Aus'm heiligen Landl Lustige Tiroler Geschichten von Rudolf Greinz     Leipzig Verlag von L. Staackmann 1909     Inhalt. Der Pecher Hias Die viereckete Seel' Die Kindstauf' Die Notleine Des Nagiller Krust Brautwerbung Der Teuxelsgratten Die g'frorne Liab' Der Pfannenstiel Die eing'stellte Heirat Der Hexenkessel Gatter-Lois Mein Urahndl Die Lies Jörgl's Erbschaft Als ich Fremdenführer machte Der Heiligenmaler Der Kunstjodler Der Krat 's Kunterfei Ein Viertel Tiroler Adler Der Jager-Martl Lipp in der Höll' Wallfahrtsrast Der Wurtgartner     Der Pecher Hias. Mit Pech hatte es der Hias einen beträchtlichen Teil seines Lebens zu tun gehabt. Er war nämlich Pechsammler und Wurzengraber von Profession. Das Pech verarbeitete er zu allerlei heilsamen Pflastern für die verschiedensten menschlichen Gebresten. Aus den Wurzen braute er Trankeln für Vieh und Leut' oder brannte kräftigen Schnaps daraus. So hatte er es nicht nur zu einem gewissen Ansehen, sondern auch zu kleinen Ersparnissen gebracht. Im Laufe der Jahre hatte er sich sogar ein kleines Gütel am Wald droben erhaust, in dem er wirtschaftete, sein Pech auskochte und aus seinen Wurzen klingende Münze schlug. Der Hias wäre also im Grunde genommen ein beneidenswerter Mensch gewesen, wenn er nicht zuletzt das Weiberleutische und den Heiratssinn bekommen hätte. Als »a lediger Fetz'n« hatte der Pecher Hias schon ein halbes Jahrhundert am Buckel, als ihn plötzlich der Rappel packte und er es allein nicht mehr aushielt. Wenn's der Goas zu wohl ist, heißt es im Volksmund, dann kratzt sie sich . . . und wenn's einem alten Junggesellen zu gut geht, dann heiratet er. 6 Der Hias hatte eine ältere Dirn geheiratet, die auch schon tüchtig in den Vierzigern war, die Kordl vom Weyraterbauern. Schon äußerlich war es das ungleichste Paar, das sich denken ließ. Der Hias ein bärenstarker, baumlanger Mensch, die Kordl ein winziges, dürres, spitziges Frauenzimmer und dabei eine Bisgurn, wie sie im Buch steht. Mit seiner Heirat hatte daher der Hias entschieden das allergrößte Pech gehabt. Mit der Kordl war einmal gar nicht auszukommen. Der Hias hatte daheim die wahre Hölle. Von den Zärtlichkeiten der Kordl trug er nur allzuoft die deutlichsten Spuren an seinem Leib. Denn so nichtig und klein die Kordl war, so flink war sie, ihrer stärkeren Ehehälfte was an den Schädel zu schmeißen. Das Geschirr und überhaupt alles, was zum beweglichen Besitztum des Hias gehörte, flog nur so in seiner Behausung, seitdem er glücklicher Ehemann war. Der Pecher Hias war selbst sein bester Kunde geworden. Er ging die meiste Zeit mit einem verpflasterten Gesicht oder Kopf herum. Daß der Hias bei seinem Schaden für den Spott nicht zu sorgen brauchte, ist selbstverständlich. Es mußte ja die Lachlust herausfordern, daß ein solcher Bärenlackel sich eines derartigen » Fürggele « von Weibsbild nicht erwehren konnte. Der Kordl gegenüber war jedoch der Pecher Hias 7 ohnmächtig. Er behauptete immer, sie habe ein G'schau wie der helliachte Tuifl, so daß einem ganz angst und bang davor würde! Solle es nur einmal wer anderer versuchen, der Kordl den Widerpart zu bieten! Schließlich und endlich aber, als der Hias schon mehr als ein volles Jahr seiner ehelichen Freuden hinter sich hatte, wurde ihm die Sache doch zu dick. Er überlegte noch eine Zeitlang und faßte dann einen großen Entschluß. Der hochwürdige Herr Kurat müßte ihm helfen, dachte sich der Hias, und so machte er sich denn eines schönen Nachmittags auf den Weg in den Widum. Der Herr Kurat Martin Strobl, ein ziemlich wohlgenährter behaglicher Sechziger, ging gerade in seinem Stüberl auf und ab und las eifrig im Brevier, als laut an die Tür geklopft wurde. »Herein!« rief der Kurat etwas ungeduldig über die Störung. Der Pecher Hias erschien im Türrahmen und schob seine lange knochige Figur langsam hindurch. »Grüaß Gott!« sagte der Hias und nahm den Hut ab. »Is 's derlabt ?« »Kimm lei einer, Hias!« lud ihn der Kurat ein. »Was hast nachher du für Schmerzen?« fragte er, indem er sich auf sein Sofa niederließ. »Mei'! Allerhand Schmerzen hab' i!« gab der Hias zur Antwort und fuhr sich unwillkürlich mit der Hand ins Gesicht, wo er nicht weniger als drei ziemlich umfangreiche Pechpflaster aufgepappt hatte. 8 »Hast mit die Katzen g'rauft?« fragte der Kurat lächelnd. »Naa! Sell nit! Aber mit der Kordl!« erwiderte der Hias zögernd. »Setz' di amal nieder und erzähl' mir, was di druckt!« lud ihn der Kurat ein. Der Hias setzte sich vorsichtig auf den Rand eines Stuhles und meinte. »Da is nit viel zum erzählen! Miar g'schaffen halt nit!« »Wer g'schafft nit?« frug der Kurat. »Ja, die Kordl und i!« »Ah so? Du und dei Weib. I hab' schon so was läuten g'hört. Ös seid's ja erst a Jahr verheirat't. Da könnt's do auskommen mitanand!« Der Kurat nahm eine Prise und sah sich den Hias etwas forschend an. »I kömmet schon aus!« meinte der Hias und kratzte sich bedenklich am Kopf. »Aber sie is grad' so viel a beas' Weibets!« »Ah! Gar so arg wird's do nit sein!« tröstete der Hochwürdige. »Wenn zwoa Menschen z'sammheirat'n, nachher g'schaffen's schon öfter nit! Dös kimmt die meiste Zeit vor!« »Ah woll die meiste Zeit?« frug der Hias und starrte den Kuraten ganz blöd an. »Woll, woll! Dös vergeaht nachher scho wieder!« tröstete ihn der Kurat. »Der Eh'stand is halt a Wehstand!« »Ah so!« Der Pecher Hias war eine Zeitlang ganz stad. Dann begann er plötzlich wieder. »Ja, 9 warum habt's denn Ös mir dös nit früher g'sagt?« »Was?« fragte der Kurat verwundert. »Daß die meisten Eh'leut' nit g'schaffen!« »Dös wirst woll do selber oft g'nua g'söch'n hab'n!« gab der Kurat zurück. »Gar so jung bist ja nimmer g'wesen, wia d' g'heirat't hast. Und die Kordl aa nit!« »Naa, jung sein miar grad' nimmer g'wesen!« bestätigte der Hias. »Aber dös hättet's Ös mir sagen müass'n! Dös hab' i nit g'wüßt!« »Ja, wia kimmst denn du mir für, Hias!« rief der Hochwürdige ganz erzürnt. »Du bist do koa Fatschenkind mehr g'wesen! Du hast do bei uns im Dorf da g'lebt! Hätt'st deine Aug'n auftan! Wia viel kömmen denn da aus mitanander? Schau dir den Forcherbauern an! Der sauft umanand und geaht hoam und prügelt sei Weib!« »Ja, ja! Der Forcher! Dös is oaner. Der hat's Regiment in der Hand!« grinste der Hias ganz selig. »Und bei dir hat's die Kordl! Dös is der ganze Unterschied! Du hast's ja früher kennt, die Kordl!« » Amearst is sie nit a so g'wesen! Zelm hat s' mir freili' schian tan! Aber iatz!« Der Hias seufzte schwer auf. »Muaßt halt Geduld hab'n mit ihr! Nachher wird's schon giah'n!« redete ihm der Kurat zu. 10 »Geduld hab' i schon. Aber es geaht do nit!« meinte der Hias. »Laß di in koan' Streit damit ein! Alloan kann's nit streiten!« belehrte ihn der Hochwürdige. »Ah woll! Dö streit't schon alloan!« versicherte der Hias. »Aber wenn d' ihr koa Antwort gibst!« »Nachher haut's mir a paar eini, daß i ihr gern oane gib!« »Ja, warum bleibst denn stiahn?« »Ja, weil i muaß! Sie hat schon a Scheit, daß s' mi derroacht !« meinte der Hias ganz wehmütig. »Woaßt was, Hias, was i tat, wann i du waar?« »Naa!« »I hauet die Kordl amal tüchtig durch! Vielleicht kriagt s' auf dö Weis' eher an Respekt vor deiner!« »Sell tua i nit! Da waar' i ja 's Leben nimmer sicher dabei!« wehrte sich der Hias energisch. »Also fürcht'st di vor der Kordl?« lachte der Kurat. »Ös tat's Enk schon aa fürchten, wenn's Ös an meiner Stell' waart's!« rief der Hias überzeugt. »Dös is ja ärger wia d' Höll', so a Leb'n!« »Naa, naa! Die Höll' is schon no ärger!« erklärte der Kurat bestimmt. »Dös is nit möglich! I kömmet liaber in d' Höll'!« versicherte der Hias energisch. 11 »A so därfst nit daherred'n, Hias!« verwies ihn der Kurat. »Dös sein gottlose Reden! Du muaßt alle deine Leiden unserm Hearrn aufopfern und bedenken, wia viel er für di g'litten hat!« »I lasset mi' gern kreuzigen, wann i nachher an Fried' hätt'!« meinte der Hias eigensinnig. »I hab' dir's schon amal g'sagt, dös sein lästerliche Reden!« sagte nun der Kurat aufgebracht. »Unser Hearr hat viel meahr g'litten als wia du! Und du sollst froh sein, daß d' für ihn was leiden därfst!« »Was? Froh sein aa no!« fuhr jetzt der Hias ganz wild in die Höhe. »Unser Hearr war nia verheirat't! Und mit der Kordl schon gar nit!« »Jatz sei nur nit a so wild, Hias, und tua mir nit a so schiach daherred'n!« begütigte ihn der Kurat. »I begreif's ja, daß dir amal der Geduldsfaden ausgeaht! Aber dei Leiden därfst du desweg'n nit mit'm Leiden Christi vergleichen! Jatz muaßt di halt do in Geduld drein ergeb'n in dei Schicksal! Verheirat't is verheirat't. Da kann man nix mach'n!« »Nix mach'n kann man!« rief der Hias noch immer wild. »Freili' kann man was mach'n! I dergib mi nit drein! I hab's satt! I gib's z'ruck!« schrie er. »Was gibst z'ruck?« fragte der Kurat verständnislos und nahm eine kräftige Prise. 12 »Die Kordl natürlich!« »Die Kordl is do koa Kuah, dö man z'ruckgeb'n kann, wenn's eing'handelt is! I hab' dir schon amal g'sagt: Verheirat't bleibt verheirat't . . . und da kann man nix mach'n!« sprach der Hochwürdige ernst. »Dös gibt's nit!« schrie der Hias. »I bin betrog'n word'n! Ös hättet's mir sagen sollen, daß die Leut', bald s' verheirat't sein, nimmer g'schaffen! Nachher hätt' i nit g'heirat't!« »Also waar' i iatz auf oamal die Schuld?« fragte der Kurat lachend. »Ja, dös seid's!« bestätigte der Hias. Ös habt's uns z'sammgeb'n, Ös müaßt's uns aa wieder ausanander geb'n!« »Mir scheint, Hias, du bist verruckt! Du muaßt dei Kreuz schon weiter trag'n! Da hilft nix!« »I bin nit verruckt, und i trag's nit weiter!« schrie der Hias aus Leibeskräften und sprang von seinem Sessel auf. »I hab's satt! Ös habt's mir so schian daherg'redt von der Heiligkeit der Ehe! Dös is gar nit wahr! Dös kann nit heilig sein, wenn s' mi halb derschlagt! Ös habt's mi betrog'n! Und i gib s' z'ruck!« »Jatz is's g'nua!« rief nun der Kurat, dem die Geduld riß, empört und stand vom Sofa auf. »Jatz schaust, daß d' bei der Tür außi kimmst! Auf der Stell', sag' i! Die Kordl hat ganz recht, wenn sie so an gottlosen Menschen, wia du oaner bist, ordentlich durchkarbatscht!« 13 »Was? Recht hat sie aa no?« schrie der Hias erbost. »Außi, sag' i!« rief der Kurat. »I geah schon!« erwiderte der Hias. »Aber i gib s' z'ruck!« Damit war er bei der Tür draußen. Der hochwürdige Herr Kurat durchmaß noch geraume Zeit aufgeregt mit langen Schritten sein Stüberl. Dann stopfte er sich zur Beruhigung eine Pfeife und qualmte seinen Ärger in dichten blauen Wolken in die Luft. So ein ungehobelter Lackl wie der Pecher Hias war ihm doch lange nicht mehr untergekommen, dachte sich der Hochwürdige. Den wollte er sich bei der nächsten günstigen Gelegenheit aber noch einmal ordentlich ausleihen, den Hias . . . Seit der denkwürdigen Unterredung des Pecher Hias mit dem Herrn Kuraten waren ungefähr drei Wochen verstrichen. Eine Gelegenheit aber, den Hias herunterzukanzeln, hatte der Hochwürdige seitdem nicht gefunden; denn der Hias ging dem geistlichen Herrn mit einer derartigen Sorgfalt aus dem Wege, wie der Teufel dem Weihwasser. Mit der Zeit hatte der Kurat auf die Szene im Widum auch wieder nahezu vergessen. Der Hias hatte allerdings desto weniger darauf vergessen. Das sollte der Kurat in einer unbedingt etwas eigentümlichen Weise erfahren. Auf einmal schellte es mitten in der Nacht an der Widumglocke so gellend und unaufhörlich, als wenn 14 ein paar Verrückte vor der Haustür draußen wären oder mindestens plötzlich das ganze Dorf in den letzten Zügen läge. Der Kurat glaubte auch gar nichts anderes, als daß unvermutet ein schwerer Krankheitsfall ausgekommen sei, am Ende gar wer verunglückt wäre. Er sprang daher selbst eilig aus dem Bett, warf seinen Talar über und schickte sich an, die Haustüre zu öffnen. Schon auf der Stiege hörte er, durch das fortwährende Schellen der Hausglocke kaum übertönt, einen wahren Mordsspektakel. Eine kreischende und schimpfende Weiberstimme in allen nur denkbaren Tonhöhen. Inzwischen war auch die Widumhäuserin wach geworden und kam ängstlich, was los sei, mit einem Licht in den Flur herunter. Die Haustüre wurde aufgesperrt. Was sich nun da den Augen des hochwürdigen Herrn Kuraten darbot, das hatte er allerdings in seiner ganzen geistlichen Praxis bisher noch nicht erlebt. Vor der Tür, sorgfältig an die Mauer gelehnt wie ein zerbrechliches Ding, stand ein großer Ruckkorb. Aus dem Ruckkorb aber guckte der Kopf der Kordl, des Weibes vom Pecher Hias, heraus, die wie eine Besessene aufbegehrte, kreischte und schrie. Die Kordl war in ihre Bett-Tuchent mit einem starken Strick fest eingeschnürt und so als Paket in den Ruckkorb gestopft, daß sie sich nicht mehr rühren 15 konnte. Nur ihr Mundwerk war in vollster wütender Tätigkeit. Der Pecher Hias war schon ziemlich weit vom Widum entfernt, wo er sein böses Weib abgeladen hatte. Indem er seine Schritte eilig weiter lenkte, rief er noch laut zurück: »So K'rat, da habt's es Ös wieder dös z'nichte Raffelscheit! Ös habt's mir's geb'n! Jatz könnt's Ös damit leb'n! Guate Nacht!« . . . Nachdem sich der Pecher Hias so auf seine Art Ruhe verschafft hatte, war er auch nicht mehr zu bewegen, das Zusammenleben mit der Kordl wieder aufzunehmen. Er wurde natürlich vom Gericht verurteilt, für den Unterhalt der Kordl zu zahlen. Das tat der Hias mit Vergnügen. Auch eine kleine Arreststrafe mußte er wegen jener nächtlichen Paketlieferung der Kordl zum Herrn Kuraten absitzen. Das war ihm aber auch nur ein Vergnügen, und er meinte treuherzig zum Herrn Gerichtsadjunkt, auf ein paar Wochen mehr oder weniger ginge es ihm schließlich gar nicht zusammen. Habe er es ein Jahr mit der Kordl ausgehalten, so sei ihm dös bissel Kotterle lei a kloane Summerfrisch'n! Am meisten beunruhigt hat die ganze Geschichte den hochwürdigen Herrn Kuraten Martin Strobl. Er konnte geraume Zeit die geheime Sorge nicht los werden, daß ihm in einer schönen Nacht 16 irgendein anderes räudiges Schäflein seiner Seelsorge neuerdings einen vollgepackten Ruckkorb vor der Widumtüre ablade. Eine Zeit hindurch wurde der arme geistliche Herr sogar von einem und demselben schweren Traum geplagt, daß plötzlich das ganze Dorf ihm alle Weiber, die er im Laufe der vielen Jahre getraut hatte, wieder zurückbrachte. Aber das war nur ein Traum; und der hochwürdige Herr fand sich schließlich auch mit der Tatsache ab, daß der Hias wieder allein auf seinem Gütel hauste und stets mit einem seelenvergnügten Gesicht ohne jedes Pechpflaster zu sehen war. 17   Die viereckete Seel'. Der Romedius Glatzl war ein unverbesserlicher alter Wilddieb. Eigentlich schon ein uralter. Erst kürzlich hatte er seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert. Etwa nicht daheim, sondern im Arrest des Bezirksgerichts zu Schlanders im Vintschgau. Das betrachtete aber der Glatzl nur als eine Art Erholung von den Anstrengungen seines Berufs. Diesmal hatten sie ihn sechs Wochen eingesponnen. Die Ursache war ein fettes Haserl, das er dem Mauracher Sepp in Goldrain weggeschossen hatte. Eigentlich ein teures Bratl. Ließ sich aber bei den vielen Vorstrafen des Glatzl halt nicht anders machen. Für gewöhnlich lebte der Glatzl in Goldrain, in der Nähe von Schlanders. Der Mauracher Sepp war dort ein begüterter Bauer, dem auch die Jagd in der Gegend gehörte. Im übrigen war der Sepp ein großer Geizhals, aber durchaus kein Kirchenlicht. Er zählte vielmehr unter die Dümmeren von der G'moan. So gescheit war er aber doch, den Glatzl wegen dem Haserl ins Kotterle zu bringen. Mitten im Fasching ließen sie den Glatzl in Schlanders wieder aus. Noch an demselben 18 Nachmittag saß er ganz kreuzfidel beim Hirschenwirt in Goldrain und ließ sich ein paar Stamperln Schnaps schmecken. Man hätte dem alten Haderlumpen seine Jahre nicht angemerkt. Der Glatzl besaß eine eiserne Gesundheit. Er war ein stämmiger, kurz gewachsener, vierschrötiger Kerl mit einem wohlgenährten, rundlichen Gesicht, das vor lauter grauen Bartstoppeln in seinem größeren Teil einer stark verbrauchten Bürste glich. Auch auf dem Kopf stellte er nach allen Seiten die Borsten in die Höhe. Als der Glatzl gerade beim fünften Stamperl angelangt war, kam der Mauracher Sepp, ein hageres Bäuerl, in die Wirtsstub'n, wo sich der Glatzl bis dahin ganz allein dem stillen Suff hingegeben hatte. Der Bauer wollte schon wieder bei der Tür hinaus, als er des Glatzl ansichtig wurde. Der nötigte ihn aber, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Widerwillig schaffte sich der Sepp ein Viertel Wein an. »Muaßt nit glei davonrennen, wenn wir uns so lang nimmer g'sehen hab'n!« meinte der Glatzl. »Wia geaht's dir denn nachher alleweil, Sepp?« »I kann 's nit loben. Nit recht extra!« entgegnete der Sepp, dem es neben dem alten Haderlumpen immer ungemütlicher wurde. »Ja, ja, schaust auch aus wia die sieben teuern Zeiten!« sagte der Glatzl mit einem gewissen Bedauern. »Meinst wirklich, es is schon so weit mit mir?« fragte der Sepp, dem es ganz kalt über den Rücken 19 lief, ängstlich. Der Sepp litt stets an allerhand eingebildeten Krankheiten. Am unliebsten hörte er es bei seinem Geiz, wenn einmal zufällig die Rede aufs Sterben kam. »I mein' schon, daß an dir die Würmer bald an Kirchtag kriag'n!« erklärte der Glatzl mit voller Seelenruhe. »Wenn amal a Mensch a so grüanzipfet ausz'schau'n anfangt wia du, nachher kann er Reu' und Leid mach'n! Da schau mich an!« grinste der Glatzl boshaft. »Achtz'g Jahr bin i iatz vorbei und tua noch lang nit sterben!« »Ausschau'n tuast wia 's Leb'n!« Dabei schielte ihn der Sepp neidisch von der Seite an. »Und iatz schon gar, wo sie mich in Schlanders so nobel außer g'fuattert hab'n!« rief der Glatzl. »A ausgezeichnete Kost, sag' i dir! Völlig g'mästet haben s' mich!« »Ja, Glatzl, nachher verübelst mir 's am End' gar nit, daß i dich angeben hab', weißt schon, wegen demselbigen Hasl?« frug der Sepp kleinlaut. »Aber koa Spur nit!« beruhigte ihn der Glatzl. »Weißt, i hab' dich anzeigen müass'n!« suchte sich der Mauracher Sepp zu entschuldigen. »Müass'n?« Der Glatzl schaute ihn verständnislos an. »Freilich! Es war ja doch a Diabstahl. Und an Diab muaß man angeb'n, heißt 's im G'setz!« »Ah so? Wirst schon recht hab'n, Bauer. I 20 hab' mir lei denkt, 's Hasl hat dich so viel g'reut, weil d' a solcher Geizkrag'n bist!« »Naa! Naa!« versicherte der Sepp. »Grad' weg'n dem G'setz! 's Hasl hätt' i dir gern vergunnt!« »Bin i doch froh für dich, Sepp, daß d' koa Geizkrag'n bist, weil dich der Geiz sonst noch viel eher in die Gruab'n bringet! Und sterben tuat schließlich koans gern!« meinte der Glatzl. Dem Sepp begann es schon wieder ungemütlich bei dieser Wendung des Gespräches zu werden. »Mich wundert 's grad, wia lang du 's noch machst! Du bist alleweil so frisch beim Zeug! Es is, als wenn du verhext wärst!« »Naa, verhext bin i nit!« meinte der Glatzl. »Amal wird 's dich schon auch hab'n!« tröstete sich der Sepp. »Mich hat 's nia!« versicherte der Glatzl. »Ewig kannst ja nit leb'n!« meinte der Bauer. »I kann leb'n, solang i mag!« grinste der Glatzl und zeigte dem Sepp sein tadelloses Gebiß. »Laß dich auslachen!« meinte der Mauracher Sepp zweifelnd. »Wenn du 's nit glaubst, nachher laßt es bleib'n!« erwiderte der Glatzl ruhig, stopfte sich seine kurze Reggelpfeife und begann daraus zu qualmen. »Aber amal kannst doch krank werd'n!« hob der Sepp nach einer Pause wieder an. »I kann nit krank werd'n!« erklärte der Glatzl und rauchte weiter. 21 »Ja, was tuast denn du nachher?« »Dös sag' i nit!« Der Mauracher Sepp rückte ganz nahe an den Glatzl heran und fragte ihn geheimnisvoll: »Hast a b'sonders g'weiht's Amulett ?« »Naa!« »Nit?« Der Sepp war ganz starr vor Verwunderung. »Ja was hast denn du nachher?« »Dös will i dir schon sag'n!« erwiderte der Glatzl halblaut. »Aber du darfst es koan' Menschen verraten! Du bist der erste, dem i 's anvertrau'!« »I schwör' dir zehn heilige Eid', i sag' nix!« beteuerte der Sepp und reckte drei Finger der rechten Hand in die Höhe. »Also paß auf!« fuhr der Glatzl fort. »I hab' nämlich a viereckete Seel'! Und dö andern Menschen, dö hab'n a runde Seel'! Dös wirst wohl begreifen, daß a runde Seel' bei a runden Loch viel leichter außi fahrt, als wia a viereckete! A viereckete Seel', dö derschnaufst ja gar nit außi; dö bleibt dir ja glei überall stecken!« »Ja, warum hast denn just du a viereckete Seel'?« fragte der Sepp und riß Mund und Augen auf. »Dös is a lange G'schicht'. Dö erzähl' i dir a andersmal. I hab' halt a Trankl, dös oan' die Seel' vierecket macht!« »Jessas! Wann i dös hätt'!« geriet der Sepp in Aufregung. »Kannst mir 's nit verschreib'n?« 22 »Naa!« »Geh, sei so guat!« »Daß d' mich wieder einsperren laßt!« »Naa, g'wiß nimmer!« beteuerte der Sepp. »Und wenn i mir wieder an Hasen hol'?« »Wegen meiner, wia viel d' willst!« »Wird dir aber z' lötz sein, dös Trankl!« »Is es recht lötz?« »Höllisch lötz!« versicherte der Glatzl. »I sauf's schon!« erklärte der Sepp nach kurzem Überlegen. »Weißt, mir is so viel wenig drum ums Abkratzen !« »Also du sollst 's Trankl hab'n! Schon weg'n der guat'n Kost in Schlanders!« versprach ihm der Glatzl. »Morgen holst dir 's bei mir! Übermorgen is Faschingssonntag. Da saufst zuerst die ganze Flasch'n voll aus, und nachher gehst als Huttlee nach Schlanders!« »Warum denn dös?« »Mit dem Trankl im Leib muaßt Bewegung im Freien mach'n, damit die Seel' g'schwinder vierecket wird! Je mehr du springst, desto vierecketer wird die Seel'! Dös wird dir doch einleuchten?« »Ah ja!« versicherte der Sepp und schnitt ein womöglich noch blöderes Gesicht, als er gewöhnlich hatte. »Und da gehst am g'scheitesten als Huttlee, daß d' recht narrisch umhupfen kannst!« 23 »Dös is wahr!« nickte der Sepp beifällig. Die Flasch'n mit dem geheimnißvollen Trankl holte sich der Sepp pünktlich ab. Der Glatzl, der auf einmal sein bester Freund geworden war, hatte inzwischen auch ein Huttleeg'wand für ihn versorgt. So kam der Faschingssonntag. Nachdem der Sepp sich zu Mittag etliche Knödel einverleibt hatte, schlich er auf seine Kammer, holte die Flasch'n unter dem Bett hervor, tat den Propfen weg und roch einmal vorsichtig dran. Gut roch es nicht. Der Sepp wagte einen kleinen Schluck. »Himmelblauer Höllteufel!« rief er und sprang unwillkürlich in die Höhe. »Is dös Zeug hantig !« Unschlüssig stierte er eine Weile die Flasche an; dann setzte er sie an den Mund und goß mit wahrer Todesverachtung den ganzen Inhalt hinunter. Es war schrecklich. Den Sepp beutelte es am ganzen Leib vor Grausen. Er sprang einigemal gegen die Wände seiner Kammer. Die Bewegung ergab sich von selbst. Der Glatzl hätte sie ihm gar nicht zu verordnen brauchen. Der Sepp schluckte und würgte noch immer verzweifelt, als er das Trankl schon längst im Leibe hatte und es gar nichts mehr zu schlucken gab. Dann riß er die Kammertür auf, polterte über die Stiege hinunter, beim Haus hinaus und rannte spornstreichs den Weg nach Schlanders. Der Sepp erinnerte 24 sich nicht, zeitlebens so viel Bewegung gemacht zu haben. Das Trankl wütete in ihm wie tausend losgelassene Teufel. Das zwickte und brannte und juckte, daß es den Sepp springen machte wie einen verrückten Heuschreck'n. Dabei schüttelte er fortwährend den Kopf und streckte die Zunge heraus. Es grauste ihn fürchterlich. Er brachte den Geschmack der Wundermedizin nicht mehr los. Und auf der Zunge brannte es ihn noch immer, daß er sie fortwährend in die kalte Winterluft recken mußte, um sie einigermaßen zu kühlen. Schnell wie ein Sturmwind kam der Mauracher Sepp nach Schlanders. Dort erregte er berechtigtes Aufsehen. Er war entschieden der lustigste Huttlee von allen. Arme und Beine bewegte er in den sonderbarsten Verrenkungen, schnitt die schauerlichsten Grimassen und brüllte und johlte, daß er beständig einen bewundernden Haufen hinter sich hatte. Vor dem Bärenwirt in Schlanders entstand ein förmlicher Auflauf. »Mich z'reißt's! Mich z'sprengt's!« heulte der Sepp in allen Tonarten. »Pfui Teuxel! O du verflixte viereckete Seel'!« Dabei sprang der Sepp wie ein Seiltänzer und bleckte die Zunge heraus, soweit er sie aus dem Rachen brachte. Die Wirkungen des Trankls waren immer unheimlicher geworden. Dem Mauracher Sepp stand der kalte Angstschweiß auf der Stirn. Er glaubte jeden Augenblick, zu lauter Fetzen zerrissen, in die Luft zu fliegen. 25 Jubelnder Beifall lohnte seine Produktionen. Das machte den Sepp endlich ganz wütend. Er stürzte sich auf seine ehrlichen Bewunderer. Es entstand eine regelrechte Rauferei, in deren weiterem Verlauf der Mauracher Sepp unter dem dringenden Verdacht der totalen Betrunkenheit verhaftet wurde. Im Arrest klärte sich die Sache dann allerdings langsam auf. Als man erkannte, daß es sich doch nicht um einen Betrunkenen handelte, wurde der Sepp wegen seiner hartnäckigen Behauptung, die viereckete Seel' mache ihm so viel zu schaffen, zunächst als vollkommen geistesgestört behandelt. Über Nacht blieb er im Arrest und verfiel endlich in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen hatte er sich so weit erholt, daß er vernehmungsfähig war und im Laufe des Tages nach Goldrain entlassen werden konnte. Dem Glatzl trug die Geschichte einen neuen unfreiwilligen Aufenthalt in Schlanders ein. Weiteren Schaden hat das Trankl dem Mauracher Sepp nicht gebracht. Offenbar besaß er die viereckete Seel' ohnedies schon. Sonst hätte er die Roßkur wohl schwerlich so gut vertragen. Die Untersuchung ergab, daß das Zaubertrankl des Glatzl ungefähr folgende Bestandteile gehabt hatte: abgekochten Gamskreß, Stiefelwichse, Arnika, Tabaksaft, Pfeffer, saure Milch, Viehsalz, Rizinusöl, Juckpulver, Brennspiritus, Schnupftabak und Petroleum. 26   Die Kindstauf'. In der kleinen Expositurkirche zu Ginzling in den Zillergründen hatte an einem kalten Wintertag eine doppelte Kindstauf' stattgefunden. Das ist in diesen Gegenden und bei dieser Jahreszeit nicht so einfach. In der Nähe der Ginzlinger Kirche liegen nur ein paar Häuser. Alle übrigen Höfe sind weit verstreut in den Höhen, oft stundenweit entfernt. Mitten im Winter von einem solchen Einödhof ein Kind zur Tauf' zu tragen, ist dann wahrhaft keine Kleinigkeit. Und doch wird mit dem Taufen geeilt; denn einen jungen Heiden will man nicht lang im Hause haben. War es doch bis in die jüngste Zeit noch in einzelnen Gegenden Tirols, namentlich in der Wildschönau, Sitte, daß sich der Bauer, ein Knecht oder Nachbar abwechselnd an der Wiege des Ungetauften aufstellten, wohl bewaffnet mit einem alten Säbel, Dreschflegel oder Schießeisen, um den Teufel von der Wiege abzuwehren. Möglichst schon gleich am Tage der Geburt wird daher auch am entlegensten Einödhof Anstalt getroffen, das Kind zur Taufe zu tragen. Der Säugling wird, in Betten und Kissen sorgsam eingehüllt, in einen großen Ruckkorb gepackt, der sonst zum Tragen 27 von Bergheu, Streu, Laub, Erdäpfeln usw. dient. Die Dirn auf dem Hof wird als Kindstragerin benützt. Ihr schließt sich der Pate oder die Patin an. Gewöhnlich geht auch die Hebamm' mit. Dann wandert man zu Tal in allem Wetter und Wind und Schnee. Der kaum geborene Erdenbürger muß es halt aushalten. Der hat übrigens schon von Geburt aus eine ganz andere Natur als wie so ein verzärteltes Stadtkind. Was soll dem Kind auch passieren, wenn es zur heiligen Tauf' getragen wird? Da wird der Herrgott schon besonders darauf acht geben! Nach der Taufe findet für die beteiligten Erwachsenen, Göd oder Godel , Kindstragerin und Hebamm', beim Wirt ein Imbiß statt, reichlicher oder spärlicher, je nachdem der Taufpat' was spendiert. In der Stub'n beim Ginzlinger Wirt war es warm » eingekentet «. Gäste waren noch keine da. Die Kellnerin, die saubere Rosl, hatte sich's hinter dem Ofen behaglich gemacht und einen Strickstrumpf in die Hand genommen, über dem sie schließlich eingeschlafen war. Der Wirt hockte in einer Stubenecke und las eifrig in einem alten Kalender. Die Stubentür öffnete sich geräuschvoll, so daß die Rosl aus ihrem Schlaf emporschreckte und der Wirt mitten in der schönsten Geschichte unterbrochen wurde. Herein kam ein älteres, dürres, spitziges Frauenzimmer, gefolgt von einer jungen, stämmigen 28 Dirn, die in einem Ruckkorb ein wohl verpacktes Bündel trug. »Jatz wohl!« begrüßte sie der Wirt. »Wen habt's denn heut tauft?« »Mei, lei a Madele!« gab die Trägerin des Korbes zur Antwort. »Wem g'hört 's denn?« forschte der Wirt, indem er der Dirn behilflich war, sich des Korbes zu entledigen und diesen dann in den Ofenwinkel zu stellen. »Dem Hollenzenbauern!« erwiderte die ältere Person, welche die Godel war. »Schon 's sechste Madel und dazua noch vier Buab'n! Dö kriagen schon noch a zwoa Dutzend z'sammen!« bemerkte sie bissig. »Haben nit amal zwoa Küah im Stall und so viel Kinder! Kannst an Glühwein bringen und an Torten, wann d' oan hast!« befahl sie der Kellnerin, die gähnend daneben gestanden hatte. »Schickt der Herr a Hasl, schickt er auch 's Grasl!« bemerkte der Wirt und setzte sich zu den beiden Weibern an den Tisch. »Meinetwegen! Mich geht's nix an!« machte die Godel und wischte sich mit ihrem Schurz über den Mund. Die Weyrer Kathl, die Godel vom Hollenzen-Diandl, das sie heute getauft hatten, war ledig geblieben. Das Heiraten sei nie nach ihrem » Gschmach'n « gewesen, pflegte sie zu behaupten. Andere sagten freilich, daß sich nie einer um sie umgeschaut habe. 29 »Heut haben s' schon noch a Tauf!« fuhr die Kathl fort. »Noch a Tauf?« frug der Wirt und kratzte sich erfreut hinter den Ohren. »Ja, von wem denn?« »Der Floiten-Hansl is Göd!« mischte sich jetzt die Nanndl, die Dirn vom Hollenzenbauern, ins Gespräch. »'s Kind is vom Fulterer.« Es dauerte gar nicht lange, als ein flotter Bursch, gefolgt von einer dicken älteren Bäuerin und einem jungen, frischen Madl, das ebenfalls einen Ruckkorb trug, in die Stub'n hereinkam. Es war der Floiten-Hansl mit der Dirn vom Fulterer Bauern, der reschen Moid, und mit der Hebamm' von Ginzling. »Jatz haben wir 's überstanden!« ging der Floiten-Hansl auf den Wirt zu und schlug ihm kräftig auf die Schulter. »Dös is a Bua, sag i dir! Dös wird amal a b'sonderer Kampl !« » Dein Bua is er ja nit!« fuhr ihn die Weyrer Kathl bissig an. »Naa! Aber i bin sei Göd!« fertigte sie der Floiten-Hansl ab. »'s erste Kind vom Fulterer Bauern. Sie sein noch nit a Jahr verheiratet.« »Nachher werden schon noch etliche kommen!« sagte die Kathl. » Sell will i hoffen!« rief der Floiten-Hansl. »Aber iatz, Wirt, iatz bringst uns an Wein und an Glühwein und an Kas und an Speck und a Salami und an Torten und a Brot und an Schunken und alles, 30 was aufdertreibst! Ös könnt's alle mithalten! Juchui! Wir hab'n an Buab'n!« Der Floiten-Hansl war vor Freude ganz aus dem Häusl. Der Fulterer war sein bester Freund. Sie hatten mitsammen bei den Kaiserjägern gedient. Jetzt war der Hansl Jäger im Floitental. Allerdings nur im Sommer; denn im Winter läßt 's sich in dem wilden Hochtal nicht existieren. Da hauste dann der Hansl auf einem der Höfeln in der Gegend von Ginzling. Der junge Jäger hatte ordentlich Leben in die Stub'n gebracht. Die Kellnerin flog nur so hin und her, um den mehrfachen Wünschen des Hansl nachzukommen. Die beiden jungen Dirnen, die Nanndl vom Hollenzer und die Moid vom Fulterer, machten sich bei ihren Ruckkörben mit ihren Schützlingen zu schaffen. Der Hansl hatte mit der Ginzlinger Hebamm', der Moser Barbl, am Tisch Platz genommen. Die Barbl hatte keinen leichten Beruf. Da galt es bei allem Wetter die steilsten und eisigsten Steige zu kraxeln. Es hatte ihr aber nicht schlecht angeschlagen. Sie war kugelrund und dick dabei geworden. Inzwischen kamen das von der Weyrer Kathl bestellte Tortenzeug und der Glühwein. Für den Floiten-Hansl stellte die Kellnerin vorderhand einen Doppelliter Wein und verschiedene Fressalien auf den Tisch. »Greift's zua, Diandeln!« rief der Floiten-Hansl gegen die beiden Dirnen. Die ließen sich denn auch 31 nicht lange bitten, hockten sich an den Tisch und hieben tüchtig ein. »Trinkt's, was Platz hat!« rief der Jäger. »Der Seppele vom Fulterer soll leben!« »I laß mir nix schenken von dir! I bin auch a Godel!« wehrte sich die Weyrer Kathl. »Trink lei amal! Den nächsten Liter zahlst nachher du!« begütigte sie der Hansl. »Wia hoaßt denn enker Madele?« fragte die Moid die Nanndl. »Trinele!« erwiderte diese. »Wia viel Madeln hat er denn nachher, der Hollenzer?« frug der Hansl. »Sechse und vier Buab'n!« erklärte die Godel des Trinele. »Die Buab'n sein schon recht! Dö sein nia z'viel!« rief der Hansl, der gerade eine Virginiazigarr'n in Brand setzte. Dabei rückte er ganz nahe an die Moid heran, die den Fulterer Seppele zur Tauf' getragen hatte. »Schau, daß i dir eine gib! Ruck abi, sag i!« meinte die Dirn halb ärgerlich. »Äh! Äh! Äh! Näh! Näh.« ertönte es da auf einmal kläglich aus dem Ofenwinkel. Die beiden Dirnen schnellten in die Höhe und eilten jede zu ihrem Korb. Die Moid kam aber gleich wieder an den Tisch zurück; denn der Seppele schlief recht brav. Es hatte sich nur das Trinele gemeldet. »Alleweil dö Diandeln, dö sakrischen, dö koa Ruah geben auf der Welt!« wandte sich der Floiten-Hansl an den Wirt. 32 »Recht hast, Hansl! Sollst leben!« stieß der Wirt mit dem Jäger an. »Was haben denn dir die Diandeln 'tan?« neckte ihn die Hebamm'. »Sei froh, wenn d' oans kriagst!« »Ja, oans mit tausend Woch'n! In dem Alter sein s' gnua z'kriagen!« lachte der Floiten-Hansl. »Der bild't si ein, jed's Diandl im Zillertal lauft eahm nach! So a Loder, a verruckter!« schimpfte die Nanndl halb im Scherz, als sie das kleine Trinele wieder beruhigt hatte. »Naa! A jede nit! Aber zehne an ein' Finger schon!« rief der Hansl. »So a Prahler!« meinte halb entrüstet die Kellnerin. »Hast schon recht, Hansl! A Schneid muaß man hab'n auf die Weibsleut!« lachte der Wirt und sprach eifrig dem Wein zu. »Ös seid's a gottslästerliche Bande übereinand!« schimpfte nun die Weyrer Kathl erbost. »Solche Red'n z' führ'n vor zwoa unschuldige Kinder, dö grad von der Tauf kommen!« »Geh, laß di auslachen! Dö versteh'n ja do no nix!« erwiderte der Hansl. »Reg di nit auf! Da, trink a Glasl! Gelt, Wirt, wir Mannder sein halt do alleweil die G'scheitesten! Der Seppele soll leben!« Und übermütig stieß er mit der Kathl an. »Naa! Die Trinele! I bin der Trinele ihr Godel!« gab diese zurück. »Ah was, a Madl! A Madl braucht überhaupt nit z' leben!« sagte er und wollte mit der Moid anstoßen. 33 Die versetzte ihm jedoch einen kräftigen Stoß und rief unwillig: »Laß mi aus, du! I bin aa a Madl!« »I prophezei' dir a Dutzend Diandeln, wenn du amal verheirat't bist!« neckte die Moser Barbl den Jäger. »I tat mi bedanken!« rief der Hansl entrüstet. »Koa oanzig's will i hab'n! Oa Bua is besser als zwanz'g Diandeln!« Der Hansl spie voller Verachtung aus. »Jatz schau den Hallodri an!« schrie die Kathl erbost und »Was hast g'sagt?« die Rosl, die nun auch ganz wild wurde. »A so oaner!« keifte die Nanndl und warf dem Floiten-Hansl wütende Blicke zu. »Umer speanzeln mit allen Diandeln, gelt, dös passet dir?« sagte die Moid entrüstet. »Von Heirat'n koa Spur natürli!« schimpfte die Weyrer Kathl. »Dir hab i 's Heirat'n nit versproch'n!« sagte der Jäger, seinerseits nun auch etwas aufgebracht. »Naa, aber ander'n!« rempelte ihn die Rosl an. »Da hört man 's amal!« rief die Moid und fing zu weinen an. »Du Lump, du ausg'schamter!« »Was? Hat er dir aa 's Heirat'n verhoaß'n?« fragte die Nanndl vom Hollenzenbauern. »Der Lump!« heulte die Moid. »Und dir hat er 's aa versproch'n?« ließ die Rost die Nanndl an. 34 »Freili!« rief die Nanndl. »Und mir hat er 's versproch'n! Und der Moid hat er 's versproch'n!« schrie die Rosl ganz wütend. »Was i versprich, halt i!« suchte der Floiten-Hansl sich zu rechtfertigen. »Da hast nachher viel z' halt'n!« belferte die Weyrer Kathl. »Glei drei will er heirat'n, oder der Tuifl woaß, wia viel! A Türk will er wer'n, der Gauner, der spottschlechte!« »I will eahm schon den Türk'n geb'n!« rief die Rosl, langte mit kräftiger Hand über den Tisch hinüber, und im nächsten Augenblick hatte der Floiten-Hansl eine schallende Watsch'n drinnen. Der Hansl fuhr wütend in die Höhe und wollte hinter dem Tisch hervor. »Du Betrüager!« Mit diesen Worten holte die stämmige Nanndl zum Schlag aus, und der Hansl hatte, ehe er sich 's versah, schon die zweite drinnen. Und die gab aus. Es wurde ihm ganz schwarz vor den Augen. »Himmel! Höll'n! Sakra!« schrie der Hansl und taumelte zur Seite. »Ös Malefizer überanand!« »I will dir schon die Malefizer geb'n!« rief die Moid und folgte dem Beispiel ihrer beiden Vorgängerinnen. Es schnellte nur so. Der Floiten-Hansl hielt sich den Kopf, in dem es ihm summte und dröhnte wie in einem Hexenkessel. Unwillkürlich ließ er sich wieder auf seinen Sessel nieder. Durch den Spektakel waren die beiden 35 Täuflinge wach geworden und erhoben ein mörderisches Geschrei. »Geh'n wir!« drängte die Weyrer Kathl. »Mit so an Fallot'n bleib' i nimmer in der gleich'n Stub'n!« Ehe der Floiten-Hansl sich noch zurecht gefunden hatte, waren die Moid und die Nanndl mit den Ruckkörben bei der Tür draußen, gefolgt vom Wirt, der Kathl und der Kellnerin Rosl. Der Hansl saß mit der Hebamm' allein am Tisch und stierte ganz blöd vor sich hin. Es war ihm, als müsse von den drei fürchterlichen Watschen in seinem Schädel etwas zersprungen sein. »Der Diandl-Diskurs is dir übel aus'gangen!« lachte nach einer Pause die Moser Barbl. Der Hansl antwortete nichts. »Was stierst mi denn so an?« foppte ihn die Barbl. »Willst mir vielleicht aa no 's Heirat'n versprech'n?« »Naa!« würgte der Hansl hervor, warf der alten Hebamm' einen ganz entsetzten Blick zu, stand auf und machte Miene, die Stub'n zu verlassen. »Du, Hansl, wenn d' mi vielleicht in der nächsten Zeit gelegentlich amal brauchst, wirst mi wohl z' finden wissen!« sekierte ihn die Barbl. Der Hansl ging ohne Erwiderung aus der Stub'n und warf die Tür hinter sich ins Schloß. Draußen im Freien sah er, wie die Moid und die Nanndl mit der Weyrer Kathl nach verschiedenen Richtungen davonwanderten. Ein Seufzer der Erleichterung entrang sich seiner Brust. – – 36 Die stürmische Kindstauf' in Ginzling hatte übrigens noch ihr Nachspiel. Als die Moid auf den Fulterer Hof heimkam, war ihr erstes, den kleinen Seppele trocken zu legen. Da staunten der Fulterer, sein Weib und die Moid nicht wenig, daß aus dem Seppele plötzlich ein Diandl geworden war. Eine Zeitlang glaubten alle drei, es gehe mit Hexerei zu. Dann erst ging der Moid ein Licht auf. Sie hatte im Zorn und in der Aufregung über den ungetreuen Floiten-Hansl den falschen Ruckkorb mit dem Trinele erwischt und ihn mühsam nach dem Fulterer Hof hinaufgeschleppt. Beim Hollenzenbauern erlebten sie natürlich eine ähnliche Überraschung. Da hatte sich das jüngst geborene Diandl in einen Buben verwandelt. Am nächsten Tage mußten sich die beiden Dirnen, die Moid und die Nanndl, wieder auf den Weg machen, um die Kinder auszutauschen. Ob der Hansl eine von den dreien, die Rosl, die Moid oder die Nanndl, heiratet, ist noch abzuwarten. 37   Die Notleine. Ein heißer Sommertag. Der Schnellzug der Südbahn fuhr soeben in die Station Steinach am Brenner. Eine Minute Aufenthalt. Knapp vor Abfahrt des Zuges stürzte mit großen Schritten atemlos und keuchend ein hagerer, knochiger Bauer auf den Perron. »Wia! Laßt's mi aa mit!« schnaufte er. Der Kondukteur schob ihn zur nächsten Coupétür hinein. Ein Pfiff der Lokomotive, und dahin ging es wieder. Der Brosler Much stand im Korridor eines eleganten Durchgangswagens der zweiten Klasse. Der Much war ein Fünfziger und hauste auf einem abgelegenen Einödhöfel im Pflerschtal drinnen. Mit der Bahn war er in seinem ganzen Leben höchstens drei- oder viermal gefahren. Diesmal hatte er wegen einem Holzhandel in Steinach zu tun gehabt. Sonderlich kultiviert sah der Brosler Much nicht aus. Seit mindestens vier Wochen war er nicht mehr rasiert. In dem Korridor befanden sich zahlreiche Reisende. Sie sahen zu den Fenstern hinaus und musterten den Ankömmling gerade nicht mit freundlichen Blicken. Der Much lüpfte mit einem »Grüaß Gott!« sein 38 Hüatl, bekam aber keine Antwort. Er schob sich ungeschickt durch die Reisenden durch und ging ins nächste Abteil. Dort ließ er sich behaglich auf dem gepolsterten Sitz nieder, streckte beide Beine von sich und machte erleichtert: »Jatz wol!« »Sie, das ist ein Damencoupé!« ließ sich eine ältere Dame indigniert vernehmen. »Ha?« fragte der Much und drehte sich verwundert nach ihr um. »Ein Damencoupé ist das!« »Ah wol!« meinte der Much interessiert und starrte die ältere Dame verständnislos an. »Sie sollen schauen, daß Sie hinauskommen!« erklärte ihm eine jüngere Dame. »Da nebenan, da können die Männer sitzen.« »Ah so!« fing der Much an zu begreifen. »Da is's lei für die Weiberleut'!« Er erhob sich steif und torkelte ins nächste Abteil. Dort saßen am Fenster zwei Herren hinter ihren Zeitungen vergraben. Der Much setzte sich knapp neben die Tür. »Fahrkarten bitte!« Auf einmal war der Kondukteur da und hielt dem Much die Hand hin. »I han koa Kart'n nit!« erklärte dieser. »Dann müssen Sie Straf' zahlen!« sagte der Kondukteur barsch. »Was muaß i?« »Straf' zahlen!« »Du kannst mi gearn hab'n!« erklärte der Much 39 energisch. »Du hast mir ja koa Zeit nit lassen, a Kart'n z'kaafen! Naa, einerg'schmissen in Wagen hast mi! I zahl' koa Straf' nit!« »Wohin fahren Sie?« fragte der Kondukteur. »Auf Pflersch eini!« »Also dann Karte nach Gossensaß!« »Naa! Iwill auf Pflersch! Hörst nit!« protestierte der Much. »Sie müssen bis Gossensaß fahren! Der Eilzug hält nicht in Pflersch!« erklärte ihm der Kondukteur ungeduldig. »Der Zug halt't nit in Pflersch?« Der Much war einen Augenblick ganz sprachlos. »Ja warum hast denn du mir dös nit glei g'sagt?« schrie er erbost. »Da wird nix aufbegehrt, sondern gezahlt!« fuhr ihn der Kondukteur an. »Was kostet's nachher?« frug der Much etwas eingeschüchtert und zog umständlich einen schmierigen ledernen Geldbeutel heraus. »Drei Kronen siebzig mit der Nachzahlung!« »Was? Bist narrisch?« Der Much war empört aufgesprungen. »Also vorwärts mit'm Geld! Ich hab' keine Zeit!« drängte der Kondukteur. »I will z'erst mei Kart'n hab'n! Nachher kriagst 's Geld!« erklärte der Much obstinat, steckte den Beutel wieder ein und setzte sich behaglich auf seinen Sitz zurück. Der Kondukteur entfernte sich schimpfend. 40 Dem Much begann es auf dem weichen Sitz zu passen. »Teufel, schian is's decht da, verfluacht nobel!« bemerkte er anerkennend und spie gemächlich vor sich hin auf den Boden. Der eine Herr in der Fensterecke zuckte nervös zusammen. »Das Spucken ist verboten!« sagte er und deutete nach einer Aufschrift, die im Coupé angebracht war. Nach seiner Aussprache war der Fremde ein Berliner. Der Much kratzte sich verlegen am Schädel, zog eine kurze Stummelpfeife aus seiner Lodenjoppe und zündete sie an. Es war noch ein Rest unausgerauchten Tabaks drinnen. Der Much tat ein paar kräftige Züge. Der Berliner hustete. »Was für'n Teufelszeug rauchen Sie denn, Mann?« frug er entsetzt. »An Roller! « grinste der Much. »Hören Sie auf! Das riecht ja eklich! Übrigens ist dies auch'n Nichtrauchercoupé!« »Da därf i alsdann nit raachen da herinnen?« erkundigte sich der Much. »Nee!« Der Much steckte seine Pfeife geduldig wieder ein. Inzwischen kam der Kondukteur mit der Fahrkarte. Der Much zahlte stöhnend den Betrag. Dann sah er sich offenbar erleichtert und mit lebhafter Neugierde weiter in dem Coupé um. Er fand da allerhand zu bewundern. Schließlich 41 blieben seine Blicke an dem roten Griff der Notleine und dem damit verbundenen Apparat haften. »Was is denn dös da?« frug er. »Die Notleine!« antwortete ihm nun der andere Herr, ein stämmiger Bayer. »Was?« frug der Much noch einmal. »Die Notleine!« erklärte ihm der Bayer. »Da kann man ziehen dran, wenn man was braucht!« »Wia ziach'n?« frug der Much interessiert und wollte gleich einen Versuch machen. »Lassen Sie das mal sein, guter Mann!« hielt ihn der Herr aus Berlin zurück. Der Much setzte sich wieder, schaute aber unverwandt nach der Notleine. »Wia muaß man denn da ziach'n dran?« fragte er nach einer Weile stummer Betrachtung den Bayern. »Ganz einfach! Du ziehst dran wie an einem Strick. Dann pfeift vorn die Lokomotiv', und der Zug bleibt steh'n!« erklärte ihm dieser. »Ah wol, steh'n bleib'n?« Der Much sperrte Maul und Augen auf. »Und nachher, was g'schiecht nachher?« fragte er. »Nachher kommt der Kondukteur nachschau'n, was d' willst!« belehrte ihn der Bayer. »Der Sakra, der verfluachte!« Der Much grinste boshaft. »Dös hat der mir nit sagen können, der Bahneler , der malefizische! Da brauch' i ja lei da dran z' ziach'n, bald i aussteigen will in Pflersch! Aft halt't ja der Zug!« 42 »Natürlich!« bestärkte ihn der Bayer. »Brauchst nur z' ziehen, dann haltet der Zug.« Der Berliner warf dem Bayern einen mißbilligenden Blick zu. Er hielt es aber offenbar für nicht der Mühe wert, sich in das Gespräch einzumischen, und vergrub sich völlig hinter seiner Zeitung. »Steht dös da droben gedruckt, daß i ziach'n kann, wann i mag?« erkundigte sich der Much nach einer Pause. »Freilich! Kannst nit lesen?« erwiderte ihm der Herr aus Bayern. »Naa. Dös is lateinisch! Dös kann i nit lesen!« erklärte der Much. Am Brenner verabschiedete sich der Bayer vom Brosler Much und stieg aus. Der Much setzte sich nun dem Berliner gegenüber und sah eifrig zum Fenster hinaus. Als man in Schelleberg war und das malerisch zu Füßen liegende Gossensaß sah, wurde der Much ganz aufgeregt. Er erhob sich und hielt sich mit der einen Hand an dem Gepäcksnetz fest, das über seinem Reisegefährten war. Als der Zug kurz darauf in einen Tunnel fuhr, wäre der Much bei einem Haar dem Berliner auf den Schoß gefallen. »Setzen Sie sich doch! Sie haben ja noch lange Zeit!« meinte der ärgerlich. »Naa! I bin iatz glei dahoam!« erklärte der Much. 43 »Unsinn! Der Zug macht 'ne große Kurve und kommt dann erst nach Gossensaß!« »I steig' in Pflersch ab!« Der Much sah lauernd zum Fenster hinaus und griff schon an die Notleine. »Sie werden doch nicht wirklich die Notleine ziehen!« »Freili! Sinscht kimm i ja nit außi.« »Aber das dürfen Sie doch nicht! Das ist ja verboten!« Der Much hörte gar nicht auf ihn. Der Zug fuhr in den letzten langen Tunnel ein, der vor der Haltestelle Pflersch mündet. Der Much stand unbeweglich still und hielt die Hand griffbereit. Im Coupé war es nahezu dunkel. Dem Berliner ward ungemütlich. »So setzen Sie sich!« rief er. »Sie werden noch auf mich fallen!« »I gib schon Obacht!« knurrte der Much. »Hören Sie, Mann, Sie dürfen nicht ziehen! Das ist strenge untersagt!« »Dös glaab i nit! Wann's da heroben druckt steht, aft därf i's aa tuan!« »Nein! Da ist nur gedruckt, daß Sie im Falle äußerster Notwendigkeit ziehen dürfen!« »Siehst es!« triumphierte der Much. »Jatz sagst es ja selber! Dös wird do a Notwendigkeit sein, wenn i aussteigen will!« »Nee! Das ist noch lange keine!« Es wurde immer lichter im Tunnel. Schon konnte man draußen den weißen Rauch erkennen. Der Much nahm seinen 44 Rucksack und Steck'n und wollte jetzt die Notleine ziehen. Der Berliner hielt ihn am Arm fest. »So nehmen Sie doch Vernunft an!« »Laßt mi aus oder nit, herrischer Tropf, verfluachter?!« Der Much riß sich los. »Z'erst hast mi nit raach'n und ausspeib'n lassen! Und iatzt lassest mi wieder nit ziach'n da!« »Sie werden eingesperrt!« Der Berliner stellte sich vor dem Fenster auf und wollte den Much fortdrängen. Der Much wurde wütend. »Jatz hab' i's aber satt!« schrie er. »Du damischer Zapfen! Geaht's di epper was an!« Damit gab er dem Berliner einen kräftigen Stoß vor den Bauch, daß dieser wie betäubt in eine Ecke fiel, und riß dann aus Leibeskräften an der Notleine. Schrille Pfiffe. Ächzen der Bremsen und Knirschen der Räder. Ein schütternder Ruck. Der Zug stand still. Man hatte gerade die Haltestelle Pflersch passiert. Draußen aufgeregte Stimmen. Ängstliche Rufe der Passagiere. Der Kondukteur, gefolgt vom Zugführer und Kontrollor, der heute zufällig den Zug begleitete, stürzte in den Waggon, wo der Much bereits ganz ruhig am Korridor stand und wartete, bis ihm aufgemacht würde. Der Kondukteur schob den Much beiseite und stürzte in das Abteil, wo der Berliner ganz rot und verstört saß. 45 »Wer hat die Notleine gezogen?« herrschte ihn der Kondukteur an. »Sie haben die Notleine gezogen!« »Ich . . .« Der Berliner ist so empört, daß er vorerst kein weiteres Wort herausbringt und nach Luft schnappen muß. Der ganze Korridor ist dicht gedrängt von Reisenden. »Warum haben Sie die Notleine gezogen?« brüllt nun der Kontrollor seinerseits den Berliner an. »Das wird Ihnen teuer zu stehen kommen!« schreit der Zugführer auf ihn ein. »Wenn nicht ein Fall äußerster Notwendigkeit –« ergänzt der Kontrollor. »Warum haben Sie die Notleine gezogen? Herr! Wollen Sie uns jetzt gefälligst bald antworten!« »Ich hab' keene Notleine gezogen!« bringt der Berliner endlich wütend heraus. »So 'ne Roheit!« »Sie, Herr! Mäßigen Sie sich!