Benno Rüttenauer Der nackte Kaiser Novellen   München bei Georg Müller   1927 Der nackte Kaiser und der heilige Jovinian Es geht aus alten Zeiten eine Mär, die sehr seltsame und fast unglaubliche Dinge raunt über den ehemals mächtigen Kaiser Jovinianus aus den griechischen Morgenlanden, der, nachdem er viele Jahre in gottlosem Hochmut als Herrscher gewaltet, seines Reiches und seiner Macht verlustig ging und ein frommer und demütiger Mensch und Heiliger Gottes geworden ist. Sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater hatten in ruhmreichen Kriegen ringsum all ihre Feinde niedergeworfen, hatten das Reich um das Dreifache vergrößert und aus ihren Beutezügen und Eroberungen unermeßliche Schätze um sich aufgehäuft, also daß Kaiser Jovinianus, nachdem er noch sehr jung an Jahren die Erbschaft all dieser Herrlichkeiten angetreten, sich mit einem Schlag zum reichsten und gewaltigsten Herrn der Erde erhoben sah, dem selbst die fernsten Könige durch glänzende Gesandtschaften ihre Huldigung darbrachten in fast scheuer Ehrfurcht, gerade als wenn sie seine Untertanen gewesen wären. So gab es für ihn keine Kriege zu führen, und ein anderer wäre an seiner Stelle vielleicht ein weicher Wollüstling oder ein wüster Schlemmer geworden, doch Jovinianus zeigte sich nicht von solcher Art. Seine Natur drängte ihn zur Tätigkeit. Da schienen ihm denn zunächst die kaiserlichen Gewänder, wie sie bisher üblich waren, allzu einfach und ärmlich für seinen Rang und Reichtum, und er ließ daher, und gleich in großer Anzahl, viel prunkvollere anfertigen, zu denen er selber eigenhändig die Zeichnungen entwarf. Auch über die Ausführung wachte er, und wehe dem Gewandkünstler, wenn da eine Goldborte um ein Haar zu hoch oder zu nieder saß oder um ein Haar zu dünn oder zu schmal ausfiel, oder wenn die farbigen Steine, die blutroten Rubine und die grünen Smaragde, die blauen Saphire und die gelben Topase und violenfarbigen Amethyste in Größe und Zusammenstellung von seinen Zeichnungen nur um ein halbes Haar abwichen. Da geriet er dann leicht in Wut und griff zum Stock oder zu seiner Hundepeitsche und manchen auch ließ er lebenslänglich ins Gefängnis werfen. Solche Mühe und Arbeit gab er sich aber nicht nur für seine höchsteigenen kaiserlichen Gewänder, auch für die seiner Feldherrn, obwohl sie nichts zu tun hatten, und seiner Generäle und Obersten gab er, den kleinsten Knopf nicht vergessend, peinlich genaue Vorschriften, und ebenso für den tausendköpfigen Troß von höheren und niederen Hofbeamten, von Leibdienern, Türstehern, Läufern, Trabanten und sonstigem Gesinde bis zum letzten Küchenjungen hinunter. Auch gewisse alte Ruinen und Mauertrümmer gaben ihm Gelegenheit zu einer hochwichtigen Beschäftigung. Von diesen Ruinen ging die Sage, daß sie einst in den alten Zeiten die Paläste berühmter Könige gewesen waren, so des Cyrus, des Xerxes, des Artaphernes und anderer. Er bemühte sich nun, sich vorzustellen, wie diese sagenhaften Paläste ehemals ausgesehen hatten, und verfertigte alsofort Grund- und Aufriß derselben, um sie wieder funkelnagelneu herstellen zu lassen. Das kostete ihn ein Heidengeld, aber dafür entstanden nun auch dutzendweise so unerhörte, so märchenhafte, so phantastische Bauten, daß die Leute davor Maul und Augen aufsperrten. Darum durfte er überzeugt sein, seine Vorfahren auch an Tugend und Verdienst weit zu übertreffen, wie er sie übertraf an Macht und Reichtum. Jene hatten das Reich um das Dreifache vergrößert, er selber vergrößerte um das Sechsfache den kaiserlichen Palast, und die alten Teile desselben ließ er von unten bis oben neu vergolden. Er baute auch, seine Vorfahren hatten daran nicht gedacht, in der Nähe des kaiserlichen Palastes, den sogenannten Gral, mit Wänden von dunkelblauem Achat und Säulen von grünem Porphyr, deren Kapitäle in rotem Golde strahlten. Dahinein paßten natürlich keine armen Leute und überhaupt kein gemeines und geringes Volk, sondern eben nur das glänzende Hofgesinde, angetan mit goldbebordeten Kleidern nach der Erfindung des Kaisers. Von diesen hatte jeder darin einen numerierten Platz und jeden siebenten Tag fanden sie sich darin zusammen, und wenn dann der Kaiser erschien mit seinem prunkhaften Gefolge, da warfen sie sich nieder mit den Stirnen am Boden und beteten ihn an. Dabei sagten sie, daß sie Gott anbeteten. Kaiser Jovinianus aber blickte feierlich über sie hin und legte sein Gesicht in strenge Falten, aber in seinem Innern lächelte er wohlgefällig, denn er wußte, daß er es sei, den sie anbeteten. Auch sprach er oft seinen Namen so vor sich hin: Jovi-nianus, Jovi-nianus. Wahrlich, sagte er bei sich, das ist schon die halbe Deklination Gottes: Jovis, Jovi, Jove; der Kaiser war auch ein großer Grammatiker. Aber nicht nur im Dom oder Gral, auch im Palast und in der Arena, und wenn er sich auf dem Markte sehen ließ, kurz allüberall, wo es auch sein mochte, näherte sich ihm Hoch und Niedrig in anbetender Haltung. Solches entsprach durchaus dem heimlichen Wunsch seines Herzens, und er hatte wahrlich großes Wohlgefallen daran. Doch oft machte es ihm auch Langeweile, da es eben immer dasselbe blieb und gar keine Abwechslung bot. Langeweile und böse Laune sind aber schon fast gleichbedeutend. Dann wurde es gefährlich in der Nähe des Kaisers. Sogar seinem Lieblingshund Philo, einem großen schwarz- und weißgefleckten Dalmatiner, ging es dann schlecht, er bekam nicht nur böse, giftige Blicke, sondern auch rohe Fußtritte mehr als genug. Doch wie das schöne Tier auch mißhandelt wurde, es wich doch nicht von der Seite seines Herrn, sondern wartete geduldig besseres Wetter ab. Auch die Menschen, Türsteher, Trabanten und Leibdiener wie auch die anderen, die im Heer dienten und im Staat, bemühten sich zitternd, den Hund nachzuahmen. Das gelang ihnen aber keineswegs immer. Seinen Mundschenken Philaledes ließ der Kaiser eines Tages ans Kreuz heften, weil er in wahnsinniger Angst seines Herrn kristallenen Mundbecher, wozu der Kaiser selber die Zeichnung gemacht hatte, der zitternden Hand entgleiten ließ, daß er auf die Fliesen niederstürzte und zersplitterte. Und seinen Koch Prosper ließ er bis aufs Blut mit Skorpionen geißeln, weil eine Fasanenpastete nicht mit gezackten Teigstreifchen genau so in Figuren ornamentiert war, wie es der Kaiser angegeben hatte. Selbst die angesehensten und verdienstvollsten Männer in hohen Stellungen entgingen nicht immer ihrem Verderben. Nicht einmal der Graf Theophrastus. Der hatte schon dem Vater und Großvater des Jovinianus in Treue gedient als Erster im Rat, und seiner hohen Weisheit und Welterfahrenheit verdankten sie fast einzig ihre erstaunlichen Erfolge in ihren kriegerischen und sonstigen Unternehmungen. Der Kaiser Jovinianus wußte das sehr wohl und hielt darum, wie es den Anschein hatte, große Stücke auf den Grafen. Er zeichnete ihn aus vor allen anderen und überhäufte ihn mit Liebkosungen jeder Art. Aber eines Tages, als wieder der böse Geist ihn überkam und Theophrastus sich ihm ehrerbietig nahte und es gar wagte, wenn auch in den ehrfürchtigsten Worten, ihm einen leisen Vorhalt zu machen, wegen mannigfaltiger Rücksichtslosigkeiten, unter denen so viele treue Diener leiden mußten, da ergrimmte das Herz des Kaisers derartig, daß er sich in seiner blinden Wut zu einer grauenhaften Handlung hinreißen ließ. Wie außer sich, mit blutunterlaufenen und weit hervorgequollenen Augen stierte er den Grafen einen Augenblick an. Dann packte er die ehrwürdige hohe Gestalt des treuen Ratgebers an der Kehle und schüttelte ihn, den Mann mit den ehrfurchtgebietenden weißen Haaren, und schüttelte ihn immer wieder, und erst als der Greis schon fahl und blau wurde im Gesicht, ließ er ihn los. Mit einer barschen, befehlerischen Handbewegung wies er ihm die Tür. Dann tippte der Kaiser mit dem Fingerknöchel an die kunstreich ziselierte Messingtrommel, die vor ihm auf dem Tische stand, daß ein unheimlich vibrierender Ton von ihr ausging. In demselben Augenblick stand, wie aus dem Boden gewachsen, eine fürchterlich aussehende Gestalt vor ihm, nackt von oben bis zum Gürtel, mit einem Turban auf dem Kopf, und um die Hüfte hatte er einen mächtigen krummen Säbel geschnallt, der ergebenste Sklave des Kaiser und der Oberste seiner geheimen Leibwache, die der Kaiser Jovinianus seine Mamelucken nannte. Die Arme über der nackten Brust gekreuzt, harrte der Mameluck seines Auftrages. »Freund Pyrrhus,« sprach der Kaiser, »gehe dem Grafen Theophrastus nach, und wo du ihn erreichst, melde ihm diesen meinen Befehl: daß er, noch bevor der Sand abgelaufen ist im Stundenglas, den Palast und die Residenz zu verlassen und sich auf sein Landgut hinter dem großen Wald zurückzuziehen habe, und niemals solle er es wagen, mir je wieder vor das geheiligte Angesicht zu treten.« Nachdem er diesen Befehl erteilt hatte und Pyrrhus weggeschritten war, wurde der Kaiser wieder ruhigeren Gemütes. Er bereute aber das Geschehene nicht. Er fühlte sich im Gegenteil erleichtert und ganz und gar mit sich zufrieden. »So, den hätte ich los,« sagte er vor sich hin. Denn allen Liebkosungen und allen Ehrungen vor der Welt zum Trotz, hatte er längst den Grafen Theophrastus heimlich in seinem Herzen gehaßt, wie man nur einen Todfeind hassen kann. Denn als solchen empfand er den Grafen, der es sich manchmal herausgenommen hatte, anderer Meinung zu sein als der Kaiser. Nichts aber konnte dieser weniger ertragen. Ja, er konnte sich nicht einmal denken, wie das möglich sei. Seine ganze Umgebung betete ihn an wie einen Gott, auch glich er wirklich in seiner ellenhohen Tiara und in seinen von Edelgestein und Gold starrenden Gewändern, wie er sie sich selber ausgedacht hatte, einem Götzenbild auf ein Haar. Und wenn er sich vielleicht auch Gott nicht ganz gleichstellte in seinem Herzen, so fühlt er sich doch überzeugt, ein Beauftragter Gottes zu sein, des Allerhöchsten, kurz ein solcher, dessen Gedanken und Urteile und Meinungen in allen Dingen die Menschen ohne Widerspruch, ja ohne Prüfung hinzunehmen hatten, als seien es die Ratschlüsse Gottes selber. Den Grafen Theophrastus hatte er los, aber nicht die Langeweile. Während er an dem neuen Herrscherstab und der neuen Tiara oder der Krone arbeiten ließ, wofür er über hundert Zeichnungen selber verfertigte und zwar für jede kleinste Einzelheit daran, und dann die Ausführung stündlich überwachte, verbrachte er die Zeit noch ziemlich unterhaltlich. Als er aber diese Arbeit glücklich zu Ende gebracht hatte, blieb ihm nichts übrig, als an den kaiserlichen Gewändern wie auch an denen seiner Feldherren, die nichts zu tun hatten, und seiner Generäle und Obersten bis zu seinen Trabanten, Leibdienern und Türstehern hinunter immer wieder kleine Veränderungen und neue Zieraten anbringen zu lassen, wie sein findiger Geist sie sich ausdachte. Dieses Geschäft bereitete ihm manche vergnügliche Stunde, jedoch länger und zahlreicher erwiesen sich die Stunden der Langeweile und üblen Laune. Vor diesem fürchterlichen Feind wußte er zuletzt nur eine einzige Rettung, die Jagd. Er ließ sich in Wald und Gebirg ein herrliches Jagdschloß bauen, und während mehrerer Monate des Jahres verlegte er dahin seine ganze Hofhaltung, auch sein Sohn Leo und die Kaiserin selber mußten ihm dahin folgen. Und wahrlich, hier trat ihn nicht einen Augenblick die Langeweile an; denn nichts vertreibt dieses scheußliche Gespenst sicherer als eine richtige hitzige Leidenschaft. Zu einer solchen aber wurde ihm jetzt die Jagd. Täglich in aller Frühe zog er mit zahlreichem Gefolge hinaus in die gebirgige oder waldige Wildnis, durch felsige Schluchten und die Nacht uralter Bergwälder, und so oft es ihm gelang, einen wilden Eber zu erlegen mit seinem Speer, durchrieselte ihn das wohlige Behagen der süßesten Selbstzufriedenheit. Es begegnete ihm, daß er manchmal ihrer ein Dutzend tot nach Hause brachte, nicht zu reden von den sperrästig gehörnten schnellfüßigen Hirschen, deren er manchmal ein volles Hundert an einem Tag mordete. Dann fühlte er sich als den glücklichsten Menschen unter Gottes Sonne, also daß man wohl sagen darf, er habe für einen so mächtigen Kaiser, als der er sich wußte, an das Glück keine allzu hohen Anforderungen gestellt. Und um dieser Bescheidenheit willen geschah es vielleicht, daß der allgütige Gott im Himmel sich seiner armen Seele erbarmte – denn vor ihm, dem Allerhöchsten, ist auch ein so mächtiger Kaiser nur eine arme Seele – daß er sich seiner erbarmte und ihn den Weg führte zu seinem ewigen Heil, wie es aus dem Nachfolgenden des näheren zu ersehen ist. Es ereignete sich nämlich, bei einer jener Hetzjagden an einem heißen Tag im Monat Junius, daß der Kaiser in Verfolgung eines mächtigen schwarzen Hirsches von seinem Gefolge weit abirrte und sich dann plötzlich, der Hirsch war ihm aus den Augen gekommen, als ob ihn der Boden verschlungen hätte, am Ufer eines breiten Stromes sah, vor dessen Wogen sein schaumbedecktes Pferd haltmachte. Im Anblick der kühlen Flut, über der die heiße Luft brütete, kam dem Kaiser das Verlangen, sich in den klaren Strom zu tauchen zur Erquickung des Leibes und der Seele. Er hielt gerade bei einer jungen Silberpappel mit weißem Stamm, daran band er sein Pferd und stand dann da wie einer, der auf etwas wartet. In der Tat meinte er einen Augenblick, daß nun ein Dutzend fürsorglicher Hände sich in Tätigkeit setzen würden, um ihn seiner kaiserlichen Gewänder zu entledigen. Doch dann mußte er selber lächeln über seinen Wahn; denn wo sollten in dieser fernen Einsamkeit die Diener herkommen, um ihn zu entkleiden. Er würde sich aber trotzdem weniger erstaunt haben, wenn die alten knorrigen Weidenstrünke am Flußufer sich plötzlich in dienstbare Geister verwandelt hätten, als er sich darüber verwunderte, daß er wahrhaftig jetzt selber Hand anlegte, was er doch gar nicht kannte, und es ihm wirklich gelang, sich ohne fremde Beihilfe von seinen Kleidern zu entblößen. Mit unbändigem Lustgefühl stürzte er sich in die wohlige Kühle des feuchten Elements, und da er sich einen guten Schwimmer wußte, beschloß er bei sich, den Strom zu durchschwimmen. Dabei trieb es ihn eine gute Strecke stromabwärts, aber er erreichte doch glücklich das andere Ufer und warf sich dort, nicht wenig ermattet, langgestreckt ins hohe Gras, gerade unter den Ästen eines wilden Feigenbaumes. Und wieder mußte er heimlich in sich hineinlächeln. Vor einer Stunde noch, dachte er, wäre mir ein Kaiser, der wie ein nacktes Tier auf der bloßen Erde liegt, eine unmögliche Vorstellung gewesen und nun bin ich selber dieses Tier. Wie er also dachte, fühlte er plötzlich etwas Kaltes auf seiner Brust. Er drückte das Kinn gegen den Hals, um mit den Augen danach zu spähen, und siehe, er gewahrte eine dicke warzige Kröte, die sich eben in Bewegung setzte, um gegen seinen Hals und vielleicht zu seinem Mund hinaufzukriechen. Dieses ekle Reptil, sprach er bei sich, hält mich nun gar für seinesgleichen, und jedenfalls ahnt es nicht, daß ich der Kaiser bin, es hätte sonst gewiß nicht die Kühnheit, sich so vertraut mit mir zu machen. Zugleich erregte ein Geräusch über ihm seine Aufmerksamkeit. Er blickte in die Höhe und sah, wie in dem schlangenartig gewundenen Geäst des wilden Feigenbaumes ein rotes Eichhörnchen mit langem Fächerschwanz hin und her hüpfte und dabei seltsam glucksende Laute ausstieß, als ob es ihn höhnen wollte. Ja, einmal fiel dem Kaiser etwas Weiches und Warmes auf die Stirn, und als er danach griff, war es ein Kot. Das tanzt mir nun gar auf dem Kopf herum, dachte er, und höhnt mich noch mit seinem Geschwätz und besudelt mich gar in unerhörter Weise. Es ist wahrlich nicht angenehm, unter den Tieren ein Kaiser zu sein, diese Geschöpfe sind durchaus respektlos. Ich glaube, sie würden mich auslachen, wenn ich ihnen sagte, daß ich der Kaiser bin. Da sind die Menschen doch besser erzogen und von feineren Sitten. Er wäre nun gern der grauen warzigen Kröte ledig geworden, und weil er aus Widerwillen sich scheute, sie mit seinen Fingern anzurühren, richtete er sich mit seinem Oberkörper in die Höhe, um sie von sich abzuschütteln. Zugleich blickte er über den breiten, grünlichen Strom nach seinem Pferd unter jener glitzernden Silberpappel und sah das edle Tier, es war eine goldfarbene Fuchsstute aus der Berberei, sah das Pferd nicht allein, sondern einen Mann daneben, der, wie es schien, sich mit den kaiserlichen Kleidern zu schaffen machte. Und schnell legte er sich zurück und versteckte sich wieder tief ins hohe Gras. Das ist gewiß einer von meinen Leuten, dachte er; wenn der jetzt mein Pferd sieht und meine Kleider und mich hier nicht entdeckt, wird er glauben, ich sei ertrunken, und er wird zurückeilen, um den anderen das Unglück zu verkünden. Das ist ja fein, da kann ich bei lebendigem Leibe zusehen, wie mich meine lieben Untertanen als einen toten Mann beweinen und bejammern. Wie ich mich darauf freue, das ist einmal nichts Alltägliches. Ich werde mich ihnen auch nicht so schnell entdecken. Sie sollen immerhin eine geraume Zeit weinen und wehklagen um mich, und ich in meinem Versteck will mir heimlich ins Fäustchen lachen; solch ein Schauspiel für Götter, solch ein wahrhaft kaiserliches Vergnügen zu erleben, hätte ich mir heute früh nicht träumen lassen. Doch plötzlich sah der Kaiser gar nicht vergnügt aus. Ein verdrießlicher Gedanke fuhr ihm durchs Gehirn. Oder sollten sie gar – dachte er – wäre es möglich, daß – – daß sie gar nicht weinten und wehklagten über mich, daß sie gar frohlockten über meinen Tod? Aber das ist ja eine abscheuliche Schrulle, die mich da anfällt. Wäre denn so was wirklich glaubhaft? Nein, nein, es nur zu denken, ist schon ein Majestätsverbrechen. Und gottlob, daß ich nicht wirklich tot bin. Ich will sie schon Mores lehren. Wer nicht in lautes Wehgeschrei ausbricht, den will ich mit Skorpionen züchtigen lassen; wer aber gar ein Zeichen von Freude von sich gibt, soll mir am Galgen baumeln oder am Kreuz verbluten, da wird ihm der Kitzel vergehen. Alle will ich ans Kreuz schlagen lassen, wenn sie sich anders betragen, als wie ich es von ihnen erwarte. Einstweilen aber wartete er überhaupt vergeblich; auf dem andern Ufer blieb bis jetzt alles still. Einmal streckte er den Kopf etwas in die Höhe, da sah er drüben die Silberpappel einsam blinken in der Sonne, sein Pferd war verschwunden. Nun können sie jeden Augenblick anlangen, dachte er, und von neuem wartete er horchend. Aber nichts regte sich in der öden Einsamkeit, nur einige Unken im Schilf ließen von Zeit zu Zeit ihre unheimlich eintönigen Rufe vernehmen. Das Eichhörnchen über seinem Kopf war verschwunden und auf dem Schlangengeäst des Feigenbaumes, wo es sich lustig vergnügt hatte, hatte sich ein alter Kolkrabe niedergelassen, der den Kaiser mit seitwärts gedrehtem Kopf widerwärtig anglotzte. Wohl zwei Stunden wartete der Kaiser so. Endlich wurde es ihm zu lang. Es ist vielleicht besser, dachte er, wenn ich meine Leute nicht auf die Probe stelle, und bei diesem Gedanken erhob er sich und schwamm über den Strom zurück. Als er bei der Silberpappel anlangte, fand er nicht nur sein Pferd verschwunden, sondern auch seine kaiserlichen Kleider. Da stand er nun in seiner Nacktheit, sah verlegen an sich hinunter und wußte nicht, was er beginnen sollte. In seiner Not besann er sich, daß nicht allzu weit entfernt ein alter Kohlenbrenner seines Meilers wartete, dem er einmal beim Vorüberreiten in guter Frühlaune ein Goldstück zugeworfen hatte. Zu dem Mann will ich gehen, dachte er, und will ihn nach dem Jagdschloß schicken, daß er mir von dort meine kaiserlichen Kleider bringe. Er fand den Köhler bei seiner Arbeit. Der bis auf die Knochen abgemagerte Greis, geschwärzt am ganzen Körper und einzig mit einer Lendenschürze bekleidet, glich mit seiner Schippe in den Händen fast dem Bild des Todes. Mit dieser Schippe oder Schaufel umging er den rauchenden Meiler, und wo an einzelnen Stellen ein rotes Flämmlein durch die schwarze Kruste züngelte, bedeckte er die schadhaften Stellen mit neuen Erdschollen und Büscheln feuchten Rasens. Als der Köhler den nackten Mann auf sich zukommen sah, entfiel ihm vor Schrecken fast sein Werkgerät, und er starrte den Nackten an wie ein Gespenst, obwohl er doch selber wie ein solches aussah. »Fürchte dich nicht,« sprach Jovinianus, »ich bin der Kaiser, man hat mir, während ich im Flusse badete, die kaiserlichen Kleider gestohlen; darum sollst du auf mein Jagdschloß gehen und mir meine neue Gewandung holen, ich will es dir reichlich lohnen.« »Du bist nicht der Kaiser,« antwortete der Köhler, »du bist ein armer Narr, oder gar ein schlimmer Betrüger, und der Kaiser, wenn er von deinen Possen wüßte, würde dir's übel eintränken. Er ist vorhin bei mir vorübergeritten, hat mir freundlich zugenickt wie nie zuvor, und siehe, dieses Goldstück hat er aus der Tasche seines Rockes gezogen und mir höchsteigen in die Hand gedrückt.« Bei diesen Worten nahm er aus dem aufgeschürzten Lendentuch eine rote Münze und hielt sie dem Kaiser Jovinianus entgegen. »Der Schurke,« schrie dieser, »es ist mein Geld, er hat es mir gestohlen samt meinen kaiserlichen Kleidern und meinem Pferd.« »Nun sehe ich wohl,« sprach der Köhler, »daß du ein Elender bist und ein Verrückter. Und siehe, ich habe Mitleid mit dir. Da, nimm meine Lendenschürze und gürte dich damit, denn wenn du so nackig in bewohnte Gegenden kommst, werden dich die Leute für einen heidnischen Waldteufel halten und werden dich erschlagen.« »Ein Waldteufel,« knirschte der Kaiser; »so siehst du aus, mein Freund, und bist außerdem von allen dummen Teufeln der dümmste. Aber warte nur, Halunke, deine Flegelei soll dich teuer zu stehen kommen.« Gereizt von diesen Worten erhob der Köhler seine Schippe und drohte den Drohenden zu erschlagen. Doch der Kaiser entwischte ihm. Die schmutzige Schürze aber hatte er entgegengenommen und gürtete sich jetzt damit. Und ratlos, ja der Verzweiflung nahe, ging er durch Gestrüpp und Geklüft seines Weges weiter. O Gott, dachte er, wie werde ich mir aus dieser Lage helfen! Doch nun kam es über ihn wie eine Erleuchtung. Der Graf Theophrastus fiel ihm ein. Gleich hinter dem Wald liegt sein einsames Gehöft, dachte er; ich werde zu ihm gehen, und er wird mir seine Hilfe nicht verweigern; zwar verfuhr ich allzu barsch gegen ihn, aber er ist ein edler und hochgesinnter Mann, er wird mich meine Härte nicht entgelten lassen. Und schon lag das Landhaus des Grafen mit seinen Ställen, Scheunen und Gärten von hohen Mauern umgeben, vor ihm; an der Pforte saß der Torwärter, der mit einem kleinen Kinde spielte. Dieses Kind sah den nackten Mann zuerst und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Der Vater schloß das Kind zärtlich in seine Arme, um es zu beruhigen, und wandte sich dann unwillig gegen den nackten Unbekannten. »Wer bist du?« fragte er. Jovinianus antwortete: »Ich bin der Kaiser, man hat mir meine kaiserlichen Gewänder gestohlen, während ich im Flusse badete; führe mich vor deinen Herrn, den Grafen Theophrastus, er wird mich erkennen und mir aus der Verlegenheit helfen.« »Du willst der Kaiser sein?« versetzte der Türhüter, »das ist ja zum Lachen. Erst vor einer halben Stunde ist der Kaiser Jovinianus mit großem Gefolge hier vorbeigeritten. Du aber gedenkst wohl deine Possen mit mir zu treiben. Das soll dir schlecht bekommen. Folge mir vor den Grafen, da wird es sich zeigen, wie der Mann diejenigen bestraft, die den Namen seines Herrn eitel nennen. Zwar hat der Kaiser ihn niederträchtig behandelt und ist wie ein Holofernes und Nebuchodonosor mit ihm verfahren, dennoch nennt ihn der Graf noch immer mit unerschütterlicher Treue seinen Hohen Herrn und duldet nicht das leiseste unehrerbietige Wort gegen ihn. Komm nur, Freund Nudus, du wirst bald sehen, wie der Graf mit Gelichter deinesgleichen umzuspringen weiß; er ist überhaupt kein Freund von Taugenichtsen und Landstreichern.« Die mächtige Gestalt des Grafen Theophrastus wandelte gesenkten Hauptes in einem Laubgang des Gartens nachdenklich auf und ab. Er fühlte sich wunderlichen Gemütes wie schon lange nicht. Die Ursache davon aber war diese: Jedesmal, wenn es sich ereignete, daß der Kaiser auf seinen Jagdzügen an dem gräflichen Gehöft vorüberkam, was in letzter Zeit fast täglich geschah, mußte der Torwärter dies dem Grafen eiligst melden, der sich dann, da er sich dem Auge des Kaisers nicht zeigen durfte, hinter einen Vorhang seines Fensters stellte, um sich hier, ungesehen von dem Kaiser, tief zu verbeugen vor der geheiligten Majestät. Er tat dies freilich nicht einzig nur der Verbeugungen wegen. Mit erwartungsvollen Blicken und zitternder Erregung beobachtete er den Kaiser, ob dieser vielleicht einmal dem Hause seines treuen Dieners einen freundlichen Blick zuwerfen möchte. Aber immer blickte der Hohe Herr mit einem starren und strengen Gesicht geradeaus, als sei die Wohnung des Grafen für ihn nichts als Luft. Heute aber, vor einer halben Stunde, da war es anders gekommen. Da hat der Kaiser zum erstenmal freundlich nach dem Fenster hinaufgeblickt, als ob er den Wunsch gehegt, seinen alten treuen Diener dort zu erblicken und zu grüßen. Zitternd an seinem ganzen gewaltigen Körper hat der Kanzler gestanden, von Furcht und Hoffnung gleich heftig ergriffen: ob er etwa hervortreten und sich dem Kaiser zeigen solle. Er hat es nicht gewagt. Nur viel tiefer und ehrfurchtsvoller machte er seine Verbeugung unsichtbar hinter dem Vorhang. In seinem Tiefsten aufgeregt von diesem Erlebnis wandelte er jetzt im Laubgang des Gartens auf und ab, sich immer wieder von neuem fragend in ängstlicher Qual der Seele, ob sein Betragen richtig war oder falsch. Da nahte sich ihm der Türhüter mit dem nackten Kaiser. Gestört in seinen Gedanken blickte er sehr ungnädig auf die Eindringlinge. »Verzeihe, Herr,« sprach der Wärter, »dieser Narr und Schurke gibt sich für den Kaiser aus, ich dachte mir, du wirst eine solche Majestätsbeleidigung nicht ungestraft hingehen lassen.« »Was hast du zu antworten, Mensch?« fragte der Graf den Nackten kurz und barsch. »Um Gottes willen,« sprach dieser, »sieh mich doch an, mein lieber Graf Theophrastus, du kennst mich doch, ich bin der Kaiser; ich habe im Fluß gebadet und währenddessen hat mir ein Dieb meine kaiserlichen Kleider gestohlen, weswegen ich jetzt so nackt und bloß vor dir stehe.« Der Graf gab ihm gar keine Antwort. Dafür wandte er sich an seinen Diener. »Dieser Mensch ist entweder irrsinnig,« sagte er, »oder er ist ein Verbrecher der schlimmsten Sorte; wie dem aber auch sei, bringe ihn nach der Wachtstube, die Kerle dort sollen ihn auspeitschen und dann vor die Tür setzen, denn so hat es der Kaiser selber verordnet in einem Gesetz: wer den kaiserlichen Namen mißbraucht und eitel im Munde führt, der soll gepeitscht werden.« Mit diesen Worten wandte sich der Graf hinweg; der Torwächter aber stieß den Kaiser vor sich her und brachte ihn in die Wachtstube, wo zwei lange, ausgediente Soldaten unverweilt über ihn herfielen; sie peitschten ihn mit geknoteten Riemen, um ihn dann, ganz überdeckt mit blauen Wunden und Beulen zum Tor hinauszuwerfen. Dieser Schurke von Graf, dachte der mißhandelte Kaiser, er hat mich wohl erkannt, ich aber hätte es wissen sollen, wie rachgierigen Gemütes er ist. Er hat es mir nicht verziehen, daß ich ihm eines Tages den Herrn gezeigt habe. Doch wie kurzsichtig ist seine Rache, er soll sie mir bitterlich büßen, hundertfach will ich ihm seine Peitschenhiebe zurückgeben, und er kann Gott auf den Knien danken, wenn ich ihn nicht ans Kreuz schlagen lasse. Diese Gedanken von Wiedervergeltung trösteten ihn einigermaßen, und da er keinen anderen Ausweg mehr sah, entschloß er sich, so sehr es ihm in diesem elenden Aufzuge widerstrebte, den Weg nach dem kaiserlichen Jagdschloß zu nehmen; sein Sohn und seine Frau, die Kaiserin, würden ihn gewiß auf den ersten Blick erkennen. Als er sich dem Schlosse näherte, gewahrte er seinen Sohn Leo, der auf dem freien Rasen davor ein Pferd tummelte, einen schwarzen Hengst aus Arabia felix , den ihm der Vater erst kürzlich zu seinem Geburtstag geschenkt hatte. »Oh, mein Sohn Leo,« wandte sich der Kaiser an den kurbettierenden Jüngling, »sieh mich an, mein geliebter Sohn, sieh mich an und erkenne deinen Vater, den Kaiser, den ein leidiges Geschick in diesen Zustand versetzt hat.« Aber der Sohn erkannte seinen Vater nicht. »Hinweg, du räudiger Hund!« schrie er ihn an und versetzte ihm mit der Reitpeitsche einen Schlag ins Gesicht. Betäubt vor Schmerz und Scham taumelte der Kaiser zurück. Er wandte sich nun an eine Seitenpforte des Schlosses, wo ein alter ergrauter Diener die Wache hielt, den der Kaiser kannte als einen frommen und sanften Mann. Und wirklich hörte dieser den nackten und zerschlagenen Menschen ruhig an, so sehr er sich auch über dessen tolle Reden verwunderte. »Siehe, mein Freund,« sagte er zuletzt sanftmütig, »ich würde dir gern glauben, daß du der Kaiser bist, du siehst ihm wirklich ein wenig ähnlich. Aber nun sitzt der Kaiser, wie ich es mit eigenen Augen vorhin gesehen habe, drinnen in der Halle beim Mahl und scherzt in munterster Laune mit der Kaiserin an seiner Seite. Du wirst also zugeben, daß mir deine Behauptungen in die Ohren klingen müssen wie die Worte eines Tollhäuslers.« »Deine eigenen Behauptungen, guter Alter,« entgegnete der Kaiser, »klingen in meinen Ohren noch viel toller; aber willst du mir vielleicht einen kleinen Dienst erweisen?« Der Alte versetzte: »Gott zuliebe tu ich dir gern einen Gefallen, wenn er nicht meiner Pflicht gegen den Kaiser zuwiderläuft.« »Er wird dir, im Gegenteil, den Dank des Kaisers eintragen,« versicherte Jovinianus. »Tue mir also die Liebe und bringe mir zwei Schreibtäfelchen herbei und einen Griffel.« Solches tat der alte Pförtner, und der Kaiser schrieb einige Worte und Sätze auf die Innenseite der Täfelchen und verschnürte diese dann mit den daranhängenden Schnüren. »Nun habe ich noch eine Bitte,« fügte er bei, »nämlich, daß du diesen Brief der Kaiserin hineinbringest, die kleine Mühe soll dir reichlich belohnt werden.« Als darauf die Kaiserin, drinnen im Saal an der Seite ihres Gemahls, den Brief entfaltet und gelesen hatte, da sahen der Kaiser an ihrer Seite und sahen alle anwesenden Hofleute angstvoll zu ihr hin; denn ihr Gesicht war blaß geworden, und in ihren Augen lag es wie ein Ausdruck des Entsetzens, als wenn sich plötzlich ein Gespenst vor ihr aufgerichtet hätte. Nachdem sie sich aber vom ersten Schrecken erholt und ihrer Rede wieder mächtig geworden, sprach sie also: »Erschrick nicht, mein Kaiser und Gemahl, aber sehr seltsam und unbegreiflich ist das freilich. Nämlich in dem Brief schreibt mir ein Unbekannter, der an der Pforte steht, einige Dinge, die außer mir niemand wissen kann, als allein noch du, mein Gemahl und Vater meiner Kinder. Jener Mann draußen aber behauptet, das sei er und du seist ein Dieb und frecher Eindringling.« Als der Mann an ihrer Seite diese Worte vernommen, erhob er sich in all seiner kaiserlichen Pracht, und in heller Entrüstung rief er: »Führt mir den Schalk herein in den Saal.