Marie Nathusius Elisabeth – Zweiter Band Eine Geschichte, die nicht mit der Heirath schließt 19. Keine Flitterwochenliebe Das schöne Hochzeitsfest war nun glücklich vorüber. Die Gäste waren alle nach ihrer Heimath zurückgekehrt, die alten Leute in dem alten Hause erholten sich wieder von der Unruhe, während Elisabeth mit höchstem Eifer sich in ihrer Wirthschaft vertiefte. Als am ersten Nachmittag ihr Gemahl sie aufforderte, mit ihm spazieren zu gehen, sah sie ihn bedenklich an. Ich weiß doch nicht, ob ich Zeit habe, sagte sie. Zeit? fragte er verwundert. Den ganzen Morgen habe ich gekocht, erklärte sie, es ist keine Kleinigkeit, ein Mädchen anzulernen; zum Auspacken bin ich nicht gekommen, und ehe ich nicht mit einer großen Kiste wenigstens fertig bin, habe ich nicht Ruhe zum Spazierengehen. Der Gemahl lachte: Jetzt Elisabeth paß auf, jetzt zanken wir uns, und Du mußt gleich im voraus bekennen, daß Du Unrecht hast, Du mußt doch Zeit zum Spazierengehen für mich haben. Sie sah ihn einige Augenblicke nachdenklich an und sagte dann entschlossen: Ja, ich gehe mit Dir spazieren. Möchtest Du wirklich lieber diese Erbsen und Bohnen auspacken, als mit mir gehen? fragte er scherzend. Nein, ich gehe lieber mit Dir spazieren, versicherte sie aufrichtig. Die ersten Wochen waren vergangen, und der Hausstand so weit geordnet, daß die jungen Leute Visiten machen und empfangen konnten. Der erste Besuch im neuen Hausstand aber waren die theuren Großeltern, und es war wirklich eine Freude, wie das junge Paar sich bemühte, es den lieben Gästen wohl zu machen, und wie diese beglückt waren im Glücke der geliebten Kinder. Die Großeltern mußten auch die ganze Wirtschaft in Augenschein nehmen und bewundern. Als sie durch die beste Stube wanderten, sah der Großvater auf einer Servante neben anderen Geschenken die schöne Hochzeitsbibel liegen. Er strich unwillkürlich über die Schaale, aber sagte nichts. Lieber Großvater, entschuldigte sich Elisabeth schnell, ich habe wirklich noch nicht ruhige Zeit gehabt zum ordentlichen Lesen, ich habe nur in meinem Ziehkästchen gelesen. – Der Großvater lächelte freundlich, und als nachher beim Abendessen ganz gegen die Gewohnheit der Großeltern ein jeder still für sich beten mußte, sagte der Großvater auch nichts. Die Sache mit dem Tischgebet hatte sich das junge Paar ernstlich überlegt. Elisabeth hatte sich ja nicht ohne Gebet zu Tische setzen können, aber obgleich es ihr schwer wurde, mußte sie ihrem Manne recht geben: ihr Umgang war so verschieden, die meisten Leute darunter waren nicht gewohnt bei Tische zu beten, es würde nur verlegene Scenen geben, – es war gewiß besser, daß nur ein stilles Tischgebet eingeführt wurde, Elisabeth tröstete sich, sie wollte desto herzlicher für sie beten. Auch als das brave Dienstmädchen gleich am ersten Morgen, weil sie es so bei Oberförsters gewohnt war, nach der Morgenandacht fragte, hatte Elisabeth das schwere Amt, ihr zu sagen: sie würden für jetzt noch jeder allein für sich beten, bis einmal eine rechte Hausordnung erst eingeführt sei. Dieses Fürsichlesen hatte Elisabeth bis jetzt nur auf einige Verse im Ziehkästchen beschränkt; aber gleich den andern Morgen, nachdem die Großeltern bei ihr gewesen waren, holte sie die Bibel auf ihren Schreibtisch, und hatte, weil sie gern früh auf war, auch gute Zeit, sich in aller Stille zu stärken für den Tag. Als sie bei ihrem Otto freundlich anfragte, ob er wohl mit ihr lesen möchte, hatte er ebenso freundlich geantwortet: sie möchte ihn nur für jetzt allein lesen lassen, er liebte nicht es so regelmäßig zu thun, er folge lieber seiner Stimmung und seinem Bedürfniß. Ihn wirklich darum zu bitten, fehlte es ihr an Muth und Lust, und sie beruhigte sich damit, daß es gewiß ebenso gut sei, wenn ein jeder für sich läse. Ihr Mann las nun auch wirklich zuweilen in der schönen Bibel, besonders des Sonntags Nachmittags, wenn sie Morgens beide in der Kirche zusammen waren, und zwar bei dem gläubigen Prediger, dessen Predigten Kadden einst gegen Elisabeth so verachtet hatte. Wenn er nun mit der Bibel in der Hand saß, konnte es Elisabeth einige Mal nicht lassen, das Mädchen gelegentlich hineinzuschicken, um ihr zu zeigen, daß ihr Herr, wenn er auch keine Andacht hielt, doch ein gottesfürchtiger Mann sei. Man konnte auch nicht wissen, Tante Julchen konnte vielleicht das Mädchen ausforschen, und Elisabeth wollte so gern sagen können: ein jeder hat seine eigene Weise, wir haben unsere Weise, und es wird sich mit der Zeit alles so gestalten, wie es uns Noth thut. Der Umgang mit Herrn von Kaddens früheren Bekannten wurde sehr vorsichtig angefangen. Es fiel auch weiter nicht auf, weil der schöne Frühling alle Geselligkeit unnöthig machte. Nur die Familie des Obersten, die Mutter samt den Töchtern ließen sich nicht so abfinden, sie hatten einmal das Protectoramt über Elisabeth übernommen und waren in kleinen Gefälligkeiten und Rathschlägen unerschöpflich. Elisabeth wehrte sich zwar, besonders gegen die Eingriffe der Frau von Bonsak in ihren Haushalt, sie sprach es offen aus: sie habe gehört, junge Frauen ließen sich nicht gern von älteren Damen zu sehr leiten, weil es weit mehr Vergnügen mache, alles selbst auszuproben. Wenn man nicht auf den Kopf gefallen ist, versicherte sie eines Tages zuversichtlich, so ist Wirthschaften auch gar keine Kunst, auch das Kochen nicht, man kostet eben, bis es gut schmeckt. – Und muß vorsichtig mit dem Salzen sein, fügte der Oberst hinzu. – Natürlich, sagte Elisabeth sachverständig. Die einzige Schwierigkeit, fuhr sie fort, war eigentlich nur die: ich wußte nie, wie viel Zeit dazu gehörte, bis das Essen gar war. In den ersten acht Tagen war das Mittagsbrodt, aus Furcht, wir möchten uns verspäten, jeden Morgen um zehn Uhr fertig; in der folgenden Woche, weil es wirklich fatal war, das Essen drei Stunden warm zu halten, wurden wir erst um zwei oder drei fertig; aber jetzt paßt es fast auf die Minute. Es gelang ihr auch, die ungewünschten Eingriffe in ihre Hausfrauenkunst abzuhalten; aber schwieriger war es, die Gefälligkeiten der Töchter zurückzuweisen. Diese fanden den jungen Haushalt zu interessant und hätten gar zu gern Hausfreundinnen gespielt, besonders trieb es Adolfine mit ihrer naiven Zudringlichkeit weit genug. Elisabeth würde sich vielleicht in einer gewissen kleinen Eitelkeit mehr haben hinreißen lassen, als ihr selbst nachher recht gewesen, sie liebte es doch sich etwas verwöhnen und auf den Händen tragen zu lassen, aber ihr Herr und Gemahl war gar nicht einverstanden damit und sprach seine Wünsche ziemlich unumwunden aus. Adolfine sagte ihm dagegen offen: er sei ein Tyrann, und wenn er seiner jungen Frau keinen angemessenen Umgang erlauben wollte, würde sie sich bald genug langweilen. Er versicherte darauf scherzend: er wünsche für seine Frau einen solideren Umgang, als so übermüthige junge Damen, und müsse darum Protest einlegen gegen diese projectirten Kränzchen und musikalischen Unterhaltungen. Der Verkehr wurde für jetzt also, wo die Geselligkeit ruhte, fast nur auf Morgenvisiten beschränkt, und Elisabeth sah es wohl ein, daß es so am besten sei. Der Frühling brachte immer schönere Tage und immer schönere Spaziergänge, und da Herr von Kadden lieber zu Pferde als zu Fuße Ausflüge machte, wurde zu Elisabeths höchstem Vergnügen beschlossen, daß sie mit ihm ritte. Sie hatte es im vergangenen Sommer schon öfters im Garten der Großeltern versucht, das schöne dunkelbraune Pferd war völlig zugeritten, und als sie zum ersten Mal im schwarzen Reitgewande in Woltheim erschien, war Haus und Hof und die Oberförsterei in Bewegung. Friedrich, der die liebe junge gnädige Frau in Empfang nahm, versicherte, sie sähe eben so schmuck aus, als seine gnädige Frau zu ihrer Zeit, das Ding wäre aber auch so weit gescheiter als mit dem Ypsilanti. Elisabeth ritt nun öfter. Daß sie nicht recht zuversichtlich und muthig auf dem Pferde war, wunderte sie sich selbst; noch mehr aber wunderte sich ihr Mann, er mußte ihr Pferd immer am Nebenzügel führen. Als er sie darüber neckte und ihr Adolfinen, die wirklich eine kühne Reiterin war, zum Muster stellte, gestand sie ihm: wie seltsam es sei, daß sie nie ohne Herzklopfen das Pferd bestiege und sich während des Reitens immer in einer leichten Aufregung befände. – Also nur ein Vergnügen in der Fantasie? sagte er bedauernd. Er versicherte aber, sie müsse die Aufregung überwinden lernen, sie sei auf dem Pferde so sicher als auf ebener Erde, wenn sie ruhig die Zügel festhalte; das Pferd sei so sanft und verständig und würde nichts ohne ihren Willen thun. Sie sollte gleich einmal versuchen, ohne Nebenzügel zu reiten; er wollte sie überzeugen, das es auch so ginge, es sollte ihr Muth machen. Elisabeth wollte nicht, er bat, er verlangte nur einen kleinen Versuch, aber vergebens. Er wurde endlich böse und versicherte heftig: er würde nie wieder mit ihr reiten. Schweigend ritten sie nach Hause. Als er ihr beim Absteigen behilflich war, sah er sie schon wieder freundlich an; aber so schnell konnte sie sich nicht besinnen, sie eilte auf ihr Zimmer, um sich umzukleiden und sich die Sache zu überlegen. So ungezogen war er noch nie gewesen, und jetzt freundlich zu ihm zu sein, war eigentlich eine Unmöglichkeit; nein, sie mußte ja gar kein Gefühl haben, wenn sie das nicht verletzen sollte. Das natürlichste war, sie folgte ihrer Stimmung und that sich keine Gewalt an: er hatte Unrecht, die Sache war klar, er konnte sich nicht wundern. Sehr wohl war es ihm zwar dabei nicht, sie dachte an die Großmama, es wäre vielleicht jetzt Zeit für sie gewesen ein Vater Unser zu beten, um den Aerger los zu werden; aber genau betrachtet, war diese Kleinigkeit gar kein Vater Unser werth, sie konnte es recht gut einmal so versuchen. Freilich war ihr auch einmal gesagt, man müsse sehr zart und vorsichtig mit der Liebe sein und auch in den größten Kleinigkeiten nicht albern mit ihr spielen. Spielen wollte sie auch nicht, sie war ernstlich böse und mit Recht. Dennoch nachgeben und demüthig sein, war zu viel verlangt, paßte recht gut für die Großmama und die alten Zeiten, aber vertrug sich nicht mit der jetzigen freieren und selbstdenkenden Erziehung der Töchter. Viel Zeit zu diesen gescheiten Gedanken blieben ihr aber nicht, ihr Mann klopfte schon ungeduldig an die Thür, sie mußte sich eilen fertig zu sein; sie entschied sich also kurz, ihrer Stimmung zu folgen und zu beweisen, daß sie eine selbstdenkende Erziehung hatte. Denselben Abend, es war schon gegen fünf Uhr, Elisabeth saß nachdenklich vor ihrem Schreibtisch, sie war den ganzen Abend allein, zum ersten Mal in ihrer jungen Ehe. Ihr Mann, weil es ihm natürlich lästig war, eine so schweigsame und zartthuende Seele um sich zu haben, war ausgegangen. Elisabeth hoffte, er würde sehr bald wiederkommen, und nahm sich vor, dann freundlicher zu sein. Sie nahm ihr Arbeitszeug und ging in den kleinen Garten, sie wohnten sehr freundlich vor dem Thor, an derselben Stadtseite, wo die Großeltern einst gewohnt hatten. Sie setzte sich in die Jasminlaube und war fleißig. Sie ging dann in den Wegen auf und ab, blieb vor den schönen duftenden Rosen stehen, schaute auch über die Hecke hinaus in das weite Feld. Sie wurde immer unruhiger, aber es war gewiß eine Stunde vergangen, ihr Mann war noch nicht zurück. Sie verließ nun den Garten, trat in den Pferdestall zu dem schönen braunen Thier, der unschuldigen Ursache ihres heutigen Kummers. Sie streichelte und klopfte es und sah ihm in die klaren hübschen Augen. – Du bist nicht daran Schuld, sagte sie, ich bin es ganz allein. – Sie kam wieder aus dem Pferdestall, sie brachte ihre kleine weiße Hühnerfamilie zur Ruhe, dann dachte sie das Abendbrot anzuordnen, um sieben Uhr mußte er jedenfalls kommen. Sie ging noch einmal selbst in den Garten, zog die frischen rothen Radieschen selbst aus dem Beete und nahm noch allerhand Kleinigkeiten vor, bis es endlich Sieben schlug. Das Abendessen war bereit, längst bereit, Elisabeth wartete vergebens. Als es Acht schlug, nahm sie betrübt, aber auch mit neuer Unzufriedenheit, Hut und Tuch, und ging wieder in den Garten. Sie ging gedankenvoll weiter, durch die Gatterthür der niedrigen Hecke, gegenüber auf dem Grasrain an einem blühenden Roggenfeld hinauf. Hier war es still und friedlich, die volle sommerliche Abendsonne legte ihr Gold auf Wald und Feld, einige Lerchen noch sangen hoch oben in der klaren Luft, und Kornblumen und rother Mohn und weiße große Sternblumen standen so lieblich im abendlichen Sonnenlicht. Elisabeth wagte keine Blume zu pflücken. Ihr steht hier so lieblich, in meiner Hand würdet ihr nur verblühen, dachte sie. Ja, ich möchte auch so zart und rein sein, daß sich alle Herzen über mich freuen könnten. Sie schaute auch höher hinauf, in das tiefe klare Blau, was so tröstlich in ihr zagendes Herz hinabschaute. Lieber Herr, verzeihe mir! Ja zu Dir darf mein trauriges Herz immer kommen, Du bist immer wieder liebreich und freundlich, auf Menschen und auf das eigene Herz darf man sich nicht verlassen. Mir ist es heut so einsam in der Welt, als noch nie; aber das soll es sein, damit ich erinnert werde, daß ich mich nicht verlasse auf Menschen. – Als sie die Hände faltete, berührte sie unwillkürlich ihren Trauring. – Selbst Menschen, die man lieb hat, können ungerecht und lieblos sein, und darüber wird das eigene Herz auch kalt; ich könnte mir jetzt noch, weniger helfen, als heut Nachmittag. So lange, lange Stunden hat er es aushalten können, jetzt kann ich doch unmöglich fröhlich und glücklich sein, lieber Herr, hilf mir und mache Du alles gut, denn ich kann gar nichts. – Sie saß noch eine ganze Zeit zwischen den Blumen am blühenden Roggenstück, und als die letzten Sonnenstrahlen über das Grün blitzten, ging sie heim wie ein müdes Kind. In der Stube war es schon tiefe Dämmerung, sie setzte sich an den Schreibtisch, zündete ihr kleines Licht an und las in der Bibel, – bis zehn Uhr, ihre gewohnte Zeit, wollte sie aufbleiben. – Sie las im Evangelium Matthäi die Bergpredigt, die Verkündigung des Himmelreiches, das schon hier auf Erden in den Herzen der Gläubigen mit seiner Macht und seinem Frieden und seiner Herrlichkeit leben soll. Den Kopf in die Hand gestützt, saß sie nachdenklich, als plötzlich schnelle Männertritte die Treppe herauf kamen. Sie erschrak und zitterte heftig. Das war er. Was sollte nun werden? – Ihr erstes Gefühl war, die Bibel fortzulegen, er sollte es nicht wissen, in welcher Stimmung sie war, freundlich wollte sie dennoch sein, aber ihren Kummer wollte sie allein tragen, die Gedanken ihres Herzens sollte er nicht erfahren, das hatte er nicht verdient. Sie hatte die Hand schon an die Bibel gelegt, da fühlte sie das Zürnen des Herrn: Wenn ich dir helfen soll, mußt du erst demüthig sein. Herrn von Kaddens Absicht war es nicht gewesen, so lange auszubleiben, Stottenheim hatte ihn aber gleich mit einer Lobrede empfangen, daß er endlich so vernünftig sei und allein ausgehe, und nicht immer bei seiner Frau sitze, und hatte ihn in einen Kaffeegarten geführt, wo auch die anderen Kameraden versammelt waren. Sie kegelten zusammen und Kadden ließ sich durch Ernst und Scherz überreden, einmal einen Abend mit ihnen in der gewohnten alten Weise zu verleben. Elisabeth – das war seine Beruhigung – hatte heute auch nicht das Recht, sich darüber zu beklagen, sie war, ungeachtet er sein Unrecht eingesehen, dennoch unfreundlich geblieben. Freilich sie den ganzen Abend vergeblich warten zu lassen, war vielleicht zu viel, dachte er, und gerade dies leise Gefühl des Unrechts veranlaßte ihn, sich mit Ruhe und Kälte zu waffnen, wenn sie ihm mit neuen Vorwürfen oder doch wenigstens zürnend möchte entgegen kommen. – Er trat schnell ein, blieb aber unwillkürlich an der Thür stehen. Bei dem kleinen Lichte saß sie vor der Bibel, – es ward ihm im Herzen alles klar, es bedurfte gar keiner Erklärung weiter, er wußte ihre Stimmung. Elisabeth stand auf und reichte ihm hastig ihre Hand, als wollte sie sich ihren Sieg durch seinen unfreundlichen Empfang nicht wieder streitig machen lassen. Er aber war nicht unfreundlich, er mußte sich nur einen Augenblick sammeln. Liebe Elisabeth, sagte er weich, verzeihe mir, daß ich Dich so lange warten ließ. Da war es vorbei mit allen vernünftigen Vorsätzen. Reden konnte sie zwar nicht, ehe sie nicht ihrer Thränen Herr geworden, aber dann gab sie Antwort auf alle seine liebevollen Fragen. Ja sie schüttete ihr ganzes Herz aus, erzählte ihm ihre Ungeduld, ihren Kummer, ihre Reue, den ganzen Abend, selbst ihre Betrachtungen bei den Blumen. Er hörte alles an mit bewegtem Herzen, seine Liebe war bereit sie zu trösten, er fühlte sich wieder angeweht von der Kraft des Reiches Gottes, von der Wunderwelt dort über sich, er griff auch zum Schlusse nach der Bibel, und beide lasen die Bergpredigt noch einmal zusammen. Als Elisabeth am andern Morgen aufstand, war ihr Mann schon fortgeritten zur gewöhnlichen Uebung, und als sie an ihren Schreibtisch trat, fand sie hier im frischen hellen Wasserglase Kornblumen, rothen Mohn und weiße Sternblumen, – so lieblich und friedlich schauten sie zu ihr auf und mit dankbaren Herzen neigte sie sich zu ihnen hinab. Ja Herr, ich danke Dir, daß Du mir auch in dieser Kleinigkeit geholfen hast! Wie würde es mir heut wohl sein, wenn ich mich in meinem Hochmuth nicht besinnen konnte? Aus Kleinigkeiten besteht das ganze Leben, mit Kleinigkeiten übt der Böse seine Macht an den Menschenseelen, eine Kleinigkeit nach der andern macht sie matter und matter, bis sie weder zart fühlen noch zart aufmerken können, und ohne es recht zu merken, gerathen sie in das Elend hinein, und die Liebe, die da immer zarter und aufmerksamer werden soll, ist dann eine Flitterwochenliebe gewesen. Gegen Mittag, die gewöhnliche Zeit, wo das Militär in die Stadt zurückkehrte, hörte Elisabeth die wundervolle Militärmusik schon aus der Ferne. Sie hatte ja darauf gewartet, sie eilte an das Fenster, schaute durch die Scheiben, und sah wie die Sonne auf den hellen Kürassen blitzte. Als der prächtige Zug aber näher kam, trat sie, wie sie es immer that, zurück an die Gardine, bis ein Reiter den Kopf noch einmal wandte und grüßend hinauf sah. 20. Die allerlei lieben Verwandten Mitte Juli war Emiliens Hochzeit, Schlösser hatte wirklich die gewünschte Stelle bekommen, die Freude war groß darüber, Elisabeth und ihr Mann machten bei dieser Gelegenheit den ersten Besuch im elterlichen Hause. Es war dies ein wunderschönes Vergnügen für Elisabeth, sie war auch noch ganz dieselbe, vergnügt und fröhlich mit den jüngeren Geschwistern, bestimmt und voreilig gegen die Tanten Wina und Paula, ja selbst gegen ihre Mama. Elisabeth ist nur noch sicherer und übermüthiger geworden, klagte Emilie. Sie sprach es aber nur gegen ihren Bräutigam aus und war sonst ungewöhnlich liebreich und freundlich gegen die ganze Familie, so daß Herr von Kadden selbst Hoffnung faßte, Freund Schlösser könnte doch noch glücklich werden. Ebenso stieg Kadden in Emiliens Achtung. Als Elisabeth einmal mit großem Eifer ihrer Mutter in Wirthschaftssachen widersprechen wollte, legte er freundlich mahnend die Hand auf die Schulter und sagte: Das Küchlein will doch nicht klüger sein als die Mama? Er war doch also nicht ganz und gar blind gegen ihre Fehler, und es war Hoffnung vorhanden, daß er immer nüchterner und klarer Elisabeth beurtheilen würde. – Trotz dieser kleinen Anmerkung blieb sie aber dabei, das Glück der beiden könne von keiner Dauer sein, diese wundervolle, ungestörte Liebe zwischen zwei Leuten, die beide unselbständig und lebhaft und unüberlegt waren, die mindestens das Leben sehr harmlos nahmen, wenn man sie nicht geradezu des Leichtsinnes beschuldigen wollte, diese Liebe mußte ein Ende nehmen mit Schrecken. Als Schlösser wieder ungläubig schwieg zu diesen Befürchtungen, sagte sie fast feierlich: Lieber Wilhelm, wir wollen sehen, wer Recht hat. Ich will jetzt gern schweigen und freundlich theilnehmen an beider Glück, aber ich bleibe dabei, es ist ein Unglück für Elisabeth, daß sie keinen Mann bekommen hat, der sie erziehen konnte.– Ebenso halte ich es auch für ihn für ein Unglück, fuhr sie fort, daß er keine andere Wahl getroffen. Wenn er eine oberflächliche Weltfrau nahm, die ohne Bedenken mit ihm in der Welt lebte, mit ihm sich dort zerstreuen konnte, nachdem sie sich beide zu Hause das Leben schwer gemacht, so war jedenfalls besser für ihn gesorgt. Meinst Du wirklich, daß so besser für ihn gesorgt wäre? fragte Schlösser ernsthaft. Nicht gerade besser für ihn gesorgt, entgegnete Emilie leise erröthend, es würde ihm dann nur eben so gehen, wie es hunderten von Männern mit seinen Ansichten geht; sie zanken sich einmal mit ihren Frauen und vertragen sich, suchen ihr Vergnügen in der Welt, – gar nicht auf eine schlimme Weise, ganz gemüthlich, – sie führen eine Ehe, wie sie eben ihre Freunde auch führen, und sind in ihrer Art befriedigt, weil sie nicht Besseres erwartet haben. Möchtest Du ihm das wirklich wünschen? fragte Schlösser weiter. Emilie schwieg einen Augenblick, sie fühlte, daß sie ihr Verstand wieder einen kalten lieblosen Weg geführt, sie gestand das nur nicht gern und ließ sich in dem Wunsche, den Fehler zu vertheidigen, weiter hinein führen. – Wird er so mehr zu seinem Heil geführt werden? fuhr sie lebhaft fort. Elisabeth kann ihm unmöglich folgen in die Welt, ohne den Stachel im Herzen zu haben, auch er hat im Grunde schon diesen Stachel, und doch können sie der Welt nicht widerstehen. Tante Julchen hat mir ja in höchster Betrübniß und im höchsten Vertrauen mitgetheilt, daß bis jetzt in dem jungen Haushalt nicht viel Christliches zu spüren sei. Im nächsten Winter werden diese Versuchungen erst recht angehen, es kann ihnen bei ihren schwankenden Ansichten nicht anders ergehen als dort im Evangelio, sie werden in einer gefühlvollen Aufwallung einen bösen Geist aus dem Hause vertreiben, das Haus kehren und fegen, und dann desto sorgloser sieben böse Geister einlassen und den Stachel siebenfach im Herzen fühlen. Die Welt muß ihnen ein weit größerer Feind sein, als den Leuten, die sich darinnen behaglich fühlen und sich von ihr ohne Vorwurf zerstreuen lassen. Wenn man nun dazu bedenkt, daß sie auch im Hause nicht glücklich sein, nicht sich gemüthlich zanken und vertragen können, weil Elisabeth anders erzogen, weil sie anspruchsvoller – Und zartfühlend und liebesbedürftig ist, fügte Schlösser nachdenklich hinzu. Zartfühlend und liebesbedürftig, wiederholte Emilie bereitwillig, ja sie ist das, aber er – Er ist es auch, unterbrach sie Schlösser ebenso. Er ist es auch, wiederholte Emilie noch einmal mit etwas mehr Aufregung, sie haben ja eben beide Ideale im Herzen, aber beide keine Kraft sie zu verwirklichen. Wir wollen es ihnen aber von Herzen wünschen! bat Schlösser wieder freundlich. Er wußte einmal, daß dieser Punkt Emiliens größte Versuchung war, und vermied es, sich mit ihr darin zu vertiefen. Wilhelm, glaube nur nicht, das ich ihr Unglück wünsche! klagte Emilie. Gewiß, das glaube ich nicht, versicherte er aufrichtig; aber Du fürchtest, daß der liebe Gott nicht anders handeln kann, weil Dein Verstand keinen Ausweg sieht, setzte er scherzend hinzu. – Er reichte der Braut die Hand und sie nahm sich wieder ernsthaft vor, Elisabeths Glück zu wünschen und freundlich und liebreich gegen sie zu sein. Nur am Hochzeitstage, wo Elisabeth als Gast noch einmal im bräutlichen weißen Festkleide erschien und ihre glückliche Rolle spielte, mußte Emilie schwer kämpfen, besonders als Tante Wina, zwar nur im höflichen Scherz, ihr die liebenswürdige junge Frau zur Nachahmung anpries. Die alberne Wina, die Elisabeths Jugend schon verdorben, setzt es im vergrößerten Maaßstabe jetzt noch fort. Die klugen Lebensregeln, die sie dem Liebling, dem Verzug, vorpredigte, waren fabelhaft anzuhören, noch fabelhafter aber erschien es Emilien, – und Tante Julchen war ganz mit ihr einverstanden, – daß Elise den beiden albernen Schwägerinnen jetzt einen längeren Besuch bei Elisabeth gestatten wollte. Sie hatten auch beide Elisen gewarnt, aber die Sache ließ sich nicht ändern, und Elise konnte dieses Mal mit gutem Gewissen sagen, daß es so der Wunsch ihres Mannes sei. Es war auch verabredet, daß er selbst mit Frau und Kindern von Woltheim aus die Schwestern wieder abholen wollte. Einige Tage nach den Festlichkeiten reisten die glücklichen Tanten samt verschiedenen Koffern und Haubenschachteln wirklich mit dem jungen Paar nach Braunhausen. Elisabeth hatte gar nichts dagegen, es mußte ihr ja Spaß machen, sich von den Tanten in dem eigenen Haushalt bewundern zu lassen, und ihr Mann war so gefällig und liebenswürdig, sich diesen zwar nicht angenehmen Familienrücksichten freundlich zu fügen. Beide Tanten waren nicht wenig dankbar dafür, sie hatten ihn zwar immer schon entzückend gefunden, jetzt war er »eine unbeschreiblich liebenswürdige Erscheinung,« wie Wina gern versicherte. Als Herr von Kadden vor dem Gasthofe der kleinen Eisenbahnstation beschäftigt war, die Sachen in den Wagen packen zu lassen, waren die drei Damen indessen in die kühle Wirthsstube getreten, und beide Tanten stimmten wieder des Neffen Loblied an. Tante Wina aber, die sich gar zu gern feierlich reden hörte, knüpfte gleich eine ernste Mahnung für Elisabeth daran. Mit diesem Mann, liebe Elisabeth, versicherte sie, mußt Du jetzt schon wie im Himmel leben; Dir ist das lieblichste Loos gefallen, was ein Mädchen sich nur träumen konnte; er ist ein Ideal, wie wohl selten eines auf Erden zu finden ist. Du mußt das nur stets erkennen, ich versichere Dich, solltest Du einmal nicht glücklich sein, zu mir dürftest Du mit Deinen Klagen nicht kommen, denn Du allein würdest nur schuld daran sein. Daß ist mir wie aus dem Herzen gesprochen, versicherte Paula. Und Ihr habt beide Fantasien, wie das jüngste Mädchen! fiel Elisabeth etwas ärgerlich ein. Ihr macht aus meinem Mann den ersten besten Romanhelden. Meint Ihr denn, daß er immer so liebenswürdig ist, wie Ihr ihn in Gesellschaft seht? – Die Tanten sahen sie etwas verdutzt an. – Wenn Ihr das hofft, dann werdet Ihr Euch jetzt sehr verwundern, fuhr sie fort. Ihr glaubt wohl, mein Mann ist vom Morgen bis Abend in einer Zuckerwasser-Stimmung? Nein, er hat seine Geschäfte, er ist auch ernsthaft, auch verdrießlich, er bekümmert sich oft halbe Tage lang nicht um mich, sieht mich kaum an, aber das stört mich gar nicht, ich weiß doch, daß er mich lieb hat. Elisabeth fühlte sich sehr wichtig bei diesen höchst vernünftigen Aeußerungen, ganz ernst war es ihr bei der letzten Versicherung freilich nicht, es war ihr nie gleichgültig, wenn ihr Mann sich nicht um sie bekümmerte und sie kaum ansah. Es war gerade so, wie das Zanken und Vertragen in der Fantasie ganz interessant ist, aber in der Wirklichkeit, wie Klärchen Warmholz ganz richtig sagte, ist es höchst fatal, wenn ein liebenswürdiger Gegenstand da neben uns ungezogen ist. Die Tanten waren zu plötzlich in einen anderen Ideenkreis hinein geführt: ihr Romanheld sollte ein gewöhnlicher Mann wie alle Männer sein, und Elisabeth eine sehr verständige junge Frau! Wina faßte sich zuerst und sagte, – immer noch etwas überrascht: Du sprichst sehr vernünftig, liebe Elisabeth, natürlich darf es Dich nicht stören, wenn Dein Mann auch zuweilen in seinen Geschäften vertieft ist, das giebt ihm erst die männliche Würde. Ja, fuhr Elisabeth eifrig fort, ich würde nie verlangen, daß mein Mann nur für mich lebt, es wäre ja zu albern, ich kann mich ebenso gut allein beschäftigen als er, ja es würde mich sehr belästigen, wenn er keinen Beruf hätte und mir seine ganze Zeit widmen wollte. Elisabeth, übertreibe es nicht, nahm Wina mahnend das Wort, erfreue Dich lieber des Glückes Deiner Jugend. Ich wollte Euch nur vorbereiten, Ihr sollt Euch nicht wundern, entgegnete Elisabeth, wenn Ihr unser Leben anders findet, als Ihr gehofft habt. Herr von Kadden forderte die Damen jetzt zum Einsteigen auf, das Gespräch hatte ein Ende. Paula blieb darüber etwas verwundert in ihren Gedanken, aber Wina machte sich die Sache klar: Elisabeth war von einem unbegrenzten Widerspruchsgeist beseelt, dabei so gewandt, daß sie Weiß zu Schwarz disputiren konnte; also war es ihr ein Kleines aus diesem engelgleichen Manne eine sehr gewöhnliche Erscheinung zu schaffen. – Sie beunruhigte sich darüber nicht, sie wollte mit ihren Augen selbst sehen und dabei auf die verzogene Nichte einen höchst wohlthätigen Einfluß üben. Die beiden Tanten standen am offnen Fenster ihres Stübchens, das nach dem Hofe gelegen, jetzt keine Sonne hatte, sie lüfteten ihre Hauben, um sich nach der heißen Fahrt etwas zu verpusten, und theilten sich flüsternd ihr Entzücken mit über diesen poetischen Aufenthalt. Wir wollen uns auch das Glück hier nicht verkürzen lassen, schärfte Wina der Schwester ein: wenn von unserer Abreise in vierzehn Tagen die Rede ist, schweigen wir, – das wird sich finden. Ich weiß recht wohl, daß die Großeltern und Elise, ja die ganze Sippschaft uns nicht gern hier sieht; armen unverheiratheten Mädchen das Leben lieblich zu machen, fällt ihrer christlichen Liebe nicht ein. Man muß sich wirklich eine etwas dickere Haut angewöhnen und sich nicht immer gleich aus dem Wege räumen lassen. Wie gesagt, wir lassen es darauf ankommen, wir bleiben wenigstens sechs Wochen hier. Meinst Du? fragte Paula bedenklich. Ja, ich meine. Ich weiß, Elisabeth hat uns gern hier, sie ist ein gutes dankbares Kind. Aber ihr Mann? unterbrach sie Paula besorgt. Ihr Mann wird nicht gefragt, mein Kind, fuhr Wina fort; glaube doch nicht, was Elisabeth von ihm spricht, sie glaubt es selbst nicht, ich sah noch nie einen zarteren, fein gebildeteren jungen Mann, dessen Wünsche so ganz in den Wünschen seiner jungen Frau aufgehen. Elisabeths fröhliche singende Stimme ließ sich jetzt hören, die Schwestern brachen das Gespräch ab und öffneten der holden Nichte selbst die Thür. Es erfolgte eben wieder ein Strom von Entzücken aus der Tanten Munde, als sich Herrn von Kaddens laute Stimme im Pferdestalle hören ließ. Jetzt zankt er mit dem Burschen, sagte Elisabeth mit einiger Genugthuung, als ob es ihr lieb sei, daß die Tanten mit den Fehlern ihres Mannes bekannt würden. Das wird auch wohl zuweilen sehr nöthig sein, versicherte Wina. Alle drei horchten am Fenster, Paula wurde schon etwas unruhig, als Herr von Kadden, von dem Burschen gefolgt, das schöne braune Pferd aus dem Stalle führte. Das Pferd hinkte, der Herr führte es einige Schritte auf und ab, er machte dem Burschen heftige Vorwürfe, und der vertheidigte sich. Wenn er doch nicht widersprechen wollte, begann Elisabeth ziemlich eifrig, der dumme Mensch! Er weiß, mein Mann kann keinen Widerspruch vertragen. Rufe es ihm doch zu, bat Paula ängstlich. Elisabeth schüttelte den Kopf. Dein Mann wird sich doch in seiner Gewalt haben? sagte Wina schon etwas besorgt. Das wird er nicht, versicherte Elisabeth; warum hat er denn der Hitzkopf geheißen? Aber ich bitte Dich, Elisabeth, ein gebildeter Mensch, wie kann er sich so vergessen, fuhr Wina auf, es ist ja entsetzlich! Es ist ja entsetzlich! jammerte Paula, und Elisabeth stand allerdings auch in höchster Spannung. Ihres Mannes Stimme war so hoch hinauf gerathen, daß man sie kaum verstehen konnte, und wie der Bursche beharrlich eine gesicherte Stellung hinter dem Pferde zu behaupten suchte, war ein Beweis, daß die aus der Mode gekommenen Ohrfeigen zu befürchten waren. Elisabeth, es ist Deine heilige Pflicht, geh hin, bringe Deinen Mann zur Vernunft, eiferte Wina. Nicht doch, Elisabeth! warnte Paula, er ist zu heftig, er würde es gegen Dich auch sein. Albern! sagte Wina, ein gebildeter Mann wird seine Frau nicht wie seinen Reitknecht behandeln. Wer soll ihm denn die Wahrheit sagen und ihn dadurch erziehen, wenn es die Frau nicht thut! Elisabeth hatte wirklich das Zimmer schon verlassen, um auf den Hof zu eilen, auf dem Vorsaal trat sie noch einmal an das Fenster und sah, daß ihr Mann mit dem Pferde wieder im Stalle war. Nach kurzer Zeit trat er in die Wohnstube. Elisabeth hatte sich allein hier von ihrem Schrecken zu erholen gesucht, aber eingedenk Winas Worte, daß es ihre heiligste Pflicht sei, ihren Mann zu erziehen, was ihr in der eigenen Aufregung sehr einleuchtend war, empfing sie ihn gleich und zwar mit einem besonders herausfordernden Tone: Otto, wie kannst Du so heftig sein? Der Mensch ist dummer als das Vieh, was er abwarten soll! entgegnete er noch sehr aufgeregt und warf die Mütze auf den Tisch. Ich habe mich so sehr erschrocken, fuhr Elisabeth vorwurfsvoll fort, ich habe gezittert und die Tanten waren förmlich entsetzt. Ihr seid alle drei Thörinnen, unterbrach er sie, bei Männern ist das nicht anders. Mein Vater ist nie so heftig gewesen, entgegnete Elisabeth lebhaft. Elisabeth, ich will nicht die Vergleiche mit Deinem Vater hören, sagte er jetzt ärgerlich, Dein Vater ist flegmatisch und ich bin es nicht. Elisabeth konnte sich noch nicht bezwingen, sie war in zu gutem Rechte. Wina sagte aber auch, begann sie eifrig, ein gebildeter Mann – Herr von Kadden hatte schon nach der Mütze gegriffen. Wenn Du mich nicht zwingen willst, das Haus zu verlassen, unterbrach er sie, und gerade so lange fort zu bleiben als Deine albernen Tanten hier sind, so schweige. Sie schwieg, er ging in sein Zimmer, und sie blieb mit höchst unangenehmen Gefühlen allein. Ihre heilige Pflicht hatte sie erfüllt, aber ohne Erfolg; jetzt war ihre einzige Sorge, daß die Tanten nicht erfuhren, wie es ihr zu Sinne war, sie mußte sich zwingen vergnügt zu sein, und die Sache unwichtig nehmen. Als sie jetzt zu ihnen kam, wurde sie von Paula sogleich empfangen: Wie steht es? Es ist alles gut, entgegnete Elisabeth leicht. Hat er sein Unrecht eingesehen? forschte Wina. Eingesehen? fragte Elisabeth, ein Mann hat immer Recht, und in solche Sachen muß man sich nicht mischen. Dann forderte sie die Tanten schnell auf, in den Garten zu kommen, es sei so erquicklich und schön, sie wolle voran gehen und das Abendbrot dahin bestellen. Wina! begann, als die Schwestern allein waren, Paula feierlich: ich fürchte mich vor diesem Mann. Die arme Elisabeth! setzte Wina ebenso feierlich hinzu. Die Männer sind alle Barbaren, fuhr Paula fort. Ja liebe Paula, wir können beide froh sein, daß wir nie geheirathet haben, wir wären am Herzweh gestorben, sagte Wina. In der Unschuld unseres Herzens glaubten wir, dieser Mann sei wirklich liebenswürdig, seufzte Paula. Ja wir können es in unserer idealen Welt nicht begreifen, wie Männer so roh, so rücksichtslos sein können, fuhr Wina fort. Aber Paula, mein erstes Gefühl, als ich diesen Mann sah, hat mich also nicht getäuscht, obgleich später meine Gutmüthigkeit mich irre führte: er ist ein gefährlicher Mensch! Und daß Elisabeth ihn nicht erziehen soll, ist das Schlimmste. Ich muß dem armen Dinge doch rathen, daß sie ihn nur nie reizt, warnte Paula. Und ihn doch klug leitet, fiel Wina ein. Wir werden doch aber so bald als möglich abreisen, bat Paula. Natürlich so bald als möglich, fiel Wina ein, ich möchte nur einen Eclat vermeiden, darum reise ich nicht augenblicklich. In der Art ging die Unterhaltung noch ein Weilchen fort, bis sie mit Hüten und Arbeitsbeuteln, Wina in würdigen stolzen Schritten, Paula etwas trippelnd, über den Hof nach dem Garten gingen. Der Abend war wirklich wunderschön, der weißgedeckte Tisch stand einladend in der Jasminlaube, und Elisabeth, im himmelblauen Musselinkleide, schickte sich an, die liebenswürdige Wirthin zu machen. Die Spannung, ihres Herzens, den Gedanken, wie ihr Mann sich heute Abend verhalten würde, verbarg sie sehr geschickt. Das durchzuführen, mußte sie natürlich vermeiden, ihn allein zu sehen und sich mit ihm auszusprechen, die Tanten hätten dann jedenfalls die Sache durchschaut. Sie stellte sich darum nur unter sein Fenster und rief: Lieber Otto, das Abendessen ist bereit! Wenige Minuten später kam er in den Garten, man setzte sich zu Tisch, und zur Verwunderung der Tanten war er ganz ruhig, höflich und zuvorkommend wie immer, nur etwas ernster. Tante Wina, die im Stillen noch die Hoffnung gehabt, er werde ihr gegenüber, der bedeutenden und geistvollen Tante, etwas beschämt und verlegen sein, war wirklich indignirt über diese Gefühllosigkeit. Elisabeth mußte nun eine Rolle spielen, die ihr herzlich sauer wurde; sie wollte unbefangen und vergnügt sein, sie sprach darum scherzend und neckend zu den Tanten und eben so zu ihrem Mann. Ihn anzusehen konnte sie sich nicht entschließen, es hätte vielmehr nur eines fragenden oder eines zu ernsten Blickes bedurft, sie aus der Fassung zu bringen. Und wie froh war sie, als er endlich in denselben Ton einstimmte und unverändert darin blieb, so lange sie zusammen waren. Als es dämmrig wurde und die Tanten sich anschickten auf ihr Zimmer zu gehen, sagte Herr von Kadden seiner Frau und den Gästen zugleich gute Nacht, er wollte auf seinem Zimmer eine Menge Schreibereien, die er nach der Reise vorgefunden, noch heute Abend beseitigen. Als Elisabeth die Tanten hinauf gebracht, stand sie schwankend im Wohnzimmer. Sollte sie noch einmal zu ihm gehen? Er schien es aber selbst nicht zu wünschen, er war beschäftigt. Die Sache war auch abgemacht, zum ersten Mal auf diese kluge Weise, – sie hatten sich beide vor den Gästen zwingen müssen, es war beiden gelungen. – warum sich jetzt noch durch ein Aussprechen beunruhigen? – Sie stand nachdenklich vor ihrem Schreibtisch, Bibel und Ziehkästchen lagen da, heute konnte sie aber nicht lesen, sie war zu abgespannt von der Reise. Wenn sich ihr Herz danach gesehnt, hätte sie es dennoch gethan, sie scheute sich aber davor. Sie trat in ihr Schlafzimmer und seufzte doch. Man soll die Sonne über seinem Zorn nicht untergehen lassen, dachte sie. Zornig war sie freilich nicht, sie war nicht einmal böse, sie hätte das aber gern auch ausgesprochen, und er hätte es vielleicht gern gehört. Nein, dann hätte er mir nicht im Garten gute Nacht gesagt, setzte sie hinzu und Thränen traten ihr in die Augen. Sie entschloß sich, zu Bett zu gehen mit der Unruhe im Herzen. Vor Kurzem wäre ihr dies freilich ein unmöglicher Gedanke gewesen, – die Umstände verlangten es aber heut so, – es war auch im Grunde nicht viel zu risquiren, war es ihr zu schwer, konnte sie sich morgen noch aussprechen, – sie wollte es nur versuchen. – So kämpften die Gedanken noch lange hin und her, bis sie vom Schlaf überrascht wurde und zwar ohne Abendgebet. Am andern Morgen war sie kaum angekleidet, als die Tanten schon erschienen und den herrlichen Morgen mit ihr genießen wollten. Ihr Mann ritt wie gewöhnlich bald fort, er war auch noch nicht zurück, als sie mit den Tanten die beabsichtigten Visiten antrat. Beide Damen hatten sehr den Wunsch, sich hier zu zeigen und sich zu amüsiren, und Herr von Kadden hatte Elisabeth selbst vorgeschlagen, in dieser Zeit gesellig zu sein, um die Tanten nicht immer selbst unterhalten zu müssen. Elisabeth ging mit ihnen zu Bonsaks und noch einigen verheiratheten Offizier-Damen. Es wurden Vergnüglichkeiten verabredet und die Tanten kamen in sehr guter Laune zurück und versicherten lebhaft: Braunhausen sei ein allerliebster Ort. Elisabeth war durch diese Visiten selbst zerstreut, die kleine bedenkliche Scene von gestern erschien ihr heute in einem andern Lichte, und als ihr Mann heute eben so gut scherzen konnte als gestern, so wurde es ihr heute auch leichter und die Sache sollte nun wirklich vergessen sein. Der Versuch war also geglückt. Man muß nicht zu zartfühlend sein, tröstete sich Elisabeth, und sich das Leben nicht unnöthig schwer machen. Es bedurfte auch nur noch am folgenden Tage einer Landpartie mit Bonsaks, Stottenheim und andern Bekannten, und Elisabeths fröhlicher Sinn hatte alles überwunden, ja auch endlich jede Spur von Absicht im Benehmen ihres Mannes, er war ja ebenso froh, die kleine Last vom Herzen los zu sein. Dieser ersten Partie folgten noch andere, die vierzehn Tage waren schnell vergangen, und Wina instruirte die Schwester, wie man sich zu verhalten habe, um die Abreise hinaus zu schieben. Sie war fest entschlossen, sich hier länger zu amüsiren. Mein Herz ist wieder ganz ruhig, versicherte sie; ich sehe, in welchem liebenswürdigen Kreise unsere jungen Leute leben. Kadden ist darin doch wenigstens vernünftig, daß er weiß, was zum Leben gehört, er weiß nach der Arbeit und der Einförmigkeit des profanen häuslichen Lebens muß sich das Gemüth wieder erheitern. Wenn er Elisabeth auch im Hause viele schwere Stunden schafft, in angenehmer Gesellschaft kann sie es vergessen; die Männer sind einmal nicht anders. Herr von Stottenheim ist aber allerliebst! unterbrach sie Paula: mit einem solchen Mann würde unsere Elisabeth glücklicher sein. Ja, er ist ein vernünftiger und ein braver Mann, und ich habe ihm gern im Vertrauen Elisabeths Glück, so zu sagen, auf die Seele gebunden. Er soll vor allen Dingen Kadden in diese Geselligkeit mehr hinein ziehen. Stottenheim hofft das jetzt, da durch uns der gute Anfang gemacht ist und Elisabeth sich sehr darin zu gefallen scheint. Der wohlthätige Einfluß ihres Besuches durfte sich aber nicht auf so kurze Zeit beschränken, versicherte Wina der Schwester, und Elisens Absicht, mit ihrem Mann acht Tage das Logirstübchen zu bewohnen, während dessen die Tanten nach Woltheim übersiedeln sollten, und dann nachher zusammen zurück zu reisen, mußte durchaus vereitelt werden. Elise will aber lieber hier logiren, machte Paula eine bescheidene Einwendung. Sie will und wir wollen, entgegnete Wina mit Nachdruck, wir sind schon hier und sind im Vortheil; bei solchen Gelegenheiten muß man nicht zu zartfühlend sein, ich sage immer: unverheiratheten Mädchen wird gern viel geboten, man muß sich aber nicht in die Ecken stoßen lassen, man muß sich wehren. Am Abend, ehe Kühnemans erwartet wurden, theilte Wina ihrer Nichte mit großer Ruhe ihren Entschluß mit. Wir sind einmal hier, sagte sie, wer weiß, wann wir die Reise wieder machen. Deine Mutter wird sie oft genug machen, sie wird uns den Aufenthalt hier gern gönnen. Es wird auch ziemlich gleich sein, ob sie hier oder in Woltheim logirt, wir wollen ja täglich zusammenkommen. Der Vater aber, glaube ich, wünscht es auch, entgegnete Elisabeth verlegen. Dein Vater wird nicht so rücksichtslos sein, uns hier verdrängen zu wollen, sagte Wina belehrend. Elisabeth sagte den Tanten mit einigen höflichen und verlegenen Redensarten gute Nacht, sie war in dem Augenblick zu sehr überrascht, um Einwendungen machen zu können. Sie ging gleich zu ihrem Mann, um ihm diese neue Verlegenheit mitzutheilen. Dieser wollte erst ärgerlich werden, als er aber Elisabeth selbst so bedrückt und nachdenklich vor sich sah, besann er sich schnell. Wir wollen doch sehen, ob ich Herr im eigenen Hause bin, sagte er scherzend, ich versichere Dich, liebes Lieschen, ich schaffe sie Dir fort. O, was könntest Du in der Art wohl nicht ausführen, entgegnete Elisabeth mit freundlichem Vorwurf; aber bedenke, Tante Wina! O nein, ich will ganz höflich sein, versicherte er, ich will eine Gesandtschaft an sie abschicken, und zwar die liebenswürdigste von der Welt. Du gehst hin und sagst: Ich soll einen schönen Gruß bestellen von meinem lieben Mann, und Sie möchten doch so gütig sein und morgen lieber nach Woltheim reisen. Aber Otto, sagte Elisabeth lachend und zugleich kopfschüttelnd. Geht das nicht? fragte er. Nun so mache sie freundlich darauf aufmerksam, sie würden sich nicht mehr wohl fühlen hier, denn ich sei nur so liebenswürdig gegen sie gewesen in der Hoffnung ihrer baldigen Abreise. Allerdings eine Unvorsichtigkeit von mir, fügte er hinzu. Das geht auch nicht! zürnte Elisabeth. Das geht auch nicht? fragte er freundlich. Elisabeth schüttelte ziemlich rathlos den Kopf. Liebe Elisabeth, nahm er jetzt ernsthaft das Wort, hierbleiben können sie nicht, die verwandtschaftlichen Pflichten haben wir erfüllt, und ich denke, ich habe meine Sache gut gemacht, setzte er lächelnd hinzu. Sie länger hier zu behalten, würde ich für ein Unrecht halten. Also sage ihnen morgen früh wirklich: wir hätten uns beide auf den Besuch der Eltern gefreut und wünschten, daß es bei der Verabredung bliebe. Elisabeth sah ihn nachdenklich an und nickte. Ja, so war es am besten. Sie war auch mit den Tanten so bekannt, warum nicht aufrichtig mit ihnen sprechen? Recht freundlich und liebenswürdig wirst Du dabei schon sein müssen, sagte ihr Mann, – auch wenn Wina sehr eifrig wird. Elisabeth nickte wieder, reichte ihm die Hand und ging mit einiger Furcht vor dem andern Morgen zur Ruhe. Der andere Morgen war wunderschön, Elisabeth hatte das Frühstück in der Jasminlaube zurichten lassen, die Tanten hatten mit wahrem Entzücken die Schönheit der Natur und den guten belebenden Kaffee genossen, jetzt aber saßen sie Elisabeth gegenüber, mit heißen Wangen, und Wina besonders mit funkelnden Augen. Elisabeth hatte den schwierigen Auftrag mit vieler Ueberlegung und ebenso viel Sanftmuth ausgeführt, und Tante Wina hatte ihr Erstaunen und ihre Kränkung darüber in großer Erregtheit ausgesprochen. Sie konnte aber immer noch nicht fertig werden. Dir mein Kind, sagte sie scharf, mache ich keinen Vorwurf über diese unbegrenzte Rücksichtslosigkeit, Du thust was Dein Herr Gemahl befiehlt, und das ist ja recht, obgleich ich von Deiner Liebe und Dankbarkeit erwarten konnte, Du hättest uns diesen Kummer erspart, sollte es auch mit einigen schweren Stunden Deinem Mann gegenüber erkauft sein. Du hast mir auch schwere Stunden gemacht, mein Kind, jahrelang, meine Liebe hat keine Mühe und Arbeit gescheut. – Jetzt folgte eine Schilderung der vergangenen Zeiten. Elisabeth ließ dies alles schweigend über sich ergehen, sie hatte ihre Gründe in Freundlichkeit erschöpft und wußte, daß es der Tante eine Erleichterung und ein Trost sei, bei solchen Gelegenheiten ihr sehr edeles inneres Leben aufdecken zu können. Beide Damen gingen dann in ihr Zimmer um zu packen, – gegen Mittag wurden die neuen Gäste erwartet, – und Wina mußte, nachdem sie der Nichte ihre edelen Gefühle mitgetheilt, der Schwester auch den gerechten Zorn ausschütten. Nie wollte sie dieses Haus wieder betreten, wo Rohheit und Tyrannei das Scepter führen: das war ungefähr das Resultat ihrer Gerechtigkeit, und Paula bat nur um Fassung für den Abschied. Als beide, nachdem sie solange als möglich im eigenen Zimmer geblieben, wieder im Wohnzimmer erschienen, wurden sie von Elisabeth recht herzlich empfangen, und die Unterhaltung schleppte sich leidlich hin, bis Herr von Kadden erschien. Es war ein unerträglich heißer Tag, er warf sich in die Sofaecke, legte zuweilen die Hand an die Schläfe, ein Zeichen, daß er Kopfweh hatte. Es war ihm eine große Ueberwindung, hier bei den wortkargen Damen zu sitzen; er blieb, um ein höflicher Wirth zu sein, aber war eben so wortkarg als sie, so daß Elisabeth, die von dem fatalen Morgen ebenfalls angegriffen war und recht auf seine Unterhaltung jetzt gerechnet hatte, sich über ihn ärgerte. Hätten sie nicht alle vier selbst mitgespielt, hätten sie dies Zusammensein recht komisch finden müssen; sie fanden es aber alle höchst unangenehm, und es war ein rechtes Glück, daß Stottenheim erschien. Er hatte von dem Freunde erst jetzt die überraschende Nachricht von der Abreise der Damen gehört, er mußte sich ihnen empfehlen. Beide Tanten erkannten diese Aufmerksamkeit mit Rührung an, Wina wurde sehr gesprächig, und zwar nicht ganz ohne einige Seitenhiebe und Blitze auf die beiden Verbrecher, die neben ihr saßen. Du bist wohl etwas übeler Laune heute? wandte sich Stottenheim nach einiger Zeit zu seinem Freunde. Ich habe Kopfweh, war dessen kurze Antwort. Gestehe es nur, Du hast Dich über diesen brutal dummen Menschen geärgert, fuhr Stottenheim fort. Dann zu den Damen gerichtet, schilderte er das Schwere des Soldatenstandes, immerfort mit so rohen und beschränkten Menschen verkehren zu müssen. Doppelt ehrenwerth, wenn man von der Rohheit nicht angesteckt wird, versicherte Wina mit einer höflichen Verbeugung. Ich wollte aber doch nicht wünschen, immer von zartfühlenden Damen belauscht zu werden, lachte Stottenheim, die Galle geht einem oft genug über. Der Mensch verstand Dich heute auch erst, wandte er sich zu Kadden, als Du ihn mit einigen verdienten Ehrentiteln regalirtest. Du hast doch nicht geschimpft? fragte Elisabeth schnell. – In Herrn von Kaddens Gesicht war eine unangenehme Bewegung zu bemerken, er schwieg aber. – Das ist doch schrecklich! begann Elisabeth. Da legte er seine Hand auf ihren Mund und sagte ernst: Laß das, Elisabeth, Du verstehst das nicht. Elisabeth schwieg und schaute erröthend auf ihre Arbeit. Wina schoß Pfeile auf den Barbaren, und Stottenheim sagte lachend: Du bist doch ein ungalanter Mann. Aber Sie können es glauben, meine Damen, versicherte er, es geht nicht anders. – Er führte die Unterhaltung in fließender Weise weiter, und Elisabeth, die ihres Mannes Unart heute sehr schwer nahm, verließ das Zimmer und ging, um nach dem Mittagsessen für die Eltern zu sehen. Als einige Minuten später auch ihr Mann das Zimmer verlassen hatte, konnte sich Wina nicht mehr halten, ihr verständiger braver Freund Stottenheim mußte an dem Weh, das ihre Seele verzehrte, theilnehmen. Arme junge Frau! begann sie seufzend: haben Sie gesehen, wie sie mit den Thränen kämpfte? Und er? – er ist zu seinen Pferden gegangen. – Sie versicherte nun, daß sie dieses Haus gern verlasse, weil man sich dem Manne gegenüber immer in der Spannung eines nahenden Unglücks befinde. Stottenheim vertheidigte den Freund wieder aufrichtig, aber beide kamen darin überein, dem jungen Paare sei nur durch einen passenden Umgang, eine angenehme Geselligkeit zu helfen. Um Gottes Willen durften sie nicht einseitigen, düstern und das Leben ganz und gar mißverstehenden Menschen in die Hände fallen. Leider kam Kadden zu schnell zurück, Wina hätte gern noch länger mit Herrn von Stottenheim das Glück ihrer Schützlinge arrangirt. Zu gleicher Zeit fuhren aber auch die lieben Gäste vor, und von der Unruhe der Ankunft und des Begrüßens wurden alle verschiedenen Stimmungen überwältigt. Elisabeth umarmte die Mutter mit Thränen, Elise sah sie besorgt an, aber es waren wohl nur Freudenthränen, Elisabeth umarmte die Geschwister trotz der Thränen so glücklich, Charlottchen wollte sie gar die Treppe hinauf tragen, wollte sie nicht aus den Armen lassen. Während die Koffer der Eltern von dem Wagen genommen und die der Tanten aufgepackt wurden, beschlossen die Eltern auf Elisabeths Wunsch, daß alle Kinder für jetzt hierbleiben sollten. Die drei ältesten, die eigentlich mit den Tanten nach Woltheim gesollt, konnten den Abend recht gut zu Fuß dahin gehen. Elisabeth mußte heute alle Geschwister um sich haben, sie mußte ihnen ihr warmes Herz ausschütten, und der Jubel und die Freude und Liebe der Kinder entzückte sie zu sehr. Es war für die Stadtkinder aber auch eine Lust, sich herumzutummeln im Garten, in der schattigen Laube Kaffee zu trinken, und auch weiter zu wandeln durch die Hecke über den Weg nach dem Grasrain. Sie pflückten Feldblumen machten Kränze und Sträußchen, Elisabeth, ihre allerliebste Schwester, immer glücklich mit ihnen. Als sie Charlottchen eben einen Kranz auf die Locken setzte, trat ihr Mann zu ihr; er freute sich herzlich ihres Glückes und ahnete kaum, daß er ihr hatte wehe gethan. Liebe Elisabeth, daß Du doch so warm lieben kannst! sagte er freundlich; aber mich mußt Du doch immer am meisten lieb haben, sonst werde ich traurig. Sie sah ihn freundlich an und es fiel ihr jetzt erst ein, daß sie sich den ganzen Tag um ihn nicht bekümmert hatte. Sie hatte kein Verlangen danach gehabt, in ihrer beleidigten Stimmung vom Morgen war es ihr eine Genugthuung, sich in den Geschwistern befriedigt zu fühlen und ihm das zu zeigen. Als er jetzt so freundlich bittend vor ihr stand, schämte sie sich ein wenig und die Stimmung vom Morgen war darüber vergessen, sie mußte ihm ganz warm und beweglich in die Augen schauen. Sich über die wechselnden Stimmungen des Tages auszusprechen, hatte sie auch kein Verlangen, sie wollte sich nicht damit beunruhigen, sie hatte erfahren, daß es bei solchen Gelegenheiten auch ohne Aussprechen geht. Die nächste Woche war schnell vergangen, aber anders als die beiden ersten. Diese Gäste verlangten nach keinen Landpartien und Visiten mit den Braunhäusern, sie waren fortwährend wunderschön unterhalten, der Verkehr mit Woltheim war die einzig gewünschte Abwechslung. Die beiden Tanten waren immer dazwischen, der Geheimerath, der gleich am ersten Tage von Elisabeths Kampf mit ihnen gehört, hatte lachend gesagt: Man muß ihnen nichts übel nehmen und Geduld mit ihnen haben. In diesem Sinne wurden sie auch freundlich und rücksichtsvoll von allen behandelt. Auf der Rückreise, so war es längst beschlossen, wollte die ganze Verwandtschaft Emilien den ersten Besuch machen, sie wollten mit dem Frühzug fahren und am Abend ein jeder nach seiner Heimath zurückkehren. Von den beiden Tanten nahm man an, da sie mit Emilien nie befreundet waren, sie würden gleich nach Berlin durchfahren, aber Wina dachte erstens nicht daran, sich von diesem ländlichen Vergnügen ausschließen zu lassen, und außerdem hatte sie noch höhere Pflichten zu erfüllen. Emilie, die einzige in der Familie, die mit ihr das richtige Urtheil über Kadden hatte, mußte von ihren traurigen Erfahrungen in dem jungen Haushalt hören. Ein schöner Tag begünstigte den Besuch und erlaubte den lieben Gästen, da das Pfarrhaus nicht Raum hatte für alle, sich im Garten und im anstoßenden einsamen Kirchhof zu zerstreuen. Emiliens erste Frage an Wina war ganz natürlich: Sie sind länger bei Elisabeth gewesen? Wina bejahte nur kurz, weil Leute in der Nähe standen, sie zuckte aber zugleich die Achseln und schaute hinauf zum Himmel. Die Versuchung war für Emilien zu groß, sehr kurz darauf hatte sie es eingerichtet, mit Wina und ihrem Mann allein zu sein, ja er sollte die Nachrichten von Wina selbst hören, nicht erst von ihr. Hat es Ihnen in Braunhausen nicht gefallen? fragte Emilie gleich ganz offenherzig. Wina holte tief Athem, zuckte die Achseln und schilderte nun, zwar nur die erlebten Dinge, aber mit Zornes Eifer, die Rohheit des Gatten und die verborgenen Thränen der Frau. Elisabeth ist aber gewiß auch daran schuld, unterbrach sie Emilie. Sie kennen Elisabeths Fehler, fuhr Wina fort, ich habe mich vergebens bemüht sie ihr abzugewöhnen, und sie sind freilich bei des Mannes Eigenschaften Zunder zum Feuer. Daran knüpfte sie auf ihre Weise eine Abhandlung, wie solch ein häusliches Unglück nur durch eine angenehme Geselligkeit zu ertragen sei, und in dieser einzigen Hinsicht habe Kadden vernünftige Ansichten, da er sich einem sehr liebenswürdigen Kreise angeschlossen. Emilie ließ sich über den letzten Punkt nicht weiter ein und war überhaupt sehr vorsichtig mit ihren Aeußerungen; als aber die Gäste das Pfarrhaus verlassen hatten, mußte ihr Mann, und zwar nicht zu seiner Freude, Emiliens Betrachtungen über Elisabeth und ihre wundervolle Liebe mit anhören. Sie hatte es alles voraus gesehen, aber freilich so schnell die Erfüllung nicht befürchtet. Schlösser konnte dieses Mal wenig sagen, da seine Beobachtungen selbst nicht befriedigend gewesen. Kadden hatte ein freundliches Zwiegespräch, wie er es vor seiner Verheirathung gern hatte, mit ihm nicht gesucht, und Elisabeth, obgleich sie freundlich mit ihrem Manne war, schien mit dem Abschied von ihren kleinen Geschwistern fast zu sehr beschäftigt. So ging denn von heute aus ein Flüstern durch die Familie, ganz leise von Ohr zu Ohr. Nur Elisen erreichte es nicht, wohl aber die Großmama, und das gute Großmutterherz mußte wieder sorgen und mußte sich trösten lassen, daß der Herr ja die Seinen oft wunderlich führe. 21. Notwendige Geselligkeit Es war an einem stillen Novembertag, die Sonne brach zuweilen mit ihrem bleichen Schein durch eine dünne Wolkendecke, da fuhren die alten Schimmel in Braunhausen vor. Elisabeth eilte freudig hinab, ja es war die gute Großmama. Weil die Enkelin bei schlechtem Weg und schlechtem Wetter seit Wochen nicht zu ihr kommen konnte, mußte sie selbst kommen. Elisabeth war Mittag allein gewesen, ihr Mann hatte mit fremden Offizieren essen müssen, sie konnte ihn auch erst gegen Abend zurück erwarten, darum war ihr der Besuch doppelt lieb. Das Großmutterherz, das, seitdem das Flüstern in der Familie angefangen, nur immer mit Besorgniß Elisabeth wieder begegnete, dankte dem Herrn, als sie die Augen der jungen Frau so fröhlich und harmlos leuchten sah. Du weißt, wir haben das Kränzchen doch angefangen, begann Elisabeth, als sie mit der Großmama Kaffee trank, etwas zagend, aber doch mit guter Zuversicht. Ja, leider habe ich es gehört, entgegnete die Großmama, ich wünschte Euch anderen Umgang. Aber es geht wirklich nicht anders, versicherte Elisabeth, Otto würde sich mit seinen Oberen verfeinden, wir wissen, daß er schon stark beobachtet wird. Er thut aber nichts Unrechtes, unterbrach sie die Großmama. Unsere Richtung schon ist ihnen Unrecht genug, fuhr Elisabeth eifrig fort, denke Dir, wenn wir uns von diesem Kreise ganz zurückziehen wollten, wie auffallend wäre das. Nein, Otto würde zu viel Unannehmlichkeiten davon haben. Uebrigens, liebe Großmama, fügte sie noch zuversichtlicher hinzu, ist wirklich für uns keine Gefahr dabei, wir stehen doch wirklich darüber, wir thuen es nur der Rücksichten wegen, die mein Mann seiner Stellung schuldig ist. Weißt Du noch Deine Stimmung, als Du zum ersten Mal mit uns bei Bonsaks warest? fragte die Großmama. Ich denke auch noch eben so, versicherte Elisabeth, nur meine Stellung ist anders, ich habe Muth, den Mädchen und Frauen dort entgegen zu treten, und hoffe sogar Gutes zu wirken. Darin täuschest Du Dich, liebes Kind, sagte die Großmama sanft; bitte nur den Herrn, daß Du nicht Schaden leidest. Die Großmama brach dieses Thema ab, weil sie es scheute, durch ein heftiges Eingreifen Elisabeths Vertrauen zu erschüttern; indirekt verstand sie weit besser zu reden, und zu Elisabeths höchstem Entzücken erzählte sie ihr bald von dem eigenen jungen Haushalt vor beinahe 50 Jahren. Als Mädchen denkt man doch, sagte die Großmama, daß mit der Verlobung und mit der Heirath das Lebensglück fertig ist und gar nichts weiter fehlen könne. Ach ja, sagte Elisabeth, ich habe es auch gedacht, aber das Leben wird dann erst ernst, man erlebt dann erst etwas. Und ehe wir den Ernst des Lebens nicht mit zum Glück rechnen, kann auch von keinem Glück die Rede sein. Elisabeth nickte. Und ehe wir Frauen all unser Sorgen und Schaffen im Haushalt, die geringste Arbeit, die uns obliegt, nicht in einem poetischen Lichte sehen, das heißt in dem einen Gedanken, daß auch diese kleinen Mühen und Arbeiten zu unserem Berufe gehören, zu dem sehr schönen Berufe einer stillen, frommen, christlichen Hausfrau, eher werden diese Arbeiten uns nicht süß. Ja, das liebliche Bild einer solchen Hausfrau muß uns Schritt vor Schritt begleiten in Küche und Keller und an den Arbeitskorb. Solch lieblich Bild mit des Herrn Hilfe zu verwirklichen, zu sorgen für Mann und Kind, ist des Herzens Lust und Befriedigung, und äußere Zerstreuungen, große Geselligkeit, alle Dinge, die viele Frauen meinen sich nach ihren alltäglichen Hausfrauenarbeiten schuldig zu sein, werden einer so selig befriedigten Frau zur Last. Als eine solche Hausfrau wird es ihr auch am leichtesten ihre Liebe treu zu bewahren, auf diesem guten Grunde finden weder Langeweile noch Eigensinn und üble Launen Gedeihen. Eine Frau, die schon ihr Schaffen in der Speisekammer und vor Kisten und Körben in einem solchen Sinne auffaßt, wird wohl auch ihre Liebe zart und lieblich in der Seele festhalten. Eine Frau, die in und mit dem ihr vom Herrn gegebenen heiligen Hausfrauenberuf, sich in aller Demuth und Einfalt selig in den Himmel hineinleben will, wird ihre Liebe, den Sonnenschein ihres Hausfrauenlebens, nicht sorglos daran geben. Arme Frauen, die ohne diese Sonne leben müssen, können wohl die ewige Sonne hinter den Wolken schauen und den Himmel über sich haben, aber es fehlen die Blumen in ihrem Leben, die einem Frauenherzen so nothwendig sind, und die nur im Sonnenschein der Liebe gedeihen. Elisabeth hörte aufmerksam zu, es ward in ihrem Gewissen unruhig. Das Bild einer stillen, frommen, christlichen Hausfrau hatte ihre Seele noch nicht eingenommen, die Haushaltsarbeiten machten ihr auch noch sehr viel Vergnügen, aber doch nur wechselnd, und sie hatte schon öfters, wenn sie des Morgens vielerlei vorgenommen, ihrem Mann das scherzend vorgezählt und ihn aufgefordert, sie den Nachmittag dafür besonders zu amüsiren. Ja sie hatte auch schon oft Langeweile gehabt, weil sie von andern jungen Frauen den klugen Rath angenommen, doch lieber für wenige Groschen öfters eine Nähterin zu nehmen, als sich zu quälen. Daß diese Arbeiten keine Qual, sondern ein vom Herrn verliehener Beruf seien, an dem sie sich in Demuth selig arbeiten könne, hatte sie nicht überlegt. Sie hatte ganz ohne Noth die Arbeit abgegeben, hatte dann Langeweile gehabt, sich nach Zerstreuung gesehnt und gedacht: wie soll es mit der Zeit werden, wenn die Gewohnheit allen Reiz von meinem kleinen Haushalten genommen? Dann hatte sie aber auch weiter denken müssen: – Mit deiner Liebe kann es wohl auch nicht so bleiben, die Gewohnheit ist ein entsetzliches Ding. Liebe Großmama, sagte Elisabeth leise, ich muß noch ganz anders werden. – Die Großmama sah ihr liebes Kind freundlich an. – Ich weiß nicht, wie es kommt, fuhr Elisabeth fort, daß ich nur immer so in die Welt hinein leben muß, ich möchte doch auch eine solche Hausfrau sein, aber in der Wirklichkeit vergesse ich es. In dem Augenblick trat Herr von Kadden ein. Er war sehr überrascht und erfreut über den lieben Besuch, seine Liebe zur Großmama war ungestört und unverändert. Er setzte sich zu Elisabeth, und sie sagte nach einer Pause: Weißt Du, Otto, von der Großmama habe ich eben gehört, daß ich gar nicht bin, wie ich sein möchte. – Er sah sie fragend an. – Ich bin wirklich schon langweilig gewesen und oft übler Laune, fügte sie seufzend hinzu. Man darf auch zu Zeiten üble Laune haben, tröstete die Großmama, man ist nicht immer frisch und stark, und neben das Bild einer lieben Hausfrau möchte ich das eines lieben Hausherrn stellen, der gern einmal Geduld hat mit unsern übeln Launen. Freilich müssen wir ihm die Geduld vergelten, wozu uns Gelegenheit oft genug wird. Männer können keinen Schnupfen vertragen, versicherte sie scherzend. An Schnupfen leide ich nie, entgegnete Kadden ebenso. Aber an Kopfweh, fügte Elisabeth hinzu. Der Schluß und die Hauptsache von allem guten Rath bleibt doch der, den ich Euch schon oft gesagt habe, nahm die Großmama das Wort, und den es mich nicht verdrießen wird zu wiederholen, so lange ich hier mit Euch walle: Wollt Ihr immer guter Laune sein und Geduld und Liebe üben, so müßt Ihr den Frieden in der Seele haben, der da höher ist denn alle Vernunft. Volles Genügen müßt Ihr in diesem Frieden haben, dann gedeihet die Liebe von selbst. Habt Ihr den nicht, so wird sie vom Sturmwind des Unfriedens, den die Welt giebt, zerwehet, wenn dieser Sturmwind auch mit dem leisesten Säuseln anhebt, als mit Rücksichten der Geselligkeit, nothwendiger Gunst hochgestellter Leute, Scheu vor Bekannten, die anders als wir denken, kleinen Verlegenheiten darüber. Und nun, schloß die Großmama herzlich, nehmt mir nichts für ungut, ich habe Euch beide herzlich lieb und möchte Euch vor allem Uebel bewahren. – Um ihnen jede Antwort zu ersparen, rüstete sie sich schnell zum Abschied, die Schimmel waren auch schon vorgefahren. Denselben Abend mußte das junge Paar zu Bonsaks. Nach dem lieben großmütterlichen Gespräch war Elisabeth etwas beklommen, als sie in die erleuchteten Zimmer trat. Es waren außer den gewöhnlichen Kränzchen-Mitgliedern heute noch Gäste geladen und die Gesellschaft sehr zahlreich. Elisabeth wurde von den jungen Mädchen und jungen Frauen, wie gewöhnlich, sogleich in Beschlag genommen. Fräulein Amalie Keller, mit den hellblauen klugen Augen, war noch immer in diesem Kreise der Mittelpunkt, zwei Jahre hatte sie nun wieder Bilder arrangirt und französische und deutsche Lustspiele gespielt, immer ohne Erfolg, ihr Herz war einsam und bei jeder neuen Erscheinung dachte sie ungeduldig: sollte es der wohl sein? – Adolfine dagegen war von allen Seiten gefeiert und erschien stets im Bewußtsein ihres Sieges, zuweilen schien es auch, als ob ihr Herz sich entschieden habe, aber man gab nicht viel darauf, weil sie noch nie beständig war. Auch jetzt war sie mit einem hübschen, aber wenig gelobten jungen Mann beschäftigt, aber weder ihre Eltern noch ihre Schwestern schienen sich darüber zu beunruhigen. Heute spielen wir Gesellschaftsspiele, bestimmte Adolfine; liebe Frau von Bandow, Sie sorgen dafür, daß etwas Leben in die Sache kömmt! Die angeredete Dame antwortete nur mit einem gewissen Lächeln, Adolfine war zufrieden damit. Sie verstanden sich beide sehr gut. Frau von Bandow war eine leichtfertige gewöhnliche Frau, die schon manchem jungen Herzen eine gewissenlose Leiterin geworden. In ihrem todten leeren Herzen war von Liebe zu ihrem Mann nicht mehr die Rede, sie amüsirte sich darum an allerhand kleinen Intriguen, besonders aber spielte sie gern die Hehlerin und Helferin interessanter Herzenssachen. – Sie arrangirte jetzt die Plätze an dem runden Tisch. Adolfinen zum Nachbar bestimmte sie mit größter Unbefangenheit den Referendar Maier, Adolfinens Liebling. Den Platz an der anderen Seite der Freundin nahm sie selbst ein. Adolfinens Schwestern, Elisabeth, Amalie, noch ein verheirathetes jüngeres Paar, ihr Mann und einige junge Herren mußten sich in bunter Reihe setzen. Herr von Kadden, als er aufgefordert wurde mit zu spielen, bat noch um Urlaub, er war gerade mit einem alten Justizrath, einem leidenschaftlichen Musiker, der deswegen auch nicht am Spieltisch saß, in ein musikalisches Gespräch vertieft. Elisabeth, die sich heute besonders einsam und verloren in dieser Gesellschaft vorkam, schaute zuweilen sehnend nach ihrem Gemahl, er schien sie auch zu verstehen, er war mit dem Justizrath ihr ganz nahe getreten. Es wurden jetzt weiße Papierzettel ausgetheilt, ein jeder sollte vier Endworte aufschreiben, die Zettel wurden dann wieder gemischt und vertheilt, und nachdem ein jeder zu den ihm gewordenen Endworten den Vers gemacht, wurden die Zettel wieder gemischt und vorgelesen. Elisabeth hatte die Worte geschrieben: »Frieden – hienieden – schicken – beglücken.