« schreit der Kontrollor auf ihn ein, aus dessen dickem Gesicht die Augen vor lauter Aufregung und Ingrimm unheimlich hervorquellen. »I möcht' amal außi!« ließ sich nun die Stimme des Much am Korridor vernehmen. »Der Mann da –« rief der Berliner schwer atmend und deutete auf den Much. »Was ist's mit dem da? Ein Raubanfall?« Der Zugführer packte den Much beim Kragen. Die Reisenden auf dem Korridor zogen sich scheu zurück. »Laßt mi aus oder nit!« Der Much wurde fuchsteufelswild und gab dem Zugführer einen Schupfer, daß er fast der Länge nach auf den Boden gestürzt wäre. 46 Nun wollten sich mehrere Herren unter den Reisenden auf den Much stürzen, der nach allen Seiten kräftige Püffe austeilte. »Ruhe, meine Herrschaften!« legte sich der Kontrollor ins Mittel. »Das ist ein harmloser Bauer. Der begeht keinen Raubanfall!« Dann wandte er sich abermals an den Berliner: »Nun frage ich Sie zum letzten Mal, warum haben Sie die Notleine gezogen! Glauben Sie, daß Sie uns hier zum besten halten können! Herr! Sie werden für die Folgen aufzukommen haben!« »Ich habe ja nicht –« Der Berliner spuckt ordentlich vor Wut. »I hab' anzogen!« erklärt da der Much vollkommen ruhig. »Warum?« schreit ihn der Zugführer an. »Weil i außi möcht'!« »Das gibt's nicht!« brüllt der Kontrollor. »Z'wegn was laßt's es denn nacher aufidruck'n, daß man ziach'n soll!« »Das steht nicht droben!« der Kontrollor. »Freili steht's droben!« der Much. »Haben Sie dem Mann gesagt, daß er die Notleine ziehen soll?« herrschte der Kontrollor den Berliner an. »Diese Zumutung verbitt' ich mir!« rief der Berliner empört. »Ich verlange das Beschwerdebuch! Unerhört!« »Der Hearr hat mi schon abg'wehrt!« versicherte der Much. »Aber es hat ihm nix g'nutzt!« 47 »'nen Stoß vor'n Bauch hab' ich bekommen dafür!« berichtete der Berliner zornig. »Sie werden arretiert werden!« herrschte der Zugführer den Much an. »Oha!« machte der Much. »I steig' iatz aus, und Ös müaßt's mi außi lassen! Der Hearr, der am Brenner ausg'stiegen is, hat mir's ganz genau erklärt, daß i grad' z' ziach'n brauch', wenn i in Pflersch aussteigen will!« »Wer war der Herr?« erkundigte sich der Kontrollor. »A recht a feiner, kommoder Hearr!« erklärte der Much. »Ein Spaßvogel!« sagte der Berliner grimmig. »Namen?« »Weeß ick nich!« »I woaß es aa nit!« sagte der Much und drängte sich plötzlich ganz unvermutet durch den Korridor. Er hatte bemerkt, daß die Waggontür nun offen stand. Im Nu war er draußen. Kondukteur, Zugführer und Kontrollor stürzten ihm aufgeregt nach und hielten ihn mit Gewalt zurück. Der Bahnwärter in Pflersch kannte den Much zufällig. Nach einem eiligen Hin und Wider, währenddessen der Kontrollor verzweifelt konstatierte, daß man schon über zehn Minuten Verspätung habe, wurde der Much gegen Angabe seines Namens und Wohnortes entlassen. 48 Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, nicht ohne daß dem Much von seiten des begleitenden Bahnpersonals noch ein paar kräftige Flüche nachflogen. Das kränkte den Brosler Much jedoch nicht im geringsten. Er lüpfte sein Hüatl und winkte dem Zug freundlich grinsend nach. Als er, während der Zug gerade ins Rollen kam, den Berliner an seinem Coupéfenster erblickte, der ihn finster anstarrte, da schrie der Much mitten in das Schnauben der Lokomotive und das Rasseln der Wagen hinein, so laut er konnte, gegen den Berliner: »Nix für unguat, Hearr!« . . . Die Geschichte hatte noch ein kleines Nachspiel am Sterzinger Bezirksgericht, wohin der Brosler Much über Anzeige der Bahnverwaltung vorgeladen wurde. Die Verhandlung endete jedoch mit seiner Freisprechung, da ihm kein Beweis erbracht werden konnte, daß er sich irgendwie des Strafbaren seines Vorgehens bewußt gewesen wäre. Den eigentlich Schuldigen hat man natürlich nicht erwischt. 49   Des Nagiller Krust Brautwerbung. Die Weisheit hatte der Nagiller Krust nie gefressen. Und wenn man sie ihm auch mit einem Milchschöpfer eingegeben hätte, so würde er sie schwer verdaut haben. In der Schule war der Krust immer der dümmste von allen Buben gewesen. Als er heranwuchs, wurde er nicht wesentlich gescheiter. Deswegen verstand er aber doch, was er in seinem beschränkten Lebenskreise notwendig hatte. Er bewirtschaftete ein ganz stattliches Bauerngut in Alpbach. Weil bekanntlich die dümmsten Bauern die größten Erdäpfel haben, ging es dem Krust sehr gut. In Feld und Stall gedieh alles vortrefflich. Der Krust war der einzige Sohn. Sein Vater hatte schon früh das Zeitliche gesegnet. So hauste er mit seinem alten Müatterl zusammen, arbeitete wie ein Vieh und trug jedes Jahr ersparte Gulden auf die Sparkasse. So weit hätte die alte Nagillerin also keine Ursache gehabt, mit ihrem Buab'n unzufrieden zu sein. Nur eines bereitete ihr Kummer, daß der Krust so gar nie zum Heiraten schaute. Jetzt war er schon ein Dreißiger, und es war noch 50 immer keine junge Bäuerin am Hof. Das Müatterl ließ es an gütlichem und gröberm Zureden nicht fehlen. Der Krust tat jedoch nichts dergleichen. Er fand sich halt kein Diandl. »Dös hat schon no Zeit!« meinte er. Dabei war der Krust gar kein übler Bursche. Ein großer stämmiger Kerl her, mit einem frischen, offenen, treuherzigen Gesicht, das schließlich schon einem Diandl hätte gefallen können. Sogar einen feschen Ratzenbart besaß der Krust. Also wäre für Liab' und Heirat beim Krust just kein sonderliches Hindernis gewesen. Wenn einer etwas auf der dümmeren Seit'n ist, so ficht das die Weiberleut' gewöhnlich nicht sonderlich an, weil sie dadurch um so leichter und eher das Hausregiment in die Hand bekommen. Inzwischen hatte sich das Müatterl selbst um eine Braut für den Krust umgeschaut und alles in Ordnung gebracht. Es fehlte nur noch, daß der Krust auf die Brautwerbung ging. Die Auserwählte war eine resolute Dirn, auch schon dreißig alt. Ihre Eltern hausten auf einem Einödhof, ungefähr anderthalb Stunden entfernt, im innern Alpbachtal. Der Krust kannte natürlich die Langwieser Lena schon von Kindesbeinen an, wie sich ja in einem kleinen Bergtal alles kennt. Eines Tages erhielt der Krust von seinem Müatterl den endgültigen Auftrag, auf dem Langwieser 51 Hof vorzusprechen und mit der Lena selber alles in Richtigkeit zu bringen. Der Krust wehrte sich, so lang er konnte. »I woaß nit, wia i dös fürbringen soll!« meinte er. »Am End' lacht mi die Lena aus!« »Dö lacht di nit aus!« versicherte ihm die Nagillerin. »Jatz schau, daß d' weiter kimmst, und kimm mir nimmer ohne Braut hoam!« »I woaß nit, was i sagen soll!« widerstrebte der Krust. »Red' halt, was dir einfallt! 's Weitere wird nachher schon sie red'n!« trieb ihn das Müatterl an. »Wenn sie aber nix red't?« »Sie red't schon! Es is ja alles abg'macht! Und die Lena g'fallt dir ja!« »Es tuat si g'rad schon!« meinte der Krust. »Nacher wirst schon 's rechte Wort finden!« »I glaub' nit!« zweifelte der Krust. Da das Müatterl aber nicht nachgab, warf er sich schließlich in sein Feiertagsg'wand, kratzte sich noch mindestens eine Stunde verlegen am Kopf und machte sich dann auf den Weg zum Langwieser. Es war noch am frühen Nachmittag, als der Krust die Behausung seiner Auserwählten betrat. Vor dem Haus und in der Kuchel fand er niemanden. Er stapfte daher geradewegs in die Stub'n, wo ein junges sauberes Diandl mit Näherei beschäftigt war. Die kannte der Krust auch ganz gut. Es war das Praxmarer Vronele, eine entfernte Basl vom 52 Langwieser. Das Vronele war eine geschickte Näherin und ging bei den Bauern auf die » Stear «. Es war trotz des sonnenhellen Tages draußen ziemlich düster in der niederen, braungetäfelten Stube mit den winzigen Fensterln. Das dunkle, alte Getäfel schien fast das Licht zu schlucken, das durch die Scheiben fiel. »Is niamand da?« fragte der Krust, der unmittelbar nach dem hellen Sonnenlicht draußen in der dämmerigen Stub'n zuerst nichts Rechtes ausnehmen konnte. »Ah wohl! I bin da!« kicherte eine lustige Stimme. »Siehst mi nit?« Das Vronele kauerte in einer Stubenecke hinter einem Ballen Tuch und war eifrig damit beschäftigt, » Pfoat'n « zuzuschneiden. Der Krust kam näher an den Tisch heran. »Was tuast denn du da?« fragte er. »Hast koane Augen? Nah'n!« gab das Vronele schnippisch zur Antwort. »Bist lei alloan da?« fragte der Krust weiter. »Ja!« war die Antwort. Dann entstand eine kleine Pause. Man hörte nichts als das eintönige Klappern der Schere und das Ticken der großen Wanduhr in ihrem Holzgehäuse. Der Krust setzte sich auf die Ofenbank und schaute dem Vronele zu. »Wo sein denn die andern?« fragte er über eine Weile. 53 »Auf der Bergmahd zum Heu'n!« »Ah so!« Wieder gegenseitiges Schweigen. Das Vronele nahm ein Stück von der weißen Leinwand, setzte sich damit ans Fenster und begann eifrig zu nähen. »Is die Lena aa durch?« unterbrach der Krust die Stille. »Ja, alle!« »Wann kommen's denn z'ruck!« erkundigte sich der Krust. »Nit vor auf d' Nacht! Dös wirst wohl wissen, wenn d' a Bauer sein willst, daß man von a Bergmahd nit in a halben Stund' wieder dahoam sein kann!« lachte das Diandl und sah dem Krust voll ins Gesicht. Der Krust atmete erleichtert auf. »Hättest was zu bestellen?« fragte nun das Vronele. »I? Naa!« war die Antwort. »Ja, z'wegen was bist denn nachher da?« Das Diandl hielt die Nadel gegen das Licht, um besser einfädeln zu können. »I?« »Ja, du!« »I, i hab' lei amal nachschaun wollen, wia 's geht!« log der Krust. »Dös glaub' i nit!« erklärte das Vronele. »Nit?« machte der Krust ganz bestürzt. Er wurde über und über rot und saß wie angenagelt steif auf der Ofenbank. 54 »Beim helliacht'n Tag laßt a Bauer nit die Feldarbeit und geht hoamgarten !« erklärte ihm das Diandl bestimmt. »I kann dös schon tuan!« log der Krust weiter darauf los. »Du schon!« spottete das Vronele. »Dumm g'nuag dazua wärst, wann i dei Muatter nit kennet!« »Moanst?« fragte der Krust und starrte das Diandl groß an. Der Ton imponierte ihm. So pflegte die alte Nagillerin mit ihm zu reden. »Und nachher,« fuhr das Vronele fort und besah sich den Krust von oben bis unten genau, »zum hoamgarten gehn legt man do nit 's Feiertagsg'wand an!« »Naa!« gab der Krust in gewaltiger Verlegenheit zu. »Siehst, daß i nit a so dumm bin, als wia du glaubst!« triumphierte das Diandl. »I kann mir's schon denken, warum du da bist!« »Naa! Dös kannst dir nit denken!« entgegnete der Krust. »Dös is gar nit schwer zu erraten!« lachte das Vronele. »Auf der Brautschau bist!« »Wer hat denn dir dös g'sagt?« fragte der Krust ganz fassungslos und sperrte Augen und Mund weit auf. »Niamand!« erklärte das Vronele und biß mit den Zähnen ein Stück Faden ab. »Dös kann i mir 55 ja denken, daß dir der Lena ihr Geld in die Augen sticht! Geld heiratet wieder zu Geld! Dös is ja a alte Haub'n!« »I mag aber nit!« entfuhr es da auf einmal dem Krust. »Ah, da schau her! A so a Scheinheiliger! Er mag nit!« Das Diandl brach in ein schallendes Gelächter aus und zeigte dabei zwei Reihen prachtvoller weißer Zähne. »Lach' du nur!« brummte der Krust ärgerlich. »Es is do wahr! I mag nit heiraten!« »Ja, warum bist denn nachher da herkommen?« fragte das Vronele. »Weil mi 's die Muatter g'hoaßen hat!« »Und du muaßt folgen? Gelt?« höhnte das Vronele und sah den Krust aus ihren hellen braunen Augen schalkhaft an. »Wenn du die Lena nit magst, nachher laßt es bleiben und laßt die Muatter reden!« belehrte sie ihn. »Der Bauer bist du, und heiraten muaßt du, nit dei Muatter!« »I mag aber nit heiraten!« würgte der Krust hervor, dem es bei dem Gespräch immer unbehaglicher wurde. »Ah, du magst überhaupt nit heiraten?« fragte sie ihn. »Naa! Überhaupt nit!« bestätigte er. »Ja, dös is nachher ganz a einfache G'schicht'. Da gehst iatz hoam und sagst deiner Muatter, du magst überhaupt nit heiraten.« 56 »Dös woaß sie schon. Aber sie moant, ich brauchet a Weib, dö auf die Sach' schauet und dö alles a bissel regieren tät'!« erzählte der Krust zögernd. »Da hat sie nit a so unrecht, dei Muatter!« nickte das Vronele ernsthaft und bückte sich über ihre Näherei. Die Sonne schien durch die kleinen Fensterscheiben und vergoldete das reiche braune Haar des Vronele. Der Krust starrte sie an. Sie schien ihm nicht zu mißfallen. »Moanst wohl, die Muatter hat recht?« fragte er und erhob sich von der Ofenbank. »Willst schon hoamgehn?« meinte das Vronele. »Ja. Naa, i, i kann schon no a bissel dableib'n!« entschied er sich, setzte sich aber diesmal auf die Bank neben das Diandl. »Jatz sag' mir amal, Krust, was du gegen das Verheirat'tsein hast!« ließ sie ihn nach einer Weile an. »I? I moan', i könnt' mi nit dreing'wöhnen!« »Ah, dös g'wöhnst schon!« beruhigte ihn das Diandl. »Da kenn' i iatz schon a Masse Leut', dö si ganz guat dreing'wöhnt haben!« »Wirst schon recht haben!« »Also soll i der Lena was ausrichten von dir?« weckte das Vronele den Krust aus einer längeren tiefsinnigen Betrachtung, in die er nach seinem letzten Ausspruch versunken war. Dabei sah sie ihn verstohlen von der Seite an. »Der Lena? Naa!« entschied der Krust. »Wann i schon heiraten muaß, nachher suach' i mir's Madel aa selber aus!« 57 »Hast denn du dir die Lena nit selber ausg'suacht?« stellte sich das Vronele erstaunt und ließ von ihrer Näherei ab. »Naa! Dö hat die Muatter ausg'suacht!« »Nachher bist du der größere Stoanesel, als i dir zuatraut hätt'!« Das Diandl nähte wieder fleißig weiter. »Da kannst schon recht hab'n!« erwiderte der Krust kleinlaut. »I hab' die Muatter suach'n lassen, weil sie dö Sach' besser versteht, und i, i woaß do nit, was i reden soll mit an Madel!« entschuldigte er sich. »Du kannst ja ganz guat reden!« munterte sie ihn auf. »Wir zwoa verstehn uns do ganz guat!« »Sell wohl!« versicherte er eifrig und rückte näher an das Vronele heran. »Was willst denn nachher mehr?« meinte sie. »Wann du mit mir reden kannst, so kannst do mit der Lena aa reden!« »Die Lena mag i nit!« »Richtig, dös hätt' i bald vergessen. Ja, warum magst sie denn nit?« »I woaß es nit!« kam es schwerfällig heraus. Dann rückte der Krust noch ein bissel näher an das Vronele und meinte: »Die Lena g'hört halt aa nimmer g'rad unter die Jüngsten!« »Also du hättest gern a Jüngere!« lachte ihm das Diandl ins Gesicht. Der Krust wurde ganz verlegen. »Muaßt dir halt a solche suach'n!« riet ihm das 58 Vronele. »Solche Diandeln gibt's g'nuag in Alpbach umadum!« »Gar a so jung dürfet sie aa nimmer sein!« brachte der Krust bedächtig hervor. »Weil die Muatter g'sagt hat, sie müasset regieren!« »Ja, wia alt dürfet sie denn sein?« meinte das Vronele und rückte nun ihrerseits vertraulich näher. »So halt, als wia du!« »Wia i?« »Und wia sollt's denn ausschaun?« »Ja, schon aa wia du!« stotterte der Krust verlegen. »So? Aa wia i?« lachte das Vronele. »Mit dir kommet i guat z'fahren!« rückte der Krust ganz nahe an das Diandl heran. »Moanst wohl?« fragte das Vronele schelmisch. »I moan', i könnt' mi drein g'wöhnen!« versicherte der Krust mit einem gewissen heiligen Ernst. »Ob aber i mi drein g'wöhnet?« neckte sie ihn. »Moanst nit?« erwiderte er ganz traurig und niedergeschlagen. »Vielleicht do!« lachte sie und wurde auf einmal rot. Der Krust stützte eine Weile den Kopf in beide Hände und dachte offenbar angestrengt nach. Dann schien plötzlich ein heldenhafter Entschluß über ihn zu kommen. Er rückte knapp an das Vronele heran und meinte mit einer etwas zaghaften Stimme: »Diandl, vielleicht tätest mi gar am End' a bissel mögen?« 59 »I hab' di alleweil nit ungern g'habt!« antwortete sie halblaut. »Vielleicht tatest mir nachher gar a Bussel spendieren?« »Probier's halt!« lachte das Vronele. Der Krust bekam plötzlich eine riesige Schneid' und schnalzte dem Vronele ein paar kräftige Busseln hinauf. Dann wischte er sich behaglich schmunzelnd mit dem Rockärmel über den Mund und meinte: »Teuxel! Dös war aber guat!« »Jatz is's g'nuag!« wehrte sich das Vronele, als der Krust eine Fortsetzung der »teuxlischen Guatheit« herbeiführen wollte und nach ein paar weiteren Busseln verlangte. »Mir scheint, du bist auf einmal g'scheiter word'n und auf'n richtigen G'schmack kommen!« lachte das Vronele, ihn abwehrend. »Mir scheint aa!« grinste der Krust seelenvergnügt. »Und iatz geh' i hoam! Und um Martini wird g'heirat't! Und der Muatter muaß es recht sein, ob sie will oder nit!« Damit verabschiedete sich der Krust von dem Vronele und machte sich kreuzfidel auf den Heimweg. Je näher er aber zu seinem Hof kam, desto ängstlicher wurde ihm zumute. Die alte Nagillerin hatte schon Ausschau nach ihm gehalten und erwartete ihn, auf der Bank vor dem Hause sitzend. »Hast sie antroffen?« fragte sie ihren Sohn, der etwas zögernd näherkam. »Ich hab' sie schon antroffen«, erwiderte der Krust und setzte sich neben die Muatter auf die Hausbank. 60 »Seid's einig worden?« frug die Nagillerin weiter. »Ja, wir sein einig worden!« nickte der Krust. »Wann wird denn g'heirat't?« »Z' Martini!« »Dös is mir schon recht! I bin froh, wann i im Winter mei' Ruah' hab'!« seufzte sie. »Is a kommods Madel, die Lena. Dö kann dir schon g'fall'n!« »Wer?« »Die Lena!« »Naa, dö g'fallt mir nit!« »Dös wird schon kommen!« meinte die alte Nagillerin. »Wenn d' amal damit verheirat't bist. Geld hat sie aa . . .« »Dös hat sie nit!« Der Krust stieß es krampfhaft hervor. Dabei hörte er völlig sein Herz »pumpern« vor lauter Aufregung. »Was? Koa Geld? Die Lena? Bist narrisch?« »Naa!« würgte der Krust hervor. »Nit die Lena! 's Praxmarer Vronele!« »Mir scheint, dir is 's letzte Radl abg'laufen!« Die alte Nagillerin betrachtete ihren Krust ganz ängstlich. »I . . . i . . . heirat' die Vroni!« stotterte der Krust. »I . . . i . . . i . . . hab's ihr versprochen! Z' Martini is Hochzeit! I . . . i mag die Lena nit! Und verheirat't muaß i damit sein! Und enk geht's nix an! I bin der Bauer da! I muaß damit leben! I muaß mi dreing'wöhnen! Und in die Lena g'wöhn' i mi nit drein! Mit der Vroni kann i guat reden! I nimm koa andre! Und i hab's versprochen!« 61 Dem Krust stand der helle Angstschweiß auf der Stirn. Er wischte sich krampfhaft mit beiden Rockärmeln abwechselnd über das Gesicht. Die alte Nagillerin war ganz starr vor Entsetzen. Dann raffte sie sich plötzlich auf und meinte zum Krust gewendet: »Jatz gehst ins Bett! Du hast an Rausch!« »I hab' koan Rausch nit!« protestierte der Krust. »Frag' lei die Vroni, ob i an Rausch hab'!« »Natürlich warst b'soffen!« ereiferte sich das Müatterl. »Als a nüchterner schaut sie do koaner um a armes Madel um, wann er a geldige dafür haben kann! So a Versprechen im Rausch gilt nix! Dös muaß ruckgängig g'macht werden!« »Da wird nix mehr ruckgängig g'macht!« wurde jetzt der Krust obstinat. »Versprochen is versprochen! Und 's Vronele kommt auf'n Hof! Wir zwoa passen z'sammen!« »Freilich!« rief die alte Nagillerin. »Weil du 's größte Rindviech bist, das Gottes Erdboden tragt!« Damit ging das Müatterl ganz erbost ins Haus hinein und ließ den Krust allein heraußen. Der rief ihr nur noch nach: »Naa, Muatter, mit 'm Rindviech is nimmer viel los. I merk's, daß i anfang', langsam g'scheiter z'werden!« . . . Um Martini war wirklich die Hochzeit zwischen dem Nagiller Krust und dem Praxmarer Vronele. Die alte Nagillerin hat sich in ihre Schwiegertochter ganz gut hineingefunden und »g'schafft« prächtig damit. 62 Auch der Krust hat sich an das Verheiratetsein rasch gewöhnt. Das Regiment führt natürlich das Vronele. Die Nagillerin hat es ihr gern abgetreten, da sie lieber eine Ruh' hat auf ihre alten Tag'. Und regiert muß der Krust nun doch einmal werden. Vielleicht hätte die Langwieser Lena dieses Regiment etwas energischer besorgt als das Vronele. Deswegen hat die junge Nagillerin ihren Ehegesponsen aber nicht weniger unter dem Pantoffel. Am End' sogar mehr, weil der Krust den Pantoffel gar nicht spürt und bis über die Ohren verliebt ist. Der Krust und das Vronele sind ein glückliches Paar worden. Besonders viel tut sich aber der Krust darauf zugute, daß er sich doch allein um ein Weib »derschaut« hat, ohne daß er die Muatter dazu brauchte. Davon, daß sich im Grunde genommen das Vronele um ihn schaute, hat er natürlich keine Ahnung. Er ist noch immer glücklich und stolz über die Schneid', die er an jenem denkwürdigen Nachmittag in der Stub'n beim Langwieser entwickelte. 63   Der Teuxelsgratten. Der Krautschneider Jos war noch nicht lange beim Gatterer Bauern im Dienst. Zu Jakobi erst war er eingestanden. Es kam ihm gar vieles g'spaßig vor da herunten im Tal. Droben am Berg, im Zimmermoos, wo der Jos bisher gedient hatte, war manches anders gewesen. Einfacher und ruhiger. Dem Jos wollte es anfangs nicht sonderlich behagen im Unterinntal herunten. Es reute ihn schon längst, daß er seine gute Stelle im Zimmermoos aufgegeben hatte. Aber der Gatterer Bauer konnte soviel schön reden, um wieviel feiner es der Jos bei ihm haben würde in St. Gertraudi und um wieviel mehr Lohn er bekäme, bis der Jos nachgab und seine Stelle kündigte. Lange blieb er in St. Gertraudi nicht. Das stand für ihn fest. Er fand es gar nicht bequem. Schon von Jugend war er es z. B. gewöhnt, den Mist auf dem Buckel nach den abschüssigen Bergackerln und Mahden zu tragen. Im Unterinntal herunten fuhren die Bauern den Mist auf die Felder. Mit den dabei verwendeten Zugochsen kam der Jos zuerst nicht recht zu schaffen. Die machten ihm viele Mühe. In den Feldern, da ließ sich's noch machen. Aber 64 sowie er auf die Landstraße kam, da ging das G'frett los. Da begegnete man Wagen und Radfahrern und oft auch solchen »verfluachten Teuxelsgratten , solchen stinketen«! Der Jos spie jedesmal voll Verachtung aus, so oft die Rede von »dö Automobiller« ging, die für ihn die Straßen des Unterinntals unsicher machten. Die Ochsen waren die »Automobiller« schon gewöhnt, aber der Jos noch lange nicht. Bis der mit seinem Heufuder, das gemächlich inmitten der Straße fuhr, ausstellte, hatte er jedesmal Radau mit den Insassen des Automobils. In den wenigen Monaten, die er im Tal verbracht hatte, mußte er sich schon so viel ärgern, wie in seinem ganzen Leben noch nie. Und das wollte was heißen. Denn gar jung war der Jos auch nicht mehr. So ein guter Vierziger. Ein braver Mensch, stark und sehnig, mit einem struppigen Bart, der seinem Aussehen etwas Wildes verlieh. Heute mußte der Jos wieder auf ein Feld seines Bauern, das knapp neben der Straße lag, Mist führen. Es war Anfangs Oktober. Die Sonne besaß noch eine Kraft wie mitten im Sommer. Der Jos war ganz bei seinem Geschäft. Er hatte seinen Jangger abgelegt und ihn in der Nähe auf einen Baumast gehängt. Nun schaufelte er mit einer großen Gabel den Mist vom Wagen herunter. Der Jos hatte noch nicht gelernt, daß die Straße auch 65 für andere Fuhrwerke bestimmt sei, sondern ließ seinen Karren mit den beiden Ochsen die ganze Breite des Weges einnehmen, weil ihm das so paßte. Es dauerte nicht lange, so hörte der Jos schon das verdächtige Schnaufen eines herannahenden Automobils. Er machte keine Miene, mit seinem Gefährt auszustellen. »Dö können's erwarten!« brummte er in seinen Bart und rückte verbissen seine Pfeife, die lange schon ausgelöscht war, von einem Mundwinkel in den andern. Das Automobil kam heran und mußte warten. Der Jos tat, als hörte er nichts, und schaufelte eifrig weiter. »Sie, guter Mann! Heda! Rücken Sie mal 'n bißchen fort mit Ihrem Karren!« rief ihn da einer der Insassen des Automobils an. Es saßen zwei Herren drinnen. In Autlertracht, mit Staubmantel und Staubbrillen. Dem Jos kamen sie vor wie zwei Teufel, die eben aus der Hölle entlassen worden waren. »Ja! Glei!« schrie der Jos vom Zaun herüber. »I muaß grad z'erst 'n Mist abladen!« »Das dauert uns zu lange. Der Karren ist ja voll!« kam es zurück. » Ös werdet's es wol epper no erwarten!« schrie der Jos. »Nein! Wir haben Eile!« 66 »I aa !« meinte der Jos und schaufelte unverdrossen weiter. »Na! Machen Sie mal keine Umstände! Lassen Sie uns durch!« »Ös habt's gar nix zu versaumen nit, ös herrischen Tröpf'! I versaum' aber d' Arbeit!« schimpfte der Jos und warf den Autlern wütende Blicke zu. »Also, wenn Sie nicht wollen, dann führen wir uns selbst die Ochsen beiseite!« meinte einer der beiden Herren. »Grad' untersteh'n!« Der Jos kam mit vorgestreckter Mistgabel auf die beiden los, die aus dem Automobil gestiegen waren. »Die Ochsen lass' i mir von enk nit verruinieren, ös Malefizer ös!« Der Jos hatte die Mistgabel weggeworfen und stellte sich nun breitspurig vor seinen Ochsen auf. Die beiden Herren hatten wieder im Automobil Platz genommen. Langsam und gemächlich führte der Jos seine Ochsen beiseite, knapp an den Wegrand. Das Automobil machte einen Höllenlärm. Dem Jos kam es ganz unheimlich vor. So nahe und so genau hatte er einen solchen »Teuxelsgratten« noch gar nie betrachtet. »Daß ös enk getrauen mögt's, in so an Ding da z'fahren!« meinte er dann und klopfte seine Pfeife aus. »Wir sind's gewohnt! Da ist nichts dabei!« gab der eine der Herren kurz zur Antwort. »Na, wollen Sie vielleicht mitfahren?« fragte ihn 67 der zweite Herr lachend. Er war klein und dick und über und über mit Staub bedeckt. Dem Jos kam er wie eine Art wildes Tier vor. »I? Naa , naa und no amal naa!« Der Jos wehrte sich ganz entsetzt. »Ja warum denn nicht? Da ist doch nichts dabei!« drängte der kleine Herr weiter. »Daß i in die Luft fliag'!« Der Jos lehnte sich bequem an seinen Mistkarren und schaute mitleidig auf die beiden Autler. »Es geschieht Ihnen nichts!« redete ihm nun auch der andere Herr, ein hochgewachsener Sportsmann, zu. »Sie steigen zu uns ein. Wir fahren Sie ein Stückchen, und dann gehen Sie wieder heim!« »Naa!« machte der Jos und zeigte grinsend alle Zähne. »Ein gottvoller Bursche!« sagte der kleine dicke Herr. »Der muß mit!« nickte der andere. »I geah nit!« lachte der Jos. »Wie heißt doch das Nest da?« fragte der kleine Dicke und deutete mit dem Finger auf das Dorf, das hinter ihnen lag. »St. Gertraudi!« antwortete der Jos. »In St. Gertraudi ist sicher noch niemand mit dem Automobil gefahren?« »Naa. Koa oanziger!« bestätigte der Jos. »Na, wollen Sie nicht mal versuchen, wie's bei 68 uns herinnen aussieht?« drängte der kleine Dicke. »Sie sind ja gleich wieder da!« beruhigte er den Jos. »Und geschehen tut Ihnen sicher nichts! Sehen Sie uns an! Wir kommen geradewegs von München!« sagte der andere Herr. »Ah wol von München!« Der Jos war ganz Staunen. Von München, das mußte weit sein. Die Züge, die täglich dorthin fuhren, hatte er oft schon bewundert. Und die Herren, die waren ja ganz » kommode « Leut'. Mit denen konnte man ja ganz gut reden. Der Jos hätte sich das gar nicht gedacht, daß diese » schiachen staubigen Herrenleut'« so gemütlich sein könnten. Er kämpfte offenbar mit einem Entschluß. »Nun?« fragte der kleine dicke Herr. »Naa!« grinste der Jos. »Mi wundert's nit!« »Na, denn nicht!« machte der andere Herr. »Dann fahren wir eben allein!« »Mitfahren tua i nit –« sagte der Jos bedächtig. »Aber mal so zu uns 'reinsteigen, wie? Damit Sie wenigstens davon erzählen können!« meinte der freundliche dicke Herr. »Einihocken – dös wohl! Da kann nit viel dahinter sein! Aber fahren tua i nit!« erklärte der Jos nachdrücklich, zog seine Joppe an und steckte seine Pfeife ein. »Nein, nein! Steigen Sie nur mal ein, guter 69 Freund!« sagte der größere Herr, der vorn am Steuer saß. Der Jos stieg schwerfällig ein, setzte sich neben den kleinen Dicken in den Wagen, streckte die Haxen von sich und lehnte sich bequem in den ledergepolsterten Sitz zurück. »Teuxel! Da is's gar nit a so unfein!« lobte er. Der kleine Dicke fing an zu husten. Der Jos verbreitete ein Parfüm, das den Insassen sehr ungewohnt war. Der Jos hatte gar keine Zeit, weitere Bemerkungen zu machen; denn auf einmal ging das Ding los. »Töff – töff – töff –« machte es und dahin raste es, als wären alle Teufel hinter ihm her. »Jess, Maria und Josef!« schrie der Jos erschrocken. »Meine Ochsen!« »Ach was Ochsen! Die laufen Ihnen nicht davon!« sagte der kleine Dicke. »I will aussteig'n! I will nit fahr'n! I hab' g'sagt, i fahr' nit!« schrie der Jos, dem es bei der schnellen Fahrt ganz » damisch « wurde. Der Staub flog ihm unaufhörlich in die Augen, verstopfte ihm Mund und Nase, so daß der Jos immerfort niesen mußte. »Wir kehren ja gleich wieder um!« beruhigte ihn sein Nachbar. »Wir wollen nur ein bißchen fahren und Sie dann ganz heil und sicher bei Ihren Ochsen abladen!« 70 Der ruhige Ton schien auf den Jos zu wirken. Er saß eine Weile ganz mäuschenstill. »Nun, wie gefällt's Ihnen?« rief ihm sein Nachbar ins Ohr. »Es tuat si schon!« erwiderte der Jos. »Aber man siecht völlig nix!« »Machen Sie nur die Augen auf!« meinte der kleine Dicke. »Ja, dö hab' i voller Staub!« sagte der Jos. »Wo sein wir denn iatz epper?« erkundigte er sich nach einer kleinern Pause. »Keine Ahnung!« Das Automobil fuhr plötzlich langsamer. Man kam durch eine Ortschaft. »Alle heiligen Nothelfer! Dös is ja Straß!« schrie der Jos entsetzt. »Das tut nichts!« beruhigte ihn sein Nachbar. »Dös tuat schon eppes ! Meine Ochsen!« »Ach was Ochsen!« lachte der andere. »Meine Ochsen! I will zu meine Ochsen!« brüllte der Jos. »Aber sollen Sie ja!« begütigte ihn der kleine dicke Herr. »I glaub's nit! Verstanden! Außi will i!« schrie der Jos ganz verzweifelt. »Auf der Stell' will i außi!« Der Jos war von seinem Sitz aufgesprungen und wäre, das Gleichgewicht verlierend, bei einem Haar hinausgepurzelt. 71 »So bleiben Sie doch sitzen!« drückte ihn sein Nachbar auf den Sitz zurück. »Wir bringen Sie ja heim!« Das Automobil hatte wirklich kehrt gemacht, ohne daß es der Jos in seiner Verzweiflung und Wut bemerkte. »Aussteigen will i!« schrie er von neuem. »Unsinn! Wir sind ja schon umgekehrt!« »I glaub's nit! I glaub's nit! Ös seid's a Schwindlerbagaschi! I hab' gar nit fahren woll'n! Ös seid's aber do g'fahr'n!« zeterte der Jos wie besessen. »I sag': umkehren! Umkehren! sag' i!« schrie er weiter und fiel dem andern Herrn, der am Steuer saß, in den Arm, so daß dieser sich nicht rühren konnte. »Auslassen!« rief der Herr am Steuer. »Es passiert sonst was!« »I laß' nit aus!« schrie der Jos. Der kleine dicke Herr zog und zerrte den Jos am Ärmel, aber ohne Erfolg. Beinahe wären die beiden aus dem Wagen gefallen. Der Jos hielt den Herrn am Steuer wie mit eisernen Klammern fest. Das Automobil hatte längst schon wieder die Ortschaft Straß durchrast. Die Leute schrien entsetzt auf, als sie das Auto kommen sahen. Der Jos hörte und sah von all dem gar nichts. Er stand stumpfsinnig vornübergebeugt über den Sitz des Herrn am Steuer, den er nicht mehr los ließ. »So lassen Sie mich doch! Es passiert ein Unglück!« schrie der Herr und schüttelte den Jos mit allem Aufwand seiner Kräfte. 72 Der kleine Dicke zog den Jos von rückwärts. Im Eifer riß er ihm ein Stück von seinem Jangger herunter. Das versetzte den Jos in eine blinde Wut. Er ließ den Herrn am Steuer los, griff mit der einen Hand in das Steuerrad und hieb mit der andern dem kleinen Dicken eine tüchtige Watsch'n herunter. »Da hast eine!« schrie er. Der kleine Dicke fiel taumelnd auf seinen Sitz zurück und hielt sich mit beiden Händen die Wange. »Was fällt Ihnen ein!« brüllte der andere Herr. »Wir schmeißen Sie hinaus!« Dabei bemühte er sich vergebens, die eiserne » Pratz'n « des Jos von der Steuerung loszukriegen. »Schau nur, daß i di nit außi schmeiß'!« drohte der Jos und wurde neuerdings gegen den Herrn am Steuer aggressiv. Da plötzlich ein scharfer Ruck. Das Automobil blieb stehen. Der Jos kollerte auf die Straße und wälzte sich im Staub. Geschehen war ihm nichts. Die beiden Herren sprangen aus ihrem Wagen. Das Automobil rührte sich nicht mehr vom Fleck. Alle Bemühungen, es wieder in Gang zu bringen, blieben erfolglos. Offenbar hatte der Jos etwas an der Maschine zerbrochen. Die beiden Herren waren wütend und schimpften auf den Jos ein, der sich von seinem Fall inzwischen wieder pumperlg'sund erhoben hatte. Der hörte aber gar nicht auf sie. 73 Kaum dreißig Schritte von der Stelle entfernt, wo das Automobil unfreiwillig Halt gemacht hatte, sah er seine beiden Ochsen mit dem Mistkarren stehen. Mit dem freudigen Ausruf: »Meine Öxlen! Meine Öxlen!« rannte der Jos spornstreichs nach vorwärts. Die beiden Herren, die sich vergebens bemühten, das Automobil vom Fleck zu bringen, kamen endlich dem Jos nach, der sich um sie nicht weiter bekümmert hatte und schon wieder daran war, Mist abzuladen. »Sie haben uns eine schöne Suppe eingerührt!« rief der kleine dicke Herr den Jos an. »Ha?« machte der Jos zuerst schwerhörig. »Der Wagen ist ruiniert!« sagte der zweite Herr. »Ah wol? Is er hin?« meinte der Jos ganz befriedigt. »Das scheint sie noch zu freuen!« rief der kleine Dicke empört. »Is koa Schad' um den Teuxelsgratten!« sagte der Jos und spie verächtlich vor sich hin. »Da hört sich doch verschiedenes auf!« rief der größere Herr. »Sie haben was an der Maschinerie zerbrochen! Sie sind schuld dran.« »Was bin i? Schuld dran?« wehrte sich der Jos bissig. »Wer is gefahr'n? I oder ös? I hab gar nit fahr'n woll'n!« »Sie haben sich ja gebärdet wie ein Verrückter!« warf ihm der größere Herr vor. »Ah, da sollt' einer nit verruckt werden, wenn ös 74 mit ihm durchgeht's, als wenn ihn der Teufel g'holt hätt'!« protestierte der Jos. »Sie sind ein gewalttätiger Mensch!« warf ihm der kleine Dicke vor, dem noch immer der ganze Kopf von der Watsch'n »sumste«. »Und du bist nachher koa G'waltmensch nit?« rief der Jos. »Du hast mir mein' Jangger z'rissen! Und den muaßt zahlen! Sonst klag' i di!« »Und ich verklage Sie auch wegen körperlicher Mißhandlung!« rief der kleine Dicke empört. »Dö Watsch'n hast verdiant! Hättest mi außi lassen!« meinte der Jos ruhig. »Nun, streiten wir uns nicht mehr lang herum!« rief der größere Herr. »Die Frage ist, wie wir hier vom Fleck kommen!« Sein Blick fiel auf die Ochsen des Jos. »Sie müssen uns unsern Wagen mit Ihren Ochsen zum nächsten Schlosser fahren!« sagte er zum Jos. »Was muaß i?« machte der Jos. »Nun, Sie spannen Ihre Ochsen vor!« »I soll enkern höllischen Teuxelsgratten no auf Brixlegg eini fahr'n zum Schlosser? Mit meine Ochsen? Fallt mir nit ein! Daß am End' die Ochsen mitsamt'm Gratten in die Luft fliag'n!« Die beiden Herren mußten dem Jos noch ganz anders gut zureden, bis er seine »Öxlen« zur Beförderung des Automobils herlieh. Umsonst tat er es überhaupt nicht. Er verlangte einen blanken Gulden dafür und außerdem noch dreißig Kreuzer für seinen zerrissenen Jangger. 75 Als das Fuhrwerk im Gang war, machte es dem Jos ersichtlich Spaß. Er schnalzte lustig mit der Peitsche, und wenn er jemand begegnete, dann unterließ er es nicht, diesem gegenüber seine Bemerkungen zu machen. Die zwei Herren, die neben ihrem verunglückten Automobil zu Fuß wanderten, waren darüber just nicht sonderlich erbaut und trieben den Jos immer wieder energisch zur Eile an, was der Jos regelmäßig mit einem gemächlichen: »Ah, wir kommen heut' schon no nach Brixlegg!« erwiderte. In Brixlegg erregte der Jos mit seinem Fuhrwerk natürlich berechtigtes Aufsehen. »Nobel gib i's heut', ha?« rief der Jos. »So sind Sie doch mal still!« rief der größere Herr unwirsch. »Behalten Sie Ihre überflüssigen Redensarten für sich!« »Oha!« sagte der Jos. »'s Reden hab' i mir nia verbiat'n lass'n!« Die beiden Herren blieben zurück und ließen den Jos voraus. Da deutete der Jos, als ihm wieder Leute begegneten, lachend mit seinem Peitschenstiel nach rückwärts und meinte: »Dö Zwoa schamen si mit mir! Aber deswegen g'hört 's Fuhrwerk dechterst ihnen!« In Brixlegg lieferte der Jos das Automobil samt Besitzern beim Schlosser ab, spannte seine Ochsen wieder aus und nahm grinsend den ausbedungenen Gulden und dreißig Kreuzer in Empfang. 76 »Na, uns wird es nicht mehr einfallen, einen solchen Lümmel zur Fahrt einzuladen!« sagte der kleine dicke Herr grimmig, als sich der Jos verabschiedete. »I verlang' mir's aa nimmer!« zeigte der Jos lachend sein ganzes Gebiß. Seitdem ist seine Wut auf die »Automobiller« etwas gemildert. Wenn man ihn fragt, wie es bei der Fahrt eigentlich hergegangen sei, meint er: »Hocken is ganz kommod in dem Gratten, aber geah'n tuat der Teuxel viel z'g'schwind! Und dö Herrn sein aa ganz feine Leut' g'wesen. Wenn wir z'letzt nit z'streiten kommen wär'n, hätt'n wir uns soweit ganz guat mitanander unterhalten. Aber wir sein ganz guat ausanander. Hat koaner dem andern weiter was für übel g'habt. Im großen und ganzen war's recht unterhaltlich!« beschließt der Jos das Urteil über sein Abenteuer. 77   Die g'frorne Liab'. Durch die enge Talschlucht des Schnalsertales ging langsam ein Mann. Er war nicht mehr recht jung, der Goasleder Michl. So Ende der Vierzig, aber noch ganz gut erhalten. Ein eiskalter Wind pfiff ihm entgegen und trieb ihm den Schnee ins Gesicht. Es war keine Kleinigkeit, bei solchem Wetter einen langen Weg zu unternehmen. Vom Himmel schneite es wahre Leintücher herunter, und der Wind heulte und brüllte dem Michl um die Ohren, daß ihm Hören und Sehen verging. Wenn er nur schon draußen wäre aus der Schlucht! Bloß mühsam konnte er sich seinen Weg durch den Schnee vorwärts bahnen. Zeitenweise war es sogar lebensgefährlich. Zu seiner Rechten hohe steile Felswände. Zu seiner Linken ging es in die Tiefe. Unten brauste und tobte der Wildbach. Spitze, haushohe Felsen lagen in seinem Bett. Ein Fehltritt auf dem schmalen Steig, und um den Michl war's geschehen. Das wußte er. Aber das machte ihm nichts. Vorwärts wollte er, koste es was immer! Die Gefahr scheute er nicht. Und vor dem Erkälten fürchtete er sich schon gar nicht. Er war nicht 78 verweichlicht und verwöhnt wie der Zipperer Jundl . Der freilich, der würde sich bei einem solchen Schneesturm nicht vor die Tür getrauen, geschweige denn den weiten Weg nach Wandegg unternehmen! Aber die Lena, die wird Augen machen, wenn sie heut' den Goasleder Michl bei allem Wind und Wetter daherkommen sieht! . . . Der Michl freute sich ordentlich auf ihr erstauntes Gesicht. Das würde ihr doch Eindruck machen, daß er den fünfstündigen Weg zu ihr nicht gescheut hatte. Das heißt, im Sommer waren es fünf Stunden. Im Winter konnten es auch sieben und acht werden. Der Goasleder Michl wohnte draußen im Tal. In Tschirland. Ein kleines Dörfl, das abgelegen von der breiten Heerstraße, die durchs Vintschgau führt, ganz bescheiden und einsam am Fuße eines Berges liegt. Der Michl hatte ein recht nettes Bauerngüatl in Tschirland und war immer recht behaglich gewesen, fröhlich und guter Dinge. Bis vor kurzer Zeit. Da war das Weib in das Dasein des Michl getreten und hatte ihm seine Seelenruhe und seinen Frieden geraubt. Dieses Weib war die Lena vom Schmalhoferbauern in Wandegg, drinnen im Schnalsertal. Schön war sie nicht, die Lena, und auch nicht mehr jung. Seit Jahren schon war sie beim Schmalhofer als Dirn bedienstet, ohne daß sie irgendeinem Burschen oder gar einem Bauer als besonders begehrenswert 79 erschienen wäre. Jetzt auf ihre älteren Tag' hatte die Lena auf einmal gar zwei Bewerber, und beide g'standene Bauern. Denn der Zipperer Jundl hatte es auch auf die Lena abgesehen. Und das war es eben, was den Goasleder Michl am meisten wurmte und ihn um seine »Ruah« brachte. Der Zipperer Jundl besaß nämlich außer seinem Bauerngüatl noch eine kleine Mühle. Ein Umstand, der seine Aussichten bei der Lena bedeutend günstiger stellte. Aber dem Jundl gönnte der Michl die Dirn schon gar nicht. Denn die Lena hatte ein hübsches Geldl geerbt. In Tschars drüben war eine Basl von ihr gestorben und hatte der Lena ein nettes Erbteil hinterlassen. Der Sagschneider Stöffl bei der Etschbruck'n drunten, der alles wußte, was im Tal vorging, hatte das gleich den beiden alten Junggesellen, dem Jundl und dem Michl, gesteckt. Und richtig, die zwei bewarben sich nun allen Ernstes um die Dirn beim Schmalhoferbauern. Der Jundl und der Michl, die früher von Jugend auf die besten Freunde waren, wurden nun plötzlich zu Todfeinden. Die Lena war mit ihren Gunstbezeigungen ihren beiden Bewerbern gegenüber bis jetzt immer g'sparig gewesen. Sie müßte sich's noch überlegen, welchem von den beiden sie den Vorzug geben sollte. Der Jundl war entschieden der wohlhabendere. Aber dafür schaute er viel unansehnlicher und 80 bedeutend älter aus als der Michl. Dieser war trotz seiner Vierzig immer noch ein fescher Kerl. Der Jundl aber war stets etwas kränklich und daher auch griesgrämig gewesen. Der Goasleder Michl hatte nun die Hin- und Herzieherei mit der Lena satt. Heute wollte er endlich mit ihr ins reine kommen, und dann sollte bereits um Lichtmeß geheiratet werden. Schon dem Jundl zum Trotz! Der würde sich ärgern, wenn der Michl nach so kurzer Zeit Hochzeit halten konnte! Und weil heute gerade ein solches Sauwetter war, darum machte der Michl sich justament heute auf den Weg zum Schmalhofer. Sonst könnte ihm schließlich doch der Zipperer Jundl zuvorkommen und ihm die Lena vor der Nas'n wegschnappen. Der Goasleder Michl hatte unter diesen Betrachtungen die Talschlucht schon längst hinter sich und den Aufstieg begonnen. Jetzt, da er sich im Freien befand, war er vollständig der Unbill des Sturmes preisgegeben. Doch der Michl kämpfte sich tapfer durch. Die längste Zeit mochte er so geklettert sein. Von einem Weg war natürlich keine Spur mehr. Alles Schnee ringsum; wohin das Auge sah, nur Schnee. Der Michl mußte nur so aufs Geratewohl sich weiter tasten und sich auf seinen Orientierungssinn verlassen. 81 Es dunkelte bereits. Da hieß es vorsichtig sein. Der Weg nach Wandegg war stellenweise sehr gefährlich. Die Schneedecke war trügerisch. Darunter gähnten kirchturmtiefe Abgründe. Nur langsam ging die Wanderung vonstatten. Immer dunkler wurde es, der Wind tobte und heulte, und das Schneegestöber war so dicht, daß es dem Michl fast den Atem benahm. Da sah er ein kleines Lichtl vor sich aufblitzen. Gar nicht weit von ihm entfernt. Etwa zwanzig Schritte. Er mußte sich also doch vergangen haben; denn auf dem Weg nach Wandegg lag kein anderes Einödhöfel. Der Michl steuerte langsam und vorsichtig auf den kleinen Lichtschein los. Endlich erkannte er die Umrisse einer Holzhackerhütte. Er ging hinein. Die Hütte bestand nur aus einem einzigen Raum. Drinnen saß beim offenen Herd zitternd und fröstelnd der Zipperer Jundl und wärmte sich. Es war nur ein armseliges Feuerl, das er sich da angemacht hatte. Der Holzvorrat, der vor ihm aufgestapelt lag, war allerdings auch winzig. Einige dürre Reiser, wie sie die Holzknechte übrig gelassen hatten. Sonst nichts. Der Michl machte große Augen, als er den Zipperer Jundl wie ein Häufele Elend sitzen sah. Aber auch der Jundl war nicht wenig erstaunt, da er in dem Eismann den Goasleder Michl erkannte. Denn wie ein lebendiger Eiszapfen sah der Michl wahrhaftig aus. Haar und Bart schneeweiß und steif gefroren. 82 Über das faltige, vor Kälte völlig bläulich glänzende Gesicht des Jundl glitt ein Schimmer der Freude, als er den Michl erblickte. Für einen Moment hatte er die ganze Feindschaft vergessen und wurde nur von dem einen Gefühl beseelt, nicht mehr allein zu sein, einen Bekannten um sich zu haben. Das war freilich nur für einen Augenblick. Denn der finstere, trotzige Blick, mit dem ihn der Michl anschaute, erinnerte ihn gleich wieder an ihre beiderseitige Gegnerschaft. Der Jundl wußte im Anfang gar nicht, was er tun sollte. Er saß da, hauchte sich verlegen in die Hände und schielte den Michl scheu von der Seite an. Der Michl nahm keine Notiz von seinem Nebenbuhler. Als wäre er überhaupt nicht in dem kleinen Raum vorhanden, so vollständig als Luft behandelte er ihn. Er rieb sich die steifen Hände warm, schüttelte sich den Schnee ab und setzte sich in einen Winkel der Hütte. Dann entledigte er sich der schweren Stiefel, lehnte sich behaglich zurück, wickelte sich in seinen Wettermantel und zog aus der Tasche eine große Flasche Schnaps heraus. »Ah! Dös war guat!« sagte er erleichtert vor sich hin, nachdem er einige tüchtige Schlucke daraus gemacht hatte. Gierig schielte der Jundl nach der Flasche. Er war nicht so vorsichtig gewesen wie der Goasleder Michl und hatte sich nichts zum Essen und Trinken mitgenommen. Nun saß er schon seit einigen Stunden 83 hier einsam und verlassen und hungerte und fror zum Gotterbarmen. »Joa, joa! So a Schnaps is guat, wenn oans z' kalt hat!« eröffnete der Jundl das Gespräch. »Joa. Ganz guat!« brummte der Michl mürrisch zurück und tat wieder einen liebevollen Schluck aus der Flasche. Die Blicke des Jundl wurden immer gieriger. Wenn er grad' auch so einen Schluck tun dürfte! Nur einen einzigen! Dann wäre ihm schon um vieles wohler und wärmer. Draußen tobte und heulte der Schneesturm weiter. Er rüttelte an der schlecht verschlossenen Tür und an dem winzigen Fensterl der Hütte. Durch die Fugen und Ritzen zog und pfiff der Wind in kurzen Stößen herein und bedrohte das kleine Feuer am Herd. »Is dös a Wetter!« seufzte der Jundl und hielt die Hände fast ganz ins Feuer. Am liebsten hätte er sich gleich selber hineingelegt. So fror ihn. »Daß du di außer traut hast bei so an Hundswetter!« sagte der Michl höhnisch und sah seinem Nebenbuhler zum erstenmal voll ins Gesicht. »I? Joa, mei – i – woaßt wol –« fing der Jundl verlegen an. Der Michl hatte nun ein großes Trumm Speck aus der Tasche gezogen, dazu ein frisches Vintschgerbrötl, und fing beides mit Behagen zu verzehren an. »Hast zur Lena wollen?« frug der Michl und schob sich mit dem Messer eine große Speckscheibe in den Mund. 84 »I? Joa. Freilich!« nickte der Jundl und sah neidisch auf den Michl, wie der seine Mahlzeit mit Heißhunger verzehrte. Er war doch ein rechter Esel gewesen, daß er sich keine Wegzehrung eingesteckt hatte. Jetzt mußte er hungrig zusehen, wie sein Todfeind sich's schmecken ließ. »Da hättest a wen'g eahnder giahn müass'n. Nit grad' in die Nacht eini!« meinte der Michl. »Du hättest es alleweil no dertan beim Tag, wenn d' eahnder fort wärst von dahoam!« »Du bist aa a so spat weg!« entgegnete der Jundl fast entschuldigend. »I? Mir is's gleich, ob i heut' oder morgen zu der Lena aufi kimm. Mi mag sie do!« sagte der Michl selbstbewußt und tat wieder einen kräftigen Schluck aus der Flasche. »Moanst? Dös wär' also so viel, als wenn sie mi nit mögen tät?« frug der Jundl bissig zurück . . . Herrgott, wenn der Zoch nur nit den guat'n Schnaps hätt'! dachte er bei sich . . . Dem tät i hoamleucht'n! Dem Kampl , dem hochmüatigen! . . . »Du hast zwar die Mühl', aber i bin alleweil no a sauberer Kerl. I kriaget a Junge aa no . . . Moanst nit?« frug der Michl den Jundl spöttisch. »Warum nimmst dir aft koa Junge nit?« entgegnete der Jundl und schnatterte vernehmlich mit den Zähnen. Teils vor Kälte und teils vor Wut. Denn nichts konnte ihn wilder machen, als wenn 85 man eine Anspielung darauf machte, daß er schon so früh gealtert aussah. »Mir scheint, du hast z' kalt?« sagte da der Michl mit geheucheltem Mitleid. »Magst nit an Schluck tuan? Er tuat dir guat!« Der Michl hielt ihm die Flasche hin. Der Jundl wollte schon mit zitternden Händen gierig darnach tasten. Da hielt ihn im letzten Moment sein Stolz zurück. Nein! Justament nicht! Der Michl sollte sich morgen nicht über ihn bei der Lena lustig machen können! »I dank' dir schön. B'halt dir'n lei selber dein' Schnaps!« wehrte er barsch ab und schob die Flasche von sich. »Schad'! Hätt' dir guat tan!« Der Michl zuckte gleichmütig die Achseln und trank nun selbst aus der Flasche. »Es is sakrisch kalt da herinnen. Und dös Tröpfele hebt warm!« sprach er dann. »Geahst morgen in der Fruah zur Lena?« erkundigte sich der Jundl nach einer Weile. »Naa. I geah' wieder hoam!« sagte der Michl trocken und fing auf's neue zu essen an. »Aber i geah' aufi zum Schmalhofer!« rief der Jundl obstinat. »Dös kannst halten, wia d' willst.« »Und i mach's aus mit ihr, und auf Liachtmeß halt' i Hochzeit, daß d' es woaßt!« schrie der Jundl mit zittriger Stimme und funkelte den Michl mit seinen kleinen, hellgrauen Äuglein zornig an. 86 »Wenn's di nimmt, aft gönn' i sie dir!« brummte der Michl. »Geah', sei g'scheut, trink' an Schnaps! Sischt derkrankst no! Und dös wär' die Lena do nit wert!« lud er den Jundl neuerdings ein. »Moanst wol, i kunnt' derkranken?« frug der Jundl ängstlich und ergriff zögernd die Flasche. Dann tat er einen gierigen Zug daraus. Herrgott, wie das wohl tat! Wie Feuer! Ordentlich warm wurde ihm schon. Sein Zorn war verraucht. Mit beiden Händen hielt er die Flasche zärtlich umfaßt und tat noch einige kräftige Schlucke. Dann sah er begehrlich auf den behaglich schmausenden Goasleder Michl. Vielleicht gab der ihm doch auch noch ein bissel von dem Speck. Er hatte ja ein riesiges Trumm mit. Das konnte er doch unmöglich allein vertilgen. Als ob der Michl seine Gedanken erraten hätte, schob er dem Jundl ein Brötl zu und schnitt ihm ein Stück Speck herunter. »Da iß! Und 's nächste Mal steckst dir was ein!« riet er dem Jundl. »Von der Liab' alloan wirst nit satt!« Eine Zeitlang hockten sich nun die beiden bei dem trüben Schein des Feuers gegenüber. Der Michl war nun auch näher gekommen und hatte sich auf die andere Seite des Feuers am Herd niedergesetzt. »Wenn i 's recht bedenk',« fing da der Michl nachdenklich an, »sein wir alle boade Stoanesel!