Ulrich Hegner. Saly's Revolutionstage.     Berlin, bei G. Reimer. 1828.     Da hat der Landvogt Unrecht, sagte ich. Der Beamte schüttelte den Kopf und sprach: Guter Freund, man sollte heut zu Tage bedenken, was man redet! Die Einen lächelten, die Andern erschraken; alle aber schwiegen. Mir schien es eben so verächtlich, daß keiner von denen, die sonst die Mäuler immer zum Schmählen offen haben, sich jetzt vor dem Beamten ein Wort zu sagen getraute, als es mich nichts Gutes erwarten ließ, daß zu dieser Zeit jede schuldlose Rede in bedenklichem Sinne genommen werden sollte. Wer es nicht böse meint, sollte unter Seinesgleichen wohl die Wahrheit sagen dürfen, versetzte ich, und verließ die Gesellschaft. Unter Seinesgleichen? brummte mir der Beamte nach. In meinem Dorfe – es mag in anderen auch so seyn – gab es, die Lumpen Dieß Wort bedeutet in der Schweiz einen liederlichen Menschen, der die Sorge für seinen häuslichen Wohlstand aufgegeben hat. abgerechnet, von 2 jeher drey Arten Leute. Die ersten waren Augendiener der Obern, größtentheils Beamte, Schreiber, Lehenleute und dergleichen. Diese zeigten sich mir nie sonderlich geneigt, weil ich keine Schulden bey ihnen machte; doch auch nicht gänzlich abgeneigt, weil ich vor ihnen immer den Hut abnahm. Die Andern waren die geheimen Räthe des Pfarrhauses, als Küster, Schulmeister, Hebammen und Scheinheilige. Diese haßten mich, weil der Pfarrer bisweilen über mich murrte; denn wo der Herr und Meister nicht segnet, da fluchen die Jünger. Der Pfarrer meinte es sonst ehrlich und gut, aber er äußerte manchmahl seine Unzufriedenheit, daß ich nicht genug zur Kirche ginge, und lobte aus diesem Grunde meine Frau auf meine Unkosten. Die dritte Art endlich waren die ehrlichen, treuherzigen Bauern von altem Schrot und Korn, denen Haus und Hof ihre Welt, und Arbeit ihr Leben war; zufriedene, sorgenfreye Leute, die, ohne fromm seyn zu wollen, ihren Nächsten liebten wie sich selbst, treu und kalt, und ihr Vieh beinahe wie ihren Nächsten. Sie mochten mir wohl; nur fanden einige, ich arbeite nicht genug, weil ich Bücher im Hause hatte, und zuweilen Stadtleute zu mir herauskamen. Oft fragten sie mich über ihre häuslichen Angelegenheiten und Zwistigkeiten um Rath, weil sie glaubten, man lerne die Klugheit aus Büchern, und weil ich ihnen meinen Rath 3 weniger breit und weitschweifig, oder auch wohlfeiler gab, als die Beamten. Doch auch die zuerst Erwähnten erkundigten sich manchmal nach meiner Meinung, etwa was ich in diesem oder jenem Falle dem Gerichtsherrn antworten würde? Oder sie legten mir unter fremdem Namen Rechtsfragen vor, die meistens sie selbst betrafen; das alles jedoch unter der Hand und selten auf geradem Wege, es sey denn, wo es der Drang des Gewissens erheischte. Ich habe auf diese Weise schon seltene Gewissensfälle behandelt, und manchen getröstet, der seinen Umständen nach zehenmal glücklicher hätte seyn können als ich, wenn das Glück von außen herein käme. Von den Lumpen sage ich nichts. Wiewohl viele lustige Brüder und Schälke unter ihnen waren, die mich ehemals durch ihre Spaßmacherey anzogen, so hatte ich doch mit reiferm Alter gefunden, daß ihre Gesellschaft nichts tauge und Flecken zurücklasse. Mich selbst kann ich unter keine von diesen Klassen ordnen, ob ich gleich manchmal wünschte, mit Leib und Seele einer anzugehören; denn das Alleinstehen hat auch seine Leiden. Allzufrühe meiner Aeltern, die weit vom Vaterlande gestorben, so wie ihrer bessern Erziehung beraubt, und durch einen liederlichen Vormund um mein kleines Vermögen gebracht, wurde ich als ein verlassener Knabe von einem Freunde meines Vaters mitleidig aufgenommen. Er war Offizier, 4 verließ aber bald nachher den Dienst, und zog sich nach Hause auf ein Landgut zurück, wo er nach seiner Phantasie lebte, und mich auch so leben ließ. Ich wurde zu keinem Beruf angehalten, und konnte machen was ich wollte, wenn des Herrn kleine Angelegenheiten besorgt waren; so gerieth ich über seine Bücher, und las Jahre lang, was mir unter die Hände kam. Als er aber starb, und von seinem Nachlasse mir nichts blieb als die Bücher, sah ich wohl, daß diese ihren Mann nicht erhielten, und mußte nun arbeiten um zu leben, und da ich nichts besseres konnte, suchte ich im Sommer mein Brot mit Gartenarbeit im benachbarten Städtchen, winterszeit mit Holzfällen in den Waldungen desselben zu verdienen. Dabei ging es mir wohl, ich war gesund und fröhlich, brauchte wenig, und konnte darum täglich von meinem Verdienste etwas beyseit legen, bald einen kleinen Holzhandel anfangen und des Sonntags meine Bücher wieder vornehmen. Die Bürgersleute in dem Städtchen hatten mich gerne, weil ich fleißig war und einen ordentlichen Wandel führte, weil ich oft mit ihren Kindern scherzte, die Männer geduldig anhörte und mit den Weibspersonen zutraulich plauderte. Sobald ich soviel zusammen gespart, daß ich ein Stück Wiese kaufen konnte, heirathete ich ein Mädchen, auf welches ich schon lange ein Auge hatte, und baute aus ihrem und etwas entlehntem Geld ein 5 Häuschen in die Wiese. Die Frau besorgte nun mit ihrer Mutter untadelhaft das Gütchen, und setzte sich zum Spinnrade, wenn sie draußen nichts zu thun hatte, indessen ich in der Stadt meinem Erwerbe nachging. So lebte ich mit mir selbst und aller Welt im Frieden. Ich dachte nicht weiter an den Vorfall mit dem Beamten, als des Abends spät jemand an dem Fensterladen klopfte und mich hinausrief. Wir hatten eben zu Nacht gegessen, meine Frau las der alten Mutter den Abendsegen vor, und ich schlummerte hinter dem Ofen; denn ermüdet von der Arbeit war ich aus der Stadt gekommen. Es war ein Bekannter aus einem andern Dorfe, der mich einlud, sogleich aber heimlich in die Thalmühle zu kommen, wo jemand mit mir sprechen wolle. Diese Einladung befremdete mich, denn der Müller war sonst nicht mein Freund. Da ich armer Taglöhner nach dem reichen Filze nichts fragte, so war ich ihm ein hochmüthiger Kerl; wie es denn so in der Welt der Brauch ist, daß man die eignen Fehler an seinem Nächsten zuerst findet, und jeder der moralische Spiegel des andern ist. Ich entschuldigte mich zwar sofort mit Schläfrigkeit, allein der Bothe beharrte, und that so geheim und bedeutend! Nicht der Müller, sagte 6 er, sondern andre Männer, die da seyen, verlangen mich; es werde mich nicht gereuen. Nun hatte ich schon seit einiger Zeit bemerkt, daß oft bekannte und fremde Leute, wohl auch Reiter, des Abends in dieser abgelegenen Mühle ab- und zugingen, und etwas Geheimes trieben, mich aber bisher wenig darum bekümmert, und diese Entdeckung zu den Dingen außer meinem Berufe, zu den auswärtigen Angelegenheiten gezählt, die nicht in meinen Friedkreis gehören; zumahl die, von denen ich so etwas merkte, von dem vornehmern Schlage der Bauern waren, mit denen ich nicht gern zu schaffen hatte. Nun, es ist nicht weit, gab ich zuletzt dem Bothen zur Antwort; ich will sehen, wer so spät noch meiner bedarf. Die Neugier besiegte meine weitere Ueberlegung, und die Stille der Nacht trug auch zu diesem Siege bei. Geheimnisse werden da getrieben, dachte ich, und zwar von Leuten, die ich nicht kenne; es ist doch wohl den Gang werth, zu sehen wer sie sind. Und daß sie mich auch dabei haben wollten, gab mir für diesen Augenblick eine Bedeutsamkeit in meinen Augen, für die der Name Selbstgefühl zu gut ist. Ich könne ja wieder gehen, meinte ich, wenn mir die Sache nicht gefalle, und dachte nicht daran, daß man selten so geschwind aufhören kann, als man angefangen hat. Die Weiber in der Stube waren nicht zufrieden, daß ich wegginge, und wollten wissen wohin; allein es 7 ihnen zu sagen, schien mir eine schlechte Empfehlung zu einem Theilhaber an geheimen Dingen zu seyn – das Geheimniß hatte mich schon angesteckt, bevor ich es wußte – und sie mit einer Lüge abzuspeisen, wollte mir gegen die treuen Seelen auch nicht recht dünken; zudem fiel mir keine ein. – Ich versprach bald wieder zu kommen, und schickte sie unberuhigt zu Bette. Es war eine Viertelstunde nach der Mühle hin. Unterweges wollte meine Einbildungskraft der Wirklichkeit voreilen, und mir allerley Vorstellungen meines Empfanges, und dessen, was man sagen und ich antworten würde, vormahlen; allein ich suchte diesen Geist des Vorgenusses geschwind los zu werden, weil ich ihn schon lange als einen gefährlichen Gesellen kenne, und weiß, daß man durch ein solches Hineindenken in eine zukünftige Lage sich zwar leicht zu einem Helden aufschrauben, und Reden und Thaten, Fragen und Antworten zusammensetzen kann, wobei man nach Belieben die schönste Rolle spielt. Wenn dann aber die Zukunft zur Gegenwart wird, so findet sich auch alles anders, man ist über die betrogene Erwartung betroffen, und eben so schwach und unklug, als man vorher in der Einbildung besonnen und stark war. Ich brach also damit ab, betrachtete die schöne Winternacht, und das Heer der Sterne, eine Unendlichkeit, vor der alle eitelen Ansprüche schwinden; ich erheiterte mein Gemüth mit den Gedanken an meine heutige Arbeit, die zwar nur in einfachem Tagewerk 8 bestanden hatte, woher mir jedoch die Müdigkeit bewies, daß ich nicht als Müssiggänger gelebt hätte. So kam ich zu der geheimnißvollen Mühle; und dieß war mein erster Schritt zur Revoluzion. Schon in manchen Vorfallenheiten meines Lebens von einiger Bedeutung war der erste Schritt das Vorbild der ganzen künftigen Handlung. Dieß Mahl war er, den kleinen Beytrag von Eitelkeit und Neugier abgerechnet (ohne Schwachheit geschieht nichts Menschliches), unschuldig; mögen ihm die Folgen entsprechen! Damit ich durch Anklopfen keinen Lärm machte, obgleich die Mühle allein lag, stand ein Wächter bereit, der mich in ein hinteres Gemach auf dem zweyten Stock führte. Ein Dutzend Männer aus der Nachbarschaft saßen da, und einige fremde, die aber in ein Nebenzimmer gingen, als ich ankam. Unter den Anwesenden kannte ich etliche als vernünftige Leute, mehrere als dumme, listige und langweilige Geschöpfe, die aber jetzt die wichtigsten Gesichter machten. Sie hießen mich zu sich sitzen und Bescheid thun, es war Wein auf dem Tische; Briefe und Zeitungen lagen zerstreut umher. Einer, den ich schon lange für einen gescheidten aber unruhigen Kopf angesehen, nahm das Wort: Saly, wir wissen, daß du es gerne hast, wenn man offen mit dir spricht; höre also. Du wirst aus unsrer 9 Zusammenkunft und der Zeit derselben wohl abnehmen, daß unser Vorhaben ein Geheimniß und keine Kleinigkeit sey; wir haben dazu einen vertrauten Mann nöthig, der uns Briefe und mündliche Berichte herumtrage; willst du der seyn, so sollst du einen guten Lohn haben! Auch wissen wir, daß du oft in der Stadt arbeitest, und viel mit den Einwohnern plauderst, da sollst du einige Worte, worüber wir dich unterrichten wollen, fallen lassen. Aber zweierley mußt du uns gleichsam an Eidesstatt versprechen: einstweilen nach unserm Geheimnisse weiter nicht zu forschen, als wir selbst dir davon bekannt machen, und das tiefste Stillschweigen über alles, was du siehest und hörest zu beobachten. Trink unterdessen so viel du magst! Ein Zweiter, ein alter freudenloser Schleicher, der mir schon lange verhaßt war, wollte nun auch anfangen zu reden, wie das so dieser Leute Weise ist, nie einen allein sprechen zu lassen, sondern mit andern Worten das Gleiche zu sagen. Er fing an: Wir wissen, daß du Geld nöthig hast, Saly . . . Ich unterbrach ihn aber; schon der Antrag des Erstern, für den ich sonst einige Achtung hegte, hatte mich beleidigt, weil ich glaubte, ich wäre zu etwas Besserm gut. Behaltet euer Geld und euern Wein, so wie euer Geheimniß, sagte ich; ich mag von allem nichts! Ich soll euer Briefträger sein, nun das ginge noch an, wenn es am hellen Tage geschehen kann; aber Worte fallen zu lassen, deren Sinn und Zweck ich nicht weiß, 10 und damit Geld zu verdienen, das sey fern von mir! Wollt ihr mich brauchen, so müßt ihr mir nicht nur sagen, wozu, sondern auch, warum, sonst geh ich heim in's Bett. Ihr wißt, sagt ihr, daß es mir lieb sey, wenn man offen mit mir spricht, das thut ihr aber nicht! ich hingegen spreche wirklich gerne so, und sage euch rund heraus: Arm bin ich zwar, aber Geld verdienen mag ich keines auf Schleichwegen. Der mich zuerst angeredt hatte, lächelte, und sprach zu den übrigen: habe ich's nicht gesagt? Der Zweite aber, ein Mann im Amte, und von solchen herstammend, mithin vom Bauernadel, dessen Hochmuth den städtischen, so viel ich davon weiß, merklich übertrifft, wurde über meine Rede ungehalten, und fing mit unterdrücktem Zorn und drohendem Finger an: Salomon! Salomon! – als sich die Thüre des Nebenzimmers öffnete, einer der Fremden heraustrat, mich bey der Hand ergriff, und freundlich ihm folgen hieß. Nun habe ich die Schwachheit, wofern es eine ist, wenn mich einer durch böses oder plumpes Betragen aufgebracht hat, und es kömmt ein andrer, der artig und klug ist, so kann dieser mit mir machen was er will. Daher folgte ich auch dem Unbekannten willig. Es waren noch drey andre in dem Nebenzimmer, die ich der Kleidung nach für Bewohner einer andern Landesgegend erkannte, stattliche Leute. Mein Führer, ein Mann von ernstem Aussehen, 11 setzte sich vertraulich neben mich. Wir haben, sprach er, auch schon von Euch gehört, Salomon, und jetzt Euer Benehmen beobachtet, und es hat uns gefallen; so ein Mann, wie Ihr seyd, verdient alles zu wissen, und mehr als die meisten da draußen. Wir haben Zutrauen zu Euch gefaßt, und wünschten, daß Ihr uns kenntet, so würdet Ihr auch Zutrauen zu uns haben. Unser Vorhaben ist wichtig, ist von vielen geprüft und von bedeutendem Orte her als gerecht anerkannt worden. Wir brauchen aber Hülfe, und zwar sowohl von Guten und Verständigen, die aus eigner Kraft handeln, als von solchen, die bloß äußere Güter besitzen, Ansehen und Geld, womit man wirken kann. Zu den Ersten zählen wir Euch. Er fing nun an, mir die Beschreibung von einer Menge drückender Mißbräuche zu machen, die allmählich zum Nachtheil der vaterländischen Freiheit eingeschlichen seyen, wovon mich zwar in meinem engen Kreise die wenigsten gedrückt hatten, wie ich ihm auch zu verstehen gab; deren Einfluß aber auf's Ganze, an welches ich bisher wenig gedacht, er mir so fühlbar zu machen wußte, daß sie in diesem Augenblicke wie eine ungewohnte Last sich auf meine jugendlichen Schultern zu lagern schienen. Dann sprach er noch von einem Versuche, der vor einigen Jahren gemacht worden sey, dem Uebel abzuhelfen, und diesen Mißbräuchen durch Vorstellungen an Behörden zu steuern. Er entwickelte den 12 unglücklichen Erfolg der damaligen Unternehmung, und das traurige Schicksal, das sich die besten ihrer Freunde dadurch zugezogen; die doch, wie er behauptete, nichts als Remedur, und zwar auf keinem ungesetzlichen Wege verlangt hätten. Ein auffallender Unwille, der mir nachher wie verhaltener Grimm vorkam, bemächtigte sich seiner während dieser Erzählung so, daß ihm Thränen über die Backen liefen. Da fing ein andrer an, und sprach von dem zwiefachen Entschlusse, den sie nun von neuem auf das feyerlichste unter sich gefaßt, sowohl die verlornen Freyheiten des Vaterlandes wieder herzustellen, als auch ihre unglücklichen Brüder zu befreyen. Vor ähnlichen Verfolgungen seyen sie gesichert – er sagte mir aber nicht wie – und zum Gelingen brauchen sie weiter nichts als die meisten Stimmen im Lande. Ich hörte ihnen nicht ohne Bewegung zu, denn das alles war mir ganz neu, und so hatte ich Landleute noch nie sprechen hören. Ihre Wohlredenheit, ihre wenigstens scheinbare Empfindung, ihr Zutrauen kamen mir wie Wahrheit vor, und raubten mir die eigne ruhige Ueberlegung, die uns leider eben bey überraschenden Vorfällen am geschwindesten verläßt. Meine Antwort war kurz, und, wie ich damahls glaubte, gut: sie sprechen wie Männer, und wie ich es selten höre; was von mir mit gutem Gewissen für sie und ihre Sache geschehen könne, das wolle ich aus allen meinen Kräften thun, und ihnen heilig versprechen, daß 13 sie sich in allen gerechten Dingen auf mich und mein Stillschweigen verlassen können. Wir trauen Euch wie uns selbst, erwiederten sie, und bedürfen keines Gelübdes Eurer Verschwiegenheit. Gebt uns die Hand, und seyd unser Bruder! Hierauf erklärten sie mir noch einiges, und sagten endlich: Man schlug Euch uns vor, um einen Brief sicher an Ort und Stelle zu bringen, dafür aber seyd Ihr zu gut. Indessen ist es jetzt unser inniger Wunsch, daß Ihr bald mit den Bessern der Bundesbrüder in unsrer Gegend bekannt werdet, und dazu ist kein schicklicheres Mittel, da wir selbst noch nicht nach Hause reisen können, als daß Ihr unter dem Vorwand eines Briefes dahin geht; dadurch könnt Ihr auch bey den hiesigen Freunden Eure genauere Verbindung mit uns noch geheim halten; welches, wie Ihr selbst einsehet, um einiger derselben willen nöthig ist. Ich war zu allem willig. Sie hießen mich noch einen Augenblick in der großen Stube warten, bis sie mir den Brief übergeben könnten. – Was und wie viel Ihr draußen zu eröffnen habt, brauchen wir Euch nicht zu sagen, fügten sie hinzu; Ihr kennt sie besser als wir. Der mich hereingeführt, brachte mich auch hinaus. Salomon ist unser Freund! sagte er. Sogleich standen sie alle auf, und gaben mir die Hände; auch der adelstolze Beamte, der es schon nicht mehr wagte, mich zu duzen, obgleich diese Herren sonst bey uns das 14 Vorrecht strenge ausüben, gemeine Leute mit Du anzureden, das aber diese ja nicht erwiedern dürfen. Ich setzte mich in ihren Tabakrauch. Ihr habt lange drinnen zu thun gehabt, sagten sie – Gelt! die können reden! Ihr werdet nun ohne Zweifel unserm Verlangen entsprechen? – Ich antwortete wenig, denn ihre Reden und Manieren kühlten mich wieder gewaltig ab. Endlich kam der Brief, und ich nahm meinen Abschied. Als ich an die freye Luft und unter den Sternhimmel kam, war es als ob mir jemand zuriefe: So fängt man die Mäuse! – Je weiter ich ging, langsam oder geschwind, desto enger schlangen sich jetzt Bedenklichkeiten und Zweifel um meine Seele, so leicht mir noch so eben in dem kleinen Zimmer unter den freyheitdürstenden Männern alles geschienen hatte. Sonst machte die weite Natur gerade die entgegengesetzte Wirkung auf mein Gemüth. Ganz anders sah ich jetzt die Sterne an, als im Hingehen nach der Mühle; damahls als das unendliche Vaterland meiner Sehnsucht, jetzt wie eine alltägliche Erscheinung; damahls war ich müde am Körper, aber im Geiste leicht wie ein Reh, und muthig wie ein junges Roß; jetzt hingegen schien sich ein Berg auf mein Herz zu wälzen. Ich suchte mich jedoch zu sammeln, und meine neue Verbindung in den Gesichtspunkt eines bloßen Auftrags, den ich um Lohn übernommen, zu stellen. Es 15 war mir aber alles nicht recht, und ich sahe nur zu deutlich, wie sehr ich aus meinem Gleichmuth herausgehoben sey. Das soll aber nicht seyn, rief ich, das taugt nichts! und setzte mich, der Kälte ungeachtet, auf einen Stein, halbweg zwischen unserm Dorf und der Mühle, und strengte alle Kraft der Vernunft an, mich zu ermannen, und der Unruhe los zu werden. Zuerst suchte ich das, was mir die fremden Männer von ihrem Vorhaben geoffenbaret, in das möglichst helle Licht zu setzen. Ueber das Recht ihrer Klagen wußte ich wenig einzuwenden, weil ich die Gründe der Gegner nicht kannte; die Schilderung von dem harten Schicksale ihrer Freunde schien mir, wiewohl Leidenschaft durchblickte, empörend, und die Keckheit ihres Entschlusses hatte für mich was Anziehendes. – Aber wer gibt dem Volke das Recht, sich selbst zu helfen? fragte ich schon in der Mühle; und ihre Antwort: Der, so ihm Unrecht thut, wollte mir jetzt nicht mehr einleuchten. Und daß diese Selbsthülfe nicht ohne Verwirrung im Lande geschehen könne, empfand ich wohl; wenn man einen Sumpf aufrührt, wird das Wasser trübe. Alles dieses gab mir aber, die Wahrheit zu gestehen, weniger zu schaffen, als die Rechtlichkeit und die Folge des Antheils, den ich selbst schon an der Sache genommen. Man wird mit sich selbst immer zu geschwind oder zu spät fertig. Die, welche Lehrer seyn wollen, rathen uns zwar, dergleichen Selbstprüfungen 16 über den sittlichen Werth unsrer Handlungen nach festen Grundsätzen vorzunehmen; allein ich bin nie weit damit gekommen. Nicht nur ist es langweilig, so seinen eignen Schritten und Tritten nachzugehen, sondern es hält auch schwerer als man glaubt, Auge und Spiegel und Gegenstand in dem eignen Selbst zu vereinigen. Und wenn man sich auch schon Grundsätze gesammelt hat, womit man sich im Alltagsleben ziemlich ehrenhaft behilft, so leistet doch ihr todter Buchstabe in außerordentlicher Lage wenig geistige Hülfe. So ging es mir jetzt. Das sah ich wohl ein, daß ich mich in eine Verbindung eingelassen, worin ich ohne Nachtheil meiner Ruhe kaum bleiben, wovon ich mich aber auch nicht sogleich wieder losmachen könne; in eine Verbindung, die, wie ich schon jetzt erfahren, nicht nur aus Klugen und Tüchtigen, sondern auch aus Eiteln und Albernen bestehe, mit denen man wohl zerstören, aber nicht aufbauen kann. Ich sahe, daß dieß alles mein glückliches einfaches Leben unterbrechen werde, und das that mir wirklich wehe. Auf der andern Seite aber lockte mich manche neue Lage, in die zu kommen ich voraussah, und wozu ich mehr Kraft und Muth als Unlust fühlte. So saß ich lange auf dem kalten Steine, und überlegte hin und her, was für einen Entschluß ich nehmen sollte, als mir endlich einfiel, ich solle und könne gar keinen mehr nehmen, denn ich habe bereits schon gewählt, als ich den fremden Männern den 17 Handschlag gab; mir bleibe also nichts anders zu thun übrig, als mein Versprechen zu halten, den Brief zu besorgen, mich den unbekannten Bundesbrüdern zu zeigen, und muthig zu erwarten, wohin mich das Schicksal weiter führen wolle. Ich stand auf, und wollte nun im Gehen noch auf den Abschied von meiner Frau sinnen, als ich Stimmen hinter mir hörte, die mich zwangen zu eilen. Der Nachtwächter rief eben zwey Uhr, als ich in mein Haus trat. Ich stieg sachte hinauf, um mich noch ein Paar Stunden niederzulegen, denn ich fühlte erst jetzt, daß ich jämmerlich erfroren war. Marie, meinte ich, sollte meiner nicht inne werden. Aber sie wachte; armer Saly, sagte sie, wie frierst du! warum kömmst du so spät? Ja leider wohl spät, gab ich zur Antwort; ich mußte noch auf einen Brief warten, den ich morgen über Feld tragen soll für einen Fremden; sag' aber niemand nichts davon! und jetzt laß mich noch eine Weile schlafen. – Nun Gott Lob! daß ich dich wieder habe, und daß du morgen nicht arbeiten mußt, du würdest gar zu müde: sprach sie halbschlafend, und ließ es dabey bewenden. – Ich schlief auch bald ein. Noch ehe der Morgen durch die gefrornen Fensterscheiben graute, stand ich reisefertig in meinem Sonntagskleide da. Ich steckte acht zusammengesparte 18 Gulden in die Tasche, um damit einen Lichtmeßzins in Zürich zu bezahlen, den ich sonst durch den Bothen zu überschicken pflegte, in der Hoffnung dagegen etwas Zehrung zu erhalten, und so das Wirthshaus nicht zu bedürfen. Nach drey Tagen versprach ich zurück zu kommen. Wir schieden ungern. Ach! eine so lange Trennung hatten wir in unserm Ehestande nur Einmahl erfahren, als sie für acht Tage ins Bad ging, und schon am dritten aus Heimweh wieder nach Hause kam! Es war ein frischer klarer Wintermorgen, an dem es sich trefflich wandern ließ. Eine solche Wanderschaft ist für den Arbeitsmann festliche Erhohlung, auch mir war sie es; das Gefühl der Heiterkeit, welches ich so oft den Bergleuten anträumte, wenn ich sie Sonntagmorgens von ihren Höhen herunter ruhig und frey zur Kirche ziehen sah, ward jetzt, so wie ich einmahl recht von Hause weg war das meinige, und es behagte mir, nun tagelang unabhängig und einsam meinen Gedanken nachhängen, und mit dieser Empfindung die schöne Gegend wieder besuchen zu können, wo ich in meiner Kindheit einige Monate bey einem alten Geistlichen in sorgelosem Glück verlebt hatte. In dem benachbarten Städtchen war schon alles aus den Federn; die Handwerker arbeiteten, und die aufgemachten Krämerläden warteten auf Käufer. Es ist ein betriebsames Völklein; wer aber wenig sieht und hört, ist neugierig auf Kleinigkeiten, daher wollte 19 jeder, der mich in meinem Sonntagsrocke sah, wissen, wo ich hinginge. In solchen Fällen antwortet man mit Halbwahrheiten, die ungefähr das sind, was Lügen; man nennt sie aber unschuldig. Bald kam mir eine Kutsche nachgefahren, worin einer meiner städtischen Gönner saß, der mir freundlich einen Platz neben sich anboth. Er fuhr auf B., ein Dorf, wo das Landgericht besammelt war; er hatte daselbst einen Rechtshandel zu betreiben, der mir, ungeachtet seiner weitläuftigen Erzählung, nicht des Kutschenlohns werth schien. Allein je unwichtiger der Streit, desto stärker ist oft der Eifer, das wußte ich schon lange, und wunderte mich daher nicht. Da aber der Herr nicht aufhören wollte, davon zu sprechen, und auf der Welt nichts langweiliger ist, als ohne Beruf sich einen Proceß, auch selbst von einem Biedermanne, erzählen lassen zu müssen, anbey das ungewohnte Stillesitzen mich frieren machte, so stieg ich bald wieder aus, dankte dem Gönner, und ging zu Fuß. Unter Weges traf ich noch mehrere Landleute an, die an den Gerichtstag eingeladen waren. Ich gesellte mich zu verschiedenen, und hörte von einigen Worte, die mir auffielen, und mich merken ließen, daß das, was ich gestern Nachts erfahren, schon weiter verbreitet sey, als ich dachte. Dergleichen Aeußerungen sind aber selten nach meinem Geschmacke; nichts hörte ich zwar lieber, als wenn vernünftige Personen über wichtige Dinge reden, und mag es auch wohl leiden, wenn 20 ein ernsthafter, kraftvoller Mann geheimnißvolle Worte fallen läßt; aber wenn Leute von gemeinem Verstand und zweydeutigem Willen bedeutende Anspielungen machen, wovon man gleich merkt, daß sie nicht aus ihrem eignen Vorrathe hergenommen sind, so ziehe ich mich schnell zurück, und bin froh, wie ich jetzt war, wieder allein zu seyn. In Zürich suchte ich sogleich das Haus meines Zinsherrn auf, und erwartete mit hungriger Hoffnung hier, wie es bey uns üblich ist, ein Glas Wein und einen Bissen Brot zu bekommen. An der Hausthüre begegnete ich einem Herrn in der Rathskleidung, dem ich folgte und oben mein Geld einhändigen wollte; er wies mich aber mit freundlichen Worten ein Stockwerk höher, weil er nicht mein Gläubiger sey. Dort trat eben ein Mädchen mit rothen Backen, sauber halb städtisch und halb ländlich gekleidet aus dem Zimmer, und hieß mich warten, bis der Herr komme, welches nicht mehr lange währen würde. Ich fragte, ob ich nicht in der warmen Stube warten könnte, da es haußen so kalt sey? Laß den Bauer nicht herein, hörte ich eine weibliche Stimme von innen rufen. Warum nicht? wünschte ich zu wissen. – Ehe sie aber meine etwas ungeduldig vorgebrachte Frage beantworten konnte, kam der Herr selbst mit einem Jagdhunde die Treppe heran gestiegen. – Ich grüßte ihn. 21 Was will der da? sagte er zu dem Mädchen, ohne mich anzusehen; und als er hörte ich wolle einen Zins bringen: so warte nur hier, sprach er. Ich erneuerte meine Bitte, mich in das Zimmer hinein zu lassen, bis es ihm gelegen sey, das Geld abzunehmen, da ich mehrere Stunden weit herkomme und friere. Hier ist noch niemand erfroren, war seine gebietende Antwort, gieb nur der Jungfer das Geld! – und so ging er hinein; der Hund mit ihm. Wir sahen einander an, diese Jungfer und ich. Sie in Erwartung der Zahlung, ich voll Verwunderung über ihres Herrn Hochmuth. – Wenn man bey uns Geld bringt, so ist man willkommen, sagte ich. Will er mir jetzt den Zins geben? fragte sie endlich bescheiden. Hier nicht, mein Kind, aber im Zimmer; und lieber Ihr als ihrem Herrn. Sie erschrak und bath mich leise zu sprechen. Thu er's doch hier! Es friert mich an die Hände, sagte ich; ich kann kein Geld zählen. Der Herr kam unter die Thür und rief: Jungfer, der Mensch ist acht Gulden schuldig; Hurtig! Er will mir nichts geben. Da trat er, noch den Stock in der Hand, heraus. Was ist das? warum nicht? – Er hatte die Frage an das Mädchen gethan, so wollte ich nicht 22 antworten; allein ihre Verlegenheit that mir leid, ich sagte: Mich friert, ich möchte den Zins gern in der warmen Stube abstoßen. Daraus wird nichts, fuhr er mich an, hier ist Platz genug; die Stube ist nicht für Deinesgleichen. Ich hätte geglaubt, erwiederte ich gelassen, wenn ein Hund hinein darf, sollte es einem Menschen wohl auch erlaubt seyn. Das ist unverschämt! rief er; weißt du, wen du vor dir hast? Das sehe ich nur zu gut, versetzte ich. Da wurde er grimmig; er fing an zu toben, und zu fluchen, daß es im ganzen Haus erschallte; sprach von Gesindel, unruhigen Lumpenkerlen, die man wohl kenne, und dergleichen; und als ich das nicht hören mochte, und weggehen wollte, rief er: gieb das Geld her, Bursche! und drohete mir mit seinem Stocke. Ich machte eine kleine Bewegung mit dem meinigen, ungefähr, wie man das Gewehr präsentirt. – Das schien ihn zu besänftigen; er ließ den Heldenarm sinken, und befahl dem Mädchen den Hans zu rufen; die aber nicht gehorchte, sondern in's Zimmer ging, weil man drinnen geklingelt hatte. Euern Hans brauche ich nicht! sagte ich. Ich wollte Euch einen Zins bringen, der erst auf Lichtmesse verfällt, habe heute schon einen Weg von fünf Stunden gemacht, bin kalt und müde, und Ihr begegnet einem Hunde besser als mir! da verdient Ihr 23 wahrhaftig noch eine Zeitlang auf euer Geld zu warten. – Damit ging ich die Treppe hinab; und er in die Stube. – Man wird dich schon finden! rief er mir nach. Wenn dieß die Art ist, wie man hier mit den Landleuten umgeht, so haben die Bundesbrüder eben nicht Unrecht, dachte ich. Der Herr, der mich vorher im Rathskleide so freundlich hinaufgewiesen, stand jetzt unten im Schlafrocke. Er hatte vermuthlich den Lärm gehört. Er nahm mich stillschweigend beym Arm, und zog mich in die warme Stube; ich folgte ihm willig. Seine Frau und zwey Töchter saßen da an der Arbeit. Nachdem ich beym Ofen hatte Platz nehmen müssen, sagte er: Ich begehre nichts von Euerm Streite mit dem Herrn da oben zu wissen, das geht mich nichts an; aber ihr friert und hungert, lieber Mann, und habt nicht einmahl ein gutes Wort bekommen! So unerwärmt und mißvergnügt kann ich euch nicht weglassen; das Haus ist mein, und mir liegt daran, daß ihm niemand fluche. O Gott! rief ich gerührt aus, wenn in Einem Hause so verschiedene Menschen wohnen, wer darf sich wundern, wenn er in der weiten Welt auf Gute und Böse stößt! Er hieß seine Tochter Wein und Brod holen, und diese that noch ein Stück Käse dazu. – Aber der 24 Hans, sagte sie erschrocken, stehe unten im Hofe, er warte gewiß auf mich; ob ich mich fürchte? Man muß sich nicht gleich fürchten, war meine Antwort. Ich schaute durch's Fenster, und erkannte in ihm einen muntern Jäger aus unsrer Gegend, den ich früher oft im Walde angetroffen. – Ich komme bald, Hans, rief ich. Ey! bist du es, Saly? Ja mit dir mag ich keine Händel haben, sagte er lachend, und ging seiner Wege. Mutter und Tochter freuten sich, aber der gute Mann seufzte: Ach so machen sie's, diese Herren des Landes, wie sie sich zu seyn wähnen, die doch ohne die Landschaft nichts wären; und tragen richtig auch ihren Antheil Oehl zum Feuer, das uns zu verzehren droht! Gott sey Dank, daß wir auch noch Männer von alter Sitte haben! Er fragte sonst mehr als er redte, und schien das nicht zu seyn, was wir Landleute mit so viel Beyfall einen gesprächigen Herrn nennen. Was er aber sagte, war sanft und gefällig. Meines Vorfalls oben im Hause erwähnte er mit keinem Worte mehr, erkundigte sich auch weiter nicht über meine Reise, weil er meinte, ich sey nur des Zinses wegen hieher gekommen, welches mir sehr lieb war, denn wie hätte ich einem so edeln Manne die Wahrheit verhehlen können! Er erkundigte sich, ob viele Leute aus meiner Nachbarschaft auf die bevorstehende Bundeserneuerung gehen, und als ich nichts davon wußte, lächelte er und 25 sagte, ich müsse meine Bekannten dazu einladen; es sey die goldne Hochzeit zwischen der alten Kraft und der neuen Klugheit. Die Töchter fingen an Anstalt zum Mittagessen zu machen, daher brach ich auf, und schied mit dankerfülltem Herzen aus der gastfreyen Wohnung. Wenn aber diese Menschenfreundlichkeit hier überwiegend ist, fuhr ich in meiner Selbstbetrachtung fort, so haben die Bundesbrüder abscheuliches Unrecht. So söhnt uns immer ein Mensch mit dem andern wieder aus, und ein Zufall mit dem andern. Ohne den bösen Mann hätte ich den guten nicht kennen gelernt. Das ist der Weltlauf, was ich hier in Einem Hause sah, Gutes und Böses, und so wird es auch der Stadtlauf seyn. Ohne also weiter noch etwas zu fragen, ging ich zum Thore hinaus, und hatte da meine Freude an der auch im Winter schönen Natur; und bekümmerte mich wenig um die Leute. Als ich eine Zeitlang so gegangen war, fiel mir ein kleiner unansehnlicher Handwerksbursche auf, der einen Ranzen trug, und ein geschwollenes mit Lumpen umwickeltes Bein mühsam nachschleppte, und dabey sang. – Lustig, Bruder! rief ich ihm zu. – Ja, sagte er, sie haben mir da Wein gegeben, wie ich lange keinen bekommen. – Er hinkte nun mit mir, so daß ich seinetwegen langsamer gehen 26 mußte, und fing an zu erzählen, wie es ihm in Zürich nicht gut gegangen; man habe ihm vorher gesagt, die Schweizer lieben die Fremden nicht. Doch müste er seine Behandlung hier im Spital, wo er sieben Wochen krank gelegen, rühmen. Wenn nur zuletzt noch das Gute kömmt, tröstete ich ihn, so ist alles gut. Ich habe es aber nicht immer so gehabt, sagte er; ich war auch im Zuchthaus. Ich blickte ihn an; er sah ehrlich aber einfältig aus. Hat Er nicht eine gewisse Schrift gelesen? fuhr er fort. Es gibt vielerley Schriften, antwortete ich lachend. Ueber eine gewisse Geschichte, meine ich; ich will es Ihm erzählen. Als ich einmahl an einem Markttage allein in der Werkstätte arbeitete – ich bin ein Buchbinder – kam ein Landmann herein, der beynahe wie Er aussah. Er that erst allerley Fragen an mich, und zog endlich ein Pack gedruckter Schriften hervor. Guter Freund, sagte er, will Er ein Stück Geld verdienen? Und als ich mich dazu willig bezeigte – so muß Er diese Schriften heimlich unter seine Bekannten austheilen, und unter Bauersleute, die geistliche Bücher bey Ihm kaufen; aber sein Meister muß bey Leibe nichts davon wissen! Zugleich nahm er einen Laubthaler heraus, den er mir in die Hand drückte, mit dem Beyfügen, er wolle in einigen Wochen 27 wieder kommen, und wenn ich meine Sache gut gemacht, solle ich noch mehr Geld haben. Das gefiel mir wohl, ich that wie er mich geheißen; aber kaum hatte ich es ein Paar Tage getrieben, so kam früh am Morgen ein Häscher, der mich in's Zuchthaus abführte, wo man mir das Büchlein vorlegte, und mich, als ich nicht sagen konnte, wer es mir gegeben, abprügeln ließ, und hernach auf Wasser und Brot in's Gefängniß warf, ob ich gleich betheuerte, daß ich unschuldig wäre, weil ich die Schrift mit Fleiß nie gelesen. Hier blieb ich zehen Tage, bis mich die Angst und der Verhaft krank machte, und mein alter Schaden am Fuß wieder aufging; worauf ich in das Spital gebracht, und daselbst liebreich verpflegt wurde. Gott vergelte es ihnen, es wohnen gute Leute da! Aber der Fuß war bös zu heilen; da kam es endlich so weit, daß ich wieder darauf gehen konnte, und man mich laufen ließ. Wenn ich jetzt nur wüßte, wer mir das Büchlein gegeben, damit ich erzählen könnte, was ich seinetwegen gelitten; vielleicht kriegte ich einen Ersatz. Ich rieth ihm nach Hause zu gehen, sein Handwerk ehrlich zu treiben, und mit dergleichen geheimen Artikeln sich nicht mehr abzugeben, dafür sey er zu einfältig! Letzteres sagte ich ihm absichtlich rund heraus, weil ich weiß, daß es oft gute Wirkung thut, wenn man den Leuten ohne Umstände sagt: Ihr taugt nicht hiezu! So wissen sie auch, daß es ihnen gesagt ist, und kehren mit einer leichten Wunde zur 28 Ueberlegung zurück; da hingegen die feinen Pfeile verdeckter Warnung hundert Mahl an dem Schilde der Eigenliebe abprellen. Da er nicht gleichen Schritt mit mir halten konnte, so nahm ich Abschied, und er fing seinen Gesang wieder an. Nimm dich in Acht, sagte ich zu mir selbst, das könnte unter fremdem Nahmen deine eigne Geschichte seyn. Der einfältige Buchbinder läßt sich durch Geld und gute Worte (von einem Manne, der aussah wie ich, sagte er, welches mir die Erzählung widrig machte) verleiten, sich mit etwas Geheimem abzugeben, das außer seinem Berufe lag, und wurde dafür von der Obrigkeit als ein Ruhestörer mit Schlägen und vom Verhängniß mit einem bösen Fuß als ein Sünder bestraft, denn jede Einmischung in ein fremdes Geschäft ist Untreu gegen sich selbst, und das ist die Sünde! Um Geld ist es mir zwar nicht zu thun, aber man muß nicht nur dem Gelde, man muß auch guten Worten widerstehen können! – Noch sind keine vier uns zwanzig Stunden verflossen, seitdem ich in der Mühle den ersten Wink erhielt, und jetzt begegne ich schon allenthalben Spuren einer furchtbaren Gährung; vorher hörte ich freylich auch dieß und jenes sagen, aber ich dachte an keinen Zusammenhang, den ich nun auf's deutlichste wahrnehme. Ein gefährlicher Weg, den ich gehe! Solche Betrachtungen störten mich, und meine 29 Freude an der schönen Gegend verschwand; es war mir, als ob Schlangen hinter den Hecken lauerten, und Ungeheuer aus dem Wasser hervorguckten. Sogar das Singen des Handwerksburschen ärgerte mich; er singt im Gefühle seiner wiedererlangten Freyheit, und ich bin im Begriff die meinige zu verlieren! Soll ich zurückkehren, dachte ich oft; und ging unterdessen immer vorwärts. Wie hat sich doch seit Jahren hier alles verschönert! sagte ich zu einem Mann, der mit mir aus einem Dorfe kam, und mich eine Strecke begleitete. Das macht die Handlung, antwortete er, die ist seitdem stark in Schwung gekommen. Die Handlung, rief ich, die ist ja verbothen. Freylich, aber man treibt doch so unter der Hand manches. Ja, fügte er nach einer Pause hinzu, wenn wir nicht so gedrückt, und die Menschenrechte uns nicht geraubt wären, wir hätten es noch viel besser. Welche Menschenrechte? fragte ich. Er lächelte mir geheimnißvoll seine Unwissenheit entgegen. Ich merkte, daß dieß eines der Worte sey, die man nach den Verhaltungsregeln aus der Thal-Mühle zuweilen müsse fallen lassen. – Einem gedrückten Lande, sagte ich, sieht eure Gegend doch nicht ähnlich. Abends bey guter Zeit kam ich nach Meilen, und gab meinen Brief in dem bestimmten Hause ab. Man empfing mich gut, aber kalt; der Brief wurde nicht 30 gelesen, sondern gleichsam als unbedeutend in ein Nebenzimmer gelegt, bis es ganz dunkel geworden. Da sah ich nach einander verschiedene Männer von gutem Ansehen ankommen, die einen Augenblick in die Wohnstube, wo ich war, hereintraten, dann wieder hinaus, und eine Stiege höher gingen. Das währte ungefähr eine Stunde; endlich wurde auch ich gerufen. Es war da wieder eine nächtliche Versammlung, wie gestern in der Mühle, nur anständiger. Wein und Toback stand noch in einer Ecke des Zimmers, und auf dem Tische, um welchen zehen Männer herumsaßen, lag ein großes Buch und ein Schreibzeug. Sie waren alle unbeweglich und mausestille, bis ein junger Mensch, der mich eingeführt und mir einen Stuhl gegeben hatte, wieder weg war. Das kam mir fast zu feyerlich vor für Landleute; sie müssen es wo abgesehen haben, dachte ich. Endlich hob einer an: Lieber Freund, daß nicht sowohl das Ueberbringen eines Briefs die Ursache Euers Hierseyns sey, als der Wunsch einiger unsrer Brüder, Euch mit uns bekannt zu machen, und auch Euer Wunsch, mit uns bekannt zu werden, das ist berichtet worden, wie auch, daß Eure Grundsätze über die traurige Gefangenschaft einiger der trefflichsten Männer des Landes und über die verlorne Freyheit gänzlich mit den unsrigen übereinstimmen; darum 31 machen wir es uns zur Pflicht, Euerm Wunsche zu entsprechen, und unser Vorhaben ganz vor Euch aufzudecken. Verzeiht, ihr Herren, eilte ich zu sagen, wenn ich jetzt schon reden muß; ich möchte nicht, daß Ihr mir mehr Zutrauen schenktet als ich verdiene, und mehr von mir erwartetet, als ich leisten kann; denn Euer Unternehmen ist von der höchsten Wichtigkeit für Euch, und ihr müßt genau wissen, mit wem Ihr zu thun habt. Es ist zwar erst von gestern her, seitdem ich etwas davon weiß, allein ich habe schon genug erfahren, um vor dem weiten Umfange desselben beynahe zu erschrecken. Eure Brüder haben mich freylich durch ihre Freymüthigkeit und ihr Zutrauen eingenommen, ich mochte auch nichts gegen das Recht ihrer Beschwerden einwenden, weil diese mir größtentheils neu waren; aber weder mein Schicksal noch meine Denkungsart gebiethen mir den gleichen Eifer der Theilnahme – und das ist es, was Ihr wissen müßt, damit Ihr Euch nicht an mir irret. Ich bin nur ein gemeiner Tagelöhner, meine Umstände fordern mich zur Genügsamkeit auf, und ich fühle mich nie leichter und zufriedener, als wenn ich mich über wenig in der Welt beschwere und um das Heil des Ganzen nicht bekümmere; daher geht mein Dichten und Trachten mehr nach einer innern Freyheit, welche mir die äußere entbehrlich mache. Indessen verlange ich keineswegs, daß andre sich so beschränken sollen, wie ich, und werde 32 auch die nicht tadeln, welche bürgerliche Freyheit für andre, mit Gefahr ihre eigne zu verlieren, suchen, sondern lobe sie vielmehr, wenn ihre Absichten, wie ich von Euch glauben muß, rein sind, und habe deßwegen auch den Handschlag, welchen ich Euern Brüdern gab, noch nicht bereut; nur möchte ich eben so wenig als unbedingter Gehülfe, wie als bloßes Werkzeug angesehen seyn. Ich bitte also mir von Euern Geheimnißen, wenn Ihr solche habt, mehr nicht zu vertrauen, als Ihr mit meinen Gesinnungen verträglich findet. Sie hatten mir mit Aufmerksamkeit und stiller Befremdung zugehört, weil sie wohl merken mußten, daß ich nach der feyerlichen Verbrüderung nicht so begierig sey, wie sie erwarteten; denn wer Grundsätze auskramt statt der Antwort auf ein dringendes Ansinnen, der sucht Ausflüchte. Einer der den äußern Anstrich von Frömmigkeit hatte, und mir der Feinste schien, antwortete: Unsre Brüder hatten Recht, Eure mannhafte Denkungsart zu loben, und Euch als einen Liebhaber der wahren Freyheit zu schildern, das beweist Eure Freymüthigkeit; wollte Gott es gäbe viel solche Leute im Lande, so wären wir bald recht frey! Unser Vorhaben ist sehr einfach, wir wollen nichts als die Freyheit unsrer unschuldigen Gefangenen und unsre verlornen Rechte, die Ihr hier beschrieben findet (indem er mir ein kleines Heft Schriften übergab). Der einfachste Zweck braucht aber oft verwickelte Mittel, und dieß ist leider hier 33 auch der Fall. Durch öffentliches Handeln ist nichts auszurichten, wie die traurigste Erfahrung uns sattsam belehrt hat; es bleibt uns also nichts anders übrig, als mit Vorsicht und Gottes Hülfe uns unter der Hand und auf mancherley Weise einen großen Anhang zu verschaffen, der die Gegenpartey überwiege, und damit gleichsam zu erzwingen, was durch gütliches Betreiben nicht zu erhalten ist; daß dieß aber allerhand Leute und Hülfsmittel bedürfe, ist leicht einzusehen. Freylich ist das Anwerben Eure Sache nicht, wir wissen es, und fern sey es von uns, Euch dazu überreden zu wollen. Ja wir werden Euch auch, so gerne wir