« Und da stand nun Herr Jovinianus inmitten all der goldenen Pracht, inmitten der schlanken Säulen von schwarzem Turmalin und blauem Achat und der gleißenden Wandbehänge von brokatenen und seidenen Stoffen mit eingewirkten Historien und Ornamenten, von Stoffen aus Damaskus und Trapezunt, aus Kalkutta und Bombay und anderen indischen Ländern, und stand vor einem Manne, angetan mit allem Schmuck und allen Zeichen kaiserlicher Würde und Hoheit, der ihn aus zornigen Augen streng anblitzte. Und da ging in seinem Innern eine merkwürdige Veränderung vor sich. Nie in seinem Leben hatte er an sich gezweifelt, auch nicht bei seinen noch so schlimmen Erlebnissen des heutigen Tages, nicht in der Wachtstube des Grafen Theophrastus, als ihn die rohen Soldaten mit Riemen blutig geißelten, und nicht vor seinem Sohn Leo, der ihn einen räudigen Hund nannte und ihn mit der Reitpeitsche ins Gesicht schlug; jetzt aber im Anblick der kaiserlichen Pracht und der kaiserlichen Gewänder wurde ihm das Herz klein und ein ihm ganz fremder Unglaube an sich selber packte ihn an. Und er fühlte deutlich, daß ein elender, nackter Mensch in seiner armen Blöße gegen das alles nicht aufzukommen vermöge. Seiner Gemahlin wagte er gar nicht in die Augen zu schauen; die seinigen dagegen schlug er zu Boden in erbärmlicher Beschämtheit. Der Mann an der Seite der Kaiserin aber erhob laut seine Stimme. »Meine Getreuen,« sprach er, »nun hört aufmerksam zu und merket Euch gut die Worte, die ich an jenen albernen Menschen richten werde. Du aber, elender Wicht und Frechling, sage mir: wer bist du und was führt dich hierher?« Dem Kaiser Jovinianus lag ein stolzes und herrisches Wort auf der Zunge, aber er brachte es nicht hervor. Fast demütig sagte er: »Ich glaubte der Kaiser zu sein und der Herr dieses Schlosses.« Und abermals erhob der Mann an der Seite der Kaiserin seine Stimme und sprach: »Euch, meine Getreuen, frage ich zuerst und frage Euch bei dem Eid, den Ihr mir geschworen habt, wer von uns beiden ist Euer Kaiser und Herr, ich, der dies zu Euch spricht, oder jener Tölpel und nackte Wicht?« »Bei dem heiligen Eid, den wir dir geschworen haben,« antworteten die Höflinge, »erklären wir: du bist unser Kaiser und Herr. Den Elenden dort haben wir nie gesehen. Dich aber haben wir von Jugend auf gekannt, und darum bitten wir dich einstimmig, daß der Frechling gestraft und ein abschreckendes Beispiel gegeben werde für jeden, der sich in Zukunft versucht fühlen sollte zu einer solchen unerhörten Anmaßung.« Darauf wandte sich der Mann an der Seite der Kaiserin mit liebreichen Worten an diese. »Sage mir, Geliebte meines Herzens,« sprach er, »sage mir bei der Treue, die du mir bis jetzt bewiesen und bewahrt hast, kennst du jenen Menschen dort, der sich deinen Kaiser und Herrn zu nennen erkühnt?« »Oh, lieber Herr und Gebieter,« antwortete die Kaiserin, »warum fragst du mich solches? Über zwanzig Jahre leben wir beieinander, und ich bin die Mutter deines Sohnes; wen sollte ich genauer kennen als dich? Aber jenen dort habe ich nie gesehen.« Auf diese Rede der Kaiserin hin winkte der Mann an ihrer Seite die Trabanten herbei und gab ihnen alsbald diesen Befehl: »Nehmt jenen Menschen dort, bindet ihn an den Schweif eines Pferdes, und so werde er dreimal um unseren Wall geschleift, und wenn ihm noch einmal die Narrheit ankommen sollte, sich vor uns zu zeigen, so soll er, den Kopf zu unterst, ans Kreuz geschlagen werden.« Und also wurde Kaiser Jovinianus, nackt wie er ging, an den Schweif eines Pferdes gebunden und dreimal über den Wall geschleift, der das Schloß umgab. Fast wie tot blieb er liegen auf der einsamen Böschung. Er war es aber nicht, es kam sogar ein lieblicher Traum über ihn, da kniete die Kaiserin neben ihm und wusch ihm die Wunden und salbte sie mit heilendem Öl. Selbst als er wieder zur Besinnung kam und vollständig erwachte, fühlte er immer noch, so schien es ihm, wie eine linde warme Hand seiner Wunden pflegte. Als er aber die Augen aufschlug, war es sein Hund Philo, der weiß und schwarz gefleckte Dalmatiner, der ihm die Wunden leckte und nun, da sein Herr ihn anblickte, helle Freudenlaute ausstieß, wie er eben als Hund es nur vermochte. Da quollen dem Jovinianus die Tränen aus den Augen vor inniger Rührung. Und zugleich kam es über ihn wie ein Licht vom Himmel und fiel in seine dunkle Seele, daß sie hell wurde. Da erkannte er die Nichtigkeit der Welt und den eitlen flachen Sinn der Menschen, die nur die Außenseite der Dinge sehen und davon allein ihr Urteil und ihr Verhalten abhängen lassen, also daß sie einen Mann nicht nach dem nehmen, was er ist, sondern nach dem, was er um sich herumgehängt hat an Kleidung und Schmuck. Auf diese eitle Herrlichkeit mochte er nun gern verzichten, freiwillig und freudigen Herzens, und der unter allen der Eitelste war (er erkannte es jetzt), dankte Gott aufrichtig in seiner Seele für das neue Licht der Erkenntnis, wie auch für die harten und schweren Prüfungen, ohne welche er für immer verstrickt geblieben wäre in heillosem Wahn und Irrtum. Also gestärkt in seiner Erleuchtung und begleitet von seinem Freund Philo, der ihm nicht von der Seite wich, trat er den Weg an nach der einsamsten und felsigsten Gegend des Landes; denn es war sein fester Vorsatz, daselbst, entfernt von allen Menschen, sein Leben als frommer Einsiedler zu beschließen. In einer hohen Felswand, die er mit großer Mühe erklettert hatte, fand er eine geräumige Höhle, sie wählte er zur Wohnung. Um seine Blöße zu bedecken, flocht er sich einen Rock aus Lindenbast, aus dürrem Laub bereitete er für sich und seinen treuen Philo ein gemeinsames Lager, und die wilden Bienen in den Spalten und Klüften des felsigen Gebirges bereiteten ihm mit ihrem Honig die tägliche Nahrung, die er, wie das Lager, mit seinem Hund getreulich teilte. Bald aber wurden auch die Hirten des Gebirges aufmerksam auf ihn, und seitdem fand er jeden Morgen einen hölzernen Napf, mit frischer Ziegenmilch gefüllt, vor dem Eingang seiner Höhle. Auch diese Milch teilte er mit dem Freund, der ihm allein treugeblieben von den vielen Tausenden, die ihn einst hündisch umwedelt hatten, oder vielmehr nicht hündisch, sondern menschlich, da der Hund Philo sie zuletzt alle beschämt hat. Und noch eine andere Beschämung sollten jene erfahren. Da geschah es eines Tages, daß Jovinianus, bekleidet mit seinem Bastgeflechte, vor dem Eingang seiner Höhle auf einem nackten Stein saß, um sich in der Sonne zu wärmen. Philo lag ihm zu Füßen, seinen Kopf hatte er in den Schoß des Einsiedlers geschmiegt, der ihn zärtlich streichelte. Plötzlich erblickte Jovinianus einen feierlichen Zug prunkvoll geputzter Menschen, der aus dem Tal herauf sich langsam seiner Höhle näherte. Jovinianus konnte sich nicht denken, was das zu bedeuten habe. Zehn Schritte vor seiner Höhle machte der Zug halt und Jovinianus erkannte sie jetzt. Es waren seine früheren Feldherren, seine Generäle, seine Räte und seine Höflinge. Aus ihrer Reihe trat nun einer hervor, der älteste und vornehmste der Feldherren, den man den Fürsten Alexander nannte. Er verneigte sich dreimal bis auf den Boden vor Jovinianus und sprach dann also: »Mein hoher Herr, mein Herr und Kaiser, wir sind gekommen, um dir eine große Freudenbotschaft zu bringen, nachdem wir mit vieler Mühe deine Wohnung erkundet haben. Der falsche Kaiser, der Usurpator, der Dieb deiner kaiserlichen Kleider und deines Reiches, ist gestorben und auf dem Totenbett hat er sein ganzes trügerisches Ränkespiel eingestanden. Darum sind wir ausgezogen, dich zu suchen, und wollen das Unrecht, das wir, betrogen von dem Betrüger, an dir begangen haben, wieder gutmachen. Durch einen Zufall mußte der Verstorbene dir so ähnlich sein an Gestalt und Miene, an Bart und Haupthaar, daß wir alle uns täuschen ließen.« Hier hob Jovinianus den Arm zum Zeichen, daß er etwas sagen wolle. Er sprach: »Du redest nicht weise, Fürst Alexander. Nicht durch Zufall sah mir jener Mann so ähnlich, sondern durch Gottes Fügung; er war auch kein Betrüger, sondern ein Werkzeug Gottes, weil Gott meine Seele loslösen wollte aus dem Bann der Eitelkeit, die Euer Gesetz ist und Euer Leben. Ja, eine Stimme in meinem Innern sagt mir, jener Mann, den du einen Betrüger nennst, war niemand anders als mein heiliger Schutzengel, der meine Gestalt angenommen hat, um mich zu heilen von meiner heillosen Verblendung. Aber, sage mir, Fürst Alexander, was ist das für ein Kram, womit jenes Maultier dort beladen ist?« »Mein hoher Herr und Gebieter,« versetzte der Fürst, »das sind die kaiserlichen Gewänder, wolle du nun die Gnade haben, sie anzulegen und uns zu folgen, um von neuem unser Kaiser zu sein.« »Ihr habt des Kaisers Kleider,« sprach Jovinianus, »ihr braucht mich nicht, hängt sie meinem Sohn um, oder einem anderen, oder auch einer Puppe aus Stroh, und ihr werdet keinen schlechteren Kaiser haben, als ich es je gewesen bin. Denn wahrlich, ich war weder ein guter noch ein vernünftiger Herrscher. So laßt mich nun in Frieden und zieht eurer Wege.« Mit diesen Worten erhob sich Jovinianus und zog sich zurück in das Innere seiner Höhle, Philo aber legte sich unter den Eingang und hielt Wache vor seinem Herrn. So hatte denn Jovinianus das Schwerste überwunden und unser allerhöchster Herr und Gott, indem er ihn mit solchen Prüfungen heimgesucht hat, hat demnach seine Mühe nicht an ihm verloren. Jovinianus lebte bis an sein seliges Ende in großer Demut und Gottseligkeit. Und auch seine Frömmigkeit teilte er, wenn man so sagen kann, mit Philo, seinem treuen Hund. Dieser hing ihm an so ergeben und liebevoll, mehr als ein Sohn seinem Vater, und bewahrte ihm seine Treue sogar über den Tod hinaus. Sieben Jahre nämlich hat der heilige Jovinianus als frommer Einsiedler in seiner Wildnis verlebt; aber an einem schönen Frühlingsmorgen, während gerade in dem blühenden Rosenbusch über der Höhle eine Nachtigall gar süß und lieblich sang, da geschah es, daß er sanft seine müden Augen schloß und seine Seele – während jenes tröstlichen und verheißenden Gesanges – sich aufschwang wie auf Flügeln zu ihrem ewigen Schöpfer und Gott: und siehe, auch jetzt wich Philo nicht von der Seite des Entseelten und ließ den Milchtopf vor der Höhle unberührt drei Tage lang. Und als dann am dritten Tag ein frommer Ziegenhirt in die Höhle eindrang, fand er beide tot, Seite an Seite, der Kopf des Hundes ruhend auf der nackten Brust des Einsiedlers. Dieses Wunder verkündete er allenthalben, nachdem er den Einsiedler und seinen Hund in der Höhle fromm begraben hatte, und so wurde Jovinianus bald von allen Gebirgsbewohnern, Köhlern und Hirten, als ein großer Heiliger verehrt und angerufen. Die Töchter des armen Volkes schmückten jede Woche den Eingang der Höhle mit frischen Blumen und später erbaute man auf der Felsplatte über der Höhle eine Kapelle, die von dem Bischof von Kappadozien eingeweiht wurde und noch heute nach dem Namen des heiligen Jovinianus genannt wird, wie auch jener wilde Rosenbusch noch heute vor dem einsamen Kirchlein das ganze Jahr grünt und blüht, weil aus ihm die himmlische Nachtigall dem scheidenden Heiligen ein so wundersames Requiem gesungen hat. Hier endet die Legende von Sankt Jovinianus, die, wenn ich nicht irre, jener fromme Erzbischof von Genua zuerst aufgeschrieben hat in seinem goldenen Legendarium oder Legenda Aurea, wo noch viele wundersame Historien zu lesen sind. Aber, so fügt jener fromme Erzbischof hinzu, ihr würdet wohl weit suchen können unter Königen und Kaisern und würdet schwerlich einen finden, der fähig wäre, eine solche Probe zu bestehen; darum sollten alle Großen und Mächtigen dieser Erde, wenn es auch gleich sonst noch einige heilige Kaiser und Könige gegeben hat, sich doch vor allen den heiligen Jovinian zum Patron und Fürsprecher erwählen, weil er die anderen weit überstrahlt in der christlichsten aller Tugenden, der Demut, und in der christlichsten aller Weisheit, welches ist die Wissenschaft von der Nichtigkeit und Hinfälligkeit jedweder irdischen Macht und Größe; denn Gott allein ist die Größe, Gott allein ist die Macht, Gott allein ist das Reich, Gott allein ist die Ewigkeit. Amen. Gerechtigkeit muß sein Ein Obelisk, wo er auch stehe, wirkt leicht, wenn er Größe hat, wie ein erstaunendes, ein ungeheures Ausrufungszeichen im hellen Licht des Himmels; um wieviel mehr jener, der in meiner Heimat, auf dem weingesegneten Hügel bei Sasbach, den umwohnenden kleinen Bauern und ihren Kindern den Namen eines fremden Kriegsmannes, des Fürsten von Turenne, im Gedächtnis erhält mit samt seinen Taten, die einst, seiner Tugend zum Trotz, sehr viel dazu beigetragen haben in ihrer Härte und Grausamkeit, das blühende Vaterland dieser Bauern in eine schreckliche Einöde zu verwandeln. Seit Generationen und Generationen redet dieses Denkmal aus Schwarzwälder Granit mitten in Deutschland vom Ruhm Frankreichs und der Schande Deutschlands, und weder im siebziger Krieg noch im verflossenen ist es von Deutscher Hand im geringsten beschimpft oder beschädigt worden; ob das auch in Frankreich möglich wäre! Warum ich aber davon rede? Nur, weil ich eine kleine Geschichte erzählen möchte, die jener berühmte Turenne veranlaßt hat. »Gerechtigkeit muß sein,« schrieben seine heutigen Landsleute über ihre einstmalige groteske Auslieferungsliste und einige andere nicht weniger groteske Dokumente, die sie uns zugestellt haben, und ich will gern zugeben, daß sie glauben, es aufrichtig zu meinen; aber aufrichtig in seiner Art hat es auch jener Marquis von Maugiron gemeint, der ehemals unter dem genannten Turenne diente und jenes Wort bei einer Handlung grauenhaftester Art als frivolen Scherz zum besten gab. Das war im Sommer 1645. Turenne belagerte Heilbronn und sein Generalleutnant, der Marquis von Maugiron, lag im Schloß zu Neckarsulm im Quartier. Dieser Mann galt für sehr berühmt im Lager, nicht gerade durch seine Kriegstaten, aber durch seine Küche, die als die feinste und üppigste eines hohen Rufes genoß im ganzen Heer, so daß sich alles zu seiner Tafel drängte, was durch Namen und Stand darauf Anspruch machen durfte. Eine besonders glänzende Gesellschaft aber sah er am Abend des 28. August um sich versammelt. Den etwas altfränkischen Saal des deutschen Schlosses, weiß gekalkt und mit gebräunter Vertäfelung, hatte man mit Tannengirlanden lustig ausgehängt, in einem Nebenraum mit offener Flügeltür spielte ein italienisches Streichquartett, das der Marquis auf dem ganzen Feldzug mit sich führte, und an der Tafel ging es hoch her. Meister Laloutre, der allbekannte Koch des Herrn von Maugiron, schien sich heut selber übertroffen zu haben, begeistertes Lob erscholl ihm aus aller Mund. Den Höhepunkt jedoch erreichte das Entzücken der schwelgerischen Gäste beim fünften Gang, einer getrüffelten Gänseleberpastete, über deren Feingeschmack der duftreiche alte Chambertin aus den eigenen burgundischen Weinbergen des Marquis fast vergessen wurde, so sehr übertraf das neue Leckergericht alles, was diese doch so verwöhnten Gaumen zu kosten gewohnt waren. Und ein blutjunger Regimentskommandeur, der kaum zwanzigjährige Roger Rabutin Graf von Bussy, mit dem ersten blonden Flaum auf den Lippen, machte die Bemerkung, daß der Herr Marschall von Turenne, so viel Wesens man auch aus ihm mache, doch lang kein so genialer Feldherr sei wie Meister Laloutre ein genialer Koch, wofür der Sprecher von der ganzen Tafelrunde lauten Beifall erntete. In diesem Augenblick wurde eine Stafette des Marschalls gemeldet. Ein junger Fähnrich trat ein, grüßte militärisch die Gesellschaft und überreichte dem Gastgeber einen schwer versiegelten Brief, worauf er sich unter gleicher strenger Begrüßungsform wieder entfernte. Das bedeutete ein wenig eine Störung des allgemeinen Überbehagens, die aber bald noch ernster wurde. Denn der fettliche Marquis von Maugiron hatte kaum das Schreiben mit widerwärtiger Ungeduld erbrochen und einen Blick auf dessen Inhalt geworfen, da merkte bald die ganze Gesellschaft, daß etwas wie ein Unheil im Anzug sein müsse; denn das übervollblütige Schlemmergesicht des Marquis verfärbte sich, nicht gerade ins Blasse, aber ins Blaugraue, und seine feuchten Augen schienen ihm förmlich aus den Augen zu quellen. »Aber, was ist denn los um des Himmels willen!« rief's von allen Seiten. »Der Teufel ist los,« antwortete bebend der Marquis, »oder wenn Ihr lieber wollt, der Profoß, der Generalgewaltige, er will meinen Laloutre ausgeliefert haben. Unser göttlicher Laloutre soll den Strick um den Hals bekommen, noch heute abend, noch zu dieser Stunde. So befiehlt es der Herr Marschall; da lest selber.« Und folgendermaßen lautete ungefähr der Inhalt des Turenneschen Briefes: zwei übelbeschriene Marodeure waren am Nachmittag wegen böser Übeltaten zum Strang verurteilt worden und der Prozeß hatte ergeben, daß ein gewisser Laloutre, im Dienst des Generalleutnants von Maugiron, sich an den Schurkereien jener als Helfershelfer mitbeteiligt hatte; daher der strenge Befehl des Marschalls an den Marquis von Maugiron, seinen Koch Laloutre unverzüglich dem Profossen zu überliefern, der auf dem Rathaus zu Neckarsulm seines fürchterlichen Amtes waltete. »Aber, was soll denn aus mir werden ohne den Laloutre,« stöhnte der verzweifelte Marquis; »da mag der Teufel den ganzen Feldzug holen.« »Ihr habt recht, Marquis,« bemerkte der Vizgraf von Barbançon, ein hagerer Kavallerieoberst, durch seinen Sarkasmus berühmt, »der verdammte alte Hugenotte (er meinte Turenne) ist allzu eifrig dahinter her, uns den Spaß am Krieg zu verderben; ein wohlberatener Feldherr müßte im Gegenteil alles tun, um uns bei guter Laune zu erhalten.« »Tut er ja auch,« fiel ihm der Jüngling Roger Rabutin ins Wort; »er hält uns unausgesetzt Moralpredigten. Unsere Schuld, wenn wir nicht Geist und Witz genug haben, uns darüber zu belustigen.« »So, ich soll mich noch darüber belustigen, wenn man mir meinen Koch stranguliert,« versetzte bitterernst der Gastgeber. Dann bat er um die Erlaubnis, sich einen Augenblick in sein Arbeitskabinett zurückziehen zu dürfen. An der Tür wandte er sich noch einmal um. »Ich habe einen Gedanken, meine Herren,« sagte er, »und ich hoffe, Ihr sollt mit mir zufrieden sein.« »Er hofft,« rief der junge Rabutin lustig, »lassen wir also die Pastete nicht stockig werden; es könnte die letzte sein, die uns die göttliche Kunst des Laloutre bereitet hat.« Und alles folgte willig seiner Aufforderung. Der Vizgraf von Barbançon erhob sein Glas. »Stoßen wir an auf das Wohl des Künstlers. Das Genie sollte eigentlich einen Freibrief haben.« »Aber unser neugebackener Fürst, der Herr von Turenne, schätzt leider nur sein eigenes Genie,« meinte lachend und mitanstoßend der flaumbärtige Bussy-Rabutin, der sich selber für eines hielt, er galt nämlich für einen heimlichen Dichter. Seine Lustigkeit wirkte ansteckend auf alle, und das Gelage zeigte, als der Hausherr zurückkehrte, bereits wieder ein völlig ungetrübtes Gesicht. »Meine Herren, beglückwünschen Sie mich,« rief der Marquis, »ich glaube, ich habe meine Sache gut gemacht.« Und alles stürmte mit Fragen auf ihn ein. »Ganz einfach,« antwortete er, indem er seinem rotberockten Trabanten sein Glas zum Vollschenken hinhielt. »Ich wundere mich nur, daß ich nicht gleich darauf kam. Der Laloutre hat nämlich einen Gehilfen namens Alexander, der zwar seinem Vorgesetzten körperlich sehr ähnlich sieht, aber sonst ein ganz und gar talentloser Bursche ist. Der mag nun immerhin gehenkt werden.« »Wieso?« rief's von allen Seiten. »Seid Ihr begriffsstutzig?« versetzte der Marquis von Maugiron. »Begreift Ihr wirklich noch nicht? Es ist doch ganz selbstverständlich. Ich habe natürlich den Alexander mit einem Brieflein an den Profossen geschickt.« »Und der arme Teufel wird nun gehenkt werden?« »Ist es wahrscheinlich schon in diesem Augenblick. Meister Cassecou pflegt in solchen Fällen wenig Umstände zu machen,« versetzte befriedigt der joviale Gastgeber. Da wurde sogar der jungfernhaft aussehende Rabutin ernst. »Donnerwetter!« rief er, »Ihr seid ja ein kleiner König David, Herr Generalleutnant. Einen solchen Uriasbrief habt Ihr geschrieben und abgeschickt?« Der Marquis schmunzelte. »Was blieb mir anders übrig. Mein Koch mußte gerettet werden um jeden Preis. Im übrigen hat der Herr Marschall nicht unrecht: Gerechtigkeit muß sein.« Dem mußten alle beistimmen, und die Heiterkeit, die für einen Augenblick gestört schien, wurde jetzt um so größer und steigerte sich zu einem Grade von lustiger Ausgelassenheit, wie sie selbst an der Tafel des Marquis von Maugiron, so sehr sie dafür galt, nicht alle Tage erlebt wurde. Der feurige Wagen In dem Paris des Königs Ludwig (des Vielgeliebten) und des Raubmörders Cartouche (des Vielberühmten) war das Leben sicher um ein Beträchtliches abenteuerlicher und farbiger und an tollen Zufällen reicher als in dem Paris von heute, trotz Apachen und anderer neuzeitlicher Autoromantik; doch auch damals haben die guten Pariser nicht alle Tage ein Schauspiel erlebt, wie das vom 21. März 1721, wozu die Bürgerin Marie Romigny die keineswegs unschuldige Veranlassung gegeben hat, und wenn ihr dabei dann die Hauptrolle zugeschoben wurde, so konnte sie sich zwar dagegen sträuben, aber genützt hat es ihr nichts, der Göttin Justitia zum Trotz, die ihr mit verbundenen Augen zur Seite stand. Diese noch jugendliche Witwe betrieb in der Sankt Salvatorgasse, zur Pfarrei von Sankt Eustach gehörig, eine höchst einträgliche Lohnkutscherei, die ihr der Meister Romigny, ihr Seliger, in gutem Zustand hinterlassen hatte. Bei dieser etwas mageren Braunen entsprachen dem stark sinnlichen Temperament nicht mehr ganz vollwertige Reize; aber sie war die Meisterin, und so wurde der blonde Karl aus Diedenhofen, ihr jüngster Kutscher, den sie sichtlich begünstigte, von nicht wenigen beneidet. Denn das konnte zu einer Heirat führen, und daß ein armer Kutscher die Meisterin bekam und das Geschäft dazu, würde die ganze Salvatorgasse als kein geringes Glück für ihn betrachtet haben, das man aber dem freundlichen Elsässer weniger als einem anderen mißgönnt hätte. Wie nun das Verhältnis der beiden untereinander beschaffen sein mochte, braucht nicht näher untersucht zu werden. Die Leute konnten davon denken was sie wollten, es ging sie nichts an; wenigstens meinte es so die Frau Meisterin. Aber da hätte sie nicht eines Tages einen Lärm schlagen sollen vor all den vier Kutschern und dem übrigen Gesinde, wodurch sie die bösen Mäuler arg herausforderte. Es lag aber so in ihrem cholerischen Temperament, sie konnte nicht an sich halten und mußte es dem blonden Karl laut vorhalten vor der ganzen Welt, daß er ein verdrückter deutscher Heimtücker sei, ein rechter Halunke, daß sie ihm aber auf die Schliche gekommen sei und sein schandmäßiges Betragen einmal aufdecken wolle. Kurz, sie warf dem blonden Karl vor, ohne sich im mindesten um das Grinsen der Hausbewohner und das Aufhorchen der Nachbarn zu bekümmern, daß er mit der hinkenden Anette Brillon, der blutjungen Nähterin in der Hechtgasse, ein heimliches Verhältnis habe, daß er sich des Nachts zu ihr schleiche, daß er den größten Teil seines Lohnes für Geschenke ausgebe, die er ihr bringe, und so weiter. Und ob das ein Betragen sei und nicht ein schnöder Undank gegen sie, die Meisterin, die ihn auf der Gasse ausgelesen und zu etwas gemacht haben, den hergelaufenen Bettler. Aber sie werde das nicht länger dulden und die Geschichte müsse ein Ende nehmen, oder sie wolle ihn aus dem Dienst jagen, lieber heut als morgen. Nun hörte zwar die »Geschichte«, um ihren Ausdruck zu gebrauchen, durchaus nicht auf, und diese Tatsache entging ihr auch keineswegs. Dennoch erfüllte sie ihre Drohung nicht, weil der deutsche Karl ihr eben doch als ihr zuverlässigster Kutscher galt, und vielleicht noch aus einigen anderen Gründen. Aber wenn sie auch den Elsässer zu ihrem eigenen Vorteil behalten wollte, verzichtete sie doch nicht darauf, ihm eine derbe Lektion zu geben, die er nach ihrer Meinung zehnfach verdient hatte. Und so erschien sie nach einigen Tagen bei der Nähterin Brillon in der Hechtgasse, wo die hübsche Anette eine Dachkammer über dem fünften Stock bewohnte, um sich von ihr ein Morgenjäckchen anmessen zu lassen. Sie tat sehr freundlich zu ihr, sagte, sie habe die Arbeiterin zu sich rufen lassen wollen, habe aber dann gedacht, lieber selber zu kommen, weil sie wohl wußte, wie dem Mädchen wegen des kurzen Fußes das Treppensteigen beschwerlich falle. Auch auf den Karl brachte sie die Rede, und die harmlose Anette gestand ihr zutraulich, daß der blonde Kutscher fortfahre, sie zu besuchen, daß er sie gern habe und mit der Zeit heiraten wolle. Wie diese Geständnisse auf sie wirkten, verbarg die Romigny sorgfältig, obwohl es schien, daß es ihr ganz schlecht dabei wurde. Denn sie bat plötzlich die Anette, ihr aus der Küche der Nachbarin eine Tasse Milch zu besorgen. Als das Mädchen die Kammer verlassen hatte, zog die Romigny eine Schublade des Nähtisches auf und begann da in deren Inhalt zu wühlen, der aus Fadenrollen, Stoffrestchen, Knöpfen auf blauer Pappe aufgefädelt und hundert anderen ähnlichen Gegenständen bestand. Bis auf den Grund durchwühlten die mageren Finger der bräunlichen Witwe all das Zeug; als sie aber den hinkenden Tritt der Anette vor der Tür hörte, schob sie rasch die Lade zu und vertiefte sich in die andächtige Betrachtung eines Stickmusters auf dem Nähtisch. Dann trank sie rasch die gebrachte Milch und verabschiedete sich. Drei Tage später legte sie morgens ihren Festtagsstaat an und begab sich nach dem Kleinen Châtelet, wo die niedere Gerichtsbarkeit ihren Sitz hatte. Dort fragte sie nach dem Richter Robinet, der früher ihren Mann gekannt hatte, und dem erzählte sie in leidenschaftlicher Entrüstung, daß ihr ein teures Andenken ihres Seligen abhanden gekommen wäre, eine in Silber gefaßte Elfenbeinbrosche mit aufgemaltem Vergißmeinnichtsträußchen. Sie habe ihre Magd, die Babette, im Verdacht, und bitte den Richter, eine Gerichtsperson damit zu beauftragen, daß er sie begleite und bei der Durchsuchung der Magdkammer gegenwärtig sei, um der diebischen Babette alle Ausflüchte abzuschneiden. Der Richter Robinet fand das Ansuchen billig und gab den entsprechenden Befehl. Zu Hause angelangt, führte die Romigny, die über den Verlust vorher nicht geschnauft hatte, den Gerichtsschreiber in die genannte Kammer, wo beide nun alle Habseligkeiten der armen Magd bis auf das Bettstroh durchstöberten, ohne aber das Gesuchte zu finden. »Ich war dumm,« sagte da die Romigny, »es war natürlich nicht die Babette; wenn ich mir's recht überlege, war's gewiß niemand anders als der hinterhältige Deutsche, der Kutscher Karl; laßt uns einmal bei ihm nachsuchen, Meister Longbras, er ist abwesend, sicher finden wir da das Gewünschte.« Aber auch in dem Bretterverschlag des elsässischen Kutschers fand sich die Brosche nicht, obwohl die Meisterin und der Herr Schreiber sich keine Mühe und Genauigkeit zu viel sein ließen, so daß Meister Longbras zuletzt die Achsel zuckte und damit der braunen Witwe sein Bedauern zu erkennen gab. Da hatte diese einen neuen Gedanken. »Daß mir das nicht früher eingefallen ist,« sagte sie; »der tückische Bursche hat natürlich die Brosche schon weggegeben. Ihr müßt nämlich wissen, Meister Longbras, daß der Mensch drüben in der Hechtgasse ein Schätzchen hat, an das er alles hängt, was er verdient. Es ist das die hinkende Anette Brillon, die ja hier im ganzen Viertel von Sankt Eustach bei vielen für eine Art Heilige gilt, es aber nach anderen dick hinter den Ohren haben soll, denn sie ist – trotz ihrem kurzen Fuß – ein appetitliches Stückchen Menschenfleisch, und der blonde Karl soll nicht der erste sein, dem sie den Kopf verdreht hat. Und wenn es Eurem Patron, dem Herrn Richter Robinet, um das Wohl der ehrlichen Leute zu tun ist, wofür ihn ja der König bezahlt, so wird er gut daran tun, bei dem genannten Mädchen eine Haussuchung anzuordnen, und da würde es sich bald zeigen, wie Menschen und Dinge zusammenhängen.« Der Richter Robinet wußte, wofür ihn der König bezahlte; er befahl alsbald die Haussuchung bei der Nähterin Anette Brillon, wo dann der Kommissär und sein Schreiber nicht allzu lange zu suchen brauchten, um die Vergißmeinnichtbrosche da zu finden, wo die Romigny sie versteckt hatte. Diese Vorstecknadel stellte zwar ein ziemlich wertloses Ding vor, aber welche Geringfügigkeit wäre nicht als corpus delicti für einen Richter eine außerordentlich wichtige und schätzbare Sache? So schickte der Herr Robinet vom Kleinen Châtelet dem ahnungslosen Karl die Häscher auf den Leib, und wer einmal zwischen einer derart malerischen Begleitung in das gefürchtete Châtelet abgeführt wird, um dessen Sache steht es schlimm, besonders wenn ihm der Richter eine zierliche Vergißmeinnichtbrosche entgegenhalten kann, die doch ganz selbstverständlich gestohlen worden ist, und wer anders konnte sie gestohlen haben als der, den die ehrliche Eigentümerin und der hochweise Richter gleichermaßen für den Dieb erachteten. Wurde also der unglückliche Karl, den man kaum zu Worte kommen ließ – wozu auch noch? – zum Schandmal und öffentlicher Auspeitschung verurteilt und wurde unverweilt zur Prozedur geschritten und zwar nach der galanten Sitte der Zeit nicht etwa in einem Hof des Châtelet, sondern vor dem Hause und der Fuhrhalterei seiner gekränkten Meisterin und unter Zulauf vielen Volkes, wie es das Gesetz der Genugtuung zu verlangen schien. Jedermann weiß, daß die Könige von Frankreich in ihrem Wappenschild wie in ihrer königlichen Krone das Zeichen der Lilie trugen, aber wenigen ist es wohl bekannt und klingt auch fast unglaublich, daß das übliche Schandmal eine ebensolche Lilienblüte darstellte, nur nicht von Gold oder Silber, sondern von Eisen, das man glühend machen konnte, und die jetzo vor den Fenstern der Witwe Romigny dem Kutscher Karl auf die Stirne gebrannt wurde, daß es die gaffende Menge konnte zischen hören und der Geruch von gebratenem Menschenfleisch allem Volk in die Nase stieg, das übrigens an solche Schauspiele hinlänglich gewöhnt sein mochte. Die Sache hätte darum an sich wenig Aufsehen gemacht, mehr dagegen wirkte auf die Gemüter der guten Pariser eine andere Erscheinung. Das war die tränenüberströmte jammernde Anette Brillon, die sich fast wie wahnsinnig durch die Menge drängte und es flehentlich allen Nachbarn zurief, der Karl sei unschuldig, er habe ihr die Brosche gar nicht geschenkt, die Romigny wäre bei ihr gewesen und müsse selber das Nadelding in ihre Schublade praktiziert haben, was nun wohl die meisten zwar nicht sehr glaubhaft fanden, während sie sich dennoch in Mitleid dem armen verzweifelten Mädchen zuwandten, da ohnedies die Witwe Romigny nicht für die beliebteste Nachbarin galt. Und bei diesem passiven Mitleid wäre es vielleicht geblieben, wenn nicht die hagere Meisterin selber ihr Schicksal sozusagen an den Haaren herbeigezogen hätte. Sie war bis zu diesem Augenblick unsichtbar geblieben. Aber als jetzt die Stockknechte, nachdem sie den entblößten Körper des Elsässers auf der Schranne festgebunden hatten, mit ihren Lederpeitschen ihre Arbeit begannen, daß der Gepeitschte unter ihren Streichen sich krümmte und die Schranne sich rötete von Blut, da sah man sie plötzlich zum offenen Fenster herausliegen und dem Martergeschäft zuschauen mit gierigen Blicken, in denen – die Landsleute des Herrn Marquis von Sade verstanden sich darauf – noch andere Gefühle als die der befriedigten Rachsucht hervorglühten. Hätte sie noch wenigstens geschwiegen; aber sie schrie: »Nun drescht ihn nur tüchtig! Fester, immer fester!