« 87 »I bin koa Stoanesel nit!« wehrte sich der Jundl. »Du bist aa oaner!« erklärte der Michl. »Sischt hockest nit in derer Kält'n da herob'n in der gottverlassenen Hütt'n!« »I hab' mi halt aa vergangen!« sagte der Jundl. »I hab' mir denkt, i muaß amal klar werden mit der Lena. Dös oanschichtige Leben, dös hab' i satt! I brauch' aa an Menschen, der auf mi schaut. I werd' alleweil älter, und i moan' –« »Joa, wenn sie nur auf di schaut!« unterbrach ihn der Michl. »A kränkliches Mannsbild is nit ihr G'schmack. Dös woaß i.« »Woher woaßt denn du dös?« frug der Jundl mißtrauisch. »Der Sagschneider Stöffl hat mir's verzählt. Wia er 's letztemal zu der Lena kommen is, hat sie ihm g'sagt, 's Geld g'freuet sie nur, weil sie iatz no was haben kann vom Leben. Bald sie amal verheirat't is, aft geaht sie amerst af Weißenstoan wallfahrten und nachher af Trens und af Absam und vielleicht aa af Oansiedeln. Und der Mann muaß mit. Dös is natürlich. Es kann oaner do sei Weib nit alloan in der Welt umadum fahr'n lassen!« erzählte der Michl. »Dös is do a Sakra, der Stöffl!« rief der Jundl ärgerlich. »Da hat er mir koa Wörtl nit davon g'sagt! Der hat mir alleweil fürg'reimt , was 88 dös für a g'sparige Diarn sei! Wia dö sparen könnt'! Dö verfahret ja no ihr ganzes Gerstl auf der Bahn! Dös gibt's amal nit bei mir! Mei Weib muaß bei mir dahoam bleiben und aufs Viech schau'n! I will mei Ruah hab'n!« erklärte der Jundl ganz erbost. »Siehst es, Jundl, drum soll oans si's amerst guat überlegen, bevor oans zum Verspruch geaht!« belehrte ihn der Michl. »I hab' aa nix g'wußt davon, daß die Lena a so a Gleime is. Hat dir dös der Sagschneider Stöffl erzählt?« »Joa. Und dös hat mir g'fallen. A Weib soll auf die Sach' schau'n. Dös is recht. Und der Toni, der was Hüaterbua war ferchten beim Schmalhofer, der hat mir's aa verzählt. G'spart hab' die Lena, dös sei a Graus g'wesen. Bald sie an Kaffee g'macht hat, aft hat man die Kearn' zählen können, dö drein g'wesen sein!« »B'hüat di Gott! I dank' schön! Dös will i ihr abg'wöhnen, wenn sie amal mei Weib is!« sagte der Michl drohend. »I will, daß mir mei Weib a ordentliche Kost gibt! Sischt bleib' i liaber ledig!« »Joa. Und amal, da hat sie den Toni derwischt, wia er a Maulvoll Milch aus a Schüssel trunken hat. Mensch, den hat sie derbeutelt! Völlig nimmer stiah'n hat er können. Und bald nimmer g'wußt hat er, ob er a Manndl oder a Weibl is! So hat sie'n verhau'n!« berichtete der Jundl, ganz stolz auf die Heldentaten seiner Zukünftigen. 89 »Wegen an Maulvoll Milch! Der arme Bua! Dös muaß a Teufel sein! I dank schön!« Der Michl spie verächtlich aus. Es fing ihn nun auch kläglich zu frieren an. Das Feuer drohte auszugehen. Dann saßen er und der Jundl in der Dunkelheit da heroben. Seine ganze Lage kam ihm plötzlich sehr lächerlich vor. Da lief er, der Goasleder Michl, ein g'standener Bauer, den Berg herauf eines Madels wegen. Das heißt ihres Geldes wegen. Aber brauchte er denn eigentlich ihr Geld? Er hatte doch selber genug. Und wenn er schon durchaus heiraten wollte, dann fand er andere, jüngere, die vielleicht nicht so viel Geld hatten, aber dafür verträglicher waren. Ja, wenn der Jundl nicht gewesen wäre, der sich die Dirn auch in den Kopf gesetzt hatte, so würde er die Sache wohl schon aufgegeben haben. So aber war der Jundl da. Und der wollte sie oder vielmehr ihr Geld haben. Und das reizte den Michl. Wie er sich's aber jetzt überlegte, war es doch eine gewaltige Eselei, sich so ein Weibsbild fürs Leben aufzuhalsen . . . und nur deswegen, weil er seinem ehemaligen besten Freund einen Tuck antun wollte. Je mehr es den Goasleder Michl in der einsamen Holzhackerhütt'n fror, desto nüchterner und klarer dachte er über die Angelegenheit. Geraume Zeit war es ganz still zwischen den beiden. 90 »Jundl?« begann endlich der Michl. »Joa?« »Schlafst schon?« »Naa. Mir is 's soviel z' kalt!« jammerte der Jundl zähneklappernd. »Woaßt, i hab' dir lei was sagen wollen. I hab' mir's grad' überlegt. I heirat' die Lena nit! Du kannst dir sie b'halten!« sagte der Michl energisch. »Nit? Ja warum denn nit?« fragte der Jundl ganz verwundert. »Weil i a g'schlag'ner Häuter wär' damit! Und da wär' do schad' um mi!« »Moanst wohl, sie is a so beas ?« fragte der Jundl ängstlich. »A Maul hat sie amal koa guat's nit!« versicherte der Michl. »Joa, joa. Du kannst schon recht hab'n. Haar' auf die Zähnd hat sie schon. Dös hab' i schon selber g'merkt.« Wieder entstand eine lange Pause. Der Jundl dachte tief nach. So wie die Lena hatte er sich eigentlich sein zukünftiges Weib nicht vorgestellt. Er hatte überhaupt nie im Sinn gehabt zu heiraten. Wenn's ihm zu einsam würde, hätte er sich halt eine Häuserin angestellt. Das wäre nie so riskiert gewesen wie eine Heirat. Einer Häuserin konnte man kündigen, wenn sie einem nicht mehr paßte. 91 Ein Weib aber mußte man bis an sein Lebensende behalten, auch wenn es einem gar nicht zusagte. Jetzt, weil der Michl die Lena aufgegeben hatte, verlor sie auf einmal auch den ganzen Reiz für den Jundl. Wenn er nur gewußt hätte, wieviel Geld die Dirn eigentlich besaß. Im Eifer hatte er seinerzeit ganz darauf vergessen, den Sagschneider Stöffl genau darüber auszufragen. »Michl?« »Joa!« »Du magst die Lena also nimmer?« »Naa!« »G'wiß nimmer?« »Naa! G'wiß nimmer! Du kannst dir sie b'halten!« »Woaßt epper du, wia viel Geld sie hat?« »Joa. Viertausend Gulden.« »Viertausend Gulden! Teuxl, dös is viel!« Der Jundl kratzte sich bedenklich hinter den Ohren. »Und du magst sie do nimmer?« »Naa. Aa nit, wenn sie achttausend hätt'! I bin mir z' guat dazua! Sie is a Bißgurrn !« Wieder eine längere Pause. Dann platzte der Jundl heraus: »I mag sie aa nit. I bin mir aa z' guat dazua! Muaß i da die ganze Nacht in der Kält'n hocken und kunnt' mir'n Toad holen! Und derwischet nachher no a beases Weib, dö mi am End' aa prügeln tat' wia'n Toni. Naa, i nit! I bleib' ledig und nimm mir z' Liachtmeß a Häuserin.« . . . 92 Gegen Morgen hatte der Schneesturm nachgelassen. Ein prächtiger Wintermorgen brach an. Der Schnee glitzerte in tausenden blitzender Funken beim Schein der kalten Wintersonne. Die beiden Nebenbuhler, der Goasleder Michl und der Zipperer Jundl, hatten sich vollständig miteinander ausgesöhnt. An allen Gliedern steif von der ausgestandenen Kälte, kletterten sie mühsam den Berg herunter ins Tal. Die Liebe zur Lena vom Schmalhofer aber war bei beiden in dieser Nacht eingefroren für weltewige Zeiten. 93   Der Pfannenstiel. Auf der Hörhager Alm in den Zillergründen versieht im Sommer schon seit Menschengedenken der Nocker Klaus das Amt eines Melkers. Der Klaus ist ein alter, verschlagener und fauler Kerl. Zu seinem besonderen Sport gehört es, die »Hearrischen« anzulügen und recht »für an Narren z' halten«. Seine Opfer sind die Neulinge in den Bergen. Die hat er durch seine langjährige Praxis gleich heraus. Er riecht sie ordentlich von weitem. Gewöhnlich fragen solche Fremde den Klaus nach den Namen von einzelnen Bergspitzen in der Runde. Wie die Berge der Umgebung heißen, das ist dem alten Melker gleichgültig. Er hat sich nie darum gekümmert und weiß es daher auch nicht. Jedoch ist er auf solche Fragen niemals die Antwort schuldig geblieben. Er besitzt eine große Erfindungsgabe für die abenteuerlichsten Bergnamen. An einem schönen Vormittag im Sommer kam ein älteres dickes Ehepaar, das sich in Mayrhofen aufhielt, nach der Hörhager Alm gekeucht. Der Klaus hockte auf der niederen Bank vor der Almhütte und rauchte und faulenzte wie gewöhnlich. Er war keine sonderlich anziehende Erscheinung. Eine mittelgroße, behäbige und vierschrötige Gestalt. 94 Das Gesicht über und über mit grauen Bartstoppeln bedeckt, so daß er aussah wie ein gereizter Igel. Auf dem grauen Schädel trug er ein verwildertes Hütl mit einer zerzausten Spielhahnfeder. Er war in Hemdärmeln und steckte in ganz zerlumpten Hosen. Der dicke Herr und die dicke Dame waren nun unmittelbar vor die Sennhütte gekommen. »Sieh mal, Männe, dort sitzt ein Mann!« machte die dicke Dame ihren Gatten aufmerksam. »Richtig! Das scheint ein Senner zu sein!« erwiderte der fremde Herr und wischte sich sein erhitztes Gesicht mit dem Taschentuch. Der Klaus tat, als ob er nichts höre und sehe, und rauchte ruhig weiter. »He! Sie da! Sind Sie ein Senner?« rief ihn der dicke Herr an. »Joa!« sagte der Klaus faul und blieb ruhig hocken. »Ist das überhaupt 'ne Alm?« fragte die dicke Dame. »Joa!« antwortete der Klaus und rauchte weiter. »Da kann man ja eine Erfrischung von Ihnen bekommen?« meinte der Herr. »Ha?« frug der Klaus. »Ein Glas Milch kann man wohl haben?« fragte die Dame. »Joa!« sagte der Klaus breit und rührte sich nicht von seinem Fleck. »Dann bringen Sie uns mal zwei Gläser! Aber flink!« befahl der dicke Herr. 95 Der Klaus erhob sich gemächlich von seiner Bank, klopfte umständlich sein Pfeifl aus und ging in die Hütte. Über eine Weile kam er wieder. In jeder Hand hielt er eine kleine Schüssel Milch und reichte sie den Fremden. »Da kann man doch nicht draus trinken!« meinte die Dame. »Haben Sie kein Glas?« »Naa!« Der Klaus stellte die Schüsseln auf die Bank. Die beiden Fremden behalfen sich, so gut es ging. »Schlafen Sie auch da drinnen?« erkundigte sich die dicke Dame und deutete mit dem Kopf gegen die Tür. Von innen kam ein Geruch von saurer Milch und Käse. »Joa!« nickte der Klaus. »Sie sind wohl ganz allein hier oben? Fürchten Sie sich da nicht?« fragte die Dame weiter. »Naa!« erwiderte der Klaus. »Sieh mal, Männe, dort drüben den entzückenden Berg! Ganz weiß ist er an der Spitze!« rief die dicke Dame lebhaft. »Ist das 'n Gletscher?« fragte der Fremde. »Joa!« »Wie heißt der?« erkundigte sich der Herr. »Dös is der krumpe Schellunter.« erklärte der Klaus mit der größten Seelenruhe. »Ach, wie köstlich! Ein reizender Name!« bewunderte die Dame. »Und der Berg dort im Hintergrund, wie heißt der?« frug der dicke Herr weiter. 96 »Dös is das Teuxelshörndl!« Der Klaus rauchte phlegmatisch weiter und schaute gar nicht in die Richtung der Berge. »Hier über uns ist auch noch ein Gipfel! Sieh mal, Männe, was ist doch das für ein entzückender Berg! Wie der stolz auf uns herunterblickt! Wie majestätisch!« Die Dame war ganz aufgeregt vor lauter Bewunderung. »Da kann's doch gar nicht weit hinauf sein?« meinte der Herr. »Wie weit geht man denn da?« »Vier Stund'!« sagte der Klaus und spuckte vor sich hin. »Nicht weiter? Du, Frau, da wollen wir mal 'nauf! Was?« sagte der dicke Herr. »Ach ja! Da gehn wir 'nauf!« rief seine Gattin begeistert. »Wie heißt er denn eigentlich?« frug der Fremde. »Der hoaßt der Pfannenstiel!« sagte der Klaus langsam. »Pfannenstiel? Sie haben aber sonderbare Namen für Ihre Berge in Tirol da!« bemerkte der dicke Herr kritisch. »Warum heißt der Berg eigentlich Pfannenstiel?« erkundigte sich die Dame. »Was woaß denn i! Vielleicht weil er an Pfannenstiel gleich siecht!« sagte der Klaus und stellte sich noch breitspuriger unter die Hüttentür. »Das find' ich aber gar nicht!« bemerkte der Herr. »I aa nit!« gab ihm der Klaus recht. 97 »Also wollen wir mal nach dem Pfannenstiel, Alte, was?« rief der Herr heiter. »Können Sie uns da hinaufführen?« fragte er den Klaus. »Sell kann i schon!« sagte der ruhig. »Es ist doch nicht gefährlich?« erkundigte sich die Dame. »Naa! Da is gar nix dahinter!« meinte der Klaus, klopfte sein Pfeifl aus und begab sich in die Hütte. Dann kam er wieder heraus und hatte ein dickes Seil und einen Bergstock in der Hand. »I wär' g'richtet!« meinte er. »Was bekommen Sie als Führerlohn?« erkundigte sich der Herr vorsichtig. »O mei! Dös is nit hoaklig!« erwiderte der Klaus. »I verlang' nix. I bin ja koa Führer nit. Was Ös halt gearn hergebt's!« »Na, wir werden Sie schon entschädigen!« meinte der dicke Herr mit einem gewissen Wohlwollen. Die drei machten sich auf den Weg. Der Klaus führte die Fremden über eine steile, schlüpfrige Almwiese. Der Herr und die Dame wären mehrmals beinahe ausgeglitten. Dann kamen sie zu einer Steinmoräne. Hier galt es von Stein zu Stein zu hüpfen. Die beiden dicken Fremden keuchten hinter dem Klaus drein, der frisch und leicht vorwärts schritt. »Sind wir noch nicht bald droben?« erkundigte sich die Dame. »Das ist ja ein entsetzlicher Weg!« 98 »A drei Stund' werd'n ma schon no brauch'n!« gab der Klaus Auskunft. »Aber doch nicht in diesem Geröll?« fragte der Herr. »Dös is no nix!« Der Klaus spie verächtlich aus. »Da kimmt's schon no schiacher!« meinte er ruhig. »Noch schlimmer?« Die Dame blickte ängstlich nach oben. Von der Spitze war nichts mehr zu sehen. So weit die Blicke reichten, Felsen und Steine. »Da kann man ja nicht hinauf!« meinte die Dame verzagt. »Zu was hätt' i denn 's Soal mit?« sagte der Klaus trocken und ging weiter. »Wir werden angeseilt? Ist das gefährlich?« frug der Herr, mühsam nach Atem ringend. »'s Soal? Naa!« »Nein, der Weg?« sagte der Herr. »Weg is da herob'n überhaupt koaner!« erwiderte der Klaus kurz angebunden. »Sagen Sie mal, müssen wir auch Kamine passieren?« fragte der dicke Herr dann wieder. »Wenn's aufi kommen wollt's, schon!« war die Antwort. »Ist das gefährlich?« forschte die Dame. »Wenn oans derscheibt, schon!« »Was ist das, derscheibt?« »Abikugeln und sich 's G'nack brechen!« belehrte der Klaus mit einem zufriedenen Grinsen in seinem Igelgesicht. 99 »Ja, fällt denn da wer herunter?« fragte der Herr. »O, genua!« gab der Klaus Auskunft. »Erst ferchten is oaner derschieb'n!« »Aber wenn man ordentlich angeseilt ist, kann einem doch nichts geschehen!« sagte der dicke Herr zuversichtlich. »Naa! Zelm nit. Wann nit alle auf oamal abikugeln!« »Geschieht denn das?« fragte die dicke Dame ängstlich. »Ei wohl, dös g'schiecht schon! Es is nit amal so lang her, da is glei a halb's Dutzend auf oamal derschieb'n!« »Menschen?« frug die Dame. »Freilich. Ordentliche, ausg'lernte Bergkraxler sein's g'wesen!« erzählte der Klaus. »Schrecklich! Und die haben sich verletzt?« fragte die Dame. »Hin sein's g'wesen! Maustot!« berichtete der Klaus mit großer Ruhe. »Alle sechs?« frug der Herr. »Joa, alle!« »Und keinen konnte man retten?« die Dame. »Naa! Koan' oanzig'n! Gar nimmer g'sech'n hat man sie!« »Was? Nicht gefunden? Nicht einmal die Leichen?« erkundigte sich der Herr, entschieden sehr unangenehm berührt. 100 »Naa! Gar nix!« Eine Weile stiegen sie wieder schweigsam aufwärts. Dann brach der Herr abermals das Schweigen. »Daß der Berg so gefährlich ist, hätte ich mir nicht gedacht!« meinte er. »Ich auch nicht. Er sah so beruhigend aus von unten!« bestätigte die dicke Dame. »Dös is a hoamtückisches Luader!« rief der Klaus. »Dös werdet's iatz bald sech'n, wenn ma zu die ersten Klüft' kommen!« »Klüfte? Da müssen wir drüber springen?« frug der Fremde. »Joa. I soal' Enk an. Aber fein acht geben müaßt's und nit daneben hupfen. Sinscht sein ma alle drei hin!« »Sind die Klüfte breit?« fragte der Herr angelegentlich. »'s tuat si schon! Nit gar a so!« »Wie breit beiläufig?« frug die Dame. »O mei! Die erste epper a zwoa Meter!« »Zwei Meter! Und die anderen?« »Dö? Dö sein schon schiacher . Und tiaf! Teuxl no amal eini, dö sein höllisch tiaf!« Der Klaus spie ganz ehrfurchtsvoll aus. »Da kommt man wohl nicht mehr leicht heraus, wenn man hineinfällt? Wie?« erkundigte sich die Dame sehr ängstlich. »Außerkommen? Koa Spur nit! Nit amal 101 die Leichen find't man mehr! So tiaf sein dö Klüft'!« »Sind die sechs Touristen, die abstürzten, auch in eine solche Kluft gefallen?« frug der Herr. »Dö sein in die Höllenkluft g'fallen!« »Ja, weiß man denn das so genau? Warum bringt man sie dann nicht herauf?« fragte die Dame. »Dö Kluft is viel z' tiaf drunten. Da kimmt koa Mensch nit zua!« »Kann man die Leichen sehen von oben?« frug der dicke Herr mit einem geheimen Schauder. »Naa! Sech'n kann man sie nit. Aber wenn der Oberwind geaht, nachher riacht man sie!« »Was? Riechen? Entsetzlich!« rief der Herr. »I hab's meiner Seel selber g'rochen vor a etliche Tag'!« beteuerte der Klaus. »Und g'stunken haben's. A drei, vier Tag' hat's mir no alles im Magen umadum gedrahnt!« »Brrr!« machte der Herr und schüttelte sich. »Und über die Kluft müssen wir auch drüber?« »Joa. Und i moan' völlig, die Nas'n kriag'n ma heut' voll. 's geaht der Oberwind!« Die Dame war ganz blaß geworden. »Männe, da geh ich nicht hinauf!« erklärte sie fest. »Nicht? Ja – ich glaube völlig, du hast recht. Wir kehren gescheiter um!« meinte der dicke Herr zögernd. »Ja, wenn's nit ganz schwindelfrei seid's, nachher is's g'scheiter, Ös geaht's gar nit aufi!« warnte der 102 Klaus. I glaub' amal, i derheb' Enk nit, wenn's ins Purzeln kommt's!« »Der Mann hat recht, Männe! Kehren wir um!« bat die Dame. »Ja, kehren wir um!« sagte nun der Herr entschieden. Der Klaus kratzte sich bedenklich an seinem grauen Schädel und sah die beiden listig an. »Sakra! Sakra! Jatz hab' i mir a schiane Supp'n einbrockt!« sagte er dann. »Wir hätten 's do riskier'n sollen!« »Den Pfannenstiel besteigen und herunterpurzeln? Nee!« erklärte der dicke Herr energisch. »Joa. Aber wenn's nit aberpurzelt wärt's, nachher hätt' i a Trinkgeld kriagt!« meinte der Klaus ernsthaft. »Das kriegen Sie schon auch so!« beruhigte ihn die dicke Dame gutmütig. »Ah wohl?« frug der Klaus mißtrauisch. »Natürlich! Schon deshalb, weil Sie uns uneigennützig vor den Gefahren gewarnt haben!« lobte ihn der Herr. Der Abstieg zur Alm ging beträchtlich geschwinder als der Aufstieg. Der Klaus erhielt ein nobles Trinkgeld, das er schmunzelnd in seinen schmierigen Geldbeutel tat. Die beiden »Hearrischen« wirklich auf einen Berggipfel zu führen, war ihm von allem Anfang an nicht im Schlaf eingefallen. 103 Drunten im Tal erzählten die Herrschaften von den Gefahren des Pfannenstiels, denen sie glücklich entronnen waren. Da erfuhren sie es selbstverständlich, daß sie dem Nocker Klaus, dem alten Haderlumpen, auf den Leim gegangen waren. 104   Die eing'stellte Heirat. Fang' einer nur was mit den Weiberleuten an! Da sitzt er dann bald in der richtigen Zwickmühl' drinnen. Wenn die Mannderleut' älter werden, dann werden sie gewöhnlich auch narrischer. Und wenn sie in jüngeren Jahren gescheit genug waren, um nicht zu heiraten, dann tun sie's später um so sicherer und sitzen um so mehr hinein in die Patsch'n. Der Steinhuber Tonl, ein kleineres Bäuerl in der Gerlos, war ein Vierziger geworden und hatte sich immer noch vor der Heiraterei erwehrt. Endlich schlug auch für ihn die Stunde. Schon über ein Jahr war er mit der Hibler Kathrin, einer Dirn, die auch bereits hoch in den Dreißigern war, gegangen. Schließlich hatte er ihr das Heiraten versprochen. Eigentlich ohne Überlegung. Einmal so in einem halben Rausch. Aber versprechen macht halten; und die Hibler Kathrin war nicht diejenige, die so leicht wieder lugg ließ. Den Tonl begann das Versprechen langsam zu reuen. Er zog herum mit dem Heiraten, als wenn es sich um einen ganz dünnen Strudelteig handeln würde, den er auszuwalken hätte. 105 So verging wieder völlig ein Jahr. Gegen Ende dieses Jahres hatte sich der Steinhuber Tonl gar eine neue Braut aufgegabelt. Sie war sogar etwas jünger als die Kathrin. Mit dem Heiraten wurde es jetzt auch rasch Ernst. Offenbar verstand die Vefi vom Suitnerbauern es noch viel besser, das heiße Eisen zu schmieden, als die Kathrin. Der Tonl und die Vefi wurden tatsächlich von der Kanzel als Brautpaar aufgeboten. Da hatten sie aber beide ihre Rechnung ohne die Kathrin gemacht. Die vom Tonl schnöde verlassene und erbitterte Dirn rannte schnurstracks nach Zell aufs Bezirksgericht und ließ dem Tonl wegen gebrochenen Eheversprechens seine beabsichtigte Heirat einstellen. Nun waren sie beide, der Tonl und die Kathrin, an einem schönen Vormittag im Juni vor den Herrn Bezirksgerichts-Adjunkten zu einem Vergleich vorgeladen. Gesetzlich konnte ja die Kathrin die Heirat des Tonl nicht länger verhindern, bis daß ihr der ungetreue Bräutigam allen nachweisbaren Schaden vergütet hatte. Aber Aufsehen hatte deswegen die eing'stellte Heirat in Gerlos doch genug gemacht. Der Tonl, den Zettel der Vorladung sorgfältig in seiner Brusttasche geborgen haltend, stieg pünktlich ein paar Minuten vor 10 Uhr Vormittag die düstere Steintreppe hinauf, die zu den Amtslokalitäten des k. k. Bezirksgerichtes führte. Er trug sein Feiertagsg'wand, in dem er womöglich noch vierschrötiger herauskam als in der Werktagsjopp'n. 106 Am Korridor, von dem aus die Türen in die Amtszimmer führten, waren an der Wand ein paar Bänke angebracht, damit die auf ihren Vorruf wartenden Parteien darauf Platz nehmen konnten. Die Hibler Kathrin war schon da und saß steif auf einer Bank an der Stiegenmauer, mitunter an ihrer Seidenschürze zupfend oder ihren Zillertaler Hut zurechtrückend. Die beiden sahen sich einen Augenblick lang feindselig an. Dann kehrte ihr der Tonl den Rücken und lehnte sich an eine gegenüberliegende Mauer. Nach einer Weile trat der Herr Kanzlist aus einem Amtszimmer und forderte die beiden auf: »Ös könnt's iatz schon einer kömmen!« Die Kathrin hatte sich schnell erhoben und wollte zur Tür hinein; jedoch der Tonl kam ihr zuvor und drängte sie noch im Türrahmen zurück. »I bin z'erst da g'wesen!« ereiferte sich die Kathrin wütend und vergaß dabei ganz, daß sie sich schon in Gegenwart des gestrengen Herrn Adjunkten befand. »Grüaß Gott, Herr Adjunkt!« sagte der Tonl verlegen und drehte seinen Hut krampfhaft in beiden Händen. »Anton Steinhuber,« begann der Adjunkt, »ich hab' dich vorladen lassen, weil die hier anwesende Katharina Hibler, der du ein Eheversprechen gegeben hast –« »I han ihr koa Versprechen nit geben!« fiel ihm der Tonl ins Wort. 107 »Woll! Sell hast!« rief die Kathrin aufgeregt. »Woaßt nimmer, af Hippach sein mer g'wesen, du und i, und zelm hast g'sagt, du wirst mi heiraten!« »Dös is derstunken und derlogen!« wehrte sich der Tonl. »Da wird nit g'stritten!« ermahnte nun der Herr Adjunkt zur Ruhe. »Wenn's streiten wollt's, dann geht's vor die Tür außi! Verstanden!« »I streit' ja nit!« brummte der Tonl kleinlaut. »Also hast du der Kathrin 's Heiraten versprochen?« fragte der Adjunkt. »Naa! I han nix versprochen!« »Dös is a Lug!« schrie die Kathrin wütend. »Die Kathrin hat dir deine Heirat mit der Genovefa Suitner einstellen lassen, weil du dich noch nicht mit ihr abg'funden hast!« fuhr der Adjunkt fort. »I han mi mit nix abz'finden! I han ihr nix versprochen!« leugnete der Tonl. »Jetzt schau', Tonl, auf die Weis' kommen wir zu kein' End'! Sei du jetzt g'scheit und tu' dich vergleichen!« redete ihm der Adjunkt gut zu. »I brauch' mi nit zu vergleichen!« meinte der Tonl obstinat. »Ah so? Moanst vielleicht, i schenk' dir dös neuche G'wand, was i dir beim Schneider in Stumm han machen lassen? Dös muaßt mir zahlen!« bestand die Kathrin auf ihrem Recht. 108 »Wieviel hat das kostet?« fragte der Adjunkt. »Der Stoff alloan acht Gulden, und 's Machen sechs Gulden!« »Macht vierzehn Gulden!« notierte der Adjunkt. »I zahl' nix!« beharrte der Tonl. »Und nachher sein mer amal af Innsbruck g'wesen, er und i! Dös han i aa alles zahlt!« fuhr die Kathrin fort. »In Jenbach hat sie a Gollasch gessen und zwoa Bier trunken! Dös han i zahlt!« berichtigte der Tonl. »O du Loder, du ausg'schamter!« »Pst! Ruhe! Hier wird nit g'schimpft!« gebot der Herr Adjunkt. »Und dös seidene Fürtach , dös sie heut' anhat, han i ihr kaft af Innsbruck oben!« meinte der Tonl weiter. »Dös hat aa seine vier Gulden kost't!« »Und i han dir sechs Pfoat'n machen lassen!« ereiferte sich die Kathrin. »Hör' mir du mit dö Pfoat'n auf!« rief der Tonl. »Dö derreißen ja schon!« »I mein', es wär' am besten, ihr tätet's euch vergleichen!« redete ihnen der Herr Adjunkt zu. »I vergleich' mi nit!« erklärte der Tonl. »I aa nit!« rief die Kathl. »Z'erst muaß er mir alles bis auf an Kreuzer zahlen! Nachher klag' i'n erst no wegen'n Kropf!« »Wegen was?« fragte der Adjunkt. »Wegen'n Kropf!« wiederholte die Kathrin. 109 Der Adjunkt sah den Tonl ganz verständnislos an. »Sie hat halt an Kropf g'habt!« bestätigte der Tonl. »Ja. Und der Tonl hat mir z'erst 's Heiraten verhoaßen. Aft hat er g'sagt, er mag mi nimmer, weil i an Kropf han. Sinscht tat' er mi schon heiraten. Aft bin i af Rabenstoan gangen zum Schindler Wast, der mir'n wegkuriert hat. Über a halb's Jahr hat's dauert, dö G'schicht, und af a zwanzig Gulden is's aa kömmen all's mitnander!« berichtete die Kathrin. »Und dös soll dir der Tonl zurückerstatten?« frug der Adjunkt. »Ja. Sinscht verklag' i'n!« erklärte die Dirn. »I verstatt' nix z'ruck!« meinte der Tonl ganz ruhig. »Aber schau', Kathrin,« sagte der Adjunkt, »den Kropf hättest dir wohl auch ohne den Tonl wegkurieren lassen. A Kropf is doch nix Schön's für a Madel! Und bei der Arbeit muß er dich ja auch scheniert haben!« »Mi hat er nix scheniert nit! I war'n schon g'wöhnt!« behauptete die Kathrin. »Aber schön is's doch nit, einen Kropf zu haben! Den hättest du dir sicher wegkurieren lassen!« redete der Adjunkt zum guten. »I nit! Mir hat er ganz guat g'fallen!« beharrte die Dirn. »I han's lei wegen dem Tonl tan. Und drum verklag' i'n aa!« 110 »Also, du hörst, was die Kathrin sagt!« wandte sich der Adjunkt wieder an den Tonl. »Willst zahlen?« »Naa!« »Aft klag' i'n!« rief die Kathrin. »Dann klagt sie dich, und du mußt ihr die Entschädigung bezahlen und die G'richtskosten extra!« belehrte ihn der Adjunkt. »Muaß i?« Der Tonl kratzte sich bedenklich am Kopf. »Sakra! Sakra!« stieß er hervor. Eine längere Pause entstand. »Nun?« fragte endlich der Herr Adjunkt. »I setz' den Fall –« begann der Tonl langsam, »i tat die Kathrin da heiraten, müaßt i ihr nachher aa a Entschädigung zahlen?« »Dann nicht!« sagte der Adjunkt. »Und i setz' den Fall –« fuhr der Tonl fort, »i tat sie heiraten und i müaßet ihr dö Entschädigung nit zahlen, müaßet i ihr aft'n nix nit z'ruckgeben?« »Nein!« »Nix nit zahlen, was sie mir geben hat?« »Nein!« »Sie hat also auf gar nix nit Anspruch, wann i sie heiraten tat? Aa auf koa Geld wegen'n Kropf nit?« »Nein! Jeder Anspruch verschwindet mit der Einlösung des Eheversprechens.« Der Tonl riß beide Augen weit auf, zog ein paarmal die Nase kritisch in die Höhe und fragte: »Wißt's dös g'wiß, Herr Adjunkt?« »Ja, natürlich!« 111 »Ganz g'wiß?« fragte der Tonl dringend. »Aber natürlich!« rief der Adjunkt ungeduldig. »Aft heirat' i die Kathrin, und zahlen tua i nix!« erklärte der Tonl und schlug dabei mit wuchtiger Faust kräftig auf den Schreibtisch des Herrn Adjunkten, daß die Akten nur so davonflogen und das Tintengeschirr beinahe umgefallen wäre. »Oha! Du Rammel! Kannst nit obacht geben!« schrie ihn der Adjunkt an. Der Tonl meinte: »Nix für unguat!« und war gleich darauf bei der Tür draußen. Die Kathrin hinter ihm drein . . . Die denkwürdige Gerichtsverhandlung hatte aber ein noch denkwürdigeres Nachspiel. Der Tonl löste seinen Verspruch mit der Suitner Vefi und ließ sich mit der Kathrin als Bräutigam aufbieten. Nun machte die Vefi das gleiche, was vorher die Kathrin getan hatte. Sie ließ dem Tonl auch am Zeller Bezirksgericht wegen gebrochenen Eheversprechens das Heiraten einstellen. Es kam neuerdings zu einer Verhandlung vor dem Adjunkten. Der Tonl war inzwischen durch die gemachten Erfahrungen schon schlauer geworden. Auch die Vefi hatte verschiedene materielle Ansprüche an ihn zu stellen. Der Tonl erklärte, zahlen wolle er nix, aber er heirate die Suitner Vefi. Natürlich hatte es der Herr Adjunkt sofort los, wo hinaus der Tonl wolle. Da hätte ihm eben wieder die Kathrin das Heiraten eingestellt, und so 112 wäre es weiter gegangen; denn zu einer Nachgiebigkeit war keine der beiden Dirnen zu bewegen. Leichter hätte man einem Stier das Jodeln gelernt. Der Adjunkt verwies daher die beiden Heiratskandidatinnen auf den Prozeßweg gegen den Steinhuber Tonl. Betreten hat diesen Weg aber weder die Hibler Kathrin noch die Suitner Vefi. Vor den Advokatenkosten hatten sie alle beide eine höllische Scheu. So schlief die ganze Angelegenheit wieder ein. Der Steinhuber Tonl ist bis zum heutigen Tag ledig. Wehe ihm aber, wenn er es wagt, sich am End' gar mit einer dritten aufbieten zu lassen! Dann kommen ihm die Suitner Vefi und die Hibler Kathrin zusammen aufs G'nack. Der Tonl denkt aber gar nicht mehr daran, zu heiraten. Er freut sich des ungestörten Besitzes der ihm von seinen zwei Bräuten spendierten Geschenke und erzählt es jedem, der es hören will, daß er halt doch schlauer gewesen sei als zwei Weiberleut' mitsammen. Auch der Herr Adjunkt ist von der Schlauheit des Steinhuber Tonl felsenfest überzeugt. Er hat ihn sogar im Verdacht, daß er schon bei der ersten Verhandlung das Kommende einigermaßen voraus berechnet habe. 113   Der Hexenkessel. In dem stillen hochgelegenen Bergdörfl Brandenberg war man nicht wenig überrascht, zu dieser ungewöhnlichen Jahreszeit einen Fremden zu sehen. Anfang März war es, und überall lagerte noch Schnee und Eis. Die Kinder, die gerade aus der Schule kamen, blieben verwundert stehen, stießen einander an und kicherten. Auch beim Wirt riß die Kellnerin erschrocken die Augen auf, als der fremde »Hearrische« die niedere, braun getäfelte Stub'n betrat. Es war düster, aber bacherlwarm in der engen Wirtsstub'n. Ein einziger Gast saß an einer Tischecke, tief über ein Stamperl Schnaps gebeugt, und schien ebenfalls eingeschlafen zu sein. Der Hearrische ließ sich an einem anderen Tisch nieder und bestellte sich nach dem frostigen Wetter draußen einen heißen Glühwein. Über eine Weile brachte die Kellnerin das Verlangte, setzte sich zu dem Neuangekommenen und fing zu plauschen an. Was ihn denn hereinführe. Ob der Weg schlecht gewesen sei. Von wo er komme. Der Gast erzählte, er sei ein Professor aus Wien, er sammle Altertümer, alte Bilder, Zinnteller, Kästen und Truhen. Man habe ihn von Brixlegg aus nach Brandenberg hereingewiesen. Da gäbe es vielleicht 114 noch so manches alte Stück für ihn. Ob sie ihm denn nicht vielleicht einige Bauernhöfe empfehlen könne, wo noch was zu finden wäre. Der Herr Professor war ein Mann in den Fünfzigern, mit scharfen Brillengläsern, einem etwas unkultivierten Vollbart und einer beginnenden Glatze. Er sah sich jetzt prüfend in der Stub'n um. »Dös kann schon i mach'n!« wurde auf einmal der stille Gast bei seinem Stamperl Schnaps lebendig. Es war ein altes, kleines, mageres Manndl mit einem pfiffigen Gesicht, das über und über mit grauen Bartstoppeln überwuchert war. Der Tschiderer Naz hatte es eigentlich sein Lebtag zu nichts gebracht, aber lustig war er immer gewesen, und getrunken hatte er auch immer gern. In jüngeren Jahren brachte er sich als Bauernknecht oder sonst im Tagwerk durch. Als er älter wurde und die starren Knochen bei der harten Arbeit nicht mehr recht mittun wollten, da frettete sich der Naz halt auch durch. Der alte Haderlump hatte einen ganz merkwürdigen »Spuribus« für alle Gelegenheiten, wo für ihn ein paar Kreuzer herausschauen konnten. Er gab sich mit kleineren bäuerlichen Vermittlungsgeschäften ab, war ein Vertrauter aller Viehhändler usw. Es trug zwar nicht viel ein. Aber just zum Leben und zum Trinken für einen einzelnen Menschen pflegte es meistens zu reichen. Und wenn es einmal nicht reichte, dann machte der Tschiderer Naz eben Schulden. Da er doch immer in die Lage kam, in 115 absehbarer Zeit zu bezahlen, genoß er einen ziemlich weitgehenden Kredit. »Wißt's, Herr,« fuhr der Naz fort, »i versteh' mi drauf! Dös is mei ganz speziell's Fach. I hab' no unterm Radetzky gediant. I hab' was von der Welt g'sehen! Aber ganz umsinscht halt könnt' i dö Sach' nit mach'n!« »Alter B'suff!« brummte die Kellnerin und erhob sich, um in die Küche zu gehen. »Halt, Nanni!« rief ihr der Tschiderer Naz nach. »Kannst a Halbe bringen! Der Herr zahlt schon? Gelt?« wandte er sich mit einem freundlichen Grinsen an den Fremden. Dieser nickte zustimmend und war bald mit dem Alten in ein eifriges Gespräch verwickelt. »Wißt's, Herr,« erklärte der Tschiderer Naz, »da im Dörfl herum is nimmer viel los mit dö Altertümer! Da sein schon dö verflixten Sammler von Sprugg dag'wesen und hab'n alles durch, was sie kriagt hab'n. Aber i wisset schon no a etliche Ort', wo's no feine Sach'n gab'!« »Wenn Sie mir die Häuser zeigen wollten, würde ich gerne erkenntlich sein!« versicherte der Hearrische. »Da wär' amal der Jocher!« meinte der Naz. »Der hat, moan' i, den halben Dachboden voll ang'stellt mit dem alten G'lump. Aber freili, soviel weit sein tuat's halt. A guating zwoa Wegstunden amal schon!« 116 »Das macht mir nichts!« versicherte der Fremde. »Ja. Und nachher beim Stockhammer!« fuhr der Tschiderer Naz fort. »Der hat g'wiß eppas, was Enk g'fallen tät'. Und nit gar so weit wär' der aa nit. Grad' epper a halbe Stund' z'unterst von Brandenberg!« »Da könnten wir ja gleich heute noch hingehen!« meinte der Fremde, der mit Leib und Seele bei der Sache war. »Ja. Ös könnt's schon giahn von mir aus. Aber i kimm heut' nimmer mit. I bin schon a alter Kracher. Mir paßt's besser, da in der warmen Stub'n z'hocken!« Der Naz lachte und goß sich den Rest aus der Weinflasche ein. »Ja – aber« – meinte der Herr Professor einigermaßen enttäuscht. »Zoag'n will i Enk dös Haus schon!« sagte der Naz. »Und den Weg aa. Man sieht's prächtig vom Roan aus. Und bis zum Roan geh' i schon mit. Nachher könnt's nimmer fahl'n!« Sie machten sich auf den Weg. Ein Stückchen außerhalb des Dorfes, wo der Weg nach abwärts führt, trennten sie sich. »Also seht's, Herr, der schiane Hof dorten, der ganz alloan steht und a kloane Kapell'n dabei, den hoaßt man ›beim Stockhammer‹. Ös könnt's nit fahl'n! Und iatz b'hüat' Enk Gott!« Damit machte sich der Tschiderer Naz, dem der Fremde ein paar Sechser zugesteckt hatte, davon 117 und trottete langsam wieder in die warme Wirtsstub'n zurück . . . Der Stockhammer Hannes und die Stina waren ein altes Geschwisterpaar. Die Stina hatte die Hosen an, und der Hannes fügte sich stets willig ihren Anordnungen. Es war schon spät am Nachmittag, als der Hearrische beim Stockhammerhof anlangte. Der Tschiderer Naz war ganz schlau gewesen, daß er seine Zuflucht wieder zur Wirtsstube genommen hatte. Der Weg war miserabel schlecht. Schier zum Versinken. Die Stina machte gerade in der Küche die G'spual'n für die Facken zurecht, als sie vor dem Hause Schritte vernahm. Der Hearrische machte die Haustür auf und stand nun im dunklen Hausflur. »Ist niemand da?« rief er. »Was wollt's denn?« fragte die Stina, die die über und über vom Rauch geschwärzte Kucheltür geöffnet hatte. Am offenen Herd brannte ein Feuer, und auf einem Dreifuß war ein großer kupferner Kessel zugesetzt. Der Fremde erkannte auf den ersten Blick, daß der Kessel ein wertvolles altes Stück sei. »Ich möchte mit dem Stockhammer Bauer sprechen!« sagte er. »Der is in der Stub'n drein beim Marend !« erwiderte die Stina, ein großes, hageres Weibsbild, Mitte der Fünfzig. Dabei stellte sie sich breitspurig 118 unter die Kucheltür, musterte den Besucher kritisch von oben bis unten und wischte sich mit der dunkelblauen Arbeitsschürze die Nase. »Wo ist denn die Stube?« fragte der Besucher, indem er versuchte, über die Gestalt der Stina hinweg mehr von dem schönen Kessel zu sehen. »Grad' da eini!« Die Stina deutete auf eine Tür nebenan, die man bei der im Hausflur herrschenden Dunkelheit kaum unterscheiden konnte! In der Stub'n saß der Stockhammer Hannes beim Ofen und rauchte. Er war ein großer, knochiger Mensch mit einem glattrasierten, feuerroten Gesicht und ganz weißen Haaren. »Grüaß Gott!« begrüßte er den Eintretenden und schien sich nicht sonderlich über dessen Kommen zu verwundern. Der Fremde setzte sich neben den Hannes auf die Ofenbank und betrachtete sich die gemütliche und warme Stube. Der Hannes rauchte ruhig weiter und sah angelegentlich in die Stubenecke, wo der Herrgottswinkel angebracht war. Neben dem Kruzifix, das von blutroten Maiskolben flankiert wurde, war ein eigenartiges altes Muttergottesbild. Kein Kunstwerk. Echte vierschrötige Bauernmalerei. »Sie haben da ein schönes Marienbild!« eröffnete der Hearrische das Gespräch. »Es tuat si' schon,« sagte der Hannes und sah flüchtig nach dem Bild. »Es is lei soviel alt!« setzte er über eine Weile hinzu. 119 »Wie alt mag es wohl sein?« fragte der Fremde interessiert. »Mei'! A etliche hundert Jahr' alt! Dös Bild is da, solang i's gedenk'. Und mein Ahndl sei Ahndl hat's aa schon g'habt!« berichtete der Hannes. Es entstand eine Pause. Der Hannes qualmte weiter und besah sich den Fremden ab und zu von der Seite. »Seid's a Handler?« fragte er endlich. »Nein – ja – eigentlich nicht!« »Nit?« »Händler keiner. Ich sammle nur.« »Sammeln? Was denn?« fragte der Hannes. »Ich sammle Altertümer!« »Jatz wol!« machte der Hannes und spie verächtlich auf den Stubenboden. »Woher seid's denn?« »Aus Wien.« »Jatz wol!« sagte der Hannes, etwas aufmerksamer geworden. »Aus Wian, da is ja der Kaiser drunten.« »Allerdings.« »Da werdet's ös mit'm Kaiser wol guat bekannt sein?« »Ja, bekannt nicht. Gesehen habe ich den Kaiser freilich öfters.« »Ah, nit bekannt? Lei g'sehen?« Der Hannes sagte das mit einer offenkundigen Verachtung für seinen Besucher. »Man hat mich in Brandenberg an Sie gewiesen!« sagte dieser nach einer kleinen Pause. Sie hätten noch schöne alte Sachen.« 120 »Was für a Malefizer hat iatz dös g'sagt?« rief der Stockhammer Hannes zornig. »Ich hab' koane Altertümer nit. Wir da herinnen hab'n überhaupt nix Alt's!« »Doch! Das Bild zum Beispiel,« erwiderte der Fremde ganz eingeschüchtert, »ich würde schon sehr gut bezahlen!« Der Hannes dachte nach. »Was tatest nachher biat'n?« fragte er. »Was verlangen Sie dafür? Sie müssen fordern!« »Laß' mi aus mit dem notigen hearrischen Stadtfrack!« ertönte da auf einmal knapp neben den beiden eine schrille weibliche Stimme. Der Fremde fuhr erschrocken zusammen. »Es is lei die Stina!« beruhigte der Hannes gutmütig seinen Besucher. »Kimm einer in die Stub'n! Der Herr hat was zum Verhandeln!« forderte er die Schwester auf. Die Stina hatte durch einen Schieber, der knapp neben der Ofenbank in der Holzwand angebracht war und zum Hereinreichen der Speisen aus der Küche diente, aufmerksam das Gespräch der beiden belauscht. Sie kam nun herein und maß den Fremden mit unfreundlichen Blicken. »I kenn Enk schon, ös Handler, ös malefizischen!« belferte sie ihn an. »Den Bauern Zeug außerlock'n, dös möchtet's gern und nix geben dafür! Und nachher wieder verkafen um a Heidengeld! Da wird nix draus! Wir geben nix her!« 121 »Naa! Wir geben nix her!« bestätigte ihr Bruder in vollster Gemütsruhe. »Ich bin aber kein Händler. Ich bin Professor und sammle zu meinem Vergnügen!« versicherte der Fremde. »Dös glaub' i nit!« meinte die Stina, nun etwas milder gestimmt. »Das können Sie mir schon glauben! Was ich kaufe, behalte ich für mich und richte mir damit meine Wohnung ein. Da habe ich zum Beispiel in der Küche draußen einen kupfernen Kessel gesehen, der mir prächtig passen würde!« »Was?« rief nun die Stina aufs neue wütend. »Mein' Kessel für die G'spual'n wollt's hab'n? Wo soll denn i's Fackenfuatter kochen? Ha?« »Ich will Sie ja gut bezahlen!« meinte der Professor. »Dafür können Sie sich schon einen neuen Kessel kaufen!« »Könnt' mir einfall'n! An neuen Kessel! I bin den Kessel g'wöhnt, und die Facken sein ihn aa g'wöhnt! Da wird nix draus! Überhaupt, wir geben nix her! Gelt, Hannes?« »Naa! Wir geben nix her!« bekräftigte dieser und zündete sich ein frisches Pfeifl an. »Auch das Bild dort drüben nicht?« »Naa, dös aa nit! Gar nix!« erwiderte die Stina unwirsch. »Dann habe ich hier nichts mehr zu suchen, wenn Sie mir doch nichts verkaufen wollen.« sagte der Fremde verdrießlich und verabschiedete sich kurz. 122 Er machte sich auf den Heimweg nach Brandenberg. Dort angelangt, traf er noch den Tschiderer Naz in der Wirtsstub'n, der gerade ein frisches Stamperl Schnaps vor sich stehen hatte. »Ah, wol nit hergeb'n hat sie den Kessel, die Stina?« grinste der Naz mit kaum verhehlter Schadenfreude, als er von der Aufnahme des Fremden am Stockhammerhof erfuhr. »Dös is oane! Sakra! Sakra! Wenn i dö heirat'n müaßt'!« Der Naz brach bei dieser Vorstellung in ein lautes Gelächter aus. »Aber drankriag'n möcht' i sie halt do amal soviel gern, den Geizkragen, den verdammten! Wenn mir der Herr a extra Trinkgeld spendiart, nachher soll er den Kessel hab'n!« Der Naz hieb kräftig mit der Faust auf den Tisch. Dann hielt er dem Fremden die ausgestreckte Hand hin. Dieser drückte ihm einen blanken Gulden hinein. Der Naz erklärte sich damit vorläufig zufrieden. Er verabschiedete sich von dem Hearrischen und meinte, er wolle schon alles ins richtige Gleis bringen. Und dann lasse er sich halt auf ein weiteres Trinkgeld rekommandiert sein. Denn so einem harten Bauernschädel was beibringen, das sei weiters keine Kleinigkeit . . . Am nächsten Tage machte sich der Tschiderer Naz auf den Weg gegen das Kaiserhaus. Er hatte sich mit einem dicken Stock versehen. Einen großen Rucksack trug er auf dem Buckel. Es geschah nicht oft, daß man den Naz herumwandern sah. Als er sich dem kleinen Weiler in 123 Unterbrandenberg näherte, wo der Stockhammerhof lag, erblickte er schon aus der Ferne die hagere Gestalt der Stina unter der Haustür. »Bulliiii! Bulliiii! Bulliiii!« lockte die Stina die Hennen und warf ihnen Futter aus ihrer blauen Schürze zu. »Grüaß Gott!« sagte der Naz, der sich inzwischen genähert hatte. »Wo gehst denn du hin heut'?« fragte die Stina. »Ins Kaiserhaus eini!« erwiderte der Naz etwas geheimnisvoll. »Ins Wildern?« fragte die Stina boshaft. »I bin no nia nit wildern g'wesen!« sagte der Naz beleidigt. »Und a Kält'n hat's heut' da bei Enk!« Der Naz hauchte sich in die Handflächen. »Hast nit a Lackele Kaffee, Stina, daß i mi' a bissel einwärmen könnt'? I bin nimmer auf der jüngern Seit'n. Woaßt wohl, nachher friart man leicht!« »Naa, Kaffee hab' i koan'. Aber du kannst di ja in der Stub'n drein zum Ofen hocken. Da wird dir aa warm!« Damit ging die Stina in die Küche. »Wart' a bissel!« Der Naz humpelte ganz steif hinter ihr drein. »I setz' mi liaber zu dir in die Kuchl. Da kann i a wen'g hoamgart'n!« Die Stina schob dem Tschiderer Naz in der Kuchl ein vom Rauch völlig geschwärztes Stockerl hin und machte sich daran, Feuer anzuzünden. Es war, obwohl draußen ein sonnenheller Märztag herrschte, dunkel in der Kuchl. An den Wanden standen dicke Rußkrusten. Das spärliche 124 Kuchlg'schirr konnte man kaum unterscheiden. Das winzige Fensterl, das ziemlich hoch oberhalb des Herdes angebracht war, genügte kaum, daß man, ohne anzustoßen, herumgehen konnte. Der Naz hockte sich auf das Stockerl neben den Herd und sah der Stina zu. »Jessas, is's da iatz fein!« meinte er. »Und draußen a so kalt!« »Bald oans arbeitet, hat oans nia z'kalt!« gab ihm die Stina bissig und anzüglich zurück. Dabei setzte sie den großen kupfernen Kessel über das Feuer. Der Naz schaute nachdenklich in die Glut. »Wo is denn der Hannes?« fragte er endlich. »Im Stall, ausmisten!« »Daß ös zwoa Enk a so plagen mögt's! Geld habt's ja do g'nuag!« fing der Naz nach einer Pause wieder an. »Wir sein's Arbeiten g'wöhnt!« erklärte die Stina kurz angebunden. »Ja, aber jung seid's do aa nimmer. Und a so alloan da, ohne Knecht. Tuast di nit fürchten?« fragte er die Stina auf einmal unvermittelt. »Fürchten? Naa! Vor was denn?« erwiderte sie ganz erstaunt. »Ja, halt aa!« sagte der Naz und zuckte die Achseln. »I hab' mi meiner Lebtag vor niamand g'fürchtet und fürcht' mi no nit! Und bald amal oaner kimmt, der was hab'n wollt', dem will i schon außi zünden!« Die Stina fuchtelte energisch mit einem Scheit Holz 125 in der Luft herum, das sie dann unter den Kessel schürte. »I moan' aa nit vor die Menschen. I moan' vor die Geister!« erklärte der Tschiderer Naz. »Hör' mir auf! Geister, dös gibt's ja koane!« »Moanst?« fragte nun der Naz mit geheimnisvoller Stimme. »I hab' amal nia koane g'sehen nit!« sagte die Stina unwillig. »Weil d' nit aufpaßt hast! Sinscht tatest anders reden!« beharrte der Naz. »Nachher paß' i halt weiter aa nit auf und hab' mein' Frieden dabei!« erklärte die Stina. »Und bald's Viech hin wird, sell is dir gleich? Gelt?« Der Naz erhob sich ganz erbost von seinem Stockerl. »Moanst, weil uns vor a paar Woch'n a Kalbl hing'worden is? Dös kimmt schon öfters für!« »Ja. Und nachher, a Fack is Enk aa hing'worden vorigen Langes !« rief der Tschiderer Naz in dem Ton ehrlicher Entrüstung. »Umbringen tuast du's Viech!« »Sei so guat, ja! I und 's Viech umbringen!« Die Stina starrte ihn verwundert an. »Wia moanst denn du dös?« fragte sie ihn endlich, halb aufgebracht, halb neugierig. »I moan', was i sag'! Und iatz muaß i giahn!« »Naa, iatz bleibst.« Die Stina verstellte ihm den Weg. »Was moanst, frag' i!« 126 »Kochst du nit die G'spual und 's Fuatter für die Küah' in dem Kessel da?« Der Naz deutete auf den kupfernen Kessel. »Freili! Alleweil! Solang' i's denk'!« »Siehst es! I hab' mir's denkt. Aber i will nix g'sagt hab'n. Und iatz b'hüat Gott! I muaß giahn!« »Moanst – moanst, der Kessel is epper gar verhext?« fragte die Stina zweifelnd. »I will nix g'sagt hab'n! Hexenkessel aus alter Zeit her werden schon mehr no um die Weg' sein, als man glaubt! Pass' halt amal auf!« Damit war der Tschiderer Naz bei der Haustür draußen. Die Stockhammer Stina betrachtete den Kessel geraume Zeit mit finster zusammengezogenen Brauen. Es war richtig. In den letzten Jahren hatten sie Pech gehabt mit dem Vieh. Auch mit den Hennen. Als der Hannes vom Stall kam, erzählte ihm die Stina von dem Verdacht des Naz. Der Hannes lachte zuerst. Dann wurde auch er stutzig. Die Blaß, die beste Kuh, die nun bald kälbern sollte, gefiel ihm heute nicht. Ob vielleicht doch was Wahres dran war? – Man konnte nicht wissen! Woher nur der Naz auf den Gedanken gekommen war? Ob er vielleicht gar heller sehen konnte als andere Menschen? »Bald er morgen z'ruckkimmt, pass' i ihm auf und frag' ihn, woher er's hat!« sagte der Hannes. Nach dem Abendessen hockten der Stockhammer Hannes und die Stina bei dem kargen Schein des 127 kleinen Öllamperls noch eine Zeitlang in der Stub'n. Der Hannes hatte sich's bequem auf der Ofenbank gemacht, während die Stina am Tisch saß und alte ausgewaschene Socken stopfte. »Hannes!« »Joa!« brummte der gähnend. »Hörst nix?« »Naa!« Eine Zeitlang tiefe Stille. Da war's, als ob's in der Kuchel draußen krachte. Die Stina fuhr zusammen. »Hannes!« »Joa!« »Hörst no nix?« »Naa!« Der Hannes setzte sich nun auf und horchte. Wieder eine tiefe Stille. Dann leises Knistern und Krachen nebenan. »Jatz hör' i's aa!« bestätigte der Hannes. »'s wird do epper der Blaß nix fahl'n?« meinte die Stina besorgt. Der Hannes erhob sich und zündete die Stallaterne an, um beim Vieh nachzuschauen. Nach einer Weile kam er wieder. Die Kuh gefalle ihm wirklich nicht, berichtete er. »Ob der Naz do recht hat?« meinte die Stina ganz kleinlaut. »Am End hat's do mit dem Kessel a Bewandtnis!« Die beiden erhoben sich und gingen in die Kuchel. Sie waren unruhig geworden. Der Naz voraus mit der Stallatern', die Stina hinterdrein. 128 Dort am Herd, wo nun das Feuer erloschen war, stand der zweifelhafte Kessel. Er kam den Geschwistern Stockhammer jetzt mit einem Mal ganz unheimlich vor. Bei dem Schein der Laterne leuchtete er so eigentümlich. Die Stellen des alten Kupfers, die nicht durch die Rußkrusten verdeckt waren, blitzten so merkwürdig auf. Auf der Oberfläche des Kessels befanden sich Figuren und Zeichnungen in getriebener Arbeit. Dem Hannes und der Stina war es noch nie eingefallen, sie zu betrachten. Und jetzt getrauten sie sich nicht mehr. »Vielleicht is da gar a Hexenspruch drauf!« sagte der Hannes besorgt. »Könnt' leicht sein!« erwiderte die Stina. »I hab' schon amal in an Kalender a G'schicht' g'lesen. Da is aa so a Hexenkessel vorkommen. Der hat ak'rat so g'spaßige Figuren g'habt! I hab sie früher gar nia g'sehen dö Figuren auf dem sakrischen Kessel da!« »Dös is eben die wahre Hexerei, daß sie früher unsichtbar g'wesen sein!« entschied der Hannes. »Alles Verhexte is zuerst unsichtbar! Erst, wenn's oan' beim G'nack hat, nachher kimmt man drauf!« Der Hannes und die Stina schlichen in gedrückter Stimmung aus der Kuchel und begaben sich über die steile, knarrende Holzstiege in ihre Kammern . . . Am andern Tage waren sie beide schon zeitlich auf der Lauer nach dem Naz. Der kam aber erst spät am Nachmittag vorbei. Der Blaß ging's noch immer nicht besonders. 129 Die Stina erwartete den Naz vor der Tür. Heute rief sie ihn an: »Kimmst nit a bissel einer?« »I werd' völlig nimmer derweil hab'n!« gab der Tschiderer Naz zur Antwort. »I hätt' heut' an Kaffee!« lud sie ihn ein. »Ja, nachher kimm i schon! Hast epper aa an Schnaps?« fragte er und zwinkerte mit seinen listigen Äuglein. »Ja, i moan' völlig, es wird no oaner da sein!« Der Naz und die Stina gingen in die Kuchel. Die Stina wärmte in einer kleinen Messingpfanne den Kaffee. Der Kessel stand heute am Boden. In seiner unmittelbaren Nähe hatte der Naz auf dem alten Stockerl Platz genommen. »So, da trink!