Georges Ohnet Der Steinbruch Roman in zwei Bänden 1885 Erster Band Erstes Kapitel. Durch einen jener schattigen Hohlwege, wie sie in der Normandie zwischen Erddämmen sich hinziehen, die mit ihren dichten Baumanpflanzungen die Gehöfte mit einem für Wind und Sonne undurchdringlichen Walle umschließen, ritt an einem schönen Sommermorgen eine junge Dame auf einem Pferde von ziemlich gewöhnlichem Schlage im Schritte dahin. Träumerisch, die milde, vom Dufte des blühenden Klees gesättigte Luft genießend, ließ sie die Zügel schlaff niederhängen. Sie war eine gar stolze Erscheinung unter dem schwarzen Filzhut, den ein weißer Gazeschleier umgab, und in dem langen Reitkleid von stahlgrauem Tuche. Man hatte sie für eine der mutigen großen Damen halten können, die zur Zeit der Vendeer-Anführer Stofflet und Cathelineau in den Wäldern des Bocage dem royalistischen Heere beherzt folgten und mit ihrem Lächeln die düstere vendeesche Epopöe erhellten. Voll Anmut überließ die schöne Amazone ihre schlanke Gestalt der Gangart der Stute, während sie zerstreut mit der Reitpeitsche nach den grünen Ginsterstengeln schlug. Ein schottischer Windhund mit rauhem, rötlichem Fell begleitete sie, indem er seinen behenden Schritt mit der lässigen Weise des Pferdes in Einklang zu bringen suchte und von Zeit zu Zeit den spitzen Kopf, aus dem zwei schwarze Augen unter buschigen Brauen hervorblitzten, zu seiner Herrin emporhob. Das kurze, saftige Gras, das unter dem dunkeln Laubdach der Buchen sich üppig ausbreitete, bot der Reiterin einen samtweichen Teppich. Auf den Weideplätzen witterten die trägen Kühe die frische Luft des Weges und streckten ihr von Mücken arg belästigtes Maul begehrlich nach der Kühlung aus. Nicht der leiseste Windhauchs bewegte die Blätter. Unter der Sonnenglut zitterte die erhitzte Luft, und eine drückende Schwüle lag auf der Erde. Die junge Dame schien in Nachdenken versunken und, den Kopf auf die Brust geneigt, völlig gleichgültig gegen die Reize des schattigen, stillen Landweges. Plötzlich that ihr Pferd einen Seitensprung, spitzte die Ohren, und heftig schnaubend war es nahe daran, sich zu überschlagen, während der Windhund mit wütendem Gebell vorwärts stürzte und einem Manne, der eben in den Hohlweg hinabgesprungen war, knurrend eine doppelte Reihe spitzer Zähne wies. Die schöne Amazone, die so jäh aus ihrem Sinnen aufgeschreckt wurde, faßte die Zügel fester, warf ihr Pferd zurück, und sich im Sattel festsetzend, heftete sie auf den Urheber dieser Störung einen mehr erstaunten als unzufriedenen Blick. »Ich bitte sehr um Entschuldigung, gnädige Frau,« sagte der Fremde mit voller, wohlklingender Stimme ... »Ich bin Ihnen in höchst ungeschickter Weise in den Weg gesprungen ... Ich hörte Ihr Kommen nicht ... Seit mehr als einer Stunde schon irre ich auf diesen Weideplätzen umher, ohne einen Ausgang finden zu können ... Alle Gatterthüren sind verschlossen, und die Hecken sind zu hoch, als daß man über sie setzen könnte... Endlich erblickte ich diesen zwischen den Bäumen versteckten Nebenweg und mein Hinabsteigen mag wohl Ihr Pferd derart erschreckt haben, daß es Sie fast abgeworfen hätte.« Die junge Dame lächelte ein wenig, was ihren edlen, feinen Gesichtszügen einen heitern, lieblichen Ausdruck verlieh: »Beruhigen Sie sich, mein Herr,« gab sie zur Antwort, »Sie sind nicht sehr strafbar, auch falle ich nicht so leicht vom Pferde, als Sie es anzunehmen scheinen.« Und als der Windhund noch immer drohend knurrte, rief sie: »Still, Fox, gib Frieden!« Der Hund kehrte um, und sich auf den Hinterfüßen emporrichtend, streckte er die zierliche Schnauze seiner Herrin entgegen, die ihn liebkosend streichelte, während sie ihren Widerpart musterte. Dieser war ein Mann von etwa dreißig Jahren, von hohem Wuchse, mit energischem Gesichte, das ein dichter, brauner Bart umrahmte. Seine rasierte Oberlippe und der gebräunte Teint gaben ihm das Aussehen eines Matrosen. Er trug einen Anzug von meliertem Tuche, auf dem Kopfe einen weichen Filzhut, und in der Hand hielt er einen derben Stock, der mehr zur Waffe als zur Stütze geeignet schien. »Sie sind nicht aus dieser Gegend?« fragte sodann die junge Dame. »Ich bin erst seit gestern hier,« sagte der Fremde, der ihm gestellten Frage ausweichend. »Ich hatte heute morgen die Idee, einen Ausflug zu machen, und habe mich dabei verirrt, obwohl ich sonst gewohnt bin, mich zurechtzufinden ... Aber diese kleinen Teufelswege, die nirgends hinführen, bilden ein unentwirrbares Labyrinth...« »Wohin wünschen Sie zu gehen?« »Nach Neuville...« »Sehr gut! Sie drehen ihm den Rücken zu... Wenn Sie mir einige Augenblicke folgen wollen, so werde ich Sie auf eine Straße bringen, wo Sie nicht mehr Gefahr laufen, fehlzugehen...« »Sehr gern, gnädige Frau... Aber ich will hoffen, daß Sie dies nicht von Ihrer Richtung ablenkt...« Sie schüttelte ernsthaft den Kopf und sagte: »Nein, auch nicht um einen Schritt.« Der Fremde machte ein Zeichen der Zustimmung, und von der jungen Frau durch den Windhund getrennt, der seinen Unwillen noch nicht verwunden hatte und mit dumpfem Knurren dahintrabte, folgte er, ohne zu sprechen, dem grünen kühlen Pfad, während er im Stillen die strahlende Schönheit seiner Führerin bewunderte. Zuweilen, wenn tief niederhängende Baumzweige sie nötigten, den Kopf zu neigen, um ihnen auszuweichen, kam ihr schneeiger Nacken, auf dem sich Haarlöckchen in dichter Fülle kräuselten, zum Vorschein, und ihr reines Profil hob sich wirkungsvoll von dem Hintergrunde des dunkeln Laubes ab. Leicht und geschmeidig war diese Bewegung, und mit vornehmer, einfacher Anmut richtete sie sich wieder empor; sie schien nicht zu ahnen, daß sie bewundert werde. War es Stolz oder Sorglosigkeit, sie schenkte dem Gefährten, den ihr der Zufall gegeben, keine weitere Beachtung. In dieser Ruhe drückte ihr Antlitz einen wehmütigen Ernst aus, als ob sie unter dem Drucke einer steten Traurigkeit lebe. Welchen Kummer mochte wohl dies junge, schöne Wesen haben, das doch nur geschaffen schien, zu herrschen, geliebt und angebetet zu werden? Hat ein ungerechtes Geschick sie, die zur Freude bestimmt war, mit Unglück bedacht? Sie schien reich zu sein. Ihr Leid konnte demnach bloß moralischer Art sein. Als der Fremde zu diesen Schlußfolgerungen gelangt war, fragte er sich weiter, ob seine Gefährtin Frau oder Mädchen sei. Ihre volle Figur, die runden Schultern, deren harmonische Fülle durch die Feinheit der Taille noch mehr hervorgehoben wurde, waren die einer Frau, doch der zarte Schmelz ihrer Wangen, die reine Frische der Augen verrieten das junge Mädchen. Ihr rosiges Ohrläppchen war nicht durchstochen, und auch sonst trug sie keinerlei Schmuck, weder am Halse, noch an den Armen. Nach einer Viertelstunde ungefähr kamen sie an ein weites Heideland, bedeckt mit blühendem Ginstergesträuch, welches lichtgelbe Schmetterlinge umgaukelten. Am Rande einer Wiese, deren spärliche Gräser von der Sonne versengt waren, weideten Schafe unter der Aufsicht eines schwarzen Hundes, der beim Anblick des Windspiels freudig zu bellen begann. Die beiden mußten gute Kameraden sein, denn augenblicklich jagten sie mitsammen in rasendem Galopp davon; das Windspiel flog leicht und rasch dahin wie ein Pfeil, den schwarzen Hund mit den Ringen seines kreisförmigen, närrischen Laufes umzingelnd. Da ließ die junge Frau einen schrillen Pfiff ertönen, und das Windspiel hielt sofort noch zitternd vom Laufe still, blickte seine Herrin an und kehrte dann, von dem schwarzen Hunde gefolgt, ruhig und demütig zurück. »Wo mag denn der Rotkopf sein?« murmelte die Amazone. »Sind die Schafe und der Hund heute allein hier?« Kaum hatte sie diese Worte beendigt, als ein helles Gelächter aus einem kleinen Birkengehölze sich vernehmen ließ. Am Ufer eines Weihers wurde ein schönes Mädchen mit entblößten Armen, an denen noch der Seifenschaum in der Sonne glitzerte, sichtbar, das, mit Waschen beschäftigt und umgeben von Wäschebündeln, auf einem mit Stroh bedeckten Holzgestelle kniete, während ein junger, drolliger, rothaariger Bursche in grauleinenem Bauernkittel und den breiten Strohhut im Nacken, sich damit unterhielt, die Wäscherin zu necken, Er hatte sie an der Schulter gefaßt, ihren Kopf zurückgebogen und kitzelte ihren runden frischen Hals mit einem Getreidehalm. Halb ärgerlich, halb belustigt, wehrte sich das Mädchen, und zwischen schallendem Gelächter hindurch rief sie: »Wirst du Ruh' geben, du böser Rotkopf... warte, gleich werde ich dich mit meinem Klöpfel karessieren...« Doch der Schäfer gab seine Beute nicht frei, er hielt das Mädchen mit seinen stämmigen, seltsam behaarten Armen nur um so fester. Seine Augen funkelten tückisch, ein wildes Grinsen verzerrte die Lippen des breiten Mundes und entblößte kreuzgestellte Zähne wie die eines Wolfes. Er sprach nichts, nur ein tierisches Grunzen entstieg seiner Kehle. Schließlich war es ihm gelungen, die Wäscherin in das Röhricht zu werfen, und nun wollte er sie gegen das Wasser stoßen. Auch sie lachte nicht mehr und begann Furcht zu bekommen, aber ihr Geschrei störte den Burschen nicht, der in einem fort wie ein Unsinniger lachte. Er preßte seine Lippen auf die Schulter des jungen Mädchens mit einer Roheit, daß man nicht zu sagen vermocht hätte, ob er sie beißen oder küssen wolle. Verwundert über diesen Anblick waren die Reiterin und der Fremde stehen geblieben. Beide empfanden das gleiche Gefühl einer unbestimmten Unruhe, als sie die halb zärtliche, halb leidenschaftliche Belustigung der beiden jungen Leute gewahr wurden. »Das ist ein schlimmer Zeitvertreib,« sagte der Fremde... Und mit lauter Stimme rief er: »Du Taugenichts, willst du aufhören, oder muß ich dir erst die Ohren schütteln?« Bei diesen Worten erhob die Wäscherin ein wenig den Kopf, doch der Schäfer schien nichts gehört zu haben. Der Fremde geriet in Zorn und schickte sich zu einer schärferen Zurechtweisung an, als die junge Dame sich umwandte und zu ihm sagte: »Der Bursche ist halb taubstumm ... Es ist ein Blödsinniger, dem man aus Barmherzigkeit hier Beschäftigung gibt. Lassen Sie mich das ordnen...« Sodann ließ sie ihr Pferd den Graben nehmen, der den Weg von dem Heideland trennte, war in einigen Sätzen am Weiher, und mit ihrer Reitpeitsche den Schäfer berührend, gab sie ihm ein gebieterisches Zeichen, sich zu entfernen. Der Rotkopf stieß einen unartikulierten Laut hervor, brach in blödes Lachen aus, und quer über die Heide davon rennend, erreichte er seine Herde, pfiff seinem Hunde, nahm die Peitsche zur Hand und begann aus allen Kräften zu knallen, um sich an dem Echo, welches der nahe Hügel weckte, zu belustigen. Die Wäscherin hatte sich inzwischen gesammelt und rot von der Anstrengung des Kampfes, vielleicht auch vor Verlegenheit, daß man sie bei solchem Treiben überrascht hatte, aber reizend in ihrer Verwirrung und verführerisch wie eine schöne, wilde Frucht, erhob sie sich und sagte: »Ich danke, gnädiges Fräulein.« »Es ist nicht recht, Rose, mit dem Rotkopf so vertraulich zu thun... Wer weiß, was in dem kranken Gehirn vorgehen mag!...« »O, er ist durchaus nicht böse,« entgegnete die schöne Rose; »er neckt nur die Leute gern, und hält sie von der Arbeit ab ... Aber ich fürchte mich nicht vor ihm und wäre schon allein mit ihm fertig geworden ... Uebrigens danke ich Ihnen darum nicht weniger ...« Damit legte sie eine Bluse auf das Brett, das sie vor sich hatte, und indem sie es mit gewaltigen Bläuelschlägen bearbeitete, fing sie mit heller Stimme zu singen an: Schlage, schlage, Wäscherin, Kräftig, noch sitzt Schmutz darin! Aus dem Tümpel, aus dem Weiher Ist das Wasser niemals teuer, Wenn es viel geregnet hat! Frisch zur Arbeit, frisch zur That, Schlage, Wäscherin, schlage! Mit dem dumpfen Klatschen des Bläuels auf die feuchte Wäsche begleitete sie ihren Gesang. Heiter und sorglos wie eine Feldlerche, dachte sie schon nicht mehr an ihr Abenteuer, während auf der Heide der Blödsinnige, dessen grauer Schattenriß sich klar gegen die Bläue des Himmels zeichnete, mit bösem Lachen die Peitsche weiterknallen ließ. Die Reiterin und der Fremde hatten ihren Weg fortgesetzt und näherten sich einem Gehölz, dessen Eingang durch verschränkte breite Holzstäbe versperrt war. Sie bogen seitwärts und kamen bald an den Rand der Hochebene, von welcher sich ihnen die Aussicht auf ein weites Thal eröffnete. Rechts auf der Höhe erhob sich ein Schloß, im Stile Louis' XIII., von einem schönen Park umschlossen, der sich bis zu dem Flusse hinabsenkte, welcher im Hintergrunde, aus dem Weidengebüsch durchschimmernd, zwischen smaragdgrünen Wiesen dahinzog und sich hinter den Pfeilern einer hübschen Steinbrücke verlor. Durch den Hügel vor den Nordwinden geschützt, breitete sich blank und zierlich die Kreisstadt Neuville aus, mit ihrer gezackten Kirchturmspitze und den hohen Schornsteinen ihrer Fabriken, welche stolz die Häuserdächer überragten. Ein sanft gewundener Pfad stieg zum Städtchen hinab, zur Linken eines dichten Buchenhains, der mit seinen grauen Stämmen und seinem dunkeln Laub der Landschaft einen etwas düstern Charakter verlieh. Von der Mitte des Abhanges blinkte ein weißer Erdwall, gleich einem riesigen Maulwurfshügel, durch das Dickicht des Gehölzes. Rings um das Städtchen war der Thalgrund sorgfältig bebaut, und die gelben Kornfelder, die graugrünen Haferhalme, die blauen Kleesaaten wogten bis zu den Zäunen seiner letzten Häuser. Ein reiner, blauer Himmel wölbte sich über dies reizende Landschaftsbild, das die Sonne mit goldigem Lichte übergoß: ein Hauch süßer Ruhe entströmte dem lieblichen Orte, in welchem das Glück zu weilen schien. Die beiden Bewunderer dieser reizvollen Gegend ließen einen Augenblick ihre entzückten Blicke in stummer Betrachtung umherschweifen. Eine leichte Brise wehte ihnen vom Strome her frischen Heuduft zu, und selbstvergessen überließen sie sich dem sie umgebenden köstlichen Frieden, in welchem alle geheimen Sorgen, alle inneren Kämpfe gelindert, besänftigt hinschmolzen. Der Fremde machte sich zuerst von dieser berauschenden Empfindung los. Fest schlug er mit dem Fuße auf den Boden, wie ein Verbannter, der wieder die heimatliche Erde betritt und sich ihres Besitzes erfreut; dann rief er in fröhlichem Tone: »Nun kenne ich mich wieder aus ... Dies hier ist Neuville ... Rechts hinter den Bäumen erhebt sich das Schloß Clairefont, und hier unten der von Gebälk überragte Hügel ist der große Steinbruch.« Die Amazone antwortete nicht. Sie blickte in die Ferne nach der Richtung jener Anhöhe, welche ihr Gefährte bezeichnet hatte, und ihre Züge verdüsterten sich. Unruhig und forschend schien sie den weißen, steinigen Erdbuckel zu betrachten, als ob dessen kreidige Flanken irgend eine geheimnisvolle Gefahr verhüllten. Was enthielt er, das sie in solche Aufregung versetzen konnte? Still, unbenutzt lag er da, von den Arbeitern verlassen, die hohen Stangengerüste über ihm ragten wie ein Schafott in die Luft. Die junge Dame stieß einen Seufzer aus, und als antwortete sie mehr ihrer inneren Erregung, als den Worten ihres Begleiters, wiederholte sie mit halb erstickter Stimme: »Dies ist der Steinbruch« ... Dann fügte sie mit einer Bewegung des Hauptes, als wolle sie ihre Unruhe verscheuchen, hinzu: »Hier ist Ihr Weg, mein Herr; wenn Sie geradeaus hinabsteigen, gelangen Sie zum Städtchen.« »Ich danke Ihnen, mein Fräulein,« erwiderte der Fremde, der nun nach Belieben seine reizende Gefährtin bewundern konnte, da sie ihm jetzt ihr Gesicht voll zugewendet hatte. Er machte einige Schritte vorwärts, schien mit sich selber unschlüssig zu sein, dann begann er mit einer Verbeugung: »Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mir zu sagen, wem ich für so viel Freundlichkeit zu Dank verpflichtet bin?« Das junge Mädchen sah ihren Begleiter mit ruhigem, hellem Blicke an, dann antwortete sie schlicht: »Ich bin Fräulein von Clairefont.« Beim Hören dieses Namens wich der junge Mann unwillkürlich zurück und eine dunkle Röte zog über seine Stirne hin, die er zur Seite wendete. Ueberrascht blickte ihn die schöne Reiterin aufmerksamer an, und wie von einem unwiderstehlichen Gefühle gedrängt, fragte sie rasch: »Und Sie, mein Herr, wer sind Sie?« Die Züge des Fremden verdüsterten sich. Nur einen Augenblick zögerte er, dann erhob er das Haupt und erwiderte mit dumpfer Stimme: »Und ich, ich bin Pascal Carvayan.« Kaum vernahm Fräulein von Clairefont diesen Namen, als ihr Gesicht einen Ausdruck unvergleichlichen Stolzes annahm: ihre Augen blickten kalt und hart, ein verächtliches Lächeln trat auf ihre Lippen, und indem sie mit der Reitgerte die Luft durchschnitt, als wolle sie eine unüberschreitbare Scheidewand zwischen sich und dem jungen Manne errichten, pfiff sie dem Hunde, setzte das Pferd in Trab und entfernte sich, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Wie festgebannt blickte er ihr nach, nicht an ihre wegwerfende Gebärde, nur an ihre Schönheit denkend. Stolz und kalt ritt sie davon, nachdem sie während einer halben Stunde in reizender Vertraulichkeit in seiner Nähe geweilt hatte; niemals vielleicht würde er sich ihr wieder nähern dürfen... Mit jedem Schritte sah er die Entfernung zwischen dem jungen Mädchen und sich größer werden, schon konnte er in der Staubwolke, die unter den Hufen des Pferdes aufwirbelte, ihre anmutige Gestalt nicht mehr unterscheiden. Nur die Schleppe des Reitkleides und der weiße Schleier des Hutes wehten in der Luft, und das Windspiel trieb sich auf dem Seitenpfade in lustigen Sprüngen umher. Plötzlich bei einer Biegung des Weges, dort wo die Holzstäbe den Eingang in das Gehölz verschlossen, verschwanden Reiterin und Windspiel, und der Waldweg lag einsam, wie vorher. Noch blieb Pascal Carvayan einen Augenblick regungslos, dann schlug sein wuchtiger Stock schwer auf die Kieselsteine, die den Boden bedeckten, und er murmelte: »Welcher Stolz! Kaum hatte sie erfahren, wer ich bin, so gönnte sie mir nicht mehr das Almosen eines Blickes, das sie doch dem Bettler am Wege zuwirft ... Wie gut hat sie mir zu verstehen gegeben, daß ich für sie nicht existiere! Sei es! Das Geschick hat uns zu Feinden bestimmt, und überall stellt es uns einander gegenüber. Clairefont oder Carvayan! Zwischen uns herrscht Krieg ... Schade! Wie schön sie ist!« Er zog seine Uhr hervor und sah, daß es kaum elf war. Auf einem schmalen Stege, den zu beiden Seiten Ginster umsäumte, stieg er langsam hinab. Er befand sich jetzt zur Mitte des Abhanges. Dieses von einer Thalwelle durchschnittene Stück war der brennenden Glut der Sonne voll ausgesetzt. Die Hitze wurde immer unerträglicher. Pascal sah nach Schutz um. Am Saume eines dürftigen Birkenwäldchens bemerkte er ein rotes Dach und über der Thür den Stechpalmenzweig, Abzeichen einer ländlichen Schenke. Er ging in dieser Richtung und gelangte bald auf einen schlechten Bergwerksweg, an welchem sich ein Haus mit neugetünchten Mauern und frisch gestrichenen grünen Jalousien erhob. Auf dem Vordache waren eine gemalte, aus drei Kugeln aufgetürmte Pyramide und zwei sich kreuzende Billardstöcke sichtbar, und darüber stand in großen Buchstaben: »Wein, Kaffee, Liköre. Gesellschaftsessen.« Das Schild stellte zwei Männer dar, welche trinkend am Tische sitzen, neben einer Flasche, deren schäumendes Getränk hoch emporsprudelt. Darüber in gelben Lettern: »Zum Stelldichein der flotten Bursche. Pourtois, Schenkwirt.« Hinter der Schenke breitete sich ein Gärtchen mit mehreren Sommerlauben aus. In der Mittelallee befand sich eine Kegelbahn, und im Hintergrunde ragte eine Schaukel in die Höhe. Während des Sommers versammelte sich hier an Sonntagen die Arbeiterbevölkerung von Neuville. Im ersten Stock spielten eine Violine und ein Piston der Jugend zum Tanze auf, und aus den offenstehenden Fenstern tönte zwischen fröhlichem Gelächter hindurch die heisere Stimme des Arrangeurs: »Anstellen zur Quadrille!« Und das Gepolter der schweren Schuhe rollte wie Donnergetöse über den Häuptern der Gäste, welche essend und trinkend im Erdgeschosse saßen. In wenigen Jahren hatte Pourtois, ein sehr dicker Mann von apoplektischem Aeußern, durch vieles Trinken verdummt, jedoch von seiner Frau, einer resoluten, brünetten Person mit flinker Hand und lebhaftem Auge, scharf im Zügel gehalten, die Schenke in so guten Ruf gebracht, daß sich die Kaffeehausbesitzer der Stadt bitter über die Konkurrenz beklagten. Da das Geschäft außerhalb des Weichbildes der Stadt lag, brauchte er keine Steuern zu bezahlen und konnte demnach seine entsetzlichen Getränke billiger verkaufen, als die städtischen Wirte. Zudem bot auch sein Garten mit den grünen, von Weinreben und Schlinggewächsen umrankten Lauben den Trinkern ein angenehmes Versteck, und selbst junge Leute aus besseren Ständen kamen zuweilen, um hier oben in lustiger Gesellschaft zu frühstücken. Zur Zeit der Wahlen ließ Pourtois auf einer benachbarten Wiese ein Zelt aufschlagen, das zwei- bis dreihundert Personen faßte, und gab dort einen großen Ball. Der Eintritt war frei, Speisen und Getränke mußten dafür teurer bezahlt werden. Seit zwei Jahren bewogen politische Rücksichten sogar die Gemeinderäte von Neuville, diese vorstädtische Tanzunterhaltung mit ihrer Gegenwart zu beehren. Pourtois, mit dessen Stimme und Umtrieben bei den Wahlen zu rechnen war, hatte sich den Triumph einer solchen offiziellen Einweihung nicht versagen wollen und die Vertreter der städtischen Gewalt hatten es im Interesse ihrer eigenen Popularität für gut befunden, ihm eine solche nicht länger vorzuenthalten. Uebrigens war er außerhalb seines Etablissements ohne jeden Ehrgeiz. Man wollte ihn zum Stadtrat wählen; er schlug es aus. Von diesem Anlasse her erzählte man sich die Antwort, die ihm offenbar von seiner Frau eingegeben worden: »Ich habe genug zu thun, meine Weine auszuschenken, habe darum keine Zeit, meine Reden feilzubieten. Ich werde mich nicht bewerben, aber meine Freunde werde ich durchbringen.« Und er hatte sie durchgebracht, so wie er es versprochen. Damit war seine Schenke das Lokal für Wahlversammlungen geworden, obligatorische, aber keineswegs kostenfreie, in welchen ebensoviele schädliche Reden als verfälschte Getränke Absatz fanden. Dabei war der dicke Wirt auf dem besten Wege, sich ein Vermögen zu machen. Aber er wurde deshalb durchaus nicht stolz und verschmähte es nicht, mit einem Fuhrmanne anzubinden, der vor der Thüre hielt, um ein Glas oder einen Schoppen Wein zu trinken, zumal wenn seine Frau nicht am Schenktische saß. Denn in ihrer Gegenwart gab er klein bei; böse Zungen behaupteten sogar, daß in den ersten Zeiten ihrer Ehe, wenn er sich empört und seine Rechte als Hausherr hatte geltend machen wollen, sie ihm durch Prügel seine Stellung klar gemacht habe. Als Pascal vom Hügel aus die Schenke wahrnahm, beschleunigte er seine Schritte, wie ein Pferd, das den frischen Trunk und den Hafer der Haltstation wittert. In dem großen, stattlichen Gebäude mit den weißen Mauern, den grünen Läden und dem roten Dache, das fröhlich in der Sonne blinkte, erkannte er nicht sogleich die ehemalige enge, niedrige Kneipe Pourtois', mit den salpetrigen Wänden, dem moosbedeckten, verwitterten Strohdach. Nur das Schild und der Stechpalmenzweig, zwar etwas gemein für eine Schenke, die sich ohne Prahlerei Kaffeehaus nennen konnte, waren dieselben geblieben. Selbst der Hügel hatte sein Aussehen verändert. Ehemals war der ganze Abhang unbebaut gewesen, und die Heide bedeckte die kalkigen Schichten bis zum Parke des Schlosses Clairefont. Gar oft, wenn er im Oktober den Drosseln Schlingen legte, hatte er sich zwischen den Ginstergesträuchen umhergetrieben, oberhalb des Steinbruchs, welcher dazumal noch nicht bloßgelegt war. Die ganze Gegend war so völlig umgestaltet, daß er nichts mehr von all dem wiederfinden konnte, was sie ihm in seiner Erinnerung so reizend machte. Er sah sie von Straßen durchschnitten, von Häusern besät, ihres wilden Charakters beraubt, dem Weltverkehre erschlossen. Neugierig, zu erfahren, ob der Wirt sich ebenso verändert habe, wie die Herberge, öffnete er die Thür und trat ein. Ein kühles, erfrischendes Halbdunkel erfüllte die Gaststube, und das Auge des jungen Mannes, an das helle Sonnenlicht gewöhnt, konnte nur schwer die Gegenstände unterscheiden. Doch nach einigen Augenblicken sah er drei Männer um einen Tisch sitzen, und an dem sehr großen, erhöhten, mit wohlgeordneten Flaschenreihen geschmückten Schenktische eine brünette, hagere Frau mit blatternarbigem Gesichte, breitem Kinn und gewölbter Stirn unter glattgestrichenem Haar. Zwei von den Männern spielten Domino, und zwar mit solch großem Eifer, daß sie Pascals Eintreten nicht vernahmen. Der dritte hob den Kopf in die Höhe, um zu sehen, ob die Wirtin an ihrem Platze sei, dann nach einigen kräftigen Zügen aus seiner Pfeife wendete er sich wieder der Partie zu. Er war ein rechter Dickwanst, aufgeblasen wie ein Luftballon, die Augen in überquellendem Fett versunken, kein Härchen auf der glänzenden Haut. Sein Anzug bestand aus grauen Beinkleidern, brauner Weste mit Aermeln und Pantoffeln mit buntfarbiger Stickerei, die ein in Fächerform ausgebreitetes Kartenspiel darstellte. An dem riesigen Umfange des Mannes erkannte Pascal den dicken Pourtois. »Die Reihe zum Ansetzen ist an Ihnen, Fleury,« sagte der Wirt mit dünner quäkender Stimme, die, aus einem so riesigen Brustkasten kommend, in Erstaunen setzte. Fleury, der Kanzlist des Friedensrichters von Neuville, war ein etwa vierzigjähriger Mann von abstoßender Häßlichkeit. Seine stets aufgesprungenen Lippen bluteten gewöhnlich, und, um sie vor jedem Luftzutritt zu schützen, hatte er sie mit dünnen Pflastern bedeckt, was dem häßlichen, heuchlerischen Schnitt seines Mundes einen noch widerwärtigeren Zug verlieh. Die Augen ließen fast gar nichts vom Weißen erblicken, und die Pupillen rollten in steter furchteinstößender Beweglichkeit. Seine schlecht geschorenen Haare sträubten sich in Büscheln in die Höhe und trugen vollends dazu bei, dem Gesichte des Gerichtsbeamten einen erschreckenden Ausdruck zu geben. Man sah ihn stets in Schwarz gekleidet, wie es einem Manne ziemt, der ein offizielles Amt versieht. Für den Augenblick war er in Hemdärmeln und hatte die Halsbinde abgelegt. Sein Mitspieler war ein angehender Fünfziger, von robustem Körperbau, mit rotem Gesicht und ergrauendem Haar. Kleine goldene Gehänge hingen an seinen Ohren. Er trug einen Fuhrmannskittel, der an den Schultern, am Hals und an den Äermeln mit weißem Faden bestickt war; rötlichgelbe Gamaschen reichten ihm bis zum Knie. Auf einem Stuhle nebenan lag eine blaue Tuchmütze mit Ohrenklappen, die er Sommer wie Winter trug. Die Hände, welche eben die Dominosteine durcheinander mengten, waren fast ebenso dick wie lang und schienen einen Ochsen niederschlagen zu können. Sein Lachen war stets so heftig, daß es ihm die Wangen dunkelblau färbte und in einem Anfall von Ersticken endigte. Man nannte ihn Vater Tondeur und Pascal erinnerte sich, ihn ehemals im Hause seines Vaters gesehen zu haben. Wenn er fortging, pflegte er stets zu sagen: »Einverstanden,« was bewies, daß zwischen ihm und Carvayan das beste Freundschaftsverhältnis herrschte. Tondeur war Holzhändler und beschäftigte jahraus jahrein zweihundert Hauer in den Holzschlägen, welche ihm in öffentlicher Versteigerung vom Staate oder von Privaten zum Fällen zuerkannt waren. Pascal ließ sich an einem Seitentische nieder. Das tiefe Schweigen in der Stube wurde nur durch das Summen der Fliegen unterbrochen, die sich an der Decke in schwarzen Schwärmen vereinigt hatten, und durch das Geklapper der Dominosteine auf der Marmorplatte. Von Zeit zu Zeit ließen Tondeur und Fleury leise Ausrufe hören, untermischt mit Spaßen, wie sie unter Spielern üblich sind: »Doppelt weiß ... Zeichen der Unschuld ...« »Jetzt setze ich den Sechser an ...« »Und ich mache Domino! Sieben und drei sind zehn und sieben sind siebzehn ... dazu die dreiundachtzig machen hundert ... So, Vater Tondeur, so weit wären wir...« »Hat der Fleury ein Glück! Es scheint nur für ihn zu sein...« »Machen wir noch eins?« »Nein! Ich muß ins Gehölz hinauf, um meine Arbeiter zu überwachen...« »Bleiben Sie doch! Bei der Hitze können Sie sich einen Schlag holen.« »Ein geschlagener Mann bin ich ohnehin!« Die drei Männer brachen in schallendes Gelächter aus, als das Rasseln eines Wagens, der vor der Schenke anhielt, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Selbst der dicke Pourtois erhob sich von seinem Stuhle und gab eine Regung von Neugierde zu erkennen. Aber er brauchte sich nicht weiter zu bemühen; die Thür wurde von kräftiger Hand aufgestoßen, und ein junger Mann von hohem Wuchse, in braunsamtenem Jagdanzuge und bis zu den Knien reichenden Gamaschen trat mit lebhaft erregtem Gesichte ungestüm ein. »Ah, wir sind nicht allein,« sagte er mit starker Stimme, indem er einen Blick umherwarf, »desto besser! Hören Sie, Vater Pourtois, gehen Sie hinaus zu meinem Wagen, dort werden Sie ein Tier finden, welches Ihnen gehört und das Sie nicht in unseren Wäldern herumwagabundieren lassen sollten ... Für diesmal bringe ich es Ihnen zurück... Aber das nächste Mal, so wahr ein Gott ist, breche ich ihm die Rippen entzwei! Uebrigens habe ich es ihm selbst gesagt...« »Wie? Herr Graf... Wie! ein Tier, das mir gehört?« fragte der Wirt höchst erstaunt, indem er ehrerbietig die Mütze abnahm ... »Ein Tier ... dem Sie gesagt haben ...« »Gehen Sie zum Wagen,« unterbrach ihn der Graf mit Ungeduld. »Dann werden Sie verstehen ...« Fleury, mit seinen stinken Beinen, stand schon draußen. Sein spöttisches Gesicht verklärte sich, die Augen sprühten von boshafter Freude, der gemeine Mund öffnete sich weit zu einem gellen Auflachen, das die schwarzen, abgebrochenen Zähne sehen ließ, und die Hände ineinanderschlagend, rief er: »Chassevent ist's! Alle viere gebunden, wie ein Kalb, das man zum Markte führt. Und was für ein Gesicht er auf dem Stroh macht! Gelt Alter, Stroh ist gut, um Mispeln reif zu machen; aber gar schlecht zu einem Lager für Christen!« Wie das Heulen eines Wolfes, der sich in der Falle gefangen, stieg es aus dem Leiterwagen empor, und auf Ellbogen und Knien sich emporrichtend, erhob ein Mann ein abgemagertes Gesicht mit boshaftem Munde, schielendem Blicke und ergrauenden Haaren. Um den Kopf hatte er ein braun und rot gemustertes Taschentuch gebunden, den schlottrigen Körper bedeckten eine geflickte Bluse und mit Lederflecken besetzte Hosen, die Füße staken in Arbeiterschuhen. »Du wolltest gerne herunter, alter Bursche!« schrie der junge Graf, hob seinen Gefangenen wie ein Bündel in die Höhe, machte etliche Schritte vorwärts und legte den Heulenden auf einen Tisch in der Schenke. »Welch eine Faust!« rief Vater Tondeur bewundernd aus. »Doch welch bedauernswerte Anwendung der Kraft,« ließ sich in salbungsvollem Tone Fleury vernehmen, der sich inzwischen die Sache überlegt hatte und dessen Heiterkeit nun plötzlich gedämpft schien, »Pourtois, nehmen Sie doch eine Schere und schneiden Sie die Stricke durch... Oh, Herr Robert,« setzte er mit einschmeichelnder Stimme hinzu, »ist es eines Mannes von Ihrer Stellung würdig, einen armen Teufel derart zu behandeln?« Inzwischen hatte Pourtois mit seinen feisten Händen Chassevent losgebunden, der, sich kaum frei fühlend, auf die Füße sprang, sich die Schultern rieb und ein Glas Wein, das er auf dem Tische erspäht hatte, in gierigen Zügen leerte. »Das hat ihm Durst gemacht,« lachte Tondeur. »Aber was in aller Welt hat er denn verbrochen, Herr Graf?« »Er legte dem Wilde Schlingen, droben im Holzschlage... zum zehntenmal seit einem Monat ... aber man konnte ihn nie erwischen ... Ich vermutete, daß er es sei, und machte heute morgen eine Runde, nachdem der Wächter heimgekehrt war ... Und so traf ich richtig meinen Patron gerade an der Arbeit... Die Schlingen sind in meiner Tasche...« Damit zog er ein Päckchen Messingdrähte hervor und schleuderte es dem blassen, stummen Wilderer ins Gesicht. »Da, du Schuft, ist dein Handwerkszeug... Aber merke dir, was ich dir gesagt habe. Von Prozessieren mit dir ist keine Rede mehr. Läßt man dich vom Gerichte fassen, so gibt's acht Tage Gefängnis mit besserem Essen, als du es zu Hause bekommst und deine Tochter muß den Tabak bezahlen... Das fehlte noch! ... Heute morgen habe ich dich gepackt, an einen Baumstamm gebunden und dich drei Stunden dort nachdenken lassen ... Das ist für diesmal genug ... Aber laß dir's eine Warnung sein!« Ueber Chassevents Gesicht zuckten kleine Fältchen, wie vom Winde bewegte, leicht gekräuselte Wasserwellen. Er schlug die falschen Augen nicht auf, ließ aber ein so spöttisches Zischen laut werden, daß dem jungen Grafen die Zornesröte ins Gesicht stieg. »Canaille!« ... und schon holte die kräftige Hand zum Schlage aus, als Fleury ihn zurückhielt und mit einem Augenwinken auf Pascal wies, der in einer dunklen Ecke der Stube saß. »Herr Robert... Ich beschwöre Sie... vor einem Fremden... Lassen Sie doch! ... Was kümmert Sie sein Zorn ... Chassevent ist im Unrecht... Sein Betragen ist höchst tadelnswert... Aber Ihr Verfahren, Herr Graf, ist ganz und gar ungesetzlich ... Niemand hat das Recht, aus eigener Machtbefugnis sich an der persönlichen Freiheit des anderen zu vergreifen... Für derartige Fälle sind die Beamten der öffentlichen Gewalt da ... Es ist nicht der Gerichtsschreiber, der so spricht... es ist der Privatmann ... der, wie Sie wissen, Ihnen völlig ergeben ist ... und die Heftigkeiten beklagt, welche Ihren Charakter falsch beurteilen lassen.« »Der Schaden, den ich mir verursache, geht nur mich allein an,« unterbrach ihn der junge Mann in hochfahrendem Tone. »Die Polizei sieht eher nach allem andern, als nach solchen Schuften... Was Sie betrifft, Fleury, Sie sind ein braver Junge, aber in meine Angelegenheiten haben Sie sich nicht zu mischen.« »Man soll niemandes aufrichtigen Beistand verschmähen,« murmelte der Gerichtsschreiber, indem er mit einer Miene betrübter Demut den Kopf hängen ließ. »Wie, Herr Robert, Sie wollen wieder fort, ohne irgend etwas zu nehmen?« rief Pourtois voll Unterwürfigkeit ... »Was dürfte ich Ihnen anbieten?« »Danke... Nichts...« erwiderte der junge Mann. Dann fuhr er suchend in die Westentasche und warf ein Geldstück auf den Tisch. »Dies für Ihren Stallburschen, der mein Pferd gehalten hat.« Ohne ein weiteres Wort, ohne Gruß schritt er zur Thür hinaus, bestieg den Wagen und entfernte sich in raschem Trabe. Kaum hatte Chassevent das Gefährte in einem Staubwirbel verschwinden sehen, als er die Sprache wiederfand. Alle Schmähungen, die ihm seit heute morgen auf den Lippen brannten, stürzten wie ein gewaltiger Strom hervor. Wütend schlug er auf die Marmorplatte, daß die Dominosteine in die Höhe schnellten. »O, du Hund!« heulte er zitternd vor Zorn, »o, du elender Feigling! Das sollst du mir bezahlen! Wegen ein paar elender Hasen... Mich anzubinden... Ja, wie er es selbst gesagt hat... An einen Baumstamm! Und nur seiner List ist es gelungen, denn das wißt Ihr, fürchten thue ich ihn nicht!« »Jetzt schneide nicht auf,« warf Tondeur ein; »mit einer einzigen Maulschelle streckt er dich zu Boden...« »Ho!, ho! Wer's glaubt! Nächstes Mal nehme ich meine Flinte mit und so gewiß als wir hier stehen, ich mach' ihm den Garaus!« »Ruhig, ruhig, Chassevent! Ihr seid kein solcher Isegrim, als Ihr es glauben machen wollt,« unterbrach ihn Fleury. »Was Ihr da sagt, sind Dummheiten...« »Nie werde ich ihm verzeihen, was er mir angethan hat,« fing der Wilderer mit finsterer Miene wieder an. »Wenn man es erfährt, wird sich die ganze Umgegend über mich lustig machen... O! diese Leute auf Clairefont! Wann werden wir endlich einmal mit ihnen abgerechnet haben?« Er stieß einen fürchterlichen Fluch aus, und mit einem drohenden Blicke auf Fleury: »Ja, Herr Carvayan soll den Vater übernehmen... Den Sohn nehme ich auf mich ...« Als Pascal von der widerwärtigen Gemeinschaft hörte, von der empörenden Zusammenstellung seines Vaters und des Vagabunden, fuhr er heftig empor und rief mit zornentflammtem Antlitz: »Ich verbiete Euch, elender Wicht, den Namen des Herrn Carvayan in dieser Weise zu nennen ...« »Und weshalb?« fragte Chassevent in spöttischem und zugleich drohendem Tone. »Weil er mein Vater ist.« Diese Worte brachten eine rasche Veränderung in der Haltung der drei Männer hervor. Pourtois rückte unterthänig einen Stuhl herbei, Fleury säuberte mit der Hand seinen schmierigen Ueberrock und brachte seine Krawatte in Ordnung. Chassevent legte die Hand an das rote Taschentuch, welches ihm als Kopfbedeckung diente, und selbst Frau Pourtois geruhte von der Höhe des Schenktisches aus zwischen den beiden Trinkgelderbüchsen aus weißem Metall freundlich zu lächeln. »Ah, Sie sind der Sohn des Herrn Carvayan?« begann der Wilderer mit großer Zungengeläufigkeit, »... das ist eine andere Sache... Herr Carvayan, das ist unser Mann, und es fällt uns nicht ein, ihm einen Streich zu spielen. Ich zum wenigsten ... Nicht ein einziges Mal habe ich noch in seinen Waldungen einen Hasen gefangen... Und doch, potztausend, wie viele gibt's dort!... Ja, Herr Carvayan!... Man kann wirklich sagen, daß ich ihm ergeben bin... Wenn er meine Tochter als Magd haben wollte, gleich würde ich sie ihm geben, obwohl sie ein stolzes Ding ist! Sie hat aber auch ein Recht dazu; sie ist sauber genug!... Ich bin es, der bei den städtischen Wahlen die Wahlzettel für Herrn Carvayan austeilte... und diese Herren hier wissen es, daß ich an dem Tage, wo er zum Maire erwählt wurde, mir einen Zopf angetrunken habe ... ja, einen ganz gehörigen ... so wie es sich am Ehrentage eines Freundes gebührt... Ah! Ich habe Herrn Carvayan ebenso gern, als ich die Leute da drüben verabscheue... Aber auch er mag sie nicht... und er ist's, der sie uns vom Halse schaffen wird...« Dabei streckte er die geballte Faust nach dem Hügel aus, wo zwischen Baumgruppen Schloß Clairefont emporragte, und bei der Erinnerung an sein jüngstes Abenteuer sich selber zu neuem Zorn aufreizend, schrie er: »Wart, du Räuber! Mich anzubinden ...wie einen krepierten Raben, den man auf einer Stange als Vogelscheuche aussetzt! Aber du wirst mir's bezahlen oder das, was ich jetzt trinke, soll mir zu Gift werden!« Damit stürzte er auf einen Zug ein Glas Bier hinab, welches Pourtois für Pascal eingeschenkt hatte. »Hört, Chassevent,« rief da der Wirt verdrießlich, »werdet Ihr uns einmal mit Euren Geschichten in Ruh' lassen... Wir wollen lieber dem Herrn zuhören, über dessen Heimkehr wir uns aufrichtig freuen... Ich habe Sie als ganz kleines Bürschchen gekannt, Herr Pascal, und wenn Sie mit Ihrer lieben, guten Frau Mutter spazieren gingen, habe ich Sie oft genug in meinem Hause bewirtet... Oh! Es hat sich seit jener Zeit gar sehr verändert... Aber auch Sie sind ein anderer... Heute sind Sie ein schöner Mann, jawohl... dazumal aber waren Sie etwas mager, es sei gesagt, ohne Sie zu beleidigen.« »Sie beleidigen mich nicht,« erwiderte Pascal mit niedergeschlagenen Augen und wie in tiefes Nachdenken versunken. »Alles hat sich verändert, in der That... Menschen und Dinge.« »Und wird sich binnen kurzem noch viel mehr umgestalten,« fiel Fleury mit schneidender Stimme ein... »Wir haben Krieg hier, Herr Carvayan, zwischen Ihrem Vater und dem Marquis von Clairefont... Dreißig Jahre sind es her, seitdem die Feindseligkeiten begonnen haben ... und nun stehen wir vor der Entscheidung. Die Leute da droben sind verloren, ganz und gar ... Sie haben keine Aussicht, sich zu retten, dafür ist's Ihr Vater, der sie in seiner Hand hält... Sie sind gerade rechtzeitig eingetroffen, um dem Siege beizuwohnen... Seien Sie willkommen, Herr Pascal ...« Der Gerichtsschreiber hielt dem jungen Manne seine klauenförmige Hand hin, was dieser jedoch nicht zu bemerken schien, denn er berührte sie nicht. Sinnend stand er da. An seinem inneren Auge zog das heute morgen Erlebte nochmals vorüber. Er sah ein schönes, junges Mädchen zu Pferde im kühlen Schatten der Bäume, von einem großen Windhunde begleitet. Ein Fremder tauchte plötzlich vor ihr auf und fragte sie um den Weg. Ernst, mit stolzer Liebenswürdigkeit, bot sie sich ihm als Führerin an. Beim Abschiede fragte er sie mit von Achtung durchdrungener Stimme um ihren Namen und vernahm, daß es Fräulein von Clairefont war, die Tochter des Mannes, den man den Feind seines Vaters nannte. Dann schien es Pascal, als erblicke er das junge Mädchen in schwarzer Kleidung, die Stirn von schweren Sorgen gebeugt, das schöne Antlitz von Kummer gefurcht. Schweigend wandelte sie dahin, mit den geröteten Augen zu Boden starrend, allein, verlassen. Die grüne, blühende Flur hatte ihre Sommerpracht verloren. Die entlaubten, kahlen Bäume zitterten im kalten Nordwinde, und Unheil schien über die ganze Landschaft gebreitet. Warum stand sie allein? Wo war ihr Vater? Was war aus dem Bruder geworden, dem heftigen jungen Manne, den er eben gesehen hatte? Warum war es plötzlich so einsam und düster um das herrliche Wesen, und weshalb weinte sie? War der alte Carvayan der Urheber dieser Trauer und dieser Thränen, so wie es die Elenden, die ihn umgaben, behaupteten? Pascals Herz zog sich in schmerzlichem Erbeben zusammen. Mit Schrecken erkannte er, welch tiefe Teilnahme ihm das junge Mädchen einflößte, das er gestern noch nicht gekannt. Er empfand ein heftiges Weh bei dem Gedanken, daß sie leiden solle, und leiden durch einen Carvayan. Sollte auch er, er, der den verhaßten Namen trug, von ihrem Fluche getroffen werden? Wo er, von unwiderstehlicher Sympathie getrieben, zu ihren Füßen niederknien, ihr seine Hingebung beteuern und übermenschliche Thaten hätte vollbringen mögen, um sich hervorzuthun und ihr zu gefallen, fand er sich ihrem Widerwillen, ihrer Verachtung unausweichlich preisgegeben. Der alte Marquis von Clairefont, der athletische heftige Robert verschwanden aus seinem Gedächtnisse, und nur sie blieb darin haften; sie allein war bedroht, und jubelnd verkündete man hier ihr Verderben; sie war das Opfer, das den Verbündeten überliefert werden sollte, welche schon jetzt den nahe bevorstehenden Sieg feierten und ihn, Pascal, der sie am liebsten vernichtet hätte, beglückwünschten, daß er gerade recht zur Beuteverteilung heimgekehrt sei. Er erhob den Kopf mit der Empfindung, daß er beobachtet werde. In der That sah er die Augen der ihn Umgebenden erstaunt auf sich gerichtet. Seit einigen Minuten, nachdem Fleury jene siegesgewissen Worte gesprochen, war er sinnend dagestanden, stumm, das Haupt auf die Brust gesunken. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, und begierig, mehr von dem zu erfahren, was gegen die Familie Clairefont angezettelt war, sagte er mit erzwungenem Lächeln: »Ich danke euch für euren Willkommengruß. Aber lasset euch sagen, daß ich aus einem Lande komme, wo die Dinge, die euch hier in Bewegung setzen, recht erbärmlich scheinen würden. Ich durchwanderte die wildesten Provinzen Amerikas; ich sah Prairien von hunderttausend Hektaren, wo unzählige Herden weideten, von Geschwadern berittener Schäfer gehütet. Als ich nach einem Jahre in Länder zurückkehrte, die ich wüst verlassen hatte, fand ich große, reiche Dörfer wie durch Zaubergewalt aus dem Boden gewachsen; ich durchritt Berge, in denen Gold der Kieselstein des Weges ist, zog an Petroleumseen entlang, ergiebig genug, um Europa zehn Jahre lang zu beleuchten, ohne zu versiegen. Mein Fuß betrat Ackergefilde, auf denen die fruchttragende Erde fünf Meter Tiefe hat und wo das Korn so hoch ist, daß sich ein Mann darin stehend verbergen kann. Ich lebte den erstaunlichen, ununterbrochenen Fortschritt mit, der eine Welt umgestaltet. Und wie ich nun nach zehnjähriger Abwesenheit heimkehre, finde ich euch mit derselben kleinlichen Intrigue beschäftigt, von demselben alten Hasse entbrannt, von denselben alten Wünschen gequält. Nun, man sieht, daß unser altes Frankreich auf demselben Flecke stehen bleibt und daß ihr viel Zeit zu verlieren habt. Ich werde mir eure Kurzweil mit ansehen, weil ihr mich dazu einladet; aber ich sage euch im voraus, ich bin ein wenig blasiert und kann euch nicht versprechen, daß mir die Sache große Teilnahme abgewinnen wird.« Er brach in lustiges Lachen aus, welches aber in Fleurys Ohren gezwungen klang. Der Schreiber empfand ein wenig Unruhe. Mit durchdringenden Blicken suchte er die Gedanken dieses Sohnes zu erforschen, der eine Angelegenheit, welche seinem Vater am meisten am Herzen lag, in so wegwerfender Art behandelte. Er hielt es für nötig, ihn den Grund ihrer Operationen sehen zu lassen, damit er weniger leichtfertig über dieselben denke. »Es ist hier nicht die Rede von Petroleumseen, noch von Goldminen oder von Ackergründen ohne Dünger,« sagte er mit herber Ironie. »Wir leben nicht im Lande der Wunder, sondern in Frankreich, wo bedeutender Gewinn bei leichter Mühe höchst selten ist und wo eine schöne Spekulation es gar wohl verdient, daß man sich mit ihr beschäftigt und sie lange in Erwägung zieht. Es handelt sich ganz einfach um den Steinbruch, um diesen hundert Hektare großen, dürren, von Gestrüpp und Heidekraut bedeckten Hügel, welcher in seinem Inneren Millionen enthält... Unter der Ausnutzung des Marquis von Clairefont, dieses Träumers, wurde er die Ursache seines Ruins, doch in den Händen Ihres Vaters und seiner Genossen wird er eine Quelle des allgemeinen Wohlstandes werden. Sehen Sie, die ganze Umgegend ist daran beteiligt und wünscht, daß die Besitzung der Clairefonts einen anderen Herrn erhalte, und auch Sie wären nicht so gar unglücklich, Herr Pascal, das Schloß dort droben zu bewohnen. So verfallen es auch ist, hat es doch besseres Ansehen, als das kleine Haus in der Rue du Marché.« Mechanisch wendete der junge Mann sich der Thür zu, öffnete sie, und vor seinen Augen lag der Park von Clairefont an einer Seite des Hügels hinab sich erstreckend bis zu der langen Terrasse an der Façade des Schlosses. Im Dickicht war es ruhig und still, nur aus der Ferne ließ sich der eintönige Ruf des Kuckucks vernehmen. Jenseits des schattigen Hochwaldes, hinter jenen weißen Mauern weilte das junge Mädchen, von dessen Verteidigung er schon zu träumen begann. Ein sehr großer Raum lag zwischen ihm und ihr: die ganze Breite dieses Thales mit dem unfruchtbaren Abhange, der aber in seinem Schoße die von Fleury verkündeten Schätze bergen sollte. Doch weit größer, ja unüberschreitbar schien die Entfernung, welche jener feine Peitschenhieb gezeichnet hatte, der sausend die Luft durchfuhr, als, er seinen Namen genannt, jenen gefürchteten Namen Carvayan, der ihr wie die Vorhersagung ihres Verderbens an das Ohr geklungen haben mochte. »Ein schöner Park,« ließ sich hinter seinem Rücken die heisere Stimme Chassevents hören... »Schön da zu wohnen... Meine Tochter arbeitet oben im Tagelohn... Sie hat mir davon erzählt...« »Ich rechne zweitausend Fuß Holz, wenn man nur die hochstämmigen Bäume fällen und noch einige schattige Plätzchen lassen will,« fügte Tondeur mit lauter Lustigkeit hinzu. »Wir werden es schon zwischen die Finger bekommen, nicht wahr, Vater Schlaumeier?« meinte der wohlbeleibte Pourtois. »Man braucht jetzt Schwellen für die neue Eisenbahn ... Das ist just die passende Gelegenheit...« »Und hinter dem Hause liegen zwanzig Morgen Wiesengrund, welche wir auch zu bewässern verstehen werden; die dürften gleichfalls eine hübsche Weide abgeben,« entgegnete der Holzhändler. »Pah! Hoffen wir das Beste! ... Jetzt ist's aber genug mit dem Herumbummeln. Auf Wiedersehen, Bursche!... Herr Carvayan, es war mir ein Vergnügen...« Darauf schlug er mit festem Griff in die dargereichten Hände seiner Freunde, zog die Mütze vor Herrn Carvayan und wendete sich mit schwerfälligen Schritten dem Walde zu. Der junge Mann blickte ihm nach indem er dachte, daß der alte Tondeur bei seinem Umherstreifen im Walde vielleicht der schönen Amazone begegnen könnte. Dann nahmen seine Gedanken eine andere Richtung. Sorgenvoll sagte er sich, daß die Schloßbewohner von Clairefont von geheimen, unversöhnlichen Feinden umringt lebten. Hatte er nicht wenige Augenblicke zuvor Fleury mit dem Grafen in vertrauter Weise sprechen hören? Hatte Pourtois nicht mit unterwürfigem Lächeln vor dem jungen Schloßherrn dagestanden? Verkehrte nicht auch Tondeur, der mit dem alten Marquis in beständiger Geschäftsverbindung stand, das ganze Jahr hindurch scheinbar freundschaftlich auf dem Gute, während er im stillen die alten Buchen und die großen Eichen zählte und im voraus seinen Anteil an der allgemeinen Beute berechnete? Alle waren sie feige Verräter, bis auf den abscheulichen Chassevent herab, dessen Tochter im Tagelohn auf dem Schlosse arbeitete und der schwarzen Bande, deren Haupt der alte Carvayan war, als Spionin diente. Aus den Gesprächen der Helfershelfer seines Vaters hatte er allmählich die Schliche kennen gelernt, mit welchen dem Schloßherrn die Falle gestellt wurde. Er wünschte alles zu erfahren und Fleury sollte ihm dazu dienen. Als er somit gewahr wurde, wie dieser sich von der ernsten, stillen Frau Pourtois verabschiedete, nahm er einen silbernen Cigarrenbehälter aus der Tasche, öffnete ihn und bot dem Gerichtsschreiber Cigarren an. »Man sieht, daß Sie aus Amerika kommen,« sagte dieser, indem er die Havanna mit Bewunderung ansah. Sodann wählte er eine, biß die Spitze mit den Zähnen ab und begann dichte Rauchwolken in die Luft zu blasen. »Wenn Sie nach Neuville zurückkehren, so können wir zusammen gehen,« schlug er dann vor. »Mit Vergnügen,« erwiderte Pascal. Sie traten aus der Schenke, von dem dicken Pourtois bis zur Schwelle begleitet. Auf der Straße warf er noch einen Blick zu der großen Terrasse hinauf, auf welcher er in der Ferne eine elegante Damengestalt zu unterscheiden glaubte, dann schob er seinen Arm unter den Fleurys und sagte mit der Ungezwungenheit eines Mannes, der beabsichtigt, Vertrauen einzuflößen: »Nun, da wir allein sind, erzählen Sie mir etwas mehr von diesen Clairefonts.« »O, mein lieber Herr, die Leute sinken von Tag zu Tage mehr in den Abgrund ... jetzt guckt nur noch der Kopf darüber ... bald wird alles darin sein ... Der Marquis ist ein alter Narr, der sich seit fünfundzwanzig Jahren mehr Mühe gibt, sich zu Grunde zu richten, als andere, um sich Reichtümer zu erwerben ... Solange er noch dabei stehen blieb, neue Pflüge mit zwei Schneiden zu erfinden, mit denen man nicht ackern konnte, oder Dreschmaschinen, welche das Korn zu Brei machten, ging es noch an ... Aber eines schönen Tages setzte er es sich in den Kopf, hydraulischen Kalk zu produzieren. Und nun wurden denn auf allen Ecken und Enden des Gutes Bohrversuche vorgenommen, dann legte er eine Hütte an, und schließlich mußte er seine Güter hypothekarisch belasten, um die Kosten der Unternehmung zu bestreiten ... Kurz, es wäre für ihn besser gewesen, sich gleich in den Schacht des Steinbruches zu stürzen, welcher hundertundzwanzig Meter Tiefe hat ... Der gute Mann war so wenig imstande, ein derartiges Unternehmen zu leiten, wie ich ein Schiff zu steuern vermöchte ... Um die Sache in Gang zu bringen, hätte ein Schlaukopf sie in die Hand nehmen müssen, der war da, doch gerade dieser Schlaukopf hatte ein Interesse daran, daß sie schief gehen solle ...« Hier zwinkerte Fleury mit seinen schielenden Aeuglein und stieß ein leises Hohngelächter aus; dann fuhr er in seinen Erörterungen fort: »Herr Pascal, Ihr Vater ist ein Mann, dem man nicht widerstehen kann, und es wäre besser, mit dem Teufel auf schlechtem Fuße zu stehen, als mit ihm ... Heute weiß der Marquis, was er von ihm zu halten hat, und hat allen Grund, das Unrecht bitter zu bereuen, das er einst an Jean Carvayan begangen ...« Pascal richtete einen fragenden Blick auf seinen Begleiter. »O, Sie waren dazumal noch gar nicht auf der Welt ... Das gehört zur alten Geschichte ... Aber Ihr Vater versteht sich auf die Berechnung von Zinseszinsen ... Und er macht sich für alles bezahlt ...« »Aber wenn das Geschäft schlecht ist, weshalb alle die Anstalten, um sich seiner zu bemächtigen?« »Weil es vorzüglich werden könnte, wenn eine verständige Leitung es in die Hand bekäme. Der Kalk aus dem Steinbruche kann mit den besten Erzeugnissen Belgiens rivalisieren und übertrifft den von Senonches ... Der ganze Hügel von Clairefont bis Lisors enthält mächtige Lager von staunenswertem Reichtum ... Millionen liegen da droben eingebettet, und wir werden es verstehen, sie für uns herauszuholen ... Wir werden gegen eine mäßige Vergütung die Bewilligung erhalten, die der Gemeinde gehörigen Grundstücke gleichfalls ausnutzen zu dürfen, und noch in hundert Jahren wird es hier Mergel in Ueberfluß geben ... Ein großes Vermögen wird allen denen zufallen, die sich an dem Konsortium beteiligen, welches Ihr Vater gebildet hat ... Ja, ein großes, rasch und sicher erworbenes Vermögen!« Fleurys Antlitz strahlte vor Vergnügen. Er streckte beide Hände aus, wie um nach den Reichtümern zu greifen, die er in der Zukunft sah. »Es ist der Ruin des Marquis,« sagte Pascal. »O, vollständig,« entgegnete kalt der Schreiber. »Schon hat er den Betrieb einstellen müssen. Alle seine Güter sind verpfändet. Die gerichtliche Versteigerung zu Gunsten Ihres Vaters steht bevor, welcher durch die Vermittlung verschiedener Personen ihm sehr bedeutende Summen vorgestreckt hat. Ausgebeutelt ist der Marquis, ausgerungen wie ein nasses Linnen! ... Ja, fest sitzt er in der Klemme, der alte, hochnäsige Aristokrat!« »Hat Herr von Clairefont niemand um sich, der ihm raten und mit seiner Thätigkeit stützend zur Seite stehen könnte?« »Sein Sohn vielleicht, der schöne heftige Junker, den Sie soeben die Menschen wie Hunde behandeln sahen, wenn sie irgend ein Vergehen sich zu schulden kommen ließen? Woher sollte der die Ueberlegung nehmen, um seines Vaters Fehler zu verbessern, wenn er nicht Verstand genug hat, sich selbst zu leiten? Würde es sich um einen Schuß auf einen Eber handeln, oder um die Bändigung eines wilden Pferdes, hieße es, die Nacht bei einem Gelage in Saus und Braus zu verbringen, oder ein junges Mädchen zu necken, o, dazu würden Sie ihn zu jeder Zeit bereit finden. Aber verlangen Sie nicht, daß er sich mit irgend einer Kopfarbeit beschäftige; davon versteht er rein nichts. Ein Hirnschlag würde ihn treffen, wenn er nicht mehr im Freien leben könnte. Sehen Sie, so ist der einzige Mann, den es im Hause gibt, denn den Baron Croix-Mesnil kann ich nicht dazu rechnen, er kommt bloß zuweilen auf Besuch, da er sich um Fräulein Antoinette bewirbt.« Bei diesen Worten erbebte Pascal, als hätte er plötzlich einen Abgrund vor seinen Füßen erblickt. Sein Antlitz wurde bleich und mit veränderter Stimme stammelte er: »Der Baron ihr Verlobter?« »Jawohl, ein guter, junger Mann, Dragoner-Rittmeister aus der Garnison von Evreux, welcher seine Bewerbung schon seit zwei Jahren eifrig betreibt, aber ganz gewiß das Hasenpanier ergreifen wird, wenn er den Schwiegervater in der Patsche sieht ...« Pascal atmete erleichtert auf. Eine schmähliche Hoffnung schlich sich in sein Herz mit dem Gedanken, daß Antoinette einst verlassen sein könnte. Plötzlich sah er seine Sache mit der seines Vaters gemeinsam werden. Nur von dem Ruine des Marquis konnte er etwas für sich erhoffen. Antoinette ohne Vermögen trat ihm näher ... Pascal erschrak, als er den Wunsch, das Verhängnis möge sich erfüllen, in sich rege werden fühlte. »Habe ich eine solch schmutzige Seele?« fragte er sich. »Bin ich ebenso nichtswürdig wie Fleury, der mir ungerührt von dem Unglücke dieser Familie erzählt und es im voraus für seine Pläne berechnet? Wie? Sollte auch ich diesem entsetzlichen Komplott beitreten? Sollte ich mir das herrliche junge Mädchen durch Niedertracht zu erringen suchen?« Unwillig schüttelte er das Haupt, trat fester mit dem Fuße auf, und das Herz von kühner Hoffnung geschwellt, antwortete er auf die Frage, welche sein Gewissen eben an ihn gestellt: »Nein ... Durch Ehrlichkeit und Aufopferung will ich es versuchen ...« Zweites Kapitel. Derjenige, der sich erkühnt hatte, sich eine so hartnäckige, gefährliche Feindschaft wie die Jean Carvayans zuzuziehen, war heute ein Greis mit gefurchter Stirn, schneeweißem Haar, mit schwankendem Schritt und vom Alter gebeugtem Rücken. Einst hatte man ihn den schönen Clairefont genannt, und die Triebfeder jenes unversöhnlichen Hasses, gegen den er heute zu kämpfen, hatte, war ein alter Liebeshandel. Sein Geburtsjahr, 1816, sah die Restauration auf dem Höhepunkte ihrer Macht und ihres Glanzes. Sein Vater hatte mit dem Vermögen seiner Frau, einer reizenden Engländerin, die er während der Revolution, als Flüchtling im Auslande lebend, geheiratet, das väterliche Stammschloß zurückgekauft und ausgedehnte Ländereien erworben, welche ihm ein jährliches Einkommen von 120 000 Pfund sicherten. Der Gunst Ludwigs XVIII., mit welchem er während fünfundzwanzig Jahren Whist gespielt, indem er ihm überallhin in die Verbannung folgte, von Koblenz nach Verona, von Hartwell nach Paris, hatte er es zu verdanken, daß er zum Kammerherrn und Kommandeur des Ludwigsordens ernannt wurde. Gar viele von den Getreuen, welche in der Vendee vor den republikanischen Kanonenschlünden ihr Leben in die Schanze geschlagen, errangen sich durch ihren Heldenmut nicht so viel, als Herr von Clairefont durch seine Robber. Mit dreizehn Jahren erlebte Honoré den ersten Kummer: Er verlor seine Mutter. Er war untröstlich, doch sein Vater ließ ihm nicht lange Zeit dazu. Her Marquis war durchaus nicht der Mann, um einem unfruchtbaren Schmerze nachzuhängen. Er bewog den Sohn, seine Thränen zu trocknen, und um ihn zu zerstreuen, ließ er ihn als Page am Hofe Karls X. empfangen. Hier gefielen seine Anmut und Lebhaftigkeit, die Herzogin von Berry gewann ihn lieb und geruhte oft ihre schöne Hand durch die blonden Locken des Knaben gleiten zu lassen. Der Sohn schien demnach zu demselben glücklichen Geschicke erkoren, wie der Vater; schon erlernte er das Whistspiel, als die Revolution, die sich darin gefällt, die Karten der Völker und der Könige durcheinander zu mischen, Karl X. im Fluge nach Cherbourg brachte und ihn zwang, sich nach England einzuschiffen. Der Marquis, der im Exil seine Carriere gemacht, glaubte sich auch der jetzigen Trübsal nicht entziehen zu dürfen, von welcher er überdies wußte, daß sie im gegebenen Augenblicke glänzend belohnt zu werden pflegt. Er begleitete seinen Gebieter nach Görz und begann den Sohn in die Kunst einzuweihen, dem Unglücke den Hof zu machen. Diese neue Auswanderung, versüßt durch den Genuß eines sehr bedeutenden Vermögens, dauerte länger, als es der Marquis vorausgesehen. Der jüngere Zweig, wie ein Pfropfreis auf den französischen Thron gesetzt, trieb dort feste Wurzeln, und Honoré von Clairefont, der als Knabe den fremden Boden betreten, wuchs auf demselben heran und reifte zum Manne. In dem Maße, als er im Alter vorschritt, traten immer größere Charakterverschiedenheiten zwischen ihm und dem Marquis zu Tage. Der ehemalige Gefährte des Grafen von Provence war leichtlebig, skeptisch und begabt mit all den glänzenden Eigenschaften der ein wenig sittenlosen Zeit des achtzehnten Jahrhunderts; der Page des Grafen von Artois hingegen hatte ein ernstes Wesen und war begeistert von dem Nützlichkeitsprincipe der neuen Zeitströmung. Als sein Vater, der wie seine zeitgenössische Aristokratie wenig unterrichtet war, bemerkte, daß er sich mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftige, machte er sich über einen Studieneifer lustig, welchen er beklagenswert und pöbelhaft fand. »Welchem Berufe willst du dich denn widmen?« sagte er zu Honoré. »Willst du etwa Industrieller oder Kaufmann werden? Es gibt nur eine Wissenschaft, die einem Manne von deinem Range ziemt: es ist die, standesgemäß zu leben, und ich fürchte, daß diese gerade die einzige ist, welche dir abgeht. Es betrübt mich, zu sehen, daß du die Geschmacksrichtung eines armen Schluckers hast ... Du schadest deiner Stellung in der großen Welt und deinem Avancement ... Diese Sinnesart muß von seiten deiner Mutter auf dich übergegangen sein, welche einst in ihrer Familie Tuchwirker hatte ... es war das zu Zeiten dieses Schlingels von Cromwell ... Denn was die Clairefonts betrifft, die haben niemals etwas anderes gelernt, als den Degen zu führen und ihre Revenüen schicklich auszugeben ... Alles andere wußten sie schon durch ihre Geburt.« Diese Spöttereien bekehrten Honoré nicht, der in den wissenschaftlichen Studien Erholung von dem langweiligen Leben fand, welches er an dem trübseligen, verdrießlichen Hofe des entthronten Königs führen mußte. Für Physik und Chemie hatte er eine besondere Vorliebe gefaßt. Seine glücklichsten Stunden verbrachte er in einem zu einem Laboratorium umgewandelten Zimmer, in Gesellschaft eines gelehrten ehemaligen Professors von der Jenaer Universität, welchen er durch sein einnehmendes Wesen an sich zu fesseln verstanden hatte. Eines Morgens, als während eines Experimentes sich ein starker Knall vernehmen ließ, fragte ihn sein Vater ironisch, was es denn sei, das er mit so viel Gepolter erzeuge, und als Honoré, der den Marquis sehr fürchtete, stumm dastand, fuhr er fort: »Sollte es etwa ein Lebenselixir sein, wie es mein Freund, der Graf von Saint-Germain, zu besitzen vorgab, so wirst du gut thun, mein Bester, mir eine kleine Flasche davon zu geben, denn ich fühle mich seit einiger Zeit nicht ganz wohl.« Der junge Marquis erschrak und ließ den Leibarzt kommen, doch die sorgfältigste Pflege blieb erfolglos. Der Vater starb. Seine ganze Krankheit war ein Alter von achtzig Jahren. Kaum großjährig geworden, war Honoré nun völlig frei, sehr reich und des Lebens in der Fremde herzlich müde. Er wollte nicht länger in dem Salon eines armen, fast kindisch gewordenen Fürsten schmollen, und da es ihm gleichgültig war, wie Louis Philipp seine Rückkunft aufnehmen würde, so kehrte er nach Frankreich zurück und eilte, Schloß Clairefont wiederzusehen. Die heimatliche Luft machte ihn freudetrunken, und nun erst fühlte er sich wirklich jung und lebenslustig, was für ihn eine völlig neue Empfindung war. Frische Jugendkraft durchströmte ihn, er dachte weniger an die Retorten, das Laboratorium sah er selten und zuletzt beschloß er, die Wintermonate in Paris zu verbringen. Der Marquis war ein wenig zu früh gestorben. Wenn er gesehen hätte, wie ausgezeichnet sein Honoré es nun verstand, zu schmausen, zu spielen u. s. w., würde er sicherlich die tröstliche Ueberzeugung ins Jenseits mitgenommen haben, daß der Name der Clairefonts keinem Pedanten zugefallen war. Der junge Mann gehörte zum Jockeyklub, der gerade zu der Zeit ins Leben getreten war; er ließ seine Pferde rennen, verkehrte hinter den Coulissen der Oper, und als sein Einkommen zu dieser Lebensweise nicht hinreichte, griff er flott das Kapital an. Jeden Sommer, wahrend der Jagdzeit, verlebte er einige Monate auf Schloß Clairefont und verblüffte die Bewohner von Neuville durch den Reichtum seiner Equipagen und die Pracht seiner Empfangsabende. Die außerordentlichsten Gerüchte waren über die Feste verbreitet, welche der junge Schloßherr seinen Freunden gab. Man erzählte sich, daß bei einem Mahle achtzig Flaschen Champagner getrunken wurden und daß Damen in Männertracht den vom Schloßherrn veranstalteten Treibjagden beiwohnten. Eine von diesen Damen hatte sogar einmal, als sie nach einem Reh zielte, die Wade eines Treibers getroffen, und der Verwundete ward mit zweitausend Franken für seine Schmerzen entschädigt. Ein kleines Vermögen das! Seitdem träumten alle Bauern der Umgegend davon und schlichen unvorsichtigerweise an Jagdtagen im Walde umher, um vielleicht auch einen solchen Treffer zu erhaschen. Der Marquis Honoré war ein schöner junger Mann, von mittelgroßem Wüchse, blond, mit blauen, sehr sanften Augen. Wenn er seinen Jagdwagen durch das Städtchen lenkte und das Pflaster unter den Hufen der Pferde erzitterte, folgte ihm so mancher verstohlene Blick aus Frauenaugen. Viele Herzen schlugen insgeheim für ihn. Aber was war von einem solchen Lebemanne zu hoffen, von dem es hieß, daß er in Paris sich eines fabelhaften Liebesglückes erfreute, und mit denselben Blumenketten berühmte Schauspielerinnen und stolze, vornehme Damen gefesselt hielt? Inzwischen bereitete sich ein Ereignis vor, welches das größte Aufsehen im Städtchen erregen und einen bedeutenden Einfluß auf das Geschick des Marquis ausüben sollte. In der Rue du Marché neben dem öffentlichen Brunnen, dessen fortwährend überlaufendes Wasser die Mauern der Nachbarhäuser mit grünlichem Schimmel überzogen hatte, stand ein enges, niedriges Haus mit spitzem, schiefstehendem Giebel und grünen, in der Mitte mit Butzenscheiben geschmückten Schiebfenstern. Oberhalb der Thür stand auf einer schwarzen Tafel geschrieben: »Kleien, Hafer. Futterhändler Gatelier.« Der kleine Laden im Erdgeschosse war mit Getreidesäcken angefüllt; einem an der Wand angebrachten großen Fächerkasten, in welchem Getreideproben in Gläsern aufbewahrt wurden, entstieg ein muffiger Geruch. Diese feuchte, trübe Wohnung, wohin nie ein Lichtstrahl drang, erschien dem Marquis aber heute hell und leuchtend. Es war an einem Markttage; sein Wagen, durch einen Knäuel ins Stocken geratener Fuhrwerke aufgehalten, mußte stillhalten. Zerstreut warf er einen Blick auf das düstere Haus, und überrascht, geblendet blieb sein Auge darauf haften. An dem emporgezogenen Fenster saß, mit einer Stickerei beschäftigt, ein junges Mädchen, blond, wie eine Madonna von Raphael, mit durchsichtig weißer Gesichtsfarbe, zartem, träumerischem Munde, die blauen Augen von langen, braunen Wimpern beschattet, voll zarter, reizender Anmut, die ihm wie eine Blume erschien, welche ohne Licht und Sonne schmachtet. Die Karren, welche die Straße versperrt hielten, hatten sich entfernt, die Bauern, die unter großem Aufwande von Geschrei und kräftigen Handschlägen sich um die Verkaufspreise herumgestritten, waren in die benachbarte Schenke getreten, der Weg war frei, die Pferde des Marquis, welche kein Hindernis mehr vor sich sahen, schnaubten und stampften ungeduldig den Boden, und doch hielt der junge Marquis noch immer still, die Augen unverwandt auf das Fenster gerichtet, wo jene entzückende Schönheit strahlte. Er vergaß völlig, wo er sich befand, unbekümmert um die Klatschereien der Einwohner des Städtchens, blieb er in Bewunderung völlig versunken und empfand nur den einen Wunsch, abzusteigen, um sich derjenigen zu nähern, die auf den ersten Anblick einen solch tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Der schrille Ton einer Glocke, von dem Marktwächter in Bewegung gesetzt, schreckte ihn in höchst unangenehmer Weise aus seinem Entzücken empor. Mit verdrießlichem Blicke betrachtete er die schmutzige Straße, das alte, dunkle Haus und fragte sich, durch welche Schicksalsironie diese Perle in einen solchen Pfuhl kam. Plötzlich durchzuckte es ihn wie ein elektrischer Schlag. Ein Mann war aus dem Hause getreten, hatte sich an die Thürbrüstung gelehnt und ließ seine gelbschimmernden Augensterne mit herausforderndem Blicke auf dem jungen Marquis ruhen. Herr von Clairefont musterte von seinem Sitze aus den Kühnen. Er sah einen kleinen, mageren Mann mit schlauem Gesichtsausdruck, erhellt durch Augen von außergewöhnlicher Lebhaftigkeit. Wie ein Arbeiter gekleidet, trug er eine grauwollene Bluse und grüne, abgenutzte Samtbeinkleider. Im selben Augenblicke erhob das junge Mädchen den Kopf und bemerkte Honoré, der vor dem Hause hielt. Sie errötete, wendete sich ab, und mit scheinbar gleichgültiger Miene verließ sie ihren Sitz am Fenster und verschwand in dem Dunkel des Ladens. Der Marquis hörte, wie sie mit sanfter, wohlklingender Stimme sagte: »Carvayan, statt auf die Straße zu schauen, beendigen Sie lieber Ihre Arbeiten.« Der Gehilfe schüttelte die sonngebräunte Stirn, wie um peinliche Gedanken von sich zu weisen, und wendete noch einmal sein finsteres, drohendes Gesicht dem Marquis zu; dann trat er langsam in das Haus zurück, und knarrend fiel die Thür hinter ihm ins Schloß. Honoré gab den Pferden einen leichten Hieb, und sich zu seinem Diener wendend, welcher mit gekreuzten Armen ruhig auf dem Rücksitze saß, fragte er mit anscheinend unbefangener Miene: »Wer ist denn dieses hübsche Mädchen?« »Das ist die Tochter des Vaters Gatelier, Herr Marquis. O, sie ist in der ganzen Gegend gekannt, sie heißt Edile ... Aber meistens wird sie die schöne Kornhändlerin genannt ...« »Anständig?« »O, Herr Marquis, durchaus ehrenhaft ... Der Vater ist wohlhabend, und wenn sie etwas Ehrgeiz besitzt, wird sie mindestens einen städtischen Beamten heiraten können ...« »Und wer ist der Bursche mit dem Fuchsgesicht, der auf der Thürschwelle stand?« »Das ist Jean Carvayan, der Gehilfe ... Ein pfiffiger, tüchtiger Arbeiter, der das ganze Geschäft leitet, denn Vater Gatelier ist weit öfter im Wirtshaus, als in seinem Laden zu finden ...« Der Marquis nickte mit dem Kopfe, um zu bedeuten, daß er nun alles wisse, was ihm zu wissen beliebe, und der wohlgeschulte Lakai verfiel wieder in sein feierliches Schweigen. Die folgenden Tage erschien Honoré ebenfalls in der Rue du Marché. Er stieg zu Fuß den steilen Weg hinab, der von Clairefont nach Neuville führte, und mit Erstaunen sahen die Einwohner, wie er, den Spazierstock unter dem Arm, in Gedanken vertieft, daherkam. Das gab ein endloses Geschwätz. Aus welchem Grunde spazierte der Marquis in den schlecht gepflasterten Straßen umher, da er doch viel angenehmer auf dem weichen Boden der Parkalleen lustwandeln konnte? Für wen bemühte er sich dermaßen? Jean Carvayan wußte es gar wohl, er, der von der Höhe einer Dachluke aus die Wege und Wendungen des jungen Mannes beobachtete. Er hatte es von der ersten Minute an geahnt, daß dieser sein Augenmerk auf Edile gerichtet habe. Und damit hatte sich auch sofort ein wilder, unversöhnlicher Haß in seinem Herzen entzündet. Er fühlte sich gleichzeitig in seinem Vorteil bedroht, der darin bestand, der Nachfolger seines Herrn zu werden, und in seinem Glücke, welches für ihn in der Hand des reizenden, jungen Mädchens lag. Und diesen Plan, den er seit den zehn Jahren, welche er im Geschäfte des Vaters Gatelier verbrachte, sorgfältig gehegt hatte, sah Carvayan nun durch die Laune eines großen Herrn bedroht. Er erbleichte vor Wut, wenn er in den stillen Mittagsstunden, während deren die Leute der Hitze wegen zu Hause blieben, den festen, kühnen Schritt des Marquis auf dem Pflaster der Rue du March vernahm. Er träumte von schrecklicher Rache, und aus dem Heuboden auf die Straße hinunterspähend, ließ er seinen Feind nicht aus den Augen: der Gedanke stieg in ihm auf, daß ein von dem Giebel des alten Hauses sich losbröckelnder Stein leicht die Vorsehung spielen und mit einemmale der ganzen Geschichte ein Ende machen könne. Und mit erregter Hand begann er unverdrossen das Gemäuer zu lockern. Als eines Tages ein herabstürzendes Stückchen Kalk den Marquis an der Schulter streifte, erhob dieser den Kopf und gewahrte im Dunkel der Dachluke ein verzerrtes Gesicht, aus welchem ein Paar Augen blitzten, wie die eines im Hinterhalte liegenden Tigers. Honoré begriff die Gefahr, die ihm drohte, und seitdem wandelte er auf der anderen Seite der Straße, auf und nieder. Er hatte den Mann wiedererkannt, der schon vom ersten Tage an sich ihm als Widersacher entgegengestellt hatte. Er erkundigte sich über dessen Person und erfuhr, daß der Gehilfe Gateliers der Sohn eines spanischen Unteroffiziers sei, welcher im Jahre 1813 im Gefolge des Königs Joseph nach Frankreich gekommen war und Carvayal hieß. Der Josephiner hatte sich in Neuville niedergelassen und hier als Schreiber ein armseliges Dasein geführt. Carvayal Juan war im Munde der Landbevölkerung in Carvayan verwandelt worden, und dieser veränderte Name hatte den rechtmäßigen vollständig ersetzt. Doch wenn der junge Jean von seinem Vater einen französischen Namen erbte, so war es mit seinem Temperament und seinem Charakter nicht das Gleiche. Von hervorragender geistiger Begabung und verhältnismäßig wohl unterrichtet, verriet er seinen Ursprung durch seine Leidenschaftlichkeit, Heftigkeit und Rachsucht. Er war der Mann, jahrelang den richtigen Augenblick zu erwarten, um dann über seinen Gegner herzufallen und ihn ohne Gnade zu zermalmen. Mit sechzehn Jahren war er in das Geschäft Gateliers getreten und hatte bald in dem Getreidehandel eine mächtige Handhabe erblickt, um auf die Landbevölkerung einzuwirken. Ehrgeizig, wie er war, beschränkte er seine Wünsche keineswegs auf die Gründung eines großen Vermögens, sondern träumte davon, sich im Lande eine angesehene, bedeutende Stellung zu schaffen. Mit großer Geistesschärfe hatte er den gesellschaftlichen Umschwung, der sich in Frankreich vollziehen sollte, erkannt und die Herrschaft des Bürgertums vorausgesehen. Er wollte daher Bürger sein, reich werden und damit den ganzen Kreis in seine Hand bekommen. Der Marquis Honoré hatte keine Ahnung, auf welch furchtbaren Gegner er stoßen sollte. Das Kirchweihfest von Neuville, welches am St. Firminustage abgehalten wird, fiel in jenem Jahre auf den 25. September. In dem kleinen Städtchen bietet dieses Fest nicht nur Gelegenheit zum Vergnügen, sondern auch zu regem Geschäftsverkehr. Die reichen Grundbesitzer und die Pächter des ganzen Bezirks kommen zum Markte, welcher vier Tage dauert und während dessen sich ein bedeutender Handel mit Pferden, Rindvieh und Getreide entwickelt. Vater Gatelier hatte von jeher seine Wintervorräte auf dem St. Firminusmarkte eingekauft. Im Kaffeehause schloß er mit den Landwirten die Geschäfte ab, wobei er nicht vergaß, dem Gläschen fleißig zuzusprechen. Während dreier Tage wurde der Getreidehändler nicht nüchtern, und seltsam, je betrunkener er wurde, desto besser verstand er sich auf seinen Vorteil, und je öfter er den Mund öffnete, um ein Schlückchen passieren zulassen, desto fester schloß sich seine Börse. So hieß es auch scherzweise von ihm: Wenn Vater Gatelier im Nassen ist, sind die Verkäufer auf dem Trockenen. Am dritten Tage war er rund wie ein Faß, und seine Käufe waren abgeschlossen. Dann wurde er nach Hause gebracht, um in Ruhe die unzähligen Tassen Kaffee und die Gläschen Branntwein, die er zu sich genommen, auszuschlafen. Während die Alten den Geschäften nachgingen, waren die Jungen sehr eifrig bei ihren Vergnügungen. Unter einem riesigen Zelte, welches vor dem Rathause aufgeschlagen wurde, tummelten sich die Tänzer, und dieser Ballsaal wurde nie leer. Die ganze Bürgerschaft von Neuville kam herbei, und die benachbarten Großgrundbesitzer erschienen gleichfalls, um ihre Leutseligkeit den Pächtern gegenüber zu beweisen, deren Frauen und Töchter ein ganzes Jahr lang von diesem Feste träumten. Es war Sitte, daß die vornehmen Herren wenigstens einmal sich am Tanze beteiligten, und zitternd dachte Carvayan, daß der junge Marquis bei diesem Anlasse Edile zum Tanze auffordern und mit ihr sprechen könne, ohne daß er es zu verhindern imstande war. Zu seiner großen Ueberraschung ließ sich Honoré am ersten Festtage gar nicht im Ballsaale sehen; er verkehrte nur draußen mit den Pächtern, plauderte mit deren Töchtern, gab in den Marktbuden viel Geld aus und verteilte die gemachten Einkäufe unter die Kinder, die sich um ihn drängten, kurz, er war gegen alle äußerst liebenswürdig, hatte für jeden ein Lächeln. Hierauf zog er sich, eine heftige Migräne vorschützend, zeitig zurück. Edile lachte, tanzte und unterhielt sich mit so viel Unbefangenheit, daß Carvayan, von seinen bangen Ahnungen befreit, sich weiter keinen Zwang anthat und sich gleichfalls dem Vergnügen hingab. Er fing an zu glauben, daß das Ganze bloß eine Eintagslaune des Marquis gewesen und daß irgend eine neue Grille dieselbe verscheucht habe. Er faßte wieder Vertrauen, und neue Hoffnung beseelte ihn. Er selber mußte über sich lachen. Hatte er nicht schon seine ganze Zukunft bedroht, sein Glück verloren geglaubt? Nun fühlte er sich wie erlöst, und zeigte eine ungewohnte Heiterkeit. Am Sonntag beteiligte er sich an den Geschicklichkeitsspielen der jungen Leute mit dem leidenschaftlichen Eifer, der ihm eigen war und trug mehrere Preise davon. Der Marquis war nicht erschienen, es hieß, er sei krank. Während einiger Stunden fühlte Carvayan sich vollkommen glücklich und seine laute fröhliche Stimme übertönte alles. Er tanzte mit unermüdlichem Feuer und war der Tonangeber des Festes. Um Mitternacht, als die Unterhaltung am lebhaftesten war, suchte er Edile, um sie zum Tanze aufzufordern. Er fand sie nicht. Er ging hinaus und fragte bei allen Freunden des Vaters Gatelier nach ihr. Niemand hatte sie gesehen. Carvayans Knie begannen zu wanken, sein Blick umflorte sich, eine furchtbare Herzbeklemmung drohte ihn zu ersticken. Er hatte das Vorgefühl, daß er hintergangen sei und daß das Fernbleiben des Marquis nur ein Vorwand gewesen. Er eilte in das Kaffeehaus und fand seinen Prinzipal außer stande, zwei Schritte zu thun, geschweige denn einen Gedanken zu fassen. Alsdann stürzte er wieder auf die Gasse hinaus, weil ihm der Gedanke gekommen, daß Edile, müde geworden, sich vielleicht nach Hause begeben habe. Die Vorderseite lag im Dunkel, kein Licht strahlte aus dem Fenster des jungen Mädchens. Dennoch stieg er die Treppe hinauf, die dumpf unter seinen Füßen hallte, pochte an die Thür, erhielt jedoch keine Antwort. Einige Augenblicke stand er regungslos in dem schweigenden Dunkel, mit verwirrtem Sinne auf die heftigen Schläge seines Herzens horchend; dann fiel er, vernichtet von dem Gefühle seiner Ohnmacht, auf die Stufen nieder und weinte laut vor Wut und Herzeleid. So blieb er lange Zeit. Dann leuchtete ein Gedanke in seinem von Zorn verdunkelten Gehirn auf. Edile war vielleicht in Clairefont; vielleicht war es noch Zeit, sie dem Marquis zu entreißen. Rasch eilte er hinunter und folgte, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, dem Wege zum Schlosse. In einer Viertelstunde stieg er den steilen Hügel hinan, kam wie ein Besessener vor das Schloßthor, welches offenstand, und eilte in den Hof. Dort stand ein Wagen mit zwei kräftigen Pferden bespannt, gerade fiel der Schlag geräuschvoll zu, was ihm bis ans Herz drang, und als der Kutscher die Tiere in Gang setzen wollte, stürzte er vor. Im Dunkel des Wagens unterschied er zwei Gestalten, die eines Mannes und die einer Frau. Er stieß ein heiseres Brüllen aus, und heftig die Thür aufreißend, schrie er: »Edile!« Ein halberstickter Ausruf antwortete ihm: im selben Augenblicke aber faßte ihn eine nervige Hand beim Kragen und stieß ihn fort, während eine Stimme in befehlendem Tone rief: »Vorwärts!« Carvayan begriff, daß nun alles zu Ende ging, daß eine Sekunde genügen würde, um ihn und das Mädchen, welches er liebte, durch eine unüberschreitbare Kluft zu trennen. Da wagte er eine äußerste Anstrengung und warf sich den Pferden in die Zügel mit dem Angstschrei: »Edile, steigen Sie aus! ... Noch ist es Zeit! ... Ich lasse Sie nicht fort!« Die sich bäumenden Rosse schüttelten ungeduldig die Kinnkette ihres Stahlgebisses. Die nämliche Stimme wie vorhin rief nochmals zornbebend: »Macht ein Ende! Wenn er nicht ausweicht, haut ihm die Peitsche ins Gesicht.« Der Arm des Kutschers erhob sich. Ein Sausen, und Carvayan rollte, die Wange bluttriefend, die Brust von der Deichsel getroffen, zu Boden. Als er wieder zum Bewußtsein kam, war der Schloßhof finster und schweigsam, und auf der Straße nach Paris glänzten wie zwei Sterne die Laternen des Wagens, welcher Edile und ihren Verführer davontrug. Carvayan erhob sich, und mit schwer beklommenem Herzen und trockenen Augen stieg er wieder nach Neuville hinab und trat in das Haus der Rue du Marché, wo Vater Gatelier eben heimgebracht worden war. Er begab sich zu seinem Prinzipal, schüttelte ihn heftig, um ihn zu wecken, und schrie ihm ins Ohr, daß seine Tochter entflohen sei, entfuhrt von Herrn von Clairefont. »Entführt! Verstehen Sie mich?« brüllte er, indem er seine Finger in den Arm des alten Trunkenboldes bohrte. »Entführt, von dem Elenden!« ... »Ah, ah! Fortgeführt!« stammelte Gatelier, indessen Gehirn sich noch etliche Bruchstücke von Geschäftsgedanken herumtrieben. »Fortgeführt ... Aber du weißt doch, Carvayan, daß bei allen unseren Lieferungen die Fracht auf Kosten des Käufers geht!« Der Ladengehilfe ließ den Unglücklichen los, der alsbald in schweren Schlaf versank, während Carvayan in seine Kammer hinaufstieg und sich auf das Bett warf, verzehrt von Scham und Zorn. Die Entfernung Ediles, die alle Pläne Carvayans umstoßen zu müssen schien, hatte für diesen nur glückliche Folgen. Es gibt bevorzugte Wesen, denen alles zum guten ausschlägt, selbst das Unglück. Vater Gatelier, von seiner Tochter verlassen, fand in vermehrtem Trinken das einzige Linderungsmittel für seinen Kummer. Er verließ das Kaffeehaus nicht mehr, und von früh bis abends konnte man ihn mit leuchtenden Augen und schwerer Zunge an dem für ihn reservierten Tische sitzen sehen, umgeben von einem ganzen Berge von ihm geleerter Tassen und Glaser. Vollständig verkommen, kümmerte er sich gar nicht mehr um sein Geschäft, sprach niemals von seiner Tochter und überließ Carvayan die ganze Leitung des Hauses. In drei Jahren hatte sich dasselbe zu einer so bedeutenden Stellung emporgeschwungen, wie es sie niemals besessen, als noch Gatelier die Geschäfte hinter dem Glase abschloß. Carvayan, berechnend und kalt, thätig und pünktlich, wie er war, hatte damit begonnen, selbst den Bezirk zu bereisen, die Pächter zu besuchen und, wenn sie in Verlegenheit waren, ihnen Geld vorzustrecken, indem er die noch auf dem Felde stehende Ernte als Pfand annahm. So legte er den ersten Grund zu einer landwirtschaftlichen Bank, die ihm späterhin sowohl in finanzieller als in politischer Hinsicht sehr bedeutende Vorteile verschaffte. Zu Anfang des vierten Jahres starb Vater Gatelier. Alle, die mit ihm getrunken hatten, folgten dem Leichenzuge: es war eine große Menge. Seine Tochter, welche am Morgen des Begräbnistages angekommen war, stieg in der Rue du Marché ab. Sie erschien in der Kirche an der Seite Carvayans, schwarz gekleidet, das Gesicht verborgen hinter einem dichten Kreppschleier, welcher die Züge nicht unterscheiden ließ. Nach der Ceremonie kehrte sie in die Rue du Marché zurück und reiste noch am selben Abend ab, nachdem sie während des ganzen Tages mit Carvayan eingeschlossen geblieben. Am nächsten Morgen wurde der Zimmermaler von Neuville geholt, welcher den Auftrag erhielt, das alte Schild abzukratzen und statt des Namens Gatelier denjenigen Carvayans hinzusetzen. Auf diese Weise erfuhr das Städtchen, daß der Gehilfe der Chef des Hauses geworden und daß er das Geschäft seines Herrn zum Weiterführen übernommen hatte. Welches Uebereinkommen war zwischen Edile und dem Manne, der sie einst so sehr geliebt, abgeschlossen worden? Niemand erfuhr es je, doch ging das Gerücht, daß sie, vom Marquis getrennt, in guten Verhältnissen lebe. Sie entfernte sich, um niemals wieder zurückzukehren. Carvayan blieb eine Zeitlang bleich und traurig. Doch niemand wagte ihn zu befragen, so lebhaft erregt auch die öffentliche Neugierde war; aber dieses kleine, dürre, eckige Männchen besaß eine Art, den Zudringlichen ins Auge zu blicken, welche alle Vertraulichkeiten kurz abschnitt. Von diesem Tage an lebte Carvayan nurmehr für seinen Ehrgeiz und seine Rache. Der eine störte die andere durchaus nicht, im Gegenteil, sie hatten beide ein gemeinsames Ziel und der eine half dem anderen. Der Ehrgeiz stiebte danach, den Marquis von Clairefont, welcher ein bedeutendes Vermögen und den größten Einfluß im Lande besaß, zu stürzen und sich selbst an dessen Stelle zu setzen. Der Haß konnte sich für befriedigt halten, wenn dies doppelte Ziel erreicht war. Ein Mann, welcher im Leben eine einzige Idee mit Feuereifer verfolgt, ist unbezwinglich. Carvayan, mit seiner alles gebietenden Willenskraft und seiner unerschütterlichen Geduld, wußte alle seine Handlungen der langsamen und sicheren Vorbereitung für seine Rache unterzuordnen. Er wußte, daß das herbeizuführende Ergebnis lange Jahre vielleicht würde auf sich warten lassen. Aber er war entschlossen, den Boden so lange zu unterminieren, bis ein letzter Schlag den gänzlichen Zusammenbruch herbeiführen könne. Die Entfernung des Marquis hatte die Heftigkeit seiner Empfindungen keineswegs geschwächt. Er brauchte nur den Kopf zu erheben, um sich an das Geschehene zu erinnern. Ihm gegenüber auf dem Hügel konnte er zu jeder Zeit das weiße Schloß der Clairefonts erblicken. Dort war es, wohin er während der St. Firminusnacht mit keuchendem Atem gestürmt war, um sich Edile zurückzuholen. Angeführt, so vollständig angeführt, er, Carvayan, von dieser Puppe von Marquis! Nach zehn Jahren erbleichte er noch bei dieser Erinnerung vor Zorn und Demütigung. Von ferne folgte er dem Lebensgange Honorés und mit wilder Freude sah er, wie das Vermögen des Edelmannes in dem Maße sich verringerte, als das seine von Tag zu Tage wuchs. Der Marquis, der das lustige Leben bald satt hatte, war wieder zu seinem Steckenpferde, den wissenschaftlichen Experimenten zurückgekehrt. Er hatte bedeutende Kapitalien in verschiedene industrielle Unternehmungen gesteckt, welche aber nicht gelingen wollten. Sein Verstand war mehr lebhaft als scharf, faßte die Dinge in mehr kühner als zweckmäßiger Art auf. Er verrannte sich in eine Idee, verfolgte sie eifrig und liebevoll, und nach einer beträchtlichen Einbuße an Zeit und Geld ließ er sie im Stich, um sich wieder für eine andere zu begeistern. Carvanan, der von den kostspieligen Versuchen des Marquis stets aufs genaueste unterrichtet war, lachte bitter: »Ich werde gar nicht nötig haben, mich dreinzumischen, er selber wird sich zu Grunde richten.« Eines Tages verlautete im Städtchen eine Nachricht, welche Carvayan mit düsterer Freude erfüllte. Der Marquis war auf seine Besitzung zurückgekehrt. Man hatte den wappengeschmückten Wagen ankommen sehen, und ein Mann war demselben entstiegen, welcher kaum mehr der Schatten des glänzenden Kavaliers war, für welchen einst alle weiblichen Herzen in Neuville höher schlugen. Carvayan wollte sich mit eigenen Augen von der Anwesenheit des Verhaßten überzeugen. Er stieg den Pfad nach Clairefont hinauf, und von der Straße aus sah er die Fenster des Schlosses geöffnet. Lange Zeit blieb er am Rande der Terrasse stehen, in wilde Rachegedanken versunken, und als der Abend herankam, bemerkte er in der Ferne einen Mann langsam zwischen den Blumenbeeten auf und ab wandeln. Nur schwer konnte er Honoré wiedererkennen. Die ehemals schlanke Gestalt war beleibt, die Züge des feinen schönen Gesichtes verschwommen, die Haare dünn. Er war wohl noch der Edelmann von stolzer, schöner Haltung, aber er war nicht mehr der schöne Jüngling mit der frauenhaften Anmut, welche ihn ehemals so verführerisch gemacht. Carvayan folgte ihm mit seinen durchdringenden Blicken, und als er ihn bei einer Biegung der Allee verschwinden sah, erhob er den Arm drohend wider seinen Feind. »Du hast die Unklugheit begangen, dich in meinen Bereich zurückzuwagen ... Wohlan! Ich oder du!« Und langsamen Schrittes kehrte er wieder in das kleine, düstere Haus zurück, in welchem er vereinsamt seinen Haß zu immer hellerer Flamme schürte. Der Marquis schien es darauf abgesehen zu haben, die Bewohner von Neuville in Erstaunen zu setzen. Ein so geräuschvolles, tolles Dasein er einstens geführt, so zurückgezogen und arbeitsam lebte er nun. Mit nicht rastendem Fleiße bemühte er sich um die Hebung der Kultur auf seinen Feldern und in seinen Waldungen. Er schien darüber seine ganz eigenen Ansichten zu haben, denn er verwandelte einen großen Teil der Ackergründe in Weideland, errichtete eine Mustermolkerei und ließ inmitten des Hochwaldes eine Sägemühle aufstellen, für welche er die Stämme in den eigenen Forsten schlug. Man sah ihn sehr eifrig bei der Beaufsichtigung der Arbeiter, und niemals schien er glücklicher zu sein, als in ihrer Mitte. An der Säge brachte er Verbesserungen eigener Erfindung an und pflegte selbst Hand anzulegen, wenn irgend etwas nicht recht von statten gehen wollte. Die übrige Zeit verbrachte er in einem alten Turme, der mit Physikinstrumenten angefüllt war und in welchem sich auch ein Ofen zu chemischen Versuchen befand. Dort lebte er allein mit einem alten Diener und unter dem bunten Lichte, welches durch die alten, bemalten Fensterscheiben fiel, schien er ein zweiter Faust. Die außerordentlichsten Gerüchte waren über dieses geheimnisvolle Zimmer verbreitet. Man sagte, der Marquis verweigere dort jedem den Eintritt, weil er sich mit Zauberkünsten befasse. Zuweilen erglühten des Abends die Fenster des Turmes in phantastischen Lichtern, was von den Leuten im Thale stets mit Entsetzen wahrgenommen wurde. Der Marquis mußte unstreitig irgend ein Geheimmittel entdeckt haben, welches die Fruchtbarkeit seines Bodenbesitzes so sehr gesteigert hatte, denn seitdem er sich selbst mit dessen Nutzbarmachung beschäftigte, waren seine Ernten die ergiebigsten in der ganzen Gegend. Neidisch pflegten seine Pächter zu sagen: »Unser Gutsherr hat wohl das schönste Getreide und die reichste Heuernte, doch nur er selbst weiß, wie hoch ihm die zu stehen kommen. Seine Dungmittel sind nicht bekannt, aber teuer sind sie jedenfalls und vielleicht nicht ganz christlich. Lasset es nur gut sein ...