« Da erklang im Haufen das Wort: »Megäre«. Und hundertfach wiederholte sich's. Und verwandelte sich auf den Zungen in noch schlimmere Wörter, in schmutzige unflätige Namen. Und Steine flogen und Fenster splitterten, und in wenigen Sekunden hatte sich die lethargische Menge wie in einen Vulkan verwandelt, denn es war dasselbe Volk, das so oft schon, im großen und kleinen, sich von der aufbrausenden Gewalt seines Gefühles zu unglaublichem Tun hatte fortreißen lassen. »Ins Wasser mit dem Luder! Ersäuft sie! Ersäuft sie!« Sie schrien es schon nicht mehr, sie brüllten es. Man hatte die Romigny aus ihrem Hause hervorgezerrt, und nun wurde sie in eine leere Kutsche geschoben, Handwerkerhände verknoteten die Türverschläge, andere faßten die Deichsel: »In die Seine mit ihr, in die Seine!« Und noch ganz anders als wie so oft an Abenden eine berühmte Schauspielerin, nachdem sie das Parterre bis zur Raserei hingerissen hatte, von Menschen statt von Pferden in tollem Triumph davongefahren wird, wenigstens in anderem Sinne, setzte sich die Mietskutsche unter der Kraft von Hunderten von Armen in Bewegung, und keine Macht der Welt mehr schien die Meisterin Romigny vor dem Ersäuftwerden erretten zu können. Dennoch erreichte die Kutsche den Fluß nicht; denn während noch die gestaute Menge die Bewegung verlangsamte, hatte an der Straßenecke der Meister Grobschmied ein weißglühendes Eisen von hinten her durch das Guckfensterchen gestoßen, mit einer wütenden Verwünschung, und als der Wagen dann endlich die Straße des heiligen Dionysius gewonnen hatte und in der Richtung nach der Seine sich in hellen Galopp setzte, da stand er auch schon lichterloh in Flammen, daß die kleinen Leute vor ihren Buden sich entsetzt bekreuzten und dachten, ob Seine Majestät der König Satan in höchsteigener Person seinen feurigen Triumphzug halte in seiner guten Stadt Paris. Doch lange dauerte die Eliasfahrt der Dame nicht, schon vor dem gotischen Portal der Kirche von Sankt Leuen brachen die halbverbrannten Räder in sich zusammen, und in wenigen Augenblicken war auch das Volk in alle Winkel zerstoben, und zurück blieb nichts als ein Haufen glimmender Holz- und Ledertrümmer und eine arme, schwarzverkohlte Menschenleiche. Wie ein toter Bräutigam zu einem lebendigen wurde Als diese ebenso grausige wie lustige und vor allem wahre Geschichte zum erstenmal in einer Zeitung erschien, erhielt ich von einem gelehrten Literaten einen dummen Brief, der mich des Plagiats beschuldigte. Es geht eben nichts über eine tiefgründige Gelehrsamkeit. Ich sollte nämlich die Sache bei einem englischen Dichter (von dem ich nie eine Zeile gelesen habe) abgeschrieben und nur die Namen verändert haben. Ich habe aber gar keine Namen verändert, sondern das hatte, scheint es, der Engländer getan. Ich selber habe die Geschichte einem allerdings nicht gerade berühmtem französischen Memoirenschreiber entnommen – irgendwoher hat man so was natürlich immer entnommen – einem Memoirenschreiber und persönlichen Freund meines Helden, und da wird eben auch der Herr Engländer (oder Amerikaner) seine Historie herausgezogen haben, nur glaube ich bezweifeln zu dürfen, daß er sie so gut erzählt hat, wie ich. Wenn ich aber hier weder den englischen Dichter noch den französischen Chronisten mit Namen nenne, so geschieht das aus dem menschenfreundlichen Grund, weil ich dem Spürsinn der Herren Literaturgelehrten auch etwas zu tun übriglassen will. B.R.   Ein unüberlegtes Betragen und ein allzu großer Übermut sind schon manchem, sonst vortrefflichen jungen Mann zum bösen Verhängnis geworden, und gerade der nachgenannte Roger Rabutin, Graf von Bussy, hat dies schmerzlich am eigenen Leib erfahren. Wer jedoch ein rechtes Glückskind ist und Liebling der Götter, dem müssen auch noch seine Dummenjungenstreiche zum Guten ausschlagen, was, außer durch viele andere Beispiele, besonders durch die Geschichte des Herrn von Saint-Galmier bewiesen wird, der als blutarmer junger Mensch ziemlich aussichtslos in die Welt geblickt hat und dann doch im Jahre 1687 zu Straßburg zwar nicht als Marschall von Frankreich, wie es ihm jener Roger Rabutin prophezeit hat, aber immerhin als königlicher Generalleutnant und in hohem militärischen Ansehen gestorben ist, und wer deswegen sagen wollte, daß sein Glück nicht verdient war, der wäre ein trauriger Küster gegenüber den Fragen des menschlichen Lebens; aber kommen wir zur Geschichte. Wenn zur Zeit Karls des Achten einem Mitglied der Untersuchungskammer ( Chambre des Enquêtes ) am Pariser Parlament das unheimliche Vorrecht nach seinem Tode verliehen worden wäre: alle dreißig oder vierzig Jahre bei einer Sitzung der genannten Kammer wie der Geist des Banko aus dem Boden aufzutauchen und sich auf seinen zufällig leeren Sessel zu setzen, und das so durch zwei Jahrhunderte hindurch, so würde er wahrscheinlich stets von neuem sehr verwundert gewesen sein. Er würde nämlich auf dem Sessel zu seiner Rechten jedesmal seinen ehemaligen Freund und Kollegen Moreau wieder vorgefunden haben, wenigstens würde er – auch ein Untersuchungsrichter braucht, besonders nach seinem Tode, nicht notwendig ein scharfsichtiger Geist zu sein – auf die Identität der Person geschworen haben, an der sich mit Ausnahme der (natürlichen oder künstlichen) Haartracht, wirklich wenig verändert hatte, da das Amtskleid dieser Herren ja nicht der Mode unterworfen stand. Aber selbstverständlich war es jedesmal ein anderer Moreau, jetzt der Sohn, dann der Enkel, dann der Urenkel und so weiter, wie sie eben nach gutem alten Recht und Herkommen erbtümlich im Amt aufeinander gefolgt und in Gestalt und Gesicht (und Manieren) einander fast so gleich geblieben waren wie die Amtsfunktionen, denen sie oblagen im ebenfalls gleich gebliebenen Talar und Barett nebst sonstigem Zubehör. Und alles das, wie gesagt, durch zwei Jahrhunderte hindurch bis in die Zeit des vierzehnten Ludwig, wo den alten Erbsessel ein Blaise-Gaspar-Hypolite Moreau besetzt hielt, dem nun aber zum erstenmal die Hoffnung versagt blieb, das uralte, sozusagen Familienmöbel mitsamt dem ebenfalls altüberkommenen beträchtlichen Reichtum auf einen Sohn weiter zu vererben. Denn ihm war aus seiner ziemlich späten Ehe nur ein einziges zartes Blümchen, nämlich sein Töchterchen Marie Denise aufgesprossen, aus der sich nun einmal, wenn sie auch weniger zart und weniger schwärmerisch romantisch veranlagt gewesen wäre, selbst mit Zuhilfenahme aller Barette des Parlaments und aller Talarfalten von ganz Frankreich, kein Parlamentsrat machen ließ. Diese Vorstellung (mancher findet sie vielleicht komisch) wäre dem guten Herrn Moreau, dessen Name mit ihm erlöschen sollte in den Stammrollen des Parlaments, in hohem Grad schmerzlich gewesen, wenn es in der Sache nicht wenigstens halbwegs einen Ausweg gegeben hätte, den darum der Gerichtsrat, wie die Dinge nun einmal lagen, nicht ganz ungern betrat, ja den er, als diese Geschichte anhebt, bereits seit fünfzehn Jahren, und wie gesagt mit immerhin befriedigender Genugtuung, betreten hatte. Damals, nämlich vor fünfzehn Jahren – die zarte und etwas bleichsüchtige Marie Denise hatte eben ihr sechstes Jahr angetreten – erhielt die Familie Moreau eines Tages zur großen Freude des Familienhauptes einen höchst überraschenden Besuch in der Person des Gerichtspräsidenten Jacques Philippe Cujac vom Parlament zu Aix in der Provence. Dieser Kollege hatte seine drei schönsten Jugendjahre in Paris verlebt und dabei hatte sich zwischen ihm und dem ebenfalls der Jurisprudenz beflissenen jungen Moreau eine seltene Freundschaft ausgebildet, die besonders darin ihre fortgesetzte Nahrung fand, daß die beiden jungen Männer mit großem Eifer eine in ihren Kreisen nicht eben häufige Liebhaberei, nämlich das Studium des Griechischen, gleichzeitig trieben und Nächte hindurch Thukydides und Sophokles zusammen lasen. Der Provenzale war nun nicht allein gekommen, sondern er hatte seinen fünfzehnjährigen Sohn, den jungen Jacques Philippe Riquier, mitgebracht, und dies wahrscheinlich nicht ohne geheime Absichten. Damit kam er denen des Kollegen Moreau schnurstracks entgegen, und schon vor Ablauf der ersten acht Tage nach seiner Ankunft wurde bereits der Pakt geschlossen, dahingehend: daß die großen schwarzen Augen des hager aufgeschossenen Riquier und die Vergißmeinnichtaugen der blassen Marie Denise zugleich sich verdunkeln und aufhellen sollten in einem zu erhoffenden Dritten. Und es sollte die gedachte eheliche Verbindung – schon damals kopierte das bessere Bürgertum die Sitten der hohen Aristokratie – zu dem Zeitpunkt vollzogen werden, wo der neugebackene fünfzehnjährige Bräutigam sein dreißigstes Jahr erreicht und seine richterlichen Qualifikationen in allen Formen Rechtens und Herkommens öffentlich dargetan hätte. Er sollte dann am Parlament zu Paris zunächst als Adlatus seines Schwiegervaters praktizieren und nach kurzer Zeit dessen Sessel selber einnehmen; dabei sollte er seinem glorreichen Namen Cujac – ob er wirklich mit dem weltberühmten Cujacius verwandt war, weiß die Geschichte übrigens nicht – den nicht weniger glorreichen Namen Moreau hinzufügen und dessen Erlöschen dadurch verhindern. Also war es ausgemacht und beschworen und besiegelt worden vor fünfzehn Jahren. Und heute nun, wo eben die eigentliche Geschichte anfängt, erhielt die Familie Moreau in ihrem stattlichen Stadthaus in der Gasse der Großen Truanderie nahe bei der hochragenden Kirche von Sankt Eustach zwei höchst aufregende Briefe. Der eine dieser Briefe aus der Stadt Aix in der Provence, von dem genannten Parlamentspräsidenten Cujac, meldete kurz die Abreise des Sohnes nach Paris und stellte weitere Briefe, die der Sohn eigenhändig mitbringen werde, in Aussicht; das andere Schreiben aber, dieses vom Sohn selber, aus der Stadt Joigny datiert, brachte die Meldung: daß wegen einer unglaublichen Überschwemmung des Flusses, den sie dort die Yonne nennen, die Postkutsche zunächst am Weiterfahren verhindert sei, wodurch die vom Schreiber heiß ersehnte Ankunft in Paris zu seinem großen Schmerz sich wahrscheinlich um mehrere Tage hinauszuschieben drohe. Der erste der beiden Briefe hatte das ganze Haus mit großer Genugtuung erfüllt, der zweite warf auf die Freude einen leicht verdüsternden Schatten. Besonders die frömmelnde und trotz ihrer bärtig ziemlich stark beschatteten Oberlippe sehr zu allerlei Aberglauben geneigte Frau Gerichtsrätin zeigte sich darüber höchst peinlich betroffen, da sie diese Verzögerung als ein böses Omen deutete und damit die Vorausahnung eines dunklen Unheils verband, wogegen sich zu wehren ihr kurzer Verstand kaum einen Versuch machte. Zum Glück aber gelangte nach nicht ganz acht Tagen eine zweite Nachricht an, worin der junge Herr Riquier, von der Stadt Melun her, seine Ankunft in Paris für den nächsten Abend, und für den darauffolgenden Morgen seinen Besuch in der Gasse der Großen Truanderie endgültig ansagte, worüber selbst die bekümmerte Miene der Frau Gerichtsrätin sich wieder gänzlich aufheiterte. Man war dann an dem gedachten Morgen in dem Hause Moreau früher als gewöhnlich aufgestanden und saß nun voller Erwartung in dem behaglichen Wohngemach, allerlei Ansichten, Vermutungen und Hoffnungen gegenseitig tauschend, woran jedoch die Tochter in ihrer jungfräulichen Zurückhaltung sich auch nicht mit dem kleinsten Wörtchen beteiligte – als plötzlich Schlag zehn Uhr das Kammerzöfchen hereinstürzte mit dem Ruf: Er ist da. Der Gerichtsrat erhob sich rasch, und während die Frauen sich oben an der Treppe hielten, eilte er hinunter in das untere Vestibül, wo der Diener sich eben in großem Eifer damit zu tun machte, dem Ankömmling den schwarzen Reisemantel abzunehmen, aus dem sich so etwas wie ein vornehmer junger Offizier in goldverbrämtem veilchenfarbenen Schoßrock und breitem Spitzenkragen herausschälte, als welcher sich in demselben Augenblick lebhaft umarmt und heftig auf beide Wangen geküßt fühlte – natürlich von niemand anderem als dem Herrn Gerichtsrat, der in seiner Freude über die endliche Ankunft des ersehnten Schwiegersohns seinem Temperament freien Lauf ließ. Oben an der Treppe begrüßte der schmucke Kavalier die Damen, indem er zuerst der Mutter und dann der Tochter ehrfurchtsvoll die Hand küßte, wobei sein weiches dunkles Haargelock etwas nach vorn fiel und die geküßten Frauenhände leis berührte. Er folgte ihnen dann in das Wohngemach, und jetzt erst kam es dem Gerichtsrat zum Bewußtsein, daß sein Schwiegersohn statt im Kleid eines Doktors beider Rechte, in dem eines Soldaten vor ihm stand. Aber er unterdrückte sein Befremden und nahm mit großer Befriedigung die drei Briefe entgegen, die der Verlobte mitgebracht hatte – von Vater, Mutter und Schwester – in welche man aber zunächst nur kurze Blicke warf, um sich sofort wieder höflich mit dem Überbringer zu beschäftigen, von dem die anderen nun erfuhren, daß er, wie ihm sein Vater empfohlen, im Gasthaus zum Burgundischen Hof unfern des Molièreschen Theaters abgestiegen sei, wo er denn auch zunächst zu wohnen gedenke. Und dann ging über tausenderlei Fragen nach dem Befinden der teuern Seinigen und dem Verlauf seiner Reise (wo bei der Erwähnung der hemmenden Sintflut der Gerichtsrätin ein neuer Schrecken in die Glieder fuhr) die Zeit so rasch vorüber, daß bei der Meldung der Suppe durch den Diener sich alles wunderte, wie die Stunde schon so weit vorgerückt sein könne. Die Mahlzeit selber war auch keineswegs kurz, doch wurde allseits nichts weniger als lang empfunden, besonders infolge des erstaunlichen Plaudertalents des Gastes, als welcher unausgesetzt im besten Ton der feinen Gesellschaft tausend spaßige Sachen, darunter wahre Tollheiten vorbrachte, die besonders den Gerichtsrat in helles Entzücken versetzten, indessen die Rätin dabei vor allem ihre Tochter beobachtete, an welche der Verlobte, der Sitte jener Zeit entsprechend, kaum einmal direkt das Wort richtete, die aber deswegen nicht verfehlte, ihm öfter von der Seite her kleine verstohlene und fast naiv bewundernde Blicke zuzuwerfen, was die Mutter in hohem Grad befriedigte. Nachdem man sich aber die großen bronzefarbenen Bergamotten geschält hatte und nach dem zarten Brie der Kognak und der Kaffee aufgetragen wurden, suchte der Gerichtsrat aus der Heiterkeit in den Ernst überzulenken und in Besprechung von allerlei Geschäftlichem einzutreten. Solange es sich dabei um die Hochzeitsangelegenheiten und Ähnliches handelte, entzog sich der Verlobte dem Gespräch keineswegs, wenn er gleich seine ernstlichen Ansichten und Meinungen auch jetzt noch gern mit allerlei geistreichen Scherzen verbrämte. Als aber dann später der Gerichtsrat auf berufliche und amtliche Dinge zu sprechen kam, wurde der Gast auf einmal merkwürdig einsilbig und gab auf verschiedene Fragen höchst verlegene, ja manchmal geradezu ungereimte Antworten. Nicht lange dauerte das, denn plötzlich erhob er sich und erklärte, daß er leider genötigt sei, die liebwerte Gesellschaft fürs erste zu verlassen, weil bei einer wichtigen Angelegenheit seine Gegenwart erfordert sei. Bei diesen Worten küßte er den etwas verblüfften Damen zum Abschied die Hand, wobei wieder seine vorfallenden schwarzbraun seidenen Locken die kleine Lilienhand der blassen, aber jetzt sichtbar errötenden Marie Denise zärtlich weich berührten. Darauf an seine Linke den weißen Handschuh streifend, bot er die Rechte dem Gerichtsrat dar, der aber keineswegs danach griff, sondern dem Schwiegersohn lachend erklärte, so billig käme er nicht weg, wenigstens müsse er zuvor einen verständigen Grund zu seinem plötzlichen Aufbruch angeben. Vielleicht bestehe aber, meinte der Herr Rat, die genannte wichtige Angelegenheit des verehrten Gastes darin, sich bei seinem Bankhaus mit Geld zu versehen. Da könne er sich jedoch den Gang sparen, denn selbstverständlich stehe dem geliebten Schwiegersohn von ihm, dem Schwiegervater, jede Summe ohne weiteres zur Verfügung. Und wenn jener glaube, dieses Anerbieten ablehnen zu müssen, so könne man den Johann mit dem Kreditbrief auf die Bank schicken und den gewünschten Betrag durch ihn abheben lassen. Aber diese Worte und Anerbietungen des Parlamentsrates beantwortete der auf einmal so rätselhafte Schwiegersohn nur mit verneinend ablehnenden Gesten. Dabei erreichte er allmählich rückwärts die Tür, durch die er, in fast unhöflicher Form, zu entkommen suchte. Der Gerichtsrat ließ jedoch nicht von ihm, er folgte ihm in den Vorsaal und hier stieg plötzlich ein eigentümlicher Verdacht in ihm auf. Er fragte sich heimlich, und nicht ohne eine gewisse Empörung, ob der junge Mann nicht etwa in seinem Gasthof oder gar auf der Straße die Bekanntschaft einer galanten Dame gemacht und mit ihr ein Stelldichein verabredet habe. Das fragte er nicht nur heimlich sich selber, sondern äußerte auch dem jungen Mann gegenüber, sehr euphemistisch zwar, aber doch verständlich genug, eine diesbezügliche Anspielung. Aber da traf ihn ein furchtbarer Blick aus den sonst so sanften Augen des Herrn Schwiegersohnes, vor dem er sich ordentlich entsetzte. »Ihr seid ganz auf der rechten Fährte,« sprach der schmucke Offizier mit unheimlich hohler Stimme. »Allerdings um ein Stelldichein handelt es sich, und um ein solches, bei dem ein richtiger Kavalier noch weniger fehlen mag als bei einem galanten. Auch die Dame Mors soll ein Edelmann nicht verächtlich behandeln. Ich bin nämlich gestern, eine halbe Stunde vor Mitternacht, gestorben, und für heute abend um sechs Uhr hat man auf dem Friedhof zum Hl. Thomas von Aquin mein Begräbnis festgesetzt, bei dem ich zu erscheinen versprochen habe. Ich würde einen schlechten Begriff von mir geben, wenn ich bei einer so ernsten Angelegenheit mein Wort nicht hielte.« Sprach's, verbeugte sich und eilte durch den Flur nach der Treppe. Erst hier kehrte er sich noch einmal einen Augenblick um. »Und vor allem, Herr Parlamentsrat,« sprach er mit seltsamer Feierlichkeit, »de mortuis nil nisi bene!« Damit stürzte er, wie von einem Gespenst verfolgt, die Treppe hinunter, und schon fiel auch das Haustor hinter ihm knirschend in das Schloß zurück. Der Gerichtsrat warf einen flüchtigen Blick durch das Vorzimmerfenster, und sah, wie der Jüngling, in seiner ganzen Gestalt in den schwarzen Mantel gewickelt, die Gasse der großen Truanderie in der Richtung auf die kleine Kirche von Sankt Leuen eiligst dahinschritt. Herr Moreau, wiewohl Richter, erfreute sich einer wesentlich heiteren Natur, das stand auf seinem breitflächigen wohlgenährten Gesicht mit dem leichten Ansatz von Doppelkinn deutlich genug geschrieben. Er nahm, wie er schon bei Tisch gezeigt hatte, nicht leicht einen Scherz übel, und so kam er mit lautem Lachen zurück zu den Frauen, die in recht peinlicher Stimmung auf ihn gewartet hatten. »Ratet, meine Lieben, was das für ein Geschäft ist, das ihn abruft,« sagte er immer noch lachend, »und das er begreiflicherweise vor Damen nicht nennen mochte.« Über diese Frage schlug Fräulein Marie Denise, in diesem Augenblick blasser als je, verlegen die Augen zu Boden und die Frau Rätin bekam ein langes Gesicht. »Aber ihr würdet umsonst raten,« fuhr der Rat fort; »er eröffnete mir nämlich, er sei in der vergangenen Nacht gestorben und heute abend um sechs sei seine Beerdigung anberaumt, bei der er doch unmöglich fehlen dürfe.« »Wie grauenhaft,« hauchte die Rätin, und das leibhaftige Entsetzen stand ihr in den Augen; den jungen, zarten Leib ihrer Tochter aber überlief ein sichtbares Erzittern. Der Gerichtsrat mußte jetzt erst recht lachen. »Seid doch nicht kindisch,« mahnte er, »es ist natürlich alles nur ein Scherz. Ich will auch gerne zugeben, daß der Strudelkopf sich etwas Geschmackvolleres hätte ausdenken können, aber er konnte oder wollte nun einmal die Wahrheit nicht sagen, wir werden ja die Gründe wohl noch erfahren, und in der Verlegenheit greift der Mensch eben nach dem Einfall, der sich ihm gerade darbietet; mit einem solchen jungen Springinsfeld darf man das nicht so genau nehmen.« »Lieber Freund,« unterbrach ihn hier seine Frau, »mir ist angst und bange; ich fürchte, meine schlimmen Ahnungen gehen noch in Erfüllung.« Und in die Vergißmeinnichtaugen der blassen Marie Denise kam ein Blinken wie von einer heimlichen Träne. »Bitte, meine Teuerste, nicht diesen Ton,« sprach ihr Mann fast streng verweisend. »Das ist ja Unsinn. Und heute abend, wenn der Herr Sohn zurück sein wird und euch seine Erklärungen gibt, werdet ihr selber über eure Torheit lachen. Er weiß, daß um acht Uhr die Tafel bereit ist, und er müßte wirklich sehr unhöflich sein, wonach er ja nicht aussieht, wenn er uns über diese Stunde hinaus warten lassen wollte.« Er ließ aber wirklich warten. Es schlug die acht auf der Stutzuhr des Kamins, es schlug darauf ein erstes und dann ein zweites Viertel, aber von einem Schwiegersohn ließ sich nichts sehen und nichts hören. Nun begriff der Herr Gerichtsrat selber nichts mehr. »Und doch hat er sich«, bemerkte er einmal, »während seines Hierseins als ein junger Mann von vollendeter Erziehung gezeigt. Nur eins, wie ich gestehen muß, hat mir ein wenig mißfallen: daß er sich nicht im Kleid seines eigenen Standes vorgestellt hat, sondern in dem des Kriegers. Das kommt ja fast so heraus, als ob er sich der richterlichen Berufung schämte, die doch mindestens so edel und in höherem Grad menschheitsdienlich ist als der Soldatenstand. Was sagst du dazu, mein Herzchen, mein Kind,« wandte er sich an seine Tochter. »Soll ich deine Gedanken erraten? Sei ehrlich, hast du nicht eben gedacht, daß alles in allem der veilchenfarbene Offiziersrock mit den goldenen Litzen nicht schlecht steht zu seinen schwarzbraunen seidenen Locken? Hab ich's erraten? Gestehe es nur! Auch bist du vielleicht der Meinung, und ich gebe dir nicht ganz unrecht, daß ein junger hübscher Mann auf Reisen sich wohl eine solche Freiheit herausnehmen darf.« Und hier errötete die blasse Marie Denise heut zum zweiten- oder drittenmal, und diesmal stärker als je zuvor. »Er kommt gewiß heut abend im Talar,« erwiderte sie ihrem Vater nicht ohne kleine Heuchelei. »Mit oder ohne Talar,« stieß dieser unwirsch hervor, »aber bei Gott, er kommt ja überhaupt nicht.« Und die Stimmung wurde allmählich bedenklich. Und immer unheilschwangerer wurde das Gesicht der Rätin. Sie warteten noch die erste halbe Stunde nach neun ab, dann rief der Gerichtsrat den Johann und gab ihm Auftrag, unverweilt nach dem Burgundischen Hof zu eilen und sich dort, aber bei dem Gastwirt selber, nach dem Verbleiben des Herrn von Cujac zu erkundigen. Unterdessen fiel es den Frauen ein, daß sie aus Höflichkeit gegen den Gast dessen mitgebrachte Briefe noch kaum aufmerksam gelesen hatten. Marie Denise erbot sich, sie den Eltern vorzulesen. Aber das ging nicht, ihre Stimme bebte, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ihre ganze Seele war nur noch von einem einzigen Gedanken erfüllt: was es nur zu bedeuten haben mochte, daß er in so seltsamer Weise weggegangen und nun so lange ausblieb und am Ende gar nicht mehr wiederkam. Nein, sie konnte nicht vorlesen; der Vater mußte für sie eintreten. Die Briefe erwiesen sich so, wie man es nur von ihnen erwarten konnte. Besonders von dem liebenswürdigen Geplauder des jungen Fräulein Cujac – sie mußte, wenn sie ihrem Bruder nur halbwegs ähnlich sah, eine provenzalische Schönheit ersten Ranges sein – würden alle und würde namentlich die blonde Marie Denise unter anderen Umständen über die Maßen entzückt gewesen sein; aber jetzt glitten all die kindlichen und naiven Herzlichkeiten der fernen Schwester fast wirkungslos an ihr ab. Denn immer furchtbarer reckte sich, wie ein Gespenst, in ihrer Seele die Frage auf: Ob er wirklich nicht zurückkommen wird? Sie hatte sich wahrlich die vergangenen Jahre her wenig Sorgen um den fernen Verlobten gemacht. Er war ja nur ein Gedanke für sie gewesen, kaum eine blasse Erinnerung. Denn was ist eine Erinnerung an einen halbvergessenen Kindertraum, an einen fast verwischten Traum vor fünfzehn Jahren? Aber seit diesem Morgen war der Traum Fleisch und Blut geworden und leibhaftige Gegenwart und strahlend von Leben und Schönheit wie ein junger Gott, und hatte die Seele des blassen schwärmerischen Mädchens ganz ausgefüllt, war ihr einziges Denken und Sinnen, war ihr Leben selber geworden, das, sie fühlte es, hinwelken und vergehen müßte, wenn ihr der wundervolle Traum wieder ausgelöscht werden sollte. Und wie bitter schmerzlich dieses Hangen und Bangen, dieses gespannte Horchen auf die nächtige Straße nach dem großen Haustor drunten, ob dieses nicht endlich mit seiner kreischenden Stimme frohe Botschaft verkünde. Es schien aber für ewig verstummt... Nein, doch nicht, jetzt drehte sich unten ein Schlüssel, jetzt kreischte es laut, fast wie triumphierend – aber nur Johann, der Diener, war angekommen. Und die Nachrichten, die er brachte, wirkten auf die Frauen geradezu niederschmetternd, ja grauenerregend, und auf den Gerichtsrat mindestens im höchsten Grad verwirrend. Was der Diener berichtete, hatte er aus dem eigenen Munde des Gasthofsbesitzers vernommen und konnte also vernünftigerweise nicht bezweifelt werden, so sehr alles der Vernunft und allem gesunden Denken zu widersprechen schien. Darnach nämlich war der erfragte Doktor Cujac am Abend zuvor mit dem Postwagen von Melun angelangt, hatte an der allgemeinen Gasttafel noch vergnüglich gespeist, war kurz nach dem Essen von heftigen Magenkrämpfen befallen worden, die, trotz herbeigerufener ärztlicher Hilfe und der Anwendung mannigfaltiger Linderungsmittel, sich nicht geben wollten, sondern sich immer heftiger und schmerzlicher gestalteten, daß der Kranke sich wie wahnsinnig gebärdete in seinen Schmerzen, von denen ihn dann, etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht, der Tod erlöste. Und heut, um sechs Uhr des Nachmittags, hatte man ihn auf dem Kirchhof der dortigen Pfarrei, nämlich bei Sankt Thomas Aquinus, begraben und auf sein Grab – einstweilen – ein einfaches Holzkreuzchen gesetzt mit seinem Namen, den auch der Totengräber daselbst in sein Register eingetragen hat. An Geld war mehr als genügend vorhanden gewesen, um die Kosten zu bestreiten. Übrigens habe der Gasthofbesitzer das Felleisen des Verstorbenen mit allem Hinterlassenen bereits wieder auf die Post gegeben zugleich mit einem Brief an den Vater des Verblichenen, den Parlamentspräsidenten Cujac zu Aix in der Provence. Dieser Bericht hatte jedoch nicht in einem hin erfolgen können. Denn bei der Meldung des eingetretenen Todes war die Tochter, mit einem schrecklichen Aufschrei, ihrer Mutter ohnmächtig in die Arme gesunken, und erst als man die Bedauernswerte durch liebevollen und angstvollen Beistand ins Bewußtsein zurückgerettet hatte, konnte der Diener seine Erzählung zu Ende bringen. Hierauf traf der Gerichtsrat Anstalt, daß die gänzlich verstörten Frauen sich zurückzogen, er selber verfügte sich in sein Arbeitskabinett in Gesellschaft höchst wirrer und unklarer Gedanken. Klar fühlte er sich nur über eines, nämlich, welche Gestalt der Verlauf dieser Dinge in dem Gehirn seiner Frau bereits angenommen hatte und welcher Art sie sich darin noch weiter auswachsen würden. Er kannte seine Frau nur zu gut und befürchtete nicht ohne Grund, daß wahrscheinlich auch die Tochter dem unheilvollen Bann der Mutter verfallen müsse, wenn der Vater nicht mit allen Kräften dagegen wirkte. Er zweifelte nämlich keinen Augenblick daran, daß die Mutter sich bereits in dem Glauben bestärkt habe und immer mehr sich darin bestärken werde, der rätselhafte Jüngling vom Vormittag, und seltsam genug war ja die Geschichte, sei niemand anderes gewesen als der Verstorbene selber oder vielmehr der materialisierte Geist desselben, der seiner Verlobten nach seinem Ableben in leibhaftiger Gestalt erschienen, um ihre Seele für immer an sich zu fesseln. Und die folgenden Tage machten es ihm zur Sicherheit, daß die Tochter selber, durch den mütterlichen Einfluß, sich ebenfalls in diese Vorstellungen verirrt und gänzlich darin verloren hatte. Sie verweigerte Speise und Trank bis auf das Allernotwendigste, und bereits am dritten Tage meldete die Frau Rätin ihrem Gemahl, die Tochter sei unüberwindbar entschlossen, der Welt zu entsagen und im Kloster von Val-de-Grace (das erst vor kurzer Zeit von der Königin-Mutter, Anna von Österreich, gegründet worden) den Schleier zu nehmen. Der Geist des toten Verlobten war nämlich den Frauen ein zweites Mal erschienen, und diesmal unter Umständen, die wirklich alles dazu beitragen mußten, um die beiden verwirrten Gemüter in ihrem Glauben erst recht zu befestigen. Von dem Diener Johann begleitet, der einen üppigen Kranz junger Rosen vor ihnen hertrug, waren die beiden Frauen, in Trauerschleier gehüllt, nach dem nicht sehr fernen Kirchhof von Sankt Thomas gepilgert, hatten den Kranz auf dem frischen Grab niedergelegt und dann lange auf den Knien davor gebetet. Als sie sich aber, noch ganz in ihre Gebetsekstase eingesponnen, erhoben hatten, war plötzlich zwischen den schwarzen eisernen Kreuzen der nahen Gräber die Gestalt jenes lockigen Jünglings im veilchenfarbenen Schoßrock und weißen Spitzenkragen vor ihnen wie aus dem Grabe emporgetaucht. Er hielt in der Linken seinen Dreispitz mit weißen Straußenfedern, mit der Rechten aber fuhr er sich nach dem Herzen und machte vor den Damen eine stumme und tiefe Verbeugung, worauf die Mutter ihre wankende Tochter nur mit größter Mühe dem Torgitter des Kirchhofs entgegenzuführen vermocht hatte. Auf diese Mitteilung seiner Frau hin hatte der Gerichtsrat den Johann ins Gebet genommen, der hoch und heilig beteuerte, den veilchenfarbenen Offizier ebenfalls auf dem Kirchhof gesehen und als denselben erkannt zu haben, der zwei Tage zuvor so lustig mit der gerichtsrätlichen Familie zu Mittag gespeist hatte. Wahrhaftig, es war eine ganz verzwickte Geschichte. Was über die Einbildungen und Wahnvorstellungen seiner Frau zu denken sei, hierin gab's in dem klaren und verständigen Kopf des Gerichtsrats kein Schwanken; er wußte aber auch, daß gegen solche unfaßbare Gewalten mit Worten nur schwer anzukämpfen ist. Er machte darum auch nicht den geringsten Versuch in dieser Beziehung, sah aber deswegen dem Gang der Dinge keineswegs müßig zu. Zunächst begab er sich in eigener Person nach dem Burgundischen Hof, und dabei erhielt er in dem Rätseldunkel der vergangenen Tage ein kleines Lichtlein aufgesteckt, das ihm in seiner natürlichen Erklärung der seltsamen Wunderbarlichkeiten schon halbwegs als Wegweiser dienen konnte. Jedenfalls sollte ihm, dem Gerichtsrat am hohen Parlament, niemand zumuten, um den Besuch des verstorbenen Schwiegersohnes zu erklären, ein Gespenst zu Hilfe zu rufen. Dennoch versagte es sich der Herr Rat, den Frauen dieses einstweilige Ergebnis mitzuteilen. Denn er wußte, wie hartnäckig der Aberglaube ist, der im Kampf mit dem nüchternen Verstand sich fast immer als der Überlegenere erweist oder sich wenigstens als solcher fühlt, weil der Verstand oder die Vernunft für ihn einfach der Unglaube sind. Und der Unglaube, er wäre es ja sonst nicht, muß selbstverständlich den Glauben bekämpfen, wie auch umgekehrt. Ein Tor, der glaubt, daß beide sich je in der Mitte treffen und versöhnen könnten. Der Gerichtsrat behielt also einstweilen die wichtige Kundschaft für sich. Aber Tag und Nacht überlegte er, was sich etwa tun lasse, um seine Tochter zu retten und von ihrem verzweifelten Entschluß abzubringen. Eine ganze Woche lang zermarterte er vergeblich sein Gehirn, und endlich entschloß er sich zu einem Schritt, gegen den er selber keine geringen Bedenken hegte, aber die Liebe zu seinem einzigen armen Kinde hätte ihn auch vor noch Bedenklicherem nicht zurückschrecken lassen. Und also fanden die Leser der »Gazette de France« (damals noch die einzige französische Zeitung) eines Morgens in den Spalten dieses Blattes eine öffentliche Aufforderung von so sonderbarer Art, daß sie allgemein unter Lachen und Kopfschütteln gelesen und entweder für einen schlechten Witz oder das Werk eines Verrückten gehalten wurde; sie lautete: »Der falsche Schwiegersohn, der am verflossenen 26. April den wirklichen Schwiegersohn bei Sankt Thomas von Aquin begraben hat, wird als Mann von Ehre aufgefordert, nicht ferner eine arme Mutter und Tochter als Gespenst zu schrecken, sondern sich dem Schwiegervater zu stellen, wenn er anders den Mut dazu hat.