.« Dabei kamen abermals ihre gesunden Zähne zum Vorschein wie die eines Tieres. »Feuersterne, Schwanzsterne, Babel und Bibel! Sauve, qui peut! Sauve, qui peut!« Ihre Worte erstarben. Sie sah uns nicht mehr. Ihre gespenstischen Blicke waren wieder gen Himmel gerichtet. Unauffällig entfernten wir uns. Mein Freund und Gönner machte immer längere Beine. »Was sie nur haben mochte?« sagte er ängstlich. Ich wußte es nicht und knatterte mit meinem papierenen Fähnchen. Bei der großen Linde schauten wir rückwärts. Noch immer stand sie neben der Türschwelle. Feierlich leuchtete der Turmhahn von Sankt Nikolai über die Stadt hin. Drittes Kapitel »Was sie nur haben mochte!« Genau wie Heinrich Hübbers, so dachte ich auch. Ja, was sie nur haben mochte, diese Staatse, diese eigenartige Frau mit der kurfürstlichen Nase in dem zermergelten Antlitz, dem düsteren Klöppelhäubchen auf den eisgrauen Haaren und dem geschälten Dorn in der knochigen Rechten, den sie so herausfordernd in das Himmelreich stieß, um von dort aus seltsame Dinge, wunderliche Begebenheiten und Besensterne auf die sündige Erde zu prophezeien?! Mir grauste noch immer und das Blut brauste mir lauter in den Ohren, wenn ich der absonderlichen Szene gedachte, worin Frau Johanna Kordula Teerling, geborene Wintjes, soeben eine hervorragende Rolle gespielt hatte – ernst und feierlich, liebevoll und gütig, um gleich darauf wie ein Missionsprediger von der Kanzel zu lärmen, von einer Kanzel in der Karwoche, schwarzbekleidet und mit Trauerfloren umhangen. So klein ich auch war, manches fiel jetzt schon als Dämmerung in meine Sinne hinein, was sich nach Jahren erst zu einem restlosen Verstehen aufhellen sollte. Eine gewisse Beklemmung war in mir, die selbst durch das fröhliche Knattern der buntfarbigen Seligkeiten des Paradieses und der der furchtbaren Unseligkeiten der ewigen Höllenstrafen nicht nachlassen wollte, vielmehr sich verstärkte, je weiter wir uns aus dem Bereiche der Staatsen entfernten. Das mußte letzten Endes denn auch auffallen. »Hm, hm!« sagte Hübbers. Im Rathausgäßchen hielt er den Fuß an. »Jupp, was befällt dir?« »Ich hab' so 'ne Bange.« »Kann es begreifen,« versetzte er tapfer, nachdem er seine eigenen Angstzustände aus dem Hosenboden geschüttelt hatte. »Das darfst du nicht so ganz für voll estimieren. Denn passe mal auf, was ich sage, damit du dich an Oma gewöhnst und ihre Natureigentümlichkeiten sich bei dir anpassen können.« Er reckte sich hoch. Das schwere Aktendeckelbündel schob er von der rechten unter die linke Achselhöhle, um besser und gediegener sprechen zu können. »Die Sache verhält sich folgendermaßen. Man muß sie nur in die richtige Beurteilung nehmen. Oma ist nicht allzeit in derselben Verfassung. Sie hat ihre Tage. Es gibt solche und solche. Da sind welche, die zu den genüglichen und pläsierlichen rechnen, dann welche, die ich die prophetischen nenne, und propter und prätorius welche, die ich als die kommandierenden oder die kratzigen taxiere. Heute sind die beiden letzteren auf ein und denselbigen Hümpel gefallen. So ist Oma nu mal; aber für gewöhnlich kann sie vor uns Menschen und dem lieben Herrgott in allen Ohren und aller Freundschaft bestehen. Harte Zähne, die hat sie, auch 'nen dicken Kopp wie 'ne bockige Ziegenmadam, die immer anders will wie die übrigen Ziegen. Aber das tut nichts, und wenn sie auch öfters mit der jungen Frau nicht dakkohr ist, ihr Knüppel zwischen die Beine verfertigt, so wird das seine Bewandtnis wohl haben, denn allzuviel Rassigkeit zehrt an 'nem gemütlichen Hausstand, zumal Aloys, bei all seiner Vornehmheit und Akkuratesse, etwas drömelig ist und so recht nicht die Munterkeit besitzt, solche Rassigkeit und Weibsschlaue in kommodere Schleusen zu drainieren. Da hilft ihm die Oma. So ist sie zu estimieren, und da sie dir doch 'ne Kevelaerer Bundesfahne geschenkt hat, mußt du sie auch als liebevolle Darbringerin im Andenken bewahren. Das wäre zu sagen. Nu kennst du ihr in ihrer stilvollen Größe, in ihrer totalen Aufmachung ... und da du es weißt, wollen wir uns zu Pappa und Mamma begeben, denn ich habe jetzt noch 'nem notariellen Aktus beizuwohnen, wobei ich 'ne Amtsperson bin und aufpassen muß wie'n eingeschworener Zeuge und Beisitzer. Jupp, das war'n Tag voll höchster Bekömmnis! Ich glaube, wir werden noch vieles erleben.« Damit trudelten wir dem weißen Hause ›Zu den sieben Linden‹ entgegen. Im Hausflur trennten wir uns. Hübbers begab sich mit seinen blauen Aktendeckeln in das Büro meines Vaters, würdig und steif, mit der ganzen Aufmachung und Gemessenheit eines notariellen Zeugen und Beisitzers, während ich ... Langsam krabbelte ich die altfränkische Treppe hinauf, um im sogenannten Kinderzimmer der Traben- Trabacher Marie, die just dabei war, Wäsche zu plätten und sie in feinsäuberliche Falten zu legen, Gesellschaft zu leisten und ihr meine neueste Errungenschaft, das Kevelaerer Fähnchen, zu zeigen. Der Neu-Ruppiner Farbenrausch brachte denn auch die behäbige Moselmamsell in eine Art von Verzückung, wobei sie die höllischen Qualen der Verdammten völlig auskostete, aber auch die Freuden mit den Seligen teilte, die berufen waren, von den ewigen Tischen zu essen, und immer neue Worte fand, die himmelanstürmenden Begebenheiten des Fähnleins, sowie die Großzügigkeit der Alten über den grünen Klee und die steilsten Moselberge zu preisen. »Gottespanier, Gottespanier!« rief sie dazwischen und schlug begeistert ihre Hände zusammen. Ich aber konnte des mir gewordenen Angebindes nicht froh werden. Selbst die beschwichtigenden Darlegungen meines biederen Freundes verfingen nicht mehr. Mir wurde es blau und grün vor den Augen. Ich stand in einem kreisenden und fauchenden Tobel. Alles und jedes drehte sich um mich wie in einem Karussell mit glitzernden Glassplitterchen: das Bügelbrett, Dielen und Decke, die Schildereien an den Wänden, selbst die Traben-Trabacher Marie mit ihren wohlhabenden Formen, die mir in ihrer Üppigkeit und Fülle fast übermenschlich erschienen. Sie tänzelte auf dem Kopf herum, lobete Gott und die gesinnungstüchtigen Wallfahrer, die im Schweiße ihres Angesichts und in derben Transtiefeln nach Kevelaer pilgerten. Dazwischen klapperte das Platteisen, pritzelte ein seiner Wasserkunst mit spitzem Sirren durch das behagliche Zimmer, lärmte die Staatse mit ihrem Bakel über die Pflastersteine, um ihn dann mit heiserer Stimme in das Firmament zu bohren, aus lautem Halse zu predigen: »Ja, das zwischen Himmel und Erde! das kommt immer näher und näher, und es kann jeden Momentus passieren: Gottes Tore öffnen sich und Gottes ewiges Feuer ...« Herr Jeses nochmal! und dort oben der vergoldete Hahn?! Er schlug mit den Flügeln und krähte aus Leibeskräften von Sankt Nikolai herunter, als wäre der glühende Vesenstern schon dabei, ihn mit Kamm und Kragen zu schlucken. In blinder Not ließ er etwas Ängstliches fallen. Aus steiler Höhe kleckerte es mir gerade auf den Kopf, kleckerte es auf den von Hübbers, auf den von Johanna Kordula Teerling, geborenen Wintjes. Ich sah einen feurigen Regen ... Krieg und Pestilenz ... betrübte und armselige Zeiten ... Dazu jubelte die Traben- Trabacher Marie: »Gottespanier, Gottespanier!« und war alles öde um mich, wie in einem Durstland, voller Qualen und Anfechtungen. Erst gegen Abend beruhigte ich mich. Ich saß bei meinen Eltern. Das seine Rascheln hinter den Tapeten und die warmen Strahlen der Rübsenöllampe, die das sorglich gespreitete Tafeltuch wohlig umspielten, taten mir wohl. Mit seiner stillen und ruhigen Stimme las mein Vater das erste Kapitel aus dem Landprediger von Wakefield. Seine Worte reihten sich nebeneinander, als wären es sprechende Anemonen und Himmelschlüsselchen auf einer jungen Frühlingswiese gewesen. Meine Mutter hörte darauf wie auf ein fernes Klingen jenseits eines verwunschenen Waldes. Dabei stichelte sie bunte Fäden durch ein engmaschiges Straminnetz. Den Sinn des Vorgelesenen verstand ich nicht, auch das nicht, was der ernste und geruhsame Mann bald darauf mit meiner Mutter verhandelte. Erst nach vielen Jahren wurden mir die Einzelheiten dieser Stunde so klar, als kämen sie von einem einsamen Berge herunter, freundlich und anheimelnd, mit der Aureole eines gütigen Behagens umkleidet. Und doch welche Andacht unter der wundersamen Rübsenöllampe, die manches Mal aufknisterte, als wären heimliche Geisterlein in ihrer Nähe lebendig geworden. Er hielt plötzlich mit Lesen inne und sagte: »Ich denke eben daran. Die freundlichen Spiele mit dem goldigen Blätterfall werden sich wohl bald ihrem Ende nähern.« »Wie meinst du das?« fragte die Mutter, indem sie den Straminrahmen beiseite tat und erwartungsvoll ihre weißen Hände zusammenlegte. »Nun, an Stelle der freundlichen Stunden werden mürrische treten. Nebel und Regen. Von Harparanda wird dieses gemeldet. Die kommenden Nächte, ohne Aufheitern und sonder Sternenfeuer, dürften uns kaum Gelegenheit bieten, das größte Phänomen dieses Jahrhunderts geziemend bewundern zu können.« »Schade, sehr schade!« warf meine Mutter bedauernd dazwischen, um gleich weiter zu fragen: »Und wann wäre die Erscheinung zu erwarten gewesen, ich meine, den menschlichen Sinnen erreichbar?« »Binnen kurzem. Mit bewaffnetem Auge ist ihre rätselhafte Bahn jetzt schon nachzuweisen. Alle Kometensucher verfolgen das eigenwillige Ziehen und Wandern des ewigen Juden im unermeßlichen Weltenraum mit gesteigertem Interesse. Den Berechnungen nach tauchte er zuerst im Großen Bären auf, um von hier aus das leuchtende Haar der Berenike, das Sternbild der Hunde und das des Bootes zu durchgeistern. Von hier aus geht sein Weg mit feierlichem Glänze durch Jungfrau und Schlange. Hier angekommen, neigt er sich immer weiter der Ekliptik zu, immer schwächer und ärmlicher werdend, bis er schließlich im Skorpion völlig dem menschlichen Auge, den Gläsern und den Kometensuchern entschwindet.« Meine Mutter begann wieder zu sticken. »Und dieses Wunder der Neuzeit könnte uns möglicherweise entgehen?« fragte sie nach einiger Weile. »Es kann immer passieren, falls die regnerischen Tage sich langer hinziehen sollten. Verschleierte Nächte sind keine Freunde des Lichtes.« »Wie schade, wie schade!« »Leider, nichts dran zu ändern,« bemerkte mein Vater und hub aufs neue an, den biederen Landprediger von Wakefield sprechen zu lassen, seine teils heiteren, teils freudelosen Darbietungen durch das Schweigen der traulichen Stube zu spinnen. Aus einer umdüsterten Ecke des Zimmers tinkte eine Alabasterpendule von ihrer Konsole herunter. »Acht Uhr,« sagte die Mutter. Ihre braunen Augen streiften mich mit freundlicher Güte. »Es wird Zeit,« meinte sie heimelig. In diesem Augenblick erschien die Traben-Trabacher Marie, um mich unauffällig in die Arme des Schlafes zu betten. »Gute Nacht!« und hinter mir versanken Vater und Mutter, die Rübsenöllampe mit ihrem sanften Scheinen und Zirpen, der Prediger Primrose mit seinem Sohn Moses, seiner vorbildlichen Hausehre, die den besten Stachelbeerwein kelterte, und alle die Dinge, die mich im Laufe des Tages beschäftigt hatten: die Staatse mit ihrer prächtigen Nase, der vergoldete Turmhahn, selbst Hübbers mit seinen Redensarten von tiefgründiger Weisheit ... und es war mir: auf kurzen Beinchen trudelte ich in eine buntfarbige Traumwelt hinein, in ein Land voller Widersprüche und Absonderlichkeiten, als hätte ein drolliger Kauz Zeit und Muße gefunden, seine Marionetten in einem Hohlspiegel tanzen zu lassen, kielkröpfig, spinnengelenkig, dann wieder solche mit Engelsgesichtern, überirdische Wesen auf blumenbesäten Gefilden, wo Lilien standen, die mit ihren silbernen Kelchen die ewige Kuppel des Himmels berührten. Nur leise dazwischen ein melancholisches Tuten und Blasen, ein Anrufen der nächtlichen Stunden, ein Tropfen und Träufeln, ein Summen und Brausen, das sich anhörte, als würden die Laubmassen von Bäumen auseinandergefältelt, die sich nur widerwillig aus ihrer eingenommenen Ruhe und Beschaulichkeit aufstöbern ließen. Gleich darauf hörte ich nichts mehr, bis die Traben- Trabacher Marie an mein Bett trat und sagte: »Jüngsten, Jüngsten, was hast du lange geschlafen!« Also schon Morgen?! aber die Welt in Gold war dahin. Grau und vergrämelt fingerte es durch die bleichen Gardinen. Die Ringeltauben rokuzeten nicht mehr, die Elstervögel, sonst so lärmend und zutunlich, hingen jetzt stumm zwischen den höchsten Zweigen, hin und her geschaukelt von einer steifen Brise, die dumpf und feucht aus der Niederung heraufschwaderte. Heftige Regentropfen klatschten gegen die Scheiben, rieselten in langen Tränen an den Fenstern herunter. Immer dunstiger zog es über die kleine niederrheinische Stadt hin. Die Fernen verloren sich. Kaum noch waren die gegenüberliegenden Hauserzeilen zu sehen. Die sieben Linden wurden zu ernsten Lemuren. Sie erinnerten an die grauen Schwestern im benachbarten Kloster, an die reuigen Büßerinnen zur ewigen Anbetung, nur ins Gigantische hineingehend, übermenschlicher, mit den Schauern des Gespenstischen umkleidet. Ihre düsteren Hollen wehten im Wind, der immer nachhaltiger die mürrischen Gestalten durchwühlte. Dazu das verdrießliche Zwirnen der Regenfäden, das stetige Fallen der schmutzigen Blätter, das Schlürfen und Schlucken in den verlorenen Kändeln und Rinnsalen. So ging das Tage um Tage und Nachte um Nächte. Kein freundliches Glitzern und Blenkern, kein Aufgehen und Niedergehen der ewigen Sterne. Die erste Woche verging; die zweite hatte bereits ihren Atem verloren, ohne daß der liebe Herrgott Anstalten machte, tagsüber mit freundlichen Farben und nächtlicherweise mit seinem lichten Feuerwerk zu spielen. Es blieb alles beim alten. Die armen Seelen zogen auf ausgetretenen Wollsocken durch ein gleichgültiges Einerlei, durch ein Land ohne Lachen. Mürrische Schleier und trostlose Herzen! Jedereins wähnte, es würde stetig so bleiben. Doch da eines Tages ... Langst war ich schlafen gegangen. Aber die Müdigkeit wollte nicht kommen. Von meinem kleinen Alkoven aus, unmittelbar neben dem Gemach meiner Eltern, bemerkte ich, daß das Nachtlicht mit seinem schwimmenden Docht zitterige Kreise und Kringel gegen die weißgekälkte Decke malte, sie tänzeln ließ, sie immer lebhafter auf und nieder bewegte. Ungewiß schimmerten die silberigen Ringelspiele herüber, leichtfüßig wie die von einer Wasserspinne hingezirkelten Schleifen und Kegelschnittlinien auf dem Spiegel eines schweigsamen Teiches. Ich hörte auf das seine Tupfen gegen die Scheiben, das Gurgeln und Träufeln, das gleichmäßige Sumsen der Linden, deren düstere Schatten sich unwillig im Rahmen des weiten Fensters schaukelten; doch schien es mir, als wenn die Regenschauer an Heftigkeit verlören, das Rieseln nachließe und sich immer weiter entfernte. Von der Straße her vernahm ich ein aufdringliches Klappern und Rasseln, just so, als würde ein metallischer Gegenstand über das Pflaster gezogen. Ja, so! mein Freund und Gönner waltete seines Amtes. Um der Furcht wegen in der Nacht, schleppte er einen schweren Kavalleriesäbel, der noch aus den Freiheitskriegen stammte, hinter sich her, als gölte es, etwaigen Dieben schon von weitem Schrecken und kalten Graus in die abwegige Seele zu jagen, ihnen anzuempfehlen, baldmöglichst das Feld ihrer verbrecherischen Tätigkeit zu räumen. Ich war ordentlich stolz auf Heinrich Hübbers und seine nachtwächterliche Tätigkeit. Vor meinem elterlichen Hause verstummte plötzlich das martialische Klirren. Vom Rathausturm ruderten vereinzelte Schläge über die Stadt hin. Hübbers erhob seine Stimme. Er rief die Stunde an, aber aus Respekt vor meinem Vater, den er über alles verehrte, auf hochdeutsch, während er sich auf anderen Stellen nur des ganz ordinären Plattdeutschen bediente. Ich hörte ihn rufen: »Die Klock hat zwölf, zwölf hat die Klock! Die Hex sitzt auf 'nem Ziegenbock. Doch alle guten Menschenkind Jetzt fromm in ihrem Bette sind, Um dort wie alle Braven Zu schlafen. Die Klock hat zwölf!« Ein langausgezogenes »Tuhut, tuhut!« folgte den halb gesungenen, halb gesprochenen Worten. Gleich darauf ertönte der nämliche Singsang, aber in niederrheinischer Mundart: »De Klock hät twelw, twelw hat de Klock ...« Dann vernahm ich nichts mehr. Ich lag in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen, selig gewiegt, von überirdischen Händen durch blaues Licht und ein Meer von rätselhaften Dingen getragen, als ich unversehens aus meinem Drusseln und Träumen aufgeschreckt wurde. Seit dem letzten Hornruf mochten etliche Stunden vergangen sein. Ich rieb mir die Augen. In meinen Ohren brauste und sauste es von gewaltigen Stimmen. Ein dumpfer, heulender Ton hämmerte gegen die Fensterscheiben. Ein zweiter folgte ... ein dritter ... ein vierter. Mit wildem Getute arbeitete es sich durch die engen Straßenzeilen hindurch, lärmte in die Häuser hinein und posaunte, als wäre der Tag des Letzten Gerichtes gekommen. »Tuhututuhut ... tuhut ... tuhututuhut ...!« Immer lauter und stürmischer, immer wirrer und nachhaltiger. Greueltöne reihten sich an Greueltöne. Mir stiegen die Haare zu Berge. Ich war schon halb aus dem Bett. Nebenan erhob sich mein Vater. Er zündete Licht an. Auch meine Mutter war lebendig geworden. »Mann, was gibt es draußen?« fragte sie ängstlich. »Unsinn, verfluchter! Entweder der Mensch ist verrückt, oder er hat ein Quartierchen Schnaps zu viel auf die Lampe gegossen.« »Nein, dieser Hübbers!« rief meine Mutter und breitete ihre Arme, in die ich schnurstracks hineinsegelte. »Tuhut ... tuhut ... tuhut ...!« Das Lärmen verstärkte sich. Laden wurden aufgerissen, Türen zugeschlagen. Eilige Menschen hasteten auf lauten Holzschuhen vorüber. »Tuhut ... tuhut ...!« Gleichzeitig fielen schwere Schläge vom benachbarten Rathaus herunter, wie eherne Vögel, die sich wieder aufhoben, um weiter zu fliegen. Meine Mutter verfärbte sich. Die Wassernot- und Feuerglocke wurde geläutet. »Das ist Brand!« schrie sie auf. »Abwarten!« warf mein Vater ein und begab sich ans Fenster. Behutsam scheitelte er die Gardine auseinander, um ebenso behutsam einen Rahmen zu öffnen. Er prallte zurück. Dann ein befreiendes Lachen. »Kommt nur und seht!« Wir folgten dem Anruf und sahen ... Um Himmels willen, was war nur geschehen?! Die Wolken dahin, die dunstigen Nebel wie fortgeblasen; nur noch aus den ungewissen Silhouetten der Lindenbäume klatschten schwere Tropfen herunter, als wenn sie in eine tönende Bronzeschale fielen. Aber die vorgerückte Nacht lichterte auf, war voller Glanz und Sternenfeuer. »Endlich, endlich!« Mein Vater trug mich ans Fenster. Mit der Rechten deutete er über Bäume und Giebelhäuser. Funken setzten mit einem riesenhaften Halbkreis über die Dächer ... Kaskaden ... Flammengarben. Der ganze Westen stand in einer brennenden Lohe. Gottes Hand warf eines seiner stolzesten Wunder durch den Weltenraum. »Der Komet!« sagte mein Vater, ganz bewegt von dieser märchenhaften Erscheinung, um dann wieder zu lachen: »Und dieser veritable Esel von Hübbers ... Aber hier ist der Kern nicht zu sehen. Bäume und Häuser behindern uns sehr. Wir müssen zum Markt. Dort haben wir freies Gesichtsfeld. Wollt ihr mit?!« Na, und ob wir mitwollten! Ich strahlte. In so jungen Jahren schon so etwas mit leibhaftigen Sinnen erleben zu können, zu nachtschlafender Zeit, unter so eigenartigen Umständen, das mußte mich gleichfalls zu den Sternen erheben und meine eigene Person mit einer gewissen Selbstverherrlichung umkleiden. Ich kam mir vor wie einer der Größten unter den Großen. In einer kleinen Viertelstunde waren wir fertig. Auch die Traben-Trabacher Marie, die an allen Gliedern wie Espenlaub zitterte und noch immer dabei war, ihre außergewöhnlichen Zierden ängstlich zu verschnüren, schloß sich uns an. Zu viert verließen wir das Haus ›Zu den sieben Linden‹. Hinter uns stand der ausgekreiste Mond und schuf eine leidliche Helle. Vor uns glumste und gloste es, als wäre das Begebnis von Sodom und Gomorrha noch einmal in die Erscheinung getreten. Großartig, nicht auszudenken – die Sache! So erhobenen Hauptes wie ich mochte selbst Klein Roland nicht dahergekommen sein, als er mit seinem Vater, dem edlen Ritter Milan von Anglant, auszog, ein namhaftes Abenteuer tief im Walde der Ardennen zu bestehen. Ich fühlte mich ordentlich. Mein Herz klopfte und rauschte mir bis in die Ohren hinein. Als wir das Rathausgäßchen passierten, verstummte die Feuerglocke. Nur noch ein letztes Klingen und Tönen brummelte nach. Dafür aber polterte uns von der Marktecke her eine energische Stimme entgegen: »So'n Himmelhund, so'n dreimal durchdestilliertes Karnickel von Nachtwächter! So'n Rindvieh – reißt an dem Glockenstrang, tutet uns da Brand in die Ohren, holt uns fast splinterfasernackig aus den nachtschlafenden Posen heraus ... und ist alles bloß 'n ganz ordinärer Schwanzstern gewesen!« »Um Vergebung, Herr Brill!« »Hier ist nichts zu vergeben. Das wird protokolliert. Das kommt in die Konduite hinein von wegen ruhestörenden Unfugs. Außerdem wird's dem Herrn Bürgermeister gemolden.« »Herr Notar, Herr Notar!« rief Hübbers, als wir in seine Nähe gelangten. Mit kalter Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirne herunter. Mein Freund und Gönner ähnelte dem getrommelten Elend in einem Narrenkasten. Trotz des verrosteten Kavalleriesäbels, des mächtigen Tutehorns und des eisenbeschlagenen Hagedorns, den er in der Rechten führte, dauerte mich der Mann im tiefsten Grunde meines Herzens, denn der Polizeidiener Iwan Kasimir Brill stand vor ihm mit gestielten Hummeraugen, gezücktem Bleistift und einer Amtsmiene, die selbst dem Beherztesten in die Hosen fahren mußte. »So'n Angstmeier, verfluchter! und so was will Nachtwächter spielen?« Seine Stimme rollte. »Herr Notar,« jammerte Hübbers dazwischen, »ich bitte Ihnen ... im ersten Momentus und so aus dem puren Handgelenk heraus, das konnte unsereins doch als Feuer taxieren, meinetswegen im Bessemhuck oder achter der Mauer dahinten?« »Gewißlich, gewißlich,« sagte mein Vater, um dem Gemaßregelten doch etwas aus seiner tiefen Bedrängnis zu helfen. »Hier sind Milderungsgründe vorhanden. Das Strictum jus dürfte hier ausgeschaltet werden.« »Dann allerdings!« Herr Iwan Kasimir Brill riß die Hacken zusammen. »Dann allerdings, Herr Notar,« und der Polizeigewaltige zog seine Stielaugen ein, brachte Bleistift und Notizbuch wieder an Ort und meinte in korrektem Dienststil: »Wir nehmen Kenntnis davon. Selbstverständlich – in diesem Falle wird dem Herrn Bürgermeister gar nichts gemolden.« »Schön,« sagte mein Vater, und wir pilgerten vorwärts. Der weite Markt tat sich auf; mit ihm das überwältigende Zeichen, größer und stolzer als jegliches im Unermeßlichen. Dicht neben dem Turmhahn von Sankt Nikolai stand der leuchtende Kopf des Phänomens, das einen Schweif hinter sich Herzog, wie nicht mehr zu finden. In gigantischen Bogen spreitete es seine Lichtmassen durch das All, fächerförmig, in Bündeln und Spulen, blutrünstig und dennoch goldig durchstrahlt und gestriemt, umflutet von einem Meer sprühender Sternchen und Sterne. »Himmel!« sagte meine Mutter und legte stillergeben ihre Hände zusammen. Gottes Feuer brannte und Gottes Feuer lohte durch die Nacht voller Andacht und Erhabenheit. An der großen Linde drängten sich die Menschen. Neue strömten zu. Nur mit dem Nötigsten angetan, in Plüschpantoffeln und Unterhosen, alte Mäntel übergeworfen, in Nachtjacken und Pudelmützen schoben sich Männlein und Weiblein in Nähe der steinernen Bank zusammen, die den majestätischen Baum nach allen Seiten der Windrose umhegte. Und zu aller Beruhigung und Andacht: auf eben dieser steinernen Lindenbank erhob sich die Gestalt des papierenen Aloys, aber nicht in gemustertem Buckskin, wenngleich er auch sein putziges Troddelmützchen über die linke Seite des Kopfes gestülpt hatte, sondern in einem faltigen Schlafrock von gestepptem Zitz, aus dem die mit Selfkantschuhen ausgestatteten Beine ganz miesepeterig hervorstakelten. Indessen – der Papierene fühlte sich. Da er viel mit Büchern, wenn auch ausschließlich mit Gebetbüchern zu tun hatte, sich in seinen Mußestunden auch mit anderen Schriften befaßte, kurz, jede Gelegenheit benutzte, in allen nur möglichen Revuen, Monatsblättern und Gazetten herumzuschmökern, hielten ihn seine lieben Mitbürger für einen tiefgründigen Sinnierer, Weisen und Schriftgelehrten. So auch in dieser weihevollen und imponierenden Stunde. In der Linken einen ausgezogenen Tubus, mit der Rechten auf die Feuergarbe deutend, begann er: »Meine Herrschaften! Was wir da sehen, möchten wir als Kometen oder Haarstern ansprechen, wobei wir nicht umhin können, solches als sehr interessant zu bezeichnen. Wir registrieren verschiedene Arten. Der Kopf ist Nebensache dabei, der Schweif hingegen als immenses Anhängsel hoch an Ehren zu halten. Es gibt welche, die überhaupt keine Schwänze besitzen, weshalb wir sie auch die harmlosen Wandelsterne benennen. Viele Forschungsreisende sind nun der Ansicht, daß selbige vom Mond herkamen, denn mutmaßlich sind in seinen sogenannten überirdischen Vulkanen unermeßliche Lavaströme chemisch gebunden, die an die Luft wollen. Alles recht schön. Wir jedoch können solche Meinungen nicht als zutreffend bewerten, denn sie gehen weit über unseren Minus- und Maxusstandpunkt hinaus, schließen uns vielmehr den neuzeitlichen Deutern an, die einen ganz anderen Peristyl und 'ne besondere Auslegung vertreten.« Er schaute sich um, gehoben durch die gewinnbringende Exegese. Ein zustimmendes Murmeln setzte ein. Alle Augen wandten sich dem rätselhaften Wanderer zu. »Bravo!« sagte Iwan Kasimir Brill. »Besonders das mit dem ›Peristyl‹ haut den Nagel direkt auf den Kopp.« Mein Vater griemelte still vor sich hin und häkelte seinen Arm vergnügt in den meiner Mutter. »Wir für unsere Person,« sprach Aloys weiter, indem er seinen Tubus kurze Zeit auf den glühenden Nomaden richtete, um das Fernglas mit einem zuversichtlichen Schmunzeln wieder sinken zu lassen, »schließen uns den Forschungsreisenden an, die festgesetzt haben, daß alles, was zu den Kometen rechnet, ganz egal, ob's 'nen Schwanz oder keinen ausweist, aus 'ner Gegend herkommt, die sich mindestens hundert Stunden hinter den weitesten Himmelserscheinungen befindet. Das nennt man Ellipse oder Hyperbel, und da wir dieses als richtig einschätzen, so halten wir jetziges Zeichen genau für dasselbe, so den drei Königen aus dem Morgenlande erschien, als sie sich aufmachten, um mit Gold, Weihrauch und Myrrhen unseren Herrn Jesus Christus als ganz junges und unbesonnenes Kindlein in der hölzernen Krippe im Stalle zu Bethlehem aufzusuchen.« Eine Bewegung entstand. Jedereins drängte sich näher an den Sprecher heran. Einzelne Stimmen wurden laut. »Weiter erzählen!« »Hurra und Vivat!« »Aloys soll leben!« »Das ist ja heilig!« warf einer dazwischen. »Natürlich!« rief der Papierene, indem er aufs neue aus den imposanten Lichtmantel deutete, »das ist dreimal heilig: heilig, heilig, heilig! und wenn wir auch auf stunds keinen Erlöser erhoffen, dessen Los es wäre, ans Kreuz geschlagen und begraben zu werden, um nach dreien Tagen wieder aufzuerstehen und bald darauf zu seinem himmlischen Vater und Erzeuger zu schweben. Aber wir erhoffen von diesem Dreikönigenstern ein gesegnetes Weinjahr, 'ne gute Knollen- und Kartoffelernte, reichliches Einkommen beim Handwerk, bei Schneidern und Schustern, bei Manufakturisten und Leinewebern, auch für unsere Branche und ihre einschlägigen Artikel, als da sind: Buchbindereien, Bleistifte, Kuverts, Propatria und Siegellackstangen. Allerdings, wir glaubten zuerst, es würden sich aus seinem Erscheinen Kriegsnöte und hungrige Zeiten ergeben. Aber wir sind mit den Forschungsreisenden einig geworden: der Stern ist ein Glücksstern. Damit basta! Das wäre zu sagen gewesen.« »Unsinn!« Eine harte, brüchige Stimme brachte den einsetzenden Beifall zum Schweigen. Fest klapperte ein Krückstock dazwischen. Oma trat vor, direkt vor Aloys hin, völlig angekleidet, das goldene Kreuz auf der Brust, in der Linken den Rosenkranz und mit straffgescheitelten Haaren. »Das gibt's nicht! Früher hast du anders geredet und nu mit einem Male wieder ganz anders. Ich hätte dich und deine Forschungsreisenden für schlauer angesprochen. Unsereins ladet das Ereignis auf 'ne gesundere Schulter. Vertieft es. Ich habe Augen und Ohren und weiß drum: Gottes Tore öffneten sich und Gottes Brandfackel kam aus der Ewigkeit herunter. In dieser Beziehung sind wir einig, denn der da« – und ihr Stock zeigte nach oben – »ist aus seinen Händen gekommen. Aber nicht als 'ne pläsierliche Botschaft, sondern als 'ne geziemende Offenbarung dafür: Ängste werden uns quälen, bedrückte und armselige Tage, und wenn's hart auf hart geht: ich sehe den Krieg, und es wird ein Sterben auf Erden sein, so daß die Schreinermeister sich nicht Rat wissen, wo sie nur all die Bretter für die Särge hernehmen sollen.« »Jesus, Jesus!« Die Menschen schoben sich enger zusammen. Oma fuhr fort. Ihre weiten Augen gespensterten, und ihre Stimme nahm an Erregung zu: »Denn der da, der Besenstern, die Leuchte des Unerforschlichen, ist stärker als Babel und Bibel. Der Stern kommt von Gott und fährt den lässigen und üppigen Weibsbildern unter die Röcke, daß ihnen die Brunst genommen wird, wie sie den Kamelinnen genommen wird in der heidnischen Wüste.« Ihr Stock klirrte auf. »Christus, erbarme dich unser! Herr meiner Seele, lasset uns beten!« Die harte Frau, Frau Johanna Kordula Teerling, geborene Nintjes, kniete nieder und sprach mit tönender Stimme: »Vater unser, der du bist in den Himmeln ...« Mein Vater stieß mich leise an. Wir gingen. Ich etwas bedrückt und noch ganz benommen von dem soeben Erlebten. Ich hörte, wie mein Vater etwas vor sich hinmurmelte. Am Rathauseck blieb er stehen und wandte sich wieder dem unermeßlichen Lichtbogen zu. Das Beten Omas tönte noch immer herüber, wenn auch schwacher, gedämpfter: »Und vergib uns unsere Schuld, so auch wir vergeben unseren Schuldigern. Heilige Maria, Mutter Gottes ... Jesus, o Jesus!« Er aber sagte, wahrscheinlich um meine Gedanken auf heiterere Dinge zu lenken: »Da lebte mal ein großmächtiger Sultan. Der war eitel Pracht und Leuchten und Scheinen ... und wohnte zu Bagdad ... und nannte sich Harun al-Raschid ... und trug einen Turban, dessen Agraffe einen feinfadigen Reiherbusch zeigte, wie noch keiner von dem Haupte eines irdischen Kalifen geweht hatte. Und dieser Kalif, dessen Leiden und Lieben, dessen Großtaten und Absonderlichkeiten durch die Erzählungen der ›Tausend Nächte und der einen Nacht‹ bis auf unsere Tage gekommen sind – dieser Kalif nun, der weise regierte, bis zu ihm kam der Vernichter der Wonnen und der Trenner aller Gemeinschaft, der Entvölkerer der Städte und Sammler für die Totenäcker, ritt allzeit auf einem milchweißen Pferd, dessen blutrote Schabracke mit Gold- und Silberfäden durchstickt war. Auf diesem milchweißen Pferd nun durcheilte er seine Reiche und seine Herrlichkeiten, um nach dem Rechten und dem Wohlbefinden seiner Völker zu sehen. Sie dankten ihm denn auch für seine Weisheit, seine Guttaten und seine klirrenden Dirhems, die er durch seine Eunuchen und den Träger seines Schwertes, Masrur, den Zugeströmten reichlich übermittelte, bis sie ihn, so glaube ich, zu den Sternen erhoben. Alle zweitausend Jahre erscheint er, zeigt aber nur seinen schimmernden Reiherbusch und seine Schabracke, die hinter ihm herschaukelt, als wären es Diamanten und glutheiße Perlen. Da sieh nur ...!« und er deutete lächelnd auf das Wunder der Wunder. Mit großen, erstaunten und märchenfrohen Augen sah ich auf den silberfadigen Reiherbusch des prächtigen Sultans. Meine junge Seele war bei Harun al-Raschid. Gleich darauf traten wir in den Schirm und Schatten des weißen Hauses ›Zu den sieben Linden‹. Von fernher schallte aber wieder der Hornruf meines Freundes herüber. Er blies still und geruhsam. Dann eine Stimme: »Drie hät de Klock!« Viertes Kapitel Wisset und höret: das Wiehern der milchweißen Stute, das Gleißen des Reiherbusches eines der Größten im Reiche des Morgenlandes, die ehernen Schläge der Wassernot- und Feuerglocke, der papierene Aloys und seine absonderliche Kometenpredigt, Omas Gegenrede und Ansichten – alles das haftete mir an wie hingetupfte Sommersprossen, die selbst das feinste Birkenwasser nicht fortwischen konnte. Es begleitete mich durch meine jugendlichen Tage, Wochen und Monate. – Die Wildgänse schwaderten ein, fielen in die Altwasser des Rheines, um sich bei den ersten Aprilbisen aufs neue zu heben und nach Norden zu fliegen. Zweimal rückten sie vor, und zweimal führte ihr Trieb sie in die Heimat zurück, wo Kiefern- und Fichtenlatschen sich nur kümmerlich über den Boden hinkrüppeln und das Licht des ewigen Poles anmutet wie das schönste Strahlen in einer Zauberlaterne. Glückauf! Ich war A B C-Schütz geworden, kurzhosig, mit geschmalztem Haar und abstehenden Ohren. Meine Mutter hatte mir zur Feier des Tages einen schnurgeraden Scheitel gezogen, mir das erste Nastuch in den Hosensack gedrängelt. Selbstbewußt, Fibel, Griffel und Schiefertafel im Ranzen, marschierte ich dem geheimnisvollen Lokal zu, wo mir das feine Empfinden für Haar- und Grundstriche, das rätselhafte Walten der vierundzwanzig Buchstaben beigebracht werden sollte. Mester Haan thronte auf hohem Katheder, vor sich fünfundsechzig brandrote, brünette oder aschblonde Knirpse, welche mit stupsigen, welche mit pielgeraden Nasen, und hinter sich die hölzerne, schwarzlackierte Tafel, bedeckt mit Runen und sonstigen Zeichen, die mir anfangs so fremdartig vorkamen wie Hieroglyphen in ägyptischen Königsgräbern. Er war einer von den Stillen im Lande, mit glattrasiertem Gesicht, fuchsigem Gehrock, etwas verschimmelten Haaren und einer großgeblümten Weste aus Perkal, die ein blaugestärktes Schemisettchen sehen ließ, das jedesmal losknatterte, wenn er nur die geringsten Anstalten machte, sich in seinem abstrapazierten Spenzer etwas mehr oder weniger auf die Seite zu neigen. Ach, und die Schnupftabaksdose erst! Sie ähnelte einem Lebewesen. Beim Öffnen seufzte sie auf mit dem Seufzen einer überständigen Beginne, der es oblag, ihren Herrn und Heiland von dem Marterholz zu beten, ihr Schließen erinnerte an das herausfordernde Knappen eines Eulenschnabels, willens, ein hartes, kurzes und gediegenes ›Prosit‹ zu sprechen. So gütig nun der Inhaber dieses Spaniolbehälters auch war, so anregende Geschichten er auch von Bauberger und Herchenbach zu erzählen wußte – er vertrat allezeit den kategorischen Standpunkt: »Was nicht in den Kopf hinein will, wird mit ungebrannter Asche auf den strammgezogenen Hosenboden geschrieben,« wobei er die schwungvolle Haselgerte mit den Worten unterstützte: »Ich tue, was nötig, und erlöse auf diese Weise meine unsterbliche Seele.« So zwischen Fibel und Bakel, Eckenstehen und Nachsitzen, amüsanten Legenden und pläsierlicher Lerntätigkeit verbrachte ich meine jungen Tage, faßte ich Fuß unter meinesgleichen, nahm das Nötige in mich auf und hatte dabei noch das unbändige Glück, meine besten Freunde zu finden. Der erste: Jan Höfkens. Wenn ich seiner gedenke, vernehme ich das Klappern einer weißgekälkten Mühle, das Schlappen der Segel auf den geschachteten Windruten, sehe ich ein semmelfuchsiges, dazu merkantil veranlagtes Kerlchen mit lurigem Gesicht, über und über mit braunroten Sommerklecksen gesprenkelt, kurzen Beinchen und mit einem Hosenboden behaftet, in dem zwei stattliche Karnickel ganz bequem ihre Rammelzeit hatten abhalten können. Etwas schwer auf der Zunge, bediente er sich bei seinen Reden und Gegenreden ausschließlich der Möglichkeitsform und hielt daran so trotzig und eigenwillig fest, als läge die Wirklichkeit gänzlich außerhalb seiner Erlebnisse und Erwägungen. Draußen vor dem Kesseltor hob sich die Mühle seines Erzeugers auf einer Hügellehne empor, eingebettet zwischen unermeßlichen Wiesen und Bocksdornhecken. Der zweite: Henn Spettmann, meistens jedoch mit seinem Spitznamen Henn Pierentrecker gerufen. Sein Vater, der das Amt eines königlich preußischen Briefträgers bekleidete, kränkelte stetig und hüstelte sich mit bitterem Gesicht und traurigem Kopfnicken so ganz allmählich seinem letzten Lebensende entgegen, während mein Freund ... Er schien einem Enaksgeschlecht entsprossen, so knapp und fest nahm er den Weg unter die Füße, warf er jeden von uns so kunstgerecht auf den Boden, daß er Hören und Sehen vergaß, wobei er noch Muße fand, den rechten Arm zu strecken, den Biceps spielen zu lassen und leichthin zu sagen: »Sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme.« Sonst sprach er nur Hochdeutsch, denn er wußte, was sich für den Sprößling eines königlich preußischen Briefträgers ziemte und schickte, ohne den Ehrgeiz zu haben, für diese sprachlichen und körperlichen Leistungen eine höhere Bewertung seiner Person zu beanspruchen. Henn Pierentrecker war köstlich. Indianer- und Räubergeschichten gehörten zu seinen wichtigsten Besitztiteln. Er träumte lediglich von Prärierosen, dem Großen Urgeist, von heimgebrachten Skalpen und den weißen Adlerfedern am Orinoco ... und blieb trotzdem rührselig und leichten Schwankungen des Fühlens und Denkens ausgesetzt, zutunlich und anschmiegend, wie die mächtige Tränenweide neben dem Kalvarienberg auf unserm heimischen Gottesacker. Henn Spettmann, auch Henn Pierentrecker geheißen ... Das war es ja eben! Den ›Pierentrecker‹ verdankte er seiner klugen Einsicht, lange, fette, rötlichweiße Regenwürmer zu graben, sie über gehäkelte Nadeln zu streifen, um so und vermittelst Gerte und Bindfaden kleine Weißfische und Stichlinge aus einem Wässerchen zu holen, das klar und munter an der Höfkensschen Windmühle vorübergluckerte. Der dritte und letzte. Er war gleichsam aus einem grauen und vergrämelten Himmel gefallen, denn er hatte weder Vater noch Mutter, weder die Wohltat einer angenehm zirpenden Lampe durchkostet, noch die, an einem behaglich gespreiteten Tafeltuch seine Beine strecken zu können. Eine bejahrte Tante betreute ihn, eine vermickerte Tante im Armengäßchen, die sich kaum ein- noch auswußte und ihre liebe Not und Arbeit hatte, die nötigen Brotschnitten auf den Tisch des Hauses zu legen. Aber tapfer tat sie ihre Wäschebläue in die Bütte hinein, wusch und reckte das Leinen, bleichte es auf dem jüdischen Friedhof, um es dann feinsäuberlich gestärkt zu ihrer Kundschaft zu tragen ... und später erst, viel später, als ich die ›Alte Waschfrau‹ von Adalbert von Chamisso kennenlernte, sagte ich mir in wehem und doch glücklichem Erinnern: »So ähnlich wie die ist auch die arme verhutzelte Tante von meinem Freunde Peter Hartjes gewesen.« Und ihren Pflegling – ich sehe ihn deutlich, scharfumrissen, wie mit einem subtilen Pinsel auf ein Elfenbeintäfelchen hingesetzt: ein Mausegesichtchen mit etwas plörigen Mundecken, Haare, wie die eines vom Ammoniakgeist des Stalles gelblich überlaufenen Schimmelpferdchens, und Äugelchen, als hätte ihm der Bäckermeister Ößchen Lüb zwei vive abgezirkelte Korinthen mit einer Konditorspritze direkt unter die sandfarbigen Brauen geschossen. Ach, und wie schön konnte er singen! Wie'n Distelfink, und wenn er in sommerlichen Tagen an irgendeiner Deichlehne auf dem Rücken ruhte, dann vigilierte er in das blaue Gottesparadies hinein, als hörte er von dort aus die seligen Stimmen von Vater und Mutter, die bereits von ihm gegangen waren, als er noch nicht die Einsicht besaß, Licht und Finsternis voneinander unterscheiden zu können. Mit diesen allen hielt ich treue Gemeinschaft, durchkostete mit ihnen die Miseren und Freuden der Schule, die abenteuerlichen Fahrten zu Wasser und zu Lande, in Stallen und Scheunen, in Hecken und Hägen, was mich aber nicht abhielt, das Wohlwollen und die Geneigtheit des papierenen Aloys bestens zu pflegen. In seiner Werkstätte fand ich mein höheres Dorado, mein frommes Genießen, denn wenn sich die Papierschnitzel so ganz absonderlich unter dem Messer kräuselten, der Buchbinderkleister meine Sinne umnebelte, Omas Stricknadeln sich kunstfertig gegeneinander drängelten und nebenan der Kanarienvogel eine feindrähtige Wasserrolle herüberklingelte, dann war es mir immer, als glitte eine zutunliche Hand mir sanft und wohlig den Rücken herunter. Und da eines Tages ... Der Papierene war gerade dabei, einem schadhaften Werk eine frische Montierung zu geben, die Deckelpappen anzusetzen und ein straffes Pergament darauf zu kleben, als er die Rechte darauf legte und mich feierlich, beinahe priesterlich ansah. Die Stricknadeln der Staatsen verstummten. Auch der Andreasberger nebenan hielt mit seinem Vortrag inne. Eine warme Sommersonne, die durch ein Oberlicht in die Werkstätte fiel, streichelte über Aloys fort, über ihn und sein Troddelmützchen, so daß beide vergoldet erschienen. Dann ein einleitendes Räuspern. Der Papierene streckte sich in seinen Plüschpantoffeln. »Jupp,« hub er an, »dieses Buch, das wir die Ehre haben, aufs frische einzubinden und ihm 'nen echten Goldschnitt zu verleihen, ist ein unveräußerliches Eigentum seiner Hochwürden des Herrn Pastors von Sankt Nikolai. Wir begutachten es als das Buch aller Bücher. Neben dem Neuen Testament kann es getrostsam bestehen, denn es wurde von 'nem Landsmann von uns, von Thomas von Kempen, ediert und führt den erhabenen Titel ›Die Nachfolge Christi‹. Jupp,« und in seinen harmlosen Augen, die wie blaue Teetassen in seinem schmalen Kaplansgesichtlein standen, begann es zu leuchten, »studiere bloß fleißig und lerne auf geistlich. Vielleicht wirst du dann auch befähigt sein, 'nen ähnlichen auserwählten Schriftsatz niederzulegen, im Hinblick zu Gott und die ewige Anschauung. Das wäre doch sehr interessant, aber äußerst! Wir selber – wie gerne hätten wir ein solches Büchlein geschrieben, mit all seinen Ermahnungen, Weisheiten und Tröstungen um der Barmherzigkeit willen; aber wie sollten wir können?« Seine Ansprache verzitterte. Die Alte hob sich starr und steif in die Höhe. Schon bei den letzten Worten ihres Sohnes hatte sie die Stricknadeln unwillig gegeneinander gestichelt. Jetzt legte sie Strumpf und Nadeln beiseite. »Aloys,« sagte sie heftig, »du bist zwar mein einziger, aber bei Licht besehen: du könntest noch mehr nicht.« »Mutter, was könnte ich nicht?« »Das Wichtigste nicht. Die Hauptsache nicht. Das geht immer so weiter, immer in dem nämlichen duldsamen Lassen und Hinnehmen. Oma nennen mich die Menschen, aber bin ich denn wirklich Oma geworden? Mir endlich diesen Ehrentitel zu geben, daran versagst du.« »Aber Mutter ...!« »Aloys, laß mich. Dein Weib, die Hendrintje, die vom Emmericher Eiland – gelte ist sie bis heute geblieben. Daran ist gar nicht zu deuteln, und wenn das so bleibt, mit dir die Teerlings aussterben sollten, dann ist für mich das ganze Leben bloß Trauer und Arbeit gewesen, kann ich mich bei den barmherzigen Schwestern auf den Altenteil setzen, meine Finger betrachten und sagen, so wie es die unmündigen Kinder in der Gewohnheit haben: Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen ...« Aloys unterbrach sie. Er machte eine wehe Handbewegung, obgleich das gütige Gesichtchen aus der Schneeeifel noch zu lächeln versuchte, und meinte: »Mutter, kannst du denn keine Ruhe geben im Hause?« Kopf und Troddelmützchen neigten sich ergeben und still auf die Seite. Er gedachte noch weiter zu sprechen, allein die Staatse fiel ihm ins Wort, wobei sie ihren Rosenkranz aus der Tasche langte und die Pockholzkügelchen gegeneinander klimpern ließ: »Keine Ruhe geben im Hause ...?!« Sie lachte bitter auf. Herausfordernd deutete sie über die Schulter. »Wegen der da keine Ruhe geben im Hause? So glaubst du? während ich die Ansicht vertrete: Mutter und Sohn zögen toujours an einem und demselbigen Strähmel. Aber nu muß ich sehen ... Nein, Aloys, da sind noch andere Geschichten, die mir das Leben verbiestern, mir die Tage zu unheiligen machen. Das geht immer so hin und sucht den gestrigen Morgen, ohne den gestrigen Morgen finden zu können. Du solltest dich als Mann erweisen, ihr die verschiedenen Standpünkter klar und deutlich präsent geben, um auf diese Art ihre großartigen Rosinen mit Korinthen zu vertauschen. Das wäre noch was. Du hingegen, du läßt Gottes Wasser über Gottes Ackerparzellen dahinlaufen, ohne auch nur den kleinen Finger zu rühren. Das steht nu schon Jahre um Jahre an, ohne daß ich 'nen anderweitigen Turnus bemerke. Nein, Aloys, das muß einmal hellsichtig zwischen uns werden, zwischen dir und mir und der da vom Emmericher Eiland, denn das, was ich dir soeben anofferierte, ich meine, um es kurz und bündig zu sagen, das mit der ledigen Wiege und den ausgefallenen Kindersächelchen, das, Aloys, so wahr ich hier stehe und dereinstmals hoffe, in die Gnaden und Freuden der heiligen Dreifaltigkeit aufgenommen zu werden – nein, das tut es allein nicht.« Das Gesicht meines papierenen Freundes verfärbte sich, nahm einen erdigen Ton an. Die ›Nachfolge Christi‹, die er für ein Kleinod ansprach, die ihm so sakrosankt erschien wie das Tabernakel in der Kirche von Sankt Nikolai, dieses Büchlein nun, dieses gute, treuherzige und mit tiefer Weisheit durchplätscherte Büchlein des hochseligen Thomas von Kempen, umgriff er mit klammen Fingern, hob es auf und pfefferte es, die Weihe des Gegenstandes außer acht lassend, zwischen Kleistertöpfe und Papierschnipsel. »Was tut's denn?!« fiel es ihm steinern von den Lippen herunter. »Mutter, was tut's denn?! Das möchten wir wissen, ja, das möchten wir wissen, denn schon lange haben wir das Unterbewußtsein: wir sind nicht mehr Herr zwischen unseren vier Pfählen, nicht mehr Herr in unseren ehelichen Pflichten und Angelegenheiten. Da schiebt sich etwas Aufdringliches zwischen uns und Hendrintje, da sehen uns die Tapetenmuster an, als hatten sie Gesichter bekommen, Gesichter, die dem Frieden des Hauses zugrinsen: Was tust du noch hier? Gehe man weiter. Hier wird doch alles zertöppert, kurz und klein und zu Scherben geschlagen.« »Nanu! Was soll das? Seit wann ist es Mode geworden, 'ner Mutter 'nen Spiegel vorzuhalten? Ausgerechnet – du mir? Das ist ja, um den Schwanz von 'ner Katze zwischen 'ne Kieke zu klemmen und ihr glühendes Pech in die Ohren zu löffeln. Aber ich sehe: es ist schon am besten, die heilige Ölung und den letzten Stups zu empfangen, um mit 'nem kurzen Vaterunser den Widerwärtigkeiten dieses Lebens aus dem Wege zu gehen.« »Mutter, Mutter ...!« »Ja, es ist schon das beste.« Sie warf den Kopf in den Nacken, als vernähme sie etwas, das ihr nicht lieb war, zu hören. Die junge Frau trat ein, begab sich auf die Seite ihres Mannes und sagte: »Aloys, ich brauche das nicht als mein volles Teil zu erachten. Das klebt einem an wie 'ne unreine Sache. Ich bin doch auch nicht von heute und gestern, sozusagen nicht als malproperes Gelumpe vom Spülstein gefallen. Ich als Marienkind kann Ansprüche erheben. Schwarz auf weiß will ich das vorzeigen. Vom Herrn Pastor unterfertigt. Aber es scheint, ich stehe euch beiden nicht an. Ihr wollt mich loswerden. Immer dieses Stoßen und Drängen. Dieses Nörgeln und Bohren. Lieber Mäuse fangen und angestockte Erbsen auslesen, als solches noch länger über sich reden zu lassen. Ihr sucht Ruhe im Hause. So meint ihr. Ich habe gar nichts dagegen, und so denke ich denn, ich packe meinen Kram und mein Eingebrachtes zusammen, um wieder fort zu machen.« »Du hast wohl auf Werda-Posten gestanden?« versetzte die Alte. »Na, so was! Das brauchte ich nicht. Da war überhaupt kein Ausspekulieren dabei, denn das konnte man hören, als hätte der Polizeisergeant es ausgeschellt und lauthals gerufen.« »Du bleibst,« sagte Aloys mit fester Betonung, »denn wir zwei sind gesegnet im Herrn.« Er legte ihr den Arm um die Taille. »Was Gott vereinigt, das sollen die Menschen nicht trennen; darin hat sich keiner zu mischen, denn seine Gesetze bestehen für ewiglich. Komm nur, Hendrintje. Wir müssen uns einrichten,« und immer enger zog er sie an sich. Einen langen und hilfesuchenden Blick warf er auf die ›Nachfolge Christi‹, als bäte er das mißhandelte Buch, ihm zu vergeben. »Ja, laß alles man gut sein.« »Wie du meinst,« sagte die Staatse und zeigte ihre blanken und gesunden Zähne, »obgleich ich nochmals feststelle: 'ne richtig gehende Frau ist nicht wie 'ne Zentifolie vor 'nem Edelmannspavillon. So eine amüsiert bloß die Menschen von wegen ihres modischen Aussehens. Die duftet nur und hat 'nen angenehmen Atem zu vergeben, ohne Früchte zu tragen. Aber so'n Obstbaum, so'n ranker und gepflegter, der alljährlich seine vollgemessene Portion Äpfel abwirft, fest und kernig, ohne 'nen ekligen Kitsch drin, meintswegen 'ne späte Kalville oder 'ne graue Reinette mit kurzen Stielen und rundbemessenen Backen, so was erfreut die Herzen von allen, die davon 'ne nachweisliche Ahnung besitzen. Und wie das mit die Zentifolien und die Obstbäume ist, so ist das genau so mit die verschiedenen Frauenspersonen. Aber wenn sie dir recht ist, ich meine Hendrintje« – und sie raffte herrisch Strumpf und Stricknadeln zusammen – »dann natürlich, dann habe ich weiter gar nichts zu sagen. Bloß das noch, bloß das mit dem Besenstern, hingesetzt und festgelegt, um Gottes Willen und Strafe unter die Menschen zu tragen.« Sie hob sich in ihrem mageren und ausgemergelten Körper. »Ihr denkt wohl, der schiebt ab, ohne sich groß um uns Würmer zu kümmern. O ihr Armen im Geiste! Gewißlich, er reist immer weiter den geöffneten Toren des neuen Jerusalems zu, aber sein Zweck und seine Bewandtnis sind auf dieser Erde geblieben, um wahr zu machen, was die göttliche Botschaft verkündet. Der fährt den lässigen und üppigen Weibsbildern unter die Röcke, daß ihnen die Brunst genommen wird, wie sie den brünstigen Kamelinnen genommen wird in der heidnischen Wüste.« Hierauf langte sie nach ihrem Krückstock. Erhobenen Hauptes verließ sie die Werkstätte. Aloys sah ihr nach, als habe er für immer die Mutter und die Mutterliebe verloren. Seine schmalteblauen Augen, die nach innen zu blicken schienen, gingen ihr nach. Ein Herbes und Bitteres stieg in ihm auf. Kaum vermochte er ein Schluchzen zu verheimlichen. »Das war häßlich,« sagte er still für sich hin. Große Tränen liefen ihm über die Wangen, über das hagere Kaplansgesichtlein aus der tiefsten Schneeeifel, wo selbst die harten und eigenwilligen Fichtenbäumchen enger zusammenrücken, um doch ein bißchen, wenn auch nur ein ganz kleines Tiftelchen von Wärme zu finden. Dabei bewegte er die Lippen, als wenn er noch irgend etwas zu sagen hatte. Allein der papierene Aloys hatte nichts mehr zu sagen. Er beanspruchte für sich die Rolle des heimgesuchten Mannes im Lande Uz. Er sprach nicht wie dieser, aber er dachte wie dieser: »Nackt bin ich aus dem Leibe meiner Mutter erschienen. Nackt werde ich zur Erde wiederkehren. Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen. Wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen. Der Name des Herrn sei gebenedeit.« Der Kanarienvogel im Nebenzimmer hub aufs neue an, seine anmutige Weise aufzunehmen und weiter zu spinnen. Da aber drehte Aloys seinen Hals aus dem Kragen heraus, wie den einer Krähenscharbe, wischte sich über die Augen und sagte: »Wir verstehen das nicht und begreifen das nicht. Was die Mutter nur mit dem Besenstern wollte?!« »Und das mit der brünstigen Kamelin in der heidnischen Wüste! Bei Gott! ich verlange ja nicht, als Dame estimiert zu werden. Aber mich auf den Altenteil der nichtsnutzigen Weiber setzen zu lassen, die dem lieben Gott das Licht fortstehlen oder nach andermanns Federposen vigilieren, hat niemals in meinem Katechismus gestanden.« Die junge Frau wimmerte auf. »Ach – du ...!« Ihr voller und doch geschmeidiger Leib strebte ihm entgegen. Die Brust stürmte. Mit jähem Schrei warf sie sich an ihn, schlang ihre Arme um seinen Nacken: »Ja, was die Mutter nur hatte, mich so auszuklinken, mich für'n hergelaufenes Freiwild zu halten, wo ich doch allzeit nach Lauge und properer Wäsche rieche und immer drauf halte, mich dir so bekömmlich wie nur möglich zu geben?! Das ist doch die Höhe!« und sie weinte bitterlich. Mir wollte das Herz auseinander. Zögernd kam ich aus meiner Ecke heraus, in die ich mich vor eitel Weh und Fürchten hineingedrückt hatte. Mit Tränen in der Stimme nahm ich die Hand meines Freundes und sagte: »Das mit dem Besenstern und das mit der Kamelin in der Wüste, das stimmt nicht. Das verhält sich ganz anders.« »Wie kommst du darauf?« »Das sagte mein Vater.« »Und was meinte er denn?« »Ja,« fing ich an, »da lebte mal ein großmächtiger Sultan. Der war eitel Pracht und Leuchten und Scheinen ... und wohnte in Bagdad ... und nannte sich Harun al-Raschid.« »So?!« Hendrintje wandte den Kopf. Sacht hatte sie sich aus den umstrickenden Armen gelöst. Die nußbraunen Augen, die mir wie dunkler Samt erschienen, ruhten auf mir, als müßten sie mir etwas Liebes und Gutes von den Lippen nehmen. »Ja,« sprach ich weiter, »dieser Kalif nun ritt von morgens bis abends auf seinem milchweißen Pferd, um nach dem Wohlbefinden seiner Untertanen zu sehen. Und weil er so gut und erhaben war, so versetzten sie ihn, als er die letzte Ölung empfing und sich ein Sterbehemd anziehen mußte, unter das Himmelreich, als 'ne Bekundung dafür: es gibt doch noch gerechte Emirs und Könige auf dieser Erde. Da fliegt er nun herum mit seinem goldgestickten Turban, bald diesseits, bald jenseits der Sterne ... herrlich anzusehen ... und zieht einen langen, silberstreifigen Reiherbusch hinter sich her ... und ist bloß der Sultan Harun al-Raschid aus Bagdad ... und hat gar nichts mit 'ner Kamelin oder so was zu schaffen. Und was Oma gesagt hat ...« »Ach du ...!« jauchzte die Erlöste auf, »wie lieb und klug du bist, wie schön dein Vater solches erzählt hat!« und sie hob mich auf, drückte mich an sich und preßte mir einen langen Kuß auf die Stirne. Durch ihre leichte Bluse hindurch fühlte ich ihren starken Leib, ihr heißes Blut und alles das, was ein stolzes und herbes Weib an sich hat, die Sinne glücklich zu machen. Der Papierene aber nahm die ›Nachfolge Christi‹, streichelte das Buch mit linder Hand, lächelte bittersüß und sagte: »Seliger und lieber Thomas von Kempen, vergib mir, vergib mir um der Barmherzigkeit wegen!« Der Andreasberger sang dazu seine köstlichste Strophe. Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr, so kraus und wirbelsüchtig lief es mir über die Nieren. Aber ich weiß noch, daß ich mich in die Büroräumlichkeiten meines Vaters begab, woselbst die Sekretäre an schwarzen Pulten saßen, eifrigst dabei, schnurgerade Zeilen über blütenweiße Kanzleibogen zu kritzeln, daß ich einer gewissen Ecke zusteuerte, um hier entwertete Stempeloblaten und Freimarken aus den Papierkörben zu angeln. Das feine Ziehen und Psalmodieren der Federn beruhigte meine Sinne. Eifrigst raschelte ich in den abgelegten Kuverts und Schnipseln herum. »Pst, pst!« mahnte der Bürovorsteher, ein würdiger Herr mit Ärmelstauchen und Haaren wie weißer Adlerflaum, als wäre ihm eine Schneehaube über Kopf und Ohren gestriegelt. »Pst, nicht so laut!« sagte er freundlich und deutete mit seinem Gänsekiel auf das Kabinett meines Vaters, dessen offenstehende Türe freien Einblick gewährte. »Hierneben wird gerade 'ne wichtige Urkunde getätigt. Testament oder so. Ich bitte, ich bitte. Quod notamus lex est.« Ich hielt den Atem an. Geraume Zeit hindurch vernahm ich ein gedämpftes und gleichmäßiges Vorlesen. Dann wurde die Stimme lauter und eindringlicher. Es war die meines Vaters. Deutlich klang es mir zu: »So geschehen in der Amtsstube des instrumentierenden Notars und am Tage wie eingangs gemeldet.« Er legte die Feder beiseite und sah über das Schriftstück seinen Klienten an. »Ist das so richtig?« fragte er mit weicher Betonung. »Jawoll! Ganz richtig. Es stimmt auf den Knopp,« erwiderte einer überbrüstig aus seinen steifen Vatermördern heraus. »Wie ich mir das ausspekuliert habe, so ist das Testamentum nu niedergelegt worden, freiweg und wie auf 'ner blanken Chaussee, denn ich sage mir immer: Haus und Hof, Horn und Huf, Ochs und Esel und alles, was sich in der Familie befindet, muß auch in der Familie dauern. So, Herr Notar, kann der bäuerliche Besitz nur im Flotten und in floribus bleiben, und wenn der Herr Pastor auch diesentwegen lamentiert, daß ihm hierdurch die fette Niederungsparzelle am Kalvarienberg aus den Fingern gespielt wird, ich kann's nicht ändern, denn jedermann ist sich selber der nächste, sozusagen sein eigener Vormund und Sachwalter. Fromme Versprechungen und Anweisungen auf die Ewigkeit habe ich niemals in besondere Beachtung genommen. Rosenkranzlitaneien, dito Schenkungen für Kirche, Küster und Seelenmessen tun es allein nicht. Auch ohne selbiges hoffe ich selig zu werden. Erst ein rundes Testament auf Leben und Sterben, dann erst das andere: 'n kurzes Gebet und 'ne ausgewachsene Mettwurst. Punktum! Es soll so bleiben. Ich bin zufrieden mit dem, was Sie aufgesetzt haben.« »Dann bitte ich darum, unterschreiben zu wollen.« »Soll geschehn, Herr Notar,« und der Testator malte mit steilen, widerborstigen Buchstaben sein »Jakob Naaths, Gutsbesitzer auf dem Entenbusch, gelegen in der Wisselward« unter die Urkunde. Die beiden Zeugen Heinrich Hübbers und Gert Liffers taten ein gleiches und entfernten sich dann, nachdem ihnen der großspurige Niederungsbauer noch einen harten, blanken Speziestaler in die Hand gedrückt hatte. Der würdige Herr zog hierauf ein buntgewürfeltes Nastuch aus seinem flohbraunen Rock und schnäuzte hinein, als gölte es, eine helle und laute Fanfare zu blasen. »So, Herr Notar, der Aktus wäre jetzt fertig, und wenn Sie nichts dagegen haben, dann käme ich vor Tores Schluß mit so 'ner kleinen Bitte gehumpelt. Nichts für ungut, aber würden Sie mir wohl die große Ehre erweisen, mich so'n bißchen expektorieren zu lassen?« Seine Kulpsaugen stülpten sich vor. Das kupferige Gesicht strahlte, und selbstgefällig fuhr er sich durch den ergrauten Quäkerbart, der sich wie ein steifer Taukranz von Ohrläppchen zu Ohrläppchen hinzog. »Nu, Herr Notar, würden Sie meiner Bitte entsprechen?« »Wenn's in meinen Kräften steht – gerne,« sagte mein Vater und legte die getätigte Urkunde beiseite. »Na denn ...« mit diesen Worten holte der vierschrötige Herr sein Anliegen gediegen und tief aus der Beiderwandweste, wobei sein Burgundergesicht gönnerhaft aufleuchtete. »Wenn Sie's nicht übelnehmen, so möchte ich mir gestatten, folgenden Vorschlag zu machen, bloß so propter la tant und sonder Verbindlichkeiten. Sie, Herr Notar, haben ja wohl so'n auserwähltes Stück von 'nem kapitalen Jungen im Hause; ich desgleichen dito ein piekfeines, extraordinäres Lämmelböckchen im Stalle, Heidschnucke mit Merinoeinschlag. Ich sage man bloß: auch'n kapitales Stück von 'nem prächtigen Tierchen, und das möchte ich gern dem Bengel als Präsent offerieren.« Damit erhob er sich in seiner Breite und Selbstgefälligkeit und legte erwartungsvoll die Hände auf den Rücken. »Einverstanden,« versetzte mein Vater. »Der Junge wird sich freuen, denn so was ist für ihn nicht alle Tage zu haben, und wenn nun auch mir ein Wörtchen erlaubt ist, Herr Raaths, so möchte ich fragen: Wann soll das Böckchen abgeholt werden?« Der generöse Spender dachte nach. »Ja so!« meinte er schließlich, »wenn's paßt: morgen zwischen neune und zehne.« »Gut! ich schicke also den Schlingel, und Heinrich Hübbers soll mitgehen.« Mein Herz pupperte auf. Neben mir griemelte der Bürovorsteher vergnügt vor sich hin, ohne dabei von seinem gestempelten Aktenbogen aufzusehen; desgleichen der erste Sekretär, desgleichen der zweite. Auch der kleine Rollenabschreiber, im gewöhnlichen Leben ›Schittbox‹ geheißen, der Sohn der emeritierten ›Schittbox‹, die unter dem heimgegangenen Notarius Lenz ihre büroliche Laufbahn begann und beendete – ein Kerlchen mit lusen Ohren und spitzem Muffelgesichtchen, kicherte los, spießte eine langsam dahinwandelnde Fliege auf seinen Gänsekiel und flüsterte mir zu: »Fein das! ich möchte auch so 'nen Lämmelbock haben.« Mein Vater fuhr fort: »Es paßt sich auch gerade; die Jungen haben morgen ›hitzfrei‹, Beneficium caloris , wie es die Lateiner benennen.« »Abgemacht und Sand auf den Schriftsatz,« lachte Jakob Raaths aus dem Entenbusch, hielt noch meinem Vater die Hand hin und zog dann breitbeinig dem ›Waldkarnickel‹ zu, woselbst er ausgespannt hatte, schlug auf den Wirtstisch, wie ich später erfuhr, und ließ sich eine Bouteille ›Langkork‹ aufstöpseln, um, wie er sagte, den heutigen Tag honorig zu begehen, dazu der hohen Freude Ausdruck zu geben, sein Hab und Eigen auf Leben und Sterben gesichert und dem Pastor von Sankt Nikolai mit der fetten und mulmigen Ackerpalzelle am Kalvarienberg ein Schnippchen geschlagen zu haben. » A votre santé !« rief er die Spießbürger an, die an den Nebentischen saßen, kannegießerten oder sich bei einem mageren Gläschen Dünnbier auf eine angenehme Weise die Vesperstunde vertrieben. »Achtung! der vom Entenbusch hat Mist an den Füßen, gediegenen Stallmist, und wo Mistus, da buttert's! Prosit, Mynheers! Heda, Wirtschaft! den Herren drei Bouteillen Rotspon, aber vom besten!« »Merci, Herr Raaths!« »Hier ist gar nichts zu danken. Es ist gerne und mit Andacht gegeben. A votre santé !« »Merci und abermals merci!« Bald darauf karriolte er wieder in seinem blaulackierten und lustigen Schäschen, in dessen Gabeldeichsel ein gediegener Percheron trabte, aus der kleinen niederrheinischen Stadt, fuhr den mit stocksteifen Pappeln bordierten Kommunalweg entlang, an der Ziegelei und der großen Mergelgrube vorüber, dem eine gute Meile entfernt gelegenen Rhein zu, wo sich sein nicht unbeträchtliches Anwesen unmittelbar an die breitausholende Deichflanke lehnte: der reiche Besitz, bestellt mit Scheunen und Remisen, Äckern und Wiesen, überschaukelt von einem kräftigen Brotgeruch und dem urgesunden Arom aus den langgestreckten Hürden und Schafställen. Gott segne den braven Jakob Raaths aus dem Entenbusch! Ich war rein vor den Kopf geschlagen, taumelselig, von himmelanstrebenden Erwartungen in einen brausenden Tobel geworfen und konnte vor eitel Herzensfreude kaum den andern Morgen erwarten. Dazu noch die überwältigende und köstliche Aussicht: Heinrich Hübbers soll mitgehn – Heinrich Hübbers, dieser schleppsäbelführende Nachtwächter, dieser Inhaber eines fünfundzwanzigpfündigen Leibrockes mit zinnernen Knöpfen, der Träger einer echten Otterfellmütze! O Gott, o Gott, o Gott! Das war zu viel des Guten, zu viel des Glücks in einer und derselben Kasserolle zusammengemengselt. Wie ein Heupferdchen geigte ich meinen überirdischen Zustand in den Abend hinein, über meinen abendlichen Hirsebrei mit Kandiszucker hinaus und war noch am Geigen, als bereits die Sterne wie seine Nadelspitzen aus dem blauen Kattun des Firmamentes hervorstichelten. Großartig und über alles Erwarten! und noch im Schlafe traten mir Jakob Raaths, der geschenkte Hammelbock und Heinrich Hübbers vor die erregten Sinne. Ich wurde sie nicht mehr los. Sie verkörperten sich. Immer schöner und verklärter sahen sie in meine Traumwelt hinein. Schließlich trugen alle für mich einen Heiligenschein: Jakob Raaths aus dem Entenbusch, Heinrich Hübbers, auch das Lämmelböckchen. Es thronte zwischen den Wolken mit einem goldenen Vlies, mit einem leuchtenden Fähnchen. Und alle winkten mir aus ihrer Gloriole heraus und riefen mir zu: »Also bis morgen!«   Fünftes Kapitel Die lieben Schwalben sind wie Erinnerungen. Sie kommen und gehen. Ich vernehme ihr Wuchteln und Zwitschern, und die Erinnerungen tanzen ihren Ringelreihenrosenkranz und flüstern: »Hier sind wir! Hier sind wir!« und sie schauen mir tief in die Augen. Als das erste Grauen und Aufhellen über die Jalousien streichelte, war mein nächster Gedanke: das Lämmelböckchen. Ich drusselte noch geraume Zeit vor mich hin, dann wurde ich munter. Nicht lange mehr – und Heinrich Hübbers rückte an, völlig komplett und marschbereit. Der Mann kam mir vor wie ein Mann aus der Bibel, gesetzt und berufen, mir die Pfade des Heils zu ebnen. Also los denn dafür! Mit guten Ermahnungen im Sack ließ ich Vater und Mutter, die Traben-Trabacher Marie und das Haus ›Zu den sieben Linden‹. Ich winkte ihnen zu, als gölte es, eine Pilgerreise in das gelobte Land zu machen, wo die Schafe auf dem Berge Gileat blöken und die Rosen von Saron so purpurrot blühen wie das vergossene Blut des Erlösers auf Golgatha. Eine pontakfarbige, eben erst aufgewachte Augustsonne, mit einem Mantel voll violetten Duftes umnebelt, lag ob den taufrischen Wiesen, als wir in den jungen Morgen hineinzogen. Immer kleiner wurden die Häuser, die wir hinter uns ließen, immer freier, sichtiger und lichtfroher gaben sich die Fernen, in die wir hineinmarschierten. Aus den kanadischen Pappeln, die mit der Kommunalstraße liefen, wehte uns ein frisches Säuseln entgegen, aber so kühl es auch war, so freundlich es auch die klingenden Glöckchen der uns begleitenden Haferschläge auseinanderscheitelte, der unheimliche Moloch am fernen Horizont lag breitbäuchig am Boden, kletterte höher und höher, stündlich bereit, uns eine brütende Hitze auf die Köpfe zu brennen. Ich hatte dessen nicht acht, freute mich vielmehr des fünfundzwanzigpfündigen Leibrockes, dieser himmelblauen Schneideridee, die wie ein animierender Farbenklecks in die weite Landschaft hineinknallte. Nein, war das ein pläsierliches Reisen und Wandern! Und das köstliche Endziel erst! Der großartige Niederungsbauer vom Entenbusch ... sein pompöses Anerbieten ... Lämmelböckchen und Seligkeiten ...! Heinrich Hübbers jedoch schien anderen Sinnes. Bekümmerten Herzens sah er häufig auf das siegreiche Tagesgestirn. »Gottverdomie nochmal!« sagte er kleinlaut und wischte sich dabei die ersten Schweißtropfen von der Stirne herunter, »wenn das da noch höher heraufkommt, noch so'n bißchen mehr Odem empfängt, ich sage dir, Junge, dann setzen wir Öl ab, Provencer- und Rüböl. Das dröppelt uns denn so pieplings den Hosenboden herunter. Aber was hilft das? Vorwärts, Jupp! wenn wir auch als die delikateste Butter zerlaufen. Vor Mittag müssen wir wieder retour sein, sonst kleben wir an und schleppen die Zunge achter uns her.« Rüstig schritten wir weiter, ich mit kurzen Beinchen, in einem schön aufgebügelten Nankingjackett, er in seinem stahlblauen Düffelpanzer, mit gestoppeltem Kinn, die Otterfellmütze tief in den Nacken geschoben, einen geschälten Hagedorn in der Hand, mit dem er zierliche und blitzgeschwinde Rädchen schlug, so daß die Luft aufsummelte, als sollte unser heiteres, wenn auch mühseliges Tagewerk in einem Bienenstaate einsetzen. Dabei erzählte er mir die Lebens-, Freuden- und Leidensgeschichte seines ›Getreuen‹, wie er die französischen Halunken- und Spitzbubenzeiten, die glorreichen Freiheitskriege mitgemacht, den Marschall ›Vorwärts‹ gesehen habe und es ihm letzten Endes vergönnt worden sei, die jetzige pummelige, Kinder in die Welt setzende, herzensgute Frau Hübbers, Petronella, geborene Hendriks, in seine blauen Ärmel zu schließen, um hierdurch eines vollgemessenen irdischen Glückes teilhaftig zu werden. »Und so wahr ich hier stehe, so wahr ich mich Heinrich Hübbers unterfertige,« mit diesen Worten beschloß mein Gönner seine interessanten Mitteilungen, »acht Würmer hat er erlebt, acht leibhaftige Kinder, und wenn der Himmel es will, wird er so um Lichtmeß herum mit dem neunten zum heiligen Taufkessel marschieren. Auch eine Leistung! Und wie das so ist: viele Kinder – viele Vaterunser, viele Vaterunser – viele Schnitten Roggen- und Weißbröter! Jupp, es hat uns noch nicht schlecht gegangen im Leben! Wir machen's!« und mit einer lustigen Schelmerei um die Mundecken, exekutierte er einen surrenden Lufthieb, deutete fidel in die Richtung, wo ungefähr der Entenbusch liegen mochte, und sagte: »Wir machen's!« und klopfte mit der Linken forsch auf den dickmaschigen Düffel. »Unter jeder Bedingung. Schlankweg und mit allen Schikanen. Auch das mit dem Hammel. Wenn bloß nur die niederträchtige Sonne nicht wäre!« Er seufzte. Mit gekniffelten Augen blinzelte er wieder nach oben. Aber sie war nun mal da, ließ sich nicht fortwischen und fand ein niederträchtiges Spezialvergnügen darin, Feuer und Lohe über die Erde zu gießen. Mit ihrem Höhersteigen verließen wir die chaussierte Straße, bogen nach rechts ein und wiewackten jetzt an Wehren und Schleusenwerken vorbei, durch unabsehbare Wiesen und Weiden, die sich über Till und Huisberden hin bis nach Holland erstreckten. Da lag sie nun vor uns – die niederrheinische Ebene. Die hohen Gräser nickten in einer leichten Brise. Zeitweilig tat sich ein grauer Pfahl auf, der aber Beine bekam, schnellfüßige Läufe, um auf diesen als Meister Löffelmann weiterzupurzeln. Lange Nebelstreifen lagerten auf den kreisrunden Kolken, drehten sich jedoch behutsam dem Binnenlande zu, wo sie fahrig und in zierlichen Spiralen verstrahnten. Wasserjungfern rasten in tollem Zickzack vorüber oder hingen wie blaugrüne Nadeln in der Luft, großköpfig, mit glashellen Flügeln, jeden Augenblick bereit, gleich blitzschnellen Gedanken und Einfällen vorwärtszuschießen. Irgendwo wurde eine Sense gedengelt. Die erste Glocke hallte herüber. Unter ihrem Geläut ging Gottes heilige Morgenfrühe über die Erde. Bald darauf kam eine Mühle in Sicht, eine historische Mühle, denn sie hatte schon vor vielen, vielen Jahren des großen Königs großen Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz gesehen, wie dieser als kleiner und wagemutiger Bursche sein Rößlein tummelte, mit Einsetzung seines jungen Lebens ihre Sauseflügel durchsprengte, leuchtenden Auges, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, bis er endlich so weit war, sich den Dreispitz über die gepuderte Zopfperücke zu stülpen, sein Pfeischen in die Lüfte zu werfen und mit eingelegten Sporen den Franzosen und anderen Reichsbedrängern das Leder zu gerben. »Jupp, Reverenz!« sagte Hübbers und salutierte mit seinem Geschalten. »Achtung, Friedrich Wilhelm von Seydlitz! Hier ist heiliger Boden, heiliger, preußischer Boden! Hier können die Demokraten was lernen, denn ohne Seydlitz und den preußischen König wären wir all miteinander vor die Hunde gegangen. Kotz den Donner, da garantiere ich für, und das muß anerkannt werden!« und respektvoll grüßte er mit seiner Otterfellmütze nach der Mühle, die gemächlich mit ihren Segeln schlappte, mit stoischer Ruhe ihre gravitätischen Arme bewegte. Hei noch mal! das war ja die Höfkenssche Mühle, dem Vater meines Freundes Jan Höfkens sein wahrhaftiges und liegendes Eigen! Meine Brust schlug höher, denn abgesehen von kleinen Dämlichkeiten und Alfanzereien, die wir gemeinsam mit Peter Hartjes und Henn Pierentrecker begingen, hatten wir eine unerschütterliche Liebhaberei für Kropftauben, nur mit dem Unterschied, daß Jan sie in Wirklichkeit besaß, ich sie jedoch höchstens aus der Ferne bewundern und ihnen nachpfeifen durfte. Und jetzt, wo wir gerade die Mühle passierten, stolzierten sie wieder auf dem knallroten Ziegeldache des Wohnhauses herum, blähten sich auf und ließen ihre prachtigen Kröpfe und Flügeldecken in allen Farben des Regenbogens aufschillern. Melodisch tönte ihr sanftes Rucksen und Rokuzen durch den friedlichen Morgen. Herrlich und nicht auszudenken diese Besitztitel! Aber zwischen Haben und Nichthaben liegt ein unüberbrückbares Hindernis, steht ein entsetzliches ›Bis hierher und nicht weiter‹ geschrieben. Unwillkürlich mußte ich an die Christenlehre denken, in der uns der gestrenge und nörgelnde Klemens van Bebber die Bibelstelle zitierte: »Und Moses ging von den Gefilden der Moabiter auf den Berg Nebo, auf die Spitze des Gebirges Pisga, gegen Jericho über. Und der Herr zeigte ihm das ganze Land Naphtali, Ephraim und Manasse und Juda bis an das äußerste Meer. Und er zeigte ihm Jericho, die Palmenstadt, und sprach: Dies ist das Reich, das ich Abraham, Isaak und Jakob zugeschworen habe, indem ich sagte: Deinen Nachkommen will ich es geben. Du selber nun hast es mit eigenen Augen gesehen; aber hineinkommen wirst du nicht. Du sollst es nicht haben.« – Herrgott noch mal! ich kam mir vor wie Moses auf dem Pisgagebirge, und der Neid wandelte mich an, ein giftgrüner Neid auf Jan Höfkens, von wegen seiner ausbündigen Kröpfer, die mir unerreichbar erschienen, unerreichbar wie die jüdischen Gefilde und das heitere Saron mit seinen duftenden Zentifolien. Nein, das waren ja auserwählte Tierchen! – und allen Mutterwitzes bar, zogen Heinrich Hübbers und ich an diesem unerschwinglichen Taubenwunder vorüber, schon etwas schleppenden Fußes und jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Bald darauf kam der Rheindeich in Sicht, hinter dem die schwarzen Straußenfedern der zu Berg und Tal gehenden Steamer auftauchten, dann, nach einem halbstündigen Marsch, erschien ein Komplex von Häusern, Stallen und Scheunen tief in der Niederung: das Gehöft im Entenbusch, das ersehnte Ziel unserer Reise ... und wäre ich in damaliger Zeit in Xenophons ›Anabasis‹ bewandert gewesen, hätte sich das Anwesen des stiernackigen Grundbesitzers mit seinen Wiesen und Triften, seinen Äckern und Hutungen in das unermeßliche Salzmeer des göttlichen Poseidon verwandelt, ich hätte mit Nenophons schier verdursteten Söldnern gerufen: »Thalatta, Thalatta!