« Die Bauern mit ihrem Hasse gegen alles Neue wollten nichts von dem Verfahren wissen, welches der Marquis anwendete, um solch erstaunliche Resultate zu erzielen; in ihrem Aberglauben zogen sie es vor, dies auf Rechnung eines übernatürlichen Vorganges zu setzen. Carvayan, der an Teufelsspuk nicht glaubte, war eifrig bemüht, die veränderte Lebensweise des Marquis für seine Zwecke auszubeuten. Auf seinen Fahrten durch alle Winkel des Bezirkes äußerte er sich zu den Landwirten: »Ei, ei! meine lieben Freunde, da habt ihr ja eine völlig unerwartete Konkurrenz bekommen ... Der Marquis betreibt Viehzucht, wie ich höre, und schickt Milch zum Markte ... Er hat eben die Mittel, um im großen zu arbeiten ... Wer weiß, wie es euch nun gehen wird, denn die Preise werden durch diesen großen Zuwachs bedeutend sinken ... Ihr wisset doch, Herr Honoré hat es nicht nötig und er wird noch dazu unter dem Preise verkaufen ...« Auf diese Weise legte er bei der Landbevölkerung die ersten Keime zur Unzufriedenheit. Bald hatte er an Tondeur, dem Holzhändler, einen treuen Verbündeten gewonnen, da dieser nicht ruhig zusehen konnte, daß der Marquis die hundertjährigen Eichen selbst fällen und sägen ließ und sie direkt den Schiffswerften zusendete. Das Kriegsroß, welches der verschmitzte Tondeur am liebsten tummelte, war die Dampfmaschine des Marquis. Ueber diesen Punkt erwies er sich unerschöpflich. »Wie, wir Unglücklichen, wir haben nur unsere Hände, um unser Brot damit zu verdienen, und nun kommt dieser reiche Kauz daher und unterdrückt die Arbeit, indem er Werkzeuge gebraucht, die ganz von selber gehen ... Der Tagelohn der Holzsäger, welcher früher drei Franken betrug, ist jetzt auf deren zwei herabgesetzt und ich finde für diesen Lohn Leute mehr denn genug ... Es gibt mehr Arbeiter als Arbeit ...« Die Erhaltung der Dampfsäge, mit Verbesserungen von der Erfindung des Marquis kostete zwar weit mehr, als sie einbrachte. Durch die Herabsetzung der Tagelöhne erreichte der Holzhändler somit das doppelte Resultat, daß er dem Marquis moralisch geschadet und zugleich ein gutes Geschäft gemacht hatte. Indessen war die Popularität des Schloßherrn trotz all der Umtriebe Carvayans und seiner Clique eine sehr feste, und das begonnene Zerstörungswerk ließ sich nicht an einem Tage zu Ende führen. Bei den Deputiertenwahlen im Jahre 1847 hatte der Marquis, welcher, von dem royalistischen Komitee gestützt, als Kandidat aufgetreten war, mit starker Majorität gegen Zéphyre Dumontier, den reichen Müller, gesiegt, der die republikanische Partei vertreten hatte. Die Wahlschlacht war eine sehr heiße gewesen, und Carvayan war so energisch zu Gunsten des Gegners von Honoré aufgetreten, daß die Tochter des Müllers sich davon tief gerührt fühlte. Was der junge Mann aus Haß gegen den Marquis gethan, das sah sie als eine Liebeskundgebung für sich selbst an. Carvayan war viel zu praktisch, um aus dieser Einbildung des reichen Fräuleins keinen Nutzen zu ziehen. Sechs Monate später heiratete er sie mit hunderttausend Franken Mitgift. Im nächsten Jahre vermählte sich der Marquis gleichfalls. Im Gegensatze zu seinem Vater, der eine Geldheirat geschlossen, ging er eine Ehe aus Liebe ein. Er verband sich mit der jüngsten Tochter des Baron von Saint-Maurice, seines Gutsnachbarn, eines alten Edelmannes mit großen Manieren und kleinem Vermögen, der auf seinen Adel gar sehr erpicht war und seinen Standesstolz auf seine älteste Tochter, Fräulein Isabella, vererbte. Die junge Marquise, eine sanfte, schlichte Natur, schenkte ihrem Gatten zwei Kinder, Robert und Antoinette; sie war während ihrer nur zu kurzen Lebensdauer der gute Engel der Familie, und als sie mit fünfunddreißig Jahren von dannen ging, nahm sie alle Klugheit des Hauses mit sich. Der Marquis gab sich fortan seiner Erfindungssucht hin, die mit dem Alter immer hartnäckiger und kostspieliger wurde. Robert war dreizehn und Antoinette zehn Jahre alt, als sie ihre Mutter verloren. Deren Stelle vertrat fortan bei den Kindern ein Vater, dessen ganzes Sinnen und Trachten bei wissenschaftlichen Hirngespinsten weilte, und eine Tante, ein altes Mädchen, welches durch die Ehelosigkeit sich ein männliches Wesen angeeignet hatte und um fünfzig Jahre hinter dem Zeitgeiste zurück war. Fräulein Isabella hatte das kleine, der Familie Saint-Maurice gehörige Schlößchen verlassen und war nach Clairefont gekommen, um die Leitung des Hauswesens zu übernehmen. Und während ihr Schwager sein Leben damit hinbrachte, Erfindungen zu ersinnen, die in der Theorie bewundernswert waren, in der Anwendung aber stets als trügerisch sich erwiesen, unterrichtete sie ihre junge Nichte im Reiten und hielt im Parke Schießübungen mit ihrem Neffen, wobei sie mit ihrer entschiedenen Redeweise, ihren derben Grundsätzen und ihrer naturwüchsigen Laune alle Welt in Erstaunen setzte. Im Grunde war sie die ehrbarste Frau der Welt, dabei von einer Unwissenheit und leicht verletzten Empfindlichkeit, die jedem alten Bärenbeißer zur Ehre gereicht hätten. Ihr Kinn zierte ein kleines Bärtchen, und wenn jemand sich vergaß und sie mit »Frau« statt »Fräulein« anredete, wäre sie beinahe imstande gewesen, ihm die Ohren zu schütteln. Niemals entströmten einem menschlichen Munde mehr Sprachwidrigkeiten. Sie sagte glattweg: »Mein Neffe reitet wie ein ›Bucentaurus‹«. Der Marquis versuchte dann wohl ihren Irrtum zu berichtigen und ihr den Unterschied zwischen einem Roßmenschen und der prächtigen Galeere des Dogen von Venedig begreiflich zu machen, sie aber entgegnete erzürnt: »Ich bitte Sie, mein Bester, lassen Sie mich in Ruh' mit Ihren ›Mischmaschs ... Jeder spricht auf seine Weise, und ich bin keineswegs sicher, ob gerade die Ihrige die richtige ist. Die Hauptsache ist, daß man mich versteht, und bis heute haben Ihr Sohn und Ihre Tochter immer noch sehr wohl gewußt, was ich ihnen sagen wollte. Und außerdem gute Nacht! Unsere Väter wußten nicht so viel, und doch standen zu ihren Zeiten die Sachen viel besser, während das heutzutage ein wahres ›Kapernaum ist.« Tante Isabella hatte auf die Charakterbildung ihres Neffen Robert einen verhängnisvollen Einfluß geübt. Sie hatte den jungen Grafen von seiner Kindheit an mit ihrer, wenn auch gut gemeinten, doch derben Zärtlichkeit behandelt und ihm die Meinung beigebracht, daß die Welt bloß zum Privatvergnügen der Clairefonts und der Saint-Maurices geschaffen worden, und daß die übrigen lebenden Wesen, welche sich noch auf der Erdoberfläche zeigten, die demütigen Diener der beiden adligen Familien seien. Robert, ein schöner, liebenswürdiger Junge, mit von Gesundheit strotzender Gesichtsfarbe, begabt mit einer erstaunlichen Geistesträgheit und einer ebenso wunderbaren körperlichen Regsamkeit, machte der Erziehung, die ihm Tante Isabella gegeben, alle Ehre. Er war der kühnste Schütze, der tapferste Trinker, der keckste Mädchenjäger des ganzen Bezirkes. Es lag etwas von der männlichen, rohen Gewalt des Mittelalters in ihm, und mit Stolz sagte das alte Fräulein von Saint-Maurice zu ihrem Schwager, wenn dieser sich über Mangel an Fleiß und über das ungestüme Wesen Roberts beklagte: »Ja, Sie können den Jungen nicht begreifen, Sie sind eben ein Clairefont von heute, und er ist ein Clairefont von ehemals.« Antoinette hingegen war trotz der zügellosen Unterrichtsmethode der Tante Isabella ein sehr liebenswürdiges, einfaches und modernes Mädchen geworden. Sie kehrte in ihrem Benehmen keineswegs die Marquise hervor und war ebenso ruhig und sanft, wie ihr Bruder lebhaft und ungestüm. Durch vieles Lesen hatte sie sich ziemliche Kenntnisse erworben, ohne dabei die körperlichen Uebungen zu vernachlässigen, welche die alte Tante von Saint-Maurice so leidenschaftlich liebte. Sie war von hohem Wuchse, und wundervoll gebaut. Ihr volles Gesicht, mit dem frischen rosigen Teint, war von glänzenden schwarzen Augen erleuchtet, ihre zarten Lippen ließen beim Sprechen kleine weiße Zähne erblicken. Dazu hatte sie die schönsten Hände und Füße. Der gewöhnliche Ausdruck ihres Gesichtes war heiter und wohlwollend. Man fühlte, daß sie seelengut sei und sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreue. Für ihren Vater hegte sie eine schwärmerische Verehrung, sie verzog ihn wie ein wahres Kind. Sie war die einzige im Hause, die seinen wissenschaftlichen Liebhabereien Aufmerksamkeit schenkte. Sie bemühte sich, dieselben begreifen zu lernen, und wo ihr dies nicht gelang, bewunderte sie dieselben mit gläubigem Vertrauen. Sie kopierte seine Modelle, und untermalte dieselben mit Wasserfarben. Dann war Herr von Clairefont auf dem Gipfel seines Glückes, denn die rührende Bewunderung, die er in den Augen seiner Tochter las, war für ihn der süßeste Triumph. Leider war dies auch sein einziger. Einen unglücklicheren Erfinder hat es wohl nie gegeben. Der Marquis, dessen fruchtbares Gehirn so vielfältige Erfindungen kombinierte, vermochte niemals auch nur eine derselben nützlich anzuwenden. Immer war es das Gebiet der Landwirtschaft, auf welchem er seine kühne, ersprießliche Thätigkeit entfaltete. Kühn war dieselbe in der That, manche meinten sogar verrückt, aber ersprießlich blieb dieselbe bloß für die Kaufleute, welche ihm die Maschinen, das Material, die chemischen Produkte und die sonstigen höchst kostspieligen Bestandteile zu seinen Versuchen lieferten. Tante Isabella sprach sich über diese vernünftig scheinende fixe Idee ihres Schwagers sehr frei aus. Sie sagte zu ihm: »Sie sind nur ein halber Narr, nicht verrückt genug, daß man das Recht hätte, Sie einzusperren, und doch nicht verständig genug, um Sie in Freiheit zu lassen ... Mit allen Ihren ›Machinationen verzehren Sie Ihr Vermögen, und wenn alles dahin sein wird, so werden weder Sie noch ich imstande sein, ein neues herzuschaffen ... Ja, ehemals, da wäre Ihnen mit einem kleinen, königlichen Kabinettsbefehl sofort geholfen gewesen ... Aber heutzutage ... Da kann sich auch unsereins zum Teufel scheren ...« Der Marquis lachte über diese Einfälle der streitfertigen alten Dame und begnügte sich mit der Entgegnung: »Beruhigen Sie sich, liebe Schwägerin, vielleicht schon in den nächsten Tagen werde ich gefunden haben, was ich suche, und Sie sollen mich ein Vermögen erwerben sehen, um welches mich die größten Industriellen beneiden werden; denn ich werde mir Reichtum und Ruf mit einem Schlage erringen.« »Nun, dann wird man sagen: ›Clairefont, Kaufmann oder Fabrikant ... Schöner Ruhm das, in der That! Als Sie meine Schwester heirateten, hatten Sie noch achtzigtausend Franken Revenüen ... das war weitaus genug, um bequem zu leben! ... Und darauf hätten Sie sitzen bleiben sollen, wie eine Henne über ihren Eiern, um sie sich zu bewahren und Ihre Kinder damit auszustatten ... Aber Sie ziehen es vor, die Wissenschaft auszustatten mit neuen Errungenschaften, und lassen sich von Betrügern anführen, welche Ihnen dummes Zeug, das keine vier Sous wert ist, um schweres Geld verkaufen ... Sie denken niemals an die Zukunft ... und das ist ein großes Unrecht ... denn Sie haben Feinde und Sie kennen das Sprichwort: Wer die Rechnung ohne den Wert macht ...« »Ohne den Wirt, liebe Schwägerin,« berichtigte sanft Honoré, und sein bereits völlig ergrautes Haupt schüttelnd, stieg er wieder in seinen Turm hinauf, wo er sich mit köstlicher Sorglosigkeit in die Probleme vertiefte, welche seine Lebensfreude bildeten und die ihm, wie er hoffte, in Zukunft Schätze bringen sollten. Jedoch ungeachtet der Sorgen, welche die zunehmende Verschlechterung der finanziellen Lage des Marquis seiner Umgebung verursachte, waren die Schloßbewohner von Clairefont glücklich. Nicht so verhielt es sich im Hause Carvayans, trotzdem seine Stellung und sein Einfluß im Lande zu immer größerer Bedeutung gelangten und seine Reichtümer sich insgeheim stetig vermehrten. Noch zehn Jahre später war das kleine Haus in der Rue du Marché in demselben Zustande, als da Vater Gatelier es noch bewohnte. Carvayan hatte sich hier seinen Haushalt eingerichtet und lebte bescheiden und arbeitsam. Die reiche Müllerstochter, welche gar bald ihre Illusionen verloren und erkannt hatte, daß ihr Gatte sie nur ihres Geldes wegen geheiratet, hatte im stillen manch bittere Thräne der Enttäuschung geweint. Ihre einzige Freude war die Liebe zu ihrem Kinde, dem sie sich mit leidenschaftlicher Hingebung widmete. Der kleine Pascal war ihr ganzes Leben, ihre Gegenwart und ihre Zukunft. Sie vergaß ihr Leid, wenn sie ihn lächeln sah, und der Gedanke, daß das Kind eines Tages sehr reich sein werde, ließ sie willig die an Geiz grenzende Sparsamkeit Carvayans ertragen. In diesem alten, niedrigen, engen und düsteren Hause wuchs Pascal heran, in bebender Furcht vor seinem Vater, dem strengen Manne mit dem dunklen Teint, der großen, spitzigen Nase, den klaren, runden Augen, die gelblich schimmerten wie Goldstücke. Neben dieser drohenden Gestalt sah er das bleiche, traurige Antlitz seiner Mutter, deren milder Blick die Seele des Kindes erwärmte und deren zärtliche Worte seinen Geist erhellten. Mutter und Sohn lebten zurückgezogen und einsam in einem Zimmer mit dunklem Holzgetäfel und nur einem Fenster, in welchem Levkojen und Nelken in einem Holzkasten blühten. Vor diesem Fenster, dem einzigen heiteren Plätzchen der düsteren Wohnung, spielte der kleine Pascal, so daß seine Mutter ihre Lieblinge, Kind und Blumen, stets vor Augen hatte. Carvayan erschien bloß während der Mahlzeiten. Wenn er nicht auf der Landstraße umherfuhr, so saß er in seinem Kabinett im Erdgeschoß; dorthin kamen an Markttagen die in Geldverlegenheit geratenen Landwirte behufs einer Anleihe und brachten an ihren groben Schuhen Proben von dem Straßenschmutze aller Gemeinden des Bezirkes mit. Der schwere Thürklopfer, von ungeduldiger Hand in Bewegung gesetzt, tönte mit dumpfem Klange durch das Vorhaus, und der schleppende Schritt der Magd, welche zum Oeffnen herbeikam, glitt über den Steinboden. Zuweilen drangen laut und zornig gesprochene Worte, welche alsbald von der harten, schneidigen Stimme Carvayans übertönt wurden, bis hinauf in den ersten Stock, dann hörte man die Thüren heftig zuschlagen. Neugierig steckte sodann Pascal den Kopf zwischen zwei Blumentöpfen zum Fenster hinaus und blickte dem Besucher nach, welcher sich die Straße entlang entfernte, mit gesenktem Kopfe und gebeugten Schultern, wie gebrochen. Manchmal wendete sich der Mann, an der Ecke der Straße angelangt, nochmals um, mit zornigem Gesicht und drohend geballter Faust. Einmal war es sogar vorgekommen, daß ein Bauer, kaum aus dem Hause getreten, dicht vor demselben mit lauter Stimme gerufen hatte: »Du hast meine Wiesen, du hast meine Felder, willst du nun auch noch meine Haut, elender Wucherer?« Der Knabe, welcher damals sieben Jahre zählte, blieb lange sinnend am Fenster. Er fühlte, daß es eine Beschimpfung gewesen, die man an seinen Vater gerichtet, ihre Bedeutung aber verstand er nicht. Lange Zeit behielt er dieses Wort tief in sein Gedächtnis eingeprägt, wendete es in seinem Kinderköpfchen hin und her und versuchte den Sinn desselben zu ergründen. In seiner erregten Einbildungskraft malte er sich von einem Wucherer ein fürchterliches Bild aus. Er stellte sich einen solchen unter der Gestalt eines jener schwarzen, wilden Riesen vor, welche in den Feenmärchen die Unschuldigen und Schwachen bedrücken. Nachts träumte er davon und erblickte das schreckliche Ungeheuer mit den Zügen seines Vaters. Eines Tages vermochte er nicht sich länger zurückzuhalten, und nach langem Zögern wagte er es endlich, die Mutter zu fragen: »Was ist denn das, ein Wucherer?« Unter dem hellen Blicke ihres Kindes erbleichte die arme Frau. Sie schwieg einen Augenblick, dann erwiderte sie: »Wie kommst du zu dieser Frage?« Pascal erzählte den Vorgang, wie er ihn mit angehört; Frau Carvayan blickte einige Minuten mit geneigtem Haupte sinnend zu Boden und entgegnete hierauf: »Wiederhole niemals wieder dieses Wort, mein liebes Kind ... Die Menschen, welche nicht glücklich sind, werden gar leicht ungerecht ... Jener Mann ging wahrscheinlich von hier weg, ohne das erhalten zu haben, worauf er hoffte, und nun siehst du, macht ihn sein Mißgeschick gegen deinen Vater zornig ... Aber sei versichert, wenn Carvayan in Geschäften auch zuweilen hart ist, so ist er doch ein Mann von peinlichster Ehrenhaftigkeit ... Und er ist dein Vater, du mußt ihn achten und lieben ...« Und dabei zitterte ihre Stimme und Thränen stiegen in ihre Augen. Dieser Auftritt blieb in der Erinnerung des Kindes für immer haften, aber viele Jahre später gelangte Pascal erst zum Verständnis der fürchterlichen Bedeutung desselben. Der erbarmungslose Kampf, welchen sein Vater gegen den Marquis von Clairefont führte, war seiner Kindheit gänzlich unbekannt geblieben. Die verschlossene Seele Carvayans ließ ihre Geheimnisse nicht durchblicken. Niemals hatte er jemand seine Rachepläne vertraut, still und verborgen arbeitete er an deren Verwirklichung. Man kannte das Ziel nicht, nach welchem er lange Jahre hindurch mit der Geduld einer Spinne strebte, die ihr tödliches Netz webt. Man sah bloß die Mittel, die er gebrauchte, und die waren freilich dazu angethan, Bangen einzuflößen. Pascal hatte seine Studien auf dem Gymnasium zu Evreux begonnen. Später, als Carvayan größere Reichtümer anhäufte, war ihm der Unterricht in der Provinz nicht mehr genügend erschienen, und er schickte daher seinen künftigen Erben nach Paris. Dort studierte Pascal die Rechte, bestand glücklich das Examen und kehrte als Referendar nach Neuville zurück. Er war nun ein Mann geworden, und sein klarer Verstand befähigte ihn zu einer richtigen Beurteilung der Vorgänge um ihn her. Nichts in dem alten Hause schien ihm verändert. Es war noch immer niedrig und düster, noch immer gab es dort dasselbe Kommen und Gehen, welches auf dem Boden die gewohnten Schmutzspuren zurückließ und die alten Räume mit dem Gesumme streitender Stimmen erfüllte. Verleiher und Entlehner waren gealtert, aber die Geldgeschäfte wurden noch in der gleichen Weise betrieben. Die Gesichter der Fortgehenden bebten noch immer vor Zorn und ihr Mund verzog sich, um ein Wort herauszuschleudern, das man aber jetzt zurückzuhalten sich bemühte, denn Jean Carvayan war ein Mann geworden, mit dem man behutsam umgehen mußte. Und dieses Wort war dasselbe, welches man ihm in der Vergangenheit zugerufen und das ihn sein lebenlang begleiten sollte: Wucherer. Auch die Lebensweise Carvayans war die gleiche geblieben. Die ganze Dienerschaft des Hauses bestand aus einer Magd, welche wie ein Pferd arbeitete. Frau Carvayan lebte noch immer still und traurig in ihrem Zimmer wie vor der Abreise Pascals. Nur ihr Haar war inzwischen grau geworden. Die Heimkehr des Sohnes erfüllte sie mit lebhafter Freude, doch war diese nur von kurzer Dauer. Von den ersten Tagen an stand es fest, daß ein gutes Einvernehmen zwischen Pascal und seinem Vater für die Dauer nicht zu erwarten sei. Und wer Carvayan kannte, wußte, welch gewaltige Stürme nun über das stille Haus ziehen würden. Nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden, die er den mütterlichen Herzensergießungen gönnte, ließ das Familienoberhaupt seinen Erben in das Kabinett im Erdgeschosse rufen. Pascal traf ihn dort mit langsamen Schritten auf und ab wandelnd. »Mein Sohn,« begann der Vater, indem er plötzlich stehen blieb, »du bist nun wieder in mein Haus zurückgekehrt, und ich bin froh, dich in meiner Nähe zu haben. Du hast deine Studien in sehr guter Weise vollendet, und alles läßt darauf schließen, daß du kein Tölpel bist ... Du bist nun Advokat und wir haben hier einen Gerichtshof ... Die hiesigen Sachwalter sind Esel ... Es wird dir also keine Mühe kosten, dich ihnen überlegen zu zeigen. Ich bin in der Lage, dir binnen kurzem eine sehr schöne Praxis zu verschaffen ... Bist du einverstanden, diese Laufbahn zu betreten?« Und als Pascal, ohne zu antworten, den Kopf neigte, fuhr er fort: »Ja? Nun dann wirst du alsbald um deine Eintragung bei der Advokatenkammer von Neuville ansuchen, und für den Anfang könntest du diese Rechtssachen hier übernehmen ...« Hierauf langte er von seinem Schreibtische mehrere Aktenstöße herab, belud damit die Arme seines Sohnes, und, ihm freundschaftlich auf die Schultern klopfend, sagte er: »Du kannst dich mir sehr nützlich machen, wenn du die Geschichten verstehen willst, und ich werde dir viel Geld zu verdienen geben.« Pascal verblieb während des ganzen Tages auf seinem Zimmer und vertiefte sich in das Studium der ihm übergebenen Dokumente. Bald genug war er über dieselben im klaren. Das, was sein Vater Geschichten nannte, war die Kunst, seine Mitmenschen mit staunenswerter Geschicklichkeit auszubeuten. Und all dies spielte sich in den gesetzlichen Bahnen ab. Für die schwierigen Fälle gab es Zwischenpersonen, welche die Verantwortung auf sich nahmen und Carvayan den Nutzen ließen. Nie kam sein Name ins Spiel, immer hieß es, daß man ihm die Schuldforderung überlassen habe und daß er der letzte Inhaber derselben sei. Die ganze Manipulation des Strohmännersystems zog an den verblüfften Augen Pascals vorüber. An diesem einen Tage lernte er seinen Vater gründlich kennen, und unwiderruflich verurteilen. Träumend, mit geneigtem Haupte saß er vor dem Aktenplunder, welcher ihm soeben mit einem Male die Wahrheit enthüllt hatte. Die ganze plötzlich erweckte Vergangenheit erschien vor ihm. Er erinnerte sich der Unglücklichen, welche mit der Miene halb erwürgter Opfer das kleine Haus verließen. Er vernahm den Wortwechsel, aus welchem heftige Reden laut wurden; er sah die verzerrten Gesichter wieder und die Fäuste, die sich gegen das väterliche Dach zornig ballten, und in seinem Ohre tönte noch das schimpfliche Wort: Wucherer! Er war also der Sohn eines solchen Menschen, er, in dessen Busen sich alle edlen, großmütigen Gefühle flammend regten, er, der das Gute, das Wahre, das Schöne mit Begeisterung liebte? Sollte er nun der Helfershelfer seines Vaters werden? Sollte er mit der Würde seiner Stellung ihn decken, mit seiner Beredsamkeit ihn verteidigen und die Macht seines Wissens zu dem niedrigen Werke der Beraubung der Schwachen mißbrauchen? ... Nein! Niemals! ... Er erhob sich, und erbleichend bei dem Gedanken, daß er es werde wagen müssen, die ihm von seinem Vater übertragene Aufgabe zurückzuweisen, öffnete er das Fenster, um sich an der frischen Abendluft die fieberheiße Stirn zu kühlen. Die Nacht war hereingebrochen, schweigend lagen die öden Straßen des Städtchens da. Noch leuchtete von den letzten Strahlen der am Horizonte untergegangenen Sonne der Himmel in purpurfarbenem Glanze. Aus der Ferne klang leiser, wehmütiger Glockenton herüber, und Pascal schien es, als läute das Totenglöckchen seiner Ehrbarkeit. Nun war es für ihn zu Ende mit seiner Jugend, mit seiner Lebensfreude ... niemals glaubte er wieder einen glücklichen Augenblick finden zu können ... Eisigkalt wurde es in seinem Herzen, und im tiefsten Inneren getroffen, weinte er schwere, bittere Thränen. Die Stimme der Magd entriß ihn seinen schweren Gedanken: »Herr Pascal, man erwartet Sie zum Essen ...« Nun sollte er seinem Vater entgegentreten. Ein Zittern durchfuhr ihn bei diesem Gedanken. Doch es mußte geschehen. Er ging in das Speisezimmer hinab, wo seine Eltern bereits am Tische saßen, auf welchem die Suppe dampfte. Seine niedergeschlagene Miene fiel der Mutter auf, sie sah ihn fragend und besorgt an. Carvayan rieb sich vergnügt die Hände und lachte. »Dem Jungen sieht man an, daß er tüchtig gearbeitet hat ... So ist's recht! ... Essen wir! ...« Das Mahl wurde schweigend eingenommen. Während desselben erwog Pascal nochmals seine Absicht. Frau Carvayan hielt traurig das Haupt gesenkt voll trüber Ahnungen. Carvayan aß mit hastiger Gier. Nach dem Essen sagte er zu seiner Frau in einem Tone, der keine Entgegnung zuließ: »Du kannst nun auf dein Zimmer gehen, meine Liebe, Pascal und ich haben miteinander zu reden ...« Sodann führte er den jungen Mann in sein Kabinett, ließ sich vor dem Schreibtische nieder, und mit durchdringendem Blicke und scharfer Stimme fragte er: »Nun?« Kein Zögern, keine Umschweife, kein unnützes Reden; er ging wie immer gerade auf das Ziel los. Und so mußte ihm auch auf dies schreckliche »Nun?«, welches so viele Stürme in sich barg, ohne Ausflüchte geantwortet werden. Pascal nahm all seinen Mut zusammen, und mit trockenem Munde und unsicherer Stimme erwiderte er: »Nun, lieber Vater, um die Wahrheit zu sagen, diese Geschäfte erscheinen mir sehr kläglich ... Ich habe sie gründlich studiert ... Wenn man auf der gewaltsamen Eintreibung besteht, so muß man mit Recht in Verruf kommen; falls ich mir erlauben dürfte, dir einen Rat zu geben, so wäre es der, sich auf gütlichem Wege zu einigen, um eine öffentliche Verhandlung zu vermeiden ...« Carvayan antwortete nicht sofort; seine Gesichtszüge wurden so hart, daß sie wie in Stein geschnitten schienen, und mit einem ironischen Zischen erhob er sich langsam. »Aber, mein Sohn, ich habe ja Geld vorgestreckt ... Ich muß doch meine Auslagen zurückerhalten ... Ich brauche wahrhaftig das Licht nicht zu scheuen ... jeden Augenblick sehe ich mich in die Notwendigkeit versetzt, Schuldner pfänden zu lassen, welche ihren Verpflichtungen nicht nachkommen ... Diese Dickschädel von Bauern haben eine wahre Sucht, mehr Geld zu entlehnen, als sie bezahlen können ... Die, welche keinen Grundbesitz haben, geben mir ihre Ernten als Pfand ... Und das, mein Bester, ist ja der landwirtschaftliche Kredit ... Ohne mich könnten sie den Pachtzins nicht bezahlen ... Glaubst du etwa, daß ich ihnen mein Geld schenken soll? ... Potztausend, ich bin doch schließlich kein Philanthrop, ich bin ein Geschäftsmann ... Nach Ablauf des Termines muß ich entweder Gelder oder Geldeswert haben ... Aber du lässest mich reden und stehst da wie ein neugeborenes Kind ... Du verstehst die Frage ebensogut als ich! ... Sieh doch, du darfst die Dinge nicht theoretisch, nicht mit deinen Schulansichten beurteilen ... Du mußt dir die praktische Seite ansehen ... Und willst du das Ende vom Liede wissen? ... Nun so höre, daß diese Schlingel, welche dich zum Mitleid rühren, mich hintergehen ... Und bei diesen Geschäften, welche dich erschrecken, bin ich es schließlich, der sein Geld verliert!« Diese Worte wurden mit einem so bewundernswürdigen Ausdrucke von Ueberzeugung hingeschleudert, daß Pascal unmöglich etwas dagegen einzuwenden vermochte ... Carvayan war es, den man übervorteilte! ... Er war das Opfer, und seine Schuldner beschwindelten ihn! ... Der Banquier machte noch einige Schritte, dann stellte er sich seinem Sohne gegenüber und suchte ihm bis auf den Grund der Seele zu blicken. »Kurzum, willst du dich meiner Angelegenheiten annehmen?« Pascal zauderte eine Sekunde, und indem eine lebhafte Röte sein Antlitz überflog, gab er ein entschiedenes »Nein« zur Antwort. »Ah, ah!« rief Carvayan aus. »Jedenfalls bist du ein Bursche, der mit seiner Ansicht nicht hinter dem Berge hält ... Aber glaubst du etwa, daß ich dich unterhalten werde, ohne daß du etwas zu thun brauchtest?« »Ich werde eine Beschäftigung finden, sei unbesorgt, Vater ... Ich bitte dich nur inständigst, mir keinen Zwang aufzulegen ...« »Habe ich eine derartige Absicht geäußert?« sagte Carvayan in barschem Tone ... »Glaubst du etwa, daß ich deine Hilfe nötig habe? Ich wäre glücklich gewesen, wenn ich dich an meinen Spekulationen hätte beteiligen können und du dir meine Erfahrungen zu nutze gemacht hättest. Du verschmähst dieselben und meinst an deinen eigenen Kräften genug zu haben ... Nun, es ist ja möglich, daß ich einem Genie das Leben gegeben habe; bis du mir aber nicht andere Beweise davon gibst, meine ich, daß du ein Dummkopf bist ... Gute Nacht, mein Junge ... Du willst für einen Mann gelten, der sich Skrupeln macht ... Wir werden ja sehen, was dir das im Leben einträgt ...« Damit öffnete er die Thür, machte seinem Sohne ein Zeichen zum Hinausgehen, und ohne etwas weiter hinzuzufügen, schloß er sich in sein Kabinett ein. Hier ging er eine Zeitlang schweigend auf und nieder, das Gesicht von innerer Erregung gerötet. Dann hielt er still, und, indem er mit der Faust auf den Schreibtisch schlug, rief er: »Wie entschieden er sich mir gegenübergestellt hat! ... Ein Bürschchen von zwanzig Jahren, das sich unterfängt, seinen Vater zu kritisieren! Potztausend! Und doch ließ ich ihm die Freiheit! ... Es ist das erste Mal, daß ich einen Widerstand ertrage ... Mein Ehrenwort, ich glaube, der Junge hat mich verblüfft ...« Er schüttelte den Kopf, blieb sinnend stehen, dann sprach er mit halbem Lächeln vor sich hin: »Gleichviel, er weiß, was er will, er ist ein Carvayan!« Er war ein Carvayan, aber einer von der guten Art, welcher die thatkräftige Entschlossenheit, das feurige Streben seines Geschlechtes mit peinlichster Gewissenhaftigkeit verband. Er hielt Wort und ließ sich bei der Advokatenkammer in Neuville eintragen. Kaum ein Jahr hatte er plaidiert, als sein Ruf gemacht war und er gar häufig an das Appellationsgericht nach Rouen geschickt wurde, um dort gegen die tüchtigsten Veteranen des normännischen Gerichtshofes einen Rechtshandel zu führen. Er sprach mit außerordentlicher Klarheit und Feinheit, und wenn er gelegentlich ins Feuer geriet, sogar mit unwiderstehlicher Beredsamkeit. Ueberrascht hörten die Geschworenen ihn an, ohne zerstreut und schläfrig zu werden, und diese Aufmerksamkeit, welche er ihnen abzuringen verstand, kam seinen Prozessen zu gute. Die glänzenden Erfolge Pascals übten auf seinen Vater eine doppelte Wirkung aus: Er fühlte sich geschmeichelt und war zugleich wütend. Er sah, wie rasch der junge Mann zu hohem Ansehen gelangen würde, begriff aber auch zugleich, daß dieser alsdann für seine Pläne völlig verloren sein dürfte. Wäre Pascal ein bloß mittelmäßiger Mensch gewesen, so hätte er sich weiter nicht viel um ihn gekümmert, würde ihn mit verächtlicher Gleichgültigkeit in seinem Hause behalten und für seine Existenz gesorgt haben. Doch einen Sohn von hervorragenden Fähigkeiten sein zu nennen und sich seiner nicht bedienen zu können, war das nicht zum Verzweifeln? Welch ein Werkzeug mußte dieser in den Händen eines geschickten Mannes werden und wie rasch konnte man sich zum Herrn des ganzen Bezirkes emporschwingen. Das einzige, was ihm, Carvayan, mangelte, war die Rednergabe, denn vermochte er auch das Schwierigste zu ersinnen, zum beredten Ausdrucke bringen konnte er es nicht. Nun hatte das Geschick zu all den Begünstigungen, mit welchen es ihn bedachte, auch noch eine völlig unverhoffte Stütze hinzugefügt, indem es ihm einen Sohn gab, welcher die Stimme seiner Intelligenz hätte werden können. Und da fand es sich, daß diese Stimme die Argumente nicht wiederholen wollte, welche man ihm einflüsterte, daß dieser Sklave sich empörte. Heute kam es Carvayan nicht mehr darauf an, seinem Sohne anrüchige Prozesse aufzubürden. Sein Ehrgeiz war mit den Triumphen des jungen Advokaten gestiegen. Er wollte den Marquis auf politischem Gebiete bekämpfen, sich der öffentlichen Meinung bemächtigen und selbst Abgeordneter werden, denn wenn er, Carvayan, sich nur einmal in dem Strudel der politischen Ränke und Kniffe befände, so müßte er es in kurzer Zeit zu etwas sehr Hohem bringen. Doch, wie einen Einfluß auf seinen Sohn gewinnen? Er war ihm niemals mit Zärtlichkeit begegnet. Von seinen Geschäftssorgen vollständig in Anspruch genommen, hatte er ihn heranwachsen lassen, ohne es je zu versuchen, das Herz seines Kindes sich zuzuwenden. Und nun war es zu spät. Indes verblieb ihm doch noch immer ein letztes, ein sicheres und gewaltiges Hilfsmittel: Die Liebe, welche Pascal für seine Mutter hegte. Die arme Frau war seit vielen Jahren leidend. Es ging sichtlich mit ihr zu Ende, ohne daß sie aber je eine Klage laut werden ließ. Die Rückkehr ihres Sohnes bereitete ihr viele Freude. Das alte, düstere Haus selbst schien durch seine Gegenwart verjüngt und erhellt. Auch Carvayan war weniger griesgrämig und oft heiter, ja, er wurde sogar gesprächig, was sonst nie bei ihm vorgekommen war. Abends nach dem Essen blieb er im Speisezimmer und plauderte mit schalkhafter Laune. Er wollte sich offenbar beliebt machen. Der Werwolf war bemüht, sich zahm zu zeigen. Und wiewohl diese Veränderung Mutter und Sohn sehr zu statten kam, fragten sie sich dennoch voll Unruhe, welcher Hintergedanke sich wohl unter dieser Liebenswürdigkeit verbergen möge. Eines Morgens betrat Carvayan früh das Zimmer seiner Frau, erkundigte sich nach ihrem Befinden, gab ihr einen freundlichen Klaps auf die Wange und setzte sich auf den Bettrand nieder. »Willst du mich ein wenig anhören, meine Liebe? Ich bedarf deiner Mitwirkung in einer sehr heiklen Angelegenheit. Wenn du thust, um was ich dich bitte, so werde ich dir großen Dank dafür wissen ... Es genügt dabei, daß du nur willst, und es wird geschehen ...« »Um was handelt es sich?« fragte die Frau, der es plötzlich einen Stich ins Herz gab. »Um deinen Sohn ...« »Was ist ihm geschehen?« rief die Mutter in Todesangst. »Nichts, beruhige dich ... Es ist nicht die Rede von der Gegenwart, sondern von der Zukunft ... Die möchte ich ihm sichern ... Unser Sohn ist ein bedeutender Mensch, der nach dem Höchsten streben darf ... Aber wenn man Erfolg haben soll, so muß man lange zuvor die Wege ebnen, und das ist es, was mich zu dir führt ... Ihr plaudert doch stets mitsammen ... Aber statt ihn mit Nichtigkeiten zu unterhalten, solltest du ihm ernsthafte Ratschläge erteilen ... Wer aus den modernen Ideen seinen Vorteil zu ziehen weiß, kann sich eine einflußreiche Stellung im Lande schaffen ... Die Republikaner beginnen sich zu rühren ... Mit ihnen muß man es halten ... Suche Pascal auf diese Bahn zu lenken ... Und sage mir dann, wie er darüber denkt ... Sei geschickt ..., wenn dir dies gelingt, so wirst du es gewiß nicht zu bedauern haben ... Das verspreche ich dir ...« Nachdem er so seine geheimen Gedanken enthüllt hatte, ging er auf ein anderes Gespräch über, schmeichelte seiner Frau, um sie seinem Wunsche geneigt zu machen, dann entfernte er sich. Wartend ließ er mehrere Tage verstreichen, beobachtete Mutter und Sohn, suchte eifrig ihre Gesichtszüge, jede ihrer Bewegungen zu erforschen, um sie bei irgend einem Zeichen des Einverständnisses zu überraschen. Es war jedoch nichts Außergewöhnliches zu entdecken. Nach Verlauf einer Woche, während welcher der sonst so ruhige, ans Warten gewöhnte Mann von Ungeduld verzehrt wurde, entschloß er sich endlich, seine Frau zu fragen. Die Antwort fiel nicht so aus, als er sie erhofft hatte. Pascal besaß gar keinen politischen Ehrgeiz und wies es entschieden zurück, sich an politischen Umtrieben zu beteiligen. Beim Anhören dieser Mitteilung stieg ein heftiger Zorn in Carvayan auf, der ihm fast den Atem benahm. Es schien ihm, als sei sein Kopf hart wie Stein geworden und sein Gehirn darin eingepreßt. Mit schwindelnder Schnelligkeit kreuzten sich die Gedanken in seinem Haupte. Einige Minuten blickte er mechanisch auf seine heftig zitternden Hände hinab. Dann brach er mit einem schrecklichen Schrei los: »Glaubt ihr etwa, daß ich mich noch länger von euch an der Nase werde umherführen lassen? Du und dein Sohn, ihr werdet mir gehorchen oder dies Haus verlassen ... Ich bin hier der Herr, niemand hat mir noch widerstanden, und dieser Grünschnabel sollte es wagen, mir die Spitze zu bieten! Ich werde ihm die Flügel kürzen ... hörst du, Frau Carvayan? Ich werde deinem Hahne den Kamm stutzen, dann werden wir sehen, ob er noch so laut singen wird ... Ah, ein Bürschchen, das noch nicht hinter den Ohren trocken ist, untersteht sich, mit seinem Vater zu spielen! Weh ihm! ... Ich werde ihn aus dem Hause jagen ... Und die ganze Welt soll es erfahren, daß er seinem Vater den Gehorsam verweigerte ...« Lange sprach er so fort, seinem Zorne in den heftigsten Worten Luft machend. Er erschreckte damit die unglückliche Frau dermaßen, daß sie, von Fieber geschüttelt, zu Bette gebracht werden mußte. Am nächsten Tage war ihr Zustand sehr bedenklich, und nach einer Woche lag sie in den letzten Zügen. Ihr Sohn verließ das Zimmer nicht, er pflegte sie mit leidenschaftlicher Hingebung, während er voll Entsetzen die Phantasien der Fieberkranken vernahm, in welchen seine Mutter alle Drohungen Carvayans wiederholte. Eines Abends kam sie zur Besinnung, und ihre eiskalte Hand auf die Stirn Pascals legend, welcher an ihrem Bette kniete, flüsterte sie: »Wir werden uns trennen müssen, mein teures Kind. Oh! Es ist dies ein bitterer Schmerz für mich ... Ich habe dich so sehr lieb ... In der letzten Zeit hatten wir großen Kummer ... davon sollst du nichts in deiner Erinnerung bewahren ... Aber du selbst sollst anderen nie Kummer bereiten ... denn sieh, mein Kind, was uns auf Erden die höchste Befriedigung gewährt, das ist: Gut zu sein ...« Eine Ohnmacht befiel sie, und Pascal, die Augen von Thränen überschwemmt, sah sie erblassen, als ob sie schon am Sterben sei. Sie kam jedoch wieder zu sich, ließ ihren Mann rufen und sprach einige Augenblicke mit ihm, ohne daß ihr Sohn, der am Fenster stand, wo noch immer die Lieblingsblumen blühten, ihre Worte vernehmen konnte ... Mit finsterem Gesichte, ohne zu antworten, hörte Carvayan zu. Endlich machte sie eine befehlende Gebärde, welche er mit einem bejahenden Kopfnicken erwiderte. Die Züge der Sterbenden erhellten sich. Wie von einer schweren Last befreit, sank sie mit einem Seufzer der Erleichterung in die Kissen zurück. Dann winkte sie Pascal herbei und sagte: »Umarme deinen Vater hier vor mir ...« Der junge Mann, von Schmerz überwältigt, warf sich mit überströmender Zärtlichkeit in die Arme seines Vaters und küßte ihn zweimal, was dieser mit eiskalter Lippe erwiderte. Dann hieß Frau Carvayan ihren Sohn sich entfernen und blieb mit dem Notar allein. Kurz darauf schien ihr Ende herangekommen. Wieder brach sie das Schweigen, das sie eine Zeitlang bewahrt hatte, und flüsterte Pascal ins Ohr: »Ich habe deinem Vater alles vermacht, worüber mir das Gesetz zu verfügen gestattet ... Ich weiß, daß du imstande bist, dir selbst ein Vermögen zu erwerben ... Das hielt ich für das einzige Mittel, dir deine Ruhe zu sichern ... Carvayan ist ein schrecklicher Mensch ... Tritt ihm nie in den Weg ... Die Ueberlassung deines Erbteiles ist der Preis deiner Freiheit ... Verzeihe mir, daß ich es dir entzog ... Bleibe gut im Leben ... Man soll gut sein ...« Mit diesen milden Worten auf den Lippen verschied sie. Pascal drückte ihr die Augen zu, neigte sich über sie, um sie noch einmal zu umarmen, und flüsterte mit leiser Stimme: »Sei ruhig, Mutter, deine Herzensgüte ist mein bestes Erbteil ...« Und als ob an der Schwelle der Ewigkeit, in welche sie einzog, die Tote noch das heilige Gelöbnis ihres Sohnes vernommen hätte, strahlte ihre bleiche Stirn, und ihre friedlichen Züge erglänzten in himmlischer Schönheit. Am Morgen nach dem Leichenbegängnisse berief Carvayan seinen Sohn in das Kabinett, welches Zeuge ihrer ersten Entzweiung gewesen, und mit ruhiger Stimme begann er: »Mein Sohn, das Unglück, welches uns getroffen, wird höchst wahrscheinlich eine Aenderung in unserem Leben herbeiführen. Ehe ich einen Entschluß fasse, wünsche ich deine Pläne zu hören.« »Meine Pläne, Vater, sind sehr einfach; wenn du nichts dagegen hast, so werde ich Neuville verlassen.« »Ich stelle es dir frei, zu thun, was dir beliebt,« erwiderte Carvayan, dessen Stirn bei der brennenden Erinnerung an seine gescheiterten Hoffnungen sich in tiefe Falten legte. »Gut, so werde ich morgen abreisen.« »Wenn du zurückkehren willst, so wird dir mein Haus zu jeder Zeit offen sein ...« »Ich danke dir.« Weiter wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Am nächsten Morgen verließ Pascal seine Vaterstadt, und in dem kleinen Hause der Rue du Marché blieb Carvayan allein zurück mit seiner Rachsucht. Drittes Kapitel. Als Fräulein von Clairefont auf der Hochebene, welche das Thal von Neuville beherrscht, Pascal verließ, hatte sie ihr Pferd zu rascherem Gange angetrieben. Sie wünschte sehnlichst, sich möglichst rasch aus der Nähe dieses Mannes zu entfernen, dessen Erscheinung auf den ersten Anblick ein sympathisches Gefühl in ihr erregt und in welchem sie zu ihrem großen Verdruß einen Carvayan entdeckt hatte. Sie hätte jeden Gedanken an ihn verscheuchen mögen, so wie sie ihn selbst von sich gewiesen hatte, aber gegen ihren Willen erschien ihr das Antlitz ihres Weggenossen mit seiner hohen Stirn, den klaren Augen und dem ernsten Munde immer und immer wieder. Sie sagte sich: »Er hatte doch das Aussehen eines ehrlichen, aufrichtigen Menschen, und nun entpuppt er sich als den Sohn eines Schurken!« Dann machte sie das sonderbare Zugeständnis: »Vielleicht ist er trotzdem gut und ehrlich ...« Aber augenblicklich empörte sie sich gegen diese ihr unerklärliche Nachsicht. »Nein, das ist nicht wahrscheinlich. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme. Uebrigens wurde seine Miene verlegen, als er erfuhr, wer ich bin ... und er hat den Kopf gesenkt ... Woher mag denn der kommen, um uns neues Leid zu bereiten? ...« Ein Carvayan konnte für Antoinette keinen anderen Lebenszweck haben, als den Clairefonts Uebles zuzufügen. Ach! Uebles, blieb denn noch etwas zu thun übrig? War das Werk des Verderbens nicht schon vollendet? Welch neuer Schlag sollte die Familie treffen, die in stetig fortschreitendem Verfalle zu einer Armut gelangt war, die hart an Elend grenzte? Mit schmerzlicher Wehmut versetzte sich das junge Mädchen, welches kaum dreiundzwanzig Jahre zählte, in die Vergangenheit zurück und verweilte bei den einzelnen Entwickelungsstufen des langsam aber sicher sich nahenden Ruins. Sie sah das Schloß in der verschwenderischen Pracht und dem glänzenden Leben wieder, wie es gewesen, als sie noch ein Kind war. Wie sie sodann in dem Maße, als sie heranwuchs und die Vorgänge um sich her zu verstehen begann, bemerkt hatte, daß der reiche Haushalt immer mehr eingeschränkt wurde, daß die Dienerschaft sich verringerte, der Pferde im Stalle weniger wurden und die abgenutzten Möbel in den Gemächern stehen blieben, ohne durch neue ersetzt zu werden. Das ganze Heim war weniger behaglich, weniger warm und zierlich geworden, aber mit der Sorglosigkeit der Jugend hatte sie wenig Gewicht darauf gelegt bis zudem Tage, wo ihr Verstand zu klarerer Erkenntnis gereift war. Da hatte sie begriffen, daß Not und Elend, an den Thoren von Clairefont angelangt, unabweisbar den Eintritt begehrten, und daß deren treuester Verbündeter der Marquis selber war. Nun konnte man ihren scharfsichtigen Augen nichts mehr verheimlichen und gar oft fand sie auf dem großen Tische im Vorzimmer gestempelte Papiere, die am selben Morgen gebracht worden waren und die man zu verbergen sich nicht mehr die Mühe gab. Sie las die traurigen, kalten Gerichtsformeln, welche den »besagten Herrn von Clairefont« zur Zahlung dieser oder jener Summe anhielten, widrigenfalls Pfändung und Versteigerung. Und immer hatte man noch bezahlt. Die äußersten Anstrengungen wurden gemacht, alle Taschen umgewendet, alle Schubfächer durchsucht, und wie eine ausgepreßte Traube gekeltert wird, bis man ihr den letzten Tropfen abgezapft, so lieferten auch die alten Ueberbleibsel des ehemaligen Reichtums, bis auf den letzten Grund ausgesogen, die erforderlichen Geldmittel. Es war zugleich rührend und herzzerreißend. Das materielle Leben hatte indessen unter der fortwährenden Verringerung des väterlichen Vermögens nicht gelitten. Der Wirtschaftshof lieferte Geflügel, der Küchengarten Gemüse, die Meierhöfe Mehl, Hammel und Rinder. Man heizte mit den Bäumen des Parkes und fütterte die Pferde mit dem Heu der Wiesen; nur bares Geld war sehr selten. Fräulein von Clairefont verfertigte ihre Kleider selbst. Der Marquis Honoré, welcher ununterbrochen mit der Lösung seiner Probleme beschäftigt war, schien den Mangel im Hause nicht zu ahnen. In Wahrheit hatte er auch nicht darunter zu leiden. Von dem Tage an, als Antoinette die mißliche Lage erkannte, in welche ihr Vater seine Familie gebracht hatte, wurde von ihr das denkbar Mögliche ersonnen, um all die Qualen der häufigen Geldverlegenheiten dem Urheber derselben zu verbergen. Sie hatte einen Wall von Liebe und Zärtlichkeit um ihn her errichtet und alle Sorgen und alle Trübsal für sich behalten. Wie eine liebevolle Mutter ging sie mit dem Alten um, der wie ein Kind seinen Träumen zulächelte und stets voll neuer Hoffnung und unermüdlich danach strebte, eine Erfindung zu machen, welche den Seinen das Zehnfache dessen wiedererstatten sollte, was er ihnen genommen hatte. Nur in einem einzigen Punkte war es unmöglich, ihn völlig zu täuschen. Seit zwei Jahren war Antoinette mit Herrn von Croix-Mesnil verlobt und die Heirat wurde von einer Saison zur anderen verschoben. Der junge Baron war ein schmucker Offizier von schöner Haltung und liebenswürdigem Charakter, dessen Vater, ein hervorragender Jurist, auf die höchsten Plätze in der gerichtlichen Laufbahn hoffen durfte. Diese Verbindung, die zu einer Zeit beschlossen wurde, als der Marquis noch in scheinbarem Besitze seiner Güter stand, war der Vollziehung nahe gewesen. Fräulein von Clairefont selbst hatte die Bewerbung günstig aufgenommen, und der Baron zeigte sich um seine Verlobte eifrigst bemüht. Die Besprechungen der Notare beider Familien ergaben das befriedigende Resultat, daß der künftige Gatte 40000 Franken Revenüen von seiten seiner Mutter und die künftige Gattin 300000 Franken gleichfalls als mütterliches Erbe besitze, da ihr Bruder ihr seinen Anteil überlassen hatte. Alles war geordnet, als Fräulein von Clairefont plötzlich ihren Entschluß änderte und, den Tod einer entfernten Verwandten als Vorwand benutzend, die Hochzeit verschoben wissen wollte. Tante Isabella, welche beauftragt wurde, dem Verlobten diese veränderte Willensmeinung ihrer Nichte bekannt zu geben, entledigte sich dieser Botschaft mit ihrer gewohnten Derbheit, die jedoch diesmal einen Beigeschmack von ungewöhnlicher Rührung verriet. Als Trost hatte sie zu Herrn von Croix-Mesnil gesagt: »Sehen Sie, lieber Freund, meine Nichte hat es sich in den Kopf gesetzt, in diesem Quartal nicht zu heiraten ... Als tapferer Soldat müssen Sie sich in die Lage schicken ... Schließlich, was ›verschoben‹ ist, ist noch nicht aufgehoben ...« Und als der Baron mit sanften Vorstellungen sich über die Verzögerung seines Glückes beklagte, rief sie mit einer Rührung, die den Barbarismen so günstig war: »Bedauern Sie nichts ... Dies Kind ist die Vollkommenheit selbst! ... Wenn Sie wüßten ... Aber Sie dürfen es nicht wissen ... Kurz, glauben Sie mir, sie ist ein Engel ... ja, ein ›immatrikulierter‹ Engel!« Der Baron zeigte so viel Betrübnis, als dies einem Manne von Welt ziemt, und bat um die Erlaubnis, dem Fräulein nach wie vor sich nähern zu dürfen. Dies wurde ihm auch gewährt. Der Marquis war aufrichtig bekümmert über diesen teilweisen Bruch und verlangte durchaus eine Aufklärung des seltsamen Vorgehens seiner Tochter. Doch ruhig lächelnd antwortete ihm diese auf alle seine Fragen: »Ich fühle mich höchst glücklich an deiner Seite, ich habe es nicht so eilig, dich zu verlassen ... Ich will noch warten ...« »Aber, liebes Kind,« bat der alte Herr weiter, »ich wäre viel ruhiger, wenn ich dich versorgt wüßte ... Deine Verheiratung ist für mich eine schwere Sorge ... Was würde aus dir werden, wenn ich dir genommen würde? ...« Antoinette und Isabella tauschten unwillkürlich einen schnellen Blick aus, ein feines Lächeln glitt über die Lippen des jungen Mädchens, das den weißen Kopf des alten Kindes in beide Hände nahm und in sanftem Schmeicheltone sagte: »Sei unbesorgt, Papa, diese Heirat wird früher oder später stattfinden ... Nur dränge mich niemals dazu!« Dann änderte sie den Ton und fuhr mit schelmischer Heiterkeit fort: »Und dann weißt du ja auch, daß ich etwas von dem eigensinnigen Willen der Saint-Maurices besitze, und daß man mich nimmer zwingen kann, etwas zu thun, was ich nicht thun mag.« Der Marquis dachte: »Sie verheimlicht mir irgend etwas und Tante Isabella weiß davon ... Ich werde schon dahinter kommen.« Wenn der Erfinder, statt mit unklaren Gedanken dem Fluge seiner Chimären zu folgen, seine Bücher geführt hätte, würde er leicht den Grund der plötzlichen Willensänderung seiner Tochter in der Zahlung einer fällig gewordenen Summe von 200 000 Franken, welche die Schächte des Steinbruches verschlungen hatten, gefunden und begriffen haben, weshalb seine Tochter nichts mehr vom Heiraten hören wollte. Aber nur der Exekutor Carvayans und Tante Isabella wußten um das großmütige Opfer, welches Antoinette gebracht hatte, indem sie mit ihrem als Heiratsgut bestimmten mütterlichen Erbe die Schuld bezahlt hatte, um die Versteigerung eines Teiles der Besitzung zu verhindern. Die alte Saint-Maurice, welche über alles ihre eigenen Ansichten hatte, zog aus der Herrn von Croix-Mesnil auferlegten Verzögerung einen tröstlichen Schluß für ihre Nichte. »Siehst du, Teuerste,« erklärte sie, »schließlich thust du vielleicht sehr gut daran, den jungen Dragoner nicht aufs Geratewohl zu heiraten. Er scheint dich nicht so zu lieben, als du es verdienst. Er benahm sich viel zu gemessen und viel zu ruhig, als er erfuhr, daß man ihn ins Blaue hinein warten lasse ... Ich meine, er hätte ein ›fanatisches‹ Geschrei erheben sollen ... Und hast du ihn gesehen? Sanft ... zuckersüß ... nicht aus der Ruhe zu bringen! ... Ich weiß nicht, aus was für Holz die Liebhaber und Soldaten von heutzutage geschnitzt sind.« Der Marquis, dessen Gedanken nicht lange bei demselben Gegenstande verweilen konnten, war wieder ganz bei seinen Erfindungen. Ein leiser Verdacht war trotzdem wie eine schmerzhafte Stelle auf dem Grunde seines Herzens zurückgeblieben, und von Zeit zu Zeit pflegte er zu fragen: »Nun, mein Kind, was ist mit Croix-Mesnil? Wann wirst du dich entschließen, ihn zu heiraten?« »Ich werde schon rechtzeitig daran denken, Papa,« erwiderte Antoinette mit ruhigem Lächeln. Der Baron kam alle zwei bis drei Monate zu mehrtägigem Aufenthalte auf das Schloß, ging mit Robert auf die Jagd, ritt mit seiner Verlobten spazieren und reiste wieder ab, ohne daß eine Entscheidung getroffen worden wäre. In der Umgegend mußte dies Verhältnis sich verschiedene Auslegungen gefallen lassen und von dem jungen Offizier hieß es ironisch, er sei »ein Bräutigam bis auf Nimmerles Tag«. Einige zischelten: »Wenn er sie nicht heiratet, so beweist das, daß er auch so nicht zu kurz kommt ... Das ist so Brauch in der Familie, Fräulein Isabella hat ehemals gerade solche Possen getrieben...« Himmel, Element! Wenn Tante Isabella von diesen Reden Wind bekommen hätte, mit welch kräftigen Zurechtweisungen in Gestalt von Ohrfeigen hätte sie nicht geantwortet. Aber die Clairefonts lebten streng zurückgezogen, und die Verleumdung erstarb auf der Schwelle des düsteren, schweigsamen Schlosses. Ihren Erinnerungen völlig hingegeben, hielt Antoinette schon eine geraume Zeit vor den kalkigen Abhängen des Steinbruches still. Nachlässig hingen die Zügel über dem Halse des Pferdes, das junge Mädchen hatte alles vergessen, die seltsame Begegnung von vorhin, wie die vorgerückte Stunde. Zu ihren Füßen, vor dem Schachteingange lag das unbenutzte, vermodernde Gebälk, die großen Schuppen waren leer, die Wagen standen unbeweglich auf den Schienen, welche zu den erloschenen Kalköfen führten. Der ganze Betrieb, von ihrem, Vater viele Jahre hindurch mit fieberhafter Anstrengung geführt, war eingestellt. Viele der in Angriff genommenen Arbeiten waren nicht vollendet. Und dieses unfruchtbare Kalkgebirge stellte das ganze Vermögen des altadligen Hauses vor, das Glück des jungen Mädchens, die Stütze der alten Tage des Marquis. Die ganze Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft waren hier schonungslos aufs Spiel gesetzt worden. Und doch, wie oft hatte Antoinette ihren Vater mit ungebeugter Sicherheit, auf den Hügel deutend, ausrufen hören: »Dort ist das Glück der Familie!« Der Marquis hatte mannigfache Versuche anstellen lassen, und alle hatten höchst befriedigende Ergebnisse geliefert. Der Kalk von Clairefont war vorzüglich und konnte jeder Konkurrenz standhalten. Während mehrerer Jahre war auch der Absatz ein höchst bedeutender gewesen. Um aber die Betriebswerkzeuge zu verbessern, hatte es sich der Marquis in den Kopf gesetzt, bessere Maschinen zu erfinden und ein neues Verfahren beim Kalkbrennen zu ersinnen. Und in diesen Versuchen hatte er den ganzen Nutzen des Unternehmens verschleudert. Nirgends ein folgerichtiges Denken, überall dieselbe Thorheit, dem Besseren nachzujagen, wenn das Gute leicht und sicher zu haben war, stets von seinem diabolischen Erfinder-Genie zu neuen Fortschritten, zu neuen Versuchen gedrängt. Daher statt des reinen, einfachen Gewinnes auf der geraden, gewöhnlichen Bahn der Mißerfolg auf gewundenen, kühnen Wegen und der Ruin statt des Glückes. Indessen, trotz des steten Mißlingens und der darob empfundenen bitteren Enttäuschungen hegte das junge Mädchen im Grunde ihres Herzens doch noch eine letzte Hoffnung. Ihr Vertrauen zu den Talenten ihres Vaters war unerschütterlich, und ihre Betrachtungen endeten stets mit dem Gedanken: Schließlich wird er doch finden, was er sucht, und an jenem Tage wird sich wie in den Feenmärchen dieses Kalkgebirge in pures Gold verwandeln. Die Schloßglocke, welche in der Ferne läutete, um zur Mahlzeit zu rufen, weckte Fräulein von Clairefont aus ihren Träumen. Sie gab ihrem Pferde einen leichten Schlag, sprengte im Galopp dahin und erreichte nach einigen Minuten das Gitterthor. Die Sorgen von sich abschüttelnd und eine fröhliche, heitere Miene annehmend, ritt sie über den weiten Hof, wo zwischen dem Pflaster hohes Gras sproßte. Dann sprang sie, ohne eine Hilfe in Anspruch zu nehmen, aus dem Sattel, öffnete die Stallthüre, und nachdem sie dem Pferde den Zaum abgenommen hatte, sah sie zu, wie dasselbe seinem mit frischem Stroh belegten Platze zuging. Hierauf schlug sie die Schleppe des langen Reitkleides über den Arm und schritt, von dem Hunde gefolgt, nach dem Speisesaal. In dem weiten Gemache mit dem marmorbelegten Boden, der in Felder geteilten Decke, in deren jedem das Wappen der Familie prangte, den geschnitzten Kredenzen, auf welchen massives, altes Silbergerät blinkte, letzte Reste des verschwundenen Reichtums, saßen um einen sehr großen Tisch vier Personen beim Frühstück, während ein alter Diener die Speisen herumreichte. Zur Linken des Marquis war ein Platz unbesetzt, der seiner Tochter; zu seiner Rechten saß Fräulein von Saint-Maurice mit ihrer Grenadiergestalt und ihrem roten, häßlichen Teint, ihm gegenüber der junge Graf Robert und ein langer, bleicher Mann mit bartlosem Gesichte, einem Kahlkopfe und einer goldenen Brille, hinter welcher sich der unsichere Blick seiner Augen verbarg. »Ah! da kommt ja meine Tochter,« sagte erfreut der Marquis, als er Antoinette eintreten sah ... »Weißt du wohl, meine Liebe, daß ich schon unruhig zu werden begann ... Ich ließ die Glocke dreimal läuten, um dich zu benachrichtigen ... Du scheinst weit fort gewesen zu sein? ...« »Ich bin bis nach Soucelles geritten, Papa,« erwiderte Fräulein von Clairefont, und umarmte den Greis ... »Die Kinder des Pächters sind krank, und ich wollte selbst nach ihrem Befinden sehen ... Guten Tag, liebe Tante ...« »Guten Tag! Du bringst uns Tau und Blumenduft mit ... Komm her zu mir, damit ich auch etwas davon genießen kann ... Wie frisch und rosig du heute aussiehst!« »Das muß man heute von Ihnen sagen, beste Tante, denn Sie haben diesen Morgen ein wahrlich strahlendes Aussehen.« »Schon gut, schon gut! Schmeichlerin,« entgegnete mit starker Stimme Fräulein von Saint-Maurice ... »Ich bin strahlend wie ein Sonnenuntergang.« Und das flammend rote Antlitz Tante Isabellas erglänzte in fröhlichem Lachen. Antoinette machte die Runde um den Tisch, gab im Vorbeigehen ihrem Bruder einen kleinen, freundschaftlichen Schlag auf die Wangen, und dem fremden Herrn, welcher sich ceremoniös erhoben hatte, die Hand reichend, sagte sie: »Erfreut, Sie zu sehen, Herr Malézeau ... Ich bitte, mich zu entschuldigen, ich wußte nicht, daß ich das Vergnügen haben würde, Sie hier zu finden ... Die Kanzlei steht noch auf demselben Fleck? Wie ist das Befinden der Frau Malézeau?« »Sachen und Personen, mein Fräulein, alles zu Ihren Diensten, mein Fräulein, glauben Sie mir ...« antwortete der Notar, welcher infolge einer eingewurzelten Gewohnheit jeden Satz mit einem »mein Fräulein«, »mein Herr« oder »Madame« zu begleiten pflegte, was von wahrhaft komischer Wirkung war. »Sonach steht alles aufs beste,« schloß das junge Mädchen. Und indem sie an der Seite ihres Vaters Platz nahm, sagte sie zu dem alten Diener: »Holen Sie nichts Frisches für mich, Germain, ich werde das Frühstück bei dem Gange fortsetzen, der gerade aufgetragen ... Ich sterbe vor Hunger ...« Nun war es eine Freude zu sehen, mit welch reizender Lebhaftigkeit und jugendlichem, kräftigem Appetit sie zu essen begann. Ihr Bruder beobachtete sie einen Augenblick, dann sagte er mit scheinbar wichtiger Miene: »Mein Fräulein Schwester, gestatten Sie mir zwei Worte... Du sagst, daß du von Soucelles kommst; das ist richtig. Ich sah dich in der That auf der Hochebene vorüberreiten ... Aber was du uns nicht sagst, das ist, daß du nicht allein warst ...« Bei diesen Worten wurde Antoinette sehr rot und erhob rasch den Kopf. »Aber Robert, was hat denn dieser Spaß wieder zu bedeuten?« rief Tante Isabella. »Willst du uns etwa glauben machen, daß deine Schwester in Gesellschaft von Personen spazieren reitet, welche du nicht kennst? ...« »Meiner Treu, er spricht trotzdem die Wahrheit, beste Tante,« unterbrach sie Antoinette. »Ich hatte wirklich heute während einer halben Stunde einen Unbekannten als Begleiter ...« »Gewiß irgend ein Bettler, der dir bis zum Schlosse folgte?« »O nein! Gerade das Gegenteil von einem Bettler ...« »Du machst mich neugierig ... Ist er vielleicht ein Millionär?« fragte der Marquis lächelnd. »Wenn ich glauben will, was man von ihm erzählt, so dürfte er es eines Tages werden ...« »Nun, ihr werdet gleich sehen, daß es irgend ein Räuber war, der von Antoinette ›die Börse oder das Leben‹ forderte ...« »Beste Tante, Sie sind dem Erraten sehr nahe ... nur daß er weder das eine noch das andere von mir verlangte ... Es war der leibhaftige Sohn des Herrn Carvayan ...« Ein Stillschweigen folgte. Seit zwanzig Jahren war unter diesem Dache der Name Carvayan noch niemals ausgesprochen worden, ohne daß es der Vorbote eines Unglückes gewesen. Der Marquis senkte die plötzlich umdüsterte Stirn und sagte leise: »Ich hatte vergessen, daß Carvayan einen Sohn hat ...« Dabei richtete er einen besorgten Blick auf Robert und Antoinette, als ob er gefürchtet hätte, daß der Haß des Vaters, wie ein Erbteil auf dessen Nachkommen übertragen, ebenso schwer auf seinen Kindern lasten könnte, wie auf seinem eigenen Leben. Und mit kaum verhehlter Unruhe fragte er weiter: »Aber wie kam diese Begegnung? Hat der junge Mann dich angesprochen?« »Ja, Papa, um mich nach dem Wege zu fragen, und in sehr höflicher Weise.« »Was ich ihm auch geraten haben möchte,« murmelte Robert, aus dessen Augen ein drohender Blitz zuckte ... »Wenn er sich anders benommen hätte ...« »Ich wußte nicht, wer er sei, und dachte auch nicht daran, ihn danach zu fragen ... Ein Fußgänger hatte mich gebeten, ihm den Weg nach Neuville zu zeigen, und da ich in derselben Richtung ritt, so lud ich ihn ein, mir zu folgen ... So zogen wir beide schweigend dahin bis zum Augenblicke der Trennung, und als er dankend sich von mir verabschiedete, nannte er seinen Namen ...« »Wie sieht er denn aus?« fragte Tante Isabella ... »Ist er ein anständiger Mensch oder ein Halunke? ... Hat er Wolfskinnladen wie sein Vater?« »Er hat das Benehmen eines gebildeten Mannes, und was sein Aussehen betrifft, so ist dasselbe nicht unangenehm ... Aber, liebe Tante,« fügte Antoinette ironisch hinzu, »wenn Sie begierig sind, Näheres über den Erben des Hauses Carvayan zu erfahren, so könnte Herr Malézeau gewiß die beste Auskunft geben ...« »Ich? mein Fräulein,« stammelte der Notar, indem er beide Hände mit einer Gebärde des Protestes auf seine magere Brust legte, als wolle er sich gegen diese Zumutung feierlich verwahren ... »Ist denn der Maire von Neuville nicht Ihr Klient wie ich?« fragte Herr von Clairefont. »Oh! Das ist etwas ganz anderes, Herr Marquis,« rief Malézeau, dessen Augen hinter der goldenen Brille unstät umherschweiften: »mit Herrn Carvayan stehe ich bloß in geschäftlichem Verkehr, aber mit Ihnen, Herr Marquis, und mit Ihrer geehrten Familie, Herr Marquis, oh, das sind Bande der achtungsvollsten Ergebenheit ...« »Sie pflegen doch bei dem Maire zu dinieren?« unterbrach ihn Robert mit gutgemeintem Spott. »Selten, Herr Graf, so selten als nur irgend möglich!« entgegnete der Notar, der auf Kohlen zu sitzen schien ... »Sie kennen ja das Leben in den Provinzstädten, Herr Graf ... Ein öffentlicher Beamter muß gar mancherlei Rücksichten nehmen, Herr Graf, sonst vermöchte er seinen Beruf nicht auszuüben, Herr Graf ... Die Zeiten sind hart ... Herr Carvayan hat viele Rechtshändel, Herr Graf ... Das ist eine große Hilfsquelle für eine Kanzlei wie die meinige ... Aber es gibt keine Vertraulichkeit zwischen ihm und mir, ich versichere Sie!« »Aber spielen Sie doch nicht den Jesuiten, Malézeau,« warf Tante Isabella dazwischen, deren schnurrbärtige Lippe sich verächtlich kräuselte ... »Hat man Ihnen etwa je Ihren Verkehr mit jener Person zum Vorwurfe gemacht? Sind wir etwa die Leute, die, wen es auch sei, gegen ihn aufhetzen möchten? Haben wir auf seine bösen Anschläge je anders als mit stiller Verachtung geantwortet?« »Eben das, mein Fräulein, war vielleicht nicht gerade das beste, mein Fräulein,« murmelte der Notar, indem er einen unruhigen Blick umherwarf ... »Ein wenig mehr Widerstand hätte ihn vielleicht stutzig gemacht, mein Fräulein ... Sie haben ihm die Aufgabe gar zu leicht gemacht ... Man soll niemals seinen Feind geringschätzen ...« »Sollte man etwa einem solchen Kerl die Ehre anthun, mit ihm zu rechten?« entgegnete Fräulein von Saint-Maurice in heftigem Zorne ... »Nur unter einer solch lächerlichen, unmöglichen Regierung, wie wir sie ertragen müssen, können derartige Individuen überhaupt zählen ... Da, dieser Carvayan, der heute Maire ist... Ehemals hätte man ihn nicht zum Feldhüter haben mögen ... Was seinen Sohn betrifft ...« »Oh! Sein Sohn, mein Fräulein,« fiel der Notar ein ... »Sein Sohn fand auch nicht viel an ihm zu loben ... Und wenn er seine Heimat verlassen hat, mein Fräulein, so geschah es nur, weil er nicht alles mit denselben Augen ansah, wie sein Vater ...« »Nun, darüber mache ich ihm mein Kompliment,« unterbrach ihn Robert. »Er ist viel gereist, Herr Graf, er hatte das Glück oder die Gewandtheit, wie Sie wollen, sich die Gunst eines sehr mächtigen Finanzmannes zu erwerben, dessen Vertreter er heute ist, Herr Graf. Er wurde mit der Abwickelung sehr bedeutender Geschäfte in Amerika betraut, und er hat seine Mission mit Ehren durchgeführt ... Es heißt, Herr Graf, er sei mit hervorragendem Rednertalent begabt. Spät noch hat er Englisch und Spanisch gelernt, und in Australien und Peru vor den englischen und peruanischen Gerichtshöfen mit vielem Erfolge plaidiert. Er hat viel gesehen, viel erfahren, und trotz des fortwährenden Umherziehens hat er, ganz im Gegensatze zu dem Sprichwort, welches sagt, daß ein rollender Stein kein Moos ansetze, sich ein sehr bedeutendes Vermögen erworben ... Kurz, Herr Graf, er ist heute völlig unabhängig und wenn Sie meine Meinung hören wollen, so glaube ich, Herr Graf, daß er nicht gar lange in Neuville bleiben wird ... Er wird heute ebensowenig Herrn Carvayan beistimmen können als ehemals ...« »Es wird ihm dann so gehen, wie allen übrigen ... Denn dieser Teufelsmensch hat nie jemand geschont...« murmelte der Marquis. Nachdenklich schwieg er eine Weile, dann fuhr er mit tiefer Betrübnis fort: »Es ist doch höchst seltsam, daß dieser Carvayan, der das ganze Land ausgesogen hat, geachtet sein soll, und ich, der ich jedem stets nur Gefälligkeiten erwiesen habe ... verhöhnt werde ...« »Man achtet Herrn Carvayan nicht,« versetzte Malézeau, »man fürchtet ihn, Herr Marquis, das ist ein großer Unterschied. Er hat die Hand in allen Kassen, und diejenigen, Herr Marquis, welche es trotzdem versuchen könnten, ihm Widerstand zu leisten, Herr Marquis, wissen, daß ihnen dies sehr teuer zu stehen kommen würde ...« Herr von Clairefont antwortete nicht, er war in tiefes Nachdenken versunken. In seiner Erinnerung war das finstere Gesicht Carvayans aufgetaucht, wie er an der Thür von Vater Gateliers Laden lehnte. Er konnte die Eifersucht, den Haß noch in seinen Blicken lesen ... Und all die unheilvollen Folgen dieser Gegnerschaft, die an jenem Tage begonnen hatte, erschienen eine um die andere vor ihm ... Welch langsames aber ununterbrochenes Fortschreiten! Seine Umgebung wendete sich von ihm ab, die Bauern waren ihm geradezu feindlich gesinnt, die Beamten zeigten ihm gleichfalls nur bösen Willen, und die ganze Welt mied ihn, wie einen Pestkranken. Er, der ehemalige Herr der ganzen Gegend, war durch diesen Emporkömmling völlig in den Bann gethan. Und heute war das vor so langen Jahren begonnene Werk der Rache fast vollendet. Von seinem Vermögen, seinem Ansehen waren kaum dürftige Ueberbleibsel vorhanden, während der Urheber dieses Mißgeschickes triumphierend und cynisch lachend auf den Trümmern des von ihm zerstörten Gebäudes stand. Jawohl, es kam denen gar teuer zu stehen, die es wagten, ihm Widerstand zu leisten. Niemand wußte dies besser als er, Honoré. Und mit Schrecken fragte sich der geängstigte Greis, was sein unversöhnlicher Feind noch weiter gegen ihn unternehmen könnte. Würde er ihn auch noch in seiner Ehre angreifen? Diese wenigstens hielt er für unantastbar. Man konnte durch heimliche Ränke seinen Ruin beschleunigen, aber daß jemand es unternehmen sollte, seinen Namen zu verunglimpfen, das schien ihm unmöglich. Was lag also daran? Würde er sich eines Tages nicht wieder erheben? Eine einzige Entdeckung, die ein praktisches Resultat ergab, würde dazu genügen, und gerade hatte er einen Ofen erfunden, welcher, im Hüttenbetriebe verwendet, große Ersparnisse zu erzielen ermöglichte ... Und das könnte für ihn zu einer Quelle unberechenbarer Einnahmen werden ... Die ganze Welt müßte sich ihm verpflichtet fühlen, und nachdem er sein ganzes Leben lang gesäet hätte, würde ihm endlich eine reiche Ernte zufallen. Erstaunt würden sie genug sein, alle die, welche ihn für einen Verrückten hielten. Zuerst seine Schwägerin, die Saint-Maurice, welche zu seinen Schöpfungen kein Vertrauen hatte, dann Carvayan, der mit seiner bäuerischen Schlauheit es gewagt, gegen ihn in den Kampf zu treten. Was würde gar bald aus dessen erbärmlichen Hilfsmitteln und seinen listigen Fallstricken werden? Seine Netze würden sich nicht stark genug erweisen, um die heißbegehrte Beute festzuhalten. In einem Augenblick würde er vernichtet, zerschmettert, hinweggefegt für immer sein. Dann würde man den Unterschied erkennen zwischen einem Wucherer mit seinem engen, gemeinen Gedankenkreise und dem Gelehrten mit der gewaltigen, fruchtbaren Geistesarbeit. Bei dem Gedanken an einen Erfolg, wie er ihn schon so lange erträumte, wurde der Marquis allmählich wieder heiter, er begann zu lächeln, seine Stirn erhellte sich, lebhaft rieb er sich die Hände und brach in den fröhlichen Ruf aus: »Wir werden ja sehen, meine Freunde! ... Noch ist der kleine Marquis nicht tot und begraben!« Da er merkte, daß seine Umgebung ihn überrascht anblickte, verstummte er, und nahm Glied für Glied die Kette der Gedanken wieder auf, welche ihn von einem verzweifelten Ausgangspunkte zu einem solch siegreichen Schlusse geführt. Er begriff, daß er dem Erfolge vorausgeeilt war und daß er für den Augenblick viel zu fürchten, aber wenig zu hoffen habe. Er stand auf, und sich auf den Arm seiner Tochter stützend, sagte er: »Gehen wir hinaus, um auf der Terrasse den Kaffee zu trinken.« Sie stiegen die Freitreppe hinab und traten nahe an dem Steingeländer unter eine grüne Laube. Der Himmel strahlte in zartem Blau, ein leichter Sommerwind bewegte die Blätter und erfrischte die Luft. Ein köstliches Gefühl von Wohlbehagen machte die Herzen schwellen und schläferte das Denken ein. Ein leichter Dunst, der den Horizont verschleierte, ließ die Ferne nur in unklaren, verwischten Umrissen erscheinen. Verworrenes Geräusch, aus dem Thale emporsteigend, belebte die Einsamkeit des Hochwaldes, welcher wie ein dunkles Meer zum Fuße der Terrasse wogte. Verloren in dem weiten Raume blieben die fünf einige Minuten regungslos, ohne jede Empfindung ihres Seins gegenüber der Unermeßlichkeit, die vor ihnen sich aufthat. Das Herankommen des alten Germain entzog die Gesellschaft ihrer Betäubung. Er brachte ein Präsentierbrett mit Tassen aus altsächsischem Porzellan und einer silbernen Kaffeekanne mit dem Wappen des französischen Königshauses, ein fürstliches Geschenk, das der Vater des Marquis einst erhalten hatte. Antoinette erhob sich langsam und begann das Porzellan- und Silbergeschirr zu ordnen mit leichten Fingern und jener lächelnden, koketten Anmut der Frauen, welche den von ihnen gereichten Leckerbissen einen erhöhten Wohlgeschmack verleiht. »Eine Tasse Kaffee, Herr Malézeau?« Und ein Stück Zucker, geschickt mit der Zange emporgehalten, fiel mit leichtem Klange in die Tasse, aus welcher bald heißer, wohlduftender Dampf emporstieg. Tante Isabella verwaltete die Liqueure, und mit soldatischem Anstand bot sie die Krystallflaschen dar. »Ein Gläschen Kümmel, Herr Malézeau?« »Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Fräulein, aber wenn Sie es gestatten, mein Fräulein, so werde ich von dem Cognak nehmen. Eine alte Gewohnheit, mein Fräulein, die man in meinem Alter nicht mehr ändert ... Aber alle die heutigen Erzeugnisse sind eben nicht nach meinem Geschmacke ...« »Ganz nach Ihrem Belieben! Man ladet die Leute nicht zum Frühstücke ein, um ihnen Gewalt anzuthun ... Dir, Robert, biete ich nichts an ... Du mußt dich mäßigen ...« Damit richtete sie einen bezeichnenden Blick auf ihren Neffen. Doch der junge Mann nahm die Flasche mit rascher Gewandtheit aus den Händen des Fräuleins von Saint-Maurice, und sich einige Schritte entfernend, sagte er: »Wie, beste Tante, Sie wollen mich entwöhnen. Ueber das Alter bin ich hinaus.« »So nimm wenigstens nur ein Glas, böser Mensch!« »Ein ganz kleines!« Und der junge Graf füllte seine Tasse bis zum Rande. Bei seinem bequemen Leben als Landedelmann hatte sich Robert im Essen und Trinken Gewohnheiten angeeignet, denen er nicht leicht mehr zu widerstehen vermochte. Seiner athletischen Natur konnten selbst jene häufigen Gelage nichts anhaben, wie sie nach Jagden üblich, wenn man, ermüdet vom Umherstreifen durch Wald und Flur, die Nacht zum Tage macht, unter guten Kumpanen, rauchend und die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Er war als einer der ausdauerndsten Trinker bekannt, was seiner Eitelkeit ungemein schmeichelte. Ein blöder Stolz erfüllte ihn, wenn man ihm sagte: »Ein so ausgezeichneter Trinker wie Sie, Clairefont ...« und er rühmte sich, den größten Trunkenbolden der Umgebung die Spitze bieten zu können ... Er hatte aus Prahlerei zu trinken begonnen, und nach und nach war es ihm ein Vergnügen, eine Gewohnheit geworden. Sonntags verschmähte er es nicht, zu Pourtois hinabzusteigen und dort mit den jungen Leuten der Stadt Kegel zu schieben. Ihm kam man nicht mit jener achtungsvollen Scheu entgegen, wie einst seinem Vater in dessen Jugendjahren, Aber welch ein Unterschied herrschte auch zwischen diesem gigantischen Clairefont mit der strotzenden Gesichtsfarbe, der nachlässigen Haltung und dem lauten Benehmen, welcher mit jedem vertraulich that, und dem eleganten, kleinen Clairefont mit dem stets tadellosen Aeußeren, der kalt aber mit auserlesener Höflichkeit die Leute von sich fern zu halten verstand! Es war wie Tag und Nacht. Und erstaunt fragte man sich, durch welches Naturwunder dieser Vater einen solchen Sohn habe. Anfangs hatte Roberts Unmäßigkeit im Trinken den Marquis beunruhigt. Er war aus den Wolken seiner wissenschaftlichen Traumwelt hinabgestiegen und hatte diese prosaische Frage sehr ernstlich behandelt, war aber dabei auf die entgegengesetzten Ansichten der Tante Isabella gestoßen, welche zu Roberts Beistand heraneilte. Die alte Amazone wußte gar wuchtige Gründe ins Treffen zu führen, um die Ausschreitungen ihres Neffen zu beschönigen. Wie, so viel Lärm um einige Becher Wein! Da konnten die Ahnen doch ganz andere Leistungen aufweisen. Und sie gedachte jenes Clairefont unter Ludwig XIII. der, um den Marschall Bassompierre im Trinken zu überbieten, seine beiden Stulpenstiefel voll Sizilianerwein auf einen Sitz leerte. Oder hätten etwa die Roués der Regentschaft bei den Festen im Palais Royal sich des Bechers enthalten? Und eine ganze Reihe historischer Lebemänner, mit Humpen, Bechern oder Gläsern in der Hand, zog an den Augen des Marquis vorüber, mit lebhaftem Protest gegen dessen Zimperlichkeit und die aristokratische Souveränität im Wohlleben preisend. Zudem war Robert noch so jung? Wenn er sich ein wenig mit seinen Freunden belustigte, was war daran Uebles? Jugend muß austoben ... »Er soll austoben,« entgegnete der Marquis, »aber er braucht sich nicht umzubringen!« »Ei, mein Bester, Ihr Sohn ist kein zartes, zierliches Wesen wie Sie,« schrie Tante Isabella, »er ist ein Goliather!« Robert versprach, in Zukunft mäßiger zu sein, aber die Gewohnheit war stärker als sein Wille. Kaum saß er mit einigen Jagdgenossen hinter der Flasche, als er erregt zu werden begann, viel sprach, mit aller Welt zu zanken anfing, und –um alle weisen Entschlüsse war es geschehen. Doch das Schlimmste an der Sache war, daß er, der im gewöhnlichen Leben sanft war wie ein Lamm, bei dem leisesten Anfluge von Trunkenheit bösartig und wild wie ein Wolf wurde. Er ließ sich leicht zu Tätlichkeiten hinreißen, und es war klug sich außer dem Bereiche seiner Arme zu halten. Im vergangenen Jahre hatte er sich eine böse Geschichte zugezogen. Nach einem Jagdbankette, wobei die Heldenthaten der Schützen gebührend gefeiert wurden, hatte er einen Stalljungen halb erwürgt, weil, dieser ein fremdes Pferd vor seinen Wagen gespannt hatte. Der Bursche war sechs Wochen bettlägerig. Nüchtern geworden, war Robert in Verzweiflung und gab sich selbst das feierliche Versprechen, von derlei gefährlichen Gesellschaften fernzubleiben. Seit einem Jahre schon hielt er sich Wort, und Tante Isabella, die auf sein vernünftiges Benehmen ebenso stolz war, als sie nachsichtig gegen seine Thorheiten gewesen, bestärkte ihn in seinen guten Vorsätzen. Das alte Mädchen, welches den einzigen männlichen Sprossen des altadligen Hauses vergötterte, hätte aus Liebe zu ihrem Neffen die Welt umstürzen mögen. Während sie ihm mit stolzem Blicke zusah, wie er mit dem Löffelchen die Zuckerstücke in seiner Tasse zerdrückte, die in dem Cognak nur schwer zergehen wollten, bewunderte sie seine kräftige Gestalt. Er hatte breite Schultern, doch schlanke Hüften, kleine Hände und Arme wie von Stahl, ein energisches, von der freien Luft gebräuntes Antlitz und blaue Augen. Haare und Brauen waren kastanienbraun, sein Schnurrbart aber lichtblond, was seinen Gesichtszügen eine eigentümliche Weiche verlieh, Antoinette war das gerade Gegenteil. An ihr war alles anmutig und zart. Die beiden Geschlechter, denen sie entstammten, waren in ausgesprochenster Weise in ihnen verkörpert. Der eine war ein Saint-Maurice mit athletischen, Körperbau und heftigen sinnlichen Begierden; die andere war eine Clairefont, sanft, träumerisch, etwas phantastisch. Darum auch liebte sie ihren Vater so sehr. Seit einigen Augenblicken trippelte der Notar in sichtlicher Ungeduld auf und nieder. Der Sand knirschte unter seinen Schritten, wie er sich bald dem Geländer der Terrasse zuwendete, bald zur Laube zurückkehrte. Eine gewaltige Erregung schien ihn erfaßt zu haben, als sei er gesonnen, einer schwierigen Situation gegenüber zu treten, habe aber noch nicht den Mut dazu. Der Marquis, die Augen ins Leere gerichtet, schien einem angenehmen Gedanken zu folgen. Er lächelte, und seine Finger trommelten zerstreut auf der Steinplatte, auf die er sich stützte. Welch glückliche Erinnerungen, welch schimmernde Hoffnungen umgaukelten den Sinn des Greises? In welch erhabene Sphären, in welch blaues Reich der Träume hatte seine Phantasie ihn entführt? Plötzlich machte er eine heftige Gebärde, schlug mit der flachen Hand auf sein Knie, und mit lebhaft geröteten Wangen rief er triumphierend aus: »Mein Ofen mit kreisförmigem Zug wird mindestens achtzig Prozent Ersparnis an der Heizung erzielen. Alle Ueberbleibsel und alle bis heute ohne Verwendung gebliebenen Stoffe können zu dessen Feuerung dienen. Ah, ah! Malézeau! Sie sollen sehen, daß ich recht behalte Ich habe die wahre Goldmine gefunden!« Das Antlitz des Fräuleins von Saint-Maurice verdüsterte sich, sie kreuzte die Arme, und mit soldatischer Haltung sich dem Marquis gegenüber aufpflanzend, rief sie: »Dies ist seit kurzem das zehnte Mal, lieber Schwager, daß Sie einen Schatz entdecken!« »Oh, diesmal ist es der rechte,« entgegnete lebhaft der Erfinder. »Diese neueste Erfindung entspricht einem längst empfundenen Bedürfnis. Sämtliche Hüttenwerke leiden unter dem stets zunehmenden Preise des Heizungsmaterials. Bei meinem Feuerungssysteme jedoch wird die Kohle, wenn auch nicht überflüssig, so doch leicht zu ersetzen sein. Man wird nasses Stroh, Abfälle von Gemüse und Rüben und dergleichen verbrennen können... Ihr seht die Wichtigkeit dieses Verfahrens ... Die Weltindustrie hat von den Striken der Arbeiter in den Kohlendistrikten nichts mehr zu befürchten und sobald ich meine Patente genommen habe, werde ich Verträge mit den größten Hüttenwerken der Welt abschließen ... Das wird einen riesigen Gewinn geben, sage ich euch, und völlig sicher ... Ich bin des Erfolges so gewiß, daß ich für diese Unternehmung, wenn es sein müßte, mit meinem Namen haften würde ...« »Bester Schwager, ein Edelmann hat nicht das Recht, über seinen Namen zu verfügen,« unterbrach ihn Tante Isabella in schroffer Weise. »Das ist wahr,« erwiderte ernst der Marquis. »Dieser Name gehört allen denen, welche ihn vor mir getragen haben, und ich muß ihn unangetastet denen überliefern, die meine Nachfolger werden ... Aber, seien Sie versichert, Tante, daß ihm nichts von seinem Glänze genommen würde, wenn ich ihm noch die Ehre einer so schönen Eroberung auf industriellem Gebiete hinzufügte ...« »Sie wissen seit lange, was ich von Ihren Forschungen halte; ein Mann wie Sie hat bei solchem Handwerkstreiben nichts zu gewinnen, hingegen alles zu verlieren ...« »Aber, Tante,« unterbrach sie der Marquis lächelnd, »selbst König Ludwig XVI. hat die Schlosserei betrieben ...« »Das ist ihm aber auch schön ausgeschlagen, man hat's gesehen,« rief triumphierend Tante Isabella. »Sie denken doch wenigstens nicht, daß ich auch auf dem Schafott sterben werde?« »Nein! Aber auf Stroh!« Antoinette hatte sich ihr genähert; schmeichelnd strich sie die hochgerötete Wange des alten Fräuleins, indem sie ihr ins Ohr flüsterte: »Lassen Sie doch, beste Tante, seien Sie gut und schonen Sie meinen Vater ...« »Pah, pah! Du kommst mir recht, du Schmeichlerin, du bist zur Hälfte an den Thorheiten deines Vaters schuld! Statt ihm seine Handlungsweise vorzuwerfen, ermutigst du ihn noch ... Und ich stehe dafür, was ich sage: Wir werden ihn noch im bittersten Elende sehen, wie ›Jakob‹. Uebrigens, mein Bester, thun Sie, was Ihnen beliebt ... Hier ist Herr Malézeau, der ohne Zweifel in Geschäften mit Ihnen zu sprechen hat... Hören Sie ihn an und trachten Sie, aus seinen Ratschlägen Nutzen zu ziehen ...« Kaum vernahm Robert, daß von Geschäften die Rede war, so verlor er sich schleunigst in der Richtung nach der Treppe. Der Marquis warf dem Notar einen Blick voll lächelnder Ruhe zu, und sich leicht auf den Arm seiner Tochter stützend, sagte er: »Jetzt, mein lieber Herr Malézeau, stehe ich Ihnen ganz zu Diensten ... Wünschen Sie, daß wir hineingehen?« »Ich würde dies vorziehen, Herr Marquis, ich habe Ihnen gewisse Rechnungsauszüge vorzulegen, Herr Marquis, welche, wie ich glaube, die ernsteste Aufmerksamkeit ...« »Nun, so gehen wir in mein Kabinett,« versetzte der Marquis, »ich will Ihnen gleichzeitig das Modell meines neuen Ofens zeigen, Malézeau ... Sie sollen sehen, wie einfach die Ausführung ist... Aber die Idee, die mußte erst gefunden werden... Eine Idee, das ist eben nichts und alles, meine liebe Tante Isabella...« »Schön, schön! An Ideen mangelt es Ihnen nicht...« brummte das alte Mädchen. »Nur sind sie meist greulich verzwickt.« Dann trat sie an den Notar heran, welcher dem Marquis und seiner Tochter folgte. »Ist es etwas Ernstes, Malézeau?« fragte sie mit lebhafter innerer Erregung, die ihre Stimme zittern machte. »Es ist schon lange, daß man Sie nicht bei uns gesehen hat, und wenn Sie kommen, ohne gerufen zu werden, so muß es sehr wichtig sein ...« Der Notar senkte den Kopf als Zeichen der Bejahung, und seine unstäten Augen rollten verzweifelt schnell hinter den Brillengläsern. Fräulein von Saint-Maurice zitterte. Seit langen Jahren war sie an die Vorstellungen und Warnungen gewöhnt, die der geschäftskundige Mann an seine vornehmen Klienten richtete. Und jedesmal, wenn Malézeau im Schlosse erschienen war, hatte sich das Vermögen um einige Grundstücke oder einige Joch Wald verringert. Heute war alles mit Hypotheken belastet, die Besitzung brach fast unter der Schuldenlast zusammen, deren Verfalltag vor der Thüre stand. Wollte man ihr nur ein wenig mehr auferlegen, so war totaler Ruin unvermeidlich. »Ums Himmels willen, strecken Sie ihm nichts weiter vor,« sagte Tante Isabella, »er ist in seine neue Idee vernarrt und wird wieder Geld von Ihnen verlangen ... Widerstehen Sie seinen Bitten, Herr Malézeau, bedenken Sie, es ist eine Gewissenssache... Sehen Sie, Honoré ist ein altes Kind ... Ach, wenn Sie ihn dazu brächten, seinen Ideen zu entsagen, welchen Schmaus wollten wir Ihnen zu Ehren feiern!« »Sie dürfen auf mich zählen, mein Fräulein, ich bin entschlossen, unerbittlich zu sein, mein Fräulein, ich werde es Ihnen beweisen.« Der Marquis hielt einen Augenblick an der Freitreppe still. Vom hellen Mittagslichte übergossen, breitete sich das Thal friedlich und heiter vor seinen Blicken aus. Durch die grünen Fluren zog das Flüßchen, von niedrigen, verkrüppelten Weiden umsäumt, glänzend dahin. Zwischen dem dunklen Laub dichter Baumgruppen glitzerten im Sonnenschein die Schiefer- und Schindeldächer der Häuser. Die Luft war so klar, daß der vergoldete Wetterhahn auf der Kirchturmspitze sich deutlich erkennen ließ. Die grellen Töne einer Fabriksglocke, welche die Arbeiter an ihr Tagewerk riefen, und das lärmende Treiben der Schüler, welche die Schulstunde erwarteten, klangen bis zum Hügel empor. An das Eisengeländer gestützt, stand der Greis da und konnte die Blicke von dem lieblichen Bilde nicht abwenden. Thränen stiegen ihm in die Augen, und mit leiser Stimme murmelte er: »Die Ruhe und Sorglosigkeit in dieser schönen Natur ... Die stillen Lebensfreuden im Kreise der Meinen ... Das wäre vielleicht Klugheit und wahres Glück gewesen! Doch jeder hat sein Schicksal und kann sich demselben nicht entziehen.« Er schüttelte den Kopf und als er sah, daß Malézeau noch mit Tante Isabella plauderte, sagte er: »Malézeau, mein Freund, ist es Ihnen gefällig?« ... Damit trat er in den Salon ein. Robert ging mit hastigen Schritten dem linken Schloßflügel zu, wo eine Treppe, die in einem Eckturme angebracht war, zu seinen Zimmern führte. Fröhlich eine Jagdmelodie pfeifend, schritt er einen langen Gang hindurch, der mit den Wirtschaftsgebäuden in Verbindung stand. Dort lag auch die riesig große Küche mit einem Herde, auf dem ein Spieß ruhte, an welchem man ein ganzes Kalb hätte braten können. Nur eine Magd war in dem weiten Räume beschäftigt, der für die Festlichkeiten und schwelgerischen Tafeln eines Riesengeschlechtes angelegt schien und in welchem nun die bescheidenen Mahlzeiten der vier Schloßbewohner bereitet wurden. Im Vorübergehen warf der junge Mann der Magd einen vertraulichen Gruß zu, und sich nach rechts wendend, wollte er die Steinstufen hinansteigen, als heiteres Lachen seine Aufmerksamkeit erregte. Er that noch einige Schritte nach vorwärts, und, vor der halbgeöffneten Thür eines Zimmers stehen bleibend, bemerkte er die schöne Rose Chassevent, welche dort Wäsche plättete, und im Fenster hockend den rothaarigen Schäferburschen. Rüstig fuhr Rose mit dem Bügeleisen über den von unzähligen Brandflecken geröteten Wollenüberzug der Platte, und arbeitete eifrig darauf los, ohne deswegen das Gespräch mit ihrem halbwilden Kameraden zu unterbrechen. Mit nackten Armen, das Busentuch halb offen, das Gesicht lebhaft gefärbt, stand sie da, die bildhübsche Tochter des Wilddiebes. Der Rotkopf saß zusammengekauert, mit den heraufgezogenen Knieen das Kinn stützend, die Augen voll Bewunderung auf Rose geheftet. Von Zeit zu Zeit stieß er heisere Rufe aus, denn er entschloß sich nur dann, Worte auszusprechen, wenn es unbedingt nötig war, als ob sein Stummsein mehr Trägheit sei, als von einem Gebrechen herrühre. Rose hatte zu lachen aufgehört und redete jetzt zu ihm mit einem leichten normannischen Accent, der ihrer Sprache einen pikanten Reiz verlieh. »Nein ... denn sieh, du achtest zu wenig auf deine Person... Schau dich nur 'mal an, du trägst eine zerfetzte Hose und ein Hemd, das vom Staub ganz grau ist. Dazu schleppst du noch den Geruch deiner Schafe mit dir herum, und das kann doch einem jungen Mädchen nicht gefallen.« Der Hirtenjunge stieß ein Grunzen aus, seine kleinen Elsteraugen funkelten, und nach anscheinend großer Anstrengung stammelte er: »Schön für das Fest!« »Ah, ah! Du Geheimniskrämer, du hast eine Ueberraschung vor,« rief die schöne Dirne, indem sie fröhlich den glühenden Plättstahl handhabte. »Nun, wenn du nur ein bißchen anständig aussiehst, so werde ich mit dir tanzen, ich verspreche es dir, gerade so wie mit den anderen.« Der Rotkopf blieb still, nur seine Lippen preßten sich bösartig übereinander. Sein Gesicht nahm einen Augenblick einen Ausdruck entsetzenerregender Roheit an, dann rang sich ein Lachen stoßweise aus seiner Brust. »Nun bist du zufrieden, mein Junge, nicht wahr?« sagte Rose. »Aber das ist kein Grund, den ganzen Tag hier droben auf dem Fenster zu sitzen. Du thätest besser, nach deinem Vieh zu schauen, denn wenn man dich hier überrascht ...« Sie konnte den Satz nicht vollenden, denn schon stand Robert vor ihr; der Schafhirte ließ einen pfeifenden Ton laut werden, sprang mit affenartiger Behendigkeit von dem Fenster in den Hof hinab und lief eilends in der Richtung nach den Ställen davon. »Ah, schöne Rose, da erwische ich dich mit deinem Liebhaber,« sagte der junge Graf und nahm neben dem Plattgerät Platz ... »Nun, du hast wirklich keine Ursache spröde zu thun, wenn du gegen den häßlichsten Burschen auf dem ganzen Pachthofe so liebenswürdig bist ...« »Oho, Herr Robert,« sagte das Mädchen kokett, »kommen Sie in die Wäschekammer, um mit mir zu zanken?« »Nein, wahrhaftig ... Ich wollte gerade hinaufgehen, als ich dich mit dem Schlingel plaudern hörte ... Aber umsonst will ich dich nicht gestört haben ...« Damit faßte er die Schöne um die Hüfte und drückte einen raschen Kuß auf ihren weißen Hals. »Das habe ich nicht von Ihnen verlangt,« versetzte Rose, indem sie ihr Busentuch zurechtschob. »Wenn man die Tochter küßt, darf man nicht so hart gegen den Vater sein ... Was haben Sie dem guten Chassevent, meinem Alten, schon wieder angethan?« Der junge Mann zog die Stirn in Falten. »Du weißt, wenn wir gute Freunde bleiben sollen, so darfst du mit mir nicht von der alten Canaille sprechen ...« »Und ich, ich will nicht, daß Sie mit mir sprechen, wenn Sie ihn so behandeln!« schrie Rose mit purpurroten Wangen. »So geh doch, sei nicht so böse,« entgegnete der junge Mann, sich der niedlichen Plätterin nähernd und ihren Arm sanft streichelnd. Sie fuhr fort zu schmollen und hielt die Augen gesenkt, doch um ihre Mundwinkel begann ein Lächeln zu spielen. Ihr blondes, lockiges Haar war am Hinterkopfe hoch hinaufgebunden, den kräftigen Nacken frei lassend, und der ausgeschnittene Kragen ließ den Beginn ihrer samtweichen Schultern erblicken. »Und doch, wenn Sie nur ein bißchen guten Willen hätten, wie schön könnte sich das alles machen lassen!« fing Rose wieder an, die Augen aufschlagend und sie mit mildem Blicke auf Robert richtend. »Der Vater hat den Wald und das Wild leidenschaftlich gern ... Nehmen Sie ihn als Waldhüter ... Er wird Ihnen dann die Hasen nicht mehr fangen, und Kaninchen gibt's genug, daß er essen kann, soviel er mag, ohne Ihnen damit zu schaden ... Das kleine Häuschen bei Soucelles hat keinen Mieter ... Dort könnte ich mit ihm wohnen und hätte näher aufs Schloß ... Es würde mir gar so viel Freude machen!« ... Der Graf näherte seine Lippen den Wangen der schönen Rose, die sich nicht mehr dagegen sträubte. »Du bist gar nicht dumm,« schmunzelte er ... »Und das ließe sich auch wirklich ganz leicht machen, wenn der alte Teufelskerl von Chassevent nicht der größte Schurke auf zehn Meilen in der Runde wäre. Meine Jagd hätte keinen üblen Hüter an ihm, dem Helfershelfer aller Wilddiebe des ganzen Reviers ... Nein, mein schönes Kind, wenn ich deinen Vater irgendwo einquartiere, so ist's im Gefängnis ... Und das wäre noch ein Gewinn für dich, denn unterdessen wird er dir dein Geld nicht abnehmen und dir keine Ohrfeigen geben ...