« Darüber gingen fast vierzehn Tage hin und der Gerichtsrat verzweifelte schon an dem gehofften (allerdings nur schwach gehofften) Erfolg seines ungewöhnlichen Unternehmens. Und doch stand eine äußerst glückliche Lösung des ganzen Rätsels schon in nächster Nähe, denn frühmorgens am Fest des Hl. Bonifazius erhielt Herr Moreau von der königlichen Post ein auffallend dickes Briefkonvolut eingehändigt, das außer einem viele Seiten langen Brief noch ein ganz kurzes Schreiben enthielt. Dieses las der Parlamentsrat zuerst. Und so fand es sich abgefaßt: »Ich, Endesunterzeichneter, Roger Rabutin, Graf von Bussy, Generalleutnant des Königs und Generalquartiermeister der Armee des Fürsten Condé, bezeuge hiermit dem Herrn Kapitän von St. Galmier (seine Familie, wiewohl arm, gehört zu den ältesten unserer alten Provinz von Languedoc), daß ich ihn als braven und in allem Kriegswesen wohlbewanderten Soldaten kennengelernt und darum zu meinem persönlichen Adjutanten gemacht habe, wie ich denn auch nur einen einzigen Wunsch für ihn hege, nämlich, daß er die erforderliche Summe aufbringen möchte, um das Regiment des Herrn Marquis von Thieme zu kaufen, der sich zurückziehen will, was für den begabten jungen Offizier nichts Geringeres bedeuten würde als der erste Schritt zur Marschallswürde, die er bei seiner außerordentlichen Fähigkeit gewiß nicht verfehlen wird. So geschehen in unserem Hauptquartier zu Nisme in der Provence im Monat Mai am Neunten anno 1638. Graf von Bussy.« Aha, dachte der Gerichtsrat nach dieser Lektüre, da haben wir wohl den jungen Offizier, von dem mir der Wirt im Burgundischen Hof erzählt hat und der gleichzeitig mit meinem unglücklichen Schwiegersohn und anscheinend intim mit ihm befreundet in dem Gasthof abgestiegen ist, der anderen Tags dessen Begräbnis besorgt, aber in den Gasthof zurückzukehren – wahrscheinlich aus Gründen, die ich ahne – vermieden hat. Nun, da wird ja auch der falsche Schwiegersohn nicht mehr weit sein. Er sah nach der Unterschrift des anderen viel längeren Schreibens, und siehe, er fand es mit André von Saint-Galmier unterzeichnet. Folgendes aber bildete ungefähr den Inhalt des umfangreichen Briefes: Herr von Saint-Galmier, auf einer Dienstreise nach Paris von der Stadt Nisme her, war in der Posthalterei zu Montélimart mit dem jungen Doktor Cujac, Sohn des Parlamentsrats Cujac zu Aix, bekannt geworden. Beide hatten dasselbe Reiseziel, sahen sich auf dieselbe Postkutsche angewiesen, so konnte es nicht fehlen, daß sie sich bald näher miteinander befreundeten und daß namentlich Herr von Saint-Galmier sich bald vollkommen unterrichtet fand nicht nur über alle Familienverhältnisse des jungen Rechtsbeflissenen, sondern auch und vor allem über dessen Absichten, Hoffnungen und Pläne zu Paris. Über alle diese Dinge äußerte sich sein Reisegefährte in großer Mitteilsamkeit und ohne allen Rückhalt, ebenso wie über seine Verlobte und deren Familie, dergestalt, daß Herr von Saint-Galmier später bei dem Gerichtsrat Moreau und seinen Frauen mit Sicherheit die Rolle spielen konnte, wie er sie, von den Umständen hingerissen, leider gespielt hat. Keineswegs jedoch kam er mit dem Vorsatz dazu in das Moreausche Haus, sondern in der redlichen Absicht, die Braut des so plötzlich Verstorbenen und deren Familie in schonender Weise von dem Todesfall zu unterrichten und die Formalitäten des Begräbnisses noch näher mit dem Herrn Gerichtsrat zu besprechen. Allein in dieser Absicht hatte er auch die mitgebrachten Familienbriefe des Toten zu sich gesteckt. Und nicht mit dem leisesten Gedanken kam ihm auch nur die Möglichkeit in den Sinn, daß sein Besuch den sträflichen Verlauf nehmen könnte, den er dann tatsächlich genommen hat. Erst in dem Augenblick, wo er, in das Haus getreten, von der Dienerschaft ohne weiteres als der erwartete Schwiegersohn angekündigt wurde und sich von dem Gerichtsrat, ohne alles Besehen, als solcher umarmt und geküßt sah, hat dann jene verhängnisvolle Mitgift, die ihn schon seit seiner Kinderzeit so leicht zu Schabernack und tollen Possen geneigt sein ließ, plötzlich ihre alte Gewalt über ihn bekommen, nicht anders, als ob ein verruchter Dämon in ihn gefahren sei, dessen Herrschaft er sich nicht mehr zu entziehen vermochte. Er erkannte auch gleich bei seinem Weggang aus dem gerichtsrätlichen Hause die Sträflichkeit seines Betragens, eine nachträgliche Entschuldigung aber hielt er für eine eitle Sache und sah doch zu einer ernstlichen Wiedergutmachung nicht Weg und Mittel. Das volle von ihm angerichtete Unheil ahndete er zudem erst bei Lesung jenes Aufrufs in der Gazette de France, und wenn er darüber hin noch eine so lange Zeit verstreichen ließ, so geschah das darum, weil er den schweren Schritt sich ohne einen höheren Beistand nicht zu wagen getraute. Aus diesem Grund hatte er es für richtig gehalten, zuvor seinen hohen Beschützer, den Herrn Rabutin, Grafen von Bussy, um seine Empfehlung anzugehen... »Ihr seht mich«, so schloß der Brief, »nicht nur in tiefster Beschämung, sondern in der größten Bereitwilligkeit zu jeder Art Genugtuung, die Ihr von mir verlangen mögt, und wenn es mir erlaubt ist, so möchte ich für heut nur noch die Bitte aussprechen dürfen, mich morgen persönlich in Eurem verehrten Hause vorzustellen und aus Eurem eigenen Munde mein Urteil entgegenzunehmen.« Der Gerichtsrat atmete tief auf nach dieser Lektüre. Damit sah er seine Tochter gerettet und das war alles, was er wünschen konnte. Aus dieser Befriedigung heraus fühlte er allen Groll gegen den leichtfertigen fremden Offizier in seiner Seele bereits völlig ausgelöscht. Gewiß, dieser junge Herr von Saint-Galmier hatte in seinem Hause und noch dazu in einer so furchtbaren Stunde eine unwürdige Posse aufgeführt, aber wo sollte die Welt hinkommen, wenn sie einer hoffnungsvollen Jugend nicht gelegentlich eine Tollheit verzeihen wollte. Und in dieser durchaus versöhnlichen, ja fast schon freundschaftlichen Stimmung empfing er anderen Tags den Besuch des hübschen Offiziers, dessen vollendet liebenswürdige Manieren ihn schnell gänzlich besiegten. Er tat darum schon nach wenigen Worten den Entschuldigungen und Selbstanklagen des Herrn von Saint-Galmier kurz Einhalt, indem er von seiner Seite das Wort ergriff. »Gut, gut,« sagte er, »macht Euch nicht allzu schlecht. Ich selber bin ja auch nicht frei von Schuld. Mein übereiltes Betragen dem unbekannten Ankömmling gegenüber macht dem ergrauten Richter einer hohen Untersuchungskammer gerade keine Ehre, und damit habe ich... Aber lassen wir das. Kurz, es ist mir peinlich, einen jungen Offizier gedemütigt und beschämt vor mir zu sehen, den ein Graf von Bussy seiner Freundschaft für würdig hält. Denn ich will Euch nur gestehen, ich hege die größte Verehrung für diesen Mann, der sich nicht nur in unserer siegreichen Armee, sondern auch in unserer ebenso siegreichen Literatur rühmlichst hervorgetan hat, und gern würde ich meiner Bewunderung für den musischen Generalquartiermeister einen sichtbaren Ausdruck geben. Es würde mir darum keine kleine Ehre sein, Euch die Summe vorstrecken zu dürfen, deren Ihr benötigt seid, wie der Herr Graf es schreibt, um das Regiment des Herrn Marquis von Thieme zu dem Eurigen zu machen.« Bei diesen Worten war der Herr von Saint-Galmier sichtlich errötet. »Für Euer ebenso unerwartetes wie großmütiges Anerbieten«, sagte er jetzt, »werde ich Euch ewig dankbar sein, aber annehmen könnte ich es nur unter einer Bedingung.« »Und diese wäre?« fragte der Gerichtsrat. »Es wird mir schwer fallen, sie auszusprechen,« erwiderte der Offizier, noch stärker errötend, »es sei denn, daß Ihr mir zuvor eine Frage erlaubt.« Und als der Gerichtsrat lächelnd genickt hatte: »Vielleicht,« sagte der Mann mit dem schwarzbraunen Lockenhaupt, »daß ich mir mit meiner Frage wieder allzu viel Freiheit herausnehme und Ihr mich von neuem ein wenig frech findet. Aber koste es, was es wolle, es handelt sich um ein Menschenschicksal, und meine Frage ist notwendig. Also: Unter welcherlei Gestalt und Wesen, Herr Gerichtsrat, glaubt Ihr, daß der ehemalige Verlobte Eurem Fräulein Tochter heute in Sinn und Herzen steht?« »In Gestalt und Wesen, wie Ihr sie in Person darstellt, leider,« antwortete der Gerichtsrat. »Ich sage ›leider‹,« fügte er hinzu, »ich sollte sagen ›natürlich‹, denn von dem Verstorbenen kann sie ja gar keine Vorstellung haben.« Herr von Saint-Galmier machte eine tiefe Verbeugung. »Ich danke Euch, Herr Gerichtsrat, und das ist meine Bedingung, mögt Ihr sie nun frech finden oder wie Ihr wollt. Ich nehme Euer Anerbieten an, wenn Ihr mir Eurer Tochter Hand mit in den Kauf gebt.« Leichten Tones scheinbar, und wie einen liebenswürdigen Scherz, hatte der Braungelockte diese Rede vorgebracht, die ihm dennoch gewiß nicht leicht geworden war. Ein um so strengeres und sozusagen spezifisch richterliches Gesicht machte der Parlamentsrat. »Frech oder nicht frech,« sagte er hart; »aber Bedingung gegen Bedingung. Und das ist die meinige: Ich habe geschworen, meine Tochter nur einem Manne zur Ehe zu geben, der mich auf meinem altanererbten Sessel im Parlament ersetzen kann. Wenn Ihr Euch also, Ihr seid ja noch jung, dazu entschließen könnt, den Degen abzuschnallen und den seidenen Schoßrock mit dem schwarzen Talar zu vertauschen und Euch die Doktormütze zu erwerben...« Hier hielt er inne. Der Offizier war erblaßt. Aber der Gerichtsrat lachte. »Habe ich Euch erschreckt?« fragte er. »Recht so. Eine kleine Strafe hattet Ihr immerhin verdient. Aber trotz aller Gegensätze und Feindseligkeiten zwischen König und Parlament, so dick bin ich nicht bemützt, um unseren glorreichen jungen Monarchen eines so hoffnungsvollen Soldaten berauben zu wollen, den der phantasievolle Graf von Bussy (hier huschte ein leicht ironisches Lächeln über das vollblütige Gesicht des Parlamentsrats) bereits zum Marschall von Frankreich ernannt hat. Doch laßt uns nun die Frauen aufsuchen, sie sind auf Euren Besuch vorbereitet, und wenn die Kleine, die sich nun einmal wirklich in Euch verguckt zu haben scheint, mit freiem, freudigem Willen eine Soldatenfrau werden und dem lärmigen Feldlager unter Gottes freiem Sternhimmel vor den engen Klostermauern den Vorzug geben will ... und so weiter.« Und die schwärmerisch romantische und ein wenig blasse Marie Denise hat in der Tat den frechfröhlichen Soldaten mit der Fülle der schwarzbraunen Locken und sonstigen gesamten Leibhaftigkeit dem unsichtbaren himmlischen Bräutigam vorgezogen, und der Herr königliche Generalleutnant und Generalquartiermeister Roger Rabutin, Graf von Bussy, ist in eigener Person als Brautführer zur Hochzeit nach Paris gekommen. Wer seine Briefe und eigene Lebensbeschreibung kennt, weiß ihn als einen Mann, der bei jeder Gelegenheit den Mund gern etwas voll nahm, so daß er, allen seinen soliden Eigenschaften und Verdiensten zum Trotz, manchmal einen fast großsprecherischen Eindruck machte. Auch seine Prophezeiung gegenüber dem Herrn von Saint-Galmier hat sich nicht ganz erfüllt, wie es am Eingang dieser Geschichte bereits gesagt wurde; aber die ehemalige Marie Denise Moreau hat deswegen ihre Heirat nicht bereut, denn ein Marschallstab schien ihr nicht durchaus wesentlich für eine gute Ehe, und wahrlich, wenn er das wäre und die hübschen Damen nicht auch ohne ihn sehr glücklich werden könnten, da gäbe es bei Gott allzu wenig weibliches Glück in unserer besten aller Welten. Die Frau mit den zwei Geköpften Karl von Burgund, der zuerst der Schreckliche hieß, ehe er dann der Kühne genannt wurde, tat sich nicht wenig darauf zugute, ein ebenso strenger und unbeugsamer Richter zu sein, wie ein unversöhnlicher Feind, ein unerschrockener Krieger und ein rauher und gewalttätiger Herrscher, und das allezeit seines stolzen Lebens, bis ihm die groben ungeschlachten Schweizer Bauern bei Murten und bei Grandson ein Bein stellten und bei Nanzig das Genick brachen am Dreikönigstag des Jahres 1477. Damals meinten die Leute, die Welt müsse untergehen. Vielmehr die ganze Welt wollte erst an den Tod des Fürchterlichen gar nicht glauben. Er wurde nämlich während ganzer drei Tage nicht aufgefunden unter den Tausenden von Toten auf dem gefrorenen Blachfeld draußen vor der Stadt. Er lebte sicher noch, denn wie sollte der tot sein, vor dem eine ganze Welt noch immer zitterte. Fast alle, der portugiesische Leibarzt Lupi, der Graf Olivier von der March, der Herr von Château-Guyon, der Graf von Campobasso, der Prinz Philipp von Baden und andere, die ausgesandt wurden, ihn zu suchen, oder aus eigenem Antrieb sich diesem Dienst hingegeben hatten, kamen zurück mit verstörten Gesichtern. Mehrere hatten den Herzog gesehen, wie er auf seinem schweren schwarzen Gaul Moreau mit verhängten Zügeln durch den Winternebel dahingerast in der Richtung auf Mirecourt, und sie fanden bei allem Volk kaum einen Zweifler. Nur zwei ließen sich nicht abwendig machen, der Graf Adolf von Cleve, der treue Freund, und der Narr des Herzogs, genannt Louis Onzième. Wie ein schnuppernder Jagdhund war der Zwerg im roten Schellenkleid immer vor dem Grafen her in dem eiskalten Nebel des winterlich starren Gefildes zwischen unzähligen Leichen und gefrorenen Pferdeäsern. Und dann tat er plötzlich einmal einen schrillen Pfiff. Der Graf Adolf eilte hinzu, da lag vor dem rotberockten Knirps, im gefrorenen Wassertümpel, eine nackt ausgeraubte Leiche mit dem Gesicht nach unten. Dieses Gesicht zeigte sich zur Hälfte abgefressen von Wölfen oder Hunden; die andere Wange aber, als der Graf von Cleve den Kopf sorgfältig herauslöste, schürfte sich los von den Knochen als verwachsen mit dem Eis, der Schädel klaffte von einer tiefen Säbelwunde über der linken Schläfe. »Ja, Freundchen Adolf,« grinste der Narr Louis Onzième in seiner kichernden Art, »ja, es ist der Gevatter, Gott und wahrhaftig. Er hat seine Krone verloren, und da haben die Nichtnarren ihn nicht wiedererkannt. Aber wie es bei dem großen Heiden Achilles nicht richtig stand um seine Ferse, so bei dem größeren Karl um seine große Zehe und ihren Nagel, und diese Zehe hat den armen Tropf mir jetzt verraten. Sein Narr Louis Onzième hat aber nie bei Lebzeiten des Gevatters jemand etwas verraten von diesem einzigen häßlichen Fehler des großen Fürsten.« Und also dieser Herzog, als er noch lebte in der Fülle seiner stolzen Kraft, liebte es ein wenig, den lieben Herrgott zu spielen, da er einmal den Kaiser nicht spielen durfte, wonach ihm die Seele stand. Er pflegte Recht zu sprechen ohne Umschweife und in selbsteigener Person wie die alten Könige, mit denen er sich in Gedanken gern verglich, wie vergeblich er sich auch bemühte, dem Namen nach in ihre Reihe gestellt zu werden, er, der sich für einen Kaiser nicht zu gering hielt. Und wenn er auch das Grauenhafte nicht mit kalten Scherzen würzte und den Henker seinen lieben Gevatter nannte, wie sein spaßhafter Vetter Ludwig von Frankreich mit dem Herrn Tristan tat, der dem König folgte wie dem Menschen sein Schatten: so war doch sein Herz, und er rühmte sich dessen, hart wie der vielbeschriene Diamant von der Größe einer Kinderfaust in der Agraffe seines Hutes, und wie dieser Stein kalte Blitze schoß, nicht anders tat der funkelnde Blick seines Auges, wenn der Zorn die dicke Pulsader seiner Schläfe schwellte. Schon in den ersten Tagen seiner Regierung offenbarte sich grauenerregend sein Wesen, während noch die Leiche des Herzogs Philipp, den sie den Guten nannten, im Rittersaal seiner Burg zu Brügge aufgebahrt lag und Karl seine Tränen kaum getrocknet hatte. Der Bastard von La Hamaide, der Sohn des Grafen Johann von La Hamaide, souveränen Herrn von Condé, hatte im Zorn einen Priester erschlagen, einen Kanonikus von St. Jakob, und Karl, dem jeder Geistliche für heilig und unverletzlich galt, verdammte den turbulenten jungen Mann zum schmachvollen Tode. Vergebens bat der alte Graf und Kämmerer, der dem verstorbenen Herzog nahegestanden wie keiner, und baten mit ihm sechs der vornehmsten Edelleute von Flandern fußfällig um Gnade; vergeblich umklammerte die Herzogin-Mutter und Maria von Burgund, Karls eigene Tochter, flehentlich die Knie des strengen Fürsten: Karl blieb bei seinem Spruch. Und der blondlockige La Hamaide, der Abgott aller Frauen von Brügge, ja Karls eigener Liebling bis jetzt, wurde auf dem gemeinen Schinderkarren und in Fesseln zum Richtplatz vor die Gräben der Stadt geführt und enthauptet, und sein Leib wurde in vier Stücke zerhackt und aufs Rad geflochten. Ein Grausen ging durch die Bewohnerschaft von Brügge, für die doch solche Schauspiele damals nichts Seltenes bedeuteten. Denn das Volk, an Ehrfürchtigkeit gewöhnt, begreift es nicht, daß man seine Vornehmen, die ihm für unantastbar gelten, behandelt wie das schlechte Gesindel. Der Graf von La Hamaide, der Vater des Gevierteilten, aber ließ durch Schergen sein steinernes Wappen über dem Portal seines Stadtpalastes zertrümmern, zur eigenen Bekräftigung seiner Schmach, und dann wandte er der Stadt und dem Fürsten den Rücken und zog sich auf seine Besitzungen zurück, die Seele voll tödlichen Grolls. Noch größeres Aufsehen aber erregte ein Urteil Karls im folgenden Jahre, das hier eingehend erzählt werden soll.   Da saß zu Middelburg sein Statthalter über Zeeland, ein Herr Thibaut von Uzy, Vizgraf von Rubempré. Dieser hatte dem verblichenen Herzog Philipp in mehreren Feldzügen gedient, und durch eine schwere Verwundung am Knie in der Schlacht von Montlhéry zum Tragen der schweren Rüstung und längeren Verweilen zu Pferd unfähig geworden, erhielt er, noch in den kräftigsten Jahren, von Herzog Philipp die genannte Statthalterschaft, in welcher er von Karl bestätigt wurde. Herr von Uzy wohnte, da das alte Statthaltereigebäude dazu nicht genügend Bequemlichkeit bot, am Markt in dem stattlichen Hause eines Bürgers und Kaufmanns namens Mynheer Vandenhoeck, der allen Grund hatte, mit der Welt und ihren Einrichtungen zufrieden zu sein. Denn nicht nur, daß ihn das Glück in seinem Handel mit Muskat und anderen indischen Gewürzen von Jahr zu Jahr mehr begünstigte, es waltete zugleich in seinem Hause eine junge Frau von blütenheller Schönheit, um die ihn mancher noch mehr beneidete, als um seinen wachsenden Wohlstand. Doch diese Schönheit der Frau Barbara sollte sein Verderben werden, so daß auch ihre strenge Tugend, die jedermann ihr nachrühmte und woran die Arme sich klammerte wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm, ihr und ihres Eheherrn furchtbares Schicksal nicht abwenden konnte, sondern den Handel erst recht schlimm machte. Denn die rosig schimmernde Jugend des blonden Frauchens in erst beginnender fleischlicher Fülle und bescheiden gekleidet in zarte Sanftheit und Güte, stach dem Herrn Vizgrafen mit dem steifen Knie von der ersten Begegnung an (er hatte bis jetzt nur die braune Sorte gekannt mit matter Tönung) derartig in die Augen, daß er von Stunde an den Blick nicht mehr von ihr wendete und ihr um den Weg ging, wo er nur konnte, und sie umkreiste und umschnurrte nicht anders als ein verliebter Kater, der zur Nachtzeit um die Lichtmeß über mondhelle Dachgiebel einer weißen Katze nachschleicht. Und da Mynheer Vandenhoeck die ganze Woche, wie sich denken läßt, mehr in seinem Kontor über den großen dicken Büchern saß, als an der Seite seines blonden Gesponses, was sich für einen Mann seines Kalibers auch kaum geschickt hätte, so fand der Herr Gouverneur Gelegenheit genug, die stille Frau allein zu treffen und sie zu überraschen, an Vormittagen und an Nachmittagen, an ihrem zierlichen Webstuhl oder Stickrahmen, vor ihren Linnentruhen oder Zinnschränken, an ihrem Betschemel auch und bei hundert anderen Verrichtungen. Und fand sie dennoch nie allein, sondern immer ihr Töchterchen um sie herum, ein dreijähriges Kind in hellblauem Kleidchen und einer ebensolchen Schleife in den Locken, die glänzten fast wie weiße Seide. Im Anfang fand er dies nicht einmal unangenehm, denn er konnte so damit beginnen, dem Kind auf seine Weise schön zu tun, und von dieser Einleitung allmählich zu dem verliebten Geplänkel mit der Frau übergehen. Aber dem Letztersehnten kam er dennoch, und auch durch Monate hindurch, um kein Haar näher, wie er auch jenes Geplänkel, als erfahrener Waffenheld und kunstreicher Fechter, in allen Ausweichungen und Variationen durchführte und seine Ausfälle und Kühnheiten mit geschickten Finten und Zurückweichungen erfinderisch wechseln ließ. Aber ob er schmeichelte und schmollte, oder stürmte und drohte, kurz: auf welche Weise er angriff, er traf nirgends auf eine schwache Seite der trotzigen Festung, die aber gar nicht trotzig tat, sondern stets gleich sanft und ruhig und freundlich verharrte, als ob sie nicht im entferntesten eine Belagerung und Berennung zu bestehen hätte, womit sie, ohne es zu wollen oder zu beabsichtigen, ihren Bedränger erst recht zur Hartnäckigkeit steifte. Dann machte er den Versuch, und oft wiederholte er ihn, die Blauaugen und Wächter der Umzingelten unversehens zu bestechen und zu gewinnen durch kostbare Stoffe in Seide und Brokat und seltene Kleinodien von Gold und Perlen und edlem Gestein, doch vergeblich, es wurde ihm alles ausgeschlagen. Aber mit dem Widerstand, den er erfuhr, wuchs ihm der Wille, und mit der Raserei seines heftigen Begehrens verbündete sich der Groll gekränkter Eigenliebe im Herzen des Krieg- und Sieggewohnten, der sich wahrlich schmeicheln durfte, des öfteren stolzere und gefährlichere Bollwerke im Handumdrehen genommen zu haben. Dieses Bewußtsein nützte ihm indes gar nichts, und er mußte erfahren, daß er immer wieder abprallte mit seinem Anrennen, und die schlauesten Unterhandlungen sich ergebnislos hinzogen ins Unabsehbare. Wenn wenigstens die dumme Hilfstruppe nicht gewesen wäre, dieses Kind von drei Jahren mit der albernen blauen Schleife im Seidenglanz seiner hellen Locken, das nun schon zweimal, wenn er vom vergeblichen Parlamentieren zum kecken Handstreich übergehen wollte, durch seine erschreckten Schreie ihm alles verdarb, dergestalt, daß der stolze Ritter des Goldenen Vlieses (er trug dieses Ruhmeszeichen seiner kriegerischen Verdienste stets um den Hals) vor den herbeigelaufenen Mägden all seinen Geist zusammenpacken mußte, um seine weltmännische Haltung nicht zu verlieren und den Schein zu retten. Hätte der Statthalter nicht zusammen mit der Schönen in einem und demselben Hause gewohnt, wäre es vielleicht nicht zum Schlimmsten gekommen, und er hätte es mit der Zeit wohl vermocht, sich das verzweifelte Unternehmen aus dem Sinn zu schlagen. So aber mußte er der blonden Frau Barbara, auch wenn er sie nicht aufsuchte, immer wieder im engen Aneinander begegnen, wobei der böse Stachel mit dem Doppelhaken der Begierde und verletzten Eitelkeit sich jedesmal tiefer und schmerzlicher in sein Fleisch eindrückte. Und was als Schlimmstes hinzukam: er konnte, ohne sich bei dem etwas eitlen Hausherrn dem unschönen Verdacht hochmütiger Gespreiztheit auszusetzen, sich dessen häufigen Einladungen an seinen Tisch nicht entziehen. Hier aber saß er an der Seite der jungen Frau, und wenn es dann gelegentlich geschah, daß diese in ihrer allzu harmlos bürgerlichen Art mit ihrem Ellenbogen den seinen flüchtig berührte, ohne sich dessen vielleicht auch nur bewußt zu werden – darauf zu schwören, wird von niemand verlangt – dann zuckten durch das Hirn des Vizgrafen sofort die schwefeligen Blitze des allergiftigsten Verdachts, und seine weitgeöffneten schwarzen Augen nahmen einen, fast möchte man sagen: teuflischen Ausdruck von Genugtuung an. Wie berechtigt oder unberechtigt nun in solchen Augenblicken die heimlichen Schlußfolgerungen seines Gehirns sein mochten, das wie jedes andere Gehirn sich seine Vernunftschlüsse mehr von der Herrschaft der Triebe als von der kalten Logik diktieren ließ: so oder so mögen die gedachten winzigen Vorkommnisse nur allzu schwer gewogen haben in der Schale, auf deren Sinken oder Steigen der Preis dreier Menschenleben stand. Denn wenn Herr Thibaut von Uzy sich ohnedies schon tief verbissen hatte in den Köder, den sein Schicksal ihm vorhielt in Gestalt der blonden Frau Barbara, so verbiß er sich jetzt doch noch tiefer, ohne recht mehr sagen zu können, ob aus Liebe oder aus Ingrimm. Denn seine Leidenschaft, oder was man so nennt, würgte an ihm, daß er manchmal gar zu ersticken drohte. Und wenn er seinem Würgengel ins Gesicht sah, so war dies bald das feurige Antlitz der roten Begierde, bald die verzerrte Fratze der blassen Wut. Und das eine Gesicht, mit dem feuerfarbenen Blick der Hölle, versengte ihm das Mark in den Knochen, und das andere, das blasse Medusenhaupt, überrieselte ihn mit eisiger Kälte, daß seine Glieder schlotterten. Die witzigen und mehr oder weniger feinen Mittel hatte der Vizgraf mit dem letzten Rest seiner Geduld längst vergeblich ausgegeben; so blieb ihm nichts übrig, als zu einem plumpen zu greifen, zu einem ganz plumpen, von dem er dennoch hoffen konnte, da er über Macht verfügte, daß es ihn ans Ziel bringen werde. Da ging denn eines Morgens ein unglaubliches Gerücht durch die Stadt. Es hieß, der reiche Kaufmann Mynheer Vandenhoeck sei am Abend zuvor von den Schergen des Statthalters ergriffen und in den untersten Kerker des Turmes geworfen worden. Über das Verbrechen, dessen man ihn anklagte, wußte zunächst niemand etwas. Doch wurden die Bürger zu Middelburg bald aufgeklärt. Der Statthalter selber sorgte dafür, und bald wußte die ganze Stadt, was sie wissen sollte: daß dem Herrn Vizgrafen von Rubempré Dokumente in die Hände gespielt worden seien, die den Bürger Vandenhoeck eines geheimen Komplotts mit den Rebellen und Aufrührern von Lüttich überführten, die im Sold des schlimmen Lutz, nämlich des elften Ludwig von Frankreich, standen, in dessen Dienst und Auftrag sie dem Herzog Karl, dem Kühnen, die böse Suppe einbrocken sollten, an welcher er dann eines Tages auch fast erstickt wäre. Niemand konnte sich unter den Beschuldigungen etwas Besonderes und Greifbares denken, aber der Name Lüttich allein genügte, die Leute mit Grauen und Schrecken zu erfüllen. Man kannte nur zu gut das entsetzliche Schicksal der Lütticher. Alle Welt war voll von den Erzählungen der schauderhaften Züchtigung dieser Stadt durch den Herzog Karl unter den eigenen Augen Ludwigs, des französischen Königs, und ihm zum grausamen Spott, der allein die Lütticher zu ihrer erneuten Empörung aufgereizt hatte. Und also, darauf baute der Gouverneur, brauchte es nur dieses Namens, um alle Münder stumm zu machen. Außerdem hatten alle Arme vollauf zu tun, und der Statthalter durfte sich mit hämischer Freude beglückwünschen, zur Ausführung seines Streiches den glücklichsten Augenblick gewählt zu haben. Sogar die Macht der Elemente schien in seinem Bunde. Er vergaß nur, daß so oft der launische Zufall, gerade wenn er den Menschen mit ungewöhnlicher Gunst überhäuft, erst recht auf sein Verderben sinnt. Aber einstweilen kümmerte sich, wie Herr von Uzy richtig ausgerechnet, keine Seele um den Kaufmann Vandenhoeck und vergaß jedermann dessen privates Schicksal über dem viel furchtbareren Schicksal des ganzen Landes. Denn es hatte zu Vlissingen das tobende Meer seine Dämme durchbrochen und drohte alles zu verschlingen, Acker und Wiesen und Wohnungen, Menschen und Vieh. Nicht nur Mynherr Vandenhoeck schien vergessen, sondern auch die schöne Barbara, seine arme Frau, die einsam in ihrer Kammer weinte und jammerte, indes ihr Töchterchen verständnislos und verstört in einer Ecke kauerte. Groß war ihr Weh, aber fast noch größer ihre Angst und Beklemmung vor dem, was ihr jeden Augenblick bevorstand. Denn sie zweifelte nicht, daß er über kurz oder lang vor ihr erscheinen werde, der Böse, der Arglistige, der Fürchterliche. Und dann stand er vor ihr, angetan mit dem goldgestickten violetten Talar, die reich gewirkte und edelsteingeschmückte Kette des Goldenen Vlieses über der Brust. So stand er vor ihr und betrachtete sie befriedigt. Sie machte sich stark, sie richtete zuerst das Wort an ihn. »Die Scham gebot Euch nicht,« sprach sie mit Beben, »dieses Zeichen abzutun,« – sie deutete auf das Goldene Vlies – »Ihr habt die Stirne, mit diesem Schild der ritterlichen Ehre vor mir zu erscheinen?« »Darüber, schöne und angebetete Frau,« versetzte er lachend und zugleich mit einem begehrlichen Blick in seinen großen dunklen Augen, »darüber hat allein mein Herr und Meister zu entscheiden, der auch dieses Ordens Meister ist; wollt Ihr ihm vorgreifen, dem Furchtbaren, sanfte Frau Barbara?« Sie wendete sich entsetzt von ihm ab. »Aber über Eure eigene Angelegenheit«, fuhr er mit weicherer Stimme fort, »liegt auch bei Euch allein die Entscheidung, und wenig kostet es Euch, Ihr wißt es wohl, daß Euer Eheherr noch von dieser Stunde an frei sei wie der Vogel in der Luft, trotz ...« – er zögerte und beobachtete lauernd die Frau – »trotz seines Todesurteils, das seit einer halben Stunde unterzeichnet ist.« Frau Barbara stieß einen Schrei aus, das Kind in der Ecke lief heulend an ihre Röcke. Der Statthalter verharrte eine Weile in unheimlichem Schweigen. »Liebe Frau Barbara, schönste Frau,« begann er dann plötzlich sanft und schmeichlerisch, »ist es nötig, Euch von meiner Liebe zu reden? Ihr kennt sie nur zu gut, die wilde Leidenschaft, die am Mark meiner Knochen zehrt. Ich bin es, der um Gnade bittet vor Eurem harten Sinn, ich, der Richter, ich bin der Flehende, laßt Euch erweichen, grausame Schöne.« Und wahrlich, er hatte sich ihr zu Füßen geworfen, der Stolze, und suchte ihre Knie zu umklammern. »Ihr werdet mich nicht verschmähen, schöne Angebetete,« rief er mit Hingerissenheit. »Nein, Ihr werdet nicht. Ich bin auch Euch nicht gleichgültig. Ich habe es öfters gefühlt, wenn ich an Eurer Seite saß, am Tisch Eures Gatten, und Euer Ellenbogen dem meinigen begegnete. Oh, es wäre nicht so weit mit mir gekommen, ohne solche leise Zeichen eines heimlichen Einverständnisses.« Sie wich zurück, zitternd und zum Tode erschrocken. Er solle sie nicht berühren, sie müßte ihre Mägde rufen. Und da stand er auch schon wieder hochaufgerichtet vor ihr. »Ihr selber verurteilt ihn zum Tode,« sprach er hart. »Herr Ritter,« stotterte sie unter heißen Tränen, »ich habe es aus Eurem eigenen Munde, daß die Ehre über das Leben geht.« »Da war von Männern die Rede,« knirschte er, »komme mir nicht mit solchen Albernheiten. Denke lieber, daß du deinem armen Kinde da seinen Vater erhalten solltest.