es sonst gethan hätten, von unsern Hülfsmitteln, die der edle Zweck heiligen muß und wird, weiter kein Wort sagen, weil Ihr es nicht haben wollt. Aber das hoffen wir nach Euern Aeußerungen mit Zuversicht, Ihr werdet uns, so lange Ihr uns gerecht erfindet, Euern Beystand nicht versagen, und wenigstens die Verbündeten in Eurer Gegend mit gutem Rath unterstützen. Ich wiederhohle es, erwiederte ich, daß es mir Ernst ist, wenn ich Eurer Unternehmung einen gemeinnützigen Ausgang wünsche; aber erlaubt mir noch die Frage: Fürchtet Ihr nicht, wenn Ihr so die ungeschlachte Menge in Bewegung setzt, daß Ihr derselben keinen Stillstand mehr werdet gebiethen können, und daß sie, wie ein angeschwollenes Waldwasser Freund und Feind mit sich fortreiße, und alles zerstöre? Und was für einen Beystand erwartet Ihr jetzt von mir? 34 Sie betheuerten, daß sie himmelweit davon entfernt seyen, eine Empörung im Sinne zu haben, sondern wenn sie freylich auch zu drohenden Maßregeln schreiten müsten, werden sie es nicht thun, bis sie ihrer Uebermacht so sicher seyen, daß der erschrockene Gegner an keinen Widerstand mehr denken dürfe. Die Volksmasse aber sey wohl zu lenken, wenn sie wohlgesinnte Führer aus ihrer Mitte habe. Sollte ich mir dessen ungeachtet nicht gefallen lassen, Leute für ihre gute Sache zu überreden, so wünschten sie jetzt nur, von mir sagen zu können: Wer nicht wider uns ist, der ist für uns; und weiter in gutem Vernehmen mit einander zu stehen. Damit gaben sie mir den Abschied, denn sie standen auf; das große Buch und das Schreibezeug wurden weggenommen, und Wein und Toback dafür hingestellt. Sie fingen an von gleichgültigen Dingen zu sprechen; zwar noch in einem freundschaftlichen Tone, jedoch mit merklicher Zurückhaltung und Abnahme der anfänglichen Zutraulichkeit; und beym ersten Worte, das ich vom Weggehen sagte, wiesen sie mir bereitwillig im Wirthshause mein Nachtlager an. Ich aß fröhlich zu Nacht, vergnügt mit meinem heutigen Tagewerk, weil es mir auf morgen den Rückweg in mein stilles Reich, das nicht von dieser neuerungsbegierigen Welt ist, bahnen sollte. Nur eines 35 war mir nicht ganz recht: ich konnte mir nicht bergen, in den Aeußerungen über mich selbst einen etwas hohen Ton angestimmt zu haben, welches andre an uns so ungern hören, als wir an ihnen. Allein es ist kein andrer Rath, wenn man in der Nothwendigkeit ist, von sich selbst zu sprechen, und unbekannten Treibern zu antworten, als es mit kecker Bestimmtheit zu thun; das Liebenswürdige der bloßen Bescheidenheit reicht da nicht hin. Der Zweck muß da auch das Mittel heiligen, wie der Mann mit dem frommen Anstand heute sagte. Als ich eben zu Bette gehen wollte, zeigte mir der Wirth leise an, daß noch jemand mit mir zu sprechen wünsche; es war einer der Männer von diesem Abend. Er begleitete mich in mein Schlafgemach, und brachte mir Geld, wovon ich aber kaum die Hälfte als meinen Lohn ansah und nahm. Er ließ mich machen, und sagte dann, daß er nicht deßwegen gekommen, sondern die vereinigten Freunde, welche heut Abend noch viel von mir und meinen Ansichten ihrer Sache gesprochen, haben gefunden, ich wäre der Mann, ihnen einen wichtigen Dienst zu leisten. Es halten sich nämlich in der Nähe von Basel einige ihrer bekannten Brüder auf, die mit mehrern Einverstandenen daselbst einen Verein ausmachen, ungefähr wie der ihrige hier zu Lande; mit diesen stehen sie in Verbindung und häufigem Briefwechsel; sie dürfen aber nur die wenigsten Briefe der Post, und nicht einmahl alles den Briefen 36 anvertrauen, und zu mündlichen Berichten haben ihre bisherigen Bothen selten das erforderliche Geschick. Nun sey der Fall, wo ich zeigen könne, daß ich es gut mit ihnen meine, wenn ich mich entschlösse, auch nur ein Mahl diese kleine Reise für sie zu machen. Er drang sehr in mich, sogleich zu entsprechen, allein ich bath mir Bedenkzeit bis morgen aus, da ich, von der Tagesmüdigkeit erschöpft, nicht mehr im Stande sey nachzusinnen. Wirklich schlief ich auch ein, sobald der Mann fort war, fest entschlossen jedoch, morgen zurückzukehren. Allein als ich bey Tagesanbruch wieder erwachte, und der Kleinmuth der Ermüdung gewichen war, fand ich es doch der Mühe werth, über den Vorschlag nachzudenken, wär' es auch nur gewesen, um die sinnliche Behaglichkeit zu fühlen, welche man hat, wenn man so des Morgens, im Bette bis über die Ohren, seinen Gedanken nachhängt. Da es mir bisher gleichgültig gewesen, ob wenige oder viele regieren, wenn nur Ruhe und Ordnung herrschte, so konnten neue Freyheitspläne, so einleuchtend sie waren, meinen Entschluß allein nicht bestimmen; auch allerhand andre Scheingründe nicht, die vor meiner Einbildung vorüberzogen, und mir Ansehen, Geld, Volksgunst, größern Wirkungskreis vorspiegelten; Blendwerke, womit man oft sich selbst, doch mehr noch andre täuscht. Gott bewahre dich vor gesuchtem Berufe, sagte eine warnende Stimme; jede 37 menschliche Unternehmung, wovon nicht Liebe und nächste Pflicht die Triebfedern sind, ist eitel! Winket dir nicht deine Frau dort unter der engen Pforte deiner einsamen Hütte, und wird der Rückweg nicht schwerer seyn, je weiter du dich davon entfernest? Allein die Stimme der Warnung verklang – leider nicht das erste Mahl! – in dem leichten Sinne der Jugend. Am Ende überwog die Lust, Land und Leute zu sehen und nach Basel zu kommen. Ich will mir die Aufträge schriftlich und versiegelt geben lassen, und so unschuldig reisen als möglich, sagte ich, ob ich gleich dabey leise empfand, daß die Unschuld, welche sich selbst nennt, das nicht mehr ist, wofür sie sich ausgibt. Als ich die Augen aufschlug, war es schon heller Sonnenschein, wodurch mein Reiseplan nur noch anziehender beleuchtet wurde. Bald kam der gestrige Mann. Ich machte ihm sogleich meinen Entschluß bekannt, ihrem Begehren zu entsprechen; nur, fügte ich hinzu, wäre es mir lieb, wenn sie mir ihre Aufträge, so viel es sich thun ließe, schriftlich gäben. Er freute sich, und zog die Briefe schon fertig aus der Tasche. So gewiß hatten sie darauf gezählt, daß ich den Auftrag übernehmen würde. Die Herren kennen mich besser als ich selbst, sagte 38 ich mit einiger Wärme; wenn ihr aller eurer Schritte so sicher seyd, so habt ihr gewonnen Spiel. Er lächelte: Wer sich einen Anhang verschaffen will, muß es machen, wie der Apostel Paulus, und allen alles seyn können. Gestern waren wir anfänglich mit Euch nicht recht zufrieden; nachher sahen wir ein, daß Ihr folgerecht handelt, und desto eher seyd Ihr unser Mann! Andre, die wir mit Briefen abgeschickt haben, waren froh, wenn sie recht viel geheime mündliche Aufträge mitbekamen, Ihr wollt es anders, und wir geben sie Euch schriftlich. Es ist uns alles recht, wenn die Briefe nur sicher nach Basel kommen, und Ihr an unsern Freunden daselbst Gefallen findet, von welchen Ihr dann schon mehrers hören werdet, was Ihr jetzt weder Zeit noch Lust habt, von uns zu vernehmen. Als wir uns zum Frühstücke gesetzt hatten, nannte mir der Mann noch die Nahmen seiner Genossen, die ich gestern Abend kennen gelernt, und machte mir eine Schilderung von denen, welche ich auf der Reise antreffen würde. Von mehrern hatte ich schon vor einigen Jahren, aber nicht so vortheilhaft, reden gehört. Auch jetzt vernahm ich wieder manches, das mir noch einen ausgedehntern und bedeutendern Plan verrieth, als ich geahndet hatte. Besonders fiel mir auf, daß er einige Mahl von dem guten Vernehmen oder vielmehr von der Gunst sprach, worin sie bey einer auswärtigen hohen Macht stehen, die unsre 39 Regierungen weder zu lieben noch zu fürchten scheint. Er legte mir das Fragen darüber auf die Zunge, beging aber den Fehler vieler Leute, welche gern ein Geheimniß los wären, daß er mit abgebrochenen Worten und künstlichem Bedacht darauf hindeutete, welches niemals zutraulich zum Fragen macht, weil man daraus nicht recht klug wird, und jeder Vernünftige sich scheut, unpassende Fragen zu thun, und mit Geheimnissen blinde Kuh zu spielen. Er mußte sich also gefallen lassen, daß ich mit dem vorlieb nahm, was er mir sagte. Ueber den unerlesenen Anhang allerley Volkes, den sie suchten, konnte ich mich nicht beruhigen, noch über den Leichtsinn der Versprechungen, die sie, wie er mir gestand, jedem zu machen genöthigt seyen. Das ist freylich ein unfehlbares Mittel einen Anhang zu bekommen, sagte ich, aber wenn ihr nicht in den Stand gesetzt werdet, diese Versprechungen zu erfüllen, so habt ihr euern Anhang gegen euch, er sieht sich als betrogen an, und dann müßt ihr es noch für ein Glück halten, wenn sie euch nur fluchen. Gelingt aber die Unternehmung, so wird euch die eigne Erfahrung lehren, was ihr schon aus fremdem Beyspiel wissen solltet, daß sich der große Haufe so stark in die Thüre drängt, die ihm zu Vortheilen aufgesperrt wird, daß kein guter Wille mehr fähig ist, sie zu schließen; und wenn ihr ihm neun drückende Beschwerden abnehmt, und die zehnte leichte nicht, so ist er nicht zufrieden. Auch giebt es allenthalben gute Köpfe mit bösen 40 Absichten, denen es daran liegen wird, euer helles Wasser trübe zu machen und zu erhalten, um darin nach Herzenslust fischen zu können. Das alles haben wir uns auch mehrmahls gesagt, erwiederte er; in Basel, lieber Freund, werdet Ihr die Antwort darauf hören. Uebrigens müßt Ihr auch dieß noch beherzigen, daß der Mensch selten mit dem Kopf allein handelt, sondern auch das Herz einen Antheil an seinen Thaten hat, und im Herzen der Sitz, so wie der Liebe, also auch des Hasses ist. Ihr habt noch nie an Gut und Ehre und Freyheit gelitten; wir tadeln Euer kaltes Blut nicht, entschuldigt Ihr dagegen unsre Wärme! Brief an meine Frau . Was wirst du sagen, gute Marie, wenn du mir morgen entgegen gehst und mich nicht findest; und was wird deine Mutter sagen, wenn du mich nicht zurücke bringst? – Mein Gott! wo ist er denn hin? – Und indem ihr Sorgen und Angst habet gehe ich immer weiter von Euch! Weißt du noch, wie du in dem Bade warst, und am dritten Tage wieder heimgelaufen kamst? Saly, ich kann ohne dich nicht seyn, sagtest du; und die Nachbarn lachten, und ich lachte und weinte zugleich. – Ist das nun meine Gegenliebe, mein Versprechen! 41 Tröste dich, liebes Kind, und trockne deine Thränen! Es thut auch mir wehe, nun des Abends euers herzlichen Willkommens und des vertraulichen Gesprächs bey der Nachtsuppe zu entbehren, weil einem doch nur da recht wohl seyn kann, wo die Zuversicht der Liebe waltet. – Aber ich gehe auch nicht zum Lande hinaus zu fremden Leuten, sondern nur bis Basel, wohin mich das Geschäft, welches mich hieher führte, noch unausweichlich zieht. Das wird freylich einige Tage länger dauern, als ich versprach, dafür hoffe ich aber auch ein hübsches Stück Geld heimzubringen; du weißt, wie uns die Mutter schon lange vermahnte, etwas zum Ankauf eines kleinen Weinbergs vorzusparen, damit Ihr im Sommer draußen auch was zu schaffen habt. – Und zu Hause versäume ich jetzt gerade am wenigsten; unsre kleine Wirthschaft erfordert im Winter keine Arbeit, und für Holz wird das Städtchen wohl sorgen, wenn die Herren frieren. Seyd also gutes Muthes zusammen; der Himmel wird mich beschützen und Euch! – Laßt den Nachbar Holländer, wenn Ihr Abends in die Lichtstube geht, erzählen, wie weit es nach Basel sey, und berechnet darnach den Tag meiner Rückkunft. Wenn Ihr dann zur glücklichen Stunde in das Thal hinunter schaut, und es kömmt von ferne einer mit fröhlichen Schritten einhergegangen, und dir das Herz klopft, Marie, so ist es dein Getreuer! 42 Sie hatten mir, ich weiß nicht warum, einen Reisegefährten an dem Sohne eines der Staatsgefangenen mitgegeben, den ich bald als einen unbesonnenen Jungen kennen lernte, der sich klug dünkte, und sich jetzt nicht wenig auf diese Sendung zu gut that. Er vertraute mir, so bald er konnte, daß er unlängst auch schon diesen Weg gemacht, aber durch ein Mißverständniß das Zutrauen der Freunde in Basel verscherzt habe; dieß werde wohl der Grund seyn, warum ich ihm zugesellt worden. Auf meine Frage, worin diese Unzufriedenheit mit ihm bestehe, antwortete er, sie haben ihm einige Unvorsichtigkeiten Schuld gegeben, da er doch nichts gethan, als hier und da nach Abrede offenherzig über die Menschenrechte zu sprechen, um der guten Sache Anhänger zu gewinnen; allein inner den Mauern wollen sie immer die klügsten seyn, und trauen ihrem eignen Schatten kaum, darum sey ihnen auch nicht zu trauen; er wolle dieß Mahl aber auch ein Wort mit ihnen sprechen! Es half nichts, daß ich ihm seine Begriffe über Freymüthigkeit zu läutern und das Vorurtheil gegen die klügern Stadtbürger zu nehmen suchte; er hatte den Kopf zu voll von seiner eignen Wichtigkeit, und schützte sich immer mit seinen Maximen, wie er seinen Kram nannte, das ist, mit Gemeinsprüchen, die höchstens passen, wenn man zu der Menge spricht, aber in einem Gespräch unter vier Augen jede vernünftige Belehrung lähmen. 43 Ich schwieg also. Als er aber einem Unbekannten, der eine Weile mit uns ging, auch wieder seine aufgeschnappten Wahrheiten über Recht und Freyheit an den Kopf geworfen hatte, ergriff ich den Anlaß, ihm frey herauszusagen, daß ich seine Unbesonnenheit nun aus Erfahrung kenne, und begreife, wie man mit ihm unzufrieden seyn müsse! daß ich demnach sogleich zurückkehren werde, wenn er seine Maximen noch ein einziges Mahl vor Fremden laut werden lasse! – Damit verschaffte ich mir Ruhe und Achtung. Er blieb stumm; ich hätte aber lieber Unterhaltung gehabt. Wir kamen Abends spät in Bremgarten an, weil wir einen Umweg hatten nehmen müssen. Mein Reisegefährte verlangte sogleich zu Bette; mir wurde ein Platz an einem Tische angewiesen, wo einige rechtliche Bürger beym sonntäglichen Abendtrunke saßen. Wie es an solchen kleinen Orten üblich ist, suchten sie zuerst mein Thun und Lassen zu erforschen, und fielen dann wieder in ihr voriges Gespräch ein, das die bevorstehende Bundeserneuerung betraf. Einer war unter ihnen, der sich sehr vor den Andern ausnahm; ein schöner alter Mann mit rothen Wangen und silbernem Haare; es war etwas Edles in seiner langen Gestalt, und seine Kleidung, obgleich ein wenig abgetragen, verrieth mehr Geschmack als bey der übrigen Gesellschaft, so daß ich mich wunderte, wie in 44 diesem engen Aufenthalte eine solche Figur sich finden könne. Er sprach wenig, und hielt sich meistens an ein kleines Männchen, um dessen willen er hier zu seyn schien; zuweilen nur berichtigte er mit kurzen Worten, was die andern sagten. Als aber einer den Aufruf eines benachbarten Gebiethes zu diesem neuen Bundesschwur hervorzog, der sich mit einem kurzen Schlußgebeth endigte, sagte er mit ernstem Unwillen: Mit dieser kanzleyischen Andacht beschließt man freylich immer unsre Landesverordnungen von einiger Bedeutung, aber ich fürchte sehr, dieß Mahl sage Gott Nein dazu. Diese gepriesene »Uebereinstimmung der Standesgesinnungen« was ist sie anders, als Uebereinstimmung einer allgemeinen Furcht? Man hört die Drohungen von außen, und sieht den Aufstand von innen, und will diesem allem geschwind mit einer feyerlichen Scene helfen, die ehedem möchte gewirkt haben, aber heut zu Tage kaum was anderes mehr seyn wird, als ein Schauspiel, wovon die Zuschauer einen Tag lang sich erzählen, oder eine Arzney, die für den Augenblick den Schmerz stillt, aber die Wurzel des Uebels unberührt läßt. Scharf gesprochen! sagte das kleine Männchen. Wenn man nicht wüßte, was in einigen Landesgegenden bereits getrieben wird, sprach jener weiter, wovon uns vielleicht dieser gute Freund (indem er durch eine Kopfbewegung auf mich wies) auch was sagen könnte – es sahen mich alle an – so würde 45 man sich vielleicht eine kurze Zeit bereden, diese schönen langen Worte von bundesbrüderlicher Schutzvereinigung, echthelvetischer Eintracht, gemeineidsgenössischer Sicherheitsmaßnahme, und dergleichen, werden neues Heil über unser Vaterland verbreiten; aber, du armes Vaterland! ein neues Kleid wird für dich bereitet, worauf diese alten Lappen nicht mehr passen! Neue Zeiten regiert man nicht durch alte Formeln. Ein strenges Urtheil! sagte das kleine Männchen. Vierhundert neunzig Jahre, fuhr jener mit verstärkter Stimme fort – und alles war stille – vierhundert neunzig Jahre hat nun der Schweizerbund gedauert, welches für politische Verbündung wohl eine Ewigkeit heißen mag; aber so eine alte klappernde Maschine, die schon seit der Glaubensänderung nicht mehr recht zusammenhing, nun gerade in dem kritischen Augenblicke, da sie auseinander gehen will, da verderbliche Winde auf sie einstürmen, durch das Festwerk eines Tages beysammen halten wollen, das – gebe Gott, daß es gelinge, mir will es nicht einleuchten! Der große Haufe der getreuen lieben Angehörigen weiß jetzt nur zu wohl, und wer es nicht weiß, wird noch täglich davon belehrt (er sah mich wieder an), daß einzig von seinem guten Willen die fernere Dauer dieser Maschine abhängt; und da man sich von einer andern Seite her angelegen seyn läßt, diese Erneuerung ungenannter Verträge, diese »Gewährleistung der Verfassungen« unter dem gehässigen Lichte wechselseitiger 46 Gewährleistung der ausschließenden Herrschaftsrechte vorzustellen, so wird die Ausführung des feyerlich angekündigten Vorhabens wahrscheinlich eine der Erwartung ganz entgegengesetzte Wirkung hervorbringen, und anstatt diese Ewigkeit der Bünde auch nur für einige Jahre zu verlängern, vielmehr zu ihrer schnelleren Auflösung beytragen. Das ist eine harte Rede! sagte das Männchen, und stand auf. Der Sprechende nahm ebenfalls seinen Hut und Stock, und stehend sagte er noch: Wir sind lange glückliche Schweizer gewesen, und haben uns auf den Nahmen in behaglicher Ruhe vieles zu gut gethan; aus diesem Schlummer müssen und werden wir erwachen, möge es nur Gott gefallen, daß es nicht durch einen plötzlichen Sturm geschehe, sondern nach und nach und mit vernünftiger Vorbereitung! Wer hiezu etwas beytragen kann, der thue es, und wer nichts vermag, halte sich still und ruhig! Er empfahl sich der Gesellschaft; jeder grüßte ihn ehrerbietig. Auf mich kam er zu, maß mich mit freundlichem Blicke; Adieu Herr N.! – sagte er, und nannte meinen Nahmen. – Das kleine Männchen begleitete ihn. Ich habe schon oft an kleinen Orten und von geringen Leuten große Wahrheiten sagen hören, die man da nicht vermuthete; seine Rede war mir also weniger wundersam, als daß er hier in der Fremde 47 meinen Geschlechtsnahmen wußte, den ich zu Hause selbst des Jahrs kaum Einmahl hörte, und mein Geschäft kannte, das ich beynahe vor mir selbst zu verbergen suchte; das kann nur ein Prophet, dachte ich, und war äußerst begierig, etwas näheres von ihm zu erfahren; aber noch neugieriger waren die Anwesenden, zu wissen wer ich wäre. Aus der Achtsamkeit, die der alte Herr, wie sie ihn nannten, gegen mich zu haben schien, da er, nach ihrem Geständnisse, noch nie so viel auf Einmahl gesprochen, und aus meinem Aufzuge, der gegen diese Achtsamkeit abstach, fielen sie auf den Argwohn, der in kleinen Städten Fremde häufig trifft, ich sey etwas anders als ich scheinen wolle. Es war eine rechte Plage; statt daß sie meine Neugier befriedigten, sollte ich nur die ihrige stillen, die mich von allen Seiten anfiel. Sie tranken auf meine Gesundheit; nannten dabey den Geschlechtsnahmen, den mir der Prophet gegeben; bedauerten, daß ich so eine kalte Zeit zum Reisen ausgewählt, und verwunderten sich, daß ich zu Fuß ginge. Und wenn sie glaubten, einer habe etwas zu dreist gefragt, so verwiesen sie es ihm mit Husten und Kopfschütteln. Kurz sie schienen sich selbst in den Wahn hineinarbeiten zu wollen, mich für einen Incognito reisenden Herrn zu halten. Dieß nun zu verhüthen und mir selbst aus der peinlichen Verlegenheit zu helfen, sagte ich geschwind heraus, wer ich sey, nemlich ein Bauer von R., der 48 nach Basel reise, um einige Freunde zu besuchen. Freunde heißen bei uns auch Verwandte; ich wußte aber damahls noch nicht, daß ich die Wahrheit sagte. Um aber weitere Nachforschungen abzuleiten, und endlich zu erfahren, wer der seltne Mann wäre, fing ich an, von dem, was er über die Bundesbeschwörung gesagt hatte, zu sprechen; doch ich merkte bald, daß sie mehr den Wohlklang seiner Worte bestaunt, als ihren Geist begriffen hätten, wie ich das bey ähnlichen Anlässen oder bey Gelegenheitspredigten und andern feyerlichen Reden schon oft erfahren, wo die Leute mit Entzücken sagten: welch eine schöne Rede! aber wenn man sie um den Inhalt fragte, nichts mehr davon wußten, und wo denn doch Prediger und Redner glaubten, unendlich viel Gutes gewirkt zu haben. Wiewohl sie nicht begreifen wollten, daß ich nichts von dem alten Herrn wisse, so erfuhr ich doch nach und nach folgendes von ihm: Er nenne sich Helmont, und sey schon mehrere Jahre hier; woher er aber gekommen, habe man nie in Erfahrung gebracht, und bekümmere sich auch jetzt nicht weiter darum. Bey seiner Ankunft sey ihm vom Magistrat nach Gewohnheit ein Heimathschein abgefordert worden, statt dessen aber habe er ein Schreiben von dem Preußischen Statthalter in Neuenburg vorgewiesen, welches eine Empfehlung und Bürgschaft für den Unbekannten enthalten, womit man sich habe begnügen müssen. Damahls habe er einen alten 49 Bedienten bey sich gehabt, der aber bald gestorben; seitdem lasse er sich von einem Nachbarsmädchen bedienen, und speise aus dem Wirthshause. Geld beziehe er von einem Handelshause in der Nachbarschaft, wenn und so viel er wolle; er brauche aber nicht viel. Seine tägliche Arbeit sey Glasschleifen; zuweilen schreibe er auch in der Kanzley; was er aber damit verdiene, lege er gewissenhaft für die Armen des Städtchens bey Seite. Bey besondern Vorfällen, manchmahl auch wenn Fremde kommen, finde er sich bey der Abendgesellschaft im Wirthshause ein, und sey sehr aufmerksam auf Neuigkeiten, lasse sich aber nie in keinen Wortwechsel darüber ein, und sey immer kurz von Worten. Sage man ihm etwas Unangenehmes oder Unbescheidenes, so gehe er stillschweigend weg, komme aber nachher wieder, oft denselben Abend, ohne den geringsten Verdruß merken zu lassen. Alles dieses erzählten die Bürger mit auffallender Achtung für den Mann, und vergrößerten meine Begierde ihn näher zu kennen, und von ihm zu lernen. Aber wie sollte ich an ihn kommen? Zudringlichkeit ist kein Trieb der Weisheit, sie kündigt sich mit eitelm Selbstbetrug an, und schleicht gemeiniglich in stummer Blöße wieder weg. Als sie fort waren, kam mein Reisegefährte wieder zum Vorschein, der sich zum Nachtessen hatte wecken lassen, um es nicht zu versäumen. Er suchte bey Tische dem Wirth seine menschenrechtliche 50 Staatsklugheit beyzubringen; ich hatte aber dießmahl von seinen Maximen nicht viel zu besorgen, denn der Wirth gehörte zu der in unserm Lande zahlreichen Klasse seiner Gewerbsgenossen, die mit einer weißen Mütze hinter den Ohren und einer Pfeife im Maul sich zutraulich neben Euch hinsetzen und plaudern, und, die Zeche am Ende ausgenommen, weiter nichts verlangen, als daß Ihr ihnen mehr Ehre erweiset, als sie Euch. Beym Auskleiden wollte ich nach den mir anvertrauten Briefen sehen, und fand auch das Heft Schriften, welches mir die Männer in Meilen gegeben hatten, noch in der Tasche. Ich hatte nicht mehr an diese Schriften gedacht, und sah nun beym Durchblättern, daß es eine aus neuen Rechtsgrundsätzen und alten Urkunden hergeleitete Abhandlung wäre, nach Art einer bekannten vor einigen Jahren herumgebothenen Denkschrift, worin der Verlust unsrer Freyheit bewiesen, bedauert, und Weisung zu neuen Einrichtungen gegeben wird. Allein der Schlaf war mächtiger in mir als die Wißbegierde, und so ließ ich die Papiere aus den Händen fallen. Als ich sie des Morgens wieder zusammennehmen wollte, fiel mir ein offener Brief in die Augen, der ohne Tag und Nahmen war; sein Inhalt schien mir unbedeutend, er mußte aus Versehen unter diese Schriften gekommen seyn. Da ist ein Brief, der nicht hieher gehört, sagte ich. 51 Ha! bist du es? rief mein Reisegefährte, der den Brief in die Hände nahm, und sogleich wieder auf den Tisch warf; den hab ich unlängst selbst von Basel gebracht. – Versteht Ihr aber auch seinen Inhalt? setzte er mit einer Miene voll Geheimniß hinzu. Wie seyd Ihr denn zu der Kenntniß seines Inhalts gekommen? fragte ich. Er wollte zuerst nicht mit dem Wort heraus, jedoch nach einigem Zureden und dem Versprechen, ihn nicht zu verrathen, vertraute er mir folgende Geschichte: »Auf meiner Rückreise von Basel aß ich in Arau mit einem Unbekannten zu Nacht, der erst wenig sprach, als er aber aus meinen Maximen meine Gesinnungen merkte, nun auch kein Blatt mehr für den Mund nahm, so daß wir recht vertraulich mit einander wurden. Als ich ihm eröffnete, wer ich sey, nickte er mir zu und sagte leise: da habt Ihr gewiß Briefe aus Basel bey Euch, gewisse Leute daselbst haben mir schon viel Gutes von Euch gesagt. – Ich sahe, daß er mich und die Brüder kannte, und gut für die Freyheit gestimmt war, und so wäre es unfreundschaftlich gewesen, ihm die Frage nicht zu beantworten. – Das ist ganz recht, sagte er, aber, mein Lieber, wenn Ihr nur das Schreiben wohl verwahrt habt, denn in solchen Fällen ist Vorsicht durchaus nöthig; auch ich habe schon geheime Briefe vertragen, und sie bald in die Kleider eingenäht, bald in die Schuhe verborgen. – Weder in die Kleider noch in 52 die Schuhe, sondern hierherum, antwortete ich, indem ich meinen Stock, der hinter mir lag, ein wenig aufhob. – Er klopfte mir auf die Achseln, sagte aber nichts mehr, weil noch mehr Leute am andern Tische saßen. Als wir aber auf unser Zimmer kamen, konnte er meinen Einfall, das Schreiben in den Stock zu verbergen, nicht genug loben, und ich mußte ihm zeigen, wie solches geschehen. Beym Hervorziehen aus dem hohlen Stocke wurde aber das Siegel ein wenig beschädigt; das sollte nicht seyn, sagte er erschrocken: man möchte glauben, Ihr hättet den Brief aufgemacht, und Euch nachher nichts mehr anvertrauen! – Ich wollte das Siegelwachs am Feuer wieder zusammendrücken, er fiel mir aber in die Hand: Nicht so, man würde gleich sehen, daß etwas damit vorgegangen! Um das Siegel wieder in Ordnung zu bringen, müsse man es erst ganz lösen; er wolle es mir weisen, ich könne dabey zugleich lernen, wie man einen Brief ingeheim auf und wieder zumache, welches in gegenwärtigen Zeiten einem klugen Manne sehr nützlich seyn könne. – Er nahm hierauf ein Federmesser, machte es über dem Lichte heiß, und schnitt so geschickt unter dem Wachs durch, daß das Siegel selbst unverletzt blieb, und übergab mir so den geöffneten Brief, ohne die mindeste Lust merken zu lassen, ihn zu lesen, worauf ich genau Achtung gab. »Es ging mir aber wie Euch, ich fand nichts von Bedeutung darin; daher trug ich kein Bedenken, ihn 53 auch dem Fremden zu weisen. Ich mußte jedoch recht in ihn dringen, ehe er ihn las; Neugier in solchen Dingen war nicht seine Sache. Als er aber gelesen hatte, sah er mich ernsthaft an; Freund, sprach er, dieser Brief enthält mehr, als Ihr glaubt; ich kenne den Verfasser wohl, heißt er nicht A.? – Nein, sagte ich, B. hat mir ihn übergeben. – Nun, erwiederte er, so kann ihn doch A. geschrieben haben. – Er erklärte mir nun seinen Inhalt: unter dem Scheine von einem Privatgeschäfte betrifft er die Unterhandlung unsrer Brüder in Basel mit dem Agenten der französischen Regierung. Dieß sage ich Euch deßwegen, fuhr er fort, damit Ihr den Brief wieder wohl verwahret, und ja keinem Menschen merken laßt, daß Ihr ihn gelesen, sonst möchtet Ihr wohl lange nicht wieder nach Basel kommen! – Ich begehrte nun, daß er den Brief wieder zumache; er fand aber, dieß lasse sich morgen besser thun, als jetzt bey Nacht, und legte ihn offen auf den Tisch hin. Ich ging zu Bette; er aber zeichnete noch etwas in seine Brieftasche auf. »Als ich Tags darauf erwachte, war der Brief schon wieder zugemacht, so daß kein Mensch etwas merken konnte; welches mich jedoch nicht wenig verdroß, denn so hatte ich nur das Aufmachen, nicht aber das Zumachen gelernt. Er entschuldigte sich lachend, daß ich zu spät aufgestanden; ein ander Mahl wolle er mich auch das Zumachen lehren.« 54 Wer war denn dieser Fuchs? fragte ich mein Schaf, lachend über die tolle Erzählung. Er wußte aber nichts weiter von ihm anzugeben, als daß er etwas Fremdes in seiner Aussprache habe. Wie wir noch mit einander redeten, trat der ehrwürdige Alte, den ich über Nacht nicht vergessen hatte, in das Zimmer, grüßte mich und meinen Gefährten wieder mit Nahmen, und fragte, ob ich nicht einen Auftrag nach Basel übernehmen wolle, der ein Familiengeschäft betreffe, welches ihm sehr nahe liege, und auch mich vielleicht ohne mein Wissen angehen könnte. Wiewohl mich seine Erscheinung freute, so war mir doch die Vertraulichkeit des gänzlich Unbekannten seltsam; sie war aber mit einer ungezwungenen Würde verbunden, die keinem Mißtrauen Platz gab. Und da er im Tone gebiethender Gewißheit versicherte, daß er mich wohl kenne, und mit einem Blick auf meinen Reisegefährten, wodurch er zu verstehen gab, daß ihm dieser im Wege sey, mich einlud, auf eine Viertelstunde mit ihm nach Hause zu kommen, um das Weitere zu vernehmen, so ging ich mit ihm, und hieß meinen Reisegefährten indessen frühstücken, und die Rechnung bezahlen. In seinem Häuschen fiel mir sogleich eine große Reinlichkeit und tiefe Stille auf. Wie sollte es aber auch nicht stille gewesen seyn, da außer ihm kein lebendiges Wesen das Haus bewohnte, als eine blinde Katze, der er das Gnadenbrot gab, und die, wie ich späterhin 55 erfuhr, viele Leute des Ortes für einen Hausgeist hielten, der ihm ihre Geheimnisse offenbare. In der Stube waren Landkarten aufgemacht, und Bücher und Schriften lagen auf Tischen herum. Indem er den Kaffé aus der Küche hohlte, sah ich in einem offnen Nebenstübchen zwey Bildnisse hängen, von denen ich eines auch schon gesehen zu haben fühlte, ohne zu wissen wo. Ich wollte aber gar nichts fragen, sondern erst ihn reden lassen. Er langte ein kleines Päckchen hervor. Herr N., sagte er, oder Saly, wie ich weiß, daß Ihr Euch lieber nennen hört, wenn Ihr Euch mit diesen Schriften beladen wollt, so werdet Ihr in Basel Freunde finden, die vielleicht weniger Aufsehen in der Welt machen, aber an echter Freundschaft denen, an welche Ihr die Briefe von Meilen abzugeben habt, gewiß nicht nachstehen. Ehe ich Euch antworten kann, unbekannter Mann, sagte ich, müßt Ihr mir, wo nicht wer Ihr seyd, doch wenigstes sagen, woher Ihr mich kennt, denn Euer geheimnißvolles Betragen plagt mich. Mich auch, versetzte er mit freundlichem Ernst, aber hier in Bremgarten soll ich mich niemand offenbaren; in Basel werdet Ihr meine kleine Geschichte hören, und auf Eurer Rückreise sollt Ihr mehr davon wissen. Woher ich aber Euch kenne, darf ich wohl sagen, und eben weil ich Euch kenne, um so viel sicherer. Ich habe, fuhr er fort, einige Bekannte, die in 56 der Nähe und Ferne herumkommen, und sich angelegen seyn lassen, Kunde von braven Leuten zu nehmen; diese haben mir schon mehrmahls Nachrichten von dem Wald- und Gartenfreunde Saly und seiner einfachen Haushaltung gegeben, die mir desto erfreulicher waren, weil ich sah, daß der Sohn meines Freundes seinem Vater keine Schande macht. Ich, der Sohn Euers Freundes? rief ich erstaunt und betroffen, weil ich in dem Bilde an der Wand nun wirklich meinen Vater zu erkennen glaubte. Er umarmte mich freudig; seine Zähre der Liebe netzte meine Wange. – Er nahm mich bey der Hand, und noch eine Thräne wegtrocknend sprach er: Ja, alter, naher, inniger Freunde Sohn bist du! Gottlob, daß mir alten Manne diese Empfindung noch zu Theil ward! – doch laßt uns ruhig seyn, fuhr er fort, indem er mich neben sich setzte, und redend uns näher kennen; ich habe Euch manches zu sagen, aber mit Weile! ein hitziger Angriff taugt nur im Kriege, nicht in der Freundschaft. Vielleicht kann ich Euch auch rathen, wenn Ihr wollt? Zählt auf mein unerschütterliches Zutrauen, ehrwürdiger Mann! war meine Antwort. Gestern, sagte er, kam ich von ungefähr dazu, wie Euer Reisegefährte dem Wirth Eure Nahmen angab; daraus lernte ich Euer Hierseyn, und aus dem Nahmen des jungen Menschen Euer schlüpfriges Geschäft kennen. 57 Welches ich aber noch nicht lange treibe, versetzte ich. Das ist mir lieb, sagte er; auch haltet Ihr es wahrscheinlich nicht für so bedenklich als es ist; indessen hätte Euer Gefährte Euch warnen können. Und nun erzählte er, der mir bald selbst einen Geist der Offenbarung zu haben schien, ebendieselbe Geschichte von der Briefentsieglung, die ich vor einer halben Stunde von meinem Begleiter gehört hatte. Der Fremde war, was ich vermuthete, ein Spion, ein Schweizer aus den wälschen Vogteyen, der sich schon mehrere Jahre hier im Lande aufhielt, immer zu geheimen Geschäften gebraucht wurde, und jetzt den Befehl hatte, in der Nähe aufrührischen Bewegungen nachzuspüren. Er traf meinen Reisegefährten in Arau an, merkte bald aus seiner läppischen Wichtigkeit, daß er einen geheimen Auftrag hätte, den herauszulocken dem listigen Mann ein kleines war. Das konnte ich wohl begreifen, aber mein Befremden konnte ich nicht bergen, wie der alte verehrliche Mann mit einem Spion auf so vertrautem Fuße stehe, um solche Dinge von ihm zu erfahren. Dieses, sagte er mit Ruhe, ging wenigstens von meiner Seite auf eine ganz unschuldige Art zu. Die Regierung, welche nicht ohne Grund Spuren von Meuterey entdeckt zu haben glaubt, und deßwegen auf alles Ungewöhnliche aufmerksam und gegen alles Geheime mißtrauisch ist, fand auch meine besondere Lebensart und 58 meinen Briefwechsel in die Ferne ihrer Aufmerksamkeit werth, und beorderte daher den wälschen Spion, mich auszukundschaften. Er suchte unter einem nichtigen Vorwand meine Bekanntschaft; ich merkte aber ungeachtet seiner Gewandtheit bald seine Absicht und seinen Beruf, und da ich von Natur neugierig bin, und manches von ihm zu erfahren hoffte, so suchte ich ihn zu gewinnen, welches mir auch in kurzer Zeit gelang, indem ich mit der offenen Aeußerung, daß ich ihn für einen Ausspäher halte, ein fortgesetztes freundliches Betragen gegen ihn verband. So erfuhr ich bald alles, auch die Geschichte mit dem Briefe, und mehr als ich wollte; denn gleichwie Diebe erst den rechten Genuß von ihren Schelmenstreichen haben, wenn sie solche einander erzählen können, so haben auch geheime Kundschafter ein dringendes Bedürfniß nach einem vertrauten Ohre, dem sie die Last ihrer Geheimnisse und die Kunstgriffe ihres Verstandes anvertrauen können. Ich machte ihm jedoch über manches Böse ernstliche Vorstellungen, und suchte ihn überhaupt nach und nach von seinem Handwerke abzubringen, allein vergebens, denn er gestand mir, daß ihm diese Spürhunderey so zur Natur geworden, daß er nicht mehr davon lassen könne. – Doch das gehört nicht zu unserer Sache; die Zeit verstreicht; laßt mich Euch noch ein Wort der Warnung auf den Weg geben, wozu ich als Freund Eurer Aeltern berechtigt bin. Ach, ich bin schon genug gewarnt, sagte ich; 59 erzählt mir lieber von meinen Aeltern, väterlicher Freund! Er hieß mich aber noch ein Paar Tage Geduld haben, bis zu meiner Rückkunft; für dieß Mahl solle ich ihn erst über meine Sendung beruhigen. Ich that es auch, ward aber durch die Erzählung und sein stilles Zuhören selbst unruhig, und der Trieb zur Umkehr erwachte von neuem in mir. Nein, sagte er, macht Euch keine Grillen; Ihr habt den Auftrag als ein ehrlicher Mann übernommen – ohne denselben wären wir auch noch nicht zusammen gekommen – was man verantworten kann, muß man muthig enden! Ich denke die Vorsehung will Euch in Basel haben. Mein Reisegefährte kam mich abzuholen; aus der Viertelstunde war eine ganze geworden, und wir hatten heute noch weit. – Ich umarmte meinen neuen Freund, und machte mich auf den Weg. Schweigend wanderte ich meine Straße fort, immer mit meinen Gedanken bey dem alten Herrn, den ich nun Zeit hatte mir in jeder Lage des Lebens auszumahlen, und als ein Muster vorzustellen. Ich rieth allerhand, wer er wohl seyn möchte, konnte aber darüber nicht klug werden. Ueber das vermeinte Bild meines Vaters, und manches andre, das mir nun einfiel, hatte ich ihn aus Blödigkeit nicht gefragt, denn 60 vor ehrfurchtgebiethenden Leuten verstummen oft die einfachsten Fragen. Zufriedner ging ich jetzt doch meinem Geschäfte nach, wenn ich schon erfahren hatte, daß von hohem Orte Späher ausgingen, um dergleichen Vögel, wie ich zu seyn schien, zu fangen. Ich war aber hierin meinem Gefährten nicht unähnlich, daß ich mich für zu klug hielt, um ausgeholt zu werden; und nicht nur meinem Gefährten; denn wo ist der, welcher sich nicht diese Klugheit zu besitzen schmeichle? Auch der Unkluge schreibt seinen Mangel daran nur dem Nichtwollen zu. Es weiset mich alles nach Basel wie nach einem Offenbarungsorte hin, wo mir erst die Augen über mich und andre aufgehen sollen. Nun ich will sehen, dachte ich, was da für eine Wiedergeburt meiner warte, und was ich noch lernen soll! So viel weiß ich jetzt schon, daß in mehrern Kantonen Unzufriedenheit laut wird, daß sie sich in eine Verschwörung zu vereinigen sucht, daß die Regierungen Kenntniß davon haben, und dieß wohl der Grund zu der Zusammenkunft in Arau seyn mag; daß aber der Französische Geschäftsträger unter der Hand den Aufstand begünstigt, und es wahrscheinlich nicht aus sich selbst, sondern aus Geheiß seiner furchtbaren Obern thun wird, daß mithin die Verschwornen jetzt persönlich nicht viel zu besorgen haben, auch wenn sie ihren Zweck nicht erreichen sollten. Ob aber die Französischen Gewalthaber von den Unzufriedenen, oder diese von jenen zuerst seyen aufgefordert 61 worden, konnte ich mir noch nicht erklären, auch nicht, was diese Macht Gutes dabey suche, eine Verschwörung in einem friedlichen Lande zu stiften? – Aber für die Ehrlichkeit meiner neuen Bekannten von ehegestern war mir jetzt mehr bange, als für ihre Sicherheit. So mancher ist schon mit einem ehrlichen Vorsatz ausgegangen, und auf dem Wege anderes Sinnes geworden! Und welche unerwartete Vortheile müssen ihnen nicht zulächeln, wenn sie Meister werden, wie es fast nicht anders seyn kann, da sie unter diesem gewaltigen Schilde fechten! In solche Vorstellungen vertieft, bemerkte ich kaum, wo wir durchkamen, und gab meinem Begleiter, der ohnedieß in der Achtung bey mir nicht gestiegen war, oft nicht einmahl Antwort auf seine Fragen, so daß er endlich aus Verdruß zu singen anfing. Die bekannten Töne zogen nach und nach auch mich an, gewannen die Oberhand über mein Denken, und bald fiel ich laut in sein Lied ein; so daß auch er, bey dem das Singen wirklich seine beßte Eigenschaft zu seyn schien, seine Stimme stärker erhob, und von uns eine Stund lang ein solcher Gesang erscholl, daß die Vorbeygehenden stille standen und uns nachsahen, und alle Bauernmädchen freundlich nickten. Dadurch erlosch sein Zorn gänzlich, und auch mir wurde der Mensch lieber, weil ich nun doch eine Quelle des Genusses an ihm entdeckt hatte. 