« Da aber diese zwei Voraussetzungen fehlten, unterblieb der zündende Jauchzer, und als ganz gewöhnliche Wandersleute, nüchtern und wegemüde, klopften wir an die gastliche Pforte. Das heißt, wir brauchten gar nicht anzuklopfen, denn in seiner opulenten Herrlichkeit und geberischen Würde, im leinenen Rock, eine schwergoldene Uhrkette auf dem stattlichen Bäuchlein, kräftig genug, einen störrischen Bullen an die Raufe zu legen, trat uns bereits Herr Jakob Raaths auf seiner eigenen Schwelle entgegen. Donnerknispel noch eins, der Mann imponierte! »Buschur!« sagte er herzhaft, fast überbrüstig, und wieherte dabei so prahlerisch, daß davon die Türpfosten bebten und die Fensterscheiben des Oberlichtes in ein gelindes Klirren gerieten. Kurzum, der Großgrundbesitzer war trefflich bei Laune, fühlte sich ordentlich in seiner Eigenschaft als Hammelspendierer, riß einen saftigen niederrheinischen Bauernwitz über den andern und führte uns dann in sein ökonomisches Reich, wie er sagte, an Dungpyramiden und Schweinekofen vorüber, bis wir zu den weitläuftigen Schafställen gelangten, die uns mit ihrem aufdringlichen Odör nach Ammoniak, Hammelvliesen und Bockmist schon aus der Ferne entgegengeduftet hatten. Gott nein, dieses piekfeine Stänkern! Mit besagtem Odör war meine unermeßliche Sehnsucht zum Klöpfer wesentlich abgekühlt, die zum Lämmelböckchen dagegen in eine ordentliche Siedehitze geraten, denn es blieb ein überwältigender Anblick für mich, so aus heiterem Himmel herunter siebenhundert, sage und schreibe siebenhundert, durch Hürden getrennte Woll-, Hörn- und Euterträger urplötzlich vor Augen zu haben. In geballten Gruppen lagen die Mutterschafe zusammen, daneben die Lämmer und seitlich davon, gesondert von den Widdern, die verschnittenen Herren, die ausrangierten Paschas, wahrend ein einzelnes milchweißes Tierchen, gleich beim Eingang angeseilt, sofort meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Herrgott nicht! das war er, da stand ja der Hammel! Ich erschauerte, und dieses Erschauern mußte meinem biederen Gönner wohl aufgefallen sein, denn mit dem fidelsten Gesicht von der Welt polterte seine speckige Stimme über mich hinweg und fragte: »Na, kleiner Notariatssprößling, wie gefällt dir das Kerlchen?« Hübbers nickte mir zu. »Ganz ausgezeichnet, Herr Raaths,« stotterte ich denn auch aus meiner tiefsten Erregung heraus, »eigentlich über alles Erwarten.« Ja, ich verstieg mich sogar zu der kühnen Behauptung: »Wie'n Lamm Gottes am Prozessionstage, Herr Raaths!« um doch etwas Gediegenes, Anerkennendes, Schönes und Liebenswürdiges zu sagen. »Ich bedank' mich auch vielmals!« und damit langte ich auch schon die mitgeführte Leine aus der Tasche heraus, um die umständlichen Präliminarien eines sofortigen Transportes kunstgerecht in die Wege zu leiten. Allein das ging nicht so einfach, denn der Herr aus dem Entenbusch, in diesem erhabenen Augenblick so spendabel wie ein wohlgenährter Kantinenwirt, legte mir salbungsvoll seine rechte Hand auf die Schulter und meinte: »Was, schon nach Hause?! Ohne Trocken und Naß zu besitzen, wieder retour und in die infamige Hitze hinein?! Gibt's nicht. Unter keiner Bedingung. Ausgeschlossen, mein Junge! Wer auf den Entenbusch kommt, wird regaliert und wie'n König behandelt. Ist das erledigt, kann er meinetwegen den Weg unter die Füße nehmen. Bis dahin aber ... erst wird gefuttert. Geschäft und Krippe stehen hierorts dicht beieinander. So 'ne Hammelgeschichte muß 'ne gehörige Grundlage haben. In zwei Stunden wird zu Mittag gegessen. Basta!« und sein befreiendes Lachen knallte wie Flintenschüsse durch die langen Stallgassen, daß die Schafe sich stumpfsinnig anglotzten und ängstlich zusammendrängten. Ach, und mein Lämmchen?! Es sah mich an, als wenn es andeuten wollte: »Tu's nur, mein Junge.« Hübbers glaubte jedoch, mit Rücksicht auf die zu erwartende Mittagshitze, Einspruch erheben zu müssen, äußerte auch dieserhalb seine schwerwiegenden Bedenken, fügte sich aber, als ihm klargemacht wurde, daß wir mit 'nem doppelt angesetzten Kaffee, 'nem extraordinären Korinthenweck und etlichen Speck- und Zwiebelpfannekuchen regaliert werden sollten. Vornehmlich die Speckpfannekuchen mit gebratenen Zwiebeln – diese in Aussicht gestellte großzügige Futter- und Freßorgie wirkte auf ihn ein wie Anissamen auf flüchtige Tauben. Mit einem energischen Ruck schob er denn auch seine kritischen Tastorgane beiseite, legte dem unheimlichen Tagesgestirn, seinem Glumsen und Glosen, dem staubigen Heimweg und allen Schweißtropfen, die er noch zu vergießen wähnte, keine große Bedeutung mehr bei, schmunzelte mit dem Schmunzeln der geladenen Gaste des reichen Prassers und sagte in einem schönen, tremulierenden Falsett, das wie eine muntere Schwalbe durch die Schafställe revierte: »Jupp, um deinetwegen – also wollen wir bleiben, und Ihnen, Herr Raaths, meinen gehorsamsten Ausdruck, dazu meine ergebenste Meinung,« und er drückte die Hand dieses Biedermannes mit einem so innigen und treuherzigen Gehabe, als wäre mit dem heutigen Tage ein Bund auf Leben und Sterben unter Siegel gebracht und vereinbart worden. Aber Herr Raaths winkte ab. »Keine Mouvements, mein lieber Herr Hübbers, ich kann meine Kronentaler für meine Person nicht ganz solo-alleine knappen. Sie sind für jedermann, der im Kamisol keinen Raum hat für Revoluzergeschichten und ähnliche Matzchen. Wir haben's, und was wir haben, wird gerne gegeben.« Na, das war denn ein Wort, und keine zwei Stunden vergingen, da saßen wir schon vor vollbesetzten Schüsseln und Assietten, streckten die Beine unter den Tisch, eifrigst dabei, ganze und propere Arbeit zu leisten. Es war ein großes und behagliches Zimmer, in welchem wir die angenehmsten Augenblicke unseres ganzen Daseins verlebten: gediegener Hausrat, niederrheinische Schildereien an den Tapeten, über dem mit schwarzem Wachstuch ausgestatteten Sofa eine gute Lithographie Friedrich Wilhelm von Seydlitz', wie er in der Schlacht bei Roßbach seinen Tonstummel emporschleudert und die feinste Attacke seiner ganzen militärischen Laufbahn befehligt. Schwerebrett noch mal, so was mußte man sehen! »Mein Mann!« konstatierte denn auch Heinrich Hübbers, indem er mit der Gabel auf den größten Reitergeneral aller Zeiten und Völker deutete. »Der meinige dito!« pflichtete der Gastgeber ihm bei, »denn als heimischer Heros und Hierlands geboren, tut er meine totale Estimierung besitzen. Gottverdorie noch mal!« und er schlug auf den Tisch, daß die Teller aufhoppelten, »hier auf dem Entenbusch ist er auch mal gewesen, um mit meinem Großvater selig Schmollis zu trinken.« »Das wäre denn doch!« erstaunte sich Hübbers. »Kann ich beschwören ... und auf die Weiber ist er gewesen ...! Na, ich sage man bloß: Feuer und Fett ist gar nichts dagegen, hallo und hellauf ... und später, als er bereits mit dem alten Fritz auf du und du stand und die Franzosen vertobakte, da schrieb er an meinen nunmehr in Gott ruhenden Großvater: Soeben, vor 'ner guten Stunde vielleicht, hab' ich die Schlacht bei Roßbach gewonnen, 'ne opulente Affäre! denn neben 'ner lorbeerreichen Viktoria, hab' ich noch 'ne Anzahl von Frauenzimmerröcken, Krinolinen, Puderdöschen, Korsetts und piknoblen Damenhöschen erobert. Fein – was?! und damit verbleibe ich mit herzlichen Edelmannsgrüßen Dein alter Freund und Tabakskollege – Friedrich Wilhelm von Seydlitz. Das schrieb er.« »Hm, hm!« sagte Hübbers, erstaunte sich abermals und gabelte weiter. Ein auserwähltes Stück von 'ner Küchenmamsell servierte. Mit rahmweißen Armen und in einer leichten Kattunbluse, in der ihre straffen Halbkugeln als pflaumenweichgekochte und schalenlose Straußeneier vibrierten, präsentierte sie die duftigsten Topf- und Schüsselgerichte. Hübbers schwamm in den angereichten Leckertäten herum wie eine Bachforelle im Sprudelwasser, desgleichen ich, desgleichen der Enkel des bedeutenden Großvaters. Plötzlich legte dieser Gabel und Messer neben sich und stierte auf den nachtwächterlichen Schuster, Zeugen und Inhaber einer frischen und strammen Lebensgefährtin, als käme ihm eine geisterhafte Erscheinung. Mit jeder Sekunde wurde er nachdenklicher. Sein Erstaunen wuchs ins Ungemessene. Er meditierte. Kein Zweifel: er, Herr Jakob Raaths, war von jeher ein tüchtiger Esser gewesen. Selbstverständlich mit Auswahl. Er tat sich auch etwas zugute darauf, seinen begüterten Nachbar, den sogenannten ›Rammsbock‹, mehr denn einmal mit geräucherten Mettwürsten in Sauerkraut unter den Tisch gefuttert zu haben, aber was er hier zu sehen bekam ... Seine Kulpsaugen wurden immer runder und größer, wuchsen zu Schneckenfühlern aus, und sein Verwundern schoß ins Zeug wie ein geiler Salatkopf, als er die nie dagewesene Messer- und Gabelfertigkeit seines geschätzten Gastes bemerkte. Er und sein Nachbar, der ›Rammsbock‹, waren hinsichtlich dieser Schnabulierkunst Waisenknaben, ganz minderwertige Stümper dagegen. Mit der tiefgründigen Andacht der Feueranbeter von Baku, die am Kaspischen Meer auf der Halbinsel Apscheren wohnen, verfolgte er die ausgetragene Leistung dieses Freßmeisters in optima forma . Der fünfundzwanzigpfündige Leibrock schien ein Behälter ohne Boden, das mirakelhafte Faß der Danaiden zu sein. Korinthenwecke, Pfannekuchen, gebratene Zwiebeln, kurz, alles, was Öl und Speck an den Füßen hatte, machte lange Beine und nahm den breiten Pfad des irdischen Fleisches. Das üppige Frauenzimmer in der leichten Kattunbluse nebst den rahmweißen Armen hatte alle Hände voll zu tun, den Ausgleich zwischen abgegrasten und frischgefüllten Tellern zu bewerkstelligen. Mit keuchendem Atem lief sie ab und zu. Machte nichts – Hübbers blieb tätig. Sie nahm den Weg zwischen Küche und Eßzimmer so eilig, daß ihr die fadendünnen Röcke bis über die derben Schenkel wirbelten. Mein Freund ließ sich nicht stören und arbeitete weiter. Auch erübrigte er hinlänglich Zeit, eine Anzahl Kaffeetassen zu leeren und diverse Schnäpse zu interpolieren, als da waren Dornkaat, Ruhrperle und Boonekamp of Magenbitter. Herr Raaths hielt's nicht mehr aus. Sein Erstaunen hatte den Gipfel erklommen. Höher ging's beim besten Willen nicht mehr. »Herr Jeses!« legte er los. »Bei aller Menschenmöglichkeit: wie kriegen Sie diese Leistung nur fertig?!« »Wie Seydlitz! Immer aufs Ganze! Allens wird totaliter niedersporniert!« So der Schuster, und er fingerte den letzten Pfannekuchen von der Assiette herunter. Hierauf legte er Gabel und Messer ab, stülpte die Kaffeetasse auf das Unterschälchen, faltete die Hände darüber und sagte: »Merci und meinen alleruntertänigsten Ausdruck!« Hübbers hatte das Seine geleistet. Die Zeit drängte. Dankerfüllten Herzens nahmen wir Abschied. Von den Segenswünschen und den fetten Lachsalven des gütigen Spenders begleitet, sockten wir ab. Es war die dritte Nachmittagsstunde, die uns gebot, an den Heimweg zu denken. Aber Gott – dieser Wechsel! Ein glühender Backofen, eine tropische Hitze gähnte uns an, als wir uns mit dem angeseilten Lammelböckchen aus dem Zwing und Bann des gastlichen Hofes ins Freie begaben. Fast scheitelrecht stand nunmehr eine unerbittliche Sonne am weißflimmernden Himmel. Erst das kühle, mollige, kirchenfreundliche Zimmer, und jetzt diese infame grelle Beleuchtung! Die Zweige der steifleinenen Pappeln, die sich im Binnenland aufhoben, regten und rührten sich nicht. Kein Blättchen legte sich auf die andere Seite, kein Hälmchen brachte die Überwindung auf, sich in ein sanftes Schaukeln zu setzen. Wie zähflüssiges Blei flutete der Rheinstrom vorüber. Kein Säuseln durchrieselte die schrankenlose Ebene. Selbst die sonst so munteren Heupferdchen hatten ihr Geigen eingestellt; es fiel ihnen nicht ein, sich an ihren halsbrecherischen Akrobatenkunststückchen zu ergötzen. Alles tot, vereinsamt, lechzend, von flirrender Gaze durchsponnen. Nur die großäugigen Rindsbremsen kamen gefahren und suchten ihre Stecher durch die Maschen der himmelblauen Schneideridee, die langsam über die Deichkrone wegkroch, zu drängeln. Die Fernen klavierten mit zittrigen Glutfingerchen herum, als wären sie mit Veitstanz behaftet. Das ganze niederrheinische Land hatte nahezu den Atem verloren. Im Gänsemarsch zogen wir drei stumm unseres Weges: erst das Böckchen, dann Hübbers, dann ich. Wir wanderten in klebrigem Nomadengange dahin, ähnlich den Kameltreibern, die mit ihren langhalsigen Tieren durch die Sandwüste klingeln. Ich hatte bereits Pech an den Schuhen. Hübbers ging schwankend, hielt seine Otterfellmütze zwischen den Fingern und schwitzte wie ein überbeschäftigter Bäckergeselle. Der Vliesträger jedoch schien mir noch immer trefflich bei Laune. So waren wir ungefähr eine kleine halbe Stunde gewallfahrtet, ohne Litaneien und mit hängenden Kirchenfahnen ... da plötzlich: mit dem Ton einer Jerichotrompete, mit dem Ruf einer Schaufare von Sion rumpelte es über die Landschaft, murrend, ausholend, tutend –und doch feierlich und schön wie die Klänge in judaischen Tagen, die zum Synedrium riefen. Ich schreckte unwillkürlich zusammen. Mein Gott! hatten das nun die Speckpfannekuchen mit den gebratenen Zwiebeln verursacht, oder aber wollte da drüben, von jenseits des Stromes ...?! Ich wußte es nicht. Hübbers jedoch drehte sich um. »Jupp,« entschuldigte er sich, »ich glaube, da will ein Gewitter über den Rhein fort. Das haben die Hitzetage so an sich,« und dabei stand nicht das geringste Wölkchen, weder Cirrus noch Cumulonimbus, wie die Wetterkundigen sagen, unter der ehernen Kuppel. »Nein,« versetzte ich kleinlaut, »das kann ich nicht für voll nehmen.« »Dann,« behauptete Hübbers mit apodiktischer Sicherheit, »ist es der Boonekamp of Magenbitter gewesen,« und er humpelte weiter. Bald darauf verließen wir den Rheindeich, wandten uns landeinwärts, um die Wiesen zu erreichen, die uns mit dem schwülen und dunstigen Atem eines Treibhauses empfingen. Jetzt wollte das Böckchen nicht mehr, denn die Hitze war inzwischen unerträglich geworden. Alles Aufmuntern und Zureden fruchtete nimmer. Die Hammelnatur des Kleinen machte sich geltend. Es stand, wo es stand, und warf sich schließlich mit einem kläglichen »Mäh!« in das knochentrockene Gras hin. »Dann geht das nicht anders!« klagte mein Reisegenosse, zog den ›Blauen‹ aus, steckte seinen kräftigen Dorn durch die Schlaufe und präsentierte mir den Fünfundzwanzigpfündigen mit dem stummen Geheiß, ihn weiterzutragen. Er selber nahm den sturen Hammel über die Schultern, schimpfte wie ein Rohrsperling, betätigte aber trotzdem das Werk eines guten Hirten nach besten Kräften und segelte vorwärts; ich hinterher mit dem Ungetüm, das er mir aufgehalst hatte. Keine fünf Minuten vergingen, und abermals ertönte die Jerichotrompete über Wiesen und Altwasser, jedoch mit grimmigen Intervallen dazwischen. »Jupp!« klang es mir zu, aber flügellahm und aus einer diesigen Atmosphäre heraus, »jetzt weiß ich's! Nu habe ich den diesbezüglichen Kasus gefunden: sie schießen auf der Spellner Heide. Ich kenne das aus meinen militärischen Verhältnissen. Obergefreiter und so. Das kommt von Wesel herüber. Da üben sie sich auf den Krieg ein. Es riecht nach Pulver. Ich glaube, Oma hat recht. Ja, das mit dem Besenstern! Das bringt uns Molesten und geschwungene Säbels. Wie das bummert! Da hör' bloß! Herr Jeses, Herr Jeses!« Dieses Mal jedoch ließ ich mich nicht ins Bockshorn jagen, spielte vielmehr den steifnackigen und ungläubigen Thomas. Ich war wissend geworden. Keine Täuschung lag vor. Weder ein Gewitter wollte herauf, noch wurde auf der Spellner Heide bei Wesel geschossen. Die Zwiebeln waren's, lediglich die Speckpfannekuchen mit Zwiebeln! denn ich wußte, daß mein Berater und Gönner zu den musikalischen Nachtwächtern und Schustern gehörte. Nein, dieser Hübbers! »Jupp!« rief er wieder, »nu kommt die eigentliche Rübsen- und Baumölgeschichte! Herr, du mein Christus, diese sibirische Hitze!« Und richtig, so war es. Ganze Strahlengarben und Feuerbündel züngelten unbarmherzig aus der kochgaren Höhe herunter. Konnte es am Toten Meer, wo der brodelnde Asphalt zwischen bituminösen Schlacken die Zunge heraushängen laßt, wohl drückender und benauter sein? Unmöglich! Selbst die Kühe, die bei den Salzlecken ruhten, waren so verdammelt und dösig geworden, daß sie uns kaum noch mit ihren dummen Augen anzuglotzen vermochten. Ich stellte mir die Schweizer Alpen vor, ihre eisigen Firne und Grate, den Chimborasso, den Popokatepetl mit ihren ewigen Schneeregionen, um mir nur ein bißchen Kühle zu verschaffen. Es wollte nicht helfen. Mit dem besten Willen – ich konnte nicht weiter. Meine kleinen Beine versagten. Kurz, ich gab das Rennen auf, bekümmerte mich nicht mehr um den Hammel und Hübbers und warf mich mit dem Fünfundzwanzigpfündigen, dem geschälten Hagedorn und allem, was mein war, zu Boden. Ich lag wie gemäht und blinzelte teilnahmlos durch die durstigen Gräser. Der gute Hirt sah sich um. Mit dem Gesicht eines Feuermannes. »Vorwärts, Jupp! Wir müssen nach Hause.« Ich ließ rufen, was rufen wollte, und gab keine Antwort. Meine Lippen versagten. Keine zehn andalusische Maulesel hätten mich von der Erde gewuchtet. »Gottverdorie noch mal, das ist ja 'ne Heidengeschichte!« Der musikalische Schuster legte seine wollige Fracht ab, machte den Weg zurück und transportierte mich und den ›Blauen‹ bis in die Nähe des dickfelligen Präsentes, wobei er tutete, als sei er gewillt, alle Pappel- und Weidenbäume aus ihren Wurzelstöcken zu blasen. Dazu fluchte er mit dem Ingrimm eines königlich preußischen Zoll- und Steuerbeamten, hieß den Boonekamp of Magenbitter das ruppigste Destillat unter der Sonne, das man brevi manu gegen die Wand pfeffern sollte. Ich schloß mich seinen Verwünschungen an. Unter dem heiligen Gelöbnis, niemals mehr einen geschenkten Hammel vom Entenbusch einzuholen, ging es nunmehr den heimischen Penaten entgegen, aber langsam, immer fein langsam und unter den schwierigen Umständen. Erst wurde das Lämmelböckchen ein Stück Weges befördert, dann kam der Fünfundzwanzigpfündige, dann ich an die Reihe. So vergingen Stunden um Stunden. Die Hitze ließ nach ... ein kühles Lüftchen wehte herauf ... die Gräser raschelten wieder. Ums Abendwerden erreichten wir endlich die Höfkenssche Mühle. Der gute Hirt schimpfte und schwadronierte noch immer. Er verdammte mich, den infamen Hammel und die Speckpfannekuchen mit Zwiebeln. Mit Schrecken und Grauen gedachte ich unserer Leidensstationen, die hinter uns lagen. Jetzt endlich – endlich lächelte uns die ersehnte Ruhe. Unmittelbar am Windmühlenhügel, nicht weit von den Gärten und Gärtchen, die zu den Besitztiteln der kleinen Bürgersleute gehörten, hielten wir die letzte Rast. Wie die Sackträger, mit hochroten Köpfen plumpsten wir am Straßenrain nieder, streckten uns und sahen zu, wie die niederrheinische Sonne langsam am tiefen Horizont verblutete. Die Schwalben hatten aufs neue ihren Flug aufgenommen. Im nahen Wehr gluckerten die Wässerchen, die Heupferdchen gaben sich alle Mühe, den Abend so schön wie nur möglich einzuschläfern. Aber es blieb noch geraume Zeit hell und sichtig auf Erden. Säuselnd bewegten sich die Mühlenflügel: »Susela, dusela!« Die Segelleinen schlappten gegen die Ruten. Der Haus- und Wirtschaftsesel graste in der Nähe. Eine Wiesenralle wurde lebendig. Die Bäume bekamen wieder Seele und Odem. Die Umwelt ließ sich traulich und feingliedrig an. Der Zauber des Niederrheins regte sich in Nähe und Weite. Auf heimeligen Sohlen streifte er durch die friedliche Gegend. »Susela, dusela!« Ah, wie das wohl tat! Mein Freund und Schulkamerad Jan Höfkens hatte uns schon lange beobachtet. Behutsam schnürte er aus seinem Bau. Mit sommersprossigem Gesicht und ausgebauchtem Hosenboden rückte er vor. Endlich war er so weit. »Tag Jupp!« »Tag Jan!« Mit mehlverstaubtem Jakett, die abstehenden Lauscher gespitzt, schlenkerte er sich an meine Seite und besah sich den Hammel, der zufrieden aufmeckerte. Er musterte mit Kennermiene das Schwänzchen, die Wolle, die Kläuchen. »Wohl vom Entenbusch?« fragte er schließlich, aber bloß so von obenhin. »Ja!« versetzte ich glücklich, beseligt, ein ausgemachter Krösus. Er schrumpfelte die Lippen und stieß einen merkwürdigen Laut aus. »Nicht viel dran,« sagte er lurig. »Ich als tierbewandert könnte ihn nicht für prima taxieren. Außerdem täte er stinken.« Dann griff er in die Taschen, die ihm fast bis zu den Kniekehlen hingen, und brachte Wicken und überjährige Erbsen zum Vorschein. Die streute er umständlich vor sich aus und pfiff dazu ganz meisterhaft die Taubenlocke. Mit hellem Knattern kamen gleich darauf seine Kröpfer geflogen,Gummibälle mit zugespitzten Hinterteilen, taten sich nieder, umzirkelten ihn, pickten ihm sogar aus der Hand, blähten sich auf und rucksten und rucksten. Mit begehrlichen Augen sah ich auf die schillernden Tierchen. Meine Nüstern hoben sich. Eine neue Welt lächelte mir zu. Die alte Sehnsucht der Deutschen, das zu besitzen, was sie nicht haben, dem Fremdartigen nachzulaufen, es zu bewundern, ihm Reverenz zu machen und es anzubeten, selbst dann, wenn es auch das Dämlichste wäre – diese alte Sehnsucht regte sich auch in mir. Der semmelhaarige, schlacksige Bengel bekam von diesen Meditationen Wind in die Nase. Eine merkantile Idee ging ihm auf. »Jupp,« sagte er unter verächtlichem Achselzucken, »für 'nen Notarssohn könnte sich so 'n Stänker nicht schicken. Weißt du was: gib mir den Bock, dann tätest du dafür meinen pikfeinen Kröpper empfangen und 'nen Korb noch für gratis dazu.« Dabei hatte er auch schon den stattlichsten Vogel aus der Gesellschaft herausgegriffen und selbigen mir hingehalten. »Da kuck' mal! Ich müßte ihn für den Baas unter meinen Tauben betrachten. Ich täte bloß bis drei zählen, dann aber auch ...« Ich äugelte fragend auf Hübbers. »Ja, nur fort mit dem Vieh!« erwiderte dieser, noch ganz verbiestert durch die Heimsuchungen der Hin- und Rückfahrt, kaum noch der reichlichen Bewirtung, der Schnäpse und Zwiebelpfannekuchen gedenkend. Sein Ärger dominierte, und daher ... »Ja, tu's man, tu's man! Ich rate dir zu. Mir steht der Korinthenverfertiger bis zum Halse.« Da schlug ich ein, und als ich eingeschlagen und Jan 'nen Henkelkorb zugebracht hatte, ertönte der letzte und kräftigste Trompetenstoß über die Niederung, gleichsam, um den zwischen mir und dem Sommersprossigen getätigten Pakt unter Knall und Dunst und eine solenne Feier zu nehmen. »Punktum, streu' Sand drauf! wie wir das bei 'nem notariellen Aktus benennen.« Wir gedachten aufzubrechen, als Jan Höfkens, schon den eingetauschten Vierfüßler an der Leine, auf meinen Kröpfer vigilierte und sagte: »Wir täten hiermit gratulieren, denn der da wäre so gut wie prälimiert, könnte auch jeden Tag vom Herrn Bürgermeister die goldene Medaille beziehen.« Wir gingen. Er aber rief noch hinter uns her: »Ja so! ich hätte soeben noch etwas Feines betrachtet.« Wir sahen uns um. »Na – und?!« »Ich hätte soeben die schöne Hendrintje vom papierenen Aloys gesehen.« »Wo denn?« »In ihrem Garten dahinten. Dort täte sie sich bei's Frühkartoffelausmachen benehmen und hätte Nöllecke Giltjes als Beistand.« »Junge, wen?!« brüllte Hübbers. »Nöllecke Giltjes!« »Unsinn, verfluchter! Du hast dich verkuckt. Das ist wohl Aloys selber gewesen!« »Nee!« gab der Bengel patzig zurück. »Ich kenne ihn doch an seinem schmiedeeisernen Schurzfell und seine krölligen Haare. Zu's Ausruhen wären sie dann in die dichte Fitzebohnenlaube gegangen. Ja – das täte ich sehen.« »I du imfamer...!« »Nee, ich könnte nicht irren.« »Maul halten!« Hübbers war wild. Er drohte mit seinem Hagedorn. Dann zogen wir ab. Glücklich, wenn auch ohne Lämmelböckchen, aber mit dem erträumten Vogel im Korbe, traten wir den letzten Rest unserer Heimreise an. Auf der Brücke am Kesseltor stand mein zweiter Freund Henn Pierentrecker, der immer das Wort im Munde führte: »Sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme.« Er angelte mit seinen primitiven Angelgeräten, mit Gerte, Bindfaden, Regenwurm und gehäkelter Nadel, fand aber noch Muße, etlichen fetten Karauschen auf die Kiemen zu spucken. »Jupp, was hast du da?« fragte er neugierig. »'nen Kröpper,« sagte ich stolz, getragen von dem Bewußtsein eines grandiosen Besitzes. »Laß mal sehen,« meinte er eifrig, und bevor ich es hindern konnte, hatte er auch schon den Deckel des Körbchens gelüftet. Und als er ihn lüftete ... fort war der Vogel. Himmel und Herrgott! Christus, mein Schrecken! Klatschend, sich tummelnd, stieg er höher und höher, um dann seitlich abzustreichen. Der gute Hirt, Henn Pierentrecker und ich stierten ihm mit offenem Mund nach, sahen ihn in der allmählich stärker werdenden Dämmerung spurlos verschwinden. Reich an Hoffnungen war ich in die niederrheinischen Gefilde gepilgert, habelos, geschlagen und bettelarm wie Hiob in der Feldmark Uz kehrte ich heimwärts. Aber die Angelusglocke tat ihren Mund auf. Ihre weiche und fromme Stimme hallte ernst und allversöhnend über das schöne Land meiner Jugend. Das letzte Rot im tiefen Westen zerfaserte, und langsam erhob sich ein bleicher Stern am resedafarbigen Himmel. Es war Abend geworden. Sechstes Kapitel Eine getragene Wehmut wisperte um mich her. Sie kam aus der Tiefe, wo sich die Karauschen im munteren Wasser ergötzten, sie drang aus dem Himmelreich, wo zarte Rosenwölkchen stumm ihres Weges gingen, sie flüsterte aus den hohen Pappeln herunter, die unentwegt ihre silberigen Blätter auf und nieder schlenkerten. »Was tun, spricht Zeus?« meditierte ich in diese getragene Wehmut, in das Quirlen und Raunen, in das sanfte Läuten der Abendglocke hinein. »Was tun, spricht Zeus?« Diese Redensart hatte ich der ›Schittbox‹, dem kleinen Rollenabschreiber, abgeluchst, der es in seinen humanistischen Studien auf der Rektoratschule bis zur Tertia gebracht hatte. Henn Pierentrecker sah mich fassungslos an. Er wußte es nicht und schlug sich seitwärts in die Büsche, wie der Kanadier, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte, als habe er schon jetzt die Schriften von Johann Gottfried Seume gekannt und aus ihnen seine Nutzanwendungen gezogen. Hübbers hingegen ... »Da ist gar nichts zu tun,« sagte er grimmig, fast drohend, »höchstens, daß wir uns jetzt zu deinem Pappa und deiner Mamma begeben. Das heißt, du ganz alleine, ich nicht, denn ich habe propter und prätorius anderweitig zu schaffen und kann dich bloß noch bis zu die Lindenbäume begleiten. Aber Junge, Junge, Junge,« und er legte sein Gesicht in ernste und bedenkliche Falten, »daß du mir nichts von Hendrintje Teerling und dem krölligen Nöllecke Giltjes verkündest. Es ist zwar ohne jedes Bedenknis, könnte aber, wenn es an den papierenen Aloys käme, 'ne große und larmoyante Geschichte draus werden. Solches kannst du auch deinem Freunde, dem Semmelfuchs, auf die neugierige und dämliche Seele vermelden, denn dieser ausverschämte Kröpperbesitzer und Blechkopp ... Im übrigen aber,« und seine listigen Augen fielen auf den Korb, den ich noch immer am Arme trug, »fort mit das leere Gefäß, denn es hat nichts mehr zu sagen!« und das aus rohen Weidengerten geflochtene Machwerk trudelte hoch durch die Luft, um von hier aus kopfüber in die Tiefe zu fahren und aufs Wasser zu klatschen. Ich sah es schwimmen. Mit ihm segelten meine heißesten Wünsche, mein Hammel, mein eingetauschtes Objekt, kurz, mein ganzes Hab und Gut in das unbekannte Reich, das die Gelehrten mit ›Nirwana‹ bezeichnen. Nichts mehr, nichts mehr, nichts mehr! Die Augen gingen mir über. Ich dachte an den armen Lazarus, an den verlorenen Sohn, an Simmchen Vitt, der noch vor wenigen Tagen mit seinem Manufakturwarenlager Bankrott angemeldet hatte und nun vom frühen Morgen bis spät in den Abend hinein vor seiner Haustür saß, um seine zehn Finger zu zählen. Er kam aber damit nicht mehr zurecht. Mit knapper Not brachte er es auf neune. Den Daumen der linken Hand vermochte er nicht in Rechnung zu stellen. So glaubte er sich denn von aller Welt und allen guten Geistern verlassen. Amen, Sela! Ich dünkte mich heimgesuchter als Simmchen Vitt, als der arme Lazarus, als der verlorene Sohn in der Bibel. Bekümmerten Herzens sah ich auf Hübbers. Mein Betreuer zuckte die Achseln. »Nichts mehr zu machen.« Ganz verdammelt lurksten wir dem elterlichen Hause zu. Hier angekommen, sagte mein Stab und mein Stecken in das Schummern des Abends: »Daß wir so power hier stehen, ist nicht auf mein Konto zu schreiben. Ich habe das Entenbuscher Präsent nicht an deinen Kameraden und Schulkollegen verschunken, dito desgleichen nicht den Kröpper fliegen lassen. Ich kann ganz getrost wie Pontius Pilatus meine Hände in 'ne porzellanene Waschschüssel stechen. Bei dir jedoch ist das 'ne andere Sache. Aber grüß' deinen Pappa und deine liebreizende Mamma. Adjüs denn.« Damit ging er, wahrscheinlich, um der Destille von Pittje Pastores noch einen Besuch abzustatten. Klopfenden Herzens betrat ich das weiße Haus mit den grünen Jalousien. Sonst so traut und vertraut, war mir in der jetzigen Stunde die elterliche Wohnung zu einer Stätte des Unbehagens und des Richterlichen geworden. Der Türklopfer grinste mich an, auch die messinggelbe Klingel, die mir sonst so liebevoll zubimmelte, wenn ich gezwungen war, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die erste, die auf diesem Passionsweg meine Pfade kreuzte, war die Traben-Trabacher Marie. Sie strahlte. Sie lief mir entgegen. »Junge, so spät! Wo hast du das Lämmelböckchen gelassen? Gewiß wohl im Stalle?« »Nee,« sagte ich kleinlaut. »Um Gottes willen, wo ist es denn bloß?« »Ich hab's schon vertauscht.« »Vertauscht?! Gegen was denn vertauscht?« »Gegen 'nen Kröpper.« »Wo ist denn der Kröpper?« Ich hielt's nicht mehr aus. Es übernahm mich. Lautweinend schlang ich die Arme um die gute Marie, die mich an sich preßte, als gölte es, das Leiden Christi ihrer tapferen und wohlig austapezierten Bluse einzuverleiben. »Nu sag's nur, wo ist denn der Kröpper?« »Fort!« schluchzte ich auf. »Nicht mehr da! Am Kesseltor ... Henn Pierentrecker ... Hübbers ... der Kröpper ... Er ist wohl aufs neue zu Jan Höfkens geflogen.« »Christus, Christus!« Mein Lazarustum steigerte sich, weinte heiße Tränen auf die sanfte Dünung eines lebendigen Pfühles. Eine mildtätige Hand glitt über mich fort, über Nacken und Scheitel. Nein, die gute Marie! Sie ließ nicht ab, mir ihre ganze Liebe und Barmherzigkeit darzutun, mir ihr schmerzlichstes ›Ach, mein gütiger Herr Jesus Christus!‹ vorzuseufzen. Dazu klingelte sie mit ihren Ohrgehängen, als würde jenseits eines verträumten Waldes irgendwo das Glöckchen einer Sterbekapelle geläutet. Plötzlich knisterte es neben mir. Es war die Krinoline meiner Mutter. »Nun,« meinte die stille Frau, »was ist mit dem Jungen geschehen?« Die Traben-Trabacher Marie erklärte ihr jegliches, räusperte sich zwischendurch und beschloß ihre breite Auseinandersetzung mit den erregten Worten: »Madam, das kann man doch nur als 'ne unbewußte Handlung anrechnen, wenn's nicht sogar auf 'ne ausgetragene Fuchsgeschichte hinausläuft! Ich kann mir nicht helfen, aber dem Kerlchen muß doch sein Recht und seine Gerechtigkeit werden, denn ohne dieses müßte man ja Gottes Erkenntnisvermögen anzweifeln.« »Wollen mal sehen,« sagte die Mutter. Sie nahm mich bei der Hand und führte mich in das Kabinett meines Vaters. Er hatte Feierabend gemacht. Auf seinem Schreibtisch brannte die Lampe. Sein Scheitel war goldig umschienen. In seinem friedensstillen Gesicht zitterte noch das Schaffen des verflossenen Tages nach. Er las die vorletzte Ausgabe der Kölnischen Zeitung. Bei unserm Eintritt blickte er auf. »Da hätten wir ja den vielgewanderten Mann,« sagte er ernsthaft, »Welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung, Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat.« Hierauf legte er die Gazette ab. »Nun, was ist denn aus deiner Reise geworden?« Da fiel eine ängstliche Nacht über mich her. Mein schon an und für sich abwegiges Herz schwitzte Blutstropfen. Meine Mutter trat für mich ein, erläuterte ihm meine Begebnisse und Abenteuer bis zum letzten Flügelschlagen meines eingetauschten Wundervogels, seines Dahinschwindens auf Nimmerwiedersehen. Was würde nun kommen? Gar nichts geschah. Nur ein hingeworfenes verärgertes Wörtchen: »Dorfteufel!« Alles! Mit schmalen Händen nahm er die Zeitung und begann wieder zu lesen. Ich atmete auf, aber der ›Dorfteufel‹ klebte mir zeitlebens an, und wenn ich mich des Wortes erinnere, muß ich immer meines Vaters gedenken. Schlimmeres habe ich niemals von ihm eingeheimst. Als Bonner Westfale allzeit ritterlich urteilend, ein treuer Diener seines Herrn und Königs, gewissenhaft seinen Amtspflichten obliegend, war er unter den Gerechten der Gerechtesten einer. Obgleich rheinischen Stammes, verband ich mit seiner Person stets den Begriff einer stillen, weiten und insichgekehrten westfälischen Heide. O so ein Heideland! Hier und da eine helle, sonnentrunkene Birke, ein schlichtes Wacholdergestrüpp, ein Gewirr von Porst und Erika, das sich in Spätsommertagen blümt, als wäre ein violetter Königsmantel über die majestätische Einsamkeit und Stille gefallen. Ab und zu gaukelt eine Phaläne, ein Trauerfalter vorüber. Dicht am Hellweg, der sich sandig durch die unermeßliche Ebene hinschleicht, erhebt sich die hohe Gestalt eines Mannes. Seine lichtblauen Augen sind in die Ferne gerichtet, obgleich sie in die eigene Seele zurückblicken. Er gehört zu den ›Blassen‹ im Lande, zu denen, die mehr wissen als andere Menschen. Er hatte Gesichte, tiefe Gedanken und Bilder ... und über ihm, hoch unter dem glasigen Himmelreich, zieht ein einsamer Falke seine geruhsamen Kreise. O so ein Heideland, so ein reines, warmfrohes und heiliges! In solch ein warmfrohes und heiliges Land durfte ich schauen, bis es eindunkelte und Gottes Sterne traurig darüber hinzogen. »Mann,« unterbrach meine Mutter das lange Schweigen, »was gedenkst du in dieser Angelegenheit zu tun?« »Ich?« fragte er trocken und ließ die Zeitung herunter. »Ja – du, denn man kann diese dumme Geschichte doch nicht so ohne weiteres hinnehmen oder gar als Bagatelle behandeln. Selbst die Marie ist darüber höchlichst erregt und völlig niedergebrochen.« »Die Marie?!« sagte mein Vater mit einem kleinen Schalk auf den Lippen. »Leider, auch sie kann den juristischen Stand der Dinge nicht ändern, und sprächen ihre Argumente mit Apostelzungen. Das Gesetz bestimmt ausdrücklich: Tausch ist wie Kauf. Durch den Kaufvertrag wird der Verkäufer einer Materie verpflichtet, dem Käufer diese zu übergeben und ihm das Eigentum daran zu verschaffen – geltend für beide Parteien, so daß für jeden Kontrahenten der von ihm veräußerte Gegenstand als Ware, der erworbene als Preis gilt.« »Aber ich bitte dich, Liebster! Erwäge doch nur: ein goldiges Lämmelböckchen und eine armselige Kropftaube!« »Tut nichts zur Sache. Lediglich Spitzfindigkeiten, kaum dazu angetan, derentwegen den kleinen Finger zu krümmen! Meine Beste, denke doch nur an die Liebhaberpreise! Die versteigen sich ins Aschengraue hinein. Es gibt Vogelarten, die den Wert eines Quadrupeden weit überbieten.« Meine Mutter ärgerte sich. Ihre Krinoline zog Kreise um Kreise. In den unzähligen Falten und Fältchen hub es an, bedenklich zu rascheln. »Aber er hat ihn ja gar nicht – den Kröpfer!« »Um so schlimmer für ihn,« war die bedächtige Antwort. »Hat sich das Tauschobjekt unwiederbringlich verflogen, das heißt, ist es für den Jungen heidi gegangen, bleibt ihm nichts weiter übrig, als ihm schmerzlichen Herzens nachzupfeifen. Anderen Falles jedoch: fand es seinen Weg zu seinem ursprünglichen Herrn zurück, wird sein Schulkollege wohl die Geneigtheit und das Gewissen aufbringen, fragliche Substanz wieder in die zuständigen Hände meines tauschfreudigen Sohnes zu führen. Und nun, mein Junge,« und er legte mir seine schmale Hand auf den Scheitel, »lerne daraus. Gehöre nicht zu denen, die den Schlüssel zur Zauberhöhle Xa Xa besitzen und so leichtfertig sind, sich ihn abschwindeln zu lassen. Die Arcana sapientiae sind Raritäten und ähneln den Sperlingen, denen es einfällt, im Schritt einherzuspazieren. Das vorliegende Schulexempel redet eine deutliche Sprache. Aber hoffen wir. Vielleicht werden sich Mittel und Wege finden, der verfahrenen Angelegenheit wieder eine gesunde Basis zu geben. Im Namen des Rechtes.« Mein Gesicht und das meiner Mutter klärten sich auf. Auch die unwillige Krinoline gefiel sich in einem neckischen Wippen. Mein Vater hatte gesprochen. Mit seiner salomonischen Auslegung wurden die ereignisreichen Geschehnisse des heutigen Tages beschlossen. »Amen, Sela!« um mit Simmchen Vitt, dem Inhaber des bankrotten Manufakturwarenlagers, zu reden. »Amen, Sela!«   Parva leves capiunt animos. Kleine Begebenheiten erregen die Gemüter. Ich selber hatte noch keine Gelegenheit erwischt, mich mit Jan Höfkens ins Einvernehmen zu setzen; schwieg darum aus verschiedenen Gründen. Aber die anderen ... Die verteufelte Wechsel- und Handelsgeschichte hatte einen langen Schatten und ausgreifende Beine angesetzt. Das düsterte nur so und wuscherte mit der geschmeidigen Kunst eines Wiesels durch die engsten Spalten eines weitverzweigten Interessenkreises ... und als nach etlichen Tagen das Beneficium caloris aufgehört hatte, seine für uns wohltuenden Strahlen zu spendieren, gelangte urplötzlich die heikle und delikate Angelegenheit vor das gesetzliche Forum. Als wir nach einigem Zögern die Klasse betraten, stand bereits Mester Haan, der Stille im Lande, auf seinem schwarz angestrichenen Katheder. Sein Gehrock war noch fuchsiger denn sonst, die Haare noch schimmeliger als vor den ›hitzfreien‹ Tagen. Sein sauber rasiertes Antlitz erschien uns streng, wenn auch wohlwollend, richterlich, wenn auch mit einer gewissen Milde gepaart, geberisch, wenn auch zurückhaltend. Graumelierte Härchen wuchsen ihm gleich nordischen Flechtenbüschelchen aus Ohren und Naslöchern. Die letzteren wiesen getüpfelte Anhängsel auf, winzige Spaniolpartikelchen. Ähnliche sprenkelten das harte, blaugestärkte Schemisettchen. Es knatterte zuweilen wie ein Ofenblech. Auf der Wandtafel hinter ihm stand mit Kreide und in lateinischen Lettern die Sentenz geschrieben: »Mene tekel upharsin.« Darunter in deutscher langer und feingeschnörkelter Schönschrift die vernichtende Übertragung: »Gewogen und zu leicht befunden.« Vor ihm, neben der Fibel, lag die hürnerne Schnupftabaksdose. Er nahm sie. Mit einem Seufzer klappte sie auf. Eine Portion des köstlichen Makubas, noch durch eine Tonkabohne verfeinert, trat seine Reise an, wurde an Ort und Stelle befördert. Ein duftiges Bröseln rieselte nieder. Mit geladener Spannung verfolgten wir den feierlichst getätigten Vorgang. Gleich darauf vernahmen wir das geheimnisvolle Knappen eines Eulenschnabels. Die Dose ruhte wieder an ihrer früheren Stelle, neben Kreide, Schwamm und Fibel. Mester Haan schneuzte sich, wobei er einen sonderbaren kakophonischen Laut von sich gab. Wir wurden aufmerksam. Wir sahen: in aller Gemütsruhe öffnete der Stille im Lande sein Pult, fingerte darin herum und brachte die knochentrockene, schmiegsame und von allen gefürchtete Hasel zum Vorschein. O, diese Gerte! In einer verlorenen Ecke des Magistergärtchens, das an ein stilles, mit grünen Linsen bestandenes Wasser grenzte, erhob sich zwischen Brennesseln, Schachtelhalm und Brombeergestrüpp ein ehrwürdiger Haselnußstrauch. In diesem abgelegenen Winkel jubelte in jungen Frühlingstagen zuerst die Nachtigall, tackte das Müllerchen, flötete die Amsel. Alljährlich trieb der knorrige Wurzelstock unzählige Schößlinge. Aus diesem reichhaltigen Vorrat schnitt Mester Haan seine Bedarfsartikel, sortierte sie nach Länge und Stärke und benamste jedes einzelne Mitglied die ›Magere Emma‹. Den Ein- und Ausgang registrierte er mit peinlichster Gewissenhaftigkeit, Curriculum vitae und Qualifikation lagen vor. Auch am Stammbaum mangelte es nicht. Zur Zeit führte Emma die XXXV. das Zepter. Mit dieser deutete er aus mich und sagte: »Vor mein Parlament!« Weiß wie der weißeste Kanzleibogen aus den Regalen des papierenen Aloys begab ich mich zögernden Schrittes vor das schwarze Katheder. Es gemahnte mich an die dunkel ausgeschlagene Lade im Friedensgericht, bestellt mit Kruzifix und etlichen Wachslichtern auf silbernen Leuchtern. Meine Knie schlotterten. Die Hasel beschrieb einen Kreis durch die flirrenden Sonnenstäubchen. Jählings wandte sie sich hierauf nach links. «Vor mein Parlament!« rief es zum andern. Jan Höfkens erhob sich. »Was täte ich denn?« kam es jammerselig zurück. »Ich wäre doch ganz stillkes gewesen.« Peter Hartjes, als Unbeteiligter, griemelte vergnügt vor sich hin. Henn Pierentrecker hingegen rieselte es kalt über den Rücken, denn als heller und viver Gesell schien er etwas von einer Götterdämmerung zu ahnen. Jan blieb noch immer an der Stelle haften. »Vor mein Parlament!« donnerte es ihm abermals zu. Nun konnte der Sommersprossige nicht mehr ausweichen. Mit hängenden Ohren, eine gehörige Portion Klebestoff an den mehlbestäubten Schuhen, verließ er die Bank und schob sich sichernd an den Ort der Verhandlung und des Richterstuhles. Die Lade färbte sich immer schwärzer und schwärzer. Die von uns in der verängstigten Phantasie gesehenen Kerzen begannen mit ihren Dochten zu knistern, nahmen einen roten und bedrohlichen Schein an. Der beinerne Christus schüttelte das dornenbekrönte Haupt mit einer unsagbaren Trauer und Wehmut. Hinter uns reckten sich die Hälse meiner Mitschüler. Das fühlte ich deutlich. Eine kalte Hand saß mir im Nacken. Ich wurde aufgescheucht. Hoch über mir ertönten die Worte: »Es geht das Gerücht, du hättest einen Hammel vertauscht, ein wertvolles Objekt aus den Gefilden des Entenbusches. Stimmt das, oder ist das nur eine vage Legende?« »Herr Lehrer, es stimmt.« »Mit wem denn getauscht?« »Mit Jan Höfkens, Herr Lehrer.« »So! und du: hast du diesen Hammel empfangen?« »Ja, ich tät ihn empfangen.« Mester Haan wandte sich abermals. »Und was hast du als Gegenleistung beansprucht?« »'nen Kröpper, Herr Lehrer.« »So so, einen Kröpfer! und du: hast du ihm diese Taube verabfolgt?« »Ich wäre so frei gewesen,« sagte der Semmelfuchs. Er stellte den linken Fuß vor und schuppte sich hinter den Lauschern, wahrscheinlich des erfreulichen Glaubens, für ihn wäre hiermit die peinliche Angelegenheit als erledigt anzusehen. Doch aufs neue erscholl die bedrohliche Stimme. Sie war an mich gerichtet: »Wer ist denn Zeuge dieses Vorganges gewesen, oder besser gesagt: wer hat diesen Kuddelmuddel befürwortet und kurzerhand gebilligt?« »Heinrich Hübbers, Herr Lehrer.« Wiederum ließ sich das Seufzen der hürnenen Tabaksdose, das kurze Knappen des Eulenschnabels vernehmen. Gleichzeitig spektakelte die Haselgerte des öfteren auf den Pultdeckel. »So'n Dämel! Er täte besser daran, zu nachtwächtern, Schuhe zu flicken und bei notariellen Beurkundungen den Schlaf der Unmündigen und Gerechten zu träumen, als fürderhin einen solchen Unfug zu betreiben. Aber fahren wir fort. Bist du noch im Besitz dieses Vogels?« »Nein, Mester Haan.« »Weshalb nicht?« »Henn Pierentrecker, ich wollte sagen Henn Spettmann, hat ihn am Kesseltor fliegen lassen.« »Wie geschah das?« »So aus dem Körbchen heraus.« »Henn, du dreibastiger Schlingel, wie kamst du dazu, dem eingekorbten Tierchen die Freiheit zu geben?« Mein sonst so wagemutiger Genosse zitterte wie Espenlaub. Er trudelte hoch. »Ich hab' bloß gekuckt, denn ich war gerade bei's Angeln,« sagte er kleinlaut, »und da ritschte er aus – ich meine den Kröpper.« »Für's ›Kucken‹ nicht,« ertönte der Richterspruch, »auch nicht für's ›Ausritschen‹, aber wegen des unbefugten Angelns in fremden Gewässern schreibst du mir die Geschichte vom keuschen Joseph und der unkeuschen Potiphar dreimal in Reinschrift. Verstanden?!« Jawohl, Henn Pierentrecker hatte verstanden. Er setzte sich wieder und malte ein Sinter Klaas-Männchen auf die Schiefertafel. Mester Haan knatterte mit seinem Schemischen, hob die magere Emma und sagte: »Da ich annehmen muß, daß der Flüchtling, und zwar seinem Heimatstrieb folgend, sich voraussichtlich in unmittelbarer Nähe der Windmühle befindet, so stelle ich an dich, Jan Höfkens, die Frage: Bist du willens, binnen vierundzwanzig Stunden festzustellen, ob meine Annahme zutrifft, mit anderen Worten, ob der Ausreißer wieder auf dem väterlichen Dache herumspaziert?« Mein Freund legte nach Art der hellhörigen Stallhasen die Löffel an. »Das könnte ich wohl, aber das ging nicht so einfach.« »Weshalb nicht?« Jan suchte nach Worten. »Heraus mit der Sprache!« Jan stammelte los: »Da gäbe es solche und solche, und die auseinander zu halten ...« »Was meinst du damit?« »Das könnte ich selber nicht wissen, denn ich besäße viele Tauben von der nämlichen Sorte.« Ich verfärbte mich. Hinter mir entstand eine laute Bewegung. Henn Pierentrecker streckte den Finger: »Herr Lehr', er tut bloß so, denn er kennte sie alle.« »Da hörst du, Jan!« Die Haselgerte klapperte auf, worauf sie sich erhob und häßlich durch die Luft zischelte. »Jetzt aber wird's Zeit. Wie denkst du darüber?« Der Sommersprossige rang mit seinen beiden Gewissen. Mit seinem guten und mit seinem merkantilen Gewissen. Das letzte überwog. Er sagte denn auch: »Ich müßte immerzu denken: was einem retourfliegen täte, das dürfte man halten. Außerdem könnte man 'nen scheuen Kröpper so ganz sicher nicht kriegen.« »Herr Lehr'...!« »Was willst du, Henn Spettmann?« »Herr Lehr', er braucht nur zu fleuten, dann kommen sie alle gelaufen, um ihm aus die Hände zu fressen.« »Das wüßte ich nicht,« versetzte Jan Höfkens, »auch wäre Henn Pierentrecker noch niemals dabei gewesen, wenn ich meine Tauben befüttere.« »Aber ich!« Der Stille im Lande reckte sich hoch. Desgleichen die Schnupftabaksdose. Desgleichen die Hasel ... und eine Stille ging um, als begönne ein atembenehmender Aschenregen von der Decke niederzurieseln. »Aber ich!« Das schwarze Parlament umdüsterte sich noch mehr, die aufgerichteten Kerzen flackerten bedrohlicher, der Gekreuzigte am Marterholz schüttelte noch trauriger und schmerzbewegter sein Haupt mit der Dornenkrone. »Aber ich!« Zum dritten Male ließ Mester Haan diese Einschüchterung laut werden. Hierauf senkten sich Stock, Schnupftabaksdose und Stimme langsam hernieder. Letztere wurde zu einem zutunlichen und vertrauenerweckenden Flüstern: »Johannes! Vor undenklichen Zeiten lebte zu Nikodemia in Bithynien die Tochter des heidnischen Mannes Dioskurus. Sie wurde Bärbchen geheißen und war schön im Glasspiegel, noch schöner im Seelenspiegel gesehen. Wegen ihrer Festigkeit in christlichen Glaubenssachen und ihres Martyriums halber gab man ihr, als sie zu den Ewigen einging, ein Türmchen in die zerquälten Hände. Margarete hingegen, das sonnige Kind eines Götzenpriesters zu Antiochia, wurde mit einem Lindwurm begnadet, weil sie die Anfechtungen und Begierden dieser Welt wie einen solchen unter die Füße trat, dafür aber ihr blühendes Leben den brutalen Henkersknechten hingeben mußte. Katharinchen jedoch, aus hochedlem Geschlecht und in der Hauptstadt Ägyptens gebürtig, eine irdische Braut Jesu Christi, verteidigte die Heilswahrheiten mit einem so vorbildlichen Eifer, daß der römische Statthalter verfügte, sie auf das Rad zu flechten. Zum ewigen Andenken trägt sie jetzt das mörderische Instrument als Symbol dafür: ich bin heilig gestorben. Um diese Legende nun mit kurzen Worten und im sogenannten Volkston wiederzugeben, möchte ich dir und deinen Mitschülern, des besseren Gedächtnisses wegen, ein Sprüchlein ans Herz legen. Es lautet: Die Bärbel mit dem Turm, Margaretchen mit dem Wurm, Kathrinchen mit dem Rädchen – Das sind drei brave Mädchen. Du aber ...« und Mester Haan zog wieder vom Leder. Das giftige Reptil zischelte aufs neue. Das Schemisettchen rappelte. »Fern steht es mir, dich mit diesen jungfräulichen Blutzeugen in Parallele stellen zu wollen, denn nur wenig gute Fadenschläge der Entsagung wurden dir mit auf den Lebenspfad gegeben. Sie aber litten und duldeten um ihres Glaubens, um ihres Herrn und Seligmachers willen; du aber wirst gegebenen Falles zu leiden haben mit Rücksicht auf dein Verstocktsein und dein unlauteres Wesen. Hier dieser Bakel ... und ich stelle daher nochmals die Frage: Bist du gesonnen, binnen vierundzwanzig Stunden besagten Täuberich in deine Hand zu bekommen?« Die magere Emma stand drohend über einem gekrümmten und eingezogenen Rücken. Da ging das nicht anders: der sommersprossige Inkulpat mußte seine Hinterhältigkeit aufgeben, sich seiner kaufmännischen Seitensprünge entschlagen. Er sagte denn auch: »Wenn ich es könnte, ich täte ihn fangen.« »Ich nehme Notiz davon. Gut Ding, was sich bessert ... und bist du ferner gewillt, eben diesen eingeholten Täuberich, frei von allen Fehlern und Verstümmelungen, deinem Tauschkollegen zuzustellen, sonder Nachtragerei in Gedanken, Worten und Werken?« Jan atmete aus tiefster Jacke heraus. »Ja,« sagte er endlich. »Gut so! Das Parlament ist hiermit geschlossen. Ihr könnt euch auf eure Plätze begeben – ihr beiden.« Und siehe: es war alles wie früher. Eine behagliche Augustsonne tänzelte über die verschnipfelten Bänke hin, über Tintenfässer und Schiefertafeln. Die Friedensgerichtslade schrumpfelte für uns ein, die brennenden Kerzen verkohlten in sich selber, der Korpus Christi war nicht mehr zu sehen. Mester Haan hatte seinerseits Birett und Robe abgelegt. Er stand wieder in seinem natürlichen Ich da: in seinem abgewetzten Flausrock, dem mit Wäschebläue übermäßig gestärkten Schemisettchen, hinter sich die schwarze Schultafel mit der noch immer drohenden Inschrift: »Mene tekel upharsin.« »Fort damit!« Er wischte sie aus. Für ihn und seine schulmeisterliche Gerechtsame war die Sache erledigt. Hierauf nahm er die Fibel und fragte: »Wo sind wir das letztemal stehengeblieben?« »Beim Fuchs und dem Gansvogel!« rief einer aus der großen Gemeinschaft. »Richtig! Hartjes, beginne.« Und Peter Hartjes buchstabierte mit seinem hellen, wenn auch piepfeinen Stimmchen: »Es war mal ein Fuchs in einem benachbarten Flurstück ... einer von den ganz schlauen und durchtriebenen ... Der schnürte sich an einen Gänsestall heran ... Darinnen schnatterten viele Langhälse ... Eine davon ...« »Spettmann, lies weiter!« Der aber stöberte verbaselt auf, denn er hatte sich eifrigst damit beschäftigt, seine Sinter Klaas-Männchen weiter zu malen und sich somit außerstande gesetzt, den Fuchs- und Gänsefaden voranzuspinnen. »Von morgen ab sitzt du in der vordersten Bank, du Pröhlfink, du Schmutzian von der obersten Sorte. Johannes ...!« Jan Höfkens machte ein Gesicht wie das eines versteinerten Prinzen. »Ich könnte es nicht, denn ich hätte gestern abend starkes Leibweh bekommen, und da hätte mein Vater gesagt, ich müßte Flierentee trinken ... und das täte ich auch und könnte deswegen nicht lernen.« Diese Entschuldigung wurde bewertet. Da las Peter Hartjes, der vom Himmel Gefallene, die erbauliche und lehrreiche Geschichte bis zu ihrem ersprießlichen, wenn auch traurigen Ende. Als wir die Schule verließen, stellte Henn Pierentrecker unseren gemeinschaftlichen Kameraden, den Sommersprossigen, und sagte zu ihm: »Jan, wir sind Freunde. Da kavieren ich for. Einer für alle, alle für einen, genau so, wie wir solches unter uns festgelegt haben. Aber tust du noch mal so 'ne Mogelsache betreiben, dann hat es geschellt, dreimal geschellt; denn sieh mal ...« Er streckte den rechten Arm aus, stauchte den Ärmel zurück und zeigte seinen gewaltigen Biceps: »Sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme.«   Siebentes Kapitel Die nächsten Tage bimmelten mir so reichliche Glückseligkeiten zu, als hätte ich einen Blick in den Wunderstall von Bethlehem geworfen – vor mir die gebenedeite Jungfrau, mit einem Kränzlein aus sieben Sternen geschmückt, den Zimmermann Joseph aus Nazareth, das Kindlein in der Krippe, Ochs und Eselchen an mageren Raufen und über mir den übergoldeten Haar- und Schwanzstern, dem die Weisen aus Mohrland auf ihren schaukelnden Kamelen nachtroddelten, um das Heil der Erde und den Herzog aller Herzöge aufzufinden. Wäre mir dieses im hohen Alter zugestoßen, ich hätte mich so wunschlos gefühlt wie der heilige Vater auf seinem mit Decken, Fransen, Tröddelchen und silbernen Schellchen austapezierten Maultier in Avignon, angefächelt von einem sanften Rhonelüftlein, umgeben von knienden Menschen, von Rosen, die wie Gewürznelken duften, von Agavestauden und seltsamen Opuntien, überstrahlt von dem Himmelreich der schönen Provence, heimlich bewundert und ersehnt von dunklen Frauenaugen, wie sie nur die vollen und doch geschmeidigen Frauen haben, die in Avignon wohnen ... und das alles eines eingehandelten, wenn auch prächtigen und in allen Farben des Regenbogens schillernden Täuberichs wegen. Ja, ich hatte ihn wieder, diesen Flüchtling, diesen Ausreißer, der mir schon so viele Bedenken, Gewissensbisse und Qualen, soviel des Schönen, des Übersinnlichen und der Tränen eingebracht hatte. Unter Assistenz der haselierenden Magistergerte, Henn Pierentreckers und meines sanften Freundes Peter Hartjes war er mir aufs neue erb- und eigentümlich zugefallen. Ich schwamm wie ein großes, kreisrundes Fettauge in einer guten Bouillon. Ich sah nicht nur diesen Vogel allein, nein, ich gewahrte in meinem trunkenen Gesichtsfeld Legionen von geflügelten Wesen, hundert und aberhundert von taumelnden, rucksenden, pickenden, herumtrippelnden Tauben, denn die Traben- Trabacher Marie war auf den samaritanerhaften und ingeniösen Einfall gekommen, meinem geschwollenen Pascha aus ihren kargen Besitztiteln eine prächtige, liebeshungrige und überreichlichen Nachwuchs versprechende Gefährtin beizugesellen. Henn Pierentrecker und ich zimmerten denn auch unter der selbstlosen Beihilfe des wackeren Schreinermeisters Wilm Henseler einen Schlag zusammen, der sich sehen lassen konnte. Von der Giebelwand unserer Scheune sah er recht stattlich und einladend in den reichlich mit Obstpyramiden bestandenen Blumen- und Nutzgarten hinein. Nach etlichen Wochen – es war inzwischen Mitte September geworden – konnte ich dem bis dahin eingesperrten Pärchen die wohlverdiente Freiheit gestatten. Zu meiner unaussprechlichen Freude blieben sie heimatbeständig, turtelten in den stahlblauen Lüften herum und machten alsbald Anstalten, dem ersehnten Eierlegen näherzutreten. Meine überspannten Hoffnungen verstiegen sich ins Utopische, bewegten sich auf hyperbolischer Bahn, ähnlich dem ungeheuerlichen Besenstern, der bis zur heutigen Stunde meine ganze Seele durchlichterte. Die Einbringung meines entwischten Kröpfers aus den Händen des Sommersprossigen war nicht so ganz einfach vonstatten gegangen. Aus ihr entwickelten sich Dinge und Geschehnisse, die für den Werdegang dieser Geschichte eine ganz besondere Note beanspruchen. Die Überführung selber zeitigte keine augenfälligen Erscheinungen, aber die Nebenumstände ... Also! anderen Tages nach dem getätigten kategorischen Edikt des hochzupreisenden Mesters Haan zogen wir um die dritte Nachmittagsstunde der Höfkensschen Windmühle zu: Henn Pierentrecker mit aufgekrempelten Ärmeln und majestätischem Biceps, der sanfte Peter Hartjes und ich. Die Luft war voller Musik. Die Fernen gaben sich mit dem perlmutternden Scheinen und Gleißen von Atlasbändern. In den Garten standen die Stockrosen in voller Blüte, drehten die mastigen Sonnenblumen ihre schwefelgelben Räder dem warmen Schmeicheln des ewigen Tagesgestirnes entgegen. Ab und zu trudelte ein überständiger Jonasapfel zu Boden, lärmte eine Drossel von einem Pfirsichspalier, woselbst sie sich gütlich getan hatte. Im Mühlenbereich brauchte mein Freund und Schulkollege nicht mit derben Kapuzinaden aufzuwarten, die sonst in rauher Kutte einherstolzierten, denn der pfiffige Semmelfuchs stand bereits mit einem verschnürten Körbchen am Arm in der Nähe seiner häuslichen Penaten, griemelte uns schon von weitem entgegen, um dann in die Worte auszubrechen: »Ich täte ihn haben!« »Das müßte auch sein,« ließ sich Henn Pierentrecker vernehmen, »sonst hätte es auch dreimal geschellt, ich sage dir, dreimal, aber nicht mit 'ne ordinäre Ladenbimmel, sondern mit die Feuer- und Wasserklock, wie sie Hübbers bedient bei Brand- und Hochwasserzeiten. Denn alles will seinen Awek und seine Ordnung besitzen ... und nu können wir gehen, und wenn es erlaubt ist, will ich den Kröpper besorgen.« »Nee,« sagte Jan, »das wäre meine Befugnis, denn ich müßte drauf sehen, daß einer nicht käme, um ins Körbchen zu kucken. Bei's zweite Mal Ausritschen bräuchte ich keinen Retourschein mehr geben, täte mein Vater mir sagen, um mir Moritzen zu lernen ... und was mein Vater mir sagen tun täte ...« Na, das war dem Sommersprossigen auch nicht weiter zu verargen, denn er konnte es als sein gutes Recht beanspruchen, das strittige Objekt sicher und wohlbehalten an Ort und Stelle zu bringen. Also zugestanden. Irgendwoher vernahm ich das klägliche ›Mäh-mäh‹ meines eingetauschten Lämmelböckchens. Mir krampfte sich etwas in der Kehle zusammen. »Das täte sich freuen,« erläuterte Jan, »denn bei uns zu Hause bekäme es nur schieren Kleegrummet von uns beste Parzelle zu fressen, und der wäre so nobel wie der vom Lipperfurtsberg vom Herrn Baron Steengracht in Moyland.« Das imponierte uns mächtig ... und er, von uns dreien begleitet, marschierte nun wie ein Spendierer und Großmogul seinen elterlichen Mühlberg hinunter, an dem grasenden Esel vorüber und dem Kommunalweg zu, der in einer großen Schleife ans Kesseltor führte. Umfriedete Gärten begleiteten uns zur Linken. Vor einem der nettesten und gepflegtesten blieb er stehen, blinzelte mich an und begann dann mit dem listigsten Gesicht von der Welt die Melodie zu pfeifen: »Mädel, ruck', ruck', ruck' an meine grüne Seite,« meisterhaft wie ein Kanarienvogel, denn der Semmelfuchs war von jeher ein umsichtiger und auserwählter Könner in dieser musikalischen Betätigung. Was es war, wußte ich nicht – aber ein gewisses Unbehagen, das sich mit diesem Garten verknüpfte, trat mir unversehens in den Sinn. Ich sah über die sauber gestrichene Lattenzäunung hinweg, über sorglich nebeneinander gereihte Obstpyramiden, Erdbeerstreifen und Stachelbeersträucher. »Das täte der vom Papierenen sein,« sagte Jan Höfkens in das plötzliche Schweigen. Auch die Stille hat ihre Seufzer und ihr mahnendes Klingen. Ich wurde aufmerksam. Der Garten interessierte mich plötzlich. Eine liebevolle Hand wachte über dieses mit Fleiß und Einsicht verwaltete Grundstück. Die mit Buchsbaum eingefaßten Wege wiesen nicht die geringste Spur von Unkraut auf, die Gemüsezeilen lagen wohlgepflegt unter Spaten und Harke, auf den abgezirkelten Beeten standen Taufendschönchen und Nachtviolen so stramm aufgerichtet, als wären sie bei einem Unteroffizier des ersten Bataillons Garde zu Fuß in die Instruktionsstunde gegangen, und darüber hinaus, als Beschluß des mittleren Pfades, erhob sich eine aus Naturholz errichtete Laube, völlig überrankt von Feuerbohnen, die noch vereinzelte Fünkchen aufwiesen – Fünkchen wie brennende Liebessternchen. Ich mußte an den papierenen Aloys denken, an sein unauffälliges Werken und Sinnieren, anspruchslos und doch die Herzen einnehmend, just so, wie es die Tausendschönchen und Nachtviolen an sich haben, die jetzt so schlicht und doch so eigenartig auf meine Sinne wirkten. Jan Höfkens unterbrach mich in meinen Gedanken. »Da drüben,« sagte er pfiffig, »hätte auch das schöne Hendrintje gestanden, als sie mit Nöllecke Giltjes die Frühkartoffeln ausmachen täte.« Mir lief es kalt über die Seele. »Jan, denke an Hübbers!« Der Semmelfuchs lachte. »Das schenierte nicht weiter,« fiel er ein, »denn es wäre mal so und Arbeit schändete nicht, weil sie 'nen ganzen Hümpel zusammengebracht hatten. Bald darauf täten sie sich zu's Ausruhen in die Fitzebohnenlaube verstechen, ganz stillkes, um später aufs neue ans Kartoffelausmachen zu gehen.« Also wieder die dumme Geschichte – die von Hendrintje Teerling und Nöllecke Giltjes! Ich warf einen langen Blick auf den verschwiegenen Garten mit seinen Spalieren und Stachelbeersträuchern, seiner verträumten Laube und ihrem Geheimnis, das mich ansah wie die weiße Nonne, die die Kerzen auslöschte, daß es Nacht über den Wassern wurde und der junge Königssohn ertrinken mußte. Aloys, Aloys! Ich fürchtete ein Unglück für ihn, ein Unglück, das sich mit den weichen Pfoten einer schleichenden Katze über den Boden tastete. Gleich darauf gingen wir weiter. Als wir in Nähe des Kesseltores den Paternosterdeich erreichten, den mächtigen Damm, der sich in großer Kehre um die kleine Stadt zingelte, gesetzt, die Staufluten des Rheines vom Binnenland abzuhalten, sahen wir, wie sich ein dunkler Punkt auf der breitauslagernden Krone bewegte. Er kam von Grieth und Wisselward her. Als er in gehörige Sichtweite rückte, immer umrissener wurde und die nicht ferngelegenen Wassermühlen hinter sich ließ, wuchs er sich zu einem hohen, ungelenken und vierschrötigen Mann aus, der wie ein Großer seines Weges daherwandelte. Breitbeinig und schwankenden Ganges nahm er den Deich unter die Füße. Henn Pierentrecker, als kundiger Thebaner und Pfadfinder, ein scharfsichtiger Seher und Sucher, murmelte zuerst etwas Verworrenes vor sich hin. Dann stieß er ein Indianergeheul aus wie die weiße Adlerfeder bei Ankunft des allwissenden Häuptlings in den unwirtlichen Schluchten der Rocky Mountains: »Der lange Moritz, der lange Moritz! Hurra und Vivat!« Wir stimmten mit ein, denn wir kannten ihn alle, zählte er doch zu den markantesten Besitztiteln in der Flucht unserer jugendlichen Ereignisse und Begebenheiten. Seinen Familiennamen hatten wir niemals gehört. Ein unentwirrbares Geheimnis war darüber gespreitet. Wir wußten nur, daß er ein kleines Häuschen ›Achter de Mur‹ bewohnte, aber nicht immer, nur zeitweilig, daß eine bejahrte, weitläuftige Anverwandte seinen bescheidenen Haushalt betreute, daß eine zierliche und adrette Nähterin sich bei ihm eingetan hatte, die zwei saubere Dachstübchen benutzte, gute Beziehungen zu ihrem Hausherrn hielt, immer freundlich, immer geschäftig, und sich Hannecke Brükers nannte. Im übrigen war er in der benachbarten Stadt bei einem kleinen Reeder in Stellung, dessen Kohlenschiff ›Miekske van Grieth‹ er von Ruhrort nach Rotterdam und dann wieder über Ruhrort hinaus bis nach Mannheim führte. So ständig auf Wasser, die teerigen Planken stets unter den Schuhen, suchte er nur dann seine engere Heimat auf, wenn die Transporte stockten und er sich genötigt sah, für längere Zeit in dem bescheidenen Rheinhafen zu Grieth vor Anker zu gehen. In ihm sahen wir das Ideal unserer Jugendjahre. Gutmütig bis in die Stiefelspitzen hinein, kinderlieb, wenn auch wortkarg und zurückhaltend, hielten wir ihn für einen Heros, einen Mann voller Einsicht und Tattraft, der, falls er aufbegehrte, ein Hufeisen aus purem Handgelenk zu biegen vermochte, dazu seine Stimme erdröhnen ließ, daß davon die Akazienblatter in ein gelindes Zittern gerieten. Er hatte etwas von Bileams Eselin an sich, denn er sah den Engel Gottes immer frühzeitiger, als sein eigener Herr ihn gewahrte. Seine Rede war kurz und bestimmt, wie brüchiges Scheitholz. Er interessierte uns höchlichst, nicht nur als Mensch, sondern auch als Freund des papierenen Aloys. Auch bewunderten wir sein haarscharfes Spucken. Allzeit ein delikates Priemchen in der linken Backentasche, betrieb er dieses Geschäft aus bloßer ›Liebhaberei‹, wie er sagte. Er besaß darin eine solche Virtuosität, daß, wäre der bräunliche Saft eine Pistolenkugel gewesen, er totensicher auf fünf Schritt das Schüppenas aus der Karte herausgeschält hätte. Also, der lange Moritz war mit seinem ›Miekske‹ im kleinen Hafen von Grieth vor Anker gegangen. Noch immer dröhnte unser Irokesengeheul über den Paternosterdeich, als wäre uns geboten worden, den Heimkehrenden als den ›Großen Geist‹ unserer jugendlichen Tage zu begrüßen. »Hurra und Vivat!« Jetzt stand er vor uns, in strapazierter Velvethose, in ebensolcher Jacke, ein rotes Tuch um den Hals, das lederfarbige Gesicht verhutzelt, silberne Ankerringe in den Ohren, die Augen so milchblau wie die milchblauen Glasperlen am Schurz eines braunen Mädchens von den Freundschaftsinseln, die seidene Schirmmütze tief über den graumelierten Hinterkopf geschoben ... aber die Größe, die Breite ...! Als wäre er aus dem verzauberten Reiche Brobdingnac gekommen, von dem der vielgereiste Gulliver aus Nottinghamshire gar verwunderliche Geschichten erzählt, just so breitschulterig und in den Himmel wachsend wie der ungeschlachte Pächter, der besagtem Gulliver zum ersten Male in dem närrisch-drolligen Lande begegnete, ebenso mächtig und übermenschlich stieg die Gestalt des langen Moritz von der Deichkrone auf, als gölte es für ihn, den hohen kanadischen Pappeln, die neben uns säuselten, auf die vollen Laubmassen zu spucken. Seine milchblauen Lichter ruhten aus uns. Der laute Zuruf aus den Rocky Mountains schien ihm gefallen zu haben. Er beugte sich nieder und tätschelte uns mit seiner borkenrissigen Hand über die Köpfe. »Na, Jungs,« fragte er gütig und mit einem behaglichen Lächeln, »noch immer mobil?« »Moritz, noch immer.« »Und der papierene Aloys?« »Gleichfalls beiwege.« Der Riese spuckte scharf auf die Seite: ein Strahl wie der aus einer feinmäuligen Spritze, aber sauciert, mit einem delikaten Geruch nach Makuba oder Superkargo- Krüllschnitt, bezogen aus der Manufaktur von Philipp Thoholte in Geseke. »Brav so ... gut so ...! Müßt tüchtig was lernen ... Rechnen und so ... aber auch Turnen ... Wir können's gebrauchen ... Besonders der preußische König ... hat Soldaten nötig ... gute und brave Soldaten ... Sonst ziehen die Demokraten schiefe Gesichter ... spielen die Eiderdänen den Ausverschämten ... Überhaupt diese Blase... Ordnung und Bajonette, die machen's ... Kein Parlamentieren und so ... Versteht ihr ...?« »Jawoll!« riefen wir alle. Am lautesten Henn Pierentrecker. Als Sohn eines königlich preußischen Briefträgers fühlte er sich. Sein patriotisches Herz bibberte auf. Mit einem freundlichen Grunzen ließ er seinen Biceps spielen: »Moritz, sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme!« »Famos! So was – meine ganze Liebhaberei ... meine totale ... Gut so! Mußt mal königlich preußischer Unteroffizier werden ... oder Sergeant ... Überall Feinde ... oben und unten ... von Lee- und Luvseite ... Hab's gehört ... Blexem und Donnder! da drüben bei die Mynheers ... aber nu kommt man ...!« Stolz wie die Spanjards, sichtlich bewegt, mit vorgestoßenem Kropf, gleich den Beamten in gehobener Stellung, marschierten wir an der Seite des Langen in die kleine niederrheinische Stadt ein, jeden darauf anblickend, ob er auch sähe, daß wir uns in einer solchen erhabenen Begleitung befänden. Derweilen erzählte er uns große Geschichten von seinen Fahrten zu Wasser und zu Lande, vom Rhein, den er kannte bis in seine tiefste Tiefe hinein, von seinen Bergen und Burgen, seiner Riesenarbeit, die er zu leisten hatte, wenn er die Steamer und Kohlenschiffe aus dem Ruhrgebiet wie ein Sackträger zu Tal und zu Berg schleppen mußte, stöhnend und doch sich seiner gigantischen Arbeit erfreuend, umwittert von den düsteren Zechenschwaden, dem lohen Feuer von Hochöfen und Eisenhütten, umtost von dem rhythmischen Takt der dröhnenden Dampfhämmer. Respekt bitte ich mir aus! und dann führte er uns über die Grenze, in die Betuwe und Veluwe hinein, wo sie hausen, die Kabeljaus, die Menschen mit den Polkahaaren und den langweiligen, aber verschmitzten Gesichtern, immer in Furcht und Sorge, Preußen würde sie bei Gelegenheit überschlucken, oder ihre Kolonien bekämen lange Beine und gingen eines frühen Morgens heidi und zum Teufel ... und dazwischen zog er andere Saiten auf, ließ die Glockenspiele in Utrecht und Rotterdam klingeln, zeigte uns die sauberen Klinkergiebel mit den hohen Spiegelscheiben, die verschlafenen Grachten, die leckeren Meisjen, die so prächtig Schlittschuh liefen, so mit seinem Wiegen und Biegen, dem herausfordernden Schlenkern ihrer kurzen Röckchen, und dabei hub er an, leise vor sich hinzusummeln: »Kaatje, kom aan, Kom op de baan, Lacht dan het eys op het Y je niet aan? De gryzen by't vuur, maar op schaatsen de blonden, Zoo wordt in den Winter de lente gevonden.« So marschierten wir vorwärts, die breite Kesselstraße entlang, auf den Markt zu, denn dem braven Moritz sein erstes Vorhaben ging darauf hinaus, seinem Freunde Aloys die Flosse zu schütteln, ihm einen herzlichen Willkomm zu bringen, als uns zwischen den Häusern ein fröhliches Pinken und Panken entgegenhallte. Es kam aus der Schmiede von Nöllecke Giltjes. Er selber stand in voller Aufmachung vor der Einfahrt. Hinter ihm schlug ein lohes Feuer in den Schwalch hinein, dröhnte der Amboß, an dem sich sein erster Gesell damit beschäftigte, glühenden Hufeisen die richtige Form und Fassung zu geben. Neben ihm stampfte ein angehalfterter Percheron die Kopssteine, daß es Funken setzte – ein gedrungener Muskatschimmel aus der Niederung, wiehernd und des Veschlagens gewärtig. In aller Gemächlichkeit harrte der Meister auf Eisen und Rüstzeug. Reverenz vor Nöllecke Giltjes! Mit verschränkten Armen, voll Ruhe und Würde, ein straffer Tubalkain, Ende der Zwanziger, mit Sehnen und Muskeln wie Schiffstaue, einem scharfgehobelten, verrußten Gesicht, dessen Augen das Weiße fast gelb zeigten, gerierte er sich als Jan und allemann in Hecken und Hägen, verstand er sein Handwerk, kam es ihm nicht darauf an, seinen Partner im ›Waldkarnickel‹ über den Tisch zu wuchten oder an Kirmestagen die Weibsbilder auf der Tente zu schwenken, daß die Beiderwandröcke nicht mehr langten, ihre Blößen zu decken. Kurz, er war einer mit Ärmel, und dieserhalb: Reverenz vor Nöllecke Giltjes! Als er uns kommen sah, rückte er seine Schirmmütze keck über die linke Ohrmuschel. »Tag, Moritz, auch mal wieder im Lande?« »Wie du siehst, mit allen zwei Beinen.« »Prächtig! und gute Zeitung im Sack? Ich sollte doch meinen, du bist in Holland gewesen?« »War ich.« »Na und ...? Man weiß ja: die Mynheers halten stets die Nase gegen den Wind, hören das meiste, wovon wir keine Ahnung besitzen, und klappern am lautesten.« »Tun sie.« »Dann darf man wohl die Löffel aufsperren?« »Warum nicht?!« Moritz trat näher heran. »Die da drüben in Holland machen miese Visagen. Von wegen ihrer Absatzartikel.« »Wieso das?« »Es muffelt brandig. So nach Patronen. Über kurz oder lang kann's losgehn.« »Was?! Doch nicht zwischen uns und die Jantjes?« »Nee! aber mang die Dänen und Preußen.« »Ist mir was Neues.« »Ist auch was Neues,« und Moritz spuckte scharf auf die Seite, »und du – du hast doch auch mal beim Kommiß gestanden und des Königs Kuchen gefuttert?« »Aber natürlich. Drei Jahre hindurch. Immer schlankweg bei die schweren Artolleristen in Wesel.« »Und stehst jetzt bei's Landwehraufgebot Numero eins?« »Auch dieses.« »Na dann, dann kann ich dir sagen: Mache dich fertig; denn es muß doch 'ne wahre Liebhaberei für dich sein, wieder marschieren zu können und so'n bißchen Pulverodör in den Windfang zu kriegen.« »Ich? Niemals.« »Das wäre noch schöner!« »Moritz!« und Nöllecke Giltjes zog ein Gesicht, nach Art eines Siechlings im Armenhaus. »Auf Ehre und Seligkeit, es sollte mir angenehm sein, so die blauen Bohnen sirren zu hören. Aber Gottverdammich noch mal!« und seine klobigen Fäuste lasteten dumpf auf dem mächtigen Brustkasten, »schon seit Wochen hindurch: hier sitzt das ... in der Lungenpfeife ... zwischen den Rippen. Immer das verfluchte Gehuste, als wär's an der Zeit, Wilm Henseler die Hobelspäne in Bestellung zu geben. Und dann meine Mutter ...! Wie sollte die auskommen? Denn ich als ihr alleiniger Ernährer ... Nee, Moritz, es geht nicht.« »Mensch – du!« und eine eherne Pranke, gleich der eines Mannes in blauem Eisen, legte sich ihm schwer auf die Schulter, »du erzählst wohl Märchengeschichten?! Weißt du: es war mal ein Mannskerl, der konnte Steine wälzen, Mühlsteine und andere Steine, hatte aber die Kraft nicht, Spatzen und Hämperlinge aus den Erbsenrabatten zu jagen ... oder so 'ne ähnliche Schose.« »Also du meinst, mir säß' die Kurasch in der Buxe?