« forderte ihn die Stina auf und stellte eine große Schale voll Kaffee vor ihn hin auf den Herdrand. »Der Hannes wird glei' kommen. Er is im Stall nachschau'n!« »Fahlt epper was?« fragte der Naz und schlürfte den Kaffee. »Joa! Die Blaß is nit recht bei'nand!« »Sakra! Sakra! Dö wird eingiahn!« Der Naz fuhr aufgeregt in die Höhe. »Jessas! Maria und Josef! Hast du mi derschreckt!« schrie die Stina auf. Nun kam auch der Hannes. Er brachte dem Naz ein Stamperl samt einer ziemlich umfangreichen bauchigen Flasche Schnaps und goß ein. Die Stina spülte das Messingpfanndl ab und dann die Schale vom Naz. 130 »Moanst, dös mit dem Kessel hat a Bewandtnis?« fragte der Hannes und lehnte sich mit dem Rücken an die geschlossene Kucheltür an. »I woaß nit. I moan halt nur a so!« sagte der Naz. »Moanst wirklich, der Kessel könnt' verhext sein?« fragte der Hannes noch eindringlicher. »Bei so an uralten Kessel kann man nia wissen, wia man dran is!« ließ sich der Tschiderer Naz in eine nähere Erklärung ein. »Kessel hat's seit Erschaffung der Welt her alleweil geben. Schon bei der Stiftung der Höll'. Daher die höllischen Sudkessel. Die besten Kessel sein freilich die Weihbrunnkessel. Aber a solcher Kessel is dös amal ganz g'wiß nit g'wesen. Erstens is er schon amal viel z'groß dazua, und zweitens hat er gar koa heilig's Zeichen. A alter Kessel is's. Und in alter Zeit haben halt die Hexenkessel meistens solchene Figuren g'habt, dö koa Mensch mehr versteht. Es is do niamand sinscht eing'fall'n, auf an g'wöhnlichen Waschkessel Figuren aufiz'machen. Dös tuat ja heutzutag', wo die Leut' viel noblicher worden sein, aa koa Mensch nit! Also is der Kessel da völlig ganz g'wiß a alter Hexenkessel aus a Hexenkuchel außer. Dös werdet's iatz wohl einsehen?« »Ei ja, wol!« sagte der Stockhammer Hannes, dem die zwingende Beweiskraft der vom Naz vorgebrachten triftigen Gründe vollkommen einleuchtete. »Nit recht richtig is er mir schon öfters vorkommen, der Kessel!« behauptete jetzt die Stina. 131 »Habt's ös epper schon was g'merkt?« fragte der Naz. »Naa, no nit!« entgegnete die Stina und goß das Spülwasser aus dem Messingpfanndl in den Kessel. »Tschschsch! Pfchschsch! Gschschsch! Tschschsch! Gschschsch!« brauste, zischte und brodelte es da auf einmal aus dem Kessel herauf, als ob in dem unheimlichen Gefäß plötzlich eine ganze Hölle mit einer Unmasse helliachter Tuifelen losgeworden wäre. »Heilige Muatter Gottes, bitt' für uns!« kreischte die Stina entsetzt und ließ das Messingpfanndl klappernd auf den Boden fallen. Der Tschiderer Naz war von seinem Stockerl aufgesprungen und bekreuzigte sich einige Male hastig. Der Stockhammer Hannes lehnte ganz blaß und regungslos an der Kucheltür und murmelte nur immer halblaut und ganz mechanisch vor sich hin: »Alle guat'n Geister loben Gott den Herrn!« »Alle vierzehn Nothelfer! Alle vierzehn Nothelfer!« ließ sich die Stina kläglich vernehmen. »Alle guat'n Geister!« der Hannes. »Heilige Muattergottes von Absam!« die Stina. »I moan', es is am g'scheutesten, wir schauen, daß wir aus der Kuchel kommen!« schlug der Naz vor. »Sinscht steigt am End' no der höllische Schürmoaster selber aus dem verflixten Kessel und holt uns alle miteinander!« »O du heilig's Kreuz!« schrie die Stina entsetzt auf, drängte den Hannes gewaltsam von der Kucheltür 132 weg und eilte in den Hausflur. Der Hannes stürzte ihr gleich nach. Zuletzt kam der Tschiderer Naz. »Giahn wir g'scheuter in die Stub'n eini!« sagte die Stina noch ganz verstört. Die drei gingen in die Stub'n und setzten sich um den Tisch. Keines sprach ein Wort. »Jatz wissen wir's für g'wiß!« brach endlich der Stockhammer Hannes das Stillschweigen. »Ja, für ganz g'wiß!« bestätigte der Tschiderer Naz feierlich. »Was taten wir iatz epper am g'scheutesten?« fragte die Stina. Der Hannes zuckte zweifelnd die Achseln. »Der Kessel muaß mir aus'm Haus! Auf der Stell'!« erklärte die Stina nach einer Pause. »I rühr' dir den Kessel nit an!« sagte der Hannes. »I aa nit!« rief der Naz. »Ja, wer denn nachher?« fragte die Stina. »Trag' dir'n selber fort und wirf'n in Bach!« riet ihr der Naz. »Kunnt' mir einfallen! Daß nachher i verhext wurd'!« entgegnete die Stina ganz entrüstet. Alle drei schwiegen eine Weile und sahen einander ratlos an. »Wann wir dös g'wüßt hatten!« begann nun der Hannes wieder. »Wir hatten den Malefizkessel vorgestern guat verkafen können!« »Ja, so a hearrischer Zapf'n aus Wian hatt' ihn gar a so gearn g'habt!« erklärte die Stina. »Wann 133 i wisset, wo der Stadtfrack iatz is, nachher verkafet i ihm den Kessel!« »Ah, moanst den Altertumssammler, der oben in Brandenberg umanander stakelt?« meinte der Naz. »Ja, derselbige!« bestätigte der Hannes. »Der kaft'n g'wiß!« rief die Stina erleichtert. »I moan' nit!« Der Naz schüttelte bedenklich den Kopf. »Wol! Wol!« beharrte die Stina auf ihrer Ansicht. »Gelt, Naz, bist so guat und richtest ihm aus, wir taten den Kessel verkafen!« »Ja, dös tua i schon!« sagte der Naz bedächtig. »Aber i moan', er mag'n nimmer!« »Brauchst ihm ja nix z'sagen davon!« redete ihm die Stina zu. »Wol! Dös muaß i schon!« erklärte der Naz gewissenhaft. »Was wurd' denn da nachher draus, wenn den Hearrischen am End' der Teufel holet?« »Dös macht nix!« mischte sich nun der Stockhammer Hannes in die Unterhandlung. »Die Hearrischen holt ja amerst die meisten der Teufel, weit sie nix glauben tuan!« »Da hast schon recht!« sagte der Tschiderer Naz. »Aber wann di der Hearrische bei G'richt verklagt, sobald er draufkimmt, was es mit dem Kessel für a Bewandtnis hat!« »Dös war' freili übel!« Der Hannes kratzte sich bedenklich hinter den Ohren. 134 »Wenn halt du den Kessel mitnehmen tatest!« wandte sich die Stina an den Naz. »I? Den Hexenkessel? Naa! Im dreiheiligen Namen Naa! und Naa!« Der Naz tat ganz entsetzt. »Du brauchst es nit umsinscht z' tuan! Wir zahlen dir an Gulden!« lenkte der Stockhammer Hannes ein. »Grad', daß er über Nacht fortkimmt! Sinscht kann i wieder nit schlafen!« bat die Stina. »Naa! Naa!« wehrte sich der Naz. »Dös tua i nit!« »Geah', um zwoa Gulden kannst es schon tuan,« bettelte die Stina. »Trag'n lei selber durch!« rief der Naz. »Schau', zwoa Gulden sein nit zu verachten! Kannst a ganze Woch'n Schnaps trinken!« redete ihm der Hannes gut zu. »Ja, wenn mi nit unter der Woch'n der Teufel holt!« erklärte der Naz trocken. »Muaßt halt kräftig Reu' und Leid erwecken!« bearbeitete ihn die Stina. »Und alle Tag' an Rosenkranz beten! Und wir geben dir drei Gulden! Nachher tuast es schon? Gelt, Naz?« Diesem lockenden Angebot konnte der Naz doch auf die Dauer nicht mehr widerstehen. Nachdem er sich noch etwas gewehrt hatte, kam er mit dem Hannes und der Stina überein, daß er für drei Gulden den Kessel mitnehmen wolle. Anfangen könne er damit, was ihm beliebe. Zuvörderst ließ sich der Tschiderer Naz aber noch 135 mit unterschiedlichen Stamperln Schnaps die gehörige Schneid' für seine Mission einflößen. Dann lud er sich den unheimlichen Kessel auf den Buckel und machte sich, zwar etwas schwankend in seinem Untergestell, aber sonst mutig und kreuzfidel, mit drei blanken Gulden im Sack, auf den Weg. Als der Tschiderer Naz schon ein gutes Stück Weg zurückgelegt und den Stockhammerhof bereits aus dem Gesichtskreis verloren hatte, schlug er eine helle Lache auf. Und er hatte auch gut lachen, der alte Haderlump. Der Kessel gehörte nun ihm, auf den der fremde Hearrische gar so damisch spitzte. Drei Gulden hatte er noch extra, und der Stockhammer Stina, die er wegen ihres Geizes ohnedies nicht leiden konnte, hatte er einen sakrischen Streich gespielt. Der Tschiderer Naz war am vorhergehenden Tage nicht ins Kaiserhaus gegangen, wie er vorgegeben hatte. Er war gemächlich nach Rattenberg hinausgetrottet und hatte von dem Gulden, den ihm der Fremde spendierte, in der Rattenberger Apotheke ein ganzes Dutzend Brausepulver gekauft. Die mischte er sorgfältig untereinander, tat sie in eine alte Tabakdose aus Birkenrinde, die er besaß, und leerte dann den ganzen »Teuxel«, während ihm die Stina den Kaffee wärmte, heimlich in den verdächtigen Kessel. Als dann die Stina das Wasser in den Kessel goß, da ging das Gebrause von den zwölf Pulvern freilich ganz höllisch los. Der Naz mußte sich nur 136 immer zusammennehmen, daß er seinen Ernst bewahrte und nicht aus der Rolle fiel. Das Lachen hatte ihn gar so viel gejuckt. Dafür machte der Naz jetzt seinem Lachbedürfnis, da er außer Hörweite war, um so kräftiger Luft. Es beutelte ihn ordentlich unter seinem Kessel vor lauter Wonne und Schadenfreude. Ein paarmal versuchte er sogar noch mit seinen alten Knochen einen tüchtigen Luftsprung und jodelte dabei wie ein Junger. Wenn ihn der Hannes und die Stina in dieser Verfassung gesehen hätten, dann wären sie vielleicht auf den dringenden Verdacht gekommen, daß der Tschiderer Naz plötzlich übergeschnappt sei oder ihn am Ende gar schon der Gottseibeiuns beim Krawattel habe. Daß der Naz seinen Kessel dem Hearrischen teuer genug angehängt hat, das versteht sich von selbst. Als der Fremde aber von ihm einige Aufschlüsse haben wollte, wie er es selbst auch praktischer anfangen solle, um beim Altertumsammeln etwas mehr Glück zu haben, da ließ sich der Tschiderer Naz auf dieses Thema gar nicht näher ein, sondern meinte ziemlich kurz angebunden: »Dös lernt der Hearr do nit! Man muß halt bei uns dahoam mit die Leut' z'reden wissen!« Zu erwähnen ist nur noch, daß der Tschiderer Naz von diesem Tag an mindestens einen ganzen Monat nicht mehr aus den Freudenräuschen herauskam und von aller Frühe bis in die Nacht hinein beim Wirt daheim war. 137 Zudem hatte ihn der Stockhammer Hannes und die Stina nachträglich noch gebeten, er möge von der Geschichte mit dem Kessel ja nichts weiter herumerzählen, da sonst der ganze Stockhammerhof in einen argen Verruf kommen könnte. Und sie, der Hannes und die Stina, könnten für den Kessel ja wirklich und wahrhaftig doch nix dafür. Wenn die Sache aber unter die Leut' käme, dann fänden sich gleich böse Mäuler, die es im ganzen Tal herumsprengen würden, daß beim Stockhammer einmal eine Urahndl eine Hex' gewesen sei. Der Tschiderer Naz versprach großmütig, über die Angelegenheit zu schweigen. Schon aus purer Freundschaft für die Stockhammerischen. Seitdem kehrt der Naz am Stockhammerhof öfters auf a Lackerl Kaffee zu. Alles aus purer Freundschaft. Auf den Kaffee drauf muß es aber jedesmal noch ein paar Stamperln Schnaps geben. Das tut der Naz aus purer Freundschaft auch nicht anders. Schließlich und endlich hätte den Naz ja doch der Teufel holen können, begütigt der Hannes regelmäßig seine Schwester, wenn für die Sparsamkeit der Stina die häufigen Gastbesuche des Tschiderer Naz etwas gar zu empfindlich werden. 138   Gatter-Lois. In einem kleinen Oberinntaler Dörfl, wo auch stets etliche Sommerfrischler weilen, ist der Gatter-Lois der einzige Gemeindearme. Außer dieser Stellung, die er mit einer gewissen Würde zu tragen weiß, hat er sich auch noch ein Nebenamtl zu verschaffen gewußt. Er hat sich in dieses Amt aus eigener Machtvollkommenheit eingesetzt. Seit Jahren schon steht er außerhalb des Dörfls bei dem großen Gatter, das den Feldweg von dem Bauernstraßl abschließt. Ein schweres und hohes Gatter ist es. Es ist auch wichtig, die Felder und Wiesen gehörig einzuplanken, damit das Vieh nicht hineinkommt und Unheil stiftet. Bei dem Gatter hält nun der Lois namentlich im Sommer getreulich Wache und lauert, bis sich ein Fußgänger nähert. Dann öffnet der Lois freundlich grinsend die Gattertür und lüftet mit einem höflichen Gruß den Hut, wie er es von den Stadtlingern gesehen hat. Die Bauern wissen schon, daß sich der Lois auf diese Weise einen Kreuzer verdienen will, und zollen ihm meistens unter einem gelegentlichen Scherzwort 139 seinen Tribut. Auch die Fremden, die im Sommer in das Dörfl kommen, fügen sich wohl oder übel dem Ortsbrauch. Im Sommer hat der Lois sein Hauptgeschäft. Da ist er vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf der Wache beim Gatter, das er immer sorgfältig geschlossen hält. Kaum daß er sich Zeit gönnt, sein Mittagessen einzunehmen. Wenn droben von dem roten spitzen Kirchturm die Elfuhrglocke tönt, dann rennt der Gatter-Lois mit weit ausholenden Schritten in aller Eile die Anhöhe hinan ins Dorf, daß ihm in der Sonnenglut der Schweiß nur so herunterrinnt. Bei irgend einem Bauer ißt er dann rasch zu Mittag und eilt spornstreichs wieder zurück auf seinen Posten am Gatter. Der Lois ist ein gutmütiger Halblapp, der niemandem etwas zuleide tut. Aber faul ist er wie die Möglichkeit. In früheren Jahren, als der Lois noch jünger war, hatte die Gemeinde es öfters versucht, ihn zu kleineren Arbeiten anzuhalten. Das hatte man aber bald wieder aufgeben müssen. Der Lois haßte die Arbeit und war schlau genug, durch allerlei Possen und Finten drum herum zu kommen. So ließ man ihn mit der Zeit seine eigenen Wege gehen, denn mit der Arbeit schaute bei ihm ja doch nichts Gescheites heraus. Von seinen Kreuzerln, die der Lois, der in aller Behaglichkeit ein Sechziger geworden war, auf seinem Wachtposten beim Gatter verdiente, kaufte er 140 sich allerhand Kleinigkeiten. Hauptsächlich aber Kautabak. Den liebte er über alles. Dann hatte er noch eine Schwärmerei. Er hielt sehr viel auf schöne helle Krawatten. Das hatte er den Sommerfrischlern abgeguckt. Es sah seltsam genug aus, wenn der Gatter-Lois mit seinem alten schäbigen Hütl und der schneidigen Hahnenfeder darauf, mit dem zerrissenen schmutziggrauen Hemd, den bodenscheuen Hosen und der Lodenjoppe von undefinierbarer Farbe eine grellgelbe, rote oder grüne Krawatte trug, die er bei der Kramerin im Dorf erstanden hatte. Seit bald zwei Wochen befand sich unter den Sommerfrischlern auch ein älteres kinderloses Ehepaar. Der Gatter-Lois kannte die beiden sehr gut. Täglich passierten sie mindestens zweimal das Gatter, das der Lois jedesmal mit größter Bereitwilligkeit für sie offen hielt. Der Herr Rentier Bindewald zeigte jedoch nicht das mindeste Verständnis für die Höflichkeit des Lois, sondern dankte nur kurz und barsch: »'n Tag!« Er machte keine Miene, den Lois irgendwie zu entlohnen. Der Gatter-Lois hatte den beiden das erste Mal ganz verdutzt nachgesehen. Das war ihm noch nie passiert, daß man seine Höflichkeit nicht richtig aufgefaßt hatte. Als Herr Rentier Bindewald und seine Gattin Käthe wieder zu dem Gatter kamen, da grüßte der Lois noch freundlicher und hielt das Gatter in aller 141 Weite geöffnet, damit die zwei stattlichen und sehr dicken Leute ja Platz genug hätten, hindurchzugehen. Aber Herr Bindewald wußte auch dieses zweite Mal die Freundlichkeit des Lois nicht zu deuten und sagte wie zuvor nur sein kurzes: »'n Tag!« Der Lois überlegte, ob er wohl noch nicht höflich genug gewesen sei. Und als das Ehepaar Bindewald das nächste Mal zum Gatter kam, da schwenkte der Lois schon aus weiter Entfernung sein schäbiges Hüatl, daß die Feder darauf nur so hin und her flatterte, grinste und verbeugte sich, so tief er es zuwege brachte. Und das war nicht leicht für den Lois. Er war ein langer dürrer Mensch und schon ganz steif in den Knochen. Sein gutmütiges faltiges Gesicht war mit grauen Bartstoppeln bedeckt. »Der Mann is aber freundlich, Männe!« bemerkte Frau Käthe und nickte dem Lois zu. »Ick glaube, er will was!« »Ach, Quatsch! Unsinn!« rief Bindewald ungeduldig. »Was wird der wollen! Der is doch jedenfalls von der Behörde hierher jestellt worden!« fügte er belehrend hinzu. »Dat glaub' ick nu mal nich!« wagte seine Frau schüchtern einzuwenden. »Na denn man nich!« polterte Herr Bindewald. »Warum sollte der Mann denn sonst dort stehen?« »Weil er ein Trinkgeld haben will, glaube ick!« sagte Frau Käthe schüchtern. »Glaubst du! Da glaubst du wieder mal was 142 Rechtes! Jescheit wie du nu mal bist! Glaubst du, ein anständiger Mensch stellt sich da tagelang mitten in der Sonnenglut auf, nur um ab und zu mal 'nen Jroschen zu erschnappen! Nee, dat tut er nich! Der Mann is von der Behörde dafür bezahlt. Dat is nu mal sein Amt. Dat sag' ick dir! Und ick verstehe mir auf derlei Sachen!« Damit schritt er selbstbewußt pustend und schnaubend die Anhöhe zu dem Dörfl hinan. Der Gatter-Lois aber war von diesem Tage an den beiden Sommerfrischlern spinnefeind. Er grüßte zwar noch immer höflich, aber das Gatter hielt er nicht mehr offen. Das mußte sich Herr Bindewald nun schon selber aufmachen . . . Es war ein glühend heißer Sommernachmittag. Die Sonne brannte sengend, fast stechend vom Himmel hernieder. Am Firmament zogen sich dicke schwarze Wolken drohend zusammen. Aus der Ferne hörte man das dumpfe Grollen des Donners. Der Lois lehnte behaglich am Gatter und kaute Tabak. Dann hielt er wieder Ausschau nach dem Weg, der vom Tal herauf führte. Vor ungefähr einer Stunde waren Rentier Bindewald und seine Frau da hinunter gegangen. Der Lois hatte ein scharfes Auge für das Wetter. Er wußte, daß die beiden bald umkehren würden, da ein heftiges Gewitter im Anzug war. So schnell es seine steifen langen Haxen erlaubten, eilte der Lois ins Dorf hinauf und holte sich von dort einen großen Hammer und eine Handvoll Nägel. 143 Dann rannte er wieder zum Gatter zurück und machte sich an die Arbeit. Aus Leibeskräften nagelte und hämmerte er darauflos, bis er schließlich das Gatter fest zugenagelt hatte. Dann rüttelte und zerrte er daran, so stark er konnte. Und als er seine Festigkeit erprobt hatte, lehnte er sich behaglich kauend an das Gatter und wartete auf die Fremden. Das Gewitter war inzwischen immer näher gekommen. Grell leuchtende Blitze zuckten auf. Dumpfes Donnerrollen folgte. Es dauerte nicht lange, bis der Gatter-Lois zwei dicke Gestalten den Berg heraufkommen sah, die nur mühsam die steile Anhöhe erklommen. Der Lois hörte schon, wie Herr Bindewald in einemfort mit seiner Frau schalt. »So 'n Blödsinn! Bei so'n Wetter jeht man doch nich spazieren! Da bleibt man zu Hause! Der Schlag kann mich noch treffen! Mich so abzuhetzen! Mit meinem Asthma!« »Aber Männe, du wolltest ja durchaus.« »Unsinn! Nichts wollte ich! Es ist alles deine Schuld! Nur deine Schuld allein. Du solltest mir warnen, wenn ick so was Jefährliches unternehmen will! Wozu bist du denn mit mir ins Jebirge jegangen, wenn du mir nich warnst!« »Jott sei Dank! Da wären wir!« seufzte Frau Käthe erleichtert auf, als sie beim Gatter angelangt waren. Die ersten schweren Regentropfen, die Vorboten 144 eines heftigen Gewitterregens, fielen zu Boden. Der Lois lehnte, ohne sich zu rühren, am Gatter und grinste die beiden Fremden an. »Nanu, machen Sie mal rasch auf!« kommandierte Herr Bindewald. Der Lois rührte sich nicht. »Na, wird's bald!« Der Lois grinste und kaute seinen Tabak in aller Seelenruhe weiter. »Na, ick will Ihnen mal Beene machen!« sagte Herr Bindewald und versuchte das Gatter aufzustoßen. Aber es gab seiner Bemühung nicht nach. »Was? Jesperrt? Warum denn?« frug Bindewald gereizt. »I woaß nit!« grinste der Lois, ohne sich zu rühren. »Führt nich noch 'n näherer Weg ins Dorf?« fragte Frau Bindewald ängstlich, da der Regen immer dichter fiel. »Naa!« grinste der Lois. »Nich? Na, dann helfen Sie man das Dings da aufkriegen! Aber rasch!« befahl Herr Bindewald. »'s geaht nit!« meinte der Lois behaglich. »'s muß jeh'n!« Herr Bindewald rüttelte aus Leibeskräften an dem Gatter. Der Lois rührte sich nicht. »Mann, jeh'n Sie mal weg da!« »Naa!« »Nich?« »Naa!« 145 Ein heftiger Donnerschlag, ein Zeichen, daß es irgendwo in der Nähe eingeschlagen hatte. »Jatz hat's eing'schlag'n!« grinste der Lois. »Männe, ick fürchte mir so!« jammerte Frau Käthe. »Quatsch' nich! Ick werde mir in dem Regen 'ne Entzündung holen!« rief Herr Bindewald. »Ick glaube, der Mann hat uns mit Absicht hinausjesperrt!« jammerte Frau Käthe. »Glaubst du? Na, wollen mal sehen! Sie, Mann, wie kommt man da 'rüber?« wandte sich nun Bindewald an den Lois. »I woaß nit! Ummikraxeln halt!« erwiderte der Lois, der jetzt im niederprasselnden Regen die Krempe seines verwitterten Hüatls ganz herabgebogen hatte und einen völlig unheimlichen Eindruck machte. Dabei steckte der Lois beide Hände in seine Hosentaschen. »So haben Sie doch 'n Einsehen und helfen Sie uns!« bat Frau Bindewald. »Wir können doch unmöglich über den hohen Zaun klettern!« »Naa. Ös seid's boade z' foast dazua. Sell woaß i schon!« grinste der Gatter-Lois. Die Situation wurde immer kritischer. Der Regen hatte zwar nachgelassen. Aber es blitzte und krachte immer stärker. Das ganze Firmament war mit schweren schwarzen Wolken bedeckt. Der Lois schaute behaglich zum Himmel. »Jatz hebt's aft'n an z' hageln!« meinte er mit der größten Gemütsruhe. 146 »Das ist ja schrecklich!« Frau Bindewald war dem Weinen nahe. »Ist der Umweg über die Straße groß?« erkundigte sich Herr Bindewald. »A guate halbe Stund!« grinste der Lois sehr zufrieden. »Da können wir uns ja den Tod holen in dem Wetter!« rief Herr Bindewald. »Kraxelt's halt do g'scheuter ummi!« riet der Lois. Herr Bindewald maß mit kritischen Blicken das hohe Gatter. »Na, denn los!« nahm er einen Anlauf. »Sind Sie uns behilflich, Mann! Aber rasch!« »Naa!« meinte der Lois. »I geah iatz hoam! Mir is's Wetter oamal z' schlecht!« Damit schob er sich ein frisches Stück Kautabak in den Mund und machte sich auf den Weg nach dem Dorf. Aus der Ferne beobachtete er aber noch, was die Stadtlinger wohl beginnen würden. Unter lautem Schimpfen und wutschnaubend half Herr Bindewald zuerst seiner Gattin über das Gatter und kletterte dann selber nach. Es war ein hartes Stück Arbeit. In der gleichen Zeit wären die beiden Sommerfrischler auch über den Umweg des steinigen Bauernstraßels in das Dorf gekommen. Aber Herr Bindewald hatte sich's einmal in den Kopf gesetzt. Er wollte justament hinüber. Endlich kam er mit seiner Käthe pudelnaß im Dorf an. Am nächsten Tag, als er sich von seiner Kletterpartie erholt hatte, ging er gleich zum Gemeindevorsteher, um sich über den Gatter-Lois zu beschweren. 147 »O mei Hearr!« meinte der Vorsteher. »Mit dem Lois is's halt a Kreuz. Mit dem hab'n wir selber unser liabes Elend. Wissen S', der hat a paar Radeln z'viel oder z'wianig im Hirnkasten drein. Den bringt koa Mensch nit z'recht. Sie hätt'n ihm halt sollen a Trinkgeld geben. Sonst is er so viel glei beleidigt, der Lois. Was willst denn mach'n mit so an Lapp'n!« Seitdem entrichtete Frau Käthe Bindewald dem Gatter-Lois gewissenhaft seinen Obolus. Herr Bindewald konnte sich nicht entschließen, diesen Tribut persönlich zu leisten. Er maß jedesmal den Lois mit den finstersten Blicken. Das machte dem Lois aber weiter gar nichts. Er grinste deswegen so freundlich und höflich wie immer. Wenn Herr Bindewald daheim von seiner Tiroler Sommerfrische erzählt, dann meint er wohl gelegentlich: »Ein schönes Land, Tirol. Nur mit der Beaufsichtigung und Pflege der Irren sind sie dort noch sehr rückständig. Denken Sie mal an, Jeistesjestörte werden dort zum Öffnen und Schließen der Jitter uf den Feldern verwendet. So 'ne Art Feldportier. Aber haben meistens 'nen Vogel, die Kerls! Können mir's glauben. Ick habe meine Erfahrungen jemacht!« 148   Mein Urahndl. Mein Ururgroßvater ist schon vor etwa achtzig Jahren gestorben. Er war noch dabei beim Tiroler Landsturm von Anno neun. Sonst hat sich über ihn wohl keine weitere Kunde in der Familie erhalten. Wir leben ja so geschwind und vergessen noch viel schneller. Auf einem alten Familiengrabstein in einem kleinen Dörfel des Unterinntales da ist er aber noch verzeichnet, mein Urahndl. Da droben steht er mit verwitterten Lettern zu lesen: »J. M, Bauersmann dahier.« Das hat mir schon von jeher gewaltig imponiert. »Bauersmann dahier!«, wie kernig das klingt! Einen wahren, echten Bauernstolz enthalten die beiden Worte. Für meinen Urahndl hatte ich immer ein lebhaftes Interesse. Mehr als einmal bedauerte ich es, daß ich ihn nie gesehen und gekannt hatte. Diese Bekanntschaft sollte mir werden. Mein Wunsch, ihn zu sehen und zu sprechen, ging in Erfüllung, so unglaublich das auch klingen mag. Es war ein heißer Sommertag. Meine Frau, mein Töchterl und ich hatten gerade zu Mittag gegessen. Das Dessert, Gorgonzola und einiges Obst, stand auf dem Tische. 149 Ich hatte mich aufs Sofa gelegt, wie meistens nach Tisch, um die Zeitung zu lesen. Oft schlief ich bei dieser Beschäftigung auch ein. Heute fühlte ich mich aber ganz wach und munter und beschloß eben, mir eine Zigarette anzuzünden, als ich vom Korridor her schwere Schritte hörte. Die Tür in unser Innsbrucker Speisezimmer wurde geöffnet. Herein kam ein großer, hagerer Mann mit fast weißen, kurz geschorenen Haaren, kurzen Lederhosen und einer derben Lodenjoppe. Die Füße steckten in starken genagelten Schuhen. Meine Frau blickte den Besuch verwundert an. Ich wollte mich erheben, um ihn nach seinem Begehr zu fragen. Doch der Alte drückte mich auf das Sofa nieder und meinte ganz behaglich: »Siechst, iatzt kannst mi amal anschau'n, weil's di alleweil a so g'wundert hat!« »Mich?« fragte ich erstaunt. »Ja, was denn!« lachte der Alte. »G'freut hat mi dös schon damisch, daß i da auf der Welt a so a guat's Andenken hinterlassen hab'!« »Ja, wer sind Sie denn?« fragte meine Frau neugierig. »Dem sein Urahndl!« sagte der Alte, deutete auf mich und ließ ein kurzes Lachen hören. »Der Urahndl, der im Unterland unten begraben liegt.« Meine Frau stieß einen Schrei aus. Mir lief die Gänsehaut über den Rücken. Ich sprang vom Sofa auf und ließ mich gleich darauf wieder auf einen Stuhl am Tische fallen. 150 Mein fünfjähriges Töchterl Nelly kam zu mir gelaufen, kletterte auf meine Knie und fragte mit ihrem hellen Stimmchen: »Papa, wer ist denn der Mann?« Der Alte hatte sich's inzwischen ganz unaufgefordert bei mir gemütlich gemacht. Er setzte sich zu uns an den Tisch, holte ein altes, halb verrostetes Taschenmesser aus der Hosentasche, langte sich vom Tisch her ein großes Stück Gorgonzola, schnitt sich ein »Mordstrum« Brot ab und fing zu essen an. »Wer ist denn der Mann?« fragte meine Kleine nochmals. »Ein ganz alter Großpapa vom Papa!« sagte ich ihr. Mein Gruseln hatte sich gelegt. Ich betrachtete den Alten mit lebhaftem Interesse. »Ein neuer Großpapa!« jubelte Nelly, sprang von mir weg und näherte sich dem Alten. »Bist du ein Großpapa?« fragte sie ihn. »Ha?« machte er und schob sich neuerdings ein mächtiges Stück Käse in den Mund. Ich wunderte mich im stillen über den Appetit des Alten. »Bist du wirklich ein Großpapa?« erkundigte sich Nelly neuerdings. »Is dös a Kind von dir?« fragte er und deutete mit dem Messer auf die Kleine. Meine Frau zuckte nervös zusammen und befahl dem Kinde, auf seinen Platz zu gehen. »Jawohl!« sagte ich. Der Alte holte sich jetzt den Aufsatz mit dem Obst, betastete jedes Stück, nahm sich die schönste Birne und biß hinein. 151 »Der Kas hoaßt nix!« bemerkte er tadelnd. »'s Obst is aa nit guat g'raten heuer!« brummte er dann weiter. »Die jungen Leut' verstiah'n halt nix mehr von der Bau'rschaft heutigstags! Zu meiner Zeit is dös anders g'wesen!« Das hinderte ihn aber nicht, fleißig weiter zu essen. Er mußte unbedingt Hunger haben. »Wia hoaßt denn nachher dein Diandl?« frug er mich über eine Weile. »Nelly!« gab ich zur Antwort. »Ha?« machte er, beugte sich mehr gegen mich und hielt die Hand ans Ohr. »Nelly!« wiederholte ich sehr laut. Er schüttelte mißbilligend den Kopf. »Dös is koa Namen nit!« sagte er. »Zu meiner Zeit hat man and're Namen g'habt! Christliche Namen!« Dabei sah er mich streng und verweisend an. Ich fühlte mich ganz klein werden neben ihm. So hatte ich mir meinen Urahndl nicht vorgestellt. Meine Frau hatte er, obwohl er neben ihr saß, noch keines Blickes gewürdigt. »Das ist meine Frau!« stellte ich sie nach einer Pause vor. Der Alte musterte meine Frau eine Zeitlang. Dann fragte er mißtrauisch: »Wia hoaßt nachher dö?« »Zoë!« »Ha?« Er beugte sich ganz nahe zu mir und legte die Hand ans Ohr. »Zoë!« »Ha?« schrie er mich wild an. »Zoë!« brüllte ich ihm ins Ohr. 152 »Was?« schrie er noch wilder. Ich hätte gar nie geglaubt, daß ein altes Manndl über solche Stimmmittel verfügen könne. »Sie heißt Zoë!« brüllte ich ihm mit dem Aufgebote aller meiner Kräfte abermals in die Ohren. »Was habts denn ös heutigstags für Namen!« begehrte er auf. »Dös sein koane Namen nit! So hoaßt a ordentliches Weibsbild nit!« »Ja, siehst, lieber Urahndl, heute sind halt ganz . . .« Er ließ mich nicht ausreden. »Manieren hast koane!« meinte er. »Zu an alten Menschen sagt man nit du, sondern ös! Verstanden!« »Ja!« nickte ich ganz kleinlaut. Nelly schien Angst zu kriegen, daß ihr der Alte das ganze Obst aufessen werde. Sie bat um eine Birne. Mama schälte ihr eine. Der Urahndl war inzwischen mit dem Essen fertig geworden. Er wischte seinen Taschenfeitel an der Hose ab und fuhr sich dann mehrmals energisch mit dem Rockärmel über den Mund. Meine Frau warf mir einen bedeutsamen Blick zu. Der Urahndl sah ihr eine Weile schweigend zu, wie sie die Birne schälte, und fragte dann: »Tuats ös heutigstags die Facken mit dö Schälen fuattern?« »Wir haben keine Schweine!« lachte meine Frau. »Koane Facken nit?« Der Alte war ganz verwundert. »Aber Hennen wohl?« meinte er. »Nein, auch keine Hennen!« erwiderte meine Frau. »Nachher aa koane Küah' nit und koa Bauerschaft?« fragte er weiter. 153 »Nein. Wir sind keine Bauern!« antwortete meine Frau. »Ah, nit?« Der Alte schien höchst unzufrieden. »Was bist nachher du?« wendete er sich an mich. »Ich schreibe Geschichten!« sagte ich ihm. »Ah so! A Schreiber!« machte er verächtlich. »Nein, kein Schreiber, sondern ein Schriftsteller, der Geschichten erfindet, die gedruckt werden und die die Leute dann lesen!« belehrte ihn meine Frau. »Was sie decht heutigstags alles derfinden, dö Leut!« Er schüttelte den Kopf und blickte äußerst mürrisch drein. Ich hatte Sehnsucht nach einer Zigarette und bot ihm eine an. »Was is denn dös für a Ding?« fragte er, nahm die Zigarette unsanft in die Hand und zerknitterte sie auf diese Weise. »Eine Zigarette! Sie gehört zum Rauchen!« erklärte ich ihm. Dabei zündete ich mir selbst eine an. Es war mir gleich behaglicher, als ich den seinen Duft einsog. »Dös soll zum Raachen g'hören?« fragte er ungläubig. »Freilich! Probiert es nur! Oder vielleicht eine Zigarre gefällig?« Ich hielt ihm mein Etui hin. »Naa!« meinte er und dehnte sich breitspurig auf seinem Stuhl. »Zu meiner Zeit hat man Tabak gekuit !« 154 Er griff in die Hosentasche, holte einen Brocken schon ganz zerbissenen Kautabak hervor, schob ihn in den Mund und begann zu kauen. Dann spie er den Tabaksaft in einem weiten Bogen behaglich auf den Teppich unseres Speisezimmers. Meine Frau ließ einen leisen Schrei des Entsetzens hören. Nelly erkundigte sich: »Du, Mama, darf der neue Großpapa das tun?« »Pscht!« machte ich und suchte die ganze Sache zu vertuschen. »Ja, zu Eurer Zeit muß vieles anders gewesen sein!« wendete ich mich an den Urahndl. »Ihr wart ja ein Zeitgenosse Andreas Hofers?« »Ja, den Hofer hab' i schon kennt!« bestätigte er. »Und beim Landsturm seid Ihr auch dabei gewesen?« fragte ich weiter. »Ei, ja woll!« nickte er. »Sell is a Arbeit g'wesen!« Er spie in der Erinnerung mehrmals energisch auf den Teppich. Meine Frau warf hilfesuchende und verzweifelte Blicke nach der Decke des Zimmers. »Aber außi hab'n sie müass'n, dö lutherischen Zapfen !« Der Urahndl schlug mit der Faust so kräftig auf den Tisch, daß das Geschirr klirrte. »Papa, warum wird denn der neue Großpapa bös?« fragte Nelly ängstlich. »Er wird nicht bös. Er erzählt nur!« beruhigte ich sie. Meine Frau schien für ihr Geschirr zu fürchten. Sie läutete. Das Mädchen kam und räumte den Tisch ab. 155 » Zwui müaßts denn ös a Magd hab'n, wenn's koan' Viechstand nit habts?« fragte mich mein Urahndl. »Ja . . . Ja . . .« Ich war etwas verlegen, wie ich dem Alten diese Notwendigkeit beibringen sollte. Meine Frau wußte sich zu helfen. »Wir sind das so gewohnt!« sagte sie. »Zu meiner Zeit hat a ordentlich's Weibets alleweil selber kocht und g'arbeit't im Hausstand!« sagte der Urahndl mißbilligend. Er saß zwischen uns wie ein strafender Richter. Es war entschieden ungemütlich. »Von was lebts denn ös eigentlich?« fing er nach einer längeren Pause völlig unvermittelt an. »Ich verdiene doch!« sagte ich etwas ärgerlich. Was ging ihn denn das an! »Ah so? Wohl verdianen?« Er betrachtete mich einigermaßen erstaunt. Dann zuckte es in seinem faltigen Gesicht spöttisch. »Epper gar mit dö G'schichten schreiben?« »Freilich!« »Zu meiner Zeit hat oaner was g'lernt, bald er koa Bauer worden is!« sagte der Alte entschieden und fuhr sich mit der Hand bedächtig über die grauen Bartstoppeln, mit denen sein Gesicht besät war. Ich erhob mich wütend. Diese Einmischung wurde mir denn doch zu toll. »Erlauben Sie, was gehen Sie denn meine Familienverhältnisse an?« rief ich. »Ha?« machte er verbissen und stellte sich schwerhörig. 156 Meine Frau winkte mir, ruhig zu sein. Ich setzte mich wieder nieder und zwang mich dazu, daran zu denken, daß mein Urahndl ja schon längst tot sei, sich also in die modernen Verhältnisse nicht so leicht hineinfinden könne. Ich wollte ihm schon noch einige Erfindungen der Neuzeit zeigen und mich dann an seinem Erstaunen freuen. »Woher is denn nachher dei Weib?« frug er nach einem längeren allgemeinen Schweigen. »Meine Frau ist eine Engländerin.« »Ha? Von woher is sie?« »Von England.« »Gar von England? Da is sie wohl am End' a Heidin oder gar a Lutherische?« fragte er äußerst mißtrauisch. »Nein, sie ist katholisch!« suchte ich ihn zu beruhigen. »Dös glaub' i dir nit recht!« erwiderte er im Tone unverminderten Mißtrauens. »Wia hat sie denn nachher so weit daher g'funden?« »Das ist heute leicht. Man kann ja heute mit der Eisenbahn fahren!« sagte ich. »Mit was fahr'n?« frug er. »Mit der Eisenbahn!« Mein Urahndl starrte mich an. Er war offenbar so klug wie früher. »Was is denn dös?« erkundigte er sich. Ich erklärte es ihm, so gut es ging. »Dös kann nit gemüatlich sein!« meinte er dann. »Dös g'fallet mir amal nit! I bin froh, daß i nimmer 157 auf der Welt z' leben brauch'! Dös sein ja ganz lutherische Bräuch', dös!« begehrte er auf. »Ja, Urahndl, da gibt's noch viele solche neue Erfindungen, über die Ihr staunen würdet!« sagte ich. »Zum Beispiel das elektrische Licht! Paßt einmal auf!« Ich erhob mich und drehte das Licht auf. »So! Eins, zwei, drei!« Die Lampe, die über dem Tische hing, erstrahlte. »Jessas! Maria und Josef! Bist b'sessen?!« Der Alte sprang entsetzt von seinem Stuhl empor. »O nein. Das ist eine sehr bequeme Einrichtung. Die findet man jetzt fast in allen Häusern.« »Blas' es aus! Blas' es aus!« befahl er und blies aus Leibeskräften gegen die Lampe. »Dös is ja a sakra Liacht dös!« schimpfte er, als ich das Licht wieder abgedreht hatte. »Aber sehr bequem. Man braucht keine Lampen mehr zu putzen!« sagte meine Frau. »Dö Weibezer von heutzutag' müass'n aber faul sein!« meinte mein Urahndl und schaute meine Frau mit unverhohlener Verachtung an. »Ja, Urahndl, da gibts noch ganz andre Sachen,« erzählte ich ihm. »Elektrische Trambahnen!« »Was sein iatz dös für oane?« fragte er interessiert. »Das sind Stellwägen, wo die Leut' aufsitzen können, wenn sie durch die Stadt kommen wollen. Die Stellwägen haben aber keine Rösser.« »Können nachher die Leut' heutigstags nimmer giah'n?« fragte er. 158 »Freilich können sie geh'n. Aber das Fahren geht schneller!« »A faule Bande seid's überanander!« brach der Urahndl los. »A Bagaschi! Nix arbeiten tuat's, grad umadumfahr'n! Zu meiner Zeit hat's dös nit geb'n, daß oans am helliacht'n Werktag umanandg'fahren is! Da hätt' si oans g'schamt!« Ich erklärte ihm, so gut es ging, daß der Verkehr von heute diese Bequemlichkeit erfordere. Der Alte wollte es absolut nicht einsehen und wurde noch erboster, als ich ihm mitteilte, daß so eine »Teuxelsbahn« in Innsbruck mitten durch die Straßen fahre. »Uns're liabe Zeit!« begehrte er auf. »Da sein ja d' Leut' 's Leben nimmer sicher!« Ich schilderte ihm nun in lebhaften Farben den heutigen Straßenverkehr, die Menschen auf den Rädern, die Motorräder, die Automobile usw. Der Alte hörte mir mit offenem Munde zu. Dann meinte er: »Du, Bua! Is dös alles, was du da verzählst, aa wahr?« »Aber natürlich!« »Dös muaßt du beweisen!« schrie er. »Mit Vergnügen!« lachte ich. »I lass' mi von so an Lauser nit für an Narren halten!« rief der Alte. »I bin a g'standener Bauer! Koa Schreiber!« Die grauen Äuglein des Urahndl sprühten förmlich Funken vor Wut. »Kommt doch mit mir in die Stadt, dann könnt Ihr Euch selber überzeugen!« forderte ich ihn auf. »Joa, i geah' mit!« rief er. »Aber dös sag' i dir: 159 wann du mi ang'logen hast, aft hau' i dir schon a paar Fotzen eini, daß d' den Himmel für a Baßgeig'n anschaust!« »Papa, bitte, geh' nicht mit dem bösen Mann!« fing nun meine Kleine zu weinen an. »Wegen was reart denn dös Diandl?« fragte er etwas milder. »Sie fürchtet sich!« »Kann dö nit Voter sag'n zu dir?« fing er schon wieder zu kritteln an. »Sie sagt Papa! Das ist dasselbe!« erwiderte meine Frau energisch. »Naa! Dös is nit dasselbe!« beharrte er obstinat. Plötzlich ein schriller Glockenton. Das Telephon. »Was is denn iatzt dös?« fragte der Urahndl erschrocken. »Das Telephon!« Ich ging hin, um zu hören, was es gebe. »Halloh!« sagte ich. Der Urahndl hatte sich auch erhoben und stellte sich knapp neben mir auf. »Wollt Ihr auch hören?« fragte ich ihn und reichte ihm ein Hörrohr hin, das er fest in der Hand behielt. »So müssen Sie tun!« flüsterte meine Frau und hielt ihm das Rohr ans Ohr. »Dann hören Sie alles, was gesprochen wird.« Der Alte machte ein feierliches Gesicht und war ganz Aufmerksamkeit. Als ich zu Ende war, meinte er: »Wer hat iatzt da g'red't?« 160 »Ein Bekannter von mir in Hall drunten!« antwortete ich. »Und dös soll i glaub'n?« fragte er mit unheimlicher Ruhe. »Ja, natürlich!« »I frag' di, wer da g'red't hat!« Der Alte kam mir immer näher. Ich wich immer mehr zurück. Schließlich hatte er mich an die Wand gedrängt, so daß ich keinen Ausweg mehr fand. Nelly heulte. Die Situation war sehr ungemütlich. »Ein Herr in Hall!« antwortete ich. »Das ist eben auch so eine neue Erfindung!« »I werd' dir schon deine neuen Erfindungen geben!« schrie der Urahndl und hielt mir die Faust unter die Nase. Eine derbe Faust. Knochig und sehnig. Ich hegte nicht das geringste Bedürfnis, ihre nähere Bekanntschaft zu machen. »Ös seid's a ganz a verlogene Bande, a ausg'schamte!« Er wurde immer drohender. Meine Frau versuchte es, ihn am Arme zurückzuhalten. Er riß sich wütend los. Nelly schrie aus Leibeskräften. Ich versuchte, von der Wand loszukommen. Vergebens. »Oder ös seid's vom Teufel b'sessen und mit der Höll' im Bund'!« schrie er mich an. »Jetzt hab' ich's aber satt!« rief ich zornig. »Hinaus!« »Was?! Außischmeißen willst du dein' Urahndl!« schrie er. »Is dös a Achtung! Du Rotzbua!« Er hatte einen Stuhl ergriffen und schwang ihn drohend über meinem Kopfe. 161 Jeden Augenblick befürchtete ich, daß er mir den Schädel damit einschlagen würde. Ich atmete schwer. Meine Angst stieg. Der kalte Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich wollte ihn abwischen, konnte mich aber nicht rühren. So nahe stand der Alte vor mir. Da fühlte ich, daß etwas an mir emporkletterte. Ein kleiner, kühler Gegenstand krabbelte in meinem Gesichte herum und berührte dann meine Lippen. »Wirst du noch lange schlafen, Papa?« fragte mich ein helles Silberstimmchen. Ich hatte also geschlafen. Gott sei Dank! Das war ein unangenehmer Traum. Mein Töchterl hatte mich geweckt. »Du machst aber ein wildes Gesicht, wenn du schläfst!« sagte sie. Ich küßte die Kleine und hob sie auf den Schoß. »Hab' ich wirklich so wild dreingeschaut?« fragte ich. »Furchtbar wild!« bestätigte sie. Na, ich hatte schließlich auch alle Ursache dazu. Das Interesse für meinen Urahndl ist seitdem bedeutend geringer geworden. Ich kann mich auch im wachen Zustande des Verdachtes nicht erwehren, daß wir zwei vielleicht doch nicht das richtige Verständnis füreinander finden könnten. 162   Die Lies. Der Herr Bezirksrichter Leonhard Astl hatte heute keinen guten Tag. In aller Herrgottsfrüh' kamen schon die Bauern und stritten sich herum. Es war Markttag. Den benützten die Bauern gewöhnlich zur Austragung ihrer Zivilhändel. Das Vorzimmer, das in die Kanzlei des Bezirksrichters führte, war gesteckt voll von Leuten. In der Kanzlei selbst stand der Herr Bezirksrichter, ein kleiner dicker Mann mit einem rötlichen, grau melierten Vollbart und einer Brille. Er gab sich alle erdenkliche Mühe, zwei Bauern, die besonders hartnäckig auf ihren vermeintlichen Rechten beharrten, zu versöhnen. Dabei wischte er sich vor Anstrengung öfters mit seinem bunten Taschentuch den Schweiß von der Stirne; denn draußen war es drückend heiß und schwül. Die Leute im Vorzimmer verhielten sich natürlich auch nicht lautlos. Sie stritten eifrig weiter. Es war ein Höllenspektakel. Vergebens mahnte der Herr Kanzlist zur Ruhe. Seine Worte wurden überhaupt nicht gehört. Plötzlich wurde die Tür des Vorzimmers aufgerissen. Herein stürzte in atemloser Eile ein 163 »Hearrischer«. Hinter ihm folgte wütend und aufgeregt die Kasbacher Bäurin. Die Bauern reckten neugierig den Kragen. Was hatte es da gegeben? Die Kasbacher Moid, das war »koa Guate nit«. Das Paar rannte, ohne anzuklopfen, in die Kanzlei des Herrn Bezirksrichters. Der war ganz verdutzt. »Hinaus!« schrie er dann die Moid an. »I geah' nit außi!« kreischte die Moid, ein großes, derbes Frauenzimmer, Mitte der Vierzig. »I bin in mein' Recht!« »Hinaus!« schrie der Herr Bezirksrichter neuerdings. Die Moid wich jetzt unwillkürlich etwas zurück, faßte sich dann aber gleich wieder, rüttelte den »Hearrischen« energisch beim Arm und belferte: »Da! Den könnt's anbrüll'n, aber nit mi! Der hat's tan, der verdammte –« »Später!« rief der Richter und machte die Türe auf. Er versuchte die Moid hinauszuschieben. Die stellte sich aber breitspurig auf, steckte ihre beiden Hände unters Fürtuach, verzog ihr breites eckiges Maul zu einem Grinsen und sagte: »I bleib' iatz da!« »Ich muß Sie dringend ersuchen, Herr Bezirksrichter,« mischte sich jetzt der Herr, ein jüngerer, schlank gewachsener Mensch mit einem feschen Schnurrbart, ins Gespräch. »Meine Zeit ist gemessen! Heute Nachmittag muß ich wieder in Innsbruck sein.« 164 »Alsdann geht's Ös Zwoa außi derweil!« entschied der Herr Bezirksrichter und schob seine beiden störrischen Bauern zur Tür hinaus. Der Herr Bezirksrichter schloß die Tür. Die Moid wollte zu reden anfangen. Jedoch der Richter machte eine gebieterische abwehrende Handbewegung. Er setzte sich an den Schreibtisch, nahm die Brille herunter, hauchte sie an und begann sie zu putzen. Die Moid konnte es vor Ungeduld schon nicht mehr aushalten. »Er hat sie umbracht!« fing sie an. »Nur Geduld!« meinte der Herr Bezirksrichter. »I werd' schon fragen!« Dabei putzte er seine Brille fertig, setzte sie umständlich auf, rückte das Tintenfaß zurecht und nahm ein Formular. »So lang hab i nit derweil!« sagte die Moid. »Ich auch nicht!« murrte der Herr. »Der da hat die Lies umbracht!« schrie die Moid, wütend auf den Herrn deutend. »Red', wenn du g'fragt wirst!« herrschte sie der Richter an. Dann nahm er den Federhalter zur Hand und begann zu schreiben. »Sie heißen?« frug er den Herrn. »Fritz Neuwirt.« »Stand?« »Ingenieur. Aber wozu denn das alles!« rief der Fremde ärgerlich. »Die Sache ist einfach die . . .« »Dös verzähl' i!« kreischte die Kasbacherin. »Du hast sie umbracht mei Lies mit dei'm verfluacht'n Rad . . .« 165 »Also Sie hatten einen Radfahrerunfall?« wandte sich der Richter an den Herrn. »Ganz richtig!« »Naa! Umbracht, überfahr'n hat er sie, die Lies! Hin is sie . . .« zeterte die Kasbacher Moid. »Hast du der Gendarmerie die Anzeige gemacht?« fragte sie der Richter streng. »Naa. I bin schnurstracks zu Enk her g'rennt!« Der Richter machte die Vorzimmertür auf und rief nach dem Kanzlisten. »Der Postenführer Stöger soll g'schwind kommen!« befahl er. Der Kanzlist ging ab. Die Bauern draußen gerieten in Aufregung. »Der Schandarm! So eppes! Da hat oaner oane umbracht!« »Wozu denn diese Umstände?« fragte der Ingenieur ärgerlich. »Ich habe wirklich keine Zeit! Mein Rad ist beschädigt! Ich verlange Schadenersatz!« »So? Du verlangst Schadenersatz?« belferte die Moid. »Und wer ersetzt denn mir mei Lies, dö du umbracht hast!« »Ach was! Nun hören Sie einmal auf! Mein Rad ist auch kaput! Zu was mußte sie mir denn über'n Weg laufen!« »Herr Richter, dem müaßt's a harte Straf' geben! Der hat gar koa Herz nit!« forderte die Moid. »Das scheint mir auch!« erklärte der Richter mit einem strafenden Blick auf den Angeklagten. »Aber wieso denn?« fuhr der Ingenieur auf. »Ich zahle ja! Aber dann will ich meine Ruhe haben.« 166 »Ah, mit Zahlen wird das nit zu machen sein! Das gibt der Herr wirklich gut!« bemerkte der Richter. »Freilich muaß er zahlen!« forderte die Kasbacher Moid. »Mit der Person ist überhaupt kein vernünftiges Wort zu reden, Herr Richter!« erklärte der Radfahrer. »I bin ganz vernünftig, i!« protestierte die Moid. »I will lei nit z' kurz kommen bei der Sach'! Die Lies hätt' no lang' g'lebt!« »Wie wollen Sie denn wissen, wie lange sie noch gelebt hätte!« sagte der Ingenieur. »Dös woaß i!« behauptete die Moid. »Dö hat a ganz besonders zach's Leben g'habt!« In diesem Augenblick drängte sich bei der Kanzleitür wer herein. Eine vierschrötige Weibsperson. Die Kasbacher Moid stürzte sich mit dem Ausruf: »Jessas, die Lies!« auf sie zu und wollte sie bei der Tür hinausdrängen. »Was is denn iatz wieder los?« rief der Herr Bezirksrichter. »So geah' aus'm Weg!« und die Person gab der Kasbacherin einen Schubs. Es war die Thres, die Magd beim Bezirksrichter, eine unbeholfene Pustertalerin. Sie trug in ihrer derben Faust eine tote Henne, weiß und gelb gesprenkelt. 167 Nun trat sie mit dem Federvieh vor den Amtstisch des Bezirksrichters und sagte: »Die Frau Bezirksrichter laßt fragen, ob sie die Lies kaufen soll!« Die Kasbacher Moid versuchte es, die Thres bei den Kittelfalten zurückzuziehen, bekam aber einen neuerlichen Schubs. »Was für a Lies?« fragte der Bezirksrichter ganz verständnislos. »Ja, die Lies von der Kasbacherin, dö g'rad vorher oaner überradelt hat!« brachte die Thres in ihrer langsamen Art heraus. »Die Lies von der Kasbacherin? Bist verruckt?« Der Richter stierte seine Magd ganz verwirrt an. »Naa!« sagte die Thres. »Die Frau Bezirksrichter hat g'moant, es gäb' no a guate Supp'n davon!« »Von der Lies? Brrr! Pfui Teufl!« Der Richter fuhr empor. Es würgte und schüttelte ihn ordentlich vor Grausen. »Joa!« versicherte die Thres. »Die Diarn vom Kasbacher hat s' bracht. Um zwanzig Kreuzer wär' sie z' haben!« »Wer?« schrie der Richter. »Die Lies!« antwortete die Magd ganz ruhig. »So! Um zwanzig Kreuzer!« rief nun der Ingenieur aufgebracht. »Und von mir hat sie drei Gulden Schadenersatz verlangt, weil sie die beste Bruthenn' in der ganzen Gegend sei!« »Wer?« brüllte nun der Richter. Er erhielt keine Antwort. Dafür stieß die Thres 168 ein höhnisches Gelächter aus . . . »Dös die beste Bruathenn'! Daß i nit lach'! Dö hat ja längst koane Oar mehr g'legt!« drehte sie sich langsam gegen die Kasbacher Moid um. »Du hast sie ja schon neulich der Richterin um vierzig Kreuzer als Suppenhenn' verkaufen wollen!« »Dös is nit wahr!« »Ja, wahr is's!« Die beiden Weiber standen sich feindselig gegenüber und maßen sich mit giftigen Blicken. »Und von mir verlangte die Person für eine alte Henne drei Gulden!« rief der Ingenieur neuerdings empört. »Ruhe!« rief nun der Herr Bezirksrichter, dem es allmählich klar zu werden begann, aus Leibeskräften. »Es handelt sich also um eine überfahrene Henn'?« »Um was denn sonst!« bemerkte der Ingenieur ungeduldig. »Und das is die Lies von der Kasbacherin?« fragte der Richter und deutete auf das Federvieh, das die Thres in der Faust trug. »Joa. Dös is mei' Lies!« rief die Moid. »Und es is nit wahr, es is derlog'n . . .« »Ja, Himmel! Herrgott! Sakrament!« rief jetzt der Herr Bezirksrichter wütend und schlug mit beiden Fäusten zugleich auf den Amtstisch hinein. »Glaubst du vielleicht, du kannst 's G'richt für an Narren halten! A Henn' also, und koa Madl! Ja, warum 169 hast denn du dös nit glei' g'sagt!« fuhr er die Kasbacher Moid an. »Ös habt's g'sagt, Ös werdet's schon frag'n!« grinste die Moid boshaft. Der Herr Bezirksrichter Leonhard Astl setzte sich erschöpft auf seinen Schreibtischstuhl und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Eine Weile musterte er die Anwesenden nach der Reihe mit Blicken still resignierter Verzweiflung. »Soll die Frau Richter nachher die Lies kauf'n?« fragte endlich die Magd. Der Richter fuhr wieder empor. »Naa! Koa Spur!« rief er. »Dö liegt mir eh' schon im Mag'n! Brauch' i sie nit in der Supp'n aa no'!« »I will aber mei' Recht hab'n!« keifte die Moid. »Ich ersetze den Schaden mit einer Krone!« schlug der Ingenieur vor. »Dös is z' weanig!« protestierte die Moid. »Dös is meahr als z' viel für a alte Suppenhenn'!