62 Unsre Reise ging nicht so geschwind, als wir geglaubt hatten, weil uns über den Berg ein tiefer Schnee irre machte, und wir in einer abgelegenen Bauerhütte übernachten mußten, nachdem wir lange herumgeirrt, und vor Müdigkeit und Frost kaum mehr lebendig waren. Als wir des folgenden Tages nach Stein kamen, wollte ich, bis das Mittagessen bereitet wäre, das vor uns liegende Kloster Sectingen sehen. Der Reisegefährte ging auch mit, aus Gefälligkeit, wie er sagte, denn seiner Meinung nach sollte man alle Klöster vernichten, weil sie der Aufklärung im Wege stehen. Was ist denn Aufklärung? fragte ich. Er zog ein geschriebenes Buch aus der Tasche, das, wie ich nachher erfuhr, seine Maximen enthielt, und gab mir daraus zur Antwort: was die Vernunft lehrt und die Erfahrung bestätigt. Wenn aber meine Erfahrung sagt, daß es mir in Klosterkirchen wohl gefalle? So . . . so seyd Ihr nicht aufgeklärt, stotterte er. Dann kann mir auch dieser Besuch nichts schaden, versetzte ich. – Er steckte seinen Katechismus genügsam wieder ein, als ein Kleinod, das ich nicht zu sehen würdig sey. Wir waren so auf die Klosterbrücke gekommen, als sich ein wohlgekleideter Mann näherte, der uns aufmerksam ansah. – Seht doch, rief mein Reisegefährte plötzlich, das ist der Mann, von dem ich Euch 63 gestern erzählte, der die Briefe aufmachen kann! – Er ging auf ihn zu. Sogleich erkannte ihn der Mann auch, und that sehr vertraulich. Als er hörte, daß wir in Stein zu Mittag essen wollten, freute er sich, indem er auch da speise, sobald er seine Geschäfte hier im Städtchen abgethan. Das war mir aber nicht recht; denn ich habe es nicht, wie der alte Herr von Bremgarten, ich kann die Spione nicht leiden. Zudem war ich in Verlegenheit wegen meines Begleiters; entdeckte ich diesem, wer der Mann sey, so konnte er leicht einen unnützen Lärm anfangen, ließ ich ihm aber die Decke vor den Augen, so setzte ich ihn neuen Unvorsichtigkeiten aus. Ich wußte also keinen andern Rath, als die Kirche schnell, ohne die gehoffte Herzenserhebung zu durchlaufen, und so bald möglich von Stein wegzueilen, noch ehe der Spion zum Essen hinkäme. Allein in Wirthshäusern geht die Uhr selten nach dem Wunsche des Reisenden; das Fleisch wollte um meiner Eilfertigkeit willen nicht geschwinder weich werden, der Wirth machte ein sauer Gesicht dazu, und mein Gefährte, der einen tüchtigen Hunger hatte, meinte, wir sollten von dem Fremden noch sein Geheimniß mit den Briefen ganz zu lernen suchen. Er kam, ehe wir noch gegessen hatten, und verwunderte sich, daß wir so eilfertig seyen; als er aber hörte, daß wir heute noch nach Basel wollten, zuckte er bedenklich die Achseln und sagte: Ich weiß nicht, ob die Herren 64 wohl thun, wenn sie jetzt nach der Stadt gehen, bey den unruhigen Bewegungen, die dort herrschen. Ich schwieg still; mein Begleiter aber fragte, was es denn für Unruhe gebe? Die Landleute, antwortete er, haben sich gestern zusammen gerottet, ein Schloß überfallen und geplündert, und drohen mit Feuer und Schwert auf Basel selbst loszuziehen. Ohne Noth geht jetzt niemand in die Stadt. Es ist auch die Frage, ob die Herren nur einmahl hinein kommen könnten, da die Thore wirklich gesperrt seyn sollen. Ich lächelte zu dieser Nachricht, weil ich dachte, es ist dem Spitzbuben nur um unsre Briefe zu thun. Der Gefährte sah mich mit erschrockenen Augen an, und sagte auch nichts. Mein ruhiges Stillschweigen gefiel dem Fremden nicht; wir sollen thun was wir wollen, sagte er, aber rathen möchte er uns, noch einige Stunden zu verweilen, weil in dieser Zeit wohl jemand von dorther kommen würde, der nähern Bericht geben könnte. Bey dergleichen Auftritten, bemerkte ich, sind die Berichte immer unzuverlässig, weil Schrecken oder Absicht sie vergrößert. Am beßten ist, wir sehen selbst nach; kommen wir nicht in die Stadt hinein, so bleiben wir haußen; da wir auch Landleute sind, so werden wir von den Bauern nicht viel zu besorgen haben. – Er machte noch mancherley Einwendungen; als er aber sah, daß ich fest auf meinem Vorsatze 65 beharrte, so schlich er noch vor uns weg, ohne Abschied zu nehmen. Es waren noch viele Bauern in der Stube, welche das Gerücht von dem Aufstand in dem Basler Gebieth hieher gezogen hatte, die aber alle nichts Bestimmtes wußten, sondern sich nur in Muthmaßungen über die Möglichkeiten erschöpften und erhitzten, und es damit in kurzer Zeit so weit brachten, daß die ganze Stadt schon in vollen Flammen stand, und von Zeit zu Zeit einer hinausging, ob er nicht den Rauch sähe. Wir machten uns auf den Weg, sobald wir gegessen hatten; als aber mein Gefährte seinen Stock nehmen wollte, war er fort. Mein Argwohn fiel sogleich auf den Spion, weil er vermuthlich darin wieder einen Brief zu finden geglaubt; als ich aber hörte, daß nichts darin und es nur ein gewöhnlicher Stab sey, so sagte ich zum voraus, daß wir ihn wieder bekommen würden. Wirklich waren wir kaum eine Viertelstunde gegangen, als uns ein Junge damit nachgelaufen kam, und sagte, der fremde Mann, welcher im Wirthshause mit uns gesprochen, lasse sich entschuldigen, er habe den Stock beim Weggehen aus Versehen als den seinigen mitgenommen. Der ehrliche Mann! rief ich; und meinem Reisegefährten war es, wie wenn er sich schämen sollte. Wir kamen ruhig nach Basel. – Von allem, womit uns der Spion bedroht, und was die Bauern im 66 Geiste gesehen, war nichts anzutreffen. Nur herrschte, je näher wir der Stadt kamen, eine auffallende Stille auf den Straßen; und hier und da trafen wir auf einzelne Männer zu Pferde, die wie Eilbothen davon trabten. Auch saß in einem Wirthshause, wo wir einen Augenblick hielten, ein breiter junger Bauernsohn hinter dem Tische, stolz auf eine Kokarde, die er am Hute trug. Ich hätte aber nicht auf seine Hoffart geachtet, wäre ich nicht durch meinen Begleiter aufmerksam gemacht worden, der mir ins Ohr raunte: dieß sey das Kennzeichen der Patrioten; wir werden bald auch solche tragen, wie er sicher wisse. Er konnte sich wirklich nicht satt an der Kokarde sehen, und je mehr er darnach sah, desto mehr that der Bauer breit damit, und je breiter dieser that, desto mehr beneidete ihn mein Gefährte; es machte ihn ganz unruhig, und er maß schon auf seinem eignen Hute den Platz aus, wo künftig die seinige stehen sollte. Auch dieß wird wirken, dachte ich; wozu sich ein vernünftiger Mann durch die beredtesten Gründe kaum verleiten läßt, dazu braucht es bey hundert jungen Laffen nur eines solchen sinnlichen Zeichens. So war ich also in Basel. – Man sagt, hier sey vormahl eine hohe Schule gewesen, ein Sitz der Weisheit, ehe die Stadt ein Sitz der Handelschaft wurde; es ist meine Schuld, wenn sie jenes nicht jetzo noch 67 für mich war. Hier, wo vor den erschrockenen Sinnen mehrerer tausend Menschen der Vorhang einer unglückschwangern Zukunft sich aufzurollen begann; wo alle aus dem schläfrigen Leben des Berufs aufgeschreckt die Augen nur auf einen gemeinschaftlichen, in drohendem Dunkel liegenden Gesichtspunkt hefteten, und bald die Lebhaftigkeit augenblicklicher Hoffnung, bald die Ohnmacht der Verzagtheit den Schleyer der Convenienz von dem menschlichen Herzen hob; sollte da ein unbefangener Zuschauer nichts für sich selbst benutzen können, nicht bey großen Auftritten die Nichtigkeit gewöhnlicher kleiner Sorgen einsehen, nicht die Heiligkeit eines reinen Willens, seyen seine Aeußerungen auch noch so verschieden, als den ersten Vorzug des Menschen erkennen und preisen lernen? Ich sah auf der einen Seite Eitelkeit und Selbstsucht den Namen des Gemeinsinns annehmen, und die Fahne der Vaterlandsliebe aushängen, um sich und andre damit zu täuschen; auf der andern Seite Neuerungen aller Art wie feindliche Truppen durch alle Thore der Stadt eindringen, und die abgelebte Staatskunst verdrängen, die sich unthätig in den alten Schlendrian einwiegen, nichts thun und mit offenen Augen blind seyn wollte. Ich sah stolze Söldlinge einer fremden Macht Schmeicheleyen an die Schlechten und Drohungen gegen die Guten verschwenden, und nichtskostende 68 Versprechungen machen, an denen das Gift der Treulosigkeit klebte. Ich sah aber auch und bewunderte den Muth und die Klugheit einiger Wenigen, die sich brüderlich vereinigt und den edlen Vorsatz gefaßt hatten, nicht dem unaufhaltbaren Drange der einbrechenden Fluthen sich entgegen zu stämmen, sondern dieselben dahin zu leiten, wo ihr Strom die mindeste Verheerung bewirken konnte, zerstörenden Leidenschaften entgegen zu arbeiten, und das Vordringen pöbelhafter Seelen zu verhindern; die deßwegen das undankbarste, beynahe dem Kreuzestode zu vergleichende Geschäft übernahmen, durch Aufopferung ihrer eignen Ruhe und Hintansetzung ihres bürgerlichen Leumunds mit verworfenen Menschen Brüderschaft zu machen, damit sie unschädlich werden, fremder Gewalt in ihren Wünschen zuvorzukommen, um den auswärtigen Einfluß abzuhalten, und die alten Väter des Staats mit Schonung zu ihrer Ruhe vorzubereiten, weil darin allein noch ihre Sicherheit bestand. Wackere Männer! Wenn auch eine geheime Lust am Vielwirken ihrem sinkenden Muth zu Hülfe kommen mußte, so hebt diese doch die redliche Absicht, ein größeres Uebel vom Vaterland abzuwenden, nicht auf; und wer wird ihnen, deren Zahl freylich wie aller Guten klein ist, nicht den Vorzug vor denen geben, die in einer solchen Lage des Vaterlandes sich unter jedes Joch schmiegen und glauben, mit unthätigem Fluchen unter einander ihre Ehre zu retten! 69 Ich bin der Geschichte vorgeeilt, und kehre zurück. Der Reisegefährte führte mich in einen Gasthof, wo er dem Wirth von seinem vorigen Hierseyn noch bekannt war, der uns gleich in eine große Stube wies, und uns den Anwesenden als Vaterlandsfreunde aus dem Zürcher Gebiethe vorstellte. Es waren Bürger aus allen Klassen, die auch, wie sie uns sagten, die Liebe des Vaterlands hierher vereinigt hatte, welche Liebe sie noch mit des Wirths gutem Weine anzufeuern schienen. Nachdem mein Gefährte ihnen eine tröstliche Schilderung von dem guten Fortgange der Sachen bey uns gemacht, erzählten sie uns hinwiederum, wir kommen gerade recht, um wichtigen Auftritten beyzuwohnen; gestern und heute haben die Landbürger schon angefangen, ihr Recht thätlich geltend zu machen, indem sie da in einem Schlosse sich der Urkunden bemächtigt, um ihre alten Freyheiten wieder hervorzusuchen, dort in einer Kirche an dem Grabstein eines Schultheißen, der vor anderthalbhundert Jahren ein Aristokrat gewesen, ihren Zorn ausgelassen haben. Bald werde es in der Stadt auch angehen, wenn die Perucken nicht nachgeben; gesäubert und ausgefegt müsse nun einmahl alles seyn. Säubern geht säuberlich, konnte ich mich nicht enthalten zu sagen, ausfegen aber oft unsanft zu. Nun was hat's zu sagen, versetzte einer, wenn auch mit dem Unrath der Rath weggefegt wird! – 70 Man lachte, und ich lernte so den Geist der Gesellschaft kennen. Es wurde nun in dieser lustigen Weise fortgefahren, wie es geht, wenn einmahl ein Spaßvogel den Ton angegeben hat; als ein junger Mann hereintrat, bey dessen Anblick sie alle, auch die Alten schwiegen. Er erkundigte sich bey dem Wirth über uns Unbekannte, und nachdem er sich auch zum Glase hingesetzt hatte, fing er sogleich von den neuen Vorfällen auf dem Lande zu sprechen an, und als er die Freude darüber auf den meisten Gesichtern bemerkte, fuhr er fort: Was geschehen ist, war nothwendig, und nothwendig wird noch manche hartscheinende Maßregel seyn, denn das Eis muß nun einmahl brechen. Mißvergnügte wird es über die Neuerungen genug geben, weil viele dadurch verlieren oder zu verlieren glauben werden; ihrer wollen wir aber nicht spotten. Weil die Sachen gut gehen, wollen wir uns freuen, aber nicht weil es jemand übel geht –! Glaubt Ihr aber, es werde gut gehen? fragte einer. Wenn wir Stadtbürger klug sind, antwortete er, so ist Hoffnung zu einem guten Ausgange vorhanden; die Hauptfrage aber ist, wie wir uns dabey zu benehmen haben, daß der Landschaft Recht und uns nicht Unrecht geschehe? Ueber diesen wichtigen Punkt hat man sich in der Gesellschaft (er meinte die der Freyheitsfreunde, wie man nachher hören wird) sorgfältig berathen, und wenn Ihr mir eine kurze 71 Aufmerksamkeit schenken wollt, so will ich Euch den einladenden Wunsch der Gesellschaft an alle, die es mit der guten Sache halten, bekannt machen. Diese beiden Fremden (auf uns deutend) sind Freunde, wie ich höre, sie werden also auch nichts dawider haben. Die Gesellschaft benahm ihm alles Mißtrauen. Nun las er uns eine Schrift vor, die bey aller Wärme für Freyheit doch mehr darauf berechnet schien, die brausenden Gemüther herabzustimmen, als noch mehr zu heben. Es war darin die Rede von den wohlwollenden Gesinnungen der großen Nachbarin für das Wohl unsers Landes, und ihrem unabläßlichen Wunsche, unsre Musterkarte von veralteten Regierungen, wo nicht in eine Einzige zu verschmelzen, doch den Grundsätzen der Freyheit und Gleichheit näher zu bringen; wozu jeder wohldenkende Schweizer, vorzüglich aber jeder Bürger von Basel Hand biethen sollte, indem dieser nicht nur die Allgemeinnützigkeit des Vorschlags, sondern auch die Lage seiner Stadt an den Grenzen in's Auge zu fassen habe, wodurch sie bey einer unüberlegten Widersetzlichkeit gegen den unwiderruflichen Entschluß der benachbarten Uebermacht einem nicht zu berechnenden Unglück ausgesetzt wäre. Eben so sehr als die träge und starre Anhänglichkeit an die alten Formen müsse aber auch der sanguinische Eifer vermieden werden, womit einige sogleich jeden Einfall, wenn er nur neu ist, zur That machen wollen, und dadurch sich und der Stadt nicht minder Unheil 72 bereiten, als durch schimpfende und schmählende Unthätigkeit. Leidenschaftlicher Eifer in politischen Handlungen, hieß es, führe entweder zum Despotismus, zur Ordnung ohne Freyheit, oder zur Anarchie, zur Freyheit ohne Ordnung; und kluge Köpfe auf der Landschaft könnten leicht diese bereitwillige Begeisterung mißbrauchen. Die Gesellschaft der Freyheitsfreunde erwarte also von allen ihren Mitbürgen, welche Anhänglichkeit für die auf Menschenrechte begründete Staatsveränderung haben, nicht nur feste Entschlossenheit für die Gerechtigkeit der Sache, sondern auch Behutsamkeit in ihren Aeußerungen gegen das Landvolk, um Uebelgesinnten nicht Anlaß zu verderblichen Auftritten zu geben; und lade sie auf morgen zu einer zahlreichen Zusammenkunft an bekanntem Orte ein, um sich über weitere Maßregeln gemeinschaftlich zu berathen. Diese Ermahnung machte eine gute und gefällige Wirkung auf die Zuhörer; sie klatschten zwar nicht in die Hände, welches mehr den Beyfall des Geschmacks als zustimmende Theilnahme verräth; aber sie wurden still und nachdenklich. Der junge Redner wandte sich nun zu uns, und fragte, woher wir kämen. Hier am Ziel unsrer Reise fand ich kein Bedenken, ihm die Sendung, so wir hatten, zu entdecken. Ohne wissen zu wollen, an wen unsre mitgebrachten Briefe gerichtet seyen, hieß er uns morgen früh in ein Haus kommen, das er uns nannte, 73 wo wir die Personen, welche wir suchen, antreffen würden. Auf sein weiteres Fragen, ob wir sonst noch Bekanntschaften in der Stadt haben, nannte ich ihm den Mann, an welchen mir der alte Herr in Bremgarten einen Auftrag gegeben hatte und äußerte ein Verlangen, ihn heute noch zu besuchen. Das ist der Wiedertäufer, der draußen vor der Stadt wohnt, sagte er zu den Anwesenden; ein braver Mann, ich kenne ihn wohl; es thut mir leid, daß ich gegenwärtig nicht selbst mitgehen darf. Er beordnete einen Jungen mir den Weg zu weisen. Schon längst hatte ich an einem Jahrmarkte von einem fremden Krämer gehört, daß ich in der Nähe von Basel noch Verwandte unter den Wiedertäufern habe. Ich fragte aber damahls wenig darnach, weil ich wußte, daß mein Vater sich von ihnen getrennt, und man mir gesagt hatte, er sey nachher durch sie in seinem Erbgut benachtheilt worden. Nun aber wünschte ich doch, daß der Mann, zu dem ich hinging, dieser Verwandten einer seyn möchte, um so den Anlaß zu haben, diese Sektenleute, aus deren Schooß auch ich herstammte, näher kennen zu lernen. Es war schon dunkel, als wir zu seiner Wohnung kamen. Der Junge, der mich begleitete, wußte weiter nichts von ihm zu sagen, als daß er ein reicher Mann aber kein Christenmensch sey, und dieses Haus nebst vielen Grundstücken von einem abwesenden Herrn in 74 Pacht genommen habe. Der Junge eilte in die Stadt zurück, ehe man die Thore schloß, und wies mir in der Nähe eine Schenke, falls ich bey dem Wiedertäufer nicht unterkäme. Eine Weibsperson von etwa fünf und zwanzig Jahren machte mir auf, und führte mich in die Wohnstube, wo noch zwei jüngere Mädchen an einem Tische beym Ofen saßen, von denen die eine las, die andre nähte. In dem Zimmer war alles bis zur Zierlichkeit reinlich, und so waren auch die Jungfern gekleidet; nur war hier und da der Sektenschnitt sichtbar, den, ich, sey es nun, weil ich in der Kindheit schon der Sache überdrüßig wurde, oder mit Recht, als die Uniform der Beschränktheit ansahe. Da der Vater nicht zu Hause war, aber jeden Augenblick aus der Stadt zurück erwartet wurde, so mußte ich unterdessen bey den Kindern verweilen, die mich gar freundlich aufnahmen, so bald sie hörten, daß ich einen Brief von dem alten Herrn in Bremgarten hätte, und versicherten, der Vater werde mich heute gewiß nicht mehr weglassen. Die Aelteste setzte sich nun auch wieder zum Spinnrade, und aus dem kleinen Gespräche, das wir führten, erfuhr ich, daß ihre Mutter noch nicht lange gestorben, und daß sie auch noch einen abwesenden Bruder haben, von dem sie aber nicht gern sprechen wollten. Das Wort führte meistens die, welche das Buch vor sich hatte – die Schwestern nannten sie 75 Klare – sie that es aber mehr aus gastfreundlicher Höflichkeit als aus Geschwätzigkeit. Doch schien sie am meisten Weltgeist in diesem Hause der Eingezogenheit zu besitzen. Ihr schlanker Wuchs, ihr bräunliches Gesicht, welches große weichgeformte Augen und milchweiße Zähne auszeichneten, ihr seidenes Haar, das sich an der heitern Stirn und dem vollen Nacken kräuste, und ihre in derber runder Gesundheit leichte Beweglichkeit gaben ihrer Person etwas Auffallendes und Anziehendes. Die Jüngere, beynahe noch ein Kind, war blonder Natur, von zarter Langsamkeit, aber überaus schön. Wir haben auch noch einen Vetter im Zürcher Gebieth, sagte Klare. – Und ich einen bey Basel, war meine Antwort. Der unsrige heißt N. (sie nannte meinen Nahmen) wir sprachen erst heute von ihm. – So werde ich hier den Nahmen des meinigen am beßten erfahren können, sagte ich; ich heiße auch N. Die Erklärung war nun bald gemacht; ich befand mich wirklich in dem Hause jenes Verwandten von meinem Vater, von dem mir der Krämer gesagt hatte. Die Freude der Mädchen war groß, und die Aelteste, welche das Hauswesen zu besorgen schien, eilte sogleich, Anstalten zu meinem Hierbleiben zu machen. Jetzo trat der Vater in die Stube, ein schöner dicker Mann, dem der Friede seines Glaubens auf 76 dem Gesichte zu lesen war; er schien etwas verwundert, so spät noch einen Fremdling unter seinem Dache zu finden, und fragte, ob ich allein mit ihm reden wollte? Die beyden Mädchen sahen schalkhaft vor sich hin, und sagten kein Wort. Ich gab ihm das Schreiben von dem alten Herrn, und fügte hinzu, mein Auftrag bestehe einzig darin, ihm diesen Brief zu überreichen. Er las ihn langsam durch, umarmte mich und sagte: Gott sey Dank, daß ich Euch so unvermuthet gefunden habe; und indem er mich mit ruhiger Freude ansah: Seyd mir herzlich willkommen, mein Sohn! Ich hätte Euch kennen sollen, ehe ich den Brief las, so ähnlich seht Ihr Eurer Mutter. – Gebt diesem Freunde unsern Gruß, Kinder, sagte er zu seinen Töchtern; es ist der Verwandte aus dem Kanton Zürich, von dem wir erst heute noch sprachen, und den wir nicht so nahe glaubten. – Wir wissen es schon, antworteten sie lachend; standen aber auf und küßten mich. – Ich fand, daß die Sekte doch auch ihr Gutes habe. Die Einladung da zu bleiben, und meine freudige Annahme derselben versteht sich von selbst. Er fuhr nun in seinem gleichmüthigen Tone fort, mich über meine Jugendgeschichte und meine Heimath zu befragen, und mir seine Bekanntschaft mit meinen Aeltern, die aber nicht so wohl in naher 77 Verwandtschaft als in jugendlicher freundschaftlicher Verbindung bestand, zu eröffnen. Ueber die Ursache meiner Reise sagte er kein Wort, ob ich gleich mehrmahls darauf anspielte. Ich vermuthete, der alte Herr müsse ihm etwas davon geschrieben haben, und er die Sache nicht billigen. Der Mann gewann in kurzer Zeit meine Achtung durch seine verständigen Fragen, und mein Zutrauen durch seine stille Fröhlichkeit; die Verlegenheit, worin ich anfänglich als der Sohn eines Abtrünnigen von seiner Lehre war, hob sich, sobald ich merkte, daß er seinen Glauben nicht für ausschließend halte. Es fiel mir auch nichts von besondern Religionsgebräuchen auf; man setzte sich sogar ohne weitere Andacht zu Tische, als daß er und die älteste Tochter die Hände einen Augenblick vor das Gesicht hielten; und kaum hatten wir die Suppe gegessen, so sagte er, vermuthlich um mir allen Zweifel zu nehmen, vor einigen Jahren hätte er noch geglaubt eine Sünde zu begehen, wenn er mit mir essen würde, seitdem aber sey er, Gottlob! christlicher gesinnt worden. Er sah mich an, als ob er eine Antwort hierauf erwartete, und als ich schwieg, fuhr er fort: Oder glaubt Ihr nicht auch, mein Freund, das Gottgefälligste, was der Mensch thun könne, sey, im Frieden mit sich selbst und in der Liebe mit seinem Nächsten zu leben? Hierin haben wir Einen Glauben, antwortete ich freudig, und stieß mein Glas an das seinige, wer mit 78 mir in diesem Punkte gleich denkt, dem mache ich die übrigen nicht streitig. – Ich auch nicht, erwiederte er lächelnd, allein unter meinem Nächsten verstand ich ehmahls irriger Weise nur meine Glaubensbrüder, jetzt aber nicht mehr; nunmehr ist mein Nächster jedesmahl der, den ich sehe und höre. Sind wir hierin einig, so habt Ihr nicht zu besorgen, daß ich Euch wegen meiner eignen Meinung etwas in den Weg legen werde. Ich weiß, Gott hat Euch in früher Jugend aus unsrer Mitte entfernt, und scheint nicht gewollt zu haben, daß Ihr einer von den Unsrigen werdet. Wenn der liebe Gott seine Bekehrung wollte, fiel die jüngste schöne Tochter ein, so wäre es Ihm wohl ein Leichtes, sie zu bewirken. Bekehren, sagte die Mittlere, wovon? Der Mensch soll sich nur von Sünden bekehren, nicht vom Glauben; jeder Glaube ist gut, der nicht zur Sünde führt. Der Vater sahe sie ernsthaft, doch nicht unwillig an. Lassen wir das nun gut seyn, Kinder, sagte er, und annehmen wir seyen Einer Meinung, damit wir nicht durch zuviel gegenseitige Erklärungen unsrer Einigkeit wieder uneinig werden! – Um ein anderes Gespräch anzufangen, fragte er mich, ob ich meinen Oheim in Bremgarten schon öfters gesehen? Meinen Oheim? rief ich erstaunt. Klare lachte; ob ich denn nicht wisse, daß der alte Herr meiner Mutter Bruder sey? 79 Nun fiel es mir wie ein Nebel von den Augen; nun begriff ich des Alten seltsame Theilnahme an mir; erkannte nun auch meines Vaters Bildniß, das in seinem Nebenzimmer hing, vollkommen; und meine Neugier erwachte zu tausend Fragen. Allein da ich nur meine Revolutions- und nicht meine Familiengeschichte schreibe, so lasse ich alles weg, was nicht nothwendig zur nähern Kenntniß der hier vorkommenden Personen dient. Ich erfuhr also, daß der alte Herr, mein neuer Oheim auf den ich jetzt stolz war, so wie meine Mutter aus einer mennonitischen Familie in Holland abstamme, daß er sich aber frühe den Wissenschaften, nachher dem Kriege gewidmet und weit in der Welt herumgetrieben habe, daß er an fürstlichen Höfen gelebt, und was weiß ich! ein vornehmer Herr gewesen sey; endlich bey heranrückendem Alter, der Welt und ihres Treibens müde, sich mit ehrenvollem Abschied zurückgezogen und sich selbst zu leben entschlossen habe; daß er nun seitdem in Bremgarten mit stillschweigender Genehmigung der Regierung ein eignes, verborgnes, und wie er behaupte, glückliches Leben führe; und es für eine Glückseligkeit ausgebe, sein eigner Herr und Diener zugleich zu seyn; wiewohl er zuweilen bereue, sich in der Jugend nicht verheurathet zu haben. Wo es dann aber um die eigne Herrschaft mißlich gestanden hätte, meinte Klare. 80 Es wunderte mich, daß er einen so verlassenen Ort wie jenes Städtchen zu seinem Aufenthalt gewählt hätte? Die Wahl steht oft nicht bey uns, sagte der Wiedertäufer, und die Nothwendigkeit, wenn sie uns eine Wohnung anweiset, meint es meistens besser, als verzärtelte Willkühr. Ich habe noch nie gesehen, daß ein Amtloser, der bloß aus sinnlichem Antriebe sich einen Aufenthaltsort auserlesen, lange darin ausgehalten habe. Was ich von dem Wiedertäufer selbst und seiner eigenen Geschichte erfuhr, berühre ich hier nicht. Er blieb unter mancherley Stürmen seiner frommen Ueberzeugung getreu; doch so, daß mit zunehmenden Jahren sich alle scharfen Ecken sektischer Unduldsamkeit abschliffen, und eine allgemeinere Bruderliebe in seinem Herzen immer mehr Platz gewann. – Ich lernte nun auch die Töchter näher kennen, von welchen ich an der Mittlern den meisten Gefallen fand, die auch mir nicht ungeneigt zu seyn schien. Was sie sagte und that, hatte das Gepräge einer mehr als gewöhnlichen Bildung, ohne daß jungfräuliche Bescheidenheit je von ihr wich. Die Aelteste führte seit dem Tode der Mutter die innere Haushaltung, eine gerade, ehrliche Person, und der Jüngsten mußte man um ihrer blühenden Schönheit und Unschuld willen gut seyn. Nach dem Wenigen, was ich von dem Sohne hörte, ist er von der Mutter verzogen worden, hat 81 ihnen schon vielen Kummer verursacht, und lebt nun in französischen Kriegsdiensten als Husar. Wer das Gastrecht einer liebenswürdigen Familie genossen hat, der kennt die lieblichste der Erinnerungen, und wird mir meine Umständlichkeit verzeihen. Ungeachtet es schon spät war, konnte ich doch nicht satt werden, Vater und Töchter (die Jüngste war zu Bette gegangen) von unsern Blutsverwandten und ihren Erfahrungen erzählen zu hören; und so blieben wir bey Tische sitzen, bis der Vater endlich fand, es sey Zeit, daß ich schlafen gehe, ein Licht nahm und mir meine Kammer wies. Wie wunderbar sich doch auf dieser kleinen Reise mein Schicksal drängt, sagte ich gerührt zu ihm, und neue freundliche Aussichten sich öffnen! Hätte ich Verlassener, der niemand als Gott und meine Marie in der Welt zu haben glaubte, vor einigen Tagen noch gedacht, daß in Bremgarten ein liebender Oheim und hier Verwandte und Freunde meiner Aeltern auf mich warteten? Wie froh bin ich, daß ich nicht zurückkehrte! Seyd nur stille und ruhig dabey wie bisher, mein Freund, und sucht nicht der Schickung voranzueilen, sagte der brave Mann; Gott wartet oft lange, und gibt dann dem, der auch warten kann, vieles auf Einmahl! Ich konnte nicht einschlafen; es war mir als hätte ich in diesem Hause eine neue Welt entdeckt. Da 82 däuchte mich, ich höre auf der Straße unter meinem Zimmer ein Geflüster, welches nicht aufhören wollte; so daß ich endlich sachte an's Fenster schlich, und merkte, daß eine Mannsperson mit jemand im Hause leise sprach. Das befremdete mich um so viel mehr, da ich aus einigen Ausdrücken deutlich verstand, daß die Rede von Liebe war. Ich strengte alle Aufmerksamkeit an, um die Stimme der Person im Hause zu erkennen, das war mir aber unmöglich, weil das Fenster zur Seite lag. Auf ein unvorsichtiges Geräusch, das ich machte, hatte das Gespräch ein Ende; aber ich wünschte nun nicht gelauscht zu haben! Denn ich konnte mich des Mißvergnügens nicht enthalten, daß in dieses Haus, welches ich mir als die Wohnung der Unschuld und des Friedens gedacht, der Geist nächtlicher Liebe sollte den Weg gefunden haben; und das Widrigste – ich will es nicht verhehlen – war mir der Gedanke, Klare möchte hier im Spiele seyn, weil mir die älteste Tochter zu einem solchen Liebesverständniß zu kalt, und das Kind (so hießen sie die Jüngste) zu unschuldig schien. Die Furcht ist eine Mutter der Wahrscheinlichkeit wie die Hoffnung; der Verdacht wurde mir immer gegründeter, die Betrachtung einseitiger, und zuletzt hätten meinetwegen die beyden Andern bis über die Ohren verliebt seyn können, aber Klare sah ich nicht gern in diesem Lichte – oder vielmehr Schatten, wie es mir jetzt vorkam. Ein Frauenzimmer, für welches man Achtung hat, und auf dessen Freundschaft man rechnet, 83 kann man sich unmöglich ohne Verdruß in einem Liebeshandel mit einem Andern denken, wenn auch die eignen Ansprüche noch so reingeistig scheinen. Des Morgens frühe brachte mir der Wiedertäufer ein Licht, als ich lieber noch geschlafen hätte. Er setzte sich, indem ich mich anzog, in einen Lehnstuhl, und fing sogleich an, nicht von den Welthändeln, damit dürfe er sich nicht abgeben, sondern von dem Antheil zu sprechen, den ich, wie er von dem alten Oheim höre, daran nehme, welches ihm in Ansehung meiner einigen Kummer verursache. Gestern habe er in Gegenwart seiner Kinder nichts davon sagen mögen – das gehöre auch sonst vor die Weiber nicht, – aber ein Wort über die Folgen meiner Schritte auf meine innere und äußere Ruhe mit mir zu sprechen, halte er für Vater- und Freundespflicht. Ich merkte, daß er mich für ein thätigeres Werkzeug ansah, als ich war, und erzählte ihm daher alles, was ich wußte. Er hörte mich zwar ohne richterliche Miene aber mit Kälte ganz aus, und schüttelte dann den Kopf ohne etwas zu sagen. Das verdroß mich ein wenig, indem ich mehr Theilnahme erwartet hatte; ich fragte ihn daher, ob dieß seine ganze Antwort sey? Nein, antwortete er gelassen; die Euch anlocken, sprechen von gefangenen Brüdern und von sclavischen Ketten, wovon Ihr selbst gesteht noch nichts gefühlt 84 zu haben, mit deren Zerbrechung Ihr Euch also auch nicht abgeben solltet. Laßt jene machen; haben sie Recht, so wird es ihnen wohl gelingen, sind aber unter ihren schönen Worten noch andre Absichten verborgen, so hat der Teufel sein Spiel dabey; und wo du das merkst, mein Sohn, so fliehe! Aber, lieber Mann, sagte ich, prüfet meine eignen und nicht fremde Absichten, so müßt Ihr gestehen, daß ich ehrlich handle. Was fragt der Bothe darnach, ob er dem Teufel oder den Heiligen Briefe trage? Man trägt sie doch wohl lieber den Heiligen, erwiederte er. Ich will aber die Gründe andrer nicht richten, ich will gar nicht richten; nur wünschen möchte ich, daß Ihr nicht aus weltlicher Eitelkeit Euch aus Euerm beneidenswerthen häuslichen Glücke hinauswürfet! Das Wort Eitelkeit traf mich, weil ich es nicht erwartete; es war mir beynahe als ob er Recht hätte. Ich antwortete daher bescheiden, mein ganzes Bestreben gehe dahin, so bald möglich wieder zu meinem armen Glücke zurückzukehren, aber erst müsse das Uebernommene ausgeführt und das Versprechen gehalten seyn. Ich sehe jedoch wohl ein, daß dieser Baum tiefere Wurzeln habe, als ich anfangs geglaubt, und vielleicht ein Sprosse jenes gewaltigen Baumes sey, durch den Adam klug geworden; ich wolle mich also nicht groß machen, daß mich seine Früchte nicht auch reizen könnten, unterdessen aber ruhig meiner 85 innern Stimme gehorchen, die mir deutlich sage, daß ich hierin noch nichts Unrechtes gethan, und die mich wills Gott auch bey meinen künftigen Schritten leiten werde. – Sollte es auch seyn, setzte ich hinzu, daß die dem eignen Bewußtseyn so unmerkliche Triebfeder der Eitelkeit einigen Antheil an meinem Vorsatze habe, so könne bey einer That, wo mehrere Bewegungsgründe sind, nicht mit Recht einer allein herausgehoben und zum Vorwurf gemacht werden. Folge deiner innern Stimme, mein Sohn, sagte der Wiedertäufer, und suche sie rein zu bewahren, so ist es die Stimme Gottes! Es sey fern von mir, dir etwas vorzuhalten, worüber das Wort in deiner Brust dich rein spricht; liebte ich dich nicht, so hätte ich gar nichts gesagt. Ich erkannte seine guten Gesinnungen, und mochte daher auch nicht weiter streiten. Er führte mich in die Wohnstube, wo die Töchter schon zum Frühstücke versammelt waren. Mein erstes war hier, die Mädchen zu mustern, vorzüglich die Eine, ob ich nichts von dem nächtlichen Abenteuer in ihrem Benehmen entdecken könne; aber sie grüßte mich so unbefangen, daß ich nicht klug werden konnte. Wer will auch die Herzensangelegenheiten der Mädchen ergründen, wenn Geheimhalten ihre Sorge ist? – Ich war aber fest entschlossen, hinter das Geheimniß zu kommen, und wenn ich die ganze künftige Nacht in der Kälte wachen müßte; es war mir angelegentlicher, 86 als meine ganze politische Sendung, weil ich bey dieser schon ziemlich in die Karten sah, und sie mehr meinen Kopf als mein Herz beschäftigte; eine Liebesgeschichte aber in diesem Hause der Ehrbarkeit, sie mochte so schuldlos seyn, als sie wollte, war mir so unerwartet, daß ich schlechterdings Aufschluß darüber haben mußte. Da der Vater heute auch Geschäfte in der Stadt, vorher aber noch etwas im Hause zu berichtigen hatte, so mußte ich unterdessen bey den Mädchen warten und ihnen von Haus und Weib erzählen; denn der Vater, sagten sie, habe seit einiger Zeit vieles von uns durch den alten Herrn von Bremgarten erfahren, der ihm vor kurzem unsern Aufenthalt bekannt gemacht; es sey ihnen daher gestern seltsam vorgekommen, daß ich nicht einmahl gewußt, daß dieser Mann, der mich so gut kenne, mein Oheim sey. So hatte ich zärtliche Freunde, ohne es zu wissen! rief ich. – Wir sollten immer auf unsichtbare Freunde zählen, erwiederte Klare, das ist die Meinung des Oheims, sie gehören zur Freude der Einsamkeit, so wie die sichtbaren zum Trost in der Gesellschaft. Wenn wir alle unsre Freunde kennten, hörte ich ihn einmahl sagen, wir würden in jeder Trübsal frohlocken, und sähe der Gute seine dienstbaren Geister alle, so wäre er nie um Wirksamkeit verlegen. Der Alte mag Recht haben, dachte ich, aber wie 87 kann das Mädchen so reden, wenn sie an den dienstbaren Geist von gestern Nacht denkt? Auf die Beschreibung, die ich ihnen, vielleicht allzuvortheilhaft, von unserm kleinen fröhlichen Hauswesen machte, äußerte Klare wiederhohlt den Wunsch, uns einmahl besuchen zu können. Ich lud sie scherzend ein, gleich mit mir zu kommen, indem ich dieß nur für einen vorübergehenden Einfall hielt; sagte aber doch, als sie dazu freudig in die Hände klopfte, sie würde dort die Bequemlichkeit nicht finden, die sie hier in dem großen Hause habe; zudem würde sich wohl der Vater ein Bedenken machen, sie an einem Orte zu wissen, wo keine Glaubensverwandten von ihnen wären. Sie lächelte nur; hingegen sagte die Jüngste ernsthaft: O! der Vater weiß schon wie Klare denkt, er redet ihr nicht mehr ein. Ich wußte nicht wie das gemeint war, und suchte das Gespräch auf etwas anders zu lenken, als zum Glück der Vater wieder herein trat. Wir gingen mit einander in die Stadt. Vor dem Gasthofe verließ er mich, und ich traf da meinen Reisegefährten, voll freudiger Unruhe meiner wartend, an. O wie bedaure ich Euch, rief er mir entgegen, daß Ihr gestern zu Euerm Wiedertäufer gegangen und 88 nicht bey mir geblieben seyd; Ihr hättet alsdann gehört, was ich gehört habe. Was habt Ihr denn gehört? Ein Mann von hier, der französisch kann, ist von den Freyheitsfreunden ins Wadtland mit wichtigen Aufträgen gesandt worden, und gestern zurückgekommen; der erzählte mir und dem Wirthe die geheimsten Dinge, die er uns aber weiter zu verbreiten verboth. Nun so begehre ich sie auch nicht zu wissen. Mit Euch ist es nicht so gemeint. Der Schneider sagte uns . . . Ist das eben der Gesandte? unterbrach ich ihn. Ja, fuhr er fort; er sagte uns, daß daselbst das Nähmliche vorgehe, wie hier; daß dort schon wirklich Freyheitsbäume aufgerichtet worden, und daß dieß bald ein allgemeines Fest in der Schweiz werden solle; und daß es nicht nur darum zu thun sey, die alten Regierungen zu verändern, sondern gänzlich abzuschaffen und eine Volksregierung einzuführen. Eine Volksregierung, fragte ich, was ist denn das? – Es ging ihm aber damit, wie mit den Menschenrechten, er kannte das Wort besser als seinen Sinn. – Hm! antwortete er, und suchte nach seinem Buche, eine Volksregierung ist, wenn das Volk regiert . . . Und die Obrigkeit gehorcht? da wird's sauber zugehen! Eine Volksregierung, las er nun aus dem Buche, 89 kann aber nur durch eine gänzliche Umwälzung zu Stande gebracht werden. Wo das Unterste zu oberst kömmt, rief ich; Gott bewahre! Das ist nun einmahl richtig, fuhr er fort, daß wir lange genug unter der Herrschaft des Despotismus gestanden, und die Zwingherren reich gemacht haben; jetzt bekommen wir Freyheit und Gleichheit und eine Regierung, durch welche allen unsern Beschwerden abgeholfen wird. Hat dieß auch der Schneider gesagt? Ja; und daß die wackern Wadtländer schon einen schönen Anfang dazu gemacht, indem sie, wie unsre in Gott ruhenden Vorältern alle ihre Landvogte aus dem Lande jagen. Dürften wir nur zu Hause bald ein Gleiches thun! Glaubt Ihr, wir würden dann auch desto sanfter in Gott ruhen? Freylich. Desto früher vielleicht. – Aber Euer Landvogt, fuhr ich fort, wird doch für einen braven Mann angesehen. Dafür hielten wir ihn bisher auch, war die Antwort, aber nun habe ich genug gehört, um zu wissen, daß auch er ein Verräther seyn muß. Und ich hatte nun auch genug gehört, um den Unterricht zu schätzen, den der Schneider meinem Begleiter gegeben. 90 Jetzt suchten wir das Haus der Herrn Q. auf, an den unser Brief gerichtet war. Ungeachtet des kalten Morgens standen doch allenthalben in den Gassen Bürger in Schlafröcken und Nachtmützen beysammen, und schienen ängstlich aufmerksam auf alles was vorging; wiewohl nichts vorging, als daß dann und wann ein Mitglied des Raths mit bedeutender Wichtigkeit in die Versammlung schritt, oder ein Landmann mit listigem Gesichte vorbeyschlenderte. Mit forschenden Augen wurden die Vorübergehenden geprüft, und jeder schien seine Wünsche oder seine Besorgnisse in ihren Mienen lesen zu wollen. Auch wir besonders mußten diese Musterung passiren, weil sie aus unsrer Kleidung erkannten, daß wir aus einem andern Bundeskreis wären, und wahrscheinlich schon wußten, daß wir bey dem patriotischen Wirthe abgetreten seyen, und Briefe an die Volksführer haben. Es giebt in allen Schweizerstädten solche politische Luntenriecher, die beständig auf Kundschaft ausgehen, nicht sowohl um neue Ereignisse mit Verstand zu würdigen, als um die Ersten zu seyn, solche wieder zu erzählen. Ich weiß nicht, was ein Unerschrockener aus so einem Schlafmützenhaufen widriges an uns fand, denn er rief, als wir vorbeygingen: Da sind auch so zwey. Und sogleich fingen alle an, verächtliche Blicke und hörbare Verwünschungen auf uns zu werfen. 91 Diese, sagte mein Begleiter laut, werden die Volksregierung weder fördern noch hindern. Wie könnt Ihr das wissen? fragte ich. Habt Ihr die Frösche noch nie gehört, versetzte er, wenn einer anfängt zu quacken, so thun es alle nach, und kömmt doch nichts dabey heraus. Die Bürger schwiegen, und ich war verwundert, daß dieser Mensch den neuen Ton der Zeit schon so gut aufzufassen wußte. Es bestätigte meine öfters gemachte Erfahrung, daß gemeinen Köpfen treffende Grobheiten schneller zu Gebothe stehen als den bessern. Q. war schon von unserm Besuche benachrichtigt und erwartete uns. Nachdem er das Päckchen geöffnet, und den Brief, der an ihn war, gelesen hatte, fragte er uns, ob wir die zwey andern selbst abgeben oder ihm überlassen wollten, und da mein Begleiter sagte, er wolle den Brief an X., der sein Vetter sey, selbst überbringen, hieß er ihn geschwind machen, sonst träfe er denselben den ganzen Tag nicht mehr zu Hause an. Wir werden uns schon wiedersehen, that er halb verächtlich hinzu. Kaum war er weggeeilt, so sagte Q.: Es ist doch ärgerlich, daß Eure Leute uns schon wieder diesen Tropf zuschicken, da wir ihnen doch zu verstehen gegeben, sie möchten ihn daheim lassen; wahrscheinlich haben sie Euch zur Aufsicht zugeordnet, da werdet Ihr auch Eure Noth mit ihm haben! Letzthin hat er uns mit seiner Schwatzhaftigkeit beynahe alles verdorben, 92 indem einer unsrer wichtigsten Schritte durch ihn, wir wissen nicht wie, verrathen worden. Es war leicht zu erachten, daß dieses durch den Brief, welchen der welsche Spion zu lesen bekommen, müsse geschehen seyn; ich sagte aber nichts davon. Jetzt kann er freylich nicht mehr viel verderben, fuhr er mit trockener Gleichgültigkeit fort. Dann steht es sehr gut oder sehr schlimm mit Eurer Sache, erwiederte ich. Es kömmt auf den Gesichtspunkt an, war seine Antwort. Ich lese so eben (er sahe wieder in den Brief), daß Ihr ein Mann seyd, auf den man sich verlassen kann, ein Neugeworbener, aber noch kein Eingeweiheter, wie sie schreiben, würdig jedoch, daß ihm nichts unbekannt bleibe; ich mache mir also Offenheit gegen Euch zum Verdienst. – Allein jetzt muß ich ausgehen, speiset mit mir zu Mittag, so werden wir schon Zeit zum Sprechen finden; unterdessen steht Euch all dieß Zeug (auf einen Tisch voll Schriften weisend) zum Durchlesen offen, woraus Ihr nach Herzenslust erfahren könnet, warum es zu thun ist und seyn wird. Einen Neugeworbenen hörte ich mich nicht gern nennen, und vor der Einweihung durch dieses Schriftengemengsel graute mir; allein das beständige Hinweisen auf den Standpunkt, aus welchem man angesehen seyn will, ist auch eine widrige Sache, und sieht aus wie Anmaßung, ich hatte es schon zu Hause und 93 in Meilen erfahren, und mein Mann hier schien kein Freund von vielen Worten zu seyn. – Euer Mittagessen, antwortete ich demnach, nehme ich noch lieber an, als die Einweihung; indessen sehe ich wohl, ich muß da hinein; ich weiß nicht, was für ein Stern oder Unstern mich mit Gewalt in diesen Irrgang zieht. Ich weiß bereits zu wenig und zu viel, um stille stehen zu können; wenn mir nur diese Geheimnisse nicht zu schwer werden! Ey was! versetzte er, einen vernünftigen Mann drückt kein Geheimniß; was einem zu schwer ist, das läßt man liegen. Ich sahe, daß ich mit einem wackern, aber etwas derben Mann zu thun hatte, ließ ihn allein weggehen, und setzte mich an den Tisch, um eine Schrift nach der andern geduldig zu durchlesen. Es waren einladende und abrathende, glückwünschende und drohende Briefe; abgebrochene Berichte von Unterredungen mit dem französischen Geschäftsträger und mit obrigkeitlichen Personen; Entwürfe zu Aufrufungen an das Volk, worin demselben bewiesen wird, daß es über seine Staatseinrichtung Meister sey; Untersuchungen oder vielmehr Zweifel über das Recht des Zehnten; endlich auch die Menschenrechte, wovon mein Reisegefährte so gerne spricht, in siebzehn Artikeln, die mir, die Wahrheit zu gestehen, auch nicht übel gefielen; und dann eine darauf gebaute neue Verfassung der Schweiz unter Einer allgemeinen Regierung, mit 94 Beleuchtungen über das künftige Glück derselben, eine neue Welt für unser Vaterland, aber in ein Schlaraffenland ausgemahlt, an dessen dauernde Wirklichkeit ich nicht glauben konnte. Das lag alles so bunt durcheinander, daß mir der Kopf schwindlich vom Lesen wurde. Wie wird es erst dem seyn, der es nicht nur lesen, sondern ausführen muß, dachte ich; wie muß es gar einem Staatsminister zu Muthe seyn, der Jahr aus Jahr ein mit Projekten umgeben und mit Ausführungen beängstigt ist! Vielleicht geht es aber in der großen Welt zu, wie in meiner kleinen, wo ich schon oft, Leute betreffend, die gern regieren und allenthalben an der Spitze stehen wollten, fragte: Wo nehmen sie denn den Verstand dazu her? Und von der Erfahrung die Antwort erhielt: »Man thut etwas, vieles gibt sich von selbst, und das Uebrige vertraut man dem guten Glücke.