« Sie hätte auch ein Verschen dazu machen wollen, und war neugierig, wie es von andern würde angewendet werden. Unter Scherzen und Lachen waren die Gedichte gemacht, Stottenheim begann vorzulesen: Wenn mit jungen Rosen Frühlingslüfte kosen, Denk ich an der Jugend Frühlings-Glück Nimmer, nimmer kehrt es mir zurück. Fräulein Keller! rief Frau von Bandow hämisch, – sie stand sich mit Amalien nicht gut. Nein, Stottenheim hat das gemacht, versicherte einer von den Herrn, er liebt solche Elegien. Die Forschungen dürfen nie zu tief gehen, bestimmte Stottenheim und las schnell weiter: Was frag ich nach langweilgem Frieden, Ich will Bewegung und Genuß hienieden, Das Eine will sich nicht für alle schicken, Ich will durch Lieb und Lust mich selbst beglücken. Adolfine! hieß es allgemein. Das nenne ich mir einen Kraftspruch, lachte Frau von Bandow. – Adolfine schaute keck und stolz um sich. Nachdem einige sehr gemüthliche Sachen vorgelesen waren und darüber hinlänglich gescherzt war, begann Herr von Stottenheim von Neuem: Langeweile, nur nicht Langeweile haben! Drum benutze jeder seine Gaben, Kühn des Lebens Frohsinn zu erfassen; Gehts nicht mehr, muß ers von selber lassen. Frau von Bandows herrliche Lebensansichten, bemerkte Amalie kalt. Jedenfalls das Beste, was man thun kann! versicherte Maier. Wenn das Ende nur nicht zu traurig wäre, fügte einer von den anderen Herren hinzu. – Ein großer Theil der Gesellschaft, besonders Amalie und Adolfinens Schwestern, stimmten ihm bei, die Uebrigen erklärten sich für Frau von Bandow, Stottenheim suchte zu vermitteln, war aber augenscheinlich auf der soliden Seite. Kadden hatte trotz seiner Unterhaltung alles mit angehört, er war unwillkürlich näher an Elisabeth getreten, er fühlte heute eine gewisse Unruhe, daß er sie in eine Gesellschaft geführt hatte, wo überhaupt über solche gewissenlose Ansichten nicht ein allgemeines verdammendes Urtheil gefällt wurde. Stottenheim las jetzt das Folgende: Wer doch hätt ein reines festes Herz, Das nicht quält der Reue herber Schmerz! Das allein kann diesem armen Leben Glück und Freud und selgen Frieden geben. Ein allgemeines Schweigen erfolgte. Adolfine rückte unwillkürlich etwas von Maier zurück, und Frau von Bandow, die eben daran war, beiden einen neckenden Spruch zuzuschieben, hielt ihn unwillkürlich zurück. Wer unter uns ist dieser Pastor? fragte Herr von Bandow zuerst. A la bonne heure , dieser Spruch ist der Beste von allen! versicherte Stottenheim. Die Mädchen und Frauen, außer Adolfinen und Frau von Bandow, stimmten ein, auch einige Herren schickten sich an, die Worte nach ihrem Sinne zu deuten, es entstand ein lebhafter Disput. Ob man das Leben ernst oder fröhlich nehmen müsse, war der Gegenstand. Die Confusion und Verwirrung der Gemüther, die hierbei zum Vorschein kam, war unbeschreiblich. Einer nannte Rechtschaffenheit und ein gutes Gewissen allerdings die Grundlage des Glücks; wieder einer redete über Tugend und allgemeine Menschenliebe; der eine lobte einen ernsten, der andere einen leichten Sinn. Frau von Bandow mit ihrer großen Rednergabe ließ sich aber nicht vom Kampfplatz bringen. Sie pries es die höchste Lebenskunst, das Leben zu nehmen, wie es einmal ist, und es immer mit den lichtesten Farben zu schmücken, natürlich alles ohne Unrecht zu thun, das verstand sich von selbst. Sie, meine liebe junge Frau, wandte sie sich zu Elisabeth, werden auch bald genug vom Schrecken aller Schrecken, von der Langenweile überrascht werden, wenn Sie fortfahren, in so einseitigen, düstern Lebensansichten sich zu vertiefen, selbst ihren Mann haben sie auf dem Gewissen, der ist ganz und gar verändert in der letzten Zeit. So gefällt er mir gerade, versicherte Elisabeth. Das wird sich ändern, neckte Frau von Bandow, er wird Ihnen fürchterlich langweilig werden und Sie ihm desgleichen, Sie sind jung und schön, Sie müssen mit der Jugend lustig sein. Das würde aber meinem Mann nicht gefallen, warf Elisabeth zuversichtlich ein. Desto besser, so wird er etwas eifersüchtig, neckte Frau von Bandow weiter, und nichts ist unterhaltender. Das möchte Kadden sehr übel nehmen, versicherte Stottenheim lachend. Gut, so duellirt er sich wegen seiner Frau, das wäre erst recht interessant, versicherte Adolfine. Nein, so ernsthaft soll es nicht werden, fuhr Frau von Bandow leichtfertig fort, er darf sie höchstens auch wieder eifersüchtig machen. Liebste Bandow, reden Sie nicht so! warnte die andere junge Frau, die zu den Spielenden gehörte. Warum sollten wir uns denn gegenseitig plagen? fragte Elisabeth noch mit ziemlicher Courage. Weil es einmal nicht anders geht, fiel Frau von Bandow ein, es ist schon eine unangenehme Ueberraschung, wenn der Herr Gemahl anfängt, mit jungen Damen lieber zu tanzen, als mit uns Frauen, und doch ist nichts natürlicher und einfacher, wir tanzen ja auch gern einmal mit anderen Herren. Wir tanzen aber gar nicht, versicherte Elisabeth, wenn wir nicht zusammen tanzen. O schöne, heilige Gelübde der Flitterwochen! lachte Frau von Bandow; wir wollen uns künftigen Winter wieder sprechen. Das wollen wir, sagte Elisabeth mit zitternder Stimme. Da beugte sich ihr Mann zu ihr, er reichte ihr so hübsch ruhig und ernst die Hand, als wollte er sagen: Ich bin hier, Dein lieber Gemahl, bei Dir mit seinem Schutz und seiner Treue. Allen war dieses einfache, ruhige Thun ganz verständlich, selbst Frau von Bandow sah mit Verwunderung auf den hübschen ernsten Mann, der ihre Leichtfertigkeit nicht zu schätzen wußte. Elisabeth fühlte es plötzlich so seltsam heiß am Herzen und dunkel vor den Augen, daß sie schnell aufstand. Amalie, ihre nächste Nachbarin, sah sie bleich werden und stand mit ihr auf. Ich gehe mit Ihnen, sagte sie, es ist auch wirklich nicht mit anzuhören. Kadden sah Elisabeth teilnehmend und forschend an, sie hielt ihn aber leise zurück, als er ihr folgen wollte, und setzte sich mit Amalien hinter ein Efeugitter, während am großen Tische die Unterhaltung ihren Fortgang hatte. Sie sind eine gottlose, abscheuliche Frau, begann Stottenheim zu Frau von Bandow gewandt, wie können Sie andere Menschen nur so plagen! Ein äußerst zartes Kind! flüsterte Frau von Bandow. Die liebe Frau ist etwas nervös, flüsterte Stottenheim ganz väterlich, aber ich kenne sie genug, ich bin ja so oft bei Kaddens, es ist eine herrliche, charmante Frau. Wie kömmt denn dieser Engel aber dazu, sich ein reines Herz zu wünschen und von herber Reue zu reden? fragte Frau von Bandow spöttisch. Weil sie das Leben zu gewissenhaft nimmt, fiel Stottenheim ein. Sie macht sich, fuhr Frau von Bandow fort, Vorwürfe, wenn sie auch einmal lachen muß, wozu sie eigentlich die besten Anlagen hat, – die arme Frau! Ihre Zuhörer, besonders Adolfine, lachten mit ihr, darauf wurden noch in Eil einige Zettel vorgelesen, bis man zu Tische ging. Elisabeth war bald wieder stark und wohl auf, aber sie blieb ernst den ganzen Abend, sie mußte immer an die Großmama denken, an das Bild einer edlen christlichen Frau, und dann Frau von Bandow und Adolfine dagegen halten. Aber auch ihren Hausherrn stellte sie prüfend neben die übrigen Herren. Um recht sicher zu sein, daß er wirklich ihr eigen sei, legte sie die linke Hand fest auf den Trauring. – Ja, wenn er noch so heftig ist und wenn du sehr viel Geduld haben mußt, dachte sie, und wenn er dich nie mehr so lieb haben könnte, als dein Herz es wünscht, so ist er doch dein lieber getreuer Hausherr und du willst dich in deinem seligen Beruf als eine stille, fromme, christliche Hausfrau in den Himmel hinein leben. Als sie den Abend noch allein nach der Gesellschaft zusammen auf waren, konnte Elisabeth den Eindruck von Frau von Bandows Neckereien, den Gesprächen der Großmama gegenüber, nicht vergessen. – Ich habe doch nie daran gedacht, sagte sie zu ihrem Mann, daß ich eifersüchtig sein könnte. Er sah ihr in die offenen hübschen Augen und sagte lächelnd: Ich bin eifersüchtig gewesen im Sommer auf Deine kleinen Geschwister. Ja, das war recht unrecht von mir in der Zeit, entgegnete Elisabeth bedenklich, es ist nur gut, daß Du es mich nicht entgelten ließest. Wie sollte ich das anfangen? fragte er. Ich weiß auch nicht, fuhr sie fort, es muß doch aber möglich sein, daß jemand absichtlich dem andern damit wehe thut. Nein Elisabeth, das würde ich nie thun, sagte er freundlich. Wenn Du mich aber wirklich nicht mehr so lieb hättest? wenn Du jemand sähest – ihre Stimme zitterte, sie konnte nicht weiter reden. Kannst Du Dir möglich denken, daß wir uns weniger lieb haben? fragte er. Ich habe schon wunderliche Gedanken gehabt, fuhr sie fort, in müßigen, thörichten Stunden, und obgleich ich wußte, es sei gewiß nicht wahr, und mit Zittern an die Möglichkeit dachte, daß es wahr sein könnte, so sprach ich mir vor. Du habest mich nicht mehr so lieb und ich auch Dich nicht mehr, man könne sich aber daran gewöhnen, es sei nicht anders in der Welt. Es war nur kindisches Gedankenspiel, aber es war so verwegen von mir und ich kann es heute kaum fassen. Die Großmama würde das nie gethan haben, sie würde es für eine Sünde gehalten haben. Ich möchte mir diese Gedankenspiele auch verbitten, sagte er freundlich. Und wenn sie mich selbst wieder quälen sollten, sagte Elisabeth bewegt, und wenn ich Dir selber sagte, ich hätte Dich nicht lieb, und wenn es Dir die ganze Welt sagte, so glaub es nur nicht; denn es ist doch und doch nicht wahr, ich habe Dich so in der tiefsten Seele lieb, wenn ich Dir auch ganz böse bin. Und wenn Du mich wirklich nicht so lieb haben könntest, – so habe ich doch den Ring hier, – der liebe Gott hat Dich damit – Sie konnte vor leisem Weinen nicht weiter reden, sie wollte aber hinzusetzen: Der liebe Gott hat Dich damit zu meinem Herrn gesetzt, und ich will auch nichts weiter sein als eine demüthige Hausfrau. Ja, wenn auch das Traurigste mir vom Herrn bestimmt wäre, wenn mein Leben, wie die Großmama es heute nannte, ohne Sonne sein müßte, ohne Sonne und ohne Blumen, der Ring bleibt doch mein Ring und ich will mit ihm sterben. Ihr Mann beruhigte sie mit freundlichen und liebreichen Worten. Er wußte es, sie war nur aufgeregt von der albernen Gesellschaft. Bei Tisch war zufällig die Unterhaltung ähnlich gewesen als vorher bei den Spielen. Der Oberst erzählte die Scheidungs-Geschichte einer seiner Nichten: die Leutchen hatten sich aus glühender Liebe und beinahe gegen den Willen der Eltern geheirathet, und nach nicht langer Zeit sehnten sie sich nach Trennung, Wenn die Sachen einmal so schlimm stehen, ist es auch immer besser, sie werden geschieden, hatte der Oberst hinzugesetzt, es ist ein Zusammenleben zu beider Verderben. – Wenn sie aber eine andere Verbindung treffen, hatte einer von den Herren eingewandt, so ist ein ähnlicher Ausgang wieder zu erwarten, – Meine Nichte hat wieder eine Verbindung geschlossen, hatte der Oberst achselzuckend erwidert, die freilich nicht viel besser ausgefallen ist. Die Erfahrung ist jetzt eine bittere Arzenei geworden, sie fügt sich in ihr Schicksal. – Kadden hatte darauf entgegnet: Da scheint mir doch die Ansicht, daß eine Ehe unzertrennlich ist, weil es Gott befohlen hat, rathsamer zu sein; wenn sich die beiden auch nicht mehr lieb haben, müssen sie sich vertragen, weil es Gottes Ordnung und Wille ist. – Stottenheim hatte auf diese Worte sehr pathetisch entgegnet: Zwei Leute, die so denken, sind eigentlich über die Fatalitäten einer unglücklichen Ehe hinaus, ihr Gewissen wird es ihnen nicht erlauben, sich gegenseitig das Leben unerträglich zu machen. Stottenheim hatte wie ein blindes Hühnchen ein Körnlein gefunden; die Nutzanwendung, die Kadden lächelnd davon machte, war ihm aber gar nicht recht: – Also, was das Glück der verheiratheten Leute betrifft, so ist es besser, sie haben die einseitigen und allerdings unzeitgemäßen Ansichten der sogenannten Frommen; es wäre nun die Frage, ob es nicht eben so gut wäre, auch schon mit diesen Ansichten die Ehe einzugehen, und sie sich schon unverheirathet anzuschaffen. – Dieser Ausspruch war dann von der Gesellschaft so gedreht und gewendet, daß er allen mundrecht wurde, es wurde wieder von edeln Charakteren und höheren Lebensansichten gesprochen, und Kadden hatte dazu geschwiegen, weil er weder Muth noch Freudigkeit zu solchen Streitigkeiten hatte. Jetzt mußte er seiner Frau wiederholen, daß ein Mann, wenn er seine Frau auch nicht mehr recht herzlich lieben könne, sie doch, weil es Gottes Wort verlange, achten und ehren müsse als sein Gemahl. Mit diesem Trost und mit dem Gedanken, von morgen an ihre Speisekammer und alle ihre unangenehmen Arbeiten, und auch Kopfschmerzen und Schnupfenlaunen ihres Mannes und was daran hing, in einem anderen Lichte anzuschauen, kam Elisabeth endlich heute zur Ruhe. Am andern Morgen sah sie wieder frischer in das Leben hinein, die Gespenster vom vergangnen Abend waren völlig verschwunden, das eine aber war ihr noch deutlicher, daß sie nie den Leuten in der Gesellschaft nützen, wohl aber sich nur immer mehr Unfrieden dort holen würde. Als das nächste Mal das Kränzchen bei Bandows war, ging sie auf des Mannes eigene Anordnung mit ihm zu den Großeltern, und als es dann wieder bei ihnen selbst war, hatten sie die Großeltern zu Gaste geladen. Das war nun freilich seltsam, – die beiden würdigen Leute in dieser gemischten Gesellschaft; sie wußten aber sehr wohl, was sie wollten, und niemand war zuversichtlicher und frischer, als sie es waren, außer Elisabeth, die zu Frau von Bandows Verwunderung wirklich übermüthig war. Die Nähe der Großeltern war ihr ein doppelter Schutz, und seltsam war es, daß, Elisabeths Frohsinn gegenüber, Adolfine und ihre Genossen verstummten, ja als die Großmama sie als freundliche Wirthin anredete, beinahe verlegen wurden. Aus Rücksicht für die Großeltern wurden die Karten nicht hervorgeholt, man mußte sich mit der Unterhaltung und mit Gesang und Musik begnügen. Die Stunden gingen doch schnell hin, und Stottenheim konnte es nicht lassen hin und wieder zu flüstern: Ein allerliebstes altes Paar! und unbegreiflich bei dieser Richtung: immerfort sind sie vergnügt, und wahrhaftig! eben so geistreich. Als die Bandow ebenso leise ihren Spott wagen wollte, sagte er ganz abwehrend: Nein, bitte, gnädigste Frau, die alten Herrschaften dürfen wir nicht angreifen, die haben ihr Leben für sich! Man weiß nicht, woran es liegt, aber sie haben ihre Sache gut gemacht. Ich kann es kaum den Leuten, die in ihrer Nähe sind, verdenken, wenn sie es ihnen nachmachen wollen, obgleich es gegen alle vernünftigen Lebensansichten streitet. Es bleibt mir, wie gesagt, ein Problem, aber es ist ein allerliebstes altes Paar. 22. Neuer Reichthum und neue Zuversicht. Weihnachten verlebte Elisabeth mit ihrem Manne vergnügt bei den Großeltern; Januar und Februar zog sie vor still und zurückgezogen zu leben, und, als im März die Frühlingssonne so warm durch die Fenster schien, da war es ihr als ob sie ein Wunder erlebt, – ein liebes Kind lag neben ihr in der Wiege. Sie lauschte andächtig den leisen Athemzügen und Bewegungen unter dem grünen Schleier, und faltete die Hände und pries den Herrn für diese unverdiente Gnade. Nun, war sie fest überzeugt, konnte von keiner Langenweile mehr die Rede sein, nun war ihr Beruf erst ein recht seliger. Das Kindlein hatte ihr doch noch gefehlt: sie konnte es einmal nicht vertragen, wenn ihr Mann zerstreut und beschäftigt neben ihr her ging, ihr Herz hatte sich dann gleich einsam gefühlt; jetzt hatte sie ein Wesen, was sie mit vollem Herzen immer warm umfassen konnte. Wie bei ihrer Verlobung nur einzig und allein ihre Liebe die Gewähr ihres Glückes sein sollte, so war es jetzt aber ganz gewiß und sicher dieses süße Kind. Kadden war glücklich mit seiner Elisabeth, am meisten bewegte ihn aber eigentlich nur die Freude, die sie an dem Kinde hatte, und er versicherte seiner Schwiegermutter, die zur Pflege des Kindleins gekommen: der Junge werde ihn erst recht interessiren, wenn er ihn auf sein Pferd heben dürfe, – worauf Elisabeth ihm die tröstliche Versicherung gab: wenn er bis zum Herbst mit dem Kinde umzugehen würde gelernt haben, so wollte sie es ihm dann selbst hinauf reichen. Der Sommer verging Elisabeth im ungestörten Glücke. Wenn ihr Mann ärgerlich oder heftig oder verstimmt war, was allerdings jetzt öfter als im ersten Sommer vorkam, so hatte sie ihren lieben kleinen Friedrich, der sich ihre Sorgfalt und ihre Liebe so gern gefallen ließ. Sie hielt es auch nicht der Mühe werth, immer gleich Verständigung mit dem Manne zu suchen; es machte sich ja meistens recht gut von selbst, und ihr Otto war dann immer wieder so gut und freundlich, daß sie meinte, sie sei die glücklichste Frau von der Welt. Das Flüstern in der Familie hatte sich nach und nach wieder verloren. Elise war bei dem längeren Aufenthalte im Frühling zu sehr von dem Glücke ihrer Kinder überzeugt, und hatte es offen ausgesprochen. Freilich hatte sie sich auch ebenso überzeugt, daß beide mit ihrem inneren Leben nicht weiter gekommen waren. Beide waren noch ebenso schwankend zwischen dem Herrn und der Welt, und ebenso schwankend zwischen dem gewissenhaften Bekämpfen ihrer Fehler und dem sich gänzlich ihnen Ueberlassen. Elise hatte Scenen erlebt, die ihr bange machen konnten für die Dauer dieses jugendlichen Glückes, das schwerlich härteren Versuchungen widerstehen konnte, da schon Kopfschmerzen, Nervenverstimmungen und wechselnde Launen es so sehr bedrohten. Elise hielt aber die Hoffnung fest, daß beider Seelen von einem höheren Sehnen und von der Macht des Gottes-Reiches schon ergriffen waren, und daß der Herr ihr Sehnen hören und ihnen selbst Kraft und Festigkeit verleihen würde, sich der Welt ab, der gefährlichen Welt von außen und von innen ab und Ihm zuzuwenden. Leider hatte sie, was ihr eigenes Verhältniß zur Tochter betraf, sich auch bei diesem längeren Aufenthalte nicht inniger eingelebt als früher. Elisabeth hatte jetzt Mann und Kind, sie lebte jetzt eben so harmlos neben der Mutter hin, als sie es immer gewohnt war, und immer mußte Elise wieder klagen: Du hast es versäumt von Jugend an. Elisabeths Hin- und Herschwanken konnte sie noch nicht anders als für die Folge ihrer eigenen Schwachheit ansehen, und gar oft hatte sie in dem kleinen Logirstübchen des Abends allein gesorgt und geweint und den Herrn gebeten um Segen und Frieden für den jungen Hausstand da unten. Nur eines hatte sie damals erreicht: sie hatte bei Gelegenheit von mehreren während ihrer Anwesenheit vorgekommenen Sammlungen zu wohlthätigen Zwecken die Bekanntschaft zwischen Elisabeth und zwei liebenswürdigen jungen Frauen veranlaßt, der Frau des gläubigen Predigers und einer jungen Assessors-Frau. Beide lebten streng zurückgezogen von der Welt, und letztere war besonders eine geistvolle, lebendige Frau, die prächtig für Elisabeth paßte. Der Sommer hatte aus verschiedenen Ursachen den Verkehr nicht sehr begünstigt, es war noch beim zarten Hinhorchen und Versuchen geblieben, zum Winter aber zweifelte Elisabeth selbst nicht, daß sie sich mit den Frauen sehr befreunden würde, besonders da die beiden Männer auch bedeutende Leute waren, und ihr Mann sich jedenfalls mit ihnen besser unterhalten mußte, als mit Stottenheim und dessen Freunden. Der Herbst war gekommen, Elisabeth war frischer und blühender als je, und sehr vergnügt, sie schaute mit wahrer Herzenslust auf das Leben und auf ihr Glück. Sie war jetzt so weit, wie einst der Großvater von ihr gesagt hatte: Wer mit so warmer Liebe Tische und Stühle umfaßt, kann auch die Welt warm umfassen. Sie gedachte aber nicht, sich der Welt zuzuwenden, sie glaubte sich sicherer als je, sie war lieblich und harmlos und wünschte nur, daß es immer etwas wundervoll um sie herum wäre. Zu diesem Wundervoll ließ sich mancherlei gestalten: ein sonniger Nachmittag, wenn sie mit ihrem Kinde auf dem Grasrain spielte, und ihr Mann mit dem Pferde heran ritt und sie den Jungen nun wirklich dem stolzen und glücklichen Vater in die Arme gab; – oder ein Gang in verschiedene Obstgärten, um die Sorten der Aepfel und Birnen zu prüfen und die Wintervorräthe sich selbst aus den herrlichen Haufen einzusammeln; – oder ein Missionsfest im nächsten Dorfe, wo ihr Herz durch einen fremden Prediger so innig bewegt wurde, wo sie ein Sehnen fühlte, was da hinaus ging über ihr Glück, was da seliger als die Liebe zu ihrem Mann und ihrem Kinde war. Das war aber auch ganz wundersam, daß sie nach dieser Erquickung und Erhebung der Seele auch die Liebe zu ihrem Mann weit schöner und wärmer in ihrem Herzen fühlte, und unwillkürlich griff sie ihren Trauring mit Freuden fester, als sie, nach der Predigt, ihn neben dem fremden Prediger und dem Großpapa stehen sah, und der Großpapa seine Hand ihm auf die Schulter legte und so ernsthaft und doch so freundlich dem Gast versicherte: wenn er alter Mann einmal bei diesen Gelegenheiten aus der Reihe träte, würde mit des Herrn Hilfe hier ein junger Streiter Christi bereit sein, für ihn einzutreten. Worauf ihr Mann entgegnete: daß ihm diese Predigt wohl Muth zum Streite machen könnte. Außer dem Missionsfeste war bei schönem Herbstwetter auch das Tauffest bei Schlössers. Elisabeth kränkte zwar Emilien mit ungewünschten Rathschlägen über die Pflege des kleinen Kindes, und wurde wieder bitter von Emilien gekränkt, die nicht ganz ihre Befürchtungen über Elisabeths leichten Sinn auch als junge Mutter verbergen konnte; aber die Männer, die zwar immer noch in derselben zarten Entfernung, aber doch in derselben Liebe und Theilnahme zu einander standen, machten den Schaden wieder gut. Bei Elisabeth von Grund des Herzens, – sie mußte ihrem Manne zugeben, daß sie immer gar zu zuversichtlich und belehrend rede, und beruhigte sich mit dem Gedanken, sie sei schuld an der kleinen Scene. – Emilie war freundlich, weil es so am besten war; ihre Vorurtheile gegen Elisabeth blieben dieselben, und Schlösser verfolgte das Gespräch heute nicht weiter, sondern behielt sich auf bessere Gelegenheit auf, es in Liebe wieder anzuknüpfen. Sie hatte, seitdem das Flüstern in der Familie aufgehört, consequent vermieden, eingehend über Elisabeth zu reden; wenn gelegentlich von ihr gesprochen wurde, war immer in ihren festen Zügen zu lesen: Ich habe Geduld und Ruhe es abzuwarten, es wird sich finden, ob ich nicht dennoch leider Recht habe. Als die schönen Herbsttage vorüber waren, mußte Elisabeth an andere Unterhaltung denken. Daß Mann und Kind ihr doch noch nicht genug waren, gestand sie sich nicht. Sie sah sich nach passendem Umgang um, und das war auch kein Unrecht. Sie dachte an Pastor Kurtius und Assessor Bornes. Ein Verkehr mit diesen Leuten würde ihr und ihrem Mann natürlich lieber sein, als der so sehr fade und langweilige Kreis bei Bonsaks. Eines Morgens nach der Kirche überlegte sie es mit ihrem Manne und war ganz erfüllt von der Aussicht. Wir kommen dann regelmäßig mit ihnen zusammen, sagte sie, ihr Männer lest uns schöne Sachen vor, wie sie es in Berlin bei Generals thun, wir musiziren zusammen und singen Choräle. Wir können auch Missionsschriften lesen, fuhr sie eifrig fort, und Du, lieber Otto, – sie küßte ihm die Hand und sah ihn bittend an, – Du erlaubst mir, daß ich an dem Missionsverein theilnehme, Du glaubst gar nicht, wie nöthig mir so etwas ist. Er war so nachdenklich, er sah ihr auch freundlich in die hellen Augen, aber er sagte seufzend: Denke Dir, Elisabeth, wenn ich mich ganz von meinem Bekanntenkreise zurückziehe, wenn ich ein Kränzchen mit andern Freunden einrichte, ob ich wohl überhaupt hier weiter leben könnte. Wenn ich nicht Militär wäre, oder wenn ich Gesinnungsgenossen unter meinen Kameraden hätte! Ich sehe die Möglichkeit nicht vor mir, die Rücksichten, die mir als jüngerem Offizier obliegen, so ganz aus den Augen zu setzen. Elisabeth ward auch nachdenklich. Ihr Mann hatte doch wohl Recht, und sie wußte nichts dagegen zu sagen. Bonsaks nahmen so sicher an, sie würden wieder am Kränzchen teilnehmen, besonders da es in diesem Jahre ein anderes als im vergangenen Jahre sein sollte. Frau von Bandow hatte damals auf die leichtsinnigste Weise Adolfinens Liebschaft unterstützt, es war Stadtgespräch geworden, und Kadden selbst hatte dies dem Obersten mitgetheilt. Es gab einen öffentlichen Bruch, Bandows wurden bald darauf versetzt, ebenfalls der Referendar Maier, Adolfine war durch diese Demüthigung bedrückt, ja es schien, als ob sie wirklich Neigung hätte solider zu werden. Bonsaks waren Herrn von Kadden sehr dankbar, sie sprachen es auch offen aus, der Umgang mit der herrlichen vortrefflichen Elisabeth wäre ihnen der liebste für die Töchter. – Wie sollten sie sich nun rücksichtslos dieser Freundschaft entziehen? Was würden Stottenheim und die übrigen Freunde sagen? Nein, es mußte ein Ausweg gesucht werden. Elisabeth hatte in ihrem elterlichen Hause so viel von Rücksichten reden hören, von Geselligkeit aus Rücksichten, die sich mit dem vertrauteren Umgange, den die Eltern in der Stille gepflogen, recht wohl vertragen hatte. Daß sich dieses halbe unentschiedene Wesen in der Seele der Mutter nie vertragen hatte, ahnete Elisabeth nicht. Der Stachel, der Elisen immerfort quälte, der in der Ermahnung und dem Beispiel der eigenen Mutter immer von neuem in ihre Seele gedrückt wurde, der fehlte Elisabeth, und sie machte jetzt selbst den Vorschlag, sie wollten es ganz den Eltern nachthun: mit den Vorgesetzten und Kollegen des Mannes im nothwendigen äußeren Verkehr bleiben, und dann zur eigenen Erquickung sich an den andern Kreis innig anschließen. Ihr Mann war damit einverstanden, er war auch ganz einverstanden als Elisabeth zuversichtlich hinzusetzte: Schaden kann uns beiden der Verkehr mit Deinen Freunden nicht, wir sind ja beide über dies langweilige äußerliche Treiben hinaus, wir thun es nur aus gewissen Pflichten und Rücksichten und können uns vielleicht mit der Zeit immer mehr zurückziehen. Ganz so hatte sie ihre Mutter oft sprechen hören. Daß es andere Ansichten waren, als die der Großeltern und von Oberförsters, – war sie ganz mit ihrer Mutter einer Meinung, – das lag in dem Unterschiede des Stadt- und Landlebens. Die Landleute können darüber kein richtiges Urtheil fällen. Sie konnten sich auch nicht in die Verhältnisse hier in Braunhausen versetzen. Darum war es richtig und natürlich, man folgte der Eltern Beispiel. – Elisabeth überlegte dabei nicht, daß ihr Vater sehr ruhig war und von der Außenwelt wenig berührt wurde, nicht zu vergleichen mit ihrem Mann, der lebhaft und leicht verletzt, viel eher von den Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten dieses doppelten Verkehrs leiden mußte. Auch daß ihre Mutter durch ihren scharfen Verstand und ihr überhaupt kritisches kühleres Wesen fester stand, als sie mit ihrem leichten warmen Sinn. Es wurde also ganz ruhig der Entschluß gefaßt, am Kränzchen wieder theilzunehmen und zu gleicher Zeit mit dem ihnen lieberen Kreise zu verkehren. Mit dem Missionsverein, bat Herr von Kadden, möchte Elisabeth noch etwas warten. Seine Bekannten sollten sich erst an diesen neuen Umgang überhaupt gewöhnen; Herr von Stottenheim, der gutmüthige unparteiische Mensch, sollte sich selbst überzeugen, daß diese neuen Freunde trotz der ernsten Richtung liebenswürdig und anziehend waren; dann konnte man mit der Zeit weiter gehen und sich auch mit der Missionssache bekannt machen. 23. Die kluge Großmama An einem schönen Tage machte Elisabeth zu Fuß mit ihrem kleinen Jungen bei den Großeltern in Woltheim einen Besuch. Wie sie es im Sommer öfters gethan, mußte der Bursche früh, als es noch kühl war, den kleinen Kinderwagen den Tannenberg hinan ziehen, und dann übernahm das Kindermädchen allein die leichtere Hälfte des Weges, der auf diesem nahen Fußstege überhaupt nur eine Stunde lang war. Ihr Mann kam dann gewöhnlich Mittags zu Pferde nach und sie blieben zusammen bis zum Abend. Als sie mit den Großeltern traulich zusammen saß, theilte sie ihnen ihre weisen Entschlüsse wegen ihres Umganges im nächsten Winter sehr zuversichtlich mit, sie nannte auch als Autorität ihre Eltern und deutete an, daß die Großeltern darin nicht urtheilen könnten, sie wohnten ja auf dem Lande. Der Großvater erlaubte dem Großmutterherzen nicht viel zu sorgen und viel einzureden, er brach die Unterhaltung ziemlich kurz ab, profezeihte aber dem jungen Paare wenig Freude und viel Unfrieden durch ihren Doppelumgang. Außerdem war er freundlich und liebreich wie immer. Bei dieser Gelegenheit schüttete Elisabeth den lieben Großeltern einmal wieder ihr ganzes Herz aus: sie war jetzt glücklicher als je, so frisch und vergnügt, sah auch das ganze Leben so an und schaute so zuversichtlich in die Zukunft. Das machte, sie hatte nun mehr Erfahrung, sie war nicht gar zu penibel und anspruchsvoll, wie in der Brautzeit und als ganz junge Frau, wo jede Kleinigkeit, die sie mit dem Mann hatte, sie so sehr beunruhigte. Die Großmama erinnerte ernsthaft an die Gespräche über die Macht, welche Kleinigkeiten an der Seele üben; sie sollte ja wachen, damit ihre Brautliebe nicht zu einer Flitterwochenliebe würde. Aber Großmama, begann Elisabeth nachdenklich, wenn ich das auch gern wollte, ich glaube, die Männer verstehen es nicht. Alle diese Kleinigkeiten, die uns glücklich machen, die haben nur für ein Bräutigamsherz Werth, nachher tritt ihr Beruf wieder in den Vordergrund. Das ist auch ganz natürlich; ich müßte doch eine Thörin sein, wenn ich Otto das übel nehmen wollte. Ich weiß, daß er mich lieb hat, wenn er auch einen halben Tag nicht Zeit hat, sich um mich zu bekümmern. Aber im Anfang hätte es Dich doch betrübt? fragte der Großvater mit klugem Gesicht. Ja freilich, versicherte Elisabeth, da kam er auch, wenn er in seiner Stube beschäftigt war, hin und wieder zu mir, um mich zu sehen, und ich ging auch zu ihm. Warum thut Ihr es denn nicht mehr? fragte der Großvater. Das ist ganz von selbst gekommen, entgegnete Elisabeth, wenn Otto viel zu thun hatte, vergaß er zu kommen. Dann gingest Du zu ihm? fragte der Großvater weiter. O nein, fuhr Elisabeth lächelnd fort, ich muß Euch nur sagen, daß es mich sehr ärgerte, wenn er nicht kam, und ich immer versuchte, wie lange er es aushalten könnte. Und wer konnte es länger aushalten? unterbrach sie der Großvater scherzend. Zuweilen bin ich doch hingegangen – Und habe gezürnt, unterbrach er wieder. Jetzt bin ich darüber hinaus, und kann wohl darüber scherzen, versicherte Elisabeth, aber es hat mir Herzweh genug gemacht, daß es so nach und nach etwas anders mit uns wurde. Aber Ihr versteht mich doch, liebe Großeltern, fügte sie beruhigend hinzu, es waren ja nur immer kleine Aeußerlichkeiten. Da sehe ich doch, welche kluge Frau Deine Großmama ist, sagte der Großvater. Wenn Du wüßtest, wie sie es gemacht hat. – Elisabeth sah ihn fragend an. – Elisabeth, Du glaubst nicht, was uns Männern alles gelehrt werden kann, fuhr er fort. In diesem Falle würde Deine Großmama mich sehr liebreich überzeugt haben, ich sei zu unglücklich, wenn ich sie nicht zwischen den Arbeiten hindurch aufsuche, oder ihr nicht feierlichst Lebewohl und guten Tag sage bei dem kleinsten Ausgange. Sie versicherte mich dann aber auch, daß sie darüber unglücklich sei. Sie hat das aber nicht aus Absicht gethan, verbesserte die Großmutter, sie that das, weil sie es nicht lassen konnte. Nun gut, fuhr der Großpapa fort, es hat ihr aber auch nicht viel Mühe gekostet, mich von ihrem Unglück zu überzeugen, denn glaube nur, Elisabeth, wenn die Männer auch noch so großartig und erhaben und unabhängig scheinen, sie thun doch nichts lieberes als sich von solchem Unglück überzeugen zu lassen, und erfüllen so gern alle diese lieben kleinen Wünsche. Großpapa, sagte Elisabeth nachdenklich, warum thun sie denn als Bräutigam alles von selbst, warum gehört es da zu ihrem Glücke? Das ist von dem Herrn Gott so eingerichtet, versicherte der Großvater. Ein Bräutigamsherz weiß es von selbst. Dann wird ihm die Frau zur Seite gegeben, daß er es nicht verlernt. Sie muß ihn immer aufmerksam machen auf sein Glück, und wenn er dann doch einmal in sein Unglück hinein geräth, – denn, Elisabeth, der Mensch ist schwach, er thut oft gerade das, was er eigentlich gar nicht will, – dann muß eine Frau nicht mit ihm zürnen und zanken, nein sie muß wie Deine Großmama die größte Theilnahme für den armen Mann haben, der sich nebenbei auch lieber von seinem Unglück als von seinem Unrecht überzeugen läßt. – Deine kluge Großmama hatte übrigens noch ein sehr gutes Mittel, was diese kleinen Aufmerksamkeiten betraf, und Du weißt, Elisabeth, wie wichtig sie diese Art Kleinigkeiten in Herzenssachen betrachtet. So gut das ganze Leben aus Kleinigkeiten besteht, aus ihnen ein Ganzes und Großes wird, und darum jeder Mensch die kleinen Sachen im Leben gewissenhaft und genau nehmen muß: so meint sie, ein Liebesleben müsse auch in diesen Kleinigkeiten zart behandelt sein, wenn es eben im Großen und Ganzen eine Brautliebe bleiben soll. In dieser Meinung nun wahrscheinlich war sie so aufmerksam und zuvorkommend. Nein, nein, unterbrach ihn die Großmama wieder, sie hatte gar keine Meinung, sie that es nur, weil sie es nicht lassen konnte und es ihr so am besten gefiel. Gut, fuhr der Großvater fort, aus Absicht hat sie es nicht gethan, und ich habe damals auch nicht weiter darüber nachgedacht, das Resultat aber war natürlich, daß ich, da es mir eigentlich zukam galant und aufmerksam zu sein, nicht zurückstehen wollte, und daß sich zwischen uns beiden ein edler Wettstreit entspann, der dann endlich zur allerliebsten Gewohnheit wurde. Ich muß aber gestehen, daß ich jetzt noch zuweilen erschrecke, die kluge Großmama könnte es mir zuvorthun, sie fängt es immer feiner und feiner an, ein natürlicher Verstand merkt es kaum, es gehört dazu ein besonderes Verständniß. Da es mir aber einmal zukömmt, in allen Stücken über ihr zu stehen, so soll die kluge Großmama ganz gewiß nicht den Sieg davon tragen. Die Großmama lächelte, sie war sehr glücklich, und der Großvater fuhr fort: Sie verstand es auch mich zu überzeugen, ich sei nirgends lieber als in ihrer Gesellschaft. Sie fing das auf ihre eigene erfolgreiche Art an. Sie versicherte mich, daß sie sich am wohlsten zu Hause fühle, bei ihrem Arbeiten und Schaffen für mich und später für die Kinder. Ihr schönstes Vergnügen wäre, wenn ich in unseren Mußestunden für ihre Unterhaltung sorge. Sie verlangte keinen andern Umgang, als mit den wenigen nahestehenden Freunden, die ja ein jeder Mensch hat, und die wir auch hatten. Wenn sie das versicherte, zu meiner Herzensfreude muß ich gestehen, denn man hört es doch recht gern, daß man die allerliebenswürdigste Gesellschaft ist, obgleich man sich das gar nicht so merken läßt, – war meine nächste Verpflichtung natürlich, der klugen Großmama das wieder zu versichern, und es entstand daraus wieder der edle Wettstreit, bis es uns die allerliebste Gewohnheit geworden war, und bis der Kinderkreis nun gar die Unterhaltung vollkommen machte. Wir sind auch sehr gern allein, versicherte Elisabeth ernsthaft, wenn ich des Abends arbeite und Otto liest mir vor, bin ich am vergnügtesten. Ich meine auch, Ihr habt das Kränzchen wirklich nicht nöthig, fiel die Großmama ein, Ihr könnt zusammen lesen, zusammen Klavier spielen – Nein, Großmama, unterbrach sie Elisabeth lächelnd, Klavierspielen werden wir wohl ganz lassen müssen, wir zanken uns so leicht dabei, Du weißt, weßhalb wir kluger Weise auch das Englisch-Lesen gelassen haben. Zanken? forschte der Großpapa, wie denn? Wenn wir vierhändig zusammen spielen, und aus dem Takt kommen, so will Otto nie zugeben, daß er Unrecht hat, wenn ich es noch so gewiß weiß. Ich spiele ja weit besser als er, er müßte sich auf mein Urtheil doch verlassen. O Elisabeth, scherzte der Großvater, ich erkenne immer mehr, welche kluge Großmama Du hast. Wir haben auch früher zusammen gespielt; wenn da ungewünschte Pausen eintraten, sagte sie gleich: Lieber Fritz, ich werde mich wohl hier geirrt haben. Oder: Wir müssen hier langsamer spielen, Du hast da eine ungewöhnlich schwierige Partie. Ich sollte nur nie merken, daß ich schlechter spielte als sie. Ich entgegnete dann, es sei wahrscheinlicher, ich habe mich geirrt. Weil sie mir aber mit ihrem Unrecht eher entgegen kam, wurde ich endlich ganz irre in mir; auch wenn ich einmal recht hatte, wurde ich mißtrauisch, ob sie mir nicht aus Gefälligkeit recht gäbe. So hatte endlich die kluge Großmama erreicht, daß ich ihr ein für alle Mal recht gab. Elisabeth hörte lächelnd den Großpapa so scherzen aber es fiel ihr doch alles sehr schwer in das Gewissen. Sie wußte nichts zu entgegnen, und als die Großmutter sie erinnerte, ob sie nicht im Winter sich mit Zeichnen beschäftigen möchte, wie sie es als Mädchen so gern gethan, nickte sie und sagte, um dieses Kapitel abzubrechen: Großmama, Du hast wohl nie gezeichnet? Nie gezeichnet? wiederholte der Großpapa: die Großmama ist eine rechte Künstlerin in der Art gewesen, und hat das dankbarste Publikum von der Welt gehabt. Sie hat es nicht allein zum Vergnügen, sie hat es als bildende Kunst in der Kinderstube benutzt. Da gab es ein gewisses Bild, was in jedem Winter die Kinderstube entzückte, das durch die Tradition von einem jungen Künstler zum andern an historischem und an Kunstwerth gewann. Ich sehe es noch lebhaft vor mir: links war ein runder Berg mit zwei runden Büschen darauf, rechts ein Haus mit zwei großen Schornsteinen, die herrlich rauchten, an jeder Seite stand eine schlanke Pappel. Auf einem schönen graden Wege von der Hausthür fort stand eine Person mit einem runden Hut und einem langen Rock, die hatte vor sich eine alte Gans und eine Anzahl kleine Gisselchen. Das schönste war aber über dem Berge eine runde Sonne mit vielen, vielen Strahlen. Zuerst mußte die Großmama allein malen, dann wurde dem Schüler die Sonne überlassen, die er auch bald richtig machen lernte mit all den Strahlen lang und kurz, zu gleicher Zeit durfte er auch den herrlichen krausen Rauch versuchen. So ging das stufenweise weiter, die Pappeln waren auch nicht schwer, wenn er nur erst der Gefahr entgangen war, die vielen Zweige bergab statt bergauf zu machen. Die Großmama berichtigte dann diese kleinen Verirrungen und erklärte die verunglückte Pappel für einen Weihnachtsbaum. Gegen das Frühjahr konnte man sicher annehmen, wenn der Schüler nur etwas Talent hatte, konnte er das Bild bis auf das Gänsemädchen zeichnen, zugleich seine kleineren Geschwister anlernen und ihnen in seinem eigenen Kunstwerk die Sonne und den Rauch anvertrauen. Um nun ihre Künstler recht lange beschäftigt zu haben, rieth die schlaue Großmama, ja recht viele Fenster in das Haus zu machen, und da war das Häuschen meistens mit Fenstern von allen Größen reichlich bedeckt. Auch eine große Gänschen-Heerde sah schön aus, und die Dingerchen polterten immer so natürlich eines über das andere, daß es eine Lust war. Elisabeth war ganz vergnügt bei dieser Erzählung, und als der Großvater ihr auseinandersetzte, Frauen könnten ihre Zeichenkünste gar nicht schöner und geschickter anwenden als die Großmama, war Elisabeth damit einverstanden; sie hätte gleich ihrem lieben kleinen Friedrich, wenn er nur nicht noch zu dumm war, ein solches Bild vorzeichnen mögen. Elisabeth hatte schon einige Mal nach der Uhr gesehen, jetzt war es gegen zwölf, ihr Mann mußte bald kommen. Sie griff nach ihrem Hut und ging in den Garten. Nach den Schilderungen des Großvaters war es ihr seltsam zu Sinne, sie wollte ihrem Mann entgegen gehen, – nicht etwa aus kluger Absicht, nein, es war ihr gerade wie der Großmama zu Sinne, sie konnte es nicht lassen. Sie hatte es bei ähnlichen Gelegenheiten wohl lassen können, sie hatte dann gedacht: er wird sich nicht viel daraus machen, ob er dich eine Viertelstunde eher sieht, und du kannst dich auch gedulden, es ist so heiß, gerade Mittag, und ihr seid ja immer zusammen. – Jetzt ging sie durch den Garten, und dann weiter in dem leichten Schatten der Kirschenallee. Die September-Sonne lag heiß und still auf der Welt, Elisabeth schaute sehnend in den blauen Himmel, der da sein weites Friedenskleid über sie ausgebreitet, sie hätte so gern eine Brautliebe im Herzen gehabt, und wagte es doch kaum zu haben. Bald erblickte sie den Reiter, aber kaum hatte er sie erkannt, da flog er herbei, wie ein Bräutigam. Er hielt vor ihr; sprang vom Pferde und begrüßte sie freudig: Wie sehr freue ich mich, daß Du mir entgegen kommst! Elisabeths Herz und Gewissen zitterte, sie konnte ihre Thränen nicht zurückhalten, zum ersten Mal kam ihr der Gedanke: Es ist so unbegreiflich, daß er dich lieb hat, du verdienst es doch nicht. – Diese Thränen waren ihm unverständlich, fragend und theilnehmend sah er sie an, und sie gestand ihm, sie habe gefürchtet, daß er sich über ihr Entgegenkommen kaum freuen würde, weil sie es wirklich nicht werth sei. Dies Geständniß bewegte sein Herz zu den liebreichsten Versicherungen, und beide überzeugten sich, es könne kommen was da wolle, nie wollten sie sich glauben machen, sie hätten einander nicht lieb. Der Tag war für beide ein wunderschöner Tag, still und friedlich saßen sie mit den Großeltern vor dem Gartensaal, ihr kleiner lieber Junge spielte auf einer Decke neben ihnen mit bunten Herbstblättern, und als es für das Kind Zeit war, trat Herr von Kadden mit seiner Familie, und von den Großeltern noch ein ganzes Stück begleitet, zu Fuß den Rückweg an. An demselben Abend, als Elisabeth mit ihrem Mann allein war, wurde noch einmal die Geselligkeits-Frage besprochen und dieselben Entschlüsse, und zwar fester als vorher, gefaßt. Elisabeths ganze Seele war ja erfüllt von guten Vorsätzen, sie fühlte, daß sie viel versäumt hatte in ihrem jungen Leben, sie wollte nun liebenswürdig wie die Großmutter werden, wollte alles nachholen, wollte ein ganz neues Leben beginnen, sie war so glücklich, daß es noch nicht zu spät sei. Wenn sie dies alles auch nicht mit Worten aussprach, so war doch ihre Stimmung so reich und übervoll und hatte in dem Herzen des Mannes eine gleiche angeregt. Beide fühlten sich hoch erhaben über das nichtige Weltleben um sie herum, mit so guten Vorsätzen im Herzen konnte es keine Gefahr für sie geben, und recht getrost und sicher sahen sie dem Herbst und Winter in die Augen. 24. Durch Glück oder Unglück, nur zum Herrn Herbst und Winter waren vorüber, und zwar unter der Macht der Alltäglichkeit sehr schnell vorübergegangen. Wie die Glieder einer Kette reihte sich ein Tag mit seinen kleineren oder größeren Zerstreuungen an den andern, und ohne es recht zu merken und ohne es recht zu wollen, war das junge Paar mit den guten Vorsätzen immer fester und fester mit der Welt verbunden. – Die Mutter hat in diesen Stücken wieder Recht, hatte Elisabeth oft gedacht, dieses Stadtleben, obgleich es uns eigentlich nicht schaden, nichts anhaben kann, weil wir darüber stehen, es liegt bedrückend auf unserem Seelenleben, wir können nicht so recht leben wie wir wollen. – Sie hatte im Herbst den besten Willen gehabt, ein neues Leben anzufangen und wenigstens so liebenswürdig als die Großmama zu sein; sie kam jetzt aber leider zu viel mit Menschen zusammen, die das ganze Leben in einem zu verschiedenen Lichte von ihr anschauten, sie konnte unmöglich da aus sich heraustreten, und ihr innerstes Herzens- und Seelenleben auch nur ahnen lassen. Sie gewöhnte sich im Gegentheil nach und nach förmlich, eine Rolle zu spielen, sie war übermüthig und neckte sich mit ihrem Mann, unter der Neckerei ließ sich recht gut Ernst und Scherz verbergen. Daß er denselben Ton annahm, sie wieder neckte, machte ihr oft Herzweh genug; aber es ging doch nicht anders, und das nächste Vergnügen verwischte solche Eindrücke schnell. Sie war auch gar zu frisch und freudig, und beruhigte sich immer wieder mit der Vorstellung, es fehle nichts ihrem Glücke, sie müsse nur nicht zu penibel sein. Das unangenehmste Gefühl in ihren verschiedenen Stimmungen machte ihr das Mißlingen des Doppel-Umganges. Im Anfang war der Verkehr so hübsch angeknüpft, sie hatten so schöne Stunden mit den ihnen viel lieberen, ernsten und gescheiten Leuten verlebt, und Elisabeth hatte die Frau Assessor Borne besonders lieb gewonnen. Nach und nach aber, anfänglich kaum zu merken, zogen sich diese neuen Freunde mit eben dem Zartgefühl, mit dem sie den Umgang begonnen, wieder zurück. Elisabeth war viel zu harmlos und offenherzig gewesen, sie hatte ihre Ansichten über das Weltleben nie verborgen, und je mehr sie, um ihr Leben zu entschuldigen, den weltlichen Kreis, in dem sie vergnügt und sicher lebte, als höchstens langweilig aber nicht gefährlich schildern wollte, je mehr entfernte sie sich von der Gesinnung dieser ernsteren Freunde, und endlich zogen sie sich entschieden zurück. Es war für Elisabeth sehr demüthigend, nur im Vorübergehen einen verlegenen Gruß zu erhalten, wo sie sonst mit herzlichem Händedruck begrüßt wurde. Dem Manne von ihren unangenehmen Gefühlen zu sagen, scheute sie sich, nein sie hielt solche Gedanken selbst von sich entfernt und war froh, daß ihr Mann sich nicht über diese christlichen Leute beklagte, die nach ihrer Meinung wirklich hart, einseitig und rücksichtslos waren. Kadden fühlte mit einer gewissen inneren Unzufriedenheit etwas Aehnliches, aber er war dabei zu aufrichtig und zu einsichtsvoll, um den Leuten, die einmal von der Welt nichts wissen wollten, zu verdenken, daß sie sich auch von ihnen zurückgezogen, die sie jetzt, wenn auch mit andern Gesinnungen als die Welt, doch mitten darin lebten. Nach lauten und späten Gesellschaften, wo Elisabeth getanzt, zwar immer noch am liebsten mit ihm, doch auch mit anderen Herren, wenn sie dann am folgenden Morgen abgespannt und nicht sehr guter Laune war, sich selbst auch über dies ungewohnte Leben beklagte, dann klopfte eine Stimme an sein Gewissen: Bist du ihr auch ein guter Führer und Herr und Wächter? Ist in den Kreisen, wo du sie hinein bringst, Lebensluft für sie, oder Gifthauch, der ihr liebliches und kindliches Seelenleben verkümmern läßt? Ist sie hier bei dir nicht wirklich schon anders geworden, als damals, wo du sie kennen lerntest und wo sie dir mit Vertrauen von der ganzen Familie übergeben wurde? Dann seufzte er, legte die Hand vor die Stirn und dachte: Ja es soll anders werden, ich wollte sie ja so gern wie mein Herzblatt bewahren. Es wurde aber nicht anders, die Macht der Alltäglichkeit und Gewohnheit überwindet alle guten Vorsätze, besonders wo es gilt, eine Kette plötzlich zu zerreißen. Mit Woltheim hatte das junge Paar im Winter wenig Verkehr gehabt, der Großvater lag länger an einer Grippe, nicht gefährlich, aber er bedurfte der Ruhe, und das Großmutterherz schenkte ihm ihre Liebe und Sorgfalt ungetheilt. Bald darauf hatte sich Charlottchen gelegt, der Arzt nannte es ebenfalls Grippe, sie nahm aber zugleich einen nervösen Charakter an, wenn es auch ganz gefahrlos schien. Ende Februar fuhren eines Tages ganz unerwartet die Schimmel in Braunhausen vor. Elisabeth freute sich sehr, sie glaubte, es sei nach langer Zeit einmal wieder die Großmama. Aber der alte Friedrich hielt nicht lange mit seiner mündlichen Botschaft zurück: die jungen Herrschaften möchten eiligst kommen, – Charlottchen lag am Tode und hatte Verlangen, sie noch einmal zu sehen. Elisabeth trug ihr Kleid, das sie eben zum heutigen Abend garniren wollte, fast mit Entsetzen fort, – anstatt zu Spiel und Tanz sollte sie an ein Sterbebette. Schweigend saß sie neben ihrem Mann im Wagen, beide waren nachdenklich und bedrückt in der Erwartung, was sie jetzt erleben sollten. Beide hatten noch nie einen Menschen sterben gesehn, und die Religion, die nur ausreicht bei Glück und Gesundheit, fühlt sich nicht wohl an Sterbebetten. Die Großmutter führte ihre Kinder sogleich zu Charlottchen. Sie lag still und friedlich. Mit dem gewissen und zuversichtlichsten Kinderglauben sah sie den Himmel vor sich und harrete, daß der Herr sie möchte träumend durch das Todesthal geleiten. Sie reichte Kadden und Elisabeth die Hand, hielt auch beider Hände einen Augenblick mit einander fest und flüsterte: Wir sehen uns wieder. Von den anderen hatte sie in aller Demuth und Dankbarkeit Abschied genommen. – Der Großvater las noch ein Sterbelied, Onkel Karl hatte sein kummervolles Gesicht an die Scheiben gelegt, da deutete der Arzt das nahe Ende an. Ein Lungenschlag machte den Athem erst unregelmäßig, bis er leise ganz aufhörte. Die Anwesenden waren um das Bett getreten. Ein solches friedliches, seliges Bild war herzbewegend. Ist das Sterben? – so ging die Frage durch die Seelen, und mit ihr eine Sehnsucht nach Frieden und ein wunderbar seliges Heimweh. Elisabeth stand erschüttert neben ihrem Gemahl, er war ebenso ergriffen, er fühlte wieder ein Wehen der Wunderwelt dort über sich, ein Wehen des Gottesreiches, in dem ein solches Sterben möglich ist. Die Großmutter faltete Charlottchens Hände in einander und sagte dann leise: Man könnte wünschen, wie sie so selig auszuruhen. Und der Großvater fügte hinzu: Mit des Herrn Hilfe und durch seine Gnade werden wir ja einst alle so selig ruhen, um die verklärte Welt mit dieser zu vertauschen. Er umarmte seine Frau und seinen Bruder und seine theuren Kinder, dann verließen alle das Sterbezimmer, und Elisabeth fuhr mit ihrem Gemahl bald darauf wieder heim. Am anderen Morgen lag sie auf dem Sofa und weinte. Sie weinte lange und wußte kaum warum. Sie weinte so lange, bis sie abgespannt und matt und müde entschlief. Das alte gute Kindermädchen glaubte, ihre junge gnädige Frau habe Charlottchen gar zu lieb gehabt, und sei darum so traurig; sie hielt den kleinen Friedrich in der Kinderstube zurück, damit er die Mutter, die übrigens auch noch gar nicht nach ihm gefragt hatte, nicht stören sollte. Sie wachte erst auf, als ihr Mann gegen Mittag in die Stube trat. Er hatte sie den Morgen weinend verlassen und setzte sich theilnehmend zu ihr, aber er saß nur wenige Augenblicke, da kämpfte sie wieder mit den Thränen und weinte dann wieder bitterlich. Nun sage mir, liebe Elisabeth, warum Du weinst, bat er freundlich, Charlottchens Tod kann Dich nicht so betrüben. – Elisabeth schüttelte den Kopf. – Du hast noch nie jemand sterben sehen, fuhr er fort, das hat Dich so bewegt? – Sie nickte nur. – Der Tod war aber so schön, sagte er wieder. Da weinte sie heftiger und sagte: Mir ist es eben, als ob ich nie so sterben könnte. Es ist mir so öde und leer in der Seele, es ist mir, als ob ich kein Herz in der Brust hätte, und dafür etwas so Schweres und Banges, was mir Furcht macht. Er tröstete sie freundlich, er sagte auch, sie sei angegriffen, weil sie in den letzten Tagen so unruhig lebten. Ich habe aber auch in der Nacht einen Traum gehabt, begann Elisabeth etwas ruhiger, er ist eigentlich gar nichts und doch quält er mich. Ich stand auf einem hohen Felsen und unter mir war es unabsehbar tief und grau wie ein Nebelmeer. Da sagte eine Stimme: Jetzt springe hinab, es ist die Ewigkeit. Ich wachte erschrocken auf. In dem kurzen Traume und mit dem einen Bilde habe ich aber noch so viel erlebt, was ich fühle und empfinde, was ich aber nicht beschreiben kann. Es ist, als ob ich mein ganzes Leben im Traume gefühlt hätte, und auch meine Zukunft, so trostlos und so grau und so unabänderlich. Jetzt springe hinab! sagte die Stimme. Ich fühlte: also wirklich doch die Ewigkeit steht vor dir, du mußt hinab, es ist kein Ausweg, was du dir nie hast deutlich vorstellen können, der Schritt vom Leben zum Tode, jetzt ist er da. Nun muß es Dich doch freuen, daß es nur ein Traum war, sagte er freundlich. Aber Otto, entgegnete sie ernst, der Augenblick wird und muß kommen, und ich werde dann eben so trostlos sein, als jetzt. Er hatte seinen Arm um sie geschlungen und sah ernsthaft vor sich hin. Konnte er ihr denn gar nichts Tröstendes sagen? Von seinem Himmel des guten Gewissens? Von dem Bewußtsein der Rechtschaffenheit? Der Himmel war langst erschüttert, und vor dem furchtbaren Geheimnisse des Todes brachen auch die letzten Stützen. – Unsere Seele wird fortleben, das ist sicher, wenn es auch dem Verstande so unbegreiflich ist, als der Ursprung der Seele. Wir sind in das Leben gerufen, wir werden mit Wohlthaten überschüttet, alles ohne unser eigenes Verdienst. Wir fühlen es, wir sind von einer unsichtbaren Gnade und Liebe und Weisheit und Allmacht umgeben, diese unsichtbare Gnade und Liebe, diese dem Verstande unbegreifliche Macht kann uns auch nur fortleben lassen, – also nur einen Himmel aus Gnaden. Wie kann man nur so wahnwitzig sein und einen Himmel schaffen wollen aus eigenem Verdienst? – Das hatte Kaddens Seele schon oft bewegt. – Aber in diesen Himmel aus Gnaden schaut und gelangt man nur durch einen festen Glauben, und der Glaube läßt sich auch nicht durch eigenes Verdienst erwerben. Läßt uns denn die unsichtbare Liebe und Gnade, die uns umgiebt, die auch der schärfste weltliche Verstand nicht leugnen, nur unbegreiflich finden kann, läßt uns denn diese Liebe ohne Rath und ohne Trost vor dem größten Räthsel, das unsere Seele mit Furcht und Entsetzen erfüllt? Nein, diese Liebe zeigt uns den einfachsten und sichersten Weg zum Glauben und zum Himmel, sie will unsere Seele erfüllen, anstatt mit Furcht und Entsetzen, mit Entzücken und Seligkeit. Es ist unbegreiflich, daß nicht eine jede Menschenseele mit größter Lust und Freudigkeit diesem Rufe zur Seligkeit folgt, oder es ist nur begreiflich, weil hinter dem schaurigen Geheimniß des Todes nicht nur ein lieber barmherziger Vater, ein Himmel aus Gnaden, sondern auch der mächtige Gegensatz, der Teufel mit seinem höllischen Reiche verborgen ist. Beide Mächte streiten hier um die Seelen, die Macht der Gnade und die der Sünde, die Macht des Himmels und der Hölle. – Kann denn der Verstand die Himmelsahnungen, welche die Seele zuweilen so mächtig bewegen und ihr das Reich Gottes nahe bringen, verbannen? Kann er aber auch die Todesschauer, das Grausen vor dem, was kommen könnte, den Einfluß einer unheimlichen Gewalt aus der Seele bannen? Nein, er kann nichts, aber da er voll Hochmuth ist, will er nicht glauben. Der Glaube, der die Seele selig macht, würde ihn und den alten Menschen vernichten müssen, darum läßt er sich lieber von der Macht des Bösen helfen, um die Seele zu streiten; er läßt sich helfen, obgleich sein Hochmuth auch nicht leidet, an diese Macht zu glauben, er will selbst allmächtig sein. Bei Bosheit und schauerlichen Verbrechen, davon die Erde voll ist, die ihm fortwährend unter die Augen kommen, gesteht er auch eine Macht des Sündenreiches zu, das von einem Schritt zum andern drängt. Daß der Teufel, wie an rohen und verwahrlosten Seelen seine Macht durch Verbrechen übt, so auch an seinen Leuten durch feinere Sünden, kann er nicht glauben, oder es ist ihm unbequem zu glauben. Ebenso daß es ein bestimmtes Entweder-Oder giebt, und daß man nicht Gott und der Welt zu gleicher Zeit dienen kann. Der eine Ausweg, damit der ungläubige Mensch seine schwankenden Brüder, oder vielmehr einer den andern in die Irre führen möchte, ist der: den Weltdienst als unschuldig und gar als Gottesdienst hinzustellen. Aber das wird nie eine Entschuldigung sein. Gottes Gebote sind zu deutlich und klar, Gottes Wort läßt uns auch nicht in den kleinsten Dingen zweifelhaft, was wir thun und lassen sollen, und die Unlust, diese Gebote zu erfüllen, es recht genau damit zu nehmen, vielmehr die Lust, sie nach ihrer Neigung und Bequemlichkeit zu deuten, sollte die Weltmenschen, auch die rechtschaffenen, honetten, aufmerksam machen, in welcher Gewalt sie sich befinden. Herr von Kadden saß gedankenvoll neben seiner Frau. Alle diese Anschauungen waren ihm in den letzten Jahren nahe getreten, zum Theil auch wohl lebendig in seiner Seele geworden. In dem aufrichtigen Verlangen, die Himmelsahnungen, die seine Seele bewegt hatten, zu verstehen, hatte er sich gern zu den Freunden gewandt, die dem Reiche Gottes, dem wundersamen, geheimnißvollen Reich dort über ihm, näher standen. Er war dem Zuge seiner Seele demüthig gefolgt, er wollte sich belehren lassen und um Glauben bitten lernen. In aller Stille, ohne daß es selbst den Nahestehenden bemerkbar wurde, war die Erkenntniß in seiner Seele gewachsen. Er sah entschieden das Reich Gottes und das Heil oder die Welt und die Unseligkeit vor sich, die Sehnsucht nach dem Frieden, der höher, ist als alle Vernunft, dessen Ahnungen ihm schon die seligsten Momente seines Lebens waren, hatte eine bestimmtere Gestalt in ihm gewonnen, der neue Mensch aber, ohne dessen Geburt das Reich Gottes uns allen verschlossen bleibt, war damit immer noch nicht in ihm geboren. Er gehörte noch zu den rechtschaffenen, honetten Weltleuten, die gern selig werden wollen, die aber Gottes Gebote nicht ganz genau nehmen, die sie der Bildung und den Zeitumständen anzupassen suchen. Besonders aber das Gebot, der Welt Freundschaft offenbar und unumwunden abzubrechen, ihr entschieden Feindschaft zu erklären, und den Herrn Christus zu bekennen, das schien ihm unausführbar. Wenn ihm die Worte des Herrn: »Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater, und wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich vor meinem himmlischen Vater auch verleugnen,« mahnend vor die Seele traten, wenn er sie zu einfach, wahr und gerecht finden mußte, dann suchte er noch den Ausweg, sich dies »Bekennen« nach seiner Meinung auszulegen, und ebenso das: »in der Welt leben.« Er hatte im Herbst den guten Vorsatz gefaßt, als ein Feind der Welt in der Welt zu leben. Die Begriffe von Welt und Welt, dachte er, sind so verschieden: die Welt, wie sie ihm entgegen trat, war noch nicht arg, in einer so nüchternen, elenden, armseligen Gestalt konnte sie ihn nicht stören, nicht wankend machen in seinem Glauben, nicht ärmer an Erkenntniß, er war längst über sie hinaus, ja in dieser Welt seine Richtung nicht zu verleugnen, war sein fester Entschluß. Ein Bekenntniß lag seiner Meinung schon genugsam darin, wenn er sonntäglich mit seiner Frau den gläubigen Prediger hörte, dessen Predigten gegen seine Kameraden vertheidigte, und auch außerdem mit gläubigen Leuten Umgang hatte. – Als ein Feind der Welt dennoch in der Welt leben, hatte er in diesem Winter zuerst versucht, aber mit traurigem Erfolg. Wenn er bis vor wenigen Jahren ganz harmlos als ein Freund der Welt mit ihr lebte, so war das nicht schwer, er wußte es nicht besser. Die Gegenwart befriedigte ihn zwar nie, er schaute mit Ungeduld und Erwartung in die Zukunft, als ob sie einen großen Schatz für ihn bewahre, es trieb ihn von einer Zerstreuung zur andern, und wenn es dann so leer und leer und immer leerer in der Brust blieb, schaute er nur ungeduldiger und sehnsuchtsvoller in die Zukunft. Stottenheim hatte ihm öfters in vertraulichen Stunden ganz väterlich versichert: Lieber Junge, laß Dir rathen, lebe Du in der Gegenwart, genieße die Jugend, glaube mir, es kommt nichts Besseres. Gerade die Sehnsucht, die Erwartung, ist das Glück der Jugend; die Täuschung, daß nichts dahinter sitzt, ist der Schmerz des Aelterwerdens. Ich versichere Dich, ich habe eben so ungeduldig als Du in die Zukunft gesehen, bis ich mich nach und nach überzeugte, daß nichts dahinter war, und bis ich so vernünftig war, zu resigniren und mich dennoch glücklich zu fühlen. – Kadden hatte sich mit dieser vernünftigen Resignation nie zufrieden geben können. Die Gesellschaften, die Vergnügungen, die ihm geboten wurden, hatten ihn nie eigentlich befriedigt. Es waren dabei die nichtigsten Dinge, die ihn quälten: ob er dumm oder klug in der Gesellschaft gesprochen, ob er von der Hausfrau genug berücksichtigt oder überhaupt von dem und dem aufmerksam behandelt war, ob man ihn liebenswürdig fände. Ebenso war es im Verkehr mit seinen Oberen und Kameraden, er war reizbar und heftig, er hatte oft etwas zu rügen oder auszugleichen, seine Stimmung ward, wenn er sich auch mit Jugendlust, Jugendfrische und Harmlosigkeit in die Welt hinein begab, immer wie ein wogendes Meer, hoch hinauf uns tief hinab getragen. Nein, diese Gegenwart war noch nicht schön, die Zukunft mußte etwas Besseres bringen. – Mit seiner Verlobung hatte sich ihm ein Himmel aufgethan, Elisabeths Liebe, ihr Glaubensleben, ihre Himmelshoffnung, bewegten seine Seele mit wundersamem Glück. Die Zuversicht, daß die Sehnsucht der Jugend wirklich ein seliges Ziel habe, ein sicheres unfehlbares Ziel, die Zuversicht, daß von einer vernünftigen Resignation nicht die Rede sei, sondern nein, daß man immer reicher und reicher und glücklicher in die Zukunft schauen müsse, immer mehr empfange, nicht von der nichtigen, leeren, leeren Welt, sondern von der geheimnißvollen Liebesmacht dort oben, die hatte seine Seele erfaßt und sie wurde genährt durch den Verkehr mit den Gotteskindern, deren Einfluß er sich nicht entziehen konnte. Wie der alte Herr von Budmar ihm damals schon gesagt: Unsere Liebe wird Sie beunruhigen, unsere Gebete werden Sie drängen. Mit diesen Anschauungen, mit dieser Erkenntniß in der Seele, konnte er da noch harmlos wie früher in der Welt leben? Er wollte der Himmelssehnsucht nachleben, und fortwährend stand ihm Gottes Gebot drohend vor der Seele. Gottes Gebote lassen sich von der Welt und vom bösen Willen wohl mißverstehen, ein aufrichtiges Herz aber wird sich nicht lange darüber täuschen können, es kann höchstens einen unglücklichen Versuch damit machen. Ja, das Wort Gottes nicht ganz wörtlich zu nehmen, es den Verhältnissen und Rücksichten etwas anzupassen und dennoch Frieden zu haben, ist ein thörichtes Hoffen und wird nur Unsegen und Unfrieden bringen. Diesen Unfrieden, den Stachel im Gewissen hatte Kadden in der letzten Zeit immer tiefer gefühlt, und je mehr er es bekämpfte mit den Mitteln, die sein jetziges Leben ihm bot, je matter fühlte er sich, je mehr fehlte ihm die Kraft, sich heraus zu reißen. In dieser Stimmung verstand er Elisabeths Thränen nur zu gut, jede Thräne aber fiel auf sein Gewissen, – hatte er sie denn nicht in dieses Elend hineingeführt? Lieber Otto, sagte sie, nachdem sie sein Schweigen eine ganze Zeit getragen, und sah ihn mit ihren wunderlieblichen hellen Augen bittend an: Willst Du mich denn nicht trösten? Ich Dich trösten, entgegnete er seufzend, ich kann Dich nicht trösten, Du mußt Dich dahin wenden, wo Du Dir immer Trost geholt. Sie schüttelte den Kopf. Elisabeth sprich doch! bat er dringend. Ich möchte, ich könnte Dir alles sagen, war ihre Antwort. Du sollst mir auch alles sagen, bat er wieder und forschte, und sie klagte ihm ihre Seelennoth, wie sie erst ganz leise angefangen und in der letzten Zeit sie immer mehr bedrückte. Es war dies das getreue Abbild seines eigenen Unfriedens: mit dem Stachel der Erkenntniß, mit der Sehnsucht nach Glück und Seligkeit, ein Leben in der Welt, nur daß Elisabeths Glaubensleben lebendiger, ihre Sehnsucht und Liebe zum Herrn wärmer, und die Ursache und die eigene Schuld an der Seelen-Noth ihr unklarer war. Sie hatte sich immer damit beruhigt, daß ihres Mannes Stellung nicht zuließe anders zu leben, und wenn sie sich unbehaglich und unbefriedigt gefühlt, stand ihr immer wieder das Beispiel der Mutter vor der Seele, die ja auch so oft sich über das Bedrückende des Stadtlebens beklagt hatte. Aber die Mutter war fester, sie war nicht so eitel, hing nicht so sehr von der Welt ab! klagte sie und machte sich wohl bittere Vorwürfe, denn sie fühlte sich umsponnen von unzähligen kleinen nichtigen Fäden, die ihr alles Seelenleben nahmen. Sie war so schwach und matt, zum Gebet hatte sie keine Kraft und keine Lust, und wenn die Sehnsucht dann ihr Herz doch einmal mächtig bewegte und sie gern zum Herrn kommen wollte, dann ward es ihr bange, dann wagte sie nicht zu sagen: »Herr ich lieb Dich, Herr ich lieb Dich, ach von Herzen lieb ich Dich!« Dann ward es ihr klar, daß sie ungetreu geworden. So klar als heute war es ihr noch nie geworden, so bange hatte sie sich noch nie gefühlt. Wenn ich jetzt sterben müßte, es wäre entsetzlich, klagte sie. O, lieber Otto, Du glaubst nicht, wie unglücklich ich bin! fügte sie hinzu und sah ihn wieder so bittend an, als ob er ihr helfen müsse. Ich glaube es und weiß es, sagte er. Und ich bin auch sehr unglücklich, fügte er nach einer Pause traurig hinzu. Da richtete sie sich plötzlich auf und sah ihn fragend an. Du bist auch unglücklich? fragte sie. – Er sah sie nicht an, es war, als ob er ihre Frage nicht gehört hätte. Sie war so verwundert, sie konnte kaum einen Gedanken fassen. Anstatt daß er ihr das böse Gewissen ausredete, als rechtschaffener, braver Mann sie tröstete, daß sie auch nichts Unrechtes gethan, daß das Leben nicht anders sei und sie sich an solche vorübergehende Stimmung gewöhnen müsse, – diese Hoffnung hatte der alte Mensch in ihr gehegt, – anstatt dessen erkannte er ihr Elend und hatte keinen Trost für sie, weil er eben so elend war. Plötzlich ward es ihr klar, daß es nicht anders sein konnte; sie wollte aber selbst lieber unglücklich sein, als den Mann, den sie so herzlich liebte, unglücklich wissen. Lieber Otto, sagte sie bittend und legte ihre Hand auf seine Stirn, ich kann Dich nicht traurig sehen, ich habe Dich ja so sehr lieb. Er bedeckte die Augen mit der Hand und sagte leise: Und doch kann Deine Liebe mich nicht trösten, ebenso wenig ich Dir mit meiner Liebe helfen kann. Elisabeth war von diesen Worten noch mehr erschrocken, sie konnte nichts entgegnen. Ihre Liebe, mit der sie so sicher und gewiß glücklich sein wollten, konnte ihnen nicht helfen? Das sagte der Mann selbst, auf dessen Schutz und Hilfe sie sich in Glück und Unglück geborgen fühlen wollte. Und doch hatte er Recht, – sie fühlte es deutlich. Nicht in der geringsten Seelennoth hatte ihr diese Liebe helfen können, sondern der Herr allein hatte immer helfen müssen. So lange ihr schwaches und thörichtes Herz noch hoffen konnte, ihr Mann werde ihr die Seelennoth ausreden, werde mit seiner Liebe trösten können und entschuldigen und zerstreuen, so lange war es der Seele bange, weil sie im tiefsten Grunde doch keine Hilfe sah, weil es nur ein Ausreden, aber kein Trösten sein konnte. Von dem Augenblick, wo ihr kein Zweifel der Schuld und Hilflosigkeit mehr blieb, sah sie sehnend zum Herrn hinauf, ja in der Theilnahme an der Traurigkeit des Mannes richtete sich die eigene Glaubenskraft nur lebendiger auf. – So müssen wir beide den Herrn bitten, sagte sie. Wer wirklich beten kann, dem ist schon geholfen, entgegnete er wieder. Wenn wir nicht beten können, fuhr sie tröstend fort, so können wir doch sagen: »Aus tiefer Noth schrei ich zu Dir!« und können sagen: »Denn so Du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht ist gethan, wer kann, Herr, vor Dir bleiben!« Das kannst Du doch auch aus voller Seele sagen? fügte sie zagend und doch mit dem Ton der beweglichsten Liebe hinzu. Seine Augen wurden feucht, es zuckten seine Lippen, er nahm hastig ihre Hände, küßte sie und sagte bewegt: Ja liebe Elisabeth, das kann ich auch sagen. Dann wird der Herr uns auch hören, fuhr Elisabeth freudiger fort. Wenn er uns hören soll, müssen wir ihn aber auch hören, sagte er wieder. Das wollen wir ja auch, unterbrach ihn Elisabeth. Er lächelte traurig. Gedachte er der guten Vorsätze? War er nach den traurigen Erfahrungen im Winter vielleicht fester geworden sie auszuführen? Nein. Er stand den Rücksichten, den Verlegenheiten, der Furcht lächerlich zu werden, mißverstanden zu werden, fast noch machtloser gegenüber als im Herbst, trotzdem das Verlangen und die Sehnsucht, sich heraus zu reißen aus dem Unfrieden und Ungenügen, nur noch mächtiger war. Ja, Elisabeth, sagte er plötzlich, wir müssen den Herrn bitten, daß er uns hilft, wir sind schwach ohne ihn, ohne ihn kann ich Dich nicht beschützen. – Er hatte sie innig umfaßt, er sah ihr fragend in die Augen und darinnen war ein Hoffen und ein Glück voll Zagen. – Wir wollen getrost sein, weil wir uns auf den Herrn verlassen, fuhr er fort. Jetzt ist Charlottchens Tod uns schon eine Hilfe, wir können uns für jetzt von aller Welt zurückziehen und für uns leben. Das soll uns eine Erquickung sein. Und der Herr wird weiter helfen, durch Glück oder Unglück, wir wollen mit allem zufrieden sein. Elisabeth hatte ihre Hände gefaltet. Durch Glück oder Unglück! – sprach sie glaubensvoll im Herzen nach. Wie war es doch so wunderbar, daß nach diesem Ausspruch der Demuth sie ihn nur männlicher und höher und zuversichtlicher über sich sah. Ja, es giebt nichts Schöneres und Vertrauen Erweckenderes, als wenn ein kluger begabter und stolzer Mann in Demuth seinen Sinn beugt vor Einem, der größer und erhabener über ihm ist. Elisabeth fühlte wieder eine demüthige Brautliebe im Herzen. War es denn aber jetzt noch nicht zu spät, wie die kluge Großmama zu leben? Ihr Mann war zwar freundlich und gut gegen sie, war es aber doch nicht zwischen ihnen beiden ganz anders geworden? Wie war es denn mit dieser Liebe, die einst allmächtig sein sollte? Sie half ihr nichts mehr. Dem Herrn zu bringen, was sie hindern wollte in dieser Liebe, war sie erst selten und endlich gar nicht mehr in der Stimmung gewesen. Lieber war es ihr, der Noth nicht zu gedenken, sich mit und in der Welt zu helfen. Wenn sie verstimmt war, nun gut, so war sie verstimmt, bis sie durch eine Zerstreuung, durch ein Vergnügen wieder fröhlich wurde. Sie machte es gerade so, wie es die anderen Frauen machten. Wenn sie nur nicht etwas Besseres gekannt hätte, nicht die heiße Sehnsucht nach einer Brautliebe und nach dem schönen Beruf einer stillen Hausfrau immer wieder in ihr aufgetaucht wäre. Was war denn aus ihrer Liebe geworden, und wie stimmte ihr Leben zu dem Bilde einer frommen stillen Hausfrau, die selig ist in ihrem Beruf? Sie erschrak vor sich selbst. – Aber erweckte dies Bild nicht doch ihre Sehnsucht, ihr Verlangen? Ihr Mann war von ihr abgerufen. Es war ja auch zwischen ihnen alles gut und abgemacht. Sie eilte jetzt in ihr Schlafzimmer, schloß die Thür, beugte ihre Knie und schüttete ihr Herz nach langer Zeit einmal dem Herrn aus. Sie kam nicht mit guten Vorsätzen, sie wollte nicht durch ihre Liebe glücklich sein, sie wollte nur zu des Herrn Füßen ruhen, sie wollte, wie sie es in ihrer Confirmationszeit gekonnt, nur selig hinaufschauen, nichts denken, nichts wollen, nur ihn lieb haben, nur an seiner Gnade und Barmherzigkeit hangen. Konnte sie es heute mit weniger Hingabe als damals thun? O nein, sie hatte ihm ja mit bitterlichen Thränen ein so banges Gewissen zu bringen. Er sollte ihr so viele Schuld erlassen, mußte sie nicht weit demüthiger und inniger zu seiner Liebe und zu seinem Erbarmen hinaufschauen? Aber Herr, wirst Du auch Wunder an mir thun, kannst Du die Flitterwochenliebe zu einer Brautliebe, kannst Du aus einer zerstreuten unbefriedigten Frau eine selige stille Hausfrau machen? Ist es denn möglich, daß alle diese verkümmerten und zerwehten und vernachlässigten Kleinigkeiten wieder aufblühen können? – Ach nein, ein Leben ohne Liebes-Sonne und ohne Blumen, die darinnen sprießen, das lag wie eine schwere bange Ahnung auf ihrer Seele. Wenn auch zuweilen noch ein beweglicher Schein in ihr Leben hinein fiel, so war es doch im Ganzen recht einförmig und nüchtern geworden. Ihr Mann war ja gutmüthig und brav gegen alle Menschen und war es auch gegen sie, er war aber auch heftig und auffahrend gegen sie, und daß sie dann verstimmt und gereizt wurde, machte selten einen großen Eindruck auf ihn; er zerstreute sich und sie zerstreute sich, und die Alltäglichkeit heilte den Riß. Wie traurig und demüthigend waren aber für Elisabeth diese Betrachtungen, wenn sie damit das Leben der Großeltern und ihr eigenes Ideal vergleichen wollte. O wären die letzten Jahre nur ein thörichter Traum gewesen, könnte sie wieder vor ihrem Hochzeitsmorgen stehen! Aber das Eine bat sie den Herrn mit den bitterlichsten Thränen: wenn sie auch ohne Sonne und ohne Blumen und ohne Brautliebe weiter gehen sollte, daß Er möchte sich nicht von ihr wenden, daß es nie möchte öde und leer in ihrem Herzen sein, daß der Herr sie möchte trösten in jedem Unglück. Ja in jedem Unglück! Im Glück ist so ein leichtsinniges und oberflächliches und innerlich unbefriedigtes Leben noch erträglich, die Welt mit ihren Zerstreuungen ist zu helfen bereit, wenn aber der Herr ein Machtwort spricht und Kraft und Muth zu solchen Zerstreuungen nimmt, wo ist dann Hilfe? 25. Durch Unglück Ein Jahr ist wieder vergangen. Es ist ein schöner Frühlingstag. Elisabeth steht am Kinderstuben-Fenster, sie sieht gedankenvoll in den klaren blauen Himmel, sie sieht hinab auf den Hof, wo ihr kleiner Friedrich fröhlich in der lauen Frühlingsluft herum spielt, und ihr kleines liebes Mädchen, das der Herr ihr im November schenkte, sich im warmen Sonnenschein spazieren tragen läßt. Sie legt ihre bleichen Wangen an die Scheiben. Hat der Herr ein Wunder an ihr gethan? Ist sie glücklicher als damals, wo sie beten konnte: Durch Glück oder durch Unglück – mache mich wieder zu deinem Kinde. – Nein, sie ist unglücklicher, des Herrn Strafe scheint allein auf ihr zu ruhen. Das Unglück ist über sie gekommen, als die Welt ihre Seele matt gemacht und vom Herrn entfremdet hatte, als sie das Beten und das Hilfesuchen verlernt hatte. Die Welt aber hilft kein Unglück tragen, die hält es nur mit glücklichen Leuten. Die Welt war ihr verleidet, und zu dem Herrn konnte sie sich nicht finden. Seit einem Jahre war sie krank und schwach und angegriffen, elend an Leib und Seele. Ein frommes Herz trägt das wohl mit Frieden, es trägt freilich daran ein Kreuz, oft mit Seufzen und Zagen, aber es wird auch selige und stille Minuten dabei erleben, denn der Herr ist mit ihm und hilft ihm tragen. Ein gottesfürchtiger Mann übt auch Liebe und Geduld gegen seine schwache eigensinnige Frau, nicht aus Freude an ihr und Liebe zu ihr, denn Liebe und Freude fliehen vor Eigensinn und Krankheit; auch nicht weil er so gute Vorsätze im Herzen hat, die guten Vorsätze fliehen vor dem Reiz und der Versuchung zur Sünde: nein, einzig und allein kann er Liebe und Geduld üben, weil der Herr es verlangt, weil er gewohnt ist, auf des Herrn Wort zu hören, und geübt ist, von ihm Hilfe und Kraft zu erbitten und zu nehmen. Viele Männer mit den guten Vorsätzen und dem ruhigen Gewissen würden eine Prüfung vor diesem ihrem eigenen Gewissen wohl bestehen, sie machen nicht viel Ansprüche an sich selbst. Aber ja selbst die besten Männer, die wirklich von Natur sanftmüthigen und großmüthigen, wenn sie nicht im Glauben leben, würde es Thorheit dünken, glückliche und selige Minuten im gemeinsamen Kreuztragen zu finden. Sie sind schon mit sich zufrieden, wenn sie nicht selbst dabei ärgerlich und unzufrieden sind, wenn sie sich gefaßt über das Elend hinwegsetzen. Davon hat aber freilich die arme Frau nicht viel. Bald nachdem Charlottchen gestorben war, – das war gegen das Frühjahr 1848 – kam die Revolutionszeit und nahm die Gemüther ganz und gar in Anspruch. Elisabeths Gemüth aber ward durch Unwohlsein und Nervenleiden so hingenommen, daß die Politik ihr ganz gleichgiltig wurde, ja nicht nur gleichgiltig, sie wandte sich unzufrieden von ihr ab, denn ihr Mann hatte kaum ein Wort, einen Blick der Theilnahme für sie. Ihn beschäftigte das große, eine, unglückliche Ereigniß so sehr, daß ihm nicht Zeit blieb, an Elisabeths kleine Verstimmungen, an ihr kleines Unwohlsein zu denken, und als sie ihn erst öfters versichert hatte, sie könne Politik nicht hören, wandte er sich dahin, wo er davon reden konnte, und verkehrte, was sich überhaupt schon von selbst verstand, sehr viel mit Männern. Die Zeit, die für ihn eine Erfrischung und Belebung des inneren Lebens war, wurde ihr zur größten Bedrückung. Gleich vom Anfang war er überzeugt gewesen, daß der Herr diese ernsten Ereignisse ihm nicht allein, sondern allen Schwachgläubigen zur Hilfe schickte. Wie schnell war das eine schon erreicht, daß die gläubigen Leute plötzlich in Achtung und Ansehen standen. Sie hatten sich sofort entschieden für die gute Sache bekannt, und hatten Muth, bei ihr zu stehen. Wie entzückt waren Kaddens Kameraden jetzt von den Predigten dieses gläubigen Pastors, der den König und seine Soldaten gegen Aufruhr und Rebellen vertheidigte, während die anderen honetten Prediger sich so jämmerlich von der Gesinnung des mächtigen Pöbels regieren ließen. Wenn diese großen Begebenheiten seine innerliche Stellung wesentlich befestigten und dem Glauben vorarbeiteten, so nahmen sie ihn auf der anderen Seite doch wieder zu sehr hin, beschäftigten ihn zu sehr, als daß er dem Glaubensleben selbst besondere Sorge hätte widmen können; noch weniger aber zog es ihn zu seinem Familienleben. Elisabeths Stimmung mit Geduld zu tragen, war seiner Natur wirklich eine Aufgabe, sie war fast immer bedrückt, weinerlich und eigensinnig, und er beklagte sich offen bei der Großmutter darüber. Diese bat ihn, Nachsicht mit ihr zu haben, sie tröstete ihn, daß diese Zeit vorübergehen würde, Elisabeth würde dann wieder frisch und freudig sein mit ihm und mit der ganzen Welt. Wie gern ließ er sich trösten, wie oft stand ihm der Großmama Bitte vor der Seele, wie oft übte er sich in Geduld und Nachsicht mit der Frau, die er lieb hatte, die ihm aber das Leben jetzt gar zu schwer machte. Wie oft aber ließ er sich gehen in seiner Heftigkeit und Rohheit, denn die Liebe und die guten Vorsätze ließen ihn in der Leidenschaft im Stich. Gottes Wort zur Richtschnur zu nehmen, mahnte ihn wohl sein Gewissen, aber das ist nicht so gleich gelernt, das will geübt sein, und will erbeten sein, und beides konnte er jetzt nicht. Zwang ihn doch einmal seine Gutmüthigkeit theilnehmend und freundlich gegen seine Frau zu sein, so half ihm das auch nicht viel, Elisabeth fühlte zu deutlich seine Absicht, und der Gedanke: er hat dich nicht mehr lieb, er ist nur freundlich aus Mitleiden und Pflichtgefühl, bedrückte und bekümmerte sie immer mehr. Im November, gerade in der Zeit, wo die politischen Ereignisse neue Spannungen und Aufregungen brachten, wurde ihr kleines Mädchen geboren. Die Mutter aus Berlin war hier, die Geburt des Kindes schien alle Herzen zu bewegen, Kadden selbst war so glücklich. Jetzt sollte seine liebe Elisabeth wieder frisch und fröhlich sein, Mutter und Großmutter, ja sie selbst hatte es ihm so freudig versichert: jetzt sollte es nun wirklich anders werden. Es wurde aber nicht anders. Elisabeth hatte sich, wie die Mutter behauptete, und wie sie eigensinnig abstritt, einigemal erkältet, sie konnte sich nicht erholen. Fieberbewegungen kehrten immer wieder, und als die kleine Marie getauft wurde, konnte sie das Kind bei der Einsegnung kaum halten und lag während des übrigen Tauffestes kummervoll in der stillen Kinderstube. An diesem Tage theilte sie der Großmama ihren tiefen Kummer mit, die Mutter war selbst so unruhig und unzufrieden mit ihr, der konnte sie nichts sagen, aber das Großmutterherz war still und freudig und wußte immer zu trösten. Als sie der Großmutter erst klagte, daß ihres Mannes Freude an dem kleinen Mädchen so kurz gewesen und er jetzt wieder nur Sinn und Interesse für politische Dinge habe, erklärte ihr die Großmama, das sei Männer-Weise, die Frauen müßten sich darin fügen, sie habe es in den Kriegszeiten auch erfahren müssen. Das dauere aber nur eine gewisse Zeit. Wenn der männliche Geist sich an den großen Interessen ermüdet, dann sehne sich das Herz desto inniger nach einer Heimath, nach Frieden und Glück in der Häuslichkeit. Sie möchte nur mit treuer Liebe dies Heimaths-Gefühl in ihm pflegen, wenn er es jetzt auch nicht anzuerkennen schiene. – Aber dazu gehörte ein sanfter stiller Geist, der da lebet in Demuth, Glauben und Hoffnung, den kannte Elisabeth jetzt nicht. Doch entgegnete sie der Großmama nichts. Die Zweifel überhaupt an ihres Mannes Liebe wagte sie ihr nicht zu sagen, sie schämte sich. Auch fürchtete sie, die Großmutter müßte das selbst schon gemerkt haben, sie hätte sonst nicht so oft mit tröstlichen theilnehmenden Worten unaufgefordert darauf hindeuten können. Elisabeths Hauptklage und Hauptkummer sollten heute nur sein, daß sie in der ganzen langen letzten Zeit im Geiste so bedrückt war, daß sie weder lesen, noch singen, noch beten konnte; grau und still war es über ihr, und grau und still war es in ihr. Selbst nach der glücklichen Geburt des Kindes konnte sie sich nicht erheben, nur zuweilen bitterlich weinen über ihre Armuth. Die Großmutter tröstete sie mit ähnlichen Zeiten, die sie selbst erlebte, sie schob es auf die Nerven, erkannte darin aber zugleich eine Prüfung und eine Mahnung des Herrn, mit der er anklopfte an die Seele, um sie zur Buße zu mahnen und sie im Glauben zu üben und zu stärken, und wenn sie auch zu allem sich matt und muthlos fühlte, so sollte sie nur nicht nachlassen um Kraft und Hilfe zu bitten. »Laß nur dein Herz im Glauben ruhn«, Wenn dich will Macht und Finsterniß bedecken; Dein Vater wirds nichts Schlimmes mit dir thun, Vor keinem Sturm und Wind darfst du erschrecken. Ja siehst du endlich ferner keine Spur, So glaube nur!