« erklärte die Thres. »Vierzig Kreuzer hast verlangt! A Kron' is übrig's g'nua! Und iatz zapf' di' bei der Tür außi! Wann der Herr wollt', könnt' er dir a anders Liadl aufspiel'n. Drei Gulden! Dös is ja Betrug!« fuhr der Richter die Moid an. »Und die Henn' g'hört dem Herrn!« Die Thres gab die Henne an den Radfahrer. Der aber legte sie entrüstet auf den Amtstisch, gab der Moid eine Krone und empfahl sich. Die Moid und die Thres folgten ihm. 170 Der Herr Bezirksrichter blieb mit der toten Henne allein zurück. Eine Weile betrachtete er in dumpfem Brüten das Federvieh. Dann rief er den Kerkermeister und übergab ihm die Lies zur Aufbesserung der Kost der paar Arrestanten und Schüblinge, die beim Bezirksgericht inhaftiert waren. »Aus der Haut fahr'n könnt' eins!« brummte er ärgerlich vor sich hin. 171   Jörgl's Erbschaft. Der Brugger Jörgl aus dem hintersten Ötztal hatte eine Erbschaft gemacht. Natürlich hatte der Jörgl darüber eine ganz narrische Gaudi. Völlig unerwartet war ihm das Geld zugefallen. Eine alte Bas'n irgendwo im Unterland drunten, die er kaum dem Namen nach gekannt hatte, war gestorben. Ihr Vermögen fiel, da sie eine alte Jungfer war, den Verwandten zu. Auf den Jörgl trafen dreihundert Gulden. Das erschien ihm als ein großes Kapital. Was konnte man da alles anfangen damit! Heiraten wollte er und ein Güatl übernehmen. Das war einmal gewiß. Der Jörgl war nicht mehr ganz jung. Ende der Vierzig. Ein großer, stämmiger Mensch mit schwarzem verwildertem Bart und Haar. Er war Knecht beim Mooshammer. Die Rosina war Dirn beim gleichen Bauern. Seit Jahren schon hatten sie eine G'spusi miteinander und sparten ihren Lohn zusammen, um dann einmal heiraten zu können. Und nun kam dieser Glücksfall. Der Jörgl wollte sein Geld persönlich beim G'richt in Innsbruck abholen. Das ließ er sich nicht nehmen. Die Rosina war noch nie in Innsbruck gewesen. Der Jörgl hätte sie gern mitgenommen. Der Bauer 172 aber ließ sie nicht fort. Der schimpfte schon, daß sein Knecht sich ein paar freie Tage ausbat. Das letzte Mal war der Jörgl vor zwanzig Jahren in Innsbruck gewesen. Er hatte Mühe, bis er sich in der Stadt zurechtfand. Klopfenden Herzens betrat er das Gerichtsgebäude. Den Hut, seinen schönen Sonntagshut, hatte er fest unter den Arm gepreßt und stand nun in demütiger Haltung vor dem Beamten, der ihm sein Erbteil ausbezahlen sollte. »Papier oder Gold?« frug ihn der Beamte. »Mir war' lieber alles in Silber! Dös dergibt mehra!« grinste der Jörgl. Der Beamte gab ihm einen großen Teil Silber, das andere in Papier. Hocherhobenen Hauptes verließ der Jörgl das Gerichtsgebäude. Er kam sich wie ein Krösus vor. Langsam schlenderte er durch die Straßen von Innsbruck und begaffte die Schaufenster. Waren die schön! So etwas hatte der Jörgl seiner Lebtag noch nie gesehen. Was sollte er nun anfangen? Er beschloß, sich einen recht guten Tag zu machen. Nobel und sein wollte er's geben! Zuerst wollte er seiner Rosina was kaufen. Die sollte auch was haben von seiner Erbschaft. Lange stand er vor den Schaufenstern, unschlüssig, was er einhandeln sollte. Etwas Feines mußte es sein, und etwas ganz Extra's! Zuletzt erstand er in einer Kunsthandlung ein Bild des Canale grande in Venedig mit Rahmen. Der 173 Rahmen gefiel ihm besonders gut. Ein schwerer Goldrahmen, der prächtig glitzerte. Da würde die Rosina Augen machen! Mit dem Bild unter'm Arm spazierte er nun vergnügt weiter. Beim Mittagessen, das er in einem guten bürgerlichen Gasthaus verzehrte, hieb er tapfer ein. Auch den Wein ließ er sich schmecken. Nach dem Essen beschloß er, herumzufahren. Die elektrischen Trams imponierten ihm gewaltig. Ab und zu verschwand er auch wieder in einem Wirtshaus. Als es Abend geworden war, sah er viele Menschen durch die Maria Theresienstraße über den Burggraben eilen. Der Jörgl ging ihnen nach. Die Leute strebten alle ins Theater. Das war dem Jörgl gerade recht. Im Theater war er noch nie gewesen. Das Bild noch fester unter dem Arm haltend, schritt der Jörgl die Stufen zum Innsbrucker Stadttheater hinan. Im Foyer war alles voll Menschen. Man gab »Die lustige Witwe«. Der Jörgl pflanzte sich vor der Kasse auf. Vor ihm stand ein elegant gekleideter Herr. Der Jörgl stieß ihn mit seinem Bild ganz unabsichtlich an. »Sie, passen Sie doch auf!« schimpfte der Herr. Der Jörgl schob das Bild etwas mehr nach rückwärts. Eine ältere, ziemlich beleibte Dame stand hinter ihm. »Auweh! Auweh! Rennen's mir nit den Bauch ein!« jammerte sie. Der Jörgl war froh, als der elegante Herr den Schalter verließ. »I möcht' aa an Platz!« verlangte er. 174 »Stehplatz? Galerie? Parkettsitz?« fragte ihn die Dame an der Kasse von oben herab. »'s Nobelste halt!« sagte der Jörgl. »Das Nobelste ist eine Loge!« belehrte ihn die Kassierin. »Nachher a Losch!« forderte er. »Parterreloge? Ersten Rang?« »Die öbrigste!« grinste der Jörgl, in der Meinung, daß die höchste auch die beste sei. »Zehn Kronen!« sagte die Kassierin und schob ihm das Billet hin. »Waaas?« fragte der Jörgl. »Zehn Kronen! Schnell, schnell! Ich hab' keine Zeit!« »Dös kunntest decht a bissel billiger lass'n!« meinte der Jörgl und öffnete langsam seinen Geldbeutel. »Da wird nicht gehandelt! Zahlen!« Die Kassierin wurde ungeduldig. Die Leute von rückwärts fingen an zu schimpfen und drängen. Den Jörgl störte das nicht. »Da hast achte!« meinte er und warf vier Gulden auf den Schalter. »Noch zwei Kronen oder das Billet zurück!« drohte die Kassierin. »Dö sakra Weiberleut' müass'n decht alleweil recht hab'n!« lachte der Jörgl, bezahlte noch einen Gulden und ging dann bedächtig weiter. 175 Als er seine Loge betrat, fing gerade die Ouvertüre an. Der Jörgl war die ersten fünf Minuten ganz dasig . Das Licht, die vielen eleganten Damen, die Musik verwirrten ihn. Sein Bild hatte er in die Ecke gestellt und sich dann auf einen Sessel gesetzt. Den Hut hatte er am Kopf behalten. Beim Aufgehen des Vorhangs paßte der Jörgl mit offenem Maul auf wie ein Haftelbeißer. So andächtig war er in der Kirche, wenn der Herr Pfarrer predigte, noch nie gewesen. Zuerst verstand er einmal gar nichts. Aber wie die Leute da drunten auf der Bühne herumgingen, sangen und tanzten, das gefiel ihm sehr gut. Nach dem ersten Akt fühlte sich der Jörgl in seiner Loge schon ungemein behaglich. Es genierte ihn nicht im mindesten, daß man ihn im Theater allgemein bemerkte und mit Operngläsern nach ihm sah. »Teuxel, bald i iatzt raach'n könnt', war' i no amal so kommod!« dachte der Jörgl. Er überlegte nicht lange, sondern stopfte sich sein Pfeifl und blies mächtige Rauchwolken von sich. In der Nebenloge hustete eine Dame. Gleich darauf kam ein Polizeimann in Jörgl's Loge. »Da wird nicht geraucht!« sagte dieser barsch. »Ah nit?« »Nein!« »I tua's glei aweg, bald i's ausg'raacht hab'!« meinte der Jörgl. 176 »Das müssen Sie sofort wegtun! Sonst arretiere ich Sie!« Der Jörgl steckte mürrisch sein Pfeifl wieder ein. »Tun Sie den Hut herunter!« gebot der Polizeimann weiter. » Sell aa no?« fragte der Jörgl. »Und bald i'n nit aber tua, was g'schiecht nachher?« Dabei grinste er den Polizisten unverschämt an. »Im Theater sitzt man nicht mit dem Hut am Kopf!« erwiederte dieser. »Gelt, du aber hast dei Kapp'n schon auf!« triumphierte der Jörgl. Der Polizeimann sagte gar nichts mehr, sondern ging und schlug die Logentür geärgert hinter sich zu. »Dem hab' i aber guat hoamg'leuchtet!« lachte der Jörgl und » rammelte « sich noch behaglicher über die Logenbrüstung. Den Hut drückte er nun unternehmend auf eine Seite und spuckte gemütlich vor sich hinunter. Ein älterer Herr mit einer großen Glatze, der im Parterre saß, rieb sich seinen kahlen Schädel und blickte verwundert herum. Der zweite Akt begann. Der Jörgl war ganz Aug' und Ohr. Nun konnte er schon alles verstehen, was auf der Bühne gesprochen und gesungen wurde. Bei dem Liede vom dummen »Reitersmann«, das Hanna Glawari dem Grafen Danilo sang, wurde 177 der Jörgl ganz aufgeregt. »Gib ihr decht a Bussel, du Tepp, du!« schrie er hinunter. Allgemeines Halloh im Publikum. Der Jörgl wurde immer kühner. Die graziöse Musik ging ihm in die Glieder. Als Danilo und Hanna tanzten, juckte es ihn in den Beinen. Er fing an mit den Füßen zu strampeln und schlug sich mit den Händen auf die Knie. Das Publikum begann zu zischen und nach Ruhe zu rufen. Der Jörgl, der das Zischen als zum Spiel gehörig betrachtete, zischte brav mit. Von der Loge nebenan rief jemand herüber: »Wollen Sie wohl gleich ruhig sein, Sie Bauernlümmel!« »Ha?« rief der Jörgl und beugte sich ganz vornüber, um besser hören zu können. »Ruhe! Pscht!« von unten. Der Jörgl war von selbst wieder ruhig geworden. Nur ab und zu begleitete er eine besonders gefällige Melodie mit leisem Pfeifen oder Schnalzen mit der Zunge. »Teufel! Dös is schian!« rief er über eine Weile ganz begeistert aus und spie voll Behagen drei bis viermal ins Parterre hinunter. Drunten entstand eine Unruhe. Der ältere Herr mit der Glatze fing laut zu schimpfen an. »Wollen Sie wohl ruhig sein – Sie –« hörte man empörte Stimmen von drunten. »Ich bin nicht ruhig! So eine Infamie!« brüllte der ältere Herr und wischte sich verzweifelt seine Glatze ab. 178 Ein paar Herren aus dem Publikum hatten sich erhoben und brachten den Glatzigen, der sich wütend wehrte, aus dem Zuschauerraum. »Eine Infamie ist es! Heruntersp–!« Mehr konnte man nicht hören. Der ältere Herr war hinausbefördert. Der Jörgl hatte gar nicht bemerkt, was er angerichtet hatte. Als der Vorhang zum zweiten Male fiel, klatschte der Jörgl wie besessen. Er sah, wie sich viele Leute während der Pause erhoben, und verließ nun auch seine Loge. Beim Buffet im ersten Stockwerk ließ er sich ein Krügel Bier und drei Schinkensemmeln geben. Er trug alles in seine Loge hinauf und wollte es dort in vollster Gemütsruhe verzehren. Kaum war er droben, verlöschten die Lichter. Der Jörgl stellte das Glas Bier vor sich hin, wickelte die Brote aus dem Papier und fing an zu essen und zu trinken. »Sie! Hier wird nicht gegessen!« Ein Herr aus der Nebenloge rüttelte ihn energisch beim Arm. Der Jörgl wollte gerade einen tüchtigen Schluck tun. Er erschrak aber und ließ das Glas samt dem Bier ins Parterre fallen. Unten erhob sich ein fürchterlicher Lärm. Leute in den hintersten Reihen, die nicht wußten, um was es sich handle, drängten dem Ausgang zu. Damen kreischten. Der Vorhang, der gerade in die Höhe gegangen war, senkte sich wieder. Die Lichter im Zuschauerraum brannten. 179 »Laßt mi aus oder nit, du Sakra, du verfluachter!« schimpfte droben der Jörgl zu seinem Nachbar hinüber. »Ich lasse Sie einsperren!« brüllte der herüber. »Schau', daß i dir eine eini hau'! Dös guate Biar! Is ewig schad' drum!« jammerte der Jörgl. »Sie sind ja betrunken, Sie Lümmel, Sie!« schimpfte der Herr herüber. Der Polizist erschien in der Logentür. Er machte diesmal kurzen Prozeß, faßte den Jörgl beim Kragen und führte ihn auf den Korridor hinaus. Dort hatte inzwischen schon eine ganze Menschenansammlung stattgefunden. »Sie werden sofort das Theater verlassen!« herrschte ihn der Polizist an. »Natürlich geh' i! Und gearn aa no!« rief der Jörgl empört. »I pfeif' auf enker Theater! Die Leut' lassen oan' ja koa Ruah' nit!« Dieser Ausspruch entfesselte das schallende Gelächter der Umstehenden. Der Polizist zog mit dem Jörgl schleunig ab. Das Publikum kehrte in heiterster Stimmung wieder auf seine Plätze zurück, und die Vorstellung konnte von da ab ihren ungestörten Verlauf nehmen. – – – – Das schöne Bild, das der Jörgl in der Eile in seiner »Losch« vergessen hatte, bekam er pünktlich zugestellt. Der Jörgl und die Rosina haben geheiratet. Über ihrer doppelspannigen Bettstatt in der 180 Kammer hängt stolz das Bild vom Canale grande in Venedig. Auf seine Innsbrucker »Roas« kommt der Jörgl noch oft zu sprechen. Dann meint er wohl: »Fein is's auf Sprugg g'wesen und verfluacht nobel! Schad' lei, daß i dös schiane Stuck nit fertig dersöch'n hab'! Aber wartet's lei! Wenn i wieder a Erbschaft mach', fahr' i mit der Rosina auf Sprugg! Und da lassen wir uns dös Stuck ganz alloan vorspiel'n! Da wird man wohl nachher sein' Fried' hab'n!« 181   Als ich Fremdenführer machte. Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich Fremdenführer gemacht. Aber ich tu's gewiß nicht wieder. Wir waren schon alte Bekannte, Familie Repke und ich. Das heißt, Herr und Frau Repke, deren Tochter Käthe und meine Wenigkeit. Fünf Jahre hatte ich Repkes nicht mehr gesehen. Damals war Käthe noch ein kleines Ding in kurzen Röckchen und mit fliegenden Zöpfen. Aber fünf Jahre machen aus einem Kind ein junges Mädchen. Und was für ein bildsauberes Mädel diese Käthe geworden war! Donnerwetter! Ich freute mich noch einmal so herzlich, die alten Bekannten in Tirol wiederzusehen, da sie nun eine so reizende Tochter hatten. Bis spät in die Nacht hinein saßen wir beisammen und zechten. Ich und Herr Repke nämlich zechten. Die Damen nippten nur an den Gläsern und lachten über die Geschichten und Späße, die ich ihnen zum Besten gab. Als wir so recht gemütlich beisammen saßen und ich gerade einen G'spaß erzählte, der sich auf einer Alm abgespielt haben sollte, wobei ich diese Alm in recht verführerischen Farben schilderte, meinte Fräulein 182 Käthe: »Du Papa, so 'ne Alpe muß was Herrliches sein! So was möchte ich mal furchtbar jerne sehen!« »Aber das können wir ja mal machen, Kind. Da is ja jar nich viel dabei. Da wollen wir mal 'nauf!« Der Vater ging gleich mit Feuereifer auf den Wunsch der Tochter ein. »Is denn hier irjendwo in der Umjebung 'ne Alpe?« erkundigte sich Frau Repke mit freundlichem Lächeln. »Aber ja!« erwiderte ich. »Grad' g'nug! Die Lazumsalm ist gar nit so weit weg von da!« Wenn ich nur das nicht getan hätte! Nun ging's los. Ein wahres Raketenfeuer von Fragen. Ob ich schon mal auf dieser Alpe jewesen sei? Ob ich den Weg noch finden würde? Wie weit es sei? Ob ich nich mal mit ihnen kommen möchte? Es wäre jottvoll, wenn wir da zusammen 'nauf könnten! usw. Da hatte ich mir ja eine nette Suppe eingebrockt! Ich war wohl schon wiederholt in früheren Jahren auf der Lazumsalm gewesen; aber seit einiger Zeit machte sich bei mir infolge zunehmender Korpulenz eine gewisse Bequemlichkeit bemerkbar. Alles Steigen, und besonders Steigen in der Sonnenhitze war mir in der Seele hinein zuwider. Ich suchte daher nach den verschiedensten Ausflüchten, schützte Mangel an Zeit vor. Ich müsse unbedingt morgen wieder nach Hause reisen. »Ach was! Det jibt es nich!« meinte Herr Repke und gab mir einen so freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, daß ich beinahe aufgeschrien hätte. 183 Herr Repke war ein Koloß von einem Menschen. Groß und dick. Er überragte mich beinahe um Haupteslänge. Er sah ziemlich aufgedunsen und asthmatisch aus. Auch die beiden Damen machten nicht den Eindruck, daß sie einer so großen Tour, wie es die Partie auf die Lazumsalm immerhin war, gewachsen sein würden. Das konnte eine nette Geschichte für mich werden! Aber es gab kein Entrinnen mehr. Gleich am nächsten Morgen wollten sie aufbrechen, damit ich keine Zeit verlieren sollte. Einen oder zwei Tage könnte ich ihnen zulieb doch noch opfern. Den Ausschlag gab schließlich Fräulein Käthe. Die schaute mich mit ihren sanften Rehaugen so vorwurfsvoll bittend an, daß ich gerne Ja und Amen sagte. In aller Frühe ging's los. Die Familie Repke entpuppten sich alle drei als sehr rüstige Fußgänger. Das hätte ich gar nicht geglaubt. Wie die Wieseln rannten sie den steilen Berg hinauf. Ich konnte endlich nicht mehr mit. Die Sonne brannte entsetzlich. Der Angstschweiß brach mir aus allen Poren. Zum Überfluß hatte ich mich noch mit dem Rucksack des Fräulein Käthe beladen. Und der war verflucht schwer. Offenbar hatten Papa und Mama Repke der Tochter ihre ganzen Habseligkeiten aufgehalst. Ich konstatierte nur, unter meiner Last keuchend, daß der Rucksack des Herrn Repke ganz schlank und dünn aussah, während der der Tochter vollgepfropft war. 184 Das war eine Gemeinheit, ein zartes Geschöpf mit einem solchen Gewicht zu belasten! Oder hatte Herr Repke darauf gerechnet, daß ich den Rucksack für die Tochter tragen würde? Dann war die Gemeinheit noch größer! Das nennt man einen Menschen ausnützen! Ich kochte innerlich vor Wut. Das trug absolut nicht dazu bei, mein körperliches Wohlbefinden zu fördern. Der Rucksack drückte mich wie eine Zentnerlast. Die Hitze wurde mit der Zeit geradezu entsetzlich. Alles Blut schoß mir in den Kopf. Nur mühsam rang ich nach Atem. Himmel, Herrgott, Sakrament, wenn ich doch nicht zugesagt hätte! Einzig wegen der schönen Augen des Mädels. Und von der hatte ich jetzt gar nichts. Die war mir immer ein großes Stück voraus, sang und lachte und war übermütig. Diese Repkes schienen von der Hitze und der Anstrengung nichts zu merken. Nicht ein einziges Mal machten sie Rast. Rücksichtslos! Ich konnte doch nicht eingestehen, daß ich müde sei. Das wäre eine nette Blamage gewesen! Wie wäre ich denn da vor dem Fräulein Käthe dagestanden! Ausgelacht hätte sie mich noch obendrein. Nein, das konnte ich unmöglich eingestehen. Aber ausruhen mußte ich mich. Es ging wirklich nicht mehr länger. Sonst konnte mich noch der Hitzschlag treffen! Da kam mir ein rettender Gedanke. Ich blieb stehen, hielt die linke Hand schützend vor die Augen und starrte angelegentlich hinüber zu der andern Bergseite. Große, mächtige Felsblöcke lagerten in der steil 185 abfallenden Moräne. Hoch oben hoben sich die spitzen Zacken einer Bergkette hell und klar von dem dunkeln Blau des Firmamentes ab. Es dauerte nicht lange, bis Herr Repke bemerkte, daß ich stehen geblieben war. »Was sehen Sie?« rief er mir höchst interessiert zu. »Gemsen!« schrie ich zurück. »Jemsen? Nich möglich! Luischen, Käthe, hört mal! Dort jibt's Jemsen!« rief er den beiden Damen aufgeregt zu. Im Nu war er samt seinem ungeheuren Bergstock zu mir heruntergeklettert. Ich hätte ihm eine derartige Elastizität nicht zugetraut. »Wo? Wo?« frugen die Damen neugierig, die auch zurückgekommen waren. »Da drüben! Sehen Sie's nit? Ganz zu oberst unter der großen Felswand!« zeigte ich hinüber. »Wo? Wo?« fragte Mama Repke. »Ich sehe nischt!« sagte Fräulein Käthe enttäuscht. »Ich schon. Da drüben! Jans richtig. 'ne mächtige Jemse! Schönes Tier!« meinte Herr Repke und sah angelegentlich durch seinen Feldstecher. »Laß' mich auch sehen, Papa!« bat die Tochter. Nun bewunderten sie lange Zeit hindurch die Gemse und entdeckten gleich mehrere dazu. Die List war geglückt. Was die Einbildung alles vermag. Sie hielten kleine Felsblöcke für Gemsen. Und ich konnte mich einstweilen in größter Gemütlichkeit ausruhen. Von nun ab wandte ich diesen Trick mehrmals 186 an. So oft ich mich auszuruhen wünschte, sah ich Gemsen und machte dabei die merkwürdige Entdeckung, daß Papa und Mama Repke sowie deren Tochter Käthe immer mehr Gemsen sahen als ich. »Das ist aber 'ne jemsenreiche Jegend!« meinte Herr Repke hoch befriedigt, als wir beinahe am Ziel angelangt waren. Jedes Martyrium hat schließlich ein Ende. So auch dieser Weg in der brennenden Sonnenglut mit der ungewohnten Last am Buckel. Seitdem ich die Gemsen entdeckt hatte, hielten sich Repkes immer in meiner Nähe. Wir tauschten unsere Ansichten über Hochwild im allgemeinen und Gemsen im besondern aus. Es war ganz angenehm. Schließlich waren wir auf der Lazumsalm angelangt. Dort hauste schon seit vielen Jahren im Sommer der gleiche Senner. Der Siebenförcher Wast. Ein berühmter Mann. Berühmt durch seine Derbheit und Grobheit. Ein halber Waldmensch. Selten sieht er da droben einen Fremden. Und wenn er einmal einen sieht, so trachtet er ihn durch Grobheit baldmöglichst wieder aus seiner Hütt'n hinauszuekeln. Holzknechte kommen viele auf die Alm. Aber das sind ebenso halbe Waldmenschen wie der Wast einer ist. Die machen ihm nichts. »Da hat man nit a so a G'schear als wia mit dö Stadtlinger!« meinte er. Der Siebenförcher Wast stand schon in seiner 187 ganzen Größe und Breite vor dem Eingang der Hütte. Unbeweglich wie ein Felsblock. Mit gespreizten Beinen. Er rührte sich nicht und sah uns mit keinem Blick an. Das schmutzige grauweiße Hemd, das deutliche Spuren seiner engen Beziehungen zu den Kühen und Kälbern aufwies, trug er vorn geöffnet, so daß die stark behaarte Brust sichtbar wurde, die den Eindruck des Halbwilden noch verstärkte. Der graue struppige Bart und das Haar umrahmten das Gesicht des Wast wie eine Mähne und verliehen ihm ein etwas unheimliches Aussehen. Die bodenscheuen, schwärzlich grünen Hosen starrten förmlich vor Schmutz. »'ne herrliche Erscheinung!« begeisterte sich Herr Repke. Ich hatte jedoch den Eindruck, daß er das mehr aus Verlegenheit als aus Überzeugung sagte. Wir viere umstanden den Siebenförcher Wast, der nicht die geringste Notiz von uns nahm. Nicht einmal unsern Gruß geruhte er zu bemerken. Wie ein König in seinem Reich stand er da, patzig, die Hände in den Hosentaschen und in die Luft starrend. »Kennst mi nimmer, Wast?« versuchte ich eine Annäherung. Der Senner schaute mich mit einem verächtlichen Seitenblick flüchtig an, schüttelte würdevoll den Kopf und brummte mürrisch: »Naa!« »I bin schon a paarmal dag'wesen!« versuchte ich die Bekanntschaft zu erneuern. »Isch schon möglich!« brummte er, ohne einen von uns anzusehen oder auch nur im geringsten seine 188 Stellung zu verändern. Seine Haltung war entschieden feindselig. Das schien aber Herrn Repke ungemein zu imponieren. »Ein interessanter Mann!« sagte er laut. »Guck mal an, Luischen, die originellen Schuhe, die er trägt!« Dabei machte er seine Frau auf die groben, unförmlichen » Knoschpen « des Senners aufmerksam. Der Siebenförcher Wast rührte sich nicht. Mir wurde es schon ungemütlich. Dem Wast war es zuzutrauen, daß er uns überhaupt nicht einmal in die Almhütte hineinließ. »Wir hab'n an damischen Hunger!« begann ich wieder. »Könnten wir nit a bissel a Milch hab'n?« »Joa. Dös könnt's von mir aus schon hab'n!« erwiderte der Wast mit einer geradezu majestätischen Herablassung. Gott sei Dank! Der Bann war gebrochen! »Und können wir och 'n bischen in die Hütte 'rein?« bat Frau Repke. »Ha?« frug der Wast plötzlich ganz laut und unwirsch. »Eini giah'n möchten's!« verdeutschte ich. »Geaht's halt eini!« brummte er unfreundlich. Dann bequemte er sich ein wenig zur Seite zu stehen und darauf langsam und bedächtig in die Hütte zu treten, um uns dort vier große Milchschüsseln vorzusetzen. »Kriegen wir keine Tassen nich?« erkundigte sich Fräulein Käthe schüchtern. 189 »Ha?« schrie der Wast wieder und musterte das Mädchen scharf und mißtrauisch. Ich erklärte den Damen, daß eine Tasse auf der Alm zu den dort nicht vorhandenen Luxusartikeln gehöre, und daß man die Milch aus den Schüsseln oder mit den Löffeln trinken müsse. Dabei langte ich nach den großen Holzlöffeln, die hinter mir an der Wand in einem Riemen steckten und alles eher als sauber und einladend aussahen. »Ich glaube, der Mann spült sie überhaupt nie ab!« flüsterte Käthe ihrer Mama zu. »Brrr!« machte Herr Repke unvorsichtig. Der Wast schien es zum Glück nicht gehört zu haben. Sonst wären wir sicher auf der Stelle hinausgeflogen. »Könnten wir 'ne Butterbemme haben?« erkundigte sich Frau Repke. »Wia moanst?« sagte der Wast scharf. »'ne Butterbemme!« Frau Repke sprach es ganz langsam und deutlich aus. »Isch dös a Walsche?« fragte mich der Wast und deutete mit dem Finger auf Frau Repke, daß diese ganz erschrocken zurückfuhr. Der Wast wäre ihr beinahe an ihre Nase angestoßen. »Der Mann ist aber unsauber!« flüsterte sie mir später zu, als der Wast auf einen Augenblick die Hütte verlassen hatte. »Ich glaube, er wäscht sich nich einmal!« »Er riecht nach dem Stall, Mama! Die janze Nase habe ich davon vollbekommen!« kicherte Fräulein Käthe. 190 Im allgemeinen gefiel es Repkes ausgezeichnet da droben. Sie beschlossen, auf der Alm zu übernachten. Hier in der »schönen Luft« müsse sich's herrlich schlafen, meinten sie. »Hören sie mal an, juter Mann, können wir 'n Nachtlager kriegen?« erkundigte sich Herr Repke. Der Wast runzelte die Stirn, stemmte die sehnigen, braunbehaarten Arme in die Seite, betrachtete erst Herrn, dann Frau und schließlich Fräulein Repke eine Weile aufmerksam und sagte dann zu mir gewendet: »Was sein iatz dös für ihre?« »Halt Fremde!« sagte ich. »Dös kenn' i schon!« brummte er mürrisch. »Nachtigen möchten sie da!« erklärte ich ihm. »Sie sollen eini giah'n aufs Heu!« Damit wandte er uns unfreundlich den Rücken zu. »Jroßartig!« rief Herr Repke begeistert. »Am Heu schlafen! Jottvoll! Was, Luischen! Is das 'n Leben! Mal janz Naturmensch sein! Prachtvoll!« Herr Repke konnte sich gar nicht mehr fassen vor Freude. Er rieb sich begeistert Hände und Knie und strahlte über und über vor Aufregung und freudiger Erwartung. Auch die beiden Damen teilten, wenn auch nicht mit der gleichen Begeisterung, so doch ehrlich seine Freude. Auf dem Heu zu schlafen erschien ihnen offenbar als der Gipfelpunkt des Genusses. Als es zu dunkeln begann, schickte uns der Wast, ohne viel Umstände zu machen, ins Heu. Er zündete eine riesige, ganz vom Rauch geschwärzte Stallaterne 191 an und ging voraus in den Stall. Wir andern folgten willig, ohne Widerrede. Herr Repke konnte es schon gar nicht mehr erwarten, bis er im Heu schlafen würde. Der Wast führte uns durch den dunklen Stall. Ein dumpfes Muhen der Kühe, die wir aus ihrer Ruhe störten, wurde hörbar. Das trübe Licht der Laterne genügte kaum, daß wir unsern Weg finden konnten. Ein ganz schmaler Durchgang führte durch die Reihen der Kühe. Der Boden war sehr schlüpfrig. Da hieß es aufpassen, daß man nicht ausglitt. Patsch! Da war auch schon die Bescherung! Frau Repke war ausgerutscht und lag nun im Schmutz, mit dem Gesicht auf einer Kuh. Erschreckt durch den jähen Fall auf seinen Körper erhob sich das Tier. Vor Angst getraute sich Frau Repke nicht zu rühren. Sie wimmerte nur leise, während Fräulein Käthe laut jammerte und Herr Repke zu raisonnieren anfing. »Tuifl no amal eini!« schimpfte der Wast. »Macht's mirs Viech wild, aft schmeiß' i enk alle mitanand außi beim Loch!« Ich bemühte mich mit aller Kraft, Frau Repke wieder auf die Beine zu bringen. »Hast du dich wehe jetan, Luischen?« frug der Gatte. »Ach Jotte och, Max, meine schöne Bluse!« fing Frau Repke zu weinen an. 192 »Das ist 'ne Schweinewirtschaft!« schimpfte Herr Repke. »'ne janz jemeine halsbrecherische Bude!« Der Wast verstand zum Glück kein Wort davon. Sonst hätte es sicher noch ein größeres Malheur abgesetzt. »Jatz schaut's, daß 's aufi kemmt's ins Heu!« drängte er. »'s Viech isch schon ganz wild!« »Ich muß mich doch erst waschen, Max!« jammerte Frau Repke. »Ja natürlich! Selbstredend! Baden mußt du dir! So 'ne Schweinerei!« schimpfte Herr Repke. »Was will sie iatz no?« frug der Wast. »Owaschen möcht' sie si halt!« verdolmetschte ich. »Sie soll si mit a Ströb oputzen. Dös tuat's aa!« sagte der Wast gleichgültig. »Was meinte der Mann?« erkundigte sich Herr Repke. Als ich es ihm erklärt hatte, wurde er natürlich noch wütender. »So 'n Skandal! So 'ne Wirtschaft!« begehrte er auf. »'n Bad will ich haben oder heißes Wasser!« Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um den Wast zu bewegen, daß er ein Wasser für Frau Repke brachte. Als diese endlich glücklich gereinigt war, marschierten wir alle im Gänsemarsch, diesmal viel vorsichtiger, hinter dem Siebenförcher Wast drein. Wir erreichten auch ohne Unfall das Ende des Stalles. Dort war eine Leiter angebracht. Da mußten wir hinaufkraxeln. Ich voran. Hinter mir die beiden Damen. Zum Schluß Herr Repke. 193 »Acht geben!« rief mir der Wast zu. »A Spross'n fahlt!« Dann verließ er uns. Es war gut, daß er mich gewarnt hatte. Sonst wäre am Ende wieder eine Katastrophe eingetreten. Ich half den beiden Damen, so gut ich konnte, über die fehlende Leitersprosse hinweg. Dann krochen wir auf allen Vieren hinein auf den Heuboden. »Da ist es ja jreulich dunkel! Da kann man sich ja die Oogen 'rausgucken!« meinte Herr Repke und entzündete ein Wachskerzchen. »Löscht aus oder nit!« ertönte da aus der Dunkelheit eine tiefe Stimme. »'s Heu in Brand stecken!« »Na erlauben Sie man, wenn ick nischt sehe!« brauste Herr Repke auf. Ich kroch zu ihm hin und blies geschwind das Lichtchen aus. »Es sind Holzknecht' da!« flüsterte ich. »Die Leute verstehen keinen Spaß mit dem Licht! Sie sind im Stand und hauen uns alle durch!« »'ne wahre Räuberhöhle!« stöhnte Frau Repke. »Da müssen wir jemeinsam mit den Männern schlafen?« frug Fräulein Käthe ängstlich. »Das macht nix. Die können Sie doch nit seh'n!« tröstete ich sie. Die Damen waren offenbar zu müde und abgespannt, um sich über die Anwesenheit fremder Männer am Heuboden noch länger aufzuregen. Wir hatten uns bald ein Lager zurecht gerichtet. Zuerst kam ich. Neben mir Herr Repke, dann seine Frau und zuletzt die Tochter. 194 Ich war froh, daß ich nun meine müden Knochen behaglich ausstrecken konnte. Auch Herr Repke schien sich allmählich wieder zu beruhigen und fing an, den Duft des Heues zu loben. Ich ließ ihn reden und beachtete ihn gar nicht. Der Geruch des Heues hat für mich jedesmal etwas Berauschendes. Fester, traumloser Schlaf überkam mich. Plötzlich fühlte ich mich heftig am Arm gerüttelt. Ich richtete mich erschreckt auf. Herr Repke beugte sich über mich und flüsterte mir halblaut in entsetztem Tone zu: »Hören Sie mal, ein Bär jeht um der Hütte 'rum!« »Ah was! Da gibt's keine Bären!« sagte ich und legte mich wieder zurecht. Von der andern Seite des Heubodens ertönte dumpf und regelmäßig lautes Schnarchen. Es dauerte nicht lange, da rüttelte Herr Repke mich neuerdings aus meinem Schlummer. »Er jeht 'rum!« sagte er mit Überzeugung. »Ah was!« »Er jeht 'rum! Wenn der man 'rinkommt!« »Halt's Maul!« ließ sich eine schläfrige Stimme von der andern Seite her vernehmen. »Was meint der jute Mann?« fragte Herr Repke. »Ah, der hat nur im Schlaf aufg'redet!« sagte ich und versuchte wieder einzuschlafen. Aber ich sollte keine Ruhe finden. Herr Repke hatte die feste Überzeugung, daß ein Bär die Gegend unsicher mache. 195 »Hören Sie an! Det Jebrumme!« meinte er entsetzt. »Das ist ja nur ein Holzknecht, der schnarcht!« suchte ich ihn zu beruhigen. »Nee! So wat machen Sie mir nich vor! So wat Unheimliches! Nee! Dat is'n Bär! Verlassen Sie sich druf!« behauptete er steif und fest. »Halt's Maul!« kam es wieder schläfrig von der andern Seite. »Hat der Mann wieder im Traum jesprochen?« »Ja natürlich!« sagte ich. Zum Glück fängt im Sommer der Tag zeitig an. Es war wirklich eine Qual für mich, schlafen zu wollen und immer wieder geweckt zu werden. Die Holzknechte erhoben sich mit Tagesanbruch. »Wollen wir uns och auf die Beene machen?« frug Herr Repke. Ich hätte viel lieber noch geschlafen, sah aber ein, daß ich doch keine Ruhe finden würde. Herr Repke weckte Frau und Tochter. »Man uf, Kinder! Heller Tag ist es!« Die Damen rieben sich die Augen und blinzelten verwundert in das Tageslicht, das sich durch die Ritzen und Spalten des Daches hereinstahl. Ich taumelte schlaftrunken vorwärts, der Richtung zu, wo man durch eine enge Öffnung zur Leiter gelangte, die hinunter in den Stall führte. Ich vergaß ganz auf die fehlende Sprosse an der Leiter und stieg ahnungslos hinab. Plumps, da lag ich auch schon auf einem Haufen Streu. 196 »Sind Sie man drunten?« frug Herr Repke. »Ja.« Da lag er auch schon neben mir. Glücklicherweise neben und nicht auf mir. »Dö Weiberleut' sollen d' Augen aufthian! Sinscht geaht wieder dö Rearerei an!« schimpfte der Siebenförcher Wast hinauf, der schon im Stall bei dem Vieh beschäftigt war. »Wat? Sie wollen grob werden?« Herrn Repke schwoll die Zornesader. Er brauchte offenbar einen Blitzableiter für den ausgestandenen Schrecken. »Macht's enk außi beim Loch!« forderte uns der Wast auf und langte nach einer Mistgabel, die er in der Nähe stecken hatte. »'ne jefährliche Drohung stoßen Sie aus? 'ne Waffe nehmen Sie? Na, warten Sie! Ich erstatte die Anzeige! Gleich heute noch!« schrie Herr Repke. »Aber Max!« bat seine Frau ängstlich. »Ich bitte dich, Papa!« sagte Käthe. »Der Mann sieht so böse aus! Der jibt uns jewiß kein Frühstück mehr!« Der Wast sah auch unheimlich aus mit seiner drohend vorgehaltenen Mistgabel. »Außi mit enk! Ös macht's mir no 's Viech hin!« schrie er. Ich zog Herrn Repke im Verein mit seiner Frau und Tochter dem Ausgang zu. Sonst wäre es sicher noch zu einer Schlägerei zwischen den beiden gekommen. Herr Repke wollte nicht weichen. 197 »Wat? Drohen tun Se? Na, warten Se!« brüllte er. »Außi, ös Sakra, ös verdammten!« schimpfte der Wast und kam uns Schritt für Schritt mit der vorgehaltenen Mistgabel nach. Wir waren froh, daß wir mit heiler Haut das Freie erreichten. Mich erwischte der Senner mit einem Zinken der Mistgabel noch flüchtig bei der Hose. Glücklicherweise war es eine Lederhose. Sonst hätte ich einen ordentlichen » Schrenz « davongetragen. So nahm ich als Andenken nur eine tiefe Furche in dem ohnedies schon abgeschabten Leder mit mir. Herr Repke konnte nur mit Mühe davon abgehalten werden, daß er nicht wieder umkehrte und mit dem wilden Siebenförcher Wast neuerdings anbandelte. Sein Gemüt besänftigte sich erst, als wir nach etwa einer Stunde beim Abstieg von der Alm ein recht behagliches Fleckerl mit schöner Aussicht erreichten. Dort wurde Rast gehalten und in der glänzenden Morgensonne aus dem Inhalt des Rucksackes, den ich natürlich auch beim Abstieg für Fräulein Käthe trug, gefrühstückt. Da der Sack dadurch bedeutend erleichtert wurde und auch die frühe Sonne noch nicht brannte, sah ich und mit mir Familie Repke keine Gemsen mehr. Herr Repke war von der Almpartie trotz der erlebten Unannehmlichkeiten ziemlich befriedigt. In 198 der Erinnerung verklärt sich eben so manches. Mit dem Siebenförcher Wast und dessen Manieren konnte er sich freilich nicht befreunden und meinte: »Nee, aber wat Kultur anbelangt, sind se man weit zurück in den Tiroler Berjen! Der Mann uf der Alm dort is ja janz wild! Der könnte ebensojut in Innerafrika leben! Na, keen Wunder nich, wenn nachts noch Bären um der Hütte 'rumjeh'n!« 199   Der Heiligenmaler. In dem kleinen Wallfahrtsort St. Kathrein hatte der Gemeindeausschuß einen wichtigen Beschluß gefaßt. An der Außenseite der Wallfahrtskirche befand sich ein altes Freskogemälde, das jüngste Gericht darstellend. Im Stil der bizarren ländlichen Malerei. Der Weltenrichter auf seinem Thron in der Mitte. Zu seiner Rechten die frommen Lämmlein, geleitet von einer Schar Engel. Zu seiner Linken die verstoßenen räudigen Sündenböcke, umgeben von scheußlichen Teufelsgestalten. Das Gemälde hatte im Laufe der Zeit durch den Einfluß der Witterung sehr Schaden gelitten und war schon vielfach abgebröckelt und zerstört. Nun hatte der Gemeindeausschuß von St. Kathrein, dem natürlich auch der hochwürdige Herr Dekan angehörte, beschlossen, das alte Gemälde zur Erbauung der Frommen und zum Schrecknis der Sünder wieder herstellen zu lassen. Es sollte möglichst genau wieder so werden, wie es ursprünglich war. Namentlich sollte die Gruppe der Böcke zur Linken des Herrn, von denen ein paar noch besser erhalten waren, möglichst wirksam und eindringlich für alle verstockten Seelen ihre Auferstehung in grellen Farben feiern. 200 Die Gemeinde wies den Auftrag für die Restaurierung des Gemäldes einem Kirchenmaler in Brixen zu, der im ganzen Land einen vorzüglichen Ruf genoß. Der Meister hatte allerdings nicht Zeit, den Auftrag persönlich auszuführen. Er schickte aber seinen ersten Gehilfen, der die Sache schon zur Zufriedenheit der St. Kathreiner machen würde. Zufällig war der Heiligenmaler, der das Jüngste Gericht wieder beleben sollte, ein St. Kathreiner. Der Wopfner Friedl war als jüngster Sohn eines kleinen Bäuerls in St. Kathrein geboren. Er hatte zuerst als Goasbua dort gedient und sich dann langsam zu einem bäuerlichen Tuifelemaler entwickelt, der für sein Dorf und die nächste Umgebung Totenkreuzeln, Marterln und Votivtaferln herstellte. Dadurch war es ihm gelungen, sich ein paar Kreuzer zu ersparen, und er zog damit fort, um sich zum Kirchenmaler auszubilden. Nun war er die erste Kraft bei seinem Brixener Meister. Schon mehr als drei Jahre waren vergangen, seitdem der Wopfner Friedl St. Kathrein verlassen hatte und aus einem Tuifelemaler ein Kirchenmaler geworden war. Mit seinem Abschied von der Heimat hing auch noch eine andere Geschichte zusammen. Da war ein sauberes Diandl im Dorf, die Zenzi vom Tschurtschen Jos. Der Jos war Müller in St. Kathrein. Ein alter Junggeselle, der immer viel zu geizig gewesen war, um zu heiraten. Die Zenzi war das Kind einer Schwester. Der 201 Tschurtschen Jos hatte sie angenommen. Das Diandl führte ihm die Wirtschaft. Es sollte auch einmal alles erben, wenn der Jos das Zeitliche segnete. Daran dachte er allerdings noch lange nicht, trotzdem er schon nahezu siebzig war. Im Dorf war der Jos wegen seines Geizes allgemein verrufen und nicht beliebt. Als der Tschurtschen Jos auf die Liebschaft der Zenzi mit dem »Hungerleider«, dem Friedl, kam, fuhr er wie der helliachte Höllteufel dazwischen. Die G'spusi ging vorläufig wenigstens äußerlich auseinander. Der Friedl zog in die Fremde. Die beiden Liebsleut' schrieben sich aber fleißig, was der Jos nicht verhindern konnte. Jetzt war der verflixte »Pemselwascher« zum innern Verdruß des Jos gar wieder nach St. Kathrein gekommen. Es sollte für den Müller aber schon noch mehr Verdruß aus der Anwesenheit des Pemselwaschers entstehen. Der Verdacht, daß der Friedl und die Zenzi wieder heimliche Zusammenkünfte hatten, ließ ihm ohnedies Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Die Restaurierung des Gemäldes machte rüstige Fortschritte. Es fanden sich stets Neugierige ein, die den Friedl bei seiner Arbeit beobachteten. Der ließ sich auf seinem Gerüst droben nicht im geringsten stören. Nun war er schon bei der Schar der Sündenböcke angelangt. Eines Tages ging es durch das Dorf wie ein Lauffeuer, daß der vorderste der Böcke zur Linken 202 des Weltenrichters, so quasi der Anführer der Böcke, »aus und eben« dem Tschurtschen Jos gleiche. Ganz das Gesicht des Jos sei es mit den grauen Bartstoppeln, den verkniffenen Lippen, der hakigen Nase und den kleinen Äuglein. Freilich verzerrt, wie es bei einem Sündenbock sein müsse. Aber genau so würde der Tschurtschen Jos dreinschauen, wenn ihn einmal der Teufel beim G'nack kriegte. Der Jos hatte von der Geschichte gehört und schlich sich um die Mittagszeit heimlich zur Kirche. Es war gerade niemand da. Auch der Friedl auf seinem Gerüst nicht. Als der Jos der Sache ansichtig wurde, packte ihn eine heillose Wut. Vorderhand ging er einmal heim und überlegte, was da zu tun sei. Seine Wut steigerte sich aber nur, und so machte er sich schon am frühen Nachmittag auf den Weg zum Herrn Dekan. Der war ihm die höchste Instanz. Dort wollte er schon seine Meinung sagen! In seinem Zorn platzte der Tschurtschen Jos, ohne überhaupt anzuklopfen, in das Zimmer des Herrn Dekans. Gleich unter der Tür hub er bereits zu schimpfen an: »Dös derlab' i nia und nimmer! Dös darf nit bleib'n! I laß 'n einsperr'n, den Hallodri, den miserabligen, den . . .« »Pscht!« machte der Herr Dekan, der sich beim Eintritt des Jos von seiner bequemen Sofaecke erhoben hatte und dem Aufgeregten einige Schritte 203 entgegen ging. »Was fallt denn dir ein, Jos! Bist überg'schnappt?« »Ös müaßt's es schon verzeihen, Hochwürden!« entschuldigte sich der Jos. »Nix für unguat! Aber i bin ganz aus 'm Häusl! So was kann oan' aa aus 'm Häusl bringen! So a Malefizer, a verfluachter!« »Bei mir da wird nit g'fluacht!« mahnte der Herr Dekan. »I muaß heut' fluach'n! Nachher wird mir leichter!« erklärte der Tschurtschen Jos. »Nachher gehst vor die Tür außi fluach'n! Und wenn d' fertig bist, kimmst wieder einer!« sagte der Hochwürdige kurz angebunden. »Naa, naa, Hochwürden, i will mi schon z'sammen nehmen!« versprach der Jos und wischte sich mit einem roten Schneuztüchl den Schweiß von der Stirn. »Nachher kannst di hinsetzen und mir erzähl'n, warum d' so auseinander bist!« Der Herr Dekan bot ihm einen Sessel an und nahm selbst wieder sein Platzerl in der gemütlichen Sofaecke ein. Ein runder Tisch trennte die beiden. Der Jos war auf seinem Sessel sehr unruhig. Er scharrte mit beiden Füßen und rückte hin und her. Das Sitzen war ihm offenbar unangenehm. Viel lieber wäre er auf und abgerannt und hätte seine Wut tüchtig herausgeschrien. Der Herr Dekan zündete sich in aller Seelenruhe eine frische Virginia-Zigarre an, tat mit Behagen ein paar kräftige Züge daraus, richtete seine 204 gedrungene rundliche Gestalt in der Sofaecke etwas in die Höhe und sagte dann zum Jos: »So, iatz red'!« »A Schand' is und a Skandal, daß man so was tuan darf!« fing der Tschurtschen Jos ganz traurig zu jammern an. »Ja, was denn?« fragte ihn der geistliche Herr. »Hat di' wer betrogen? Is dir wer was schuldig blieben?« »Ah, naa! Ös wißt's es ganz genau, was i moan'!« rief der Jos unwillig. »Der Sakra, der verfluachte . . .« »Nit fluach'n!« befahl der Herr Dekan. »Also nit verfluachter! Der Maler, der Tuifl, der höllische . . . .« Der Tschurtschen Jos wurde schon wieder ganz rabiat. »Ah, den Wopfner Friedl moanst?« fragte der Herr Dekan und tat erstaunt, als wenn er von der Sache gar keine Ahnung hätte. »Was hat dir denn der 'tan? Dös is ja ganz a kommod's Manndl, der Friedl!« »Dös is gar koa kommod's Manndl nit!« rief der Jos erbittert. »Dös is a Sakramenter a vermaledeiter! Bald i 'n erwisch', nachher hau' i ihm schon decht a paar aber . . .« Der Jos war aufgesprungen und bedrohte in seinem Eifer den Herrn Dekan mit beiden Fäusten. Der Hochwürdige nahm seine Virginia aus dem Mund und meinte: »Du, Jos, gelt, dös machst du 205 nachher mit 'm Friedl alloan aus! Woaßt, i bin nit der Friedl! Setz' di lei wieder hin! Sitzen tuat soviel guat, wenn oans an rechten Viechszorn hat!« Der Tschurtschen Jos setzte sich ganz dasig nieder. Er schämte sich, daß er sich so hatte hinreißen lassen. »Also was hat er dir denn 'tan, der Friedl?« fing der Herr Dekan über eine Weile wieder an, indem er seine Zigarre neuerdings in Brand steckte. »Aufig'malt hat er mi', der Kerl, der spottschlechte! Als Bock aufig'malt beim Jüngsten G'richt!« klagte der Jos. »Geh', laß di auslach'n!« meinte der Herr Dekan lustig. »Ganz g'wiß und wahr is's!« beteuerte der Tschurtschen Jos. »I hab's selber g'seh'n!« »Geh', woher denn!« lachte der Herr Dekan. »Dös müaßt' i do aa g'seh'n hab'n! Recht fein is dös Bild word'n!« »Mir g'fallt's gar nit!« erklärte der Jos grimmig. »Nit nur als Bock hat er mi aufitan, naa, sogar als Anführer von dö verdammten Sündenböck'! Dös lass' i mir nit g'fallen! Dös muaß anders g'macht werd'n! I lass'n sinscht einsperr'n von die Schandarm'!« Der Jos wurde schon wieder wütend. Sein sonst gelbliches Gesicht war dunkelrot geworden und seine Stimme überschlug sich völlig beim Schimpfen. 206 »Lass' di auslach'n! Dös is lei a dumm's G'red' von die Leut'!« meinte der Herr Dekan. »Dös is koa G'red' nit! Wann i's selber g'seh'n hab'! Mei Nas'n hat er, meine Aug'n hat er, der Bock . . .« »Du bist do nit a so schiach! Tat'st mir wohl erbarmen, wenn du so a G'friß schneiden tat'st wia der Anführer von dö Böck!« sagte der Dekan ganz mitleidig. »Naa, i bin nit a so schiach! Aber der Teuxelsmaler, der hat mi a so schiach aufitan! Und dös derlab' i amal gar nit! Es lacht mi ja 's ganze Dorf aus!« »Lass' du die Leut' reden, Jos! Dös is alles Unsinn!« »Naa, i hab' mi selber g'seh'n! Und was i mit meine eignen Augen siach, dös lass' i mir nit wegleugnen!« beharrte der Tschurtschen Jos. »Nachher fahlt's bei dir gewaltig!« Der Herr Dekan nahm die Zigarre aus dem Mund und sah sein Gegenüber traurig an. »Fahlt? Wia? Was fahlt?« frug der Jos erschrocken. »Da fahlt's!« sagte der Herr Dekan und klopfte sich mit der Hand aufs Herz. »Moant's – i – i bin krank?« stotterte der Jos. »Nein, du bist insoweit ganz gesund! Aber ein schlechtes Gewissen hast du!« sagte der Dekan mit ernster Stimme, auf einmal in die hochdeutsche Redeweise übergehend. Wenn er seinen Bauern 207 imponieren wollte, dann sprach er regelmäßig Hochdeutsch wie bei den Predigten. Das machte ihnen stets großen Eindruck. »I hab' gar koa schlecht's G'wissen nit!« beteuerte der Jos und sah den Dekan etwas unsicher an. »Wir alle sind Sünder, mein lieber Tschurtschen Jos!« fuhr der Hochwürdige fort. »Selbst der Gerechte fällt im Tage siebenmal!« Der Jos zog unwillkürlich seine lange hagere Gestalt etwas ein, so wie er es bei den Predigten in der Kirche zu tun pflegte, und sah den Dekan aus seinen Augenwinkeln scheinheilig an. »Dein böses Gewissen ist's, Tschurtschen Jos, das dich dein eigenes Bild als Sündenbock auf dem Gemälde erblicken läßt!« »Naa, naa! I hab's g'seh'n! Und die Leut' . . .« »Komm' du mir mit den Leuten nicht! Ich sage dir, daß du ein schlechtes Gewissen hast!« Der Jos schüttelte den Kopf. »Nicht? Du hast es also immer genau genommen mit dem Maß und Gewicht?« Der Jos zuckte unwillkürlich zusammen. Es fing ihm an, unheimlich zu werden. »Du bist nie geizig gewesen? Du hast stets von deinem Überfluß den Armen und der Kirche gegeben?« fuhr der Dekan fort. »I hab koan' Überfluß nit!« stöhnte der Jos. »I muaß aa lei hart arbeiten und verdianen!« »Verstockt bist du!« donnerte nun der Herr Dekan und stellte sich würdevoll vor dem Tschurtschen Jos 208 auf. »Ein ganz verstockter Sünder, dem der Herrgott ein Zeichen gegeben hat, wie es mit ihm gehen wird am jüngsten Tag!« »Jessas! Jessas!« stöhnte der Jos und bekreuzigte sich mehrere Male hintereinander. Es war ihm ganz schwül geworden, und er wußte jetzt augenblicklich wirklich nicht mehr, wie er daran war. Hatte ihn der Wopfner Friedl da hinaufgemalt oder gaukelte ihm der böse Feind nur ein höllisches Blendwerk vor. »Alle vierzehn Nothelfer!« seufzte der Jos in seinen Zweifeln. Er fing ordentlich zu schwitzen an, zog wieder sein rotes Schneuztüchel und fuhr sich verzweifelt über Gesicht und Nacken. Da hörte man draußen Schritte. Es klopfte. »Herein!« rief der Herr Dekan. Der Wopfner Friedl, ein hübscher stämmiger Bursch, nahe an die Dreißig, trat ein. Der Tschurtschen Jos schnellte von seinem Stuhl empor, als wenn er von einer Natter gebissen worden wäre. Im Nu waren alle Schrecknisse des schlechten Gewissens und des jüngsten Tages vergessen. Der Anblick des Heiligenmalers wirkte unmittelbar aufreizend auf ihn und entfachte seine Wut aufs neue. Alle Zweifel waren geschwunden. Er hatte wieder die feste Überzeugung, dieser da habe ihm den Possen gespielt. »Ha? Bist da? Du Mistkerl!« rief er und wollte dem Friedl an den Kragen fahren. »Hollah!« Der Wopfner Friedl schob ihn kräftig 209 beiseite, stellte sich mit den Händen in den Hosentaschen vor ihm auf und sah ihn herausfordernd an. »So, iatz könnt's ös zwoa es mitanander ausmach'n!« sagte der Herr Dekan ganz gemütlich. »I geh' derweil mein' Kaffee trink'n! I sag enk nur dös oane: G'rauft wird bei mir da herinnen nit! Habt's mi verstanden?« »Ja!« erwiderte der Jos und sah dabei den Wopfner Friedl springgiftig an. Als der Dekan bei der Tür draußen war, standen sich die beiden eine Weile schweigend gegenüber. Der Friedl fing endlich für sich selbst lustig zu pfeifen an. »G'steah's ein!« brachte endlich der Tschurtschen Jos mühsam mit unterdrückter Stimme hervor. »Hast mi aufig'malt oder nit?« »Ja. I hab di aufig'malt!« erwiderte der Friedl vollkommen ruhig. Abermals entstand eine Pause. Der Jos kochte innerlich Gift und Galle. »Du tuast mi wieder aber!« forderte er endlich. »I tua di nit aber!« »Du tuast mi aber!« Der Jos konnte kaum mehr an sich halten. »I tua di nit aber! Du bleibst oben!« entschied der Friedl, drehte ihm den Rücken und ging pfeifend zum Fenster, um hinauszusehen. »Du tuast mi nit aber?« frug nun der Jos unheimlich ruhig. »Naa! Du bleibst droben!« »Nachher kratz' i mi selber aber!« »Dös kannst halten, wia d' willst!« Der Friedl 210 zuckte die Achseln und drehte sich wieder um. »Bald du di selber aberkratz'st, wirst eing'sperrt wegen Kirchenschändung!« Der Friedl sah dem Jos, der vor Wut alle Farben spielte, boshaft lachend ins Gesicht. »Friedl, i sag' dir's iatz zum letztenmal, tua mi aber!« bat er endlich schier kläglich. »Naa!« meinte der Heiligenmaler verstockt. »Hast denn gar koa Herz im Leib!« verlegte sich der alte Geizhals auf die Rührseligkeit. »Grad soviel wia du!« meinte der Friedl und schaute wieder zum Fenster hinaus. »Du moanst wegen der Zenzi?« fragte der Müller über eine Weile. »Ja.« »Hast es derentwegen tan?« »Ja, wenn's di wundert!« »Madeln gibt's g'nua auf der Welt! Wirst dir wohl a andere derfind'n in der Brixner Stadt!« »Da hast recht! I brauch' dei Zenzi aa nimmer! Du kannst dir's schon b'halten von mir aus!« »Du tat'st es iatz gar nimmer mög'n?« Der Tschurtschen Jos warf dem Friedl einen erwartungsvoll lauernden Blick zu. »Naa!