« Ich wollte eben eine Pause machen, als ein halbmilitärisch gekleideter Mensch mit einem freundlich-heimlichen Gesichte herangeschlichen kam, und nach Herrn Q. fragte. Wie ich antwortete, daß er erst gegen Mittag zurückkomme, und der Mensch mich so vertraut in desselben Papieren blättern sah, sagte er, ich sey wahrscheinlich ein guter Freund von Herrn Q., auch er stehe in genauer Bekanntschaft mit ihm, ich solle daher nur mit dem Lesen fortfahren, er wolle sich indessen zu mir hinsetzen bis Q. komme. Da ich aber in seiner krummen Annäherung nichts als eine 95 kleinliche Neugier nach den Papieren sah, so stellte ich mich zwischen ihn und den Tisch hin, entschlossen seinen unregelmäßigen Trieb nicht zu befriedigen. Wir führten nun eine elende Unterredung mit einander, wobey er sich immer bemühte zu erfahren wer ich sey, und ich mich befließ, es ihm nicht zu sagen; welches er endlich merkte, und, um seiner Person mehr Gewicht zu geben, von sich selbst zu sprechen anfing: er sey gestern von einer Reise an den Genfersee zurückgekommen, die er, mir dürfe er's wohl sagen, mit wichtigen Aufträgen im Nahmen der hiesigen Vaterlandsfreunde habe machen müssen. Das war also weiter nichts als jener Schneider meines Reisegefährten! So gehts, wenn man sich durch Großsprechen helfen will, man erscheint nur desto kleiner. – Ehe ich ihm aber etwas verbindliches über diese Eröffnung sagen konnte, erschien eine dritte Person auf dem Zimmer, ein Mann von mittlerm Alter, mit klugen aber düstern Gesichtszügen, der, obgleich nicht besser gekleidet, doch in Gestalt und Wort einen ganz andern Mann zeigte. Er schickte den politischen Schneider, der ihm viele Verbeugungen machte, fort: Meister N., sagte er, geh er jetzt an seine Geschäfte! – Mit mir fing er sogleich ein Gespräch über die vor uns liegenden Schriften an, und fragte, ob ich schon Kenntniß von allen diesen Sachen gehabt habe? Nicht von dem zehnten Theil, antwortete ich; wie 96 wäre es auch möglich, da ich vor vier Tagen noch nicht einmahl wußte, was bey uns vorgeht, wo man erst anfängt, und überdieß Geheimnissen eher ausweiche als sie aufsuche. Es scheint doch, erwiederte er, Eure Landsleute setzen ein großes Zutrauen in Euch, weil sie uns melden, man dürfe und solle Euch alles offenbaren. Zutrauen erwirbt man sich oft am meisten, wenn man es nicht sucht, versetzte ich. Uebrigens kann es seyn, daß mich meine Landsleute für einen ehrlichen Mann halten, und es mag ihnen daran liegen zuverlässige Menschen in ihre Sache zu ziehen, wenn sie gut gehen soll. Ja wohl, sagte er mit einem Seufzer, brauchen wir ehrliche Leute! Ließen sich diese nur erkaufen, sie wären uns um keinen Preis zu theuer; denn Bosheit und Selbstsucht biethen sich uns haufenweise umsonst an. Ach Gott. was haben wir in dieser kurzen Zeit schon für Erfahrungen gemacht! Ihr werdet erfahren haben, sagte ich, daß der Redliche sein Glück mehr in sich selbst, als in Neuerungen außer sich sucht, und daher bey solchen lieber zuschaut, als eine Rolle mitspielt. Und daß der Weise, fügte er hinzu, lieber allein und aus eigner Kraft als nach den Plänen andrer handelt; vereinte Wirksamkeit macht abhängig und ehrgeizig. Uns aber ist der Plan vorgezeichnet, und hat die Nothwendigkeit einen einzigen Weg zur 97 Rettung des Vaterlandes offen gelassen, den wir noch dazu im Laufe zurücklegen müssen, ob er gleich zwischen Abgründen durchgeht, und wir sein Ende nicht sehen. Dem Mann lag seine Sache wirklich am Herzen, und noch nicht lange in diesem weiten Wirkungskreise sich tummelnd, hatte er auch die mittheilende Geselligkeit, der sich ein gutes Gemüth beym Antritt einer neuen Bahn so gern überläßt. So erfuhr ich manches, das mir bisher noch verborgen war, über die wahre Lage des Vaterlandes, und wurde wenigstens zur historischen Kenntniß dieses neuen Bundes unparteyischer und gründlicher eingeweiht, als es von den Freunden in Meilen bey ihrer leidenschaftlichen Stimmung möglich gewesen wäre. Er setzte mir außer allen Zweifel, daß es im Rathe der Götter Frankreichs unwiderruflich beschlossen sey, die Schweiz müße revolutionirt werden; von der Gewißheit dieses Rathschlusses überzeugt, sagte er, was bleibt dem rechtlichen Schweizer übrig, als Unterziehung oder Widersetzlichkeit? Im Unterziehen ist freylich weniger Ehre, aber der Vortheil besteht darin, daß, wenn wir selbst Hand ans Werk legen, wozu uns Freyheit gelassen ist, gewaltthätige fremde Einmischung verhindert werden kann. Widersetzen wir uns aber, so haben wir Krieg, und wer soll ihn führen? Die Regierungen mit Hülfe des Volkes, antwortete ich. 98 Das ist bald gesagt, erwiederte er, aber auf der einen Seite arbeitet der Französische Geschäftsträger, Ihr wißt selbst mit welchem Erfolge, durch goldne Versprechungen und listige Herumschleicher unermüdet daran, das Volk ungehorsam zu machen; auf der andern Seite mangelt es den meisten Regierungen an der Kraft und Einheit des Willens. Die Landsgemeinden wissen nichts und wollen nichts kennen, als die einfachen Bedürfnisse ihres alten Herkommens, sie halten sich in ihren Bergen vor allem sicher, und wiegen sich in ihrem alten Heldenglauben ein, Heere von Tausenden mit leichter Mühe von sich abzuhalten; so lachen sie heimlich über die Verlegenheit der andern. Diese Andern hingegen – – o wie gerne wollten sie, wenn sie könnten! Nehmt hiezu noch unsre alte in langem Frieden verrostete Kriegseinrichtung! was will man da ausrichten, womit will man einen krieggeübten zehnmahl stärkern Feind schlagen? Mit dem Landsturme vielleicht, sagte ich. Der Landsturm, erwiederte er, braucht Zeit und Ordnung, und die haben wir nicht. Ohne dieses aber was ist er, als der Ausbruch einer wüthenden wilden Menge, die ohne Bahn und Plan, wie ein Wolkenbruch, eine schnelle Verheerung um sich her verbreitet, und wenn sie geschlagen wird, die Waffe gegen den Führer kehrt. Oder es ist ein verzweifelter Versuch, ungeübte Bürger und Bauern schleunig zum Streit einzugliedern, und sie, im Vertrauen auf ihre Zahl, 99 sieggewohnten Legionen und ihrem niederschmetternden Geschütze als Schlachtopfer entgegen zu stellen. Was kann dabey herauskommen? Die Alten wußten den Tod fürs Vaterland zu sterben! rief ich. Man will uns ja das Vaterland nicht nehmen, versetzte er ungeduldig. Frankreichs Entschluß ist unser altes Gebäude umzustürzen, um ein tüchtigeres oder ihm bequemeres an seinen Platz zu stellen – freylich hätte es erst das seinige ausbauen können, das in zehen Jahren noch nicht fertig geworden – und unser vor Gott geprüftes Vorhaben ist, das kleinere Uebel zu wählen, und auch die Eydsgenossen dazu zu vermögen, um innern und äußern Krieg zu verhüthen; gelingt das nicht, dann ist es immer noch Zeit, für das Vaterland zu sterben. Hüthet euch aber, mein Freund, zu viel von diesem schönen Tode zu reden! Wenn er schon von Vielen im Munde geführt wird, so wissen ihn doch nur Wenige in der That zu sterben; man ist nicht gleich dessen fähig, was man etwa in begeisternder Anwandlung empfindet. – Oder im Lesen bewundert, setzte ich für mich selbst hinzu. Indessen biethen wir um so viel eher unsre Hände zu diesem Geschäfte, fuhr er fort, weil wir überzeugt sind, daß unser altes Staatsgebäude ohnehin der Zeit weicht, und nur noch auf den schwachen Stützen der herkömmlichen Gewohnheit und angebornen Gemächlichkeit ruht, an denen nun Frankreich eben am 100 meisten rüttelt. Hingegen läßt uns die vorgeschlagene Einheit der Republik einen Weg sehen, worauf den zahllosen Mängeln und Mißbräuchen der alten Verfassungen abgeholfen, und unsrer Völkerschaft die alte Kraft und Ehre wieder hergestellt werden kann, – in sofern es nämlich möglich ist, eine allgemeine Zusammenstimmung zu diesem Einheitszwecke zu bewirken. Erst hielten wir das für ein Leichtes, aber täglich zeigen sich uns mehr Schwierigkeiten, und unterdessen rückt die Noth mit drohender Eile immer näher. Aber hat es denn so Noth? fragte ich? die kleinste Unternehmung will doch auch ihre Zeit haben; warum eine so wichtige nicht? Würden die Franzosen ihre Absicht nicht besser erreichen, wenn sie gerade und offen an die Schweizerregierungen gelangen ließen, worin ihr Wunsch und Wille bestehe, und wenn den Regierungen selbst Zeit gelassen würde, sich des Bessern zu besinnen, die Neuerung zu prüfen, und solche, da schon so viel Volk vorbearbeitet ist, vor die Gemeinden des Landes, wie ehmahls Bündnisse und Kriegs- und Friedensverhandlungen, zur Annahme oder Verwerfung zu bringen? Eure Ehrlichkeit macht mich lachen, antwortete er, wenn ich über anderweitige Unehrlichkeiten weinen möchte. Das ist eben ein Kreuz; das französische Directorium will, die Schweiz soll ohne Ueberlegung wählen, als wenn hundertjährige Gewohnheiten, sie seyen gut oder schlimm, sich so geschwind ablegen 101 ließen, wie ein altes Kleid! Und darum kömmt uns auch die drohende Eile so viel verdächtiger vor, weil diese Droher die Unmöglichkeit, in so kurzer Zeit auf ein ganzes Volk zu wirken, wohl einsehen müssen, und inzwischen ihre Heere doch immer näher rücken lassen. Vermag denn, sagte ich, die freye und kühne Sprache der Wahrheit nichts auf den Geschäftsträger und durch ihn auf seine Obern? Nichts! erwiederte er; sie stellen sich zwar nicht böse darüber, aber sie haschen listig einzelne Ausdrücke auf, und beweisen, daß das nicht die Sprache der Wahrheit sey. Der Geschäftsträger schmeichelt schriftlich und drohet mündlich. O was für ein Abgrund ist zwischen den Worten und Thaten dieser Menschen! – Doch genug hievon, sagte er traurig und stand auf. Die Sache schien dem guten Manne wirklich mehr an sein stilles Herz zu greifen, als er beym Anfang der Unternehmung gedacht haben, oder als es für seine Gemüthsruhe zuträglich seyn mochte. Was thun denn aber unsre gnädigen Herren? Die wissen alles, war seine Antwort, und sind deßwegen in Arau versammelt; aber leider weniger, die Neuerungen, wie Ihr vorhin wünschtet, zu prüfen, als um Maßregeln zu treffen, wie sie die angeborne rechtmäßige Herrschaft erhalten können, weil sie sich überzeugt glauben, daß ohne dieselbe nur bleibende Verwirrung unter uns komme. In Zeiten der Noth täuscht man oft sich selbst; die größern Stände 102 verhehlen ihre Besorgnisse den kleinern, um sich an ihrer Furchtlosigkeit zu erhohlen; sie denken an Widerstand. Sollte aber auch gegen alle Wahrscheinlichkeit Widerstand möglich seyn, sollte es ihnen gelingen, mit bewaffneter Faust Verfassung und Unabhängigkeit zu vertheidigen, was wäre bey der schon herrschenden Erbitterung die Folge? Vernünftige, der Zeit angemessene Staatsverbesserung, oder strengere, der Zeit widerstrebende Gewalt? Wäre nur die Liebe der Schweizer zu ihren Obern so stark, wie die Liebe zu ihrer Verfassung, dachte ich, es wäre wohl noch Rath! Q. kam zurück, und warf sich sogleich ermüdet, jedoch mit fröhlichem Muthe auf einen Stuhl, und fing an, seinem Freunde zu erzählen, die heutige Rathsversammlung müsse ziemlich stürmisch seyn, indem schon zwey Mitglieder nach Hause gelaufen. Unsern Obrigkeiten, sagte er zu mir, geht es jetzt, wie den Fuhrleuten, die ihr Lebenlang nur einen Weg gefahren sind; sie können sich in einen andern gar nicht mehr finden. Doch wisse er von sicherer Hand, sprach er weiter zu seinem Mitarbeiter, daß die Mehrheit sich auf die vernünftige Seite zu wenden anfange, und daß der Vorschlag, die Gesandten von Arau zurückzurufen, bald durchdringen werde. Mit der Bürgerschaft habe 103 es keine Noth, die fürchte sich vor den Bauern, wie sich der Magistrat vor den Franzosen fürchte. Des Abends beym Weine seyen sie zwar alle Helden, und machen über den Gedanken, sich von den Bauern Gesetze vorschreiben zu lassen, großen Lärm und Fäuste in den Taschen; kommen aber des Morgens wieder zu sich selber, und lassen sich so nach und nach alles gefallen, wenn nur der liebe bürgerliche Wohlstand gesichert bleibe! Auf solche häusliche Leute müsse man des Morgens, und auf die Lumpen des Abends wirken. Habt Ihr denn auch mit diesen zu thun? fragte ich. O genug, antwortete er, und mehr als genug! das sind unsre eifrigsten Anhänger, wahre Verehrer der Gleichheit. Wir schicken sie aber, so viel wir können, dem Mengaud zu, der zahlt sie gut, und sendet sie als seine Jünger in alle Welt, um den neuen Glauben unter die Leute zu bringen. Die heiligen Rechte der Menschheit sollten also durch Lumpen ausgebreitet werden! sagte ich lachend. – So ist's, erwiederte er. – So wie oft das noch Heiligere: that der Freund hinzu, durch Lügner und faule Bäuche. Sie sprachen noch manches über die Bedrängnisse des Vaterlandes; sie zeigten mir, daß jetzt Frankreich hauptsächlich im Wadtlande den Anfang zu Händeln suche, weil da die Stimme des Volkes am lautesten gegen das bisher Bestandene ertöne. – Das gehe ich aber vorbey, weil ich nur von dem reden will, dessen 104 ich selbst Zeuge war, was mich zunächst zum Handeln bestimmte. Es kamen nun mehrere Vertraute dieser beyden Männer, um sich über die Verhandlungen in der Eintrachtsgesellschaft auf heute Abend zu berathen. Ich entfernte mich, und wandelte in der Stadt umher. Die Bürger standen noch immer in kleinen Haufen herum, und suchten Beruhigung im Beysammenseyn und in lautem Sprechen. Es schien jetzt in dieser Stadt, so arbeitsam sonst die Bewohner seyn sollen, wenig gethan zu werden; die magern Kühe der allgemeinen Angelegenheiten verschlangen die fetten der Berufsgeschäfte. Jeder hoffte bey einem solchen Häufchen etwas neues zu erfahren, ich sahe manchen bey mehr als einem stehen. Es liegt aber auch in der auf Einen Punkt gerichteten Neugier der Menge so was anziehendes, daß einer sehr stark in sich selber oder sehr stolz seyn muß, um untheilnehmend vorüberzugehen. Hätten sie mich nicht als einen Fremden schief angesehen, ich wäre auch hinzugestanden, um das menschliche Herz zu erforschen, das sich in der Angst so gerne bloß gibt, und mich der Kraft zu freuen, womit es sich aus allem, selbst aus dem Unheil, einen Genuß zu bereiten weiß, wäre es auch nur, wie hier, der Genuß eines verzeihlichen Müssiggangs. Es ist eine eigne Empfindung, so als ein Fremdling durch die Straßen einer Stadt zu ziehen, abgeschnitten von aller Gemeinschaft; Männer, Weiber, Kinder, 105 Vieh und Häuser in hülfreicher Wirksamkeit mannigfaltig verbunden zu sehen, und eine geheime Stimme der Zukunft über diese kleine Welt vernommen zu haben; es ist ein Vergnügen der Geister, eine einsame Liebe. – Ich kam mir vor wie der Prophet Jonas, als er durch die Gassen von Ninive ging; das Wort des Herrn war ausgesprochen über diese Stadt, zwar nicht zum Untergange, aber doch zu Ungemach und Trübsal. Auch hier fände jetzt eine Predigt zur Buße wohl sichern Eingang bey den erschrockenen Bürgerherzen, dachte ich, und mich jammerte ihrer, wie Jonas der Kürbisse; allein ich hatte keinen Ruf dazu; und vielleicht finden sie ohnedies Gnade; sind doch ebenfalls so manche unter ihnen, »die nicht wissen Unterschied was rechts oder links ist, dazu auch viele Thiere!« Ueber dem Mittagsessen bey Q., dem nur noch seine Frau und der Freund beywohnte, und wo, wie es sich bey Tische gebührt, der Ernst mit Scherz gewürzt war, hörte ich wieder vieles, das mir mehr und mehr Aufklärung über die Gegenwart und Besorgniß für die Zukunft gab. Je vertrauter sie wurden, mit desto weniger Schonung sprachen sie von den Absichten der französischen Reichsverwalter. Ich nannte das Mangel an Achtung gegen die große Macht. 106 Nicht doch! sagte Q., wir haben Respekt für sie, wie die Tauben für den Sperber; könnten wir nur mehr Zutrauen haben! Von Paris aus erhalten wir zwar, so oft wir wollen, großmüthige Versicherungen von Wohlwollen gegen den größten Theil der Schweiz, und unterdessen wird Bern als der bedeutendste Landestheil immer in dringendere Händel verwickelt, und immer rücken die Truppen näher an unsre Grenzen. Es geschehe nur, um den Oligarchen Furcht einzujagen, sagt dann der Geschäftsträger – aber er selbst benimmt sich, auch in unserm Lande, so toll, daß wir oft nicht wissen, was wir denken sollen. Gestern wurde von ihm her, wie wir sichere Nachricht haben, unter die in Liestal versammelten Landleute ausgestreut, die Stadtleute führen sie nur am Narrenseile herum; es gehe nicht mit der guten Sache, bis man durch Abbrennung einiger landvögtlicher Schlösser den Ernst zeige; und uns ließ er sagen, die Bauern seyen nicht mehr zurückzuhalten, wenn man ihnen nicht binnen zwey Tagen einladend die Thore öffne, und tausend Mann als Besatzung in die Stadt aufnehme. Und doch kennt er alle unsre Bemühungen, wovon wir ihm täglich Bericht geben, und weiß, wie schon alles eingeleitet ist, um die ganze Sache friedlich zu Stande zu bringen. Oft thut er, als wenn seine Ehrenperson selbst bey uns nicht sicher wäre, und spricht von Nachstellungen, ob er gleich versichert ist, daß ihm kein Mensch nichts thun darf. Klagen wir über ihn nach 107 Paris, so erhalten wir keine Antwort. Allein schon die Wahl eines solchen Mannes ohne Kenntniß und ohne Lust sich solche zu erwerben, zu einem Werke, wovon das Heil eines ganzen Volkes abhängt, zeigt, wofür man uns ansieht: für einen unbedeutenden Gegenstand, womit die Directorialallmacht sich einen Augenblick abzugeben geruht. Für eine Herde Schafe, sagte der seufzende Freund, gegen welche die Wölfe ihr Naturrecht gelten machen wollen. Sollten wohl meine Briefsender dieses alles auch wissen? fragte ich. Sie könnten es wissen, wenn sie wollten, war die Antwort, denn ihre Ausgewanderten, die sich hier in der Nähe aufhalten, wissen alles, und vielleicht noch mehr als wir; aber sie sind hitziger als wir; sie sprechen von Unrecht, so ihnen widerfahren, dieß erhält sie in Leidenschaft, und sie streben nach Neuerungen nicht nur aus Liebe zur Freyheit, sondern auch als Beleidigte; sie scheuen daher keine Mittel, und treten in alle Maßregeln Mengauds willig ein. Es ist ein Glück für Euer Land, daß es nicht an den Grenzen liegt; sonst wäre schon alles drunter und drüber. Jetzt fahren die Franzosen noch säuberlich mit euch, bis sie mit den Nachbarn fertig sind, aber dann werden die Tage der Drangsal auch über euch kommen. – Das Beßte, was ein Mann, wie Ihr seyd, thun kann, fuhr er fort, ist die hitzigen Köpfe auf der Landschaft 108 abzukühlen, und zu machen, daß der Schlag, der doch unausweichlich geschehen muß, von der Hauptstadt aus geleitet werde, so wie bey uns. Gott bewahre! rief ich unwillig; ich bin zu weit von der Hauptstadt entfernt, als daß meine Stimme dahin reichen sollte; auf sie kann ich nicht wirken, und auf die andern mag ich nicht. Zurück in meine Wälder will ich kehren, und mich weiter um nichts bekümmern! Der Freund, welcher sonst auch auf dem Lande lebte, seufzte wieder, und Q. lachte: Eure Wirthschaft mag Euch noch so lieb seyn, ihr Leute, so werdet Ihr nicht mehr lange dabey bleiben; sperrt Euch wie Ihr wollt, Eure Stunde hat zu etwas besserm geschlagen! Wiewohl ich nicht viel besseres wünschte, so schmeichelte mir doch das verbindliche Wort; noch mehr aber stimmte die harmlose Munterkeit des Q. ganz mit meinen Grundsätzen überein. So muß es seyn, dachte ich; ein rechter Mann soll zwar, wo es Noth ist, den Geschäften alle Ernsthaftigkeit widmen, aber sich doch den Kopf nie so ganz davon einnehmen lassen, daß er nicht zu jeder Zeit noch Sinn für fröhlichen Lebensgenuß habe! Der König von Preußen ist darum mein Held, von dem man erzählt, er habe mitten in seinem vom Feinde eingeschlossenen Lager noch Verse gemacht. – Indessen that ich, als wenn mich ihre Fröhlichkeit bey so viel Sorgen befremdete. Wer soll fröhlich seyn, versetzte Q., wenn der 109 nicht, der seine Pflicht thut; je schwerer sie ist, desto mehr darf er sich bey ihrer Erfüllung freuen. Wir scherzen, weil wir ein gutes Gewissen haben, und ein gutes Gewissen haben wir, weil wir nichts anders wollen, als die Vaterstadt vom Verderben retten. Nichts Anderes? Das Andre hängt diesem an, antwortete er nachlässig. Der Freund nahm das Wort: Die Stadt zu retten, ist, wenn wir aufrichtig seyn wollen, unser Zweck, und die Staatsreform das Mittel dazu, aber um der übrigen Schweiz willen müssen wir das Mittel für den Zweck ausgeben, damit auch sie könne gerettet werden. Frankreich befiehlt eine Veränderung oder droht Krieg; wir liegen an den Grenzen; das Volk ist empört, was kann die arme Stadt machen? Für sie ist kein Rettungsmittel, als der fremden Uebermacht nachzugeben, und der einheimischen Gewaltthätigkeit durch rasches Mitwirken zuvorzukommen. Und da wir sicher wissen, daß die ganze Eidsgenossenschaft in die neue Form gegossen werden muß, so haben wir dabey noch den Trost, daß je geschwinder wir machen, und je friedlicher die neue Einrichtung bey uns zu Stande kömmt, desto eher die andern Stände durch unser wohlgelungenes Beyspiel zur Nachahmung bewogen werden könnten. Käme es aber zu einem Kriege, so versichert uns Frankreich zum voraus Neutralität für unser Gebieth; und sollte der andere Theil siegen, so 110 müßte er uns durch die Nothwendigkeit für entschuldigt halten. Ihr wißt nun, wie wir denken, sagten sie; wir haben vielleicht mehr geredet, als wir sollten, allein ein theilnehmendes Herz ohne persönliche Absichten zieht die Offenherzigkeit an sich, desto stärker, je seltener es dem Bedrängten begegnet. – Nun könnt Ihr den Einverstandenen in Meilen nicht sagen, daß Ihr uneingeweiht von uns weggegangen seyd. Und diese, war meine Antwort, werden auch nicht sagen, daß ich Euer Zutrauen nicht zu schätzen wisse, denn sie sollen wenig davon erfahren. Ich sehe nun den Unterschied; jene suchen Freyheit und Rache; Ihr Rettung aus der Noth; es kann keine lange Gemeinschaft zwischen euch statt haben. Wo ist der reine Gemeingeist der Basler? werden jene sagen: sie sorgen für ihr Land, weil ihre Vaterstadt darin liegt, und für ihre Vaterstadt, weil sie Häuser, Weiber und Kinder darin haben, und für diese, weil sie ihnen angehören; also sorgen sie eigentlich nur für sich selber. Macht es nicht jeder so, der die Wahrheit gestehen will? erwiederte der Freund sehr ernsthaft; worauf sollte auch sonst die Vaterlandsliebe beruhen, als auf dem Eigenthum? Es kömmt nur darauf an, was man darunter versteht. Die großen Worte, womit man sich heut zu Tage täuscht, sind noch keine Thaten; der Baum des Gemeinsinns trägt häufig Sodomsäpfel, und diejenigen, welche ihre 111 Unternehmungen so gern einen Beytrag zur Veredlung des Menschengeschlechts nennen, sind gewöhnlich fade Schwärmer, die nichts leisten. Es ist auch doch wohl Patriotismus, wenn wir Stadt und Land vom Krieg und Untergange retten, und dem ganzen Vaterlande mit dem nöthigen Beyspiele vorangehen. Geschähe es nun zunächst um unsrer selbst willen, oder aus gemeinnützigen Absichten, was liegt daran, wenn nur die edle Handlung gelingt! Den Menschen, der Gutes bewirkt, soll man nicht richten wollen. Q. sagte: Du hast Recht, Bruder, und unser Freund hier versteht dich, warum willst du dich rechtfertigen! Vor dem Lichte der guten That verschwinden die Schatten der Bewegungsgründe; man soll den Tugenden überhaupt nicht zu genau den Puls greifen, die beßten quillen aus dem Drange eines edlen Muthes. Wer ihre Grundsätze wohlbedächtlich in ein Lehrgebäude ordnet, und als abgezogene Geister in die Fächer seiner Vernunft aufbewahrt, um für jeden Fall ein Heilmittel bei der Hand zu haben, der hat wohl eine schöne Apotheke, wird aber weder sich noch die Welt kuriren. Als wir vom Tische aufgestanden, hörte ich, daß heute Gelegenheit wäre, nach Haus zu schreiben; Q. wollte meinen Brief besorgen. Ach! über allem, was ich gesehen und gehört, hatte ich nicht mehr an meine Frau gedacht, und die 112 plötzliche Erinnerung erschreckte mich jetzt, als wenn ich schon Monathe lang abwesend wäre, und ihr aus Lieblosigkeit nicht geschrieben hätte. Daher ergriff ich den Anlaß mit Freuden, und eilte auf Q.s Zimmer, wo ich bey ruhiger Ueberlegung erst fand, daß ich nicht eher hätte schreiben können. Was sollte ich ihr aber sagen? Ich habe schon oft gesehen und gelesen, daß Briefe, welche man an sein Weib oder an liebe Freunde schrieb, gerade die kürzesten waren, und es daraus erklärt, weil die Umständlichkeit der Freundschaftsversicherungen, oder Neuigkeiten, wie man sie etwa an einen Dritten schreibt, uns gegen die Vertrauten des Herzens matt und schaal vorkommen; wenigstens ging es jetzt mir so. Daß ich sie sie lieb habe, wußte sie schon; sollte ich ihr von meinen Staatsgeschäften schreiben, so hätte sie mich ausgelacht und bogenlange Wichtigkeiten über ein einziges Wort des Herzens vergessen; eine kleine Reisebeschreibung? daß Gott erbarm, ihre geographische Neugierde geht nicht über den Zaun unsrer Heimath! – Ich schrieb also etwas von neuen Verwandten, die ich hier gefunden, und daß ich bald nach Hause kommen werde; kurz einen kalten Brief unter warmen Empfindungen. Als ich denselben zu Q.s Frau hinunter trug, traf ich sie bey ihrem Flügel an, wozu sie mit schöner Stimme sang. Dieß machte mich meinen Vorsatz, ungesäumt zu dem Wiedertäufer hinauszugehen, bevor 113 die Eintrachtsgesellschaft ihren Anfang nähme, vergessen; und da es schwer hält, geheim zu thun, wo man glaubt, auch etwas von einer Kunst zu wissen, so erfuhr sie bald, daß auch ich ein Liebhaber von Liedern wäre, und es währte nicht lange, so sang ich mit. Sich so allein mit einer jungen Frau in Tönen zu vereinigen, hat etwas anziehendes. Wir wurden aber öfters durch stürmische Bürger, die Q. sprechen wollten, unterbrochen, welches mich ungeduldig und dieser »guten Sache der Freyheit« von neuem abgeneigt machte. Ueber dem Singen war, wie sie selbst fand, die Zeit, meinen Vetter vor dem Thore zu besuchen, verstrichen; ich blieb also bey ihr, und da uns der Gesang vertraulich gemacht hatte, mußte ich mich neben sie hinsetzen, und wir kamen auf muntere Gespräche, wobey sie oft herzlich über meine Mundart lachte, wiewohl sie keine Sylbe besser deutsch sprach als ich. Zwar hatte ihr Mann schon über Tische bemerkt, wie seltsam es sey, wenn Schweizer einander wegen ihrer Sprache aufziehen; allein hübsche Weiber glauben nie, daß allgemeine Bemerkungen sie auch angehen, und so lachte sie nach wie vor. Als sie aber wissen wollte, wer der Vetter vor dem Thore sey, und ich den Wiedertäufer nannte, wurde sie mit einmahl ernsthaft, und wollte, da sie vorher alles freundlich gebilligt hatte, was ich sagte, jetzt zu meinem Befremden durchaus nichts Gutes 114 von ihm und Seinesgleichen hören; diese Leute, sagte sie, seyen eigennützige Heuchler und erziehen ihre Kinder schlecht. Ich wollte wenigstens meinen Freund rechtfertigen, aber sie unterbrach mich: Eben der ist der rechte, gerade den Nichtswürdigen meine ich! rief sie mit Leidenschaft. Ich nahm sie bey der Hand, nicht gleich bedacht, daß sie zu weich für die meinige war: Da mögen besondre Gründe vorhanden seyn, liebe Frau; aber was ein Mann lobt, da soll der weibliche Tadel schweigen! Laßt uns lieber von etwas anderm sprechen. Sie wußte nicht recht, wie sie daran war; allein unsre Unterhaltung verlor dadurch von ihrem lebhaften, doch nicht von ihrem gefälligen Tone. Plötzlich aber zog sie ihre Hand weg; ihr Mann kam die Treppe herauf, und ich ging mit ihm nach der Eintrachtsgesellschaft hin. Unterweges fragte ich ihn, was denn seine Frau gegen den Wiedertäufer habe? – Sapperment, rief er mit Lachen, den hättet Ihr nicht nennen sollen! Ihr Bruder ist in seine Tochter verliebt, und will sie heirathen; darüber ist mein Schwiegervater wild, und meine Frau auch, weil es eine Mißheirath ist. Welche von den Töchtern gilt es denn? säumte ich nicht zu fragen. – Was weiß ich! antwortete er; man sagt, es sey noch ein blutjunges Kind von großer Schönheit. Wenigstens ist der Mensch sterblich 115 verliebt, und will weder Vater noch Mutter mehr folgen, welches erschrecklich ist. Wenn er Euch kennte, Ihr hättet ihn schon auf dem Halse, um seine Liebesbriefe zu spediren und gut Wetter bey dem Wiedertäufer zu machen; denn man sagt, der wolle auch nicht recht. Da ich jetzt ein Briefträger bin, so wäre es wenigstens nicht außer meinem Berufe, erwiederte ich. – Die Sache war mir nun gleichgültig, weil ich ziemlich sicher annehmen konnte, daß das Liebesverständniß nicht die Klare anginge. Ich konnte aber nicht weiter fragen, weil wir nun bey dem Versammlungsorte angekommen waren. Es war bereits eine beträchtliche Anzahl Bürger vorhanden, die auf den Anfang der Sitzung warteten, und unterdessen in der geräumigen Zunftstube herumgingen oder standen, und ein so schallendes Geschrey unter einander hatten, daß ich noch keine Gesellschaft zur Beförderung bürgerlicher Eintracht daraus machen konnte. Mein Reisegefährte war auch schon hier. Er machte mir Vorwürfe, daß ich mich nichts um ihn bekümmre, und ihn so allein gehen lasse; er wisse aber dennoch, was ich getrieben, der gute Freund da habe ihm alles sagen können, indem er auf den französischen Schneider wies. Dieser schien auch nicht mit mir zufrieden, indem er zwar seine Freude äußerte, 116 mich zu sehen, aber mit schlauem Lächeln hinzusetzte, er habe heute Morgen nicht gewußt, was das für ein bedeutender Herr sey, den er bey Q. angetroffen. – Ich anfänglich auch nicht, versetzte ich. – Mein gutmüthiger Gefährte, dessen Herz zu voll Freudigkeit und Mittheilungsbegierde war, um noch für Unwillen Platz zu haben, wollte mir nun alles auskramen, was er neues gehört hatte; aber es wurde zum Glück allgemeines Stillschweigen gebothen, weil Briefe zu verlesen wären. Das wissen wir schon, sagte mein Begleiter vertraulich zum Schneider. Und noch ganz andre Dinge, nickte dieser mit Selbstvergnügen zurück. Ich sonderte mich von ihnen ab, um wo möglich den Text ohne ihre Noten zu hören. Es wurden nun einige Schreiben aus Paris verlesen, die sich vom sechsten Jahre der Wiedergeburt der Völker datirten. Sie waren theils an den Magistrat, theils an die Gesellschaft gerichtet; aber wenn nicht darin von Freyheit die Rede gewesen wäre, so hätte ich geglaubt, sie seyen unten am Throne eines Despoten von seinem Günstlinge geschrieben worden, so groß war die selbstgefällige Zuversicht, womit hier Verhaltungsbefehle ausgetheilt waren. Und von der bevorstehenden Revoluzion der ganzen Schweiz wurde schon als von einer Sache gesprochen, wogegen alle Bemühungen lächerlich wären, »indem heut zu Tage,« 117 so hieß es wörtlich, »das neuaufgegangene Licht des gesunden Menschenverstandes, die Wiedergeburt der ursprünglichen Begriffe, und die Grundsätze der ewigen Gerechtigkeit eine neue Schöpfung hervorrufen.« Ich hatte nicht Zeit, über dieses neue Licht, das ich noch nirgends leuchten sah, und über die wiedergebornen Begriffe, die noch in der Wiege lagen, nachzudenken, denn ohne jemand dazu Zeit zu lassen, wurden Zuschriften von dem Geschäftsträger, Nachrichten aus dem Wadtlande enthaltend, verlesen, welchen noch händelsüchtige Drohungen der Vollziehungsmacht gegen den Stand Bern, und feyerliche Zusicherungen des Schutzes und Wohlgefallens für den nachgiebigen Kanton Basel beygefügt waren; welche letztere alle anwesenden Herzen erquickten. Hierauf hielt Q. eine Rede, worin er sich Mühe gab, die repräsentative Verfassung zu erklären; ich konnte aber nicht recht zum Verstande derselben kommen, auch die meisten Zuhörer nicht, wie mir däuchte, welches aber ihren Beyfall nicht hinderte. Dann zeigte er ihre Vortheile im Gegensatz mit den herrschenden Mißbräuchen in der ganzen Schweiz, gestand aber selbst, daß gerade da, wo die meisten derselben herrschten, das gute Werk am meisten Schwierigkeiten finden werde; und endlich erwies er die Nothwendigkeit ihrer Annahme für Basel. – Er erzählte, und berief sich dabey auf den Freund als einen Landbürger, wie sich in mehrern Dorfschaften Ausschüsse des Volkes 118 versammeln, und sich voll Mißtrauen gegen die Stadt über das Wohl des Vaterlandes berathen, so daß es die höchste Zeit sey, um einem voreiligen Entschlusse der Landleute zuvorzukommen, sie durch eine unzweifelhafte Probe der Aufrichtigkeit zur Gemeinschaft einzuladen; welches bey gegenwärtiger Lage der Dinge noch einzig dadurch erzweckt werden könne, wenn man sie zutrauensvoll auffordere, eine Besatzung zur Unterstützung der guten Sache in die Stadt zu schicken. Aus der Haltung der Anwesenden zu schließen, hätte es keine weitere Ueberredung gebraucht, um den Vorschlag zur einmüthigen Annahme zu bringen; gleichwohl traten noch einige Sprecher auf, die auch das Wort begehren zu müssen glaubten, weil das jetzt ein durch die Mode geweihter Ausdruck war; die aber füglich hätten schweigen können, denn sie wiederholten nur, was Q. gesagt hatte, und umrissen, wie alle Nachahmer, mit grellen Zügen, was der kluge Mann mit Fleiß nur leise hingeworfen hatte; sie priesen die mütterlichen Absichten der großen Republik auf eine übertriebene Weise, oder machten eine entsetzliche Beschreibung von der Erbitterung des Landvolkes gegen die Stadt. Aber der treffliche Freund nahm im Nahmen der Bauern das Wort, und beruhigte mit vernünftiger Kälte die Gemüther. Er läugnete nicht, daß unter dem großen Haufen auf dem Lande manches böse Wort gegen die Stadt fließe, versicherte aber, daß unter den 119 Anführern ehrliebende und rechtschaffene Männer seyen, die sich allen ruhestörenden Unternehmungen gegen die Stadt widersetzen, und nichts anders ernstlich wollen, als aufrichtige Vereinigung. Damit aber die Gesellschaft genau wisse, was die Landschaft eigentlich begehre, so legte er derselben eine Erklärung vor, welche den Vorstehern der Stadt übergeben werden solle, worin das Begehren der Landbürger in vier Punkten ausgedrückt sey, die aber wohl in einen einzigen zurückgebracht werden können: Gleiche Rechte und gleiche Freyheit. Weiter nichts? rief eine unzeitige Stimme, über welche einige lachten, andre murrten. Der Freund ließ sich nicht irre machen, und fuhr in seinem ruhigen Tone fort, die Anwesenden zu ermahnen, bey ihren andersdenkenden Verwandten und Bekannten alles mögliche anzuwenden, um ihnen die Nothwendigkeit einleuchtend zu machen, und sie zu bewegen, den Landleuten freywillig Thore und Arme zu öffnen; er wolle dann mit seinem Leben dafür haften, daß nichts Böses von daher der Stadt widerfahren solle. Es wurde nun mit mehr Anstand, als ich aus dem anfänglichen Lärm erwartet hatte, beschlossen, im Nahmen einer Anzahl für das gemeine Beßte besorgter Bürger eine Einladung an die Landgemeinden drucken zu lassen, daß sie »zum Trost der Stadt« (wie die Worte lauteten) sechshundert Bewaffnete in dieselbe 120 einrücken lassen möchten. Diese Zuschrift sollte sogleich aufgesetzt werden, wozu ein Ausschuß von fünf Mitgliedern der Gesellschaft gewählt wurde, die zu diesem Endzwecke in ein anderes Zimmer abtraten. Ich hatte die meisten derselben heute schon bey Q. gesehen; er, der auch von der Zahl war, winkte mir; ich folgte ihm, ohne daß mich jemand störte. Sie lasen die Zuschrift, welche schon heute Morgen auf Wahrscheinlichkeit der Annahme hin entworfen worden, einem aus der Gesellschaft vor, der sie noch nicht kannte. Dieser, ein junger Mann geistlichen Standes, so viel man heutigen Tages noch aus dem Aeußerlichen davon erkennen kann, horchte ernsthaft und mit anscheinender Ruhe zu; und als sie fertig waren, sagte er kein Wort, ob sie gleich auf seinen Beyfall zu warten schienen. Sie bathen ihn halb erschrocken, er möchte ihnen doch seine Gedanken nicht verhehlen. – Macht was Ihr wollt, sagte er endlich mit Beklemmung; folgt Eurer Ueberzeugung, aber laßt mich der meinigen auch folgen, und Euer Beginnen Unrecht nennen; ich kann in Gottes Nahmen nicht anders! Haben wir doch so was geahndet, als du seit ein paar Tagen nicht mehr zu uns kamst, sagten sie. Wie? du willst nun aus bald vollendeter Bahn wieder rückwärts gehen? Ein Glück ist es, daß du deine Gesinnungen nicht vor der ganzen Gesellschaft offenbar gemacht, wo die begründetsten Widersprüche jetzt nur 121 noch schädliche Verwirrung stiften könnten. Vertraue dich uns, Bruder, als deinen alten Freunden, du kennst unsre Achtung für dich; und zähle auf unsre Rechtschaffenheit, daß wir deine Einwürfe mit der strengsten Gewissenhaftigkeit beherzigen werden! Eine sanfte Röthe überzog sein blasses Gesicht, er sah erst schüchtern auf den Boden, allein nach und nach wuchs sein Muth im Sprechen; er sagte: Lieber hätte ich mich unbemerkt und schweigend von Euch getrennt, allein Ihr wollt, daß ich rede, daß ich Euch sage, wie ich nur allzuklar einsehe, daß Ihr mit aller Eurer Rechtschaffenheit auf einem Abwege seyd. Das Vaterland wollt Ihr retten, und stürzet es wahrscheinlich in den Abgrund. Wohl kenne ich, wie Ihr alle, seine Gebrechen und Mängel, wir haben ja oft genug davon gesprochen; es bedarf allerdings Hülfe, aber man gibt dem Kranken kein Gift, wenn man ihm helfen will, und wer ist Euch Bürge, daß das Hülfsmittel, welches Ihr in Bereitschaft haltet, besser sey als Gift? Etwa die Erfahrung? Sie hat uns an eben dem Auslande, das uns drängt, seit sieben und mehr Jahren das Gegentheil bewiesen. Etwa die innere Vollkommenheit seiner Bestandtheile? Die Mischung ist allerdings einladend, aber es muß dem Menschen vorher schon geholfen seyn, ehe sie für ihn taugt. Laßt ihn erst aus dem Strome der Vergessenheit trinken, und reißt aus seinem Herzen, wenn Ihr könnt, die alten Wurzeln der Gewohnheit, der 122 Gemächlichkeit, der Selbstsucht, der Leidenschaften überhaupt, dann wird ihm diese Anweisung zur gesellschaftlichen Glückseligkeit recht seyn, wofern er ihrer noch bedarf. Ob sie nicht für unser Vaterland gerade am wenigsten tauge, wo in der Eile mehr als zwanzig verschiedene Regierungsarten sollen abgeschafft, und in eine Einzige verschmolzen werden; wo keine Staatsabgaben bezahlt worden sind; wo so viel angeborne Anhänglichkeit, ja bey mehrern noch trotzender Stolz auf das alte Herkommen herrscht, wo selbst die Neuerungssüchtigen noch aus unabtreiblichem Gefühl des alten Wohlseyns allenthalben zum ersten ihrer Sätze aufstellen: wir wollen Schweizer bleiben; davon will ich nicht einmahl reden. Aber Ihr seyd Gelehrte, schlagt die Geschichte aus, und zeigt mir, wo solche schnelle fundamentale Umwälzungen je von Dauer gewesen? Siebenfachen Fluch brachten sie über ihre Stifter, und blutiges Unglück über die Völker. Hat auch der Himmel nachher etwas Gutes daraus entstehen lassen, so war dieß mit nichten das Verdienst der Stifter, sondern die Art und Weise der Vorsehung, wozu sie allein das Vorrecht hat: Böses geschehen zu lassen, damit Gutes daraus erfolge. Alle großen Dinge, fuhr er fort, die je zum Heil der Welt geschahen, hatten, so wie die großen und guten Menschen selbst, einen kleinen Anfang; was hingegen durch den unreinen Geist der Zerstörung 1230 glänzend hervorging, trug den Keim des eigenen Verderbens schon seiner Natur nach in sich. Sollte ich mich vor Euch, meinen Freunden, scheuen, das Beyspiel dessen anzuführen, der die größte und bleibendeste Revolution in der Welt bewirkt hat? Wie gering fing er an; wie ließ er der Sache Zeit; wie ruhig ging er zu Werke; wie entfernt war er mit Einem Streich alle Mißbräuche vernichten zu wollen; wie hatte er immer die Denkungsart seines Volkes im Auge; wie strebte er das Einzelne aufzurichten, um das Ganze zu Stande zu bringen, da man hingegen jetzt allein aus der gährenden Fäulniß der Individuen ein neues Menschengeschlecht hervorrufen zu können glaubt; mit welcher Selbstverläugnung hielt er seine großen Kräfte vor jäher Einwirkung auf die schnellaufbrausende Menge zurück; und es war Weisheit, die ihn zurückhielt, wahrlich nicht Furcht, er hatte sich ja dem Tode geweiht, um sein Geschlecht zu befreyen! – Warum soll nun heut zu Tage alles mit Einem Mahle über den Haufen gestürmt werden? Wozu eine verderbliche Sündfluth von außen, wo nur ein wohlthätiges Evangelium von innen helfen kann? Jener weise Menschenkenner hat doch dadurch allein das Größte vollbracht, und wird nach Jahrtausenden noch als ein Erlöser gepriesen. Es ist aber nicht nur thöricht, sprach er weiter, es ist auch ungerecht, das alte Staatsgebäude auf Einmahl umzustürzen. Wir haben Obrigkeiten, die von 124 jeher als rechtmäßig anerkannt worden, denen wir mit Eid und Pflicht zugethan sind; nennt sie nun meinetwegen kleinstädtisch und beschränkt, oder herrschsüchtig und stolz; ich will beydes gelten lassen, sowohl daß sie in der neuen Politik zurück seyen, als daß einige unter ihnen allzuviel Anmaßung zeigen; wiewohl es mir nicht schwer fallen sollte, zu beweisen, daß aristokratische Herrschsucht vor hundert Jahren weit größer gewesen als jetzt. Aber sie sind nun doch einmahl unsre Obrigkeiten, die wir bisher als einen Gegenstand unserer Ehrerbietung und unsers Gehorsams angesehen haben, denen wir im Durchschnitte Gerechtigkeitsliebe, Ehrgefühl und Uneigennützigkeit gewiß nicht absprechen können, und die nun plötzlich in den Koth getreten werden, und die Schuld aller der Mißbräuche tragen sollen, welche schon seit Jahrhunderten da sind, bloß weil eine fremde, ihr eigenes Vaterland zu Grunde richtende Regierung reiche Bauern und halbaufgeklärte Fabrikanten zur Unzufriedenheit aufzureizen gewußt hat. O Gott! rief er bekümmert, wir werden in saubere Hände fallen! Laßt auch die neue Verfassung, wie Ihr hofft, nicht mit Menschenblute geschrieben werden, laßt unsre alten Herren nicht von ihren kleinen Thronen herabgestürzt, sondern glimpflich entfernt werden, so müssen doch wieder andre oben an; und wer wird das seyn? Wer anders als die, welche die Revoluzion machen, die, welche den Erwartungen des 125 wählenden Volkes am meisten schmeicheln werden; also, das erfahrt Ihr schon jetzt täglich, für Einen ausgebildeten, vollendeten Mann zehen Unwissende, Halbgelehrte, Egoisten und eitle Pfuscher. Diese werden sich in die neuen Gewalten theilen, und schwerlich wird dann, so wenig als in Frankreich, das philosophische Salz, womit die Verfassung gewürzt ist, stark genug seyn, um die Würmer niedriger Leidenschaften davon abzuhalten. Mit unsrer Unternehmung helfen wir das Vaterland unglücklich machen, das ist der Schluß meiner ernsten Prüfung, die ich seit einiger Zeit mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit vorgenommen habe. Anfänglich glaubte ich mit Euch, dem Vaterlande auf dem eingeschlagenen Wege zu nützen, aber seitdem ich die Karten genauer kenne, oder vielmehr die, welche sie mischen, fürchte ich das Spiel! Aus eigener Kraft vermag die neue Freyheit schwerlich durchzudringen, und geschieht es mit fremder Hülfe, so bleiben wir auf immer Knechte unsrer Befreyer. Ihr stellt Euch das neue Staatsgebäude als die felsenfeste Wohnung der Weisheit und Eintracht vor; ich sehe es als eine Gefangenschaft an, die mit täuschenden Mahlereyen behängt ist. Ihr glaubt Euch zur Rettung berufen; ich ehre Eure Absicht, aber guter Wille ist noch kein Beruf. Kurz, meine Freunde, wir gehen zu sehr aus einander, als daß ich länger unter Euch bleiben könnte; ich ziehe mich zurück, eben so aufrichtig und 126 freundschaftlich als ich zu Euch trat, aber mit schwerem Herzen um Eurer und des Vaterlands willen! Ich werde nichts vor der großen Gesellschaft sagen, weil Ihr es nicht haben wollt, sondern schweigend abtreten. Er umarmte sie mit Wehmuth, und wollte gehen. Aber sie standen um ihn herum und ergriffen seine Hände: Du willst uns verlassen, Bruder? Uns in den heißesten Momenten verlassen, und weißt doch unsrer Vaterstadt wartet Verderben, wenn wir nicht ausharren! Leider drohet uns Unglück, wir mögen es machen wie wir wollen, erwiederte er; aber nicht alle Drohungen gehen in Erfüllung, und Gott im Himmel weiß den Gerechten zu schützen. Gott hilft nur dem, der sich selbst zu helfen sucht, sagte Q. etwas unwillig; soll man sich zu Bette legen, wenn des Nachbars Haus brennt? Zeigt der gute Wille den Beruf nicht, so zeigt ihn doch das Gelingen der That; wir wollen sehen! Von dir aber, mein Lieber, dürfen wir doch wenigstes noch Rath erwarten, wenn du mit der That nichts mehr zu thun haben willst. Ruhig versetzte der Geistliche: Wäre es noch Zeit, so wünschte ich zwischen der Tagsatzung in Arau und ihren Gegnern eine dritte Partey sich erheben zu sehen, die Stimme freymüthiger Wahrheit, die ohne Zorn und Eifer alles beym rechten Nahmen nennte, und jedem das Seinige gäbe. Sie sollte sich bloß auf 127 geschichtliche Publicität gründen; ein Richterstuhl, den alle scheuen. Sie sollte die alten Mißbräuche aufdecken, aber eben so unpartheyisch die neue Arglist enthüllen. Durch sie sollte aus Beyspielen der Geschichte die Obrigkeit zum Nachgeben belehrt, und das Volk vor Staatsumwälzung als dem größten Uebel gewarnt und zu duldender Treue vermahnt werden. Alle Arbeiten und Nahmen dieser Gesellschaft (Partey soll sie nicht heißen) müßten öffentlich seyn, weil jedes Geheimthun auf Nebenabsichten schließen läßt, diese Verbindung aber keine haben sollte. Nur Thatsachen sollten von ihr aufgestellt, nichts entschieden werden, damit sie auch den Schein nicht von einer Faction hätte; denn vor Vervielfältigung bürgerlicher Factionen wolle uns der Himmel bewahren! Aber wo zwey Enden gegen einander in Wuth aufzustehen drohen, da darf sich wohl die ruhige Weisheit in's Mittel legen. Die Unternehmung könnte aber nicht von einem allein, noch einigen wenigen unternommen werden; denn eine geringe Zahl würde gleich anfangs von den schäumenden Wogen der andern Parteyen verschlungen; sondern aus allen Landen und Herrschaften sollten diejenigen kühn in die Mitte treten, welche Ordnung, Wahrheit und Gerechtigkeit noch über örtliche und häusliche Verhältnisse schätzen. Wenn von da aus nun öffentlich und vor den Augen der Welt jedem Unrecht sein Spiegel, und jeder selbstsüchtigen Leidenschaft ihre Geisel vorgehalten 128 würde, wenn auch die Kunstgriffe der Nachbarn ungescheut und mit Wahrheit aufgedeckt würden, so sollte doch wohl manches Gute erzweckt und manches Böse verhindert werden; wenigstens müßte Welt und Nachwelt gestehen, das Vaterland habe noch Männer unter sich gehabt, die die Ehre, welche in der Wahrheit ist, liebten, und weder dem Götzen der alten noch der neuen Zeit opferten. Laßt dann in Gottes Nahmen die Unholden kommen, wenn es nicht anders seyn kann; besser ist's, mit der Gerechtigkeit zu Grunde gehen, als mit bösem Gewissen leben! Sey Du der Mann, der diese Gesellschaft stiftet, riefen sie alle aus Einem Munde; wir wollen Dir gerne helfen, wir sind zu allem bereit, was dem Vaterlande dienen kann! – Und können dieß vielleicht noch besser, fügte Q. hinzu, wenn wir auf unserm Wege fortgehen, als wenn wir es geradezu mit Dir hielten. Nein, ich bin es nicht, antwortete er; meine Kräfte reichen nicht hin. Und was wäre Euer Beystand, so lange Ihr noch die Umwandlung des gemeinen Wesens befördert? Ein Geheimniß gegen die Aufrichtigkeit der Verbindung, das, wenn es offenbar würde, alle Wirkung mit Einem Mahle vernichtete. Schwerlich wird auch die Sache nach meiner Vorstellung zu Stande kommen; es ist zu spät. Der Zeitgeist verlangt geheime oder glänzende Maßregeln, und verschmäht die Einfalt der Wahrheit. – Was Du im 129 Hochgefühle Deines reinen Herzens wünschest, Lieber, sagte Q. mit sanfter Stimme, dazu ist keine Gegenwart lauter und stark genug; kaum wird es je ein nachkommender Geschichtschreiber vermögen. Jetzt kam ein Abgeordneter von der Gesellschaft, um der Zuschrift an das Volk nachzufragen; denn über dieser Unterredung war die Zeit vergessen worden. Der Geistliche umarmte noch einmahl alle, auch mich Unbekannten, dem Thränen menschlicher Freude in den Augen standen über die edeln Gemüther, die entzweyt waren, und doch ihre Vaterlandssorgen einander in den Schooß schütteten. Er ging weg, und die andern kehrten schweigend in die große Stube zurück. Die Zuschrift wurde nun, wie man wohl denken kann, einmüthig gebilliget, denn schon der modische Eingang »das Vaterland ist in Gefahr« hatte um seiner Neuheit willen einen kräftigen Reiz für den großen Haufen der einträchtigen Brüder. Eines nur konnte ich nicht erklären, wie der handgreiflichen Winke aus Paris und Mengaud's Ränken ungeachtet, alle, selbst meine Freunde, versichern und sich noch daraus zu gut thun konnten: Die Revoluzion dieses Kantons werde ohne fremden Einfluß geschehen. Was verstehen denn diese Leute unter Einfluß? Wenn in unserm Dorfe des Morgens frühe ein gewisser Mann in ein gewisses Horn bläst, und gewisse Geschöpfe ihm 130 freudig nachspringen oder traulich nachwatscheln, so denken diese vielleicht auch an keinen Einfluß; aber sie irren sich! Der Mann mit dem Horn vergibt sein Recht den ganzen Tag nicht. Um wegzukommen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich bey Q. und dem Freunde zu verabschieden, und sie zu bitten, mir die Antwort nach Meilen auf morgen bereit zu halten. Sie wollten mir keine geben; ich sollte dort nur erzählen, was ich hier gesehen und gehört habe, so werden die Bundesbrüder schon ihre Maßregeln darnach nehmen können. – Da ich aber auf einer schriftlichen Antwort beharrte, und ihnen vorstellte, wie Briefe von Numero Eins immer schmeichelhaft für Numero Zwey seyen; so wurde mir ein Gegenschreiben auf morgen früh versprochen. Wie ich mich schon oftmahl auf strenges Tagewerk in Wind und Wetter müde nach der freundlichen Heimath gesehnt habe, so hatte ich jetzt ein Verlangen nach der Wohnung des Friedens, wo der Wiedertäufer in ernster Stille, fern vom Getümmel der Zeiten, Gott und seinen häuslichen Pflichten lebte. Aber ich hatte vergessen, mit meinem Begleiter Abrede wegen der morgenden Abreise zu nehmen, und da ich nicht mehr in die Gesellschaft zurückkehren mochte, ging ich in unser Wirthshaus, um ihm von da aus mein Vorhaben schriftlich mitzutheilen. 