« Nun richtete sie sich hoch auf, indem sie ihre Hände fest um den Blondkopf des kleinen Mädchens preßte. Dieses Wort habe er nicht überlegt, es müsse ihr erst recht verzehnfachte Kräfte geben. »Amen,« bestätigte er höhnisch und wollte sich zum Gehen wenden. Aber da schlug sie hin zu seinen Füßen, händeringend, ihr Kind vor sich zwischen ihren Armen. Aber unter seinem eisigen Blick erstarb ihr das Wort auf der Lippe. Das Ungeheuer seiner Leidenschaft hatte wieder einmal das Gesicht gewechselt, und statt mit dem Antlitz der roten Begierde starrte es sie an mit der verzerrten Grimasse der blassen Wut. Und nur noch eine kleine Bitte wagte sie, für sich und ihr Kind: den Verurteilten noch einmal sehen zu dürfen. Vielleicht schimmerte ihr daraus etwas wie eine letzte Hoffnung entgegen. »Gut, du sollst ihn wiedersehen,« stieß er unheimlich hervor, indem er das Gemach verließ. Sie selber erschrak darüber. Und doch hatte sie nicht im entferntesten eine Ahnung von der grauenhaften Gnade, die ihr damit zugesagt worden.   Wie jederzeit die hervorstechendsten Eigentümlichkeiten der Herrscher, besonders wenn sie lasterhafter Natur sind, mehr oder weniger auf ihre Diener abfärben, am meisten auf diejenigen unter ihnen mit etwas fragwürdigem Menschenwert, so stand es auch bei denen, die von Herzog Karl abhingen; auch er machte sozusagen Schule durch das, was ihn am auffallendsten von seinem Vater und Vorgänger, dem Herzog Philipp, unterschied. Und so mancher, der das imposante und wahrhaft großzügige Herrscherwesen in diesem Fürsten am wenigsten zu erfassen vermochte, suchte es ihm doch in dem einen Punkt gleichzutun: in seiner unweigerlichen grausamen Härte. Zu Dutzenden wuchsen um ihn herum die Karikaturen burgundischer Holofernesse auf. Einige davon haben sich auch für immer ins Gedächtnis der Menschen eingebohrt, wie jener entsetzliche Peter von Hagenbach, von dem die Stadt Breisach überm Rheinstrom noch lang ein Liedlein zu singen wußte, und der dann auch zuletzt vor dem finsteren Breisacher Münster auf dem Rad geendet hat. Der Herr von Uzy, Vizgraf von Rubempré, gehörte mit zur Gilde. Und er vergaß nicht, der schönen Frau Barbara am anderen Morgen den Geleitsbrief zustellen zu lassen, der ihr und ihrem Kinde den Kerker des unglücklichen Gatten öffnen sollte. Und so machte sie sich mit ihrem Töchterchen und diesem Brief unverweilt auf den Weg nach dem Turm. Und unverweilt und mit großer Bereitwilligkeit öffnete ihr der Schließer, und schritt dann voraus nach dem dickummauerten Verlies des armen Mynheer Vandenhoeck, und führte Mutter und Tochter vor einen schwarzen Sarg, und darin lag der Gatte und Vater, das abgeschlagene blutige Haupt mit den erstarrten Händen vor sich auf der Brust haltend. Das war des Vizgrafen letzter Witz. – Während dieser Vorgänge hielt Karl von Burgund zu Brügge Hochzeit mit seiner zweiten Frau, Margret von York, der Schwester König Eduards von England. Da, mitten in die prunkvollen Feierlichkeiten hinein, zwischen Tanzen und Bankettieren und Wasserfahrten auf phantastisch aufgeputzten Schiffen, zwischen unzähligen Turnieren und Mysterienspielen mit der ganzen Stadt als Theater: da traf plötzlich den Herzog die Hiobspost von den durchbrochenen Deichen und ungeheuren Verheerungen des entfesselten Elements in seiner Provinz Zeeland. Und die unheilvolle Botschaft zu vernehmen und sich aufs Pferd zu schwingen und fortzusprengen in gestrecktem Galopp, war für den Herzog eins und dasselbe. Denn so konnte ihn, zum Schlimmen wie zum Guten, sein portugiesisch gemengtes Blut jählings hinreißen, das ihn zwang, seine kurzgemessene Laufbahn gleich einem roten Kometen zu durchrasen, ein Todbringer seinen Völkern, vom strahlenden Anbeginn an bis zum Tag seines grauenhaften Untergangs, in dessen Abgrund er die Welt mit hineinzureißen drohte, die wunderliche Welt, die ihm, dem Königlichen (der sich für einen Kaiser nicht zu gering hielt), um keinen Preis den Namen eines Königs geben wollte, den sie doch so vielen armen Tröpfen nicht verweigerte. Und so raste er jetzt. Diesmal, um zu raten und zu helfen. Und er spornte seinen schwarzen Berberhengst, dem bald der Schaum wie große Schneeflocken vom Gebisse stiebte und von den Flanken, zu gestrecktestem Galopp über die frostharte Ebene, die bleiche Februarsonne zur Seite, unbekümmert, ob das edle Tier triefte von Schweiß und Blut, und unbekümmert auch, ob sein Troß ihm folgen könne oder nicht. Denn wie ein Vater für sein jüngstes Kind, hegte er für sein Zeeland, die jüngste seiner Provinzen, eine zärtliche Vorliebe. Schon kurz nach Mittag hielt er vor dem Wasserlauf, der die Wester-Schelde genannt wird. Ohne Besinnen warf er sich in den ersten Kahn, mit den wenigen, die ihm nahegeblieben, darunter Herr Philipp von La Clyte, genannt Herr von Comines, und gegen die zweite Nachmittagsstunde landete er im Hafen zu Vlissingen. Zu seinem Glück, wenn das Wort hier nicht wie grausamer Spott klingt, war der Statthalter der Provinz, Herr von Uzy, noch rechtzeitig vor dem Herzog eingetroffen, trotz seiner bewußten Geschäfte zu Middelburg; es möchte ihm sonst ein wenig gnädiger Empfang zuteil geworden sein von seinem etwas kurz geratenen Herrn mit dem viereckig braunen Gesicht. Dergestalt also fügte es sich, daß drei Tage darauf Karl von Burgund mit seinem Gefolge zu Middelburg erschien, um auch hier, so gut es gehen mochte, die Gemüter zu beruhigen. Bei derartigen Gelegenheiten zeigte sich Karl gern väterlich gegen sein Volk und erwies oft den Geringsten eine große Leutseligkeit. Besonders drang er darauf, der in Trank und Speise sich mäßiger hielt, als je ein Sterblicher, daß zur Tafelstunde jeder vor ihn gelassen werde, der in Sachen der Gerechtigkeit ein Anliegen an ihn habe. Und da geschah es nun, als Karl zu Middelburg im Hause des Mynheer Vandenhoeck bei seinem Statthalter speiste, zusammen mit Herrn von Comines, dem Oberkämmerer und Anführer seiner Leibgarde und mehreren seiner Kriegshauptleute, daß plötzlich im Vorsaal, wo das Dienervolk wirtschaftete, ein lauter Lärm entstand, aus dem vernehmlich eine erzürnte Frauenstimme hervorklang. Das geschah in dem Augenblick, als der Mundschenk des Herzogs seinem Herrn auf silberner Platte den goldenen Mundbecher darbot. Er hatte ihn vor Karls Augen mit klarem Wasser gefüllt und dann vorsichtig drei gezählte Tropfen des roten Weines von Beaune hineinperlen lassen; denn nie trank Karl anderes Getränk, so sehr mißtraute er seinem heißen, portugiesisch gemengten Blute. Karl hatte den Becher schon ergriffen, da wurde er aufmerksam und erkundigte sich nach der Veranlassung zu dem befremdenden Auftritt. Man erstattete ihm Bericht, eine Tolle habe sich in den Saal drängen wollen. Aber dem Herzog war ein verdächtiges Erbleichen seines Statthalters nicht entgangen, und indem er, ohne getrunken zu haben, den Becher auf die Silberplatte zurückstellte, erklärte er schroff und mit bedenklichem Stirnrunzeln, wie er es nicht liebe, daß man diejenigen für toll erkläre, die vielleicht Schutz und Gerechtigkeit bei ihm suchten. Darauf befahl er, die Abgewiesene vor ihn zu bringen. Und dann konnte es wirklich scheinen, als ob man es mit einer Tollen zu tun habe. Denn die Eintretende, und sie war niemand anders als Frau Barbara, aber tief verhüllt in schwarze Witwenschleier, warf sich nicht dem Herrscher zu Füßen, wie jedermann erwartete und das höfische Gesetz es heischte, sondern blieb aufgerichtet und regungslos, gleich einem schreckhaften schwarzen Gespenst, drei Schritte vor Karl stehen. Sie erklärte, sie komme nicht als Bittende, sondern als Anklägerin. »Gnädiger Fürst,« sprach sie dann, »seht ihn nur an, Euren Statthalter, ist er nicht bleich wie das böse Gewissen selber? Da braucht es von meiner Seite wenig Worte.« Und sie erzählte kurz, was ihr und ihrem Eheherrn von dem Vizgrafen von Rubempré zugefügt worden. Dieser wagte mit keinem Wort seiner Anklägerin zu widersprechen, und jedermann gewann die Überzeugung, daß die Frau die Wahrheit rede. Sie sprach ganz leidenschaftslos und mehr wie jemand, der ein Gebot der Pflicht erfüllt, als aus der Verzweiflung eigenen Schmerzes. Aber so kurz sie sich faßte, Karl ließ sie dennoch nicht ausreden. Schon zeigte sich an ihm das böse Zeichen, die dickgeschwollene Ader an der Schläfe. »So mir Sankt Jörg,« schwur er, »es ist höchste Zeit, daß ich erfahre, ob ich bei einem Ritter meines hohen Ordens oder bei einem Schurken zur Tafel sitze.« So furchtbar wirkte der Zornausbruch des Fürsten, daß der nervöse Herr von Comines, mit dem feinen Gesicht mehr eines gelehrten Klerikers als eines Lagergenossen, unbehaglich auf seinem Stuhl rückte an der Seite des barschen Herrn. Und was Frau Barbara nicht getan hatte, das tat jetzt der Vizgraf von Rubempré: er stürzte dem Herzog zu Füßen, und indem er alles eingestand, bat er um Gnade, mit dem Versprechen, an der Frau und ihrer Familie alles gutzumachen, was nur in seiner Macht stehe, ja die Gekränkte zu seiner Ehefrau zu erheben, wenn sie anders einwillige, was doch wahrlich in Anbetracht des großen Standesunterschieds sich als eine fast ungeheuerliche Sache darstellte. Das sei das Geringste, was er tun könne, erklärte ihm der Herzog scharf, endgültigen Urteilspruch sich vorbehaltend; aber nun solle er sich hinwegheben, und bevor er volle Genugtuung geleistet, möge er es nicht wagen, seinem Fürsten wieder vor die Augen zu treten. Und nachdem er dem jüngsten seiner Hauptleute den Befehl erteilt, die Dame in ihre Wohnung zu geleiten, hob er die Tafel auf – des Trunkes hatte er vergessen –, stieg mit seinem Gefolge zu Pferd und ritt zurück nach Vlissingen, um noch einmal an dem Unglücksort und überall im Land nach dem Rechten zu sehen. Drei volle Tage verweilte er noch auf dem Schauplatz der schrecklichen Verheerungen.   Diese Zeit benutzte Herr von Uzy eifrig, um sich mit den beiden beleidigten Familien endgültig auszusöhnen. Ein übriggebliebener Bruder des enthaupteten Vandenhoeck, zu Goes, ebenfalls Kaufmann seines Zeichens, ließ sich durch die gebotene Abfindungssumme leicht befriedigen; aber ganz unüberwindlich schienen die Schwierigkeiten, die Frau Barbara den Unterhandlungen des Vizgrafen entgegensetzte, obwohl ihr anderer Schwager, der Mann ihrer einzigen Schwester, den Freiwerber des Statthalters machte und sich als dessen eifrigster Anwalt erwies. Auch schienen ja die Vorteile des Handels für die Familie verlockend genug. Der Gouverneur hatte einen Ehekontrakt verfertigen lassen, kraft dessen er der Frau Barbara, auch für den Fall der Kinderlosigkeit ihrer Ehe mit ihm, alle seine Ländereien und bedeutenden Einkünfte bis auf den letzten Heller vermachte. Aber Frau Barbara erklärte ihre Einwilligung für unmöglich. Denn würde sie nicht, wenn sie den Statthalter heiratete, vor aller Welt als seine Mitschuldige erscheinen? »Was heißt vor aller Welt?« rief ihr Schwager aus. »Die Welt muß man urteilen lassen wie sie kann und mag. Sie sieht von allem einzig den äußeren Schein. Nur darauf haben wir zu achten, ob wir mit unserem Tun vor Gott und dem eigenen Gewissen bestehen können. Daß wir in einer Sache ein reines Gewissen haben, darauf allein kommt es an.« Dieser Schwager zweifelte nicht, damit den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Aber in Wahrheit hatte er, der Ahnungslose, nur einen wunden Fleck in der Seele seiner Schwägerin berührt, den wundesten. Denn gerade das gute Gewissen fehlte ihr. Und es gab da etwas, was sie sich selber lange nicht hatte eingestehen wollen, was ihr aber immer deutlicher geworden war und was sie nun bei sich im Innern ihre heimliche Schmach nannte, ein Etwas, das ihr auf der Seele brannte wie eine unsichtbare eitrige Wunde. Sie hatte ihrem unglücklichen Gatten nur äußerlich die Treue gehalten. Nicht aus der Reinheit ihres Herzens, nur aus anerzogenem Hausfrauenstolz und dem starken Bewußtsein von christlicher Gesetzespflicht, war sie in dem Kampf mit dem Verführer die Siegerin geblieben. Und Herr von Uzy, Vizgraf von Rubempré, der nicht mit Unrecht sich selber eine große Kenntnis der Frauen zusprach, hatte sich also nicht getäuscht, ja Frau Barbara hatte sich ihm schon zugeneigt in ihrem Herzen, lange bevor ihm der erste Verdacht in der Seele aufstieg. Dem guten Mynheer Vandenhoeck war die schöne Barbara, nach der allgemeinen Sitte und Übung, vermählt worden durch Verabredung der beiderseitigen Familien; die Liebe war dabei nicht zu Wort gekommen. Diese leichtsinnige Person durfte in die Ehesachen ernster Leute nicht dareinreden. Und der steife Mynheer, so gern er mit der schönen Hausfrau prahlte, hatte sich doch, seiner eigenen Temperatur entsprechend, durchaus mit der lauen Wärme begnügt, die einmal in der Natur seiner Frau bedingt schien. Sicher und unfehlbar las er, wie hieroglyphisch sie auch aussahen, die Ziffern und Zeichen in den großen dicken Büchern seines Kontors, über die er gebückt saß des Tages und auch einen Teil der Nacht, so daß er jedes Plus und Minus darin auswendig wußte. Aber wenig vertraut zeigte er sich mit einer anderen Schrift, und die Natur des Weibes im allgemeinen, wie seiner eigenen Frau im besonderen, blieb ihm ein Buch mit sieben Siegeln, und er meinte nicht anders, als daß darin nichts stand denn eitel Harmlosigkeiten. Frau Barbara selber wußte es so lange nicht besser, bis dann aus den dunklen und jähen Blicken des schwarzen Burgunders und Ritters vom Goldenen Vlies ihr ein Funke ins junge Blut sprang und eine Unruhe in ihr erregte, die sie bald mit tödlichem Schreck, bald mit einem ganz neuen und fremdartigen Glücksgefühl erfüllte, worüber sie aber erst recht erschrak, wenn sie sich besann. Oh, das alles hatte sie begraben geglaubt in ihrer Brust für ewig, so sicher begraben, wie es der blutige Leichnam ihres Gatten jetzt nur immer sein mochte. Nun aber, von ihrem Schwager und ebenso heftig von ihrer Schwester zu der neuen Ehe gedrängt und mit ihren eigenen Gründen dagegen immer mehr in die Enge getrieben, ließ sie sich hinreißen, ihr Herz vor der Schwester zu erleichtern und ihr alles zu bekennen. Sicherlich hat sie, soweit sie sich bewußt wurde, nicht geglaubt noch gehofft, den anderen damit nur Wasser auf ihre Mühle zu leiten. In Wahrheit und der Wirkung nach aber tat sie das. Denn auch der Mann, ein Stadtbaumeister und Schöffe des Zunftgerichts, erfuhr ohne Säumnis von ihren heimlichen Skrupeln. »Um so besser, liebes Bärbchen,« rief er aus, »um so besser. Nein, wahrlich, du gehst zu weit, Bärbchen. Wer wird sich ein Gewissen machen wegen einer Sünde, die er gar nicht begangen hat? Nur für das, was wir tun, haften wir. Mag der Herr Satan uns noch so tolles Zeug einflüstern, das ist nicht unser, das ist Satans. Ein Gelüst ist nicht Sünde, so lange wir ihm widerstehen; es kann uns im Gegenteil zum großen Verdienst gereichen, denn je heftiger eine Versuchung ist, desto heller leuchtet unsere Tugend im Widerstand dagegen.« Man sieht, der Mann erwies sich als kein übler Theologe, unbeschadet seines Baumeisteramtes und Schöffentums. Und er pflegte eine Rede, die er für gut hielt, in ihren Hauptpunkten so lange zu wiederholen, bis sein Zuhörer sie auswendig konnte. Er wußte und äußerte auch tausend andere Gründe und Argumentationen außer den angeführten und ruhte nicht eher, bis die schöne Schwägerin mürbe geworden wie ein flämischer Dreikönigskuchen. Kurz, die Frau Barbara ließ sich endlich überreden, ob mit aufrichtigem Widerstreben, wie es den Anschein hatte, oder mit heimlicher innerlicher Neigung und Befriedigung, das muß dahingestellt bleiben. Sie gab also, wenn vielleicht nicht in ihrem Gefühl, so doch eben in der Tat ihre Einwilligung und hielt mit dem Statthalter Hochzeit am Abend des dritten Tages nach dem Spruch des Herzogs. Diese Hochzeit bereitete ihr gleich eine bittere Enttäuschung. Denn schon am anderen Morgen in der Frühe verließ sie der neue Gemahl und ritt fort, ohne viel Worte zu verlieren; sie war ja nun seine Ehefrau und hatte damit von ihrer ehemaligen Wichtigkeit für ihn ein gut Teil verloren. Wenn nämlich eine solche Umwandlung des Gefühls und Erkaltung des heißesten Begehrens vielleicht schon ohnedies ein wenig in der Natur des Mannes begründet sein mag, so kann das seltsame Phänomen um so weniger befremden in dem Fall des Herrn Vizgrafen, der, statt mit freier Entschließung und freudigem Wollen in die Ehe zu treten, von einer höheren Macht gewaltsam hineingestoßen worden. In der Tat war ihm nicht viel anders zumute als einem, den die Knechte des Profossen ohne alle Präambula ein wenig unsanft geprellt haben. So katzenjämmerlich fühlte er sich in seiner Seele, daß er das Weib jetzt heimlich zu allen Teufeln wünschte, das ihm zuvor um einen Mord nicht zu teuer war, um das er noch vor acht Tagen am liebsten die ganze Welt in Brand gesteckt hätte. Ganz anders stand es um Frau Barbara. Wenn sie vielleicht wirklich den Vizgrafen schon vorher geliebt hatte, so liebte sie ihn jetzt mit hundertfacher Kraft, seitdem er ihr Gatte geworden, und saß nun verwirrt in ihrer Kammer und weinte heiße Tränen, sie wußte nicht, ob des Glückes oder des Kummers, und begriff nicht das harte Betragen des Mannes, noch ihren eigenen unklaren Zustand. Er aber liebte einzig nur noch sich selber und dachte an nichts in der Welt, als wie er die Gnade seines strengen Herrn wiedergewönne, dessen endgültiger Richterspruch ja noch zu erwarten stand. Ganz nur von diesem Gedanken eingenommen, ritt er jetzt, von einem Pagen und einem Reitknecht begleitet, dahin auf der Straße nach Blissingen, und ritt aber nicht gestreckten Laufes, sondern in langsamem Schritt, als ob er zauderte in bösen Ahnungen. Und sieh, da kam ihm auf halbem Weg der Zug des Herzogs schon entgegen. Herr Karl, diesmal auf einem gelben Hengst aus Andalusien, war ganz in schwarzem Stahl gewappnet vom Hals bis zur Sohle, aber über der düsteren Rüstung wallte in blauer Seide ein reichfaltiger Mantel nieder, über und über bestickt mit Gold und Diamanten, daß selbst die bleiche Februarsonne ihn in funkelnde Blitze hüllte. Drei gewaltige schneeweiße Straußenfedern überwallten seinen vergoldeten Helm. Denn er kam heut nach Middelburg, um einer Abordnung der dortigen Bürgerschaft nach deren Begehr feierliche Audienz zu erteilen. Beim Anblick seines Fürsten stieg der Vizgraf eiligst vom Pferd und demütig wollte er sich dem Herzog nähern. Aber eine barsche Handbewegung Karls ließ ihn erschrocken auf die Seite weichen. Er schwang sich also mit Hilfe seines Knechtes und des Pagen von neuem aufs Pferd, etwas mühsam und unbeholfen, da ihm das Knie steif war von der Schlacht bei Montlhéry her und ihm außerdem der empfangene Schrecken in den Gliedern saß. Zu Pferd schloß er sich dem Zug des Fürsten an, indem er sich bald diesem, bald jenem der Hofleute zugesellte, um ihre Gedanken zu erforschen über die mutmaßliche Gesinnung des Herzoges gegen ihn. Zu allerletzt näherte er sich demjenigen unter ihnen, der in seinem gelben, in Schwarz paramentierten und mit seinem Marderpelz verbrämten Talar sich merklich in seinem Aussehen von den anderen unterschied. Es war dies der Oberkämmerer des Herzogs und Hauptmann seiner Leibwache, Philipp von La Clyte, genannt Herr von Comines, derselbe, der später, nachdem er Karl verlassen und in die Dienste des Königs Ludwig getreten war, diese Geschichte in seiner weltberühmten Chronik eigenhändig aufgeschrieben hat. Herr von Comines, der Gardenführer mit dem blassen Klerikerkopf und den Dichteraugen unter der blanken, blassen Stirn, verhehlte dem Vizgrafen nicht seine Besorgnisse. »Herr Ritter,« sprach er voll Teilnahme, »ich möchte Euch wünschen, Ihr hättet mit Herzog Philipp zu tun. Der wußte Liebeshändel menschlich zu beurteilen, und leichter als ein anderes verzieh er ein Vergehen aus der Leidenschaft der Liebe. Er verzieh, weil er verstand. Ob aber Karl dazu geneigt sein wird? Ihr kennt ihn. Ihm ist allzeit die Liebe fremd geblieben. Vermählt hat er sich wohl zweimal, weil er sich einen Reichserben wünschen muß. Aber er hat sich nie schwach gezeigt um des Weibes willen, oder nie stark, wie Ihr wollt. Er vermag Liebessachen nicht ernst zu nehmen, er liebt daran nur das Spaßhafte und Groteske. Ihr wäret doch auch eine kurze Zeit Mitglied der Tafelrunde auf Burg Genappe, wo damals der landflüchtige französische Thronfolger, der heut König Ludwig XI. heißt, die Gastfreundschaft seines Vetters genoß, des Grafen von Charolais, unseres heutigen glorreichen Herrn und Herzogs. Nur solche Geschichten, worüber er lachen konnte, und wären es auch die dicksten Unflätereien gewesen, fanden schon damals einzig den Beifall des jungen Karl, wenn sie nur einigermaßen witzig vorgetragen wurden. Nie horchte er williger auf, als wenn gerade der nichtsnutzige Arladin la Griselle oder gar sein eigener Vetter von Frankreich an die Reihe des Erzählens kamen; denn diese beiden wußten immer das Gepfeffertste auf den Teppich zu bringen. Das aber waren Karls Lieblingsgerichte. Und so wenig oder so gar nichts er sonst mit seinem geliebten Vetter Ludwig gemein hat: in diesem Punkt gleicht er ihm ganz, dem unglaublichen König mit dem Aussehen eines Krämers, der, fürchte ich, mit seinen dünnen Jagdhundbeinen unserem strahlenden Herrn noch gar den Rang ablaufen wird. Vor allem aber fürchte ich, Karl werde Euch ein allzu strenger Richter sein. Die Wahrheit zu reden, Herr Ritter, Ihr habt wirklich einen dummen Streich begangen.« So Herr von Comines, damals noch ein armer Teufel. Später, im Dienste König Ludwigs, und nachdem er einer der einflußreichsten und begütertsten Männer des Königreichs geworden, pflegte er – auch als Geschichtenschreiber – bedeutend vorsichtiger und sparsamer mit seinen Reden umzugehen. »Ich habe ihm zu Montlhéry das Leben gerettet,« entgegnete kleinlaut Herr von Uzy; »nächst Gott und seinem Vater verdankt er es mir, daß er hier in seiner Macht und Herrlichkeit vor uns herreitet.« Hier wurde das Gespräch unterbrochen; Adolf von Cleve rief Herrn von Comines an die Seite seines Fürsten. Wie in seinem ganzen Wesen und allen seinen Tugenden und Schwächen (ausgenommen in Liebessachen, dem Herrn von Comines zufolge), so zeigte Karl schon in seinem äußeren Erscheinen und Auftreten das fast übertriebene Gegenbild zu seinem Vetter Ludwig von Frankreich. Dieser ging in allem und besonders in dem, was Macht heißt, einzig auf die nackte Sache und mochte gern, so sehr König er sich wußte, schlechter gekleidet gehen als der geringste seiner Bürger. Karl aber liebte das laute Pathos der Macht, man hätte ihn in späteren Zeiten einen Romantiker genannt. Und drei umfangreiche Möbel – aber das ist ein schlechtes und schäbiges Wort, um die in Rede stehenden Gegenstände zu bezeichnen – sagen wir: drei reiche Symbole seiner fürstlichen Herrlichkeit, gleich groß und königlich im weltlichen wie im geistlichen Prunk, führte Karl auf allen seinen Fahrten mit sich: seine bewegliche Hauskapelle, reicher als je eines Königs Kapelle an gottesdienstlichem Gerät mit zahlreichen Bildern, in Goldgrund auf Holztafeln gemalt und den zwölf Aposteln in purem Silber, dann sein seidenes Gezelt mit den aus Gold gedrehten Schnüren nebst vierhundert Zelten für sein Gefolge – und seinen goldenen Thronsessel. Dieser stand bereits aufgeschlagen im großen Saal des Middelburger Rathauses, als Karl vor dem spitzbogigen Portal den Fuß auf die Erde setzte, vielmehr auf den roten Brabanter Samt, der vor ihm ausgebreitet lag in langen Streifen bis hinauf in den Saal. Indem Karl – vier reichgekleidete Pagen hielten den Saum seines Mantels – die Treppe emporstieg, versäumte er nicht, den gebückt stehenden Bürgern freundlich und leutselig zuzunicken. Im Saal angelangt, bestieg er unverweilt den hohen Sessel mit den Lilien von Valois und der Krone auf der hohen Rücklehne, überdacht von goldenem Baldachin. Sein Gefolge reihte sich ihm zur Seite, indessen die bürgerlichen Abgeordneten, denen die Audienz galt, das eine Knie auf der Erde, in gebücktester Haltung vor ihm verharrten. Karl ließ sie aufstehen und befahl dem Bürgermeister zu reden. Es handelte sich im Grund nur um eine Zeremonie, um die feierliche und öffentliche Kundgebung von bereits vereinbarten Dingen. Dennoch fehlte es nicht von seiten der Bürger an umständlichen und pompösen Reden, die Karl würdevoll und mit Geduld anhörte. Solche Staatshandlungen gingen ihm nicht wider den Geschmack. Als aber dann die Bürger ihre Sache erledigt glaubten und sich zurückziehen wollten, erschreckte er sie heftig mit einer fast ungnädigen Anrede, indem er zugleich sein langes Schwert, das ihm quer über die eisernen Knie lag, ein wenig lupfte und mit hellem Klirren gegen die schwarzstählernen Beinschienen stieß. Er habe geglaubt, sprach er, sie würden noch in einem anderen Anliegen heut vor ihm erschienen sein, und sehr müsse es ihn befremden, daß sie nicht laut Klage vor ihm führten gegen seinen ungetreuen Statthalter. Der vom Herrn Vizgrafen nicht mit Unrecht gefürchtete Augenblick war gekommen. Doch den stolzen Ritter des Goldenen Vlieses hatte keineswegs alle Zuversicht verlassen. Er trat mit ruhigem Anstand vor den Herzog und beugte tief das Knie zur Erde. Er sprach: »Euer Knecht harrt Eures Urteils. Lasset es gnädig sein, gestrenger Herr.« Und dann berichtete er eingehend alles, was er getan, um sein Unrecht, soviel an ihm lag, wieder gutzumachen. »Nun denn,« rief Karl, »mit deinen Opfern hast du dich ausgesöhnt; aber andere Sühne heischt die beleidigte Gerechtigkeit. Ist es nicht genug, daß das vernunftlose Element mir Hohn spricht, indem es die Dämme zerreißt und mein Land verwüstet, soll ich es auch noch von meinen Untertanen dulden, daß sie meiner Macht spotten und die heiligen Schranken des Gesetzes gleich wilden Bestien durchbrechen, woraus meinen Staaten mehr Unheil erwachsen müßte als aus Wassersnot und Pestilenz? Nein, so mir Sankt Jörg.« »Gnädigster Herr, allgebietender Fürst, gedenkt des Tages von Montlhéry!« rief hier der verzweifelnde Statthalter. »Ja,« versetzte Karl sinnend. »Ihr seid jener Thibaut von Uzy, Vizgraf von Rubempré, der nämliche, der unter den Hügeln von Montlhéry den tollen Schotten getötet hat, der so wütend auf mich eindrang, während ich unter meinem gestürzten Pferde mich mit Mühe hervorarbeitete. Dessen allzeit zu gedenken, hielt ich für meine Schuldigkeit als Mensch und Herrscher, und Euch selber rufe ich zum Zeugen an, ob Euer Fürst und Herzog Euch je eine Vergeßlichkeit gezeigt hat. Aber nicht gedenken darf ich dessen als Euer Richter. Das wäre meiner Staaten Verderben, und so mir Sankt Jörg, Ihr seid des Todes, Statthalter.« Bei dem schrecklichen Worte machte Herr von Comines, der Soldatenführer mit dem sanften Klerikerantlitz, unwillkürlich eine Bewegung, als ob ihn fröstelte unter dem gelben Talar mit dem braunen Pelz. Er tat einen Schritt vorwärts mit einer Gebärde, als ob er sprechen wolle; aber das Wort kam ihm nicht über die Lippen. »Dich hat niemand gefragt,« herrschte Karl ihn an; »zum Führer meiner Leibwache habe ich dich gemacht, nicht zu meinem Rat noch Gerichtsschöffen.« Und Herr von Uzy wurde, nachdem ihn Herr Peter von Hagenbach, nicht ohne höfliche Entschuldigungen, seines Ordens- und Ritterzeichens entblößt hatte, in denselben Turm und Kerker abgeführt, wo durch ihn dem Mynheer Vandenhoeck ein so schimpfliches Ende geworden. Die Nachricht hiervon verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt, wo sie die Gemüter, um die Wahrheit zu gestehen, mehr mit Schrecken als Genugtuung erfüllte. Fast in Ohnmacht fiel Frau Barbara über der furchtbaren Botschaft. Aber sie raffte sich zusammen und eilte ohne Besinnen zum nahen Rathaus, wo Karl eben im Begriff stand, sich auf sein Pferd zu schwingen. Laut schluchzend warf sie sich diesmal dem Herrscher zu Füßen. »Gnade, Gnade für meinen armen Gatten!« rief sie wiederholt. Sie vermochte kein anderes Wort hervorzubringen. Der Herzog runzelte die Stirne. Man sah, er empfand den Anblick dieser Frau jetzt widerlich. Er hatte sich nie schwach gezeigt um eines Weibes willen, wie Herr von Comines es ausgedrückt. Nie war des Weibes Gestalt und Stimme Sirenengesang für ihn gewesen. Der keusche Sohn jenes Philipp, den man den Vielgeliebten hätte nennen sollen, hegte fast einen abergläubisch mönchischen Abscheu vor dem Geruch bei Weiberhaut. »Nehmt sie hinweg!« rief er mit böser Stimme. Dann aber verzog plötzlich sein Zorn, und er lachte laut auf. Nur einer erriet den Sinn dieses Lachens, jener Mann an der Seite des Fürsten, in dem gelb und schwarz ornamentierten Talar, der bücherkundige Philippus Comäus von La Clyte, genannt Herr von Comines, er mußte selber lächeln. Karl zupfte ihn neckisch am Ohr. »Nun, gelehrter Freund,« scherzte er, »wie gefällt dir unsere Witwe von ...?« Er stockte. »Von Ephesheim! Die Witwe von Ephesheim!« kicherte es hinter dem Rücken des Herzogs. Und das breitmäulige Gesicht des zwergigen Narren im roten Schellenkleid grinste. »Schweig, du,« versetzte der Herzog gütig, »deine Stunde ist noch nicht gekommen, Louis Onzième.« So, oder auch kurzweg Onzième nannte Karl seinen getreuen Narren, nämlich mit dem Namen seines lieben Vetters von Frankreich. »Sie wird kommen, sie wird kommen,« erwiderte der Narr, und ob er wohl ahnte, wie bitter wahr er redete? »Sag die Witwe von Middelburg, dummer Narr, statt einen klassischen Namen zu verhunzen,« erklärte trocken der Herr von Comines. Er wußte aber wohl, was für eine Witwe der Herzog meinte; denn er selber hatte einst, auf Schloß Genappe, ihm und dem Vetter Ludwig von Frankreich aus den lateinischen Schriften des Herrn Petronius Arbiter die berühmte Historie übersetzt, an die Karl jetzt dachte und die von der lustigen Gesellschaft damals, wo doch so viele gute Historien erzählt wurden, mehr belacht worden war als irgendeine. Aber der bücher- und menschenkundige Herr von Comines wäre gewiß nicht so bereitwillig auf die Scherzrede seines Herrn und die Namensverdrehung des Narren eingegangen, wenn er im Geiste das Kommende hätte voraussehen können. Die vom Herzog so unwillig abgewiesene, ja mit Hohnlachen überschüttete Frau Barbara wurde von mitleidigen Nachbarinnen mehr tot als lebendig nach Hause gebracht. Zwei Tage konnte sie sich vor Angegriffenheit kaum auf den Beinen halten. Doch gegen Abend des zweiten Tages packte sie Wein und Brot und Früchte in einen Korb, damit belud sie ihre Magd, und nachdem sie alles Geld zu sich genommen, das sie im Hause finden konnte, begab sie sich in der Dämmerung nach dem Turm, wo sie ihren zweiten Gatten eingeschlossen wußte. Sie hoffte, der Schließer werde sich bestechen lassen und es ihr ermöglichen, dem Vizgrafen noch wenigstens vor seinem Tode einen letzten Trost zu bringen. Und sie fand sogar den Wächter weit gefügiger als sie erhoffte. Bereitwillig wie ehemals erschloß er ihr den Kerker, und, die Fackel vor ihr hertragend, führte er sie – vor einen schwarzen Sarg. Ein Augenblick nur war's, aber was sie in diesem Augenblick erlebte, wuchs sich aus wie eine Ewigkeit voll Grauen und Entsetzen. Sie sah in dem Sarg ihren Gatten, ihren ersten Gatten, den Vater ihrer Tochter, den sie doch vor sieben Tagen sicher begraben hatten. Sie sah, wie er sich emporrichtete und ihr mit ausgestreckten Armen, wie zur Anklage, sein blutüberströmtes Haupt entgegenstreckte, und sie sah zugleich zu Häupten des Sarges einen fürchterlichen Engel stehen in schwarze Flügel gehüllt und mit einem roten Schwert nach ihrem Herzen deutend. So oder ähnlich, bei Gott, muß sie es gesehen haben in der Not ihres Herzens, denn sonst hätte sie nicht, wie der Kerkermeister nachher bezeugte, vor der Leiche des einen den Namen des anderen ausgestoßen. »Vandenhoeck!