« »Papperlapapp! hier wird ernsthaft gesprochen. Was sagt denn die Kontrollkommischion dazu?« »Bestens erledigt.« «In Kleve erledigt?« »Ja, in der Voruntersuchung.« »Höhö!« lachte der Riese und ließ seine Pratze herunter, als wäre eine Verlähmung in sie gefahren. »Du bist wohl so bißchen titteriti ... hier oben ... so beiläufig im Koppe! Blexem! hätte ich in Kleve gesessen, als Kommissär oder so, ich kann dir nur flüstern: ich hatte dir schon des Königs Polka Mazurka mit allen Schikanen beigebracht, auch den langsamen Schritt, um dich dauernd glücklich zu machen.« Er schüttelte bedenklich den ergrauten Schädel. »Mit bestem Willen, ich kann's nicht klein kriegen. Ein Hüne wie du, imstande 'nen ausgewachsenen Bullen kurzerhand in die Knie zu schmeißen ... und dann nicht für tauglich erachtet ...!« »Moritz, laß das aus dem Spiel.« Seine Rechte fuhr gegen das Schurzfell, daß es aufrasselte: »Hier sitzt die infame Geschichte. Sonst: mit fliegenden Fahnen ...« Er verstummte vor den ernsten Blicken des Langen. Der erste Gesell trat aus der Schmiede heraus, mit Handwertsgerät und abgeschreckten Hufeisen. »Meister, es wäre so weit.« »Einen Momang noch. Moritz, auf Sterben und Seligkeit! wenn ich bloß könnte, ich ginge lieber heute als morgen.« Der Riese gab keine Antwort. Dafür aber der Sommersprossige, der sich eifrigst damit beschäftigt hatte, dem angehalfterten Muskatschimmel die Hinterbacken zu tätscheln: »Aber Nöllecke, du tätest doch arbeiten!« »Hondert Pond kann eck stamme!« rief Henn Pierentrecker dazwischen. »Richtig, mein Junge. Indessen, ich kann's nur aus 'nem schwachen Handgelenk heraus, ohne den richtigen Schwung zu betreiben.« Er lachte. »Ja ... aber Frühkartoffeln ausmachen, das könntest du gut ... und das mit Hendrintje Teerling im Garten ... und dann tätest du mit ihr ins Bohnenhäuschen verschwinden ...« Uns stolperte das Herz in die Hosen. »Himmel Gewitter, du niederträchtiger Stänker!« Nöllecke Giltjes taumelte hoch. Er hatte dem Gesellen einen Hammer entrissen. Das Gelbe seiner Augen war noch gelber geworden. »Du kleine Bestie von Lügenmarkör!« und bevor Moritz es noch zu hindern vermochte, pfiffen Stiel und Eisen haarscharf an den Schläfen des Unbesonnenen vorbei und klirrten weit in die Straße. Mit einem Sperberschrei waren wir auf und davon, spurlos in den nächsten Gassen und Gäßchen verschwunden, während Moritz ... »Pfui Deibel noch mal!« Er trat einen Schritt vor. Der dröhnte wie eine zu Boden gestolperte Kette. »Erbärmlich, so 'ne ausgestunkene Infamie zu verzapfen!« »Moritz, diese hundsföttische Lüge!« »Lüge oder nicht Lüge – ich sage dir, Junge, da ist was nicht richtig. Die Juden hassen das Munkeln und die Ratzen den Lärm zwischen ihren Nestern.« Er packte zu mit der Kraft eines Starken, umgriff das Handgelenk seines Widersachers und schnürte es wie in einem eisernen Schraubstock. »Mensch – du, ich denke meinen bösen Gedanken nicht mal zu Ende. Will ihn nicht zu Ende denken, aber er jagt mein Blut und meinen Atem bis zum Heißlauf ...« und er zischelte ihm zu, als wäre ihm alle Galle, die er im Leibe hatte, zwischen die Zähne geraten: »Hier tun Windzeit und Wolfszeit das Maul auf. Hier geht ein Gespenst um. Wenn das die Kinder schon sehen! Wenn das die Spatzen schon von den Dächern herunterpfeifen! Was ist das? Was ist das mit Hendrintje Teerling?« Seine Augen standen dicht vor denen des Gegners, flammten ihn an, bohrten sich ein mit der Gewalt von glühenden Stahldornen. »Lasse mich aus – du. Ich bin keinem Rechenschaft schuldig. Auch dir nicht. Da könnte jeder kommen und mich nach meinem Vaterunser befragen. Ich rühre den Stunk nicht auf. Gottverdammich, ich nicht.« »Aber ich! Mann, hier ist Andacht vonnöten, 'ne Andacht auf den Knien, 'ne Andacht mit Striemen und Geißelhieben. Zeige deine echte Visage, und in diese Visage hinein schrei' ich dir zu: Verbiesterst du mir zwei junge Menschenleben ... sein Leben und ihr Leben ... dividierst du ihnen nur ein Spierchen von ihrem Honnör fort ... machst du mir Ferkelgeschichten ...« und er schleuderte Nölleckes Handgelenk verächtlich aus seinem Schraubstock: »Salviere dich. Mach' keine Fisimatenten. Sonst – Blexem und Donnder! hier dieser krumme Finger bricht dir den Nacken.« Schwer stapfte Moritz über die Steine. Sein Blut rauschte. Er hörte nicht mehr, daß ein unterdrückter Fluch hinter ihm herlief: »Du Saukerl!«, daß der Percheron aufwieherte mit dem Schrei eines mißhandelten Tieres, dem ein Nagelschuh in die Flanke hineinstolperte. »Was nu!« und seine Gedanken jagten sich. »Wer sich die Ohren verstopft, um nicht hören zu brauchen, und wer sich die Augen verkleistert, um nicht sehen zu wollen, dem wäre es besser ...« Er verschluckte den Rest. Als er sein Ziel erreichte, fand er Hendrintje und Aloys vergnüglich in der Werkstatt zusammen. Er begrüßte sie kurz. Dann sagte er mit gerunzelten Brauen: »Hendrintje, laß uns allein. Ich hab' mit ihm ein kleines Wörtchen zu reden.« Da erhob sich das junge Weib und verließ den Arbeitsraum, nicht ohne dabei einen fragenden Blick auf Moritz zu werfen. »Aloys,« und der Riese fuhr sich schwer über die Stirne, »mir ist soeben die Geschichte von den verstopften Ohren und verkleisterten Augen durch die Sinne gelaufen. Mir stehen sie offen, aber ob dir ... und besonders das mit den Augen ...? Ich kann es nicht in Beurteilung nehmen ... bin auch nicht dafür, Ohren und Augen überall herumlaustern und herumvigilieren zu lassen, aber bei extraordinären Notlagen, wo es drauf ankommt, richtiges Fahrwasser zu kriegen oder versaufen zu müssen, wo einem so 'ne lelke Trift schon bis an die Kehle gurgelt ... Aloys,« und er ließ das Abgehackte beiseite und sprach ruhig und ausholend, »in diesem Falle jedoch, da muß ein übriges geschehen, und drum sage ich dir: Befindest du dich in der Verfassung des alten Tobias, dem eine sonst ganz niedliche und amüsante Mehlschwalbe die totale Sehkraft verschweinigelte, daß seine Pupillen zu kurz kamen, will ich mir die Haut des Engels und die des jungen Tobias zulegen, um mit der Galle aus 'ner regulären Fischblase dir die Augen zu streicheln, damit sie wieder Leben und die alte Helligkeit empfangen. Indessen beileibe nicht: ich biege die Sache nicht um, male sie nicht grau in grau an die Wand, sondern biege und male nur das, was ich um deinetwillen für erforderlich einschätze,« und nun erzählte er in schlichter und treuherziger Weise sein kurz zuvor Erlebtes, seine Bedenken und Befürchtungen, um mit den stillen Worten zu schließen: »Man soll sich nicht um andermanns Geschichten bekümmern, denn man bekommt selber 'nen Knick davon; aber um deine Geschichten ... schon um der Reinlichkeit wegen oder, um klare Bahn zu schaffen und 'nem Viechskerl das Wasser abzugraben, habe ich dies für nötig erachtet. Auf 'nem häuslichen Tabernakel darf sich kein Staub absetzen. Daß dieses nicht ist, dafür sollst du mich als Mittler ansprechen. Sonst für gar nichts. Verstanden?« Aloys erhob sich. Auch der Riese. »Wir verstehen dich, Moritz.« Der Puls hämmerte ihm bis in den Hals hinein. Ein Nebel lag vor seinen Augen, ein fester, diesiger, fröstelnder Nebel, um jäh zu verschwinden. Die beiden standen Seite an Seite im Raum. Die rote Abendsonne fiel schräg durch das Fenster. »Wir danken dir, Moritz.« »Dann mach' deine Sach' und suche in reines und sichtiges Wasser zu kommen. Ich erwarte dich im ›Waldkarnickel‹. Also bis gleich denn.« Dann ging er. Das Haus war still geworden, aber nicht lange. Aloys zerrte die Tür auf und schrie durch den Hausflur: »Hendrintje!« Der Ruf kletterte bis in den obersten Söller. Über ein kleines erschien sie, gefaßt wie immer und ohne Erregung. »Warum diese Stimme?« fragte sie unbefangen. »Konnte es nicht leiser geschehen? Ich bin doch allzeit zu haben. Das weißt du.« »Davon ist jetzt nicht die Rede. Beschönige nichts. Weiche nicht aus. Gib Antwort: Trägst du noch den Namen Teerling, oder trägst du ihn nicht mehr?« Sie sah ihn fassungslos an, in ein weißgewordenes Gesicht, dem jeder Blutstropfen fehlte. »Was ist dir?« meinte sie ängstlich. »Gib Antwort,« kam es zurück. »Ist die Ehre des Hauses Teerling noch unangetastet geblieben, oder ist sie es nicht mehr?« »Ich verstehe dich nicht.« »Es ging Einer durch die Niederung hin,« sagte er nach einigem Schweigen, »und sah Eine zwischen den Ackerfurchen stehen, die just abgeerntet waren ... und war barfuß, im kurzen Rock, aber schön und sittsam von Gestalt und Wesen ... und beugte sich im Schweiße ihres Angesichtes, wie Ruth, die Moabitin, es tat, um die verstreuten Ähren aus den Stoppeln zu heben. Auch sah er, daß sie anstellig war, gefällig und schmiegsam und sich mit dem zufrieden gab, was die lässigen Knechte nicht eingebracht hatten, und da sagte er sich: Die oder keine, denn sie ist die Rechte, dir die Öde des Tages zu nehmen, deinem Anwesen vorzustehen, mit dir die Mühen der Arbeit zu teilen, dir die Nächte zu Nächten zu machen, die köstlich sind, als wären es Geschenke aus der Hand des Ewigen. Und er führte sie in sein Haus, ein Heiligtum in Gestalt eines Weibes, und freute sich ihres reinen Leibes und ihrer Seele, bis ihm eine innere Stimme sagte ...« Die junge Frau straffte sich hoch. Ihre Augen begehrten auf. In dem Samtbraun stand eine plötzliche Helle. »Und diese Stimme – sie ist die deiner Mutter, denn sie nur allein ...« »Hendrintje...!« Er war bei ihr. Seine Rechte packte zu, umgriff ihr Handgelenk. »Bis eine innere Stimme ihm sagte: Du irrtest, dein Heiligtum ist kein Heiligtum mehr, ein giftiger Tau ist darüber hingefallen, denn das Weib ist abwegig geworden und stellt sich auf die Straße hinaus, um fahnenflüchtig zu werden.« »Und das bin ich, willst du sagen?!« »Hendrintje ...!« Die Linke zog einen scharfen Strich über die Kehle. »Bis hier steht die Unruh'. Verstehst du: bis hier schon.« Sein bisher fahles Gesicht starrte vor Blut. »Ja, bis hierhin, Hendrintje, und drum frage ich dich: Bist du immer allein im Garten gewesen ... damals ... in unserm Garten da draußen?« »Was bezweckst du damit?« »Ich will es nur wissen.« »Nun denn: ja, immer allein. Nur einmal ... da war einer bei mir ... der hat mir geholfen.« »Wer hat geholfen?« »Nöllecke Giltjes.« »So! und weshalb gerade Nöllecke Giltjes?« »Es ist aus Freundschaft geschehen. Du weißt doch: du und er, ihr wäret ja immer gute Bekannte.« »Also aus Freundschaft geschehen?! Auch 'ne Ausrede! und dann seid ihr in die Laube geschlichen.« »Geschlichen ...?!« Nun begannen auch ihre Pulse zu stürmen. »Ich ... mit ihm... in die Laube geschlichen?! Du willst also sagen ...?!« »Weib – du! ich spreche doch deutlich. Oder willst du es leugnen? Sieh in den Spiegel. Aber sieh genau hin, ob dir der Spiegel nicht vorhält: Ich bin durch Sünde gegangen.« Sie begegnete ihm mit funkelnden Augen. »Also das meinst du?! Ich eine Dirne?! Ich, ich, ich ...!« Ein Schrei stieß gegen ihn an. Sie prallte zurück, bis ihr die Wand gebot, nicht weiter zu taumeln. Sie glättete ihr Haar. Mit stummer Gewalt preßte sie ihre Schläfen zwischen den Händen. Sie stierte ihn an. »Also das meinst du?!« Etwas Dämonisches wuchs aus ihrem Leibe heraus. Das Weib im Weibe war lebendig geworden. Und jählings – mit gebreiteten Armen stürzte sie vor, umschlang ihn, riß ihn an sich, stammelte unter Schluchzen und Weinen: »Wie kannst du nur?! Wo nimmst du die Stirn her, mich unter die Füße zu treten, mich, dein Weib, so unter die Füße zu treten?! Aber ich schwöre dir zu: Aloys, nichts ist geschehen. Und wenn ich fehlte, wenn ich die Vorsicht außer acht ließ – gut, ich fehlte, ließ die Vorsicht außer acht ... aber nichts ist geschehen, so wahr mir Gott helfe! Noch immer sind die Nächte mir heilig, deine Nächte und meine Nächte, und wenn ich abirrte, so ist es nur ein böses Träumen gewesen ... aber Ruth, die Moabitin, bin ich dir immer geblieben: Ruth auf dem Felde ... Ruth in deinen Armen ...« und er spürte das heiße Zucken in ihr, das brustwarme Leben, die ganze Herrlichkeit der Hingebung in ihr, die ihn so oft überschauerte, wenn sie beim traulichen Kerzenlicht die Haare löste, sich entkleidete, ein Stück nach dem andern fallen ließ – eins nach dem andern. Es streichelte über ihn fort, mit dem seinen Spielen einer züngelnden Flamme ... und ein Duft umnebelte ihn, der war wie der starke Duft von schwülen Kartäusernelken, und schläferte seine Sinne ein mit dem Hauch von süßen Aromen. Da glitt er über ihren Scheitel, küßte sie mit dem Kuß der Vergebung und meinte nach tiefem Schweigen: »Hendrintje, geh' auf die Kammer. Wir haben uns nichts mehr zu sagen.« – – – Das letzte Glühen des Tages verlor sich am Turmhelm von Sankt Nikolai. Aloys tat einen langen Atemzug, den Atemzug der Befreiung. Als der ›Engel des Herrn‹ über die Stadt läutete, suchte er die Gaststube des ›Waldlarnickels‹ auf. Moritz erwartete ihn. Er trat näher heran und setzte sich zu ihm. Dann sagte er schmerzlich: »Moritz, ist das nötig gewesen?« »Auch eine Frage,« versetzte der Riese. »Du wirst deine Gründe haben. Deine Augen sehen vielleicht schärfer als meine. Ich fühle: Freigesprochen ist freigesprochen. Das ist Gesetz. Das muß man in Rechnung stellen. Dem darf sich niemand entziehen. Auch ich nicht. Gratuliere, denn Irren ist menschlich. Die Hühner krakeln oft, ohne zu wissen, was sie eigentlich damit bezwecken. Weiber und Hühner ... Na, überhaupt so. Hast du dein Glück und deinen Frieden wieder gefunden – mir soll es recht sein. Lelkes Wasser verkehrt sich oft in gutmütiges Wasser. Das lehrt die Erfahrung. Nur, so'n Schleusenwerk muß man unter Beobachtung halten und den Schleusenmeister besonders. Denn ich kenne welche, die sollte man an den ersten besten Schleusenpfahl knüpfen, den Kopf zu unterst, die Beine nach oben. Also – paß Achtung! und daß es geschieht: Aloys, drauf wollen wir uns ›eine‹ genehmigen, aber eine mit 'nem langhalsigen Proppen. Im übrigen: nix für ungut, mein Junge!« Er schlug auf den Tisch. »Holla, Markör! 'ne Bouteille mit Rotspon!«   Achtes Kapitel Die Tage kürzten sich merklich. Dafür bekamen die Nächte einen um so längeren Atem und machten Hirtzensprünge unter dem Himmelreich, daß sich die lieben Sterne höchlichst darüber verwunderten. An die Geschichte, die sich vor der Schmiede abgespielt hatte, dachten wir noch des öfteren mit heimlichem Grausen, hielten jedoch wohlweislich die Mäuler, aus Furcht, von irgendeinem bestellten Forum abgeurteilt zu werden. In den sieben Linden und dem stattlichen Baume auf dem Großen Markt, der viel des Erbaulichen und viel des Schrecklichen aus alten Tagen erschaut hatte, begann es stärker zu rascheln. Es gemahnte an das Rascheln von Mäusen in einer Vorratskammer, an das Graupeln gegen gefrorene Fensterscheiben. Die Merle flötete nicht mehr, die Schwalben hatten sich bereits auf die Wanderschaft begeben. Die trauliche Rübsenöllampe kam wieder zu ihrem Recht. Während der langen Abendstunden saß ich mit meinen Eltern in dem Zimmer mit den großblumigen Tapeten, den Stahlstichen aus dem Düsseldorfer Kunstverein, als da waren: die Lorelei von Karl Sohn, der Tod Barbarossas im Kalykadnos von Alfred Rethel und andere mehr, dem Ripssofa und den Stühlen aus poliertem Kirschbaumholz – dem anheimelnden und geräumigen Zimmer, das auf den umdüsterten Garten mit seinen verschnittenen Pyramiden und Buchsbaumhecken hinaussah. In einer genüglichen Stunde sagte mein Vater: »Heute fahren wir fort in einer krausen und ganz absonderlichen Geschichte.« Hierauf begab er sich an sein wohlbestelltes Bücherregal. Mit einem kleinen, in Halbfranz gebundenen Werkchen kehrte er in den wohligen Lichtkegel zurück, drückte sich in einen bequemen Sessel und schmunzelte: »Gullivers Reisen nach Liliput, Brobdingnac und in die merkwürdigen Landdistrikte von Laputa, Luggnagg und Balnibarbi, geschrieben von dem ehrenwerten Jonathan Swift, weiland Prediger zu St. Patrick in Dublin,« und er hub an in seiner eigenartigen und kirchenstillen Weise zu lesen, bedächtig und mit dem zarten Schmelz eines seinen Auslegers, daß selbst Jonathan Swift, wäre er in unserer Gesellschaft gewesen, es sich nicht hatte nehmen lassen, ihm die Hände zu schütteln. Mit einem Netz von grauen und gespenstischen Fäden fühlte ich mich eingesponnen. Dazwischen flinkerte und flunkerte es. Absonderliche Gestalten wanderten ab und zu, Abenteuer und Geschehnisse, die mir die Haare aufsteilten wie die Stacheln eines zusammengekugelten Igels. Dann wieder preziöse Ereignisse, so silberdrähtig und feintönend, als begänne irgendwo die Okarina eines Liliputaners zu spielen. Am besten jedoch gefiel mir die Reise durch die ungeheuerlichen Gefilde Brobdingnacs. Nein, dieser Jonathan Swift! Ich sah Haferähren, die mit der Höhe einer der stolzesten Dattelpalmen wetteiferten, gigantische Menschenkinder, Katzen, die hinter dem Ofen spannen und schnurrten, als wären hundert Strumpfwirker bei ihrer Arbeit gewesen, Ratten wie Mastferkel, und Fliegen, die es getrost mit einem fetten Wachtelhahn aufnehmen konnten. Die Lampe zirpte dazu, traumverloren rauschten die herbstlichen Bäume aus dem Garten herüber. Während dieser Zeit ereignete sich nichts Bedeutsames in den heimischen Mauern. Höchstens: meine Kröpfer gediehen. Die Schellen an den Kramläden lärmten wie sonst. Hübbers waltete seines nachtwächterlichen Amtes in vorbildlicher Weise, erfreute sich bei den notariellen Beurkundungen eines gesegneten Schlafes. Beim papierenen Aloys schien Friede zu herrschen, und der lange Moritz hatte sich wieder auf die Beine gemacht, um sein Miekske van Grieth über Ruhrort nach Mannheim zu führen. Auch eine Mission hatte sich für einige Tage in Sankt Nikolai eingebürgert. Ein düsterer Dominikaner mit bleichem Schwärmergesicht rüttelte die Herzen zusammen. Er konnte ausbrausen mit der Gewalt eines Föhns, um gleich darauf mit den Riedgräsern in einer weichen Abendbrise zu flüstern. Er predigte über die Heilswahrheiten der Kirche, ein sanftes Hingleiten in die Arme des Sterbens, über die tobenden Posaunen am Tage des Gerichtes, woselbst die Toten in ihren Gräbern erwachen. Die Gottwohlgefälligen sahen sich bereits mit lichten Strahlen umkleidet, die Abtrünnigen in das ewige Glumsen des höllischen Feuers verwiesen. Dazwischen wandte er sich gegen den sogenannten Gamaschendienst, gegen militärische Ehrbegriffe, wie überhaupt gegen das Unzulängliche des preußischen Staates, seine unrühmlichen Institutionen ... in nomine Patris et Filii ... Nur eins fiel auf. Simmchen Vitt saß wieder so vergnügt wie einst und ehedem vor seinem aufs frische etablierten Manufakturwarenladen, als hätte es für ihn keine Pleite gegeben, als wäre gar nichts geschehen. In buntgemustertem Schlafrock aus Kamelott, mit übergeschlagenen Beinen, am linken Fuß einen losen Schlappschuh, den er mit den Zehenspitzen pläsierlich auf und nieder wippte, so sonnte er sich in den noch immer warmen Strahlen der Herbstsonne. Er war gänzlich der alte und dachte nicht mehr daran, seine zehn Finger zu zählen, ohne den Daumen finden zu können. Nein, Simmchen Vitt war der vergnügtesten einer und blinzelte mit seinen etwas geröteten Äugelchen wie ein harmloses Frettchen aus der Sandröhre eines verspeisten Karnickels. Außer Zweifel stand: er hatte seinen extraordinären Rebbes gemacht und seine Gläubiger an die dunkle Pforte geleitet, auf deren Supraporte die vernichtenden Worte aus Dante Alighieris Göttlicher Komödie prangten: » Lasciate ogni speranza.« Sie hatten das Nachsehen. Wie solches geschehen konnte, vermochte keiner zu sagen, niemand, keine menschliche Seele. Aus Fehlbeträgen, Zahlungsschwierigkeiten, Passiven und weisen Schiebungen hatten sich Kräfte entwickelt, die gleich den Heinzelmännchen jegliches in solider, sachlicher und einwandfreier Methode beglichen, um es zu einem ersprießlichen Ende zu führen. Sein Manufakturwarenhandel stand abermals in floribus. Nebenher vermittelte er Pfandleih- und kleine Hypothekengeschäfte. Auch diese hatten gediegenen Mist an den Füßen. Nur über das ›Wie‹ blieben die Akten geschlossen und für immer versiegelt. Die Umwelt nahm es geduldig nach der fatalistischen Art der niederrheinischen Menschen hin. Es war doch nichts zu ändern. Sie wußten: das auserwählte Volk besaß von jeher das ihm von Jehova überkommene Recht, in schweren Bedrängnissen auf einen gütigen Engel zu zählen. Auch hier hatte dieser gütige Engel mit seinen Schwingen gewuchtelt, die insolvente Firma mit einem solchen gerechnet. Kurz, Simmchen war puppenmunter auf die vermöglichen Beine gefallen. Amen, Sela! Er saß pläsierlich vor der Haustür, verfolgte regen Sinnes die goldgelben Blätter, die von den schon halbkahlen Zweigen der großen Marktlinde herniederschaukelten, und wippte mit seinem Lederpantoffel. Als ich eines Mittags vorüberkam, um den papierenen Aloys aufzusuchen, rief er mich an. »Wie geht es, wie steht es?« sagte er freundlich, in den weichen Gutturallauten seines von Gott gesegneten Stammes. »Ich danke der Nachfrage. Es geht ja.« »Schön!« nickte der Alte, »und hat deine liebreiche Mutter schon die noble Besinnung gehabt, dir zu kaufen 'ne warme Wintermontierung, um Schlittschuh zu scharzen auf dem Bollwerk am Hinteren Graben? Prima Ware, bezogen von's eminente Haus Guttmann, in Firma Sally und Elkan, zu Krefeld.« »Das ist wohl noch 'n bißchen zu früh,« meinte ich kleinlaut. »Zu früh?!« lächelte Simmchen. »Der Winter zieht sich uns über dem Halse, bevor wir haben werden ein rechtes Verständnis. Schon gestern: die fetten Gansvögel sind gekommen vom Nordpol, um zu reisen zu dem pharaonischen König und dem ägyptischen Joseph ... da über dem Kirchturm ... und lärmten, als hätten sie schon jetzt zu tragen 'ne barbarische Kälte.« Ich folgte dem vorgestoßenen Finger mit dem Interesse eines römischen Augurs. »So!« rief ich aus. »Ja,« fuhr er fort, »und als ich vor einigen Tagen bin spazifiziert in die Waldungen des hochwürdigen Herrn Baron Adriaan van Steengracht zu Moyland – was mußte ich sehen? Nu, in die Tannen ... die kleinen Ameisen waren bei ihre Haufens beschäftigt, sie auszubauen wie die jüdischen Tempels, um zu haben 'ne angenehme Bekömmnis bei's Frieren, immer höher und höher, immer wärmer und wärmer, denn die fleißigen Tierchens befürchten 'nen bösen Reaumurstand unter dem Striche. Und als ich machte retour und besichtigte die Wiese an der Priesterkoppel, siehe: die violetten Blümchens, die wir for gewöhnlich die Herbstzeitlosen benennen, arbeiteten sich prophetischen Sinnes von selbst in das Erdreich, aus Forcht, 'ne frühzeitige Verkühlung zu haben. Ja, es wird Zeit, sich einzudecken in meinem Geschäft, alles bezogen von's eminente Haus Guttmann, in Firma Sally und Elkan, zu Krefeld. Drum sage 'nen schönen Gruß an die liebreiche Mutter, daß ich mich würde freuen, wenn sie käme, mir zu besuchen.« Er hüllte sich fester in seinen kamelottenen Schlafrock und wippte aufs neue mit seinem Lederpantoffel. »Auf Wiedersehen!« meinte er artig. Simmchen Vitt sollte recht behalten. Schon zu Beginn des November setzte die Kälte ein. Männlein und Weiblein stopften ihre Holzschuhe mit Stroh aus. Der Winter ging mit dampfendem Atem über die Deiche, hauchte ihn über die Niederung fort. Seine Schritte klapperten. Er trat an die Schleusenwerke und gebot den Wassern, stille zu stehen. Dem Kahlflack legte er einen blauen Eispanzer zu. Unter der spiegelblanken Fläche seufzten die Geisterlein, murrten und gluckerten von einem Ufer zum andern. Die Dreschflegel tönten weit ins Land, mit dem harten Ton von Glocken aus Kornelholz. In den ersten Tagen des Advent bellte die Kälte. Mit spitzer Schnauze schnüffelte sie in die Schlüssellöcher hinein, durch die Fensterritzen, in die Häuser der Menschen. Die geklöppelten Blumen an den Scheiben tauten nicht auf, so emsig auch die glühenden Kohlen in den rotangelaufenen Kanonenofen bullerten. Den Kirchengängern erfror das Vaterunser zwischen den Zähnen. Die Rheinschiffe sahen sich genötigt, der knirschenden Schollen wegen, ihre Häfen aufzusuchen. Auch ›Miekske van Grieth‹ legte sich mit knapper Not und bereits etwas zerstoßenen Seitenplanken vor Anker. Moritz hielt wieder seinen Einzug in die Stadt seiner Väter. Um diese Zeit begann es vom Himmel zu flocken wie mit Mullen, Tage hindurch, Nächte hindurch, als stände die Welt hinter einem Straminrahmen von flirrenden Garnen. Dann klärte es auf. Aber ein sonniger Frost krachte über die silberweiße Decke, daß der Schnee unter den Schuhen zwitscherte wie ein Nest voller Mäuse in einer Äpfelkammer. Rings starre Feierlichkeit! und sie wäre starr und feierlich geblieben, hatte nicht der lange Moritz böse Zeitung vermeldet. Er war häufig bei seinem jüngeren Freunde Aloys zu finden. Sie sprachen viel und ernsthaft zusammen, von diesem und jenem, von den unsicheren Zeitläuften, die bereits die Menschenherzen beunruhigten. Da merkte die Staatse auf. Allmorgens stand sie an ihrer Haustüre, trotz des grimmigen Windes barhaupt, nur mit einem wollenen Seelenwärmer geschützt, ihren Krückstock neben sich. Sie fror und fröstelte nicht. Ihre Seele war kalt. Das ausgespreitete Laken, das ihr mit Diamantensplittern zuglitzerte, behelligte sie keineswegs. Diamanten und Sternchen! »Ja, glitzert man, glitzert man immer so weiter!« preßte sie scharf durch ihre harten Zähne hindurch. »Es ist eine unnütze Sache, stattliche Häuser zu bauen, ohne dabei an sein schwarzes Häuschen zu denken. Ja, glitzert man weiter. Wie lange noch, und ihr seid zu Tränen geworden, denn alles will wieder erlebt sein, oder Gottes Wort ist gelogen. Denn wisset: das mit dem Besenstern ...« Ihr Krückstock rumorte. »Vater unser, der du bist in den Himmeln ...« Mit ungelenkigen Fingern strich sie sich das eisengraue Haar aus der Stirne. »Ja, es ist ein langes und banges Leben und ein trauriges Sterben auf Erden!« Ihre weiten Blicke suchten den Markt und die zunächstgelegenen Straßen ab, ob niemand erschiene, der ihr etwas Genaueres mitteilen könnte. Da kam einer vom Rathaus geschritten, selbstherrlich, in voller Aufmachung, die Nase bereits auf das einladende ›Waldkarnickel‹ gerichtet, wo ein heißer Grog seiner harrte. Die Alte rief ihn an. »Herr Brill, darf ich wohl auf ein einziges Wörtchen ...« »Aber wir bitten, Madam! Für Ihnen sind wir immer offö, wie wir das so in der Amtssprache benennen.« »Dann möchte ich fragen: Sie, als militärisches Oberhaupt von's Bürgermeisteramt, haben doch 'ne gewisse Begutachtung davon, was sich da draußen so langsam und gefährlich herumspielt?« Herr Brill salutierte. »Hab' ich, Madam, denn sonst wären wir gar nicht kumpabel, unsere Pflicht zu erfüllen.« »Da würden Sie wohl die Freundlichkeit haben, mir Aufklärung zu geben; denn da reden nu die Leute und reden, ohne auf den diesbezüglichen Turnus zu kommen. Selbst mein Aloys ist sich nicht klar über die Sache. Da dachte ich mir, du mußt dich an den richtigen halten, an das militärische Oberhaupt von's Bürgermeisteramt, und da Sie gerade vorbeikommen ...« Herr Iwan Kasimir Brill klappte die Hacken zusammen. »Sehr obligiert,« sagte er im gönnerhaften Ton eines Beamten in gehobener Stellung. »Kann es mir denken, Madam. Gute Walnüsse wollen geknackt sein. Wir dürfen uns schmeicheln: in dieser Hinsicht sind wir immer offö, so 'ne Walnuß zu brechen, denn alle Ereignisse« – und mit breitem Daumen deutete er über die linke Schulter auf das stattliche Rathaus, das sich unter einer mächtigen Schneehaube duckte – »alle Ereignisse werden dort kalkuliert, registriert, traktiert und in die Kontrollbücher verzeichnet.« »So!« rief die Staatse und streckte den Nacken, als sei sie willens, ihn noch über den Türpfosten zu heben. »Wie steht es denn draußen?« Herr Iwan Kasimir Brill machte Kulleraugen, beherrschte sich aber. »Mies!« sagte er ruhig. »Zwar hat der lange Moritz schon Kundschaft verbreitet. Indessen bloß schwächlich. Kann ihm auch keiner verdenken, denn er ist nicht bei's Amt angestellt oder in einer höheren Stellung verpflichtet. Es ist bei ihm nur so'n Rätselraten gewesen. Wie die Rheinkaptäns so sind. Wir hingegen beziehen die Rapporte aus allernächster Bekundung. Direkt von den höchsten Instanzen. Leider« – und er zog seine Augenbrauen in bedenkliche Falten – »wir sind nicht mehr offö, noch weiter hindurch Frieden zu halten. Unser alleruntertänigster Herr und König braucht sich die Ausverschämtheiten und nichtsnutzigen Dickfelligkeiten von den Eiderdänen nicht mehr länger gefallen zu lassen. Freiheit für die deutschen Brüder und Gesinnungsgenossen! Wenn sie's nicht gutwillig tun, wir meinen die Dänen, na, dann aber auch ...! Dann kommt's an den Matthias zum letzten, und dann hat die große Turmklock geschlagen, aber barbarisch geschlagen, um es deutlich und mit nackten Worten auszusprechen.« Er räusperte sich. Seine blankgeputzten Augen gingen hin und her wie die des heiligen Markuskopfes auf der großen Uhr im Hause des papierenen Aloys. Bei jeder Bewegung des Perpendikels taten sie einen scharfen Ruck auf die Seite, daß das Weiße aufblenkerte. »Im übrigen auch ...« und er streckte die Hand aus, um sie gleich darauf wieder einzuholen. »Da drüben in Wesel bei die schwere Artollerie steht auf den Kanonen geschrieben: Ultima ratio regis , oder wie wir es auf deutsch zu benennen haben: Unser alleruntertänigster König und Bismarck tun es nicht länger. Sie haben es über. Das Wachstuch muß von den Fahnen herunter.« Er zog einen Riß durch die Luft. »Muß von den Fahnen herunter.« Er betonte das ›Muß‹. Die Alte entsetzte sich. »Also Krieg,« sagte sie mit blutleeren Lippen. »Ja, Krieg mit die Dänen, wenn sie nicht 'ne bessere Ansicht vertreten. Allein diese bessere Ansicht steht man auf schwächlichen Beinen, denn wir haben bereits Order empfangen. Ich und der Herr Bürgermeister. Schon seit gestern sind wir dabei, die Stammrollen zu mustern, um völlig offö in die Aushebung treten zu können.« »Dann muß mein Aloys wohl mit?« »Wie alt ist er denn?« »So um die dreißig herum.« »Ei der Tausend! Dann allerdings. Leider! wir können keine Ausnahme machen. Die Polizei darf die Binde des heiligen Thomas nicht ablegen. Ex officio nicht. Wir wissen: Landwehraufgebot Numero eins. Bei Anruf muß er sich nach Wesel begeben, wenn's auch jedermann leid tut ...« Der Krückstock winkte ab. Die Staatse wuchs über den Türrahmen hinaus. Ihre Augen flackerten. »Leid tun?! Gibt es nicht für mich,« sagte sie schartig. »Wo Not an den Mann kommt, hat sich auch jeder als Mann zu erweisen. Ich denke dabei an unsern Herrn und Erlöser. Der hat sich auch nicht gescheut, das Kreuz zu nehmen, es auf die Schädelstätte zu tragen, um dort für seinen himmlischen Vater und die böswillige Menschheit zu sterben. Darin hat kein Weib und keine Mutter zu reden. Hosenzitterer und Ofenhockers kann ich nicht leiden. Sie sind mir ein Greuel, ein Nichts vor dem Winde. Recht so, Herr Brill. Man immer mit dem Wachstuch von den Fahnen herunter. Wenn Vaterland und König rufen, haben die Miesmacher und die Friedenswinseler zu schweigen, und mein Aloys, so benaut er auch manches Mal ist, wäre der letzte, der nicht mit freudigem und patriotischem Herzen ... Das ist es.« Herr Iwan Kasimir Brill warf zwei Finger an den Mützenrand. »Allerhand Achtung! Das wird dem Herrn Bürgermeister gemolden.« Er nahm einen tiefen Atemzug. »Madam Teerling, Sie sind eine tapfere Frau,« sagte er in schöner Bewegung. »Nur eine preußische,« gab sie zurück, »und das bleibt das Höchste.« Der Polizeigewaltige empfahl sich. »Heldenmutter!« stammelte er noch vor sich hin, um hierauf das ›Waldkarnickel‹ und seinen steifen Grog zu beehren. Sie sah ihm mit weiten Augen nach. Ein helles Wasser blinkte darin. Mit harten Fingern wischte sie es fort. Dann ging sie. Sie trat in den Hausflur, von hier in die Werkstätte. Aloys hobelte just an einem stattlichen Bande: das ›Leben der Heiligen‹ aus der Bücherei des Borromäusvereins. Die Arbeit war eilig. Er hatte zu schaffen. Das Mützentröddelchen tänzelte dabei vergnüglich von einer auf die andere Seite. Sie trat vor ihn hin. Steil hob sie sich auf, ohne Erregung, obgleich ihr das Herz klopfte und hämmerte, als wollte es die enge Brust zersprengen. »Nun, Mutter, was hast du?« »Aloys, weißt du es schon?« »Alles,« sagte er in seiner bedachtsamen Weise. »Und wie denkst du darüber?« »Ich?! was gibt's da weiter zu denken?« Ein leises Wimmern, dann ein Zusammenreißen und harsches Sprechen: »Recht so, mein Sohn!« und mit eiskalten Lippen drückte sie ihm einen heißen Kuß auf die Stirne. »Wenn es auch weh tut, wenn es auch weh tut, so den einzigen von sich zu lassen!« Nebenan erhob sich ein Geräusch, ein verhaltenes Aufschluchzen. »Na ja!« sagte die Alte. Mit einem innigen Blick auf ihren Sohn verließ sie den Arbeitsraum. Draußen erstarrte sie jedoch zur Salzsäule. Nur ihre Augen brannten wie die Kerzen in der Leidenswoche des Herrn, düster und schwelend. Für einen Augenblick zeigten sich ihre Raubtierzähne. Dann sprach sie mit ihrer spröden und brüchigen Stimme: »Ja, das mit dem Besenstern ...! Den Krieg nehme ich hin, als von Gott gesetzt, um die Menschen zu läutern und ihnen die Wandelbarkeit der Zeiten vorzuführen. Aber das andere ... es fährt doch den lässigen und üppigen Weibsbildern unter die Röcke, daß ihnen die Brunst genommen wird, wie sie den Kamelinnen genommen wird in der heidnischen Wüste.«   Die Dinge spitzten sich zu. Mein Vater erklärte uns die sich drängenden Begebnisse. Jeder Tag brachte etwas Neues. Bereits im November war der König von Dänemark, Friedrich VII., mit Tod abgegangen. Sein Folger, Christian VIII., dekretierte mit kategorischem Hochmut: »Schleswig wird zu Dänemark geschlagen, mag's kosten, was es wolle.« Der Augustenburger hielt ihm entgegen: » Quod non! ich lege Hand auf Schleswig und Holstein.« Aber eine energische Kürassierfaust wies sie alle zurück, Dänen und Augustenburger ... und diese Faust war wie die eines Auserwählten, graniten und zugreifend, als hätte sie einer in weißem Koller und blauem Eisen gestreckt ... Und war auch einer in weißem Koller und blauem Eisen ... und sein Auge war wie das eines Sehers, seine Stimme wie die eines Mahners und Ekkehards. Die sagte aus heißester Seele heraus: »Deutsche, besinnt euch. Zerhadert euch nicht in den eigenen Pfählen. Gebt dem Auslande nicht, was des Auslandes nicht ist. Hängt euch nicht an fremden Kram und Tand. Eßt selbsterackertes Brot, wenn es auch nur pures Roggenbrot ist. Fühlt euch heimisch im Lande. Ehrt deutsche Kunst und deutsche Sitte. Begeistert euch nicht, wenn ein welscher Jongleur einhertänzelt. Seid einig. Laßt Deutsche, auf denen der Schuh eines Dänen lastet, nicht im Elend dahinsiechen. Und nochmals: Seid einig, zerfleischt euch nicht selber, nicht in euren eigenen Stämmen. Folgt mir und hört auf mich. Ich bin ein Rufer, ein Lichtverbreiter in der Finsternis. Wenn ihr wollt, ich mache euch groß. Ein Barba blanca gebietet mir, also zu handeln. Fußangeln bedrohen uns, Fußangeln und Fallen. Fremde Dreschflegel dreschen auf unseren Tennen herum, scheffeln das Korn in ihre Säcke hinein. Ich habe den Willen und die Macht, ihnen das unsaubere Handwerk zu legen. Da ...!« und die gepanzerte Faust krachte auf, auf den grünen Tisch, auf spitzfindige Dekrete, auf vergilbte Akten, auf geschriebene Schliche und Ränke, nur dazu da, die deutsche Freiheit und den deutschen Gedanken zu knechten. Aber viele folgten ihm nicht, hörten nicht auf ihn. Sie dachten lediglich an ihre Sonderinteressen: Hämlinge mit schiefen Köpfen und Sinnen, Deutsche dem Namen nach, ohne die deutsche Seele zu spüren, Sonderbündler, Parteibonzen, Kannegießer, politische Gernegroße mit dem Maul einer Anakondaschlange und dem Gehirn eines ordinären Mistkratzers, Verräter an der vaterländischen Sache, Liebediener der Fremden. »Leider, so ist das,« meinte mein Vater. Ernst und bedrückt scheitelte er seinen Bart auseinander und sagte ungefähr mit den nämlichen Worten, was Jahre nachher ein Mächtiger dartat: »Die arischen Völker haben ihren Thersites, ihren Loki. Einen Ham, der seines Vaters Scham entblößte, kennen nur die Orientalen – und, Gott sei es geklagt, auch die Deutschen.« Aber jetzt: die gepanzerte Faust krachte auf, dazu eine Stimme: »Ob ihr wollt oder nicht, ich gebiete euch von Babylon nach Jerusalem zu gehen, in die Stadt der Verheißung.« Das reinigte die diesige Luft. Der Advent rückte vor. Die Weihnachtsglocken von Sankt Nikolai lauteten wie immer: »Ehre sei Gott in der Höhe. Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!« Die Silvestergläser klingelten noch fröhlich zusammen: »Prosit Neujahr!« Wer aber genauer aufhorchte, für den war es ein bedenkliches Klingeln und Läuten gewesen. Wachet und betet! Feine Naturen vermeinten schon, in weiter Ferne die preußischen Trommeln und Pickelflöten zu hören. Da kam der 16. Jänner. Der Tag der Entscheidung. Die Würfel fielen. Das Wachstuch ging langsam von den glorreichen Fahnen herunter. Sie flogen im Wind. Es war ein scharfes Ziehen zwischen Himmel und Erde. Peitschende Eiskristalle zerschnitten Gesicht und Hände. Wir achteten dessen nicht. Nur in wollene Tröster gehüllt, mit roten Nasenspitzen und verklammten Ohren standen Henn Pierentrecker und ich, Peter Hartjes und der Sommersprossige unter der bereiften historischen Linde, die erregten Blicke stur auf die Haustür des papierenen Aloys gerichtet. Wir hatten lange zu warten. Schon am Tage zuvor hatte unser gemeinsamer Freund von meinen Eltern, dem Herrn Pastor, dem regierenden Bürgermeister, dem Apotheker, dem Wirt ›Zum Waldkarnickel‹, kurz, von allen, die ihm näher standen, geziemenden Abschied genommen. Mit seinen Kameraden, die gleichfalls eingezogen waren; trat er den Weg nicht an. Jene benutzten die Post, er jedoch wollte zu Fuß nach Wesel, um, wie er sagte, sich zu trainieren, sich für die kommenden Strapazen des Feldzuges vorzubereiten. Da – als wir so standen, ging in Rufweite Heinrich Hübbers vorüber, im blauen Leibrock, die mollige Otterfellmütze in den Nacken gerückt, etwas Blankes an der Seite und ein sonderbares Ding linksseitig geachselt. »Adjüskes, adjüskes!« rief er uns zu. Wir achteten seiner nicht weiter, denn wir waren zu sehr mit Aloys beschäftigt. Der Sommersprossige gab einen dampfenden Atem von sich und sagte: »Ich müßte ihn doch bewundern, den Papierenen, denn es wäre kein Kleines, sich so generös vor die losgehenden Kanonens zu stellen.« »Nee,« versetzte der vom Himmel Heruntergefallene, treuherzig und mit feuchten Augen, »mir geht es konträrig, so frühzeitig sterben zu müssen.« »Bangbox! und so was will 'nen Preußen vorstellen?« Peter Hartjes schreckte zusammen. Henn Pierentrecker stand vor ihm. Er hatte den langen Hals aus dem wollenen Tröster gestoßen, die Absätze seiner etwas abgewetzten Stiefel gegeneinander geschlagen. »Menschenskind! sollen denn die hundsföttischen Dänen kommen, marodieren, uns wie die Ferkels abstechen? Nee, mein Junge!« und er krempelte seinen rechten Ärmel zurück, ließ den Biceps spielen und sagte mit grimmiger Stimme: »Sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme, und wenn ich bloß könnte, ich wäre auch so nobel, mit Aloys Pulver zu riechen.« »Ganz richtig,« pflichtete ihm Jan Höfkens bei, »denn ich täte es auch, könnte es aber noch nicht, weil ich noch nicht kumpabel wäre, 'ne Zündnadelflinte zu tragen.« Henn mit dem Biceps warf ihm einen wohlwollenden Blick zu. Wir machten die Hälse lang. »Nu kommt er!« Drüben öffnete sich langsam die Türe. In Begleitung des langen Moritz erschien der Held des Tages. Hand in Hand traten sie auf die Straße hinaus. Zwei weibliche Personen winkten ihnen nach: die Mutter, gefaßt und ehern, Hendrintje mit verweinten Augen und ganz durcheinander. »Los denn dafür!« kommandierte Henn Pierentrecker, und unter der Weise: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben? Die Fahne schwebt mir schwarz und weiß voran ...« zogen wir unseren Freunden entgegen, gesellten wir uns ihnen und erklärten dem gefeierten Aloys kurzweg heraus, ihn bis zum Hofe op gen Born begleiten zu wollen. »Sonder Besien,« konstatierte Henn Pierentrecker mit patriotischer Verve. Aloys blieb stehn, tiefbewegt und freundlichen Gesichtes. »Wir danken, wir danken. Wir danken auch vielmals!« Er wuscherte sich etwas Feuchtes von den Wangen herunter. »Jungs, das ist zu viel für 'nen bescheidenen Menschen.« »Nichts ist zu viel!« ließ sich der lange Moritz vernehmen und spuckte scharf auf die Seite, direkt auf den Kopf einer Pyramide von Roßäpfeln, die ein Postklepper in Gottes heiliger Morgenfrühe hingesetzt hatte, just vor die saubere Schnirkeltreppe des Herrn Bürgermeisters. »Nee, nichts ist zu viel, wenn's um dich und deine Mobilmachung sich handelt. Die Jungs wissen, was sich gehört ... sind brav kalfatert ... immer auf Deck ... aber immer ... 'ne wahre Liebhaberei, so was zu sehen ... Das muß dich erfreuen ... kommt dir auch zu ... denn du als Patriot, der Gott gibt, was Gottes, aber auch dem König, was des Königs, dem steht es auch an, 'ne richtige Ovation als Beifall zu nehmen. Ja, ihr könnt mitmachen ... wir gehen zusammen ... bis op gen Born ... Also mit Gott denn ... Blexem und Donnder! aber nu singt bloß ... so was können wir in diesen Tagen gebrauchen ... Ehre und Vaterland ... und 'ne Portion Kurasch zwischen den Rippen ... Blexem! nu singt man!« Das taten wir auch. Mit blauroten Köpfen sangen wir in die flirrenden Eisnadeln hinein: »Nie werd' ich bang verzagen, Wie jene will ich's wagen: Sei's trüber Tag, sei's heitrer Sonnenschein, Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein.« Irgendwo hing schon eine Fahne herunter. Türen gingen auf und zu. Männer und Frauen traten auf die Straße hinaus. Mit verklammten Händen winkten sie uns nach. »Mit Gott, Aloys!« »Komm' munter retour!« »Merci und abermals merci!« Die letzten Häuser blieben zurück. Die weiße, schnurgerade Chaussee tat sich auf, die an dem nicht ferngelegenen Monreberg vorbei über Marienbaum und Xanten nach Wesel führte. Zur Linken geisterte ein rascher Schlitten vorüber. Der Medizinmann hatte es eilig. Irgendwo harrte ein Heimgesuchter auf ihn. Ein Schellchen bimmelte ängstlich, wie das eines Ministranten auf dem Versehensgange, in die weite Landschaft hinein – ein wimmerndes Armeseelchen, das die goldene Pforte des Paradieses nicht finden konnte. Die unermeßliche Ebene schluckte es auf, als wäre es niemals gewesen ... »Sei's trüber Tag, sei's heitrer Sonnenschein, Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein.« Rüstig schritten wir weiter. Die scharfe, prickelnde Luft tat uns wohl; auch den dunklen Krähenvögeln, die sich langsam nach Westen schaukelten. Aus einem verschneiten Heckengäßchen am Ravelin trat uns eine breite Gestalt entgegen. »Da täte Nöllecke Giltjes erscheinen,« sagte Jan Höfkens. Moritz riß sich zusammen. Wir sahen es ihm an: in Bruchteilen von Sekunden mußte ihm vieles durch die Sinne gehen: Hartes, Zerbrechliches, Ungereimtes, Dinge, die er mit seinen ehrlichen Begriffen nicht zu enträtseln vermochte – und er wandte sich und stierte in die Gegend hinein, über die Äcker fort, als sollte ihm aus den mit Schneewehen umspreiteten Schollen des Rätsels Lösung dämmern, sich ihm das Ungewisse zur Gewißheit modeln, der er nachjagte, ohne ihrer habhaft zu werden. Der Papierene sah den Ankömmling sprachlos an. Aber zwei schmiedeeiserne Fäuste packten zu, umgriffen seine Rechte. »Tag, Aloys! Ich hab' mich noch von der Arbeit fortgemacht, nur auf 'nen kleinen Momang, um dir 'nen regulären Abschied zu bieten.« Er schlug auf sein Schurzfell. Das rasselte nach Art einer Komödiantentrommel. »Auf Innungsparol', das will mein Honnör so! Das ist Nobilität unter Freunden, und sollte ich wegen Verschleppung der Aufträge drei preußische Kronentaler verlieren. Mir wurschtig! Sofort ging ich mit. Seite an Seite mit dir! Aber die Mutter ...! Ohne mich blieb ihr nichts übrig, als an den Pfoten zu saugen. Da muß ich schon in die Verlängerung springen. Du weißt doch?« »Wir wissen, wir wissen.« »Ja, und ich selber! Wenn ich auch könnte, es geht nicht. Hier in der Lunge ... 'ne alte Geschichte ... und da bin ich reklamiert und von der Liste gestrichen. Sonst – ich kann dir sagen, keine zehn Pferde könnten mich halten. Pro gloria et patria! Ein Lumpenkerl, wer da den Kopp in 'n Mäuseloch stäche. Verstehst du?« »Ja, wir verstehen.« Dem langen Moritz wurde es über. Er spuckte einem vorüberspazierenden Spatz auf die Flügeldecken. »Aloys, willst du nach Wesel, oder willst du nicht mehr nach Wesel?« Wiederum rasselte die Komödiantentrommel. »Aloys, einen Momang noch! Ich meine: das andere. Alles bloß 'n pures Gerede. Auf Innungsparol'. Schwamm über die Sache! Aber du ... Menschenskind, dieses Honnör, so mit fliegenden Fahnen ...!« Er riß sich die berußte Mütze von den krölligen Haaren. Der mächtige Körper streckte sich, als sollten die eisernen Nervenbündel zerbersten. Dann jubelte er: »Aloys, immer druff auf die Dänen! Immer druff, ohne Pardon oder sonst was zu geben. Immer mit's blanke Bajonett mang die Kerle. Nur keine Bange, nur keinen Retourschritt. Die erste Fahne für dich. Immer druff, für uns und den König!« und er schwenkte die Mütze, daß sie wie ein kleines Untier durch die Luft zischelte. »Für uns und den König!« Aloys sah ihm tief in die Augen. »Du hast gut schwenken,« sagte er ruhig, mit dem wehen und bitteren Lächeln eines kundigen Mannes. »Du hast gut schwenken. Ein Kerl wie du könnte auch für sein Volk scharwerken und seinem König freie Bahn schaffen. Aber ich sehe, das gibt's nicht. So, und nu schwenke man weiter,« und er wandte sich und nahm wieder einen straffen und energischen Schritt an. Neben ihm verlor sich eine verhaltene Stimme: »So 'ne Kanaille, so'n Hundsfott! Aber da! Aloys, kuck bloß – die Landschaft! Alles weiß in weiß. Ist es nicht 'ne wahre Liebhaberei, so was Schönes zu sehen?!« »Sehr schön,« schmunzelte Aloys und drückte bewegt die Hand seines Freundes. Zur Rechten stiegen die mit Schälholz bestandenen Lehnen des Monreberges sanft in die Höhe, über und über mit Glitzerwerk bepudert, zur Linken ruhte die Niederung in ihrer reinen Unendlichkeit, wie aus blanken Silberfäden gesponnen. Und mitten darinnen ... Seitwärts der Landstraße hob es sich auf, mit verschneiten Dächern und Baumgruppen: die historische Stätte, unter dem Namen Burginatium vielgenannt und aus dem Alltag herausgeschält, woselbst die VI. Legion ( legio VI. victrix, quam comitata fuit ala equitum ) in altersgrauen Tagen Wache gehalten ... kurz, wir waren in Höhe des Hofes op gen Born und in Nähe seines winterstillen Friedens gekommen. Da klang uns ein gewaltiges Tuten entgegen. Es drang aus den mit Engelshaar umkleideten Lohhecken. Als wäre ein römischer Tubabläser seinem Grabe entstiegen und hätte seinem Kaiser die Fanfare geblasen: »Ave, Caesar, morituri te salutant!« so dröhnte es über die Stätte der Einsamkeit. »Tuhut! – Tuttutuhut! – Tu – hut!« Dann ein Brechen und Rauschen, ein Knistern und Knacken, und siehe: Heinrich Hübbers in seiner blauen fünfundzwanzigpfündigen Schneideridee, das Nachtwächterhorn stolzlich geachselt, die schwere Plempe aus den Freiheitskriegen gezückt, stand neben dem Chausseegraben in Paradestellung und salutierte vor unserem gemeinsamen Freunde. Ein Spontonträger aus dem ersten Gardebataillon des großen Königs hätte sich anstrengen müssen, diesem Mordskerl die Stange zu halten. »Mit Gott, mit Gott!« wollte er rufen. Aber die Stimme versagte. Das war zuviel für den papierenen Aloys. Die Tränen wollten ihm kommen. »Kinder, nu laßt mich! Laßt mich um des Himmels willen! Sonst kann ich mir selber nicht helfen. Grüßt mir die Frau, grüßt mir die Mutter! und alle, alle ... Herr Jeses, es wird doch schwer, von so lieben Menschen zu scheiden!« und er reichte allen die Hände. »Lebt wohl, lebt wohl!« Der lange Moritz, erschüttert bis ins Tiefste hinein, wollte noch den Jovialen spielen. Es gelang ihm aber nur schlecht, denn statt heiter zu reden, sagte er mit bekümmerter Stimme: »Ja, Aloys, marschiere mit Gott! Nu geh' man, nu geh' man! Wir gedenken deiner in Liebe. Blexem! ich kann nicht mehr weiter,« und Aloys ging wie einer, der das Himmelreich suchte. »Wir täten auch beten für dich!« rief ihm Jan Höfkens noch nach. »Brav so, mein Junge!« Moritz hatte gesprochen. Noch einmal sah sich Aloys um und winkte uns zu. Dann nicht mehr. In dem weißen Schneefeld wurde er immer kleiner und winziger, bis er endlich zerging wie ein mageres Lichtlein am Tag Allerseelen.   Neuntes Kapitel Eine gekrampfte, gleichsam mit Eisenbändern umfriedete Faust stand mannshoch in freier, schneidender Luft über der Erde. »Du hast gut schwenken! So'n Viechskerl! So'n papierener Bilderbogenverschleißer! Mir das so schlankweg um die Visage zu hauen! Und der andere erst! Dieser Teerquast! Dieses langstielige Pferdsgesicht, mit dem ewigen Makuba im Maulwerk! Spuckt vor mir aus, als wenn ich ein Fahnenflüchtiger, ein Haderlump wäre. Mein Honnör, mein Honnör! Aber wartet ihr beiden! Wir sprechen uns wieder, und wenn wir uns sprechen ...« Der gestreckte Arm sackte herunter. Nöllecke Giltjes wieherte mit dampfendem Atem über das kalte Laken, in das Frieren und Frösteln, in ein Land ohne Lachen. Dann schnürte er sich in das verwehte Heckengäßchen zurück, um auf Umwegen sein Haus zu gewinnen. »Die Letzte Ölung sollen sie haben,« knirschte er noch zwischen den gelben Biberzähnen, »aber nicht aus den Händen des rothaarigen Kaplans, sondern ...« In dem Gestieb der feinen Kristalle, die von den kahlen Bocksdornhecken flinzelten, tauchte er unter. – Mit Fieberaugen und klopfendem Herzen kam ich daheim an. War das ein Tag gewesen, ein Tag, in dem sich die Ereignisse buntfarbiger neben- und gegeneinander schachtelten als die Glassplitterchen in einem Kaleidoskop. Das zwinkerte auf und hastete nach allen Seiten mit der sinnlosen Eile von silbrigen Schnäuzsternchen in der Nacht des heiligen Laurentius, unermüdlich, ohne nur an ein beschauliches Ausruhen zu denken: dieses mutige Auftreten des Papierenen, unsere Ovationen, das Eingreifen von Nöllecke Giltjes, dieses herrische Benehmen des Riesen, der unvergeßliche Auftritt in Höhe des Hofes op gen Born, das mächtige Tuten, der wehmütige Abschied und ganz in der Ferne, wenn auch nur mit prophetischen Ohren gehört und mit prophetischen Augen gesehen: das Rufen der Kanonen im Land der Dänen, das Flattern der preußischen Fahnen. Nein, dieser Tag! Zu Hause angekommen, trieb es mich gleich zur Traben-Trabacher Marie, um ihr meine Erlebnisse brühwarm an den opulenten und molligen Seelenwärmer zu betten. »Marie, Marie ...!« »Junge, wie siehst du aus, und wo bist du solange herumgefackelt?!« »Ich?!« fragte ich schon so halber gekränkt. Dann aber brach es aus mir heraus: »Wir haben Aloys auf seinem Kriegsgang begleitet ... ich und Jan Höfkens, der lange Moritz und die anderen alle ... und Nöllecke Giltjes ist gnitschig dazwischen gekommen ... aber Hübbers hat mit seinem Säbel geschwenkt und barbarisch getutet ... und dann ist Aloys nach Wesel marschiert, um dem König und dem alten General Wrangel so'n bißchen zu helfen.« Ich atmete auf, die Blicke noch voller Erregung und Heldenfeuer: »Und Henn Pierentrecker hatte sein Kamisol aufgekrempelt, weil er mitwollte, und mächtig gerufen: Sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme! Auch Jan wollte mit, konnt's aber nicht, weil er noch zu unnösel war, 'ne richtig gehende Zündnadelflinte zu tragen.« Die Gute nickte mir zu. »Kann es verstehen,« meinte sie begütigend. »Aloys verdient es. Du aber, wenn du nicht zu müde bist, geh' noch schnell zu Hannecke Brükers und sag' ihr: 'ne Empfehlung von hier und sie möchte übermorgen zu's Nähen erscheinen.« Das tat ich auch gerne. Nachdem ich noch ein Butterbrot zu mir genommen hatte, sockte ich ab. Hannecke Brükers hauste als Untermieterin in dem blaugekälkten Häuschen ›Achter de Mur‹, das dem langen Moritz erb- und eigentümlich gehörte. Ich fand sie auch richtig in ihrem appetitlichen Zimmer, an dem mit Musselingardinchen bekleideten Fenster sitzen und mit Nähen beschäftigt. Ihr unmittelbar zur Seite knackte ein angenehmes Steinkohlenfeuerchen. In der Ofenröhre plauderten einige Paradiesäpfel, die sich in ihrem eigenen Schmalz zuckersüß kandierten. Ein lieblicher Duft apothekerte durch die liebe Umwelt, die sich anließ wie das stille Heim unter den silbrigen Ölbäumen zu Bethanien. Hannecke hielt mit Nähen inne. »Nun,« sagte sie freundlich, mit einem versonnenen Heben des Kopfes, »was verschafft mir die Ehre?« Ich überbrachte meine Bestellung, die mir die Traben-Trabacher Marie ans Herz gelegt hatte. Sie sagte zu; dann deutete sie mit ihrer feingliedrigen Hand auf den Schemel zu ihren Füßen. Ich folgte der Anweisung, von dem heimlichen Wunsche beseelt, sie würde mir eine ihrer schönen Geschichten und Legenden erzählen, eine von Bauberger, die ›Beatushöhle‹ und so, eine von Herchenbach oder Christoph von Schmidt: ›Heinrich von Eichenfels‹ oder das wunderseltsame Geschehen von den ›Ostereiern‹. Ich hoffte vergebens. Dafür streichelte sie mir sacht über den Scheitel und sah mich mit ihren, von Goldpünktchen durchstreuten Augen lange und seltsam an. Nichts ließ sich hören, nur das Bräteln der Paradiesäpfel, das behagliche Murksen von zwei getupfelten Meerschweinchen, die sich hinter dem Ofen an einer safrangelben Mohrrübe gütlich taten. Sie liebte diese putzigen Tierchen, amüsierte sich an ihren Liebesspielen, an dem emsigen Bemühen, sich wie der Sand am Meere weiter fortzupflanzen. Die erzielten Sprößlinge verschenkte sie an die Nachbarn, an Freunde und Kinder, bei deren Eltern sie ihren kärglichen Tagelohn einheimste. Sie hatte ja sonst nicht viel in der Welt. Höchstens, daß sie aus der Bibliothek des Herrn Kaplan van Bebber allsonntags einige Bücher entlieh, um sich von heiligen Geschichten, frommen Begebenheiten, von Feen- und Zaubermärchen einspinnen zu lassen, die sie in passenden Stunden weitererzählte. Sie war eine Lilie auf dem Felde und doch weit von einer solchen entfernt. So schuldlos und weltabgekehrt wie diese, wies sie jeden Müßiggang von sich. Allein auf sich angewiesen, wie Peter Hartjes auch vom Himmel gefallen, war sie eines der fleißigsten Geschöpfe zwischen Kleve und Xanten. Unermüdlich, ohne ihre zarte Gesundheit zu schonen, schneiderte sie bei den Honoratiorenfamilien der kleinen Stadt herum, gehörte zu den beliebtesten Erscheinungen im Kirchspiel, trug nichts aus den Häusern und nichts in die Häuser hinein, war mit allem zufrieden, ausschließlich darauf bedacht, der katholischen Kirche zu geben, was der Kirche und ihren Heilswahrheiten zukam. Jeden Groschen, den sie ernähte, drehte sie dreimal herum, bevor sie den Mut fand, ihn wieder in andere Hände zu geben. Nur das Nötigste gönnte sie sich, nur das, was sie bedurfte, um sich brav und ehrlich durch die Jahre zu bringen. Sie war sparsam, nicht geizig. So häufelte sie denn im Laufe ihrer pflichtreuen Arbeit Pfennig auf Pfennig, Kastemännchen auf Kastemännchen, Speziestaler auf Speziestaler, um für späterhin, wo ihr der Herr gebot, für immer die Hände zu falten, ein Sterbehemd vom nobelsten Linnen, einen mit echten Zinnblumen ausgestatteten Sarg, drei buntilluminierte Wachskerzen und ein solennes Begräbnis nebst Seelenmesse ihr eigen nennen zu können. Wo das tapfere Hannecke Brükers mit ihrem silbernen Fingerhut, dem Nähkörbchen, den bereits im voraus gewächsten Garnröllchen vorsprach, konnten sich die Hausfrauen zufriedengeben, machten die Kinder lange Ohren und große Augen, blühten die Geranienstöcke schöner am Fenster, schlugen die Kanarienvögel emsiger denn an sonstigen Tagen, war alles und jedes eine einzige Feier, eine sonntägige Glückseligkeit. Hannecke Brükers hatte, wie schon oben gesagt, Augen mit eingesprenkelten Goldpünktchen, straffgescheiteltes Haar und ein Gesicht wie das einer asketischen Jungfrau. Sie erinnerte mich stets an die heilige Therese, die des Glaubens war, daß die Welt eitel Torheit sei und alles in ihr gleich einem Traum vergehe, ohne jemals auf Gedanken zu kommen, die zu den unreinen zählten. Sie erinnerte mich auch an etwas viel Höheres und über die Maßen Schönes. In Sankt Nikolai schwebt im Mittelschiff eine stolze Lichterkrone von dem vielverzweigten Kreuzgewölbe neun bis zehn Fuß über dem Estrich. Die Kirchen- und Bruderschaftsannalen führen sie unter dem Namen ›Stamm Jesse‹ oder Marienleuchter, denn die Unbefleckte, die Gottesgebärerin, die Jungfrau der Gnaden und Barmherzigkeiten erhebt sich darin in hoher Gestalt; zu ihren Füßen der Mond im ersten Viertel, dieser wiederum auf dem Erdenball ruhend, den eine Natter umwindet. Meister Heinrich Bernts, der Eklektiker unter den Kistemakern und Bildschnitzern, erträumte sie in seinen heiligsten Stunden, formte sie in seinen gereiftesten Jahren ... und wenn in den Marienandachten, wo die Kerzenflämmchen auf den Altären ringsum gleich Liebeseelchen aufgeisterten, die aufgesteckten Schneeball- und Fliederbüsche mit ihrem süßen Ruch die ganze Kirche und mein tiefstes Sehnen erfüllten, schwebte sie aus ihrer goldenen Sonne hernieder, ein zartes Weib, mit nur spinnwebfeinen Gewändern umkleidet: ihr Gesichtchen wie das einer verwunschenen Königin, ihr Lächeln wie das eines Tausendschönchens im jungen Morgenlicht, ihre scharfgesonderten harten Brüstchen wie Granatäpfel mit rosigen Knospen ... und sie winkte mir zu und ließ mich erschauern unter dem Leuchten von sieben Sternchen, die ihren ährenblonden Scheitel umzirkten. Ave Maria! So war Hannecke Brükers. So ging sie durchs Leben, so verehrte sie ihren Erlöser und Heiland, so war sie eins mit dem rötlichen Kaplan, dem sie sich in der Beichte anvertraute, so saß sie und nähte, immer dieselbe, immer das geruhsame Mädchen mit den eingesprenkelten Goldpünktchen in den unergründlichen Augen, immer hilfsbereit, immer eine stille und versonnene Geschichte auf den leichtgeschwungenen Lippen. Ja, ich wähnte zu gewissen Zeiten, ein unbestimmtes Leuchten um ihren Scheitel zu sehen, einen Heiligenschein, der nur von denen getragen wird, die berufen wurden, zur Rechten des himmlischen Vaters zu sitzen. Noch immer fühlte ich den linden Druck ihrer weißen Hand. Noch immer die Stille. Nur der Ofen pretzelte, die Bratäpfel summelten, die beiden Meerschweinchen murksten behaglich an ihrer delikaten Möhre herum. Da sagte sie endlich: »Moritz ist wieder zurück. Er teilte mir mit, du seist mit ihm auf Tour gewesen.« »Ja, ich bin mit ihm gewesen.« »Und ihr habt den armen Aloys begleitet?« »Auch dieses. Wir sind ein Stück Wegs mit ihm gegangen, weil er nach Wesel und zum General Wrangel mußte. Er hat Einberufungsorder erhalten und ist mit Freuden abmarschiert.« »Und Heinrich Hübbers hat am Berg mächtig getutet?« »Ganz mächtig!« Ich legte einen gewissen Stolz darein, als ich es vorbrachte. »So! und ihr habt ›Ich bin ein Preuße‹ gesungen?« »Ja, wir alle zusammen, denn jetzt wehen bald die preußischen Fahnen und die Zündnadelflinten fangen an, heillos zu schießen.« »Kind, Kind, Kind!« ereiferte sich Hannecke Brükers. Sie war sprachlos geworden. Selbst die Kohlenpartikelchen fielen lautloser in den Aschenkasten. Die Meerschweinchen hielten mit ihrem munteren Knabbern inne. Auch der Perpendikel, der sonst hart und eigenwillig das propere Zimmerchen durchtackte, tat so, als wäre ihm geboten worden, auf Selfkantpantoffeln einherzugehen. »Aber Kind,« fuhr sie nach einiger Weile fort, »es wäre besser für dich, Reue und Leid zu erwecken oder den schmerzensreichen Rosenkranz zu beten. Wir gehen Zeiten entgegen, von denen jeder Einsichtige sagen muß: Herr, verschone uns damit; denn sie gefallen uns nicht. Denke an Gott, denke an den wohltuenden Frieden im Häuschen des Zimmermanns zu Nazareth. Da gurrten die Turteltäubchen im Garten, da säuselten die heiligen Ölbäume ihr ewiges Pax vobiscum ! Sonst gar nichts. Da hobelte der heilige Joseph seine Bretter im linden Schatten der Eintracht, spann die Jungfrau Maria ihren Flachs im Abendwind, der von den nahen Bergen herüberwehte, lächelte das kleine Jesuskind und sagte: Frieden den Menschen auf Erden ... und stand alles ringsumher voll von duftigen Tazetten und weißen Lilien. Aber so was! Der Krieg ist das Schlimmste auf Erden, ein Opfer, nur dem Beelzebub dargebracht, und der Herr Kaplan hat gepredigt: daran wären nur Bismarck, der König und die Großen im Lande schuld, weil sie zu habgierig denken und den anderen Völkern nichts gönnen wollen ... und was der Herr Kaplan als Stellvertreter Gottes verkündet ...« »Ja, der Kaplan ...!« warf ich ein und hatte mich vom Bänkchen erhoben. »Wie, du glaubst nicht?« Unwillig schob sie ihr Nähzeug beiseite. Die Goldpünktchen begannen zu leuchten. »Du – ich möchte dir sagen: Der Krieg ist ein Greuel vor dem Herrn. Nur nichtswürdige Menschen und die heillosen Belialspriester gehen darauf aus, ihn zu fördern. Sie gleichen den Kartenspielern, hauen die Bilder auf den Tisch, einerlei, ob sie stechen oder nicht. Wird's eine Niete, was tut es? Wenn sie nur auftrumpfen und sich herumschlagen können.« Hannecke ging ins Zeug, wurde zur Streiterin, zur Verfechterin des ihr überkommenen Dogmas. Die Uhr tackte stärker, mit dem unwilligen Ton eines gekränkten Kanzelredners. Selbst die Meerschweinchen murksten laut und bedrohlich aus ihrer warmen Ofenecke heraus. »Du glaubst nicht, was die geweihten Priester verkünden, was uns die Evangelien nahelegen? Du willst nicht für Wahrheit erkennen, was die goldenen Engel in der heiligen Christnacht gesungen haben?« »Ich glaub's schon,« sagte ich kleinlaut, »aber Aloys und Moritz haben's mir anders berichtet.« »Das kann ich nicht annehmen. Moritz ist ein abgeklärter Mann, der sich freut, in aller Gemächlichkeit sein ›Miekske van Grieth‹ nach Rotterdam und Mannheim zu fahren. Sein Wort in Ehren. Er hält die ihm überlieferten Gebote und Satzungen mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und denkt nicht daran, die Lehren der Kirche zu mißachten.« »Er hat's mir aber selber verkündigt.« »Dann will ich ihn fragen.« Sie ging und kam bald mit ihrem Eideshelfer zurück. Der Riese mußte sich bücken, um nicht mit seinem graumelierten Kopf gegen den Türrahmen zu stoßen. Er sah sich im Zimmerchen um. »Nett hier! Bei Ihnen ist's immer mollig, Mamsellchen. Solches kann 'nem rheinbefahrenen Kaptän schon gefallen.« Dann erblickte er mich. »Auch vorhanden? Soll mir angenehm sein.« Hierauf wandte er sich an Hannecke: »Womit kann ich dienen, meine werte Hausgenossin?« »Herr Moritz, ich möchte mir bei Ihnen 'ne kleine Belehrung einholen, denn hier sind einige Differenzen entstanden.« »Natürlich! Immer zu haben.« »Dann möchte ich bitten: Halten Sie den Krieg für etwas Gutes und Menschenwürdiges oder für 'ne ausgemachte Greueltat unter den Völkerschaften?« »Das kommt darauf an,« sagte Moritz. »Wie meinen Sie das?« »Ganz einfach. Man kann ihn von verschiedenen Seiten betrachten. Ich kenne ein Lied, das besagt: Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte.« Hannecke fiel ihm ins Wort: »Der Herr Kaplan und die Bibel verkünden jedoch: in jedem Fall – alle Kriege sind Werkzeuge und Eingebungen des Satans.« »Oho!« lachte Moritz. Der Riese, dessen Kopf fast die Decke berührte, war gerade dabei, einem naseweisen Meerschweinchen, das sich zu weit vorgewagt hatte, auf die weiß-gelbe Montierung zu spucken. In Anbetracht des jungfräulichen Ortes jedoch unterdrückte er den beabsichtigten Spritzer. Dafür aber voltigierte er mit einem kunstgerechten Zungenschlag das saucierte Priemchen von der einen auf die andere Seite. Auch ließ er seine abgehackte Sprechart unter den Tisch fallen. Hier im Beisein der gebildeten Mamsell gefiel er sich in mehr oder weniger geordneten Sätzen. »Ja, ja! 'ne wahre Liebhaberei, diese Ansicht,« sagte er nach einigem Nachdenken, »'ne Ansicht, wie aus der Christenlehre genommen, 'ne spitzfindige Ansicht, die mir so richtig nicht ansteht. Auf Lee- und Luvseite kommt sie nicht vor. Auch in der Takelage nicht. Da muß unsereins schon 'nen Avkaten anrufen. Wollen mal nachsehen. Einen Momang nur.« Er ging, um gleich darauf wieder ins Zimmer zu treten. Er trug eine alte Schwarte unter der Achsel. Die schlug er auf. »Dies Buch ist von großer Bedeutung,« erläuterte Moritz. »Mein Großvater selig, der es wieder von seinem Großvater selig geerbt hat, stand als Feuerwerkersergeant bei die schweren Artolleristen in Wesel. Selbiges Buch nun wurde geschrieben von dem hochlöblichen Stückhauptmann und Oberfeuerwerksmeister Michael Miethen, verlegt von dessen Bruder Johann Christoph Miethen zu Frankfurt, im Jahre des Herrn sechzehnhundertachtzig und vier.« Moritz sah auf. »Aber ich bitte Sie,« fiel Hannecke ein, »so was ist doch kein Ersatz für die Bibel?!« »Es ist so gut wie die Bibel,« konstatierte der Riese, und er las eine Stelle aus dem ersten Kapitel, schwer und zögernd, denn er war von jeher kein großer Schriftgelehrter gewesen, aber er las fest und mit Nachdruck: »Jedermann scheuet den landverderblichen Krieg, der der Menschen Konzept stark verrücket und endlich gar ihr Blut wie Wasser vergießet. Gleichwohl ist er nützlich, höchst notwendig, von Gott selbst inventieret und den Menschen gelehret worden.« »Das steht so geschrieben?« »Wörtlich, Mamsell.« »Aber bloß von 'nem abgöttischen Stückhauptmann und Oberfeuerwerksmeister aus Frankfurt.« »Hören Sie weiter. Den ersten Soldaten setzte Jahve mit einem zweischneidigen Schwert auf den Paß vor das Paradeis, um dem ersten Rebellen, unserm Erzvater Adam, solchen zu verbieten und ihn davon abzuhalten, einzutreten. Desgleichen: Moses befahl dem Josua wider den Amalek zu streiten. Gott aber gebot, solch edle Tat in einem Buch zu vermerken.« Ich triumphierte. Hannecke schüttelte den Kopf und sah ihre Meerschweinchen an, die die Stiefelspitzen des Vorlesers fast mit ihren Nagezähnchen berührten. »Und weiter: Der größte Generalissimus und Befehlshaber der himmlischen Heerscharen erteilte Order an Moses, die Medianiter zu schlagen, weilen solche die Kinder Israels in Abgötterei verführet, welcher sich auch kurz darauf an ihnen dermaßen gerächet, daß solche mit Hab und Gut zugrunde gingen.« Hannecke wurde kleinlaut. »Und ferner, Mamsell, und als 'ne wahre Liebhaberei anzuerkennen: Abermals ließ Gott sein Volk zum Kampf encouragieren, wozu er selbst seine Priester zur Avantgarde befehligte. Auch die Stadt Jericho mußte eine unerhörte Attacke ausstehen, so der Ewige selbsten Josua in die Feder diktierte.« Hannecke Brükers mußte sich setzen. »Mein Himmel, mein Himmel!« Ganz verstört legte sie die Hände zusammen. Moritz ließ mit einem bedeutsamen Räuspern die zerlesene Schwarte herunter. »Wenn mehr verlangt wird, ich stehe immer zu Diensten.« »Ich bitte, Herr Moritz.« »Auch mußte in einem solchen Judenkrieg die Sonne zwei Tage aneinander am Firmament leuchten, damit viel tausend erschlagen, die Viktori prosequiert und die Aufsässigen gehenkt werden konnten.« »Christus, Christus!« Das verbaselte Hannecke fuhr steil in die Höhe, streckte die Hände: »Aber Hochwürden, der Herr Kaplan, haben gesagt ... noch gestern ... noch in der vorigen Woche ...« »Blexem und Donnder!« Moritz stampfte auf, und wenn Moritz aufstampfte, dann krachten die Planken, als stände ›Miekske van Grieth‹ unter Eisgang. »Blexem und Donnder, was gilt mehr: der Kaplan oder die heilige Bibel?!« Hannecke sackte in sich hinein wie ein magerer Mehlbeutel, den die Mäuse noch dazu angeknabbert hatten. Mit lautem Gepolter rumpelten die naseweisen Meerschweinchen wieder in ihre warme Ofenecke zurück. Kurz, das trauliche, anheimelnde, von einem behaglichen Feuerchen durchkachelte, von einem ebenmäßigen Perpendikelgang durchtackte Stübchen war ein Ort der Verstörung geworden. Nur ich sah strahlend auf Moritz. »Himmel und Herrgott! was will der Kaplan gegen die heilige Bibel besagen?! denn hier steht es mit mächtigen Zeilen geschrieben: Die ganze Schrift ist voll davon und beweist genugsamb, daß der rechtmäßige Krieg von Gott inventiert und in die Welt gebracht, daß also ein jeder Mensch mit gutem Gewissen in demselbigen dienen, leben und sterben kann. Seine Feinde mag er brennen, versengen oder in Stücken zerhacken. Es ist alles schon recht. Mögen andere davon judizieren, was sie wollen. Der Herr hat diese Sach nicht verboten, sondern, wie die Bibel erweist, freudig geboten.« Er schob das treffliche Buch des Stückhauptmanns und Oberfeuerwerksmeisters Michael Miethen aus Frankfurt unter die Achsel. »Aber nichts für ungut, Mamsell,« und er reichte der verschüchterten Jungfer die Hand, dazu noch mit einem freundlichen Lächeln. »Nichts für ungut, Mamsell. Aber auch die selige Judith hat in Kriegsnöten dem langen Holofernes den Kopf von seinen übrigen Gliedmaßen gesäbelt, und steht doch als vorbildliches Exempel in den gesetzlichen Büchern. Dito der heilige Martin! Ist er nicht ein bedeutsamer Heros gewesen, nicht nur aus bloßer Liebhaberei, sondern auch in seiner Eigenschaft als Duellfechter und überhaupt so?!« »Alles schon richtig!« »Na – also! und die heilige Barbara erst! Gehen Sie nur einmal nach Wesel, wo Napoleon die Schillschen Offiziere auf den mageren Sand stellte, als wären sie ganz minderwertige Löffelmänner gewesen. Da dicht nebenbei, auf dem Magazin, wo sie das Pulver für die schweren Artolleristen behüten – da steht sie: als Schutzgöttin, in voller Montur, 'nen eingeböllerten Turm in den Armen. Der liebe Gott wäre ja gar nicht zu fassen, so was auf seine Kappe zu nehmen, wenn er nicht vorhätte, 'nen regulären Krieg als sein Werkzeug und für gerecht zu erkennen.« Hannecke Brükers hob ihre Blicke. Sie sah gefaßt und nachdenklich auf Moritz. Die eingestreuten Goldpünktchen verloren sich gleich dem wehen Scheinen von verlöschenden Grubenlichtern. »Wie Sie meinen, Herr Moritz.« Ihre Worte fanden den richtigen Weg nicht. Sie verstanden es nicht, das zu geben, was sich aufhellend in ihre armen Gedanken und Erwägungen hineingedrängt hatte. Sie erinnerten an verschlagene Vögel, die auf und nieder revierten, nicht mehr wissend, von wannen sie kamen und wohin sie sich richten sollten. »Ja, wie Sie meinen, Herr Moritz.« Der Riese machte eine abwehrende Geste. »Ich will Sie nicht beirren, Mamsell. Wenn Sie glauben, der Kaplan gölte mehr als der Kommandeur von den himmlischen und irdischen Heerscharen, so bedeutet das auch 'ne Ansicht, und ich kann es nicht ändern, nur sollten Sie bedenken: unser Immanuel sitzt auf seinem ewigen Thron, in voller Glorie, leuchtende Engel neben sich, mit goldenen Lanzen angetan, dreitausend zur Rechten, dreitausend zur Linken. Der Kaplan hingegen – er stammt von 'nem Schneider ab, ist dazu noch in Keppeln gebürtig, und was so'n Schneider bedeutet ... Nein, Mamsell,« und er verfiel aufs neue in seine alte Sprechweise, in den ihm geläufigen Ton, der ihm anhaftete wie dem ›Miekske van Grieth‹ der Geruch nach Stockfischen und Zwiebeln, die Moritz tagtäglich als seine Lieblingsgerichte aufstellte, »nein, Mamsell, ich für meine Person halt's schon mit dem lieben Gott ... aber äußerst ... kann es nicht ändern ... nein, absolut nicht ... Blexem und Donnder! der wird's schon machen ... ist nicht vernagelt ... haut drein mit dem Säbel ... aber gewaltig ... und die Preußen tun's ihm nach: Aloys, Papa Wrangel, der gewaltige Bismarck ... mit oho und höchstimponierend. Herr Jeses! und jetzt will so'n Sprößling von 'nem armseligen Schneider ... Ach, so ein Schneider! Der sitzt auf dem Nähtisch, wie sich die Türken auf 'nem Teppich benehmen ... Pfui Teufel! – und nu tut, was Ihr wollt; aber wer wird's Euch danken?« Moritz zuckte die Achseln. »Ich bleibe bei Gottvater und seinen Assistenten: dem alten Wrangel und dem gewaltigen Bismarck. Indessen, nichts für ungut, Mamsell.« Wir gingen. Hannecke Brükers saß wieder allein in ihrem Stübchen, in ihrem properen Stübchen, so rein und jungfräulich wie das in Bethanien. Mit gefalteten Händen sah sie in den Tag hinein, hinter sich das plaudernde Hin und Her des Perpendikels, das sanfte Murksen der Meerschweinchen. Leib und Seele erfüllte eine unsägliche Müdigkeit. Ach, und ihre wirren Gedanken! Sie zergingen, wie die Wölkchen in einer frommen Sakristei zergehen, wenn sie der Ministrant mit dem Weihrauchfaß verläßt, um es zum Hochaltare zu tragen.   Die Tage wanderten ab. Ende Januar hatten Preußen und Österreicher, trotz des Neides und Einspruches anderer Staaten und sonstiger Dunkelmänner, ihre Stellungen rechts der Eider eingenommen. »Fein!