« »Ah! Steht's so!« rief Rose wütend, indem sie sich ungestüm den Armen des jungen Mannes entwand ... »Von nun an verbiete ich Ihnen, mir nahe zu kommen ... Und wenn Sie nur eine Falte meines Kleides berühren, so sage ich es augenblicklich dem Fräulein Antoinette ... Ja, gewiß!« »Bravo! Die Tugend macht dich noch schöner, Herzchen ... Dabei mußt du bleiben,« lachte Robert ... »Da sieh 'mal dort unten deinen rothaarigen Liebhaber, wie er dich beobachtet ...« Von brennender, eifersüchtiger Neugier getrieben, schlich der Rotkopf im Hofe umher, mit scharfen Blicken das Fenster der Wäschekammer bewachend. Er hatte auf einmal ein sehr aufgewecktes Aussehen, und seine schlaue Miene hätte den Leuten viel zu denken gegeben, welche ihn für völlig ungefährlich hielten. Als er sich beobachtet sah, drehte er sich um, nahm wieder sein blödes Aussehen an und ließ die Peitsche knallen, wie er es zu seiner Zerstreuung zu thun pflegte. »Der Rotkopf,« erwiderte Rose mit Bitterkeit, »ist ein armer Junge, der keiner Fliege etwas zuleide thäte und den ich sehr bemitleide! Es ist schlecht von Ihnen, Herr Robert, sich über ihn lustig zu machen ... Er wurde im Hause Ihres Vaters aufgenommen, nachdem man ihn am Rande eines Straßengrabens gefunden ... Ich habe ihn aufwachsen sehen, er ist mein Spielkamerad gewesen ... Der würde nichts Böses über meinen Vater sagen ... das dürfen Sie mir glauben!« »Schließen wir Frieden!« sagte Robert, das schöne Mädchen sanft am Ohre zupfend ... »Wir werden versuchen, etwas nach deinem Wunsche zu thun, ohne uns dadurch Schaden zuzufügen ...« Das Antlitz der Arbeiterin erhellte sich, ihre Lippen rundeten sich zu einem Lächeln, und mit schmeichelnder Koketterie dem jungen Manne ihre Wange reichend, sagte sie: »O, wenn Sie wollen, können Sie so lieb sein! ...« Er umschlang sie und küßte sie lebhaft. Mit einem Schrei riß sie sich los: »Sie haben mir weh gethan ... Sie sind so stark ... Sie könnten mich tot drücken, ehe Sie sich's versehen ...« Im selben Augenblicke fiel eine kräftige Stimme ein: »Und das wäre wahrhaftig jammerschade! ...« Als Robert sich unwillig umwendete, erschien das rote, lachende Gesicht Tondeurs am Fenster. »Ihr Diener, Herr Robert und die werte Gesellschaft,« rief der lustige Bruder. »Donnerwetter, Sie haben keinen schlechten Geschmack!« Und mit den Augen zwinkernd, brach er in ein derbes Lachen aus, das ihn völlig blau werden ließ. »Was führt Sie her?« fragte der junge Mann in barscher Weise. »Bei Gott, Herr Robert, etwas, das Sie näher angeht als mich. Soeben entdeckte ich droben im Holzschlag ein Nest mit Sperbern ... und ich eilte spornstreichs hierher, um Sie davon zu benachrichtigen ...« »Und ich danke Ihnen bestens dafür ...« erwiderte Robert freundlich ... »Lassen Sie mir nur so viel Zeit, um meine Flinte zu holen, ich stehe sofort zu Diensten ...« »Vergessen Sie aber darüber nicht, was Sie mir versprochen haben!« rief Rose, indem sie unter großem Geräusche einen glühenden Bolzen aus dem Feuer nahm. »Das werden wir schon sehen! Warten Sie auf mich, Tondeur,« und leichten Schrittes eilte der Graf die Treppe nach seinen Zimmern hinan. »Was hat er dir denn versprochen, Rösle?« fragte der Holzhändler, mit seinen wuchtigen behaarten Fäusten auf die Fensterlehne gestützt. »Etwa dich zu heiraten?« »Alter Narr!« erwiderte das schöne Mädchen. »Da, gehen Sie schnell zu Herrn Malézeau, der eben fortgeht. Fragen Sie ihn. Vielleicht hat er schon den Auftrag, den Ehekontrakt zu entwerfen.« Von dem Marquis begleitet, durchschritt der Notar den weiten Hof. Herr von Clairefont redete mit großer Lebhaftigkeit auf ihn ein, während Malézeau mit gekrümmtem Rückgrat ihn anhörte, wie jemand, der darauf gefaßt ist, eine ganze Sündflut von Bitten und Vorstellungen über sich ergehen zu lassen, dabei aber entschlossen ist, von seinem Vorsatze nicht abzuweichen. Der Marquis ließ sich indes von der wenig entgegenkommenden Haltung seines Rechtsfreundes nicht entmutigen, und ganz Feuer und Flamme, mit lebhaften Gebärden fuhr er zu sprechen fort: »Ja, mit 50 000 Franken könnte ich mir alle erforderlichen Patente beschaffen, könnte meine Erfindung verbreiten und riesige Summen verdienen ... Hören Sie mich, Herr Malézeau?« »Ich höre und ich verstehe ... Herr Marquis, das ist ja sehr klar, Herr Marquis ... Aber woher wollen Sie die 50 000 Franken nehmen? Wenn Sie nächste Woche eine Zahlung von 163 000 Franken nicht leisten, so steht der gerichtliche Verkauf Ihres ganzen Besitztums bevor, Herr Marquis, und Sie können zum Verlassen dieses Schlosses genötigt werden, Herr Marquis ...« »Wo ich sie hernehme, Malézeau? ... Doch wohl aus Ihrer Kasse, mein Freund ... Sie werden mir doch um einer so geringen Summe wegen nicht einen solch großen Schaden zufügen wollen ... Nur 50000 Franken! Und damit könnte ich mir Reichtümer erwerben! ... Lassen Sie Ihre Bedenken fahren und leihen Sie mir das Geld!« »Ich habe selbst kein Vermögen, Herr Marquis, und was die Kapitalien meiner Klienten betrifft, so verbietet mir sowohl mein Gewissen, als auch das Gesetz, über dieselben zu verfügen. Folgen Sie mir, Herr Marquis, verzichten Sie vorderhand auf die Verwirklichung Ihrer Pläne und suchen Sie lieber alle Ihre Kräfte aufzubieten, um sich aus der bedenklichen Lage zu befreien, in der Sie sich augenblicklich befinden ... Sie ist eine sehr ernste ...« »Ei, ich werde mich wohl aus dieser Lage befreien, dafür bürge ich Ihnen, aber keineswegs durch Ersparnisse ... Meine Erfindung wird uns alle retten ... Ich muß die 50000 Franken haben, Malézeau. Auf eine zweite Hypothek, wie?« »Sie werden sie nicht finden, Herr Marquis. Ihr Kredit ist erschöpft und wenn ich bis heute nicht für Sie unterhandelt hätte, so würden Sie schon seit langem keinen Sou mehr gefunden haben, Herr Marquis ...« »Gut, ich erwarte heute abend meinen zukünftigen Schwiegersohn ... Von ihm werde ich das Geld verlangen ... Er wird mich verstehen, er ...« Malézeau schien eine Sekunde zu zaudern, dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen: »Das heißt, er wird abreisen, ohne jemals wiederzukehren, Herr Marquis ... Wollen Sie ihm selber einen Vorwand an die Hand geben, um die geplante Heirat, die sich nun schon so lange hinzieht, zu lösen?« »Was reden Sie da, Malézeau? Halten Sie es etwa für denkbar, daß Herr von Croix-Mesnil nicht geneigt sein könnte, sein Versprechen zu halten? Wenn es so wäre, so würde ich es sicherlich nicht bedauern, daß meine Tochter so lange mit der Heirat gezögert... Uebrigens, wenn ich imstande sein werde, ihr eine fürstliche Mitgift zu geben, wird es ihr an Bewerbern nicht fehlen ... Da ich Sie unzugänglich finde, so werde ich meine eigenen Taschen durchstöbern und sehen, mir selbst zu helfen ... Ich ersuche Sie bloß, dahin zu wirken, daß der Zahlungstermin hinausgeschoben wird, damit ich die nötige Ruhe habe ... Gehen Sie zu meinen Gläubigern ...« »Herr Marquis, es gibt heute nurmehr einen ...« »Ah!« rief Herr von Clairefont, dessen siegesfrohe Erregung sich plötzlich dämpfte. Mit schmerzlicher Angst fügte er hinzu: »Und dieser eine Gläubiger ...« Der Notar senkte mutlos das Haupt und flüsterte den gefürchteten Namen: »Carvayan! Er hat insgeheim alle auf Sie laufenden Wechsel an sich gebracht, Herr Marquis; er will, daß Sie mit ihm allein zu thun haben ...« Alle Illusionen des Erfinders zerflossen in einem Augenblicke in nichts. Seine eingebildete Sicherheit verschwand, er sah den Abgrund, dem er mit hastigem Schritte zueilte, offen vor sich liegen. Während er sich in seinen Träumen gefiel, hatte der Feind an dem Zerstörungswerke ununterbrochen gearbeitet. Es wurde ihm eisig ums Herz, in den Ohren fühlte er ein Brausen und alles erschien ihm schwarz, als habe sich der Himmel plötzlich mit dunklem Gewölke bedeckt. Die Stimme seines Sohnes brachte ihn wieder zu sich. Der junge Mann, die Flinte über der Schulter und begleitet von seiner Schwester, trat eben aus dem Schlosse. Beide waren fröhlich, heiter und sorglos. Antoinette schritt unter einem großen roten Sonnenschirme dahin, der ihr reizendes Gesicht beschattete. »Papa,« rief sie schon von weitem, »kommst du mit uns? Herr Tondeur führt uns in den Holzschlag.« »Nein, mein Kind, ich muß auf mein Zimmer, um zu arbeiten.« Mit zärtlichen Blicken sah er den beiden nach; Robert, geschmeidig und kräftig, mit seiner athletischen Gestalt, sie von hohem, schlankem Wuchse und anmutigen Formen. Seine Kinder, sein kostbarstes Gut ... die sollte er der Rache Carvayans überliefert sehen? Ihre Gegenwart, ihre Zukunft stand auf dem Spiele, und er sollte nicht imstande sein, sie den Händen seines Feindes zu entreißen? Eine Flamme stieg ihm zum Gehirn und eine neue Kraft fühlte er in seinem Inneren aufleben. Nun hielt er sich für stark genug, Wunder zu vollbringen. Zu seinem Unglück suchte er jedoch sein Heil wieder in gefährlichen Spekulationen und wendete sich den alten Trugbildern zu. Obgleich ihm noch der Ausweg blieb, durch Ordnung, Fleiß und Geduld sich aus seinen finanziellen Verlegenheiten zu befreien, ging er daran, den Abgrund weiter zu öffnen, der sein Vermögen verschlingen mußte. »Suchen Sie Carvayan zu bewegen, daß er mir Zeit läßt,« sagte er zu dem Notar, »und ich stehe für alles.« Seine leuchtenden Blicke auf das Schloß gerichtet, fügte er in prophetischem Tone hinzu: »Sehen Sie diese Türme, diese Dächer? In kurzem werde ich so viel besitzen, um sie vergolden zu lassen, wenn mir die Laune dazu kommen sollte.« Dann begann er zu lachen, schüttelte sein weißes Haupt und mit einem Abschiedsgruße an Malézeau, der sich angstvoll fragte, ob er nicht einen Wahnwitzigen vor sich habe, stieg er zu seinem Laboratorium hinauf. Viertes Kapitel. Nicht ohne tiefe Rührung hatte Pascal sein Heimatsstädtchen wieder erblickt und das väterliche Haus betreten. Ein halbes Kind noch war er in die Ferne gezogen, als Mann kam er zurück. In vielen einsamen Stunden seines Lebens auf fremder Erde hatte. er die Ursachen, welche ihn zum Verlassen der Heimat bewogen hatten, einer gründlichen Erwägung unterzogen, und nicht ein einziges Mal war ein Gefühl von Reue in ihm erwacht. Er hatte gethan, was er hatte thun müssen. Durch die Verhältnisse gezwungen, seinen Vater zu verurteilen, hatte er sich selbst verbannt, wie um sich für seinen Mangel an kindlicher Achtung zu bestrafen, und sich mit Leib und Seele der Arbeit zugewendet. Allmählich empfand er eine große Erleichterung in seinem Inneren. Die Entfernung hatte zwischen seinem Gedächtnisse und der schrecklichen Erscheinung Carvayans einen wohlthätigen Schleier gebreitet, und diese erschien ihm nun in milderem Scheine. Während seiner jahrelangen Abwesenheit, allein auf dem dichtbevölkerten, doch für ihn öden Boden fremder Länder, hatte er sich im Geiste mit aller Kraft seines Empfindens an das ferne Vaterland, die zurückgelassene Familie geklammert. Er schrieb regelmäßig seinem Vater, um ihm von seinen Unternehmungen, seinen Arbeiten, seinen Erfolgen zu berichten. Carvayan hatte ihm stets mit kaufmännischer Pünktlichkeit kurze, inhaltsreiche, kalte Antworten geschickt, wahre Geschäftsbriefe, die kaum mit einem etwas wärmeren Worte endeten. Immer waren es Ratschläge, kühn und praktisch, die mit einem bewunderungswürdigen Instinkt mit den fremden Verhältnissen rechneten, doch niemals ein Wort, das als Anspielung an die Vergangenheit oder als Anbahnung zu einer künftigen Versöhnung hätte gelten können. Trotz des traurigen Lebens, welches der Alte in seiner Vereinsamung führte, vernahm sein Sohn niemals jenen Hilfeschrei des Alters, das nach einer Stütze begehrt, jenen Sehnsuchtsruf: »Komm zurück!« Der stolze, unbeugsame Starrsinn Carvayans zeigte sich voll und ganz in seinem Benehmen Pascal gegenüber. Der Sohn hatte sich aus freiem Antriebe entfernt und der väterlichen Gewalt entzogen, nun sollte und mußte er die selbstgewollte Freiheit ohne Schranken ausnutzen. Eines Tages jedoch, nachdem der junge Mann, mit seinen Arbeiten zu Ende und des Umherziehens in der Welt müde geworden, sich entschloß, dem Vater seine Rückkehr anzuzeigen, hatte er von diesem einige Zeilen erhalten, in welchen eine unerwartete Befriedigung sich aussprach. Pascal war tief gerührt davon, denn er war keineswegs abgestumpft für diese Kundgebung väterlicher Liebe, die sich endlich frei äußerte, rückhaltslos und ohne falsche Scham. Der Greis war glücklich, seinen Sohn wiederzusehen, ein bleicher Strahl von Freude schien sein vertrocknetes, kaltes Herz zu erwärmen. Pascal reiste ab in dem doppelt glücklichen Gefühle, die Heimat wiederzusehen und den Vater milder und zugänglicher zu finden. Ihm, der an ein langsames Reisen in unkultivierten Ländern, an das Durchwandern weiter Strecken gewöhnt war, ihm erschien die rasche Ueberfahrt von Amerika nach Frankreich tödlich lang und die Eisenbahnfahrt endlos. Eine Art von Ungeduldsfieber war über ihn gekommen. Kaum nahm er sich so viel Zeit, um seiner Gesellschaft in Paris Rechenschaft abzulegen, und noch an demselben Abende kam er in Neuville an. In heftigen Schlägen pochte ihm das Herz, als er aus dem Waggon stieg und mit nicht zu bewältigender Unruhe die Bahnhofhalle entlang blickte. Seine Augen, von Thränen verdunkelt, die zurückzuhalten er sich nicht mehr bemühte, entdeckten endlich unter den Wartenden einen kleinen Mann, der allein, in aufrechter, strammer Haltung dastand. Ein zweifacher Ruf ertönte gleichzeitig. »Vater!« »Pascal!« Und von unwiderstehlicher Gewalt gedrängt, fielen sie einander in die Arme. Der Maire von Neuville bekämpfte indes bald seine Erregung, gab den Trägern kurze, gemessene Aufträge, daß das Gepäck in die Rue du Marché zu befördern sei, und seinen Arm in den des Sohnes legend, führte er ihn durch das Städtchen, die Grüße der Bekannten nur flüchtig erwidernd, und raschen Schrittes, um die Zudringlichen ferne zu halten. Er wurde nicht müde, Pascal über die von ihm geleiteten Geschäfte zu befragen, nicht mit welchen Mitteln er gearbeitet hatte –das war Carvayan Nebensache –aber mit welchem Resultate. Sie speisten miteinander und verbrachten den Abend allein. Mit freudiger Ueberraschung betrachtete er den jungen Mann, dessen ernste Sprache irgend ein unbekanntes Etwas in seiner Brust erbeben machte. Er bewunderte seine Tüchtigkeit und seine glänzenden Geistesgaben. Als Pascal ihm erzählte, daß der Anteil, den er aus der von ihm geleiteten Unternehmung bezogen hatte, 600 000 Franken betrage, stieß der Geldmensch einen Jubelschrei aus. Dann glitt ein dunkler Schatten über seine Stirn, die Worte fielen kalt von seinen Lippen, seine Gesten wurden zurückhaltender. In seinem Gehirn war der Gedanke plötzlich aufgetaucht: »Wenn mein Sohn reich ist, so braucht er mich nicht, und ich werde keine Macht über ihn haben.« Der Grundzug von Carvayans Charakter war Herrschsucht. Sollte er sich für jemand interessieren, so mußte dieser von ihm abhängig sein und sich seiner Macht beugen. Indes verflog dieser bittere Gedanke gar bald. Pascal sprach weiter, und seine tiefe, klare Stimme übte von neuem ihre bezaubernde Wirkung auf ihn aus. Carvayan überlegte: »Woher kommt es, daß mein Sohn diese Gewalt über mich gewinnt? Haben seine Worte eine solch unwiderstehliche Kraft? Wenn man ihn anhört, so ist es schwer, sich von ihm nicht zu seiner Meinung bekehren zu lassen. Denn wenn ich selbst ... Doch ich glaube, es ist bloß der erste Eindruck, und der wird vorübergehen!« Pascal war müde, er zog sich zeitig zurück. Der Vater geleitete ihn selbst in den ersten Stock, durch die dunklen Gänge und die enge Treppe empor, bis er vor der Thür, welche zu dem Zimmer seiner Mutter führte, stillhielt. Von seinen Erinnerungen bestürmt, blieb Pascal zögernd stehen. Carvayan öffnete, und ganz so, wie es einst gewesen, bot sich das Gemach den Blicken des jungen Mannes dar. Alles war in demselben Zustande geblieben, als ob während der letztverflossenen Jahre niemand den von dem Tode geheiligten Raum betreten hätte. Auf dem Tische lagen noch dieselben kleinen Nippsachen, die auf die ehemalige Bewohnerin zu warten schienen, und neben der Kaminecke vor dem Lieblingsfauteuil stand der Stickrahmen, mit einem grauen Tuche bedeckt. Die Erinnerung überkam Pascal bei diesem Anblicke so lebhaft, daß er sich fragte, ob er geträumt habe, ob die in der Fremde verlebte Zeit wirklich verflossen sei und ob sich nicht alsbald die Stimme der teuren Toten werde vernehmen lassen. Doch nur Carvayans Stimme erklang in dem Halbdunkel des weiten Gemaches in trockenem, gleichgültigen Tone: »Ich habe dich hier untergebracht ... Ich dachte, du würdest hier besser aufgehoben sein, als in deinem Junggesellenzimmer.« Besser aufgehoben! So war es demnach nur der Komfort, an den Carvayan gedacht, als er seinem Sohne das Zimmer der verstorbenen Mutter einräumte. Er hatte dessen Rührung nicht vorausgesehen, er ahnte nicht, daß einige von Herzen kommende Worte, in dieser Stunde gesprochen, ihm seinen Sohn für immer unterwürfig und vertrauensvoll wiedergegeben hätten. Diese Worte fand er nicht, er schüttelte seinem Sohne die Hand, wie einem Reisegefährten an der Schwelle eines Wirtshauszimmers und entfernte sich. Am frühen Morgen war Pascal bereits auf den Beinen. Sein Vater war ihm indes zuvorgekommen und in Geschäften fortgefahren. Der junge Mann empfand darüber etwas wie eine geheime Erleichterung. Sich selbst überlassen, wünschte er das Haus, in welchem seine Kindheit verstrichen war, in allen Einzelheiten zu mustern. Er öffnete das Fenster und sah die enge, dunkle Straße mit dem plätschernden Brunnen, dieselben Verkaufsläden mit denselben Inhabern; das Leben im Städtchen war dasselbe geblieben, wie es zur Zeit seiner Abreise gewesen. In der Ferne vernahm er die Flöte des Ziegenhirten, der jeden Morgen um acht Uhr durch dieses Viertel kam. Als er noch Kind war, pflegte seine Mutter ihn ans Fenster zu rufen, damit er die Tiere vorüberziehen sehe, und als er einmal krank gewesen, hatte er lange Zeit von ihrer Milch zu trinken bekommen. Nun hörte er auch schon das Glockengeklingel des Bockes, welcher, ein Kästchen mit Tassen auf dem Rücken, der Herde voranschritt. An der Ecke der Straße kamen endlich die Tiere zum Vorschein. Es war noch immer derselbe Hirt, und auch die Melodie, welche er blies, war die alte. Das Pflaster ertönte unter den schlanken Füßen der Ziegen, welche, die bärtigen Köpfe schüttelnd, vorübertrabten, um an der Wendung des Platzes zu verschwinden, und Flötenklang und Glockengebimmel verloren sich allmählich in der Ferne. Als es schon lange still geworden, stand Pascal noch immer horchend da, die Augen ins Leere gerichtet, mit gepreßtem Herzen, als hätte er seine Jugend scheiden sehen. Dann stieg er langsam hinab. Auf der Treppe begegnete er der Magd, deren Schönheit ihn überraschte. Es war ein Mädchen von zwanzig Jahren, brünett, mit weißem Teint und blauen Augen, welches ihn mit einem Lächeln begrüßte. Sorgfältig und zierlich gekleidet, trug sie einen großen kupfernen Krug mit Wasser in die Wohnung hinauf. »Sie suchen vielleicht Ihren Vater, Herr Pascal?« sagte sie. »Schon beim ersten Morgengrauen ist er nach dem Meierhofe von Moncelle gefahren. Er wird erst um die Mittagsstunde zurückkehren ... Wenn Sie einen kleinen Spaziergang machen wollen, so haben Sie Zeit genug, und kommen mit gutem Appetit nach Hause.« »Danke, das nehme ich mir in der That vor ...« »Nun dann, Herr Pascal, auf Wiedersehen!« Er ging ins Freie, die Luft war klar und frisch und droben im Aether tummelten sich die Schwalben mit lautem Gezwitscher. So bestieg er die Höhen von Couvrechamps, wendete sich dann dem Walde zu, trieb sich in den Feldern, auf denen das Getreide schon reifte; umher, sich mit stiller Freude wieder auf dem heimatlichen Boden fühlend, entzückt, berauscht von der Sonne, wie von dem würzigen Hauche der grünen Flur und von dem Geschicke mit unwiderstehlicher Macht jener Amazone entgegengeführt, die träumerisch sinnend in dem Hohlwege von Clairefont ritt. Und er, der gestern noch frei und sorgenlos gewesen und keinen anderen Wunsch gehabt, als die Vergangenheit zu vergessen und sich in die Gegenwart zu schicken, ruhig zu leben und über gewisse Dinge die Augen zu schließen, fand sich vom ersten Tage an, in einem Augenblicke, inmitten von Stürmen, die viel heftiger waren als alle, denen er je getrotzt. Eine ihm unbekannte Gewalt bemächtigte sich seiner, unterjochte ihn und zwang ihm ihren Willen auf. Er sah sich zum zweitenmal, und viel schrecklicher als jemals, zum Widerstände gegen seinen Vater genötigt. Es war, wie man es ihm gesagt; er war gerade mitten in den heftigsten Kampf hineingeraten. Carvayan oder Clairefont! Das vor dreißig Jahren begonnene Duell ging seinem Ende entgegen, einer der beiden Gegner mußte fallen. Er kannte jetzt vollständig die Geschichte seines Vaters und des Marquis; auf dem Wege von der Schenke nach Neuville hatte Fleury ihm alles erzählt. Mit Hilfe seiner Erinnerungen konnte er manches Fehlende vervollständigen, und manch kleine Zwischenfälle, die seinem Kindersinne dunkel geblieben waren, erschienen ihm nun in klarem Lichte. Er sah Carvayan und Clairefont als neue Montecchi und Capuletti in unversöhnlichem Zwiste miteinander. Die Waffen nur waren andere, so wie die Zeit, das Land und die Sitten andere waren. Man befand sich in Neuville und nicht in Verona, im Jahre 1880 und nicht 1300. Man kämpfte heute nicht mit Degen oder Dolch, sondern mit dem allgewaltigen Gelde. Man vergoß kein Blut mehr, das am hellen Tage seine Flecken hinterläßt, sondern Tinte, die im Dunklen besudelt. Es war keine freimütige, erklärte, laute Feindseligkeit, es war ein stummer, geduldiger, versteckter Kampf, aber gefährlicher und weit erbitterter. Pascal maß die beiderseitigen Kräfte und fand sie höchst ungleich. Auf der einen Seite der Marquis, ein armer Mensch mit weichem Gemüte und verirrtem Verstande, ohne Berechnung und Voraussicht, ein Spielball seiner Hirngespinste, die Wirklichkeit einem Trugbilde opfernd; auf der anderen Carvayan mit dem steinharten Herzen und dem kalten, hellen Kopfe, ein Mann, der sich nur in sichere Unternehmungen einließ und, einmal entschlossen, vor nichts zurückbebte. Es war der Kampf eines Zwerges mit einem Riesen. Der Ausgang war von vornherein entschieden. Und Pascal kannte die Mittel wohl, mit welchen die Verbündeten nach dem Siege rangen, denn er stand im Mittelpunkte der Angreifer, er, der insgeheim für die Gegenpartei die lebhafteste Teilnahme empfand. Er sah, wie sie zu Werke gingen, gleich einer Ameisenschar, die über ein gefallenes Tier herfällt und nichts läßt, als die blanken weißen Knochen. Er wußte, was sie bereits in Händen hatten. Tondeur hatte die Sägemühle gekauft, jene berüchtigte Dampfsäge, welche schuld war, daß die Tagelöhne der Holzknechte niedriger geworden. Dumontier, der Schwager Carvayans, hatte 120 000 Franken auf den herrlichen Strich Weidelandes hypothekarisch geliehen, der vom Flüßchen durchschnitten wurde. Der ruchlose Fleury, der sich Carvayan mit Leib und Seele ergeben, hatte keine Gelder vorgestreckt, hoffte jedoch auch seinen Teil zu erhaschen, als Belohnung für die guten Dienste, die er als Schreiber und amtlicher Schatzmeister dem Banquier erwies bei Gelegenheit der Versteigerungen, welche das gewöhnliche Resultat der Geschäfte Carvayans waren. Pourtois gelüstete es nach dem an seine Schenke grenzenden Grundstücke, und zudem wünschte er auch lebhaft, die Arbeiten im Steinbruch wieder aufgenommen zu sehen, denn mit dem Erlöschen der Kalköfen waren auch die Arbeiter entlassen und seine Einnahmen hatten sich dadurch bedeutend verringert. Carvayan strebte nach dem Grundbesitz, nach dem Gelde, nach der Ehre und dem Glücke Honorés. Das fürchterlichste Mißgeschick, das diesen traf, erschien ihm noch nicht genügend. Er hätte den Mann, der ihn gedemütigt, vernichtet zu seinen Füßen sehen und über ihn hinwegschreiten mögen. Mit dieser süßen, inneren Befriedigung noch den materiellen Gewinn einer vorteilhaften Spekulation zu verbinden, war ihm, der stets, selbst in der Rache, praktisch war, keineswegs unangenehm. Als Besitzer des Edelsitzes von Clairefont war er Herr des Bezirkes und Leiter der öffentlichen Meinung, konnte Deputierter werden, und wenn er den Steinbruch ausnutzte und ihm die Ausdehnung gab, wie er sie seinen Geschäften zu geben verstand, schuf er eine industrielle Macht, welche ihrem Gründer eine unberechenbar glänzende Zukunft sichern mußte. Pascal wußte, wie hoch sich der Ehrgeiz seines Vaters verstieg; der ehemalige Ladengehilfe besaß einen unbändigen Stolz, der ihn nach den höchsten Stellungen streben ließ, weil er diese seiner hohen Geistesbegabung angemessen hielt. Hindernisse schreckten ihn nicht zurück; er umging oder beseitigte sie. Er war einer jener Männer, die aus nichts hervorgegangen, alles erreichen und um die Mittel niemals verlegen sind. Er wagte, und scheiterte er hin und wieder in seinen Unternehmungen, so fing er stets von neuem an, bis es ihm endlich glückte. Seit Pascals Heimkehr zeigte sich der Maire von Neuville als ein freundlicher und zugänglicher Mann. Er änderte seine Gewohnheiten, blieb auf der Straße stehen, um mit den Leuten zu plaudern, und sprach jedem, der es hören wollte, von der Freude, welche er über die Rückkehr seines Sohnes empfand. Auch das Haus in der Rue du Marché gewann ein anderes Aussehen. Die früher meist geschlossenen Fenster wurden geöffnet, die ganze Behausung verlor ihren mysteriösen, unheimlichen Anblick. Noch mehr, Carvayan erließ Einladungen zu Gesellschaften. »Ich will nicht, daß mein Sohn sich bei mir langweilt,« antwortete er seinen Bekannten, die ihr Erstaunen über diese Neuerung äußerten. »Er ist jung und bedarf der Zerstreuung: für einen alten Bären, wie ich es bin, war der frühere Haushalt angenehm genug, doch er soll sich unterhalten, soviel es ihm beliebt, ich will sogar Damen einladen ... Ja, ja! Pascal ist dreißig Jahre alt, er muß ans Heiraten denken ...« Der Gedanke, seinen Sohn zu verheiraten, hatte sich plötzlich seiner bemächtigt. Er sprach gern, davon und begann an dessen Ausführung zu arbeiten. Der reiche Müller Leglorieux aus Capendu wurde von ihm zu dem Feste geladen, welches er zu der Feier der Heimkehr seines Sohnes veranstaltete. Als Frau und Fräulein Leglorieux die Einladung des Maires von Neuville erhielten, wurden sie rot vor Vergnügen, fuhren mit dem nächsten Zuge nach Rouen und blieben mit Fräulein Siméon, der besten Schneiderin der Stadt, zwei volle Stunden in ernster Beratung eingeschlossen. Fräulein Leglorieux war ein großes, schönes Mädchen von zwanzig Jahren, mit dem Typus der normannischen Rasse, der weißen Haut, dem prachtvollem Haar, den großen Füßen und starken Händen. Sie war ein einziges Kind, und Fleury, der ziemlich genau alle Vermögensverhältnisse in der Runde kannte, meinte von ihr: »Die wird einen hübschen Geldsack mitbekommen.« Frau Leglorieux, bebend vor Hoffnung und Freude, schüttete sofort der Erbin ihr Herz aus. »Mein teures Kind, das soll zu einer Heirat führen ... Es ist das erste Mal, daß Herr Carvayan Damen zu sich ladet ... bis jetzt hat er nur Herren empfangen ... Oh! Félicie, denke nur! ... Der Mann besitzt Millionen ... Und der Sohn ist ein so netter Mann ... Es heißt, er habe als Advokat ein riesiges Talent ... mehr noch als der Staatsanwalt Bonnet ... Wenn er in Rouen sich niederlassen wollte, wie weit könnte er es bringen! Du würdest eines Tages auf der Präfektur speisen ...« Fräulein Félicie antwortete nichts, aber ihre Augen wurden feucht und ihre Wangen röter. Inzwischen benutzte Pascal jeden freien Augenblick, den ihm sein Vater ließ, um in der Nähe des Schlosses oder in jenem Hohlwege zu lustwandeln, wo er Antoinette begegnet war. Zwischen den Hecken und Gebüschen schlich er wartend umher, aber das reizende Mädchen ließ sich nicht blicken. Da wagte er sich einmal bis zum Gitterthor heran. Der große, schottische Windhund, welcher hinter der dichten, grünen Umzäunung träge auf dem Boden lag, in welchen er, um es kühler zu haben, eine kleine Grube gegraben hatte, erhob sich, streckte die spitze Schnauze nach der Richtung aus, wo Pascal sich befand, und stieß ein kurzes, herausforderndes Gebell aus. Aus Furcht, bemerkt zu werden, trat der junge Mann in den Schatten der längs des Parkes sich hinziehenden Mauer zurück und vernahm die harmonische Stimme Antoinettes, welche dem Hunde Ruhe gebot: »Still, Fox, es wird irgend ein Bettler sein ... Willst du jetzt gar armen Leuten die Zähne weisen?« Die harte Stimme des Fräuleins von Saint-Maurice fügte hinzu: »Nächstens wird er sie dann uns selber zeigen müssen.« Diese Worte fielen Pascal schwer aufs Herz. Mehr als die Entfernung, mehr als die Steinmauern trennten sie ihn von Fräulein von Clairefont. War es nicht Carvayan, der ihren Ruin herbeiführte? Langsamen Schrittes entfernte er sich. Es war Abend geworden, leichte Nebel senkten sich auf das Gehölz herab, der Hochwald schimmerte im blutigroten Scheine der untergehenden Sonne. Pascal schritt längs der Heide hin, wo er Rose singend die Wäsche hatte spülen sehen, und bemerkte die Schafherde des Rotkopfes, welche unter der Aufsicht des schwarzen Hundes die magere Weide abgraste. Neben dem offenstehenden Pferch, welcher die Schafe zur Nachtzeit aufnahm, lag der Hirt auf seinem grobwollenen Mantel ausgestreckt, einem Hollunderrohre melancholische Weisen entlockend. Klagende, durchdringende Töne entstiegen dieser primitiven Flöte, die wie das seufzende Zwitschern eines verwundeten Vogels in den Lüften verhauchten. Als Pascal von dem Blödsinnigen entdeckt wurde, sprang dieser mit einem Satze in die Höhe, stieß ein heiseres Geschrei aus, welchem der Hund gehorchte, indem er sogleich die zerstreute Herde zusammentrieb. Die Peitsche zur Hand nehmend, begann der Rotkopf mit wütenden Gebärden auf der Heide umherzuspringen, als ob der Fremde mit seinem Vorübergehen eine arge Frevelthat begangen hätte. Und noch lange vernahm Pascal vom Hügel her das Knallen der Peitsche, abwechselnd mit dem Geschrei des Hirten. Traurig bis in die Seele hinein, lenkte er seine Schritte dem Heimwege zu. Erst acht Tage waren seit seiner Rückkehr nach Neuville verflossen. Carvayan bemerkte augenblicklich die Veränderung im Gemüte seines Sohnes. Er beobachtete ihn schweigend, dann sagte er: »Was hast du? Mißfällt dir irgend etwas oder irgend jemand? Es soll alles sofort nach deinem Wunsche geändert werden. Ich will, daß du zufrieden seist ...« Pascal sah seinen Vater an und fand, daß er es aufrichtig meinte. Er dachte: »Mit dem Alter ist er menschlicher geworden. Wer weiß, ob er nicht mir zuliebe wirklich viel thäte?« Da fiel es ihm ein, die gute Stimmung, in welcher er seinen Vater sah, zu benutzen und ihm alles zu gestehen. Es war vielleicht noch Zeit, den letzten, vernichtenden Schlag von den Clairefonts abzuwenden. Wenn die Heimkehr des einzigen Sohnes, der so lange in der Fremde umhergeirrt, den Zwistigkeiten ein Ende machen würde? Oh! Mit wie viel Liebe und Zärtlichkeit wollte er es seinem Vater vergelten, wenn dieser aus Rücksicht für ihn dem besiegten Feinde mit Schonung begegnen würde! Er dachte sich Antoinette von ihren Sorgen befreit, von ihrem Kummer erlöst. Und ihm würde das junge Mädchen die freiere Existenz ihres Vaters und ihre eigene Herzensruhe zu danken haben. Pascal fühlte sich von tiefer Rührung überwältigt, und unverzüglich wollte er den Versuch wagen. »Seitdem ich wieder zurück bin, Vater,« begann er, »staune ich, wie vieles in deinen Verhältnissen sich geändert hat... Ich sehe dich als Ersten in der Stadt. Du hast dir eine hervorragende Stellung errungen, und ich verstehe, daß du dabei nicht stehen bleiben wirst...« Ein stummes Lächeln glitt über Carvayans gebräuntes Antlitz, als er den Kopf zustimmend neigte. »Dennoch sehe ich einen dunklen Punkt, das ist die Feindseligkeit, in welcher du mit der Familie Clairefont lebst... Hältst du es für deiner würdig, einen Zwist fortzusetzen, welcher Aufregung und Mißhelligkeiten unter die Leute bringt? Denn wer nicht für dich ist, ergreift ihre Partei... das heißt wahrhaftig Unfrieden säen...« Der Banquier duckte sich, wie er es zu thun pflegte, wenn er zu einer Auseinandersetzung nicht gewillt war, und erwiderte mit leiser Ironie: »Der Kampf wird nicht lange mehr dauern...« Pascal ließ sich durch die zweideutige Antwort nicht beirren, er wußte, was sie verbarg. Er fuhr fort: »Ich höre in der That allgemein, daß der Marquis Honoré mit seinen Hilfsmitteln zu Ende ist, und dies eben ist es, was mich dazu bewegt, mit dir darüber zu sprechen, obgleich ich wohl weiß, daß dir das Thema nicht behagt... Da haben wir Leute, die durch Ungeschicklichkeit, Ueberspanntheit oder Thorheiten –über die Ursachen will ich nicht mit dir streiten –zum vollständigen Ruin gelangt sind... Nun, Vater, wenn sie dir auch sehr viel Böses angethan haben, was kannst du ihnen noch Aergeres wünschen?« Carvayans Züge erhellten sich von einem Ausdruck grauser Freude. Er schüttelte das Haupt, und seine gelben Augen, in welchen der Haß funkelte, aufschlagend, sprach er mit geringschätzendem Mitleid: »Kind! Du weißt nicht, wovon du sprichst! ...« In diesen Worten lag so viel Bitterkeit, so viel Ironie, es war so ganz die Offenbarung einer unersättlichen Rachgier, daß Pascal betroffen innehielt. Er hatte gehofft, den Greis zur Einkehr in sich selbst zu bewegen, ihn günstigen Zugeständnissen geneigt zu machen, doch er fand ihn hart und kalt wie Marmor, seine Vorstellungen mit dem Wohlwollen eines Mannes erwidernd, der zu einem Kinde spricht. Indes hielt er sich noch nicht für geschlagen, er versuchte einen neuen Angriff. »Der Marquis von Clairefont ist heute ein viel zu armseliger Gegner einem Kämpfer gegenüber, wie du es bist ...« »Ei, ei!« spottete Carvayan, »man soll niemals seinen Feind geringschätzen ... Hätte sich der Marquis diese Worte seit dreißig Jahren jeden Abend vor dem Schlafengehen vorgebetet, er wäre nicht so übel dran, als er es heute ist ...« »Aber er ist alt ...« »Nein! Er steht in meinem Alter.« »An seiner Seite weilen Frauen, die der Teilnahme würdig sind.« Bei diesen Worten fuhr Carvayan in die Höhe; er warf seinem Sohne einen scharfen, durchdringenden Blick zu, und mit harter, metallener Stimme, seiner wahren Stimme, welche alle Nerven seines Sohnes erzittern machte, entgegnete er: »Frauen? Wer hat dir etwas von ihnen gesagt? Hast du sie etwa gesehen? Ah, ah! Da kommt man schön an, wenn sich diese Brut in unsere Geschäfte mengt! Frauen! Sind denn die beim Marquis nicht immer im Spiel? Ich hätte darauf gefaßt sein können, daß sich die Weiberröcke dreinmischen. Nun denn, mein Junge, ist es etwa das alte Fräulein von Saint-Maurice, für welche du dich interessierst, oder die schöne Antoinette?« Der Name des jungen Mädchens mit dieser verletzenden Vertraulichkeit ausgesprochen, klang schmerzlich in Pascals Ohr. Es schien ihm, als ob der Ton, in welchem Carvayan ihn aussprach, die Trägerin desselben besudle. Er wollte alle weiteren Auseinandersetzungen kurz abschneiden, doch er hatte nicht mehr Zeit dazu. »Wer hat dir von den Frauen erzählt?« fuhr der Alte mit stets wachsender Erregung fort. »Bist du ihnen etwa begegnet? Du läufst ja fortwährend im Freien umher, und die sind auch immer auf allen Straßen zu finden, wie Landstreicher ... Ah! Sie haben dich vielleicht mit süßen Worten gefangen! Die sind gar nicht blöde und der Sohn Carvayans ... Kein schlechtes Geschäft! ...« Der Banquier brach in wildes Lachen aus. »Vater, ich beschwöre dich ...« »Gib dir keine Mühe! Kenne ich sie etwa nicht? Wie die Sachen heute stehen, sind sie um Geld zu allem fähig ... Aber man muß auf seiner Hut sein; es sind leichtfertige Dinger; zumal die Junge mit ihrem treuherzigen Aussehen ... Und ihr Kavallerieoffizier, der sie nicht heiratet! Ah! Ah! Laß dich nicht auslachen, mein Junge! Das ist eine saubere Gesellschaft ... Kümmere dich nicht um sie ... Du würdest schlecht ankommen ... Um mit denen fertig zu werden, dazu gehört eine Faust, wie sie der alte Carvayan hat, und auch dem fällt es nicht leicht! Wenn du den Lärm fürchtest, den das Zusammenbrechen dieses alten, verkommenen rissigen, wurmzerfressenen Nestes, das sich Haus Clairefont nennt, machen wird, so gehe ein wenig nach Paris ... Du bist jung, du mußt dich amüsieren ... Aber, glaube mir, versuche niemals, dich den Plänen deines Vaters in den Weg zu stellen, du würdest es bitter bereuen ... Gewiß, du bist mir über alles teuer ... Aber es könnte dir trotzdem sehr übel dabei ergehen!« Pascal wollte noch Einwendungen machen, weiter reden, doch seine tiefe, wohlklingende Stimme besaß keine Gewalt mehr über seinen Vater. Sobald es sich um dessen Rachgier handelte, schien er, mit einem diamantharten Panzer bedeckt, an welchem auch die bestgeführten Hiebe abprallten. »Zudem,« fuhr er mit angenommenem gutmütigem Lächeln fort, »ist diese ganze Empfindelei völlig überflüssig ... Die Familie des Marquis besteht nicht bloß aus Frauen ... Er hat auch einen großen Jungen von achtundzwanzig Jahren, stark wie ein Büffel, der bis heute seine Kraft nur in dummen Streichen bethätigte ... Wenn er arbeiten will, so steht ihm dies ja frei ... Du und ich, wir wissen beide, was arbeiten heißt ... Ich begann damit, den Laden des Vaters Gatelier auszukehren ... Und du, Trotzkopf, du hast gar die Reise um die Welt gemacht ... Was hindert diesen jungen Herrn, das zertrümmerte Gebäude des väterlichen Vermögens wieder aufzurichten? Ei, ei, vielleicht beurteilen wir ihn falsch! Wer weiß, ob er nicht, wenn's not thut, auch noch einen anderen Beruf in sich fühlt, als zwischen zwei Gläschen Cognak Stallburschen zu erwürgen und Wilderer zu prügeln? ... Ich wäre entzückt, wenn er irgendwelche verborgenen guten Eigenschaften besäße und eines Tages beweisen würde, daß er doch zu etwas taugt...« Carvayan machte eine kurze Pause, sein Gesicht wurde hart und düster, dann sagte er in hartem, entschiedenem Tone: »Ist er aber wie all die Seinen, unfähig und böswillig zugleich ... so soll er fallen und verschwinden. In der modernen Gesellschaft, so wie sie heutzutage organisiert ist, gibt es keinen Platz für Schufte und Müßiggänger.« Um sich in den Augen seines Sohnes zu erheben, suchte der Maire von Neuville seinem Rachewerke eine sociale Tragweite zu geben. Es war nicht mehr Carvayan, der Clairefont zu Grunde richtete, es war die fleißige, arbeitende Demokratie, welche den müßiggehenden Adel besiegte und mit gewaltigen Sensenhieben das Land von den Schmarotzerpflanzen befreite, die alle neue Sprossen erstickten. So kalt zurückgewiesen, beschloß Pascal, seinem Vater mit gleicher Münze zu zahlen und ihn ebenfalls auf eine falsche Spur zu leiten. Er heuchelte eine unbefangene Miene und meinte, daß er all dies nur gesagt, um seinen etwas übertriebenen Gewissensskrupeln Genüge zu thun; die Familie der Clairefonts sei ihm höchst gleichgültig, er kenne die Leute nicht und sei auch nicht im mindesten begierig, sie kennen zu lernen. Carvayan ließ ihn reden und verlor kein Wort weiter, nahm sich jedoch im stillen vor, Pascal durch einen seiner gut dressierten Spione insgeheim beobachten zu lassen. Der junge Mann aber machte gleichzeitig denselben Gedankengang durch und beschloß, eine Zeitlang auf seine Spaziergänge in dem Hohlwege zu verzichten. So lebten nun beide zusammen weiter, im geheimen wie Gegner einander aufpassend, entzweit durch Hintergedanken, einer an dem anderen zweifelnd. Carvanan war in Besorgnis, ein zweites Mal gegen das kämpfen zu müssen, was er die Zimperlichkeit seines Sohnes nannte: Pascal, der in einem Augenblicke alle seine Illusionen verloren hatte, verzehrte sich in bitterem Herzenskummer, daß er den Tyrannen wieder zum Vorschein kommen sah, der ihn schon einmal gezwungen, das väterliche Haus zu meiden. Das Festmahl, welches der Maire von Neuville zu Ehren des heimgekehrten Sohnes gab, und zu dem er alle hervorragenden Persönlichkeiten von Neuville einlud, fand mit verschwenderischem Aufwande statt. Es geht nichts darüber, als wenn sich geizige Leute einmal in Ausgaben stürzen. Die Ueppigkeit des Menüs erregte hohes Erstaunen sogar in einem Lande, wie die Normandie, wo Festessen vier Stunden zu dauern pflegen und den sagenhaften, schlemmerischen Zechgelagen Camachos aus dem »Don Quichotte« an die Seite gestellt werden können. Auch der Unterpräfekt war anwesend. Er hatte es nicht gewagt, die erhaltene Einladung auszuschlagen. Die Bedienung bei Tafel wurde von Kellnern aus dem ersten Gasthause des nahen Rouen besorgt, deren Haltung Herrn Dumontier, den Schwager Carvayans, dermaßen einschüchterte, daß er, trotz des zornigen Augenzwinkerns seiner Frau, sich nicht enthalten konnte, jedesmal, wenn diese die Teller wechselten, ihnen ein »Danke, mein Herr,« zu sagen. In dem düsteren Speisesaale, aus welchem man die Möbel entfernt hatte, denn man saß zu zweiundzwanzig um den Tisch, war es zu Beginn der Tafel ziemlich frostig hergegangen, bei dem Braten jedoch, den eine Menge von Vorspeisen eingeleitet, lösten sich die Zungen, und als man Burgunder einschenkte, wurde die Unterhaltung eine sehr laute. Fleury, der von dem Sohne des Hauses nur durch Fräulein Leglorieux getrennt war, bemühte sich, die Beredsamkeit des jungen Mannes leuchten zu lassen und ihn auf Amerika zu bringen, allein dieser blieb allen diesbezüglichen Versuchen unzugänglich. Finster und in sich gekehrt, schien Pascal zu keinem Gespräche gelaunt. Die Gesellschaft, in der er sich befand, flößte ihm einen ausgesprochenen Widerwillen ein, und er fühlte sich höchst unbehaglich. Die Aussicht, künftig in der Mitte dieser Menschen zu leben, deren Benehmen, deren Sprache und Sinnesart ihn so tief verletzten, dünkte ihm etwas Furchtbares. Mit dieser Umgebung verglichen, hatte Carvayan mit seinem kalten, ernsten Aeußeren, seiner zurückhaltenden Sprache und Gebärde die stolze, gebieterische Haltung eines Fürsten. Diese ganze, gemeine, niedrige Lustigkeit, die wie eine schlammige Flut mit jeder Minute stieg, ekelte ihn an und versenkte ihn in tiefe Traurigkeit. Fräulein Leglorieux, voll erblüht und rot wie eine Pfingstrose, wendete und drehte sich an seiner Seite hin und her, eifrig bemüht, recht vornehm zu thun. Sie trank, den kleinen Finger krampfhaft ausgestreckt, und wählte ihre Worte mit lächerlicher Gezwungenheit. Tondeur, in einen schwarzen Gehrock gezwängt, der ihn Folterqualen erdulden ließ, hatte ein dunkelblau angelaufenes Gesicht und begleitete die Witze Fleurys mit einem halb erstickten, keuchenden Lachen. Frau Leglorieux flüsterte Carvayan sehr detaillierte Vertrauensmitteilungen über die vielseitigen Talente ihrer Tochter ins Ohr und über das Vermögen, das sie von zwei Großonkeln, reichen Pächtern, zu erwarten habe. »Ja, Herr Maire, ich kann es wohl sagen, Félicie ist eine Partie ersten Ranges, und so wie man in der ganzen Gegend keine zweite findet ... Gott sei gedankt, ihr Vater und ich, wir befinden uns beim besten Wohlsein ... Aber sie wird deshalb doch, wenn sie heiratet, ihre 300 000 Franken haben ... Jawohl! ... Und Sie wissen doch, wie man sie in Neuville nennt? Das Fräulein mit den reichen Erbschaften ... Und sie wird sie auch kriegen, sehen Sie, außer der unserigen; natürlich, wie es sich gebührt, so spät als möglich! ...« Darauf fing sie zu lachen an, und die schwarzen Locken, die zu beiden Seiten ihres Gesichtes herabhingen, baumelten lustig in der Luft umher. Carvayan sah und hörte sie mit ruhiger Miene an. Pascal, der diese letzten Worte vernommen hatte, kam auf die Idee, die Mutter mit der Tochter zu vergleichen, und machte die verblüffende Entdeckung, daß die beiden, von dem Altersunterschiede abgesehen, den gleichen Wuchs, gleiche Hautfarbe und die gleichen Züge besaßen. Er sah in der Mutter neben sich die Tochter, wie sie mit vierzig Jahren aussehen würde, dick, mit rotem, aufgedunsenem Gesichte, verdummt durch das schwerfällige, üppige, träge Leben der Provinz. Und an eine solche Frau dachte sein Vater für ihn. Was war aber bei ruhiger Ueberlegung daran Erstaunliches? Durfte er eine andere Verbindung erhoffen? Gehörte das junge Mädchen nicht seinen Kreisen an, und konnte man weit und breit etwas Besseres finden? Konnte er, der Sohn eines reich gewordenen Bauern etwa an eine vornehmere Heirat denken? Hatte er nicht vielmehr, durch seine Phantasie verführt, seine Blicke höher erhoben, als es ihm erlaubt war? Und weiter sinnend vergaß er seine Umgebung, den sich steigernden Lärm der Gespräche und des Lachens, die lebhaftere Erregung der Gäste, er sah sich allem in einem Winkel des kühlen, schweigsamen Parkes. Das Schattenbild eines jungen Mädchens schwebte an seinen Augen vorüber, von einer leichten Wolke verhüllt, wie im Traume. Und sie war es, sie, die er liebte, sie allein. Er fühlte sich stark genug, alles zu versuchen, um sie sich zu erringen. Nichts würde seine Geduld ermüden, seinen Mut zu schwachen vermögen. Und er müßte es schließlich erreichen, jeden Widerstand zu besiegen, den Haß zu entwaffnen und glücklich zu sein. Ein Beben durchfuhr ihn bei diesem Gedanken. Welche Wonne, die seine Hand dieses anbetungswürdigen Wesens auf seinem zitternden Arm ruhen zu fühlen! Welche Seligkeit, an ihrer Seite durch das Leben zu gehen! Nichts zu sehen als sie, an nichts zu denken als an sie, ganz in ihr aufzugehen, keinen anderen Wunsch, keine andere Hoffnung zu haben, als sie. Ihr Gatte zu sein, sie nur zu verlassen, um desto feuriger und zärtlicher zu ihren Füßen zurückzukehren, der Gebieter, sehnsüchtig begehrend, sich zum Sklaven zu machen. Sie zur Mutterschaft erblühen zu sehen, dieser angebeteten Frau Kinder zu verdanken, weiß, rosig, fröhlich, stolz, schmeichelnd, süß wie sie selbst, und sein Herz kaum weit genug zu fühlen, um all die Liebe zu fassen, welche solche göttliche kleine Wesen einzustoßen vermögen. Und damit diese Engel ohne Kummer und ohne Leid leben könnten, brauchte es ein Paradies, irgend einen gesegneten Ort voll milden Lichtes, voll Duft und Sonnenglanz ... Die Baume würden sich neigen, um mit ihren blühenden Zweigen die zarten Stirnen zu liebkosen; die Vögel würden ihre schönsten Lieder singen, um die kleinen, lauschenden Ohren zu entzücken, der Sand würde weicher werden, um die niedlichen, hüpfenden, trotzigen Kinderfüßchen nicht zu verletzen. Alles, was die Natur bietet, würde nicht schön, nicht fein und gut genug für Antoinette und die Engelchen sein, die ihr entstammten. Laute Freudenrufe, die um ihn her ertönten, entrissen Pascal seinen entzückenden Träumereien. Die Gäste seines Vaters hatten sich erhoben, und beim Klange der Gläser tranken sie auf des Sohnes glückliche Heimkehr. Frau Leglorieux warf Carvayan einen triumphierenden Blick zu, der zu sagen schien: »Sie haben ihn zurückgebracht. Wir werden es verstehen, ihn hier zu halten! ...« Fleury hatte, nachdem er sich mit niedriger Unterwürfigkeit vor dem Unterpräfekten verbeugt, wie um die große Freiheit, welche er sich nahm, zu entschuldigen, einen Speech begonnen, den er lange zuvor einstudiert, jedoch stotternd herzusagen anfing, um demselben den Anstrich einer Rede aus dem Stegreif zu geben. Er machte schlecht verhehlte Anspielungen auf den Streit zwischen Clairefont und Carvayan, daß der Maire von Neuville schon seit vielen Jahren der Verteidiger der kommunalen Freiheiten sei gegen den letzten Vertreter der alten feudalen Bedrückung ... »Ein Tag wird kommen, und er ist nicht mehr fern,« sprach er zum Schlusse, »wo als herrlicher Preis für diesen siegreichen Widerstand sich Wohlfahrt über das ganze Land verbreiten wird ... Und Herrn Carvayan, dem Maire von Neuville, werden wir dieses glückliche Ergebnis zu danken haben ... Ich will nichts weiter sagen ... Ich hoffe, daß Sie mich verstanden haben ... Stoßen Sie also mit mir an und trinken wir auf das Wohl unseres ausgezeichneten Freundes ...« »Auf sein Wohl!« Fleury hatte sich nicht geirrt. Sie verstanden ihn alle. Die flammenden Gesichter, die funkelnden Augen verrieten sehr deutlich die erweckte Habsucht. Alle waren bereit, über die Beute herzufallen. Und immer war es der Steinbruch, nach welchem all ihr Trachten ging. Aus jenem Hügel sollte die Quelle des Wohlstandes sprudeln und jeder der Teilnehmer reichlich daraus schöpfen dürfen. Sodann wurde es still; Carvayan antwortete. In aufrechter, ernster Haltung stand er da, und kalt und gemessen fielen die Worte von seinen Lippen. Er lehnte bescheiden die Ehre ab, daß man seinem schwachen Eingreifen die wertvollen Vorteile verdanke, welche die Zukunft versprach. Er habe tüchtige Mitarbeiter gehabt ... Uebrigens fühle er sich vollkommen damit befriedigt, daß ihm die allgemeine Billigung zu teil werde, denn das Ziel, welches er stets vor Augen gehabt, war einzig das Interesse derjenigen, die ihn heute umgaben ... Damit legte er die Hand auf das Herz, mit der Weihe eines Priesters, der bereit ist, sich für die Menschheit zu opfern. Mit stürmischer Begeisterung jubelten ihm seine Gäste lauten Beifall zu. Betroffen hatte Pascal an diesem Auftritte teilgenommen. Er fragte sich, ob er träume oder ob ein falscher Schein ihn bis jetzt genarrt habe. Aber das Affengesicht Fleurys, von einem stillen Lächeln verzogen, fesselte seinen Blick, und er erinnerte sich der vertraulichen Mitteilungen, welche ihm der Kanzlist gemacht. Alles, was er gesehen, war demnach eine nichtswürdige Komödie, alles, was er vernommen, eine schamlose Lüge. Unaussprechliche Abscheu erfüllte sein Herz. Er gedachte des freien, ruhigen Lebens, das er einige Wochen zuvor geführt. Die weiten Prairien Amerikas thaten sich vor ihm auf, wie um ihn wieder in ihre grüne, friedliche Einsamkeit zu laden, ein Hauch gesunder, erfrischender Ruhe umhüllte ihn mit wohlthuender Süßigkeit, es schien ihm, als ob die wohlriechende Luft der Savannen über seine Stirn streiche und den Sturm seiner Gefühle besänftige. Warum war er zurückgekehrt? Was hatte er mit diesem Schmutze zu schaffen? Allmählich fand er in sich selbst die Kraft der alten Zeit wieder, jener Zeit, als ihn nichts in der Welt zu einer Teilnahme an einer Nichtswürdigkeit hatte bewegen können. Eine plötzlich erwachte Begeisterung ließ seine Brust höher schlagen: er fühlte sich einig mit seinem Gewissen, hoch über seiner Umgebung stehend, sicher, der Erniedrigung zu entgehen, die zu teilen man ihm aufbürden wollte. Er gelobte es sich, das elterliche Haus und sein Heimatland wieder zu verlassen und seine Hoffnungen in fernen Ländern zu begraben, aus denen man nicht wiederkehrt. Die Zukunft erschien ihm wie ein finsterer Abgrund, und ohne Zögern, ohne Schwäche gedachte er sein Leben in demselben zu versenken. Die Gäste erhoben sich von ihren Sitzen. Das Kabinett Carvayans, dieser Marterraum, dessen Wände schon so viel Seufzer und Klagen vernommen, war glänzend beleuchtet. Der Schreibtisch des Hausherrn war in eine Ecke gestellt und die ihn sonst bedeckenden Aktenstöße waren abgeräumt worden. Fauteuils und Stühle umgaben den Kamin. Den Raum zwischen beiden Fenstern nahm ein Piano ein. Die dunkle, finstere Behausung war von Festesgeräusch und Lichterglanz erfüllt. Auf der Straße standen Neugierige, erstaunt das ungewohnte Schauspiel in Carvayans Hause begaffend und den Klängen eines Walzers lauschend, den Fräulein Félicie auf dem Klavier klimperte. Die für den Abend Geladenen kamen und läuteten vorsichtig, als ob sie dächten, sich vor einer unrechten Thür zu finden. Aber sie waren dennoch am rechten Orte, jawohl, der Maire von Neuville hatte heute Empfangsabend, und alle Notabilitäten der Stadt erschienen eine nach der anderen, mit heißer Stirn und forschendem Blicke. Auf einem Stuhle in einer Ecke saß Pascal und hörte mit zerstreutem Ohr auf die Erzählungen seines Onkels Dumontier. Durch die offenen Fenster zogen Schwärme von Nachtfaltern herein, umgaukelten die brennenden Kerzen, um sich bald an der Flamme die Flügel zu versengen. Pascal sah ihrem Treiben zu und dachte, daß es dem armen Marquis ebenso ergangen und daß er nun die Kraft nicht mehr besäße, sich der Vernichtung zu entreißen. Der Name Clairefont, in seiner Nähe ausgesprochen, erregte die Aufmerksamkeit des jungen Mannes, und in der Fensternische, in der Nähe des Klaviers, bemerkte er seinen Vater im Gespräche mit Herrn Malézeau. »Sie wissen, Herr Carvayan, ich bin der Mann nicht, um Ihnen einen leichtfertigen Rat zu geben,« sagte der Notar, »aber ich bin der Meinung, daß Sie gegen Herrn von Clairefont nicht mit Strenge vorgehen sollen. Gewähren Sie ihm einige Erleichterungen ...« »Was verstehen Sie darunter?« fragte der Banquier. »Herr Carvayan, setzen Sie ihm nicht das Messer an den Hals, wie Sie es seit einem Jahre thun, lassen Sie ihn zu Atem kommen, mit einem Worte: Geben Sie ihm Zeit ...« »Kann ich dies? Nicht ich habe das Geld hergeliehen. Ich bin bloß der letzte Inhaber, und wenn ich gegen den Marquis großmütig vorgehe, so kann inzwischen mein Pfand entwertet werden und ich würde Verluste erleiden ...« »Sie denken nicht daran ...« »Man muß daran denken ...« »Wer weiß, ob der Marquis nicht mit Hilfe einer kurzen Frist dahin gelangen könnte, einen Teil seiner Schuld abzutragen?« Bei diesen Worten begann Carvayan, der während dieses Gespräches kalt und barsch gewesen, zu lächeln und dem Notar schön zu thun. Er ergriff Herrn Malézeau am Arme, stützte sich vertraulich auf ihn, und mit freundlichen Blicken und Gebärden fragte er: »Was gibt es denn droben Neues? Erzählen Sie mir 'mal. Wird sich Herr Croix-Mesnil endlich zur Heirat entschließen? ... Wird die Mühle wieder Wasser bekommen?« Schon bereute der Notar, die Aufmerksamkeit Carvayans erweckt zu haben; er fühlte, daß er zu weit gegangen, und wollte schleunigst den Rückzug antreten. Aber der Banquier ließ seine Beute nicht so leicht los. Drohend und gebieterisch, bittend und befehlend zugleich fuhr er fort: »Vorwärts, Malézeau, jetzt heißt es aufrichtig sein. Der Marquis hat Ihnen von seinen neuen Erfindungen gesprochen? Hat er Ihnen vielleicht gar den wunderbaren Ofen gezeigt?« »Wie, Sie wissen?« »Ist es etwa nicht mein Amt, alles zu wissen?« rief Carvayan voll Ungeduld ... »Seit sechs Wochen ermüdet man bereits meine Ohren mit dieser Geschichte. Man sagt, daß es etwas Erstaunliches sei, daß man bei dem neuen Feuerungssystem des Marquis selbst feuchte Abfälle verbrennen und eine erstaunliche Hitze damit erzielen könne ... Ist das wahr?« Der Notar schwieg. Carvayan schüttelte ihn lebhaft und mit blitzenden Augen und harter Stimme fuhr er fort: »Nun, so antworten Sie doch frei heraus! Mit Schweigen gesteht man ebensoviel wie mit Worten. Haben Sie die Erfindung gesehen? Ist die Sache sicher? Ein Ingenieur, den ich darüber zu Rate zog, behauptet, daß sie bei gewissen Industriezweigen mit erstaunlichem Nutzen Anwendung finden würde ...« Die Erregung Carvayans war eine außerordentliche; der Mann, der es sonst so ausgezeichnet verstand, sich zu beherrschen, äußerte mit so viel Freimut den brennenden Wunsch, Näheres über die Erfindung zu erfahren, daß Malézeau hieraus einen Vorteil zu Gunsten seines Klienten zu gewinnen hoffte. Vielleicht, wenn er zu verstehen gab, daß von der Erfindung des Marquis in der That ein bedeutendes Resultat zu erhoffen sei, konnte er es erreichen, den Banquier einzuschüchtern und ihn zu einer gütlichen Uebereinkunft zu bewegen. Hinter der goldenen Brille warfen seine schielenden Augen einen unsicheren Blick auf Carvayan, und mit berechneter Langsamkeit erklärte er: »Ich habe den Ofen, von dem die Rede ist, gesehen ... er ist wirklich höchst erstaunlich ... Der Marquis hatte die Güte, ihn in meiner Gegenwart funktionieren zu lassen ...« »Ist das Modell groß genug? Ist es ein Spielzeug oder kann man sich im Ernste auf die Probe verlassen, welche man mit ihm angestellt hat?« »Es ist ein sehr stattliches Modell, welches er als Ofen in seinem Laboratorium verwendet ... Er bedient sich desselben bei seinen chemischen Arbeiten ... Ich halte mich überzeugt, daß er im großen ebenso brauchbar sein dürfte, wie im kleinen ... Sehen Sie, mein lieber Carvayan, ich meine, Herr von Clairefont wird in kurzem wieder flott sein ... Und wenn Sie meine Meinung über ihn hören wollen, so muß ich Ihnen sagen, daß er ein bedeutender Mensch ist, und daß es mehr Gewinn brächte, sich mit ihm ins Einvernehmen zu setzen, als gegen ihn aufzutreten ...« »Oh, oh!« rief Carvayan und ein pfeifender Atem erleichterte seine bedrückte Brust. »Wahrhaftig! Ein bedeutender Mensch ... der wackere Marquis! ... Nun, ich bin froh für ihn ... Aber von allen seinen Erfindungen soll er mir nur eine aufweisen, die mir besser zusagen wird, als alle anderen: Das wäre das Geld, welches er mir schuldet und das ich endlich einmal sehen möchte. Sie, Malézeau, Sie sind auch ein komischer Heiliger, mir kaltblütig mit derlei Flausen zu kommen ... Ein bedeutender Mensch! ... Nun denn, ich bin es, der es Ihnen sagt, und Sie wissen, daß ich niemals vergeblich drohe, wenn dieser bedeutende Mensch nicht imstande ist, den Wechsel zu bezahlen, der am Ende dieses Monats, das ist drei Tage nach dem St. Firminustage, fällig wird, so werde ich ihn und seine noble Familie aus seinem noblen Schlosse gerichtlich hinauswerfen lassen ... So wahr als ich Carvayan heiße ...« Im Sprechen hatte seine Erregung sich noch mehr gesteigert, sein braunes Gesicht war erdfahl geworden, seine Augen flammten in wildem Hasse und seine Hände zitterten heftig. Er machte eine Pause, blickte dem Notar fest ins Gesicht und sagte in spöttischem Tone: »Wenn der Ofen wirklich so ein Wunder ist, Malézeau, so werde ich ihn ausnutzen, mein Bester ... Und seien Sie ganz ruhig, ich werde es verstehen, einen größeren Vorteil daraus zu ziehen, als Ihr alter Träumer von Marquis.« Und als der Notar doch noch einen letzten Versuch zu Gunsten seines Klienten wagen wollte, unterbrach ihn Carvayan in schneidendem Tone: »Genug. Bis Ende dieses Monats, nicht mehr, nicht weniger! Sie können es ihm sagen ... Und er möge sich erinnern ... denn ich vergesse nichts! ...« Er hob den Zeigefinger zur Wange empor und wies mit bitterem Lächeln auf eine kleine, weiße Linie, die sich über sein dunkles Gesicht hinzog, die noch immer sichtbare Spur jenes Peitschenhiebes, der ihn vor mehr als dreißig Jahren in der St. Firminusnacht getroffen. Ohne ein Wort weiter durchschritt er die Gruppen der Geladenen und gesellte sich zu dem Unterpräfekten, der in lebhaftem Gespräche mit dem Wegeaufseher begriffen war. Gedrückten Sinnes verglich hierauf Pascal die Handlungsweise des Marquis und die seines Vaters, und beide gegeneinander abwägend, fand er zu seinem Schrecken, daß die Schuld auf beiden Seiten eine gleich schwere war. Ja, der Marquis hatte sich ein unverzeihliches Vergehen zu schulden kommen lassen, und die Rache Carvayans war eine berechtigte. Ach! Die Kluft, die diese beiden Männer trennte, wurde immer tiefer und die Kraft und der Wille eines Menschen würde nie ausreichen, sie zu füllen. Die unschuldigen Opfer dieser unversöhnlichen Feindschaft, die Kinder, welche vielleicht in Liebe einander zuneigten, sahen sich gleichfalls zu Haß und Unglück verdammt. Der ganze Festestaumel, der ihn lärmend umgab, flößte ihm Entsetzen ein. Er konnte, ohne bemerkt zu werden, sich fortschleichen und auf die bereits leer gewordene Straße hinaustreten. Die Nacht war still und klar. Am wolkenlosen Himmel funkelten die Sterne. Pascal ließ sich auf eine Steinbank neben dem leise plätschernden Brunnen nieder, und in der Einsamkeit und Stille der schlummernden Stadt gedachte er, den Kopf in seinen Händen vergraben, der Vergangenheit, welche ihm nur Trübsal geboten hatte, und der Zukunft, von der er nur gleiche Trübsal erwartete, und dem Marquis fluchend und über seinen Vater errötend, beschloß er voll Verzweiflung, das Andenken Antoinettes für immer aus seinem Herzen zu verbannen. Fünftes Kapitel Die Kirchweihe fiel dieses Jahr in Neuville ganz besonders glänzend aus. Die Ernte versprach eine sehr reichliche zu werden, die Zweige der Apfelbäume bogen sich unter der Last der Früchte, das Gras war unter dem vielen Regen im Frühling überaus saftig und im Ueberflusse gediehen. Die Preise auf dem Viehmarkte hielten sich demgemäß hoch im Kurse. Ein Hauch von Heiterkeit ruhte über der ganzen Stadt, und eine ungewohnte Bewegung brachte das schwerfällige Leben der meist in ihren Stuben hockenden Bewohner in frischen Schwung. Die Straßen waren überfüllt, die Läden gastlich geöffnet, die Bauern zogen schleppenden Schrittes, die Nase hochtragend, die neue, schwarzblaue Bluse im Rücken aufgebläht, längs der Trottoirs hin, gefolgt von ihren Frauen und Töchtern, die in Sonntagshauben, geschmückt mit großen Goldnadeln, prangten. Am Eingange des Städtchens, vor dem Gasthause »zum silbernen Schwan«, vermehrte sich die Ansammlung von Karren und Lastwagen, welche, die Deichsel in der Luft, aneinandergereiht standen, von Stunde zu Stunde, während auf einer kleinen Wiese die Pferde, an Holzpfähle gebunden, mit dem Geschirr auf dem Rücken aufgezäumt weideten und mit dem Schweife die Weichen peitschten, um die Fliegen zu verjagen. Jeden Augenblick fuhr ein mit Staub bedeckter Zwei- oder Einspänner mit lautem Gerassel vor, geleitet von einem Pächter, die Mütze auf dem Ohr, die zerkaute Cigarre im Munde. Und da wurden alsbald Rufe und Begrüßungen laut: »Ei sieh doch! Freund Levasseur ... Wie geht's?« »He! Jean-Louis! Bist du auch da? O, potztausend, alter Schelm! Du hast gut gethan, deine Aepfel im vorigen Jahre zu verkaufen ... Heuer werden sie billiger sein ...« »Nehmen wir einen Kaffee? Lebourgeois, gib indessen auf meine Stute acht ... eine doppelte Portion Hafer, und nach einer halben Stunde zu trinken ...« Der Wirt, seine Frau und der Stallbursche liefen in geschäftiger Hast von der Gaststube in den Keller, von dem Keller in die Scheuer. Ein fürchterliches Geschrei scholl aus dem Erdgeschoß empor, als ob dort die Leute einander umbrächten; es war aber nur ein Handel um Vieh, der unter Freunden abgemacht wurde. In der Luft verbreitete sich ein starker Geruch von in Butter gebackenen kleinen Fischen, der mit bläulichen Rauchwolken der Küche entströmte, und auf dem Fensterbrett in einer Schüssel lagen, um auszukühlen, goldig braune, eben der Pfanne entnommene Pfannkuchen. Aus einer Schießbude vernahm man das Knallen der Gewehre; in einem Karussell leierte eine Drehorgel ihre schrillen Töne in die Luft hinaus, und von der Höhe eines verdeckten Wagens, in welchem ein Diener mit einem Jagdhorn saß, rief ein Zahnkünstler, ein Schwert in der Hand, die Gaffer herbei, indem er mit unglaublicher Redseligkeit auseinandersetzte, wie er imstande sei, mit Hilfe »dieses anscheinend mörderischen Werkzeuges« auch die widerspenstigsten Backzähne ohne Schwierigkeit und ohne Schmerz auszuziehen. »Ein Zahnarzt aus der Stadt,« schrie er mit heiserer Stimme, »würde, um euch einen hohen Begriff von seiner Kunst zu geben, von seinen Instrumenten reden und seine Zangen und Zünglein anpreisen ... Unwissenheit und Betrügerei! Bei der Operation kommt es nicht auf das Werkzeug an! ... Die Hand ist alles! Mit seinem ausgezeichneten Instrumente kann er euch doch den Zahn abbrechen ... Ich aber, meine Herren, mit einem Säbel, mit einem Nagel, mit einer Stecknadel werde euch in einem Augenblick ... und für fünfzig Centimes Erleichterung schaffen!« ... Und das Horn des Dieners schmetterte, während ein Bauer, vor Aufregung rot und schweißtriefend, an den Peiniger herantrat, um seine von Obstmost verdorbenen Zähne besichtigen zu lassen. Händler, welche Kämme, Bürsten, bleierne Taschenspiegel, Leinwandhauben, auch Schwämme und Striegel für Pferde feilboten, hatten auf der grünen Böschung eines Grabens ihren Kram ausgebreitet. In einem langen, schmalen Wagen war eine Auswahl von Steingut- und Glaswaren ausgestellt, von den gewöhnlichen thönernen Schüsseln bis zu den blumenbemalten Schaustücken, welche den Schmuck der Geschirrschränke bilden; von dem massiven Glase, das an Wirtshaustischen die Runde macht, bis zu dem gravierten Kelchglase, auf welchem ein Fuchs an Weinstöcken in die Höhe springend zu sehen ist. Am Rande der Straße verkaufte ein Eisenhändler gußeiserne Töpfe, Bügeleisen, Hämmer, Sägen und Aexte. Im Staube trippelnd, vor Hunger blökend, wartete eine Herde Schafe, daß man sie fortführe. Unter den Linden des Promenadenweges ließ ein Roßmäkler ein Pferd galoppieren, während er mit der Peitsche den harten Filz seines Hutes bearbeitete, um das Tier, welches an der Hand des Stallknechtes, der es vorführte, ausschlug und sich bäumte, noch unruhiger zu machen. Die heiße Mittagssonne warf glühende Strahlen auf das Fest herab, der Boden brannte unter den Füßen, kein Windhauch entführte die starken Ausdünstungen der Tiere, und auf dem weiten Marktplätze tummelte sich eine lärmende Menge, die Zeit mit Geschäften und Vergnügungen hinbringend. Vor dem Rathause hatte sich die Feuerwehr in Galauniform versammelt, und in dem großen, mit der dreifarbigen Fahne geschmückten Schulsaale fand als Abschluß einer Obstausstellung eine Preisverteilung unter der Präsidentschaft des Unterpräfekten statt. Carvayan hielt eine beifällig aufgenommene Rede, und unter den lauten Klangen der Stadtmusik ging die Feierlichkeit zu Ende. Darauf ertönte ein kurzer Kommandoruf, die Feuerwehr stellte sich in Reih und Glied, und der Hornist blies die Fanfare beim Passieren der Behörden. Der langsam sich bewegende Zug löste sich allmählich auf. Die dicken Pächter mit vollem, dunkelrotem Antlitz, die hie und da einen Bekannten erblickten, blieben in Gruppen auf dem Marktplatze stehen. An der Ecke der Rue du Marché angekommen, wendete sich der Unterpräfekt, der neben Carvayan ging, mit der Frage an diesen: »Wird man Sie heute abend beim Feste sehen, Herr Maire?« »O, sicherlich, Herr Präfekt. Erstens ist dies meine Pflicht, und dann ist es ja auch Brauch in Neuville, dem Balle eine kurze Weile beizuwohnen.« »Nun dann werde ich auch kommen,« sagte der Unterpräfekt, »da Sie es für nützlich finden ...« »Sie werden da in einer Stunde mehr für Ihre Wahl thun können, als während einer dreiwöchentlichen Rundfahrt. Die Haupthähne unter den Landleuten finden Sie hier beisammen. Vor allem berücksichtigen Sie die Feuerwehr, Herr Präfekt ... denn die sind von großem Einflusse ... Man weiß nicht, was man alles durch die Feuerwehr erlangen kann!« »Ich sehe, daß Sie die Sache von Grund aus verstehen, Herr Maire,« sagte heiter der Beamte. »Uebrigens kann man durch den Verkehr mit Ihnen stets nur gewinnen.« Garvayans Gesichtsausdruck veränderte sich, er mutmaßte einen Spott. Forschend richteten sich seine Blicke auf den Präfekten, er fand ihn jedoch freundlich lächelnd und fragte sich: »Was soll ich davon halten? Besitzt er etwa den Mut, mit mir anbinden zu wollen? Weiß er denn nicht, daß, wenn es mir einfiele, seine Stellung anzugreifen, ich ihn sehr leicht zu Falle bringen könnte?« Eine finstere Freude glitt über seine Stirn. Ja, er war Herr in dieser Stadt, wo man ihn als Ladengehilfen, fast als Diener gekannt hatte. Niemand konnte ihm Widerstand leisten, und seine Feinde sollten gar bald blutige Thränen weinen. Er wendete sich zu den Leuten um, welche ihm folgten, und sagte im Tone des Höherstehenden: »Meine Herren, heute abend, bei dem städtischen Bankette, sehen wir uns wieder.« Hierauf in die enge Straße einbiegend, schlug er raschen Schrittes die Richtung nach seinem Hause ein. Es war Mittag, und als er an der Kirche vorbeikam, geriet er unter die Leute, die eben aus dem Hochamte kamen. Frauen und Mädchen schritten eifrig plaudernd dahin wie ein summender Bienenschwarm. Sie trugen Sonntagskleider, Hüte mit Blumen geschmückt, oder Hauben mit reichem Bänderputz und hielten ernsthaft ihre Gebetbücher in den Händen. Als sie den Maire erblickten, unterbrachen sie ihr Zischeln. Der Eindruck der Furcht, den Carvayan um sich her verbreitete, trat sogar bei den Frauen zu Tage, die doch nichts von ihm zu besorgen hatten. Er lächelte. Es mißfiel ihm nicht, sich derart gefürchtet zu wissen: er sah darin nur einen Beweis seiner Macht. Als er, an der Thür seines Hauses angelangt, die Hand an die Klinke legen wollte, hielt er plötzlich inne. An dem anderen Ende der Straße hatte er Pascal bemerkt, der sich langsam näherte. Alles in der Haltung des jungen Mannes verriet Zerstreutheit und Kummer. In Gedanken versunken schritt er dahin, gleichgültig für alles, was um ihn her vorging. Seit seiner Rückkehr nach Neuville war seine gebräunte Gesichtsfarbe merklich blasser; seine Wangen schienen magerer geworden. Nichts von alledem war dem scharfen Auge Carvayans entgangen, und als er seinen Sohn mit schleppendem Schritte herankommen sah, fragte er sich, ob dies derselbe fröhliche, kräftige Mann sei, wie er vor kurzem heimgekehrt. Vor dem Hause trafen sie zusammen. Pascal konnte beim Erblicken seines Vaters ein Zittern nicht unterdrücken, er bemühte sich indes, eine heitere Miene anzunehmen. Allein seine verdüsterten Züge erhellten sich nur wenig, sie blieben kummervoll und ruhelos. »Du kommst von dem Festplatze?« fragte Carvayan, seinen Sohn aufmerksam musternd. »Ja, Vater,« erwiderte Pascal, der aus einem Traume zu erwachen schien. »Hast du Appetit?« »Meiner Treu, ja ...« Sie setzten sich zu Tische. Carvayan dachte: »Er scheint gar nicht bemerkt zu haben, daß es heute in Neuville ein Fest gibt, und ist in der Nähe des Schlosses umhergestrichen, der kreidige Staub auf seinen Stiefeln rührt vom Steinbruche her. Welche Pläne mag er wohl ersinnen? Er mißtraut mir, das ist gewiß. Alle meine Fragen beantwortet er mit Ausflüchten, ja, er vermeidet sogar mich anzublicken, aus Furcht, ich könnte in seinen Augen seine Gedanken lesen.« In der That saß Pascal am anderen Ende des Tisches, die Nase auf seinen Teller gesenkt, zerstreut das einfache Mahl genießend. Fest entschlossen, seine Heimat wieder zu verlassen, hatte er heute morgen dem Wunsche nicht zu widerstehen vermocht, noch einmal auf dem Hügel von Clairefont zu weilen, und auf dem Fußpfade, der an dem Steinbruche vorüberzog, war er bis zur Hochebene emporgestiegen. Er wollte nicht wie sonst sich in der Umgebung des Parkes verbergen, heute fürchtete er eine Begegnung. Bei dem Gedanken, er könne ein zweites Mal Antoinette gegenüberstehen, preßte ihm eine jähe Beklemmung die Kehle zusammen. Wie durfte er es wagen, ihr entgegenzutreten? Und was würde sie von ihm denken, wenn sie ihn in der Nähe des Schlosses überraschte, wie er gleich einem Vagabunden umherschlich? Da fiel ihm ein, daß das junge Mädchen gewiß die Messe besuchen würde, und um neun Uhr betrat auch er die kleine Dorfkirche. In einem dunklen Winkel, auf einer Holzbank sitzend, war er sicher, nicht erkannt zu werden. Geduldig wartete er hier, betrachtete den Schmuck des Altars, die Bilder im Schiffe, die Fenster des Chores, und in allem fand er Spuren der Freigebigkeit der Schloßherren von Clairefont: Inschriften an den Mauern, Wappen in Glasmalerei, alles sprach von ihnen und erzählte die Geschichte ihres Lebens. Neben einem Beichtstuhle fielen ihm die auf einer Marmorplatte in goldenen Lettern eingravierten Worte in die Augen: »Der Herr hat mir meine geliebte Tochter am Leben erhalten. Gepriesen sei sein heiliger Name!« Darunter das Datum 1872 und der Name: Honoré von Clairefont. Es mochte eine Votivtafel sein, welche der Marquis nach einer schweren Krankheit Antoinettes hier hatte anbringen lassen. In dem geheimnisvollen Düster der Kirche überließ sich Pascal einer Schwärmerei seiner Phantasie, und eine Art Sinnestäuschung überkam ihn. Es schien ihm, als würde er von einer fremden Macht, deren Kraft seinen Willen lähmte, entführt und auf das Schloß gebracht. Er betrat das Zimmer des jungen Mädchens und sah sie auf ihrem Lager, bleich, mit entstellten Zügen, dem Tode nahe. Ja, sie war es selbst, noch ein Kind, und von lieblicher Anmut. Ein Greis, den der junge Mann nicht kannte, in welchem er aber den Marquis erriet, saß am Kopfende des Krankenbettes. Seine Augen schwammen in Thränen, während er die zarte, kleine Hand in der seinen hielt. Seine Lippen bewegten sich wie im Gebete, und Pascal fühlte, daß er aus tiefstem Herzensgrunde Gott um die Rettung seines Kindes bat. Und als hätte der Himmel die Gewährung dieser heißen Bitte augenblicklich offenbart, so belebte und färbte sich das Antlitz Antoinettes; sie schlug die strahlenden Augen auf, und plötzlich erschien sie ihm verwandelt. Es war nicht mehr die kleine Kranke von soeben, es war das schöne junge Mädchen, welches er in dem Hohlwege gesehen, sie, die er anbetete und zugleich fürchtete, und für die er ohne Zögern sein Leben hingegeben hätte. Er bemühte sich, die Traumbilder zu verscheuchen, um die Herrschaft über sich selbst wiederzuerlangen, und zwang seine Augen, sich auf einen Gegenstand seiner Umgebung zu richten; von neuem fiel sein Blick auf die weiße Marmortafel, und leise wiederholte er die Inschrift, als wolle er ein Dankgebet zum Himmel senden für die glückliche Rettung Antoinettes. War der Tod nicht von ihrem Krankenbett verscheucht worden, damit er sie einst sehen und lieben könnte? Aber wenn er sie lieben mußte, warum mußte sie ihn hassen? Er stand auf und schritt langsam bis zu den Sesselreihen gegenüber dem Altar. In der Mitte der ersten erregte ein schwarzer Betstuhl mit blausamtenem Kissen seine Aufmerksamkeit. Er trat näher, in der Gewißheit, daß hier Antoinette zu beten pflegte, und sich über die Stelle beugend, wo sie kniete, bemerkte er, daß der Betstuhl ein kleines Pult enthielt; er öffnete es und erblickte eine Sammelbüchse nebst einem Gebetbuche. Mit zitternder Hand griff er danach. Es war klein, in weißem Saffianeinbande, mit einem silbernen Schließhaken. Auf der Innenseite des Deckels stand das Datum ihrer ersten Kommunion ... Pascal konnte der Versuchung nicht widerstehen, in dem Buche zu blättern, in sehnsüchtigem Hoffen, irgend eine Spur der Gedanken des jungen Mädchens darin zu finden. Doch nur Heiligenbilder schmückten einzelne Seiten. Eine heilige Antoinette trug die Widmung: »Meiner teuren kleinen Schwester. Robert von Clairefont.« Diese zarten Erinnerungen aus ihrer Kindheit rührten Pascal tief. Er machte sich über seine Neugierde Vorwürfe, wie über eine schlechte That, und glaubte eine verabscheuenswerte Entheiligung begangen zu haben. Er schloß das Buch, und die Stirn auf diesen stummen Vertrauten der Hoffnungen und Täuschungen gestützt, betete er. Allmählich zog Ruhe und Frieden wieder in sein Herz ein. Er gewann seine Selbstbeherrschung wieder und fühlte sich stark genug, das Gute zu vollführen. Er erhob sich, und die Büchse wahrnehmend, in welcher Fräulein von Clairefont gewiß noch am selben Tage Spenden der Gläubigen sammeln sollte, warf er sein Almosen hinein; sodann schloß er das Betpult wieder und begab sich auf seinen Platz in den dunklen Winkel der Kirche zurück. Die Glocke begann zu läuten, der Küster erschien, zündete die Kerzen an, und die zitternden Flammen schimmerten bald wie Sterne in dem dunklen Schiffe. Schwere, schleppende Schritte ertönten auf dem Estrich, und das Hin- und Herrücken der Stühle hallte knarrend unter der hohen, leeren Wölbung wider. Die Anwesenden hatten ihre Plätze eingenommen, der Priester schritt aus der Sakristei, als leise Schritte, die leicht über die Steinfliesen hinglitten, Pascal erbeben machten. Hastig wendete er sich um und erblickte Antoinette, die in Begleitung des Fräuleins von Saint-Maurice eben eingetreten war, gefolgt von einem jungen Manne von hohem, schlankem Wuchse und militärischer Haltung, in welchem eine Stimme des Herzens ihn Herrn von Croix-Mesnil erkennen ließ. Wirr wurde es ihm vor den Augen, die Fensterscheiben schienen ihm flammend zu glühen, in seinen Ohren klang und summte es, und es war ihm, als wanke die Kirche in ihren Grundfesten. Nur mit äußerster Kraftanstrengung gelang es ihm, sich zu beherrschen, wieder zu sehen und zu hören. Der Priester stand am Altar, und sein eintöniger Gesang der Psalmen klang in dem lautlosen Schweigen deutlich vernehmbar. Die beiden Frauen und ihr Begleiter hatten sich in der Menge verloren. Der junge Mann verließ seinen Sitz, und an einen Pfeiler gelehnt, suchte er Antoinette. Er sah sie von weitem in andächtiger Haltung mit gesenktem Haupte zwischen ihrer Tante und ihrem Verlobten. Dahin also hatten sich seine mit so viel Liebe gehegten Träume verwirklicht: Fräulein von Clairefont an der Seite des Mannes zu sehen, den man als ihren künftigen Gatten bezeichnete. All die Aufregung, alle seine Schliche, seine Hoffnungen und seine Befürchtungen, denen er leidenschaftlich nachgehangen, hatten nur ihn allein beunruhigt. Diejenige, welche damit in seinen Gedanken so innig verknüpft war, hatte nichts davon geahnt. Ruhig und kalt, wie an dem Tage, ehe sie ihm begegnete, hatte sie ihr Leben fortgesetzt, ohne auch nur die Stürme zu ahnen, welche sie heraufbeschworen hatte. Mit tiefer Bitterkeit mußte er sich fragen, was er hier noch suche, und mit der Erkenntnis der Nichtigkeit seiner Illusionen fand er auch seine volle Thatkraft wieder. Er stand auf, schritt hinaus, ohne sich auch nur einmal umzuwenden, und auf demselben Wege, den er heute morgen zurückgelegt, kehrte er zur Stadt zurück. Es war bei der Heimkehr von diesem glücklichen Spaziergange, als er mit seinem Vater zusammentraf. Einander gegenübersitzend, nahmen die beiden Männer schweigend ihr Mahl ein. Draußen vor den Fenstern strömten, die Straßen füllend, stetig neu Ankommende von nah und fern herbei. In der Ferne knallten die Büchsenschüsse und Begrüßungsrufe, Scherz und Gesang erhoben sich in fröhlichem Tumult. Die ganze Stadt war voll Freude und Lustigkeit: die Bewohner des ganzen Bezirkes trieben sich in den Straßen umher, jeder begehrte sein Teil am Trinken, Lachen und Tanzen. Nur auf Schloß Clairefont und in dem kleinen Hause der Rue du Marché weilten Kummer und Betrübnis. Sieger und Besiegte waren gleich sorgenvoll. Der Marquis, weil der Verlobte seiner Tochter angekommen war, um einige Tage auf dem Schlosse zu verbringen; Carvayan, weil er den Sohn düster und betrübt sah, den er durch die Bande ruhigen Glückes an sein Haus zu fesseln gehofft hatte. Der gute Honoré sah sich genötigt, aus seiner selbstsüchtigen Fernhaltung von allem Verdrießlichen zu der peinlichen Wirklichkeit des Lebens zurückzukehren. Die Anwesenheit des Barons von Croix-Mesnil hatte ihm seine schwierige finanzielle Lage und die unerklärliche Weigerung Antoinettes, welche die Hochzeit von Monat zu Monat verschob, wieder vor die Augen geführt. Der Maire von Neuville dachte mit Schrecken, ob nicht etwa in dem Augenblicke seines Triumphes sich ihm ein Hindernis in den Weg stellen würde, an dem sich sein ganzer energischer Wille brechen könnte. Pascals Niedergeschlagenheit verursachte ihm eine schmerzliche Unruhe, welche lange zu ertragen er nicht der Mann war. Der Entschluß stand bald in ihm fest, seinen Sohn ohne Umschweife um den Grund seines veränderten Wesens zu befragen und eine entscheidende Auseinandersetzung herbeizuführen. Er nahm sich vor, den ersten günstigen Anlaß zu ergreifen und, wenn es sein müßte, dem jungen Manne seine Pläne zu enthüllen, ihn in das Geheimnis seines Ehrgeizes einzuweihen, ihn auf die große Zukunft zu verweisen, welche ihm bevorstand, und, wenn es ihm nicht gelang, ihn durch Liebe für sich zu gewinnen, ihn doch wenigstens durch den Hinweis auf seinen eigenen Vorteil in der Nähe zu behalten. Zur Zeit, als er diesen Vorsatz faßte, konnte er nicht wissen, daß wenige Stunden später ein Ereignis dieses Festtages, welcher so reich an weittragenden Folgen sein sollte, ihm die gewünschte Gelegenheit bieten würde. Schon am frühen Morgen waren die Bewohner von Clairefont durch die üblichen Böllerschüsse geweckt worden, welche den Beginn des Festes verkündeten. Auch im Schloß hatte sich ein Fenster geöffnet, und Antoinette, in weißem Morgenkleide, war an demselben erschienen. Ernst und nachdenkend lehnte sie an der Brüstung. Das etwas bleiche Antlitz und die geröteten Augen verrieten die Kümmernisse einer schlaflosen Nacht. Und diese waren mit dem anbrechenden Tage nicht gewichen, denn das junge Mädchen blieb gleichgültig und unempfindlich gegen die Reize des herrlichen Sommermorgens. Auf dem weiten, mit Rasen und Blumenbeeten verzierten Platze vor dem Schlosse haschten die Vögel einander mit lustigem Gezwitscher, wiegten sich munter auf den Blumen, daß diese unter der leichten Last sich neigten und Tautropfen, glitzernd wie Diamanten, aus ihren Kelchen niedersprühten; die Blätter der Bäume rauschten leise im Morgenwinde, und die Rosenbeete hauchten würzige Düfte in die milde Luft. Antoinette blieb in Gedanken versunken. Eine Falte kräuselte ihre reizende Stirn, und ihr Blick hatte den sanften Schimmer, der von eben vergossenen Thränen zeugt. Das Oeffnen ihrer Zimmerthür erweckte sie aus ihren schmerzlichen Betrachtungen. Sie wendete sich um, und ein Lächeln erhellte den wehmütigen Ausdruck ihres Gesichtes, als sie Tante Isabella vor sich sah. In leinenem großgemustertem Hauskleide, die grauen Haare zerzaust, rot wie Feuer trotz einer reichlichen Auflage von Stärkemehl, welches ihre kupferigen Wangen marmorierte, so trat das alte Fräulein ein, schritt mit geheimnisvoller Miene auf ihre Nichte zu und gab ihr zwei schallende Küsse. Dann lehnte sie sich in männlicher Haltung, die Hände auf dem Rücken, an den Kamin und begann: »Ich hörte dein Fenster öffnen und komme deshalb gleich zu dir ... Ich habe eine fürchterliche Nacht verbracht ... Das Alpdrücken ließ mich gar nicht los ... Ich weiß nicht, ob du an Träume glaubst ... Ich für meinen Teil glaube daran ... Meine Mutter verstand es, sie in wunderbarer Weise zu deuten, und immer gingen ihre Vorhersagungen in Erfüllung ... Nun, mir träumte von einem roten Hahn ... Das ist ein Zeichen von Unglück und Tod ... Ich sah im Schlafe einen riesigen roten Hahn, der das Gesicht des abscheulichen Carvayan hatte und laut krähend die Flügel schlug ... Voll Entsetzen fuhr ich in die Höhe ... ganz in Schweiß gebadet ... du kannst jetzt noch sehen, wie aufgeregt ich bin, und ich habe wieder meine ›Verstickung‹.« Tante Isabella atmete schwer und geräuschvoll wie ein Schmiedeblasebalg. »Du weißt,« fuhr sie fort, »in welcher Lage wir uns befinden ... Gestern kam die Weisung, 160000 Franken und etliche Centimes zu bezahlen ... Ich habe natürlich das unglückselige Papier verborgen ... Ich wage es nicht, deinem Vater davon zu sprechen ... Und dennoch werden wir es ihm mitteilen müssen, denn schließlich kann es nicht mehr lange so fortgehen ... Uebrigens ist es mit uns ohnehin am letzten und ich weiß nicht, wie wir diesen Wechsel bezahlen sollen ... 160000 Franken lassen sich nicht so leicht auftreiben, und was mich betrifft, so erkläre ich, daß ich auch nicht einen Sou beisteuern kann. Mir bleibt bloß Saint-Maurice ... Ein kaum bewohnbares Nest und 2500 Franken Revenüen ... Ein Dach, um euch in den Tagen der Not, die leider nur zu rasch kommen werden, aufzunehmen, und Brot, damit ihr nicht Hungers sterbt ... Das, mein Kind, siehst du, das gebe ich nicht her, und wenn ich den Kopf schon unter dem Beile der Guillotine hätte ... Denn das ist die einzige, die letzte Zuflucht, nachdem dein Vater auf so klägliche Weise alles vergeudet und verloren hat ...« Antoinette machte eine bittende Gebärde, indem sie ihr sanftes, von Sorgen blasses Antlitz zu ihr erhob. »Tante, ich bitte Sie, beschuldigen Sie meinen Vater nicht ... Was er that, war gut gemeint. Er hat Hirngespinsten nachgejagt, thörichten Hoffnungen sich hingegeben; aber er hatte doch nur das eine Ziel, uns reich und glücklich zu machen ... Er selbst, Sie wissen es, macht keine Ansprüche, und das kleine Schlößchen von Saint-Maurice wird ihm ein Palast dünken, wenn wir ihm zur Seite bleiben.« »Ach, ich weiß es gar wohl, daß er ein Herz hat wie Gold ... Aber leider kann er damit nicht bezahlen! Und die Gläubiger, die uns auf den Fersen sind, wollen uns keinen Aufschub bewilligen ... Malézeau hat mit Carvayan gesprochen und ihn hart und kalt gefunden ... Wenn wir bis zu Ende dieser Woche kein Auskunftsmittel ersinnen, um Zeit zu gewinnen, werden wir uns auf die Beine machen müssen ... Wir werden die Gerichtsdiener in den Sälen von Clairefont sehen, man wird uns vor die Thüre setzen, und uns aus dem Hause unserer Vorfahren weisen ... Was wird Herr von Croix-Mesnil dazu sagen?« »Seinetwegen bin ich keineswegs beunruhigt, liebe Tante,« versetzte Antoinette mit einem Lächeln. »Ich kenne ihn ... Er wird mich ebenso gern heiraten, wenn ich arm, als wenn ich reich wäre ... Und wenn ich ihn liebte ...« »Du liebst ihn also nicht?« rief Fräulein von Saint-Maurice mit schrecklicher Stimme. »Wie? Seit zwei Jahren macht er dir den Hof ...« »Ich halte ihn für einen durchaus angenehmen Menschen,« erklärte das junge Mädchen mit sanfter Melancholie, »aber er ist der Mann nicht, den man heiraten soll, wenn man kein anderes Glück zu erwarten hat, als die Zärtlichkeit desjenigen, an dessen Seite zu leben unsere Bestimmung ist. Sie wissen es, Tante, und haben es mir eines Tages selbst gesagt ... Er ist in jeder Hinsicht untadelig, jeder zarten Empfindung fähig und für alle edlen Gefühle empfänglich ... Aber niemals wird er selbsteingreifend, wie auserlesene Geister, sein Geschick selbst lenken können, niemals wird er die feurige Hingebung leidenschaftlicher Seelen verstehen ... Ich sollte einwilligen, seine Frau zu werden, um ihn der Gefahr ausgesetzt zu sehen, in unseren Ruin hineingezogen zu werden, mit der Gewißheit im Herzen, daß er weder die Thatkraft noch die Fähigkeit besitzt, die Schwierigkeiten, welche uns umringen, zu besiegen? ... Nein, Tante, das wäre wenig edel, wäre unserer nicht würdig ... Nein, dazu darf ich meine Einwilligung nicht geben ...« »Thatsache ist, daß, wenn der arme Junge mit Carvayan fertig zu werden hätte, er eine sehr traurige Gestalt abgeben würde ... Ach, wenn ich, wie in den Feenmärchen, die Macht hätte, ihm Genie zu verleihen ... aber ein wahres Genie, ein ernsthaftes, brauchbares, kein solches, wie dasjenige deines Vaters ... mit welcher Wonne würde ich ihn den alten ›Schismatiker von Maire angreifen sehen! O, diesem Schurken all das Uebel, das er uns angethan, vergelten zu können, ihn mit seinen eigenen Waffen bekämpfen, über ihn triumphieren und nach Herzenslust über ihn zu lachen! Nein, siehst du ... ich weiß nicht, was ich darum gäbe!« Tante Isabella schüttelte heftig das Haupt, ging erregt im Zimmer auf und nieder, dann nahm sie ihrer Nichte gegenüber Platz. »Warum ist die geistige Kraft deines Bruders nicht so groß als seine körperliche! ... Ihm wäre es zugekommen, sich dem Maire entgegenzustellen und ihm den Herrn zu zeigen! ... Aber er versteht nichts von Geschäften ... Er ist wie dein Vater und wie ich ... Und ich sehe wohl, daß in unserer Familie du, meine Tochter, der einzige helle Kopf bist ... Seltsame Zeiten das, wo ein Carvayan einen Clairefont peinigen darf, und wo es keinen anderen Beistand, keine anderen Mittel gibt, als die wir in uns selbst finden ... Ehemals hätte man sich an den König gewendet ... und im Handumdrehen wäre die Angelegenheit geordnet worden ... Heutzutage geschieht für uns nichts ... Wenn die Wagschale sich neigt, so ist es immer zur Seite dieser Subjekte ... und alle Vorteile fallen ihnen zu ... Je größere Schurken sie sind, desto sicherer werden sie begünstigt ... Mein armes Kind, du siehst, daß wir uns fügen müssen ...« »Und das wird uns wahrlich nicht schwer fallen, Tante ... denn wir werden unsere Lebensweise wenig zu ändern brauchen ... Wie leben wir hier seit zwei Jahren? So armselig wie nur denkbar, verloren in dem weiten, frostigen, stillen Schlosse ... Die Armut ist doch hundertfach peinlicher in einer für den Reichtum geschaffenen Behausung, als unter einem bescheidenen Dache ... Hier in Clairefont bin ich geboren und herangewachsen, habe hier Schmerz und Leid erduldet, und tausend Bande knüpfen mich an diesen Boden ... Aber ohne jedes Bedauern will ich sie von mir werfen, wenn wir anderswo ein ruhiges und gesichertes Dasein finden ... Wenn mein Vater sich geborgen und frei fühlen wird, wenn sein Alter von Aufregung und Sorgen verschont bleibt und unser Name wenigstens unbescholten aus den Wirrnissen unserer jetzigen Lage hervorgeht, so beteure ich Ihnen, Tante, daß ich auch nicht eine Thräne für unsere glänzende Vergangenheit haben, daß ich vielmehr voll Dank auf unser bescheidenes, zufriedenes Leben blicken werde.« »Und du wirst Mädchen bleiben?« »Und ich werde Mädchen bleiben, meiner Treu, so wie Sie, liebe Tante ... Wir werden schließlich eine so jung oder so alt aussehen wie die andere ... Wir werden uns kleine Schrullen ersinnen ... werden Karten spielen, recht jugendliche Bänderhäubchen aufsetzen und Konfitüren bereiten ... Papa wird uns von seinen Erfindungen erzählen, die auszuführen er nicht mehr die Mittel hat, und wir werden sie ohne Hintergedanken bewundern können, weil sie uns nichts mehr kosten ... Und da wir in Saint-Maurice noch immer so viel haben werden, um ein Pferd zu halten, so werden wir an schönen Tagen, und wenn wir recht brav gewesen sind, mit Robert Ausflüge zu Wagen unternehmen ... Lachen Sie wieder, Tante ... Es werden sich noch gute Tage für uns finden ... Mit ein wenig Philosophie kann man sich im Leben in alles schicken. Und wenn man zudem noch seine Lieben um sich hat, worüber kann man sich dann beklagen?