« schrie sie, und mit diesem grauenhaften Aufschrei brach sie jählings zusammen über der enthaupteten Leiche des Vizgrafen, dem geschehen war, genau wie er vorher dem Kaufmann getan, seinem Vorgänger in der Ehe. Warum aber der tote Mynheer Vandenhoeck seiner Frau – in ihrer Phantasie – so vorwurfsvoll das blutüberströmte Haupt entgegengestreckt hat, ob wegen ihrer heimlichen Untreue in ihrem Herzen, oder weil sie versäumt, ihn zu retten, darüber hat natürlich hier unten in unserer Welt der Sterblichkeit niemand etwas erfahren. Der Herzog Karl indessen, als er von Middelburg nach Brügge zurückgekehrt war, hatte den Grafen Adolf von Cleve zum Statthalter dort zurückgelassen. In seinem ersten Bericht an seinen Herrn erzählte er dem Fürsten den Tod der unglücklichen Frau mit allen seinen Umständen. Dieses Schreiben traf den Herzog, als gerade Meister Cornil Donkeres, der kunstreiche Bildner in Stein und Erz, ihm seine Entwürfe und Zeichnungen vorlegte zu dem äußerst umfänglichen und figurenreichen Kenotaphium für den verstorbenen Herzog Philipp. Mit dem Fürsten zusammen besah auch Herr von Comines die vorgelegten Blätter. Karl unterbrach das Geschäft und las den Brief. Nachdem er ihn beendigt, reichte er das Schriftstück schweigend seinem Kämmerer und Hauptmann, der, nach einem flüchtigen Blick hinein, das Papier stumm zurückgab. Eine kurze Weile schwiegen beide. Der Sire von Comines mochte an das ausgelassene Lachen denken seines Herzogs unter dem spitzbogigen Portal des Stadthauses zu Middelburg. Auch Karl schien daran zu denken, wie man aus seinen Worten schließen möchte. »Die Einfälle des Schicksals,« sprach er, »wie die Erfindung der Dichter und deine eigenen Historien, mein gelehrter Freund Philippus, nehmen oft eine unerwartete Wendung.« Darauf gebot er dem Meister Cornil, unverweilt einen geschickten Gesellen und Zeichner nach Middelburg zu schicken, um ein Konterfei abzunehmen von der jungvermählten toten Vizgräfin, wie es auch geschah. Und auf Grund dieser Zeichnung ließ Karl dann, gleichsam zur Versöhnung des Opfers und ein wenig auch zum Gedächtnis seiner strengen und unparteiischen Rechtsprechung, ein seltsames Steinbild aushauen, in der Mitte die jugendliche Gestalt der schönen Barbara und zu ihren Seiten die beiden Männer, den abgeschlagenen Kopf mit den Händen vor der Brust haltend. Derselbe Geselle, namens Pieter de Vogel, der das Konterfei gezeichnet und der später ein großer Meister wurde, hat auch den Stein mit liebevoller Kunst ausgeführt und ein köstliches Bildwerk daraus gemacht, das auf Karls Befehl zu Middelburg im Marienmünster neben dem östlichen Seitenportal und nahe dem Altar der heiligen Barbara aufgestellt wurde. Und das war ganz im Geiste der Zeit. Gegen die Lebenden zeigte man sich unerbittlich, gegenüber den Toten aber, die nun dem ewigen Richter gehörten, trat gern die christliche Milde in ihr Recht. Im darauffolgenden Jahrhundert, in der Zeit des gottgefälligen Bilderstürmens, wovon auch Marienmünster nicht verschont blieb, ist das Werk für immer verschwunden und der alte Judengott hat sich gewiß heimlich ins Fäustchen gelacht über die christlichen Neujuden, die sich nun anschickten, es fürchterlich ernst zu nehmen mit seinem Gebot »Du sollst dir kein Bild machen« und die darum jetzt daran gingen (unter Psalmensingen und anderen erbaulichen Dingen), gründlich aufzuräumen mit dem heidnischen Greuel ihrer Väter, als welche sehr im Irrtum gelebt hatten, sich auch schon für Christen zu halten. Bis dahin aber und während nahezu hundert Jahren hat das Werk des unjüdischen und also unchristlichen Pieter de Vogel zu den beschriensten Sehenswürdigkeiten der Stadt Middelburg gehört, wie in allen Chroniken vielfach berichtet wird. Kein Fremder, der in die Stadt kam, versäumte es, die Frau mit den zwei Geköpften zu sehen, und manche schöne Dame, mit einem süßen Geheimnis in der Seele, wovon niemand wußte als einer – oder auch alle Welt außer einem – ja, manche schöne Dame, oder sagen wir, manches verflixte Weiblein, mochte sich vor dem wundersamen und zugleich grauenhaften Gedenkstein im Gewissen lächelnd die Frage vorlegen, ob denn eine Sache, genannt die Treue, sich der Mühe lohne, wenn man doch damit Gefahr läuft, so verewigt zu werden wie diese da mit ihren zwei geköpften Trabanten. Daraus sprach eine verdammt weibliche Logik, aber sie stammte aus der Zeit vor der großen Religions- und Sittenreinigung, und als die Moral dieser Erzählung kann ich sie euch nicht schenken, meine schönen Leserinnen von heute, denn ich fürchte, ihr würdet böse Augen machen, und davor habe ich Angst. Meine Geschichte hat eine Moral nur für Männer, dahin lautend, daß es um ein weises Maßhalten kein allzu verächtliches Ding sei, selbst in Ausübung der strafenden Gerechtigkeit, wenngleich Richter und Henker vielleicht das Gegenteil behaupten möchten. Von einem, der sich für den Ritter Blaubart hielt   I Der Herzog von Crouy-Nettencourt, flandrischer Nation, berühmt als der stärkste Mann in dem Jahrhundert vor dem starken August von Sachsen, galt zugleich für einen der tapfersten Soldatenführer unter Ludwig dem Großen, für einen Haudegen der verwegensten Art, einen Drauflosgänger wie keiner. Er war noch ein Braver alten Stils, ein richtiger Landsknecht mit dem Herzogshut, dabei ein etwas plumper unmanierlicher Kumpan und Eisenfresser, auf den der neue Ton von Versailles, wo der Herzog in jungen Jahren das zweifelhafte Vergnügen genossen, eine wenig vorteilhafte Rolle zu spielen, nicht im geringsten abgefärbt hatte. Das mochte der Grund sein, warum der Tapfere, trotz aller Bravourstücke bei den damals beliebten Dragonaden und anderen Gelegenheiten, auch seines hohen Ranges ungeachtet, über den Grad eines Generalobersten der Kavallerie sein Leben lang nicht hinauskam. Seine Getreuen pflegten von ihm zu sagen, daß ihm der Marschallstab während zwei Jahrzehnten gleich einem Damoklesschwert über dem Haupte gehangen, und daß es nur an ihm gelegen habe, die Hand danach auszustrecken. Aber da ihn eine solche Würde verpflichtet hätte, von neuem an den Hof zu gehen und sich zu diesem Zweck seinen schönen schwarzen Bart abnehmen zu lassen, mit dem er so stolz tat, habe er alles getan, die Drohung über seinem Haupte von sich abzuwenden. Denn das gehörte auch zu seinen Tapferkeiten, einen Bart zu tragen in einer Zeit, da kein Mensch mehr einen trug, und daraus schlossen die Spötter, daß der Herzog seine Achillesferse woanders hätte als jener Herr Achilles sie gehabt hat: was ungefähr heißen wollte, daß sie ihn sozusagen ein wenig zu den Dummen und Einfältigen rechneten. Zu noch böserem Spott forderte eine andere Tapferkeit des gloriosen Herzogs heraus, die er eines Tages damit an den Tag legte, daß er sich, als angehender Fünfziger, ein Fräulein zur Frau nahm aus dem alten Hause von Nesle-Clermont-Mailly, dessen weibliche Überbleibsel derartig im Rufe standen, daß wirklich ein ungewöhnlicher Mut dazu gehörte, sich mit ihnen in Schwägerschaft einzulassen. Von der älteren Schwester des Fräuleins, einer verheirateten Gräfin von Olonne, hatte sogar der König öffentlich ausgesagt, sie sei die Schande ihres Geschlechts, ohne es jedoch zu wagen, sie von seinem Hof, dieser Pflanzstätte weiblicher Tugend, endgültig zu verbannen: also daß ein illustres Mitglied dieses Hofes, ein gewisser schreibsüchtiger anderer Herzog, genannt von Saint-Simon, Gelegenheit bekam, über sie einige Anekdoten aufzuzeichnen, die beweisen, daß damals auch die fingerfertigsten und klatschsüchtigsten Skribenten noch nicht für Familienblätter geschrieben haben. Dem Herzog von Crouy-Nettencourt aber verschlug das nichts. Ein Kerl, der sich nicht vor siebentausend Teufeln fürchtete, obwohl er, worin der beste Teil seiner Religion bestand, an Geister und Teufel glaubte als an leibhaftige Wesen, wie hätte der sich vor einer kleinen Teufelin von Weib fürchten sollen? Und wahrscheinlich dachte er, daß eine die andere wert sei und daß ein braver Mann nichts mehr verachtet als das Gerede der Leute. Oder auch, er hielt sich wirklich selber, da ihn seine Dragoner gern so nannten, für einen leibhaftigen Teufel und wollte nicht glauben, daß es jemand einfallen könnte, da Hörner zu pflanzen, wo sie, den Schriften der Gottesgelahrtheit zu glauben, ohnedies natürlich sproßten und ihren Ursprung und Samen hatten von Ewigkeit. Leider aber war der Herzog für seine Person zu wenig Theologe und Dämonologe, um zu wissen, daß der häufigste von allen Teufeln der dumme Teufel ist. »So, nun seid Ihr meine Frau,« sprach er am andern Morgen nach der Hochzeit zur jungen Herzogin, »und ich will hoffen, daß Ihr diese Ehre zu würdigen wisset. Man hat mir Angst vor Euch gemacht, aber umgekehrt ist auch geritten. Wisset also, daß ich Euch mit diesen Händen erwürgen und Eure Seele brühwarm dem Herrn Satan in den Schlund jagen werde, wenn es Euch etwa einfallen sollte, Euch Eure lieben Verwandten im geringsten zum Muster Eurer Sitten zu nehmen. Ausdrücklich aber verbiete ich Euch, wenn Euch Euer Leben lieb ist, jede Art Verkehr und Zusammenkunft mit Eurer tugendsamen Schwester, der Gräfin von Olonne.« Damit wandte er der Verblüfften den Rücken, stieg zu Pferd, und wie weiland der Ritter Blaubart – obwohl sein Bart schwarz war wie die Nacht und nur im günstigsten Licht ein wenig ins Blaue schimmerte – ritt er, ohne sich nur umzusehen, davon und zog hin in die Pfalz am Rhein, wo er dem General Melac zur Ausführung seiner ruhmreichen Taten in Speier, Worms und Heidelberg gerade noch gefehlt hatte. Die junge Herzogin aber, die die ehemännlichen Brutalitäten ihres Herrn Gemahls in der verflossenen Nacht für übergroße Liebe genommen hatte, wußte nun Bescheid und nahm sich vor, ihr Betragen danach einzurichten; denn daß der sorgliche Herzog ihr eine genügende Anzahl von Spähern und Aufpassern zurückgelassen, stand ihrer weiblichen Klugheit außer Zweifel. Mehr noch als die Gemahlin fühlte sich die Gräfin von Olonne empört über das Verhalten des bärtigen Herzogs. Dessen sie betreffendes Verbot dünkte sie eine tiefere Kränkung als selbst jene Worte des großen Königs, der, wie sie sich ausdrückte, es eben nötig hatte, wenigstens gegen andere den Sittenstrengen zu spielen. Und sie beschloß bei sich, dem zärtlichen Schwager nichts schuldig zu bleiben, sondern ihm, koste es was es wolle, zu seinem schönen Bart noch einen anderen und wahrlich zeitgemäßeren Schmuck zu verschaffen, der auch nicht von Pappe sein sollte, keinen Stirnschmuck gewöhnlicher Art, sondern einen ganz besonders gedrechselten, geschnirkelten und gezirkelten, gegen den die armen Zinken seiner Herzogskrone elend verblassen und wovon noch Kind und Kindeskinder sich erzählen sollten. Doch es galt mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen. Und da die Gräfin in niemand ein so absolutes Vertrauen setzte als in den Marquis von Beuvron, ihren Geliebten, wählte sie diesen zum Werkzeug ihrer Rache. Damit bewies sie, um wieviel mächtiger der Haß ist im Herzen einer Frau als die Liebe. Aber mit Beuvron erreichte die Gräfin ihr Ziel nicht. Denn gerade um diese Zeit trug sich der Marquis, obwohl er die Dame von Olonne nicht zärtlicher liebte als eben üblich, mit einer bohrenden Eifersucht auf den Chevalier von Candale, den er haßte und den die Gräfin zu begünstigen Miene machte. Darum weckten die Zuflüsterungen und versteckten Andeutungen seiner Dame in ihm den naheliegenden Verdacht, daß man ihn abschütteln und sich seiner in guter Manier entledigen wolle zugunsten des verabscheuten Nebenbuhlers. Um so hartnäckiger nahm er sich vor, den gefährdeten Platz zu behaupten, an dem ihm noch kurz zuvor wenig gelegen schien. Die unpolitisch-politische Gräfin kratzte sich hinter dem zierlichen Ohr: Das hättest du dir gleich sagen können, dachte sie. Doch gab sie ihr Spiel deswegen nicht verloren. Sie warf jetzt ihre Gedanken auf den Herrn Gemahl, dem sie sich als gute Ehefrau ohnedies zu mehr als einer Entschädigung schuldig fühlte. Sie wußte, daß der Gute, dem das Haus der Herzogin nicht verboten worden wie ihr, längst ein Auge auf ihre Schwester geworfen hatte, und sie suchte ihn nun auf allerlei Umwegen so weit in seinen Unternehmungen zu ermutigen, als sie es für möglich hielt, ohne sich bloßzustellen. Und wirklich, der Graf schien willig. Nur umgekehrt als wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht. Willig war sein Fleisch, sein Geist aber war schwach. Und bald mußte die Gräfin durch Beuvron erfahren, der in herkömmlicher Weise mit dem Grafen von Olonne nicht weniger intim stand als mit ihr selber: daß die plumpen und ungeschickten Eroberungsversuche ihres geliebten Eheherrn wenig Hoffnung gaben, ihn je ans Ziel zu bringen. Auf diese Weise sah die Gräfin ihre Politik zum zweiten Male scheitern, und schon verzweifelte sie fast an ihrem weiblichen Ingenium; dann aber kam sie auf einen Gedanken, ihrer endlich vollkommen würdig, wie es der Erfolg glänzend dartat. Sie hatte in Erfahrung gebracht, daß die Herzogin von Crouy-Nettencourt unter ihrer zahlreichen Dienerschaft einen Kammerdiener besaß, einen wohlgebauten hübschen Jungen, von dem die Rede ging, daß er aus gutem Hause und nur durch einen jugendlichen Fehltritt in diese Stellung gekommen sei, was damit bestätigt schien, daß er sich stets unter allerlei verlegenen Ausflüchten geweigert hatte, Namen und Stand seiner Familie zu nennen. Auf ihn baute die Gräfin nun ihre Hoffnung. Sie ließ den Jüngling heimlich zu sich kommen, und der junge Mensch, fast noch ein Knabe mit seinen weniger als siebzehn Jahren, von zierlichem Wuchs und einem wahren Cherubimgesicht, gefiel ihr über die Maßen. Auch seine Reden, die eine gewisse Erziehung nicht verleugneten und Geist und Phantasie verrieten, stimmten zu allem, was man ihr von ihm berichtet hatte. Er gestand ihr, wegen einer Dummheit von der Schule (einem Jesuitenkolleg seiner Provinz) weggelaufen zu sein, ließ sich aber um keinen Preis dazu bringen, Heimat und Familiennamen zu nennen, was der Gräfin vortrefflich in ihren Plan paßte. »Am Ende bist du gar ein heimlicher Prinz,« sagte sie scherzend, »und wenn meine Schwester so etwas ahnt, wird sie sich noch in dich verlieben; nimm dich zusammen.« Der Jüngling errötete. Von allein wäre ihm ein solcher Gedanke nicht gekommen; aus dem Munde der vornehmen Gräfin aber sog er die seltsame Rede in sich ein wie die Süßigkeit einer verbotenen Näscherei. Und die Dame von Olonne lächelte zufrieden. »Du bist ein Schelm,« sprach sie leutselig, indem sie dem Überglücklichen einen liebkosenden Streich auf die Wange versetzte, »und wahrlich, wenn die Herzogin nicht meine Schwester wäre, ich weiß nicht, was ich täte.« Dem guten Jungen, Felix hieß er im Hause des Herzogs, schwindelte nicht wenig der Kopf, als er die große Freitreppe im Palast der Gräfin hinunterstieg. Aber als ein gewitzigter Schüler der Heiligen Väter nahm er sich vor, auf seiner Hut zu sein und sich nicht zum Narren haben zu lassen. Das aber konnte er nicht verhindern, daß er in der folgenden Nacht von seiner schönen Herrin träumte. Er hielt ihr, die in den Sattel stieg, den Steigbügel, und plötzlich überkam ihn die Kühnheit und er führte seine Lippen an ihren zierlich bestiefelten Fuß, worüber die hohe Frau wohlgefällig lächelte. Wenn er nur nicht so sicher gewußt hätte, daß er, außer im Traum, einer solchen Kühnheit niemals fähig sein werde. Nein, eine so ritterliche Art, der schönen Herzogin seine Verehrung zu zeigen, stand ihm nicht an. Dafür aber gab es hundert andere bescheidenere Arten, und niemand konnte ihm wehren, durch erhöhten Eifer im Dienst und alle möglichen kleinen Aufmerksamkeiten gegen die Herzogin sich vor den anderen hervorzutun und sich ihr auf diese Weise wie auch durch besondere Sauberkeit und Sorgfalt in seinem Äußeren bemerkbar zu machen. Dies schien ihm in hohem Grad zu gelingen. Denn bald konnte er, all seiner Bescheidenheit ungeachtet, nicht daran zweifeln, daß ihn die Herzogin seit einiger Zeit mit anderen Augen ansah als zuvor; ja, er fühlte deutlich, daß sie ihn wiederholt hinter seinem Rücken verstohlen beobachtete. Auch mußte es ihm auffallen, daß er seit kurzem öfter in die Gemächer seiner Herrin gerufen und dort länger zurückgehalten wurde als in den voraufgegangenen Tagen und Wochen. Das alles zusammen genügte, um ihm, trotz aller Verständigkeit, doch ein wenig den Sinn zu verrücken. Um so mehr, als er den letzten und eigentlichen Grund zu dem veränderten Betragen der schönen Frau Herzogin unmöglich ahnen konnte, da er eben nicht wußte, was für ein seltsames Märchen der Marquis von Beuvron, auf Anstiften der Gräfin von Olonne, seiner Herrin erzählt hatte. Danach war Felix der Sprößling einer vornehmen Familie aus der Gaskogne, war im letzten Winter als Edelknabe in das Haus des Herzogs von Burgund gekommen, hatte auf einem Fest das Fräulein von Nesle-Clermont, die heutige Herzogin Crouy-Nettencourt, gesehen und sich dergestalt in sie verliebt, daß ihm das Leben nur noch in ihrer nächsten Nähe wünschenswert erschien; kurz entschlossen habe er sich als armen Teufel verkleidet und sei so, nicht ohne Anwendung von mancherlei List, in seinen jetzigen Dienst getreten, nur um täglich seine Angebetete von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Natürlich lachte die Herzogin über die abgeschmackte Erfindung, und der Marquis war klug genug, einzugestehen, daß er selber nicht im geringsten daran glaube. Er kalkulierte mit Recht, dergestalt am besten jeden Verdacht fernzuhalten und die unerfahrene junge Frau damit um so sicherer in die Falle zu locken. Und eines erreichte der gewandte Marquis in der Tat: der hübsche junge Mann im Lakaienkleid gewann auf einmal für die Herzogin den Reiz des Geheimnisvollen. Und unter dem Einfluß dieses Reizes fand sie das schmale blasse Gesicht des Jünglings immer feiner im Profil, die Blicke seiner dunklen Augen immer tiefer und ausdrucksvoller, seinen Wuchs schlanker, seine Hände gebildeter, seine Manieren gewählter, sein ganzes Wesen vornehmer. Vor allem aber ließ es ihr keine Ruhe, sie mußte den Versuch machen, dem Rätsel auf den Grund zu kommen. Darum schien es ihr nicht unschicklich, sich direkt bei Felix nach seinen bürgerlichen Umständen zu erkundigen, und als sie dabei, wie vorher die anderen, auf die verlegen vorgebrachte aber feste Weigerung stieß, über Heimatsort und Familie auch nur das kleinste Wort auszusagen, fühlte sie sich schon fast geneigt, zu glauben, was sie bereits heftig wünschte: daß an der seltsamen Erzählung des Marquis von Beuvron vielleicht doch etwas wahr sein könne. Und demgemäß behandelte sie von da an den hübschen und ihr so sichtbar ergebenen Kämmerling, nämlich halb als Diener, halb als verwunschenen Prinzen. Als die Gräfin von Olonne, die durch den spionierenden Beuvron aufs genaueste unterrichtet wurde, die Dinge diesen Lauf nehmen sah, ließ sie den ahnungslosen Felix von neuem zu sich bescheiden. »Wahrhaftig, Ihr habt Glück,« so empfing sie ihn: »was ich Euch vorausgesagt, ist eingetroffen, meine Schwester liebt Euch.« Felix fand vor Verlegenheit keine Antwort und schlug beschämt den Blick zu Boden. »Ah,« rief die Gräfin aus, »ich sage Euch, wie es scheint, nichts Neues, Eure Augen haben Euch bereits unterrichtet. Aber laßt Euch nicht berauschen von den Dingen, die Euer warten. Seid vorsichtig, achtet auf jedes Zucken Eurer Wimper. Denn, lieber Freund...« Felix sah erschrocken auf. Die Dame von Olonne lächelte. »Ihr seid klug,« sprach sie, »Ihr werdet Euch schon aus der Schlinge ziehen. Vor allem aber habt acht, daß Ihr meine Schwester nicht in dem enttäuscht, wofür sie Euch hält.« Damit entließ sie den armen Jungen, der diesmal die breite Treppe des Palastes gleich einem Betrunkenen hinunterwankte, ganz betäubt von dem Unerhörten, das ihn die gräfliche Fee wie in einem Zauberspiegel hatte sehen lassen. Aber Felix war wirklich ein kluger Kopf. Das Getriebe der Straße ernüchterte ihn schnell, und er sagte sich, daß der Zauberspiegel der Gräfin am Ende nichts sei als eine verruchte Gaukelei, die ihn leicht ins Verderben locken konnte. In diesem Sinn beschloß er sein Betragen einzurichten. Und er wäre seinen vernünftigen Vorsätzen auch sicher treu geblieben, wenn nicht ein anderes Betragen, nämlich das der jungen Herzogin von Crouy-Nettencourt, fast noch mehr Kind als Weib, ihn wieder irregemacht hätte. Denn die hohe Frau, die, abgesehen von den oberflächlichen gesellschaftlichen Galanterien, bis jetzt nichts anderes vom Leben des Weibes erfahren als die rohe und plumpe Behandlung durch ihren Blaubart von Ehemann, hatte unterdessen darauf gesonnen, wie es möglich wäre, den anmutigen Felix etwas mehr in ihre unmittelbare Nähe zu bringen. Infolge dieser Überlegungen kam sie auf den befriedigenden Gedanken, sich seiner beim An- und Auskleiden zu bedienen, statt des alten Philipp, dessen Hände von Tag zu Tag zittriger wurden. Damit verstieß sie keineswegs gegen die frommen Sitten ihrer Zeit und ihres Standes. Denn jedermann kennt die Geschichte jener sehr tugendreichen jungfräulichen Prinzessin von Orleans, Herzogin von Montpensier, wie sie sich von einem Pagen das Strumpfband knüpfen ließ und was die Prinzessin für ein echt herzoginnenhaftes Gespräch an dieses Strumpfband ihrerseits geknüpft hat. Die Dame von Crouy-Nettencourt verstieß also mit der geplanten Neuerung in nichts gegen die Sitten ihres Standes und ihrer Zeit; aber was sie damit vollständig umstieß und über den Haufen warf: das waren die Klugheitsregeln und das ganze ohnedies schon wacklige Vernunftgebäude im Kopfe des kleinen Felix, der im Handumdrehen ein großer Sophist wurde mit der Überzeugung, daß nichts dümmer sei als der Verstand, nichts unvernünftiger als die Vernunft, und nichts eitler und alberner und nutzloser als ein Haufen guter Vorsätze. Denn von diesem Tage an kam ihm der verflixte Zauberspiegel der Dame von Olonne nicht mehr von den Augen: dieser Spiegel, in dem er Bilder sah und Verheißungen, daß es ihm zugleich heiß und kalt durch die Nerven rann, und für deren Erfüllung er bereit gewesen wäre, jeden Augenblick seinen jungen Kopf auf den Block zu legen, wenn das Schicksal es so von ihm forderte. Und das Bedenklichste: nicht nur in dem Spiegel, der ihm Zukünftiges vorzauberte, auch in der gegenwärtigen leibhaftigen Wirklichkeit bekam sein Auge Dinge zu sehen, solche Dinge, die den heiligen Antonius in der Wüste toll gemacht hätten. Und nicht nur zu sehen mit Augen bekam er sie, sondern auch zu fühlen mit Händen, als welche darüber viel schlimmer zitterten, denn die Hände des alten Philipp, was aber der jungen Frau Herzogin eher ein Wohlgefallen abgewann als das Gegenteil. Denn da diese gewahr wurde, wie die Augen des schönen Knaben von unheimlichem Feuer loderten, oder schwül sich verschleierten von der Trübe der Begierde; gewahr wurde, wie seine Wangen erblaßten, weil sich ihm alles Blut im Herzen staute, und noch anderes mehr ahnte als gewahrte, weil sie doch im Grunde und ihrem gotteslästerlichen Witwentum zum Trotz ein recht unerfahrenes Ding geblieben war, wenn auch voll versteckter Lüsternheit und Begehrlichkeit: da zweifelte ihr Gefühl (dem Verstand hatte sie Urlaub gegeben) nicht mehr daran, daß der junge Fant wahrhaftig der Kavalier sein könnte, davon man ihr so schmeichelhafte Abenteuer zu erzählen für gut befunden. Denn nach dem höfischen Sittenkatechismus und Corpus juris der Liebe jener Zeit, die sie beide inwendig und auswendig wußte, konnte sie sich nur einen Mann ihres eigenen Standes in einem Zustand denken, zu dem ihr eigener Zustand eine so intime Ähnlichkeit unverkennbar aufwies. Die Herzogin hatte bemerkt, daß Felix vor allem ihr schönes goldbraunes Haar mit heimlicher Ekstase zu betrachten pflegte. Unendlich gerührt in ihrem weiblichen Herzen von dieser Wahrnehmung, denn sie tat sich selber auf ihr schönes Goldhaar nicht wenig zugute, dachte sie sofort auf ein Mittel, den scharmanten Jüngling für seine stumme Huldigung zu belohnen. »Du bist heute recht ungeschickt, meine liebe Jeannette,« sagte sie zu ihrer Jungfer, die sie frisieren sollte; »gib einmal dem Felix die Kämme, ich wette, er macht es besser als du.« Darin hatte sich nun die Gute gründlich geirrt. Denn so vorsichtig Felix die goldbraunen Strähnen durch die langen milchweißen Zähne von Elfenbein fließen ließ, war er doch des delikaten Geschäftes zu wenig gewohnt, um der prinzessinnenhaft empfindlichen Kopfhaut nicht wiederholt weh zu tun oder der schönen Frau, eben aus lauter Ängstlichkeit, bald die eine, bald die andere rosenblattfarbene und rosenblattzarte Ohrmuschel schmerzlich zu verletzen: woraus zu ersehen, daß Liebe und Inspiration wohl viel zu ersetzen vermögen, nur nicht ein Talent, als welches jederzeit mit viel Mühe und Anstrengung erworben sein will. Doch die Herzogin machte sich nichts aus den kleinen Schmerzen; vielmehr lächelte sie höchst befriedigt in sich hinein. Denn sie fühlte lebhaft, wie wenig ihre flüchtigen Unannehmlichkeiten zu bedeuten hatten, im Vergleich zu den seltsamen Qualen, die sie dem jungen Mann auf dem blassen, von heimlicher Lust und unheimlicher Angst fast verzerrten Gesicht immer deutlicher ablesen konnte. Diesem unselig Seligen stand wieder jener Zauberspiegel vor Augen und ließ ihn derartige Bilder sehen und Verheißungen, daß es ihm zugleich heiß und kalt durch die Nerven rann, und daß auf Augenblicke nicht nur seine Hände, sondern auch seine Knie zu zittern begannen. Unaussprechliches und Unsagbares, so, bis zur Stunde, ihm ganz und gar Undenkliches ließ ihn der Spiegel in Bildern schauen, daß der Jüngling immer weniger wußte, war es heißes Glück oder eisiges Todesbangen, was ihm die Kehle verschnürte und den Atem raubte, und es ihm wie Schleier vor den Augen niederging und er die Dinge um sich her sah wie in einem farbigen Nebel. Er fühlte sich unerschrockener Eingeweide und eines mutigen Herzens, und in göttlicher Verzückung hätte er und in seligem Taumel gern seinen jungen Kopf auf den Block gelegt. Süß hätte es ihn gedünkt, für die schöne Herrin zu sterben. Aber Schlimmeres als der Tod, das wußte er wohl, unendlich Schlimmeres stand für ihn auf dem Spiel. Und während also das Goldhaar unter seinen zitternden Händen zu funkeln und zu knistern schien und ganz nahe vor ihm zwei Rosenlippen sich kräuselten, als ob sie nach seinem Kusse durstig wären, und von Zeit zu Zeit ein weißer Ellenbogen leise und vielleicht zufällig seine Hüften streifte, und unter dünnem Batist ein zartes Knie das seinige wie fragend anrührte: perlten ihm auf der Stirn kalte Tropfen Schweißes, erlosch das lodernde Feuer seiner Augen, umflort von der Trübe der Begierde zugleich und der Bangnis, und wurden, weil sich ihm alles Blut im Herzen staute, seine Wangen zum Erschrecken blaß und blasser. Und die Liebestollheit in seiner Seele und die aufgestachelte Glücksverheißung in seinem Blut kämpften einen wahrhaft übermenschlichen, kämpften einen tödlich verzweifelten Kampf mit einer unaussprechlichen Angst in ihm. Mit seiner Angst davor, sich vielleicht durch einen Schein von Kühnheit den Unwillen der Angebeteten zuzuziehen und dafür wie ein Schelm mit Schmach und Schande aus ihrer selig unseligen Nähe vertrieben und gar mit verworfenem Gesindel zusammen in einen infamen Kerker geworfen zu werden; während doch schon der Gedanke, einen einzigen ungütigen Blick von ihr zu erhalten, ihm unerträglich schien. Die schöne Herzogin aber lächelte befriedigt in sich hinein, und ein Moralist würde vielleicht sagen, daß sie an den Qualen des armen Menschen eine Art teuflischer Lust hatte. Aber nur ein Moralist kann ein so schönes und schlohweiß junges Weib mit dem reinsten Atem der Welt und umhaucht außerdem von den süßesten Wohlgerüchen seltener Spezereien mit dem garstigen und stinkenden Teufel in Gedanken zusammenbringen. Auch fühlte sich die Herzogin keineswegs so sehr befriedigt, als es den Anschein haben mochte. Und wenn ihr die Marter des herzigen Jungen ein Wohlgefallen bereitete, weil sie ihr Hoffnung gab, so wünschte sie dafür aber auch, ihn ganz und gar glücklich zu machen und in seiner Seligkeit erst recht die ihrige zu finden. Die schöne Dame hatte Christentum im Leib, und viel mehr als seine Bangigkeit und Qual und schmerzliche Verzweiflung dies tat, hätte es ihr Freude bereitet, von seiner Kühnheit eine kleine Erfahrung zu machen. Und sie wurde sogar nach und nach ganz unglücklich darüber, seinen Mut immer wieder schwächer zu sehen als seine Beklommenheit, und seine Marter wahrhaftiger als seine Beseligung. Denn ob sie ihn auch von Tag zu Tag deutlicher mit holdem Lächeln und versprechenden Blicken ermunterte; ob auch ihr zartes Knie unter dünnem Batist immer häufiger die kurze heimliche Zwiesprache mit dem seinigen suchte und ihr weißer Arm, vom zurückfallenden Ärmel entblößt, immer neue Wendungen fand, seiner Hand, seiner Wange, fast seinen Lippen zu begegnen; und ob auch das luftige duftige Spitzengewölk, das ihr Morgenjäckchen bildete, von einer Sitzung zur anderen sich verwegener öffnete und das blendende Milchweiß auf den zarten Schultern und den benachbarten noch zarteren Rundungen immer freier und ungehemmter in das verblüffte Tageslicht herausschimmern ließ: mit allem zusammen erreichte die Schöne nur, daß zwei Jünglingshände noch heftiger zitterten, daß die Qual ein blasses Gesicht noch schmerzlicher verzerrte und zwei dunkle Augen, nach flüchtigen Momenten jauchzenden Aufloderns, immer deutlicher von todesbanger Hilflosigkeit redeten. Und das konnte nun freilich von seiten des überschüchternen Jünglings kein kavaliermäßiges Betragen genannt werden. Mehr als nötig zeigte Felix durch eine allzu tief wurzelnde Bescheidenheit seine Zugehörigkeit zur geringeren Klasse. Die Herzogin hätte sich das längst von ihrem Verstand müssen sagen lassen. Aber diesem Kammerdiener hatte die Gute Urlaub gegeben, und Gott mochte wissen, wo sich der ohnedies unzuverlässige Geselle herumtrieb. So sah sich die junge Schöne, von ihrem gotteslästerlichen Witwentum arg in die Enge getrieben, allein auf den Rat ihres Herzens angewiesen, das eine liebe Seele sein mußte, wie die Geduld beweist, die die hohe Frau übte, um das Glück eines Menschen zu machen, der ihr dies so wenig zu danken schien. Eines Tages aber drohte doch so etwas wie ein kleiner giftiger Zorn gegen den Unkecken in ihrem goldenen Herzchen zu keimen und nach Rache zu schreien. Aber sie war wirklich gut, sie sagte sich noch zur rechten Zeit, daß sie selber den Vorwurf der Feigheit verdiene, da sie aus Angst vor ihrem Ritter Blaubart und seinen Spähern nicht ein einziges Mal den Mut gefunden, in Gegenwart des Felix ihre Zofen aus dem Zimmer zu schicken, was ihr doch ihre Weibheit längst hätte eingeben müssen, wenn auch der Kammerdiener Verstand sich in Urlaub befand. Doch am anderen Morgen dann, als der genannte Felix wieder zum Dienst bei ihr antrat, erklärte sie den Mädchen, sie wolle noch vor dem Ankleiden wichtige Briefe schreiben, man könne sich entfernen. »Nein, bleibe,« rief sie dem Felix zu, der ebenfalls im Begriffe stand, sich zurückzuziehen, »bleibe, du schreibst eine hübsche Hand – sie hatte nie einen Buchstaben seiner Schrift gesehen – ich werde dir diktieren.