« Diese Worte hatte die Großmama ihr gesagt, und hatte sie ihr am folgenden Tage, auf ein Blättchen geschrieben, geschickt. Elisabeth hatte sich, so viel sie konnte, an diesen Trost gehalten, aber still und einförmig waren ihre Tage dahingegangen, sie blieb immer schwach und reizbar, und der Arzt und ebenso die Großmutter vertrösteten sie auf das Frühjahr und auf eine Badekur. Als sie jetzt so traurig am Fenster stand, ritt ihr Mann auf den Hof. Sie fühlte das warme Herzblut in ihre Wangen steigen, – je mehr sie um seine Liebe bangte, je mehr klammerte sich die eigene Liebe in ihrem Herzen fest. Er schien heute zerstreut, er sah nicht nach dem kleinen Friedrich, mit dem er sich sonst so viel und so glücklich beschäftigte. Der Kleine aber machte sich laut bemerkbar und ruhte nicht eher, als bis der Papa ihn auf das Pferd setzte und in den Stall reiten ließ. Sie traten dann beide aus dem Stall und das gute alte Kindermädchen brachte ihren kleinen Liebling, damit der Papa ihn bewundern möchte. Er that es auch ganz freundlich und ging darauf in das Haus. Nach Elisabeth sah er nicht hinauf, daran dachte er gar nicht. Die Zeit, wo sie an das Fenster nach der Straße eilte, wenn sie die Musik von ferne hörte, und wo sie dann mit strahlendem Glücke seinen freudigen Gruß empfing, war ja auch längst vorbei. Als er angefangen, den Gruß zu vergessen, hatte sie sich nicht herabgelassen ihn darum zu bitten und ihn zu überzeugen, daß es ihn selbst beglücke, und so gehörte es zu den verlorenen Dingen. Die Hoffnung, daß der Herr ein Wunder thun und die zerwehte Brautliebe wieder neu erschaffen könne, hatte sie längst aufgegeben, wenn auch die Kämpfe in ihrem einsamen und sehnsuchtsvollen Herzen immer nicht aufhören wollten. Zu der Freude, ihn im Hause zu wissen, und zu ihrer kummervollen Liebe gesellte sich jetzt ein leises Zürnen: Er weiß es daß ich in diesem Zimmer bin, konnte er nicht hinaufsehen? Die Männer sind alle egoistisch, wie können sie eine arme kranke Frau lieb haben? Ja, ich bin ihm gewiß eine rechte Last. – Bange griff sie nach dem Trauring. – Den Ring am Finger habe ich aber, er darf mich nie lassen, ich kann ihn auch nicht lassen, wenn er mich auch immer trauriger behandelt, wenn er mich auch gar nicht mehr lieb hat. In dem Augenblick trat er selbst ein. Als er sie da so bleich und traurig stehen sah, ging, es ihm wie ein Schwert durch das Herz. Du arme liebe Elisabeth! sagte er mitleidig und nahm sie warm an sein Herz, wenn ich Dir doch helfen könnte! Wie wohl ihr selbst dies Mitleid that. Sie weinte leise, aber sie zwang sich zum Lächeln, damit die Thränen ihn nicht forttreiben möchten. Es ist heute so schön, sagte er, wollen wir Nachmittag spazieren gehen? Wenn Du willst, entgegnete sie, und erschrak fast vor der Antwort, in der vielleicht ein Vorwurf für ihn liegen konnte. Mit ähnlichen Vorwürfen, oder vielmehr mit Klagen, daß er sie nicht mehr lieb habe und ihr auch nichts zu Liebe thue, hatte sie ihn kurz vorher so böse gemacht, daß sie noch mit Zittern an diese Scene dachte. Er hatte ihr versichert, daß sie ihn selbst auf solche unglückliche Gedanken bringe, und daß er fürchte, es sei wirklich so. Seine guten Vorsätze und braven Ansichten hatten ihn vergessen lassen, daß er eine arme kranke Frau vor sich hatte. Ich will gern! entgegnete er jetzt, und knüpfte daran freundliche tröstende Worte über den kommenden Frühling, wo sie wieder ganz frisch und gesund und seine liebe Elisabeth sein würde. Der kleine Friedrich holte die Eltern zum Mittagsessen ab, und beim Essen wurde der Spaziergang berathen. Gleich nachdem Elisabeth geruht, wollten sie mit den Kindern zusammen gehen, wenn auch nur den breiten Grasrain hinauf. Als sie etwas geschlafen hatte und sich zum Spazierengehen rüsten wollte, sah sie zu ihrem Kummer, daß der Himmel sich bezogen und daß schon einzelne leise Tropfen niederfielen. Ihr Mann war aufrichtig betrübt darüber. – Wird er wohl bei dir bleiben heute Nachmittag? dachte sie zagend. – Nein, er hatte keine Ruhe, er nahm nach kurzer Zeit die Mütze, er wollte zu den Freunden, es waren gerade wieder aufregende Nachrichten über Baden in den Zeitungen, die er besprechen wollte. Als er fortging, versprach er bald wiederzukommen. Er versprach es aus bösem Gewissen: er hätte seiner kranken Frau wohl ein Opfer bringen können, es wäre jetzt vielleicht seine Pflicht gewesen sie zu unterhalten, wenn es ihm auch kein Vergnügen machte. – Elisabeth fühlte dasselbe: Sein Gewissen sagt ihm, daß er bleiben müßte, dachte sie, daß er mir und den Kindern auch Zeit und Unterhaltung schuldig ist, aber er kann es nicht, er lebt nach seinem Gefallen, nicht nach Gottes Gebot. Der Großvater hat Recht gehabt: solche Liebe hält im Glück aber nicht im Unglück aus. – Sie kämpfte mit ihren Gedanken, die sehr unfreundlich und zürnend waren, sie war damit noch längst nicht fertig, als ihr Mann plötzlich zurückkehrte. Die Kameraden hatten gleich nach Tisch eine Partie unternommen, er fand niemand zu Hause. Er war verstimmt darüber, aber er suchte es zu verbergen. Nun will ich Frau und Kinder unterhalten, sagte er scherzend. Hätte sie doch jetzt die Gewalt über sich gewinnen können, ihre Freude über sein Kommen auszusprechen, – es war ihr ja doch eine Freude! Nein, sie konnte es nicht, sie schwieg und lächelte nur etwas traurig. Soll ich Dir etwas vorlesen? fragte er freundlich. – Sie nickte. – Oder wollen wir Klavier zusammen spielen? fügte er hinzu. Friedrich gab den Ausschlag, er wollte Musik hören und wollte tanzen. Die Eltern setzten sich an das Klavier, sie spielten und der Junge tanzte. Das ging auch schön, er mußte nur dazwischen einmal nebenan in die Kinderstube laufen, um das weinende Schwesterchen zu beruhigen. Als er zurückkehrte, stand eben der Papa von dem Klavier auf, warf das Notenbuch mit Gewalt zu und verließ das Zimmer. Papa soll ja spielen! sagte Friedrich. Elisabeth antwortete dem Kinde nicht. Sie saß bleich und zitternd. Ja, sie war reizbar und eigensinnig und unfreundlich gewesen, durfte er denn aber so heftig sein? Konnte er denn nicht Geduld mit ihr haben? Fast wäre ihr das Notenbuch an den Kopf geflogen. Sie hatte wohl zehn Minuten unbeweglich gesessen, als die Thür aufging und ihr Mann zurückkehrte. Er setzte sich zu ihr, nahm ihre Hand und sagte ernsthaft und traurig: Elisabeth, verzeihe mir. Ich war ja schuld daran, sagte sie leise. Ach ja, Elisabeth, fuhr er traurig fort, wenn Du mich doch nicht so viel zur Heftigkeit reizen möchtest! Du glaubst nicht, ich führe ein elendes Leben, ich fürchte mich, mit Dir zusammen zu sein. Sie weinte. Das zu hören, war ihr wieder ein bitterer Schmerz, aber es war nur die Wahrheit, und als sie beide noch einige Augenblicke schweigend neben einander gesessen, verließ er das Zimmer. Im Juni war der Frau Oberförsterin Geburtstag Veranlassung zu einer kleinen Familienversammlung. Elisabeths Eltern und Schlössers kamen nach Woltheim. Elisabeth, obgleich es ihr wirklich schwer war, mit Emilien und mit Tante Julchen, ja selbst mit ihrer Mutter zusammen zu sein, überredete sich doch, daß sie sich auf dieses Fest freue. Sie bemühte sich auch nicht, diese Gefühle gegen ihren Mann zu verbergen, ja ohne es mit einer bestimmten Ueberlegung zu thun, erschuf sie sich das angenehme Gefühl, ihn fühlen zu lassen, daß sie, da er sie einsam und liebeleer ließ, Trost und Liebe bei ihrer Familie suchen müsse, wo sie so sicher war beides zu finden. Sie erreichte ihren Zweck vollständig. Schon vor der Abreise und auf der Fahrt war er übler Laune, er war überhaupt nicht gern hingegangen, weil ihm die beobachtenden Frauen lästig waren. Daß Elisabeth sehr lebhaft und teilnehmend empfangen wurde, verbesserte seine Stimmung nicht. Je mehr sie sich von den Ihrigen bedauern und trösten ließ wegen ihres Unwohlseins, je mehr sie sich zu ihnen hielt und vergnügt und befriedigt schien, je schweigsamer und ernster wurde er. Es war zu deutlich, man wollte ihn aufmerksam machen, wie er die arme Frau jetzt behandeln müsse. Die gutmüthige Frau Oberförsterin ging sehr taktlos dabei zu Werke. Emiliens kaltes, kluges Gesicht war ihm an und für sich unangenehm, und heute schaute sie mit einem gewissen Triumfe auf ihn herab. Seine Schwiegermutter war wirklich kummervoll und traurig, er konnte sie nicht ansehen und sich ihr nicht nahen. Er fühlte sich einsamer und verlassener in dieser Gesellschaft, als einst dem alten Erbkoffer gegenüber, ja er gerieth endlich in eine so unangehme Aufregung, daß es ihm eine Aufgabe war, hier zu bleiben und sich doch wenigstens hin und wieder in ein Gespräch mit den Männern einzulassen. Was Elisabeth in einer Art Spielerei angefangen, das machte sie jetzt bange. Die düstern Blicke ihres Mannes waren ihr ganz verständlich, und er kam nicht wie damals im ersten Sommer, wo sie über die Freude, ihre Geschwister wieder zu haben, ihn einige Stunden vergessen hatte, er sagte ihr nicht: Liebe Elisabeth, mich mußt Du immer am meisten lieb haben, sonst werde ich traurig. Sie konnte es endlich nicht länger lassen, ihr Gewissen trieb sie dazu, sie ging zu ihm und fragte mit großer Befangenheit: Otto, bist Du unwohl? Er sah sie kalt und ruhig an und entgegnete ebenso: Durchaus nicht, – wie kömmst Du darauf? Sie wandte sich bange von ihm, sie fühlte es, daß sich ein Sturm vorbereite, und fürchtete sich. Emilie hatte diese kleine Unterredung beobachtet. Sie nahm die Oberförsterin bei Seite und sagte: Die arme Elisabeth kann einem wirklich jetzt leid thun! Und Elisen begreife ich nicht recht, wie sie doch die Tochter so ruhig an dieses Mannes Seite wissen kann. Ruhig? entgegnete Julchen bewegt, ruhig ist sie wirklich nicht; findest Du nicht, daß die arme Elise in dem letzten Jahre alt geworden ist? Ihr Haar fängt plötzlich an grau zu werden, sie kann gar nicht mehr vergnügt sein. Daß sie sich von ihrem Mann und von den Eltern gern beruhigen läßt, ist ihr zu gönnen. Ja, die guten Großeltern sind unbegreiflich, sagte Emilie scharf. Als ob sie Elisabeth und Kadden gegenüber ihr gesundes, richtiges Urtheil aufgegeben hatten. Kadden ist und bleibt ihr Liebling, ja die Großmama möchte ihn nur immer trösten, möchte das ganze Unglück allein in Elisabeths Nerven finden, und erwartet von den Seebädern Wunder. Aber auch die Seebäder werden hier nicht helfen (bestimmte sie ruhig), es konnte nicht anders kommen. Wie kann eine Liebe zwischen zwei so heftigen, eigenwilligen Leuten, bestehen? Ich habe es längst vorausgesagt, niemand wollte mir glauben. Wenn ich ihre Brautzeit bedenke – Das war wirklich ein liebliches Bild, unterbrach sie Julchen lebhaft, und es kann einem zu weh thun, wenn man sie jetzt sieht. Ja, ein liebliches Bild, fuhr Emilie fort, eine Seifenblase im Sonnenschein; ich sage Dir aber, Julchen, wir haben das Ende der traurigen Geschichte noch nicht erreicht, ich sehe es deutlich vor Augen. Wenn aber Eltern und Großeltern sich darüber beruhigen, werde ich es auch können. Sie konnte es aber nicht. Als am Abend Kadden und Elisabeth fort waren, und sie nur im engsten Kreise mit den Großeltern, mit Elisabeths Eltern und Oberförsters war, brachte sie die Unterhaltung auf das verstimmte junge Paar, und Julchen war sehr bereitwillig ihr dabei zu helfen. Emiliens entschiedener Rath war: sie müßten jetzt beide ermahnt und gewarnt werden, der Abgrund, an dem sie stünden, müßte ihnen gezeigt werden, denn von ihrem jetzigen Verhältniß bis zum Verlangen nach Scheidung sei nur ein kurzer Schritt. Julchen war nicht ganz einverstanden mit Emilien, sie meinte, Elisabeth hätte ihren Mann zu lieb, ihr Herz würde nie einen solchen Gedanken fassen können. Ihr täuscht Euch auch in Elisabeth, versicherte Emilie; sie hat sich zu sehr in Liebe verwöhnen lassen, bei einem so leicht erregbaren Gemüthe kann Liebe sich schnell in Zürnen verwandeln, ja selbst ihr Stolz, ihr Selbstgefühl muß sich gegen eine solche Behandlung sträuben. Der Großvater hatte ruhig zugehört, jetzt aber nahm er ernsthaft das Wort: Vor allen Dingen bemüht Euch nicht, die Sache zu übertreiben, sprecht nicht zu viel davon, auch nicht unter einander mit unnützen Worten. Haltet Ihr die Sache wirklich für bedenklich, so tragt sie in herzlicher Theilnahme dem Herrn vor. Ja, Kadden hat mir heute leid gethan, sagte die Großmutter, er mußte Euer Wesen drückend fühlen, und selbst Elisabeth habt Ihr heute förmlich verführt und von ihm abgewandt. Aber, liebe Tante, begann Emilie mit einem verwunderten Kopfschütteln. Laß nur, liebes Kind, unterbrach sie die Großmama, Ihr wißt recht gut, was ich meine, und werdet mir auch Recht geben müssen, Elisabeth hat doch die größte Schuld, wenn ich sie auch gern entschuldige mit ihrer Krankheit, wir können jetzt nichts Besseres thun, als ihn trösten und es ihm leicht machen, daß er Geduld mit ihr hat. Nun, liebe Tante, entgegnete Emilie ruhig, wir wollen nicht weiter sprechen darüber, unsere Ansichten sind zu verschieden, ich will ja wünschen, daß ich Unrecht habe, fürchte aber das Gegentheil. Elise und Julchen schwiegen. Sie waren augenscheinlich auf Emiliens Seite. Der Großvater versicherte noch einmal, und Schlösser und der Geheimerath waren mit ihm einverstanden: wenn Elisabeth wohler wäre, würde sich das Verhältniß besser gestalten; wäre es auch immer keine Muster-Ehe zu nennen, so wäre doch auch an etwas wie Scheidung nicht der entfernteste Gedanke. Man sah es dem Großpapa an, er wollte nicht näher auf das Gespräch eingehen, er schloß noch einmal mit der Ermahnung, sie sollten nur nicht so viel Familien-Geschwätz daraus machen und die Sache in Theilnahme auf ihrem Herzen tragen; er versprach aber zugleich, daß es bei der Verabredung bleiben und Elisabeth gleich nach der Badezeit als Nachkur mit ihren Kindern zu ihnen nach Woltheim kommen und während des ganzen Herbstmanövers dort verweilen sollte. Elisabeth war indeß an ihres Mannes Seite nach Hause gefahren. Anfangs hatte sie Furcht vor einer heftigen Scene, aber bald gewahrte sie, daß er kalt und ruhig blieb. Sie versuchte nun, mit ihm zu reden, – durch ihr ganzes Wesen ging der stille sehnende Zug, ihn zu begütigen. Es gelang ihr nicht. Er konnte sich nicht überwinden. Sie hatten ihn heute auf die empfindlichste Weise getränkt. Sie gab endlich jeden Versuch auf und saß schweigend und kummervoll neben ihm. Am andern Morgen war Elisabeth allein, ihren Mann hatte sie noch nicht gesehen, er war fort geritten, ohne ihr guten Morgen zu sagen. Sie überlegte sich den vergangenen Tag; was hatte sie denn eigentlich verbrochen? Sie konnte jetzt kaum Unrecht entdecken, und ihre Gedanken über das Wesen ihres Mannes wurden immer anklagender. Wenn er mich vernachlässigt, soll ich mir nicht Trost in meiner Familie suchen? Bin ich denn nicht schwach und elend und beklagenswerth? Wie wird er nun wieder tagelang gegen mich sein? Heute Nachmittag wird er jedenfalls gar nicht zu Hause sein? Ein unüberwindliches Verlangen, diesen Nachmittag mit ihren Eltern und Geschwistern zusammen zu sein, bewegte ihr Herz. Ja, wenn sie nur hätte zu Fuß gehen können, so würde der Besuch keine Schwierigkeiten gehabt haben, ihr Mann würde aus ihrer Abwesenheit sich nicht viel machen, – das setzte sie zürnend, aber doch mit großem Herzweh hinzu. Bei Tische war Kadden wieder wie immer, er sprach mit Elisabeth von gleichgiltigen Dingen und sprach freundlich und liebreich mit dem kleinen Friedrich. Als sie vom Tisch aufgestanden, konnte Elisabeth ihrer inneren Aufregung nicht widerstehen, sie mußte von ihren Wünschen nach Woltheim sprechen, obgleich eine Stimme in ihrem Herzen sie entschieden davor warnte. Sie entschuldigte sich aber in ihren Gedanken: wenn er immer nur an sich denkt, warum soll ich nicht auch einmal an mich denken? Und überdem ist es der einfachste Wunsch von der Welt. Heute sind sie noch alle in Woltheim beisammen, begann sie zagend. – Ihr Mann schwieg. – Ich wäre so gern dort gewesen, fuhr sie fort. Heute wieder? fragte er verwundert. Ich werde meine Geschwister den Sommer nicht mehr sehen, und ob ich den Nachmittag hier bin oder nicht, das ist doch gleich. Er sah sie an mit dem schnellenden fragenden Blick; wenn sie vernünftig war, hätte sie jetzt aufgehört, aber der Gedanke, er könne ihr die Bitte abschlagen, er könne ihr den Besuch geradezu verbieten, reizte sie im voraus. Wenn ich nur gehen könnte, sagte sie entschlossen, es wäre doch ganz natürlich, daß ich heute wieder dort wäre. Ich habe auch nichts dagegen, sagte er schnell. Ich kann aber nicht gehen, fuhr sie in gereiztem Tone fort. Du willst doch keinen Wagen nehmen? fragte er unwillkürlich. Das wäre freilich zu viel verlangt, sagte sie mit leiser Stimme und verließ das Zimmer. Sie stand am Kinderstubenfenster in einer sehr traurigen Stimmung. Aerger und Unwillen und die Stimme des bösen Gewissens stritten sich um die Oberhand, da hörte sie plötzlich ihren Mann den Burschen rufen und nach einem Wagen schicken. Noch einige Minuten stand sie erschrocken und nachdenklich, dann ging sie in ihres Mannes Zimmer. Ich möchte doch lieber hier bleiben, sagte sie mit stockender Stimme. Er sah gar nicht vom Schreibtisch auf, vielleicht hätte ihre ganze Erscheinung, ihr bittender Blick ihn bezwungen. – Wenn der Wagen zu haben ist, wirst Du nun hin fahren, entgegnete er ruhig. Nein, Otto, ich möchte wirklich lieber hier bleiben, bat sie noch einmal. Und Du wirst wirklich hin fahren! fuhr er heftig auf. Jetzt bitte ich Dich, geh, setzte er ruhig hinzu. So antwortet eine Sünde auf die andere, und ein Mißverständniß knüpft sich an das andere. Elisabeth verließ unglücklich das Zimmer und fuhr ebenso bald darauf nach Woltheim. Ihre Familie war überrascht durch ihr Kommen, es war ganz gegen die Verabredung. Elisabeth war aber auch nicht im Stande, ihre unglückliche Stimmung zu verbergen, und Elisens Mutterherz wurde immer schwerer, wenn sie so an der Tochter selbst die Bestätigung von Emiliens unglücklichen Profezeihungen sah. Sie konnte es auch nicht lassen – doch that sie es nur im Beisein der Großmutter, – Elisabeth nach der Ursache ihrer heutigen Verstimmung zu fragen. Otto wünschte nicht, daß ich her fuhr, und ich hatte doch so große Sehnsucht, war ihre stockende Antwort. Armes, liebes Kind, sagte Elise und liebkoste ihre Wangen. Die Großmutter aber sagte etwas vorwurfsvoll: Wenn er es nicht gern sah, mußtest Du lieber zu Hause bleiben. Elisabeth schüttelte nur traurig mit dem Kopf, sie wollte nichts weiter sagen. Als sie recht früh wieder an die Rückfahrt dachte, wurde sie von niemanden zurückgehalten. Diesen Nachmittag war Kadden nicht mit seinen Bekannten, die Politik interessirte ihn heute nicht, er war mit sich selbst beschäftigt. Um ganz allein zu sein, wählte er den einsamen Spaziergang auf dem Grasrain hinauf, so unglücklich, so ohne Aussicht auf Glück, hatte er sich noch nie gefühlt. Wie stand er gestern der Familie seiner Frau gegenüber, wie hatten ihn diese Frauen unzart und rücksichtslos behandelt. Nur Schlösser und der Großpapa waren unbefangen, und die liebe Großmama war liebreich wie immer, sie hatte auch freundlich seine Hand genommen und ihm tröstlich in die Augen geschaut, als wollte sie sagen: Lieber Otto, es wird wieder besser werden. »Nur der Großeltern Wesen hatte ihn bewegt zum geduldigen Ausharren den ganzen langen Tag hindurch. – Auch Elisabeth, wie konnte sie so gegen ihn sein, ihn absichtlich kränken, mit einer gewissen Befriedigung ihn seine Unfreundlichkeiten einmal entgelten lassen! Er überlegte nicht ihre Reue, ihren Kummer, ihr Herzweh, er gedachte nur ihres Unrechtes und wollte damit sein heutiges Thun wieder entschuldigen. Daß es ihm nicht gelang, daß sein Gewissen leise klagte, vermehrte nur die Verwirrung seiner Empfindungen. Er kehrte von seinem Spaziergang zurück mit dem festen Entschluß, vorsichtig zu sein und seine Pflicht zu erfüllen. Mit diesem Trost, der ihn in der letzten Zeit immer mehr und mehr getäuscht, mußte er sich auch heute begnügen. Er war noch nicht lange auf sein Zimmer zurückgekehrt, als Elisabeth vorfuhr. Er hatte sich vorgenommen, die Sache als abgemacht zu betrachten, ruhig und freundlich wie immer zu sein, und fühlte sich beinah stolz, daß er den Entschluß fassen konnte. Aber sein Herz war doch unruhig, als er Elisabeths leise zögernde Schritte im Nebenzimmer hörte und als sie dann die Thüre öffnete. Sie war von der Qual des Nachmittags wirklich angegriffen, – sie konnte nicht anders, als sie zu ihm trat, mußte sie heftig weinen. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und bat: Otto, sei mir nicht böse! Das kam ihm unerwartet, er sah sie unruhig an, er war wirklich bereit zur Versöhnung. Ich will Dir nicht böse sein, versicherte er aufrichtig. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und bat noch einmal: Verzeihe mir nur, ich bin zu unglücklich gewesen. Ich verzeihe Dir, versicherte er noch einmal, aber nun beruhige Dich, wir wollen uns das Leben nicht schwer machen, es soll alles gut sein. Sie sah ihn traurig an. Wenn er ihr doch erlaubt hätte, sich auszusprechen. Aber das war ihm unbequem, es war ohne Vorwürfe für ihn nicht möglich, er fürchtete sich davor; Elisabeth konnte ihn dabei nur wieder reizen, dann gab es wieder eine Scene. Aber sie wollte ihn heute nicht reizen, sie wollte ihn nur versöhnen: Otto, es war so Unrecht von mir, begann sie noch einmal. Ich bitte Dich, laß es gut sein, bat er ganz freundlich, aber auch abwehrend, wir wollen es beide vergessen, ich bin Dir ganz gewiß nicht böse. Sie schwieg, sie fühlte es kalt am Herzen, sie reichte ihm freundlich die Hand, er geleitete sie nach der Stubenthür, er küßte sie zerstreut auf die Stirn und sie ging in ihr Schlafzimmer. Hier saß sie trostlos. Es war ihr klar: er hatte sie nicht mehr lieb, er verlangte nach keiner Verständigung; er wollte nur äußerliche Ruhe. Wie sollte sie das aber ertragen? Wenn sie auch jetzt matt und krank war, wenn auch jetzt auf ihrem ganzen Seelen- und Herzensleben eine Decke lag, es gab ja doch Tage und Stunden, wo es in ihrem Herzen freudig hoffend aufblitzte, ihr Herz war doch immer das alte liebebedürftige und liebewarme. – Es ist alles vorbei! dachte sie und weinte ohne Aufhören. Er hat dich nicht mehr lieb, –warum hat er dich aber überhaupt lieb gehabt? setzte sie trostlos hinzu. Ach ja, laß es nur gut sein, wollte sie sich trösten; aber fühlte sie sich denn nicht von allen Menschen und von Gott verlassen? Beten konnte sie nicht, sie konnte immer nur noch weinen. Ihr Mann saß in seiner Stube, er hatte arbeiten wollen, aber er konnte es nicht. Er griff unentschlossen nach seiner Mütze, und unentschlossen warf er sie wieder hin. Er wußte es, was er Elisabeth jetzt gethan hatte, er kannte ihr warmes Herz, ihr hilfesuchendes, ihr trostbedürftiges Herz, er hatte sie von sich gewiesen, sie war verlassen in der Welt. Er wollte ihr Trost und Schutz und Hilfe sein, nur heute nicht, heute konnte er sich nicht bezwingen. Sie erschien bei Tische, er sah es, daß sie geweint hatte, er wollte es nicht sehen, Er war freundlich und aufmerksam, und Elisabeth war es auch. Wenn er dich nicht mehr lieb hat, dachte sie in stiller Resignation, wird sich dein Herz gewöhnen, keine Ansprüche an ihn zu machen, und es wird dir nicht zu schwer werden, aufmerksam und freundlich mit ihm zu sein. Das Herz ist aber ein trotzig und verzagt Ding, besonders ein warmes Herz: in einer Stunde kann es so vernünftig kühle Vorsätze fassen, und wirft in der anderen Stunde alles über Bord. 26. Erschütterung und Besinnung Vierzehn Tage waren in gegenseitiger Vorsicht, aber traurig genug vergangen, jetzt mußten ernstlich Vorbereitungen zur Badereise gemacht werden. Der Arzt hatte Wangeroge bestimmt. Elisabeths Nerven sollten sich hier erneuen, auch sollten die Seebäder ihren Mann von den Kopfschmerzen, die ihn in der letzten Zeit immer häufiger und auch heftiger gequält hatten, befreien. Die Badereise war in der Familie genug besprochen, das Großmutterherz blieb dabei, sie werde Wunder thun, Elisabeths Gesundheit herstellen und Kadden wieder glücklich und zufrieden machen. Sie hatte beim Abschiede Elisen noch ernstlich damit trösten wollen, zu Emiliens und Julchens Verwunderung, die nach den letzten Erlebnissen immer sicherer in ihren Voraussetzungen wurden. Seit einiger Zeit wurden aber nicht allein in der Familie solche Voraussetzungen gefaßt, auch Kaddens Freunde fingen an, Elisabeths Leiden nicht nur in den Nerven zu suchen. Stottenheim, der aufrichtigen Antheil an dem jungen Paare nahm, konnte es nicht lassen, im höchsten Vertrauen seinen Schmerz über dies traurige Verhältniß zu den neugierigen Töchtern des Obersten auszusprechen. Sein gutmüthiges Herz wußte nicht recht, ob es für Elisabeth oder Kadden stimmen sollte, er fand einen Ausweg in der Ansicht, daß sie wirklich nur beide nicht für einander paßten. Sie war so zart und fein und allerliebst, und Kadden der bravste Mensch von der Welt: dabei blieb er stehen. Nein, sie ist eine zimperliche, zartfühlende, eigensinnige Person! versicherte einmal bei solcher Gelegenheit Adolfine. Daß er heftig ist, hat sie vorher gewußt, nun mußte sie vernünftig sein und sich fügen. Ein Mann wie Kadden, neben einer Frau mit so verschrobenen Ansichten – es muß für ihn verzweifelt schwierig sein! Der Oberst hatte sich in das Gespräch gemischt und versicherte, es sei für solche Leute kein anderer Ausweg, als sich scheiden zu lassen, es sei gerade so, wie damals mit seiner Cousine, es fange leise an, werde aber immer unerträglicher. Er habe übrigens von seinem jugendlichen Hitzkopf ähnliches erwartet, und nichts hatte seine Befürchtungen mehr befördern können, als daß Kadden in eine pietistische, höchst einseitige Familie gerathen sei. Er werde noch einige Zeit mit den Ketten klirren und sich dann plötzlich und recht unerwartet losreißen. Stottenheim, obgleich er es durchaus nicht wünschen konnte, mußte gestehen, daß er dieselben Befürchtungen schon längst gehegt, obgleich er für sich selbst durchaus nicht gegen die pietistische Familie sein konnte; es waren vortreffliche und ehrenwerthe Leute, für ihn selbst konnten ihre Ansichten etwas Hinreißendes haben, sie paßten aber ganz und gar nicht zu Kaddens Natur. Elisabeth hatte an die Reise, besonders auf die tröstlichen Versicherungen des Großmutterherzens, wieder hoffende Gedanken geknüpft. Sie konnte sich darauf freuen, besonders da ihr Mann darauf eingegangen war, die Kinder mitzunehmen. Als sie am Abend vor der Abreise mit Packen und Ordnen fertig und etwas erhitzt davon war, ging sie in den Garten, und ihr Mann fand sie, als sie neben einem blühenden Rosenstrauch stand und einige halbaufgeblühte Knospen pflückte. Ihre Wangen waren leise geröthet, sie sah vergnügt und freudig aus, und hätte sie gesehen, wie seine Augen so warm auf ihr ruhten, so wäre das ein Sonnenstrahl für ihr zagendes und zweifelndes Herz gewesen. Im Augenblick hatte sie sich mit schönen Reiseaussichten und mit Hoffnung auf Genesung beschäftigt, – sie sah ihn mit ihren großen lieblichen Augen ganz harmlos an und sagte: Diese Rosen pflücke ich mir jetzt, und wenn sie in Wangeroge recht schön aufblühen, soll es mir ein Zeichen sein, daß ich frisch und fröhlich dort werde. Liebe Elisabeth, sagte er bittend, sie könnten aber schon unterwegs verblühen, und dann könntest Du Dir gar einbilden, die Bäder helfen Dir nicht. Ich denke die Rosen läßt Du lieber. O, nein, die lasse ich nicht, sagte sie lächelnd und in ihrem alten liebenswürdigen bestimmenden Ton. Mir zu Liebe thust Du es doch, bat er und legte seinen Arm um ihre Schulter. Sie sah ihn an. Das war ein Ton und ein Blick, der ihre Seele bewegte; sie wagte aber nicht, diesem Ton zu trauen, und wagte nichts zu entgegnen, sie reichte ihm nur die Rosen hin. Er nahm ihr die Blumen aus der Hand und sagte freundlich: Du kannst sie auch mitnehmen, sie sollen Dich morgen während der Reise freuen, aber am Abend werfen wir sie ruhig fort. Sie nickte und war es zufrieden. Am andern Tage sehr früh traten sie die Reise an. Außer den Kindern und dem Kindermädchen nahmen sie noch den Burschen mit. Im Anfang ging es recht gut, der Morgen war herrlich kühl, der kleine Friedrich unterhielt sich sehr gut, die kleine Marie schlief viel. Aber die Reise war lang, der Tag wurde heißer, Friedrich wurde ungeduldiger, und weil seine Mama nicht Lust hatte, auf seine vielen Fragen zu antworten, so wandte er sich damit immer zu dem Papa, bis dieser sich auch still in die Ecke lehnte und über Kopfweh klagte. Das gute Kindermädchen that, was in ihren Kräften stand, aber beide weinende Kinder zu beruhigen war unmöglich, und die ganze Reisegesellschaft kam in höchster Verstimmung in Hannover an. Hier sollte gegessen werden, Herr von Kadden, anstatt die Einrichtung dazu zu treffen, legte sich in die Sofaecke und schloß die Augen. Er war gewiß leidend, er war so bleich, Elisabeth sah ihn aufmerksam an. Wenn sie sich nur hätte überwinden können, ihm einige Worte der Theilnahme zu sagen. Sie fürchtete aber, er möchte als Antwort nur ein abwehrendes Zeichen mit der Hand machen, wie er schon öfters gethan, und das konnte sie nicht ertragen. Auch gesellte sich zu ihrer theilnehmenden Liebe sogleich das Zürnen. War sie nicht eben so elend als er, und hatte er denn die geringste Theilnahme für sie? In allem Trübsal und Kummer über ihre verwehte Liebe konnte sie es doch nicht lassen, immer zuerst an sich zu denken, sich immer als die erste zu betrachten. So wie der Hochmuth nicht glauben läßt, so läßt er auch nicht lieben; die Demuth, die beides so selig und leicht macht, kommt aber dem natürlichen Menschen gar zu schwer an. Nachdem Elisabeth mit den Kindern gegessen hatte, gingen das Mädchen und der Bursche mit ihnen hinaus, damit ihr kranker Herr ungestört sei. Elisabeth war in dem kleinen Stübchen neben dem größeren Wartezimmer mit ihrem Mann allein, er lag noch immer mit geschlossenen Augen, er hatte nichts gegessen. Sie stand am Fenster, sah auf den weiten stillen Platz, über den zuweilen nur einzelne Menschen gingen, – fremde Menschen. Der Himmel stand hoch und blau über den fremden Häusern, ja sie war zum erstenmal in der Fremde und fühlte sich auch einsam und verlassen. Sie sah in den blauen Himmel hinein. Wenn ich den Herrn lieben könnte, dachte sie traurig, würde ich mich nicht allein fühlen. Aber ihr Herz war schwer und lau, zum innigen Gebet kam sie nicht mehr, sie konnte nur seufzen oder matte Gedanken hinauf schicken. Sie kannte es, wie wunderbar das ist, den Herrn lieben, wie das Herz dann so ruhig und friedlich und selig ist. Zuweilen erfaßte sie eine große Sehnsucht danach, und die Sehnsucht selbst war schon so friedebringend. Aber das waren nur kurze Lichtblicke, so ganz ohne ihr Zuthun, denn sie konnte ja gar nichts thun. Ebenso war es mit dem Bibellesen, sie sah wohl in das Buch, las einige Verse mit zerstreutem lauem Sinn und legte es wieder traurig fort. Auch heute hatte sie ihre kleine Bibel in ihrem Täschchen bei sich; aber zum Entschluß, darin zu lesen, kam sie nicht, trotz ihres Einsam- und Verlassenseins. Ja wenn ihr Herz den Herrn lieben könnte, und ruhig und friedlich und selig wäre, dann könnte sie auch hingehn zum Gemahl, zu seiner Seite hinknieen, theilnehmend die Hand liebkosen, und wenn er sie auch abwehrt, doch leise an seiner Seite bleiben, bis ihm die Theilnahme selbst wohlthuend ist und er dankbar die Hand auf ihren Kopf ruhen laßt. – Der Gedanke durchzuckte ihr Herz, sie trat dem Sofa näher, sie stand zagend, – da schlug er die Augen auf und sah sie so verwundert an. Sie wandte sich erschrocken wieder zum Fenster. – Nein, die Zeiten, wo es so zwischen beiden stand, waren unwiederbringlich vorüber. Um vier Uhr brauste der Zug weiter, die Kinder waren erfrischt, der kühlere Abend und die nur noch kurzen Stunden der Fahrt machten überhaupt die Reiseaussicht nicht mehr schlimm. Es ging auch recht gut. In der letzten Zeit schliefen beide Kinder, die Eltern ruhten wenigstens mit geschlossenen Augen, und sie waren alle überrascht, als der Zug in Bremen hielt. Jetzt kam aber noch der unangenehmste Theil der ganzen Reise. Das Auspacken und Nachsehen der vielen Sachen, die Wahl des Gasthofs, und überhaupt das Befördern dahin. Schon bei ganz gesundem Kopf ist das alles sehr verdrießlich. Herr von Kadden übernahm es trotz des Kopfwehs, und Elisabeths Stimmung machte ihm die Sache nicht leichter. Endlich waren sie glücklich im Gasthof angekommen, Elisabeth wurde mit den Kindern in einige freundliche Zimmer geführt, während ihr Mann noch mit den Sachen beschäftigt war. Er kam endlich. Ich habe uns nur die Reisetaschen bringen lassen, sagte er, die Koffer und Kisten habe ich dem Lohnbedienten übergeben, der sie gleich morgen früh nach dem Dampfschiff bringen will. Den einen Koffer muß ich aber behalten, um die Einkäufe, die ich hier mache, einzupacken! unterbrach ihn Elisabeth lebhaft. Du willst hier noch Einkäufe machen? fragte er verwundert. Das weißt Du doch? entgegnete sie gereizt. Allerdings wußte er es, es war zu Hause weitläuftig besprochen. Elisabeth hatte im vergangenen Sommer und auch in diesem, wo sie unwohl war, gar nicht an ihren Anzug gedacht, zu dieser Badereise fehlte ihr manches, und es ward ihr von Bekannten gerathen, in Bremen, wo man so schöne und geschmackvolle Sachen haben könnte, das Nöthige zu kaufen. Ihr Mann selbst war ganz einverstanden damit, ja er hatte ihr versprochen, sie in alle Läden zu begleiten, oder wenn sie angegriffen wäre, alles für sie zu besorgen. Sie überlegte sich jetzt nicht, daß er seine Gesinnung darin nicht geändert hatte, daß er ihr herzlich gern alles anschaffen möchte, wenn das nur möglich war, ohne daß er davon hörte; sie überlegte nicht, daß er verstimmt war, angegriffen von der Reise, daß er überhaupt nicht Lust hatte, etwas zu besorgen und zu bedenken, und daß es ihm im Augenblick, wo er glaubte, mit allem fertig zu sein, höchst unangenehm war, von neuen Unruhen und Besorgungen zu hören. Sie hätte es wohl überlegen können, sie hatte Erfahrung genug, sie wollte es aber nicht. Nein, es war ihr gerade recht, jetzt ihre eigene gereizte Stimmung mit gutem Recht an ihm auslassen zu können. Sie folgte ihrer bösen Laune und dachte: wenn er mich noch lieb hätte, würde er so nicht reden, es ist ihm aber jetzt gleich, was ich anziehe. Wie unrecht ist es, sich das merken zu lassen! Wie schwer wird es mir, überhaupt in der Art etwas von ihm zu verlangen. So flogen ihr die Gedanken durch den Kopf, als er ihr entgegnete: Ja, ich erinnere mich, Du wolltest hier einkaufen, aber laß mich nur heute in Ruhe. Wenn der Koffer morgen früh schon nach dem Dampfschiff soll? fragte sie gespannt. So gehe jetzt hin und kaufe alles, entgegnete er ruhig und reichte ihr seine Börse. Ich soll doch nicht allein in der fremden Stadt umher laufen? fuhr sie in demselben Tone fort. So nimm Wilhelm mit, war seine Antwort. Wilhelm war der Bursche. Das würdest Du früher nicht von mir verlangt haben, klagte sie jetzt. Ich bitte Dich, Elisabeth, schweige, quäle mich heute nicht! war seine ernste Forderung. Vorwürfe darf ich Dir nie machen, fuhr sie fort, ich soll immer schweigen, wenn ich auch Recht habe. Elisabeth, ich werde sehr heftig, wenn Du noch ein Wort sprichst, sagte er und stand zürnend vor ihr. Aber sie dachte: An diese Heftigkeit bin ich ja gewöhnt, und die Vorsicht in den letzten Wochen ist mir zu schwer geworden, jetzt muß ich mich aussprechen, ich habe einmal angefangen, nun soll es auch alles von dem Herzen, er muß einmal sein Unrecht hören können. – Ja immer heftig und unfreundlich bist Du gegen mich, sagte sie mit bebender Stimme; wenn Du zu allen Menschen freundlich bist und nachsichtig und höflich. Elisabeth schweig! rief er noch einmal mit kämpfendem Zorn. Ich muß alles tragen, fuhr sie leise fort, selbst mit dem Dienstmädchen kannst Du freundlich sein. Du sollst schweigen! rief er jetzt und holte drohend mit der Hand aus, ja wenn sie sich nicht erschrocken von der Seite gebogen, er hätte sie gewiß geschlagen. Ihr erstes Gefühl war, ihm zu Füßen zu sinken und um Verzeihung zu bitten, da hörte sie ihn sagen: O du Qual meines Lebens! Ach da stürmten auch andere Gefühle über sie ein. Er hat dich schlagen wollen, – dich, die Mutter seiner Kinder, – er liebt dich nicht, er achtet dich nicht, – es ist alles vorbei! Als er sich jetzt selbst von seinem Schrecken erholt hatte und wieder zur Besinnung kam, trat er zu ihr. Er wollte ihre Hand nehmen. Elisabeth, habe doch Mitleid mit mir, wozu bringst Du mich doch. – Sie nahm seine Hand nicht und sah nicht auf. – Elisabeth, verzeihe mir! bat er und griff noch einmal nach ihrer Hand. Sie wehrte ihn zurück und sagte: Nie, nie, – es ist alles aus, – es ist auch so am besten! Er wußte nicht, ob er sich darüber betrüben, oder ob er zürnen sollte, das letzte lag ihm näher. Er wandte sich von ihr und trat an das Fenster. Sie bemerkte jetzt erst, daß sie sich vorhin bei der schnellen Bewegung des Kopfes mit der Schläfe an die Sekretär-Ecke gestoßen hatte. Die Stelle schmerzte sehr und einzelne warme Blutstropfen rannen am Halse nieder. Sie war wie betäubt, sie setzte sich auf das Sofa. Also jetzt waren des Großvaters Profezeihungen eingetroffen und auch Emiliens, – o wie entsetzlich war das! – Jetzt wäre es vielleicht Zeit gewesen ein Vater Unser zu beten, aber daran war nicht zu denken, es war grau in ihr und über ihr, sie hätte sterben können ganz ohne Todesfurcht, es war ihr alles gleich. Als ihr Mann sich bald vom Fenster wandte, sah er sie bleich, mit geschlossenen Augen, und helle Blutstropfen auf ihrem weißen Kragen. Was hast Du gemacht, Elisabeth? Du blutest? fragte er erschrocken. Ich habe mich gestoßen, entgegnete sie, es ist aber nichts. Sie wischte sich mit dem Taschentuch das Blut ab und schloß die Augen wieder. Als zu gleicher Zeit der Kellner kam, um das Abendbrot anzurichten, stand sie schnell auf, ging in das Schlafzimmer und legte sich auf ihr Bett. Herr von Kadden sagte dem Kindermädchen, seine Frau habe sich gestoßen, sie möchte Wasser und Arnika besorgen, das Mädchen sagte es dem Burschen, der lief zur Wirthin, und diese, eine sehr gefällige Frau, kam mit der Arnika selbst in das Schlafzimmer, um die Wunde zu sehen. Elisabeth sah sie eintreten, und sah, wie ihr Mann ihr ein leinenes Tuch reichte; als aber beide dem Bette näher kamen, schloß sie die Augen, sie konnte unmöglich mit der Frau reden, sie ließ geduldig die Wunde untersuchen und das nasse Tuch auflegen. Eine gefährliche Stelle, flüsterte die Frau, nun Gott sei Dank, daß es so ablief, das hätte schlimm werden können. – Den Leuten versicherte sie, die Dame liege in einer förmlichen Betäubung von dem Stoß, und es fiel niemanden auf, daß Elisabeth nicht zu Abend aß und auch nicht zum Vorschein kam. Am andern Morgen frühstückte Herr von Kadden mit den Kindern allein; Elisabeth hatte die Augen noch nicht aufgethan, obgleich er wohl denken konnte, daß sie nicht schlief. – Es trieb ihn bald aus dem Haus. Für die Schönheiten der Stadt hatte er keinen Sinn, aber es war ihm eine Erquickung, in den schattigen Anlagen ganz allein zu wandeln. Viele Leute, vornehme und geringe, liefen mit gleichgiltigen Gesichtern an ihm vorüber, wie lieb war es ihm, daß er so ganz fremd hier war, so ganz unbemerkt hier gehen konnte, und er sehnte sich förmlich nach dem Dampfschiff, das ihn noch weiter in die Fremde hinein tragen sollte. – Wenn er jetzt hätte seinen Freunden begegnen müssen, Stottenheim gegenübertreten, der ihn schon oft mit seinen zudringlichen freundschaftlichen Reden gequält hatte! – Es ist ein Unglück, hatte er erst noch kürzlich gesagt, daß Deine liebe Frau zu ideale Ansichten vom Leben hat, und daß Du nun davon angesteckt bist. Ihr macht Euch beide das Leben ohne Noth schwer, sie verlangt zu viel von Dir, ein Mann kann doch nicht immer wie ein Bräutigam sein. Es ist wahr, ich habe noch nie etwas lieblicheres und reizenderes gesehen, als Deine junge Frau, sie war so zart, so allerliebst. – Ist sie das nicht mehr? hatte Kadden gefragt. – Sie ist es freilich noch, war Stottenheim eifriger fortgefahren, das ist ja eben ihr Unglück, denn Du, mein lieber Freund, bist nicht so geblieben. Du konntest auch nicht so bleiben, und daß Du Dich darüber plagst, das ist eben Eure gegenseitige thörichte Quälerei. – Du irrst Dich, hatte Kadden zürnend erwiedert, unsere idealen Ansichten quälen uns nicht, aber die jämmerlichen Ansichten, die in Eurer Gesellschaft herrschen, die haben uns gequält. – Jetzt, Kadden, sei aufrichtig, hatte ihn Stottenheim unterbrochen, habe ich je Eure schwärmerischen Ansichten angegriffen? Haben wir es nicht eigentlich alle vermieden, mit Euch über solche Dinge zu streiten? – Das war auch gar nicht nöthig, war Kaddens kurze Antwort; nur in solcher Luft zu leben ist das Verderben eines jeden inneren Lebens. – Allerliebst! wirklich man könnte erschrecken, hatte Stottenheim verdutzt entgegnet, aber ich erlaube Dir, zu reden wie Du willst, und versichere Dich, ich nehme Dir nichts übel, ich weiß, wir werden uns dennoch verständigen. – Nein, nie verständigen! hatte Kadden weiter gezürnt, ich kann Dir nur gestehen, daß ich ein elender, armseliger Mensch bin, daß ich Elisabeth dem Verderben Eurer ganz gemüthlich aussehenden Lebensanschauungen ausgesetzt, und wie Du sagst, ihr zartes, allerliebstes Seelenleben erschüttert habe. Das sind die gegenseitigen Quälereien allerdings. Aber mit des Herrn Hilfe wird es ja endlich anders werden. – Wie schwärmerisch klingt das wieder: Mit des Herrn Hilfe! Was soll Dir der Herr bei so herkömmlichen, einfachen, vernünftigen Dingen helfen? Man könnte ganz verwirrt werden, wahrhaftig. – Ist Er, hatte ihn Kadden unterbrochen, nicht im vergangenen Jahre mächtig zwischen Eure erbärmlichen vernünftigen Ansichten dreingefahren? Denkt Ihr nicht alle schon anders über die gläubigen Leute, auch über unsern Pastor? Bist Du nicht selbst entzückt gewesen über unsern alten Herrn von Budmar, wie er dem kleinstädtischen Trödel gegenüber so ruhig und zuversichtlich und erhaben blieb, und wie der Oberförster so einfach und humoristisch Ordnung hielt. – A la bonheur , war Stottenheim darauf bei der Hand gewesen: in politischer Hinsicht nehme ich meinen Hut vor diesen Leuten ab. Ja in der Hinsicht ist uns allerdings im vergangenen Jahre das Verständniß geöffnet, und es wäre ein Frevel, die Hand Gottes da wegzuleugnen. – So bedarf es auch nur der Hand Gottes, das Verständniß in Glaubenssachen zu öffnen, hatte ihn Kadden unterbrochen, und uns darin stark zu machen. Er sprach gern so zu Stottenheim, es war ihm ein Trost und eine Stärkung; wenn er nur auch die Kraft gehabt hätte danach thun! – Wir sind aber auf ein ganz anderes Kapitel gekommen, däucht mich, hatte Stottenheim noch einmal gesagt. Denke Dir, Deine Frau wäre anders erzogen, hätte nicht so ideale Ansichten, wäre nicht so zartfühlend, das wäre jedenfalls besser. Du könntest heftig sein, zuweilen auch etwas ausfallend, du lieber Gott! ein Mann hat das nicht immer in seiner Gewalt, besonders wir armen Soldaten, die wir gezwungen sind, so viel mit der rohen Natur zu verkehren. Wenn sie sich das nicht zu Herzen nähme, ich möchte sagen, es wie ein Gewitterschauer über sich hingehen ließe. – Vielleicht wieder etwas ausfallend wäre, hatte ihn Kadden spöttisch unterbrochen. – Meinetwegen, das müßtest Du Dir gefallen lassen! lachte Stottenheim, aber wenn es vorüber, wäre es vergessen. Du bist ein so grundbraver, ehrenwerther Mensch, warum kann das eine Frau nicht ebenso im Auge behalten, als ich? Mir sollte doch wahrhaftig nie einfallen, Dir Deine Heftigkeit abzugewöhnen, sie verletzt mich gar nicht. – Stottenheim! hatte Kadden ernsthaft gesagt, merke auf, um meinetwillen müßte Deine Liebe das an mir nicht dulden wollen. – Stottenheim hatte ihn mit den großen hellblauen Augen verwundert angesehen. – Ja, das ist eben die Sache, fügte Kadden hinzu, daß man gegenseitig das Ideal nicht aufgeben kann. Ich will lieber bis zum Tode mit meiner Heftigkeit und Rohheit kämpfen, als Elisabeth weniger zartfühlend sehen. – Stottenheim hatte den Sinn dieses Ausspruchs verstanden, er hatte ihn wunderschön gefunden, wirklich sein eigenes Herz war davon bewegt; aber es war Poesie, keine Wirklichkeit, und um sich noch deutlicher zu machen, hatte er ein Mädchen wie Adolfine, die jetzt sehr solide und liebenswürdig war, Elisabeth gegenüber gestellt. Wie würde sie das Leben nehmen und wie sich über so unumgänglichen Schaum in der Ehe hinwegsetzen. – Oder sich wehren, hatte Kadden damals spottend hinzugesetzt. – In diese Erinnerungen vertieft ging er in den Anlagen hin und her, in diesen Erinnerungen tauchte Elisabeths Bild als Braut und in der Zeit, wo sie noch ganz für sich leben konnten, in ihm auf. Wie sie da so leise jede Seelennoth gefühlt, und Hilfe gesucht und gefunden, und ihn damit selbst so glücklich gemacht. Sollte sie denn jetzt anders empfinden? die Seelennoth weniger fühlen? Nein gewiß nicht, die Seelennoth war gestiegen, aber das Hilfesuchen hatte sie in der Zerstreuung des Weltlebens verlernt und ihre ganze Stimmung hatte darin ihren Grund. Das war ihm bei besonderen Gelegenheiten durch das Herz gegangen, das hatte ihn in Liebe und Mitleid und Schuldgefühl zu ihr gezogen und die einzelnen Sonnenblicke in ihrem Leben jetzt noch veranlaßt. Diese Betrachtungen machten sein Herz immer schwerer, es war als ob nach diesem letzten traurigen Vorfall die ganze Vergangenheit an sein Gewissen stürmte. Und wie ganz trostlos und verlassen mußte sie jetzt sich fühlen, niemand zu haben, dem sie ihren Kummer mittheilen konnte, ganz allein in der Fremde mit einem Mann, den sie fürchten mußte, in dessen Gewalt zu sein ihr eine entsetzliche Demüthigung sein mußte. Er dachte an das Großmutterherz, wie das um ihren Liebling gern sorgen und bangen, wie es gern trösten und lieben würde. Es war ihm alles entsetzlich schwer. Er mußte auch an den Großvater denken, an dessen Warnung, an die Zeit, wo er Elisabeths Stolz, ihr Glück und ihr Schutz gewesen. Konnte er sie denn mit seiner Liebe nicht mehr trösten? – Nein, die Zeiten waren vorbei. Müde und kummervoll kam er in den Gasthof zurück. Er fand das Kindermädchen mit den Kindern im Flur, er erkundigte sich nach seiner Frau und hörte, daß sie auf gewesen, ihre Sachen zum Dampfboot geordnet und sich wieder niedergelegt hatte. Die Wunde schmerzte noch, sie hatte die Nacht nicht geschlafen und wollte versuchen zu ruhen. Als er sich das berichten ließ, wurden eben die Koffer und Sachen vom Lohnbedienten auf einen Rollwagen geladen. Das erinnerte ihn an die unglücklichen Einkäufe, die aber doch jedenfalls nöthig waren. Er fragte Johannen danach; diese versicherte, die gnädige Frau habe eigentlich gar keinen Hut, auch fehlte ihr ein Tuch oder ein Mäntelchen, und die Kinder mußten Jäckchen haben. Die gnädige Frau hatte aber den Kopf geschüttelt, als sie vorhin daran erinnerte. Man könnte die Sachen alle herkommen lassen, rieth die gefällige Wirthin, und die Dame trifft hier die Wahl. Herr von Kadden dankte, er ließ sich nur von der Wirthin bescheiden und ging mit Johannen und den Kindern selbst aus. Wie gern that er das, – wenn sie auch nichts davon wußte, nichts davon wissen sollte, so durfte er doch für sie und seine Kinder etwas thun. Von der Dame im Modegeschäft wurde er sehr zuvorkommend behandelt, sie hätte ihm mögen den ganzen Laden präsentiren, weil er aber sonst ernst und schweigend war, wandte sie sich an das verständige Kindermädchen, die ihre gnädige Frau beschreiben mußte, damit sie passende Sachen vorschlagen konnte. Johanne that es sehr gewissenhaft, und er stand dabei mit sonderbaren Gefühlen. Er hörte von den braunen Locken, und der schlanken Gestalt, und der weißen Farbe, – alles Antworten auf die Fragen der Putzmacherin. Als sie aber vorschlug: einen schneeweißen Basthut mit Cerise oder hartem Blau, entschied er schnell für Blau. Das war ja die Farbe, darinnen er Elisabeth zum ersten Mal gesehen, – es war ihm gerade als ob sie todt sei und er nun sich an die Erinnerung seines Glückes halten müsse. – Dazu wählte die kluge Johanne noch ein blaues Sammettuch und für die Kinder hübsche Jäckchen. Zu Mittag sollten die Sachen in einem Carton nachgeschickt werden und darin die Reise bis Wangeroge machen. Während dessen lag Elisabeth auf ihrem Bette, die Nacht war ihr ohne Schlaf hingegangen, sie lag in großer Abspannung fast ohne Gedanken, grau war es über ihr und grau in ihr. Sie war am Morgen aufgestanden, um ihre Sachen zu ordnen, ihr einziger bestimmter und schreckhafter Gedanke war: ihr Mann könnte in seiner Verstimmung, und vielleicht um sie zu strafen, den Gedanken fassen umzukehren. Sie wollte aber lieber alles geduldig von ihm tragen, als die Großeltern und ihre Familie jetzt sehen. Als sie mit Ordnen fertig war, hatte ihr Johanne mit Gewalt eine Tasse Bouillon aufgenöthigt. Sie nahm es an unter der Bedingung, Mittag in Ruhe zu bleiben. Johanne verband darauf die böse Wunde wieder und machte ihrer lieben Frau auf dem Bett ein bequemes Ruhelager. Elisabeth, um der qualvollen Gegenwart zu entrinnen, vertiefte sich mit ihren Gedanken in ihre Jugend, in die harmlosen fröhlichen Tage, wo sie bei den Großeltern war. Wollten ihre Gedanken weiter gehen, bis zu dem Ball, bis zu der Bekanntschaft ihres Mannes, so schob sie dieselben mit Gewalt zurück, und es gelang ihr nach manchen solchen Kämpfen doch immer wieder einen freundlichen Ruhepunkt zu finden, bis sie wirklich darüber eingeschlafen war. Kadden, nachdem er zurückgekehrt und fast eine halbe Stunde im Wohnzimmer gesessen hatte, während seine Kinder vor der Thür unter Bäumen spielten, ließ es nicht mehr ruhen, er mußte Elisabeth sehen. Ganz leise öffnete er die Thür des Schlafzimmers und trat leise an das Bett. Er überzeugte sich gleich, daß sie schlief und nicht bloß die Augen geschlossen hatte. – Sie saß mit dem Rücken gegen weiße Kissen gelehnt, der Kopf war etwas von der Seite auf die Brust gesunken, das sah so krank und traurig aus, dazu die weiße Binde und das bleiche Gesicht, und die schmalen bleichen Hände. Er konnte es nicht ansehen vor Herzweh, ja mit kämpfenden Thränen trat er an das Fenster, was auf einen kleinen Hof ging, und schaute in die trübselige fremde Welt hinaus. Welch ein armseliger Mensch bist du doch? dachte er erschüttert: wo ist denn jetzt dein Himmel des guten Gewissens? deine Rechtschaffenheit, dein braver Wille, deine Großmuth? Er hinderte es nicht, daß die Erinnerung wieder mit traurigen Bildern in ihm lebendig wurde, und eine Zeit nach der andern verklagend vor ihm aufstieg. Er sah auf seinen Trauring, er gedachte der Traurede, – des Gottes-Wortes: »Du sollst ihr Herr sein.« Was für ein Herr war er ihr gewesen? Hatte er sie so lieb gehabt als sich selbst? hatte er mit Vernunft bei ihr gewohnt und ihr als dem schwächeren Theile der Ehre gegeben? Lieb hatte er sie wohl gehabt und war freundlich und vernünftig gewesen, wenn es ihm gerade so um das Herz war und wenn sie liebenswürdig war; aber wenn es ihm nicht so war, oder sie war schwach und eigensinnig, dann lag es ihm näher, herrschsüchtig und unvernünftig und unfreundlich zu sein. Wie hatte er sie in ihrer ganzen Krankheit mit so wenig Nachsicht behandelt und ihre Verstimmungen nur mit heftigen Scenen gestraft. Die guten Vorsätze, ihr zu Liebe immer wieder freundlich und nachsichtig zu sein, hatten ihm wenig geholfen. Elisabeth hatte ja im Anfang schon ganz richtig erfahren: wenn man ärgerlich ist, hilft die Liebe nichts, weil sie vor dem Aerger sticht. Zu ähnlichen guten Vorsätzen, mit denen er Elisabeth in guten Stunden oft genug zu trösten suchte, die aber immer ohne Erfolg geblieben, hatte er nach dem was vorgefallen war, jetzt wo Elisabeths Herz Furcht und Widerwillen erfüllten, noch weniger Muth. Ja, er schämte sich, wenn er ihrer gedachte, schämte sich, zu Elisabeth ähnliche Worte wieder zu reden, und fühlte sich rathlos. Da kam plötzlich ein Gedanke wie ein Lichtstrahl in sein kummervolles Herz: Suche einmal nur Gottes Wort und Gebote zu erfüllen, und warte in Geduld den Segen davon ab. Deine Liebe und deine guten Vorsätze und deine Rechtschaffenheit haben dir nicht geholfen, jetzt thue um des Herrn Willen deine Pflicht, habe Lust ihn zu hören, so wird er dich wieder hören. Zu ihm durfte er ja kommen, mit der Reue, mit dem Unfrieden und mit dem Kummer seiner Seele. »Denn so Du willt das sehen an, was Sünd und Unrecht ist gethan, wer kann, Herr, vor Dir bleiben?« Er stand lange so gedankenvoll. – In der Hingabe an den Herrn, der uns fortwährend vergiebt mit Gnade und Barmherzigkeit, ward es still in seinem Herzen, er hatte wieder einen Grund gefunden, von wo er das Leben anfassen konnte. Es war schon eine große Erleichterung, zu wissen, was er von diesem Augenblick an zu thun hatte, unbekümmert um die Stimmung seiner Frau. Sie soll sich wenigstens nicht vor dir fürchten, dachte er mit bewegtem Herzen, als er sich wieder zu ihr wandte, sie soll es selbst fühlen, daß du ihr getreulicher Schutz bist, und daß niemand in der Welt ihr näher stehen darf in Sorge und Theilnahme, als der Mann, der nach Gottes Gebot ihr der Nächste sein soll. Er sah auf seinen Trauring, er sah auf Elisabeths Trauring, er gedachte der Worte des Großvaters, daß er Ehen gekannt, die mit schwärmerischer Liebe, mit Glück und Zuversicht begannen und mit der Scheidung geendet hatten. O welch ein Trost war ihm jetzt die Stellung der ganzen Familie, die eine Scheidung unmöglich machte. Elisabeth war sein eigen bis zum Tode. Niemand darf sie von deiner Seite nehmen. Aber wenn sie durchaus nicht möchte an deiner Seite leben? Möchtest du sie dazu zwingen? – Dieser Gedanke war ihm neu und erschütternd und bedrohte von neuem seinen Frieden und seinen Muth. »Es ist alles aus, es ist auch so am besten,« – diese Worte standen jetzt nur vor seiner Seele. 27. Eine neue Bekanntschaft Mittag wurde Elisabeth auf Johannens Rath nicht geweckt, weil sie doch nichts essen würde, als aber nach zwei Uhr der Wagen vorfuhr, ging Herr von Kadden selbst in das Schlafzimmer, sie zu wecken. Sie schlief noch fest und ihre Wangen waren geröthet. Er rief leise ihren Namen, sie that ihre Augen langsam auf, sie schaute ihn ganz freundlich und harmlos an, – ja sie hatte geträumt, es wäre alles nur ein Traum gewesen. Aber nur wenige Sekunden, da richtete sie sich schnell auf, ward feuerroth und sah vor sich nieder. In dem Augenblick kam ihr kleiner Friedrich in das Zimmer, er lief zu ihr, schmiegte sich an ihr Knie und war sehr zärtlich. Sie legte ihre Hand auf seine Locken und sah ihn nur bange und traurig an, sie wagte ihn nicht zu liebkosen, es war ihr als ob sie ihren Mann nicht daran erinnern dürfe, daß die Frau, die er nicht mehr lieben, ehren und achten konnte, die Mutter seiner Kinder sei. Der Kleine forderte sie zum Fahren auf, sie machte sich schnell fertig. Die Wirthin war mit ihren Leuten bei der Abfahrt zuvorkommend bei der Hand, alle betrachteten die schöne junge Frau mit Theilnahme, und fürchteten, der Stoß möchte doch wirklich ihrem Kopfe Schaden gethan haben. Im Wagen saß das Kindermädchen wie gewöhnlich mit der kleinen Marie neben ihr, ihr Mann und Friedrich saßen ihr gegenüber. – So nahe ihm, das war zu schwer, sie mußte ihres Traumes gedenken und des Glückes, was sie bei dem Gedanken empfand: es war ja nur ein Traum! Sie konnte ihre Thränen nicht zurückhalten, so sehr sie kämpfte. Sie mußte jeden Augenblick fürchten, daß er ihr zürnend das Weinen verbot, – das hatte er ja oft genug gethan, jetzt war es kein böser Wille, wenn sie es dennoch nicht lassen konnte. Sie beobachtete ihn ängstlich, indem er mit Friedrich sprach. Als er unwillkürlich zu ihr aufblickte, sah er, wie sie so bange ihre Blicke auf ihm ruhen ließ und schnell und unbemerkt die Thränen verbergen wollte. Er saß einige Augenblicke schweigend; als aber Johanne mit den Kindern nach der Straße schaute, bog er sich zu ihr und sagte mit stockender Stimme: Eiisabeth, ich will Dich ja nicht hindern zu weinen. Er hatte ihre Hand gefaßt und hielt sie traurig in der seinen. – Sie verbarg jetzt ihr Gesicht mit dem Taschentuch und ließ ihren Thränen freien Lauf. Auf dem Dampfschiff ging sie gleich in die kleine Damenkajüte. Sie fürchtete sich vor Menschen, und scheute sich mit ihrem Mann zusammen zu sein. Johanne, die schon einmal mit der Frau Oberförsterin nach Nordernei gewesen war, wußte sehr schön Bescheid mit einer Dampfschiffahrt und nahm gleich für ihre Frau und für die Kinder die besten Ecken zur Nacht in Beschlag. Sie richtete sich förmlich mit ihrer kleinen Häuslichkeit hier ein, mit den Fläschchen und Betten und Spielsachen der Kinder, aber auch einen schönen Rosenstrauß nahm sie aus ihrem Korb, und stellte ihn in ein frisches Wasserglas. Elisabeth, die in einer Ecke ruhte, richtete sich auf und fragte: Was hast Du da für Rosen? Johanne, die über diese ersten Worte, die ihre liebe Frau seit gestern Abend unaufgefordert sprach, sehr erfreut war, erzählte, daß es die von Braunhausen waren. Sie hatte sie gestern ganz schön kühl und frisch aus dem Moose genommen und in Wasser gestellt: die sollten in Wangeroge noch lange blühen, weil es auf der Sandinsel nicht viel Blumen geben sollte. Friedrich brachte sie jetzt seiner Mama und sagte: Du mußt riechen Mama, wie schön sie riechen. Elisabeth beugte sich eben über die Blumen, als die Thür aufging. Eine Dame trat ein, eine hohe Gestalt mit großen dunkelen Augen und schönen dunkelen Haarflechten. Zwei Kinder hatte sie bei, sich, ein Mädchen von vielleicht zehn, einen Knaben von acht Jahren. – Ei, hier sind auch Kinder! sagte sie freundlich: das ist schön! wir wollen gleich für uns hier Plätze belegen. Elisabeth hatte sich rasch abgewendet, sie hörte die Dame noch mit den Kindern plaudern, den Knaben redete sie Paul, das kleine Mädchen Annchen an, und auch dem kleinen Friedrich legte sie freundliche Fragen vor. Elisabeth war froh als Johanne sagte: Nun wollen wir oben hingehen, die Mama bleibt hier, die ist unwohl. Das Schiff setzte sich bald in Bewegung, Elisabeth lag unter einem kleinen Fenster, sie sah das Wasser vorüber spritzen und schäumen, aber es ward ihr fast schwindelnd, sie schloß die Augen. Sie hätte gern wieder geschlafen, und weil es ihr am Morgen mit den Jugenderinnerungen geglückt war, wollte sie es damit wieder versuchen. Aber immer störte sie das eine Bild: es war als ob ihr Mann neben ihr säße, ihre Hand ergriff und traurig sagte: Ich will Dich ja nicht hindern zu weinen. Stunden vergingen so, die Thüre ward öfters aufgemacht, Leute schauten neugierig hinein, Johanne kam zuweilen und forderte sie auf, nach dem Verdeck zu kommen, weil es so schön sei; Elisabeth konnte sich nicht entschließen. Endlich, es war schon Sieben durch, da brachte Johanne die kleine Marie zur Ruhe und schilderte ihrer lieben Frau noch einmal, wie schön es oben sei, auch erblicke man schon das Meer. – Elisabeth fragte nach dem kleinen Friedrich und hörte, daß er mit dem Herrn auf dem anderen Theile des Schiffes, auf dem zweiten Platze sei, der Herr ging der wenigeren Menschen und des größeren Raumes wegen dort lieber auf und ab. Dies bestimmte Elisabeth, die heiße Kajüte und ihr unbequemes Lager zu verlassen. Mit niedergeschlagenen Augen ließ sie sich von Johannen durch die vielen fremden Menschen führen und nahm auf einem Stuhl Platz, der ganz nahe dem Steuer nach dem Wasser hin gerichtet, stand. – Ihr Erscheinen hatte die Aufmerksamkeit der Gesellschaft erregt: wer war die junge kranke Frau? – In dem Augenblick trat ihr Mann mit dem kleinen Friedrich näher, und die Aufmerksamkeit verdoppelte sich nur. Der nachdenkliche, ernste Herr ist also ihr Mann und die niedlichen Kleinen sind ihre Kinder, flüsterte man sich neugierig zu. Kadden fühlte diese Aufmerksamkeit drückend und entfernte sich wieder. Elisabeth hatte fast eine Stunde so gesessen, die kühle Luft that ihrem heißen Kopfe wohl, sie dachte nicht mehr an die fremden Menschen in ihrer Nähe, die auf- und abgehend ihr stilles bleiches Gesicht doch beobachten konnten, – da erschien der kleine Friedrich um ihr gute Nacht zu sagen. Die Mama war aber heute wieder wohl, sie mußte noch an sein Bett kommen und mit ihm beten, war seine Forderung. Sie versprach es und folgte ihm nach wenigen Minuten in die Kajüte. Wie unangenehm war es, daß die fremde Dame mit den beiden Kindern schon darin war. Fast hätte sie das abhalten können, mit dem Kinde zu beten; aber Friedrich saß aufgerichtet in seinen Kissen und sah mit gefaltenen Händen wartend nach seiner Mutter. Sie bezwang sich, kniete, wie sie es gewohnt war, bei dem Kinde nieder, das andächtig seine kleinen Verse sprach. Elisabeth sagte leise: Amen, und: Behüt Dich Gott! küßte das Kind und wandte sich wieder verlegen zur Thür. – Hier stand die Dame mit den Kindern; sie hatten alle drei die Hände gefaltet und sahen gerade so natürlich und andächtig aus, als ob sie nichts Besonderes und Auffallendes mit angehört hätten. – Sie eilte die Treppe hinauf, sie hatte sich vorgenommen, die ganze Nacht wo möglich oben zu bleiben, so wohl gefiel es ihr hier; auch fürchtete sie sich vor der Dame, die in ihren Augen so etwas Fragendes und doch Theilnehmendes hatte, daß sie sich fast beunruhigt dadurch fühlte. Als sie wieder auf das Verdeck kam, fand sie leider ihren Stuhl besetzt, sie mußte sich auf eine Bank setzen, und wandte sich so gut als möglich dem Meere zu. Ihr gegenüber saß ihr Mann, – er hatte sie nicht kommen sehen, er schien auch die neugierigen Leute um sich herum vergessen zu haben, – mit dem Arm auf die Brustwehr gelehnt, schaute er mit kummervollen Blicken in das Wasser. Der Gedanke: ob sie aber auch bei dir bleiben will, und ob du sie dazu zwingen möchtest? quälte seine Seele. Als die Sterne schon einzeln am Himmel auftauchten und viele von den Reisenden in der Kajüte sich einen Ruheplatz gesucht, saß am Kajütendach gelehnt die Dame mit den dunkelen Augen und den dunkelen Haarflechten, neben ihr ein hoher stattlicher Herr, ihr Gemahl. Herr Ernst von Hohendorf war sein Name. Du kannst es mir glauben, flüsterte die Frau, sie sind beide unglücklich, seit beinah zwei Stunden sitzen sie sich so theilnahmlos gegenüber, man muß Mitleid mit beiden haben, ich weiß nur noch nicht, für wen das meiste. Herr von Hohendorf lächelte. Du kannst glauben, liebe Anne, sie sind beide seekrank, sagte er, gerade dann sitzt man sich so theilnahmlos und elend gegenüber. Wie kannst Du über die Leute nur noch scherzen! zürnte Frau Anna. Ich bin überzeugt, daß die andern Leute eben so denken als ich, und daß Du die einzige bist, die sich eine so interessante Reisegeschichte daraus macht. Nein, ich weiß es noch besser, unterbrach sie ihn schnell: Du willst mir nur den Gefallen nicht thun und mit dem Herrn ein Gespräch anknüpfen. Ein unzufriedenes Zucken ging über das Gesicht des Mannes, aber er sagte doch wieder lächelnd: Soll ich hingehen und ihn fragen, warum er traurig ist, ihn bitten, daß er mir seinen Kummer mittheilt? Nein, das sollst Du nicht, entgegnete sie eifrig. Du sollst überhaupt nichts, fügte sie sanfter hinzu, ich glaubte nur, Du könntest ein oberflächliches Gespräch mit ihm anknüpfen, da sie auch nach Wangeroge gehen, und es Leute sind, mit denen wir dort verkehren werden. Verkehren werden, wirklich? unterbrach er sie wieder lächelnd. Ja, gewiß, sagte sie, ich habe mir es wenigstens vorgenommen. Wenn Du Dir etwas vorgenommen hast, so ist die Sache freilich bedenklich, war seine Antwort. Ich weiß nicht, begann sie jetzt, indem sie seine Hand nahm und ihn nachdenklich ansah, ich muß doch heute etwas in meiner Art und Weise haben, was Dich immerfort zum Widerspruch reizt. Er schüttelte den Kopf und sah sie liebreich an. Ich bin von der Reise aufgeregt, sagte sie, das weiß ich wohl; Du vielleicht auch? fragte sie lächelnd. Aber lieber Ernst, ich meine nur, wir werden Umgang mit ihnen haben, wenn Du es wünschest. Weil wir aber schon vorher darüber sprachen, ob wir gläubige Freunde finden würden, so versteht es sich von selbst, dachte ich, daß wir Bekanntschaft mit ihnen machen. Du hättest sollen die junge Frau vorhin mit dem Kinde beten sehen, so würdest Du nicht zweifeln, daß sie zu uns gehören. Dieser Gedanke nimmt mir gleich jedes fremde Gefühl, und wenn Du es mir erlaubst, will ich wenigstens mit der Frau ein Gespräch anknüpfen. Ich erlaube Dir zu thun, was Du doch nicht lassen kannst, sagte er freundlich, ich werde auch gleich darauf Deinem guten Beispiel folgen und einen Versuch bei dem Herrn machen. Anna sah ihn dankbar an und wandelte dann nach der Seite hin, wo Elisabeth saß. Sie setzte sich unbefangen zu ihr und sagte: Unsre lieben Kinder schlafen alle sehr süß. Sie sind müde von der Reise, entgegnete Elisabeth verlegen und ohne aufzusehen. Es entstand eine Pause. Wie wunderbar es ist, diese immer herrollenden Wogen zu beobachten, sagte Anna. – Elisabeth nickte. – Sehen Sie das Meer auch zum erstenmal? fragte Anna weiter. – Elisabeth antwortete ebenso, aber schlug die Augen dabei auf. – Ich weiß noch nicht, fuhr Anna fort, in welche Stimmung es mich versetzt, erst hatte dies Unendliche, Unaufhörliche meinem kleinen armen Herzen etwas Beengendes. – Elisabeth nickte wieder und sah prüfend in die schönen vertrauenerweckenden Augen der freundlichen Frau. – Ich dachte mir, fuhr diese unbefangen fort, wenn ich dort auf einer kleinen Sandinsel Schiffbruch gelitten, und getrennt wäre von allen, die mein Herz liebt, und müßte dies Rauschen mit meinem sehnsuchtsvollen Herzen hören. Elisabeth sah unwillkürlich nach ihrem Mann, sie hatte doch seltsamer Weise auch gedacht: wenn das Schiff sie fort trüge in diese grenzenlose Ferne, und sie müßte was sie liebte zurücklassen. Anna verstand den Blick, Elisabeths große kindliche Augen konnten so lebhafte Empfindungen nicht verbergen. Nicht wahr? sagte Anna, wenn man bei sich hat, was man lieb hat, da däucht dies Rauschen und dies Aufschwellen und immer Wiederkehren der Wogen der Seele ganz anders, sie fühlt darin das unermeßliche und nicht zu umfassende und immer neue und immer reiche Anwogen der Gnade und Barmherzigkeit des Herrn. – Elisabeth nickte wieder, sie kniff aber die feinen Lippen so fest aufeinander und ihre Augen standen voll Thränen. – Mit großer Wärme sagte Anna: Wo die Gnade und Barmherzigkeit des Herrn uns umrauscht, da ist wohl Trost. Elisabeth stand schnell auf und sah über die Brüstung in das Meer, zu gleicher Zeit aber reichte sie der liebreichen Frau unwillkürlich die Hand. Eine Theilnahme in diesem Sinne that ihrem einsamen verlassenen Herzen wohl, ihr Abwenden sollte nicht mißverstanden werden. Die Dämmerung war tiefer und auf dem Schiff war es immer stiller geworden. – Wollen wir jetzt nicht hinab zu unsern Kindern gehen? fragte Anna freundlich. Ach nein, entgegnete Elisabeth hastig, ich will hier bleiben, hier oben ist mir weit wohler. Anna machte noch einige Versuche sie zum Hinabgehen zu bewegen, sie fürchtete die kalte Nachtluft für ihre zarte Gesundheit. Elisabeth aber schüttelte den Kopf und ließ sich nicht bewegen. Da gingen noch einzelne Damen umher und andere saßen auf den Bänken, sie war also nicht allein. In dem Augenblick traten die beiden Herrn näher. – Sie waren beide nicht geeignet schnelle Bekanntschaften zu machen, und Herr von Kadden wäre vielleicht noch abgeschlossener gewesen, wenn er nicht die Frau dieses Herrn so gütig gegen seine Kinder gesehen und ebenso jetzt gegen seine Frau. Herr von Hohendorf hatte ihm gesagt: da ihre Frauen und Kinder zusammen Bekanntschaft machten, und sie beide Wangeroge zum Ziele hätten, wollte er sich ihm vorstellen. Kadden hatte ihm darauf seinen Namen genannt und beide hatten von gewöhnlichen Dingen gesprochen. – Sie traten jetzt zu den Damen, Herr von Hohendorf etwas neugierig, denn er hatte sich vollständig überzeugt, daß Herr von Kadden nicht seekrank war, und daß seine kluge Frau ein rechter Seelendurchschauer war. Die Herren wurden den Damen vorgestellt, dann rieth Herr von Hohendorf, sie möchten hinab in die Kajüte gehen. Anna berichtete Elisabeths Entschluß, die Nacht hier zu bleiben. Du gehst doch wohl lieber hinab, sagte Herr von Kadden ruhig, Du würdest Dich hier erkälten. Elisabeth entgegnete kein Wort, sie griff nach einer Decke, die auf der Bank lag, und wollte sich gleich entfernen, weil der fremde Herr so beobachtend seine Blicke auf sie gerichtet hatte. Herr von Kadden merkte ihre Absicht und sagte freundlich: Du solltest erst noch Thee trinken, Du hast nicht zu Abend gegessen. Nicht zu Abend gegessen? fragte Anna verwundert. Ich hatte so Kopfweh, sagte Elisabeth leiser zu ihr gewendet, ich trinke auch lieber Wasser. Indem brachte der Kellner den bestellten Thee und setzte ihn auf ein nahes Tischchen. Anna wandelte mit ihrem Gemahl dem Steuer zu, sie schauten nach dem Sternenhimmel über sich und nach dem Himmel, der im Wasser glänzte, und Anna flüsterte leise: Sieh nur, wie wunderbar dies Paar ist: wie besorgt reicht er ihr den Thee, und sie trinkt ihn aus wie ein Kind, nur weil er es verlangt. Ist sie vielleicht etwas geistesschwach? fragte er nachdenklich. O nein, fiel Anna lebhaft ein, das ist sie gewiß nicht. Nein, ich will Dir sagen, sie haben sich gezankt. Herr von Hohendorf müßte wieder lächeln. Weißt Du auch vielleicht wer von beiden die Schuld hat? Nein, das weiß ich nicht; aber richtig ist es. Sie ist unglücklich, und wenn es nicht diesen Grund hätte, würde ihr Mann theilnehmend sein. Allerdings ein einfacher Schluß, sagte Herr von Hohendorf, und sie fuhr fort: Schuld haben sie wahrscheinlich beide, aber die Frau thut mir mehr leid; ein Mann fühlt seine Schuld nie so drückend als eine Frau. Liebe Anna! mahnte ihr Mann. Ich spreche nur so, fügte sie seufzend hinzu, weil ich meistens die größte Schuld habe, und es giebt doch kein größeres Unglück, als den Kummer über eigene Schuld. – Herr von Hohendorf hatte zur Antwort ihre Hand ergriffen und seinen Arm um ihre Schulter gelegt. – Wenn man einen Mann hat, der darüber steht und einem wieder heraushilft aus dem Elend, fuhr Anna leise fort, das ist wohl gut, aber das verstehen die wenigsten Männer. Die Frau dauert mich sehr, begann sie wieder, und man muß Gelegenheit finden, zu ihm von vernünftigen Männern zu reden. Liebe Anna! warnte ihr Mann. Sei nicht bange, fiel sie lächelnd ein, ich weiß doch wohl, wie man sich mit Herren in Acht nehmen muß. Elisabeth hatte den Thee schnell getrunken und eilte nach der Kajüte; sie fürchtete doch eine Unterhaltung mit Frau von Hohendorf. Ihr Mann trug ihre Decke und begleitete sie bis an die Thür. Er reichte ihr die Hand und sagte: Gute Nacht. Ihr banges Herz konnte aber dies Gute Nacht nicht erwidern; ihre Brust war wie zugeschnürt, und als er ihr die Hand reichte, hätte sie nur weinen mögen. Sie lag schon, als Frau von Hohendorf leise eintrat und neben ihren Kindern ihren Ruheplatz nahm. Elisabeth sah durch das Fenster die Sterne blinken, sie hörte das Wasser rauschen, und fühlte sich von den Wogen auf- und abgetragen. Sie hätte sich gern wieder mit Jugenderinnerungen in den Schlaf gebracht, das ging aber nicht; es war einmal geglückt und hatte jetzt den Reiz verloren. – Doch war es auch bei dem Betrachten der Gegenwart nicht mehr so gedankenlos grau in ihr und über ihr, sie konnte ihr Unglück überlegen. Sie gedachte ihrer Brautzeit, wie sie bewundert war und verwöhnt wie eine Königin, sie gedachte des schönen Maienmorgens ihrer Verlobung, und ihres Muthes, ihrer Zuversicht zu einem unveränderten Glück in Freude und Herrlichkeit. Jetzt sah sie die Trümmer dieses Glückes in ihrer entsetzlichen Demüthigung. O wie bitter war das doch, wie entsetzlich! Lieben konnte sie ihn nie wieder, die Hand, die sich drohend gegen sie erhoben, konnte sie nie wieder in Liebe halten und fassen. Aber ist dies alles eine Strafe des Herrn? Das mußte sie auch denken, ach und so vieles mußte sie bedenken und konnte sich nicht durchfinden. – Sie falteten die Hände und hörte wieder die Worte: »Wo die Gnade und Barmherzigkeit des Herrn uns umrauscht, da ist wohl Trost.« Wenn sie es auch noch nicht recht erfassen konnte, sie fühlte sich umgeben und getragen von diesem Rauschen, und schlief darüber ein. Das Schiff mußte gegen Morgen mehrere Stunden ruhen, bis die Fluth kam, die es den Booten möglich machte sich zu nähern und die Passagiere in Empfang zu nehmen. Von den Booten wurden Menschen und Sachen wieder auf große Wagen geladen, um durch das ganz flache Wasser an das Land zu fahren. – Die ganzen Insel-Bewohner schienen versammelt, um die neuen Passagiere zu begrüßen, fröhliche Hornmusik klang ihnen schon aus der Ferne entgegen. Frau von Hohendorf schaute entzückt auf die vom blauen Meer umrauschte kleine sonnige Insel, auf die grünen Hügel, die freundlichen Häuser und niedlichen Anlagen; hier mit Mann und Kindern stille Wochen zu feiern, war ein zu schöner Gedanke. Elisabeth dagegen war durch die Hornmusik, die so hell in den Morgen hinein schmetterte, nur trauriger bewegt, sie hatte Heimweh nach Braunhausen, nach der Zeit, wo diese Töne sie nach dem Fenster lockten, um dann ganz ungesehen nach dem ersehnten Gruß zu schauen. – Sie hatte den kleinen Friedrich auf dem Schooß und weinte still in seine weichen Locken. In der allgemeinen Unruhe des Ankommens und Absteigens, des Wohnungsuchens, blieb sie unbemerkt, bis sie sich in einem kleinen freundlichen hellen Schifferhäuschen dicht am Meere befand. Das ganze Haus bestand nur aus zwei Stuben, einer Schlafstube und der Küche. Die Küche, die sehr reinlich und hell, mit einem weißen Fliesen-Heerd und hellem Geschirr geschmückt war, wurde von den Wirthsleuten bewohnt. Eine der Stuben nahm Johanne mit den Kindern ein, und die freundlichste Stube, sowie die Schlafstube mit dem Fenster über dem Meer, war für die Herrschaft. Elisabeth stand am Fenster ihrer kleinen Wohnstube und sah auf ein Gärtchen und auf grüne Sandhügel, daran die freundlichen Häuser hin und her zerstreut lagen. Die Stille that ihr wohl, sie war doch nicht gezwungen mit so vielen fremden Menschen zu verkehren. Da trat ihr Mann, in das Zimmer, und wieder schwer war ihr Herz: wie soll das werden? so viel mit ihm zusammen? Es trieb sie zu den Kindern zu gehen, und doch wagte sie nicht, in dem Augenblick, wo er herein gekommen, das Zimmer zu verlassen. Plötzlich trat er zu ihr und sagte ernst, fast düster: Elisabeth, wirst Du Dich wieder entschließen können mit mir zu reden? Ein schnelles, banges Ja flog von ihren Lippen. Sie war so angegriffen und schwach, und es ward ihr vor seinen düsteren Blicken wieder bange. Willst Du mit den Kindern vor die Thür an den Strand gehen? fragte er freundlicher. Nur noch etwas möchte ich allein sein, – möchte mich ausruhen, fügte sie verbessernd hinzu. Er verließ sie, er fand die Kinder vor der Thür, er konnte aber unmöglich mit ihnen spielen, er ging allein den einsamen Strand hinauf. Der Gedanke, der ihn die ganze Nacht gequält: ob sie bei ihm bleiben möchte, und ob er sie dazu zwingen möchte? lag erdrückend auf seiner Seele. Er hatte in seiner Heftigkeit nicht gewußt was er gethan; lag nach dem bürgerlichen Gesetz nicht vielleicht schon in solchen Scenen ein Scheidungsgrund? Daß Elisabeth und ihre Angehörigen unter Gottes Gesetz standen, war ihm gestern ein Trost gewesen; heute wurde es ihm immer klarer, daß damit nichts gewonnen war. Wird Elisabeth Furcht und Haß und Widerwillen bezwingen wollen? Wird sie sich auch willig dem Gesetze Gottes fügen? Nein. Er wußte, daß sie in der letzten Zeit immer mehr dem Herrn entfremdet war; das Zureden ihrer Eltern und Großeltern half ihm nichts, beider Leben wäre dadurch nur elender geworden. Er mußte jetzt an seinen Obersten denken, wie er einst sagte: Wenn es mit zwei Leuten erst so weit gekommen ist, daß sie sich gegenseitig das Leben schwer machen, dann ist es am besten, sie trennen sich. – Er war in einer Stimmung, daß er meinte, sie wären jetzt so weit. Elisabeth mußte sich nach Freiheit sehnen. »Es ist alles aus, es ist auch so am besten«: die Worte hörte er immer. Ihr Herz war ihm gewiß längst entfremdet, er war nur blind gewesen. Warum schaute sie denn, auch wenn er freundlich zu ihr war, nur scheu und zagend zu ihm auf? Er suchte den Grund dieses Wesens in ihren Nerven, in ihrer Verstimmung; jetzt konnte er sich nicht mehr über den wahren Grund täuschen. Er mußte sich gestehen, daß die letzte unglückliche Scene längst vorbereitet war, daß sie nicht aus heiterem Himmel kam, und daß ihn ein unbegreiflicher Egoismus diesem traurigen Ende immer näher und näher zugeführt hatte. – Die Welt mußte ihm jetzt rathen, sich nicht länger zu quälen, sie würde sein Glück aufgeben, sie würde ihm so klägliche, so vernünftige Vorstellungen machen, wogegen er gar nichts erwiedern konnte. Er fühlte sich in einen Gesichtskreis gebannt, den Welt und Sünde ziehen, – so eng, so eng, er konnte nicht darüber hinauskommen. – Ein Mensch, der über diesen Dingen steht, kann nicht begreifen, wie ein armes schwaches Herz sich so plagen kann, und doch seufzen die meisten Herzen unter dem Drucke der engherzigen beschränkten Sündenwelt. Sie überlegen, sie prüfen, sie drehen sich wie in einem Kreise, und kommen doch nicht weiter. Er vertiefte sich so sehr in solche Fantasien, daß er sie für die einfachste Wahrheit und Wirklichkeit nahm. Es erschien ihm eigentlich selbst die größte Demüthigung, seine Frau gezwungen um sich zu sehen. Er überlegte, ob es doch nicht thöricht war, nicht in Bremen umzukehren; das Gerede, die Neugierde der Menschen mußte gegen das wirkliche Unglück verschwinden. Es war vielleicht besser, wenn sie jetzt bei den Großeltern war, vielleicht konnte sie dort das Hilfesuchen wieder lernen, was sie bei ihm verlernt hatte? 28. Die Berge, von denen Hilfe kommt Mit dem bangen Gefühl, wie er Elisabeth finden würde, trat Herr von Kadden wieder in das kleine Häuschen. Johanne stand bei den Leuten in der Küche, sie trat in die Thür und flüsterte: Sie schlafen alle. Er ging leise in das Zimmer. Elisabeth saß im Sofa und schlief. Er trat näher, er sah, wie sie ganz verweint war, ihr müder Kopf ruhte auf der harten Sofalehne. Aber ein Buch lag in ihrem Schooß. Die Bibel! Da ging ein Licht ihm auf in der Nacht seines Unglücks. Sie hatte doch Hilfe suchen können! Er beugte sich zu ihr, er sah in das aufgeschlagene Buch, seine Augen fielen auf den 130. Psalm: »Gebet um Vergebung der Sünden.« Er hätte niederknien und weinen mögen, er hatte sie ja zu herzlich lieb, trotz aller Sünde und aller Schwäche wollte er sie auf seiner Seele tragen. Wie war es ihm denn plötzlich so freudig und zuversichtlich zu Sinnen: – Sie wird Hilfe suchen, sie wird sich unter Gottes Gebot fügen, sie wird Furcht und Haß und Aerger bekämpfen, nicht auf Zureden von Menschen, sondern mit der Hilfe des Herrn, – das alles sagte ihm das Buch in ihrer Hand. Ja, wo nach armen menschlichen Gedanken keine Hilfe, keine Rettung ist, da kann der Herr helfen. – Wie wurde ihm die Seele so weit, so weit, wie waren die gescheiten und klugen Weltansichten verwehet und versiegen. »Meine Seele schauet auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.« Wie gern hätte er eine Bibel in der Hand gehabt, er wagte aber Elisabeths nicht zu nehmen, er konnte sie erschrecken. Unruhig ging er leise in die Kinderstube, er hatte sich nicht getäuscht, auf einem Tischchen lagen zwei kleine schwarze Bücher, er nahm davon die Bibel und trat vor die Hausthür. Die Fluth war jetzt gestiegen, die Wellen brausten und schäumten bis an die kleinen Sanddünen. Etwas entfernt vom Hause setzte er sich auf den grünen Rand einer solchen Düne, er sah in die herbrausenden Wogen, eine jede schien Erquickung zu bringen seiner matten Seele. Er schlug gedankenvoll die Bibel auf, er las im Jesaia: – »Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will ich mich dein erbarmen. Ich habe geschworen, daß ich nicht über dich zürnen noch dich schelten will.« – Als er das gelesen, schaute er wieder in die Wellen, er that seine Brust weit auf, die prächtig daherrollenden Wogen, wie sie anbrausten und aufschäumten, brachten immer mehr Erquickung und Kraft und Muth. Er las den 121. Psalm: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.« Das sind Worte des ewigen Lebens. O selig, wer den Herrn fürchtet! Er will ihn frühe füllen mit seiner Gnade, er will ihn reich machen und hoch erheben, hoch erheben über jeden Schmerz, über jeden Kummer. Jetzt fühlte er sich erhoben in eine andere Welt, er hatte Frieden in der Furcht und in der Liebe und im Glauben, er gab seine Zukunft dem Herrn. Wenn man selbst im Unglück kann so friedevoll sein, als er jetzt es war, was war dann zu fürchten? Er schaute in die heranbrausenden Wellen und schaute in die Bibel. Er suchte den Spruch, den ihm sein Großvater mit auf den Lebensweg gegeben, und an den er lange nicht gedacht hatte. Er fand ihn Jeremiä am 31.: »Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.« Aus lauter Güte! das war ihm so verständlich jetzt in einem anderen Sinne, als da er ihn damals der Großmutter sagte und ihn nur auf sein irdisches Glück bezog. So in Gedanken vertieft, hatte er auf dem weichen Sandwege die nahenden Schritte nicht gehört, und sah plötzlich Herrn und Frau von Hohendorf an seiner Seite. Unwillkürlich war es als müßte er die Bibel verbergen: – ein Buch, das von der Welt so wenig geachtet ist, – über das gebildete und kluge Leute weit hinaus sind, – das ein vernünftiger Mensch nicht auf einsamen Spaziergängen mit sich nimmt, um sich zu erbauen, – was möchten sie von ihm denken? Das wäre vielleicht eine von den Verlegenheiten der Welt gegenüber gewesen. Umrauscht von der Gnade des Herrn, sieht die Welt mit ihren Rücksichten jämmerlich aus. Die Bibel war der Anker seiner Hoffnung, seines Glaubens, der Reichthum seines Glückes, die Zuversicht seines Friedens und seiner Seligkeit, er hatte Muth das vor der ganzen Welt zu bekennen, und stand, das Buch ruhig in der Hand, ernsthaft grüßend vor den beiden Freunden. Wir haben Sie gestört, sagte Herr von Hohendorf freundlich. Daß er diesen Leuten gegenüber mit der Bibel in der Hand ein sehr werthgeschätzter Mann war, wußte er nicht; ihnen war es ein Zeugniß, das alle Schranken des Fremdseins, der weltlichen Formen niederriß, sie standen sich unbekannt gegenüber und doch bekannt, und fühlten sich in Theilnahme zu ihm hingezogen. Selbst Herr von Hohendorf hatte keine Scheu ihm das zu zeigen, und hatte ihn gerade deshalb, weil er die Bibel in seiner Hand sah, jetzt so offen und herzlich gegrüßt. Das Meer ist so schön, entgegnete Herr von Kadden. Sie haben in der Bibel gelesen, entgegnete Frau von Hohendorf; wie schön müssen die Psalmen dieser großen und mächtigen Natur gegenüber der Seele klingen! Lieber Ernst, wandte sie sich zu ihrem Mann, die Bibel muß man hier immer mit sich führen. – Sie sagte das vielleicht unwillkürlich, um dem Fremden zu zeigen, daß sie Gesinnungsgenossen wären. Herr von Hohendorf griff in seine Brusttasche und sagte unbefangen: Ein Neues Testament mit den Psalmen habe ich, wenn Du das willst. Sie nahm es freundlich dankend und sagte: Wenn ich diese mächtigen Wellen sehe, muß ich an die Worte denken: »Wenn gleich das Meer wüthete und wallete, von seinem Ungestüm die Berge einfielen; dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein.« Die Großartigkeit des Meeres kann man sich nicht vorstellen, ehe man es gesehen hat, sagte Kadden. Herr und Frau von Hohendorf waren einverstanden. Sie wunderten sich jetzt über die Einsamkeit des Strandes, und es ergab sich im Gespräch, daß es Mittagszeit für die Badegäste war, die an der Table d'hôte essen, daß sie aber beiderseitig die Absicht hatten, nicht an der großen Gesellschaft theilzunehmen und ganz für sich und mit dem schönen Meer zu leben. Frau von Hohendorf erkundigte sich theilnehmend nach Elisabeth, und Kadden berichtete, daß sie, noch von der Reise angegriffen, ruhen müsse. Das Kindermädchen hat mir schon erzählt, wie sehr zart und schwach sie ist, sagte sie theilnehmend. Er bejahte es. Sie ist leidend seit dem vergangenen Winter, so lange das kleine Mädchen lebt, sagte er. Wir müssen sie recht sehr pflegen, fuhr sie fort; ja, Sie müssen mir schon einen Antheil an der Pflege erlauben, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr herzlich lieb ich Ihre Frau gewonnen habe von dem Augenblick an, wo ich sie gesehen. Kadden war etwas verlegen, und Herr von Hohendorf sagte: Die Offenheit meiner Frau macht es Ihnen zur Pflicht, eben so offen zu sein und sie zu versichern, daß Sie ihre Hilfe nicht wünschen und lieber allein die Pflege übernehmen. Ach nein, entgegnete Kadden freundlich, ich verstehe es gar nicht, meine arme Frau zu pflegen. So müssen Sie es hübsch lernen, fiel ihm Frau von Hohendorf in die Rede. Von einer Frau, die älter ist als Sie, können Sie schon guten Rath annehmen, fügte sie freundlich hinzu. Herr von Hohendorf fürchtete, seine Frau möchte etwas zu voreilig sein mit ihrem guten Rath, möchte gar jetzt schon von vernünftigen Männern reden, und unterbrach sie scherzend: Ich wollte mich eigentlich als viel passender zum Rathgeber anbieten, aber meine Frau würde mich nicht empfehlen; sie ist so unartig, zu behaupten, daß ich nie unliebenswürdiger sei, als wenn sie angegriffen ist. Frau von Hohendorf lächelte und kündigte Herrn von Kadden ihren Besuch zu morgen an, worauf sie am Arme ihres Mannes weiter ging. Wie kannst Du ihm das sagen? begann sie etwas vorwurfsvoll: nun kann ich Dich ihm nicht zum Muster stellen. Es ist aber doch die Wahrheit, entgegnete ihr Mann. Lieber Ernst, Du mußt das nicht glauben, sagte sie bittend; ich sage so etwas nur, wenn ich ärgerlich und verdrießlich bin. Ich glaube es auch nicht, war seine schnelle Antwort, und in seinen Zügen war die Bestätigung seiner Worte zu finden. Kadden wanderte nachdenklich seinem Hause zu. Nach den wenigen Worten, die er mit den Leuten gesprochen, konnte er sich ein genaues Bild von ihnen machen, und erkannte dankbar die Fügung des Herrn in diesem Zusammentreffen. Wenn wir nur erst Augen haben zu sehen, und Ohren zu hören, so werden wir merken, daß der Herr jedes Haar auf unserm Haupte gezählet hat, und seine Gnade uns leitet auf allen unseren Wegen. – Welch ein Trost war es ihm zu hören, daß auch gläubige Leute, und Leute, die sich lieb haben, sich nicht immer liebenswürdig finden. Auch der versprochene Besuch machte ihm nicht bange, er freute sich vielmehr für Elisabeth auf diesen Umgang. Er betrat jetzt das Zimmer mit anderen Gefühlen als vorhin. Er fand Elisabeth noch in derselben Sofaecke, aber wachend. Sie sah die Bibel in seiner Hand, sie sah hin und wieder hin, ihr Herz begann ganz wunderbar zu klopfen. Die Kämpfe und Thränen, die ihrem eigenen Bibellesen vorangingen, waren veranlaßt besonders durch die Frage, ob sie die Einsamkeit hier mit der Nähe und mit dem Wesen ihres Mannes tragen könne, ob sie sich nicht zu den Großeltern flüchten müsse, um dort Schutz und Theilnahme, Liebe und Trost zu finden. Ihr Herz klopfte heftiger, als er sich zu ihr setzte, aber etwas sehr Schlimmes konnte er ihr mit der Bibel in der Hand nicht sagen, das war eine Beruhigung. Elisabeth, bist Du einverstanden, begann er mit bewegter Stimme, daß wir uns in Gottes Gebot fügen und in Geduld und Demuth neben einander bleiben? – Er hielt inne, sie hatte die Augen niedergeschlagen und konnte nichts entgegnen. – Wenn Du Sehnsucht zu den Deinen hättest, möchte ich Dich nicht zurückhalten, fuhr er fort; wir sind aber Deiner Gesundheit wegen hergegangen und wollen hoffen, daß Du recht gesund und frisch hier wirst. – Seine Augen fielen indem auf die Rosen, die in einem Glase so frisch und duftend neben Elisabeths Bibel standen. – Nun wollen wir auch diese Blumen für eine Bestätigung Deines Wunsches halten, sagte er mit einem Lächeln, das freilich traurig genug war. – Elisabeth schwieg noch immer. – Und wenn wir zurückkehren, bleibt es bei der Verabredung, daß Du mit den Kindern zu den Großeltern gehst, fügte er hinzu und er erklärte ihr nun noch so schön und zart er es nur konnte, sie sollte die Zeit hier ganz nach ihrem Gefallen leben und thun, ganz wie es ihre Stimmung verlangte. Sie konnte reden oder schweigen, weinen oder freudig sein, gehen oder ruhen, ja allein wandeln am Meer so viel es ihr gefiel, sie hatte niemand zu fragen, niemanden von ihrem ganzen Thun Rechenschaft zu geben. Sie sollte sich frei fühlen, auch nie fürchten, ihn zu verletzen oder zu erzürnen; sie sollte nur an ihre Genesung denken, – und an ihren Frieden, setzte er leiser hinzu. Sie hatte zu allem geschwiegen. Er schwieg jetzt auch. – Nach einer Pause sagte er schnell: Jetzt nur, Elisabeth, sprich ein Wort. Ich danke Dir, sagte sie, – und er verließ schnell das Zimmer. Aus Großmuth und Güte handelt er so, dachte ihre Seele, und die Anerkennung lag in ihrer Antwort. Als er aber das Zimmer verlassen hatte, nahten sich bald genug wieder sehr traurige Gedanken. – Die Großmuth wird ihm nicht schwer, – es ist ihm keine Entbehrung, von mir nicht viel zu hören, weil er mich nicht mehr lieb hat, – meine Nähe ist ihm so drückend als mir die seinige, – er wird sich gern freier fühlen. – Und doch ist es so am besten, mußte sie schließlich hinzufügen, der Entschluß ist weise, – und daß er mit aufrichtigem Herzen und mit dem Herrn gefaßt war, das fühlte sie in seinem ganzen Wesen. Sie stand jetzt auf, sie wollte seinen Rath, so viel als möglich in der Luft zu sein, befolgen. Sie stellte sich vor den Spiegel, strich die verwirrten Locken glatt zurück und knüpfte ein leichtes Spitzentuch über das schlichte Haar. In dem Augenblick trat Johanne herein mit dem neuen Hut und dem Sammttuch. Elisabeth sah es verwundert an. Nun, gnädige Frau, müssen Sie sich putzen, begann das Mädchen, die ganzen vornehmen Herrschaften gehen am Strand spazieren. Da müssen wir mit den Kindern doch auch hin. Woher hast Du das? fragte Elisabeth mit stockender Stimme. Das hat der gnädige Herr in Bremen selbst gekauft, sagte Johanne schmunzelnd, dafür müssen Sie sich recht schön bedanken. Elisabeth nahm beide Sachen dem Mädchen aus der Hand, legte sie in den Schrank, der in ihrer Stube stand, und sagte: Ich gehe ja jetzt nicht an den Strand, ich will hier auf der Bank an unserm Hause mit den Kindern bleiben. Johanne wußte, daß ihre junge Frau eigensinnig war, und sagte nichts weiter. Elisabeth blieb den ganzen Abend am Giebel des Hauses sitzen, wo eine Segeltuch-Wand sie vor den Vorübergehenden verbarg, und sie das Meer doch so schön vor sich hatte. Ihr Mann war fortgegangen, sie aß mit den Kindern allein hier ihr Abendbrot, und saß allein hier, bis die Sonne als ein großer Feuerballen sich leise hinabsenkte zu der dunkelblauen Fluth. Elisabeth saß mit gefalteten Händen, es war ganz still und friedlich in ihrem Herzen, sie hatte in der Bibel lesen können und hatte beten können; jetzt war ihr geholfen, es mußte ihr Trost werden. Der Herr hatte sie auch schon erhört, hatte er denn nicht alles über Erwarten gut gefügt? Seitdem ihr Mann mit ihr gesprochen, war Bangigkeit und Angst aus ihrer Seele, die Tage hier konnten ihr nicht gar zu schwer werden. In die Zukunft wollte sie nicht sehen, nur immer beten für den einen nächsten Tag. Sie hatte die Abendstunden mit den Kindern wie ein Kind verspielt und hatte jetzt weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft gedacht. Nun die Kinder zu Bett waren, saß sie ganz still und gedankenvoll, sie schaute unverwandt auf das Meer, sie dankte dem Herrn für die letzten guten Stunden, und bat um eine gute Nacht für sich und ihre Kinder. Als die Sonne fast ganz hinab gesunken und nur noch wie ein kleiner goldner Nachen auf dem Wasser ruhte, trat ihr Mann plötzlich zu ihr. Sie stand unwillkürlich schnell auf. Ich wollte Dich nicht stören, sagte er ruhig und war im Begriff zurückzugehen. O nein, sagte sie schnell, – die Sonne ist so schön jetzt. Er blieb einige Schritte von ihr an der Wand des Hauses gelehnt stehen, beide sahen der sinkenden Sonne nach, bis zuletzt nur ein Stern noch seine blitzenden Strahlen über die silberumsäumten, leise auftauchenden Wogen sandte. Der Stern war auch versunken und ein immer tiefer werdendes Roth legte sich über das dunkele nächtige Meer, das so weit hin, so grenzenlos, ja fast schaurig, seine wogenden Arme um die kleine Insel ausbreitete. Jetzt wird es kalt, sagte Herr von Kadden. Er hätte gern hinzugesetzt: es ist Dir besser, Du gehst in das Zimmer; aber er wollte ja nicht einreden, sie sollte allein nach ihrem Gefallen leben, darum sagte er nichts weiter. Er hatte es kaum ausgesprochen, so nahm Elisabeth ihre Sachen zusammen und ging in das Zimmer. Der Bediente folgte ihr mit dem Licht. Sie holte schnell ihr kleines Gebetbuch, das ihr die Großmutter schon als Kind geschenkt, daraus sie viele Jahre jeden Abend den Abschnitt, der für den Tag bestimmt war, für sich gelesen. Erst den Winter, wo sie viel in Gesellschaft war und meistens sehr spät nach Hause kam, entwöhnte sie sich von dem Lesen, und später, wo sie überhaupt matt und verstimmt, nicht zu solchen Dingen kommen konnte, hatte sie das Buch höchstens einmal im Vorübergehen und mit getheiltem Herzen angesehen. Sie hatte es mit hierher genommen, weil sie von Jugend auf gewöhnt war, es überall mit der kleinen Bibel zusammen mit sich zu nehmen. Als sie das liebe getreue Buch wieder zur Hand nahm, schämte sie sich wohl und hatte ein böses Gewissen, aber mit großer Sehnsucht schlug sie den heutigen Datum, den 14. Juli, auf. »Mein Herz hält Dir vor Dein Wort: Ihr sollt mein Antlitz suchen; darum suche ich auch, Herr, Dein Antlitz. Ich bin Dein, hilf mir: denn ich suche Deine Befehle. Die mich frühe suchen, finden mich. – Die Elenden sehens und freuen sich: und die Gott suchen, denen wird das Herz leben. Wer da suchet, der findet. Wer aber mich findet, der findet das Leben. Willst du vor Gott nicht eher treten, als bis dein Herz erwecket ist, So würdest du wohl gar nicht beten; drum bet auch, wenn du schläfrig bist. Und mußt du dich gleich ernstlich zwingen, halt an, es wird schon leichter gehn. Es wird dir vielen Segen bringen; drum bleib nicht in der Trägheit stehn. Gott wird dir viele Kräfte geben, halt ihm sein wahres Wort nur für; Es soll dir noch das Herze leben, suchst du nur Jesum mit Begier.« Als sie die erste Hälfte gelesen, trat ihr Mann in das Zimmer. Es lag ihr so nahe, das Buch zu verbergen; sie fühlte, wie sie feuerroth wurde, er sollte von ihren Stimmungen nichts wissen. Er wollte es auch nicht, setzte sie hinzu, er hatte es ihr abgewöhnt, bei ihm Theilnahme und Trost zu finden. Ihm lag nicht daran, wie es in ihrem Innern aussah. Heute und mit dem Buche in der Hand, war sie darüber getröstet; – wenn der Herr es nur wußte. Aber in dem letzten Gedanken konnte sie auch das Buch nicht fortlegen, sie las um des Herrn willen weiter, freilich sehr zerstreut, – von der letzten Hälfte würde sie wenig gewußt haben, wäre es ihr durch den früheren langen Gebrauch nicht gar zu bekannt und heimathlich nahe gewesen. Jetzt stand sie auf und sagte, nachdem sie es erst überlegt, ihrem Manne gute Nacht. Er reichte ihr nicht die Hand, und sie war es zufrieden. Sie lag noch länger wachend, sie hörte die nahende Fluth immer lauter unter dem Fenster heranbrausen, sie dachte an die nächtige dunkele grenzenlose Wasserfluth und dachte: Wenn ich da auf einer Insel Schiffbruch gelitten und getrennt wäre von allem was mein Herz liebt! Sie gedachte ihrer lieben, lieben Kinder, sie konnte dem Herrn so aufrichtig danken. Wie viel zu ihrer Ruhe das Gefühl beitrug, hier in der weiten Fremde nicht allein und ohne Schutz zu sein, dort nebenan jemand zu wissen, auf dessen Großmuth wenigstens sie bauen konnte, das machte sie sich nicht klar. 29. Ein neuer Anfang im Frieden Am andern Morgen konnte Elisabeth sich sogar entschließen, ihre Zeit einzutheilen. Sie dachte daran, wie ihr die Großmutter schon als Mädchen sagte, daß, wenn es nicht ganz richtig im Gemüthe wäre, nichts besser sei als recht fleißig zu arbeiten. Ja im Sündenunglück und im Kreuz, das der Herr von außen schickt, bringen Gebet und Arbeit, ein recht stilles regelmäßiges Leben den besten Trost. Elisabeth wollte jetzt leben wie sie als Mädchen lebte, und zwar zu der allerschönsten Zeit, zu der Zeit ihrer Confirmation. Da stand sie in der ersten Liebe zum Herrn, und heilig vor ihm zu wandeln, das war ihres Herzens Sehnen. Die immer reichere Erkenntniß in seinem Wort war damals gleichzeitig gewachsen mit ihrem Glaubensleben, dabei war sie still und fleißig, half der Mutter mit Sanftmuth und Freundlichkeit, spielte mit den kleinen Geschwistern, lernte Lieder, wenn sie mit Handarbeit beschäftigt war, und spielte und sang in der Dämmerung von dem Schatz, den sie noch in der Seele gesammelt. Welch eine Zeit lag freilich dazwischen! Wie unruhig, zerstreut und auch bange war es doch gewesen! – Ihr junges Herz hatte so freudig und zuversichtlich in die Zukunft gesehen, als wäre keine Gefahr mehr zu fürchten. Jemand zu finden, den ihr Herz lieben mußte, das sehnte sie sich wohl, aber die Liebe sollte ihr ja das Gut- und Frommsein und heilig vor dem Herrn Leben nur noch leichter machen. Daß mit der Liebe und der Verlobung und der Heirath die rechten Kämpfe erst beginnen, daß diese Liebe selbst zerstreuen und das Herz theilen kann, das hatte sie nicht geglaubt. Ja daß das Leben dann erst ernst und bedenklich wird, daß es da erst recht heißt: »Schaffet eure Seligkeit mit Furcht und Zittern,« – das möchte kein junges Herz glauben. Elisabeth glaubte es jetzt und wenn sie ihr Leben überdachte und vor den letzten Tagen der Gegenwart stehen blieb, dann war es wohl, als ob ihre Seele diese Last nicht tragen könne, als ob es doch am besten wäre, alle Hoffnung von der Erde abzuwenden, sich zu wenden von den Menschen, sich hinüber zu grämen und zu weinen und sich ganz zu versenken in die Barmherzigkeit des Herrn. Der Verstand soll aber nie zurückschallen, der Glaube soll vor sich sehen, in Demuth den Verheißungen des Herrn trauen. Und lag denn in ihrer schweren Strafe nicht zugleich der Trost, daß der Herr die schwere Schuld ihr auch erlassen wolle? Wie ein schwankendes Rohr wurde sie von den Gedanken hin und her bewegt, wie ein verglimmendes Licht faßte sie Muth und ließ ihn wieder sinken. So saß sie früh am Morgen auf ihrer Bank am Meer und schlug ihr Büchlein für den 15. Juli auf: »Mein Gott, ich hoffe auf Dich, laß mich nicht zu Schanden werden. Ich harre, Herr, auf Dich; Du Herr, mein Gott, wirst mich erhören. Denn keiner wird zu Schanden, der Dein harret. – Antwort: Hoffnung laßt nicht zu Schanden werden. Die auf den Herrn hoffen, die werden nicht fallen, sondern ewiglich bleiben, wie der Berg Zion. Wer ist jemals zu Schanden worden, der auf Gott gehoffet hat? Aber ob die Hilfe verzeucht, so harre ihrer, sie wird gewißlich kommen und nicht verziehen. Verziehet Gott mit seiner Hilfe und der Feind will Dir Gottes Treue zweifelhaft machen, denke: Es heißt: Harre. Du lebest noch, du sollst noch ein Zeuge der Treue Gottes werden. Wäre Er nicht treu, so wäre er gar kein Gott. Nein, seine Treue ist ewig, so groß und gewiß, als er selbst, und über alles unser Denken; du wirst es noch endlich, und zwar desto herrlicher erfahren, und nicht zu Schanden werden, sollte eher Himmel und Erde einfallen. Er ist, der Glauben hält ewiglich. Keiner auf der ganzen Erden soll zu Spott und Schanden werden, Der auf Gott nur harrt und hofft, Gott verziehet wohl gar oft, Aber glaube, sein Verweilen ist wahrhaftig nur ein Eilen, Und je länger er verzieht, desto mehr man Hilfe sieht.« Ich will auch harren, dachte Elisabeth getrost, und will nur mit Glauben in die Zukunft sehen. Sie begann diesen Tag zu ordnen. – Das Baden sollte sie morgen erst anfangen, hatte der Arzt bestimmt, sie wollte heute auch noch ganz unbemerkt in ihrem kleinen Segeltuchhause leben. Sie holte sich verschiedene Arbeiten hierher. Für ihr kleines Mariechen hatte sie Hemden zu nähen, sie hatte kaum geglaubt, dazu kommen zu können, weil ihr zu Hause Muth und Lust zu jeder Arbeit fehlte; wie freute sie sich jetzt darauf. Beim Nähen wollte sie nach und nach alle in der Jugend gelernten Lieder wiederholen, das sollte sie verhindern, zuviel auf die entsetzliche Vergangenheit zu sehen. Dazwischen wollte sie zur Erholung zeichnen und malen, sie hatte alle Sachen dazu mitgebracht. Auch in dem kleinen Garten mußte sie auf- und abgehen, dann mußte sie mit den Kindern spielen, vielleicht konnte sie auch in der ganz einsamen Mittagsstunde sich zur Zeit der höchsten Fluth aus dem Stacket hinaus auf einen nahen kleinen Vorsprung wagen, um gerade hinab auf die schäumenden Wogen zu sehen. So lag der Tag reich und friedlich vor ihr, und begann muthig das erste kleine Hemd für ihr Töchterlein zu nähen. Nach einiger Zeit hörte sie Stimmen vor der Hausthür. Frau von Hohendorf war es mit den Kindern. An solche Störung hatte sie nicht gedacht. Wie wird es mir den Menschen gegenüber wohl ergehen? dachte sie ängstlich, als ihr Mann mit dem Besuche zu ihr trat. Das Gesangbuch hatte sie zugeschlagen, ihr Nähzeug leicht darüber gelegt, die Rosen von Braunhausen standen neben Papier und Bleifedern und Farben. Frau von Hohendorf wollte gar nicht bleiben, sie wollte Elisabeth nicht stören, nur im Vorübergehen einen guten Morgen sagen. Aber Elisabeth konnte diesen theilnehmenden Augen nicht widerstehen, sie bat Anna, zwar etwas verlegen, aber freundlich, sich zu setzen. Kadden empfahl sich, um mit Herrn von Hohendorf an den Strand zu gehen, Frau von Hohendorfs Kinder spielten mit dem kleinen Friedrich und die Mütter sahen ihnen zu. Frau Anna nahm das Gesangbuch in die Hand und sagte unbefangen: Lernen Sie beim Nähen? Elisabeth nickte. Ich will hier in Wangeroge, wo ich so schöne Zeit habe, den Katechismus wiederholen; man verlernt immer wieder, und es ist recht nöthig, daß man sich darin wie ein Kind betrachtet. Den Katechismus? wiederholte Elisabeth nachdenklich: das ist wahr, den habe ich seit meiner Konfirmation nicht wieder gelernt. – Dabei mußte sie sich in Acht nehmen vor ihren Thränen, sie mußte auf ihre Arbeit sehen. Das ist wohl nicht sehr lange her? fragte Anna freundlich. Fünf Jahre, war Elisabeths Antwort. In Gedanken setzte sie hinzu: Lange genug, um recht unglücklich zu werden. Wenn ich mit meinen Studien fertig bin, so will ich Ihnen mein Büchlein borgen, sagte Anna freundlich. Oder ist es Ihnen nicht noch besser, Sie lernen hier gar nicht, Sie ruhen ihre Nerven? Ach nein, das Nichtsthun stärkt die Nerven nicht, entgegnete Elisabeth, ich habe es lange zu Hause versucht. Annas Augen ruhten theilnehmend auf dem feinen, blassen Gesicht mit den offenen klaren Augen, es war ihr unwiderstehlich, sie hätte Elisabeth umarmen, ihr recht viel Liebesworte sagen und sie herzlich bitten mögen, ihr zu sagen, was sie auf dem Herzen hatte. Weil sie das doch nicht konnte, nahm sie den kleinen Friedrich auf den Schooß und küßte seine helle Stirn. In dem Augenblick erschien Johanne mit der kleinen Schwester. Elisabeth nahm das Kind, und als sie ihm in die dunkelblauen Augen, in das ganze kleine blühende Kindergesichtchen sah, das mit seiner rührenden Unschuld und Zuversicht in die Welt hinein schaute, da tauchte in ihren eigenen Augen der Ausdruck der kindlichen Güte und Freude auf, der ihnen sonst so gewöhnlich war. Die Frauen hatten nicht gemerkt, daß ihre Männer an das Stacket getreten waren und beide, obgleich im Gespräch, ihre Augen auf Mütter und Kinder gerichtet hatten, bis Paul seine Mama aufmerksam machte, und diese von Elisabeth Abschied nahm, um noch einen weiteren Spaziergang zu machen. Sie scheint sehr glücklich zu sein, dachte Elisabeth, als sie das Segeltuch ein ganz wenig zurückbog und Anna an der Seite ihres Mannes etwas entfernt vom Hause auf dem erhöhten Dünenrande stehen sah. Sie glaubten sich gewiß unbemerkt. Anna, den Hut noch in der Hand, hatte ihren Kopf mit den schönen braunen Flechten an des Mannes Schulter gelegt, und er schaute auf sie herab mit einem Blick, der Elisabeths Herz zittern machte. Ob zwischen ihnen nie etwas ist, was sie hindern möchte, sich zu lieben? dachte Elisabeth, und dann mußte sie wieder so kämpfen, ihren Kummer, ihre Demüthigung, die Last der Erinnerung von der Seele los zu werden. Acht Tage waren fast vergangen, ganz einförmig, und doch hatte ein jeder Tag für Elisabeth gar manche Mannichfaltigkeit. Sie badete jeden Tag und lief am Strande auf und ab. Sie wagte sich auch zuweilen auf den kleinen Vorsprung, saß da und ließ die Wellen unter sich brausen; sie spielte mit den Kindern, sammelte mit ihnen die niedlichen Muscheln, und lebte ganz frei. Ihren Mann sah sie fast nur bei Tische. Er war in der Stube mit Schreiben oder Lesen beschäftigt, wenn sie außen in ihrem Reiche saß, und wenn er spazieren ging mit Herrn von Hohendorf und einigen anderen Herren, oder mit Friedrich am Strande spielte, dann that sie was sie in der Stube zu thun hatte. Seltsam war es ihr und ward es ihr von Tage zu Tage mehr, wenn sie den Mann, den sie so geliebt hatte, so fremd sich gegenüber sah, ohne ein freundliches Wort, ohne einen warmen Blick, und ihr Herz meinte, daß es doch solch Weh nicht lange tragen könne. Dann kamen freilich die bösen Gedanken, die das arme Herz beunruhigen wollten. Er hat dich zu sehr gekränkt, – er hat dich um alle Hoffnungen, um dein ganzes, schönes junges Leben betrogen, – wenn du auch möchtest, du darfst ihn nie wieder lieben. Den bösen Gedanken folgte dann wieder die Reue und die Unruhe, und es ward nicht eher still in ihr, bis sie sich ganz demüthig mit allem Kummer und Herzweh dem Herrn übergeben hatte. Dann fühlte sie sich in einem sicheren Hafen eingelaufen, dann konnten die Wellen des Kummers sie nicht erreichen, dann konnte sie mit warmer Theilnahme an die vielen, vielen Frauen denken, die da außen in der Welt und ohne den Herrn und mit und ohne ihre Schuld solchen Schmerz durch ihr Leben tragen müssen. Wie viele Frauen haben wohl das Bild eines glücklichen Bräutigams und eines aufmerksamen, rücksichtsvollen jungen Ehemanns in der Erinnerung, und müssen den Mann kalt und rücksichtslos und unfreundlich neben sich sehen. An einem sehr schönen Nachmittag saß sie ganz allein auf ihrer Bank; die Stimmen ihrer Kinder hörte sie am Strande; ob ihr Mann ausgegangen, oder noch in der Stube war, wußte sie nicht. Sie hatte eben die Aermel am dritten Hemdchen gestickt, sie legte es zufrieden zusammen. Sie hätte jetzt so gern einmal gesungen, wie lange hatte sie es nicht gethan, es sollte ihr eine rechte Freude sein. Sie stand auf, sah um die Ecken des Hauses herum, niemand war da. Das Schlafstuben-Fenster war geschlossen, das Roulleau nieder, Johanne war mit den Kindern am Strand, und ihr Mann, wenn er auch in der Stube war, ihren leisen Gesang konnte er nicht hören. Daß er, wie er oft that, gedankenvoll am Schlafstuben-Fenster stand und neben dem Roulleau hindurch seine ernsten Blicke auf sie gerichtet hatte, ahnte sie nicht. Er sah ihr Recognosciren, er zog sich vom Fenster zurück, und trat wieder näher, als sie sich setzte. Sie sang mit leiser Stimme, aber für ihn ganz deutlich: Jesu geh voran Auf der Lebensbahn, Und wir wollen nicht verweilen, Dir getreulich nachzueilen: Führ uns an der Hand Bis ins Vaterland. Solls uns hart ergehn, Laß uns feste stehn Und auch in den schwersten Tagen Niemals über Lasten klagen. Denn durch Trübsal hier Geht der Weg zu Dir. Rühret eigner Schmerz Irgend unser Herz, Kümmert uns ein fremdes Leiden: O so gieb Geduld zu beiden, Richte unsern Sinn Auf das Ende hin. Ordne unsern Gang, Liebster, lebenslang: Führst Du uns durch rauhe Wege, Gieb uns auch die nöthge Pflege. Thu uns nach dem Lauf Deine Thüre auf. An manchen Stellen war ihre Stimme etwas unsicherer geworden, aber sie hatte tapfer zu Ende gesungen, und stand auf und schaute wieder nach allen Seiten, ob sie allein sei. Beruhigt setzte sie sich nieder, sie wollte jetzt eine Malerei vollenden. Sie nahm ein Blatt aus der Mappe, sie sah es nachdenklich an, ja es waren die Braunhäuser Rosen, getreulich abgezeichnet und angehaucht von den frischesten, lieblichsten Farben. Die Originale standen jetzt verblüht vor ihr im Glase und sie hatte sich vorgenommen, sie nachher vom grünen Vorsprung aus feierlich in das Meer zu werfen. Hatte sie doch ein so liebliches, warmes und unvergängliches Abbild vor sich liegen. Sie verstand sich selbst nicht in ihrem Thun, aber es war ihr doch so tröstlich. Es fehlten nur noch wenige Striche an den Stielen, sie hielt ihre Arbeit vergleichend neben die Blumen, die im Wasser vor ihr standen; dabei sah der Beobachter am Fenster die Malerei, die sie ihm, wenn er sich ihrem Tische genähert, immer sehr geschickt verborgen hatte. Sie schlug jetzt die Bibel auf, rieb sich Karmin und Tusch in kleine Näpfchen und nahm die Feder zur Hand. Sie wollte also schreiben. Früher hatte er immer unter ihre kleinen Kunstwerke die Schrift hinzufügen müssen, weil er es besser konnte; jetzt dachte sie natürlich nicht daran, ihn darum zu bitten. Es ließ ihn nicht ruhen in der Stube, nachdem sie jetzt das schöne Lied gesungen, hatte er Muth, jetzt ließ sie sich durch sein Kommen gewiß nicht stören. Er ging hinaus, sie hörte sein Kommen nicht, und als er schon vor ihr stand, bedeckte sie das Bild erschrocken mit einem Tuche. Darf ich Deine Arbeit nicht sehen? fragte er. Sie nahm das Tuch verlegen von den Rosen. Sie glaubte, er würde sie recht kindisch finden, was sollte er denken, daß sie gerade diese Blumen malte? Sie wußte es selbst nicht. Er setzte sich zu ihr, nahm das Blatt in die Hand und sagte: Wie schön hast Du diese Rosen gemacht, sie sind noch schöner als in der Wirklichkeit. Das ist ein Andenken an Braunhausen, sagte sie. Er sah sie fragend an. Nein, der schwere Sinn, den er in ihren Worten suchte, war in ihren Augen nicht zu lesen, sie war augenscheinlich nur befangen. – Wolltest Du etwas darunter schreiben? fragte er und sah nach dem angefangenen großen A. Das war wieder eine schlimme Frage. Unartig durfte sie nicht sein, und wollte es doch nicht gern sagen. Als sie sah, daß er seine Frage schon aufgegeben hatte und wieder aufstand, reichte sie ihm ein Blättchen, worauf sie die Worte erst in Bleistift versucht hatte: »Abraham hat Gott geglaubet, das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet; er hat geglaubet auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war.« Die lateinischen Buchstaben waren mit unsicherer Hand geschrieben, und er erbot sich, die Worte unter das Bild zu schreiben. Sie reichte ihm die Farben und die Feder, und als er fragte, wie er mit den Farben wechseln sollte, entgegnete sie: Wie Du es machen willst, – nur nicht ganz schwarz, fügte sie hinzu. Nein, sagte er und sah ihr ruhig und offen in die Augen; zu den schönen Rosen muß die Schrift mehr roth sein. Er saß bei ihr und schrieb die kleinen Druckbuchstaben mit sicherer fester Hand, sie verfolgte jeden Buchstaben mit den Augen und freute sich, daß er mit den verheißenden Worten ihr Werk vollenden mußte. Seine Güte, tröstete sie sich auch, wird es entschuldigen, daß ich in dem Fortblühen der Rosen eine Unterhaltung finde, er würde sonst nicht wirklich so ernsthaft daran helfen. Die Worte selbst mußten ihm freilich etwas räthselhaft bleiben, er schien aber gar nicht darüber nachzudenken, er reichte ihr freundlich das Blatt und verließ sie. 30. Ein anderes Ehepaar Johanne kam jetzt mit den Kindern die kleine Anhöhe herauf, die Fluth hatte sie von dem Strande vertrieben, und gleich nach ihr kam Frau von Hohendorf zu Elisabeth. Ich störe Sie gewiß? fragte sie ganz zaghaft. Gewiß nicht, entgegnete Elisabeth zum ersten Mal mit einem freudigen Ton. Sie wußte nicht, warum sie freudiger jetzt war, aber sie war es doch. Ich komme eigentlich zu Ihnen, um mich trösten zu lassen, fuhr Anna in großer Aufregung fort: ich habe mich kaum so einsam und verlassen gefühlt als heute. Elisabeth sah sie verwundert an. Sie sollte jemand anders trösten? Das war ganz etwas Neues. Denken Sie, mein Mann ist schon über zwei Stunden mit den Kindern fort – Und Sie wissen nicht wohin? fiel Elisabeth ein. Ich weiß nicht wohin, wiederholte Anna. Aber Gefahr ist hier nicht, tröstete Elisabeth, das Wasser ist überall ganz flach. Das fürchte ich auch nicht, fuhr Anna fort und suchte ihre Aufregung scherzend zu verbergen: daß er fortgegangen ist, ohne mir etwas zu sagen, daß er, während ich noch ruhe, mich allein zurückgelassen, da er weiß, wie gern ich mit ihm gehe, das beunruhigt mich. Konnten Sie ihm denn nicht nachgehen? fragte Elisabeth. O nein, entgegnete Anna ebenso scherzend, ich werde doch dem unartigen Mann nicht nachgehen; auch glaubte ich, er würde jeden Augenblick zurückkommen und mich holen. Ja, das ist wahr, sagte Elisabeth nachdenklich. Sie kannte diese Gefühle. – Wenn er aber nicht fortgegangen ist, weil er böse ist, – setzte sie ganz offenherzig hinzu. Nein, das ist er nicht, war Annas Antwort, aber leider fürchte ich, wenn er zurückkommt, werde ich so gegen ihn sein, daß er böse werden kann. Das ist wahr, entgegnete Elisabeth ganz bedenklich. Wenn man aber Zeit hat, es sich vorher zu überlegen. Zeit läßt er mir allerdings genug dazu, und wenn ich mich bei Ihnen nach Herzens-Lust oder Herzens-Unlust ausreden kann, schäme ich mich dabei vielleicht schon genug und besinne mich. Elisabeth reichte ihr theilnehmend die Hand, es that ihr gar zu wohl, zu sehen, daß diese Frau, die ihr so glücklich schien, sich doch mit dem Manne zanken konnte. Anna, in der Absicht ihres Herzens Unlust auszusprechen, zwar immer unter der anständigen Hülle des Scherzes, fuhr fort: Männer sind darin ganz anders als Frauen, wie würde man so etwas über das Herz bringen! Da wurde sie von Herzen von Kadden unterbrochen. Sie begrüßte ihn und erzählte nun auch ihm, daß ihr Mann heut allein spazieren gegangen sei und sie förmlich vergessen habe. Ihren Herrn Gemahl sah ich vor langer Zeit mit unsern drei Herren am Strand hinauf gehen, sagte Kadden. Anna überlegte jetzt, ob sie sich in Gegenwart des Herrn von Kadden nicht zusammen nehmen müsse, aber das war nicht so leicht, ihr Herz war zu voll, und unter der Form des Scherzes konnte sie immer reden. Unsere drei Herren – wiederholte sie; ja ich vermuthete, daß sie ihn verführt haben! Aber unbegreiflich ist es doch, er weiß, daß unser weiter Spaziergang jeden Tag mein Vergnügen ist. Ich bin nun schon so lange verheirathet, sagte sie kopfschüttelnd, aber ich habe immer noch Gelegenheit, die Eigenthümlichkeit der Männer zu bewundern. Ich sagte schon zu ihrer lieben Frau: wie könnte man so etwas nur durchführen! mich hier in der Fremde ganz mutterseelenallein den Nachmittag zu lassen und gemüthlich mit den Kindern und seinen Freunden zu wandern? Es ist gewiß eine ganz besondere Veranlassung, tröstete Herr von Kadden lächelnd. Nein, ganz gewiß nicht, unterbrach ihn Anna, ich bin überzeugt, er kömmt zurück ganz harmlos und höchst unschuldig. In ihrer Lebhaftigkeit merkte sie nicht, daß Elisabeth völlig verstummte und Herr von Kadden beinahe verlegen war. Freilich, sie erinnerte beide zu lebhaft an ihre Brautzeit und an die erste Zeit ihrer Ehe, da gab es ähnliche Beunruhigungen. Im letzten Jahre hatte Kadden, wenn es nicht ganz zufällig war, selten etwas gesagt, wenn er allein fortging; Elisabeths Kämpfe darüber, ihr Kummer, waren ihm kaum eingefallen, und sich auszusprechen hatte er ihr, weil sie es seiner Ansicht nach auf eine unleidliche Weise that, ganz abgewöhnt. Die Weise dieser liebenswürdigen hübschen Frau war auch nicht angenehm, denn im Aerger sind die Menschen alle nicht liebenswürdig, mag er auch noch so geschickt sich verbergen wollen, und Kadden war wirklich neugierig und gespannt, als Herr von Hohendorf jetzt mit den Kindern in die Thür trat. Er grüßte Herrn und Frau von Kadden, und sagte dann etwas lebhafter als er es sonst zu thun pflegte: Guten Tag, liebe Anna! Anna nahm seine dargebotene Hand und überlegte ernstlich, ob sie sich vor den fremden Leuten nicht zusammen nehmen müßte. Das wollte sie gewiß, sie wollte nur scherzen, ignoriren ließ sich die Sache doch nicht ganz. Ich glaubte, Du wärest verloren gegangen, sagte sie. Wenn Du mir die Strafrede erlassen willst, entgegnete Herr von Hohendorf, so will ich gleich mit meiner Entschuldigung beginnen. Die einzige Entschuldigung könnte doch nur sein, daß Ihr verunglückt wäret, fiel sie ihm rasch in das Wort. Das sind wir nun freilich nicht, wie Du siehst, war seine lächelnde Antwort; wenn Du mir aber erlauben willst zu reden – Nun ja, sagte Anna, Du warest so angenehm und wichtig und interessant unterhalten, die Zeit ist Dir unvermerkt hingegangen. Allerdings auch, aber es ist noch etwas anderes. Darf ich reden? bat er freundlich. Bewunderungswürdige Geduld! dachte Kadden, der in diesem Falle schon geschwiegen und von gleichgültigen Dingen weiter geredet hätte. Ich weiß aber genau, was Du sagen willst, entgegnete Anna, es wird Dich doch nicht entschuldigen. Was meinen Sie, wandte sich Herr von Hohendorf zu Kadden, ob ich meine Frau rücksichtslos in ihrem Unrecht weiter gehen lasse, um dann mit noch größerem Stolz meine Unschuld anerkannt zu sehen? Allerdings sehe ich keinen anderen Ausweg, wenn Ihnen Ihre Frau Gemahlin nicht erlaubt zu reden, entgegnete Kadden lächelnd. In dem Augenblick traten auch die sogenannten drei Herren in das Leinwandhäuschen. Der älteste, ein Herr von Bühlen, war ein großer etwas starker Herr mit weißem Haar, ein Gutsbesitzer aus Westfalen; der zweite, ein theologischer Professor; der dritte der Pastor aus Herrn von Hohendorfs eigenem Dorfe, der erst mit dem letzten Dampfschiff angekommen war. Alle drei waren ohne Frauen hier und waren täglich mit Herrn von Hohendorf am Strande zu finden. Nach der allgemeinen Begrüßung sagte Herr von Bühlen zu Anna: Ihr lieber Mann ist uns voraus geeilt um, wie er sagte, die Strafpredigt erst unter vier Augen zu hören; das scheint ihm nicht geglückt, er fand Sie nicht zu Hause. Ich habe mich über die Herren zu beklagen, sagte Anna, Sie sind daran Schuld, daß mein Mann mich den ganzen Nachmittag vergessen hat. Vergessen? ganz gewiß nicht, entgegnete Herr von Bühlen, der arme Mann hat uns wirklich gedauert in seiner Unruhe! Anna ärgerte sich über den Scherz des alten Herrn und wollte schnell etwas entgegnen, als ihr Mann warnend sagte: Annchen, sei vorsichtig. Du weißt aber, lieber Ernst, daß ich weder vorsichtig sein kann, noch ungeduldig einen langen Nachmittag auf Mann und Kinder warten kann, und dann thun als ob gar nichts vorgefallen wäre. Darin hat Ihre liebe Frau Recht, sagte der alte Herr einverstanden. Herr von Hohendorf reichte ihr so ruhig die Hand, daß es ihr mit ihrem guten Recht etwas bedenklich wurde, aber abgemacht war damit diese wichtige Sache noch nicht. Der Pastor, der Frau Anna zu gut kannte, um nicht zu wissen, was sie empfand, hatte gleich auf ihre Entgegnung um das Wort gebeten, um ein Abenteuer zu erzählen, das allen Anwesenden zugleich als Belehrung dienen sollte. Anna wandte sich neugierig zu ihm, und der Pastor erzählte, daß sie allerdings Herrn von Hohendorf erst verführt hatten mitzugehen – eine Viertelstunde hatte er nur beabsichtigt, um zur rechten Zeit wieder zurück zu sein. Aus der Viertelstunde war im lebhaften Gespräch eine halbe geworden. Als sie nun schnell zurückkehrten und schon ganz nahe waren, hinderte sie plötzlich ein Nebenarm des Meeres, den die Fluth gebildet, am Weitergehen. Sie mußten umkehren und längs der kleinen Halbinsel, auf der sie sich befanden zurückgehen. Aber neckend lief das Wasser an der Uferseite, die hier etwas gesenkt war, vor ihnen her, und sie mußten Gott danken, daß nach einer halben Stunde ein glücklicher Sprung ihnen erlaubte, die immer schmaler werdende Halbinsel zu verlassen und auf der hohen Düne entlang den Rückweg zu suchen, der dem kleinen Gerhard besonders sehr unbequem geworden war. Das war allerdings eine Entschuldigung, aber das menschliche Herz ist schwach. Anna konnte ihren Unmuth noch nicht los werden, obgleich sie sich vornahm ihn nicht weiter merken zu lassen. Sie dachte: die erste halbe Stunde ist und bleibt nicht zu entschuldigen. Herr von Kadden hatte indessen mit großer Spannung Anna und ihren Mann beobachtet, wie er ruhig und unbefangen ihre Hand fest in der Seinen hielt, als möchte er sie schützen vor ihrer Schwäche und ihr dennoch die Ehre geben. Arme Elisabeth, mit dir bin ich anders verfahren! dachte er traurig; meine Heftigkeit hat die Scenen wohl abgekürzt, aber deinen Kampf nur schwerer gemacht. – Hatte sie ähnliche Gedanken? Ihre Aufmerksamkeit war lauschend auf das Paar gerichtet. – Ja, sie dachte: wenn er mir zuweilen so geholfen hätte, würde es nicht so schlimm stehen. Ihr ganzes Herz mußte wieder kämpfen gegen die Erinnerung an die demüthigenden Scenen, die sie so oft erlebt hatte. Die Unterhaltung war übrigens wie ein Scherz abgethan, und die Herren, die zum erstenmal hier auf dem Plätzchen standen, freuten sich über dessen Schönheit. Nun finde ich es erklärlich, wandte sich Herr von Bühlen zu Elisabeth, daß Sie die verordnete Ruhe auf diesem Plätzchen so gewissenhaft genießen, Sie können es nirgends schöner haben. Wir wohnen dort nach dem Waat hin, wandte er sich zu seinen Freunden, eigentlich nicht schön, wir müssen Meer und frische Luft immer erst aufsuchen. Den Sonnen-Untergang, nahm der Pastor, ebenfalls zu Elisabeth gewendet, das Wort, können Sie hier trefflich beobachten. Der freut mich auch jeden Abend, sagte Elisabeth. Die freundliche Aufmerksamkeit dieser beiden Herren, deren beider Wesen so viel Vertrauen erweckendes für sie hatte, that ihrem armen bedrückten Herze wohl; als aber Herr von Bühlen jetzt so nachdenklich seine Blicke erst auf ihr, dann auf ihrem Mann ruhen ließ, bückte sie sich zu dem kleinen Friedrich und strich ihm die weichen Locken aus der klaren Stirn. Sie hatte sich angewöhnt, ihre Verlegenheit bei solchen Gelegenheiten damit zu verbergen. Gleich darauf bog auch ihr Mann sich zu dem Kinde. Könnten wir die Herren nicht zum Thee einladen? fragte er leise. Wenn Du willst, war ihre schnelle Antwort. Wenn es Dich nicht beunruhigt? sagte er wieder. Ich thue es gern, entgegnete sie ebenso schnell, und als er sich mit seiner Einladung zu den Herren und zu Herrn und Frau von Hohendorf wandte, hatte sie den Muth, ihrer Hausfrauen-Würde zu gedenken und hinzuzufügen: Ich bitte, daß Sie bleiben! Niemand hatte etwas dagegen, Herr von Bühlen aber nahm freundlich Elisabeths Hand und sagte: Ich weiß nicht, wie es zugeht, meine liebe junge Frau, Sie sind mir so sehr bekannt. Elisabeth schaute mit ihren großen Augen vertrauend zu ihm auf und entgegnete lächelnd: Weil Sie meinem Großpapa so ähnlich sehen. Da es aber mit ihren Thränen trotz des Lächelns nicht sicher war, entfernte sie sich schnell, um den Thee anzuordnen. Aller Augen folgten ihr mit Theilnahme, und aller Augen richteten sich dann unwillkürlich auf den Mann, der mit so ernsten gehaltenen Zügen nach dem Meere schaute, dann seinen kleinen Jungen rasch auf den Arm nahm und liebreich und warm mit ihm redete. Elisabeth ging mit Eifer an den kleinen Haushalt. Johanne und die Wirthin waren ihr behilflich, kalte Küche, Wein und Thee, Kuchen und Weißbrot standen bald zierlich geordnet. Während Johanne und der Bediente es hinaus trugen, nahm Elisabeth ihr Mariechen auf den Arm, ging in die Stube und trat an das Fenster. Sie sah gedankenvoll auf den kleinen dürren Garten und auf die grünen Hügel mit den zerstreuten Häuserchen. Die kleine Arbeit, das Einrichten des Abendbrotes für die Gäste, hatte ihr ordentlich Vergnügen gemacht. Eine pflichtgetreue, fleißige und stille Hausfrau, dachte sie, eine treue und liebreiche Mutter kann vielleicht glücklich sein auch ohne Sonne und ohne Blumen, wenn sie den Herrn lieb hat und seinen Frieden im Herzen. In dem Augenblick drang aus dem Gesellschaftsgarten Musik zu ihr herüber. Die stillen grünen Hügel, der blaue Himmel darüber, die ferne Hornmusik, das machte ihr Herz sehr sehnsuchtsvoll. O, lieber, lieber Herr, laß mich Dich doch sehr lieb haben, so lieb wie ich Dich zu meiner Konfirmationszeit hatte, wo mein Herz nur nach Dir verlangte und nach keiner anderen Liebe. Wenn ich Dich sehr lieb habe, werde ich auch freundlich und liebreich und geduldig sein zu allen Menschen, – auch zu dem, der mich so bitter gekränkt hat, fügte sie mit bangem Herzen hinzu. Ich möchte auch die Demüthigung gern Dir zu Liebe tragen. Wenn Du es mir aufgelegt und es von mir verlangst, kann ich Dir zu Liebe es auch tragen. Ich will es auch gern, so von ganzem warmem Herzen, wenn Du mir nur dabei hilfst. So heftig und ärgerlich wie die liebe Frau dort außen darf ich nie sein, – sie darf es wohl. Sie hörte jetzt Geräusch in der offenen Thür, sie wandte sich dahin und sah Anna zögernd näher treten. Sie ging ihr freudig entgegen, sie fühlte sich immer mehr zu ihr hingezogen, besonders nachdem sie heute nicht nur ihr Glück, sondern auch ihre Seelennoth, eine von den Kleinigkeiten, die ein großes Stück des Lebens ausmachen, gesehen. Anna legte ihren Arm um das kleine Mariechen und zugleich auch um Elisabeth. Ich habe Sie herzlich lieb, und kann es auch nicht länger für mich behalten, sagte Anna warm, obgleich ich es heute kaum wage, es Ihnen zu gestehen. Ich muß mich recht schämen, fügte sie hinzu. Elisabeth schüttelte lächelnd den Kopf. Das war mir so lieb zu hören, sagte sie nach einer Pause. Sie sind immer so sanft und demüthig, fuhr Anna traurig fort. Das bin ich gar nicht, sagte Elisabeth. Sie richtete ihren Kopf dabei auf, und in ihren offenen Augen blitzte die Wahrheit dieser Worte. Ich möchte es aber sein, setzte sie leiser hinzu. Ich möchte es auch sein, wiederholte Anna, wenn es nur nicht gar zu schwer wäre; können Sie glauben, daß ich vor zehn Jahren schon so kämpfte und immer noch so kämpfen muß? Es ist aber doch besser geworden? fragte Elisabeth treuherzig. Ich lasse mich auch gern damit trösten, entgegnete Anna, aber wenn man immer gewissenhafter werden möchte, so bleibt die Noth immer dieselbe. Elisabeth sagte: Man darf aber auch immer wieder zum Herrn kommen. Das darf man, entgegnete Anna, und auch zu Menschen, die uns lieb haben. Elisabeth nickte, aber ihr Herz wollte schwer werden. Hatte sie auch Menschen, die sie lieb hatten? Ihre Eltern – denen fürchtete sie sich die Noth zu klagen, die Mutter schien ja immer schon unglücklich über sie. Aber die Großeltern? Ja zu denen durfte sie kommen, deren Trost und Liebe war sie sicher. Liebe Elisabeth, begann Anna. Darf ich Sie so nennen? fügte sie bittend hinzu. – Elisabeths Antwort lag in ihren Augen. – Ich glaube, der Herr hat uns absichtlich zusammengeführt, sagte Anna. Ich habe es ihm auch schon gedankt, fügte Elisabeth hinzu. Aber ist das nicht Schadenfreude? fuhr Anna mit feuchten Augen und scherzender Stimme fort, daß es Ihnen lieb war, mich wie ein albernes Kind zu sehen? Es ist doch tröstlich, daß Leute, die den Herrn lieb haben, auch so sein können, entgegnete Elisabeth. Ich möchte doch wissen, ob man mit seinen Fehlern zu kämpfen hat bis zum Tode, sagte Anna nachdenklich. Da kam Johanne in das Zimmer, sie nahm Elisabeth das Kind ab, und beide Frauen gingen hinaus. Das war schön und einladend hier: die frische Luft, das blaue Meer, die sich tiefer senkende Sonne, und der weißgedeckte Theetisch. Alle stellten sich an den Tisch, Elisabeth zu Herrn von Bühlen, alle hatten die Hände gefaltet. Jetzt wird er laut beten, dachte Elisabeth plötzlich, indem sie auf ihren Mann sah. Ja, er that es, zum ersten Mal in seinem Leben machte er von diesem Hausherrn-Rechte Gebrauch. Anna saß zwischen Herrn von Kadden und ihrem Pastor, dann folgte ihr Mann. Die Gäste waren vergnügt, selbst Elisabeth konnten reden, sie erzählte Herrn von Bühlen von Woltheim und den Großeltern, während Kadden wie immer etwas unerforschlich blieb. Er war ein aufmerksamer Wirth, sorgte väterlich für seinen kleinen Friedrich, und scherzte auch mit den größeren Kindern, die von dem humoristischen Professor in eine höchst lustige Stimmung versetzt waren. Ich finde es doch weit angenehmer, wenn man vergnügt ist, sagte Anna zum Pastor. Sie sind das eigentlich immer, entgegnete er. O gewiß nicht, fuhr sie fort, Sie hätten mich heut Nachmittag nur sehen müssen. Das war doch nicht Ernst, sagte er wieder und sah sie mit den klugen Augen fragend an. Natürlich war das Ernst, versicherte Anna, ich bin über eine Stunde am Meer auf- und abgegangen, das Herz voll der dümmsten Gedanken. Ja, es war mir ganz wie als thörichtes Mädchen zu Sinne. Wie Schade, daß ich diese Gedanken nicht gleich habe hören dürfen, sagte ihr Mann; ich erinnere mich eigentlich seit lange nicht, solch ein Vergnügen gehabt zu haben. Ich bin recht froh darüber, sagte Anna vergnügt. Aber Herr von Kadden, wünschte ich, hätte weniger von mir gehört, ich muß mich nur noch etwas bei Ihnen entschuldigen. Das ist nicht nöthig, entgegnete er ganz treuherzig. Kennen Sie das Gefühl, wenn man gar zu oft mit einer gewissen Heftigkeit zu kämpfen hat? fragte sie. Das kenne ich, entgegnete er mit einem sonderbaren Lächeln. Es ist dann eine Erleichterung, jemand zu haben, der so vernünftig ist, daß man solche kleine Gemüthsbewegungen ohne Furcht auslassen kann. Würden Sie Ihrem Herrn Gemahl das auch erlauben? fragte Kadden. O nein, sagte Anna abwehrend, mein Mann sieht ruhig herab auf so thörichte Erregungen. Ja, ich habe ihn Nachmittag bewundert, entgegnete Kadden. Anna war das gar nicht recht zu hören. Siehst Du, lieber Ernst? wandte sie sich etwas vorwurfsvoll zu ihrem Mann. Daran bist Du allein Schuld, daß die Leute Dich bewundern. Du hast mir angewöhnt, reden zu dürfen, wenn ich gerade Lust und Unlust dazu habe. Gewiß sehr weise von Ihrem Herrn Gemahl, scherzte der Pastor. Aber nicht nöthig, fuhr Anna fort; wenn mein Vater mich nur freundlich und ruhig ansah, das half mir auch. Ich bin doch der Meinung, eine Frau darf in jeder Stimmung reden, wandte sich Herr von Hohendorf ernsthaft thuend zum Pastor. Der Meinung bin ich auch, versicherte dieser. Denken Sie, wandte sich Anna zu Kadden, immer noch in dem Gefühl, zu entschuldigen, aber zugleich auch um Gelegenheit zu nehmen und von vernünftigen Männern zu reden: was mein Mann mir zum ersten Geburtstag, nachdem wir verheirathet waren, geschenkt hat! Ich hatte mich den Sommer oft gekränkt über meine Heftigkeit, ich hatte gekämpft, sie immer für mich zu behalten; da schenkte er mir im Herbst eine feierliche Schrift mit Namen und Siegel darunter, die es mir zur Pflicht machte, ihm jede Erregung und jede Unruhe mitzutheilen. Dagegen verpflichtete er sich, fügte Herr von Hohendorf hinzu, seine Frau deswegen nicht weniger lieb zu haben. Es war nur ein Spaß, fuhr Anna fort, aber es war mir damals von großer Wichtigkeit und eine rechte Beruhigung. Sie erinnern sich, wandte sie sich zum Pastor, der Geschichte mit dem Verwalter: er trank so sehr, Sie wünschten mit mir, daß mein Mann ihn aus dem Dienst entlassen sollte, und ohne uns zu fragen, hatte er ihn doch wieder angenommen, da hielt ich es für meine heilige Pflicht, ihm sein Unrecht vorzustellen, und ihn der Schwäche und der Gleichgiltigkeit zu beschuldigen. Kurze Zeit vorher würde ich es nicht gewagt haben, weil er mir zu meiner großen Kränkung einmal gesagt, in Geschäftssachen dürfe ich mich nicht mischen; heute, mit der verbrieften Erlaubniß im Schreibtisch, trat ich kühn in sein Zimmer. Er durchschaute mich wohl augenblicklich, er führte mich auf das Sofa, nahm so feierlich meine Hand und sagte: Nun rede, liebes Annchen. Sein ganzes Wesen machte mir die Erfüllung meiner heiligen Pflicht etwas bedenklich, ich fühlte im voraus, daß er Recht hatte, und wußte nichts zu sagen. Ja mit dem Brief und Siegel, das hat mir wenig geholfen, setzte Herr von Hohendorf hinzu; ich hatte den Widerspruchsgeist im menschlichen Herzen dabei nicht bedacht. Wenn ich verlangt hätte, bei Gefahr meiner Liebe, man dürfe mir nie widersprechen, nie heftig und respektswidrig in meiner Gegenwart sein, ich würde jedenfalls öfter Gelegenheit gehabt haben, großmüthig zu sein. Die Bedenken wegen des Verwalters wurden mir schwer zu erfahren. Wir erzählen aber nichts weiter, unterbrach ihn Anna. Ich war damals zuweilen sehr seltsam, fügte sie hinzu. Ihr Mann sah sie lächelnd an. Ich hoffe Du bleibst es auch, schien er sagen zu wollen. Das Gespräch wurde wieder allgemein, bis die Sonne sich tiefer senkte, bis ihre Scheibe immer goldner und größer wurde und aller Aufmerksamkeit dahin gerichtet war. Jetzt werde ich aber mein Sängerchor zum Gesang auffordern, sagte Herr von Bühlen; Herr von Kadden stimmen Sie an. Mitsingen kann ich wohl, aber nicht anstimmen, entgegnete Herr von Kadden bereitwillig. Der Pastor schlug Choräle vor. Es fand sich, daß nur Elisabeth und Anna und deren Kinder die vorgeschlagenen auswendig wußten, den Herren blieb zu ihrer Beschämung nur eine kleine Auswahl, die sie ohne Gesangbuch singen konnten, und man entschied sich für: »Ach bleib mit deiner Gnade.« – »Hilf uns aller Noth!« So klangen die letzten Worte der sinkenden Sonne nach – Hilf uns aus aller Noth! wiederholte Herr von Bühlen nach einer Pause. Ja wir stecken alle in gleicher Noth, der eine so und der andere so, und der Kampf hört nicht auf, bis wir uns dort oben einmal verklärt wiederfinden. Ob wir wohl immer kämpfen müssen? fragte Anna. Gewiß, entgegnete der Pastor, unsere Lieblings-Neigungen und unsere Noth davon sind mit unserem Leben verwachsen. Wenn wir älter werden, nahm Herr von Bühlen das Wort, zerstreut uns die Welt wohl nicht mehr so als in der Jugend, wir können unser Herz mehr hinauf schicken, und je mehr wir es hinauf schicken können, je mehr wächst in ihm das ewige Leben, und die Seele macht sich leichter los von der Macht dieser Welt. Die Welt in diesem Sinne hat mir, glaube ich, nie imponirt, sagte Anna, die hat mir nie viel Noth gemacht. Die Welt im jungen Herzen, unterbrach sie Herr von Bühlen. Das wollt ich eben sagen, fügte Anna hinzu. Ja, sagte Herr von Bühlen, dem einen kommt die Gefahr von innen, dem andern von außen, darum ist es gut, daß wir alle singen können: Hilf mir aus aller Noth. Der Pastor und Herr von Bühlen sprachen in der Art noch weiter, die Uebrigen hörten zu. Kadden hatte sich an solche Unterhaltungen gewöhnt, denn wenn auch oft genug von weltlichen, äußerlichen und gleichgiltigen Dingen gesprochen wurde, so war doch in dieser Gesellschaft durchaus kein Hinderniß, von Dingen zu reden, die jedem geistigen Menschen am nächsten liegen. Die Armseligkeit der Menschen ist groß, die da meinen, von solchen Dingen rede man nicht, die behalte man für sich; aber nur weil sie armselig, öde und leer in der Seele sind und nichts für sich zu behalten haben, können sie von solchen Dingen schweigen. Ein gläubiger Christ läßt sich von solchen Menschen nicht imponiren, wenn sie auch noch so stolz und sicher und klug und befriedigt thun, sie sind ohne Glauben, ohne Zuversicht und ohne Freudigkeit. Ihr Wissen, ihre Klugheit, ihr Reichthum, in den wichtigsten Momenten ihres Lebens entschwindet es ihnen, hilft ihnen zu nichts. Und wenn es endlich heißen wird: entweder – oder –, wenn sie den Schritt thun müssen, von dieser Welt in die andere hinein, den Kinder Gottes in freudiger Zuversicht thun, dann sehen sie dort kein Land, und versinken in dem Elend, das sie hier mit albernem Stolze als ihr Uebergewicht geltend machen wollten. Von diesem Uebergewicht, diesem grauen Nichts lassen sich nur Menschen imponiren, die eben so arm und schwach sind, wer da aber reich und stark ist im Herrn, der geht muthig auf sie los, der wirft ihre Kartenhäuser kühn zusammen, und läßt sich von diesen Kindern gern für nicht recht gescheit halten: er weiß, was er will und was er darf und was er kann, ihm gehört die Welt. Ihm darf auch alle weltliche Weisheit dienen, alle Kunst und Poesie, alle Industrie, alles Wissen und alle Güter, sie dürfen ihm dienen, er aber darf nicht ihr Diener sein, er ist der Diener des allmächtigen Gottes. Dies zu bekennen, und die Ehre des Herrn zu bekennen, ist ihm eine Erquickung. Wer den Herrn über die Menschen und über alle weltlichen Verhältnisse setzt, und es dennoch nicht wagt, dies in allen Verhältnissen zu bekennen und durchzuführen, der ist in einer traurigen Selbsttäuschung, die ihn in das Verderben führt. Er ist gefährlicher daran, als die Weltleute, welche die Gnade und Liebe des Herrn an ihrer Seele noch nicht gespürt haben. Halb und halb ein Christ zu sein, o ja, das gingen viele ein, dem Herrn gelegentlich dienen, ihn auch gelegentlich bekennen; aber ihre Bequemlichkeit, ihre gewohnte Geselligkeit, ihre kleinen Eitelkeiten – die groben und äußerlichen, aber auch die, welche sich sehr erhaben und geistig stellen, – das muß alles seinen gewohnten Gang gehen, sie nennen das ein gebildetes, ein fröhliches und vom Evangelium erlaubtes Christenthum. Wenn sie nur getreulich forschten im Evangelium, sie würden eine ebenso gewisse als schreckliche Antwort darauf finden. Der Unsegen folgt diesen halben Christen auch schon hier, nicht immer äußerlich zu sehen, aber in ihren armen, unruhigen, bangen, zweifelnden Herzen. Sie wissen es, was Gnade und Sünde ist, und wollen die Gnade nicht, sie wollen lieber die Sünde schmücken und beschönigen. Ganze Christen können mit Fröhlichkeit Kunst und Poesie und Wissenschaft genießen, sie sehen alles zu den Füßen des einen Herrn, und thun es in diesem Sinne. Wenn sie sich zusammen an Shakspeare und Dante und ähnlichen Künstlern erfreut haben, die Gaben bewundert und die Fehler aufgedeckt, so ist es ihnen ein einfacher Schritt, von diesen Sachen zu dem Besten und Schönsten zu schreiten, ein Kapitel aus der heiligen Schrift, ein Psalm, ein schönes Lied, kann diesem poetischen Genuß ganz natürlich folgen. Halbe Christen können mit der Welt dasselbe treiben und können denken: das ist uns erlaubt, es thun es ja auch die entschiedensten Bekenner. Sie bedenken aber nicht den Unterschied: Thut man es um des Schönen der Sache selbst willen, und um an diesem Schönen die Ehre Gottes zu messen, oder geschieht es im Sinne der Welt, um die Thorheit des eigenen Herzens zu unterhalten, Eitelkeit und andere kindische Spielwerke zu nähren? Von solchem eitelen und thörichten Kunstgenuß hinüber zum Höchsten und Schönsten ist dann freilich kein kleiner Schritt, und wenn die halben Christen sagen: Nein es ist doch in einer Gesellschaft höchst unpassend von ernsten Dingen zu reden, das verbietet mir ein gewisses Gefühl, ein guter Tact, es ist mir widerlich: so haben sie ganz recht, der heilige Geist möchte sich in solcher Gesellschaft das verbitten; aber dieses gewisse Gefühl, dieser gute Tact kann sie auch versichern, daß sie in diese Gesellschaft nicht hinein gehören. Unentschiedene Christen können nichts Besseres thun als recht entschiedenen Umgang suchen, da wird ihr Urtheil über alle weltlichen Dinge klar und sicher; die Welt aber mit ihrem Schimmer und Flitterwesen sucht erst schwache Herzen zu reizen, zu verlocken, und dann ihr Urtheil gänzlich zu verwirren. Kadden hatte der ernsten Unterhaltung zugehört mit dem Bewußtsein, daß die Gnade dort oben über ihm ihn in diesen Kreis geführt. Die Freunde in diesem Kreise wunderten sich nicht, daß er mehr ein Hörer als ein Redner war. Herr von Hohendorf sprach auch selten mehr, – die Anlagen, über das zu reden, was die Seele erfüllt, sind auch unter Christen verschieden, einzelne Worte des Einverständnisses sind oft hinreichend, das gegenseitige Gefühl der Gemeinschaft zu wecken. In diesem Gefühle mag ein jeder reden oder schweigen, wie er Lust hat, das Reden wird dann weder tactlos noch das Schweigen gleichgiltig genannt werden. Herr von Bühlen hatte mit dem Pastor jetzt besonders von der Gemeinschaft der Kinder Gottes geredet: wie man, obgleich äußerlich fremd, sich gleich bekannt zu ihnen fühle, wie diese Gemeinschaft dem schwachen Herzen eine Erquickung sei. Christenherzen können sich trotz der Sünde und Schwachheit, in der sie gegenseitig stecken, hier schon in der Verklärung lieben, in der sie sich einst gern sehen möchten. Diese Liebe, die sicherste, die reinste und seligste, ist der Welt unmöglich, diese Liebe, die auf den festen Grund gebauet ist: »Denn wenn Du willt das sehen an, was Sünd und Unrecht ist gethan, wer kann Herr vor Dir bleiben!« Mit diesen letzten Worten hatte Herr von Bühlen geschlossen, als der Pastor leise anstimmte: »Aus tiefer Noth, schrei ich zu Dir.« Anna fiel ein und einer nach dem andern, Worte und Melodie bewegten die Herzen, niemand konnte schweigen. Auch Kadden wußte dies Lied auswendig, seine volle Stimme klang durch die andern hindurch, und als die Herren einer nach dem andern des Textes wegen aufhören mußten, sangen er, Elisabeth und Anna mit ihren drei verschiedenen und doch so harmonischen Stimmen die Verse weiter. Als sie an den vierten Vers kamen: »Und ob es währt bis in die Nacht und wieder an den Morgen, doch soll mein Herz an Gottes Macht, verzweifeln nicht und sorgen,« – wurde Elisabeths Stimme unsicher, ihr Mann aber sang nur fester, – sie schaute unwillkürlich zu ihm auf, fast bange ruhten seine Blicke auf ihr, er fürchtete sie möchte die Aufmerksamkeit der Gäste erregen. Sie verstand ihn wohl, sie nahm sich auch zusammen und sang mit reiner lieblicher Stimme: Ob bei uns ist der Sünde viel, Bei Gott ist viel mehr Gnade, Sein Hand zu helfen hat kein Ziel, Wie groß auch sei der Schade. Er ist allein der gute Hirt, Der Israel erlösen wird Aus seinen Sünden allen. Das war ein schöner Schluß, sagte Herr von Bühlen vergnügt; nun gute Nacht! Ich fürchte, wir haben unserer lieben Wirthin schon viel Unruhe gemacht. Die Herren waren aufgestanden, Anna trat zu Elisabeth, sie strich ihr teilnehmend mit der Hand über die heiße Stirn und die sehr heißen Wangen. Das war für Sie heut zu viel, sagte sie, Sie sind sehr angegriffen. Ich bin nicht unwohl, entgegnete Elisabeth freundlich und fügte entschuldigend hinzu: Es ist vielleicht nur, weil ich lange nicht in Gesellschaft war und lange nicht gesungen habe. Als die kleinen grünen Hügel die Gesellschaft vom Hause trennten, blieb Herr von Bühlen stehen und sagte: Es ist doch eigentümlich mit der Frau: ob sie nicht doch gemüthskrank – wenigstens gewesen ist? Eigenthümlich ist es, sagte Anna, und ich glaube am besten ist ihr die Einsamkeit, wir müssen sie doch in Ruhe lassen. Ueber ihre Pflege bist Du jetzt auch beruhigt, sagte Herr von Hohendorf lächelnd. Ja, das ist rührend, wie er sie so unbemerkt behüten möchte, wie seine Sorge sie umgiebt; aber, setzte sie nachdenklich hinzu, es sind doch nicht allein die Nerven. Es geht wunderlich in der Welt her, sagte Herr von Bühlen, und der Herr muß helfen aus aller Noth. 31. Versuche zur Demuth Elisabeth war sehr froh, als sie wieder allein war, und weil ihr Mann noch hinab ging an den Strand, und es ein so ganz lauer Abend war, wagte sie sich noch auf ihren grünen Vorsprung. Es war so still, so still, das erste Mondviertel, ein leichter goldener Kahn, schwebte auf klarem, tiefblauem Grunde über dem Leuchtthurm, und die aufsteigende Fluth rauschte leise mit ihren Wellen näher. Das war ein bewegter Tag. Sie hatte viel Tröstliches erlebt, sie dankte dem Herrn von ganzem Herzen dafür. Die Gemeinschaft der Kinder Gottes, von der Herr von Bühlen sprach, war auch für sie trotz ihrer Schwachheit nicht verloren, sollte sie erfreuen und trösten, wenn sie es auch noch nicht mit ganzer Freudigkeit ergreifen konnte. Sie konnte noch nicht mit Menschen sein, die Spannung ihnen gegenüber, der Gedanke von ihnen beobachtet zu sein, war ihr zu schwer, sie wollte mit dem Herrn allein leben, sich allein von ihm trösten, sich durch nichts zerstreuen lassen. Wenn sie betete: »Unser täglich Brot gieb uns heute,« so dachte sie: Gieb mir heute nur Speise für meine matte Seele, morgen darf ich wieder darum bitten. Sie fühlte den kühleren Nachtwind jetzt vom Meere herüber wehen, das that ihrer heißen Stirn wohl. Der goldne Kahn senkte sich tiefer den grünen Dünen zu, sie stand auf, ging dem Hause zu, und schaute doch erwartungsvoll wieder nach der dunkelen Gestalt, die am Meere mit schnellen Schritten auf und ab ging. Als Johanne sorgend ihr entgegen kam, ging sie hinein. – Ob du zur Ruhe gehst, ehe er kömmt, oder ob du ihm gute Nacht sagen mußt? dachte sie. Dieses Gutenacht-Sagen war etwas von den kümmerlichen Resten, die ihr aus dem zerwehten Blumenleben geblieben waren. Es war doch seit der Zeit eingeführt, sie konnte es ohne Scheu thun, und sie sah in den letzten stillen Tagen auf diesen Tagesschluß, wie auf ein Ereigniß, schon Stunden vorher. Sollte sie das aufgeben, weil er es vergaß, weil es ihm gleichgiltig war? O nein, mußte sie jetzt mit ihrer Armuth nicht sorgsamer sein als einst mit ihrem Reichthum? – Wenn er aber absichtlich lange bleibt? – Was sollte sie machen? – Sie wollte wenigstens vorher noch lesen und schlug in ihrem Büchlein für diesen Tag auf, den 22. Juli. »Nehmet von ihm den Centner und gebets dem, der zehn Centner hat; denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, von dem wird auch, das er hat, genommen werden. Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu: und wer im Geringsten unrecht ist, der ist auch im Großen unrecht. Gott fordert nur Treue; ist die da, so darfst du dich vor nichts fürchten. Willst du wissen, was es sei, so das Gut in dir vermehret; Es ist nichts als wahre Treu, wie hier Jesus selber lehret. Darum suche treu zu sein ...« Ja, treu zu sein im Kleinen! dachte sie. Der Hochmuth soll mich wenigstens nicht ärmer machen. Ich will warten bis er kommt, und ihm gute Nacht sagen. – Sie dachte jetzt an die selige Großtante Elisabeth, die Oberförsterin, nach der sie selbst eigentlich ihren Namen führte: wie die Großmutter ihr erzählte, wie sie von ihrem Mann immer roh und rücksichtslos behandelt wurde und doch immer so still und getreulich ihre Pflicht erfüllte, wie sie oft halbe Nächte auf ihn wartete, wenn er von Geschäftsreisen oder Jagden und Vergnügungen zurückkam, um ihn noch freundlich zu begrüßen und zu bedienen. – Das Bild dieser Elisabeth war ihr immer ganz schreckhaft gewesen, so demüthigend, aber auch so ganz aus einer anderen Zeit. »Er soll dein Herr sein!« das hatte diese Tante Elisabeth immer hervorgehoben als ein Gottes-Wort, diesem Worte hatte sie sich in gewissenhafter Treue unterworfen. – Elisabeth sah auf ihren Trauring. Sie wollte heute Abend auch Geduld üben, wie die Tante Elisabeth. Sie saß ganz still lauschend nach den ersehnten Schritten, sie wurde müde, sie hatte sich aber einmal unter diesem Harren Demuth oder Hochmuth vorgestellt, und wollte mit diesem Quentchen Demuth ihres schwachen Herzens treulich aushalten. Endlich nahten sich Schritte. Vielleicht wird er gar zürnen, dachte sie mit klopfendem Herzen, wenn er überrascht ist, dich noch auf zu finden. Er öffnete ganz leise die Thür, er glaubte sie freilich nicht mehr auf. – Elisabeth, Du noch hier? fragte er ganz erschrocken. Jetzt will ich gehen, sagte sie und fügte ihre Gute Nacht hinzu. Du bist doch nicht meinetwegen aufgeblieben? fragte er hastig. Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort: Ich wollte Dir gute Nacht sagen. Er reichte ihr die Hand, er wollte etwas sagen, aber er bekämpfte es. Es folgten nun wieder ruhige Tage, einer nach dem anderen ging in Frieden hin. Elisabeth machte jetzt zuweilen weitere einsame Gänge am Strand und wurde von niemanden darin gehindert. Es war von den Freunden einmal angenommen, daß sie allein sein müsse; wenn sie ihr begegneten, sprachen sie einige freundliche Worte mit ihr und gingen weiter. Selbst wenn ihr Mann bei ihnen war, änderte das nichts; die Kinder, die sie gewöhnlich mit sich hatte, waren für sie eine gute Hilfe gegen die kleinen Verlegenheiten bei solchen Zusammentreffen. Daß ihr das Baden und das Stillleben am Meeresstrande wohl bekam, war augenscheinlich, und ihr Mann hatte sich schon einige Mal so freudig darüber gegen Frau von Hohendorf ausgesprochen, daß diese immer mehr beruhigt wurde über den Antheil, den er an Elisabeths Pflege nahm. Sie war überhaupt beruhigt, sie hatte mit Herrn von Bühlen klüglich ausgemacht, daß in Folge einer Gemüthskrankheit Elisabeths Liebe zu dem Mann gestört war; sein ganzes Wesen war dadurch erklärt, behauptete sie. Darum bewunderte Frau von Hohendorf immer mehr sein zartes, stilles Sorgen, es fiel ihr nicht mehr ein, von vernünftigen Männern mit ihm zu reden, wohl aber, wie der Herr die Herzen in seiner Hand hält, und wie er Treue und Geduld lohnt. Wenn er dann gedankenvoll neben ihr ging und mit seinen hübschen Augen hoffend auf sie schaute, dann wurde es ihr ganz unruhig und sie hätte den Herrn bitten mögen, nicht länger zu zögern mit seiner Hilfe. Ueber eine Woche war wieder vergangen, als Herr von Bühlen, wie er jeden Morgen zu thun pflegte, Elisabeth über das Stacket hin begrüßte. Heute fügte er eine Bitte hinzu: er hatte den Freundeskreis in den Gesellschaftsgarten eingeladen; da die übrige Badegesellschaft Nachmittags eine Kaffeepartie nach den Dünen machte, konnten sie dort ganz allein sein, Elisabeth aber sollte sich entschließen ihren Mann zu begleiten. Sie versprach, ihrem Manne, der zum Bade gegangen war, die Einladung mitzutheilen und es sich zu überlegen. – Etwas unruhig darüber ging sie zu den Kindern in die Kinderstube, – sie war nur wenige Minuten hier, als Frau von Hohendorf eintrat. Sie sprach auch von der Einladung des alten Freundes, wollte aber Elisabeth durchaus nicht überreden. Diese hatte fast Lust mitzugehen, doch konnte sie mit ihrem alten Hut, der bei den Badespaziergängen und zu einsamen Zeiten am Strande gut genug war, mit dem sie selbst in der Kirche sich ein verborgenes Plätzchen gesucht, nicht in den Gesellschaftsgarten gehen, und den neuen Hut aufzusetzen war ihr unmöglich. – Es ist doch besser, ich bleibe mit den Kindern hier, sagte sie eben, – als Johanne mit dem neuen Hut und dem Sammettuch erschien. Sie müssen doch sehen, gnädige Frau, wandte sie sich zu Frau von Hohendorf, daß wir auch schöne Sachen haben, und es wäre doch recht gut, wenn sie Nachmittag an die Reihe kämen. Laß doch die Sachen, sagte Elisabeth etwas unwillig, ich gehe nicht aus. Aber Unrecht ist es von unserer gnädigen Frau, fuhr Johanne fort, unser Herr hat die Sachen in Bremen selbst ausgesucht, er hat sie seitdem nicht wieder gesehen. Elisabeth war feuerroth geworden. Am Strande sind sie zu gut, wandte sie sich, verlegen zu Anna. Diese, ganz und gar überzeugt, daß Elisabeth gerade darum, weil ihr Mann sie gewählt, sich sträube sie umzuthun, sagte freundlich, aber doch eindringlich: Ich würde Ihnen rathen, die Sachen zu tragen und Nachmittag gleich den Anfang damit zu machen. Elisabeth kämpfte. Anna konnte nicht wissen, was sie bewegte; dachte sie vielleicht an Eigensinn? Sie schwankte einige Minuten, während dem Frau von Hohendorf noch freundlich zuredete, dann entschied sie sich mitzugehen. Ihr Mann konnte sie freilich mißverstehen, konnte es für einen Mangel an Zartgefühl halten, für Lust sich zu putzen, das war schwer zu tragen. Der Herr wußte es, daß es für sie nur eine neue Demüthigung war, diese unglücklichen Sachen zu tragen, ihm zu Liebe aber wollte sie es thun, und sich um keines Menschen Gedanken kümmern. Ich will mitgehen, sagte sie, und Anna umarmte sie herzlich und freute sich über den Entschluß. Nachmittag machte Elisabeth zum ersten Mal etwas besondere Toilette. Johanne war sehr beschäftigt dabei, sie hatte das weiße Mullkleid mit den vielen Spitzen geplättet, und war ganz entzückt, als sie dann ihre Frau angekleidet, so frisch und schön wie ein junges Mädchen. Die Toilette ging in der Kinderstube vor sich, Johanne ging dann leise in die Wohnstube, um Hut und Tuch aus dem Schrank zu holen, sie hatte immer noch die leise Besorgniß vor Elisabeths Eigensinn. Sie fand Herrn von Kadden hier mit Zeitungslesen beschäftigt. Eine alte Magd hat das Recht, ein Wörtchen mehr zu reden als eine junge. Endlich haben wir die gnädige Frau doch beredet, die schönen Sachen anzuthun, sagte sie schmunzelnd, Frau von Hohendorf hat heute Morgen den Ausschlag gegeben. Herr von Kadden sah schnell auf, es kämpfte in seinen Zügen. Lassen Sie die Sachen hier liegen, sagte er dann, meine Frau wird sie hier umthun. Nun ja, entgegnete Johanne harmlos, der Spiegel ist hier besser. Damit legte sie beides auf das Sofa und verließ das Zimmer. Herr von Kadden war unruhig aufgestanden, er trat an die Thür, ging zurück nach dem Fenster, und trat wieder zur Thür, dann machte er sie entschlossen auf, schritt hinüber zur Kinderstube und klopfte an. Elisabeth, bist Du fertig? fragte er. – Sie erschien in der Thür. Ich bin fertig, war ihre Antwort. Er ging zurück zur Wohnstube, und sie hätte an seinem ganzen Wesen schon gemerkt, daß er erwartete sie würde folgen, wenn ihr auch nicht Johanne ihre Unterhaltung mit ihm mitgetheilt. Was wollte er nur mit den Sachen? Wenn sie nicht feierlich von ihm die Erlaubniß gehabt hätte, zu thun was ihr beliebte, wenn sie nach früheren Auftritten urtheilen sollte, so mußte er jetzt sagen: Du hast die Sachen drei Wochen nicht angesehen, ein Beweis, daß Du unzufrieden damit bist; ich wünsche, Du trägst sie gar nicht. Wußte sie denn nicht, daß er in der Heftigkeit seine besten Vorsätze vergaß? Konnte er nicht jetzt auch die feierliche Erlaubniß vergessen haben, und nachdem er sie in den letzten Wochen so rücksichtsvoll behandelte, auch einmal wieder heftig sein? – Während sie ängstlich noch nach dem Taschentuch und Handschuhen suchte, dachte sie: Ich will alles tragen, wenn er mich jetzt auch so behandelt, wie einst die alte Tante es von ihrem Mann oft ertragen mußte, ich will ruhig bleiben und freundlich bleiben dem Herrn zu Liebe. Neben diesen guten Vorsätzen kämpfte aber doch ein Zürnen und zugleich die Angst vor irgend einer Demüthigung, die sie ruhig tragen sollte. Ihre schwachen Nerven hatten ihr Theil daran. Zitternd trat sie in das Zimmer, ihre feinen magern Hände krampfhaft in einander an die Brust gepreßt, sah sie bange zu ihm auf, als er sie mit düsteren Blicken und kämpfenden Zügen ansah. O Elisabeth, sagte er plötzlich mit bebender Stimme, wie kannst Du so Furcht vor mir haben! – Er warf sich auf das Sofa und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, er weinte. Elisabeth athmete tief auf; sie war erschrocken, aber anders als vorhin. Sie trat zu ihm: Otto, sagte sie bewegt, ich fürchtete, Du möchtest mir böse sein. Komm Elisabeth, sagte er, habe Mitleid mit mir, sage mir was Du gedacht hast. – Sie setzte sich zu ihm. – Aber ich verlange es nicht, fuhr er fort, ich bitte Dich nur, ich will nichts von Dir verlangen, ich will Dich nur herzlich bitten. Ich dachte, sagte Elisabeth mit vor Thränen stockender Stimme: wenn Du auch heftig wärest, ich wollte still und freundlich bleiben. – Er sah sie forschend und fragend an, er wollte noch mehr wissen. – Ich wollte alles ertragen, ich wollte ruhig bleiben, dem Herrn zu Liebe, – und weil Du mein Herr bist, fügte sie leiser hinzu. Ich will Dein Herr nicht sein! sagte er hastig und biß die Lippen auf einander. Elisabeth sah mit Angst seine innere Bewegung. Otto, sagte sie bittend und nahm seine Hand in beide Hände. Bist Du nicht zufrieden mit mir gewesen in diesen drei Wochen? fragte er finster. Ich danke es Dir, sagte sie warm, und verzeihe mir, wenn ich mich jetzt irrte. Er schwieg. Aber er wurde ruhiger. Wirst Du denn je wieder Vertrauen zu mir fassen? fragte er traurig. – Elisabeth weinte. – Ich verlange ja nichts weiter von Dir, fuhr er fort, aber erlasse mir die Qual, wenn wir mit fremden Menschen zusammen sind, daß Du scheu und bange neben mir stehst. Ich will gern thun, was Du willst, antwortete sie. Ja, Du bist meine gute Elisabeth, sagte er traurig, – aber was zerstört ist, ist zerstört! Ich mache Dir auch keine Versprechungen, mein ganzes Wesen sollte Dich ja zwingen, Vertrauen, keine Furcht zu haben. Ich habe keine Furcht, versicherte sie. Verzeihe mir nur heute, fügte sie bittend hinzu. – Sie hatte seine Hand wieder gefaßt und weinte leise. So hatte sie im letzten Jahre oft neben ihm gesessen, und warme Worte und gute Vorsätze waren ebenso ausgesprochen, und es war doch immer schlimmer zwischen beiden geworden. War es aber heute nicht dennoch anders? War denn die Seele dabei ohne Muth und ohne Hoffnung? Die Seele war in des Herrn Hand, sie hoffte nichts von Versprechen und Vorsätzen, sie wollte nichts, als nur auf ihn hoffen und sein Wort vor Augen haben. Beider Schweigen wurde durch die Kinderstimmen von Anna und Paul unterbrochen. Elisabeth richtete sich schnell auf und trocknete ihre Thränen; Kadden ging zur Thür. Die Kinder bestellten, daß ihre Eltern schon nach dem Garten hin gegangen. Wir kommen gleich! war seine Antwort. Er trat darauf noch einmal zu Elisabeth. Ich muß Dir noch sagen, begann er ruhig, warum ich Dich vorhin sprechen wollte. Ich fürchtete, Du hättest Dich überreden lassen dort hinzugehen, auch die unglücklichen Sachen zu tragen. Ich wollte Dich bitten, nichts zu thun was Dir schwer ist, Dich nicht so ohne Noth zu beunruhigen. Wenn Du aber hingehen möchtest, fügte er nach einer Pause hinzu, mußt Du auch mit mir reden und mich ansehen, wenn ich mit Dir rede. Das will ich thun, entgegnete sie, nahm schnell den neuen Hut, setzte ihn auf, ohne den schönen Spiegel zu benutzen, und badete ihre heißen Augen mit kühlem Wasser. Ihr Mann legte ihr das Tuch um, beide verließen das Zimmer. Johanne stand schon mit den Kindern vor der Thür, Elisabeth wollte, wie sie es gewohnt war, den kleinen Friedrich an die Hand nehmen und vorangehen, ihr Mann aber reichte ihr den Arm. Der Weg bis zum Garten war nicht weit, aber weit genug, um nicht ganz stumm bleiben zu dürfen. Ihre gute Absicht, mit ihm unbefangen zu sprechen, wurde ihr schwer auszuführen, und je mehr sie sich besann, je schwerer wollte ihr etwas einfallen. Sie sprach erst zum kleinen Friedrich. Sie sah dann auf zu ihrem Mann und bemerkte, daß er mit der Hand nach der Schläfe griff. Hast Du Kopfweh? fragte sie teilnehmend. Wenigstens die Anlage dazu, war seine Antwort. Ich habe es Dir heut schon angesehen, fuhr sie fort. War ich verstimmt? fragte er. O nein, ich sah es Dir an Deinen Augen an, entgegnete sie schnell. Also sieht sie noch nach deinen Augen, war sein tröstlicher Gedanke. Sie sprachen nun über die Seebäder, daß er hier noch nicht Kopfweh hatte, und sie versicherte, sie fühle sich jetzt ganz frisch und wohl. 32. Neue Kämpfe Elisabeth saß denselben Abend beim Licht allein in der Stube, sie wollte lesen und konnte nicht, ihr Herz war wieder so schwer, so kummervoll. Sie hatte dem Herrn gern danken wollen für den Tag, und hatte auch genug zu danken gehabt. Mußte sie sich nicht gestehen, daß jeder glückliche Kampf, den sie mit ihren bösen Gedanken kämpfte, ihr immer Frieden brachte und sie reicher machte? Wenn auch diese Gedanken sich dagegen sträubten, ihr demüthiges Herz sammelte doch ein jedes verwehtes Blättlein ihres Glückes und hatte seine Freude daran. Die Ereignisse in ihren einförmigen Tagen, und wenn sie noch geringer waren als das Gutenacht-Sagen, wollte sie gern pflegen und nicht wieder durch eigne Schuld veruntreuen. Heute hatte ihr Mann, als sie nicht so lange mit den Kindern bei den Freunden bleiben wollte, sie selbst zurückgeleitet, er hatte ihr auch freundlich erzählt, daß sein Kopfweh nicht schlimmer geworden war. Er hatte mit ihr und den Kindern zu Abend gegessen, er hatte ihr Adieu gesagt, als er nachher nach dem Strand hinab ging, und als sie beim Lichte schon in der Stube saß, kam er, um ihr gute Nacht zu sagen, – sie sollte nicht wieder auf ihn warten, und es gefiel ihm noch im Vollmondschein dort auf und ab zu gehen. Gleich nachdem er fortgegangen war, hatte ihr Kampf begonnen. Ihr Herz wollte dem Herrn danken für alle diese Kleinigkeiten, die sie beglückten; aber da ward es ihr mit einem Mal so bange. Diese armseligen Beweise der Aufmerksamkeit, der Herablassung, die sollen dich beglücken? dachte sie: o wie bist du so arm und gering geworden! Kann dir denn an der Liebe dieses Mannes so viel liegen, daß du darum betteln könntest? Hast du gar keinen weiblichen Stolz, kein Ehrgefühl mehr? – Sie dachte an den Ball, an das erste Begegnen mit ihm, wie da seine Augen die Bewegungen des Herzens nicht verbergen konnten, wie sie sein ganzes Wesen in ihrer Gewalt fühlte, wie sie später dann die kleine Königin spielte, wie sie so zuversichtlich und übermüthig gegen alle Welt die Unwandelbarkeit ihres Glückes, ihrer Macht behauptete. Und dagegen das düstere Bild in Bremen, wo er drohend vor ihr stand – – Nein, es war unmöglich, das zu vergessen, ihr Herz sträubte sich mit Gewalt, nur anzuknüpfen an ein neues Glück; Schaam und Kummer mußten sie immer verfolgen. Wie konnte sie Nachmittag so weich und mild gegen ihn sein? »Was zerstört ist, ist zerstört,« hatte er heute zu ihr gesagt, die Worte brannten in ihrem Herzen und führten sie mit Gewalt in die entsetzliche Vergangenheit, in ihr Unglück hinein. Sie hatte täglich freilich dasselbe gedacht: was zerstört ist, ist zerstört; aber in ihrer tiefsten Seele hatte sie doch gehofft. »Abraham hat Gott geglaubt, das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet, und er hat geglaubt auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war,« das hatte sie nur in der Sehnsucht ihres einsamen Herzens gesprochen. Ihre Hoffnung und ihr Glaube war durch das Gespräch mit ihrem Manne heute erschüttert, obgleich sie ja äußerlich viel gewonnen hatte. Ein Leben wie Tante Elisabeth führen zu müssen, so schwer tragen und dulden zu müssen, durfte sie nicht fürchten; aber war ihr das jetzt ein Trost? Nein, heute war es ihr klar geworden, daß die alte Tante das Wesen ihres Mannes, der ihrem Seelenleben ganz fern stand, den sie nur aus Vernunft und Ehrerbietung geheirathet, wohl ruhiger tragen konnte, sie hatte es kaum viel anders erwarten können und war auch nicht schuld daran; das Leben ohne Sonne und Blumen war ihr keine große Entbehrung, in der Erfüllung ihrer Pflicht und in der Liebe und dem Glauben zum Herrn war sie ganz befriedigt. Konnte Elisabeth mit ihrer Vergangenheit, mit der Erinnerung an ihr Glück und an die eigene Schuld, die es zerstörte, wirklich Frieden finden? Das zu hoffen und zu glauben war heute zu schwer. Sie war zu unglücklich, sie überlegte, warum sie nicht lieber entgegnet hatte: Ja, was zerstört ist, ist zerstört, laß uns nicht uns gegenseitig plagen durch ein Halten an Gottes Gebot, das unter solchen Umständen zu bitter ist. Es giebt viel Unglück in der Welt, eine unglückliche Ehe ist das schwerste. Ein jedes andere lindert die Zeit, der Schmerz stumpft sich ab, hier bringt jeder Tag neue Kämpfe, jeder Kampf bringt einen neuen Stachel, der Schmerz und Groll müssen zunehmen. Auf einem solchen schlimmen Dornenwege giebt es nur eine Hilfe, nur einen Trost, das ist der Herr und sein Wort. Wer Kämpfe und Groll und jeden Stachel Ihm bringt, dem wird der Dornenweg zum Friedenswege. Heute konnte Elisabeth den Friedensweg nicht finden, sie plagte sich damit, den Dornenweg recht zu empfinden; sie wollte sich überzeugen, daß es für sie und für ihren Mann eine Qual sei, neben einander zu leben; sie sehnte sich nach der Zeit, wo sie mit den Kindern bei den Großeltern sein sollte. Sie ließ sich von bösen und hochmüthigen Gedanken immer mehr umspinnen, bis es grau in ihr und über ihr und um sie ward. Bist du treu? fragte wohl mahnend ihr Gewissen, du sollst nicht in Zweifel rückwärts sehen, du sollst in Glauben vorwärts sehen; kann der allmächtige Gott, der ein Herz sanft und eines heftig, eines ernst und eines leichtsinnig geschaffen, nicht auch ein neues Herz schaffen? Der Herr kann es, du darfst ihn und sollst ihn darum bitten, aber soll er dich hören, mußt erst du ihn hören. Er thut auch zuweilen, als ob er nicht hören wolle, so sollst du nur fester an ihm halten. – Sie schlug traurig ihr Buch auf, den 1. August. Sie las hier: »Aber bei der herrlichsten Verheißung muß man am längsten warten. Zuletzt giebt Gott, wonach wir uns gesehnet. Wenn Glaub und Lieb im Kreuz bewähret ist, Und man Geduld an unsern Stirnen liest.