131 Der Wirth führte mir einen Mann ans dem Zürcher Gebiethe zu, der schon lange auf mich gewartet, und dringende Briefe an einige hiesige Freyheitsfreunde hatte, mit der Anweisung, sie entweder mir zu übergeben, oder wenn ich nicht mehr hier sey, solche selbst zu besorgen. Damit waren noch mündliche Aufträge verbunden, die er mir auch eröffnen sollte. – Das war mir ein willkommener Anlaß, meinem Reisegefährten einen Dienst zu erweisen, wobey ich selbst nichts verlor; welches die gangbarste Münze der Gefälligkeit ist. Indem ich den Neuangekommenen mit seinen Aufträgen an ihn wies, verschaffte ich ihm einen Vorwand, noch länger hier in seinem Elemente zu bleiben, mir aber das Vergnügen allein zu reisen. Ich ließ ihn also hohlen, mit dem Bedeuten, daß jemand von Hause her auf ihn warte. Allein da der Mann den jungen Menschen nicht kannte, so stand ich an, ob ich ihm nicht einige Behutsamkeit seinetwegen empfehlen wollte; da mir aber auch keine empfohlen worden, und ich es sonst nicht fein finde, einen Menschen, den man zum ersten Mahl sieht, sogleich vor einem andern zu warnen, so ließ ich es bleiben. Ist der Mann klug, so wird er bald merken, mit wem er zu thun hat; wo nicht, was hilft die Warnung? Der Erwartete war bald da; und mein Antrag, um des Neuangekommenen willen hier zu bleiben, war so übereinstimmend mit den Wünschen seines Herzens, 132 daß er demselben ohne ihn zu kennen den Bruderkuß gab, und ohne sich nach seinen Geschäften zu erkundigen, gleich fragte, ob er schon wisse, was in der Eintrachtsgesellschaft vorgefallen, und mit bedauerlichem Achselzücken mich beklagte, daß ich schon wieder das Vornehmste versäumt hätte. Man habe eine Hutschleife zu tragen beschlossen, die weiß und schwarz in der Mitte und roth im Umkreise seyn müste; und er hoffe der erste zu seyn, welcher sie nach Hause bringe. Ob dieß das Vornehmste sey? fragte ich. O nein, antwortete er; morgen oder übermorgen soll ein Landbürgercorps in die Stadt einrücken, dann wird ein Freyheitsbaum aufgerichtet, und ein Volksfest gehalten. Der Mann aus dem Zürcher Gebiethe machte eine Miene, als ob er das Heimweh bekäme; diese prächtigen Worte schienen ihm noch nicht geläufig zu seyn, und der Reisegefährte sprach sie mit unendlicher Selbstzufriedenheit aus. Auch hat man, fuhr er fort, schon die Toasts auf das Volksfest abgeredt. So! sagte ich. Wißt Ihr denn, was das ist? fragte er. Nein. Er lachte gelehrt: es sind die Gesundheiten, die man an dem Bürgerfeste trinken wird. O! Ihr müßt diese Nacht nicht zu Euerm Wiedertäufer hinaus. 133 Der Schneider und noch einige gute Freunde kommen zu mir, um diese Toasts zu probiren. Der Neuangekommene fragte ängstlich, ob ich denn nicht hier wohne? – Er kannte nun seinen Gehülfen. – Ich mußte eilen. Unsre Abrede war bald getroffen, und nachdem ich meinem Reisegefährten noch hatte versprechen müssen, die dreyfarbige Hutschleife nicht vor ihm nach Hause zu bringen, schieden wir mit fröhlichem Muthe. Unter dichtem Schneegestöber eilte ich nun mit leichtem Herzen zum Thore hinaus, zu meinem Wiedertäufer, wo ich die ganze Haushaltung beysammen antraf. Der Vater saß am Tische und schnitzelte an einem Rade zu einer hölzernen Stubenuhr, dergleichen er zu verfertigen wußte, und die Kinder arbeiteten. Ich setzte mich in ihren schönen häuslichen Kreis, und nahm ein Glas Wein mit Dank an; denn, sagte ich, ich sey vom Reden und Hören heute müder geworden, als zu Hause von der Arbeit im Walde. Ein sauberes Tagewerk, versetzte die Tochter Klare, das saurer als Holzhackerarbeit ist! Wenn er nach Verhältniß seiner Müdigkeit Gutes gethan hat, antwortete der Vater, so kann er zufrieden seyn. 134 Meine Absicht war wenigstens eben so lauter und unschädlich, als unter dem Dache der Eichen. Das ist hinreichend, sagte der Vater. Und auch so weit aussehend? fragte die Tochter. Nicht weiter, war meine Antwort; ich kann nicht helfen; wer keinen Geschmack an Projekten findet, muß in den Tag hinein leben. Der Vater klopfte mir auf die Schulter: Wenn das Leben in den Tag hinein nicht bloßer Leichtsinn, sondern ehrliches Abthun der vorliegenden Geschäfte ohne Sorgen für ihre Folgen ist, so ist es ein eben so rechtschaffenes als glückliches Leben; auf die Wichtigkeit der Geschäfte kömmt es eben nicht an. Freylich kann man sich bei allem dem doch des Wunsches nach einem höhern Wirkungskreise zuweilen nicht enthalten, bemerkte ich. Die Wünsche der Menschen haben unermüdliche Flügel, erwiederte er; aber die wahre Zufriedenheit wohnt einzig bey dem, der sich seinen Wirkungskreis nicht selber macht, sondern ihn vom Schicksal bestimmen läßt, und sich mit Muth und Gehorsam darin bewegt; er wird schon genug zu thun finden. Ohne Treue im Kleinen gelingt keine bleibende Wirkung. Klare zeigte auf ein altes Buch, das vor dem Vater lag: Hier habe ich heute gelesen, der Mensch habe nur die Eine Pflicht, das in Ordnung zu erhalten, was ihn umgibt, weiter dürfe er sich um nichts 135 bekümmern; sey er zu großen Dingen geboren, so werden ihn die Thaten schon finden. Jeder hat seine Bestimmung; gibt es aber auch eine Grundregel für alle? fragte ich. Ein alter Prophet hat sie ausgesprochen, antwortete der ruhige, ernsthafte Täufer: Thun was Recht ist, die Gutthätigkeit lieben, und demüthig wandeln vor unserm Gott. – Bey dergleichen Unterhaltungen that mir der Gedanke, morgen schon diese liebevollen Menschen verlassen zu müssen, wehe. Auch ihnen, schien es, würde mein längerer Aufenthalt nicht zuwider seyn, jedoch widersetzten sie sich meinen Gründen nicht lange; der Vater aber erschreckte mich beynahe, als er ziemlich trocken sagte, wenn die Abreise wirklich beschlossen sey, so müssen wir noch vorher abrechnen. Ich Elender fing an zu glauben, er wolle mir eine Zeche machen. – Statt dessen erzählte er, daß vor einigen Jahren ein alter Glaubens- und Geschlechtsverwandter von uns in der Pfalz gestorben, der ihn über sein kleines Vermögen zum Erben eingesetzt, mit dem Anhange, er möchte den übrigen Verwandten von ihrem Antheile zukommen lassen, was er nach Maßgabe ihrer Gesinnungen für gut finde. Da er aber nicht Richter über die Gesinnungen andrer Menschen seyn möge, am wenigsten in einem solchen Falle, so habe er so viele Theile daraus gemacht, als natürliche Erben vorhanden gewesen, jedem das 136 Seinige zugesandt, meinen Antheil aber aufbewahrt, weil er lange nicht gewußt, wo ich mich aufhalte; sobald er dieß erfahren, habe er mir geschrieben, aus meinem Stillschweigen aber geschlossen, ich müsse den Brief nicht erhalten haben, und daher nur auf Gelegenheit gewartet, mir das Geld auf eine sichere Weise übermachen zu können. Hier, fuhr er fort, indem er Schriften aus einem Schranke hervorzog, sind die schriftlichen Belege dazu, und hier seht Ihr mich als Euern Schuldner eingeschrieben, indem er mir sein Rechnungsbuch wies. Und hier, er legte eine Geldrolle vor mich hin, ist meine Schuld selbst; es sind fünf und zwanzig Dublonen nebst zwey Jahrzinsen. Die Mädchen sahen mich neugierig an, was ich machen würde; und ich sah sie an, ob es Scherz oder Ernst sey. Ich konnte aber wohl denken, daß der fromme Mann keinen solchen Scherz treiben würde. Das wäre nun alles mein, fragte ich mit Verwunderung, ohne daß jemand dadurch Unrecht geschähe? Keinem Menschen, antwortete er; es ist Euer rechtmäßiges Eigenthum. Was wirst du sagen, liebe Marie! rief ich aus; wir sind jetzt just noch einmahl so reich, als wir anfangs unsrer Ehe waren. Es gehört ihr auch ein Ersatz für Eure Abwesenheit, sagte Klare. – Und die älteste Tochter: Ich 137 möchte wohl zusehen, wenn sie bey Eurer Ankunft das Geld erblickt. Nein! versetzte ich, unser erstes Wiedersehen soll durch kein Geld verunreinigt werden! Die gute Seele würde es auch, vor Freuden mich selbst wieder zu haben, nicht einmahl ansehen. Klare klatschte in die Hände: Bey diesem Wiedersehen möchte ich zugegen seyn! Erst wenn ich ihr genug von dem unvergeßlichen Hause in Basel werde erzählt haben, will ich sagen: Siehe, dieß hat mir noch unser guter Vetter mit auf die Reise gegeben. Er hat nur eine alte Schuld bezahlt, erwiederte er. Gott bewahre Euch und mich, daß Ihr mir nicht noch danket! – Aber sagt mir im Ernst, mein Sohn, seyd Ihr denn wirklich nicht reicher, als Ihr vorhin zu verstehen gabt? Wenn genug haben Reichthum ist, so bin ich reich; und wenn wenig in Vergleichung mit andern haben Armuth ist, so bin ich arm. Meine Frau brachte mir gerade die Summe zu, die da vor mir liegt, und ich, ich hatte so viel wie nichts; allein durch Arbeit gelang es uns, immer Brot und guten Muth übrig zu haben. Wir werden jetzt kaum wissen, was wir mit dem vielen Geld anfangen sollen. Wißt Ihr was? unterbrach mich Klare, ich will mitkommen, und es Euch verzehren helfen. 138 Merket Ihr nicht Vater, sagte die Jüngste, daß sie immer mit ihm ziehen will? Es könnte dir vielleicht auch nicht schaden, wenn du mitgingest, antwortete er. – Das Kind wurde feuerroth, und wollte beynahe weinen; ich sahe wohl, daß sie keine Lust dazu hätte. – Er schüttelte den Kopf und stand auf. Klare leuchtete mir auf mein Zimmer. Kaum waren wir oben, so fing sie ernstlich von dem Wunsche mich zu begleiten an; und ob ich ihr gleich die ungünstige Jahreszeit, das Reisen zu Fuß, den engen Platz im Hause und die Verlegenheit meiner Frau vorstellte, so half es nichts, sie hatte für alles eine Antwort in Bereitschaft: sie sey gesund für Sommer und Winter, brauche nicht viel Raum, und wenn meine Frau blöde thue, so stelle sie sich auch so, und gewinne sie damit. Aber gestern Nachts habe ich etwas gehört, sagte ich lächelnd, das, wenn es Klare anging, mich sollte glauben machen, sie hätte nähere Angelegenheiten als diese Reise? Habt Ihr wirklich was gehört? sagte sie ein wenig betroffen. Nun denn, wenn Ihr schon etwas wißt, so will ich Euch alles sagen; ein halbes Geheimniß gleicht einer Beleidigung. Diese Sache geht meine Schwester an, nicht mich. So erfuhr ich nun von ihr, was ich zum Theil schon von Q. gehört hatte, die ganze Liebesgeschichte. 139 Ein Jüngling von dem beßten Hause in Basel und von untadelhaften Sitten, faßte zu dem Wiedertäufermädchen, dessen Schönheit in der ganzen Gegend gepriesen ist, eine heftige Liebe, und begehrte sie zur Ehe; seine Aeltern widersetzten sich aber mit begreiflichem Eifer; der Vater machte dem Wiedertäufer beleidigende Vorwürfe, als wenn Er Schuld wäre, der doch nicht einmahl etwas davon wußte. Dieser sagte aber hinwiederum dem Herrn mit christlicher Gelassenheit so offen seine Meinung, daß er erschrak, und die ganze mächtige Sippschaft sich dadurch für beleidigt hielt, und anfing den ehrlichen Mann zu verfolgen und sein Haus zu beschreyen. Allein der junge Mensch blieb standhaft, und da ihm der Zutritt in das Haus nicht mehr gestattet wird, so sucht er durch geheime Briefe, oder, wenn die Schwestern zuweilen durch die Finger sehen, bey nächtlicher Weile durch das Fenster sich mit seiner Geliebten zu unterhalten. Der Vater plagt sich, und das Kind grämt sich, sagte sie, mir thut beydes wehe, und ich kann doch nicht helfen; deßhalb möchte ich eine Zeitlang in die Ferne. Da der Vater ein eben so großes Vertrauen zu Euch hat als ich, so wird es nur auf Eure Einwilligung ankommen, um seine Erlaubniß zu erhalten. Bey aller Achtung und Freundschaft für dieses treffliche Geschöpf kam mir doch der Antrag bedenklich vor; ich ging das Zimmer auf und nieder, und wußte nicht was ich sagen sollte. Allein sie stellte sich mit 140 Thränen in den Augen und sanfter Würde vor mich hin: Lieber Vetter, ich muß fort; Gott im Himmel ist mein Zeuge, daß mein Vorhaben weder Leichtsinn noch Schwärmerey ist! Zählt auf meine Ehre, wie ich mich auf die Eurige verlasse, und glaubt mir, daß ich noch andre Gründe habe, die ich Euch erst unter Weges entdecken kann; wenn Ihr sie dann nicht selbst billigt, so soll mich nichts abhalten, auf der Stelle zurückzukehren. Aber jetzt müßt Ihr mich mitnehmen; benutze ich diese Gelegenheit nicht, so wird sich sobald keine wieder zeigen! Sie stand da wie das Bild der Traurigkeit. Mich rührte ihr Ernst; so sey's denn, sagte ich fast unwillkührlich, wenn der Vater zufrieden ist. Kaum gesagt, so war alles Leid verschwunden, sie hüpfte um mich herum wie ein Kind; ich meinte, sie wolle mir vor Freuden um den Hals fallen. Aber in Einem Sprunge war sie die Treppe hinunter. Wie könnte ich es dem Vater abschlagen, wenn er's begehrt? sagte ich zu mir selbst, und unterdrückte einige kleinliche Hauszweifel, die sich regen wollten. Sie mag in der Freundschaft Nahmen kommen, an gutem Willen soll sie wenigstens keinen Mangel finden, wenn wir gleich sonst nicht viel anderes aufzutischen haben! – Aber was mag sie denn noch für Gründe haben? Beym Nachtessen wurde die Sache vollends in Richtigkeit gebracht; sie erhielt die Erlaubniß auf 141 unbedingte Zeit mit mir nach Hause zu gehen, und bekam von dem Vater noch manche weise Lehre auf den Weg. Mich störte nun kein nächtlicher Liebhaber mehr im Schlafe; aber die Erfahrungen des Tages drehten sich die ganze Nacht in meiner Einbildung herum, wie die bunten Bilder der Seifenblasen in den Augen eines Kindes. Doch als die Ruhe des Morgens kam, blieb mir nichts mehr wünschenswerthes übrig, als der Seelenfrieden meines Wiedertäufers, den ich jetzt gern auf ewig mir zu eigen gemacht hätte. Allein nähere Ueberlegung belehrte mich bald, daß dieser Friede in der innern Kraft des Mannes selbst liegen müsse, und die Sekten gewöhnlich nur den äußern Schein desselben geben; ich blieb also wie zuvor. Als ich zum Morgenessen hinunter kam, war Klare schon für die Reise angezogen; zwar sehr bescheiden, aber sie hatte in ihrem Anzuge so viel möglich das Steife und Eigene der Glaubenszunft vermieden. Der Vater bemerkte es auch, sagte aber weiter nichts, als: Klare wird wollen incognito reisen. Sie verstand ihn; und da auch die Klügste vom weiblichen Geschlechte unerwartete Bemerkungen über ihren Anzug selten mit Gleichmuth anhören kann, so erröthete sie, und gerieth in einige Verwirrung. Endlich gab sie zur Antwort: Ich wollte nur die Auszeichnung vermeiden. Bin ich unter den Meinigen, so 142 wäre ich zu tadeln, wenn ich mich anders als sie kleidete; gehe ich aber unter fremde Leute, so halte ich es für schicklich, mich nach ihrer Weise zu bequemen. Ihr habt mich ja selbst gelehrt, lieber Vater, ein Mädchen, das durch seine Kleidung Aufsehen machen wolle, sey nicht auf dem rechten Wege. Wenigstens nicht auf dem Wege der Bescheidenheit, sagte die ältere Schwester, die den veränderten Anzug auch nicht gerne zu sehen schien. Schon gut, Kinder, rief der Vater, Ihr verwirrt Euch sonst in Euern Meinungen! – Du hättest mit deiner gewöhnlichen Kleidung unter Fremden nicht mehr Aufsehen gemacht, als so; doch ich scherzte ja nur, ich weiß ja, liebes Kind, daß du ein bescheidenes Mädchen bist, und deine Gesinnungen nicht mit den Kleidern ändern wirst. Trage dich auswärts wie du willst, nur immer in den Schranken der Ehrbarkeit! Er reichte ihr die Hand: nicht wahr wir wollen im Frieden scheiden? – Sie küßte sie und weinte. Und wenn du wieder heim kömmst, so finde ich mein Herzenskind, und du deinen ehrlichen Vater wieder! Sie fiel ihm um den Hals, und schmiegte sich an seine Brust. – Kein reinerer Anblick ist unter der Sonne, als die Umarmung eines edeln Vaters und einer sittsamen Tochter. 143 Wir hätten nun gehen können, wenn ich nicht noch die versprochenen Briefschaften bey Q. hätte abhohlen müssen. Ich ging nicht mehr gern in die verwirrte Stadt hinein, so lieb mir sonst Q. geworden; es war mir, als wenn ich von einem sonnebeschienenen Berge in den Nebel hinuntersteigen müßte. Q. war noch im Bette. Das befremdete mich; um acht Uhr noch im Bette liegen, wenn »das Vaterland in Gefahr« ist, kam mir von einem, der es retten will, bedenklich vor. Ich wußte damahls noch nicht, daß Geschäftsmänner das thun, um die Leute warten zu lassen, weil das Warten, wenn die Ungeduld nichts hilft, nachgiebig macht. Landesväter und Vaterlandsfreunde, glaubte ich, müssen spät zu Bette und frühe wieder auf seyn. Ein Schreiben von der Eintrachtsgesellschaft hier, an die Freunde der Freyheit dort, lag schon fertig auf dem Tische. Q. stand auf, um noch einige Zeilen zu schreiben; zerriß aber das Geschriebene wieder und sagte: es hilft doch nichts mehr! Von der Freundschaft mit diesen Freunden ist nur noch der Schein da, der Geist ist verflogen; sie hassen alle Städter, also auch uns, und sähen lieber, wenn das Landvolk ohne uns zu Werke ginge; der ehrliche Freund ist noch das einzige Band, daß sie an uns schließt. So gehts nicht gut, wenn die, welche die Eintracht bewirken sollen, selbst uneins sind! Ich weiß was wir wollen; 144 aber was sie wollen, weiß ich nicht mehr, sagte er, und warf das Zerrissene in den Ofen. Was sie wollen? rief ich: Erstlich Kokarden, Freyheitsbäume, Toasts . . . . Er unterbrach mich. Die Kerle sind wie die Kinder Israels, sie hinken nur fremden Götzen nach; man geräth oft in Versuchung, ihnen wie Moses die neuen Gesetzestafeln an die Köpfe zu schmeißen! – Hier, mein Freund, indem er mir das Schreiben der Gesellschaft übergab, ist die Antwort, die Ihr zu überbringen habt. Ihr müßt Euch aber in Acht nehmen, so unverdächtig Ihr auch thun könnt, es sind schon Briefe und Briefträger aufgefangen worden! Doch, fiel er plötzlich ein und griff nach seinem Schreibtische, wenn Ihr mit einem kleinen Umwege ganz sicher reisen wollt, so beladet Euch mit diesem Schreiben an den französischen Geschäftsträger in Arau, dann seyd Ihr eine geheiligte Person, an der sich niemand vergreifen darf, und erspart uns zugleich den Bothenlohn. Das war mir ganz recht, ich wäre ohne dieß gern über Arau gegangen; aber ich äußerte meine Besorgniß, eine Rückantwort zu bekommen. Seyd ohne Sorgen, antwortete Q., das ist eine von den Zuschriften, worauf er gar nicht antwortet. Er beschuldigte gestern die Stadt, sie sehe sich unter der Hand nach Hülfstruppen von Bern und Solothurn um; und wir erwiedern: Dieses fälschliche Vorgeben könne nur aus dem Kopfe eines Bösewichts kommen. 145 Diese Antwort soll ich ihm überbringen? dafür dank ich. Er lachte: Seyd ohne Sorgen! sage ich; wenn man ihm so schreibt, so wird er gut wie ein Kind; man darf diesen Leuten alles sagen, wenn man ihnen nur nicht gebiethet oder droht. Ich übernahm die Bothschaft, weil ich jenes gute Kind doch auch gerne sehen wollte. Noch sagte ich Q., daß ich mit einer Tochter des Wiedertäufers reise, und ergriff dabey den Anlaß, ihm die Angelegenheit der beyden Liebenden zu empfehlen; worauf er mir eine vortheilhafte Schilderung von seinem Schwager und dessen ehrlichen Absichten auf das Mädchen, aber wenig Hoffnung machte, daß ein Rathsglied von Basel seinem Sohne ein Wiedertäufermädchen zur Frau geben werde; es sey denn, die Revoluzion bewirke solche Wunder, welches nicht ihr kleinstes Verdienst wäre. Beym Abschied nahm Q. meinen alten Stecken von Weißdorn, und gab mir einen hübschen dicken Knotenstock dagegen; gute Freunde, sagte er, müssen einander auch sinnliche Merkmahle ihres Andenkens zurücklassen. Nachdem ich zu dem Wiedertäufer zurückgeeilt, und daselbst von den Schwestern noch einige kleine Geschenke für meine Frau empfangen, machte ich mich mit meiner neuen Gefährtin auf den Weg; der Vater kam auch, um noch einige Stunden mit uns zu 146 gehen. Ich trug das Reisegeräthe der Klare auf meinem Rücken, die, wiewohl ihr anfänglich der kalte Wintermorgen und der schneeige Boden empfindlich zu fallen schien, sich bald erhohlte, und leicht und freudig vorausschritt. Auf einer Anhöhe, wo wir die Stadt zum letzten Mahle sahen, kam mir ins Gedächtniß, daß einst ein gelehrter und frommer Mann, der sich Jahre lang hier aufgehalten, beym Abschiede noch von Ferne der anmuthigen Wohnung zugewinkt, und, wie die Chronik sagt, etliche Verslein schießen lassen, des Inhalts, daß sie vor schlimmern Gästen als er war, bewahrt seyn möchte. In froher Erinnerung meiner ehmaligen Lesereyen rief ich diese Verslein auch aus; woran der Wiedertäufer ein Wohlgefallen hatte, und, wie ich erwartete, den Wunsch auf die bewaffneten Bauern anwandte, die morgen in die Stadt einrücken sollten. Sie wissen nicht, was sie thun, sagte er; ein Bauer, der den Pflug verläßt um öffentlicher Angelegenheiten willen, die er nicht versteht, und sich von zweydeutiger Hand leiten lassen muß, ist wie ein Herr, der sich nach Anweisung eines Buches hinter den Pflug stellt, und zu Acker fahren will. Wo das Wissen der Erfahrung mangelt, da mangelt auch die Kunst, und ohne Kunst giebts schlechte Arbeit. Sie sind nur Werkzeuge, deren die Künstler in der Stadt sich zu bedienen gezwungen sind, bemerkte ich. 147 Gefährliche Werkzeuge, erwiederte er, die sich dem Künstler selbst aufdringen! Aber ohne Gleichniß zu reden, lieber Vater, sagte ich, was haltet Ihr von den neuen Bewegungen in der Schweiz? Ich würde mir Vorwürfe machen, Euch verlassen zu haben, ohne Eure Gedanken darüber zu hören. Klare sahe sich mit einiger Empfindlichkeit gegen mich um, und wollte etwas anders zu reden anfangen; es war aber schon zu spät. Er antwortete mit großem Ernst: Wenn ein Gewitter über mein Haus und Feld steht – verzeiht mir, daß ich schon wieder mit einem Gleichniß antworte – so ist mir bange, weil der Strahl zünden, die Fluth überschwemmen und der Hagel verheeren kann. Es kann aber auch ohne Schaden vorübergehen. Dann muß man Gott danken, fuhr er fort. Ich sah aber diesem Wetter schon lange zu, wie es sich in der Nähe sammelte, und von den Sümpfen unsrer Ungerechtigkeit angezogen wurde, um bald über unsre schuldigen Scheitel loszubrechen. Sind wir denn so schlimm? Schon das ist schlimm, antwortete er, daß wir uns für besser halten als wir sind, uns in sittlichen Hochmuth wiegen, und mit Verachtung auf die Gebrechen des Auslandes hinabsehen; daß wir den Wahn nähren, wir stehen unter dem Wohlgefallen und unmittelbaren Schutze eines eignen Gottes, den wir wie 148 die Juden den Gott unsrer Väter nennen, und daß diese gottselige Prahlerey noch von oben herab absichtlich unterhalten wird. Worin sind wir denn besser, als unsre Nachbarn vor ihrem Unglücke waren? Wir sind nur kleiner; unsre Fertigkeit zum Bösen hat nur geringern Spielraum, und eben deßwegen vielleicht noch mehr Innerlichkeit. Wächst unter dem Volke nicht täglich Selbstsucht, Betrug und Sklavensinn, und unter den höhern Ständen Stolz, Ueppigkeit und Unglaube – oder eine kaufmännische Gewinnsucht, ein Krämergeist, der nur Sinn fürs Geld hat, und alles Edle und Schöne neben sich verachtet! Wer kann das läugnen? Ich nicht. Von dem Lehrstande, fuhr er fort, will ich nichts sagen, ich könnte parteyisch scheinen, weil man mich zu einer Sekte zählt. Vielleicht macht Euch eben das zum unbefangenen Zuschauer, sagte ich. Auch um die Häupter des Staats, sprach er weiter, steht es nicht mehr wie es sollte. Der Blick ins Weite hat sich verengt, sie spielen thatenlos am heimischen Herde, sind neidisch unter einander über Kleinigkeiten, und mißgünstig über Vorzüge. Sich brüstend, wie alle schwachen Kinder, mit dem Nahmen großer Ahnen, nennen sie sich jetzt Landesherren, wo jene Landesväter hießen, wohl wissend, daß neue Wörter nach und nach neue Verhältnisse bilden. – Wird 149 auch die Gerechtigkeit hier und da musterhaft verwaltet, so stehet sie anderswo den Meistbietenden feil, und die Bessern müssen dem abscheulichen Markte unthätig zusehen. Ach! so manches Gebrechen ist eingerissen, das laut schreyt. Allerdings mag noch Redlichkeit und Gottesfurcht bey vielen Einzelnen herrschen, aber als Privattugenden, die das Gericht Gottes über öffentliche Sünden nicht hindern werden. Ihr sehet also das, was uns bevorsteht, für eine Strafe des Himmels an? fragte ich. Für ein Gericht Gottes sage ich; bey einem Gerichte aber kann auch Gnade statt finden, war seine Antwort. Ich nenne es niemahls eine Strafe von Gott, wenn die Schlossen meine oder meines Nachbars Felder zerschlagen; so wenig als ich einen solchen oder ähnlichen schlimmen Zufall, dessen wohlthätige Folgen ich nicht bestimmt voraussehe, heuchlerisch eine Gnade heißen möchte. Ich glaube am menschlichsten zu reden, wenn ich es ein Unglück nenne, und am sichersten zu gehen, wenn ich mich im Unglücke vor Gott demüthige, im Vertrauen er wolle mich dadurch der Vollkommenheit näher führen. Von dieser Demuth sah ich bisher noch wenig Spuren, sagte ich, indessen ist das Gewitter auch noch nicht losgebrochen. Haltet Ihr aber nichts von den neuen Vortheilen, die uns Freyheit und Gleichheit gewähren sollen? Er erwiederte: Der Stand der Gleichheit sollte 150 der wahre natürliche Zustand des Menschen seyn, und wird es auch noch werden; wollte Gott, wir wären schon alle darin! aber mit so wilden Sprüngen, wie man jetzt macht, gelangt man nicht dazu; und geschähe es auch, so sind unsre Sitten zu gekünstelt, um ohne Schuld darin verharren zu können. Kurz, der Same mag seyn wie er will, so ist mir der Sämann, der ihn ausstreut, verdächtig, und der Boden, worauf er fällt, taugt nichts; daher erwarte ich viel Unkraut. Und gar keine Früchte? In den schlechtesten Menschen, versetzte er, ist noch etwas Gutes, und so auch in ihren Handlungen; daran sollen wir uns halten. Weiß Gott das Böse gut zu machen, warum sollte er nicht auch das kleinste Samenkorn des Guten zur Frucht gedeihen lassen? Sollte aus einer so großen und weitverbreiteten Veränderung nichts Gutes hervorgehen, warum ließe sie die Vorsehung zu? Da uns aber die Geschichte lehrt, daß jeder für das menschliche Geschlecht wichtige Zeitpunkt mit schauderlichen Ereignissen anhob, wie die Geburt des Erlösers mit dem Tode unschuldiger Kinder, so werden wir uns auch die aus- und einheimischen Ruthen, die zur Züchtigung bereit sind, müssen gefallen lassen. Der Herr verkürze die Zeit! – So strenge nahm der bilderreiche Wiedertäufer die Sache, als die Folge unsrer Sünden, daß ich hätte wünschen mögen, dieß Gespräch nicht angefangen zu haben. Freylich wieder eine neue Ansicht der Dinge, 151 dachte ich, welches ist die wahre? Diese war aber von dem sonst milden Manne so scharf gefaßt, daß ich mich überzeugt hielt, es müsse noch etwas von dem alten Sauerteig der Sekte in dem guten Herzen zurückgeblieben seyn. Niedergeschlagen machte es mich übrigens, alle verständigen Leute nur mit Achselzucken von der Hauptsache sprechen zu hören. Wir gingen jetzt still neben einander hin, als Klare, die vorausgeeilt war, um unsre Unterredung nicht zu hören – indem ich, wie sie nachher sagte, die einzige Saite, die bey ihrem Vater noch einen Mißklang gebe, berührt habe – stille stand, und uns auf einen Trupp Leute aufmerksam machte, die in fröhlichem Zuge von einer fernen Waldung herunterkamen. Es waren Männer, Weiber und Kinder, die eine lange Tanne hinter sich her schleppten, und nach dem Orte zueilten, wo auch wir über Mittag bleiben wollten. Hätten wir nicht von selbst gemerkt, was dieß geben müßte, so würden wir es jetzt vernommen haben, aus den Aeußerungen und dem freudigen Hindeuten der Vorübereilenden, deren wir heute schon eine Menge, ohne zu wissen warum, von der Stadt aus angetroffen. Eine allgemeine Neubegierde ist ansteckend; wie verdoppelten nun auch unwillkührlich unsre Schritte, als ob wir was Großes versäumten. In dem kleinen Städtchen fanden wir schon alles 152 in Saus und Braus. Die Tische im Wirthshause waren schon gedeckt; die Feuer krachten in der Küche; die Geiger stimmten ihre Instrumente; die Mägde wollten sich putzen und die Wirthin jagte sie scheltend zur Arbeit; ein paar durstige Brüder saßen schon da im Vorgeschmack; und alles wartete auf das goldene Kalb, das man nun bald anbethen wollte. Der Wiedertäufer fand den Lärm hier zu groß, und beschloß, zu einem Bekannten hinzugehen, der uns eine Suppe wohl nicht versagen würde. Diesen trafen wir ebenfalls im Feyerkleide an, und nicht wenig verwundert, daß auch wir auf dieses Fest kämen. Indessen lud er uns freundschaftlich zu seinem Mittagessen ein, und erzählte mit händereibender Zufriedenheit, daß der Freyheitsbaum gerade vor seinen Fenstern aufgerichtet würde, wir müßten daher nicht übel nehmen, wenn es heute ein wenig laut in seinem Hause zugehe. Wirklich waren schon eine Menge Kinder, als die Vorläufer jedes öffentlichen Schauspiels, auf dem Platze versammelt, und trieben sich um die Grube herum, wo die Tanne zu stehen kommen sollte. Seine Leute zeigten uns ganze Körbe voll Bänder, die zum Schmucke des Baumes bestimmt waren, und Kokarden, die unter die Zuschauer ausgetheilt werden sollten, wovon sie uns auch anbothen. Der Wiedertäufer nahm aber keine, und ich steckte die meinige in die Tasche, um des Versprechens willen, das ich meinem Reisegefährten gethan hatte. 153 Es währte nicht lange, so wurde der Gegenstand der Verehrung unter großem Jubel, und mit Trommeln und Pfeifen herbeygeführt. Eine Schaar bewaffneter Männer mit einer kleinen Kanone stellte sich gravitätisch in zwey Glieder; Knaben in alter Schweizertracht und weißgekleidete Mädchen, die von zwey ohrenzerreißenden Waldhornbläsern angeführt wurden, reihten sich gegenüber; indessen die Vorsteher der Gemeinde, oder solche, die sich auszeichnen wollten, beschäftigt waren, einen blechernen Hut an des Baumes Wipfel, und Fahnen und flatternde Bänder an seinen Stamm zu befestigen. Als es endlich langsam emporstieg, dieses Sinnbild der Freyheit ohne wärmende Rinde und nährende Wurzel, mit dem Hute ohne Kopf, erschallte ein allgemeines Gelächter der Freude und des Erstaunens unter dem Volke. Dann trat ein ehrbarer Schulmeister hervor, welcher in Ermangelung des Pfarrers, der sich dazu nicht hatte wollen brauchen lassen, eine lange Rede, die ich nicht verstand, und darauf ein kurzes Gebeth hielt, und am Ende, um die heilige Handlung wie es der Brauch ist zu beschließen, unter Begleitung der ganzen Versammlung den Lobwasserischen Psalm anstimmte: Du hast Herr mit den Deinen Fried gemacht \&c.; wobey er sich so wohl gefiel, daß er gar nicht mehr aufhören wollte, bis endlich die Kriegsmänner, die schon lange ungeduldig warteten, daß die 154 Reihe auch an sie käme, Anstalten machten, ihre Kanone loszubrennen; worauf die Sänger aus einander stoben, und der Schulmeister aufhören mußte; gleichwohl nahm er noch, ehe er wegging, um seine Repräsentation noch einen Augenblick zu verlängern, den Hut vor das Gesicht, wie man es macht, wenn man aus der Kirche gehen will, welches ihm aber niemand nachthat, weil kein Mensch mehr seiner achtete. Nun wurde ein dreyfaches Salve gegeben, und dann tanzten die Mädchen um den Baum herum. Zuletzt erhub sich ein allgemeines Geschrey und wildes Getümmel. Man brachte Wein; Kokarden wurden ausgeworfen; die Spielleute kamen, und alles wirbelte in Kreisen herum, Alte und Junge, Reiche und Arme, unter dem Rufen: Es lebe die Freyheit! und im Entzücken über diese neue handgreifliche Gleichheit. Sie glaubten, es wäre nun alles richtig. Wir ergetzten uns an diesen Auftritten, ohne eben Rücksicht auf ihre Beweggründe zu nehmen; denn jede große Volksmenge, die sich aus freyen Stücken zu einer ungewohnten Handlung vereinigt, hat schon an sich viel anziehende Kraft, die noch vergrößert wird, wenn eine allgemeine Fröhlichkeit sich über die Leute ergießet. Als sie uns aber endlich auch hinunter riefen, um mitzutanzen, waren wir genöthigt, uns vom Fenster zurückzuziehen. Unser Wirth, der dem Wiedertäufer einige 155 Verbindlichkeit zu haben schien, wollte uns bereden, hier zu bleiben, um so viel mehr, da er Klare und mich für Verlobte ansah; der Vater benahm ihm aber seinen Irrthum, und drang auf baldige Abreise, indem unser Beysammenseyn doch nichts vertrauliches mehr haben könnte. Sobald wir also zu Mittag gegessen, nahmen wir Abschied von dem liebenden und geliebten Vater, und machten uns allein auf den Weg. Vielleicht hätten wir besser gethan, heute nicht weiter zu gehen, denn die Erfahrungen dieses Abends waren schauderlich und böse; doch ist nunmehr auch die Erinnerung der überstandenen Gefahr angenehm. Zum Orte hinaus ging es noch ganz gut, ausgenommen daß uns hier und da durch die Fenster von jungen Freyheitssöhnen mit glühenden Köpfen einige freye Worte zugerufen wurden. Je weiter wir aber auf der Landstraße fortrückten, desto häufiger begegneten uns Bothen und Reiter, und zuletzt einzelne Haufen bewaffneter Leute, die sich verschiedentlich an uns machten, und uns mit Fragen belästigten, mit Fragen, in deren Ton schon der Befehl einer Antwort lag. Es waren Betrunkene unter ihnen, und eingebildete junge Bauernkerle, die wenig heilsames und verständiges im Sinne zu haben schienen. Wir zogen uns jedoch noch gut heraus, und ich mußte mehrmahls die kluge Unbefangenheit 156 bewundern, womit Klare manche Unhöflichkeit beantwortete; auch wußte sie, da sie die Mundart des Landes hatte und also freyer sprechen konnte als ich, indem sie sich stellte von allem unterrichtet zu seyn, nach und nach so viel herauszubringen, daß es diese Nacht auf etwas wichtiges abgesehen sey. Es soll dem Landvogt warm werden, sagten etwa Vorbeygehende; kamen dann andre, die eine Weile mit uns gingen, so fragte Klare in einem muntern Tone: Ihr werdet auch wollen dem Landvogt warm machen? – Wir wollen ihm nur die Audienzstube heizen, war dann die Antwort, deren sie sich nachher wieder zu einer neuen Frage bediente. So kamen wir durch; es war mir aber doch nicht wohl zu Muthe, da ich nicht bloß für mich allein, sondern auch für meine Freundin zu sorgen hatte. Uns mitten unter diesen drohenden aufrührerischen Haufen zu befinden, ohne Kenntniß des Landes und der Leute, da es schon anfing zu dämmern, machte uns für die Nacht bange. Treten wir in einem Wirthshaus ab, so kommen wir gerade in die Trink- und Lärmgelage hinein; könnten wir nur bey einem ehrlichen Bauer Herberge finden! Als wir endlich, es war schon dunkel, uns einem Dorfe näherten, trafen wir unweit davon wieder auf eine Anzahl Bewaffneter. Wer da! schrie uns der Anführer an, als wir schon fast vorbey waren, und forderte meinen Paß; und da ich keinen hatte, sagte 157 er, ich sey verdächtig. Das wollte ich nicht seyn und behauptete, daß Landleute bey uns keinen Paß nöthig hätten, um ihren Geschäften nachzugehen; allein er antwortete trotzig, das gelte nun nicht mehr, wer ohne Paß reise sey ein Spion. Er ist ein Spion, riefen nun alle; führt ihn zum Hauptmann. Alte Soldaten mögen wissen, was der Brauch ist, aber vor neuen soll einen der Himmel bewahren! Um ihren unreifen Diensteifer zu zeigen, wurden wir beynahe wie Missethäter behandelt. Zum Glück waren wir bald im Dorfe, sonst, glaube ich, hätten sie uns noch gar gebunden; ungeschliffen genug waren sie noch überdieß. Einen der's zu grob machte, schlug Klare auf die Nase, daß er blutete, welches aber gegen mein Erwarten gar keine schlimmen Folgen hatte, denn die andern lachten den Geschlagnen nur aus, und sie hatte Ruhe. Der Bürger-Hauptmann, wie sie ihn nannten, einige hießen ihn auch Seckelmeister, war ein Bauer aus dieser Gegend. Er empfing uns in der vollen Wirthsstube, und da alle Augen auf ihn und uns geheftet waren, so nahm er einen feyerlichen Ton an, und geboth Stillschweigen, indem er zu einem Verhör schreiten wolle. Vorher aber fand er noch für gut, mich aussuchen zu lassen, ob ich nichts verdächtiges bey mir hätte; welches mir gerade recht gewesen wäre, denn sie hätten gefunden was sie nicht erwarteten. Allein es kam eine junge 158 Mannsperson in ausländischer Tracht aus dem Nebenzimmer hervor und legte sich in's Mittel: hat der Mann niemand beleidigt, so lasse man ihn gehen, auf einen bloßen Argwohn hin muß man keinen aufhalten; unsre Geschäfte sollen nicht seyn, unschuldige Reisende zu necken, sie sind von ernsthafterer Natur; weder Euren Obern noch meinem Herrn wäre so was angenehm! Nun so mag er gehen, sagte der Hauptmann. Allein ich wandte mich an den Fremden, und stellte ihm vor, daß wir heute wegen Müdigkeit und Unsicherheit der Straße nicht weiter gehen könnten. Er zuckte die Achseln und sahe den Wirth an; dieser aber versicherte, nirgends keine Schlafstelle mehr zu haben. Besorgt für Klare wollte ich eine Zuflucht für sie im Pfarrhause suchen, aber der Pfarrer sey selbst bewacht, schrien sie. Desto sicherer werde sie dann seyn, meinte Klare. Es half aber nichts; die Leute lachten uns aus, und der junge Mann antwortete nichts mehr, schnallte einen großen Säbel um, und ging weg. Da ich schlechterdings nicht weiter gehen wollte, so eilte ich ihm nach, wies ihm den Brief an den französischen Geschäftsträger vor, und bath ihn, uns noch einmahl Schutz zu verschaffen, da er jetzt überzeugt seyn müsse, daß wir nicht als Landstreicher reisen. Er betrachtete das Schreiben einen Augenblick, 159 reichte es mir dann wieder hin: Warum habt Ihr das nicht eher gesagt? Weil man so was nicht gleich sagen muß, antwortete ich. Recht so! erwiederte er, und führte mich bey der Hand in das Zimmer zurück; der Brief ist an meinen Herrn, kommt nur, ich will sehen, daß Ihr wo Platz findet. Es ward nun bald richtig, daß wir, oder wenigstens Klare, ein Nachtlager bey dem Pfarrer haben sollten, und man gab uns einen Mann mit, ihm solches auf Befehl der Volksrepräsentanten, wie der Bürger-Hauptmann sagte, anzuzeigen. Wir begaben uns also zum Pfarrhaus. Unser Führer klopfte an, als wenn er selbst ein Volksrepräsentant wäre, welches mir schon für die Leute drinnen leid that; aber nie werde ich den rührenden und empörenden Anblick vergessen, den wir beym Eintritte in das Wohnzimmer hatten. Vier rohe Gesellen in alten Soldatenröcken, die Hüte auf, und mit rostigen Schwertern an der Seite, saßen an einem Tische, rauchten Taback, und hatten eine abscheuliche Menge Wein vor sich; bey ihnen saß der gebeugte siebzigjährige Pfarrer in einem Lehnstuhl, und suchte durch freundliche Blicke und Worte ihren Grobheiten zu entgehen; seine Unglücksgefährtin wartete ihnen ängstlich auf. 160 Ach Gott und Vater! rief sie, was gibt es denn jetzt schon wieder? Sey getrost, Marthe! lächelte ihr der Greis entgegen. Hier diese zwey Personen sollt Ihr gut beherbergen! schrie unser Führer. Ha! bist du's Michel? rief einer der Wächter, komm sauf eins! Es ist Zehnten-Wein; wir haben ihn gegeben, wir dürfen ihn auch trinken. Es lebe Freyheit und Gleichheit! Der verlassene Alte stand auf, und kam uns mit einer demüthigen Gefälligkeit entgegen, die mich gegen einen Todfeind entwaffnet hätte. Wir wollen thun, was in unserm Vermögen steht, sagte er, wenn Sie nur Geduld mit uns haben. Marthe gib doch Stühle her! Klare stellte geschwind ein paar Stühle zum Ofen hin, und setzte sich vertraulich neben die alte Mutter. Noch ein Glas, Frau Pfarrerin, für den Michel! riefen die Wächter. Es hat keine Eile, sagte ich, und hielt die gute Frau, die sogleich gehorchen wollte, zurück. Nehmt nur das meine, antwortete der Pfarrer. Michel winkte den Männern, und sie schwiegen. Seyd ruhig, lieber alter Herr! redete ich ihn freundlich an; wir kommen nicht, Eure Beschwerlichkeiten zu vergrößern. Ich begehre nur ein Nachtlager 161 und einen Bissen Brot für diese junge Person, die im Wirthshause keinen Platz mehr gefunden hat; ich werde sie dann morgen wieder abhohlen. Es sollte uns aber recht lieb seyn, erwiederte sogleich die Frau Pfarrerin, wenn der Herr auch bey uns bleiben wollte. Bleiben Sie doch, mein Herr! sagte der Pfarrer, und drückte mir die Hand. Meine Kleider und mein Bündel hier beweisen, daß ich kein Herr bin, versetzte ich, sondern ein Bauer; Bauern aber, fügte ich hinzu und sahe die Wächter an, sollten nicht die Herren spielen wollen! Hier sind Leute genug, ich werde einen andern Platz suchen. Laßt ihn machen, sagte Klare, die meine Absicht merkte; nur soll er uns versprechen, diesen Abend noch einmahl zu kommen. Das that ich, und eilte alsobald nach dem Wirthshause, in der Hoffnung, den Fremden noch anzutreffen, und ihn zu bitten, die Wächter im Pfarrhause fortzujagen. Er war aber schon weg. Ich begehrte also mit den Volksrepräsentanten zu sprechen, und wurde auf ein Zimmer geführt, wo drey solche Männer waren. Man muß sich nie einen Ton vornehmen, wenn man mit Unbekannten sprechen soll; dieser wird gewöhnlich am beßten von dem persönlichen Eindrucke bestimmt, den sie auf uns machen. Hier waren es Landleute wie ich, die gegenwärtig von Ihresgleichen 162 sich mehr sagen ließen als von Städtern, und überdieß etwas im Sinne haben mußten, wobey ihnen selbst nicht wohl zu Muthe war, denn es schien eine ängstliche Verlegenheit sie zu umgeben. Ich komme ihnen zu danken, sagte ich, für den Dienst, so sie mir erweisen wollen, könne ihn aber nicht annehmen, weil ich schon vier Männer im Pfarrhaus angetroffen, welche den Bewohnern durch ihre Aufführung äußerst beschwerlich fallen. Ich äußerte zugleich meine Verwunderung, daß man diesen alten Leuten eine so starke Wache zugegeben hätte. Man gab