« Angenehm geschmeichelt blieb Felix zurück. »Ach,« seufzte die Herzogin, als beide sich allein sahen, »ich bin zum Diktieren schon nicht mehr aufgelegt, du sollst mir die Haare kämmen.« Damit sank sie lässig in ihren Sessel und reichte Felix statt des schneeig gefiederten Federkiels die elfenbeinernen Kämme. Wie die Dinge daraufhin verlaufen sind, davon läßt sich nur soviel vermuten, daß die Herzogin sicher noch immer einen ganzen Haufen Geduld nötig hatte, um über die zögernde und blöde Ungeschicklichkeit des improvisierten Haarkünstlers nicht in helle Verzweiflung zu geraten. Aber als die gute Haut, die sie einmal war, brachte sie eben doch soviel Sanftmut auf, als sich nötig erwies. Und damit, und vielleicht auch noch mit anderen Mitteln scheint sie die ärgerliche Unbeholfenheit des armen Felix zu einem noch anständigen Talent gefördert zu haben. Denn als nach einer Zeit, in der man ohne Überhastung ein halbes Dutzend Briefe hätte schreiben können, die schnippischen Zofen wieder hereingerufen wurden, hatte ihre gestrenge Herrin das Ansehen eines hübschen jungen Weibchens, das noch niemals in seinem Leben zu solcher Zufriedenheit gekämmt und gestrählt, gestriegelt und geschniegelt worden. Doch sie tat nicht dergleichen. Sie ließ sich von der dürren Jeannette eine Kerze nebst rotem Wachs herbeibringen, siegelte in behaglicher Geschäftigkeit die ungeschriebenen Briefe, kritzelte auf einen davon unter listigem Lächeln und mit übermütig kühnen Schnörkeln die Adresse ihres Herrn Gemahls, auf die anderen die Namen von guten Freundinnen, und übergab alle zusammen dem harrenden Felix zur eiligen Beförderung auf die Post. Auf diese Weise sah sich der gute Junge zum Geheimsekretär der Herzogin befördert und wartete alltäglich seines Amtes mit einem Eifer, dessen allein die Liebe fähig ist. Die Liebe. Was dieses verwaschene und mißbrauchte Wort in dem Goldschnittlexikon der kleinen Herzogin für einen Sinn hatte, ist eine Frage, die ein ökumenisches Konsilium oder auch, wie man heute sagt, ein internationaler Psychologenkongreß, ob er nun zu Rom oder zu Berlin tage, wohl kaum zu lösen imstande wäre. Für den unverdorbenen Knaben aber bedeutete es Tod und Leben, Gott und den Teufel, Abgrund der Hölle und höchsten Gipfel alles Glückes, bedeutete es Süßestes und Bitterstes der Welt im goldenen Kelch der Schönheit. Damit ihm aber von dem ganzen Umfang dieser Bedeutungen ja nichts verlorengehe, dafür sorgte außer der Herzogin, die doch schon nach zwei Richtungen das ihrige tat, auch noch die mehrfach genannte Dame von Olonne und bewies damit, daß der Haß nicht nur stärker, sondern auch unendlich scharfsichtiger ist als die Liebe, aller Philosophie der Sprache zum Trotz, die beide gleichermaßen gern für blind ausgibt.   II Noch bessere Späher als der Herzog von Crouy-Nettencourt besoldete nämlich die Frau Gräfin von Olonne. Und durch diese Dame, seine Schwägerin, das heißt durch ein Schreiben von fremder Hand, das ihm die Gräfin insgeheim zuschicken ließ, erfuhr der närrische Blaubart von der eigenartigen dienstlichen Beförderung des obskuren Kämmerlings. Das vergiftete Brieflein traf ihn in der Stadt Nanzig, wo er sich nach seinen Menschenschindereien, Mordbrennereien und anderen schönen Dingen auf »eien«, die er in der Pfalz verübt, zurückgezogen hatte, um sich ein wenig auszuruhen. Und noch zur selben Stunde machte er sich, ganz angefüllt von Zorn und Grimm, auf den Ritt nach Paris. Die Reise kühlte ihn aber etwas ab und ließ ihn überlegen, was für ein unsäuberlich, ja gefährlich Ding so ein anonymes Geschreibsel sei, womit man ihn leicht zum Narren haben oder gar in eine schlimme Falle locken konnte. Er nahm sich darum vor, in seinem Hause zunächst hübsch sachte aufzutreten, und nicht eher loszuschlagen, als bis er genau wußte, wo mit Sicherheit der Nagel auf den Kopf zu treffen wäre. Seine Vertrauten, die er bei der Herzogin zurückgelassen, wußten ihm in der Tat nichts Verdächtiges zu melden, und sein eigener Argwohn fand, abgesehen von dem leckeren Aussehen des schmucken Felix, nichts Aufreizendes. Seine Frau empfing ihn, wie er es nur erwarten konnte, und da sie in seiner Abwesenheit, besonders aber in der letzten Zeit, manches gelernt hatte, was sie jetzt mit Nutzen gebrauchen konnte, wußte sie dem unwirschen Kriegsmann derart im Bart zu krauen und auch das übrige rauhe Fell so sänftiglich zu streicheln, daß er fromm wurde wie ein Lamm, was bei einem Esel in der Löwenhaut und einem perfiden Weibchen in der Haut dieser Herzogin gerade nicht zu verwundern brauchte, sondern nur von neuem offenkundig machte, daß der berühmte Bart des berühmten Haudegens beträchtlich mehr in die schwarze als in die blaue Couleur hineinspielte. Dergestalt geschmeidig wurde der rauhe Held, daß es ihm von Tag zu Tag unmöglicher schien, seinem weißen Schmeichelkätzchen ein Leid zu tun. Nur der Kämmerling Felix stach ihm wie ein spitziger Dorn in die Augen. Denn in Wahrheit wußte der glorreiche Herzog um so mehr – der Teufel mochte es ihm vernehmlich genug zuflüstern –, je weniger er sich zu glauben den Anschein gab. Und wenn der ehebrecherische Geruch seiner Frau ihn auf wahrhaft schändliche Weise schwach machte, dem Milchbart von Knaben gegenüber fühlte er sich bei Gott Mannes genug. Mit seiner Frau mochte das nun sein wie es wollte – Sicheres weiß ein Mann ja ohnedies nie –, aber der Bube sollte seiner wenigstens nicht spotten. Zuerst wollte er den Felix unter irgendeinem Vorwand aus dem Hause werfen lassen. Doch von dieser weichherzigen Milde kam er schnell zurück. Er gedachte dann einen Mörder zu dingen, der dem Gecken den Garaus machte. Das aber schien ihm gefährlich. Mörder plaudern manchmal. Und sogar einem Herzog konnte, und sogar in jenem freien und liberalen Jahrhundert, ein Mord wenigstens einen schweren Beutel Gold als Buße kosten. Ein Ehemann aber hat darauf zu halten, daß er in allen Unternehmungen ökonomisch zu Werke gehe. Er mußte die Sache also feiner angreifen, und wirklich bewies er, daß das Rachebedürfnis selbst einen albernen Menschen zeitweilig zum Schlaukopf macht. War es wirklich im Ernst und ein Ausdruck ruchloser weiblicher Teufelei und Undankbarkeit, oder war es nur zum Schein, um dem Herzog die Schlafmütze vollständig über den gegabelten Schmuck zu ziehen: kurz, die schöne Herzogin behandelte ihren Kämmerling seit der Ankunft ihres Eheherrn einigemal geradezu mit grausamer Härte. Der Herzog lächelte erst dazu, aber eines Tages stellte er sich, als ob ihn die ungerechte Strenge seiner Gemahlin empöre. »Das darf nicht so weitergehen,« sagte er mit geheucheltem Unwillen, »tritt mir den Burschen ab, wenn du unzufrieden mit ihm bist.« Darein willigte die Dame, ob gern, ob mit heimlichem Bedauern, läßt sich nicht sagen, und der Herzog machte Felix zu seinem Pagen. Ja, er zeichnete ihn dergestalt vor seinen übrigen Dienern aus, daß alle neidisch auf ihn wurden und jeder gern eine Gelegenheit ergriffen hätte, den neuen Günstling zu verderben. Diese schien sich wirklich darzubieten. Mit Jeannette, der länglich dürren Zofe der Herzogin, pflegte der säbelbeinige Narziß, der Furier des Herzogs, hie und da nächtlicherweise zusammenzuschlüpfen, und da geschah es, daß einmal die Jeannette ein Glas mehr als sonst von dem für ihren Geliebten auf die Seite gebrachten Burgunder getrunken hatte. Infolge davon plauschte sie dem zärtlichen Narzissus Dinge ins Ohr, worüber diesem, der den Felix vor allen haßte, das Herz so im Leibe lachte, wie nach der Beschreibung gewisser Homiletiker sonst nur die kleinen Teufel in der Hölle lachen. Die listige Jeannette hatte sich nämlich, so wenig sie die anderen merken ließ, wegen der felizianischen Schreiberdienste und Schreiberkünste niemals die bekannten blauen Dünste vormachen lassen. Und von jenen Künsten und Dingen erzählte sie nun schäkernd dem aufhorchenden Narziß, wie eben nur ein derartiges Mädchen von solchen, wie ihm schien, höchst spaßigen Dingen erzählen kann. Und sie kitzelte damit dem säbelbeinigen Furier dergestalt das Ohr, daß er diese ganze Nacht keinen Schlaf fand, auch dann nicht, nachdem er sich von der länglichen Jungfrau weggestohlen und seinen eigenen Strohsack aufgesucht hatte. Dennoch fühlte er sich sehr zufrieden und weit davon entfernt, den verlorenen Schlaf zu bedauern. Er hatte nun den Günstling Felix in der Hand, konnte ihn verderben. Und wahrlich, an ihm sollte es nicht fehlen. Nur hieß es vorsichtig sein. Mit der Tür ins Haus zu fallen, schien ihm nicht geraten. Einzig mit versteckten Anspielungen den Herzog nach und nach argwöhnisch zu machen, konnte zum Ziele führen. Dabei ließ der gute Narziß außer Rechnung, daß der grimmige Herzog sich längst mehr als mit einem vagen Argwohn trug. Denn als er einige Tage darauf bei günstiger Gelegenheit seine wohlausgedachte leise Anspielung vor dem Schwarzbart fallen ließ, fühlte er sich auch schon von seinem Herrn, der auf einmal einen furchtbaren Scharfsinn verriet, an der Gurgel gepackt und so geschüttelt, daß sein dicker roter Kopf braun wurde wie eine Blutwurst. »Man munkelt, Schurke,« brüllte ihn der Herzog an. »Wer? Wer munkelt? Heraus mit der Sprache oder du bist des Teufels.« »Jeannette,« keuchte Narziß, und es war höchste Zeit, den Namen hervorzuwürgen, denn schon im nächsten Augenblick hätte ihm der Atem gänzlich dazu gefehlt. »Hund von einem Hund,« brüllte der falsche Blaubart von neuem, sich wohl bewußt, daß er jetzt energisch auftreten müsse, wenn er es verhindern wolle, daß seine Ehre von den Lakaien durch die Gosse geschleift werde. Und dann raste er hinaus, und wo er die längliche Jeannette fand, ergriff er sie bei den Haaren und schleifte sie vor die Herzogin. »Hier, verdammtes Luder,« rief er, »vor dem Angesicht deiner Herrin wiederhole deine Lästerrede.« Wenn nun die Jeannette die Person gewesen wäre, um dem herzoglichen Paar die Wahrheit frech und unbeuglich entgegenzuhalten, würde sie den Blaubart in keine geringe Verlegenheit gebracht haben. Aber sie war eines solchen Gedankens jetzt nicht fähig, und in Wahrheit liebte sie ihre Herrin ebensosehr, wie sie den ungehobelten Soldaten von Ehemann fürchtete. Sie hatte auch längst bei sich ihr unvorsichtiges Geplauder aufrichtig bereut. Und also tat sie jetzt nichts anderes, als einzugestehen, was sie geschwätzt habe, sei eine leichtsinnige, nichtsnutzige Verleumdung, und händeringend die Herzogin um Gnade anzuflehen, die hoheitsvoll und unbeweglich dastand, ohne mit einer Wimper zu zucken, wie wenn der ganze häßliche Auftritt sie nichts anginge. »Auf den Kehricht mit dem Aas,« brüllte der Herzog. Um den kleinen kinderhaften Mund der Herzogin aber spielte jetzt ein feines Lächeln, das jedoch ihre Rosenblattlippen nur unmerklich kräuselte, dann wandte sie sich stolz hinweg. Narziß und Jeannette wurden noch zur Stunde aus dem Dienst gejagt.   Das sind äußerliche Vorgänge, die sich leicht erzählen lassen. Und auch das, was in der Seele der schönen Herzogin vorging, könnte man wohl, zum Teil wenigstens, erraten aus ihrem Lächeln, als welches ein Poet vielleicht, bei einem weniger kinderhaften Mund, weniger taubenfrommen Augen und – weniger Puder auf den Wangen und Schminke unter den Schläfen, mit dem grausamen Lächeln jener Wesen verglichen hätte, die man mythologisch ungalant Sphinxe zu nennen pflegt. Denn dieses Lippenkräuseln ist schon von den Weisen des Altertums nicht ungeschickt gedeutet und erraten worden. Wer aber wollte erraten und aussprechen, was unter diesen sonderbaren Erlebnissen in stiller Nacht dem neugebackenen Günstling des Herzogs durch Herz und Hirn jagte, dem Knaben Felix, für den das Wort Liebe so etwas ganz anderes bedeutet hat, als es geschrieben stand im Goldschnittlexikon der schönen Herzogin, etwas so fremdartig anderes, nämlich Tod und Leben, Gott und den Teufel, Abgrund der Hölle und höchsten Gipfel alles Glückes, Süßestes und Bitterstes der Welt im goldenen Kelch der Schönheit. Armer Felix, der sich den Göttern gleich gefühlt, ahnungslos, nichts anderes zu sein, als ein verächtliches Werkzeug der Rache in den Händen der Dame von Olonne. Und sagt, was ist zerbrechlicher als ein Werkzeug? Ja, was ist angefochtener in seiner Existenz als sogar ein Gott? Denn, wer zählt die Götter, die, gleich wie man mit einem verbrauchten Handschuh tut, achtlos vom Menschen beiseite geworfen wurden und nun in den dunkelsten Rumpelkammern der Weltgeschichte, nur von staubigen Gelehrten beachtet, ein ruhmloses Dasein führen, das schlimmer ist als der Tod? Und – wenn dieser Sprung vom Höchsten zum Niedersten erlaubt ist – habt ihr schon gesehen, wie ein alter ruppiger Kater sich ein zierliches Mäuslein fing und nun damit spielte und es vor sich tanzen ließ und sich nicht genugtun konnte, immer neue Lust zu trinken aus dem irren flimmernden Blick der kleinen schwarzen Äuglein und der todesbangen zitternden Qual des armen Dings, das nicht weiß, wo aus und ein in seiner Angst, und vor dem Kater tanzen muß und Männlein machen und den Schwanz ringeln, wenn es auch vergehen will unter den großen glühenden Augen und ihren grausam harten Blicken? Ob der Knabe Felix ahnte, daß er ein solches Mäuslein sei? Sicher ist so viel, daß er sich zwei Tage mit dem Gedanken trug, in aller Stille Reißaus zu nehmen und sich im dunkelsten Rattenloch der dunkelsten Gegend von Paris zu verstecken. Und das hätte ihm bei gutem Glück wohl gelingen mögen, trotz der Tücke des Herzogs, der ihn nicht aus seinen Augen ließ. Aber indem er überlegte, schien es ihm, daß eine solche Flucht eine Felonie und schnöder Verrat wäre an seiner schönen Herrin und er dachte nicht mehr daran. Der bärtige Herzog aber, nachdem er also die Blankheit seines Schildes und die Ehrensäuberlichkeit seines Ehebettes mit viel lautem Geschrei dargetan, setzte sich abermals zu Pferd und ritt auf die Stadt Nanzig, wo sein Regiment sich ausruhte von den Mordbrennereien und anderen schönen Dingen auf »eien« drüben in der Pfalz am Rhein. Und mit ihm ritt Felix, sein neuer Page. Die Stadt Nanzig, die erst nachher unter dem vertriebenen Polenkönig Stanislaus Leszczynsky seligen Angedenkens eine so schöne und große Residenz wurde, schien zu jener Zeit ganz in ein wildes Kriegslager verwandelt. Das hinderte nicht, daß der gestiefelte Kater von Herzog seinen Knaben Felix nur mit dem süßesten Zuckerbrot fütterte, ihn tätschelte und hätschelte und ihm vor allen anderen soviel Liebe und Güte bewies, als ein solcher Eisenfresser, und wenn es auch bloß zum Schein war, eben aufzubringen vermochte. Wodurch einige Gescheitlinge sogar auf den Verdacht gerieten, der schöne Page sei in aller Heimlichkeit des Herzogs eigenes Kind, oder gar ein verkleidetes Mädchen, oder sonst ein Vogel ungewöhnlicher Art. Diesem letzteren Schein zum Trotz aber ritt der Bärtige öfter des Abends weg, und wie die Rede ging, besuchte er dann sein verstecktes Liebchen auf dem einsamen Schlosse Precigny, viel Meilen weit draußen in der Landschaft, wo das lothringische Land an das Herzogtum Luxemburg grenzt. Auf diesen Ritten durfte ihn niemand begleiten als nur einmal sein treuer Felix, der aber vor den Toren jenes Schlosses umkehren und allein nach Hause reiten mußte. »Es war nur, damit du dir den Weg merkest,« sagte der Blaubart, »denn es mag der Tag kommen, wo du diese Wissenschaft brauchen kannst.« Und so geschah es. Denn schon drei Tage darauf übergab der Herzog seinem Pagen einen Brief, mit dem sollte er bei Einbruch der Nacht hinausreiten nach Schloß Precigny, und in dem hohlen Lindenbaum links vom Tor sollte er die herzogliche Botschaft niederlegen, denn so sei es mit jener Dame abgeredet. Und Felix machte sich zur festgesetzten Stunde auf den Weg. Auch hätte ihm der Ritt sehr gefallen ohne den Zwang, unaufhörlich auf den Weg achten zu müssen, den er nicht verfehlen durfte, also daß er mit Gewalt sich zusammennehmen mußte, um gewisse Träume von sich zu scheuchen, die aus seiner Phantasie emporstiegen und ihn lockend umgaukelten, gleich den weißen Gestalten tanzender Feen, deren flimmernder Schein seinen ruhigen Blick gänzlich zu verwirren drohte. Denn er ahnte nicht, daß ihm nur wieder jener Zauberspiegel der Dame von Olonne vor Augen stand, nur daß er jetzt nichts Zukünftiges darin sah, sondern Vergangenes, und doch die gleichen Dinge, nur deutlicher und bestimmter und in wärmeren Lichtern und brennenderen Farben, und ganz schleierlos in blühender Körperlichkeit, solche Dinge, die sogar den heiligen Antonius in der Wüste toll gemacht hätten: also daß es ihm wieder heiß und kalt durch die Nerven rann und er nicht wußte, waren es verzehrende Wollustschauder oder Schauder des Todes, die ihn anfielen. Aber zwischen all den Gesichten schien es ihm einigemal nicht anders, als ob sich ihm eine Hand auf die Schulter legte, wovon ein Frösteln ausging, das ihn bis ins Mark hinein durchkältete. Und wurde sich's dennoch nicht bewußt, daß er nicht allein in die herbstliche Nacht hineingaloppierte, sondern, daß einer ihm zur Seite ritt, leis und lautlos. »Halt, Geselle,« wurde er plötzlich von einer Stimme angedonnert. Aus dem Weidengebüsch am Wege war ein Reiter hervorgesprengt, hatte den Pagen mit einem Ruck vom Gaul heruntergerissen und zu Boden geschleudert. Schneller als man es denken konnte, war es geschehen. Ein schweres hartes Knie bohrte sich in den Leib des hingeworfenen Jünglings, eine nervige Hand umkrallte ihm den Hals, und zwei furchtbare Augen funkelten nieder auf den Wehrlosen. An diesen Kateraugen, die unter buschigen schwarzen Brauen unheimlich wie aus dunklem Gestrüpp hervorglühten, erkannte der Knabe seinen Herrn. »Du mußt sterben,« fauchte der Herzog, »aber zuvor sage mir die Wahrheit, wie stand es mit der Herzogin?« Diese Worte rissen Felix aus seiner Betäubung. Aber er wunderte sich nicht, daß er sterben mußte. Er hatte seit langem den Tod gesehen am Ende dieser Dinge und seinen Hauch gespürt; er hatte sich nur gewundert, wie es möglich sei, daß er immer noch lebte. Vorhin war's ihm nicht zu Besinnung gekommen, aber jetzt wußte er's: auf dem ganzen Weg war der stumme Freund neben ihm hergeritten, und mitten in seinen sündlich-poetischen Liebesphantasmagorien hatte er von Zeit zu Zeit dessen kalte knöcherne Hand auf seiner Schulter gefühlt. Er befand sich also in Fassung, und stolz salutierte seine Seele den Tod. Dann wandte er sich mit seinem Wort an den Herzog, und der ein armer Kämmerling war und dann ein Page, bewies in seinem letzten Augenblick einen hohen ritterlichen Sinn oder wie man es nennen mag. »Ist mein Herr unter die Wegelagerer gegangen,« sprach er, »so wird ihn nichts hindern, mich zu töten; aber ein feiger Buschklepper und Gurgelschneider hat kein Recht, nach jener schönen Frau zu fragen, in deren Blicken der reine Strahl des Himmels leuchtete und von seltener Güte und Hoheit erzählte, deren süßer Mund sich nur auftat zu lieblichster Frauenrede, deren Gemüt sich sanfter erwies als das Halsgefieder einer Turteltaube, deren Seele weißer glänzte als das untadelige Rund ihrer unschuldvollen Stirne, deren Atem...« Weiter kam der Jüngling nicht. Ein kalter Stahl durchbohrte ihm das heiße Herz. Die schwärmerischen Worte und ein Ton von Überlegenheit und Todesverachtung hatten dem Herzog genügt. Mit dem Westenschoß des Ermordeten wischte er sich den blutigen Dolch ab, schwang sich auf sein Pferd und ritt davon in der Richtung der Stadt Nanzig. Aber siehe da, der eisenfeste Herzog, dieser Menschenmörder von Beruf, sollte diesmal nicht ohne Schrecken davonkommen. Kurze Zeit ritt er so in der herbstlichen Nacht dahin zwischen den kahlen Ulmen der Straße, die, wenn der Mond für Augenblicke durch die jagenden Wolken blinkte, mit ihren langen Schatten wie Gespenster nach ihm zu greifen drohten. Dann hörte er plötzlich hinter sich etwas traben, er drehte sich um und ein kaltes Entsetzen packte ihn an. »Beim Gestank des Teufels!« fluchte er. Denn was sollte das dumpfe Getrabe zu bedeuten haben? War das gar der Geist des Pagen, der ihm auf dem Fuße folgte? Der Herzog spornte seinen Hengst, der sich wiehernd aufbäumte und, wie behext, nicht von der Stelle wollte. Ein anderes Wiehern antwortete, weicher, wie klagend. Am Klang erkannte der Herzog die Stute des Ermordeten. Und von neuem gab er dem Hengst die Sporen, der sich noch toller und verteufelter gebärdete und durch nichts von der Stelle zu bringen schien. Zitternd suchte der Herzog nach dem Rosenkranz in der Tasche. Der Teufel konnte auch etwas Gescheiteres tun, als sich einen solchen Scherz mit ihm zu machen. »Hol der ... Corpus christi... Ave Maria... « Ganz nahe wieherte die Stute des toten Felix, nah und näher klang ihr Hufschlag, dann noch wenige Augenblicke, und sie stand Kopf an Kopf, jetzt freudiger und lauter herauswiehernd, an der Seite ihres Kameraden, dem Herzog die Knie streifend, der plötzlich eine laute Lache aufschlug. Es klang fast, wie wenn er sich damit seines Mutes erst versichern wollte. Er hatte aber begriffen. »Verdammte Schindmähre,« fluchte er, »mich zu foppen.« Und plötzlich fiel ihm ein, daß er ja nicht mit dem leeren Pferd nach Hause kommen dürfe. »Dummes Vieh, du bist selber in dein Verderben gerannt,« sprach er, zog eine Pistole aus dem Gurt und schoß der armen Stute zwei Schüsse in die Schläfen, worauf sein Hengst entsetzt mit ihm davonraste. Einen großen Lärm machte der Herzog am anderen Tage, als ihm die Auffindung des toten Felix und seines Pferdes angezeigt wurde. Und da es sich gerade traf, daß ihm zugleich von einigen verdächtigen Streifzügen der Luxemburger Reiterei Meldung geschah, griff er den glücklichen Zufall am Schopf und bezichtete laut die Luxemburger des Mordes. Er ließ sofort aufsitzen, brach mit seiner Schwadron über die Grenze und brannte, obwohl der feindliche Befehlshaber ihm eiligst die weitgehendste Entschädigung anbieten ließ, den Bauern drei Dörfer über dem Kopfe ab und vier andere überließ er der Plünderung seiner Dragoner. Dann kehrte er in sein Quartier nach Nanzig zurück, mit dem Gefühl unter dem Brustlatz, just an dem Fleck, an den die Moralisten sonst das Gewissen verlegen, daß er seine Sache gut gemacht habe. Nach Paris kam er erst vier Monate später, und wieder empfing ihn die Frau Herzogin, wie er es nur erwarten konnte. Sie hatte auch die triftigsten Gründe zu ihrer Liebenswürdigkeit. Über die ehemalige Drohung des Blaubarts, daß er sie mit seinen Händen erwürgen und ihre Seele brühwarm dem Teufel in den Schlund jagen wolle, lachte sie zwar längst, aber sie hatte dennoch ihre triftigen Gründe. Der Marquis von Beuvron hatte seit Monaten die Gräfin von Olonne infolge eines bösartigen Handels aufgegeben und war der Freund der Herzogin geworden, als Nachfolger des Grafen Olonne, der dem Marquis also doch, trotz seiner Ungeschicklichkeit, zuvorgekommen sein mußte. Der bärtige Herzog empfing den Marquis als Mann von Welt. Und als der Marquis nicht allzu lang danach den Bischof von Evreux und dieser in noch kürzerer Frist den Generalpächter Hannetoux als Ersatzmann bekam, ließ sich der Bärtige nicht nur von dem Mann der Kirche, sondern auch von dem Pächter der königlichen Gefälle und später noch von vielen anderen aus allen möglichen Ständen herauf und hinunter über den Löffel barbieren, wie man zu sagen pflegt, schon zufrieden, daß ihm trotzdem die Barbierer seinen schönen Bart ungeschoren ließen. Woraus denn jedermann, der es etwa noch nicht gemerkt haben sollte, leichtlich ersehen mag, daß dieser Ritter ohne Furcht und Tadel sich zwar Held genug wußte, meuchlings einen milchbärtigen Knaben zu morden; daß aber sein Bart deswegen, was auch einige leichtgläubige Gimpel und mehrere phantastische Romantiker glauben mochten, keineswegs ein Blaubart war, sondern schwarz wie die Nacht und dunkel und schimmerlos wie die Dummheit, auch schlicht und ungekräuselt wie die Einfältigkeit, kurz ein Bart wie irgendein anderer ordinärer Ehemannsbart auch, in den nur je ein bramarbasierender Tropf seine Suppe, so ihm die Gnädige eingebrockt, ruchlos vertröpfelt hat. Das Hündchen Kors und Napoleon der Große Wenn je ein päpstlicher Pius seinen Namen verdient hat, so Pius VII. aus dem Grafengeschlecht der Chiaramonti, dem als Mensch allgemein eine seltene Herzensgüte und Sanftmut zugesprochen wird, die ihn freilich als Politiker nicht verhinderten, die moralischen Vorteile der Kirche den weltlichen gelegentlich nachzustellen und die wahren religiösen Interessen den irdischen Machtansprüchen seines Thrones in nicht unbedenklicher Weise aufzuopfern: wobei er, ein großer Mann war er nicht, sondern nur ein herzensguter, zwischen kleinlichem Eigensinn und unverzeihlicher Schwäche hin und her pendelte. Die Politik lag ihm eben wohl nicht, und wie es einem ergehen kann, den die Macht der Verhältnisse in das Räderwerk dieser Maschine hineinzerrt ohne ausreichendes Talent dazu, das haben auch schon andere schmerzlich an sich erfahren müssen. Und besonders dem furchtbaren Korsen, der sich eben anschickte, die ganze Welt nach seinem Bild zu modeln, mußte sich ein Papst wie dieser am wenigsten gewachsen zeigen. Doch hätte es seiner Fehler nicht einmal bedurft; die brutale Gewalttätigkeit Napoleons hätte auch ohnedies genügt, ihn in die Verbannung nach Savona zu bringen und dort das dreifach gekrönte Haupt der Christenheit in so enger und unbequemer Hast; kurz in einer so unwürdigen Lage vier Jahre lang festzuhalten, daß das Gefühl der ganzen zivilisierten Welt nicht anders konnte, als für den mißhandelten ehrwürdigen Greis zu Savona Partei zu ergreifen. Der Kaiser aber blieb unerbittlich in seiner Grausamkeit, und mit immer wacher Eifersucht hielt er von dem noch dazu kränkelnden Papst alles entfernt, was irgendwie seine harte Kerkerhast lindern oder ihm sonst einen Trost gewähren konnte. Nur eins vergaß er ihm wegnehmen zu lassen, ein kleines Malteser Wachtelhündchen, das den ehemaligen Benediktinerabt nicht nur an manche glücklichere Tage zu Rom erinnerte, sondern ihm auch durch sein drolliges und munteres Wesen wie durch eine rührende Anhänglichkeit gar oft über bittere Stunden hinweghalf. Der Papst hatte ihm darum den Namen Miserikors gegeben, womit er wohl andeuten wollte, daß alle menschliche Barmherzigkeit, die ihm noch nahekam, in dem kleinen Tier verkörpert sei; er kürzte den langen Namen später und rief das Hündchen nur noch Kors, was so viel heißen sollte als Herz, »mein Herzchen«, und wirklich, es war ein wahres Herz von einem Hund. Kors, mit den langen seidenweichen Haaren, noch weißer als das hohepriesterliche Gewand seines guten Herrn, glich fast einer großen Schneeflocke, und wenn das zierliche Hündchen, wie es seiner besonderen Art eigen ist, die Zähne etwas bleckte, so zeigten sich auch diese glänzend weiß und niedlich wie Kinderzähne, und nur sein kurzes Schnäuzchen und die beiden kleinen Augen standen als drei schwarze Punkte in seinem etwas komischen, aber jedenfalls sehr gutmütigen Gesicht. Dieses allerliebste Tierchen begleitete den Papst auch, als er später von dem neuen Herrn der Welt nach Fontainebleau geschleppt wurde, um seinen seitherigen erbärmlichen Kerker mit einem räumlich zwar sehr pompösen, aber moralisch nicht weniger engen zu vertauschen. Dies geschah jedoch weniger zu seiner Erleichterung, als zur Bequemlichkeit des Kerkermeisters, in dessen Interesse es lag, den Papst zu gewissen Verhandlungen in seiner Nähe zu haben, was aber nicht nur heißen wollte, daß der Starke manchmal den Schwachen braucht, sondern daß eben der Papst, als Mensch ein armer Wurm, doch noch irgendwie eine Macht darstellte, mit welcher selbst der furchtbare Emporkömmling zu rechnen hatte. Etwas besser ging es dem kleinen Kors zu Fontainebleau immerhin. Denn wenn zu Savona für seinen geliebten Herrn kaum die Möglichkeit waltete, je das Zimmer zu verlassen, so war dafür das neue Gefängnis nicht nur inmitten eines wunderbaren Waldes gelegen, sondern auch von schönen stillen Gärten umgeben, in deren einsamen Baumgängen der Papst sich bei schönem Wetter frei ergehen konnte in Gesellschaft der Kardinäle Pacca und di Pietro und einiger anderer hoher Prälaten, die seinen kleinen Hofstaat ausmachten. Und da durfte auch Kors nie fehlen. Und wenn es im geschlossenen Gemach auch wohl sehr schön sein mochte, auf das freundliche Geheiß seines angebeteten Herrn über ein vorgehaltenes Stöcklein zu springen, oder sich auf die Hinterbeine zu stellen und mit erhobenen und bittend zusammengelegten Pfoten einen leibhaftigen betenden Menschen darzustellen: so war es doch noch tausendmal lustiger draußen im Freien, wo man sich so schön im weichen Gras wälzen oder wie ein richtiger großer Hund auf einen Spatzen Jagd machen oder hinter einem aufflatternden Schmetterling herbellen konnte, womit man nicht nur sich selber ein großes, sondern auch der rotbemäntelten Gesellschaft manchmal ein kleines Vergnügen machte. Überhaupt gab es für das weiche Gemüt des weißgezottelten Kors alltäglich nur eine verdrießliche Stunde, die einzige bei Tag und Nacht, die ihn aus der Gegenwart seines hohen Beschützers verbannte, nämlich die, wenn sich der Papst des Morgens nach seiner Privatkapelle verfügte, um die Messe zu lesen. Da durfte Kors ihn zwar auf seinem Gang durch einen langen hallenden Korridor begleiten und unterwegs an ihm hinaufspringen und ihm die Hand küssen; aber an der Kapellentüre wurde er regelmäßig von einem hageren violetten Priester mit mürrischem Gesicht, den man Monsignore Imberti hieß, auf den Arm genommen und in ein enges Zimmerchen gebracht, wo der mürrische Veilchenfarbene ihm zwar Gesellschaft leistete, aber es kaum der Mühe wert fand, auch nur ein Wort mit ihm zu reden, denn dem schien der kleine Hund eine viel zu geringfügige Kreatur. Und leider dauerte diese sozusagen Gefangenschaft in der Gefangenschaft immer eine sehr beträchtliche Zeit, da der greise Papst wegen seiner körperlichen Gebrechlichkeit sich nur äußerst langsam am Altar bewegen konnte und überhaupt in seiner tiefen Frömmigkeit die Messe nicht in unverständlich flüchtigem Gemurmel herunterhudelte, wie mancher bäuerlich schwäbische Dorfkaplan, sondern jedes Wort des heiligen Kanon deutlich und vernehmlich zu Gehör kommen ließ. Man kann sich also denken, daß der kleine Kors den Monsignore Imberti nicht sehr liebte, ja er hätte ihn wohl sogar gehaßt, wenn er nicht von Natur ein so gutmütiges Geschöpf gewesen wäre. Aber dieses also etwas unfreundschaftliche Verhältnis zweier Mitglieder des armen päpstlichen Hofes erwies sich wenigstens nicht darnach angetan, politische oder sonstwie ernste Folgen nach sich zu ziehen; denn wenn auch Kors eine wirklich wichtige Persönlichkeit bedeutete an diesem Hof, so kam dafür der Monsignore Imberti wenig in Betracht. Viel bedenklicher stand es um die Beziehungen des kleinen Kors zu dem großen Korsen. Beide hegten offenbar, und diesmal ganz gegenseitig, wenig Sympathie füreinander. Hat der entsetzliche Bonaparte den kleinen Trost eines so ergebenen Freundes dem Papst nicht gegönnt? Es ist möglich. Er hatte aber auch noch andere Gründe. Zunächst mißfiel ihm aufs äußerste der Name des päpstlichen Freundes. Kors, das lautete ja fast wie Korse, und Napoleon wußte wohl, daß er von allen so genannt wurde, die ihm wenig Liebe und