« War denn Glaub und Lieb an ihr in Kreuz bewährt? Nein, sie wollte eben noch im Anfang ungeduldig und untreu werden. Bei allem Unglück, mag es der Herr von außen schicken, oder mag es die Sünde im Herzen schaffen, ist immer einzig und allein Gottes Wort der sichere Trost und die feste Stütze. Wenn es noch so düster in der Seele ist, wenn das Leben gar keinen Reiz hat, wenn das Herz und die Gedanken nicht wissen, woran sie sich halten sollen, wenn sie keinen Zweck, keine Zukunft vor sich sehen, wenn die Seele auch trotz alles Seufzens nicht glauben und beten kann, dann kann sie sich doch noch immer an Gottes Wort und Gebote halten, von einem eng begrenzten Tage zum andern sehen, wie sie auf dem schmalen Wege wandelt. Das Leben bringt, ohne daß wir es wollen, ohne daß wir Interesse daran haben, doch die Versuchungen für uns, es geht seinen unaufhörlichen Gang, es richtet fortwährend in Glück oder Unglück an uns die bedenkliche Frage: Willst du den Himmel oder die Verdammniß? und unser Thun ist die entscheidende Antwort. Die Kinder Gottes, sie mögen noch so schwach und sündhaft und elend sein, sie sehnen sich nach dem Himmel, und auf die entscheidende Frage sind sie zur entscheidenden Antwort bereit; sie thun, was der Herr fordert, sie achten auf seine Gebote. In diesem Thun hat das Leben schon einen Zweck, eine Zukunft, denn jeder kurze Tag schließt oft genug die Frage für uns ein: Willst du den Himmel oder die Verdammniß? Die Frage mit Zittern und Zagen immer deutlicher zu beantworten, ist Arbeit genug für jeden kurzen engbegrenzten Tag. Aber ein Arbeiter ist seines Lohnes werth. Ein jedes Kind Gottes mag nur erst thun, was ihm befohlen ist zu thun, wenn auch mit noch so kummervollen Herzen: der Segen, der denen, die den Herrn fürchten, so hundert- und tausendfach verheißen ist, wird nicht ausbleiben. Ein Tag ging nach dem anderen hin, ein jeder Tag brachte das Ende der Badekur näher. Elisabeth mußte oft an die Abreise denken und mit sehr gemischten Empfindungen. Welche schweren Tage standen ihr wohl noch bevor? Das abgeschlossene und einförmige Leben hier war ihr lieb geworden, aber so konnte es nicht bleiben. Die Heimath, die Menschen dort, die nah- und die fernstehenden, wie sollte sich ihr Leben dazwischen gestalten? Der Verkehr hier mit den Freunden war, seitdem sie wenigstens äußerlich mit ihrem Manne unbefangener sein konnte, leichter geworden, Berührungspunkte mit der Vergangenheit und allen äußeren Verhältnissen konnten so leicht vermieden werden, man lebte für die Gegenwart und besprach meistens geistige Interessen, die für Elisabeth immer tröstlich und belehrend waren. An Gelegenheit zu inneren Kämpfen fehlte es ihr zwar keinen Tag, besonders schwer war es ihr, als anhaltender Regen und Sturm sie veranlaßte, das Leinwandhäuschen zu verlassen und im Zimmer Platz zu suchen. Den ersten Tag richtete sie sich mit ihren Arbeiten in der Kinderstube ein, es war ihr leichter für sich, und auch der Gedanke, ihrem Manne lästig zu werden, zu demüthigend und unerträglich. Sie überlegte sich, daß er zu Hause auch seine eigene Stube habe und es ihr im letzten Jahre nie eingefallen war, sich aus Vergnügen zu ihm zu setzen, es konnte ihm also nicht auffallen, wenn sie bei den Kindern blieb. Als er aber, nachdem das Baden und das nöthige Spazierengehen vorüber war, sie in der Kinderstube sitzend fand, sah er fragend und ernsthaft auf ihre kleine Einrichtung hier, und verließ das Zimmer, ohne etwas zu sagen. Mittag sprach er nur die nöthigsten Worte, auch wenig mit den Kindern; Nachmittag, als eine gewisse Unruhe sie in sein Zimmer führte, fand sie es leer. Seine Unzufriedenheit war nicht zu bezweifeln, er sagte nur nichts, weil sie nach Gefallen leben durfte. Sie begann nun zu überlegen, und mußte diese Unzufriedenheit ganz unverzeihlich finden. Warum konnte er sie nicht bitten herüber zu kommen, dachte sie, warum sollte sie zuerst kommen? Das war ihr ja früher, als sie seiner Liebe ganz sicher war, unmöglich gewesen, sie hatte damals gedacht: wenn er es aushalten kann, mußt du es auch können. Ja selbst nachdem der Großvater ihr gerathen, der klugen Großmama zu folgen, und sie selbst die größte Lust dazu hatte, konnte sie sich doch dazu nicht überwinden. Jetzt wo alles so ganz anders, so schwer und traurig war, jetzt sollte sie ihre unangenehmen Gedanken überwinden? Ihre bösen Gedanken sträubten sich, dagegen, sie blieb dabei: er mußte es wissen, daß sie nur aus Bescheidenheit nicht kam, nur weil sie fürchtete ihn zu stören; darum mußte er sie auffordern, zu kommen. Neben all diesen herrlichen Gedanken fühlte sie deutlich, daß sie ihm Unrecht that, daß sie angenehmen Fantasien und nicht der Wahrheit folgte. Sie fühlte recht gut, daß es ihn gefreut hätte, wenn sie vertrauend zu ihm in dasselbe Zimmer kam, seine Güte und Rücksicht gegen sie hatten Vertrauen verdient; aber es ist leichter, jemand anzuklagen, als sich selbst zu überwinden. Als sie so allein im stillen Zimmer stand, und im Sturm und Unwetter auf die kleinen grünen Hügel schaute, ward sie sehr traurig und mußte weinen. Am anderen Morgen war es noch trüber und stürmischer, der Arzt hatte Elisabeth das Baden untersagt; während ihr Mann fort war, nahm sie entschlossen ihr Arbeitszeug, ihre Mappe, ihre Bücher, verließ die Kinderstube und richtete sich in der eigentlichen kleinen Wohnstube ein. Sie dachte: es mag kommen was da will, mein Gewissen soll wenigstens Frieden haben. Wenn sie den Tag vorher so tapfer gekämpft hätte, wäre es ihr leichter geworden; die unangenehmen demüthigenden Gefühle waren heute doppelt schwer zu tragen. Ihr Mann kam zum Mittag erst zurück. Sie hörte wieder mit großer Spannung seine Tritte; als er in das Zimmer trat, sagte sie zuerst ihm in höchster Verlegenheit guten Tag. Er trat in das andere Fenster, er ging zur Thür, er ging wieder zurück, dann trat er zu ihr. Warum bist Du gestern drüben geblieben, Elisabeth? fragte er ganz ruhig. Es war ihr unmöglich etwas zu sagen, sie reichte ihm die Hand und sah ihn bittend an. Es war gerade so wie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft, wo sie bange war ihn heftig zu sehen, und doch mit Worten nicht reden konnte. Er schien mit dieser Erklärung auch völlig zufrieden, er erzählte ihr freundlich von einem weiten Gang, den er ganz allein nach den hohen Dünen machte, und daß er das Meer noch nie so schön gesehen als jetzt im Sturm. Elisabeth bat ihn zaghaft, sie dort auch hin zu führen, und er war dazu bereit. Nachmittag als der Regen etwas nachgelassen, aber der Sturm Wolken und Wogen jagte, ging Elisabeth wohl eingehüllt an ihres Mannes Seite über den Strand hinauf. Auf den ersten hohen Dünen standen sie still. Das war wohl ein majestätischer Anblick, die dunkelen mächtig daherrollenden Wogen, der weiße Schaum und die Sturmvögel darüber kreisend. Das tobende Meer schien die kleine Insel verschlingen zu wollen, es brauste daher und schäumte zurück, um wieder mit neuer Macht heran zu toben. Wenn man glücklich ist, sieht sich so etwas besser an; Elisabeth ward es bange bei dem Anblick. Ihr ganzes Leben erschien ihr trüb und grau und kummervoll. Sie meinte, dies fortwährende Kämpfen mit sich selbst nicht ertragen zu können, sie hoffte fast, der Herr wolle sie durch Trübsal zu sich ziehen und dahin nehmen, wo alle Noth und aller Unfrieden ein Ende hat. Wie thöricht hatte ihr Herz an der Welt gehangen, wie hatte sie von Glück und Lust geträumt, und jetzt war sie arm und hatte nicht einmal mehr den Muth zum Glücklichsein. Elisabeth, kannst Du mir nicht sagen, warum Du gestern bei den Kindern bliebest? bat ihr Mann freundlich. Das würde Dich nur betrüben, sagte sie traurig. Also wirklich – begann er und schwieg dann. Elisabeth sah ihn nachdenklich an, ihre Traurigkeit gab ihr Muth zum Reden, sie hoffte ja auf kein Glück, sie wollte ihn aber nicht kränken, sie wollte nicht mißverstanden sein. – Ich sprach neulich erst mit Frau von Hohendorf, fuhr sie fort, daß es eine große Gefahr ist, besonders für Frauen, den eigenen Fantasien zu folgen; man kann in Verstimmungen sich Dinge vorreden, die, wenn gewissenhaft überlegt, unwahr und thöricht sind; solche Fantasien muß man nie aussprechen, weil man andern damit weh thut. Ich darf Dir darum nicht sagen, was ich mir gestern vorgeredet habe, ich müßte gleich hinzufügen, daß ich es selbst nicht geglaubt habe. Hast Du bedacht, daß auch Männer in der Verstimmung etwas thun und sagen können, was ihnen später leid ist und was sie selbst nicht glauben möchten? fragte er. Als sie jetzt zu ihm aufsah, war es ihm, als ob doch wohl in diesen Augen Hoffnung für ihn lebe, als ob sie die Vergangenheit vergessen und mit neuem Vertrauen und neuer Liebe zu ihm aufschauen könnten. Elisabeth war durch seine Frage seltsam bewegt, ihre hellen Augen konnten das schnelle Gefühl nicht verbergen, in dem Augenblick aber erschrak sie vor dem eigenen Herzen. – Sie standen einige Minuten schweigend neben einander, dann sprach er ruhig mit ihr vom Sturm und Meer, und führte sie sorglich nach Hause. Nach Tische saß Elisabeth mit einer Handarbeit beschäftigt ihrem Manne gegenüber, er las ihr vor. Das hätte sie freuen müssen, aber sie konnte sich heute nicht freuen, sie hatte weder Kraft noch Muth dazu. Sie hatte sich vor Tische sehr zusammen nehmen müssen, weil seine fragenden Blicke sie beunruhigten, wenn sie öfters auf die kindlichen fröhlichen Fragen des kleinen Friedrich keine Antwort gab und sich dann selbst aus tiefer Traurigkeit aufraffen mußte. Er legte plötzlich das Buch fort und fragte theilnehmend: Elisabeth, bist Du unwohl? Nein, – ich glaube nicht, – war ihre zögernde Antwort. Hast Du heute einen besondern Grund traurig zu sein? fragte er ebenso. Sie verneinte es wieder, und er nahm das Buch und las weiter. Einen besonderen Grund hatte sie nicht. Vielleicht ist es das trübe Wetter, dachte sie tröstend. Sie konnte sich nicht losreißen, sie mußte immer an die Heimath denken, wie es dort werden sollte, und daß sie doch wohl zu schwach sei, immer so zu kämpfen. Es kamen ihr auch wunderliche Bilder, sie sah ihren Mann in den alten Kreisen, sich an seiner Seite unglücklich und schweigsam. Er mußte das unendlich langweilig finden und sie konnte doch nicht fröhlich sein, mit Adolfinen nicht scherzen und lachen. Wenn die anderen ihm dann rathen werden: da es einmal so weit mit euch ist, so laß sie lieber und sei mit einer anderen glücklich! Der Umgang dort war ein anderer als der Umgang hier, und der Einfluß ein anderer. War es einmal so weit gekommen, konnte es auch noch weiter kommen; sie wußte nicht, was der Herr mit ihr vor hatte. Sie wurde in ihren Gedanken gestört durch das Läuten der Glocke, die eigentlich zum Baden ruft. Herr von Kadden wollte hinaus gehen und sich nach der Ursache des Läutens erkundigen, als die Wirthin ihm entgegen kam und ihm sagte, daß die Glocke die Badegäste auf das Meerleuchten aufmerksam machen solle. Sturm und volle Fluth und Meerleuchten, das mußte wohl ein großartiger Anblick sein. Elisabeth hüllte sich wieder ein und trat mit ihrem Mann auf den kleinen grünen Vorsprung, um das Wunderschauspiel anzusehen. Mit ihnen traten überall aus den kleinen Häusern die Zuschauer herbei. Auch Herr und Frau von Hohendorf kamen mit dem Pastor und einer Frau Brandes und ihrer Tochter. Beide Damen wohnten mit Hohendorfs in einem Hause und die jugendliche Tochter hatte sich an Frau von Hohendorf sehr angeschlossen. Das Ufer war belebt von dunkeln vermummten Gestalten, und Bewunderung und Entzücken ward überall laut. Das Meer in stürmischer Bewegung, und jede brausende Woge mit Feuer gekrönt, das im Hinabstürzen mit hunderttausend schäumenden Feuertropfen die dunkele Fluth übersäete. In einiger Entfernung vom Strande, wo ein früherer Strand eine Erhöhung bildete und auch bei ruhiger See immer eine kleine Brandung zu sehen war, überstürzte sich ein haushoher feuriger Wasserfall in prächtigen, großartigen und immer wechselnden Formen in das tiefe mächtige Meer. Elisabeth stand an der Seite ihres Mannes und schaute die Herrlichkeit Gottes an. Die Größe und Macht des Schauspiels konnte sie auch jetzt nicht erheben, ihr trauriges Herz wurde nur bedrückter. Frau von Hohendorf war so glücklich, so freudig und so bewegt neben ihr, die Allmacht und Größe des Herrn hatte für sie nichts erschreckendes, es war ja ihr Gott, der sich hier so herrlich kund gab, dem sie mit neuer Bewunderung und Liebe und festerem Glauben sich hingeben konnte. Elisabeth stand wie in einem unglücklichen Traume, es war ihr aber, als müsse sie sich dies Bild genau einprägen. Es konnten Zeiten kommen, die noch trauriger waren, wo sie auf diese als auf eine glückliche herab sah. Sie schaute auf das Feuermeer, nach den dunkeln jagenden Wolken, und schaute nach den Zügen ihres Mannes, der unbekümmert um sie mit dem prächtigen Anblick beschäftigt war und mit den Freunden darüber sprach. Frau von Hohendorf machte den Vorschlag, noch nach den höheren Dünen zu gehen, von wo aus der Blick über das Meer noch weiter war: ein so wunderschönes und seltenes Schauspiel, das sie vielleicht nie wieder erleben würden, mußte trotz des Sturmes und unheimlichen Wetters genossen werden. Von Elisabeth wurde gar nicht angenommen, daß sie mitgehen könne, Anna bedauerte sie darum, ihr Mann wünschte ihr gute Nacht und rieth ihr freundlich, jetzt hinein zu gehen. Sie gingen fort, Anna am Arme ihres Mannes, der Pastor führte Frau Brandes, die nicht sehr bereitwillig zu dem stürmischen Spaziergang war, Herr von Kadden reichte ihrem sechszehnjährigen Töchterlein den Arm. Elisabeth sah ihnen gedankenvoll nach, sah ihre dunkeln Gestalten unter dem Leuchtturm verschwinden, der, als die schwarzen Wolken aus einander rissen, wie ein Riese aus der Nacht heraustrat und auch wieder verschwand. So unglücklich wie jetzt hatte sie sich noch nie gefühlt. Warum war sie nicht aufgefordert, warum durfte sie nicht am Arm ihres Mannes dahin gehen? Sie fühlte zum ersten Mal in ihrem Herzen Eifersucht, zu der sie doch kaum ein Recht hatte. Ihr Mann that nichts Unrechtes, er konnte nicht glauben, daß sie gern mit ihm ginge, da sie in der ganzen Zeit ihm nicht verhehlt hatte, daß sie lieber allein als mit ihm zusammen war. Aber wenn sie die Zeit ihrer Brautliebe betrachtete, wenn er sie da hätte sollen ruhig zurücklassen und am Arme eines jungen Mädchens spazieren gehen! Das Bild, das vorhin sie quälte, ward ihr jetzt noch deutlicher: ihr Mann konnte unmöglich ihre unglückliche Nähe ertragen, und sie konnte doch nicht glücklich und fröhlich sein. Sie weinte bitterlich. Als die Zuschauer in ihrer Nähe den Strand verlassen, setzte sie sich noch auf den Vorsprung, schaute wie im Traum auf das brausende Feuer unter sich, und vertiefte sich in quälende Gedanken. Ihre Vergangenheit, ihre Fröhlichkeit, ihre Zuversicht – und ihre Untreue, ihre Untreue, trotz des Beispiels und der Ermahnungen und der Liebe der Großeltern, trotz des Kummers ihrer Mutter, trotz der Warnungen Emiliens, – alles stand wieder so anklagend vor ihr. Sie konnte sich nicht entschuldigen und wollte es auch nicht, aber sie hätte sich so gern trösten lassen. Nahende Stimmen schreckten sie auf, sie kannte die Stimmen wohl und eilte in das Haus. Sie bereute es, so lange außen geblieben zu sein, und fürchtete ihren Mann noch sehen zu müssen; sie hatte aber kaum ihr Hüllen abgeworfen, als er in das Zimmer trat. Sie entschloß sich, wenigstens ihre Stimmung ihm zu verbergen: wenn er am Arme eines jungen Mädchens fortgehen, sie allein und ohne Theilnahme zurücklassen konnte, durfte er nicht ahnen, was ihr Herz bewegte; es wäre ihm gewiß nur drückend und unangenehm gewesen und sie hätte sich auch schämen müssen. Warest Du bis jetzt außen? fragte er beim Eintreten verwundert. Ich konnte mich nicht trennen, war ihre Antwort ohne aufzusehen. Hat es Dich gefreut? fragte er weiter und beobachtete sie aufmerksam. Wenn sie jetzt mit dem Kopf genickt hätte und noch einmal gute Nacht gesagt, dann wäre die Sache am kürzesten abgemacht. Aber eine Unwahrheit wollte sie nicht sagen, sie nickte nicht, sie schüttelte den Kopf. Es hat Dich nicht gefreut? fagte er gedankenvoll, dann trat er näher. Elisabeth, sieh mich an, sagte er bittend, sage mir was Du hast. Es war mir so einsam außen! entgegnete sie traurig. Hättest Du gern gesehen, wenn ich bei Dir blieb? fragte er zagend. Ach ja, – sagte sie ebenso und hielt mit Gewalt ihre Thränen zurück. Sein Herz zitterte vor Freuden, er nahm ihre Hand und sagte: Wenn ich das gewußt hatte, wäre ich nicht fort gegangen, es soll Dir nie mehr einsam sein. Wenn ich es nur immer wüßte! fuhr er fort und in seinem Ton lag ein leiser Vorwurf. Wenn Du aber nicht reden kannst, will ich es zu errathen suchen, setzte er hinzu. Elisabeth stand wieder wie im Traume. Sie hatte ihm Unrecht gethan. Wie gern hätte sie etwas gesagt, aber sie konnte nicht, und doch schien er eine Antwort zu erwarten. Es war ihr bange. Sie sah endlich zu ihm auf und sagte: Verzeihe mir! – Das war ein Wort, was ihr jetzt so viel auf den Lippen schwebte, nicht allein zu ihrem Mann, auch zum Herrn, ach fast zu allen Menschen, die ihr nahe standen, selbst auf Johannen erstreckte sich das Gefühl: das gute Mädchen hatte genug von ihrem Eigensinn und ihren Launen leiden müssen, jetzt, wo sie demüthig vor dem Herrn und gegen ihren Mann sein wollte, war sie es auch gegen ihre Dienstboten. Ihr Mann schien mit dieser kurzen Antwort ganz zufrieden. Du bist heute schon den ganzen Tag traurig gewesen, sagte er theilnehmend, ich möchte Dich gern trösten, aber ich verstehe es schlecht, ich will Dir nur etwas vorlesen. Er griff zur Bibel, Elisabeth sah ihn freudig an. Sie setzten sich beide, er schlug den 121. Psalm auf und las: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. Der Herr behütet dich, der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, daß dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts. Der Herr behüte dich vor allem Uebel; er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.« Als er geendet, sah er sie fragend an und sagte dann: Ist es Dir noch einsam und traurig? Nein, entgegnete sie gedankenvoll. Du mußt wieder lernen Deine Noth dem Herrn bringen, wie Du es früher so gut konntest, sagte er leise. Elisabeth entgegnete nichts und sah vor sich nieder. Sie kämpfte, ihn um etwas zu bitten, und wagte es doch nicht. Wenn sie es aber unterließ, so war es Unrecht, und es mußte sie vielleicht später sehr gereuen. Lieber Otto, bat sie plötzlich, willst Du mir jeden Abend etwas vorlesen? Recht gern will ich das, entgegnete er schnell. Aber auch wenn wir zu Hause sind? fügte sie stockend hinzu. Immer und immer, sagte er wieder. Beide schwiegen jetzt. Sie stellte die Bibel fort, sie sagte ihm noch einmal gute Nacht und war sehr getröstet. Warum war sie denn so sehr getröstet? warum waren denn die traurigen Vorstellungen wie Nebelbilder verflogen? Wenn er jeden Abend mit mir in der Bibel liest, so ist das ein Band was dich und ihn zusammen mit dem Herrn verbindet, mit dem Herrn und mit der Furcht Gottes im Herzen wird er dir nie untreu werden, wenn er auch nicht glücklich mit dir ist. Das waren die einfachen richtigen Gedanken, vor denen alle Unruhe weichen mußte, Gedanken, die ihr Trost und Frieden brachten. Daß ihr Mann seit der Gesellschaft neulich jeden Mittag laut betete, und daß er mit ihr in der Bibel lesen wollte, waren zwei Ereignisse für jeden Tag, für die sie dem Herrn recht zu danken hatte. So immer fester gerüstet, getraute sie sich auch in ihren alten Kreis zu treten. Warum aber, fragte ihr Gewissen, hatte sie nicht gleich nach ihrer Verheiratung sich gezwungen, warum hatte sie damals die Scheu nicht überwunden und an ihren Mann dieselbe Bitte gerichtet wie sie es heute gethan? Ihr zu Liebe hätte er es sicher gethan, aber sie hielt es damals für unnöthig, für unwichtig, das Band, was ihre Herzen verbunden, brauchte der Herr nicht zu halten, es war fest genug, konnte auch ohne des Herrn Hilfe der Welt von außen und der Sünde im Herzen widerstehn. – Verzeihe mir! schloß sie ihre Betrachtungen, die Worte auf den Lippen schlief sie friedlich ein. 33. Die bittere Freiheit Der Himmel war wieder blau, die warme Augustsonne hatte bald Sturm und Unwetter vergessen lassen, Elisabeth bewohnte ihr Leinwandhäuschen und hatte sich von neuem gewissenhaft vorgenommen, nur immer für den einen kurzgemessenen Tag zu denken, – das ward ihrem schwachen Herzen und schwankenden Stimmungen am leichtesten. Sie beschäftigte sich wieder regelmäßig mit ihren Arbeiten, mit ihrem kleinen Haushalt, mit ihren lieben süßen Kindern, und lebte in Ruhe nach der Vorschrift des Arztes. Mit Anna und mit Frau Brandes und ihrer Tochter fand sie sich oft am Strande zusammen, und scheute auch ihre Gesellschaft nicht. Dem jungen Mädchen konnte sie es zwar nicht ganz vergessen, daß sie den Abend die Ursache ihres Kummers war und am Arme ihres Mannes ihre Stelle eingenommen. Während die Damen dieses kleinen Kreises sehr gut beschäftigt und unterhalten waren, wurden die Herren, je mehr sich das Ende ihres Aufenthaltes nahte, unruhig; sie sehnten sich zurück nach ihrem Beruf und ihren Geschäften, und verabredeten zu ihrer Unterhaltung mit einander eine Seefahrt nach Spiekeroge, der nächsten kleinen bewohnten Insel. Herr von Kadden wurde dazu aufgefordert und nahm es an. Frau von Hohendorf erbot sich, Elisabeth und die Kinder während der Zeit ganz besonders in Pflege und Obhut zu nehmen, und Elisabeth war es zufrieden. Ja der Gedanke, zwei Tage allein zu sein, schien ihr ganz angenehm. Sie befand sich ihrem Manne gegenüber noch immer in einer gewissen Spannung, sich stets beobachtet zu wissen und stets so aufmerksam auf sich selbst sein zu müssen, wurde ihr schwer; sie wollte es in diesen beiden Tagen einmal versuchen, sich so frei und harmlos zu fühlen, wie als Mädchen. Ihre Augen waren zu klar und offen, ihr ganzes Wesen zu unmittelbar, als daß ihr Mann die Wahrheit nicht durchschaut hätte. Obgleich er es ganz natürlich finden mußte, that es ihm doch leid, und er verließ sie ernsthafter, als es ihr lieb war. Doch tröstete sie sich, daß er vielleicht nur zerstreut war! sie wollte sich hüten ihm Unrecht zu thun und ihren bösen Gedanken zu folgen. Der Morgen war ihr in der gewöhnlichen Badeordnung und mit den Damen am Strande schnell vergangen, auch die ersten Stunden des Nachmittags; aber sich so frei und harmlos fühlen wie als Mädchen, das sah sie ein, das ging nicht mehr. Als sie im stillen Sonnenschein in dem kleinen Garten auf und ab wandelte, als sie die Hornmusik aus der Ferne hörte, da war es ihr einsam zu Sinne und so unruhig im Herzen. Sie ging nach der andern Seite des Hauses, wo sie das Meer und die ferne Insel sehen konnte. Sie schaute sehnend über die weiten Wasserwogen hin, und dachte sehnend, daß er wieder zurückkehrte. Sie war eine rechte Thörin, daß sie ihn fort wünschte, daß sie glaubte, die Freiheit sei süß; nein die Freiheit war sehr bitter, die Erfahrung sollte sie jetzt machen. Die kleine Anna kam zur rechten Zeit, sie und die Kinder zur Mama zu rufen. Der Besuch war heute Morgen schon verabredet, Elisabeth hatte sich nur nicht recht entschließen können ihre Einsamkeit zu verlassen. Sie fand Frau Brandes und deren Tochter Luise bei Anna, und zwar waren sie in einer lebhaften Unterhaltung zusammen. Schön, daß Sie kommen! begrüßte sie Anna, Sie müssen mir helfen, oder vielmehr uns helfen, denn Luischen ist auf meiner Seite. Frau Brandes war eine sehr gutmüthige und brave Frau und entzog sich wenigstens nicht den tiefer gehenden Gesprächen, die in Frau von Hohendorfs Gesellschaft nicht zu vermeiden waren, und ihre Tochter hatte ein warmes und empfängliches Herz und hing in jugendlicher Liebe und Verehrung an der neuen ernsten Freundin. Sie werden mir mein Luischen noch ganz konfus machen! sagte Frau Brandes gutmüthig; ich möchte nur wissen, warum sie bei den Soireen hier nicht tanzen soll. Weil ich keine Lust habe, fiel Luischen ein. Nun gut, wenn Du keine Lust hast, magst Du nicht hingehen, aber Ihr müßt nur nicht mir vorreden wollen, daß es Unrecht ist. Doch, es ist Unrecht, sagte Anna freundlich. Für mich gewiß nicht, fuhr Frau Brandes fort, ich versichere Sie, ich thue und denke und rede da eben nichts anderes, als wenn ich mit Ihnen zusammen bin, und ich versichere Sie, daß es mir eigentlich langweilig ist, da zu sitzen, und daß ich nur Luischens wegen hingehe. Ich befreie Dich aber gänzlich von dieser Verpflichtung, sagte Luischen lachend, ich habe es hier meinen sogenannten Bekannten schon angekündigt, sie möchten sich freuen, daß sie mich als überflüssige Tänzerin los würden. Das Gefrage und Gezischel ist mir nur so unangenehm, sagte Frau Brandes, die Damen haben mich gefragt, wir gehörten wohl nun zu den Frommen. Mich haben sie auch gefragt, fiel ihr Luischen in das Wort, und ich habe gesagt: Ich gehöre noch lange nicht so viel dazu, als ich es wünsche. Aber, liebe Mutter, wenn wir nach Hause kommen, werde ich ein ganz anderes Leben anfangen. Frau Brandes schüttelte bedenklich den Kopf. Ich liebe das Auffallende nicht, sagte sie, und ich sehe es doch nicht ein, warum. Warum? fragte Luischen, weil es mein Glück und meiner Seelen Seligkeit ist, und weil ich nichts von der Welt mehr wissen will, und weil ich dem Herrn beweisen will, daß ich ihn lieber habe als die Welt. Nein, Mutter. Du glaubst nicht, wie wenig ich mich fürchte vor den Menschen, die sich über uns wundern und die über uns sprechen möchten. Aber, fügte sie nachdenklich hinzu, wir müssen auch gar nicht das alte Leben wieder anfangen, wir müssen mit einem Mal abbrechen; sonst ist die Gefahr, daß wir uns nach und nach wieder hinein ziehen lassen. Befolgen Sie nur meinen Rath, nahm Anna das Wort, es ist so leicht, so leicht. Aber freilich nur entschieden wissen muß man, was man will; merken die Umgebungen ein Schwanken, so haben sie leicht gewonnen. Sie haben gut reden, liebe Frau von Hohendorf, sagte Frau Brandes, Sie wohnen auf dem Lande und haben sich nach niemand zu richten; aber ich lebe in einer großen Verwandtschaft und eine Freundin hängt an der anderen. Nun, sagte Luischen, das ist auch nicht schwer, wir sagen recht freundlich unsere Meinung, und sagen, auf welche Weise wir gern mit ihnen Umgang haben wollen, und dann ist es ihre Sache, ob sie darauf eingehen. Sie haben das Mädchen gut angelernt! sagte Frau Brandes. Ich habe sie doch übrigens auch gottesfürchtig erzogen, setzte sie etwas gereizt hinzu. Sonst hätte ich sie auch nicht so schnell anlernen können, sagte Anna freundlich. Ich weiß auch, daß Sie mir im Grunde nicht böse sind, aber ich rathe Ihnen herzlich, daß Sie Verkehr mit gläubigen Leuten suchen. Es ist solche Gemeinschaft doch eine rechte Stärkung und ein rechter Trost. Nicht wahr? wandte sie sich zu Elisabeth, die bis jetzt eine schweigsame Hörerin gewesen. Elisabeth reichte ihr die Hand und nickte freundlich. In Gedanken setzte sie hinzu: Das habe ich hier empfunden. Wer den Herrn einmal erkannt hat, ihn lieb hat, fuhr Anna fort, kann sich in der Welt nie wohl fühlen, der Verstand mag ihm die Sache noch so unschuldig und harmlos und gefahrlos vorstellen, der Stachel ist im Herzen, das Herz hat nicht eher Frieden, als bis es dem Herrn alles zum Opfer gebracht, Menschenfurcht und Eitelkeit und Hochmuth und all die Feinde, die dem Zuge der Seele widerstreben. Aber liebste Frau, sagte Frau Brandes, eine Freundin von mir ist genöthigt an einem Hofe zu leben, ihr Mann verlangt es von ihr, die Dinge mit zu thun, die Sie als so große Sünde verwerfen. Die Dinge an und für sich kann ich wohl nicht als Sünde verwerfen, entgegnete Anna schnell, nur die Art, in der sie geschehen. Wenn der Mann ihrer Freundin es verlangt, so muß sie es thun, sie thut es dann weder aus Menschenfurcht, noch aus Eitelkeit, noch aus Hochmuth, sie thut es aus Gehorsam, und weil es ihre Stellung in der Welt nothwendig mit sich bringt; das wird weder ihr Gewissen beunruhigen, noch die Welt zweifelhaft machen, auf welcher Seite sie steht, weil ja eben ihr ganzes Leben und Wesen außerdem für sie zeugen. Den meisten Menschen aber, die da vorgeben, gezwungen zu sein, möcht ich rathen, sich genau zu prüfen, ob es wirklich Pflicht und Gehorsam und Nothwendigkeit ist, was sie in die Welt führt, oder die Schwachheit und Unselbständigkeit des Herzens. Nun, liebe Mutter, sagte Luischen, in solche schwierigen Verhältnisse gehen wir nicht, also wollen wir uns damit nicht beunruhigen, obgleich Frau von Hohendorf auch darin gewiß Recht hat, das der Herr in den schwierigsten Verhältnissen, wenn wir ihm unser Herz und alles, was sich darin verstecken möchte, Schwachheit und Eitelkeit jeder Art, aufrichtig übergeben, uns überall mit Frieden hindurch hilft. Wir nehmen uns einfach vor, mit Leuten nicht umzugehen, die uns nicht lieb sind und nicht mit uns eines Herzens Meinung sind. Natürlich nehmen wir Pflicht und Nothwendigkeit aus, ich meine eben die wirkliche Pflicht. Meinen Herrn Vormund werde ich pflichtmäßigst besuchen und ihm freundlich und dankbar sein, aber wenn er mich zum Ball einladet, dann bedanke ich mich schön. – Luischen sprach mit jugendlichem Muth und Eifer in der Art noch mehr, sie fühlte wohl, daß ihre gute Mutter eigentlich mit ihr einverstanden war, und daß sie sich gern zum Muth auffordern lassen wollte. Endlich wandte sich Anna zu Elisabeth. Liebe Elisabeth, Sie sind heute so schweigsam. Ich könnte doch nur zu allem Ja sagen, entgegnete Elisabeth. Ich rathe Ihnen auch, fuhr sie zu Luischen fort, machen Sie sich mit einem Male von der Welt los, denken Sie nicht, daß es nach und nach geht. Ja, die Welt macht ein junges Glaubensleben nur irre, sagte Anna, und die Leute, die keine Gefahr in der Welt sehen, sind am übelsten daran. Das geht auf mich, sagte Frau Brandes gutmüthig, aber ich will mich gern belehren lassen, und wenn mein Luischen ein solides und braves Mädchen ist und nicht so leichtfertig und putzsüchtig und vergnügungssüchtig, wie eigentlich – ja traurig genug ist es – die meisten jungen Mädchen jetzt sind, so bin ich es auch zufrieden. Und wenn sie auch hier die Gesellschaften nicht mitmachen will, ist es mir recht, weil es mir nebenbei sehr bequem ist. Es wurde nun von andern Dingen gesprochen, Elisabeth aber blieb gedankenvoll. Ja, wie Luischen, so freudig und sicher bin ich auch gewesen, dachte sie, ich glaubte, es sei gar so leicht: mit frischem Muth hindurch; aber es ist nur leicht, wenn man es ernsthaft nimmt. Junge Mädchen sind leicht zu begeistern, wenn sie aber nicht treu im Gebet vor dem Herrn bleiben, nicht jede Kleinigkeit, die sie in der Liebe schon stören will, gewissenhaft zu überwinden suchen, wenn sie nicht einfach auf Grund des Katechismus auf die Gebote des Herrn und auf das Schaffen mit Furcht und Zittern ihre Freudigkeit, ihre Zuversicht und Seligkeit bauen, so ist von der Begeisterung nicht viel zu hoffen. Treu sein in der geringsten Regung der Eitelkeit, des Hochmuths, der Menschen- und Weltliebe! Wer treu im Kleinen ist, den will der Herr über Großes setzen. Die Macht der Welt besteht eben darin, daß sie mit geringen und unscheinbaren Kleinigkeiten ihren Kampf beginnt, und durch die Kleinigkeiten gestärkt immer fester und kecker auftritt. – Alles, was Anna gesagt, war so einfach, so leicht, so unfraglich; und doch wie schwer ist die Ausführung, dachte Elisabeth. Selbst jetzt, wo ihre Untreue sich traurig gerächt, wußte sie nicht, wie sich ihr Leben in der Heimath, ihren alten Verhältnissen gegenüber, gestalten sollte. Sie wußte es nicht, aber es durfte sie auch nicht sorgen, sie wollte auch zu Hause nie über einen Tag hinaussehen, und in den Schranken dieses engen Tages gewissenhaft und treu in der Liebe zum Herrn wandeln. Das war gewiß: wenn wir dem Herrn unser Herz und unser Leben übergeben, hilft er durch die schwierigsten Verhältnisse sicher und glücklich und fröhlich und freudig hindurch. – Wenn meine Mutter so entschieden und freudig wie Anna mir zugeredet hatte, so wäre es vielleicht anders geworden, dachte Elisabeth weiter, aber meine arme Mutter hat selbst immer geschwankt. Wie wird es diesem jungen Mädchen noch ergehen, wenn die Mutter ihr nicht fest zur Seite steht? Wie wird es ihr ergehen, wenn sie sich verheirathet? wenn die Noth des Herzens erst beginnt? Die Freiheit der Mädchenzeit ist lieblich und schön, das Herz ist sorglos und zuversichtlich, es sieht nur Freude und Glück vor sich und die ganze Welt im schimmernden Glanze. – Elisabeth wünschte nicht die sorglose Zuversicht ihrer Mädchenzeit zurück, sie beneidete auch Luischen nicht darum. die schweren Kämpfe, die sie durchkämpfen mußte, beklagte sie nicht. Sie nahm es im Glauben an, daß alles vom Herrn kam, selbst die Erfahrung, die sie heute machte, daß die Freiheit ihr nicht süß, sondern sehr bitter war. 34. Thörichte Gefühle Es war schon tief dämmerig, ihre Kinder schliefen sanft und süß, da saß sie noch auf dem grünen Vorsprung und schaute über das immer dunkeler werdende Meer. Im Norden stand ein hoher Wolkendamm. Wenn es morgen stürmt, können unsere Herren morgen nicht zurückkommen, hatte Anna gesagt, und hatte sich selbst bedenklich wegen des drohenden Wolkendammes mit ihrem alten Wirthe besprochen. Der Wind kommt aber aus Süden, war des Alten tröstliche Antwort, ich glaube nicht, daß es stürmisch wird. Der Herr wird unsere Lieben behüten, hatte Anna zu Elisabeth gesagt, und morgen freuen wir uns desto mehr, wenn sie zurück sind. Daß Elisabeth sich wirklich auf den morgenden Tag freute, konnte sie sich kaum gestehen, aber sie freute sich so sehr. Wenn die Nacht vorüber ist und der Himmel ist morgen früh licht und blau, will ich Dir, lieber Gott, von Herzen danken, dachte sie, als sie den grünen Vorsprung verließ und dann zur Ruhe ging. In der Nacht wachte sie auf, sie hörte das Brausen des Meeres unter ihrem Fenster und fuhr erschrocken auf. Wenn die Seele sich vom Träumen losgemacht, ist es ihr auch noch im Wachen schaurig. Ist das wirklich Sturm? dachte sie bange, sie stand zitternd auf, sie hatte nicht Ruhe und mußte es untersuchen. Sie ging leise in die Kinderstube, um einen großen Mantel umzuthun. Johanne war ganz verwundert. Das Meer braust, sagte Elisabeth, ich muß sehen, ob es sehr stürmisch ist. Johanne wollte sie beruhigen, es sei sicher nur die Fluth, und wenn es wirklich stürmte, würden die Herren gar nicht abreisen. Das war ihr aber keine Beruhigung, sie wußte, die Gesellschaft wollte mitten in der Nacht von Spiekeroge aufbrechen, weil einige Herren eine Seehundsjagd beabsichtigten, sie waren also jetzt vielleicht schon mit dem kleinen Kahn auf den tobenden Wellen. Sie trat mit banger Erwartung aus dem Hause, – aber wie lieblich war es hier: die Fluth brauste zwar schäumend gegen die Dünen, aber gar nicht ungewöhnlich. Ein lauer Wind wehte von Süden, die Sterne blinkten am klaren Himmel und im Morgen verkündete ein lichter Streif den nahenden Tag. O wie sehnsuchtsvoll und selig und dankbar schaute sie hinauf zum Himmel, sie legte sich keine Rechenschaft ab über ihre Gedanken und ihre Gefühle, sie sah den nächsten Tag so licht und hell vor sich, und es war wieder ein Traum. Sie ging in die Kinderstube, sie berichtete Johannen von der lieblichen Nacht, sie küßte ihre schlafenden Kinder und ging wieder in ihr Zimmer. Hier stand sie noch einige Augenblicke sinnend vor dem Tisch, auf dem ihres Mannes Sachen lagen. Papier, Federn, ein Messer und ein seidenes Ueberbindetuch, – sie stand davor gerade so wie damals vor dem Sträußchen Moos und Tannenzweigen, was er auch in seinen Händen gehabt. Der Tag brach an, licht und warm und wunderschön, Elisabeth ging ihm mit frohem Herzen entgegen. Mit der freudigen Erwartung im Hintergrunde wollte sie es noch einmal mit der Freiheit versuchen, versuchen, ob es nicht doch eine rechte Erquickung sei, ganz ohne Furcht vor den Kämpfen ganz gemüthlich für sich zu leben. So ähnlich wird es dann in der Zeit bei den Großeltern sein, du wirst dich frei und doch bei den Lieben nicht einsam fühlen, und er wird jeden Tag kommen, – das Manöver sollte ja ganz in der Nähe von Braunhausen sein. – So dachte sie, als eine gewisse Unruhe sie wieder vor den Tisch, worauf seine Sachen lagen, geführt hatte. Da war es ihr als ob sie bekannte Schritte hörte. Freudig fuhr sie zusammen, wie gern hätte sie den Tag der Freiheit doch daran gegeben. Aber sie war eine Thörin, sie konnte ihn nicht vor Abend erwarten. Gleich nach dem Baden und dem nöthigen Laufen am Strande holte sie Annchen und Paul zu sich, und zwar auf den ganzen Tag, Frau von Hohendorf hatte heftiges Zahnweh. Mit Kindern verkehrte sie im Grunde am liebsten, mit Annchen ließ sich auch so nett und vernünftig spielen, und nichts paßte zu ihrem Tage der Freiheit besser, als diese Gesellschaft. Um die Kinder in der Nähe des Hauses zu fesseln, denn sie durfte sich wegen der Rückkehr ihres Mannes natürlich keine Minute vom Hause entfernen, hatte sie etwas sehr Gutes ausgedacht. In dem kleinen Garten sollte auf dem Platz, wo sonst eine Bank und Stühle standen, ein Park angelegt werden. Sie hatten früher schon zuweilen am Strande mit Muscheln und Steinchen kleine Anlagen gemacht, die täglich von der Fluth weggewaschen wurden, es war den Kindern sehr einleuchtend, Zeit und Mühe hier an den solideren Boden zu verwenden. Es wurde nun ein förmlicher Plan entworfen, kleine Häuser und Ställe und Grotten und Gewächshäuser sollten zwischen Wiesen und Gartenanlagen sich erheben. Elisabeth ordnete an, und Annchen und Paul gingen, zu des kleinen Friedrichs Entzücken, tapfer an das Werk. Das Wert war mühsam, da man aber den Tag vor sich hatte, wurde keine Arbeit gescheut. Elisabeth half den Kindern, sie ging aber auch hin und her, sie stand am Staket, schaute nach dem Meer, oder stand an der andern Seite und beobachtete die Fußstege, die zwischen den kleinen grünen Hügeln hindurch nach dem Waat führten. Sie saß gedankenvoll auf dem Vorsprung, dann ging sie ebenso gedankenvoll in das Zimmer und legte das seidene Ueberbindetuch in die Kommode, bis sie erröthend sich ihrer Unruhe schämte und wieder an ihre Arbeit zu den glücklichen vergnügten Kindern ging. Nachmittag waren die Anlagen ziemlich fertig, als Annchen sagte: Nun müßten wir nur kleine Figuren haben, kleine Menschen und Pferde und Hunde und Schaafe und Hühner. Die werde ich zeichnen, sagte Elisabeth, und Ihr malt sie an. Das war aber ein Jubel! An Ort und Stelle wurde das Atelier eingerichtet, Elisabeth auf einer Fußbank sitzend und die Kinder knieend vor der Bank. Ueber dieser sehr interessanten Unterhaltung vergaß Elisabeth ihre Unruhe und ihre Erwartung, es fielen ihr immer neue Ideen ein und die ganze kleine Schöpfung an ihrer Seite war zu niedlich. So hörte sie wirklich die Schritte ihres Mannes nicht, der vom Strande herauf in das Haus trat. Er sah in die Stuben, niemand war da, auch im Leinwandhäuschen war es still. Von niemanden erwartet zu werden, war ihm nicht recht; von Johannen und den Kindern hatte er es wenigstens gehofft. Daß Elisabeth gern die Tage allein war, das hatte er mit sich durchgekämpft, darum wollte er ihr nicht böse sein; aber es betrübte ihn, und der Empfang jetzt bestärkte ihn in seiner Stimmung. Als er in das Wohnzimmer und an das Fenster dort trat, hörte er Stimmen und erblickte die Kindergesellschaft. Er ging in den Garten und blieb an der Giebelecke stehen, – es ging ihm wie damals, wo er über Elisabeths Berathung mit dem alten Friedrich zur Befriedigung ihrer Reitlust auf dem sanften Ypsilanti seinen eigenen Kummer vergaß. – Der Anblick war zu lieblich. Elisabeth im weißen Mullkleide, sie wußte eigentlich nicht recht, warum sie es angezogen, saß zwischen den Kindern und zeichnete gerade eifrig. Aber Tante, sagte Paul, warum hast Du denn den Pferden so lange Ohren gemacht? Ich sage Dir aber, lieber Junge, entgegnete Elisabeth gereizt, es sind keine Pferde, es sollten nur welche werden, da sie aber mehr wie Esel aussahen, habe ich ihnen gleich lange Ohren gemacht! Wir haben aber nun keine Pferde, die den Acker bestellen, warf Paul ein. O wir bestellen mit Ochsen, es ist ja Sandboden hier, tröstete Annchen. Deine Ochsen, Tante Elisabeth, haben aber viel zu lange Beine, kritisirte Paul wieder. Es sind ja die magern Ochsen, sagte Elisabeth ganz ärgerlich, die kommen in den Futterstall, nun mache ich die fetten ganz rund und mit kurzen Beinen. Dann nimm Dich nur in Acht, daß sie nicht wie die Schweine werden, warnte Paul. Aber, schalt ihn Annchen, die Tante macht den Ochsen so schöne große Hörner! In dem Augenblick entdeckte Friedrich seinen Papa und lief ihm jubelnd entgegen. Elisabeth stand schnell auf ihm auch entgegen zu gehen, weil er aber erst Friedrich begrüßte und dann erst Anna und Paul, hatte sie Zeit sich zu fassen und seinen ruhigen freundlichen Gruß ebenso zu erwiedern. Friedrich zog den Papa zu dem kleinen Kunstwerk, er sollte alles sehen und alles bewundern, und er that es auch, und Elisabeth stand still dabei. Und es war ihr als ob sie einen guten Traum gehabt, und als ob sie sehr thöricht gewesen. Tante Elisabeth, sagte Anna plötzlich, Herr von Kadden müßte uns einige Pferde zeichnen. Unwillig blitzte es in Kaddens Augen, doch zwang er sich zu scherzen. Anna, zu ihr sagst Du Tante und zu mir Herr von Kadden; Du weißt doch, daß es meine Frau ist? Ja, das weiß ich, sagte Anna harmlos; sie überlegte auch nicht, warum sie so gesagt, aber er war doch ganz anders als ihr Papa mit seiner Frau. – Wenn Sie uns zwei Kutschpferde und vier Ackerpferde machen könnten! bat Annchen. Er sah fragend auf Elisabeth, sie reichte ihm Bleistift und Papier, und er zeichnete wirklich. Aber nicht nur die Pferde, nein, er war sehr gütig, er verbesserte die mageren Ochsen, er zeichnete auch einige Kühe und Schaafe, und ging dann in das Zimmer. Elisabeth konnte unmöglich länger mit den Kindern spielen. Sie saß auf ihrer Bank mit dem Arbeitszeug in der Hand und dachte kaum etwas. In vier Tagen wollten sie abreisen, da zwang sie sich das Packen zu überlegen, und wenn die Gedanken abschweifen wollten, holte sie sie mit Gewalt zurück. Anna und Paul wurden abgerufen, sie mußte mit ihren Kindern allein zu Abend essen, weil ihr Mann bald nach seiner Rückkehr mit einigen Herren an den Strand gegangen war. Johanne berichtete nur, daß die Herren gekommen waren und ihn zu einem weiteren Spaziergang aufgefordert hatten; nach der unangenehmen Seefahrt in dem kleinen Kahne sollte ihnen der Gang wohlthun. Herr von Hohendorf war wegen der Zahnschmerzen seiner Frau nicht dabei gewesen. Elisabeth hatte ihre Kinder wie gewöhnlich zur Ruhe gebracht. Sie war in der letzten Zeit des Abends nie mehr allein gewesen, und je länger ihr Mann ausblieb, je schwächer ward ihr Kampf gegen die Gedanken, die ihr doch zu nahe lagen, sie ließ ihnen endlich ihre Freiheit. Im Norden stand wie gestern Abend der dunkele Wolkendamm, da hatte sie bange über das weite Meer geschaut und ihr Herz war doch glücklich in der Sehnsucht. Ja sie war sehr thöricht gewesen, gestern und heute den ganzen Tag! Sie schämte sich ihrer Thorheit, und schämte sich, als sie sich jetzt gestehen mußte, daß ihr schwaches Herz gar zu schwach war, daß es vergessen konnte all das Entsetzliche, was es erleben mußte, daß es noch so empfinden konnte, wie in früherer glücklicher Zeit. Ihres Mannes Rückkehr stimmte mit dem Abschied gestern überein, wenn sie es sich recht überlegte, war er aber bei beidem nicht unfreundlich. Auch daß er heute länger ausblieb, war nichts ungewöhnliches, es war allein ihre Schuld, wenn sie in den letzten beiden Tagen thöricht war, und wenn sie sich jetzt nach seiner Rückkehr getäuscht fühlte. Das Versprechen, sie sollte sich nie wieder einsam fühlen, hatte er damals aus Mitleid gegeben; es war zwar bitter, daß er es so schnell vergessen konnte, aber es war auch ganz natürlich. Sie nahm sich ernsthaft vor, sich ihre Thorheit gewiß nicht merken zu lassen, gar nicht zu thun, als ob sie heute von ihm etwas besseres erwartet hätte. Sie wollte jetzt immer sehr vernünftig und ruhig sein. Sie mußte sich nur gewöhnen, ihre Gefühle und Stimmungen besser zu verbergen, sie mußte lernen verschlossen und kühl sein; solchen Frauen wird das Leben weit leichter, sie haben viel weniger Herzweh, weil die Männer ein warmes thörichtes Herz nicht verstehen und nicht würdigen können, und es so oft kränken und beunruhigen, dachte sie. Aber waren diese vernünftigen Vorsätze nicht bedenklich? Hatte sie sich nicht ihr ganzes Leben lang vorgenommen sich zu ändern? Schon als Kind, wenn sie meinte, von Eltern und Geschwistern und Freunden mißverstanden zu sein, entschloß sie sich, alle Gefühle für sich zu behalten, sie nie auszusprechen, überhaupt mehr ernst und ruhig zu sein; und ehe sie es sich versah, war sie wieder so froh, so offenherzig, und drückte alle in Liebe an ihr Herz. – Für jetzt war freilich ihr ganzes Liebesleben erschüttert, besonders heut Abend, wo der Versuch, wieder warm und glücklich zu fühlen, nur wie eine neue Demüthigung auf ihrer Seele ruhte. Sie überlegte sich sehr genau, wie sie gegen ihren Mann sein müßte, wenn er zurückkehrte, sie mußte jedenfalls freundlich und unbefangen sein, weil er nicht ahnen durfte, daß sie thöricht war und etwas von ihm erwartete, das er selbst ihr, trotz seines Bestrebens freundlich und gütig gegen sie zu sein, als etwas Zerstörtes angekündigt. Bei ihren Gedanken überwachte ihr Auge suchend den Strand. Die letzten einzelnen Spaziergänger verloren sich, und sie überzeugte sich, daß ihr Mann bei irgend einem Bekannten eingekehrt und zu Abend gegessen. Sie ging in das Zimmer, sie nahm ihre Bücher um zu lesen. Sie überlegte vorher noch einmal ihre guten Vorsätze, recht vernünftig und ruhig und kühl zu sein und ihre thörichten Gefühle zu verbergen. – Aber mitten in der Arbeit brach das schöne Luftgebäude, das ihr Verstand so künstlich aufgebaut, zusammen. Sie beugte sich mit der Bibel in der Hand auf den Tisch und weinte bitterlich. – Nein, Herr, ich kann nicht verschlossen und kühl und ruhig sein, ich kann nur thöricht sein; aber Dir will ich meine Thorheit übergeben, Du wirst mich entweder glücklich machen, oder mich trösten. Ich habe ihn doch von ganzem Herzen lieb, ich kann es nicht ändern, mein Verstand kann mir mit klugem Rath nicht davon helfen. Ihr Herz klopfte freudig als sie die Schritte ihres Mannes hörte. Er stand vor der Hausthür noch einmal still, es war ihm sonderbar, als ob er ein böses Gewissen hatte. Früher hatte er gegen das Gefühl ein kurzes Mittel: er trat Elisabeth unbefangen und ruhig entgegen; wenn sie dann gereizt, verletzt und schweigsam blieb, glaubte er mit Recht ebenso sein zu dürfen. Heute wies er mit Unwillen diesen Gedanken zurück, mit einiger Spannung aber trat er in das Zimmer. Du hast doch mit dem Abendbrot nicht lange auf mich gewartet? fragte er verlegen. Nein, nicht lange, war ihre freundliche Antwort. Es ward an seinem Herzen unruhig, er mußte sich entschuldigen. Ich bin heut lange ausgeblieben, fuhr er fort, aber ich weiß, es ist Dir nicht unlieb. Sie schaute unwillkürlich schnell zu ihm auf, aber eben so schnell wieder nieder, sie konnte nichts entgegnen. Er trat jetzt zu ihr, nahm ihre Hand und sagte seufzend: Ich glaubte, Du warest froh gestern über mein Fortreisen. Ich glaubte es auch, war ihre leise Antwort. Verzeihe mir, Elisabeth! bat er – und stockte dann, er konnte nichts hinzufügen. Er konnte nicht sagen: es soll dir nie wieder einsam sein; nein, er war betrübt über sich, daß seine Schwäche selbst jetzt größer gewesen als seine guten Vorsätze. Es war ihm heute wirklich ein Trost, daß er ihr aus der Bibel vorlesen durfte. Er nahm im ersten Korinther-Briefe das dreizehnte Kapitel und las »von der christlichen Liebe Langmuth und Vortrefflichkeit.« Als er geschlossen hatte, reichte ihm Elisabeth die Hand und sagte ihm gute Nacht. Sie dachte: es ist nur gut, daß der Herr nicht verlangt, daß man kühl und abgeschlossen und vorsichtig sein soll; Geduld und Liebe und Demuth üben, ist doch seliger. Und als sie ihren Mann kindlich und vertrauend ansah, da ward es ihm wieder so hoffend und tröstlich zu Sinne. 35. Süßigkeit in der Pflicht Nach zwei Tagen wurde von Herrn und Frau von Hohendorf herzlich Abschied genommen. Madame Brandes und ihre Tochter gingen zugleich mit ihnen fort, Herr von Bühlen war schon acht Tage früher gegangen. Die Abende waren länger, die Insel immer einsamer geworden, Elisabeth sehnte sich nach der Heimath. Sie aber nicht allein. Johanne hatte gar keine Ruhe mehr; sie hatte in Elisabeth eigentlich die Sehnsucht erst recht lebendig gemacht, sie sprach so gern von dem Aufenthalt bei den Großeltern, und wie sich alle Leute freuen würden, daß Elisabeth so wohl geworden. Den letzten Nachmittag, als alle Sachen gepackt waren, und ihr Mann einige Abschiedsbesuche machte, ging Elisabeth mit den Kindern den Strand weit hinauf, und während ihre Leute mit den Kindern an einer passenden Stelle sich zum Spielen niederließen, ging sie allein noch weiter, bis nach den letzten grünen Dünen. Anna hatte sie vor einigen Tagen hierher geführt, und jetzt hatte sie den Muth, sich ganz allein in diese Einsamkeit zu verlieren; sie wollte Abschied nehmen von der Insel und von der Zeit, die sie hier verlebte. Sie bestieg einen der höchsten wellenförmigen Hügel. Es war ganz einsam hier, nichts regte sich, die Sonne lag still und warm auf dem Sand und auf dem dürftigen Haidekraut und Dünengras, der Himmel war tiefblau, das Meer so licht, die Brandung so silbern. Elisabeth setzte sich. Sie schaute auf das Meer, daß so gleichförmig scheint und so unermüdlich das Auge fesselt. Eine Woge rollt nach der andern, kristallenrein, frisch und schimmernd, und schäumend bricht sie sich am hellen Strand. Das ist ein erfrischendes Rauschen, mit jeder rollenden Woge athmet die Seele Kraft und Muth, sie kann es nicht müde werden, immer noch einmal und noch einmal möchte sie tief aufathmen und sich versenken in die weite, weite, so erquicklich rauschende Fluth. – Was kann der Herr aus einem schwachen Herzen machen? – Elisabeth saß mit gefalteten Händen. Sie hörte das Rauschen, sie folgte jeder schimmernden Woge, – das war wie ein Segensrauschen, immer wieder und wieder, – und immer neu und erquickend. Sie sah aber auch auf zum Himmel, der rein und mild, ein Bild der Gnade und der Treue, sein Friedenskleid weit über die Welt hingebreiiet. Sie hatte sich Flügel wünschen mögen, so wie die Seemöven, die über ihr mit ihren silbernen Fittigen gegen den blauen Himmel schwebten, oder sich leise tauchten in den frischen Schaum der Wogen. Ihr Herz war so leicht und selig. Wie elend an Leib und Seele war sie hierher gekommen und wie durfte sie wieder abreisen. Sie fühlte keinen Groll, keinen Stachel, keine Demüthigung mehr. Sie hatte den Herrn von ganzem Herzen lieb, und diese Liebe litt nichts als Freude und Zuversicht und Frieden in der Seele. Solches Liebes- und Glaubensleben läßt sich nicht beschreiben, es ist zu wundersam, reich und herrlich. Wie ein ganzes Frühlingsleben, das Knospen und Entfalten der hunderttausend Blüthen und Blumen, – es ist nicht zu begreifen, aber es ist da, es erfüllt die Seele mit Lust und Sehnsucht und Freude und Dank. Elisabeths warmes Herz sehnte sich in dieser freudenvollen Stimmung nach ihren Lieben daheim, das liebe Großmutterherz sollte sich nie wieder sorgen. Auch im Unglück kann man glücklich sein, das hatte Elisabeth erfahren; sie sah so getrost jetzt in die unbestimmte Zukunft. Ja, wenn sie auch manches Schwere in der Heimath erwarten mußte, wenn sie auch der Mutter und Emiliens und Tante Julchens und vieler anderen Leute Beobachtungen zu fürchten hatte, jetzt dachte ihre Seele nicht daran, sie schwebte mit den Seemöven vor dem klaren blauen Himmel und tauchte sich mit ihnen in die kühle erquickliche Fluth. Der unangenehmste Theil der Reise war überwunden. Das Aufstehen mitten in der Nacht, das in dem kleinen Boote mehrstündige Warten auf das Dampfboot, die unruhige Meer- und Weserfahrt, das Transportiren der Sachen vom Dampfboot zum Bahnhof, das Versteuern und Verpacken, – die kleine Reisegesellschaft saß endlich im Dampfwagen. Elisabeth sah es ihrem Mann an, daß er Kopfweh hatte, obgleich er die Mühe und Reisebesorgungen ruhig und bereitwillig auf sich genommen. Jetzt saß er wieder in der Wagenecke mit geschlossenen Augen. Johannen war von der abscheulichen Wasserfahrt noch ganz übel und schlimm, die Kinder waren todtmüde und konnten nicht schlafen, Elisabeth allein schien frisch und wohl. Ja, selig sind die Sanftmüthigen. War sie leiblich wohler als auf der Hinfahrt? Nein. Sie war auch müde von der durchwachten Nacht, sie war auch angegriffen und unwohl und hatte Nervenunruhe in den Füßen und in der Stirn; aber sie dachte nicht daran, es war ihr wundersam selig und lieblich ihre Pflicht zu erfüllen. Damals auf der Hinreise hatte sie mit Bitterkeit auf ihren Mann geschaut, sie hatte gedacht: warum hat er keine Theilnahme für dich? Du bist auch unwohl und angegriffen, – es wäre seine Pflicht, für dich zu sorgen; nun verlangt es dein Ehrgefühl, deine Stellung, daß du dich auch um ihn nicht kümmerst; auch für die Kinder muß er sorgen, muß sie unterhalten, er kann die Last eher tragen als du. O wie schwer war das, wie fühlte sie sich gefangen in Elend und Unglück. Und was ihr damals die Quelle des Aergers, der Pein und der Qual war, wurde ihr heute die Quelle des Friedens und der Freude. Ja, selig sind die Sanftmüthigen. Sie beruhigte die kleine Marie, sie nahm Friedrich auf den Schooß, ließ ihn zum Fenster hinaus sehen, erzählte ihm Geschichtchen, alles in der stillen Sorge, damit ihr Mann nicht gestört werde. Sie schob unbemerkt die Gardine vor, um ihn vor den Sonnenstrahlen zu schützen, sie nahm Sachen, die die Kinder um ihn herum warfen, leise fort, ja er sollte es alles nicht merken, sie wollte es nur thun, weil es ihr so lieb war und sie es nicht lassen konnte. Er merkte es aber doch, er fühlte dieses leise Thun der Sorge und Theilnahme zwischen den Kopfschmerzen hindurch, es that ihm so wohl; zugleich aber war ihm dies sorgsame Streben, ihre Pflicht zu erfüllen, ihr rührendes sanftes Wesen seit dem Augenblick, wo er so drohend vor ihr gestanden, immer nur ein Stachel. Dazu mußte er der Verhältnisse in der Heimath gedenken; er wußte kaum wie es werden sollte. Seine Kopfschmerzen-Verstimmung kam dazu, daß er keinen klaren und tröstlichen Gedanken fassen konnte. Daß Elisabeth jetzt zu den Großeltern ging, mußte er ihr gönnen, obgleich es ihm sehr bitter war, Menschen zwischen sich und ihr zu wissen, die ihrem Herzen näher stehen durften als er, zu denen sie sprechen konnte von Gedanken und Empfindungen, die sie ihm zu verbergen suchte. Es hätte ihm vielleicht nahe liegen können, sie zu bitten, gegen ihre Familie nichts zu erwähnen von der unglücklichen Scene, die sie beide aus ihrem traurigen Nebeneinanderleben aufschreckte; er konnte an die Bitte Versprechungen knüpfen, die wirklich seines Herzens aufrichtige Meinung waren, aber sein ganzes Herz sträubte sich dagegen. Er wollte Elisabeth den Trost des Aussprechens, wenn es ihr Bedürfniß war; nicht verwehren; er wollte ihr Vertrauen nicht erzwingen, darum hatte er am vergangenen Abend noch einmal das Nöthigste wegen ihres Aufenthaltes in Woltheim mit ihr besprochen. Die leise Hoffnung, die er gehegt, sie möchte lieber mit ihm nach Braunhausen als zu den Großeltern gehen, hatte er aufgeben müssen; sie dachte gar nicht daran, sie dachte nur an die Verabredung, die schon vor der Reise getroffen war. In der heutigen Verstimmung hatte er auch nichts dagegen, es mußte für ihn jedenfalls bequemer sein, wenn er erst allein in Braunhausen war. Auch das Manöver war ihm erwünscht; in der Zeit konnte sich manches, den neugierigen Beobachtern unbemerkt, wieder besser gestalten. – Bei allen diesen unangenehmen verwirrenden Gedanken hielt er das Eine aber fest, daß er und Elisabeth in des Herrn Hand waren, und daß es in des Herrn Hand lag, ihr Verhältniß auch der Welt und den geschäftigen Zungen gegenüber zu ordnen, wo möglich zu verbergen. Daß die Zungen jetzt schon sehr beschäftigt waren, und daß Gerüchte in der Heimath laut geworden, die über die Wahrheit hinaus gingen, ahnete er freilich nicht. – Ein Oekonom aus der nächsten Umgebung war in Nordernei gewesen; auf dem Rückwege traf er auf dem Dampfschiff mit Passagieren, die von Wangeroge zurückkehrten, zusammen; sie erkundigten sich nach dem sonderbaren jungen Paare und er schwankte gar nicht, eine Erklärung dazu zu geben. Auch in der Heimath unterließ er es nicht, die Beobachtungen der Wangeroger weiter zu erzählen, die hier nach der gewöhnlichen Art solcher Gerüchte sehr gern gehört, und im Erzählen immer wunderbarer und großartiger ausgeschmückt wurden. Durch den Oberförster, der etwas neutral dazwischen stand, hörte auch Elisabeths Familie von diesen Gerüchten, die zu Elisabeths wenigen kurzen und eigenthümlichen Briefen in keinem Widerspruch standen, und eben so wenig zu dem Verhältniß, in dem sie schon vor ihrer Abreise mit ihrem Manne lebte. Die Frau Oberförsterin und Emilie hatten ja alles vorher gesagt, und es war eigentlich nur unbegreiflich, daß sich irgend ein Mensch noch darüber täuschen konnte. Die Frau Oberförsterin war aber gutmüthig und auch verwandtschaftlich genug, Elisabeths Partie zu nehmen, denn nach dem, wie es die Gerüchte schilderten, so hatte Kadden sich in Wangeroge gar nicht um seine Frau bekümmert, sie kalt und rücksichtslos behandelt. Seine Freunde in Braunhausen waren dann freilich wieder geschäftig genug, zu behaupten, das sei das einzige Mittel, um neben der Frau, die gar nicht für ihn passe, das Leben erträglich zu finden. Die Meinung war förmlich in zwei Feldlager getheilt, und die Rückkehr der Vielbesprochenen war ein wundervolles Ereigniß, und wurde mit großer Spannung erwartet. Die Reisenden hatten der Kinder wegen in Hannover geruht, am andern Tage ungefähr um Mittag hielt der Zug vor der kleinen Station bei Braunhausen. Die Schimmel standen hier, auch das schöne nußbraune Pferd erwartete seinen Herrn, – außerdem aber noch eine sehr unwillkommene Erscheinung: Herr von Stottenheim. Er war ein zu aufrichtiger Freund, die Theilnahme hatte ihm keine Ruhe gelassen, versicherte er, die lieben Reisenden schon hier zu begrüßen. – Wie viel eine gewisse unruhige Neugier dazu beigetragen, ein Verlangen, sich zu überzeugen, daß seine Ansichten, seine Befürchtungen dem Freunde gegenüber endlich den Sieg gewonnen, das machte er sich selbst nicht klar. Elisabeth begrüßte ihn natürlich verlegen, und nur auf seine Versicherung, daß sie außerordentlich blühend und wohl aussähe, – was zu seinen Erwartungen eigentlich nicht stimmte, – konnte sie einige unbefangene Worte entgegnen. Während ihr Mann mit Packen und Anordnen beschäftigt war, trat sie mit dem kleinen Friedrich auf dem Arme zu dem hübschen braunen Pferd, um es zu begrüßen; Stottenheim mußte mit Theilnahme nach ihr blicken, sie sah zu lieblich, freundlich und kindlich aus, – das stimmte auch nicht zu seinen Erwartungen. Nur der Abschied beruhigte ihn wieder: Kaddens zerstreutes, ernstes Wesen hatte jedenfalls den erwarteten Grund, und als er das Pferd bestieg und dem Wagen vorausflog wie ein Pfeil, und Stottenheim ihm wieder unwillig zurief: So reite doch nicht so unvernünftig! da dachte er befriedigt: Ja die Sache ist richtig. Damals flog er nur mit freudigen Blicken davon, um ihr früh genug zu begegnen, jetzt sucht er ihr mit düsteren Blicken zu entfliehen. Stottenheim, als er wieder neben ihm ritt, fühlte recht gut, daß, obgleich seine Freundschaft sich ungeduldig nach einer vertraulichen Mittheilung sehnte, er mit dem eigenthümlichen Freunde doch vorsichtig zu Werke gehen mußte. Für jetzt war gar nichts zu machen. Er that also unbefangen und erzählte höchst lebhaft von den geringsten Tagesneuigkeiten. 36. Die Freundschaft der Welt Kadden fand in seinem Hause alles zu seinem Empfange bereit, wie es vor seiner Abreise verabredet war. Die gute zuverlässige Köchin, die bis jetzt das Haus gehütet, sollte die Wirthschaft führen, den Burschen hatte er zu seiner Bedienung. Nach dem einsamen Mittagsmahl versuchte er es, sich mit Arbeiten zu beschäftigen. Aber wie seltsam zerstreut und hingenommen war er, seitdem er die Luft von Braunhausen athmete. Seitdem ihn Stottenheim, mit der oberflächlichen und doch so sicheren Art, in sein altes Leben einzuführen gesucht, war es ihm als ob er in den letzten Wochen geträumt, – als ob er der Welt ebenso machtlos gegenüber stünde, – als ob sie mit eben demselben Rechte wie früher sich seiner bemächtigen dürfte. Wenn er sich hätte entschließen können, nach Woltheim zu reiten! Aber er mochte Elisabeths erstes Zusammensein mit den Großeltern nicht stören; er konnte nicht anders glauben, als daß sein Erscheinen dort heute lästig war. Eine geheime Scheu vor dem ersten Besuche dort bestärkte ihn in dieser Annahme. Gegen Abend erschien Stottenheim mit einigen andern Offizieren, alle freuten sich ihn wiederzusehen, und es gelang ihm, ihnen gegenüber ruhig und unbefangen zu sein. Ihre Aufforderung, mit ihnen nach einem öffentlichen Garten zu gehen, war natürlich, er war im Sommer immer mit ihnen gegangen und hatte keinen Grund es jetzt abzuschlagen. Ein Spaziergang mußte ihm wohlthun nach der langen unangenehmen Reise, und in der jetzigen Stimmung wußte er nichts Besseres vorzunehmen. Er ging mit, und um sich nur nicht unterhalten zu müssen, schlug er selbst eine Partie Kegel vor. Das ist ein vernünftiger Mensch, dachte Stottenheim befriedigt, der wird sich bald über alle Unannehmlichkeiten hinwegsetzen. Als sie in der Dämmerung von ihrem Vergnügen zurückkehrten, kam plötzlich der Oberförster hinter ihnen her gefahren; nicht allein Stottenheim, auch die andern Offiziere bemerkten, wie unangenehm Kadden dies Begegnen war. Natürlich hielt der Oberförster an, er begrüßte ihn, konnte aber auch seine eigene Spannung nicht verbergen, und der allezeit fertige Stottenheim übernahm glücklicher Weise für den Freund das Wort. Er erzählte, wie sie ihn abgeholt und mit ihm eine Partie Kegel unternommen hätten, um ihm sein einsames Leben zu versüßen. Kadden war unzufrieden mit dieser Erzählung, und vergaß in seiner Zerstreuung Grüße für Frau und Kind und die übrige Familie. Am folgenden Morgen hatte er wie gewöhnlich Dienst, Nachmittag wollte er den schuldigen Besuch bei Bonsaks machen, und dann gegen Abend wo möglich nach Woltheim. Die Familie des Obersten, durch Stottenheim von dem beabsichtigten Besuche unterrichtet, war in großer Erwartung den Nachmittag, besonders aber Adolfine, deren müßige, thörichte Fantasie von seltsamen Bildern erfüllt war. Schon im ganzen letzten Jahre, wo Herrn von Kaddens Ehe als eine unglückliche besprochen wurde, wandte sich ihr ganzes Interesse, ihre Theilnahme auf den anziehenden jungen Mann, der ihre erste Jugendliebe gewesen, und nicht gewöhnt, den bösen Gedanken, die über den Kopf stiegen, zu wehren, hatte sie an dieses Interesse bestimmte Bilder ihrer Zukunft geknüpft. Sie machte sich nicht die geringsten Vorwürfe über diese Gefühle, sie hatte ihn ja nicht zur Untreue verleitet, nein, Elisabeth war durch ihr unvernünftiges Wesen selbst schuld daran, und wenn der Oberst jetzt entschieden es öfters aussprach, für den armen Kadden sei eine Trennung von der Frau das vernünftigste, so folgerte sie einfach: Ich würde eine weit passendere Frau für ihn sein. Daß die Sache nun wirklich so weit war, als ihre Fantasie es nur geträumt, das erregte sie mächtig, und in sorgsamer Toilette und mit strahlenden Augen hörte sie Stottenheims Berichten zu, der sich schon vor Kadden eingefunden, weil er bei diesem interessanten ersten Besuche natürlich nicht fehlen durfte. Aeußerst freundschaftlich und vertraulich überlegte er mit den Damen das Schicksal des Freundes. Er hatte eben sein Zusammentreffen mit der jungen Frau am Bahnhof erzählt, Kaddens Abschied von ihr, sein ganzes Wesen den Abend im Gesellschaftsgarten, und endlich das verhängnißvolle Begegnen mit dem Oberförster, dem weder ein Gruß an die Frau noch an die Großeltern aufgetragen wurde. Ich bin überzeugt, versicherte er, daß Kaddens Herz gewiß schon ganz und gar getrennt von seiner Frau ist, und daß er sie nur unter einem guten Vorwand zu den Großeltern geschickt hat, um sie auf diese Weise los zu werden. Sie glauben wirklich, daß er sich scheiden läßt? fragte Adolfine gespannt. Ich sehe wahrhaftig keinen anderen Ausweg, so leid es mir thut, war Stottenheims achselzuckende Antwort. Wir wollen dem armen Mann wenigstens wünschen, daß es ihm gelingt, sagte der Oberst sehr väterlich. Nach meinen Erfahrungen, die ich in der Welt gemacht habe, ist immer, wenn einmal eine Ehe erst so zerrüttet ist, besonders bei zwei Persönlichkeiten wie diese, keine Rettung mehr möglich. Man muß gestehen, sie ist eine besondere, eine eigenthümliche Frau. Wenn sie einen Mann hätte, der sich von ihren Wunderlichkeiten nicht berühren ließe, der einfach und fest seinen Weg ginge und sie von der Wahrheit des Lebens zu überzeugen suchte, so ginge das. Er hat sich aber in einem gewissen jugendlichen fantastischen Aufwallen zu sehr von ihrer Richtung hinreißen lassen. Jetzt wird er freilich den Unsinn einsehen, jetzt wird er sehen, wie weit er damit gekommen ist. Ich habe ihm einmal ganz freundschaftlich die Gefahr seines Irrthums vorgestellt, begann Stottenheim eifrig, ich habe ihm wahrhaftig gezeigt, was wahr und richtig und was thöricht und unpraktisch ist, habe ihm vorgestellt, warum er mit seiner Frau nicht harmlos und heiter leben könne, und daß sie sich gegenseitig mit ihren schwärmerischen Ansichten beunruhigten. Ich versichere Sie, der Mensch gerieth in die höchste Aufregung darüber, können Sie glauben, daß er mich versicherte, nicht seine idealen Ansichten machten ihm Noth, nein nur die elenden Ansichten der Welt und der Gesellschaft, und er hoffte, seine arme Elisabeth dem Gifthauche dieser Gesellschaft zu entreißen; ja er wollte lieber sein ganzes Leben mit seiner Heftigkeit und Rohheit kämpfen, als seine Frau nur etwas weniger zartfühlend zu sehen. Ich hatte ihm nämlich gezeigt, wenn er eine einfache verständige Frau hätte, die so kleine Gewitterschauer, die in jeder Ehe vorkommen, etwas kaltherzig abzuschütteln wüßte, würde er weit ruhiger leben. Natürlich, sagte Adolfine einverstanden, und setzte in Gedanken hinzu: Wenn der Mann aufbraust, hält man sich die Ohren zu, und amüsirt sich während seiner schlechten Launen so gut es geht. Das sind eben die unglücklichen Ansichten dieser beschränkten frommen Leute! sagte der Oberst kopfschüttelnd, und ich fürchte, daß Kadden schon zu sehr von diesen Menschen sich hat umgarnen lassen, daß es ihm schwer werden wird, sich loszureißen. Können Sie nicht mit ihm sprechen? sagte Adolfine zu Stottenheim. Sie sind sein Freund, Sie müssen ihm rathen. Ich fürchte, ich fürchte nur, entgegnete Stottenheim sehr wichtig, daß er sich jetzt vor mir schämt. Kadden hat einen zu selbständigen und stolzen Karakter, er wird sich nicht entschließen können, mir nach dem, was wir zusammen verhandelt haben, Recht zu geben. Er muß wirklich in einer höchst fatalen Situation sein. Man muß überhaupt auch in solchen Dingen vorsichtig sein, sagte der Oberst verständig. Ich werde schon Gelegenheit finden, mit ihm zu reden. Der arme junge Mann hat ja niemanden in der Welt, der sich für ihn interessirt. Für jetzt wollen wir freundschaftlich ihm das Leben hier recht angenehm zu machen suchen, damit er sich erst überzeugt, wie aufrichtig wir es mit ihm meinen. Man erzählte sich noch, daß der Mann von Kaddens Schwester nach Berlin versetzt sei, daß die Schwester eine sehr liebenswürdige vernünftige Frau sein sollte, und hoffte von dem Einfluß dieser Schwester viel für das neue Glück des Freundes. Adolfine war an das Fenster getreten, sie sah den Erwarteten die Straße herauf kommen, und sagte zu Stottenheim, der zu ihr getreten war: Sehen Sie nur, wie düster sieht er aus. Fürchterlich, fürchterlich! war Stottenheims Antwort. Wenige Minuten später trat Herr von Kadden ein. Es entstand erst eine kleine verlegene Begrüßungsscene, da aber Kadden unbefangen und ruhig war, besannen sich die Uebrigen auch, und die Unterhaltung wurde lebhaft. Zuerst war das Herbstmanöver, das eine Menge fremder Truppen in diese Gegend zog, der Gegenstand der Unterhaltung, Kadden interessirte sich dafür und erkundigte sich nach all den Einzelnheiten. Dann kam man natürlich auf seine Reise und auf Wangeroge, er schilderte das Meer und seinen Aufenthalt dort, die Erinnerung an sein stilles und liebliches Zusammenleben mit Elisabeth machte sein Herz warm, und obgleich er ihren Namen nicht zu nennen wagte, und obgleich er überhaupt nur mit wenigen Worten sprach, so gab diese Erinnerung seinen Schilderungen etwas Bewegliches, was die Zuhörer nicht gleich mit ihren Voraussetzungen zusammenreimen konnten. Nur Adolfine war entschieden darüber: Das Gefühl der Freiheit hat ihn so beseligt! Und wirklich dieser warme und wieder so gedankenvolle Ausdruck in seinen Zügen war ihren verwirrten Fantasien sehr anziehend. Als Kadden doch nicht lassen konnte zu erwähnen, daß der Aufenthalt am Meere seiner Frau sehr wohl gethan, erhielt er kaum eine Antwort. Es war zu auffallend, als daß er es nicht hätte merken sollen, nur der allzeit fertige Stottenheim versicherte eiligst, daß sie allerliebst ausgesehen, ganz frisch und wohl, als er das Vergnügen hatte sie an der Eisenbahn zu treffen. Kadden empfahl sich und Stottenheim ging mit ihm. Er war zu unangenehm berührt durch das sonderbare Wesen der Bonsakschen Damen, als er von seiner Frau gesprochen, als daß er nicht Stottenheim augenblicklich nach der Ursache hätte fragen sollen. Mein lieber Freund, begann Stottenheim bedächtig, ich kann Dir nicht verhehlen, daß man hier überall weiß, wie Du mit Deiner Frau stehst. Wie stehe ich mit ihr? fuhr Kadden auf. Stottenheim erzählte nun sehr vorsichtig von den Gerüchten, die hierher gelangt waren. Die Welt ist verwirrt, sagte Kadden ruhiger, Du aber weißt recht gut, daß meine Frau ihrer Gesundheit wegen gerade in Wangeroge so ganz für sich leben sollte, und darum allerdings wenig in Gesellschaft war. Mich hat es auch durchaus nicht gewundert, sagte Stottenheim vertraulich, ich wußte ja wie die Sachen hier schon standen, aber liebster Freund, ich versichere Dich, mein Herz fühlt mit Dir das Unglück, was das Schicksal über Dich verhängt hat. Mir wirst Du die Wahrheit nicht verbergen wollen, ich wußte ja längst, daß dieser Conflikt, der die Leute beschäftigt, nothwendig kommen mußte, nicht durch Deine Schuld, wahrhaftig nicht durch Deine Schuld. Der die Leute beschäftigt? fragte Kadden mit bebender Stimme, vielleicht auch die Familie meiner Frau? Natürlich, fiel Stottenheim ein, sie sind Feuer und Flamme, ich hörte nur, wie die Frau Oberförsterin sich darüber ausgesprochen hat. Die Frau Oberförsterin? wiederholte Kadden bitter, und sagte dem Freunde, weil er eben vor seiner Hausthür angekommen war, kurz Adieu. Als dieser ihn zu einem Spaziergang gegen Abend aufforderte, nickte er zerstreut und ließ sich ebenso zerstreut von seinem Burschen, der feiernd auf der Straße stand, die Hausthür öffnen. Gedankenvoll ging er in seinem Zimmer auf und ab; erfüllt von diesen Nachrichten und noch bedrückt von dem Besuche bei Bonfaks und wirklich unwohl und mit benommenem Kopfe, konnte er unmöglich nach Woltheim, er entschloß sich hier zu bleiben. Elisabeth war den Tag vorher glücklich mit den Kindern bei den Großeltern angekommen. Sie wurden sehr freudig empfangen, gleich so liebreich erfrischt und gepflegt, sie schienen gar keine anderen Gedanken als die der Liebe und Theilnahme für sie zu haben. Sie hatten aber noch andere Gedanken, und trotz des Scheines fühlte Elisabeth, daß etwas zu erörtern war, daß außer der Liebe auch Sorge ihre Seelen beschäftigte. Als die Kinder früh schon ruhig einschliefen, Oberförsters ihren Besuch gemacht hatten, und Onkel Karl wieder seinen einsamen Geschäften nachging, standen die Großeltern mit Elisabeth am Fenster und schauten, wie die Abendröthe sich immer tiefer hinter den Tannenbergen senkte. Da nahm der Großvater Elisabeths Hände in die seinigen, er sah ihr freundlich in die Augen und sagte: Nun Elisabeth, wie geht es Dir? Elisabeth, in der ängstlichen Sorge, die Großeltern nicht zu betrüben, sagte bewegt: Ihr lieben Großeltern sollt Euch nie mehr sorgen um mich, der Herr will mir wieder helfen, ich bin sehr froh, – wenn ich auch unglücklich wäre, setzte sie leiser hinzu. – Aus ihren Augen schaute, als sie sprach, eine so liebliche Zuversicht und Freudigkeit, daß den Worten wohl zu glauben war. Das Großmutterherz hatte den Liebling umarmt und sah traurig aus, es war ihr mit dem Unglück doch nicht recht, und die Bestätigung von der Welt Gerede, die sie in Elisabeths Worten fand, legte sich schwer auf ihr Herz, Der Großvater aber richtete Elisabeths Kopf leise auf und sagte zu seiner Frau: Nun dürfen wir nicht traurig sein, sieht sie nicht wirklich glücklich aus? Elisabeth, von der warmen Empfindung ihres Herzens überwältigt, schlug ihre Hände zusammen und sagte: O Ihr habt Recht gehabt, immer Recht gehabt, es giebt nichts Seligeres, als wenn man den Herrn lieb hat, ihm vertraut und gar nichts anderes will als von ihm getragen sein. Man kann alles, alles dafür hingeben! Nun müßt Ihr mit mir froh sein, und Euch nicht betrüben, setzte sie weinend hinzu. Hast Du gar nichts zu klagen? fragte die Großmama. Nein, sagte Elisabeth nachdenklich, alles was mir der Herr geschickt hat, war zu meinem Heil. Nun gut, sagte der Großvater kurz, so sollst Du uns auch nichts klagen; wenn Du Frieden hast, wollen wir mit Dir dem Herrn danken. Er wird auch alles gut machen, auch mit der Zukunft, sagte Elisabeth vertrauend und hoffend. Er wird es gut machen, entgegnete der Großvater, die ewige Seligkeit ist unsere Zukunft, und wenn wir in Gott schon hier selig sind, so fürchten wir uns auch vor diesem kurzen Erdenleben nicht. Nicht wahr, Elisabeth? Ich fürchte mich nicht, sagte sie erst getrost. Das war die Mittheilung, die Elisabeth den Großeltern zu machen hatte, weiter wollte und konnte sie nichts sagen. Es war auch vollständig genug. Wenn es ihr weh und bange und einsam werden sollte, konnte sie sich von ihnen trösten lassen in der Hoffnung, die über Glück und Leid hinaus geht, bei ihnen fand sie immer Verständniß und immer Liebe und Nachsicht. Als sie noch erwähnte, daß sie ihrer Mutter schreiben wollte, hörte sie, daß diese in den nächsten Tagen erwartet wurde. Sie sah bange den Großvater an, er lächelte. Ja Großvater, sagte Elisabeth seufzend, ich fürchte mich, sie wird unglücklich sein, und das thut mir so sehr leid. Und der Herr wird ihr die Trübsal auch zum Segen sein lassen, entgegnete der Großvater, das muß Dich trösten. Den andern Nachmittag kam die Frau Oberförsterin wieder. Sie wäre schon früh gekommen, hätte sie ein Besuch nicht abgehalten; sie mußte den Eltern das Begegnen ihres Mannes mit Kadden erzählen. Sie war sehr beschäftigt mit der Sache, und obgleich sie es treu meinte, hatte das schwache Herz sein Theil daran. Solche Ereignisse, wenn sie auch noch so traurig sind, sie sind doch interessant und werden auch von Christen oft gern und zuviel besprochen. Sie stand jetzt mit ihren Eltern im Fenster und schüttete ihr Herz aus. Die Sache war gar nicht zu bezweifeln: anstatt hierher zu kommen, hatte er den Nachmittag mit den Offizieren gekegelt, er hatte auch keinen Gruß für Frau und Kind. Die Großmutter hörte es sehr traurig an, der Großvater aber sagte: Wir müßten recht undankbar sein, wenn wir den Herrn nicht preisen wollten für das, was er schon gethan hat. Elisabeth ist so wohl und frisch, ist so ganz anders, ist zufrieden, das ist genug. Sie ist also nicht unglücklich darüber? sagte die Oberförsterin nachdenklich. Es ist wahr, sie ist ganz anders als vorher, ich habe mich auch schon darüber gewundert. Freilich, wer weiß, wie er sie behandelt hat? Endlich regt sich doch auch der Stolz und das Selbstgefühl einer Frau, und die Liebe muß endlich verschwinden. Der Großvater ließ sich auf keine Erklärungen ein. Elisabeth im hellen Sommerkleide, eine weiße Georgine auf der Brust, spielte mit ihren beiden Kindern auf dem Rasenplatz. – Sie sieht mir gerade nicht aus, als ob Stolz und Selbstgefühl ihr Trost wären, sagte er nach einer Pause, in der sie alle drei Elisabeth sinnend beobachtet hatten. Lieber Vater, Du verstehst es, wie ich es meine, sagte Julchen. Ja ich verstehe Dich, sagte er ernst, und wir wollen uns nicht mit unnöthigen Gedanken zerstreuen, wir wollen fleißiger beten und für uns alle sagen: »Abwend all unsern Jammer und Noth!« Er trat mit beiden Frauen in den Garten. Elisabeth war in unruhiger Erwartung, – ihr Mann mußte heute kommen, – sie wollte eben wieder auf die Wiese gehn, als sie in dem Reiter, der an der Hecke her kam, den Burschen erkannte. Sie eilte mit Friedrich an der Hand und der kleinen Marie auf dem Arme hin. Der Bursche reichte ihr einen Brief und mit klopfendem Herzen sah sie hinein. Liebe Elisabeth! ich fühle mich heute unwohl, morgen hoffe ich Dich und die Kinder zu sehen. Gott befohlen! O. v. Kadden. Nachdem sie die Worte gelesen, war ihr erster Gedanke, sie müsse mit den Kindern zu ihm fahren, aber das wagte sie doch nicht, sie wollte erst schreiben. Die Großeltern waren mit der Oberförsterin indessen näher getreten, Elisabeth theilte die Nachricht mit und fragte, ob sie wohl selbst hin müsse. Ist der Herr sehr unwohl? fragte Herr von Budmar den Burschen. Ich hörte doch, daß ihn Herr von Stottenheim zum Spazierengehen abholen wollte, sagte der Bursche beruhigend. So ist es nicht nöthig, daß Du hingehst, sagte der Großpapa freundlich zu Elisabeth, hoffentlich kommt er morgen selbst. So bestellen Sie, daß wir morgen warten, sagte Elisabeth und konnte schwer ihre Traurigkeit verbergen. Laß den Papa auch bitten, daß er kömmt, wandte sie sich zum kleinen Friedrich. Der Kleine machte seine Bestellung. – Du kannst noch nichts bestellen, sagte dann Elisabeth so gedankenschwer zu ihrem kleinen Mädchen. Das Großmutterherz mußte sich abwenden, um ihre Thränen zu verbergen, alle gingen schweigend zum Hause zurück. Elisabeth blieb mit den Kindern außen, während die Uebrigen in den Gartensaal traten. Ich werde doch morgen selbst zu ihm fahren, sagte der Großvater, nachdem sie alle drei einige Zeit schweigend neben einander gesessen hatten. Aber, lieber Vater, nahm die Oberförsterin bescheiden und doch in ziemlicher Aufregung das Wort, das würde ich nicht thun, er müßte doch zuerst kommen. Liebes Julchen, wenn es mir aber leichter wird zu ihm zu gehen, als daß er zu mir kommt? entgegnete Herr von Budmar. Die Welt sagt schon, wir möchten ihn mit aller Gewalt halten, wir möchten ihn nicht lassen, fuhr Julchen fort. Nun ja, das wollen wir auch nicht! unterbrach er sie verwundert, darin hat die Welt ganz recht. Es ist aber eine große Demüthigung für unsere Familie, sagte die Oberförsterin wieder, ich würde wenigstens, wenn wir auch nie in eine Scheidung willigen, ihm Elisabeth doch nicht wieder aufdringen. Aber Julchen, sagte die Großmama zürnend, so weit ist es doch noch nicht! Ihr habt es von Anfang an nicht glauben wollen, sagte Julchen bedenklich, jetzt aber muß man der armen Elisabeth wegen vorsichtig sein. Ich begreife nur nicht, daß sie sich gegen Euch nicht ausgesprochen hat. Ich begreife es, sagte die Großmama schnell. Ich auch, fügte Herr von Budmar hinzu, und die Unterhaltung war damit abgebrochen. 