« Das alte Mädchen richtete sich in die Höhe, öffnete ihre langen Arme, und ihre Nichte an den Schultern fassend, drückte sie dieselbe in heftiger Erregung an ihre knochige Brust. »Teures, uns von Gott gegebenes Kind!« rief sie voll tiefer Rührung, »ja, überall, wo du weilst, wird auch das Glück sich einfinden ... Du bist unser Licht, unsere Sonne ... Was würde ohne dich aus uns werden? Du hast recht, heirate deinen Dragoner nicht ... Bei uns wirst du unsere Armut teilen, aber du wirst wenigstens frei bleiben ... An seiner Seite wärest du reicher aber du würdest nicht mehr dir selbst gehören ... Und das wäre von allen Uebeln das größte ... Ich bin eine entsetzliche Egoistin, ich denke nur an mich, wenn ich dich in deinen Unabhängigkeitsgelüsten bestärke, aber tadle mich, wer kann ... Du bist meine lebendige Entschuldigung ...« Mit ihren großen Händen umfaßte sie den Kopf des jungen Mädchens und betrachtete sie voll liebevoller Bewunderung. Mit ihrem ungeordneten Haar, ihrem rosigen Teint und den blauen Augen, dem lieblichen Munde und der stolzen Freimütigkeit in ihren Zügen gemahnte Antoinette an die reizenden Gesichter Greuzes, zugleich voll keuscher Anmut und unschuldiger Koketterie. Die weiten Aermel ihres Morgenkleides ließen ihre schönen Arme frei, und am Rande des reich gefalteten Rockes erschien in kleinen Atlaspantoffeln die Spitze eines allerliebsten Füßchens, leicht sich wiegend wie ein Vogel, der zum Fortfliegen sich anschickt. »Machen Sie sich keine Vorwürfe, beste Tante,« sagte Antoinette, den Kopf zur Seite neigend ... »Sie haben meinen Willen nicht beeinflußt ... Mein Entschluß steht schon seit langem fest, und ich erwarte nur einen passenden Anlaß, um ihn Herrn von Croix-Mesnil mitzuteilen. Uebrigens fürchten Sie nichts, er ist ein wackerer Mann, er wird meine Gründe begreifen und unser Freund bleiben ... Was meinen Vater betrifft, so ist es am besten, ihm vorläufig nichts zu sagen ... Zumal heute nicht ... Lassen wir erst das Fest vorübergehen, und morgen, wenn es angeht, wollen wir großen Familienrat halten ...« »Hoffen wir, daß kein böser Zwischenfall unsere Lage verschlimmert,« versetzte Fräulein von Saint-Maurice. »Ich habe böse Vorahnungen ... Und die haben mich noch selten getäuscht.« Antoinette schüttelte leise das sinnende Haupt. »Wir wollen Gott bitten, er möge größere Trübsal von uns fernehalten ... Er kann uns doch nicht ganz niederdrücken wollen ... Wenn dies aber dennoch sein Wille sein sollte ...« »Dann hoffen wir, daß er mich allein treffen wird,« rief das alte Mädchen mit feuriger Hingebung aus, »und daß ihr, meine geliebten Kinder, verschont bleiben werdet.« Da trug ein etwas stärkerer Wind den beiden Frauen die Klänge der Kirchenglocke zu, die in der Ferne läutete. »Das ist der erste Glockenschlag zur Messe,« sagte Tante Isabella, »und ich habe noch nicht einmal angefangen, mich zu frisieren ... Ich mache, daß ich fortkomme ... Auf Wiedersehen ...« Und in zwei Sätzen die Thür erreichend, fuhr sie stürmisch wie ein Wirbelwind hinaus. Die Schloßdamen brauchten niemals viel Zeit zum Ankleiden, und von dem Schlosse bis zur Kirche war es kaum fünf Minuten weit. Daher hatte der Pfarrer kaum die Runde im Schiffe gemacht, um den priesterlichen Segen zu spenden, als auch schon Fräulein von Clairefont in Begleitung ihrer Tante und des Herrn von Croix-Mesnil auf ihrem Platze saß und ihr Gebet begonnen hatte. Nichts störte sie in ihrer Andacht, alles ging mit gewohnter Regelmäßigkeit von statten; nur der Sohn des Küsters hatte sich während der Aufhebung der Hostie in respektwidriger, geräuschvoller Weise geschneuzt, was ihm von seinem Vater, der im Chore sang, einen wütenden Blick eintrug, als Vorläufer tüchtiger Maulschellen. Fräulein Bihourel, die Schwester des Pfarrers, schlug zeitweilig mit dem Gebetbuche auf ihren Betstuhl, um den Schulkindern das Zeichen zu geben, wann sie aufstehen oder niedersitzen sollten. Der tiefe Seufzer Pascals, als er Herrn von Croix-Mesnil entdeckte, erreichte nicht die keuschen Ohren des jungen Mädchens, und das Geräusch der sich entfernenden Schritte desjenigen, der sie insgeheim anbetete, erweckte in ihrem Geiste keinen Widerhall. Sie blieb still und andächtig bis zu dem Augenblicke, als ihre Tante, sie leise mit dem Ellenbogen berührend, ihr die Worte zuflüsterte: »Halte dich zum Almosensammeln bereit ...« Das junge Mädchen schloß ihr Gesangbuch und nahm aus dem Betpulte den Sammelbeutel von dunklem Samt, welcher das Wappen der Clairefonts in verblichenen Farben trug. Der Küster, seinen Stab mit silbernem Knopfe in der Hand, näherte sich ihr mit tiefer Verbeugung. Antoinette erhob sich und während sie dem Chore zuschritt, schien es ihr, als sei der Beutel nicht leer und als vernehme sie ein leises, metallenes Klirren. Erstaunt zog sie die seidenen Schnüre auseinander, und mit einer Ueberraschung, welche ihr Antlitz mit flammender Röte überzog, sah sie auf dem schwarzen Ledergrunde fünf Goldstücke blinken. In großer Erregung trat sie vor den Altar, verneigte sich und begann hierauf mit dem Einsammeln der Almosen. Die Centimes und Sous fielen reichlich in den Beutel, die rätselhaften Goldstücke bedeckend, und Antoinette schritt weiter an den Bankreihen vorüber, mechanisch die üblichen Worte murmelnd: »Für die Armen, bitte ...« Und während dieses Weges dachte sie: »Wer mag heute morgen in die Kirche gekommen sein, um diese reiche Gabe anonym zu spenden?« Fragend blickte sie umher, ihre Augen durchforschten alle dunklen Winkel, um den geheinimsvollen Geber ausfindig zu machen; aber sie sah nur die bekannten Gesichter der Bauern aus der Umgebung. Pascal war fern. Bis zum Ende des Gottesdienstes blieb Antoinette zerstreut. Das Gesangbuch lag aufgeschlagen in ihren Händen, aber sie dachte nicht daran, die Gebete zu lesen. Ihre Augen hafteten an einem großen, von ihrem Urgroßvater der Kirche gespendeten Fenster, dessen Glasmalerei den Kampf Jakobs mit dem Engel darstellte. Mit seinen sehnigen Armen hat der Sohn Isaaks den himmlischen Gegner gefaßt, der ihm mit einem Flügelschlage entschlüpft. Darunter stand in gotischen Lettern die Inschrift: »So ringt der an die Erde gefesselte Mensch, den Himmel zu gewinnen.« Fräulein von Clairefont schien es, als ob das Antlitz Jakobs, welches sie früher nie aufmerksam betrachtet hatte, eine seltsame Aehnlichkeit mit irgend einer Person aufweise, welche ihr nicht fremd war ... Sie mußte dieses energische, von braunem Vollbarte umgebene Gesicht, diese durchdringenden Augen kennen ... Aber sie vermochte keinen Namen darunter zu setzen ... Vergebens suchte sie in ihrem Gedächtnis, sie fand nichts. Der Priester verließ den Altar, die Anwesenden erhoben sich und eilten dem Ausgange zu, und Antoinette saß noch immer regungslos da, in Gedanken versunken ... »Nun, mein Herzchen, wir müssen gehen,« sagte Tante Isabella ... »Lieber Baron, wollen Sie uns gefälligst in der Vorhalle erwarte n... Wir haben erst unserem lieben Pfarrer Rechnung abzulegen ...« Herr von Croix-Mesnil verbeugte sich schweigend und schritt der Thür zu, während die beiden Frauen sich in die Sakristei begaben. Der Pfarrer von Clairefont, ein ehrwürdiger, schlichter Priester, hatte Antoinette getauft und ihr das erste Abendmahl gereicht. Als die Damen eintraten, trafen sie ihn gerade beim Ablegen seines Ornats. Mit einer heftigen Bewegung sich den Händen seiner Schwester, die ihm das Chorhemd aufnestelte, entreißend, stürzte er den Ankommenden entgegen. »Um des Himmels willen, teurer Herr Pfarrer, lassen Sie sich nicht stören!« schrie die Tante von Saint-Maurice, »wir kommen nur, um gleich wieder zu gehen ... Antoinette überbringt Ihnen ihre Kollekte ... Entschuldigen Sie uns ...« Fräulein Bihourel öffnete den Beutel, schüttete den Inhalt auf den Tisch, und als Gold, Silber und Kupfer durcheinandergeworfen dalagen, stieß sie einen Schrei der Ueberraschung aus: »Sieh doch, Bruder! ...« Der Priester lächelte, und die Hände des jungen Mädchens ergreifend, sprach er freundlich: »Sie waren verschwenderisch ... Daran erkenne ich Ihr Herz ... Aber es ist zu viel, mein Kind ... Und ich sollte Sie eher schelten, als Ihnen danken ...« Bei diesen Worten färbten sich Antoinettes Wangen mit Purpurröte: sie versuchte sich abzuwenden, aber die Augen ihrer Tante richteten sich mit dem Ausdrucke so großen Erstaunens auf sie, daß es ihr unmöglich war, länger zu schweigen. »Ich verdiene keinen Dank, Herr Pfarrer,« sagte sie lebhaft. »Dieses Geld rührt nicht von mir her, ich fand es in dem Beutel, noch ehe ich mit dem Sammeln begann ...« Nun ging Tante Isabellas Erstaunen in eine wahre Verblüffung über. Sie blieb einen Augenblick stumm, und mit einem Seufzer, der mehr einem Wiehern glich, schrie sie sodann mit vor Erregung flammendem Gesichte: »Das ist denn doch zu stark. Wie konnte so etwas vorkommen? Ich, ich selbst habe gestern abend Germain den Beutel übergeben, damit er ihn in deinen Betstuhl lege ... Hat man sich etwa erlaubt, dort herumzustöbern? ...« »Aber, beste Tante,« unterbrach sie das junge Mädchen, »jedenfalls war es kein Dieb, denn statt mir etwas zu entwenden, hat er mir vielmehr Geld für die Armen zurückgelassen. Uebrigens hatte man nötig, dort herumzustöbern, wie Sie sagen? Kann Germain nicht vielleicht ganz einfach den Beutel auf den Betstuhl gelegt haben? Und dann, ich bitte Sie, die Sache ist doch von keiner Wichtigkeit, daß Sie davon solch großes Aufheben machen!« Dabei hatte sie Thränen in den Augen, und ihre Stimme begann zu zittern. Tante Isabella fürchtete, ihr wehe gethan zu haben, und um sie zu beruhigen, sagte sie lächelnd: »Am Ende ist es der Baron, der sich schon am frühen Morgen auf die Beine machte, um dir insgeheim diese Ueberraschung zu bereiten.« »Das ist nicht möglich, Tante, denn erstens steht Herr von Croix-Mesnil nicht frühzeitig auf, und dann wußte er auch nicht, daß ich heute das Sammeln übernehmen werde ...« »Ich kenne niemand in der ganzen Gegend, dem wir eine solche Freigebigkeit zumuten könnten,« sagte Fräulein Bihourel nachdenkend. »Und meines Wissens hat kein Fremder die Kirche betreten,« fügte der Pfarrer hinzu ... Doch plötzlich hielt er inne, sein Gesicht erhellte sich, und die Hände zusammenschlagend, rief er: »Wenn es nicht etwa der junge Mann ist, den ich sah, als ich den Segen spendete ...« »Was für ein junger Mann?« schrie Tante Isabella, deren Augenbrauen sich zusammenzogen. »Ein junger, brünetter Mann mit einem Barte; er stand in einer dunklen Ecke neben den Weihkesseln, rechts am Eingange ...« Wie durch einen Zauberschlag erwachte in Antoinette die Erinnerung an Pascal. Sein Antlitz schwebte ihr vor, er war es –nun erkannte sie ihn wieder –der dem Sohne des Patriarchen glich. Wollte auch er den Himmel gewinnen? Und was konnte der Himmel für einen Carvayan anderes sein, als die Liebe einer Clairefont? Er war es, daran war nicht zu zweifeln, der sich bis an ihren Betstuhl geschlichen, ihn geöffnet und diesen Beweis seiner indiskreten Neugier dort zurückgelassen hatte. Sein Benehmen erschien ihr über alle Maßen dreist. Die Stimme ihres Stolzes erhob sich voll Zorn gegen den Verwegenen. Was wollte er? Was hoffte er? Weil er zufällig auf freier Straße mit ihr zusammengetroffen, meinte er sich ihren Gedanken aufdrängen zu dürfen? Bildete er sich etwa ein, sie durch seine beleidigende Freigebigkeit zur Dankbarkeit zu zwingen? Doch eine mildere Stimme, diejenige der Vernunft, erwiderte: Worüber darfst du dich im Grunde genommen beklagen? Er hat durch deine Hand ein Almosen gespendet und sich dabei verborgen gehalten. Er hätte in der Kirche bleiben, dein Vorübergehen erwarten und dir frei seine Gabe reichen können. Doch er fürchtete, dir zu mißfallen, wagte es nicht, deinem Blicke zu begegnen; er hat sich rücksichtsvoll und ehrerbietig benommen. Willst du ihm etwa das zum Vorwurf machen? Aber gerade dieses Geheimnisvolle war es, das sie verletzte. Gegen ihren Willen sah sie sich plötzlich in eine Art von Heimlichthuerei verstrickt mit dem Sohne des Mannes, der ihres Vaters Todfeind war. Wenn er sie sah, durfte er sie mit einem Lächeln begrüßen, als walte zwischen ihm und ihr der Beginn eines geheimen Einverständnisses. Sie hätte seinen Namen nennen, es laut ausrufen mögen, daß er es gewesen, der die Frechheit gehabt, ihr Betpult zu öffnen, hätte ihm das Geld hinwerfen mögen, das ihr zuwider war. Doch angesichts des Priesters und seiner Schwester mußte sie sich bezwingen; sie sah ein derartiges Geständnis als eine Demütigung für die ganze Familie von Clairefont an. Und bedrückten Gemütes, tief verstimmt, legte sie sich Schweigen auf. »Nun, da du Rechnung abgelegt hast, meine Tochter, machen wir, daß wir fortkommen,« sagte Tante Isabella, »es ist schon eine hübsche Weile, daß der Baron draußen Schildwache steht ... Wir müssen ihn von seinem Posten ablösen ... Auf Wiedersehen, bester Herr Pfarrer ... Guten Tag, liebe Kleine ...« Die kleine Bihourel, eine angehende Fünfzigerin, machte einen tiefen Bückling gleich einer Betschwester und geleitete die Schloßdamen bis an die Thür der Sakristei. Kaum waren Tante und Nichte allein in der Kirche, als Fräulein von Saint-Maurice mit vor Neugierde funkelnden Augen begann: »Ei, meine Schöne, ich vermute, daß auch du den geheimnisvollen Spender in der Schilderung erkannt hast, welche der Pfarrer von ihm entwarf. Das ist ohne allen Zweifel der junge Prinz Carvayan in höchsteigener Person ...« »Tante,« murmelte verdrießlich das junge Mädchen. »Nun, was weiter? Der Sohn des alten Halunken, vielleicht von Vorwürfen gequält, will etwas von dem Gelde, das sein Vater gestohlen, zurückerstatten, und bedient sich deiner Hand zu dieser Gott und Menschen angenehmen Buße ... Das ist höchst moralisch und außerordentlich galant ... Du sollst sehen, daß wir, ohne daß wir es ahnten, in dem eigenen Hause dieses Ungeheuers einen Verbündeten finden werden ...« »Ich bitte Sie, beste Tante, scherzen Sie doch nicht über einen solchen Gegenstand!« sprach Fräulein von Clairefont mit bebender Stimme und mit Thränen in den Augen. »Nun weinst du gar!« rief erstaunt das alte Fräulein aus ... »Ich begreife dich nicht ...« »Weil alles dies mich demütigt und mich verletzt ... weil ich nicht zugeben kann, daß ein Fremder sich so gewaltsam in mein Leben drängt ... Ich kenne diesen Mann nicht er ist mir zum voraus verhaßt, ich mag nichts von ihm wissen, als daß er der Sohn seines Vaters ist, den ich, wenn auch nicht verachten, so doch hassen muß. Zudem, wer sagt Ihnen, ob es nicht herausfordernder Trotz ist, der ihn mir dies Geld überbringen ließ? Liegt nicht ein grausamer Hohn darin? Er weiß, daß wir so weit verarmt sind, daß wir nicht mehr wie ehemals Almosen geben können, und wollte uns damit zu verstehen geben, daß, ohne einen Carvayan, wir genötigt wären, die Hand leer zu lassen, welche die Unglücklichen uns entgegenstrecken?« »Ei, ei, wie du dich aufregst! Die Sache lohnt wahrhaftig nicht der Mühe. Das ist ein Bursche, dem es vermittelst hundert Franken gelang, von sich reden zu machen ... Die Ohren müssen ihm klingen ... Wenn er dies aus Berechnung that, so ist er gar nicht dumm ... Aber ehe wir seine Person beiseite lassen, höre ein letztes Wort: Ich halte ihn nicht für, einen so schwarzen Teufel, wie du dir ihn vorstellst ... Er hat sich einst von seinem Vater losgesagt ... freilich ist er jetzt wieder zurückgekehrt ... Aber muß er dieserhalb schon mit dem alten Schufte übereinstimmen? Ach ein Entzücken wäre es, die beiden sich gegenseitig verschlingen zu sehen ... Carvayan gegen Carvayan ... Der Korsar des Korsaren Feind ... Ach, wie das amüsant wäre!« »Sie werden dieses Schauspiel nicht genießen, Tante,« sagte Antoinette mit verächtlicher Bitterkeit. »Seien Sie gewiß, daß im gegebenen Augenblicke beide sich vereinigen werden, um uns den Gnadenstoß zu geben ... Was übrigens auch geschehen möge, über das Vorgefallene wollen wir niemals mehr sprechen ...« Darauf verließen sie die Kirche. Herr von Croix-Mesnil, bemüht, eine Grabschrift zu entziffern, welche in den als Schwelle dienenden Stein hineingemeißelt war, wendete sich ihnen lächelnd zu. Der Baron war ein schöner Mann von dreißig Jahren, mit schwarzen Augen und blondem Schnurrbarte, vornehmen Manieren und sanfter Gemütsart. Während des Krieges hatte er unter dem Kommando des Generals Charette Proben glänzender Tapferkeit abgelegt. Man zählte ihn zu jenen sanften Männern, die in aller Stille der Gefahr entgegengehen und mit ruhiger Stimme mörderische Befehle erteilen. »Ich rufe alle meine klassischen Erinnerungen wach, um zum Verständnis dieser lateinischen Inschrift zu gelangen ... Es ist darin, wenn ich nicht irre, von einem Abbé von Clairefont die Rede, der hier bestattet wurde, nach dem Wunsche, der Fuß der Gläubigen, welche die Kirche betreten, möge über seine irdische Hülle schreiten ... Calcabunt fidelium pedes ...« »Ganz richtig,« versetzte die Tante von Saint-Maurice ... »Es ist Foulque von Clairefont ... Prior des Benediktinerklosters von Jumiège. Wenn es Sie interessiert, so wird der Marquis Ihnen seine Geschichte erzählen ... Er begann seine Laufbahn als Soldat, war ein gefürchteter Haudegen, wurde später ein Vorbild hoher Frömmigkeit und endete als ein Heiliger ... Er ist der religiöse Ruhm des Hauses ... Sein Bildnis hängt in der Kapelle ...« »Da kommen uns der Vater und Robert entgegen,« unterbrach sie Antoinette. Der Marquis, auf den Arm seines Sohnes gestützt, wandelte langsamen Schrittes die Lindenallee entlang, welche von dem Dorfe bis zu den Schloßthoren führte. Robert, der für diesen Tag sein Jagdkostüm abgelegt, trug einen Anzug aus blauem Tuch, der die kräftige Eleganz seiner Gestalt zur vollsten Geltung brachte. Er plauderte fröhlich mit seinem Vater, und mit der linken Hand hielt er das Windspiel Antoinettes an einer Leine. Beim Anblick seiner Schwester ließ er den Hund frei, der wie ein Pfeil dahinschoß und, zu den Füßen des jungen Mädchens hinstürzend, sich mit schmeichelndem Gebell auf dem Boden wälzte. »Weshalb ließest du das arme Tier nicht frei laufen?« fragte Fräulein von Clairefont, die ihre Schritte beschleunigt hatte. »Weil er schon die Richtung nach der Kirche genommen hatte, um dich aufzusuchen, und da ich nicht glaube, daß die Messe für Hunde gelesen werde ...« »Ja freilich,« meinte Antoinette lächelnd ... »Wenn Herr von Croix-Mesnil hier ist, will mich Fox keinen Augenblick verlassen ...« »Er ist eifersüchtig, bei Gott!« rief Robert mit lautem Lachen. »Wozu er in der That keinerlei Grund hat,« versetzte sanft der Baron; »von den beiden Rivalen ist wahrlich nicht der Mensch der mehr begünstigte ...« »Lassen wir das, Croix-Mesnil, alles wird gut enden, mein Teurer,« sagte der Marquis. »Kehren wir ins Schloß zurück und nach dem Frühstück will ich Ihnen meinen neu erfundenen Ofen zeigen ... Sie werden sehen, er ist ein Wunderwerk ... Wenn man einen Apparat ersonnen hat, der so einfach ist und dennoch so reich an erstaunlichen Ergebnissen, braucht man an nichts zu verzweifeln ... Die Arbeiten im Steinbruch werden demnächst wieder aufgenommen werden, und zwar mit einem solchen Fortschritt in der Kalkbereitung, daß die Erwerbung eines großen Vermögens dabei gewiß ist. Ihr sollt sehen! Ihr sollt sehen! ...« Und sich wohlgemut die Hände reibend, wendete er sich dem Schlosse zu. Antoinette und Tante Isabella tauschten einen raschen Blick. Das Herz des jungen Mädchens zog sich schmerzlich zusammen, als sie den Erfinder, der am Vorabende seines Ruins stand, mit so viel Selbstvertrauen von Arbeit und Reichtum sprechen hörte. Von seinen Phantasiegebilden völlig erfüllt, belustigte das alte Kind sich mit seinem Spielzeug selbst jetzt noch, wo die seit so langem drohende Katastrophe unausweichlich bevorstand. Wie tief und schmerzlich würde sein Fall ihm scheinen? Auf welche Weise vermochte man ihn zur Erkenntnis seiner wahren Lage zu bringen? Welche Mittel mußte man gebrauchen, um dem harten Schlage etwas von seiner Grausamkeit zu nehmen? Und zuvörderst, wie ihn zur Vernunft zurückbringen, ihn von seiner Thorheit heilen und ihn dahin führen, daß er auf seine Träume verzichte, welche das Fundament seines Lebens selbst zu bilden schienen, das Notwendigste zu seinem Glücke? »Wir müssen heute abend auf dem Balle erscheinen, meine Kinder,« fing Herr von Clairefont wieder an ... »Nach dem Diner, wenn die Hitze des Tages abgenommen hat, wollen wir langsam nach Neuville hinabsteigen, um uns für eine Stunde zu zeigen ...« Antoinettes Gesicht verdüsterte sich. »Glaubst du, Papa, daß man unserer Abwesenheit eine schlimme Auslegung geben würde?« fragte sie gezwungen. »Dieses Kirchweihfest hat doch wahrhaftig gar kein Interesse für uns ... Was sollen wir dort machen?« »Einem alten Gebrauche uns fügen ... Weniger als irgend jemand haben wir das Recht, althergebrachte Sitten zu verletzen.« »Gewiß, aber es wird für dich gar zu ermüdend sein, inmitten dieses Gewühles, dieses Tumultes und Staubes,« entgegnete Antoinette, welche bei dem Gedanken zitterte, daß ein übelwollendes Wort, eine indiskrete Anspielung dem Greise die Wahrheit auf rohe Weise enthüllen könnte. »O, was mich betrifft, mein Kind, mir ist es lieb, wenn ich Clairefont nicht zu verlassen brauche, die Gegenwart von euch Jungen wird ja vollkommen genügen.« »Nun, dann wollen wir gehen,« sagte das junge Mädchen eifrig, »und dich vertreten. Auf diese Art kannst du völlig ruhig sein ... Und niemand wird hoffentlich etwas daran auszusetzen haben ...« »Nun ist wieder alles in Ordnung, Fräulein Weisheit,« meinte Honoré lächelnd, »und ich bin glücklich, dich zufrieden zu sehen ... Ich werde inzwischen die Gelegenheit benutzen, eine chemische Analyse zu beginnen, die ich aus Furcht, mir Vorwürfe von euch zu holen, seit längerer Zeit verschiebe ...« »Ach ja, mein Bester,« warf Tante Isabella verdrießlich dazwischen, »neulich hat der Qualm, welcher Ihrem Kabinett entströmte, alle Bilderrahmen in der Galerie geschwärzt, und meine Wäsche hat während zwei Wochen einen üblen Geruch davon bewahrt.« »Das ist wahr,« sagte der Gelehrte demütigen Tones, »in meiner Zerstreutheit vergaß ich die Fenster zu öffnen, was leider den Vergoldungen schadete ... Aber diesmal werde ich gehörig acht geben ...« Damit traten sie in den Schloßhof ein. Bei ihrem Anblicke läutete der alte Germain ceremoniös die Glocke zum Frühstück, und mit einer tiefen Verbeugung seinem Gebieter sich nähernd, meldete er dem Marquis, daß die Speisen aufgetragen seien. »Antoinette, reiche mir den Arm,« sprach der Alte, und auf seine Tochter gestützt, wie es seine Gewohnheit war, mehr aus affektierter Nachlässigkeit, als aus wirklicher Schwäche, wendete er sich schleppenden Schrittes dem Speisesaale zu. Es war dies zur selben Zeit, als im Erdgeschosse des kleinen Hauses in der Rue du Marché Carvayan und Pascal schweigend einander gegenübersaßen, beide von ernsten Gedanken bewegt. Der eine nahm sich vor, die Bande, welche den Sohn in seiner Nähe hielten, fester zu knüpfen, der andere, sich von allen Plänen seines Vaters vollständig loszusagen und sich auf immerdar zu entfernen. Auch auf dem Feste hatte die Essenszeit für eine Stunde den Tumult und die Aufregung zum Stillstande gebracht. Eine bleierne Hitze lastete drückend auf dem ganzen Umkreise, selbst die Vögel in den Bäumen der Promenade schwiegen. Nur von der Mitte des Hügels von Clairefont erscholl zeitweilig lautes Gekreisch und Gejohle. Es kam dies aus der großen Gaststube Pourtois', wo alljährlich die Gesellen der Zimmerleute auf Tondeurs Kosten sich zu einem Frühstücke zusammenfanden. Beim Dessert, das sich stark in den Nachmittag hinein verlängerte, war es Sitte, Lieder zu singen, wobei lustig jeder »mit dem seinigen herausmußte«, wie der Holzhändler sagte, und inmitten des Tabakqualms und der Alkoholdünste stiegen die von der ganzen Gesellschaft wiederholten Refrains in ohrenzerreißendem Crescendo empor. Im kleinen Salon des Schlosses saß Antoinette mit einer Stickerei beschäftigt am Fenster, dem fernen Tumulte lauschend. Sie überwachte den Schlummer ihres Vaters, der auf einem Diwan Siesta hielt. Robert und Herr von Croix-Mesnil wandelten plaudernd die Terrasse entlang, während Fräulein von St. Maurice, mit einer riesigen Gartenschere versehen, die welken Rosen auf den Blumentischen abschnitt. Plötzlich hielt der junge Graf still, und seinem Begleiter einen entschlossenen Blick zuwerfend, sagte er: »Ich, an Ihrer Stelle, mein Bester, würde offen reden. Es gibt nichts Schlimmeres als unklare Verhältnisse ... Alles hängt von ihr ab ... Sie wissen, wie sehr wir alle Sie lieben ... Wenn unser Jawort genügt hätte, Sie wären längst Antoinettes Gatte...« Dabei schritten sie an dem Fenster vorüber, an welchem das junge Mädchen saß, und standen einen Augenblick still, um sie zu betrachten. Antoinette hielt den Kopf geneigt, und nicht ahnend, daß man sie beobachte, trugen ihre Züge den unverhüllten Ausdruck tiefer Traurigkeit. Ein wehmütiges Lächeln glitt über ihre Lippen, die gesenkten Augenwimpern hielten mühsam eine Thräne zurück. Die Stickerei entschlüpfte ihren Händen, in tiefer Niedergeschlagenheit ließ sie ihr Haupt auf die Stuhllehne sinken. Als hätte der Hund, der zu ihren Füßen lagerte, ihre innere Aufregung begriffen, mit so menschlich verständigem Ausdrucke richtete er seine Augen auf sie, und ihre Hand mit seiner Schnauze berührend, entriß er das junge Mädchen ihren düstern Betrachtungen. Antoinette sah das Windspiel an, nahm seinen Kopf in ihre Hände, und sich nicht langer beherrschend, brach sie in Thränen aus. Der Hund legte die Vorderpfoten auf die Schultern seiner Herrin, seine Augen schimmerten wie schwarze Diamanten und ein dumpfes Winseln entrang sich seiner Kehle. Der Marquis bewegte sich unruhig auf dem Diwan. »Still, Fox,« murmelte das junge Mädchen, indem sie auf den Alten deutete. »Laß ihn schlafen ... solange er noch ruhig zu sein vermag...« »Mein Gott, sie weint... Sehen Sie, Robert,« sagte der Baron erregt ... »Was soll das bedeuten? Was geht hier vor? Ich muß sie unbedingt darüber befragen, selbst wenn ich mir ihre Unzufriedenheit zuziehen sollte ...« Er trat ans Fenster, zu dessen Höhe sein Kopf kaum hinanreichte, und wollte zu sprechen beginnen, als Antoinette, den Finger auf den Mund legend, ihm mit einem Blicke Schweigen gebot und mit einer Kopfbewegung nach dem Parke wies. Hierauf erhob sie sich leise, und nach einem letzten Blick auf ihren Vater, der im Traume lächelte, schritt sie leicht, wie eine Sylphe hinaus. Hier reichte ihr der Baron seinen Arm, den sie annahm, und langsam gingen beide nach dem Parke. Die Sonne sank am Horizonte hinab, im Schatten der hohen Buchen wehte eine laue, milde Luft, von Moosduft durchzogen. Die Grillen im heißen Grase zirpten ohne Unterlaß, und dürstend streckten die Blumen ihre Kelche dem Abendtau entgegen. Eine Steinbank, noch warm von der Mittagsglut, bot sich dem jungen Paare dar, und einem gemeinsamen Impulse gehorchend, ließen sie sich auf derselben nieder. Antoinette wußte, daß sie den Fragen, mit welchen sie ihr Verlobter in zartsinniger Weise so lange verschont hatte, nicht länger ausweichen konnte. Sie schlug ihre noch feuchten Augen zu ihm auf, sah ihn erregt und beunruhigt, und in einer plötzlichen Gefühlserregung reichte sie ihm die Hand. Er hielt sie fest, und das junge Mädchen zärtlich anblickend, fragte er sanft: »Reichen Sie mir Ihre Hand, damit ich sie behalte?« Ein trauriges Kopfschütteln war die Antwort. »Verzeihen Sie, liebe Antoinette, seit einigen Monaten kann ich nicht umhin, eine Wandlung Ihrer Gefühle mir gegenüber zu bemerken. Sie empfangen mich mit Zwang und behandeln mich mit Kälte ... Ich habe viel unter diesem Ihrem Benehmen gelitten, ohne es Ihnen zu sagen ... Ich bin nicht mitteilsamer Natur und verstehe es nicht, wie gewisse Leute, die ich darum beneide, mich in glühenden Beteuerungen zu ergehen ... Ich weiß, daß ich darunter verliere, daß ich kalt scheinen und als gleichgültig gelten muß ... Doch wenn ich auch mit meinen Gefühlen zurückhalte, so sind sie darum nicht weniger lebhaft, und seien Sie versichert, daß ich zu denen gehöre, deren Herz unverändert seinen Empfindungen treu bleibt.« Die Stimme des Barons bebte, indem er so sprach, und eine flammende Röte bedeckte seine Wangen. Er fuhr fort: »Als Herr von Clairefont und Sie mir die Hoffnung gaben, Ihr Gatte zu werden, fühlte ich mich unaussprechlich glücklich ... Ich liebte Sie, kannte Ihren Zartsinn und Ihre Herzensgüte: Ich sah Sie an der Seite Ihres Vaters ... und wußte, daß der Mann, dessen Frau Sie einst werden, vor allen anderen beneidet zu werden verdient ... Indessen, als Sie die Verwirklichung unseres Planes verschoben, fügte ich mich ohne Widerrede Ihrem Willen, so großen Kummer ich auch darüber empfand. Es schien mir damals, als könnte ich Ihnen meine Liebe nicht besser beweisen, als durch meine Geduld und Treue. Heute muß ich mich jedoch fragen, ob meine Annahme nicht eine falsche gewesen. Vielleicht hätte ein Ausbrechen heftiger Verzweiflung, der leidenschaftliche Einspruch verletzter Eigenliebe Ihr Herz mehr gerührt und Sie eher zum Nachgeben bewogen ... Ich aber glaubte mich so geben zu müssen, wie ich bin und litt im stillen, auf die Gefahr hin, meine Liebe als kühl beurteilt zu sehen. Heute empfinde ich bittere Reue bei dem Gedanken, daß ich Ihre gute Meinung für mich allmählich erkalten und dahinschwinden ließ ...« »Nein, glauben Sie dies nicht,« beteuerte Fräulein von Clairefont nachdrucksvoll. »Beschuldigen Sie mich nicht des Vergessens, sowie ich auch Sie nicht der Kälte beschuldigte ... Die Verhältnisse allein, die unglücklichen, trostlosen Verhältnisse tragen die Schuld ...« Einen Augenblick hielt sie inne, als zögere sie, weiterzusprechen, dann fuhr sie mit erstickter Stimme, aber mit fester Entschlossenheit fort: »Innerhalb eines Tages hatte sich meine Lage so ernsthaft verändert, daß ich nicht mehr einwilligen konnte, Ihre Gattin zu werden ... Ihnen die Wahrheit gestehen, hätte Sie in die Notwendigkeit versetzt, sich über das Mißgeschick hinwegzusetzen oder aber sich auf eine Weise zurückzuziehen, welche Ihnen hätte erniedrigend scheinen müssen ... Aus Zartgefühl sträubte ich mich dagegen ... Wir spielten beide dieselbe Rolle, hatten beide die gleiche Selbstverleugnung, die gleiche Würde; wir wurden aber beide schlecht belohnt, weil ich sehe, daß Sie leiden und ich Sie mit nichts zu trösten vermag ...« »Wie, mit nichts?« rief der junge Mann voll Schmerz. »Aber was kann es denn so Ernsthaftes geben, daß weder Sie noch ich eine Abhilfe zu finden vermöchten?« Sie machte eine Gebärde der Mutlosigkeit. »Ach, der wahre, der einzige Grund ist der, daß Sie mich nicht lieben. Hätte Ihr Herz mir gehört, Sie würden Ihre Vernunft nicht so viel befragt haben ...« »Ich empfinde für Sie eine tiefe Zuneigung, die unerschütterlich ist,« sagte Antoinette. »Die Zuneigung einer Schwester ... Doch nicht diese hoffte ich von Ihnen ...« »Eine Zuneigung, die mich bestimmte, Ihnen gerne und mit Vertrauen meine Hand zu reichen ...« »Die aber trotzdem nicht die allerstärkste war, da sie mich aufopferte ...« »Einem älteren Gefühle, einem mächtigeren, das, welches ich für meinen Vater empfinde ...« »O, lieben Sie ihn etwa noch nicht genug?« rief der junge Mann voll Eifersucht. »Die Liebe eines Kindes für seinen Vater darf keine Grenzen kennen,« entgegnete das junge Mädchen schwärmerisch... »Da Sie aber so fest darauf bestehen, müssen Sie nichts bemerkt, nichts begriffen haben von all dem, was bei uns vorgeht. Sie sahen nicht, daß unser Haus seit zwei Jahren von Tag zu Tage dem Ruin unausweichlich entgegenschritt; die traurige Komödie, mit der wir seit Monaten unseren Vater täuschen, scheint Ihnen entgangen zu sein. Durch Opfer aller Art haben wir bis heute den nötigsten Bedürfnissen genügen können, ohne ihm Kummer zu bereiten... Aber heute sind wir mit allem zu Ende. Die letzten Reste unseres Vermögens gehören uns nicht mehr, man kann uns morgen schon aus dem Schlosse weisen... Wir sind darauf gefaßt, denn unser Gläubiger wird unerbittlich sein ... Diesen Zusammensturz ahnt mein Vater nicht. Es wäre auch unnütz gewesen, ihm die Resultate seiner Irrtümer zu zeigen, er war unfähig, eine Abhilfe zu schaffen... Er ist wie ein altes Kind; wir haben ihn vielleicht zu sehr verwöhnt; er würde aber sterben, wenn wir nicht da wären, um eine Atmosphäre künstlichen Glückes um ihn her zu erhalten... Sie sehen, ich habe das Amt eine Seele zu behüten... Könnte ich einwilligen, Sie diese Pflicht mit mir teilen zu lassen?« »Dennoch ist es das, was ich begehrt hätte und was ich auch heute noch begehre. Sie sind arm, ich bin reich genug für zwei... Ich werde Ihrem Vater ebensosehr ergeben sein, als Sie selbst ihn lieben... Er wird an mir einen Sohn mehr haben, um ihn zu pflegen und zu hätscheln ... Mit meinem Vermögen werden wir seine Angelegenheiten ordnen und Ihren Besitz wieder aufrichten...« »Niemals!« rief Fräulein von Clairefont mit Entschiedenheit aus. »Das ist es gerade, was ich über alles fürchtete. Sie kennen den unbewußten Egoismus eines Erfinders nicht!... Ueberzeugt von der Vortrefflichkeit seiner Erfindung, schreckt er nicht davor zurück, alles einer schimärischen Zukunft zu opfern... Zwanzig Jahre sind es, daß dieses Drama vor unseren Augen sich abspielt... Gold hat mein Vater in den Schlund geworfen, und was hat er gefunden? Asche! Sie in unser Verderben verflechten, würde ich mir stets als das größte Verbrechen zum Vorwurfe machen... Wir können uns selber das größte Unrecht anthun, aber zugeben, daß ein Fremder das Opfer unserer Irrtümer werde, nein, dazu werde ich niemals meine Einwilligung geben!« ... »Indem Sie mich von sich weisen, verursachen Sie mir ein viel größeres Leid ... Aber wenn Sie auch nicht an mich denken, denken Sie doch ein wenig an sich selbst ... Was soll aus Ihnen werden?« Nachdenklich schwieg Antoinette eine kurze Weile. Sie schien nochmals den ernsten Entschluß zu überlegen, den sie fassen mußte. Frei, sich zu entscheiden, hielt sie das Geschick ihres ganzen Lebens in ihren Händen. Auf der einen Seite die Ehelosigkeit, ein für immer freudloses Dasein, auf der anderen die Ehe mit allen ihren Verheißungen für die Zukunft. Bald war sie indes mit sich einig, und Herrn von Croix-Mesnil ein von ruhiger Heiterkeit strahlendes Antlitz zuwendend, erwiderte sie: »Aus mir wird ein altes Mädchen werden...« Und als der junge Mann den Mund öffnete, um nochmals eine dringende Bitte zu wagen, sagte sie: »Kein Wort mehr! Ich bitte Sie darum ... Seien Sie großmütig, vermehren Sie nicht meine Leiden, indem Sie mich die Ihrigen noch mehr sehen lassen... Ich werde stets von Ihnen eine, liebe Erinnerung bewahren, aber Ihre Pflicht ist jetzt, mich zu vergessen. Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück... Reisen Sie morgen ab und erzählen Sie all dies Ihrem Vater ... Er wird, ich weiß es, meine Bedenken billigen und Sie zu dem Gehorsam ermutigen, um welchen ich Sie bitte...« »Und den Ihnen zu versprechen mir unmöglich ist ... Fordern Sie nicht mehr von mir, als ich billigerweise zu thun vermag ... Können Sie ernsthaft denken, daß ich einwilligen würde, mich für immer zu entfernen und Sie nicht wiederzusehen?« »Das dachte ich nicht, ja, ich hoffte sogar, daß Ihre Freundschaft mich für all das entschädigen werde, was ich verliere, indem ich darauf verzichte, Ihre Frau zu werden ...« »Ich gehöre Ihnen ganz und gar, Sie müssen es wissen. Ich weiß Ihnen unendlichen Dank, daß Sie offen und freundschaftlich zu mir gesprochen... Aber lassen Sie uns noch keinen endgültigen Entschluß fassen ... Behalten wir uns die Zukunft vor... Wer weiß, ob die Verhältnisse sich nicht noch so zu unseren Gunsten ändern, daß wir einst die Pläne werden verwirklichen können, die mir so teuer waren? ... Sagen Sie nicht: Niemals; sagen Sie: Gegenwärtig. Lassen Sie mir eine Hoffnung, so schwach sie auch sein mag ... Ich werde mich auf sie stützen, und sie wird mir helfen all das zu ertragen, was Ihre Entschließung für mich Schmerzliches enthält...« Ohne ein Wort der Erwiderung erhob sie sich, nahm seinen Arm, den er ihr anbot, und kehrte langsamen Schrittes nach dem Schlosse zurück. Der Abend dunkelte bereits, und leichte Nebeldünste wallten über dem Thale. Das Fest war jetzt auf seinem Höhepunkte, und den Lärm der Menge übertönend, drangen die schrillen Musikklänge aus einer Gauklerbude bis zum Hügel empor. Jeden Augenblick knallten Schüsse, und Feuerstreifen zogen am dunklen Himmel hinan, während die Glocke eines im Freien errichteten Glücksspiels in eiligen Schlägen läutete, um die Neugierigen herbeizulocken. Vom Marktplätze her erhoben sich weiße Staubwolken, die unter dem regellosen Traben der fortgeführten Viehherden in Wirbeln dahinfuhren. »Alle diese Leute amüsieren sich,« sagte Fräulein von Clairefont, indem sie auf das Menschengewühl in Neuville hinabwies. »Wir müssen versuchen, es ihnen gleichzuthun, damit niemand ahne, wie betrübt wir sind.« Der Marquis und Tante Isabella kamen ihnen entgegen. »Nun, meine teuren Kinder,« fragte Honoré, »sind die Schwierigkeiten zwischen euch behoben? Seid ihr endlich einig?« »Ja, Papa,« erwiderte Antoinette mit ruhiger Stimme. »Alles ist geordnet, habe keine Sorge.« Dabei richtete sie einen gerührten Blick auf Herrn von Croix-Mesnil, und ihm die Hand drückend, bemühte sie sich, ihm etwas von ihrer Tapferkeit und Entsagung mitzuteilen. Sechstes Kapitel. Es war acht Uhr abends, und in dem Tanzsaale, welcher von Pourtois auf der Wiese neben seinem Gasthaus errichtet worden, drängte sich eine erregte, lärmende Menge. Für eine Dielung des Rasens in einem Gevierte von fünfzig Metern hatte Tondeur Sorge getragen; Holzpfähle, die an ihrer Spitze mit Fahnen und Schildern geschmückt waren, welche die Initialen R. F. trugen, hielten eine riesige Teerdecke fest. Fünf Kronleuchter aus Weißblech, mit Lampen besteckt, verbreiteten in dem Zelte ein grelles Licht. Bänke, mit rotem Wollenstoff bezogen, umgaben den weiten Raum. Auf einer schmalen Estrade an dem einen Ende hielten sich die Musiker bereit, auf einen Wink Pourtois' zum Tanze aufzuspielen. Dem Eingange gegenüber befand sich eine Tribüne, von einem Geländer umkränzt, welche für die Spitzen der Behörden bestimmt war. Drei Samtfauteuils und mehrere Stühle standen im Kreise um eine Gipsbüste der Republik, die sich in einer aus grünen Reisern gebildeten Nische erhob. An der linken Seite verbanden offene Eingänge den Tanzsaal mit dem Gasthausgarten, der im Lichte venetianischer Laternen strahlte. Das Haus, die Lauben, alles war voll Menschen, ein Kreis von Trinkern umgab jeden der Tische, Cigarren- und Pfeifendampf verdunkelte die Beleuchtung, und der am frühen Morgen begonnene Tumult wurde mit etwas stärkerer Heiserkeit der Schreihälse und etwas größerer Roheit der Trunkenbolde fortgesetzt. Zuweilen brachen Streitigkeiten aus, mit einem Geschrei, als ob die Männer einander ermorden wollten; dann erschien die kleine Frau Pourtois in ihrem Festtagskleide, voll Ernst und Strenge. Mit wenig Worten brachte sie die Störrischen zur Vernunft: »Wenn Sie Lärm schlagen wollen, gehen Sie hinaus ... Wir haben zu wenig Tische ... Etwas mehr Anstand oder hinaus! Hier ist nur für ordentliche Leute Platz ...« Und dieser entschiedenen Sprache gehorchten die Widerspenstigsten, um so mehr, als hinter Frau Pourtois die Reckengestalt ihres Cousins erschien, des Dachdeckers Anastase aus Neuville, der bei festlichen Anlässen seine Verwandten besuchte und einen Betrunkenen ebenso leicht vom Stuhle pflückte, als einen Apfel vom Baume. Pourtois, in einen schwarzen Rock gezwängt, hatte sein Hauptquartier im Tanzsaale aufgeschlagen, und glänzend vor Aufregung und Hitze schritt er von dem Eingange zu den Bänken, wo einzelne Gruppen schon Platz genommen hatten, den Damen Sitze anbietend, den jungen Mädchen zulächelnd und die Väter sanft nach den Schenktischen hinausdrängend. Seine schrille Stimme übertönte den Tumult, und voll Feuer und Flamme trocknete sich der dicke Mann die Stirn mit der Serviette ab, die er aus Gewohnheit in der Hand behalten hatte. Zu Füßen der offiziellen Tribüne placierte er die angesehenen Persönlichkeiten des Bezirkes, die reichen Pächter aus dem Flachlande und die wohlhabendsten Müller des Thales. Ein gutmütiges, breites, befriedigtes Lachen begrüßte jeden Eintretenden, die Männer schüttelten sich die Hände, daß sie einander fast die Arme ausrenkten, die Frauen zierten sich voll vornehmthuender Gespreiztheit, die jungen Mädchen fielen einander um den Hals, vor Neid erblassend, wenn ihr Anzug von der größeren Eleganz der Freundin verdunkelt wurde. Sie vereinigten sich zu kleinen Gruppen und klatschten hier um die Wette auf Rechnung der neuen Ankömmlinge; haarsträubende Bosheiten wurden hier von der lieben Unschuld verbreitet. »Ach, Teuerste, wie glücklich bin ich, Sie zu sehen... Betrachten Sie doch Fräulein Delarue ... Hat die sich heute abend geschmacklos herausgeputzt! ... Und ihre Mutter, die scheint gar eine alte Gardine aufgesteckt zu haben ...« »Sprechen Sie mir nicht von der ... Man sagt, der junge Levasseur, der sie heiraten sollte, habe sein Wort zurückgenommen ... Uebrigens sind die Delarues augenblicklich sehr herabgekommen, sie mußten die Hälfte ihrer Viehherden verkaufen.« »Ah! Da kommt Veronika Anclair! ... Sehen sie doch ihre Füße an... Man zieht doch keine weißen Schuhe an, wenn man solche Füße hat!« »Was Sie da für ein schönes Gehänge um den Hals haben! Ist das antik?« »Jawohl, mein Papa hat es in Rouen bei einem Raritätenhändler entdeckt.« »Sie wissen doch, daß Pourpied, der Notar von Saint-Frambert, Bankerott machen wird ... Welch ein großes Unglück für die arme Clementine!« ... »Ach was, sie hat nur zu sehr die Hochmütige gespielt, seit sie den Notar geheiratet... Sie wollte uns ja gar nicht mehr kennen, wenn sie Karosse fuhr!« »Werden Graf und Gräfin d'Edennemare dies Jahr auf dem Balle erscheinen?« »O nein, sie besuchen noch keine Gesellschaften... infolge des Krankseins der Großmutter... Aber der junge Vicomte Paul versprach mir gestern, zu kommen ... mir zuliebe... Ach, welch ein ausgezeichneter Tänzer, meine Beste!« ... »Was er bis jetzt am flottesten hat tanzen lassen, das sind die Thaler seines Vaters!« ... »Die Leglorieux sind eben angelangt ... Dort unten links sitzen sie ... Die lange Félicie wird einen steifen Hals kriegen, so dreht sie ihren Pferdekopf...« »Sie wissen doch, daß es heißt, sie werde den jungen Carvayan heiraten ...« »Wie können Sie so etwas glauben!... Dazu ist sie lange nicht reich genug ... Der Maire von Neuville besitzt Hunderttausende... Er wird ein Fräulein aus Paris haben wollen... Ah, da kommt er just mit seinem Sohne!« ... Pourtois stürzte dem Maire entgegen, indem er alle Leute auf dem Wege durcheinanderstieß, empfing den Protektor mit höfischer Dienstbeflissenheit und wollte ihn durchaus auf die Tribüne der Behörden führen. Aber der Banquier, der heute noch finsterer als gewöhnlich aussah, schob ihn ungeduldig beiseite, und Pascal, der hinter ihm herschritt, am Arme nehmend, schickte er sich an, sich in der Menge der Anwesenden zu verlieren. »Später, Pourtois ... Es ist gut, lieber Freund, kümmern Sie sich nicht um mich ... Ich will mit meinem Sohne ein wenig die Runde im Saale machen ... Wir haben noch Zeit genug zur offiziellen Repräsentation...« Damit ließ er den Schmerbauch völlig verblüfft stehen. Carvayan hatte sich vorgenommen, das hohe Ansehen, in welchem er jetzt stand, Pascal vor Augen zu führen und ihn all die Bücklinge und Reverenzen zählen zu lassen, zu welchen sich selbst die angesehensten Persönlichkeiten ihm gegenüber herbeiließen. Kurz, er wollte sich ihm in der ganzen Größe seiner Allgewalt zeigen. »Ich denke, mein lieber Sohn, daß du mit allen, welche du seit zehn Jahren aus dem Gesichte verlorst, die Bekanntschaft erneuern mußt. Es ist unschicklich, daß du dich wie ein Wilder stets abseits hältst. Ich bitte dich, zeige doch den alten Freunden, welche sich deiner Mutter erinnern und dir von ihr sprechen werden, ein heiteres Gesicht.« Pascals Herz zog sich bei diesen Worten schmerzlich zusammen, und das bleiche Antlitz seiner Mutter schwebte an seinem Geiste vorüber. Sie, die arme Frau, die ihr lebenlang auf die dunkle Hinterstube des düsteren Hauses verwiesen, wo sie in Trübsal und Trauer geschmachtet hatte und wie eine Blume ohne Licht und Luft dahingesiecht war, sie hätte Freunde haben sollen, die ihr Andenken bewahrt hätten? Bitterer Hohn oder vielmehr unglaubliche Vermessenheit! Hatte Carvayan so völlig die Vergangenheit vergessen, daß er ohne Furcht, gefährliche Gedanken in seinem Sohne zu erwecken, ihm von dieser Märtyrerin sprechen zu dürfen sich erkühnte? Freunde? Unter diesen Männern und diesen Frauen, die im Sonntagsputze voll plumper, lächerlicher Anmaßung sich um ihn her bewegten, die alles Feingefühl seines gebildeten Geschmackes verletzten? Welches Band konnte zwischen ihm und diesen Leuten bestehen? Im Vorbeigehen stellte sein Vater ihm diese Persönlichkeiten vor, indem er mit schmeichlerischer Wohlgefälligkeit die Eigenschaften und Titel jedes einzelnen betonte und deren Vermögen und Einfluß hervorhob. Alle Hände streckten sich dem Maire entgegen, und wenn Pascal in den Augen etlicher den geheimen Zwang erriet, so offenbarte gerade der sichtliche Eifer ihres Entgegenkommens nur deutlicher die Botmäßigkeit, in welcher alle diese Leute zu dem Tyrannen von Neuville standen. Am stärksten kehrte Carvayan seine Kälte und Schroffheit gegen die Reichen und Vornehmen hervor. Es machte ihm eine eigene raffinierte Freude, im Angesichte seines Sohnes seine schwere Hand auf den Häuptern der bedeutendsten Grundbesitzerfamilien der Umgegend ruhen zu lassen. Und der junge Mann konnte sich nicht erwehren, den stolzen Emporkömmling zu bewundern, der, aus so niedrigem Stande hervorgegangen, nun alle jene beherrschte, welche ihn ehemals verachtet hatten. Man umringte ihn, schmeichelte ihm, hätschelte ihn. »Teurer Herr Carvayan! ... Was für ein liebenswürdiger junger Mann ist doch Ihr Sohn! ... Werden wir nicht das Glück haben, Sie beide an einem der nächsten Tage bei uns zu sehen? ... Sie wissen, daß Sie bei uns wie zu Hause sind ...« Bei keiner Gruppe hielt sich der Banquier lange auf, sondern setzte seinen Triumphmarsch fort, mit der Haltung eines Souveräns, der die Reihen der Würdenträger entlang schreitet und sich der allgemeinen Bewunderung darbietet. Nur als er bei den Familien Dumontier und Leglorieux vorbeikam, machte er einen kurzen Halt und ließ sich sogar zu einigen Liebenswürdigkeiten herbei. Sein Gefolge hatte ebenfalls stillgehalten, und in dieser Ecke des Saales stieß und drängte man sich, während man an allen Orten nach Belieben cirkulieren konnte. Carvayan übersah seine Höflinge mit hochfahrendem Blicke und wendete sich zu seinem Sohne: »Es scheint, daß wir in ein kleines Gedränge geraten sind.« Und zum erstenmal an diesem Abende legte sich seine Lippe in eine Falte, die für ein Lächeln gelten konnte. »Ist es nicht überall so, wo Sie sich befinden, mein teurer Herr Carvayan?« rief voll niedriger Lobhudelei Vater Leglorieux. »Bei Gott! Wenn alle Ihre künftigen Wähler sich hier befänden, so gäbe es noch eine viel größere Ansammlung,« setzte Schwager Dumontier hinzu. »Dazu brauchten wir dann den Platz vor dem Rathause ... Und der würde nicht reichen! ...« warf Fleury dazwischen, der eben hinzutrat. »Meine Damen und Herren, Ihr unterthäniger Diener... Pourtois... einen Stuhl für den Herrn Maire... Sie stehen da wie ein Verzückter, starren ihn an und denken gar nicht daran, ihm einen Sitz anzubieten...« Der Wirt eilte mit ungewohnter Geschwindigkeit fort und erschien alsbald mit einem Stuhle. Fleury, frisch rasiert, die borstigen Haare von Pomade glänzend wie Drahtfäden, mit bereits zerknülltem Hemd und weißer, gleich einer Schnur zusammengerollter Halsbinde, bot in seinen Festtagskleidern einen noch abstoßenderen Anblick als gewöhnlich. Er verzog seinen Mund zu jenem widerlichen Lachen, das seine schwarzen Zähne sehen ließ, und gab sich alle Mühe, die Aufmerksamkeit Pascals zu erregen, der stumm und in sich gekehrt dastand. »Ja, ja, wir werden an die herannahenden Wahlen denken müssen,« fing Dumontier wieder an. »Heuer finden die Neuwahlen in den Provinzialrat statt, und ich denke, wir werden uns bald einigen müssen, damit man uns nicht wieder so unterkriegt, wie vor sieben Jahren...« »Ohne Ihnen nahezutreten, Herr Dumontier,« sagte Pourtois, der es wagte, das Wort zu ergreifen... »aber wenn der Herr Maire geneigt ist, als Kandidat aufzutreten ... so kann ich mich diesmal für die Sache verbürgen ... Ich habe Clairefont, Couvrechamps, Soucelles und Pierreval in meiner Hand, ohne von den Vorstädten Neuvilles zu reden ... Tondeur wird die Stimmen der Leute im Walde bringen ... Und was das Thal betrifft, so ist das Ihre Sache und die des Herrn Leglorieux... Halten mir uns gut, so werden wir eine schöne Majorität haben ... Ich bin es, der es euch sagt... und ihr wißt, daß ich mich darin wohl auskenne... die alte Eule droben kann sich ein anderes Nest suchen!« Die krächzende Stimme des feisten Wirtes stieg um zwei Töne und ging bei diesem frechen Ausspruche in ein heiseres Gellen über. »Und der Landtag wird nicht lange auf sich warten lassen,« fügte Fleury hinzu; »alles zu seiner Zeit...« Das schwarzbraune Gesicht Carvayans überzog sich mit dunkler Röte. Seine Augen funkelten unter den ergrauenden Brauen, und während einiger Minuten empfand er eine starke Erregung, doch war er zu sehr Herr seiner selbst, um seine Freude durchblicken zu lassen. Er machte eine gleichgültige Gebärde und sagte mit trockener Stimme: »Wir werden sehen. Der Augenblick ist zum Besprechen derartiger Plane schlecht gewählt ... Uebrigens muß man auf eine starke Opposition gefaßt sein.« Damit deutete er mit dem Blicke nach der entgegengesetzten Ecke des Saales hinüber, wo sich die Vertreter des Landadels abgesondert hielten. Frau von Saint-André war mit ihrem Sohne und ihren drei Töchtern erschienen, der alte Marquis von Couvrechamps, der während des Krieges die Landwehr befehligt hatte und in dem Kampfe bei Buchy so energisch vorgegangen war, war von mehreren seiner alten Soldaten umringt, die seither Familienväter geworden und in Ruhe und Sicherheit nun mit Vergnügen der Tage des Elends und der Gefahr gedachten. Der kleine Vicomte d'Edennemare bemühte sich eifrigst um die junge Frau Tourette, deren Gatte, ein reicher Wechselagent aus Paris, jüngst die herrliche Besitzung der Barrellerie, zwei Meilen von Neuville entfernt, erworben hatte. Die Baronin-Witwe von Sainte-Croix bildete den Mittelpunkt des kleinen Kreises, welchen sie durch ihre geistvolle Unterhaltung entzückte. Zwischen diesen beiden Gruppen, derjenigen, in der Carvayan triumphierte, und der, welche die Großgrundbesitzer des Bezirkes bildeten, herrschte der möglich größte Gegensatz. Auf der einen Seite hatte man große Toilette gemacht, wie zu einer Hochzeit, auf der anderen war man beflissen, die größte Einfachheit zur Schau zu tragen. Die einen zeigten, daß das Kirchweihfest ihnen die einzige Gelegenheit bot, mit ihren Toiletten zu glänzen, die anderen bewiesen, daß sie nur gekommen waren, um einen Blick in das Getümmel zu werfen und, wie Frau von Saint-André sagte, das Fest mit ihrer Gegenwart zu beehren. Indessen wurde der leere Raum, der sich zwischen den beiden Lagern ausbreitete, zuweilen von etlichen dicken Pächtern durchschritten, welche sich beeilten, dem Gutsherrn ihre Aufwartung zu machen. Der alte Marquis von Couvrechamps reichte den Seinen, die er alle duzte, da er sie von Kindesbeinen auf kannte, seine zarte Hand, welche sie höchst vorsichtig mit den Spitzen ihrer plumpen Finger berührten Und die breiten Rücken neigten sich vor dem überall geliebten und geachteten Edelmann. Gleichgültig gegen alles, was um ihn her vorging, unempfindlich für die Schmeichelreden und Zuvorkommenheiten der Parteigenossen seines Vaters, stand Pascal, an eine der Zeltstangen gelehnt, den Blick auf das gegnerische Lager gerichtet, in welchem er bis jetzt vergebens diejenige gesucht hatte, welche sein ganzes Denken erfüllte. Er erregte die Aufmerksamkeit der Baronin von Sainte-Croix, die sich alsbald an den jungen eleganten Herrn Tourette mit der Frage wendete: »Wer ist der schöne junge Mann, den ich dort unten mitten unter Herrn Carvayans Schmarotzern erblicke?« »Aber Frau Baronin, das ist ja sein Sohn...« »In der That? Man merkt es ihm nicht an... Er ist von sehr einnehmendem Aeußeren! ...« »Und noch mehr, er ist ein Mann von wirklichem Verdienste ...« entgegnete der Wechselagent. »Er übernahm es letzthin, die Mißhelligkeiten, die zwischen Nicaragua und der Panamakanalgesellschaft entstanden waren, auszugleichen, und wie es scheint, hat er sich dieses Auftrages mit viel Geschick entledigt... Auch hat er vor Jahren schon mehrere finanzielle und industrielle Verhandlungen mit Chili und Peru geführt und dort sehr verwickelte Angelegenheiten geordnet... Man war von seinen Leistungen entzückt, und obgleich man dieselben sehr teuer honorierte, so weiß ich doch, daß man sich ihm überdies verpflichtet fühlt...« »Er scheint sich in erstaunlichem Maße zu langweilen ...« »Er ist in allem erstaunlich...« Eine Bewegung ging durch die ganze Versammlung und alle Köpfe richteten sich nach dem Eingänge, wo der Unterpräfekt in Begleitung seines Sekretärs erschien. Pourtois, der ihm eiligst entgegenstürzte, führte ihn mit vielen Verbeugungen zu Carvayan, dessen Ansehen durch die Achtung, welche ihm der Würdenträger zu teil werden ließ, in den Augen seiner Anhänger noch stieg. Der Maire schien in diesem Augenblicke der wahre König des Festes zu sein; er beherrschte alle und konnte jedem seinen Willen aufnötigen. Im Genüsse seines Triumphes fühlte er sich einen Augenblick lang wie berauscht, und stolz erhobenen Hauptes setzte er die Runde um den Saal fort, um dem Unterpräfekten die Honneurs zu machen. Die Musik hatte auf Pourtois' Anordnung zu spielen begonnen, und in allen Ausgängen nach dem Garten erschienen die Köpfe der Neugierigen, die, ohne ihr Glas zu verlassen, das heiter bewegte Bild betrachteten. Carvayan befand sich gerade in der Mitte des Saales, als die leinene, blau und weiß gestreifte Portiere, welche Einlaß in das Zelt gewährte, zurückgeschlagen wurde und Robert von Clairefont mit seiner Schwester am Arme eintrat. Etwa zwanzig Schritte hinter ihnen kam Tante Isabella mit Herrn von Croix-Mesnil. Als hätte der Zufall die Stellung der Widersacher klar bezeichnen wollen, so fanden sich plötzlich die Kinder des Marquis völlig alleinstehend Carvayan gegenüber, der von all den Personen umringt war, welche aus Leidenschaft oder eigenem Interesse sein Vorgehen stützten. Mit wahrer Todesangst sah Pascal sie aufeinander losschreiten, wie feindliche Kämpfer, die handgemein zu werden sich anschicken. Das Herz hörte ihm in der Brust zu schlagen auf, und während einiger Sekunden drängte sich sein ganzes Leben in seinen Augen zusammen. Er wünschte, der ganze Saal möge einstürzen, sehnte einen plötzlichen Zusammenbruch herbei, welcher die fürchterliche Situation, der man entgegenging, hätte verhindern können. Er dachte daran, sich auf seinen Vater, den er hohnlächelnd, mit trotziger Miene vor sich sah, zu stürzen, ihn zu erfassen und weit fortzuziehen ... Alles dünkte ihm erträglicher als das, was sich vor aller Augen vorzubereiten schien. Inzwischen setzten die Gegner ihren Weg fort. Robert, mit hocherhobener Stirn, wich nicht um eine Linie aus, er schritt geradeswegs auf Carvayan los und leicht konnte man auf seinem energischen Antlitz den festen Entschluß lesen, keinen Schritt zurückzuweichen. Antoinette war plötzlich totenblaß geworden, drückte heftig den Arm des Bruders und versuchte, ihn von der eingeschlagenen Richtung abzulenken. Doch der athletische Robert brauchte keine große Anstrengung, um das junge Mädchen mit sich zu ziehen. Auch Carvayan, das haßerfüllte Haupt gesenkt, gleich einem Stier, der auf seinen Gegner loszustürzen im Begriff ist, schritt weiter fort. »Robert, ich bitte dich,« flüsterte Antoinette. »Laß mich,« murmelte der junge Graf durch die geschlossenen Zähne. »Er muß uns Platz machen, oder mein Weg geht über seinen Körper.« Und die blitzenden Augen fest auf den Feind seines Hauses gerichtet, ging er geradeaus weiter. Schon mußte inmitten einer peinlichen Stille der Zusammenstoß, dessen Folgen man nicht vorhersehen konnte, stattfinden, als der Präfekt ganz unbewußterweise dazwischen trat. Als er Fräulein von Clairefont, die sich bereits in seiner nächsten Nahe befand, bemerkte, entfernte er sich von dem Maire und verbeugte sich höflich, zugleich mit einem Ausdrucke der Bewunderung. Antoinette, halb erstickt von entsetzlicher Angst, atmete auf, als sie den Raum vor sich frei sah. Mit dankbarem Lächeln erwiderte sie den Gruß des Präfekten, und an dem vor unterdrücktem Zorn zitternden Carvayan vorbeischreitend, erreichte sie mit raschen Schritten die Ecke, wo die Freunde ihres Vaters sich vereinigt hielten. Carvayan hatte sich umgewendet, um den beiden jungen Leuten nachzublicken. Da vernahm er an seiner Seite einen tiefen Seufzer, und die Augen erhebend, sah er Pascal totenbleich von der eben empfundenen heftigen Aufregung. »Wer ist denn dieses reizende Wesen?« fragte hierauf der Präfekt seinen Führer, indem er sein Lorgnon erhob, um besser zu sehen. »Das ist Fräulein von Clairefont,« erwiderte Carvayan mit finsterer Ironie... »Und Sie, Herr Präfekt, haben ihr einen sehr schmeichelhaften Empfang zu teil werden lassen, worauf sie sicherlich nicht gefaßt war...« »Oh!« entgegnete der Beamte, »sie ist eine hübsche Erscheinung ... Ich werde den Vater auf politischem Gebiete bekämpfen ... aber bis dahin wünsche ich, die Tochter bewundern zu dürfen...« »Nur nicht zu nahe, wenn Sie es nicht mit dem jungen Eber zu thun haben wollen, der sie begleitet ... da, sehen Sie, was er eben thut...« Kaum in dem kleinen aristokratischen Kreise angelangt, war Robert bemüht, für seine Tante und seine Schwester Sitze zu schaffen. Auf den Bänken saß man indes schon sehr gedrängt. In einer an die offizielle Tribüne grenzenden Ecke hatte die Baronin-Witwe von Sainte-Croix, Platz genommen und wünschte nun unter lebhaften Freundschaftsbeteuerungen, die beiden Damen an ihrer Seite zu behalten. Herr von Croix-Mesnil schickte sich an, in den Garten zu gehen und zwei Stühle zu holen, als Robert, die Sitze bemerkend, welche auf der Tribüne für die Behörden von Neuville bereit standen, mit lauter Stimme rief: »Aber, da haben wir ja, was wir wünschen... Frauen, sollten auf Stroh sitzen, während der Gemeinderat von Neuville sich auf Samt breit macht? ... Das ist undenkbar!« Und über das Geländer greifend, langte er nach den beiden Stühlen, welche um den Ehrenfauteuil standen. Ein ersticktes Lachen lief bei dieser verwegenen That durch die Gruppe. Verblüfft sah Pourtois abwechselnd auf den Maire und den jungen Grafen, schwankend zwischen dem Wunsche, Carvayan zu gefallen, und der Furcht, Robert zu erzürnen. Schweigend warteten die Verbündeten, indem sie sich fragten, ob ihr Chef sich wohl derart öffentlich würde Trotz bieten lassen. Mit gebieterischem Blicke legte dieser seinen Anhängern Ruhe und Schweigen auf, und sich hierauf zu seinem Begleiter wendend, sagte er mit lauter Stimme: »Ich glaube, es kommt uns zu, ein Beispiel von Mäßigung und Geduld zu geben... Denn wenn wir die Herausforderungen des Herrn von Clairefont erwidern würden, könnte hieraus ein Konflikt entstehen, welcher in das ganze Fest eine Störung brächte... Uebersehen wir also einfach alle Handlungen des jungen Mannes...« Mit leiserer Stimme fügte er hinzu: »Ueberdies haben ihn seine schlechten Gewohnheiten und seine Unmäßigkeit halb zum Verrückten gemacht, er ist nicht immer bei Sinnen...« »Diese Tribüne, leer wie sie ist, wahrend man sich allerorten drängt, scheint mir eine schlechte Wirkung hervorzubringen ...« fiel der Beamte ein. »Räumen Sie dieselbe doch den Damen ein...« »Sie haben recht...« Fleury und Pourtois eilten hinweg und führten die Damen Dumontier und Leglorieux im Triumphe auf die Tribüne. »Das geht ja vortrefflich,« spottete die Baronin von Sainte-Croix, »nur jedem den gebührenden Platz...« »Wollen wir nicht hingehen, um Frau Dumontier unsere Aufwartung zu machen?« schlug der schöne d'Edennemare vor. »Der Großvater Dumontiers hat uns oft genug seine Aufwartung gemacht, als er bei meiner Mutter Bedienter war ...« war die beißende Entgegnung der Frau von Saint-André. »Wie die Marschallin von Lefebvre unter dem ersten Kaiserreiche sagte: ›Jetzt sind wir die Prinzessinnen!‹ ...« »Diese Philisterfrauen von Neuville sind wahrhaft entsetzlich!« sagte Robert zu den jungen Leuten, die ihn umgaben; »wenn Sie wollen, fordern wir zuerst, um ihnen einen Possen zu spielen, die Bauerndirnen zum Tanze auf und eröffnen mit ihnen den Ball...« »Es sind wahrlich so schmucke Mädchen darunter, daß dies kein Opfer kostet,« meinte der junge Tourette, Rose Chassevent lorgnettierend, die eben eintrat, gefolgt von dem Rotkopf. Mit lächelnder, natürlicher Anmut kam die schöne Arbeiterin in ihrem Sonntagsputz dahergeschritten. Sie trug ein Kleid aus Cretonne mit kleinem Blumenmuster: das vorne ausgeschnittene Leibchen schmückte ein weißes Musselintuch, mit blauen Bändern festgehalten; die kurzen Aermel ließen ihre runden, vollen Vorderarme, mit durchbrochenen Handschuhen bedeckt, sehen. Ihr schönes blondes Haar war einfach frisiert, ohne Schmuck und ohne Blume. In der Hand hielt sie eine Schärpe, mit der sie auf dem Wege ihren Kopf umhüllt hatte. Der Schäferjunge, vom Lichterglanz geblendet wie eine Eule vom Tageslicht, schritt hinter ihr her, ohne sie aus den Augen zu lassen. Er trug einen funkelnagelneuen Anzug, wie er es dem jungen Mädchen angekündigt hatte, und seine graue Alpakabluse zierte eine silberne Spange. Er hatte den Versuch gemacht, sich zu kämmen, und die über der Stirn gescheitelten roten, ungepflegten Haare verliehen seinem mit Sommerflecken übersäten Gesichte ein komisches und zugleich erschreckendes Aussehen. »Wer ist dies Ungeheuer, das dem reizenden Kinde auf Schritt und Tritt folgt?« fragte der Vicomte d'Edennemare. »Der Schafhirte von Clairefont, ein Blödsinniger, der auf dem Meierhofe aufgezogen wurde,« erwiderte Robert. »Welch sonderbaren Pagen sie sich da ausgesucht hat!« Rose hatte sich Fräulein von Clairefont genähert und nahm mit lachender Miene die Lobeserhebungen hin, welche ihr Antoinette über ihren Anzug zu teil werden ließ. »Aber, gnädiges Fräulein, das Kleid, welches ich trage, kommt ja von Ihnen ... erkennen Sie es denn nicht? Sie haben es mir im Frühjahr geschenkt... Ich habe bloß die Façon geändert, wie es sich gebührt, denn ein Mädchen wie ich braucht nicht Kleider zu tragen, wie vornehme Damen ... es macht mir Ehre und nimmt sich gut aus, nicht wahr?« »Du bist es, die das Kleid verschönt, meine Kleine,« sagte Fräulein von Clairefont mit freundlichem Lächeln. »Geh jetzt und unterhalte dich recht gut, aber tanze nicht zu lange, denn du weißt, daß ich morgen früh deiner bedarf...« »O, seien Sie unbesorgt, gnädiges Fräulein, ich werde nicht mehr auf mich warten lassen, als gewöhnlich ...« »Und sieh zu, daß dir dein Schäferhund nicht den ganzen Tag am Rocke hängen bleibt!« rief Tante Isabella ... »Der Bursche ist eine wahre Vogelscheuche von Tänzer ...« »Ach, gnädiges Fräulein, ich werde ihn Vater Chassevent anvertrauen...« »Der ihm zu trinken geben wird, daß er nach einer Stunde seine rechte Hand nicht von seiner linken zu unterscheiden weiß ...« »Ei was,« meinte das junge Mädchen mit einem Lächeln ... »Wenn er mich nur in Ruhe läßt ... Ich habe ihm jedoch versprochen, einmal mit ihm zu tanzen... Und was man versprochen hat, muß man halten...« Und ihr kurzes Röckchen anmutig schwenkend, entfernte sie sich, gefolgt von den Blicken aller Männer, die der Zauber ihrer blühenden Jugend unwiderstehlich gefangennahm. Es war acht Uhr abends, und die offizielle Tribüne war nun durch die Ankunft des Steuereinnehmers, des Friedensrichters und seiner Frau, Präsidentin mehrerer wohlthätiger Vereine, vollständig besetzt. Der Hauptmann der Gendarmerie kam gerade in Galauniform aus dem Gasthause, wohin ihn das mörderische Geschrei eines plötzlich ausgebrochenen Gezänkes gerufen hatte. Die Luft verdichtete sich mit jedem Augenblicke, der Abendwind trug die starken Weindünste aus dem Garten herüber, und das Getöse der immer lärmender werdenden Unterhaltung übertönte gar oft die Straßenmelodien des Orchesters. Inmitten dieser allgemeinen Erregung, dieser Hitze, dieses Getümmels blieb Antoinette allein schweigsam und niedergeschlagen. Zweimal schon hatte Herr von Croix-Mesnil das Wort an sie gerichtet, ohne mehr als eine höchst zerstreute einsilbige Antwort erhalten zu haben. Das junge Mädchen, gesenkten Blickes und in tiefem Nachdenken, schien völlig gleichgültig gegen alle sie umgebenden Vorgänge. Gleich beim Eintreten war das erste Gesicht, das ihr in die Augen fiel, dasjenige Pascals gewesen. In dem Augenblicke, als zwischen Carvayan und Robert, die einander nicht um einen Schritt aus dem Wege zu gehen entschlossen schienen, ein solch ernster Zusammenstoß zu befürchten war, hatte sie den jungen Mann erbleichen sehen. Sie begriff, daß er ihre Todesangst teilte, und diese Gemeinsamkeit des Schmerzes hatte in ihr eine nachhaltige Rührung erregt. Hatte sie an ihm einen Unglücksgefährten? Sollte sie als Strafe dafür, daß sie ungerecht gewesen, sich des Widerwillens entschlagen, den sie vor allem empfand, das den Namen Carvayan trug? Schüchtern erhob sie die Augen nach der Richtung, wo sie ihn vermutete; sie sah ihn mit düsterer Miene und gekreuzten Armen teilnahmslos inmitten der festlichen Erregung; sah ihn, den Sohn des Siegers, ebenso traurig, als sie, die Tochter des Besiegten. Was mochte wohl in seiner Seele vorgehen? Als hätte er den Blick des Fräuleins von Clairefont auf sich ruhen gefühlt, erhob Pascal den Kopf, und ihre Augen begegneten sich. Er war es, der die seinigen sofort wegwendete, nachdem er ihr eine tiefe Verbeugung gemacht, welche mehr einem Fußfalle glich. Hierauf verließ er mit langsamen Schritten den Saal, als wolle er dem jungen Mädchen sagen: »Sie hassen mich, ich aber bete Sie an; meine Gegenwart legt Ihnen vielleicht einen Zwang auf oder erregt Ihr Mißfallen ... nun, so will ich lieber beiseite treten...« Wodurch konnte er, der das Recht nicht besaß, sich ihr zu nähern, ihr besser seine glühende Verehrung bezeigen? In diesem freiwilligen Sichentfernen lag mehr Zärtlichkeit, als in den leidenschaftlichsten Liebesbeteuerungen. Ein leichter Ellenbogenstoß der Tante von Saint-Maurice brachte Antoinette wieder zur Wirklichkeit zurück. Im Saale ging es sehr lebhaft zu, geschäftig eilten die Paare herbei, kreuzten sich und begannen lebhafte Unterhandlungen und Auseinandersetzungen. Auf der Tribüne stand Carvayan neben der sehr erregten Frau Leglorieux, mit den Augen die hin und her wogenden Reihen der Menge durchforschend, und Félicie, rot bis über den Hals hinab, trippelte vor Ungeduld hin und her. »Wo mag denn nur der Teufelsjunge hingegangen sein?« murmelte der Maire höchst ärgerlich. »Vor kaum fünf Minuten sah ich ihn noch hier...« »Aber er sah keineswegs so aus, wie jemand, der gut unterhält,« fügte mit gekränkter Miene die Erbin der Leglorieux hinzu. »Er fand es ohne Zweifel unangenehm, daß man mit dem Tanzen so lange zögere,« warf Fleury dazwischen ... »Gedulden Sie sich nur eine Sekunde, ich werde ihn sogleich Ihnen zuführen...« Und mitten durch das Gewühl der Tanzenden eilte der Schreiber hinaus. »Man stellt sich zur ersten Quadrille an,« sagte Fräulein von Saint-Maurice zu ihrer Nichte. »Ich denke, es ist schicklich, daß du an dem Tanze teilnimmst...« »Mein Fräulein, wollen Sie mir die Ehre erweisen, mich zu Ihrem Tänzer anzunehmen?« fragte der elegante Herr Tourette. »Ich danke, mein Herr,« erwiderte Antoinette, »aber ich werde mich bloß an diesem einen Tanze beteiligen, und den habe ich bereits Herrn von Croix-Mesnil zugesagt...« »Das ist in der That ein Recht, das ihm gebührt!« erklärte der Geldmann... »Ich werde Fräulein von Saint-André auffordern, denn ich kann doch nicht gut mit meiner Frau tanzen...« »Besten Dank, teuerste Antoinette, für die Gunst, die Sie mir erweisen,« sagte Herr von Croix-Mesnil gerührt... »aber sind Sie nicht deshalb so liebenswürdig und so gut, damit ich meinen Verlust desto bitterer beklagen muß?« Fräulein von Clairefont legte lächelnd einen Finger auf ihre Lippen, nahm den Arm des jungen Mannes, und das Paar blieb vor Tante Isabella stehen, zwischen Fräulein von Saint-André und Herrn Tourette an der einen und dem Vicomte d'Edennemare und Frau Tourette an der anderen Seite. Längs des Saales bildeten die Tänzerpaare, einander gegenüberstehend, zwei Reihen, welche nach einem alten Herkommen für einige Augenblicke Kasten und Stellungen vermischten. Die Anordnung war nämlich derart, daß der Gutsbesitzer seinen Pächter und die Schloßfräulein die Pächterstöchter zum Gegenüber hatten. War diese Eröffnungsquadrille einmal zu Ende, dann war den folgenden Tänzen freier Lauf gelassen, jedermann unterhielt sich nach eigenem Belieben, und das Ballvergnügen wurde bald ein so lebhaftes, daß es, dank dem fortgesetzten Zechen, zumeist in wahre Bacchanalien ausartete. Sowohl die schönen Städterinnen als die Landmädchen, vom Weine benebelt, von Musik und Tanz erregt, hingen halb ohnmächtig am Arme ihrer Tänzer, und in den Lauben von Pourtois' Garten wurden beim bleichen Schimmer des gefälligen Sternenlichtes gar manche Küsse getauscht, denen später bittere Reue folgen sollte. Dieser diabolische Ausgang des Festes war allbekannt, und gegen zehn Uhr entfernten sich darum die besseren Familien der Umgegend und der Stadt mit ihren Töchtern und überließen die Dorfjugend ihrem Ungestüm und dem nicht zu dämpfenden Festestaumel. Für den Augenblick benahmen sich indes sämtliche Tänzer ernsthaft, wohlanständig und sogar etwas feierlich, die Männer plauderten mit leiser Stimme, das Zeichen zum Beginn des Tanzes erwartend, während die Frauen ordnend und musternd mit der Handfläche über ihre Kleider hinstrichen, in der koketten Art junger Tauben sich brüstend und blähend und in ungeduldiger Erwartung mit den Füßchen hin und her trippelnd. Antoinette gegenüber, welche durch Zufall gerade in der Mitte der Reihe sich befand, war noch immer ein Platz leer. Robert, der neben Tante Isabella stehen geblieben war, blickte zerstreut umher, nach dem Paare suchend, welches das Gegenüber seiner Schwester bilden sollte, als das triumphierende Fräulein Leglorieux am Arme Pascals erschien, der sich seiner Aufgabe wie eines wahren Frondienstes unterzog. Fleury führte ihn mitten durch die Menge, und als der Schreiber an dem leeren Platze angekommen war, wendete er sich nach der Tribüne zurück und schien Carvayan mit einem Blicke um Rat zu fragen; der Maire, welcher von seinem erhöhten Sitze aus die Situation überblickte, machte eine befehlende Gebärde, die zu sagen schien: »Ist mir ganz recht, so soll es sein.« Hierauf zog sich Fleury zurück, Pascal trat vor, und mit verwirrten Augen und zitternden Knieen bemerkte Pascal Fräulein von Clairefont als sein Vis-à-vis. Im selben Augenblicke legte sich eine Hand auf den Arm des Herrn von Croix-Mesnil, und gleichzeitig sprach Robert mit lauter Stimme: »Treten Sie zurück, lieber Freund, meine Schwester wird nicht tanzen!« Herr von Croix-Mesnil blickte erstaunt auf den jungen Grafen, und da er nicht sofort begriff, fragte er inmitten eines tödlichen Stillschweigens: »Was geht denn vor?« »Nichts anderes,« entgegnete Robert, »als daß der Tänzer, der sich soeben Ihnen gegenüber aufgestellt hat, der Sohn des Herrn Carvayan ist!« »Ah, das ist in der That ärgerlich,« sagte hierauf Herr von Croix-Mesnil in vollster Ruhe, warf Pascal, der leichenblaß geworden, einen kalten Blick zu, und indem er sich vor Antoinette tief verbeugte, als wolle er sie um Verzeihung bitten, daß er sie unfreiwillig einer schimpflichen Berührung ausgesetzt, fügte er hinzu: »Entschuldigen Sie mich, mein Fräulein!« Und damit führte er sie an ihren Platz zurück. Kein Laut wurde hörbar. Niemand wagte für oder gegen Partei zu ergreifen. Vor der physischen Starke Roberts und der moralischen Macht Carvayans zitterte jeder in gleichem Maße. Die Gesichter wendeten sich weg, ein niederdrückender Schrecken schien auf allen Anwesenden zu lasten. Der Maire stand noch immer hoch aufgerichtet, sprachlos, betroffen von dem unerhörten Ereignis, an dessen Wirklichkeit er zweifelte. War es möglich, daß man ihm öffentlich einen solchen Schimpf anthun, ihm eine so niederschmetternde Antwort auf seine verwegene Herausforderung geben konnte? Diese Clairefonts hatten die Vermessenheit, sich unbeugsam stolz zu zeigen, da er sie von seiner Gnade abhängig glaubte? Er zitterte vor Wut, und seine Augen mit den gelben Pupillen funkelten wie die eines Tigers im Dunkel der Nacht. Er wendete sich an seine Umgebung, wie um die Leute zu einer Mißbilligung zu veranlassen, doch er begegnete nur niedergeschlagenen, düsteren Mienen. Dann sah er nach seinem Sohne, der in höchster Verwirrung dastand, von dem grimmigen Verlangen nach Rache gepeinigt und doch wieder starr bei dem Gedanken, daß derjenige, über den er herfallen wollte, der Bruder oder der Verlobte Antoinettes wäre. Fräulein Leglorieux brachte eine Lösung in die peinliche Situation. Sie riß die Augen weit auf, wurde abwechselnd blaß und rot und rot und blaß, stieß einen Schrei aus, und ihrer Mutter, die besorgt herbeieilte, in die Arme stürzend, überließ sie sich einem Nervenanfalle, der sie jeder weiteren Meinungsäußerung enthob. Im selben Augenblicke fiel die Tanzmusik schallend ein, die ersten Takte der Quadrille erklangen, und die beiden Reihen der Tanzenden schritten inmitten einer Staubwolke zur ersten Tour vor. Antoinette, zu ihrer Tante zurückgeführt, hatte gar keine Zeit, über das Vorgefallene klar zu werden: ihre Freundinnen umringten sie, und im Chore schwirrte es von Ausrufen und Erklärungen, wie Summen eines aufgescheuchten Bienenschwarmes. Ernst und schweigend umgaben die Männer Herrn von Croix-Meznil und Robert. Auf der Tribüne war die Aufregung keine geringere. Der Maire war hinabgestiegen, und ohne das Jammergeschrei der Frau Leglorieux zu beachten, trat er auf Pascal zu. Der junge Mann stand noch immer regungslos fast auf derselben Stelle, nur einige Schritte von den Tänzern entfernt, und starrte, ohne sie zu sehen, auf die lange Linie, die in taktmäßiger Wiederkehr hin und her wogte. Die Musikklänge schienen seinem Ohre lärmendes Getöse, das ihn betäubte, in seinem wirren Kopfe brach sich nur der eine Gedanke durch: Man hat dich ihretwegen und vor ihr beschimpft. Dann ballten sich seine Fäuste im Zorne, und der Entschluß stand in ihm fest, die Beschimpfung nicht auf sich ruhen zu lassen. Er mußte Genugthuung fordern. Doch von wem? Von Robert? Er war der Beleidiger, er war es, der den öffentlichen Skandal hervorgerufen hatte. Und dennoch war es der andere, gegen den sich sein Groll kehrte, derjenige, der kalt zu der Beleidigung seine Zustimmung gegeben. An diesen korrekten, ruhigen jungen Mann wollte er herantreten, sich mit ihm schlagen, das eigene Leben gegen das seine auf das Spiel setzen. War er es nicht gewesen, der Fräulein von Clairefont am Arme hatte, und war sein Lächeln nicht noch verletzender gewesen, als die Worte des jungen Grafen? Und dann, war er nicht der Verlobte des jungen Mädchens? Ach, dies war die wahre Ursache, welche Pascals Gemüt so furchtbar aufregte und seine Stirn mit tiefer Blässe bedeckte. Viel mehr als der Zorn, war es die Eifersucht, welche ihn marterte. Unter Antoinettes Augen fühlte er sich stark genug, die größten Gefahren zu bestehen. Er wollte sich unversöhnlich, unbezwinglich zeigen, denn der Gedanke, sie könnte ihn verachten, flößte ihm Mut genug ein, tausend Toden zu trotzen. Plötzlich fühlte er sich beim Arme ergriffen, man versuchte, ihn fortzuführen. Er erhob die Augen und erkannte seinen Vater. »Bleibe nicht da,« sagte Carvayan... »Komm mit mir...« Er weigerte sich, indem er mit bebender Stimme sagte: »Laß mich. Es ist noch nicht alles zu Ende... Ich darf mich von dieser Stelle nicht entfernen...« »Was hast du vor?« »Hältst du mich für einen Mann, der eine derartige Beleidigung hinnimmt, ohne Genugthuung zu fordern?« »Du bist verrückt!« »Würdest du mir raten, mich von hier fortzuschleichen, um in den Augen aller Anwesenden als Feigling zu gelten?« Carvayans Gesicht verzog sich und nahm einen schrecklichen Ausdruck an; er preßte den Arm seines Sohnes heftig an sich. »Du willst dich mit diesen Leuten schlagen? Du bist verrückt, sage ich dir ... Ueberlasse mir, dich zu rächen; es wird sicherer und rascher geschehen...« »Sicherer und rascher?« rief der junge Mann mit entsetzlicher Gebärde. »Das wollen wir sehen!« Der Tanz war zu Ende, und in geräuschvollem Durcheinander führten die Tänzer die Damen zu ihren Plätzen. Pascal wendete sich mit raschen Schritten der Gruppe zu, in welcher Herr von Croix-Mesnil und Robert standen, und so nahe an den Verlobten des Fräuleins von Clairefont herantretend, daß er fast dessen Schulter berührte, sagte er mit herausforderndem Blicke und bebender Hand: »Mein Herr, ich habe mit Ihnen ein paar Worte zu sprechen. Würden Sie mir die Gunst erweisen, einige Schritte weit mit mir zu kommen.« Der Baron verneigte sich und war bereit, dem Sohne Carvayans zu folgen, als Robert, sich vor die beiden stellend, ihnen den Weg vertrat. »Nur nicht so eilig,« sagte er in spöttischem Tone; »es scheint hier eine Verwechselung stattzufinden... Nicht mit Ihnen, mein lieber Freund, hat es der Herr hier zu thun ... sondern mit mir ... Sie sind bloß meinem Wunsche nachgekommen; ich bin es, der forderte ...« »Ich habe Ihre Worte nicht gehört,« unterbrach ihn heftig Pascal, »und ich mag denselben keine Rechnung tragen ... Dieser Herr allein hat mich beleidigt ... ihn allein mache ich dafür verantwortlich...« »Es wird denn doch ein Mittel geben, diese Sache zu ordnen,« rief der junge Graf und einen Schritt zurücktretend, schien er zu einer Gewaltthat bereit, als seine Schwester, bleich und zitternd, zwischen ihn und seinen Gegner trat. »Robert, tritt zurück,« sprach sie sanft, »ich bitte dich darum...« »Aber...,« stieß er hervor, indem er zu widerstehen suchte... Zwei heiße Thränen entquollen den Augen des jungen Mädchens, und totenblaß, die Hand mit befehlender Gebärde erhebend, wiederholte sie: »Tritt zurück... Ich will es!« Und als der junge Mann, besiegt, ihr gehorchte, wendete sie sich an Pascal: »Sie haben recht, mein Herr, und wir sind Ihnen Genugthuung schuldig. Meinetwegen wurden Sie beleidigt ... An mir ist es, mich zu entschuldigen... wollen Sie mir verzeihen?...« Der Sohn Carvayanz sah sie hierauf sich vor ihm verneigen. Er versuchte zu sprechen, seine Lippen bewegten sich, ohne jedoch einen Laut hervorbringen zu können, und schwankend, mit gesenkter Stirn, von Antoinettes stolzer Demütigung noch mehr vernichtet, als durch die Frechheit Roberts, entfernte er sich langsamen Schrittes. »Wo willst du hin?« fragte ihn sein Vater an der Thür des Ballsaales. »Erinnere dich doch, was du vor einem Augenblicke sagtest. Willst du dir den Anschein geben, als würdest du feige zurückweichen?« »Ach, was liegt mir daran!« rief der junge Mann, indem er weiterschritt in die Dunkelheit hinein, als wollte er in derselben seine Verzweiflung verbergen. »Willst du dich nicht rächen?« fing Carvayan wieder an, als sie auf der Straße weitergingen. »Sage ein Wort, und ich werde alle, die dir getrotzt haben, in deine Hand geben...« »Niemals! ...« »Was willst du denn thun?« »Mich entfernen ... Diesmal für immer meine Heimat verlassen, in der ich nur Kummer und Bitternisse finde ... Weit fortgehen von all den niedrigen Kämpfen, den Zwistigkeiten, der Falschheit und Hinterlist... Vergessen, alles bis auf den Namen, den zu tragen du mir so schwer gemacht...« »Pascal!« »Vater, du hast den Haß gesät... Es darf mich daher nicht wundern, daß man uns beschimpft und bedroht... Allein ich könnte so nicht leben. Ich ziehe es vor, fortzugehen.« »Man wird sagen, du habest Furcht...« »Sei es!« »Du willst mich also wieder verlassen?« »Du bedarfst meiner nicht, Vater, du hast es lange genug bewiesen...« »Nun, so werde ich dich nicht verlassen,« entgegnete Carvayan, indem er seinen Arm in den seines Sohnes legte... »Du willst dich jetzt nach Hause begeben ... gut, wir wollen nach Hause gehen ... und morgen, wenn du ruhiger geworden bist, wollen wir weiter über die Sache sprechen ...« Und dem Feste den Rücken kehrend, schlugen die beiden Männer die Richtung nach Neuville ein. In dem Tanzsaale hatte sich die Aufregung, welche die Intervention des Fräuleins von Clairefont neuerdings hervorgerufen, noch nicht beruhigt. Tante Isabella, die zuerst starr vor Erstaunen dagesessen, fand endlich ihre Lebensgeister wieder, und mit blitzenden Augen schalt sie: »Ah, ah, was soll denn das alles bedeuten? Bist du toll geworden, Kleine? Du bist höflich und artig mit dem jungen Leuteschinder, indes er für seine Frechheit einen tüchtigen Verweis verdient hätte...« »Nein, Tante, nein, wir hatten unrecht ... Wir hätten nicht hierherkommen sollen, da wir doch nur Böses hier zu erwarten hatten... Und vor allem durften wir den jungen Mann nicht herausfordern...« »Hast du denn aber den alten Schurken von Vater nicht gesehen, der im voraus über den gelungenen Spaß lachte, daß er dich der Verlegenheit ausgesetzt, seinem Sohne gegenüberzustehen?« Antoinette schüttelte voll Betrübnis das Haupt. »Wir dürfen dennoch diesen Mann nicht angreifen ... wir werden nicht die Stärkeren sein ... Lassen wir ihm das Feld, das ist das Beste, was wir thun können ... Kommen Sie, Herr von Croix-Mesnil...« Damit stützte sie sich auf den Arm des jungen Mannes. Ihre Kraft schien erschöpft. Tante Isabella folgte mit Robert, und als sie an den Wagen kamen, der sie unter der Obhut des alten Germain erwartete, wollte Fräulein von Clairefont, daß ihr Bruder gleichfalls einsteige. Doch er weigerte sich, indem er erklärte, er habe durchaus keine Lust, nach Hause zu fahren. »Was gedenkst du zu thun?« fragte Antoinette voll Unruhe. »Was ich jedes Jahr an diesem Tage thue, mich amüsieren trotz dieses Freudenstörers von Carvayan...« »Versprich mir, daß du nicht wieder Händel anfängst. Ach, ich bitte dich, komm mit uns... Du machst mich besorgt ... Ich fühle, daß dir etwas zustoßen wird...« Robert ließ eine Gebärde der Ungeduld sehen. »Weißt du, kleines Mädchen, daß ich finde, du mengst dich viel zu viel in Sachen, die dich gar nichts angehen... Fahre nach Hause und lege dich zu Bette, ich wünsche dir einen angenehmen Schlaf ohne Träume... Das ist für ein Kind deines Alters das Gesündeste... Das Benehmen eines erwachsenen jungen Mannes richtet sich nach anderen Vorschriften, und deine Ermahnungen werden daran nichts ändern... Guten Abend...« Damit faßte er das junge Mädchen um die Hüften, hob sie wie eine Feder in die Luft, küßte sie und setzte sie auf die Kissen des Wagens. »Robert, sei vernünftig!« rief noch die alte Saint-Maurice ihrem Benjamin zu. »Fürchten Sie nichts, Tante ...« lachte Robert, »wenn mich jemand aufessen will, wird er mich nicht mit einem Bissen verschlucken.« Er schloß die Wagenthür und rief dem Kutscher zu: »Vorwärts!« Und ein Liedchen summend, begab er sich wieder durch den Gasthausgarten nach dem Tanzsaale zurück. Hier überließen sich die Landleute ihrem Vergnügen, ohne Rückhalt und ohne jeden Zwang. In der milden, stillen Sommernacht, umschwirrt von dem raschen Fluge der Fledermäuse, welche mit ihren Flügeln die im Grün der Lauben in buntem Lichte strahlenden venetianischen Laternen berührten, beim gedämpften Klange der Musik saßen die Zecher, aus voller Kehle johlend und mit den Fäusten auf den Tisch schlagend. Der alte Chassevent stand auf einem Fasse und sang mit heiserer Stimme obscöne Lieder. Es war dies schon das vierte an diesem Abende, und in den Pausen ging er von Tisch zu Tisch, um ein Gläschen Branntwein oder einen Schoppen Bier zu trinken. Er schien keinen Rausch zu haben, doch seine Lustigkeit wurde immer ausgelassener, seine Gesten und Lieder immer unflätiger. In einem Winkel saß auf einem Taburett vereinzelt der Gendarm, welcher die Ordnung aufrecht zu erhalten hatte, da die Bauern, wenn sie betrunken waren, so lange rauften, bis einer von ihnen tot auf dem Platze blieb; er hörte dem Wilddiebe zu, wobei er sich gleichfalls halb totlachen wollte. Robert hielt einen Augenblick still und lauschte den unflätigen Schnurren, die der Vagabund aus irgend einem Gefängnisse geholt haben mochte. Seine Zuhörer brüllten den Refrain in tollem Jubel und schlugen mit den Fäusten auf den Tisch, so daß es während einiger Minuten ein wildes Getöse gab, das einem wie Katzenmusik in den Ohren gellte. Dann wurde es wieder still, während die Säuferstimme des ungeschliffenen Komikers vor diesem Publikum von lauter Betrunkenen eine neue Zote trällerte, die unter dem klaren, gestirnten Himmel doppelt widerwärtig klang. Nachdem Pourtois den Notabilitäten im Saale die Honneurs gemacht und den Ball im besten Zuge wußte, eilte er mit begreiflichem Eifer in den Kreis der Zecher, welche ihm eine gute Einnahme sicherten, und der allgemeinen Lustigkeit Lauf gebend wie dem Bier in seinen Fässern, rief er mit gellender Stimme: »Stärkt euch, Kinder, stärkt euch! Ist einmal die Kirchweih vorüber, so müssen wir bis zum nächsten Jahre warten. Heut ist der Tag, wo man den Mund gehörig aufmachen soll und ich ein Auge zudrücke!« Robert setzte seinen Weg fort und stand bald vor dem Eingange des Tanzsaales, als er aus einer Laube, in welcher die Laternen verlöscht waren, seinen Namen rufen hörte. Bloß von der Flamme eines riesigen Punschkessels beleuchtet, saßen die Herren d'Edennemare, Saint-André und noch einige von den Jagdgefährten des jungen Grafen in der Runde um einen kleinen Tisch. »Alle unsere Damen sind fort, gehen Sie nicht in den Saal, es ist dort zum Ersticken heiß...« »Ich habe dort noch etwas zu thun...« »Wenn Sie etwa den Maire und seinen Sohn suchen, so ist es zu spät... Beide sind gerade weggegangen...« »Daran liegt mir nichts! Ich will mich nur zeigen, damit die ganze Canaille, welche es mit Carvayan hält, wissen möge, daß ich nicht geneigt bin, auch nur einen Schritt zurückzuweichen...« »Ach, mein Bester, das brauchen Sie nicht erst zu beweisen. Setzen Sie sich lieber zu uns.« Robert war indes schon eingetreten. Das Aussehen des Ballsaales hatte sich seit einigen Augenblicken vollständig verwandelt. Das Fortgehen der Gesellschaft, wie man die Schloßherren der Umgegend nannte, hatte jeden Zwang beseitigt, nun war man erst unter sich und konnte sich ungebunden seinen»Vergnügen hingeben. Die Tänzer hatten ihre steife Haltung aufgegeben, die Arme umfaßten kräftiger die Tänzerinnen, und selbst das Orchester, von dem allgemeinen Taumel ergriffen, spielte feuriger, in rascherem Takte, als gälte es einen Wettstreit zwischen den Lungen der Musiker und den Füßen der Tanzenden. Der junge Graf suchte vergeblich nach Carvayan und Pascal. So wie es seine Freunde gesagt, hatten Vater und Sohn wirklich das Feld geräumt. Auch der Unterpräfekt, der für seine Popularität genug gethan zu haben glaubte, war mit dem Hauptmann der Gendarmerie und dem Polizeikommissär nach Neuville zurückgekehrt. Robert machte einen Gang durch den Saal, indem er durch die Gruppen schritt und ein Vergnügen darin fand, allen Blicken zu trotzen. Das Ansehen, welches die Familie der Clairefonts trotz ihres bekannten Unglückes genoß, ließ alle Köpfe auf dem Wege des jungen Grafen sich tief verneigen. Und überhaupt, da Carvayan nicht anwesend war, beeilte sich jedermann, seinem Gegner schön zu thun. Konnte man übrigens wissen, was noch geschehen mochte? Schon seit vielen Jahren hieß es, der Marquis stehe vor dem völligen Vermögenszusammenbruche. Und schließlich war er doch noch immer aufrecht geblieben. Man mußte sich demnach eine Hinterthür offen lassen für den Fall, daß dieser Teufelsmensch, der ein so zähes Leben hatte, nochmals die Mittel finden würde, um sich aus den Klauen des Banquiers zu befreien. Fleury und Tondeur, die getreuen Helfershelfer Carvayans, gaben das Zeichen zur allgemeinen Unterwürfigkeit, indem sie sich Robert gegenüber in Höflichkeiten und Zuvorkommenheiten überboten. In diesem Rausche eines lügnerischen Triumphes fanden die Freunde den jungen Grafen, als sie wieder in den Saal zurückkehrten, um ihren Vorsatz auszuführen und mit den schmucken Bauerndirnen zu tanzen. Ein nationaler Rundtanz, eine Art, Schnellpolka, näherte sich eben seinem Ende. Unter den eifrigsten Tänzern zeichnete sich der Rotkopf durch das wilde Ungestüm aus, mit welchem er umhersprang. Rose tanzte mit ihm, wie sie es versprochen, und starker Hand führte der Schäfer das schöne Mädchen mit dem Aufgebote einer unglaublichen Kraft. In regellosen Sprüngen und Wendungen, mit bleichen Wangen, blitzenden Augen und zusammengepreßten Zähnen tollte er dahin, mit Anspannung aller seiner Muskeln, so daß er in dem Taumel des für ihn völlig neuen Vergnügens ein fast entsetzenerregendes Aussehen annahm. Rose, betäubt von dem rasenden Galopp ihres Tänzers und den milden Klängen der Musik, ließ sich halb ohnmächtig fortziehen, den Kopf auf die Schulter des Rotkopfes geneigt, der stolz mit ihr dahinjagte. Tondeur stand auf einem Schemel, das Gesicht vom reichlich genossenen Weine hochgerötet, und brüllte aus Leibeskräften, wahrend er mit dem Stiele des Knüttels, von dem er sich niemals trennte, an seinen schlechten Hut schlug und mit seinen Zurufen die ausgelassene Lustigkeit noch mehr aufreizte: »Vorwärts, Jungens! Haltet euch wacker, meine Kinder!... Frisch! hoho! hoho! Vorwärts!