Bewunderung entgegenbrachten. Aber wenn auch das nicht gewesen wäre, hätte ihm der Name immer noch mißfallen. Seiner grob gesunden Natur, und diesmal befand sie sich vielleicht nicht so sehr im Unrecht, ging nichts so sehr wider den Strich als jede Art Sentimentalität, und den Namen Kors »mein Herzchen« für einen Hund fand er unerträglich sentimental. Den Ursprung der Abkürzung kannte er ja nicht, und wenn er ihn gekannt hätte, würde ihm der Name deswegen wahrscheinlich nicht besser gefallen haben. Leider beruhte, wie schon erwähnt, die Abneigung, um nicht zu sagen Feindschaft, auf Gegenseitigkeit. Ob Pius VII. ein politischer Papst heißen durfte, wurde bereits eingangs und vielleicht etwas voreilig verneint, denn soviel ich weiß, sind die Ansichten der Historiker hier einigermaßen auseinandergehend. Wenn aber das Wort, »wie der Herr, so der Hund«, das gewiß oft als richtig befunden wird, auch diesmal zutreffen sollte, so bliebe kein Zweifel mehr in der genannten Frage. Kors wenigstens war kein Politiker – so intelligent er vielleicht sein mochte. Ihm fehlte für die sichere Abschätzung realer Gewalten das richtige Augenmaß; oder fehlte dies ihm nicht, so dann doch die Fähigkeit, Theorie und Praxis zusammen in guten Einklang zu bringen und sein praktisches Handeln von der richtigen politischen Erkenntnis nun auch in allen Fällen kategorisch bestimmen zu lassen. Man wird vielleicht einwenden, das sei etwas viel verlangt von einem Hund. Aber wer das sagte, bewiese nur, daß er diese Nation nur oberflächlich kennt. Kurz, der kleine Kors war alles, nur nicht vorsichtig, und so oft – es kam gerade in letzter Zeit häufig vor – so oft der neue römische Imperator, angemeldet vom Kardinal Pacca, das päpstliche Gemach betrat, verfehlte Freund Kors nie, ihm ostentativ die Zähne entgegenzublecken, ja sogar ihn fast feindlich anzukläffen. Dem zwar nicht herz-, aber nervenfeinen Napoleon fiel aber nichts widerwärtiger als die Sprache derjenigen Nation, der nun einmal Kors die Ehre hatte, anzugehören. Hundegebell klang dem großen Korsen mindestens ebenso mißlautig in den Ohren wie dem großen Weimaraner – und das war vielleicht ein Hauptgrund der wunderlichen Zuneigung, die beide füreinander gehegt haben sollen. Kurz das Gekläff des so schön weißen, aber in diesem Fall nicht weisen Tierchens »agacierte«, um in seiner Sprache zu reden, den französischen Diktator jedesmal nicht wenig und trug so – warum mußte sich auch ein Hund in die Politik einmischen? – kaum dazu bei, den Ton bei den nachfolgenden Verhandlungen milder und entgegenkommender zu stimmen. Der Papst verfehlte ja nie, seinen kleinen Freund immer schnell zurückzurufen und ihn mit sanftester Stimme zu beruhigen; aber der einmal verärgerte Napoleon wurde es nun durch den allzu liebevollen Ton des Papstes gegen den Hund noch mehr, das Unglück schien nicht wieder gutzumachen. Wenn es wenigstens dabei geblieben wäre. Aber indem nun die drei anderen, der Papst, der Cäsar und der Kardinal, in hohe und höchste politische Verhandlungen eintraten, sei es, daß dieselben die Ehescheidung des Kaisers, oder die sogenannten »Organischen Artikel«, oder die Bestätigung der vom Usurpator eingesetzten französischen Bischöfe betraf: was trieb dann das so unpolitische weiße Zottelfellchen? Nichts wie harmlose Kindereien. Wenigstens konnte man es glauben. Zu den Füßen des Papstes hingekauert, schien Kors nichts anderes im Kopf zu haben, als sich aus den bekannten und sprichwörtlichen Pantoffeln oder den herabhängenden goldenen Troddeln der hohenpriesterlichen Lendenschärpe einen angenehmen Zeitvertreib zu machen. Diesem Spiel schien er oft so eifrig hingegeben, daß mehr als einmal die große Zehe des Papstes unter dem weißen Seidendamast ein paar spitzige Zähnchen schmerzhaft zu fühlen bekam, worauf der liebevolle Greis nur den Fuß etwas zurückzog, ohne dem kleinen Freund seine Ungeschicklichkeit weiter übelzunehmen. Manchmal aber zeigte es sich, daß der kleine Kors bei alldem nur so tat, sozusagen, um sich eine Haltung zu geben; vielmehr verfolgte er, trotz seiner unpolitischen Geistesrichtung, die Verhandlungen zwar nicht gerade mit gespitzten Ohren, die seinigen hängen ihm allzu zottelig schwer an den Wangen herunter, aber doch, wie es dann herauskam, mit heimlicher, aber gespannter Aufmerksamkeit. Denn immer, wenn bei diesen Verhandlungen gewisse besonders heikle Punkte zur Sprache kamen und etwa der greise Kirchenfürst, der immer noch die umfangreiche Tonsur der Benediktiner trug, dergestalt, daß ihm die weißen Haarlöckchen das Haupt umrahmten wie ein Kranz von weißen Rosen, – wenn also der Papst, sagte ich, bei gewissen plumpen Zumutungen des allmächtigen Korsen eine weit abweisende, ja wegwerfende Handbewegung machte; oder wenn, bei anderen strittigen Paragraphen, der große Namensvetter des kleinen Hündchens seine harte Stimme zu drohender Schärfe erhob: da ließ der scheinbar nur spielende Kors Pantoffel und Troddel fahren, in seine schwarzen Punktaugen trat ein feindliches Funkeln, und er bleckte die Zähne, und knurrte, knurrte ganz laut und vernehmlich, als wenn es sich in dem Gespräch der anderen nicht etwa um das grausame Schicksal der tugendhaften Kaiserin Josephine, sondern um sein eigenes gehandelt hätte. Damit bewies er, daß es ihm leider nicht nur an politischem Sinn, sondern auch an höfischer Sitte bedenklich fehlte, und so wird sich niemand wundern, daß nun wirklich sein eigenes tragisches Schicksal bereits wie ein Gespenst sein Haupt vor uns emporreckt. »Ich bitte Eure Heiligkeit dringend,« hatte Napoleon eines Tages unwirsch hervorgestoßen, »mir das nächstemal die Gegenwart dieses knurrenden Hundes zu ersparen.« Aber, wie schon angedeutet, in der verehrungswürdigen Person des Papstes wohnte hart neben bedauerlicher Schwäche eine greisenhafte Eigensinnigkeit, und derselbe Mann, der dem entsetzlichen Korsen Zugeständnisse gemacht hatte, die über Zeit und Ewigkeit hin für die ganze Welt von unendlicher Wichtigkeit scheinen konnten, er brachte es nicht über sich, dem Kaiser in dieser Kleinigkeit zu Willen zu handeln; denn das Schicksal des kleinen Hundes Kors stand ebenso unverrückbar in den Sternen geschrieben wie das des gewaltigen Imperators selber und aller Sterblichen. Und es sollte sich nur allzubald erfüllen. Die Geschichte hat es nicht für unwürdig befunden, das Datum des Tages aufzubewahren, es war der 17. Oktober des Jahres 1811, am heiligen Hedwigstag, nicht allzulang vor des Kaisers verhängnisvollem Zug nach Moskau. Vorher hatte, früher als sonst, ein herbstliches Regenwetter gewaltet, und der Papst war an die zehn Tage nicht an die freie Luft gekommen, wie er es doch, trotz seines Alters, immer noch liebte. Nur mit seinen Augen durch die trüben Fenster hatte er täglich den Park abgewandert, wo es von dem rostbraunen Laub der Bäume trostlos niedertropfte auf die infolge des schlechten Wetters ungepflegten Wege. Aber an dem genannten Siebzehnten sah man bereits in der Frühe an einem dunkelblauen Himmel die langentbehrte Sonne golden aufgegangen; auch die Wege zeigten sich von dem abgefallenen Laub allenthalben gesäubert, und der Papst entschloß sich, nach seinem Frühstück die langentbehrte Wanderung im Freien anzutreten, wie immer in der gewohnten Gesellschaft, worunter der kleine Kors keineswegs die unwichtigste Person für ihn bedeutete. Da sein Herr selber nicht unheiter dreinblickte – er hatte an die drei Wochen den Kaiser nicht gesehen und ihn darum fast ein wenig vergessen – gab sich Freund Kors seinerseits die Alleen entlang mit Hin- und Herrennen geradezu einer tollen Ausgelassenheit hin. Er mußte sich doch entschädigen für die Entbehrungen der trüben Tage, wo die Korridore und Galerien des Schlosses nur einen schlechten Ersatz geboten für ein Ergehen unter sonnendurchleuchteten Herbstbäumen oder an blumigen Beeten entlang, in denen man immer noch, wenn man Glück hatte, einen gaukelnden goldenen Falter aufstöbern konnte, den man zwar niemals erhaschte, der aber einem doch, wenn man ein kleiner Kors war, ein großes Vergnügen machte. Wirklich strahlte auch heut der Tag gar zu goldig, und daß es sein letzter sei, konnte Kors ja nicht ahnen. Auch den Papst hatte es gereizt, seinen Gang weiter als gewöhnlich auszudehnen, und als er dann nach einer guten Stunde in das Schloß zurückkehrte und so wie er ging und stand, mit dem weiten roten Mantel über der weißen Soutane, sein Arbeitsgemach betrat, fühlte er sich plötzlich schwach werden und sank dann, wirklich sehr erschöpft, in seinen Sessel vor dem Arbeitstisch. Er hatte immer noch den roten Mantel um, den er sonst nur im Freien zu tragen pflegte, denn es fröstelte ihn jetzt ein wenig, und nur den roten Hut mit den mannigfach verknoteten Schnüren (womit sonst auch die Kardinäle abgebildet zu werden pflegen) hatte er vor sich auf den Tisch gesetzt. Der kleine Kors stand in einigem Abstand vom Sessel und sah etwas ratlos zu seinem erschöpften Herrn auf, der sich innerlich gerade sagte, daß er sich wohl zur Ruhe begeben müsse, denn er fühlte kaum noch die Kraft sich aufrecht zu erhalten. In diesem Augenblick wurde wie von einem Sturmwind die Tür aufgerissen, und da stand der Kaiser. Nicht mit der Reitpeitsche just, aber doch gestiefelt und gespornt. Ohne sich anmelden zu lassen, ohne den zeremoniellen Vorschritt des Kardinal-Staatssekretärs war er eingedrungen – wie ein Soldat, der er ja vor allem war, in eine Kneipe im Feindesland. Selbst der kleine Kors erschrak darüber so sehr, daß er diesmal das Kläffen vergaß und es scheinen konnte, als ob er sich ernstlich ein besseres Betragen vorgenommen habe. Das arme Tierchen sah aus seinen kleinen schwarzen Äuglein nur wie in sinnloser Angst nach dem kleinen und dickbäuchigen Soldaten, dessen hohe und breite Stirn über dem blassen und etwas fettlichen Gesicht durch eine schräg vorliegende Haarsträhne wie in zwei Hälften auseinandergeschnitten schien. Der Papst aber, statt sich wie sonst zum Gruß zu erheben, lehnte sich nur in seinem Sessel stolz zurück, und ganz erfüllt in diesem Augenblick von der hohen Würde, die er vertrat, maß er stumm, und mit einem hoheitsvollen fragenden Blick, die kurze stämmige Person des Weltherrschers. Man weiß, daß Napoleon sich nicht leicht von etwas imponieren ließ, zum wenigsten nicht so, daß dies äußerlich zum Ausdruck gekommen wäre. Wie standen nun aber heut die Dinge? Offenbar so, daß der Kaiser, der es mit seiner Sache sehr dringend und eilig hatte, den Papst recht zu verblüffen und damit auf dem kürzesten Weg sein Ziel zu erreichen gedachte. Er hatte aber diesmal falsch gerechnet. Und er erkannte dies sofort, denn er wußte im menschlichen Antlitz zu lesen wie kaum einer. Aber nun galt es, zu retten, was zu retten sein mochte, und er begann, ein wahrhaft seltener Fall bei ihm, mit einer Entschuldigung. »Allerheiligster Vater,« sprach er, indem er sich, seine Rechte im Ausschnitt seines grünen Soldatenrockes, in respektvollem Abstand hielt, »ich bitte Eure Heiligkeit um Verzeihung über meinen rücksichtslosen Einbruch. Die Dringlichkeit der Sache wird mich entschuldigen. Ich bin gekommen, um aus Eurer Heiligkeit eigenem Munde zu hören, ob Dieselbe, wie ich mir schmeichle annehmen zu dürfen, sich nachträglich entschlossen habe, die Versammlung des französischen Episkopats, die auf den 20. huius zusammentreten wird, in eigener Person zu eröffnen zur Beruhigung des Reiches und zur Wohlfahrt der Kirche selber.« Ja, eine Entschuldigung lag in dieser Rede ausgesprochen, nämlich so, wie einer etwa sich entschuldigte, indem er dem anderen die Pistole auf die Brust setzte. Der mit allen Bitterkeiten getränkte Papst fühlte es nicht anders. Doch er zuckte mit keiner Wimper. Der ehemalige Benediktinermönch hatte sich oft schwach erwiesen auf seiner dornenvollen Laufbahn; doch hatte es ihm in seinem Leben auch nicht an Augenblicken gefehlt, wo er den Eindruck machte wie einer, in dem der Geist der Stärke wohnt. Ein solcher Augenblick schien ihm jetzt beschert. »Ich hatte bereits die Ehre,« antwortete er kühl, »Eurer kaiserlichen Majestät keinen Zweifel zu lassen über die Festigkeit meines Entschlusses in dieser Sache.« »Sie verweigern sich also rundweg mir entgegenzukommen,« polterte Napoleon heraus, »Sie maßen sich an, meine bestgemeinten Absichten zu durchkreuzen.« Der Papst ließ sich auch damit nicht aus seiner kaltblütigen Ruhe bringen. »Ich kann nicht,« sagte er mit fast ersterbender Stimme, denn seine körperlichen Kräfte schienen ihn immer mehr zu verlassen; »ich kann nicht eine Versammlung eröffnen, die gegen meine eigenen klaren Verbote zusammentritt. Ich allein bin von Gott gesetzt, Bischöfe zu ernennen und zu berufen, in Frankreich wie in allen Ländern der Erde.« »Und ich bin natürlich ein Nichts neben Euch,« spottete der Imperator. »Du bist der siegreiche Cäsar,« sprach der Papst feierlich, »der Nachfolger des großen Konstantin und des noch größeren Karl. Alle weltlichen Angelegenheiten magst du schlichten und ordnen mit deiner mächtigen Hand, und Wir sind gern bereit, dir so weit helfend zur Seite zu stehen. Aber darüber hinaus gibt es Gebiete, wo deine Macht nicht hinreicht, wo ...« »Chiaramonti!« schrie Napoleon, seines Zornes nicht mehr mächtig. Um dem Papst zu zeigen, wie wenig er sich aus ihm mache – seine siegreichen Feinde haben es später so mit ihm selber gehalten – hatte er den Papst herabsetzend bei seinem Familiennamen genannt. Aber der an sich ehrenwerte Name, der jedoch im Munde Napoleons wie eine Ohrfeige wirken sollte, war kaum hervorgestoßen, da geschah etwas ganz Entsetzliches (wie es der schon genannte große Weimaraner gewiß empfunden hätte) oder auch etwas sehr Komisches; denn die großen und kleinen Ereignisse der Weltgeschichte spiegeln sich verschieden in den Gehirnen, je nach dem Standpunkt, äußeren oder inneren, des Betrachters, oder auch der Beschaffenheit seiner Augen. Also komisch oder entsetzlich: als der Täter ergab sich jedenfalls der kleine Kors. Über die Anrede »Chiaramonti« würde der sich wohl nicht weiter empört haben; aber die Rechte des Soldatenkaisers hatte im gleichen Augenblick ihren Ort in dem Brustlatz verlassen, und wie zum Schlag ausholend – er konnte bekanntlich in der Wut zu allem fähig sein – war er gegen den Papst vorgestürzt. Eine augenblickliche Bewegung war es gewesen. Schon in der nächsten Sekunde aber wich der Kaiser jäh und mit einem erschrockenen »Ah!« bereits wieder einen halben Schritt zurück. Und das hatte das kleine Hündchen Kors bewirkt. Die Gefahr, die seinem geliebten Herrn drohte, und vielleicht auch ein wenig der eigene Schrecken hatten ihm einen über Wuchs und Kraft hinausgehenden Mut eingeflößt; damit war der Hund an dem sich niederbückenden kurzbeinigen Kaiser emporgesprungen, und im Nu war da das Entsetzliche – oder das Komische geschehen. Selbstverständlich trug der französische Cäsar, im Unterschied zu dem Römer dieses Namens, zwischen dem vielgenannten grünen Soldatenrock und seinen Kanonenstiefeln noch ein anderes Kleidungsstück am Körper, weiß von Farbe und, wie es damals die Mode forderte, an der Vorderseite mit einer sinnreichen Einrichtung versehen, die an ihrem oberen breiteren Ende beiderseits mit einem Knopf befestigt zu werden pflegte. Nun ist eine gewisse Eigentümlichkeit Napoleons allgemein bekannt, darin bestehend, daß er beim Auskleiden, seinem ganzen Wesen und ungestümen Temperament entsprechend, sich nie zum ruhigen Aufknöpfen die Geduld nahm, sondern sich die Kleider nur so aufriß und herunterriß, mochte aus den Haften und sonstigem werden, was da wollte: also daß vielleicht einer von den genannten goldenen Knöpfen bereits etwas zweifelhaft am Faden hielt, und das mag für das schauerliche Majestätsverbrechen (crimen laesae Majestatis) des sonst so harmlosen Hündchens Kors ein mildernder Umstand sein. Darin nämlich bestand seine Untat: das Hündchen war mit seinen feinen Zähnchen an die genannte Vorrichtung gefahren, und darüber war der eine der erwähnten goldenen Knöpfe abgerissen ... Ob nun Chiaramonti, wie Napoleon ihn zu nennen beliebte, oder Pius der Siebente, wie er in der Weltgeschichte heißt, hier trotz Würde und Ernst des Augenblickes ein Lächeln doch nicht zu unterdrücken vermocht hat, darüber schweigt die Geschichte. Wenn sich ihm ein solches aber wirklich in etwas unvorsichtiger Weise auf den schmalen und verhärmten Asketenlippen hervorgewagt haben sollte, ist es gewiß, gleich einer halbgeöffneten Blütenknospe im eisigen Hauch eines bösen Nordsturmes, sofort erstarrt und erfroren im Wutblick des fast lächerlich verletzten Cäsars. Dessen Grimm – man sieht, der Mensch hatte nicht ein Fünkchen Humor – schien ins Maßlose angeschwollen, mit einem Griff wie ein Lämmergeier aus der Höhe, erfaßte seine Hand, die dennoch nichts weniger als den Fängen eines Raubvogels glich, sondern, klein und weiß, fast einer Kinderhand ähnelte – erfaßte diese zierliche Hand das noch zierlichere Hündchen im Nacken; auf einen Druck seiner Linken öffnete sich in einem der Riesenfenster des Gemaches eine Umklappscheibe, die man dortzuland Spagnoletten nennt, ein Ruck des kaiserlichen Armes und das unglückliche Hündchen flog – es hatte leider keine Flügel eine gute Strecke in wirbelnder Bewegung wagrecht hinaus und dann in die Tiefe aus einer Höhe von mehr als hundert Klaftern ... »Majestät!« Flehentlich hatte der Papst die Hände erhoben; leider zu spät, und voll Entsetzen blickten seine sonst so milden Augen nach dem fürchterlichen Korsen. »Sollte ich mich beißen lassen von der giftigen Bestie?« stieß dieser erregt hervor. »Kors hat in seinem Leben niemand gebissen,« beteuerte der Papst. »Und wenn er etwa von der Wut befallen war?« Darauf antwortete Pius nicht. Was er dachte hinsichtlich der Wut, das durfte er ja doch nicht aussprechen. Napoleon aber, der trotz seiner Größe und großen Härte etwas wie das Bedürfnis nach Rechtfertigung fühlte, kam auf seine Befürchtung zurück. »Der Hund konnte wirklich wütig sein,« stotterte er, »bedenken Eure Heiligkeit, welche Folgen! Die Achse, um die sich die Welt dreht, zerbrechen? Es ging wirklich um die Welt, was hätte aus ihr werden sollen.« Sie hätte erlöst aufgeatmet, dachte der verzweifelte Papst. Zum Sprechen war ihm keine Kraft geblieben. Sein greises Haupt mit dem weißen Kranz spärlicher Löckchen sank ihm auf die Brust herab, Totenblässe verbreitete sich über sein Gesicht, seine Züge nahmen einen verzerrten Ausdruck an, man konnte glauben, es sei sein Tod. Aber er lebte, über seine Wangen rollten perlende Tränen, das grausame Ende seines geliebten Hündchens hatte ihm schmerzlicher in die Seele geschnitten, als einst der Verlust des ganzen Kirchenstaates, von höheren Gütern hier nicht zu reden. Die Dose des Herzogs von Savoyen Es ist bekannt genug, daß die Franzosen trotz aller Höflichkeit, ja Liebenswürdigkeit, gelegentlich sehr anmaßend auftreten können, besonders, wenn es sich um Fremde handelt, die sie verachten zu dürfen glauben, was Monsieur Chauvin eigentlich immer glaubt, und was ihm besonders unter seinem Erobererkönig Ludwig zu glauben keine Beschwerde machte. Man weiß, wie damals souveräne deutsche Fürsten und Fürstensöhne (die es allerdings verdienen mochten) in Paris gelegentlich behandelt wurden. Namentlich, was ein französischer Marschall hieß, fühlte sich einem derartigen Duodezfürsten, ja auch wohl einem in octavo , mehr als ebenbürtig und konnte sicher sein, den großen König dabei auf seiner Seite zu haben, womit sich aber nur die alte Wahrheit bestätigt, daß Macht in der Welt mehr bedeutet als Rang, besonders, wenn diesem der Stolz abgeht, welcher jedoch mit Hochmut nicht verwechselt werden darf. Einmal aber ist einem dieser Marschälle die Sache vorbeigelungen, und ich wäre glücklich, sagen zu können, daß ihm das durch einen Deutschen geschah; aber die Geschichte zu fälschen im Namen des hl. Patriotismus, geht nun doch nicht an, wenn dies auch, doch sicher nicht bei uns, manchmal vorkommen soll. Herzog von Villeroy hieß der gedachte Marschall, und sein König dachte wahrlich nicht gering von ihm. Denn als da, im ersten Jahre des spanischen Erbfolgekrieges, der Marschall von Catinat im Mailändischen gleich die erste Schlacht gegen den Prinzen Eugen gründlich verlor, wurde Villeroy durch einen Eilboten aus Flandern nach Paris geholt und von Ludwig mit dem Oberbefehl über die italienische Armee betraut, was doch heißen wollte, daß man von ihm Wunder erwartete. Er hat keine gewirkt – denn mit den Siegen der französischen Waffen schien es ein für allemal vorbei zu sein –, nur eine moralische Ohrfeige brachte er aus Italien mit nach Hause, eine solche, wie sie wohl noch nie ein französischer Marschall schweigend eingesteckt hat. Bei Chiari schlug er am 1. September des Jahres 1701 seine erste Schlacht gegen die Kaiserlichen, die unter dem Prinzen Eugen von Brescia her vorrückten und ihn unter ungeheuren Verlusten zum Rückzug zwangen. Dies möchte vielleicht nicht geschehen sein, wenn der Vetter des liedbesungenen Prinzen Eugen, der Herzog Viktor Amadeus von Savoyen, kaum ein geringerer Kriegsmann als der genannte Prinz, bereits auf französischer Seite zur Stelle gewesen wäre. Doch der Marschall von Villeroy hatte ihn absichtlich nicht erwartet, er gedachte die Lorbeeren des Sieges nicht mit dem Fremden zu teilen, mochte dieser auch ein noch so getreuer Bundesgenosse seines Königs und sogar dreifach mit dem großen Ludwig verschwägert sein. Er blieb deswegen doch ein Ausländer, der Anspruch erhob auf Souveränität, die ein Marschall von Villeroy am liebsten nur bei einem einzigen anerkannt hätte. Der Herzog von Savoyen wußte das recht gut. Bundesgenosse des französischen Königs aus politischer Notwendigkeit, liebte er doch die Franzosen wenig, wozu nicht nur der Umstand beitrug, daß er, im Herzen ein Kaiserlicher, sich zu dieser Bundesgenossenschaft leider Gottes gezwungen sah, was seinem Gewissen ganz und gar gegen den Strich ging; auch die allzu kindisch sich spreizende Eitelkeit und windige Aufgeblasenheit dieser Nachbarnation entsprach wenig seinem soliden Wesen und männlichen Geschmack. Und daß nun dieser Marschall von Villeroy mit seinem etwas komischen Altweibergesicht unter dem übermäßig hohen Pudergewölk seiner Perücke lieber eine Schlacht verlor, als mit ihm den Sieg zu teilen, konnte seine Achtung vor diesen mehr eitlen als stolzen Welteroberern – sie standen bereits am Ende nicht der Welt, aber ihrer Siege – kaum erhöhen. Er machte dennoch gute Miene zum bösen Spiel. Er gab am Tage seiner Ankunft dem Marschall und seinen sämtlichen Generalen ein großes Essen auf dem benachbarten Schloß von Montechiaro, wobei denn auch die schimpfliche Niederlage des Marschalls vor zwei Tagen mit keiner Silbe erwähnt wurde. Man tafelte also trotz der verlorenen Schlacht sehr fröhlich, und nach aufgehobener Tafel stand man noch plaudernd beisammen, alle Generale im höchsten Grade entzückt von der Liebenswürdigkeit des Gastgebers, der trotz seiner strengen und stolzen Züge eines im Krieg wie im Frieden hochbedeutenden Fürsten für jeden Anwesenden die freundlichsten und schmeichelhaftesten Worte wußte, nicht zum wenigsten für den Herrn Marschall, der ihm zunächst zur Seite stand. Und, wie gesagt, von der verlorenen Schlacht kein Wort. Während des Plauderns zog der Herzog von Savoyen einmal seine Dose aus der Tasche seiner langschößigen goldgestickten Weste und fingerte sich, immer im Fortgang der Unterhaltung, behutsam eine Prise heraus, und da mußte den Marschall der Teufel reiten, daß er etwas tat, was er besser unterlassen hätte. War es bloß seine herkömmlich nationalgemäße und standesgemäße Anmaßung oder trug vielleicht die erlittene Niederlage die Schuld, die ihn, wie das ja vorkommt bei gewissen Charakteren, noch trotziger und herausfordernder stimmen mochte, kurz, er ließ den Fürsten sein Schnupfgeschäft nicht zu Ende bringen, sondern benutzte den Umstand, daß Viktor Amadeus die Dose noch offen vor sich in der Hand hielt, und nahm sich selber daraus eine Prise, ohne eine Aufforderung dazu abzuwarten, von der er wohl fürchtete, daß sie ausbleiben könnte. Der Herzog von Savoyen errötete einen Augenblick zornvoll, gewann aber dann schnell wieder sein verbindlichstes Lächeln gegen die Gesellschaft. Aber seinen Tabak schüttete er zu Boden, indem er einem Lakaien winkte und ihm befahl, sie frisch zu füllen. Der Marschall von Villeroy konnte zwar nicht erbleichen, während er diesen Schimpf schweigend hinunterschlucken mußte, dazu war sein Gesicht zu sehr überpudert, aber seine schlaffen Züge versteinerten sich derartig, daß er aussah wie die jämmerlichste Maske, die man sich nur denken kann. Doch Viktor Amadeus tat nicht weiter dergleichen, und abgesehen von dem kurzen Befehl an seinen Lakaien führte er das Gespräch ununterbrochen fort, als ob nichts gewesen wäre. Er mochte ja auch selber die symbolische Bedeutung seiner Handlung noch nicht ahnen; denn mit dem verschütteten Tabak hatte er es auch mit den Franzosen verschüttet, und schon kaum ein Jahr später kämpfte er bereits auf seiten des Kaisers. Von dem Marschall von Villeroy aber meint der Chronist, er habe nie wieder in seinem Leben unaufgefordert in die Dose eines fremden Souveräns gegriffen, und das mag denn wörtlich auch seine Richtigkeit haben; aber in einem allgemeineren Sinne stimmt es nicht; denn der Marschall, seht nur hin, lebt ja noch heute, wir kennen ihn nur zu gut, und es fehlt nichts als die Ohrfeige. Der Beichtvater als Finanzberater Es stand schlimm um Frankreich im Spätsommer des Jahres 1710, schlimm auf den Schlachtfeldern von Flandern und Italien, von Spanien und am Rhein, und noch schlimmer stand es daheim um die königlichen Finanzen. Frankreich hat zwar den Krieg nachher trotzdem gewonnen, weil seine Feinde zwar von der Kriegführung sehr viel, von der Politik aber sehr wenig verstanden (wie das auch viel später wieder vorgekommen ist); aber wie gesagt, es stand verzweifelt um das Land. Umsonst hatte vor kurzem der reichste Hofadel sein üppiges Silberzeug auf dem Altar des Vaterlandes geopfert, in Frankreich hat sich sooft selbst die hohe Aristokratie als patriotisch erwiesen, aber dieses großmütige Opfer, gegen das man nur ganz heimlich murrte, stopfte nur notdürftig einige Lücken. Denn da vor allem die Taschen gewisser Schieber sich bannt zu füllen wußten, fand nur sehr wenig davon den Weg bis zu den Kriegskassen draußen bei den Armeen. Kaum dargebracht, sah man das Opfer auch schon verduftet, wie das vielleicht ein wenig zur eigensten Natur des Opfers gehört, und als einzige Hoffnung für den König blieb doch wieder nur der Finanzminister Demarets übrig, der aber von jedem anderen Franzosen, außer dem König, für den größten und abgefeimtesten Spitzbuben von Frankreich angesehen wurde. Er ließ auch wirklich den König nicht im Stich, er trug sein neuestes Steuerprojekt bereits fertig in der Tasche. Als er dieses dann aber dem König vorlegte, erntete er nicht den freudigen Dank, den er erwartet haben mochte für seine wahrhaft weitgehende Fürsorge. Wie entsetzt blickte der Monarch auf die Zahlen, und sein Haupt, umwallt von dem weißen Gewölk seiner künstlichen Jupiterwolken, senkte sich nieder zur Brust in ehrlicher Bekümmernis. Zögernd schob er endlich mit dem Handrücken die Papiere von sich, die ihn, wie eine teuflische Versuchung, zugleich verlockten und mit bleichem Schreck erfüllten. Denn wie sehr er schon daran gewöhnt war, den letzten Blutstropfen aus seinen Untertanen herauszupressen, schienen ihm nun doch diese neuesten Vorschläge des Herrn Demarets so ungeheuerlich, daß ihn ein ordentliches Grausen ankam vor dem Versucher. Und wortlos, mit einer stummen Handbewegung, verabschiedete er den Minister. Aber mit verdüstertem Gemüt blieb der König zurück. Und immer mehr verfinsterte sich seine Stimmung in den letzten Tagen, und immer trüber blickte sein königliches Auge. Zwar sein Hofgesinde, das doch nicht nur aus den vornehmsten, sondern wirklich auch aus den besten Männern von Frankreich bestand, merkte nichts davon. Sie lasen nichts in seinem Gesicht, als was er sie mit ständigem Bemühen gelehrt hatte, darin zu lesen: die ewig unwandelbare und unverrückbare, stolzsichere Majestät. Sogar seiner treuesten Freundin, der Marquise von Maintenon, wußte er sein Inneres zu verbergen, denn in diesem Punkte war er wirklich zu zartfühlend, um von seiner Bekümmertheit auch nur den geringsten Teil auf die geliebte Frau ab bürden zu wollen. Nur seine nahesten Leibdiener, als mit welcher Sorte von Menschen er auch sonst am unverstelltesten und menschlichsten zu verkehren pflegte und die ihm darum mit echter Liebe anhingen, fühlten mit großer Besorgnis die Veränderung in seinem Wesen. Besonders seinen obersten Kämmerer, namens Maréchal, behandelte er fast wie einen Freund, und dieser nahm sich denn auch eines Morgens beim Ankleiden seines Herrn und Meisters ein Herz und äußerte in bangen Worten die Beängstigung aller um die Gesundheit des Königs. »Ach ja,« seufzte die Majestät, »ich bin krank; ein armer Mann ist immer ein kranker Mann.« Diese verzagten Worte aus dem Munde Seiner Majestät des Königs taten dem treuen Maréchal in tiefster Seele so weh, daß er kein Wort zu erwidern fand. Und der König hielt es nicht unter seiner Würde, den schmerzlich Betroffenen aufzuklären und ihm einige Andeutungen zu machen über die unerhörten Steuervorschläge des Herrn Desmarets, die er aber, der König, zurückgewiesen habe, weil er sie mit seinem Gewissen für unvereinbar hielt. Was der treue Maréchal dazu gesagt hat, findet sich nicht aufgezeichnet; es genügt auch dies zu wissen: Noch ungefähr vierzehn Tage lang sah er täglich den König in immer größerer Niedergeschlagenheit und litt darunter unsäglich. Doch nach Verlauf dieser Zeit fand er seinen Herrn eines Abends wie umgewandelt. Höchste Freude und Befriedigung strahlte aus den königlichen Augen, so daß der treue Diener sich nicht genug verwundern konnte, es aber doch nicht wagte, den König mit einer Frage anzugehen. Diesem entging die Verwunderung seines Dieners nicht. »Ja, mein lieber Maréchal,« sagte Seine Majestät, »es geht mir besser. Ich bin wieder ein gesunder Mann. Ich habe einen Arzt gefunden, der mich kuriert hat. Rate einmal, wer er sein mag.« In dem Gesicht des erstaunten Dieners lag der Ausdruck gänzlichen Nichtverstehens. Der König lächelte geheimnisvoll. »Der Pater Tellier ist es,« sagte er. Und dann erzählte der König seinem lieben Maréchal, wie er endlich auf den Gedanken gekommen sei, seine Gewissensqual seinem Beichtvater vorzutragen. Der habe um drei Tage Bedenkzeit gebeten und sei dann nach Ablauf dieser Frist mit einem Dokument angerückt, von allen illustren Doktoren der Sorbonne unterfertigt, welche in diesem Dokument auf Treue und Gewissen die Erklärung abgaben: Alles was den Untertanen gehöre, gehöre in Wahrheit dem König, und wieviel er ihnen auch nehme, so nehme er doch immer nur von dem Seinigen. »Und so bin ich ja nun wieder ein reicher Mann,« schloß der König und rieb sich vergnügt die Hände. Der glückliche König! Er ist nun längst tot; aber die Patres S. J. und die Illustrissimi Doktores der Sorbonne, scheint mir, sind unsterblich.   Ein Teil der vorstehenden Novellen ist entnommen dem bei uns erschienenen Bande: »Pompadour, 25 Historische Novellen nebst einem unhistorischen Nachtisch«.