mir zur Antwort, die Denkungsart des Pfarrers, und das Vorhaben dieser Nacht machten solche Maßregeln nothwendig. Ich ließ mich dadurch nicht abhalten, ihnen noch weiter vorzustellen, daß, was auch immer die Gesinnungen des Pfarrers seyen, ein einziger Mann schon mehr als hinreichend wäre, sich dieses schwachen Greises zu versichern; eine stärkere Wache beweise nur, daß man ihn absichtlich plagen wolle; absichtliche Plage aber und Ungerechtigkeit seyen eins, und davor sollte man sich im Ausbruch einer Revoluzion gerade am meisten hüthen, damit die Werke nicht den Worten widersprechen, und dadurch die Sache Gott und Menschen mißfällig werde. Sie winkten mir, nicht so laut zu sprechen, und antworteten, es sey der Wille des Volkes, und die in der untern Stube würden es ungerne sehen, wenn man die Wache zurückzöge, 163 Der Wille des Volks – Ein neuer Herr, von dem ich hier zum ersten Mahl hörte, der aber, wie ich sah, nicht minder Gewaltthätigkeiten im Gefolge haben könne, als der Wille eines Einzigen. Welches Volkes? sagte ich; kein Volk darf etwas Ungerechtes wollen, so wenig als ein einzelner Mann; und wenn es geschieht, sollen sich seine Führer widersetzen, wenn sie etwas mehr als blinde Vollzieher der Leidenschaften des Pöbels seyn wollen! Für grobe Ohren gehören derbe Wahrheiten; ich merkte aber wohl, daß ich unruhige Gewissen vor mir hatte, und daß sie mich für einen verkappten Freyheitsapostel ansahen, auf den man hören müsse. Kurz, verderben konnte ich nichts und gutmachen gelang mir; denn durch mein Zureden und einige geheimnißvolle Winke über meine Sendung bewirkte ich, daß die Wache des Pfarrers aufgehoben wurde, wogegen ich es übernahm, diese Nacht für ihn gut zu stehen. Ich verweilte noch einige Zeit bey diesen Männern, bis ich glaubte, die Wache sey abgezogen; und erfuhr nun von ihnen vollständig, was ich schon muthmaßte, daß heute einige landvögtliche Schlösser sollten abgebrannt werden, um den Stadtbürgern zu zeigen, daß es Ernst gelte, indem man bestimmt wisse, daß sie nach Bern und Solothurn um Hülfe geschrieben haben, während sie Nachgiebigkeit heuchelten; der wohlmeinende Geschäftsträger habe dieß entdeckt, und auf sein Anstiften gehe die Sache jetzt vor sich. Es seyen 164 aber die schärfsten Maßregeln genommen, daß Niemand an seiner persönlichen Sicherheit gekränkt werde. Jener Mann habe auch deßwegen seinen Schreiber, den ich hier angetroffen, abgeordnet, um durch seine Aufsicht alles weitere Unheil zu verhüthen. Froh dem alten Paare das Leben leichter gemacht zu haben, kehrte ich jetzt zum Pfarrhause zurück. Die bösen Geister waren bereits ausgefahren; die Frau Pfarrerin beschäftigte sich, ihren hinterlassenen Geruch mit Räuchwerk zu vertreiben, und eine alte Magd reinigte den Tisch von den Seen, Flüssen und Bächen des ausgegossenen Weines. Alle eilten mir mit freudiger Geberde entgegen, und wußten des Dankes kein Ende zu finden, daß ich sie so befreyt hätte. Ach! was für ein Tag war dieß! seufzte getrost die alte Frau; wir fürchteten nicht nur die, so bey uns waren, sondern noch mehr die Herumstreifenden; wir glaubten es sey um uns geschehen, und sahen keine Hülfe. Sie drohten und verspotteten uns, sagte der Greis, und faltete seine Hände; aber wir haben erfahren, daß Gott sich der Schwachen erbarmet! Mein Vater pflegt zu sagen, that Klare hinzu: Je reiner die Demuth, desto näher die Kraft Gottes. Nach einigen kurzen Reden dieser Art setzten wir uns, wie alte Freunde, zu dem für die abgezogene 165 Besatzung bereiteten Mahle, welches für eine ganze Korporalschaft hingereicht hätte. Es war niemand im Hause als die alten Eheleute, die keine Kinder hatten, und die alte Magd, die sich auch zu uns setzte. Die Ursache, warum dem ehrlichen Pfarrer so hart mitgespielt wurde, waren seine Predigten, worin er schon lange auf das Unwesen in Frankreich angespielt hatte; und da er nun auch seit den unruhigen Bewegungen hier zu Lande es für seine Pflicht und Schuldigkeit gehalten, von der Kanzel herunter für das Ansehen der rechtmäßigen Obrigkeit zu fechten, und sie Wohlthäter des Landes geheißen, so wurden seinen geistlichen Waffen weltliche entgegengesetzt, und er für sein Lob mit Schmach bezahlt. Ich sahe wohl, daß es ihm an Weltkenntniß und Klugheit fehlte, um in diesen Händeln heilsam mitzuwirken; aber ich war nicht der Mann dazu, es ihm zu sagen. Wer will alte Pfarrer in Sachen ihres Amtes belehren, und wie will ein Landmann damit zu Stande kommen! Sonst war er ein herzguter und frommer Mann, der absichtlich keinen Wurm zertrat, und den zu beleidigen es entweder Schurken oder selbstbetrogene Schwärmer brauchte. Wiewohl nun diese guten Leute von den leidigen Gästen befreyt waren, so kam die Furcht doch wieder, denn man hatte ihnen schreckliche Dinge von den bevorstehenden Auftritten dieser Nacht erzählt; und in 166 der Zukunft erblickte der fromme Pfarrer anders nichts mehr, als das einbrechende Ende der Welt. Wir waren eben daran, ihnen die Lage der Umstände deutlich zu machen, als jemand sachte an der Hausthüre klopfte. Es war der Küster, der mit einem zagenden Gesichte hereintrat, und zitternd erzählte, man sehe eine schreckliche Feuersbrunst auf der Höhe. Wir begaben uns in ein anderes Gemach, wo wir nach der Gegend hinsehen konnten; es war ein gewaltiges Feuer, das immer noch überhand nahm; die Flammen stiegen hoch empor. Wir hatten dieser Erscheinung noch nicht lange mit stiller Bangigkeit zugesehen, so kam die alte Magd heraufgekeucht und meldete, daß man auch von einer andern Seite her Feuer sehe. Auch auf die andre Seite eilten wir, fanden es viel näher als das vorige, und es wurde von Pfarrer und Küster bald ausgemacht, daß es die benachbarte Burg des Landvogtes seyn müßte. Es war keine Kurzweile, sondern eine Stunde des Entsetzens; vor und hinter sich Feuer, ringsum Aufruhr, und in der Seele zagendes Erwarten! – Bald zeigte sich der verschiedene Eindruck, den diese schaudervollen Umstände zu meiner Verwunderung auf die beyden alten Leute machte. Die Pfarrerin, welche von Natur munter, und bey dem Nachtessen wegen Entfernung der Wache fröhlich gewesen war schlug nun die Hände über den Kopf zusammen, und 167 wehklagte wie verloren; er hingegen, der vorher wenig gesprochen, und sich einem trostlosen Nachdenken über Gegenwart und Zukunft schwermüthig überlassen hatte, fing jetzt an, seine Frau zu trösten, und sammelte dadurch seine Gedanken zur Hoffnung und zur Ergebung in den göttlichen Willen. Biblische Stellen, die ihm beyfielen, vermehrten seine wachsende Zuversicht; er erwachte von seinem Trübsinne wie von einem Schlaf, und gerieth in einen Zustand christlicher Freudigkeit, der dem alten grauen Kopf vortrefflich anstand, weil dabey nichts gekünsteltes war. Er pries die leidende Unschuld selig und die stille Geduld, die mit einer Thräne im Auge ihrem Feind entgegen lächelt. Es war ein herzerhebendes Schauspiel! je höher Feuer und Rauch sich empor wälzten, desto edler wurden seine Gedanken und kräftiger seine Worte. Und wenn uns auch rechts und links Flammen umgeben, sprach er, wir wollen die ewige Ordnung verehren, ohne deren Willen kein Haar unsers Hauptes gekrümmt werden kann; und wenn alles in Zerstörung überginge, es geschähe nach den Gesetzen der allmächtigen Liebe, nach welchen den wahren Gottesverehrern alles zum Beßten dienen muß! Das ist das Wohlgefallen des himmlischen Vaters, daß wir ruhig seinen Willen, der in unsre Brust geschrieben ist, befolgen, und uns weder vom guten noch bösen Schicksale irre machen lassen; nur auf diesem Wege des kindlichen Glaubens nähert man sich seiner Erkenntniß und der 168 seligen Ueberzeugung, daß am Ende alles gut geht. Nichts möge uns also scheiden von seiner Liebe, weder Trübsal noch Angst, noch Verfolgung, die nur den Leib tödten kann, noch Feuer und Flamme! Rein und stille wollen wir uns vor der Sünde hüthen, damit wir an keinem Unglück Schuld seyen, und dann rufen: Ist Gott für uns, wer will wider uns seyn! Mit solchen Reden begeisterte die fromme Seele sich und uns; denn es waren nicht bloß die trägen Worte einer kalten Predigt, sondern Ausdrücke des innigsten Gefühls unsrer Abhängigkeit von einer höchsten Gnade, ausgesprochen zwischen Flammen der Empörung; Ausdrücke, die um so viel ehrwürdiger waren, da sie von einem Greise kamen, der sich unglücklich fühlte, und den Trost in sich selbst suchte und fand, den ihm die äußern Umstände versagten. Alle waren nun so gestärkt und voll gläubigen Muthes, daß sie selbst die abgezogenen Wächter, und noch mehrere dazu, freywillig wieder aufgenommen und unerschrocken beherbergt hätten. Nachdem wir noch eine Weile ruhig dem Feuer zugesehen, und uns verwundert hatten, nicht mehr Getümmel auf der Straße zu hören, entfernten sich die alte Frau und Klare. Ich ließ den Pfarrer bey dem Küster, um ein wenig auf die Straße hinauszugehen und zu sehen, 169 wie es die Leute treiben, und was sie nun weiter vorhaben; da aber in der Nähe alles mausestill war, so ging ich langsam nach der Gegend des nähern Brandes hin. Statt aber allenthalben, wie ich erwartete, Gruppen von Menschen zu finden, die über das Unheil frohlockten, oder herumschweifende Betrunkene, die auf neues sännen, traf ich kaum hier und da ein altes Männchen vor seiner Hütte an, das jammerte, oder ein paar Nachbaren, die stillschweigend den rothen Himmel betrachteten. Es war gerade das Gegentheil von dem Tumulte dieses Abends; Einsamkeit und Schweigen. Je weiter ich ging, desto größer wurde diese schauderhafte Stille, so daß es mir endlich selbst anfing bange zu werden, weil es ganz meiner Erwartung widersprach, und mir das einsame Hinwandern mitten in der Nacht zwischen zwey himmelansteigenden Feuersbrünsten zuletzt wie eine Zaubergeschichte vorkam. Voll unruhiger Gedanken über diese anscheinende Ruhe kehrte ich nach dem Dorfe zurück. Was wird wohl diese Revoluzion aus mir und andern machen. – Noch nie war sie mir so bedenklich vorgekommen, denn die Flammen dieser Nacht warfen ein blutrothes Licht darauf. Der Rückweg führte mich am Wirthshause vorbey, wo ich laut und heftig sprechen hörte; ich ging hinein. Es war der junge Fremde, der Abgeordnete 170 Mengauds, der mich heute von der Haft befreyt hatte. Er machte den Volksmännern bittere Vorwürfe, daß diese Nacht alles so ruhig und friedlich zugegangen, und die Leute statt das Abbrennen der Schlösser als ein Freudenfeuer anzusehen, und als das erste Merkmahl ihrer Befreyung zu feyern, sich zerstreut haben, wie erschrockene Schafe! Sie mochten immerhin antworten, daran seyen sie nicht Schuld, er habe ja selbst den Auftrag von seinem Herrn gehabt zu wachen, daß niemand kein Leid widerfahre; er stampfte und fluchte: Das Schweizervolk sey der Freyheit nicht werth! Heute Abends beym Weine haben alle noch so groß gethan, und jetzt verkriechen sie sich vor ein paar brennenden Häusern, als wenn der jüngste Tag vorhanden wäre! Der ganze Zweck sey verfehlt. Wenn die Berner und übrigen Aristokraten der Schweiz erfahren, daß gerade das, was sie hätte schrecken sollen, eine so widersinnige Wirkung auf das Volk gemacht habe, so werden sie in die Faust lachen, und gern ihre Schlösser Preis geben. Wenn die, so Volksführer seyn wollen, ihre Sache nicht besser verstehen, so werde Frankreich seinen unterstützenden Arm von ihnen wegziehen, und dann mögen sie sehen, was aus ihnen werde! Was sie denn hätten machen sollen? fragten die Erschrockenen. Wenigstens nicht die Ersten seyn, nach Hause zu laufen! – 171 Du bist ja auch gelaufen, murmelte einer halblaut; und die andern sagten, ob er denn nicht gehört, wie laut viele gemurrt haben, als das Feuer angegangen? Eben da hätten sie sich als Männer zeigen sollen, erwiederte er; solch ein unvernünftiges Murren sey durch kühnen Widerstand gleich gedämpft, hingegen bey dem geringsten Merkmahle von Furcht nehme es überhand. Es habe niemand Ursache zur Unzufriedenheit; die Landvögte haben die Wohnungen schon seit mehrern Tagen geräumt, und für die allgemeine Sicherheit seyen die beßten Anstalten getroffen gewesen. Man hätte daher den Unzufriedenen mit dem ähnlichen Schicksal ihrer eignen Häuser drohen, das Volk zur lauten Freude stimmen, den Brand abwarten, und dann auf diesen ersten Trümmern des Despotismus eine Lobrede der Freyheit halten sollen! Das würde Muth und Feuer in die Herzen gegossen und sie von Neuem entschlossen gemacht haben, alles für dieses köstlichste Gut der Menschen zu wagen. Der hat seine Aufgabe gut gelernt, dachte ich, und sahe die Vorsteher an, was sie dazu sagen wollten; aber auf ihren Mienen stand geschrieben: Wir sind arme Sünder, wir haben uns dem Teufel ergeben, und vermögen nun nichts mehr ohne ihn! Sie entschuldigten sich endlich, so gut sie konnten, und bathen ihn, sie nicht zu verlassen; ich aber entfernte mich, aus Furcht, er möchte sich 172 noch an mich wenden und fragen, ob er nicht Recht habe? An der Thüre des Pfarrhauses fand ich eine Spottschrift angeheftet, welche im heiligen Nahmen des Volkes (wie sie selbst sich rühmte) abgefaßt und gegen Regierung und Geistlichkeit gerichtet war: Statt an unsrer wahren Aufklärung zu arbeiten, wie es eure Pflicht gewesen wäre, seyd ihr derselben vielmehr im Wege gestanden; diese Nacht klären wir jetzt euch auf. u. s. w.: dieß war der Inhalt. Ich riß den Wisch ab, und freute mich, daß der Pfarrer nichts davon erfahren sollte. Ich fand ihn auf seinem Lehnstuhl eingeschlafen; der gute Mann hatte auf mich gewartet. Der Küster war auch noch da, und las der alten Köchin das Gebeth bey gefährlichen Zeitläuften vor. Des Morgens glaubten die ehrlichen Leute, sie hätten uns noch zu danken, und wir hatten Mühe, ihre Geschenke auszuschlagen. Eine Predigt, die der fromme Pfarrer während der Theurung in den siebziger Jahren hatte drucken lassen, und mir jetzt zum Andenken mitgab, nahm ich mit Achtung von ihm an; der Mann war mir in seiner Niedrigkeit groß erschienen. Wir konnten nun sicher reisen; es begegneten uns wenig Menschen, und alle waren ruhig und stille. 173 Auch in den Dörfern, wo wir durchkamen, bemerkten wir nichts mehr von dem gestrigen Ungestüm; keine unruhigen Haufen zogen umher, und keine rothen Köpfe guckten zu den Wirthshausfenstern heraus. Auffallend war, wie der Fremde sich schon gestern beklagte, die entgegengesetzte Wirkung, die man von dieser Feuerprobe erwartet hatte, deren Folgen von dem Geschäftsträger mehr nach der feurigen Naturart seiner Landsleute, als nach der sanftern der Schweizer berechnet waren. Gerade jetzt wäre ein günstiger Zeitpunkt gewesen, wenn ihn die Regierung schnell zu benutzen verstanden hätte, die abgekühlten und noch erschrockenen Gemüther wieder auf den Weg des Gehorsams zu bringen; aber außerdem, daß die Regierung noch mehr erschrocken gewesen seyn mag, als das Volk, so ist schnelle Ergreifung des Augenblicks selten ein Vorzug alter republikanischer Obrigkeiten; während der Zeit, da sie sich bedenken, und feyerlich einander ihre Bedenken eröffnen, und sich über das angehörte Bedenken wieder bedenken, ist die Gelegenheit schon über alle Berge. Den ganzen Vormittag trafen wir keine zehen Personen an; es ist ohnehin eine einsame Straße, und jetzt hielt auch noch Kälte und Schnee die Leute zurück. Ohne die Gesellschaft der Klare wäre es eine langweilige Wanderung gewesen. Als wir endlich um Mittag in einem Hause am Fuß des Berges Schafmatt, über den wir heute noch 174 zu gehen hatten, eintraten, war das Erste, was ich erblickte, der welsche Spion, der hinter einem Tische saß. Er erschien wie der Wolf in der Fabel, denn ich hatte so eben der Klare seine Geschichte mit meinem Reisegefährten erzählt, und jetzt kaum Zeit ihr zu sagen, das sey er selbst. Der wird sehen müssen, was unter der gestrigen Asche glimmt, bemerkte sie. Er machte ein wunderliches Gesicht, als er mich sah, und schien sich zu besinnen, ob er mich kennen wolle oder nicht; doch bald entschloß er sich, kam auf mich zu, und grüßte mich als einen alten Bekannten. Als er erfuhr, wo ich übernachtet, that er noch freundlicher, weil er glauben mußte, ich habe auch Theil an den nächtlichen Vorfällen genommen, wovon er jetzt die genauern Umstände durch mich erfahren könnte; er suchte daher auf alle Weise mir beyzukommen, und fragte allen Patrioten in Basel als seinen besten Freunden nach, um mich vertraut zu machen. Ich gab ihm aber lauter einfältige Antworten, woraus er nicht klug werden konnte, und da er sich an Klare wandte, hatte diese mein Betragen gegen ihn schon gemerkt; und ihr Bescheid war wie der meinige. Es machte mir Vergnügen, diesen Kauz zu plagen; wie er aber unsre verstellte Einfalt merkte, verwandelte sich seine Zudringlichkeit nach und nach in stolze Kälte, welche bey einem solchen Menschen immer geheimen Zorn verräth. Ich sahe, daß er den Wirth, 175 der wie die meisten Wirthe ein eifriger Anhänger des Volks war, auf die Seite nahm, und heimlich mit ihm sprach, worauf dieser uns mit argwöhnischen Augen ansah, und mit trockenen Worten begegnete. Der schielende Kerl könnte uns doch einen Streich spielen, meinte Klare, wäre es auch nur uns eine doppelte Zeche zahlen zu machen. Mir schien es jetzt auch so, und ich sann über dem Mittagessen darauf, ihn wieder gut zu machen; er wollte es aber nicht mehr seyn, und gab mir kaum noch Antwort. So muß der Mensch doch wissen, daß ich ihn kenne, dachte ich, und fragte, ob er nicht mit wolle über den Berg? Die Straße ist unsicher, antwortete er. Vor Spitzbuben ist mir nicht bange, erwiederte ich; aber da ich, vor wohlgesinnten Republikanern darf ich es wohl sagen, Briefschaften bey mir habe, so hat man mich vor Kundschaftern der Regierung gewarnt, und deßhalb möchte ich gern in guter Gesellschaft seyn. Der Wirth sahe mir scharf in's Auge, als wenn er mich selbst für einen solchen hielt; und der Welsche sagte noch nichts. Besonders fuhr ich fort, hat man mir einen gewissen Ch. bezeichnet, (hier nannte ich seinen ursprünglichen Nahmen, wie ich ihn von dem alten Herrn in Bremgarten erfahren, den er aber nicht mehr führt) welcher als Volksfreund herumziehe, um Volksfreunde zu fangen. Nun war in seiner Miene eine klägliche 176 Verlegenheit zu lesen; er hatte aber doch noch so viel Macht über sich, stille zu schweigen, welches in jeder Art von Verwirrung das Beßte, aber auch das Schwerste ist. Den kenne ich nicht, sagte der Wirth, der eben abgerufen wurde, im Hinausgehn, und ließ uns allein. Aber der Spion machte auch Anstalten, ihm nachzufolgen; es thue ihm leid, sagte er mit gefälligem Lächeln, uns nicht begleiten und die Bekanntschaft fortsetzen zu können, er komme aber nächstens in die Gegend von Zürich, und werde mich besuchen, insofern ich ihm meinen Namen mittheilen wolle. Warum nicht? versetzte ich; ich habe nur Einen Nahmen, und der ist kein Geheimniß als für die Neugierde. Er wollte gehen. – Nicht so! rief ich, und nannte ihn bey einem seiner neuen Nahmen, die ich in Bremgarten aufgeschrieben; wir können so nicht scheiden! Ich müßte Euch für meinen Feind ansehen, wenn Ihr so kurz abbrächet. Laßt uns erst ein Glas Wein auf gute Bekanntschaft trinken – ich hielt ihm mein Glas entgegen und füllte das Seinige – und seyd versichert, daß wenn Ihr nicht feindlich gesinnt von mir weggeht, Ihr auch keinen Widersacher an mir haben sollt; wir müssen einander nur nicht in den Weg stehen, so ist die Welt groß genug für beyde! Aber trauen sollt Ihr mir, fügte ich hinzu, denn er sah mich noch immer mißtrauisch an. 177 Der Mann hatte kein böses Herz, es war nur durch sein Gewerbe etwas verpfuscht. Ja! ich traue Euch, sagte er entschlossen, und setzte sich zu mir. – Zwar noch neugieriger als vorher, aber seine Begierde war jetzt nicht mehr amtsgebührlich und verrätherisch, sie war natürliche Neigung, die zu befriedigen ich weniger Bedenken trug. Nur entdeckte ich ihm nicht, woher ich ihn so genau kennte, weil ich gelernt habe, daß man der Neugier nie alles sagen muß, wenn man noch etwas gelten will. Die Freundschaft – eine saubere! – ward nun bald gemacht; er sagte nichts mehr vom Fortgehen, sondern hohlte noch eine Flasche Wein, und nöthigte uns auf die verbindlichste Art mitzutrinken. Er lud uns auf das große Fest, wie er die Bundesbeschwörung in Arau nannte, ein, wo er uns alles zu sehen behülflich seyn wolle. Es werde viel Volk auf diesen Tag zusammen kommen, man lasse es allenthalben bekannt machen, und die Eidgenößischen Gesandten sähen es gerne, wenn eine große Anzahl theilnehmender Zuschauer vorhanden wäre. Er beschrieb dann der Klare eine Mahlzeit, die vor einigen Wochen unter den hohen Ehrengesandschaften statt gehabt, und wollte uns auch die Gesundheiten, die dabey aufgebracht wurden, erzählen; ich bath ihn aber inständig, uns damit zu verschonen; es ist ein freudenleeres Gepränge mit diesen politischen Gesundheiten, sagte ich, ich glaube, daß man dabey kaum noch den Geschmack des 178 Weines habe, welchen man trinkt. Er gab mir Recht, weil er mir jetzt in allem Recht gab, und erzählte von einem angesehenen Manne, der unlängst bey einem ähnlichen Ehrenwunsch, den er bey einem öffentlichen Mahle angebracht, so außer Fassung gekommen, daß er die Hälfte vom Glas ausgegossen. Die Absicht des Spions war wirklich gewesen, sich in die Gegend der Brandstätte zu begeben, da er aber bereits von mir genug von den nähern Umständen vernommen hatte, so schlug er jetzt einen andern Weg zu einer andern geheimen Verrichtung ein, und verließ uns. Auch wir hatten hohe Zeit, bey Tage noch über den Berg zu kommen. Als ich den Wirth um unsre Rechnung fragte, hieß es, sie sey schon berichtigt, der Herr, welcher uns so eben verlassen, habe bezahlt, mit dem Beyfügen, da er mich für einen andern angesehen und mir dabey Unrecht gethan, so wolle er es auf diese Weise wieder gut machen; auch habe er einen Mann bestellt, der uns den Weg bis auf die Höhe des Berges, der etwas irrig sey, weisen soll. Der Wegweiser war ein armer gleichgültiger Tropf, der aber immerdar erzählte, man mochte ihm zuhören oder nicht. Uns selbst verhinderte die schneidende Kälte am Sprechen, die zunahm, je höher wir den Berg hinanstiegen. Zwar beklagte sich das 179 Mädchen nicht, allein es war mir beständig bange, so ein feines Geschöpf müsse frieren; doch sie lachte mich nur aus, und ließ sich von unserm Führer, zum Erwärmen wie sie sagte, die Mordgeschichten erzählen, die schon auf dieser Straße vorgefallen. Ich war froh, als wir endlich die Höhe erreichten, und oben ein Bauernhaus antrafen, wo wir uns erhohlen konnten. Wir wollten hier unsern Mann verabschieden; allein die Bauersleute riethen uns, ihn noch weiter mitzunehmen, weil der Schnee die unwegsame Gegend noch verirrlicher gemacht habe. Ihm selbst war es gleichviel, zurückzukehren, zu bleiben, oder uns bis nach Arau zu folgen, wenn ich ihm nur im letzten Falle noch ein Glas Wein zahle; für seine Nachtherberge müsse ich nicht besorgt seyn, er kenne einen Fleischer daselbst, der ihm in seinem warmen Schafstalle gern einen Platz gönnen werde. – Welch ein Nachtlager! sagte Klare. Der Bauer fragte uns nach dem doppelten Brande, den er in der Nacht von seiner Höhe hinunter gesehen. Als wir aber nicht viel davon wissen wollten, wandte er sich an unsern Führer, der ihm mit der gleichen Kälte, wie er seine Pfeife rauchte, zur Antwort gab: die Franzosen haben's angezündet. Was! schrie der Bauer, sind denn die Franzosen im Lande? Das weiß ich nicht, erwiederte jener; wenn sie aber noch nicht da sind, so werden sie kommen, bey 180 vielen Tausenden werden sie kommen, und Land und Leute zu Grunde richten! Das habe ich vom alten Bettler Klaus selbst gehört, der alles vorher weiß. Ja wenn es der alte Klaus gesagt hat, seufzte der Bauer, so ist es leider nur zu wahr. Ich dachte, er wäre längst gestorben, so lange hat er sich nicht mehr sehen lassen. Er kömmt nur zum Vorschein, sagte die Frau, wenn sich etwas Bedenkliches zuträgt, wie vor zwey Jahren, welches ich mein Lebtage nicht vergessen will, als er dem hochmüthigen Müller von S., der mit seinem Knecht auf die Musterung ritt, ein Almosen heischte; und dieser ihm sagte: Wenn du mir prophezeyst, Klaus, so will ich dir was geben; so antwortete der Alte: es ist Euch schon lange prophezeyt: Wer da stehet, der sehe zu, daß er nicht falle! – Und Tages darauf stürzte der Müller im Rausch in den geschwellten Bach und ertrank. Jetzt ist er wieder im Lande, fuhr unser Führer fort, und hat sich vor einigen Tagen zu dem Landvogt auf W., dessen Schloß gestern im Rauch aufging, begeben; dieser aber ließ ihn mit einem armen Kinde, das er bey sich hatte, durch den Häscher wegführen, da schüttelte Klaus unter dem Schloßthore seine Pelzmütze aus, und es sollen glühende Funken heraus gefallen seyn. Die Bauersleute erzählten nun noch manches von diesem Bettler, woraus sich wenigstens zeigte, daß er 181 ein eigner Mensch sey. Da aber die Erzählungen immer wunderbarer und märchenhafter wurden, so fragte ich, um solchen ein Ende zu machen, den Führer, ob er ihm selbst noch nichts geweissagt habe? Der Stoffel bedarf keiner Weissagung, nahm die Bauersfrau das Wort; was geht ihn der morgende Tag an, er bekümmert sich nicht einmahl um den heutigen! Doch hätte ihm Klaus sagen können, was er an der Kirchweihe dem durstigen Knechte des Untervogts gesagt hat, als dieser fragte, ob er ihm nicht eine reiche und frische Frau verschaffen könnte? Schau, antwortete Klaus, dort streckt eine schon beyde Arme nach dir aus! und wies auf den Dorfbrunnen. Jedermann lachte; Stoffel aber trank gemüthlich seine Flasche aus, und machte ein Gesicht, als ob er noch eine möchte. Wir kamen nun auf die andre Seite des Berges, und waren vor dem kalten Winde gedeckt, so daß die Wanderschaft um vieles erträglicher war. Als ich nun Klare wiederum so leicht und zierlich vor mir über das rauhe Gebirge hingleiten sah, wie ein Sonnenstrahl, der durch den Nebel zieht, so regten sich von neuem Bedenklichkeiten in mir über ihren Aufenthalt in unsrer kleinen Wohnung. Wahrhaftig, Klare, Ihr seyd zu vornehm, rief ich, ich darf Euch nicht nach Hause nehmen. 182 Sie lachte und schloß sich an meinen Arm: die Reue ist zu spät; Ihr müßt mich jetzt haben, weil Ihr mich nicht mehr mit Ehren zurückschicken könnt! – Doch, fuhr sie ernsthaft fort, und ließ meinen Arm fahren, damit Ihr nicht glaubet, daß bloßer Leichtsinn mich treibe, so hört jetzt meinen wahren Beweggrund, den ich bisher Euch zu entdecken zögerte: Es bewirbt sich ein reicher Mann unsers Glaubens, der Wittwer ist und drey Kinder hat, um meine Hand; ein rechtschaffener Mann, gegen den ich nichts habe, als daß er mir nicht gefällt. Der Vater sieht diese Verbindung für ein Glück an, und plagt mich deshalb, zwar nicht mit Worten, aber mit liebreichen Blicken, in denen seine Wünsche zu lesen sind. Meine ältere Schwester aber hätte den Mann gerne für sich; sie sagt zwar auch nichts, doch kann ich es nur zu deutlich merken, weil sie immer verdrießlich wird, wenn er bey uns gewesen ist, und roth, wenn von ihm gesprochen wird. Da sie einige Jahre älter als er ist, so mag er wohl deßwegen seine Augen auf mich geworfen haben, sie würde aber gewiß sein Glück besser machen. Schon oft wünschte ich durch Abwesenheit der Zudringlichkeit des Mannes entgehen und bewirken zu können, daß er meine Schwester vorzöge, und faßte daher, so bald ich Euch als einen Verwandten und ehrlichen Mann kennen lernte, den festen Vorsatz, mich über alles andre hinwegzusetzen, und auf einige Zeit mit Euch zu gehen. Sie hat dieß wohl gemerkt, 183 und darum auch so willig zu meiner Reise geholfen; mündlich aber hätte ich nie mit ihr über diese Abtretung sprechen dürfen; hingegen durch diese Entfernung verstehen wir uns, ohne ein Wort verlieren zu müssen. Gelingt es mir dadurch meine Schwester glücklich zu machen, wie sollte ich mich diese Winterreise mit einem so braven Vetter gereuen lassen? Wäre auch der Vetter nicht so brav, als Ihr ihn dafür anseht, antwortete ich, so müßte er Eure edle Absicht ehren. Ich glaubte, Ihr machet die Reise nur aus jugendlicher Neugier mit, um andre Leute und Sitten zu sehen, oder weil es Euch in Euerm Glaubenskreise zu enge wäre; jetzt aber seyd Ihr mir doppelt willkommen! Es war mir aber, die Wahrheit zu gestehen, nicht ganz Ernst; ich hätte in diesem Augenblick eben so gern gesehen, wenn sie aus pur lauterer Freundschaft mitgekommen wäre – jedoch ich schämte mich bald dieser eiteln Gedanken. Schon lange schienen die Sterne, als wir in Arau eintrafen; Klare war müde und hing an meinem Arme, Stoffel, nachdem er uns in den Gasthof begleitet, wollte nun sein Nachtlager suchen, aber das Mädchen konnte nicht zugeben, daß jemand ihrentwegen in einem Schafstalle übernachte, und hieß ihn da bleiben. 184 Die Wirthin setzte sich zu uns auf eine Bank, und da sie von dem dummen Stoffel, der doch alle unsre Gespräche unterwegs hören konnte, weiter nichts erfahren hatte, als wir wären Eheleute, so fing sie jetzt an zu fragen, woher wir kämen? Kaum hatte sie aber vernommen, daß wir von Basel kommen, so vergaß sie alle übrigen Fragen, und erkundigte sich angelegentlichst nach dem gestrigen Brande und den abscheulichen Mordthaten, so dabey verübt worden. An einem andern Tische saßen fünf oder sechs Männer, die zum Gefolge der hier anwesenden Gesandtschaften gehörten, sogenannte Standesreuter und Landwaibel, ein trotziges Geschlecht, das man vormahls bey allen Tagsatzungen und Auftritten kennen lernen konnte; diese hörten die Fragen der Wirthin und wurden auch aufmerksam. Meine Antwort war, daß zwey landvögtliche Schlößer abgebrannt worden, mir aber keine Mordthaten bekannt seyen, ob ich gleich ziemlich nahe dabey gewesen. Das wäre zu wünschen, sagte die Wirthin mit Achselzucken; man will aber hier sichere Nachricht haben, daß der Landvogt zu F. von den Bauern in sein Audienzzimmer eingesperrt und verbrannt worden sey. Gott bewahre! antwortete ich; es ist gewiß Niemand Leid geschehen, als daß die Gebäude abgebrannt wurden, welches ja schon schlimm genug ist. Ist denn das auch nicht wahr, guter Freund, rief 185 einer der Reuter, daß des Landvogts Tochter von den Weibern so übel mißhandelt worden, daß sie dabey um ein Auge gekommen? Nein, so viel ich weiß, sagte ich ganz kalt. Das mag wohl auch einer von der Brüderschaft seyn, bemerkte ein andrer. Ich sag ihm aber, erwiederte der erste, es ist beydes nur zu wahr; wir müssen es wohl besser wissen als Er! Nun, wer es besser weiß, der braucht mich nicht zu fragen. Der Standesreuter sah mich verächtlich an von oben bis unten, und besann sich auf Gegenantwort. Die Wirthin aber, vermuthlich um mir einen Wink zum Schweigen zu geben, fiel geschwinde ein: Diese Herren haben ihre Nachricht von den Herren Ehrengesandten. Vielleicht sind diese Herren Ehrengesandten falsch berichtet worden, gab ich zur Antwort. Da fuhren sie alle vom Tisch auf, und machten großes Wesen daraus, und behaupteten zuletzt, ich hätte gesagt, die Gesandten haben sie, die Waibel, falsch berichtet, und folglich diese Nachricht ersonnen. Ihro Gnaden und Weisheit wird kein Lügner seyn wollen! rief der Eine. – Mein Schwager, der Landamman, auch nicht! drohte der Andre. Ich konnte mich nicht rechtfertigen, denn sie ließen mich nicht zu Worten kommen, schimpften und 186 tobten; man müsse mich festmachen, schrien sie, ich gehöre auch zu den Rebellen, es sey gut, daß man einmahl einen habe. Klare und die Wirthin standen vor mich hin, sonst hätten sie mich gleich gepackt; wer weiß aber, wie es mir ungeachtet dieses weiblichen Schutzes noch ergangen wäre, wenn sich nicht plötzlich eine Stimme erhoben hätte: Nur nicht so wild, ihr Leute, ihr thut dem Manne Unrecht! Es war ein französischer Husar vom Gefolge des Geschäftsträgers, der mit einem andern beym Ofen gesessen hatte, und sich nun zudrängte. Er sprach deutsch; ich bin unparteyisch, fuhr er fort, und habe gehört was der Mann da gesagt hat. Er wiederhohlte nun meine Rede, und fügte hinzu: Er hat Recht, eure Herrschaften sind falsch berichtet, und es ist wahrhaftig nicht das erste Mahl, daß sie es sind. Der, welcher sich der Ehre seines gnädigen Herrn so laut angenommen, setzte sich wieder an den Tisch; die andern aber murrten noch, und man las in ihren Augen den Wunsch, den Husaren in ihrem Lande zu haben, und ihm ihre Unfehlbarkeit begreiflich zu machen. Er achtete aber nicht darauf, nahte sich ganz höflich der Klare, neben welcher ein Licht stand, und steckte »mit ihrer Erlaubniß« ruhig seine Pfeife an. Um mich seines Beystandes nicht unwürdig zu zeigen, und zu versuchen, ob Q. in Basel Recht gehabt, daß mich der Brief an den französischen 187 Minister zu einer unverletzlichen Person mache, zog ich solchen (ich hatte die Hand schon vorhin darnach in die Tasche gesteckt) hervor, und bath den Husaren, mir Anleitung zu geben, wie ich ihn seinem Herrn am beßten überreichen könnte? Er sahe die Umstehenden an; und diese, wie Kinder, wenn der Schulmeister erscheint, zogen sich still auf ihre Plätze zurück, als wenn nichts vorgefallen wäre. Dann wollte er mich sogleich zum Bürger Minister hinführen, in der Hoffnung, wie er sagte, diese Herren da werden mir nichts in den Weg legen. Ich bath mir aber Zeit bis morgen aus. Er rief nun seinem Kameraden, sie setzten sich mit ihrem Weine zu uns hin, und wir mußten mittrinken. Auch die Wirthin blieb bey uns sitzen, und ich erzählte ihnen jetzt, was ich von den gestrigen Auftritten wußte, mit Vorsicht jedoch und ohne ihnen Beyfall zu geben, wenn sie diese Auftritte billigen wollten. Ihr seyd Kriegsleute, sagte ich, und manches dünkt Euch lustig, was uns andern Schrecken einjagt. Auch dieß, hoffte ich, sollte meine Widersacher am andern Tische zur Versöhnlichkeit stimmen. Es war das erste Mahl, daß wir Husaren um uns hatten, und wir konnten, wiewohl sie manierlich waren, nicht ganz unbefangen mit ihnen seyn; wir wagten es daher nicht, ihnen den Irrthum zu benehmen, wenn sie Klare für meine Frau hielten; ich besorgte, sie würden zu frey werden, wenn sie unser 188 wahres Verhältniß erführen, und dieß mochte wohl auch sie befürchten. Besonders fiel mir aber auf, daß sie das Mädchen von Zeit zu Zeit sehr aufmerksam ansahen, und dann französisch zusammen sprachen, (der Eine konnte ohnehin nicht viel deutsch) worüber Klare verlegen wurde, aber nicht merken ließ, daß sie es verstände. Endlich sagte der Deutsche, wir möchten es nicht übel nehmen, daß sie heimlich mit einander gesprochen; sie haben einen Kameraden beym Regimente, welcher der Madam hier so auffallend ähnlich sey, daß ihr nichts als die Kleidung fehle, um für ihn gehalten zu werden. Auf nähere Erkundigung kam es nun bald heraus, daß dieser Kamerad der Bruder von Klare sey, der, wie ich oben erwähnt, Dienste genommen. Nun war die Freude der Husaren groß, und die Seitenblicke auf den Tisch der Standesreuter und Waibel so scharf, daß diese für gut fanden, nach und nach das Feld zu räumen; welches den Kriegsmännern mehr Spaß machte, als mir selbst, weil sich dadurch bey jenen nur wieder neuer Groll gegen mich erzeugen mußte. Wiewohl ich noch niemahls mit Husaren Umgang gehabt, so bildete ich mir doch ein, in diesen Zweyen die ganze Gesammtschaft kennen zu lernen. Nicht nur die Manier, Großthaten zu erzählen, wie sie uns von der Klare Bruder auftischten; nicht nur der ernste Feindesblick auf widerwärtige Landwaibel schnell mit 189 Artigthuerey gegen hübsche Mädchen abwechselnd; nicht nur der Anstand in der Stellung, den ihnen die knappe Kleidung gibt, oder das stolz empfundene Gewicht des Säbels, und dergleichen Oberflächlichkeiten müssen den Meisten gemein seyn; sondern ich glaubte auch im innern Gange der Denkungsart selbst Spuren und Einwirkungen der äußern Umgebungen zu bemerken; und gleichwie die Ideen des Schneiders spitz und leicht sind, wie seine Nadel, und die des Schusters zähe wie sein Pech, so däuchte es mir, in dem Ideengange der Husaren etwas klirrendes und rasselndes zu finden, wie ihr Zeug ist. Nachdem sie uns verlassen hatten, setzten wir uns an des Wirths Tisch zum Nachtessen, und wurden auch da wieder als Eheleute behandelt, und zwar mir solcher Zweifellosigkeit, daß wir aus falscher Scham es nunmehr für zu spät hielten, die Wahrheit zu sagen; und uns sogar scheuten, einander anzureden, um das Geheimniß nicht zu verrathen. Dieß hatte aber zur Folge, was ich anfing voraus zu sehen; denn als wir vom Tisch aufstanden, leuchtete uns die Magd in eine Kammer, wo sich ein einziges großes Bett befand, und verließ uns gleich wieder. Wir sahen einander an. Nun Madam? sagte ich mit dem Tone und der Artigkeit des Husaren. – Es war die erste mißvergnügte Miene, die ich an ihr 190 bemerkte: ich gehe hinunter und lasse mir ein andres Zimmer weisen, sagte sie. Das war auch in allem Ernste mein Vorsatz; allein es lag in der Verzögerung ein Scherz, den ich nicht so geschwinde abbrechen konnte. Es ist ja kein leeres Zimmer mehr im Hause, entgegnete ich; habt Ihr nicht gehört, daß der Wirth wegen Mangel an Platz zwey Parteyen abgewiesen hat? So bleibe ich in der Wirthsstube, versetzte sie. Da sind Fuhrleute; und vielleicht kommen die Waibel wieder, wenn sie merken, daß die Husaren fort sind. Sie ging ängstlich im Zimmer auf und nieder. Ich setzte mich an den Tisch, und fing an die Orte, wo wir durchgekommen waren, aufzuzeichnen. Das ist ein widerwärtiger Zufall! sagte ich. In der Verlegenheit öffnete sie eine Seitenthür, warf sie aber mit Schrecken wieder zu, und schob den Riegel vor, als die Stimme eines Erwachenden ihr entgegen rief; Wer ist da? – Helft mir doch, lieber Freund! sagte sie leise, indem sie auf mich zukam und meine Hand ergriff; ach Gott! das ist die Strafe für meine dumme Zurückhaltung! Ihre unschuldige Angst und zutrauliche Verwirrung rührte mich; was sollt ich thun? Es hält oft schwer, einem Scherz ein Ende zu machen, den man nicht hätte anfangen sollen. Ich stand auf und führte sie zum Bette hin: Du bist müde, liebe Klare, lege 191 dich nur unbesorgt schlafen, es soll dir nichts Böses widerfahren! ich will mir noch ein Licht geben lassen, und hier am Tische wachen. In der kalten Kammer? erwiederte sie; das kann ich nicht zugeben; eher soll ich es thun, es ist meine Schuld, ich hätte nicht schweigen sollen! Sie saß auf das Bett nieder und weinte. Ich setzte mich neben sie, und suchte sie zu beruhigen: Wenn mich Klare hier nicht gerne sieht, so gehe ich hinunter und bleibe in der Wirthsstube; es ist nicht das erste Mahl, daß ich auf einer Bank schlafe, das harte Lager wird mich weich dünken, wenn ich nur weiß, daß meine Freundin dadurch beruhigt ist. Aber dann wird man uns morgen zum Beßten haben. Sie antwortete nichts, sah nach der Thür hin und seufzte. Schweigend blieb auch ich eine Zeitlang neben ihr, es war nicht leicht wegzukommen; so viel Reiz der Anmuth und so viel achtunggebietende Jungfräulichkeit! – Doch ich ermannte mich; es ist Zeit, daß wir uns trennen, sagte ich, ruhe sanft und friedlich, liebes Kind! Bin ich jetzt nicht mehr dein Mann, wie vor den Leuten, so möchte ich doch dein Bruder seyn; einen schwesterlichen Abschiedskuß wirst du mir nicht verweigern. Ich umschlang und küßte sie. Sie senkte ihren Kopf vertraulich auf meine Schulter: Ach um meinetwillen soll mein Bruder die ganze Nacht in der garstigen Wirthsstube bleiben! Ich werde kein Auge schließen können. 192 Ein Pochen an der Thür machte unsrer sonderbaren Lage ein Ende. Klare setzte sich schnell zum Tische, nahm meine Schreibtafel vor sich, und ich – machte auf. Es war eine Magd vom Hause; so eben, sagte sie, sey eine Base der Wirthin mit dem Postwagen angekommen, und da sonst nirgends Platz mehr sey, so möchten wir gestatten, daß ihr noch ein Bett in unserm Zimmer bereitet würde. Mit vielen Freuden! rief Klare sogleich; kann ich was helfen? Und sprang mit der Magd hinaus. Geschwinde wurden nun Anstalten zu der neuen Schlafstelle gemacht. Ich legte mich unterdessen ans Fenster, und suchte an dem kalten Monde, den ich bisher nicht wahrgenommen, das Licht meiner Vernunft anzuzünden, und war über diesen Versuch halb eingeschlafen, als mich Klare freudig auf den Rücken schlug: Du schläfst nun in dem neuen Bette, und wir beysammen! Ich sah mich um; das Wir galt die fremde Jungfer, die Arm in Arm neben ihr stand, und mit dem Du hatte ich meine Anweisung bekommen. Ich wußte ihr Dank für ihre Klugheit. Des Morgens noch vor Tage, nachdem die beyden Mädchen schon lange zusammen geflüstert hatten, erscholl endlich eine laute Stimme aus dem weiblichen Bette: Der gute Freund möchte aufstehen, damit man 193 ein gleiches thun könne. – Ich gab keine Antwort; worauf sie wieder zusammen flüsterten und wisperten, als wenn sie einander schon Jahre lang kennten. Als aber der Befehl noch einmahl kam und mit Drohungen wiederhohlt wurde, fand ich für besser zu gehorchen, machte ein Licht, und nachdem ich den Vorhang weggeschoben und den beyden niedlichen Köpfen einen guten Tag gewünscht hatte, ging ich hinunter. Die Wirthin saß mit ihrem Manne beym Frühstück, und entschuldigte sich wegen der nächtlichen Beunruhigung; da ich es aber der Klare überlassen wollte, unser Geheimniß zu offenbaren, und nicht wissen konnte, wie viel sie der fremden Jungfer schon anvertraut, so wich ich die weitern Fragen dieser Frau aus. Der Wirth, ein Männchen von weichlicher Lebhaftigkeit, der sich für einen Gelehrten hielt, und allenthalben Romane und Schauspiele um sich her liegen hatte, und gern feine Reden im Munde führte, fing an von dem Streite mit den Gesandschaftsreutern zu sprechen, und versicherte mich, er selbst habe den Husaren, er nannte ihn einen gallischen Ritter, heimlich aufgefordert, den Fehdehandschuh für mich hinzuwerfen, weil er befürchten müssen, es möchte mir und dem Fräulein im Kampfe mit jenen Sarazenen übel gehen; sie bilden sich mehr ein als ihre Gebiether, und nennen jetzt alles Aufrührer, was nur die Miene mache, nicht ihrer Meinung zu seyn; der Vorfall habe sie in Wuth 194 gesetzt, er fürchte, sie werden in einem Hinterhalte auf mich lauern. Man sieht sie wohl nicht gerne hier? fragte ich. Man sieht nicht einmahl die Herren gern, raunte er mir heimlich in's Ohr, obgleich Niemand da war, als seine Frau. Es ist unglücklich, daß man in Revoluzionszeiten gleich für etwas gelten muß, wenn man noch so gerne nichts wäre. Der Wirth sah mich mit selbstgeschaffener Ueberzeugung für einen Unzufriedenen, für einen vollständigen Patrioten an, und gab sich mir auch als solchen zu erkennen. Er schloß aus meiner Aussprache, ich müsse zu den Seehelden, wie er einen Theil meiner Landsleute witzelnd nannte, gehören, und konnte meinen Einfall mit dem vorgeblichen Brief an den Geschäftsträger nicht genug loben; es wäre nicht jeder so geschwind auf diese Kriegslist verfallen, meinte er. Als ich ihn aber versicherte, daß es keine bloße List gewesen, sondern daß ich wirklich ein solches Schreiben zu übergeben habe, bestärkte das noch sein Zutrauen, und ich mußte nun alles anhören, was in Arau über langsame Verhandlungen und halbe Maßnahmen gesprochen und gespottet wurde. Ich erstaunte, daß selbst hier, wo die Väter des Vaterlandes zur Erhaltung der Ordnung versammelt waren, eine so ungebundene Denkungsart herrschte. Wenn es in der Residenz selbst brennt, sagte der Wirth, wie will Serenissimus an den Grenzen löschen! 