« sagte der Friedl ganz ruhig. Der Jos seufzte erleichtert auf. »Nachher brauchst ja gar nimmer so wild z' sein auf mi, wenn du 's Madl do nimmer magst! Da kannst mi schon abertuan!« meinte er. »Dös gibt's nit!« rief der Friedl. »Du bist amal auf'm Bild und bleibst oben!« 211 Der Jos setzte sich auf einen Stuhl und dachte nach. Am liebsten wäre er wieder über den verflixten Maler hergefallen. Aber das sah er schon ein, mit Grobheit war da gar nichts auszurichten. »Friedl?« begann er nach einer Weile wieder. »Ja?« »Wenn i dir iatz die Zenzi gaab'?« »Dö kannst dir schon b'halten!« »I moan' lei a so!« lenkte der Jos ein. »Tatest mi nachher aber von dem Bild?« »I mag die Zenzi nimmer!« log der Friedl drauf los. »I verdian' mir iatz an schian' Patzen Geld! I kann mir die Madeln aussuach'n!« Dabei zog der Friedl etliche Banknoten aus der Brusttasche und warf sie vor dem Jos auf den Tisch. Der Jos betrachtete zuerst das Geld und dann den Friedl mit unverkennbarem Respekt. »Jatz woaßt, zu verachten is die Zenzi g'rad aa nit!« sprach der Tschurtschen Jos nach einer Weile. »I veracht' sie ja nit!« erklärte der Wopfner Friedl. »Ja, warum willst sie denn nit heiraten?« versuchte der Jos neuerdings einzulenken. »I hab' ja g'wollt! Du hast ja nit g'wollt!« »Ja, wenn i aber iatz wollet?« »Dir is nit z' trau'n!« »Ah ja!« meinte der Jos, der schon ganz mürb geworden war. »I lasset schon mit mir reden.« »Oha!« lachte der Friedl. »Da is erst die Frag', ob i mit mir reden lass'!« 212 »Schau', die Zenzi is do die Richtige für di!« redete ihm der Jos zu, dem schon völlig der Angstschweiß auf die Stirn trat, daß er schließlich doch als Bock auf dem Bild droben bleiben würde. »Und mi tuast nachher aber, schon weil wir auf dö Weis' Verwandte würden!« »Mir is nit viel drum um dö Verwandtschaft!« erklärte der Friedl. »Und erben tuat die Zenzi ja aa amal alles!« fuhr der Jos fort. »Da kann i lang warten!« meinte der Friedl. »Und etwas kriagt sie glei' mit aa!« versprach der Jos. »Wer woaß, ob mi 's Diandl no mag!« ließ ihn der Friedl weiter schwitzen. »Drei Jahr' sein a lange Zeit. Vielleicht hat sie si's anders überlegt!« »Dö mag di schon!« versicherte der Jos. »Dö muaß di mög'n!« »Werd'n ma halt seh'n!« zuckte der Friedl die Achseln. »Also, du heiratest die Zenzi und tuast mi auf der Stell' aber!« rief der Jos eifrig. »Meinetwegen!« erklärte der Friedl endlich gleichmütig. »Aber dös sag' i dir, ewig schad' is's um den wunderschian' Sündenbock!« »Du wirst schon an andern finden!« meinte der Jos, dem eine Zentnerlast von der Brust zu fallen begann. »Sein tuast a Malefizer!« setzte er dann halblaut und mehr zu sich selbst gesprochen hinzu.. Ein halbes Jahr später hielten der Friedl und 213 die Zenzi vom Tschurtschen Jos Hochzeit. Der Heiligenmaler hat seitdem in Bozen eine eigene Werkstatt eröffnet und erfreut sich eines großen Kundenkreises. Daß der wunderschiane Sündenbock vom Jüngsten Gericht an der St. Kathreiner Kirche wieder verschwand, das bedauerte die ganze dortige Bevölkerung; denn der neue Bock, den der Friedl dafür hinaufmalte, hielt gar keinen Vergleich mit dem früheren aus. So oft der Tschurtschen Jos in die Nähe der Kirche kommt, sendet er regelmäßig einen ängstlichen Blick nach der Stelle auf dem Gemälde, wo er einst als Anführer der Böcke zur Linken des Weltenrichters geprangt hatte. 214   Der Kunstjodler. Zu Brixlegg im Unterinntal gab es eine ziemlich lebhafte Aufregung. Seit gestern hatte im Bahnhofhotel ein Theaterdirektor aus Deutschland Absteigquartier genommen. Friedrich Schneidewin hieß er. Der Mann suchte Material für eine zu gründende Tiroler Bauerntruppe, vor allem gute Sänger und Jodler. Er hatte ankündigen lassen, daß jeder sich bei ihm melden könne, der den Beruf in sich fühle und Talent zu haben glaube. Beim Rösselwirt hockten noch bis spät in die Nacht hinein Burschen beisammen und disputierten über das Ereignis. »Alsdann, Anderl, was is's? Geahst mit oder nit?« fragte der Feuchten Hiasl seinen Kameraden den Schneider Anderl. »Könnt' mir einfallen!« lachte der Anderl. »I bleib' liaber, wo i bin!« »Nachher laßt es bleiben! I geah'!« erklärte der Hiasl und rückte sich sein Lodenhütl mit dem Gamsbart recht unternehmend aufs linke Ohr. »Di wird's schon reu'n!« sagte der Farbmacher Jörgl, ein älterer Bursche, und blinzelte den Hiasl mißbilligend von der Seite an. 215 »An Schmarrn reut's mi, wenn i Geld dafür kriag' wia Heu!« lachte der Hiasl. »Dös is lei a Schwindl!« meinte der Stumpf Seppele. »Wia wird denn a ordentlicher Mensch vom Singen alloan a so viel Geld verdianen! I glaub's amal nit!« »I aa nit!« brummte der Farbmacher Jörgl. »Weils Teppen seids!« entschied der Hiasl. »Alle mitanander, und der Anderl aa. Der a so schian singen könnt'! Geah', schau', Anderl, überleg' dir's no und geah' mit!« Der Anderl goß sich aus der großen Weinflasche in sein Glas. »Woaßt was, Hiasl? Du geahst mit und schaust dir z'erst dö ganze Kamedi mit an. Und wann du den ersten Hunderter erspart hast, nachher schreibst mir. Da kimm i nachher glei!« schlug er dem andern vor. »'s gilt!« Fröhlich stießen die beiden Burschen mit den Weingläsern an und begannen zu singen und zu jodeln. Der Jörgl und der Stumpf Seppele sangen dann auch tapfer mit. In einer Ecke der Gaststube hockte ganz allein der Krapfen Kaß. Der Kaß war schon ein älterer Mensch und Knecht beim Krapfenbauern. Eine gedrungene kleine Gestalt mit einem viereckigen Kopfe und einem riesigen Kropf. Der Kaß war bei dem trüben Lichte der kleinen Lampe über seinem Tische eingeschlafen. Vor sich hatte er ein Viertel » Reatel « stehen. Der Kaß 216 hatte beide Arme auf den Tisch gelegt und dann seinen großen eckigen Schädel darauf gestemmt. So war er sanft entschlummert. Durch das Jodeln der Burschen wurde er aus seinen Träumen aufgestört. »Was macht's denn ös d–d–da ent'n für an Spektakel!« schrie der Kaß auf einmal zu den Burschen hinüber. Der Kaß verfügte über keine angenehmen Stimmittel. Wenn er sprach, klang es mißtönend wie ein alter, zerbrochener Blechhafen. Dazu stotterte er auch noch. »Jessas, der Kaß!« lachte der Schneider Anderl. »Hast guat g'schlafen, Kaß?« erkundigte sich der Hiasl. »Ös–ös habt's es z'Fleiß tan!« gröhlte der Kaß herüber. »Ös habt's mi mit Fl–fl–fleiß aufg'weckt!« »Ah, koa Spur nit! Wir sein lei lustig!« versicherte der Seppele. »Weil wir iatz an Haufen Geld kriag'n!« lachte der Hiasl übermütig. »Ge–ge–geld? Wo–woher denn nachher?« Der Kaß erhob sich eilig aus seiner Ecke und humpelte, vom langen Sitzen etwas steif geworden, zu dem Tisch der andern Burschen hinüber. Der Kaß war ein gutmütiger Kerl, aber kein Kirchenlicht. Die Dorfburschen trieben daher gern ihren Ulk mit ihm. »Der da kriagt 's Geld!« deutete der Schneider Anderl auf den Hiasl. »I–is wer g'storben?« fragte der Kaß neugierig und setzte sich knapp neben den Feuchten Hiasl auf 217 die Bank hin. Der Kaß hatte die Eigentümlichkeit, sich stets knapp neben seinen Nachbar zu setzen und diesem dann mit dem ganzen Aufwand seiner Stimme in die Ohren zu brüllen, als ob er taub wäre. »Naa, sell nit! Aber singen geah' i!« schrie ihm der Hiasl ins Ohr. Der Hiasl war ein großer, schlanker Bursch und überragte den Kaß um Haupteslänge. Er mußte sich weit zum Kaß herunterbeugen. »D–d–du brauchst nit z'schrei'n! I bin nit d–d–dearisch!« gröhlte der Kaß beleidigt. »I aa nit!« schrie der Hiasl zurück. »I woaß es schon!« brüllte der Kaß. »Kaß, trink' a Glasl!« schob ihm der Jörgl ein Glas Wein hin. »G–g–g'sundheit!« stieß der Kaß mit den Burschen an und leerte auf einen Zug sein Glas. »Alsdann, du–du geahst singen?« erkundigte er sich dann wieder beim Hiasl. »Joa. Ins Deutschland außi!« »A–a–a so!« machte der Kaß verwundert. Dann näherte er sich dem Hiasl noch mehr, streckte seinen unförmlichen Kopf mit dem Kropf in die Höhe und brüllte aus Leibeskräften: »W–w–was kr–kriagst nachher zahlt?« »I? Dreitausend Gulden 's Jahr!« log ihn der Hiasl an und schrie noch ärger. »W–w–was?« Der Kaß ließ vor lauter Erstaunen das Weinglas fallen, aus dem er gerade hatte trinken wollen. »W–was d' nit sagst. Dr–dr–dreitausend Gu–gu–gulden 's Jahr!« 218 »Und die G'wander extra!« schnitt der Anderl auf. »Sell is ver–vertuifelt viel Geld!« gröhlte der Kaß bewundernd. »Dös will i moanen!« erklärte der Farbmacher Jorgl. »Mögst epper aa mitgeahn, Kaß?« fragte der Seppele spöttisch. »W–was denn tuan?« erkundigte sich der Kaß. »Singen und jodeln mit'm Feuchten Hiasl!« meinte der Anderl. »M–m–m–mit dem da?« deutete der Kaß auf seinen Nachbar, der ganz ernsthaft dasaß. »Joa. Dös wirst do aa können!« meinte der Anderl. »Jo–jo–jodeln, freili!« krächzte der Kaß aus vollem Halse. »Nachher geahst di anmelden!« sagte der Hiasl lakonisch. »A–anmelden? B–b–bei wem denn?« »Hast es nit g'hört? Da is oaner drent'n im Hotel, der was a Theaterdirektor is. Und dersell suacht Buab'n und Madeln, dö was jodeln und singen können. Und nachher nimmt er sie mit außi ins Deutschland zum Kamedispiel'n!« erzählte der Farbmacher Jörgl. »Und tuat der Hi–hi–hiasl singen da dabei?« erkundigte sich der Kaß. »Joa, der Hiasl und wer halt sonst no mitgeahn mag!« sagte der Seppele. »Es geaht eh' schon 's halbete Dorf mit!« log er darauf los. »Die Xander 219 Nanndl, die Forcher Burgl, der Blaser Stöffl, der Zandler Much . . .« »Kriagen dö alle dr–dr– dreitausend Gulden?« unterbrach der Kaß den Seppele. »Dreitausend Gulden und no mehr!« bestätigte dieser. »Magst nit mittuan?« fragte ihn der Hiasl. »I–i–i möcht' schon! A–a–aber sie werden mi nit nehmen!« gröhlte der Kaß. »Ah, woher denn!« lachte der Anderl. »Freili nimmt er di!« »M–moanst?« »Ganz g'wiß! Geah' lei ummi ins Hotel und sag' ihm, du bist a Kunstjodler!« riet ihm der Hiasl. »W–w–was?« »A Kunstjodler. Du sagst, du kannst es extra schian!« meinte der Anderl. »I–i kann 's aber nit extra schian!« »Wohl, wohl! Du traust di lei nit!« ermunterte der Stumpf Seppele den Kaß. »Jodel amal oans!« forderte ihn der Schneider Anderl auf. Der Kaß fing an zu jodeln. Es klang schauerlich. Ein entsetzliches Gekrächz in allen möglichen falschen Tönen, immer wieder unterbrochen durch das schwerfällige Geschnauf, das der riesige Kropf des Kaß verursachte. Die Burschen wälzten sich förmlich vor Lachen. Der Farbmacher Jörgl mußte sich den Bauch halten und wäre bei einem Haar von der Bank heruntergefallen. 220 »Guat is es gangen!« lobte der Anderl. »So kann koaner jodeln wia du. Du bist wia g'schaffen zu an Kunstjodler!« »Moanst?« fragte der Kaß geschmeichelt. »Dir muaß der Direktor mehr geben als wia lei dreitausend Gulden 's Jahr!« sagte der Seppele. »A viertausend kannst schon verlangen. Dös bist weart!« riet der Hiasl. »Kaß, geah' lei ummi zum Direkter ins Hotel!« forderte ihn der Anderl auf. »Grad' an Kunstjodler brauchet er am allernotwendigsten, hat er g'sagt. Da muaßt aber iatzt glei geahn. Sonst kimmst z' spat!« »Jatz gl–gl–glei?« tat der Kaß ganz erschreckt. »Epper morgen. Heut' is es decht z' sp–spat!« »Morgen is er nimmer da!« sagte der Hiasl trocken. »T–t–tuifel no amal eini!« machte der Kaß geärgert. »Wirst schon no heut' ummi geahn müass'n!« sagte der Seppele. »Brauchst lei um an Direkter aus'm Deutschland z' fragen!« riet ihm der Hiasl. »Nachher lassen sie di schon eini ins Hotel.« »Und sagst ihm, der Hiasl schickt di ummi, weil er entdeckt hat, daß du a b'sonders guater Kunstjodler bist!« drängte ihn der Anderl. »Muaßt di aber schleunen, Kaß. Sonst derwischt ihn nimmer!« meinte der Seppele. »I tr–tr–trau' mi nit! Es is schon z' spat!« gröhlte der Kaß. 221 »Nachher laßt es bleiben!« meinte der Farbmacher Jörgl lakonisch. »Nachher bist a Esel!« entschied der Anderl. »Moanst, du hast alle Tag' so a Glück, so an Patzen Geld z' verdianen! Viertausend Gulden!« »Und morgen in aller Herrgottsfruah fahrt er weg!« sagte der Hiasl. Der Seppele zog seine Taschenuhr heraus. »Jatz is es a viertel nach zwölfe!« konstatierte er. »Schau', daß d' außi kimmst bei der Stub'! Es reut di sonst! Wirst sehen!« bearbeitete ihn der Anderl. Der Kaß erhob sich langsam. »V–v–viertausend G–g–gulden! Moanst, i derwisch ihn no?« erkundigte er sich aufgeregt beim Hiasl. »Wenn di schleunst, schon! Sonst nit. Dö herrischen Zapfen steahn a diamal schon mittelt in der Nacht auf, wenn sie abfahren wollen!« sagte der Hiasl. »Du darfst di aber beileib nit awegschick'n lassen drent'n im Hotel! Sagst grad', du hast mit'n Direkter z'reden, du hast ihm was Wichtig's z'sagen!« riet ihm der Seppele. »Jo–o–a!« gröhlte der Kaß. Dann ging er langsam zur Tür hinaus. »Nit aufhalten lassen, Kaß!« rief ihm der Anderl noch nach. »Denk' an die viertausend Gulden!« »I la–la–lass' mi nit aufhalten! G'wiß n–n–nit!« schrie der Kaß vergnügt und zog die Tür hinter sich zu. 222 Man hatte die ganze Zeit über fleißig Wein getrunken. Auch der Kaß war schon etwas beduselt. Darum brachte er auch die Schneid' auf, jetzt um Mitternacht hinüber in das Fremdenhotel zu gehen und dort den Direktor aus Deutschland zu sprechen. Das Hotel lag in tiefem Dunkel. Nichts regte sich mehr. Schon wollte dem Krapfen Kaß die Schneid' ausgehen. Er getraute sich völlig nicht, jetzt die Leute mitten aus dem Schlaf aufzuwecken. Aber dann dachte er wieder daran, was ihm die Burschen gesagt hatten. Morgen in aller Herrgottsfrüh oder vielleicht noch früher würde der Direktor abreisen. Dann war's aus mit dem Glück und dem vielen Geld. So einen Patzen Geld kriegte der Kaß in seinem Leben nie wieder. Das wußte er. Da konnte er dann wieder herinnen bleiben in Tirol und sich rackern und schinden von früh bis spät. Und reuen würde es ihn zeitlebens, daß er nicht einmal das bissel Schneid' aufgebracht hatte, um Mitternacht an der Hoteltür zu läuten. Und die Burschen würden ihn morgen auslachen, weil er so dumm gewesen war, sich das viele Geld entgehen zu lassen. Viertausend Gulden! Und nichts zu tun, wie jodeln! Viertausend Gulden! . . . Der Kaß läutete. Erst leise. Dann immer lauter und lauter. Bis man ihm von drinnen aufmachte. Ein verschlafener Hausknecht war's, mit einem Kerzenlicht in der Hand. 223 »I m–m–muaß zum Direkter!« erklärte der Kaß. »Der was a Theater hat im Deutschland dr–dr–draußen und m–m–morgen awegf–f–fahrt!« »Bist narrisch?« schimpfte der Hausknecht. »Jatzt schlaft er ja!« »S–s–sell macht nix! Aftweckst'n! Und sagst ihm, d–d–der Feuchten Hi–hi–hiasl, der was mit ihm auf d' R–r–roas geaht, schickt mi her!« Der Hausknecht wollte ihn anfangs nicht einlassen. Der Kaß bestand aber so dringend auf seiner Forderung, daß sich der Hausknecht endlich doch entschloß, den Herrn Direktor zu wecken. Dieser war wenig erbaut über die nächtliche Störung. Eine Botschaft in dringender Angelegenheit vom Feuchten Hiasl. Dieser Bursche hatte ihm doch gestern halbwegs zugesagt, mit ihm auf die Reise zu gehen. Allerdings war sich der Theaterunternehmer bei der Unterredung mit dem Hiasl nicht völlig klar darüber geworden, ob ihn der schlaue Bursche nicht schließlich doch zum Narren habe und nur so täte, als ob er mit allem einverstanden wäre, um dann, wenn es Ernst würde, Reißaus zu nehmen. Dabei verfügte der Hiasl über eine prächtige Stimme. Am Ende war es doch was Wichtiges, die Botschaft vom Hiasl. Der Direktor entschloß sich daher, aufzustehen. Der Kaß möge warten. Er komme sofort. Der Hausknecht führte den Kaß in ein leeres Gastzimmer und hieß ihn warten. Endlich kam der Herr Direktor. 224 »Sie wünschen?« frug er den Kaß, der vor Aufregung zitternd vor ihm stand und fast keine Silbe herausbrachte. »I–i–i–i m–m–m–möcht' m–m–mitgeahn s–s–s–s–singen!« stotterte der Kaß. »Was?« rief der Direktor. »S–s–singen! Jo–jo–jodeln kann i, hat der Feuchten Hi–hi–hiasl g'sagt! A K–k–kunstjodler b–b–bin i!« krächzte der Kaß mühsam. »Sie, ein Kunstjodler? Mensch, Sie sind wohl verrückt, mich mitten in der Nacht wecken zu lassen!« schrie der Direktor wütend. »N–n–naa! Nit ver–verruckt! Der Hiasl sch–schickt mi, i soll Ihnen was vorsingen!« »Mit dem Kropf da!« deutete der Direktor wütend auf den Hals des Kaß. Nun wurde aber der Kaß in allem Ernst bös. Er konnte alles vertragen, jeden Spott, jede Neckerei, aber eine Anspielung auf seinen Kropf vertrug er absolut nicht. »I–i–i hab' koan' Kropf nit! I k–k–kann jodeln wia der Hiasl!« wehrte er sich. »I w–will's dir schon zoag'n!« »Machen Sie, daß Sie fortkommen von hier!« brüllte der Direktor wütend, »und halten Sie wen andern zum besten!« »I–i–i k–kann jo–jodeln!« gröhlte der Kaß in den höchsten Tönen. »Machen Sie, daß Sie 'raus kommen!« Der Direktor ergriff den Krapfen Kaß beim Arm und 225 schob ihn vor sich her, der Tür zu. Der Kaß wehrte sich verzweifelt. »D–d–du muaßt m–m–mi anhör'n!« schrie der Kaß und fing noch greulicher zu jodeln an, als früher beim Rösselwirt. »Um Gotteswillen!« Der Direktor hielt sich entsetzt beide Ohren zu. Der Kaß jodelte weiter, immer lauter, immer mißtönender, immer schriller. »Raus!« brüllte Herr Direktor Schneidewin außer sich. Dabei zerrte er den Kaß mit aller Gewalt zur Tür hin. Den Kaß packte eine höllische Wut. »Du Zoch , du he–he–herrischer, du ver–verfl–fluachter!« schrie er. »Was sprengst denn nachher im ganzen Dorf umanand, daß d–d–du an Ku–ku–kunstjo–jo–jodler br–brauchst!« »Kunstjodler!« brüllte der Direktor wütend. »Mit so einem Kropf, und stottern tut der Kerl auch noch!« »W–w–was tua i–i–i?« fragte der Kaß mit unheimlicher Ruhe. »Stottern tun Sie!« »Du herrischer Tu–tu–tuifl du!« brach der Kaß wiederum in heller Wut los. »I werd' dir schon 's St–st–stottern g–g–geben!« Dabei packte er den Fremden beim Kragen und begann ihn zu würgen. »Hilfe! Hilfe! Ein Wahnsinniger!« schrie der Direktor aus Leibeskräften. »I w–w–werd' dir schon z–z–zoag'n, wer an 226 Kropf hat!« hieb der Kaß nun auf den Direktor ein, der sich kaum vor ihm erwehren konnte. »I hab' n–n–nia nit an Kr–kr–kropf g'habt!« keuchte der Kaß wütend. Schließlich eilte der Hausknecht und noch anderes Hotelpersonal herbei und befreite den Fremden aus den Klauen des Krapfen Kaß. Tags darauf wurde der Kaß beim Gerichte angezeigt und wegen des gewalttätigen Überfalles mit ein paar Tagen Arrest abgestraft. Seitdem hat der Kaß einen tiefen inneren Groll gegen alle Fremden. Wo er einem einen Tuck antun kann, tut er's. Er ist nach wie vor fest davon überzeugt, daß ihn der Theaterdirektor aus Deutschland nur aus lauter Bosheit nicht mitgenommen hat. Sonst hätte er jetzt schon längst die viertausend Gulden und noch mehr. Der Feuchten Hiasl ist übrigens auch nicht mitgegangen. Am nächsten Tage gab es zwischen ihm und dem Direktor wegen der nächtlichen Ruhestörung noch eine energische Auseinandersetzung, in deren Verlauf der Fremde zu der deutlichen Überzeugung kam, daß ihn der Hiasl nicht nur mit dem Kaß, sondern auch mit seinen sonstigen Versprechungen für'n Narren gehalten hatte. Ja, die Hallodris in unsern Bergen muß man eben erst kennen lernen. Da hat sich schon mancher dabei eine lange Nas'n geholt. Denn das Abföppeln und Tratzen, das ist soviel eine seine Unterhaltung für die übermütigen Dorfburschen. 227   Der Krat. Schon seit mehr als dreißig Jahren hauste der Hochwürdige Herr Martin Tschöll als Kurat, Lokalkaplan und Pfarrprovisor in seiner weltfernen Tiroler Berggemeinde. Er war mit ihr so eng verwachsen wie der Grund und Boden mit den Bauernhäusern, die darauf gebaut sind. Bei den Leuten hieß er kurzweg der Krat. Er verlangte sich auch keinen andern Titel. Und sie sagten alle du zu ihm, wie auch er mit einem jeden seiner Seelsorgekinder auf dem Duzfuß stand. Der Krat war schon ein tüchtiger Siebziger, mittelgroß und ziemlich hager. Zum Fettwerden ist auch keine sonderliche Gelegenheit in solch einer armen Tiroler Berggemeinde. Seit Jahren trägt er den gleichen schäbigen Talar, der ihm nur bis zu den Knien reicht und schon in allen Farben schillert. Das Fuchsige ist jedoch die Hauptfarbe. Es ist vielleicht gut, daß der Krat nie von seiner Gemeinde und deren nächsten Umgebung fortkommt. Denn sonst könnte er am Ende mit seinem an allen Ecken und Enden zerflickten und zerfransten G'wand gar noch Anstände haben. Um Welt und Politik hat sich der Krat nie 228 gekümmert. Auch die Theologie hat er stets nur praktisch betrieben, indem er nach Kräften seine Bauern zu einem ordentlichen Lebenswandel anzuhalten bestrebt war. In seiner gemütlichen Stub'n steht ein alter schäbiger Diwan. Der Krat sitzt nur selten darauf. Meist benützt er einen womöglich noch verbrauchteren alten Lehnstuhl. Auf dem Diwan hat er jedoch einige dicke theologische Folianten der Reihe nach an der Rücklehne aufgestellt. Für diese scheint demnach hauptsächlich das Möbel vorhanden zu sein. Unter den Büchern befindet sich ein größeres Werk über Pastoraltheologie, auf das der Krat mit besonderm Stolz hinzuweisen pflegt. »Dös Buach hat mi volle zwanzig Gulden kostet und no viar Gulden extra für'n Buachbinder!« pflegt er zu erzählen. Diese Daten sind nebst dem Namen des Besitzers auch genau auf dem Titelblatt vermerkt. Sonst sieht das Werk aber so neu aus, daß man wohl annehmen darf, der Krat sei nie über den Titel hinausgekommen. In der letzten Zeit, schon seit bald zwei Jahren, war der Krat nie recht besonders beisammen. Das Fußwerk ließ aus, »'s verflixte G'stell«, wie der Krat selber es bezeichnete. Er hatte schon ein paarmal an das Konsistorium nach Brixen eingegeben, man möge ihm einen Kooperator zur Aushilfe schicken; denn mit seiner Gicht habe es nun schon bald gar kein richtiges Herschauen mehr. Das Konsistorium hatte aber taube Ohren und ließ den alten 229 weltverschlagenen Kraten Eingaben machen, bis ihm endlich die Geduld riß. Als er von Brixen auf alle seine Eingaben keinen Kooperator bekam, setzte sich der Krat Martin Tschöll eines Tages hin, nahm einen besonders großen Bogen und schrieb dem Fürstbischof persönlich einen Brief. Und zwar einen kotzengroben Brief, der keine Spur von demütiger Unterwerfung und schuldigem Gehorsam enthielt. Der Krat war ganz erleichtert, als er das Schreiben abgeschickt hatte. Nun wußten es die in Brixen einmal gehörig! Seitdem waren mehrere Wochen vergangen, ohne daß er von Brixen eine Antwort erhalten hatte. Die schienen ihn überhaupt gar nicht mehr zu beachten. Auch wenn er grob wurde. Und heute hatte es den alten Kraten besonders. Er saß in seinem Lehnstuhl und hatte die schmerzenden Hax'n in eine Decke gehüllt. Draußen war ein schwüler heißer Sommertag. Wahrscheinlich gibt's wieder a Wetter ab, dachte sich der Krat. Wenn ein Gewitter im Anzug war, dann konnte ihn die Gicht mörderisch » turmantern «. Im Hausflur wurde heftig geläutet. Bald darauf öffnete die Häuserin die Stubentür und ließ einen stattlichen geistlichen Herrn eintreten. Es mochte ein höherer Fünfziger sein. Der elegante Talar umschloß eine mächtige Leibesfülle. Das 230 Gesicht des Ankömmlings war rot und aufgedunsen, aber sonst ganz gutmütig. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte der Eintretende würdevoll. »In Ewigkeit, Amen!« erwiderte der Krat und sah seinen Besucher neugierig an. »Heiß ist's heute!« seufzte der andere. »I g'spür' nit viel da herinnen!« meinte der Krat. »Sie entschuldigen schon, daß i nit aufsteh'. Aber heut' hat's den Sakra g'seh'n mit meinem Gehwerk. Nehmen's do Platz!« lud er den Ankömmling ein. Dieser ließ sich schnaufend nieder. »Ich komme nämlich von Brixen und bin der Kanonikus Schwöllsattel!« stellte sich der Besucher vor. »Ah, der Schwöllsattel sein Sie! Dös g'freut mi!« sagte der Krat. »I hab Ihnen schon g'lesen im geistlichen Schematismus.« »Ich mache im Auftrag von Fürstbischöflichen Gnaden gerade eine kleine Visitationsreise –« fuhr der Kanonikus fort. »Und da – hm – da meinten Fürstbischöfliche Gnaden, weil ich gerade in der Nähe wäre, so solle ich einmal bei Ihnen nachsehen, wie es stünde. Hm. Ja. So.« Eine kleine Pause entstand. Der Kanonikus räusperte sich. Der Krat saß freundlich lächelnd in seinem Lehnstuhl, ohne ein Wort zu sagen. »So, so, nachschaug'n sollen's amal bei mir?« meinte er dann über eine kleine Weile. »Ja, da gibt's nit viel nachz'schaug'n. Sechen's wol, wia's mir geaht. A Hilf' tät' i halt brauch'n, an Kooperator!« 231 »Hm. Ja. So –« räusperte sich der Kanonikus neuerdings. »Sie haben da an Fürstbischöfliche Gnaden einen Brief geschrieben . . .« »Ja. Vor a etlene Woch'n schon. Aber i hab' no koa Antwort kriagt drauf!« meinte der Krat freundlich. »Sie werden auch keine bekommen!« sagte der Kanonikus mit Nachdruck. »Jener Brief war in einem Ton gehalten, den ich – hm – ja – geradezu für impertinent grob und ungehörig erklären muß!« Der Herr Kanonikus lehnte sich in seinem Sessel zurück und blickte voll Entrüstung auf den Übeltäter. »Ja, ja. A bissele grob wird er schon g'wesen sein der Briaf!« pflichtete der Krat gutmütig bei. »Wissen's, es geaht halt amal an jeden Schaf die Geduld aus!« »Der Brief war nicht nur ein wenig, er war sogar sehr grob!« entrüstete sich der Kanonikus. »Sie haben wohl ganz vergessen, lieber Amtsbruder, welchen Grad der Ehrfurcht und des Gehorsams Sie Seiner Fürstbischöflichen Gnaden schulden!« »Naa, i hab' nix vergessen. Aber die Geduld is mir ausgangen. I hab' mir denkt, richtest im Guaten nix, nachher vielleicht richtest mit der Grobheit mehr aus. Und mir scheint, da hab' i aa mehr ausg'richtet.« Der Krat blinzelte den geistlichen Würdenträger aus seinen Äuglein listig an. »Bilden Sie sich nur das nicht ein, Herr Amtsbruder!« verwahrte sich dieser. »Ich bin nicht 232 gekommen, Ihren Wunsch zu erfüllen, sondern lediglich Ihren Fall zu konstatieren.« »Also nachher konstatiarn's!« sagte der Krat ruhig, indem er sich nach vorwärts beugte und dem Kanonikus lustig ins Gesicht schaute. Die Häuserin hatte inzwischen einen Wein gebracht. Der Herr Kanonikus Schwöllsattel, der sehr durstig war, leerte hastig zwei Gläser nacheinander. Dann meinte er: »Ich konstatiere, daß Sie den Umständen entsprechend gut beisammen sind. Die Gemeinde ist ja übrigens klein und Ihre Seelsorge auf eine ganz geringe Tätigkeit beschränkt.« »Moanen Sie mit der Seelsorg' das Dörfl oder die Gemeinde?« erkundigte sich der Krat. »Die Gemeinde natürlich.« »So? Nachher hab'n Sie koan' blau'n Dunst von der ganzen Sach'!« sagte der Krat und schlug mit seiner rechten Hand, die schon leicht zittrig war, kräftig auf den Tisch. »Wissen Sie, wia weit der letzte Hof, der zur Gemeinde no dazua g'hört, entfernt is? Fünf Stund'! Und glauben Sie wirklich, daß i dö fünf Stund' no giahn kann?« »Von Ihrem Standpunkt aus mögen Sie ja – hm – ja nicht so ganz unrecht haben, lieber Amtsbruder. Aber – ja – hm – ja – Sie müssen eben doch bedenken, daß Sie sich in erster Linie demütig den Bestimmungen Ihrer Vorgesetzten zu fügen haben!« »Hören's mir auf!« rief der Krat nun ganz obstinat. »Ös in der Stadt habt's ja gar koa 233 Verständnis nit für unseroans! Was wißt's denn ös von a Seelsorg' da in die Berg' herin. Ös habt's es bequem. Ös tuat's oanfach von der Kanzlei aus die Seel'n regiar'n!« »Ich muß Sie doch bitten, lieber Amtsbruder!« rief der Kanonikus, der im Gesicht womöglich noch röter geworden war. In diesem Augenblick ließ sich der schrille Ton der Hausglocke vernehmen. Der Kanonikus fuhr nervös zusammen. Der Krat sagte nur kurz »Oha!« Dabei horchte er gespannt zur Türe hin, in welcher gleich darauf ein jüngerer Knecht erschien. »Was gibt's denn?« fragte der Krat. »Der Bauer schickt mi!« berichtete der vierschrötige Mensch langsam. »Es is ihm wieder amal soviel lötz .« »Hat er halt wieder amal viel z'viel g'soffen!^ meinte der Krat. »Joa. Sell weard er schon hab'n!« bestätigte der Knecht. »Aber heunt is ihm schon ganz extra lötz dem Bauer.« »Hat er halt ganz extra viel g'soffen!« sagte der Krat. »Joa. Sell weard er schon hab'n!« bestätigte der Knecht. »Was will er denn nachher der Klumsenbauer?« »Beichten möcht' er der Klumsenbauer.« »Sonst nix?« »Naa. Sonst nix.« 234 »Geah' nur derweil in die Kuchl zur Häuserin und laß' dir an Kaffee geben!« Der Knecht trollte sich mit einem »Vergelt's Gott!« wieder zur Türe hinaus. »Also der Klumsenbauer möcht' beichten. Was sagen's iatz da dazua?« wandte sich der Krat an den Herrn Kanonikus. »Sie werden ihm eben die Beichte abnehmen.« »Moanen's? Wissen's übrigens, wo der Klumsenbauer is?« »Ist er weit von hier?« »Nit amal gar a so. So a guate drei Stund' im Berg droben. Aber der Weg is halt recht miserabel. Ja, der Klumsenbauer dös is a Damischer. Der hat nämlich 's Delirium, weil er sauft wia a Loch. Und wenn ihn dös Delirium wieder amal recht beim G'nack hat, nachher will er beicht'n und dös g'schwind. Da steigen ihm nachher die Grausbirn vor'm Tuifl auf. Aber sonst alleweil frisch weiter g'soffen und g'fluacht und g'spielt. Wia oft i schon den Weg zu dem Klumsenbauer aufi g'macht hab', dös is gar nimmer zum zählen. A etliche mal aa ganz umsonst. Da hat er si' derweil wieder erholt g'habt und nix mehr wissen wollen vom Beicht'n, weil's ihm eh' schon wieder besser geah'!« »Und Sie haben jedesmal dem Rufe dieses Trunkenboldes Folge geleistet?« fragte der Kanonikus. »Ja, natürlich. Was denn sonst?« erwiderte der 235 Krat ganz ernst. »Dös is ja mei Pflicht und Schuldigkeit. Wenn der Klumsenbauer beicht'n will und nit in der Verfassung is, daß er zu mir kommt, nachher muaß i eben zu ihm kommen!« »Es wird doch heute ebensowenig was Ernstliches sein!« meinte der Kanonikus. »Hoffentlich nit. Aber wer kann's wissen. Der Klumsenbauer will amal beicht'n. 's kann aa sein, daß's mit ihm wirklich amal z' End' geaht.« »Ja, was soll man da tun?« frug der Kanonikus unruhig. »Da is iatz leicht g'holfen!« meinte der Krat. »Gott sei Lob und Dank, daß Sie grad' zuafällig da sein, Herr Kanonikus! Daß i heut' nit zum Klumsenbauer kann, dös werden's wohl einseh'n. I kimm kaum von mei'm Stuahl bis zur Tür.« »Ja, da soll ich zum Klumsenbauer hinauf?« frug der dicke Kanonikus entsetzt. »Es wird wol nit viel anders übrig bleiben. Denn wenn a Kranker nach den Tröstungen der Religion verlangt, so dürfen sie ihm nit verweigert werden. Ob's iatz der Klumsenbauer is oder a anderer.« »Aber der Mensch hat ja 's Delirium!« wandte der Kanonikus ein. »Is dös vielleicht koa Krankheit?« frug der Krat ruhig. »Das schon. Aber nachdem Sie mir sagen. daß der Bauer Sie schon so und so oft wegen nichts und wieder nichts bemüht habe . . .« 236 »Deswegen kann's dösmal halt do was Ernstlich's sein. Der Klumsenbauer will beicht'n, weil er si bei sei'm Delirium, dös a Krankheit is wia a andre Krankheit aa, vor den ewigen Strafen fürchtet. Dös is schon a gewisser Grad der Reue. Die Tröstungen der Religion dürfen ihm nit versagt werden. Also . . .« »Aber da hört sich doch Verschiedenes auf . . .« »Da hört si gar nix auf. Dös is halt a Stückl Seelsorg' auf die Berg'.« »Sie meinen, ich soll wirklich bei dieser Hitze . . . und ein Wetter steht auch noch am Himmel . . .« Der Herr Kanonikus sah ängstlich zum Fenster hinaus. Am Horizont ballten sich drohende schwarze Wetterwolken zusammen. »I moan' schon –« erwiderte der Krat. »Außer Sie wollen die Verantwortung dafür übernehmen, wenn heut' dem Klumsenbauer wirklich was passiert. Dös kann man beim Delirium nia wissen.« Der Kanonikus kämpfte mit sich selber. Was blieb ihm schließlich anderes übrig, als den schweren Gang anzutreten. Er konnte sich doch nicht vor seinem Untergebenen, dem einfachen Bergpfarrerl, blamieren, indem er eine geistliche Pflicht ablehnte. Und wenn dem Klumsenbauer tatsächlich was zustieß und die Sache publik wurde, daß er sich geweigert hatte, einem Schwerkranken, vielleicht Sterbenden die Tröstungen der Religion zu spenden, so konnte das für ihn nur sehr unangenehme Folgen haben. Das konnte seiner ganzen Karriere schaden, 237 namentlich wenn zuletzt gar die verdammten liberalen Zeitungen den Fall aufgreifen würden . . . Der Herr Kanonikus machte sich daher unter der Führung des Knechtes vom Klumsenbauer auf den Weg. Es war eine schauderhafte Kletterei. Dem dicken Kanonikus rann der Schweiß aus allen Poren. Dabei bekam er es bei dem kerzengeraden Aufwärtskraxeln mit seinem alten Asthma zu tun. Er meinte, jetzt und jetzt müsse ihn der Schlag treffen. Außerdem schritt der Knecht, der den Weg natürlich gewohnt war, so rasch aus, daß ihn der Kanonikus mehrmals ersuchen mußte, um Gotteswillen nicht gar so verrückt zu rennen. Das Gewitter kam immer näher. Als der Kanonikus sich gerade mitten auf dem Weg befand, brach es los. Donner, Blitz, Hagel, alles durcheinander. Keine Gelegenheit irgendwo unterzustehen. Öde steinige Berghalde ringsum. Der Herr Kanonikus verfluchte innerlich den Tag, der ihn in dieses Bergnest zu dem alten Kraten geführt hatte. Er nahm sich vor, in Zukunft immer für die Beistellung von Hilfsgeistlichen zu plädieren, wo dies nur möglich war. Denn sonst passierte ihm oder einem der andern Herren in Brixen wieder so was Ähnliches. Das war ja ganz unerhört. Zuerst in der Sonne gebraten. Und jetzt bis auf die Haut durchnäßt. Keinen trockenen Faden spürte der Kanonikus in dem Hagelwetter mehr am ganzen Leib. Davon konnte 238 er ja den Tod haben oder wenigstens eine lebenslängliche Gicht. Der verflixte Klumsenbauer! Daß der justament heute wieder sein Delirium bekommen mußte! . . . Mehr tot als lebendig kam der Kanonikus auf dem Klumsenhof hoch droben am Berg an. Das Wetter hatte sich inzwischen gerade verzogen. Die glühende Sonne brach sich neuerdings durch die Wolken Bahn. Vor dem Einödhof saß auf der Bank ein älterer Bauer und puchelte gemütlich aus seiner kurzen Stummelpfeife. »Wo ist denn der Schwerkranke?« frug ihn der Kanonikus. »Wear?« »Der Klumsenbauer?« »Dös bin schon i!« »Wer? Sie?« rief der Kanonikus empört. »Aber Sie sind ja gar nicht krank!« »Naa!« erwiderte der Klumsenbauer. »Jatz is mir schon wieder besser. Aber mir is höllisch lötz g'wesen!« »Und da treiben Sie einen bei diesem Wetter herauf, weil Sie angeblich beim Sterben sind und beichten wollen! Das ist einfach unerhört!« rief der Kanonikus ganz wütend. »Ha?« machte der Klumsenbauer, als ob er nicht recht verstehen würde. »Ein alter Saufbold sind Sie!« empörte sich der Kanonikus. 239 »Da hast recht!« gab der Klumsenbauer zu. »Saufen tua i viel z' viel! Heunt' hat's mi schiach g'habt. I hab' schon glaubt, iatz geaht's dahin. Bist du vielleicht der neue Kumprater?« erkundigte er sich interessiert. »Nein. Ich bin ein Kanonikus aus Brixen.« »Jatz wol. Gar aus Brixen. Drum bist gar soviel a scharfer Hearr.« »Wollen Sie also beichten?« frug der Kanonikus, der sich nun wieder erinnerte, zu welchem Zweck er eigentlich diesen schauderhaften Weg gemacht hatte. »Naa. Dös is nimmer notwendig!« erwiderte der Klumsenbauer. »Und du wärst mir viel zu z'wider zum Beicht'n. Da is der Krat a anders Feiner!« . . . Der Herr Kanonikus Schwöllsattel aus Brixen hielt sich nicht länger auf dem Klumsenhof auf, als er unbedingt nötig hatte, um sich zu verschnaufen. Einen Schnaps, den ihm der Klumsenbauer antrug, wies er mit Entrüstung zurück. Als er halbwegs wieder auf die Beine konnte, machte er sich auf den Rückweg. Hinunter ging es zwar bedeutend schneller, aber deswegen nicht mit weniger Beschwerden. Sein Wanst machte dem Kanonikus bei dem steil abfallenden Bergsteigen genug zu schaffen. Während der letzten Wegstunde kam er auch noch unter einen ganz gehörigen Platzregen, so daß er bei einbrechender Dunkelheit nun erst recht durchnäßt und in der kläglichsten Verfassung im Widum drunten anlangte. 240 Der alte Krat mußte bei seinem Anblick laut auflachen. »Ihnen hat's aber schian derwischt dös Wetter!« meinte er. »Sie schaug'n ja aus wia a getaufte Maus!« »Sie haben leicht lachen! So ein Wetter und so ein Pech!« schimpfte der Kanonikus wütend. »Und dem Kerl, dem Klumsenbauer fehlt ja gar nichts mehr!« »Ah wol nix mehr? Dös is recht!« »Sie sitzen ganz behaglich in Ihrer Stube, während unsereins solche Strapazen auszustehen hat!« »O mei'! Dös is nit gar a so arg!« meinte der Krat. »Jatz mittelt im Sommer! Aber im Winter erst! Da sollten's amal den Weg zum Klumsenbauer aufi mach'n! Wenn's schneibt und stürmt, daß man völlig seine eigenen Händ' nimmer g'siecht. Und wenn man nia woaß, ob nit so a Teuxelslawin' daherkimmt. Da können's reden von Strapazen, aber nit iatz von wegen dem a bissel unter's Wetter kommen!« Der Krat trommelte mit den Fingern gemütlich auf der Lehne seines Stuhles. »Aber umziach'n müassen's Ihnen iatz glei. I hab' schon no an alten Talar im Kasten hängen. Der tuat's für die Not. Und die Häuserin soll iatz g'schwind an Glühwein mach'n. Der derwärmt Ihnen.« . . . Es dauerte kaum zwei Wochen, da hatte der Hochwürdige Herr Martin Tschöll seinen Kooperator. Der Kanonikus Schwöllsattel hatte aber noch drei Wochen länger an einem Mordsschnupfen zu leiden. Das erfuhr der Krat so unter der Hand. 241 »Ja, ja, dö Stadtlinger!« meint er, wenn er auf die Geschichte zu sprechen kommt. »Aushalten tuan sie schon rein gar nix. Wenn den Schwöllsattel nit 's Wetter derwischt hätt', könnt' i mir mein' Kooprater denken. Aber derwischt hat's 'n schiach!« lacht er. Dabei kommt ein fast boshafter Ausdruck von Schadenfreude in sein sonst gutmütiges faltiges Gesicht. »Und der Klumsenbauer is gar nit amal das räudigste Schaf von meiner ganzen Gmoan. Wenn der nit so viel g'soffen hätt', bis er 's Delirium kriagt hat, nachher hätten dö Hearrn in Brixen no alleweil koa Einsehen nit g'habt. Und so hab' i eigentlich dem Klumsenbauer und sei'm Delirium den neuch'n Herrn Kooprater z' verdanken. Ja, ja, unser Herrgott bediant si oft merkwürdiger Werkzeuge, um eine hohe Obrigkeit zu erleuchten. Schau, schau, dös hätt' i mir nit im Traum einfallen lassen, daß der Klumsenbauer no amal a ganzes Konsistorium umstimmt!« 242   's Kunterfei. Das war zu jener Zeit, als der Schieferegger Naz immer mehr ins Trinken kam und seine nüchternen Tage zu den größten Seltenheiten zählten, die man mit der Laterne suchen konnte. Zuerst hatte der Naz einen kräftigen Tiroler »Reathl« bevorzugt. Der war ihm aber bereits viel zu wenig kräftig geworden, und er war daher schon beim Schnaps, Ohnewanzeler oder Gigges, wie es im Tiroler Volksmund auch heißt, gelandet. Der Schieferegger Naz bewirtschaftete mit seiner Schwester, der Vef, ein ganz stattliches Gütel. Sonst hätte es ihm das Saufen auch nicht getragen. Der Naz war nun schon anfangs sechzig und die Vef nicht viel jünger. Die Vef, die ordentlich Haare auf den Zähnen hatte, war immer eine Respektperson für den Naz gewesen, bis er vor dem Schnaps den größeren Respekt bekam. Da konnte dann die Vef, die sonst den Naz kommandierte wie an kloan' Buab'n, reden, was sie wollte. Der Schnaps war mächtiger, und die Räusche des Naz wollten ihre Fortsetzung haben. An einem schönen Sommerabend saß der Naz wieder behaglich beim Traubenwirt und war schon in jenes Stadium gelangt, in dem ihm besonders 243 wohl zu sein pflegte. Er hockte allein an einem Tisch. Sonst war nur noch ein Gast in der Stub'n. Der saß im Herrgottswinkel und ließ sich eine Flasche Bier und ein Stück grauen Kas schmecken. Es war ein junger Mensch mit langen Haaren und dem bescheidenen Anflug eines Schnurrbärtchens. Der angehende Herr Kunstmaler Fritz Degenhart weilte seit ungefähr einem Monat in dem Dorf. So auf einer Art Sommerfrische und zu Studienzwecken. Man kann ja immer was lernen in den Bergen herinnen. Dann war der Hochwürdige Herr Dechant ein entfernter Verwandter von dem Malerle, wie die Bauern den Kunstjünger allgemein nannten. Nun war das Malerle, das von dem Dechant auch mancherlei Unterstützung genoß, für einige Sommerwochen auf Besuch gekommen und hatte bei dieser Gelegenheit ein Porträt des Hochwürdigen gemalt. Von den Bauern, die das Bild zu sehen bekamen, wurde es natürlich gebührend bewundert. Es war halt soviel »schian«, und der Hochwürdige war just. als wenn er am Sunntig predigen tät'. Der Schieferegger Naz war lange schweigsam vor seinem Schnapsglasl gesessen und hatte dem Maler am andern Tisch zugeschaut, wie dieser mit vollstem Appetit seinen grauen Kas verzehrte. »Hat's g'schmeckt?« gröhlte der Naz endlich seinen Nachbarn an. »Freilich!« erwiderte das Malerle. »I tat' mi schon aa gearn amal malen lassen, 244 wenn's nit z' tuir kommet!« meinte der Schieferegger Naz nach einer Pause. »Alles wird's nit kosten!« sagte der Maler, der wußte, daß der Naz stets ganz gut bei Kasse war. »Wia viel verlangst denn nachher?« erkundigte sich der Naz. »Fünfzig Gulden!« erklärte das Malerle. »Ah wol?« meinte der Naz, der in seiner rosigsten besoffenen Laune war. »Den Fufziger könnten wir ja eigentlich a bissel abrunden. Wia wär's denn, wann i dir an Hunderter zahlet für mei Kunterfei!« Das Malerle riß Mund und Augen auf und starrte den Schieferegger Naz an, als ob dieser plötzlich übergeschnappt wäre. »Mir is schon Ernst!« versicherte der Naz, der in seiner Schnapslaune immer großmütiger wurde. »Wenn du mi wirklich guat abkunterfeist, grad' a so, wia i bin, nachher is mir a Hunderter ganz g'wiß nit z' viel! Sell kannst mir glaben!« »Und wann willst denn dann g'malt sein?« erkundigte sich Fritz Degenhart, dem ob des glänzenden Auftrages schon das Wasser im Mund zusammenrann. »Glei morgen kannst kommen. So after Mittag, wenn i mei Portion Knödel im Leib hab'. Da bin i am allerbesten aufg'legt!« erklärte der Schieferegger Naz. »Alsdann, i werd' mi einfinden!« versicherte das 245 Malerle, zahlte seine Zeche und richtete sich zum Gehen. »Kimm lei !« lud ihn der Naz noch dringend ein. »Dös Kunterfei vom Dechanten hat mir ganz sakrisch guat g'fallen! A so muaß 's meinige aa werden! Verstanden! Grad' a bissel weniger hochwürdig. Woaß man wol!« . . . Am nächsten Tag machte sich das Malerle gleich nach dem Mittagessen auf den Weg zum Schieferegger Naz. Das Bauerngehöft lag ganz still und beschaulich in der Sonne da. Als Herr Fritz Degenhart den weitläufigen Anger durchschritten hatte, sah er vor der Haustür die Schwester des Naz, die Vef damit beschäftigt, ein Schaff auszuspülen. »Grüß Gott!« sagte er. »Ist der Naz daheim?« »Grüß Gott aa!« erwiderte die Vef mürrisch und musterte den Ankömmling mit mißtrauischen Blicken. »Was wollt's denn vom Naz?« »Is er daheim der Naz?« frug der Maler nochmals. »Joa. Dahoam sein tuat er schon.« »Da kann ich ja dann zu ihm hinein?« »Naa. Sell könnt's nit!« »Warum denn nit?« »Weil er grad' sein' Rausch ausschlaft auf der Ofenbank in der Stub'n drein, der B'suff, der malefizische!« keifte die Vef und rieb wütend an dem Schaff, als wenn sie den Naz unter ihren derben Fäusten hätte. 246 »Könnt's ihn dann nicht aufwecken?« meinte Herr Fritz Degenhart. »Was wollt's denn eigentlich vom Naz?« »Ja, ich bin wegen dem Malen da. Der Naz wird's Euch wohl g'sagt haben!« »Nix hat er g'sagt. Wegen dem Malen seid's da? Was denn nit no? Bei uns gibt's nix z' malen nit. Is erst vorige Woch'n der Maler dag'wesen und hat die Kuchel und die Kammer ausg'weist!« Das Malerle mußte lachen. »Aber ich bin ja kein Anstreicher. Ich bin ein Maler. Den Naz soll ich malen. Ein Kunterfei von ihm. Er hat mich ja gestern eigens herbestellt.« »Da seid's ös epper gar dersell Maler, der den Dechant abg'malt hat!« Die Vef riß vor lauter Staunen Mund und Augen auf. »Der bin ich.« »Und der Naz hat enk herb'stellt, daß ös ihn malen sollt's? Dö b'soffne Mett'n abmalen? Ja, is denn der Mensch ganz narrisch worden?« Damit stellte die Vef ihr Schaff auf die Seite und ging dem Malerle voraus in die Stub'n. Der Schieferegger Naz lag auf der Ofenbank und schnarchte wie zehn Brettersägen. Die Vef rüttelte ihn an beiden Schultern und schrie ihm in die Ohren: »Du! Der Maler is da. Er will di abkunterfei'n!« Der Naz rührte sich die längste Zeit überhaupt gar nicht. Dann ließ er ein unwilliges Grunzen 247 hören. Erst als seine Schwester noch derber wurde, richtete er sich endlich langsam auf und sah blöd und völlig geistesabwesend in der Stub'n herum. Es dauerte noch mindestens weitere fünf Minuten, bis der Naz halbwegs auf die Füße kam. Seinen Rausch schien er doch schon etwas ausgeschlafen zu haben; denn er erinnerte sich jetzt an den Auftrag, den er dem Maler gegeben hatte. »Ah, bist wohl kommen?« meinte er mit einem gewissen Wohlwollen. »Nachher heben wir's halt an! Hast dei Zuig bei dir?« Herr Fritz Degenhart wies seine kleine Staffelei und den Malkasten vor. Der Naz wollte sich in Positur setzen. Da fragte ihn die Vef plötzlich bissig: »Muaßt was zahlen fürs Malen?« »Sell wol!« erwiderte der Schieferegger Naz. »Wie viel haben wir ausg'handelt?« wandte er sich an den Maler. »Hundert Gulden!« erklärte dieser. »Jessas! Marand! Josef! Und alle Heiligen im Himmel! Der Mensch is b'sessen! Er is ganz überg'schnappt!« kreischte die Vef in den höchsten Tönen des Entsetzens. »Hundert Gulden! Hundert Gulden!« »Bin i dös epper nit wert?« frug der Naz, den der Widerspruch der Vef nun erst recht obstinat machte. »Hundert Gulden will er wert sein!« keifte die Vef. »Mit derer Larv'n!« Dann faßte sie das 248 Malerle kräftig beim Arm und erklärte: »Dös gibt's nit! Schaut's, daß 's bei der Tür außi kommt's! Sonst mach' i enk Boaden Füaß'!« »'s Malerle bleibt da!« rief der Schieferegger Naz und stand torkelnd von seiner Ofenbank auf. »I will mei Kunterfei hab'n! Da in der Stub'n herin wird's aufg'hängt, damit die Leut' was z' schau'n hab'n! Oder bin i vielleicht nit schian g'nuag?« wandte er sich gereizt an die Vef. »Di freili, wann man abmalen tät', würden die Küah' scheu davor. Ja, justament hundert Gulden!« rief der Naz eigensinnig und reckte seine lange knochige Gestalt in die Höhe. »Aus mei'm Sack geaht's! Kann's i's vielleicht nit tuan, i a g'standener Bauer mit fünf Stuck Viech im Stall!« »Und 's sechste Stuck bist du!« belferte die Vef. »Is aa recht!« erklärte der Naz gleichmütig. »Dös is mei Sach'! Und a guat's Stuck Viech is alleweil no meahr wert, als a z'nichts alt's Weibsbild!« »Ja hast dir denn dös überlegt? Hundert Gulden! Hast dir denn ausg'rechnet, wia viel Stamperln Schnaps als du für hundert Gulden kriagst?« fragte die Vef. »Naa, dös hab' i nit ausg'rechnet!« erwiderte der Naz, der über diese plötzliche unerwartete Frage stutzig zu werden begann. »Nachher rechn' dir's aus!« forderte ihn die Vef auf. 249 »Dös bin i nit im Stand!« erklärte der Naz. »Will i dir's ausrechnen!« sagte die Vef, die merkte, daß sie einen Weg gefunden hatte, um das Blättlein schließlich doch vielleicht noch zu ihren Gunsten zu wenden. Es entstand eine Weile Schweigen in der Stub'n. Der Naz hatte sich wieder auf die Ofenbank hingehockt. Das Stehen begann ihm beschwerlich zu werden. Die Vef, die schon in der Schual im Kopfrechnen die beste gewesen war und diese Eigenschaft bei ihrer geizigen Veranlagung nicht abgelegt hatte, rechnete eifrig darauf los. »Hast es iatz?« fragte der Naz nach einer Weile ungeduldig. »Joa!« meinte die Vef. »So a dreitausend Stamperln Schnaps kriagst für hundert Gulden.« »Wa–a–as? Wi–a–a viel?« frug der Naz ganz stotternd vor lauter Überraschung. »Dreitausend Stamperln!« wiederholte die Vef. »Dös is frei nit möglich! So viel Schnaps gibt's gar nit!« rief der Naz, der sich von seiner Verblüffung gar nicht erholen konnte. »Die Rechnung wird schon stimmen!« bestätigte nun auch das Malerle. »Was? Stimmen tuat's?« rief der Naz, dem nun das Ungeheuerliche nach der Versicherung des Malers in den Bereich der Möglichkeit zu rücken anfing. »Dreitausend Stamperln Schnaps!« stieß er 250 bewundernd hervor. Dann schlug seine Laune plötzlich um. Er erhob sich schwerfällig wieder von der Ofenbank und stellte sich breitspurig vor dem Maler auf. »O du verfluachter höllischer Malertuifl!« gröhlte er. »Dreitausend Stamperln Schnaps! Da hättest du mi schian einig'ritten! Dreitausend Stamperln Schnaps für so a lötzes G'malach ! Dös is ja ganz niederträchtig!« »Freilich!« hetzte die Vef. »Der Pemselwascher der elendige hat di lei anschwindeln wollen!« »Jetzt wird mir aber die Sache zu dumm!« rief nun das Malerle, dem die Geduld ausging. »Ich bin hierher bestellt und soll mich noch beschimpfen lassen! Da hört sich doch Verschiedenes auf!« »Natürlich hört si Verschiedenes auf! Da hast recht!« meinte der Naz und trat dem Maler noch näher, so daß dieser unwillkürlich einen Schritt zurückwich. »Ihr habt mir die Summe von hundert Gulden ja selbst angetragen!« beharrte das Malerle auf seinem Recht. »Was hab' i dir antragen?« grollte der Naz. »Nix hab' i dir antragen! Zelm hab' i mir's no nit ausg'rechnet g'habt! Dreitausend Stamperln Schnaps! Du bist wohl g'stoben !« »Der is nit g'stoben! Der hat's faustdick hinter die Ohren!« reizte die Vef den Naz. »Das verbitte ich mir!« rief das Malerle ganz erbost. 251 »Du hast dir da gar nix z' verbitten!« bemerkte der Naz mit einer gewissen unheimlichen Ruhe und trieb Herrn Fritz Degenhart noch um ein paar Schritte vor sich zurück. »Zehn Stamperln Schnaps zahl' i dir, wenn du mi malst! Mehrer koan' Tropfen!« »Ich male nicht für Schnaps!« erklärte Herr Fritz Degenhart empört. »Is dir dös vielleicht z' wenig!« höhnte der Schieferegger Naz. »So viel vertragst ja gar nit! Von zehn Stamperln liegt ja so a Verreckerl, wia du oans bist, unterm Tisch, daß er acht Tag' 's Aufsteah'n vergißt!