« Und immer keuchender wurde der Atem, immer schwerfälliger fielen die Füße auf die Dielen zurück, die Schnelligkeit des Tanzes nahm allmählich sichtlich ab. Die Instrumente schwiegen, und mit einem Seufzer der Erleichterung hielten die Paare still, zerstreuten sich nach allen Richtungen und ließen sich taumelnd auf die Bänke nieder, wie Schiffbrüchige, wenn sie festen Boden betreten. Nur der Rotkopf, Rose in seinen Armen, stürmte leidenschaftlich und unermüdlich fort. »Ist der Kerl toll?« schrie Tondeur, von seinem Piedestal herabspringend. »Er will gar nicht aufhören... Er würde bis morgen so hinjagen.« Doch im selben Augenblicke erfaßte Robert das junge Mädchen, entriß es den Armen des Tänzers und setzte die völlig Erschöpfte auf einen Sessel. Der Schäfer war stehen geblieben und trat mit unverständlichem Gebrumme an Rose heran. »Er hat noch nicht genug!« rief Tondeur, und brach in ein Lachen aus, das ihn zu ersticken drohte ... »Ihr werdet sehen, er will sich beschweren...« Der junge Graf runzelte die Stirn und sagte leise zu dem Rotkopf: »Nun ist's genug! Fort! Hinaus! Pack dich zu deinen Schafen!« Der Bursche schien jedoch nicht geneigt, zu gehorchen und blieb hartnäckig vor dem schönen Mädchen aufgepflanzt. Doch mit einem Handgriffe, als wollte er eine Raupe von einem Blumenkelche hinwegstübern, hatte Robert den Starrköpfigen fortgeschnellt, daß er im Garten niederpurzelte. »Ach!« seufzte Rose, die Augen öffnend, »ich glaubte, der Atem ginge mir aus für immer...« »Ein wenig Punsch,« sagte lustig der junge Mann, »und es wird gleich gut sein...« »Ich danke bestens,« erwiderte Rose... »ich liebe keine starken Getränke. Ich habe zu viel Püffe gekriegt, wenn Vater Chassevent getrunken hatte... Aber ich muß nun ans Nachhausegehen denken...« »Hast du schon genug am Tanzen?« »Meiner Treu ja, es ist hier gar zu heiß ...« Als die Paare zu einer neuen Quadrille sich anstellten, verließ Robert seine Freunde, ging mit Rose hinaus und führte sie in die dunkle Laube. Sie waren allein, inmitten der lärmenden Menge, niemand beachtete sie. Die Zecher ringsum hatten nur Augen für ihr Glas und Ohren für Chassevent, der zu singen fortfuhr. Einige Augenblicke saßen sie schweigend da, das tolle Jauchzen anhörend, welches nach Schluß eines jeden Couplets ausbrach. Robert hatte sich Rose genähert und allmählich seinen Arm um ihre Taille geschlungen. Ruhig ließ sie es geschehen, und sie, die sonst lebhaft und munter wie ein Vogel war, schien ernst und nachdenklich. Sie empfand ein leichtes Frösteln, und die Spitzenschärpe, welche ihr beim Kommen als Kopfputz gedient, um den Hals knüpfend, meinte sie: »Ich werde mich hier erkälten ...« »Freilich, mit bloßem Halse ... das ist nicht klug ...« Damit nahm er ein seidenes, blau und rotes Tuch aus der Tasche und reichte es ihr. »Hier hast du eine Krawatte.« Sie äußerte eine lebhafte Freude, als sie die warme, weiche Seide befühlte. »Sie sind sehr liebenswürdig,« sagte sie. »Aber bleiben wir nicht länger hier in diesem Weinduft und diesem Lärm.« »Gut, gehen wir,« erwiderte Robert aufstehend; er ließ das Mädchen durch den Garten gehen, dann folgte er ihr nach. Hinter ihnen hatte sich der Rotkopf mit geschmeidigem, leisem Schritte hinausgeschlichen. Etwa hundert Schritte von der Schenke hielten sie vor dem Fußpfade still, der von hier aus durch Heidekraut und Stechginster zum Steinbruche emporstieg. Das Haus, die Lauben, der Tanzsaal schimmerten durch die Bäume, aber das lärmende Getöse, die Stimmen der sich vergnügenden Menge drangen nicht mehr herüber. Im Dunkel der Nacht tauchten unkennbare Gestalten auf, die in dem Maße, als sie näher kamen, bestimmtere Umrisse gewannen. Es waren Einwohner von Soucelles oder Couvrechamps, welche den Tanz zeitig verließen, weil die Arbeiten sie ungeachtet des Festtages zum Frühaufstehen nötigten. Eine spottende Stimme rief: »Nun, Rose, dich wird man gewiß nicht ausplündern, da du unter dem Schutze eines so tapferen Ritters stehst.« »Unser Herr will die Güte haben und mich bis zum Kreuzwege von Clairefont begleiten, liebe Leute,« entgegnete das Mädchen ... »Ist dabei etwas Schlechtes?« »Nein, im Gegenteil ... Sieh nur, daß du nicht gar zu lange verweilst ...« Robert lachte. Rose war unzufrieden und entfernte sich von ihm. »Hören Sie, wie man mich Ihretwegen neckt; es wird für mich besser sein, allein nach Hause zu gehen ...« Er ergriff ihre Hand und flüsterte der Schönen leise ins Ohr: »So bleib doch, Röschen, wir wollen von Vater Chassevent und dem Häuschen reden, das du dir wünschest...« Darauf verließen sie die offene Straße und bogen in den Steg ein, der über den wüsten Abhang des Hügels zur Hochebene emporführte. Der Rotkopf schlich immer hinterdrein, mit behendem, katzenartigem Schritte, ohne daß loses Gerölle oder knisternde Zweige seine Gegenwart verraten hätten. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und die Sterne erwiesen sich willfährig, indem sie die Dunkelheit nur schwach erhellten. Langsam gingen Rose und Robert dahin, Arm in Arm, den würzigen Duft einatmend, welchen die blühende Heide in die Nachtfrische ausströmte. Von Zeit zu Zeit zog es wie leises Flügelrauschen durch die Luft, das Geräusch eines Kusses, der ihre Unterhaltung begleitete, und als Echo dieser Liebesharmonie erhob sich im Dunkel ein klagendes Seufzen wie das drohende Knirschen eines verwundeten Tieres. Ohne sich im geringsten zu beeilen, stiegen sie weiter hinauf, in dem tiefen Frieden, der sie umgab, die köstliche Stunde genießend. Der Festeslärm tönte nur als leises Summen herüber, und entzückt von dem poetischen Zauber, der von dem sternenfunkelnden Himmel und der balsamisch duftenden Erde ausging, schmiegten sie sich immer liebevoller und zärtlicher aneinander. Und immer klagender, immer erzürnter und eifersüchtiger flüsterte in der Dunkelheit die Stimme ihres geheimnisvollen Beobachters. Der Fußweg war nicht lang, und man brauchte gewöhnlich nicht mehr als eine Viertelstunde, um ihn hinanzusteigen; aber unter den langsamen Schritten der jungen Leute zog er sich vielleicht in vielfacheren Windungen dahin, oder mochte wohl schwerer zu erklimmen sein, denn lange Zeit, nachdem sie ihn betreten, verweilten sie noch immer dort. Der Turm von Clairefont hatte im Schweigen der Nacht schon mehrmals die Schläge seines Uhrwerkes erklingen lassen, die Morgendämmerung begann den Himmel zu lichten, und es war schon nahe an drei Uhr morgens, als Robert und Rose an dem Steinbruch vorbeikamen, wo das Gehölz von Couvrechamps seinen Anfang nimmt. »Lassen Sie mich nun gehen,« sagte Rose sanft, »es ist höchste Zeit, daß ich heimkehre ...« »Wo werde ich dich wiedersehen?« »Sie werden mich wohl zu finden wissen,« erwiderte die Schöne mit neckischer Heiterkeit, »wenn Sie die Laune haben sollten, wieder mit mir zu sprechen ... Das ist nicht so ganz sicher, denn Sie lieben die Veränderung ...« »Du sagst nicht, was du denkst! ...« »Doch, ja!« Er schlang den Arm um ihre Taille, hob sie in die Höhe und küßte sie herzhaft. Dann sagte er, als ob er sich nur schwer entschließe, sie zu verlassen: »Warum willst du dich von mir nicht bis vor deine Thür begleiten lassen?« »Damit man Sie mit mir sehen und die ganze Gegend darüber klatschen soll? ... Nein, nichts da! Gehen Sie Ihren Weg, und ich den meinigen ... Gute Nacht oder vielmehr guten Morgen!« Damit trennten sie sich, und die eine schlug die Richtung nach Couvrechamps, der andere die nach Clairefont ein. Bei der Biegung des Weges wendete sich Robert nochmals um, doch war die Dunkelheit noch zu groß, als daß er das schöne Mädchen hätte sehen können. Hierauf beschleunigte er seinen Gang und erreichte kurz nachher die kleine Thür des Schloßparkes. Rose war gleichfalls raschen Schrittes fortgeeilt. Sie folgte der langen mit Nadelbäumen begrenzten Allee, indem sie lächelnd der Versprechungen gedachte, welche der junge Graf ihr mit seinen Küssen besiegelt hatte. Plötzlich erbebte sie; es schien ihr, als höre sie seitwärts im Dunkel der Bäume ein Rascheln. Sie war sonst nicht furchtsam, aber jetzt fing ihr Herz heftig zu pochen an und ein leichter Angstschweiß trat auf ihre Schläfe. Sie schritt rascher dahin, dabei fortwährend dem geheimnisvollen Geflüster der Nacht lauschend. Da schlug neuerdings ein kurzes Krachen an ihr Ohr, als trete ein menschlicher Fuß auf dürres Geäst. Sie befand sich gerade längs der weißen Böschung, gegenüber dem Balkengerüste, welches den Schachteingang überragte. Vor ihren wirren Blicken gewannen die ihr so wohlbekannten Orte ein phantastisches Aussehen und bevölkerten sich mit gespensterhaften Gestalten. Die Bäume schienen düsterer und buschiger sich über ihren Kopf zu neigen. Sie wollte laufen. Im selben Augenblicke sprang ein scheußliches Wesen auf sie zu, schloß sie in seine Arme und trug sie mit teuflischem Grinsen in das Dickicht. Noch hatte sie die Kraft, mit herzzerreißendem Tone zweimal: »Robert! Robert!« zu rufen, dann preßte sich eine rauhe Hand auf ihre Lippen, und zu Tode erschrocken, verlor sie die Besinnung. Gleichzeitig stiegen zwei Männer den gewundenen Pfad empor, auf welchem sich Rose und Robert in verliebtem Geplauder so lange spazieren geführt. Der eine stolperte sehr häufig, der andere war bemüht, den Gefährten vor dem Fallen zu bewahren. »Alle Wetter! Ich weiß nicht, warum die Kieselsteine heute abend so hoch sind,« sagte die heisere Stimme Chassevents. »Ei, mein Bester, Ihr hebet heute Eure Füße nicht so hoch, als gewöhnlich,« versetzte die krähende Stimme Pourtois'. »Ich habe doch nicht getanzt ...« »Nein, aber Ihr habt Euch den Schlund hübsch ausgespült ...« »Das wirfst du mir noch vor, du Undankbarer! Meinst du, wenn ich nicht so gebrüllt hätte, um deine Gäste zu unterhalten, daß ich einen solchen Spitz hätte und du eine solche Einnahme?« »Gewiß nicht, Alter ... deshalb wollte ich Euch auch meinen guten Willen zeigen und begleite Euch ein Stück Weges, um sicher zu sein, daß Ihr nicht in eine Kalkgrube stürzt.« »Gut,« brummte der Trunkenbold, »wenn du dich bloß aus Vorsicht und nicht aus Freundschaft bemühst, so kannst du gleich wieder nach Hause gehen ... Sei nicht eigensinnig ... Ich brauche dich nicht ... Je betrunkener ich bin, desto klarer sehe ich ...« Trotz der Schwere in seinen Füßen marschierte er jetzt in aufrechter Haltung vor dem Wirte, der schnaufend wie eine Robbe hinter ihm hertrabte. So gelangten sie bis zu dem Kreuzwege von Couvrechamps, und nun sagte Pourtois: »Laßt uns hier eine Minute ausruhen, dann mache ich Euch meine Reverenz und gehe nach Hause.« Sie ließen sich auf den Rand des Weggrabens nieder, und aus Gewohnheit verbarg sich der Wilddieb hinter einem Gebüsche. Sodann nahm er die Pfeife aus der Tasche, stopfte sie und begann zu rauchen, als ein rascher Schritt seine Aufmerksamkeit erregte. Mit einer geschickten Bewegung drückte er seinen Begleiter in das Heidekraut nieder, und mit seinen, an das nächtliche Dunkel gewöhnten Augen die Finsternis durchdringend, blieb er regungslos auf der Lauer. »Es ist der junge Mann von Clairefont,« sagte er mit leiser Stimme. »Wo zum Teufel mag der jetzt herkommen? Er muß vor dem Nachhausegehen noch gebummelt haben ... Wird gewiß irgend einer Schürze nachgelaufen sein ... Wer weiß? Vielleicht ist es gar meine Kleine ... Er streicht schon lange um sie herum ... Ei, dann brauchte ich mich ja in meinem Geschäfte weniger zu genieren ... Auch ist heute gerade das Wetter dazu, um Schlingen zu legen ... Ob ich's versuche? ... Ich habe sie bei mir ...« Damit zog er aus seiner Bluse ein Bündel Messingdrähte hervor. »Halt! Wartet ein wenig,« rief Pourtois, sich vom Boden erhebend ... »Ich habe durchaus keine Lust, die Bekanntschaft des Gerichtspräsidenten zu machen ... Brecht Euch den Hals, wenn Ihr wollt, Alter, ich mache, daß ich fortkomme ...« Doch der dicke Mann hatte kaum noch die Zeit, einen Schritt vorwärts zu thun; ein markerschütternder Schrei, der von fernher zu klingen schien, ließ ihn erstarrt stillhalten, dann tönte nochmals der von Todesangst durchbebte Ruf: »Robert! Robert!« »Was ist das?« fragte Chassevent, indem er heftig den Arm des Wirtes ergriff. »Es ist, als ob jemand erwürgt würde!« stammelte Pourtois, dessen Zähne aneinander schlugen. »Donnerwetter! Wir müssen hinlaufen, und sehen ... Wir zwei Männer werden doch nicht einen Unglücklichen umbringen lassen, ohne ihm zu Hilfe zu kommen ...« »Chassevent, gehen wir nicht hin,« flehte in kläglichem Tone der Dicke. »Es kam aus der Gegend des Steinbruches!« »Und wenn es aus der Hölle wäre, ich geh' hin,« entgegnete der Wilddieb, dessen Rausch mit einem Male verflogen zu sein schien ... Er stürzte fort, und Pourtois, der, vor Angst an allen Gliedern zitternd, es vorzog, ihm zu folgen, als allein zu bleiben, keuchte mitten durch das Ginstergestrüpp der Heide hinter ihm her. Mit dem Instinkte des erfahrenen Jägers eilte Chassevent geradeaus nach der Richtung hin, woher der Hilferuf erklungen war, und in seinen schweren, eisenbeschlagenen Schuhen rannte er über Stock und Stein, ohne nur einmal zu schwanken. So legte er etwa hundert Meter zurück, indem er mit fabelhafter Geschicklichkeit die Gruben und Pfützen vermied, mit welchen der Boden übersäet war. Dann hielt er still, den keuchenden Atem zurückhaltend, um zu lauschen ... In der Tiefe vor ihnen ließ sich ein Stöhnen vernehmen ... Ohne ein Wort zu verlieren, eilte der Wilddieb hinunter, indem er bemüht war, das Geräusch seiner Schritte soviel als möglich zu dämpfen ... Aber er mußte dennoch gehört worden sein, denn eine verschwommene Gestalt erhob sich rasch und jagte wie ein aufgescheuchtes Raubtier in gewaltigen Sätzen dahin, über den steilen Abhang hinunter ... »Er wird uns entwischen ... Holla! Halt dich brav, Pourtois!...« schrie Chassevent, indem er seinen Gefährten aufmunterte, als ob er seine Hunde anzufeuern hätte ... Als der Flüchtling die Stimme des Vagabunden erkannte, blieb er plötzlich stehen ... Er schien sich hinabzuneigen und einen Gegenstand, dessen er sich entledigen wollte, auf den Boden niederzulegen, dann setzte er mit verdoppelter Schnelligkeit seinen Lauf fort, erreichte die Hochebene und verschwand. »Er entwischt uns!« schrie Chassevent, »aber er hat ein Bündel zu Boden geworfen. Wir müssen sehen, was es ist ...« In einigen Sekunden erreichten sie den Rand einer ehemals dem Bergbau dienenden Grube, in welcher jetzt Heidekraut sproßte. Auf dem Grunde derselben lag eine weiße Gestalt. »Man könnte meinen, es sei ein Frauenkörper!« rief in fürchterlicher Erregung Pourtois, dem der Schweiß herabtroff. »Ich steige hinab,« sagte Chassevent. Und sich an Gebüsche und Felsstücke anklammernd, gelangte er hinunter. Er kniete nieder, beugte den Kopf herab und warf ihn alsbald mit dem gellenden Schrei zurück: »Es ist meine Tochter!« Diese entsetzlichen Worte verliehen Pourtois Flügel. Halb springend, halb niedergleitend, kam er bei seinem Kameraden an, und seine Geistesgegenwart keinen Augenblick verlierend, nahm er das leblose Mädchen in die Arme, hob ihren Kopf in die Höhe und befühlte ihre Hände, die warm waren. »Licht!« rief er. Augenblicklich zog der Wilddieb ein Endchen von einem Wachsstock und Zündhölzchen aus der Tasche, und man konnte nun deutlich sehen. Es war ein grausiges Bild, welches die dunkle Grube bot, in welcher die beiden Männer beim rötlichen Scheine des Lichtstümpfchens sich über das regungslos daliegende Mädchen beugten. Rose, leichenblaß, mit blauen Lippen und geschlossenen Augen, hatte um den Hals ihre Schärpe gewunden wie einen Strick ... Mit Mühe löste Pourtois dieselbe los ... Ein tiefer Seufzer entstieg dem Munde des schönen Mädchens, ihre Augen öffneten sich weit mit dem Ausdrucke entsetzlicher Angst, dann fielen sie wieder zu; die Hände fuhren krampfhaft in der Luft umher und der Kopf sank hintenüber. »Großer Gott! ... Sie stirbt!« jammerte der Wirt. »Oh!« heulte Chassevent... »Meine Tochter! ... Meine kleine Rose! ... Aber wo ist der Missethäter?« Er schlug sich an die Stirn, dann schrie er mit dem Ausdrucke unbändigen Hasses: »Das kann kein anderer sein, als der Schuft, der Clairefont! ... Er war da ... er ist's. Ah, Canaille!« »Was redet Ihr da? Ihr werdet verrückt!« rief Pourtois ... »Ihr wisset wohl, daß wir Herrn Robert heimkehren sahen, noch ehe wir schreien hörten ...« »Er ist's! Er ist's!« hub Chassevent mit wachsender Wut wieder an ... »Oh, aber meine Tochter ... er soll mir sie bezahlen! Er soll wissen, was ein so gutes, sanftes Kind wert ist!« »Sehen wir vor allem, ob es nicht noch ein Mittel gibt, sie wieder zu beleben. Mein Haus ist nicht weit ... Tragen wir sie hin ...« Sie hoben das arme Mädchen, dessen Hände bereits erkalteten, empor, und im Halbdunkel des anbrechenden Tages stiegen sie zur Schenke hinab. Ende des ersten Bandes Zweiter Band Siebentes Kapitel Es war sieben Uhr morgens, und getreu seiner Gewohnheit, früh aufzustehen, ging Carvayan schon lange in seinem Kabinette auf und nieder, wie ein Bär im Zwinger. Friedliche Stille lag über dem Städtchen, das noch in dem trägen Schlummer ruhte, welcher der Aufregung des gestrigen Tages gefolgt war. Die Sonne stieg glänzend am Himmel empor. Einer ihrer ersten Strahlen fiel schräg in das enge Gäßchen, vergoldete das Fenster der alten Behausung und schimmerte in einer leuchtenden Linie auf dem Boden der Stube. In dem goldigen Streifen, der durch die Gardinen drang, tanzten Sonnenstäubchen gleich geflügelten Sylphiden. Aber trotz des warmen, fröhlichen Lichtes trug sich Carvayan, düster und verstimmt, mit bitteren Gedanken. In dem Augenblicke, als er sich so nahe am Ziele wähnte, daß er nur die Hand ausstrecken zu müssen glaubte, um den Preis eines dreißigjährigen Kampfes zu erlangen, waren Dinge geschehen, welche ihn mit einem heftigen Rucke weit zurückwarfen. Seine Widersacher so völlig in Händen zu haben, daß man sich nur zu regen brauchte, um sie zu vernichten, und dann noch von den Spitzen ihrer Zähne eine solch brennende Wunde zu empfangen! Und gerade jetzt, da er Pascal für immer an sich zu fesseln gehofft, indem er ihm das ganze Land wie einen einzigen Höfling zu den Füßen seines Beherrschers zeigte, verwandelte sich sein Triumph in Demütigung, und gerade der, den er durch Befriedigung seines Stolzes zu gewinnen trachtete, hatte selbst die grausamste Beleidigung erdulden müssen. Ihn, den Beherrscher von Neuville, hatte man verhöhnt. Wieder war es an dem St. Firminusfeste gewesen, daß zum zweitenmal nach mehr als dreißigjähriger Pause Clairefont und Carvayan im Kampfe einander gegenüberstanden; denn als ob eine verhängnisvolle Ueberlieferung die Kinder der feindlichen Väter gegeneinander treibe, so hatte Robert nun Pascal beschimpft. Nun galt es, mit dieser Brut ein für allemal ein Ende zu machen und den entscheidenden Streich nicht länger zu verschieben. Zwischen Honoré und dem ehemaligen Ladengehilfen war die Partie freilich eine sehr ungleiche gewesen. Heute aber hatte sich das Verhältnis zu Gunsten Carvayans gewendet. In seiner Kasse lag ein wohlgeordneter Aktenstoß, protestierte Wechsel enthaltend, Pfändungsbefehle, das Recht zur exekutorischen Feilbietung für den Fall, daß die Summe von 160000 Franken, die Kapital und Zinsen repräsentierte, nicht sogleich gezahlt werden sollte. Der Marquis hatte zu bezahlen oder sein Schloß zu verlassen. »Ah! Ah! Man würde ihn endlich sehen, diesen Clairefont, wie er mit den ihm gebliebenen Habseligkeiten sich auf den Weg machen wird wie ein Bettler.« In der Einsamkeit seines Zimmers fing Carvayan laut zu lachen an. Er trat an einen kleinen Schrank, öffnete ihn und im Hintergrunde desselben erschien der eiserne Geldschrank, von dessen fabelhaften Reichtümern die Bewohner von Neuville so oft träumten. Carvayan zog einen kleinen Schlüssel aus seiner Tasche, schob das Kunstschloß zurecht, und die eiserne Thür drehte sich schwerfällig in den geölten Angeln. Das Innere des Schrankes enthielt keineswegs die Menge an Bargeld, mit welchem die Volksphantasie ihn auszustatten liebte. Nur einige Goldrollen, ein Checkbuch und Aktenbündel in verschiedenfarbigen Umschlägen. Carvayan nahm eines derselben zur Hand, auf welchem mit großen Lettern der Name Clairefont geschrieben stand, und begann es langsam durchzulesen. In dem Maße, als er in seiner Lektüre fortschritt, erhellte sich sein Antlitz. Seine Finger fuhren knisternd an dem Papier umher, sie preßten, zerknitterten, umkrallten es, als wäre es der Leib des Marquis selbst. Und wie er so die Seiten umwendete, schien der Banquier ein Henker, welcher die Folterwerkzeuge schleift, um die Qualen seines Opfers zu erhöhen. Ein leichtes Pochen an seiner Thür unterbrach ihn in seiner wonnevollen Beschäftigung. Er warf einen unruhigen Blick nach dem Eingange, dann schloß er rasch den Schrank, trat an den Schreibtisch heran und rief: »Herein!« »Ich bin's, Herr Maire, entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe,« zischte die Stimme Fleurys, dessen greulicher Kopf in der halb geöffneten Thür erschien. Der Schreiber trat ein, und auf den ersten Blick fand Carvayan ihn so außerordentlich erregt, daß er, ohne ihm Zeit zu einem Worte zu lassen, hastig ausrief: »Was ist geschehen?« »Etwas sehr Ernstes ... Ich wurde vor einer halben Stunde von Chassevent und Pourtois geweckt, welche mir mitteilten ... Ich nahm mir kaum Zeit, in die Kleider zu fahren und zu Ihnen zu eilen ... Denn es schien mir, daß Sie, wie immer, zu allererst davon unterrichtet werden müßten ...« »Wovon?« unterbrach ihn heftig der Maire, den die Weitschweifigkeit des Schreibers in eine furchtbare Aufregung versetzte. Er fürchtete, daß sein Sohn und Robert sich am frühen Morgen insgeheim duelliert hätten ... »Werden Sie endlich reden, Schafskopf?« »Gewiß! Die kleine Rose Chassevent ist heute nacht im Steinbruch ermordet worden! ...« »Ermordet? Wie?« fragte Carvayan, der plötzlich wieder kalt und ruhig wurde. »Irgend ein Unfall?« »Ein Verbrechen!« erwiderte Fleury mit unterdrückter Stimme. »Vater Chassevent und Pourtois fanden sie erwürgt in einem Graben, nachdem sie einige Augenblicke lang den Mörder verfolgt hatten ...« »Verfolgt! ... Er schleppte sie also mit sich fort?« »Er lief, das Mädchen auf der Schulter, quer über die Heide den Hügel hinauf, soweit es Chassevent und der Dicke zu unterscheiden vermochten, denn es war noch ganz finster ...« »Und er ist ihnen entkommen? ... Also war es ein Bursche von ganz außergewöhnlicher Stärke? ...« Die Augen Fleurys und Carvayans begegneten sich, und der Schreiber las in den Blicken des Maires so schreckliche Gedanken, daß er erbleichte und ein Zittern seinen Körper überlief. »Ah! Ah!« rief Carvayan mit entsetzlicher Stimme aus, »diese Sache muß ans Tageslicht gezogen werden, und aufs genaueste ... Ist der Polizeikommissär benachrichtigt? Nein? Man muß ihn augenblicklich in Kenntnis setzen ... Der Hergang muß gerichtlich konstatiert werden ... Fleury, mein Junge, das ist ein höchst seltsames Ereignis! ... Sie war sehr hübsch, die Kleine ... Es muß irgend ein Galan sein, der die That verübte ...« »Das sagt auch Chassevent ...« »Ah! Er sagt es! Der alte Taugenichts ... Wo ist er? Ich will ihn sprechen ...« »Ich ließ ihn draußen auf der Straße ... Ich wollte Sie zuerst benachrichtigen, ehe ich ihn eintreten ließ ...« Im Nu stand Carvayan im Flur draußen. Vor der Thür ließ sich ein Gemurmel vernehmen, zeitweilig von kläglichem Gekreisch unterbrochen. Hastig öffnete er. Umgeben von den Nachbarn, die in heftiger Erregung Fragen und Erklärungen tauschten, saß Chassevent auf einem Ecksteine, noch betrunkener als während der Nacht, in lauten Klagen und abwechselnd in Drohungen sich ergehend. »Meine arme Tochter!« heulte er, indem er, ohne eine Thräne zu vergießen, mit den Augen blinzelte, »eine so hübsche Kleine, die so viel für ihren Vater that! ... Sie haben mir sie umgebracht, die Räuber! ... Und so lustig war sie! ... so liebenswürdig! ... Ah, die Canaillen ... Sie wußten, was sie mir damit anthaten! ... Man weiß, wie sie mich behandelt haben! ... All das rührt nur von meiner Freundschaft her ... für unsern teuren, guten Herrn Maire, Gott erhalte ihn! ... Ah, ah! In der Sache steckt mehr als man vermutet ... Ja! ... Ah! Die Schurken! Aber das wird nicht so mir nichts dir nichts ablaufen ... Man hat nicht das Recht, einem alten Manne den Trost seiner alten Jahre zu rauben! ...« Vergebens versuchte Pourtois, der im Kreise all der Neugierigen mit Fragen bedrängt wurde, den Trunkenbold zum Schweigen zu bringen. Dieser fuhr fort zu schreien, wie ein Schwein unter dem Messer des Schlächters und wälzte sich auf dem Steine in epileptischen Zuckungen. Als er indes Carvayan erblickte, wurde er sofort ruhiger, und indem er sich bückte, als wolle er auf dem Pflaster niederknien, hub er von neuem an: »Ah! Hier kommt unser Verteidiger ... Ah! Herr Maire, haben Sie Erbarmen mit einem armen Alten, der nur bei Ihnen Gerechtigkeit zu finden hofft ... Ah! Heiliger Name Gottes! Was für ein Unglück! Ein Kind, das gestern abend noch ganz gesund war! ... Das wie eine Königin tanzte! ...« Und neuerdings begann er zu heulen und die Arme zu ringen. »Hört, Chassevent, und schweigt! ... Es ist nicht nötig, das ganze Stadtviertel in Aufruhr zu bringen,« sagte Carvayan mit ernster Strenge ... »Pourtois, führt ihn in meine Schreibstube. Und ihr, liebe Leute ... geht nach Hause ... Und nehmt den Unglücklichen nicht beim Wort, den der Kummer um seine Sinne bringt ... Die Richter werden es verstehen, die Wahrheit an den Tag zu bringen.« Und die Leute, welche er so schlau zu regieren wußte, unter dem Einflusse dieser Worte voll berechneter Mäßigung zurücklassend, folgte er Chassevent und Pourtois ins Haus nach. In seinem Zimmer, an den Kamin gelehnt, begann er hierauf mit kaltem Blicke und schneidendem Tone: »Wen beschuldigst du? ... Denn, wenn ich dich recht verstehe, so beschuldigst, du jemand ...« Und als der alte Taugenichts den Mund zu einer Antwort öffnete, setzte er hinzu: »Merke genau auf deine Aussagen! ... Du stehst vor einem Beamten ...« »Ah! Und wenn ich vor unserm Herrgott selber stehen würde, so würde ich ganz dasselbe sagen ... Der junge Schloßherr ist eine Minute vor der That an uns vorbeigegangen ...« »Chassevent, du weißt wohl, daß er nicht nach dieser Richtung ging,« unterbrach ihn Pourtois betrübt. »Wer beweist, daß er nicht im selben Augenblicke wieder zurückgegangen ist? ...« schrie der Wilddieb voll Heftigkeit ... »Uebrigens hast du ihn gar nicht gesehen, du bist auf dem Rücken gelegen ... Du bist so dick, daß man dich leicht von der Straße aus hätte sehen können ...« »Ihr fürchtetet demnach, gesehen zu werden?« fragte Carvayan. »Was hattet ihr denn dort zu thun?« »Gar nichts,« erwiderte der Vagabund in drohendem Tone. »Jeder hat seine eigene Art ... Ich zum Beispiel, ich bin des Nachts kein Freund von Begegnungen ... Es gibt so viele schlechte Leute ...« »Du gibst mithin zu verstehen, daß es wohl Herr Robert hätte sein können ...« Carvayan wagte nicht weiter zu gehen. Seine bleichen Wangen untermischten sich mit Blut. Er heftete einen flammenden Blick auf den Wilddieb, als befürchte er einen Widerruf. »Achte wohl auf die Wichtigkeit einer derartigen Aussage ...« »Ei, glaubt Ihr wohl, daß ich so viel Schonung brauchen werde! Uebrigens ist er nicht bloß von uns gesehen worden ... Die Tuboeufs von Couvrechamps haben in der Nähe des Steinbruches mit ihm gesprochen, als sie vom Tanze heimkehrten ... Da ging er mit meiner Tochter ... Ein armes, herziges Geschöpf wie sie ... Ah! ... Die niemals jemand etwas zu Leide gethan, im Gegenteil! Ah! Ah!« »Schrei nicht so,« versetzte Carvayan kalt, »es sind keine Fremden hier, dich zu hören, und uns zerreißest du ganz unnützerweise den Kopf ...« Der Wilddieb schwieg und blickte demutsvoll auf den Mann, der so gut in seinem Gewissen zu lesen verstand ... »Wenn es wirklich der junge Clairefont ist«, fuhr der Maire fort, »welcher in einem Ausbruche der ihm eigenen Gewaltthätigkeit den Mord beging, so könntest du, wenn du als Privatkläger auftreten würdest, dir leicht 20000 Franken Schadenersatz verschaffen.« Bei diesen Worten schienen die Augen des Vagabunden fast aus ihren Höhlen zu treten. Sein Rausch verflog völlig, als hätte man ihm einen Zaubertrank verabreicht. Er wurde kalt wie Stein. »Sie glauben, Herr Maire,« fragte er in süßlichem Tone, »daß man mit einem kleinen Prozeßchen von den Leuten eine beträchtliche Summe herausbringen könnte? ...« »Allerdings, ich bin davon überzeugt ...« »20000 Franken! Ah! Wenn Sie mir da mit Ihrem Rate beistehen wollten, so würde ich mir gewiß eine hübsche Versorgung auf meine alten Tage herausschlagen können ... mein guter, teurer Herr Maire ...« »Es ist meine Pflicht, das zu thun; man weiß, daß ich stets den Schwachen gegen den Starken verteidigt habe ...« »Nun, dann sind sie geliefert!« rief Chassevent mit wilder Freude aus. Er richtete sich mit triumphierender Gebärde empor, ein wenig mehr, und er hätte getanzt. »Aber, Chassevent,« warf Pourtois entsetzt ein, »Ihr wisset doch gut, daß die Kleine ›Robert! Robert!‹ gerufen hat. Mithin war er es also nicht, der sie hielt ...« »Sie rief: ›Robert!‹ wie man: ›Zu Hilfe, Mörder!‹ ruft,« unterbrach ihn Chassevent wütend. »Worein mengst du dich, du dicker Blasebalg? Wer soll deinen Aussagen glauben? Du warst so aufgeregt, daß du gar nicht mehr wußtest, was du hörtest und sahst ... 20000 Franken! ... Ganz gewiß war er es, der Lump, der Schwindler, der Verführer! ... Und wer sollte es denn sein, wenn er es nicht ist? Wer wäre stark genug, um mit einer Frau auf der Schulter in vollem Laufe über den Abhang des Steinbruches zu rennen? 20000 Franken ... Ich sage dir, daß er es ist! ... Und wenn sich jemand unterstehen sollte, das Gegenteil zu behaupten, so wird er es mit mir zu thun haben!« Der Wilddieb wies seinem Gefährten ein so finsteres, drohendes Gesicht, daß dieser mit einem tiefen Seufzer sich zum Schweigen entschloß. Carvayan wendete sich hierauf an Pourtois. »Ei, ei; mein Bester,« sagte er, »das ist etwas, das unsere Angelegenheit viel rascher vorwärts bringen wird, als alle Dummheiten des Marquis ... Wie könnte die Familie Clairefont nach einem solchen Skandal noch im Lande verbleiben? ... Ich glaube, daß Frau Pourtois noch vor Ablauf von drei Monaten in den Besitz der zwanzig Morgen Weideland, die hinter der Schenke liegen, gelangen wird ... Ihr müßt sie zu mir schicken, ich habe mit ihr zu reden ... es sind einige kleine Anordnungen zu treffen ... sie wird mich verstehen ... Sie ist glücklicherweise nicht dumm ... denn mit den Dummen läßt sich nichts machen.« Der Blick, welcher diese Worte begleitete, war so drohend, daß Pourtois vor Furcht bis auf den Grund seiner Seele erstarrte. Sein rosiges, glänzendes Gesicht wurde matt und aschfahl, die kleinen Augen sanken noch tiefer in das Fett ein, welches seine Wangen aufblies. Mit einer Miene tiefer Niedergeschlagenheit ließ er die Arme an seinem feisten Körper hinabsinken. Da kam Fleury atemlos hereingestürzt. »Alles ist in Aufregung,« sagte er, »ich habe der Polizei gehörig eingeheizt ... Ah, mein Bester, Ihr müßt rasch in die Schenke zurückkehren ... Es werden sich dort Beweisstücke finden ... Zum Teufel! Wenn nur niemand daran rührt! ...« Und schon hatte Chassevent, Pourtois vor sich herstoßend, die Hausthür erreicht mit dem Eifer eines Geizhalses, der für seinen Schatz fürchtet. In der stillen Straße blieb er stehen, drückte heftig die Hand seines Gefährten und sagte: »Du weißt, Dicker, keine Dummheiten! ... Wenn du künftighin das Unglück haben solltest, mir zu widersprechen, so schlachte ich dich ab wie ein Hühnchen! Und jetzt, da wir einig sind ... machen wir, daß wir schnell an Ort und Stelle kommen.« Im Eilschritt schlugen die beiden hierauf die Richtung nach der Schenke ein. Carvayan, mit Fleury allein, ging gesenkten Kopfes einige Minuten schweigend auf und nieder. Dann hielt er plötzlich still. »Eine schönere Rache hätte ich mir niemals wünschen können! Der freche Mensch hat es gewagt, mich anzugreifen! Ah! Er hat auch meinen Sohn beleidigt! ... Nun, und ich werde ihn vor das Schwurgericht bringen ... Alles werden sie verlieren, diese Clairefonts, Vermögen und Ehre. Nichts wird ihnen bleiben ... Und ich werde sie noch eines Tages vor meiner Thür sehen, wie sie kniefällig mich um Mitleid bitten ...« »Was haben Pourtois und Chassevent Ihnen erzählt?« fragte Fleury. »Die ganze Mordscene, der sie von weitem beigewohnt haben ... Ja, Chassevent würde auf dem Grabe seiner Tochter schwören, daß es der junge Clairefont war, der Rose ermordet hat ... Er hofft aus dem Leichnam 20000 Franken herauszuschlagen ...« »20000 Franken!« rief Fleury mit entsetzlichem Lachen aus. »Ei, für eine solche Summe hätte er, wenn man es verlangt hätte, sie selber umgebracht!« Dieser rohe Scherz fand Carvayan eiskalt. Er maß den Schreiber mit strengen Blicken und sagte in trockenem Tone: »Ich bin sehr ernst gestimmt, und ich wünsche, daß es meine Umgebung gleichfalls sei. Ich hege die feste Ueberzeugung, daß Herr von Clairefont, der ohne Zweifel einen großen Rausch hatte, was übrigens ein Milderungsgrund sein würde, das Verbrechen begangen hat ... Wenn ich ihn für unschuldig hielte, würde ich mich nicht weiter in die Sache einlassen ...« »Davon bin ich überzeugt,« erklärte Fleury, der ohne weitere Entgegnung sich in den Willen des Gebieters fügte ... »Und da ich Ihre Ansicht vollkommen teile ... so will ich, im Interesse der Unschuldigen, darüber wachen, daß die öffentliche Meinung nicht fehlgehe ...« Mit häßlichem Grinsen grüßte er sehr unterthänig und entfernte sich. Es war der letzte Morgen des Kirchweihfestes, und nachdem die Bauern ihren Rausch ausgeschlafen hatten, suchten sie noch einige Geschäfte abzuschließen. Gewöhnlich verlief dieser Schluß des Marktes still und träge, die Geschäftslust war erloschen, jeder hatte nur den einen Gedanken, baldmöglichst heimzukehren. Heute war indes ausnahmsweise eine außerordentliche Aufregung auf dem Marktplatze zu bemerken. Zahlreiche Gruppen bildeten sich, und lebhafte Wechselreden wurden zwischen den Kommenden und Gehenden getauscht. Waren es die Mehl- oder Viehpreise, um welche sich die Gespräche drehten? Nein, die Namen Chassevent und Clairefont kehrten immer wieder zurück, begleitet von erstaunten Ausrufen, leidenschaftlichen Beteuerungen und lebhaften Zurückweisungen. Wie eine ansteckende Krankheit war das von Fleury verbreitete unheimliche Gerücht bereits durch die Stadt gedrungen, sollte nun vergrößert und entstellt in dem Bezirke die Runde machen, sich über die Provinz erstrecken und alle Meinungen vergiften. Nichts konnte diesem unglücklichen Ereignisse verhängnisvoller werden, als diese Ansammlung von Fremden, welche von zehn Meilen im Umkreise herbeigeströmt waren und nun mit der von Carvayans Helfershelfern geschickt gemachten Ueberzeugung nach ihren Wohnorten zurückkehrten. In dem Kaffeehause, wo die meisten Marktbesucher sich zusammenfanden, hatte Tondeur soeben vor zwanzig Personen die Worte wiederholt, welche er eines Tages an dem Fenster der Waschkammer in Clairefont aus dem Munde der schönen Rose vernommen hatte, als Robert sie umarmte: »Drücken Sie mich nicht so stark, Sie könnten mich töten, ehe Sie sich's versehen.« Und mitten im Tabaksqualm und Gläserklirren jammerte der Holzhändler heuchlerisch: »Welch ein Unglück! Ein so guter, liebenswürdiger Mensch! Denn er hat es nicht aus Schlechtigkeit gethan, ganz gewiß nicht... Er, Tondeur, der ihn sehr genau kenne, wolle sich dafür verbürgen... Aber diese Jugend... ohne es zu wollen, nicht wahr? Er hatte eben eine stärkere Hand, als er es selbst wußte... Er habe ihn junge Bäume entwurzeln sehen, wie andere Veilchen pflücken... Er hatte mit der Kleinen gescherzt, diese hatte sich geziert... Der Vater, welcher seine Tochter suchte, war mit Pourtois herangekommen... Und um nicht überrascht zu werden, wollte der junge Mann die Schöne am Schreien hindern. Ah! es war ein wirkliches Unglück... Aber ein Verbrechen... Oh! Gewiß nicht!...« Und die Rechthaber, welche die Auffassung des Holzhändlers viel zu milde fanden, entgegneten: »Wie! Kein Verbrechen? Was denn? Ist das Mädchen tot? Ja oder nein?« Und Tondeur, mit anscheinender Bestürzung, sah sich genötigt, dies zuzugestehen ... Er nahm indes die Verteidigung wieder auf ... indem er dadurch die falschen Schlußfolgerungen, wie es seine Absicht war, mehrte ... Schließlich verdächtige man ja bloß Herrn Robert ... Habe man aber irgendwelche Beweise, daß er in der That der Urheber des Unfalles sei? Er weigerte sich hartnäckig, »des Verbrechens« zu sagen. »Ob man Beweise habe?« eiferten die Widersprecher, die im Feuer des Wortwechsels sich immer mehr erhitzten. »Jawohl! Und das Seidentuch mit dem Buchstaben R. C. , welches das Mädchen um den Hals hatte... und das man während des Tanzes nicht bei ihr gesehen hatte ... Und die Aussagen der Familie Tuboeuf? ... Und schließlich alles? ...« Daß er schuldig sei, das müsse jedermann einleuchten! ... Man müsse in der That absichtlich nichts sehen wollen, um zu wagen, dies zu bestreiten. Ja, man fragte sich, warum Herr von Clairefont noch nicht arretiert sei ... Oh! Wenn er ein Mann aus dem Volke wäre ... man hätte ihn gewiß schon, von zwei Gendarmen geleitet, durch die Stadt gehen sehen. In demselben Augenblicke zog ein dumpfes Gemurmel über den Platz hin und lockte die Kaffeehausgäste an die Fenster. In einem Jagdwagen kam Robert an der Seite des Herrn von Croix-Mesnil, den er auf den Bahnhof begleitete, über den Markt daher. Er mußte in Folge des Gedränges den Gang des Pferdes mäßigen, und ruhig lächelnd, im Gespräche mit dem Baron, fuhr er an der aufgeregten Menge vorüber. Hinter ihm rollten gleich einer lebendigen Woge Bauernvolk und Müßiggänger daher, gehässige Rufe wurden hie und da laut, wie beim Beginn einer Meuterei die vereinzelten Schüsse der Ungeduldigen. Erstaunt wendete Robert sich um und blickte nach den Leuten, die dem Wagen folgten. Er hörte, wie sie riefen: »Er reist ab, da seht hin! Er geht davon!« Robert verstand nichts von alledem, denn von den Ereignissen der verflossenen Nacht war nichts nach Clairefont gedrungen. Das Schloß war wie eine belagerte Festung, deren Besatzung keine Nachrichten von der Außenwelt erhält. Die wenige Dienerschaft verkehrte fast gar nicht in dem Städtchen; die Meierhöfe lagen weit ab, nur Rose kam von auswärts. Doch die arme Kleine sollte nicht mehr mit ihrem Gesange die kalten schweigsamen Mauern der alten Behausung erheitern. Als Antoinette, welche ihr noch am Abend zuvor Pünktlichkeit anempfohlen hatte, das Mädchen nicht kommen sah, meinte sie lächelnd: »Sie wird eben, trotz ihrer schönen Versprechungen, noch lange getanzt haben, und schläft bis in den späten Morgen.« Auf dem Bahnhofe angelangt, sprang Robert von seinem Sitze herab, ließ den Reisekoffer des Barons fortschaffen, gab sein Pferd einem der Arbeiter zum Halten, und ohne die Aufmerksamkeit zu bemerken, welche zwei Polizisten seinem Thun schenkten, trat er in den Wartesaal ein. Die beiden Polizeimänner gingen darauf auf der Plattform auf und nieder, da sie den Befehl hatten, den jungen Grafen an der Abreise zu hindern, falls er die Absicht haben sollte, sich zu entfernen. Aber er war weit davon entfernt, zu verstehen, was um ihn vorging. Nach Anlangen des Zuges verabschiedete er sich mit einem kräftigen Händedruck von dem Baron, schloß selbst die Thür des Coupés, durchschritt den Bahnhof, bestieg den Wagen und fuhr davon. Doch fühlte er sein Herz beklommen, wie es sonst bei der Abreise seines Freundes niemals gewesen. An der Brücke hielt er still und wartete das Vorüberrollen des Zuges ab. Da erblickte er durch das Fenster eine Hand, die ihm winkte, und ein Gesicht, das ihm zulächelte, bis bei einer Wendung des Weges alles in einem weißen Rauchwirbel verschwand. Und im Schritt fuhr er sodann weiter, und fragte sich, weshalb er so traurig sei. Doch diese unbestimmte niederdrückende Empfindung verflüchtigte sich gar bald, bekämpft von seiner kräftigen Natur. Er setzte sein Pferd in Trab und nahm sich vor, nicht wieder mitten durch den Ort zu fahren, um das Gedränge, welches ihm zuvor die Straße versperrt hatte, zu vermeiden. Er nahm den Weg über die mit herrlichen Platanen bepflanzte Promenade, welche sich rings um Neuville hinzieht. So hatte er fast das äußerste Ende des Städtchens erreicht und war bis zum Fuße der Anhöhe gelangt, über welche der Weg nach Clairefont führt, als er mitten in eine Gruppe von Fabrikarbeitern geriet, die vor der Thür eines Wirtshauses Chassevent anhörten, der nun so betrunken war, daß er sich kaum auf den Füßen zu halten vermochte, und in schleppendem Tone mit melodramatischen Zusätzen wohl zum hundertstenmal den Tod seiner Tochter erzählte. Bei Roberts Anblick erhob sich ein Schreckensgemurmel, die Leute scharten sich in feindseliger Haltung zusammen. Von der drohenden Stimmung seiner Umgebung ermutigt, trat der Vagabund taumelnd an den Wagen heran, und, indem er das Pferd beim Gebiß zu fassen versuchte, schrie er: »Hier ist er, der Mörder! Hier ist er! Rache!« Mit unsicherer Hand war es ihm endlich gelungen, die Zügel zu erfassen, doch ein Meisterhieb, der auf seine Finger niedersauste, bewirkte, daß er sie rasch wieder losließ. Heulend wich er zurück, und von der Deichsel fortgestoßen, wäre er unfehlbar unter die Räder geraten, wenn der Graf ihn nicht von seinem Sitze aus mit kräftiger Hand gepackt und bis an die Thür der Schenke geschleudert hätte... »Ah! Zuerst die Tochter ... dann der Vater! ...« brüllte der Wilddieb... »Helft mir, meine Freunde! Packen wir ihn und liefern wir ihn der Gerechtigkeit aus! ...« In einem Augenblicke sah sich Robert von Männern mit zornigen Gesichtern und erhobenen Armen umgeben. Vor der Schenke standen etliche Weiber, welche ein durchdringendes Gekreisch erhoben, und aus der Rue du Marché strömte den Angreifern Verstärkung zu. Chassevent, vor Zorn und Trunkenheit stammelnd, hatte einen neuen Angriff unternommen und versuchte, sich auf den Wagensitz emporzuschwingen. Doch der Graf verlor seine Kaltblütigkeit nicht; er zog die Zügel straffer an und ließ das Pferd sich bäumen. Sodann versetzte er dem Wilddieb mit dem Peitschenstiel einen so kräftigen Schlag, daß dieser trotz seiner dicken Mütze und des Tuches, welches er um den Kopf gewunden hatte, halb tot in den Staub hinrollte. Dieses Kraftstückchen lichtete gar sehr den Kreis, der den Wagen umringte. Plötzlich erschien Fleury und schrie mit starker Stimme den Arbeitern zu: »Was macht ihr da? ... Hebt diesen Mann auf und wartet auf mich ...« Hierauf stürzte er zu Robert hin, dem er mit Heftigkeit den Arm preßte: »Unvorsichtiger! Hüten Sie sich, der allgemeinen Entrüstung zu trotzen ... Fahren Sie davon ... ohne eine Minute zu zögern ... Ich komme soeben aus dem Schlosse. Ich wollte Sie benachrichtigen ... Ihre Tante und Ihre Schwester wissen alles ... sie werden Sie überzeugen...« »Aber um was handelt es sich denn?« fragte der Graf, der seine Ruhe zu verlieren begann, »habe ich es mit Wahnsinnigen zu thun?« Der Schreiber warf dem jungen Manne einen strengen Blick zu und erwiderte mit traurigem Ernste: »Die kleine Rose ist heute nacht erdrosselt aufgefunden worden ... Man hält Sie für den Thäter ... Streiten wir hier nicht ... Suchen Sie vor allen Dingen in Sicherheit zu kommen ... Fahren Sie davon, es ist das Beste ...« »Aber das ist eine Niederträchtigkeit!« rief Robert aus. »Um des Himmels willen, kehren Sie rasch nach Hause zurück,« sagte Fleury, indem er mit dem Finger auf die erzürnte Menge wies, die sich von Sekunde zu Sekunde vergrößerte. Damit versetzte er dem Pferde einen kräftigen Hieb in die Flanken, daß es wie ein Pfeil davonjagte, und zwang den Grafen auf diese Weise sich zu entfernen. Ohne sich weiter um die stetig wachsende Aufregung des Volkes zu kümmern, eilte der Schreiber nach dem Hause der Rue du Marché. Es war elf Uhr vormittags. Seit dem Morgen war die Zeit von Carvayans Verbündeten zu ihrem Vorteile gehörig ausgenutzt worden. Das Netz, welches in seinen verräterischen Maschen Robert festhielt, umschlang ihn mit jedem Augenblicke fester und fester, und je mehr der unglückliche Gefangene sich zu befreien streben würde, desto enger würden die Fäden sich zusammenziehen. Nach einer unruhigen, schlaflos verbrachten Nacht, während welcher Pascal mit Bitterkeit die schmerzlichen Ereignisse, die seiner Heimkehr nach Neuville gefolgt waren, nochmals überdachte, stand der Entschluß in ihm fest, die Frage seiner Abreise noch am selben Tage endgültig mit seinem Vater zu besprechen. Der Gedanke, noch länger in der Heimat weilen zu müssen, wo alles ihn kränken und beleidigen mußte, war ihm unerträglich. Er mußte fort, weit fort nach fernen Ländern, wohin nicht einmal ein Echo von dem Zwiste dringen konnte, dem er entflohen, und wo er das Recht haben würde, in seiner Erinnerung, wie in einem, geheimnisvollem Kultus geweihten Heiligtume das lächelnde Bild derjenigen zu bewahren, die er anbetete. Um die Frühstücksstunde verließ er sein Zimmer und wollte eben in das Erdgeschoß hinabsteigen, als er auf dem Flur die Magd traf, welche mit verzweifelter Gebärde zu erzählen anfing: »Ach! Herr Pascal, Sie wissen die Neuigkeit noch nicht? Der junge Schloßherr hat die schöne Rose Chassevent umgebracht...« Und da er regungslos blieb, sich fragend, ob das Mädchen wohl bei Sinnen sei... fuhr diese fort: »Jawohl, mein lieber Herr. Der Schreiber des Friedensrichters ist gerade unten im Kabinett des Herrn, dem er den Stadtklatsch erzählt, denn gesprochen wird darüber, ach, und wie! Alles ist drunter und drüber!« Es schien Pascal, als sei die enge Treppe ein schwarzer Schlund, auf dessen Grunde Carvayan mit dämonischem Hohnlachen triumphierend grinste. Ein Schwindel überkam ihn, er mußte sich an der Mauer halten, um nicht niederzusinken. An diesem fürchterlichen Gegenstoß, welcher so rasch der erlittenen Beleidigung folgte, erkannte er die Hand seines Vaters. Ja, wenn Robert beschuldigt war, so konnte die Anklage nur von seinem Vater ausgehen. Es wurde ihm kalt ums Herz. Eine Vision schwebte ihm vor, die ihm Antoinette an der Seite ihres sterbenden, verzweifelten Vaters zeigte. Er gedachte der trüben Vorahnungen, die ihn am ersten Tage seiner Heimkehr an der Thür von Pourtois' Schenke beschlichen hatten, als er sich dem Parke gegenüber befand. Das vorherempfundene Unglück war nun in Wirklichkeit hereingebrochen. Aber hatte er nicht auch davon geträumt, daß er es war, der das junge, verlassene Mädchen dem bösen Verhängnis entriß? Auf der Schwelle dieses Zimmers, welches einst das seiner Mutter gewesen, glaubte er nochmals die Stimme der Sterbenden zu vernehmen, die ihm die erhabenen Worte zuflüsterte: »Sei gut im Leben! Man soll gut sein ...« In abergläubischem Schrecken wendete er sich um, als glaubte er den teuren Schatten hinter sich erscheinen zu sehen. Wie vor einem Befehle von oben neigte er die Stirn und murmelte: »Sei ruhig, teure Mutter, dein Wunsch soll erfüllt werden.« Nun hatte er seine volle Geistesgegenwart und seinen ganzen Mut wiedergefunden, und er hielt sich für stark genug, Heldenthaten zu vollbringen, und selbst den unüberwindlichsten Widerstand zu besiegen. In einem Augenblick hatte er die Entschlüsse vergessen, welche er in der Nacht gefaßt. Seine Gedanken bewegten sich in einer völlig anderen Richtung. Er sah sich nicht länger zu der Unthätigkeit verurteilt, welche ihn als den Mitschuldigen all des Uebels erscheinen ließ, das gegen die Familie Clairefont ins Werk gesetzt wurde. Er hoffte nun Gelegenheit zu finden, in den Kampf eintreten und vermittelnd einwirken zu können. Die ganze Nacht hatte er sich gelobt, abzureisen, und in einer Sekunde entschied er sich zum Bleiben. Er fand dies ganz natürlich. Ist denn das Wesen der Liebe selbst nicht voller Widersprüche? Er nahm eine ruhig lächelnde Miene an, ehe er bei seinem Vater eintrat. Als Fleury, der mit Lebhaftigkeit sprach, seiner ansichtig wurde, hielt er plötzlich inne, wurde verlegen und seine schielenden Blicke fuhren unruhig umher. »Da haben wir's,« sagte Carvayan mit lauter Stimme, indem er seinem Sohne entgegenging, »sie sitzen nun in einer hübschen Klemme, die stolzen Leute, die sich zu hoch halten, sich uns gegenüberzusehen.« »Man hat mir soeben alles erzählt,« unterbrach ihn Pascal. »Nun, was sagst du dazu?« »Was sagt das Gericht dazu?« entgegnete der junge Mann. »Das Gericht zeigt sich außerordentlich schwach. Es schwankt zwischen der Gewißheit, welche aus den thatsächlich vorhandenen Beweisen hervorgeht, und zwischen dem moralischen Zweifel, der die Folge einer ehrenhaften Vergangenheit ist... Alle diese Beamten sind im Grunde Reaktionäre, und sie zögern, den Sohn eines Marquis zu verhaften. Sie haben nach Rouen an den Staatsanwalt telegraphiert... und warten nun auf seine Antwort... Während dieser Zeit gerät die hiesige Bevölkerung in Aufruhr... und ohne Fleury, der gerade rechtzeitig dazwischentrat, wäre der Angeklagte von den Arbeitern gelyncht worden. Man spricht davon, daß die Leute für morgen eine öffentliche Demonstration planen... Ich habe soeben dem Polizeikommissär und dem Hauptmann der Gendarmerie erklärt, daß, wenn der Bursche nicht noch heute abend verhaftet wird, ich für die Ordnung in Neuville nicht mehr bürgen kann...« »Das Beste, was Herr Robert thun könnte, wäre abzureisen, solange er noch Zeit dazu hat,« sagte Fleury in süßlichem Tone... »Ist er einmal den Leuten aus dem Gesichte, würde sich in kurzer Zeit alles beruhigen... Das versuchte ich auch den Schloßdamen begreiflich zu machen... Aber bei den ersten Worten schon erhob sich Fräulein Antoinette mit leichenblassem Gesichte und zornsprühenden Blicken: ›Niemals!‹ rief sie. ›Abreisen, das hieße seine Schuld gestehen... Wir wissen, woher diese Verleumdung rührt... Wir werden sie in ihr Nichts zurückführen!‹ ... Sie beschuldigte ganz offen den Herrn Maire und vielleicht auch ein wenig mich selbst. Aber ich ließ mich keineswegs aus der Fassung bringen. Ich bestand auf meinem Vorschlag und gab zu verstehen, daß der Pöbel von Neuville, der sehr erregt sei, das Schloß stürmen könnte... Darauf sprang die alte Saint-Maurice in die Höhe, rot wie Feuer und fluchend wie ein Trainsoldat: ›Sie sollen nur kommen!‹ schrie sie. ›Es fehlt nicht an Waffen in der Gewehrkammer ... Und sie sollen sehen, ob die Frauen unseres Hauses nicht so viel wert sind, als Männer... Auf dem Getreideboden steht noch ein Steinmörser, der früher bei Feuerwerken gebraucht wurde, den lasse ich in den Hausflur hinunterschaffen, und wenn es jemand wagen sollte, nur die Klinke unseres Thores zu berühren, so schieße ich die Canaille nieder!‹ Und dabei fluchte und wetterte die Alte in unglaublicher Weise. Wie wollen Sie solche Querköpfe zur Raison bringen? Der Marquis war in seinem Turme eingeschlossen wie eine Eule, um in irgend einem Zauberbuche zu lesen oder die Luft der ganzen Umgebung mit seinen chemischen Versuchen zu verpesten... Unmöglich, ihn zu sehen... So stupid er auch ist, so würde er die Situation doch besser verstanden haben, als die alte Hexe...« »Aber sie scheint dieselbe doch ausgezeichnet gut zu verstehen,« entgegnete Pascal ruhig, »und hält gegen Freund und Feind die Unschuld ihres Neffen aufrecht... Wie Fräulein von Clairefont es ganz richtig bezeichnete: Fliehen heißt gestehen... Und Graf Robert ist ohne Zweifel gewillt, sich zu verteidigen... Er dürfte vielleicht in der Lage sein, gültige Beweise seiner Unschuld zu liefern ... Ein Alibi wäre entscheidend... Wer weiß, ob er dies nicht wird beibringen können...« »Das wird er wohl bleiben lassen!« schrie Carvanan, den die Opposition seines Sohnes um die ganze Ruhe brachte. »Das kannst du nicht wissen, Vater.« »Willst du ihn etwa verteidigen?« »Und willst du ihn etwa anklagen?« Sie standen einander gegenüber, beide mit gleich fester Sprache; Pascal, völlig ruhig und selbstbewußt, wollte genau ergründen, wie weit sein Vater an der Intrigue beteiligt war, welche Robert umgarnte; Carvayan, im höchsten Grade aufgeregt, war in seinem Zorne nahe daran, seinem Haß in heftiger Weise Luft zu machen. »O nein! Gewiß nicht!« warf Fleury in versöhnlichem Tone dazwischen. »Ihr Vater wird ihn nicht anklagen. Wozu auch? Der Herr Maire ist wie immer nur um das öffentliche Wohl besorgt... Vor Ihnen sprechen wir ganz offen, und erwägen Für und Wider... Seien Sie versichert, daß, wenn Herr Carvayan die ganze Sache unterdrücken könnte, er es sicherlich thun würde... Er ist der erklärte Gegner des Herrn von Clairefont... Er bekämpft ihn auf politischem und finanziellem Gebiete... aber aus einem solchen Unglück Nutzen ziehen! Brauche ich Ihnen erst zu sagen, daß er daran nicht einmal dachte?... Und dennoch, wäre er nicht dazu berechtigt?... Schreckten seine Gegner je vor den ärgsten Mitteln zurück? Sie haben es gestern abend selbst empfunden... Wenn wir die Schuldlosigkeit des unglücklichen jungen Mannes beweisen könnten, wir wären gewiß gleich dazu bereit... Aber unglücklicherweise unterliegt die Sache gar keinem Zweifel... Es ist dies, sehen Sie, die letzte Stufe, bis zu welcher diese Familie in nun mehr als dreißig Jahren unaufhaltsam hinabgesunken ist... Als ich die Ehre hatte, Ihnen zum erstenmal hier zu begegnen, waren Sie gerade Augenzeuge einer jener Gewaltthaten, welche man von dem Unglücklichen zu sehen gewohnt ist ... Ich hielt mich damals nicht für einen so guten Propheten, als ich Ihnen sagte, daß Sie eben rechtzeitig angelangt seien, um den letzten Phasen des Kampfes beizuwohnen, der zwischen Ihrem Vater und Herrn von Clairefont geführt wird ... Nun denn, der Kampf ist vorüber ... Er endet in Schmutz und Blut...« »Und daran sind wir nicht schuld,« hub Carvayan in barscher Weise wieder an, da ihm die süßliche Auseinandersetzung Fleurys die Nerven erregt hatte... »Zum Henker! Ich bin doch gewiß nicht verpflichtet, diese Leute zu lieben. Würde ich mich in ähnlichem Falle befinden, es würde ihnen auch nicht einfallen, mich zu schonen!« Damit griff er nach seinem Hute und warf dem Schreiber einen bezeichnenden Blick zu. »Ich gehe aufs Rathaus; kommen Sie mir sogleich nach...« »Ich werde dich begleiten, Vater,« sagte Pascal, »wenn ich dich nicht störe... Ich bin begierig, zu sehen, wie es in der Stadt hergeht...« »Ah! Ah! mein Sohn, du fängst an, Geschmack an der Sache zu finden... Nun, wer weiß? Das schlägt ja in dein Fach, du wirst vielleicht in die Lage kommen, uns einen guten Rat zu geben...« »Wenn sich dazu Gelegenheit bieten sollte,« entgegnete Pascal kalt, »so sei gewiß, daß ich es nicht unterlassen werde.« Darauf schritten alle drei aus dem Hause. Im Schlosse war dem ersten Schrecken ruhige Ueberlegung gefolgt. Im Wohnzimmer saßen Tante Isabella, Robert und Antoinette in Beratung beisammen. Die Erklärungen des Schreibers und die Kundgebungen auf der Straße waren sicherlich höchst ernster Natur. Der alte Germain, den man nach dem Meierhofe geschickt, brachte die Bestätigung des Attentates. Rose war tot, und Robert wurde des an ihr begangenen Mordes beschuldigt. Zwischen den Verwünschungen und Flüchen der Tante Isabella und der erschreckenden Ruhe Antoinettes wurde Robert von den widerstreitendsten Gefühlen gefoltert. Zuerst sagte er sich, daß die gegen ihn erhobene Anklage von selbst fallen müsse und keinerlei Folgen haben könne; er lachte dann nervös auf und schwur allen denen furchtbare Rache, die den Verdacht auf ihn gelenkt hatten. Sodann suchte er wieder die Thatsachen zu ordnen, welche seine Unschuld beweisen sollten; aber mit Entsetzen fing er an zu bemerken, daß alles dazu beitragen mußte, ihm den Anschein der Schuld zu geben. Er war, ohne von jemand gesehen zu werden, bei Tagesanbruch durch die kleine Parkthür ins Schloß zurückgekehrt. Die ganze Zeit, die zwischen seiner Entfernung vom Tanzsaale und seiner Nachhausekunft lag, hatte er in der Nähe des Steinbruches zugebracht. Dort war man ihm begegnet, man hatte mit ihm gesprochen; das war gewiß, war nicht hinwegzuleugnen. Und bei der Erinnerung an jene glücklich verlebten Augenblicke in der milden, füllen Sommernacht, an der Seite des reizenden Mädchens mit dem heiteren Lachen, empfand er einen grausamen, herzzerreißenden Schmerz. War er nicht unfreiwillig die Ursache von Roses frühzeitigem Tode geworden, indem er sie, die sich entfernen wollte, so lange zurückhielt? Er hatte sie nur durch wiederholtes inständiges Bitten zum Bleiben bewogen. Er erinnerte sich gar wohl, wie sie gebeten: »Lassen Sie mich doch gehen. Ihre Schwester erwartet mich morgen früh, Sie werden schuld sein, wenn ich gescholten werde... Wenn Sie mir so viel zu erzählen haben, so kommen Sie ans Fenster der Wäschekammer, und während ich arbeite, wollen wir plaudern...« Die Straßen waren in dem Augenblick noch voll von Menschen gewesen, sie wäre mit ihnen ruhig nach Couvrechamps heimgekehrt, und anstatt heute kalt und stumm dazuliegen, würde ihr munterer und fröhlicher Gesang jeden erfreuen. Thränen traten ihm in die Augen, und der so energische, kräftige junge Mann begann mit einem Male wie ein Kind zu schluchzen. Zu Tode erschreckt sahen ihn die beiden Frauen an. Wenn Robert sich einer solchen Schwäche hingeben konnte, mußte er von fürchterlicher Unruhe gepeinigt sein. Eine geheime Scheu hielt alle Fragen auf Antoinettes Lippen zurück. Was war zwischen ihrem Bruder und dem Mädchen vorgefallen? Es mußte sicherlich ein Liebeshandel gewesen sein, der beim Feste seinen Anfang genommen und der durch die wahnsinnige That eines Eifersüchtigen unterbrochen wurde. Um die Thatsachen klarzustellen und vielleicht zur Entdeckung der Wahrheit zu gelangen, mußte man Robert um alles befragen, mußte man ihn dahin bringen, sich offen auszusprechen... Er sprach nur von unbestimmten Einzelheiten, da, wo die peinlichste Genauigkeit unerläßlich war. Aber war Tante Isabella nicht da, um alles ans Licht zu bringen? Sie würde nicht davor zurückscheuen, ihn zu fragen, und der junge Mann würde nicht zögern, ihr ohne Umschweife zu antworten. Dann konnte man erst wissen, welche Beweisgründe geltend zu machen waren, zu welchen Verteidigungsmitteln man greifen müsse. Es war unmöglich, daß der Irrtum nicht alsbald erkannt werden sollte. Die Gerichtsbarkeit mußte die Wahrheit erkennen, sie wenigstens trat der Sache unparteiisch entgegen. Die öffentliche Meinung, welche nach Fleurys Aussage gegen Robert so erbittert that, war irre geleitet worden. Es war unschwer zu erraten durch wen. In dieser gehässigen That verriet sich die Hand Carvayans. Es war seine Antwort auf die gestrige Beleidigung. Man war dafür bestraft und wußte nun, mit welch gefährlicher Kühnheit er seine Pläne zur Ausführung bringen konnte. Der ersten augenblicklichen Entrüstung, als Fräulein von Saint-Maurice stolz ausrief: »Aber es ist unmöglich, daß man einen Clairefont verdächtige!« war ein blinder Schrecken gefolgt, wie ihn Kinder vor der Finsternis empfinden, die sie mit den schrecklichsten Phantomen ihrer eigenen Einbildungskraft erfüllen. Man wußte in Wirklichkeit weder etwas Bestimmtes von dem Vorgefallenen, noch von dem, was zu befürchten stand; aber gerade dieses Unklare, Geheimnisvolle war viel schwerer zu ertragen, als es die volle Sachkenntnis gewesen wäre. Ueber den Thatsachen lag ein Dunkel, welches die Unglücklichen ohnmächtig in seinen Schrecknissen gebannt hielt. Ihre Hauptsorge war, dem Marquis die Sachlage zu verheimlichen. Der Gedanke, der Vater könnte von dieser gegen seinen Sohn erhobenen Klage etwas erfahren, schien ihnen völlig unerträglich. Die Ruhe des alten Mannes mußte vor allen Dingen und um jeden Preis gewahrt bleiben. Der Marquis war von seiner Umgebung stets wie ein verzogenes Kind behandelt worden. Die Familie hatte willig seinen Despotismus ertragen und selbst seinen unsinnigsten Launen sich gerne gefügt. Alles geduldig hinnehmen, nur um dem Marquis jede Sorge zu ersparen, war das Losungswort auf Schloß Clairefont. Die Kinder und die Tante von Saint-Maurice hatten sich gleichfalls diesem Gesetz unterworfen, Antoinette und Robert mit kindlicher Zärtlichkeit, das alte Mädchen mit häufigem Unwillen, dessen Ausbrüche sie manchmal nur sehr schwer unterdrücken konnte. Man hatte geschwiegen, selbst als die Gefahr des Vermögens-Zusammenbruches herannahte; nun hieß es, eher sterben, als dem Alten von dem Verhängnis zu sprechen, welches drohend heranzog, um die Familie mit Unehre zu bedecken. Das erste Wort der Tante Isabella war daher: »Bringen wir den Marquis nach Saint-Maurice.« Doch Antoinette, die stets, selbst inmitten all des Jammers, ruhig und vernünftig blieb, entgegnete sofort: »Er würde nirgends besser aufgehoben sein, als in Clairefont. In seinen abgesondert liegenden Gemächern ist er tausend Meilen von der Welt entfernt... Er liest keine Zeitung, verlaßt niemals das Schloß... Er kann, was auch kommen mag, in vollster Ruhe bleiben. Sobald es übrigens durchaus notwendig ist, daß wir ihm irgend etwas sagen, so werden wir wenigstens den geeignetsten Augenblick dazu wählen und das Maß bestimmen können, wie weit wir mit unseren Enthüllungen gehen dürfen.« So saßen sie alle drei wartend in dem kleinen Wohnzimmer des Erdgeschosses, voll peinlicher Unruhe, die ihnen unerträglicher dünkte, als das Unglück selbst, mit gespanntem Ohre jedem Geräusche, das von außen hereinklang, lauschend, den Blick starr auf die staubige, kahle Straße von Clairefont gerichtet, die sich über den grünen Hügel zum Schlosse heraufzog. Diese Straße war es, auf welcher die Gefahr nahen mußte. Und in den Augen der Tante von Saint-Maurice blitzte zuweilen der schlecht verhehlte Wunsch auf, Widerstand zu leisten. Die ruhig dahinstreichenden Stunden stählten indes ihren Mut. War diese gewonnene Zeit nicht ein Beweis von der Grundlosigkeit ihrer Befürchtungen? Wenn die Gerichtsbarkeit sich zum Einschreiten genötigt gesehen hätte, würde sie dies nicht schon zur Ausführung gebracht haben? Sie kannten die moderne Gesetzführung nicht, wußten nichts von den Bedenken der Beamten und von den Schlichen des Maires, noch von der geheimen, diskreten Ueberwachung der Polizei. Wie ein in der Falle gefangenes Tier, das keinen Ausweg findet, blieben sie regungslos in sich selbst versunken, zwischen Furcht und Hoffnung gebannt und von den fürchterlichsten Zweifeln gefoltert. Gegen vier Uhr, wenn die Hitze des Tages sich gelegt hatte, pflegte der Marquis seine Zimmer zu verlassen, um an der Seite seiner Tochter einen Spaziergang im Parke zu machen. Niemals hätte Antoinette diese Stunde versäumt, und wenn der Gelehrte die Treppe hinabstieg, kam seine liebliche Begleiterin, die ihn erwartete, ihm schon lächelnd entgegen. Die Aufregung, in der sich alle befanden, ließ Antoinette heute den Greis vergessen. Ohne gehört morden zu sein, war dieser bis in die Mitte des Zimmers getreten, und hatte leise die Hand auf Antoinettes Schulter gelegt. »Ei, ei, muß ich heute meine Antigone erst aufsuchen?« sagte er lächelnd. Alle hatten sich rasch erhoben und standen regungslos und zitternd da. Das plötzliche Erscheinen des Familienoberhauptes hatte ihnen das Schreckliche ihrer Lage plötzlich noch klarer gemacht. Robert fand zuerst seine Geistesgegenwart wieder. »Ach, Papa, du bist uns heute zuvorgekommen. Aber das trifft sich ja reizend, wir wollen alle mitsammen in den Park gehen. Erlaube, daß ich heute, die Stelle der Schwester vertrete und dir den Arm reiche ... Sie wird wohl so lieb sein, mir für dieses eine Mal ihr Vorrecht zu überlassen ...« In dem Tone des jungen Mannes lag eine so tiefe Traurigkeit, daß Antoinettes Augen sich mit Thränen füllten. Es schien ihr, als sei dies der letzte Spaziergang, den der Bruder an der Seite des nichts ahnenden Vaters durch den schönen Park unternehme, in welchem ihre Kindheit verflossen war. Sie fürchtete, sich nicht länger beherrschen zu können, und ohne ein Wort zu sprechen, gab sie mit einem Kopfnicken ihre Einwilligung. Der Alte, auf den Arm des Sohnes gestützt, stieg sorglos die Stufen der Freitreppe hinab, während er wie stets von den Arbeiten zu sprechen begann, die ihn tagsüber beschäftigt hatten. Tante Isabella stöhnte laut auf und fuhr ungestüm mit dem Taschentuche über die Augen: »Antoinette, ich kann mit einer solchen Last auf dem Herzen nicht länger leben!« schrie sie. »Nein! Das ist stärker als ich: ich fühle, daß ich einen so harten Schlag nicht überleben werde! Robert! mein Neffe, der letzte der Clairefonts und der Saint-Maurices ... arretiert wie ein gemeiner Strauchdieb! ... Und wenn er schon gar das Mamsellchen ein bißchen zu stark gedrückt hat ... Das große Unglück! ...« Antoinette erbleichte, und der alten Saint-Maurice einen stammenden Blick zuwerfend, fragte sie: »Tante! Sie könnten annehmen? ...« »Ei, was weiß ich? Der Marquis, sein Vater, hat noch ganz andere Streiche verübt; nur daß zu jener Zeit die Dirnen sich weniger sträubten oder nicht gleich daran starben ...« »Aber er hat uns sein Wort gegeben, daß er an dem Unglücke nicht schuld ist!« »Das ist wahr! Ach! Ich verliere den Verstand! Du weißt, wie gern ich ihn habe, den lieben Jungen. Es ist leider sehr schlecht von mir, aber für ihn hätte ich die ganze Familie hingegeben! ... Dafür bin ich nun hart bestraft, denn ich leide entsetzlich! ... Siehst du, wenn eine alte, hartherzige Seele, wie ich, sich gehen läßt, muß sie schon einen gewaltigen Kummer empfinden ... Mein armer Robert! ... Mein teurer Junge! Ach! ...« Und in einem Anfalle heftiger Verzweiflung brach Tante Isabella in lautes Schluchzen aus. Antoinette kniete nieder, umschloß sie mit ihren Armen und bemühte sich, ihr Trost zuzusprechen. »Nein,« schrie das alte Mädchen, »nein! Wenn man ihn fortführt, so begleite ich ihn, ich werde den Kerker mit ihm teilen ...« »Aber Tante, das ist ja unmöglich! ...« »Weshalb?« sagte Fräulein von Saint-Maurice, plötzlich beruhigt ... »Unter der Schreckensherrschaft ... man hat es mir oft genug erzählt, war meine großelterliche Familie auch im Gefängnis beisammen ...« »Aber wir leben ja nicht mehr unter der Schreckensherrschaft,« entgegnete Antoinette, die sich eines Lächelns nicht erwehren konnte. »So? Und wie nennst du eine Zeit, in welcher derartige Greuel, wie man sie uns anthut, sich ereignen können? Ach! Das ist das Ende der Welt!« »Werden Sie ruhig, beste Tante, wir müssen zu meinem Vater gehen ... Lassen Sie es ihn nicht sehen, daß Sie geweint haben.« »Sei ruhig, ich werde mich fest zeigen.« Hierauf wollten sie auf die Terrasse hinausschreiten, als die Thür geöffnet wurde und der alte Germain mit verstörtem Gesichte auf der Schwelle erschien. »Was gibt es?« fragte Antoinette entsetzt. »Herr Jousselin ist hier, gnädiges Fräulein,« stammelte der treue Diener, »der Polizeikommissär ... Herr Jousselin.« So war denn die gefürchtete Stunde, von der man insgeheim gehofft, daß sie nicht kommen werde, unabweisbar erschienen. »Lassen Sie ihn eintreten ... Doch nein, man könnte ihn vom Garten aus bemerken ...« Die beiden Frauen tauschten einen Blick voll Schrecken, und wie im Traume wandelnd erreichten sie den Vorsaal. Ein dicker, schwarzgekleideter Mann trippelte in ungeduldiger Erregung hin und her. Als er die Damen gewahr wurde, nahm er ehrerbietig den Hut ab und sagte, sich an Antoinette wendend: »Gnädiges Fräulein, ich wünsche Ihren Herrn Bruder zu sprechen ...« »Er ist augenblicklich im Parke mit meinem Vater, mein Herr. Muß ich ihn rufen lassen?« »Ich wäre Ihnen dafür sehr verbunden ...« Darauf folgte ein peinliches Stillschweigen. Der Beamte zögerte, vor dem jungen, schönen, sichtlich tief erregten Mädchen zu sprechen. Die beiden Frauen hatten eine Frage auf den Lippen, die auszusprechen sie nicht wagten. Tante Isabella vermochte indes die Ungewißheit nicht länger zu ertragen. »Kommen Sie vielleicht, um ihn uns zu nehmen, mein Herr?« fragte sie mit wilder Miene. »Gnädige Frau ... mein Amt legt mir eine peinliche Pflicht auf ...« Das alte Mädchen duldete diesmal, daß sie mit »gnädige Frau« angeredet wurde, was sie bei jeder anderen Gelegenheit in derber Weise gerügt hätte. »Mein bester Herr,« hob sie in großer Aufregung wieder an, »Sie sind, wenn ich nicht irre, ein Sohn jenes Jousselin, welcher einst bei meinem Vater in Saint-Maurice Verwalter war ... Ja? Nun, dann vereinigen Sie doch Familienbande mit uns ... Sie werden brave Leute nicht zur Verzweiflung bringen wollen ... Mein Neffe ist nicht schuldig. Habe ich nötig, Ihnen dies zu sagen? Was soll geschehen, damit er auf freiem Fuße bleibe? Wenn es eine Geldfrage ist, so soll sie geordnet werden ...« Der Kommissär machte eine verneinende Gebärde. »Es ist durchaus unerläßlich, daß Herr von Clairefont mir folgt ...« sagte er sanft, denn er empfand aufrichtiges Mitleid mit den beiden Frauen ... »Ich werde in der Ausführung meiner Befehle die größtmögliche Schonung obwalten lassen ...« »Ach, mein Herr, es ist nur meines Vaters wegen, daß ich Sie darum ersuche,« rief Antoinette aus. »Bis nach der Freisprechung meines Bruders darf er von nichts wissen ...« »Gnädiges Fräulein, Sie sehen, daß ich allein ins Schloß eingetreten bin ... Die Polizeidiener warten draußen... Wenn Ihr Herr Bruder sein Wort gibt, mir ohne Widerstand zu folgen, so werden wir uns ohne Aufsehen mitsammen entfernen ... Ich glaube mit diesem Vorgehen Ihnen zu beweisen, daß ich nicht vergessen habe, was meine Familie der Ihren schuldet.« Fräulein von Clairefont neigte den Kopf. »Ich danke Ihnen, mein Herr, und ich bürge für meinen Bruder ... Ich werde ihn sogleich in Kenntnis setzen ... Bleiben Sie, Tante ... Sie können noch hier mit ihm sprechen, ehe er fortgeht ...« Längs der Terrasse auf und nieder wandelnd, schritten der Marquis und sein Sohn am Fuße des Fensters vorüber. Der Alte plauderte mit kindischer Freude von den wissenschaftlichen Versuchen, die seinen Geist beschäftigten, Robert war bemüht, die Thränen zurückzuhalten, die aus seinem Herzen ihm brennend heiß in die Augen stiegen. Es war ihm, als sollte er für immer alles verlassen müssen, was ihn umgab, und mit nie gekannter Rührung betrachtete er das Haus, den Himmel, die Bäume, die Blumen, die ihm niemals so schön erschienen waren, Gefühle, wie er sie nie empfunden, erwachten in seiner Seele: er bereute seinen bisherigen Leichtsinn, verdammte sein unthätiges Leben und verwünschte den Kummer, den er seinem Vater verursacht. Gern hätte er für all dies büßen mögen, und da er in seinem tiefsten Inneren zu erkennen anfing, daß sein Unglück die notwendige Folge seines bisherigen Lebens sei, wollte er es als gerechte Sühne hinnehmen. Von ferne sah er seine Schwester herankommen. Die Erregung ihrer Züge sagte ihm alles; er ließ ihr nicht Zeit, zu sprechen, fragte vielmehr rasch, voll Todesangst: »Kommst du, um mich abzulösen?« Sie senkte traurig den Kopf. »Im Salon erwartet dich jemand ...« »Gewiß wollt ihr irgend einen Ausflug vereinbaren,« sagte der Alte voll Zärtlichkeit. »Geh, mein Sohn, laß nicht auf dich warten ...« Die beiden jungen Leute erbebten unter diesem entsetzlichen Irrtum. Robert umarmte den Vater, und berührte mit seinen zitternden Lippen die weißen Haare des Greises, sodann reichte er seiner Schwester die Hand, ohne zu wagen, dieselbe gleichfalls zu umarmen. »Leb wohl,« sagte er rasch und entfernte sich. Hierauf setzten Vater und Tochter ihren Spaziergang fort, doch diesmal ohne zu sprechen, als ob in der sie umgebenden Luft sich irgend ein geheimnisvolles Etwas von dem Schmerze Antoinettes verbreitet hätte, das sich dem Herzen des Marquis mitteilte und es mit plötzlicher Traurigkeit erfüllte. Nachdem er sich mit vieler Mühe den stürmischen Klagen der Tante Isabella entrissen hatte, schritt Robert in Begleitung Jousselins auf der Straße nach Couvrechamps dahin. Die Gendarmen waren vorausgegangen, und nur zwei in Civil gekleidete Polizeimänner folgten in angemessener Entfernung. Auf dem Wege befragte der Kommissar in geschickter Weise, als wäre dies bloß eine unbefangene Plauderei, seinen Gefangenen über die Ereignisse der vorigen Nacht. In seiner überreizten Stimmung erzählte Robert, der zudem auch nichts zu verheimlichen hatte, seinem Begleiter alles, seine schon längere Zeit währenden Tändeleien mit Rose, den Abend des St. Firminusfestes, das Fortgehen vom Ball, den Spaziergang beim Steinbruch, die Begegnung mit der Familie Tuboeuf und schließlich die Trennung am Kreuzwege von Clairefont... Sie waren gerade an derselben Stelle angelangt... »Sehen Sie! Hier war es ... Ich stand noch einige Sekunden still, um ihr nachzublicken, wie sie im Dunkel sich verlor, dann setzte ich meinen Weg nach dem Schlosse fort ... Wäre ich noch einige Minuten geblieben, sie würde noch am Leben sein ...« Schauerliche, lang hingezogene Klagetöne, die vom Hügel emporstiegen, Mark und Bein durchdringend, wie das ächzende Winseln eines verendenden Tieres, schnitten Robert das Wort ab. Auf der Heide weidete wie gewöhnlich die Schafherde des Rotkopfes die dürftigen Kräuter ab. Doch der scheue Hirte war nicht sichtbar und Robert sah sich vergebens nach ihm um. In dem Schweigen des abgelegenen Ortes erhob sich von neuem das jämmerliche Klagegeheul, und alsbald entdeckten die beiden Männer den Blödsinnigen, der hinter einem großen Steinblock auf seinem Mantel lang hingestreckt auf dem Boden lag, den zur Erde geneigten Kopf in den Händen vergraben, blind und taub für alles, was nicht sein Schmerz war. »Armer Teufel!« sagte Robert. »Rose allein war freundlich mit ihm... Sie stieß ihn nicht zurück wie die anderen Leute auf dem Meierhofe ... Darum betete er sie auch förmlich an ... Es ist die Freude seines ganzen Lebens, die mit ihr dahingegangen ist ...« Sie schritten vorüber, und in langen Pausen vernahmen sie immer wieder die weinende, klagende Stimme, die hinter ihnen herhallte. Bald bogen sie von der Straße ab und wendeten sich nach links, wo am Ende einer grünen Lichtung das Dörfchen Couvrechamps lag. Eine ungewöhnliche Aufregung erfüllte die kleine, sonst stille Ortschaft. Bei dem Eingänge, vor den ersten Häusern, standen Straßenjungen, die zu warten schienen und nun mit dem lauten Rufe: »Da kommen sie!« im Galopp fortstürmten, wie von wildem Schrecken gejagt. Auf dem freien Platze in der Mitte des Dorfes hatte sich eine ziemlich große Volksmenge zusammengerottet. Von Neuville war man herübergekommen, um den Sohn des Marquis, von zwei Gendarmen geführt, kommen zu sehen und ein Murmeln der Enttäuschung ging durch die Reihen, als man in der blühenden Lindenallee des jungen Grafen ansichtig wurde, der an der Seite Jousselins frei dahinschritt. »Da sehet ihr, was man Gleichheit nennt!« brummte der Holzschuhmacher von Soucelles, ein wilder Demokrat, dessen Tochter vor einem Jahre von Fräulein von Clairefont gepflegt worden war, als sie an einem typhösen Fieber daniederlag ... »Einem anderen hätte man schon Handschellen angelegt!« »Handschellen? Sie werden ihn gleich wieder in Freiheit setzen!« fügte eine Stimme aus der Menge hinzu. »Gibt es denn für diese Leute Gesetze?« »Ah! Ah! Nehmen wir ihn gewaltsam fest!« Die Fabrikarbeiter und die Tagelöhner der Sägemühle erhoben ein Zetergeschrei, drangen unter Stößen und Püffen vorwärts, so daß die Menge erschrocken auseinanderstob; die Weiber kreischten laut auf, indes sie die Kinder rasch aus dem Getümmel fortzogen, um der Gefahr, niedergestoßen zu werden zu entgehen, und mit einer unwillkürlichen Bewegung ergriff Jousselin den Arm seines Gefangenen, weniger, um ihn zurückzuhalten, als um ihn zu schützen. Auch die Gendarmen, welche das ärmliche Häuschen Chassevents umringten, eilten rasch zu Hilfe und vor den unter Geklirr von Stahl und Waffen stolz herantrabenden Rossen, wichen selbst die Kühnsten zurück. »Ich muß Sie um Entschuldigung bitten,« sagte Robert mit großer Kaltblütigkeit zu dem Kommissär, »daß ich Ihnen so viel Unannehmlichkeiten verursache ... Nach all dem Guten, das meine Familie im Lande gethan ... hätte ich wohl mehr Sympathie erwarten dürfen ... Ach, so! Nun erklärt sich alles!« fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. Er hatte soeben vor der Thür des Hauses Carvayan bemerkt, der inmitten einer Gruppe stand, im Gespräch mit Tondeur. Im Hintergrunde, halb verborgen, hielt sich Pascal, vor Aufregung zitternd. Ein tiefes Stillschweigen war ringsum eingetreten. Robert setzte seinen Weg fort, das Auge unverwandt auf den Maire gerichtet, mit stolz erhobenem Haupte, ein wenig blaß, aber in sicherer Haltung. Der junge Mann erschien in diesem Augenblicke, inmitten der drohenden Menge, noch größer und stattlicher als sonst. Eine Frau flüsterte: »Er nimmt sich trotz alledem gut aus.« Und diese naive Beifallsäußerung erleichterte das bedrückte Herz Roberts. Er empfand die erhebende Gewißheit, daß er mutig die Gefahr bestehe und daß dies erkannt wurde. Ein Gefühl von Stolz überflammte sein Antlitz, und fern von jeder Prahlerei, wie er fern von jeder Schwache war, blickte er ruhig umher. In dem kleinen Gärtchen, das an den armseligen Lehmbau grenzte, befand sich der Untersuchungsrichter in lebhafter Unterhaltung mit einer fremden Persönlichkeit, welche Robert für einen Polizisten hielt, und mit dem Doktor Margueron, welcher ohne Zweifel den ärztlichen Befund zu Protokoll gegeben hatte. Die Thür des Häuschens stand offen, eine Wachskerze warf einen gelblichen Schein in das Halbdunkel des ärmlichen Zimmers, das ein einziges kleines Fenster besaß, welches ein weißer Rosenstock voll duftender Blüten schmückte. Ein Seufzer hob die Brust des jungen Mannes. Hier war es, wo die arme, schöne Rose kalt und still den letzten Schlummer schlief. Er empfand keinerlei Furcht bei dem Gedanken, sich ihr gegenüber zu befinden, nur ein Gefühl traurigen Mitleides erfüllte seine Seele. Was hatte er auch von der sanften Toten zu befürchten? Der Anblick ihres Gesichtes konnte ihm Thränen entlocken, aber keinen Schrecken einflößen. Wenn ein Wunder ihr das Leben wiedergegeben hätte, so würden ihre ersten Worte seine Unschuld bezeugt haben. Und indem er dabei an den wirklichen Mörder dachte, an den, der unentdeckt blieb, der sich vielleicht in der tobenden Menge verbarg und, wer konnte es wissen? eben selbst das Signal zu den gehässigen Rufen gegeben, ballte er vor Zorn die Fäuste. Ah! wenn er diesen Menschen einmal in seine Gewalt bekäme, wie wollte er ihn mit einem einzigen Streiche niederstrecken, um das arme Opfer und sich selbst zu rächen. Irgend ein Gauner ohne Zweifel, welcher heute noch frei ausging, weil die gehässigen Umtriebe Carvanans die öffentliche Meinung sowohl, als die Gerichtsbarkeit irregeführt hatten. Aber dennoch mußten seine offenen, freimütigen Aussagen gar bald alle Zweifel beseitigen und seine Freisprechung sehr leicht bewirken; die Thatsachen würden richtiggestellt und die Nachforschungen nach einer anderen Richtung gelenkt werden, um die Entdeckung des wirklich Schuldigen herbeizuführen. Im Garten war eine Bewegung entstanden; der Untersuchungsrichter trat ins Haus, gefolgt von dem Schriftführer, der ein großes Portefeuille unter dem Arme trug. Jousselin berührte Roberts Arm, indem er sagte: »Wir müssen ebenfalls eintreten.« Dann fügte er in leiserem Tone hinzu: »Man wird Sie dem Opfer gegenüberstellen ...« Der gute Mann wagte nicht, seinem Gefangenen offen zu sagen: »Nehmen Sie sich in acht, beherrschen Sie Ihre Blicke, Ihre Gesten, Ihre Worte ...« Doch hatte er ihn durch diese Mitteilung von der Gefahr benachrichtigt und ihn vor einer zu heftigen Erregung geschützt, welche leicht für das Erschrecken des Schuldigen gehalten werden konnte. »Ich bin bereit,« erwiderte Robert, indem er die Schwelle überschritt. Auf ihrem Bette liegend, vom Kerzenschimmer beleuchtet, schien Rose zu schlafen; das blasse Gesicht, mit bläulichen Schatten an den Schläfen, war von ihren blonden Haaren umflossen, in denen noch hie und da Heidekraut hing. Der Tod hatte ihre Schönheit nicht zerstört, wie ein Lächeln schien es auf den seinen Gesichtszügen zu schweben. Auf dem Tische stand ein mit Weihwasser gefülltes kupfernes Becken, in welches man frommen Glaubens den Buchsbaumzweig getaucht hatte, den das junge Mädchen am letzten Palmsonntag heimgebracht hatte. Daneben lagen die Schärpe, welche Rose auf dem Kopfe getragen, und das Seidentuch, das sie am Halse gehabt hatte. Ein munterer Sonnenstrahl, der durch das enge Fenster hereinfiel, umspielte die kupferne Schale, ließ das Wasser regenbogenfarbig schillern und verlieh dem Wollgewebe der Schärpe einen rosigen Schein. Robert stand in der Nähe der Thür andächtig und ernst, wie an einem geweihten Orte. Carvayan, aufgeregter und ängstlicher als der junge Mann, hatte sich hinter diesem ins Zimmer geschlichen. »Herr von Clairefont,« begann der Richter in unfreundlichem Tone, »treten Sie näher an das Bett heran ... Sie erkennen dieses Mädchen?« »Ja, mein Herr,« erwiderte Robert mit ruhiger Festigkeit. Der Richter winkte dem Schriftführer, welcher die Aussagen niederzuschreiben begann. Hierauf wendete er sich zu dem fremden Polizisten und sagte: »Zeigen Sie die Spuren des begangenen Mordes.« Der Beamte entblößte die Brust der Toten, und auf dem schönen Halse, den Robert nicht ohne fürchterliche Herzbeklemmung ansehen konnte, ward eine dunkelblaue Linie sichtbar. Sodann kam die Reihe an Herrn Margueron. »Wollen Sie, Herr Doktor, uns gefälligst das Resultat Ihrer Untersuchung mitteilen,« forderte ihn der Richter auf. Der gute Dorfarzt mußte augenscheinlich zum erstenmal in seinem Leben eine derartige Probe bestehen, denn er zitterte heftig, machte eine verlegene Gebärde, wollte sprechen, was ihm aber nicht sogleich gelang, so sehr hatte die Aufregung ihm die Kehle zusammengeschnürt. Nach kurzer Zeit erholte er sich indes wieder, und wie ein lang zurückgestauter Strom sprudelten nun seine Auseinandersetzungen hervor, vermischt mit einer Menge von technischen Ausdrücken, aus denen hervorging, daß, nachdem er berufen worden sei, eine Untersuchung an dem Körper des toten Mädchens, welches sich hier vor aller Augen befände, vorzunehmen, er an dem unteren Rande des Schlundkopfes, wo die Luftröhre beginne, einen mit Blut unterlaufenen Flecken konstatiert habe, welcher durch Zusammenschnüren des Halses vermittelst einer starken Schnur oder eines Tuches entstanden sein müsse; diese Zusammenschnürung habe ungefähr fünf bis sechs Minuten gedauert, das heißt so lange, bis der Tod durch Erstickung eingetreten sei. Irgend eine andere Spur einer Gewaltthat sei von ihm nicht bemerkt worden. Auf Grund dessen, was durch die in Umlauf gesetzten Gerüchte zu seiner Kenntnis gelangt war, meine er, daß der Mörder, indem er sich flüchtete, um der Verfolgung des Vaters und des Gastwirtes Pourtois zu entgehen, bemüht gewesen sei, das Schreien des Opfers zu ersticken, daß auf der hastigen Flucht der Knebel, welchen er dem Mädchen um den Mund gebunden hatte, am Kinn hinabgeglitten sei, und daß während des raschen Laufes der Mann durch ein unabsichtliches Zusammenziehen der Binde die Erstickung herbeigeführt habe. Entflammt von dem stets wachsenden Feuer seines Vortrages, begann der Arzt die Scene mimisch darzustellen... und es bot einen komischen und zugleich unheimlichen Anblick, diesen dicken Mann mit dem ergrauenden Haare zu sehen, wie er, am Fußende des Bettes stehend, vor der Toten und vor dem des Mordes Angeklagten den entsetzlichen Vorgang nachzuahmen suchte. »Wir danken Ihnen,« unterbrach ihn der Richter, der den Wortschwall des alten Praktikers abzuschneiden wünschte, und stellte darauf an Robert die Frage: »Gestehen Sie, in der Nacht vom 25. auf den 26. September die Rose Chassevent vom Leben zum Tode gebracht zu haben?« »Nein, mein Herr.« »Sie wollen uns keinerlei Mitteilung von dem machen, was zwischen Ihnen und dem Opfer vorgefallen ist?« »Ich habe dem Herrn Kommissär alles gesagt, was ich darüber weiß. Aber ich kann mich wahrhaftig nicht zu einer That bekennen, an welcher ich völlig unschuldig bin.« »Sehr wohl, doch bin ich genötigt, Sie behufs weiteren Verhörs unter meinem Gewahrsam zu behalten.« »Thun Sie, was Ihre Pflicht Ihnen gebietet, mein Herr,« entgegnete Robert ernst. Alsdann näherte er sich dem Lager, auf welchem Rose ruhte, verneigte sich andachtsvoll, kniete nieder und sprach ein kurzes Gebet. Als er sich wieder erhoben hatte, trat er ans Fenster zu dem im Scheine der untergehenden Sonne rötlich schimmernden weißen Rosenstock, pflückte eine der schönsten Blüten, tauchte sie in das Weihwasser und legte sie der Toten auf die bleiche Stirn. »Adieu, armes Mädchen,« murmelte er mit tiefer Traurigkeit: dann fügte er, zu dem Richter gewendet hinzu: »Ich stehe zu Ihren Diensten, mein Herr.« Alles schwieg, ergriffen von der rührenden Einfachheit dieses Auftrittes. Nur Carvayans Stimme ließ sich vernehmen: »Man war in der Familie stets etwas theatralisch... Wer aber zu viel beweisen will, beweist nichts.« Robert zuckte verächtlich die Schultern, und ohne seinen Feind nur eines Blickes zu würdigen, verließ er in Begleitung des Polizeikommissärs das Haus. Noch am selben Abende wurde er in das Gefängnis nach Rouen gebracht. Achtes Kapitel Wie Tante Isabella vorausgesetzt, war es ihr unmöglich gewesen, ihrem Benjamin nicht zu folgen. Nachdem sie einen ganzen Abend damit verbracht hatte, in unterdrückter Wut die Hände zu ballen, und eine Nacht, in der sie nahe daran war, wahnsinnig zu werden, hatte sich das alte Fräulein auf die Reise begeben. Antoinette war nun mit ihrem Vater allein und mußte, um die Abwesenheit ihres Bruders und ihrer Tante zu erklären, eine ganze Geschichte erfinden. Die Tante habe Unannehmlichkeiten mit ihrem Pächter gehabt und sei daher auf einige Tage mit Robert verreist. Auf einige Tage! Der Marquis hatte das herzzerreißende Lächeln nicht bemerkt, welches bei dieser Lüge um Antoinettes Lippen gezuckt hatte. Er war nicht anspruchsvoll, der gute Honoré, und wenn man ihn bei seinen Erfindungen in Ruhe ließ, ließ er alles andere gern zu Recht bestehen. Außerdem war er sich stets selbst genug. Er hatte sich mit doppelter Leidenschaft in das Studium des neuen, von ihm erfundenen Heizverfahrens vertieft. Die Vervollkommnung war die schwache Seite des Marquis. Eine Erfindung war für ihn nur so lange interessant, als sie ihm rätselhaft schien, war sie aber einmal gemacht, so hörte sie auf, ihm zu gefallen und sein unruhiger Geist machte sich sofort daran, nach einem anderen Resultat zu forschen. Selten blieb er bei dem stehen, was er erreicht hatte, immer wollte er das Beste, dieser Zerstörer des Guten. So war es ihm gelungen, die besten Geschäfte unergiebig und den Steinbruch, diese Goldmine, die ein kluger und ehrlicher Geschäftsmann so verwaltet haben würde, daß sie ihren Herrn und das ganze Land bereichert hätte, unproduktiv zu machen. Seit drei Tagen sprach er, selbst bei Tische, kein Wort. Er saß ganz in sich selbst versunken, starren Auges und wie geistesabwesend da. Robert pflegte, wenn er den Alten so sah, scherzend zu sagen: »Ah, Papa ist wieder in sein Laboratorium hinaufgegangen.« Der Marquis hörte derlei Bemerkungen gar nicht; er träumte weiter, bemüht, seine Hirngespinste zu verwirklichen. Wie viel Millionen Meilen hatte er, auf seinem phantastischen Steckenpferde ins Blaue hineinreitend, schon zurückgelegt, um schließlich doch nur auf Unmöglichkeiten zu stoßen! Dabei hatte er manchmal plötzliche Freudenausbrüche, rieb sich kräftig die Hände und rief mit strahlendem Gesichte aus: »Oh! diesmal hab' ich es gewiß!« Und ohne vorhergehende Erklärungen, zu seiner eigenen Befriedigung, begann er eine kurze Dissertation über das Verfahren, das er anwenden wollte. Seine Zuhörer sagten regelmäßig ja, wenn er sie durch: »Hm? Nicht wahr? Was sagt ihr dazu? Ah, ah!« zur Zustimmung aufforderte: sie konnten seine Ausrufe nicht mit Stillschweigen übergehen, wenn sie dem Greise die grausame Herzbeklemmung des Zweifels ersparen wollten. Jetzt segnete Antoinette die verhängnisvolle Manie, die ihren Vater glücklicherweise so vollständig beschäftigte. Er schien die Abwesenheit der Tante von Saint-Maurice, die zum erstenmal seit dreißig Jahren nicht an der Familientafel speiste, gar nicht zu bemerken. Bei Robert fiel ihm das erst recht nicht auf, da derselbe häufig längere Jagdausflüge zu unternehmen pflegte. Nach dem Essen, welches rasch und schweigsam verlief, befanden sich der Marquis und seine Tochter allein in dem großen Saale, der, nur durch zwei Lampen erhellt, fast schwarz aussah. Im Laufe des Abends hatte sich ein heftiger Wind erhoben, dessen Stöße die Jahrhunderte alten hochstämmigen Bäume des Parkes erschütterten und düster in den hohen Schornsteinen des Schlosses heulten. Das junge Mädchen lauschte auf diese klagenden Töne und fragte sich, ob das nicht die Seelen der verstorbenen Clairefonts wären, die, in der Nacht umgehend, über das Unglück ihrer Familie jammerten. Dann folgten ihre Gedanken dem Bruder; sie sah ihn in einer dunklen, kahlen Zelle, einsam wartend, daß man über sein Schicksal entscheide. Wo war Tante Isabella? Was hatte sie thun können? Es war gewiß nicht leicht, Einlaß ins Gefängnis zu erhalten: vielleicht durfte sie Robert nicht einmal sehen. Dann würde sie, wie ein alter treuer Hund, den sein Herr vor der Thür gelassen hat, die Mauern anschauen und sich glücklich in dem Gedanken fühlen: »Er ist da, das geliebte Kind; ich atme dieselbe Luft, wie er ... nur diese Steine trennen mich von ihm...