« sagte Henn Pierentrecker. Vor den Dannewirkschanzen hielt Papa Wrangel zu Pferde. Neben ihm erhob sich die schmale, durchgeistigte Gestalt seines Stabschefs. Es war Hellmuth von Moltke. Der Marschall zwirbelte sein firnweißes, trotziges, amüsantes Schnauzbärtchen pielgerade aufwärts. Er deutete mit seiner Hand auf das Bollwerk, auf Raveline und Kurtinen. »Mit Gott, immer bloß druff! Ick werde ihnen nehmen,« sagte er ruhig. Gleich darauf sangen alle Geschütze: »Te Deum laudamus!«   Zehntes Kapitel Te Deum laudamus ! und dennoch ... »Es geht komisch zu in der Welt,« sagte mein Vater, »besonders in der deutschen Umwelt. Ein Narrenkasten, angefüllt mit absonderlichen Kostgängern des Schöpfers, ist eine Pflanzstätte der Auserwählten dagegen.« Er strählte seinen weichen Bart auseinander. Wir saßen wieder bei der gespeisten Rübsenöllampe. Draußen flockte es aufs neue, riffelte es weiß und blank an den Scheiben herunter, tänzelten Liebeseelchen nieder, die sich in ihren eigenen Tränen verzehrten, denn die warmen Geisterlein des Ofens arbeiteten so tapfer gegen die bitterkalten Schneesternchen an, daß diese zergingen, wie sie gekommen waren. Meine Mutter sah von ihrem engmaschigen Straminrahmen auf. »Wie meinst du das?« fragte sie leise, wie tastend. Mein Vater sprach weiter: »Seit Jahrhunderten sind unsere markanten Köpfe die Lichtbringer des Volkes gewesen. Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel. Suprema lex salus populi , soll heißen: Erstes Gebot für die Führenden ist, ihrem Vaterlande das Heil zu gewährleisten. Ging nicht ein wärmendes Scheinen von ihnen aus? Unter diesem warmen Scheinen erstarkte die gesamte Nation, erstarkte Preußen bis in die jetzigen Tage hinein, erstarkten die Provinzen bis an ihre äußersten Grenzmarken. Man sollte nun annehmen ... Ja so! nur zu natürlich, daß die Nachbarstaaten uns dieses Blühen neideten. Sie beneideten uns um das eiserne Gedeihen, die eiserne Zucht, um den eisernen Mann, der die Stunde regiert und die Geschicke des Volkes vernietet. Kurz, wir wurden und werden gehaßt um unserer Erfolge willen, um unserer Heroen willen, um Kant und Lessing, um Goethe, der die Welt aus ihren morschen Angeln wuchtete, sie neu begründete, um Bismarck und den stillen versonnenen Mann, mit den karmoisinroten Streifen an den Beinkleidern.« Meine Mutter, die fleißig ihre Nadel führte, hielt mit Sticken inne. Ich machte Augen wie ein luser Katechumene. Die emsigen Graupeln riffelten nachhaltiger an den klingenden Fensterscheiben. »Ja,« sagte mein Vater, »alle da draußen sind des Neides voll, eifrigst dabei, unseren großen Führern die infamsten Knüttel zwischen die Beine zu werfen. Von den Belgiern will ich gar nicht mal reden. Ihre geschwollene Brabançonne tönt wie eine lügnerische, verstimmte, marktschreierische Komödiantentrompete. Schwindel und Anmaßung, leeres Geschwätz und das freche Gehabe eines Harlekins mit zerrissenen Hosen – das sind die Belgier. Und wenn ich der Tellensöhne gedenke ...« Er lachte. »Die glauben wenigstens an ihre aufgeputzten Helden, an denen sie festhalten wie die Kälber an den Eutern der stumpfsinnigen Kühe, und haben somit Stolz und Nationalgefühl zwischen den Rippen. Aber wir ...« Und wieder ein Lachen, aber ein bitteres. »Immer dieses verächtliche Schielen und Katzebuckeln über die Grenzen. Überall Parteigezänk und Parteifähnlein, grellilluminierter als die spitzigen Fähnlein der Gnadenorte, plumper und derbfarbiger als die Bilderbogen aus der Offizin von Gustav Kühne in Neu-Ruppin, Sonderinteressen, widerborstig in bezug auf das Große und Ganze, aber fanatisch bei Abschlachtung ihrer selbstaufgezogenen Ferkel. Ich bin der gute Hirt. Ich kenne die Meinigen, und die Meinigen kennen mich. So Johannes, der Evangeliste. Allein viele wollen von diesen Lapidarsätzen des Jüngers nichts wissen. Wir zum Beispiel haben im preußischen Staatswesen der Hirten und Leiter in Hülle und Fülle. Sie werden angefeindet. Besonders am Rhein. Was frommen uns die exakten Draufgänger, was die hungrigen Eindringlinge aus der brandenburgischen Sandstreubüchse?! so geht es hämisch von Mund zu Mund. So reden die Laien, so die Kleriker. Und der jetzige Krieg! Schafsgeblöke umtost ihn aus dem eigenen Pferch. Den ehernen Gang der Ereignisse verstänkern Pazifisten und Nörgler. Noch gestern, als der tapfere Lehrer Haan seinem Präludieren das zeitgemäße ›Schleswig-Holstein meerumschlungen‹ verwebte, warf der löbliche Kapellanus von Bebber von der Epistelseite her einen giftgrünen Blick auf die Orgel. Ein Zeichen der Tage. Die Kritiklosigkeit und Stumpfheit des Bürgertums fördern diese bedrohlichen Zeichen. Möglich, andere Völker haben einen feineren Instinkt für Ehre und Nationalgefühl, aber es bleibt doch ein niederziehendes Geschehen, daß bei unserm allesumfassenden Wissen, bei unseren großen Männern und kriegerischen Erfolgen ...« Er unterbrach sich. Von Sankt Nikolai schlug es sieben. Die dumpfen, mit Baumwolle umwickelten Rufe ließen sich ernst und feierlich durch das weiße Rieseln in alle Weiten tragen. Gleichzeitig klopfte ein zager Finger an. Das brave Gesicht der Traben-Trabacher Marie schob sich durch den Türspalt. »Herr Notar, um Vergebung. Aber Frau Johanna Kordula Teerling ist draußen.« »Was gibt's denn?« »Sie hätte mit dem Herrn Notar, wenn sie gelegen käme, noch ein Wörtchen zu sprechen. Wenn nicht, würde sie morgen erscheinen. Indessen, es läge ihr dran ...« »Soll kommen.« »Bitte, Frau Teerling. Der Herr Notar wird noch die Freundlichkeit haben ...« »Merci.« Die Staatse trat ein, mit Krückstock, blankgescheuerten Holzschuhen, geklöppeltem Häubchen und den langen Ohrgehängen, die wie Glassplitterchen über keimende Erbsen zwitscherten. Ihr durchdringender und fester Blick umgriff meinen Vater. »Sie müssen schon exküsieren, Herr Notar, wenn ich noch zu so später Stunde ... aber unsereins hat so seine schweren Gedanken. Besonders in jetziger Zeit, wo es heißt: heute rot und morgen schon so weiß wie 'ne frischangestrichene Klostermauer.« Sie räusperte sich, begrüßte meine Mutter und warf mir einen freundlichen Blick zu. Mein Vater deutete auf einen Sessel. »Bitte, nehmen Sie Platz. Eine Frau Teerling ist mir zu jeder Tagesstunde willkommen.« »Herr Notar, meinen gehorsamsten Ausdruck.« In dem Augenblick, wo sie sich setzte, erhob sich meine Mutter. »Nein, Madam,« wehrte die Staatse ab, »unter keiner Bedingung. Ich will nicht stören. Was ich zu sagen habe, ist für jedermanns Ohren. Ich laure nicht an den Türen, bin aber auch gewohnt, alles frank und frei unter die Leute zu bringen, was mir das Herz bedrückt oder was meine Pflicht ist, weiter zu geben. Selbstverständlich mit Auswahl. Hier hingegen ... ich kann Zeugen gebrauchen, daß die Böswilligen später nicht sagen: Frau Johanna Kordula Teerling ist so hart und eigenwillig gewesen wie die Treppensteine am Stationsweg, und diese finde ich äußerst bedrückend bei's Knien in meinen alten Tagen.« Ihre Ohrgehänge zwitscherten leiser. Weiten Blickes sah sie in den warmen Schein der Lampe. »Und Sie kommen, Frau Teerling?« fragte mein Vater. »Ja so!« sagte die Alte. »Heute bloß um so 'ne Art von Konzept zu besprechen. Die Reinschrift kann man ja in den nächsten Tagen besorgen, denn ich simulierte mir das in den letzten Stunden so aus: mußt den Herrn Notar ein bißchen vorbereiten, damit sich beim eigentlichen Aktus die Dinge geregelter abwickeln können.« »Sehr verständig,« warf mein Vater ein, »denn man soll nichts übereilen.« »Ganz meine Ansicht. Nur in dieser Woche müßte die Sache perfekt sein.« »Welche Sache?« »Herr Notar,« und die Alte holte das Nachstehende tief aus ihrem Seelenwärmer heraus, »Sie wissen ja selber: mein einziger ist als Füsilier und Landwehrmann von's erste Aufgebot mit Gott und für seinen König an die Eider gegangen. Da ist nu nicht viel Bemerkenswertes dabei, denn in 'ner properen Pflichterfüllung kann ich nichts Großartiges erblicken. Jeder Staatsbürger, der mitmachen kann, darf nicht den Kopp ins Mauseloch stechen. Drückebergerei kennen nur unfreie Menschen. Wenn der Tambour ruft, dann muß man eben marschieren.« »Sehr tapfer,« sagte mein Vater. Mit der Aufmerksamkeit eines Erwachsenen hörte ich zu. Dann trat ich ans Fenster, um noch unauffälliger hören zu können. Vor mir pendelten die weißen Daunen durch einen endlosen Klumpen von Finsternis. Mit dem weichen Glanz von Perlmutterschalen fielen sie nieder. Hinter mir begann wieder die Alte zu reden, klar und bestimmt, mit der Ruhe eines mit sich im reinen befindlichen Weibes: »Getrosten Herzens ließ ich ihn ziehen, wenn es mir auch schwer wurde, ihn ziehen zu lassen, denn der Krieg ist furchtbar und sein Nutzen schwer für unsereins zu begreifen. Darüber müssen die gesetzten Machthaber befinden. Wenn er aber gerecht ist, nicht bloß aus dem Genüge der Könige heraus, dann muß man das hinnehmen als eine Fügung Gottes. Wer 'nen Wolf auf die Decke zu legen hat, schiert sich den Kuckuck darum, ob die Häher lärmen oder nicht. Nein, Herr Notar, ob Krieg oder nicht Krieg, darüber mache ich mir in diesem Fall keine besondere Sorge, aber das andre ... Ich sagte bereits: heute rot und morgen schon so weiß wie 'ne frischangestrichene Klostermauer, und da kann es immer passieren ... Jeden Tag kann so 'ne unbarmherzige Kugel ... und da ich noch freie Verfügung über mein Haus und mein angeerbtes Vermögen besitze ...« Sie stellte ihren Krückstock hart vor sich, klingelte mit ihren Ohrgehängen und legte nachdrücklich ihre linke Hand über die rechte. »Ich verstehe,« sagte mein Vater. »Sie sind also willens, ein Testament zu errichten?« »Das wäre es,« versetzte sie mit blanken Augen, reckte den Geierhals stärker aus dem Seelenwärmer heraus, um nochmals zu bestätigen: »Ja, Herr Notar, ein Testament auf Leben und Sterben. Die Zeit ist da, solches errichten zu müssen.« Ihr Stock klopfte energisch, wenn auch behutsam, gegen die Dielen. »Das wäre so meine Liebhaberei, um mit dem langen Moritz zu sprechen.« »Und wie denken Sie sich den Gang der Beurkundung, ich meine, es wäre mir lieb, die Beweggründe, sagen wir, die einzelnen Punkte Ihrer noch zu betätigenden Willensäußerung schon jetzt zu erfahren.« »Ganz richtig. Da haben Sie dem Nagel direktemang auf's Köppchen gehauen. Das ist es, und drum bin ich noch zu so 'ner späten Stunde erschienen, denn was man heute betreibt, braucht man andern Tages nicht mehr lange auseinanderzusetzen.« »Ich höre,« sagte mein Vater. Alsbald saß er mit übergeschlagenen Beinen zwischen den Lehnen, den Kopf nach vorne gesenkt, und ließ das bereits etwas graumelierte Haar seines Bartes langsam durch die durchgeistigten Finger gleiten. »Um Vergebung, Herr Notar,« sagte die Staatse. »Aber wie der Herr Mester Haan das so im Befinden hat, sich toujours 'ne Portion Spaniol zu genehmigen, um seine Jungs gediegener belernen zu können, so gebrauche auch ich dann und wann so'n kleines Schnüffelchen, um meine Gedanken auf die richtige Stelle placieren zu können. Also ich bitte ...« und ich sah von meiner Fensternische aus, wie sie die mir wohlbekannte Schnupftabaksdose aus ihrer Rocktasche langte und sich eine derbe Prise in die kurfürstliche Nase fingerte. Überstandige Klümpchen rieselten abwärts. Oma war köstlich. »Herr Notar,« fuhr sie fort, »was ich zu betätigen habe, darüber werden viele Bußprediger gewaltig aus dem Häuschen geraten. Aus meiner Erfahrung heraus kenne ich das. Aber sie täten besser, vor ihrer eigenen Türe zu predigen, denn so 'ne Bußpredigten sind nicht für alle verfertigt. Manchesmal kommt einem so 'ne Gänsehaut an, wenn der leibhaftige Teufel aus 'nem Evangelienbuche vorliest. Herr Notar, schon seit Jahren .... Mit dem Erscheinen des Besensterns hat's angefangen. Da dachte ich mir, es ist schon profitlich, ein Testament auf Leben und Sterben niederzulegen, weil man nicht wissen kann, was sich ohne menschliches Beitun noch abwickelt, was überhaupt solche Besensterne bezwecken. Aber wie das so ist: man trudelte so hin, hatte seine täglichen Ablenkungen, hatte dieses und jenes zu besorgen, kurz, um es mit einem Worte zu sagen: es wuchs Gras über die feinsten Beschlüsse und Eingebungen. Nu aber, als mein Aloys fortmußte, als ich meinen jetzigen Zustand betrachtete, als ich bemerkte, was außerhalb und innerhalb meines Hauses passierte, als ich mir keine Antwort drauf geben konnte, was ist dran und was ist nicht dran, als sich die junge Frau noch mehr gehen ließ wie in früheren Zeiten, ihren Kanarienvogel höher estimierte als meinen Aloys, der so forsch in den Krieg zog, als wäre er einer der Jüngsten gewesen, da kamen mir die Eingebungen wieder und sagten mir: Nu geht das nicht anders, du mußt zum Herrn Notarius hin, um wieder unter dem königlich preußischen Siegel meine beschaulichen Tage und meine kommoden Schlafenszeiten zu haben.« Mein Vater nickte. »Und Ihre Entschlüsse, Frau Teerling?« »Ja so! Meinen Mann, den seligen Fennand Christian Teerling, haben Sie nicht mehr vor Augen bekommen. Solches muß ich als 'ne große Lücke ansprechen. Schade, sehr schade! Das war einer mit fleißigen Händen und nobel bis zum äußersten Ertragen. Von morgens früh bis in den späten Abend hinein bei seinen Kanzleibogen und bei's Buchbindergeschäft. Fennand Christian hatte bloß Spärliches mit in die Ehe gebracht. Dafür aber mächtige Kenntnisse und 'ne ehrliche Handfertigkeit, genau 'ne Handfertigkeit, wie sie unser Aloys empfing, als wir nach zehnjährigem Warten sagen konnten: Wir haben 'nen Jungen erhalten. Ich hingegen ... Mein Vater selig, ein umsichtiger Erzeuger, hatte als Tabakpflänzer in Wissel 'nen ordentlichen Profit auf die Seite gearbeitet, preußische Kassenscheine, städtische Schuldverschreibungen und dergleichen mehr, so daß ich nach seinem gottwohlgefälligen Ableben als alleiniges Erbkind so rund herum zwölftausend Speziestaler dem bereits Verdienten hinzulegen konnte. Dafür erstanden wir das Häuschen am Markt, den opulenten Garten bei der Höfkensschen Mühle und konnten den Restbetrag dazu anwenden, das Papier- und Buchbindergeschäft mehr in Schwung und Schwänke zu bringen.« Sie atmete auf. »Sehr erfreulich,« sagte mein Vater. »Ist's auch,« konstatierte die Alte unter leichtem Zucken ihrer kurfürstlichen Nase, »wenn auch Fennand Christian etwas zu frühzeitig ›rips‹ gehen mußte. Aber mein Aloys war da. Einen besseren Nachfolger brauchte ich mir gar nicht zu wünschen. Die Gediegenheit vom Vater besaß er, wenn er auch gegen meine Alertheit so recht nicht aufkommen konnte. Aber das Geschäft brachte er hoch. Seine Kunstfertigkeit war außer Wettbewerb. Wir durften uns sehen lassen. Nicht der kleinste Dachziegel wurde mit 'ner Hypothekenverschreibung belastet. In all den verflossenen Jahren – und es waren schlimme darunter – ist uns die Achterseite niemals mit Grundeis gegangen, und da ist es denn auch nicht mehr als gerecht und vor meinem Erlöser und Seligmacher nicht anders zu verfechten, als daß ich meinem Sohn alles vermache, was mir erb- und eigentümlich ist an Haus und Garten, an Obligationen und Staatspapieren und an dem mir zustehenden Geschäftsanteil, denn laut Übereinkunft vor dem verstorbenen Justizrat Jean Baptiste Lenz dahier haben mein Mann und ich uns wechselseitig übermittelt, was uns der französische Napoleon gesetzmäßig zusprechen konnte.« »Da wäre die Angelegenheit ja in der einfachsten Weise zu regeln,« versetzte mein Vater, indem er mir einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, weil ich mich unterfangen hatte, bei der ›Achterseite mit Grundeis‹ ein wenig zu schmunzeln. »Dann bitte ich Sie, sich morgen vormittag gegen elf in meinem Amtszimmer einzufinden. Ich werde die Zeugen benachrichtigen.« Sie schüttelte nachdenklich ihren kleinen, etwas langgezogenen Kopf, der selbstherrlich auf dem Geierhals thronte. Mit der Rechten zog sie eine vielsagende Arabeske durch den warmen Schein der zirpenden Lampe. »Nein, Herr Notar, so glatt ist die Sache denn doch nicht. Man muß nämlich wissen: der Dänenkrieg ist dazwischen gekommen.« Mein Vater lächelte. »Aber liebe Frau, was hat denn dieser Krieg mit der in Rede stehenden Beurkundung zu schaffen?« »Nanu!« meinte die Alte. »Aber viel, Herr Notar!« »Wieso denn?« »Wollen Sie gütigst bedenken: mein Aloys steht ja nu wohl bei die Eider, wo's unter dem alten Wrangel ganz schlimm, indessen auch tapfer hergehen soll, und ich bete jeden Tag ein paar Vaterunser und ein ›Gegrüßt seist du, Maria‹ für braves Verhalten vor dem Feind und 'ne glückliche Rückkunft, denn das ist wohl das Nächste für 'ne verängstigte Mutter. Aber wie die Kugeln so sind! Heute kommt der und morgen der an die Reihe. Was wissen wir schließlich, wir als unbefahrene Menschen? Nur, man muß an alles denken. Jedereins hat sich für das Unerforschliche vorzubereiten. Kugel bleibt Kugel. Jedereins kann so 'ne Bohne empfangen. Warum sollte mein Aloys 'ne besondere Ausnahme machen? Und wenn es passierte, dann stände ich da, dann wüßte ich nicht, was nach meinem Ableben aus unserm Häuschen, dem Garten bei der Höfkensschen Mühle und den sonstigen Rentabilitäten geschehen sollte, und da denke ich mir ...« Mein Vater unterbrach sie mit einer leichten Handbewegung. »Meine liebe Frau Teerling, sind Ihrerseits noch Verwandte oder deren Abkömmlinge unter den Lebenden, denen Sie sich gegenüber verpflichtet fühlen? Diesen könnte geholfen werden durch Legate oder Schenkungen. Ich setze hierbei den Fall voraus, daß das von Ihnen Befürchtete eintreten sollte.« »Nein, nicht ein Spierchen. Meine totale Familie, väterlicher- und mütterlicherseits, hat 'ne gütige Vorsehung schon in das Reich, wo die ewigen Lampen brennen, abgerufen, um dort für ihre Betätigung auf der Erde entschädigt zu werden. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Des Herrn Name sei gebenedeiet.« Sie senkte den Kopf. Mißmutig glättete sie eine störrische Haarsträhne. »Nein, Herr Notar. Mein Aloys und ich sind die letzten von der großen Verwandtschaft in Wissel und Uedemerbruch, und wenn er nicht wiederkäme – der Aloys ...« »Dann wäre das einzige, Sie würden in diesem Falle auf Ihre Schwiegertochter testieren.« Ihre Augen flackerten, als wollten zwei tiefgebrannte Kerzen erlöschen. »Die, Herr Notar?! Die vom Emmericher Eiland?« Ihr Stock rumpelte auf. Sie warf den Kopf in den Nacken. »Nie und niemals, solange ich noch Atem besitze. Lieber mit dem heiligen Laurentius den glünigen Marterofen besteigen, als dem Weibsbild freiwillig auch nur ein Kastemännchen übermitteln.« Mein Vater legte ihr seine Hand auf. »Nicht als Notar,« sagte er begütigend, »aber als Mensch rate ich dringend zum Frieden. Unfriede verzehrt.« »Das weiß ich, das weiß ich schon lange. Aber die da,« und sie deutete mit ihrem Daumen erregt über die Schulter, »mit meinem Willen bekommt sie nicht soviel, wie ich was Schwarzes unter meinem Nagel besitze, und das ist man äußerst power.« »Meine liebe Frau, nur gewichtige Gründe ...« »Die hab' ich, denn wenn ich auspacken wollte ... Nein, Herr Notar, die steht mir bis hier, und wenn mein Aloys nicht wäre, schon längst hätte ich ihr die Haustür geöffnet: Bitte gehorsamst, sich freundlichst bedienen zu wollen. Hier nicht, aber auf dem Emmericher Eiland kann man 'ne derartige Sorte gebrauchen.« »Aber Frau Teerling!« »Meine Ansicht; denn dort machen die Weibsbilder allzeit verliebte Nasenlöcher, wird toujours die Vigiline gestrichen.« Meine Mutter wurde unangenehm berührt. Ihre bauschige Krinoline raschelte. Sie nahm ihren Straminrahmen auf und begann wieder zu sticken, hastig, verstört, scheinbar um ihre aufsteigende Unruhe niederzukämpfen. Atemlos verhielt ich mich in meiner Fensternische, von keinem bemerkt, aber eifrigst beschäftigt, die niedergleitenden Schneesternchen gewissenhaft zu zählen. Mein Vater sprach leise: »Aber wenn noch Nachkommenschaft käme ... Der Gesetzgeber bestimmt ...« »Gibt's nicht, Herr Notar.« Mit einem Ruck, daß der Sessel schmerzlich aufseufzte, war die Staatse aus den Lehnen gefahren. Übermächtig stand sie im Raum. Die Lampe warf ihren Schatten an die gegenüberliegende Wand, gespenstisch, ohne die geringste Bewegung. Ihre Hand glitt horizontal durch die Luft. »Bis heute ist sie gelte geblieben, bis zur jetzigen Stunde. Daran ist gar nicht zu tippen. Das bleibt so ... und wenn ich von wegen des Aktes etwas vorbringen dürfte, so bitte ich drum, der Testierung etwa die nachstehende Fassung zu geben: Will's der liebe Gott, daß mein Aloys zurückkommt – selbstverständlich und ohne Besehn wird ihm alles, was mir erb- und eigentümlich zusteht, auf sein zukünftiges Konto geschrieben, notariell und mit 'nem richtig gehenden Stempel darunter, ganz egal, wie er nach meinem Ableben darüber befindet. Das ist seine Sache und ganz in seinem Vorhaben und vor dem Richterstuhl seines Gewissens gegeben. Fällt er jedoch für seinen Herrn und König da drüben bei den Eiderdänen, bei Alsen oder in Düppel – dann, Herr Notar, geht mein ganzes bewegliches und unbewegliches Gut, sei es an Haus, Garten oder sonstigen Wertgegenständen, zum Drittel an die barmherzigen Schwestern dahier, das Hauptvermögen jedoch wird als 'ne milde Stiftung für solche hinterlegt, die sich dem Papiergeschäft oder der Buchbinderei zu widmen gedenken, ohne die hierzu benötigten Mittel aufbringen zu können. Als Syndikus dafür bestelle ich hiermit den jeweiligen Friedensrichter von Kleve. Ein kleines Legat wird zurückgelegt und dem Pastor überantwortet für's alljährliche Seelenamt für Aloys und mich. Fünfzehn Kerzen haben dabei auf dem Altar der schmerzensreichen Mutter zu brennen, im Angedenken daran: Aloys und ich sind mal auf dieser Erde gewesen, empfehlen jedoch unsere Seele dem Gebet der Geistlichen und dem unserer Mitmenschen, falls sie uns in 'ner angenehmen Erinnerung haben.« Sie schwieg. Ihr großer Schatten bewegte sich leise, und leise fuhr sie sich mit ihrer knochentrockenen Hand über die Augen. Ich sah: meine Mutter weinte still vor sich hin, ohne dabei ihre Nadel ruhen zu lassen. Mein Vater schien nachdenklich und ernst geworden. Seine Rechte lag auf dem weißen Tafeltuch. Mit spitzen Fingern trommelte er irgendeine verlorene Weise. »Bei weiterem Nachdenken,« meinte er schließlich, »werden Sie sich eines andern besinnen. Vorurteile, Mißhelligkeiten und beklagenswerte Ereignisse im Familienleben gelangen letzten Endes aus einer heiklen Situation in ein versöhnliches Ausklingen. Das sollte man stündlich erwägen, Frau Teerling. Es ist ein schlimmes Tun, im Übereifer einschneidende Maßnahmen für immer festzulegen. Wenn es zu spät ist, läßt sich ein notarielles Instrument nicht mehr ändern. Es geht durch die Tage wie ein bitteres Seufzen durch das Tal der Tränen.« »Ich danke der Güte,« versetzte die Alte. Ihre Blicke starrten in das stille Scheinen der Lampe, als suchten sie dort eine wärmere Regung. Aber sie fanden nicht, was sie suchten. Sie warf den Kopf herum. Die Dunkelheit im Fensterrahmen gähnte sie an. Aus dieser Finsternis rangen sich ihre durchkosteten und eingebildeten Leiden. Deren graue Hände legten sich schwer auf ihren Scheitel, auf ihr Fühlen und Sinnen. Die Worte meines Vaters gingen ihr nach, empfahlen ihr, an eine geruhsame und waldesstille Nachsicht zu denken. Allein die grauen Hände ließen sich nicht abweisen. Immer bleierner lasteten sie auf den Schultern, die schon soviel getragen hatten. Diese ewige, drückende Qual mußte herunter. Ihre harten Züge wurden noch härter, die kalten Augen noch kälter. Neben dem Hochaltar von Sankt Nikolai steht eine Tafel gerichtet, auf der ein Weib den mit Dornen gekrönten und mit Geißeln zerfleischten Dulder mit ihren Blicken mißhandelt. Daran mußte ich denken. Es hämmerte mir in den Schläfen wie das Dröhnen von Glocken. »Nein, Herr Notar, es muß dabei bleiben. Es ist nichts mehr zu ändern. Seine Überzeugung darf man nicht unter die Füße treten. Zu tief hat sich die Sache in meine Seele gefressen. Also lassen wir das. Mit Halbheit und Falschheit habe ich gar nichts zu schaffen. Gottes Gebote bestehen, und Gottes Gebote wollen ihre Betätigung haben. Was die Gesetze ihr zusprechen, dem kann ich nicht durch 'ne Parade begegnen. Mag's sie's erhalten. Aber insonsten – kein rotes Kastemännchen darüber soll ihr aus meinem Nachlaß zugesprochen werden. Suum cuique ! wie es der preußische Kuckuck verkündet. Nackt und nur mit 'ner üppigen Bluse ausgestattet, hat sie mein Anwesen bezogen, denn mein Aloys war in dieser Beziehung ohne die rechte Besinnung ... und nackt und mit 'ner üppigen Bluse kann sie sich wieder auf's Emmericher Eiland begeben. In diesem Sinne wollen Sie's aufsetzen. Also bis morgen um elfe ... und dann noch: ich bitte mich exküsieren zu wollen, daß ich zu so 'ner ungelegenen Stunde Ihrer Mühewaltung benötigte. Aber ich bedanke mich vielmals.« Sie nickte. »Madam, Herr Notar ...!« Von meiner Mutter begleitet, verließ sie in ihrer ungebeugten Straffheit und Willenskraft das Zimmer. Als hätte ein unbarmherziger, knirschender Frost die Stube verlassen, so war es. Draußen im Flur hallte ihr Krückstock. Dicht an der Haustür zerfaserte das herrische Klingen. Unauffällig drehte ich mich der nahegelegenen Küche zu, einem hochgestochenen Raum mit breiten Steinfliesen, ehrwürdig durch seinen aufgemauerten Feuerherd, über den sich ein mit Steingut und Zinntellern bestellter Rauchfang schirmend ausbreitete. Ein munteres Feuerchen umspielte einen Wasserkessel am Sägblatt. Ein bläulicher Krüsel drehte sich aufwärts. Aus der Höhe des dunklen Fanges wölkte ein Duft von geräucherten Schinken und Speckseiten. Irgendwo geigte ein Heimchen. Mitten auf dem Küchentisch erhob sich eine Messinglampe, an deren Schnauze ein spärliches Flämmchen sein Dasein fristete. Die Helle war mager, hatte aber noch immer Kraft genug, den Schatten der Traben-Trabacher Marie gigantisch über die Fliesen zu spreiten. Die Moselmaid war eifrig dabei, Rapunzelsalat für den heutigen Abend zu lesen. Bei meinem Eintritt schaute sie auf. »Was wollte die Staatse?« »Sie hatte mit meinem Vater zu sprechen.« »Das kann ich mir denken. So schlau bin ich auch. Aber was hatte sie so spät noch mit deinem Pappa zu reden? Man hat doch ein gewisses Interesse für sie und den papierenen Aloys.« »Das darf ich nicht sagen.« »Dummer Junge!« Unwillig stocherte sie mit einer Haarnadel den kohlenden Docht auf. »Sieh einer mal an, so'n verstockter Knirps. So'n großmächtiger Schweiger!« In diesem Augenblick tat sich die Tür auf, die zum Hof und in den kleinen Nebengarten führte. Eine silberlichte Wolke von Schneepartikelchen stiebte über den Estrich. »Mein Gott, man kriegt ja zuviel bei so 'nem unvorhergesehenen Einbruch!« Die Tür klappte zu. Heinrich Hübbers war in die Küche getreten, über und über mit lichten Stoppeln und Eiskristallen bedeckt. Er gestikulierte mit Armen und Beinen und schlenkerte die zerfließenden Flocken und Flöckchen von seiner Otterfellmütze herunter. »Jupp, 'ne gewaltige Nachricht! Soeben ist 'ne Depesche gekommen. Das wollte ich dir und deinem Pappa vermelden.« Er schnappte nach Luft. »Die Dänen sind bei Missunde völlig zertöppert, ihre Dannewirkstellung – gefallen, gefallen!« Der ganze Kerl bestand aus Fett und Jubel. »Fahnen 'raus! Fahnen 'raus! Jupp, und was ich dir damals schon sagte, damals vor Jahren, als wir zum Entenbusch machten, um den dämlichen Hammel abzuführen, für den du jetzt die pompösen Kröpper im Taubenschlag hast ... damals, als wir die ungezählten Speckpfannekuchens mit gebratenen Zwiebeln verzehrten und kein Aufhören fanden ... damals, als wir dann über den Rheindeich spazierten und alles so heiß und still war, bis da mit einem Male und so ganz von selber aus dem glünigbrennenden Himmel herunter ...« »Na, was gab's denn da?« fragte Marie. »Ich sage Ihnen bloß, da geschah ein Bummern, Mamsell, wie ich's niemals mehr in die Ohren empfangen habe. Das krachte man so aus weiter Ferne herüber, als wenn sich die Brüder von die Gesellschaft ›Gut Holz‹ mit 'nem auserwählten Kegeln benähmen.« »Aber ich bitte Sie, Hübbers!« »Just so ist es gewesen! Aber nicht die Speckpfannekuchens mit gebratenen Zwiebeln waren dran schuld. Die hatten keinen Teil an dem Bummern. Aber die schweren Artolleristen auf der Spellner Heide bei Wesel, die machten's. Die hatten schon Wind in die Nase und 'nen prächtigen Gusto von dem kommenden Feldzug bezogen. Und diese prophetische Ahnung nehme ich als mein Besitztum in Anspruch, denn ich bin einer der ersten gewesen, der so was in seinen Sinnen erkannte. Nein, diese Depeschen!« Er zog seine Weste herunter. »Fertig! denn nu muß ich mich zu deinem Pappa begeben.« Erregt sah ich dem Biedermann nach. »Missunde und die Dannewirkstellung ...!« Das war zu viel für mich. Ich vernahm Trommeln und Pfeifen, knatternde Fahnen. »Missunde, Missunde ...!« Taumelselig lag ich in den Armen der Dicken. Elftes Kapitel Schleswig-Holstein meerumschlungen, Deutscher Sitte hohe Wacht, Wahre treu, was schwer errungen, Bis ein schönrer Morgen tagt! Schleswig-Holstein, stammverwandt, Wanke nicht, mein Vaterland! War das eine Feier in dem gedrängten Schulzimmer! Wir sangen mit Andacht. Besonders Henn Pierentrecker. Er ähnelte einer jubelnden Lerche über einem fetten Lupinenfeld. Mester Haan spielte dazu die Geige von seinem schwarzangestrichenen Katheder herunter, mit Verve, in gehobener Verzückung, unter getragenem Knistern des gestärkten Schemisettchens, als sollte dem ›meerumschlungenen Schleswig-Holstein‹ eine ganz besondere Ovation zuteil werden. Er war unser vaterländischer Führer und Mentor geworden. Auf der illuminierten Wandkarte erläuterte er uns die Geschehnisse auf dem Kriegsschauplatz. Wir sahen die Eider, die Flensburger und Apenrader Föhrde, die Insel Alsen, Missunde und Düppel. Der Kleine Belt rauschte herauf. Hier und da begann der Mittelsmann zu schanzen, brachte er seine Geschütze in Stellung. Wir sahen, wie das Meer düster und schaumig wurde. Ein starrer Panzer furchte hindurch. Rolf Krake, den Danebrog am Hauptmast, suchte den Wenningsund zu erzwingen. Er prustete. Rote Schwaden zog er hinter sich her. Seine Drehtürme krachten. Er schaufelte und stampfte das kochgare Wasser. Die preußischen Strandbatterien antworteten, spuckten Pulver und Eisenklötze. Dann hüllte sich alles in Feuer und Lohe. Die Welt schien unterzugehen, aber der Danebrog mußte herunter. Betäubt zogen wir heimwärts. Im Rathausgäßchen trat mir Oma entgegen. Sie kam aus dem Büro meines Vaters. Zwölf Schläge fielen vom Rathaus. »Jupp,« sagte sie mit hellen Blicken und freundlicher Stimme, »nu kann ich wieder 'ne gesunde Portion Schlaf in die Augen nehmen, dazu meinem Herrgott die übliche Ehrfurcht erweisen, denn nu steht alles schwarz auf weiß, mit 'nem notariellen Petschaft darunter. Daran kann keiner nicht tippen – kein Satan, kein Weibsbild. Alles meinem Aloys zu Ehren. Du aber – komme mal bald. Ich habe feine Bilderbogens in Bestellung gegeben. Sie gelangen in Auslage. Die von Missunde und dem mörderischen Kriegsschiff. Du, Henn Pierentrecker und der von der Mühle – ihr sollt welche haben. Adjüs denn!« Ich sah ihr mit stolzer Seele nach. Hinter der großen Linde verhallten ihre energischen Schritte. – Die Ereignisse drängten sich, da drüben in Schleswig, in den Herzen der Menschen, im Wandel und Wechsel der Tage. Die Kälte ließ nach. Nur noch mit schlappen Ohren trottete sie über die Straßen, verlor sich draußen zwischen Bocksdornhecken und Ackerfurchen. Von den Dächern klatschten die mulmigen Schneebrocken auf das Straßenpflaster und in die Gosse hinein. Unter der Schmelze gluckerten die Wässerchen, rieselten die emsigen Quellchen. Schon hier und da klingelten die Schneeglöckchen über dem lockeren Erdreich. Die Spatzen wurden mobil, lungerten wieder an den Fuhrmannskneipen und den Futterkrippen herum, ohne sich aufzuplustern, mit gutsitzenden braunen Fräcken und aschgrauen Westen, frech wie die Zöglinge in einer Besserungsanstalt. Die wilden Gänse strichen mit langen Hälsen nach Norden. Geschwader von Kranichen trompeteten über die kleine Stadt hin. Die Stare kehrten zurück, fielen in die Altwasser ein und zirkelten auf den feuchten Wiesen nach Engerlingen. In den Vorgehölzen ließ sich das zarte Pfuitzen der Vögel mit den langen Gesichtern vernehmen. Die erste Amsel baumte auf, flötete so fein ihre chromatischen Töne herunter, daß Meister Quanz, falls er noch unter den Lebenden geweilt hätte, seine helle Freude daran gehabt haben würde. Unter ihrem Choralen begannen die Stachelbeersträucher zu grünen, sich die puppenartigen Knospen an den Hainbuchenhecken zu bräunen. Die mit frischen Segeln bespannten Flügelruten der Höfkensschen Mühle stakelten durch heitere Märzlüfte, die gleich preziösen Champagnerbläschen pritzelten. Die ersten Leberblümchen zeigten sich an den Waldränften, die ersten Himmelschlüsselchen auf den umspülten Flanken des Paternosterdeiches. Gottes Odem hauchte immer stärker über die Landschaft. Mittlerweile wurde die Insel Sundewitt besetzt, knatterten die Feldzeichen in den Dörfern vor der Düppelstellung. Am 8. März siegreiche Kämpfe bei Veile und Fridericia. Fahnen heraus! Viele folgten dem Ruf, aber nicht alle. Bei dem Kaplan mit der talergroßen Tonsur blieb der Giebel öde und leer. Das engbrüstige Haus in dem Gäßchen ›Achter de Mur‹ hatte jedoch seine Wimpel gezogen und die Fensterrahmen mit Stechpalm umkleidet. Hannecke Brükers saß nachdenklich über ihrem Nähzeug. Neben ihr blühte ein Geranienstock, den sie mit inniger Aufopferungsfreude durch den bitteren Winter gebracht. Jetzt entfaltete er schon im fünften Jahre seine ziegelroten Korallen. Zuweilen hob sie das straffgescheitelte Köpfchen. Mit ihren goldgepunkteten Augen sah sie auf den bunten Flaggenschmuck. Sie war anderen Sinnes geworden. Sie dachte an die Tapferen da draußen, an so viele, die sie kannte und die ihr nahe standen im Leben. Auch an den papierenen Aloys. Das waren doch Männer, keine Kannegießer, Großsprecher und Ofenhocker. Es tagte bei ihr. Losgelöst von Dunst und Qualm der Kirchenleuchter, vom Weihrauch, der bisher ihre engumschriebene Welt durchwölkte, von dem monotonen Lispeln in den Beichtstühlen, dem unermüdlichen Mahnen des Klingelbeutels, breitete sie ihre Arme nach Licht und Sonnenschein, nach vaterländischen Dingen, die sie mit dem fernen Läuten von Auferstehungsglocken berührten. Seit dem letzten Begegnen mit Moritz erkannte sie sich. Seine Heilswahrheiten hatten fruchtbares Erdreich gefunden. In dem herben und jungfräulichen Körper regte sich das Ahnen und die Bestimmung des Weibes. »Heilige Maria, Gottesgebärerin, Mutter der Gnaden ...!« Sie füllte die enge Stube mit dem keuschen Duft ihres Leibes, mit ihrem Sinnen und Suchen, dem Wunder einer heimlichen Glückseligkeit, die ihre Flügel spannte, um wieder weiter zu fliegen, über die keimenden Ackerfurchen, die stillen Wasser, die sich mit Schwertel und grünen Linsen bedeckten. Der eifrige Kaplan zerging für sie in einem diesigen Nebel. Häufiger entnahm sie ihrem schmalen Bücherbrett ein feines Bändchen mit Goldschnitt. Dann las sie: »Wie mit Abendglockenklang Angefüllt sind Haus und Zimmer, Denn des Tages letzter Schimmer Wandelt längst das Tal entlang. Eine einz'ge Schwalbe nur Zieht durch abendliches Träumen, Wo sie hoch in goldnen Räumen Sich verliert auf goldner Spur. So auch wird dich, liebes Herz, Einst dein Herr und Heiland rufen, Willens, auf geweihten Stufen Dich zu führen himmelwärts.« Und das Wispern da draußen, hinter der Mauer, in den zitterigen Sträuchern, den noch kahlen Baumkronen, das Schwellen und Knospen in den Hecken, das Brausen und Sausen und weiter dahinten: das frühlingsfrohe Gurgeln des Rheines – ach, wie das wohl tat! Die Krähenvögel fußten nicht mehr auf den sahnigen Eisschollen. Sie waren dahin mit den zergangenen Blöcken, waren landeinwärts gerudert. Nun hockten sie auf turmhohen Pappeln in den Weidekoppeln, zu hunderten nebeneinander gereiht. Sie hielten Reichstag ab, diese Unglücksvögel, diese düsteren Gesellen, und erfüllten die weite Gegend mit ihren Luderpredigten. Der Rhein aber hatte seine Freiheit wieder. Mit blankem Gesicht und starken Muskeln trieb er seine Wellen und Tobel dem grauen, ewigen Meere entgegen. Das war die Zeit, wo der lange Moritz seine eingetrockneten Gelenke aufs neue schmieren, sie recken und strecken mußte. Kurzerhand schob er den Winterschlaf beiseite. Und dennoch hatte er gewacht. Er hatte gewacht im Hause der Staatsen, am Gärtchen mit der verschwiegenen Laube, vor der Schmiede von Nöllecke Giltjes. Nichts war geschehen. Oma belobte ihn, und Hendrintje sah ihn mit Augen an, die so schuldlos waren wie die eines Kindes, das im Myrtenkränzchen, im schleierweißen Kleidchen zur ersten Kommunion ging, seinen Jesus, Heiland und Seligmacher unter den jungen Brüstchen, die noch ihrer Reife und ihrer Entwicklung harrten. Im stillen bat er ihr ab, und wäre nicht ihr lässiges Tun gewesen, ihr müßiges Lauschen auf das melodische Hindämmern des Kanarienvogels, die Hände im Schoß, die verschleierten Blicke in eine purpurblaue Welt des Wesenlosen gerichtet, er wäre vor die Alte getreten, um in seiner kargen und zerbrochenen Weise zu sagen: »Mutter, laßt gut sein. Die wird noch. Nur noch so'n bißchen kalfatert ... die Backbordseite geteert, und in Luv- und Leebrassen mankiert nicht soviel, wie 'ne Kirchenmaus forttragen könnte. Blexem! also Mutter, laßt gut sein. Ich garantiere dafür ... aber äußerst ... nur, man muß immerzu peilen und glasen ... auch den Pegelstand ablesen ... Also warum nicht?« Aber er kam nicht dazu, kriegte den Dreh nicht heraus, und so nahm er denn Abschied von Oma, von Hendrintje, von Hannecke Brükers und uns, um auf seinem ›Miekske van Grieth‹ wieder nach Ruhrort und weiter stromauf nach Mannheim zu fahren. Gegen die Wende des Monats machte er sich reisefertig. Wir, die Getreuen, beschlossen, ihm bis zur Roten Schleuse, wo das Hagelkreuz aufragte und der Blick die Gegend von Rees bis nach Emmerich umgreifen konnte, das Geleit zu geben. Stelldichein: Brücke am Kesseltor, dieselbe Brücke, woselbst mein eingehandelter Kröpfer seinerzeit die Anwandlung hatte, wieder den Taubenschlag des Sommersprossigen aufzusuchen. Rechtzeitig waren wir da: Peter Hartjes, ich, Jan Höfkens und der Herr mit dem strotzenden Biceps. Wir brauchten nicht lange zu warten. Der lange Moritz erschien mit der Pünktlichkeit eines Präzisionsvehikels. Sein abgewetzter Ölrock flatterte im Frühlingswind. Die Schirmmütze mit dem silbernen Anker tief in den Nacken geschoben, kam der Riese seines Weges daher. Unter seinen breiten Sohlen knarzte der Boden, denn wenn Moritz marschierte, seufzten die Kiesel, schrien die Pflastersteine. Bei uns angekommen, spie er so scharf und spitz wie eine kleine Falkaune oder Quartanschlange. Ein anvisierter Nagelknopf hätte Hals geben müssen. Er bot jedem die Hand, eine Hand wie die Ruderflosse eines Delphins. »Tag Jungs! Allemann auf Deck! Nobel von euch, mir diese Ehrung zu geben. Also los denn dafür!« Der Abmarsch vollzog sich. Unterwegs fand Moritz noch Zeit, uns Fiepen und Fuppen aus Weidenruten zu schneiden. »Nur aus purer Liebhaberei,« wie er sagte. Unter klingendem Spiel ging es weiter. An der Roten Schleuse stoppte sein Schuh. Sein faltiger Ölrock voltigierte über die Deichkrone hin. Sein borkenrissiges Gesicht war ernst, aber gefaßt. Er warf den schweren Arm in die Höhe. »Auf nach Valencia!« Unter ›Valencia‹ verstand er den kleinen Hafenort am Rhein, wo ›Miekske van Grieth‹ seiner harrte. »Jungs, das vergesse ich nicht ... diese Begleitschaft! Auf Wiedersehen! Laßt Aloys nicht unter den Tisch purzeln ... auch mich nicht ... und denkt an die Düppeler Schanzen. Sie müssen bald fallen. Adjüs denn!« Wir sahen ihm nassen Auges nach. Gewaltig holte er aus. Es war ein imposantes Schreiten. So mochte der König von Brobdingnac den Weg unter die gigantischen Fußsohlen nehmen, um sein Reich zu durchmessen, in dem die Kappesköpfe so fett und mastig wie bei uns die größten Heuschober auf den Ackerparzellen wuchsen. In den mit lichtem Grün umsponnenen Erlen- und Weidenbeständen des ›Bovenholtes‹ tauchte er unter. Und richtig: am 18. April setzte der Sturm auf die Düppeler Schanzen ein. Sie fielen.   Zehn Tage später ... an einem Mittwoch ... Wie immer hatten wir nachmittags schulfrei. Da kamen meine Freunde gelaufen. Als erster Peter Hartjes. Seine gelblich überlaufenen Schimmelhaare glänzten in der warmen Aprilsonne. »Die Bilderbogens sind da!« »Auch ich täte sie sehen,« bestätigte der Sommersprossige. »Man könnte sie mit die Finger greifen, so fein hingen sie im Auslagefenster.« Henn Pierentrecker schlug sich auf die Brust, daß es krachte. »Jawoll,« fiel er ein, »und ich sage dir: mächtig, über jedes Erwarten. Da springen die Kugeln 'rum wie die Flöh' auf 'nem Hundsfell. Man hört die Kanonens brummen, sieht die Dänen ausritschen, als hätten sie brennenden Schwamm unter dem Hintern.« Dabei gefiel er sich in einer so blutrünstigen, mit Feuer geschwängerten Schilderung der Erzeugnisse aus der farbenfrohen Offizin von Gustav Kühne in Neu-Ruppin, als stände er als Weiße Adlerfeder vor seinem mit wildem Geheul umtosten Wigwam, um die von seinen Untergebenen eingebrachten Skalpe zu zahlen. »Jupp, du hast uns versprochen ...« Gewiß hatte ich das. Wir gingen zur Oma. Schon von weitem leuchteten uns die faustdicken Kriegsszenen entgegen. Die Staatse hatte sie hinter den Scheiben nebeneinander gereiht wie die Kügelchen ihres Rosenkranzes. Da waren die Gefechte bei Missunde und Fridericia, die Räumung der Dannewirkstellung, die mordsflinken Unternehmungen bei Selk und Jagel, Rolf Krake mit knallrotem Takelwerk, blutigem Kielwasser, das an durchlöcherte Wattebausche erinnerte, der Sturm auf die Düppeler Schanzen, ein Wirrwarr von grobhingestrichelten Ereignissen, in der Manier eines Wahnwitzen Tünchermeisters: blau, schwefelgelb, violett, brandig und leuchtend – alles kraus durcheinander gewirbelt: Soldaten wie aus einer Nürnberger Spieldose genommen, Holzpferde mit getüpfelten Flecken, Flammen, mit der Schere aus den knalligen Lappen einer Karnevalsmütze geschnitten. Ein Esel hätte vor Vergnügen gewiehert, wären ihm diese Ereignisse vorgesetzt worden. Aber das genierte nicht weiter. Wir staunten. Und hier – ein Porträt! Das des schwerverwundeten Führers von Raven. Darunter die Worte: »Zeit ist es, daß wieder einmal ein preußischer General für seinen König blutet.« »Großartig – was?!« Henn Pierentrecker taumelte hoch: »Gottverdorie! hondert Pond kann eck stämme.« Oma empfing uns. Willfahrig spendierte sie die uns seinerzeit zugebilligten Bogen. Mir präsentierte sie den tapferen Ansturm auf Düppel. »Oma, wir danken auch vielmals. Nein, diese Wohltätigkeit! Dank, vielen Dank!« Die Alte versuchte zu lächeln. »Im Angedenken an Aloys – es ist gerne gegeben.« »Hoch soll er leben und nochmals hoch und zum drittenmal hoch!« Unter dem zündenden Brausegesang: »Was rauschen und jagen die Wasser der Schlei? Der Feind ist geschlagen, und Schleswig ist frei!« sockten wir ab. Die Türen öffneten sich. Die Leute sahen uns nach. Wir spürten das Feuer der Begeisterung in unserer Heldenbrust lohen. Die warme Sonne tat mit. Goldene Strahlenbüschel sandte sie auf unsere Köpfe hernieder. Donnerwetter noch eins, das war so ein Tag, um richtig zu feiern! Als wir Simmchens Laden passierten, stand der Inhaber im kamelottenen Schlafrock vor seiner Haustür, die linke Hand am Hosenträger, in der Rechten die lange Pfeife aus Weichselholz. Mit den Mümmellippen eines verärgerten Kanins stieß er ein Rauchwölkchen nach dem andern ins Blaue hinein. Donnerknispel, was war denn nur in Simmchen gefahren?! Sein sonst so freundliches und mitteilsames Gesicht war umdüstert. In den gekniffenen Äugelchen brannten glühende Köhlchen. Er schuppte sich, als waren über sein eigenes Wohlbefinden und das seines Samens die ägyptischen Plagen gekommen: stinkige Fische, zudringliche Frösche, Läuse wie Sand am Meere, Ratzen und Mäuse, von der Pestilenz hingeraffte Kamele, Esel und Ochsen, und was der üblen Dinge noch mehr waren. Nein, Simmchen Vitt machte nicht den Eindruck eines frohsinnigen Mannes. Er muffelte was vor sich hin: Ungereimtes, zerknödelte Worte. Trotzdem traten wir in heller Begeisterung näher. »Herr Vitt, Herr Vitt ...!« Er verzog seine Mundecken, als hätte er auf ein Frankfurter Saucischen gebissen. »Seid ihr meschugge?! Ihr schreit ja, als wären die Luderkrähen gefallen auf den mistigen Acker, als lärmten die Dohlenvögel von dem christkatholischen Tempel. Haltet eure Gefühle zurück. Ich will sie nicht, die lauten Gefühle. Ich muß stecken baumwollene Watte hinein in meine zerschlagenen Ohren, um sie nicht zertrümmern zu lassen bis zum äußersten Ende.« Er rief über die Schulter: »Rosalie, bring mir die Watte von's oberste Paket in dem Laden!« Allein Rosalie ließ sich nicht stören. Sie war just dabei, sich eines Schäferstündchens mit dem ersten Kommis hinter der Theke zu erfreuen. Wir jedoch jubelten Simmchen zu: »Herr Vitt, aber die Siege!« Eine schlenkerige Handbewegung. »Was soll ich tun mit die Siege? Sie sind Fitalitäten im menschlichen Dasein. Ich bin kalt und bewußtlos dagegen. Sie sind schofel, die preußischen Siege. Sie haben Blut an die Füß'. Sie sind wie der Malach Hamoves, der da kommt, hinwegzunehmen das lebendige Leben. Kann ich sie umsetzen, diese Kampagnen mit die gefährlichen Flinten? Kann ich sie bringen als dekatierte Tuche unter die Leute, als Streichgarn unter die Landmänners, die da wohnen in Neu-Luisendorf und weiter über dem Berg fort? Gott, und meine noble Kundschaft! Darf ich ihnen offerieren die Düppeler Schanzkörbe als Aachener Buckskin, bezogen von's große Haus Guttmann, in Firma Sally und Elkan, zu Krefeld? Ich kann's nicht. Die Preußen mördern bloß unsere freundlichen Brüder. Sie bringen nur Unruhe in die jüdische und christliche Glaubensgemeinschaft. Sie machen die ehrlichen Geschäfte fallit, daß sie müssen gehen den Weg der Bewährung.« Er krempelte erregt an seinem linken Hosenträger herum, weil ihm das untere Bekleidungsstück abrutschen wollte. »Ich tu's nicht. Ich will sie nicht sehen, die heillosen Siege, nichts wissen von die Bilderbogen mit's Kanonieren und die brennenden Liegenschaften, weil sie veranstalten 'ne patriotische Pracht über die Einfältigen, um sie zu machen zu Förschtendienern und Förschtenlakaien.« »Nanu!« rief der Sommersprossige. Er war krötig geworden. »Nein, ich will sie nicht vor Augen bekommen – die förschtlichen Bilderbogen. Ich mache mir nichts aus den Förschten. Sie trinken Schepanger. Ich mach' mir nichts aus Schepagner, denn ich bin'n schlichter Mann und'n einfacher Mann, der sich begnügt mit 'nem Gläschen Wasser aus dem lauteren Brunnen. Aber warum sollen die anderen Leute nicht trinken Schepanger? Soll er doch sein äußerst bekömmlich. Gott, wenn sie könnten! Die Förschten aber denken: Es genügt, wenn sie blaue Bohnen verzehren. Da werden sie for umsonst 'ne Handvoll Erde empfangen. Sela, Sela, Sela!« Simmchen sagte es mit einer getragenen Geste, einem wehen Kopfschütteln. Uns begann das Blut in den Adern zu kochen, in den Ohren zu sausen. »Aber Herr Vitt,« fiel ich ein, »denken Sie doch an den König, an Bismarck!« »Sie Jüngling!« Er wieherte wie ein jähriges Füllen auf einer grünen Wiesenkoppel. »Nein, junger Mann, ich mache mir nichts aus dem König. Was soll ich tun mit dem König? Hat er doch als prinzlicher Kronrat füsiliert mit die großmächtigen Büchsen und die Lazeruntasch zwischen die harmlosen Menschen, daß sie gefallen sind wie die Ähren auf 'ner Ackerparzelle. Ich werfe ihn von mir, den König, weil er so grausig kartätscht hat. Und der Herr von Bismarck, was ist sein oberster Ratgeber?! Ich kenn' ihn. Er ist'n großer Mann und'n bedeutsamer Mann, mit drei Haare auf dem gewaltigen Kopfe. Aber er ist'n preußischer Junker mit 'nem entsetzlichen Schnurrbart. Ich weiß nicht, was sie zusammen haben gesprochen – er und der König. Aber es ist furchtbar gewesen. Ich streiche ihn aus meinem Notizbuch – den Bismarck. Er hat gebracht Krakeel in die Welt, dito die Völkerschaften veruneinigt, daß sie gestürmt sind wie die verstörten Schafe vom Berge Garizim, um zu fressen die Hirse und die köstlichen Rosen von Saron. Gott, dieser Jammer! Auch ihn werfe ich von mir. Ich werfe ihn über die Schulter in den Kot der Straße hinein. Was sag' ich: bloß in den Kot der Straße hinein? Nein, ich werfe ihn in den Abtritt, in den stinkigen Abtritt, auf daß er ...« Er kam nicht weiter. Sein Mund blieb geöffnet, aber seine Sprache verstummte, wie Zacharias am Rauchaltare verstummte, als ihm dargetan wurde, seine betagte Ehegenossin sei schwanger geworden und würde einen Sohn gebären, der da predigen würde am Jordan, Heuschrecken und Honig verzehrend, bekleidet mit der kamelhaarigen Schur und den Stab in der Rechten führend. Denn in dieses geöffnete Mundwerk ... Der Sommersprossige hatte einen Berliner Pfannkuchen, den irgendeine Rosinante abgelegt hatte, ergriffen und ihn fingerfertig ... »Gott der Gerechte!« Simmchen schrie auf: »Rosalie, Herr Veilchenstock, kommt mit die eiserne Ell', um sie zu schlagen auf die finnigen Gojim!« Allein der erste Kommis und Rosalie blieben stumm wie die Karpfen. Sie hatten es vorgezogen, sich in das Hintergärtchen zu drücken, um dort unter den Fliedersträuchern nach Aurikelblümchen zu fahnden. »Rosalie, Herr Veilchenstock ...!« Nichts ließ sich hören. Da kam über Simmchen die Wut und der gerechte Zorn seines Volkes. Sein Schlafrock wirbelte. Einen seiner Pantoffeln verlor er. Aber mit dem Heroismus des Judas Makkabi, des Mattathias Sohn, schwang er sein Weichselrohr, willens, uns den Pfeifenkopf auf den Bregen zu knallen. »Mit der Schärfe des Schwertes, mit der Schärfe des Schwertes!« Noch einen Brocken des geworfenen Roßapfels zwischen den Zähnen, strudelte er vor. Ich hatte einen Stein von der Straße genommen, um irgendeine Waffe zu haben. Allein Henn Pierentrecker entriß ihn mir. »Das verstehst du nicht, Jupp! Du hast nicht den richtigen Biceps. Aber ich! Hondert Pond kann eck stämme!« und siehe: er holte aus; der geworfene Kiesel surrte und sirrte. Traf jedoch den Pfeifenkopf nicht, sondern klirrte in das Oberlicht der Türe hinein, daß die Glasscherben nur so herumsplitterten. »Waih geschrien! Sie rungenieren mein Haus bei lebendigem Leibe! Mein Geschäft! Meine Wonne! Herr Kommis, Herr Kommis ...!« Allein Herr Veilchenstock hörte und sah nicht. Er hatte Besseres vor. Sinnig war er mit Rosalie in der kleinen Scheune verschwunden, die dem Gärtchen sich anschloß, um dort, wie er sagte, nach frischgelegten Hühnereiern zu suchen. »Herr Kommis, Herr Kommis ...!« Statt seiner erschien einer im Schurzfell, mit verrußtem Gesicht, ein repariertes Pflugscharmesser geachselt. Es war Nöllecke Giltjes mit den krölligen Haaren. Mit der Würde seiner Innung kam er des Weges gegangen, herrisch und mannhaft, strahlend vor Gesundheit und mit knarzendem Leder. »Herr Simmchen, was gibt es?« Der Händler streckte jammernd die Arme. »Um Verzeihung, Herr Schmiedemeister, Sie sind doch auch Pazifinist?« »Bin ich. Sonst wär' ich nicht hier, hätten mich längst die Preußen gekapert.« »Kann es verstehen. Aber sehn Sie nur: da sind die da erschienen, for die Gewalt, mit die grausamen Bogen, und haben zerschmissen mein Manefakturenfenster und mir gesalbt den Mund mit dem gefallenen Apfel.« Da legte Nöllecke Giltjes das Pflugmesser hin. »Das Genick sollte man den Kanaillen zerbrechen. Oder noch besser ...« Er beugte sich nieder und flüsterte dem Verstörten einige Worte ins Ohr – irgend etwas Infames, Verhängnisvolles, Außergewöhnliches. Es war ein verteufelter Ratschlag. Uns aber drohte Nöllecke mit seinen eisernen Fäusten. »Hunde – verfluchte!« Wir wußten Bescheid. Wie Schafleder rissen wir aus, denn mit diesem Komparenten ließ es sich nicht gut Kirschen verzehren. Durch das damalige Eingreifen des Riesen war zwischen uns und Nöllecke Giltjes das Tafeltuch völlig zerschnitten.   Zwölftes Kapitel Andern Tages, als Mester Haan nur noch eine Stunde zu geben hatte, denn nach ihm sollten wir vom Herrn Kaplan van Bebber Katechismuslehre empfangen, machte er ein äußerst pläsierliches Gesicht, verstreute er seine Makuba reichlicher denn sonst, so daß ein delikater Ruch nach Tonkabohnen die ganze Klasse erfüllte, und sagte: »Ihr seid heute über alles Erwarten gleich den emsigen Bienen gewesen, fleißig und habt Honig in eure sonst man schwächlich bestellten Zellen getragen. Lesen war gut, Rechnen lobenswert. Freut mich! Dieserhalb will ich euch eine schöne Geschichte, und zwar die von den vier Haimonskindern, erzählen, erstens, um euch zu belohnen, zweitens, weil wir in 'ner glorreichen Zeit leben, drittens, weil in dieser Geschichte viel von Helden, tapferen Männern und großen Abenteuern die Rede sein wird.« Das Wort ›Abenteuer‹ elektrisierte uns. Der Sommersprossige schurrte erregt auf seinem weitläufigen Hosenboden herum, in dem zwei, sich der Liebe hingebende Stallhasen reichlich Platz fanden, ein angenehmes Rammelstündchen zu feiern. Peter Hartjes plörige Mundecken heiterten auf. Die gelblich überlaufenen Schimmelpferdchenhaare nahmen einen silberigen Glanz an. Henn Pierentrecker grunzelte vor eitel Vergnügen. Er streckte seinen rechten Arm über die Bank hin und ließ seinen Biceps spielen. »Fein!« sagte er mit dem innigen Schmunzeln des Kupfernen Geistes in den Rocky Mountains. An die Ereignisse des verflossenen Tages dachte keiner von uns. Sie waren uns rein in die Bohnen gewuschert. Simmchen Vitt sagte uns nichts mehr. Mester Haan begann unter lautloser Stille: »Lebte da vor Jahren unter dem Zepter des großen Karolus, der aus christlicher Nächstenliebe heraus ungezählte brave Sachsen an der Aller ins Gras beißen ließ, als wären es räudige Hammelböcke gewesen, ein tapferer Recke, seines Namens Haimon von Dordone. Selbiger nun heiratete die schöne Aya, die Schwester des Kaisers und Sachsenbekehrers. Ihnen wurden vier Knaben geboren. Sie hießen Rittsart, Writsart, Adelhart und Reinold, und hatten Kraft wie 'ne Eiche, Mut wie 'ne Lanze, Mannestugend wie das junge Licht auf den Bergen, und trug ein jeder ein Schwert an der Seite, mit dem er 'nen ganzen Türken bis zum Sattelknopf durchhauen konnte.« »Ha!« sagte Henn Pierentrecker. Irgendeine grandiose Indianergeschichte, in der Wigwams, Prärierosen, Tomahawks und blutige, frischabgezogene Skalpe eine nervenerschütternde Rolle spielten, wandelte durch sein erregtes Gesichtsfeld. »Diese Haimonskinder nun ritten gemeinsam ein übermächtiges Roß, das sie Beijart benannten. Sein Mut übertrumpfte den eines Giganten, sein Verstand den eines Gelehrten. Mit diesem zogen sie gegen Sarazenen und Heiden, und wenn das Wiehern des Pferdes ertönte, brachen die Festungsmauern zusammen, ächzten die Steine, packte die Ungläubigen ein kaltes Schauern, daß sie wie die Pardelpferde auf den brennenden Steppen Peträas dahinrasten. Die Haimonskinder natürlich – Sporen ein, im Galopp hinter den Flüchtigen her, daß nur die Funken so stoben. Und Roß Beijart wieherte immer aufs neue ... und vier Schwerter wurden blank ... sausten in die Türkenscharen hinein, daß bei Gottes Angesicht nur die Köpfe so flogen: Turbane und Reiherbüsche. Hier ein Kopf, dort ein Kopf und zu guter Letzt Köpfe bei Köpfe – solche von Agas, Großmoguls und Wesirs mit silbernen Halbmonden. So hielten sie's in Spanien, so im heiligen Lande, so daß viel des Rühmens von ihnen war in der gesamten Christenheit. Nur mit ihrem Öhm, dem majestätischen Karl, dem Sachsenverderber, standen sie auf Hauen und Stechen, weil selbiger ihre Taten und sonstigen Rechte nicht sachlich einzuschätzen vermochte. So kamen Krach und Krieg und sonstige Nöte zwischen ihnen auf. Die Folge war: zerstampfte Äcker, mißratene Ernten, Brand und Lohe und ein gewaltiges Sterben, soweit die Hand des Kaisers nur reichen mochte. Das Zünglein der Glückswage schwankte auf und nieder. Bald siegten die Kaiserlichen, bald die Haimonskinder. Aber schließlich kam es zu einem traurigen Ende. Rittsart sagte: Meine Kraft geht zu Ende. Writsart meinte: Genug ist des Mordens. Adelhart versetzte: Mein Schwert stumpft sich ab, während der tapfere Reinold seine Augen bedeckte und klagte: Was bleibt uns da übrig, als Frieden zu schließen.« Henn Pierentrecker senkte den Kopf. Dieser Ausgang verstieß gegen seine preußischen Ehrbegriffe. Jan Höfkens rief laut in die Klasse hinein: »Solches könnte ich nicht als mannbar bezeichnen!« »Wenn man aber bedenkt, mein lieber Johannes,« erklärte der Lehrer, »daß ihnen alle Hilfsquellen fehlten, daß die Übermacht auch den Mann ohne Furcht und Tadel hinwirft, so kann man einen derartigen Entschluß, wenn auch schweren Herzens, nur billigen, denn es wäre ein Falsches, mit dem Kopf durch eine wohlgefügte Backsteinmauer rennen zu wollen, ein unnützes Tun und ein vergebliches Mühen gewesen, sich weiter zu sperren. Gut, sagte also der Herrscher, ich nehme die mir dargebotene Freundeshand an, aber nur unter einer Bedingung: Roß Beijart muß sterben ... im Wasser ... einen Mühlstein am Halse ... ohne Gnade ... von Rechts wegen. Ich will es, denn ich bin Gebieter im Lande. Vae victis !« Da lief ein Zittern und Zagen durch unsere Herzen, ein Bangen und Frieren. »Und der Mühlstein wurde gebracht. Fünfundzwanzig Müllerknechte fuhren ihn an. Mit dieser Last um den Hals, wurde das edle Tier in die Fluten gestoßen. Aber siehe: das Roß zerhufte den Stein, zersplitterte ihn, schwamm ans Ufer und drückte die bebenden Nüstern an die Wangen von Reinold. Die Menge jammerte auf. Der Kaiser jedoch blieb in seiner ebenmäßigen Ruhe. Zwei Steine! gebot er. Fünfzig Müllerknechte rollten sie zu, und wieder ging es in die gurgelnde Tiefe ... und wieder zerstampfte das Roß, das so oft und freudig in den Sarazenenschlachten gewiehert hatte, die schweren Gewichte, kam glücklich an Land und leckte traurig die Hand seines Kaisers. Dieser jedoch fühlte kein Mitleid. Den Bart strahlte er nur, der feuerrot brannte. Das war auch alles. Keine barmherzige Regung erwärmte seine Brust. Seine Stimme hingegen wetterte über die Menschen: Drei Steine!« »Das wäre verächtlich!« ließ sich Jan Höfkens vernehmen, »und täte mir dieser König begegnen, kalt müßte er werden.« Peter Hartjes schluchzte laut vor sich hin. Mein Herz wollte zerspringen. Henn Pierentrecker stieß sich mit der Faust gegen die Stirn und zerbrach seinen Griffel. »Drei Steine, aber die dicksten im Reiche! und mit diesen beschwert, mußte der edle Waffengefährte, mußte Roß Beijart hinein in den schäumenden Tobel ... um unterzugehen ... um nicht wieder zu kommen. Aber noch einmal, als wäre es ein Mensch gewesen, richtete es seine brechenden Augen auf seine Freunde, auf die vier Haimonskinder, die bitterlich weinten, um dann ...« In der rührendsten Szene wurde an die Türe geklopft. Mester Haan unterbrach sich. »Herein!« rief er mächtig. Noch von dem Erzählten bis in die Nieren erschüttert, sahen wir stur auf die Pulte und Schiefertafeln. Das Klopfen ging uns nichts an, hatte keine Bedeutung für uns, zu sehr waren wir noch mit Haimon von Dordone, mit dem Roß Beijart, den Sarazenen und Heiden, dem unerbittlichen Kaiser, mit Rittsart, Writsart, mit Adelhart und dem hochgemuten Reinold beschäftigt. Bis plötzlich ... Weiche, abgewetzte Schuhe, die demütig über die ausgetretenen Dielen schurfelten, machten uns beben. Ein aufdringlicher Duft nach Lauch, bedruckten Stoffen und Zimtborke, die die Herren aus dem gelobten Lande gerne kauen, um einen angenehmen Atem zu haben, apothekerte einschmeichelnd durch das verstaubte, nach tranigen Schuhen riechende und mit Buchstabierübungen durchsetzte Schulzimmer, kurz, ein Balsamhauch legte sich auf Pulte, Fibeln und Tintenfässer. Alles recht schön! aber dieser Geruch brachte uns der Verzweiflung nahe, wandelte er doch im Geleit unseres gestrigen Widersachers sacht und sanft durch die Gasse der Bänke hindurch, um dicht vor dem Katheder stehen zu bleiben und sein ganzes Odör zu entfalten. Aus dieser Lauch- und Zimtborkenwolke heraus dienerte Simmchen. »Um Verzeihung, Herr Lehrer, daß ich gekommen bin, Sie zu besuchen, um Sie zu stören bei die zu belernenden Schüler. Es war nicht anders zu machen. Ich dachte mir nämlich, besser ist besser, denn wer frühzeitig kommt, hat auch zu rechnen auf 'ne frühzeitige Sündenbewertung.« Er lächelte das Lächeln seines heimgesuchten Volkes. Mester Haan runzelte die Brauen. Er nahm die Tabaksdose. Der Deckel begann leise zu seufzen. »Womit kann ich dienen, Herr Vitt?« »Herr Schulinspektor, ich bin'n ehrlicher und betriebsamer Kaufmann, alles prima und von der obersten Sorte. Mein Geschäft steht im Glanze, beziehe ich doch meine Perdukte von's große Haus Guttmann, in Firma Sally und Elkan, in Krefeld. Hab' ich da nötig, mich verhohnepiepeln zu lassen von die Herrens, welche diese Schule besuchen?« »Nein, das brauchen Sie nicht.« »Habe ich nötig, mir fingern zu lassen den runden Unrat des Pferdes direkt in dem Munde?« »Auch das nicht.« Eine Portion Spaniol sah sich in die Höhe gehoben. »Hab' ich da nötig, daß sie aufheben den gewaltigen Stein, um ihn zu werfen in mein gläsernes Manefakturwarenfenster?« »Haben Sie Zeugen dafür?« »Dessen ist der Herr Schmiedemeister Nöllecke Giltjes aus die Kesselstraße Zeuge gewesen.« Die Prise verschwand. Die Dose klappte zu mit dem infamen Klappen eines Raubvogelschnabels. »Wer war es?! Wer sind die Attentäter dieses Deliktes?« Simmchen wuscherte sich den rechten Hosenträger etwas mehr in die Höhe. »Herr Schulrat, um es ehrlich zu sagen,« und seine Äugelchen überflogen die Bänke: »Da drüben der Hartjes, der Spettmann, der Höfkens von die Mühle da draußen und der junge Herr vom Notarius im hiesigen Kirchspiel. Lieber möchte ich sein der krummbeinige Schickme, der Pharisäer, um mir 'ne Bewährung zu nehmen auf dem Hakeldama, dem schmutzigen Blutacker, als so was noch einmal über dem Halse zu kriegen.« Er meckerte wie ein lahmer Schnepfenhahn um Okuli. »Herr Schuldirektor, bedenken Sie den Unrat von's Pferd und den Stein von der Straße!« »Herr Vitt, eine Frage. Ihr zertrümmertes Fenster ... wurde der Schaden behoben?« Simmchen zuckte die Schultern. Er machte das Gesicht eines Frettchens, gleichzeitig das eines gutmütigen Amis. Die rotunterlaufenen Lichter drückte er ein. Sie umschlichen uns, als wenn sie auf lautlosen Pirmasenser Pantoffeln ihres Weges einhergingen. »Wie kann ich es sagen? Was heißt überhaupt: ist der Schaden behoben?« »Jawohl!« rief ich ihm zu. »Noch gestern abend ist Hübbers bei ihm gewesen. Er hat sechs Kastemännchen von meiner Mutter empfangen und sie an Simmchen geliefert.« »Das könnte ich bestätigen,« kam mir der Sommersprossige zu Hilfe. »Ich auch!« ließ sich Henn Pierentrecker vernehmen. Peter Hartjes legte sein Gesicht in die Falten eines duldsamen Schafes. Er wähnte bereits, das Unheil sei vorübergegangen. Völlig beruhigt faltete er die Hände, erwartete er den weiteren Gang der Ereignisse. Mester Haan blieb kalt wie ein zugestellter Wechselprotest, freundlich wie ein königlich preußischer Steuerempfänger. »Herr Vitt, was haben Sie hierauf zu sagen?« Simmchen schmunzelte mit dem Schmunzeln eines Synagogendieners, dem es oblag, die Sefer-Thora aufzurollen und in fetten Gutturaltönen ›Lecho Daudi Likras Kalle‹ zu singen. »Gott, Herr Geheimrat, wie die Kinder so sind! Sie sind unbewußt, solche Kinder. Was verstehen sie von's Geld und die übrigen Kosten? 'n Kastemännchen ist immer nur ein Kastemännchen, nichts weiter. Aber 'n gläsernes Manefakturwarenfenster bleibt sozusagen 'n gläsernes Manefakturwarenfenster. Ich kann es nicht ändern.« Henn Pierentrecker empörte sich. »Herr Lehr', es ist bloß 'ne ordinäre Scheibe in die Türe gewesen und hatte noch 'nen gesprungenen Ritz in die oberste Ecke.« »Herr Vitt, wie stellen Sie sich zu dieser Behauptung?« »Möglich, Herr Schulrat, es ist nur gewesen 'ne Scheibe in der Angtreetür, aber von dem kostbarsten Glase. Man kann es nur beziehen von dem teuren Glasermeister Stephan ter Heiden auf der Hinteren Stechbahn. Möglich, schon möglich! Indessen, wo bleibt meine leibliche Ehre? wo der gewaltige Stein und der geworfene Apfel von dem hingelegten Haufen des Pferdes?« Seine Stimme war krötig geworden. Mester Haan warf den Kopf auf die Seite. Sein Vorhemdchen knatterte. »Jungs, wie steht es damit?!« In Henn Pierentrecker regte sich der Geist des letzten Mohikaners. »Er hat angefangen, der Simmchen,« grollte er dumpf vor sich hin, »denn er hat den König und Bismarck, den Krieg und unsere vaterländischen Bilderbogens beschumpfen.« »Das hat er!« akkompagnierten wir pflichtschuldigst. »Um Verzeihung, Herr Schulrat. Was verstehen die Herrens von die Lazzeruntasch und die Flinten, um damit zu schießen von hinten?! Sind sie angestellt bei's Militär, oder bekleiden sie 'ne politische Werktätigkeit? Ich mag nicht das gewalttätige Schießen. Es tötet die Menschen und verdirbt die Geschäfte. Ich hab' nur gesprochen von wegen 'ner friedlichen Einheit. Gut, und wenn die Herrens sich for ihren König und den Herrn Bismarck einsetzen, was haben sie zu schmeißen mit bräunliche Äpfel auf harmlose Bürger, die sich bemühen im Schweiße ihres Angesichtes, nur aus dem Grunde, ihre Kunden zufrieden zu stellen?! Was haben sie zu werfen Steine in 'n kostbares Manefakturwarenfenster?! Ich bleibe dabei: die Sache ist unrein. Sie ist 'ne schofele Sache.« Mester Haan nickte ihm zu. Seine Stirne umdüsterte sich. Er rief in das Klassenzimmer hinein: »Habt ihr mit Steinen und Pferdeäpfeln geworfen?« Wir schwiegen. »Dann – tretet vor, alle viere!« Wir taten's. Zögernd rückten wir an, langsam, als hätten wir Pech an den Schuhen. »Den Anfangsbuchstaben nach – stellt euch auf Reihe!« Es geschah. Zuerst Peter Hartjes, dann der Semmelfuchs, dann ich, als letzter Henn Pierentrecker, mit der Würde und dem Gleichmut eines ausgedörrten Büßers in der Thebais. Mester Haan öffnete den Pultdeckel. Mit Stöhnen knarzte er auf. Der Gestrenge, wenn auch Gerechte, wühlte lange zwischen Heften, Bleistiften und zurückgelegten Kreidestücken herum. Hierauf brachte er die Hasel zum Vorschein. Die magere Emma! Nun wußten wir, was wir zu gewärtigen hatten. Noch einen flehenden Blick warfen wir auf Simmchen, heiß bemüht eine kleine Barmherzigkeit, ein gewisses Rühren in seinen eingekniffenen Rattmausäugelchen zu entdecken. Aber er gab sich wie Shylock, der auf seinem Schein bestand, gesonnen, mit gewetztem Messer ein Stück Fleisch aus unserem Hintern zu schneiden. Nein, bei Simmchen Vitt war kein Mitleid zu finden. Eher hätte eine Metzgertöle ein Karnickel aus ihren Zähnen gegeben als dieser Manufakturwarenhändler ein Stückchen seines vermeintlichen Rechtes. Mester Haan trat vom Katheder herunter. Die magere Emma erhob sich mit einem bedrohlichen Zischeln. »Nun, Herr Vitt, soll ich, oder soll ich nicht? Noch ist es Zeit.« »Ich habe gespürt den Unrat im Munde, und dieser Unrat war widernatürlich. Ich habe gesehen fliegen den Stein in meine kostbare Scheibe, und diese Scheibe war mein Stolz und meine Bekömmnis. Sie haben beworfen meine israelitische Ehre mit ihrem christlichen Speichel, und dieser Speichel war ein ekliger Speichel. Herr Schulkommissar, tun Sie, was die Gesetze bestimmen.« » Fiat justitia pereat mundus ! Recht muß bleiben, oder die Welt geht zugrunde.« In diesem Augenblick sah sich Peter Hartjes mit gestrafftem Hosenboden über die nächste Schulbank gezogen. Er strampelte mit Armen und Beinen. »Ich bin bloß dabei gewesen, Herr Lehrer!« »Für dieses Dabeisein – hier dieses.« Ein pfeifender Hieb sauste nieder. »Au weh!« jammerte der vom Himmel Gefallene. Jan Höfkens kam dran. »Herr Lehr', ich täte bloß mit 'nem kleinen Roßapfel werfen!« »Für den Roßapfel zweie!« und die magere Emma tat ihre Arbeit. Jan wimmerte auf, als müßte er eine Haifischgräte verschlingen. »Jetzt du!« Auch ich wurde über die Folterstätte gezogen. »Hast du nicht den Stein von der Straße genommen?« »Jawohl! aber Herr Lehrer ...« »Nichts mit dem ›Aber‹!« Drei, wie durch Seifenlauge bugsierte, haarscharfe Schmisse zermarterten mir den Teil, dessen der ehrliche Rücken sich schämte. »Herr Lehrer, Herr Lehrer ...!« Ich hörte eine ferne Musik, ein Klingen von Geigen und Zimbeln, aber nicht das sanfte Spielen und Lautenieren, das im Himmelreich wohnte. Meine Sinne vergingen. Ich wähnte mich mehr tot als lebendig. Diese Torturen! Die Hiebe saßen, brannten schärfer als Feuer. Bald darauf scheuerte ich mein torquiertes Hinterkastell an der nahen Pultwand. »Henn Spettmann!« Die magere Emma sollte sich des letzten Delinquenten erfreuen. Der stand wie angepfählt. Keine Fiber bewegte sich in seinem asketischen Antlitz. »Komm näher!« Er folgte dem Anruf mit der gemessenen Ruhe eines Feueranbeters. Er war wie einer, den die Religion der Liebe vor ihr Sanctum officium forderte. In Schönheit wollte er sterben. Ein Glaubensbüßer, vor sich die rote damastene Fahne des heiligen Amtes, mit dem Sanbenito und der Koroza angetan, ging er verklärt seinem Verhängnis entgegen. Das vielbewunderte ›Sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme‹ schien auf seinen Lippen zu lächeln. Weder Furcht noch Reue wandelten ihn an. Seine Seele war ruhig. Das imponierte. »Hast du den Stein in das Fenster geschleudert? Gib Antwort.« »Jawoll, aber ich wollte bloß den Pfeifenkopp treffen, denn der Jud hat mein preußisches Honnör mit Dreck beschmissen.« »Herr Geheimrat, ich bitte ...! Waih geschrien, meine Hände sind rein. Ich habe gar nicht geschmissen.« Eine starke Faust packte zu. »Herr Lehr', ich mach's schon alleine,« sagte Henn Pierentrecker, und mit der stoischen Gelassenheit eines Fakirs streckte er sich über die Schulbank, die Nase am Holz, die Kehrseite mit der stattlichen Sitzgelegenheit zur Decke gerichtet. »Diesmal gibt's fünfe!« Simmchen schob sich näher heran, um besser sehen zu können. Seine Äugelchen glimmerten. Die magere Emma stand hoch in der Höhe. »Nur zu, Herr Schuldirektor!« Sie schwippte und schwappte. Fünfmal hintereinander exekutierte sie ihre bissige Arbeit. Kein Schmerzenslaut folgte. Kein Seufzen und Stöhnen. Henn Pierentrecker lag bewegungslos wie eine geworfene Säule. Nur ein eigenartiges Klappern ließ sich vernehmen, ein Summsen von emsigen Spulen. Beim letzten Hieb tat sich die Tür auf. Der junge Kaplan trat ein, willens, die Katechismusstunde aufzunehmen. Seine Schuhe hafteten an. Die silbernen Schnallen blenkerten fahl im Schein der Mittagssonne. Er war ein Mann Ende der zwanziger Jahre, riemig gewachsen, mit zurückfliehender Stirn, schmalen, vom Schermesser bläulich überlaufenen Wangen, deren Kaumuskeln sich ständig bewegten. Den schweren Bambusstock mit dem elfenbeinernen Knopf in der Hand, von dem Henn Pierentrecker behauptete, er wäre bloß aus ganz gewöhnlichem Kuhhorn verfertigt, sah er befremdet auf die sich ihm darbietende Szene. Seine scharfausrasierte Tonsur lag bleifarbig zwischen den rötlichen Haaren. Der Kaplan war eines Schneiders Sohn, zu Keppeln gebürtig, durch die Wohltat mildherziger Leute in die Lage versetzt, bei einem kränklichen Pastor dortselbst und auf der Gaesdonk, einem Alumnat an der holländischen Grenze, seinen humanistischen Studien obzuliegen. Nicht regen Geistes, mit der Schwerfälligkeit seines Vaters behaftet, der zwar den Rosenkranz als Sprungbrett zu den ewigen Freuden hinnahm, dafür aber den Ollen Klaren, sowie den Lehren des Sozialisten Karl Marx um so emsiger zusprach, hatte er schwer mit seiner Jugend und seinen stumpfen Sinnen zu kämpfen. Allein seine Ausdauer, sein unermüdliches Sitzfleisch triumphierten im Laufe der Jahre über die engen Grenzen seiner Begabung. Sie nahmen den Pferch des Maturitätsexamens mit knapper Not, wenn auch mit schnaufendem Atem. Im Priesterseminar zu Münster studierte er die Spitzfindigkeiten eines Thomas von Aquin, delektierte er sich an den subtilen Lehren des Kasuisten Alfons Maria von Liguori, empfing er die niederen und höheren Weihen. Bald darauf fand er durch bischöfliche Gnaden seine erste Stelle in einem mageren Ort an der Niers, wo die Kirchenglocken mit schwindsüchtigen Stimmchen zum Gottesdienst bimmelten, die zweite, fetter dotierte, im hiesigen Kirchspiel. Über seine Sittenstrenge herrschte nur eine lobende Stimme. Den Visionen der hochseligen Anna Katharina Emmerich, gebürtig in der Bauernschaft Flamske, abberufen zu Dülmen, schenkte er ein reges Interesse, folgte er ihren Spuren nach den Aufzeichnungen des Pilgers Klemens Brentano. Diese erweiterte er durch einen regen Grübeleifer, durch eine Broschüre, die Aufsehen machte. Im Laufe der Tage wuchs er sich zu einem Brausekopf aus. Die Gerechtsamen und Würden seines Standes schraubten ihn hoch. Ohne Zagen und Skrupeln waltete er des ihm gewordenen Amtes. Er verschmähte es, auf Samtpfoten zu gehen. Sein Wandel war keusch und geregelt. Seine Pfade waren gerechte Pfade. Er sah über die Weibsleute hinweg, als wären sie mistige Strohhalme, nicht wert, auf den Acker des Heiles getragen zu werden. Viele unter ihnen betrachtete er geradezu als Werkzeuge und Gespielinnen des Satans. Sein Programm war fest umrissen. Seine innerste Überzeugung gebot ihm, sich den marxistischen Glaubenswahrheiten zu nähern, ohne dabei sein seelisches Glück bei ihnen zu suchen. Er bewunderte in ihnen mehr die sozial-politischen Ziele. Nicht für seinen Erlöser und Dulder, nicht für das gebenedeite Wort ›Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‹, aber für die streitbare Kirche als solche, für ihre Gerechtsamen, ihre Machtbefugnisse, ihre unerschütterliche Position dem eigenwilligen Staat gegenüber, für die unveräußerlichen Rechte der Toten Hand, ihre politischen Erwägungen und Anschauungen, für dieses alles ging er durchs Feuer, war er Heroldsrufer und Stabstrompeter, hatte er kein Verständnis für das monarchische Prinzip, waren ihm Schellenbäume und Musici lediglich klingende Spiele, nur dazu da, die gedrillten Erdenkinder anzufeuern, für ihren Herrscher in die gegnerischen Kugeln zu stürmen. Als eingefleischter Pazifist suchte er den utopischen Frieden, die allesumfassende Verbrüderung der Völker und Nationen. Kurz, er war der Gerechtesten einer. Und dieser Gerechte trat vor, in schwarzer Soutane, mit befranster Seidenschärpe. »Nun, Herr Lehrer, was gibt es?