37. Die lieben Großeltern Am folgenden Tage war Herr von Kadden eben von der Uebung zurückgekehrt, als die Schimmel vorfuhren. Er stand einige Sekunden unschlüssig mit der Thürklinke in der Hand, dann eilte er die Treppe hinunter. Er begrüßte den alten Herrn etwas zerstreut und nahm seinen lieben kleinen Friedrich, der durchaus hatte mitfahren und den Papa besuchen wollen, auf den Arm. Als sie im Zimmer waren, nahm Herr von Budmar Kaddens Hand und sagte freundlich: Da Sie nicht zu uns kommen, komme ich zu Ihnen. Hat Ihnen Elisabeth alles erzählt? fragte Kadden seufzend. Elisabeth hat uns nur gesagt, daß sie glücklich ist trotz allem Unglück, war Herrn von Budmars Antwort. Kadden sah ihn fragend an. Nichts weiter? Wir waren völlig mit der Antwort zufrieden gestellt, entgegnete Herr von Budmar, und ich komme um zu hören, wie es Ihnen geht, mein lieber Otto. Ich hoffte auch so antworten zu können, sagte Kadden traurig, seitdem ich aber hier bin, ist es mir als ob ich verwirrt wäre, als ob mir aller Muth vergangen wäre. Wie so? forschte der Großpapa. Die Luft hier bedrückt mich, und die Menschen bedrücken mich, ich fühle eine Last auf meiner Brust, es ist als ob ich nicht denken kann, wie ich möchte, nein als ob ich denken müßte, wie sie es wollen. Lieber Otto, sagte der alte Herr, Sie sind ein freier Mann. Gewiß bin ich das, unterbrach ihn Kadden, aber Sie glauben nicht, wie schwer es ist, wenn man von Jugend auf in der Welt gelebt hat, wenn man von Jugend auf gewöhnt ist, auf ihr Urtheil, auf ihre Mienen zu lauschen, wie schwer es ist, über ihr zu stehen! Wenn ich in der Fremde lebte, wenn ich mein eigner Herr wäre, so wäre aller Kampf vorbei. Aber hier mitten in einem Leben, das von allen Seiten mich angreift, mich stört, das mich fortwährend mit Menschen zusammenführt, die ich meiden möchte, da, ja ich will es Ihnen bekennen, da fühl ich mich wieder schwach. Schwach sind wir alle, sagte der Großvater, im Herrn aber sind wir stark, kräftig und herrlich, da überwinden wir die Welt. Kadden reichte ihm die Hand und sagte: Haben Sie noch etwas Geduld mit mir, der Herr wird auch mir helfen. Mir ist nicht bange, entgegnete der alte Herr lächelnd, nein ich sehe mich schon hier an Ihrer Seite, wo ich Sie ermahnen muß, daß die Welt dennoch Anrechte auf uns hat. Nein, das soll sie gewiß nicht haben! sagte Kadden heftig. Da haben wir es, fiel der Großpapa freundlich ein. Ich danke Ihnen, daß Sie Nachsicht mit mir haben, sagte Kadden bewegt, Sie sollen mir aber wieder trauen lernen. Und auch Elisabeth wird es wieder lernen! fügte er seufzend hinzu. Herr von Budmar schwieg zu diesen Worten, er wußte ja nicht, wie es zwischen beiden stand, er schwankte auch, ob er, nachdem er in der Hauptsache beruhigt war, noch das Gespräch der Leute erwähnen solle. Es ist mir ganz lieb, daß ich jetzt allein sein muß, fuhr Kadden fort, wenn es mir auch schwer wird, es ist gut so. Entschuldigen Sie mich, wenn ich in dieser Zeit nicht nach Woltheim komme. Und wenn sich die Frau Oberförsterin darüber beunruhigt, fügte er etwas bitter hinzu, so beruhigen Sie sie doch. Aber die Großmama werden Sie heute begrüßen, sagte Herr von Budmar. Natürlich, entgegnete Kadden schnell, ich komme so gern. Die Frau Oberförsterin soll auch gewiß heute keinen Einlaß haben, versicherte der alte Herr. O verzeihen Sie mir, bat Kadden. Nein, ganz gewiß nicht, versicherte Herr von Budmar noch einmal. Jetzt klopfte es an die Thür, Stottenheim trat ein. Er hatte die Schimmel vor der Thür gesehen, und konnte es nicht lassen, seinem Freunde bei irgend einer jedenfalls sehr ereignißvollen Szene als ein Schutzengel muthig zur Seite zu stehen. Mit seinem äußerst gefälligen und sich immer gleichbleibenden Wesen und Worten trat er ein. Daß der alte Herr so gemüthlich und ruhig ihn begrüßte, hätte ihn beinahe etwas aus der Contenance gebracht, aber er war ein Mann von Lebensart, und einige verbindliche Worte flossen ihm gewandt von den Lippen. Ich kam eigentlich Dich zum Diner beim Oberst abzuholen, wandte er sich dann zu Kadden. Ich gehe nicht mit, ich werde nach Woltheim reiten, entgegnete Kadden ruhig. Stottenheim zuckte bedenklich die Achseln. Du hast es angenommen, sagte er, es ist das erste Mal nach langer Zeit. Du weißt, die fremden Herren sind alle dort. Essen Sie erst zu Mittag mit den Herren, rieth der Großpapa, dann kommen Sie und bleiben den Abend bei uns, es ist Mondenschein. Kadden schwankte einen Augenblick, dann entschloß er sich zu bleiben. Aber lieber Friedrich, wandte er sich zu dem Kleinen, soll ich mich so schnell wieder von Dir trennen? Den nehmen wir mit, schlug Stottenheim lebhaft vor, die jungen Damen dort werden sehr glücklich sein, ihren kleinen Liebling wieder zu sehen. Ich versichere Sie, er ist dort sehr gut aufgehoben, wandte er sich zu dem alten Herrn, von dem er natürlich einen Einwand erwartete. Er hatte sich wunderbarer Weise wieder geirrt. Herrlich! sagte der Großpapa, Friedrich bleibt bei dem Papa, für den kleinen Menschen ist Nachmittag bald eine Equipage angeschafft. Ich bleibe bei meinem Papa! sagte das Kind glücklich, ließ sich von ihm auf den Arm nehmen und sehr warm an das Herz drücken. Die Sache war abgemacht. Herr von Budmar nahm Abschied und ließ sich von den jungen Leuten zum Wagen geleiten. Stottenheim ging nicht noch einmal mit Kadden hinauf, es war ihm ganz lieb, mit den Damen Bonsak noch eine vertrauliche Unterredung zu haben, er eilte darum dem Freunde voraus. Sehen Sie, meine Damen, begann er gleich sehr wichtig, als er kaum eingetreten war, es hilft mir alles nichts, mein armer Freund wird wie ein Conscribirter gefordert und wird dem Rufe Folge leisten. Ich fand die Schimmel vorhin vor seiner Thür und den alten Herrn von Budmar bei ihm. Es ist eigentlich unbegreiflich, daß sie zuerst zu ihm kommen! sagte Frau von Bonsak. Die Menschen haben kein Gefühl, fiel Adolfine eifrig ein, ich sollte glauben, er hat seine Meinung durch sein Betragen in diesen Tagen deutlich kund gegeben. Er hat auch heute seine Frau nicht grüßen lassen, versicherte Stottenheim. Er ging dann in seinen Voraussetzungen kühnlich weiter, in dem stolzen Gefühle, eine wichtige Person zu sein und das Schicksal seines Freundes zu leiten oder ganz und gar in Händen zu haben. Der Freund trat selbst ein. Sein kleiner Begleiter gab sogleich den Stoff zur Unterhaltung, die Damen waren in zärtlicher Aufregung für dies liebe Kind, das sie wirklich noch kannte, besonders Cäzilien, die im vergangenen Sommer Elisabeth oft besucht, dann sich mit den Kindern viel beschäftigt hatte, und wirklich sehr liebreich und verständig war. Heute aber mußte Adolfine den kleinen Friedrich ganz allein haben, er mußte auch bei Tisch bei ihr sitzen, und Kadden, der an ihrer anderen Seite saß und von ihren unglückseligen Gedanken keine Ahnung hatte, bedankte sich beim Abschiede aufrichtig und herzlich für die Sorge und Mühe, die ihr das Kind gemacht. Die Großmutter und Elisabeth gingen gegen Abend vor dem Hause hin und her, als der erwartete Reiter in den Garten einbog, – nicht sehr schnell, er hatte den kleinen Friedrich vor sich auf dem Pferde. Beide gingen ihm entgegen, Elisabeth nahm ihm das Kind ab. Er stieg vom Pferd, übergab es dem alten Friedrich, und begrüßte nun die Großmama, die ihm ebenso liebreich in die Augen schaute, als beim Abschied. Wie wohl that ihm das, ein Stein mehr fiel von seiner Brust. Er reichte ihr den Arm und sagte bittend: Es ist so Unrecht, daß ich nicht gestern schon gekommen bin, verzeihen Sie mir nur. Die Großmama sah ihn freundlich an und sagte: Ich weiß ja doch, daß Sie mich nicht vergessen haben. Gewiß nicht! entgegnete er warm und küßte ihre Hand. Jetzt kam ihnen Johanne mit Mariechen entgegen, er nahm ihr das Kind ab, er herzte und küßte es und trug es bis zum Hause, wo der Großvater und Onkel Karl schon grüßend in der Thür standen. Sie gingen alle nach der nahen Linde, und Elisabeth machte sich hier sogleich mit dem Theetisch zu schaffen. Kadden war als ob er von einem bösen Traum befreit war. Sie waren ja alle wie früher gegen ihn, der Großvater war nur vergnügter als bei seiner Abreise und die Großmutter noch herzlicher. Sie schaute ihn zuweilen so innig und vertrauend mit ihren lieben Augen an, sie reichte ihm auch ihre Hand und sagte leise: Ich freue mich, daß Sie wieder hier sind. Ja das ist auch wunderbar im Verkehr der Kinder Gottes unter einander: wenn sie in der Hauptsache einig sind, verschwinden menschliche und weltliche Intriguen, Verwicklungen und Verlegenheiten wie Nebel vor der Sonne, es ist alles licht und klar, ist gar nichts zu befürchten, es ordnet sich alles von selbst. Warum sollte die Großmama nicht liebreich gegen den ihr so lieben Sohn sein? Sie hatte heute von ihrem Manne die tröstlichsten Nachrichten über ihn; die Befürchtungen, womit die Welt sie schrecken wollte, waren gänzlich dadurch zerronnen, er war nur verleumdet. Der Großpapa hatte heute mit ihm gerade so ermahnend und tröstlich gesprochen, wie er es in der letzten Zeit oft gethan, aber noch nie hatte Kadden so eingehend darauf geantwortet als heute. Ja über alles Erwarten und Verstehen hatte der Herr die Gebete des Großmutterherzens erhört. Kaddens Stellung zu Elisabeth war ihr auch jetzt nicht unerklärlich, er hatte ihr ja seit lange vor der Badereise schon geklagt, daß Elisabeth unleidlich sei, und sie hatte ihn immer um Geduld gebeten. Hatte er ihr nun wirklich gesagt, wie es mit seinem Herzen stand, hatte sie das erschreckt, so war es ja zu ihrem Heil gewesen, und der Herr konnte beiden so am besten helfen. Ja sie hatte sich fest vorgenommen, diese Zeit zu benutzen, Elisabeth von ihrem Unrecht zu überzeugen: selbst wenn ihr Mann auch nicht ohne Schuld war, wenn er jetzt wirklich hart und unfreundlich gegen sie gewesen und dadurch die schlimmen Gerüchte veranlaßt, die hierher gedrungen, so sollte sie sich prüfen, ob sie nicht zuerst schuld war; sie sollte jetzt, wo der Herr ihr Kraft gegeben, ihre Seele wieder zu erheben, auch bei ihm Kraft finden zum Nachgeben und Verzeihen und Liebreichsein. Das liebe Großmutterherz sorgte einmal wieder vergebens, sie ahnete nicht, wie es mit ihrem Liebling stand. Als Kadden am Abend von ihnen Abschied nahm, reichte er auch Elisabeth freundlich die Hand. Das gefürchtete erste Zusammensein mit ihm und den Großeltern war also glücklich vorüber und war ihr gar nicht schwer geworden. Er hatte oft mit ihr gesprochen, gerade wenn sie in Gedanken versunken war, redete er sie an, sie merkte an seinen Blicken, daß ihm ihr Schweigen unangenehm war, und nahm dann gleich Theil an der Unterhaltung. Daß ihr Wesen so ganz anders als früher war, glaubte sie nicht, und die Großeltern waren klug genug, es nicht zu bemerken. Als sie ihren Mann zur Gartensaalthür geleitete, wo wie gewöhnlich sein Pferd ihn erwartete, fragte sie ihn, zwar etwas zaghaft, ob sie mit den Kindern des Nachmittags nach den Steinen auf den Tannenbergen kommen sollte. Er hatte vorher erzählt, daß er in den nächsten Tagen viel Arbeit habe und nicht oft nach Woltheim kommen könne. Wenn Du Zeit hast, kannst Du die Kinder dort sehen, sagte sie. Wir wollen nicht gerade warten, fügte sie, weil er nicht gleich antwortete, hinzu. Er hatte, als er schon auf dem Pferde saß, ihre Hand noch einmal gefaßt, der helle Mondenschein lag auf ihrem Gesicht. Ich komme gern! sagte er dann freundlich und ritt davon. Am anderen Nachmittag ging Elisabeth mit Johannen und den Kindern nach den Tannenbergen, auf den Steinen ließen sie sich nieder, und Elisabeth schaute gedankenvoll nach den Thürmen unter sich. Sie hatten nicht lange zu warten, als ein Reiter den Weg kam. Da kömmt der Papa! rief Friedrich freudig. Aber er war es nicht, es war nur der Bursche, der den Bescheid brachte, daß sein Herr den ganzen Nachmittag im Dienst sei. Frau und Kinder sollten nicht vergebens warten, darum schickte er den Boten, er schickte aber auch eine große Bonbontüte für die Kinder, und Friedrich ward dadurch vollständig entschädigt. Ein aufsteigendes Gewitter nöthigte die Wanderer zum schnellen Aufbruch, sie waren kaum bei den Großeltern angekommen, als ein Sturmwind sich erhob, und dann Donner und Blitz und starker Regen bis tief in die Nacht nicht aufhörten. Auch am anderen Morgen sah Elisabeth zu ihrer Betrübniß den Himmel voller schwerer Wolken. An ein Zusammentreffen auf den Tannenbergen war nicht zu denken, und das war sehr schwer. Mit den Großeltern zusammen, durfte ihr eigentlich das Leben nicht schwer sein, bis vor wenigen Tagen war ja dieser Aufenthalt ihres Herzens Wunsch gewesen, hatte ihr so erquicklich und leicht geschienen. Nein, leicht war er ihr nicht, ihr Herz war voll Sehnsucht und Kummer, aber sie wollte geduldig sein, ein Tag, und wenn er noch so lang war, mußte nach dem anderen hingehen, und so mit ihnen die schweren Wochen. 38. Unvermeidliche Szenen Am folgenden Tage, als die Schimmel nach der Eisenbahn fuhren, um Elisabeths Mutter zu holen, war das Wetter noch ebenso. Elisabeth war heute durch die Spannung, in der sie sich befand, hinlänglich beschäftigt, sie wußte nicht, wie ihr Begegnen mit der Mutter sein würde, jedenfalls aber war es anders als mit den Großeltern. Die Frau Oberförsterin fuhr mit nach der Bahn, nach genauer Ueberlegung und in der besten Absicht mußte sie die Schwester erst allein sprechen, ehe dieselbe mit den Eltern sprach. Nachdem die Großmama, den Tag als Kadden wirklich kam, Julchen selbst gebeten, sie den Abend ungestört zu lassen; nachdem sie den andern Tag von beiden Eltern erfuhr, daß es mit Kadden und Elisabeth besser stände, als bei der Abreise, – obgleich sie doch gestehen mußten, mit beiden eigentlich nicht gesprochen zu haben, – da war Julchen überzeugt, daß die guten Eltern zu sehr ohne Interesse für das irdische Leben waren, und sich auch über Elisabeths entsetzliches Schicksal gern trösten und hinwegsetzen möchten. Sie hatte schon mit der Schwester über die Gerüchte korrespondirt, die vor der Ankunft des junges Paares in Braunhausen verbreitet waren. Elise, die das Unglück zwischen den Eheleuten so lange selbst mit angesehen, wunderte sich gar nicht, daß es endlich zu dem gefürchteten Bruch zwischen beiden gekommen war. Ihr ganzes Mutterherz war aber jetzt in Liebe und Theilnahme für die Tochter aufgelöst, und die Sage, wie Kadden seine Frau dort in der Fremde behandelt habe, war ihr, da sie ja immer im Stillen sich den Vorwurf machte, dies Unglück verschuldet zu haben, ein unerträglicher Kummer. Sie hatte mit ihrem Gemahl und mit Generals überlegt, ob eine Scheidung unter solchen Umständen nicht möglich sei, aber sie selbst hatte bekennen müssen, daß dies nur eine zweite Sünde auf die erste häufen würde. Auch Schlösser, den sie auf ihrer Hinreise nach Woltheim aufsuchte, war natürlich der Meinung, und der einzige Rath, besonders Emiliens, war, man möchte Elisabeth einige Zeit von ihrem Manne nehmen, in der jetzigen unglücklichen Stimmung würde man am ersten auf ihren Leichtsinn wirken und sie ernsthaft für den Herrn gewinnen können. Jetzt hatte ihr Mann sie durch sein Betragen von sich gestoßen, jetzt, schloß Emilie sicher, würde er gar keinen Einfluß mehr auf sie haben. Die Frau Oberförsterin war sehr erstaunt, Schlössers beide mit Elisen an der Bahn zu treffen. Ja, Emilie hatte sich nach all den wichtigen Berathungen entschlossen, lieber selbst mitzureisen, sie war in den letzten Jahren sehr vertraut mit Elisen, sie war ihr Rathgeber, ihr bestimmendes Princip in wichtigen Dingen. Elise nahm sie als Hilfe und Schutz bei der Berathung mit den Großeltern gern mit, von denen – sie konnte es zwar kaum begreiflich finden, – sie kein rechtes Einverständniß mit ihren Plänen zu hoffen hatte. Schlösser aber war mitgefahren, um Emilien in ihrem Eifer zu überwachen, obgleich er, da sie in ihren Befürchtungen und Behauptungen so wundervoll Recht gehabt, kaum zu diesen Berathungen hinzugezogen war. Als die beiden Schwestern in dem verschlossenen Wagen sich sicher gegenüber saßen, fielen sie sich mit lautem Schluchzen um den Hals, Elise war wirklich sehr unglücklich und traurig, und Julchen war gefühlvoll, die Thränen flossen unaufhörlich. Emilie aber schaute seufzend auf ihren Mann: Es thut mir zwar sehr leid, sagten ihre Züge, aber ich habe das Unglück vorausgesehen, es konnte und durfte nicht anders kommen. Ihr Mann schaute von ihr fort zum Wagenfenster hinaus. Wie ist Elisabeth, fragte endlich Elise, ist sie sehr elend? Nein, versicherte Julchen, das Seebad ist ihr wunderbar gut bekommen. Aber steht es zwischen beiden wirklich so traurig? fragte Elise. Es ist leider so, entgegnete Julchen, und nun folgte eine umständliche Erzählung von Kaddens Betragen in den letzten Tagen, von dem Begegnen und Kegelschieben, und daß ihn der Großvater holen mußte. Trotzdem aber waren die guten alten Leute von seinem Unrecht nicht zu überzeugen, ja, wahrscheinlich in der Furcht, nichts Uebeles von ihm zu hören, hatten sie der armen Elisabeth noch nicht einmal gestattet sich aussprechen. Das arme Kind! sagte Elise kummervoll. Schlösser schüttelte den Kopf. Was meinen Sie? fragte ihn Elise. Ich kann gar nicht glauben, daß er sie wirklich so schlecht behandelt hat. Lieber Wilhelm, sagte Emilie gereizt, wenn ich nur irgend in der Welt wüßte, was Dich veranlaßt von Kadden so zu denken. Ich weiß es aber, entgegnete Schlösser ruhig, und ich würde den Damen rathen, sich mit großer Vorsicht in diese Sache zu mischen. Nein, lieber Schlösser, nahm die Oberförsterin lebhaft das Wort, jetzt irren wir uns nicht, Elisabeth ist zu beklagen, wir müssen der armen Frau beistehen. Ist sie sehr niedergedrückt? fragte Elise. Wunderbarer Weise auch das nicht, versicherte die Oberförsterin wichtig; die Sache ist mir aber erklärlich: sie hat sich jetzt frei gemacht von aller Liebe, ihr Stolz ist erwacht, ein sehr natürliches Gefühl, finde ich. Für Elisabeth, denke ich, doch nicht, sagte Schlösser wieder. Sollte Elisabeth nicht endlich gereizt sein? fragte Emilie verwundert. Ueberlege Dir, wie sie sich immer ihren Gefühlen so ganz hingab; jetzt wo sie so viel Recht zu dieser Stimmung hat, wo sie so bitter gekränkt ist, kann es nicht anders sein. Wenn wir ihr helfen wollen, müssen wir diese Stimmung gerade benutzen, wir müssen sie von ihrer thörichten Liebe und damit von der Welt abziehen. Wenn sie ihren Mann wirklich noch lieb hat, wollt Ihr sie doch nicht darin irre machen? sagte Schlösser ernst. Sie wird ihn aber nicht lieben, unterbrach ihn Emilie, ich kenne Elisabeth zu gut, ihr verwöhntes und auf Liebe anspruchsvolles Herz wird außer sich sein, ja, wenn sie sich jetzt in einer Stimmung befindet, die eines ernsten Christen unwürdig ist, so können wir das nicht anders erwarten. Wir wollen jetzt Nachsicht mit ihr haben, ihr gar keine Vorwürfe machen, diese Versuchung war für sie zu groß. Wenn ich an die Zeiten zurück denke, fuhr sie fort – und schilderte nun Elisabeths kecken Uebermuth, ihres Glückes Zuversicht vor einigen Jahren mit einer Wahrheit, die ihrem Manne gegenüber ihr eine Entschädigung war für die bittern, demüthigenden Stunden, die sie damals Elisabeths wegen hatte ertragen müssen. Wer hatte denn nun Recht gehabt? In dieser für Emilien und die Oberförsterin sehr hinnehmenden Weise ging das Gespräch noch weiter, bis man endlich schweigend an Braunhausen vorüber fuhr. Nicht fern vom Exerzierplatze kam ihnen Kaddens Bursche entgegen, er ritt freundschaftlich neben Friedrich her und grüßte auch harmlos in den Wagen hinein. Der Herr ist hier außen, rief er, soll ich ihn rufen? – Elise schüttelte schnell mit dem Kopf und Friedrich fuhr zu. Sonderbar, daß der dumme Mensch nicht weiß, was um ihn vorgeht, sagte die Frau Oberförsterin. Ja, von entsetzlichen Auftritten wissen die Leute meistens doch etwas, sagte Schlösser ruhig. Kadden ist viel zu klug, versicherte Emilie, um sich nicht vor den Leuten zu hüten, und der Bursche scheint allerdings sehr dumm. Elisabeth stand am Fenster und sah zu den Wolken auf, die dunkel und schwer über den Tannenbergen her zogen, ihre Kinder spielten beide neben ihr an der Erde. Zum ersten Male kam ihr der Gedanke, ob sie wohl wünschen möchte, ihren Mann nie gekannt zu haben, ob sie die Vergangenheit ungeschehen machen möchte, sie war jetzt noch nicht dreiundzwanzig Jahr, sie war noch so jung, das Leben lag noch so weit vor ihr. Aber nein, das konnte sie nicht, es ward ihr bange zu Sinne, sie legte beide Hände auf das Herz. Sie wollte die Vergangenheit nicht missen, sie wollte sich nach der Zukunft sehnen, und wollte dem Manne zu Liebe, den ihr Herz so sehr liebte, und ihren Kindern zu Liebe, auch gern die schwere Gegenwart, – jetzt das Begegnen mit der Mutter, gern tragen. Der Wagen rollte auf den Hof, Elisabeth fuhr zusammen. Sie ging unruhig im Zimmer umher, sie suchte ein Tuch. Nur ruhig, liebes Kind, sagte der Großvater freundlich und strich ihr mit der Hand über die Stirn. Er ging ihr voran den Kommenden entgegen. Wie erstaunte er, nicht nur Elisen, auch Schlössers beide zu sehen, Elisabeth grüßte sie alle verlegen. Man trat in die Wohnstube, die Oberförsterin mit. Die Großeltern bemühten sich äußerst harmlos und freudig zu sein, die Großmama sah ungeduldig nach der großen Kaffeekanne aus, die ein so paffender Ableiter von den verschiedenen kleinen Verlegenheiten werden konnte. Der Großeltern Bemühungen aber waren vergebens, so sehr auch Schlösser, zu Emiliens Aerger, sie zu verstärken suchte. Die drei Frauen hatten ein Komplott gemacht, Elise hätte es nicht ertragen können der Tochter in spannender Erwartung gegenüber zu sein, und Elisabeth sollte den Trost des Aussprechens sofort haben, und zwar in Gegenwart der guten schwachen Großeltern, damit diese sich völlig von ihrem Irrthum überzeugten. Julchen war zur Reserve hier geblieben, wenn Elise und Emilie mit ihren Ansichten und Wünschen nicht durchdringen sollten, mußte sie dieselben unterstützen; von Schlösser hoffte man Neutralität. In einer Pause, wo die Großmama wieder ängstlich nach der Kaffeekanne sah, umarmte Elise plötzlich die Tochter und sagte: Ich kann Dich, liebes Kind, nicht so stumm mir gegenüber sehen! – Sie weinte, und Elisabeth weinte mit ihr. Laß doch, Elise, bat der Großpapa, quält Euch doch nicht so, Ihr habt keine Ursach zum Weinen. Lieber Vater, warum soll sich das arme Kind nicht aussprechen? bat Elise. Wenn sie Lust dazu hat, ich habe nichts dagegen, sagte der Großpapa ärgerlich. Elisabeth schüttelte den Kopf. Elisabeth, nicht Deiner Mutter? sagte Elise vorwurfsvoll. Ich möchte Dich nicht betrüben, war Elisabeths Antwort. Du betrübst mich nicht, ich bedaure Dich nur, sagte Elise, ich möchte Dich trösten, Du wirst keinen Vorwurf hören von mir. Elisabeth sah unwillkürlich auf Emilien und auf die Oberförsterin. Liebe Elisabeth, nahm Emilie freundlich das Wort, fürchte Dich nicht vor uns, wir haben nur Theilnahme für Dich, auch wir wollen Dir keine Vorwürfe machen, er hat ja mehr Schuld als Du. Ja, wir wollen Dich vor diesem Manne schützen, setzte die Oberförsterin gutmüthig hinzu. Vor welchem Manne? fragte Elisabeth zitternd. Der das Recht, was er über Dich hatte, mißbrauchte, fuhr Emilie fort, der Dich unglücklich machte, Du sollst bei uns eine Zuflucht haben, bei uns Trost finden. Er mich unglücklich, wer sagt denn das? fragte Elisabeth ganz verwirrt. Liebe Elisabeth, sagte Elise, die ganze Welt weiß es, wie er Dich in Wangeroge behandelt, und wir wissen es, wie er früher schon gegen Dich war; scheue Dich nicht, es gegen uns auszusprechen, Du darfst Dein Unglück nicht verschweigen, jetzt ist die einzige und passende Zeit, Dir zu helfen. Von meinem Mann sprecht Ihr? fragte Elisabeth noch einmal. – Die Frauen wurden etwas bedenklich, und Schlösser, der schweigend in einem Fenster stand, wandte sich jetzt zum Zimmer hin. – Alle Welt sagt das von meinem Mann? fuhr Elisabeth etwas muthiger fort? O so sagt doch aller Welt, daß sie sich irrt. Ich, ja ich bin allein schuld an unserm Unglück, er ist immerfort gütig und großmüthig und nachsichtig gegen mich gewesen, ich habe ihm nur Kummer und Herzweh gemacht, und ich habe ihn so von ganzer Seele lieb, und mit des Herrn Hilfe will ich alles wieder gut machen. Weinend verließ sie das Zimmer, und die ganze Versammlung blieb betroffen und schweigend zurück. Ja selbst die Großmama war überrascht, der Großvater aber schaute sie lächelnd an und reichte ihr die Hand. Emilie war zu ihrem Mann in das Fenster getreten. Diese Ueberraschung, diese Täuschung war zu groß. – O du demüthige Elisabeth, du bist in keiner unwürdigen Stimmung, wie aber ist es denn der ernsthaft christlichen Emilie zu Sinne? – Sollte sie jetzt zu ihrem Mann sagen: Ja, Du hast Recht gehabt, ich habe mich geirrt? Sie hatte kaum den Gedanken an sich herankommen lassen, als sie ihn schnell von sich wies. Es war ganz deutlich und klar, in der Hauptsache konnte sie sich nicht geirrt haben, sie mußte die Sache nur gründlich untersuchen und überlegen. Wohl war es ihr bei diesem Troste nicht, ihre Seele war unruhig dabei. Ihr Mann stand unbeweglich bei ihr, er dachte trauernd: Sie würde nicht gestehen, daß sie mir Kummer und Herzweh macht. Nach einiger Zeit sagte der Großvater: Ich hoffe. Ihr seid nun zufrieden gestellt. – Alle schwiegen, Elise reichte ihm, getröstet von Elisabeths Ausspruch, aber doch noch durch Thränen lächelnd, ihre Hand. Die Großmama verließ das Zimmer und kehrte nach einiger Zeit mit Elisabeth zurück. Diese umarmte die Mutter noch einmal und schaute so offen und auch so freudig aus den hellen Augen, daß man merkte, die Großmama war nicht vergebens bei ihr gewesen. Emilie wäre gern den andern Tag wieder abgereist, es war ihr fast, als ob sie den Großeltern kein angenehmer Gast sei; da aber Elise zwei Tage bleiben wollte, und ihr Mann sich wohl mit dem alten Herrn von Budmar fühlte, mußte sie auch bleiben. – Sie hatte sich nach reiflicher Ueberlegung entschlossen, mit Schlösser über Elisabeth zu sprechen; er fing davon nicht an, das war ihr peinigend. Ihr Verstand hatte die bewegliche Szene von gestern wirklich genau untersucht und überlegt, die Frau Oberförsterin hatte ihr gern Hilfe dabei geleistet, und sie hatten beide ausgemacht, daß sie im Grunde doch Recht hatten. Wie konnten sich auch zwei so kluge Frauen irren in einer Sache, die so auf der Hand lag? Daß Elisabeth wirklich rührend demüthig und liebenswürdig war, wollten sie nicht bezweifeln, sie war ein gutes, unselbständiges Kind, und in thörichter Liebe zu ihrem Manne verblendet. Ihren Entschuldigungen konnte man nicht glauben, sein Wesen sprach klar dagegen; ja Emilie fand in Elisabeths Stimmung jetzt das größte Hinderniß ihrer Rettung, und wenn sie ungestört dem Einfluß dieses Mannes überlassen blieb, würde sie ihm zu Liebe alles thun was er wünschte, auch wieder fröhlich und leichtsinnig mit ihm in der Welt leben, sie war wieder gesund und frisch genug dazu. Alle diese schönen Ueberlegungen theilte sie ihrem Manne mit und schloß feierlich: Wie wird dann das Ende dieser Ehe sein, – der ich freilich nie ein anderes profezeihen konnte? – Sie sah dabei fragend auf den schweigsamen Zuhörer, dessen Ruhe ihr entsetzlich war. Was sie ihm jetzt vorgetragen, war zu einfach und klar, sie ließ ja Elisabeth volle Gerechtigkeit widerfahren und sprach nur aus wirklicher Liebe und Theilnahme so. Endlich begann Schlösser: Emilie, ich rathe Dir, behalte Deine Triumfe für Dich, Du wirst Dir große Demüthigungen bereiten, Du irrst Dich in Kadden und hast ihm immer Unrecht gethan. – Mit dieser Antwort verließ er sie. Sie gerieth dadurch in eine ungewöhnliche Unruhe, es war, als ob ihr Mann sie nur immer quälen und aufregen wollte. Niemand, auch er nicht, hatte bis jetzt leugnen können, daß Kadden und Elisabeth unglücklich waren und daß es mit der Zeit immer schlimmer und schlimmer geworden war, jetzt wo nun wirklich eine Art Krisis eingetreten, wollte er sich und andere über die Wahrheit täuschen. Die alten Großeltern waren allenfalls noch zu entschuldigen, er aber nicht. Jetzt nahm sie sich vor, nie mehr mit ihm über die Sache zu reden, – es war wirklich ein wunder Punkt zwischen beiden geworden; sie wollte sich aber auch innerlich mit Geduld fassen, das traurige Ende mußte doch endlich an den Tag kommen. Am folgenden Morgen wurde Kadden benachrichtigt, daß seine Schwiegermutter angekommen war. Er antwortete, daß sein Dienst es ihm unmöglich machte, in diesen Tagen zu kommen, er würde aber an dem Tage, wo sie zur Bahn führe, vor dem Thor sie erwarten und begrüßen, und gleich nach dem Manöver hoffte er mit Elisabeth nach Berlin kommen zu können. Er war wirklich durch den Dienst an dem Besuche verhindert. – Wenn er große Lust hatte, wäre es ihm freilich in den Abendstunden möglich gewesen, hinüber zu reiten; aber als sein Bursche ihm erzählte, daß die Frau Oberförsterin die Frau Geheimeräthin von der Bahn geholt, da ahnete er, was zwischen den Schwestern vorging, – er hielt es für besser, den Großeltern allein diese Familien-Konferenz zu überlassen, und überzeugte sich um so eher von der Nützlichkeit dieser Einrichtung, da sie ihm am bequemsten war. Und doch, als der erste Tag vorüber war, ward es in seinem Gewissen unruhig, er gedachte vielerlei, er gedachte der Großeltern, gedachte Elisabeths, und als er am Nachmittage einige freie Stunden hatte, bestieg er sein Pferd und ritt nach Woltheim. 39. Hoffen und Zagen Das Wetter war immer noch unfreundlich, trübe, windig, und zuweilen fiel es naß nieder. Die Familie in Woltheim war im großen Wohnzimmer versammelt, Oberförsters waren alle da, und nur Elisabeth hatte einen leidlich guten Zeitpunkt benutzt und war spazieren gegangen, ganz allein, sie konnte es unter Menschen nicht mehr aushalten. Da ist Kadden, sagte Schlösser plötzlich, verließ das Fenster und ging dem Kommenden entgegen, der in die kleine Gartenpforte eingebogen, schnell näher kam. Sie hier? fragte Kadden erfreut und verwundert. Zu Emiliens Beunruhigung umarmten sich die beiden Männer herzlich, und Kadden wagte sich an der Seite dieses Freundes nur muthiger in die Familien-Konferenz. Von den Großeltern und dem guten Onkel Karl und von seinen Kindern wurde er warm genug begrüßt, auch Elise war liebreich, obgleich Julchen und Emilie sie gebeten, nicht so sehr den Ansichten der Großeltern zu trauen, nicht vergebliche Hoffnungen zu fassen. Die Spannung der übrigen Anwesenden gegen Kadden war unverkennbar, je mehr Schlösser das aber merkte, und je mehr man hoffte, daß er sich wenigstens neutral verhalten werde, je inniger und vertraulicher war er zu ihm. Kadden hatte gleich im Anfange nach Elisabeth gefragt und hatte von der Großmama gehört, daß sie spazieren sei, aber sehr bald zurückkehren müsse. Eine Viertelstunde verging, und noch eine, sie war noch nicht zurückgekehrt. Kadden verließ seinen Platz neben Herrn von Budmar und setzte sich mit Schlösser in eine Fensternische. Den kleinen Friedrich auf dem Schooß, schaute er auf die verregneten Blumengruppen und auf die Bäume, die ihre nassen Zweige jetzt wieder heftiger im Winde schüttelten. Wohin war Elisabeth gegangen? Doch nicht nach den Tannenbergen? Sein Herz wurde immer unruhiger. Ich begreife nicht, wie Elisabeth bei diesem Wetter so lange gehen kann, sagte er endlich ungeduldig. Wenn wir nur wüßten, wohin sie ist, wir könnten ihr entgegen gehen, entgegnete Schlösser. Ich glaube, ich weiß es, sagte Kadden und schaute unruhig nach den dunkeln Tannenbergen. In dem Augenblick trat sie aus dem nahen kleinen Bosquet, das weiterhin nach den Rüstern am Bache und dem Fußsteig nach den Tannenbergen führte. Kadden setzte Friedrich auf Schlössers Schooß und verließ unbemerkt das Zimmer. Er trat ihr in der Saalthür entgegen, sie hatte einen, nassen Haideblumenstrauß in der Hand, er hatte sich nicht geirrt, sie kam von den Bergen. Sie sah ihn und begrüßte ihn, sie wagte sich nicht zu freuen und freute sich doch. Er nahm ihr den nassen Hut und Shawl ab, sie stand vor ihm in einem dunkelen feinen Wollen-Kleide, hatte dasselbe blaue Krepptuch ebenso umgeschlungen als damals, wo er ihr zuerst an der Eisenbahn begegnete, und sah ihn mit den frischen Zügen und den verwehten Locken ebenso fragend und befangen an, als damals. War er denn ebenso trauernd und zweifelhaft als damals? Er fürchtete es sein zu müssen, noch wagte er nicht diesen gütigen, freundlichen, hellen Augen wieder zu trauen, noch glaubte er, daß nur ihr guter kindlicher Wille ihr Herz bewegte. Wodurch sollte auch plötzlich die Erinnerung an das letzte liebeleere Jahr, an die entsetzlichen Stunden in Bremen verwischt sein? Ja wodurch? Wodurch war denn in ihm alles anders geworden? Warum stand er so zagend und glücklich neben ihr? Warum fühlte er eine wunderbare selige Welt dort über sich und eine wunderbare Welt in sich? Warum fühlte er, daß die Fäden zwischen diesen beiden allein dem Leben Reiz und der Seele Bewegung verleihen? Ja warum? Er wußte es nicht, aber er fühlte es warm am Herzen, trotz Zweifel und Sorge. Wo warest Du denn so lange? fragte er besorgt. Nach den Tannenbergen, war ihre verlegene Antwort. Bei dem Wetter? fuhr er fort; wie bist Du kalt und naß geworden. Er nahm ihre beiden Hände in seine Hand. Ich konnte es nicht länger in der Stube aushalten, entgegnete sie. Da hast Du recht, sagte er seufzend, wir wollen nur hier bleiben; ich wollte Adieu sagen, ich muß morgen oder übermorgen fort. Dann kömmst Du wohl desto eher wieder? fragte sie ohne ihn anzusehen. Ich weiß nicht, sagte er nachdenklich, er hätte gern gewußt, ob sie lieber ein Ja oder Nein gehört. Den letzten Abend in Wangeroge hatte sie ihm noch aufrichtig gesagt, daß sie sich auf die Tage bei den Großeltern sehr freue; er hatte keinen Grund, jetzt das Gegentheil anzunehmen. Er sah ihr in die hellen lieben Augen, und sah auf seinen Trauring, sie mußte ihm endlich doch wieder folgen, trotz den Gerüchten der Leute und dem Geschwätze von Tanten und Verwandten, wenn nur die drei nächsten Wochen erst vorüber waren. Sind denn Deine Sachen schon alle besorgt? fragte sie und es fielen ihr die Hausfrauenpflichten auf das Herz. Es ist alles besorgt, entgegnete er, ein Soldat gebraucht nicht viel. Du hast aber etwas Husten, ich muß Dir Wolle mitgeben um den Hals zu binden, sagte sie. Wenn ich es auch nicht umbinde? fragte er lächelnd. – Sie stand unentschlossen. – Du kannst es mir doch mitgeben, bat er dann. Nimmst Du auch Bücher mit? fragte sie zaghaft. Ich habe mir eine so kleine Bibel gekauft, wie Du sie hast, war seine Antwort. Ich könnte Dir auch mein kleines Andachtsbuch geben, worin wir zusammen gelesen haben, begann sie etwas muthiger; ich nehme der Großmutter ihres in dieser Zeit. Das kannst Du thun, entgegnete er freundlich, wir lesen dann jeden Abend dasselbe. Er war mit ihr an das Fenster getreten, wo sie schon in ihrer Mädchenzeit an einem kleinen Schreibtisch sich einzurichten pflegte, sie reichte ihm glücklich das Buch. Er schlug es unwillkürlich auf, er las einige Minuten, dann sagte er: Dies könntest Du in meinem Namen einmal der Frau Oberförsterin zu lesen geben. Elisabeth sah in das Buch und las unter anderm: »Doch wird von Frommen auch dies wohl nicht recht bedacht! Denn wie viel faul Geschwätz, wie viel unnütze Dinge hört man doch da und dort!« – Elisabeth, in der Erinnerung an die Szene von ehegestern und in der Furcht, er wisse von den Gerüchten, die ihn so verleumden wollten, sah ihn bittend und ängstlich an. Nein, meine liebe Elisabeth, sagte er, Du sollst es ihr nicht geben. Aber, fügte er nach einer Pause hinzu, höre auch nicht auf ihre Reden. Ach nein, ich weiß es ja besser, sagte sie leise. Der kleine Friedrich kam jetzt in den Saal, sein Papa mußte ihn wieder auf den Arm nehmen, dieser sah aber auch nach der Uhr und fand, daß seine Zeit abgelaufen, daß er sein Pferd jede Minute erwarten konnte. Elisabeth eilte ihm das Stückchen Flanell zu holen, und er trat mit Friedrich wieder in das Wohnzimmer. Wenn in unglücklichen und gestörten Ehen sich zwei Leute selbst überlassen wären, so würden sie mit aufrichtigem Wunsche nach Frieden und mit des Herrn Hilfe auch zum Frieden gelangen. Aber sie stehen nicht allein, da giebt es theilnehmende Mütter und Schwestern und Freunde, die sich gern und besonders den Frauen zu Vertrauten machen. Selten aber ist es, daß sie den rechten Rath und Trost zu geben wissen, den kurzen Rath: Siehe allein auf deine Sünde! und den kurzen Trost: Selig sind die Sanftmüthigen! Nein, das wäre zu hartherzig; ihr Trost muß nicht aus Gottes Wort, sondern etwas weitläuftiger aus dem schwachen parteiischen eigenen Herzen kommen. Wie viele Mütter haben, ohne daß sie es ahnen und möchten, ja mit dem besten Willen zu helfen, das Unglück ihrer Töchter auf der Seele. Zwischen Eheleuten darf nur der Herr stehen als Rathgeber und Tröster. In dem Augenblick, als Kadden in das Zimmer kam, traten von der andern Seite Elise mit Emilien und der Oberförsterin ein. Sie hatten wieder eine sehr wohlmeinende, verständige und wortreiche Konferenz gehabt. Als Elise merkte, daß Kadden sich zum Abschiede rüstete, trat sie zu ihm: Lieber Otto, ich hätte gern gesehen, wenn Elisabeth jetzt zu mir käme, die Großeltern aber möchten es nicht. Das ist ja schön, sagt Kadden kurz. Der Gedanke, sie nicht hier, sondern bei seiner Schwiegermutter zu wissen, war ihm unerträglich. So erlaubst Du wohl, daß sie nachher noch einige Wochen mit den Kindern zu mir kömmt, fuhr sie fort, ich sehne mich sehr, mich einmal mit ihr einzuleben, und ehe Ihr den Haushalt wieder beginnt, geht es am besten. Wird Elisabeth das wollen? fragte Kadden gespannt. O gewiß will sie das gern, sagte Elise schnell. Er blitzte sie mit seinen Augen an. Das wird sich später finden, sagte er kurz und wandte sich von ihr. Kalt und zerstreut nahm er von allen Abschied, auch von Elisabeth und seinen Kindern. Er bestieg sein Pferd und flog über die Wiese hin, dann hielt er still, er wandte sich noch einmal um, der Abschied that ihm selbst jetzt leid. Aber die egoistische Schwiegermutter! sie wollte sich mit der Tochter gern wieder einleben und er sollte mit den Dienstboten wirthschaften. Den Kummer über diesen ganzen traurigen Abschied hatte Elisabeth allein ihrer Mutter zu danken. Elisabeth, Friedrich auf dem Arm, stand in der Thür. Ganz versunken in sich, sah sie ihn fortreiten, sah ihn halten, er griff noch einmal grüßend nach seiner Mütze, und der kleine Junge rief betrübt: Adieu, lieber Papa! Da haben wir es! flüsterte die Oberförsterin, die mit Emilien und Elisen in ein Fenster getreten war. Ist das ein Herrscher! Mit unseren Männern läßt sich doch ein vernünftiges Wort sprechen; man könnte sich vor ihm fürchten. Die arme Elisabeth! seufzte die Mutter. Die unbegreiflichen Großeltern! fügte Emilie hinzu. Die Gäste waren wieder abgereist, und Elisabeth war sehr froh. Mit der Mutter hatte sie wohl in Liebe und Innigkeit gelebt, wie noch nie in ihrem Leben, und die einzige Störung, bei der die Großeltern aber sehr auf ihrer Seite standen, war ihre Weigerung, noch nach dem Manöver nach Berlin zu reisen. Emilie aber hatte sie fortwährend bitter gekränkt. Freilich nur immer in der guten Absicht, die Zeit des Kummers und der Einsamkeit zu benutzen und sie auf ihr Heil aufmerksam zu machen. Dazu gehörte aber, sie an die Vergangenheit zu erinnern, an ihre Hoffnungen, ihr Glück damals, und an Emiliens Profezeihungen. Das alles konnte Elisabeth auch in Demuth noch hören, sie hatte recht; aber wenn sie speciell von der Liebe ihres Mannes sprach, wenn sie sich bemühte, Elisabeth von seiner jetzigen Kälte und Härte zu überzeugen, das war zu bitter. Aber Emilie, wie kannst Du mich denn gegen meinen Mann aufhetzen wollen! hatte sie einmal in ihrer alten ärgerlichen Weise den Muth zu sagen. – Nein, ich hetze Dich nicht auf, war Emiliens Antwort, Du sollst nur klar Dein Verhältniß übersehen, um den rechten Weg einschlagen zu können, Du sollst nicht immer noch glauben, daß eine so thörichte Liebe das Glück des Lebens ist, Du sollst nicht um sie trauern und diesem Wahne, der schon Dein irdisches Heil zertrümmert hat, nun noch das ewige opfern. Niemand meint es besser mit Dir als ich, ja von jeher bin ich Deine beste Freundin gewesen. – Elisabeth hatte sich förmlich verwirren lassen durch diese Reden, sie war sehr traurig. Sie wollte und konnte ja nicht sprechen, wie es mit ihr und ihres Mannes innerem Leben stand. Ihre einzige Gegenwehr bei diesen Gesprächen war, daß sie ihn lobte als den besten und gütigsten Mann, und das bestärkte die weisen Frauen nur in ihren Voraussetzungen. Die Regentage hatten wieder aufgehört, der blaue Septemberhimmel glänzte über der erfrischten und von neuem grünenden Erde. Die Wiesen glänzten wie grüner Sammet und einzelne röthliche Blätter an den Gebüschen und Bäumen schimmerten kräftig zwischen dem frischen Laube. Elisabeth erlebte mit den Großeltern stille Tage, ihr Zusammenleben mit ihnen war wie nach ihrer Konfirmationszeit, so ernst und innig, und war die Zeit jetzt auch nicht so fröhlich, so war sie doch reich und schön. Eines Nachmittages saß sie auf einer Fußbank neben der Großmutter unter der Linde am Hause. Diese hatte eben von den Täuschungen der Jugend gesprochen, von glücklichen und unglücklichen Ehen, und daß es so tröstlich sei, wenn man nur den Herrn wiedergefunden habe, so dürfe die verlorene Zeit uns wohl gereuen, aber in der Reue löse sich jeder Stachel auf. Eine glückliche Ehe ist das größte Glück auf der Welt, sagte die Großmutter, kein Opfer darf uns zu groß sein, um dies Glück zu bewahren. Die meisten jungen Mädchen aber glauben, es bedarf keines Opfers, sagte Elisabeth, sie hoffen alles von ihrer Liebe. Nicht wahr? sagte die Großmama, und die Liebe zum Herrn, unserem Heiland, unserem Helfer und Tröster, muß doch immer die erste Liebe sein, sonst hat die andere Liebe keinen festen Grund. Wenn sie es nur glauben möchten, ehe sie es erst bitter erfahren, sagte Elisabeth. – Die Großmama sah gedankenvoll vor sich hin. – Wenn der Herr aber zwei Herzen zusammengeführt hat, will er auch, sie sollen glücklich sein, fuhr Elisabeth fort. Und wenn er es nicht will, so weiß er wohl warum, fügte die Großmama hinzu, seiner Liebe und Gnade und seines Trostes können wir immer gewiß sein, wenn wir nur seine Kinder sind. – Die Großmama sprach weiter von der Himmelshoffnung, und daß es ihr zuweilen wohl sei, als ob sie selig und erwartungsvoll an der Himmelsthür schon stände. Das Leben ist kurz, schloß sie, Du wirst auch so weit kommen, Du wirst auch selig und erwartungsvoll an der Himmelsthür stehen und auf diese jetzige Zeit herab schauen als auf eine Zeit der Gnade. Elisabeth konnte lächeln, ja es ging ihr wie ein Blitz durch die Seele. Sie hatte es zwar oft gelesen und gesprochen, aber zuweilen fällt ein plötzliches Licht auf eine Stelle der heiligen Schrift, wir verstehen sie dann nicht nur, sie bringt eine Lebensfülle in unsere Seele. »Ich halte dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht werth sei, die an uns soll geoffenbart werden.« Diese Worte standen jetzt wie ein leuchtendes Licht vor ihr. Seit dem unfreundlichen Abschied ihres Mannes war sie sehr betrübt und kummervoll gewesen. Sie gab sich auch diesem Kummer hin und dachte: Der Herr will es so haben, er schickt dir das Kreuz, daß du daran tragen sollst, oder er schickt es nicht, er hat es nur zugelassen, daß du selbst es dir auflegtest. Wenn ihre Seele sich auch wieder zum Herrn gefunden, so fürchtete sie, ihr zeitliches Glück war verloren, ja eigentlich verscherzt. Sie durfte ihn aber immer noch darum bitten, bitten und immer wieder bitten, ganz nach ihres Herzens Verlangen, auch um dies zerwehte Glück. Ein jedes innige Gebet wird erhört; folgt auch nicht Erfüllung, so folgt Ergebung; die Erfüllung ist ein zeitliches Glück und die Ergebung ein seliges Glück. – Einem ungläubigen Herzen klingt das bitter; um selig zu sein, muß das Herz aber blind sich im Glauben dem Herrn hingeben. Elisabeth war, nachdem sie jetzt mit der Großmutter so tröstlich gesprochen, aufgestanden, sie ging langsam auf der Wiese hin. Lange Schatten legten sich auf das lichte Grün, die Sonne blitzte Strahlen über die Baumwipfel und über den sammetnen Wiesengrund, und zitterte auf den silbernen feinen Geweben, die zwischen feinen Grashalmen ausgespannt oder an einzelnen Blumenkronen wie silberne Schleier flatterten. Elisabeth schaute auf die lichten silbernen Schleierlein und auf das weite friedliche Himmelsblau, sie schaute, wie eine zierliche Bachstelze im klaren Bach sich badete und wie ein goldschimmernder Käfer einen grünen Halm zu erklettern suchte. O Du lieber Herr, dachte Elisabeth, es ist schon so schön hier auf dieser Welt, wie wird es dort wohl sein! Sie fühlte mit der Großmutter Himmelshoffnung und Himmelssehnsucht in der Seele und eine Seligkeit in der Ergebung. – Sie hatte heute nicht um ihres Mannes Liebe zu bitten, sie wollte nur mit ihm einst selig sein, mit ihm und ihren Kindern, mit ihm zum Himmel wandern, mit ihm sich des Herrn freuen, sich freuen seiner Güte, seiner Gnade, seiner Allmacht, seiner Werke, die das Herz bewegen müssen zum Dank und zur Freudigkeit. »Gieb ihm so kleines Herzweh immer hin, er giebt dafür die größre Herzensfreude.« Daß ist gewißlich wahr. Sie kehrte jetzt zurück zur Großmama, die schon im Zimmer war und, wie sie so gern zu thun pflegte, der verblühenden Abendröthe sinnend nachschaute. Elisabeth mußte etwas sagen. Außer dem erzwungenen Geständniß in der Mutter Gegenwart hatte sie nichts wieder von ihrem Manne, und wie sie zu ihm stand, gesagt, wenigstens nicht von Einzelnheiten gesprochen, ganz zur Befriedigung der Großeltern, die nicht daran dachten, in ein solches Heiligthum durch unnöthiges Geschwätz und Reden einzudringen. Ich bin doch nicht so unglücklich als die selige Großtante, begann Elisabeth, als sie neben der Großmutter stand, mit etwas stockender Stimme und erröthend, die hatte einen ungläubigen Mann, und ich habe einen gottesfürchtigen Mann. – Die Großmutter nickte. – Als ich im größten Unglück war, fuhr sie fort, hat er mir gerathen, ich sollte mich vom Herrn trösten lassen und hat es mir vorgethan. Er hat mir auch jeden Tag aus der Bibel vorgelesen, und wenn er zurück ist, lesen wir immer zusammen. Die Großmama hatte während ihres Sprechens ihre Hände gefaßt und sagte: Liebe Elisabeth, Du glaubst nicht, wie mich das freut! Darum sage ich es Dir auch, entgegnete Elisabeth leise. Du sollst wissen, das ich nie unglücklich sein kann. Aber, fügte sie nach einer Pause hinzu, mir ist eigentlich bange davon zu reden. Wir wollen es auch niemand sagen, schloß die Großmama. 40. Komödie der Irrungen An demselben Tage rückte Herr von Kadden auf einem Gute ein, mehrere Stunden hinter Braunhausen gelegen, der Oberst mit ihm, und zwar war es bei dem Norderneier Badegast, der die interessanten Berichte über Kadden verbreitet hatte, einem mit der Familie des Obersten sehr befreundeten älteren Oekonomen. Dieser Manöver-Spektakel machte dem Herrn Oberamtmann Wiebert großes Vergnügen, noch mehr aber seinen erwachsenen Töchtern, und da er nicht nur viel Geld hatte, sondern auch generös war, sollte sein Haus sich gegen die Herren Offiziere glänzend zeigen. Adolfine und ihre älteste Schwester waren für die ganzen Tage hergekommen. Adolfine war erfüllt von den herrlichsten Erwartungen, sie stand auch als die strahlendste unter den jungen Damen, als sie den heranziehenden und von Hitze und Staub ermatteten Kriegern von dem Pavillon des Gartens ein freundliches Willkommen zuwinkten. Ein glänzendes Diner machte den Anfang des Spektakels, womit sollte der Wirth glänzen als mit köstlichen Dingen, die für Geld zu haben waren? Solche Tage waren der Lohn seiner Arbeit, seiner Spekulation, solche Tage waren sein Vergnügen, da zeigte er sich gern in seinem vollen Genügen, in seiner Macht und Herrlichkeit. Früher hatte Kadden diese Dinge als sich von selbst verstehend mitgemacht, aber so auffallend wie heute waren sie ihm wohl nie entgegengetreten; das zur Schau-Tragen des Reichthums, daß so ganz Verschwimmen in Essen und Trinken und äußerem Luxus. In seiner jetzigen Stimmung wußte er es zu würdigen, und er fühlte entschieden die Fügung des Herrn darin, daß er wider seinen Willen und mit der Sehnsucht seines Herzens jetzt gerade das alles mit durchleben, so recht in den friedenlosen Wust hinein mußte. – Wenn seine Kameraden mehr oder weniger mit strahlenden Gesichtern dem Herrn Oberamtmann ihre dankbaren Huldigungen brachten, der Oberst an der Spitze, der in solcher Geselligkeit die Wahrheit des Lebens erkannte, und Stottenheim, dem diese angenehme Unterbrechung der leidigen Alltäglichkeit ganz erfrischend war, – so blieb Kadden ernst und ruhig, und es gehörten wieder Adolfinens verwirrte Fantasien dazu, um nicht die Geduld heute an seiner Seite zu verlieren. Nur als sie von dem kleinen Friedrich sprach, blitzte es so warm und sehnend über seine Züge. Das war ihr eine Beruhigung, sie wußte, daß er nicht von Eis war. Am Abend musizirten und spielten die jungen Leute zusammen, die älteren wollten eine Partie arrangiren. Gehören Sie zu den alten oder zu den jungen Herren? trat der Oberamtmann freundlich zu Kadden. Zu beiden nicht, war seine höfliche Entgegnung, ich möchte mich zurückziehen, ich habe Briefe zu schreiben. Er empfahl sich ihm und der Frau vom Hause, und entfernte sich. Das Herz möchte einem bluten, wenn man einen solchen jungen Mann so unglücklich sieht, sagte der Oberamtmann theilnehmend zum Obersten und zu Stottenheim, die neben ihm standen und mit denen er schon das Schicksal Kaddens und sein ernstes Gesicht besprochen hatte. Ja, mit der Ehe ist es wie mit einem Lotterieloos, dem einen glückts, dem anderen nicht, entgegnete der Oberst. Es ist nur ein Glück, daß wenn man eine Niete gezogen hat, lachte der Oberamtmann, man noch einmal einsetzen kann. Natürlich! sagte der Oberst verbindlich. Der Oberamtmann war nämlich schon von einer Frau geschieden. Ja, aber nun denken Sie sich die Stupidität dieser sogenannten kirchlichen Leute, die da behaupten, eine Ehe darf nicht gelöst werden. Warum denn nicht? fragte der Oberamtmann. Weil es gegen Gottes Gebot ist, war Stottenheims schnelle Antwort. Nun ich muß sagen, begann der Oberamtmann gutmüthig, ich weiß nicht genau, was Gottes Gebot darüber ist, es heißt freilich: Ehen sind im Himmel geschlossen, und was Gott zusammen fügt, soll der Mensch nicht scheiden; aber es giebt mehr Dinge in der Bibel, die sich nicht mit dem Leben zusammen reimen. Natürlich, versicherte der Oberst, das Leben zeigt immer am besten den Weg an, den wir gehen müssen. Mir war der Weg einfach genug gezeigt, versicherte der Oberamtmann, ich lebte mit meiner ersten Frau wie Hund und Katze. Ich muß Ihnen sagen, flüsterte er vertraulich, ich bin einmal mit der Hetzpeitsche auf sie losgegangen, es war aber eine maliziöse Person. Kurz und gut, wir trennten uns. Und jetzt? Nun lieber Oberst, Sie können es am besten beurtheilen, ob ich nicht mit meiner Frau jetzt ganz gut zusammen lebe, es war eben nicht meine Schuld. Sie sollen den alten Herrn von Budmar darüber reden hören, nahm Stottenheim, der jedenfalls auch nach dieser Seite hin seine Bildung zeigen mußte, das Wort. Der Teufel, sagte er, erlaubt es in seinem Reich, daß sich die Leute scheiden und verheirathen nach den bösen Neigungen ihres Herzens, den Kindern Gottes ist es nicht erlaubt, sie sollen einer dem andern verzeihen, Nachsicht und Geduld üben und an das Ende ihres Lebens und an die Ewigkeit gedenken. Na hören Sie mal, begann der Oberamtmann lächelnd, an nichts denke ich weniger gern, als an das Ende des Lebens und an die Ewigkeit, ich sage Ihnen, wenn es ewig hier so währen könnte, ich wäre vollkommen zufrieden damit. Das geht aber einmal nicht, sagte Stottenheim achselzuckend, und, fügte er wichtig hinzu, ich kann Ihnen doch eigentlich versichern, wahrhaftig ich kann es, denn ich habe mich bemüht, auch die Richtung dieser Leute kennen zu lernen – Wissen Sie, der Mensch kann nie zu viel lernen, unterbrach er sich. Der Oberamtmann nickte Beifall. – Ich kann Ihnen versichern, daß die Leute, die sich wörtlich an die Bibel halten, auch ihre Gebote streng erfüllen und sich auf die Verheißungen vom Himmel und von der Seligkeit verlassen, schon hier recht glücklich sind. Ein schöner Glaube, versicherte der Oberamtmann, ein schöner Glaube! Aber welches Menschenkind kann denn alles das wörtlich nehmen und erfüllen? Nein liebster Freund, das ist eine Unmöglichkeit, und darum ist alles Schwärmerei, wir sind einmal so geschaffen und können nicht Engel sein. Das hören diese Leute gerade gern, unterbrach ihn Stottenheim, der sich zu gern reden hörte: durch eigene Kraft sollen wir nicht Gottes Gebote erfüllen, nun kommen sie mit dem notwendigen Erlöser. Der Oberamtmann schüttelte bedenklich den Kopf. Nein, hören Sie, ich will mir den Abend damit nicht verderben, man muß jetzt oft genug gegen seinen Willen von solchen Dingen hören, ist eigentlich in keiner Kirche mehr recht sicher, und ich versichere Sie, es ist mir passirt, daß ich des Abends vor solchen Vorstellungen nicht einschlafen konnte. Was sich mit der Wahrheit des Lebens nicht verträgt, werfe ich über Bord, sagte der Oberst verständig. Das Gebot Gottes ist für uns da, daß wir keine schlechten Menschen werden, es kann nichts gebieten, wodurch die Menschen schlechter werden, und wenn zwei Leute zusammen bleiben sollen, die sich nicht ausstehen können, so werden sie dadurch schlechter. Richtig, sagte der Oberamtmann. Herr von Budmar würde Ihnen da sagen, sie sollen eben zusammen bleiben, damit sie besser werden, warf Stottenheim lachend ein. Ich möchte aber doch wissen, ob die Familie wirklich so gegen Kaddens Scheidung ist, sagte der Oberst, der Oberförster scheint doch ein verständiger Mann. Oberförsters, das weiß ich genau, versicherte Stottenheim, die möchten Frau von Kadden nicht wieder zu ihrem Manne lassen, aber es soll nur für jetzt eine Trennung und keine Scheidung sein. Unsinn, sagte der Oberamtmann, und weil Stottenheim in dem Augenblick von den jungen Leuten fortgerufen war, fuhr der Oberst vertraulich fort: Ich muß Ihnen nur gestehen, ich fühle so eine Art Verpflichtung, mich dieses jungen Mannes anzunehmen: er hat niemanden in der Welt, und ist eigentlich ganz in der Gewalt dieser Menschen. Er ist doch aber ein freier Mann! sagte der Oberamtmann lebhaft. Er hat aber seit Jahren mit ihnen dieselbe Luft geathmet, versicherte der Oberst, er hat von ihren Vorurtheilen eingesogen, er hat wenigstens nicht den Muth, einen Entschluß zu fassen. Richtig, sagte der Oberamtmann, ich weiß, es gehört ein Entschluß dazu, mich hat auch ein Freund erst auf die Beine bringen müssen. Ich werde einmal mit dem jungen Mann sprechen, recht vernünftig sprechen, denn ich habe die Erfahrung für mich. Nein, sagte der Oberst, thun Sie das nicht, er ist ein eigenthümlicher Mann, man müßte erst eine Anfrage an seine Frau und an die Familie gelangen lassen, wie sie über die Scheidung denken. Um ihm zu helfen, müßte man ihm mit etwas Bestimmtem entgegen treten können, das wäre der beste Anfang. Der Oberamtmann war damit einverstanden, und übernahm es, bei dem Oberförster, mit dem er trotz der verschiedenen Glaubensansichten doch ordentlich und nachbarlich stand, einmal hinzuhorchen. Und zwar kam er gleich in diesen Tagen wegen einer Weide-Regulirung mit ihm zusammen, das mußte eine passende Gelegenheit dazu geben. Der folgende Tag war eine Ruhetag. Die Offiziere, die auf den benachbarten Bauerdörfern lagen, waren eingeladen, den Abend sollte ein Ball schließen. Das Wetter war unvergleichlich schön, die jungen Herren und Damen wußten es zu benutzen. Als Kadden noch ziemlich früh von einem einsamen Spaziergange zurückkehrte, fand er eine große Gesellschaft auf einem Angerplatz hinter dem Garten, und zwar Adolfinen und zwei Offiziere zu Pferd. Da kömmt Kadden, rief Stottenheim, der mag das Pferd prüfen, er versteht sich auf Damenpferde. Einer von den Herren stieg ab, und Kadden bemerkte jetzt erst, daß auf dem einen Pferd ein Damensattel lag. Ja, mein lieber Herr von Kadden, redete ihn der Oberamtmann an, versuchen Sie das Pferd einmal, meine Tochter will durchaus reiten, und ich bin bange dabei. Kadden bestieg das Pferd, prüfte es einige Zeit, und versicherte, die Dame könne es ohne Gefahr besteigen. Jetzt wurde er vom Oberamtmann aufgefordert, ihr einige Anleitung zu geben, und er war höflich genug einzuwilligen. Es währte nicht lange, daß sein eigenes Pferd gebracht wurde, und er ritt nun neben dem jungen Mädchen her, während Adolfine mit den anderen Herren dem Walde zuflog. Nach kurzer Zeit kehrte sie zurück und war nun dreist genug, Kadden zu bitten, ihr Pferd zu bewundern und sie Schule reiten zu lassen. Auch dagegen hatte er nichts, sie ritt wirklich sehr gut, es war ganz hübsch anzusehen. Er mußte sie loben. Endlich ritt sie stolz und kühn neben ihm zum Hause zurück, und er ahnete nicht, was er wieder in ihren Fantasien angerichtet. Am Nachmittag war der Himmel umzogen, man blieb im Zimmer, es wurde musizirt. Kadden hörte gern zu, – da ihn Stottenheim darauf aufmerksam gemacht, sich nicht gar zu sehr zurückzuziehen, war ihm diese Unterhaltung noch die liebste. Er war dem Klavier näher getreten und sprach mit einem Kameraden, als er ein Flüstern dort bemerkte. Die eine Tochter des Hauses hatte eben das Volkslied angestimmt: »Es ist bestimmt in Gottes Rath,« – als Adolfine schnell das Buch fortnahm, und Stottenheim mit einem Blick auf Kadden leise zu ihr sprach. Kadden merkte augenblicklich, was das bedeuten sollte; es kochte etwas in ihm, aber ruhig trat er näher. Wollen Sie das schöne Lied nicht singen? fragte er. Die junge Dame schlug das Buch verlegen wieder auf. Sie singen auch! fragte die ältere Schwester, welche die geheime Unterredung nicht gehört hatte. Er singt wunderschön, versicherte Stottenheim. Du solltest einmal singen! fügte er hinzu, mit einem Tone als wollte er sagen: Armer Junge, sei doch nicht so traurig. Auch das reizte Kadden, er setzte sich an das Klavier und sagte lächelnd: Dann müssen Sie mir aber erlauben gerade das Lied zu singen, es ist ein Lieblingslied von mir. Stottenheim und seine Befreundeten waren etwas verdutzt, aber Kadden sang mit schöner Stimme das ganze Lied. Die Strofen: »Wenn dir geschenkt ein Knösplein was, so thu es in ein Wasserglas,« – die klangen gar beweglich. Das war natürlich, weil er seines Knöspleins gedachte. Und als er gesungen: »Nun mußt du mich auch recht verstehn, ja recht verstehn: wenn Menschen auseinandergehn, dann sprechen sie auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!« – da stand er vom Klavier auf, hörte die üblichen Worte des Dankes und Lobes ruhig an, und verließ das Zimmer. Wie sonderbar! sagten die Mädchen. Ja wirklich, versicherte Stottenheim, wenn man nicht wüßte, daß er ein verheiratheter Mann ist, man sollte denken, er wäre in einer gewissen Periode vor der Verlobung. Er ist so zerstreut, so in Gedanken versunken, er geht allein spazieren, sammelt sich zarte Blumensträußchen, es ist unbegreiflich. Adolfine war so herzverwirrt, zu erröthen und sich verlegen abzuwenden. Am anderen Morgen rückte das Militär weiter, nur um eine Nacht zu bivouakiren und dann nach hier zurückzukehren. Die jungen Damen hatten Zeit sich auszuruhen und die schönen Tage zu überlegen. Adolfine steckte tief in ihrer Verblendung. Kadden war am Ballabend einige Stunden ein höflicher Zuschauer gewesen, und hatte sich dann früh zurückgezogen, während der Stunden aber hatte er zweimal neben ihr und ihrer Mutter gesessen und so viel von seinen Kindern gesprochen, und wie er sich zwischen den vielen Menschen einsam fühle. Sie hatte das tiefste Mitleiden mit ihm und überlegte sich, wie sie am folgenden Abend, wenn er zurückkehrte vom Bivouak, ihn trösten wollte. Sie war eben im Begriff, einen einsamen Spaziergang zu machen, als auf dem Hausflur ein Bauerjunge mit einer Posttasche an ihr vorüber ging. Gehst Du nach Braunhausen? fragte sie. Der Junge bejahte. Sie nahm ihm die Posttasche aus der Hand unter dem Vorwand, ob ein Brief ihres Vaters darin sei. Sie trat damit an das Fenster. Ihre Neugierde wurde befriedigt: ein Brief an Frau von Kadden war dazwischen. Sie sah ihn an. Was stand darin? An dieser Frage hing das Glück ihres Lebens. Sie schwankte nicht lange, es war zu unwiderstehlich, geschickt hatte sie ihn in der Hand. Der Junge erhielt seine Tasche und sie sah ihm gespannt nach, bis er den Hof verlassen. Sie eilte nun in den Garten, nach dem einsamsten Theil, an einen großen Baumstamm gelehnt, der sie schützen mußte, erbrach sie das Siegel. Es war wirklich, als ob sie vor dem längst geträumten und ersehnten Glücke stände, als ob sie plötzlich aus Zweifel und Erwartung in Gewißheit und Wonne gerathen solle. – Sie las, – und las noch einmal, – sie ward roth, zerknitterte das Blatt in den Händen, und als sie Schritte zu hören glaubte, eilte sie weiter und zum Garten hinaus. Was hatte sie denn gelesen? Gar nichts Besonderes. Keine Beschwörungen und Vorwürfe und feierliche Lossagungen; es war ein einfacher, kurzer, wunderbarer Brief, für sie hätte er freilich nicht gepaßt, sie war sehr unruhig, daß sie ihn in Händen hatte. Wie konnte sie so albern, so verwirrt sein? Kadden, der sonderbare ernste Mann, sollte eine unerlaubte Neigung zu ihr haben! Sie gerieth in eine unangenehme Aufregung. Schaam und Aerger stritten sich um die Oberhand, doch entschied sie sich bald für letzteren. – Wie viel besser hätte sie diese schönen Tage benutzen können! Gestern den Ballabend, wo sie die Hauptperson hätte sein können, und wo sie sich eigentlich um keinen Menschen bekümmert hatte, – sie hatte die herrlichsten Dinge erleben können und müssen! Welch ein Glück war es doch, fügte sie sich tröstend hinzu, daß sie den Brief erwischt hatte! Sie zerpflückte ihn jetzt in hundert Stückchen, warf ihn in den Bach, und machte sich gar kein Gewissen daraus, ihn gelesen zu haben. Vierzehn Tage waren nach Elisens Abreise vorüber gegangen, als die Großeltern von einem Spaziergange zurückkehrten und in ihr liebes Wohnzimmer traten. Elisabeth hatte schon seit zwei Tagen nicht ausgehen dürfen, sie war erkältet und blieb mit ihren Kindern auf ihrem Zimmer. Mit den Großeltern fast zugleich trat die Frau Oberförsterin ein, es war ihr gleich anzusehen, daß sie etwas Besonderes auf dem Herzen hatte. Nun Julchen, sagte der Großpapa lächelnd, was hast Du denn wieder? Ich werde zwar sehr in den Verdacht kommen, geschwätzig zu sein, nahm Julchen etwas gereizt das Wort, aber ich muß doch meinen Auftrag ausrichten. Das Großmutterherz schaute sehr bange auf die Tochter, die letzten vierzehn Tage waren ihr schwer genug gewesen. Kaddens Abschied von Elisabeth, und daß er nicht ein Wort seitdem geschrieben, ja Elisabeths Wesen selbst, ihr Kämpfen mit Traurigkeit und ihr Trostsuchen zeigten ihr, daß ihre Befürchtungen schon vom Sommer her richtig waren, und trotz Kaddens gutem Willen, Elisabeth zu ehren und zu achten, seine Neigung zerstört war. Julchen erzählte nun in gutmüthiger Erregung des Oberamtmanns Auftrag, sich nach der Familie Ansichten über eine Scheidung zu erkundigen. Sie erzählte aber auch getreulich, wie Kadden mit den jungen Damen geritten, mit ihnen gesungen, und daß er auf dem Ball gewesen. Julchen, das ist alles Klatscherei, sagte der Großpapa ruhig, die Anfrage wegen der Scheidung ist eine Lüge. Aber Vater, sagte Julchen, es ist noch nicht sehr lange her, wo Du selbst von Kadden einen Wunsch nach Trennung befürchten konntest, wo es Dich beruhigte, daß in seinen Kreisen nicht eine Persönlichkeit war, die seinem Herzen gefährlich werden konnte. Denke Dir, Julchen, diese Befürchtung habe ich schon gehabt, als er der glücklichste Bräutigam war, sagte der Großvater ebenso ruhig, und denke Dir, ich habe ihm damals schon gesagt, seine glückliche Ehe könnte trotz seines heißen Herzens mit einer Scheidung enden, er könnte ebenso glühend, wie er damals Elisabeth liebte, auch einst eine andere lieben. Aber, Julchen, dasselbe kann man allen Männern und Frauen sagen, die sich auf ihre edeln Herzen verlassen. Aber, lieber Vater, wunderst Du Dich denn jetzt, nachdem wir die Ehe lange unglücklich gesehen haben? Weil Kadden sich jetzt nicht mehr auf sein edles Herz verläßt, sondern den Herrn fürchtet, sagte der Großvater kurz. Geduldet Euch nur, in acht Tagen kehrt er zurück; aber zu Deiner Beruhigung verspreche ich Dir, ich will mit ihm sogar wegen der Scheidung sprechen. Die Großeltern brachen beide die Unterhaltung ab. Julchen zwang sich zum Schweigen. Zu Hause aber schüttete sie dem Manne das Herz aus. Die guten Eltern waren nicht zu überzeugen! Wenn sie sich nur überreden ließen, wenigstens Elisabeth noch zu Elisen zu schicken, bis mit Kadden vernünftig verhandelt würde! Die Scheidungsfrage wurde ja doch in der Welt längst besprochen. Wenn das auch noch nicht schlimm war, – wie der Oberförster ruhig bemerkte, – im vergangenen Jahre hatte man auch gesagt, der Oberforstmeister wolle sich von seiner Frau scheiden lassen, nur weil sie ihrer Gesundheit wegen ein Vierteljahr in Berlin war. Ja, die Welt ist wunderlich, wenn sie Langeweile hat, macht sie über irgend etwas Lärm, aber ein Lärm vertreibt zum Glück den andern. Am folgenden Tag sollten eine Menge fremder Truppen an Braunhausen vorüber ziehen und etwas dort manövriren, von allen Seiten strömten Zuschauer herbei, auch von Woltheim fuhren und gingen die Leute dorthin. Als Elisabeth hörte, daß Oberförsters nach der Gegend hin fahren wollten, bat sie mitfahren zu dürfen, und die gutmüthige Oberförsterin gönnte ihr die kleine Zerstreuung, Die Kürassiere, das war bekannt, zogen eine Stunde von Braunhausen entfernt nach dem Platz, wo das letzte Zusammentreffen der verschiedenen Truppen stattfinden sollte. Der Himmel war hell und blau, aber der Wind kalt; Elisabeth verhehlte es, daß sie noch sehr angegriffen war, ja daß ihr beim Umziehen heute Morgen schwindlich wurde. Eine große Unruhe trieb sie nach Braunhausen, sie konnte vielleicht wenigstens von ihrem Manne dort hören; daß er gar nicht geschrieben, machte sie zu traurig, und daß die Großmama selbst bedrückt war, konnte ihr trotz alles Ringens nach Trost und Kraft das Herz zittern machen. Der Oberförster fuhr selbst, außer seiner Frau und Elisabeth waren noch die Kinder auf dem großen Jagdwagen. Dicht an Braunhausen wurde gehalten, mit Aufmerksamkeit und Entzücken schauten sie alle nach der einen Seite, wo die Truppen versammelt waren. Elisabeth hatte auch gedankenvoll hingesehen, dann wandte sie sich nach dem Exercierplatz. Sie traute ihren Augen kaum, aber es war sicher so: ihr Mann hielt auf dem braunen Pferd still auf einer Stelle, und Adolfine galloppirte in Volten und allerhand Kunststückchen um ihn herum. Der Oberst und noch einige Offiziere hielten neben ihm. – Elisabeth schloß die Augen. Ihr Mann dort mit Adolfinen? Sie war viel zu schwach, um Reflexionen zu machen. Nur das Bild des Abends stieg vor ihrer Seele auf, wo Frau von Bandow ihr bange machen wollte mit der Untreue ihres Mannes, und wo er ihr so ruhig und schützend die Hand reichte. War er denn nicht derselbe mehr? – Es ward dunkel vor ihren Augen, sie ward still und bleich, und hatte doch die Herzensangst dabei, unbemerkt zu bleiben. Da sagte plötzlich die Oberförsterin überrascht und voreilig: Da ist ja Kadden! Dann sah sie auf Elisabeth und fügte erschrocken hinzu: Sie ist ohnmächtig. Laß uns schnell fortfahren! wandte sie sich zu ihrem Mann. Er wandte augenblicklich den Wagen. Wer ist denn die Dame mit ihm? fragte der Oberförster leise. Adolfine, um die er sich scheiden lassen will, flüsterte seine Frau in großer Erregung. Elisabeth aber war nicht ohnmächtig, sie hörte die Worte und schlug auch die Augen wieder auf. Sie saß aber still wie im Traum, bis sie zu Hause ankamen. Sie lag bei der Großmama auf dem Sofa, während Tante Julchen im Gartensaal den Großeltern den unangenehmen Vorfall mittheilte, aber äußerst wortkarg und vorsichtig, nur das Factum, ihre Bemerkungen dazu behielt sie jetzt für sich. Da rief Elisabeth. Die Großmama trat ein. Gieb mir doch Dein Büchelchen, bat sie freundlich. Die Großmama reichte es ihr und blieb theilnehmend an ihrer Seite stehen. Elisabeth blätterte darin und sagte dann zur Großmama: Diese Seite hat mir Otto den letzten Tag gezeigt, ich möchte sie Tante Julchen zu lesen geben. Die Großmama richtete ihren Auftrag aus. Tante Julchen las und erröthete, aber die Großeltern sahen mit ihr in das Buch: »Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am jüngsten Gerichte von einem jeglichen unnützen Worte, das sie geredet haben.« Und nachher weiter: »Doch wird von Frommen auch dies wohl nicht recht bedacht! denn wie viel faul Geschwätz, wie viel unnütze Dinge hört man doch da und dort.« Ich sehe aber nicht ein, warum wir hier und nicht bei Elisabeth sind, sagte der Großpapa jetzt ernst, und führte die Frauen in das Wohnzimmer. Er hatte noch nicht ein Wort auf der Oberförsterin Bericht erwidert, und diese war ganz betroffen von Kaddens Warnung, sie konnte es nicht begreifen. – Nun sagt einmal, liebe Kinder, begann der Großpapa ganz heftig, was Ihr für Unsinn treibt, förmlich Komödie spielt: Ihr seht Kadden dort und fahrt nicht zu ihm. Elisabeth richtete sich plötzlich auf. Warum kam er nicht zu uns? fragte die Oberförsterin verlegen. Wenn er Euch gesehen hätte, wäre er gekommen, sagte der Großvater, und wenn er weiß, wie Ihr gehandelt habt, muß er Euch für verwirrt halten. – Julchen wagte kein Wort zu sagen. – Er klingelte und bestellte einen reitenden Boten. Ich werde an ihn schreiben, er ist jedenfalls nur auf kurze Zeit und in Geschäften in Braunhausen, wie sehr wird er sich freuen, von Elisabeth und den Kindern zu hören. Tante Julchen ging mit einem seltsamen Gesichte fort, als aber Elisabeth mit den Großeltern allein war, fing sie bitterlich an zu weinen und klagte ihnen den Ausspruch Tante Julchens. Unsinn! sagte der Großvater heftig. Aber, setzte er ruhiger hinzu, wir sprechen kein Wort mehr mit ihnen darüber. Dich, liebe Elisabeth, brauchen wir wohl nicht zu beruhigen über eine solche lächerliche Klatscherei, und es ist sehr gut, daß Du Julchen Kaddens Rath mitgetheilt. Elisabeth sah den Großvater dankbar an; neben den drohenden Bildern, neben ihrem schwachen, zweifelhaften Herzen stand doch bald wieder das Bild ihres Mannes, so fest und treu und dem Herrn ergeben. Der Bote ward fortgeschickt und kam mit der Nachricht zurück, daß Herr von Kadden in seiner Wohnung gewesen und bei den Wirthsleuten (weil die Köchin während der Manöverzeit in Woltheim war) nach einem Briefe von seiner Frau gefragt. Er hatte erwähnt, daß er nur des Briefes wegen sich von seiner Schwadron entfernt hatte. Er war sehr betrübt gewesen, keinen zu finden, und hatte zurückgelassen, daß er in höchstens sechs Tagen mit seiner Familie einziehen würde. Wo er während dieser wenigen Tage sein würde, hatte er selbst noch nicht gewußt. – Die Nachrichten brachte der Bote mündlich und ward vom Großpapa auch damit zur Oberförsterei geschickt. Der Großpapa hatte Elisabeth ganz gesund gemacht, sie sah wieder ruhig und klar, und es war ihr als ob sie wirklich verwirrt gewesen. Die Frau Oberförsterin konnte sich zwar aus ihrem Ideenkreise nicht heraus finden, aber sie war etwas stutzig geworden. Eine jede Sache hat zwei Seiten, man kann sie einfach wahr und wirklich sehen wie sie ist, oder sie romantisch, verwickelt und wunderbar sehen. Der Schritt von dem einen zum andern ist bei einem Frauengemüth oft nur ein kurzer. Die gute Frau Oberförsterin bemühte sich heute mit aufrichtigem Herzen und prüfendem Gewissen den Schritt zurück zu thun, er wurde ihr freilich etwas schwerer, als der vorwärts. 41. Neue Brautliebe Nach zwei Tagen kam der alte Doctor zu Herrn von Budmar und erzählte, daß er Nachmittag in einem Dorfe eine schwierige Operation habe. Das Dorf war ungefähr zwei Stunden von Woltheim und, wenn auch dem Manöver nicht nahe, doch nach der Seite hin. Elisabeth wußte, daß in dem Dorfe heute Missionsfest war, sie hatte auch Lust gehabt dort hin, aber Oberförsters wollte sie nicht auffordern, und die Großmama hatte Kopfweh. Jetzt bat sie den Doctor ob er sie mitnehmen wollte, und der war gern bereit. Es paßte ja so prächtig, und gleich nach Tische holte er sie ab. Elisabeth kam etwas zu früh in dem Dörfchen an. Sie trat in die kleine freundliche Kirche, die schon geöffnet und sehr rein und auch mit grünen Zweigen geschmückt war. Sie trat wieder auf den Kirchhof, und ging lesend von einem Grabstein zum andern. Es war so mild und warm und still im Sonnenschein, einzelne Blumen, die des Morgens vom Reif die Kronen senkten, hatten sich wieder erhoben in der Sonne warmem Schein und träumten noch einmal vom Sommer. Elisabeth war so friedlich und war voll Sehnsucht und Erwartung nach dem Gottesdienst, sie wußte, daß ihr eigener gläubiger Prediger dabei betheiligt war, den hatte sie seit lange nur mit einem todten, matten Herzen gehört. Heute war es ihr, als könnte sie nur mit gefalteten Händen und mit stillen Zügen und leisen Schritten hier wandeln und ihre Seele bereit halten für die Erquickung, die ihr da in der kleinen stillen Kirche werden sollte. Es kamen aber auch nach und nach viele andere Leute, die wartend und flüsternd hier standen. Elisabeth war lieber bis zum Läuten allein, trat aus der Kirchhofsthür und über den Weg, und ging vor einem Eichenwäldchen einige Schritte auf und ab. Sie pflückte auch im Gehen die feinen rothen Steinnelken und Thymian und Skabiosen und gelbe und rothe Blümchen zu einem sehr unscheinbaren, aber genau gesehen höchst wunderlieblichen Strauß. Als das Läuten begann, verließ sie ihren stillen Spaziergang, einige Schritte von ihr traten mehrere Damen aus dem Pfarrgarten und gingen ihr voran in die Kirche. Sie war betroffen, als sie eintrat schon alle Plätze besetzt zu finden, und schaute sich verlegen um, als ein liebes bekanntes Gesicht vor ihr stand, ihre Hand nahm und sie mit sich führte. Es war Frau Assessor Borne, eine von den Damen, die aus dem Pfarrgarten traten. Sie nahm sie mit sich in den Pfarrstuhl, wo außer einigen anderen Frauen noch Frau Pastor Kurtius war. Elisabeth erbaute sich am Gesang und an der Predigt, kaum hatte eine Predigt einen besser zubereiteten Boden gefunden als heute Elisabeths Herz. Kurtius hielt eine Missions- aber zugleich eine Bußpredigt, die Herzen sollten aufgerüttelt werden aus ihrer Lauheit und Trägheit im Dienste des Herrn, die Hände sollten freudiger zum Geben und die Herzen freudiger und lebendiger zum Gebete sein. Als nach der Predigt das Lied angestimmt wurde: »Aus tiefer Noth schrei ich zu Dir, o Herr erhör mein Rufen,« da war es, als ob es für sie allein angestimmt würde, es waren ihr heute nicht nur erbauliche Worte, es war die Lebensfülle selbst in ihrer Seele. »Und ob es währt bis in die Nacht, und wieder an den Morgen, so soll mein Herz an Gottes Macht verzweifeln nicht und sorgen.