« Ach, was war das für ein trauriger Abend! Wie langsam und dumpf klangen die Stundenschläge! Allein, ohne Freunde, ohne Ratgeber, nur in Gesellschaft dieses Greises, der in seinem Sessel lehnte und ganz seiner Tollheit hingegeben, den Kopf hin und her wiegte, während das Unglück das Haus belagerte und unbeugsam, furchtbar durch alle Breschen eindrang. Ach, was waren das für trostlose Gedanken, für mühsam zurückgedrängte Thränen! »Ah! Ah!« sagte der Marquis mit einem Lachen, bei welchem es Antoinette kalt überlief: »diesmal hab' ich es ganz sicher! Siehst du, mein Kind, der Rost oben in meinem Ofen hat eine ebene Oberfläche und seine Lage ist noch nicht die richtige. Dies ist die Ursache, daß der Bodensatz liegen bleibt, wodurch der Luftzug gehemmt wird. Der Rost muß nach einwärts gebogen sein; dann gleitet das Brennmaterial senkrecht hinab, und die Hitze ist eine gleichmäßige. Nun! Ist das nicht sehr einfach? Was sagst du dazu?« »Das ist ausgezeichnet, Papa!« »Du sagst: ›Das ist ausgezeichnet in recht gleichgültigem Tone. Weißt du, wir wollen, statt hier im Salon zu bleiben, wo mir zwei uns verlieren, zu mir hinauf gehen ... Ich werde dir mein Modell zeigen, und du wirst die Vervollkommnung mit Händen greifen können ... Ich sage dir, Mädchen, darin steckt ein Vermögen, ja, darin steckt ein Vermögen!« Sich der Laune des Greises fügend, nahm Antoinette eine Lampe, und beide begaben sich in den ersten Stock des Turmes. In dem geräumigen Saale, dessen Spitzbogendecke von fein gerippten Steinsäulen getragen wurde, hatte sich der Marquis gleichzeitig eine Bibliothek, ein Arbeitskabinett und ein Laboratorium angelegt. Die ganze auf den Park hinausgehende Seite war von Büchergestellen eingenommen, auf denen zahllose, mit Staub bedeckte Bücher in Reihen geordnet standen; eine bewegliche Treppe, die längs der Wand hinlief, setzte den Gelehrten instand, das Werk, das er brauchte, selbst herabzuholen. Ein wundervoller Schreibtisch, mit Papierstößen beladen, stand vor dem großen Bogenfenster mit farbigen Scheiben, und neben einer Säule erhob sich ein Zeichentisch auf drehbarem Gestell, der mit Plänen und Rissen bedeckt war. Ein dicker Teppich bedeckte die Granitfliesen dieses Teiles des Turmes, der behaglich mit tiefen, zum Nachdenken oder, wie Robert sagte, zum Schlummer einladenden Lehnsesseln ausgestattet war. Die andere, auf den großen Schloßhof hinausgehende Seite war zum Laboratorium eingerichtet. Neben einem riesigen Ziegelofen mit großem Mantel, über welchem man einen mit einer Kette geschlossenen Blasebalg, ähnlich dem eines Eisenhammers, sah, befand sich ein kleiner Schmelzofen, überragt von einem Rohre, das sich in dem großen Schornstein verlor. Das war der berühmte Brennofen des Marquis. Auf den Tischen standen unzählige Retorten und Phiolen und in einer Ecke lag neben einem großen Steingefäß, in welchem das Wasser frei ab- und zufloß, ein Kühlrohr mit gewundenem Kupferhalse. In diesem Pandämonion, wo all die unseligen Ideen entstanden waren, die im Laufe von dreißig Jahren den Ruin des Hauses herbeigeführt hatten, fühlte sich der Marquis vollkommen glücklich. Er stieß einen Seufzer der Befriedigung aus, und sah seine Tochter mit verdoppelter Zärtlichkeit an. »Du bist lange nicht hierhergekommen, mein Liebling,« sagte er ... »Du siehst, ich habe da viel Zeichnungen, die nach deiner sorgfältigen Hand verlangen. Da wir jetzt einige Tage eine Junggesellenwirtschaft führen, solltest du dich hier bei mir installieren ... Du wirst sehen, was für schöne Tage wir hier verbringen werden!« Und das alte Kind lächelte, ganz von seiner fixen Idee erfüllt. »Ja, Papa...« versetzte Antoinette leise. Der Marquis eilte nun entzückt an seinen Brennofen, zog die mit Kohlen gefüllten, auf Rädern laufenden Kästen, welche den ganzen unteren Teil des Ofens einnahmen, heraus und fing an, seinen Apparat mit Zuhilfenahme von vielen Spänen und Papier selbst zu heizen. Er hatte seine Aermel bis zu den Ellbogen aufgestreift und beschmutzte sich fürchterlich. Bald war das Laboratorium so mit Rauch gefüllt, daß die Fenster geöffnet werden mußten. Halb erstickt und immer von Husten unterbrochen, erklärte der Erfinder seinen Apparat, sprach von dessen Mängeln und ging dann zu den zahlreichen Zeichnungen über, auf welchen er deren Verbesserungen angebracht hatte. »Siehst du, mein Kind ... die feuchten Späne brennen jetzt; nur das Anschüren war schwer ... Der Ofen hat nicht genug Zug, aber mit einem Fabrikschornstein würde es ganz von selbst gehen ... Nasse Späne! Hm! Und welche Hitze! Darin liegt der ganze Wert der Erfindung ... In den Plantagen Amerikas wird man mit den Ueberbleibseln vom Zuckerrohr heizen können! Was sagst du dazu?« Antoinette sagte nichts. Vom Lichtschimmer angezogen, war eine große Fledermaus ins Laboratorium hineingeflogen, und das schwarze Tier kreiste nun mit ausgespannten Flügeln unheilvoll durch den Raum. Zweimal schon hatte das scheußliche Tier in seinem launenhaften Fluge das junge Mädchen fast berührt, welches wie gebannt die Augen nicht von ihm abzuwenden vermochte. Es schien ihr, als ob es, immer engere Kreise ziehend, größer und immer großer würde. Sein Kopf, der riesenhafte Dimensionen angenommen hatte, zeigte feurige Augen und einen teuflischen Mund, der an Carvayans Gesicht erinnerte. Noch einmal flog es vorbei mit ausgestreckten Fängen und schrecklichem Pfeifen, wie ein Vampir. Entsetzt dachte Antoinette: »Wenn es mich berührt, so bleibt uns keine Hoffnung mehr, dann sind wir unrettbar verloren.« Dunkle Glut stieg ihr ins Antlitz: sie ergriff den langen Schürhaken, den ihr Vater eben hingelegt hatte, und im Augenblicke, als das abschreckende Tier sich drohend näherte, schlug sie zu. Von dem Eisenstabe getroffen, fiel die Fledermaus auf den Rost des Brennofens, und Antoinette sah, freudig überrascht, wie das Tier in den Flammen verschwand. Sie atmete auf und dachte: »Es ist unwürdig, sich so niederdrücken zu lassen; man muß kämpfen und womöglich siegen, aber in jedem Falle sich zur Wehre setzen. Könnte es denn möglich sein, daß Leute, wie wir, so tief sinken sollten, daß sie kein Mittel mehr hätten, sich wieder aufzuraffen?« Aber das Schreckliche ihrer Lage drängte sich ihrem Gemüte von neuem auf, und die Verzweiflung ergriff sie wieder. Ihr Bruder! Wer würde den armen Jungen retten, den man so niederträchtig angeklagt hatte und der von dem gefährlichen Netz der Verleumdungen umsponnen war? Wenn sie auch versuchen konnte, den Schwierigkeiten ihrer pekuniären Lage die Stirn zu bieten, wie sollte sie ihrem teuren Bruder Hilfe bringen? Sie besaß die Unwissenheit der Unschuld. Das Kriminalrecht war nicht für ihr reines Herz geschaffen. Es war für sie ein fürchterliches Rätsel und die Gefahr, von der Robert bedroht war, erschien ihr entsetzlich und unfaßbar. Eine so düstere tiefe Traurigkeit ergriff sie, als wäre es in ihrem Inneren Nacht geworden. Ihr Vater sprach immer noch, aber sie hörte ihn nicht. Die Worte des Greises fielen ins Leere, wie das Wasser aus dem Hahne, sonor und doch nutzlos, in das Steingefäß tropfte. Die Gedanken des jungen Mädchens drehten sich unaufhörlich um Roberts Schicksal und um die Bezahlung der bald fälligen Wechsel. Einen Augenblick dachte sie daran, den Marquis in seinen wissenschaftlichen Vergnügungen zu unterbrechen und ihm die Geldfrage, die gelöst werden mußte, offen vorzulegen. Aber ein letzter Rest von Mitleid mit dem alten Kinde, welches sie aus seiner blinden Sorglosigkeit aufrütteln mußte, hinderte sie, die entscheidenden Worte zu sprechen. Sie schwieg in dem Gedanken: »Morgen wird es auch noch Zeit sein, mag er noch diesen einen Abend glücklich sein, diese eine Nacht ruhig verbringen!« Und wie eine Schar von Nachtgespenstern kehrten ihre düsteren Gedanken wieder, ihren Sinn neuerdings in den alten finsteren Kreis bannend. Um elf Uhr verließen Vater und Tochter das Laboratorium und begaben sich in ihre Gemächer hinab. Der Marquis, der sich glücklich fühlte, daß er zwei Stunden lang seine Ansichten auseinandersetzen gedurft, ohne daß er sich darum bekümmerte, ob ihm auch nur zugehört wurde, küßte Antoinette und verließ sie mit den Worten: »Ich bin wieder ganz heiter geworden. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wohl mir deine Gegenwart gethan hat ... Wenn ich dich inmitten meiner Instrumente sehe, bilde ich mir ein, daß alle meine Unternehmungen glücken müssen ... Du wirst wiederkommen, nicht wahr? Du hast ein Interesse daran ... Sie werden uns Reichtum bringen!« Reichtum! Immer dieses Zauberwort, der Traum jedes Gelehrten, der endlich entdeckte Stein der Weisen! Gold, aus einem Schmelztiegel fließend oder aus einem Apparate hervorsprudelnd! Voller Vertrauen und glücklich ging der Erfinder, den Kopf von diesem Schimmer erfüllt, schlafen. Antoinette wurde die Nacht sehr lang. Sie lag mit offenen Augen im Dunkeln da und lauschte auf den Orkan, der sich draußen immer mehr entfesselte und das Schloß in seinen Grundfesten erschütterte. Diese heftigen Windstöße, diese brausenden Wirbel erinnerten sie an das Meer, und in ihrer fieberhaften Schlaflosigkeit kam es ihr vor, als befände sie sich auf einem vom Sturme gepeitschten Schiffe. Wütende Stöße pfiffen um die Masten und heulten durch das Takelwerk und ihr wildes Toben, das bald stärker, bald schwächer wurde, ließ das junge Mädchen glauben, das Heben und Senken der Wellen zu fühlen. Sie befand sich in einer Finsternis, die nur von den zuckenden Blitzen erhellt wurde, die sich von dem tintenfarbenen Ocean scharf abhoben. Das furchtbare Schaukeln der Wellen betäubte sie, und sie litt unendlich. Der Sturm nahm noch immer zu, gellendes Pfeifen tönte in ihre Ohren, und in der Erregung ihrer Phantasie war es ihr, als wäre sie daran, ihren auf einem schmalen und unfruchtbaren Felsen verlassenen Bruder zu befreien. Sie wendete sich zu dem, der das phantastische Schiff befehligte, und im Scheine der Blitze erkannte sie das Gesicht Pascals. Er sah sie sanft an, als wolle er sagen: »Du weißt ja, daß ich dich anbete; du brauchst nur ein Wort zu sagen, mir nur ein Zeichen zu geben, und ich führe dich zu deinem Bruder, ich werde seine Rettung bewirken. Nichts wird mir zu schwer werden, um in deinen Augen Gnade zu finden; deine Thränen machen mich unglücklich, ich leide unter deinem Kummer. Bleibe nicht eigensinnig bei deinem Stolze, sei vernünftig und gut, dann wird dein Unglück in einem Augenblicke wieder gut gemacht werden.« Aber sie wendete den Kopf ab und weigerte sich unbeugsam, diese so sanft flehende Bitte zu erhören. Das Schiff entfernte sich in dem Chaos der empörten Wogen, den armen Robert, der laut um Hilfe rief, seinem Schicksale überlassend. Die Nacht wurde noch finsterer, die Wut des Sturmes schrecklicher, und die riesenhaften Wellen, die jetzt blutrot aussahen, wälzten Leichen in ihren Vertiefungen. Antoinette wollte sich der Gewalt dieses entsetzlichen Alpdrückens entwinden. Sie sagte sich: »Das ist ja nur ein wacher Traum, ich befinde mich in meinem Zimmer, nebenan schläft mein Vater!« Sie befühlte ihr Bettlinnen, um sich davon zu überzeugen; aber immer kam die schreckliche Vision zurück. Sie mußte Licht anzünden, und ganz erschöpft, das Haar von kaltem Schweiß an die Stirn geklebt, wurde sie nun ein wenig ruhiger. Endlich dämmerte das blasse Tageslicht und erlöste sie von dieser Qual. Der erste Blick durchs Fenster zeigte ihr die Verwüstungen, die der Orkan unter den Baumriesen des Parks und auf den Dächern des Schlosses angerichtet hatte. Die Terrasse war mit Schiefer- und Ziegelstücken besäet, die Alleen mit geknickten Resten bedeckt. Der Marquis, zu dem sich das junge Mädchen schon früh begab, war frisch wie eine Rose; er hatte, wie ein Kind, friedlich und traumlos geschlafen. Als er um zehn Uhr in sein Arbeitskabinett hinaufstieg, brachte ein Schreiber Malézeaus Antoinette einen Brief, die sich sofort einschloß, um ihn zu lesen. Er enthielt ein von der Tante von Saint-Maurice an demselben Morgen aus Rouen abgesendetes und von einem Expreßboten befördertes Billet, nebst einer unterthänigen Erinnerung des Notars, doch ja nicht den morgigen Verfalltag zu vergessen. Tante Isabella teilte ihrer Nichte mit, daß sie sich nach ihrer Ankunft um sieben Uhr von einem einflußreichen Freunde gleich zum Oberstaatsanwalt hätte führen lassen, den sie gebeten, ihren Neffen sofort in Freiheit zu setzen. Trotz augenscheinlich besten Willens sei der Beamte doch nicht imstande gewesen, ihre Bitte zu erfüllen. Die Geschichte, welche die Provinzialblätter mit vielen ungenauen Einzelheiten, wie es bei diesen »Canaillen von Journalisten« üblich ist, wiedergegeben hatten, machte in der Stadt ungeheures Aufsehen. Es wäre unmöglich, Robert zu sehen, der sich, wie man ihr gesagt hätte, in Einzelhaft befände. Sie habe sich im Viertel Saint-Sever bei einem Wagenfabrikanten untergebracht, der ihr ein möbliertes Zimmer vermietet habe, und sie wüßte nun weder aus noch ein. Das alte Fräulein vergaß über all ihren Sorgen nicht die Geschäfte und benachrichtigte ihre Nichte, daß alle auf den Verfalltag bezüglichen Papiere in der Kommode in ihrem Zimmer unter ihren Taschentüchern versteckt wären. Als Antoinette dies Bittet las, das um fünf Uhr früh in großen Schriftzügen auf grobem Papier und mit ebensoviel orthographischen Fehlern gekritzelt war, als es Worte enthielt, brach sie in Thränen aus. Dies von der armen Tante abgelegte Geständnis der Machtlosigkeit zerstörte die letzten Hoffnungen und machte dem Schwanken des jungen Mädchens ein Ende. Sie entdeckte die herzzerreißende Wirklichkeit und war überzeugt, daß alles verloren sei. Da faßte sie den festen Entschluß, zu thun, was die Lage, in der sie sich befand, ihr gebot, und ohne sich die Zeit zu nehmen, ihre thränenfeuchten Augen zu trocknen, begab sie sich zu ihrem Vater hinauf. Vor dem Schreibtische sitzend, schrieb der Erfinder Notizen an den Rand eines Planes. Als er seine Tochter eintreten sah, hielt er inne und rief heiter, das Samtkäppchen, das seinen Kopf bedeckte und ihm das Ansehen eines alten Alchimisten gab, nach hinten schiebend: »Ah, ah! Du fängst an, dich für das, was ich dir gestern zeigte, zu interessieren, da du schon so früh hier bist ... Sei willkommen, mein Kind. Komm, setz dich her, neben mich ...« Und als Antoinette ihm schweigend gehorchte, rief der Marquis plötzlich: »Aber was sehe ich? Deine Augen sind rot, als ob du Kummer hättest ... Was gibt's denn? Ich verlange, daß du offen zu mir sprichst...« »Ach, lieber Vater! ... ich bin nicht mehr in der Lage, zu schweigen ... sonst würde ich dir zuliebe, und aller Klugheit zum Trotz, dir diese bösen Sorgen noch erspart haben.« »Da hat Malézeau wieder einen seiner Streiche gemacht,« unterbrach sie der Marquis verdrießlich ... »Kann er denn seine Angelegenheiten nicht allein erledigen, ohne uns den Kopf damit warm zu machen? ... Ich habe ganz andere und viel ernstere Beschäftigungen ... Die Zeit, die ich um seinetwillen verlieren muß, ist kostbar...« »Du bist nicht mehr Herr der Zeit, Papa,« sagte Fräulein von Clairefont ... »Du bist an der äußersten Grenze angelangt ... und die Ungeduld deiner Gläubiger ist nicht mehr zu beruhigen...« Der Marquis machte ein erstauntes und unzufriedenes Gesicht. »Hat man ihnen denn nicht begreiflich gemacht, daß ich durch meine neue Erfindung nahe daran bin, große Gewinne zu realisieren? Wenn ich mir nicht den Kopf zergrübelt hätte, um noch eine letzte Verbesserung anzubringen, würden meine Patente genommen sein und die Großindustrie wäre meine Schuldnerin ... Du hast es gestern abend gesehen, mein Kind, du kannst es nicht leugnen. Es ist sicher, in die Augen fallend, greifbar ... Und in einigen Tagen ...« »Du hast nur noch Stunden vor dir ...« »Wie! Werden diese Käuze wirklich böse? Es scheint mir, als hätten sie in den dreißig Jahren, die sie mich aussaugen, genug an mir verdient ... Sie könnten sich nun auch einmal entgegenkommend zeigen...« »Aber, Papa, vergißt du denn, daß du jetzt nur noch mit Herrn Carvayan zu rechnen hast? Oder hat dir Herr Malézeau das letzte Mal, als er hier war, nichts gesagt?« Der Erfinder schlug sich vor die Stirn wie jemand, in dessen Hirn eine fast verlöschte Erinnerung wieder dämmert. »Ja, mein Kind, ich erinnere mich, daß er mir so etwas gesagt hat ... Aber ich war sehr lebhaft geworden, als ich ihm von meinem Ofen erzählte, der mich schon sehr befriedigte, obwohl die entscheidende Verbesserung noch nicht angebracht war ... Und als er wieder fort war, habe ich an die elende Geschichte nicht mehr gedacht ... So ist es also jetzt Carvayan? ... Ja, ja ... Und was will er?« »Das Geld, das du ihm schuldig bist, Papa.« »Das ist ganz in der Ordnung, hat er seine Forderung präsentiert?« »Präsentiert, protestiert, eingeklagt, kurz alle Formalitäten beobachtet, die einer Beschlagnahme vorhergehen ...« »Beschlagnahme?« »Und Expropriation! Ja, Papa, das ist das einzige, was noch zu thun bleibt.« »Aber, mein Kind, es scheint mir, als habe man sich da mit großer Nachlässigkeit unnötige Kosten gemacht ... Warum hat man ihn denn nicht gleich bezahlt?« Fräulein von Clairefont sah den alten Mann mit mitleidiger Zärtlichkeit an. »Ja, wenn man das gekonnt hätte!« Der Gelehrte rieb sein weißes Haupt heftig mit seinem Samtkäppchen und sagte dann unruhig: »So sind gar keine disponiblen Gelder da?« »Nein, Papa; seit einem Jahre leben wir einfacher als die kleinsten Bürger in der Stadt. Du hast das nicht bemerkt, denn du bist gegen Luxus gleichgültig. Dank dieser Sparsamkeit ist es uns geglückt, die Ausgaben für deine Arbeiten zu bestreiten. Wenn du all unsere Taschen umkehren wolltest, würdest du nicht tausend Franken zusammenbringen, und wir haben nichts mehr zu erwarten. Der Pächter von Couvrechamps hat seine Pacht bezahlt, der von Soucelles schon Vorschüsse gemacht ... Die Wälder von Clairefont sind niedergeschlagen. Es bleiben nur noch die Bäume des Parks, die, wie man sagt, etwa 60000 Franken wert sind, aber dadurch würde das ganze Besitztum verunstaltet werden ...« Der Marquis schien die letzten Worte nicht gehört zu haben; er folgte nur seinem Gedankengange. »Auf diese 60000 Franken rechnete ich zur Erwerbung meiner Patente.« Dieser blinde, unbeugsame Egoismus entlockte Antoinette einen Schmerzensschrei; ihr Vater, das sah sie jetzt ein, kümmerte sich wenig um den Ruin des Hauses. In dem allgemeinen Unglück dachte er nur an seine Erfindung und zeigte sich sogar bereit, seiner Manie die Ehre seines Namens zu opfern. Er war aufgestanden und ging langsamen Schrittes in seinem Laboratorium hin und her, seinem Brennofen unruhige und liebevolle Blicke zuwerfend. In seiner Seele schien ein Kampf stattzufinden. Er gestikulierte heftig beim Gehen und sprach, ohne es zu bemerken, ganz laut mit sich selbst. »Im Augenblick, wo mir der Erfolg sicher ist ... um ein paar tausend elender Franken willen ... Das ist unmöglich! Was wäre das für ein Schlag für mich! Nein! Man muß noch Geld auf die Besitzung aufnehmen können ... Wenn es nötig ist, werde ich die Hälfte der Patente aufgeben ... Ja ... ich werde Asien, Afrika und Australien opfern ... Das sind Millionen, die ich verliere ... Aber wenigstens werden Europa und Amerika mir gehören ... Ja, wegen einiger tausend Franken ...« Antoinette verfolgte bleich und kalt den nutzlosen Kampf, den der Gelehrte gegen sich selbst kämpfte. Vergebens verstümmelte er sein Werk, vergebens warf er, wie der Seemann, welcher sein Schiff erleichtern will, einen Teil der Ladung über Bord. Es war zu spät, der Sturm, der um ihn wütete, mußte alles verschlingen. »Ach, liebster Vater,« sagte sie mit Festigkeit, »entsage deinen Träumen ... Du kannst sie doch nicht verwirklichen ... Alles ist zu Ende, völlig zu Ende ... Die letzten Hilfsquellen sind versiegt ... Glaube mir, ich habe meinen ganzen Mut zusammenraffen müssen, um so zu dir zu sprechen ... Hätte ich mich früher dazu entschließen können, so wären wir vielleicht doch nicht bis zu so vollständigem Ruin gekommen.« »Meine Tochter!« unterbrach der Marquis sie mit vorwurfsvollem Tone. »O, zweifle nicht an meiner Liebe und Verehrung,« fiel Antoinette ein. »Ich beweise sie dir heute, da ich so zu dir spreche, mehr denn früher, als ich schwieg. Du hattest das Recht, über ein Vermögen, das dir gehörte, zu verfügen, und niemand von unserer Familie wird sich erlauben, die Art und Weise, wie du es verwendet hast, zu kritisieren ...« »Ach, wie blind bist du!« rief der Erfinder heftig aus; »ich wollte euch reich machen und will es noch! Begreifst du das denn nicht? Hast du kein Vertrauen mehr zu mir?« »Mein lieber Vater ... Aber der Erfolg hat deine Anstrengungen betrogen ... Und nicht allein hast du kein Geld mehr, um dieselben fortzusetzen; du hast nicht einmal genug, um deine Schulden zu bezahlen...« »Was kümmern mich meine Schulden? Ich würde sie ohne Gewissensbisse und Furcht verdoppeln, so sicher bin ich, daß es mir glücken muß ...« »Das hast du schon sehr oft gesagt, Papa...« »Schau, die Lage ist nicht so verzweifelt, wie du denkst! Ich verstehe deine Aufregung ... Ihr wißt nur nicht, ihr anderen alle, was ich von meiner neuen Erfindung zu erwarten habe ... Ihr habt nicht, wie ich, die Verwirklichung vor Augen! O, du kennst die Opfer nicht, die ein schaffender Geist zu bringen imstande ist, um sein Werk zu retten. Sieh! Als Cellini sah, daß der Bronzeguß in der Form seines Jupiter nicht ausreichte, warf er in den Schmelzofen Gold- und Silbergerät, das er mit eigener Hand ciseliert hatte ... Ich, mein Kind, würde, um den Erfolg meiner Erfindung zu sichern, alles thun! Ich glaube so fest daran, daß ich mich selbst verkaufen würde.« Von Enthusiasmus entflammt, zeigte der Greis ein geradezu verklärtes Antlitz. Er schloß seine Tochter in die Arme und nannte sie bei den zärtlichsten Namen. Alle Bitten, alle Liebkosungen, mit denen ein verwöhntes Kind seiner Mutter schmeichelt, um die Erfüllung eines Wunsches zu erlangen, versuchte der alte Mann, um Antoinette zu entwaffnen. Er fand sie von Eis. Diese stolze Clairefont, die gut und großmütig bis zum Unverstand war, wurde unbeugsam, sobald sie einmal einen festen Entschluß gefaßt hatte. »Tante Isabella besitzt Saint-Maurice noch unversehrt,« begann der Marquis wieder ... »Kann sie darauf nicht eine Hypothek aufnehmen, um uns noch diesmal frei zu machen?« »Sie wird das nicht thun. Sie hat oft gesagt, Saint-Maurice soll, nach ihrer Idee, das letzte Asyl für die Familie werden ...« »Die Undankbare!« rief der Erfinder bitter aus ... »Wurde in den dreißig Jahren, die sie bei mir im Hause ist, je ein Unterschied zwischen meinem und ihrem Vermögen gemacht? Im Glück war uns alles gemeinsam, doch kaum naht das Unglück, so sagt sie sich von uns los.« »Nein, Papa, du bist ungerecht! Tante Isabella hat schon mehr bezahlt, als sie eigentlich konnte, und ihre Uneigennützigkeit ist ebenso groß gewesen, wie ihre Liebe ...« »Aber du, meine Tochter, mein Liebling, meine gute kleine Toinon ... du wirst deinen Vater nicht in einer so tödlichen Verlegenheit lassen ... Denn ein Mißerfolg wäre mein Tod ... Du hast Geld ... Dein Bruder hat zu deinen Gunsten auf seinen Anteil verzichtet ... Das Vermögen deiner Mutter ist in deinen Händen ... Rette die Zukunft unseres Hauses, erhebe Clairefont aus dem Verfall ... Komm! Werde mein Associé ... Ich mache dich zur Millionärin ... Hörst du? So antworte mir doch! Begreifst du denn nicht? Millionärin! Ja, in einem Jahre! Ah! Ah! Ah! Welch herrliche Zukunft! Dafür etwas zu wagen, ist wohl der Mühe wert ... Nicht deine ganze Mitgift, nur einen Teil!« Und flehend, mit wirrem Blick, streckte er die Hände nach Antoinette aus. Sie zitterte vor Schmerz. War ihr Vater denn wirklich moralisch so tief gesunken? So hatte denn seine Leidenschaft wie ein ätzendes Gift nach und nach das Zartgefühl des Mannes, die Würde des Familienoberhauptes in ihm zerstört! Der, den sie vor Augen hatte, war nur noch ein armer, kindischer Schwachsinniger. Er verdiente keine Vorwürfe, er vermochte nur tiefstes Mitleid einzuflößen. Ihre Mitgift? Er flehte sie darum an, wie ein wimmernder Bettler um ein Almosen bittet. Er ahnte in seiner Unwissenheit nichts von all den Opfern, all der heroischen Hingebung, die sich um ihn abspielte; er wußte nicht, daß ihre Mitgift schon von dem Schlund seiner Tollheiten verschlungen war, daß Antoinette Heirat, Zukunft, Glück geopfert, um ihm Verdruß zu ersparen. Mit bedrücktem Herzen wollte Antoinette lieber zu Lügen die Zuflucht nehmen, um dem Greise den Kummer zu ersparen, daß sie sich schon um seinetwillen beraubt hatte. »Was du da verlangst, lieber Vater, ist unmöglich,« versetzte sie mit bebender Stimme. »Wie, du schlägst es mir ab?« rief der Marquis erstaunt aus. »Du läßt deinen alten Vater vergebens bitten? Du hast mich wohl nicht verstanden oder ich habe nicht recht gehört und du hast gar nicht nein gesagt ...« Er sah sie stumm und regungslos, unglücklich, aber mit fester Haltung vor sich stehen. Er blickte sie an, als wollte er ihr auf den Grund der Seele schauen –sie wendete den Kopf ab. Sie fand keine Thräne, aber der dunkle Rand um ihre Augen wurde noch dunkler und ihr Gesicht noch bleicher. Der Marquis hatte über dem Erstaunen, seine Tochter plötzlich so ganz verändert zu finden, seine Erfindung vergessen. Er war nur von dem Gedanken erfüllt, daß er die Macht über das Kind verloren hatte, das bis dahin die gehorsame Sklavin seiner Phantasien gewesen war. »So wirst du also um einer elenden Summe Geldes willen den Ruin unseres Hauses sich vollziehen lassen? Du wirst es ertragen, daß man das Besitztum verkauft, wo du geboren bist ... wo wir gelebt haben ... wo deine Mutter gestorben ist ...« Sie blieb kalt wie Marmor, sprach kein Wort und setzte den dringenden Bitten des Marquis nur einen passiven Widerstand entgegen. Er geriet außer sich. Es war das erste Mal, daß man ihm Widerstand leistete. »Ihr habt euch wohl alle gegen mich verschworen, deine Tante, dein Bruder und du. Das ist wohl auch der Grund ihrer Abwesenheit ... Sie haben die Flucht ergriffen ... Du bist als die Kühnere oder weniger Gefühlvolle dageblieben, um mir die Stirn zu bieten. Du verweigerst mir die Rettung, du stiehlst mir nicht allem den Reichtum, sondern auch den Ruhm! Du bist ein entartetes Kind ... Geh! Ich kann deine Gegenwart nicht mehr ertragen. Geh hinaus!« Mit von Wut entstelltem Gesicht und zitternden Lippen schritt er auf sie zu ... Das war für die tief Erschütterte zu viel, sie brach in Schluchzen aus, öffnete die Arme, umschlang den Vater, der sich ihr drohend näherte, bedeckte ihn mit Küssen und Thränen, flehte ihn an und redete ihm zu, bald wie einem verzogenen Kinde, bald wie einem vernünftigen Manne. »Du weißt nicht, wie grausam und ungerecht du bist ... O, sage nichts mehr ... stoße mich nicht von dir ... Du würdest es später ewig bereuen ... Klage auch nicht meine Tante oder meinen Bruder an... Ach, mein Gott! Sie würden ihr Herzblut für dich hingeben, ebenso wie ich! ... Wir sind Opfer des Unglücks ... es heftet sich an unsere Fersen ... Bemühe dich nicht, das zu verstehen ... Wir sind viel unglücklicher, als du ahnst ... Forsche nicht ... Sei gut! Schilt deine Tochter nicht, die dich liebt, dich verehrt und deren einzige Freude auf dieser Welt deine Liebe ist ...« Sie kniete nieder, suchte den Greis zu beruhigen, und es gelang ihr auch, ihn zum Schweigen zu bringen, aber nicht, ihn zu überzeugen. In seinem eigensinnigen Kopfe verfolgte er seinen Plan weiter, und suchte ein Mittel, ihn heimlich auszuführen. Die Idee, Tondeur kommen zu lassen und ihm die großen Bäume des Parkes zu verkaufen, wurde er nicht mehr los. Die schattigen Alleen niederhauen, der Henker dieser dichten Baumgruppen zu werden, die den Hügel mit ihrem grünen Laubdache krönten, das war es, worüber er schweigend brütete. Vor dem Fenster stehend, scheinbar in das herrliche Panorama vertieft, welches sich seinen Augen darbot, bewunderte er nicht die Pracht und Verschiedenheit der Aussichtspunkte, sondern berechnete, was er aus diesen Jahrhunderte alten Stämmen herausschlagen könnte. Kein Zögern, keinerlei Bedauern bei dem Gedanken, an diesen letzten Rest der Größe seines Erbsitzes die Axt einer schwarzen Bande von Spekulanten legen zu lassen. Er fragte sich nur mit Angst, ob die Summe, die man ihm dafür bieten konnte, auch zu seinen augenblicklichen Bedürfnissen hinreichen würde. Außer seinen Patenten, träumte er von der Konstruktion eines Modells seines Brennofens, so wie er sein mußte, um einen industriellen Wert zu haben. Von seiner Phantasie fortgerissen, sah er dasselbe schon vollendet und vollkommen vor sich. Die Vorderseite zeigte ein Stahlschild, mit der Aufschrift: »Brennofen von Clairefont.« Er lächelte, sich in seinem Werke spiegelnd. Seine Tochter, von Angst erfüllt, beobachtete ihn. Sie fühlte, daß der alte Mann ihr wieder entschlüpfte, und daß nichts von allem, was sie ihm gesagt hatte, in seinem kranken Hirn haften geblieben war. Wozu der Kampf, wenn die Unvernunft ihren Gegner unverwundbar machte? Wozu zerriß sie sich das Herz, zerquälte sie sich die Nerven, wenn ihr Vater nach einem solchen Streite ruhig und sorglos blieb? Er ging jetzt, die Hände in den Taschen, in seinem Kabinette auf und ab, leise vor sich hinsingend. Antoinettes Gegenwart schien ihn nicht zu kümmern. Wiederholt schritt er dicht an dem Fauteuil vorüber, in welchem sie völlig gebrochen lehnte. Endlich setzte er sich an den Schreibtisch und machte rasch einige Notizen, wie wenn ihm plötzlich etwas eingefallen wäre, dann begab er sich in sein Laboratorium, wo Antoinette ihn in dem großen Ofen schüren, mit den Retorten klirren und die Kette des Blasebalges ziehen hörte. Da sie sich inmitten dieses Geräusches trauriger und bedrückter fühlte, als wenn sie sich in dem vereinsamten Parke befunden hätte, stand sie langsam auf und ging hinaus. Ziellos schritt sie durch die weiten Gänge, die Treppen hinab und fand sich zitternd vor der Thür, die zu den Zimmern ihres Bruders führte. Sie trat ein. Die geschlossenen Fensterläden dämpften das Licht; alles war in Ordnung und an seinem richtigen Platze. Die Flinten ruhten unthätig auf dem Gewehrständer, die Reitpeitschen hingen unbenutzt an der Wand, und ein Sonnenstrahl, der durch eine Spalte des Fensterladens eindrang, entlockte der weiten Oeffnung eines Jagdhornes goldige Funken. Ein von Antoinette tags zuvor hingestellter Blumenstrauß welkte in einer Vase und verbreitete einen schwachen, melancholischen Duft. Die verlassenen Jagdgerätschaften sahen in dem düsteren Räume so traurig aus, daß das junge Mädchen eine Ohnmachtsanwandlung spürte. Es war ihr, als befände sie sich in dem Zimmer eines Verstorbenen. Mit bedrücktem Sinne und zuckendem Herzen blieb sie lange regungslos, einer bitteren Verzagtheit hingegeben. Sie stellte sich Robert in einer kahlen, dunklen Zelle vor, wie er in dem Netze, das ihm seine Verleumder gestellt, sich machtlos sträubte, vielleicht vom Jähzorn sich hinreißen ließ und durch seine Heftigkeit, auf welche man womöglich gerechnet hatte, seine Lage verschlimmerte. Und niemand durfte zu ihm. Der kräftige Bursche, der an die frische Luft der Wälder und Wiesen, an die anhaltende Bewegung, wie solche das Landleben mit sich bringt, gewohnt war, saß nun eingesperrt zwischen vier Mauern, immer beobachtet und von Verhören gequält, auf die er sicherlich nichts zu antworten wußte. Welch unaufhörliche Pein! Welch entsetzliche Prüfung! –Wann würde man ihn wiedersehen? Würde er überhaupt je zurückkehren? Was konnte man nicht von Feinden erwarten, welche die Justiz in solchem Grade irregeführt hatten, daß ein Unschuldiger um nichtswürdiger Zwecke willen des Verbrechens eines anderen bezichtigt wurde! Dann sah sie die Tante vor sich, die sich in der Stadt verloren fühlte, ohne Erfolg vom Justizpalaste nach dem Gefängnisse gehend; wie ein verlassener Hund die Mauern umkreisend, hinter denen das Kind schmachtete, welches sie anbetete. Ach! Wie mußte das arme alte Mädchen leiden, und was für Ausdrücke mochten wohl von ihren Lippen fallen! Antoinette wollte ihr schreiben. Sie zündete ein Licht an, da sie, abergläubisch, sich nicht entschließen konnte, die Fenster zu öffnen; denn dieses Zimmer sollte geschlossen bleiben, bis der, welcher es bewohnte, heimgekehrt war. Sie nahm Papier und Federn ihres Bruders, und ihr wundes Herz erleichternd, ergoß sie gleichzeitig ihre Traurigkeit und ihre Thränen über das Blatt. Da sie nicht wollte, daß irgend jemand wußte, wo Fräulein von Saint-Maurice sich befinde, ließ sie den Brief von dem alten Germain nach dem Eisenbahnbriefkasten tragen. Sie war jetzt ruhiger geworden, kehrte in ihr Zimmer zurück und brachte den Tag damit zu, Rechnungen anzustellen, Akten zu durchblättern, Gerichtsvorladungen zu überlesen. Der Abend vereinigte Vater und Tochter in dem Speisesaale. Der Marquis war sehr kalt mit Antoinette, er schmollte und sprach während des ganzen Essens kein Wort; das junge Mädchen war fast froh über dieses Stillschweigen. Nachdem das Dessert vorüber war, stand der Marquis auf, ging einmal durch das große Gemach und streichelte das Windspiel, welches, seit zwei Tagen vernachlässigt, seine Herrin mit großen Augen ansah. Eines von den nach dem Schloßhofe gehenden Fenstern stand offen. der Greis trat heran und warf den lärmenden Spatzen Brotkrümchen zu. . Einige Minuten stand er bekümmert und unentschlossen da; er blickte nach Antoinette hin. als wolle er sie anreden, dann machte er eine trotzige Gebärde und sagte trocken: »Guten Abend, mein Kind!« Und ohne ihr die Hand zu reichen, ohne ihr einen Kuß zu geben, begab er sich wieder in sein Laboratorium hinauf. Fräulein von Clairefont senkte das Haupt, als ob die Last dieses ungerechten Grolles zu schwer für ihre Kräfte würde; sie wendete sich zu Fox, pfiff leise, und nach dem Hofe hinausschreitend, ging sie auf und ab, ohne daran zu denken, die kleine Allee neben den Blumenbeeten einzuschlagen. Das Windspiel folgte ihr ernsthaft und richtete seine Schritte genau nach denen seiner Herrin. Abendliche Schatten senkten sich schweigend auf Wald und Feld und eine leichte Kühlung belebte die von der Sonne fast verbrannten Pflanzen wieder. Es war die Stunde, in der Antoinette jeden Abend mit Tante Isabella und Robert einen Spaziergang zu machen pflegte, bevor sie ihrem Vater Gesellschaft leisten ging. Die zunehmende Dunkelheit, das Gefühl ihrer schrecklichen Lage drängte sich ihr noch grausamer auf; ihre Augen suchten angstvoll die geliebten Wesen, sie sah sich allein, und, von Schmerz gebeugt, war sie außer stände, ihren Weg fortzusetzen: sie sank auf eine Steinbank nieder und stöhnte: »Robert! O, Robert!« Auf diesen Ruf antwortete ein klagendes Heulen. Das Windspiel, die Schnauze zum dunklen Himmel erhoben, sah das junge Mädchen an, als ob es sie verstanden habe und ihren Schmerz teilte; es war, als wollte es gleichfalls den Abwesenden beweinen. Sie sprach zu ihm, um es zu beruhigen, legte die Hand auf seinen Kopf und versank dann in Nachdenken. Die Uhr der Dorfkirche schlug acht Uhr. Fröstelnd erhob sich Antoinette, um hineinzugehen, da öffnete sich das Gitterpförtchen und ließ Herrn Malézeau ein. Als der Notar Fräulein von Clairefont bemerkte, stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus. »Gott sei Dank, gnädiges Fräulein, daß ich Sie allein treffe, ich fürchtete, den Herrn Marquis bei Ihnen zu finden.« Er hielt an, von heftiger Beklemmung ergriffen, drückte gerührt die Hände des jungen Mädchens und sagte: »Mein armes Kind ... ach, ich beklage Sie von ganzem Herzen ... mein armes Kind!« Wieder schwieg er, als fürchtete er, sich einer zu großen Vertraulichkeit hingegeben zu haben, und fügte mit tiefer Verbeugung hinzu: »Halten Sie es meiner alten Zuneigung zu gute, gnädiges Fräulein ... ich vergaß mich ein wenig ... aber ich kenne Sie von Kindesbeinen an ... das mag mich entschuldigen ... gnädiges Fräulein!« »Brauchen Sie eine Entschuldigung?« rief Antoinette. »Bereuen Sie es nicht, mir Ihre Teilnahme bewiesen zu haben, mein guter Herr Malézeau. Wir sind augenblicklich nicht verwöhnt, und ich bin denen unendlich dankbar, die uns nicht verlassen und es wagen, uns zu bedauern.« »Ach! gnädiges Fräulein ... meine ganze Ergebenheit ... glauben Sie mir ...« stotterte der brave Mann. »Keine Macht ... keine Macht auf Erden, sei sie auch noch so furchtbar, wird mich hindern, meine Pflicht gegen Ihre Familie zu erfüllen, gnädiges Fräulein. Ich komme, um mich Ihnen und dem Herrn Marquis gänzlich zur Verfügung zu stellen. Wenn Sie wüßten, wie weh es nur thut, Sie so unglücklich zu sehen! ... Weinen Sie nicht, gnädiges Fräulein, ich bitte Sie, oder ich verliere meine Fassung. Ich brauche meinen Kopf sehr nötig ... denn wir haben ernste Entschlüsse zu fassen ...« Antoinette trocknete die Thränen, die ihr über die Wangen flossen, und sich zwingend, fest zu scheinen, fragte sie: »Was ist geschehen? Sagen Sie mir alles, verschweigen Sie mir nichts. Zuerst von meinem Bruder.« »Ach, gnädiges Fräulein, welches Verhängnis bewog ihn dazu, Sie nicht zu begleiten, als Sie das Fest verließen? ... Ja, wie unvorsichtig war es, daß Sie überhaupt hingingen!« »Wer konnte ahnen, daß so etwas geschehen würde?« »Ach, mein Gott! Man mußte auf alles gefaßt sein! Dieser Carvayan...« Malézeau dämpfte unwillkürlich die Stimme, als fürchte er, daß der Nachtwind seine Worte zu dem Hause der Rue du Marché tragen könne... »Dieser Carvayan ist wie ein losgelassener Tiger... Er hat die öffentliche Meinung gegen Ihren Bruder eingenommen; er hat beim Gerichte Anzeige gemacht. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn des jungen Herrn Grafen Verhaftung nicht stattgefunden hätte. Der Vorstadtpöbel rottete sich zusammen. O, die Staatsanwaltschaft thut ihre Pflicht... Die Untersuchungen werden fortgesetzt; man hat mehrere sehr verdächtige Individuen festgenommen, aber es hat ihnen nichts bewiesen werden können... während dieser unglückliche Robert... Ach, die Falle war schlau gelegt.« »Was kann man thun, um Carvayan zu entwaffnen?« »Vor acht Tagen hätte ich Ihnen geantwortet: Seinen Ehrgeiz und seine Habgier befriedigen! Treten Sie ihm den Steinbruch gütlich ab. Aber würde er sich mit dieser materiellen Genugthuung begnügt haben? Dieser Mensch haßt Ihren Vater und alles, was mit ihm die gleiche Luft atmet... Sie sind unglücklicherweise ganz seinem Willen anheimgegeben, und auf seine Großmut ist nicht zu rechnen...« »Ach! Möge Clairefont untergehen, der Steinbruch verschwinden, die Trümmer unserer Besitzung, vom Unheil verschlungen werden! ... Wenn mein Bruder nur frei wird! ...« »Zählen Sie auf mich, gnädiges Fräulein, und seien Sie versichert, daß nichts vernachlässigt werden wird, was zu diesem Resultate führen könnte ... Aber das geht nicht von heute auf morgen...« »So wird es lange dauern?« »Ach ja, mehrere Wochen! Die Gerechtigkeit ist langsam, gnädiges Fräulein ...« Antoinette entschlüpfte ein schmerzlicher Ausruf. »Wie werden wir es machen, um meinen Vater in Unkenntnis dessen zu lassen, was vorgeht?« »Das wird sehr schwer sein ... gnädiges Fräulein...« »Und doch, ihm alles sagen, würde ihm den Tod geben! Er würde diesen Schlag nicht verwinden. Die ernste Unterhaltung, die ich heute früh mit ihm hatte, brachte ihn schon ganz außer Fassung ... Er leidet ... Was wollen Sie? Er ist an solche Widerwärtigkeiten nicht gewöhnt... Bis jetzt haben wir sie stets für uns behalten... Er konnte sich den Arbeiten, die seine Freude, ja sein Leben sind, friedlich hingeben... Er war so voll Vertrauen zu seinen Erfindungen! ... Ich hoffte immer noch ... Wenn er endlich doch gefunden hätte, wonach er forscht, wäre es dann nicht ein Verbrechen gewesen, ihn dieses so mühsam erlangten Resultates zu berauben?« »Lassen wir das für den Augenblick, gnädiges Fräulein... Es handelt sich darum, zu wissen, was Sie thun wollen... Sie sind von einer Expropriation und Versteigerung der Immobilien bedroht... Das Urteil ist gefällt und unterzeichnet. Wir haben Frist durch die aufeinanderfolgenden Proteste erlangt, wodurch Sie Zeit gewonnen haben, die Kosten aber erhöht sind... Heute kann ich Verzögerungsmittel anwenden, die Sie noch einige Tage im Besitze lassen... Wir werden den Kampf mit Stempelpapier fortsetzen ... aber endlich kommen wir doch zum letzten Zusammenbrechen, und diese Fristen werden nur dazu dienen, Carvayan zum Aeußersten zu treiben. Andererseits, wenn wir die Beschlagnahme und den Verkauf zulassen, so haben wir Aussicht, noch vor der Exekution die Angelegenheit Ihres Bruders glücklich durchführen zu können. Frei von allen Sorgen, können wir unsere ganze Kraft seiner Verteidigung widmen ... Wir bitten einen berühmten Rechtsgelehrten der Pariser Advokatur, seine Sache in die Hand zu nehmen, und es wird uns gelingen, ihn den Händen seiner Feinde zu entreißen. Einmal außer Gefahr, haben wir dann keine Rücksicht mehr zu nehmen, und wir bemühen uns, aus unseren Grundstücken allen nur erdenklichen Nutzen zu ziehen. Wir schicken den Notaren der Provinz und der Hauptstadt Anzeigen, damit sie uns Käufer, für Schloß und Domäne verschaffen. Wir wenden uns an die Kalkfabrikanten von Senonches, stellen ihnen die Gefahr einer Konkurrenz vor und treiben sie dazu, an der Versteigerung teilzunehmen. Carvayan, der darüber wütend wird, überbietet sie, und dank dieser Rivalität werden die Zuschläge unerwartet hohe Preise ergeben ... So daß wir, wenn die Sache vorüber ist, für den Herrn Marquis nach Bezahlung aller Schulden noch einen Ueberschuß von 2 bis 300 000 Franken behalten, welche, von mir gut untergebracht, ihm erlauben werden, ein ruhiges und behagliches Leben in Saint-Maurice zu führen. Dies, mein liebes Fräulein, ist der Plan, den ich gemacht und den ich Ihnen vorlegen wollte.« Der gute Malézeau, von der Wärme seines Vortrages fortgerissen, stotterte nun nicht mehr und zerriß seine Sätze nicht durch die vielen: Mein Herr, gnädiges Fräulein etc., die ihm sonst eigen waren; aber das Zucken seiner Augen hatte zugenommen, und hinter seiner goldenen Brille zwinkerte er fürchterlich. »Ja, das muß geschehen,« sagte Antoinette, »das ist ein vernünftiger Rat... Ach Gott! nach all den Qualen, all der Traurigkeit werde ich dies Haus fast ohne Bedauern verlassen –ich habe hier zuviel gelitten... Ich verlasse mich ganz auf Sie, lieber Herr Malézeau! Gehen Sie zu meinem Vater, sprechen Sie mit ihm, überreden Sie ihn, daß er es Ihnen und mir überläßt, seine Angelegenheiten zu ordnen. Im übrigen lassen wir ihn im unklaren, bis mein Bruder wieder da ist. Wenn die Gefahr überstanden ist, können wir ihm dann etwas von unserer Sorge und Unruhe mitteilen. Ueber der Freude wird er sie leicht wieder vergessen.« Mit sanftem, traurigem Lächeln fuhr sie fort: »Sie werden unsere große Vorsorge vielleicht lächerlich finden ... Aber mein Vater ist daran gewöhnt ... Ich teile ihm Freude und Schmerz zu wie einem Kinde; denn, sehen Sie, ich bin ein wenig seine Mutter ...« Malézeau sah das junge Mädchen mit Bewunderung und Rührung an. Er ergriff ihre Hände, drückte sie kräftig und stotterte: »Ja, gnädiges Fräulein... Das war die Wahrheit gesagt, gnädiges Fräulein...« Er brach ab; noch ein Wort, und ihm wären Thränen in die Augen gekommen. Sie schritten zusammen auf das Schloß zu, und im Vorsaale angelangt, blieb Antoinette stehen. »Ich begebe mich auf mein Zimmer,« sagte sie; »wenn Sie, bevor Sie fortgehen, mir noch irgend etwas mitzuteilen haben, bitte, so lassen Sie mich rufen.« Der Notar verneigte sich vor Fräulein von Clairefont wie vor einer Königin und wendete sich dann, die Treppe hinaufsteigend, nach dem Laboratorium. Antoinette schloß sich in ihr Zimmer ein und wartete voll Spannung. Sie hegte unbestimmte Befürchtungen und erwartete nichts Gutes von dem Unverstande ihres Vaters. Wer weiß, ob er nicht plötzliche Verwickelungen verursachte und das zerbrechliche Gerüst, das so sorgfältig aufgerichtet war, um ihm die Wahrheit zu verbergen, zerstörte! Nach Verlauf einer Stunde hörte sie Malézeau hinunterkommen, sah ihn über den Hof gehen und sich dann entfernen. Einige Augenblicke später klopfte der alte Germain an die Thür und übergab ihr einen von dem Notar eiligst geschriebenen Zettel, der die Worte enthielt: »Aengstigen Sie sich nicht: der Herr Marquis wird vernünftig sein. Ich komme morgen mittag wieder.« Nach diesen Versicherungen beruhigte sich das junge Mädchen. Von Müdigkeit überwältigt, schlief sie in dieser Nacht, und als sie am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Diese Nacht, welche Fräulein von Clairefont Ruhe und Stärkung brachte, war für Carvayan reich an Aufregungen. Je mehr er sich dem Augenblicke näherte, in welchem seine Hoffnungen erfüllt werden sollten, desto mehr wuchs die Ungeduld des Banquiers. Nun er die Gewißheit hatte, daß der Marquis ihm nicht mehr entgehen konnte, litt er an heftiger Reizbarkeit. Er war unruhig und fürchtete alles, selbst das Unmögliche. Pascal war am Tage vorher nach Havre gereist, wo er, wie er behauptete, einen wichtigen Besuch zu machen hatte; er sollte erst am nächsten Tage heimkehren. Fleury hatte sich die letzten bestimmten Instruktionen für die bevorstehende wichtige Operation geholt, und, von seinem Herrn aufgehalten, der mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit sprach, sich erst spät abends zurückziehen dürfen. Als Carvayan allein war, begab er sich in sein Zimmer hinauf, wo er fast bis Tagesanbruch wie ein Tiger in seinem Käfig auf und ab lief. Während dieser Nacht durchlebte er die ganze Vergangenheit noch einmal. Er berauschte sich an seinem Hasse und stärkte sich in seinem Grolle. Der Gedanke, daß der Marquis ihm endlich auf Gnade und Ungnade anheimgegeben war, bereitete ihm einen Hochgenuß, und er nahm sich vor, ihm keine Kränkung zu sparen. Zu den Seelenqualen, die sein Feind über das Unglück seines Sohnes empfinden mußte, wollte er die harte Prüfung materiellen Mangels fügen. Diesem stolzen Edelmanne die Schrecken einer Beschlagnahme auferlegen, ihn mit den Exekutoren und ihren Schreibern in Berührung bringen, ihn zwingen, den Gängen dieser Menschen durch die aristokratischen Säle beizuwohnen: die köstlichen Familienerinnerungen, die Ahnenbilder, die vom Vater oder der Mutter herstammenden Gegenstände einer gemeinen Taxation, welche solch heilige Reliquien besudelt, zu überlassen: im Namen des Gesetzes Fremde im Schlosse aufzunehmen, die das Recht haben, alles zu plündern, die Thüren zu öffnen, die Schubfächer zu durchwühlen, ihn mit Raffinement die erniedrigende Pein der Inventaraufnahme erdulden zu lassen –das war seine Rache. Warum hatte er nicht das Recht, selbst dieses Schauspiel zu genießen, den Profoßen zum Angriffe aufzustacheln, zur Jagd anzutreiben, während er mit dem Hute auf dem Kopfe, dem vor Machtlosigkeit zitternden, vor Schmerz erbleichten Honoré von Clairefont gegenüberstand? Aber das Gesetz, barmherziger als Carvayan, widersetzte sich diesem ungeheuerlichen Triumph. Es entzog das Opfer der direkten Berührung mit seinem Henker. Der Banquier durfte die Schwelle des Hauses nicht überschreiten. Er fand diese Verfügung abgeschmackt, legte sich endlich brummend nieder und träumte, daß er Abgeordneter sei und dieselbe zu seinem persönlichen Nutzen modifizieren ließ. Des Morgens stand er zur gewohnten Stunde auf, besorgte seine Post, empfing einige Personen und sagte zu sich, als es neun Uhr schlug: »Jetzt gehen Papillon und Fleury nach Clairefont.« Im selben Augenblicke klopfte es an die Eingangsthür, und die rauhe Stimme Tondeurs ließ sich vernehmen: »Ist der Herr da? Ich muß ihn sprechen und zwar sofort.« Carvayan öffnete selbst; er ahnte, daß etwas vorgefallen sei, und das Blut stieg ihm siedend heiß zu Kopf. Er blickte den Holzhändler mit verzehrenden Blicken an und fragte barsch: »Was gibt's?« »Der Marquis hat mich heute in aller Herrgottsfrühe zu sich rufen lassen und nur ein drolliges Geschäft vorgeschlagen ... Ich hätte das nie von ihm gedacht ... so etwas!« »So kommen Sie doch heraus damit, verdammter Schwätzer,« schrie der Maire, außer sich über Tondeurs Wortschwall. »Zur Sache! Was? Was wollte er?« »Mir sofort alle Bäume des Parkes für 60 000 Franken verkaufen ... Da ist für 100000 Franken Holz, oder der Teufel hole mich ... Ich habe nein gesagt. Darauf ist er auf 50000 heruntergegangen. Wieder hab' ich nein gesagt. Da wurde er ganz blaß und erklärte mir: ›Ich brauche 40000 Franken oder ich verkaufe nicht.‹ Wie Sie wollen, Herr Marquis, hab' ich ihm gesagt ... Ich darf nichts ohne Herrn Carvayans Einwilligung thun. Er allein kann dies Geschäft abschließen. Zum Henker, wenn ich allein vorginge, würde ich mich schön in die Nesseln setzen ... Es wird ja alles mit Beschlag belegt!... Darauf ist der Alte einige Minuten auf und ab gegangen und hat zwischen den Zähnen gemurmelt: ›40000 Franken und zwei Monate Frist ... das ist Rettung!‹ Dann ist er zu mir gekommen und hat mich gefragt: ›Glauben Sie, daß Herr Carvayan zu mir käme, um darüber Rücksprache mit mir zu nehmen?‹ Das kann ich nicht sagen, habe ich erwidert, man muß ihn fragen ... ›Nun, wollen Sie das thun?‹ Warum nicht, Herr Marquis, um Ihnen gefällig zu sein ... Dann habe ich meine Beine in die Hand genommen, und in einer Viertelstunde den Klopfer Ihrer Thür erwischt ... Ohne Sie zu belästigen, hätte ich gern etwas zu trinken. Ich komme um vor Durst.« Der Maire öffnete die Thür. »Claudine, ein Glas und Wein!« rief er; dann zu Tondeur zurückkehrend, setzte er hinzu: »Nun, gehen wir.« »Oh, oh!« rief der Holzhändler ... Sie wollen sich von Angesicht zu Angesicht sehen, der alte Wilde und Sie ...« »Ich muß doch hören, was er will ... Papillon und Fleury müssen schon unterwegs sein.« »Ich bin ihnen am Schlagbaum begegnet.« »Dann werden wir sie auf dem Plateau noch einholen.« »Teufel!« schrie Tondeur. »Heute werde ich um zehn Pfund magerer ...« Er fing so zu lachen an, daß er von seinem Husten ergriffen wurde, an dem er fast erstickte und der ihn ganz violett werden ließ. Carvayan ging schon mit großen Schritten durch die Rue du Marché. Also der Marquis selbst ließ ihn rufen. Ein ungeheurer Stolz schwellte seine Brust. Er hatte ihn demnach so weit gebracht, daß er um Gnade bat. Wie vor dreißig Jahren stieg er wieder nach Clairefont hinauf. Aber welch ein Unterschied! Damals war es Nacht: er lief, stolperte bei allen Krümmungen des Weges und sah, das Herz vor Angst beklommen, alles dunkel vor sich. Jetzt schritt er unter der strahlenden Sonne, auf ebenem Wege zuversichtlich dahin, seiner Kraft sich bewußt und das Ziel, nach welchem er strebte, klar vor sich sehend. Er hätte am liebsten den Bäumen, den Steinen, den Gräben am Wege zugerufen: »Kennt ihr mich noch? Ich bin der Elende, den ihr eines Abends weinend und verzweifelnd vorüberlaufen sahet, der das Weib suchte, welches er liebte, der arme Schlucker, den man ungestraft verhöhnen, beleidigen, schlagen durfte. Heute komme ich als Sieger und werde, wenn es mir beliebt, Beleidigung mit Beleidigung, Schlag mit Schlag vergelten. In dreißig Jahren hat das Rad sich gedreht, nicht wahr? Ich war unten, und jetzt bin ich oben! Ja, seht mich an, ich bin es!« Und mit gebietendem Blicke sah er auf den Park von Clairefont und auf die Terrasse unter den Bäumen. »Nein,« dachte er, »die schattigen Bäume, die morgen mein Eigentum sein werden, sollen nicht gefällt werden. Ich werde mein Gut nicht so verunstalten lassen. Bald werde ich dort einziehen, die Freude empfinden, da zu leben, wo mein Feind lebte, und an seinem Platze glücklich sein.« Sie bogen in die große Allee ein und gingen längs der weißen Böschungen des Steinbruches hin. Dieser dürre, kreidige Hügel mißfiel Carvayan. Er sagte zu sich: »Ich werde drei Reihen Bäume anpflanzen lassen, um den Anblick der Erdarbeiten zu verdecken.« Er fühlte sich schon als Besitzer, disponierte über Grund und Boden, verfügte nach seinem Gutdünken. Bevor sie das Gitter erreichten, holten sie Pavillon und Fleury, seine Helfershelfer, ein. »Was geht denn vor?« fragte der Gerichtsschreiber unruhig. »Gibt es Aenderungen im Programme?« »Entweder vorteilhafte oder gar keine,« erklärte Carvayan. »Der Marquis von Clairefont hat mich zu sprechen gewünscht, und um ihm meine Willfährigkeit zu beweisen, bin ich hergekommen, denn ich hätte ihm sagen lassen können, er möchte sich in mein Bureau bemühen ... aber wenn man der Stärkere ist, muß man sich nachgiebig zeigen ... Treten wir ein!« Er öffnete selbst die eiserne Thür und betrat als erster die Steine des Schloßhofes. Gesenkten Hauptes schritt er weiter und suchte die Stelle, wo er unter den Hufen der Pferde des Marquis, das Gesicht von einer blutigen Furche durchschnitten, niedergefallen war. Er erkannte sie: Dort war es, neben einem kleinen Rosenbeet mit Resedaeinfassung; er blieb stehen, trat mit dem Fuße darauf, als gelte es zurückgelassene Spuren zu verlöschen, und von dieser furchtbaren Erinnerung erschüttert, wollte er eben eintreten, als er sich auf der Thürschwelle Fräulein von Clairefont gegenübersah. Sie wechselten kein Wort; nur mit den Augen richtete das junge Mädchen eine stumme Frage an Fleury und Pavillon, deren Ankunft sie erwartet hatte. Carvayan hielt es unter seiner Würde, eine Erklärung zu geben. Seine gebräunte Stirn hatte sich umwölkt, er fühlte, daß er in diesem Hause, welches sein Haß öde gemacht hatte, dem einzigen Gegner gegenüberstand, der ihm noch zu bekämpfen blieb. Es fröstelte ihn, seine siegestrunkene Freude schwand; es schien ihm, als ob noch nicht alles zwischen ihm und diesen Clairefonts zu Ende sei. Mit einer Geste befahl er Tondeur, zu sprechen. »Gnädiges Fräulein, der Herr Marquis hat mich heute früh gebeten, Herrn Carvayan zu ersuchen, einen Augenblick zu ihm zu kommen ... der Herr Maire ist so gütig gewesen, mich zu begleiten ...« Carvayan beim Marquis! Die ganze Gefahr einer solchen Annäherung stand blitzschnell vor Antoinettes Geist. Wer hatte ihren Vater zu einem solchen Entschlüsse veranlaßt? Was wollte er mit dem Banquier besprechen? Welche Enthüllungen würde dieser ihm zu machen wagen? Das ganze Gebäude edelster Verstellung, zu welchem sich die Familie des Greises vereinigt hatte, konnte durch ein einziges Wort zerstört werden. »Ich werde Herrn Carvayan zu meinem Vater führen,« sagte sie langsam ... »Und Sie, meine Herren, thun Sie, was Ihres Amtes ist ... Germain, begleiten Sie die Herren und stellen Sie sich ihnen zu Diensten.« Von Carvayan und Tondeur gefolgt, begab sie sich hinauf. Während sie die zwanzig Stufen der Treppe hinaufstieg, litt sie mehr als je zuvor ... Sie sah, daß ihr Vater argwöhnisch gegen sie geworden, daß sie keine Macht mehr über ihn hatte und ihn nicht mehr gegen die Stiche zu schützen vermochte, welche seine schlimmsten Feinde ihm mitten ins Herz hinein zu versetzen trachteten. Sie war in Todesangst. Einmal war sie nahe daran, sich zu Carvayan umzukehren und ihm zu sagen: »Sagen Sie mir, was Sie wollen! Diktieren Sie Ihre Bedingungen, aber ... gehen Sie nicht zu meinem Vater!« Die Thür des Laboratoriums wurde geöffnet und damit ihrem Schwanken ein Ende gemacht. Der Marquis, der seinen Feind hatte kommen sehen, wollte diesem entgegengehen. Er runzelte die Stirn, als er seine Tochter wahrnahm, aber Antoinette trat unerschrocken näher. Der alte Mann berührte ihren Arm und sagte sanft: »Geh, mein Kind, ich habe mit diesem Herrn zu reden; wenn ich deiner bedarf, werde ich dich rufen lassen ...« »Aber, lieber Vater!« rief das junge Mädchen in höchster Unruhe ... Carvayan schaute spöttisch auf und sagte, seine gelben Augen mit frechem Mitleid auf Herrn von Clairefont richtend: »Wenn der Herr Marquis unter Kuratel steht, möchte ich wissen, was ich hier soll ...« »Geh, mein Kind,« wiederholte der Marquis mit leichter Ungeduld. Antoinette zog sich zurück, da sie ihren Vater zu verletzen fürchtete, wenn sie Widerstand leistete; aber der Gedanke an das, was sich jetzt ereignen könnte, erfüllte sie mit Entsetzen. Der Erfinder und der Banquier blieben allein. Tondeur hatte sich bescheiden in eine Ecke zurückgezogen und schien kein Interesse an dem zu nehmen, was besprochen und verhandelt werden würde. Als geschickter Gehilfe hatte er Carvayan eingeführt; nun war es Sache des Meisters, die Gelegenheit auszunutzen. Hatte dieser erst das Geschäft in der Tasche, so war es Zeit für ihn, seinen Anteil zu fordern. »Ich habe Tondeur gebeten, Sie hierher zu führen, mein Herr,« begann der Marquis, »damit wir direkt die Geschäftsfragen regeln können, welche uns scheiden. Sie haben einen großen Teil der Schuldforderungen, die gegen mich im Gange sind, an sich gebracht. Ich will nicht über die Gründe sprechen, die Sie bewogen haben mögen, diese Effekten zusammenzubringen ... ich gehe direkt aufs Ziel los ... Ich glaube ein Mittel gefunden zu haben, meine Schuld gegen Sie tilgen zu können: aber ich brauche, um dieses Ziel zu erreichen, eine Frist von zwei Monaten und eine Summe von 40000 Franken ... Unter welchen Bedingungen wollen Sie mir Zeit lassen und das Geld leihen?« Betroffen sah der Maire den Marquis an, indem er sich fragte, ob ein solches Ersuchen in der That an ihn gerichtet würde. So viel Naivität machte ihn argwöhnisch: er hielt das Ganze für eine ihm gestellte Falle, denn eine so weit gehende Verblendung schien ihm unfaßbar. Man verlangte eine Gefälligkeit von ihm, schien seinen Wucher, seine Verleumdungen, seine Beschimpfungen, alles zu vergessen, sogar den jüngsten furchtbaren Schlag, die Verhaftung Roberts, welche das ganze Land ihm als eigentlichem Urheber zuschrieb. Unter dieser Sanftmut mußte sich eine Hinterlist verbergen, die auf Carvayans Untergang zielte. Er suchte alle seine Gedanken zu sammeln, um die Sache ruhig zu überlegen. Der Marquis hielt das Verstummen des Banquiers für ein Zögern, und, um ihn zur Entscheidung zu bewegen, fuhr er fort: »Fürchten Sie nicht, zu viel zu fordern; ich will Ihnen alle Vorteile einräumen, die Sie für sich beanspruchen ... Ich bin des Gelingens so völlig sicher ...« Des Gelingens sicher! ... Diese Worte erhellten das Dunkel, in welchem Carvayan sich nicht zurechtzufinden vermochte. War dies nicht die Sprache aller Erfinder? Er erinnerte sich des Ofens, von welchem so viel gesprochen wurde. Die Zukunft seiner Erfindung war es demnach, worauf der Marquis die Hoffnung, sich frei zu machen, stützte. Mit Hilfe des berühmten Glühofens gedachte er die Arbeiten im Steinbruche wieder aufzunehmen, seine Schulden zu bezahlen und sein Vermögen wiederherzustellen. Nun war die Situation klar. Der Marquis vergaß über seiner Erfindung alles, den langjährigen Zwist und den gegenwärtigen Kummer, er unterdrückte seinen Groll, ja er war bereit, sogar sein eigen Fleisch und Blut dem Kinde seines Geistes zu opfern. Carvayan war wieder er selbst. Er warf dem Marquis einen kalten Blick zu und entgegnete: »Es ist wohl ohne Zweifel Ihr Ofen, welcher Sie so lebhaft beschäftigt? ... Doch ich muß Ihnen bemerken, daß ich hierherkam, um Geld in Empfang zu nehmen, nicht um solches zu leihen, um eine Geschäftsangelegenheit zum Abschlusse zu bringen, nicht um neue aufzunehmen ... Ist dies alles, was Sie mir mitzuteilen hatten?« Da begann der Erfinder mit der Kühnheit und Offenheit eines Schwachsinnigen seine Pläne zu entwickeln und seine Aussichten auf Erfolg herzuzählen. Er vergaß, wer ihm gegenüberstand und in welch schrecklichem Augenblicke er sprach, er dachte nur an seinen Apparat und beschrieb dessen vorteilhafte Einrichtung. Er zog den Banquier in die Ecke des Laboratoriums, wo sich der Ofen befand, und erbot sich, denselben in Carvayans Gegenwart heizen zu lassen. Und voll Begeisterung und Zuversicht geriet er immer mehr ins Feuer. Doch die schneidige Stimme Carvayans wirkte alsbald ernüchternd auf den Marquis. »Unter welchem Vorwande verlangen Sie von mir die Mittel, Ihre Erfindung nutzbar zu machen? ... Soll ich mich etwa damit belustigen, Ihnen selbst die Patronen zu liefern, damit Sie desto leichter mit mir Krieg führen können? Ich sehe wohl Ihren Vorteil in all diesem ... Doch wo ist der meine? Ich bin der Mann nicht, den man mit leeren Worten und humanitären Theorien abspeist ... Fortschritt, Industrie ... Das ist alles recht hübsch! Aber zuerst komme ich. Nichts bürgt mir dafür, daß Sie mit dem Gelde, welches Sie von mir verlangen, reüssieren werden ... Auch habe ich schon zu viel außenstehen... Sie schulden mir ungefähr 400000 Franken, mein bester Herr, von welchen 160000 heute morgen fällig sind ... Sind Sie in der Lage, diese Zahlung zu leisten?« Der Marquis senkte die Stirn und sagte leise: »Nein, mein Herr ...« »Alsdann, ergebener Diener! Man bemüht die Leute nicht, um ihnen Flausen vorzumachen ... Und wenn man seine Schulden nicht bezahlen kann, gibt man sich nicht das Ansehen eines Genies ... Ah! Ah! Der Ofen! Der gehört ja übrigens mir, wie alles, was sich hier befindet ... und ich begreife nicht, weshalb, wenn er wirklich gut ist, ich ihn nicht für meine Rechnung ausbeuten sollte ...« »Sie?« »Jawohl, ich! Ich denke, Herr Marquis, die Zeit ist da, wo weitere Kniffe überflüssig sind ... Sie hoffen doch nicht einen alten Schlaukopf wie mich anzuführen? ... Und dennoch versuchten Sie es, ich sage dies zu Ihrer Ehre, denn ich glaubte nicht, daß Sie sich noch jetzt verteidigen würden ... Aber nun ist es zu Ende, nicht wahr? Sie geben sich keiner Täuschung mehr hin? Es bleibt Ihnen nichts übrig, als Ihre Siebensachen zusammenzupacken und aus Ihrem Edelsitze hinauszuwandern ...« Carvayan pflanzte sich vor Herrn von Clairefont auf, und das Antlitz von entsetzlicher Freude erstrahlend, fuhr er fort: »Vor dreißig Jahren waren Sie es, der mich hinauswerfen ließ, heute ist die Reihe an mir ... Ein Gerichtsdiener wartet unten, das Inventarium aufzunehmen ...« Dann brach er in ein beleidigendes Lachen aus, und die Hände in den Hosentaschen, schritt er ungeniert auf und ab, als sei er es schon, der hier den Gebieter machen könnte. Der Marquis hatte tief betroffen diese heftige Rede angehört. Die Illusionen, die er noch gehegt, verschwanden in einer Sekunde, wie Wolken von Sturmeshauch verjagt. Er kam wieder zur Vernunft und errötete, daß er sich so weit erniedrigt hatte, um mit Carvayan zu verhandeln. Er sah nicht mehr den Geldleiher in ihm, der jederzeit zu einem vorteilhaften Geschäfte bereit ist, er erkannte den beharrlichen, erbitterten Feind seines Hauses. »Ich irrte mich,« sagte er voll Verachtung, »ich glaubte noch so viel zu besitzen, um Ihre Habgier zu locken ...« »Oh, oh! Frechheiten!« sagte der Banquier kalt, »das ist ein großer Luxus, den Ihre Mittel Ihnen nicht mehr gestatten, mein lieber Herr. Wenn man den Leuten Geld schuldig ist, so muß man sie mit etwas anderem bezahlen, als mit bösen Worten ...« »Sie können meine Lage mißbrauchen, mein Herr,« entgegnete der Marquis mit Bitterkeit. »Ich bin in Ihren Händen und muß auf alles gefaßt sein, waren doch die Meinen die ersten, die mich verließen ... Welche Rücksichten könnte ich wohl von einem Fremden erwarten, wenn meine eigene Tochter mir ihre Börse verschließt und mein Sohn mich verläßt? ... Uebrigens, brechen wir ab ... Wir haben einander nichts weiter zu sagen.« Carvayan machte eine Gebärde der Ueberraschung, dann erhellte sich sein Gesicht von teuflischer Befriedigung. »Entschuldigen Sie,« begann er lebhaft, »ich sehe, daß Sie sich in einem Irrtume befinden, aus welchem ich Sie befreien muß ... Sie beschuldigen mit Unrecht Ihre Tochter und Ihren Sohn ... Sie haben wahrscheinlich Fräulein von Clairefont um Hilfe angesprochen, und Sie sagen, sie hätte Ihnen dieselbe verweigert. Nun, sie hatte ihre guten Gründe dafür. Es ist lange her, daß sie das Geld, welches Sie von ihr forderten, hergegeben hat ... Ah! Sie beklagen sich über ihre Undankbarkeit! ... Und sie hat sich um Ihretwillen zu Grunde gerichtet, und ganz im stillen, da sie bat, man möge Ihnen verheimlichen, daß sie ihr Vermögen hergebe ... Das nennen Sie also, Ihnen die Börse verschließen!« Der Marquis sprach kein Wort, stieß keinen Seufzer aus. Eine Blutwelle stieg ihm zu Kopfe, er wurde rot, dann wieder leichenblaß. Er warf Carvayan einen Blick zu, wie das Opfer seinem Mörder, es schien ihm, als ob sich das Herz in seiner Brust umwende. Er that einige Schritte, dann ließ er sich in seinen Fauteuil niederfallen, und, seiner kaum bewußt, unbekümmert um die Anwesenheit seines Henkers, neigte er voll Verzweiflung den Kopf auf die Lehne des Stuhles. Carvayan folgte allen seinen Bewegungen, mit Entzücken an den Qualen des Feindes sich labend, und ihn mit der Schwere seines Hasses vernichtend. »Und was Ihren Sohn betrifft,« fuhr er fort, »so ist es nicht ganz sein freier Wille, daß er nicht an Ihrer Seite weilt, glauben Sie mir ... Er wurde gestern verhaftet und zwischen zwei Gendarmen nach Rouen gebracht.« Mit einem Satze sprang der Marquis empor, faßte den Maire an der Krawatte, und funkelnden Auges und mit zitternden Lippen stieß er ihn mit unglaublicher Kraft gegen einen Steinpfeiler. »Elender! Du hast gelogen! ... Gestehe, daß du gelogen hast ... oder ich erwürge dich!« Die beiden Männer kämpften während einiger Sekunden, doch die scheinbare Stärke des Marquis hielt nicht lange stand, und von Carvayan, der laut fluchte, derb geschüttelt, fiel er ohnmächtig in die Arme Tondeurs, der ihm zu Hilfe geeilt war. »Ah! Donnerwetter! Der alte Spitzbube! Er will die alten Gewaltthaten von neuem anfangen!« schrie der Maire ... »Tondeur, Sie sind mein Zeuge ... Er hat die Hand gegen einen öffentlichen Beamten erhoben ... Ich werde ihn gleichfalls vors Gericht bringen, ja, ihn auch!« »Lassen Sie doch, Herr Carvayan, Sie müssen sich beruhigen,« sagte Tondeur, der sich von Mitleid für den Greis ergriffen fühlte ... »Sie haben ihm arg zugesetzt und er konnte seine Aufregung nicht bemeistern ...« »Dann werde ich ihn schon lehren, sich zu beherrschen, ich!« schrie Carvayan ... »Oh! Das bringt ihn außer sich, seinen Sohn vor dem Gerichtshofe zu sehen? ... Ich werde ihm noch ganz andere Stückchen zeigen, um ihm endlich den Respekt beizubringen, den man gewissen Leuten schuldig ist!« Der Greis öffnete die Augen, und von Schmerz entstellt, murmelte er mit herzzerreißendem Ausdrucke: »Vor dem Gerichtshofe ... Mein Sohn ... Mein Robert ... Ist das möglich? ... Was hat er gethan?« Carvayan trat an ihn heran, so nahe, daß sein glühendes Gesicht den Marquis fast berührte: »Er hat nach der väterlichen Tradition gehandelt. Er hat ein Mädchen entführt ... und als sie diesmal sich sträubte, hat er es erdrosselt! Sehen Sie, das hat er gethan!« Herr von Clairefont erhob sich, und in bittendem Tone sich an seinen Feind wendend, sagte er: »Es ist unmöglich, daß er schuldig ist ... Es ist mein Sohn, Herr! Sie haben auch ein Kind ... Denken Sie, wie ich leide ... Ein armer Junge, unschuldig an dem Verbrechen, dessen man ihn zeiht ... Oh! ich will mich völlig ergeben, ich will alles thun, was Sie wollen ... Ich gestehe mein Unrecht ein ... Aber ich bitte Sie ... ich fühle, daß Sie meinem unglücklichen Robert helfen können ... Seien Sie nachsichtig ... Retten Sie ihn ... Geben Sie mir ihn zurück!« Mit gekreuzten Armen, regungslos, hatte ihn Carvayan angehört. »So, so! Eben noch haben Sie mich beschimpft ... Nun bitten Sie wieder ... Feigheit und Heuchelei! ... Bin ich denn einer von Ihren Freunden, daß ich Ihnen einen Dienst erweisen sollte?« Der Marquis senkte den Kopf. »Herr Carvayan ... Ich bereue aufs tiefste, was ich mir einst Ihnen gegenüber zu schulden kommen ließ ...« »Und glauben Sie wirklich, daß Sie jene Kränkung mit ein paar Worten verlöschen könnten? ... Ein Schimpf, dessen Spuren ich noch nach so vielen Jahren auf meiner Wange trage ...« Ungestüm faßte er Honoré am Arme und zog ihn ans Fenster. »Sehen Sie ... dort diese Stelle vor der Freitreppe ... dort war es, wo Sie mich von Ihren Pferden überfahren und vom Lakaien peitschen ließen ...« »Nun!« rief der Marquis außer sich, »steigen Sie mit mir in den Hof hinab, ich will, wenn Sie es fordern, auf derselben Stelle vor Ihnen niederknien, und Sie um Gnade für meinen Sohn bitten!« Vor seinem besiegten, um Verzeihung bittenden Feinde, der in Thränen zerfloß, blieb der Maire regungslos und stumm. Er sah die Thränen über Honorés Wangen rollen, er sagte sich: »Nun ist er gebrochen, nun liegt er zu meinen Füßen. Der verzehrende Traum meiner Nächte hat sich verwirklicht. Ich triumphiere, ich bin glücklich.« Er wiederholte es sich: »Ich bin glücklich,« und doch fühlte er, daß er es nicht war. Schmerz und Bitterkeit waren in ihm zurückgeblieben, und sein Rachedurst war nicht gelöscht. Er wendete sich um und sagte, etliche Schritte zurücktretend: »Ihre Abbitte kümmert mich wenig ... Mit Ihnen und Ihrem Sohne würde man doch niemals fertig werden ... Ich halte Sie, und ich lasse Sie nicht los ... Sie haben den Kampf begonnen; wundern Sie sich nicht, wenn ich ihn bis zum Aeußersten fortführe ... Sie hatten einst alles, Vermögen, Rang, Ansehen ... ich nichts ... Nun, nächstens wollen wir 'mal jeder unsere Rechnung abschließen ...« Bei dieser harten Antwort sah der Marquis endlich ein, daß jede Hoffnung vergeblich sei. Ein Schwindel erfaßte ihn, und indem er mit wirren Blicken das Ungeheuer anstarrte, dem seine Qualen Freude machten, rief er drohend aus: »Wenn der Himmel gerecht ist, so werden Sie in Ihrem eigenen Sohne Ihre Strafe finden. Ja, weil Sie unerbittlich gegen den meinen sind, so wird er unbarmherzig gegen Sie sein ... Schurke! Sie haben einem ehrlichen Manne das Leben gegeben. Er wird Sie züchtigen.« Diese von dem Marquis im Fieber des Wahnsinnes hervorgestoßenen Worte ließen Carvayan vor Furcht und Zorn erbeben. »Weshalb sagen Sie mir das?« rief er. Er sah den Marquis schwankenden Schrittes hin und her gehen, mit wirren Blicken und drohenden Gebärden ... »Ich glaube, er wird verrückt!« murmelte er, zu Tondeur gewendet. »Ach ja!« höhnte der Marquis. »Meine Feinde selbst werden mich rächen ... Ja, der Sohn ist ein Ehrenmann ... Einmal hat er schon das väterliche Haus verlassen ... Er wird sich vor dem Bösen entsetzen, das um ihn her geschieht ...« Er schritt auf Carvayan zu. »Hinaus mit dir, Ungeheuer! Deine Arbeit ist gethan ... Du hast mir mein Vermögen gestohlen, meine Ehre gestohlen ... Es bleibt mir nichts mehr übrig als mein Werk ... Das aber sollst du nimmer haben!« Hierauf stürzte er zum Tische hin, nahm seine Zeichnungen, zerriß sie und trat sie mit Füßen, sodann griff er nach einem schweren Hammer, eilte zum Ofen, und unter fürchterlichem Hohnlachen suchte er ihn mit gewaltigen Schlägen zu zertrümmern. Carvayan wollte ihn daran hindern. Da wendete sich der Greis zu seinem Feinde mit gesträubtem Haare und verzerrtem Munde: »Tritt nicht näher oder ich erwürge dich!« »Donnerwetter! Er macht mir wenig Furcht,« rief der Maire. Und schon wollte er hinstürzen, um den Ofen vor der Zerstörungswut des Erfinders zu schützen, als die Thür aufging und Fräulein von Clairefont in derselben erschien. Das wilde Schreien und Toben des Marquis war bis zu ihr hinabgedrungen. »Lieber Vater!« schrie sie, indem sie auf ihn zueilte, ihm den Hammer entwand und den Alten mit ihren Armen umschlang. »Lieber Vater, was ist vorgefallen? ...« Honoré strich mit der Hand über seine Stirn und seufzte: »Jage den Menschen hinaus ... Er thut mir weh ... Er bringt mich um ...« Das junge Mädchen drehte sich zu Carvayan um und sagte sanft: »Mein Vater ersucht Sie, sich zurückzuziehen, mein Herr ...« Da Carvayan aber zögernd nicht von der Stelle wich, zuckten zwei Blitze in den Augen des jungen Mädchens auf, und mit befehlender Gebärde nach der Thür weisend, sagte sie blos das eine Wort: »Hinaus!« Erschreckt und bezwungen verbeugte sich der Maire schweigend, und gefolgt von Tondeur, der sich so klein als möglich machte, verließ er das Schloß. Sodann führte Antoinette ihren Vater zu dem großen Lehnstuhle, kniete vor ihm nieder, suchte seine eiskalten Hände zu erwärmen, trocknete ihm die schweißtriefende Stirn, und da er noch immer regungslos, mit geschlossenen Augen stehen blieb, flüsterte sie: »Vater, ich bin's ... Besinne dich ... lieber Vater ... du machst mir Furcht ...« Honoré stieß einen schmerzlichen Seufzer aus, machte eine Bewegung und schlug die Augen auf. Er erkannte Antoinette. Seine Augen füllten sich mit Thränen, und mühsam die Hände wie zum Gebet faltend, schluchzte er: »Ach, meine Tochter ... mein Engel ... verzeih mir, verzeih mir!« Damit fiel sein Haupt nach rückwärts, er verlor die Besinnung. Im selben Augenblicke ließ sich ein rascher Schritt im Flur draußen vernehmen, und Herr von Croix-Mesnil trat ein. »Antoinette!« rief er, mit ausgebreiteten Armen herbeieilend. »Ich erwartete Sie,« sagte sie ernst. »Mein Gott! Komme ich etwa schon zu spät? ...« »Nein, denn wir haben noch gar viel zu leiden!« Und indem sie auf den bewußtlosen Marquis wies, setzte sie hinzu: »Helfen Sie mir, meinen Vater auf sein Zimmer tragen.« Mit ehrfurchtsvoller Sorgfalt nahmen die beiden den Greis, der wie ein Kind stöhnte, in ihre Arme, und der traurige Zug bewegte sich über die Steintreppe hinab. Neuntes Kapitel Die Stunden, welche nun folgten, waren schrecklich. Croix-Mesnil war unermüdlich, es gelang ihm aber nicht, Fräulein von Clairefont über den Zustand ihres Vaters zu beruhigen. Der Doktor Margueron, der am selben Morgen eine Rundfahrt zu den Patienten in der Umgegend angetreten hatte, kam erst gegen sieben Uhr abends ins Schloß. Er fand den Marquis, dessen eine Gesichtshälfte konvulsivisch zuckte, in großer Aufregung, er verschrieb ein Senfpflaster für die Beine, und wenn der Blutandrang zunehmen sollte, auch Blutegel, im Nacken anzulegen. Er verheimlichte keineswegs die Bedenklichkeit des Zustandes und versprach, am nächsten Morgen wiederzukommen. Mit Herrn von Croix-Mesnil am Kopfende des Bettes sitzend, verbrachte das junge Mädchen die schmerzlichsten Stunden ihres Lebens. Im Halbdunkel der Stube lauschte sie den kurzen, mühsamen Atemzügen des Kranken, die häufig von unzusammenhängenden Worten unterbrochen wurden. Zuweilen wendete sie ihre schmerzerfüllten Blicke dem treuen Freunde zu, der auf die erste Nachricht von ihrem Unglück ohne Zögern herbeigeeilt war. Beide schwiegen. Antoinette, in tiefster Seele getroffen, war von den peinlichsten Gedanken bestürmt. Sie vermochte nicht einmal ihre ganze Sorge dem armen Manne zuzuwenden, der in heftigem Delirium an ihrer Seite seufzte und stöhnte. Die eine Hälfte ihres Selbst bangte um den Bruder, der in noch größerer Gefahr schwebte, wenn sie ihn auch nicht so augenblicklich bedrohte. Welch ein Golgatha hatte das arme Mädchen zu erklimmen und wie schwer das Kreuz sie drückte! Alle Kräfte waren von ihr gewichen, an allen Nerven fühlte sie sich lahm. Ihr Kopf war schwer und glühend heiß, und sie sehnte sich danach, weinen zu können. Es schien ihr, daß, wenn die Quelle ihrer Thränen sich erschließen könnte, ihr dies Erleichterung und Beruhigung verschaffen würde; doch ihre Augen blieben trocken, versunken unter den zusammengezogenen Brauen, als ob die Anstrengung des Denkens sie nach innen zöge. Um zehn Uhr kam der alte Germain auf den Fußspitzen hereingeschlichen und fragte, ob man nicht zu Abend essen wolle. Antoinette schüttelte verneinend den Kopf, doch der Baron bat sie inständigst, mit ihm in den Speisesaal hinabzugehen, sie habe seit dem Morgen nichts gegessen, sie müsse ihre Kräfte erhalten, um den Vater pflegen zu können. Daraufhin versprach sie, eine Suppe zu sich zu nehmen, das Zimmer ihres teuren Kranken wollte sie jedoch nicht verlassen. Als der Baron wieder zu ihr zurückgekehrt war, bemühte er sich, sie ihren düsteren Betrachtungen zu entziehen. Er sprach ganz leise zu ihr, eine überflüssige Vorsicht indes, da der Marquis außer stande war, irgend etwas zu verstehen; die Worte, welche an sein Ohr klangen, erweckten in seinem Geiste keinen Widerhall. Die Ruhe des jungen Mädchens erschreckte Herrn von Croix-Mesnil, ein exaltierter Zustand hätte ihn weniger beunruhigt. Antoinette beurteilte die jüngsten Ereignisse mit erstaunlicher Geistesklarheit und Kaltblütigkeit. Sie erkannte die verzweifelte Lage und hegte keine Hoffnung mehr. Sie erkundigte sich bei dem Baron, welchen Eindruck Roberts Verhaftung in der Bevölkerung hervorgerufen habe, da sie nichts weiter darüber wußte, als daß Tante Isabella geschrieben, die Zeitungen hätten den Vorfall aufs eingehendste besprochen. Croix-Mesnil erzählte, ein Freund habe ihm den »Courier de l'Eure« gebracht, in welchem er mit Entsetzen die Beschreibung des Mordes und die Verhaftung des angeblichen Mörders gelesen habe. Darauf hatte er sich sogleich einen Urlaub von vierundzwanzig Stunden erbeten und war unverzüglich abgereist. Die anderen Blätter der Provinz hatten ihn indes auch mit der Tendenz der öffentlichen Meinung bekannt gemacht. Zwei Strömungen hatten sich bereits gebildet; die eine war Robert günstig, die andere gegen ihn. Unglücklicherweise war die zweite viel mächtiger als die erste. Die politische Leidenschaft, von Carvayans Parteigängern geschickt entflammt, war mit ins Spiel gezogen. Die radikalen Zeitungen strömten von Verwünschungen über gegen »die blutgierige Ausgelassenheit der letzten Repräsentanten der Feudalität, die ihren unnatürlichen Gelüsten gemäß über Leben und Ehre der Proletarier noch immer frei verfügen zu können wähnen«. Chassevent wurde »ehrwürdiger Greis, achtbarer Arbeiter« genannt, der die einzige Tochter, die Stütze seines Alters beweine. Das Ganze schloß mit einem warmen Appell an die Unparteilichkeit der Richter und an die Strenge des Gesetzes, denn ein solch ungeheuerliches Verbrechen verdiene eine exemplarische Bestrafung. Herr von Croix-Mesnil hütete sich wohl, Antoinette etwas von diesen niedrigen Aufreizungen und wütenden Gehässigkeiten wissen zu lassen, ebenso wie er ihr nichts von dem Telegramm sagte, welches er gerade, als er von Evreux abzureisen im Begriffe war, von seinem Vater erhalten hatte, der ihn vor einem in der ersten Erregung unüberlegten Schritte schützen wollte und ihn aufforderte, sich von den Clairefonts fernzuhalten. »Nicht du hast den Bruch herbeigeführt,« erklärte der weltkluge Beamte, »benutze die Gelegenheit, die sich dir bietet, und kompromittiere dich nicht. Alle thatsächlichen Beweise klagen den unglücklichen Robert an, für ihn sprechen nichts als moralische Gutachten, die zudem sehr schwach sind!« Der Baron steckte das Telegramm in die Tasche und reiste eilends ab. Er hatte eines von den schlichten Herzen, welche, selbst wenn sie zu viel leisten, niemals genug gethan zu haben meinen. Antoinette war unglücklich, ihr Bruder angeklagt, verleumdet. Das war nicht der Augenblick, um sich fernzuhalten, wie es ihm sein Vater telegraphierte, sondern vielmehr, um sich zu nähern. Und so war er denn gekommen. Die beiden jungen Leute, er sehr traurig, sie sehr blaß, flüsterten im Halbdunkel der matt brennenden Lampe leise miteinander wie an dem Bette eines Sterbenden. Zuweilen hielten sie inne, um auf den Greis zu hören, der in seinen Fieberphantasien wilde Drohungen ausstieß und schauerlich auflachte. Zitternd vernahmen sie die schmerzlichen, zwischen den übereinander gepreßten Zähnen gemurmelten Klagen, welche sie unerbittlich in die schreckliche Gegenwart zurückführten. »Carvayan, immer er! Er ist's, der den Verdacht auf Robert gelenkt, nicht wahr?« fragte der Baron. »Herr Malézeau behauptet es ... Und wie könnten wir daran zweifeln nach dem, was am Abende vorher sich ereignete? Er hat sich in furchtbarer Weise für die Beleidigung gerächt, welche mein Bruder ihm angethan ... Ach! Wir haben mit eigenen Händen an unserem Unglück gearbeitet und haben uns bei vielen Anlässen höchst unklug benommen. Wir können unsere Feinde anklagen, aber, um gerecht zu sein, müssen wir damit anfangen, uns selber anzuklagen ...« Als gelte es, feierlich Verwahrung einzulegen gegen diese Freimütigkeit und Demütigung, erhob sich im Dunkel des Alkovens die pfeifende Stimme des Marquis: »Carvayan! Ah! Ah! Elender! ... Vermögen, Ehre, alles, alles, nur nicht mein Werk! ...« Von ehrfurchtsvollem Schauer ergriffen, schwiegen die beiden fortan, und in der lautlosen Stille bezeichnete nur das langsame, einförmige Ticktack der Uhr die entfliehende Zeit. Dreimal schon hatte der alte Germain sein sorgenvolles Gesicht in der Thür blicken lassen, der treue Diener wollte die Nacht am Bette seines Herrn wachend verbringen, doch Antoinette hatte ihn sanft zurückgewiesen, indem sie ihm befahl, schlafen zu gehen, um am nächsten Morgen rüstig zu sein. Gegen zwei Uhr morgens trat sie an das Bett ihres Vaters und betrachtete ihn aufmerksam. Sein Gesicht war weniger krampfhaft verzogen, sein Atem ging regelmäßiger, er schien ruhiger zu sein. Sie empfand einen kurzen Augenblick der Freude, und mit einem Male quollen reichliche Thränen, welche die grausamste Pein ihr nicht hatte entlocken können, unaufhaltsam aus ihrem Herzen empor, das ein Hoffnungsschimmer wieder erwärmt hatte. Mit gefalteten Händen kniete sie am Bette nieder, und der Baron hörte, wie sie Gott um die Erhaltung ihres Vaters bat. Der edle Freund näherte sich ihr, wollte sie ermutigen, doch sie sagte: »Lassen Sie mich, das thut mir wohl ... Ich glaubte ersticken zu müssen ...« Sie wies auf den Marquis. »Sehen Sie ... ich glaube, es geht ihm besser .. Das Fieber hat nachgelassen ... Wenn wir ihn retten könnten! ... Eben dachte ich noch, daß es doch gar zu grausam für den armen Robert wäre, wenn er den Vater nicht wiedersehen sollte und denken müßte, daß der Kummer um ihn seinen Tod herbeigeführt habe ...« »Ja, Sie werden ihn retten,« entgegnete tief bewegt der Baron, »und Sie werden Vater und Sohn vor Ihren Augen wieder vereint sehen. Nicht immer triumphiert das Schlechte, und was man auch sage, es gibt eine Vorsehung ...« Worauf Antoinette einfach erwiderte: »Ich, ich glaube daran.« Noch einige Minuten blieben sie an dem Bette stehen und beobachteten den Greis, dann erklärte Fräulein von Clairefont dem Baron, daß sie nun allein zu bleiben wünsche. »Wenn ich einer Hilfe bedürfen sollte, so verspreche ich Ihnen, Sie holen zu lassen,« fügte sie hinzu. Nach kurzem Zögern gehorchte Herr von Croix-Mesnil. Tiefes Schweigen lag über dem Schlosse, und alles schien zu schlafen. Durch die Nacht schallte das klagende Wimmern einer Eule, doch ihr unheilverkündendes Geschrei erschreckte das junge Mädchen nicht. Es erschien ihr wie ein Echo ihrer eigenen Trübsal. War dies nicht der einzige Vogel, der dieses dem Unglück verfallene Haus umkreisen mochte? Sie blieb regungslos, im Lehnstuhle hingestreckt, die Augen starr auf eine im Lichtschein schimmernde Verzierung des Kamins geheftet, ihrer Phantasie folgend, die sie weit fort entführte. Allmählich beschlich sie ein Gefühl der Beruhigung, der Erleichterung, als ob ihr ganzes Wesen in der Luft schwebe, von lindem Zephyrhauch gewiegt; sie empfand ihre Müdigkeit nicht mehr, und losgelöst von allen Schmerzen, schwamm sie im unendlichen, entzückenden Blau dahin. Ihrem Munde entströmte ein regelmäßigerer Atem –sie war eingeschlummert. Ihr Schlaf währte eine volle Stunde, dann war es ihr, als vernehme sie mitten in ihrer Ruhe eine Stimme, welche ihren Namen rufe. Erschrocken fuhr sie empor und eilte an das Bett des Kranken. Halb aufgerichtet, auf den Ellbogen gestützt, sah der Marquis mit verstörtem, unsicherem Blicke umher. Sie sprach ihm leise, beschwichtigend zu; er erfaßte ihre Hand, drückte sie, wie um ihr zu sagen, daß er sie erkenne; dann stieß er mühsam die Worte hervor: »Du mußt den jungen Mann sprechen, mein Kind ... Er ist rechtschaffen ... Er wird deinen Bruder retten ...« Sie glaubte, der Vater rede im Delirium, umarmte ihn, um ihn zu besänftigen, und, indem sie auf seine Idee einzugehen schien, wie man es mit Kindern zu machen pflegt, erwiderte sie: »Ja, lieber Vater, ja, beruhige dich nur ... Alles wird gut werden ...« Er schüttelte das weiße Haupt, erhob die Augen, in welche jetzt das Bewußtsein zurückgekehrt war, und wiederholte mit einem Tone, der Antoinette prophetisch zu klingen schien: »Dieser junge Mann wird uns retten ... Er ist rechtschaffen ... Du mußt ihn sprechen, mein Kind ...« Er versuchte seine Blicke auf sie zu richten, um zu sehen, ob sie gewillt sei, ihm zu gehorchen. Doch seine Halsmuskeln mußten ihn schmerzen, denn sein Gesicht verzog sich krampfhaft bei dieser Bewegung. Ein Schatten von Wahnsinn strich wieder über sein Antlitz hin. »Soeben war er noch hier,« murmelte er, »und er war es, der dich bat ... Ich habe ihn wiedererkannt ... Dort neben dem Vorhange stand er ...« »Es war Herr von Croix-Mesnil, lieber Vater ...« »Nein,« entgegnete der Kranke in steigender Erregung. »Ich weiß, was ich sage ... Ich bin bei Verstand ... Es war Pascal Carvayan ... Er allein ist's, der deinen Bruder retten kann ... Versprich mir, daß du mit ihm reden wirst ... Ich werde eher keine Ruhe haben, als bis du es mir versprochen hast ...« »Beruhige dich, Vater, ich verspreche es dir.« Die Gesichtszüge des Marquis erhellten sich. Er ließ sich behaglich in die Kissen zurücksinken und flüsterte Worte, welche das junge Mädchen nicht verstehen konnte. Wenige Augenblicke später schlief er ruhig. Fräulein von Clairefont überließ sich träumerischem Nachdenken. Die so plötzlich erweckte Erinnerung an Pascal bemächtigte sich ihrer völlig. Sein energisches, stolzes Antlitz stand vor ihr, seine Lippen öffneten sich, um zu reden; sie wollte ihn jedoch nicht anhören, sie wußte zum voraus, was er sagen würde. Doch in schmeichelnden Flüstertönen stiegen seine Worte wie ein Gebet zu ihr empor. Wie hätte sie zweifeln können, daß er sie liebe. Alles bewies es ihr, seine stumme Bewunderung, seine scheue Huldigung, sein feinfühliges Zurücktreten. Er hatte gezittert, als er sie erblickte, war erblaßt, als sie sich entfernte, er hätte auf ihrem Wege niederknieen mögen, er hatte Herrn von Croix-Mesnil herausgefordert, weil er ihn von ihr geliebt glaubte. Ja, er würde ihr gerne dienen. Er mußte alles, was nicht sie und was nicht für sie war, hassen, er verabscheute die Kniffe seines Vaters, er hätte sein Blut vergießen mögen, damit sein Name ihr keinen Widerwillen errege, obwohl er niemals hoffen durfte, ihre Freundschaft zu erlangen. Ja, er würde ein eifriger Diener, ein aufrichtiger Verteidiger sein. Und alles, was sie über Pascal gehört hatte, kam ihr wieder in den Sinn, seine erprobte Geschicklichkeit als Geschäftsmann, sein Talent als Advokat, seine Kämpfe gegen den väterlichen Despotismus. Dabei klangen ihr immer noch die Worte, ihres Vaters in den Ohren: »Er wird deinen Bruder retten!« Welche geheimnisvolle Erkenntnis hatte den Greis dahin geführt, Pascal als den möglichen Retter Roberts zu bezeichnen? Eine überirdische Macht mußte ihm in seinen Träumen den jungen Mann gewiesen haben. Er behauptete, ihn erkannt zu haben, und hatte ihn doch niemals gesehen. Welche himmlische Stimme hatte seinen Namen ihm ins Ohr geflüstert? Wie kam es, daß er zur entscheidenden Stunde sich auf seinem Schmerzenslager emporrichtete, um diesen gewagten Rat zu erteilen? War es nicht ihre Pflicht, ihn zu befolgen? Sie hatte es versprochen, und im Innersten ihrer Seele begann schon eine geheime Hoffnung zu keimen. Vielleicht kam die Rettung von dieser Seite, durch den Sohn würde man gar vieles bei dem Vater erreichen. Wenn Carvayans Haß, durch die Demütigung seiner Feinde besänftigt, gestillt werden könnte! Wenn er sich nur neutral verhalten und nicht mehr die bösen Leidenschaften seiner Parteigänger gegen die Familie hetzen wollte, wie bald würde der Himmel sich aufhellen! Und Robert, von jedem Verdachte freigesprochen, würde zu dem Kranken zurückkehren, und seine Gegenwart mußte dessen Genesung beschleunigen. Bei diesem Gedanken fühlte das junge Mädchen sich von feuriger Begeisterung beseelt. Wie! Was! Sie könnte noch zögern, wenn der glückliche Erfolg in Ihren Händen ruhte? Lächeln träufelte ihre Lippen. Doch um den Preis welcher Demütigung war er zu erlangen? Sie mußte zu Pascal gehen, ihn zu überzeugen suchen, ihn bitten ... Nachdem sie ihm einst so klar zu verstehen gegeben, daß er für sie nicht existiere, und daß ein Carvayan von einer Clairefont nur Verachtung zu erwarten habe, sollte sie sich ihm nun als Bittende nahen und ihm ihren Kummer mitteilen. Wohlan denn! Sie würde es mit Freuden vollbringen. Welches Opfer konnte ihr schwer fallen, wenn sie damit die Befreiung ihres Bruders sichern könnte? Und zudem, hatte sie selbst nicht auch manches zu sühnen? War sie nicht auch teilweise an dem gemeinsamen Unglück schuld? Auch sie hatte ein hochmütiges, geringschätziges Benehmen an den Tag gelegt: gern wollte sie sich jetzt in das Opfer ihres Stolzes schicken und es ihrem Feinde als Tribut darbringen. Ja, sie würde, wenn es sein müßte, sogar zu Carvayan selbst gehen, dem Ungeheuer trotzen, sie würde ihn um Verzeihung bitten, daß sie ihn hinausgewiesen, und ihm die Befriedigung eines vollständigen Triumphes gönnen. In solcher Stimmung fand sie der anbrechende Tag. Ihr Entschluß stand fest, nichts konnte ihn wankend machen. Sie wußte zwar noch nicht, wie die Zusammenkunft ermöglicht werden sollte; sie verließ sich auf den Zufall. Gegen sieben Uhr morgens erschien Herr von Croix-Mesnil wieder. Der Marquis lag in schwerer Betäubung versunken, er atmete mühsam, doch phantasierte er nicht mehr. Den Bitten ihres Freundes nachgebend, willigte Antoinette ein, den Kranken seiner Obhut anzuvertrauen. Sie betrat ihr Zimmer, erfrischte ihr Gesicht und ruhte kurze Zeit auf ihrem Lager aus. Um neun Uhr, als sie ihre Toilette beendigt, klopfte der alte Germain an die Thür und benachrichtigte sie, daß der Doktor Margueron in Begleitung des Notars Malézeau angelangt sei. Das junge Mädchen traf die beiden am Bette des Kranken. Auf Anordnung des Arztes waren alle Fenster geöffnet worden, das hereinflutende Tageslicht und die frische Luft thaten dem Alten wohl und hatten ihn neu belebt. Er hatte die Augen geöffnet und war bei Bewußtsein. Das Fieber hatte nachgelassen, doch blieb die linke Seite leicht gelähmt. Antoinette fand den Doktor heute viel beruhigter; er setzte gerade Herrn Malézeau auseinander, daß sein Kranker eine Kongestion nach dem Kopfe gehabt, welche nun auf gutem Wege zur Genesung zu sein scheine. »Man darf ihn nicht ermüden,« sagte er, »und insbesondere darf man ihn nicht sprechen lassen ... Gehen wir hinab; ich werde unten das Rezept schreiben.