195 Von dem Bundesfeste, das übermorgen vor sich gehen soll, meinte er weiter, verspreche man sich doppelten Gewinn: Geld für die Gastwirthe, und den Abzug der Fürsten und Herren, worauf man schon lange warte, um dann andre Ritterspiele zu beginnen. – Er betheuerte, daß dieß der herrschende Ton in Arau sey, ich möchte nur ein paar Tage hier Waffenruhe halten, um es selbst zu erfahren; die Zeder sey schon ausersehen, welche die Freyheit bezeichnen, und die goldene Bulle schon geschrieben, die sie der Stadt zusichern soll. Ich wollte ihn wegen seiner Offenherzigkeit gegen einen Unbekannten, wie mich, warnen, er versicherte aber, indem er mir auf die Schulter klopfte, daß er wohl wisse, mit wem er rede, und was die Klugheit gebiethe. Die Mädchen kamen herunter. Aus der Anrede und dem Benehmen der Klare merkte ich bald, daß unser Geheimniß noch nicht verrathen, und sie es auch nicht zu verrathen gesinnet sey, ob sie gleich von dem Wirth einige unfeine Scherze wegen der nächtlichen Trennung anhören mußte. Ich wollte wissen, was sie denn des Morgens frühe so viel zu flüstern gehabt hätten, bekam aber zum Bescheid, wer leise spreche, wolle nicht in der Ferne vernommen seyn. Der Wirth, der über alles Erläuterung gab, behauptete: keine Bündnisse seyen eher gestiftet, als die, welche 196 junge Frauenzimmer unter den Fittigen der Nacht abschließen. Bald kam auch der Husar, der mich zum Geschäftsträger hinführen sollte; sein Herr erwarte mich, sagte er, er sey schon von dem gestrigen Vorfall unterrichtet, und habe versprochen, mir einen Schutzbrief zuzustellen, daß sich weder Herren noch Knechte an mir vergreifen dürfen. Ich hielt diesen Schutzbrief für einen Einfall des Husaren, und lachte darüber. Der Geschäftsträger war noch halbnackt und badete seine Füße. Als ich ihm meinen Brief im Nahmen der Eintrachtsgesellschaft in Basel überreichte, warf er ihn ungelesen auf den Tisch, und erwartete was ich weiter sagen wollte. Ich sagte aber nichts. Da fragte er in gebrochenem Deutsch, ob ich eine Gefälligkeit von ihm verlange? Ich antwortete, daß ich keinen andern Auftrag habe, als ihm den Brief zu überreichen. Er nahm ihn etwas verdrießlich wieder vom Tisch auf, und übersah ihn mit vieler Zerstreuung, indessen ihm ein Mädchen, mit welchem er muthwillig scherzte, die Füße abtrocknete. Aber da steht ja kein Wort von ihm? sagte er. Ich bin nur der Bothe, Bürger Minister – So hatte mir der Husar gesagt, daß ich ihn nennen müße. Ist Er denn kein verfolgter Patriot? 197 Nein. Ist Er denn nicht der Mann, fuhr er fort, indem er aufstand, der gestern dieses Briefes wegen mit den Leuten der Gesandten Händel bekommen? Ja mit einigen Standesreutern habe ich gestern Verdruß gehabt. Hat Er sich denn nicht vor drey Jahren bey den Unruhen in seinem Kantone flüchten müssen, und möchte jetzt durch meine Mitwirkung wieder heimkehren? Ich nicht, gab ich zur Antwort, denn seit drey Jahren bin ich nie aus meinem Lande herausgekommen. Was haben mir denn die verfluchten Husaren wieder für Lügen erzählt! rief er. Als ich seine Ungeduld sah, zeigte ich ihm mit kurzen Worten an, daß ich von den Vaterlandsfreunden in Meilen an die in Basel Briefe zu überbringen gehabt; daß mich letztere nun wieder mit einem Briefe an ihn beauftragt; und daß ich begierig gewesen, den Mann zu sehen, der so wichtige Veränderungen in meinem Vaterlande bewirkte. Ich bewirke keine Veränderungen, sagte er mit lächelnder Eitelkeit, das müßt ihr selbst thun; ich bin nur da zur Unterstützung der Bedrängten – Aber erzähl' Er mir einmahl, was hat er denn gestern mit den Schurken gehabt? Nachdem ich ihm den ganzen Vorfall so gelind 198 als möglich berichtet hatte, machte er gleichwohl viel Wesens davon, und behauptete, die Leute haben mich nur deßwegen beschimpfen wollen, weil ich einen Brief für ihn gehabt, und sie dazu von ihren Herren bestellt seyen. Ich mochte ihm vorstellen so viel ich wollte, daß die Waibel dieß nicht haben wissen können, er blieb dabey, das werde er nicht liegen lassen; und bestand darauf, ich müsse eine Klagschrift eingeben, oder er wolle eine aufsetzen lassen, die ich unterschreiben könne; und dann werde er mir einen Sicherheitsbrief zustellen, der mich vor ähnlichen Beschimpfungen schützen solle. Dieser Schutz war viel zu vornehm, als daß er mich Unbekannten allein zum Augenmerke haben konnte; ich lehnte deßwegen die ganze Gnade als unnöthig von mir ab, weil ich nun geraden Weges nach Haus gehe, wo mir niemand etwas thun werde. Womit er aber nicht zufrieden schien, denn er stampfte mit dem Fuß und sagte: mit Euch Schweizern ist auch gar nichts anzufangen! Dennoch ward er bald wieder leutselig, oder vielmehr ungezwungen und freundlich, und spielte mitunter so natürlich auf dem Tone der Gleichheit, daß ich wohl begriff, wie meine Landsleute, die das so wenig zu hören bekommen, so gerne darnach tanzen. Er both mir von seinem Frühstücke Wein und Zuckerbrot an, und trank auf die Gesundheit meiner 199 Vaterlandsfreunde; ich solle sie des Schutzes der großen Republik versichern, und ihnen sagen, sie möchten es mit ihren Schlößern auch bald machen, wie die Bauern von Basel. Es kam ein Sekretär mit Geschäften, worauf er mir den Abschied gab, und mich Nachmittag wieder kommen hieß, die Schriften abzuhohlen. Was für Schriften? ich hatte doch deutlich genug zu verstehen gegeben, daß ich keine wollte! sagte ich bey mir selbst. Große Herren glauben aber manchmahl, unsre Weigerung dürfe nur überhört werden um zu verschwinden. – Nein, ich hatte ihn genug gesehen, diesen Engel der Zwietracht, und weder seinen hohen Ton bewundert, noch seine leichtsinnige Vertraulichkeit lieb gewonnen; ein Geist der Gemeinheit reckte die Ohren aus seiner ganzen Natur hervor, der mich nicht anzog. Kaum betrat ich wieder meine Herberge, so kam mir der Wirth geheimnißvoll mit der Anzeige entgegen, daß ein Bedienter von der Berner Gesandtschaft da gewesen, ihm warnende Kunde zu geben, daß er verdächtige Leute beherberge, mit dem Bedeuten, er soll machen, daß sie heute noch wegkommen; auf seine Frage, wer denn diese gefährlichen Pilgrimme seyen, habe er zur Antwort erhalten: der Mann und die Frau, welche gestern mit den Reutern Händel gehabt. 200 Da haben wir's jetzt; habe ich nicht gesagt, Ihr werdet noch eine Fehde mit ihnen bekommen? Diese unverhörende Gewalt verdroß mich. Als wir noch darüber sprachen, kamen mehrere Husaren mit denen von gestern zu uns, die der Schwester ihres Kameraden die Aufwartung machen wollten, und uns mit soldatischer Höflichkeit, die ein Gemisch von kecker Zudringlichkeit und verstellter Ehrerbietung war, zu einem Tanzfest einluden, das diesen Abend gehalten werden sollte. Da ich die ängstliche Verlegenheit der Klare über diese Einladung wahrnahm, so schützte ich unsre Abreise vor, wobey sie es nach einigen gegenseitigen verbindlichen Reden bewenden ließen. Der Wirth aber hatte keine Ruhe, bis er, ungeachtet meiner abrathenden Winke, den Husaren von der Bothschaft, die er so eben meinentwegen erhalten, erzählen konnte. Das hatte zwar die gute Wirkung, daß sie von dem Tanze und ihren Schönen zu sprechen aufhörten, aber sie fingen dagegen an, auf alles was einen gesandtschaftlichen Athem hatte, unbarmherzig zu schimpfen, und behaupteten, ich müsse nun zum Trotze hier bleiben, der Minister werde mich gewiß nicht stecken lassen. Eine seltsame Lage worin ich mich befand. Von den Gesandten als Landstreicher verwiesen, vom französischen Minister gegen sie in Schutz genommen und zu einem Werkzeuge der Ungerechtigkeit bestimmt, von 201 den Standesreutern verfolgt, und von Husaren zu einem Ball eingeladen; was sollt ich wählen? Wir wollen fort! sagte Klare mehr als Einmahl; und gut wäre es gewesen, wenn ich ihr gefolgt hätte. Aber das unverdiente Geboth der Oberherren mich wegzubegeben, stellte sich mir als ein feindliches Ungeheuer in den Weg, das ich willkührlichen Zwang nannte, und mit den Waffen meiner Aufrichtigkeit bekämpfen zu müssen glaubte. – Sie sollen mich doch anhören, bevor sie mich richten; wie können sie wähnen, daß die Wahrheit im Munde ihrer Waibel bestehe. So dachte ich, und ging nach der Wohnung der landesherrlichen Gesandtschaft hin. Wenn der Geist der Empörung sein Gift über ein Land aushaucht, wie schwer ist es sich unbefleckt zu erhalten! Ich hatte zwar nichts böses im Sinne, und doch fühlte ich unterweges, daß ich mir eine unschickliche Wichtigkeit gegen die rechtmäßige Landesobrigkeit gebe, die mir Entfernung zu gebiethen Gewalt habe, und daß Gehorsam besser sey, als unberufene Rechtfertigung. Dessen ungeachtet ging ich meinem Vorsatze nach. Ich bin kein Anhänger irgend einer Vereinigung oder Brüderschaft, dachte ich, ich mag es täglich weniger seyn, und will mich auch von dem Scheine loszumachen suchen! Der alte Gesetzgeber hatte zwar nicht Unrecht, der wollte, daß bey innerem Zwiespalt des Vaterlandes jeder eine Partey ergreifen müsse; pfui 202 des kalten Zuschauers! Aber ein thätliches Parteynehmen kostet denn doch so viel Verläugnung der Vernunft, daß es nicht zu verwundern ist, wenn der Antheil oft im umgekehrten Verhältnisse mit der ruhigen Betrachtung steht, und wenn mancher, der auch die eine Partey schon für die beßre anerkannt hat, von der geheimen Staatsunklugheit der Führer, oder der blinden Tollheit der Gefährten zurückgeschreckt, seine innre Selbstständigkeit nicht so geschwind dahin geben will, und darum mißkannt wird. Es waren zwey Standeswaibel in dem Vorzimmer, von welchen ich einen von gestern her kannte, der mich mit großen Augen ansah, ehe er mich ankündigte. Bald kam ein junger Herr zum Vorschein, der mich hart anfuhr, warum ich dem Befehl mich wegzupacken kein Genügen leiste, und es noch wagen dürfe, mich hier im Hause sehen zu lassen! Auf meine Antwort, daß ich ein gutes Gewissen habe und mich rechtfertigen wolle, entgegnete er, man habe jetzt nicht Zeit mir Gehör zu geben; und der Waibel that hinzu, es sey ein Mitglied der Gesandschaft von Zürich drinnen, das um meinetwillen nicht fortgehen werde. Desto besser, sagte ich, so kann ich mich vor meiner eignen Obrigkeit verantworten. Ob ich denn aus dem Kanton Zürich sey, man habe doch gesagt, ich komme von Basel? fragte der 203 junge Herr, und ging wieder ins Zimmer, ohne meine Antwort wissen zu wollen. Nun behaupteten die Waibel, ich bekomme keinen weitern Zutritt und müsse weggehen; ich aber meinte, dazu hätte eine bestimmtere Weisung gehört. Wir wurden ziemlich laut, als der Herr wieder herauskam und mich vortreten hieß. Zwey bejahrte ehrwürdige Männer waren da, von denen der eine sogleich, wiewohl auf eine milde Art, anfing mich zu fragen, wer ich sey, woher ich komme und dergleichen. Ich merkte, daß der junge Herr alles nachschrieb, und daß meine hochgesinnte Rechtfertigung sich in ein demüthiges Verhör verwandle; welches mich sehr herunterstimmte, um so viel mehr, da ich nur antworten sollte, was man mich fragte. Zwar wußte der kluge Mann sehr gut zu fragen, aber er that es nach einer falschen Voraussetzung, wodurch ich immer mehr den Anstrich eines armen Sünders bekam, so daß ich mir zuletzt nur noch durch Lüge oder eine niedrige Beichte ohne Verdienst hätte helfen können. Als daher die Fragen mir immer näher auf den Leib gingen, und ich anfing in Verlegenheit zu gerathen, (denn nie ist es schwerer sich zu benehmen, als wenn man ein entehrendes Vorurtheil von sich ablehnen will, und keinen Glauben in den Mienen der Umstehenden findet) so gab ich auf eine wiederhohlte Frage gar keine Antwort mehr, und über mein 204 Schweigen zu Rede gestellt, sagte ich: Wenn ich über etwas angeklagt sey, so wolle ich mich gerne verantworten; allein da ich nicht dazu beschieden worden, sondern freywillig gekommen sey, um den Verdacht eines lichtscheuen Wandels abzulehnen, und den Herren Ehrengesandten zu erklären, daß es meine Schuld nicht seyn werde, wenn sie wegen meiner Verweisung aus der Stadt mit dem französischen Minister Verdruß bekommen, indem . . . . Hier wurde ich mit Unwillen unterbrochen, und sahe deutlich, daß die Herren gar nichts, weder Gutes noch Böses, von dem Minister hören wollten, und mir nun noch mehr mißtrauten, als zuvor. Zwar hatte es mit dem Verhör ein Ende, allein ihm folgte jetzt eine Zurechtweisung über meinen Trotz, meine verdächtigen Schritte, und die Undankbarkeit der Landleute überhaupt; welches alles stark und gut gesagt war, im Grund aber auf meine Gesinnungen gar nicht paßte, so daß ich mich einmahl des Lächelns nicht enthalten konnte, wodurch der Berner Gesandte, ein feuriger alter Kopf, bewogen wurde, nachdem er dem andern Herrn vorher für seine Rede gedankt, und gewünscht hatte, daß alle ihre schlechten Leute sie gehört hätten, mich mit Heftigkeit zu entlassen, mit der Warnung: Man kenne die Unruhstifter alle! Die Treppe hinunter rief mir einer der Reuter, der vermuthlich an der Thüre gehorcht hatte, spottend nach: Was gilts, du gehst jetzt! 205 So weit hatte ich es mit meiner Rechthaberey gebracht, daß ich von den Obern verkannt und von den Untern verspottet wurde, ja sogar befürchten mußte, den Frieden meines bürgerlichen Lebens getrübt zu haben; und, was das Schlimmste ist, mir in diesen Momenten des Kleinmuths noch selbst verächtlich und naseweis vorkam, wie es geht, wenn allzugroßes Vertrauen auf eigne Kraft uns mißleitet hat. Wir eilten die Mittagsstunde zu benutzen, wenn keine Husaren und Waibel im Wirthshause wären, um aus diesem Orte der Verwirrung wegzuschleichen, wo einerseits böser Wille sich hinter schönen Worten versteckte, anderseits gelähmte Kraft sich mit gutem Willen zu helfen suchte, als noch der junge Mann mit dem großen Säbel mich aufzusuchen kam, der vorgestern Nachts die Brandoperation geleitet hatte. Er nahm mich auf die Seite und sagte, der Geschäftsträger sey im Falle schnell nach Hüningen zu reisen, und könne mich nicht mehr sehen, so schicke er mir den versprochenen Schutzbrief zu meiner Sicherheit, und verspreche mir dergleichen noch mehrere, auf den ersten Wink, für meine Freunde zu geben; zugleich habe er die Klage, welche ich heute gegen die Gesandtschaften gemacht, schriftlich aufsetzen lassen und sende sie mir zur Unterschrift. – Wenn ich jemahls einen Menschen zum Teufel 206 hätte schicken mögen, so wäre es dieser mit seinen Schutz- und Klagebriefen gewesen! Ich antwortete ihm, der Minister müsse mich unrecht verstanden haben, indem ich gegen niemand geklagt, sondern ihm nur auf sein Verlangen den Verlauf mit den Reutern erzählt habe; ich könne daher auch nichts von dieser Art unterschreiben. – Dabey blieb ich, ob er gleich alle Mühe anwandte, mich zu überreden. Hingegen ließ ich mir aus Schwachheit, Neugier oder Leichtsinn – wer kennt die Beweggründe seiner Handlungen alle! – den Schirmbrief aufschwatzen, worin mir als einem ungerechter Weise Verfolgten, der französische unmittelbare Schutz zugesichert, und jedermann als ein Feind der großen Republik erklärt wurde, der sich an meiner Person oder meinem Eigenthum vergriffe. Das freut mich, sagte ich, indem wir wieder zur Gesellschaft traten, daß die mächtige Regierung so das Eigenthum beschützen will; das Meinige ist aber so unbedeutend, daß es schwerlich jemand in Versuchung führen wird. Aber das junge Weibchen . . . . sagte der Franzose, und warf einen artigen Blick auf Klare. Sie hatte es gehört, und erröthete, ob sie gleich nicht zu uns aufsah; so schnell verstehen die Mädchen! Loth selbst mag sich kaum mit mehr Bereitwilligkeit aus der Stadt, in der er ein Fremdling war, 207 gerettet haben, als wir unter den Thoren von Arau wegeilten, um in die kleine Zoar zu unserm alten Herrn zu kommen. Schwerlich hätte Klare hinter sich gesehen, wenn es auch verbothen gewesen wäre, denn die Ehrerbiethung der Husaren stand ihr so wenig an, als mir die Schutz- und Trutzfreundschaft ihres Herrn, und alles, was ich sonst gesehen und gehört hatte. Unterweges wurde das natürliche Du, welches wir uns in Arau hatten angewöhnen müssen, beybehalten, und für immer durch einen Handschlag und freundlichen Blick bestätigt. Wir fanden übrigens wenig Zeit zu mündlicher Unterhaltung, indem wir immer durch Landleute, wovon auch viele aus meiner Gegend waren, aufgehalten wurden, die auf das Bundesfest reisten. Nach der Landestracht der Klare uns für Flüchtlinge aus dem Basler Gebieth haltend, wollten sie sogleich Nachrichten von den dortigen Auftritten haben; viele meinten sogar, ich sollte ihnen von der französischen Schweiz und von andern Orten, wo ich nie gewesen war, erzählen können. So eine gespannte Neugier habe ich in meinem Leben nicht angetroffen! Die Straße wimmelte von solchen Reisenden; wo zwey beysammen standen, hingen sich bald alle Vorübergehenden an, und ich bemerkte, daß die meisten nicht sowohl das, was ich wußte, hören, als mir ihre eignen seltsamen Vermuthungen, Besorgnisse und Hoffnungen in den Mund legen wollten, damit ich 208 dieselben ausspräche, und sie dann mit vermeinter mehrerer Gewißheit sich selbst täuschen könnten. Wenn das allenthalben so ist, und diese vorwitzige Unruhe unter dem ganzen Schweizervolke herrscht, sagte Klare, was hat sie wohl zu bedeuten? – Nicht viel löbliches, meinte ich, die Neugierigkeit ist nicht tapfer und die Tapferkeit nicht neugierig; unsre Väter wären zu Hause geblieben, hätten ihre Harnische geputzt und die langen Schwerter gewetzt, und dann erst gefragt: wo gibts Krieg? Wir trafen auch eine Kutsche voll hübscher dicker Herren aus der Nähe meiner Heimath an, die mich erkannten und freundlich anriefen, wo ich herkomme, und dann von der gleichen Wißbegierde beseelt, halten ließen, damit ich ihnen erzähle. Als sie aber auch wissen wollten, wo ich das artige Markgräflermädchen aufgelesen, und darüber in einem Tone, der zuviel auf Freyheit und zu wenig auf Gleichheit gegründet war, zu lachen und zu scherzen anhoben, gefiel das der Klare, deren Wangen ohnehin die Kälte schon mehr als gewöhnlich geröthet hatte, nicht mehr, und wir begaben uns weiter. Es sind sonst gute Herren, sagte ich. Solcher Säumnisse wegen konnten wir nicht weiter als bis Lenzburg kommen, wo das Wirthshaus mit Fremden angefüllt war, welche geglaubt hatten, die Bundesbeschwörung werde morgen schon vor sich gehen. Hier fand ich unvermuthet den leutseligen Mann von Zürich wieder, der in dem Hause meines 209 Zinsherrn wohnt; er kannte mich auch noch, und in der Meinung, daß ich ebenfalls auf das Fest gehe, lobte er meinen Vorsatz. Da noch mehrere seiner Reisegefährten herumstanden, wagte ich es nicht, ihm seine Meinung zu benehmen. Er schien jetzt eine beßre Erwartung von dieser neuen Beschwörung der alten Freundschaft zu haben, insofern sie, sagte er, das lange getheilte Interesse für das Ganze wieder zu vereinigen, und den Gemeingeist einer wahren Eidgenossenschaft wieder zu wecken vermag. Das wird geschehen, sagte ein fremder Herr, der nicht zu ihnen gehörte, wenn die ganze Schweiz schwört und nicht nur die Gesandten. Daran aber zweifelten jetzt die Begleiter des leutseligen Mannes nicht, denn sie beriefen sich mit großem Wohlgefallen auf eine Deputation unsrer Regierung, die das Land bereise, und die Leute zur Eintracht auffordere; sie wiesen dem Fremden ein gedrucktes Papier, wodurch die Angehörigen eingeladen werden, freymüthig alle Beschwerden gegen die Stadt bey einem ausdrücklich zu dieser Absicht niedergesetzten Untersuchungsausschuß einzugeben. Ich wußte nicht, was ich hievon denken sollte; welche schnelle Veränderungen, welche ungewohnte Nachsicht! Ueber wie manches werden sich die Landleute beschweren, wenn sie einmahl sehen, daß sie es ungeahndet thun können! Man sollte die Bauern nicht zum Begehren 210 auffordern, wagte ich zu sagen, das macht sie nur übermüthig; sondern ihnen entweder freudig schenken, was die Großmuth gestattet, oder kalt abschlagen, was die Gerechtigkeit verbiethet. Die Herren zuckten mit halbem Beyfall die Achseln, und sahen mich etwas befremdet an, daß ich mich auch in ihr Gespräch mischen wollte; ob sie gleich über die Freyheit sprachen. Im Weggehen hörte ich noch von dem Fremden eine Bemerkung, die mir auffiel: Es ist die Frage, sagte er, ob eine gänzliche freywillige Staatsveränderung auf ein Mahl die liebe Schweiz nicht noch leichter ankäme, als diese nothgedrungene immer weiter greifende Abschaffung der Mißbräuche? Alles neu oder Nichts an dem Hause, das einstürzen will; kärgliches Flickwerk hält es doch nicht mehr! Nicht doch! entgegnete ein andrer; Niemand kennet die Schweiz mit allen ihren innern Verbindungen, als wer in ihr geboren und erzogen worden. Mir scheint es der gefährlichste Antrag, den man uralten Republiken machen kann, und fast einer prämeditirten Unterdrückung gleich, wenn man verlangt, daß sie in einer bestimmten Zeit und nach eigner Willkühr ihre Verfassungen umschaffen sollen; Verfassungen, worin tausende mit Behaglichkeit sich bewegten, wo hunderte, die Einfluß haben, ihre Vorrechte nicht wollen schmälern lassen, wo alle ein Recht zu sprechen haben, wo schlummernder Ehrgeiz auf die Stunde des Erwachens 211 wartet. Glauben Sie mir, da ist jede von Außen angeregte Veränderung ein Keim der Zerstörung, und mit jedem aufgelösten alten Bande entwickelt sich neue Zwietracht! Wie kann ein Gebäude zu Stande kommen, wo jedermann Baumeister seyn will? Wovon diese Herren sprachen, davon tönte es in allen Ecken. Alles erzählte sich von dem bevorstehenden Schwörtage; ich glaubte aber bey der Mehrzahl zu bemerken, daß sie eher aus Neugier oder zur Ergetzlichkeit als aus warmem Antheil dahin gingen. Zwar wird sie die Wärme wohl ergreifen, wenn sie den Donner der Kanonen und das Geläut der Glocken hören, und den Glanz der Feyerlichkeit mit vielen tausend Zuschauern vor sich haben; allein das bewirkt noch keine bleibende Rührung, der alte Ernst muß dabey seyn, sonst vergißt man über dem Reize für die Sinnlichkeit gewöhnlich den Zweck der Feyer. Das Haus war so voll, daß ich kaum eines Aufwärters habhaft werden konnte, welcher uns zwar ein Nachtessen versprach, aber kein anderes Lager als auf frischem Stroh gewähren wollte. Zum ersten wurden gleich Anstalten gemacht, und zwey lange Tische in's Kreuz nach allen vier Weltgegenden hin gedeckt, die sich bald mit Landleuten aus der ganzen Eidgenossenschaft, so auch mit Weibern und Kindern, Kutschern, Fuhrleuten, Bedienten und andern nicht zu den obern 212 Ständen sich zählenden Menschen anfüllten; denn mehrere hatten wieder von Arau zurückkehren müssen, weil sie daselbst keinen Platz mehr gefunden; es war ein seltsames Gemisch von Landestrachten, Sprecharten, Berufs- und Gemüthseigenheiten. Die auffallende Verschiedenheit der Schweizer, oder vielmehr der Einfluß der Regierung auf die Denkungsart des Volkes – denn im Grunde haben wir doch Einen Nationalcharakter – zeigt sich nirgends auffallender, als wo Landleute verschiedener Bundesorte bey einem Gelage zusammen kommen. Wie keck und offen ist da der suveräne Ländler gegen den verschlagenen Thurgäuer und andre Bewohner gemeiner Herrschaften; wie geduldig horcht der arbeitsame Zürichbiethler; wie breit sitzt der sinnlichglatte Berner da; wie eigen benimmt sich der witzfertige Schalk aus dem Lande Appenzell; wie deutlich zeichnen sich auch die verschiedenen Glaubensbekenntnisse in den Manieren aus, wer erkennt nicht die Klosterleute; wie sittlich und bürgerlichduldsam ist der deutsche Grenzbewohner! Ich glaube, alle Weissagungen Jakobs, von dem Löwen Juda bis zu Isaschars Lastthier, könnte man an uns und unsern Zugewandten noch besser als an den Juden in Erfüllung sehen. Das Tischgespräch war, so weit ich hören konnte, anfänglich einerley Art. Jeder rühmte seinen Repräsentanten in Arau; diesen wegen seines Reichthums, indem er so viele Arbeiter in den Fabriken nähre, 213 jenen, daß er hundert Kühe auf den Alpen habe; an einem andern wurde seine Wohlredenheit gepriesen, die er bey Landsgemeinen und Eidgenössischen Grüßen hören lasse; unser Landamman, schrie einer, kann reden wie ein Kapuziner! – Aber Pferde im Stalle, sagte ein Fuhrmann, hat keiner wie unser Herr, er ist aber auch der beßte Reiter im Lande! – Mein Gesandter hat es wie die Alten, er findet den Weg zu Fuß, versetzte ein Appenzeller, der sich mit beiden Armen auf den Tisch stützte. – So fand jeder sein Lob, sollte es auch nur darin bestanden haben, ein »toller« Herr Toll heißt in der Schweiz: groß und schön (englisch tall ) zu seyn. Mich freute diese Anhänglichkeit, die bey den feyerlichen Auftritten gewiß in frohen Jubel ausbrechen und manches sinkende Herz wieder heben wird. Als das Gespräch mehr auseinander ging, bemerkte ich, daß sich auch hier einige Anhänger des neuen Glaubens, dessen unwürdiger Bothe ich jetzo war, eingeschlichen hatten, die unter allerhand Reden, Zweifeln und Fragen den Samen ihrer falschen Lehre leise auszustreuen suchten; sie fanden aber wenig empfänglichen Boden, weil alles um sie her zu dicht mit Kraut und Rüben des alten Herkommens bewachsen war. Das war mir lieb, denn es thut mir immer wehe, wenn jemand, sollte es auch das Vorurtheil selbst seyn, in unschuldiger Sorglosigkeit gestört wird. 214 Kaum war das Nachtessen vorbey, und weggegangen wem noch ein Bett zu Theil worden, so kamen Mägde mit Besen, die Stube zu reinigen, und Knechte mit Stroh für unser Nachtlager. Das Zimmer wurde durch Tische in zwey Theile getheilt für beyderley Geschlecht; da meinte ich gut für Klare zu sorgen, und auch für mich, wenn wir uns an beyden Seiten des Tisches lagerten, weil wir dann wenigstens nur Einen Nachbar zur Seite, und den Reisebündel zwischen uns in Sicherheit hätten; in der langen Nacht wußte ich sie dann doch in meiner Nähe und konnte auf ihre Bewegungen horchen. Ich sah auch, daß andre, die zusammen gehörten, unser Beyspiel nachahmten, und glaubte schon, zwiefache Ursache zu haben, mich meiner Klugheit zu freuen, weil sich auf meiner andern Seite ein besoffener Kutscher niedergelassen hatte. Allein als die Knechte des Hauses schon eine geraume Zeit mit den Lichtern weggegangen, und die ungezogenen Späße etlicher lustiger Brüder bereits verschollen waren, so kamen noch mehr Fremde herein, von denen sich einige, da kein Platz mehr am Boden war, auf die Tische hinwarfen. Ueber uns kam, wie ich beym Schimmer des Lichtes und aus der Sprache bemerken konnte, ein dicker Mezger vom Zürcher Seeufer zu liegen. Zum Glücke waren die Stühle einwärts an den Tisch gelehnt, deren Rücken verhinderten, daß er nicht so leicht auf uns herunterfallen konnte; zum Unglück aber drang bald hernach, als die 215 Lichter schon wieder fort waren, auch sein Hund herein, und legte sich auf sein Pfeifen gerade zwischen mich und meine Nachbarin unter den Tisch. Auf meine wiederhohlte Bitten, den Hund hinaus zu thun, erwiederte der Mann auf dem Tisch immer: er macht nichts; und zuletzt gab er mir gar keine Antwort mehr. Ich versuchte einige Mahle, die Bestie wegzustoßen, aber dann murrte er, und Klare erschrak und bath mich, ihn liegen zu lassen. Man denke sich meine Lage! Auf der einen Seite dieser garstige Nachbar, und wenn ich mich umwandte, der schnarchende Kutscher, der mir in seinem Rausche eben so unerträglich war, und über mir die Fleischmasse des Mezgers, unter welcher der Tisch krachte! Ich mußte mich halb aufgerichtet an die Wand lehnen, um nur etwas reinere Luft einathmen zu können; saß aber nicht lange so, als ich Klare verschiedene Mahle ächzen und endlich gar stille weinen hörte. Da konnte ich mich nicht länger halten, sondern that einen so wilden Schlag mit geballter Faust auf den Hund, daß er aufsprang, und mit gräßlichem Geheul über die Leute weglief. Daraus entstand nun ein rasender Lärm; die Weiber schrieen alle, als wären sie schon gebissen, die Männer riefen aus allen Ecken, man solle den Hund wegschaffen; und mir wäre fast das Lachen angewandelt, hätte nicht der Kutscher, plötzlich erweckt von dem Tumulte und noch betäubt vom Wein, angefangen, wie toll um sich zu schlagen, 216 so daß ich genug zu thun hatte, ihn mit guten Worten und Rippenstößen zu sich selbst zu bringen. Bey dem allem gab der Mezger keinen Laut von sich. Endlich wurde es allmählich stille; die Ruhe meiner Freundin stellte sich wieder her, und ich legte mich vergnügt auf mein Stroh hin, und lauschte halbträumend auf den sanften Hauch ihres Mundes, mit der Zufriedenheit, wie man von ferne den Klang der Abendglocke vernimmt, wenn man nach einer stürmischen Reise sich seiner glücklichen Heimath nähert. Als man früh Morgens ein Licht brachte, pfiff der Mezger seinem Hunde, der es aber nicht mehr wagte, in die Stube hereinzukommen; worauf der Meister im Weggehen zu mir sagte, der Hund werde den schon kennen, der ihn geschlagen. Neben Klare hatte eine junge Frau aus Bremgarten geschlafen, die in Begleitung ihres Mannes schon bis Arau gekommen war, um die Bundesbeschwörung zu sehen, aber keine Herberge mehr fand, und aus Lenzburg zurückkehren mußte; und nun, da sie erfuhr, daß sie noch zwey Tage warten sollte, durch das harte Lager und die Auftritte dieser Nacht abgeschreckt, den Mann allein gehen ließ, und sich zur Rückkehr an uns anschloß. Als wir zu verstehen gaben, daß wir bey dem alten Herrn in Bremgarten einsprechen würden, 217 vernahmen wir von diesem gesprächigen Weibchen manches, das diesen meinen alten Oheim anging; alles aber war löblich, was wir hörten, unbeschadet des Bedauerns, welches die gute Frau nicht bergen konnte, daß so ein Mann nicht ihres Glaubens wäre. So soll er einmahl, seiner Jahre ungeachtet, schwimmend ein Kind aus dem Fluße gerettet haben, gerade als er einem kirchlichem Umgange begegnete, und bethender Pöbel im Schimpfworte nachrief. Seitdem ist er aber bey den Müttern besonders wohl angeschrieben, und hat vor ihrem strengen Glauben Ruhe. Ueberhaupt mögen ihn die Weiber, so viel ich von der jungen Frau merken konnte, wegen seiner ernsten Freundlichkeit und seines schönen Anstands gerne sehen, und so lange das währt, hat er von der Verfolgung der Männer wohl nichts zu befürchten. Auch vernahm ich nichts von ihm, wie ich sonst beynahe besorgt hatte, das einen Sonderling, das ist, ein Original nicht von Natur, sondern aus kranker Phantasie, verrathen hätte, welches mir vorzüglich lieb war, denn das ist eine widrige Art von Menschen, mit denen nichts anzufangen ist, weil sie sich Eigenheit zur Regel machen und nur nach Grillen lieben. Es war Mittag als wir, weiß von Schnee, bey ihm anlangten. Aber wie erstaunte ich, da ich in das Zimmer trat, und den Gesandten von Bern, bey dem ich gestern das Verhör ausgestanden, mit ihm zu Tische sitzen sah! Auch dieser Herr sahe mich befremdet 218 an, als er mich erkannte; noch mehr als er meinen Oheim uns entgegen gehen und umarmen sah. Wie dieser nun gar Stühle für uns an den Tisch stellte, wollte der Herr aufstehen, allein mein Oheim hielt ihn auf eine vertrauliche Weise zurück, und sagte auf französisch, wie mir nachher Klare zu verstehen gab: wenn du ehrliche Landleute nicht mehr leiden magst, so bist du sehr verändert! Der Gesandte hieß uns mit dem Ausdrucke des Wohlwollens nun selbst Platz nehmen. Komm Sie, sagte er, und nahm Klare bey der Hand, ich habe hübsche Kinder noch immer gerne neben mir! Und der junge Mann da, fuhr er fort, wird sich nicht wundern, wenn ich ihn nicht hier gesucht hätte. – Ich war noch zu sehr überrascht, um antworten zu können; der Oheim aber sagte lächelnd: meinen Neffen wird man doch wohl bey mir suchen dürfen? – Nun wenn das ist, erwiederte der Andre, und reichte der Klare zugleich einen Teller mit Suppe hin, so soll es uns nicht an Unterhaltung über Tische mangeln; und das ist Recht, ich will bei meinem alten Freunde frey und fröhlich seyn, wie wir es in der Jugend waren! So erzählt einmahl, wandte er sich an mich, Euerm Oheim, woher wir uns kennen. Von Arau her, antwortete ich, und setzte mich, durch diesen Empfang ermannt, auch zu Tische; von Arau her, wo mir gestern die Herren von Bern aus der Stadt biethen ließen. 219 Und ein Verhör mit dem armen Sünder aufnahmen, fügte Klare hinzu. Nun soll ich's wohl noch gar mit der Frau zu thun bekommen! versetzte er, und rückte seinen Stuhl, wie wenn er sich fürchtete, von Klare weg; brave Weiber wehren sich immer für ihre Männer, sollten es diese auch nicht alle Mahl verdienen. Er ist nicht mein Mann, sagte sie. Wie? rief er und rückte mit dem Stuhle wieder näher; und Sie zieht mit dem Krauskopf im Lande herum! Wenn es auch so wäre, mein Freund, sagte der Oheim, wir sollten nicht den ersten Stein auf sie werfen. Die Leutseligkeit des Herrn Ehrengesandten, fing ich nun an, und der Ort, wo ich bin, machen mir jetzt meine Rechtfertigung eben so leicht, als mir gestern die Manier des Verhörs die Zunge band. Das mag oft der Fall seyn, unterbrach mich der Oheim; da wo die Zeit der Ueberlegung zu kurz ist, wirkt die Manier gewöhnlich mehr als die Kunst; sie kömmt und geht unmittelbarer zu dem äußern Sinne. Ich verstand ihn nicht recht, und eilte nun der Länge nach meine ganze Geschichte zu erzählen; von den geheimen Bewegungen zu einer Revoluzion im Zürcher Gebiethe bis zu dem Ausbruche derselben in Basel, und den Anerbiethungen Mengauds in Arau. – Der Herr hörte mir mit Theilnahme stillschweigend 220 zu; nur seufzte er einige Mahl: ach Gott, die Verblendeten! und den Geschäftsträger nannte er einen Wolf, der die Schafe gegen den Hirten empört. Als ich fertig war, sagte mein Oheim zu ihm: Und gleichwohl soll noch der Bund beschworen werden? – Ja, mein Freund, war seine Antwort, indem er hastig sein Glas Wein austrank, die Beine übereinander schlug und seinen Arm über den Stuhl der Klare legte; ich sehe, daß ich vor diesen jungen Leuten sprechen kann, wie wenn wir noch allein wären; höre meine Gründe: Was du mir vorhin sagtest, und was der Landsmann hier erzählt, ist uns meist alles bekannt, ja noch mehr; wir wissen, daß und warum die Zerstörung des eidgenossischen Bundes und besonders der Untergang unsers Gebiethes beschlossen ist; wir wissen, daß die andern Stände entweder in pfäffischem Glauben schlummern, oder schon so bearbeitet sind, daß auf ihre bündische Hülfe wenig mehr zu zählen ist. Aber wir fragten uns: was wollen die Franzosen? – Eine Freyheit uns geben, die der ihrigen gleiche, die sie schon neun Jahre lang elend gemacht und alles häuslichen Glückes beraubt hat, da die unsrige uns Jahrhunderte hindurch Wohlstand und Frieden gab! Aber das wollen sie nicht einmahl zuerst, sondern auf unser Geld und Land ist es vor allen Dingen und schon seit Jahren abgesehen; und dann erst jene traurige Gabe! – Wir fragten uns ferner: Was will unser 221 Volk, oder die Menge von Schurken und Thoren, die es heimlich irre leiten? Sich losmachen von Zehnten und Abgaben wollen sie, und herrschen, um sich zu bereichern, denn das wird ihnen versprochen. Die wahre Freyheit kennt dieser große Haufe nie; auch wenn er sie schon genießt, weiß er sie nicht zu würdigen, der Pöbel bleibt immer kindisch. – Und was sollen und wollen wir, die Obrigkeiten? fragten wir endlich uns selbst feyerlich vor Gott und in schamvoller Erinnerung der heiligen Kraft unsrer Väter: Das Land Preis geben und uns wegwerfen lassen wie die todten Hunde, oder das Recht behaupten, das uns Geburt und Verfassung gibt? Haben wir denn so großen Mißbrauch davon gemacht? Das ist die Sprache tapferer Männer, sagte mein Oheim, aber sie befriediget meine Frage nicht, was Euch die Beschwörung der Bünde helfen soll, die schon seit Jahrhunderten kein Stand mehr recht gehalten hat, und auch neubeschworen kaum mehr halten wird; denn was man jetzt zu halten gedenkt, ist erneuerte Eintracht und wechselseitige Vertheidigung, aber nicht der Inhalt der alten Verkommnisse. Glaubt ihr aber durch dieses Gepränge euch wieder zur bleibenden Eintracht zu entflammen, oder den alten kühnen Sinn zu wecken, so erwartet ihr dauernde Hitze vom Strohfeuer. Das Strohfeuer, antwortete der Gesandte, gibt doch eine starke Flamme; wer weiß, ob wir in ihrer kurzen Dauer nicht noch Zeit zur Rettung finden. 222 Wenn die kleinen Orte, auf welche es hierbey hauptsächlich abgesehen ist, und auf welche der Geist der Neuerung noch nicht so stark gewirkt hat, durch diese allgemeine vaterländische Feyerlichkeit, verbunden mit unsern weckenden Warnungen, aus ihrer stolzen Unthätigkeit wieder zu hülfreichem Eifer und zum Vertrauen zu den reformirten Ständen auch nur für eine kurze Zeit aufgemuntert werden können, so wird dadurch den Empörungen in den angrenzenden Landen und Herrschaften, wo man die Kraft dieser Bergleute und ihre Abneigung vor einem solchen Spaße kennt und fürchtet, am sichersten Einhalt gethan, und es zieht ihr Beytritt zum erneuerten Bunde die andern nach sich; auf diese Weise bekömmt der Widerstand gegen unsre Unterdrücker, wenn auch kein furchtbares, doch ein ehrenvolles Ansehen, und wenn wir untergehen müssen, so geschieht es wenigstens nicht mit Schande. – Hier hielt er inne, wie einer der das Herz voll hat und nicht alles sagen will. Wenn wir nur Zeit gewinnen, fügte er dann, wie im Nachklange seiner Gedanken mit einem bedeutenden Tone hinzu, wer weiß, was noch geschehen kann! Der Oheim sah ihn verwundert an. Dann fing er an französisch zu sprechen, indem er doch zu finden schien, ich brauche nicht alles zu wissen; und gab dem Oheim zu verstehen, daß man vielleicht bald auf eine Regierungsveränderung in 223 Frankreich, die mehr Achtung für das Völkerrecht zur Folge hätte, oder im Fall der Noth auf fremden Beystand zählen dürfte. Ich sah, daß der Oheim darüber ungläubig den Kopf schüttelte und dagegen sprach. Er mag auch wohl Recht gehabt haben, denn wenn es im Großen ist, wie im allgemeinen Leben, so gehen die Versprechungen fremden Beystandes für den, der sich nicht selbst zu helfen weiß, gewöhnlich zu spät in Erfüllung. So ist es auch, fuhr dieser deutsch fort, mit der Achtung für das Völkerrecht. Daß ihr solches ehret, ist in der Ordnung; der Schwache muß immer die Gerechtigkeit, die er selbst nicht verletzen kann, zu seinem Schilde machen, aber wenn er für diese Gesinnungen Respekt von dem Starken erwartet, so kennt er sich selbst und den Lauf der Welt nicht. Die Staatsklugheit kannte von jeher nur zwey Gesetze, das Recht des Stärkern und den Vortheil, und wenn ihre Zöglinge das Gegentheil behaupten, so ist es, wie ein Franzose sagt: Sie spucken in die Schüssel, um allein daraus essen zu können. Weißt du noch, wie wir uns ehemahls über den Römischen Konsul aufhielten, der in seinem Buche keinen Nutzen ohne Gerechtigkeit anerkennen wollte, aber einer Regierung vorstand, deren immerwährendes Geschäft es war, beyde zu trennen! Eben deßwegen sind die Schweizer heut zu Tage schlechte Staatskünstler, weil sie es nur halb sind, weil sie diese Kunst nur freundbrüderlich 224 unter sich selbst als ein erlaubtes Geheimniß treiben, und dann von fremder Uebermacht, sich fromm stellend, strenge Ehrlichkeit erwarten zu dürfen glauben. – Doch, unterbrach er sich selbst, es ist leicht, die Verlegenen zu plagen, das will ich nicht; nur ist es einem alten Zuschauer nicht zu verargen, wenn er über das Theater der Welt und seine Schauspieler sich zuweilen eine zweifelnde Bemerkung erlaubt. Sage was du willst, lieber Alter, versetzte der wackere Mann, und legte die Hand auf seine Schulter, ich werde deinen edeln Sinn nicht verkennen, und möchte wünschen, du wärest noch mehr als bloßer Zuschauer, um uns auch Rettungsmittel an die Hand zu geben, wenn du noch andre weißt, als die wir ergriffen haben. Mir sind sonst keine bekannt; Geld thut es nicht mehr, und Nachgiebigkeit macht die Sache nur immer ärger; im Widerstande allein liegt noch, wo nicht Rettung doch Ehre. Das ist der heilige Entschluß der Bessern, sagte er mit begeisterter Wärme; und wären unser auch noch so wenig, wir wollen den blutigen Kampf für's Vaterland wagen, und das Recht unsrer Verfassung soll uns niemand rauben, als mit unserm Leben! Und wenn auch alle Stände von uns abfielen, wollen wir das alte Bern, den Ruhm der Schweiz, nicht in der räuberischen Gewalt des Feindes sehen, noch den milden Zepter in den Händen unwissender Bauern. Feyerlich ist es unter uns beschworen die Mißbräuche abzuschaffen, aber freywillig muß es 225 dann geschehen, wenn wir den Kampf bestanden haben, nicht durch einen schändlichen Zwang, der die Abschaffung der Mißbräuche nur zum Vorwande macht. Zu diesem Zwecke – bald werden wir ihn laut aussprechen – möchten wir jeden edeln Schweizer begeistern, der noch Gefühl für sein Vaterland hat; darum lassen wir die alten Bünde noch einmahl beschwören, und kein erlaubtes Mittel unversucht, wieder zum bleibenden Heil, oder wenn es denn seyn muß, zum ruhmvollen Untergange zu gelangen. – Und Gott wird uns nicht verlassen, that er hinzu und hob die Hände feyerlich empor, der der kleinen Zahl der Väter so oft aus der Noth half! Dem feurigen Greise war es Ernst; er sah aus als wenn er ein Bündniß mit dem Tode geschlossen hätte. Wir schwiegen alle; wer wollte so einer Entschlossenheit widerreden. Nun genug hievon, sagte er, nachdem er einige Mahl das Zimmer auf- und niedergegangen. Er setzte sich zu Klare: Glücklich sind die jungen Mädchen, die keine Sorgen haben! und nahm sie lächelnd bey der Hand. Sie küßte mit Ehrfurcht die Seinige. Ihn schien das unerwartet zu rühren, er sah sie aufmerksam an, und es glänzte wie eine Thräne in seinem Auge; er sprach etwas zum Oheim, der antwortete: Es war ihre Mutter. Mein Gott! rief er, wie von einer Erscheinung betroffen; und stand bald hernach auf um 226 wegzugehen, ohne von uns anders als durch eine freundliche Verbeugung Abschied zu nehmen. Der Oheim begleitete ihn. Ich sah es der Klare an, daß diese alte Heldenseele ihr Herz gewonnen; der offene Ton eines wackern Mannes lockt das Zutrauen aus weiblichem Busen hervor, das vom Witze nur verscheucht und von Blödigkeit selten bewegt wird; kömmt noch die muntere Sitte der feinen Welt hinzu, und, wie vielleicht hier, eine unerklärliche Ahndung aus der Vergangenheit, so ist die Freundschaft fertig, und zur Liebe bedarf es nur noch den Reiz der Jugend. Sie sprach mit der Stärke des Wohlgefallens von ihm, welche beym zärtern Geschlechte oft so schnell die Vernunft in Glauben verwandelt. Das sollte die Sprache aller Schweizer seyn, meinte sie, und war nicht zufrieden, als ich nur den hohen Muth des Mannes rühmte, aber an der Wirkung desselben zweifelte; ja sie wurde beynahe unwillig, als ich auch diese kühne Zuversicht nur einen Gesichtspunkt nannte, und die Lage unsers Vaterlandes mit einem Guckkasten verglich, den ich einmahl in W. sah, der so künstlich eingerichtet war, daß, so viele hineinsahen, jeder etwas anderes erblickte, als die übrigen. Der Oheim kam indessen wieder, hörte uns eine Zeitlang zu, und sagte dann: Eben diese Mannigfaltigkeit der Ansichten wird uns unglücklich machen. 