« Mester Haan blieb die verkörperte Ruhe. Er langte sich die Schnupftabaksdose vom Pult und genehmigte sich eine genußliche Prise. »Nichts von Belang,« meinte er schließlich. »Lediglich eine Ahndung kleiner Delikte.« Der Kaplan sah ihn sauersüß an. »Was, kleine Delikte?! Ich glaube Sie irren, Herr Lehrer.« »Nein, ich irre mich nicht.« »Aber die Anwesenheit dieses Herrn, die verstörten Kinder geben mir das Recht, auf größere schließen zu müssen.« Simmchen griff ein. »Hochwürdigster Herr, ich bitt' um Verzeihung.« Er machte ein Gesicht wie die Schafe, die an den Myrrhenhängen auf dem Berge Gilead weiden. »Hochwürdigster Priester, ich bin nur ein einfacher Kaufmann mit die Wull und die kattunenen Stücke. Bei's Messen mit die Ell' wird nicht mal gezogen die Selfkant in Rechnung. Sie wird for gratis gegeben. Ich lebe in Frieden und Bußfertigkeit. Amen, Sela! Und nu sind die vier jungen Herrens erschienen am gestrigen Tage, um mir zu halten die kriegerischen Bilderbogens unter die israelitische Nase.« »Unerhört!« »Ich hab' diese mörderischen Ereignisse von mir gewiesen, sie geworfen wie 'n Stück treferes Fleisch über die Schulter, weil sie beunruhigen die stillen Geschäfte und die Seelen von Menschen, die sich nicht wollen totschießen lassen mit die Flinten for gar nichts in Preußen. Ich denke mir immer: lieber 'ne schlechte Übereinkunft als 'ne kriegerische Großtat.« »Nur zu natürlich.« »Nu – und was taten die jungen Herrens?! 'nen pferdenen Apfel haben sie gerafft von die Straße, mir gesalbt damit meine Lippen, 'nen Stein haben sie gehoben aus der Gosse heraus, ihn geschleudert in mein gläsernes Manefakturwarenfenster. Sonst ist nichts weiter geschehen, hochwürdigster Domherr.« Er zog sich bescheiden zurück. »Nichts weiter geschehen?!« Der Kaplan brauste auf. »Das nennen Sie »nichts weiter geschehen'?! O Sie gläubige Einfalt! Sie Mann der Bescheidenheit und Demut. Ich bewundere Sie, aber bewerte das anders. Ich bewerte das als Nichtsnutzigkeit, als Flegelei, als Eingriff in die Überzeugung beschaulicher Menschen. Politische Umtriebe sind's, Ungeheuerlichkeiten in den Herzen unmündiger Kinder. Den Katechismus sollten sie lernen, die Bibel. Am Leben der Heiligen, an den Blutzeugen und Märtyrern sollten sie sich erbauen, aber nicht an derartigen turbulenten Begebenheiten, an dem Aufhetzen und Aneinanderprallen der Volksgemeinschaften. Und wenn keine andere Lösung möglich: ob Krieg oder nicht Krieg – darüber hat weder König noch Kanzler, sondern nur ein Plebiszit zu entscheiden. Aber ein solcher Krieg ist ein Unheil, ein angemaßtes Vorrecht der Störenfriede. Es ist gleichbedeutend mit Sinnlosigkeit, denn geschrieben steht: Liebet euch untereinander, vergebt denen, die euch hassen ... und ich muß nun sehen: das Gegenteil davon treibt schon seine Blüten in der Sinnenwelt dieser ausgetragenen Früchtchen. Erbarmen mit ihnen – jawohl, aber kein Mitleid!« Seine Kaumuskeln arbeiteten in dem herben Gesicht. Er warf einen schiefen, schneidenden Blick auf uns viere. Henn Pierentrecker stand ihm unseligerweise am nächsten. Den packte er sich. Der Bambus mit dem gedrechselten Knopf aus gewöhnlichem Kuhhorn beschrieb eine Volte. Schon sollte er fallen. »Nicht weiter!« Mester Haan fiel dem wütigen Bakel in die Parade hinein. »Herr Kaplan, ich verbitte mir das. Ich verbitte mir ausdrücklich, meine Rechte zu schmälern. Ich habe bereits ... Durch mich haben die kleinen Ausschreitungen schon ihre Sühne gefunden.« Der Kaplan funkelte ihn an. »Herr Lehrer, das nennen Sie Sühne? Mit diesem spielerischen Wuchteln der Haselgerte wähnen Sie diesem, in seiner Ehre, an seinem Vermögen geschädigten Herrn Genüge getan, glauben Sie diesen ungeheuerlichen Fall schon erledigt zu haben? Christus und seine Kirche verlangen eine gerechte, dafür aber auch eine gründliche Strafe. Dixi et salvavi animam meam !« »Herr Kaplan, das zu entscheiden, steht lediglich in meiner Befugnis.« »Nein, das gehört nicht zu Ihrer Befugnis. In nomine patris ...« Der grimmige Bambus begann wieder zu steigen. »Herr, lassen Sie das.« »Was fällt Ihnen ein? Wissen Sie nicht: ich stehe hier als Stellvertreter des Herrn, meines Gottes und Heilands.« »Und ich im Namen der Schulbehörde und dem des Gesetzes.« Mester Haan stand als Schild vor uns vieren. Der Kaplan kaute und kaute. »Gut,« sagte er endlich. »Die Katechismusstunde fällt aus. Ich bin zu erregt. Herr Vitt, kommen Sie mit mir.« Sie gingen. »Marsch auf eure Plätze, ihr vier Attentäter! und nun: wir singen das Lied vom Feldmarschall Blücher.« Mester Haan nahm seine Geige. Er spielte falsch, aber mit Andacht, er spielte energisch, wenn auch mit diversen Kicksern dazwischen ... und mächtig klang es durch die geöffneten Oberfenster ins Freie hinein: »Was blasen die Trompeten? Husaren heraus! Es reitet der Feldmarschall in fliegendem Saus ...« »Brav so!« Nach einer kleinen Viertelstunde wurde uns die ersehnte Freiheit, Licht und Luft und der Odem der ewigen Gottheit. Dreizehntes Kapitel Sonnenschein und helles Vogelschmettern! O, wie war die Welt so einzig und voller Wunderlichkeiten! So reich an Tränen und so überschwenglich an Jubel! Ach, drüben und hier! Drüben, wo Eider und Schlei ihre grauen Wasser einherschleppen, da stelzte einer daher in weißverschnürter Attila, in einem Wams aus beinernen Rippen. Da regierte einer die Sense, daß die Schwaden nur so fielen, und waren weder Roggen- noch Weizenähren, sondern tapfere Menschen, Soldaten und Offiziere, Panzerreiter und schlichte Musketiere ... und über sie hin riefen die Hörner, rasselten die Trommeln, wehten die Fahnen, flüsterten Trost- und Sterbegebete, sangen die Aufrechten: »Nun danket alle Gott mit Herz und Mund und Händen ...« und war ein Zagen und Bangen und doch eine Freude, die aufwärts stieg wie eine Lerche am Ostermorgen. Und hier! Auch ein Zagen und Bangen, ein Beten um glückliche Heimkehr, ein Flüstern in Sterbegebeten, und doch welche Freude! Kirchliches, Heiliges, Vergrämeltes, Lautes und Leises, ferne Trommelgeräusche, das kaum wahrnehmbare Wehen von Fahnen, begeisterte Rufe – jegliches lag dicht nebeneinander, verbrüderte sich, reichte sich die Hände unter heiterem Lachen und verhaltenen Tränen, und dazwischen schmetterten die Finken von der großen Linde herunter, die bereits ihre grüne Matt angelegt hatte und mit ihrem stattlichen Frühlingsgewand den alten Ziegelbau des Rathauses mit seiner Freitreppe verschleierte. Und dann kamen wir. Noch die Striemen der mageren Emma unter dem Hosenboden, noch duldend unter den auffrisierten Anklagen Simmchens, seinem kniffligen Lächeln, noch ganz zerrüttet von dem herrischen Eingreifen des herben Kaplans, so verließen wir gemeinsam den Schulhof, gemaßregelt, aber nicht niedergeschlagen, denn noch immer lag uns die straffe Weise im Sinn: »Was blasen die Trompeten! Husaren heraus! Es reitet der Feldmarschall in fliegendem Saus ...« noch immer vernahmen wir die marschfrohen, wenn auch mit Kicksern behafteten Geigenstriche des Bakelgewaltigen, noch immer, noch immer ... Nein, gegen Mester Haan trugen wir keinen Groll unter der Weste, schmiedeten wir keine nichtsnutzigen Ränke, blieben wir unrebellisch gleich den gefügigen Hammeln, die der weißhaarige Knöll Wesendonk auf den mageren Hängen des sandigen Lipperfurtsberges weiden und grasen ließ. Nach Recht und Billigkeit kraute er die gutwilligen, pflegte er die gebrechlichen, zog er den bockigen das wohlverdiente Traktament über die Wolle. Sie nahmen es hin als eine Fügung des Schicksals. So auch wir. Mester Haan blieb für uns der Unantastliche, der Tüpfel über dem i-Strich, und noch jetzt, wenn ich seiner gedenke, steht er vor mir wie ein Großer und Stiller im Lande, ein Friedensrichter seines eigenen Gewissens, ein Schlichter und Geradnackiger, Gott und seinen Patriotismus vor Augen, das Himmelreich suchend und das Himmelreich findend, darin eintretend mit derben Nägelschuhen, in abgenutztem Bratenrock, blaugestärktem Schemisettchen, die hürnerne Schnupftabaksdose in der Linken, die Rechte bereit, eine dicke Prise des köstlichen Makubas aus der Tiefe zu heben ... und siehe: ihn umleuchtet das Licht der Ewigkeit und der Glanz des neuen Jerusalems. »Stramm, aber gerecht,« sagte Henn Pierentrecker, als wir aus der Monrestraße bogen und den Marktplatz erreichten. »Kapitale Durchziehers, aber mit Liebe!« »Das täte ich nicht gerade als amüsierend empfinden,« sagte Jan Höfkens. »Auch ich nicht,« pflichtigte ich dem Sommersprossigen bei. »Aber ich,« konstatierte der Inhaber des unüberwindlichen Muskelpaares. »Ich tu' mir gar nichts draus machen. Aber kein Spierchen. Nicht soviel, als hätte 'ne Winterfliege auf 'ne Assiette geschweinigelt.« Er lachte. Wir bewunderten ihn, sagten uns aber: nur unter der Beihilfe des Kupfernen Geistes aus den Rocky Mountains konnte er diese Leistung bewerkstelligen. Er stand vor uns, als wäre er an den harten Schilfgeländen des Eurotas geboren. »Aber wie könntest du nur die fünf Durchziehers von der mageren Emma aushalten, ohne mit die Beine zu strampeln?« fragte Jan Höfkens. »Ganz einfach.« Ein pfiffiges Schmunzeln verklärte das Antlitz des ausgetragenen Halbgottes. »Da seht nur! Ich dachte schon gestern, das mit Simmchen wird heute auf dem Hintern beglichen, denn so'n krötiger Jud will alles retour haben. Der verschenkt keine Kastemännchen, nicht mal 'nen toten Spatz auf der Dachrinne.« Er drehte sich um. »Da fühlt man! Wie'n Pappdeckel. Ist auch 'n Pappdeckel, bloß mit 'ner Portion Hanfzeugs umwickelt. Meine eigene Erfindung. Von Mutter gestern im Hosenboden verfertigt. Sonder Besten – hondert Pond kann eck stämme.« Der Semmelfuchs polterte auf. »Was! und da tätest du uns keine Nachricht von geben?! Das könnte ich nicht für nobel betrachten.« »Wir auch nicht!« Der bepappdeckelte Heros winkte großartig ab. »Sonder Besten – darüber muß jeder selber befinden.« »Na, so was?!« Es hätte noch Krakeel unter den Getreuen abgesetzt, wären wir nicht anderweitig beschäftigt worden. Eine lautmaulige Klingel lärmte über den Markt fort, öffnete Fenster und Türen, ließ die Menschen auf das Pflaster hinausströmen. »Im Namen des Königs, des hohen Gesetzes und des Herrn Bürgermeisters!« Diese tönenden Worte und Ankündigungen aus dem Munde des Polizeigewaltigen Iwan Kasimir Brill versöhnten uns wieder, ließen uns den mit Werg und Hederich umsponnenen Pappdeckel, diese Testudo gegen die kneifenden Angriffe der mageren Emma, weniger schimpflich erscheinen. Aber das Heldentum unseres gemeinsamen Freundes Henn Pierentrecker hatte doch im großen und ganzen Schiffbruch gelitten. Aus dem göttlichen Peliden entpuppte sich für uns der schlaue, überlegende, vorsichtige, heimliche und mit allen Ränken und Schlichen begabte Odysseus. Zu unserem größten Leidwesen wurde uns die Erkenntnis: die schillerndste und opulenteste Pfauenfeder hatte er sich höchsteigenhändig aus seinem Steißbein gerissen. »Im Namen des Königs!« Wir schnürten uns näher heran. Da stand er. Auf der höchsten Stufe der Rathaustreppe erhob sich die martialische Gestalt des beliebten und dennoch gefürchteten Mannes. In voller Montur, in karmoisinrotem Kragen, die üblichen Haarsechsen geschmalzt und gestriegelt, in der Linken ein amtliches Schriftstück, mit der Rechten den Griff einer messingenen Schelle führend – so harrte Iwan Kasimir Brill auf den Zustrom des Volkes. Er rührte sich nicht. Nur mit gestielten Hummeraugen suchte er die Weite ab. Tiefe Stille ringsum. Nur dann und wann ein bellendes, einladendes Rummeln der Amts- und Rathausschelle. Von allen Enden und Straßenecken drängten sich die Menschen heran. Bekannte und unbekannte Gesichter. Männer und Frauen, Schwarzköpfe und Blondköpfe, Dreikäsehohe und solche, die an Enakssöhne erinnerten. Als einer der ersten tauchte Heinrich Hübbers im Schatten des Rathausgäßchens auf. Von drüben her schurfelte es sich im kamelottenen Schlafrock heran, zögernd, mit den Windungen und Schleifen eines sichernden Fuchses, der so recht noch nicht wußte, was er mit dieser lauten Aufmachung anfangen sollte. Dann kam die Staatse, hart, steifbeinig, mit lauten Ohrgehängen. Ihr zur Seite schritt Hannecke Brükers. Sie hatte im Hause des Papierenen schneideriert, Wäsche gesondert und das ihr durch Johanna Kordula Teerling schon lange in Bestellung gegebene Sterbehemd in Angriff genommen. Die lärmende Amtsschelle hatte sie mit Oma ins Freie getrieben. Der Mandorla des Marienleuchters entstiegen, ging sie still und nachdenklich über die Steine, den Mond in seinem ersten Viertel unter den Füßen, ein Kränzlein von sieben Sternchen um die Schläfen gewunden. So schien es. Hendrintje folgte ihnen in einem bemessenen Abstand. Sie kam in lieblicher Scham und voller Eigenwilligkeit, und wenn ich sie mir heute vorstelle, gemahnte sie mich an eine, von der die Geschichten der tausend Nächte und der einen Nacht erzählen. Sie näherte sich mit schaukelnden Hüften, mit Augen aus Ghazaholz, ihre Bluse gefüllt, ihre wiegenden Hinterbacken wie straffe Säcke voll schweren Meeressandes, eine von den schönen Begleiterinnen Subaidahs, die zu dem Kalifen also redete: »Der Prophet erklärt, das Wild gehört dem, der es fängt, nicht dem, der es aufstöbert« ... und ihre Blicke schweiften herum, als hätten sie irgend etwas zu suchen, scheu und verängstigt. Simmchen war nicht mehr allein. Nöllecke Giltjes gesellte sich ihm, die Mütze schief auf dem Kopfe und mit aufgekrempelten Ärmeln. Er sagte: »Simmchen, paßt Achtung! Ich wette zehn gegen eins: da wird wieder so'n niederträchtiger Siegeszauber verausgabt.« »Nu, Herr Schmiedemeister, dann wollen wir gehen. Ich bin nicht for die preußischen Siege.« »Nee, warten wir ab. Vielleicht haben sie auch Schmisse bezogen.« Simmchen fummelte an seinem Hosenträger herum. »Herr Schmiedemeister, was soll ich halten davon? In ein und demselben Atemzuge sagen Sie konträrige Ansichten. Bald sind's kriegerische Taten, bald sind's heillose Schmisse. Einmal so, einmal so! Schön! also bleiben wir hier. Rosalie und der Herr Kommis können inzwischen besorgen die miesen Geschäfte. Sie liegen unter dem Durchschnitt, weit unter pari. Ich setze zu. Geht's weiter so hin mit die Fahnenträgers und die schießenden Flinten, wie können die Leute da haben Andacht, for zu kaufen in meinem Manefakturwarenladen?« »Je, Simmchen, was ich immer schon sagte!« »Herr Schmiedemeister, recht werden Sie haben. Da sehn Sie: der Herr Polizeipräsident legt sich bereits in seine ganze Noblesse.« Das letzte Klingelzeichen lief über die Menge. Herr Iwan Kasimir Brill konnte beginnen, denn um seine Order kundzugeben, waren genügend Zuhörer vorhanden. Das amtliche Schriftstück hob sich straff in die Höhe. Dann las er und steigerte bei prominenten Sätzen die Stimme, als würde sie unter dem Knallen von Katzenköpfen verausgabt: »Im Namen des Königs, des hohen Gesetzes und des Herrn Bürgermeisters! Wir wollten den Frieden, konnten aber den Frieden nicht halten. Das Schwert mußte entscheiden, um den bedrängten Stammesgenossen diesseits und jenseits der Eider die Hand des Schutzes zu bieten. Dank der Opferfreudigkeit von Mannschaften und Offizieren wurde das Höchste geleistet: Missunde, die Dannewirkstellung, die Düppeler Schanzen – Marksteine im Laufe der kriegerischen Ereignisse.« Herr Brill hielt inne, um Atem zu schöpfen. Dann wie ein Kornett à piston: »Achtung, nun kommt es!« und mit scharfer Betonung jedes einzelnen Wortes: »Vornehmlich die Düppeler Schanzen! Sie wurden erstürmt unter einem Heroismus ohnegleichen.« Dieses verflixte Wörtchen ›Heroismus‹ stellte ihm ein gewisses Hindernis entgegen. Er nahm es aber unter heller Bravour, wenn auch etwas verstümmelt: »Ja, unter einem Heroismus wie in den Tagen der Freiheitskriege. Und einer von uns, einer aus dem hiesigen Kirchspiel ... in Gemeinschaft mit dem Feldwebel Probst ... der Herr Unteroffizier Aloys Teerling, erklomm als erster die Schanze ... ließ als erster die Fahne wehen ... und die Gnade des Königs verlieh ihm ob seiner Tapferkeit und Umsicht das Düppeler Sturmkreuz. Gegeben ...« Die letzten Worte gingen unter in dem gewaltigen Singen: »Was rauschen und jagen die Wasser der Schlei? Der Feind ist geschlagen, und Schleswig ist frei.« »Aloys soll leben! Aloys – Hurra!« Hendrintje war bleich wie 'ne Mauer geworden. Hannecke Brükers schluchzte still vor sich hin. »Aloys – Hurra!« Die Alte stand wie ein Kerzenstock in der Gnadenkapelle zu Kevelaer. »Mein Aloys, mein Aloys!« Dann ging sie. Von Hannecke geleitet, schritt sie wie eine Königin durch die sie umbrausende Menge. Das Düppeler Sturmkreuz! »Sind die Leute meschugge?« wandte sich Simmchen an Nöllecke Giltjes. Der schlug sein Schurzfell und lachte. »Was schreien sie, was lamentieren sie sich heiser mit ihrem Munde? Ich bin nicht for die neumodischen Sachen. Lieber fahr' ich auf der Eiserbahn von Köllen bis Krefeld, als so was zu hören. Was tu' ich überhaupt mit 'nem Düppeler Sturmkreuz? Nicht mal in Kummischon will ich's nehmen. Es würde mir liegen bleiben auf Lager wie'n Stück Wull aus 'ner vermotteten Ecke ... und wenn ich es täte, mein erster Kommis würde sagen: Herr Vitt, Sie werden doch nicht sein so unbewußt, sich einzulassen mit 'nem patriotischen Rummel?! Sie würden aufgeben Ihre eingeborene Ansicht und Ihre demekratische Freiheit. Tu' ich auch nicht. Ich nehme Aloys seine militärische Pracht, um sie aufzustellen zwischen die jungen Erbsenfelder, daß die Spatzen sich förchten. Stehn mag sie dort bleiben, bis zu ihr kommt der Würger des Fleisches und der Bevölkerer der Totenäcker.« Eine weiße Hand legte sich ihm kalt auf die Schulter. »Herr Vitt, also auch Pazifist?« Simmchen wandte sich und zog seinen Hosenträger eine Handbreit höher. »Hochwürden, zu dienen. Pazifinist und Republikaner – bin ich noch immer, will es auch bleiben, bis mir aufgetan wird meine Stätte auf dem mosaischen Friedhof.« »Das ehrt Sie.« Simmchen gedachte noch einige Worte zu sprechen, allein der Kaplan schlenkerte bereits mit seiner Soutane durch die Reihen der Männlein und Weiblein. Aber eine andere kam. Sie berührte ihn mit ihrer Bluse, ihn und Nöllecke Giltjes. »Wir haben auch was zu zeigen,« sagte sie hart und verärgert, aber doch mit einem heißen Gluckern in der Stimme, »wir sind auch nicht so ohne, wir können uns auch sehn lassen mit dem Düppeler Sturmkreuz! Versteht ihr?!« Sie lachte. Nöllecke wisperte ihr zu: »Hendrintje, bald blühen wieder die Apfelbäumchens im Garten.« »Ach was!« rief sie im Vorbeistreifen. »Ich denke nicht dran.« Dabei schaukelte sie mit ihren beiden Sandsacken wie eine getragene Dünung. »Abwarten!« rief Nöllecke ihr nach und dachte das seinige. »Da geht sie hin wie 'ne Förschtin, in der Pracht ihrer Buckeln, die auf dem Libanon stehen und nach Damaskus zeigen. Sie ist schön wie Rebekka, die Tochter Bethuels, die da ihres Weges kam, um zu tränken am Brunnen die Kamele und die durstigen Maulesel. So, und nu kommen Sie mit mir. Wir wollen genießen ein gefälliges Schnäpschen Wein in meinem Manefakturwarenladen. Rosalie und der erste Kommis werden sich freuen.« »Gerne, Herr Vitt.« »Soll denn ein Wort sein,« und gemeinsam suchten sie das Haus mit den großen goldenen Lettern auf. Die amtliche Klingel rasselte und lärmte bereits an einer anderen Stelle.   Der Vogel Bülow war ins Land gekommen. In schwefelgelben Wellenlinien arbeitete er sich an den Waldhölzern vorüber, schwenkte in die Schneisen und Gestelle ein, um aus dunklen Laubmassen aufs neue seine wundersame Stimme, die der einer Zauberflöte ähnelte, vernehmen zu lassen. »Vogel Bülow, Vogel Bülow!« Sein märchenhafter Ruf zupfte die Lichtnelken aus dem Erdreich, ließ das Tausendgüldenkraut blühen, spreitete die Kuckucksblumen über die Wiesen und häkelte die rot- und weißgeflammten Winden um Roggen- und Weizenähren. Das Korn ging in grüngrauen Wogen. Mit dem zarten Schimmern eines Katzenfelles fächelte und wiegte es sich gegen den Horizont an, der wie eine scharfumrissene violblaue Linie Himmel und Erde abgrenzte. Dann später: in den Wäldern von Moyland tönte es ums Dämmerigwerden zuweilen wie eine Domorgel, als spielte irgendein kundiger Organist eine Fuge von Johann Sebastian Bach oder sein majestätisches ›Immanuel, du süßes Wort‹ oder die Baßarie des Simeon ›Schlummert ein, ihr matten Augen,‹ so heilig klang es herüber, so mit verhaltenen Pauken und Posaunen. Die weite Erde lag fruchtschwer unter der heißen Kuppel des Firmamentes, hingestreckt, mit braunen und üppigen Gliedern, ihrer Stunde harrend. Über sie hin, hoch in der Höhe, zog ein Fall seine Kreise, einen neben den anderen, Kreise getaucht in Licht und Gold, als wären es die von Heiligenscheinen gewesen. Die Simsen nickten. Die blauen Libellen standen gleich Stahlnadeln über den Ravelinen, aus deren Tiefen die Wasserrosen aufstiegen, als höben sich weiße Nonnengesichtchen aus den Mysterien ihrer Entsagung und Weltabgeschlossenheit. Das Ried fummelte. Die schwere Stille des Niederrheins hatte weder Anfang noch Ende. Sie ging den dunklen Wäldern zu, um doch einen vollen und sonoren Ton in den Ohren zu haben, ein Klingen des mächtigen Johann Sebastian Bach, des Lehrers und Kantors an der Sankt Thomasschule in Leipzig. »Vogel Bülow, Vogel Bülow!« Bis in die Vorgärten der kleinen Stadt drang das Locken und Jubeln. Ach, diese stillen, verträumten Gärtchen zwischen den einsamen Stiegen und Bocksdornhecken! Das schönste und verschwiegenste lag aber in der Nahe der Höfkensschen Windmühle. In ihm rührte sich kaum ein Lüftchen; kein Blättchen legte sich auf die andere Seite. Die mit Buchsbaum abgezirkelten Kraut- und Blumenbeete streckten sich dem vollen Sonnenlicht zu, ließen in schwülen Nächten das helle Sternenfeuer über sich hinschauern. Stocksteife Malven, violettbraune und musselinweiße, erhoben sich zwischen Birn- und Äpfelpyramiden. Die Pfirsiche setzten schon rotgoldene Streifen und wolligen Flaum an, und die heimelige Laube erstickte fast in ihrem Genist und Rankenwerk von blühenden türkischen Feuerbohnen. »Vogel Bülow, Vogel Bülow!« Selbst in den tiefen Frieden des Hauses ›Zu den sieben Linden‹ verlief sich zuweilen die Zauberflöte des seltsamen Märchenvogels. Meine Mutter hörte darauf, als wären die köstlichen Noten aus dem schönsten Teil von Haydns ›Jahreszeiten‹ gekommen. Und so eines Tages ... Es war gegen vier an einem Sonnabend. Wiederum tönte das wundersame Rufen herüber. Hannecke Brükers hatte sich heute bei uns eingetan. Sie saß am geöffneten Fenster eines hinteren Zimmers, das auf den Garten mit seinen schwerbehangenen Birn- und Zwetschenbäumen hinaus sah. Ich selber war frei und sorgenlos. Eine Quelle der Vergnüglichkeit kluckerte mir zu, hatten doch für mich die dreiwöchigen Sommerferien begonnen, die meiner Kameradschaft und mir Tage des Glückes und des süßen Nichtstuns einbrachten. Was fehlte mir noch?! Eigentlich gar nichts. Ich war wunschlos geworden, denn meine Kropftauben rucksten auf dem nahegelegenen Schlag herum, flogen ab und zu und klatschten mit ihren festen Schwingen durch die Luft voller Duft und Sommerfreude. Und dann Hannecke Brükers ... Ich hatte meinen Stuhl dicht an das liebe Mädchen gedrängelt. Auf ihr Nähzeug gebückt, ihre fleißige Nadel hin- und herziehend, erhob sie zuweilen ihr schmales Gesicht mit den golddurchpunkteten Augen, als wenn sie ihren Geschichten eine besondere Weihe und Feier geben wollte. Ich hatte bereits die vom ›Blumenkörbchen‹ gehört. Jetzt sollte die vom ›hürnenen Siegfried‹ aus den Niederlanden an die Reihe kommen, denn Hannecke hatte sich im Laufe der Tage daran gewöhnt, auch ihr Interesse und ihre Genußlichkeit an kriegerischen und tapferen Geschehnissen zu finden. So hub sie denn an: »Es lebte mal in undenklichen Zeiten ein stolzgewachsener Königssohn auf seiner Burg in hiesiger Gegend. Des Namen war Siegfried, und sein Leib war rank und stark wie 'ne eschene Lanze und sein Arm wohlgeeignet, ein scharfes Schwert oder 'ne eiserne Stange zu schwingen. Von dem hörten nun die im Reich der Burgunden. Dort wohnte eine Jungfrau, rein wie lauteres Wasser, schön wie eine Frühlingswiese zur Zeit der Ostern, und um dieses herzige Königskind zu minnen ...« Sie wurde unterbrochen und legte ihr Nähzeug beiseite, denn die Traben-Trabacher Marie erschien und bat sie zum Kaffee. »Prima Sorte,« setzte sie schleckend hinzu. »Dabei noch 'nen extraordinären Weizenstuten mit pflaumengroßen Rosinen dazwischen.« Die unliebsame Störung rüttelte mich auf. »Aber Marie ...!« »Kaffee und Weizenstuten müssen auch sein,« versetzte die Vollbusige, »denn sie halten Magen und Seele zusammen. Geschichten sind gut, aber Butterbröter sind besser. So'n neugieriger Stöpsel muß den Damen auch ihr Deputat zukommen lassen.« Sie lachte. »Ach – du!« rief ich verärgert. »Ich komme gleich wieder,« tröstete mich Hannecke. »Bis gleich denn. Es soll fein werden, mein Jüngsken.« Gemeinsam mit der Dicken suchte sie den gespreiteten Tisch in der Küche auf. Ich harrte ihrer Wiederkehr, angeschmiedet auf meinem Binsenstuhl, das Herz voll der kommenden Dinge und ritterlichen Abenteuer. Meine Sinne spannten die Flügel, schaukelten hoch und flogen mit langsamen Ruderschlägen in das ferne, mit Sagen umsponnene Reich der Burgunden. Dann wandte ich mich wieder meinen Kröpfern zu. Ich sah sie fliegen und vernahm ihr Klatschen wie gedämpfte Flintenschüsse. Trotz aller Mären und Geschichten, diese Tierchen waren auch nicht zu verachten! So dachte ich, als sich der Schritt von Lastingschuhen und das Rascheln einer weitbauchigen Krinoline erhob – da draußen auf den Fliesen. Gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Meine Mutter war ins Zimmer getreten. »Soeben ist dieser Brief angekommen,« sagte sie mit ihrer gelassenen Eigenart. »Aus dem Felde, mein Junge. Von deinem Freunde Aloys, und wenn du von seinem Inhalt Kenntnis nehmen willst ...« »Ich bitte, ich bitte!« Da las sie: »Gegeben im Lazarett zu Eckernförde. Sehr geschätzte Madam! Für die uns gütigst durch Feldpost zugesandten Zigarren und sonstigen Liebesgaben übermitteln wir hiermit unsere gehorsamste Dankesbezeigung. In manchen Augenblicken sind sie uns wahre Kameraden gewesen, liebe Genossen, die wir nicht hätten missen mögen in dieser Kampagne der Entbehrung, aber auch nicht in der der innigsten Siegesfreude. In den schwersten Stunden waren sie uns Tröster und Mutbringer, in den stillen und beschaulichen Vermittler zwischen hier und der Heimat. Im übrigen alles sehr interessant, sehr interessant! Von unserem werten Freund, dem langen Moritz, hörten wir dann und wann. Der Mann bleibt immer voller Anregung und Pläsierlichkeit. Auf ihn kann man Häuser errichten. Ja, wir hörten von ihm. Von unserer Mutter nur wenig, denn sie ist zwar hellen und offenen Geistes, aber nur schwach mit der Feder. Allerdings – die Frau hätte mehr schreiben können. Sie wird wohl, so denken wir uns, viel zu schaffen haben in der Wirtschaft, in unserem Gärtchen da draußen vor dem Kesseltor. Missunde und Düppel haben wir gut überwunden. Es war sehr interessant, so die preußischen Fahnen auf den eroberten Schanzen fliegen zu sehen. Bloß bei dem Übergang nach Alsen, da hat's uns gepackt. Daß wir dabei waren, kam so. Einer versprengten Kompagnie angehörend, hieß es mit einem Male: Freiwillige vor! und da wurde ich im letzten Augenblick dem 1. Korps unter Herwarth von Bittenfeld überwiesen. Mit diesem machten wir die stolze Bewegung nach Alsen. Schon in der ersten Stellung schmiß mich 'ne dänische Kugel direkt in den Sand. Nicht schlimm; es war bloß ein Schuß durch die Schulter ... und so sind wir denn ins Feldlazarett nach Eckernförde verschlagen. Die Wunde ist heil. Wir tragen bloß noch den linken Arm in der Binde und denken, in den nächsten Tagen entlassen zu werden, denn der Dänenkönig hat's aufgegeben, weiter zu fechten. Daß wir dies alles vermelden, ist nur aus dem Wunsche geschehen, daß es nicht auffällt, wenn wir als Blessierter Ihnen gegenüber solange geschwiegen haben. Aber wir bitten darum: die Mutter braucht vor der Hand nichts zu wissen. Auch die anderen nicht. Es könnte bloß Unruhe geben. Früh genug sehen sie uns mit dem Arm in der Binde. – Verehrte Madam, wenn Sie dieses Schreiben empfangen, dann sind wir schon auf dem Weg nach Hause. Wir freuen uns drauf wie'n kleines Kind auf seine Geschenke am heiligen Weihnachtsabend: auf unser bequemes Kamisol, unser Troddelmützchen, die Buchbinderei, das Papiergeschäft, auf unsere liebe, wenn auch etwas harte und eigenwillige Mutter, die es aber gut meint im Leben und Sterben. Auch auf mein Weib. Mutter ist zwar nicht eines Sinnes mit ihr, denn alt und jung mahlen oft scharf und schwer gegeneinander. Drin muß man sich schicken, wenn auch öfters unter Tränen. Aber das arme Herz kann's kaum erwarten, sie nach so langer Zeit wieder in die Arme zu schließen. Soll das eine Weihe geben nach all dieser Trennung! Und nun: Gott befohlen für heute! Bitte, empfehlen Sie uns dem Herrn Notarius. Unserm jungen Freund die innigsten Grüße. Auf Wiedersehen in der Heimat! Hiermit verharren wir mit nochmaligem Dank als Euerer Madam treugehorsamster und ergebenster Aloys Teerling.« Meine Mutter ließ das Schreiben herunter. Mit klopfendem Atem hatte ich zugehört, jeden Satz in mich aufgenommen, jede Zeile zergliedert. Sie gab mir die Hand. »Du weißt also, um was es sich handelt. Ich glaubte dir eine Freude zu machen. Jedenfalls – für mich ist es eine große gewesen. Doch schweige deinen Kameraden gegenüber. Überhaupt gegen jedermann. Aloys wird seine Gründe haben. Wir müssen sie achten. Besonders lasse nichts verlauten über den Arm in der Binde. Verstehst du?« Ja, ich hatte verstanden. Gleich darauf begann ihre strengmodische Krinoline wieder zu knistern. Mit anmutigem Wippen und Wiegen verließ sie das Zimmer. Ich saß wie vorhin, eine Neuigkeit zwischen den Rippen, still und allein auf meinem Binsenstuhl, meine Kropftauben beobachtend und den Wunsch im Herzen: Hannecke Brükers möge bald wieder vorsprechen. Keine fünf Minuten vergingen, und ihr liebes Medaillengesicht erschien zwischen Diele und Decke. Hannecke nickte mir zu und nahm ihren gewöhnlichen Platz in der Fensternische ein, aber nicht, wie ich annahm, um in ihrer begonnenen Erzählung fortzufahren, sondern um geruhsam die späten Kapuzinerrosen zu betrachten, die draußen in reicher Fülle ihre ganze Herrlichkeit und ihr süßestes Düften ausstreuten. Wie von einer höheren Eingebung beseelt, hub sie an, ein altes Lied während des Nähens vor sich hinzusummeln, dann mit dem zarten Musizieren eines Rotkehlchens zu singen, aber so fein und weltenfern, als wäre ihr Stimmchen aus dem entlegensten Raum des Paradieses gekommen. Und also sang sie: »Nun laßt uns singen und fröhlich sein In den Rosen, Mit Jesus und den Freunden sein! Wer weiß, wie lange wir hier noch sein In den Rosen. Herr Jesus schenkt uns den Zyperwein In den Rosen. Wir müssen alle trunken sein Wohl von der süßen Minne sein In den Rosen. Drum laßt das Gläschen ummegehn In den Rosen, So mögt ihr fröhlich heimwärts gehn Und alle Zeit in Freuden stehn In den Rosen.« »O, welch ein Lied!« »Ja,« sagte das liebe Mädchen, »ein uraltes Lied, und wenn die Kapuzinerrosen duften, dann muß ich es immerzu singen.« »Immerzu?« fragte ich. »Ja, immerzu.« »Auch beim Herrn Pastor, denn bei ihm blühen ja auch so späte Rosen?« »Ja, auch bei dem.« »Und im Garten des Herrn Kaplan, da stehen dieselben Stöcke. Singst du da auch?« »Nein,« sagte sie nach einiger Weile, »ich kann es nicht mehr. Seit Moritz mich auf andere Gedanken brachte, bin ich nicht mehr in seinem Hause gewesen.« »Und bei Oma und dem papierenen Aloys?« »Ach, da ...! Ja früher, da konnte ich auch bei Frau Teerling und Aloys singen. Aber seit der Kanarienvogel sich in dem netten Stübchen befindet und immer so laut ist, daß man sein eigenes Wort nicht versteht, da gefriert einem das kleinste Liedchen im Munde. Und dann noch Hendrintje ...! Bei ihr muß ich nur an Trauriges und Schweres denken. Ich kann meiner Angst nicht Herr werden. Die Geranien- und Fuchsienstöcke, die sonst so heiter am Fenster blühten, sind für mich keine Geranien- und Fuchsienstöcke mehr, sondern Blumen vom Kirchhof, Blumen in Totenkränzen. Besonders seit Aloys fort ist. Es liegt nun überall etwas Schwüles und Dumpfes in den Stuben herum, etwas Schwarzes und Unaussprechliches, daß man sich scheut, auch nur einen Zipfel des Trauertuches zu heben, aus lauter Beklemmung, das Gesicht könnte einem in den Nacken gedreht werden. Wie soll einer da singen: Drum laßt das Gläschen ummegehn In den Rosen, So mögt ihr fröhlich heimwärts gehn Und alle Zeit in Freuden stehn In den Rosen.« Sie zog einen Faden ein und begann aufs neue zu sticheln. Ihr lichtes Haar vergoldete sich in dem schräg einfallenden Sonnenlicht. Ihr Kopf senkte sich tiefer. Ich sah, wie ein heller Tropfen auf das Weißzeug fiel und sich hier langsam zerteilte. »Nein,« sagte sie beklommen vor sich hin, »lassen wir das mit den Rosen, das mit Hendrintje und dem Kanarienvogel, das mit dem kleinen Garten da draußen. Um solche Dinge soll sich unsereins nicht kehren. Es berührt einen mit kalten Fingern, trägt nur noch mehr Verwirrung und Wirrnis ins Leben. Was geschieht nicht alles zwischen Niederlegen und Aufwachen? Die einen reden dieses, die anderen jenes darüber. Man weiß nicht recht, mit wem man es halten soll. Schon besser, man verläßt sich auf keinen. Gott und die ewige Vorsehung können nur helfen. Nur sie allein mögen den Finger auf die Wunde legen, um zu heilen. Und wenn Aloys auch noch so herrlich dekoriert wurde, bei Teerlings fällt kein Licht mehr auf die Wegstrecke. Ihre Welt ist umschattet. Die Menschen und ihre Geschicke steigen herauf und vergehen, wie sie gekommen sind. Tage, die man zu den glücklichen zählte, werden zu traurigen werden. Unsereins kann ja doch nichts dran ändern. O Jesus, o Jesus!« Sie sah wiederum auf die leuchtenden Büsche, die jegliches aufboten, ihre Kelche auseinanderzufalten, mit ihren warmen Aromen zu räuchern. Ihre Blicke standen in Tränen. Da schlang ich die Arme um ihren Nacken und drückte sie an mich. Ich spürte das Schlagen ihrer jungen Brust, das Ziehen und Strecken, das ihren wehen Leib zermarterte. »Was ist dir? Was ist dir?!« »Ach du!« sagte sie lächelnd. »Setz' dich man wieder. Es war ein Fehler, daß ich so was darlegen konnte. Es ist nicht wohlgetan, in die Tiefe zu steigen, sondern immer besser, durch Sonnenschein und eine heitere Wiese zu gehen. Hier blühen Blumen des Lichtes, dort nur solche der Finsternis ... und solche haben Moder an sich und 'nen häßlichen Atem.« Sie drückte mich sanft auf die Binsen zurück. »Nein, lassen wir das. Es ist nichts für dich und die anderen. Auch nichts für mich. Ich will nichts davon wissen, nicht mehr dran denken, nicht davon sprechen. Wer weiß, wie lange wir hier noch sein In den Rosen ... und siehe: Jung Siegfried zog mit seinen Reisigen gen Wormse in das Land der Burgunden, wo Gunther, der König, regierte und seine Schwester Kriemhild den weiten Gottes- und Wundergarten durch ihre Anmut verdunkelte. Die sah er, und sein Herz flackerte auf, als wäre es eine geweihte Kerze gewesen. Sie nun begehrte er zum Gemahl, mußte aber zuvor die schwarzäugige Brunhild bekämpfen, die Heißumstrittene seines Herrn und Königs, so dieser nicht zu überwinden vermochte. Und Siegfried bezwang sie, führte sie in die Kammer Gunthers und nahm ihr den Gürtel, aber dergestalt, als hätte es der König selber vollbracht, in Kraft seiner Herrlichkeit und seines leuchtenden Glanzes. Das nun konnte die schöne Kriemhild nimmer verschweigen ... und Brunhild fuhr auf, als hätte sie der Zahn eines Wolfes geschlagen. Daher berief sie den grimmen Hagen, einen Recken des Königs, mit dem Geheiß, den edlen Siegfried zu Tode zu bringen. Jenseits des Rosengartens von Wormse, über den Rhein fort, zieht der Odenwald seinen dunklen Rücken und seine finsteren Schluchten. Zwischen Brombeergesträuch und Hagedorn läßt allda ein kleiner Brunnen sein silberhelles Strudeln vernehmen. Als dann eines Tages die Mannen Gunthers erschienen, die Tiere des Waldes zu jagen, das Weidwerk aber in der drückenden Schwüle erlahmte, der junge Held sich auch niederbeugte, um eine Schale Wassers aus dem Bronnen zu heben, trat Hagen hinter ihn, gesonnen, ihm auf Befehl des königlichen Weibes das heillose Eisen in den Rücken zu bohren. Schon hob sich die Lanze ...« Aber sie sollte durch den Mund der Erzählerin nicht zustoßen, nicht das blühende Heldenleben vernichten. »Mein Gott!« rief sie aus. Ein heller, schriller, markzerreißender Pfiff gellte von draußen ins Zimmer. »Christus, was ist das?!« Ein zweiter folgte von der anderen Seite des Hauses. »Da wieder!« Fast gleichzeitig schob die Schittbox, der kleine Rollenabschreiber, sein verschlagenes Gesicht durch den Türspalt, den Gänsekiel hinter dem Ratzenohr, das sich wie die Fühler einer Weinbergschnecke bewegte. »Jupp, mache rasch! Deine Freunde sind da! Sie pfeifen schon lange!« und fort war der Kerl, als wäre er von irgendeinem Aktenschrank aufgeschluckt worden. Und nochmals ein Pfiff. Der dritte. Er ertönte dicht vor dem Fenster, an dem Hannecke nähte. Aber er war ein Pfiff, der die Nerven durchsägte, gleich dem einer dahinrasenden Lokomotive, einer wild gewordenen Sirene. So mußte der Pfiff des Großen Geistes aufbegehren, der wie ein scharfgewetztes Skalpmesser die Schluchten und Schrunden der Felsengebirge durchschnitt, um alle Stämme der Rothäute vor sein richterliches Parlament oder zu einer solennen Friedenspfeife zu laden. Das war Henn Pierentrecker sein Pfeifen. Da stand er, noch zwei Finger im Munde, neben sich Peter Hartjes und den Sommersprossigen. »Jupp,« rief er mich in heller Begeisterung an, »soeben ist der lange Moritz hier durchmarschiert, in voller Kaptänsmontur und den Sturmriemen untergezogen. Ich sage dir sonder Besien ... Er macht wieder dem Rhein zu, um seinen Freund zu empfangen.« »Ja,« schrie Jan Höfkens dazwischen, »er täte morgen, auf Sonntag, eintriumphieren. Wir müßten dabei sein.« »Wer?!« entsetzte sich Hannecke Brükers. »Der papierene Aloys!« Da streckte sie sich, als hätte sie eine Kugel getroffen, weiß wie das Leinenstück, das sie zwischen ihren Händen hielt. Dann brach sie an dem kleinen Nähtisch zusammen. »Jesus, Jesus! nun geschieht ein Unglück da drüben, ein furchtbares Unglück!«   Vierzehntes Kapitel Eine Lerche jubelte in den Sonntagmorgen hinein. Sie stieg aus den taufeuchten Gräsern, die den Hof op gen Born von allen Seiten umzitterten. Ihre Lieder galten den hellen Ereignissen, so am Großen und Kleinen Belt geschehen. Hosianna dem Lenker und Führer aller Geschicke! Die zweite. Sie hob ihre Schwingen aus den braungoldigen Ackerparzellen, deren belastete Ähren im Winde auf und nieder wellten – züngelnde Flämmchen in Gottes Morgenfrühe, errichtet auf dem Altare des Herrn! Ihr Singen und Sagen pries die Helden von Düppel und Alsen. Hosianna dem Lenker und Führer aller Geschicke! Eine dritte wirbelte hoch. Regungslos stand sie bald darauf im leuchtenden Blau, das den Monreberg mit seiner ewigen Kuppel überdeckte. Perlenschnüre rieselten nieder, innige Kantilenen, silberne Schellchen von unendlichem Wohllaut. O diese Lerche! In Licht getaucht, von tausend und abertausend Sonnenstäubchen umglitzert, dem irdischen Auge kaum noch erreichbar, rief sie den Frieden an, den kommenden Frieden. Hosianna dem Lenker und Führer aller Geschicke! Wie alles so groß war, so unendlich, so in Seligkeit versunken, so wunschlos und doch von Freude und Hoffnung getragen! und dann eine Glocke! Andere folgten. Schließlich waren es viele, die mit ihren melodischen Schwingen über das weite Land hinschauerten, kleine und große, sonore und solche, die dazwischen plauderten, als wären es die feinen Stimmchen von lebensfrohen Kindern gewesen. Und eine war darunter, eine stolze und mächtige, die rief die erste Messe an, als stände der höchste Engel des Herrn, ganz mit Licht umhegt, zwischen den Lüften, um im Namen seines Königs zur Sonntagsfeier und zum heiligen Tische zu laden. Man hätte diese Stimme in die Hand nehmen, ans Herz drücken, vor ihr niederknien mögen, so eindringlich vermittelte sie die Gemeinschaft mit Gott und seinen himmlischen Heerscharen, so keusch und rein pilgerte sie über die fruchtschwere Erde. Ich kannte die Glocke. Da drüben läutete sie. Hoch oben von Sankt Nikolai herunter. Wie oft schon war ich bei ihr, in ihrer umdüsterten Stube, nur dann und wann von einem feinen Dämmer umgeistert, der aber reichlich Licht schaffte, ihr Schriftband zu entziffern. Und immer wieder mußte ich lesen: »Den lieben Gode preis ich laut im Schalle. O Sankt Maria, bidde vor uns alle!« Ja, in ihrem majestätischen Läuten vernahm ich den Lobgesang des Allmächtigen, hörte ich die heißen Bitten zur Mutter der Barmherzigkeiten, fühlte ich: diese Glocke ist kein totes Metall, kein leeres Klingen und Tönen ... nein, sie hat Leib und Seele, Fühlen und Denken, Freude und Trauer; ihr Ruf kommt aus dem Himmelreich und geht zu den Menschen, die guten Willens sind. O Sankt Maria, bidde vor uns alle ...! Wir vier: Henn Pierentrecker, der Sommersprossige, Peter Hartjes und ich lauschten dem Lerchenjubel, horchten bewegt auf die solennen Stimmen im Lande, auf das wundersame Rufen des Engels da droben, hoch in den Lüften. An der sanften Lehne des Monreberges, schräg dem Hofe op gen Born gegenüber, hockten wir zwischen den Lohhecken, die uns mit ihrem dichten Eichengrün wohlig überrieselten, wir alle des Glaubens, Lerchen und Glocken streuten lediglich ihre Wunder aus, um dem papierenen Aloys, dem Heimkehrenden, ein hehres Fest und einen stolzen Empfang zu bereiten ... und dieserhalb: ein Hosianna dem Lenker und Führer aller Geschicke! Schon in aller Herrgottsfrühe waren wir ausgezogen, willens einen Ehrenkranz für unseren gemeinsamen Freund zu flechten, ihn zu begrüßen, ihm das Geleit bis nach Hause zu geben, denn nach Aussagen des Riesen sollte im Laufe des heutigen Tages die Einholung des Düppelstürmers erfolgen. Die Stunde des Eintreffens wußten wir nicht. Das Laubgewind war fertig geworden. Bis neun Uhr konnten wir warten. Brachte die Post ihn um diese Zeit nicht vorüber, ihn und den langen Moritz, mußten wir heimwärts, denn das Hochamt durften wir nicht versäumen. Der Weseler Eilwagen war bald fällig. So harrten wir denn und hofften in getragener Stimmung. Des gestrigen Zwischenfalles mit Hannecke Brükers gedachte ich kaum noch. Ich begriff nicht, was sie mit dem angesagten Unglück bezweckte, wo sie hinauswollte; machte mir dieserhalb auch kein großes Kopfzerbrechen darüber. Nur einige Brocken streute ich meinen Kameraden hin, die sie gierig aufpickten. Henn Pierentrecker machte ein langes Gesicht. Peter Hartjes sah bedrückt in die Weite. Der Sommersprossige jedoch ... Etwas Weises, Tiefgründiges wurde bei ihm jung. Dann sagte er mit weicher Betonung jedes einzelnen Wortes: »Ja, das mit Hannecke Brükers! Ich täte sie kennen. Sie wäre oft bei meiner verstorbenen Mutter zu's Nähen erschienen, und dann hätte sie immer so'n Gusto besessen, in die späteren Zeiten zu kucken.« »Schon möglich!« warf Peter Hartjes dazwischen, »denn das habe ich auch schon bemorken.« »Du?!« fragte Henn Pierentrecker. »Warum nicht? denn meine Tante hat mir öfters erzählt, daß Hannecke wahrsagen könne und im voraus schon wisse, wenn 'n Malör käme oder wenn für irgendeinen, der noch seinen lebendigen Atem besäße, die Totenglocke anfinge zu läuten.« »Das täte ich unterfertigen,« fiel Jan Höfkens ein und machte Augen wie Iwan Kasimir Brill, wenn er ein wichtiges Protokoll auszurufen hatte. »Das wäre so vor zwei Jahren gewesen. Ich müßte mich gerade auf der Mühle befinden, um meine Kröpper zu füttern, hätte aber 'ne besondere Eile empfunden, nach Hause zu kommen. In 'nem Sprung wäre ich da, sähe Hannecke am Fenster sitzen und gerade dabei, 'nen langen Faden zu wächsen. Nu, fragte ich leise, wie täte es stehen? Aber die Augen von ihr! Schön, aber traurig. Ich wüßte nicht, was sie wollte, bis sie endlich mit ihrem weißen Finger meine Schulter betippen und sagen täte: Das läge so in Gottes Fügung begründet. Man müßte mit Leid und Weinen darüber wegkommen und auf den lieben Heiland vertrauen, denn in vierzehn Tagen befände sich hier auf der Mühle 'ne Tote.« Peter Hartjes sah verloren auf seinen Kollegen. In seinen Blicken schwamm eine helle Feuchte. »Und da?« fragte er heimelig, als wenn seine Gedanken auf Lammfellsocken gingen. »Ja, und da ...« sagte Jan. »Wie das so wäre! Ich könnte immerzu an den großen Lehnstuhl denken, mit dem weichen Kissen darinnen ... an die Melizinflaschen ... an den Doktor Horré, der immerzu vorspräche ... und dann bekäm ich's mit's Weinen; denn genau vierzehn Tage nachher hätten wir unsere liebe Mutter begraben.« »Donnerknispel noch eins!« Henn Pierentrecker sprang auf. »Nein, diese Hannecke Brükers! Die kann 'nen Menschen ja gruselig machen! und wenn ich dieses bedenke ...« Er warf den Kopf herum. »Kinder, da kommt was!« Wir horchten. Weit hinten auf der Chaussee, nach Marienbaum zu, ließ sich das Trappeln von Pferden vernehmen. Gleich darauf revierte ein Horn über Wiesen und Äcker, schaukelten sich silberne Bänder über die Berglehne hin, wurde das Lied vom ›Städtle‹ geblasen. »Das ist Stäwe Rademaker mit der Weseler Post!« Mit unserm Ehrenkranz sprangen wir aus den Lohhecken und auf die Straße hinaus. Hier warteten wir, in Reih und Glied und militärisch ausgerichtet, den weiteren Gang des Kommenden ab. »Augen rechts!« gebot Henn Pierentrecker. Sein Biceps erhob sich. »Achtung!« Der gelbe Wagen kam näher. Wir sahen: Stäwe regierte die Pferde vom hohen Bock herunter. Er mußte uns schon lange bemerkt haben, denn er brachte sein Horn an Ort und winkte uns zu. »Stäwe,« riefen wir ihn gemeinsam an, »kommt Ihr mit Aloys und dem langen Moritz gefahren?!« »Prrr!« sagte Stäwe. Die Gäule hielten an und verschnauften sich. »Nee!« kam es vom Bocksitz herunter, »ich habe bloß 'nen Avkat als Fahrgast nach Kleve.« »Und Aloys und Moritz?!« fragten wir bekümmerten Herzens. »Je Jungs! Moritz hab' ich gestern abend in Wesel gesehen – am Bahnhof, und da sagte er mir: die Landwehrleute von's erste Aufgebot kämen erst heute abend mit die Eiserbahn an. Drum geht nach Hause, denn vor morgen können Aloys und Moritz nicht eintreffen. Adjüs denn! Hia da hüp!« und da rollte Stäwe Rademaker wieder über die Landstraße, in seinem schmucken königlichen preußischen Postillonsfrack, den fliegenden Stutz an der Hutkrampe, das Horn am Munde, und blies frei und frank in den blanken Sommermorgen hinein: »Ich hatt' einen Kameraden ...« als wollte er auch seinerseits dem König der Heerscharen und dem braven Aloys ein melodisches Dankopfer übermitteln. Eine Wolke weißen Chausseestaubes wirbelte hinter dem gelben Wagen her. Bald darauf entschwand er uns in einer raschen Wegebiegung, die sich hinter Apfelbäumen versteckte. Also erst morgen! Mit frischem Kranz, wenn auch eine graue Schicht Ernüchterung unter der Weste, trudelten wir hinter Stäwe Rademaker her, machten lange Beine bei einem schnittigen Tempo, um nach Ablegung der grünen Ehrengabe bei Henn Pierentrecker noch rechtzeitig zur gebotenen Messe einzutreffen. In den kühlen Räumen von Sankt Nikolai mußte ich an mancherlei denken – an Aloys, an Moritz, an die große traurige Erzählung vom Sommersprossigen, an Hannecke und ihre hellseherische Gabe. Drüben saß sie, nicht weit von der Kanzel, eine Beterin, aber eine von denen, die den Beseliger aller Dinge nicht mit lautem Gestammel, mit tiefen Seufzern und verzückten Blicken, sondern im Geiste und mit reinem Herzen suchen und finden. Mein Blick irrte ab. Er lief zum Altare der heiligen Männer Krispin und Sebastianus. Inmitten des hochgegliederten Aufsatzes erhob sich die wundersame Gestalt der einstmals sündigen und doch von allen Unbilden des Leibes und der Seele genesenen Maria von Magdala. Mit meisterlichem Schnitzmesser aus einem trotzigen Eichenkloben herausgeschält, verkörperte sie die Schönheit des Weibes in höchster Vollendung, so daß, der Chronik gemäß, Jakobäa von Baden, die nach den feinen Sächelchen des Daseins gelüstige Frau des letzten Herzogs von Jülich, Kleve und Berg, sich nicht genug darin tun konnte, das Ebenbild der reuigen Büßerin immerzu auf ihre Reize und natürliche Anmut zu prüfen. So eine wie die ... Ja, so eine wie die! und als sie eines Tages mit ihrem stumpfen Gemahl herüberkam, um die Huldigung der Stände unter hellen Pauken und Trompeten entgegenzunehmen, entbot sie heimlicherweise einen jungen Nachfahren der niederrheinischen Bildhauerschule zu sich und sagte: »Kommt mit mir! Ich habe Euch etwas Wundersames zu zeigen,« und sie gingen nach Sankt Nikolai und traten durch die verödeten Hallen vor Maria von Magdala. »Meister, da seht Ihr!« und die herzogliche Frau lehnte sich an ihn, daß ihre heißen Wangen die seinen berührten. »Nun sagt mir, habt Ihr anderweitig solche köstlichen Äpfelchen am Leibe eines sterblichen Weibes gesehen?« »Nein, hohe Fürstin.« »So folgt mir und Ihr werdet solche erschauen, als waren sie im Garten Eden gewachsen. Die sollt Ihr formen, zu meiner und Eurer Freude, im Angedenken an mich.« Und er folgte dem Rufe, und als er im herzoglichen Schlosse zu Kleve den Bildstock vollendet, schloß er Jakobäa in seine glücklichen Arme, küßte ihre Lippen, die sich ihm wie pralle Weinbeeren darboten und stammelte: »Nein, hohe Frau, solche Äpfel aus dem Garten Eden erblickte ich niemals im Leben. Ihr habt die schönsten im Lande!« und da lächelte sie ihr vertraulichstes Lächeln und flüsterte ihm heimelig zu: »Das wollte ich wissen. Habt keine Sorge. Alles ist in der Kammer gerüstet. Niemand sieht uns. Ich will es Euch lohnen.« Und also geschah es. Aber drei Monde später lag die stolze Jakobäa von Baden, weiß wie das Tafeltuch ihres Tisches, zwischen hochgeschichteten Pfühlen und brennenden Kerzen. Es hieß: der Hofmarschall des schwachsinnigen Herzogs, der grimme von Schenkern, habe sie eigenhändig von dieser Erde verwiesen. So eine wie die! Ja, so eine wie die! und wieder der Ruf der majestätischen Glocke! Bei der Wandlung schlug sie an und jubelte aus steiler Höhe herunter: »Den lieben Gode preis ich laut im Schalle. O Sankt Maria, bidde vor uns alle!« Ich sah die Umwelt mit Feuergarben umspreitet. In Feuergarben kniete Hannecke Brükers dicht bei der Kanzel, im Gebet versunken, die Blicke in eine weiße Ewigkeit, in eine unerforschliche Ferne der Andacht und des Sichverlierens gerichtet. Wirbelsinnig verließ ich das Hochamt. Nachdem ich das Kirchengäßchen passiert und den Marktplatz erreicht hatte, fiel mir auf, daß am Hause meines Freundes nicht alles so war wie in sonstigen Tagen. Schauauslage und alle Fenster waren geblendet. Die Tür, die gewöhnlich geöffnet stand, lag versperrt. Auch Oma hatte ich nicht in der Kirche gesehen, und hob sich doch immer gleich einer Granitsäule neben den Stufen des Sankt Georgenaltares, eine Frau, die mit allen ihren Sinnen erfaßte, was sie ihrem Gewissen schuldete, vom Beginn ihres Bewußtseins an bis zur Stunde, wo der Herr sie hinwegnehmen würde. Ich konnte mich von den herabgelassenen Jalousien nicht trennen. Ein quälendes Rieseln glitt mir über die Schultern und blieb über der Herzgrube stehen. Die Kirchengänger hatten sich schon alle verlaufen. Es war kein Angenehmes für sie, die brütende Sonne auf den Köpfen zu wissen. Wie damals auf meiner Fahrt zum Entenbusch, züngelte sie auch heute unbarmherzig aus glühender Scheitelhöhe. Kein Lüftchen wehte. Kein kühler Hauch säuselte von jenseits der Landwehr aus den Wiesen herüber. Trotzdem: ich haftete an der nämlichen Stelle, gesonnen, da drüben an dem todstillen Hause die Klingel zu ziehen, als ich ein Männlein gewahrte, das, von der Kesselstraße einbiegend, gemessen an den Hauserzeilen des Marktes vorbeischritt. Christus! was der Doktor nur wollte?! Er beeilte sich nicht. Ein Mann, den Achtzigern nahe, im hechtgrauen Gehrock, den hellen Filzzylinder etwas schräg über die silberigen Haare gerückt, in weißer Binde, das noch immer jugendliche Pontakgesicht mit den straffen Hasenpfötchen tief in den steifen Vatermördern gebettet, nahm er sich Zeit, seine ärztlichen Visiten abzustatten. Ich vernahm deutlich das Aufsetzen seines mit einem goldenen Knopfe versehenen Rohres. In Höhe der Post hielt er den Fuß an. Dort schob ein schwarzer Flieder seine bereits braunüberlaufenen Traubenbüschel über ein hageres Mäuerchen. Der Doktor grüßte mit seinem hellen Zylinder. Es galt dem Holunder. Das war ihm zur Gewohnheit geworden, denn er ehrte ihn in seinen Blüten und Beerendolden als Segen- und Heilbringer für die leidende Menschheit. Ohne Flieder keine Genesung. »Aber nur weiter.« Trotz der brütenden Hitze – Doktor Horré schritt durch dieses Glühen und Züngeln, als würde er von einem heiteren Frühlingslüftchen umfächelt. Was er nur vorhatte? Wohin er nur gehen mochte? Wem galt seine Visite? Hendrintje? – Der Staatsen? Mein Puls setzte aus. Wenn er nur an dem geblendeten Häuschen vorübergehen wollte, ohne die Klingel in Bewegung zu setzen, ohne über die liebe Schwelle zu treten! Ah! er ging wirklich vorüber. Ich atmete auf. Meine Sinne wandten sich wieder dem strotzenden Ehrenkranz und der morgigen Einholung zu. Ich fand mich getröstet. Das Rieseln über der Herzgrube ließ nach. Der Tag verlief ohne weitere Störung. Ums Abendwerden, als der Schöpfer Himmels und der Erde schon daran dachte, mit seinem Feuerwerk zu spielen, auch schon hier und da vereinzelte Sternchen aufblinzelten, als Vorboten einer wundersamen und lichtklaren Sommernacht, kartete ich mit der Traben- Trabacher Marie ein Partiechen Sechsundsechzig zusammen. Mein Zubettgehen schob sich etwas hinaus, denn die Abwesenheit meiner Eltern, die der Einladung einer befreundeten Familie zu einer Abendgesellschaft nachgekommen waren, benutzte ich dazu, meine Traum- und Schlafstunden ein bißchen auf die lange Hobelbank zu strecken, mir von meiner genußlichen Freundin dieses und jenes von den Moselbergen und ihren Tälern erzählen zu lassen und dabei um den Einsatz von fünfundzwanzig bis fünfzig Kaffeebohnen zu jobbern. In der Gegenwart der behäbigen Marie fühlte ich mich wohl. Ihre rundliche Fülle strömte den Duft einer herbstlichen Aprikose aus. Die Küche mit ihren großen Schatten, die die offene Messinglampe gegen die gekälkten Wände silhuettierte, das Wispern und Näseln im Rauchfang und das geheimnisvolle Knistern unter dem hängenden Wasserkessel erregte mich, gab meiner Phantasie reichlich Spielraum, mich in allen möglichen und unmöglichen Abenteuern zu ergehen. Eine tiefe Ruhe senkte sich über das Haus ›Zu den sieben Linden‹, hüllte es ein mit den Floren des Schweigens und der Weltvergessenheit. Wäre eine Stecknadel von der Decke gefallen, ihr Fallen wäre auf dem Estrich verlautbar geworden. Die Stille hielt an. Nur hin und wieder raschelte ein Mäuschen zwischen dem geschichteten Reisig neben der Feuerstätte, zwitscherten die hingelegten Karten gegeneinander, summelte von Zeit zu Zeit das niedergebrannte Flämmchen leicht in die Höhe. Das fünfte Sechsundsechzig-Partiechen setzte ein. Da wurde ans Fenster geklopft, einmal, zweimal, dreimal. Ich schreckte auf. »Es ist nichts,« sagte Marie. »Bloß Hübbers. Er will vor dem Nachtwächtern seine morgigen Orders empfangen.« Dann rief sie: »Herein! Die Türe steht offen.« Zuerst erhob sich ein warmer Geruch nach Oldenkott- Rippchentabak, hierauf ein Knarzen von Transtiefeln, dann trat mein Freund und Gönner in die mystische Küche, das Horn geachselt, den Schleppsäbel umgeschnallt, also völlig parat, wie er sagte, die Bürgerschaft vor Brand, Gewalttätigkeit und sonstigen Schäden zu behüten. Aus seiner Holzmutz kräuselte sich ein beizendes Räuchlein. »'nen guten Abend zusammen! Fein das, so bei's Amüsieren mit die Däuser und Kaffeebohnen! Jupp, immer auf's Ganze! Und Sie, Mamsell ... ich wollte bloß fragen: Was gibt's morgen zu schaffen? Ich meine von wegen der Zeugenschaften.« »Um neune 'ne Hypothekenverschreibung,« erklärte Marie und duftete stärker nach ausgereiften Aprikosen. »Gleich drauf 'ne kleine Obligation zwischen Kemper und Piepers, in Firma Piepers und Söhne. Um zwölf Uhr wird nach Reeserschanz gefahren. Dem alten Ökonomikus Tersteegen soll's nicht besonders ergehen. Wie ich höre, steht ihm das Wasser schon bis über dem Magen. Na, wie die hiesigen Niederungsbauern so sind: immer im Lehmwind, verkleisterte Naslöcher, fette Ackerparzellen und dicke Champagnerbouteillen. Das kann der Stärkste auf die Dauer nicht durchhalten. Auch Neres Tersteegen nicht. Er wird wohl abreisen müssen, und drum wohl seine letzte Willensbestätigung.« »Wird gemacht,« sagte Hübbers. »Von Rechts wegen. Quod notamus lex est, wie die Schittbox als angehender Justizrat behauptet. Aber um dessentwillen bin ich allein nicht vorgesprochen. Ich meine ...« und der sonst so zungenfertige Hübbers geriet in ein leichtes Stottern und Stammeln, »ich meine, da ist mir propter und prätorius so 'ne dumme Geschichte begegnet.« »Was für 'ne Geschichte?!« »Mamsell ...!« In der Glasservante meiner Mutter stand ein Bronzeputer aus Porzellanmasse, der bekümmert in den Salon hineinblinzelte. Genau ein solches Gesicht leistete sich Heinrich Hübbers, als er das Wörtchen ›Mamsell‹ langstielig hervorholte. Es trat ein ernstes und beklommenes Schweigen ein, das selbst keine Fliege zu stören wagte. Dann wieder: »Man weiß nichts Genaues. Nur dieses und jenes. Aber das ist schon satt und genug, uns diese Nacht leiser tuten zu lassen; denn wenn irgendwo 'ne Sterbende oder 'ne Tote im Hause ist, so hat man dafür Kontenance zu halten.« »Aber Hübbers, wo ist denn 'ne Sterbende oder 'ne Tote?!« »Mamsell, ich sagte schon eben: Man weiß nichts Genaues. Nur vor 'ner kleinen halben Stunde vielleicht ... beim papierenen Aloys ... da ging die Haustüre auf und dann wieder zu, und Doktor Horré war binnen. Gleich darauf kam es auch von der Sakristei gebimmelt; erst der Meßjung mit's brennende Seelenlicht und hinter ihm her der Herr Pastor ... im Röckling ... das Allerheiligste vor sich. Beide sind durch die nämliche Haustür gegangen. Mamsell, ich kann bloß behaupten: entweder Oma oder Hendrintje ... und da muß unsereins schon ein übriges tun und ganz dusemang und piano tuten.« Er zuckte die Schultern. »Denn so'n lautes Tuten hören die Toten und die mit 'nem kurzen Atem nicht gerne. Das muß man berücksichtigen. Heute noch in roter Vollendung und morgen schon ... Insonsten, Mamsell ...« »Christus, Christus!« Ich vernahm nichts mehr, auch sah ich weder die Traben-Trabacher Marie noch den Überbringer dieser entsetzlichen Nachricht. Nur hörte ich das Ziehen eines Schleppsäbels über die Küchentreppe, das Gehen von harten Schuhen. Gleich darauf drehte sich der weite, dämmerige Raum um mich wie das Flirren der Spiegelscheiben in einem sich langsam bewegenden Karussell, kreiste die Rübsenöllampe mit dem kohlenden Docht, der Rauchfang, die Sterne, die weit hinter den beschlagenen Fensterscheiben aufflinzelten. Entweder Oma oder Hendrintje ...! Das hämmerte mir gegen die Schläfen. Dann war es mir, als läge ich mutlos zwischen weißen Kissen gebettet. Ich höre verworrene Geräusche, ich sehe unbestimmte Wesen und Bilder: den gewundenen Eichenkranz, den verstörten Papierladen meines Freundes, den langen Moritz in großer Aufmachung, den Pastor mit dem Allerheiligsten zwischen den reinen Händen, das Kringeln des Nachtlichtes, das aus dem Schlafzimmer meiner Eltern zu mir herüberflämmert. Einer mit einer großen, blutenden Wunde über dem Herzen tritt in mein wehes Träumen hinein. Ich sehe: diese Wunde ist nicht mehr zu heilen, denn das sickernde Blut ist kaum noch zu stillen. Unaufhörlich tropft es nieder, mit dem sonderbaren Tropfen von fallenden Bleikügelchen. Andere kommen. Menschen mit weißen Gesichtern und verschränkten Händen. Es ist alles so trostlos, so leer, so mit dem Röcheln eines Sterbenden durchzittert, der die letzten Anstrengungen macht, sich an einen vorüberschwimmenden Strohhalm zu klammern, um schließlich doch zu erkennen: Es ist schon besser so. Darüber zergeht alles Herzeleid wie ein ödes Tongewirre, das weder Sinn noch Verstand in sich birgt. Nur die Ewigkeit und die Wesen in dieser Ewigkeit sind von immerwährender Dauer, ohne Anfang und Ende. Auch Gott in seiner Weisheit und seinen Barmherzigkeiten. Dann schlugen die Turmuhren an, die vom Rathaus und die von Sankt Nikolai. Ihnen folgte ein Tuten, ein weiches und kaum vernehmbares Tuten, als dränge es durch ein dichtes Gespinst von Pleureusen und Sterbelaken. In diesem dichten Gespinst versanken auch meine Sinne, zergingen wie das verhaltene Blasen da draußen, das sich allmählich in den verlorenen Gassen verflüchtigte. Heinrich Hübbers hatte Wort gehalten. Ähnlich dem abgestopften Rufen einer Waldohreule lief das Tönen seines Nachtwächterhornes durch das Schimmern und Scheinen einer Nacht, gesättigt mit Sternenfeuer.   Mit dem Beginn des neuen Tages stand wieder das unbarmherzige Gestirn über Stadt und Niederung. Es hatte noch nichts von seinem Glanz und seinem brütenden Leuchten verloren. Blutrot stieg es aus einer dunstigen Linie auf, um bei seinem Höhersteigen sich durch ein kupfriges und violettes Glühen hindurch in ein heißes zinnernes Weiß zu verwandeln. Die ersten Mehlschwalben durchrissen die Lüfte. Die Spatzen schilpten von den Dachrinnen herunter. Mit dem frühesten war ich aus den Federn. Die sieben Linden, deren Laubmassen wie dunkelgrüne Talare von russischen Popen über sie herfielen, zeigten nicht die geringste Bewegung. Über sie hin klepperte das dünne Stimmchen des Messeglöckchens. Es verkündete: »Gleich ist die Handlung des heiligen Opfers beendet. Gehet nach Hause!« Eine nicht zu bezwingende Unruhe trieb mich ins Freie, an die Stätte, die so traurig war und doch gesegnet wurde durch die Hinnahme der letzten Wegzehrung. Ich wagte mich nicht bis an die Schwelle heran, mit der mich so manches trauliche und liebe Erinnern verknüpfte. Ich sah nur abgeblendete Fenster, die kein Leben mehr aufwiesen, und hatten früher so heiter, so genüglich und farbenfreudig in der Pracht ihrer Bilderbogen und Musselingardinen angemutet. Was mochte hinter den Läden geschehen sein, oder was geschah noch zwischen den stillen Wänden? Der Markt schien mir größer geworden, abgeschiedener, einem Friedhof ähnlich. Ja, so! die ackerbautreibende Bevölkerung mußte draußen beschäftigt sein, auf den Roggen- und Weizenschlägen, die der Sense und des Dengeleisens harrten. Emsiger denn in sonstigen Jahren waren Ähren und Grannen in den mütterlichen Zustand der Reife getreten, neigten sich der Erde zu, um von den warmen und befruchtenden Schollen Abschied zu nehmen. Sie hatten es eilig, in die Scheunen zu kommen. So waren denn die Mäher und Binderinnen erschienen, ihnen die ewige Ruhe zu geben. Wenn sich die Türe doch öffnen wollte, wenn doch jemand hervortreten würde, mir das zermarterte Herz zu erleichtern! Und doch kam Eine gegangen, aus dem Kirchengäßchen, schwarzgekleidet, ein Gebetbuch zwischen den Fingern. Es war Hannecke Brükers. »Was machst du hier?« fragte sie hastig. Ihre Augen waren gerötet. »Ach Hannecke,« versetzte ich kleinlaut, »ich möchte so gerne ... ich weiß nicht ... aber Hübbers hat so komisch geredet... und da möchte ich wissen ...« Sie winkte traurig ab. »Das laß man. Diese Nacht bin ich da drüben gewesen, um der Barmherzigkeit willen. Aber da ist nichts mehr zu ändern. Beten wir lieber ein Vaterunser zusammen.« »Hannecke, ja ... aber Aloys ... wenn er schon da ist – wir müssen ihn doch begrüßen. Der Kranz ist schon fertig. Henn Pierentrecker und ich ...« »Dann komm nur. Aloys ist da. Er und Moritz ... bei mir ... seit heute morgen um fünfe... Sind durchmarschiert von Wesel über Marienbaum, um jetzt verwirrt nebeneinander zu sitzen. Sie wissen das Schlimmste. Herr, gib ihr die ewige Ruhe!« »Hannecke ...!« »Und das ewige Licht leuchte ihr, Amen.« »Hannecke, was ist denn passiert?!« Mein Herz setzte aus. »Komm nur, mein Junge. Darüber können wir selbst nicht befinden. Ich war beim Herrn Pastor. Er wird es schon machen.« Sie legte mir ihren weichen Arm um die Schultern und führte mich mit sich, die Kesselstraße entlang, dem Häuschen ›Achter de Mur‹ zu. Unterwegs beteten wir das Vaterunser gemeinsam, ohne daß ich eigentlich wußte, warum ich es betete. Lediglich ein banges Ahnen, ein Tasten im Nebel, ein Suchen durch Tränen und Finsternis. Auch Hannecke gab keine weitere Aufklärung, als trüge sie Bedenken, mir das Herz noch schwerer zu machen. Nur als wir Nölleckes Schmiede passierten, wo zu meinem Erstaunen kein Eisen rasselte, kein Feuer auf der Esse strudelte, kein Hammer seine dröhnende Musik hintrumpfte, kein Wasser aufzischelte, wurde sie unsanft aus ihrem zerquälten Denken gestoßen. »Da sieh nur! Da drüben! 'ne schwere Hand liegt auf dem Anwesen, 'ne richterliche Gotteshand, und wenn einer 'ne Schuld trägt ...« Sie deutete auf die öden Wände. »'ne Schuld mit 'nem Menschenunglück und Blut dran – so hat der sie zu tragen. Der nur allein hat den Spaten in die Kirchhofserde getrieben, und seine eigene Arbeit und sein eigenes Leben ist seit diesem Tage verrottet – verrottet.« Ich fühlte die Empörung in ihr, die Qual, die ihre Seele nicht fassen konnte. Von ihrem linden Arm umfaßt, trieben wir weiter. Noch hundert Schritte ... noch fünfzig ... und wir stiegen die schmale Treppe hinan, die zu Hanneckes Zimmer führte. »Da binnen ...!« Es war alles wie früher. Helles Sonnenlicht durchflutete die niedrige Stube. Der alte Geranienstock blühte wie sonst auf dem Fenstersims. Die Schildereien an den Wänden lächelten mir zu. Nur die Meerschweinchen fehlten. Sie hatten ihr Sommerquartier im Hof neben der alten Scheune bezogen. Und Aloys?! Da saß er neben dem Ofen, noch im Rock seines Königs, das Düppel- und Alsenkreuz auf der Brust, den linken Arm in der Binde, den Kopf vornüber geneigt ... und zählte die Dielen ... und zählte die Sandkörnchen, die sich zwischen ihnen verfangen hatten ... und wurde mit dem Zählen nicht fertig. Ihm zur Seite stand Moritz. Die Rechte auf der Schulter des Heimgesuchten, stierte er in den ehernen Himmel hinein, in ein Stückchen des ehernen Himmels, das durch das Oberlicht des Fensters ins Zimmer glühte, als wäre von dort aus das Heil zu erwarten, der Glaube an die Wiedergeburt einer besseren Menschheit. Hannecke stieß mich an. Ich verstand sie. »Aloys!« sagte sie ganz klein und bedrückt. Da hob sich sein Kopf. Nein, das war Aloys nicht mehr, der Versonnene von einst und ehedem. Nichts mehr von dem Gehabe eines Kaplänchens in der tiefen Schneeeifel. Ein Mann sah mich an mit wettergebräuntem und kriegzerpflügtem Gesicht, und in dieses Gesicht hatten die letzten Stunden ihre grausigen Runen gehauen. Ein feiner Blutstreifen sickerte ihm von den Lippen herunter. Über sein Haupt zog sich eine weißliche Strähne. »Du?!« rief er aus. Er taumelte hoch. Er riß mich an sich. Er drückte mir einen Kuß auf die Stirne. »Das ist lieb von dir. Junge, Junge, so was kann einer gebrauchen! So was vergißt man nicht mehr. Alte Freunde, treue Erinnerungen!« »Wir haben auch 'nen Kranz für dich. Henn Pierentrecker und Hartjes ... und dann noch ...« »Später, später, mein Junge! Erst Ruhe, erst Ruhe!« Er wischte sich über die Augen. »Da drüben haben wir unsere Arbeit getan; jetzt kommt hier unsere Arbeit. Da sieh mal! Das muß man genauer betrachten, denn so was ist nicht alle Tage zu haben. Ich Ärmster!« Den pluralis majestaticus hatte er im Laufe der kriegerischen Vorgange mehr oder weniger von sich gewiesen. Nur hin und wieder noch zitterte er durch, ein Anhängsel aus dahingegangenen Tagen. Mit steifen Fingern grapste er sich über die Haare. »Da sieh bloß! Das kommt nicht von Düppel her oder von Alsen. Das Weiße hier – das kriegte ich so unversehens über den Schädel gestriegelt. Himmel und Elend!« Er lachte ein häßliches Lachen. »Man hat's mir gesteckt. In unserm Hause, da liegt sie ... da grabbelt die Verstörung herum ... da will die Schande über mich her. Verdammich!« »Aber Aloys!« Der Ärmste jammerte auf: »Herzeleid! Herzeleid!« Hannecke kam und führte mich still auf die Seite. »Satt und genug!« Das war Moritz seine Stimme. Der Riese packte zu. Seine klobigen Finger krampften sich fest um den Arm seines Freundes. »Still sollst du bleiben ... sofort ... ohne zu mucksen. Kein Wort mehr. Wir wollen doch 'nen rechtschaffenen Betrieb hier einsetzen ... keine Verbiesterung. Man muß klare Navigierung besitzen. Im diesigen Wetter kommt einer nicht weiter ... niemals, oder er kriegt'n reguläres Leck mang die Planken ... 'n ganz reguläres. Das willst du doch nicht. Das ist doch niemals deine Nummer gewesen. Blexem und Donnder! du sollst Besinnung behalten ... volle Besinnung ... ohne auch nur 'nen Momang die Hand vom Ruder zu lassen. Man schießt nicht mit Kanonen auf Spatzen ... und Spatzen sind Lumpen. Verstehst du?« Aloys lächelte mit dem Lächeln von gefirnißten Särgen, über die ein Totenlämpchen hinzittert. »Verstehen? Nein, das kann niemand verstehen. Auch ich nicht. Drüben an der Eider diese Glorie! und hier ... Ah! und wir dachten uns aus: jetzt beginnt für uns erst das richtige Leben.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, Moritz, das kann niemand verstehen. Und hier das ...« und er versuchte, mit der gesunden Hand sich die Ehrenzeichen vom Leibe zu reißen, »nicht wegen meines totalen Niederbruchs – denn diesen nehme ich hin – aber von wegen meiner persönlichen Ehre ... Die Kreuze! was sollen sie noch an 'nem unhonorigen Menschen? Jesus, Jesus, bloß fort damit!« Moritz schrie auf: »Mensch, die Finger herunter! Willst du dich auch an deinem König vergehen? Auch das noch?! Ruhe bitt' ich mir aus, oder wir sind geschiedene Leute ... völlige Ruhe. Die hast du mir doch zugeschworen. Sonst – ich mache wieder nach Grieth hin.« »Moritz ...!« »Ja du, so wahr ich hier stehe.« Aloys sah ihm starr in die Augen. Der Arm sank ihm nieder, als wäre er von einem Beilhieb getroffen. »Moritz, das Leben ist mir doch aus den Speichen geworfen, der letzte Funke ausgetreten. Was bleibt einem da übrig? Nur noch: sich langsam von der Erde zu sensen.« »Du bist wohl des Satans!« Aloys zuckte die Schultern. Seine Blicke weiteten sich maßlos. Die Stimme flackerte: »Aber Moritz, was soll denn beschafft werden?« »Das Nächste. Direkt dem Malör mit der Faust vor die Stirne. Das ist es.« Der Riese warf den Kopf herum. »Mamsell, wie steht nu die Sache? Sie waren doch bei ihm?« Hannecke schluchzte auf: »Ja, ich bin bei ihm gewesen, und Hochwürden meinten: Es wäre gut, wenn er käme ... sobald wie möglich ... zur Mutter. Es müsse doch mal geschehen. Unter allen Umständen. Es wäre Christenpflicht und ließe sich nicht von der Hand weisen.« »Also nicht von der Hand weisen?! Aloys, da hörst du. Nimm dich zusammen. Schon der Welt gegenüber. Deine Mutter ...« »Ja, meine Mutter!