« Auf der Terrasse, zwischen dem Notar und Fräulein von Clairefont, konnte der treffliche Mann sich nicht enthalten, von Robert zu sprechen. Am Abend zuvor, in der ersten Aufregung, der Sorge um den Marquis, hatte er den geeigneten Moment nicht gefunden, um zu erklären, welch mächtigen Eindruck ihm die Konfrontation gemacht. »Sehen Sie, gnädiges Fräulein, als ich den jungen Grafen vor dem Bette der Toten niederknien und ihn so ruhig beten sah, da hat mein Gewissen sich gerührt, und ich sagte mir: Entweder ist dieser junge Mann ein vollendeter Bösewicht, oder er ist unschuldig ...»« »Nein, er hat nichts mit dem Unglück zu schaffen!« rief Herr Malézeau voll Feuer aus ... »Er ist stets freimütig! Er hat die Wahrheit gesagt ... Ein Clairefont lügt nicht, Doktor ...« »Er hat schreckliche Feinde,« hob Herr Margueron wieder an, »sogar die von mir abgegebene Meinungsäußerung wurde zu des Grafen Ungunsten arg entstellt und cirkuliert nun in ganz Neuville; aber vor dem Schwurgerichte werde ich meine Meinung offen darlegen ... Und wenn die Richter nicht voreingenommen sind ...« »Ist das möglich?« fragte Antoinette entsetzt. »So was ist allerdings schon vorgekommen ...« erwiderte Malézeau. Fräulein von Clairefont ließ den Arzt sich entfernen und hielt den Notar zurück. Sie war zum sofortigen Einschreiten entschlossen. Zugeben, daß Carvayan weiter fortfahre, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, hieße vielleicht selbst die Verurteilung Roberts besiegeln. Sie hieß Malézeau Platz nehmen und begann gerade heraus: »Wie soll ich es anfangen, um eine Unterredung mit dem Sohne des Herrn Carvayan zu haben?« Der Notar war sprachlos vor Ueberraschung. Auf alles war er eher gefaßt, als auf einen derartigen Schritt. Er glaubte, sie habe in ihrer Erregung irgend einen verzweifelten Entschluß gefaßt, doch dazu sah sie zu ruhig und besonnen aus. Er fing an, sie in geschickter Weise zu befragen. Doch sie erzählte sogleich, was sich in der vergangenen Nacht zugetragen, und gestand offen, daß der ihr von ihrem Vater erteilte Auftrag ihr ein Befehl des Himmels zu sein dünke. Indem er sie anhörte, fühlte sich Malézeau von einer seltsamen Erregung ergriffen. Vielleicht war dies in der That der vernünftigste Plan, Pascal bei seinem Ehrgefühl zu fassen und Carvayan durch zu gewährende Vorteile zu gewinnen; vielleicht konnte man zu einem freundschaftlichen Vergleiche gelangen, indem man, ohne die Versteigerung abzuwarten, dem Maire die Besitzung auslieferte. Und war dies nicht den Schrecken eines Kriminalprozesses vorzuziehen? Der Notar war von der festen Ueberzeugung durchdrungen, daß alle Aussagen, die gegen Robert abgegeben wurden, von Fleury, Tondeur und Konsorten beeinflußt waren. Er irrte sich darin keineswegs; ein Wort von Carvayan, und die Sache nahm eine andere Wendung. Anstatt vor das Schwurgericht zu kommen, durfte man auf eine Niederschlagung des Prozesses aus Mangel an genügenden Beweismitteln hoffen. »Sehr wohl, gnädiges Fräulein,« sagte Malézeau, seine Betrachtungen beschließend, »es gilt, einen Versuch zu machen, gnädiges Fräulein ... Der Sohn des Herrn Carvayan ist heute morgen mit dem Frühzuge angekommen ... Er ist demnach in Neuville anwesend. Aber ich glaube nicht, daß es Ihnen angenehm wäre, dem Vater zu begegnen. Wir müssen daher schlau zu Werke gehen ... Wenn Sie sich auf mich verlassen wollen, gnädiges Fräulein ...« »Ich rechne nur auf Sie ...« »Nun, so werde ich Sie zu meiner Frau begleiten, und während Sie bei ihr verweilen, will ich auf Kundschaft ausgehen und Ihren Besuch ermöglichen ...« Nach einer Abwesenheit von vierundzwanzig Stunden, welche Carvayan viel zu denken gab, war Pascal in der That an demselben Morgen nach Neuville zurückgekehrt. Eine Frage nach dem Ziele seiner Reise hatte er mit der lakonischen Erklärung erwidert, daß er nach Havre gehe, um dort einen seiner Korrespondenten zu sprechen, wobei er freilich ein Erröten nicht hatte verhindern können, denn er war nicht gewohnt zu lügen. In Wirklichkeit hatte sich die Reise nach Havre auf einen Aufenthalt in Rouen beschränkt, wo er einen ehemaligen Schulkollegen zu finden hoffte, der jüngst zum Staatsanwalts-Substituten ernannt worden war. Der Beamte hatte ihn mit jener steifen, lärmenden Liebenswürdigkeit empfangen, die seinem Berufe eigen, er hatte während einer halben Stunde sehr viel gesprochen, zuerst über die ihn niederdrückende Arbeitslast, dann über die Sorgen, welche seine Verantwortlichkeit ihm auferlege, indem er sich dabei in weitläufigen Phrasen erging. Als aber Pascal die Clairefontsche Angelegenheit aufs Tapet bringen wollte, da war der Substitut plötzlich eiskalt und mißtrauisch geworden. Von nun an blieb er höchst einsilbig. »Ernste Sache ... sehr ernste Sache ... Untersuchung höchst schwierig ... Angeklagter schlau und sehr verschlossen ...« Und als der junge Mann mit weiteren Fragen in ihn drang: »Ah, Sie müssen ja doch über den Fall sehr wohl unterrichtet sein, mein Bester, Sie kommen doch aus Neuville ... Sie werden mehr darüber wissen, als ich ...« Und statt zu antworten, fing er zu fragen an. Nach einem einstündigen Besuche entfernte sich Pascal sehr beunruhigt mit der festen Ueberzeugung, daß die Staatsanwaltschaft entschlossen sei, den Prozeß bis aufs Aeußerste zu verfolgen. Er verbrachte einen traurigen Abend in einem Hotel, da er vor dem nächsten Morgen nicht zurückkehren wollte, um den Argwohn seines Vaters nicht zu erwecken. In dem Kabinette des Banquiers eingeschlossen, bemühte sich Pascal zu arbeiten, um die Zeit zu töten, aber seine rebellische Phantasie trug ihn weit weg von seinen Referaten und Abhandlungen. Es litt ihn nicht lange an einem Platze, er trat vom Tische weg ans Fenster, um hinauszublicken. Ein Gewitter war im Anzuge, schwere Wolken jagten am Himmel dahin. Ein Blitzstrahl zuckte hernieder, von fernem Donner gefolgt, das Tageslicht nahm einen gelben Schein an, als sei die Luft von Asche erfüllt. Im selben Augenblicke wurde die Thürklingel von ungeduldiger Hand gezogen, ein Flüstern ließ sich draußen im Flur vernehmen, und gleich darauf trat der Notar Malézeau bei Pascal ein. Er zeigte eine gar seltsame Miene, und noch nie hatten seine Augen hinter der goldenen Brille so viel gezwinkert. In geheimnisvollem Tone sagte er: »Es ist doch gewiß, daß Ihr Vater heute auf der Straße nach Lisors fortgefahren ist? Sie sind in der That allein zu Hause? Ja! Eine Dame ist hier, die Sie zu sprechen wünscht.« Bei diesen Worten fühlte Pascal all sein Blut zum Herzen strömen, seine Knie wankten, er sah, wie sich das ganze Gemach plötzlich zu drehen anfing. Mit bebender Stimme fragte er: »Wer ists?« hatte aber dabei die Gewißheit, daß die Antwort Fräulein von Clairefont lauten würde. Malézeau verlor jedoch seine Zeit nicht mit der Erfüllung dieser Formalität, sondern öffnete rasch die Thür, und zurücktretend, um den Eingang frei zu lassen, sagte er: »Bitte, treten Sie ein, gnädiges Fräulein!« Und auf der Schwelle des düsteren väterlichen Zimmers erblickte Pascal Antoinette. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, das Gesicht von einem Schleier verhüllt, den sie alsbald mit einer heftigen Bewegung abnahm. Pascal sah sie bleich, mit leidender Miene, die Augen von Schlaflosigkeit und Thränen gerötet. Trotzdem war er noch viel erregter als sie. Ohne zu wissen, was er that, bot er ihr einen Sitz an. Indem sie sich niederließ, richtete sie eine bittende Gebärde an Malézeau, worauf der Notar sich verbeugte und hinausschritt. Sie blieben allein einander gegenüber. Dieser Augenblick, den Pascal tags zuvor mit seinem Leben hätte erkaufen mögen, verursachte ihm nun eine peinliche Verlegenheit. Eine verzehrende Glut stieg ihm zu Kopfe, jede einzelne Haarwurzel brannte ihm wie Feuer. Er dachte: »Wenn ich nicht rede, mache ich mich lächerlich, wenn ich aber rede, laufe ich Gefahr, irgend eine Dummheit zu sagen, die mich widerwärtig macht.« Er heftete seine Augen mit so flehendem Ausdrucke auf das junge Mädchen, daß diese begriff, es sei an ihr, zu befehlen, und an ihm, sich zu ergeben. Sie lächelte traurig, und mit einem Tone, der Pascal bis ins Innerste seiner Seele drang, begann sie: »Ich komme zu Ihnen, mein Herr, als Bittende ... Und wie hätte ich es wagen dürfen, einen solchen Schritt zu thun, wenn mich nicht die Erinnerung an unsere erste Begegnung dazu ermutigen würde? ... Der Zufall, Sie sehen es wohl, wußte, was er that, als er Sie in meinen Weg stellte ...« Sie hatte den Mut, ihn mit kokettem Lächeln anzublicken. Sie wollte siegen. Und er, unter dem Zauber ihres Wesens gebannt, lauschte noch immer, als sie schon längst zu reden aufgehört. So war sie es also selbst, welche die Erinnerung an jenen Hohlweg wachrief, wo sie sich zum erstenmal gesehen hatten. Alles, was seither geschehen, existierte nicht, sie hatte es freiwillig aus dem Gedächtnis getilgt. Für ihn und für sie galt nur noch jener kurze Spaziergang an einem schönen Sommermorgen im Sonnenlichte, im Grün und Blumenduft. Wenn er die Worte gesprochen hätte, die ihm heiß zu den Lippen emporstiegen, so würden sie gelautet haben: »Ich liebe Sie.« Aber das wollte er nicht. Sie war vertrauensvoll zu ihm gekommen, sie blieb allein ihm gegenüber unter dem Schutze seiner Ehre, sie war unglücklich. Er dachte: »Ich werde ihr niemals sagen, daß ich sie anbete, aber ich will es ihr beweisen, indem ich ihr mein Leben widme.« Er trat an sie heran, und mit seiner schönen, vollklingenden Stimme, die selbst zu Carvayans Herzen den Weg sich bahnte, erwiderte er in ehrfurchtsvollem Tone: »Ich weiß, gnädiges Fräulein, was Sie herführt, und es scheint, als hätte ich eine Ahnung gehabt, Sie heute zu sehen, denn ich begab mich gestern nach Rouen, um Erkundigungen über Ihren Bruder einzuziehen ...« Sie stieß einen Ruf freudiger Ueberraschung aus, während ein rosiger Schimmer ihre Wangen überhauchte, als sie sich so rasch und so gut verstanden sah. »Er ist, wie man mir versicherte, bei bestem Wohlsein und sehr ruhig. Was die Angelegenheit selbst betrifft, so sind die Beamten bis jetzt sehr schweigsam ...« »Vielleicht ist noch nichts entschieden,« sagte sie, die Hände faltend. »Vielleicht ist es noch Zeit ... Ach, mein Herr, wenn Sie Ihre Bemühungen mit den unserigen verbinden wollten! Ich fühle, daß ich auf Sie rechnen kann, daß Sie einen gerechten Sinn und ein großmütiges Herz besitzen. Ich bitte Sie, sprechen Sie für uns mit Herrn Carvayan! ...« Pascal erbleichte beim Anhören dieser schrecklichen Bitte, welche seinen Vater als Henker hinstellte, dessen Grausamkeit man entwaffnen wollte. Antoinette fürchtete, ihn beleidigt zu haben, sie nahm eine schmeichelnde Miene an: »Verzeihen Sie, wenn meine Worte Ihnen mißfallen ... Allein, was ich von Ihnen fordere, läßt sich so schwer ausdrücken! ... Ich will nichts sagen, was Ihnen unehrerbietig gegen Ihren Vater scheinen könnte, und dennoch muß ich Ihnen begreiflich machen, daß wir um Gnade bitten ... Wir sind in seiner Gewalt, in der Ihren ... Alles, was von uns gefordert wird, wollen wir gern erfüllen, wenn wir nur damit erreichen könnten, daß er gegen den armen Robert sich nachsichtiger verhalte ... Alles, Sie verstehen mich, mein Herr? Und weil wir dachten, daß Ihre Fürsprache mächtiger sein wird als jede andere, haben wir uns an Sie gewendet ...« So hatte sie nur an ihren Bruder gedacht! Es war nicht der Zug ihres Herzens, der sie zu Pascal geführt. Ihr Herz war verschlossen für alles, was nicht Robert war, und nur aus Liebe zu ihm hatte sie es über sich gewonnen, ihren Stolz zu besiegen und zu bitten. Er verbannte jede eitle Hoffnung auf Gegenliebe aus seinem Herzen, stählte seinen Sinn und dämpfte das heiße Wallen seines Blutes. »Wenn Sie wüßten, wie schwer wir geprüft werden!« fuhr das junge Mädchen fort. »Infolge einer Unterredung mit Herrn Carvayan ... oh! ich will ihn nicht anklagen ... ist mein Vater erkrankt und flößt uns ernste Besorgnis ein ... Alles kommt auf einmal über mich, Sie sehen es ... Und ich weiß nicht, wohin meine Blicke richten, von allen Seiten droht mir Unheil ... Ich bin allein in Clairefont und ohne einen treuen Freund, der mir zu Hilfe geeilt ...« Pascals Herz zog sich schmerzlich zusammen, er wechselte Farbe seine Fäuste ballten sich. »Herr von Croix-Mesnil,« murmelte er dumpf. »Ja, Herr von Croix-Mesnil. Seine Freundschaft für uns bringt ihm nur Sorgen und Kummer, der arme Mensch! ...« Das klang so ruhig, warm und doch so gleichgültig, daß Pascal wieder auflebte. »Glauben Sie, gnädiges Fräulein,« erklärte er, »daß ich bereit bin, alles aufzubieten, um Ihrem Wunsche zu willfahren ... Aber ich kann nur mich selbst binden, und Sie verlangen, daß ich mich für meinen Vater verbürge ...« Es schien Antoinette, als ob derjenige, den sie erobern wollte, ihr entschlüpfe. »Haben nicht Sie die meiste Gewalt über ihn?« hub sie von neuem an ... »Habe ich nicht gesehen, wie er Sie in seine Zukunftspläne einschließt? ... Oh! ich bitte Sie, werden Sie unser Verbündeter ... nehmen Sie unsere Sache in die Hand! ... Wir haben keine andere Hoffnung mehr, als die, welche wir in Sie setzen ... Robert! Roberts Befreiung allein liegt uns am Herzen, und gerne wollen wir dafür alles andere hingeben.« »Ihre Besitzung, Ihr Schloß, den Rest Ihres Vermögens, nicht wahr?« sagte bitter der junge Mann. Sie schwieg ... Zum zweitenmal stellte sie dieses Anerbieten. Und mußte sie nicht darauf hinauskommen? Malézeau hatte es ihr wohl zu verstehen gegeben, was allein ein bestimmender, entscheidender Beweggrund für den Banquier sein könnte: Der Steinbruch, das Ziel seines Strebens, der Traum seines Ehrgeizes, die Beute, welche seine Genossen lockte. Fräulein von Clairefont fühlte, daß sie sich auf heißem Boden befände, aber mußte sie denn nicht bei diesem Kapitulationsvertrage die Bedingungen festsetzen? ... Sie wagte nicht weiter zu reden, sondern blickte schweigend auf Pascal, der mit gesenktem Haupte auf und nieder schritt. Bald jedoch hielt er still, fuhr mit der Hand über die Augen, stieß einen Seufzer aus, der mehr einem Schluchzen glich, und ließ sich am Fenster nieder, als habe er völlig vergessen, daß er nicht allein sei. Er litt. Antoinette fühlte sich von Mitleid ergriffen, sie trat zu ihm hin und sagte in einem Tone, der ihn erbeben machte: »Habe ich Sie verletzt? Ich bitte, verzeihen Sie mir ...« Er sah sie mit finsterem Blicke an. »Verletzt, mich? Inwiefern? Kann man einen Carvayan verletzen, wenn man ihm Geld anbietet? ...« Er lachte schmerzlich auf, sie blieb sprachlos vor Bestürzung. »Weshalb sollte ich auch empfindlich sein?« sprach er weiter. »Ist es nicht allbekannt, daß der eigene Vorteil die alleinige Richtschnur des Hauses ist, in dem wir uns befinden? ... Was Sie sagen, ist durchaus vernünftig und logisch ... Nach allem handelt es sich ja doch um ein Geschäft! Sie kennen mich nicht, wissen nicht, ob ich nicht auch ein Herz und Gewissen habe ... Woher sollte Ihnen die Vermutung kommen, daß ich unter dem, was um mich vorgeht, leide? Wer hätte Ihnen meinen Widerwillen und meine Schmerzen verraten sollen? Wäre Ihnen vielleicht zufällig selbst der Gedanke gekommen, daß ich stolz und uneigennützig sein könnte, oh, so glauben Sie es nicht; ich bin ein Carvayan, das heißt, ein bestechliches, habsüchtiges Wesen. Der Handel, den Sie mir anbieten, ist vorteilhaft, kein Zweifel daher, daß ich ihn annehmen werde. Rechnen Sie auf meine Geldgier, Sie haben das Wahre gefunden und werden sich nicht getäuscht haben.« Sie sah sein Gesicht von der heftigen Erregung seiner Gefühle verstört, und schüttelte sinnend das Haupt. »Und gerade das ist es, was ich nicht glauben mag,« entgegnete sie mit großer Ruhe. »Ich bin überzeugt, daß Sie gut sind und daß Thränen und eine Bitte hundertmal mehr zu unseren Gunsten vermögen, als die glänzendsten Versprechungen ... Für all das, was Sie für uns thun wollen, biete ich Ihnen bloß meine aufrichtige Dankbarkeit, ich verlange von Ihnen keine andere Verpflichtung, als daß Sie Ihre Hand in die meine legen ... Wollen Sie einschlagen?« Die kleine Hand, welche im Hohlwege von Couvrechamps so beleidigend die Luft mit der Reitgerte durchschnitten, streckte sich ihm nun offen und schmeichelnd entgegen. Diese feinen, rosigen Finger berühren, hieß sich zum Sklaven machen, Antoinette sich widmen, hieß gegen Carvayan sich erklären. Pascal zögerte keinen Augenblick. War er doch seit seiner Heimkehr nach Neuville dazu entschlossen. Er hegte keine Hoffnung, eines Tages Gegenliebe zu finden, und gab sich keiner Täuschung über die Gefühle hin, welchen das junge Mädchen gehorchte. Er sah sie von einer unerbittlichen Notwendigkeit gezwungen, ihren Stolz, ja ihre mädchenhafte Schüchternheit zu besiegen. Er beklagte sie und wollte ihr die Prüfung abkürzen, ergriff die Hand, die sie ihm darreichte, drückte sie leise mit achtungsvoller Rührung und sich verbeugend, entgegnete er: »Seien Sie versichert, gnädiges Fräulein, daß Sie weder in Ihren Neigungen noch in Ihrem Vermögen getroffen werden sollen ... Dafür verbürge ich mich mit meiner Ehre.« In ihrer freudigen Erregung fand Antoinette kein Wort der Erwiderung. Das Versprechen hatte in der Stille des düsteren Raumes so feierlich geklungen, daß Pascal selber davor erschrak. »Bedenken Sie indes, mein Herr,« entgegnete Fräulein von Clairefont mit Würde, »daß ich durchaus nicht verlange, Sie sollten in unserem Interesse irgend etwas thun, was Ihnen schaden könnte ...« »Nichts könnte mir mehr schaden,« erwiderte er, »als mich, selbst indirekt, an einer That beteiligen, die meinem Gewissen widerstrebt.« Fräulein von Clairefont nickte zustimmend mit dem Kopfe, und ein seltsamer Schimmer leuchtete in ihrem Auge auf. Ihre Stimme schien Pascal weicher, milder, fast herzlich. »Gleichviel,« versetzte sie, »ich wünsche, daß Ihr großmütiges Versprechen Sie nur in einem Maße verpflichte, das Sie allein bestimmen ...« Doch als fürchte sie, daß dieser letzte Aufschrei ihres Stolzes den jungen Mann wieder verletzt hätte, fügte sie hinzu: »Was sich aber aus dieser Unterredung auch ergeben möge, seien Sie versichert, daß ich von derselben eine ungeteilte Hochschätzung Ihrer Person und eine lebhafte Erkenntlichkeit bewahren werde ...« Noch einmal reichte sie ihm die Hand, und diesmal fürchtete er nicht mehr, sie zu ergreifen und zu drücken, es war ihm vielmehr, als ob diese flüchtige Berührung ihn noch unlöslicher mit Antoinette verbinde. Die Thür wurde geöffnet, Herr Malézeau eilte herbei, und Fräulein von Clairefont war schon am Ausgange der Rue du Marché verschwunden, als Pascal, auf der Schwelle des Hauses stehend, ihr noch immer nachblickte. Langsam zog er sich wieder zurück, stieg die Treppe empor und schloß sich in sein Zimmer ein. Um sieben Uhr abends kehrte Carvayan aus Lisors zurück. Er hatte tüchtigen Hunger, da er sieben Meilen im Wagen zurückgelegt, verlangte stürmisch nach dem Essen und begab sich sofort in das Speisezimmer. Dort suchte ihn alsbald sein Sohn auf. Der Banquier war in bester Laune und redete mit großer Lebhaftigkeit von dem Geschäfte, das ihn im Laufe des Tages in Anspruch genommen und welches ihm reichen Gewinn versprach. »Siehst du, mein Sohn, es ist eine Branntweinbrennerei, deren Betrieb einer großen Erweiterung fähig ist ... Die guten Leute, welche sie errichteten, hatten keine genügenden Mittel und sind nun mit ihrem Gelde auf dem Trockenen ... Zu einem derartigen Unternehmen braucht man eben bedeutende Kapitalien ... Die Dummköpfe haben mit den Oekonomen der Nachbarschaft Jahresverträge über die Lieferung von Rüben abgeschlossen, und die Maische verkaufen sie den benachbarten Pächtern, anstatt sie selbst zur Viehmästung zu benutzen ... Dazu mußte erst Vater Carvayan kommen, um ihnen dies begreiflich zu machen ... Dumontier und ich, wir werden ihnen 150000 Franken vorstrecken ... auf erste Hypothek ... Lisors ist nicht weit ... ich werde von Zeit zu Zeit hinfahren, um den Betrieb zu überwachen. Ah! Das Essen hat mir sehr gut geschmeckt, aber ich habe auch meine Suppe nicht gestohlen! ... Und du, mein Bester, was hast du gethan?« Pascal bekam heftiges Herzklopfen. Sollte er seinem Vater dreist das Vorgefallene berichten oder sollte er ihn zuvor in schlauer Weise auf eine derartige Mitteilung vorbereiten? Er antwortete ausweichend: »Ich blieb den ganzen Tag zu Hause ...« Carvayan spitzte die Ohren. In der Stimme seines Sohnes war ihm irgend ein seltsamer Klang aufgefallen. Er blickte Pascal forschend an und bemerkte eine verlegene Haltung an ihm. »Gehen wir in mein Kabinett, ein wenig rauchen,« sagte er hierauf, sich vom Tische erhebend. Sie traten in das große düstere Gemach, das von einer auf dem Schreibtische stehenden Lampe matt erleuchtet war. Mit köstlichem Entzücken fand Pascal die Luft von einem leisen, feinen Parfüm durchzogen, die flüchtige Spur von Antoinettes Verweilen in dem Hause ihres Feindes. Carvayan besaß den Geruchssinn eines Wilden; er that ein paar kräftige Nasenzüge, ließ aber keine Bemerkung laut werden. Seiner Gewohnheit gemäß ging er mit langen Schritten auf und ab. Der Argwohn, den ihm die Gesinnung seines Sohnes einflößte, begann eine deutlichere Gestalt anzunehmen und verursachte ihm eine unbestimmte Unruhe. »Sollte Pascal mit den Schloßbewohnern im Einverständnisse sein?« fragte er sich. »Doch wie, und wer hatte dabei den Vermittler gespielt?« In die Lösung dieses Rätsels vertieft, griff er mit seinen Beinen weit aus, zwischen dem Fenster und dem Schreibtische hin und her gehend, als plötzlich auf einem Tischchen, einem alten Mahagonimöbel aus der Kaiserzeit, welches den Raum zwischen den auf die Straße hinausgehenden Fenstern schmückte, ein schwarzes Spitzengewebe seine Aufmerksamkeit erregte. Mechanisch trat er näher, betrachtete es, und als er sah, daß es ein kleiner Damenschleier war, stieß er einen Schrei aus und griff mit beiden Händen danach. »Wer hat dies hier zurückgelassen?« schrie er. »Wer war in meiner Abwesenheit hier? Der Teufel! Beim Hereintreten habe ich hier gleich einen Geruch verspürt, der mir nicht katholisch vorkam ...« Damit hielt er den Schleier Pascal unter die Nase. »Du wirst wohl darüber besser Bescheid wissen, du, Herr Stubenhocker, der den ganzen Tag nicht aus dem Hause gekommen ist. Dieses Toilettenstück gehört nicht einer Dame aus Neuville ... Gott sei Dank, die verbergen sich noch nicht das Gesicht! ... Was ist's damit?« Der Verdacht, welcher in ihm aufstieg, kam ihm selber so ungeheuerlich vor, daß er ihn nicht zu fassen wagte. Er blieb ratlos, den Mund vor Zorn verzogen, in der ausgestreckten Hand den Schleier zerknitternd, dem ein köstlicher Veilchenduft entströmte. Pascal schloß die Augen, um seinen Vater, der ihm in diesem Zustande Schrecken einjagte, nicht zu sehen, dann sagte er fest entschlossen: »Ich will dich nicht lange suchen lassen, die Person, welche heute hier war, ist Fräulein von Clairefont.« »Ah! ah!« spottete Carvanan ... »Die dort droben müssen in der That nicht mehr wissen, wo hinaus, wenn sich die stolze Antoinette herbeiläßt, zu uns hinabzusteigen ... Und hast du sie empfangen?« »Ja, Papa.« »Was wollte sie?« »Für die Ihrigen eine Fürbitte bei dir einlegen ...« »Eine Fürbitte? Wirklich? Da ist sie mit einem Male gar sehr demütig geworden! ...« Er änderte den Ton und sah seinen Sohn mit Strenge an: »Und weshalb hast du mir nicht gleich bei meiner Heimkehr die Sache erzählt?« »Weil ich hoffte, daß es mir im Laufe des Abends gelingen würde, dich in eine günstige Stimmung zu versetzen.« Die beiden Männer sahen einander schweigend eine kurze Weile an. »Ah! Das hofftest du! ... Wirklich? Hältst du mich denn für einen Lustspielonkel, der alles thut, was man von ihm verlangt? Bin ich der Mann, um zu Gunsten einer Laune seine Entschlüsse zu ändern oder wegen Weibergeflenne auf seine Pläne zu verzichten? ... Die Schöne hat sich ohne Zweifel bemüht, dich mit feuchten Blicken zu rühren und mit ihren schmeichlerischen Phrasen zu berücken! ... Ah! Die versteht sich auf ihren Frauenberuf ... Eine Zierpuppe erster Klasse! Sie hat uns ja schon einmal ein Pröbchen davon geliefert an dem Ballabend, als der Dummkopf, ihr Verlobter, sich geweigert, dein Vis-à-vis zu sein ... Vor solchen Leuten muß man auf seiner Hut sein ... Sie versprechen einem den lieben Herrgott und geben einem den Teufel! Ich habe sie während der Zeit, in welcher ich mit ihnen zu thun habe, sehr genau kennen gelernt ... Was sie am besten verstehen, das ist Lügen! Das Fräulein hat dir schön gethan, aber sie war noch nicht am Ende der Straße, als sie dich schon auslachte ... Du darfst mir's glauben!« Pascal entgegnete nichts. Er hatte sich vorgenommen, alle Spöttereien und Heftigkeiten geduldig über sich ergehen zu lassen. Konnte denn die Verwirklichung des Versprechens, welches er dem jungen Mädchen gegeben, zu teuer erkauft werden? Carvanan durchmaß wieder mit raschen Schritten das Zimmer. Er überlegte, und seine Gesichtszüge hatten einen sehr ernsten Ausdruck angenommen. Plötzlich hielt er still und seinem Sohne einen finsteren Blick zuwerfend, fragte er: »Aber schließlich hat sie doch nicht bloß geseufzt, nicht wahr? Sie hat wohl auch ein wenig gesprochen ... Was sagte sie? Welchen Vorschlag machte sie? Wenn man Frieden begehrt ... so stellt man gewisse Bedingungen ... Lassen wir die sentimentale Seite der Frage aus dem Spiele und besehen wir uns die praktische ... Was fordert sie?« »Daß du ihren Bruder rettest und ihren Vater schonst ...« »Mit anderen Worten, daß ich klar wie der Tag beweisen soll, der junge Clairefont sei weiß wie die Unschuld, und daß ich den Alten, nachdem ich ihn völlig in meiner Hand habe, frisch und unangetastet wieder freilassen soll ... Nicht übel! Und was bietet sie mir als Ersatz dafür? Ohne Zweifel eine ewige Dankbarkeit?« »Fräulein von Clairefont hat keine Bedingungen gestellt.« »Und wer soll sie denn stellen, zum Kuckuck?« schrie Carvayan, dessen braunes Gesicht eine dunkle Röte überzog. »Du, Vater,« erwiderte Pascal ruhig ... »Bist du nicht der Herr?« Carvayan sah seinen Sohn mit Mißtrauen an. Er lehnte sich an den Kamin und kreuzte die Hände über dem Rücken. »Ich bin der Herr, das ist wahr!« entgegnete Carvayan voll verschmitzter Gutmütigkeit ... »Doch die Lage ist eine verwickelte ... und zwei Meinungen sind mehr wert als eine ... Sage mir, was thätest du an meiner Stelle?« »Darüber ließ ich dich nie im unklaren, Vater, und gleich von der ersten Stunde meiner Heimkehr an suchte ich dich zu einem Vergleiche zu bewegen ... Die Lage der Familie Clairefont war damals noch keine so ernste, als sie es heute ist, und ich sprach einzig und allein in deinem Interesse ... Ich wünschte, daß du die Feindseligkeiten aufgibst, welche dich in der Meinung vieler Leute herabsetzen ... Ich wünschte, daß deine Ansichten der Höhe der Stellung entsprechen möchten, welche du dir zu erringen verstanden hast ... du warst der Stärkere ... dir ziemte es, dich großmütig zu zeigen ... So redete ich zu dir, als diejenigen, welche du als deine Feinde ansiehst, noch Widerstand leisten konnten ... Was soll ich heute sagen, da sie völlig besiegt sind und in Verzweiflung um Gnade bitten? ... Es ist kein Rat, den ich dir heute gebe, es ist eine Bitte, die ich an dich richte. Sei menschlich, schlage nicht Leute, die schon auf dem Boden liegen ... Wende dich ab von diesen Clairefonts, die zu existieren aufgehört haben ... drücke den Sohn nicht nieder, dessen einziges Verbrechen der Name ist, den er trägt, und laß den Vater in Ruhe sterben auf seinem zerstückelten, verarmten Edelsitze ...« »Den Sohn!« rief Carvayan in heftigem Zorne. »Vergißt du, daß er dich vor der ganzen Stadt beschimpft hat? ... Den Vater! Weißt du nicht, daß er mich gestern morgen erwürgen wollte? ... Leute, die auf dem Boden liegen! Was thäten sie erst, wenn sie noch auf ihren Füßen ständen? Du kennst sie nicht ... diese Banditen!« Sodann wurde er wieder sehr ruhig, und mit den Händen in die Tasche fahrend, sagte er: »Schließlich, mein Wackerer, ist das alles sehr hübsch, aber die Leute schulden mir 400000 Franken!« »Die Besitzung ist das Doppelte wert! ...« »Hoffentlich! Wenn das nicht wäre, würde ich ja selber blank dastehen!« »Vater,« begann Pascal wieder mit einer Erregung, die seine Stimme erbeben ließ, »entziehe mir nicht jede Hoffnung, dich überzeugen zu können ... Bringe mir zuliebe dieses Opfer, und ich will mein ganzes Leben dir dafür dankbar sein. Fordere als Ersatz von mir, was du willst, und ich willige im voraus ein ... Ich will dir stets zu Diensten sein, will dein Vermögen vergrößern und deinen Ehrgeiz befriedigen ... Meine Tage, meine Nächte, ich will sie dir widmen ... aber im Namen alles dessen, was es Heiligstes auf Erden gibt, verweigere mir nicht, um was ich dich bitte! ...« Carvayan schritt auf seinen Sohn zu und fragte mit bitterer Ironie: »Was hat man dir dafür versprochen, wenn du mich überredest?« »Vater!« »Bist du mein Sohn oder der Sachwalter der Clairefonts?« »Bin ich nicht ein guter Sohn, wenn ich den Namen meines Vaters geehrt und geachtet wissen will?« »Achtung, Ehre, diese Worte klingen herrlich aus deinem Munde. Geh doch, mein rechtschaffener Herr, gestehe doch kühn, was du denkst, habe doch den Mut des Verrates! Glaubst du, ich hätte nicht schon lange bemerkt, daß ich in meinem eigenen Hause einen Verräter habe? Du denkst, mich täuschen zu können? ... Dazu bist du denn doch zu jung! ... Narr, der sich von einem Weibe bethören läßt und seinen eigenen Vater anführen will! Sprich für sie, verteidige, seufze um sie! Dreifacher Narr! Du wirst sehen, wie sie es dir lohnen wird! Ah! Ich wollte wissen, woran ich bin, jetzt bin ich im klaren. Du hast mit der schönen Antoinette geliebäugelt und zappelst jetzt in ihren Netzen ... Geh, sie wird dich Ehre und Achtung lehren ...« »Vater!« »Wage doch zu sagen, daß sie dich nicht bestrickt hat! Wage es zu leugnen, daß du sie liebst!« Pascal, der sich unter dem väterlichen Zorne demütig gebeugt hatte, richtete sich nun mit vor Leidenschaft strahlendem Gesichte in die Höhe. »Ja, bei meiner Ehre und Seligkeit, ich liebe sie! Und diese Liebe wird das Unglück meines Lebens sein, weil ich zwischen euch stehe, zwischen dir, den ich unerbittlich finde, und zwischen ihr, die mir heilig ist. Habe Mitleid mit mir! Jeder Schlag, den du gegen sie führst, wird mein Herz treffen. Das Schicksal wollte es so ... Mir wäre es niemals in den Sinn gekommen, Fräulein von Clairefont aufzusuchen. Ich sah sie, ohne zu wissen, wer sie sei ... Und als ich zu überlegen begann, war es zu spät ... Ich gebe dir mein Wort, daß ich sie nicht wiedersehen will, wenn du schonend mit ihrer Familie verfährst ... Ich kenne weder ihren Vater, noch ihren Bruder ... Vor meinen Augen steht nur sie. Sie allein! Sie kannst du doch nicht hassen, sie that dir niemals etwas zuleide ... Vater, auch du hast einst geliebt und gelitten ... Um der Vergangenheit willen sei heute gut und mache deinen Sohn nicht so unglücklich, als du es selbst einst gewesen!« »Ah! Du thust nicht klug daran, die Erinnerung an die Vergangenheit zu wecken, denn sie gerade verbietet mir jedes Mitleid! Entsage deiner Liebe, sie ist etwas weniger alt, als mein Haß! Seit meiner Jugend finde ich ihn stets lebendig in meinem Herzen. Aus diesem Hasse schöpfte ich die Thatkraft, deren ich bedurfte, um dahin zu gelangen, wo ich heute stehe. Alles, was ich unternahm, geschah nur, um diesem Haß Genugthuung zu geben, und nun ich dem Ziele so nahe bin, verlangst du, daß ich um einer Laune, einer Liebelei willen auf die so heiß ersehnte Freude verzichte. Geh! Du bist ein schwaches, verblendetes Kind ... Ueberlasse mir die Leitung deiner Sache, ich will sie mit der meinen verbinden, und du sollst sehen, daß ich mehr erreichen werde, als du dir selber wünschen konntest. Du beschuldigst mich fast, ein schlechter Vater zu sein ... Nun, ich will dir meine Liebe bezeugen ... Dieses Mädchen, das du liebst, willst du es haben? Ich werde es dir geben ... Du sollst das Fräulein willig und ergeben finden! Ihr Stolz! Ah! Ah! Ich besitze ein unfehlbares Mittel, um junge Mädchen, die sich etwas einbilden, gefügig zu machen ... Habe Vertrauen zu mir ... Befolge meinen Rat, mische dich in nichts, bleibe bloß Zuschauer und die Prinzessin wird dir gehören.« »Niemals!« rief Pascal wütend aus. »Ich würde vor Scham sterben!« »Oho!« stieß Carvayan hervor. »Ich glaubte mich geduldig gezeigt zu haben, aber du beginnst mir die Ohren zu ermüden! Ich schätze die Phantasie, doch nur unter der Bedingung, daß sie sich nicht zu sehr in die Länge zieht. Es gibt keine Macht auf Erden, die mich zwingen könnte, ein Nein zu sagen, wenn ich ein Ja für gut finde. Ich habe mir vor mehr als dreißig Jahren geschworen, den Marquis aus seinem Schlosse zu verjagen und mich selbst an seine Stelle zu setzen!« »Und ich, Vater, ich habe mir soeben geschworen, daß ich dich daran hindern werde.« »Also wirklich, das hast du geschworen?« sagte Carvayan mit entsetzlicher Ruhe. »Nun, du sollst bald zu deinem Schaden erfahren, daß man keine voreilige Verpflichtung eingehen soll ... In vierzehn Tagen, verstehst du mich, wird die Versteigerung des Gutes stattfinden und der Marquis obdachlos sein.« »Nein, Vater, das wirst du nicht erleben, denn morgen schon wirst du bezahlt sein.« »Geh!« spottete der Banquier. »Mit wessen Gelde?« »Mit dem meinen!« Ein plötzlicher Zusammensturz des Hauses hätte nicht so verblüffend auf Carvayan wirken können, als diese Entgegnung. »Hast du dir reiflich überlegt,« stotterte er, »was du eben sagtest?« »Ja, Vater, ebensogut als du, was du zu thun gedenkst!« »Du willst meine Pläne durchkreuzen?« »Ich werde alles thun, um einen unwürdigen Raub zu verhindern.« »Woher nimmst du die Vermessenheit, so mit mir zu sprechen?« »Aus dem Abscheu, den deine Handlungen mir einflößen.« Bei diesen Worten näherte sich Carvayan drohend seinem Sohne, sein Gesicht war von wildem Zorne verzerrt, er selbst schien größer geworden. Wie er so dastand, ganz in Schwarz, die Finger wie Klauen gekrümmt, die gelben Augen glitzernd wie Gold, hätte man ihn für einen Dämon des Hasses halten können. »Ah! Steht's so?« rief er. »Du drohst mir und beschimpfst mich! Ich sage dir, diejenigen, die du verteidigen willst, werde ich ohne Gnade und Barmherzigkeit verfolgen. Ah! Sie hofften auf eine glückliche Wendung, indem sie dich an sich lockten? Sie glaubten, ich würde mich zurückziehen, um nicht gegen dich zu kämpfen? Jetzt erst sollen sie sehen, was ich zu thun imstande bin, wenn man mir trotzt. Einen schönen Beschützer suchten sie sich da aus! ... Du bist sehr kühn, wenn du es wagst, dich mit deinem Vater zu messen. Ah! Ah! Mein Junge ... ich habe schon stärkere, als du es bist, mürbe gemacht, und auch du wirst die Faust des alten Carvayan kennen lernen! ... Dummkopf, der alles glaubt, was ihm die Clairefonts versprechen ... Das sind die größten Heuchler! Sie bedienen sich deiner, haben dich mit ihrer Tochter geködert ... Du sahst nichts als die Flamme ... Ah! Sie ist mit ihren Reizen nicht geizig ... Frage nur den Offizier ... Dich aber kann sie doch nur verachten ... Was gilt denen ein Mann ohne Namen, der Sohn deines Vaters, ein Herr, der nicht ›von‹ ist! Wenn du ihnen die Kastanien aus dem Feuer geholt haben wirst, werden sie dich wie einen Lakai fortjagen. So lerne doch die Sache einsehen ... Pascal ... mein Freund ... Ich täusche dich nicht, ich bin gegen dich aufrichtig und freimütig ... Du rennst in dein sicheres Verderben ... Du wirst deine Pflichten verletzt, deinen Vater verleugnet haben und dich mit Schande bedecken ... Wie? Hörst du mich? ... Antworte mir ... Du stehst da mit starren Augen ... Verstehst du mich? ... Warum willst du nicht reden? ... Du hast doch sonst den Mund nicht vernäht ... Versprich mir, daß du dir die Sache überlegen wirst ... Wirf doch nicht Hunderttausende nur so hin ... Potztausend! Geld ist schwer zu verdienen ... Wie bald würden diese Leute auch das deine durchbringen. Pascal ... Pascal! ...« Er näherte sich dem jungen Manne, faßte ihn beim Arme, drückte ihn, schmeichelte ihm, sprach zu ihm voll Zärtlichkeit und Beredsamkeit in allen Tonarten, mit leidenschaftlichem Feuer, um ihn zu überzeugen, zu verführen. Er fand ihn jedoch unzugänglich, stumm und taub, gepanzert mit eisernem Willen. Da jedoch alles fruchtlos blieb, schrie Carvayan schäumend vor ohnmächtiger Wut: »Fort aus meinem Hause, Elender, ich jage dich hinaus! Schändlicher, der seinen Vater verkauft! ... Der ihn ermordet! Ja, du bringst mich um! Wenn ich diese Clairefonts nicht im Staube sehe, sterbe ich, ich habe nur für die Stunde gelebt, in der sie, gedemütigt, vernichtet, meine Gewalt empfinden sollten! Und du stiehlst mir dieses so lange erstrebte Glück ... Geh fort! ... Geh, sage ich dir, ich wäre imstande, dir ein Leid anzuthun!« »Vater!« bat Pascal. »Ich verbiete dir, mich Vater zu nennen ... Bin ich es überdies? ... Ich zweifle daran, wenn ich deine Handlungsweise sehe.« Der junge Mann blieb sprachlos vor Entsetzen diesem Zorne gegenüber, der vor keiner Drohung, keiner Lästerung zurückschreckte. Er machte eine Gebärde der Verzweiflung und wendete sich der Thür zu. Sein Vater aber stand schon dort, zu einem letzten Versuche bereit. »Pascal ... Schließen wir wenigstens einen Vergleich,« sagte er mit wirren Blicken, doch mit völlig klarem Verstande ... »Bezahle nicht ... Und ich will sie in Ruhe lassen ...« »Nein, Vater ... Ich habe kein Vertrauen mehr zu dir ... Du würdest mich täuschen ...« Carvayans graue Haare sträubten sich auf seinem Kopfe; er wollte seinen Sohn schlagen, seine Arme fielen kraftlos hinab; er wollte schreien, schimpfen, doch er brachte es nur zu einem Stammeln: »Wenn deine Mutter da wäre, sie würde dich verfluchen! ...« »Nein, Vater, sie würde es nicht,« sagte der junge Mann, stolz den Kopf erhebend. Und den Alten fast sinnlos vor ohnmächtiger Wut zurücklassend, schritt er hinaus. Zehntes Kapitel Am nächsten Morgen erfuhr die Einwohnerschaft von Neuville zu ihrer ebenso großen Ueberraschung als Befriedigung, daß infolge des Bruches, welcher zwischen dem Maire und seinem Sohne stattgefunden, die Fehde zwischen Clairefont und Carvayan an einer neuen Wendung stehe. Die einen hatten Fleury, Tondeur und Dumontier schon in aller Frühe nach der Rue du Marché eilen und lange Zeit nachher in großer Erregung und lebhaftem Gespräche sich wieder entfernen sehen. Andere hingegen wußten, daß Pascal bei Herrn Malézeau Wohnung genommen, der endlich mutig seine Schiffe hinter sich verbrannt und sich offen für die Familie Clairefont und gegen den Banquier erklärt hatte. Welch ein Fund für das kleine Städtchen, dessen langweiliges Leben sich im ewigen Einerlei hinschleppte und das nun plötzlich durch so außergewöhnliche Ereignisse sich in heftige Aufregung geworfen sah. Den Zungen war freier Lauf gelassen, und der Stadtklatsch, von allen, welche ihn wiederholten, mit erdichteten Zusätzen vergrößert, war gar bald zu erschreckenden, lächerlichen Verhältnissen angewachsen. Die Dumontiers hatten den Leglorieux erzählt, daß Pascal, von Antoinette von Clairefont bethört, es gewagt habe, seinem Vater entgegenzutreten, und diese vertrauliche Mitteilung, von den Leglorieux nach ihrer Weise ausgeschmückt, war zu einer garstigen Verleumdung geworden. Nun hieß es allgemein, daß Pascal, mit dem Schloßfräulein überrascht, von seinem entrüsteten Vater aus dem Hause gejagt worden sei. Ja, man hatte Carvayan den Händen seines Sohnes, der ihn erwürgen wollte, fast entreißen müssen. Wer hätte jemals solche Ausschreitungen von dem jungen Manne, der ein so anständiges Aussehen hatte, erwartet! Ach ja! Die Demoralisation mache riesige Fortschritte! Ehemals wäre so etwas nicht vorgekommen. Aber die Strafe würde auch eine exemplarische sein und diese Intriganten von Clairefont, welche den Unfrieden zwischen Vater und Sohn herbeigeführt, würden nichts dabei gewinnen, denn der Maire, der sie bis jetzt geschont, sei entschlossen, mit aller Strenge gegen sie vorzugehen. Er wisse über die Angelegenheit des jungen Grafen Dinge, welche maßgebend auf die Entscheidung wirken mußten, und er würde nun mit seinen Aussagen nicht länger zögern; man könne mit Bestimmtheit auf eine Verurteilung zu lebenslänglicher Zwangsarbeit rechnen, da die Schwäche der Richter freilich nicht gestatte, auf ein Todesurteil zu hoffen. Und an demselben Tage, wo der Prozeß entschieden würde, würde auch das Gut Clairefont zur Versteigerung gelangen und Carvayan gerichtlich zuerkannt werden. Ein anderes Gerücht, und zwar zu Gunsten Pascals, das aber gleichfalls voller Unrichtigkeiten war, wurde von den Anhängern der Schloßherrschaft in Umlauf gesetzt: Ah! Der Maire, der steckt in einer hübschen Patsche, er wird ohne Zweifel seines Amtes entsetzt werden, denn er hat durch Vorschieben von Strohmännern von dem armen, unschuldigen Marquis fünfzig Prozent Zinsen genommen. Zudem kenne er auch den wirklichen Mörder der Rose Chassevent, dem er zur Flucht ins Ausland verholfen, um ihn dem Arme der Gerechtigkeit zu entziehen und den unglücklichen Robert, der unschuldig war, so unschuldig, liebe Freunde, wie ein neugeborenes Kind, um so sicherer ins Verderben zu stürzen. Pascal habe dies alles entdeckt, und voll Entrüstung habe er den Maire zu einem Vergleiche mit dem Marquis und zur Angabe des wahren Mörders zwingen wollen. Doch Carvayan habe Widerstand geleistet, und daraufhin habe der Sohn das väterliche Haus verlassen, indem er erklärte, daß er selber die Verteidigung Roberts von Clairefont vor dem Schwurgerichte übernehmen wolle und auch die Versteigerung des Gutes zu verhindern wissen werde. In zwei Tagen hatte Neuville sein gewohntes Aussehen verloren. Das war nicht mehr das kleine schläfrige Städtchen, dessen Bewohner ihren Geschäften und ihren Vergnügungen in so schleppender Weise nachgingen, daß es schien, als wollten sie nur die Zeit töten, die ihnen zu lang wurde; nun gab es mit einem Male Aufregung und Zeitvertreib. Die sonst vereinsamten Straßen waren vom Morgen bis zum Abend mit Neugierigen und Schwätzern gefüllt, welche plaudernd von Thür zu Thür Erkundigungen einzogen und miteinander stritten, dieser für den Maire, jener für den Marquis. Ja, es wurden sogar Wetten über den Ausgang der aufregenden Fehde eingegangen, was man seit Menschengedenken erlebt zu haben sich nicht erinnerte. Die Frauen waren für den Marquis. Pascal hatte sich die Sympathien aller gefühlvollen Seelen errungen. Er liebte Antoinette! Wie romantisch! Die prosaischer denkenden Männer aber, welche aus Erfahrung die gewaltige Macht des Maire kannten, schüttelten bedenklich den Kopf und prophezeiten dem Marquis und seinem Sohne keinen guten Erfolg. »Es ist nicht möglich, Carvayan zu widerstehen,« flüsterten sie einander ins Ohr, »wenn sein Vorteil im Spiele ist, ist er zu allem fähig, und in diesem Falle findet sich noch sein Stolz beteiligt. Pascal ist ein rechtschaffener, wackerer Bursche, doch er wird wie ein Strohhalm geknickt werden. Warum mengt er sich auch in diese verteufelte Geschichte, um fremder Leute willen, die ihn nichts angehen? Liebesfeuer –Strohfeuer. Eine kleine Reise von sechs Wochen hätte ihn die schöne Antoinette vergessen lassen; und er würde sich mit seinem Vater nicht für immer entzweit haben.« Müßiggänger umschlichen das Haus in der Rue du Marché, um etwaige neue Details zu erspähen. Doch die düstere Behausung blieb schweigsam, nicht eine Falte in den Vorhängen rührte sich, die Thür wurde nicht geöffnet, und Carvayan, der sich in sein Zimmer geschlossen, ließ sein finsteres Antlitz niemand sehen. Niemals wurde ein menschliches Herz von einem entsetzlicheren Zorne heimgesucht, als das seine. Seit der Entfernung seines Sohnes hatte der Tyrann von Neuville weder geschlafen noch gegessen. Er hatte eine Nacht und einen Tag damit hingebracht, sein Kabinett mit wütenden Schritten zu durchmessen, in dieser anhaltenden Bewegung die in seinem Innern stürmende Heftigkeit und Bitterkeit austobend. Malézeau hatte ihm zu wissen gethan, daß er ihm den Betrag der Summe, welche der Marquis schuldete, nebst Zinsen und Kosten zur Verfügung stelle, da er das Geld für seine Rechnung in Empfang genommen habe. So war es denn zu Ende, die geduldige Arbeit von dreißig Jahren war in einem Augenblicke vernichtet. Der Kanzlist, welcher den Brief des Notars überbracht hatte, war entflohen, zu Tode erschreckt von einem jener pöbelhaften Zornesausbrüche, in welchen die gemeinsten Schimpfworte von den Lippen des ehemaligen Ladengehilfen strömten, wie der Schlamm die Gosse überflutet. Die Magd, welche einen erschreckenden Lärm in dem Zimmer ihres Gebieters vernahm, hatte in dem Glauben, es sei ihm etwas zugestoßen, gewagt, die Thür zu öffnen. Sie hatte Carvayan totenbleich, wutschäumend, mit gewaltigen Hieben auf die Möbel losschlagend gesehen und war mit wilden Flüchen überhäuft worden. Als er das Mädchen gewahr wurde, war er auf sie zugestürzt und hatte geschrien: »Du wagst es, mich auszuspionieren? Hinaus oder ich bringe dich um!« Zitternd wie Espenlaub hatte sich die Kleine in ihre Küche geflüchtet und das Ereignis noch am selben Abend den Marktweibern erzählt. »Heilige Jungfrau! Was für ein Mann! Er war beinahe verrückt! ... Er grinste mit den Zähnen ... Ich bin vor Schrecken fast umgekommen ... Ich wollte nicht in der Haut seiner Feinde stecken ... So viel weiß ich!« Trotz dieser Vorhersagungen war man im Schlosse verhältnismäßig ruhig. Der Zustand des Marquis hatte sich gebessert, und dank dem von Pascal gegebenen Versprechen war auch in Antoinettes Herz die Hoffnung wieder eingezogen. Ihren Besuch bei Pascal hatte sie dem Baron freimütig erzählt, und diesen hatte das unerwartete Eingreifen von Carvayans Sohn bis ins Innerste seiner Seele erregt. Durch eine nur Liebenden eigene, scharfsinnige Erkenntnis hatte er ein Geheimnis und eine Gefahr erraten. Welch ein anderer Einfluß als die Schönheit des jungen Mädchens konnte aus dem Gegner von gestern einen Verbündeten für morgen schaffen? Eine geheime Bitterkeit vergiftete die Freude, welche der Baron anfangs empfunden, doch besaß er Mut genug, seine Gefühle zu verheimlichen, und in seinem großmütigen Herzen gewann der Wunsch, seine Freunde wieder glücklich zu sehen, gar bald die Oberhand über die Eifersucht, welche er gegen Pascal empfand. Auch die Tante von Saint-Maurice war durch die Unruhe, in welche sie die Nachricht von der Erkrankung des Marquis versetzt hatte, am Morgen nach dem zwischen Pascal und seinem Vater erfolgten Bruche von Rouen zurückgekehrt. Malézeau hatte das alte Fräulein in seinem Kabriolett heimgebracht. Während der langsamen Fahrt über den Hügel von Clairefont hatten sie Zeit gehabt, miteinander zu plaudern, und als Tante Isabella an dem Stützpfeiler, auf welchem das große Gitter des Schloßhofes ruhte, die Anschlagzettel bemerkt hatte, welche Papillon dort angeklebt, war sie alsogleich vom Wagen herabgesprungen, hatte mit eigener Hand das Papier heruntergerissen und es als Siegestrophäe ins Schloß mitgebracht. In der Mitte des Salons stehend, hatte sie es alsdann mit triumphierender Gebärde hoch in der Luft geschwungen und freudig ausgerufen: »Sehet ihr, daraus kann ich jetzt Fidibusse machen!« Man hatte sie beruhigen müssen; die Aufregung der Reise, das Vergnügen, sich wieder in Clairefont zu befinden, die Hoffnungen, die ihr Malézeau gegeben, hatten sie völlig außer sich gebracht. Man machte ihr begreiflich, daß, wenn die Situation auch besser, sie doch keineswegs schon zufriedenstellend sei, und aus dem Uebermaße ihrer Freude verfiel sie alsbald wieder in ein Uebermaß von Trostlosigkeit. Sie sprach von Robert, den sie nicht hatte sehen können, von ihrer Vermutung, daß er in einem furchtbaren Kerker schmachte, und brach schließlich in heftiges Weinen aus. Der Notar gab ihr die feste Versicherung, daß sie nächstens durch Pascal sichere Nachrichten erhalten solle. Sobald die Weisung an das Schwurgericht erfolgen würde, durfte Roberts Verteidiger mit dem Gefangenen verkehren, und auch Tante Isabella würde die Erlaubnis erhalten, ihn zu sehen. Freilich mußte bis dahin noch eine längere Zeit verstreichen, allein man hatte doch die Hoffnung auf ein günstiges Ergebnis. Der Name Carvayans allein war für Roberts Sache von größerem Werte, als alle Gewandtheit eines Pariser Advokaten. An Pascals Rednergabe war nicht zu zweifeln. Man erinnerte sich seiner Erfolge aus einer Zeit, wo er erst Anfänger gewesen. Durch seine fernere Thätigkeit und sein Alter gereift, entflammt von dem Eifer, mit welchem er entschlossen war, Roberts Verteidigung zu führen, mußte er dem Staatsanwalt ein gefährlicher Gegner werden, ob auch ein siegreicher, wagte man noch nicht zu sagen. »Ich habe es mir stets gedacht, daß dieser Pascal ein rechtschaffener Mensch sein müsse,« rief Fräulein von Saint-Maurice mit starker Stimme aus ... »Ah! Wenn er mir meinen armen Robert wiedergibt, so kann er von mir fordern, was er will. Oh, was es auch sei, ich würde es ihm bewilligen!« Herr von Croix-Mesnil entgegnete mit einem schwachen Lächeln: »Sagen Sie ihm dies nicht zu oft, gnädiges Fräulein, wer weiß, wie weit eines Tages sein Ehrgeiz gehen könnte?« »Nach einem solchen Dienste könnte er gar nicht zu groß sein!« entgegnete Tante Isabella in ihrer exaltierten Weise. »Die Ehre und die Freiheit eines Clairefont ist alles wert, was wir besitzen! ... Nicht wahr, Antoinette? ...« »Ja, Tante,« erwiderte das junge Mädchen kalt. Damit erhob sie sich, um das Gespräch abzubrechen, und indem sie mit Malézeau auf die Terrasse trat, verlangte sie von ihm eine Erklärung über die glückliche Lösung der Geschäftsfrage, womit der Verfolgung Carvayans Einhalt gethan war. Der Notar sagte ihr, daß er einen Mann gefunden, der die Gelder zu sehr günstigen Bedingungen vorgestreckt habe, Industrie und Geschäft lägen darnieder, und die Kapitalisten suchten für ihre Gelder eine sichere Anlage. Eine gänzliche Tilgung aller Schulden habe dem neuen Gläubiger eine hypothekarische Sicherheit verschafft, und außer einer jährlichen Zinsenzahlung von fünf Prozent würde man jetzt Ruhe haben. Sogleich nach Beendigung des Prozesses würde der Steinbruch wieder in Betrieb gesetzt werden, mit einem Ingenieur als Leiter der Geschäfte. Und wenn der Marquis vernünftig sein wolle, so würde er schon nach einigen Jahren in der Lage sein, seine Schulden decken zu können. Aber vor allem gelte es, daß er darauf verzichte, ein Mann von Genie sein zu wollen, sondern sich damit begnüge, ein guter Familienvater zu sein. Mit tiefer Rührung hatte Antoinette Herrn Malézeau angehört, sie drückte ihm die Hand, und Thränen rollten aus ihren Augen. Eine kurze Weile giengen beide schweigend dahin, dann sagte sie: »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen meine Dankbarkeit ausdrücken soll ... Alles, was uns Glückliches widerfuhr, verdanken wir Ihnen ... Ihre treue Freundschaft hat Sie zuerst es wagen lassen, mit unserem Verfolger den Kampf aufzunehmen ... sie hat uns den von der göttlichen Vorsehung geschenkten Beistand des Herrn Pascal verschafft, und sie macht nun auch unseren finanziellen Verlegenheiten ein Ende, die uns grausam bedrückten ... Alle Tage meines Lebens will ich für Sie beten ...« Malézeaus Augen zwinkerten hinter der goldenen Brille, deren Gläser sich verfinsterten, wie Fensterscheiben im Regenwetter. Er stammelte: »Gnädiges Fräulein ... Ich fühle mich tief durchdrungen ... gnädiges Fräulein ... Sie danken mir zu viel für das wenige, das ich thun konnte ... Gnädiges Fräulein ... Nicht mir, einem andern fällt das Verdienst zu ... gnädiges Fräulein ...« Er fürchtete zu viel zu sagen, warf dem jungen Mädchen einen ängstlichen Blick zu und schwieg. »Was meinen Vater betrifft,« hob Fräulein von Clairefont wieder an, »so habe ich die traurige Gewißheit, daß er weder die Lust noch die Kraft haben wird, seine Beschäftigung je wieder aufzunehmen. Die Spannkraft seines Geistes ist durch die letzten heftigen Erschütterungen gebrochen. Seine körperlichen Kräfte kehren zurück, er spricht, er hört zu, er erinnert sich, aber er hat weder Thatkraft noch Willen mehr ... Er ist nur noch ein sanftes, stilles Kind ... Sie werden ihn sehen ... Doktor Margueron versichert, daß er trotz dieses Zustandes noch sehr lange leben kann.« Sie schritten weiter. Zerstreut zeichnete Antoinette mit der Spitze ihres Sonnenschirmes Linien in den Sand. Sie hätte gern mit Malézeau von Pascal gesprochen, um genau zu erfahren, was sich alles in der Rue du Marché infolge ihrer Unterhaltung mit dem jungen Manne zugetragen. Sie war unruhig, erregt, und zum erstenmal in ihrem Leben fühlte sie sich mit ihrem Gewissen nicht völlig einig. War sie es nicht gewesen, welche die Zwietracht zwischen Vater und Sohn entfacht? Hatte sie nicht, indem sie auf die großmütigen Gefühle Pascals rechnete, ihn dazu bewogen, mit seinem Vater zu brechen? In ihrem Inneren erhob sich eine Stimme, welche sagte: »Was kümmert das dich? Armes Lamm, laß doch die beiden Wölfe sich gegenseitig verschlingen! Sie sind von gleichem Stamme, aus gleichem Blute. Ist dieser Kampf, der eure Feinde einander gegenüberstellt, nicht eine gerechte Strafe für all das Leid, das ihr erdulden mußtet?« Doch Antoinette wußte wohl, daß Pascal kein Feind war. Er war ihr Sklave, er gehörte ihr ohne Rückhalt, und nur, um ihr zu gehorchen, ihr zu gefallen, einzig ihr zuliebe hatte er sich dem väterlichen Willen entgegengesetzt und sich zum Kampfe gegen ihn erhoben. Sie war mithin verantwortlich für alles, was aus diesem Zwiste entstand. Alles Leid, das Pascal begegnete, jeder Nachteil, den er erlitt, war ihre Schuld, und im Grunde fühlte sie, daß eine Art stiller Verpflichtung sie mit dem jungen Manne verband und in ihrem Stolze litt sie heftig unter diesem Gedanken. »Mein Vater äußerte den Wunsch, Herrn Pascal zu sehen,« sagte Fräulein von Clairefont, »wann wird er kommen?« »Das wüßte ich Ihnen nicht zu sagen, gnädiges Fräulein. Der junge Mann hat ein gar seltsames Wesen. Er ist menschenscheu und sucht die Einsamkeit. Obgleich er in unserem Hause wohnt, konnte meine Frau ihn doch nicht dazu bewegen, seine Mahlzeiten mit uns einzunehmen. Er fürchtet lästig zu fallen, und will lieber allein bleiben ... Ich müßte mich sehr täuschen, wenn Sie ihn früher sehen sollten, als er es durchaus für nötig halten wird, sich hier im Schlosse vorzustellen.« Antoinette atmete erleichtert auf. Sie hatte eine Zudringlichkeit befürchtet und sah nun, daß sie, ganz im Gegenteil, vielleicht genötigt sein würden, ihren Verteidiger aufzusuchen. Sie war glücklich über diese Zurückhaltung und fühlte sich freier. Eingeschlossen in dem Zimmer, welches ihm Malézeau zur Verfügung gestellt, hatte Pascal die letzten zwei Tage in tiefer Niedergeschlagenheit verbracht. Das Leben mit all den Niederträchtigkeiten, die es mit sich bringt, flößte ihm Abscheu ein. Einem finsteren Menschenhaß hingegeben, öffnete er nicht einmal die Jalousien und verträumte den Tag im Halbdunkel, rauchend, auf einem Diwan ausgestreckt. Schmerzliche Betrachtungen waren es, die er hier in seiner Einsamkeit anstellte. Hatte er nicht schon von seiner Geburt an ein verhängnisvolles Mal, das ihn dem Unglück weihte? Seine Vergangenheit war voller Trübsal, die Gegenwart voll grausamer Prüfungen, und die Zukunft schien ihm jeder Hoffnung bar. Was that er noch auf Erden? Verabscheut und verflucht von seinem Vater, von der, die er liebte, als ein Söldling angesehen, dessen Umgang man meidet, nachdem er seine Dienste geleistet –war es nicht besser für ihn, vom Weltenschauplatz abzutreten? Was war die Todesangst der letzten Stunde gegen die Qualen, welche er jetzt erlitt? Nach dem kurzen Gange vom Leben zum Tode eine stille, sanfte Ruhe, ein Schlummer, in welchem in ewigem, süßem Traume Antoinettes liebliches Bild ihn umschweben sollte. Dort würde er auf ihren Lippen nur ein nachsichtiges Lächeln erblicken, denn aller Widerwille wäre mit ihm gestorben, sie würde nur noch an seine Seele denken, und wenn sie erkannte, wie sehr er sie geliebt, würde sie, entwaffnet, ihn als ihren ewigen Verlobten betrachten. Matt und leidend, wie Pascal war, fing er nun im Schweigen und Dunkel des Gemaches an zu seufzen und zu weinen. Sodann ging er wieder in sich und klagte sich der Feigheit an. Wie! Den Kampfplatz verlassen zu wollen, wenn die Geliebte auf seinen Beistand zählte? Sie hilflos der Rache ihrer Feinde aussetzen? Robert, den er für unschuldig hielt, aufs Geratewohl dem Gutachten der Geschworenen überlassen? Nein, das war unmöglich. Erst mußte er seine Aufgabe erfüllen, seine Pflicht thun, und hatte er dann durch den geleisteten Dienst sein Andenken in ihrem Herzen, das er so gern ganz ausgefüllt hätte, mit unauslöschlichen Zügen eingegraben, dann wollte er verschwinden, entfliehen oder sterben, wie der Augenblick es ihm eingeben würde. Sein Mut kehrte wieder, er beschloß, heimliche Nachforschungen über jene Vorfälle anzustellen, welche Robert von Clairefont vor das Gericht gebracht hatten. Gleich bei den ersten Schritten stieß er auf ein gleiches Verfahren, welches von den Helfershelfern seines Vaters ausging, in der Absicht, dort nach Verdachtsgründen zu spähen, wo er Beweise für die Unschuld des Angeklagten suchen wollte. So trafen Anklage und Verteidigung bereits ihre Vorsichtsmaßregeln, begannen den Feldzugsplan festzustellen und das Zusammentreffen einzuleiten. Diese Kampfesvorbereitungen erweckten Pascals Thatkraft vollends. Die Unthätigkeit hatte ihn niedergedrückt, im Kampfe mit Schwierigkeiten fand er sich selbst wieder. Er, der mit der Hinterlist der Südamerikaner fertig geworden, war wohl auch imstande, sich mit den Bauern seiner Normandie in einen Kampf einzulassen. Er gewann die Ueberzeugung, daß die Untersuchung sich nicht bloß darauf beschränkte, Anklagepunkte zu sammeln, welche so leicht gegen Robert erhoben werden konnten, sondern daß sie gewissenhaft ihre Nachforschungen auch nach anderen Richtungen erstreckt und verschiedene Personen, auf welche ein Verdacht fallen konnte, verhört habe. Ein umherziehender Kesselflicker, der sich in jener Nacht in Couvrechamps aufgehalten, hatte sich durch ein unanfechtbares Alibi aus der Affaire gezogen. Auch der Rotkopf, der einen Teil der Nacht mit Rose zugebracht, war verhört worden. Aber es war nichts aus dem Schäfer herauszubringen. Er war erschienen, eine armselige Jammergestalt, das Gesicht von furchtbaren Zuckungen verzogen, die ihm ein lachendes und zugleich blödsinniges Aussehen gaben. Nur durch Drohungen hatte man ihn aus seiner Stummheit aufrütteln können, worauf er ein gräßliches, unartikuliertes Geschrei ausstieß, das eher von einem wilden Tiere als von einem Menschen herzurühren schien. Der Pächter von Soucelles, der bei dem Verhöre zugegen gewesen, hatte zu Gunsten des Blödsinnigen ausgesagt und die beste Auskunft über ihn erteilt. »Ausgenommen, daß er nichts spricht und nichts versteht, was nicht immer ein Unglück ist,« sagte er mit Bauernverschmitztheit, »ist er ein guter Knecht ... Er weiß mit den Schafen umzugehen ... und besucht nie ein Wirtshaus ... Er hatte die Rose sehr gern ... Ach ja! Man kann es schon sagen, denn sie hat ihn fast aufgezogen ... Sie war sehr gut zu ihm, und er folgte ihr wie ein Hund ... Er hätte sie viel eher bis zum Tode verteidigt, als daß er ihr ein Leid gethan hätte. Ja! Uebrigens ist er auch gegen zwei Uhr nach Hause gekommen ... Gegen Zwei oder ein Viertel Drei ... Mein Weib hörte die Thüre des Schafstalles öffnen und sagte zu mir: ›Hörst du, das ist unser Knecht, der zurückkommt.‹« Darauf hatte der Rotkopf an allen Gliedern zu zittern angefangen, war totenblaß geworden, hatte ein klagendes Geheul ausgestoßen, wie ein Hund, der den Mond anbellt, und mit den Händen in der Luft umherfahrend, war er von fürchterlichen Zuckungen befallen worden. »Sehen Sie,« meinte der Pächter, »man würde ihn töten, wenn man ihn weiter quälen würde ... Er ist etwas wunderlich im Kopfe ... aber er könnte keine Fliege umbringen, seien Sie unbesorgt!« Wie war es möglich, diesen armen Blödsinnigen zu einer Aussage zu bewegen, und wenn man auch eine erhielt, welchen Glauben konnte man ihr beimessen? Der Schäfer wurde daher wieder in Ruhe gelassen. Als Pascal an dem Steinbruch vorüberkam, um den Schauplatz des Verbrechens einer eingehenden Musterung zu unterziehen, begegnete er dem Rotkopf und sah betroffen die Veränderung, welche in dessen Aeußerem sich vollzogen hatte. Seine Augen waren erloschen, der Mund zusammengepreßt. Er, der sonst so lebhaft und kampfeslustig war, lag jetzt still im Heidekraut, ohne wie sonst die Vorübergehenden mit seinem Grunzen und seinen Luftsprüngen zu verfolgen. Der junge Mann konnte näher treten, ohne daß der Schäfer eine Bewegung machte; der schwarze Hund schlug an, um seinen Herrn zu benachrichtigen, dieser rührte sich nicht. Wachend schien er zu schlafen, die Augen starr ins Weite gerichtet, als ob eine Vision dieselben an sich zöge, während Thränen über seine Wangen liefen. Pascal sprach den Namen »Rose« aus, der Blödsinnige erbebte, verblieb jedoch in diesem Zustande seltsamer Verzückung. Welch ein Unterschied zwischen dieser Stumpfheit und dem feurigen Ungestüm, das ihn beseelte, als Pascal ihn zum erstenmal gesehen! Es war am Tage nach seiner Heimkehr gewesen, an jenem herrlichen Sommermorgen, der den Sohn Carvayans der Tochter des Marquis in den Weg geführt. Der Rotkopf und Rose lachten und schäkerten im Schilf am Weiher, und die muntere Wäscherin erwies sich fast ebenso kräftig wie der Schäfer. Wie heiter und sorglos war Pascal selbst gewesen, als er seiner schönen Gefährtin durch den Hohlweg von Couvrechamps folgte! Berauschende Wohlgerüche erfüllten die Luft, das Grün der Bäume entzückte das Auge, der Boden schien elastisch zu sein unter dem dahinschreitenden Fuße. Es war einer jener Augenblicke, wo der Körper in einer reineren Atmosphäre zu atmen glaubt, wo der Geist sich angeregter und lebendiger fühlt, wo das ganze Wesen in gehobener Stimmung glückselig schwelgt wie eine vom Sonnenlichte geküßte Pflanze. Ein Augenblick später, welch ein Wechsel! Antoinette brauchte bloß ihren Namen auszusprechen, Pascal den seinen zu nennen, und es schien, als habe der Himmel sich verfinstert, die Landschaft ihren Glanz verloren, und als erzittere die Erde unter einem rauhen Nordwind. Pascal fühlte, wie sein Herz sich schmerzlich zusammenzog, es war ihm, als bilde dieses zuerst lachende, dann düstere Gemälde den Inhalt seiner Liebesgeschichte, die, in Freude begonnen, in Schmerz endigte. Er verließ den Rotkopf und stieg quer über den Hügel hinab nach der Richtung von Pourtois' Schenke, wie er es an dem Tage seiner Begegnung mit Antoinette gethan. Und wie an jenem Morgen stieß er die Thür auf, dasselbe kühle Dunkel herrschte in der Gaststube und nur schwer vermochten anfangs die Augen des jungen Mannes die Gegenstände zu unterscheiden. Fleury und Tondeur waren nicht anwesend wie damals, doch Chassevent saß an einem Tische, mit vertiertem Aussehen, Branntwein trinkend, während die kleine, dürre Frau Pourtois hinter dem Schenktische schweigend strickte. Der Vagabund verzog keine Miene, aber die Wirtin erbleichte und stürzte Pascal entgegen: »Ah! Herr Carvayan ... Wie, Sie sind's? Was ist Ihnen gefällig?« »Nichts! ... Ist Ihr Mann zu Hause?« »Sie wollen ihn sprechen?« fragte die Frau mit argwöhnischer Miene ... »Ach! Der arme Mann liegt seit mehreren Tagen krank darnieder ... Doktor Margueron sagt, er leide unter den Folgen eines großen Schreckens. Er ist zu Bett. Er darf nicht sprechen ... und niemand darf zu ihm ... Sehen Sie, das geht so seit dem Unglück ... Ein Mensch, der niemals eine Gemütsbewegung gehabt und sich plötzlich genötigt sieht, einen Leichnam zu tragen ... Das hat ihn so fürchterlich mitgenommen!« Chassevent, der bis dahin über sein Glas gebeugt dagesessen, begann sich zu rühren: »Ist es wahr, Herr Carvayan,« fragte er mit finsterem Gesichte, »daß Sie den Mörder vor Gericht verteidigen werden?« »Ja, das ist wahr,« erwiderte Pascal. »Was haben wir armen Leute Ihnen denn gethan, daß Sie uns so quälen wollen? Nun, da meine liebe teure, gute Tochter tot ist, wovon soll ich in meinem Alter leben? Wer soll mich erhalten, wer soll mich pflegen, wenn ich krank werde? Ach ja! Man kann schon sagen, daß sie ein schönes, gutes und braves Geschöpf war! Mit ihr habe ich alles verloren! Und Sie wollen es verhindern, daß man mir eine Geldsumme gibt, und daß man dem Lumpen auf öffentlichem Platze den Kopf abschlägt? Schickt sich das für einen so tüchtigen Menschen, wie Sie es sind?« Pascal gedachte, den Vagabunden noch mehr in Harnisch zu bringen, in der Erwartung, daß dieser sich zu einer Unvorsichtigkeit werde verleiten lassen »Wenn Herr von Clairefont das Verbrechen begangen hat, so wird er verurteilt werden,« entgegnete er mit Entschiedenheit. »Er ist aber unschuldig, dessen bin ich gewiß, und niemand weiß dies besser als Ihr selbst ... oder Euer Begleiter, Herr Pourtois ...« »Unschuldig!« schrie Chassevent, »nun gut! Der Dicke soll's nur sagen! ... Weh ihm! Ja, er soll nur sagen, daß er es nicht so gesehen hat wie ich ... Und der Teufel soll mich holen, wenn ...« Frau Pourtois schnitt ihm geschickt das Wort ab. »Sind Sie, mein Herr, etwa hierhergekommen, um ehrliche Menschen zu quälen, die von niemand etwas verlangen?« sagte sie in erbittertem Tone. »Unser Haus ist ein öffentlicher Ort, das ist wahr, aber man wird bei uns bloß mit Essen und Trinken bedient, nicht aber mit bösen Worten ... Die Art und Weise, wie Sie sich von Ihrem Vater losgesagt haben, war nicht gar so schön, als daß es Ihnen auch noch einfallen sollte, uns gleichfalls Grobheiten zu sagen ...« Die Wirtin geriet in Aufregung, ihr Gesicht nahm einen grausamen, boshaften Ausdruck an, die kleinen Schlangenaugen funkelten, und der dünne Mund verzog sich zu einer drohenden Fratze. Sie war im Begriff, in der begonnenen Tonart weiterzusprechen, als eine Thür im Hintergrunde aufging und Fleury heraustrat. »Ah, Herr Carvayan!« rief er ... »Gerade wollte ich zu Ihnen gehen ...« »Wie es scheint, ist die Thür zu Ihrem Manne nicht für jedermann verschlossen,« sagte Pascal spöttisch zu Frau Pourtois, die sich jetzt wieder still auf ihren Platz am Schenktische zurückbegab. »Kommen Sie mit mir,« sagte der Schreiber, und ohne sich weiter um die Wirtin und den Vagabunden zu kümmern, zog er den jungen Mann mit sich fort. Bald standen sie an derselben Stelle, wo Fleury, auf den Park von Clairefont weisend, mit triumphierendem Tone ausgerufen hatte: »Nun wird es bald mit ihnen zu Ende sein! ...« Dieser erinnerte sich des Ausspruches, und bekümmert das Haupt neigend, sagte er: »So ist es unwiderruflich? Sind wir in der That Gegner? Ach! Wenn Sie wüßten, welch großen Schmerz Sie Ihrem Vater bereitet haben ... Er ist in diesen Tagen um zehn Jahre gealtert ... Sie würden erschrecken, wenn Sie sehen würden, wie Kummer und Gram ihn mitgenommen haben ... Bedenken Sie doch, daß Sie an alledem schuld sind ...« »Ich!« rief Pascal, außer sich über eine solche Heuchelei. »Ich? Mich wagen Sie zu beschuldigen?« Er holte tief Atem, wie um das heftige Pochen seines Herzens zu beschwichtigen, dann brach er voll Erbitterung los: »Glauben Sie etwa, daß ich Ihre abscheulichen Vertrauensmitteilungen vergessen habe? Welch schmutzige Seele mußten Sie mir nicht zumuten, da Sie mir dieselben zu machen wagten! Ja, Sie haben mir mit unglaublichem Cynismus die Pläne enthüllt, die Berechnungen Ihrer Partei auseinandergesetzt, mir die Triebfedern gezeigt, die euch leiteten. Und weil ich stumm blieb, glaubtet ihr, daß ich eure Pläne billige und euch vielleicht noch bei deren Ausführung helfen werde? War es denn nicht ein verlockendes Unternehmen? Dieser großartige Angriff war ja gegen das Vermögen eines Mannes gerichtet, der unfähig war, sich zu verteidigen ... Es galt, ihn zu berauben, ihn auszuplündern! Und der ganze schimpfliche Schacher mit vorgeschobenen Strohmännern, zu hohem Diskontsatz erneuerten Wechseln, Prolongation mit Wucherzinsen, die ganze Räuberei eines unlauteren Bankgebahrens wurde hier ins Werk gesetzt ... Und als ich vernahm, wie ihr euer Opfer foltert, um es zur Herausgabe seines Geldes zu zwingen, da ging ich sogleich mit mir zu Rate, wie ich eure Niederträchtigkeiten zunichte machen könnte. Ich schwieg, von Ekel erfaßt und kämpfte zwischen dem Abscheu, den mir eure Handlungen einflößten, und der Schande, mit denselben eine Gemeinschaft zu haben. Was ich dabei gelitten, könnt ihr nicht begreifen! Ich weinte die bittersten Thränen, die je ein Menschenauge geweint! Ich wollte fliehen, verschwinden, durch die weiteste Entfernung mich von diesem schnöden Unrecht trennen. Schon war ich im Begriff abzureisen ... Da habt ihr mich durch neue Schändlichkeiten zum Bleiben gezwungen. Das Vermögen der Unglücklichen genügte euch nicht mehr, ihr verlangtet auch nach ihrer Ehre ... Ihr habt den Sohn in euren Fallen gefangen, habt ihn angeklagt, ausgeliefert, zu Boden geworfen. Und ich, der Mitwisser eurer Schliche, mußte mir sagen, daß, wenn ich mich nun entferne, ich ihn euch preisgebe und euer Mitschuldiger werde. Mein Gewissen empörte sich, und, um eurem Treiben ein Ende zu machen, war ich gezwungen, den Kampf mit dem aufzunehmen, dessen Namen ich trage, Carvayan gegen Carvayan, wie man vor Gericht sagt.« Fleury ließ den Strom dieser leidenschaftlichen Worte vorüberrauschen, dann meinte er mit höhnischem Grinsen: »Ich war ein Narr, ich hätte meine Zunge besser im Zaume halten sollen ... Aber wetten könnte ich, daß, wenn Fräulein Antoinette etwas weniger schön wäre, Sie über unser Verfahren weniger empört wären.« Pascal wurde bleich, er faßte den Arm des Schreibers und sagte, ihn heftig schüttelnd: »Ich verbiete Ihnen, den Namen des Fräuleins von Clairefont in meiner Gegenwart auszusprechen! Der erste Gebrauch, den ich von meiner wiedergewonnenen Unabhängigkeit machen werde, wird der sein, daß ich solche Kerle, wie ihr seid, die sich Vertraulichkeiten erlauben, welche ich für erniedrigend halte, gebührend züchtigen werde. Lassen Sie sich das gesagt sein, und setzen Sie Ihre Kameraden davon in Kenntnis.« »Ha, ha! Erzürnen wir uns nicht,« hob Fleury in süßlichem Tone wieder an, »ich bin ein friedliebender Mann ... Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen Verdruß zu bereiten ... Ich habe nur versöhnliche Gedanken ... Sehen Sie, wollen Sie wirklich Ihren Vater seinem Schmerz überlassen, ohne ihm mit einem Schritte entgegenzukommen? Er war sehr erregt, gewiß ... allein Sie waren es ja doch, der ihn zur Verzweiflung brachte ... Ist denn gar kein Vergleich möglich?« Pascal gewann es über sich, ruhig zu scheinen, er wollte wissen, welche Feigheit man von ihm erwartete. »Was verstehen Sie darunter?« Fleury fuhr mit der Hand grimmig durch sein widerspenstiges Haar: »Sie sind der Herr der Situation, Sie müssen sich milde zeigen ... Ueberlassen Sie uns den Steinbruch.« »Gebt Robert von Clairefont die Freiheit wieder!« »Sie wissen wohl, daß dies jetzt unmöglich ist ...« »Jawohl! Es ist viel leichter, ein Unrecht zu begehen, als es wieder gut zu machen ...« »Würden Sie nicht einwilligen, Ihren Vater wiederzusehen?« »Wozu?« »Vielleicht kann ein Einvernehmen erzielt werden ...« »Niemals auf solchen Grundlagen, wie sie von Ihnen vorgeschlagen werden ...« »Wollen Sie der Welt das trostlose Schauspiel eines Sohnes bieten, der gegen seinen Vater kämpft?« »Ich verhindere ihn, eine That zu begehen, die ich verabscheue, es sind somit die Interessen seiner Ehre, die ich gegen ihn selbst verteidige.« »Ist das Ihr letztes Wort?« »Mein Vater hat bereits von mir selber alles gehört, was ich ihm zu sagen hatte ... Jetzt habe ich nur noch zu handeln.« »Nehmen Sie sich in acht! ...« »Oh! Ich weiß gar wohl, was ich von eurer vereitelten Habsucht zu erwarten habe ... Ihr werdet vor der Wahl der Mittel nicht zurückschrecken, werdet euch nicht scheuen, zu verleumden und zu bestechen ... Aber die Wahrheit wird darum nicht weniger klar zu Tage treten ... ich meinerseits werde nichts versäumen, damit es so werde ...« Fleury machte eine Gebärde des Zornes, dann wendete er sich wieder Pascal zu: »Frieden oder Krieg? Zum letztenmal biete ich Ihnen die Hand ...« Pascal sah den Schreiber mit niederschmetternder Verachtung an, und die Schultern schüttelnd, sagte er: »Wozu? Ich habe nichts hineinzulegen.« Und ohne ein weiteres Wort, ohne sich umzuwenden, setzte Pascal seinen Weg fort. Indes waren die Drohungen, welche Fleury ausgestoßen, keineswegs platonisch. Mit unerhörter Frechheit wurde auf die Zeugen eingewirkt. Die Tuboeufs von Couvrechamps hatten wiederholte Besuche von Tondeur erhalten, der sich angelegentlichst nach ihren Bedürfnissen erkundigte und sie hierauf über ihr Zusammentreffen mit Rose und Robert auf ihrem Heimwege von dem Feste befragte. Tuboeuf, ein Maurer, der mit Tondeur noch eine alte Rechnung auszugleichen hatte, war seit dem Besuche des Holzhändlers sehr aufgeräumt und gesprächig geworden. Dumontier und Leglorieux suchten den Doktor Margueron für sich zu gewinnen. Dieser hatte eine erwachsene Tochter und wenig Vermögen. Man ging so weit, ihm eine glänzende Heirat für dieselbe in Aussicht zu stellen. Es wurde zwar kein direktes Verlangen an ihn gerichtet, es hieß, man verlasse sich völlig auf seinen Scharfsinn, allein man ließ durchblicken, daß eine Verurteilung des Herrn von Clairefont unter allen Umständen für ihn sehr vorteilhaft sein würde. Margueron hatte alles angehört, aber wenig gesprochen ... Und die Ueberzeugung, die er von Roberts Unschuld gewonnen, war durch die Anstrengungen, welche gemacht wurden, um seine Schuld zu erweisen, nur noch verstärkt worden. Der Stallbursche, den der Graf einst bei der Jagd so übel zugerichtet, hatte inzwischen das Land verlassen, nun wurde dessen Spur eifrigst verfolgt und als man von seinem Aufenthalte in Montagne Kenntnis erhielt, ließ man ihn kommen, um ihn als Belastungszeugen zu verwenden. In derlei Umtrieben suchte die Gegenpartei ihre schmutzigen Interessen mit außerordentlicher Regsamkeit zu fördern. Schon durchlief das Gerücht die Stadt, daß einer der tüchtigsten Sachwalter, bekannt als eine der besten Zungen unter den Pariser Advokaten, die Sache Chassevents, der als Privatkläger aufgetreten, verteidigen würde. Alle diese Berichte, von den Saint-André und den Tourette ins Schloß gebracht, hatten die Tante von Saint-Maurice in Todesangst versetzt. Sie wollte Pascal sehen. »Wenn wir doch wenigstens mit ihm sprechen könnten, und wüßten, was er denkt, was er hofft ... Der Beruf eines Advokaten besteht doch darin, zuerst seine Klienten zu beruhigen und nachher ihren Prozeß zu gewinnen. Ein Advokat, der sich nicht blicken läßt ... Was heißt das? Der moralische Einfluß seines Namens, gut, den lasse ich gelten! Allein ich werde doch nur dann Vertrauen zu ihm haben, wenn er hier vor mir eine ganze Stunde lang gesprochen haben wird, ohne nur einmal aus der Fassung zu kommen ...« Antoinette mußte den Bitten der Tante nachgeben und an Malézeau schreiben, er möge die Güte haben, mit Pascal nach Clairefont zu kommen. Eine der heftigsten Gemütsbewegungen, welche der junge Mann je in seinem Leben empfunden hatte, ergriff ihn in dem Augenblicke, als er in Gesellschaft des Notars vor dem Gitterthore des Schloßhofes aus dem Wagen stieg. Noch waren die Spuren der gelben Anschlagzettel an den Pfeilern sichtbar. Hier bei diesem Eingange war es, wo er eines Abends, längs der Parkmauer hinwandelnd, das Knurren des Windspiels vernommen hatte und die Stimme Antoinettes, die es sanft zur Ruhe wies. Er erreichte das Vestibüle, ohne recht zu wissen, wie er den Hof durchschritten, eine Thür ging auf, er betrat den Salon und sah Tante Isabella, den Marquis und Antoinette vor sich. Eine Wolke verdunkelte seinen Blick, das Blut summte ihm in den Ohren, es schien ihm, als ob er mitten durch Flammen dahinschreite. Da vernahm er die Stimme des Notars, welcher sagte: »Herr Pascal Carvayan, den ich mir erlaube dem Herrn Marquis vorzustellen ... Gnädiges Fräulein ... Herr Pascal Carvayan ...« Der Marquis sah unter seinem weißen Haare noch sehr bleich aus, und ohne sich zu erheben, machte er bloß mit lächelnder Miene eine Handbewegung und sagte: »Er ist willkommen ...« Der junge Mann verneigte sich und ließ sich neben dem Kamin auf einen Stuhl nieder, den ihm Antoinette zurechtgeschoben. Das Schloß brach nicht zusammen über dem Haupte dieses Carvayan, der ein Gast der Clairefonts geworden, die alte Behausung schien vielmehr einen Freund in ihm zu ahnen, denn sie hatte heute ein lachendes, einladendes Aussehen angenommen. Die erste Viertelstunde dieses Besuches ging für Pascal im Kampfe mit sich selbst vorüber, er war bemüht, seine Gefühle zu bemeistern, seinem unsicheren Blicke Festigkeit zu geben, sein hochklopfendes Herz ruhiger werden zu lassen und seine auseinanderstürmenden Gedanken zu sammeln. Er zwang sich, ruhig umherzublicken. Hell flutete das Tageslicht in den mit fein geschnitztem, grauem Getäfel bekleideten Salon herein, schimmerte fröhlich auf den schweren, alten Möbelstoffen und spiegelte sich in dem venetianischen Kronleuchter, der von der Decke herniederhing. Blumentische mit blühenden Gewächsen standen an den Fenstern, gegenüber dem Kamin ein geöffnetes Klavier, als habe Fräulein von Clairefont erst beim Eintreten des Besuches ihr Spiel unterbrochen. In einem großen Lehnstuhl lächelte der Marquis in einem fort, nur bisweilen mischte er sich mit hohler Stimme, die wie ein leeres Geschelle erklang, ins Gespräch. Neben dem Greise saß seine Tochter, gleich einer Sphinx mit dem treuen, trägen Windspiel zu ihren Füßen, dann Tante Isabella, die rot aussah, wie ein feuerspeiender Vulkan, und der Notar Malézeau. Herr von Croix-Mesnil war nicht anwesend; vielleicht war er nach Evreux zurückgekehrt, um seinem Dienste nachzukommen, dachte Pascal, als er ihn nicht sah. Malézeau sprach, und die Tante von Saint-Maurice antwortete ihm. Antoinette, ernst und traurig, hörte zerstreut zu. Zweimal schon hatte Pascal die Blicke des jungen Mädchens auf sich ruhen gefühlt. Er selbst wagte es kaum, die Augen zu erheben. Er dachte: »Ist es möglich? Bin ich es wirklich, der sich hier in diesem Salon in ihrer Nähe befindet? Nach so viel Haß und Verachtung sollte es mir gelungen sein, ihren Widerwillen zu besiegen? Schon einmal hat sie mir die Hand gereicht, und nun öffnet sie mir sogar ihr Haus. Ich weile in ihrer Nähe, ich sehe sie, ich atme dieselbe Luft mit ihr ... So viel Glück nach so viel Trübsal!« Doch bald fiel ein finsterer Schatten auf sein Gemüt. War es Pascal Carvayan, den man empfing, war es Pascal Carvayan, auf den man freundliche Blicke richtete, dem sich freundschaftlich alle Hände darboten? Galt dies nicht vielmehr einzig und allein dem Verteidiger Roberts, dem nützlichen und notwendigen Gehilfen, der den Erben des Namens retten sollte? Er wurde nicht als ihresgleichen angesehen, er wurde geduldet, das war alles. Und wie beurteilte man ihn? Was verbarg sich hinter der Höflichkeit, mit welcher gebildete Menschen einander gegenübertreten? Vielleicht eine ironische Verachtung des Abtrünnigen, des Verräters. Wer weiß, ob Antoinette in demselben Augenblicke nicht etwa dachte: »Ich bediene mich deiner, doch ich verachte dich.« Da fühlte er sein Herz sich erweitern und sich erheben, und er sagte sich: »Was liegt daran! Entschloß ich mich denn ihretwegen, die Bande zu zerreißen, die mich fesselten? That ich es nicht in erster Reihe um meiner selbst willen, um meiner Vernunft, meines Gewissens, meiner Ehre willen? Mögen sie also denken, was sie wollen!« Sogleich war er wieder er selbst, kaltblütig und besonnen genug, um beobachten zu können. Er hörte, wie Malézeau zur Tante von Saint-Maurice sagte: »Ich glaube, gnädiges Fräulein, daß die Angelegenheit schon gegen Ende dieses Monats zur Verhandlung kommen wird ... Sie ist entsetzlich einfach, gnädiges Fräulein ...« »Und Sie bürgen uns für den jungen Mann?« fragte das alte Mädchen mit leiser Stimme. »Wie für mich selber ...« »Habt ihr ihn gesehen?« sagte der Marquis. »Er sieht seinem Vater gar nicht ähnlich ... Nein! Nein! Ganz und gar nicht ... Er wird Robert verteidigen ... Ich war es, der diese Idee gehabt ... und Sie wissen, meine Liebe, daß ich gute Ideen habe ...« . Tante Isabella warf einen besorgten Blick auf den Notar, indem sie zwischen den Zähnen murmelte: »Er macht mich zittern.« Inzwischen hatte Antoinette sich erhoben und schritt auf den Balkon hinaus. Pascal folgte ihr, wie von einer unwiderstehlichen Macht angezogen. Das Windspiel dehnte und reckte die trägen Glieder, näherte sich dann dem jungen Manne, um an ihm zu schnüffeln, und sah ihn mit melancholischen Blicken an, als wolle es sagen: »Ich errate dich, ich fühle, daß du gut, aufopfernd und treu bist, wie ich.« Und langsam begann das zierliche Geschöpf ihm die Hand zu lecken. »Seltsames Tier,« sagte Tante Isabella, »es ist das erste Mal, daß ich ihn einem Fremden nicht die Zähne weisen sehe ... Herrn von Croix-Mesnil konnte er niemals leiden ...« Auf dem Balkon war Antoinette stehen geblieben, Pascal durfte sie nach Belieben ansehen und sich an der gefährlichen Freude berauschen, sie für einige Augenblicke für sich allein zu haben. Er bewunderte die zarte Weiße ihrer Haut, die liebliche Rundung ihrer Schultern, die stolze Haltung ihrer Gestalt. Sie trug ein höchst einfaches Kleid aus grauem Kaschmir, ohne jeden Aufputz. Das Haupt barg sie unter einem roten Sonnenschirm, und ein indiskreter Sonnenstrahl, der ihren Hals umspielte, verlieh ihren in reicher Fülle sich kräuselnden Nackenlöckchen einen braungoldigen Schimmer. Sie sah so reizend aus, daß Pascal sich versucht fühlte, vor ihr niederzuknien, wie zu Füßen einer Gottheit. Er hatte alles vergessen, seinen Kummer, sein Mißtrauen, seine Bitternis; er dachte nur an sie, er sah nur sie. Alles übrige verschwand in dem himmlischen Leuchten ihrer Anmut und Schönheit. Er glaubte im Himmel zu sein. Als sie zu sprechen begann, erbebte er; er sah sich wieder auf Erden. »Sie sehen, mein Herr,« sprach sie mit wehmütiger Würde, »was unser Haus ist ... Der traurige Rest vergangener Größe, keines Neides mehr wert ... Doch, so wie es ist, ist es unser Heim, in dem wir uns wohl fühlen ... Und Dank Ihnen werden wir auch fernerhin unter diesem Dache weilen dürfen, da Sie, wie ich vermute, eine Vereinbarung getroffen haben, um uns dies zu ermöglichen... Ich verstehe nicht viel von geschäftlichen Dingen, aber ich glaube, daß ein so rascher und glücklicher Wechsel unserer Lage nur durch Sie herbeigeführt werden konnte... Ach, möchten wir doch in unseren Bestrebungen um unseren Bruder ebenso glücklich sein!« Pascal wagte es, Antoinette ins Auge zu blicken, und sie mit den Schmeicheltönen seiner schönen Stimme umfangend, sagte er: »Wenn der Wille genügen würde, ein Genie zu sein, so könnte ich mich dafür verbürgen, Ihren Bruder zu retten... Allein ich kann nur das versprechen, was ein Mann zu halten vermag... Seien Sie versichert, daß ich in dem Bewußtsein meines guten Rechtes die höchsten Kräfte finden werde; je größer die Schwierigkeiten, desto größer werden meine Bemühungen sein, unserer Sache zum Siege zu verhelfen.« Fräulein von Clairefont neigte die Stirn als Zeichen ihrer Zustimmung, dann verlor sie sich in tiefes Nachdenken. Nach einigen Augenblicken seufzte sie schmerzlich auf, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Pascal erbleichte und machte eine Bewegung, wie um sich ihr zu nähern; sie lächelte: »Verzeihen Sie... Ich habe so viel Kummer... Ich vergesse mich...« Indes hatte sie ihre ein wenig stolze Heiterkeit bald wiedergefunden. »Sie werden wohl die Güte haben müssen, öfter zu uns zu kommen... Wir werden viel verleumdet... Sie sollten uns näher kennen lernen, sollten unser Leben teilen, um zu wissen, wer wir sind, damit Sie uns demgemäß verteidigen können... Es ist ein Opfer, das ich Ihnen auferlege, wenn ich Sie bitte, in einem Hause häufig zu verkehren, in welchem Sie nur einen kranken Greis und betrübte Frauen finden ... Ich hoffe, daß Sie sich dadurch nicht werden abhalten lassen.« Schweigend verbeugte er sich. Er zitterte vor Furcht und Freude zugleich, er war entzückt, daß die Thüren des Schlosses sich vor ihm öffneten, und erschrak hinwieder bei dem Gedanken, welche Unruhe diese Vertraulichkeit in sein Herz bringen würde. Damit begaben sie sich wieder in den Salon zurück. Im Hereintreten hörte er, wie Fräulein von Saint-Maurice mit erregter Stimme zu Malézeau sagte: »Aber er hat nicht den Mund geöffnet! Niemals wird ein so wenig gesprächiger Advokat das Kind retten können! Nein, das werden Sie nicht in meinen Kopf hineinbringen, daß ein Advokat die Freisprechung seines Klienten erwirken kann, sofern er nicht zwei Stunden hintereinander spricht!« Worauf der Marquis mit dem leeren Geklingel seiner dünnen Stimme erwiderte: »Ich bin es, der diese Idee gehabt! ... Seien Sie unbesorgt, Tante... die Idee stammt von mir... Sie ist gut!...« Pascal trat zu Herrn Malézeau, grüßte den Marquis und Tante Isabella und entfernte sich, von Antoinette bis zum Schloßthor begleitet. Nach diesem ersten Besuche erschien er täglich im Schlosse, und schon am nächsten Tage traf er mit Herrn von Croix-Mesnil zusammen. Anfangs war ihm die Gesellschaft des jungen Offiziers äußerst peinlich, doch bald kam er von seiner Voreingenommenheit zurück. Er sah in dem Baron einen Mann von ritterlicher Gesinnung, zurückhaltendem, etwas kühlem Wesen, dessen wirklichen Wert er bald schätzen lernte. Auch fühlte er sich um so mehr zu ihm hingezogen, als er in dem Manne, den er als glücklichen Nebenbuhler gehaßt hatte, einen Leidensgefährten erkannte. Die liebenswürdige Gleichgültigkeit, mit der Antoinette Herrn von Croix-Mesnil behandelte, dünkte Pascal das größte Mißgeschick. Seine feurige Seele hätte Haß und Erbitterung einer solch freundlichen Nüchternheit vorgezogen. Er begriff, daß der Baron Fräulein von Clairefont liebte, sich jedoch über die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe völlig klar war. Die Gefahr, in der Robert schwebte, war das letzte Band, welches ihn mit der Familie verknüpfte, in der er ein glückliches Leben zu finden gehofft. Augenscheinlich litt er ungemein unter diesen Verhältnissen, und man wußte, daß er nur noch aus Pflichtgefühl ins Schloß kam. Er fand warme Worte der Anerkennung für den Verteidiger seines Freundes und benahm sich dabei mit so seinem Takte, daß er sich für immer Pascals Zuneigung erwarb. Es bot ein seltsames Schauspiel, die beiden jungen Leute in Antoinettes Nähe zu beobachten. Beide leidenschaftlich verliebt und beide bemüht, nichts davon merken zu lassen; der eine liebenswürdig, von eleganter, ungezwungener Haltung, verbarg seine Gefühle mit gefälliger, untadeliger Anmut; der andere ernst, schroff und kalt, verriet sich nur gelegentlich durch eine warme, schwungvolle Sprache, die seine Augen aufleuchten ließ und einen begeisterten Ausdruck in seine Gebärden legte. Wenn Pascal in dieser Weise unwillkürlich seiner Schwärmerei die Zügel schießen ließ, dann nahm das Antlitz des jungen Mädchens einen eigentümlichen Ausdruck ernster Sammlung an, ihre halbgeschlossenen Augenlider zuckten leicht, die Lippe bebte. Sie schien nichts von all dem zu hören, was rings um sie her vorging, es war, als lausche sie einer inneren Stimme, die gebieterisch zu ihr sprach. Fiel Pascal in seinen gemessenen Ton zurück, so zeigten auch die Gesichtszüge des Fräuleins von Clairefont wieder die gewohnte Ruhe. Dieser flüchtige Eindruck wurde vielleicht von niemand bemerkt, als von dem Notar, dessen Augen ungeachtet ihres beständigen Blinzelns sehr klar sahen. Während im Schlosse das Leben sich so in stiller Erwartung hinzog, war die Aufregung in der Rue du Marché fortwährend im Steigen. Der in seinen Bestrebungen gescheiterte Haß, die um ihren Raub betrogene Habsucht hatten Carvayan in einen Zustand der Wut versetzt, der für seinen Verstand fürchten ließ. Im Städtchen machte sich eine Reaktion der öffentlichen Meinung zu Gunsten der Opfer gegen ihren Henker allenthalben bemerkbar. Der materielle Druck, den der Banquier auf seine Schuldner ausübte, war gegen ihre Gesinnungen machtlos, er konnte sie wohl zwingen, nach seinem Willen zu handeln, doch nicht nach seinem Sinne zu denken, daher die Majorität des Ortes für den Sohn Partei ergriff. Ohne daß Carvayan sein Haus verließ, erkannte er mit dem Instinkte, der ihn stets leitete, den Zustand der Gemüter, und legte sich genaue Rechenschaft über die öffentliche Meinung ab. Er erwog, verglich, berechnete und war gezwungen, sich zu gestehen, daß sich die allgemeine Teilnahme dem jungen Manne, der noch nie jemand ein Leides gethan, zuwenden müsse, und nicht ihm, dem Tyrannen von Neuville. Als Fleury, um ihn zu beruhigen, das Gegenteil behauptete, unterbrach er ihn mit Heftigkeit: »Schweigen Sie, Schwachkopf, Sie wissen nicht, was Sie reden. Pascal wird uns zu Grunde richten! Sie kennen ihn nicht... Ich hätte ihn nicht nach Neuville zurückkehren lassen sollen. Er wird alle seine Zuhörer wie einen Handschuh umwenden... Dreifacher Trottel, der ich war, mich mit ihm zu entzweien! Die Leidenschaft riß mich hin... Die Leidenschaft läßt einen stets nur Dummheiten begehen! Wenn ich, statt mich vom Zorne beherrschen zu lassen, überlegt hätte, wäre Clairefont heute unser, als Preis für die Freiheit dieses Lümmels, dessen Verurteilung mir nur eine sehr dürftige Genugthuung bieten wird ... Ich benahm mich wie ein Dummrian, nicht einmal Sie, Fleury, hätten dümmer handeln können, als ich!