227 Wollte Gott, der Wunsch der Klare würde erfüllt und der Muth meines Freundes allgemein, oder aber auch die entgegengesetzte Gesinnung der nachgiebigen Basler, oder jede andre würde es, deren Ursprung rein ist; wenn nur eine Einheit der Ansichten und also auch eine Einmüthigkeit des Willens zu Stande käme! Einer ist, der am Ende alles lenkt, und dieser liebt vor allem aus die Einfalt des guten Willens; vor ihm ist jede Ansicht gut, wenn sie nur ehrlich ist und mit allgemeiner Ehrlichkeit verfolgt wird, daher wird auch an der Einfalt oft die feinste Klugheit zu Schanden. Aber Er läßt sich nicht täuschen, und hilft eher dem Verwegenen, der gar nichts nach ihm fragt, als dem Gleißner, der zu eigennützigen Absichten auf seinen Beystand zählt! – Wenn irgendwo ein übereinstimmendes Streben zu einem gemeinschaftlichen Zwecke, wär' es auch nur zu männlichem Dulden, nöthig ist, so ist es bey einem Volke, dessen Selbständigkeit in Gefahr steht; jegliches Reich, das in sich selbst uneinig ist, wird wüste, ruft uns die Wahrheit zu, allein wir hören sie nicht, unsre Sinnen sind durch die Leidenschaft des Eigennutzes getrübt; statt sein eignes Wohl in dem zu suchen, was dem Allgemeinen ersprießlich ist, will jeder nur das Seinige bewahren, und es als ein Augenmerk für alle hervorstellen. Das ist so weit gediehen, daß Rettung kaum mehr denkbar ist, und so eingewurzelt, daß selbst die Arzney des Unglücks das Uebel kaum mehr heben wird. 228 Aber was ist denn zu machen? fragte ich traurig. Für uns ist wohl Rath, lieber Vetter, erwiederte er. Wir wollen als gemeine Leute die Sache Gott anheim stellen, und die Sorgen denen überlassen, deren Stellung oder Wille sie in dem stürmischen Meere zu steuern treibt. Ein sichrer Hafen ist uns gewährt in der Geduld, in der Enthaltung von aller Zudringlichkeit des Mitwirkens, in der Schuldlosigkeit, die schon an sich ein großer Gewinn ist; dazu gelangen wir, wenn wir über öffentliche Dinge nicht antworten, ehe wir gefragt werden, und reine Antwort geben auch auf unreine Fragen. – Politische Widerwärtigkeiten, fuhr er fort, sind oft bloß ein eingebildetes Uebel, und haben, wenn man sich von dem allgemeinen Geschrey der aufgestörten Herkömmlichkeit nur nicht irre machen läßt, nicht immer Privatunglück zur Folge. Der göttliche Wille bewirkt oft Veränderung im Großen, ohne die Ruhe des Kleinen anzufechten, wenn dieser sie nicht selbst stört. Wer diesen Willen erkennt, und demselben seinen eignen unterordnet, ist nie fern von Ruhe und Glück. Wenn das nur so eine leichte Sache wäre, dachte ich, und die Entsagung des eignen Willens nicht selbst schon die stärkste Willenskraft erforderte! Unterdessen ließ ich es mir gesagt seyn, weil ich wohl verstand, daß er dabey mein eignes Treiben im Auge habe. Schon aus mehrern Aeusserungen meines Oheims hatte ich wahrgenommen, daß er mit großer Freyheit 229 des Denkens gottesfürchtige Gesinnungen von besondrer Art verband, die er aber selten und nur in großem Ernst laut werden ließ. Aus seinem ausgebreiteten Briefwechsel, über den er uns keinen weitern Aufschluß gab, als die ernste Versicherung, daß derselbe keinen politischen Zweck habe, und aus dem Besuche, den er zuweilen von seltsamen Menschen, sogar von Juden, hatte, schlossen wir, daß er in Verbindungen stehe, von denen wir nichts erfahren sollten. – Ich bin kein Freund von Geheimnissen, daher bekümmerte ich mich auch weiter nicht darum, wir liebten und ehrten ihn aber deßwegen nicht weniger; wie hätten wir auch anders gekonnt, da ihn selbst nur Liebe und Güte beseelte! – Auch sprach er nie absichtlich über Religion mit mir, und sagte einmahl, als ich aus der katholischen Kirche kam, und den musikalischen Gottesdienst gegen unsre kalten Predigten abwog: Noch steht Euch diese ruhige Gleichgültigkeit besser an, als geistlicher Eifer oder eitles Forschen nach Geheimnissen; bleibt nur mit Sicherheit dabey, so lange kein dringendes Bedürfniß nach höhern Kenntnissen in Euch erwacht und auch dann seyd vorsichtig in Euerm Glauben, und prüfet die Werke derer, die Euch lehren wollen! Er behielt uns mehrere Tage bey sich, welches ich mir so viel eher gefallen ließ, da er versicherte, er habe meiner Frau wissen lassen, daß ich unter einem freundschaftlichen Dache lebe, und Klare mit mir bringe. 230 Auch werden mir diese Tage unvergeßlich bleiben, denn von ihm sah und hörte ich nichts als menschenfreundliche Tugend und himmelanstrebende Weisheit, und fühlte mich in einer Schule, aus welcher ich den Meinigen für den Schmerz der Trennung wieder manchen Ersatz nach Hause bringen konnte. Dennoch lag mir die gute Marie öfters im Sinne; was hilft der Gegenwart ein Ersatz der Zukunft? Was kann ihre sanfte Seele trösten über die Abwesenheit des Geliebten, in dem sie einzig lebt? Klare schlief im Hause der jungen Frau, welche mit uns von Lenzburg gekommen war; diese wurde daher auch einige Mahl von dem Oheim zu Gaste geladen, und hielt das für eine große Ehre, obgleich ihr Mann Rathsglied des Ortes war; so sehr stand der Alte hier in Ansehen. Sie war ein lustiges junges Blut, die zwar von wenig anderm zu sprechen wußte, als von Stadtgeschichten, aber diese auf die drolligste Art von der Welt erzählte, und die Gabe hatte, alle persönlichen Lächerlichkeiten aufzufassen, und sie, im Zimmer herumhüpfend, mit nachahmenden Geberden anschaulich zu machen. Wehe ihren Mitbürgerinnen, denen irgend eine Künsteley anklebte, wir wurden mit ihnen bekannt, ohne sie gesehen zu haben! Sie schonte selbst meines Oheims nicht, und stellte sich, als ob sie seine 231 blinde Katze scheute, bis er nach der Ursache fragte, wo sie ihm dann so viel Abentheuerliches aus dem Munde des Volkes von diesem schwarzen Thier erzählte, daß der ernsthafte Mann lachend Stillschweigen gebiethen mußte. Ja ihr eigner abwesender Gemahl war nicht sicher, wenn diese Lustigkeit sie begeisterte. Einmahl als der Oheim nicht da war, langte sie eine ganze Sammlung von Liedern hervor, die theils vor einigen Jahren für die Zuzüge nach Basel gemacht worden, theils in den jetzigen Zeiten wieder zu tönen anfingen. Ihr Mann sey ein großer Liebhaber davon, sagte sie, und sammle dieselben für eine militärische Gesellschaft, die alle Wochen zusammen komme und sich daran erbaue; dann las sie uns mehrere vor, bald wie der Mann mit der hinderlichen Tabakpfeife im Munde ihr solche vorzusprechen pflegt, bald, des Oheims Brille auf der Nase, im Tone der ganzen Magistratur, vom Vorsteher bis zum Stadtwaibel hinunter. Wie weit sie sich an den Herren versündigte, weiß ich nicht, an den Liedern selbst aber hat sie keine große Verantwortung auf sich geladen, denn es war wenig heiliges daran, wohl aber viel geschmacklose Eitelkeit und an eignem Verdienst arme Großsprecherey auf die Thaten der Väter, und was mir am wenigsten gefiel, eine politische Absicht zum Begeistern, die von rathloser Schwachheit empfangen auch nur auf schlaffe Seelen wirken konnte. Darum aber bekümmerte sich der fröhliche Sinn der Frau Rathsherrin wenig; gut oder 232 schlecht, Lieder und Leute mußten herhalten, wenn es nur Spaß gab, jedoch ohne alle Bitterkeit und böse Meinung. Der Oheim hatte ein dickes Buch, worin er schon seit Jahren die merkwürdigsten Vorhersagungen, die er las und hörte, aufzeichnete und nebenbey später den Erfolg bemerkte; er hatte ihm den Titel gegeben: Der Mensch denkt und Gott lenkt. Ein unterhaltendes Lesen, wo aber die menschliche Voraussicht meistens schwache Augen verräth. In diesem Buche standen auch schon die Brüderschaftstoasts, welche vor einigen Tagen in Basel bey Errichtung des Freyheitsbaums getrunken worden, gegenüber den wohlbedachten Gesundheiten der Gesandtschaften am Neujahrsfeste zu Arau. – Die junge Frau schlug uns vor, die Erfüllung dieser Wünsche in Büchern aufzuschlagen, auf die Weise, wie ihre alte Base über die Zeichen der Zeit und die Geheimnisse der Haushaltungen ihre Andachtsbücher berathe. Sie stellte mich unter allerhand Zeremonien in einen Kreis, und fragte, was ich zu wissen verlange? Die Art der Erfüllung der Gesundheiten in Basel und Arau, mußte ich sagen; dann band sie der Klare die Augen zu, ließ sie ein Buch, das zunächst war, aufschlagen und damit auf mich zugehen; und mich hieß sie lesen, was ich zuerst erblicken würde. Es waren Hallers Gedichte; ich las: »Hier wird auf strenger Gluth geschiedner Zieger dicke, und dort gerinnt die Milch, und wird ein stehend Oehl –« 233 Das, behauptete sie, müsse sich als Orakelspruch in kurzem bewähren. Als wir an dem letzten Morgen unsers Hierseyns am Fenster saßen, und nur noch auf den Abschied vom Oheim warteten, der oben auf seinem Zimmer war, rief uns ein Junge von der Straße zu: Der alte Klaus kömmt! – Wir achteten wenig darauf; bald aber trat ein stattlicher Greis im Bettlergewande mit einem Kahlkopf und eisgrauen langen Barte in die Stube, in dessen Augen noch das Feuer und die Fröhlichkeit der Jugend zu leben schien. Gott grüß Euch, Kinder! sprach er, und setzte sich mit einer Freyheit zum Ofen hin, wie sie vorgestern der Gesandte von Bern selbst nicht größer genommen hatte. Das Ungewöhnliche war uns aber in diesem Hause nicht mehr neu. Das ist gewiß der alte Mann, von dem wir auf dem Berge gehört haben, sagte Klare. Er antwortete nichts hierauf, sondern zog einige Stücke Brot und kleine Münze aus der Tasche hervor und sagte: das tägliche Brot hab ich jetzt, Gottlob. Aber neben demselben sollte in dem Vaterunser der alten Leute auch ein warmer Ofen stehen, that er hinzu, und umarmte den unsrigen, der nur noch die Wärme von gestern hatte; wir leiden viel von der Kälte. Da ist wohl zu helfen, versetzte Klare, und ging hinaus um Feuer nachzulegen. Wir beyde blieben 234 unterdessen stillschweigend sitzen; er rieb sich seine Beine, und ich sagte nichts, weil ich noch nicht einsah, ob dieses alles Natur oder Kunst an dem Alten sey. Bald kam Klare wieder herein und stellte ihm etwas abgetragenes Fleisch von gestern vor. Ich darf nicht, sagte er, schob es weit von sich weg und fing an ein Stück Brot zu kauen. Mir hatte gleich anfangs geahndet, daß dieß einer der seltsamen Bekannten meines Oheims seyn möchte, daher antwortete ich ihm auf seine Frage, ob ich der Herr des Hauses sey, er werde das Gegentheil wohl so gut wissen als ich. – Nun ja, sagte er, nehmt mir's nicht übel; man lernt die Leute erst kennen, wenn man sie fragt. – Er stand auf; Klare in der Meinung, er wolle fortgehen, nahte sich ihm: Ihr müßt doch nicht mit leeren Händen aus unserm Hause wegziehen, guten Alter! und wollte ihm ein Stück Geld geben. – O ich bin noch nicht weg, versetzte er lachend; behalte aber dein Geld, mein Kind; wer einem Bettler vom Handwerke, wie ich bin, gibt ehe er fordert, der macht sich einer Thorheit schuldig. Einer Thorheit? rief sie, gäbe es keine schädlichere! Es ist die Thorheit der Empfindsamkeit, die Waizen auf Mistbeeten säet. Laß ihn machen, sagte ich. – Wir hörten ihn die Treppe hinaufgehen; und ohne Umstände zu dem 235 Oheim hineintreten, wo er fast eine Stunde blieb. Als sie wieder zu uns Menschenkindern herabstiegen, setzte sich der unbefangene Greis an seinen vorigen Platz zum Ofen und kaute an seinem Brot. Nun alter Junge, sagte der Oheim zu ihm, willst du uns nicht erzählen, was du Neues in der Welt gesehen, seit du hier warst? – Aus dieser Frage schloß ich, daß sie oben nichts von weltlichen Angelegenheiten gesprochen. – Es gibt wenig Neues mehr für alte Leute, gab er zur Antwort; ich habe mich wieder einmahl in der ganzen Schweiz herumgebettelt, und gefunden, daß die Mildthätigkeit mit der Schwäche überhand nimmt; die Leute geben, um den peinlichen Anblick der Dürftigkeit bald los zu werden; oft ehe ich noch an drey Thüren geklopft, hatte ich schon, was ich für den ganzen Tag brauchte. Ich könnte in meinen alten Tagen wieder reich werden, wenn ich wollte, und bin oft genöthigt, den Reichen die Lehre, welche ich heute schon der Jungfer da gegeben, zu hinterlassen: Gebt den Armen was ihr habt, aber keinem Bettler mehr als das gewöhnliche Almosen! Folgen Euch aber die Leute? fragte Klare. Ungefähr wie du mir folgen wirst, versetzte er. Wessen Rath sollte man aber im Grunde eher befolgen, als dessen, der in seiner Kunst bewandert ist? Ich treibe sie nun schon fünf und zwanzig Jahre, und kenne alle meine Zunftgenossen weit und breit, und widerspreche dem nie, der uns ein liederliches Volk 236 nennt; die Eitelkeit der Menschen macht uns frech, und ihre Empfindsamkeit leichtsinnig, denn Almosen sind bequemer als Arbeit, und Freygebigkeit macht dem Reichen weniger Mühe als die Pflichten der Gerechtigkeit. Wiewohl Gerechtigkeit über die Liebe gehen sollte! sagte der Oheim; allein wo ist der Gerechte? – Indessen ist doch ein leidendes Gerechtigkeitsgefühl unter den Menschen, das nicht sowohl Hand anlegt, als durch Worte wirkt; hast du das nicht auch gefunden? Kann seyn, war die Antwort des Alten! allein ich mag der Quelle menschlicher Handlungen nicht mehr gerne nachspüren, sie löscht den Durst nicht und macht trübe Augen. Im Bayerlande schenkte mir einst ein Kapuziner ein Bild, welches ein offenes Herz vorstellte, wo Schlangen Kröten und Ungeziefer aller Art in den Winkeln sitzen, der Heiland kömmt mit einem Besen und wischt sie weg . . . . Lache nicht, Kind! rief er der Klare zu, die wahrscheinlich mehr den salbungslosen Ton, womit er sprach, als die Sache selbst lächerlich fand. Mich hat das Bild lange Zeit erschreckt, und endlich der mit dem Besen getröstet; seitdem begnüge ich mich, jeder guten That, die ich sehe, mich einfältiglich zu freuen, wie über einen Bissen Brot, den man mir des Morgens reicht, unbekümmert, ob das heilige Brot aus einem goldnen oder hölzernen Schranke herkomme. So kommt man freylich am beßten durch die 237 Welt, sagte ich; aber man müßte oft keine Augen haben, um den Staub und Wurmstich nicht zu sehen, der die Schränke verunreinigt. Das empfehle ich dann jenem, der alles zu seiner Zeit auszukehren weiß, antwortete er, und strich sich freudig den Bart; – der auch mir geholfen hat . . . Der gesprächige Alte schien noch etwas von seiner eignen Geschichte beyfügen zu wollen, aber der Oheim unterbrach ihn absichtlich. Habt Ihr, fragte er, auch etwas von Bewegungen der Unzufriedenheit unter dem Volke vernommen? Mehr als genug, erwiederte er und blickte auf mich, als wenn er fragen wollte: Weißt du auch was? – Ich nickte mit dem Kopf. – Es steht der Schweiz ein großes Gericht bevor, fuhr er ernsthafter fort als er bisher gesprochen hatte, von innen und von aussen. Fremde Heere sind bereit uns zu überziehen, und werden einbrechen, wie eine reißende Fluth, und im Innern sehe ich nichts als Gährung. Die lange Ruhe und der erworbene Reichthum haben das Lebensblut unsrer Verfassungen verdorben; der Mächtige erlaubte sich zu viel, und der Schwache sann nur auf Kleinigkeiten. Jene Harmonie des Gemeinsinnes ist gewichen, fuhr mein Oheim fort, die mehr in dunkelm Gefühle wirkt, wie bey unsern Vorvätern, als in plaudernder Erkenntniß, wie zum Beyspiel bey den Genfern die sich zu Tode räsonnirten – Ohne welche 238 Liebesharmonie doch kein Staat bestehen kann, es sey denn durch Zwang. Der Alte sagte: Eben weil dieses geistige Band sich aufgelöst, sind alle gesellschaftlichen Stände aus ihren Schranken getreten, und wir geworden wie die übrigen Menschenkinder. Bey den Obern veränderte sich die trauliche Derbheit in kalten Hochmuth, bey den Untern die Ehrerbietung in Furcht. Und Gehorsam in Untreue, fiel ich ein. Knechtischer Sinn nunmehr in Empörung, that der Oheim hinzu. – Und so löste einer den andern ab, wie folget: Freyheitslust in Prozeßsucht. Regierung der Bessern in Familienherrschaft. Vorzüge in Vorrechte. Gesetzlichkeit in Willkühr. Ehrenstellen sah ich erkaufen oder erkriechen. Ich war da, wo die Gerechtigkeit einen hohen Thron hat; sie brauchte ihre Wage für das Gold der Parteyen, und ihre Binde gegen das Licht der Wahrheit. Gottesfurcht verwandelte sich in Spottesfurcht. Glauben in Moral. Moral in Schein. Weisheit in Klugheit. Klugheit in List. Die Liebe des Nächsten in Gelüsten nach dem Fernen. 239 Apostolischer Wandel in geistliche Trägheit. Manchem Pfarrer liegt sein Zehntenbuch näher als die Bibel. Und seine Heiligen hat er im Rauchfang. Der Klostermann hat sie zwar in der Kirche, aber seinen Trost im Speicher und Keller. Unsers Kriegswesens spotten die Ausländer. Prächtige Zeughäuser, sagen sie, und keine Soldaten. Schätze und keine Hüther. So ging es noch eine Zeitlang fort. – Weißt du denn nichts? fragte der Alte die Klare, die zu allem geschwiegen hatte. Und die Weiber waren und sind immer die Gleichen, rief sie, so wie im Grunde die Männer auch, Ihr mögt auf die Jetztlebenden schimpfen, so viel Ihr wollt! Ihr seyd unbillig; wo ist ein Land, dem man so ein Sündenregister nicht ebenfalls aufzählen könnte? Du hast Recht, Kind, erwiederte der Oheim, und wir hatten Unrecht, dieß Wechsellied anzustimmen, wenn wir auch schon nicht zu schimpfen glaubten. Wer das letzte Wort haben will, sagt eben leicht zu viel! Die Menschen kommen und gehen, und treiben immer das Gleiche, Gutes und Böses, bald hier bald dort. Die Tugenden wandeln wie gute Geister über die Erde, oft räumen sie in einem Lande, wie in einem einzelnen menschlichen Herzen, den Platz, und es 240 entsteht ein kurzes Zwischenreich der Schwachheit, wo es dann hohe Zeit ist, zu wachen, daß die Geister der Finsterniß nicht einrücken, und mit ihnen Laster und Verderben. Vielleicht sind wir jetzt eben in jener Zwischenzeit. Der Alte, der auch nicht geschimpft haben wollte, sagte: Wir mißkennen die Vorzüge der Schweizer nicht, man hört sie ja allenthalben preisen. Aber wo der Warnungsfinger des Unglücks einem Volke droht, ist es Zeit, daß es seine Fehler erkenne, um, wenn auch nicht das Unglück abzuwenden, doch besser aus demselben hervorzugehen. Die beyden Alten traten nun in eine Unterhaltung ein über die von ihnen bezweifelte Vervollkommnung des Menschengeschlechts, wovon aber die Erzählung nicht hieher gehört. Was der Oheim aus der Geschichte bewies, belegte der Bettler aus seiner Erfahrung; wobey ich nach und nach so viel vom dem alten Klaus erfuhr, daß er schon vor langen Jahren aus einem reichen ungenügsamen Verschwender ein zufriedner und fröhlicher Bettler geworden, aus einem Kranken ein Gesunder; daß er, um große Sünden zu büßen, das Gelübde freywilliger Armuth, die sich nur mit wenigem Brot und Wein begnügt, auf sich genommen, wobey ihm nach seiner Versicherung die Lehrjahre sehr sauer zu stehen gekommen; daß er jetzt aber mit keinem Fürsten mehr tauschen würde, indem er sich, seine ihm nunmehr leichte Beschränkung in Speise 241 und Trank ausgenommen, alles erlauben dürfe, was mit einem reinen Herzen bestehen kann. – Wer die Schamröthe überstanden hat, sagte er, werde ein Bettler, wenn er ein wahrhaft freyes Leben führen will! – Daß er sich wenigstens wohl dabey befinde, sah ich, und daß er mit weltüberwindender Weisheit, die er unter seiner schlichten Offenheit verbarg, viel Gutes im Verborgenen wirke, ahndete ich; woher käme ihm sonst diese reine Fröhlichkeit? Auch er blieb von der Unruhe im Lande nicht unangefochten, – wer kann sich also für ausgenommen halten! – nicht, daß er sich groß darum bekümmerte, wer Meister würde; das, sagte er, gehe einen Bettelmann nichts an, der habe nur Einen weltlichen Herrn, seinen Magen; aber die Leute theilen sich in Sekten und Parteyen, welches der Tod aller Wahrheit und Liebe sey. Schon jetzt gebe es solche, sonst ganz rechtliche Menschen, die ihm aus Mißtrauen oder Haß kein Almosen mehr reichen, wenn sie sehen, daß er von andern freundlich aufgenommen werde, oder vertraulich mit ihnen spreche. Schon vor geraumer Zeit sey er im Wadtlande zu einer Gesellschaft berufen worden, die ihn unter Geldversprechungen mit Briefen und heimlichen Aufträgen beladen wollen; natürlich habe er das nicht nur ausgeschlagen, sondern sie noch gewarnt vor verderblichem Einfluß von Außen und Ehrgeiz von Innen, wodurch sie sich am Ende doch nur das Schicksal von Simsons Füchsen zuziehen werden, 242 welche zusammengekuppelt das Korn der Philister verbrennen mußten, und um die sich hernach keine Seele mehr bekümmerte. Das habe die Gesellschaft aufgebracht, man habe ihn fortgewiesen und ihm gedroht, wenn er diese Gegend wieder betreten würde, die Hunde auf ihn zu hetzen. – Hingegen habe ihn ein Landvogt aus einem andern Gebiethe, bey dem er sonst wohl gelitten gewesen und zuweilen ein Glas Wein getrunken, überreden wollen, ihm zu hinterbringen, was die Bauern sagen, und als er sich das verbethen, habe der Landvogt es ihm mit großem Ernst als Obliegenheit vorgestellt; auf seine wiederhohlte Antwort aber, das stehe nicht in seinen Bettlerpflichten, über die er nicht hinausgehen dürfe, habe ihn der Herr zuletzt einen Tagdieb gescholten und ihm das Land verbothen. Bei einer solchen Freymüthigkeit nahm mich beydes nicht wunder. Mein Oheim aber sagte: Aehnliches wird noch vielen begegnen; denn wenn Gott ein Land strafen will, mögen ihm auch die Unparteyischen nicht entgehen. Gern wäre ich nun geraden Weges nach Hause gegangen, und hätte meinen Bothendienst ohne Urlaub und Entgeld niedergelegt; denn außer dem, daß mich die Arbeit auf einem Schiffe, in das schon mehr als zwey und dreyßig Mahl zwey und dreyßig Winde 243 bliesen, verloren dünkte, so hatte mir die bedürfnißlose Armuth des Bettlers, und die damit verbundene Geistfreyheit und Sorgenlosigkeit, die mir ein zur Wahrheit gewordener alter Traum schien, so wohl gefallen, daß ich keinen Wunsch mehr hatte, als die Rückkehr in mein kleines Reich, wo ich, nächst Mutter und Weib, unumschränkter Herr bin, und innerhalb meinen vier Pfählen und Zäunen, unter meinen Bäumen im Sommer und auf waldigen Höhen im Winter, unabhängiger lebe, als kein Fürst unter seinen Garden und kein Bürgermeister unter seinen Klienten. Mich gelüstete mehr als jemahls, jene Hecken voll geistiger Frühlingsblüthen, die mich bisher von dem Treiben der Welt absonderten, noch undurchdringlicher um uns zu ziehen, und das unverkümmerte Daseyn zu genießen, welches ich hoffnungsvoll voraussah, da ich aus mehrern Reden und Handlungen meines Oheims gemerkt, daß er viel reicher war als er scheinen wollte, und die Versicherung erhalten hatte, auf sein Geld zählen zu dürfen, so lang er auf mein Bethen und Arbeiten zählen könne. Allein im Himmel war es anders beschlossen. Der Oheim fand, ich müsse erst mein angefangenes Werk vollenden, und die übernommenen Aufträge wär' es auch zu meiner Strafe, besorgen; dann erst könne ich mit gutem Gewissen zurückkehren und anfangen, was ich wolle. 244 Das soll mich nicht lange aufhalten, dachte ich, und irrte. Man kann oft einen Ort ungern verlassen, und doch mit seinen Wünschen schon anderswo seyn. So that es auch uns wehe, von dem trefflichen alten Oheim zu scheiden, von dessen reinem Wandel und hohem Verstande wir täglich neue Erfahrungen machten; dessen ungeachtet, so theuer mir der Mann war, und so gern ich mit der Freundin die Welt durchstrichen hätte, zog mich doch Liebe und Gewissen zu Marien. Das menschliche Herz hat viele Zu- und Ausgänge, (wer vermag sie alle nach Pflicht zu schließen!) aber wenn einmahl Erfahrung und Gewohnheit das Bild eines lieblichen treuen Weibes in des Herzens Inneres gepflanzt haben, so sitzt dieses Bild bleibend und mächtig, und jedem andern Eindruck auf die Länge gewachsen. Er gab Klare einen kleinen Ring zum Abschied; ich weiß wohl, sagte er, daß dein Vater seinen Kindern zu Hause kein Gold zu tragen erlaubt, allein auswärts wird er wohl diese Ausnahme dulden, zumahl da der Ring von deiner Mutter herrührt. Von meiner Mutter? fragte sie mit Verwunderung. So eben, antwortete er, habe ich ihn von dem Gesandten von Bern für dich bekommen, der dabey 245 noch ein Geschenk zu einem Andenken auf die Reise mitzunehmen bittet. Er öffnete, indem er dieses sagte, einen kleinen Pack, und zog ein Jäckchen mit Pelzwerk gefüttert heraus. Aber, mein Gott! rief das Mädchen, als sie mit weinendem Lächeln den Ring ansteckte, wie kannte denn der Mann meine Mutter? Sie liebten einander in der Jugend, als er in Holland Kriegsdienste that, erwiederte er; ich war Zeuge ihrer unsträflichen Leidenschaft; und sie würden sich geheirathet haben, wenn die Aeltern nicht unüberwindliche Hindernisse in den Weg gelegt hätten. Noch immer lebt in seinem Andenken diese erste Liebe, wovon ich dir, wenn du wieder kömmst, die Geschichte erzählen will. Sie küßte den Ring und in dem Oheim den edeln Geber. Er und der alte Klaus und die Frau Rathsherrin begleiteten uns zum Thore hinaus; und siehe, da stand der Schlitten dieser letztern, um uns den nächsten Weg an den Fuß des Berges, über den wir gehen mußten, zu führen. Das muntere Weib zwang Klare noch, das Jäckchen anzuziehen, welches dieser auch recht gut ließ. Nimm dich in Acht, rief mir der Bettler zu, als wir eben einsitzen wollten; jenseit des Berges ist die Straße unsicher! Ich wußte nicht wie er das meinte und lächelte 246 dazu; der Oheim aber wurde darüber betroffen, und sah den alten Klaus bedenklich an. Muß es aber auch seyn, rief er uns plötzlich zu, jedoch mehr auf Klaus als auf uns blickend, daß Ihr so schnell verreist, es hat ja nicht Eile; wie wär's, wenn wir noch ein paar Tage beysammen blieben? Der Bettler schüttelte den Kopf und sagte: Laßt sie in Gottes Nahmen gehen: – Sich zu mir wendend: Wenn man dir was thun will, so wehre dich, wenn du kannst; aber räche dich nicht. Die ungewöhnliche Aengstlichkeit, die zu meiner Verwunderung wie eine Wolke über den Sonnenschein von meines Oheims Angesicht gegangen war, verzog sich, und er entließ uns in Frieden. Geschwind genug brachte uns der Schlitten an den Berg, aber wir waren halb erfroren von der ungewohnten Fahrt. Mehrmahls bereute ich unterwegs, das Geschenk, welches mir die Frau Rathsherrin mit ihres Mannes Sonntagshandschuhen machen wollen, nicht angenommen zu haben; mehrmahls hätte ich wünschen mögen, daß unter dem engen Pelzmieder der Klare sich noch Raum für meine kalten Hände finden ließe. Wir erhohlten uns aber bald wieder, als wir zu Fuß die Höhe hinangingen. Es war ein prächtiger Wintermorgen; aus dem Schnee blitzten tausend Sonnen, und die Bäume waren mit Reif wie mit 247 Blüthen bedeckt; von fern tönte das sonntägliche Geläut der Dörfer im Thale, und um uns regte sich nichts, als hier und da ein einsamer Wintervogel, der in dem Gebüsche aufflog. Oben mußten wir noch lange auf des Berges Rücken fortwandeln, bevor wir zu dem Wirthshause kamen, das man uns genannt hatte, wo die Straße auf die andere Seite hinunterführt. Ein unvergeßlicher Weg. Jetzt umschloß uns dicker Wald, durch den die Sonne mannigfaltige Streiflichter warf, dann öffnete sich auf Einmahl eine ausgedehnte Aussicht über den heimathlichen See, auf welchem graue Nebel des Winters neben Feuerströmen der Sonne lagen; bald sahen wir über heraufsteigende Wolken hinaus ferne Dörfer, Hügel und Berge, wie Erscheinungen aus dem Reich der Träume. Wessen Seele erhebt sich nicht auf den Bergen, und wer hat je mit einer jugendlichen Freundin eine feyerliche Einsamkeit durchwandelt, daß nicht die Herzen sich öffneten, und das verschlossene Wohlgefallen laut wurde! Wir freuten uns unsrer Bekanntschaft und unsrer Reise auf's neue; wir priesen die Natur, den Oheim und den Bettler. Bald sangen wir, bald jagten wir uns wie die Kinder, indem sie an die Baumzweige schlug, daß der Schnee auf mich herabfiel, und ich drohte dann den weißen Hut auf sie abzuschütteln; bald waren wir ernsthafter, gingen Hand in Hand, und besprachen uns über ihren hülfreichen 248 Eintritt in unsre Haushaltung, wovon das Resultat, wie leicht zu erachten, ein Leben aus der goldenen Zeit war. Ich fand immer mehr Edles in ihren Gesinnungen, sie Uebereinstimmendes in unsern Gefühlen. An einer schönen Stätte, auf einem hervorspringenden Felsen, wo man den ganzen See übersahe, von der sonnebestrahlten Stadt bis wo er sich in weiter Ferne in die Winterdüfte verlor, erneuerten und heiligten wir unsern Bund mit dem zarten Kusse der Freundschaft. Ich möchte wohl jemand fragen, der es wissen kann und die Wahrheit sagt, ob es eine innige Freundschaft zwischen beyden Geschlechtern geben könne ohne einiges Gefühl der Liebe? – Da ich mich nicht besser beschreiben will, als ich war, so gestehe ich, daß ich nicht nur von dem gebildeten Geiste der Klare eingenommen war, und an ihrer schönen Seele Vergnügen fand, sondern daß auch das leibliche Thun und Lassen des Mädchens mir gefiel. Der rasche Gang bei der weichen Anmuth ihrer Glieder, das frische Gesicht, das anschmiegende Pelzmieder, der runde Nacken unter dem aufgeflochtenen braunen Haare hatten Reiz für mich; und wenn sie lachte, und die auch vor dem Schnee noch weißen Zähne unter den rothen Lippen sich zeigten, hätte ich ihr den angebothenen Kuß nicht verweigern können, wäre er auch mehr als brüderlich gewesen. 249 Als wir endlich bey dem Haus auf dem Berge anlangten, trafen wir ein großes Gastmahl von Männern und Weibern aus der umliegenden Gegend an, die theils von der Bundesbeschwörung aus Arau zurückkamen, theils die Rückkehrenden abhohlten; darunter war auch der dicke Mezger, der in Lenzburg auf dem Tisch geschlafen hatte, er schien uns aber nicht mehr zu kennen. Wir wurden nicht gerne gesehen, weil wir als Fremde die Vertraulichkeit störten. Der Wirth war darüber in Verlegenheit; endlich ließ er uns doch an einem entfernten Tische niedersitzen, und bediente uns geschwinde, in der Hoffnung, daß wir desto zeitiger wieder abziehen würden; wir haben noch weit, bemerkte er, ob er gleich nicht wußte, wohin wir gingen. Seine Verlegenheit war aber auch nicht ohne Grund, denn der Wein hatte schon so weit auf seine Gäste gewirkt, daß sie ihre Herzensangelegenheiten unserthalben nicht lange zurückhalten konnten, und uns bald ein muthwilliges, oft böses Geschwätz hören ließen. Wir hielten uns sehr stille, denn wir merkten bald, wes Geistes Kinder sie seyen, besonders da sie einen gedruckten allgemeinen Schutzbrief für die Freunde der Freyheit vom französischen Geschäftsträger, dergleichen ich schon in Bremgarten gesehen, mit einem solchen freudigen Glauben unter sich herumgehen ließen, daß ich nur meinen noch bessern Adelsbrief hätte 250 hervorziehen dürfen, um an ihrem Mahle obenan gesetzt, und als ein bedeutender Vaterlandsfreund mit vollen Gläsern begrüßt zu werden. Einige von ihnen hatten unter den mehrjährigen Staatsgefangenen in der Hauptstadt nahe Verwandte, und jubelten jetzt über ihre bevorstehende Erlösung, die sie für gewiß annahmen; das mochte ich ihnen auch wohl gönnen, aber ein Geist der Rache tönte aus ihren Reden hervor, der mich erschreckte, und ein Spott über geistliche und weltliche Obrigkeit, der, wenn er auch verdient gewesen wäre, im Munde dieser groben Gesellen höchst widrig war, und wenig Gutes von einer Regierungsveränderung erwarten ließ, die von solchen Verächtern des Heiligen betrieben ward. Ueber das Leichenmahl in Arau, wie sie das Bundesfest nannten, waren sie grimmig zu sprechen, weil so viel Volk aufrichtigen Antheil daran genommen, und die Sache wirklich viel Feyerlichkeit gehabt haben muß. Die Sonne fing an zu scheinen, erzählte einer, gerade als die Gesandten auf die Bühne traten, aber sie zog sich augenblicklich zurück, als sie das politische Blendwerk sahe. – So, dachte ich, werden hingegen andre eine günstige Vorbedeutung darin finden, daß die Sonne gerade im schönsten Momente ihre Strahlen auf die Feyerlichkeit warf. Obgleich sie weder das eine noch das andre mag im Sinne gehabt haben, so höre ich es doch lieber, wenn man die Natur Freude als wenn man sie Leid am Menschen haben läßt. 251 Aus ihren Reden entnahm ich, daß bey den Deputatschaften an die Gemeinden des Landes zur Wiederherstellung der Eintracht allerhand störrige Auftritte vorgefallen seyen, und überhaupt Unordnung und Ungehorsam schrecklich überhand genommen haben, so daß nunmehr laut ausgesprochen werde, was man bey meiner Abreise nur noch durch Winke zu verbreiten suchte. Darum zeigten auch diese Gäste jetzt so wenig Zurückhaltung mehr. Als endlich der Lärm allzugroß wurde, fingen die Weibspersonen an zu singen; das war uns lieb, denn nichts ist peinlicher, als dem unvorsichtigen Geschwätz einer tobenden Gesellschaft zuhören und sich stellen zu müssen, als merke man nichts. Sie fanden aber nicht lange Geschmack an den Schweizerliedern, denn es befand sich ein kleiner Liebetraut aus Deutschland unter ihnen, der den Poeten machte, und war wie Quecksilber, der las den Mädchen mit schwülstiger Geberde seine eigenen Freyheitslieder vor, die sie nach bekannten Weisen unter dem Beyfall der Männer absangen; wobey er, nach dem Verlangen eines Mannes von Geschmack aus der Gesellschaft, sie zugleich in der deutschen Aussprache derselben üben mußte. Also auch bey dieser Partey wieder Lieder von so fader Begeisterung, sagte ich zu Klare: ich glaube es werden in keinem Lande mehr gemacht als bey uns. Und doch, behauptete sie gehört zu haben, finde sich kein wahrer Dichter in der ganzen Schweiz. 252 Die weibliche Neugier trieb einige Mädchen, sich der Klare zu nähern, deren fremde feine Landestracht ihnen auffiel; sie standen aber nur um unsern Tisch herum, und begafften sie ohne ein Wort zu ihr zu sagen, und wußten nicht einmahl zu antworten, als diese ihren Gesang rühmte. Mir näherte sich ein junger Mensch mit rothen Haaren, der neben dem Mezger gesessen hatte; er führte einen großen Hund am Halsbande, und fragte mich in einem ungeschliffenen Tone, wo ich her sey. Ich komme von Basel, war meine Antwort. Seyd Ihr ein Spion? Wenn ich auch einer wäre, würde ich sagen, Nein! Seyd Ihr ein ehrlicher Mann? Ja, und Ihr? Diese Antwort beleidigte ihn, der ohnedieß Händel suchte, wie ich wohl sah. Er fing an zu schimpfen, und wollte den Hund auf mich hetzen; ich faßte aber stillschweigend mein spitzes Tischmesser in die Hand, welches ihn zurückhielt. Ueber seinem wilden Geschrey hatte sich ein Theil der Gesellschaft um uns versammelt, und es wäre mir Böses widerfahren, hätte nicht zuerst mein Messer mir Achtung verschafft, und dann der Poet sich gutmüthig auf das Flehen der Klare und der Mädchen in's Mittel gelegt, und den rothhaarigen Burschen hinweggestoßen. 253 Nun blieb mir aber nichts anders übrig, um mit heiler Haut aus dieser gefährlichen Gesellschaft wegzukommen, die nun erst zu bereuen schien, mit so wenig Rückhalt vor uns gesprochen haben, als mit meinem französischen Talismann herauszurücken, von dem ich jetzt weit früher als ich dachte Gebrauch machen mußte, und zwar auf eine Art, die nicht in seiner Bestimmung lag. Ich überreichte ihn dem kleinen Poeten; in der Hoffnung, sagte ich, dieser Paß werde die Herren am beßten von meiner Unschuld überzeugen. Er that auch seine schnelle Wirkung, wie alles was mit dem Siegel eines triumphierendes Zeitgeistes gestempelt ist; der Poet wies ihn noch ein paar Männern, die neben ihm standen, und der plumpe Zorn ihrer Mienen verwandelte sich zusehends, so wie sie die Schrift halblaut lasen, in Sanftmuth, und diese Veränderung gewann auch bald die übrige Gesellschaft. Man nannte mich einen Freund und Bruder, entschuldigte sich, machte dem jungen Menschen Vorwürfe, und zwang uns, Versöhnung zu trinken; er machte aber immer noch ein böses Gesicht. Der dicke Mezger sagte kein Wort, aber die Mädchen sprachen jetzt mit Klare. Um jedoch weiterer Vertraulichkeit zu entgehen, nahmen wir bald Abschied, obschon einige, die auch einen Theil unsers Weges zu machen hatten, uns ihr Geleit anbothen, wenn wir noch ein wenig säumen wollten; wir dankten aber Gott, als wir wieder unter 254 freyem Himmel waren. Der alte Klaus hat Recht gehabt, sagte Klare, daß es unterwegs unsicher sey. Er sagte zwar jenseit des Berges, erwiederte ich, indessen liegt das Haus wirklich schon am Abhange; vermuthlich wußte er, der allenthalben herumkömmt und alles erfährt, etwas von diesem Schmause, und den Gesinnungen der Gäste. Und von deinem Trotz, that Klare hinzu. Wir wandelten fröhlich unsre Straße ohne etwas Böses zu ahnden, und mochten noch etwa eine halbe Stunde von Horgen am See, wo wir übernachten wollten, entfernt seyn, als in einem kleinen Walde, wo es schon anfing dunkel zu werden, ein Fuhrwerk hinter uns hergerollt kam. Zum Glück war Klare eine Strecke voraus, denn, noch ehe ich mich recht umsehen konnte, sprangen zwey Hunde wüthend auf mich los, und indem ich den einen, der an mir aufstand, vom Gesichte wegstieß, fuhr mir der andre nach den Beinen; es gelang mir aber diesen mit meinem Knotenstocke niederzuschlagen, und auf sein scheußliches Geheul zog sich der andre zum Wagen zurück. Der Mezger und sein rother Gesell – wer anders hätte es seyn können als die Bösewichter! – fluchten und hetzten noch immer, allein der Hund hatte den Muth verloren. 255 Klare kam zitternd mit einem kleinen Messer in der Hand herzugelaufen, ich hieß sie zurückbleiben, und sprang mit aufgehobnem Stock an das offene Fuhrwerk hin, fest entschlossen, die Kerle wie ihren Hund zu behandeln; doch die Memmen warteten mich nicht ab, sondern jagten davon. Ich sah mich nach einem Stein um, ihnen an die Köpfe zu werfen, aber der Boden war mit Schnee bedeckt, und der Wagen zu geschwind weit. Sie pfiffen noch eine Zeit lang dem zurückgebliebenen Hunde, allein der hatte das Aufstehen vergessen, der Rückgrath war ihm gebrochen, er winselte erbärmlich. Meine Freundin, blaß wie der Tod, machte mich auf den blutigen Schnee aufmerksam, und fragte, wo ich verletzt sey? Erst jetzt ward ich meiner Wunde inne; sie blutete stark, das Thier hatte mir den Fuß über dem Knöchel zerfleischt. Ich setzte mich auf einen Baumstamm nieder, um auszuruhen, und mußte zugeben, daß sie mir mit schwesterlicher Hand die Wunde mit Schnee auswusch und mit ihrem Tuche verband. Wir begaben uns zwar bald wieder auf den Weg, allein je weiter ich ging, desto mehr schmerzte mich die Wunde und schwoll der Fuß auf, so daß ich das Dorf nur mit Mühe und nicht ohne den Beystand der Klare erreichen konnte; wo ich mich sogleich, von Frost und Schmerz überwältigt, auf ein Bett werfen 256 mußte. Klare schickte ohne mein Wissen nach einem Wundarzte, und es traf sich zum Glück, daß dieß einer von den verbrüderten Männern, von welchen ich in Meilen den Auftrag nach Basel erhalten hatte, und ein durch seine Kunst im ganzen Lande wohlbekannter Mann war. Ein Glück nenne ich es, denn als ich ihm die Geschichte erzählte, zeigte es sich, daß der dicke Mezger, dem ich meinen Unfall zu danken hatte, der Schwiegersohn des Wirthes war, bey dem ich mich befand, und also das Ansehen des Wundarzts nöthig sey, um unangenehme Folgen zu verhüthen. Freylich war der Mensch wegen seines besoffenen Charakters jedem rechtlichen Mann, auch seinem Schwiegervater verhaßt, und ich war der beleidigte Theil, nicht er; gleichwohl kömmt in dergleichen Fällen der Unbekannte und Auswärtige, wenn er auch das Recht auf seiner Seite hat, vor Verwandten und Bekannten nicht selten zu kurz. Nachdem er mich verbunden, und bemerkt hatte, der Biß sey ziemlich tief gegangen, welches ich wohl fühlte, so ging er hinunter, nur dem Wirthe den Vorfall bekannt zu machen, der dann selbst zu mir kam, und seinen Unwillen über den ungerathenen Tochtermann mit vielen Entschuldigungen erklärte, und mir durch seine Pflege zu zeigen versicherte, daß er gern so viel an ihm liege wieder gut machen wolle. Wirklich ließ er sogleich ein Bett in einem warmen 257 Zimmer zurecht machen, und half mir mit aufrichtiger Sorgfalt hinüber. Ich hatte nunmehr keinen andern Gedanken noch Wunsch als nach Ruhe, denn das Stechen und Spannen der Wunde wurde unerträglich, und machte mich für alles andre gleichgültig und kleinmüthig. Der Wundarzt versicherte aber, die starke Entzündung komme nur vom Gehen her, und morgen werde mit ihr auch der Schmerz abnehmen. Er wollte mir einen Wärter zuordnen, allein Klare wollte es nicht zugeben; sie sey meine Schwester, sagte sie, und werde sich diese Nacht nicht von mir trennen. Bey ihrer sorgsamen Hülfsbegierde sah sie den Zwang nicht, den sie mir anthat. Nach und nach fühlte ich meinen Verstand in Fieberhitze dahin schwinden, und traumähnliche Bilder, die sich immer mehr der Wirklichkeit näherten, mich umgeben. Zwar verlor ich mein Bewußtseyn nie ganz, es war aber blos leidend, und erschien mir, wenn ich es suchte, wie ein Säugling, der in einer heftig schaukelnden Wiege neben mir läge. Ich konnte nichts mehr ohne Bilder denken; mein Bett ward mir zu einer finstern Felsenhöhle, und das Nachtlicht zu einem großen Feuer, das mich zu verzehren drohte; hinter demselben stand mit ängstlichen Geberden meine Frau, und suchte vergeblich durchzudringen. Hoch über mir am blauen kühlen Aether sah der alte Klaus 258 in mein brennendes Feuer herab, zwar mit aufgehobenem Zeigefinger, aber mit der Miene des Friedens und väterlichen Wohlwollens.     Spätere Nachschrift. Mit diesem Vorfall, den ich als die letzte Warnung ansah, hatte mein staatsgeschäftiges Treiben ein Ende. – Zur Befriedigung mancher, denen ich die Erzählung mittheilte, und denen der leidende Ausgang nicht genügte, mag es dienlich seyn noch beyzufügen, daß der alte Oheim, von meinem Unfalle berichtet, sich so gleich beeilte mich zu besuchen. Da aber meine Wunde sich noch nicht zur Besserung anließ, und weil das Ereigniß der Klare selbst zugesetzt hatte, ihr auch dieser Aufenthalt, die schwesterliche Pflege meiner ausgenommen, gar nicht zusagte, so führte sie der kluge Mann nach Bremgarten zurück, wo sie in Gesellschaft der dortigen Freundin sich erholen, und dann bey ihm bleiben sollte. Und da die Besorgniß um meine Marie mir nie aus dem Sinn kam, so ging er selbst unverzüglich, mit einigen Zeilen von mir begleitet, sie abzuholen. Ihre Gegenwart war meine beßte Heilung. 259 Nach einem kurzen Besuche, den sie in des alten Herrn Wohnung, vor dem die liebe Seele aus Respekt kaum aufzusehen wagte, und bey der unvergeßlichen Klare gemacht, fuhren wir beyde, so bald ich fortkommen konnte, nach unsrer stillen Heimath zurück, glückselig einander wieder zu haben, voll Dankes gegen Gott – ich dankte sogar für meine Wunde – und gerührt von der Großmuth unsrer neuen Freunde. Mein Zustand erlaubte mir noch nicht, meinem Gewerbe nachzukommen, und die immer überhand nehmende Verwirrung im Lande hätte mich ohne dieß abgehalten, viel unter die Leute zu gehen; ich benutzte also diese Muße, nach dem Rathe des Oheims, zum Aufzeichnen meiner kurzen Revolutionserfahrungen, froh im Hafen der Ruhe eingelaufen zu seyn, ehe der unbändige Sturm auch mich ergriff, der mehr noch die menschlichen Gemüther, als das Land selbst verwüstete. Der väterliche Freund aber hielt es in seiner Umgebung, wo nunmehr auch alles drunter und drüber zu gehen drohte, ja schon von feindlichen Heeren die Rede war, nicht länger aus, sondern bereitete sich mit Klare, die ihm jetzt unentbehrlich geworden, und auch nicht von dem verehrten Greise weichen wollte, nach Holland und vielleicht noch weiter zu ziehen. Er begehrte auch uns mitzunehmen, aber die nahe Niederkunft meiner Frau, und die Schwachheit ihrer Mutter, ließ es nicht zu; wir mußten noch ausharren in 260 manchen bösen Tagen, doch die Freud' am Kinde tröstete Marien über alles, und mich das Wohlgefallen an beyden. Jetzt lebt der Oheim in England, wo auch die Klare einen würdigen Mann gefunden hat. Häufig laden sie uns zu sich ein, und was könnten wir in gegenwärtigen Zeiten besser thun, als bald zu folgen!