« Der Verzweifelte suchte nach der Hand seines Freundes. Über das verfallene Gesicht tropfte es nieder ... heiße Tränen ... »Blexem! nicht weinen.« Eine harte Pranke streichelte über die Stirne des Ärmsten. »Nicht weinen. Das kann ich bei den Mannsleuten nicht sehen. Denn so was stößt einem direktemang das Herz auseinander. Also was meinst du?« Da raffte Aloys sich auf. Sein Nacken strammte sich wieder. »Wir danken dir, Moritz.« Er war ruhig geworden, äußerlich ruhig. »Und nochmals: wir danken dir, Moritz. Ohne dich wäre ich einfach vor die Hunde gegangen.« Er besah seine Rechte. Sie kam ihm vor wie die eines Sterbenden. Langsam zählte er an den Fingern herunter: »Erst zur Mutter. Wäre das schon vorüber! Denn was so 'ne Mutter erduldet ... Dann zu ihr. Ich muß sie doch noch einmal sehen, wie sie so liegt zwischen den Kissen, wie das letzte Licht über sie hingeht.« Er rang mit dem Schluchzen. »Nur noch einmal sie sehen, sie fragen, warum sie mir dieses antat, warum das alles kommen sollte und mußte. Ihr toter Mund wird schon sprechen, wie tief ihre Schuld war, oder wie schwer ein anderer sich an ihrem Leibe versündigte. Tote lügen nicht mehr. Wenn sie zu reden anfangen, reden sie im Namen dessen, der sie abrief, um ihre Seele in seine Hände zu nehmen. Aber den Mörder meiner bürgerlichen und häuslichen Andacht ... Moritz ...!« und die alte Qual packte ihn wieder, »Moritz, wenn ich den Menschen ... Jesus mein Heiland!« »Halt! nimm dich zusammen. Es gibt einen Gott und eine Wiedervergeltung! Das findet sich später.« »Ja, das findet sich später. Also gehen wir.« Er rückte des Königs Rock zurecht und brachte das Alsen- und Düppelkreuz mit klammen Fingern in Ordnung. »Fertig!« Da rief der Riese Hannecke an: »Mamsell, gehen Sie jetzt. Sie können schon eiligst vermelden: Wir würden gleich vorsprechen.« Wie wir bald darauf ins Freie gelangten, Hannecke und ich, ist mir entfallen. Ich weiß nur noch: die Gassen lagen noch immer so verlassen wie eine Stunde vorher. Kaum ein Mensch war zu sehen. Die Pflastersteine atmeten eine beklemmende Hitze aus. Die Häuser schliefen. Jegliches versackte in einem stumpfen und dumpfen Hinträumen. Nur die Schwalben flirten wie schwarze Pfeile unter dem ewigen Himmel. Fünfzehntes Kapitel Ohne zu wissen, warum und wie alles seinen Verlauf nahm, wankte ich an der Seite Hanneckes durch die Straßen voller Licht und glutheißer Sonne. Nölleckes Schmiede vermieden wir ängstlich. Auf einem Umweg suchten wir das Ziel zu erreichen. Den Arm um ihre Taille geschlungen, dicht an das liebe Mädchen gedrängt, spürte ich durch ihr leichtes Kattunkleidchen hindurch ihr heißes Leben, ihre anmutigen Formen, das Pulsen und Klopfen ihres erregten Herzens. Sie gab mich nicht frei. Als geböte ihr ein innerer Drang, sich irgendeines Schutzes, und wäre er auch noch so geringfügig, zu vergewissern, so eigenwillig bestand sie darauf, mich in das Haus der Trauer und des Schmerzes zu führen. Wir fanden die Staatse im Stübchen hinter dem Laden, nachdem die Lichjuffer, der es oblag, sich um die Abgeschiedene zu bemühen, uns in dieses Zimmer verwiesen hatte. Wir befanden uns im Hause des Todes. Nicht alle Einzelheiten, die sich nunmehr in diesen vier Pfählen abspielten, sah ich mit eigenen Augen, vernahm ich mit eigenen Ohren. Erst nach Jahren wurde mir manches verständlich, scheitelte sich die Gardine sacht auseinander, um mir die damaligen Geschehnisse klar und scharfumrissen vor die Seele zu rücken, zeigte mir Aloys sein wieder gesundetes Herz, daß ich darin zu lesen vermochte wie in einem aufgeschlagenen Buche. Aber schon heute ... ich stand inmitten von Tragödien und Menschengeschicken. Hinter dunklen Lebensbäumen erhob sich bald ein verarmtes Sehnen, bald ein bitteres Weinen, und dieses Sehnen und Weinen hatte Furcht vor sich selber. Falter taumelten über bunte Blumen dahin, freuten sich ihres gaukelnden Reigens, tändelten als lichte Sonnenkinder über Wiesen und Halden, um bald darauf die farbigen Schwingen hängen zu lassen und unter Blumen zu sterben. Ach, und die Menschen! Einige zogen froh ihres Weges, andere pilgerten Straßen entlang, die voller Dornen und Steine waren, viele suchten offenes Land und fanden schließlich nur eine Kirchhofspforte. Zuweilen ja: ein verheißendes Glänzen – ein Heckenröschen mit betauten Blättern und Staubfäden – ein Schluchzen von Nachtigallen – ein fernes Wetterleuchten jenseits des Paternosterdeiches – ein feines Mähen und Sirren irgendeiner emsigen Sense – das Singen des Sommers über den Feldern. Im Widerhall des Widerhalls blieben mir die Ereignisse allgegenwärtig. Die Staatse empfing uns in ihrer gemessenen Weise, ohne Erregung, ohne auch nur mit der geringsten Wimper zu zucken. Sie saß beim zweiten Frühstück, bei Brot und Butter und einer duftenden Kaffeekanne. »Bitte, nehmt Platz! Trinkt mit mir ein Schälchen zusammen.« Hierauf legte sie mir ihre dürre Hand auf den Scheitel. »Lieb, daß du kommst,« sagte sie gütig. »Auch in betrübten Zeiten soll man gute Nachbarschaft halten. Brav so, brav so! Auch Sie, Hannecke – ich bedanke mich vielmals.« Dann schwieg sie wieder, vermied jedes weitere Sprechen, nur darauf bedacht, kleine Stückchen weißen Brotes zu sich zu nehmen. Ich sah mich im Zimmer um und fühlte, wie sich die dumpfe Luft und die ganze Schwere eines Sterbehauses auf mich niedersenkte. Der süßliche Geschmack nach Wachskerzen bedrückte mich. Die Lautlosigkeit unter den Pfannen, das leise Auf- und Niedergehen der Lichjuffer über mir machte mich frösteln, berührte mich mit kalten Fingerspitzen. Ihr ruhiges, insichgekehrtes Gesicht konnte ich nicht vergessen. Keine Regung in ihm, kein Lächeln, kein erbauliches Zusprechen. Es stand mir fremd und wesenlos vor Augen. Es machte mich gruseln, es kam mir vor wie das einer abgeschiedenen Nonne von der ewigen Anbetung, wächsern, von dem matten Glanz eines dünnen Flämmchens umschienen. Auch sonst kein heiteres Zeichen um mich her. Der Kanarienvogel, dessen perlenden Klangfiguren ich so oft gelauscht hatte, blieb stumm, die Messingstäbchen, hinter denen er sein Dasein fristete, waren verhangen, ebenso der Spiegel, die bunten Schildereien an den Wänden. Immer nachhaltiger wurde das quälende Schweigen. Hannecke räusperte sich. Sie hatte Mut gefunden, ihre Bestellung anzubringen. »Frau Teerling ...« wagte sie schüchtern zu sagen. Die Alte unterbrach sie, rappelte mit ihrem Kaffeelöffelchen. Hell und aufdringlich klimperte es gegen den Untersatz der geblümten Tasse. Sie winkte ab. »Gleich!« versetzte sie nach einiger Weile, aufs neue damit beschäftigt, kleine Stückchen weißen Brotes zu sich zu nehmen. Abermals hub ich an, die Stube zu mustern, die Einzelheiten des Trauergepräges in mich aufzunehmen, während ich dabei eine mit Butter und Gelee geschmierte Roggenbrotschnitte verzehrte. Die Sommerlevkojen am Fenster ließen in ihren irdenen Scherben die Köpfe hängen. Man hatte vergessen, ihnen Wasser zu reichen. Ihre Züngelchen dursteten, ihre Äugelchen verloren immer mehr an violettem Glanz und seidigem Leuchten. Auf dem Zifferblatt der Uhr, mit dem derben Kopf des heiligen Markus, rückte der Zeiger nicht weiter. Der Perpendikel bewegte sich nicht, plauderte nicht mehr. Die Lichjuffer hatte ihn mit ihrem weißen Finger angehalten, um, wie sie dartat, nicht Gottes heiligen Frieden zu stören, dabei noch im Abgehen vor sich hingemurmelt: »Den Toten ist es zuwider, in blanke Spiegel zu sehen und den Gang eines lauten Perpendikels zu hören. Das vertragen sie nicht. Das hassen sie wie die zudringlichen Fliegen, die über sie hinsummeln.« Ja, das hatte die Juffer gleich bei ihrem Erscheinen kundgegeben, denn sie wußte, was sich gehörte und was sie denen schuldete, die des priesterlichen Wortes harrten: » Tu es pulvis et ad pulverem reverteris .« Und abermals klimperte das Kaffeelöffelchen. Die Alte hielt mit ihrem Kauen inne. Mit der Rechten fuhr sie über ihre eisgrauen Haare, rückte sie ihr schwarzes Häubchen zurecht. »Nu Hannecke, Sie sitzen ja da wie'n Küster, der es vergessen hat, das Evangelienbuch auf die Epistelseite zu tragen.« »Madam, ich hab' 'ne Bestellung zu machen.« Es klang weh und zerbrochen. »So! 'ne Bestellung zu machen? Von wem denn? Ich bin fertig mit's Kaffeetrinken und steh' nu zu Diensten. Also 'ne Bestellung zu machen?« »Ja, vom Aloys. Mit dem frühsten ist er aus dem Felde gekommen.« »Ich weiß es,« nickte die Staatse. »Mit Orden und Ehrenzeichen. Der Pastor ist vor 'ner halben Stunde bei mir gewesen.« Sie deutete mit dem Daumen über die Schulter. »Und er, was mein Junge ist, befindet sich jetzt wohl da drüben? Bei Moritz?« »So ist das.« »Warum hat er sich nicht sofort an die richtige Adresse gewandt? Das war doch das Nächste, sollte ich meinen.« Hannecke hob die Hände und ließ sie wieder in den Schoß fallen. »Gott ja, das wäre schon das Nächste gewesen! Aber die traurigen Umstände! Da war dieses und jenes zu überlegen ... nicht sofort mit der Türe ins Haus ... bloß Rücksichten ... Ich wollte erst fragen ... und da hab' ich mich zuerst anderweitig erkundigt ...« »Ja, beim Pastor! Ich verstehe das und pflichte dem zu, denn wo das alles passiert ist, da kann einer schon seinen gesunden Menschenverstand und seine Besinnung verlieren. Ich muß immer dran denken: das mit der Ratte ...« Ihre gesunden Zähne wurden blank. Sie nahm ihren Stock, der neben ihr an einem Stuhl lehnte. »Ja, die vergiftete Ratte ...! Sie war eine von den schönen und fetten im Lande; bloß, sie nagte viele Jahre hindurch an meinem Wurzelwerk, an dem meines Sohnes. Jedenfalls hat sie mich dabei aus meiner totalen Verfassung geworfen.« »Aber mein Gott!« rief Hannecke aus, »sie hat doch noch die Absolution und die heiligen Sakramente empfangen!« Der Stock rumpelte auf. »Wer denn? Die Ratte?!« »Jesus, Jesus! ich meine ...« »Das sagte mir Hochwürden bereits. Wegen der Absolution und den Sakramenten ist er mir schon in die Parade gefallen. Sein gutes Recht. Dem widerspreche ich nicht. Die Kirche hat ihre Grundsätze. Die unsterbliche Seele mag sich ja im Zustand der Reinheit und Gnade befinden, indessen jedoch: Aloys und ich! wo bleibt denn unsere Beseligung? Wir sagen: Der Zustand der Reinigung und Gnade ist für uns bloß 'ne ausgelaufene Bouteille. Alle die Sorgen um sie, unsere verlorene Ehre, alle die Ängste um sie, die können auch die heiligen Öle und Salben nicht reparieren. Das Holz vom Emmericher Eiland ist stockiges Holz. An so 'nem Holz wachsen nur stockige Früchte. Aber lassen wir das. Sprechen wir lieber von Aloys. Wann kann er denn vorsprechen – er und der lange Moritz?« »Gleich müssen sie kommen.« Die Staatse erhob sich. Ihr Geierhals reckte sich langsam aus den Schultern. »Schön!« sagte sie barsch. Sie machte eine grobkantige Bewegung. »Bleibt ihr man sitzen. Ich, für meine Person, werde sie draußen erwarten.« Dann ging sie. Wir vernahmen ihren lauten Schritt auf dem Flur, das Ächzen der Fliesen unter ihren Schuhen, das Öffnen der Haustür. Gleich darauf hörte ich meinen Namen rufen. Verängstigt lief ich zur Staatsen. Wie ein eingerammter Kleereiter stand sie neben dem linken Türpfosten. Ihr Stock deutete über den öden Markt hin, direkt auf das Kirchengäßchen. »Da sieh mal! Deine Kompagnons! Die stehen wie die Ölgötzen. Was wollen sie nur, und was haben sie unser armes Haus zu bekucken?« Mir lief es kalt über den Rücken. Da standen die drei, die drei aus den Lohhecken: Henn Pierentrecker in der Mitte, den gewundenen Eichenkranz um Hals und Nacken gelegt; ihm zur Linken Peter Hartjes, ihm zur Rechten der Sommersprossige. Mit vorgestoßenen Augen harrten sie geduldig, wenn auch erregt, auf die verheißene Stunde. »Du, was wollen die drei?« »Oma, wir dachten ...« Ich stockte. Ihre stahlgrauen Blicke brachten mich aus Leim und Verdiebelung. »Was dachtet ihr denn?« »Oma, wir sind gestern auf dem Berg und in den Hecken gewesen ... op gen Born gegenüber ... und haben für Aloys ...« »Den Kranz da verfertigt?« fragte sie mit weicher Betonung. »Ja, Aloys zu Ehren.« »Wirklich für Aloys und nicht für die andere?« »Nein – für Düppel und Alsen. Das haben wir uns so ausspekuliert.« Die Alte erschauerte. »Jungs – ihr lieben!« und sie rief den drei Komparenten aus den Lohhecken zu: »Kommt man herüber, ich kann euch gebrauchen!« und als sie gehoppelt kamen: Henn Pierentrecker, Jan Höfkens und der aus dem Himmel Gefallene, sich in Reih' und Glied aufpflanzten, stramm wie die Maikäfer, die sich zum Fluge fertig machten, da schmeichelte ihnen die Staatse über die Köpfe hin, glitt andächtig über das Laubgewind, als wenn es ein Heiligtum wäre, und fragte in heißer Erregung: »Und das da, was ihr da bei euch habt, das soll wirklich für Aloys sein?« Peter Hartjes wollte was sagen, fand aber nur ein verlegenes Nicken, nur einzelne Tränen. Der Sommersprossige jedoch ... »Ja,« versetzte er in heller Begeisterung, »solches wäre unsere militärische Ansicht, denn wir könnten ihn nur vielmals bewundern.« »Oma, sonder Besien,« hieb Henn Pierentrecker in die nämliche Kerbe, »weil wir seine herkulanische Forsche estimieren, und dessentwegen haben wir den Lorbeerkranz für sein barbarisches Siegertum aus den Hecken errichtet.« Er atmete auf, als hätte er unserm gemeinsamen Freund den Roten Adlerorden zweiter Klasse mit Schwertern am Ringe verliehen. »Oma, bloß aus allerhöchstem Bewußtsein!« »O ihr Jungens, ihr lieben! O ihr Jungens, ihr lieben!« und die Alte breitete die Arme, als wenn sie uns zu segnen gedächte. »Das ist nobel von euch! In unserem jetzigen Elend ist ein Spierchen Freude bekömmlich. Sie ist 'ne Art von Besänftigung für 'ne arme Seele. Wir haben das nötig, Aloys und ich, denn das mit dem Besenstern ist nu in Erfüllung gegangen, aber wir« – und mit der Hand, mit der sie den Krückstock umfaustete, schlug sie sich hart gegen die Brust – »aber wir wurden darüber bis dicht an die Kante der sechs schwarzen Bretter gestoßen. O ihr Jungens, ihr lieben! Was ihr für meinen Aloys getan habt, das habt ihr mir getan und wird euch mal im Himmel angerechnet. Nu geht man ins Zimmer. Da befindet sich Hannecke. Sie soll euch Kaffee und 'nen Korinthenweck vorsetzen. Und das mit dem Kranz: alles für später, alles für später. Nu geht man.« Wir folgten. Unter Henn Pierentreckers Leitung traten wir ein, sahen aber noch, wie die Staatse zu einem Pfahl wurde, starr und steif wie der Türpfosten, der neben ihr aufragte. Den Rücken am blaugestrichenen Holz, drehte sie langsam den Kopf und suchte den Teil des Marktes ab, auf den die Kesselstraße mündete. Noch immer das schwüle Dunsten und Schwelen. Die züngelnde Hitze ist noch stechender geworden. Jenseits des Rathauses, dessen Schieferdach stumpf herüberleuchtet, zieht es grau herauf. Bald ist der Markt umschleiert, bald darauf die kleine Stadt, bald die weite niederrheinische Ebene. Unter diesem Schleier brütet das zurückgehaltene Sonnenfeuer noch stärker, benimmt den Atem, läßt die Pulse noch schwerer hämmern. Für die Menschen jedoch, die den Segen des Jahres einzubringen haben, gibt es kein Feiern. Sie müssen ihre Arbeit verrichten. Ihre Sensen gleiten zischelnd über die Erde. Die Halme fallen, als wenn sie betrunken waren, willenlos ihrem Schicksal anheimgegeben. Was nicht draußen zu schaffen hat, hält sich zwischen den Mauern. Nur Simmchen wagt es, seinen Bau zu verlassen. Über ihm brennen die vergoldeten Lettern seiner Firma. Er schnuppert wie ein Kanin vor sich hin. Jetzt bemerkt er die Staatse. Er schnürt sich heran, bedächtig, sichernd, auf weichen Schuhen. »Um Vergebung, Madam, dürfte man wissen ...?« Die Alte sieht über ihn fort. Sie gibt keine Antwort. Simmchen wird dringlicher: »Madam, ich sprech' nicht mit die Händ', ich sprech' wegen die Barmherzigkeit und die schwarzen Flügel des Malach Hamoves.« Sie macht eine unwillige Geste. »Madam, bloß aus nachbarliche Gefühle und Freundschaft!« »Lassen Sie mich.« »Denn nicht,« und er zieht wieder ab, um in seinem Laden unterzutauchen, in dem muffigen Dunst von Kattunballen, in dem faden Geruch nach Heidschnucken- und Merinowolle. »Püh!« rief er aus, »da steht sie in ihrer grausamen Trauer wie 'ne Prima ballerina von die weiblichen Komödienspieler. Ich kann sie nicht leiden.« Hinter ihm und seinem kamelottenen Schlafrock seufzte die Tür ein. Die Alte rührte sich nicht. Als wäre sie durch eiserne Bänder mit dem Pfosten verklammert, so stand sie. Sie und das Holz wurden eins, bildeten ein Ganzes, waren kaum noch voneinander zu trennen. Eine hagere Gestalt, ein graues, eigenwilliges und doch zerquältes Weib wuchs sie an ihrem Marterpfahl steil in die Höhe, wurzelte dort an, als wäre ihr durch eine höhere Macht geboten worden: »Hier sollst du harren und nicht von der Stelle rücken, bis du dein eigenes Leid und das Leid deines Sohnes auf die schale Hefe ausgekostet hast. Also geschehe es, denn es ist Gottes Wille und dein eigener Wille,« und diese innerlich verstörte, äußerlich aber herrische und unzugängliche Frau nahm ihren Rosenkranz aus der Tasche und begann Wirres und Unwirres aneinander zu reihen: »Ich habe den Acker umbrochen, gesäet und geerntet, als ich aber flegeln und dreschen ließ, ist der ganze Erdrusch nur Häcksel und Spreuicht gewesen. O Herr, der du mit Dornen gekrönt und gegeißelt wurdest – erbarme dich meiner! Ich wähnte auf einem weißen Pferde durch Licht und durch einen blühenden Lebensgarten zu reiten, und siehe, ich saß auf einem fahlen Tier, dessen Gewieher war scheußlich und sein Huf stampfte über Steine und unfruchtbares Heideland. O Herr, der du dir die Füße zerrissest an den scharfen Kieseln in Jerusalem, als du das rohe, unbehauene Holz nach der Schädelstatte trugest – gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst! Ich diente meinem himmlischen und irdischen König nach dem Gesetz, denn wer seinen himmlischen und irdischen König von sich weist, ist ein schmutziger Feigling oder ein Narr. Ich wähnte in Kraft meines Dienstes einen feierlichen und geruhsamen Lebensabend zu finden, allein über diesen Lebensabend geiferte ein rosinfarbiges Wesen, mit goldenen Ringen angetan, voll des Ekels und des Lasters, gesättigt von unzüchtigen Leidenschaften – und ich stand einsam, trotz meines himmlischen und irdischen Königs. O Herr, der du ans Kreuz geschlagen wurdest, den man mit Essig tränkte, dem man die Seite durchstieß, der aufgefahren ist zu den goldenen Höhen des neuen Jerusalems – o Herr, empfiehl mich deinem himmlischen Vater und erbarme dich meiner!« In ihrem Eifer, in ihrer todschwarzen Versunkenheit sah sie nur Schatten, nur wirre, ungewisse Gestalten; doch als einer dieser Schatten den Arm um sie legte, sie küßte und stammelte: »Mutter, Mutter ...!« da entsteinerte sich das steinerne Herz der Staatsen, da wurde sie weich wider Willen, barmherzig in ihren Unbarmherzigkeiten. »Aloys, mein Junge!« und ihre Hand tastete über ihn hin: »Und das ist der Rock deines Königs, und das sind die Zeichen und Medaillen, die da sprechen: Ich war bereit, für ihn in den Tod zu gehen ... und das ist die Wunde, empfangen im Dienst des Volkes und deines Vaterlandes! Wie hoch das alles ist, wie stolz und herrlich anzusehen!« und ihre Arme umschlangen ihn, ihr Herz pochte gegen das ihres Sohnes, »und doch wie bitter, uns so, nach all dem Großen und Schönen, wieder begegnen zu müssen!« »Mutter, Mutter!« »Sei ruhig, mein Junge.« »Mußte das kommen, mußte das kommen?!« »Ja, das mußte so kommen.« Ihre sanften Regungen lösten sich auf, wurden zu Zunder, fielen allmählich von ihr ab wie das Gelumpe von den Schultern eines Bettlers. »Ja, das mußte so kommen. Daraus habe ich dir niemals ein Hehl gemacht, niemals damit hinter dem Berge gehalten.« Sie ließ von ihm ab; ihr Stock deutete in den schattigen Flur, die engbrüstige Treppe hinauf, die im Düsteren zerfiel. »Was vom Emmericher Eiland stammt, ist meistens schmuck von Aussehen, aber nicht immer sauber unter den Röcken. Auch diesem habe ich kein Mäntelchen umgehängt, sondern es restlos entkleidet. Aber trotz aller Hinweise und Mühseligkeiten, ich habe nur leeres Stroh gedroschen, an Stelle von Milch nur Blut gemolken. Solches wird nu wohl alles vorüber sein, und so Gott es in seiner Allweisheit zuläßt, wollen wir von jetzt an ein neues Dasein beginnen, ohne das Weib, das oben in der Kammer liegt, durch sich selber des Atems behoben, durch sich selber gerichtet, denn als sie hörte: Aloys kommt retour, ist auf dem Wege nach hier, da hat sie ihr eigenes Leben ... Ich denke, du weißt es: ja, um der Schande willen – sie hat es vernichtet. Das war noch das Beste an ihr, und wenn sie auch schließlich Reue und Leid erweckte, die Sterbesakramente empfing und der Pastor sagte: Wenn ihr Körper auch tot ist, ihre Seele ist lebendig im Herrn geblieben; sie kann in Frieden dahingehen – was mich anbetrifft ...« und die Staatse warf auch den letzten Fetzen der Barmherzigkeit von sich, »nein, ich weise 'nen derartigen Frieden ab, kann ihn nicht für voll nehmen. Es ist ein einseitiger Friede, denn auf mein Part käme dabei nur ein ganz miserables Teilchen.« Der Riese, der sich abgesondert hielt, trat näher heran. Er machte sich noch länger und straffer, als er schon war. »Madam, man soll den Tod estimieren.« »Moritz, nicht immer.« »Madam, 'nem Toten soll man die Hand nicht versagen.« »Das sind Ansichten, Moritz.« »Mutter, Mutter, und das ist alles, was du über sie zu sagen hast?« »Wo du mein Sohn bist – ja, alles.« »Mutter, die Toten reden nicht mehr. Wenn sie es könnten, es würde sich vieles freundlicher und versöhnlicher ansprechen lassen, manches hinweggenommen werden, was sie schuldig machte,« und seine Lippen stammelten: »Nein, sie können nicht reden.« »Sie reden,« warf die Staatse dazwischen. »Ein Brief ist von ihr vorhanden. Ein Vermächtnis, wohl aus dem Wunsche heraus, dich einzuwickeln und irrezuführen.« »Für mich?!« schrie der Ärmste. »Für dich. Er liegt neben dem Kissen.« »So laß mich! So laß mich!« »Was – du?! du willst ihr doch nicht die Ehre erweisen?« Er stierte sie an. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne. »Mutter, und du – du willst es zum Äußersten treiben?!« »Ich sage dir – Ruhe! Ich bin schon mit Schlimmerem fertig geworden. Das lernte ich im Laufe der Jahre, die für mich härter waren als die Feldsteine an der staubigen Landstraße.« Sie streckte den Arm aus und ließ den Arm wieder sinken. »Sie gehörte zum Geschlecht der goldenen Fliegen, und goldene Fliegen leben vom Mist und vom Unrat der Gassen. Drum sage ich dir: Geh' nicht in die Kammer, denn zwischen den Kissen ... es ist furchtbar zu sehen. Die goldene Fliege – selbst, wo sie dahin ist: sie wird dich mit ihrem eingesogenen Gift und ihrer stillen Ruhe verderben. Und dann ... und dann ...« Aloys griff nach der Brust, als hätte sich dort eine dänische Klinge eingebohrt. »Mutter, ich will.« Sie versperrte den Eingang. »Dann wähle zwischen mir und der goldenen Fliege.« Da schob er sie sacht auf die Seite, trat in den Flur, erstieg langsam die Treppe, um seine wehe Hand auf die Klinke der Sterbekammer zu legen. »Auch gut,« sagte die Alte. »Auch das nehme ich hin. Er wird sie finden, wie es der Besenstern prophezeite. Dran ist nichts mehr zu beheben. Nur die Brunst der Kamelin in der Wüste ist jetzt von ihr genommen. Gott hat es so gewollt, aber es wäre noch reinlicher gewesen, er hätte dieses Menschengeschöpf schon vor der Ehe getötet.« Sie stelzte in den abgeblendeten Laden. Wir hörten sie beten. Gleich darauf trat Moritz ins Zimmer. Er sah uns sitzen. »Jungs,« sagte er fahrig, »nu geht man. Es ist zu viel Trauer im Hause.« »Es ist besser so,« fügte Hannecke leise hinzu. »Moritz wird den Kranz schon an die zuständige Adresse besorgen.« Und wir gingen. Draußen standen wir noch geraume Zeit ratlos zusammen. »Er könnte mir leid tun, der papierene Aloys,« wisperte der Sommersprossige zwischen den Lippen. »Mir auch,« bestätigte Henn Pierentrecker, »so aus den vollen Siegestrümpfen heraus nach Hause zu kommen und dann 'ne Tote zu finden!« Peter Hartjes preßte sich das Taschentuch gegen die Augen. Bedrückt zogen wir weiter. Was wir jetzt anfangen sollten, wußten wir nicht. Jegliches lastete auf uns: die Trauer, die Schwüle, das dunstige Tageslicht. Haltlos blieben wir an der Rathaustreppe stehen. Die große Linde plauderte mit ihren dunklen Laubmassen schwermütig herüber. Ein aufgekommenes Lüftchen wühlte in ihren Zweigen und Blättern – eine ernste Musik, die benaut über uns hinwuchtelte. Henn Pierentrecker wandte sich. »Da kommt er,« sagte er flüsternd. Ein hechtgraues Männchen bewegte sich von der Hanselaerer Straße aus auf uns zu. Das war Doktor Horré. »Der täte ins Sterbehaus gehen,« meinte Jan Höfkens, »um den Totenzettel auszustellen. Das kennte ich, denn bei meiner Mutter selig hätte er auch einen solchen geschrieben.« Wir traten in den Schatten des Rathauses, um uns von hier aus auf die Seite zu verkrümeln. Aloys, Aloys!   Ach der! – er hatte die Kammer betreten, in der Hendrintje ihren letzten Seufzer getan und die Lichjuffer ihre Vorkehrungen traf, die Abgeschiedene für den Gang zum Friedhof vorzubereiten. Mit dem geräuschlosen Tun einer Weltabgekehrten, die kaum noch des irdischen Brotes benötigte, mit unbeweglichen Augen, die mit denen einer Wachspuppe Ähnlichkeit hatten, waltete Lottchen Merlo aus dem Kalvariengäßchen ihres traurigen und entsagungsreichen Amtes. Vor der Hand hatte sie nur noch wenig zu schaffen. Die Einkleidung sollte erst am späten Abend erfolgen. Ihre Tätigkeit beschränkte sich lediglich auf vorbereitende Maßnahmen. Sie legte den Rosenkranz zurecht, den Hendrintje mitnehmen sollte, eine Schachtel mit weißen Papierröschen, die sie für die Ausschmückung benötigte. Ein Döschen mit Rauschgold stellte sie sorglich daneben, denn nach ortsüblichem Brauch waren Hände, Lippen und Wangen mit diesen Flimmerpartikelchen in letzter Stunde herauszuputzen. Über eine Stuhllehne spreitete sie das Sterbehemd, das sie noch kurz zuvor in der Küche aufgebügelt hatte. Es war ein Werk ihrer Nadel, nicht übermäßig ausgestattet, aber doch mit einer schmalen Spitzenkrause versehen. Und jetzt noch ein übriges! Sie rückte die Kerze auf dem Messingleuchter zurecht, den sie vom Küster entliehen, und placierte ihn zu Häupten des Bettes. Das Flämmchen knisterte fein durch das Stübchen. Hendrintje lag zwischen den Kissen, als hätte sie sich in Schönheit von dieser Erde verabschiedet, als wäre sie niemals durch das dunkle Reich der Sünde gegangen, als hätte sie sagen dürfen: »Ich habe meinem Mann die Treue gehalten bis in die innerste Falte des Herzens; meine Wege sind die eines reinen und nicht die eines in die Irre verschlagenen Weibes gewesen.« Das sagten auch ihre freundlichen Züge, ihre leicht gekräuselten Mundecken, denn sie konnten noch lächeln. Der Tod hatte sie wenig gezeichnet. Nur Ohren und Nase wiesen einen porzellanartigen Glanz auf, die Fingernägel einen bläulichen Schatten. Das war aber auch alles. Ein beinernes Kruzifix, das sie mit bleichen Händen umklammerte, sprach sie ihrer Verschuldung ledig. Die Kerze brannte mit ebenmäßigem Scheinen. Verschwenderisch streute sie ihr Gold über Hendrintje Teerling aus. Das niederrinnende Wachs tropfte mit subtilem Klingen auf den Messingteller. Stocksteif, mit der Gelassenheit einer gütigen Spenderin, stand Lottchen Merlo neben dem Leuchter, als Aloys eintrat, zögernd, ein Heimgesuchter, der sich willig drin fügte, als Irrsinniger angesprochen und dem grauen Hause überwiesen zu werden. Was hatte er denn auch sonst noch zu hoffen, noch sonst zu erwarten? Nicht so viel, wie ein Kartenblatt zu bedecken vermochte. Die Lichjuffer kannte das alles. Es war ihr nichts Neues. Das war so alltäglich, wie die emsigen Fliegen, die den abgedunkelten Raum durchsummelten. Sie nickte still dem Eintretenden zu. Unauffällig verließ sie das Zimmer. Allein! Aloys war allein bei der Toten. Er riß sich zusammen. Die Rechte fuhr gegen die Brust. »Ruhe da drinnen!« Er trat näher heran. Er sagte: »Wir haben von Anbeginn unserer gemeinsamen Tage um deine Liebe gebettelt. Ein Verdurstender konnte um eine Schale mit Wasser nicht inniger bitten, und wir müssen nun sehen ...« Verzehrt und abgehärmt, ohne Tränen zu haben, stierte er auf die unveränderten Züge der Abgeschiedenen. »Hendrintje ...!« Ein abgehackter Schrei gellte auf. »Hendrintje, mußte das sein?! Mußte das sein?!« Er tastete über ihre kalte Stirn, über die wächsernen Hände. Der Schrei wiederholte sich. Dann ein Würgen und Stammeln: »Hendrintje, hast du mir denn gar nichts zu sagen?!« Ja, Hendrintje hatte ihm vieles zu sagen. Er sah den Brief neben dem Kissen, verschlossen, versiegelt. Er nahm ihn, erbrach die Umhüllung. Er trat mit ihm in das Scheinen der Kerze. Dort las er mit halber Stimme, stoßweise, in erwürgten Sätzen: »Aloys! Wie soll ich Dich anders ansprechen? ›Lieber Mann‹? Nur das nicht. Die Feder würde sich sträuben, es auf das Papier zu setzen. Warum nochmals eine Niedertracht, ein Verbrechen begehen? Dir alles zu sagen, lassen meine Kräfte nicht zu. Ich müßte mich schämen, mich vor mir selber verkriechen. Aber was hilft es?! Wenn Du diese Zeilen lesen wirst, bin ich nicht mehr. Sie sind mit meinem letzten Herzblut geschrieben. Im Angesichte des Todes ... Aloys, es ist nun einmal geschehen – das Entsetzliche, das Unwiderrufliche. Fluche mir, verdamme mich; Du hast ein Recht dazu. Ich wollte schuldig werden und bin es geworden ... durch mich ... durch meine heißen Begierden ... durch das Schleichen und Tasten eines andern. In den letzten Wochen habe ich viel über unser gemeinsames Leben nachgedacht, und dieses Denken ist furchtbar gewesen. Jetzt, wo es zu spät ist, weiß ich, was ich verloren habe. Deine Mutter, wenn sie auch hart gegen mich war, hart von Anbeginn an – sie ging nicht fehl, wenn sie mich eine Verlorene nannte. Ich klage nicht an und verurteile keinen. Nur mich allein. Ich spielte zuerst mit dem Feuer. Es war nur ein Spielen. Aber ich freute mich dessen, bis mich das Feuer verzehrte. Wärest Du doch nicht von mir gegangen! Möglich – ich hätte mich wieder gefunden, wäre nicht der Mißleitung dieses Mannes verfallen. Ich war noch zu retten. Im Mai jedoch, als die Feuerbohnen ihre ersten Blüten ansetzten, da fiel die Nacht über mich her, die Nacht, die das reine Weib in mir gänzlich erwürgte. Ich Fluchwürdige! Was sollte ich noch unter den Menschen? Mein Dasein war zwecklos geworden, und als ich hörte, Du kämest zurück, Du wärest auf dem Heimweg begriffen – ich wußte, was ich zu tun hatte; denn Dir noch einmal ins Auge sehen zu müssen, hieße das richterliche Auge Gottes verhöhnen. Keine andere Lösung bleibt mir übrig. Ich muß reine Bahn schaffen. Auch das, was mir unter dem Herzen reift, nehme ich mit mir. Herr, erbarme dich meiner! Das abgeschabte Gift von nur wenigen Hölzchen – es dürfte genügen ... doch glaube: ich bin nicht so gänzlich verseucht und verdorben, wie Deine Mutter es annimmt. Und trotzdem: zertritt mich, vertilge die Erinnerung an mich. Ich verdiene es reichlich. Aber noch in letzter Stunde: ich bete ... ich bete für Dich und die Mutter. Aloys ...!« Er ließ das Schreiben herunter. »Mein Gott, hatte Hendrintje gerufen?« Er trat vor die Abgeschiedene. Wie sie so friedlich ruhte! »Hendrintje! Hendrintje!« Ihr Mund blieb verschlossen. Nur ein flimmerzartes phosphorisches Scheinen umspielte die Lippen. Da rannen ihm die ersten Tränen herunter. Hinter ihm klinkte die Tür aus. Ein kaum wahrnehmbarer Lufthauch ging über ihn hin, legte das Kerzenflämmchen sacht auf die Seite. Aloys wandte sich. Der Brief zerknitterte ihm zwischen den Fingern. Er deutete auf die Tote. »Herr Doktor, da liegt sie. Wir haben ihr wohl zu wenig Liebe gegeben, und da ... und da ... da mußte ein anderer kommen. Das Weib, das ich liebte, hat er zu 'ner toten Mutter gemacht.« Der alte Herr schüttelte unmerklich den Kopf mit den Hasenpfötchen und den silbrigen Haaren. »Aloys, lassen wir das. Wir wollen nicht richten und rechten.« »Ja, Herr Doktor, wir haben ihr wohl zu wenig Liebe gegeben, zu wenig ihre Sinne und ihre Seele verstanden, zu wenig bedacht: ein Weib darf nicht in der Einsamkeit sitzen ... und da passierte es denn: um ihre Schande nicht offenkundig zu machen ...« Er schluchzte auf. »So ist es,« sagte der Doktor. »Aber nun gehen Sie, gehen Sie zu Moritz und Hannecke. Sie warten auf Sie,« und als er die Tür hinter sich hatte, trat der stille Herr an die Stätte der Toten und bedeckte das Antlitz des jungen Weibes mit einem weißen Tüchlein, das die Lichjuffer zurechtgelegt hatte. Aber da unten ... »Aloys, nicht weinen. Ich hab's dir schon einmal gesagt; denn 'nen Mann weinen zu sehen ...« und Moritz, der gewaltige Riese, der Mann mit dem Kindergemüt und der Wut eines gereizten Tieres, streckte die Faust aus: »Aber dem Menschen da, dem Hundsfott, dem Kerl mit den gierigen Fingern ... dem Mörder, dem nichts Heiliges ansteht ... Blexem und Donnder! dem da ...« und die Faust krachte auf den Tisch, daß das Geschirr aufhoppelte und zu fallen drohte. »Aloys, nicht weinen ...« und in dem kleinen Zimmer standen zwei Männer, die der Schmerz durchpflügte, die sich in dieser Stunde erst recht gefunden, um sich in diesem Leben nie mehr zu lassen. Im Laden betete die Staatse unentwegt weiter. Die Pockholzkügelchen klimperten hell gegeneinander. »Herr, sei bei mir in der bitteren Not des Todes. Erbarme dich meiner! Ich preise dich, ich halte zu dir, von nun an bis in alle Ewigkeit, Amen.«   Sechzehntes Kapitel Während der folgenden Tage mußte ich oft an das Lied denken, das mir Hannecke Brükers des öfteren vorgesungen hatte. Ich fummelte es still ins Land: »Ich bin das arme Tantelchen, Da drauß, da drauß, Und flieg' im grauen Mantelchen Von Haus zu Haus. Gar vielen aber ist's nicht recht, Daß ich so bin; Sie wünschen mich und mein Geschlecht Zum Kirchhof hin. Denn wo ein Lichtchen noch allein Sich zehrt in Not, Ich setz' mich still ans Fensterlein Und sing' vom Tod. So leb' ich armes Tantelchen Jahrein, jahraus Und flieg' im grauen Mantelchen Von Haus zu Haus. Mein Nickerhäutchen, rund und groß, Nickt alles ein. Nun sagt, ihr lieben Leutchen, bloß, Wer mag ich sein!« Da wir noch in den Ferien standen, sahen wir Mester Haan nur selten. Am Tage vor der Beerdigung Hendrintjes begegneten wir ihm jedoch. Er spazierte über den Paternosterdeich, als wir vom Mühlenwehr kamen, wo ich auf Wasserkäfer und ölige Kammolche gefahndet und Henn Pierentrecker sein selbstkonstruiertes Angelgerät ausgeworfen hatte, um Weißfische und Stichlinge aus dem leichten Strudel zu heben. »Herr Lehr', wir täten auch 'nen Siegerkranz für Aloys machen,« warf sich der Sommersprossige stolz in die Brust. »Das war schön von euch,« sagte der freundliche Mann und genehmigte sich eine köstliche Prise, »denn Heldenverehrung ist rar geworden in hiesiger Gegend, wie überhaupt rar geworden unter den Deutschen. In dieser Hinsicht haben wir viel vom Ausland zu lernen. Hierorts jedoch geht jegliches im Parteigezänk, im Pfuhl der Sonderinteressen unter, wird verurteilt, am Leibe faulicht zu werden. Möge die Jugend wieder den vaterländischen Geist erstehen lassen, ihn verknüpfen mit den auserlesenen Feuerköpfen des Landes, treu unserem angestammten Herrschergeschlecht und seinen siegreichen Fahnen ... und euer Scherflein in Gestalt eines Kranzes, wenn auch noch so klein und geringfügig, es ist doch immer ein Scherflein.« »Das wäre auch unsere Ansicht, Herr Lehr', aber wir könnten ihn noch nicht an Aloys übergeben, weil er sich noch in großen Ängsten befände.« »Das weiß ich, mein Junge,« und Mester Haan sah in die Gegend hinein, in das Bovenholt mit seinen Hecken und Hägen, seinen unermeßlichen Äckern und Wiesen, die sich bis über Moyland hinaus erstreckten. Bald darauf hub er an, uns eine schlichte Legende auseinanderzulegen, über den Ausgleich der Dinge und eine ewige Vergeltung zu sprechen ... und er war wie einer, der unsere jungen Herzen in seine Hände nahm, sie salbte und knetete und sie anhielt, nur für das Gute und Hohe zu schlagen. »Im Verkehr mit Aloys,« setzte er feierlich hinzu, »könnt ihr nur Ersprießliches in euch aufnehmen, euch darin belehren lassen, wie es nottut, vaterländische Gesinnung mit Hintansetzung des eigenen Lebens zu betätigen. Nur solche Männer sind auserwählt, nur sie sind befähigt, auch im bittersten Leid nicht über Bord zu gehen und das ihnen auferlegte Joch der Heimsuchung und das der Schicksalsschläge zu tragen.« »Nu müßte ich den papierenen Aloys noch mehr als früher bewundern.« »Auch ich!« rief Henn Pierentrecker. »Und Hendrintje ...?!« warf Peter Hartjes verloren dazwischen. Mester Haan sah uns mit Augen an, in denen ein tiefes Verstehen aufleuchtete. Es waren Augen der Verzeihung und die der Barmherzigkeiten. »Was soll ich da sagen? Nur dieses. Sie hat die Sakramente empfangen und ihre Seele geläutert. Der Herr wird sie führen. Möge sie ruhen in Frieden ... und auferstehen ... und das Licht finden, das uns allen dereinstens scheinen wird in der Finsternis, auf daß wir den Weg nicht verfehlen, der uns leitet zu den goldenen Tischen der Ewigkeit.« Er nahm seinen Pfad wieder auf. Drüben im Vorland rief eine Sense herüber. Es ähnelte dem Singsang eines Käuzleins ums Abendwerden: »Ich bin das arme Tantelchen, Da drauß, da drauß, Und flieg' im grauen Mantelchen Von Haus zu Haus. Und wo ein Lichtlein noch allein Sich zehrt in Not, Ich setz' mich still ans Fensterlein Und sing' vom Tod.« – Anderen Tages um die elfte Morgenstunde läutete eine bange Stimme von Sankt Nikolai herunter: »De profundis clamavi ad te, Domine: Domine, exaudi vocem meam!« Eine zweite setzte ein: »Quaesumus, Domine, pro tua pietate, miserere animae famulae tuae, et a contagiis mortalitatis exutam, in aeternae salvationis partem restitue. Per Dominum nostrum Jesum Christum.« Eine dritte hub an: »Requiem aeternam dona ei, Domine!« Die erste in sonoren Lauten: »Und das ewige Licht leuchte ihr!« Die zweite: »Sie ruhe in Frieden!« Dann alle: »Amen, Amen!« und es war der Ruf von Totenbeterinnen in metallenen Krinolinen, die hoch oben in der dämmerigen Glockenstube auf- und niederschaukelten und zur Beisetzung luden. »Ding dong, ding dong!« Stimmen des Unerforschlichen, die da aufforderten, durch das dunkle Tor zu treten, das keine Rückkehr verstattet. Einmal verrammelt, bleiben seine Planken für immer verschlossen. Die Glocken verstummten. Bei ihrem zweiten Geläut versammelten sich die Leidtragenden. Beim dritten ging es hinaus auf den Gottesacker. Dicht neben dem Sterbezimmer machte Aloys sich fertig. Sein Schicksal erfaßte er mit grausamer Klarheit: die verflossenen Tage, die jetzige Stunde, die kommenden Ereignisse mit ihren Masken und grauen Verschleierungen, aus denen Gestalten herauswuchsen, als hätten sie Blut auf den Lippen. Mit aller Aufbietung seines inneren Menschen nahm er seine ganze Willenskraft zusammen. Er wollte und durfte nicht schwach sein. Schon nicht der Außenwelt gegenüber, wie es ihm Moritz nahegelegt hatte. Draußen und drinnen herrschte Sonntagsfriede. Das Haus lag so still, als hätten das letzte Mäuschen, das letzte Heimchen ihren Auszug gehalten. Er hörte nichts, kein Gehen und Sprechen, nicht das Seufzen eines Sandkörnchens zwischen Fliesen und Dielen. Nur einmal schreckte er auf. Im Nebenzimmer war der Schreinermeister Henseler tätig geworden. Er hatte den Sarg geliefert, auch die Zinnbeschläge, auch die Hobelspäne. Nun war er dabei, mit einem umwickelten Hammer die toten Nägel in die toten Bretter zu schlagen, so lautlos wie möglich. »Hendrintje, Hendrintje ...!« Jedes dumpfe Geräusch, jeder Nagel, jeder Hammerschlag zerriß ihm die Seele. Und dennoch – Aloys machte sich fertig. Der langschößige Gehrock fehlte noch. Er hatte ihn schon getragen, als er um Hendrintje freite, sie vor den Altar führte und sie, das Herz voller knospenden Plänen und Hoffnungen, in das eigene Heim geleitete. Er entnahm ihn dem Schrank. Mein Gott, aber der Flor! Da mußte er lächeln in seinem schmerzlichsten Erdulden. Von Hannecke war das schon besorgt worden, in schöner und sachlicher Weise. Auch den Hut hatte sie trauergemäß hergerichtet. Nichts mangelte. Die schwarzen Handschuhe lagen auf der Kirschholzkommode. Daneben Gebetbuch, Sterbezettel und ein weißes Nastüchlein. Auch einige Zweiglein gesegneten Buchsbaums. Der Schreinermeister Henseler war nebenan mit seiner Arbeit fertig geworden. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne. Auf Zehenspitzen verließ er das Zimmer. Draußen versammelten sich bereits einige Menschen, obgleich die Glocken noch keine Zeit gefunden hatten, den zweiten Anruf zu läuten. »Das hilft nun nicht,« sagte Aloys in sich hinein, »ich muß nun wohl zu den anderen gehen – im Namen des Vaters, des Sohnes ... Hendrintje!« und er winkte der Seitenkammer zu, »möge dir die Erde leicht werden bis zur Auferstehung dereinstmals.« Auf Flur und Treppe wehte ihm ein fader Ruch nach zerschnittenem Kalmus und verwelkenden Blumen entgegen, nach Sommerlevkojen und Rosen, die in der zweiten Blüte standen. Lottchen Merlo streute noch immer Grünes und Weißes bunt durcheinander. »Gott helfe!« meinte sie leise. »Lottchen, wir danken.« Als er das Wohnzimmer betrat, fiel ihm auf, daß er nur Hannecke und Moritz antraf. Er sagte verloren: »Ein Menschenleben dahin, ein Menschenleben dahin! Wo ist Mutter? Ich habe mit Mutter zu sprechen.« Moritz trat ernst auf ihn zu. »Aloys, noch vor dem Begräbnis?« »Warum nicht? Ich will doch in aller Ruhe und Liebe ... Wir haben noch mit Mutter zu reden.« Hannecke unterbrach ihn, zupfte ihm den Flor am Ärmel zurecht, wischte ihm noch ein Stäubchen von der Weste herunter. »Mutter ist dort ... in der Küche. Sie will keinen sehen und sprechen ... und drum ist es besser ...« Sie kämpfte mit den Tränen und fand wieder ein Stäubchen. »Auch mich will sie nicht sehen und sprechen? Auch mich nicht?!« Ein Schrei stieg in ihm auf, ein Schrei, wie ihn ein verfolgtes Tier ausstoßen will, wenn es in äußerster Not ist. »Auch mich nicht?!« Moritz und Hannecke schwiegen. »Da muß ich schon selber ...« Der Riese vertrat ihm den Weg. »Aloys, ich bitte dich innigst ...« »Ich verstehe dich, Moritz. Aber in dieser Beziehung muß ich schon selber wissen, was ich zu tun habe.« Er trat in die Küche. Da saß die Alte am weißgescheuerten Tisch mit einer Kälte und Ebenmäßigkeit, als gäbe es für sie kein Sterbegeläut, keine welkenden Blumen im Hause, als wäre der Schreinermeister Welm Henseler nur in der Kammer gewesen, um irgendeine schadhafte Leiste auszuwechseln oder einem kranken Kleiderspind eine bessere Verfassung zu geben. Die jetzige Stunde war für sie eine ganz alltägliche Stunde. Die Schnupftabaksdose in Reichweite neben sich, die kurfürstliche Nase stur auf ihre Arbeit gerichtet, ließ sie ihre stählernen Nadeln, die an einem Wollstrumpf strickten, gemächlich gegeneinander klimpern, mit harten Fingern, mit dem gleichgültigen Tun einer düsteren Schicksalsschwester. Die Außenwelt war gestorben für sie. Die Glocken, die den ersten Anruf gesungen hatten, sagten ihr nichts. Den aufdringlichen Duft der ausgestreuten Rosen und Levkojen spürte sie nicht. Das dumpfe Hämmern über ihr war spurlos an ihr vorübergegangen. Sie lebte nur sich und ihren eigenen Vorstellungen, die sie mit den Garnen einer dickleibigen Spinne umzwirnten. In diesem Gespinst gingen ihr die Stunden unter, die Wochen, die Jahre, verhüllten sich die Regungen des Herzens, das Gefühl für ihre Mitmenschen, das Leid und die Freude anderer, die ihr nahe gestanden hatten im Leben. Nur dunkle Vögel umschaukelten sie, nur Schatten, nur trübe Erinnerungen. Was galt ihr das Dasein noch, das Klagen und Weinen? Nicht soviel wie eine räudige Katze hinter dem Ofen. Für sie gab es nur fallende Blätter, Moder, das letzte Glumsen einer ausgetretenen Asche. Sonst gar nichts. Bei seinem Kommen fältete sie den halbfertigen Strumpf umständlich zusammen, glättete ihn, legte ihn mechanisch neben die Schnupftabaksdose. Mit leeren, nichtssagenden Augen sah sie den Eintretenden an. »Also doch!« »Mutter, was meinst du damit?« »Ich meine nur: du siehst so feierlich aus, so ganz in Schwarz, so großartig in dem neumodischen Gehrock.« »Mutter, du weißt doch ...« »Was soll ich denn wissen? Das mit dem noblen Gehrock? So was trägt man sonn- und feiertags, bei der Fronleichnamsprozession, an Königsgeburtstag ...« »Auch bei Sterbefällen,« sagte Aloys schwer vor sich hin. »Jawohl, aber mit Einschränkung,« versetzte die Staatse. »Wenn ein Liebes hinweggenommen wird, eine ehrliche Seele, wenn einer sagen kann: Mein Leben ist dein Leben, mein Sterben das deine. Dann allerdings. Aber sonst wüßte ich nicht ... kann mich gar nicht erinnern ... Oder hast du vielleicht die törichte Absicht ...?« »Ja, ich habe die Absicht.« »Und diese Absicht willst du in schwarzem Sonntagsrock und richtig gehendem Trauerflor betätigen von wegen der da?« »Mutter, soll es denn wirklich zum Äußersten kommen? Willst du mir auch dieses verübeln?« »Ich will gar nichts, mein Junge, und will dir nur sagen: Es heißt wohl: Mann und Weib gehören zusammen, sind unzertrennlich, teilen einen Tisch und ein Bett, bilden einen Leib und eine Gemeinschaft. Wie eine Verbindung Christi mit der Kirche eine ewige und unauflösliche ist, so soll sich auch das Verhältnis zwischen Mann und Weib auslösen. So behauptet wenigstens die Kirche, so stellen es ihre Diener hin, die angeben, von der Sache was zu verstehen. Aber sie kennen das Weib nicht. Nicht in seinen Regungen, nicht in seinen Begierden, wenn die Nächte schwül werden und die Feuerbohnen sich um eine Laube hinranken. Das kennen sie nicht, und trotzdem: sie wollen keine Trennung, auch nicht in den traurigsten Fällen, wenigstens keine völlige Scheidung. Ich meine: sie lassen es nicht bis zum völligen Auskehren kommen. Das ist die kirchliche Ansicht. Meine ist anders.« Und ihre Augen begannen zu flackern. »Ja, meine ist anders. Sie wäre auch für dich bekömmlich gewesen. Aber du wolltest ja nicht. Lumpenbündel soll man zu Lumpenbündel werfen. Da gehören sie hin. Kurz, man soll sie nicht aufheben, nicht im Herzen verwahren, und da willst du mir die Schmach und die Schande antun ...?! Besser wäre es, du sagtest: Sie existiert nicht für mich, ich habe sie ausgelöscht in meinem Gedächtnis. Das solltest du sagen.« »Mutter, ich tu' das, was mir die Pflicht gebietet, denn nachdem ich ihre Zeilen gelesen, das herzzerreißende Schreiben von ihr, das sie kurz vor ihrem entsetzlichen Ende ...« »Du Narre!« Die Trauerglocken huben aufs neue an. Sie riefen zum zweiten Male und streckten die Alte. Steil fuhr sie in die Höhe. Sie stand wie eine Planke im Eiswasser. »Also ich sehe, du willst ihr trotzdem die letzte Ehre erweisen?!« Aloys nickte. »Der da die letzte Ehre erweisen, die so nackt an weiblicher Scham war wie das glatt rasierte Gesicht eines Küsters an Stoppeln?!« und in die Glockenstimmen hinein, die da riefen und beteten: »Und das ewige Licht leuchte ihr! Sie ruhe in Frieden! Amen, Amen!« lachte sie häßlich, als wäre dieses Lachen aus der Zelle einer Irren gekommen: »Der da die letzte Ehre erweisen ... gegen den Willen deiner Mutter ... gegen Anstand und Herkömmnis?! Der da, die es mit einem andern hielt, die dein Bett verstörte, ihren Leib entweihte, als wäre er der einer Dirne gewesen?! Die so reich an Sünden war wie das Scharlachfieber an Flecken?! Der brünstigen Kamelin da ...?! Lasse dich auslachen – du. Mir lieber, du gingest nach dem Mannskerl – dem Schänder, dem Zertöpperer meiner und deiner Ehre. Diesem Hund – haue ihm mit deinem Säbel von Düppel und Alsen eins über den Bregen. Nöllecke Giltjes – schlage ihn tot, diesen Viechskerl ... und das Weib da über uns ...« »Mutter, genug! Ich weiß jetzt: mit dir ist kein Auskommen mehr.« »Was – du?!« »Nein, kein Auskommen mehr,« und seine Stimme war zerquält, schartig, von Rost angefressen. »Ich sehe, es ist alles vergebens. Wir schwimmen weit auseinander. Nach der Beisetzung werde ich sehen. Den Menschen finde ich noch ... und die Tote?! ich werde versuchen, sie vergessen zu können.« »Nur versuchen?! Also auch das noch! Und du bleibst dabei, sie persönlich auf den Kirchhof zu bringen?« »Ja, ich bleibe dabei.« Sie nickte. Ebensogut hätte ein ehernes Weib nicken können, wäre es lebendig geworden. »Dann geh' nur, mit deinen schwarzen Handschuhen und deinem opulenten Trauerflor am Ärmel. Sie wird es zu schätzen wissen. Reisende und Handwerksburschen soll man nicht aufhalten. Geh' nur. Ich warte darauf. Trotz deines Heldentums da draußen – hier zu Hause bist du eben der papierene Aloys geblieben. Tu', was du willst. Ich bin gleichfalls entschlossen, das zu tun, was ich für richtig erachte. Keine Gemeinschaft mehr zwischen uns. Da drüben wohnen die barmherzigen Schwestern. Wenn du retour bist, habe ich mich eingetan bei den Nönnchen im Kloster. Adjüs denn.« Sie setzte sich wieder, als wäre nichts vorgefallen. Sie nahm ihr Strickzeug und ließ die blanken Nadeln gegeneinander sticheln, mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, als hätte ihr einer gesagt und zugesprochen: »Oma, die Winterkartoffeln und Runkeln sind eingemietet. Besonders die Winterkartoffeln. Alles propere Nieren- und Biskuitsorten. Gutgedüngte und aus sandigem Boden. Ich hab's schon besorgt. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern.« »Schön so! Ich bin einverstanden damit.« Aloys sah nur schwankende Gestalten, nur Kreise um Kreise, fühlte nur Hände, die ihn zu Moritz und Hannecke geleiteten. Ein Schrei fiel ihm von den Lippen herunter. »Moritz ...!« »Das wußte ich, das sah ich so kommen.« Der gutmütige Riese streichelte ihm über die Wangen, versuchte es, ihm die Stunde leichter zu machen. »Blexem! auch das darf dich nicht über Bord schmeißen. Niemals. Jetzt erst recht nicht. Lege dich stramm in die Weste ... der Mutter gegenüber ... der Welt gegenüber. Du hast es jetzt nötig. Es heißt wohl: die Ratten verlassen das Schiff ... quartieren sich um. Aber bei dir? Ausgeschlossen ... niemals, mein Junge. Gewiß, du sitzt jetzt in dickem und schäumigem Wetter ... bei mächtiger Schlagseite. All right! da geht das nicht anders ...« Er schlug ihm mit seiner Pranke fest auf die Schulter. »Verdammich! die Nas' in den konträrigen Wind ... den Ölmantel übergezogen. Und daß du es kannst: hier, das hier wirst du beim Begräbnis auf deiner Heldenbrust tragen ... daß alle es sehen ... aber auch alle. Das mußt du. Du wirst dich und deinen König doch nicht unter die Futterschwinge placieren. So was betreiben bloß die Nörgler und Dustermänner. Heraus mit den Medaillen und Ehrenzeichen!« und bevor es sich der Zerrüttete noch versah, hatte ihm Moritz bereits die schlichten Kreuze auf die Brust geheftet. »Das gehört sich so ... auch in dieser miserabelen Stunde.« »Moritz ...!« »Laß gut sein.« »Ach – du!« und Aloys tastete nach Hanneckes Hand und der seines Freundes. »Nun habe ich nichts mehr. Nur ihr beiden – ihr seid mir geblieben.« »Sind wir!« echote der Bravste der Braven. Wiederum setzten die Glocken ein: »De profundis clamavi ad te, Domine: Domine, exaudi vocem meam!« Gleichzeitig öffnete Lottchen Merlo die Türe. Ein aufdringlicher Duft nach Firnis und abgestorbenen Blumen begleitete ihre Worte: »Der Herr Pastor ist da. Wir können anfangen. Gelobt sei Jesus Christus!« Draußen standen die Leute. Der Sarg war bereits zugebracht. Er ruhte auf einer schwarzangestrichenen Bahre. Rechts und links erhoben sich je drei düster gekleidete Männer mit abgewetzten Zylindern und gedunsenen Nasen. Sie rochen nach Fusel. Am Kopfende ragte das silberne Kruzifix in die Lüfte. Florige Streifen wehten in einer leichten Sommerbrise. Unter Assistenz des roten Kaplans nahm der Pastor die ernste kirchliche Handlung vor. Mit dem Weihbronnwedel machte er das Zeichen des heiligen Kreuzes. In schweren Tropfen klatschte das gesegnete Wasser auf die dunklen Bretter und zinnernen Beschläge. »Lasset uns beten!« Ein dumpfes Gemurmel folgte der Aufforderung. Wir beteten mit, denn wir vier aus den Lohhecken waren gleichfalls erschienen, völlig durcheinander – verängstigte Feldhühner in einer Ackerfurche, die vor eitel Not und Beklemmung nicht aus und ein wissen. Ich wagte es, Umschau zu halten. Ich sah meinen Vater, den Apotheker, den Doktor, den Inhaber der Wirtschaft ›Zum Waldkarnickel‹, Mester Haan und andere Menschen. Auch Simmchen war da, auch der Herr Kommis, gestriegelt wie ein Levit am Brandaltare des Herrn. Etwas Blaues gesellte sich zu uns: Heinrich Hübbers mit seinem fünfundzwanzigpfündigen Leibrock, gleichfalls verbaselt, ein Häuflein Unglück in seiner azurenen Schneideridee. Er tippte uns an, schüttelte den Kopf. »Miserabel, miserabel! so 'ne Pilgerschaft antreten zu müssen. Dagegen ist unsere Reise nach dem Entenbusch doch der reinste Spaziergang gewesen.« »Das täte ich meinen,« sagte Jan Höfkens. Wir wurden aufmerksam. Die sechs mit den gedunsenen Nasen hoben den Sarg auf. Unheimlich leuchtete er in der Flut des heißen Sonnenlichtes. Aloys und Moritz traten in seinen Schatten. Ein Raunen und Flüstern ging um. Aller Augen waren auf die Medaillen gerichtet. »Aloys, Aloys ...!« »Oremus ...!« Der Zug kam ins Treiben: weiße Gesichter, schwarze Röcke, lurksende Schritte, schaukelnde Pleureusen. Der Leichenbitter mit seinem Medaillenstab eröffnete den Reigen des Todes. »Oremus ...!« »O du Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt – verschone uns, o Herr!« »Christus, erhöre uns!« »O Herr, erbarme dich unser!« Der Medaillenstab beschrieb einen Halbkreis von Osten nach Westen, von Aufgang nach Untergang. »Von der Pforte der Hölle – errette, o Herr, ihre Seele!« »Sei gnädig mit ihr!« »Laß sie ruhen in Frieden!« O diese Leidensgeschichte! Da ging nun Hendrintje Teerling stumm ihres Weges – sie, die diese Erde so liebte, sie, die da sündigte in schwülen Sommernächten unter blühenden Feuerbohnen, sie, die da schuldig wurde und dabei an einen andern dachte. O diese Leidensgeschichte! Der Zug schwenkte ein. Er gewann die breite Landstraße, die unter Pappeln hinführte. Ihm zu Häupten säuselten die schweren Baumkronen, flogen dunkle Vögel dem tiefen Westen zu. Der Gottesacker kam in Sicht. Seine Gittertore standen sperrangelweit geöffnet, willens, ein neues Opfer in sich aufzunehmen. Neben der Einfahrt erhob sich Iwan Kasimir Brill. Er salutierte mit weißbaumwollenen Handschuhen. Es galt Hendrintje, aber zumeist den Kreuzen von Düppel und Alsen. »Pompös!« sagte Henn Pierentrecker. »Das könnte einem das Sterben leichter machen,« versetzte der Sommersprossige, »denn solches wäre doch eine militärische Ehrung.« »Oremus ...!« Unter näselnden Responsorien ging es über Gräser und mit Unkraut bestellte Pfade zum Kalvarienberg. Dicht in seiner Nähe war ihr die letzte Stätte bereitet. In der Hegung eines breitästigen Holunders sollte sie die ewige Ruhe finden. Bald darauf, unter Beihilfe des Leichenbitters, tauchten die schwarzen Bretter in die dunkle Tiefe. Die Seile rumpelten hoch. Das Kruzifix hob und senkte sich wieder. Noch ein kurzes Gebet für die Abgeschiedene, ein solches für den, der zuerst ihr folgen würde, und dann ... Im Verlaufe einer Viertelstunde war alles vorüber. Die Erdschollen begannen zu klunkern. Unter ihrem ebenmäßigen Schollern verabschiedeten sich die Leidtragenden von dem Heimgesuchten. Langsam verließen sie den Gottesacker. Doch noch einer trat vor, bis dicht an die Grube. Er gebot dem Totengräber, mit seiner Arbeit vorläufig innezuhalten. Es war Iwan Kasimir Brill. Er nahm die Mütze herunter, funkte mit seinen Stielaugen, und als ein tieffrommer Mensch hub er an, ein kräftiges Vaterunser zu beten. Dann sah er stumm und steif vor sich hin, schlug das Zeichen des Kreuzes, griff in die mulmige Erde und warf eine Handvoll fetten Bodens in die gähnende Tiefe. »Amen!« Mit einem kurzen Ruck machte er kehrt, zog die Mütze über, salutierte und sagte, jetzt wieder amtlich und als im Dienste befindlich: »Wir haben das unsere getan – Mynherr Teerling, Ihnen zuliebe und aus purem Respekt für Ihre Forschheit bei Düppel und Alsen.« Dann ging er. Nur wir blieben zurück; nur wir, Aloys und Moritz. Die beiden standen noch abseits. In dem Schatten eines Lebensbaumes warteten wir das Weitere ab. Es währte nicht lange, da kamen auch sie gegangen: Moritz den Arm in den seines Freundes gelegt, Aloys noch immer den Zylinder zwischen den Fingern. Wir hörten wechselseitig unsere Herzen klopfen. »Da sind sie,« sagte der Riese, »die Getreuen aus den Lohhecken.« »Ach – ihr!« rief Aloys. Mit vorgestrecktem Arm schritt er auf uns zu. »Da bin ich, aber als ein armer Schwalbenfänger stehen wir vor euch, denn ich habe nichts mehr auf Erden. Nur Moritz und Hannecke noch – und euch noch, und wenn ich mich umsehe im Leben, so ist es nur Arbeit und Mühsal gewesen. Ich muß nun wohl in die Einsamkeit lauschen. Was bliebe mir sonst auch übrig? Nur Schatten, graue Schatten! Aber über eins freue ich mich. Über euch freue ich mich und über das, was ihr mir angetan habt. Der Kranz bleibt mir zu eigen, wie eure Liebe mir zu eigen bleibt, und wenn ihr wollt: wir sind immer zu finden. Jungs, Jungs ...!« Er kam nicht weiter. Er fuhr sich über die Augen und blickte still auf die Seite. Auf einem morschen Holzkreuz saß ein Liebeseelchen, ein Rotkehlchen. Das drillte sein Stimmchen wie ein silbernes Fädchen aus. Es klang aus einer anderen Welt, verstärkte sich, um wieder sacht zu verklingen ... leise, ganz leise. Siebzehntes Kapitel Funken, Sternschnuppen, flirrende Sonnen! Gleich silberigen Möwen flatterten sie durch ein wirres Gesichtsfeld, peitschten das Blut durcheinander, rauschten im Ohr, warfen den Ärmsten auf einen Stuhl in einer verschwiegenen Ecke, als er von dem bittersten Gang seines Lebens heimkehrte und Moritz neben ihm stand, ihm Trost zu spenden und die bösen Eingebungen von ihm zu nehmen. Aber das fruchtete wenig. Die Funken, die Sternschnuppen, die flirrenden Sonnen wichen nicht von ihm. Er wurde ihrer nicht Herr, konnte sie nicht abtun, sie nicht aus seinen verstörten Sinnen verweisen. Sie kreisten um ihn, machten ihm das Zimmer, das Haus, die ganze Umwelt zu einer brausenden Schleuse. Jetzt erst fühlte er die Schwere seines verfehlten Daseins, die Last seiner Unehre, die völlige Blöße seines Schicksals. »Du ...!« Er sah Moritz mit toten Blicken an. »Weißt du schon alles?« »Was soll ich denn wissen?« »Hier dieses!« Er griff in seine Rocktasche, entnahm ihr Hendrintjes Schreiben, glättete es und reichte es hin. »Da lies! Denn ohne dieses verstehst du nicht, wie einer dazu kommt, mit dem Kopf gegen die Wände zu klopfen. Verdammich!« Der Riese sah auf. »Was soll das? Du bist wohl nicht richtig?! und hast mir doch in die Finger geschworen ...« »Ja so!« lallte der Heimgesuchte. »Ich weiß, ich weiß. Du hast mir Ruhe gepredigt,« und stieren Auges sah er, wie Moritz den ihm übergebenen Brief auseinanderfaltete und Zeile um Zeile verfolgte. Es war ein langes und banges Zergliedern jedes einzelnen Satzes; denn Moritz las schwer, aber bedachtsam. Endlich war er damit fertig geworden. Er ließ den Schriftsatz herunter. »Ein Vermächtnis der Toten,« sagte er traurig. Aloys zitterte. »Moritz, sie ist mein Weib gewesen,« mahlte er zwischen den Zähnen, »und wenn Mutter auch sagte ... wenn sie auch dartat und die Hand gegen sie hob ...« »So hat sie richtig dargetan und die Hand nicht zu Unrecht gehoben, denn Hendrintje ... Blexem! nur wolle bedenken ... Lasse mich ausreden, Aloys. Auf stunds darf ich dir bloß sachlich begegnen. Drum wisse ...« »Nein, Moritz! erst müssen wir sagen: Es fällt über mich wie'n Bahrtuch. Draus hör' ich sie rufen: Aloys, hilf mir! Ich bin durch Schuld und Sünde gegangen. Ich bin wie 'ne Hündin gewesen; aber dann wieder: Du – erbarme dich meiner!« Sein Partner machte einen Strich durch die Luft. »Gut! Drauf wollte ich kommen,« und er holte aus, als hätte er eine kaum zu bewältigende Last aus der Tiefe seiner Seele zu heben. »Aloys, kapierst du, was es heißt, ein Schiff in schwerer Seenot zu wissen? Ich habe nicht die Ehre gehabt, die Nase gegen Seewind zu halten ... niemals ... aber auf'm Rhein, da kenn' ich mich aus ... und Rheinnot und Seenot bleibt so ziemlich das nämliche. Dereinstmals! im Bingerloch war's ... vor Jahren ... so bei Hochwasserzeiten. Ein Holländer kam ... lief auf ... knackte wie'n Streichholz zusammen. Zwei Mann über Bord ... die Ladung geliefert... und der Kaptän selber: vier handfeste Kerle mußten ihn halten, sonst wäre auch er ins häßliche Wasser gestolpert. Das ist Seenot, mein Junge... veritables Elend ... und, wie du richtig bemerkst, um mit dem verdösten Kopf durch die Wand zu brechen.« Aloys starrte ihn an. »Was willst du damit?« »Dich zusammenschüttern – das will ich. Dich vor Anker legen in blödem Stauwasser – das habe ich vor. Dir 'ne Laterne am Fockmast aufhissen, daß du dich selber zurechtfindest – das will ich dir aus Freundschaft besorgen. Warte bloß ab. Denn das mit dem Holländer im Bingerloch, das ist genau deine Affäre. Aloys,« und seine Stimme schrumpfte ein, »euer Schiff lief sich kaputt ... und ist koppheister gegangen und aufgestoßen auf den Hundsfott da drüben. Der Mensch hat die Havarie besorgt ... aber gründlich.« »Mein Gott und mein Himmel!« »Lasse das man. Ich bin noch nicht fertig. Hendrintje ist um dessentwegen über die Planken geworfen. Du aber nicht, wenn du dich auch noch in 'nem schweren Wetter befindest. Und da sollte ich annehmen ...« Aloys erhob sich. »Moritz, ich kann ihretwegen keine Besinnung finden, denn immerzu ruft sie: Hilf mir! Ich bin durch 'ne schmutzige Sünde gegangen. Ich bin wie 'ne Hündin gewesen ...« »War sie. Aber die meiste Schuld ... Höre mich an, denn mein Wort ist wie'n Kommando auf Deck: Ihretwegen hast du das deine geleistet ... hast bei ihr in der Kammer vorgesprochen ... hast ihr 'ne ehrliche Bestattung zukommen lassen ... hast ihr gesagt: Erbärmlich, wenn auch nicht völlig erbärmlich! denn wer noch so'n liebes Schriftstück hinlegen konnte ... Aloys, das geht an die Nieren, und da sollte ich annehmen: laß sie jetzt ruhen. Mache 'nen dicken Strich durch die Sache ... und wenn der dort oben ein Einsehen hat, dann kannst du auch so ganz sachte und langsam ins tote Vergessen hineinnavigieren.« Aloys wurde gefaßter. Ein frommer Mut beseligte ihn. »Ja, du wirst es schon machen. Aber ich habe immer geglaubt, hier mein Haus wäre 'ne heilige Stätte und draußen mein Garten wäre heiliger Boden ... und da kommt so ein Mensch und streckt seine schmutzige Hand drüber hin, und behaftet die Lebewesen mit Meltau, und ringelt die Bäume an, daß sie absterben müssen, und verwüstet das alles ... und verwüstet das alles ...« Der gesunde Arm steilte sich hoch. »So'n Viechskerl!« »Genug!« donnerte Moritz. »Jetzt gilt's nur: rette dich selber ... vor Voreiligkeit ... vor dummen Alfanzereien. Es bleibt dabei: Hendrintje soll ruhen ... aber das da, die Begleichung der Infamie – die kommt auch an die Reihe.« Er schwieg und schien mit sich selber zu ringen. Dann brach's aus ihm plötzlich heraus, unvermittelt, mit der Gewalt eines geworfenen Steines. »Du – hast du den Kreisanzeiger gelesen?« »Welchen Kreisanzeiger?« »Nu, die heutige Nummer.« »Lesen? – und das in meiner jetzigen Verfassung? Nein, Moritz, wir haben gar nichts gelesen.« »Brauchst du auch nicht. Das hätte ich auch als Dummheit angesprochen ... als 'ne komplette Dummheit ... 'ne Dummheit mit Stunk an den Füßen, denn sie wäre kumpabel gewesen, dich noch mehr aus dem Senkel zu werfen. Aber ich ... ich habe gelesen ... 'ne wahre Erleuchtung. Hier steckt das Blatt ... hier unter der Weste. Das wird mal mobil ... mobil bis zu den Stiefelschäften herunter. Ja, du – schon lange war ich von besonderen Mutmaßungen angefallen. Ich erinnere nur an das letzte Begegnen mit dem krölligen Schurzfell ... damals, als du nach Wesel machtest. Und diese Mutmaßungen – sie klebten mir an wie Blutegel. Ich konnte die Biester nicht loswerden. Jetzt bin ich sie los, denn aufgetretene Umstände haben ihnen 'ne gehörige Portion Salz auf die Köppe besorgt, daß sie abfielen wie überständige Fliegen.« »Und was beweist du damit?« »Das ist meine Affäre ... lediglich meine Affäre. Denke du bloß an den heutigen Tag ... an Hendrintjes Begräbnis. Halte ihn fest, denn an dem heutigen Tage: ich habe gelesen ... und das stößt ihm das Genick ab ... aber völlig. Für ihn gibt's keine Ostern mehr ... keine Auferstehungsfreude ... kein Leben.« Er legte ihm die Hand auf die Binde. »Laß das erst ausgeheilt sein, dann sprechen wir weiter darüber. Und dann noch: hier diesen Brief nehme ich mit ... kann ihn gebrauchen. All right! Das wäre kalfatert. Kein Wort mehr, denn jetzt können wir uns 'ne Tasse Kaffee vergönnen. Komm mit,« und Aloys folgte ihm wie ein geduldiges Kind. Die Funken, die Sternschnuppen, die flirrenden Sonnen ließen von ihm ab. Er fühlte sich freier. Es war ihm, als wenn ein warmes, versöhnendes Licht ihn umbüschelte. Sie trafen Hannecke im Wohnzimmer. Sie hatte bereits das Nötige gerichtet. Mit Hilfe der Lichjuffer waren die traurigen Überreste der Beerdigung aus dem Wege geräumt. Die Fenster standen geöffnet. Eine wohlige Luft strömte herein. Der aufdringliche Geruch nach Krepp und Kalmus war ins Freie gezogen. Die Stühle befanden sich wieder an der richtigen Stelle. Keine tote Blume verunzierte mehr die Dielen. Der Spiegel sah wieder freundlich ins Zimmer, die Uhr tackte und tickte wie an sonstigen Tagen, und der gewaltige Kopf des heiligen Markus auf dem Zifferblatt verdrehte bei jedem Gang des Perpendikels die Augen, seine Lippen schienen die Worte zu reden: »Sehet zu, wachet und betet; denn ihr wisset nicht, wenn es Zeit ist.« Hanneckes sorgsames Walten legte sich mild auf die Herzen. Ein Versöhnen wisperte darüber hin, mit dem Säuseln eines linden Sommerabends. Immer geschäftig, schenkte sie den duftigen Kaffee ein, reichte sie Sahne und Zucker, ohne auch nur im geringsten die aufgenommene Unterhaltung durch ein Klimpern mit Tassen und Unterschälchen zu stören. Sie mutete an wie aus einer Glasservante genommen, so leicht ging ihr alles vonstatten, so achtsam und freundlich verstand sie es, der ernsten Stunde Rechnung zu tragen. So machte sie jedes Geschehen und die verflossenen Tage weniger schmerzlich und hoffnungslos. Sie sammelte alle vergossenen Tränen und stellte sie in einem Krüglein beiseite. Sie erinnerte an eine der edlen Frauen, die sich in der Gesellschaft Jesu befanden, an Maria von Magdala, an Salome und Maria Jakobi, so da Essenzen und Spezereien zutrugen, um die Wunden des Herrn zu salben. Nur hin und wieder fiel ein Wermutströpflein dazwischen, ein herbes und qualvolles. Und bei einem solchen Wermutströpflein ... Aloys sah sie an. »Hannecke, es ist mir so, als wenn ich mich auf einer Stätte befände, die man lieb haben könnte. Die Kränze sind fort, das Licht scheint wieder ins Zimmer, die Schildereien begrüßen mich, wie sie es immer taten. Nur eine sehe ich nicht und höre sie nicht. Ich höre sie weder nebenan, noch über uns. Und so denke ich mir: sie hat wahr gemacht, was sie mir androhte.« Seine Stirn furchte sich. »Mutter ist wohl von uns gegangen?« Hanneckes Lippen wurden schmal. Mit wehem Nicken sah sie in ihr Schälchen, legte das Kaffeelöffelchen auf die andere Seite. Dann verschränkte sie die Hände, löste sie wieder und streichelte über ihr Kleid hin. »Ja, Aloys, sie ist von uns gegangen.« »Mein Gott, mein Gott!« »Mensch, ich habe dir doch soeben verkündet: Wenn du dich auch noch in schwerer Seenot befindest – ein Auflaufen gibt's nicht. Du bist der Bestmann deines eigenen Schiffes. Immer den Sturmriemen untergezogen. Sonst geht die Besinnung flöten. Denke an den Holländer im Bingerloch und seinen Kaptän.« »Moritz, das will ich ja auch. Nur möchte ich wissen ...« »Ich verstehe,« sagte die Ärmste. »Als Hendrintje fortmußte, hat Mutter Order gegeben, Kleider, Wäsche und alles, was sie sonst noch benötigte, zu ordnen und in die große Reisetasche zu packen.« »Und dann?« »Was soll ich noch sagen? Sie ließ sich nicht halten und ging zu den barmherzigen Schwestern. Gleich darauf schickte sie jemand vom Kloster, um ihre Sachen zu holen.« »Und sie kommt nicht retour?« »Nein, Aloys; ich glaube, sie hat sich dort eingerichtet für die Zeit ihres Lebens. Dort wolle sie sterben und ihren Erlöser erwarten. So sagte sie wenigstens.« Moritz schlug auf den Tisch. »Das ist die Staatse!« und dann zu Aloys gewendet: »Auch gut! Darüber brauchst du dir keine grauen Haare wachsen zu lassen.« »Hannecke, hat sie für mich nichts hinterlassen? Kein Wörtchen?« Sie schüttelte den Kopf. Von ihren Wimpern tropfte es. »Nein, sie hat nichts hinterlassen.« »Nu aber genug!« Der Riese polterte auf. »Was sie getan hat, das brauchst du nicht auf dein Konto zu buchen. Das ist Ansichtssache. Aber die ihre steht nicht so ganz auf dem zuständigen Boden. Diese Frau überhaupt! Sie hat hartes Sperrholz zwischen den Rippen.« »Moritz, sie ist meine Mutter.« »Ist sie. Soll sie auch bleiben. Daran tipp' ich auch nicht, 'ne Mutter ist wie 'ne Hostie. Ihre Füße gehen nicht müßig ... ihre Hände kennen kein Ruhen ... pflegen den Weinstock am Hause. Sie ist wie'n Schiff, das 'nen betriebsamen Kurs hat. Aber sie kann auch'n Leck beziehen, wie'n Boot, wenn die konträrigen Umstände 'ne verkehrte Peilung aufbringen. Und was deine Mutter ist – sie hat in dieser Beziehung nicht umsichtig gepeilt, nicht auf die Flaggenzeichen geachtet. Dich kann sie dafür nicht verantwortlich machen. Ich weiß: du hast sie immer eingeschätzt, wie's 'nem braven Menschen ansteht ... ihr die Hand unter die Füße gelegt ... sie in den Abend geführt ... in 'nen laulichen Abend, mit Amselsingen und 'nem feinen Himmel darüber. Und wenn sie dir jetzt widerhaarig kommt, so fahre das getrost auf den Kirchhof, denn auf dem Kirchhof ist Auferstehung, blühen öfters die schönsten Nelken und Nachtviolen.« »Ich danke dir, Moritz.« »Hat keine Eile. Aber was ansteht, das muß sich 'ne Extrapost bestellen. Wir müssen deine Zukunft in Überlegung nehmen. Ohne selbige kann sich unsereins nicht mehr an Gottes Atem erfreuen. Also erstens: Du fängst wieder aufs frische an ... versiehst dein Ladengeschäft ... verfertigst deine Bücher nach altem Turnus ... Halbfranz und Leinen ... lieferst dem Herrn Notarius Aktendeckel und was er sonst in Gebrauch nimmt. Deine Firma muß in floribus bleiben ... und wenn du manchmal in purem Eis stehst ... in Treibeis und Randeis ... das tut nichts. Auch dieses wird von der Sonne angeknabbert ... geht ab ... schwimmt auf Nimmerwiedersehen dem grauen Meer zu.« Er räusperte sich, um dann weiter zu sprechen. »Zweitens: Dein Hausstand wird aufrecht erhalten ... nach altem Brauch und guter Gewohnheit. 'ne wahre Liebhaberei muß er vorstellen, blank wie 'ne Kombüse auf 'nem Ostindienfahrer. Drittens: 'ne Stütze ist nötig ... 'ne brave und däftige. Keine mit 'nem noblen Latz an der Schürze, sondern eine mit Klumpen und Lammwollsocken. Hannecke, so denke ich, wird sie besorgen ... und wo's mal fehlt, da wird sie 'n Auge draufhalten und nach dem Herdfeuer sehen. Mamsell, da stehen wir doch in der nämlichen Ansicht?« »Moritz, wie gerne!« »Das dachte ich mir. So!« und der Riese stülpte seine Tasse auf die Unterschale, »jetzt nehme ich noch 'ne kleine Portion Schlaf in die Augen, um, wenn du gestattest, nach's einfache Mittagessen wieder nach Grieth zu machen. ›Miekske‹ wartet auf mich. Sie hat lange in Behandlung gelegen: Teerung und neues Segelwerk. Auch die Wanten waren splissig geworden. Jetzt, in ihrer Aufmunterierung, muß sie aufs neue 'ran an die Arbeit, sonst kommt sie noch auf den dummen Gedanken, sich dämlicherweise in Pensionierung zu geben und sich auf den Altenteil zu setzen. Das sollte ihr passen. Aber ich denke nicht dran. Aloys, auch du nicht. Also bis gleich denn.« Über das kleine und bescheidene Häuschen am Großen Markt senkten sich endlich die weißen Fittiche der heißersehnten Beruhigung und die des Friedens. Die Schwalben freuten sich des Sommertages. Sie drillten hoch, zerschnitten in reißendem Flug die atlasfarbigen Lüfte, um gleich darauf mit gebreiteten Schwingen wieder in die Tiefe zu gleiten. Das Mittagläuten verhallte; die letzten Klänge verwehten, zogen flügellahm über die Dächer, über die Landwehr, betteten sich auf die niedergelegten Roggen- und Weizenparzellen, auf die Blumen des Feldes. Auf Sankt Nikolai setzte das Glockenspiel ein. Es sang die alte Weise: »Heb' das Auge, das Gemüte, Sünder, zu dem Berge hin ...