« Heiße Thränen fielen auf ihr Gesangbuch, sie suchte es zu verbergen und glaubte sich auch unbemerkt. Sie war es aber nicht. Ihr gegenüber oben, halb von einem Pfeiler verborgen, stand Kadden, und wenn er auch während der Predigt seine Aufmerksamkeit so viel als möglich nach der Kanzel gerichtet hatte, so schaute er jetzt unverwandt nach dem stillen und blassen Gesicht dort unten und hörte mit tiefer Bewegung das für sie beide so bedeutungsvolle Lied. Gleich nachdem der Gottesdienst geschlossen, eilte er durch die Menge und stand an der Kirchthür auf sie wartend still. Elisabeth ward von den Damen freundlich und zuvorkommend angeredet und in das Pfarrhaus geladen, sie trat mit ihnen aus der Kirchthür, als ihr Mann freudig grüßend vor ihr stand. Sie überlegte nicht, wie sie aussehen müsse: Otto, Du hier? sagte sie, und Freude und Glück strahlten aus ihren Augen. Er hielt ihre Hand in seinen Händen fest und erklärte so den Damen, daß er eine Stunde von hier im Quartier liege, daß er den freien Nachmittag benutzte, das Fest mitzufeiern, und sich nun unerwartet mit seiner Frau hier getroffen habe. Ihre Einladung, mit in die Pfarre zu kommen, nahm er nicht an, er hatte nicht Zeit, er empfahl sich ihnen und führte Elisabeth mit sich. Er hatte schon im Gasthof, als er sein Pferd dahin brachte, durch Doctors Kutscher von ihrem Hiersein gehört, hatte aber auch gehört, sowie die Kirche aus sei, würde angespannt und fortgefahren. Um seine Frau doch etwas sprechen zu können, wollte er mit ihr den Weg nach Woltheim voran gehen, und ließ dem Doctor das bestellen. Als sie jetzt beide vor den Eichen waren, sagte er mit freundlichem Vorwurf: Liebe Elisabeth, warum hast Du mir nicht geschrieben? Ich wußte nicht wohin, war die schnelle Antwort. Du hast doch meinen Brief erhalten? fragte er ebenso schnell. Elisabeth schüttelte mit dem Kopf und ihr Kummer darüber war unverhohlen in ihren Augen zu lesen. Das war unbegreiflich! Er erzählte, wo und wann er geschrieben, und daß er sich die Antwort vor einigen Tagen selbst holen wollte. Das wußte sie schon durch den Boten, und sie sagte ihm, wie es ihr so tröstlich war von ihm zu hören, und daß sie sich danach vorgenommen, noch recht geduldig die letzten Tage zu sein. Sein Herz zitterte vor Freuden, er wußte kaum was er sagen wollte, und der leidige Doctorwagen kam schon vom Dorfe her. Elisabeth, noch ein Tag morgen, sagte er, übermorgen komme ich nach Braunhausen und Nachmittag zu Dir! Dann darf ich Dir entgegen kommen? fragte sie leise. Ja, ich komme zu Fuß, den nächsten Weg nach den Steinen. Da erwarte ich Dich, fügte sie hinzu. Sie standen jetzt still, einige Augenblicke schweigend. Dann nahm er einen Eichenzweig aus seinem Knopfloch, der mit Sommertrieben, roth und braun und grün, ganz frühlingsgleich und lieblich war, er reichte ihn Elisabeth und griff dabei zagend und doch glücklich nach ihren Blumen. Sie gab den Strauß erröthend hin, sie war wie im Traume. Er küßte sie zum ersten Mal wieder auf die Stirn und führte sie zum Wagen. Hier begrüßte er den alten Doctor, erkundigte sich erst noch bei Elisabeth nach den Kindern und trug ihr Grüße auf. Der Doctor hatte nach einer andern Seite von Woltheim in einer Vorstadt zu thun, Elisabeth stieg darum an den großen Eichen in der Nähe der Oberförsterei aus. Sie wollte schnell vorüber und nach Hause, dem kleinen Friedrich durfte sie ihr glückliches Herz ausschütten, sie sehnte sich nach ihren Kindern, und dabei war es ihr so bräutlich und selig zu Muthe, sie sah die Gestalt vor sich, die ihr die liebste auf der Welt war, sie sah die großen, dunkelblauen Augen vor sich, als sie die Blumen tauschte, und es war ganz dasselbe Bild, als wo er ihr damals den Veilchenstrauß schenkte. Als sie an der Tannenplanke von Oberförsters Küchengarten hineilte, sah sie die Tante und das schlank aufgewachsene Mariechen hoch oben zwischen Bohnenstangen schweben, sie sammelten geschäftig die letzten Wachsbohnen ein. Tante Julchen aber hatte auch Elisabeth erblickt, sie trug eilig ihren Stuhl an die Bretterwand und reichte freundlich ihre Hand hinüber. Du kommst zurück vom Missionsfest? fragte die Tante. Ja, entgegnete Elisabeth, und denke Dir: Otto war da! setzte sie hinzu mit einem Ausdruck, der nicht mißverstanden werden konnte. Das war aber schön, sagte die Oberförsterin etwas verdutzt, aber in gutherziger Theilnahme. Uebermorgen ist das Manöver ganz vorbei und er kommt zurück, sagte Elisabeth noch eben so freudig und ließ sich auf keine Unterhaltung weiter ein. Die Großeltern kamen ihr mit Onkel Karl in der Kirschenallee entgegen. Der Onkel lächelte vergnügt, als er sie sah, und die Großeltern waren ganz erstaunt über sie, mit leichten schwebenden Schritten, mit strahlenden Zügen, und in den Augen so viel Güte und Freude und Glück als in den glücklichsten Mädchenzeiten. Wen habe ich wohl getroffen? sagte sie, als sie ihnen nahe war, und trotzdem ihr ganzes Gesicht lachte, schimmerten in ihren Augen helle Thränen. Ich errathe, sagte der Großpapa und die Wahrheit fiel ihm ein. Ja. Otto war da! fuhr sie fort, und fügte ganz unbefangen hinzu: Wir haben uns sehr gefreut, und übermorgen kömmt er her. Er wird Dir dann wohl nicht die Erlaubniß geben, noch nach Berlin zu reisen? fragte der Großpapa ernsthaft thuend. Unsinn! rief Elisabeth, und erinnerte mit dem Ton seit langer Zeit einmal wieder an ihre frühere glückliche Keckheit. Die Kinder kamen mit Johannen dicht hinter den Großeltern, und Elisabeth begrüßte sie und erzählte ihnen und den Großeltern zugleich von ihrer unerwarteten Freude und richtete gewissenhaft alle Grüße aus. Die Oberförsterin hatte den Abend noch die kleine Aufregung, daß der Doctor kam und seine Bewunderung über das Zusammentreffen des vielbesprochenen Paares mittheilte. Die Gerüchte waren ihm bekannt genug, und die Frau Oberförsterin hatte auch in seiner Gegenwart ihre Seufzer darüber nicht genau überwacht. – Kein Brautpaar kann glücklicher aussehen, versicherte der Doctor, sie haben auch zarte Sträußchen beim Abschied ausgewechselt. Es ist alles, alles Klatscherei gewesen, versicherte jetzt die Oberförsterin muthig, und am späten Abend las sie noch einmal die Mahnung durch, die ihr Kadden im Andachtsbuche angewiesen. Den folgenden Tag kam die Sonne nicht zum Vorschein, es blieb kalt und rauh vom Morgen bis zum Abend; Elisabeth ging aber doch spazieren, sie hatte nicht Ruhe im Hause, und zwar ging sie nach den Steinen auf den Tannenbergen. Die Braunhäuser Thürme lagen unter ihr, graue Wolken zogen drüber hin, heute waren sie das Ziel ihrer Sehnsucht noch nicht, sie schaute noch über die fernen Eichen an der anderen Seite hin. Aber morgen um diese Zeit wollte sie hier sehnend und wartend sitzen. Es war als ob sie nur heute her gegangen, um Muth zu sammeln auf das Begegnen morgen. Ja, morgen, hatte sie sich fest entschlossen, da wollte sie Herz und Mund aufthun, hier ganz allein mit ihm wollte sie ihn um Verzeihung bitten für alle den Kummer, den sie ihm gemacht, sie wollte ihn noch einmal um seine Liebe bitten. – Nein, das letzte ging doch nicht, die Bitte konnte ihm drückend sein, er mußte vielleicht sagen: Ich will Dich ehren und achten, aber die Sonne und Blumen in Deinem Leben kann ich Dir nicht wieder schaffen. – Ja, und wenn er das auch sagen muß, schloß ihr Herz, ich werde ihn doch wohl bitten müssen! Am anderen Nachmittage um dieselbe Zeit saß sie wieder hier, es war noch kälter und stürmischer, aber sie achtete nicht darauf. Es war etwas bange in ihrer Brust, sie wußte nicht recht, wie es werden sollte, aber sie war fest vor dem Herrn: Du mußt ihn um Verzeihung bitten. – Nachdem sie eine ganze Zeit gesessen, und der Wind so eisig sie durchwehte, stand sie auf und suchte in den Tannen Schutz. Sie ging hin und her, trat dann heraus und schaute nach den dunkelen Thürmen. Es ward ihr endlich bange, ob er kommen möchte, sie war wohl in der Unruhe zu früh fortgegangen, als die dunkelen Wolken über Braunhausen sich aus einander thaten, sah man an dem gelben Streif dazwischen, daß die Sonne noch nicht ganz tief stand. Aber es war schaurig hier, sie stand eben wieder vor den Tannen, sie schaute nach den düsteren Wolken und den unheimlichen grellen Lichtern dazwischen, und auf die dunkelen Thürme, – es wollte ihr unheimlich werden in der Einsamkeit, – als der Erwartete schon ziemlich nahe aus dem kleinen Ellerngebüsch ihr entgegen kam. Einige Augenblicke stand sie erschrocken, ihr Herz klopfte, aber sie faßte Muth und ging ihm entgegen. Womit sollte sie beginnen? Würde er sie verstehen? Würde er es merken was sie wollte. – Ach ja, er merkte es und verstand sie, sie hatte nicht nöthig etwas zu sagen. Er nahm sie in seine Arme und nahm sie an sein Herz, und als sie seine Hand griff, an der sein Trauring steckte, die Hand, die er einst drohend gegen sie erhoben, als sie diese Hand küßte, da verstand er, was ihr demüthiges Herz empfand. Sie saßen noch zusammen auf den Steinen, Elisabeth konnte wieder reden, ihre großen offenen Augen schauten wieder vertrauend zu ihm auf, er forschte nach ihrem Kummer und nach ihrem Glück, sie verhehlte ihm nichts, und er wußte kaum, was von beiden mehr sein Herz bewegte. – O lieber Otto, sagte sie jetzt, wenn ich es auch nicht begreifen kann, warum Du mich lieb hast, und warum Du mich immer lieb haben sollst, ich weiß es jetzt, daß Deine Liebe der Wille des Herrn ist, ich nehme sie als ein Gnadengeschenk von ihm, und Er soll sie mir auch hüten und bewahren, mir wird es nie wieder bange darum sein. Mir auch nicht, fügte er hinzu, obgleich ich kaum begreifen kann, wie Du mir verzeihen, wie Du die Vergangenheit vergessen konntest. Sie küßte noch einmal seine Hand, und als er weiter reden wollte, legte sie ihre Finger leise auf seinen Mund und sagte bittend: So darfst Du nicht reden. Jetzt saßen sie beide auf derselben Stelle wie die Großeltern vor vielen Jahren, jetzt sprach Elisabeth wie damals die demüthige Braut, jetzt suchte der Mann ihr zur Seite nicht Hilfe in seinem eigenen schwachen Herzen, sondern bei dem Herrn, der unsere Herzen in seiner Hand hält, der allein Glauben und Liebe und Geduld und Treue in uns wirken kann. Sie waren aufgestanden, sie wollten zu den Großeltern und zu ihren lieben Kindern eilen. Sie fühlten jetzt erst, daß es noch rauher und der Wind heftiger geworden war. Unter den beiden großen Bildern mit den goldenen Rahmen saß der Großpapa im Sofa, in einer Ecke neben ihm saß das kleine Mariechen, in der anderen Friedrich. Er war nachdenklich, er hatte seine eine Hand schützend auf das kleine Mädchen gelegt, und beide Kinder schauten mit großen Augen nach dem Kaminfeuer, das ihre Gesichterchen mit strahlendem Roth übergossen. Die Großmama stand harrend am Fenster, es war ganz still im Zimmer, nur der Theekessel machte sein singendes Geräusch. Jetzt kommen sie! rief die Großmama, trat zu ihrem Mann an das Sofa und holte tief Athem. Jetzt wirst Du ja hören, sagte der Großpapa ruhig und reichte ihr die Hand. Sie setzte sich zu ihm, als ob sie bei ihm ihr Großmutterherz mehr zur Ruhe zwingen könne. Die Gartensaalthür ward geöffnet und schnell darauf die Stubenthür, Elisabeth trat mit dem Ersehnten ein. Die Großeltern standen auf, das Großmutterherz aber sollte nicht lange zagen, Kadden umarmte sie und sagte bittend und kindlich: Jetzt sollt Ihr sie mir noch einmal übergeben, und jetzt will ich es mit des Herrn Hilfe besser machen. Wenige Minuten später saß er im Sopha, die Großeltern neben ihm, er hatte beide Kinder auf dem Schooß, Elisabeth saß auf einer Fußbank vor ihm und der Großmama, so hatte sie es gewollt, so konnte sie allen recht in die Augen schauen. – Von der Vergangenheit wurde nicht gesprochen, nur die Großmama kam darauf zurück, als sie sagte: Jetzt, lieber Otto, wissen Sie, daß der Spruch Ihres seligen Großvaters, den Sie in der Bibel haben, Ihnen Glück und Segen verkünden sollte: »Ich habe Dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.« Jetzt soll er nicht nur in der Bibel stehen, entgegnete Kadden. Sondern im Herzen, fügte die Großmama freundlich hinzu. Während des Gespräches hatte Kadden eine Tasse heißen Thee nach der andern geschlürft. Elisabeth sah ihn einige Zeit nachdenklich an, es fiel ihr jetzt erst auf, daß er tiefe Schatten unter den Augen hatte und beim Husten zuweilen schmerzhaft nach der Brust faßte, dabei war die Hand, die sie nahm, eiskalt. Lieber Otto, Du bist unwohl, sagte sie jetzt. Er sah sie freundlich an, dann sagte er: Ja das bin ich auch. Die Großeltern wurden auch aufmerksam und er erzählte, daß er schon länger Katarrh habe, daß es seit gestern ihm aber in der Brust weh thue, wenn er huste. Heute morgen fühlte er sogar beim Reiten einen fortwährenden Schmerz und war deshalb gern zu Fuß hergegangen. In dem Augenblick wurde sein Pferd gemeldet; der Bursche erhielt die Anweisung, es in den Stall zu bringen, weil er noch nicht Lust hatte zum Fortreiten, und morgen früh, das war ausgemacht, sollte Elisabeth mit den Kindern zu ihm kommen. Elisabeth hatte nicht Ruhe, sie bat um die Erlaubniß, den Doctor holen zu lassen. Ihr Mann war nicht ganz einverstanden damit, die Großeltern aber waren auf Elisabeths Seite, da er plötzlich einen so heftigen Frost bekam, daß er sich kaum erwehren konnte mit den Zähnen zusammen zu schlagen. Der Doctor kam bald und stellte ihm die Alternative, entweder augenblicklich wohl eingepackt im verschlossenen Wagen nach Braunhausen zu fahren, oder sich auf einige Wochen hier in Woltheim gefaßt zu machen. Er entschloß sich schnell für das erste, und augenblicklich wurden alle Anstalten zur Abreise getroffen. Elisabeth, obgleich sie etwas ängstlich war, fühlte doch heute zu viel Dank und Glück im Herzen, um sich wirklich zu sorgen: sie war ja wieder seine Elisabeth, sie durfte nun ungefragt mit ihm fahren und ihn pflegen, sie durfte nie wieder bange und ungewiß ihm gegenüber sein. Der Bursche war vorausgeschickt, um ein Zimmer zu heizen, und war doch kaum mit seinen Pferden eher angekommen. Das Feuer brannte zwar im Ofen, man merkte aber im Zimmer noch nichts davon. Die Köchin, die sie gleich mitgenommen, mußte Thee besorgen, der Bursche war nach dem Arzt, und Kadden lag noch eingepackt in allen Reisekleidern auf dem Sofa. Elisabeth fühlte ihr Herz jetzt bedrückt, es war so öde, so unwohnlich hier überall, und die Erinnerung an das letzte Jahr ward nur zu lebendig in den alten bekannten Räumen. Ihr Mann verstand sie, er fühlte ihre Stimmung, er rief sie zu sich und sagte: Weißt Du noch, Elisabeth, den Morgen nach Charlottchens Tode, als wir den Herrn baten, er möchte uns führen, durch Glück oder Unglück, es sollte uns recht sein? Bald darauf fing ja unser Kummer an, und die Erinnerung daran kann uns nur zum Dank auffordern. Ja, das soll es, sagte sie. Ich denke nichts weiter, als daß Du meine liebe Elisabeth bist, und mich pflegen mußt, fuhr er freundlich fort. – Sie nickte. – Auch diese Krankheit schickt der Herr zu unserem Segen, mir ist so wohl, daß ich mich um alle Welt nicht kümmern soll, daß ich keinen Menschen sehen muß. Ach ja, entgegnete Elisabeth schnell; es fielen ihr die schlimmen Gerüchte ein, Tante Julchens entsetzliche Worte, als sie ihn den Morgen neben Adolfinen sah. Der Arzt unterbrach ihr Gespräch, und wenn Kadden es gewünscht hatte, von der Welt nichts hören und sehen zu müssen, so ward ihm in der Aussage des Arztes die Erfüllung dieses Wunsches. Nach dem Fieber zu urtheilen, stand ein heftiger Kampf bevor, – eine schleichende Lungenentzündung nannte es der Arzt. Er rieth, das beste und ruhigste Zimmer jetzt gleich als Krankenzimmer einzurichten. 42. Die Welt dreht sich mit dem Winde Am anderen Morgen war Stottenheim bei Bonsaks. Er fühlte sich auch nicht recht wohl, er hatte aber eben vor der Thür vom Doctor, der eilig an ihm vorbei lief, gehört, daß Kadden gefährlich krank sei. Er fragte, ob man hier schon etwas davon wüßte. Nein, die Damen hatten nichts gehört, der Oberst war heute noch kaum bei ihnen gewesen. Das Schicksal scheint den armen Kadden wirklich mit seinen Unglückspfeilen zu verfolgen: nun liegt er gar krank, ohne Pflege, ohne Behaglichkeit, ich werde nur hin müssen und den Burschen etwas anweisen. Ich bin aber überzeugt, daß nur seine Gemüthsbewegungen, seine Kämpfe ihn krank gemacht haben. Warum er sich nur so lange hinquält! sagte die Oberstin. Er ist sonst so entschieden, so männlich. Warum er keinen Entschluß fassen kann! Adolfine saß mit einer Handarbeit beschäftigt sehr schweigsam. Meine gnädige Frau, begann Stottenheim belehrend, die Sache ist für ihn wirklich nicht gering. Soll ich Ihnen gestehen, daß ich sogar, wenn ich mich in seine Stelle versetze, noch schwanke, was zu thun oder zu lassen? Wie so? fragten die Damen. Ich meine eben, wenn ich mich in seine Stelle versetze, fuhr Stottenheim fort; die Ansichten dieser Leute haben wirklich etwas Hinreißendes. – Cäzilie sah ihn einverstanden an. – Von der anderen Seite wieder betrachtet, hat er die volle Gewißheit eines unglücklichen Lebens vor sich. Nun denken Sie den Kampf, in welchem der arme Mensch sich befindet. Ich glaube nicht, daß er sich scheiden läßt, sagte Cäzilie. Wenn nicht – ja wenn nicht etwas den Ausschlag giebt, flüsterte Stottenheim. Was den Ausschlag giebt? fragten die Damen. Ich glaube, ich darf nicht darüber reden, entgegnete Stottenheim achselzuckend. Das machte die Damen nur noch neugieriger, und Stottenheim war nicht hartherzig, auch war er ja hier im vertrautesten Kreise: Ich fürchte, sagte er, daß er eine andere Neigung im Herzen hat. Eine andere Neigung? wiederholten die Damen im höchsten Erstaunen; nur Adolfine schwieg beharrlich. Sie glauben nicht, mit welchem Entzücken er von Wangeroge spricht, fuhr Stottenheim bedenklich fort, von dem Umgang dort, bei dem eine liebenswürdige junge Frau und ein sechzehnjähriges blühendes Mädchen die Hauptpersonen waren. Welche von den beiden Damen es ist, weiß ich wahrhaftig noch nicht, aber ich versichere Sie, sein Herz ist in eigenthümlicher Bewegung, ich möchte sagen: gerade so wie vor seiner Verlobung. Man hat ja ähnliche Dinge oft genug erlebt, versicherte die Oberstin. Er thut mir aber doch herzlich leid, sagte Stottenheim, ich bitte Sie, was soll daraus werden! Den letzten schönen Tag, wo wir jetzt zusammen im Quartier lagen, war er den ganzen Nachmittag verschwunden. Er kam zurück, er war den ganzen Abend mit mir allein, aber er war wie in einem Traume und hat sich eigentlich nur mit einem zarten Feldblumen-Sträußchen unterhalten, wenn er auch glaubte, mit mir zu reden. Ich begreife gar nicht, warum Ihr Euch den Kopf so zerbrecht, nahm Adolfine jetzt dreist das Wort: er wird in seine Frau verliebt sein! – Ein allgemeines Gelächter war die Antwort. – Adolfine sah herausfordernd um sich. Habt Ihr Kadden je etwas thun sehen, was die Menschen von ihm erwarten? fuhr sie fort; nein, er gefällt sich gerade im Gegentheil. Adolfinens Ausspruch wurde noch herzlich komisch gefunden, und Stottenheim entfernte sich, um nach des verlassenen Freundes Pflege zu sehen. Im Vorsaal von Kaddens Wohnung traf er den Burschen und fragte schnell: Was macht Dein Herr? Er ist sehr krank, entgegnete der Bursche leise. Habt Ihr denn ordentlich für ihn gesorgt? Wo liegt er denn? fragte Stottenheim weiter. Wir haben sein Bett hier in die allerschönste Stube gestellt, entgegnete der Bursche und zeigte auf die nächste Thür, mein Bett auch; aber ich habe die ganze Nacht gar nicht geschlafen, ich habe ihm immer die Medizin gegeben. Stottenheim nickte zufrieden und unterbrach des Burschen Erzählung, indem er die Thüre des Krankenzimmers leise öffnete und eintrat. In der größten Betroffenheit aber blieb er an der geöffneten Thüre stehen. – Da lag Kadden, bleich, mit geschlossenen Augen, in den weißen Kissen; auf einer Fußbank am Bett saß seine Frau, sie hatte ihres Mannes herabhängende Hand gefaßt und ruhte mit ihrer Wange daran, gleichfalls mit geschlossenen Augen. – Er trat schnell wieder zurück, schloß leise die Thür, er mußte sich erst besinnen. Er war völlig aus der Contenance. Elisabeth schlug aus einem leichten schlummerartigen Ruhen ihre Augen auf, als sie die Thür sich wieder schließen sah. Sie ging leise hin, um zu sehen wer da war. Sie sah freundlich in Stottenheims betroffenes Gesicht und bat ihn einzutreten. Jetzt schlug auch Kadden die Augen auf. Stottenheim, der mit Elisabeth an das Bett getreten, erkundigte sich nun theilnehmend nach des Freundes Befinden. Nicht gut fühle ich mich heute, sagte Kadden mit kurzem Athem. Ich habe Dir es aber in der ganzen letzten Zeit angesehen, daß Du unwohl warest, versicherte Stottenheim. Da war ich aber nur vor Sehnsucht nach meiner Frau krank, sagte Kadden mit einem leichten Lächeln und nahm Elisabeths Hand. Wahrhaftig? ja wahrhaftig! stotterte der gute Freund. Erkundige Dich doch auf der Post nach einem Brief, den ich dem Oberamtmann Wiebert zu besorgen gab, der für meine Frau war, sagte Kadden. Sprich nur nicht, bat Elisabeth. Man sah es, wie schmerzhaft ihm das Sprechen war. In dem Augenblick trat der Doctor ein, er sah bedenklich auf Stottenheim und sagte: Ich muß jetzt den unartigen Doctor spielen und mir jeden Besuch verbitten, jetzt ist Langeweile und Ruhe das Beste für meinen Patienten. – Stottenheim nickte einverstanden. Er reichte Kadden die Hand und verließ leise das Zimmer. Als er zum Hause hinaus war, eilte er mit raschen Schritten nach Bonsaks. Nein, so etwas war noch nicht da gewesen! sein gutes Herz wußte nicht, ob es sich freuen oder ärgern solle, aber aussprechen wenigstens mußte es sich. Er fand die Damen Bonsaks noch ebenso versammelt, der Oberst war auch bei ihnen. Was werden Sie dazu sagen, begann er sogleich, als er in das Zimmer trat und sein gewöhnliches höfliches Grüßen darüber vergaß: Fräulein Adolfine hat Recht! Adolfine war feuerroth geworden und versuchte eine triumfirende Miene anzunehmen; es ging nur nicht recht. Worin hat sie Recht? fragte der Oberst. Kadden hat uns alle an der Nase herumgeführt, fuhr Stottenheim fort, und schilderte nun sehr blühend die ganze rührende, Scene, die er jetzt erlebte. Ich sage Ihnen, das Bild war herzbewegend. »Vor Sehnsucht nach meiner Frau bin ich krank gewesen,« sagte er, und wahrhaftig, es war sein Ernst. Und ich sage Ihnen, die junge Frau – so lieblich und hold und verlegen stand sie vor mir, dieselbe Erscheinung als damals, wo sie zum ersten Mal mit den Großeltern Ihnen einen Besuch machte. Es ist eine gute, liebe Frau, sagte Cäzilie. Aber wie in aller Welt kann denn ein solches Gerücht mit dieser Bestimmtheit ausgesprochen werden? fragte der Oberst ziemlich verlegen. Der Oberamtmann Wiebert trägt jedenfalls die Hauptschuld, entgegnete Stottenheim, diese Nachrichten aus Wangeroge – Dieses sechszehnjährige blühende Mädchen, fiel Adolfine spöttisch ein. Mein Fräulein, sagte Stottenheim etwas gereizt, wir haben uns alle in dieser Geschichte nichts vorzuwerfen, wir wollen uns aber wahrhaftig darüber freuen, daß es so und nicht anders ist. Beruhigt, Euch, sagte die Oberstin kopfschüttelnd, etwas muß an der Sache doch gewesen sein. Sie sagten aber selbst, wandte sich jetzt Cäzilie zu Herrn von Stottenheim, daß Ihnen Ihr Freund versicherte, er wollte lieber sein Leben lang mit seiner Heftigkeit und Rohheit kämpfen, als seine Frau weniger zartfühlend wissen, das hat mir sehr gefallen von ihm. Ja, ja, das hat mir auch gefallen, entgegnete Stottenheim. Da ist er vielleicht in der letzten Zeit, fuhr Cäzilie fort, wo seine Frau krank war, immer traurig und verstimmt über sich selbst gewesen, daß er nicht zart genug mit ihr sein konnte. Wahrhaftig, sagte Stottenheim, Sie haben Recht, Fräulein Cäzilie! Das ist ihm zuzutrauen. So scheint er doch nicht aus Schaam und Verlegenheit gegen Sie geschwiegen zu haben? nahm Adolfine wieder spöttisch das Wort. Stottenheim rückte unruhig auf dem Stuhl, er ärgerte sich über diese Malice; aber er konnte nichts entgegnen. Ich begreife nur nicht, daß Sie mit ihm über diese Gerüchte nicht gesprochen haben, sagte Cäzilie. Ja natürlich habe ich das, aber in dieser Hinsicht besitzt der Mensch eine herrliche Ruhe. Er hat mir eigentlich nichts entgegnet als: die Welt sei verwirrt. Jetzt ist es mir klar, es hat ihm förmlich Vergnügen gemacht, die Leute zu beschäftigen und sie, so zu sagen, anzuführen. Er wird aber wahrhaftig nächstens Gelegenheit nehmen, von der Freundschaft der Welt zu reden. Er hat eigentlich Recht, sagte Cäzilie; mit welchem Vergnügen ist überall von dem Ereigniß gesprochen. Vergnügen? Nein, sagte Stottenheim, ich wenigstens nicht. Mit welchem Eifer wenigstens, verbesserte Cäzilie. Eifer, nun ja, der Eifer galt aber nicht Kadden, er galt eigentlich mehr der religiösen Richtung, die sein Glück bedenklich machte. Nun bitte ich Euch, Kinder, begann der Oberst, sprecht zu niemanden weiter davon. Es ist das Klügste, man thut als ob nichts gewesen sei; denn Ihr wißt, wer sich entschuldigt, beschuldigt sich. Ja natürlich, versicherte Stottenheim, nichts, gar nichts muß man sich merken lassen, darum bin ich eben zu Ihnen gekommen. Kadden aber, das versichere ich Sie, wird Oberwasser haben samt seinem lieben Herrn von Budmar. – Cäzilie lächelte als wollte sie sagen: Wer weiß, ob sie nicht doch das Rechte haben. Nun Kadden mag sein wie er will, er ist mein guter Freund, sagte Stottenheim, und ich habe das gute Gewissen, wenn auch unsere Ansichten noch verschieden sind, daß ich mich immer als Freund gegen ihn benommen habe. Jetzt eile ich nach der Post, um mich für ihn nach einem Briefe zu erkundigen, der verloren gegangen ist, und an dem ihm viel zu liegen scheint. Was für ein Brief? fragte der Oberst. Ein Brief an seine Frau, sagte Stottenheim, der entweder auf der Post oder schon beim Oberamtmann Wiebert verschwunden ist. – Vielleicht wissen Sie etwas davon? wandte er sich unbefangen an Adolfinen. Was! Ich? sagte Adolfine und ward feuerroth. Ich meine nur, fuhr Stottenheim noch unbefangen fort, weil Sie länger da blieben als wir. Ich erinnere mich, daß Kadden den letzten Tag schrieb und am anderen Morgen den Brief den Oberamtmann zur Besorgung selbst übergab. Adolfine wagte nicht aufzusehen, sie sagte, indem sie roth war bis zur Stirne: Das ist wohl möglich. Alle sahen sie verwundert an, allen war ihr Wesen auffallend, und allen kamen sonderbare Gedanken. Stottenheim aber war auch nicht auf den Kopf gefallen, er kannte Adolfinen zu gut, es ging ihm ein Licht auf. Junge Damen sind zuweilen übermüthig, neugierig sind sie immer, sagte er beobachtend. Sollte man vielleicht aus dem Briefe gesehen haben, daß Kadden in seine Frau verliebt ist? Ja, wahrhaftig! lachte die älteste Schwester: das ungezogene Mädchen hat den Brief gelesen. Nun ja, sagte Adolfine entschlossen, er ist durch Zufall in meine Hände gekommen. Nicht wahr, Herr von Stottenheim, wir übergeben ihn samt dem sechszehnjährigen blühenden Mädchen der Vergessenheit? – Die Eltern und Schwestern lachten, nur Cäzilie schüttelte den Kopf. Ich muß gestehen, ich habe mich geirrt, sagte Stottenheim gereizt. Und irren ist menschlich, fiel der Oberst ein. Es bleibt dabei, wir thun als ob gar nichts gewesen sei. Den Nachmittag fuhr der Oberst trotz des schlechten Wetters nach dem Oberamtmann Wiebert, um ihm mitzutheilen, daß die ferneren Verhandlungen mit dem Oberförster überflüssig seien. Der Oberamtmann war erst verwundert über des Obersten Mittheilungen, dann aber erinnerte er sich ganz genau, auch gar nichts in der besprochenen Art von Wangeroge erzählt zu haben. Seine Erzählungen konnten unmöglich diese Gerüchte veranlaßt haben. Und der Oberst versicherte darauf, daß er überhaupt an das Ganze nicht geglaubt habe. Als der Wind von der einen Seite kam, da hatte jeder etwas vorher gesagt und gewußt und geprofezeiht und gemerkt, das war alles nicht zu verwundern. Jetzt, wo der Wind anders kam, hatte niemand viel gehört und überhaupt nichts glauben wollen. Stottenheim aber versicherte mit fester Ueberzeugung, sein Freund sei in der letzten Zeit oft so ernst und betrübt gewesen über die Krankheit seiner Frau, und weil er mit der kränklichen Frau nicht zart genug umgehen konnte. Das war wirklich schön und rührend! – Es entstanden nun wieder ganz andere herrliche Gerüchte. Fräulein Amalie Keller versicherte, Kaddens wären die liebenswürdigsten und anziehendsten Leute ihres Kreises, und fand keinen Widerspruch bei dem aufrichtigen Wunsche, sie beide wieder, wie vor zwei Jahren, frisch und fröhlich in der Gesellschaft zu sehen. So ist es mit dem Urtheil der Welt. Lächerlich, kindisch, springt es tappend um die Wahrheit herum; von der Gemeinheit, von der Lüge, von der Freude am Bösen, ist es ihr gar leicht, sich in weichlichen, sentimentalen und unerreichbaren Höhen zu ergehen. Wer vernünftig ist, geht durch gute und böse Gerüchte hindurch und hält sich nur an den Herrn, dem die Wahrheit unverborgen ist. 43. Schwere Stunden und selige Stunden Vierzehn Tage gingen vorüber. Elisabeth war wohl zuweilen bange, aber sie traute der Versicherung des Arztes, der keine Gefahr sah, und sie war zu glücklich und zu sehr erfüllt in der Pflege des geliebten Kranken. Ihre Mutter hatte sich augenblicklich als Krankenpflegerin oder wenigstens zur Gesellschaft für Elisabeth angeboten, auch die Oberförsterin hatte sehr gutherzige Vorschläge zu machen, aber es ward alles verworfen. Kadden wollte lieber gar keine Pflege als eine fremde, Elisabeth wollte weder Hilfe für sich noch für ihre Kinder. Die Kinder wohnten sicher mit Johannen in ihrem kleinen Reiche, ihre Nähe war Elisabeths einzige Zerstreuung, und ihres Herzens Freude war es, wenn sie in die Krankenstube kommen durften und des Vaters liebe warme Aufmerksamkeit rege machten. So war ein lieber stiller Tag nach dem andern hingegangen. Elisabeth lebte in der dämmrigen Stube, sie hörte das leise Picken der Uhr, sie sah danach, sie reichte ihrem Kranken Medizin und Erfrischungen. Wenn er dann mit einem Blick des Dankes und der Zufriedenheit zu ihr aufsah, fühlte sie es warm am eigenen glücklichen Herzen. Ihr liebster Platz war die Fußbank vor seinem Bett, da lauschte sie seinem Athmen und suchte sich Sorge und Trost darin. Wenn sie müde und abgespannt sich an die Kissen lehnte und seine Hand liebreich auf ihrem Kopfe einen Ruheplatz gesucht, dann ruhte sie wohl stundenlang so unbeweglich, um ihn nicht zu stören, und schlummerte selbst darüber ein. Die Genesung und Belebung der Kräfte, die, nachdem die Lungenentzündung glücklich geheilt war, bestimmt erwartet wurde, zögerte sich von einem Tage zum andern hin. Elisabeth bemerkte sogar, daß der Kranke oft sehr abgespannt war, daß er oft mit halbgeschlossenen Augen im leichten Schlummer lag, und der Arzt, der diese Schwäche anfänglich für die natürlichen Folgen der Krankheit nahm, mußte sich bald von einem nervösen Zustande des Kranken überzeugen. Er verhehlte das Elisabeth nicht, schrieb auch selbst an den alten Herrn von Budmar, von dem jetzt etwas bedenklicheren Zustande seines Patienten und bat um eine andere Einrichtung bei seiner Pflege. Die Großeltern kamen denselben Nachmittag beide in Braunhausen an; bis jetzt war die Großmama nur einige Mal allein im Krankenzimmer gewesen, und zwar nur kurze Zeit, weil sie ihre Anwesenheit unnöthig fand. Elisabeth war bange und traurig, und das Anerbieten der Großmama, heute wenigstens hier zu bleiben, nahm sie mit Dank und Thränen an. Sie war bei ihren lieben Gästen viel im Nebenzimmer, weil, wie sie wehmüthig bemerkte, ihr Mann jetzt immer im Schlummer lag und doch nichts von ihr hatte. Nur einmal ließ er sie rufen, da traten auch die Großeltern zu ihm. Er kannte sie, er freute sich sie zu sehen, und ging auf des Großvaters Vorschlag, noch jemand zur Pflege für sich anzunehmen, willig ein. Ja Elisabeth sollte bestimmte Zeiten der Ruhe haben, sie sollte sich dann ganz drüben zu den Kindern verfügen. Auf des Großvaters Vorschlag wurde Stottenheim. der sich so dringend zur Pflege angeboten, auch gewählt, er war Kadden bekannt und gewohnt und eigentlich auch lieb, er konnte kommen und gehen, selbst ohne Elisabeth zu stören. Damit diese sich nun wirklich Zeit zur Ruhe und Pflege nahm, versprach die Großmama dem Kranken, sehr viel hier zu sein. Drei Wochen waren wieder vergangen, schwer und bedenklich. Elisabeth hatte mit der Großmutter eben ein tröstliches Gespräch gehabt, sie sprachen von der Himmelshoffnung, und daß ja dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht sollen werth sein, die an uns soll offenbaret werden. Elisabeth fühlte es wohl sehr dunkel um sich, aber sie streckte gläubig ihre Arme nach oben hinauf und wollte sich gern nur von dort stärken und trösten lassen. – Sie trat jetzt in das Krankenzimmer. Als sie sich dem Bette näherte, verließ Stottenheim seinen Platz und trat in das Fenster. Der Novembersturm wirbelte seine ersten Schneeflocken durch die Straße, es war schaurig außen, und Stottenheim fühlte es wie einen Felsen auf seiner Brust. Er sah keine Hoffnung für den Freund und keinen Trost für die Frau. Kadden schlug seine Augen plötzlich auf, er sah sich etwas unruhig um, und fand nur Elisabeth knieend vor seinem Bette. Elisabeth, sagte er leise, lies mir das Lied vor: »Aus tiefer Noth.« Sie nahm das Gesangbuch und las, er hatte ihre Hand gefaßt und hörte aufmerksam, und wenn sie vor Weinen nicht lesen konnte, dann strich er ihr theilnehmend mit der Hand über die Stirn. Elisabeth, mit dem Herrn bin ich fertig, sagte er leise; ich hoffe nur auf seine Gnade. Ich weiß auch, daß Du mir verziehen hast, fuhr er nach einer Pause fort, aber ich muß Dich noch einmal darum bitten. Ja, Du meine liebe Elisabeth, verzeihe mir alles Herzweh, das ich Dir gemacht, bitte auch alle Deine Lieben für mich um Verzeihung. Ich hätte ihnen jetzt weniger Sorge machen wollen; aber wie der Herr will. – Sie küßte seine Hände und hatte keine Antwort. Er sah sie bittend an. Elisabeth, ergieb Dich in den Willen des Herrn! sagte er. – Elisabeth nickte und versuchte zu lächeln trotz ihrer Thränen. – Der Herr wird Dich trösten, Du hast es ja erfahren, daß Du Dich nicht verlassen kannst auf Menschen. Er legte die Hand vor die Augen und weinte bitterlich. Elisabeth beugte sich über ihn, sie küßte seine bleichen Lippen, sie bat ihn so liebreich, nicht traurig zu sein; sie wollten ja beide sich in des Herrn Hand geben, sie fühlte es auch so tröstlich am Herzen. Er schloß die Augen wieder, er schien sehr erschöpft. Die Großmutter hatte durch die geöffnete Thür alles beobachtet, und ohne die Worte zu vernehmen, hatte sie es wohl verstanden, sie hatte mit ihren lieben Kindern geweint und gerungen. Jetzt schlich Elisabeth zu ihr. O Großmutter, sagte sie, ich habe jetzt eben zum ersten Mal erfahren, welch ein Trost darin liegt, zu wissen, daß eine Seele, die wir so herzlich lieb haben, selig sterben kann. – Die Großmama sah sie herzlich und einverstanden an. – Großmama, der Herr kann machen, daß wir ihm das Liebste geben. Aber es sind entsetzliche Tage, ehe man sich dazu entschließen kann. Er allein hat es gethan, er hatte meine Seele umgewandelt. So lange wir nicht das Liebste willig in seine Gnadenhände übergeben, so lange haben wir hier nicht Frieden, entgegnete die Großmama. Der Herr will unser Herz allein haben, er spricht: Laß dir an meiner Gnade genügen. O, Großmama, fuhr Elisabeth fort, ich weiß nicht wie mir ist, mir ist so selig zu Sinne; ich weiß auch, Er kann das Herz betrübt und kann es froh machen. Großmama, hast Du wohl auch Dein Liebstes einmal dem Herrn willig übergeben können? Ich? sagte die Großmama wehmüthig, ich habe ja meinen lieben Fritz in den Krieg schicken müssen, in so entsetzlich mörderische Schlachten, ich habe Monate lang die Nachricht seines Todes erwarten müssen, da, Elisabeth, hat es mich der Herr gelehrt, ihm mein Liebstes zu übergeben, da hat Er mich gelehrt, daß die Liebe zu ihm immer den ersten Platz im Herzen behaupten muß, daß ich mir an seiner Gnade wirklich genügen lassen müsse. Ja, Elisabeth, wer nicht in Trübsal und in der Einsamkeit selig und zufrieden sein kann, der kann es auch nicht im Glücke, das will ich kühn behaupten. Und wenn der Herr Christus mir nicht lieber wäre, als alle, die mein Herz liebt, so könnte ihre Liebe mich nicht so beglücken, als sie mich beglückt; so müßte Sorge und Angst mich beunruhigen, je wärmer und je ausschließlicher ich sie nur mein eigen nennen möchte. Das Bibelwort sollte unser sich nach irdischer Liebe sehnendes Herz wohl bange machen: »Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt, und hält Fleisch für seinen Arm, und mit seinem Herzen vom Herrn weicht.« Und wenn der Herr mit der Frage uns nahe tritt: Hast du mich lieb? – wohl dem Herzen, das da sprechen kann: Ja, Herr, ich habe Dich lieb über alles! und wer da sprechen kann: »Herzlich lieb hab ich Dich, o Herr! ich bitt, wollst sein von mir nicht fern mit Deiner Hilf und Gnaden; die ganze Welt erfreut mich nicht, nach Himmel und Erde frag ich nicht, wenn ich Dich nur kann haben.« – Elisabeth sah still und sinnend vor sich hin. Jetzt aber, liebe Großmama, begann sie nach einer Pause, müßt Ihr mir erlauben, diese Nacht allein bei ihm zu wachen, jetzt habe ich Ruhe dazu, jetzt will ich getröstet dort sein und will die Erinnerung an die Qual der letzten Tage verwischen. Schaden kann es mir doch nicht, fuhr sie fort, als die Großmutter noch zu schwanken schien, und wenn es mir auch etwas schadet, meine Seele sehnt sich danach. Die Großmama war verständig genug, das einzusehen. Stottenheim wurde für heute entlassen, und Elisabeth sah sich ganz allein in dem stillen Krankenzimmer, und fühlte sich, als ob sie mit dem geliebten Kranken im Vorhofe des Himmels stände. Ihre Seele war im Gebet, sie wußte nicht, was später werden sollte, sie wußte nur, was jetzt mit ihr war, sie fühlte Ergebung und damit einen Frieden, den kein Verstand und keine Vernunft und kein natürliches Herz begreifen und verstehen kann. Als sie ihr Gesangbuch nahm, um darin zu suchen, Worte, die zu ihrer Stimmung paßten, konnte sie nicht anders als unter den Dankliedern suchen: sie blätterte hin und wieder und ihre Gedanken vertieften sich endlich in den Dankesworten: Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Denn ich seh in allen Dingen, Wie so gut er's mit mir mein. Ists doch nichts als lauter Lieben, Das sein treues Herze regt, Das ohn Ende hebt und trägt, Die in seinem Dienst sich üben. Alles Ding währt seine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Wenn ich schlafe, wacht sein Sorgen Und ermuntert mein Gemüth, Daß ich alle liebe Morgen Schaue neue Lieb und Güt, Wäre mein Gott nicht gewesen, Hätte mich sein Angesicht Nicht geleitet, war ich nicht Aus so mancher Noth genesen. Alles Ding währt seine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Wie ein Vater seinem Kinde Sein Herz niemals ganz entzeucht, Ob es gleich bisweilen Sünde Thut und aus der Bahne weicht: Also hält auch mein Verbrechen Mir mein frommer Gott zu gut. Will mein Fehlen mit der Ruth Und nicht mit dem Schwerte rächen. Alles Ding währt seine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Seine Strafen, seine Schläge, Ob sie mir gleich bitter feind, Dennoch, wenn ichs recht erwäge, Sind es Zeichen, daß mein Freund, Der mich liebet, mein gedenke, Und mich von der schnöden Welt, Die mich hart gefangen hält. Durch das Kreuze zu ihm lenke. Alles Ding währt seine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Das weiß ich fürwahr und lasse Mirs nicht aus dem Sinne gehn: Christenkreuz hat seine Maße Und muß endlich stille stehn. Wenn der Winter ausgeschneiet, Tritt der schöne Sommer ein: Also wird auch nach der Pein, Wers erwarten kann, erfreuet. Alles Ding währt seine Zeit: Gottes Lieb in Ewigkeit. Weil denn weder Ziel noch Ende Sich in Gottes Liebe findt. Ei so heb ich meine Hände Zu Dir, Vater, als Dein Kind, Bitte: wollst mir Gnade geben, Dich aus aller meiner Macht Zu umfangen Tag und Nacht Hier in meinem ganzen Leben, Bis ich Dich nach dieser Zeit Lob und lieb in Ewigkeit. Ei so heb ich meine Hände zu Dir, Vater, als Dein Kind! Das konnte sie nicht oft genug sagen, daran knüpften sich die Kindesgefühle, in denen sie sich so still und sicher zu des Herrn Füßen fühlte. Sie hörte die Uhr wieder leise picken, sie sah nach ihr, sie reichte dem Kranken Medizin und Erfrischungen, sie ruhte so still an seiner Seite, sie lauschte seinem Athem, ohne Sorge und ohne Angst, es war ihr ja so friedlich im Herzen. Nur einmal schlug er die Augen ordentlich auf und sagte: Elisabeth, bist Du noch hier? Ich bleibe ja hier bis Du wohl bist, sagte sie. Er lächelte leise und schloß die Augen wieder. Ja ihre Nähe war ihm doch die liebste. Sechs Tage waren wieder vergangen, die Großmama war nach Woltheim zurückgekehrt, aber ihre Gebete blieben im Krankenzimmer und bei ihrem Liebling, den sie gefaßt und glaubensvoll verlassen, den sie aber nur noch inniger und glaubensvoller dem Herrn anempfehlen mußte. Der Arzt erwartete von diesen Tagen die Entscheidung der Krankheit. Elisabeth wußte es; die Stunden aber gingen ihr beim leisen Ticken der Uhr jetzt wieder ruhig eine nach der anderen hin. Wenn die Wogen des Kummers über sie kommen wollten, dann sprach ihr betendes Herz: »Ach so heb ich meine Hände zu Dir, Vater, als Dein Kind!« Der Herr hielt sie über den Wogen und führte sie wie in einer träumenden Begeisterung an den schweren Stunden hin. Ja wunderbar war es: seitdem sie sich ergeben, da stammte zuweilen die Hoffnung neben der Ergebung auf. Ein Kind, daß sich völlig dem Willen des Vaters hingiebt, in Demuth, in Vertrauen und Liebe, das hat auch das Recht, ihn dringend zu bitten, ja ihn mit Bitten zu bestürmen. Nachdem der Kranke in einer Nacht schon mehrere Stunden ruhig geschlafen hatte, saß Elisabeth gegen Morgen an seinem Bette und lauschte seinen Athemzügen. Du, Herr, kannst Leben aus dem gedrohten Tode schaffen, dachte sie gläubig und schaute bittend hinauf. Ja sie bat und bat immer wieder, und als da plötzlich die Hoffnung in ihrem Herzen so lichte und helle Strahlen warf, da sagte sie gläubig: Herr, die Ergebung ist von Dir, aber auch die Hoffnung ist von Dir. Ach so heb ich meine Hände zu Dir, Vater, als Dein Kind; bitte: wollst mir Gnade geben, Dich aus aller meiner Macht zu umfangen Tag und Nacht hier in meinem ganzen Leben, bis ich Dich nach dieser Zeit lob und lieb in Ewigkeit! Als sie das letzte Wort gesprochen, schlug ihr Mann die Augen auf. Er nahm ihre Hand und sagte: Ich war eben in Wangeroge und habe das schöne Meer rauschen hören. – Elisabeth sah ihn glücklich an, – das war das Segensrauschen des Herrn. – Denke Dir, fuhr er leise fort, ich habe lange, ich weiß nicht wie lange, mir nicht vorstellen können wie Licht und Sonne ist, es war mir immer, als ob ich von grauen hohen Bergen umgeben war, die ich immer von mir fortschieben mußte, weil sie mich zu erdrücken drohten. Ich habe so viel dagegen gekämpft, ich wollte mir andere liebliche Bilder vorstellen, ich konnte es nicht, jetzt kam mir ganz von selbst das Bild des Meeres, so erquicklich, so frisch, so sonnig. – Elisabeth hatte seine Hand ergriffen und weinte leise. – Nun weine nicht mehr, fuhr er nach einer Pause leise fort, ich glaubte auch, ich sollte sterben, um durch meinen Tod zu predigen; aber ich weiß jetzt, das ich durch des Herrn Gnade leben soll und durch mein Leben predigen. Sie sah ihn an, als wollte sie sagen: Ich weiß es jetzt auch. Jetzt aber sollst Du schlafen, bat er freundlich, Du sollst Dich nicht um mich kümmern, ich schließe die Augen, ich sehe das rauschende frische Meer vor mir und den hellen Sonnenschein, und weiß, ich schlafe ein, ich bin sehr müde. Elisabeth reichte ihm noch einmal Medizin, und ging wirklich in das Nebenzimmer, um mit leichtem Herzen, mit seligem Herzen, ganz sorgenlos einmal seit langer Zeit zu schlafen. Als es dämmerte, stand sie auf. Sie ging leise in das Krankenzimmer. Ihr Mann schlief ruhig. Zum ersten mal war in seiner Lage etwas wirklich ruhendes. Elisabeth eilte in die Kinderstube, die Kinder wachten und waren allein, sie trat an Friedrichs Bett. Jetzt, lieber Friedrich, müssen wir dem lieben Gott danken, daß er den Papa wieder gesund macht, sagte sie freudig. Sie hatte ja oft genug mit ihm des Abends gebetet: »Und mach unseren Papa wieder gesund.« – Sie nahm das Kind aus dem Bett und das kleine Mariechen dazu, sie hatte sie beide auf dem Schooß, sie drückte sie an ihr Herz, sie sagte bewegt: Ich danke Dir, lieber Gott, und meine Kinder danken Dir auch. Da trat Johanne ein. Nun Johanne, danke Du auch dem Herrn, mein Mann ist besser. Wirklich, wirklich? sagte Johanne, – sie mußte sich auf einen Stuhl setzen vor Ueberraschung, ihre Kniee zitterten, O Ihr lieben Kinderchen! sagte sie, der Herr hat Euch nicht vergessen. Sie sprach auch noch weiter, aber Elisabeth reichte ihr nur herzlich die Hand und verließ die Kinderstube. Sie ging in die Küche, sie wollte der Köchin dieselbe frohe Mittheilung machen, fand sie aber nicht. Sie eilte die Treppe hinab, sie mußte zu dem Burschen in den Pferdestall, der Schnee wirbelte zwar leise auf eine schon ziemlich hohe Schneedecke hinab, aber das hinderte sie nicht. Dieser getreue Pfleger und älteste Freund des Kranken verdiente wohl den Weg. Sie trat in den Stall, der Bursche putzte das schöne braune Thier und bemerkte ihr Eintreten nicht. Wilhelm, rief sie freudig, ich muß Ihnen doch sagen, daß der Herr nun durch Gottes Gnade wirklich besser ist. Der getreue gutherzige Mensch, dem es in den ganzen Wochen nicht wohl gewesen war, hielt mit der Arbeit inne, er stand wie versteinert. Du barmherziger Gott, das ist nur gut; sagte er, und die Thränen liefen ihm über die Backen. Ja das ist gut, wiederholte Elisabeth und trat auch zu dem Pferd, sie streichelte ihm die Mähne, sah ihm freudig in die hübschen Augen und sagte: O du liebes, gutes Thier, du kannst dich, auch freuen, du sollst den lieben Reiter wieder tragen. Sie hatte aber nicht viel Zeit, sie lief eilig in das Haus zurück. Aber die guten Wirthsleute mußten es doch wissen, dachte sie, als sie an deren Thür vorüber ging. Sie klopfte an die Stubenthür und trat schnell ein. Die Leute waren ganz erstaunt über den frühen Besuch. Ich weiß ja, Sie freuen sich mit mir, sagte Elisabeth, mein lieber Mann ist nun besser. Ist der Doctor schon da gewesen? fragte die Frau mit freudiger Theilnahme. Nein noch nicht, entgegnete Elisabeth, aber ich weiß es ohne den Doctor, er hat ja die Nacht vergnügt mit mir gesprochen, und schläft jetzt ruhig wie ein Kind. Jetzt eilte sie die Treppe hinauf und begegnete der Köchin mit dem Frühstück. Ist es denn wahr, sagte diese, unser lieber Herr ist besser? Ja, sagte Elisabeth, er ist besser, nun wollen wir sehr froh und dankbar sein. Jetzt könnten Sie mir auch Frühstück bringen. Nach einer Stunde kam der Doctor zusammen mit Stottenheim. Elisabeth trat ihnen im Vorzimmer entgegen. Ihre hellen Augen schimmerten gar so freudenvoll, sie vergaß es, daß sie einen alten ungläubigen Doctor vor sich hatte, und daß Stottenheim sie etwas schwärmerisch finden würde. Mein lieber Mann ist besser, sagte sie; ja in dieser Nacht, da fühlte ich so plötzlich, daß der Herr ihm helfen wollte, und Er hat geholfen. Der Doctor darf doch aber auch ein Wörtchen mit reden? sagte dieser mit einem leichten Lächeln. Ja, Sie sollen sich mit uns freuen, entgegnete Elisabeth. Wir sind aber im besten Fall noch nicht über alle Berge, fuhr der Doctor etwas ärgerlich fort. Aber der Herr wird weiter helfen, versicherte Elisabeth mit einem Ausdruck des Vertrauens und der Hoffnung in ihren lieblichen Zügen, daß den Doctor eine gewisse ästhetische Rührung ankam und er ihr nichts entgegnen konnte. Als sie sich zu Stottenheim wandte: Nun, lieber Herr von Stottenheim, werden Sie den Herrn mit uns preisen, – sagte er in besonderer Erregung: Ja wahrhaftig, von ganzem Herzen. Der Doctor war während dessen an das Bett getreten, der Kranke lag noch im ruhigen Schlafe. Er beugte sich über ihn, er prüfte den Puls und trat dann zurück. Ja, begann er mit einverstandenem Kopfnicken, in dieser Nacht ist die Krisis gewesen, der Puls geht bei weitem ruhiger, die Haut ist kühl und feucht. In dem Augenblick schlug der Kranke die Augen auf. Er sah freundlich um sich und sagte: Ich habe geschlafen. Dann aber wandte er sich zu Elisabeth und reichte ihr die Hand. Sie kniete vor seinem Bette. Es hatte zwar kaum der Bestätigung des Arztes bedurft, es war für sie aber doch wieder eine neue Freudenstufe. Der Doctor verordnete mit der sorgsamen Pflege fortzufahren, und Elisabeth entgegnete: jetzt solle die Pflege erst recht angehen. Aber andere Pflege will ich mir jetzt ausbitten, sagte Kadden freundlich, indem er Elisabeth ansah; und auch der gute Stottenheim soll jetzt ruhen. Er reichte dem Freunde dankbar die Hand. Beide wollten protestiren, aber der Doctor selbst bestimmte es so. In der Nacht sollte überhaupt nicht mehr gewacht werden, der Bursche sollte hier schlafen und, wenn auch nicht ganz regelmäßig, die Medizin geben. Elisabeth begleitete die beiden Herren in den Vorsaal, sie mußte noch etwas sagen: Ich danke Ihnen doch, lieber Herr Doctor, für die große Mühe und Sorgfalt, die Sie für uns hatten; Sie aber müssen auch dem Herrn danken, daß er diese Mühe gesegnet hat. Der Doctor lächelte: Ja das Leben hing an einem Faden. Der Herr hält aber diese Faden in seiner Hand, sagte Elisabeth, er hat ja jedes Haar auf unserem Haupte gezählt, wie tröstlich muß das jedem Arzte sein. Der Doctor nickte, und Elisabeth empfahl sich. Ein schöner Glaube, sagte Stottenheim, als er mit dem Doctor auf der Treppe war; was ich in diesen Wochen erlebt habe, kann keine Feder beschreiben. Die junge Frau ist eine kleine Schwärmerin, entgegnete der Doctor lächelnd. Diese Schwärmerei ist aber bei ihr ein natürlicher Zustand, sagte Stottenheim. Der Doctor nickte und trennte sich von Stottenheim. Dieser eilte zu Bonsaks, eine Person war da, der er mit der guten Nachricht eine besondere Freude machte, das war Cäzilie. Er fand die Familie zusammen, und erzählte lebhaft, daß Kadden außer Gefahr sei. Er hatte in dieser ganzen Zeit immer Berichte aus der Krankenstube gebracht, und Adolfine hatte, als er Elisabeths wunderbare Ergebung in Gottes Willen schilderte, keck behauptet: sie könne, wenn sie so ruhig an seinem Sterbebette stände, ihren Mann nicht lieb haben. Darum wandte sich Stottenheim etwas pathetisch zu ihr und sagte: Wenn Sie jetzt die Freude von Frau von Kadden sehen sollten, würden Sie nicht zu behaupten wagen, sie habe ihren Mann nicht lieb. Es ist aber förmlich unvernünftig, fuhr Adolfine auf, jemand, den ich leidenschaftlich liebe, ruhig sterben zu sehen. Darum glaube ich auch, daß es einen Frieden giebt, der höher ist als alle Vernunft, sagte Stottenheim, wenn es mir auch unbegreiflich ist, wenn es auch gegen alle vernünftigen Lebens-Ansichten streitet. Es sind Wunder des Glaubens, sagte Cäzilie warm. Ja, fiel Stottenheim ihr in die Rede, unser Herr Pastor sprach kürzlich, daß der Glaube noch jetzt ebenso große Wunder wirke, als damals, wo der Herr Christus auf Erden war; ich verstehe jetzt, was er damit sagen wollte. Himmlischer Gott! dachte der Oberst, jetzt fängt der auch an! – Er nahm das Wort und sagte: Liebster Stottenheim, Sie haben da jetzt eine jämmerliche Zeit durchgemacht, Ihre Nerven sind aufgeregt. Das mag sein, entgegnete Stottenheim, ich habe dort eine Zeit verlebt, die keine Feder beschreiben kann, aber ich werde nie wieder wagen, Kaddens Glauben anzugreifen. Ei wer wollte das auch thun? sagte der Oberst. Kaddens Glauben hat mich noch nie genirt, ebenso wenig der seiner Frau: sie sind die liebenswürdigsten, herrlichsten Leute, erstens sprechen sie nicht von ihren Ansichten, und dann sind sie vergnügt und vernünftig mit ihren Freunden. Ja ja, Kadden weiß das schön zu vereinigen, versicherte Stottenheim; ich weiß recht gut, welche Ansichten er hat, und wie er über die Ansichten der Welt denkt. Er mag meinetwegen denken was er will, sagte der Oberst eifriger. Denken Sie doch, wie beide Leutchen im vorletzten Winter, ehe sie krank wurde, so allerliebste Gesellschafter waren. Die Zeit wird, wieder kommen, und dann werden Sie auch das bischen Schwärmerei an dem Krankenbette vergessen. Frau von Bonsak berechnete nun mit ihren Töchtern, wie lange sie sich noch gedulden müßten, um Herrn und Frau von Kadden wieder unter sich zu sehen, und Stottenheim versicherte, vor dem neuen Jahre, wie der Arzt im besten Falle versichert habe, sei nicht darauf zu rechnen. Elisabeth schrieb den ersten Tag fast immer Briefe, nur zuweilen stand sie auf, um den unermüdlichen Schläfer anzusehen. Der erste Brief wurde sogleich durch den reitenden Burschen nach den Großeltern geschickt, auch für Tante Julchen hatte sie herzliche Bestellungen und Grüße zu senden. Dann schrieb sie an ihre Eltern, dann an Tante Wina einen kurzen Dankes- und Freuden-Erguß und zuletzt einen Brief an Emilien. Das letzte Zusammensein mit ihr schien sie gänzlich vergessen zu haben, sie hatte nur die theilnehmenden Erkundigungen von ihr und ihrem Manne vor sich, sie wollte ihnen nur Freude mit der Freudennachricht machen, und da dieser Brief der letzte Erguß ihres so bewegten Herzens war, so wurde er der längste. Sie schrieb auch unter anderem: Ja, liebe Emilie, ich habe nur immer die Worte im Herzen und vor den Ohren und leise auf den Lippen: »Ich bin nicht werth aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an Deinem Knechte gethan hast.« Der Herr hat alles an mir gethan, weil ich sein schwächstes Kind war: auf Adlers Flügeln hat er mich getragen, er hat mein Leben zu meinem Heil geführt. Die letzten schweren Wochen, die ich verlebte, ich kann Dir nicht sagen, liebe Emilie, wie trostreich sie auch waren. Ich kann es jetzt zwar nicht fassen, daß der Herr meinen Willen in seinen fügen konnte, ich habe wirklich meinen lieben Otto ihm willig hingeben können, darum soll ich ihn aber jetzt auch doppelt lieben; nie habe ich geträumt, daß mein Herz so wunderselig lieben könne, nie habe ich das ganze Leben so lieblich, so weit und selig vor mir gesehen. – Ich werde aber nicht meinen Otto allein so lieb haben, ich werde Euch Lieben alle, die meinem Herzen nahe stehen, weit aufrichtiger und inniger lieben, der Herr wird mir helfen, ich bin nichts, so gar nichts ohne Ihn, und bin so ruhig und getrost an Seinem Herzen. Weißt Du, Emilie, mein Lieblingslied in der Adventszeit, die wir zusammen erlebten: »Herr ich lieb Dich! Herr ich lieb Dich! ach, von Herzen lieb ich Dich.« Ich habe damals dem Herrn das Lied oft mit Thränen gesungen, und wenn ich es auch mit thörichtem Herzen gethan, Er hat mich dennoch erhört, Er hat mich selbst gelehrt, wie ich ihn lieben soll, und Seiner Gnade will ich auch nun diese Liebe, ja mein ganzes Herz anvertrauen ... Als dieser Brief in Emiliens Hände kam, war Schlösser bei ihr. Er trat zu ihr, um erwartungsvoll und theilnehmend mit hinein zu sehen. Emilien legte sich ein jedes Wort, das sie lesen mußte, wie Felsen auf die Brust. Das war Elisabeths alte Sprache, so liebewarm und liebereich, so glückeszuversichtlich. Kann denn Liebe wirklich so beseligen? Darf man denn das Leben so leicht nehmen? Darf man denn so gedankenlos und hold und einfältig sein, wie ein Kind? Ja man darf und kann es nicht nur, man soll es auch. Wenn der Herr Christus den ersten Platz im Herzen einnimmt, darf das Herz auch selig lieben; wenn Er unseres Lebens Führer und Regierer ist, dürfen wir das Leben leicht nehmen, und wenn Sein Wort und der Glaube an Ihn unsere Seele erfüllt, dann können wir auch sorglos und einfältig sein, wie ein Kind; dann wird Er uns gebrauchen, wozu Er uns haben will und geschickt machen zu Seinem Dienst. Emilie sagte kein Wort, nachdem sie den Brief gelesen. Sie wußte nichts zu sagen und ihr Mann schwieg beharrlich. Endlich entschloß sie sich zu einigen verlegenen Worten: Wir wollen uns freuen und wollen wünschen, daß der Herr sie in diesem Sinne erhält. Zweifelst Du noch? fragte er. Nein, nicht eigentlich für Elisabeth, war ihre Antwort, wie wird es aber mit ihm? – Und plötzlich ging ihr ein Licht auf. – Könnte man jetzt, wenn er wohler wird, nicht auf ihn wirken? fragte sie lebhafter: ihm jetzt den rechten Weg zeigen? Das wird Elisabeth von uns allen am besten können, war Schlössers Antwort. Es war ihr wie ein Traum, das zu hören. – Elisabeth soll am besten von allen es verstehen, jemand den Weg zum Heil zeigen? Noch mehr aber war es ihr seltsam, daß sie nichts entgegnen konnte, daß sie ihrem Manne recht geben mußte. Wir wissen auch gar nicht, wie es mit ihm steht, fügte er nach einer Pause hinzu. Wilhelm, denke an das letzte Mal, wo wir ihn sahen, mahnte Emilie mit erzwungener Sanftmuth; denke wie er so stolz, so sicher, so unfreundlich von uns Abschied nahm, wie er die arme Elisabeth behandelte. Ich gönne es ihr ja, daß sie sich mit ihrem warmen Herzen über seine Liebe täuscht; von ihr glaube ich es schon, daß sie wieder so selig wie damals als Braut lieben kann, aber über ihn wollen wir uns trotz der Andeutungen der guten schwachen Großeltern doch nicht täuschen. Elise selbst glaubt das nicht, sie sehnt sich nach der Tochter, sie durfte aber nicht hinreisen, weil Kadden sie nicht haben wollte. 44. Der Hausfreund Elisabeth hatte die Adventszeit ganz für sich verlebt. Sie hatte die Mutter gleich im ersten Briefe eingeladen zu kommen, weil ihr Mann ja besser war, aber der Geheimerath lag selbst an einem gastrischen Fieber, zwar nicht gefährlich, aber Elise konnte ihn doch nicht verlassen. Die Großmama war von der langen ungewöhnlichen Aufregung angegriffen, und da ihr Großmutterherz nichts mehr zu sorgen hatte, lebte sie gern in lieber gewohnter Stille mit dem Großpapa. Die Genesung des lieben Kranken ging den gewöhnlichen langsamen Gang, in der ersten Woche schlief er fast immer, in der zweiten begann er zu essen, und Elisabeth hatte herrlich viel zu kochen. Jetzt gab es erst so viele liebe Arbeit bei der Pflege, und wenn jetzt ihr Mann zuweilen ungeduldig wurde, wenn es auch nur mit dem gewissen schnellen fragenden Blicke war, dann freute sie sich, – er war doch zu erschrecklich sanft gewesen. Als er aber den Doctor fragte, wann er wohl aufstehen und wann er dann ausgehen dürfe, und dieser ihm verkündete, daß er in einigen Wochen das Aufstehen versuchen und auch das Gehen wieder lernen solle, da ging es mit seiner Ungeduld über die Blicke hinaus, er verbat sich solchen wunderlichen Scherz. Elisabeth hatte liebkosend seine Hand genommen. Der Doctor ließ sich indeß nicht bange machen: er versicherte den Kranken ernsthaft, dies Aufwachen seines Temperamentes sei ein herrliches Zeichen der Genesung, und profezeihete, daß nach dieser langen Krankheit seine Lebenskraft und sein Lebensmuth sich um das Doppelte steigern würden, ja daß er ohne Zweifel den verloren gegangenen Spitznamen jetzt wieder zu Ehren bringen würde. Da mußte er doch lächeln, und als seine Blicke auf den Burschen fielen, der dabei stand und der mit dem ganzen Gesichte bei dieser Profezeihung lachte, sagte er scherzend: Nun, Wilhelm, was meinst Du zu der Erinnerung an die guten alten Zeiten? Ich habe gar nichts dagegen, war die schmunzelnde Antwort des guten Dieners, der mit dem Doctor dann das Zimmer verließ. Und Lieschen, was meinst Du dazu? wandte sich Kadden jetzt vergnügt zu seiner Frau. Ich fürchte mich auch nicht, sagte sie lächelnd. Er sah sie nachdenklich an. Ja ich weiß es, Du fürchtest Dich nicht mehr vor mir, sagte er getrost, und dem Wilhelm habe ich neulich in einer vertraulichen Stunde aus einander gesetzt, warum ich ihn damals als glücklicher Bräutigam so gut behandelte, daß der Grund aber nicht ausreichend war, und daß ich nun dem Herrn Gott zu Gefallen ihm wollte ein braver Herr sein, – er hat es auch vollständig eingesehen. Er ist gescheiter als sein Herr, dem hast Du es damals auf dem Ball gleich so verständig vorgestellt, und der wollt es doch nicht glauben. Aber wenn ich mir nachher überlegte, fügte er nach einer Pause hinzu, warum ich Dich gleich so sehr herzlich liebgewonnen, und es selbst nicht recht wußte, – es war sicher nur, weil Du mir gleich so vielen guten Rath gegeben hast. Elisabeth war ganz einverstanden damit, und als sie schon von ihm gegangen war, um ihre Hausfrauenpflichten zu besorgen, dachte er noch lange an den ersten Ballabend, wo er so hoch erhaben war über einen Kinderglauben und über Engeltheorien, wo er mit einem so armseligen Himmel groß that, und so entsetzlich gewissenhaft war. Er schämte sich jetzt freilich, aber er mußte sich doch entschuldigen, daß er zu unwissend war, – zu vernachlässigt und verwahrlost, wie Fritz damals sagte. Endlich am ersten Weihnachtstage sollte der Genesende den ersten Versuch mit dem Aufstehen machen, die Großeltern waren feierlich dazu eingeladen, und sie hatten versprochen zu kommen. Am heiligen Abend aber sollte den Kindern und den Leuten in der Krankenstube bescheert werden, es war alles dazu köstlich vorbereitet und aufgebaut. Als es dämmerte, ging Elisabeth mit Friedrich in die Christvesper, Herr von Stottenheim trug den Jungen, er hatte in diesen Tagen fleißig beim Vorbereiten der Bescheerung geholfen, weil er versicherte, daß, wenn er den Tag über in seiner einsamen Stube gewesen, er ein ordentliches Heimweh nach der Krankenstube habe. Er war aber auch ein Hausfreund wie er im Buche steht: er zog allerhand praktische Erkundigungen ein, war zu allerhand kleinen häuslichen Hilfen bei der Hand, er putzte dem kleinen Friedrich das Kittelchen ab, er band ihm die Schnürstiefelchen zu, und putzte ihm, wenn es darauf ankam, die Nase. Der kleine Friedrich dagegen war wieder sehr vertraut mit ihm, er kletterte auf seinen Knieen herum, und als er einst darauf stand, mit seinem Haar spielte, und zu seiner Verwunderung bemerkte, daß oben eine kleine kahle Stelle war, sagte er auch verwundert: Onkel Stottenheim, Du wirst gewiß noch so groß wie Papa, Du wächst ja schon durch Deine Haare. – Stottenheim freute sich herzlich darüber und erzählte es selbst, weil er den Jungen so lieb hatte und ihn bewundert wissen wollte. Jetzt trug er ihn also in die Christvesper, er hatte ihn in seinen Paletot gehüllt und der Junge sagte ihm wieder zu seiner Herzensfreude alle die kleinen Verse und Lieder her, die er dem Christkindchen zu Ehren gelernt. In der Kirche nahm Elisabeth ihr liebes Kind selbst auf den Schooß, sie saßen beide mit gefaltenen Händen und hatten beide das Christkind in der Seele. Der kleine Junge sah schon Wunder genug in der erleuchteten Kirche und den singenden Kindern, die immer von der einen Seite und wieder von der andern antworteten, Elisabeth schaute höher hinauf zu dem lieben Christkind, zu dem Stern von Bethlehem, der ja ihres Herzens Sehnen und ihres Glaubens Seligkeit war. Beim Ausgange aus der Kirche traten die Frau Pastor Kurtius und Frau Assessor Borne zu Elisabeth. Sie war ihnen schon öfters auf dem Kirchwege begegnet und war, wie sie es gewohnt war, mit einem leichten und verlegenen Gruße an ihnen vorübergegangen. Beim jedesmaligen Begegnen war ihr die Vergangenheit vor die Seele getreten, wo sie so sicher und getrost ihr weltliches Leben diesen Frauen gegenüber vertheidigen wollte. Sie schämte sich dieser Zeit, aber sie dachte nicht daran, sich nun von einer besseren Seite zu zeigen, sie war zufrieden, daß der Herr ihr Herz kannte. Aber das ist wieder so wunderbar: wenn unser einziges Verlangen ist, nur mit dem Herrn zu leben, nur Ihm unser Herz zu geben, so bleibt es am wenigsten verborgen, wie es mit uns steht. – Pastor Kurtius hatte Elisabeth zuweilen in der Krankheitszeit besucht, und seiner Frau und auch deren Freundin brannte das Herz, einen anderen Gruß als diesen verlegenen von Elisabeth zu erhalten. Sie waren darum an sie heran getreten, sie sprachen ihre herzliche Theilnahme über die Genesung ihres Mannes aus und sagten, daß sie mit ihren Gedanken und Gebeten oft bei ihr in der Krankenstube waren. Elisabeth dankte ihnen so warm, so ganz ohne Rückhalt, sie wußte kaum warum die Frauen so herzlich gegen sie waren, aber es that ihr wohl. Nach dem kleinen Verzuge eilte sie desto schneller nach Hause; der Weg von der Kirche nach dem Thor war nicht ganz nahe, aber die Sterne funkelten über dem weißen Schnee, es war ein rechter Weihnachtsabend. – Als sie ihrem Hause näher kamen, bemerkte Elisabeth, daß es in der Feststube ungewöhnlich hell wurde. Was ist das nur, sagte sie erstaunt, wer steckt denn unsern Weihnachtsbaum an? Mama, das Christkind steckt ihn an, belehrte der kleine Friedrich, und Stottenheim war wieder entzückt über den Jungen. Sie waren die Treppe hinauf geeilt und fanden den Burschen im Vorsaal mit einem besonders vergnügten Gesichte. In dem Augenblick erschien auch Johanne mit der kleinen, jetzt schon ganz verständigen Marie, und die Köchin erschien, und kaum hatten die Kirchgänger ihre Sachen abgelegt, als die Thüre der Feststube sich öffnete und der Hausherr selbst die Harrenden einließ. – Die Ueberraschung war zu groß. – Selbst Friedrich hätte darüber fast den Christbaum vergessen, – er hatte den Papa so lange nicht auf und in Uniform gesehen; da aber heute nicht ihm, sondern der Mama die erste Begrüßung ward, ließ er sich bald von Stottenheim zum brennenden Baum und zu seinen Soldaten und Waffen und Pfefferkuchen führen. Auch den Leuten wußte Stottenheim ihre Plätze anzuweisen. Während alle Aufmerksamkeit auf die Bescheerung gerichtet war, saß Elisabeth neben ihrem Mann im Sofa, sie war völlig zufrieden mit ihrem Christgeschenk und dachte nicht daran, daß es noch etwas anderes für sie geben könne. Als sie aber doch aufstand, um ein kleines Tischchen aus dem Nebenzimmer zu holen, das sie mit den Geschenken für ihren Mann bereitet hatte, und als sie das Tischchen vor ihn hin setzte, stand vor ihrem Platze schon ein Tisch. Ihre Augen sahen verwundert hin und strahlten in heller Freude; außer anderen Geschenken, lagen in der Mitte des Tisches die Wangeroger gemalten Rosen, und darum war ein Kranz von prächtigen großen Muscheln gestellt. O meine Rosen! sagte sie. Und wo hast Du die Muscheln her? fügte sie verwundert hinzu. Die habe ich Dir in Wangeroge zum Christgeschenk gekauft, entgegnete er. Nachdem ich Dir die verheißenden Worte unter die Rosen schreiben mußte, durfte ich sie doch auch im Herzen haben, setzte er hinzu. Elisabeth sah ihn glücklich an, sie konnte nichts sagen, es war ihr als höre sie das Meer rauschen, als sähe sie die silberne Brandung und fühle das erquickliche Rauschen der Fluth. Er aber dachte ernsthaft: Es war doch gut, daß sie mir die Gedanken ihrer Seele nie verbergen konnte, sie mußte mich doch immer wieder stärken im Glauben; ich aber will sie wie mein Herzblatt bewahren. Sie saßen bald darauf mit Stottenheim beim Abendessen. Stottenheim, der natürlich auch beschenkt war und sich überhaupt in einer gemüthlichen Stimmung befand, sprach sehr aufrichtig und gefühlvoll. Als Kadden das Tischgebet laut gesprochen, versicherte er gleich: er finde das wunderschön in einem vertrauten Kreise, das Herz wolle doch auch seinem Schöpfer danken für die Wohlthaten, die es täglich von ihm empfange. Nur in einem vertrauten Kreise? fragte Kadden. Ja, liebster Freund, entgegnete Stottenheim achselzuckend, in unsere Art von Gesellschaft paßt es nicht hinein, wir ändern die Menschen damit auch nicht. Du meinst also auch, sagte Kadden ruhig, für unsere Verhältnisse, für unseren Stand, für unser ganzes Leben paßt ein gottesfürchtiges Leben nicht. Ein gottesfürchtiges Leben paßt wohl, sagte Stottenheim altklug, aber man muß damit nicht heraustreten: man behält es in der Stille für sich und sein Familienleben, und schließt sich so gut es geht den herkömmlichen Formen und Sitten an. Wenn man mit der gehörigen Klugheit und Umsicht zu Werke geht, so sollt ich glauben, müßte sich das aufs beste vereinigen lassen. So hättest Du innerlich gegen den Bibelglauben nichts einzuwenden? fragte Kadden. Nein wahrhaftig nicht, entgegnete Stottenheim, es giebt da freilich noch manche Dinge, die mir unverständlich sind, ich lasse sie gern bei Seite liegen, ich kann mich kaum darin selbst verstehen, aber es zieht mich wahrhaftig zu dem Ernst des Lebens hin, ich fühle jetzt eine Befriedigung darin, die mir unendlich wohl thut. Du würdest also, fuhr Kadden fort, wenn Du Dein eigener Herr wärest, wenn Du z.B. auf dem Lande wohntest, wenn Du ein Gutsbesitzer wärest, unabhängig von der ganzen Welt, wenn Du Dir Umgang nach Belieben wählen könntest, Du würdest Dich dann entschieden auf die Seite der Gläubigen stellen? Ja wahrhaftig, das würde ich, ich würde mir einen gläubigen Pastor anschaffen und nach meines Herzens Gefallen leben. Wenn ich mir dazu denke, fuhr er lächelnd fort, daß Du ganz in meiner Nähe wohntest, auch in ähnlichen Verhältnissen lebtest, auch ein selbständiger Mann wärest, ich versichere Dich, ich würde Deinen ganzen Hausstand mir zum Muster nehmen, ja ich gestehe es, ich würde mich gern von Dir etwas in das Schlepptau nehmen lassen. Stottenheim, begann Kadden lächelnd, wenn die Sachen so stehen, dann erlaube mir, daß ich Dich hier schon in das Schlepptau nehme. Wir wollen einmal thun, als ob wir freie Männer wären, ich verspreche Dir, ich will Dich durch all die kleinen und großen Klippen, die Du in unserer Stellung siehst, glücklich durchbringen, ich habe mir einen guten Steuermann angeschafft. Liebster Freund, begann Stottenheim pathetisch, denke Dir, ob wir überhaupt hier in unserer Stellung bleiben könnten, wenn wir uns aus der Gesellschaft zurückziehen, wenn wir die wirklich aufrichtige Gesinnung mancher Freunde vor den Kopf stoßen? – Kadden schwieg und seufzte unwillkürlich, und Stottenheim, durch diesen Seufzer muthiger gemacht, begann die unzähligen Klippen ausführlich zu schildern und schloß mit der Versicherung, man könne mit der wahren Gesinnung im Herzen doch äußerlich mit der Welt, die, wenn man eben eine andere Ueberzeugung habe, uns auch nichts schaden könne, gemüthlich fortleben. Kadden seufzte aber nur in der Erinnerung an seine eigene Thorheit und Schwäche und Menschenfurcht; Stottenheim hatte jetzt dieselben Ansichten, wie Elisabeths Mutter, auf die sich das Töchterchen immer so schön berufen, und die er selbst so gern hörte und so gern bestätigte. Er schwieg aber, er wollte nicht mit Worten streiten, dabei kam nicht viel heraus, es drängte ihn, mit dem Leben zu beweisen. Ein treues Herz, das wirklich den Herrn Christus lieb hat, muß es auch bezeugen vor der Welt, es kann nicht in den geringsten Kleinigkeiten der Welt nachgeben und auch nicht in den geringsten Kleinigkeiten den Herrn vom Thron herabstoßen, den Er in seiner Seele einnimmt. »O daß du kalt oder warm wärest!« hat der Herr Christus gesagt, und damit hat er Hunderten von Christen das Urtheil gesprochen. Es giebt Christen, die da wohl bewegt sind von der Erscheinung des Herrn, von seiner Lehre und von seinen verheißenden Segensworten, Christen, die nicht mit der Welt rufen: Kreuzige, kreuzige ihn! die mitleidig und gerührt und Thränen vergießend am Wege stehen, wenn Er an ihnen vorübergeht, um auf Golgatha ein Erlöser zu werden. Ja, sie weinen wohl, aber sie weinen nicht Thränen über die eigene Sünde und nicht Thränen der Buße; solche Thränen sind zu bitter und zu unbehaglich und ernsthaft, nach solchen Thränen läßt sich die Sünde nicht leicht nehmen, das Leben in der Welt nicht so klüglich vertheidigen. Da heißt es entweder: Du verleugnest die Welt und trägst dem Herrn das Kreuz nach und hast in ihm deinen Erlöser, oder du bleibst mit deiner Herzensbewegung und deinen Rührungsthränen in der Ferne stehn, da kannst du nach dem Gefallen deines Herzens mit der Welt liebäugeln und auch hinüber schauen nach dem Kreuze, wie es dir gerade passend scheint. Daß der Herr ein Erlöser ist, das leugnest du freilich damit nicht, aber damit ist er immer noch nicht der deine, du hast nichts von deinen Rührungsthränen, und es wird dir nichts helfen, dort auf deinem Wachtposten zu stehen. Entweder du mußt der Welt entschieden absagen, die Sünde ernst nehmen und jede Gelegenheit zu ihr fliehen, und den Herrn Christus auch zu deinem Erlöser annehmen; oder du mußt über kurz oder lang mit der Welt rufen: Kreuzige, kreuzige ihn! Stottenheim hatte indessen herrlich gesprochen und sich selbst mit großer Befriedigung gehört. Er hatte den Herrn Christus mit der Wirklichkeit, der Wahrheit des Lebens, wie er sie mit dem Obersten nannte, gut Freund gemacht. Elisabeth schwieg gern dazu, sie bewunderte aber ihren Mann, daß er es ertragen konnte, ihn so reden zu hören. Es waren ja freilich ihre eigenen klugen Ansichten von ehemals, aber Stottenheims so oberflächliche, wort- und blumenreiche Art klang wirklich als wie eine Parodie auf Kaddens frühere Reden. – Kaddens Schweigen hatte den armen Stottenheim begeistert, jetzt glaubte er sich vom Freunde anerkannt und gänzlich mit ihm einverstanden. Ich freue mich wahrhaftig, schloß er seine Betrachtungen, auf den schönen Winter, den wir jetzt vor uns haben, ich werde auch jetzt mit diesen erhabenen Gefühlen mich erhaben über der Welt fühlen, und in dem Sinne erst Genuß haben, und das danke ich Dir, mein lieber Freund. Uebrigens müssen wir uns gestehen, daß wir nur freundschaftliche Gesinnungen hier genossen haben, daß es ein allerliebster Kreis ist, in dem wir leben. Ich versichere Dich, Kadden, man sehnt sich ordentlich nach Eurer lieben Gesellschaft, im vergangenen Winter hat man erst die Erfahrung gemacht, wie sehr Du mit Deiner lieben Frau in unserem Kreise fehltest. Fräulein Adolfine seufzt wohl nach Tänzern, scherzte Kadden, und Fräulein Keller nach Edelknaben, und mein Lieschen soll wieder mit Dir das trauernde Königspaar vorstellen? Nein, wahrhaftig nicht! lachte Stottenheim, Ihr werdet beide nur zu den jugendlichsten Rollen verwandt werden können, auch sind genug andere liebenswürdige Damen da, Du brauchst nicht mit Fräulein Adolfine zu tanzen. Elisabeth sah ihren Mann lächelnd an, er aber that ernsthaft und sagte: Du hast Recht, Stottenheim, das Tanzen können wir noch nicht aufgeben, dazu sind wir beide zu jung. – Stottenheim nickte ganz vergnügt. – Ich habe die Absicht, nur mit meiner Frau zu tanzen, fuhr Kadden fort, Friedrich und mein Töchterlein ist wieder ein Paar, und wenn Du für Dich eine Dame besorgst, erlaube ich Dir, an unserem Tanzvergnügen Theil zu nehmen. Allerliebst, wirklich allerliebst! lachte Stottenheim, und Kadden fuhr fort: Auch von Tableaux bin ich ein großer Freund, aber auch dazu, habe ich mich überzeugt, bedarf ich keiner fremden Personen, meine Frau und meine Kinder sind darin geborene Künstler. Stottenheim, der durchaus nichts Besonderes hinter diesen Worten suchte, sagte entzückt: Ja wahrhaftig, Du bist ein glücklicher Mann. Uebrigens halte ich Dich beim Wort mit der Erlaubniß, eine Dame hier in diesen glücklichen Kreis einführen zu dürfen. Ja wahrhaftig, Kadden, setzte er feierlich hinzu, wenn Du mir eine passende Frau verschaffen könntest, ich hätte Lust, mir auch einen eigenen Heerd zu gründen. Das Geschäft überlasse ich meiner Frau, sagte Kadden, die versteht das besser als ich. Elisabeth lächelte und dachte: Ich weiß schon eine. – Stottenheim aber fuhr etwas pathetisch fort: Ich verspreche dann ganz gewiß, mein Leben nach dem Leben einzurichten, was ich hier bei Ihnen habe kennen lernen. Das soll mir stets ein Vorbild sein. Versprich nicht zu viel! warnte Kadden. Gewiß nicht! versicherte Stottenheim. Ich muß mir freilich eine Frau nehmen, die an einem glücklichen häuslichen Leben Freude findet, die überhaupt einfach und anspruchslos ist, denn Luxus treiben kann ich in meinen Verhältnissen nicht, und eben nur in Folge meiner jetzigen Lebensansichten habe ich den Entschluß, mich zu verheirathen, fassen können. Meine Frau muß den Muth haben, hier in unserem Kreise immer die einfachste sein zu können. Den hat sie auch, scherzte Elisabeth. Kadden sah sie fragend an. Du siehst nun, an welchen geschickten Geschäftsführer ich Dich gewiesen habe, wandte er sich dann zu Stottenheim. Nun sage aber, Elisabeth, wen Du meinst. Da werde ich mich wohl hüten, entgegnete Elisabeth, ich will Herrn von Stottenheim gewiß nicht darauf bringen, ich will kein Geschäftsführer sein. Geschäftsführer gerade nicht, sagte Stottenheim, aber man läßt sich doch gern von guten Freunden helfen. Ich, meine verehrteste Frau, habe Ihnen auch erst Ihren Gemahl zugeführt, ohne mich wäre er nicht auf den Ball gekommen, hätte Sie nie gesehen. Ja, das ist wahr, sagte Elisabeth und sah freudig auf zu ihrem Gemahl, sie gedachte des Abends, wo sie zum ersten Mal seine hohe Gestalt zwischen den fremden Herren erblickte, und wo sie dann seine Augen immer so warm und fragend über sich sah. Ja, ich bin Ihnen sehr dankbar, sagte sie, und wenn Sie mich nur irgend etwas errathen lassen, so will ich Ihnen wieder erkenntlich sein. Und dann, Elisabeth, wenn wir Stottenheim hier ein Verlobungsfest geben, ziehst Du ein weißes Kleid mit blauen Schleifen an, bestimmte der glückliche Gemahl. 