« »Behaltet euren Fusel, Saufaus alter!« schrie nun das Malerle entrüstet. »Jetzt geht mir wirklich die Geduld aus!« »Was? Fusel? Schimpfen aa no!« gröhlte der Schieferegger Naz und faßte den Maler an den Schultern. »Dir will i's zoag'n, wo der Zimmermann 's Loch g'macht hat! Du Abg'schöpfat vom höllischen Sudkessel du! An ehrlichen Menschen dreitausend Glaseln voll Schnaps außi schwindeln und nachher no aufdrah'n wollen. Hast so was schon amal g'seh'n!« »Schmeiß ihn nur außi den Farbenpatzer!« belferte die Vef. Das Malerle wehrte sich verzweifelt. Den derben Fäusten des Naz war es aber nicht gewachsen. Ehe Herr Fritz Degenhart bis zehne zählen konnte, war er bei der Stubentür draußen. Und nicht noch 252 einmal bis zehne dauerte es, da flog er auch schon zur Haustür hinaus. Er flog in einem gewaltigen Schwung und fiel dadurch weich, weil er auf einen frischgemähten Grashaufen am Rande des Angers zu liegen kam. Seinen Farbenkasten hatte er krampfhaft umklammert gehalten. Die Staffelei kam ihm nachgesaust. Erst später wurde sich Herr Fritz Degenhart aller Einzelnheiten bewußt. Darunter war die Erinnerung an ein kratzbürstiges Gefühl im Gesicht. Er konnte sich's nicht anders erklären, als daß sich die Vef mit einem alten Besen an der Schlacht beteiligt haben mußte. Der Schieferegger Naz ist bis zum heutigen Tage noch ungemalt. Wenn er an die dreitausend Stamperln Schnaps denkt, die ihm bei einem Haar verloren gegangen wären, dann wird er immer von einem gewissen Ingrimm erfaßt und läßt sich in dieser Stimmung den Ohnewanzeler nur umso besser schmecken. 253   Ein Viertel Tiroler Adler. Mein Freund Franz Lauterbacher ist ein ganz guter Kerl. Aber eine schwache Seite hat er. Wenn im Sommer der Fremdenzug in unsere Berge flutet, dann geht er mit einem Mordsgrant herum. Kein Wunder. Erstens ist er Postbeamter. Da hat er vom frühen Morgen bis zum späten Abend Schalterdienst, muß höflich und liebenswürdig sein und auf alle möglichen unnötigen Fragen der Fremden Rede und Antwort stehen. Das macht ihn schauderhaft nervös. Und zweitens behauptet er, daß während der Fremdenzeit der einheimische Gast im Wirtshaus das Stiefkind sei. Das ist für einen Junggesellen schließlich eine Lebensangelegenheit. Es war einmal im August. Mein Freund Lauterbacher und ich hatten uns zum Mittagessen beim »Bären« etwas verspätet. Natürlich waren die guten Speisen schon alle dahin. Lauterbacher schnitt das grantigste Gesicht, das ihm zu Gebote stand. Wir saßen in der Veranda, die hinaus auf den großen schattigen Garten führte. Dort wimmelte es von fremden Gästen. Die Kellnerinnen hatten alle Hände voll zu tun und flogen nur so hin und her. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis wir bedient wurden. Plötzlich zupfte mich nach der glücklich vollzogenen 254 Abfütterung mein Freund am Ärmel. Ich hatte flüchtig bemerkt, daß er sich in den letzten Minuten intensiv mit der Speisekarte beschäftigte, während ich eine Zeitung las. »Da schau' her!« grinste er boshaft und hielt mir die Speisekarte hin. »Was?« fragte ich erstaunt. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Auf der Speisekarte stand in einer Rubrik deutlich zu lesen: »Ein Viertel Tiroler Adler mit Knödel. 1 Krone 80 Heller.« »Ja. Lies nur! Es ist schon richtig!« lachte er lustig. »Wer hat denn den Unsinn hing'schrieben?« fragte ich. »I natürlich!« meinte er befriedigt. Sogar die Schrift hatte er täuschend nachgemacht. »Du wirst sehen, daß so a gehobener Fremder drauf einifallt!« sagte Lauterbacher vergnügt. »Gehobener Fremder«, das war ein Lieblingsausdruck von ihm, den er von der Hebung des Fremdenverkehrs ableitete. Während wir sprachen, kamen drei fremde Touristen in die Veranda, hängten mit viel Geräusch und Umständlichkeit drei riesige Rucksäcke, Eispickel und Lodenmäntel an den Kleiderrechen und nahmen an einem Tisch unweit von uns Platz. Lauterbacher schnitt sein grantigstes Gesicht. Ich bemerkte aber, daß er heimlich gar nicht so unfreundlich zu den Ankömmlingen hinüberschielte. Die Kellnerin holte sich von unserm Tisch die Speisekarte und trug sie zu den Herren. 255 »Na, lassen Sie mir man erst en bisken verpusten!« sagte ein kleinerer untersetzter Herr und fächelte sich mit seinem Taschentuch den krebsroten Kopf. »Jeben Sie man her!« befahl ein großer starker Mann in herrischem Ton und nahm der Kathl die Karte aus der Hand. »Zu trinken?« fragte die Kellnerin. Es wurde Rotwein bestellt. Als die Kathl sich entfernt hatte, um den Wein zu holen, beratschlagten die Fremden eifrig, was sie essen sollten. »Donnerwetter! Hört mal an!« sagte der große starke Herr mit der gebieterischen Stimme. »Hier steht ein Viertel Tiroler Adler mit Knödel. Det werde ick mir bestellen!« »Tiroler Adler mit Knödel? Jibt es denn das?« fragte der dritte Herr, ein hageres Kerlchen, zweifelnd. »Nu natürlich jibt's es! Wenn es da man 'rinnen steht!« erklärte der Große herablassend. »Habe ick noch nie jejessen!« Der kleine Dicke schüttelte mißbilligend den Kopf. »Jloob' ick ooch!« entrüstete sich der große Herr. »Hast ja zum ersten Mal mit der Neese in die Berje 'rinjeschnuppert! Da jibt es noch sehr viel, mein Junge, das du erst mal kennen lernen mußt!« »Na, na, tu man nur nich so dicke!« meinte der dritte Herr gutmütig. »Du bist ooch zum ersten Mal in Tirol!« »Bin ick ooch! Dat bestreit' ick jar nich. Aber ick jetraue mir janz alleene durchzukommen, mein Junge. Ick jetraue mir Land und Leute und Sitten 256 und Jebräuche kennen zu lernen, Jungens. Dat könnt ihr mir jlooben!« sagte der starke Herr prahlerisch. Franz Lauterbacher trat mir auf den Fuß. Seine Nase, die sich wie ein Kolben in seinem Gesicht ausnahm, glühte dunkelrot vor Bosheit und Tücke. Die Kellnerin kam mittlerweile mit dem Wein. »Haben die Herren schon ausg'sucht?« fragte sie. »Jawoll!« Der große Herr hielt noch immer die Speisekarte in der Hand und wandte sich jetzt zur Kathl. »Bringen Sie mir mal die Kiste da: Tiroler Adler mit Knödel!« »Was?« fragte die Kathl. »Nu das Ding da! Ein Viertel Tiroler Adler!« sagte der große Herr, langsam Wort für Wort betonend. »Schmeckt es schön?« fragte der kleine Dicke. »Wohl so 'ne Art Nationaljericht?« erkundigte sich der Dritte. »Dös hab'n wir nit!« sagte die Kathl kurz, die nur halb hingehört hatte. Draußen im Garten wurde ungeduldig nach ihr gerufen und geklopft. »Det haben Se nich?« Der große Herr runzelte die Stirn. »Zu wat schreiben Sie es dann uff die Karte?« »Ja, ja!« rief die Kathl in den Garten hinaus. »I kimm glei'!« Und im Fortlaufen rief sie den Fremden noch zu: »Sie müass'n Ihnen halt eppes anders aussuach'n!« »Nee, so 'ne Jemeinheit!« schimpfte der große Herr. 257 »Es wird eben alle sein!« meinte der dritte Herr achselzuckend. »Alle? Dann muß es durchjestrichen sein!« empörte sich der Große. »Ach laß' man jut sein!« beschwichtigte ihn der Dicke. »Essen wir eben wat andres!« »Ick laß' mir so 'ne Wirtschaft nich bieten!« rief der Große mit erhobener Stimme. »Wat uff die Karte steht, muß uff den Tisch jebracht werden! Verstehst du mir!« Nun war die Gelegenheit für meinen Freund Lauterbacher gekommen, sich in das Gespräch zu mischen. »Der Herr hat ganz recht!« wandte er sich an den Großen. »Man soll sich nix g'fallen lassen!« »Nich wahr?« Der Große nickte meinem Freund wohlwollend zu. »Ick werde mal den Wirt rufen lassen!« »Das nutzt Ihnen nix!« sagte Lauterbacher sehr freundlich. Dann fügte er geheimnisvoll hinzu: »Die Leut' da wollen das Essen nur nit hergeben!« »So? Meinen Sie?« sagte der Große interessiert. Alle drei Herren am Nebentisch kehrten sich nun gegen uns und hörten erwartungsvoll auf Lauterbacher. »I mein' nit nur, sondern i weiß es!« erklärte mein Freund mit Bestimmtheit. »So? Und warum, wenn ich bitten darf!« fragte der Große weiter. »Ja, aus dem einfachen Grund, weil das eigentlich nur eine Speise für Einheimische ist!« erklärte Lauterbacher. 258 »Ja, warum steht das nu uff der Karte?« fragte der kleine Dicke. »Is das 'ne jute Speise?« erkundigte sich der Dritte. »Und ob!« Mein Freund schnalzte mit der Zunge. »Das muß man gegessen haben! So was gibt's nur bei uns in Tirol herinnen!« »So! Na, hab' ick nu mal wieder recht behalten?« freute sich der Große. »Na ja! Wat nützt mir dat, wenn ick es doch nich bekommen kann!« sagte der Dicke. »Sollste kriejen, mein Sohn!« tröstete ihn der Große und klopfte ihn wohlwollend auf die Schulter. »Warum sollen wir das nu nich kriejen, wat jut is!« »Ick bestelle ooch en Viertel mit Knödel!« erklärte der Dritte. »Also dreimal Tiroler Adler!« rief der große starke Herr. Lauterbacher war ganz Wonne. Freundlich und gefällig erteilte er den Fremden Auskunft auf alle Fragen und schilderte ihnen mit großer Glaubwürdigkeit die Feinheit und den Geschmack des ersehnten Gerichtes. Auch verriet er ihnen, daß er selbst vor einer halben Stunde davon gegessen habe. Der Adler sei heute besonders saftig und zart geraten wie selten. Als die Kellnerin wieder an den Tisch zurückkam, bestellte der Große: »Dreimal Tiroler Adler mit Knödel!« Die Kathl riß die Augen auf. Die mußten wohl 259 » g'stoben « sein, dachte sie. Laut aber sagte sie: »Dös gibt's nit! Dös hab'n wir nit!« »Machen Sie mir man jar nischt weiß!« sagte der Große strenge. »Wat uff der Karte steht, det haben Se ooch!« »Naa! G'wiß nit!« versicherte die Kathl und schaute verwundert von dem einen zum andern. »Det haben Se, sage ick!« fuhr der Große mit erhobener Stimme fort. »Kommen Se man her, mein Kind,« meinte der kleine Dicke. »Wie heißen Sie?« »Kathl.« »Also, Kathl, können Sie lesen?« »Ja.« »Na, dann lesen Se mal!« Triumphierend hielt er ihr die Speisekarte hin und fuchtelte ihr damit vor den Augen herum. Kathl warf einen flüchtigen Blick auf die Karte und meinte dann: »I werd' amal in die Kuchl fragen geah'n!« Damit verschwand sie eilig. »Sehen Sie!« triumphierte mein Freund. »Jetzt kriegen Sie's!« »Wir sind Ihnen sehr verbunden!« verbeugte sich der Große dankbar. Die Kathl brachte bald darauf eine eingemachte Henne in einer Schüssel und Knödel als Beilage. Mißtrauisch musterten die drei Fremden das Gericht. »Soll dat 'n Tiroler Adler sein?« frug der große Herr. 260 »Ja!« sagte die Kathl. »Dat is en janz jemeines Huhn!« brach der Große empört los. »Naa, naa, dös is a Adler!« beharrte die Kellnerin. »Nee, en Huhn is es!« Der Große. »Sie wollen uns belämmern!« Der Dicke. »Wir fallen Ihnen nich 'rin!« Der dritte Herr. »Weg damit!« brüllte der Große. Der Lärm lockte aus dem Garten neugierige Zuhörer herbei. Die Kathl war über und über blutrot im Gesicht und dem Weinen nahe. »Jestehen Sie! Sie wollten uns betrügen!« schrie der Große. »Naa, naa, g'wiß nit! Aber wir hab'n koan' Adler nit, und da hat mir die Köchin die Henn' mitgeben!« sagte die Kathl weinend. »Doch! Sie haben den Adler!« rief der große Herr. »Naa, g'wiß nit!« »Doch!« bemerkte der dritte Herr. »Bringen Sie 'n! Uff der Stelle!« brüllte der große Herr mit seiner mächtigen Stimme. Die Kathl verschwand, so schnell sie konnte, mit der Henne. »Du, geh'n wir jetzt g'scheuter!« stieß mich mein Freund Lauterbacher leise an. Der Auflauf im Garten hatte bewirkt, daß der Wirt herbeigeeilt kam. Mein Freund und ich mischten uns während des Folgenden unauffällig unter die Neugierigen, um von dort aus zur richtigen Zeit entwischen zu können. 261 Der Wirt suchte die Fremden zu begütigen. Aber das half nicht das Geringste. »Wat is 'n dat für 'n Land! Dat sind ja russische Zustände!« schimpfte der Große. »'ne unerhörte Jemeinheit!« . . . . »'ne infame Protektionswirtschaft!« sekundirten die beiden andern. »Aber meine Herren . . .« Der Wirt. »Schweigen Sie!« herrschte der Große ihn an. »Ich muß bitten!« unterbrach ihn der Wirt. »Nischt haben Sie zu bitten! Sie haben zu jeben, wat uff der Karte steht!« schrie der Große wütend. »Wir wollen einen Tiroler Adler mit Knödel!« rief der kleine Dicke erbost. »Meine Herren, wenn Sie sich hier nicht anständig benehmen wollen, dann muß ich Sie ersuchen, sofort das Lokal zu verlassen!« rief der Wirt. »Wat?« brüllte ihn nun der dritte Herr an. »Keen' Tiroler Adler mit Knödel kriejen und obendruff noch 'rausjeschmissen werden! Donnerwetter noch mal!« Dabei hieb der dritte Herr wütend auf den Tisch hinein, daß die Gläser klirrten. Der Wirt schien zu überlegen, ob er es mit dem Irrenhaus Entsprungenen oder mit etwas gar sehr Angeheiterten zu tun habe. Er schien endlich der letzteren Meinung zu sein und erklärte scharf: »Wenn die Herren vielleicht g'scheuter ihren Rausch ausschlafen wollten, als hier Krawall und dumme Witze zu machen!« »Wat? Krawall und Witze!« brüllte der Große, der im Gesicht ganz blaurot vor Wut geworden war. 262 »Ick will Sie schon man bewitzeln! Schutzmann! Wo ist 'n Schutzmann!« hörten wir ihn noch rufen. Dann verschwanden wir. Es war besser so. Später soll es wegen dem Viertel Tiroler Adler mit Knödel noch zu einer regelrechten Prügelei gekommen sein. Der Wirt und der Hausknecht beförderten schließlich die drei wütenden Touristen unter Beihilfe einiger mitfühlender Gäste ins Freie. Die Sache soll auch noch ein gerichtliches Nachspiel gehabt haben, wobei die Speisekarte mit dem Viertel Tiroler Adler als Korpusdelikti eine wichtige Rolle spielte. Der eigentliche Übeltäter ist jedoch bis auf den heutigen Tag nicht aufgekommen. Mein Freund freut sich noch immer wie ein Schneehase, so oft er an die Geschichte denkt. 263   Der Jager-Martl. In einem der einsamen Hochtäler, die vom Inntal abzweigen, haust der Martl. Er ist herrschaftlicher Jäger seines Zeichens. Eine stämmige, fast schon zur Korpulenz neigende Figur. Er und sein Weib, die Stina, sind beide nicht mehr jung. Ein Menschenalter schier wohnen sie in dem engen Hochtal. Freilich nur während der Sommermonate. Im Winter könnte man sich da nicht halten, meint der Martl und zuckt bedenklich die Achseln. »Da geaht's da herinnen schiach zua. Alles Eis, Schnee, Stürm' und Lawinen!« Der Martl hat einen anstrengenden Dienst. Es ist beinahe zu verwundern, daß ihm dieses Brot so gut angeschlagen hat. Sein Bäuchlein ist dabei ganz stattlich geworden. Und stets heiter ist er, der Jager-Martl, und guter Dinge. Ein lustiges, pfiffiges Gesicht hat er und etwas spöttisch dreinschauende hellblaue Augen. Die können aber gar scharf sehen. In einer Entfernung, wo ein Ungeübter nur mit dem »Spektivi« oder »Spekuliereisen« was unterscheiden kann, sieht der Martl die Gamsen umadumkraxeln. Jeden Abend vor Sonnenuntergang steht er breitspurig vor seiner Jagerhütt'n, bedeckt die Augen mit 264 der derben, von der Sonne rotgebrannten Hand und schaut hinüber zu den Felsenriffen, die sich am jenseitigen Ufer des schäumenden Wildbaches steil zu schwindelnder Höhe emporrecken. Für diese wilde Gegend ist die Jagerhütt'n des Martl eigentlich ein stattliches Haus. Ein roher Holzbau, doch geräumig und freundlich. Wie kleine Höhlen nehmen sich daneben die paar Sennhütten aus, die in unmittelbarer Nähe des Jägerhauses stehen. An große, verstreut herumliegende Felsblöcke schmiegen sich diese Hütten an, als ob sie Schutz suchten gegen die Unbill des Wetters. Der Martl fühlt sich wie ein König in seinem Reich. Hier herrscht er. Jeder Stein ist ihm bekannt, jeder Fels. Die Gemsen in der Höhe sind seine Freunde und Untertanen. Die Senner schätzen ihn auch. Voll Achtung blicken sie zu ihm auf. Und wenn er ihnen ab und zu die Ehre erweist, von seinem hölzernen Schlößl in ihre niedere, enge Behausung zu steigen, so wissen sie das wohl zu würdigen. Dann sitzen sie in der Sennhütte beim Martl und rauchen und » losen «. Denn der Martl, der kann erzählen. Der hat viel erlebt und viel gesehen. Wenigstens viel für die Begriffe dieser einfachen Bergler. Der Martl führte schon seit Jahren so eine Art Ausschank in seinem Jagerhäusl. Im Sommer, wenn die Touristen das Hochtal durchstreifen, um zu den Gletschern zu gelangen, war das eine ergiebige 265 Einnahmsquelle. Der Gehalt des Martl war nicht groß, und was er sich so nebenher mit Ausschenken verdiente, machte beinahe das Doppelte seines fixen Einkommens aus. Diese Beschäftigung war auch gar nicht anstrengend. Der Martl selbst brauchte dabei überhaupt nichts zu tun. Die Bedienung der Gäste besorgte sein Weib, die Stina. Was brauchten auch solche Bergfexen Besonderes zu essen! Ein paar Eier, Speck, Salami, Milch und ein schmalziger Schmarrn. Damit war der ganze Speisezettel beisammen. Die Stina ließ sich für ihre Mühe jedesmal ordentlich bezahlen. Das taten die Gäste auch gern. Die waren ja froh, daß sie hier was bekamen. Und dann hatten sie sich regelmäßig mit dem Martl prächtig unterhalten. Der machte seine Späße, daß die Fremden oft gar nicht aus dem Lachen herauskamen. In dem kleinen Keller seines Jagdhauses hatte der Martl einen ansehnlichen Vorrat von Flaschenbier und Wein aufgespeichert. Auch der Schnaps fehlte nicht. Der Martl und die Stina taten freilich so, als ob sie keine geistigen Getränke ausschenken würden. Gewöhnlich war der erste Liter Wein, den der Martl aus dem Keller brachte, ein »aufg'wixter«. Er ließ sich dafür nichts bezahlen, sondern schenkte ihn nur ein, um den Gast zu ehren. Der Gast wiederum wollte sich natürlich nicht lumpen lassen und ließ einen Liter auf seine Rechnung kommen. Das war dann das Signal zu einer recht langen feuchtfröhlichen Sitzung. 266 Eigentlich durfte der Martl von Rechtswegen gar keinen Alkohol ausschenken, weil er keine Wirtsgerechtsame hatte und auch keine Steuern zahlte. Er war schon öfters von den Wirten im Tal draußen und von den Schutzhütten bei der Finanzbehörde verzündelt worden. Aber was lang bestanden hat, wenn auch zu Unrecht, gewinnt mit der Zeit regelmäßig den Schein irgendeines Rechtes. So hatte man auch dem Martl bisher durch die Finger gesehen. Da war kürzlich im Tal draußen ein neuer Finanzwachrespizient gekommen. Ein diensteifriger Herr, »a grauslicher Klachl«, wie das allgemeine Urteil der Bevölkerung über ihn lautete. Der hatte sich nun den Jager-Martl aufs Korn genommen. Da eine schriftliche amtliche Verwarnung offenbar nichts gefruchtet hatte und der Martl trotzdem Wein, Schnaps und Bier ruhig weiter ausschenkte, beorderte der Herr Respizient eines schönen Tages zwei Finanzwachleute nach der Jagerhütt'n. Die sollten dort den Keller inspizieren, kontrollieren und alles, was nicht als zum unmittelbaren Hausbedarf gehörend nachgewiesen wurde, mit Amtssiegel versehen und konfiszieren, bis eine weitere oberbehördliche Entscheidung erflossen wäre. Die Stina wäre vor Schrecken bald umgefallen, als am späten Vormittag eines warmen Sommertages plötzlich zwei »Grüanaufg'schlagene« angerückt kamen und den Keller zu visitieren begehrten. Der Martl hatte ruhig und gleichmütig, den Hut am Kopf und die Hände in den Hosentaschen, den beiden 267 Finanzern zugehört und nur ab und zu ein bissel geschmunzelt. Als der eine Finanzer, ein noch junger Mensch mit blondem, schneidig aufgezwirbeltem Schnurrbart, seine Rede beendet hatte, maß er den Martl vom Kopf bis zu den Füßen, offenbar um zu sehen, welchen Eindruck er in seiner amtlichen Würde gemacht hatte. Der Finanzer war ein Steirer und bemühte sich eifrig, recht schön hochdeutsch zu reden. Sein Begleiter war auch noch ganz jung. Ein Wälscher aus Südtirol, so schwarz, wie der andere blond war. Der Martl stand noch immer unbeweglich wie eine Bildsäule vor den beiden und blinzelte sie listig von der Seite an. »Wollt's nit a bissel in die Stub' einergiahn?« lud er sie dann freundlich ein und öffnete eine niedere Tür. Diese führte in das gemütliche Jagerzimmer, das als Gastzimmer benützt wurde. Die beiden Finanzer sahen einander ratlos an. Sie wußten ersichtlich beide nicht, was sie tun sollten; denn keiner rührte sich vom Fleck. Eine Weile weidete sich der Martl an ihrer Verlegenheit. Dann meinte er: »Tuat's, wia's wollt's! I hab' lei denkt, ös kunnt's müad sein. Es is woltern hoaß da aufer. Und ös seid's damisch derhitzt. 's rinnt enk der Schwitz lei a so awer!« meinte er mitleidig. »Aber mei! Dö jungen Leut' heutigstags! Leichtsinnig halt!« Bekümmert schüttelte er den Kopf. Dann zog er einen großmächtigen Schlüssel 268 aus der Hosentasche und ging zu einer Tür, die sich in entgegengesetzter Richtung befand. »Alsdann,« forderte er die beiden auf. »Giah'n wir in Keller abi!« Wieder blickten sich die beiden Finanzer ratlos an. »Ick glauben, wir gönnen sie suerst a bissele in das Stuben geh'n!« sagte der Wallische. »Geben Sie mir der Slussel!« wendete er sich barsch an den Martl. Dieser gab den Schlüssel sofort bereitwillig ab. Die drei Männer gingen in das Jagerstübele und ließen sich dort nieder. Der Martl hockte ein wenig abseits und beobachtete die zwei Finanzer heimlich. Diese saßen würdevoll in der Ecke beim Tisch und sprachen keine Silbe. Nach einer Weile des Schweigens fragte der Martl den einen von ihnen: »Du bist a Wallischer, gelt?« » Si, si! « erwiderte dieser kurz, ohne den Jäger anzusehen. Abermals eine Pause. Der Martl dehnte sich behaglich auf seinem Sitz. »Und du?« fragte er dann und deutete mit seinen dicken Fingern auf den zweiten Finanzer. »Ich bin aus Steiermark!« antwortete der trocken. »Oha!« machte der Martl mit ernster Miene. Draußen war ein schwüler Sommertag. Die zwei Grüanaufg'schlagenen hatten einen tüchtigen Marsch hinter sich. Ein brennender Durst quälte sie. Wenn sie nur ein Wasser hätten. Sie hatten draußen vor der Hütte nirgends einen 269 Brunnen erspähen können. Und diesen Kerl da mit den spöttisch dreinblickenden Augen mochten sie nicht darum fragen. Sich mit dem nur in kein Gespräch einlassen! Sonst würde er frech, dachten sie. Aber der Durst folterte sie immer ärger. In ihren Feldflaschen hatten sie noch etwas Schnaps. Vielleicht half der über den ärgsten Durst hinweg. Nur so lange, bis sie hier ihre Pflicht erfüllt hatten und den Heimweg antreten konnten. Dann wollten sie schon Wasser genug finden. Der Martl erriet ganz genau, wie es um die beiden stand. Als zuerst der Wallische und dann der Steirer nach seiner Feldflasche langte und einen herzhaften Schluck daraus tat, nickte der Martl wohlwollend. »So ist's recht!« meinte er beifällig. »Amerst an Schnaps und nachher a Wasser! Stina, bring' a frisches Wasser!« schrie er in die Kuchl hinaus. Als die Stina einen Krug voll brachte, holte er selbst aus einem Wandschrank zwei Gläser herbei und schenkte seinen Besuchern das Wasser ein. »Da! Jatz mögt's trinken!« ermunterte er sie in väterlichem Ton. »'s tuat oan' heutigstags ganz wohl, wann man no junge Leut' antrifft, dö a bissel auf'n Gsund schaug'n,« meinte er dann. »Der Gsund is decht's Beste, was oaner hat. I zum Beispiel. I hab' alleweil auf'n Gsund g'schaugt. Und da schaugt's mi an! I bin schon mehr als sechzig und nia nit a Stund' krank g'wes'n im Leben!« Breitspurig stellte er sich vor den beiden Männern 270 auf, die gierig das Wasser hinuntergetrunken hatten und sich nun wie neugeboren vorkamen. Der Jager-Martl schien doch nicht so boshaft zu sein, wie ihn der Herr Respizient geschildert hatte, dachten die Finanzer bei sich und begannen den Martl mit viel freundlicheren Augen zu betrachten. »Sein sie nit a bissele freddo in Winter da?« fragte der Wallische. »Wohl! Sell wohl!« erwiderte der Martl. »Aber da bin i nit da. Da kann si koa Mensch halten da herinnen!« »Gibt es auch Lawinen?« erkundigte sich der Steirer interessiert. »Sell will i moanen!« entgegnete der Martl. Dann nach einer kleineren Pause: »Ös zwoa seids wohl no nit lang bei uns in der Gegend!« » No! No! « rief der Wallische. » Solamente heiniger Monate!« »Habts nit Hunger?« fragte dann der Martl über eine Weile in fürsorglichem Ton. »Wir aben sie son Speck!« lachte der Wallische und legte, da es ihm für die Dauer zu warm wurde, Kappe, Gewehr und Seitengewehr neben sich auf die Bank. Auch der andre Finanzer tat alsbald desgleichen. Die Situation wurde entschieden gemütlicher. Der Martl betrachtete die beiden eine Zeitlang ganz wohlgefällig. »Wie alt seids iatz ös?« fragte er dann. »Fünfundswansig,« lachte der Wallische und ließ eine Reihe blendend weißer Zähne sehen, 271 »Zähnd hast guate!« lobte der Martl. Dann holte er aus der Kuchl ein Stück hartgeselchtes Fleisch, zwei Paar Boxelen und einen schwarzen Wecken und legte das vor die beiden auf den Tisch. »Da eßt's! Dös braucht's ja nit z' konfisziarn!« meinte er. Die beiden jungen Leute hatten einen Bärenhunger. Der Jager-Martl war wirklich zu nett. Ihre amtliche Mission bei ihm begann ihnen schon völlig leid zu tun. »Wir gönnen sie niente dafür!« entschuldigte sich der Wallische. »Sie wiss'n son . . .« »Pflicht ist Pflicht!« sagte der Steirer mit Würde. »Eßt's lei amal!« mahnte der Martl und lächelte gutmütig. Das ließen sich die beiden nicht ein zweitesmal sagen. Wie die Drescher hieben sie drein. Der Martl, der nun bei ihnen in der Tischecke saß, sah ihnen wohlgefällig zu. »Die Stina kocht heut' Knödel. Mögt's mithalten?« lud er sie über eine Weile ein. »Ja – aber . . .« Verlegen sah der Steirer nach seinem Kameraden. »Wir werden sie mussen bald eimgeh'n!« meinte der Wallische bedenklich. »Jatz? Bei dera Hitz? Seid's narret?« rief der Martl. »Was versaumt's denn draußen? 's Giahn is ja viel feiner, bald die Sunn' unter is. Und wir haben soviel a guate Luft nachher. Vom Fearner 272 hear! Dös is a Luft! Geaht's, bleibt's da bis auf'n Abend!« »Ja aber . . .« wandte der Steirer zögernd ein. »Wir mussen sie eut Habend draußen heintreffen. Die Err Respizient spetta, spetta warten sie hauf uns,« sagte der Wallische ausweichend. »Alsdann eßt's halt amal Knödel mit uns!« meinte der Martl gleichmütig und ging hinaus zur Stina, um das Mittagessen anzuschaffen. Bis die Knödel kamen, unterhielten sich die drei Männer prächtig miteinander. Der Martl erzählte den Finanzern von seinen Erlebnissen und von den fremden Touristen, die da herein kamen. »Was da für Kampeln daherkommen a diabat ! Koa Mensch glabet's! Einfäll' hab'n dö Hearrischen!« . . . Die beiden Finanzer hatten sich in ihrem Leben selten so gut unterhalten, wie jetzt mit dem Martl. Als die Stina, die wieder ganz beruhigt aussah, die Knödel brachte, zwinkerte der Martl lustig mit seinen listigen Äuglein den Wallischen an und sagte: »Wann i iatz nit'n Kellerschlüssel hätt' abgeben müassen, aftn tat' i enk an Liter Wein aufwix'n! I hätt' a guats Tröpfl!« Dabei kratzte er sich wie nachdenklich hinter den Ohren und rückte sein Hüatl wie ein junger Bursch keck nach seitwärts. Der Wallische kämpfte einen harten Strauß mit sich selbst. Die Aussicht auf einen guten Tropfen nach dem langen, anstrengenden Weg war sehr 273 verlockend. Aber sie sollten ja eigentlich den Wein konfiszieren! Verlegen schielte er nach dem Steirer, der ganz ähnliche Empfindungen haben mochte. Der Martl aber war schlau. Er erriet wiederum ganz genau die Gedanken seiner Gäste. »I tat's enk vergunnen!« meinte er. »'s tat' enk wohl so a Tröpfele! Und iatz könnts 'n ja no trinken. Jatz habts ja no nix konfisziart! Wenn halt oaner von enk mit abi gang' in Keller. I tua koan' Wein versteck'n nit. Ös könnts aa boade mitgiah'n!« schlug er vor. Nach einem längeren Hin- und Herreden entschloß sich der Steirer, mit dem Martl in den Keller zu gehen und einen Liter Wein heraufzuholen. Der Wein war tatsächlich köstlich. Wie Öl floß er durch die Kehle. Der Wallische verstand sich auf ein gutes Tröpfl. Sein Vater drunten in Südtirol, erzählte er, baute auch Wein. Die Stina mußte mittrinken. Das taten die zwei Finanzer nicht anders. Als die Knödel vertilgt waren, stieg der Martl mit dem Steirer noch einmal in den Keller hinunter, um die Flasche frisch zu füllen. Die Stina mußte inzwischen einen saftigen Schmarrn kochen; denn der Martl erklärte, er habe sich noch nicht satt gegessen. Nach dem Schmarrn wanderte der Martl abermals in den Keller. Diesmal begleitete ihn der Wallische. Der Martl füllte aber nicht mehr die Flasche, sondern nahm vorsichtshalber den riesigen Wasserkrug und ließ ihn bis zum Rande voll Wein 274 laufen. Wie viel Liter der Krug faßte, wußte der Martl selbst nicht. So mindestens vier. Die Gesellschaft wurde immer lustiger. Der Martl holte die Guitarre herbei und begann zu singen. Auch der Wallische und der Steirer sangen abwechselnd. Hie und da rührte sich wohl das Gewissen. Aber der Martl verstand es vortrefflich, diesen unangenehmen Mahner wieder einzulullen . . . »No habts nix konfisziart! No g'hört der Wein mein! Und i kann ihn verschenken, wem i will!« Nach dem Schmarrn hatte nicht der letzte Gang in den Keller stattgefunden. Nur daß es den zwei Finanzern zu mühselig geworden war, den Martl zu begleiten. Sie ließen ihn daher allein gehen. Der pfiffige Jager-Martl war während des ganzen Zechgelages so ziemlich nüchtern geblieben. Dafür schüttete er aber den beiden Finanzern um so fleißiger auf, so daß diese schließlich total »zua« waren. Es war Abend geworden. Das frische, schneidige Fearnerlüftl begann im Freien zu blasen. Davon bekamen der Wallische und der Steirer aber nichts mehr zu spüren. Die lagen bewegungslos wie die Holzklötze auf den Bänken im Jagerstübele und schliefen ihren Rausch aus. Der Martl jedoch freute sich damisch, daß er die zwei Finanzer drangekriegt hatte. Als er zufällig wieder einmal vor seiner Hütt'n Ausschau hielt, sah er plötzlich, wie noch ein dritter Finanzer den steilen Weg heraufkrauchte. Ein dürres, 275 kleineres Manndl. Das war der gestrenge Herr Respizient. Der hatte offenbar auch noch selbst zum Rechten sehen wollen. Der Martl empfing den Respizienten mit einem spöttischen Schmunzeln unter der Tür des Jagerhäusels. Dieser erkundigte sich kurz und barsch, ob nicht zwei Finanzwachleute dagewesen seien. Die seien schon noch da, erwiderte der Martl, und führte den Respizienten ins Jagerstübele, wo der Wallische und der Steirer um die Wette schnarchten wie zwei Brettersägen. Der Respizient überblickte gleich die ganze Situation und wurde springgiftig. Der Martl meinte aber lustig, die beiden Finanzer täten jetzt grad' Wein konfiszieren. Bis morgen in der Früh dürften sie mit dieser anstrengenden Beschäftigung schon vielleicht fertig sein. Umsonst versuchte es der Respizient, seine Untergebenen zu wecken. Der Steirer schlug mit Händen und Füßen aus, als er ihn wachzurütteln unternahm. Und der Respizient hätte bei einem Haar ein paar ordentliche Fußtritte und Faustschläge abbekommen, wenn er nicht noch rechtzeitig ausgewichen wäre. Ebenso vergebens war es bei dem Wallischen. Der reagierte auf die Ernüchterungsversuche nur insoweit, als er im Schlafe mit einer gewissen Begeisterung lallend zu singen anhub: » Bella Italia, terra d'amore... « Schimpfend verließ der Herr Respizient das Schlachtfeld. Auf die höfliche Einladung des Martl, 276 ob er nun nicht selbst den Wein konfiszieren wolle, hatte der diensteifrige Mann nur die Antwort, daß er dem Jager wütend mit der Faust drohte und ihm ankündigte, er würde schon noch weiteres hören. Damit war er bei der Tür draußen und trat bei der hereinbrechenden Dämmerung den Rückweg an. Natürlich war es schon Nacht, als der wutschnaubende Respizient wieder heimkam. Der Katzenjammer, mit dem der Wallische und der Steirer am Vormittag des nächsten Tages erwachten, ließ sich sehen. Dazu auch noch der moralische Kater. In der Jagerhütt'n war niemand zu finden. Weder der Martl noch sein Weib. Alles Rufen nützte nichts. Auch eine Nachfrage bei den Sennern blieb umsonst. Diese wußten nicht, wo der Martl und die Stina gerade umgingen, oder wollten es auch gar nicht sagen. Die hatten sich einfach aus dem Staub gemacht. Den beiden Finanzern dämmerte nun allerdings allmählich ein Licht auf, daß sie einem perfiden Streich des alten Jagers zum Opfer gefallen waren. Nun hieß es eben gute Miene zum bösen Spiel machen. Vor allem mußte man sehen, schleunigst wieder heimzukommen. In einer Sennhütte löschten die zwei Finanzer ihren scheußlichen Durst durch ein paar Schüsseln voll frischer Milch. Dann kehrten sie dem einsamen Hochtal den Rücken, nicht gerade mit erbaulichen Gefühlen. Im weiteren Verlauf des Vormittags, als das 277 Nest leer war, kamen auch der Martl und die Stina wieder zum Vorschein. Der Martl rieb sich boshaft und zufrieden die Hände, als er von den Sennern erfuhr, wie eifrig die beiden Finanzer ihm nachgefragt hatten. Herausgekommen ist bei der ganzen Sache nicht viel. Höchstens für den emsigen Respizienten. Die beiden Finanzer, der Wallische und der Steirer, bekamen von der Oberbehörde einen tüchtigen Verweis. Weiter geschah ihnen nichts. Offenbar hatte sich irgend ein vernünftiger Vorgesetzter gefunden, der auch einen gewissen Sinn für den Humor des ganzen Streiches besaß. Der Herr Respizient wurde jedoch bald darauf zu seiner nicht geringen Überraschung und Wut anderswohin versetzt. Man liebt die allzu scharfen Herren nicht immer. Besonders wenn durch ihr Vorgehen die »Grünaufg'schlagenen« noch mißliebiger unter der Bevölkerung werden, als sie es ohnedies schon sind. Der Martl schenkt nach wie vor Alkohol in Form von Wein, Flaschenbier und Schnaps aus. Der neue Respizient hat ihm, wie die früheren, nichts mehr in den Weg gelegt. Ob der Martl infolge seiner »hoach'n« Verbindungen, die er ab und zu unter seinen Gästen gewinnt, nicht mehr behelligt wird oder ob man es überhaupt nicht der Mühe wert findet, von ihm noch weitere Notiz zu nehmen, wollen wir dahingestellt sein lassen. Die Stina ist seitdem mit den Preisen noch 278 beträchtlich in die Höhe gefahren und rechtfertigt dies den Fremden gegenüber, indem sie meint: »Wißt's, Hearr, dös Ausschenken da herinnen is koa Kloanigkeit nit. Man hat mit der Finanz grad' so viel Umständ' und Schererei und Kosten! Koa Mensch glabt's, was dös für Kosten sein. Völlig die Haut ziach'n sie oan' vom Leib ab wegen an jeden Lackele Wein oder Biar. Und schon gar der Schnaps. Der is schiar nimmer zu erschwingen. Wenn's der Martl und i nit den Fremden zuliab taten, wir hätten die Hütt' schon längst zuagsperrt und lasseten koan' Menschen mehr einer!« Der betreffende Tourist wird dann meistens ganz gerührt, greift noch einmal extra zu einem Trinkgeld in die Tasch'n und schimpft gemeinschaftlich mit der Stina weidlich über die Finanz und die dadurch hervorgerufenen Mehrkosten. 279   Lipp in der Höll'. Eigentlich konnte der Gluderer Lipp nur in die Haut hinein froh sein und unserm Herrgott kniefällig danken, daß er die Breitlahner Rosl nicht zum Weib bekommen hatte. Ja, wenn er ein besonders dankbarer Mensch gewesen wäre, dann wäre er jährlich einmal mit ungekochten Erbsen in den Stiefeln nach Absam oder gar nach Weißenstein wallfahrten gegangen. Das wäre noch immer das hundertmal kleinere Übel und die geringere Plag' gewesen als die Breitlahner Rosl, die der Schoaten Lenz nun schon seit einer langen Reihe von Jahren am G'nack hatte. Deswegen konnte der Gluderer Lipp den Schoaten Lenz aber doch nicht ausstehen. Es gab für ihn im ganzen Dorf keinen Menschen, den er noch weniger hätte leiden können als den Lenz. Das hatte seinen Grund in der verdammten menschlichen Eitelkeit. Als der Gluderer Lipp noch jünger an Jahren war und nicht schon ein tüchtiger Fünfziger, da hatte er die Breitlahner Rosl zum Schatz gehabt und war ernstlich mit dem Gedanken umgegangen, die Dirn zu heiraten. Damals war ihm der Schoaten Lenz in die Quere gekommen, hatte ihm 280 das Madl abspenstig gemacht und die Rosl auch richtig aufgeheiratet. Für diese Heldentat hätte der Lipp dem Lenz von Rechtswegen Zeitlebens dankbar sein sollen. Denn sonst wäre eben jetzt er selber der geschlagene Häuter gewesen, der der Lenz in Wirklichkeit war. Der Lenz hatte sich nämlich ein rechtes Ehkreuz eingetan. Sein Weib hatte die Hosen und das Regiment im Haus, und der Schoaten Lenz traute sich für gewöhnlich gar nicht zu mucksen. Das Alles stimmte aber den Lipp nicht im geringsten milder. Der Schoaten Lenz hatte ihm das Diandl damals halt doch abwendig gemacht. Er, der Lipp hatte den kürzeren gezogen. Und das konnte er dem Lenz einmal nicht vergessen und verzeihen. Diese Abneigung beruhte übrigens auf Gegenseitigkeit. Der Lenz konnte den Lipp ebensowenig leiden. Bei dem Lenz war es ein Gefühl des Neides und der Reue. Daß justament er so sakrisch hatte hineinsitzen müssen, während der Lipp kreuzfidel und ledig in der Welt herumlief. Dem Gluderer Lipp ging soweit auch gar nichts ab. Er hatte ein ganz schönes Güatl, auf dem er mit einer alten Dirn und einem Knecht hauste. Schlecht ging es ja dem Schoaten Lenz auch nicht. Kinder hatte es keine abgegeben. Er mit seinem Weib hatte ein nettes Drauskommen. Wenn es nur mit der Rosl selber ein Auskommen gewesen wäre! Wenn sich der Lipp und der Lenz trafen, dann gingen die Stichelreden hin und wider. Ein 281 paarmal waren sie auch schon zum Raufen gekommen. Dabei hatte jedoch der Lenz regelmäßig verloren. Der Lipp war ein knochiger starker »Klachl« mit einem zerzausten, schon ziemlich grauen Schnauzbart im Gesicht und borstigem Haar. Der Lenz war schwächer. Vielleicht hatte dazu auch sein Ehkreuz beigetragen. Er hatte schon eine ziemlich starke Glatze und trug keinen Bart. Daß die zwei zusammenkamen, ohne daß einer den andern » anhantigte «, konnte man sich fast nicht vorstellen. An einem Novemberabend waren sie beide die letzten Gäste beim Engelwirt. Jeder hatte an einem andern Tisch seine eigene Gesellschaft gehabt. Alle übrigen waren bereits heimgegangen. Nur der Gluderer Lipp und der Schoaten Lenz hockten noch jeder allein an seinem Tisch. Der Lipp hatte offenbar schon stark geladen, während der Lenz noch einen völlig nüchternen Eindruck machte. Plötzlich erhob sich der Gluderer Lipp etwas schwankend und setzte sich zu seinem ehemaligen Nebenbuhler an den Tisch. Der Schoaten Lenz schnitt ein gereiztes Gesicht; denn er wußte, daß es jetzt gleich wieder angehen werde. Darin sollte er sich auch nicht getäuscht haben. Der Lipp bestellte sich eine frische Halbe Wein, schenkte sich gemächlich ins Glas ein und schielte den Lenz von der Seite spöttisch an. 282 »Du, Lenz, hast du dir heut' schon deine Boaner numeriar'n lass'n?« frug der Lipp. »Lass' mir mei' Ruah'!« brummte der Schoaten Lenz mürrisch. »I lass' dir ja amerst dei' Ruah'!« erwiderte der Lipp mit einem gewissen höhnischen Mitleid. »Wenn lei sie dir a Ruah' laßt! Aber i moan', da hat's heut' an höllischen Hack'n! Getraust du di denn heut' no hoam? Es is schon glei Zwölfe in der Nacht! Drum hab' i dir ja g'sagt, du sollst dir deine Knochen numeriar'n lass'n! Weil d' sie sonst vielleicht gar nimmer z'sammen findest, wenn dir sie die Rosl alle ausanander schlagt!« »I lass' mi nit schlag'n!« behauptete der Lenz. »Naa, lass'n tatest di nit, wenn du di derwehren tatest! Aber so bist halt do a g'schlagener Hascher!« »Schad', daß es nit du bist! Ich tat's dir vom Herzen vergunnen! Sell kannst mir glaub'n!« »Dös glaub' i dir schon!« lachte der Lipp und goß sich den Rest aus seiner Flasche ins Glas. »Kellnerin, no a Halbe!« Heute hatte der Lipp einen Höllendurst. Mit der Zunge kam er auch nicht mehr recht vorwärts. Er begann schon zu lallen. »Siehst, Lipp,« sagte der Schoaten Lenz, »i bin a g'schlagener Hascher. I hab' die Höll' schon auf derer Welt. Dafür kimm i amal vom Mund auf in Himmel. Du kimmst aber sicher in d' Höll'!« »Was d' nit sagst!« meinte der Lipp, der auf 283 diese Wendung des Gespräches gar nicht gefaßt war, völlig erschrocken. Die Kellnerin hatte ihm inzwischen den Wein gebracht. Er leerte zu seiner Stärkung gleich ein ganzes Glas voll auf einen einzigen Zug hinunter. »Du kimmst amal so sicher und g'wiß in d' Höll', wia's Amen im Gebet is!« fuhr der Schoaten Lenz fort. »Wo sollst du denn anders hinkommen! Den Himmel hast ja schon auf der Welt da! Di plagt niamand, di schindet niamand. Du hast das ganze Jahr Kirchtag. Dafür werden's di nachher schon in der andern Welt zwicken, daß dir Hör'n und Seh'n vergeaht! Pass' lei auf!« Von der Höll' hörte der Gluderer Lipp nicht gern reden. Das war seine schwache Seite. Den Teufel fürchtete er. Und wenn der hochwürdige Herr Pfarrer den räudigen Schäflein der Gemeinde die Hölle einmal ganz besonders heiß machte, dann begann der Lipp fast zu schwitzen vor lauter Angst. Deswegen ging er aber doch in jede Predigt. Es war ihm eine Art schauriger Genuß, wenn von der Kanzel recht tüchtig heruntergeteufelt wurde. Am liebsten besuchte er daher in der Fastenzeit die Bußpredigten der Missionäre. Da wurde die Hölle mitunter besonders saftig geschildert. Der Gluderer Lipp glaubte öfters beinahe einen Bratelgeruch von all den schmorenden Verdammten in den höllischen Pfannen und Sudkesseln in der Nase zu spüren. Wenn es auch ziemlich aus der Mode gekommen ist, mit den ewigen Strafen gar zu dick aufzutragen, 284 so ergänzte die Phantasie des Lipp doch jede Andeutung des von der Kanzel wetternden Paters und baute an seinen Worten nach Belieben weiter. Als daher der Schoaten Lenz auf einmal so mir nichts dir nichts behauptete, daß er, der Lipp sicher in die Höll' komme, war ihm dies entschieden sehr ungemütlich. »Was woaßt denn du von der Höll'!« entgegnete er dem Lenz ausweichend. »Da versteahst du an Schmarrn davon! Du bist ja koa Pater nit!« »I versteah' vielleicht mehr davon als wia a Dutzend Pater!« behauptete der Lenz. »Dö sagen dir grad' nit alles, wia's amal sein wird, weil sonst die Leut' vor lauter Schreck'n aus der Kirch'n laufeten! Aber i hab's g'lesen in an uralten Buach! Du wirst no ganz anders verzweifeln, wenn di der höllische Schürmoaster amal beim G'nack hat! Du wirst sprotzen !« Der Lipp begann unruhig auf seinem Sitz hin und her zu rücken. Der viele Wein hatte ihm ohnedies schon » türmisch « gemacht. Jetzt begann er seinen Rausch noch mehr zu fühlen. Die Vorstellungen und Gedanken fingen sich ihm an zu verwirren. »Du woaßt gar nix!« versuchte er dem Lenz noch einmal zu entrinnen. Der ließ aber nicht los. Eine so günstige Gelegenheit kam nicht bald wieder, daß er sich an dem Lipp gehörig rächen konnte. 285 Der Schoaten Lenz gab seiner Stimme einen geheimnisvollen Ton und fuhr fort: »I sollt' dir's eigentlich nit sagen, wia's dir amal geaht, weil d' a zwiderer Kunt bist! Aber vielleicht kannst di no bekeahr'n . . . und i will nit die Schuld sein, wenn di der Tuifl holt. Auskommen wirst ihm freili desweg'n do nit!« »Mi holt er nit!« schnaufte der Lenz mit ehrlicher Bestürzung. »Di holt er, und dös g'schwinder, als du selber moanst! Wenn d' nachher unten bist, wirst an boade Haxen mit glüanige Hufeisen b'schlagen und muaßt in dem Zuastand glei an Landlerischen tanzen! Deine Haar' und dein' Schnauzer reißen sie dir aus und setzen dir dafür lauter glüanige Drahtstiften ein! Nachher kimmst in a Schwefelbad, a paar Tag lang, bis d' über und über voll Schwefel bist! Z'letzt wirst anzunden! Dös wird a Feuerl abgeben!« »I bitt' di, hör' auf!« flehte der Gluderer Lipp, der bereits zu schwitzen begann wie bei den Bußpredigern. »'s Allerärgste kimmt erst!« ließ sich der Lenz nicht beirren. »Wenn d' a paar Tag' lang brennt hast, darfst di an ganzen Tag und a ganze Nacht ausrasten und zu dein' Weib hoamgeah'n!« »I hab' ja koa Weib nit!« wandte der Lipp ein. »Da wirst di aber schneid'n!« sagte der Schoaten Lenz überlegen. »In der Höll' hat jeder a Weib! 286 Für was wär's denn sonst die Höll'! Ledige Fetzen gibt's da drunten koane! Da ging's den Verdammten viel z'guat! Du kriagst in der Höll' die Rosl zum Weib!« »Naa! Naa!« protestierte der Gluderer Lipp. Er brüllte es ordentlich heraus und fuhr sich mit beiden Fäusten entsetzt durch seine Haarbürste am Schädel. »Du kriagst in der Höll' die Rosl zum Weib!« wiederholte der Lenz mit unheimlicher Ruhe. »Dö bleibt dir nit aus! Siehst es, i hab' sie halt in dem irdischen Jammertal hab'n müass'n! Du muaßt sie aber ewig hab'n! Du wirst sie nimmer los!« »Kellnerin, no a Halbe!« rief der Lipp verzweifelt. »Da nutzt dir alles Saufen nix!« meinte der Lenz. »Geah' iatz g'scheuter hoam, erweck' Reu' und Leid und werd' a anderer Mensch!« Der Lipp erwiderte gar nichts, sondern schenkte sich stumpfsinnig frischen Wein ein. »Also die Rosl kriagst zu dein' höllischen Weib!« führte ihm der Schoaten Lenz abermals zu Gemüte. »Da wirst a Leb'n hab'n dabei! Tag und Nacht koa Ruah! Du wirst dem Herrgott danken, wenn dö kloane Rastzeit dahoam wieder um is, sie di wieder in's Schwefelbad tunken und du aufs neue für a paar Tag' anzunden wirst! Wia a Sommerfrisch wird's dir vorkommen gegen die Rosl!« Der Gluderer Lipp ließ seinen halben Wein stehen und taumelte plötzlich in die Höhe. »Jatz geah' i hoam! Kellnerin zahlen!« erklärte er. 287 Er mußte in seinem Rausch mühselig die Münzen zusammensuchen. Endlich hatte er die Zeche berichtigt. Auch der Schoaten Lenz zahlte. Der Gluderer Lipp torkelte ins Freie. Der Lenz schloß sich ihm an. In der naßkalten Nachtluft wurde der Lipp etwa nicht nüchterner. Im Gegenteil. Die frische Luft wirkte nach der dumpfen, rauchigen Wirtsstube geradezu betäubend. Es drehte sich alles im Kreise um den Lipp. Bei einem Haar wäre er herg'schnellt, wenn ihn der Schoaten Lenz nicht noch rechtzeitig aufgefangen hätte. Nun nahm ihn der Lenz unter den Arm und meinte: »Weil d' amerst in d' Höll' kimmst, will i di heut' hoamfüahr'n! Du findest den Weg ja nimmer alloan. In der Höll' wird di nachher schon die Rosl hoamfüahr'n! Dö kann's viel besser!« »Höllischer –« gröhlte der Lipp. Mehr brachte er nicht mehr heraus. Dann vertraute er sich geduldig der Führung des Lenz an. Der Gluderer Lipp merkte es in seinem » Mordszapfen « nicht, daß der Schoaten Lenz mit ihm eine Richtung eingeschlagen hatte, in der sein Gehöft gar nicht lag. Der Lenz ging gerade nach der entgegengesetzten Seite. In dem Hirn des Lenz war ein teuflischer Gedanke erstanden. Er grinste boshaft vor sich hin, während er den taumelnden Lipp mühselig und langsam mit 288 sich fortschleppte. Heute wollte er es dem Lipp einmal eintränken, dachte der Schoaten Lenz. Die beschwerliche » Plünderfuhr « war endlich etwa fünf Minuten außerhalb des Dörfels gekommen. Es war eine sternhelle Nacht. Der Mond hatte sich schon hinter die Berge verduftet. Der Lipp schlief im Gehen und begann sogar ganz behaglich zu schnarchen. Der Lenz störte ihn nicht im geringsten und schleppte sich im Schweiße seines Angesichts mit ihm weiter. An einem kleinen Roan tauchten die Umrisse der Behausung des Schoaten Lenz auf. Der Lenz hatte den Gluderer Lipp an beiden Schultern gefaßt und schob ihn nun wie einen Karren vor sich her, während der Lipp alle Augenblicke den Knieschnapper bekam und ernstlich Miene machte, sich in aller Gemütsruhe auf den Boden niederzulegen. Nun waren die beiden in dem Angerl vor dem Hause des Schoaten Lenz angelangt. Der Lenz schob seinen Begleiter noch einige Schritte vor sich her und setzte ihn dann behutsam auf die Bank vor dem Haus nieder. Der Lipp lehnte sich behaglich an die Hauswand und schnarchte. Auf den Zehenspitzen » tixelte « der Schoaten Lenz zur Haustür und klinkte sie auf. Dann hob er den Lipp von der Bank empor, führte ihn zur Haustür, schob ihn in den stockdunkeln, engen Hausflur und schloß die Tür wieder sorgfältig hinter ihm. 289 Mit leisen Schritten schlich er dann ums Haus herum nach dem Stadel und suchte sein Nachtlager im Heu. Von den zunächst folgenden Ereignissen hörte der Schoaten Lenz nur einen gedämpften Schall. Er schien aber trotzdem von allem genau unterrichtet zu sein, als ob er es mit eigenen Augen geschaut hätte. Er rieb sich zufrieden die Hände. Als er jedoch zuletzt ein dumpfes Getöse hörte, wie von einer schweren Tür, die zugeschlagen wurde, da zog er vor lauter Vergnügen die Knie fast bis zum Kinn empor und schüttelte sich vor Lachen. Der Gluderer Lipp war also in den stockdunkeln Hausflur beim Schoaten Lenz getaumelt. Die Tür hatte sich hinter ihm geschlossen. Zunächst rannte er mit dem Schädel gegen eine Wand. Davon wachte er einigermaßen auf, ohne sich jedoch von seiner augenblicklichen Lage irgendwelche Rechenschaft geben zu können. Er tat daher das Vernünftigste, was sich in einer solchen Lage tun läßt, und hockte auf den Boden nieder. Die Sache kam ihm trotz seines Rausches doch sonderbar vor, und er begann, soweit dies seine umnebelten Sinne gestatteten, darüber nachzudenken, was denn eigentlich mit ihm los sei. Da er auf diesem Weg zu keinem Resultat gelangte, versuchte er es, aufzustehen, kollerte aber sofort wieder zu Boden. Nun unternahm er es, auf allen Vieren zu 290 kriechen, stieß jedoch gleich irgendwo mit dem Schädel an eine Wand, daß ihm die Funken nur so vor den Augen sprühten. Schließlich und endlich riß dem Gluderer Lipp die Geduld. Er fing an gotteslästerlich zu fluchen. Das sollte er aber nicht lange betreiben. Plötzlich mischte sich in dem undurchdringlichen Dunkel eine andere Stimme in die seinige . . . »Jatz kimmst hoam, du Lump, du elendiger! Du Nachtliacht, du verdammt's! Wo bist denn? Wart', i werd' dir kommen!« »Himmel! Sait'n! Höll'n! Sakrament no amal eini!