« Auch dieses zerfaserte. Wir warteten auf sein Ausklingen wie auf eine Offenbarung: Henn Pierentrecker und ich, denn wir saßen auf der Steinbank unter der großen Linde und harrten unseres gemeinsamen Freundes. »Und meinst du auch wirklich ...?« »Ja,« bestätigte Henn, »Klock zwei geht er fort. Er muß wieder nach Grieth hin.« Über uns holte die Uhr auf dem Rathausturm zu einem langen Raspeln und Schnaufen aus. Dann rief sie die Zeit an. Die zweite Mittagsstunde. Moritz erschien. Er trat allein aus dem uns lieb gewordenen Anwesen. Wir riefen ihn an. »Jungs, da seid ihr ja wieder!« »Wir möchten gern mit.« »Bonus, aber bloß bis zur Bunten Schleuse. Nicht weiter. Aber wo sind denn die anderen?« »Hartjes ist vom Begräbnis her noch so'n bißchen benaut,« berichtete mein Freund, »und Jan Höfkens ist hinter seinen Kröppern her, weil drei ihm ausritschten, und zwar seine besten.« »Schön!« sagte Moritz, »und 'ne gute Verrichtung. Aber wir ... Kinder, es bleibt doch 'ne wahre Liebhaberei, so mit euch durch die Sommerwiesen und über den Deich zu klätern. Über uns das liebe Gotteslicht und Gottes Barmherzigkeiten! Das geht einem wie Honig und Sirup herunter. Aber Donnerknispel noch mal ...!« Sein hartes Gesicht verfinsterte sich. »Das wäre mir ja bald ins Kielwasser gespült. Ich meine: hat einer von euch 'n Stück Kreide im Sack?« Natürlich! Das wäre noch schöner, wenn wir das Angeforderte nicht mit uns führten. Stockfarbe, Kreide, Bindfäden und verrostete Nägel waren immer vorhanden. »Hier, Moritz!« »Merci.« Wir gingen die Kesselstraße hinauf, die nunmehr todstumme Straße. Sonst schnob schon der Blasebalg von ferne herüber, pinkte es, zischelte es, jammerte der Amboß unter den Hieben von Zuschlag- und Bankhammer. Jetzt schwieg jegliches an allen Ecken und Kanten, schurfelte es mit den weichen Schuhen eines Leichenansagers über die mit Moos durchsprenkelten Pflastersteine. Moritz griemelte ernst vor sich. »Die Ratzen haben Leine gezogen.« Unter seinen derben Transtiefeln hallten die niedrigen Häuserzeilen wider. Er brachte Musik in die Sache, Marschmusik, preußische Musik. Den Düppeler Sturmmarsch von Piefke und sonstige Stücke. Die Bürgerschaft hielt noch Mittagsruhe, drusselte in irgendeinem Lehnstuhl oder in einer Sofaecke herum. Das störte ihn nicht. Mochte sie aufgeweckt werden. Warum auch nicht? Er, für seine Person, hatte noch vieles in Grund und Boden zu stampfen, noch mancherlei durch seinen Schädel musizieren zu lassen. »Eine ist tot,« knirschte er zwischen den Zähnen, »'ne andere ärgert sich von dieser Erde fort, ein dritter zernagt sich, aber der vierte hat noch frische Luft in der Lungenpfeife. Die wird kürzer gemacht. Was zu opulent ist, muß abgedreht werden. Räudigen Hunden gibt man 'nen Fußtritt.« Plötzlich hielt er an. »Achtung!« Wir befanden uns vor der Giltjesschen Schmiede. Ein Gesell stand vor der geöffneten Torfahrt, die Arme untergeschlagen, eine irdene Stummelpfeife zwischen den Zähnen. Hinter ihm strudelte kein Feuer, war keine Glut in der Asche, gähnte uns ein verrußter, arbeitsloser Raum entgegen, mausetot, abgeledert in seiner innersten und äußersten Aufmachung. »Na, Andries, wie geht's denn?« »Ich danke der Nachfrage – hundsmiserabel.« »Warum das?« »Es muffelt brandig dahier. Mein Kamerad ist schon fort. Er hat's übergekriegt. Hier gibt's nichts mehr zu brocken und nichts mehr zu beißen. Nächsten Sonntag mach' ich mich auch auf die Lappen.« »Recht so! Da soll einer auch schaffen, wo's stinkt wie in 'ner Abdeckerei oder noch schlimmer.« »Sage ich auch.« »Na – und er, der Meister von's Ganze?« »Längst über Strunk und Strünke, Mynheer!« »Aber wohin?« »Kann es nicht sagen. Ab nach Kassel. Möglicherweise nach Holland. Da steht er noch in 'ner gewissen Verwandtschaft.« »Seit wann denn?« Andries langte den Pfeifenstummel herunter. »Seit er gehört hat: Hendrintje Teerling ist mit Tod abgegangen.« »Glaub's schon. Und wann er zurückkommt, darüber hat er gar nichts verlautbart?« »In 'nem Monat vielleicht. Können auch zwei werden. Indessen, wer weiß was Genaues!« Moritz lachte. »Also fahnenflüchtig! Prächtig! Ausgeritscht wie Jan Höfkens seine Kröpper. Nobel von ihm. Bei den Dänen hat er's auch so gemacht, oder besser gesagt: die Aushebekommischion hat ihm 'nen Freipaß zugestellt, um so'n Kröpper zu werden. Brav so! Solche Vaterlandsbrüder mit Bullenknochen kann der König gebrauchen. Immer man druff, auf andermanns Tisch gekloppt, andermanns Ehre verunziert, mit dem Kopp in die Federposen hinein, während die anderen eiserne Bohnen überschluckten und die Stirne in den Sand bohrten.« Er verdrückte einen Fluch hinter die Binde. »Saukerle bleiben Saukerle.« »Hab's auch schon gedacht.« »Andries, und niemand ist binnen?« »Bloß noch die Alte. Aber wie lange noch? Soll ich mal anfragen?« »Pressiert nicht. Überhaupt nicht nötig. Was soll ich mit ihr? Natürlich, sie kann einem leid tun, so 'nen Hinterhältigen in die Welt gesetzt zu haben. Indessen – 'ne Visitenkarte muß ich schon hier lassen.« Er grabbelte in seiner Hosentasche herum. »Kann ich's besorgen, Mynherr?« Moritz schlug ihm fidel auf die Schulter. »Nee, Andries, das geht nicht. Exküsiert, ich muß sie erst schreiben. Die Visitenkarte nämlich – weiß auf grün. Das macht sich nobel und sieht nach was aus. Ich bin mein eigener Besteller und Postmensch.« »Dann man zu.« Andries schob seinen Tonstummel wieder an Ort, während der Riese an die grünangestrichene Haustür trat und das Stück Kreide, das wir ihm zugesteckt hatten, herausbrachte. Andries und wir sahen zu. »Achtung! Ich biege nicht aus. Schlenkre nicht mit Fisimatenten herum. Hier heißt es, Farbe bekennen,« und er streckte den Arm aus – und an diesem mächtigen Schifferarm saß eine borkenrissige Faust, eine richtige Steuermannspratze – aus ihr wuchsen fünf klobige Finger. Sie umgriffen was Weißes. Die Pratze setzte an. Bedachte sich nicht lange. 'ne atembeklemmende Pause. Dann schrieb er mit Andacht, langsam, weiß auf grün, krakelfüßig, mit den steilen Buchstaben eines großen, aber eigenwilligen Kindes: »Ich komme wieder – du Lump! Moritz.«   Henn Pierentrecker strahlte. » Sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme .« »Da steht's,« sagte Moritz. »Aber feste.« »Adjüs denn.« »Höhö!« lachte Andries. Die Köpfe summelten uns. Warum, das wußten wir nicht, aber wir hatten in diesem Augenblick einen Respekt vor dem Riesen und seiner imposanten Niederlegung wie niemals zuvor. »Ich komme wieder – du Lump!« Wenn das nicht durch die kleine Stadt wie ein Erdbeben schütterte, dann schütterte nichts mehr im Leben. Moritz kam uns vor wie eine immense Kraft, wie ein Vulkan, der ausholte, um Feuer und Lavabrocken aus seinem Krater zu flammen. »Fertig!« Auf dem Paternosterdeich sah er auf die Stadt zurück. Er war durchblutet von Haß und Weltverachtung. »Es ist noch keiner im Bett gestorben, der an den Galgen mußte,« stammelte er, »aber weiß der Geier, auch keiner honorig geblieben, der seinem Mitmenschen das Honnör zertöpperte.« Er atmete auf, schwer und nachhaltig, als wäre die Luft, die mit dem Ruch der letzten Wiesenblumen geschwängerte, ein Arkan für Freiheit und Wiedergenesung. Wir verstanden ihn. Stumm und in uns gekehrt gingen wir über die Deichkrone hin, um uns Weiden und stumpfsinnige Kühe, über uns die hellen Wirbel einer Feldlerche, neben uns Moritz, der Riese. An der Bunten Schleuse nochmals ein Stauen. »Jungs, haltet Tuch- und Ärmelfühlung, besonders mit Aloys. Laßt ihn nicht sitzen in seinen schweren Gedanken ... niemals ... unter keiner Bedingung. Blexem! sonst hol' euch der Satan. Gebt mir die Hand drauf.« Wir taten's. »Der Mann hat zu tragen wie keiner von uns. Dem muß aufgepfiffen werden. Pfeift ihm eins auf wie'n Kanarienvogel oder wie die Himmelslerche da oben. Komm ich retour, pfeif' ich mit – aber dann feste ...« und seine Stimme wurde ernst und bedachtsam. Er sah uns einzeln an und sagte: »Und ihr – werdet Kerle. Laßt euch nicht durch falsche Propheten aus eurer Gesinnung schmeißen, nicht durch ekelhafte Frömmler beirren. Werdet Gottesstreiter, Gottessucher und Gottesfinder, aber auch Streiter für König und Vaterland ... und daß ihr es könnt – ich werde euch 'ne kurze Geschichte erzählen. Stand da nach 'ner heißen Kampagne ein Kornett vor Friedrich dem Einzigen. Wie heißt Er? – Bonin, Majestät. – Er hat brav gekämpft und seinem König die Ehre gegeben. Hat Er noch Brüder? – Ich hatte welche. – Und Er? – Majestät, ich bin der Letzte von Sieben. Drei fielen bei Mollwitz, zwei bei Hohenfriedberg, und als bei Soor die Reiterfanfare ertönte ... Er schwieg. Aber der König half ihm und sagte: Da ging auch der sechste zu Gott. – So ist es, Majestät. – Und zu Hause? – Mutter weinte sich die Augen rot, der Vater jedoch: er biß die Lippen zusammen und schickte mich zu den Ziethenhusaren, indem er mir kundtat: Ware ein Achter noch da – ich gäbe auch den. So der Kornett von Bonin. Der König aber sagte still vor sich hin: Grüß' Er mir Vater und Mutter ... und wischte sich eine Träne herunter.« Und Moritz griff in die Luft: »Zupacken, zupacken! Denkt an den Vater Bonin und seine Söhne. Nasen steif und Ohren steif. Dann geht auch das Grauen von den Nieren herunter. Auf Wiedersehen, Jungs!« Da ging er hin – der gewaltige Unrast. Das Herz wurde uns schwer. Über uns wirbelte die Himmelslerche weiter und weiter.   Achtzehntes Kapitel Marienfäden im Herbstwind, reifende Äpfel im Herbstlaub, blanke Sterne in ruhigen Herbstnächten – ha, wie das wohltat, wie das über die Seele schmeichelte, mit dem Schmeicheln von lieben Frauenhänden in den Stunden des Genießens und der Beschaulichkeiten! und wenn sich ums Abendwerden die Nebel aus den Altwassern des Rheines drehten, sich als lichtzarte Schleier um die alten Weiden häkelten, dann war es so, als ständen weißgekleidete brabantische Edelfrauen aus der Zeit der schönen Maria von Burgund in der schweigsamen Niederung, um den Flimmerglanz des Mondes aufzufangen und damit ihre hellen Gewänder, den köstlichen Schmelz ihres Fleisches und die steilen Hauben zu schmücken. Reifende Äpfel und brabantische Edelfrauen! Wir freuten uns ihrer, wenn auch nur an wenigen Tagen, nur dann, wenn die Schulgesetze es zuließen; denn wir hatten den Ferien Valet gesagt und lauschten wieder dem heimlichen Zischeln der mageren Emma, den weisen Lehren und Ermahnungen des biederen Magisters, denen es oblag, uns für die schwierigen Angelegenheiten des Ablativus absolutus und des Accusativus cum infinitivo ganz allmählich vorzubereiten ... und wie schon eingangs bemerkt: wir freuten uns dessen. Um diese Zeit geschah es ... Eines Tages stand im ›Klever Volksfreund‹, in dem Berater für Stadt und Land, für Politik und seelsorgerische Angelegenheiten, dieses angezeigt: »Einem verehrlichen Publiko tu' ich Nachstehendes kund und zu wissen. Ich befinde mich auf weiteres in Holland, um den neumodischen Schwingpflug dahier studieren zu können. Bloß aus Opferfreude heraus hab' ich zu Hause meine Schmiedewerkstatt auf den Stillstand versetzt, damit ich mich auf den holländischen Status begebe, um für unsere rückständige Ökonomie den bezeichneten außerordentlichen Pflug in Schwungkraft zu bringen. Wenn ich retour mache, soll es mein äußerster Akki sein, dem landwirtschaftlichen Publiko nur primissima Ware unter die Augen zu führen. Dieserhalb halte ich mich im ›Roten Hüsken‹ bei Nymwegen gehorsamst empfohlen. Arnold Giltjes, genannt Nöllecke Giltjes.« Da stand es schwarz auf weiß, im allwissenden ›Klever Volksfreund‹, mit aufdringlichen Lettern und dem breiten Gehabe eines wohlwollenden und braven Spendierers, und dieser Spendierer nannte sich Nöllecke Giltjes. Allein die tapfere Bürgerschaft machte nicht viel Wesens davon, las es wohl, kannegießerte darüber, um dann die Angelegenheit ad acta zu legen, zur Tagesordnung überzugehen und schließlich zu vergessen ... wie sie so vieles vergaß, was sich in den letzten Wochen und Monaten in ihrem Bannkreis abgespielt hatte. Sie vergaß das Trauerspiel im Hause des papierenen Aloys, seine ruhmreiche Rückkehr aus dem Felde, das plötzliche Ableben Hendrintjes, die Übersiedelung der Staatsen ins Klösterchen der barmherzigen Schwestern und so vieles, was noch immer mit verweinten Augen und schmalen Lippen einherging und den Schlaf nicht finden konnte. Sie vergaß sogar die kurze, aber geharnischte Türepistel, die Mutter Giltjes anderen Tages mit tiefen Seufzern und einem quatschnassen Scheuertuch fortgewischt hatte. Inzwischen reiften Äpfel und Birnen immer mehr ihrer Bestimmung entgegen, bekamen geflammte Streifen und rote Bäckchen und brachten uns schließlich die Einladung des Papierenen ein, den reichlichen Obstsegen in seinem Garten vor dem Kesseltor mit einzuheimsen. Frohen Herzens sagten wir zu, hatten vorher aber noch den Katechismusunterricht vor dem Herrn Kaplan zu überstehen, denn heute war Sonnabend, und die letzte Stunde des Vormittags war seiner Fürsorge überantwortet. Herr Klemens van Bebber war über jedes Erwarten gütig und zuvorkommend. Sein sonst so strenges Gesicht spiegelte den weichen Glanz des Herbstes wider, seine Hände lagen gefaltet auf dem Katheder, ohne die Ambition zu hegen, die magere Emma aus ihrer dunkelen Lade zu heben. Er erzählte ein langes und breites über seine reichen Erfahrungen in Beziehungen auf das Leben der Heiligen, erging sich in überaus lehrreicher und anschaulicher Weise über christliche Helden und Heldenverehrung und stellte uns als leuchtendes Beispiel den heiligen Polykarpus, den Schüler des Lieblingsjüngers des Herrn, vor, der sein Märtyrertum auf dem Scheiterhaufen mit den Worten besiegelte: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.« – »So, meine Kinder,« fuhr das rote Kaplänchen eindringlich fort, »nun möchte ich wissen, wer von euch imstande ist, mir aus neueren Tagen einen christlichen Helden anzugeben, der, ohne Blutzeuge zu sein, dennoch den Ehrentitel eines wahrhaften Helden beanspruchen könnte.« Er schwieg, seine Blicke revierten über uns hin mit den sanften Schwingen von Turteltauben. Wir zerbrachen uns die Köpfe, zerkauten die Federhalter, brüteten in unsere Katechismen hinein, als sollten wir den Stein der Weisen heben oder die Quadratur des Zirkels ergründen. Endlich hob sich ein Finger. »Nun, Peter Hartjes?« Der Kaplan winkte ihm aufmunternd zu. »Nur keine Bange.« »Herr Polizeidiener Brill,« sagte unser gemeinsamer Freund und Bundesgenosse und sah sich dabei um, als wäre etwas Einzigartiges bei ihm jung geworden. »Soso, Herr Brill!« meinte unser geistlicher Führer. »Gar nicht so ohne. Herr Brill hat seine Verdienste, ist dafür gesetzt, Ordnung und Frieden zu halten und den Bürgern ein beschauliches Dasein zu gewährleisten. Er repräsentiert das wachsame Auge hiesiger Stadt- und Kirchengemeinde. Und dieses ist viel, sehr viel; allein ich möchte ihn nur für einen Beamten in gehobener Stellung, für einen Helden dritten und vierten Grades ansprechen, ohne dabei seine Meriten auch nur im geringsten zu schmälern.« Die beiden Turteltäubchen schaukelten weiter. »Ein anderer!« Ich meldete mich. »Nun – du?« »Der alte Fritz.« Ein mitleidiges Lächeln ließ mich verstummen. Henn Pierentrecker sprang in die Bresche. »Nun, mein Lieber, du wirst es schon angeben können. Wen denkst du dir, Spettmann?« Henn zog ein Gesicht, als hätte er bereits das große Los in der Tasche. »Herr Kaplan, ich denke mir: Bismarck.« Eine schnarrende Stimme: »Setz' dich!« Also wiederum nichts, und aufs neue wuchtelten die Turteltäubchen durch den atemlosen Schulraum. Da erhob sich der Sommersprossige. »Ich täte es wissen.« »Nun, Höfkens?« »Papa Wrangel,« versetzte Jan mit blankgeputzten Augen. »Du Sauerampfer!« schmunzelte das rote Kaplänchen. »Aber wir hätten das vom langen Moritz bezogen.« »Der lange Moritz kann sich einsalzen lassen,« kam es gallig zurück. »Der lebt nur vom Unfrieden und brachte es fertig, ein stilles, sittsames und in sich gekehrtes Haus durch Kreide zu verunglimpfen – ja, zu beschmutzen, während der Inhaber des Anwesens in Holland weilt, um seinen Mitbürgern die Wohltat und die neue Errungenschaft eines verbesserten Schwingpfluges zu übermitteln.« »Aber wir täten es wissen ...« »Schweige, Johannes. Eure sogenannten Helden sind keine Helden im Sinne der christlichen Überlieferung. Stabstrompeter sind's, königlich preußische Stabstrompeter, Stabstrompeter, nur dazu da, die Eintracht niederzublasen, den verheerenden Krieg in die Höhe zu trompeten, dem König unverdiente Lorbeeren um die Ohren zu schmettern, kurz, nur ins Leben gerufen, das Unmögliche möglich und das Mögliche unmöglich zu machen. Nein, bleibt mir mit diesen königlich preußischen Stabstrompetern vom Leibe. Wir wollen in Geselligkeit leben, Pazifisten wollen wir sein. Stolz vor Fürstenthronen, den wollen wir haben ... und wenn unsere Nachbarn unduldsam sind, so wollen wir trotzdem Duldsamkeit üben. Fort mit den Schwertern, fort mit Bellona, selbst dann, wenn sich unsere Grenzvölker bis an die Zähne bewaffnen. Das ist wahres Christentum. Und wenn unsere Gegner uns drangsalieren, uns Ohrfeigen geben, daß man es knallen hört vom Rhein bis zur Persante, so müssen wir auch die andere Backe hinhalten, damit auch sie in die Lage versetzt wird, ihr Teil zu empfangen. So will es das Evangelium. Der ersehnte Silberstreifen wird schließlich doch an unserem Horizont aufblühen. Unsere heiligste Erbschaft ist und bleibt die Wiederherstellung des demokratischen Geistes. In ihr müssen wir wirken, in ihr müssen wir sterben. Gedenket nur der leutseligen, fiedelfreudigen Dänen! Unsere Musikanten haben ihnen Schrecken und Graus über die Eider getrommelt, sie niedergehobelt, und ich fürchte, ich fürchte, bald wird es den frommen Brüdern an der Donau ebenso ergehen. Bruderkrieg – ist das nicht entsetzlich?! Nein, meine Kinder, mit wahrhaften Helden haben diese Stabstrompeter keine Gemeinschaft, sind vielmehr Diener Belials und seines heidnischen Kultes,« und das fuchsige Kaplänchen wuscherte mit seinen Turteltäubchen über die Abteilung hin, der die Lang- und Kurzzöpfigen angehörten. »Nun, ihr Mädchen, wen meine ich wohl, wer von euch kann mir einen wirklichen Helden anführen, einen Helden nach dem Herzen der christlichen Kirche?!« Er schmunzelte. Erst ein Kichern, ein Tuscheln und Anstoßen, dann ein tiefsinniges Nachgrübeln auf den Bänken des findigen Geschlechtes. Dort hockten sie, die dickbäckigen, blond- und braunhaarigen Alräunchen, und spintisierten, was das Zeug halten wollte. Besonders eine kleine, fette und dralle Maid. Grüblerisch bohrte sie in ihrem Näschen herum, willens, dort die Erkenntnis aller Dinge zu suchen. Dann hob sie den Finger. »Ei, sieh da!« freute sich der Tonsurierte, »diese krallen und kregelen Äugelchen kenne ich doch! Ei, ich sollte das liebe Söphchen Verschüren nicht kennen?! Nun, meine Gute, beschäme die Knaben. Sie verdienen es über die Maßen.« Und Söphchen Verschüren spitzte das Mäulchen, wie es die tapfere Therese von Avila spitzte, als sie ihren Seelenbräutigam erwartete. Ein rotwangiges Hühnchen, krähte sie los: »Mein Onkel in Appeldorn!« Hochwürden beliebten zu stutzen. »Aber weshalb denn?« fragte er etwas befangen. Die Kleine ließ sich nicht irremachen. »Herr Kaplan,« sagte sie tapfer, »er war bloß ein einfacher Schneider und ist Marschangh Talljöhr geworden mit 'nem eigenen Laden.« »Bravo, bravissimo! das war eine ehrliche und brauchbare Antwort, mein Kind. Ja, dein Onkel in Appeldorn! obgleich ich eigentlich an einen Großen in Rom dachte. Aber das tut nichts. Dein Wort läßt sich hören, denn der Generalfeldzeugmeister Derfflinger ist auch ein biederer Schneidergeselle gewesen ... desgleichen der Flieger von Ulm ... desgleichen mein Vater ... und siehe da! nun auch Söphchen ihr Onkel. Brav so! und dessen zum Zeichen: Sophia Verschüren, tritt vor, du wirst deine Belohnung erhalten.« Aus der Hand ihres Gönners empfing sie ein zierliches Heiligenbildchen aus der Offizin von Benzinger- Einsiedeln, farbig hingeworfen wie das knallige Umschlagetuch einer böhmischen Amme ... aber was die Hauptsache war: mit dieser Ehrung beschloß auch Klemens van Bebber die Katechismusstunde, seine Belehrung über christliche Helden und christliche Heldenverehrung. Wir also ins Freie hinein. Jan Höfkens als erster. Unter den mageren Linden, die den Schulhof beschatteten, schlug er einen mannhaften Purzelbaum. »Und ich täte Papa Wrangel doch als 'nen Helden betrachten!« »Und ich den alten Fritz!« Wiederum ein Purzelbaum. »Und ich den Bismarck!« und Henn Pierentrecker purzelbaumte zehn- bis zwölfmal hintereinander, bis ihm der Atem ausging, er sich streckte und sagte: »Hondert Pond kann eck stämme.« So dokumentierten wir unsere Angehörigkeit zur preußischen Staatsverfassung, bekannten uns zu seinen führenden Männern, seinem angestammten Königshause und begegneten den gegnerischen Ansichten durch meisterlich hingelegte Purzelbäume. – Punkt 3 Uhr mittags standen wir vor dem sauber angestrichenen Pförtchen des Teerlingschen Gartens. Dort hatte sich inzwischen vieles geändert, wie sich überhaupt in der Gemütsverfassung des Papierenen vieles geändert hatte. Die Laube mit den Feuerbohnen war niedergelegt, die Stätte, worauf sie gestanden, dem Boden gleichgemacht und mit lichtem Grün übersponnen. »Gras soll drüber wachsen,« hatte Aloys gesagt, »starres Ruchgras und Wiesenschwingel, auf daß die böse Erinnerung abstirbt und alles das, was mir die Nächte beunruhigte und mir die Kehle abwürgte.« Dann war Moritz zu ihm getreten. »So und nicht anders. Ruchgras und Wiesenschwingel. Das hält, das setzt Stoppel bei Stoppel. Das überdauert die Jahre. Sorge du bloß dafür, daß nicht so'n Kamel dahertrampelt, um die feste Narbe wegzufressen, denn solche Kamele sind in ihrer Dämlichkeit schlimmer als die bissigsten Dorfköter. Also Ruchgras und Wiesenschwingel – die machen's!« und Ruchgras und Wiesenschwingel überwucherten den Ort, wo sonst die Laube gestanden, die Feuerbohnen sich rankten und den verhaltenen Schrei eines entweihten Weibes gänzlich erstickten. Ja, Aloys Teerling war ein anderer geworden, völlig ausgetauscht und verändert. Der Krieg hatte ihm das Gesichtchen aus der Schneeeifel genommen, dafür aber scharfe Runnen durch das Antlitz gerissen, hatte ihm das Troddelmützchen fortgefegt und ihm einen harten Sinn unter die Schädeldecke gestoßen. Auch den blessierten Arm konnte er schon leidlich gebrauchen. Und das sonstige Geschehen! – Es fügte sich zu einem Großen und Ganzen, zu einer eisernen Kette, die ihn absperrte gegen Weichherzigkeit und die Umtriebe der Menschen. Jetzt, zu Ende Oktober, wo die geflammten Äpfel der Ernte harrten, war er fertig mit sich, konnte er sagen: »Ich habe keinen Honig aus den mir beschiedenen Tagen gesogen, sondern nur die Hefe von Wermut. Ich nehme es hin als ein Vermächtnis zur Läuterung. Wie oft habe ich an einem stillen Altwasser gestanden und mir gesagt, wie kühl muß es in der Tiefe sein, wie wohlig muß sich ein Fisch da unten befinden, so in dem klaren Element seine Flossen regen zu können, aufzustrudeln im kristallenen Sonnenlicht, Seite an Seite mit seiner Gefährtin die kleinen Sächelchen der Liebe auszukosten. Aber dann kam einer daher, einer von den Stillen und Unbarmherzigen, und zerstörte das Glück unter dem tiefblauen Spiegel. Und dieses Gleichnis – es sah mir ins Auge, belehrte mich, machte mich wissend. Ich vermied die entsetzliche Angel, aber ich war nahe daran, aus meinem Element gehoben zu werden, dem traurigen Geschick des sorglosen Bewohners des Altwassers anheimzufallen. Und siehe, wenn mir die Mutter auch abwendig wurde, mein Weib mich verließ, sündig geworden in einer laulichen Sommernacht – die Hand Gottes starb nicht ab für mich, leitete mich auf den Weg, der mich werkeln hieß und zur Erkenntnis führte. Ach, Moritz, ach, Hannecke Brükers! Es ist wie bei Großwasserszeiten. Sie kommen und verwüsten sorglich bestellte Erde und jegliches, was blühen und Frucht ansetzen will. Aber sie gehen auch wieder, und über die genesene Scholle spielt aufs neue das Sonnenlicht, weht der Odem des Schöpfers, allbelebend, allerzeugend, allbefruchtend, und so Gott will, bringen mir Ruchgras und Wiesenschwingel das ersehnte Vergessen.« Wegen des Lebens Notdurft und Bequemlichkeit brauchte er sich nicht groß zu bekümmern. Dafür hatte Hannecke Brükers Sorge getragen, sich gleich nach dem Beerdigungsgang umgesehen und in Stina Mengels, der bewährten Stütze des verstorbenen Pfarrers in Üdemerbruch, eine Schaffnerin gefunden, befähigt, den zerstörten Haushalt wieder in die Reihe zu bringen. Auch war sie, nach des Riesen Rezept, nicht modisch gekleidet, sondern begnügte sich mit blanken Holzschuhen und derben Lammwollsocken. Zeitweilig griff Hannecke selber ein, unauffällig und selbstlos, um Licht und Schatten gleichmäßig zu verteilen. Unter dieser Betreuung gingen ihm die Tage leidlich dahin, frei von Anfechtungen und trüben Erwägungen. Nur in einsamen Stunden legte es sich dunstig um ihn her, kam es gerumpelt mit dem taumelsüchtigen Zwinkern eines aufsteigenden Wetters. Auch dieses zerstreute sich in einem feiertägigen Scheinen und Leuchten; denn gleichsam dem Marienleuchter entstiegen, ein Kränzlein von sieben Sternchen um die Schläfen gezirkt, den Mond im ersten Viertel unter den Füßen, nahm sich Hannecke seiner an, läuterte ihn von den Schlacken des Grübelns und denen einer schmerzlichen Befangenheit. So auch heute. In ihrer Nähe, umgeben von der nunmehrigen Reinheit des Gärtchens, den fruchtschweren Bäumen, dem heimeligen Schweben der Marienfäden, die wie Engelshaar die Lüfte durchglitzerten, fühlte er sich, als hätte ihm die gütige Vorsehung eine Gefährtin aus dem neuen Jerusalem gesellt und zugesprochen. Unter ihrer Beihilfe herbstete er ein, ordnete er den Segen des Jahres in bereitgestellte Wannen und Körbe. Wir, die vier aus den Lohhecken, waren ihnen treue Genossen und taten das Unserige, die Stunden des dahingehenden Tages zu Stunden der Erhebung und einer frohen Andacht auszumünzen ... und als die Früchte eingeheimst waren: die Ananasreinetten, die Goldparmänen, die dickköpfigen Bohnäpfel und andere Sorten, da flüsterte Hannecke dem Papierenen etwas ins Ohr, und Aloys verfügte: »Jungs, von wegen getätigter Arbeit: morgen am heiligen Sonntag, mittags um viere, ihr werdet hiermit invitiert, 'n Schälchen Schokolade bei mir einzunehmen, dazu Spekulatiusmännchen und Nymwegener Moppen. Hannecke wird die Freundlichkeit haben, uns gleichfalls die Ehre zu geben. Einverstanden?« Na – und ob wir einverstanden waren! »Ha, Schokumulade!« ereiferte sich der Sommersprossige, »die könnte ich trinken, denn sie käme aus Afrika her, das die schwarzen Mohren bewohnen,« und seine Augen sprühten dabei auf wie das Feuerwerk eines kundigen Pyrotechnikers, und obgleich sich keiner unterfing, ihm das Gegenteil seiner Behauptung darzulegen, immer wieder versicherte er: »Die könnte ich trinken, ja, die könnte ich trinken,« und drückte dabei dem Papierenen und Hannecke so gesinnungstüchtig die Hände, als handelte es sich bei dieser ›Schokumulade‹ um eine Beurkundung auf Leben und Sterben. Beseligt zogen wir heimwärts. Als ich dort anlangte, gespensterte das Abendrot bereits in den Kronen der sieben Linden. Es spielte mit purpurnen Blutstropfen durch die goldenen Laubmassen und warf einen Kardinalsmantel über sie hin, als sollte ein hohes Gottesamt unter Beisein erlesener Priester getätigt werden. In dieser feurigen Lohe trat mir die Schittbox eilfertig entgegen, den Gänsekiel hinter dem abstehenden Ohr, den rechten Arm noch immer mit der Ärmelstauche bewaffnet. »Jupp,« sagte er hastig, »sie ist da, sie ist von den barmherzigen Schwestern erschienen und befindet sich im hinteren Garten.« »Wer denn?« fragte ich in fliegender Erregung. »Die Staatse. Sie hat sich aus dem Kloster begeben, um 'ne wichtige Handlung ...« »Was für 'ne Handlung?« »'ne neue Instrumentierung ist fällig, 'ne ganz aparte, und ich soll die Zeugen bestellen.« Ich wollte noch mehr wissen, allein die Schittbox zog Leine, indem sie vorgab, keine Zeit mehr zu haben, denn notarielle Traktate vertrügen keinen Aufschub, müßten schnellstens unter Unterschrift und Petschaft, weil es immer passieren könne ... »Wir machen's!« dekretierte der Wichtikus noch und war dann wie ein Wiesel um die nächste Ecke gewuschert. Also die Staatse! Mein Gott, sollte dem Papierenen wieder ein Unheil drohen, sollte ihm auch der neue Halt unter den Füßen genommen werden?! Ich bangte und zitterte um das Geschick meines Freundes. Noch kurz vor Schluß der Geschäftsstunden hatte Johanna Kordula Teerling meinen Vater aufgesucht, der sich gerade zwischen seinen Rabatten befand, um des Tages Last und Fron abzutun und sich ein bißchen im laulichen Abend zu ergehen. Vom geöffneten Fenster des Wohnzimmers aus konnte ich die beiden beobachten. Nur selten noch war mir Oma vor Augen getreten, höchstens an Sonn- und Feiertagen, wo sie in Gemeinschaft der barmherzigen Nönnchen das Hochamt aufsuchte, in Gemeinschaft mit ihnen der Predigt folgte und den Rosenkranz betete. Von der Welt schloß sie sich völlig ab, wollte von ihr nichts mehr wissen, lebte nur sich und den Herbstastern, dem letzten Flor des weitläufigen Klostergartens, dem hinfälligen Blühen und Welken, das an die Vergänglichkeit allen Bestehens erinnerte. Jetzt sah ich sie wieder. Sie war noch immer die alte, die selbstherrliche, die Frau, die weder rechts noch links schaute, sondern unentwegt ihren eigenen Kopf aufsetzte und ihn vertrat, als wären für sie keine anderen Köpfe vorhanden. Ihre Stimme schien mir so hart und eigenwillig wie einst und ehedem, nur ab und zu gemildert durch eine versöhnliche Klangfarbe. Sie sagte, an ihrem Stock steil in die Höhe gerichtet: »Sie werden mir zugeben, Herr Notarius, daß seit dem Tage, wo ich in Ihrem Beisein meinen letzten Willen niederlegte, sich die Medaille der anderen Seite zukehrte, sich dieses und jenes besser gestaltete, als ich es voraussehen konnte.« »Kein Zweifel, Frau Teerling.« »Und wenn ich Sie jetzt bemühe, Ihre kostbare Zeit in Anspruch zu nehmen, so ist das bloß geschehen, freie Bahn zu schaffen, die letzten Bedenken aus den Röcken zu schütteln und mich so zu erklären, daß ich mir sagen kann: Du hast vor deinem Ableben alles getan, um dich, ohne dir Vorwürfe zu machen, sacht und still in die letzten Kissen zu drücken.« »Ich verstehe, Frau Teerling.« Die Staatse senkte ihre Stimme und meinte: »Herr Notar, wie Sie wissen, sind meine Besorgnisse von wegen des Weibes als hinfällig anzusprechen. Dafür hat der liebe Gott gesorgt und sie abberufen aus diesem Leben voller Eigenmächtigkeiten und Komödiantenstückchen, die sich als wurmstichig erwiesen, mir aber trotzdem die Luft abdrehten und Aloys und mich kurzerhand auseinandermengelten, als wäre er nicht mein Sohn, als hatte ich ihn niemals unter dem Herzen getragen. Was blieb mir da übrig? Das Nächste war, mich bei den Nönnchen im Kloster einzurichten. Sie verstehen mich und meine Anschauungen. Ich habe dort meine propere Stube, mit 'nem angenehmen Visavis auf die Gartenerzeugnisse der Schwestern, beziehe meine reichliche Verköstigung, ohne allzu ängstlich dabei auf die Finanzen zu sehen, und brauche nicht mehr die Tür zuzuhalten, aus lauter Beängstigung, ein frisches Malör könnte bei mir vorsprechen wollen. Offen gestanden: die jetzige Ruhe bekömmt mir. Ich sitze wie in 'nem Schlitten, der gemächlich in 'nen weißen und unermeßlichen Abend hineinbimmelt.« »Das ist ja erfreulich zu hören.« Sie nickte. »Herr Notarius, das darf man wohl sagen.« »Und Sie haben bei Ihrem jetzigen Wohlbefinden nicht an eine Verständigung gedacht, sind nicht gesonnen, wiederum die Luft Ihres eigenen Hauses einzuatmen?« »Herr Notarius, niemals. Warum auch? Hätte er mir nicht den Tort angetan, mit ihr auf den Kirchhof zu gehen, obgleich er wußte, sie hat's mit der Hasenreinheit man schwächlich gehalten – möglich, man hätte darüber ein diesbezügliches Wörtchen reden können. Indessen – mir so zu begegnen, mich als Mutter unter die Tote zu stellen ... nein, Herr Notarius, das kann man so leicht nicht in den Schornstein vermerken. Dafür bin ich 'ne geborene Wintjes, dem alten Wintjes aus Wissel seine ehelich erzeugte und einzige Tochter. Ich begreife Aloys nicht, wie so vieles nicht in meinen durchkosteten Tagen. Ich bin zeitlebens 'ne gute Katholikin gewesen, halte überhaupt meinen Glauben für die beste Aufmachung hinsichtlich der ewigen Anschauung. Nur das mit dem heiligen Vater! Gewiß, ich bin ihm untertänig bis auf die innersten Nieren, estimiere ihn als Stellvertreter Gottes auf Erden – aber warum der Allmächtige immer auf 'nen Italiener verfällt, ihn als seinen Bevollmächtigten hinzusetzen, und nie auf 'nen deutschen Priester, obgleich wir eminente in der Priesterschaft haben, das verstehe ich so wenig, wie ich meinen Jungen verstehe. Aber abgesehen hiervon – bei den barmherzigen Schwestern ist mir manchmal der Gedanke gekommen: Du bist ihm vielleicht zu sehr im Wege gestanden, hast ihm zu wenig Freiheit gelassen, um seinerseits einen durchgreifenden Willen zu betätigen. Das gebe ich zu. Drum mag er selbst den Pflugsterz in die Hand nehmen und seinen Haushalt betreiben. Ich kann warten und warte. Außerdem – die Niederschrift vom langen Moritz: ›Ich komme wieder, du Lump‹, wird ihn zusammenrappeln, gibt Aussicht darauf, daß er endlich begreift, was es heißt, Auge gegen Auge und Zahn gegen Zahn zu setzen, denn nur so kann einer sich die benötigte Luft und die benötigte Ellenbogenfreiheit verschaffen. Wenn nicht – bleibt er doch immer mein Junge, und ich sehe nicht ein, warum ich ihm nicht nach meinem Ableben mein gesamtes liegendes und bewegliches Eigen zusprechen sollte ... und so erlaube ich mir denn, wegen der neuen Testierung vorstellig zu werden, um seinetwillen und mit Rücksicht auf meine eigene Beruhigung.« »Ich bin völlig im Bilde, Frau Teerling,« sagte mein Vater nach einigem Nachdenken, »und wenn ich Sie richtig verstehe, bleibt Ihre letzte Verfügung von Todes wegen im großen und ganzen dieselbe.« »Ganz richtig, Herr Notar. Nur ein Anhängsel daran und 'ne Streichung möchte ich zu Protokoll geben.« »Und das wäre, Frau Teerling?« »Wie bereits gesagt: mein Sohn ist als Universalerbe anzusprechen, hat aber den barmherzigen Schwestern ein Legat von dreitausend Talern preußisch Kurant auszuwerfen, wobei ihre Darbietungen an Logis und Verköstigung jedoch nicht in Anrechnung kämen.« »Ich verstehe,« sagte mein Vater. »Und zweitens,« fuhr die Staatse mit erhobener Stimme fort, »die seinerzeit von mir ausgesetzten Gelder fürs alljährliche Seelenamt und die hierzu benötigten fünfzehn Wachskerzen werden meinerseits hiermit gestrichen. Darin will ich ihm keine Vorschriften machen, weil ich doch annehmen muß, er, als dankbarer Sohn, wird schon aus eigenen Stücken mir das alljährliche Seelenamt und die fünfzehn Wachskerzen nicht mißgönnen, denn mich selig zu wissen, mich bald aus dem Fegefeuer heraus zu haben, dürfte ihm nicht schwer beikommen. Ich kenne ihn doch, und in dieser Stunde: ich trage nicht nach, habe mich abgefunden mit dem, was ich herumschleppe wie meine eigene Schande. Also gestrichen. Darüber muß er selber befinden. Die Auswerfung für junge Buchbinderleute erledigt sich selber. So, Herr Notar,« und ihre weiten Augen suchten das letzte Glühen des Abends auf, der jenseits der sieben Linden langsam verblutete, »das wären die beiden Punkte, die noch festzulegen wären: das etwas abgeänderte Legat für die barmherzigen Schwestern, die mir Gutes taten und tun, und die Streichung. Ich lege Gewicht drauf, denn die Nönnchen sollen mich im Angedenken behalten und Aloys soll nicht sagen können: Noch bei Betätigung ihres letzten Willens ist die Mutter dein Vormund gewesen, traute dir die Kindesliebe nicht zu, ihr das fällige Seelenamt und die fünfzehn Kerzen zu bestellen. Herr Notarius, davon kann keine Rede nicht sein, weil ich solches als unhonorig bezeichne ... und damit wäre ich fertig geworden.« »Gut,« sagte mein Vater, »so können wir zur Beurkundung schreiten.« Er sah sich um, denn er glaubte ein vielsagendes Räuspern in seinem Rücken zu hören. Der kleine Wichtigtuer mit der Ärmelstauche und dem gewaltigen Gänsekiel hinterm Ohr erstattete Meldung: »Herr Justizrat, die Zeugen sind beordert, Hübbers und die anderen. Sie warten im Vorzimmer.« Mein Vater nickte. »Frau Teerling, ich bitte.« Da schritt die Staatse zu ihrer letzten Testierung, ein weiblicher Almosenier in schwarzer Tracht, dem der sterbende Tag noch einen feurigen Purpurmantel um die Schulter geworfen hatte, ein Zeichen dafür: Gott ist mit dir, er weiß dein Schaffen, deine Gedanken und dein bisheriges Leben zu werten. Eine Stunde später verließ sie das Haus ›Zu den sieben Linden‹. Es war dunkel um sie. Nur ein magerer Schein blinzelte über die schwarzen Dächer. Der Mond war im Aufstieg begriffen. Durch dieses Dunkel nahm sie ihren Weg auf wie eine Tochter des Schattens. Niemand begegnete ihr. Die Grabenstraße hatte kein Leben mehr. Selbst das Hospital, wo die weltabgekehrten Frauen ihres Samariterdienstes walteten, war lichtlos. Hier angekommen, zog die Staatse die Klingel, deren Messinggriff die Form eines Kreuzes zeigte. Der angerufene Schall verzitterte in den weitläufigen Fluren, kletterte bis zum Söller hinauf, um sich auch dort zu verlieren. Die Tür wurde geöffnet. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte die Schwester Pförtnerin. »In Ewigkeit, Amen!« versetzte die Alte. »Ich komme nicht mit leeren Händen, denn ich habe auch des Klosters gedacht, auf daß meine Seele es leichter hat, den Weg ins Paradies zu finden.« »Gott wird es lohnen.« »Schwester, ich danke,« und erhobenen Hauptes betrat Johanna Kordula Teerling ihr selbstgewähltes Asyl, in dem sie auch zu sterben gedachte.   Neunzehntes Kapitel Durch unsere Gemüter klingelte es mit den munteren Schellchen eines Tamburins, mit dem preziösen Säuseln und Summen von Äolsharfen. Dazu ein Duften wie aus der Küche der Ewigen genommen. Ha, ›Schokumulade‹! Gleich nach der Nachmittagsandacht traten wir an: Henn Pierentrecker, ich, Peter Hartjes und der Sommersprossige, sonntäglich gekleidet, schon halber berauscht von dem gaumenbetörenden Ruch, der uns zuströmte. Der Papierene und Hannecke Brükers empfingen uns, er in sich gefestet, und sie in werktätiger und stiller Aufmachung, wie überhaupt ihr Tagewerk voll von Helfen und zutunlicher Güte war. Mit Beihilfe Stinas hatte sie jegliches aufs schönste gerichtet. Die Tafel im Wohnzimmer, wo jetzt der Kanarienvogel wieder anhub, verträumte Geschichten hinzudämmern, als wäre er ein stiller Märchen-Erzähler, war sorglich gespreitet und mit dem Besten bestellt, was Weizenmehl, Zucker, Sultaninen und Kardamomen nur hergeben mochten. Da präsentierten sich zwischen den Tassen und Schälchen große Rodongkuchen, über und über gespickt mit Rosinen und Mandelsplitterchen, Janhagel, Spekulatiusmännchen und Nymwegener Moppen, sinnig überschattet von einem übernäsigen Tuff aus Astern und Sonnenblumen, die eine liebevolle Hand geschnitten und einer porzellanenen Vase anvertraut hatte. »Bitte, nehmt Platz!« In reger Erwartung saßen wir vier alsbald an den Längsseiten des Tisches, wahrend der Gastgeber und Hannecke an den Kopfenden der Tafel präsidierten. Noch war es nicht so weit. Noch fehlte die Bunzlauer Kanne mit dem Zaubertrank aus den wundersamen Regionen, um die sich Don Cristoval Colon und Amerigo Vespucci unsäglich verdient gemacht hatten, so daß wir reichlich Muße fanden, uns an den aufgestapelten Delikatessen, an dem aus dem Flur herüberdüftelnden überseeischen Labsal umschauern zu lassen. Schokolade! Der Sommersprossige und ich hatten sie bereits früher, wenn auch nur spärlich, gekostet. Henn Pierentrecker kannte sie nur aus seinen gewagtesten Träumen. Dem braven Hartjes war sie bisher das Siegel des Hermes Trismegistus gewesen. Jetzt aber roch er sie, und sein spitzes Züngelchen hub an, wie das einer Miezekatze zu schleckern. »Hm!« sagte er glücklich. Seine Gedanken weilten beim Kochherd, woselbst Stina Mengels hantierte und die Bunzlauer Kanne schon Anstalten machte, das exotische Gebräu aus Milchsahne, Zucker und Kakaobohnen in sich aufzunehmen. Immer aufdringlicher, verlockender, gaumenkitzelnder apothekerten die süßen Narden herüber. Henn Pierentrecker erging sich in utopischen Phantasien. Sein Fühlen und Denken war anders eingestellt als das gewöhnlicher Erdenbewohner. Für ihn blieben die Rothäute mit ihren Gebräuchen, Kriegshandlungen, Wigwams, Skalpen und Festlichkeiten das Höchste auf beiden Hemisphären unseres Sternes ... und so stellte er sich denn auch vor: nur dem Großen Geist in den Rocky Mountains oder am Susquehanna konnten derartige Ovationen, bestehend aus Rodongkuchen, Nymwegener Moppen und Schokolade, dargebracht werden. Er fühlte sich dieserhalb mit Haut und Haaren in das Wesensinnere des erhabenen Häuptlings versetzt, war ihm bis in die Zehenspitzen hinein verfallen und hatte kaum ein Interesse dafür, daß der eingeschrumpfte Kranz aus den Lohhecken, rechts und links von je einem dänischen Säbel flankiert, auf der einen Längswand des Wohnzimmers paradierte, just unter der Uhr mit dem imponierenden Kopf des heiligen Markus, dessen Augen sich bei jedem Perpendikelgang hin und her bewegten. Eine fieberhafte Erregung ergriff ihn. Er dachte an die Bunzlauer Kanne. Noch befand sie sich auf dem Kochherd. Noch war sie nicht unbeschädigt auf die Tafel gesetzt worden. Noch konnte ihr irgendein Unheil zustoßen. Gewiß, er sonnte sich in schwelgerischen Erwägungen. Aber zwischen Kelch und Lippenrand ... nein, nein ...! alle trübseligen Voraussetzungen verflüchteten sich in ein Nichts, zerfielen gleich den Sporen eines moderigen Bovisten, denn draußen erhob sich ein Gehen von vorsichtigen Socken – und das waren die Socken von Stina Mengels, und ins Zimmer trat ein wohlgenährtes, opulentes Frauenzimmer mit einem Gesicht auf den mit Matronenspeck behafteten Schultern, das an eine Pfingstrose in ihrer üppigsten Glorie erinnerte – und das war Stinas Gesicht, und auf einer Porzellanassiette balancierte sie eine braunrote, glasierte Amphora mit Henkel, der ein Ruch nach allen Ingredienzien der tropischen Zone entströmte – und das war die Bunzlauer Kanne mit ›Schokumulade‹. »Ha!« Stina setzte sie hin und überließ das Weitere den fürsorglichen Händen Hanneckes. »Kinder greift zu!« Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. »Das könnte man trinken,« ereiferte sich der Sommersprossige. »Und essen,« ergänzte Henn Pierentrecker, während der vom Himmel Gefallene sich mit den aufgetischten Herrlichkeiten beschäftigte, als wäre ihm geboten worden, die Mysterien der Eleusinischen Feste zu ergründen. »Ja, Kinder, langt zu!« animierte uns Hannecke, und der Papierene schmunzelte in sich hinein: »Klein, aber wacker. Wer uns so selbstlos dabei half, Goldparmänen, Reinetten und Bohnäpfel einzubringen, dem muß auch schöner Hafer vorgestreut werden.« Er lachte. Na, dieser Hafer! In Gestalt von gespickten Rodongkuchen, Korinthenwecken, Janhagel und Spekulationsmännchen schmolz er dahin wie Jungschnee vor den Strahlen der Märzensonne, vorher gesalbt und eingeweiht mit der samtbraunen Frucht von Surinam, Bahia und den Kleinen Antillen. Dabei blieb das liebe und eigenartige Mädchen die herzlichste Spenderin, die man sich denken konnte. Unermüdlich schenkte sie ein, besorgte sie dieses und jenes, und wenn sie uns dabei mit ihrem Ärmel, mit einem Teil ihres jungfräulichen Leibes streifte, dann war es uns, als berührte uns ein goldenes Federchen aus der Schwinge des Engels Gabriel, der Maria die Botschaft brachte und sagte: »Gegrüßest seist du, Holdselige! Der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Weibern.« Auch Aloys vernahm diese Stimme, sah die Geschäftige und Fürsorgende von der Seite an, streichelte ihr in Gedanken über ihre schwere Flechtenkrone, über den Zauber ihrer jungen Glieder, die die Bestimmung des Weibes noch von sich wiesen, und verfiel in ein träumerisches Sinnen und Sichvergessen. Nach halbstündiger Arbeit legte Henn Pierentrecker sein Schokoladenlöffelchen hin, stülpte auch seine Tasse auf das Unterschälchen. Ich folgte. Dann Peter Hartjes. Schließlich der Sommersprossige. »Ich könnte nicht mehr,« behauptete er, »wenn ich auch wollen tun täte.« Wir waren gesättigt und schnappten nach Luft, gleich einem angemästeten Spiegelkarpfen, den eine kunstfertige Angel auf den grünen Rasen geworfen hatte. Nein, wir konnten nicht mehr. Unsere Leistungen zählten zu denen des Übermenschlichen. Unser Interesse wandte sich anderen Dingen zu. Henn Pierentrecker seins verfiel auf die beiden dänischen Säbel, seitlich des Kranzes aus den Lohhecken. Er musterte sie mit kriegerischen Blicken. Auch Jan Höfkens stierte sie an. »Wo kämen die her?« fragte er nach einigem Nachdenken. Da erhob sich Aloys. Bedachtsam langte er eine von den Waffen herunter. Die stählerne Scheide legte er ab. Mit prüfendem Finger glitt er über Korb und Parierstange und ließ die blanke, leichtgebogene Klinge im einfallenden Sonnenlicht funkeln. »Kavalleriesäbel!« sagte er halb vor sich hin. »Ein Andenken von Alsen her. Leider, bei einem Patrouillengang mußten wir zwei schwere Reiter aus den Sätteln werfen. Ich tat es nicht gerne. Es waren immerhin Menschenleben, wenn auch aus dem gegnerischen Lager. Es war auch kein besonderes Bravourstück. Weiß Gott nicht! aber man ist sich doch selber der Nächste.« Hannecke trat zu ihm hin. »Und wie kamen sie in deinen Besitz?« fragte sie hastig. »Der Hauptmann sprach sie mir zu, und der Regimentskommandeur bestätigte es.« »Und was tust du damit?« »Ich weiß es noch nicht. Vorläufig hängen sie gut an der Wand.« Sie hatte seine Rechte ergriffen. Der feine Duft des Weibes war bei ihm. »Lasse sie dort ruhen und rasten,« flüsterte sie heimlich. »Hannecke ...!« »Ja, du – lasse sie ruhen und rasten. Es ist nicht wohlgetan, mit Waffen zu spielen.« Ihre Blicke schwammen in einem hellen Wasser. »Aloys, tu's mir zuliebe. Ich bitte dich herzlich.« Ihre Hand drückte inniger. Da sah er zum Fenster hinaus, in Gottes Oktobersonne hinein, als sähe er in den freien Lüften die weiße Taube der Verkündigung fliegen. Ein schwerer und lauter Seufzer stieg irgendwo auf. »Und wenn ich Aloys wäre ...« Henn Pierentrecker schien übersinnig geworden. Er stöberte hoch, als hätte sich eine Nadel durch die Stuhlbinsen geschoben. »Ja, wenn ich Aloys wäre ...« Noch einen verzückten Blick warf er auf Hannecke, krempelte seine Ärmel zurück, ließ den Biceps spielen, um dann mit einem gewagten Salto mortale köpflings auf der Tischkante zu stehen – eine Ovation für das von uns allen heißverehrte Mädchen. Wir starrten sie an und dann wieder den Akrobaten. Wie ein Götzenbild, das Haupt auf der Tafel, Beine und Füße zur Decke gerichtet, verharrte der Wundermann wenigstens zwanzig Sekunden in dieser fakirartigen Stellung, wobei er tief aus der Seele hervorholte: »Ja, wenn ich Aloys wäre, ich freite bloß Hannecke Brükers, bloß Hannecke Brükers, bloß Hannecke Brükers!« Gleich darauf verwandelte sich der Kopfsteher wieder in Henn Pierentrecker, in unseren Freund aus den Lohhecken. Wir bewunderten ihn und sahen, wie Aloys und Hannecke noch immer Hand in Hand beieinander standen, gleich den Stillen im Lande, im feinen Licht der Mittagssonne, umklingelt von der silberdrähtigen Weise des Kanarienvogels, die nicht aufhören wollte.   Die Tage vergingen, die Wochen, die Monate. Die Blätter drehten sich von den Bäumen herunter. Weiße Schneesternchen pendelten aus dem grauen Himmel hernieder, betteten sich wie Eiderdaunen über die Felder. Weihnachten ging vorüber, Silvester mit dem Dampfen seiner Punschgläser, der Tag der heiligen drei Könige, die närrische Fastnacht. Die Erde schneite ein und grünte dann wieder. Gleich nach Ostern steuerten wir in die klassischen Gefilde hinein, das heißt: nur der Sommersprossige und ich. Henn Pierentrecker und Peter Hartjes verzichteten resigniert auf die humanistische Bildung, suchten ihr Heil auch fürderhin bei dem wackeren Mester Haan, seiner trefflichen Lehrmethode und der vielversprechenden Anweisung der mageren Emma, während wir mit steifen Ohren der Dinge harrten, die da kommen sollten: der unregelmäßigen Verben, der Deponenzien, des gefeierten Cornelius Nepos ›De excellentibus ducibus exterarum gentium‹ . Vom langen Moritz hörten wir nur wenig, fast gar nichts. Der milde Winter hatte ihn auf dem Wasser gehalten, ihn und sein ›Miekske van Grieth‹, obgleich außer Zweifel stand, daß er mit Aloys, seinen Geschicken und denen seiner Vaterstadt rege Verbindung hielt und von allem wußte, was sich innerhalb ihres Weichbildes abspielte. Die Staatse hingegen ... sie lebte ihr eigenes Dasein im Kloster der barmherzigen Schwestern, in dem blaugekälkten Stübchen mit den Musselingardinen, der Kirschholzkommode, der weißumkleideten Bettstelle und dem beinernen Kruzifixus, geziert mit geweihtem Buchsbaum und roten Papierröschen, die bei jedem Luftzug den bleichen Leib des Gekreuzigten umraschelten. Von ihrem Fenster aus sah sie in den weiten Garten, beobachtete das Sprießen auf den wohlgepflegten Bosketts, das Grünen und Blühen der Obstbäume und Stachelbeersträucher, das erste Segeln der wiederkehrenden Schwalben. Gemeinsam mit den Nönnchen besuchte sie allsonntags das Hochamt. Die Welt mit ihrem Treiben berührte sie kaum noch. Ihrem Sohn gegenüber verhielt sie sich noch immer in Abwehr. »Was sich nicht biegt, muß brechen,« sagte sie sich des öfteren, »sonst ist nicht Ziel und Maß gesetzt, weder den Eltern noch den Kindern, weder im Bösen noch im Zuträglichen.« Das verfolgte sie mit zäher Hingabe, ohne abzuirren, wenn auch ihre Liebe zu ihm nicht kränkelte, sie diese vielmehr gewissenhaft nährte, ihn mit ihrem Zutun umschmeichelte, wie der Frühlingswind eine Blume des Feldes umschmeichelt ... und wenn Hannecke sie aufsuchte – das gerade und offene Mädchen fühlte heraus: wie gerne spräche sie das erlösende Wort aus: »Aloys, komm zu mir, es ist alles vergessen!« und doch: die Alte bohrte sich nur tiefer in ihr schiefes Denken und Grübeln hinein, blieb abwendig in ihren kalten Klostermauern, ohne sich in ihrer Voreingenommenheit nur um Haaresbreite von dem linden Wehen des Frühlings überrieseln zu lassen. Uns aber überrieselte das linde Wehen der warmen Frühlingstage, denn plötzlich hieß es: »Julius Alexander Pieploo ist da, der große Julius Alexander Pieploo!« Wir kannten ihn alle. Alljährlich suchte er mit seiner bescheidenen Truppe die kleine Stadt auf. So auch in diesem Jahre. Draußen vor der Landwehr, auf der Wiesenkoppel, hatte er sich installiert: vier Pferde, zwei grünangestrichene Komödiantenwagen, ein gespanntes Seil und fünf dressierte Pudel, die so klug und verständig waren, als wären sie bei Mester Haan in die Schule gegangen. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag war er angekommen, geheimnisvoll, mit dem lautlosen Wuchteln von Fledermäusen, hatte in aller Stille die Zelte aufgeschlagen, die Hegung umspannt und seinen Thespiskarren gerichtet. Gleich nach dem Hochamt meldete er sich. Mit Pomp und Paukenschlag ritt er ein. Vor ihm marschierte ein Kerl mit Spitzhut und butterblumengelber Watt. Der maultrommelte, kurbettierte, triangelte, um in dem nämlichen Atem die dicke Trommel mit Bumbum und Tschingtara zu schlagen. Von Zeit zu Zeit stieß er noch ein gellendes Kikeriki aus. Ihm folgte Julius Alexander Pieploo auf kohlschwarzem Hengst, von dem er behauptete, daß er, wenngleich auch mit Piephacke, Mauke und Hahnentritt behaftet, dem Gestüt Abd-el-Kaders entstammte. Aber das genierte nicht weiter, denn wir hielten den Hengst dennoch für den Hengst aller Hengste, einschließlich des Rosses Beijart und des noch gewaltigeren Buzephalus ... und erst sein Reiter! Da saß er im Sattel: ein pomadisierter, stiernackiger Riesenkoloß, in fleischfarbigem Trikot, den Schamschurz mit Flittern besetzt, den Schnurrbart gewichst und ausgedrillt, ähnlich dem eines selbstgefälligen Magyaren auf ungarischen Märkten – ein Bombastikus von Gottes Gnaden und inkraft seiner eigenen Gnaden, aber oho und mit Verve! – und hinter ihm: eine liebe Erscheinung, der wir heute zum ersten Male begegneten. Unsere Nacken verrenkten sich, unsere Blicke fanden nicht Eile genug, ihren Spuren zu folgen. Ein Wunderwesen auf rahmweißem Zelter! So kam Milka geritten – Milka Pieploo, angeblich die in freier Ehe erzeugte fünfzehnjährige Tochter des Herrn Pieploo, ein Geschöpfchen zum Anbeißen und voller Genußlichkeiten ... im Trikot ... in einem Falbelröckchen von einer niedagewesenen Kürze ... das impertinente Blondhaar zu Honiglöckchen ausgedrechselt. Gleich Feuer und Fett wie die verliebten Waldesel, erschienen uns ihre Augen wie Köhlchen, ihre Lippen wie zwei rosinfarbige Herzkirschen, und wären wir des Englischen kundig gewesen, zweifelsohne, wir hätten ihr zugejubelt: »Milka for ever !« Auf dem Großen Markt verstummten jählings das laute Bumbum, das Tschingtara und Hufgeklapper. Dafür stieß Julius Alexander Pieploo dreimal in sein Kornett à piston, falsch aber feierlich, zwirbelte seinen magyarischen Schnurrbart und verkündete mit eingerosteter Stimme: »Dem löblichen Publiko zur geneigtesten Kenntnis: Seine Exzellenz der Herr Bürgermeister hiesiger Stadt- und Kirchengemeinde haben sich bewogen gefühlt, mir, dem Direktor einer illüstern Truppe, die allergnädigste Erlaubnis zu einer dreitägigen Gastspielrolle zu verbriefen. Meine Leistungen hinsichtlich der Equestrik und Parterreakrobatik stehen außer Wettbewerb. Die erste Vorstellung auf der Koppelwiese heute um viere. Entree drei Silbergroschen. Für Dienstmädchen, Mamsells und Kinder die Hälfte. Ich bitte um Zuspruch. A rivederci! « Und wieder das Bumbum und Tschingtara, und mit Piephacke, Mauke und Hahnentritt ging's in die Kesselstraße hinein, wobei unser Goldkind uns Kußhändchen zuwarf und die rosinfarbigsten Herzkirschen zeigte. Natürlich, aus Rand und Band, wie wir uns gaben, wohnten wir allen Vorstellungen als Zaungäste bei, verliebten uns sterblich in Trikot und Mullröckchen und erklommen den Gipfel aller irdischen Glückseligkeit und den des wildesten Schmerzes, als uns Milka bei ihrem letzten Debut zu verstehen gab: Leider, die Trennungsstunde würde bald schlagen. Das beängstige sie, denn sie habe ein gewisses Interesse an uns. Aber im nächsten Jahre käme sie wieder. A rivederci! Wir überkugelten die Wiesenkoppel nach Länge und Breite, teils aus Wonne, teils aus Wehleidigkeit; denn Milka bewundern zu dürfen, ihre Gunst zu besitzen, war uns Manna und Pfefferkuchen, sie scheiden zu sehen, herzzerreißendes Siechtum. Gewiß, Julius Alexander Pieploo und seine Truppe bildeten nur eine Episode in unseren Jugendtagen, aber wie war uns zumute, als die Komödienspieler abrückten, als Berberhengst und Zelter, als Thespiskarren und Milka hinter dem Vorgehölz der klevischen Landstraße verschwanden! Hundsmiserabel! Wir hätten aufschreien und den Kopf in den Sand bohren mögen. Ich stand wie ein Eisklumpen. Peter Hartjes zählte die Halme des Rasens. Der Sommersprossige wühlte blindmollartig in seinem Sextanerschmerz herum und fand nur das einzige Wörtchen: »Milka!« – das er so zärtlich hinschmalzte, als hätte er den tränenreichen ›Sigwart‹, eine Klostergeschichte von Johann Martin Miller, gelesen. »Unsinn!« Henn Pierentrecker hatte gesprochen. Mit Haut und Haaren fühlte er sich eins mit Julius Alexander Pieploo, war ihm mit Leib und Seele, in Worten und Gedanken verfallen. Der Große Geist kam über ihn; nicht der von Susquehanna oder der aus den Rocky Mountains, sondern der Große Geist der Kunststückmacher, der Trikots und des fahrenden Volkes. »Ha!« rief er aus, »mein Vater will, ich soll Briefträger werden. Einer mit's Geld und die Anweisungen, denn darüber hinaus könnte man nur noch auf den Oberpostmeister angehen. Aber ich denke nicht dran. Ich weiß, was ich tu' und hab' schon darüber mit Pieploo gesprochen. Nächstes Jahr geh' ich mit ihm über Land, mit ihm und seine Pudels, um Komödienspieler zu werden.« Sein Arm streckte sich aus. »Sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme.« »Bis Pappa kommt und dir so propter und prätorius die Jacke verhobelt.« Das war noch ein Wort, das uns aus allen Himmeln purzeln ließ. Hübbers stand hinter uns. »Ihr seid wohl verrückt. Laßt Pieploo und Milka man laufen, denn hier ... hier ...« Er schnappte nach Luft. »Nöllecke Giltjes ist da und präsentiert seinen neumodischen Schwingflug. Und Moritz hat Lunte gerochen. Na, und wenn Moritz von seinem ›Miekske van Grieth‹ macht, extra hierhin kommt, dann hat's geschellt, dann kann was passieren. Das wollte ich sagen.« Sein Gesicht war das eines Totengräbers. Wir vergaßen Pieploo, seine Pudel und Milka und gingen bewegten Herzens nach Hause. – Um dieselbe Stunde ... Hannecke Brükers hatte im Hause des Papierenen vorgesprochen, um den Küchenzettel für die nächsten Tage in Gemeinschaft mit Stina Mengels festzulegen, als sich Aloys damit beschäftigte, die ihm überwiesenen dänischen Säbel zu schmirgeln, sie auf ihre Schärfe und Handlichkeit zu prüfen. Er überhastete nichts. Still und gemessen betrieb er seine Arbeit mit dem zuversichtlichen Gehabe eines entschlossenen Mannes. Schließlich wuchtete er den Stahl und ließ ihn im Sonnenlicht des Mittags spiegeln, als Hannecke eintrat. Sie schreckte zurück. Ihr Antlitz verfärbte sich. »Du,« sagte sie wie aufgescheucht, wie von einem heißen Bangen durchzittert, »was tust du? Was willst du damit?« Er sah sie mit seinen stillen Augen an und fragte: »Hannecke, was sollte ich wollen?« »Das mit den Klingen. Ich muß immer dran denken ... auch an Hendrintje ... auch an den andern ...« Er legte die Waffe ab. »Hannecke, laß das. Es begegnen einem oft Dinge im Leben, gegnerische Eingriffe, mit denen die Gesetze nichts anfangen können oder nichts anfangen wollen. Sie lavieren so hin und her, ohne einer geschändeten Ehre zu geben, was ihr zusteht und sie beanspruchen kann, um sich wieder in 'nem properen Kleide zu wissen. Und wenn die Gesetze nicht helfen, wenn sie die Achseln zucken und sagen: Das können wir in unseren Paragraphen und Titeln nicht finden, da muß man sich schon selber zu helfen wissen, für sich selber die Courage aufbringen, auch ohne Titel und Paragraphen sein Recht zu verfechten, selbst auf die Gefahr hin, von Staat und Kirche als Abtrünniger angesprochen zu werden. Auch hier gilt das Wort: Ultima ratio regis ! denn nur die Lumpen verstehen es, ihr Leben ohne Ehre zu leben.« Sie sah ihn entgeistert an. Ihre junge Brust stürmte. Sie atmete, als säße ihr ein Tier an der Kehle. »Mein Gott!« schrie sie auf, »und deshalb die Klingen?! Du könntest ...?!« Sie war dicht an seine Seite getreten. Der Duft ihres jungfräulichen Leibes berührte ihn mit dem zarten Hauch von Schmetterlingsflügeln, ließ ihn die Wunderseligkeit ihres Herzens empfinden. »Aloys – du?!« Er schwieg und preßte die Lippen fest gegeneinander. »Du könntest mit dem da ... mit dem entsetzlichen Menschen ...« Sie mußte sich an die Tischkante halten, um nicht niederzubrechen. Da wußte er, was sie bewegte und was in ihr vorging. »Hannecke, nun weiß ich es endlich!« und er riß sie an sich, daß sie fast in seinen Armen erstickte, innige und lautere Hingabe wurde und nur noch zu stammeln vermochte: »Wie ich dich liebe! Wie ich dich immer schon liebte! Alles begreifend, alles umfassend! Nur du und ich – allein auf der Welt! Nimm mich, auf daß ich in deinen Armen vergehe.« Er schluchzte vor Glück. Der Glaube an ein neues Leben war in ihm. »Ja, in dir ist die Ruhe,« sagte er leise. Sein Mund senkte sich auf ihren goldigen Scheitel. »Blexem! das ist die richtige Arbeit. Darauf hab' ich schon lange gewartet. Na endlich ...« und Moritz trat ein, um ihre Hände zu fassen. »Prachtvoll! Das allein ist der zutreffende Kasus. Gratuliere. Topps hoch und das übrige dazu! Wir sprechen noch später darüber. Aber die hier,« und er legte seine Kapitänspranke auf die Kriegstrophäen, »was stellen sie vor? Mensch, ich sehe, du weißt schon. Und daher: mobil sollen sie werden ... hier diese Klingen! Aber was bezweckst du damit?« »Moritz, ich dachte ...« »Da ist gar nichts zu denken.« »Wo er wieder im Ort ist ...?« »Drum bin ich vorgesprochen; vor 'ner Stunde vielleicht, um alles in Ordnung zu bringen. Verstehst du? Wie'n Spürhund hinter ihm her, hinter dem Viechskerl. Da hilft kein langes Fackeln und Parlamentieren. Jegliches der Ordnung gemäß. Mein oberster Grundsatz. Aber du – tanze nicht aus der Reihe heraus. 'ne extra Polka Mazurka steht dir nicht an. Kalt Blut und warm angezogen.« »Das bin ich.« Der Riese nickte. »Gut, wenn es so ist.« »Ja, Moritz, so ist das. Ich weiß genau, was geschehen muß. Ich bin mir völlig im klaren darüber. Mit Gott denn: freie Bahn und Auge um Auge. Noch heute, sonst zieht der Mensch wieder Leine, und wir haben das Nachsehen,« und Aloys, der längst seinen alten Adam ausgezogen hatte, gefestet in sich, gefestet durch die Liebe zu dem einzigen Mädchen, sah sich wieder vor Düppel und Alsen, mit gestählter Brust, ohne mit der Wimper zu zucken. »Moritz, ich weiß, was ich tue.« »Also du denkst: die eine Klinge für dich, die andere dem Kerl mit dem Schurzfell?« »Das wäre die Meinung.« Er biß die Zähne zusammen. »So und nicht anders.« Hannecke stieß einen verhaltenen Schrei aus. Sie warf sich in seine Arme hinein. »Aloys! ich bitte dich, Aloys!« »Nur Ruhe,« gebot der Riese und führte die Erschütterte still auf die Seite. Dann zu seinem Freunde gewendet: »Ich verstehe das. Aber die Geschichte wird so nicht gefingert.« Seine Stimme stieg hoch: »So nicht, mein Junge. Blexem! Lump bleibt Lump, das ist so alt wie dem Methusalem sein seliger Großvater, und Lumpen sind feige. Die reagieren höchstens darauf mit Maulfechten und 'nem Knüppelkomment. Du wirst doch keinem Lumpen mit deiner eigenen Ehre und deinem eigenen Leibe begegnen?« Er lachte auf, daß die Scheiben zitterten. »Ja, wäre der Kerl nicht so hundsmiserabel! Aber so ... das wäre ja mit dem Mistfinken und Halunken gepfiffen.« Er wandte sich jählings. »Mamsell, für Sie: Ite, missa est . Wir haben jetzt unter Männern zu reden. Indessen – bloß keine Bange. Es wird alles geregelt. Nur 'ne Ratte wird aus ihrem Saukanal geräuchert. Sonst gar nichts. Also, Mamsell ...« »Ja, Hannecke, geh' jetzt,« sprach ihr Aloys zu und küßte sie sacht auf die Stirne. »Ich komme bald wieder.« Groß und fest begegneten die Augen des blonden Mädchens den seinen. »Ich vertraue auf dich,« sagte sie ruhig. Dann ging sie. Moritz zuckte auf. »Deine Verlobung – sie ist das Vernünftigste, was du noch in deinem Leben ausklamüsiertest. Nu kommen Feiertage für dich ... weißgekleidete Feiertage mit Buchfinkenliedern und 'nem verliebten Atemholen. Ich gratuliere dir nochmals, dir und Hannecke. Aber das steht nicht zur Diskussion. Das wird später besorgt.« Er zeigte die Zähne. »Ich denke jetzt nur an die Ratte und das verfluchtige Rattennest. Ausgeklinkt muß sie werden. Aloys,« und er deutete mit seiner rissigen Faust auf die Tür, die in den Laden führte, »dort hinein und besorge 'nen Bogen Papier! Nur keinen mit 'nem Wasserzeichen oder sonst 'nen noblen. Ein ordinärer Wisch genügt für das Biest ... auch 'ne Feder und 'nen Tintenbehälter, den man mitnehmen kann. Ich warte. Aber mach' hurtig; wir haben keine Zeit zu verlieren.« Eine harte Furche durchschnitt seine Stirn. Da ging Aloys und brachte das Verlangte zu. »Was soll's nun?« »Da setz' dich und schreibe.« »Was soll ich denn schreiben?« »Ungefähr so!« und Moritz beugte sich zu dem Sitzenden nieder, der bereits die Feder gefaßt hielt, und flüsterte ihm etwas zu ... kurzausgestoßene Sätze ... vereinzelte Worte ... Gedanken und Einfälle, aber ganz leise gesprochen, aus Furcht, von einem dritten belauscht zu werden. »Ist das deutlich genug?« »Kein Zweifel.« »Und du teilst meine Ansicht?« »Völlig.« »Dann schreibe ... aber nach deinem eigenen Gusto. Du darfst noch das Deinige zutun, bloß der Inhalt muß derselbige bleiben, dann kannst du jede Plempe entbehren. Keine Schonung. Fasse den Menschen an, wie er's verdient. Hierfür gibt's 'nen Paragraphen: 'nen Bullen haut man mit 'nem Beil vor den Kopp, 'ner grindigen Ratze bloß mit 'nem Knüppel. Kurz und schmerzlos. Das ist die ganze Affäre. Einverstanden damit?« Ja, Aloys war einverstanden damit. Er schrieb. Er schrieb eine lange und bange Viertelstunde hindurch, Wort für Wort, Zeile um Zeile. Moritz verfolgte jeden Federzug mit gierigen Blicken. Er war zufrieden mit dem dargelegten Schriftsatz. Noch fehlte der Schluß. Auch der kam zustande. »Erledigt!« »Hast du auch ›binnen vierundzwanzig Stunden‹ geschrieben?« »Es steht.« »Auch das mit dem ›Lumpen‹?« »Auch dieses.« »Dann sammle dich und mache dich fertig. Nimm das Papier mit, auch Feder und Tinte. In 'ner Stunde ist die Sache durchgeführt. Mein ›Miekske‹ wartet. Morgen mit dem frühesten muß ich wieder nach Mannheim.« Er reckte sich. »Pfui Teufel noch mal! Erst haben wir noch so 'nen kleinen Sturm zu überdauern, dann navigieren wir feiertägig in 'nen niedlichen Hafen hinein, um dort vor Anker zu gehen.« Es war um die Vesperzeit, als sie über die Schwelle traten. Am Eingang der Kesselstraße stießen sie auf Hübbers. »Kommt mit,« rief Moritz ihn an. »Wir müssen 'ne ausstehende Rechnung begleichen. Schön und mit Liebe. Ihr könnt uns dabei so'n bißchen helfen. Habt aber bloß Posten zu stehen, 'ne Art von Ehrenwache. Honorige Leute wollen geehrt sein.« »Mit Wonne.« Sie gingen. Über den Dächern stand die niedrige Sonne wie eine kupferne Scheibe. Zwanzigstes Kapitel »Kanaille ...!« Moritz murmelte es vor sich hin wie das Murren und Grummeln eines aufsteigenden Gewitters. »Aber dann – nachher: aufbrechen werden die Wasser aus der Tiefe, wie Moses erzählt, und auftun werden sich die Fenster des Himmels ... und das geht einem 'runter wie 'ne Bouteille Burdo, aber eine mit Spinnweben, bezogen von Dores Kuypers am hintern Stammtisch. Aloys, sagtest du was?« Nein, Aloys hatte gar nichts gesagt. Ohne noch ein Wort weiter zu sprechen, rollten sie die lange Kesselstraße auf. Bloß das noch, als die Schmiede auftauchte: »Stolze Erinnerungen werden es bleiben, müssen es bleiben, wenn wir unsere Gesandtschaft hinter uns haben.« Dann nichts mehr. Die harten Schritte verfingen sich zwischen den niedrigen Häuserzeilen. Der von Moritz hörte sich an wie der eines Riesen aus Brobdingnac, schütternd, mit dem lauten Hallen von Schiffsplanken ... und der Getreueste aller Getreuen gewahrte mit Staunen, daß sein Partner immer freier und offener wurde, je näher sie dem Ziele kamen, je kürzer sich die Minuten drängten, bis sich die Stunde des Tages erfüllte. Wenige Leute begegneten ihnen. Die meisten saßen beim Vespern. Nur Schwalben, die ersten Schwalben des Jahres! Jetzt war es so weit. Vor der Schmiede präsentierte sich der aus Holland importierte moderne Schwingpflug, die Messer blank, die übrigen Teile in blauer Farbe gehalten. Die Reklame fiel auf. »Haha!« sagte Moritz. Er stierte in das Düster des Raumes hinein. Nur ein mageres Feuerchen glimmte auf der Esse. Im übrigen: kein Meister, kein Gesell, kein gar nichts. »Also leer! Dann man weiter. Ich kenne mich aus. 'ne richtig gehende Ratte hat verschiedene Löcher.« Sie begaben sich zur Haustür. »Halt!« sagte der Riese »hier wird Schutt abgeladen, Schutt und Scherben, mit denen so'n unhonoriger Kerl 'nen properen Garten versaute. Also angtree!« und dann zu Hübbers: »Ihr bleibt ... Ihr steht auf Schnarrposten ... uns zu Gefallen und unserer Mission zuliebe. Wir können keine Störung gebrauchen.« »So propter und prätorius – ganz meine Auffassung.« »All right!« Sie traten über die Schwelle. Totenstille empfing sie. Die Alte war auswärts, hatte sich während des Verschwindens ihres Drückebergers bei ihrer Tochter in Aldekerk eingetan, um den Verlauf der Dinge von hier aus zu beobachten und abzuwarten. Bei dem Dröhnen der festen Schuhe erschien eine hagere Person in der Tiefe des Ganges. Sie war aus der Nachbarschaft. Der Kröllige hatte sie bis zur Ankunft der Mutter für vierzehn Tage verpflichtet. »Wer ist da?« fragte sie mit quäkender Stimme. »Moritz und Aloys Teerling. Ist Giltjes vorhanden?« »Zu dienen. Im Stübchen. Er vespert. Kann ich sagen, wer da ist?« »Nicht nötig. Das besorgen wir selber.« Sie tappten über die Fliesen, dann über etliche knarzende Treppenstiegen. Sie wußten Bescheid. Die erste Tür zur Linken, die war es, die führte ins Rattennest. Nöllecke Giltjes saß zwischen den Binsen, im Schurzfell, die Beine unter den Tisch gestreckt, 'ne dicke Bouteille Ollen Klaren in Reichweite, ein halbgeleertes Schnapsgläschen vor sich und 'ne brennende Zigarre zwischen den Zähnen. Er sielte sich in Zukunftsplänen. Mit dem eingeführten neumodischen Pflug hoffte er Geschäfte zu machen. Die Bauern in der ganzen Niederung glaubte er in der Tasche zu haben. Sie mußten Order parieren. Kusch dich, allong! Ohne sein erworbenes Patent war die hiesige Ackerwirtschaft kaum noch ertragsfähig, konnte gegen die holländische Konkurrenz nur kläglich bestehen. Daran dachte er jetzt. Er sah, wie ihm die Speziestaler und Goldfüchse in die Fäuste hineinklimperten. Großartig sollte es werden. Respekt sollten sie haben – alle seine Neider und Verkleinerer. Eine Laterne wollte er ihnen anstecken, die man so in die verdammelten Köpfe hineinleuchtete. Gesellen waren anzuwerben, Gesellen und Lehrlinge, die Schmiede war zu erweitern, mit neuzeitlichen Gerätschaften auszustatten, um allen Anforderungen der umliegenden Grundbesitzer und der kleineren Betriebe Genüge leisten zu können. Das mußte knappen und knallen mit der Präzision einer Fliegenklappe. Die vom Niederrhein sollen Augen machen, Augen wie Teetassen. Er wollte mal sehen, ob sie ihm nicht wie gierige Hühner aus den Händen fressen würden – und zwar als noble Hühner: reinrassige Spanier, Andalusier, mit rotem Gesicht und schieferblauen Läufen, Brahmaputraviecher, auch echte Bauernhühner und bergische Kräher. Seine Pläne machten ihn wirbelsinnig, gingen ins Ungemessene, schlugen eine Volte über die andere. Er streckte die mächtigen Glieder, daß sie knackten. Sein hartes Schurzfell rappelte lautmäulig. Er war mehr als zufrieden. An Hendrintje dachte er kaum noch, an all die Tränen nicht, an all das Elend nicht, was er hinterlassen hatte, als er sich in einen abgelegenen holländischen Winkel drückte, um dort seinen Kopf nach Art des Vogels Strauß in ein Sandloch zu schieben. Fort damit! Erst gestern abend wiedergekommen, hielt er die ganze dumme Geschichte für abgetan, für verjährt, für eine mit einem Stein beschwerte und ins Wasser geworfene Katze. Nur noch einige Blasen röchelten aus der Tiefe auf, zerplatzten an der Oberfläche ... nichts weiter. Hendrintje war hin. Lange Kirchhofsschwaden wehten auf den geworfenen Schollen. Die deckten alles Geschehene mit dem dunklen Wispern des Vergessens zu. »Mir kann keiner was wollen!« Er leerte sein Gläschen und machte Anstalten, sich aus den Lehnen zu wuchten, denn das Feuerchen auf der Esse mußte aufgemuntert werden. Seine Stimmung wurde immer glorioser, immer ausgreifender. Er hatte einen eigenartigen Bolzen erfunden. Den wollte er ausprobieren. »Also 'ran ans Geschäft!« Er kam nicht dazu. Er klebte an den Binsen. Die Tür wurde aufgerissen. Moritz und Aloys erschienen. »Nanu!« Er warf sich im Sessel zurück. »Ihr?! – ohne anzuklopfen?!« Der Riese trat vor. »Brauchen wir nicht. Wir haben uns das ›Herein‹ selber zugestellt und gegeben.« Auch 'ne neue Manier, andermanns Dreck in andermanns Haus zu tragen. Aber ich denke: ungebetene Gäste sind manchmal willkommene Gäste. Setzt euch!« »Nicht nötig. Was wir zu verhandeln haben, wird im Stehen verhandelt. Wir danken für jede Invitierung. Auch für die Stühle. Wir würden uns bloß den Hosenboden verschweinigeln.« »Dann bleibt stehn, wo ihr steht.« »Merci. Bedarf keiner Aufforderung.« Nöllecke stierte sie sprachlos an. »Was wollt ihr denn hier?« sagte er schließlich. »Darüber wird Aloys berichten.« »Berichten?! Unsinn, verfluchter! Hier ist kein Geschäftslokal. Ich verbitte mir das. Außerdem: ich mache mit euch keine Geschäfte.« »Das haben wir zu bestimmen.« »Verdammich! Ich bedinge mir 'nen anderen Ton aus.« »Hilft nichts. Wir sind nu mal auf diesen Ton gestimmt. Der muß ausgespielt werden.« Nöllecke ballte die Fäuste. Blieb aber sitzen, wie angeschmiedet. »Also Überfall, 'n regulärer Überfall oder Erpressung!