45. Nicht ohne Kampf, aber zum Frieden Das Weihnachtsfest war schön gefeiert, am ersten Festtag mit den Großeltern, Elisabeth war es dabei so freudenvoll zu Sinne als damals, wo sie den ersten Besuch in ihrem jungen Haushalt machten. Freilich hatte sie der Großmama keine neue Einrichtung mit Erbsen und Bohnen und Kaffeesäcken zu zeigen, aber es war in ihrem Herzen alles neu, und ohne davon zu reden, leuchtete es aus ihren hellen Augen. Auch gab es diesmal keine Verlegenheiten wegen des Tischgebetes und der bestaubten Bibel, es war ein ungestörtes Beisammensein unter dem Christbaum. Nach den Festtagen folgten viele stille schöne Tage, der Doctor hatte doch Recht gehabt, der ungeduldige Patient mußte geduldig erst wieder gehen lernen, und mußte nach Wochen dem klugen Herrn Doctor noch aufrichtig zugeben, daß er am liebsten auf dem Sofa liege. Der Januar war entsetzlich kalt, auch die ersten Tage des Februars, aber dann brach plötzliches Thauwetter Schnee und Eis, einzelne grüne Streifen im Felde schauten sehnsuchtsvoll zum blauen Himmel und zum milden Sonnenschein hinauf, die Lerchen versuchten ihre Stimmen, es sollte Frühling werden. Eben so sehnsuchtsvoll wie die grünen Streifen des Frühlings harrten, und so gern die laue Luft begrüßten, ebenso glücklich verließ auch Elisabeths lieber Hausherr endlich das Zimmer, um sich an Luft und Sonnenschein recht zu erquicken. Zuerst mußte er sich mit dem kleinen sonnigen Hofe begnügen, dann wurde es trocken im Garten und hinter dem Garten, und endlich machte er auch Besuche bei seinen Kameraden, die ihn in den letzten Wochen fleißig und theilnehmend besucht hatten. Elisabeth war eines Tages mit ihren Kindern im Garten, – die kleine Marie lief selbständig und tapfer umher und ließ sich nicht gar zu leicht von dem großen Friedrich umrennen, – da kehrte Herr von Kadden von den letzten Besuchen zurück und ließ sich nun von seiner vergnügten Familie im Garten begrüßen und festhalten. Er führte Elisabeth den breiten Weg zwischen den vielen Centifolienrosen hinauf, die kleinen braunen Knospen waren zwar noch sehr winzig, aber sie glänzten doch schon lebhafter im Sonnenschein, und das geheimnißvolle Wunderleben nahm darinnen schon sicher seinen Anfang. Elisabeth war gern diesen lieben Weg sinnend auf- und abgegangen. Heute habe ich Dir Gesellschaft eingeladen, sagte Kadden vergnügt, Du hast es mir zwar nicht vorgezählt, aber ich habe wohl gemerkt, wie Du in diesen Tagen entsetzlich gewirthschaftet hast, ich weiß, Du läßt Dich dann gern belohnen. Das laß ich mich nicht, fiel ihm Elisabeth schnell in das Wort, ich verlange nie wieder nach solchen Belohnungen; nein, das Wirtschaften selbst ist mir schon Freude genug. Es ist doch nur für Dich und die Kinder, setzte sie leiser hinzu. – Er sollte sie nicht gerade mißverstehen, wenn sie vom Vergnügen am Wirtschaften sprach; aber das konnte sie ihm nicht sagen, daß sie erfüllt war von dem Bilde einer stillen, frommen, glücklichen Hausfrau, die sich gern selig arbeiten möchte in ihrem einfältigen Berufe, ja in dem sie jetzt schon so wunderselig war in unverdientem Sonnenschein und den Blumen, die darinnen sprießen. Also nicht zur Belohnung, sagte er und sah sie freundlich aber etwas fragend an. Nein, fuhr sie vertrauender fort, wenn ich recht fleißig gewesen bin, und habe recht viel Arbeit gehabt, so ist mir doch die schönste Belohnung, wenn Du mit mir und den Kindern bist, Ihr seid mir die liebste Gesellschaft. Liebe Elisabeth, sagte er jetzt lächelnd, Du mußt nicht glauben, daß ich mich revangiren will, wenn ich Dir dasselbe sage. O nein, sagte sie vergnügt; ich weiß es ja besser. Es ist auch gut, daß wir lieber mit uns als mit fremden Leuten sind, fuhr er fort; wir werden sie aber einladen müssen, wenn es uns nützlich und nöthig scheint. Ja, das wollen wir auch, fuhr Elisabeth lebhaft fort, und es soll uns auch Vergnügen machen, aber es soll nichts Besonderes für mich sein, und ich will es als keine Belohnung haben. Das klang freilich anders, als wenn sie früher kam und ihren Mann versicherte: sie habe sich so viel mit den langweiligen und unangenehmsten Arbeiten gequält, nun möge er sich ordentlich überlegen, welches Vergnügen er ihr dafür schuldig sei. – War das damals ein Unrecht? Wenn auch das nicht, so war es doch nicht das Rechte, es paßte nicht zu dem Leben einer gottseligen Hausfrau, und das ist doch wahrlich mehr werth, als so einzelne Vergnügungen und Zerstreuungen zwischen unangenehmen und langweiligen Arbeiten, die außerdem die Zeit ausfüllen. Aber alles was schön und herrlich ist, was der Seele Freude und Frieden bringt, muß mit dem Herzen geschehen, eine halbe Christin kann nie eine gottselige Hausfrau sein. Sie kann wohl in einer poetischen Aufwallung das Flicken angenehm und ihre Küchenschränke interessant finden, das reicht aber nicht hinaus über die poetischen Stimmungen, und diese Stimmungen verfliegen schon bei Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten des Lebens, vielmehr bei wirklichem Kreuz und Leiden. Da aber unser irdisches Leben ganz sicher uns mehr Gelegenheiten zu bedrückten und schweren Stimmungen als zu jugendlich frischen poetischen bietet, so muß man das Herz Dem übergeben, der da Gewalt hat über unser Leben und über alle Stimmungen, traurige oder freudige; man muß die Seele hinein schicken in die Wunderwelt des Glaubenslebens, in der wir über den Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten der Welt stehen, in der selbst Kreuz und Leiden die Seele stärkt und reicher macht, auf daß, wenn die trüben Zeiten vorüber, wenn der Herr wieder lichten Sonnenschein und blauen Himmel und eine Frühlingswelt von Frieden und Freude sendet, das Herz nur jugendlicher und poetischer und freudiger hinein schauen lernt. – Elisabeth hatte das alles erfahren. Jetzt bangte ihr nicht mehr für ihre Zukunft. Der Glaube war der Grund ihres Glückes, sie hatte selbst dazu nichts zu thun, als den Herrn zu lieben, Ihm zu vertrauen, Ihm den ersten Platz im Herzen einzuräumen. Das war aber keine schwere Pflicht, das war ihr das liebste und seligste Thun. Sie hatte erfahren, wenn die Welt und die Sünde das irdische Glück zerwehet und zerstört hat, so kann der Herr doch Frieden geben und Freude dem betrübten Herzen. Sie hatte es jetzt erfahren, daß den Herrn lieb haben doch seliger ist als jede Brautliebe, mag sie auch noch so lieblich das Herz bewegen. Sie wußte jetzt, daß sie ihren Mann und ihre Kinder darum so innig und ruhig und sicher lieben könne, weil der Herr den ersten Platz im Herzen einnahm. Er war der Felsengrund ihres Glückes, ihres Muthes und ihrer Freudigkeit. Sie wußte aber auch, um recht glücklich und frisch und freudig mit Mann und Kindern sein zu können, mußte sie am liebsten mit dem Herrn allein sein. Ein jeder Tag mußte ein solches Alleinsein in sich schließen, und sollte es eben auch nur bei geringer Arbeit der Hände sein, beim stillen Nähen und Schaffen in ihrem Beruf, sollte es auch nur sein, wenn sie sich mit einem schönen Lied oder Spruch bekannt machte oder den Katechismus wiederholte. Dabei konnte die unangenehmste und langweiligste Arbeit nicht langweilig, nicht unangenehm sein; für solche schöne stille Stunden konnte sie doch keine Belohnung in irgend einer Zerstreuung mit Menschen suchen. Wohl aber konnte sie durch diese stillen Stunden, in denen ihre Seele Befriedigung und volles Genügen gefunden, mit doppeltem Vergnügen und doppelter Freude mit ihren Lieben und mit guten Freunden fröhlich sein. Ueber die Geselligkeitsfrage hatte Elisabeth mit ihrem Mann keine Berathung wieder gehabt. Das verstand sich jetzt alles von selbst; die Klippen, die sie sonst überall gesehen, waren verschwunden. Ja gerade so wie wir die Welt und ihre Verhältnisse ansehen, so ist sie und so läßt sie sich ansehen; geradeso wie wir sie behandeln, so läßt sie sich behandeln. Sind wir schwankend und unselbständig ihr gegenüber, so beherrscht sie uns; sind wir kühn und fest und entschlossen sie zu beherrschen, so unterwirft sie sich, thut sie es auch mit einigen Grimassen und Seitenhieben, es trifft uns nicht. Die Welt verlangt nicht einmal eine Erklärung unseres Thuns, sie weiß alles, sie fühlt es, ob wir ihr dienen, oder sie beherrschen wollen, ob wir mit ihr verkehren aus Furcht, Schwäche, Eitelkeit und halber Lust an ihr, oder ob wir es thun aus Pflichtgefühl und weil wir es hier und dort für gut finden. Der Herr hat seinen Gläubigen oft mitten in der Welt ihren Beruf angewiesen, und hat ihnen darin auch ihre Pflichten angewiesen. Der Herr zeigt in allen irdischen Verhältnissen einen richtigen bestimmten Weg. Er spricht: Gebt Gotte was Gottes ist und dem Kaiser was des Kaisers ist – und jederman was ihr schuldig seid. Es giebt also auch Pflichten dieser äußeren Gemeinschaft, Pflichten gegen die uns Nahestehenden, gegen die Vorgesetzten und Mitarbeiter; ja, es soll selbst nicht nur bei diesem Pflichtgefühl bleiben, wir sollen uns nicht hochmüthig von ihnen abschließen, wenn sie auch nicht unseres Glaubens sind. Wir wollen aufrichtige Theilnahme und Liebe für sie hegen, und auf welche Weise wir das äußeren und in das Leben bringen sollen, zeigt uns der Herr deutlich, wenn wir erst Ihm geben was Ihm gebührt, wenn Er mit Seinem Worte die Richtschnur unseres Lebens ist. Kadden erzählte seiner Elisabeth, daß er alle die jüngeren Kameraden zum Thee eingeladen habe, er wollte sich dankbar beweisen für die viele aufmerksame Theilnahme, die sie ihm in der Krankheit bewiesen hatten, und Elisabeth war sehr einverstanden damit und versprach ihm ein sehr splendides Fest. Nur eine Bitte hatte sie: sie wollte sich Cäzilien einladen. Erstens um nicht ganz allein zwischen den vielen Herren zu sein, und zweitens hoffte sie Stottenheim damit einen besonderen Gefallen zu thun. Cäzilie hatte wirklich nach und nach und in aller Stille bei Elisabeth die Stelle einer Hausfreundin eingenommen. Schon im ganzen Jahre, wo Elisabeth elend und leidend war, kam sie uneingeladen, spielte mit den Kindern, und suchte Elisabeth in der ihr so schweren Einsamkeit zu zerstreuen. Später, während Kaddens Krankheit, war sie oft bei Johannen in der Kinderstube oder half in nöthigen Arbeiten der Wirtschaft. Außerdem aber war sie eine treue Verehrerin des Pastor Kurtius und hatte sich zuweilen mit den gläubigen Frauen an Wohlthätigkeitsarbeiten betheiligt, – es war unverkennbar, daß sie einen Zug zum Herrn hatte und es durch ihr Leben beweisen wollte. Auf wen anders als auf Cäzilien konnte sich Stottenheims solide Neigung richten? Er verhehlte es auch nicht, und Cäzilie schien damit einverstanden, recht zu Elisabeths Verwunderung. Als sie jetzt von ihrem Gemahl die Erlaubniß zu der Einladung erhalten hatte, sagte sie auch wieder: Ich lade sie freilich zusammen, ich hätte aber doch Cäzilien einen anderen Mann gewünscht. Sie bekömmt aber keinen anderen, sagte Kadden scherzend, und dann ist Stottenheim ein treuer und gutmüthiger Mensch. Nun ja, aber wie man den Entschluß fassen kann, ihn zu heirathen, das begreife ich nicht! war Elisabeths Antwort. Der Herr aber schließt die Ehen und führt die Herzen zusammen, sagte er wieder. Und glaube nur: sie wird nicht so viel Noth haben, als eine gewisse andere Frau, setzte er seufzend hinzu, – es fiel ihm ein, daß es in der letzten Zeit schon oft nicht nur bei den gewissen schnellen fragenden Blicken geblieben war. Elisabeth sah ihn zuversichtlich an, sie war augenblicklich sehr muthig gestimmt. Die Frau ist aber nicht ein so genügsames Gemüth, sagte sie kühn, sie macht viel Ansprüche und fürchtet gar nichts. Sie wird aber doch so anspruchslose und friedliche Ehen in ihrer Nähe dulden wollen? warf er ein. Recht gern, ich habe gar nichts dagegen, versicherte sie; ich begreife aber auch gar nicht, was Du eigentlich willst? Ich will nur hören, daß Du anspruchsvoll bist und bleibst, sagte ihr Mann scherzend, und daß Du mit mir zufrieden bist, wenn ich auch nie so sanftmüthig werde als Stottenheim. Und mich doch nicht fürchte, setzte sie noch zuversichtlicher hinzu. Sie waren aus dem Garten getreten. Die Kinder baten, sie wollten nach dem Pferdestall, wo Kadden ihnen in diesen Tagen angewöhnt, sie reiten zu lassen. Indem er nun bereitwillig mit den Kindern vor ihr her ging, dachte Elisabeth: Es ist doch unbegreiflich, wenn es dich je kränken sollte, wenn er heftig ist. Du weißt es nun, er ist heftig und wird es sein Leben lang bleiben. Du weißt es aber, daß er es nicht so meint, daß es gar nicht mit seiner Liebe zusammenhängt. Du wirst nach deinen jetzigen Erfahrungen also endlich aufhören, so kindisch zu sein; dein Herz wird doch endlich stark werden. Ei natürlich, setzte sie zuversichtlich hinzu: der Kampf mit so natürlichen Schwächen und Fehlern muß endlich aufhören. Wenn man sie vollständig kennt und darüber steht, so wird man den Herrn doch nicht immerfort mit solchen Kleinigkeiten zu behelligen brauchen, man wird es gar nicht mehr zu Kämpfen kommen lassen; denn wenn man auch den Sieg vorher weiß, sind sie doch störend und höchst unangenehm. Elisabeth trat in den Pferdestall, als beide Kinder jubelnd auf den Pferden saßen, das kleine Mädchen aber im höchsten Entzücken. Nun Elisabeth, sagte Kadden scherzend, Du wirst es erleben, daß Dein Töchterlein Dich an Muth übertrifft. Das ist noch die Frage, entgegnete Elisabeth ebenso. Könntest Du das Reiten wieder versuchen? fragte er. Ja recht gern, entgegnete sie schnell, aber ohne Nebenleine, fügte sie herausfordernd hinzu. Natürlich, ohne Nebenleine, wiederholte Kadden: Lieschen, dann fürchte ich, Du reitest noch auf Windmühlenflügel los, fügte er scherzend hinzu, indem er ihr die kleine Marie in den Arm gab. Dieser Scherz aber war ihrem Herzen ein Schrecken. Er erinnerte sie an einen entsetzlich schweren Tag, und es war ein Glück, daß ihr Mann mit dem kleinen Friedrich beschäftigt war, und daß sie mit Mariechen vorangehen konnte. Im Hinausgehen hörte sie noch, wie er dem Burschen bestellte, daß er gleich nach Tische das Pferd eine Stunde mit dem Damensattel reiten solle, weil er gleich darauf mit seiner Frau ausreiten werde. Elisabeth trug ihr kleines Mädchen in die Kinderstube, Johanne war nicht hier, sie setzte das Kind zu den Spielsachen und trat nachdenklich an das Fenster. Warum dachte sie denn jetzt nicht an die erst vor wenigen Minuten so zuversichtlich entwickelten Grundsätze? Sie dachte gar nichts, sie vertiefte sich ganz und gar in die Erinnerung, die der Scherz ihres Mannes veranlaßte. Im vergangenen Sommer, kurz vorher ehe sie nach Wangeroge gingen, fuhr sie mit einigen Damen nach einem benachbarten Orte, die Herrn ritten. Hier versuchte es Kadden – nicht mit seinem eigenen Pferde, das war auf diese Kunststücke hinlänglich eingeübt, – nein mit dem jungen, wilden Pferde eines Kameraden, gegen Windmühlen-Flügel zu reiten. Weder die Bitten seiner Frau, noch ihr unglückliches Schweigen, noch die Empörung der anderen Damen konnte ihn abhalten; sein Ehrgefühl und sein Durst, das Pferd zu bändigen, ließ ihn alles Uebrige vergessen, bis er das Pferd geduldig und mit Schaum bedeckt seinem Kameraden übergab. Die Damen stellten ihm ernstlich vor, er möge so etwas wenigstens allein mit seinen Kameraden vornehmen und nicht in Gegenwart seiner Frau und anderer ängstlicher Seelen. Er hörte kaum nach ihnen hin und ließ sich nur von seinen Kameraden bewundern. Als Adolfine, die dabei war, Elisabeth rieth, durch eigenes kühnes Reiten die Sorge um ihren tollkühnen Reiter zu vergessen, und ihr Mann, wie sie sich längst in diesem Kreise angewöhnt hatten mit einander zu reden, neckend einstimmte, versicherte sie, daß sie nie wieder ein Pferd besteigen würde, und er versicherte dagegen, daß er sie nie wieder in Versuchung dazu führen würde. Die Erinnerung an diese Szene war zu bitter. Daß er darüber scherzen konnte, war unbegreiflich, es mußte sie kränken und verletzen. Sein Scherz jetzt war doch ein Zeichen, daß ihm sein Betragen von damals nicht leid war, und was einem nicht leid ist, kann man auch wieder thun. Ich bin auch gar nicht sicher, daß er es nicht wieder thut, fuhr sie in Gedanken fort und ärgerte sich schon im voraus darüber, und begann, ähnlich wie Tante Wina bei ihrem ersten Besuche hier, über die Eigentümlichkeit der Männer zu reflectiren. Sie sind alle Egoisten, sie können sich in zartere Empfindungen nicht hinein denken. Da sie aber nicht wie Tante Wina hinzusetzen konnte: Es ist ein Glück, daß du nicht geheirathet hast, – so setzte sie hinzu: Du mußt nicht so anspruchsvoll sein, nicht zu zartfühlend, du mußt resigniren und fertig werden so gut es geht. Sie wurde in ihren Philosophieen durch den Ruf zu Tische unterbrochen. Daß sie nicht gerade lebhaft und fröhlich war, fiel ihrem Manne nicht auf; er war zu vergnügt. Er sprach auch von dem Reitversuch, der gleich heute gemacht werden sollte, und Elisabeth gewann es über sich zu lächeln und zu nicken. Während er, wie er es jetzt immer noch gewohnt war, eine längere Mittagsruhe hielt, saß sie in ihrer Stube und folgte wieder ihren herrlichen Fantasieen. Es ward ihr immer unbegreiflicher, daß er über die Windmühlenflügel scherzen konnte, die Windmühlenflügel wurden immer entsetzlicher, und mit ihnen drehten sich ihre Gedanken im Kopfe herum. Sie konnte nicht begreifen, daß sie wieder mit ihm reiten wollte, und konnte nicht begreifen, daß vorhin, als er sie wegen seiner Heftigkeit bedauerte, sie so vergnügt entgegnen konnte: sie fürchte sich nicht. Von der einen Seite betrachtet, war es nicht wahr; und dann war es jedenfalls unklug, es zu sagen. Er mußte seine Heftigkeit ganz leicht nehmen, glauben, er sei vollkommen, und sie konnte nicht mehr auf ihn einwirken. Ja heftig und herrschsüchtig wird er immer bleiben philosophirte sie weiter, und als sie die Sache nach allen Seiten hin betrachtet hatte, blieb ihr doch nichts weiter übrig, als, wie er gerade war, mit ihm zufrieden zu sein. – Uebrigens war die Zeit der Mittagsruhe vorübergegangen, sie hörte ihres Mannes Schritte und hatte zwischen zwei Dingen zu wählen: entweder sie ritt mit ihm, obgleich er es gar nicht verdiente, oder sie sagte ihm: Wegen der Windmühlenfiügel ist es mir wirklich nicht möglich, je wieder mit Dir zu reiten. Den letzten Gedanken konnte sie aber kaum fertig denken, sie schämte sich, und als ihr Mann in das Zimmer trat, stand sie auf und ging ihm mit der Frage entgegen: Soll ich mich fertig machen? Er hielt sie in der Thür auf und sagte: Du willst wirklich? Das freut mich zu sehr, eigentlich bin ich es wohl nicht werth. Sie wurde roth und er nahm ihren Kopf in die Höhe und sah sie fragend an. – Sie wurde verlegen und sagte unwillkürlich und mit einem tiefen Seufzer: Ach ja, die Geschichte mit den Windmühlenflügeln! Was willst Du mir darüber sagen? bat er freundlich. Nein, entgegnete sie gefaßter, ich will Dir gar nichts darüber sagen, Du weißt doch Frau von Hohendorfs Rath wegen der angenehmen Fantasieen, denen nicht recht zu trauen ist, und die man für sich behalten muß. Aber etwas Wahres ist gewiß daran, sagte Kadden, und wenn Du mir meine Fehler nicht sagst, wie soll ich sie ablegen? Nein, sagte Elisabeth schnell, in solcher Stimmung werde ich Dir Deine Fehler nie sagen. – Ihre Fantasieen traten seiner getreuen Wirklichkeit gegenüber schon den Rückzug an. Ja plötzlich blitzte ein neuer Gedanke in ihrer Seele auf: Tadeln ist überhaupt eine bedenkliche Sache, es ist besser, ein jeder bringt seine Fehler gewissenhaft dem Herrn selbst. Ja mit einem Mal ward es ihr klar, daß es gar nicht nöthig war auf ihren Mann einzuwirken, daß er gewissenhaft genug selbst war. Und freudig sagte sie: Otto, weißt Du was? Wir wollen uns nie tadeln, wir wollen uns gegenseitig nur loben. Da hast Du recht, liebe Elisabeth, entgegnete er lachend, aber seine Augen schimmerten dabei feucht, beim Tadeln hat der Teufel sein Spiel. Und nun, Lieschen, versuch es mal und lobe mich wegen der Windmühlenflügel. Nein, Otto, sagte sie etwas betreten. Du mußt darüber nicht lachen. Es ist nur Freude, versicherte er; der Gedanke, daß Du mich nur immer loben willst, ist zu schön. Ich gehe den Vorschlag ein, ich verspreche Dir aber, daß ich gewissenhaft dafür sorgen will, das Dir das Lob nicht zu schwer wird. Sie sah ihn einverstanden an. Was die Windmühlenflügel betrifft, setzte er bittend hinzu: ich versichere Dich, ich habe Dich weder damit ängstigen noch kränken wollen, ich that es nur, weil ich es durchaus thun mußte, ich mußte das Pferd bändigen. Wenn wieder eine solche Gelegenheit kommt – Dann werde ich es wieder nicht lassen können, fiel Elisabeth ihm schnell in die Rede. Ja, dann wollt ich Dich bitten, daß Du es mir erlaubst und Dich nicht darüber kränkst. Reiten ist doch mein Beruf, und als ordentliche Soldatenfrau mußt Du Dich schon daran gewöhnen. – Elisabeth nickte. – Und nun, liebe Elisabeth, fuhr er ernsthaft fort, daß Du nie mit mir zanken willst, bin ich wohl zufrieden; aber wenn Du wirklich betrübt bist, da bleibt es bei unserer Verabredung, das muß ich immer wissen. – Elisabeth sah ihn wieder nur nachdenklich an. – Du weißt doch den Unterschied zwischen beiden? fragte er. O ja, den weiß ich, sagte Elisabeth mit einem Seufzer, weil sie der Vergangenheit gedachte: Wenn man nur betrübt ist, hat man seine Noth dem Herrn schon gebracht; wenn man ärgerlich ist, da steckt man selbst noch mitten in der Noth und in der Sünde. Er war zufrieden mit dieser Auslegung und küßte sie auf die helle Stirn, in der immer so schöne rettende Gedanken auftauchten. Als der Diener am Nachmittag die gesattelten Pferde meldete und Elisabeth im Reitkleide mit ihrem Manne die Treppe hinab ging, sagte er noch: Du erlaubst mir aber heute noch einmal den Nebenzügel, ich ängstige mich so. Sie lächelte: O lieber Otto, ich weiß wohl, Du sagst das für mich, und ich will nur gestehen, Du hast recht; aber nur heute zum Anfang noch; dann, versichere ich Dich, thue ich was Du willst. 46. Die kluge Enkelin Der Spazierritt war nur in der Nähe des Gartens versucht und glücklich abgelaufen. Jetzt war Elisabeth dabei, für die Gesellschaft alles schön zu machen und anzuordnen, als sie plötzlich die Schimmel vor dem Hause erblickte. Es waren die Großeltern – zur Freude der ganzen Familie. Sie wurden begrüßt und hinauf geführt, und erfuhren gleich die bevorstehende Gesellschaft. Die Großeltern erzählten dagegen, daß sie Elisen und Schlössers anmelden sollten. Nach näherem Ueberlegen ergab es sich, daß sie mit der nächsten Post ankommen müßten, und da es ungefähr jetzt die Zeit war, griff Kadden schnell zur Mütze, um nach der Post zu eilen und die Ankommenden dort zu begrüßen. Es ist recht hübsch von ihm, daß er gleich hingeht, sagte die Großmama zu Elisabeth, Emilie wird sich darüber freuen. Emilie freut sich doch darüber nicht, entgegnete Elisabeth nachdenklich. Sie hat mir einen zu sonderbaren Brief geschrieben, als ich ihr damals voller Freuden Ottos Genesung gemeldet hatte. Wenn ich freudig bin, denkt sie immer, sie muß mich vor den Täuschungen des menschlichen Herzens warnen, sie will durchaus nicht, daß ich meinen Mann so lieb habe. Ich möchte nur wissen, was sie sich eigentlich von ihm denkt. So recht bin ich nicht daraus klug geworden. Kennt Dein Mann den Brief? fragte der Großvater. Nein, war Elisabeths Antwort, ich habe ihn gleich verbrannt. Laß sie nur, sagte die Großmama; ein jeder Mensch hat seine schwachen Seiten. Ich fürchte mich jetzt gar nicht vor ihr, versicherte Elisabeth, Otto ist viel zu vernünftig. Nur kann ich ihr nicht zu Gefallen sagen, daß ich ihn nicht lieb habe, und kann ihr doch nicht verhehlen, daß ich glücklich bin. Ich hoffe aber, sie wird sich endlich überzeugen lassen. Die Großeltern lächelten und der Großpapa sagte: Oder sie ist ein altes dummes Mädchen. Elisabeth hörte jetzt die bekannten Stimmen vor der Thür, sie hörte die Thür klingeln und lief den lieben Gästen entgegen. Das Wiedersehen mit der Mutter war ein wirkliches Entzücken. Jetzt konnte Elisabeth ihre Augen groß und freudenvoll aufschlagen, jetzt sollte ja die Mutter nur Glück und Frieden schauen! – Emilie sah ihren Mann bedenklich an: die arme Elisabeth war noch nicht anders, sie war noch nicht enttäuscht, harmlos, kindlich, strahlend vor Glück, und Kadden, dieser seltsame Mann, der war heut eben so. Als die ersten Begrüßungen vorüber waren und sie nun um den Kaffeetisch Platz nehmen wollten, trat Kadden mit Elisabeth zu seiner Schwiegermutter und sagte scherzend: Nun liebe Mutter, sieh uns ordentlich an: sind wir nicht beide wieder jung und frisch geworden? Ja, sagte der Großpapa harmlos, das Leben bringt gesunde und kranke Tage, Ihr Lieben habt es gleich recht im Anfang durchgemacht. Als ich Sie ungefähr vor einem Jahr sah, wandte sich Schlösser freundlich zu Elisabeth, da waren Sie recht elend. Mit Gottes Hilfe ist alles hinter uns, entgegnete Elisabeth mit ihren eigenthümlich warmen Blicken. Unbegreiflich! dachte Emilie, jetzt wollen sie alles auf die äußerliche Krankheit beziehen, selbst mein Mann stimmt ein. Sie kommen aber heut auch alle wie eingeladen, fuhr Kadden fort: Sie können sehen, daß wir wieder lebenslustig sind, wir haben heute Abend große Gesellschaft. Emilie sah ihren Mann wieder ernsthaft an, der aber ganz unbegreiflicher Weise entgegnete harmlos: Nicht wahr, Emilie, das lassen wir uns gefallen? Wir haben den Winter sehr einsam gelebt, wir wollen mit Ihnen lebenslustig sein. – Kadden setzte sich zu ihm und erzählte von den zu erwartenden Gasten. Wahrend dessen stand Elisabeth, ihre beiden Kinder an der Hand, vor Emilien. Sie hatte so viel Liebes und Schönes von ihnen zu erzählen, und Emilie war auch wirklich herzlich bewegt von den lieblichen Kindern. Zu ihrem Erstaunen mußte sie aber bald sehen, daß Kadden, ganz wie damals bei dem Brautbesuch, Elisabeth verstohlen seine Hand hinhielt und diese an seine Seite eilte. Elisabeth hätte ihr nur vorher noch versichern müssen: Solch ein Glück habe sie sich nicht träumen lassen! dann wäre es dieselbe Szene gewesen. Hatte es Kadden darauf abgesehen, heute Elisabeth, wie er es als Bräutigam gekonnt, mit einer kleinen Krone zu schmücken? Heuchelei war das wirklich nicht; den Vorwurf hatte er noch nie verdient: nein, er schien im Gegentheil sich nur immer noch zurückhalten zu wollen, aber alles, was er von ihr sagte, war ein Lob. Er erzählte, daß sie ihm zu Gefallen wieder geritten habe, trotz dem Schrecken, den er ihr im vergangenen Jahre wegen der Windmühlenflügel machte, und erzählte auch harmlos die Geschichte von damals. Das war auch Unrecht, versicherten Elise und die Großmama. Ja wirklich! fügte Emilie hinzu. Er hat mir aber heute versichert, bei ähnlicher Gelegenheit will er es wieder thun, sagte Elisabeth ganz vergnügt. Auch wenn es Dir so unangenehm ist? forschte Emilie. Ja, freilich, entgegnete Elisabeth; aber siehst Du, liebe Emilie, wandte sie sich in einem sehr zuversichtlichen belehrenden Ton zu der Forschenden: wenn wir etwas unangenehm finden, was unseren Männern lieb ist, so giebt es keinen anderen Ausweg und keinen kürzeren Ausweg, wir müssen es auch angenehm finden. Es ist allerdings nicht leicht, aber doch nicht so schwer als es scheint, und dann ist es einmal nicht anders. Emilie versuchte zu lächeln. Sie schaute ihren Mann dabei nicht an, sie hätte ihn an nicht sehr glückliche Versuche erinnern können. Freilich hatte sie sich wirklich seinen Wünschen gefügt, hatte in der ersten Zeit ihre Lieblingsarbeiten aufgegeben, und würde sich auch jetzt nie entschlossen haben, irgend die Vorsteherin eines Vereines zu werden, obgleich sie in aller Stille thätig war, und in aller Stille durch ihren Einfluß sich viele Dinge gestalteten. Sie that das aber in einer gewissen Resignation, sie hätte nie wie Elisabeth harmlos darüber scherzen können, ja sie hatte ihren Mann einmal feierlich gebeten, diese Sache nie zu erwähnen. Es blieb ein wunder Punkt in ihrem Herzen, von dem sie immer noch hoffte, ihr Mann würde endlich ihr Märtyrerthum anerkennen und ihr gerührt nachgeben. So war es nicht nur in der einen Sache, es war auch in vielen Kleinigkeiten, die das Leben brachte, so: sie fügte sich ihrem Manne mit großer Selbstüberwindung, aber er konnte immer durchfühlen, daß sie etwas vollbracht hatte, und beider Herzen wurden dabei nicht warm. Elisabeths wirkliche Freude am Nachgeben, ihre Zuversicht, daß es einmal nicht anders sei, fiel auf ihr Gewissen. Als jedoch die Großmama scherzend zu ihrer Tochter sagte: Nicht wahr, Elise, von der jungen Frau könnte man selbst noch lernen? – konnte Emilie nicht schweigen, und zwar mit einem Versuch zum Scherz sagte sie: Das würde aber ein sehr einseitiges Verhältniß sein, wenn der Mann immer Recht und die Frau immer Unrecht haben soll; die Männer müssen endlich konfus werden, was überhaupt Recht und Unrecht ist. Die Sache ist doch nicht ganz so, wie sie scheint, nahm der Großvater das Wort: eine Frau hat entweder mit einem vernünftigen oder mit einem unvernünftigen Manne zu thun. Ein vernünftiger Mann wird immer sein Unrecht einsehen, wenn er auch nicht immer in der Stimmung ist, es gleich auszusprechen; die Stimmung geht aber vorüber und er wird es dann eingestehen. Und wenn er es einmal vergißt, fiel die Großmama ein, so nehmen wir auch mit dem guten Willen fürlieb, weil wir wissen, daß wir einen vernünftigen Mann haben. Richtig, fuhr der Großpapa fort, jedenfalls ist es besser, man macht uns nicht aufmerksam darauf, es müßte denn auf eine sehr liebenswürdige und freundliche Art sein. Es darf nie persönlich werden, fiel die Großmama ein, man darf aber wohl allgemeine Bemerkungen machen. Ja, allgemeine Bemerkungen, versicherte Kadden, das versteht Lieschen auch recht gut. – Die Großmama nickte ihr freundlich zu. Nun wollt ich den zweiten Punkt betrachten, fuhr der Großpapa fort, wenn eine Frau einen unvernünftigen Mann hat. Das ist freilich traurig, und die Frauen, die nicht so unglücklich sind, können dem Herrn alle Tage dafür danken; aber am besten ist es auch da, die Frauen geben den Männern Recht. Die Großmama scherzte, daß dieser zweite Punkt für sie alle von keiner Bedeutung sei; das Gespräch wurde von den andern scherzend weiter geführt. – Elisabeth war sehr vergnügt dabei, sie hörte nur Lob, und das war ihr, weil es wahrscheinlich nicht nur eine Eigenthümlichkeit der Männer, sondern auch der Frauen ist, sich lieber loben als tadeln zu lassen, sehr angenehm. Emilie konnte indessen durchaus nicht über das einseitige Verhältniß fortkommen. Eine denkende Frau kann nicht immer nachgeben, dachte sie, es ist von Männern ein entsetzlicher Egoismus, das zu verlangen. Elisabeth ist unbegreiflich, daß sie es kann, daß sie dabei so vergnügt ist. Der Zufall wollte es aber, daß Emilie in der Art heute noch mehr geprüft wurde. Der kleine Friedrich, der eine ganze Zeit mit einem Bleistifte bewaffnet an einem Tischchen gesessen, reichte jetzt seinem Papa ein Papier und flüsterte: Nun schenke das Bild meiner Großmama. Seine Großmama aber war Elise, er wollte sich erkenntlich beweisen für eine große Zuckertüte, mit der sie sich bei ihrem kleinen Liebling wieder eingeführt und bekannt gemacht. Der Junge hat einen vortrefflichen Zeichenmeister, sagte Kadden, indem er seiner Schwiegermutter das Bild reichte, und den kleinen scheuen Geber auf seinen Schooß nahm. Das ist ja das Bild aus unserer Kinderstube! sagte Elise im höchsten Vergnügen. Gieb es mir, unterbrach sie der Großpapa, wenn es das ist, dann kann ich es am besten beurtheilen. – Er nahm es in die Hand und nahm zugleich Friedrich zu sich. Elise aber bewunderte mit dem Vater das Bild, der dann mit dem kleinen Künstler eine ernsthafte Unterhaltung anknüpfte. Richtig, da ist der runde Berg mit den runden Büschen. Die Büsche hast Du gemacht, sagte er zu dem Kleinen. – Dieser nickte sehr einverstanden. – Da sind die beiden Pappeln, die Striche hast Du auch darin gemacht, fuhr der Großvater fort, es ist ein üppiger Wuchs. Der erste ist aber ein Weihnachtsbaum, unterbrach ihn der Kleine. Das ist deutlich zu sehen, versicherte der Großpapa, und eine Sonne läßt Du Deiner Großmama scheinen, die Strahlen sollen ihr schon gefallen. Und welch, ein herrlicher Rauch! Ueber die Fensterformen ist der Junge entschieden noch nicht einig gewesen. Der Kleine nickte wieder sehr einverstanden und zeigte nun dem Großpapa, was alles die Mama an dem Bilde gemacht habe: das Haus, das Mädchen mit den Gänsen, und überhaupt alle dünnen Striche. Ja, ja, versicherte der Großpapa, Du hast eine geschickte Mama, ich darf hoffen, sie erreicht einmal meine kluge Großmama. O, sagte Kadden, Elisabeth hat in diesem Winter alle schönen Künste wieder hervorgeholt, und ich mit ihr, wir lesen Englisch zusammen und spielen Clavier. Englisch lest ihr? sagte Elise erfreut, das ist gut! So verlernt es Elisabeth nicht, und die theuren Stunden sind nicht vergebens gewesen. O nein, entgegnete Elisabeth stolz, ich werde meine Kinder bald selbst unterrichten. Wie war es denn? fragte der Großpapa: als Brautleute habt Ihr auch zusammen gelesen. Das haben wir, entgegnete Kadden. Damals haben wir es gelassen, weil wir uns wegen unserer Aussprache nicht einigen konnten. Mein Englisch muß sich in der Zeit wahrscheinlich erholt haben, es ist besser geworden, meine Lehrerin ist jetzt sehr mit mir zufrieden. – Elisabeth ward etwas verlegen, der kluge Großpapa sah sie zu forschend an. – Augenblicklich aber kommt mir die Sache verdächtig vor, fuhr Kadden fort, ich fürchte sie ist nicht ehrlich mit ihrem Lob. Beim Clavierspielen habe ich mich auch schon oft beklagt, daß sie nicht wahrheitsliebend ist: wenn wir aus dem Takt kommen, ist sie gleich bei der Hand zu behaupten, sie habe sich wahrscheinlich verzählt; und wenn ich zu auffallend der Schuldige bin, versichert sie, ich habe eine besonders schwere Stelle, sie hätte langsamer spielen müssen. Ich habe mir aber vorgenommen, mir das ernstlich zu verbitten, man wird endlich ganz konfus. Wenn sie nun wirklich falsch spielt und die Schuld hat, dann fürcht ich doch immer, sie sagt nur so, und ich komme nie zu meinem Recht. Da haben wir es, sagte der Großpapa, jetzt merke ich, daß ich nicht allein eine kluge Frau habe. Aber jetzt merke ich, fuhr Kadden fort, daß es alles Absicht war; denn heute hat sie mir offen den Vorschlag gemacht, wir wollten uns gegenseitig nur loben. Nein, versicherte Elisabeth erröthend, ich habe gar nichts beabsichtigt, ich habe immer nur gethan, was mir gerade am liebsten war zu thun, und der Gedanke, daß wir uns lieber gegenseitig nur loben wollen, ist mir auch heute zum ersten Mal eingefallen. Der Gedanke ist so übel nicht, sagte der Großpapa. Ich habe doch Recht, fuhr Elisabeth zum Großpapa gewandt, scherzend fort: Männer können keine Vorwürfe vertragen; ja, wenn sie unfreundlich sind, und man sagt es, wird die Sache gewöhnlich bedenklicher. Lieschen! warnte Kadden. Nein, beruhigte ihn der Großvater, jetzt ist sie im vollen Rechte: sie spricht in allgemeinen Bemerkungen, wer sich nicht getroffen fühlt, braucht sich das nicht anzuziehen; denn es giebt immer löbliche Ausnahmen von der Regel. Wahrend man darüber scherzte, blieb Emilie ganz ernsthaft. Obgleich sie sich auch weit lieber loben als tadeln ließ, konnte sie den Gedanken nicht fassen: was soll daraus werden, wenn sich diese beiden Leute nur loben wollen? 47. Ein Streiter Christi Indessen war es dunkel geworden, Cäzilie war gekommen, dann auch die übrigen Gäste. Die Zimmer waren festlich erleuchtet, der Theekessel musizirte, und die Gesellschaft war in der besten Stimmung. Die Großeltern hatten sich entschlossen, den Abend hier zu bleiben und im Mondenschein nach Hause zu fahren. Während die Großmama mit den Damen den Hauptplatz im Zimmer einnahm, saßen die Herren auf einem kleineren Ecksofa, nur Schlösser und Stottenheim nicht, Stottenheim mußte irgend ein schönes vertrauliches Gespräch mit den Damen führen, in welcher Art das mit diesen Damen sein mußte, sagte ihm sein glücklicher Takt, und es war durchaus nicht Heuchelei, daß er jetzt sehr innerlich und ernst redete. Er mußte aber flüstern, – Elisabeth sollte es nicht hören, und zwar war ihm das Flüstern ein besonderes Vergnügen. – Elisabeth saß nur wenige Schritte von ihm, sie braute Thee, und Cäzilie half ihr die Gäste versorgen. Was ich hier in diesem Zimmer erlebt habe, versicherte Stottenheim, werde ich nie vergessen, es hat mich, ich kann es wahrhaftig versichern, zu einem anderen Menschen gemacht. Ihre Frau Tochter, wandte er sich zu Elisen, ist eine verehrungswürdige Frau, ja wirklich eine verehrungswürdige Frau, obgleich sie noch so jung ist. Emilie schwieg zu diesen Berichten, Stottenheims Redeweise war ihr unerträglich, Schlösser aber und Elise forderten durch freundliche Fragen und Entgegnungen den Erzähler zur Fortsetzung auf. Stottenheim erzählte mit Rührung und Begeisterung Szenen aus der Krankenstube, die eigentlich keine Feder beschreiben konnte. Elise, die immer noch nicht recht den Nachrichten ihrer guten Eltern hatte trauen wollen, hörte mit stiller Freude, ja Emilie mußte es sehen, wie ihre Blicke voll stiller Bewunderung auf der geliebten Tochter, auf dem Kind ihrer Sorgen ruhten, und Emilie konnte ihr unruhiges Herz nicht mehr zur Ruhe bringen. Ja der Herr schien doch die Gebete eines schwachen und schwankenden Mutterherzens nicht verworfen zu haben, er hatte Barmherzigkeit geübt anstatt Gerechtigkeit, er hatte die Mutter am Unglück der Tochter mit stark werden lassen; denn was Elise in den letzten Jahren gelitten, war auch mit keiner Feder zu beschreiben, – und Emilie war ihr vielleicht eine recht nützliche Trösterin gewesen, aber keine mitleidige und liebevolle. Ueber Elisabeth mußte jetzt die Mutter voll Freude sein, da war kein Grund zur Sorge mehr; jetzt hatte sie nur noch den Schwiegersohn mit Spannung zu beobachten. Emilie bestärkte sie darin. Durch einzelne zugeflüsterte Worte machten sie sich gegenseitig aufmerksam. Jetzt wollte er also lebenslustig werden, und wie vertraulich und lustig war er mit seinen Kameraden. Wenn das weltliche Treiben wieder anfängt, ist der Segen der Krankheit preisgegeben. Das war beider Bedenken. Schlösser sollte doch diese Gelegenheit benutzen und ein ernstes Gespräch mit den jungen Herren anfangen, vielleicht wurde es dann Kadden leichter, ein gewisses Bekenntniß den Kameraden gegenüber abzulegen, das ihm fortan förmlich zu einer Mauer gegen sie werden konnte. Aber Schlösser war unbeschreiblich ruhig, der Großvater noch unbeschreiblicher; beide Frauen bedauerten die Frau Oberförsterin nicht hier zu haben, die hätte jedenfalls Bahn gebrochen zu einem ernsten Disput, der fehlte es weder an Worten noch an Muth. Schlösser war jetzt zu den Herren getreten und Kadden redete ihn scherzend an: Setzen Sie sich nur her, lieber Schlösser, Sie gehören eigentlich halb und halb zu uns, weil Sie eines Soldaten Tochter geheirathet haben. Ich fürchte mich auch nicht, entgegnete Schlösser freundlich. Oder fürchten wir uns vor ihm? fragte Kadden ebenso scherzend: er ist so ein Genosse des Pastor Kurtius, wenn er nicht noch schlimmer ist. Den Pastor Kurtius achten wir sehr hoch und fürchten ihn nicht, war die freundliche Antwort eines von den älteren der Offiziere. Emilie und Elise hörten aufmerksam dem Gespräche zu, und Emilie sagte: Wenn Schlösser jetzt nicht darauf eingeht, ist es unbegreiflich. Schlösser schien aber nicht Lust zu haben, er entgegnete nur, daß Kurtius ein vortrefflicher Mann sei. Da trat der allezeit helfende Stottenheim hinzu, er mußte sein Licht leuchten lassen und wandte sich sehr imponirend zu seinen Kameraden: – Ihr achtet den Mann, meine lieben Freunde, dann solltet Ihr aber seine Predigten nicht immer tadeln. Wir können sie aber nicht immer loben, wenn wir nicht damit einverstanden sind, entgegnete wieder der ältere Offizier, der eben so brav und achtbar war, als Kadden ehe er sich verlobte, auch mit demselben Glück und Frieden in der Seele, mit denselben Ansichten vom Himmel und guten Gewissen und derselben unbefriedigten Gegenwart, der hoffnungsvollen Zukunft und dem grauen Nichts dahinter. Warum seid Ihr aber nicht einverstanden? schalt Stottenheim, Weil Ihr hochmüthig seid und nichts von der Gnade wissen wollt, die er predigt. Es kommt mir auch ziemlich schwächlich vor, so viel von Gnade zu reden, statt männlich und muthig selbst zu streben und sich in Thaten zu bewähren, entgegnete der Offizier etwas wegwerfend. Stoltenheim wollte ihm etwas entgegnen, aber er verwirrte sich. Da der Großpapa und Schlösser noch schwiegen, nahm Kadden unwillkürlich das Wort. Nun Du muthiger Mann, sagte er scherzend, hältst Du es denn unter Deiner Würde, vor der Majestät unseres Königs Dich demuthsvoll zu beugen, auch ihn demüthigst, wenn es Dir gerade noth thun sollte, um eine Gnade zu bitten, und dabei doch als ein muthiger, stolzer Streiter in seinem Dienst zu stehen und gegen seine Feinde zu kämpfen? Nein, das halte ich allerdings nicht unter meiner Würde! war des Kameraden Antwort. Gut, sagte Kadden, was ist aber die irdische Majestät gegen die himmlische Majestät? Nimm es mir nicht übel, aber es scheint mir unüberlegt, wenn ein armer Mensch, der alles und alles dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden verdankt, meint, er dürfe sich nicht vor ihm beugen. Ich thue das auch auf meine Weise, sagte der Offizier. Auf welche Weise? Im Herzen glaube ich auch an ihn und verehre ihn; Du wirst mich doch für keinen Gottesleugner halten? Nein; aber wenn Du es nicht übel nimmst, sagte Kadden: Du machst es gerade so, wie die jetzigen Constitutionellen, Du lässest den himmlischen König fortbestehen, weil es einmal so herkömmlich ist, Du willst ihn nicht absetzen, wie die Demokraten, ja Du willst ihm alle Ehre gönnen, aber zu thun und zu gebieten als König soll er nicht haben, regieren wollt Ihr Euch schon selber. Und es geht Dir gerade so, wie es den constitutionellen Philistern auch geht: weil an solchem machtlosen Puppen-König im Grunde wenig gelegen ist, so hast Du auch nicht den Muth, seinen Feinden entgegenzutreten, ihn zu bekennen und für seine Ehre einzustehen. Nein! trage ich den König wirklich im Herzen, habe ich Glauben an ihn, so werde ich ihn auch gegen niemand verleugnen. Und weil ich weiß, daß es Dir sonst an Muth nicht fehlt, so kann ich nur denken, Du hast den König Himmels und der Erden wirklich noch nicht lebendig im Herzen. Die Damen hörten dieser Unterhaltung aufmerksam zu. Elise hatte in freudiger Aufregung Emiliens Hand ergriffen, diese aber horchte in seltsamer Spannung. Der ältere Offizier nahm jetzt etwas lebhafter das Wort. Wenn wir einmal davon reden, möcht ich entgegnen, daß es mir kaum etwas helfen würde, diesen König zu bekennen; er scheint mir gerade von den jetzigen sogenannten Gläubigen von dem Thron gestoßen, sie reden ja immer nur von ihrem Herrn Christus. Weil sie beide eines sind, entgegnete ihm Kadden, und weil wir erst durch den Herrn Christus zu dem Vater kommen können. Dagegen sträubt sich eben mein Gefühl, sagte der Freund. Mein Stolz, mein Ehrgefühl, fügte Kadden hinzu, er konnte ja aus Erfahrung sprechen. Der Freund nickte einverstanden: Die ganze Idee hat so etwas ungereimtes, so etwas überflüssiges; warum kann ich nicht gleich zum Herrn Gott kommen, muß erst einen Vermittler und Fürsprecher haben? Warum darf denn nicht jeder Unterthan zum König kommen? fragte Kadden. Warum dürfen Unterthanen dies und das nicht thun? Warum darf denn ein guter Soldat nicht forschen, warum ihm dieses und jenes befohlen wird? Warum giebt es Arme und Reiche, Herren und Diener in der Welt? Warum könnten denn alle unsere Verhältnisse in der irdischen Welt hier uns mit einem Warum beunruhigen? Weil es der Wille Dessen ist, der alles geschaffen und so angeordnet hat. Das ist die Antwort auf alle diese Fragen. Die irdische Welt ist aber nur ein Abbild der ewigen; wenn uns die irdische Welt mit solchen Warum beunruhigt, so muß es die dort oben, die ein schwacher Menschengeist noch nicht begreifen kann, noch mehr, und es bleibt uns Geschöpfen nichts anderes übrig, als uns eben dem Willen des Herrn zu fügen, der über uns ist. Wenn ein armer Bettler einem Könige trotzte, seine Anordnungen unnöthig und überflüssig fände, wenn er fände, daß sie seinen Stolz, seine Selbständigkeit verletzen, so würden wir es für eine Verwirrung halten, und doch gehen hunderte und tausende von Menschen in dieser Verwirrung hin. Der Herr Gott hat uns geschaffen zu seinen Kindern, aber nicht gezwungen sollen wir ihm gehören, er läßt uns die Wahl, aus freier Liebe zu ihm zu kommen, das Böse zu verwerfen, das Gute zu wählen; das ist eben ein Kampf, den wir kämpfen müssen. Indem der Herr nun über uns dies Kommen zu ihm aus freier Liebe beschlossen, mußte seine Liebe zugleich die Erlösung beschließen, weil wir mit eigenen Kräften im Kampfe mit dem Bösen nicht widerstehen können und den Weg der freien Liebe trotz des besten Willens nicht zu gehen wissen. Nun steht es bei uns, sogleich den Worten der heiligen Schrift zu glauben, dem Buch, das uns die Gnade und Hilfe der Erlösung anbietet, oder den Kampf gegen Sünde und Tod mit eigenen Kräften zu versuchen. Die meisten Menschen greifen zum letzteren, und gehen darin verloren. Sie fragen: warum bedürfen wir einer Erlösung? warum können wir nicht aus eigenen Kräften selig werden? Die Antwort: weil es der Rathschluß der Herrn ist, ist ihnen ungereimt. O nein, fiel der Kamerad ihm in die Rede, wir erkennen in dem Herrn Christus wohl einen Erlöser, wir Christen stehen über alle den Völkern, die seine Lehre nicht kennen, seine Lehre ist es, die edler und weiser macht. – Jetzt kam der Redner auf die gewöhnliche Aushilfe, daß Christus der edelste, weiseste Mensch gewesen, daß er uns ein Vorbild gewesen in allen Stücken und ein vortrefflicher Lehrer. Er war aber nur ein Mensch gewesen und war gestorben, seine Macht und seine Hilfe hatten damit ein Ende. – Die anderen jungen Leute wurden darüber auch gesprächig, damit waren sie alle einverstanden. Kadden ließ sie ruhig ausreden, und als Schlösser und der Großpapa schwiegen, nahm er noch einmal das Wort: Nein, der Herr Christus ist nicht der beste Mensch gewesen, er ist entweder Gottes Sohn von Ewigkeit zu Ewigkeit, der zur rechten Hand Gottes sitzt, er herrscht und regiert mit ihm zusammen, – oder er ist ein Lügner und Betrüger und ein Gotteslästerer, zwischen diesen beiden habt Ihr nur die Wahl. Kadden! unterbrach ihn der ältere Kamerad unwillig. Nun Schlösser, helfen Sie mir zu den Stellen, wo der Herr Christus von sich selbst spricht, sagte Kadden. Schlösser machte sogleich den Anfang, und beide führten die folgenden Stellen an: »Ich und der Vater sind eins. – Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. – Ehe denn Abraham ward, bin ich. – Und nun verkläre mich Du, Vater, bei Dir selbst mit der Klarheit, die ich bei Dir hatte, ehe die Welt war. – Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. – Es sollen alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.« – Wer darf so reden? fragte Kadden. Entweder der Wahrhaftige selbst, oder – wie nennt Ihr den Menschen, der sich die Ehre und die Eigenschaften Gottes aneignet? Die Herren wußten nichts zu sagen, der ältere nur begann: Wir sind keine Theologen, und kennen die Schrift nicht so genau. Das ist es eben, was ich hören wollte, sagte Kadden. Mir ist es ganz so wie Euch gegangen, ich kannte die Schrift nicht und sprach gerade das nach, was ich von anderen ungläubigen Leuten gehört hatte und was mir recht bequem und vernünftig war. Aber es läßt sich nicht so durchkommen. Die Frage: ob der Herr Christus ein Lügner oder Gottes Sohn ist, dies Entweder Oder, ist nicht zu umgehen, es giebt kein Mittelding. Uns allen wird diese Frage vorgelegt, und wer hat den Muth zu sagen: er ist ein Gotteslästerer, ein Betrüger? Wenn ich aber den Herrn Christus als Gottessohn anerkennen muß, wenn ich an ihn glaube, wie ich an den Vater glaube, also auch den Liebesrath und die Gnade seiner Erlösung annehme, dann muß ich auch seinen Befehlen gehorchen, dann muß ich mit Eifer forschen, welches die Befehle sind, und wenn ich sie weiß, muß ich den Muth haben, sie auszuführen, muß ich ein ebenso tapferer Streiter Christi sein, als ich ein Streiter für meinen irdischen König bin. Kadden, Du hast ganz recht, sagte Stottenheim sachverständig, und es ist recht gut, wenn wir zuweilen von solchen Dingen reden. Ich weiß zwar, in der ersten Zeit war es mir immer fatal, es beunruhigte mich immer, aber wer Frieden haben will, muß erst Krieg haben. Und wer den Frieden haben will, muß Muth haben, fügte Kadden hinzu. Du, Stottenheim, bist nun so weit, daß Du des Herrn Willen weißt, nun habe Muth ihn auszuführen, es gehört freilich dazu mehr Muth, als mit der Welt den Herrn zu verleugnen und somit allem Kampfe aus dem Wege zu gehen. Lieber Freund, sagte Stottenheim bedächtig, man muß nur freilich nicht zu weit gehen. Richtig, sagte Kadden, so habe ich auch gesprochen. Erst kannte ich den Herrn nicht, und verlangte nicht danach ihn zu kennen; als ich ihn kannte, hoffte ich, man könnte ihn im Herzen haben, dürfte aber mit der Welt leben, ich scheute mich zu weit zu gehen. Ein zu vorsichtiger, bedächtiger und ängstlicher Streiter wird von uns Soldaten aber gering geachtet, und wenn ich einmal vor dem Feind stehe, da will ich lieber tollkühn sein, als ängstlich. Im Grunde ist das freilich auch nicht schwer, denn uns ist der Sieg gewiß, wir haben zum Verbündeten einen unbesiegbaren Herrn. Ein jeder streitet auf seine Weise, sagte Stottenheim abwehrend. Ja, er muß aber aufrichtig streiten, fiel Kadden ein, und aufrichtig dienen. Welcher König möchte einen Diener haben, der heute mit ihm und morgen mit dem Feinde geht. Was meint Ihr? wandte er sich zu seinen Kameraden, und der eigentliche Sprecher entgegnete: Darin hat Kadden recht, wenn ich einmal überzeugt bin, dann gehe ich auch entschieden drauf los. Ja ich will nicht einmal die Farben meiner Feinde tragen, fiel Kadden ein, ich will dadurch nicht in den Verdacht kommen, daß ich zu ihnen gehöre, wenn die Farben an und für sich auch unschuldig sind. Wie meinst Du das? fragte Stottenheim. Alles, was die Welt thut und treibt, sind ihre Farben, und man kann gar nicht entschieden genug dies Thun und Treiben verleugnen. Wer in der Schrift aufrichtig forscht, wird sich davon überzeugen, er kann der Wahrheit nicht widerstehen. Da heißt es: »Wer da sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner.« Kadden schwieg, und der Großvater fügte hinzu: »Und wer da sagt, daß er in Ihm bleibet, der soll auch wandeln wie Er gewandelt hat: Denn es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden. Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Das Wort vom Kreuz ist eine Thorheit denen, die verloren werden, uns aber, die wir selig werden, ist es eine Gotteskraft. Lieber Kadden, Sie sind ja ein trefflicher Theologe geworden, nahm Schlösser jetzt das Wort. Ich habe in diesem Winter Zeit genug zum Studieren gehabt, entgegnete Kadden. Ja, versicherte Stottenheim, Kadden ist ein wahrer Schriftforscher gewesen. Und Stottenheim hat mit profitiren müssen, scherzte Kadden. Ja, wahrhaftig, ich war oft sein geduldiges Publikum, denn Einreden läßt er sich nicht gefallen, er ist wie in allen Dingen, die er anfaßt, ein Hitzkopf. Jetzt werden wir beide auch hierin ihn zur Ruhe mahnen müssen, sagte der Großpapa zu Stottenheim. Ich habe ihm aber damit schon im vergangenen Herbst gedroht, ehe er Theologie studierte! Den Damen war gewiß kein Wort der Unterhaltung verloren gegangen. Emilie saß mit glühenden Wangen, sie konnte nicht anders, sie mußte sich ergeben. Aber es war zu unbegreiflich, daß sie sich geirrt haben sollte, daß ihr Mann und die Großeltern dennoch Recht haben sollten. Und doch war kein Zweifel mehr möglich: ein Mann, der so offen, so kräftig sein Bekenntniß ablegte, ein Mann den sie selbst stolz und herrschsüchtig zu nennen pflegte, nein von dem konnte sie nicht erwarten, daß er aus Menschenfurcht, aus Furcht vor Rücksichten sein Panier zurückziehen werde. Elise hatte Emiliens Hand ergriffen, sie sagte kein Wort; aber jetzt wollte sie Muth haben, gegen den Schwiegersohn zu reden, wie es ihr um das Herz war, jetzt schwebten ihr immer nur die Worte aus dem Lieblingsliede vor der Seele: »Es ist nicht schwer ein Christ zu sein, und nach dem Sinn des reinen Geistes leben.« – Und: Wirf nur getrost den Kummer hin, Der nur dein Herz vergeblich schwächt und plaget; Erwecke nur zum Glauben deinen Sinn, Wenn Furcht und Weh dein schwaches Herze naget; Sprich: Vater, schau mein Elend gnädig an! So ists gethan. Auf, auf, mein Geist, was säumest du, Dich deinem Gott ganz kindlich zu ergeben? Geh ein, mein Herz, geneuß die süße Ruh! In Frieden sollst du vor dem Vater schweben: Die Sorg und Last wirf nur getrost und kühn Allein auf ihn. Cäzilie hatte sich zur Großmama gesetzt, diese hatte freundlich ihre Hand genommen, sie fühlte dem jungen Mädchen eine stille Sympathie an und war liebreich genug, das anzuerkennen. Elisabeth saß auf einer Fußbank, ihrem Lieblingsplatz, vor der Großmama, aber auch Emilien und ihrer Mutter ganz nahe. Sie hatte bis jetzt den Kopf nach den Herren gewandt und dem Gespräch dort zugehört. Jetzt wandte sie sich zur Großmama und sagte: Großmama, wir beide haben doch die allerbesten Männer von der Welt, Du weißt aber, ich habe immer gesagt, mein Mann müßte einmal wenigstens so sein, wie der Großpapa. – Die Großmama nickte; Elisabeth aber, obgleich sie sich vorgenommen, gegen Emilien vorsichtig zu sein, konnte sich nicht zurückhalten. Liebe Emilie, sagte sie warm, nicht wahr, Du mußt Dich über meinen Mann freuen? Du glaubst aber auch nicht, wie glücklich ich bin, und ich weiß es jetzt so gewiß, das Leben wird immer, immer schöner. Emilie nickte freundlich, und die Großmama wiederholte: Ja mit dem Herrn Christus wird das Leben immer, immer schöner. Emilie war aufgestanden, sie war sehr heiß. Sie war an das Fenster getreten und schaute nach dem hellen Sternenhimmel. Sie hörte eine Stimme in ihrem Herzen: »Es haben Dir die Hoffärtigen noch nie gefallen, aber allezeit hat Dir gefallen der Elenden und Demüthigen Gebet,« und: »Gott widerstehet den Hoffärtigen, aber den Demüthigen giebt er Gnade.« Da sah sie plötzlich ihren Mann neben sich stehen, er sagte nichts, aber er nahm ihre Hand freundlich, als wollte er ihr das Sprechen erleichtern. – Sie verstand ihn und hörte wieder die Stimme: Gott widerstehet den Hoffärtigen, aber den Demüthigen giebt er Gnade! Ja, Wilhelm, begann sie mit stockender Stimme, der Herr Christus ist auch für tugendsatte Menschen gekommen, und für solche, die einen leichten und sorgenlosen Sinn haben; – aber er ist auch für hochmüthige und liebearme Herzen gekommen, setzte sie mit zitternder Stimme hinzu. Ihr Mann sah sie bewegt an, und von ihrem Herzen war mit diesem Ausspruch eine Felsenlast. Die Abend-Gäste waren fort, Schlösser und Emilie wollten sich auch zur Ruhe begeben. Elisabeth sagte ihnen gute Nacht und schaute dabei mit so viel Güte und Freude aus ihren hellen Augen, als ob Emilie ihr nur immer die beste Freundin gewesen. Emilie hörte wieder die Stimme: Gott widerstehet den Hoffärtigen, aber den Demüthigen giebt er Gnade. Sie konnte es nicht lassen, sie umarmte Elisabeth, sie weinte an ihrem Halse und sagte weinend: Verzeihe mir, liebe Elisabeth, alles, womit ich Dir weh gethan, alles, womit ich Dich gekränkt. Dann wandte sie sich zu Kadden und sagte bittend: Ich weiß nicht, ob Sie mir verzeihen können? Kadden war so bestürzt, daß er erst nichts entgegnen konnte. Er nahm aber Emiliens Hand und sagte freundlich: Wir wollen uns immer besser vertragen lernen, liebe Emilie. Das gebe der Herr! fügte Schlösser hinzu, nahm Emilien bei der Hand und verließ mit ihr das Zimmer. Als Elisabeth jetzt mit ihrem Mann allein war, sagte sie bewegt: Ich freue mich doch, daß sie endlich meinem Glücke trauen will. Nach acht Tagen – Elisabeths Besuch war schon seit einigen Tagen wieder abgereist, da wandelte sie mit ihren Kindern im Garten, – es war wieder kälter geworden, aber das Wetter war doch wunderschön, – Elisabeth hörte plötzlich die Hornmusik aus der Ferne, sie schaute in den klaren, tiefen blauen Himmel hinein, – o wie herzbewegend waren diese Töne! Sie eilte die Treppe hinauf, sie stand am bekannten Fenster: heute war ihr Mann zum erstenmal wieder zur Uebung mit dem Regimente geritten, heute mußte sie zagend versuchen, ob ein ersehnter Gruß ihr noch zu Theil werden könnte. Sie sah die Sonne auf den hellen Kürassen blitzen; als der prächtige Zug aber näher kam, zog sie sich hinter die Gardine zurück. O wie schlug ihr Herz so bange und erwartungsvoll! Das war er, der stattlichste von den Reitern, – wird er hinauf sehen? Ja! er wandte den Kopf, sah grüßend hinauf. Elisabeth stand mit gefalteten Händen. Sie schaute hinauf in den tiefen blauen Himmel, sie hörte die fernhin schmetternden Töne, sie dachte an die Vergangenheit, an ihre Brautliebe, sie dachte an Wangeroge, an ihr Gebet, an ihre Sehnsucht. »Kann der Herr Wunder thun, kann er auch eine zerwehte Brautliebe wieder schaffen?« Ja er kann es, der Herr ist ein Helfer und Tröster in jeder Noth, wenn wir nur Glauben haben, ungetheilten Glauben. Nach dem Maaße des Glaubens, das wir bringen, wird uns auch Erfüllung und Erhörung zugemessen. Kommen wir mit getheiltem Herzen, mit zerstreutem Sinn, so ist das freilich ein geringes Maaß, und wir können uns nicht wundern, wenn wir nicht reicher fortgehen als wir kamen. Der Herr Christus sagt: Euch geschehe nach eurem Glauben. 48. Die goldene Hochzeit Es war am 11. Mai 1855, ein wunderlieblicher Mittag, das Wetter schien sich vorzubereiten auf den folgenden Festtag, die goldene Hochzeit der Großeltern. Elisabeth hatte viel zu schaffen gehabt. Das alte graue Haus mit den Wappen über den Thüren, den hohen Fenstern und großen Räumen war wohl eingerichtet auf viele Gäste, aber alle konnte es doch nicht fassen, und Elisabeth hatte einen Theil davon übernommen. Für Tante Wina und Paula, die beiden Respektspersonen, war das bekannte Erkerstübchen eingerichtet; für Eltern und Geschwister war aber auch gesorgt. Elisabeth war ziemlich mit allen Anordnungen fertig, als die bekannte Hornmusik aus der Ferne erklang. Das war jedesmal für ihre Kinder ein Jubel, das zarte Verbergen hinter der Gardine mußte Elisabeth aufgeben, die Gesellschaft war zu groß. Ihr kleinstes Mädchen hatte sie auf dem Arm, vier liebliche Gesichter standen neben ihr und schauten durch die Scheiben, als der prächtige Zug vorüber kam, – der stattlichste von den Reitern schaute freudig hinauf nach seinem Reichthum, er war ein glücklicher Mann. Elisabeth übergab ihr Kleinstes den älteren Geschwistern und eilte noch einmal zu Johannen in das Erkerstübchen, um noch einiges hier zu ordnen. Von hier aus sah sie ihren Mann auf den Hof reiten, mit demselben freudigen Herzklopfen als vor neun Jahren, und als er die Treppe mit schnellen Schritten herauf kam, beeilte sie sich um auch fertig zu werden. Als sie in das Wohnzimmer trat, stand er zwischen den Kindern, die ihn förmlich mit Fragen und Erzählungen bestürmten, und aus Furcht und Aerger, daß der Papa nicht nach ihm, sondern nach den anderen höre, schrie eines immer lauter als das andere. Das ist aber ein unverschämtes Sperlingsnest! rief der Papa, gerade als Elisabeth eintrat. Er wandte sich zu ihr und der Sturm war für jetzt beruhigt. Friedrich fing aber leise wieder an: Papa, die Kuchen sind alle schon da. Papa, sie haben unser Sofa aus der Kinderstube in die große Erkerstube gesetzt, fuhr der kleine Otto fort. Papa, aber einen Spiegel hast Du nicht in Deiner Stube, versicherte Mariechen, die Mama hat ihn wirklich fortgenommen. Papa, soll ich Dir ein ganzes Fenster voll Braten zeigen? bat ein kleines Lieschen. Es war wieder große Gefahr, daß das Zwitschern überhand nahm, die Vorbereitungen zum Besuch waren den kleinen Sperlingen zu interessant. Die Mama aber hatte ihm auch etwas zu berichten, und da er sie nicht verstehen konnte, kommandirte er noch einmal Ruhe. Jetzt stand Elisabeth eben so lieblich plaudernd vor ihm, als seine Kinder, nur daß sie das Reich allein hatte und leiser reden konnte. Er hörte aufmerksam zu. Sie sah es seinen Mienen an, daß er Lust zum Lachen hatte; sie ließ sich dadurch nicht stören und erzählte alle ihre schönen Einrichtungen und klugen Einfälle. Jetzt bitte ich Dich, klopfst Du mir in der Tanten-Stube noch die neuen Bilder an, sagte sie; wir haben es nicht versucht, weil sie Dir doch nicht gerade genug hängen würden. Ja, es ist wahr, entgegnete Kadden, Du kannst zwar alles wunderschön, liebes Lieschen, aber Bilder gerade anhängen kannst Du nicht. Ich will es Dir wenigstens überlassen, entgegnete Elisabeth. Zum Dank aber mußt Du mit mir in die neue Logirstube und in die Speisekammer kommen, Du mußt dort die fertigen Kuchen und die schönen Sachen bewundern. Dieses Amt werde ich Friedrich übertragen, entgegnete Kadden. Friedrich, wandte er sich zu diesem, Du gehst mit der Mama, Du kostest von allen Kuchen und den schönen Sachen, und bringst mir genauen Bescheid. Friedrich war sehr einverstanden damit. Die anderen Sperlinge wollten aber auch Posten, und das Gezwitscher nahm wieder so überhand, daß es ein Glück war, als zu Tische gerufen wurde, hier durfte ein für alle mal nicht gelärmt werden. Hier saßen sie mit gefalteten Händen und andächtig und still, der Vater sprach das Tischgebet, es war wohl ein lieblich Bild und die Worte standen darüber: »Siehe, also wird gesegnet der Mann, der den Herrn fürchtet.« Als Nachmittag endlich alles bereit war, selbst die Bilder angehängt und die Kuchen bewundert, da kamen die Gäste an. Schlösser und der Geheimerath mit seinen erwachsenen Kindern zu Fuß, durch den jungen Wald und durch blühende Alleen, – das war ein lieblicher Spaziergang, sie hatten es weit besser als die vier Damen, die im verschlossenen Wagen saßen. Tante Wina und Tante Paula standen wieder in ihrem Erkerstübchen am offenen Fenster, sie lüfteten ihre Hauben und erfrischten sich an der frischen Luft. Dieses mal ganz ohne spannende Erwartung, wie es ihnen hier ergehen sollte, sie wußten vollständig Bescheid. Im Sommer nach Kaddens Krankheit hatten sie wieder ihren ersten Besuch hier gemacht, und zwar zu ihrer höchsten Befriedigung. Elisabeth war wirklich – darin kamen die beide Schwestern überein – ein rücksichtsvolles dankbares Kind, jetzt erkannte sie, was sie den Tanten schuldig war, ihr ganzes Wesen war freundlich und respektvoll. Wenn sie einmal den alten Ton versuchen wollte, wußte ihr Mann sie so ganz in der Stille aufmerksam zu machen, hatte die kluge Tante Wina sogleich bemerkt, und sie mußte ihm zugeben, daß er es am allerbesten verstand, mit ihrem verzogenen Liebling umzugehen. Elisabeth hatte ihnen aber auch gleich das erste Mal wieder versichert, sie sollten nicht glauben, daß ihr Mann immerfort in einer Zuckerwasser-Stimmung sei, er habe auch seine Geschäfte und habe nicht immer Zeit und Lust, sich um sie zu bekümmern, sei auch zuweilen verstimmt, habe Aerger mit seinen Leuten, und sie dürfe sich nie hinein mischen und nie die dumme Idee haben, ihn erziehen zu müssen, sie warte es ruhig ab, bis er wieder in guter Stimmung sei. Sie könne das auch ruhig abwarten, weil sie Beschäftigung in einem schönen Berufe habe und weil sie wisse, daß seine Verstimmungen nicht ihr gelten. – Elisabeth hatte diesmal in wirklicher Ueberzeugung gesprochen, die Tanten fühlten das, und Wina bestätigte es gern in einigen erhabenen Sentenzen. Wie schwer oder leicht ihr die verschiedenen Stimmungen des Mannes zu tragen wurden, behielt sie für sich, die Tanten würden es doch nicht recht begriffen haben, wenn sie gesagt hätte: Kämpfe sind in jeder Ehe, aber in einer christlichen sind sie ohne Gefahr. Die Tanten aber kamen fast jedes Jahr wieder und überzeugten sich immer mehr von Elisabeths Glück, und die Liebe zu ihr und die Achtung für den verehrten Neffen stieg von Jahr zu Jahr. Ja, die immer von ihnen angefeindete Richtung, die ihnen in Kaddens Eigenthümlichkeit so entschieden wie nirgends entgegen trat, nannten sie in diesem Hause harmonisch. Tante Wina konnte jetzt sogar versichern, daß sie dieselben Ansichten habe, und gehabt habe von Jugend auf, und Paula vergoß Thränen der Rührung, wenn es irgend eine rührende Szene mit den Kindern gab. Die guten Tanten waren aber auch zehn Jahr älter geworden, das Schimmerlicht ihres vergnüglichen Lebens, ihrer Geselligkeit, ihrer ästhetischen und poetischen Genüsse spielte stark in ein unglückliches Grau hinüber, sie fühlten sich oft einsam und verlassen, hatten so das rechte alte Jungfern-Unglück im Herzen, ohne Aussicht auf Frieden, darum war ihnen die Nähe dieses Friedens schon eine unbewußte Erquickung. Elisabeths helle Stimme rief die Tanten hinab in den Garten, hier waren die Kaffeetische bereit, und zu der Kinder Befriedigung sollte jetzt die Prüfung der Kuchen gewissenhaft vor sich gehen. Es war wirklich sehr gemüthlich hier, und Elise schaute mit dankbarem Großmutterherzen über die weißen Blüthen hinweg zum blauen Himmel hinauf. Nach einiger Zeit erschien Stottenheim, der natürlich Cäzilien geheirathet hatte, sich auch von Kadden in das Schlepptau nehmen ließ, und ein glücklicher, wenn auch noch immer ein gesprächiger Mann war. Cäziliens Einfluß, und der Einfluß seines ganzen Lebens jetzt, ward übrigens immer mehr an ihm bemerkbar. Seitdem er sich nicht mehr bestrebte, ein nach allen Seiten hin nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein, sondern sich beschränkte auf sein Haus und auf einen kleinen Kreis, waren seine Gedanken nicht so zerfahrend und verschwimmend. Seine guten Eigenschaften, seine Gutmüthigkeit, sein Verstand, verdienten Anerkennung, und Kadden war und blieb trotz seiner großen Verschiedenheit sein treuer Freund. Jetzt kam Stottenheim als Gesandter seiner Frau. Schlösser nämlich und Elisabeths erwachsene Brüder sollten bei ihnen einquartirt werden, er sollte die lieben Gäste jetzt persönlich versichern, wie sehr willkommen sie wären. Dann aber war seine Unterhaltung ausschließlich seinen alten Freundinnen, den verehrten Tanten Wina und Paula gewidmet, und wie er früher mit ihnen so herrlich über die Wahrheit des Lebens und die beglückenden Ansichten der Wirklichkeit reden konnte, sprach er jetzt von dem Glück seines häuslichen Lebens, von seinem ungewöhnlich begabten kleinen Mädchen, von seiner lieben stillen frommen Hausfrau, und daß es wirklich einen Frieden gäbe, der über die Wirklichkeit und über alle Vernunft hinaus die Seele befriedigen könne. Für Emilien war diese Art zu schwatzen, wie sie es nannte, immer noch unerträglich, und jedesmal wenn sie mit Stottenheim zusammen kam, war es für sie eine rechte Aufgabe, ihn geduldig anzuhören und auch eingehend auf seine Fragen zu antworten. Sie gab es jedoch in ihrem Herzen und auch gern ihrem Manne zu, daß der Herr Christus auch für gutmüthige und oberflächliche Leute gekommen sei. Sie sah ein, daß Stottenheim nur ein kleines Pfund erhalten hatte, und daß der Herr wenig von ihm fordern wolle. Vor Sonnenuntergang wandelte die ganze Gesellschaft auf dem bekannten Grasrain hinauf. Es war ein erquicklicher Maienabend. Elisabeth pflückte mit ihren Schwestern wieder liebliche Feldblumen, ihr Mann aber hatte keine Veranlassung, auf die jungen Mädchen eifersüchtig zu sein, und war ihnen ein aufmerksamer und liebenswürdiger Schwager. Als sie das Ende des Grasrains erreicht hatten, setzten sich alle auf einen grünen etwas höhern Wall und begannen zu singen. Kadden stimmte zu Elisabeths Vergnügen die Lorelei an: »Ich weiß nicht was soll es bedeuten« – Der kleine Friedrich und sein Schwesterchen fielen sogleich ein: »daß ich so traurig bin.« Das Lied kannten sie wohl, der Papa sang es, wenn er recht vergnügt war. Dann aber sang das ganze jüngere Chor: »Es ist bestimmt in Gottes Rath, daß man vom Liebsten, was man hat, soll scheiden,« und im Zurückgehen folgte ein hübsches Lied dem andern, bis der Schwestern Lieblingslied, das schöne Lied von Knak, von ihrem lieben Berliner Landsmann, den Schluß machte: Laßt mich gehen, laßt mich gehn, Daß ich Jesum möge sehn! Meine Seel ist voll Verlangen. Ihn auf ewig zu umfangen Und vor seinem Thron zu stehn. Süßes Licht, süßes Licht, Sonne, die durch Wolken bricht! O wann werd ich dahin kommen, Daß ich dort mit allen Frommen Schau dein holdes Angesicht! Ach, wie schön, ach, wie schön Ist der Engel Lobgetön! Hätt ich Flügel, hätt ich Flügel, Flög ich über Thal und Hügel Heute noch nach Zions Höhn. Wie wirds sein, wie wirds sein, Wenn ich zieh in Salem ein, In der Stadt der goldnen Gassen: Herr, mein Gott, ich kanns nicht fassen! Was das wird für Wonne sein! Paradies, Paradies, Wie ist deine Frucht so süß! Unter deinen Lebensbäumen Wird uns sein, als ob wir träumen: Bring uns, Herr, ins Paradies! Der folgende Tag war ein Maientag wie der 12. Mai im Jahre 1805, der Himmel war besonders strahlend, der junge Wald duftend, die Blüthen silberweiß, die Aurikeln glänzend in den farbigen Sammetkleidern, und aus der frischen thauigen Wiese schauten hundert und tausend bunte helle Aeuglein heraus und schimmerten wie lichte Seide und Edelgestein. Früh in der Kühle und im Morgenglanze wandelte ein Paar über die Wiese hin, unter den schattigen Rüstern am Bach entlang, nach den grünen Tannenhöhen. Sie wandelten nicht mit so leichten Schritten als vor 50 Jahren, aber rüstig und fest genug. Sie saßen dort oben auf der Höhe, sie schauten hinab in die liebliche blühende Welt und hinauf in das klare friedensreiche Blau des Himmels, und wenn sie heute beide nicht so gesprächig als vor 50 Jahren waren, so waren sie desto glücklicher. Ja, lieber Fritz, sagte die goldene Braut, wir haben dem Herrn viel zu danken, in welchem Kreise dürfen wir den schönen Festtag feiern! Nun möcht ich aber jede irdische Sorge abwerfen, und so lieb mir da unten das liebe Geschwirre von Großen und Kleinen in unserem Hause ist, so werden wir recht gern wieder in Ruhe leben und recht gern bald in Frieden von dort oben hinabschauen auf Kind und Kindeskind. Der goldene Bräutigam war damit einverstanden, sie standen ja beide selig harrend an der Himmelsthür. Als sie zurückkehrten, war das ganze Haus in Bewegung. Alle Kinder groß und klein wurden zusammen gerufen, man mußte sich anziehen, um in die Kirche zu gehen. Die Frau Oberförsterin spielte heute die geschäftige Brautmutter, sie nahm die goldene Braut in Empfang, um ihr beim Anziehen behilflich zu sein, und darauf verschwanden alle in ihren Zimmern und es ward ganz ruhig im Hause. Der Bräutigam stand bald darauf im stillen Wohnzimmer ganz allein, er war im festlichen Anzug und hatte den goldenen Myrthenstrauß vor der Brust. Er stand gedankenvoll am Fenster und gedachte der Zeit von damals, wo er so glücklich und erwartungsvoll harrte auf seine jugendliche Braut. War denn dies Sehnen, diese Erwartung erfüllt? Ja und so selig erfüllt. Er hatte sich eben recht vertieft in der Erinnerung ihres blühenden Jugendbildes, als die Nebenthür leise aufging und sie selbst eintrat. Ihre feine hübsche Gestalt war dieselbe, sie trug sich leicht und gerade, sie hatte ihr weißes Brautkleid an, aber ein reiches weißes Seidentuch und der Schmuck von schönen Spitzen verhüllte es fast. Auf dem Kopfe ruhte eine kleine weiße Haube und der goldene Kranz. Er schaute sie an, seine liebe Braut, ein liebes treues Mütterlein, mit der klaren Stirn und denselben großen kindlichen Augen und den lichten Zügen. Thränen traten in seine Augen, er schloß sie bewegt in seine Arme. Ich danke Dir für alle Güte und Liebe und Treue, die Du mir bewiesen hast, sagte er: ich habe es Dir nie vergelten können, aber der Herr hat es Dir ja selbst vergolten. Sie konnte ihm darauf nichts entgegnen, sie sah ihn auch durch Thränen an, aber so glücklich und dankbar, sie wollte sagen: Du bist mir immer ein lieber, gütiger und getreuer Hausherr gewesen. Und mit dem Hübscherwerden hat es wirklich seine Richtigkeit, sagte er nach einer Pause, ich könnte mir doch gar nicht denken, wie Du hübscher aussehen könntest. – Sie lächelte und glaubte es. Indem sie jetzt nach dem Sofa gingen und unter den großen Jugend-Bildern feiernd Platz nahmen, sahen sie erstaunt gegenüber an der Wand zwei Gegenstücke in schönen goldenen Rahmen: eine jugendliche Frau und ein Kürassier-Offizier. Otto! Elisabeth! riefen die lieben Großeltern in freudiger Ueberraschung. Die Großmama hatte vor längerer Zeit den Wunsch geäußert, die Bilder zu haben. Wenn ich erst einmal in der Stube bleiben muß, und wenn Ihr gar versetzt werdet, hatte sie zu Elisabeth gesagt, so möchte ich Eure Bilder dort haben. Von Elisabeth war die Erfüllung dieses Wunsches nicht gerade von sich geschoben, sie hatte zugleich aber sich die Bilder der Großeltern damit vermachen lassen. Für jetzt hingen sie sich nun gegenüber und sahen sich freundlich an. In dem Augenblick trat Onkel Karl ein, im schwarzen Festanzug, mit grauem Kopf und krummem Rücken. Er war nur zwei Jahr älter als der Großpapa und 78 Jahr alt, er sah aber weit älter aus als der rüstige Jubelbräutigam. Sein Gehör hatte er fast ganz verloren, aber seine Wirtschaft besorgte er so gut es ging. Sein ältester Neffe Wilhelm war ja wirklich Landrath in Woltheim geworden und stand ihm helfend zur Seite. Die Großmama führte ihn jetzt zu den neuen Bildern, er war ebenso überrascht. Unser Liebling! sagte er. – Die Großmama nickte. – Wissen Sie, Frau Schwägerin, vor 25 Jahren? Sie ist immer noch ein liebes Kind, rief sie ihm freundlich in die tauben Ohren. Und wie sie damals Tische und Stühle in Liebe umarmte, wandte sie sich zu ihrem Mann, so hat sie jetzt den Herrn umfaßt. Nun ja und das Großmutterherz ist ohne Sorgen, fügte er hinzu. Als sie jetzt beide durch das Fenster schauten, sahen sie den Liebling an der Seite ihres Mannes durch den Garten kommen. Elisabeth war schon früh mit ihren Gästen und Kindern gekommen, ihr Mann hatte nicht so früh Zeit, er war später nachgeritten, und wie so oft, das Pferd am Zügel, ging er neben Elisabeth den Weg am großen Ahorn her. Sie sahen die Großeltern am Fenster stehen, Kadden gab sein Pferd ab und eilte mit Elisabeth, das liebe theure alte Paar zu begrüßen. Die Großmama küßte ihn. Du bist mein lieber Otto, sagte sie, und sollst mich auch von jetzt an Du nennen, weil Du mein liebes Kind bist. Er dankte ihr, glücklich wie ein Kind, sie war ja längst sein liebes Mutterherz. Der Großvater begrüßte ihn auch wie einen lieben Sohn, und nannte ihn zum ersten Mal Du. Kadden sagte, daß er sie gleich so lieb gehabt, als er sie zum ersten Mal gesehen, und wohl geahnet habe, daß er, ein armer Mensch ohne Heimath, bei ihnen Heimath und Frieden finden würde. Elisabeth aber – sie war zu glücklich, sie konnte nichts weiter sagen als wie vor 25 Jahren: Ich habe Euch zu lieb! Schlösser hielt die kirchliche Feier, und was er sagte, konnten sich alle verheiratheten Leute noch einmal zu Herzen nehmen. – Darauf nahmen verschiedene Festtafeln die Gäste auf. Onkel Karls Absicht war unverkennbar, es sollte heute sehr hoch her gehen, und so gut es sich thun ließ, war er ein aufmerksamer Wirth. Den alten Friedrich hatte er auch in eine neue Livree gesteckt, damit er das Fest würdig mitfeiern konnte. Er war in den letzten Jahren zu Onkel Karls Kammerdiener und beständigem Gesellschafter avancirt, was ihm auch nicht schwer wurde, weil seine alten Schimmel gestorben waren und er sich mit den neuen Pferden, die jung und schnell waren und eigentlich meistens von dem Herrn Landrath benutzt wurden, nicht mehr befreunden wollte. Heute war er der Hauptdiener an der Hochzeitstafel, und da er sich des Onkels Taubheit wegen eine sehr laute Stimme angewöhnt hatte, war er überall mit seinen ebenso bedächtigen als höflichen Redensarten zu hören, was dem jugendlichen Theil der Gesellschaft ein besonderes Vergnügen war. Kadden hatte seinen Platz neben der Frau Generalin, Emiliens Mutter, erhalten. Der General war schon seit mehreren Jahren todt, und sie lebte ganz zurückgezogen ein stilles Wittwenleben. Es machte ihr heute große Freude, von ihrem seligen Manne zu sprechen, und von der Zeit, wo sie an seiner Seite lebte. Kadden war ja auch nicht nur ein Streiter im weltlichen Waffenrocke, er war ein Streiter des Herrn. Kadden sprach gern mit der liebenswürdigen gescheiten Frau, und ein Hauptthema ihrer Unterhaltung war: die Geselligkeit aus Rücksichten, aus Schwäche und Menschenfurcht, – und die als Pflichterfüllung gegen die Stellung, die der Herr Gott seinen Kindern oft mitten in der Welt anweist, – und wie es so wunderbar ist, daß die Welt augenblicklich ahnet und weiß, wie jemand ihr gegenüber steht. Ueber Kadden wunderte sich niemand, daß er weder Spielkränzchen, noch Theater, Conzerte und Bälle besuchte; wenn er aber bei wirklich nothwendigen Gelegenheiten allein oder mit seiner Frau dort erschien, wußte ein jeder, warum er kam. Ja die wohlmeinenden und verständigen von seinen Kameraden schätzten und achteten ihn gerade wegen seiner Offenheit und Entschiedenheit, sie waren auch gern in seinem Hause, wenn der Spieltisch hier gleich nicht zur Unterhaltung diente und zuweilen ein ernstes Gespräch unvermeidlich war. Wenn beim gemeinschaftlichen Musiziren Elisabeth es nicht lassen konnte, einen Lieblingschoral, der sie in der Zeit gerade sehr beschäftigte, mit ihrem Mann und ihren gläubigen Freunden zu singen, so hörten die andern Gäste recht gern zu, und Kadden überzeugte sich immer mehr, daß man nur im guten Vertrauen auf den Herrn und auf den heiligen Geist und mit aufrichtigem liebreichem Sinn für seine Brüder herausrücken könne mit dem, was der Seele einmal das Seligste und Reichste und das Liebste ist. Daß Bonsaks versetzt wurden, war ihm ganz lieb, besonders aber für Stottenheim und Cäzilien. Adolfine hatte sich verheirathet, und führte ein Leben, wie sie es von Frau von Bandow gelernt. Die beiden älteren Schwestern kamen zuweilen als angehende sentimentale Tanten nach Braunhausen, und Stottenheims Lebensaufgabe war es, wie er gern versicherte, sie zu bekehren. Bonsaks Nachfolger war, wenn auch nicht kirchlich gesonnen, doch ernster und bedeutender als sein Vorgänger, und seine Frau neigte sich entschieden zu dem kleinen gläubigen Kreise in Braunhausen. Sie hatte Elisabeth gleich gebeten, ihr zu sagen, wo sie sich an Werken der Wohlthätigkeit betheiligen könne, sie hatte bei Kaddens in einer größeren Gesellschaft Kurtius und Bornes kennen gelernt, nachher sich sehr zufrieden über diese Bekanntschaft ausgesprochen und auch reichliche Missionsbeiträge gegeben. Kadden schloß seinen Bericht und die Generalin war ganz mit ihm einverstanden, daß die Zeiten seit 1848 sich sehr geändert, daß es den jüngeren Leuten jetzt leichter werden könnte, mit ihrem Bekenntniß der Welt gegenüber zu treten, weil der Glaube und die Gläubigen zu Ehren gekommen waren, ja daß darin fast eine Gefahr lag, zu leichten Kaufs zu einem solchen Hervortreten zu kommen. Nach dem festlichen Mittagsessen wurde der köstliche Maienabend lustwandelnd im Garten genossen. Als dann wieder alle Gäste in den Zimmern versammelt waren, sollte mit einem Liede das Fest beschlossen werden. Der Großvater saß mit der Großmutter im Sofa, Kinder und Kindeskinder, Verwandte und Freunde, saßen und standen um sie herum, die Oberförsterin hatte sich an das Klavier gesetzt. Wir haben heute schon viele Lieder gesungen, sagte der Großpapa freundlich, immer Dank- und Loblieder, das war auch natürlich: wenn wir auf die Vergangenheit zurückschauen, haben wir dem Herrn zu danken und zu preisen. Jetzt beim Schluß des Festes, wo wir mit des Herrn Hilfe wieder in die Zukunft schauen wollen, möchte ich ein Lied mit Euch Lieben singen, das meiner Seele am nächsten liegt, mit dem Lied möcht ich mit meiner lieben Gefährtin einst an der Himmelsthür stehen und mit dem Lied, das ist unser Gebet, möchtet Ihr doch alle einmal dort stehen. Wer dies Lied von ganzer Seele singen kann, wird sicher angenommen. Das ist das Beste was ich Euch Lieben zum Abschied wünschen kann, das gebe der Herr uns allen. »Aus tiefer Noth schrei ich zu Dir« – so stimmte er an und so stimmten alle mit bewegtem Herzen ein. Ja das war der schönste Schluß des frohen Festes. Und ob es währt bis in die Nacht, Und wieder an den Morgen, Doch soll mein Herz an Gottes Macht Verzweifeln nicht noch sorgen. Er ist allein der gute Hirt, Der Israel erlösen wird Aus seinen Sünden allen. Emilie stand mit Schlösser in einem Fenster, Elisabeth und Kadden zufällig neben ihnen. Emilie hatte ihres Mannes Hand ergriffen, sie sang mit bewegter Seele, mit dem Liede wollte sie auch an der Himmelspforte einst stehen, aber der Weg dahin lag nicht leicht vor ihr. Elisabeth sang mit heller lieblicher Stimme, sie stand an ihren Mann gelehnt, sah vertrauend und lieblich und voll Glückes Zuversicht, als ob sie nun geborgen wäre vor aller Noth des Lebens. Ja sie war es auch, ebenso der Mann, den ihre Seele liebte. Jetzt durfte sie seine Seligkeit so sicher in die ihre einschließen, sie hatten beide einen Herrn und einen Helfer neben sich: Jesus Christus gestern und heute und in alle Ewigkeit. Amen.