« lallte der Lipp in seinem Rausch. »Wo bin i denn!« »I will dir schon zoag'n, wo du bist!« kreischte die andere Stimme durch das Dunkel, daß es dem Lipp förmlich in den Ohren gellte. »Du Mistkerl, du spottschlechter, b'soffener!« Dabei schlug dem Lipp plötzlich etwas Borstiges und Rauhes um Schädel und Gesicht und kratzte und stach ihn, daß er verzweifelt mit beiden Händen danach fuhr. Da war es aber schon wieder verschwunden und drosch nun auf seinen Buckel los. Der Gluderer Lipp fing laut zu brüllen an: »Au! Höllteuxl! Auweh! Laßt's mi aus! Au! Au! Au!« Es drosch aber trotzdem unbarmherzig auf ihn los. Dann fühlte sich der Gluderer Lipp plötzlich beim Kragen gepackt und irgendwohin nach unten gestoßen. In seinem Rausch merkte er es doch, daß er über ein paar Stufen kollerte. 291 Dröhnend schlug etwas ober ihm zu. Es war wie ein Donner. Der Lipp fuhr sich unwillkürlich nach beiden Ohren. Dann wurde es still. Stockfinster um ihn her. Der Lipp verlegte sich neuerdings aufs kriechen. Der Boden war schlüpfrig und feucht. Kaum hatte sich der Lipp etwas nach vorwärts bewegt, stieß er schon wieder an eine Wand. Er versuchte es nach einer andern Richtung. Das gleiche Resultat. Nun versuchte er aufzustehen. Als er sich aber ganz emporrecken wollte, rannte er sich den Schädel oben an. Nun hockte er sich endgültig auf den Boden nieder. Der Gluderer Lipp probierte es neuerdings nachzudenken. Der Rausch hatte ihn noch immer gehörig am Bandel. Es wollte daher mit dem Denken gar nicht recht gehen. Eine dumpfe Verzweiflung bemächtigte sich des Lipp. Was nur mit ihm los war? . . . Nachdem er lange vor sich hingebrütet hatte, dämmerte ihm plötzlich etwas in seinem Gehirn auf. Die Stimme da, früher im Dunkeln, kam ihm bekannt vor. Er begann nun mit aller Anstrengung nachzudenken, wer das eigentlich gewesen sein konnte. Dabei brannte ihn das ganze Gesicht und schmerzte ihn der Buckel. Er mußte ja grün und blau geprügelt sein. »Jessas! Mariand Josef!« fuhr der Gluderer Lipp auf einmal entsetzt in die Höhe, um sich gleich darauf wieder auf den feuchten Boden niederzuhocken; denn er hatte sich neuerdings den Schädel angeschlagen. 292 Es war dem Lipp völlig klar geworden, daß die Stimme niemand anderem gehörte, als der Rosl vom Schoaten Lenz. Der Lipp war schon etwas nüchterner geworden. Seine Gedanken bekamen eine bestimmte Richtung. Er erinnerte sich nun nach und nach der Höllendrohungen des Lenz beim Engelwirt. Was war aber dann gewesen? . . . Darüber konnte sich der Gluderer Lipp beim besten Willen nicht klar werden. Es kam ihm nur noch dunkel vor, daß er gezahlt hatte und heimgehen wollte. Herrgott, wenn es nur nicht so dunkel gewesen wäre und wenn er sich nur nicht bei jeder Bewegung den Schädel angerannt hätte! Und wie kam er denn auf einmal zu der Rosl? . . . Und die Schläg'! Die Höllenschläg'! Er rieb sich abwechselnd mit beiden Händen den Buckel und versuchte es bei dieser Beschäftigung, so tief als möglich nachzudenken. Es durchfuhr ihn eiskalt und dann wieder glühend heiß. Ein lähmendes Entsetzen bemächtigte sich seiner. Alle heiligen Nothelfer, wenn er jetzt mitten in seinem Rausch von der Welt abgekratzt und in die Höll' gekommen wäre! Hatte ihm der Schoaten Lenz nicht gesagt, daß er in der Höll' drunten die Rosl zum Weib kriegen würde? . . . Und die würde ihn » turmantern « Tag und Nacht, bis er wieder ins Schwefelbad käme und angezunden würde. 293 Der kalte Angstschweiß brach dem Gluderer Lipp aus allen Poren. Er begann krampfhaft in allen Taschen nach seinem Rosenkranz zu suchen und fand ihn nicht. Den hatte er richtig daheim gelassen. Nicht einmal was Geweihtes trug er bei sich. Er war dem Teufel verfallen mit Haut und Haaren. Ja, hatte er denn überhaupt fleißig gebetet? Gar keine Spur. Seit Portiunkula war er nicht mehr beichten gewesen. Räusch' hatte er geliefert; geflucht hatte er. Neulich hatte er sogar an einem Freitag ein Stückel Speck gegessen . . . So spottschlecht und elend war dem Gluderer Lipp in seinem ganzen Leben noch niemals gewesen. Er versuchte es, den Rosenkranz zu beten. Es wollte aber gar nicht recht gehen. Er verhaspelte sich immer wieder. Und die Dunkelheit. Und die Schläg' am Buckel. Und das » G'friß « brannte ihn, als ob er die »glüanigen Drahtstiften«, von denen ihm der Schoaten Lenz erzählte, schon eingesetzt hätte. Endlich erlöste der Schlaf den Gluderer Lipp aus seiner dumpfen Verzweiflung und Höllenangst. Der Wein tat wieder seine Wirkung, und der Lipp schlief wie erschlagen . . . Am nächsten Tag in aller Früh war die Rosl vom Schoaten Lenz schon in der Kuchl und kochte die Brennsupp'n. Ab und zu warf sie einen grimmigen Blick nach dem Hausflur, der auch bei Tag nur durch ein winziges vergittertes Fensterl spärlich erleuchtet war. 294 Mitten im Boden des Hausflur befand sich eine schwere Falltür, die in den Keller führte. Eigentlich war es gar kein richtiger Keller, sondern nur ein enges Erdloch, in dem man nicht einmal aufrecht stehen konnte. Durch die Falltür, die mit einem plumpen hölzernen Riegel verschlossen war, ließ sich von unten ein dumpfes Schnarchen vernehmen. »I werd' dir glei kommen!« grollte die Rosl, ein dürres, hageres Frauenzimmer mit rostbraunen Haaren und hervorstehenden Backenknochen. Zuerst kochte sie noch die Brennsuppe fertig. Dann machte sie die Falltür auf und ging wieder in die Küche. Dort schöpfte sie aus dem Kuchelschaff einen Milcheimer voll Wasser und goß es in einem Schwall in das Kellerloch hinunter. Von drunten hörte man ein verzweifeltes Schnappen nach Luft und gleich darauf ein kurzes Brüllen. Dann kroch es auf allen Vieren die paar Stufen herauf. Der Gluderer Lipp kam tropfnaß zum Vorschein. Als er die Rosl erblickte, war er einen Augenblick starr vor Entsetzen. Dann sah er sich mit stieren Augen rings im Kreise um. Da die Rosl keine Anstalt traf, auf ihn loszugehen, dämmerte dem Lipp offenbar eine Hoffnung auf Rettung auf. Ohne recht zu wissen, was er tat, war er in zwei Sätzen durch den Hausflur nach der Tür gesprungen und ins Freie gerannt. Die Rosl vom Schoaten Lenz war, als sie des Gluderer Lipp plötzlich ansichtig wurde, nicht viel weniger erschrocken als dieser. Sie ließ den Eimer 295 fallen und konnte sich einmal vorderhand keinen rechten Reim auf die Geschichte machen. Der Lipp rannte, was er konnte. Er begann sich erst zu verschnaufen, als er seinen Hof unmittelbar vor Augen sah. Was mit ihm eigentlich passiert war, darüber wurde er sich nur allmählich klar. Alles Nähere erfuhr er erst am nächsten Tag von andern Leuten, die ihn gewaltig für'n Narren hielten. Der Schoaten Lenz hatte es natürlich nicht verabsäumt, den Streich, den er dem Lipp gespielt hatte, gleich im ganzen Dorf herum zu »trompeten«. Der Schoaten Lenz ist an jenem denkwürdigen Tag nicht vor dem Mittagessen heimgekommen. Wie er von der Rosl empfangen wurde, darüber wollen wir den Schleier der Vergessenheit breiten. Der Gluderer Lipp kann seitdem den Schoaten Lenz noch viel weniger leiden. Er läßt ihn aber sorgsam in der Ruhe, weil er es sonst immer riskieren würde, daß der Lenz die Sprache auf die Rosl und das Kellerloch bringt. Von seiner Höllenangst im Kellerloch hat der Gluderer Lipp nie gegen Jemanden ein Wörtl verlauten lassen. Sonst hätte man ihn ja noch mehr » aufzwickt «. Einen moralischen Einfluß hat das Erlebnis aber immerhin auf ihn gehabt. Er vergißt seitdem nie mehr, den Rosenkranz in den Sack zu stecken. 296   Wallfahrtsrast. Es war ein verflucht trockner Sommer. Schon rein zum Teufel holen. Da aber mit dem Teufel bekanntlich nicht gut anbandeln ist, veranstalteten die Gerlosberger eine Kirchfahrt um Regen nach dem einsamen und hochgelegenen Wallfahrtsörtel Maria Schrofen. Die dortige Muttergottes sollte in Wettersachen einen besonders mächtigen Einfluß besitzen. Vielleicht weil sie so nahe den Wolken ganz in der Bergeshöhe hauste. Dem Wallfahrtszug der Gerlosberger wurde ein großes und schweres Kruzifix vorangetragen. Der Wöscher Hans trug es. Der war der kräftigste Bursch und ärgste Raufbold in ganz Gerlosberg. Hinter dem Hans schritt der Mesmer Franzl, der den Vorbeter bei der Wallfahrt machte. Die ungeheure Glatze des Mesmer leuchtete in der Sonne, daß sie schon bald einen Heiligenschein abgab. Der Mesmer Franzl war aber auch der frommste Betbruder in der Gegend. Wenn es dem nicht gelang, den Himmel zu einem Einsehen zu bewegen, dann war es schon überhaupt erst recht zum Teufel holen. Insgeheim hatten bereits einige Burschen, der 297 Wöscher Hans an ihrer Spitze, untereinander ausgemacht, falls nicht in längstens einer Woche nach der Wallfahrt Regen eintreten sollte, den Mesmer Franzl halbtot zu prügeln. Denn dann hatte es der mit dem Beten zu wenig ernst genommen. Der Mesmer schien sein Schicksal zu ahnen. Er betete mit einem Eifer, daß seine zahnlosen Kiefer nur so schlotterten. Um den Herrgott am Kreuz hatten die Diandeln und Weiber einen prächtigen großen Kranz aus Enzian geflochten. Der bildete den Stolz der Wallfahrer. Einen so » schian aufbüschten « Herrgott hatten sie noch nie gehabt. Der Weg von Gerlosberg nach Maria Schrofen ist mehrere Stunden lang. Dabei geht es die meiste Zeit bergauf. Da kann man schon etliche Sünden abbüßen. Glücklicherweise liegen ein paar Dörfeln und Bergweiler am Weg, wo es Atzung und Trank für die frommen Pilger gibt. Ungefähr zwei Stunden vor Maria Schrofen befindet sich der Bergweiler Pratzen. Dort ist ein bei den Wallfahrern sehr beliebtes Wirtshäusl, wo man einen trefflichen Reatel ausschenkt. Natürlich machten die Gerlosberger an dieser gastlichen Stätte Halt. Den Herrgott mit dem Kranz lehnten sie draußen an der Mauer des Wirtshäusels an. Den konnten sie nicht gut in die Wirtsstub'n mitnehmen. Erstens wäre er zu » ung'füahrig « dazu 298 gewesen, und zweitens hätte sich das auch nicht recht geschickt. In der Wirtsstub'n ging es lustig zu. Da waren auch ein paar Bauern und Burschen von Pratzen, die sich den Wein schmecken ließen. Während die Gerlosberger und Pratzner friedlich beisammen saßen, zog draußen ein Bäuerl mit einer Goas vorbei. Der Pfandler Hiasl war's. Er wohnte hoch droben auf einem Einödhöfl. Die Goas wollte er heute zu Tal bringen, um sie noch möglichst vorteilhaft zu verkaufen. Das Mistviech gab dem Pfandler schon einige Zeit zu wenig Milch. Also beschloß er, einen andern damit zu beglücken. Das Bäuerl hatte einen damischen Durst, als er zum Wirtshaus kam. Schon wollte er der Versuchung widerstehen und vorüberziehen. Es riß ihn aber doch hinein. Die Goas band er inzwischen draußen an einen Nagel neben den Herrgott. Nun hockte er auch unter den übrigen und ließ sich's wohl sein. Auf einmal kam der Mesmer Franzl, der für einen Augenblick hinausgegangen war, mit einem Mordsspektakel in die Stub'n. »Jessas, Mariand Josef! Alle Heiligen und Nothelfer!« schrie und zeterte er mit seiner hohen Stimme. »'s is was g'schehen!« »Was is g'schehen?« fragten die Bauern und Burschen. »Die Goas! Die Goas!« zeterte der Mesmer. »Was für a Goas? Bist überg'schnappt?« ließ ihn der Wöscher Hans an. 299 »Naa, i bin no beim Verstand, aber die Goas hat'n Kranz g'fressen!« jammerte der Mesmer Franzl. Nun stürzte alles vor die Tür. Richtig hatte die Goas vom Pfandler den herrlichen Enziankranz vom Wallfahrtskreuz der Gerlosberger langsam aber sicher heruntergezupft. In kläglicher Verfassung lag der Kranz am Boden, zerfressen und zerpflückt. Ein Wutgeschrei erhob sich unter den Wallfahrern. »Wem g'hört die Goas?« frug der Wöscher Hans mit einer geradezu unheimlichen Miene und begann sich die Hemdärmeln aufzukrempeln. Allgemeines bängliches Schweigen herrschte. Da trat endlich ein vierschrötiger Bursch mit roten Haaren und riesigen Sommersprossen im Gesicht aus dem Kreis der Umstehenden. Es war der Pflarrn Michele, der Gmoantepp von Pratzen. »Dö – ö Go – a – as g'hö – ö – ört 'n Pfa – a – andler!« stotterte er mühsam. »Mir g'hört dö Goas nit!« protestierte das Bäuerl, das mit den andern vors Haus gekommen war. »Ga – a – anz g'wi – i – iß!« versicherte der Pflarrn Michele grinsend. Der Wöscher Hans näherte sich bereits sehr verdächtig dem Bäuerl. »Mir g'hört die Goas nit!« log sich der Pfandler von seiner eigenen Goas hinweg. »Mei' Goas is dahoam im Stall! Was woaß denn der Tepp da!« deutete er verächtlich auf den Pflarrn Michele. »I 300 hab' koane solche Viecher von Goas, dö 'n Herrgott sein' Kranz fressen!« rief er entrüstet und versetzte zum Beweis seiner völligen Unschuld seiner Goas einen kräftigen Fußtritt. Das war das Signal, daß nun auch die andern die verbrecherische Goas mit Tritten und Hieben regalierten. Das dauerte aber kaum eine Minute. Die Goas riß entsetzt an ihrem Strick und schrie kläglich »Blä–ä–äh!« Plötzlich brach der Strick. Die Goas war frei und rannte, was sie konnte, den Berg hinauf. In dem Tumult um die Goas hatte der Pfandler heimlich seinen Taschenveitel gezogen und den straff gespannten Strick, an dem die Goas hing, mit einem kräftigen Schnitt durchtrennt. Nun fluchten sie der flüchtigen Goas nach. Und der Pfandler fluchte am allermeisten. Er bekam völlig Schaum vor dem Mund vor lauter Eifer und Wettern. Die Gerlosberger zogen weiter nach Maria Schrofen. Zuvor schwur noch der Wöscher Hans, daß er dem Besitzer der Goas, wo und wann er ihn jemals träfe, alle Knochen einzeln im Leib zehnfach zerschlagen würde! Der Pfandler Hiasl machte, als sich die Gerlosberger wieder auf den Weg begeben hatten, ein recht verschmitztes Gesicht und trottete langsam heim nach seinem Höfel. Dort fand er seine Goas schon vor 301 dem Stall auf ihn warten. Das hatte er auch sicher vorausgesehen. Das Viech war gescheut genug, heimzufinden. Was aber das Wundersamste an der Sache war . . . die Goas vom Pfandler gab seitdem wieder mehr Milch, und er hat das Viech auch wieder behalten. Dabei ist der Pfandler der festen Überzeugung, daß sich diese Besserung der Goas nur von dem »g'weichten« Kranz herschreibe, den das Viech gefressen hat. Dieser Meinung gibt er allerdings nur höchst selten und ganz vertrauenswürdigen Persönlichkeiten gegenüber Ausdruck. Denn es ist ihm höllisch bang um seine Knochen, falls ihn der Wöscher Hans doch einmal erwischen sollte, wenn er die Geschichte erführe. Die Gerlosberger Wallfahrt hat leider nichts genützt. Es gab noch fast drei Wochen lang keinen Regen. Dem Mesmer Franzl blieben jedoch die zugedachten Prügel erspart – in gerechter Erwägung des Umstandes, daß wahrscheinlich die gottvermaledeite Goas dadurch, daß sie dem Herrgott den Kranz gefressen hat, die Wallfahrt um ihre Wirkung brachte. Der Mesmer Franzl sorgte übrigens auch für die Verbreitung der Ansicht, daß am Ende gar der leibhaftige Gottseibeiuns in Gestalt einer Goas den Gerlosbergern diesen Streich gespielt habe. In Gestalt eines Bockes pflegt der Luzifer ja 302 regelmäßig zu erscheinen. Warum dann nicht auch einmal in Gestalt einer Goas? Dem Teufel ist alles zuzutrauen. Namentlich wenn es sich darum handelt, fromme Wallfahrer in ihrem gottgefälligen Werk zu stören. 303   Der Wurzgartner. Der Herr Amtsrichter Friedrich Wilhelm Schüttke war das erste Mal in Tirol. Sein Arzt hatte es ihm dringend geraten. Er müsse mal 'rein ins Gebirge. Immer diese Nordsee. Das bekomme ihm gar nicht! Und er spürte es auch, daß die Seeluft ihm gar nicht zusagte. So oft er von seinem Urlaub heimkehrte, fühlte er sich kränker denn je. Dann hatte er den Harz versucht und endlich das Riesengebirge. Aber nichts wollte ihm gut tun. Der Herr Amtsrichter schrumpfte immer mehr zusammen, wurde kleiner und dünner und machte einen immer unansehnlichern Eindruck. Recht ansehnlich war er wohl von Natur aus nicht. Ein kleines, semmelblondes Männchen, mit rötlichem Schnurrbart, der nach aufwärts gestrichen war und steif und schneidig in die Höhe stand. Das spärliche Haar trug der Herr Amtsrichter gescheitelt. Die hellen, wässerigen Augen sahen durch den goldenen Zwicker scharf und herausfordernd auf seine Mitmenschen. Überhaupt, für das Scharfe, Draufgeherische war der Herr Amtsrichter Friedrich Wilhelm Schüttke sehr eingenommen. Er wollte offenbar durch Schneidigkeit das ersetzen, was ihm die Natur versagt hatte. 304 Er wollte Eindruck machen bei seinen Mitmenschen um jeden Preis. Seit einigen Wochen trieb sich der Herr Amtsrichter in Tirol herum. Er bereiste Nordtirol und kam auch nach Südtirol. Aber nirgends konnte er die Ruhe und Erholung finden, die er so notwendig gebraucht hätte. Überall war es ihm zu lärmend; und kam er einmal in ein kleines, ruhiges Nest, so fühlte er sich gräßlich vereinsamt und konnte vor lauter Langweile zu keiner Erholung kommen. Es war bereits Mitte August. Friedrich Wilhelm Schüttke war durch sein ruheloses Herumwandern so heruntergekommen, daß er um eine Verlängerung seines Urlaubs eingeben mußte. Bozen und Meran hatte er vor einigen Tagen abgetan und hatte sich über die dortige Sommerhitze weidlich geärgert. »Da kann doch 'n anständiger Mann nich mal ordentlich pusten!« schimpfte er zu dem Hotelier, der ihn teilnehmend anhörte. »Dat is doch überhaupt 'ne Schweinerei! Da sollte man doch die Leute warnen, daß sie hier ja nich 'rinfallen. Das is ja keene Luft mehr, die man hier zu atmen kriegt!« In diesen und ähnlichen Tonarten ging's weiter. Der teilnehmende Wirt in Meran hatte ihm schließlich das Vintschgau empfohlen. Sulden oder Trafoi. Das seien die geeignetsten Orte für ihn. Dort würde er sicher die gesuchte Erholung finden. Friedrich Wilhelm Schüttke saß nun ganz gemütlich in einem Coupé dritter Klasse der 305 Vintschgaubahn und wartete mit scheinbarer Seelenruhe auf die Abfahrt des Zuges. Auf das semmelblonde Haar hatte er eine graue Reisemütze gestülpt, den Zwicker etwas weiter nach vorne gerückt und die dünnen Arme unternehmend in die Seite gestemmt. So saß er gerade und unnatürlich steif da und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Kurz vor Abfahrt des Zuges stiegen drei stämmige Bauernburschen in das Coupé, wo der Herr Amtsrichter Platz genommen hatte. Es waren kräftige, kerngesunde Gestalten. Der Amtsrichter betrachtete sie kritisch, aber nicht unfreundlich. Die glattrasierten runden Gesichter, die gesunde rote Farbe derselben und vor allem der gute Humor der drei Burschen schienen ihm zu imponieren. Die hatten Lebenskraft! Darum beneidete er sie. Als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, wurden die drei Burschen immer lustiger und lärmender. Sie erzählten einander Geschichten, über die sie dann jedesmal in wieherndes Gelächter ausbrachen. Der Amtsrichter verstand natürlich kein Wort davon, so angestrengt er auch hinhorchte. Die mußten hottentottisch oder hindustanisch sprechen, so unverständlich klang ihm der grobe, breite Dialekt der Burschen. Über eine Weile fing einer davon, der Schmölzer Hansl, zu pfeifen an. Der Amtsrichter zuckte nervös mit den Augen und setzte sich noch strammer zurecht. Das Pfeifen, sogar das der Lokomotive, machte ihn schauderhaft nervös. Die drei Burschen hatten bei ihrem Eintritt ins 306 Coupé höflich gegrüßt, dann aber gar keine Notiz mehr von dem Fremden genommen. So bemerkten sie auch nicht, daß dieser immer unruhiger wurde. Später, als die drei zu singen anfingen, riß er nervös das Fenster auf und beugte sich hinaus, um weniger davon zu hören. Es war allerdings kein musikalischer Genuß. Und Friedrich Wilhelm Schüttke besaß zum Unglück ein äußerst fein entwickeltes musikalisches Gehör. Jeder Mißton konnte ihn in Raserei versetzen. Die drei Burschen sangen nun jeder nach seiner Art. Der eine setzte zu hoch ein, der andere zu tief. Dazu das Rasseln des Bahnzuges. Dem Herrn Amtsrichter riß es förmlich an allen Nerven. Wenn die nur aufhören möchten! Aber die Burschen berauschten sich förmlich an ihrem eigenen Gesang und stimmten ein Lied um das andere an. Als der Zug in der Station Naturns Halt machte und die Burschen in ihren musikalischen Darbietungen eine Pause eintreten ließen, konnte der Amtsrichter nicht mehr an sich halten und redete die Burschen an. »Verzeihung, meine Herrn!« sagte er mit seiner lauten, schnarrenden Stimme. »Dürfte ich Sie ersuchen, mit Ihrem Gesang etwas inne zu halten?« Der Geiger Sepp und der Obervintler Tonl hatten ihre Köpfe zum Fenster hinausgestreckt und hörten gar nicht, daß der Fremde sie ansprach. Nur der Schmölzer Hansl, der Jüngste und Unerfahrenste von den dreien, machte ein verlegenes Gesicht und zupfte seinen Nachbar, den Geiger Sepp, energisch beim Jangger. 307 »Du, der will eppas!« sagte er und schaute verlegen auf den Fremden. Er hatte offenbar kein Wort von dem verstanden, was der Amtsrichter sagte. Aber das laute Geschnarr der Sprache hatte Eindruck auf ihn gemacht. »Wer?« fragte der Geiger Sepp und drehte sich halb um. »Der Herr ent'n !« antwortete der Schmölzer Hansl. Nun war der Amtsrichter näher gekommen. »Ich bin nervös!« schnarrte er. »Meine Nerven vertragen absolut nischt. Keenen Lärm, keen Singen, keen Spektakel! Verstehen Sie?« Es klang jedenfalls viel schärfer, als es gemeint war. Denn Friedrich Wilhelm Schüttke war im Grunde ein friedliebender und herzensguter Mensch. Nur in Pose setzen wollte er sich. Das war er von seinem Amt her so gewöhnt, bis es ihm schließlich zur zweiten Natur geworden war. Der Obervintler Tonl und der Schmölzer Hansl verstanden beide nicht recht, was der Fremde eigentlich von ihnen wolle. Sie kamen nicht viel mit »Hearrischen« in Berührung, sondern lebten in ihrem Heimatsdörfl ganz abgeschieden von dem Fremdenverkehr. Aber der Geiger Sepp, der kam schon mehr unter die »Hearrischen«. Der konnte besser umgehen mit ihnen und sich verständigen. Der führte auch jetzt die ganze Unterredung mit dem 308 Amtsrichter, während der Hansl und der Tonl still auf ihren Bänken saßen und zuhorchten. Der Geiger Sepp war der schneidigste Bua weit im Umkreis. Mit dem bandelte so leicht keiner an. Aber er war auch gutmütig und nur grob, wenn er gereizt wurde. Ein großer sehniger Kerl. Um mehr als einen Kopf überragte er das blonde Männchen, das da vor ihm stand und ihn anschnauzte. Es kam dem Sepp »g'spaßig« vor, wo der kleine Mann die Schneid' und vor allem die Kraft hernahm, so zu schreien. Dem hätte er ja mit einem Ruck den Hals umgedreht, dachte er bei sich. Nun schaute er den Amtsrichter scharf an. Dann meinte er gutmütig: »Wir lassen uns von dö Hearrischen nix verbiaten!« »Ich verbiete ooch nich! Ich ersuche man bloß!« schnarrte der Amtsrichter in einem höflich sein sollenden Ton. »Ah so! Nachher is's eppas anders!« meinte der Sepp. »Nachher woll'n wir nimmer singen! Geltet's Buab'n?« frug er seine Kameraden. Die nickten nur und schauten abwechselnd auf den Sepp und dann auf den Amtsrichter. »Sehr verbunden! Sehr dankbar!« Der Amtsrichter rückte leicht seine Reisemütze. »Da is nix z' danken!« sagte der Sepp und schielte den Fremden von der Seite an. »Mir scheint, Sie sein nit ganz g'sund, weil Sie so bloach sein?« »Bloach?« Der Amtsrichter sprach das Wort 309 langsam und scharf akzentuiert aus. »Bloach? Was ist das für'n Wort?« »Weiß!« sagte der Geiger Sepper. »Weiß hoaßt's, wia Sie sein im G'sicht.« »Warum sagen Sie ›bloach‹?« frug der Amtsrichter weiter. Er hatte eine merkwürdige Art, Fragen zu stellen. Wenn er eine Frage an jemand richtete, so pflegte er den Betreffenden scharf ins Auge zu fassen und sich mit dem Oberkörper steif nach vorwärts zu beugen. Das geschah stets mit einem jähen Ruck. Der Obervintler Tonl und der Schmölzer Hansl, die breitspurig nebeneinander saßen, stießen sich gegenseitig an und grinsten dem Fremden ins Gesicht. Der Geiger Sepp sah belustig auf ihn herunter. »Bloach sagt man halt bei uns so, weil's der Brauch is!« lachte er. »So! Wo sind Sie her?« fragte der Amtsrichter. »I? Von Tschengels!« »Tschengels? Wo ist das?« »Bei Schlanders!« lachte der Geiger Sepp. »Müssen Sie da aussteigen?« examinierte Schüttke weiter. »Joa!« lachte der Sepp belustigt. Diese Art und Weise des Ausfragens machte ihm riesigen Spaß. Nun wandte sich der Amtsrichter mit einem jähen Ruck von dem Sepp ab und redete den Schmölzer Hansl an. »Steigen Sie auch in Schlanders aus?« frug er. »Naa!« Der Hansl hatte sich jetzt an die 310 Aussprache des Fremden etwas gewöhnt und fing an, ihn besser zu verstehen. »Warum nicht?« »Ha?« »Warum du nit in Schlanders aussteigst?« übersetzte der Geiger Sepp. »Weil i in Morter dahoam bin!« grinste der Hansl. »Was sagt der Mann?« forschte der Amtsrichter, sich wieder mit einem jähen Ruck gegen den Sepp wendend. »Er steigt in Morter aus!« berichtete der Sepp. »Morter . . . Morter!« Der Amtsrichter zog seinen Fahrplan aus der Tasche und sah nach. »Morter! Jibt es nich!« entschied er. »Ah wol!« lachte der Geiger Sepp. »Er muaß in Goldrain aussteig'n und nachher z' Fuaß nach Morter giahn!« »Wie lange gehen Sie nach Morter?« wandte sich Schüttke plötzlich an den Obervintler Tonl. »I geah' nit nach Morter!« brummte der. »Der g'hört nach Latsch!« erklärte der Sepp. »Wieso kennen Sie einander? Stehen Sie in irgendeinem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander?« fragte der Amtsrichter weiter und sah forschend und herausfordernd von dem einen zum andern. »Wir kömmen oftamal z'sammen in Schlanders und tuan lumpen!« lachte der Geiger Sepp. »Lumpen? Heißt schlemmen, unsolide sein?« fragte der Fremde streng. 311 »Wird schon so hoaßen!« meinte der Sepp. »Tuan Sie nia lumpen?« »Ich? Nee! Bin zu nervös!« erklärte der Amtsrichter. »Was is aft dös?« wunderte sich der Obervintler Tonl. »Krank! Kranksein!« sagte der Amtsrichter. »I hab' mir's glei denkt, daß Sie krank sein!« sagte der Geiger Sepp. »Ja. Sehr krank. Gehe zur Erholung nach Trafoi!« erzählte er. »Da is's schon schian!« lobte der Geiger Sepp. »Und die Luft a so scharf!« »Kümmere mich jar nischt um die Luft. Will nur mal Ruhe haben!« sagte der Amtsrichter. »Ja, da sollten's aber wo hin giahn, wo nit a so viel Fremde sein!« belehrte ihn der Sepp. »In Trafoi sein viel Touristen. Da is's alleweil a bissel lebendig!« »So! Viele Fremde? Touristen? Machen Spektakel!« sagte der Amtsrichter ärgerlich. »Ruhig is's alleweil no am meisten auf a Alm!« meinte der Geiger Sepp. »Da hört und siecht man gar nix! I bin amal alleweil am liabsten auf der Alm!« »Alm? Ist Alpe, nich wahr? Ja. Sehr schön! Aber nischt für mich. Jar nischt. Keen Komfort, keene Bequemlichkeit, nischt, jar nischt!« 312 »Aber a guate Milch!« meinte der Geiger Sepp. »Milch? Nischt für mich. Darf ich nich trinken. Arzt strenge untersagt!« »Was hab'n nachher Sie für an Dokter?« frug der Sepp verwundert. »Bei uns, der Wurzgartner in St. Martin droben, der hoaßt an jeden z'erst amal Milch trinken!« »Muß ein netter Doktor sein!« lachte der Amtsrichter. »Milch für Nerven verordnen!« »Dös is a ausgezeichneter Mann!« sagte nun der Sepp ganz empört. »Der hat Ihnen schon Leut' herg'stellt, für dö koa Dokter mehr an halbeten Kreuzer hergeben hätt', und dö iatz pumperlg'sund umadum stackeln! Heuer im Langes is dem da –« der Sepp deutete auf den Schmölzer Hansl, »sei Muatter zum Sterben g'wesen. Sie hab'n den Latscher und den Schlanderser Dokter g'holt, und koaner hat was machen können! Und nachher sein sie zum Wurzgartner gangen, und der hat sie in drei Wochen herg'stellt! Gelt, Hansl?« Der Schmölzer Hansl nickte ein paarmal bestätigend mit dem Kopf. »So! Wie heißt der Mann?« Die Erzählung des Geiger Sepp hatte offenbar Eindruck auf den Amtsrichter gemacht. »Wurzgartner!« »So! Dr. Wurzgartner!« notierte der Amtsrichter. »Wohnt?« 313 »Dös is koa Dokter nit! Lei a Bauerndokter. Dö sein bei uns oft g'scheuter wia die g'studierten.« erklärte der Sepp. »So! Also so 'ne Art Naturarzt? Wohnt?« »In St. Martin droben! Da müassen's in Latsch aussteig'n –« »Latsch? Da steigen Sie aus?« wandte er sich wieder jäh und unvermittelt an den Obervintler Tonl. »Joa.« »Von Latsch aus is's no a drei Stund' auf'n Berg aufi!« erklärte der Geiger Sepp weiter. »Was? Drei Stunden bergaufwärts? Immer aufwärts?« fragte der Amtsrichter entsetzt. »Das tu' ich nich! Den Mann kann ich mir ja 'runter holen lassen!« »Der geaht Enk nit aber!« grinste der Obervintler Tonl. »Nich 'runter, meinen Sie? Na, wollen mal seh'n! Ich steige ooch in Latsch aus!« entschied sich Schüttke. »Ist denn da irgendwo ein respektables Hotel, wo man wohnen kann?« erkundigte er sich. »Ah wol! G'nuag sein da! Beim Oberwirt is's recht guat!« lobte der Sepp. »So? Na, man auf nach Latsch!« scherzte der Amtsrichter. »Den Naturarzt Wurzen – wie heißt er doch?« »Wurzgartner!« sagte der Schmölzer Hansl. »Der is durch's ganze Vintschgau aus bekannt wia's schlechte Geld.« 314 »So! Na, wollen mal sehen!« sagte der Amtsrichter. In Latsch stieg er richtig mit dem Obervintler Tonl aus, der ihn auch ins Gasthaus geleiten und ihm sein Gepäck dorthin tragen mußte. Dem Amtsrichter paßte es in Latsch natürlich ebensowenig wie in den andern Orten, wo er gewesen war. Aber daran trugen lediglich seine Nerven schuld. Die quälten ihn und machten ihn ruhelos. Der Amtsrichter hatte sich in Latsch noch genau nach dem Wunderdoktor in St. Martin erkundigt. Er hatte über ihn nur eine Stimme des Lobes gehört. Es wäre schier erstaunlich, welche Kuren der Wurzgartner ausführe. Für alles wisse er Rat und Hilfe. Alle Übel könne der heilen. Nur müsse man möglichst unauffällig zu ihm gehen; denn die Ärzte seien ihm aufsässig und hätten ihn schon öfters angezeigt. Erst vor kurzem wieder habe er eine Arreststrafe absitzen müssen in Schlanders droben. Der Wurzgartner hatte dem Amtsrichter, als dieser zu ihm schickte, er möge nach Latsch kommen, sagen lassen, er pfeife dem Fremden was! Wenn der ihn brauche, dann solle er nur zu ihm aufikraxeln! Er renne keinem nach, und einem »Hearrischen« erst recht nicht! So war dem Amtsrichter nichts anderes übrig geblieben, als den schweren Gang nach St. Martin am Berg selber anzutreten. Am Weg hinauf glaubte er einige Male sterben zu müssen. So anstrengend war es. Steil, fast 315 pfeilgerade führte der Weg den Berg hinan. Die Sonne stach und brannte sengend auf den Wanderer, der langsam und schwer keuchend hinter dem Obervintler Tonl dahinschlich. Den Obervintler Tonl hatte sich der Amtsrichter Friedrich Wilhelm Schüttke mitgenommen. Aus zwei Gründen. Erstens als Führer und zweitens als Hilfe, falls ihm etwas Menschliches passieren würde auf dem Weg; denn der Amtsrichter glaubte nicht, daß er St. Martin noch lebendig würde erreichen können. Das war aber auch kein Weg mehr. Das war die Hölle! Hin und hin kein Schatten. Und steinige Felsplatten lagen stellenweise, über die der Amtsrichter kriechen mußte. Kein Wunder, daß hier nicht einmal ein Maultier gehen konnte. Der Amtsrichter hätte so gerne eines in Latsch drunten zum Hinaufreiten gemietet. Nun war er aber froh, daß er keines bekommen hatte. Auf diesem Schweineweg wäre er zehnmal von dem Tier heruntergepurzelt! Endlich war er droben in St. Martin angelangt. Gute vier Stunden hatten er und der Tonl gebraucht. Im Wirtshaus machten die beiden Rast. Der Amtsrichter bestellte sich eine Limonade, die er zu seinem Entsetzen nicht bekommen konnte. St. Martin am Berg ist ein kleiner Weiler. Eigentlich ein Wallfahrtsort. Außer der Kirche, dem Widum, dem Wirtshaus und noch ein paar Bauernhöfen gibt es da droben nichts. Alle Lebensmittel 316 müssen im Ruckkorb vom Tal heraufgeschleppt werden. Auf Fremdenverkehr sind die Leute gar nicht eingerichtet. Es geschieht selten, daß sich einmal ein Tourist da hinauf verirrt. Der Hof des Wurzgartner liegt noch ein gutes Stück von der Kirche entfernt. Ein alter dunkelbrauner Holzbau. Schon ziemlich baufällig. Der Wurzgartner hat nicht viel, was er sein eigen nennt. Aber er und seine Schwester, die Mena, kommen ganz gut durch. Ein paar Ackerlen und ein paar Goas, das ist sein ganzer Besitztum. Dabei ist der Wurzgartner sehr zufrieden und fühlt sich hoch da droben wie ein König. Das Gütl des Wurzgartner sah dem Amtsrichter nicht gerade Vertrauen erweckend aus. Aber noch weniger der Wurzgartner selber, der in schmutzig weißen Hemdärmeln in der düstern Bauernstube auf der Ofenbank ausgestreckt lag und behaglich aus seiner kurzen Stummelpfeife qualmte. Schüttke sah sich in der Stube etwas unbehaglich um. Die Stube war so niedrig, daß ein großer Mann mit dem Kopf schier an die Decke stoßen mußte. Vier winzige Fensterlein mit halbblinden Scheiben ließen das Licht nur spärlich herein. Die Fenster waren hermetisch verschlossen. Die Luft in der Stube war dumpf, stickig und so rauchig, daß man die einzelnen Gegenstände nur wie in einem Nebel sehen konnte. Es gab allerdings wenig zu sehen in der braungetäfelten Stub'n beim Wurzgartner. Eine lange 317 Holzbank lief längs den Wänden herum. In einer Ecke stand ein großer viereckiger Holztisch; darüber befand sich ein grobgeschnitztes altes Kruzifix. Rechts und links davon bunte Farbendrucke von der Muttergottes und dem heiligen Josef mit dem Christuskinde. Einen beträchtlichen Teil der Stub'n nahm zudem der umfangreiche gemauerte Ofen ein. Der Wurzgartner hatte sich beim Eintritt des Fremden nicht erhoben. Er lag noch immer behaglich auf der Ofenbank und hatte seinen alten grünschwarzen Filzhut fest in die Stirn hereingedrückt. Der Wurzgartner war ein guter Fünfziger. Ein großer hagerer Mensch. Der lange, dunkle Bart, der verwildert bis fast zur Brust reichte, war schon leicht ergraut. Die ungepflegten Haare, die ihm wirr ums Gesicht fielen, verliehen dem schmalen, knochigen Antlitz einen unheimlichen Ausdruck. Der Obervintler Tonl war draußen in der Kuchl bei der Mena geblieben; und der Amtsrichter war allein in die Stub'n zum Wurzgartner gegangen. Der Wurzgartner hatte seinen Schädel nur ganz leicht und ohne das geringste Zeichen einer Verwunderung über den unerwarteten Besuch auf die andere Seite gedreht. »Guten Tag!« grüßte der Amtsrichter und sah sich in der Stube um. »Grüaß Gott!« sagte der Wurzgartner laut und kräftig, ohne sich zu rühren. »Sind Sie der Wurzgartner?« schnarrte der Amtsrichter und stellte sich stramm vor ihm auf. 318 »Joa!« entgegnete der Wurzgartner. »Sie sollen ja so 'n Wunderdoktor sein?« frug der Amtsrichter weiter. »I?« machte der Wurzgartner scheinheilig. »Jawoll! Tun Sie man nich so! Sie soll'n ja weit und breit bekannt sein wegen Ihrer Kuren?« forschte der Amtsrichter in seinem schneidigsten Ton. »Joa! I hab' schon an etlene Küah' kurirt. Und Rösser und Facken sein mir aa no nia nit hin g'worden!« berichtete der Wurzgartner mit Würde und qualmte ruhig weiter. Der Geruch des stinkenden ordinären Tabaks ging dem Amtsrichter auf die Nerven. Er hüstelte nervös und stellte sich nun in einiger Entfernung von dem Wurzgartner auf, damit er den Rauch nicht so unmittelbar in die Nase bekam. »Ich hörte, Sie kurieren auch Menschen?« sagte er dann und sah den ruhig daliegenden Mann scharf an. Der Wurzgartner würdigte den Fremden keines Blickes. In großer Seelenruhe lag er rauchend da und starrte durch das gegenüberliegende kleine Fensterl. »Joa. A diabet amal schon!« gab er zu. »Was kurieren Sie da?« schnarrte der Amtsrichter. »Ha?« »Welche Krankheiten heilen Sie?« 319 »Alles halt, was fahlt!« sagte der Wurzgartner ruhig. »Alles? Auch Nervenleidende?« »Alles!« »Wie machen Sie das?« »I leg' halt a Pflaster auf!« meinte der Wurzgartner und schob die Pfeife von einem in den andern Mundwinkel. Dann spie er bedächtig und ohne sich zu erheben auf den Stubenboden. Der Amtsrichter wich entsetzt und angeekelt noch weiter zurück. »Was? Sie legen auf Nerven ein Pflaster auf?« frug er ganz empört. »Joa!« meinte der Wurzgartner ruhig. »Mensch! Das können Sie doch gar nich!« »I kann alles!« erwiderte der Wurzgartner selbstbewußt. »Kurieren Sie ooch Beinbrüche?« inquirierte der Amtsrichter weiter. »I? Freilich!« »Wie machen Sie das?« »I leg' halt a Pflaster auf!« sagte der Wurzgartner ruhig. »Was? Auch auf ein jebrochenes Bein?« »Freilich!« »Und wenn jemand nun 'ne Entzündung hat, sagen wir 'ne Lungenentzündung, legen Sie da ooch 'n Pflaster drauf?« »Joa. A Topfenpflaster!« Jetzt endlich erhob sich der Bauerndokter und setzte sich aufrecht auf die Ofenbank. Dann klopfte er langsam und bedächtig 320 die Pfeife aus und sah mit seinen dunklen, tiefliegenden Augen verschmitzt lächelnd auf den Amtsrichter. »Z'weg'n was frag'n 's denn? Woll'n 's mi vielleicht angeb'n?« meinte er. »Nee!« sagte der Amtsrichter. »Ich interessiere mich nur. Bin eigens den Berg zu Ihnen 'rauf geklettert, um Sie mal zu begucken!« »Nachher setzen's Ihnen nieder, daß Sie mi besser söch'n!« sagte der Wurzgartner und zündete sich eine frische Pfeife an. »Mit Medizinen kurieren Sie wohl nich?« fragte der Amtsrichter nach einer kleineren Pause, nachdem er in einer Ecke Platz genommen hatte. Er wollte die Sache mit dem Wurzgartner besonders schlau anfangen und redete daher nur so herum, damit der andere nicht erraten sollte, was er eigentlich von ihm wolle. »Ah wol!« machte der Wurzgartner. »So? Wie kurieren Sie dann Nerven?« »Nerven? Was is dös?« fragte der Wurzgartner ruhig. »Was? Das kennen Sie nich mal?« verwunderte sich der Amtsrichter. »Und legen ein Pflaster drauf!« »Nerven! Dös kennt man bei uns nit!« »Nich! Na, dann gratulier' ich! Dann sind Sie glückliche Leute, die nich mal Nerven kennen!« »Was is dös?« forschte der Wurzgartner interessiert. »Nu, sehen Sie mal mich an. Ich bin nervös!« sagte der Amtsrichter. 321 Der Wurzgartner war aufgestanden und zu dem Fremden hingetreten. Nun sah er ihm mit einem langen, durchdringenden Blick in die Augen und streichelte währenddessen mit der groben knochigen Arbeitshand über seinen langen Bart. »Hm!« machte er dann bedächtig. »Na! Haben Sie was entdeckt?« fragte der Amtsrichter, auf den der lange prüfende Blick des Wurzgartners Eindruck gemacht hatte. »Joa! I moan' schon!« »So? Was denn?« »Jatz müassen Sie amerst mi frag'n lass'n!« sagte der Wurzgartner und setzte sich knapp neben den Fremden. »Sie, guter Mann, das Dings da geben Sie weg, bitte! Das stinkt zu entsetzlich!« Nervös rückte Schüttke von dem Wurzgartner fort. »Ah, dö Pfeif'n da!« Der Wurzgartner lachte gutmütig, stand auf und legte die Pfeife auf den Tisch. Dann setzte er sich wieder knapp neben den Fremden, dem diese Nachbarschaft entschieden unangenehm war. Der Wurzgartner hatte nämlich an seinem alten, abgetragenen Gewand verschiedene Düfte, die an den Stall gemahnten und an den Mist, den er am Rücken aufs Feld zu tragen pflegte. »Alsdann,« begann der Wurzgartner sein Verhör, »wo fahlt's?« 322 »Überall! Überall in den Nerven!« klagte der Amtsrichter. »Hab'n Sie weah?« fragte der Wurzgartner. »Schmerzen? Na und ob! Fürchterliche Schmerzen. Kann nich schlafen vor Schmerzen! Da im Arm zum Beispiel. Da krabbelt und krabbelt es unaufhörlich. Und wenn es da zu krabbeln aufjehört hat, denn kommt es in die rechte Schulter und denn kommt es im Rücken und denn in die Beene! Und denn krieg' ich's Fieber!« berichtete Friedrich Wilhelm Schüttke kläglich. »G'spür'n Sie 's iatz aa?« »Natürlich. Nu ist es in der linken Schulter!« Der Wurzgartner betastete mit seiner groben Faust den schmalen Rücken seines Patienten und packte ihn dann fest an der linken Schulter. »Auh! Was machen Sie denn da! Sie sind wol toll jeworden?« Der Amtsrichter war ganz empört. »Hat's weah tan?« lachte der Wurzgartner. »Natürlich! Ich bin doch keen Klotz!« »Und schlafen können's wenig?« forschte der Wurzgartner. »Ganze Nächte lang keen Aug' kann ich schließen!« »Was hab'n nachher Sie für a Beschäftigung?« »Ich bin Amtsrichter!« Schüttke warf sich ordentlich in die Brust dabei. »Sie! Dös tuat Ihnen nit guat, dös steife Dahocken. Da verrenken 's Ihnen no amal 's G'nack!« meinte der Wurzgartner. »Sie hab'n also a hockende 323 Beschäftigung!« fuhr er über eine Weile fort, nachdem er angestrengt nachgedacht hatte. »Ja.« »Aha! Davon kömmen dö Nerven!« sagte der Bauerndokter mit einem listigen Seitenblick auf seinen Patienten. »Nee! Sie irren! Ich leide nich an Verdauungsstörungen. Ich habe Schmerzen in den Nerven. Ich bekomme noch eine Nervenentzündung, wenn das so weiter jeht. Ich werde noch jelähmt werden!« jammerte der Amtsrichter kläglich. »Tuan's Ihnen lei trösten! Ihnen werd' i schon herstellen!« versicherte ihm der Wurzgartner. »Sie jetrauen sich also meine Behandlung zu übernehmen?« verwunderte sich der Amtsrichter. »Ah wol!« lachte der Wurzgartner und zeigte seine Zähne, die noch tadellos weiß und gesund waren. »Was verordnen Sie da?« frug Schüttke schon wieder in seinen schnarrendsten Tönen. »Nix! I gib Ihnen a Flaschl Medizin mit.« »So! Und die besteht?« » Sell geaht Ihnen nix an!« entgegnete der Wurzgartner grob. »Sie hab'n 's einfach einz'nehmen, und bald's fertig is, nachher kömmen's wieder!« »Wiederkommen! Da zu Ihnen 'raufkommen?« entsetzte sich der Amtsrichter. »Was denn?« lachte der Wurzgartner. »I geah' nit abi!« 324 Dann erhob er sich und schritt langsam durch die kleine Stube auf eine Tür zu, die in eine enge, dunkle Kammer führte. Es dauerte geraume Zeit, bis der Wurzgartner wieder in die Stube kam. Er hatte eine größere Medizinflasche in der Hand, die er gegen das Fenster hielt. Der Inhalt sah klar und hell aus, wie frisches Brunnenwasser. Der Wurzgartner schüttelte die Mixtur tüchtig, ehe er sie dem Amtsrichter hinhielt. »So! A zwoa Tag' reicht's schon!« meinte er gutmütig. »Alle zwoa Stund' an Eßlöffel voll nehmen. Und nachher kömmen's wieder!« »Was? Ich soll in zwei Tagen schon wieder diesen Schweineweg 'raufklettern?« empörte sich der Amtsrichter. »Können Sie mir das Zeugs da nich zuschicken?« »Naa! I muaß Ihnen söchen! Damit i 's beurteilen kann, wia viel's schon g'wirkt hat!« »Aber das Bergsteigen bekommt mir so schlecht!« wandte der Amtsrichter ein. »Jatz schon no! Dös glab' i schon!« gab der Wurzgartner ihm recht. »Aber dös wird alles besser, wenn Sie amal a Flaschen von dem Trankl da im Leib hab'n!« »So! Glauben Sie?« sagte der Amtsrichter zweifelnd. »Und Diät? Habe ich keine zu beobachten?« »Diät?« »Ja. Ich meine Essen und Trinken –« »Essen und trinken können's alles, was Ihnen schmeckt!« sagte der Wurzgartner. 325 »So? Sonderbar. Mein Arzt verordnete strengste Diät. Strengste Diät!« betonte er nochmals scharf. »Dös tua i nit! Außer wenn amal a Kuah z'gach g'fressen hat. Nachher laß i sie fasten!« »Na, ich bin schließlich keine Kuh, juter Mann!« sagte der Amtsrichter herablassend. Er trennte sich endlich von dem Wurzgartner im besten Einvernehmen. Der Obervintler Tonl mußte ihm die Medizinflasche behutsam hinuntertragen nach Latsch. In zwei Tagen hatte der Amtsrichter die Flasche geleert. Mit Schaudern betrachtete er von unten den steilen Berg, den er nun wieder zu dem Wurzgartner hinaufkraxeln sollte. Er verspürte zwar noch nicht viel Besserung nach dieser einen Flasche Medizin, aber er war gerecht genug, einzusehen, daß eine Flasche schließlich nicht genügte, um einen schwerkranken Menschen, wie er es war, herzustellen. Viel Vertrauen hatte er ja nicht zu der Sache, redete er sich selbst ein; aber er wollte eben kein Mittel unversucht lassen. Er sagte sich selbst, daß, wenn er jetzt die Fahnenflucht ergriffe und seine Kur bei dem Wurzgartner nicht fortsetzte, ihn das später bitter reuen würde. So keuchte er denn zum zweitenmal den Berg nach St. Martin hinan. Diesmal hatte er den Obervintler Tonl nicht mitbekommen. Der mußte daheim bleiben und am Feld arbeiten. Der Amtsrichter ging 326 daher seinen Weg allein. Allerdings stöhnend und keuchend. Aber es ging doch schon etwas besser mit dem Steigen. Eine ganze halbe Stunde kam er in St. Martin früher an als das erstemal. Der Wurzgartner war sehr zufrieden mit seinem Patienten. Er füllte ihm die mitgebrachte Flasche wieder mit der Medizin und hieß ihn in zwei Tagen wiederkommen. Das ging ungefähr zehn Tage lang so fort. Der Amtsrichter fühlte sich nun tatsächlich schon kräftiger und konnte sogar wieder eine Nacht hindurch ungestört schlafen. Im Laufe der zweiten Woche riet der Wurzgartner seinem Patienten, mehr Medizin zu nehmen und jeden Tag zu ihm zu kommen. Der Amtsrichter sah den Zweck seines täglichen Bergkraxelns zwar nicht ein, dachte sich aber, daß der Wurzgartner wohl auch hauptsächlich mit Sympathiemitteln kuriere und ihn deshalb täglich zu sehen wünsche. Die Kur dauerte schon drei Wochen hindurch, und mit dem Amtsrichter ging es immer besser. Er hatte jetzt eine ganz frische Hautfarbe bekommen. Sogar schon tüchtig abgebrannt war er. Und Hunger und Schlaf hatte er auch. Das Krabbeln spürte er fast nicht mehr. Nur vormittags noch pflegte es sich öfters einzustellen. Da hatte er mehr Zeit zum Nachdenken. Denn gleich nach Tisch mußte er hinaufwandern nach St. Martin. Am Sonntag der dritten Woche saß der Herr Amtsrichter mutterseelenallein in der Wirtsstube beim 327 Oberwirt in Latsch. Er war todmüde. Die Augen wollten ihm schon zufallen vor Schlaf. Vor einer halben Stunde erst war er von St. Martin zurückgekehrt. Nun wartete er auf sein Nachtmahl, das ihm die Kellnerin bringen sollte. Die Fenster der Wirtsstube standen offen. Draußen im Garten waren Bauern und junge Burschen, die sich lebhaft unterhielten. Heute genierte der Lärm den Herrn Amtsrichter gar nicht besonders. Er schloß nicht einmal die Fenster, obwohl es gerade unter denselben recht lebhaft herging. Da war ein Tisch mit lauter Burschen. Die schrien und lachten. Jedes Wort konnte man in die stille Stube hereinhören. Auf einmal horchte der Amtsrichter auf. Er hörte deutlich, wie die Burschen draußen seinen Namen nannten und sich über ihn lustig machten. Dann erzählte einer, zum großen Gaudium der andern, wie der Amtsrichter verruckt sei. »Alle Tag' rennt der schon seit etlene Wochen auf St. Martin aufi zum Wurzgartner und holt si sei Trankl. Und wißt's, was ihm der Wurzgartner gibt?« »Naa!« gröhlten die Burschen vergnügt zurück. »An g'wasserten Enzian mit an Stückl Zucker drein! Die Mena hat's der Tragerin erzählt, und dö hat's mir g'sagt! Und dös sauft er, der g'stobne Zoch !« Lautes, schallendes Gelächter der Burschen. Der 328 Amtsrichter war empört. Er kochte förmlich vor Wut. Erstens darüber, daß diese jungen Leute es wagten, über ihn zu spotten. Und zweitens über die unerhört freche Verleumdung des Wurzgartner. Denn daß die Erzählung der Burschen auf Wahrheit beruhen könnte, fiel ihm nicht im Traum ein. Er hatte doch die staunenswerte Wirkung der Wundermedizin an sich selber zur Genüge erfahren. Als der Amtsrichter Tags darauf wieder nach St. Martin kraxelte, versäumte er es nicht, dem Wurzgartner den Vorfall vom letzten Abend zu erzählen. »Sie könnten mir aber nu wirklich mal das Rezept geben!« schloß er seine Mitteilung. »Daheim will ich mir das Zeugs dann machen lassen. Es bekommt mir tatsächlich nich schlecht. Und dann kann ich's den frechen Kerls da unten vor die Nase reiben!« Der Wurzgartner stand in seiner niedern Stub'n und rauchte wie gewöhnlich eifrig drauf los. »Was hab'n dö Sakra g'sagt, daß i Ihnen gib'?« fragte er lachend und strich sich seinen langen Bart. »Jewässerten Enzian und een Stück Zucker drin!« sagte der Amtsrichter empört. »Nachher hab'n Sie ja dös Rezept, wenn Sie 's brauchen!« lachte der Wurzgartner lustig. »Was? Sie wollen doch nich sagen, daß Sie tatsächlich –« »Joa! Dö Buab'n drunten hab'n nit g'log'n! Es is wahr!« sagte der Wurzgartner und pflanzte sich breitspurig vor dem Amtsrichter auf. 329 »Aber dat is ja 'ne unerhörte Jemeinheit!« Der Amtsrichter war ganz empört in die Höhe gesprungen und warf sich wieder stramm in Positur. »Nit a so steif! Nit a so steif!« mahnte der Wurzgartner gutmütig. »Sie brechen Ihnen no 's G'nack ab!« »Jemeinheit!« schrie der Amtsrichter. »Warum denn?« frug nun der Wurzgartner unschuldig. »'s hat Ihnen do guat getan dö Kur. Und mit was i Ihnen kuriert hab', dös is mei Sach'! Dös geht Ihnen an Schmarrn an!« »Sie wollen mir nur das Rezept nich jeben! Ich kenne Sie schon! Da drauf fallen wir nich 'rein, juter Mann!« schrie der Amtsrichter. »Sie wollen mich zwingen wieder zu kommen, damit Sie mehr Jeld bekommen! Den Schwindel kennen wir!« rief der Amtsrichter erbost . . . Friedrich Wilhelm Schüttke blieb bei seiner Meinung. Er glaubte es einfach nicht, daß der Wurzgartner ihn mit gewässertem Enzian und Zucker kuriert hatte. Alle Beteuerungen des Wurzgartner halfen nichts. Der Amtsrichter schied im tiefen Groll von seinem bäuerlichen Arzt . . . Zu Hause erzählte er von der Wunderkur, die er durchgemacht hatte. »Dat muß man nu dem Manne lassen!« meinte er. »Verstanden hat der seine Sache! Ich bin janz jesund bei ihm jeworden. Janz 'n andrer Kerl! Aber 'n schlauer Fuchs is er ooch! Wollte mir absolut das Rezept nich 'rausjeben! Behauptete, es sei 'n jewässerter Enzianschnaps mit Zucker jewesen! Als ob ich das nich sofort jemerkt hätte! Und als ob so was überhaupt jeholfen hätte! Lächerlich! So'n Mumpitz! So'n fauler Zauber! Dat gloobt doch unsereens nich! Der Mann wollte eben, ich solle wiederkommen! So'n Ausbeuter, so'n jemeiner!«