« »Nee,« sagte Moritz. »Keines von beiden. Daran hat niemand gedacht. Blexem! selbst wir nicht, obgleich's an der Zeit wäre, 'ne stramme Faust auf 'ne ausverschämte Visage zu drücken. Nee, mein Sohn, wir kommen bloß in ehrlicher Absicht. Nur so 'ne kleine Geschichte ... 'ne unbeglichene Rechnung. Das Konto muß klargestellt werden, und das soll heute geschehen. Aloys, mach' deine Sache.« Da begab sich der Aufgerufene dicht an den Tisch heran, dicht neben den Lehnstuhl. Papier, Tinte und Feder deponierte er dort. Auge stand gegen Auge. Er begegnete einer eisernen Stirne, einem verächtlichen Lächeln. »Na, los denn dafür, obgleich ich darüber nachsimuliere, von meinem Hausrecht Gebrauch zu machen oder euch reden zu lassen.« »Lasse man reden,« fiel der Riese ein, »das ist für beide Parte der bekömmlichste Ausweg. Mit dem Hausrecht läßt sich man wenig anfangen. Das brächte dich noch mehr in die Nesseln. Das wollen wir nicht; denn wir sind im großen und ganzen trätable Kostgänger.« Er legte seine Hand auf die seines Freundes. »Aloys, nu aber mach' deine Sache.« Dieser nickte, und mit beherrschter, straffer und eindringlicher Stimme begann er: »Nicht aus Totenverehrung stehen wir hier, sondern aus Reinlichkeitsgefühl. Daß wir so lange damit im Rückstand bleiben mußten, war nicht anders zu machen. Die Schuld liegt nicht an uns. Für das Aufscheuern waren zwei vonnöten. Der eine jedoch hielt es für angezeigter, sich abseits zu drücken. Das soll hiermit festgelegt werden.« Nöllecke stierte ihn an. »Schwerebrett und kein seliges Ende! wo ich dabei war, den neuen Pflug in Schwung und Schwänke zu bringen, mich großartig herauszumustern, da kommt so'n Knaster daher, um mich in die Wicken zu jagen?! Aber ich sehe: der abgelederte Rummel soll wohl aufs neue aufgefrischt werden!« »Was – Rummel?!« Moritz griff ein. »Ruhe!« gebot er. »Hier in diesem noblen Hause wird nicht durcheinandergekegelt. Alles der Reihe nach. Das ist von jeher meine Liebhaberei gewesen. Erst Aloys. Er hat was zu sagen. Ist er fertig damit, dann du, heißt das, wenn wir dir hierzu Erlaubnis erteilen und unseren Stempel darunter setzen. Sonst wird dir das Mundwerk abgeknöpft. Ich spreche doch deutlich?« »Ganz deutlich,« grinste Nöllecke ihn an. »Also man weiter. Ich höre.« Er schob sich knarrend in den Sessel zurück und legte die klobigen Hände zusammen. »Ich höre, ich höre.« Dann Stille. Das ausgestorbene Haus legte sich ein Sterbehemd zu. Nur draußen vernahm man Hübbers mit derben Schuhen auf und ab patrouillieren. In diese Stille hinein sprach Aloys mit klarer und vernehmlicher Stimme: »Wer auf Ehre hält, wandelt durch Licht, wer sie hintansetzt, verfault bei lebendigem Leibe. Wir wollen nicht bei lebendigem Leibe verfaulen, und da mir ein Abwegiger 'ne Portion Unehre auf den Leib pfropfte, bin ich willens, mir diesen Krebs aus der beigebrachten Wunde zu schneiden. Der Erreger dieses Krebses aber sitzt da, da in dem Lehnstuhl, bei der Schnapsbouteille, den Zigarrenstummel abgelegt, die Hände gefaltet, sorglos wie ein Mann, der sein Leben lang die Gesetze des Herrn beobachtete und seine Werkeltage honorig beendete. Aber dieser Mann ... Von ihm ging der Krebs auf mich über ... verpestete mich ... verpestete meinen Herd ... verpestete ...« »Kein Wort mehr!« Giltjes fuhr steil in die Höhe, die Knöchel auf dem Tisch, die Blicke, die fast nur ihr Weißes sehen ließen, wie im Irrsinn auf die seines Gegners gerichtet. »Mensch – du! Kein Wort mehr, oder ich vergesse mich selber.« Das erstarrte Auge schweifte ab, suchte herum, nach irgendeinem Gegenstand, nach irgendeiner tauglichen Waffe. »Sitzen bleiben und schweigen,« herrschte der Riese ihn an. »Wir haben dir doch das Mundwerk verboten. Das wird nicht zurückgenommen. Unter keiner Bedingung. Wir sind zwei gegen einen.« »Hausfriedensbruch ...!« Nöllecke sackte zurück, mit bebenden Mundecken, mit knirschenden Zähnen, willens, auszubrechen oder das erstbeste Gerat seinen Bedrückern über die Schädel zu hämmern. Und zum dritten Male das ermahnende: »Aloys, mach' deine Sache.« »Und dieser Mensch – mit brutaler Faust hat er in mein Familienleben getastet ... mit Fäusten, so gemein wie nur möglich ... hat den Leib eines jungen Weibes entweiht ... ihm verbotene Früchte zu kosten gegeben ... ihm gewissermaßen nahegelegt: Schere dich mit der Frucht deiner Sünde zu den Engeln im Himmelreich. Da bist du aller Schande enthoben.« Immer härter fielen die Schläge. Aloys ging über sich fort. »Und dann die Hauptsache! Wir wiederholen zum andern: Wer durch Ehre geht, wandelt durch Licht, wer sie hintansetzt, verfault bei lebendigem Leibe. Wir aber wollen nicht bei lebendigem Leibe verfaulen. Der Krebs muß herunter, noch heute, in sofortiger Stunde. Reine Bahn wollen wir haben. Durch Licht wollen wir gehen, uns nicht mit dem Dunkel der Fledermäuse begnügen.« Jetzt stürmte sein Atem. Er fuhr fort: »Ich dachte mir erst – die blanke Waffe, die tut es. Stirn gegen Stirn und Stahl gegen Stahl. Das hat mir Moritz ausgeredet und das von Rechts wegen ausgeredet, denn das mit dem ›Stirn gegen Stirn und Stahl gegen Stahl‹ ist nur bei einem ebenbürtigen Gegner zulässig. In diesem Fall jedoch ist das anders und besser auszumünzen, verständiger, den obwaltenden Umständen gegenüber sachlicher und erschöpfender.« Er nahm den Schriftsatz, entfaltete ihn und ließ ihn wieder herunter. »Durch das hier auszumünzen. Papier, Feder und Tinte sind da, und bevor es nicht unterschrieben ist, gehe ich nicht von der Stelle.« Giltjes lachte ihm hell ins Gesicht. »Du und der Teerquast – ihr seid wohl aus 'nem Narrenkasten gesprungen?! Bevor man die Pfote ansetzt, seinen Namen hergibt, muß einem der Wisch mit seinem Inhalt erst vorgelegt werden. Wir sind doch nicht von heute und gestern. So schnell schießen die Preußen nicht und Nöllecke Giltjes erst recht nicht. Der Satan soll euch frikassieren. Bleibt mir mit eurer Wichtigkeit und eurem dämlichen Brimborium vom Halse.« Er schlug auf den Tisch, daß die Bouteille aufhoppelte. »Hier ist mein Haus und mein Tempel, und drin habe ich zu befehlen.« Er streckte die Hand aus. »As't üh belieft, da ist das Zimmermannsloch, groß genug für Kerle, wie ihr seid.« »Maulwerk gehalten oder Faust und Visage kommen zusammen. Aloys, lies vor!« Und Aloys las vor, sachlich, mit scharfer Betonung jedes einzelnen Wortes: »Ich, Arnold Giltjes, Schmiedemeister dahier, gebe zu und bekenne: Ich habe gefehlt in Worten und Werken ... bin eingebrochen in andermanns Ehre und Eigentum ... habe mich hingelegt wie'n Tier, um andermanns Weib zu beschnüffeln ... einer bis dahin ehrsamen Frau das Heiligtum aus der Brust gestohlen ... ihren Leib in Schande gebracht ... sie bis dahin getrieben, daß sie nicht mehr anders konnte und wollte, als Schluß mit ihrem drangsalierten Leben zu machen. Das gestehe ich ein und gebe es zu, so wahr ich ein Lump bin.« Nöllecke Giltjes erhob sich, die gekrampfte Rechte um den Flaschenhals, die Augen rot unterlaufen. »Hand von der Pulle!« donnerte Moritz. »Wir sind noch nicht fertig.« Er trat näher heran, dicht an die Seite des Aufgestolperten. Und wieder das dumpfe, schwere und unerbittliche: »Aloys, mach' deine Sache.« »Weil es so ist, so wahr mir Gott helfe«, rang es sich ernst und fest durch das Zimmer, »weil ich räudig bin an Leib und Seele, weil ich moralisch die Luft verpeste, die um mich hersteht, gelobe ich hiermit: Binnen vierundzwanzig Stunden bin ich nicht mehr dahier ... habe ich die Stadt im Rücken ... suche ich anderwärts unterzukommen, ohne auch nur noch den Kopf über die Schulter zu drehen. Ich erkenne das freiwillig an und verpflichte mich hiermit: erst nach Anfrage, ob es genehm ist, bitte ich um der Barmherzigkeit wegen und nach reuiger Buße darum, wieder Einkehr halten zu dürfen. Darüber müssen fünf Jahre vergehen. Aber der ›Lump‹ wird nicht gestrichen. Vorgelesen, genehmigt ...« Ein Schrei durchriß den Schlußsatz, ein Geheul wie das eines gepeinigten Tieres hinter Eisenstangen. »Verdammich! ob Lump oder Nichtlump, es wird nichts unterschrieben!« Die Schnapsbouteille stand zwischen Diele und Decke: der gläserne Tod, bereit, niederzuklirren. Eine stählerne Faust fuhr dazwischen, und diese Faust saß an einem stählernen Arm, und dieser Arm war Moritz sein Eigentum. »Hundsfott, infamer! 'runter damit! Gegen geifernde Kinnladen und Schnapsbouteillen gebraucht man die Faust. Hier ist sie, dir dicht vor der Nase. Entweder oder! Entweder du unterschreibst, aber sofort, oder das wird mobil. Hier – das hier! Das steht wider dich auf ... stößt dir das Genick ab ... bringt dich nach Kleve,« und im Handumdrehen hatte er ein Zeitungsblatt aus der Tasche gelangt, den ›Kreisanzeiger für Stadt und Land‹, ihn auseinandergefaltet, auf eine Stelle getippt, groß gedruckt und mit fetten Lettern. »Hier steht es ... schwarz auf weiß. Du kennst es. Brauchst nicht erst lange zu lesen. Aber ich sage dir ... bloß der Auffrischung wegen: Dänischer Krieg ... Bestechung der Musterungskommission ... drei wurden verurteilt ... auch der Bezirksfeldwebel ... haben zwei Jahre Zuchthaus zu fressen. Nur du nicht ... ein Kerl wie du ... ein Bulle mit Nerven wie Stricke. Aber kein Denken dran. Du fandest Mittel und Wege ...« Die Flasche polterte nieder, zerklirrte am Boden. »Wa ... was ...?!« Giltjes torkelte in die Binsen zurück. »Mensch, das geht dir so glatt von der Leber herunter?« »Glatt und direkt. Aber hoho! Dich packten sie nicht. Der Fuchs blieb im Bau ... schnürte dann ab. Der lumpige Feldwebel hält's Maul, um nicht noch weiter in Morastus und Mistus zu kommen. Hundert Taler, die machten's ... hundert Speziestaler ... Dafür hast du deine Knochen salviert ... du Maulheld in Schlappstiefeln ...!« Nöllecke war fahl wie Asche geworden. »'ne Lüge!« »Was – du Galgengesicht?! Ich brauche dir nur in die Löffel zu schreien: Dores, der Schiffsknecht! Das gibt Luft. Auch so'n Halunke ... hat gleichfalls 'ne Portion auf dem Kerbholz. Und wenn ich befehle: Dores, die Hand in die Höhe ... die Schwurhand ... dann spinnst du Wolle, mein Junge.« Der Eingekesselte stieß einen heiseren Laut aus ... brach in sich zusammen ... den Kopf auf den Tisch ... wie verlähmt ... »Das lasse ich mir nicht gefallen. Verdammich, ich nicht!« Der Riese zuckte verächtlich die Schultern. »Du wirst schon. Entweder die Unterschrift hingesetzt, oder Dores nimmt den Schwur auf die Gabel.« Er beugte sich nieder. »Noch besser: du frißt 'ne Kugel herunter. Aber so'n Feigling versteht nicht zu sterben, drum bleibt es dabei: hier unterschrieben oder ins Zuchthaus. Das ist mein letztes. Und ich sage dir hiermit: Nur noch zwei Minuten Bedenkzeit. Mankierst du auch dann – bist du geliefert.« Giltjes stellte den Kopf in die Höhe, das erdengraue Gesicht mit den blutunterlaufenen Augen. »Hunde, ihr Hunde!« Seine Hand streckte sich aus, griff nach der Feder, tauchte sie ein. Der Schriftsatz knisterte. Mit steifen Buchstaben setzte er seinen Namen darunter. »Her damit! und binnen vierundzwanzig Stunden ... Morgen um diese Zeit – letzter Termin. Na, wir werden ja sehen.« Sie gingen. Draußen stand Hübbers. »Na – und ...?« Moritz spuckte scharf auf die Seite. »Nichts von Belang. Aber fürs Postenstehen – Hübbers drenkt che der eene?« »Waröm niet, Herr Moritz? Et es gut för kalde Füt.« »Dann ins ›Waldkarnickel‹. Du aber, Aloys – erst zu Hannecke. Nu kannst du sie frei und forsch in die Arme nehmen und sie innigst beglücken, denn nu bist du gesäubert wie mein ›Miekske‹ auf Sonntag. Und die dänischen Säbels ... an die Wand damit. Da machen sie 'nen erhabenen Eindruck. Bis gleich denn, im ›Waldkarnickel‹. Bloß zur Feier des Tages. Es will Abend werden, und wir wollen diesen Abend begießen.« Er machte sich lang. Mit gierigen Zügen trank er die Luft ein. »Ha! das saugt Ozon in die Lunge.« Aloys gab ihm die Hand. »Ich danke dir, Moritz.« Er sah in das letzte Glühen des Westens. Dunkle Pastorenvögel glitten gemächlich in das sterbende Scheinen. Vereinzelte Schwalben sangen noch hoch in den Lüften: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit ...« Es war still und groß und hehr über den Dächern geworden.   Nun blühten auch die Apfelbäume. Weißgekleidet, mit rosigen Wattebauschen dazwischen, verwandelten sie den weiten Klostergarten in den eines Paradieses. In diesem Blühen und Sichbefruchten gingen die Lehren und Ermahnungen des Thomas von Kempen und die des heiligen Ambrosius unter, denn die Liebe kennt keine Grenzen und Erwägungen. Sie folgt nur ihrem eigenen Willen, handelt nach eigenem Ermessen, empfindet weder Anfang noch Ende, ist wie der Vogel unter dem Himmelreich, wie die Lilien auf dem Felde. Sie begehrt, um zu sterben, sie stirbt, um noch beim letzten Atemzuge heiß zu begehren. Und diese Liebe umfächelte auch die gekälkten Wände, hinter denen die Staatse ihre Tage hinlebte. Sie saß am Fenster und sah von hier aus auf das rosigweiße Meer der Baumkronen. Auch in ihrer Seele das unvergängliche Sinnen und Suchen: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit ...« Ihr Gesicht war noch kleiner, die kurfürstliche Nase noch länger und markanter geworden. Nur wollte es scheinen: sie war insichgekehrter, zutunlicher der Welt gegenüber, leicht berührt von den Flügelspitzen einer freudigen Genugtuung. Sie dachte an Aloys. Für sie war er nicht der ›Papierene‹ mehr. Sie hatte sich damit abgefunden. Auch zu ihr war das stolze Ereignis gedrungen, das den so lange Verkannten zum Helden stempelte. Es hatte Einlaß begehrt, um vor ihr niederzuknien, ihre Füße zu küssen und ihre Seele zu wärmen. Sie wehrte nicht ab. Sie ließ es geschehen. Sie sah gefaßter in die kommenden Tage. Auf dem Fenstersims lag die Schnupftabaksdose, in ihrem Schoß das Neue Testament. Sie hielt das Evangelium Johannis aufgeschlagen und hatte eben aus dem elften Kapitel die Stelle gelesen: »Sind nicht des Tages zwölf Stunden? Wer in der Sonne wandelt, der stößt sich nicht; denn er siehet das Licht dieser Welt. Wer aber des Nachts wandelt, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm.« Sie schloß die heilige Schrift, legte sie ab und horchte wieder mit verschränkten Fingern in das Blühen hinaus, in die glückverheißenden Atemzüge der Liebe und der Müdigkeiten. »Ja,« sagte sie leise, »mein Weg führt wieder durch Licht, denn für mich sind des Tages zwölf Stunden geworden, nur fürchte ich, daß meine Augen die Fülle des Scheinens nicht mehr lange ertragen. Aber was soll das? Ich denke mit den frommen Legenden, die da sprechen: Dein Kampf wird bald ausgekämpft sein, deine Mühseligkeiten sind vorübergehend gewesen. Aber der Triumph dauert ewig. Die Krone wird dir nicht mehr vom Haupte genommen.« »Frau Teerling ...!« »Ich bitte.« Wie auf Eiderdaunen war Schwester Eusebia, die Pförtnerin, ins Zimmer getreten, rund und nett, einer Wachtel ähnlich, die sich wohlig ernährt in einem Lupinenfeld und in den benachbarten Weizenschlägen. Auch das helle, fröhliche ›Pickwerick‹ klang durch, als sie sagte: »Frau Teerling, würde Ihnen ein Besuch angenehm sein?« »Wer will mich denn sehen?« fragte die Alte mit einem leichten Anflug von Unmut in der Stimme. »Der Herr Kaplan. Er möchte sich die Ehre geben, Frau Teerling.« »Warum verfällt er denn gerade auf mich?« Schwester Eusebia lächelte gütig, dabei nahm sie den Rosenkranz, der ihr am Gürtel hing, und ließ die einzelnen Perlen durch ihre weißen Hände gleiten. »Nicht auf Sie allein, meine werte Frau Teerling. Jedes Jahr macht der Herr Kaplan seinen Rundgang. Er beginnt damit am heiligen Dreikönigstage, um seinen Liebesdienst im Advent zu beschließen. Heute sind Sie an die Reihe gekommen, und unter dem Schirm unseres Klosters ›Jesus, Heiland, Seligmacher‹ möchte er vorsprechen.« »Dann allerdings!« »Herr Kaplan,« rief Schwester Eusebia mit ihrem hellen Wachtelschlag über die Schulter, »Frau Teerling läßt bitten,« und das pummelige, adrette und blanke Nönnchen stellte für den geistlichen Herrn einen bequemen Stuhl zurecht, den sie bis in die Nähe des Fensters rückte. Die Finger ineinandergeflochten, sie knackend auf- und abschurfelnd, beehrte der junge Kleriker das Zimmer der Staatsen, während die Schwester mit einer stillen Verbeugung sich entfernte. Man sah kein Gehen an ihr, keine Bewegung der Glieder, kein Hin und Her ihres dunklen Kleides. Gleichsam auf Draht gezogen, die Hände in den weiten Ärmeln verstaut, glitt sie auf den weiten, leeren Flur hinaus, in die friedliche Kühle hinein, als würde sie von lautlosen Gummiröllchen getragen. Dafür zeigte Herr Klemens van Bebber eine andere Gangart. Er verschmähte es, sich der Samtpfoten zu bedienen. Seine Priesterschuhe knarrten derb und fest über die Dielen. Im übrigen setzte er bei seinem Erscheinen das ihm überkommene Wesen hintan. Er wußte, wie er die Alte zu nehmen hatte. Herrisches Benehmen verfing nicht bei ihr. Ihr gegenüber faßte er sein Amt auf als ein Amt der Versöhnung und des Ausgleichs. Ja, er verstieg sich sogar zu einem heiteren Schmunzeln. »Gelobt sei Jesus Christus!« »In Ewigkeit, Amen!« Er legte den Hut ab. Mit verschränkten Armen, die schwarzbestrumpften Beine übereinander geschlagen, sah er sich alsbald der Staatsen gegenüber. Gesenkten Kopfes bekundete er ein gewisses Interesse für seinen beschnallten Schuh, den er taktmäßig auf- und niederwippte. Dann hob er den Kopf. »Frau Teerling,« sagte er nach einiger Weile, »ich freue mich, Sie hier zu wissen und hoffe zu Gott, Sie fühlen sich wohl im hiesigen Klosterfrieden.« »Ich danke der Nachfrage. Mir fehlt nichts, Herr Kaplan, und ich habe keine Veranlassung, mich über irgend etwas zu beklagen. 'n Küchelchen bei 'ner däftigen Gluckhenne kann es nicht besser verlangen. Was die Nönnchen mir an den Augen absehen, geschieht, um mir die Tage so angenehm wie nur möglich zu machen. »Das ist erfreulich zu hören, und so denke ich denn, daß Sie auch gesonnen sind, Ihren Lebensabend hier in Gott und seinen Heilswahrheiten zu beschließen.« »Das weiß ich noch nicht. Es könnten sich Umstände ergeben, die mich wieder in meine eigenen vier Pfähle brächten.« »Soso!« kam es bedauernd zurück. »Herr Kaplan, Sie wissen ja selber, was mich herführte. Da begaben sich Dinge zu Hause, die meine Ansichten und Gefühle direktemang auf den Kopf stellten. Ich kann vieles verknusen, aber nicht alles. Jedereins hat 'ne Portion Duldung zu tragen. Wird's aber zu dick, dann steigt's in die Galle, so daß einer sich genötigt sieht, Schluß mit die dumme Sache zu machen. Ehre und Anstand über alles ... und so habe ich mich denn zu die barmherzigen Schwestern begeben, ganz im Sinne meines verstorbenen Mannes. Außerdem – ich bin 'ne Tochter vom seligen Tabakpflänzer Wintjes aus dem benachbarten Wissel. Beide hatten propere Westen. Dem war Rechnung zu tragen.« »Ich weiß das, meine liebe Frau Teerling. Auch weiß ich: Sie können nicht vergessen, Sie tragen nach, Sie versteifen sich auf Geschehnisse, die verjährten, die mit heißer Buße ins Grab sanken. Ihre Schwiegertochter weilt nun dort oben. Das heilige Salböl und die letzte Zehrung nahmen ihr die Sünden hinweg, und so, wenn alle Erwägungen nicht trügen, hat sie Gnade gefunden, wurden ihr die Lockungen und Verfehlungen des Fleisches vergeben.« »Der?!« fragte die Staatse mit gekniffenen Lippen. »Meiner Schwiegertochter? Der da vom Emmericher Eiland?!« Sie schüttelte abweisend den Kopf. »Nein, Herr Kaplan, in dieser Beziehung kann ich Ihnen nicht beipflichten, dafür ist doch ihre Aufmachung ein bißchen zu happig gewesen.« Klemens van Bebber wurde unruhig. Er spielte mit den Fransen seiner seidenen Schärpe. »Frau Teerling, Sie kennen doch die Gebote der christlichen Liebe?« »Ganz genau, Herr Kaplan. Daran mangelt es nicht, hat es mir niemals gemangelt. Nur vertrete ich die Ansicht: man kann die verschiedenen Liebesarten nicht über ein und denselbigen Leisten ziehen. Was dem einen Stiefel behagt, ist für den andern vom Übel.« »Schon richtig. Allein reumütige Buße, christkatholische Einkehr in der Stunde des Todes zieht Liebe nach sich und damit Vergebung.« »Nicht immer, Herr Kaplan. Manches im Leben kann auf solchen innerlichen Samariterdienst keinen Anspruch erheben, denn es verjährt einfach nicht.« Der geistliche Herr zog die rötlichen Brauen zusammen. »Ich verweise Sie auf die ›Moral‹ des hochwürdigsten Bischofs Konrad Martin in Paderborn. In seinen Auslassungen heißt es: Die Liebe ist duldsam und gütig. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles; denn wo sie weilt, ist Friede auf Erden. Vornehmlich: sie duldet und erträgt alle Schwächen und Verfehlungen der Mitmenschen. Die Liebe triumphiert über die niedrigen Instinkte, über Vorurteile und Intoleranz. Selbst über die Gerechtigkeit. Sie weist nach den Sternen.« »Über die Gerechtigkeit auch?« »Auch über diese.« »Herr Kaplan, nehmen Sie's mir nicht verübel, aber Ihre Behauptung kann ich nicht zu meiner eigenen machen. Wenigstens in diesem Augenblick nicht. Sie müssen mir das schon deutlicher auseinandersetzen, sonst ist das schwer zu verstehen.« »Frau Teerling, ich erinnere Sie an die Mahnung unseres Herrn. Diese Mahnung ist der Fels, auf dem die Kirche fußt, die Hoffnung auf das ewige Jenseits. Sie lautet: Liebet eure Feinde, tuet denen Gutes, die euch hassen, und betet für die, die euch verfolgen, auf daß ihr Kinder eines Vaters werdet, der im Himmel wohnet.« »Mag stimmen, aber er sagt auch: Zahn um Zahn und Auge um Auge, und das muß ich auf die vom Emmericher Eiland beziehen.« »Sie ruht, sie ist unter der Wohltat der Sakramente dahingegangen. Über ihre Verfehlungen zu urteilen, steht uns nicht mehr an. Sie sollten vergessen, Frau Teerling, und bei diesem Vergessen auch verzeihen. Hebet überhaupt den Stein nicht auf. Besonders den Stein nicht, der in diesen Tagen geworfen wurde.« »Was für'n Stein denn?« Der junge Kleriker kniff die Lider bis zu einem fadendünnen Spältchen zusammen. Seine Blicke krochen langsam an die Staatse heran ... fühlend, prüfend, erwägend. Noch blieb er ruhig. Bis jetzt noch. Dann holte er seine Augen wieder zurück, betrachtete die Schuhschnalle mit forciertem Interesse und sagte: »Er wurde in der Kesselstraße geworfen.« Die Alte merkte auf. »Na, so was! Wo soll ich das hintun?« »Warten Sie ab, meine liebe Frau Teerling. Auch hier leitet uns der weise Bischof von Paderborn auf den richtigen Pfad. Er meint: Gewißlich – besondere Darbietungen des Wohlwollens einem offenen Gegner gegenüber sind zwar nicht geboten, aber geraten. Sie gehören, wie der heilige Thomas sagt, nicht zur Necessitas caritatis , sondern zur Perfectio caritatis . Doch können sie unter besonderen Umständen ebenfalls pflichtmäßig werden, namentlich in Fällen, wo durch ihre Unterlassung ein Ärgernis entstehen oder dem Gegner ein leiblicher oder geistlicher Nachteil zugefügt würde.« »Das geht mir zu hoch. Oder denken Sie vielleicht an Nöllecke Giltjes?« »Ja, an ihn.« »Warum denn?« »Sein leibliches Wohl wurde zerrüttet, Ärgernis wurde gegeben. Nein, nein, nein! den Stein zu heben, ihn zu werfen, ist Versündigung. Und er wurde gehoben, und er wurde geworfen, und das von der Hand Ihres Sohnes.« »Ha!« rief die Staatse, fast triumphierend, »das ist es ja eben, das ist mein Frühlingserwachen, meine ganze Bekömmnis – dieses Ausklinken von dem Schürzenmarkör und Weiberverführer!« »Frau Teerling ...!« »Herr Kaplan, ich bin noch nicht fertig.« Sie hielt ihm die innere Hand zu. »Aussprechen lassen. In diesem Momentus habe ich noch zu reden, denn wenn jeder durcheinanderparlieren würde, wo sollte das hinführen! Für Kraut und Rüben in einem Pott hab' ich nie 'nen richtigen Gusto gefunden. Nein, Herr Kaplan, immer klares Gemüse ... und wenn ich so meine letzten Jahre überdenke, mir dieses und jenes betrachte, wie ich gelitten habe, wie mir die Weibsperson meine Tage verekelte, wie Aloys zu schwach war, ihren Launen zu steuern ... wenn ich dieses so kurz überschlage, dann muß ich schon zur Überzeugung gelangen: die letzten Jahre haben für mich nach dem Kirchhof und dem Spaten gerochen, bis schließlich doch so 'ne nette Wendung einsetzte und die Medaille sich auf die andere Seite drehte. Denn was mein Junge, unter dem extraordinären Beistand vom langen Moritz, in der Kesselstraße zuwege brachte, das hat mich doch so'n bißchen aufgerappelt und in die Höhe gehoben, denn nu sehe ich endlich: er ist wirklich der Mann von Düppel und Alsen ... und das ist mein Stolz, Herr Kaplan, und diesen Stolz müssen Sie mir schon zugute rechnen, aus purer Einsicht und um der Gerechtigkeit willen.« Der benommene Kleriker versuchte ein letztes. Er sprach mit Engelszungen. Er mahnte zur Einkehr. Er zeigte das Bild der Versöhnung in einem schönen und vergoldeten Rahmen. Er wölkte dieserhalb Weihrauch und Myrrhen. Er bat mit ernsten Worten darum, den unerträglichen Zuständen ein Ende zu bereiten, die Hand des Gegners nicht abzuweisen, schon aus dem Grunde heraus, kein Ärgernis zu geben, ihn nicht in das schaurige Dunkel der Verzweiflung zu peitschen, um mit dem Appell zu schließen: »Liebet euch untereinander, laßt euch nicht hinreißen von Zorn und Rache, duldet und leidet wie der Herr auf Golgatha duldete, wie er noch in der Stunde des Todes denen verzieh, die ihn verhöhnten und den Backenstreich gaben, die ihn geißelten, mit Dornen krönten und ihn den bitteren Weg gehen ließen, der zum Kalvarienberg führte. Drum, meine liebe Frau Teerling,« und er legte die Hände flehend zusammen, »ich bitte herzinniglichst um die Nachfolge Christi.« Die Staatse sah ihn mit großen Augen an. »Herr Kaplan, Sie müssen ein guter Mann sein, sonst könnten Sie sich nicht derart für die Menschen einsetzen, selbst nicht für die schlimmsten in unserm Kirchspiel. Das ist rührend von Ihnen, sich so von den Aasvögeln aus den Händen picken zu lassen.« »Aber Frau Teerling ...!« Empört war der geistliche Herr in die Höhe gefahren. Die Alte hieb nach. Ihre Worte rumpelten: »Ja, rührend von Ihnen. Indessen, ich bin anders geartet. Früher zweifelte ich an Aloys; jetzt tu' ich es nicht mehr. Den Hans vom Schneckenbach hat er abgelegt. Die Klopflaute der Tage sind ihm verständlich geworden. Er hat es aufgegeben, sich von den Reihern im Pfalzdorfer Reiherbusch bekleckern zu lassen. Früher glaubte ich, die Sonne würde mir niemals mehr zuwinken; jetzt scheint sie mir wieder mit ihren lieblichsten Kulören. Früher dachte ich allzeit: es kann nicht mehr werden; jetzt ist es trotzdem geworden. Früher ging ich durch Unrast; jetzt habe ich Ruhe in Gott. Ja, Herr Kaplan, Ruhe in Gott, denn heute weiß ich: die Ehre ist unserm Hause wieder zugute gekommen, und dieses bleibt, wie ich soeben schon sagte, meine größte Bekömmnis und mein Frühlingserwachen.« »Und da billigen Sie das Vorgehen Ihres Sohnes, dieses unnachsichtliche Vorgehen, von dem die ganze Stadt überträuft?« »Völlig.« »Und sind einverstanden damit, daß er einen Unglückseligen, einen Verirrten, ich gebe selbst zu – ein räudiges Schaf von Haus und Anwesen vertrieb, um so, außerhalb der Gesetze stehend, seiner Rache zu frönen?« »Ganz meine Ansicht.« »Und können Sie sich damit abfinden, ihn, diesen Geächteten, in der Fremde zu wissen, ohne Erbarmen, ohne das geringste Mitleid zu empfinden – und das ohne Seelenqualen, Frau Teerling?« »Mit Wonne.« Der junge Kleriker nahm seinen Hut. »Dann ist mein Liebesgang vergeblich gewesen.« »Ich pflichte dem bei,« sagte die Staatse, indem sie sich gleichfalls erhob. »Schwester Eusebia ist die bravste und frömmste in diesen Mauern. Ihre rechte Hand weiß nicht, was die linke veräußert. Sie ist freundlich und zuvorkommend, ein Sonnenschein bei Tage, ein erquicksames Öllampchen zur Nachtzeit. Aber mit Ihrer Einführung, Hochwürden, hat sie kein Glück gehabt. Sie hat eben daneben gegriffen.« »Also ich sehe: Sie sind nicht zu bekehren und nicht für den Frieden zu haben?« »Ich denke nicht dran und muß leider bedauern.« Ein harter Schnallenschuh stampfte auf. »Dann noch ein letztes ...« »Herr Kaplan, ich habe nichts mehr zu hören und nichts mehr zu sagen. Nur eins noch: Lassen Sie mich von jetzt an in Ruhe.« Sie wandte sich ab. »Lassen Sie mich.« »Leben Sie wohl.« Die Tür wurde geöffnet und zugeschlagen. Im Flur verhallten die Schritte. Von draußen aber grüßte ein Blütenrausch aus dem Garten ins Zimmer und legte sich warm und wohlig um ein Mutterherz, das endlich wieder aufatmen konnte. Einundzwanzigstes Kapitel Die Staatse machte eine große Bewegung. »Erledigt! denn für derartige Redensarten kann ich mir keine Elle von dem billigsten Kaliko kaufen. Jeder für sich. So'n junger Hahn aus dem Hühnerstall des Friedensbereiches darf mir doch keine Vorschriften zulegen wollen. Wer die Backe hinhält, aus lauter Pläsier, sich 'ne Maulschelle geben zu lassen, ist drum dem Himmelreich nicht um 'ne Handbreit näher gekommen. Wer immer von Vergebung redet, dem befindet sich das Herz im Hosenboden, und solche Augenverdreher liegen mir nicht, weil sie nicht die Courage besitzen, vor ihre eigene Ehre zu treten ... und Ehre ist Leben ... und Leben ist Kampf ... und Kampf ist das, was die Menschen nötig haben, um sich 'nen zuständigen Platz im warmen Sonnenschein zu sichern. Ich will nicht im kranken Schatten stehen. Auch Aloys nicht, und da er dieses nicht wollte, bin ich mit ihm äußerst zufrieden.« Sie setzte sich wieder, nahm das Neue Testament, schlug das Evangelium Lucä auf und las aus freier Seele heraus: »Ich aber sage euch: Wer sich selber erhöhet, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden. Und dieses ist meinem Aloys passiert. Er wurde bewertet und nicht zu leicht befunden, und damit erhöhet. Nun besitze ich wieder, was mir mangelte: Ruhe in Gott und Vertrauen zu mir und meinem Erlöser.« Ein nachsichtiges Klopfen ließ sie aufhorchen. Sie kannte den Knöchel, der anpochte. »Herein!« rief sie freundlich. Mit hellem ›Pickwerick‹ glitt Schwester Eusebia ins Zimmer: »Ist was passiert, meine liebe Frau Teerling? Der Herr Kaplan hat soeben das Kloster und uns in äußerster Unruhe verlassen.« »Passiert eigentlich nichts. Bloß so kleine Meinungsverschiedenheiten. Das kommt immer mal vor. Jedes Menschenkind hat seine eigene Gangart. Ich auch, und wenn meine ihm nicht paßt, so kann ich das höchstens bedauern, aber mich selber nicht bemitleiden. Ein priesterliches Wort in Ehren, indessen, auch meins darf nicht ausgeklinkt werden.« Schwester Eusebia machte Äugelchen wie ein verstörtes Wachtelhühnchen. »Also doch eine kleine Verstimmung,« sagte sie schüchtern. »Man kann es so nennen. Ja, Schwester, man kann es so nennen. Ich habe meinen Aloys erhöht, dagegen den schmiedeeisernen Nöllecke Giltjes so'n bißchen erniedrigt – ihm gegenüber erniedrigt, und ich mußte das tun, um meine innersten Gefühle nicht betteln gehen zu lassen. Schwester, Sie wissen das nicht, sind ein Himmelsbräutchen, denn Sie stehen außerhalb der Welt, haben mit ihr nichts mehr zu schaffen. Ich aber stehe noch drin, habe 'nen Sohn, den ich aufs neue als den meinen beanspruche. Glauben Sie mir, ich habe zwei Augen, die das Weinen kennen, aber nur innerlich kennen, und das geht mehr an die Nieren, als Weinen mit offenkundigen Tränen. Und dieses innerliche Weinen, mit 'ner gehörigen Portion nunmehriger Freude dazwischen, wurde mir übel genommen – von dem Kaplan übel genommen. Das ist es, da liegt der Hase in der Pfeffersauce. Ich besitze Stolz und Mutterpflichten zwischen den Rippen, und wenn ein Stellvertreter Gottes mir diese abdividieren will, so halte ich das für eingreifender, als wenn irgendein Laie käme, um mich darin irrezumachen. Bisher konnte ich sagen: Ich glaube an ihn, denn er gibt sich seiner Priesterschaft mit Anbetung hin. Aus kleinen Verhältnissen heraus brachte er es zu einem Auserwählten des Herrn, zu einem würdigen Seelsorger im hiesigen Kirchspiel, obgleich ich seine Ansichten über den König, den dänischen Krieg und die gloriosen Taten unserer Leute nicht zu teilen vermag. Ich halte meine Backe nicht hin, um mir ›eine‹ herunterhauen zu lassen ... und weil ich darin mit ihm im Gegenteil stehe, habe ich meinen Glauben an ihn, besonders in der jetzigen Stunde, so'n bißchen verloren, denn Hand aufs Herz: ich halte zu meinem Aloys und nicht zu dem schmiedeeisernen Nöllecke Giltjes. Der Mensch war unmöglich geworden, und was sie ihm antaten – ich sage Amen dazu, dreimal ein gesegnetes Amen.« Schwester Eusebia senkte die Lider. »Oh, oh, oh!« sagte sie traurig. Durch ihr sonst so heiteres ›Pickwerick‹ zitterte eine dringliche Mahnung. »Wo bleibt da die Nächstenliebe, Frau Teerling?!« »Nächstenliebe?! die hab' ich in überreichlichem Maße. Ich kann davon pfundweise abgeben. Aber alles mit Ausnahme, und wo der Pott überläuft, da bin ich stark genug, meine Maßnahmen zu treffen.« »Duldsamkeit ist die höchste Zierde des Menschen.« »Aber nicht immer.« »Der Herr Kaplan meint es gut mit Ihnen, Frau Teerling. Das sagte er mir, als er fortging, auch innigst bedauerte, mit Ihnen dieses Erlebnis gehabt zu haben. Seine morgige Predigt wird es erweisen. Er gedenkt darin zu vermitteln, die Herzen aneinander zu schmiegen, Unliebsames aus der Welt zu schaffen, im Sinne unseres Herrn und Seligmachers zu sühnen und zu versöhnen.« »Warten wir ab,« kam es kalt zurück. »Hoffen wir, hoffen wir,« sagte das Nönnchen. Der herzige Wachtelschlag kam darin wieder zur Geltung. Mit gütigem Lächeln empfahl sie sich. Auf lautlosen Schuhen verließ sie das Zimmer. Das Haus sank zurück in traumhafte Dämmerung, in ein andächtiges Schweigen von stummer Vergebung und Zärtlichkeiten. Von den Wiesen her räucherte eine Wolke von köstlichen Aromen über die kleine Stadt hin. Sie gemahnte an den wohligen Hauch von Kuckucksblumen und Salbei, von Lerchensporn und Ehrenpreis. Sie sank über die Dächer, über die Herzen, die in Frühlingsfeier lebten, über die kleinsten Anwesen und Gerechtsamen. Nur eine Stätte vermied sie: das Haus und die Schmiede in der Kesselstraße. Die Leute stießen auf verhangene Fenster und abgeriegelte Türen. Kein Krüsel stand über den Pfannen, keine frohen Gesichter ließen sich sehen. Der Schwingpflug mit den blanken Messern und dem blauilluminierten Rüstzeug war im Dunkel der Einfahrt verstaut und geborgen. Seinem Protzentum war ein baldiges Ende gesetzt. Die Menschen hatten ihn bereits zu den Toten geworfen, sprachen wohl ab und zu von ihm, von ihm und dem Geschick seines abwegigen Herrn, um bei Schafskopf, Kegelschieben und 'nem guten Glas Bier im ›Waldkarnickel‹ ganz allmählich in ein gleichgültiges Vergessen zu steuern. Sie liebten keine störrische Trift, sondern ruhiges Wasser. Nur der rote Kaplan vergaß nicht. Die halberloschene Kerze brachte er heimlich zu Atem, schnauzte den verkohlten Docht und stellte das erweckte Licht selbstgefällig auf einen hohen Leuchter, daß alle es sehen konnten und wieder helläugig wurden. Und morgen war Sonntag. Zwinkernd schälte sich das erste Leuchten aus violblauen Dämmerungen. Die ersten Dohlen flogen von Sankt Nikolai in die Felder hinein, um sich dort mit den Saatkrähen bei aufgestöberten Engerlingen und Maulwurfsgrillen gütlich zu tun. Stäwe Rademaker fuhr die Frühpost nach Kleve. Während die Gäule goldene Äpfel spendierten, blies er herzerquickend in den frischen Maienmorgen hinein. Eine kleine Viertelstunde vor Beginn des Hochamtes läuteten die Glocken zur heiligen Feier. Die Straßen wurden lebendig. Herr Iwan Kasimir Brill stolzierte in seinem martialischen Sonntagsstaat über den Markt. Sein gekreidetes Lederbandelier fiel allgemein auf. Ebenso sein Seitengewehr mit schwarzweißer Troddel. Auch Heinrich Hübbers erschien mit seinem pummeligen Frauchen. Die himmelblaue Schneideridee konnte es getrost mit der neuen Montur des Polizeigewaltigen aufnehmen. Gleich darauf sah ich die Staatse kommen. Sie war nicht allein. Zwei Nönnchen in schwarzen Faltenröcken und lichten Stirngebänden begleiteten sie. Und als ich sie kommen sah ... wider Erwarten: sie schien mir gealtert, als befürchte sie ein nahendes Unglück. Ihre Gestalt gab sich hinfälliger, ihre kurfürstliche Nase gestreckter. Dabei blieb sie für mich die gebietende Oma: absonderlich, unbeugsam, die Züge wie mit einem scharfen Messer aus einem harten Kloben geschnitten. Ab und zu umspielte diese Züge ein Lächeln ... und wenn ich mich jetzt ihrer erinnere, dann lauten für mich die Glocken im toten Brügge, die Glocken im Schlosse von Tordesillas, weit drüben in Spanien ... weit drüben in Spanien. Ich sehe es deutlich: die nämliche Strenge, dieselbe Abkehr von der Welt, von ihren Lockungen und Anfechtungen, die gleiche Verehrung zu Gott und seinen ewigen Werken ... und meine Sinne schweifen in längstdahingegangene Tage. Glockengeläut im toten Brügge, Glockengeläut im Schlosse von Tordesillas! Führte da ein Kaisersohn ein spanisches Fürstenkind in das graue Flandern ... und war eine Jungfrau, ernst und hoch gewachsen ... und wurde sein Weib ... und spielte mit seinem Haar, als wäre es das Gelock eines Engels gewesen. Verträumten Auges ging sie durch die nordische Stadt, sah in den traurigen Wassern, die wie Lava erschienen, die Sterne des Himmels und das matte Glänzen des Tages, lauschte auf das dumpfe Rufen von den Türmen herunter, erschaute das Flimmern von hundert und aberhundert Kerzen in den mystischen Kirchen, voll tiefster Neigung zu Gott, und freute sich dessen ... und freute sich der linden Hand ihres Gemahls ... und freute sich seines Minnespiels, umschmeichelte ihn mit dem köstlichen Schmeicheln eines hingebenden Weibes, bis sie eines Tages erstarrte und schwere Litaneien ihr zuflüsterten: »Nun ist Philipp, der König, auch der Schöne geheißen, an deiner Seite gestorben.« Und nicht diese allein sagten es ihr – auch die Tränen im Reich, die Tränen in Flandern, die grauen ewigen Wogen des Meeres, die die Küsten des Landes in lauter Unrast zernagten. Ihre Seele trübte sich, ihre Augen blickten nach innen, als müßte sie sich mit dem Tode befreunden. Auch sie wollte ihm folgen, aber sie starb nicht. Als Königin trieb es sie heimwärts in das sonnige Kastilien, die Sinne umflort, die weiße Hand auf dem Sarkophag des Vielgeliebten. Im Schlosse von Tordesillas horchte sie auf das Raunen der dunklen Zypressen, auf die Stimmen zwischen Himmel und Erde. Zwei Nönnchen bedienten sie, kleideten sie in tiefes Schwarz, geleiteten sie mit brennenden Kerzen zur Messe. Sie suchte das Bahrtuch und konnte das Bahrtuch nicht finden. Ihre Züge trugen die Runen des Schmerzes, ihre Lippen die des ewigen Starrseins. Ihre Flechtenkrone ergraute. Ihre Tage gingen in ein hohes und zerquältes Alter hinein, und noch immer spielte sie mit dem Haar ihres Einzigen wie in den Stunden der Freude, als wäre es das Gelock eines Engels gewesen ... und sie konnte nicht sterben. Auch nicht mehr lächeln. Nur als ihr Abend sich neigte, fand Johanna von Kastilien ihr Lächeln wieder. Es umsonnte ihre Mundecken mit dem feinen Scheinen des Paradieses. So auch die Staatse. Sie war keine Königin, aber sie ähnelte ihr. Schwarzgekleidet, ehrfurchtgebietend, im Antlitz die Wunden des Schmerzes, starr und strack, mit der Hoheit einer heimgesuchten Fürstin, schritt sie stumm ihres Weges. Die Kerzen fehlten. Aber in dieser Stunde: sie konnte noch lächeln, gleich der hohen Frau im Schloß von Tordesillas ... und dieses Lächeln umsonnte ihre Mundecken mit dem feinen Scheinen des Paradieses. Durch die buntbemalten Fenster von Sankt Nikolai spann das Maienlicht seine farbigen Netze. Weihrauchfäden quirlten zur Decke, zerteilten sich an den gotischen Bogen und Gewölben, senkten sich zu den Altären nieder, umnebelten Kreuze und Heiligenbilder, die dünnen Flämmchen auf den ragenden Messingleuchtern. Von der Orgelempore sah ich das seine Ziehen und Gleiten, ich und meine Freunde aus den Lohhecken. Der Odem des Ewigen wehte uns zu. Wir vernahmen das monotone Umschlagen von Gebetbuchblättern, das fast lautlose Stammeln von frommen Lippen, das eintönige Fallen von Rosenkranzperlen. Drüben, in den vordersten Bänken saßen Aloys und Hannecke Brükers. Nicht weit davon leuchtete der ›Blaue‹ von Heinrich Hübbers herüber. Er hatte sich so placiert, daß alle ihn sehen und bewundern konnten. Stina Mengels und die Traben-Trabacher Marie knieten nicht weit von der Kanzel. Aber die Staatse! Da stand sie straffen Leibes im Chorgestühl auf der Epistelseite, eine schwarze Gestalt unter den dunkelgekleideten barmherzigen Schwestern. Sie rührte sich nicht. Sie fußte an, als wäre sie aus dem braunen Eichenholz gewachsen, das sie umpferchte. Der Sommersprossige stieß mich an: »Großartig – was?! Das bekäme man nicht alle Tage zu sehen – das mit der Staatsen.« Er verstummte. Über uns begann die Orgel zu brausen. Von der Sakristei her gellte eine Klingel herüber. Sie kündete den Beginn des Hochamtes an. Unter dem Beistand zweier Leviten zelebrierte der Pastor und Ehrendomherr der Kathedralkirche zu Münster die heilige Handlung. Die Staffelgebete setzten ein. »In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Introibo ad altare Dei.« »Ad Deum, qui laetificat juventutem meam.« »Qui fecit coelum et terram.« Introitus und Graduale folgten. Das Meßbuch wurde auf die Evangelienseite getragen. »Credo in unum Deum ... et in unum Dominum Jesum Christum, Filium Dei unigenitum ... et in Spiritum Sanctum...« Das große Opfer bereitete sich vor. Die hohen Kirchenfenster erstrahlten in voller Glorie. Lichte Garben büschelten aus der Höhe hernieder, senkten sich auf Kelch und Monstranz, auf Priester und Gläubige, erfüllten die weiten Hallen mit dem geheimnisvollen Schimmern und Leuchten des Himmelreiches. Eine Viertelstunde reichte der andern die Zeit. Ein Glöckchen ertönte. Wein und Brot wurden konsekriert. Reine Hände segneten sie, hoben sie auf. »Dies ist mein Blut, dieses ist mein Leib!« Empfanget in Reue und Keuschheit! Die Gemeinde kniete im Staub. Die Staatse blieb aufrecht, senkte nur den Nacken, klopfte die Brust und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes. Und wieder das Glöckchen. Auf zu den Himmeln! »Corpus Domini nostri Jesu Christi custodiat animam meam in vitam aeternam.« »Dominus vobiscum!« »Et cum spiritu tuo!« Unter dem Einsetzen aller Register kam es mit Engelszungen daher. »Ite, missa est!« »Deo gratias!« Also geschehe es! Aller Augen wandten sich, suchten nur ein einziges Ziel auf. Der junge Kaplan hatte die Kanzel bestiegen, im weißen Röckling, die goldbestickte Stola um Hals und Schultern geschlungen. Die Augen geschlossen, den Kopf zurückgebeugt, mit beiden Händen das Gesims des Stuhles umgriffen, wartete er auf das Verklingen der Orgel. Nur langsam geschah es. Noch geraume Zeit hindurch summelten die Tonwellen nach, zitterte und schwebte die Vox jubilata unter den Kreuzgewölben dahin, als könnte sie den Ausgang nicht finden. Dann verstummte auch sie. Die Blicke des Klerikers erschlossen sich. Unauffällig revierten sie über die große Gemeinde, schweiften vom Hohen Chor bis in die entlegensten Winkel hinein, kehrten zurück gleich folgsamen Tauben, versenkten sich in das Evangelium des heiligen Matthäus. Und die Lippen sprachen, was die Augen auflasen: »Da trat Petrus zu ihm und sagte: Herr, wie oft muß ich meinem Bruder vergeben, wenn er wider mich sündigt? Bis zu siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Nein, sage ich dir: nicht bis zu siebenmal, sondern bis siebzigmal siebenmal! Darum ist das Himmelreich gleich einem König, der mit seinen Knechten Abrechnung halten wollte. Und war einer darunter, der in Unduldsamkeit und Nachtragerei seine Tage dahinbrachte. Da rief ihn sein Herr an und schalt ihn: Du böser Knecht, die ganze Schuld habe ich dir nachgelassen, weil du mich gebeten hast. Mußtest du dich nicht auch deines Mitbruders erbarmen, wie ich mich deiner erbarmt habe? Und voll Zorn übergab er ihn den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlen würde. So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen verzeiht.« Er küßte die Schrift und legte das Buch ab. Hierauf kniete er und hörte auf das leise Scharren und Räuspern, das wie ein Säuseln und Rumoren in durchwühlten Ästen zu ihm emporstieg. Die Gläubigen setzten sich, Herz und Sinne auf die Kanzel gerichtet. Auch die Staatse hatte sich niedergelassen. Mit aufgelehnten Armen thronte sie zwischen den Stuhlwangen, die Beine gestreckt, den hageren Leib emporgerichtet, als wäre sie aus Stein gehauen. Nichts verriet, was in ihr vorging, obgleich sie sich nach den einleitenden Worten sagen mußte, was kommen würde, ohne Erbarmen, mit dem gemächlichen Herantasten eines brütenden Unwetters. Gestorben und doch nicht gestorben! Mit erloschenen Blicken sah sie ins Leere. Nähe und Ferne entschwanden ihr; sie erschaute nur Nebel, und in diesem Nebel verloren sich die Menschen, die zuckenden Flämmchen vor den Predellen, die Altäre mit ihren köstlichen Schnitzwerken und Schildereien, die Mysterien, die in lichten Engelsgestalten das Tabernakel umreihten. Die Nönnchen stießen sich an. Sie bangten vor dem fahlen Gesicht zwischen den ergrauten Haarsträhnen, vor dem Düster der bleiernen Augensterne, in deren Tiefen es nicht ruhen und rasten wollte. Zuweilen spiegelte es dort in der toten Öde auf, zuckte und züngelte es mit den Spiegelbildern in einer unheimlichen Zauberlaterne, die irgendetwas vorbereitete, ohne zu wissen, wie sich ihre Spiegelbilder auswirken und gestalten würden. »Frau Teerling,« flüsterte ihr Schwester Eusebia zu, »der Herr Kaplan erweckt Reue und Leid. Er betet, um im Namen Gottes sprechen zu können, zu sühnen und zu versöhnen.« Die Alte hörte sie kaum, träumte stumpf vor sich hin. So mochte die greise Königin im Schlosse zu Tordesillas vor sich hingeträumt haben, als die Zypressen in den dunklen Gärten zu raunen begannen: »Nun ist dein Abend gekommen, denn der Tag hat sich geneiget und es nächtet bereits über den Bergen.« »Geliebte im Herrn!« Die ersten Worte der Predigt fielen von der Kanzel herunter. Mit einem scharfen Ruck hatte der rote Kaplan die weiten Ärmel seines Chorhemdes zurückgeworfen. »Sursum corda! Creon in unam sanctam catholicam ecclesiam. Sie ist uns Führer und Leitstern und zeigt uns Mittel und Wege, die zum Heile führen. Sie sendet uns ihren Boten des Lichtes, den berufenen Mahner, der durch die Straßen geht mit dem Kleid und der Gewalt eines Cherubs, der da Türen und Läden aufstößt und vernehmbar wird in den Worten des Evangelisten: Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, soll dem Gerichte gehören. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Racka! soll dem Hohen Rate verfallen. Und der Cherub flammt auf: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden! Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammet werden! Gebet, so wird euch gegeben werden: ein gutes, gerütteltes Maß, wie nicht mehr zu finden; denn mit demselben Maße, mit dem ihr einmesset, wird euch wieder eingemessen werden! Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders? Warum nicht den Balken in deinem eigenen Auge? und taumelst selber daher, trunken in Anmaßung, verstört in deinem Wirken und Werken. Warum nicht, warum nicht?! O ihr Kleingläubigen, ihr Seiltänzer auf dem schwankenden Seile falscher Ehrbegriffe, ihr Stolzlichen auf dem fahlen Pferde des Hochmuts, ihr biegt die Worte des Evangelisten, wie der Korbflechter seine Weidengerten biegt, um sie seinem Willen gefügig zu machen, ohne euch selber zu biegen, euren Dünkel zu brechen und die Hand der Versöhnung und die der Verzeihung zu reichen ... und es steht doch geschrieben: Liebet euch unter einander und vergebt euren Peinigern. Aber ihr hört es nicht, wollt es nicht hören, ihr Widersetzlichen! Narrenkönige von eigenen Gnaden, mit Blechkrone und abgewetztem Purpur angetan, besteht ihr auf eurem Schein, auf eurem vermeintlichen Recht, als gölte es, Gottes Gebote an den Pranger zu schlagen. Reverenz! so heißt das mit Pochen und Prahlen – Reverenz vor dem Götzenbild unserer angekränkelten Ehre, denn wir fühlen uns berechtigt, unseren Widersachern und Beleidigern das Wort ›Racka‹ entgegenzuschleudern ... wo es euch doch christlicher anstände, den niedergeworfenen Gegner aus dem Staube zu heben, ihm das Salböl der Absolution zu erteilen, Absolvo te, absolvo! Aber meine Geliebten im Herrn ...« und seine Stimme schleierte sich durch den Nebel des Weihrauchs sachter hindurch, ähnelte einem Bächlein, das durch ein weites, ebenes und blumiges Wiesenland plätschert, überwirkt von Simsen und Akelei, umschaukelt von Zitronenfaltern. »Nein, Geliebte im Herrn, ich weise auf keinen, für niemanden unter uns sind diese Worte gemünzt. Es erübrigt sich nur, warnende Zeichen aufzuhissen, den ewigen Gesetzen eine sichtbare Folie zu geben. Es liegt mir fern, exemplifizieren zu wollen, nur um Haaresbreite irgendeinen aus hiesiger Kirchengemeinde des Unrechts zu zeihen. Lediglich den Verstockten der großen Umwelt gelten meine Darlegungen, und leider sei es gesagt: In dieser Umwelt gibt es so viele mit tauben Ohren und vereisten Herzen, die stumpf und dumpf ihres Weges dahingehen, ohne Mitleid, ohne Erbarmen, ohne auch nur im Traume das erlösende Wörtchen ›Verzeihung‹ zu stammeln. Sie sind wie die Steine und Felsbrocken in der Einöd. Was Steine, was Felsbrocken! Solche geben sich oft zutunlicher als die Verstörten im Geiste. Drum hört und vernehmt!« Der Prediger machte eine vielsagende Pause, eine Pause des Nachdenkens und der Einkehr. Dann begann er aufs neue zu sprechen, linder denn kurz zuvor, süßer denn Honigseim. »Ach, wie so oft! – wo die Verstörten im Geiste schweigen, sich abwegig geben, tuen die Steine in der Einöd den toten Mund auf. Dieserhalb – ich will euch eine kleine Legende erzählen. War da ein Gesalbter in Gott, ein Priester, ein mit Blindheit Geschlagener. Der gedachte an die störrischen Sinne seiner Brüder zu pochen. Da traten etliche zu ihm und sagten dem Blinden in häßlicher Weise: Kommt mit uns. Wir geleiten Euch auf die richtige Stätte. Und sie führten ihn in eine traurige Wüste, in ein Land ohne Freude, auf einen Steinacker, voll Kiesel und Findlinge. Und wähnend, in seinem Sprengel zu sein, redete er mit Engelszungen, rief er Himmel und Erde an, holte er die Sterne aus ihren Bahnen herunter, sprach er mit den Eingebungen des heiligen Geistes, predigte er im Namen dessen, der das Böse ahndet und denen, die da verzeihen und Gutes tuen, die Pfade ebnet, so da hinweisen zu den gespreiteten Tischen der Seligen. Und seine Worte gingen zu den Steinen des verlorenen und unnützen Feldes, umschauerten sie, streichelten sie, verliehen ihnen den Odem des lebendigen Lebens. Und als er geredet: das Land ohne Freude wurde beseligt, die Kiesel und Findlinge erwachten aus ihrer Todesstarre, taten den Mund auf und riefen: Amen, ehrwürdiger Vater, Amen – Amen!« Eine Bewegung entstand. Durch die vielhundertköpfige Menge ging ein Tuscheln und Raunen. Hannecke Brükers sackte in sich zusammen. In ihr war ein verhaltenes Schluchzen. »Hannecke – du!« sagte Aloys und sah bedrückt nach dem Hohen Chore hin, wo seine Mutter wie ein gemeißeltes Bild in den Stuhlwangen lehnte. »Aber Geliebte, was habt ihr?! Weshalb dieses erstickte Schüttern in den Wipfeln unter mir?! Ich bin ja kein Blinder in der trostlosen Einöd, sondern ein Gesalbter des Herrn, der nicht den Steinen predigt, wohl aber den Menschen ... und ich wünsche zu Gott, daß sie mich hören wie die Findlinge und Kiesel des Feldes, auf daß sie rufen werden: Amen, ehrwürdiger Vater, Amen – Amen!« Hochwürden atmete tief. Die im Eifer vorgefallenen Ärmel schlug er wieder zurück und sagte: »Nein Geliebte, ich meine ja keinen, ich deute auf keinen, ich verurteile keinen, denn mein ist das Amt, das Öllampchen der christlichen Nächstenliebe zu hüten, es neu zu erquicken, falls es ihm an Nahrung mangeln sollte. Und wenn einer unter euch weilt, befangen in seinem Tun und Lassen, unnachsichtlich gegen die, die ihm Arges erwiesen – ich kann seine Herbe verstehen, wenn auch nicht entschuldigen, denn der Krieg und seine Folgeerscheinungen bewegen sich in den Stapfen des Satans, versperren die Einkehr zu Gott und seinen Weisungen. Trommeln und Pfeifen übertönen zu leicht die Worte des Priesters. Die auf dem sogenannten Felde der Ehre eingeheimsten Schmuckstücke und Medaillen leuchten ihm stärker als das schlichte Marterholz der Entsagung und das der Vergebung. Er trumpft auf gegen die, die ihrem Heiland mehr geben als ihrem König, schätzt die turbulenten Schwertführer höher ein als die Träger des Kreuzes – und weiß doch: Blut klebt an ihren Händen, das Tränensalz von Müttern, Frauen und Bräuten.« Der Kaplan warf sich zurück. Mit seinem Schnupftuch betupfte er Stirne und Schläfen. Eine Stille ging um, wie die furchtbare Stille während der Karwochentage. Mein Gott, wo das hinführen sollte! Nur einige wußten es. Besonders die Staatse. Einer Sterbenden ähnlich, die noch einmal ihre letzten Kräfte einsammelt, hatte sie sich zwischen den barmherzigen Schwestern erhoben. Den Krückstock vor sich gestemmt, ragte sie auf wie ein Pfeiler der Kirche. Jetzt eine Königin, die kein Leben mehr hatte, stand sie auf den gemusterten Fliesen. Nur in ihren aufgerissenen Augen begann es zu flackern, in düsteren Flammenzeichen zu wühlen ... und dieses Flackern stieß nach der Kanzel wie ein glühender Sperber. »Geliebte, hört meine Worte! Sie mahnen zur Einkehr, sie betteln um Milde und Barmherzigkeit. Und wenn einer unter uns ist ... Aber beileibe: ich kenne keinen unter uns, will niemanden kennen, bin auch nicht willens, ihm den vaterländischen Geist, die Königstreue, die Gier nach Medaillen und Ehrenzeichen abzusprechen ... aber wenn einer unter uns ist, der nicht vergessen kann, was nicht mehr der Sühne bedarf ... der seinem Gegner die Rechte versagte ... der da gesonnen ist, Zahn gegen Zahn und Stirn gegen Stirne zu setzen ... der da seinem Feinde das Wort ›Racka‹ zuschleuderte ... ihn von der heimischen Scholle verwies, wie man einen räudigen Hund hinausstößt aus der Gemeinschaft des Hauses ... der ihm den Rauch auf dem eigenen Herde absprach, als gäbe es unter dem Himmelreich keine Liebe mehr, keine Tränen, kein Flehen um Gnade, nicht die Wohltaten eines barmherzigen Samaritans ... ja, Geliebte im Herrn ...« Er kam nicht weiter. Ein Rumpeln und Brausen schlug gegen ihn an. »Unerhört! Unerhört!« Die Menschen erhoben sich. Hübbers zwirbelte seine Otterfellmütze erregt zwischen den Fingern. Wir auf der Orgeltribüne wußten nicht ein und aus mehr ... und drüben die Alte ... «Jesus, Jesus! Herr, erbarme dich meiner!« Wie eine starre Gliederpuppe, die ein inneres Uhrwerk bewegte, schritt sie von der Empore herunter: eine Große aus den grauen Tagen der Vorzeit ... eine Königin in todschwarzem Krönungsornat... statt des Zepters den Stock in der Rechten ... das Antlitz weiß wie ein Sterbelaken ... die Blicke im Entsetzen geweitet ... Die barmherzigen Schwestern folgten ihr. Sie wies sie herrisch zurück. An den ersten Stufen, die zu den Gläubigen führten, hielt sie den Fuß an, ballte die Linke, hob sie empor, streckte sie dem Kanzelredner entgegen, schrie sie: »Mensch, Sie, wenn die Steine Ihnen nicht ein ›Verdammt‹ zurufen, so werde ich es besorgen. Mensch, Sie, was berechtigt Sie, mit brutalen Fäusten in ein Familienleben zu greifen?! Haben Sie denn kein Verständnis für das Herz einer Mutter?! Sie wollen ein Priester sein und lästern den König, verhöhnen seine Medaillen und Ehrenzeichen, heißen meinen Sohn, der reiner und wohlgefälliger ist als Sie, einen Aussätzigen. Racka, Racka! Ich gebe Ihnen diesen Schimpf dreimal zurück. Mensch, Sie da oben – herunter von der Kanzel, herunter, herunter! Ziehen Sie doch nicht den lieben Gott hinein. Er ist kein Blutzeuge für Sie. Er wendet sich ab, denn Sie sind nicht wert und würdig, das heilige Amt zu versehen. Herunter, herunter ...!« Ihre Stimme schlug um. Mit gebreiteten Armen sank sie zurück. »Mein Gott! Mein Gott ...!« Etliche Nönnchen fingen sie auf ... und durch das Grausen der Kirche: »Mutter, Mutter!« ein Schrei wie der eines verschlagenen Vogels im Sturm, über dem aufgewühlten grauen Meer im ziehenden Nebel des Unendlichen. »Mutter, Mutter!« und einer stürmte vor, rief der Verlähmten zu: »Mutter, deine letzten Tage für mich!« und hob sie mit starken Armen auf und drückte sie an sich ... und Aloys, der papierene Aloys, das gutmütige Kind und doch der Mann, den das Leben zusammengerüttelt, der die Liebe verkörperte, der seine zerschlagene Hausehre wieder aufbaute mit dem Mut eines Gewaltigen – Aloys Teerling trug seine teure Bürde durch die verstörten Menschen hindurch ... über die hallenden Fliesen ... durch ein Weinen und Aufschluchzen ... aus der Kirche hinaus, wo ihm und ihr so viel Unbill geschehen ... in den Maienmorgen, voller Gotteslicht und Gottesverehrung. »Mutter, Mutter! ich will dürsten für dich, hungern für dich. Ich lege dir meine Hände unter die Füße, auf daß du genesest. Mutter, Mutter, gehe nicht von uns. Segne Hannecke Brükers und mich, lasse uns nicht in der Finsternis zurück. Mutter, herzliebe Mutter ...!« So redete er, so schritt er seines Weges, Sohnesherz an Mutterherz, so schritt er durch das Kirchengäßchen, so über den Markt hin, geliebt von allen, die ihm begegneten, die ihm folgten, die heiße Tränen hinter ihm herweinten ... und so, erhobenen Hauptes, ein Mann der Ehre, treu seinem König und treu seinem Pflichtbewußtsein, trat er über die Schwelle seines eigenen Hauses. Ein halbe Stunde nachher erschien auch der Doktor, das kleine Männchen mit dem zugeknöpften hechtgrauen Gehrock und dem silberbeknopften Rohr, um bald darauf den Bangenden beiseite zu nehmen und traurig zu sagen: »Ich glaube, Herr Teerling, Sie müssen auf das Schlimmste gefaßt sein. Wie lange noch – und Sie haben Ihre Mutter verloren. Sie kann nicht mehr werden.«   Schluß Oma hatte nicht lange mehr zu leiden. Immer mehr verfiel sie einer stillen Auflösung. Aber feiertägig, fast großzügig ging sie ihrer letzten Stunde entgegen, ohne zu klagen, ohne nur mit einer Faser am Irdischen zu haften, unentwegt, wenn auch in wirren Sinnen, ihre halberloschenen Augen auf die Sterne des Jenseits gerichtet. Sie bangte nicht, sie fürchtete sich nicht. Strack und rank lag sie zwischen den Kissen, des Engels gewärtig, der da kommen sollte, sie in das ewige Reich zu geleiten, des gewaltigen Engels mit den umflorten Schwingen, der da sagen würde: »Sorge dich nicht. Wir kennen deine Unterlassungen und Verfehlungen, aber auch deine werktätige Arbeit, dein Leben und Rasten in Gott. Sei getrost und folge mir nach. Dir ist die Stätte bereitet, und diese Stätte wird dich beseligen.« Es war eine warme Sommernacht, als das mahnende Wuchteln der dunklen Schwingen im Hausflur laut wurde. Langsam rückte es vor, mit dem weichen Säuseln von Lebensbäumen. Sie hörte es; auch Aloys und Hannecke Brükers vernahmen die Flügel des Cherubs. Die Staatse schlug die Augen auf. Sie schien auf ferne Stimmen zu lauschen. So eigenartig, wie sie gelebt hatte, so eigenartig sollte sie auch von dieser Erde Abschied nehmen. Um die elfte Abendstunde unterliefen dunkle Wolken das Himmelreich. Ein langgezogenes Murren kam aus der Niederung her, wälzte sich unaufhaltsam gegen die Stadt an, aber wagte es nicht, über die Landwehr in Donnerlauten zu sprechen. Das Murren hielt an, umzirkte den ganzen Bering mit den dumpfen Lamentationen von Totenbeterinnen. Dafür blitzte und wetterleuchtete es, als hätte der Herr seine Feuerschleusen geöffnet. Wie mit blanken Polensensen durchriß es die Lüfte, zuckte es über Giebel und Firste, flackerte es um den Turm von Sankt Nikolai ... und dazu nur ein Murren, ein verhaltenes Murren, ein Murren des Schweigens. »Ich sehe nur Licht,« sagte die Staatse in ihr Sterben hinein, »ich schreite durch Licht, ich werde vom Licht getragen in den allerheiligsten Tempel des Lichtes. Hannecke, Aloys – reicht mir die Hände! Macht bald! Wartet nicht lange! Die Kirche segne euch! Mann und Weib – ein Tisch, ein Bett, ein Leib und eine Seele! Grüßt Moritz und haltet mich lieb!« Und wieder die Polensense. Sie war wie das feurige Schwert eines Überirdischen. Es zuckte und flammte. Das Zimmer stand in Helle und Glorie. »Jesus, Jesus, das galt mir!« und die Staatse drückte das schmale Gesicht in die Kissen, ihre Glieder streckten sich, und was unsterblich an ihr war, nahm Stock und Muschelhut und pilgerte zu Fennand Christian Teerling, der schon lange im Paradiese weilte. Um ihre Mundecken aber spielte das Lächeln des Friedens. Die Ernte war reif zur Mahd. Als Frau Johanna Kordula Teerling bestattet wurde, fielen die ersten Garben auf den benachbarten Feldern. Als sie sanken und niederglitten, da sangen sie leise: »Auferstehn, ja auferstehn Wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh'! Unsterblich Leben ...« und immer sanfter werdend, säuselten und sangen sie weiter. Auf herbes Leid folgte eine selige Freude. Auferstehen, ja auferstehen! und wenn auch nach all dem Mähen und Sensen, dem Binden und Einheimsen die Tage sich kürzten, der Wind über die Stoppeln seufzte, die Blätter falbten und dem Moder anheimfielen, wenn auch das niederrheinische Land einschleierte, der Nebelmann über die Deiche einhergespensterte und der Erde gebot: »Nun ruhe dich aus; tot sollst du sein, bis die erste Lerche sich aus den Furchen hebt und dem Herrn lobsinget« – in den Herzen zweier Menschenkinder grünte und blühte es wie in den ersten Tagen des Maien. Sie gedachten der Heimgegangenen, gedachten der Worte, die sie ihnen noch mitgeben konnte, bevor der Todesengel ihr die Lippen für immer versiegelte: »Aloys, Hannecke – reicht mir die Hände! Macht bald! Wartet nicht lange! Die Kirche segne euch! Mann und Weib – ein Tisch, ein Bett, ein Leib und eine Seele! Grüßt Moritz und haltet mich lieb!« Und sie grüßten Moritz, und Moritz legte sein ›Miekske van Grieth‹ vor Anker, zog seine beste Kapitänsuniform an, die mit den goldenen Ankern und den goldenen Litzen, rasierte sich so gewissenhaft, als wenn es Palmsonntag wäre, und sah nach dem Rechten. Nur eine kleine Feier war vorgesehen; erst in der Kirche, dann im ›Waldkarnickel‹... und als die jungen Novembertage ins Land hineinfröstelten, die nötigen Papiere beigebracht waren, kleideten Stina Mengels und die Traben-Trabacher Marie Hannecke ein, umhüllten sie mit dem bräutlichen Schleier, gürteten ihr das Myrtenkränzlein um die Flechtenkrone, bewunderten sie und sagten mit tränenerstickter Stimme: »Nu kann Aloys kommen.« Und Aloys kam unter dem würdigen Beistand des Riesen, ernst und gefaßt und sich des hingebenden Weibes erfreuend. Auch Moritz freute sich und sagte in seiner gemessenen, wenn auch zerbrochenen Weise: »Mein Junge, nu bist du so weit, 'ne wahre Liebhaberei für 'nen properen Freiersmann. Blexem! du wirst gute Weide haben ... der Weinstock wird sich an deiner Tür emporranken ... das Spinnrädchen nicht müßig stehen ... die Nacht zu einer freudigen werden. Du selber ... ja, du bist aufs frische kalfatert ... alles blank auf Deck und blank bis in die Kombüse hinein. Menschenskind! und hoch weht die Flagge vom Topp. Nein, Aloys, es kann dir nicht mangeln,« und der breite und bedachtsame Rheinkapitän nahm den Getreuen und drückte ihn an sich, als wenn er ein Spielzeug wäre, aber ein gutes und liebes. Dann legte er Hanneckes Arm in den seines Freundes und mahnte zum Aufbruch. »Hoidaho!« Wie zukunftsfreudig das klang, wie tapfer und lebensfroh es das kleine Häuschen ›Achter de Mur‹ durchhallte, als hätte der lange Moritz durch dieses ›Hoidaho‹ einen ewigen Sonntag beschworen. In bescheidener Aufmachung ging es zur Kirche. Als sie die Kesselstraße durchschritten, siehe, da lag das Anwesen von Nöllecke Giltjes noch immer verödet, kräuselte sich kein Rauch von der Esse, waren die Fenster geblendet, als hätte der Fluch der Verstorbenen sich darüber hingelagert; nur vereinzelte Tauben flogen ab und zu und begleiteten sie bis zum Manufakturwarenladen mit den goldenen Lettern ... und im Schirm und Schutz dieser goldenen Lettern standen Simmchen, der schöne Kommis und Rosalie, angetan mit dem Schmuck ihres Volkes. »Püh!« sagte Simmchen, als der Brautschleier Hanneckes sich im Novemberwind blähte und leicht dahinflatterte. »Ich werf' ihn über die Schulter, den Schleier.« Rosalie zuckte abweisend die Achseln. Der Herr Kommis Veilchenstock duftete nach Pomade und Zimtborke, weil er diese gern kaute, um einen angenehmen Atem aufzubringen. »Es ist 'n miserabeler Schleier und 'n preußischer Schleier, weil er ist bezogen von 'ner schofelen Firma.« »Recht wirst du haben,« pflichtete ihm Simmchen bei. »Warum soll er auch nicht schofel sein, dieser Schleier? ist er doch bezogen aus dem Basar von der Juffer Pitt van der Grinten. Ganz richtig, das ist er. Aber maimemmelochem – was soll geschehen mit unsern Geschäften, wenn die Leute tragen ihre Kassenscheine in 'nen christlichen Laden, wo wir doch liefern können von's pompöse Haus Guttmann, in Firma Sally und Elkan, zu Krefeld?! Hab' ich nicht geschmückt mein Haus mit Kalmus und Buchsbaum, wenn die Prozession ist vorbeigegangen hier auf der Straße? und als der Herr Bischof erschien, als er zur Firmelung eintriumphierte mit die Fahnen und Weihrauchfässer, hab' ich nicht 'ne Transparentierung anfertigen und hineinschreiben lassen: Und bin ich auch nur Israelit, so ehr' ich doch den Bischof mit?! und nu kommen sie so ...! Püh ...!« und er zog dieses ›Püh‹ in die Länge, als wäre es ein ausgeleierter Hosenträger von dem Knochen- und Ziegenhändler Joseph Josephi aus der Unteren Bachstraße. »Püh! ich werfe sie von mir, die Leute, auch die Juffer Pitt van der Grinten werfe ich über die Schulter, mitsamt ihre Perdukte,« und er wandte sich ab, um sich nicht mehr ärgern zu müssen. Und der Schleier wehte und wehte, und als er das Kirchengäßchen durchfächelte, wo die Menschen Kopf an Kopf standen, Männer und Frauen, bessere Leute und einfachere Leute, da ging ein Tuscheln um, ein Tuscheln und Raunen: «Seht mal! das ist Hannecke Brükers. Ja, das ist Hannecke Brükers!« und sie nickten ihr zu und wünschten ihr Glück auf den Weg, denn jedereines wußte: in dem feinen Mädchen wohnte keine scheue Dämmerung, sondern nur Sonnenschein und lichtvolle Klarheit ... und war eine unter ihnen, ein ergrautes, verkrümmtes und vermickertes Weibchen, mit wäscheblauen Händen und einem Gesichtchen wie das eines frischen Radieschens, direkt aus einer Frühlingsrabatte bezogen. Das war Peter Hartjes Tante und Pflegemutter. Die nun reckte sich auf, so gut und brav es ihre bejahrten Glieder verstatteten. »Was redet ihr?!« sagte sie mit verklärten Augen. »Was meint ihr?! Ihr jubelt da: Das ist Hannecke Brükers! Ja, das ist auch Hannecke Brükers, aber sie ist noch mehr wie Hannecke Brükers; denn ich verkündige euch: Da kommt Unsere Liebe Frau aus dem Marienleuchter gegangen. Da seht nur, da seht nur!« und sie betete das ›Gegrüßt seist du, Maria‹ mit so inniger Herzenseinfalt, als fielen ihr weiße Rosen und Nelken von den Lippen herunter. Und in dieses Rosen- und Nelkenstreuen tönte die Orgel von Sankt Nikolai herüber. Mester Haan saß am Pult und zog die Register. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, Aloys und Hannecke diese Ovation zu bereiten. Er spielte mit Andacht, während meine Genossen und ich uns wechselweise mit Bälgetreten abmühten, alles dem Brautpaar zu Ehren. Immer mächtiger schwollen die Harmonien an, und als Hanneckes Schleier durch die Kirche wehte, da war es uns allen, als geisterte ein heiliges Scheinen durch die geweihten Räume. Gleich darauf verstummte die Orgel. Die ernste Handlung ging vor sich. Am Altar ›Zu den sieben Schmerzen Mariä‹ wurden die Ringe gewechselt. Dann brauste es wieder. Mester Haan gab sein Höchstes und Bestes und fand noch den gediegenen Takt und den siegreichen Mut, seinen Variationen das grandiose ›Schleswig- Holstein meerumschlungen‹ einzuflechten, daß es mit Sturmgefieder die weiten Hallen durchtönte. Ein stolzes Finale! Dann Schweigen. Noch bevor das Brautpaar anlangte, befanden wir uns schon in der aufgeputzten Gaststube ›Zum Waldkarnickel‹, Heinrich Hübbers und wir vier aus den Lohhecken, denn Hannecke und Aloys hatten unter allen Umständen gewünscht: wir durften bei dem kleinen Hochzeitsessen nicht fehlen. Erwartungsvoll harrten wir mit unseren kleinen Geschenken das Weitere ab. »Jetzt!« sagte Hübbers. Die Neuvermählten erschienen – unter Begleitschaft von Moritz, der Traben-Trabacher Marie und Stina Mengels. In ihrem Schatten folgte die pummelige Frau Hübbers, die alljährlich ihren Gatten durch einen erfreulichen Nachwuchs beehrte. »Nu los!« kommandierte der Inhaber des fünfundzwanzigpfündigen Düffelrockes, dieser himmelblauen Schneideridee mit den blankgeputzten Zinnknöpfen ... und da ging das: »Hurra und Vivat und lang sollen sie leben!« und der Sommersprossige trat vor, mit einem Gesicht, als hätte er die Reichskleinodien zu vergeben, deutete auf einen prallen Sack mit Weizenmehl und sagte: »Von Vater und mir. Er wäre gut, um Pfannekuchens zu backen.« Dann ich: »Sechs silberne Teelöffelchen und von den Eltern 'ne schöne Empfehlung.« Dann Peter Hartjes. Sein Spitzmausgesichtchen strahlte wie ein geschliffenes Sternchen unter dem Himmelreich. »Von Tante, aber bloß 'nen Gruß; denn mehr kann Tante nicht geben.« »Tut nichts, mein Junge!« und Hannecke weinte. Dann Henn Pierentrecker. Er kam stolzlich heran, mit 'nem neuen Holzschuh zwischen den Pfoten. »Hier 'n Pantoffel for's Regiment in dem Hause. Sonder Besien – hondert Pond kann eck stämme.« »Höhö!« lachte Moritz, und schon wollte das Brautpaar sich herzlich bedanken, als Hübbers noch vortrat, einen gedrehten Bakel zwischen den Fingern. »Aloys für dich. Auch aus den Lohhecken. Ich hab' 'nen extraordinären und knorzigen geschnitten, ihn vier Wochen unter Ziegenmist gehalten, von wegen 'ner braunen Polierung, und sollte der Viechskerl wieder erscheinen – dann Knüppel auf den Kopp. Das wollte ich sagen,« und wieder ging das »Hurra und Vivat und lang sollen sie leben!« und Aloys reichte jedem die Hand, und Hannecke kam und gab uns ihr pralles Mündchen zu kosten. »Kinder, Kinder – ihr lieben!« »Keine Rührung!« rief Moritz. »Zu Tisch, zu Tisch! Das ›Waldkarnickel‹ hat schon zweimal gebimmelt!« und wir aßen und tranken an der schöngespreiteten Tafel, mußten aber immer Hannecke ansehen, denn jedem von uns pupperte das Herz unter der Weste, keimte der sehnlichste Wunsch: Später mal - so 'ne Frau möchtest du haben. Hannecke Brükers for ever !« ... und dann erschien eine große, weitbauchige, dampfende Punschbowle, die der Riese nach seinem Rezept angesetzt hatte, viel Punsch, wenig Wasser, ein Pfund Kandiszucker und diverse Zitronen, glutheiß mit 'nem silbernen Löffel angerührt und ausgeschenkt ... und dann hielt der Riese eine wohlgesetzte Rede, aus purer Liebhaberei, wie er sagte, eine ganz treffliche Rede, die zwar etwas nach geteerten Planken und Tauen duftete, aber so prächtige Schiffstopps aufgesetzt hatte, daß einem so wohl wurde wie einem spinnenden Kater hinter dem warmen Winterofen ... und da legte der gute, brave und tapfere papierene Aloys seinen Arm um den jungen Leib seines Weibes und sagte: »Gott, Gott, o du lieber Herrgott im Himmelreich, wenn das meine arme Mutter noch sähe!« und Hannecke lächelte ihm zu, lächelte uns allen zu, just so wie die liebe Frau im Marienleuchter allen ehrsamen Menschenkindern zulächelt – von einer Mandorla umgeben, zu Füßen das erste Viertel des Mondes, die Flechtenkrone umzirkt von sieben glitzernden Sternchen. Und dann ... Es zog in Nebeln und Schleiern vorüber. Und siehe: ich glitt über mein Haar und sah in den Spiegel, und aus dem Spiegel leuchtete mir mein Lebensabend entgegen. Ein großes, feierliches Licht stand im tiefen Westen. Wo seid ihr nur alle geblieben?! Ich saß am Kamin, und durch meine Sinne zog ein wehes und doch glückliches Erinnern und Scheinen: »Des Tages Hasten und Mühen Ist nun vollbracht; Die ersten Scheite glühen Zur guten Nacht. Mit seltsamen Stimmen klingt es Ohn' Rast und Ruh', Aus warmem Leuchten winkt es Mir heimlich zu. Ich weile gleichsam im Traume; Der Sommer schied. Nur leise dämmert im Räume Ein Buchfinkenlied. Ein Dämmern, den Treuen und Lieben, Der Andacht geweiht. Wo seid ihr nur alle geblieben Aus seliger Zeit? Das Feuer mit seinen Stimmen Macht traurig den Sinn; Ich fühle bei seinem Verglimmen: Die Jugend ist hin. O Jugend, so glücklich und heiter, So voller Zier! Und dennoch: im Abend klingt weiter Das Leben mir.« Aus diesem Lebensabend heraus, aus Spiegelbildern und Erinnerungen schrieb ich diese Geschichte – die Geschichte von Hannecke Brükers und dem papierenen Aloys. Hier ist sie. Möge sie zu den Menschen gehen, die guten Willens sind, und ihre Herzen erfreuen. Ende