« Und erleichtert durch diese Schimpfworte, marschierte er mit langen Schritten in seinem Zimmer auf und nieder. »Wenn ich wenigstens Pascal sprechen könnte ... vielleicht wäre es noch Zeit, die Dinge zu ordnen ... Aber er will ja nicht zu nur kommen... und ich kann nicht zu Malézeau gehen... Es würde den Anschein haben, als wollte ich kapitulieren! ... Ah! Wenn ich doch noch im letzten Augenblicke den Sieg an mich reißen könnte... Ah! Sie niederwerfen, wenn sie sich schon sicher glaubten mich überwunden zu haben! Welch ein Triumph! Doch wie ließe er sich erringen?« Eines Abends gegen fünf Uhr, als Pascal, vom Schlosse kommend, den Hügel von Clairefont hinabstieg, hörte er seinen Namen rufen. Er blieb stehen, und an der Ecke des Steinbruches sah er sich seinem Vater gegenüber. »Da du nicht den ersten Schritt thun willst, so mußte ich mich entschließen, ihn zu thun... Willst du mich fünf Minuten anhören?« Damit zog er seinen Sohn ins Dickicht und ließ sich dort auf einer Erderhöhung nieder. »Du bringst mich zur Verzweiflung,« sagte er mit leiser Stimme. »Ich kann mich an den Gedanken nicht gewöhnen, daß du mit meinen Feinden gemeinsame Sache machst. In meinem Alter, wo mir noch so wenig Zeit zum Leben bleibt, von meinem einzigen Sohne getrennt zu sein... und unter so grausamen Umständen... Das übersteigt meine Kräfte!... Was soll ich anfangen, um diesem traurigen Zwist ein Ende zu machen?« »Oh! Wenn du es aufrichtig meinst, so wird dies ein Leichtes sein,« erwiderte Pascal freudig. »Kehre zu mir zurück und verzichte darauf, Robert von Clairefont zu verteidigen.« »Ich will zu dir zurückkehren, wenn du es wünschest, Vater; aber ich kann mich der Pflicht, die ich freiwillig übernommen habe, nicht entziehen ...« »Aber wenn du für diese Leute das Wort führst, so ist dies eine Ohrfeige, die du mir gibst.« »Nein, denn ich kann ja wissen lassen, daß es mit deiner Einwilligung geschieht ...« »Bist du es denn diesen Clairefonts schuldig?« fragte Carvayan mit wachsender Erbitterung. »Ich bin es mir selber schuldig!« »Pascal!« schrie der Maire auf, doch fügte er kein weiteres Wort hinzu. Nur zu sich selber sagte er: »Der Junge hat einen Kopf von Eisen ... Er wird mir niemals Gehör schenken ... Niemals! ... Und dennoch wird er geprellt ... Aber die Liebe macht ihn blind ...« Er faßte seinen Sohn am Arme, und ihn heftig schüttelnd, sagte er: »Wo hast du deine Augen? Siehst du denn nicht, daß das Fräulein dort droben den Dragoneroffizier zum Geliebten hat? ...« »Vater!« schrie Pascal, bebend vor Zorn ... »Laß ab ... Ich werde dich nicht mehr anhören ...« Und mit raschen Schritten eilte er der Straße zu. Carvayan folgte ihm, indem er weiter redete: »Sie heiraten nicht ... weil sie nicht nötig haben verheiratet zu sein! ... Ich habe dies nicht etwa erfunden ... Die ganze Stadt weiß es ... Wie müssen dich die beiden auslachen! ...« Pascal stieß einen Wutschrei aus, und mit entsetzlicher Gebärde sich umwendend, sagte er: »Schweig! Ich könnte vergessen, daß du mein Vater bist!« Carvayan blieb stehen. »Nun gut, ich will nichts mehr sagen! Aber verlasse mich nicht so ... Pascal, du thust mir weh ... Pascal, bist du denn völlig unzugänglich?« Er zeigte seinem Sohne ein von Angst entstelltes Antlitz. »Adieu, Vater,« sagte Pascal mit finsterer Miene. »Ich will vergessen, was du anzuhören mich gezwungen hast ... Das ist der höchste Beweis von Rücksicht, den ich dir zu geben vermag ...« Er wollte sich entfernen, der Alte schrie ihm nach: »Bleib noch einen Augenblick ...« Er wurde rot, öffnete den Mund, um zu sprechen, und schwieg wieder, einer fürchterlichen Erregung preisgegeben. Endlich stieß er die Worte hervor: »Du weißt nicht, was du thust. Du ziehst dir einen Haß zu, vor dem ich dich nicht schützen kann ... Geh niemals diesen Weg ... Wenn du dort hinauf willst, so gehe auf der Fahrstraße ... Adieu!« Damit eilte er raschen Schrittes in der Richtung von Pourtois' Schenke fort. Pascal kehrte in das Haus des Notars zurück. Er dachte: »Mein Vater wollte mich bloß erschrecken ... Was habe ich zu fürchten?« Und wie er sich aufs Schloß begab, folgte er doch wieder dem Fußpfade, der am Steinbruche vorüber nach Clairefont führte. Zwei Tage später, als er gegen sechs Uhr nach Neuville zurückkehrte, vernahm er einen Flintenschuß, und ein Birkenzweig, der nur eine Spanne weit von seinem Kopfe entfernt gewesen, fiel zu Boden. Mit einem Satze warf sich Pascal hinter die Böschung und blickte in die Ferne. Im roten Scheine der untergehenden Sonne erhob sich eine kleine weiße Rauchwolke, doch die Heide lag einsam da. Der Schütze kam nicht zum Vorschein, er mußte durch das hohe Ginstergestrüpp entflohen oder sich in einer der Thongruben verborgen haben. »Es war Chassevent, ohne Zweifel,« sagte sich Pascal, als er nach kurzem Lauern weiterschritt. Er gedachte der Warnungen seines Vaters. »Er mochte den Streich geahnt haben ... er suchte mich zu schützen ... Alle besseren Gefühle sind doch noch nicht tot in ihm ...« Ueber diesen Vorfall bewahrte er jedoch Schweigen, nur schlug er von nun an den anderen Weg ein, wenn er seine Besuche im Schlosse machte. In der folgenden Woche wurde der Bescheid des Untersuchungsgerichtes veröffentlicht, und mit schwerem Herzen mußte man auf die insgeheim gehegte Hoffnung, Robert von dem auf ihm ruhenden Verdachte freigesprochen zu sehen, verzichten. Im Städtchen verbreitete sich das Gerücht, der junge Graf sei verurteilt worden; es brauchte zwei Tage, um den Irrtum zu berichtigen, was aber auch dann nicht vollkommen gelingen wollte. Nun begann Pascals Aufgabe. Er mußte sich zu längerem Aufenthalte nach Rouen begeben, nicht um die Aktenstücke zu studieren, die er ebensogut kannte, wie der Untersuchungsrichter, sondern um sich mit seinem Klienten in Verkehr zu setzen. Der Abschiedsbesuch im Schlosse war sehr traurig. Das Wetter hatte umgeschlagen, ein endloser Regen verhüllte die ganze Ortschaft, in den Parkalleen wälzten sich gelbe Fluten. Bei der Erwähnung, daß Pascal nun endlich Robert sehen würde, fuhr Tante Isabella ungestüm in die Höhe. »Ich reise ebenfalls .. Ich begleite Sie!« rief sie mit flammendem Antlitz ... »Oh, mein liebes Kind, Sie dürfen es mir nicht abschlagen, mich mitzunehmen ... Ich will dort sein, um alles ganz frisch zu vernehmen, was mein armer Kleiner Ihnen sagen wird.« »Aber, gnädiges Fräulein, Sie werden ihn selbst sprechen können ... Ich werde Ihnen die Erlaubnis dazu verschaffen.« »Nun, dann fort! ... Ohne eine Minute Aufschub! ... Lassen Sie mir nur so viel Zeit, meine Reisetasche zu packen ... und ich stelle mich Ihnen zur Verfügung ... Ach! Mein teurer Freund ...« Das alte Fräulein fiel Pascal um den Hals und eilte dann in höchster Erregung auf ihr Zimmer. Der Gedanke an diese Abreise erfüllte Antoinette mit tiefer Traurigkeit. Welch trostlose Einsamkeit sollte dieser fieberhaften Aufregung folgen! Mit ihrem Vater allein in dem großen, öden Schlosse würde die Eintönigkeit ihres Lebens durch nichts unterbrochen werden, als durch die kurzen Besuche, die Herr von Croix-Mesnil von Zeit zu Zeit abzustatten pflegte. Tante Isabella ging mit Pascal fort ... Wie öde und leer erschien jetzt die Zukunft dem jungen Mädchen! Wer nahm denn eine so hervorragende Stelle in ihren Gedanken ein? Fräulein von Saint-Maurice oder der neue Gast von Clairefont? Sie zürnte sich selbst, schalt sich schwach und thöricht, und ihren Stolz zu Hilfe rufend, um eine Festigkeit zu zeigen, welche sie nicht befaß, nahm sie Pascals Abschiedsgrüße mit kalter Würde entgegen. »Wir werden uns vor dem entscheidenden Tage nicht wiedersehen,« sagte er. »Wollen Sie mir versprechen, dann auch dort zu sein? Ihre Anwesenheit wird Ihrem Bruder eine große moralische Stütze sein ... Und ich ...« Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann in leidenschaftlichem Tone fort, so wie sie ihn noch niemals aus seinem Munde vernommen: »Und ich werde, seien Sie davon überzeugt, in Ihrer Gegenwart und für Sie Unmögliches leisten ...« Sie verneigte sich stumm. Er nahm nun auch Abschied von dem Marquis, der sich in seiner lächelnden Sorglosigkeit immer gleich blieb, und reiste in Tante Isabellas Gesellschaft ab. Antoinette blieb allein mit dem Greise; nie war ihr der Tag düsterer, der Regen langweiliger, der Wind schneidender vorgekommen. Sie blieb schweigsam bis zum Abend und hörte zerstreut ihrem Vater zu, der, ohne etwas zu sagen, in einem fort redete, wie eine alte Mühle, deren Flügel sich drehen, auch wenn sie leer geht. Zwei Tage darauf hatte Antoinette die große Freude, einen Brief von Tante Isabella zu erhalten. Das alte Mädchen schien den Brief unter dem Einflusse einer ungewöhnlichen Erregung geschrieben zu haben. Sie hatte Robert gesehen ... Und aus Dankbarkeit gegen Pascal, der ihr die Pforten des Gefängnisses geöffnet hatte, sprach sie fast ebensoviel von dem jungen Manne, als von ihrem Neffen. Sie schien die beiden nicht mehr voneinander trennen zu können, sondern sie gemeinsam in ihr Herz zu schließen. »Wenn Du den armen Jungen sehen könntest,« schrieb sie, »wie er sich verändert hat. Er ist ganz mager und blaß geworden ... Als wir ihn besuchten, schien es mir, als wollten die Korridore, durch welche man uns führte, gar kein Ende nehmen ... Endlich blieb der Gefangenwärter vor einer Thür mit einem Guckfensterchen stehen, schloß dieselbe auf, und auf einem schlechten Brette sitzend sahen wir das Kind ... Als er mich erblickte, stieß er einen Freudenschrei aus, dann aber erkannte er Pascal, richtete sich stolz auf und stumm standen beide Aug' in Auge einander gegenüber. Robert schien meine Gegenwart ganz vergessen zu haben, denn er rief mit furchtbarer Heftigkeit: ›Was will der Sohn des Herrn Carvayan hier?‹ Darauf versetzte der andere mit seiner weichen Stimme, welche Du ja kennst, und mit einer Milde, die mir in die Seele drang: ›Die Ehre und die Freiheit des Sohnes des Herrn von Clairefont verteidigen! ...‹ Nun sah einer den anderen an, als wollten sie gegenseitig in den tiefsten Tiefen ihrer Herzen lesen, dann fielen sie einander mit einem Seufzer in die Arme. Sie verstanden sich sofort! Mein armes Kind aber verlor die Fassung, vergaß seinen Stolz und brach in Thränen aus. Wir erzählten ihm alles, von der Krankheit seines Vaters und den darauf folgenden Ereignissen ... Er wurde nicht müde, mich zu umarmen und Pascal die Hände zu drücken. Er sendet Dir die zärtlichsten Grüße und bittet Dich, Deinem Vater einen Kuß von ihm zu geben. Morgen gehen wir wieder zu ihm, und von jetzt ab werden wir ihn täglich wiedersehen.« Dieser Brief wurde von Antoinette mit Thränen betaut. Vor ihrem Geiste sah sie Robert und Pascal sich innig umschlungen haltend. Beide blickten frohen Mutes und voll Vertrauen in die Zukunft. Welche Uebereinstimmung herrschte in ihren Neigungen, und doch welche Verschiedenheit in ihrem Naturell! Pascal, der Sohn des bürgerlichen, und Robert, der Sprosse aus adligem Hause. Der eine mit seinem gebräunten Teint, seinem schwarzen Haar, der hohen Stirn, der feingeschnittenen Nase, den klugen, grauen Augen und der rasierten Oberlippe, atmete Energie und Geist. Der andere mit zarter Farbe, blondem Haar, blauen Augen, großer Nase und dem langen Schnurrbart eines fränkischen Kriegers verkörperte Tapferkeit und Kraft. Es war der ausgesprochenste Gegensatz, welcher ihre Abstammung kennzeichnete. Als sie in ihren Gedanken die beiden so nebeneinander sah, fragte sie sich, wer von ihnen stolzere Haltung habe, der Edelmann oder der Bürgerliche? Und in Nachdenken versunken blieb sie sich die Antwort schuldig. Tante Isabella schrieb täglich und wurde nicht müde, von Pascal zu erzählen. Sie wohnten jetzt beide bei dem Wagenfabrikanten von Saint-Sever und machten gemeinsame Wirtschaft. »Ich kann ihn gar nicht mehr entbehren,« schrieb Fräulein von Saint-Maurice, »und ich glaube, ich würde ihm ebenfalls fehlen. Wir verbringen die Abende in anregendem Gespräche. Er erzählt mir von seinen Reisen. Ach! wie falsch habe ich ihn anfangs seiner großen Schüchternheit halber beurteilt! Denn der gute Junge ist zurückhaltend und sanft wie ein Mädchen. –Manchmal kann er stundenlang sprechen, und ich fühle mich gefesselt. –Nie hatte ich geglaubt, daß ein Mann eine so wohlgelöste Zunge haben könne. Er hat jetzt volles Vertrauen zu mir gefaßt und erzählt mir alles. –Wenn Du wüßtest, was er um unsertwillen gelitten! –Aber er hat mir ausdrücklich das Versprechen abgenommen, Dir kein Sterbenswörtchen davon zu sagen, und Du siehst, wie verschwiegen ich bin. Nur eine Begebenheit muß ich Dir mitteilen, weil sie zeigt, in welch großer Besorgnis unsere Feinde sich befinden, seitdem sie wissen, daß Pascal uns seinen Beistand leiht. Einige Tage vor unserer Abreise nach Rouen hat Chassevent in dem kleinen Thale beim Steinbruch auf den lieben Jungen geschossen. Ja, denke Dir, diese Schufte haben versucht, unserm Rechtsanwalt ans Leben zu gehen ... Aber er ist ihnen entschlüpft, und somit wird er sie auch besiegen ... Das ist ein Fingerzeig des Schicksals, und so habe ich es auch im Traume gesehen ...« Einige Tage später schrieb sie: »Der große Augenblick naht heran, die Schwurgerichtssitzungen haben angefangen. –Gestern früh hat mir Pascal den Justizpalast gezeigt, ein wahres Wunder der Baukunst. Er hat mich auch in den Gerichtssaal geführt, damit ich mich an den Anblick gewöhne. –Ich war erschüttert. –Wie großartig und schrecklich ist eine solche Sitzung! Die Richter in ihrer roten Amtstracht! Es war mir, als sähe ich ein Feingericht vor mir. –Im Hintergrunde des Saales ein großer Christus, die brechenden Augen gen Himmel gerichtet. Früher streckte man die Hand zu ihm empor, wenn man einen Eid leisten sollte, jetzt schwört man nicht mehr vor Gott, was unseren Gegnern das Lügen erleichtern wird. –Aber gleichviel, mein Vertrauen ist unerschütterlich. –Gestern sind uns Fleury, Tondeur und Pourtois begegnet. Die beiden ersten wendeten sich mit jesuitischen Mienen ab, der dritte warf uns einen flehenden Blick zu... Denke nur, der starke Mann ist in einigen Wochen bis zur Unkenntlichkeit abgemagert... Die Haut in seinem Gesichte ist ganz schlaff und faltig geworden... Der Schmerbauch hat sich in eine Spindel verwandelt. Pascal ist überzeugt, daß der Elende einen Meineid geschworen hat und nun von Gewissensqualen gefoltert wird.« Endlich kam ein letzter Brief. »In drei Tagen ist's... Wie lange mir die Zeit bis dahin wird! Du kannst an demselben Morgen von Neuville abreisen, so daß Du um zehn Uhr zwanzig Minuten hier bist. Ich werde Dich auf dem Bahnhofe in der Rue Verte erwarten. Der Rechtsanwalt aus Paris ist auch schon da. Pascal hat ihn heute früh gesehen. Der große Mann ist bei Freunden in Malaunay zur Jagd. Zwischen zwei Treibjagden will er plaidieren. Er scheint –so sagt unser geliebter Freund –ein lustiger Bruder zu sein, der ›auf dem Rücken seiner Klienten plaidiert‹ und der Gegenpartei kein gutes Haar läßt. Er ist ein Roter bis auf die Knochen und soll deshalb so boshaft sein, weil es ihm noch immer nicht gelungen ist, Senator zu werden. Ich wünschte, man wählte ihn dazu, und er ließe uns im Frieden. Je näher der schreckliche Augenblick herankommt, desto ruhiger wird Robert. Er vertraut auf die gerechte Sache und auf seinen Verteidiger. Sein Aussehen ist schon bedeutend besser, aber der alte Prachtjunge ist er doch noch nicht. Nun, Du wirst ihn ja selber sehen. Mein Gott, wenn es doch erst vorbei wäre!« Am Morgen ihrer Abreise mußte Antoinette ihrem Vater die Wahrheit gestehen, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie ihm den Tag der Verhandlung verschwiegen. Der alte Mann war noch nicht aufgestanden, er richtete sich im Bette auf. Das Lächeln, welches jetzt beständig um seine Lippen spielte, verschwand, und sein Blick leuchtete in wiederkehrendem Verstande auf. Mit der Stimme früherer Zeiten sagte er: »Mein Kind, wir werden schwer geprüft ... Geh, stehe du deinem Bruder bei ... Vertritt meine Stelle und bestätige durch deine Gegenwart unseren unerschütterlichen Glauben, daß ein Clairefont nicht vom Pfade der Ehre abweichen und ein Verbrecher werden kann. Bringe meinem Sohne meinen Segen und sage ihm, daß ich –was auch geschehen möge –niemals an seiner Unschuld zweifeln werde ...« Der Greis legte die Hand segnend auf das Haupt seiner Tochter und sagte sanft: »Geh mit Gott, mein Kind, und sei gutes Mutes!« Elftes Kapitel Es war drei Uhr und im Gerichtssaal fing es bereits an, dunkel zu werden. Eine ungeheure Menschenmenge füllte die Sitzreihen, drängte sich in den Korridoren und flutete selbst bis auf die für die Advokaten und Berichterstatter reservierten Tribünen. In einer Ecke der ersten Reihe, aber dennoch geschützt vor den Blicken Neugieriger, saßen Antoinette und Tante Isabella, von Beginn an der schrecklichen Verhandlung folgend, in der das Teuerste, das sie auf Erden besaßen: Roberts Ehre und sein Leben, auf dem Spiele standen. Vor ihnen lag der erhöhte, leere Teil des Saales, in dessen Mitte sich die Schranken erhoben. Hinter denselben befand sich der Tisch, auf welchem die Ueberführungsbeweise: eine wollene Schärpe und ein seidenes Tuch, lagen, und ganz im Hintergrunde saßen die Richter, kalt und schreckenerregend in ihrem strengen Ernst. Links von ihnen die Geschworenen und rechts auf der Anklagebank zwischen zwei Gendarmen ein Clairefont! Zu den Füßen seines Klienten, auf der Bank der Verteidiger saß Pascal in seiner schwarzen Amtstracht, mit dem Hermelin auf der Schulter. Die ganze Zuhörerschaft befand sich in leidenschaftlicher Erregung, seit dem Morgen schon währte der lebhafte Kampf zwischen Anklage und Verteidigung. Das Verhör war für Robert günstig ausgefallen, er hatte sich auf Pascals Rat sehr gemäßigt und taktvoll benommen. Auch die Aussage des Arztes hatte einen guten Eindruck gemacht. Aber das Zeugenverhör beunruhigte die Geschworenen ernstlich. Tondeur und Fleury hatten dem jungen Grafen Ausbrüche schrecklichen Zornes nachgewiesen, und Pourtois hatte zitternd und zögernd die Mordscene geschildert. Dann waren die Tuboeufs, der Stallknecht und der entsetzliche Chassevent vom Präsidenten vernommen worden. Die Anklagen waren so geschickt miteinander verknüpft, daß sie ein schwer anzutastendes Ganzes darstellten. Darauf hatte Pascal mit großem Scharfsinne und unerschütterlichem Gleichmute Fragen an die Zeugen gerichtet, ihre Aussagen widerlegt und sich bemüht, sie in Widersprüche zu verwickeln. Der Punkt, den er zumeist festzuhalten sich bestrebte, war die Feststellung des guten Einvernehmens, das stets zwischen Rose und Robert bestanden hatte. Sie war ihm freiwillig gefolgt, er hatte keine Anstrengungen zu machen gebraucht, um sie dazu zu überreden. Und insgesamt beeilten sich alle, dies zu bejahen, da sie darin den Anfang zur Ueberführung des Verbrechers erblickten. Ach ja, gewiß, das arme Kind war ganz heiter an seinem Arme fortgegangen; man hatte sie unterwegs noch lachen gehört; sie hatte sich nicht bitten lassen, mit dem Sohne des Marquis zu kokettieren ... Und er! Auf der eichenen Bank, die von langer Benützung wie poliert schien, saß Robert und hörte unbeweglich zu. Aus der Tiefe seines Herzens erhob sich grollend eine Stimme gegen die schwere Ungerechtigkeit dieser Verhandlung. Er dachte: »Oft genug stellte ich es in Abrede, daß die Justiz irren könne, ich war der Meinung, das sei unmöglich. Und jetzt stehe ich, der Unschuldige, unter einer Anhäufung unwiderleglicher Zeugenaussagen als Schuldiger da, und wenn die Männer, welche mir da gegenübersitzen, nicht durch die Beredsamkeit meines Verteidigers erleuchtet werden, so werden sie mich in vollster Ruhe nach Recht und Gewissen verurteilen.« Aeußerlich jedoch blieb er ruhig und setzte den Anklagen nur die stolze Festigkeit seiner Haltung entgegen. Einmal, als Chassevent ihn voll Wut immer mehr zu belasten versuchte, verlor er die Geduld und rief dem Wilddiebe heftig zu: »Das Verbrechen, dessen Ihr mich anklagt und das ich nicht begangen habe, ist nicht das einzige, das im Steinbruche begangen wurde ... Vor kurzem erst ist dort wieder ein Mordanfall versucht worden: aber von dem sprecht Ihr nicht ...« Chassevent erbleichte. Der Präsident forderte Robert auf, sich näher zu erklären, aber der junge Mann versetzte, wieder ruhig geworden: »Ich stehe nicht hier, um anzuklagen, sondern, um mich zu verteidigen ... Der Mensch da weiß schon, was ich meine ...« Es war unmöglich, mehr aus ihm herauszubringen; aber die Anklage hatte an Boden verloren. Ein beunruhigendes Dunkel breitete sich über dieselbe aus, und dem Zuhörer drängte sich die Ahnung eines Geheimnisses auf. Leider zerstörte das Plaidoyer des Anwaltes der klägerischen Partei diese günstige Meinung wieder. Fein und schlau, in gedrängter Kürze, verstrickte es Robert in ein Netz moralischer Beweise und überließ es der Staatsanwaltschaft, die materiellen Beweisstücke beizubringen. Während dieses furchtbaren Angriffes war es Antoinette und Tante Isabella, als säßen sie auf glühenden Kohlen. Sie litten unbeschreiblich, denn sie hielten Roberts Sache nun für verloren. Pascal konnte unmöglich die Wirkung dieser fürchterlichen Kritik zerstören, welche Roberts Charakter mit großem Geschicke analysierte. Die gute, edle, großherzige Natur des Jünglings blieb ganz im Schatten, während die harte, heftige, herrschsüchtige Seite in hellstes Licht gesetzt wurde. So geschildert, war der Graf ganz der Mann, ein solches Verbrechen zu begehen und Rose in einem vielleicht nicht vorher berechneten, aber thatsächlichen Ausbruche seiner Brutalität erstickt zu haben. Der Antrag des Staatsanwaltes trieb das Entsetzen der beiden unglücklichen Frauen auf die höchste Spitze. Dieser Beamte mit seiner hohlen Stimme und seiner roten Tracht erschien ihnen wie ein Vorbote des Henkers; sie glaubten seinen drohend erhobenen Arm nach Roberts Haupt greifen zu sehen, und seiner schwülstigen Beredsamkeit schrieben sie eine unheilbringende Gemalt zu. Der theatralische Effekt des richterlichen Pompes übte seine Wirkung auf sie aus und stürzte sie in eine unüberwindliche Hoffnungslosigkeit. Und doch hatte der Staatsanwalt in seinem langen Geschwätz von wohlklingenden Worten mildernde Umstände gelten lassen. Er beantragte das Bagno statt des Schafotts, und dieser Gedanke erfüllte Tante Isabella mit solcher Wut, daß ihre Nichte Mühe hatte, sie zu beruhigen und zu verhüten, daß sie die Rede unterbrach und einen nicht gutzumachenden Skandal veranlaßte. »Der Kerker! Niemals!« knirschte das alte Fräulein. »Ein Clairefont! Lieber würde ich ihm selbst mit meinen eigenen Händen Gift reichen!« »Hören Sie doch zu, Tante,« murmelte Antoinette, »hören Sie doch, ich bitte Sie, und sehen Sie, wie ruhig Herr Pascal bleibt.« »Das ist die Ruhe der Verzweiflung!« Die Rede des Staatsanwalts schloß mit einem Appell an die Strenge der Geschworenen, der erleuchteten Schirmer der Gleichheit vor dem Gesetze, und einer kräftigen Geißelung des Müßigganges, welcher zum Verbrechen führt. Auf seine letzten Worte folgte ein entsetzliches Schweigen. Sodann sprach der Präsident mit langsamer Stimme den üblichen Satz: »Der Verteidiger hat das Wort!« und unter neugierigem Gemurmel erhob sich Pascal von seinem Sitze. Er war sehr bleich, aber nie leuchtete eine feurigere Entschlossenheit von der Stirn eines Mannes. Er wendete sich dem Zuhörerraume zu, den er mit forschendem Blicke überflog, und als er Antoinette gefunden, ließ er sein Auge eine Sekunde lang auf ihr ruhen, wie um sich Begeisterung von ihr zu holen; dann fing er zu sprechen an. Anfangs sehr leise, mit einer Art Lässigkeit, als halte er es gar nicht wert, die Beweisgründe, welche seine Gegner angewendet, anzufechten, und in dieser gedämpften Tonart hatte sein Organ eine zum Herzen gehende Weichheit, welche die Hörer mit einem wonnigen Schauer durchdrang. Noch ehe er die Gegenpartei zu widerlegen anfing, hatte der Zauber seiner Stimme schon seine Wirkung gethan; wie ein großer Musiker zu Beginn eines glänzenden Konzertstückes weiche Moll-Accorde anschlägt, so schien er zu präludieren. Dabei war er so augenscheinlich Herr seiner selbst, daß der berühmte Pariser Rechtsanwalt die Stirn runzelte und das Ordnen seiner Aktenstücke, das er mit affektierter Gleichgültigkeit vorgenommen hatte, unterbrach. Die Richter hatten sich aus den tiefen Sesseln, in denen sie lehnten, aufgerichtet und hörten gespannt zu. Die Geschworenen saßen unbeweglich da, ergriffen von jener inneren Erregung, wie sie Virtuosen mit der ersten Note oder dem ersten Bogenstrich den Hörern mitzuteilen verstehen. In dem weiten Raume, den die Schatten des Abends bereits zu verdunkeln anfingen, herrschte lautlose Stille. Melodisch rollten Pascals Worte dahin, und die halbe Dämmerung verlieh ihnen noch einen besonderen poetischen Reiz. Antoinette lauschte mit bedrücktem Herzen und zuckenden Nerven, hingerissen und doch voll Angst auf diese Stimme, welche Roberts Ehre und Freiheit verteidigte, die aber, das wußte das junge Mädchen sehr wohl –nur aus Liebe zu ihr ertönte. Ja, alle diese Worte voll zauberischer Beredsamkeit waren einzig und allein an sie gerichtet: was Pascal sagte, hörte sie nicht, sie horchte nur auf den Klang seiner Stimme, und aus ihm hörte sie die Worte heraus: »Ich bete dich an, alles, was ich gethan und was ich noch thun werde, geschieht aus Liebe zu dir, um dir zu gefallen. Ich kämpfe für dich, für dich allein! Sei ruhig; da ich deine Sache verteidige, werde ich übermenschliche Kräfte finden und siegen!« Ein plötzliches Vertrauen bemächtigte sich Antoinettes, sie hegte keine Furcht mehr, sie befand sich in einer Art Erstarrung, in der sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Es war ihr, als ob eine Wolke sie einhüllte und ihr Bewußtsein von den Dingen um sie her schwinde. Sie sah sich in unbestimmte Weltenräume entrückt, in welchen sie eine göttliche Stimme hörte, und diese Stimme beschwor ihre und ihres Bruders Kindheit wieder herauf. Da lag der Park von Clairefont, in Sonnenglanz gebadet –eine zarte, leidende Frauengestalt stritt auf der Terrasse hin und her, es war die Marquise, die schon den Stempel des Todes auf der Stirn trug ... Arme Waisen, die frühzeitig die Zärtlichkeit der Mutterliebe entbehren mußten, welche zwischen ihrem ganz in seine wissenschaftlichen Arbeiten vertieften Vater und ihrer Tante, diesem Wesen mit dem feurigen und doch weichen Herzen, in fast wilder Freiheit aufgewachsen waren! Das ganze Leben der Familie in dem großen, stillen, vereinsamten Schlosse entrollte sich in seiner patriarchalischen Eintönigkeit; die Liebe und Verehrung der Kinder zu ihrem Vater, die geduldige Hingebung, mit der sie seinen Launen sich unterwarfen, der allmählich sich vollziehende Ruin und die durch Habgier genährte Feindseligkeit des ganzen Ortes, welche den Marquis mit stets wachsender Heftigkeit umgab. Die Schilderung dieses stummen Kampfes zwischen den Verbündeten, die sich des Besitztums bemächtigen wollten, und dem armen, von seiner Manie besessenen Marquis war eine ergreifende, überwältigende; alle Kehrseiten des erschütternden Falles, in ihren verborgensten Falten bloßgelegt, singen an, sich vor den Zuhörern zu enthüllen. Jetzt klang Pascals Stimme nicht mehr einschmeichelnd und gerührt, sie hatte einen strengen, traurigen Ton angenommen, der, noch tiefer ergreifend, gerade zum Herzen ging. Harmonisch und farbenreich schwang sie sich empor, erfüllte das Ohr und bestrickte den Geist. Sein Vortrag wurde gedrängter, seine Argumente gleich stürmenden Angriffskolonnen dem Feinde entgegengeworfen. Und Antoinette lauschte regungslos, von glühender fieberhafter Neugierde beherrscht, in eins verschmolzen mit dem Redner, der ihr Ohr entzückte: sie lebte sein Leben mit, erwärmte sich an seiner Begeisterung, kämpfte an seiner Seite: sie ging völlig in ihm auf, half ihm, ermutigte ihn und gab sich der Täuschung hin, daß sie es sei, die ihren Bruder verteidigte. Dieses klare, gewaltige Wort war ja der Ausdruck ihrer eigenen Gedanken, und durch Pascals Mund sprach sie. Diese Empfindung war eine so mächtige, daß die Sinnestäuschung, welche das junge Mädchen gefangen hielt, plötzlich schwand und sie aus ihrem Traum erwachte. Sie öffnete die Augen, sah die Menschenmenge, ihre Tante, den Gerichtshof, ihren Bruder und Pascal. Er war nicht mehr bleich, eine gewaltige Erregung färbte sein Antlitz, seine Gebärden waren edel und kraftvoll. Er diskutierte mit beißender Ironie, und alle Fragen, die er während des Zeugenverhörs gestellt hatte, dienten ihm jetzt zur Verteidigung. Mann für Mann nahm er seine Gegner vor und erdrückte sie mit unwiderstehlicher Kraft. Die Anklagepunkte, das gegen Robert aufgeführte gefährliche Gerüst, brachen zusammen und nur Trümmer blieben übrig. In geistvoller Stufenfolge war er so weit gekommen, nach dem Beweggrunde zu forschen, der Robert zu dem Verbrechen hätte veranlassen können, und er bewies, daß es unmöglich sei, nur einen stichhaltigen Grund anzuführen. Weshalb hätte er den Mord begehen sollen? Zu welchem Zwecke? Aus welchem Grunde? Was für einen Vorteil konnte er davon haben? Alle moralischen Vermutungen waren null und nichtig und konnten aufgeklärte Geister auch nicht einen Augenblick beeinflussen; die materiellen Beweise aber waren mehr als zweifelhaft. Wer hatte den Mord gesehen? Chassevent und Pourtois. Wie hatten sie ihn gesehen? Von weitem, im Dunklen und auf der Flucht. Und welchen Wert hatte die Zeugenaussage des Vaters, dessen Motiv bloße Habsucht war, was sich ja in seiner Schadenersatzforderung deutlich verriet? Der Schuldige mußte Herr von Clairefont sein, weil er zahlungsfähig war, und nicht der erste beste Bandit oder Strauchdieb oder ein geheimnisvoller Meuchelmörder, welchen sie schlecht gesucht hatten, weil sie ihn nicht zu finden wünschten. Und Pourtois, dieser zitternde, aufgeregte, kaum kenntliche Zeuge, aus dessen Zügen eine Angst sprach, die große Aehnlichkeit mit Gewissensbissen hatte, der seine Aussagen nur stotternd hervorbrachte, sich auf Chassevent berief und mit einem Worte nichts gesehen hatte als das, was der Vagabund ihm zu sehen befohlen. Und auf die Zeugenaussagen solcher Leute wollte man eine Anklage auf Leben und Tod stützen? Mit ironischen, scharfen und treffenden Worten sprach er weiter über die gegen die Familie von Clairefont angezettelte Verschwörung; er zeigte die Falle, in welche man Robert geschickt zu locken verstanden hatte; er übte keine Schonung mehr, schlug mit verdoppelten Schlägen und seine raschen, tödlichen Sarkasmen sausten wie Flintenkugeln umher. Mit Schrecken sahen die Verbündeten alle ihre Positionen eine nach der anderen fallen. Er war jetzt Herr des Terrains, er hatte alles über den Haufen gestürzt und niedergeschlagen, so daß von der Anklage nichts bestehen blieb. Fleury, Tondeur und Chassevent tauschten erschrockene Blicke aus; Pourtois stöhnte auf seiner Bank und war wie ein geplatzter Ballon in sich zusammengesunken. Pascals Sieg war entschieden. Die überzeugten, besiegten Zuhörer, hingerissen von dem Verlangen, ihre Zustimmung und ihren Beifall zu äußern, begannen sich zu regen. Ohne jeden Uebergang kehrte der junge Mann hierauf zu den weichen, süßen Tönen der Anfangsrede zurück; innig und herzbesänftigend klang der Schluß, dessen Sätze sich gleich Weihrauchdämpfen in den Lüften schaukelten und wiegten. Keine Vergeltung, kein Groll sprach aus ihnen, nur eine unendliche Zärtlichkeit, ein tiefes Mitleid mit dem unglücklichen Mädchen, das so ungerechterweise gelitten hatte. Und so schien der Schatten des Opfers selbst flehend und beschwörend zu Gunsten des Unschuldigen über der Versammlung zu schweben. Ein köstliches Gefühl der Erleichterung hatte sich aller Gemüter bemächtigt. Wie durch Zauber verschwand alle Verruchtheit, alles war unschuldig und rein! Pascals Stimme erstarb in Schweigen, und aus der Menge erhob sich ein leises Gemurmel, lang hingezogen und seufzend wie ein Schluchzen. Antoinette und Tante Isabella sahen sich zum erstenmal seit dem Morgen frei ins Auge. Ihre Gesichter waren von Thränen überströmt, aber aus ihrem Schmerze war die Hoffnung triumphierend erstanden. Zitternd drückten sie einander die Hände, denn noch wagten sie nicht zu sprechen. Ein wirrer Lärm störte sie plötzlich aus ihrer Begeisterung auf. Der Anwalt der klägerischen Partei hatte sich wütend zu einer Entgegnung erhoben. Da er die Notwendigkeit einsah, entscheidende Schläge zu führen, zog er diesmal die Persönlichkeiten in den Angriff. Mit teuflischem Geiste griff er das heraus, was Pascal über die Verschwörung gegen die Familie von Clairefont gesagt hatte, und erging sich in heftigen Anspielungen. Wie! Pascal war es, der diese Punkte anführte? Lag denn etwas Strafbares darin, da doch, wie es hieß, sein eigener Vater der Anstifter gewesen. Wollte man Finanzoperationen als lichtscheue Machinationen hinstellen? Der Wunsch, zu überzeugen, habe den Verteidiger zu weit geführt, er vergaß, was er der Gerechtigkeit, was er sich selber schuldig war, denn die Gründe, welche ihn bewogen hatten, die Verteidigung Roberts von Clairefont zu übernehmen, blieben besser unerklärt, und die Erwähnung dieses Zwistes war unstreitig nur ein Kunstgriff gewesen, um die Meinung der Geschworenen irrezuführen. Diese wenigen, schneidend scharfen, kalten Sätze riefen eine unangenehme Stimmung in den Zuhörern hervor. Die Geschworenen sahen einander an. Antoinettes Herz krampfte sich zusammen, sie begriff, wie grausam diese Worte Pascal berühren mußten. Es war ihr, als müsse sich jetzt ein Kampf auf Leben und Tod entspinnen. Sie drückte Tante Isabellas Arm so heftig, daß sie ihr weh that, versuchte zu beten, brachte aber nur die Worte: »Mein Gott! Mein Gott!« hervor. Pascal war aufgesprungen. Wie ein verwundeter Löwe schüttelte er den Kopf, seine Augen schossen Blitze, und mit geballten Fäusten auf die Schranken hämmernd, rief er wild: »Also da wollen Sie hinaus? Weil Sie selbst die Unmöglichkeit einsehen, den Mann, welchen ich verteidige, vernichten zu können, versuchen Sie es jetzt, mich zu treffen! Sie beschuldigen mich, daß ich, indem ich diesen Platz einnehme, vergesse, welchen Namen ich führe. Und Sie wagen es, an mein Gewissen zu appellieren! Gut! Es soll Ihnen Rede stehen. Ja, ich habe alles verlassen, alles verleugnet, alles vergessen, um Robert von Clairefont an dieser Stelle mit meinem Worte beizustehen, und das ist der glänzendste Beweis für seine Unschuld! Ich, der ihn verteidige, der ihn ermutige, ich, der Sohn des Feindes seines Vaters, was würde ich für ein verächtlicher Mensch sein, wenn er schuldig wäre? Seine Schuld zieht die meine nach sich, meine Ehre ist Bürge für die seine! Und alle Kräfte meines Wesens vereinigen sich in diesem Augenblicke, um Ihnen zuzurufen: Er ist nicht schuldig!« Dies war ein solch verzweifelter Schrei, ein solch leidenschaftlicher Ausbruch, daß die beiden Frauen alles vergaßen und nur nach Pascal sahen, der in stolzer Entrüstung strahlend vor Erregung dastand. Diese wenigen Sekunden hatten ihn vollständig verändert. Er warf seinem Gegner herausfordernde Blicke zu und schien bereit, den Kampf fortzusetzen, sein Herz bloßzulegen, sich selbst bis aufs Blut zu quälen, um seiner Sache zum Siege zu verhelfen. Um sich her sah er nur erschütterte, in Rührung schimmernde Gesichter, er erriet, daß die Schlacht gewonnen sei, und mit einer ausdrucksvollen Gebärde, die den ganzen Saal zu umfassen schien, schloß er: »Ich glaube nun, genug gesagt zu haben. Es hieße Sie beleidigen, wollte ich weiteres hinzufügen.« Das war der letzte Schuß. Der Präsident sprach mit mürrischer Stimme den Geschworenen die gesetzliche Formel vor, und da er einsah, daß die Anklage stark erschüttert war, stellte er als letzte Hoffnung die Frage auf unabsichtliche Tötung, herbeigeführt durch Mißhandlungen. Das hieß fast den Fall verloren geben. Der Gerichtshof zog sich zurück, die Geschworenen begaben sich ins Beratungszimmer, der Angeklagte wurde fortgeführt, und mit freudiger Lebhaftigkeit erhoben sich die Anwesenden, um sich die Beine wieder gelenkig zu machen. Die Richtertribüne wurde von den Advokaten überflutet, welche Pascal umringten und ihn mit enthusiastischem Beifalle beglückwünschten. Selbst der berühmte Pariser Rechtsanwalt durchbrach die Menge der Referendare, um seinem Gegner zu gratulieren. Mit verblüfftem Staunen sah Tante Isabella die beiden Männer lächelnd sich die Hände schütteln. »Wie? Er spricht mit ihm! Ich glaubte, er würde ihn erwürgen, nach allem, was er ihm gesagt hat!« »Worte, Tante. Worte, die der Wind verweht!« »Ach, mein Liebling, hast du ihn gehört, unsern Pascal?... Ist das ein Mensch, was? ... Mir stockte der Atem ... Ich bekam meine Beklemmungen, und bald wurde mir heiß, bald kalt ... Ach, du mein Gott, welch ein Talent, die Leute so zu rühren! Hast du die Geschworenen angesehen? Sie waren ganz verdonnert! Ach, mein Kind, wie glücklich bin ich!« »Warten Sie, Tante, noch sind wir nicht so weit!« »Wie! Ist da noch ein Zweifel möglich! Sollten sich denn alle Carvayan verkauft haben? Die Geschichte ist doch klar wie die Sonne!« Das alte Fräulein sprang auf, wie von einer Feder emporgeschnellt. Pascal stand vor ihr. Er hatte seinen Platz verlassen, sich der Bewunderung seiner Kollegen entzogen und kam nun, um sich seinen Lohn zu holen –einen Blick, ein Wort von Antoinette. »Nun, mein liebes Kind,« rief die Tante von Saint-Maurice mit Begeisterung aus, »er ist gerettet, nicht wahr?« »Ich hoffe es,« versetzte der junge Mann. »Nach der allgemeinen Meinung ist er es ... Aber bei den Geschworenen ist man seiner Sache niemals sicher ... Warten wir es ruhig ab ...« »Wie lang mir die Zeit vorkommt!« flüsterte Antoinette. »Sie wird Ihnen kurz erscheinen, wenn Ihr Bruder Sie nach Hause begleiten wird ...« »Ach, mein Gott, kann das denn möglich sein? Ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben.« »Sie werden es sogleich erfahren...« Die Glocke der Geschworenen ertönte. Ein tiefes, für die beiden Frauen bedrückendes Schweigen breitete sich über den ganzen Saal aus. Mit neugieriger Ungeduld ließ sich das Publikum wieder auf die Sitze nieder, den Wahrspruch erwartend. Pascal hatte sich wieder an seinen Platz hinter den Schranken begeben, Robert erschien auf der Anklagebank, und ernst und streng trat der Gerichtshof ein. Während die Sitzung unterbrochen war, hatte man die Lampen angezündet, und nun hoben sich die finsteren Gesichter der Richter scharf von dem dunklen Tone des Täfelwerkes ab. Endlich traten auch die Geschworenen wieder ein, und alle hörten stehend, mit gewaltigem Herzklopfen die Urteilsverkündigung mit an. Die schrille, zitternde Stimme des Obmanns der Geschworenen sprach die Worte: »Bei meiner Ehre und auf mein Gewissen lautet die Antwort der Geschworenen einstimmig auf alle Fragen: Nein!« Von allen Seiten wurde der Freispruch mit gerührtem, freudigem Beifall begrüßt. Als es dann wieder still ward, vernahm man schreckenerregende Töne, wie sie ein Tier ausstößt, das erwürgt wird. Fräulein von Saint-Maurice war zum erstenmal in ihrem Leben unwohl geworden. Die Worte des Präsidenten, welcher Roberts sofortige Freilassung anbefohlen, verloren sich in einem Tumulte, dem unmöglich Einhalt zu gebieten war. Zwanzig Personen bemühten sich um das alte Fräulein; der Gerichtshof zog sich zurück, die Geschworenen räumten ebenfalls ihre Plätze, und der Gerichtsdiener sagte: »Nun müssen Sie auch fortgehen!« »Tante, wir wollen zu Robert eilen!« rief Antoinette. Diese Worte gaben Tante Isabella die Besinnung wieder. Sie richtete sich rasch auf, schob ihren Hut mit erregter Gebärde zurecht und stammelte: »Wo ist das Kind?« Von Pascal geführt, von ihrer Nichte halb gezogen, erreichte sie die Thür des Zeugenzimmers, und dort erblickte sie Robert, der ihr entgegenlächelte. Sie wollte auf ihn zueilen, er aber kam ihr zuvor, und sich seinem Verteidiger in die Arme werfend, rief er: »Er zuerst! Seid mir deshalb nicht böse, ihr, meine Teuersten!« »O, mein Gott, er hat das wohl um uns verdient!« rief Tante Isabella mit Entzücken. Der junge Graf zog seine Schwester und seine Tante an die Brust, lachte und weinte in einem Atemzuge, und indem er beide Frauen seinem Verteidiger zuschob, sagte er: »Umarmt ihn auch, ihm verdanke ich das Leben, denn ich war fest entschlossen, falls ich schuldig gesprochen würde, mir den Tod zu geben.« Die zitternde Antoinette sah sich ganz dicht bei Pascal. Ein Schwindel erfaßte sie; sie fürchtete, niederzusinken, rasch ergriff sie seine Hand, drückte sie krampfhaft und geriet in eine köstliche Verwirrung, als sie fühlte, daß die Lippen des Retters ihres Bruders ihr Haar streiften. Tante Isabella wurde nicht müde, Robert anzuschauen, es war ihr, als habe sie ihn seit einer Ewigkeit nicht gesehen. »Gestern sahst du anders aus, mein armer Junge.« »Heute, Tante, heute sehe ich aus wie ein zufriedener Mensch.« »Mein lieber Graf,« fiel Pascal ein, »ich hoffe, Sie werden hier nicht länger bleiben wollen als nötig. Kommen Sie, wir wollen Sie aus der Gefangenenliste streichen lassen, und dann können Sie gleich mit dem Achtuhrzuge nach Neuville fahren. Unterdessen werden die beiden Damen an Herrn Malézeau telegraphieren, damit er Ihren Vater benachrichtigen kann. Man darf ihm die freudige Mitteilung nicht eine Minute länger vorenthalten.« »Sie haben recht, wie immer! ... Aber werden diese braven Leute uns auch jetzt noch begleiten?« fragte Robert, auf die Gendarmen deutend, die in der Nähe warteten. »Ja, Sie müssen von ihnen zurückgeführt werden, ebenso wie Sie von ihnen hergebracht wurden.« »Sie sind sehr gut gegen mich gewesen ... Tante, gib mir alles Geld, das du bei dir hast ...« Er leerte die Börse des Fräuleins von Saint-Maurice in die Hände der erstaunten Soldaten; dann rief er, zu Pascal gewendet: »Gehen wir! Ich muß gestehen, ich dürste nach Freiheit!« Um neun Uhr sahen sie Neuville vor sich liegen: auf der Brücke über das Flüßchen fuhr der Zug langsamer und pfiff anhaltend, bevor er in den Bahnhof einfuhr. Robert, der sich zum Fenster hinauslehnte, sah in der Ferne die Laternen des Städtchens wie glühende Punkte durch die Nacht leuchten. Er richtete sich in die Höhe und meinte erregt: »In einer halben Stunde werde ich meinen Vater umarmen!« Auf dem Bahnhofe erwartete ihn eine Überraschung. Auf dem Perron sah er Herrn von Croix-Mesnil hin und her wandeln. Die beiden Freunde stießen einen Schrei aus, und ohne das Stillhalten des Zuges abzuwarten, sprang der junge Graf heraus. Es wurden nur einige hastige Worte zwischen ihnen gewechselt. Der Baron begrüßte Antoinette und Tante Isabella mit feuchten Augen und strahlendem Antlitz, drückte Pascal kräftig die Hand und zog sie alle mit dem Ausrufe: »Kommen Sie, kommen Sie, schnell!« dem Ausgange zu. Sie durchschritten den Wartesalon, und draußen in der alten Schloßkutsche sitzend, erblickten sie den Marquis. Er erwartete in Gesellschaft des Notars die Ankunft seines Sohnes. Er, als Haupt der Familie, hatte darauf bestanden, nach dem Bahnhofe zu fahren, um seinen Sohn zu empfangen und ihm dadurch gewissermaßen eine feierliche Ehrenerklärung zu geben. Dem starken Robert, der so harte Prüfungen mit Standhaftigkeit ertragen hatte, versagte die Kraft vor diesem Beweise väterlicher Liebe. Wie ein Kind aufschluchzend, sank er dem Greise in die Arme. »Da sehen Sie wieder glückliche Menschen, Herr Pascal,« sagte Malézeau, »und dieses Glück verdanken sie Ihnen ... Ich hoffe, sie werden das niemals vergessen ...« Der junge Mann schüttelte traurig das Haupt. »Seien Sie ruhig, ich werde es schon so einzurichten wissen, daß die Dankbarkeit sie nicht zu schwer drücken soll ...« Pascal näherte sich dem Wagen, nahm in kurzen Worten Abschied, lehnte Roberts dringende Bitte, ihm nach Clairefont zu folgen, ab und entfernte sich dann mit dem Notar. Als er sah, wie der Wagen, welcher Antoinette entführte, im Dunkel der Allee verschwand, murmelte er, tief aufseufzend: »Nun ist's zu Ende!« War sein Glück nicht in der That zu Ende? Schweigend schritt er an Malézeaus Seite durch die ruhig schlafende Stadt. Als sie in die Rue du Marché einbogen, sahen sie die Fenster von Carvayans Arbeitskabinett noch erhellt. »Ihr Vater ist noch wach,« sagte der Notar. Schwarze Schatten zeichneten sich gegen die Vorhänge ab. »Er ist nicht allein,« meinte Pascal, »Fleury und Tondeur fuhren schon mit dem früheren Zuge ab. Sie haben die Nachricht von der Freisprechung überbracht und halten nun gewiß Rat. Was mögen sie noch wollen?« »Nichts! Darauf möchte ich einen Eid ablegen. Ich habe Herrn Carvayan um sieben Uhr gesehen ... Ich war aufs Telegraphenamt gegangen, um zu fragen, ob die Depesche, die ich mit lebhafter Ungeduld erwartete, noch nicht da sei ... Ihr Vater befand sich aus demselben Grunde auch hier... Wir grüßten uns schweigend, denn seit drei Monaten sprechen wir nicht mehr miteinander. Nach einer Viertelstunde ging der Telegraphenbeamte, der von gleicher Neugier geplagt war, an seinen Apparat, an dem es klingelte, und rief: ›Freigesprochen! ...‹. Wir verlangten nichts weiter zu wissen und eilten hinaus: draußen blieb Ihr Vater stehen; er war so bleich, daß ich fürchtete, er werde in Ohnmacht fallen; ich trat deshalb zu ihm heran, er ergriff meinen Arm, stützte sich darauf und sagte mit dumpfer Stimme: ›Ich war sicher, daß er den Sieg davontragen würde ... An dem Tage, an dem er sich uns feindlich entgegenstellte, gab ich das Spiel verloren ... Er ist ein echter Carvayan, wissen Sie! Er hat alles von mir, nur hat er noch Kenntnisse voraus und von seiner Mutter ein gewisses Etwas, ich weiss nicht recht was...‹ ›Ein großes Herz,‹ fiel ich ein. Er senkte den Kopf und murmelte: ›Das kann sein! Vielleicht ist dies in der That das Geheimnis seiner Macht... Er hat Gedanken wie kein anderer und versteht ihnen einen Ausdruck zu geben, wie niemand sonst ... O, ich kenne ihn ... Ich hab's ihnen stets gesagt: Pascal schlägt uns alle... Die Dummköpfe! Sie wollten mir nicht glauben ... Er hat gewiß ausgezeichnet gesprochen! Gegen ihn konnte der Schwätzer aus Paris nicht aufkommen, ebensowenig der Staatsanwalt! ... O, ich weiß, er hat sie alle überboten! Er ist ein Carvayan!‹ »Ihr Vater sprach diese Worte mit unendlichem Stolz, dann schwieg er, bis wir sein Haus erreicht hatten; da blieb er stehen, hielt mich an einem Rockknopfe fest und sagte: ›Malézeau, wollen Sie, daß wir uns wieder versöhnen? Führen Sie meinen Sohn morgen früh zu mir‹ ... Und als ich sprechen wollte, rief er heftig: ›Kein Wort weiter! ... Denken Sie erst darüber nach ... und geben Sie dem Jungen einen guten Rat ... Adieu! ...‹ »Darauf trat er in das Haus. Aus diesen letzten Worten ersehen Sie, daß er nicht die Absicht hat, den Streit fortzusetzen. Das würde ihm übrigens auch nicht gelingen ... Aber wie steht's mit Ihnen? Sind Sie entschlossen, seinen Wunsch zu erfüllen?« »Ich bin bereit, meinen Vater zu sehen; aber zu ihm gehe ich nicht ... Er hat mich aus dem Hause gewiesen ...« »So werde ich ihn das wissen lassen ...« Mittlerweile hatten sie das Haus des Notars erreicht und traten ein. »Sie werden doch zu Abend essen, nicht wahr?« fragte Malézeau. »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich vor Hunger und Erschöpfung fast umsinke.« »Hier, meine Liebe,« sagte der Notar zu Frau Malézeau, welche die Treppe hinuntereilte und mit bewegter Stimme ihre Glückwünsche darbrachte, »hier ist ein junger Held, dem mehr an einem kalten Hühnchen, als an den schönsten Komplimenten gelegen ist ... Wir wollen uns daher gleich ins Speisezimmer begeben ...« Pascal schlief diese Nacht den ruhigen Schlaf eines Siegers. Es war schon heller Tag, als er erwachte und in dem vom Herbstwind entblätterten Garten flatterten die Vögel, lustig zwitschernd, umher. Der junge Mann stand auf, und sein erster Gedanke, als er den Himmel blau und heiter sah, war: »Heute sind sie in Clairefont glücklich, und der Morgenspaziergang auf der Terrasse im Sonnenschein muß köstlich sein.« Im Geiste sah er auf dem goldig schimmernden Kies, längs des Steingeländers, das vornehme, schöne, junge Mädchen dahinschreiten. Sie war nicht mehr in Schwarz gekleidet; ihr Gewand war hell und heiter wie ihre Gedanken. Ein großer junger Mann begleitete sie, wie er es in den Zeiten der Trübsal fast täglich gethan hatte. Aber das Glück, das wieder seinen Einzug in das Schloß gehalten, hatte Pascal daraus verdrängt, und der Begleiter, der jetzt der schönen Lustwandlerin zur Seite ging, war Robert oder Croix-Mesnil. Leise murmelte er: »Wußte ich denn nicht im voraus, daß es so kommen würde? Darf ich mich denn beklagen? Nein! Nein! Mögen sie fröhlich sein, und wäre es selbst auf Kosten meines Glückes! Indem ich ihnen den Lebensfrieden und die Heiterkeit des Herzens zurückgab, habe ich bloß die furchtbare Schuld meines Vaters getilgt, das ist alles!« Er begab sich in den Garten hinab und ging an den Buchsbaumhecken dahin, dem Rauschen des kleinen Springbrunnens lauschend, der in dem Bassin in der Mitte eines Rasenplatzes plätscherte. Die Rathausuhr schlug eben elf, als sich ein Fenster im Erdgeschoß öffnete und Malézeau an demselben erschien. Er rief dem jungen Manne zu: »Herr Pascal, bitte, kommen Sie doch in mein Kabinett!« Der junge Mann trat ins Haus, durchschritt die Schreibstube, öffnete noch eine Thür und gewahrte seinen Vater, an dem Kamin lehnend. Er blieb unbeweglich stehen und schaute den Greis an, der ihm sehr verändert erschien. Malézeau griff nach einigen Papieren und zog sich mit denselben in die Schreibstube zurück, so daß die beiden Männer allein blieben. »Pascal!« rief Carvayan, ihm die Hand entgegenstreckend. Kalt legte der Sohn seine Rechte hinein, bot seinem Vater einen Sitz an und blieb selbst vor ihm stehen. »Willst du, daß das Geschehene vergessen sei?« fragte der Maire, nachdem er eine Weile gezaudert hatte. »Du siehst, ich komme dir zuerst entgegen ... Ich hatte unrecht ... Aber du hast mich auch hart dafür büßen lassen ...« »Mein Vater, das Vergessen hängt nicht von mir ab ... Ich bin nicht allein dabei beteiligt ... es gibt noch ...« »Die Leute da oben,« fiel Carvayan heftig ein, die geballte Faust nach dem Hügel ausstreckend, »was wollen sie denn noch? Du hast ihnen zum Siege verholfen ... sie triumphieren über mich ... Soll ich ihnen etwa noch meine Unterwürfigkeit bezeigen gehen? ...« Der alte Mann lachte höhnisch auf. »O, wenn sie dich nicht gehabt hätten! ...« Dann fuhr er in verändertem Tone fort: »Ich hoffe, sie werden sich dir erkenntlich beweisen! ...« Pascal errötete. »Ich erwarte von niemand Dank! ...« »Auch nicht von der schönen Antoinette? Sie würde im höchsten Grade undankbar sein, wenn sie nach allem, was du für sie gethan, dich nicht liebte!« »Ich gedenke schon in nächster Woche von hier fortzugehen,« sagte Pascal kurz, »und es wird lange dauern, bis ich wieder nach Neuville zurückkehre ...« »Ah! Ah! Und du glaubst, sie werden dich fortlassen? ... Aber du hast recht, weshalb sollten sie dich zurückzuhalten wünschen? Sie bedürfen deiner ja nicht mehr ... Du hast den Erben des stolzen Namens gerettet und dein Geld hingegeben! Was könnten sie noch mehr verlangen! ... Du würdest ihnen nur lästig sein, mein armer Junge, denn du würdest sie fortwährend an die Dienste erinnern, welche du ihnen geleistet hast ... Man wird dich immer sehr gern haben, aber aus der Ferne ... Das ist bequemer! ...« »Vater! ...« »Höre, willst du hierbleiben? Um deinetwillen werde ich für meine Person alle ehrgeizigen Bestrebungen aufgeben ... Man kennt jetzt deinen Wert, und bei den nächsten Wahlen wird niemand dir die Stirn zu bieten wagen ... Du wirst Herr des ganzen Kreises sein ... Wir werden herrschen, Pascal! ... Siehst du nun endlich ein, was ich für deine Zukunft zu leisten bereit bin? Wenn du willst, werden wir jenen Undankbaren klar machen, was ein Mann wie du wert ist ... Nun! ... Schlage ein und reiche mir jetzt ohne Hintergedanken die Hand ...« Der junge Mann schüttelte traurig den Kopf. »Ich danke dir, Vater, aber mein Entschluß ist unwiderruflich gefaßt ... Es wird mir gut thun, für einige Zeit außer Landes zu gehen ...« »So willst du also gar nichts von mir annehmen?« Pascal sah seinen Vater fest an. »Würdest du mir gewähren, um was ich dich bitten möchte?« Die Falte auf Carvayans Stirn vertiefte sich: dennoch versetzte er: »Sprich!« »Mein Werk ist noch nicht vollständig ... Ich habe Robert von Clairefont der Justiz entrissen, es ist mir gelungen, seine Freisprechung zu erwirken. Aber der Flecken, der seine Ehre besudelt, ist noch nicht völlig getilgt ... Ich konnte den wahren Schuldigen nicht angeben ... Hilf mir, Vater, dies letzte Ziel zu erreichen ... und ich will dafür manche böse Erinnerungen aus meinem Gedächtnisse streichen ...« Der Alte antwortete nicht, er schien zu vergessen, daß er nicht allein war. »Dieselbe Natur,« flüsterte er, »dasselbe Feuer, dieselbe Leidenschaft, nur mit dem Unterschiede, daß er nicht, wie ich, durch die Rache bewegt wird ... Er opfert sich für seine Liebe, wie ich mich für meinen Haß geopfert habe ... Was würde es helfen, ihm Hindernisse in den Weg zu legen; er wird sie ja doch alle umstürzen! ...« Plötzlich, aus seinem Nachdenken auffahrend, sprach er: »Ich kann dir nicht sagen, was du zu wissen begehrst ... Ich weiß es selbst nicht ... Nur das eine steht fest, daß Chassevent es nicht mehr wagt, nachts im Thale von Clairefont Schlingen zu legen, und Pourtois, der dort wohnt, nur noch ein Schatten gegen früher ist ... Der Steinbruch besitzt ein Geheimnis ... Dort mußt du nachforschen ...« »Ich danke dir, das werde ich thun.« Carvanan stand auf. »Du wirst nicht fortgehen, ohne mich aufgesucht zu haben.« »Nein, Vater!« »Gut.« Sie drückten einander die Hände, dann entfernte sich der Maire. Gegen drei Uhr kam Robert, um Pascal abzuholen. Man wäre im Schlosse sehr erstaunt, daß er sich noch nicht habe blicken lassen, ja Tante Isabella sei ganz aufgebracht. »Ich habe mich mit Ihren Angelegenheiten beschäftigt; Fräulein von Saint-Maurice wird mir wohl verzeihen,« versetzte der junge Mann. Es war ein wunderschöner Herbstnachmittag, als sie nach Clairefont aufbrachen. Die Buchen im Parke hatten schon die rotbraune Färbung angenommen, welche das Grün der Tannen noch dunkler erscheinen läßt. Die Luft war mild, und hoch oben am sonnigen Firmament strichen jubilierende Lerchen hin. Die jungen Männer schlugen denselben Fußpfad ein, auf dem Pascal Chassevents Kugel pfeifen gehört. Im Vorübergehen zeigte er seinem Freunde den geknickten Ast der Birke. »Welch ein Glück, daß der Schurke nicht mit Rehposten schoß,« sagte der Graf ... »sonst würde er Sie sicher getötet haben ... Und was wäre dann aus mir geworden?« Etwa hundert Meter von der Stelle entfernt blieb Robert stehen, zeigte auf einen in dem dichten Moosgrunde eingetretenen Pfad und sagte: »Sehen Sie! Hier scheint gegenwärtig zur Nachtzeit Hochwild herzukommen ...« Pascal bückte sich und suchte in dem mergelhaltigen Boden des Pfades die Spur eines Tierfußes zu entdecken. Aber er fand nur breite und halbverwischte Spuren. »Suchen Sie nicht! Sehen Sie, wie nur die hohen Zweige geknickt sind ... Das sind gewiß Hirsche gewesen ... Wenn Sie Lust haben, wollen wir an einem dieser Tage ein Wörtchen mit ihnen reden ...« Pascal gab keine Antwort; er dachte nach. Schweigend kamen sie im Schlosse an, betraten den Salon, den sie leer fanden, und begaben sich dann auf die Terrasse hinab. Unter einer der Lauben war die ganze Familie versammelt. In einem großen Sessel von Korbgeflecht dehnte sich der Marquis behaglich, während Antoinette ihm die Zeitung vorlas. Tante Isabella arbeitete, röter als je, an ihrer ewigen Stickerei. Zum erstenmal seit langer Zeit hatten die Bewohner von Clairefont ihr süßes Stillleben wieder aufgenommen. Sie flohen einander nicht mehr, um sich gegenseitig ihre Angst und ihre Thränen zu verbergen, jetzt gab es nur heitere Gesichter. Fox war der erste, der durch sein fröhliches Bellen die Ankunft der beiden Männer meldete. »Ah, endlich! Mein lieber Exilgenosse!« rief Fräulein von Saint-Maurice. Sie legte ihre Hände auf die Schultern des jungen Advokaten und küßte ihn auf beide Wangen ... »Ach, mein liebes Kind, heute, nicht wahr? ... heute haben wir eine Last weniger auf dem Herzen! ...« Pascal verbeugte sich ceremoniös vor Fräulein von Clairefont, dann suchte er Croix-Mesnil mit den Augen, sah ihn aber nicht. Der Baron war am Morgen nach Evreux zurückgereist. Der Marquis dankte in äußerst liebenswürdigen Worten dem Verteidiger seines Sohnes. Seit drei Wochen hatte seine Genesung rasche Fortschritte gemacht. Er war wieder im Vollbesitze seiner Geisteskräfte, aber von dem heftigen Anfalle war ihm noch eine unüberwindliche Mattigkeit zurückgeblieben. Er beschäftigte sich nicht mehr mit seinen Erfindungen, und das Laboratorium blieb leer. Er selbst erklärte Pascal diese eigentümliche Veränderung, welche er heiter in die Worte zusammenfaßte: »Ich will überhaupt nicht mehr arbeiten, ich glaube, das ist das beste Mittel, meine Verhältnisse zu ordnen.« Dann nahm er den Arm des jungen Mannes und ging langsam auf der Terrasse mit ihm spazieren. »Wir haben noch geschäftliche Fragen miteinander zu besprechen, ich weiß es,« begann er nach einer Weile, »aber ich will Sie nicht damit beleidigen, daß ich Ihnen von Geld rede ... Malézeau ist ja da, um das alles zu ordnen ...« »Ich werde ihm gewissenhaft darin beistehen, Herr Marquis, wenn Sie mich gütigst dazu autorisieren wollen ... Ich habe allen Grund zu glauben, daß Ihnen aus der Ausnutzung des Steinbruches ein bedeutender Gewinn erwachsen würde. Ein thatkräftiger Direktor wird die Sache instand setzen ... Ich mache mich anheischig, einen Ingenieur zu finden, der sich dem Unternehmen mit Eifer widmen wird.« Während der Marquis ihm zuhörte, sah er ihn verstohlen von der Seite an. Der junge Mann entwickelte seine Ansichten mit einer praktischen Klarheit, die Herrn von Clairefont in Erstaunen setzte. Als er, vom Gehen müde, sich wieder zu Tante Isabella und Antoinette gesellte, benutzte er einen Augenblick, während Pascal und Robert sich entfernt hatten, um den Damen zu sagen: »Ich habe mit Herrn Pascal über Industrie gesprochen ... Er hat mich in Erstaunen gesetzt ... Er scheint in der That ein bedeutender Mensch zu sein ...« »Sie glauben wohl, mir damit etwas Neues zu sagen?« rief die Tante von Saint-Maurice ungestüm aus. »Ich kenne ihn, denn ich habe mit ihm gelebt, wie eine Mutter mit ihrem Sohne ... Ja, er ist ein Adler ... Und da thun Sie so, als hätten Sie ihn entdeckt!« Antoinette hatte sich tief über ihre Stickerei gebeugt und sprach kein Wort, aber ihre Finger zitterten eigentümlich, wenn sie die Nadel auszogen. Pascal blieb zum Diner, zeigte sich jedoch sehr zurückhaltend und nahm gegen zehn Uhr Abschied. Robert bot ihm seine Begleitung bis zum Parkpförtchen an, und als er sich von seiner Tante empfahl, fragte ihn diese: »Was hat Pascal nur heute? Er ist kalt! ... Man muß ihm die Worte ja förmlich mit Gewalt aus dem Munde ziehen, nicht wahr, Antoinette?« »Ich habe nicht darauf geachtet, Tante ...« »Ach du siehst auch gar nichts.« Die Nacht war ungewöhnlich dunkel, und Robert verlangte von dem Diener eine Laterne. Der alte Germain meinte hierauf mit besorgter Miene: »Wenn der Herr Graf es erlauben, möchte ich ihn begleiten ... Es ist nicht ratsam, bei Nacht da draußen spazierenzugehen ...« »Weshalb?« fragte Pascal. »Nichts für ungut, aber seit dem Unglücke sind die Eingänge in den Steinbruch wie verhext ... Des Nachts gehen dort Dinge um, die man lieber nicht sieht ...« »Warum nicht gar, du alter Thor!« lachte Robert ... »Das sind Geschichten, die irgend ein Hasenfuß oder ein Trunkenbold verbreitet hat ... Aber sei ruhig ... Ich schrecke vor keiner Begegnung zurück ...« Damit nahm er die Laterne und ging mit Pascal fort. Sie schritten die abschüssigen Parkwege bis zum Seitenpförtchen hinab. Dort angelangt, zog der Graf den Riegel zurück und wollte noch weiter mitgehen, aber sein Gefährte hielt ihn zurück. »Hier ist die Chaussee, und auf der kann ich ohne Gefahr mit geschlossenen Augen gehen.« Robert erhob noch freundschaftlichen Einspruch, kehrte jedoch auf Pascals Wunsch um, und der junge Mann sah sich allein. Statt jedoch den Weg in der Richtung von Neuville zu verfolgen, schlug er den nach Pourtois' Schenke ein. Das Haus lag verschlossen und still da; nur durch die Thürspalte drang ein matter Lichtschimmer heraus. Pascal wendete sich jetzt dem Pfade zu, der nach dem Steinbruch führte, und schritt, so geräuschlos als möglich auftretend, in der Richtung von Couvrechamps weiter. Er blickte aufmerksam umher, denn er hatte keine andere Waffe bei sich, als seinen starken, eisenbeschlagenen Stock. Sein Herz schlug jedoch nicht schneller als sonst, er kannte keine Furcht und war an nächtliche Wanderungen durch Wälder und Ebenen gewöhnt. Jetzt blieb er stehen, da er die eingetretene Fußspur wiedererkannt hatte, welche Robert aufgefallen war. Etwa fünfzehn Schritte davon bemerkte er in dem Heidekraut am Rande des Pfades einen riesigen Wachholderbaum; er wählte denselben zum Beobachtungsposten, und sich an den dicken Stamm lehnend, dessen tiefer Schatten ihn unsichtbar machte, wartete er. Am Himmel funkelten die Sterne, und der Mond tauchte eben wie eine glühende Scheibe über dem Dickicht von Soucelles auf. Eine seltsame Bewegung, die Stille des friedlichen Thales unterbrechend, machte sich ringsum bemerkbar. Pflanzen öffneten ihre Kelche, um die nächtliche Frische einzusaugen, Tiere glitten leicht durch die Zweige; das Leben der Nacht beseelte die Finsternis. Pascal gedachte des Abends, den er eben auf dem Schlosse zugebracht hatte. Nicht ein einziges Mal hatte Antoinette das Wort an ihn gerichtet. Sie hatte sich ihm wieder von der Seite gezeigt, die er von früher, vor dem der Familie geleisteten Dienste an ihr kannte –kalt und stolz. In dem Augenblicke, als er ihr Vertrauen und ihre Freundschaft errungen zu haben glaubte, wendete sie sich wieder gleichgültig von ihm ab. Hatte sie denn kein Herz? Und doch hatte er sie bei der Schwurgerichtsverhandlung weinen sehen, während er sprach. In jener kurzen Spanne Zeit hatte er sie beherrscht, sie sich zu eigen gemacht, war er als unumschränkter Gebieter in diese rebellische Seele eingezogen. Aber dieser Eindruck mußte wohl nur ein flüchtiger gewesen sein, da er schon wieder aus dem eroberten Terrain verjagt worden war. Ach! Welche Freude hätte ihm ein Wort glücklicher Dankbarkeit bereitet! In dem Nichts seiner hoffnungslosen Liebe wäre ihm ein kleiner Freundschaftsbeweis ein Trost gewesen, und die Erinnerung daran würde in seinem verzweifelten Herzen wie eine unter Ruinen emporsprossende Blume erblüht sein. Die Turmuhr von Clairefont, die eben zwölf schlug, gab dem Gedankengange Pascals eine andere Richtung. Der Mond stand jetzt hoch am Himmel und erhellte das Thal mit seinem Silberlichte. Der junge Mann dachte: »Wie lange werde ich wohl noch hier auf meinem Posten stehen müssen? Ich komme mir vor wie Horatio, der dem Geiste des verstorbenen Königs auf der Schloßterrasse von Helsingör nachspürt. Wen werde ich zu sehen bekommen, falls mein Vater mich nicht hintergangen hat? Und wenn jemand erscheinen sollte, wird er gerade hier bei mir vorübergehen?« Eine innere Ahnung sagte ihm jedoch, daß sein Posten gut gewählt sei. Er blieb daher hartnäckig stehen. Die luftigen Sprünge zweier Hasen, die mitten auf dem Pfade spielten, zerstreuten ihn, und auf den Höhen von Clairefont hörte er das Kläffen eines umherstreifenden Fuchses, der seinem im Baue befindlichen Weibchen seine Ankunft anzeigte. Als es gegen ein Uhr ging, fing er doch an, die Geduld zu verlieren; schon wollte er sich entfernen und in der folgenden Nacht noch einmal sein Glück versuchen, als die beiden Hasen, nachdem sie ihre Löffel lauschend emporgerichtet hatten, hastig ins Gebüsch zurücksprangen. Von der Höhe her ließen sich Schritte vernehmen. Pascal zitterte vor Erregung, preßte die Zähne aufeinander und nahm seinen kräftigen Stock fester in die Hand. Das Geräusch kam näher, regelmäßig lauter werdend, wie wenn jemand ohne die geringste Vorsicht einherschreitet. Dann fiel ein Schatten auf den hell vom Monde beleuchteten Weg, und Pascal erkannte den Schäfer, mit bloßem Kopfe und in unordentlicher Kleidung. Er schritt mit offenen Augen daher, die aber starr blickten und nichts zu sehen schienen; auch sein Gang war steif und automatenhaft, als ob eine fremde Gewalt, gegen die er machtlos war, ihn mit sich fortzöge. Er ging an Pascal vorüber und betrat die schmale, eingetretene Rinne. Sofort schickte sich der junge Mann an, ihm zu folgen, aber der Schäfer schien ihn nicht zu hören; er ging immer geradeaus wie eine Maschine, ohne Bedenken, ohne anzuhalten. Am Rande der Schlucht, in der Rose von ihrem Vater und Pourtois als Leiche gefunden worden war, blieb er stehen. Sein Gesicht nahm den Ausdruck höchster Verzweiflung an; er rang die Hände, stieß entsetzliche Seufzer aus und setzte dann seinen Weg in der Richtung von Couvrechamps fort. Pascal ging immer hinter ihm her, bis sie zum Friedhof gelangten. Mit einem Sprunge setzte der Blödsinnige über die niedrige Mauer und schritt gerade auf ein Grab zu, das von einem einfachen Holzkreuz überragt wurde. Er warf sich auf den Stein, küßte denselben leidenschaftlich und murmelte mit flehender Stimme: »Rose, verzeihe mir, o Rose!« In der Einsamkeit dieses düsteren Ortes bot es ein grauenerregendes, erschütterndes Bild, den Wahnsinnigen zu sehen, der schluchzend und mit Seufzern der Liebe die Tote rief. Lange wälzte sich der Rotkopf auf dem Boden, dann stand er auf und ging davon, wie er gekommen war. Pascal blieb gedankenvoll, an die Mauer gelehnt, stehen. Der Schleier, welcher die Wahrheit verhüllt hatte, riß plötzlich entzwei. Deutlich sah er die Mordscene vor sich. Daß er nicht von selbst darauf gekommen war! Er erinnerte sich daran, wie der Schäfer Rose mit seinen gefährlichen Lustigkeitsanfällen gequält hatte. In diesem der Vernunft beraubten Wesen war eine sinnliche Leidenschaft aufgeflammt, und in seiner Liebesraserei hatte er Rose als seine Beute fortgeschleppt, war aber sodann durch das unerwartete Erscheinen Chassevents und Pourtois' zur Flucht genötigt worden. Die Gewalt, mit der er sie an sich gedrückt, war aber tödlich gewesen, und so hatte er die Aermste, die er bloß am Schreien verhindern wollte, gemordet. Und jetzt verbrachte er seine Tage damit, an sie zu denken, und seine Nächte, sie zu suchen, sie zu rufen. Auf diese Art verriet er sich selbst und lieferte die Beweise für sein Verbrechen. Es genügte, ihn seufzend durch das Heidekraut gehen und in entsetzlichen Zuckungen auf der Grabplatte sich winden zu sehen, um jeden Zweifel, daß er der Mörder sei, schwinden zu machen. Aber würde er morgen sich ebenso zeigen, wie heute? Widmete er jede Nacht dieser schrecklichen Pilgerfahrt? Noch zweimal kehrte Pascal um dieselbe Zeit an diesen Ort zurück, und zweimal wohnte er derselben Szene bei. Der Idiot erschien, schritt über die Heide, blieb an der Schlucht stehen und ging sodann nach dem Friedhofe. Er folgte in seinem schrecklichen Traume immer denselben Etappen. Ohne zu irgend jemand von seiner Entdeckung zu sprechen, begab sich Pascal zu dem Polizeikommissär Jousselin, bat ihn, mit ihm zum Staatsanwalt zu gehen, und erzählte dort, was er gesehen hatte. Hierauf bat er beide Beamte, ihn in dieser Nacht zu begleiten, um den Fall selbst in Augenschein zu nehmen. »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,« sagte der Staatsanwalt, auf den Pascals Erzählung einen tiefen Eindruck gemacht hatte. »Ich werde alle notwendigen Maßregeln treffen, um unsere Expedition mit Erfolg durchzuführen ... Mithin war Herr von Clairefont also doch das Opfer eines beklagenswerten juridischen Irrtums! Wir glaubten bisher, Sie hätten uns einen Schuldigen zu entreißen verstanden,« fügte er lächelnd hinzu, »und wir bewunderten Ihre Beredsamkeit... Aber wenn Ihr Klient unschuldig ist, müssen wir Ihnen eine öffentliche Danksagung aussprechen ... denn in Frankreich meint es die Obrigkeit aufrichtig und trachtet nur danach, die Wahrheit ans Licht zu bringen.« »Wenn Sie also bereit sind,« versetzte Pascal, »wollen wir uns heute abend um elf Uhr am Parkpförtchen von Clairefont treffen ... Herr Jousselin wird seine Leute in der Kirche postieren und sich selbst auf dem Friedhofe verstecken ... Ich bin zwar überzeugt, daß der Schäfer in dem Zustande, in dem er sich befindet, weder hört noch sieht, aber es ist doch sicherer, sich zu verbergen... Auf heute, abend also!« Um fünf Uhr erschien der junge Mann zu einem unerwarteten Besuche im Schlosse. Tante Isabella und Robert empfingen ihn mit Freudenrufen; der Marquis begrüßte ihn liebenswürdig, wie gewöhnlich: Antoinette zeigte sich ernst, ja etwas düster. Mit dem jungen Mädchen war in letzter Zeit eine Veränderung vorgegangen. Sie, die früher die Freude des Hauses gewesen, blieb jetzt stundenlang still und in sich gekehrt. Wenn Tante Isabella ihre Schulter berührte, zitterte sie und schien aus dem Reiche der Träume auf die Erde zurückzukehren. Sie war sanft und gut wie immer, aber befangen, und wie von einer innern Erregung gequält. Croix-Mesnil, dem es geglückt war, einen Urlaub von acht Tagen zu erhalten, befand sich im Schlosse und machte dem jungen Mädchen angelegentlich den Hof. Er begleitete sie auf ihren Spaziergängen und bemühte sich, sie zum Plaudern anzuregen. Vorzugsweise sprach er von dem Prozesse, und dabei kam er unmerklich auf Pascal und erging sich in übertriebenen Lobeserhebungen, wie jemand, der gern einen Widerspruch hervorrufen möchte und glücklich wäre, wenn ihm das gelänge. Dann sah ihn Antoinette mit eigentümlichem Ausdruck an und lenkte die Unterhaltung rasch auf ein anderes Gebiet. An diesem Tage wendete sich Fräulein von Clairefont, als sie Pascal kommen sah, zu dem Baron in merkwürdig scharfem Tone: »Sehen Sie! Da kommt Ihr Freund!...« Der Baron wechselte die Farbe, erwiderte aber mit großer Ruhe: »Ich widerspreche nicht... Ich liebe alle, die Ihnen ergeben sind...« Antoinette erhob den Kopf, sah den jungen Mann durchdringend an und sagte lebhaft: »Wenn das Ihre aufrichtige Meinung wäre, müßten Sie der kälteste oder der großmütigste aller Menschen sein.« Sie schritt Pascal entgegen, und dadurch entging ihr die Wolke, welche die Stirn ihres ehemaligen Verlobten umdüsterte. Wahrend des Essens und auch den ganzen Abend war Pascal ungewöhnlich heiter; er, der sich gewöhnlich ernst und zurückhaltend benahm, gab sich ganz dem freudigen Aufschwünge feiner Seele hin und fesselte seine Zuhörer durch seine bezaubernde, geistvolle Unterhaltung. Es war ein anderer Pascal, wie man ihn bisher noch nicht gekannt, der aber ungemein gefiel. Tante Isabella berauschte sich an den Worten ihres Lieblings und strahlte, zwischen ihm und Robert sitzend, förmlich. »Ach, der Junge da hat mich vollständig ›verhexelt‹,« sagte sie. Um halb elf Uhr schickte sich Pascal trotz der dringenden Bitten des alten Fräuleins zum Fortgehen an und forderte Robert auf, ihn zu begleiten. »Aber diesmal ohne Laterne, wenn ich bitten darf. Wenn wir einen Fehltritt thun, um so schlimmer, dann werden wir wieder aufzustehen haben.« Die beiden Freunde entfernten sich durch den Park. Sie erreichten das Pförtchen, öffneten es und traten auf die Straße hinaus. Aus dem Schatten der Mauer löste sich eine dunkle Gestalt los, und eine Stimme fragte: »Sind Sie es, Herr Carvayan?« »Ja, Herr Staatsanwalt, und Herr von Clairefont begleitet mich.« »Was hat das zu bedeuten?« fragte Robert, von plötzlicher Unruhe ergriffen. »Ihre vollständige Rechtfertigung, Herr Graf,« versetzte der Beamte... »Glauben Sie mir, es wird mich glücklich machen, diese verkünden zu können.« »Aber jetzt kein Wort weiter!« rief Pascal. Den beiden Männern voranschreitend, schlug er schweigend den Pfad ein, der zum Steinbruch führte. Seit zwei Stunden befand sich Jousselin auf dem Friedhofe von Clairefont hinter einer Weide auf dem Anstande. Einen Polizisten hatte er an die Ecke der Mauer postiert, die den Weg von Couvrechamps beherrschte, zwei andere warteten in der Kirche. Alles war still in der Ebene wie im Walde. Der Vollmond zog weiße Reflexe aus dem mit Schiefer gedeckten Turm der kleinen Kirche, und die Nacht war so hell, daß man die Grabinschriften hätte lesen können. Der Kommissär, welchen die Kälte durchschauerte, denn es fing schon an Reif zu fallen, wagte nicht, sich zu rühren, und wartete geduldig und doch in gewisser Unruhe. Wie, wenn der Schäfer nicht kam? Roberts Sache hatte dem braven Manne schon seit dem Tage der Konfrontation am Herzen gelegen. Er wäre glücklich gewesen, wenn die letzten Zweifel, welche eigensinnige Menschen noch gegen die Unschuld des Grafen hegten, hätten behoben werden können. Es war schon zwei Uhr morgens, als das verabredete Signal, welches die Annäherung eines Menschen melden sollte –ein leises Pfeifen des Polizisten –sich hören ließ. Bald darauf vernahm er auch das Geräusch von Schritten auf dem harten Boden, und der Rotkopf erschien im hellen Mondlichte. Seine Augen waren weit geöffnet, doch sein Blick schien nach Innen gekehrt. Er schlich sich in den Friedhof hinein, und in ernster, steifer Haltung zwischen den Gräberreihen hinwandelnd, hielt er, wie jede Nacht, an dem Grabe der armen Rose still, um in leisen klagenden Tönen nach ihr zu rufen. Durch das offen gebliebene Gitterthor traten Pascal, der Beamte und Robert ein. Sie waren dem Blödsinnigen, den Gewissensbisse vorwärts trieben, durch das ganze Thal nachgefolgt, und schweigend, starr vor Schreck standen sie nun an dem schauerlichen Ziele dieses nächtlichen Spazierganges. Hingesunken auf die Steinplatte, jammerte und wehklagte der Rotkopf, und Thränen entströmten seinen seltsam weit geöffneten Augen. Er murmelte: »Rose, o Rose, verzeihe mir,« und unter seiner krampfhaften Umarmung lockerte sich das hölzerne Kreuz und stürzte ins Gras nieder. Die Anwesenden hatten sich leise genähert und umringten ihn schon, ohne daß er es merkte; in seiner leidenschaftlichen Raserei fuhr er fort, wahnsinnige Schreie auszustoßen. Auf ein Zeichen des Staatsanwaltes legte Jousselin die Hand auf die Schulter des Unglücklichen. Bei dieser Berührung erhob der Blödsinnige den Kopf, richtete sich auf den Knien in die Höhe und rieb sich die Augen, wie ein aus dem Schlafe Erwachender. Dann warf er einen entsetzten Blick umher, seine Züge verzerrten sich, ein Heulen entfuhr seinen Lippen, und mit einem Satze an dem Polizeikommissär vorüberspringend, stürzte er zu der Mauer hin. Doch auf derselben sah er einen Polizisten, der von dort aus den Vorgang beobachtete. Er rannte weiter, rings um den ganzen Friedhof, erreichte das Gitter, fand es verschlossen und stampfte wild mit den Füßen, wie ein umstelltes Wild; da gewahrte er die offen gebliebene Thür der Kirche, und im Nu verschwand er in dem Inneren derselben. »Hierher! Hierher!« schrie Jousselin seinen Leuten zu. »Er entkommt uns! ...« Das Geräusch eines Kampfes, ein dumpfes Röcheln ertönte, dann trat ein Polizist heraus und sagte: »Er klettert in den Turm hinauf!« Beim Scheine des Mondlichtes gewahrte man alsbald den Blödsinnigen in einem Spitzbogen des Turmes, und im Inneren wurden die Schritte des ihn verfolgenden Polizisten hörbar. Der Rotkopf klomm die Stufen empor, die zu der Glockenstube führten. Seine phantastische Gestalt richtete sich hoch empor mit schreckensbleichem, grinsendem Gesichte und gesträubtem Haar. Der Schäfer sah zum Turmgiebel empor, dann schwang er sich mit affenartiger Geschicklichkeit an dem Gebälke hinan. Einen Augenblick hielt er sich auf einem schmalen Kranzgesimse aufrecht, dann schien ihn ein Schwindel zu erfassen, er schwankte, wie von der Leere angezogen, stieß ein furchtbares Gelächter aus, und das Gleichgewicht verlierend, stürzte er hinab. Robert, Pascal und der Beamte hatten kaum Zeit zum Ausweichen. Der Körper des Rotkopfes, im Fallen sich überschlagend, beschrieb einen grauenhaften Bogen und fiel mit dumpfem Geräusche gerade auf Roses Grab nieder, mit seinem Blute den Stein benetzend, der noch feucht von seinen Thränen war. Zwölftes Kapitel. Drei Tage später war die Familie von Clairefont im großen Salon des Schlosses um Herrn Malézeau versammelt, der über die Geschäfte, mit denen er betraut gewesen, Rechnung ablegte. Die Schulden des Marquis waren vollständig geordnet und ein Gesellschaftsvertrag zwischen Herrn von Clairefont und Pascal sicherte den weiteren Betrieb des Steinbruches. Der Sohn Carvayans, als stiller Associè, sollte einen von ihm gewählten Direktor an die Spitze des Unternehmens stellen und die nötigen Kapitalien vorschießen. Der eventuelle Ertrag sollte ihm und dem Marquis zu gleichen Teilen zufallen, da der eine das Kapital, der andere Grund und Boden hergab. Dem jungen Grafen, welcher den Wunsch geäußert, sich bei dem Unternehmen gleichfalls zu betätigen, wurde von Pascal eine Beschäftigung angewiesen, bei welcher er im Freien seine gewaltige körperliche Thatkraft nützlich verwerten konnte. Chassevent war in die Kanzlei des Notars berufen worden, und nachdem er ein langes und breites über das Unglück geschwätzt, welches ihn seines teuren, gutem Töchterchen beraubt hatte, willigte er schließlich ein, gegen Erhalt einer Summe von 2000 Franken die Gegend zu verlassen. Als der Vagabund über den mäßigen Preis zu jammern anhub, hatte der Notar ihm fest ins Auge geblickt und mit scharfer Stimme gesagt: »2000 Franken von dem Marquis und ein Schuß auf Herrn Pascal macht uns quitt. Wenn Ihr nicht zufrieden seid, so werde ich Euch durch den Staatsanwalt bezahlen lassen...« Darauf war der Schurke nach Louviers gezogen, wo er Verwandte besaß. Nachdem Malézeau alle diese Erklärungen abgegeben, verlangte er einige Unterschriften. »Entschuldigen Sie, Herr Marquis, wenn ich auf der raschen Erledigung aller dieser Angelegenheiten bestehe, allein Herr Pascal reist morgen ab, und dann ...« »Er reist ab!« rief die Tante von Saint-Maurice mit lauter Stimme, indem sie in die Höhe fuhr. »Und wohin?« »Das ist mir nicht bekannt,« erwiderte der Notar, dessen Augen zu zwinkern anfingen. »Ich glaube indes nicht, daß Herr Pascal die Absicht hat, den Kontinent zu verlassen ...« »Wirklich? Das ist ja ein großes Glück!« schrie Tante Isabella voll Heftigkeit. »Das fehlte noch, daß er gar nach Amerika gehen sollte ... nach einem Lande, wo man das gelbe Fieber kriegt, wie hier einen Schnupfen ... Aber weshalb will er sich entfernen? Weshalb diese Reisewut?« »Mein Gott!« versetzte Malézeau, »was wollen Sie, daß er hier anfangen soll? Er hat jede Verbindung mit seinem Vater abgebrochen, hat sich alle Leute, welche einen Anteil an der Besitzung zu erbeuten hofften, zu unversöhnlichen Feinden gemacht ... Das Leben in Neuville würde ihm unerträglich werden ... Und, wie ungern ich ihn auch scheiden sehe ... denn meine Frau und ich, wir haben uns gewöhnt, ihn wie einen eigenen Sohn anzusehen, und er wird uns sehr fehlen ... könnte ich ihm dennoch nicht von seinem Entschlusse abraten, den ich mutig und vernünftig finde ...« »Weshalb mutig? Weshalb vernünftig?« sagte das alte Fräulein mit drohender Miene. Der Notar entgegnete zurückhaltend: »Herr Pascal mag vielleicht noch andere Gründe haben, die mir nicht bekannt sind ...?« Eine längere Pause folgte diesen Worten. Niemand beteiligte sich mehr an dem Gespräche. Robert und Croix-Mesnil dachten über die geheimen Motive nach, welche Pascal zur Abreise bewegen mochten, der erste mit dem konfusen Staunen eines Menschen, der nicht gewöhnt ist, zu beobachten, was um ihn herum vorgeht, der andere mit dem wehmütigen Mitleid eines hoffnungslos Liebenden, der seinen Nebenbuhler ebenso leiden sieht, wie sich selbst. Antoinette, die im matten Scheine eines Novembernachmittags am Fenster saß, hatte ihre Stickerei in den Schoß sinken lassen, und mit müßigen Händen und geschlossenen Augen schien sie zu schlummern. Sie schlief jedoch nicht; in ihrer Erinnerung tauchte jenes Bild von dem Kampfe Jakobs mit dem Engel empor, wie er auf einem Fenster der Kirche von Clairefont dargestellt war. Sie sah den biblischen Helden mit dem braunen Teint, der hohen Stirn, dem braunen Barte und den grauen Augen, die ihm eine so seltsame Aehnlichkeit mit Pascal verliehen. Er war es, der in seiner Liebe ausdauernd gewesen und vierzehn Jahre gedient hatte, damit ihm Laban seine Tochter Rachel zur Frau gebe; die schwere Aufgabe hatte ihn nicht zurückgeschreckt, er hatte schließlich alle Schwierigkeiten besiegt, und die Ersehnte war sein eigen geworden. Besaß der Sohn Carvayans nicht den gleichen Mut, war er nicht von gleicher Liebe beseelt? Antoinette sah ihn vor sich, wie er im Hohlwege sie zum erstenmal angesprochen. Wie sorglos und ruhig war er damals gewesen! Er kehrte aus weiter Ferne nach dem Vaterhause heim, genoß entzückt die Freude, die Wiesen und die Wälder, welche seine Kindheit geschaut, wiederzusehen. Und plötzlich sah er sich in einen heftigen Kampf versetzt, und der erste fremde Name, der in der Heimat ihm entgegentlang, war der des Feindes seines Vaters. Das junge Mädchen glaubte noch den Ton ihrer eigenen Stimme zu hören, als sie sagte: »Ich bin Fräulein von Clairefont.« Mit welch finsterem Stolze hatte er geantwortet: »Ich bin Pascal Carvayan.« Schienen sie nicht zwei Feinde zu sein, die ihre Fahnen entfalteten und ihre Waffen gegenseitig maßen? Nein! Sie sollten einander nicht bekämpfen. Von dem ersten Blicke an war es entschieden, in ihrem Innersten hatte sie in ihm von der ersten Stunde an einen begeisterten Verteidiger gesehen. Und wie mochte er gelitten haben, daß er sich ihr nicht nähern durfte und gezwungen war, ihr nur aus der Ferne schüchtern mit den Augen zu folgen. Von jenem Tage an hatte sie geahnt, daß er im geheimen sie beobachte, ihre Freuden und Leiden teile, ohne Hoffnung auf Gegenliebe, und ihr dennoch zugethan durch die geheimnisvollen Bande einer beständigen Seelengemeinschaft. Auch der Ballscene gedachte sie, mit den Herausforderungen ihres Bruders, dem bebenden Zorn Pascals, ihrem eigenen Eingreifen, indem sie um Entschuldigung bat, wo sie doch wußte, daß ein Wort von ihr den Mann, vor welchem sie sich demütigte, zu ihrem Sklaven machen konnte. Dann kam ihr Besuch in dem düsteren Hause Carvayans. In welchem Tone hatte er zu ihr gesagt: »Sie sollen weder in Ihren Neigungen noch in Ihrem Vermögen getroffen werden, dafür verbürge ich mich mit meiner Ehre.« Und in überwallendem Gefühle hatte sie geantwortet: »Ich werde Ihnen stets eine ewige Dankbarkeit bewahren.« Er hatte sein Versprechen gehalten, er hatte mit den schwersten Opfern Roberts angegriffene Ehre wieder hergestellt und die Besitzung gerettet... Und sie, was hatte sie gethan, um ihm ihre Dankbarkeit zu beweisen? Ein paar Thränen vergossen, einen Händedruck mit ihm gewechselt, das war die Belohnung, die sie ihm gewährte, und damit hatte sie ohne Zweifel ihrer Dankesschuld genügt. Das gnädige Fräulein durfte ihn nun ohne Bedauern und ohne Vorwürfe sich entfernen lassen. Nachdem er so viel um sie gelitten, sollte er auch ferner durch sie leiden. Tante Isabellas Stimme entriß sie ihren Träumereien, Robert und Croix-Mesnil hatten Herrn Malézeau nach der Terrasse geführt, und das alte Mädchen plauderte mit ihrem Schwager. »Nun, mein bester Freund, wenn ich um dreißig Jahre jünger wäre,« schrie sie voll Heftigkeit, »so garantiere ich Ihnen, daß ich ein Mittel gefunden hätte, um ihn zum Bleiben zu bewegen!« »Aber Tante,« entgegnete der Marquis, »Sie sind doch gar zu hitzig!« »Ein Ausgleich für diejenigen, welche gar zu phlegmatisch sind!« »Ich weiß, daß Sie einst andere Ansichten über Ebenbürtigkeit hatten ... Sie hätten es nicht zugegeben, daß ein Mann, der nicht der Aristokratie angehört, annehmbar sei...« »Ei, ei, so sehen Sie doch, wie sich Ihre Aristokratie gegen uns benommen hat. Erst mußte sich dieser brave Pascal offen für uns erklären, ehe unsere Nachbarn Sainte-Croix und d'Edennemare uns ein gutes Gesicht wiesen ... Bevor dieser Bürgerliche unsere Verteidigung ergriff, kehrten alle unsere adligen Freunde uns den Rücken... Er allein hat ritterlich gehandelt!... Er ist kein Geborner ... das ist wahr ... Allein er ist aus dem Holze, aus dem unsere alten Könige die großen Feldherren, die großen Staatsmänner und schließlich Herzöge und Pairs machten...« »Meine liebe Schwägerin, ich werde Ihnen sicherlich nicht widersprechen... Ich glaubte stets, der einzig liberal Gesinnte in unserer Familie zu sein... Jetzt sind wir zwei, wie ich sehe... Nur bitte ich Sie sehr, nicht so laut zu sprechen ... Sie ermüden mir den Kopf, der noch nicht ganz fest ist, und dann werden Sie Antoinette wecken...« »Sie schläft! Ist das möglich? Sie sollte sich in einer Aufregung befinden, mindestens so heftig wie die meine! Und solch ein Mädchen habe ich erzogen! Am Tage des Prozesses war sie gerührter! Aber die Gefahr vorüber, zum Teufel mit dem Retter!« »Schwägerin!« »Ich spreche, was ich denke ... folge der Eingebung meines Herzens ... Und ich wich niemals vor einem Hindernisse zurück ...« »Tante, wahrhaftig, ich glaube, daß Sie den Jungen mehr lieben als uns!« »Und wenn es so wäre! Wäre es nicht gerecht? Er war uns gegenüber zu nichts verpflichtet und gab uns alles! ... Uebrigens bin ich recht dumm, so in Hitze zu geraten ... Man verlangt ja keinen Rat von mir ... In Zukunft werde ich meine Gedanken für mich behalten...« Antoinette machte eine Bewegung, und die Tante schwieg. »Sind die Herren auf der Terrasse?« fragte das junge Mädchen ... »Ich fühle mich sehr abgespannt, ich will ein wenig gehen ...« Damit erhob sie sich und schritt langsam die Stufen der Freitreppe hinab. Sie hörte, wie hinter ihr Tante Isabella zu dem Marquis sagte: »Denken Sie davon, was Sie wollen, aber das übersteigt meinen Verstand! ... Sehen Sie doch, wie sie dahingeht, kalt und gemessen! ... Entweder ist sie blind, daß sie nicht sieht, wie der arme Junge aus Liebe zu ihr stirbt ... oder sie ist von Marmor!« Ein leises Lächeln glitt über Antoinettes Lippen, ihr Gesicht erhellte sich wie eine schöne Landschaft im goldigen Sonnenglanze. Sie trat zu der Gruppe der Herren hin, nahm Malézeaus Arm und begann mit ihm über Pascal zu sprechen. Als habe der Notar nur auf ein Signal gewartet, um von den Plänen seines jungen Freundes zu erzählen, so eifrig fing er an, sich in Einzelheiten zu verbreiten. Der junge Mann gedenke in Paris sich niederzulassen, wo er im voraus sicher war, binnen kurzem eine bedeutende Stellung einzunehmen. Von einflußreichen Gesellschaften begünstigt, hatte er eine Klientel schon im voraus gesichert. Augenblicklich weigere er sich zwar, bei den nächsten Wahlen in Neuville eine Kandidatur anzunehmen, doch sei seine Wahl gesichert, falls er seine Zustimmung geben würde. Der gute Malézeau fand sogar ein boshaftes Vergnügen daran, hinzuzufügen, daß Pascal ohne Zweifel in den Kreisen der hohen Finanzwelt in nicht ferner Zeit eine glänzende Heirat eingehen könne. Doch Antoinette gab hierauf weder Verdruß noch Befriedigung zu erkennen, sie blieb gleichgültig und ihr schönes Gesicht vollkommen ruhig. Sie sprach sogar mit einer gewissen Trockenheit, die Malézeau für Herzenskälte nahm, und er, der zu viel wissen wollte, erfuhr nichts. Eine Stunde vor dem Diner erschien Pascal, er war bleich und niedergeschlagen. Wohl bemühte er sich, unbefangen zu plaudern, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Die Traurigkeit seines Inneren verriet sich unwillkürlich in seinem Äußeren. Tante Isabellas Augen ruhten voll Mitleid auf dem jungen Manne und richteten sich dann mit Entrüstung auf ihre Nichte. Antoinette schien unempfindlich und benahm sich mit reizender Unbefangenheit. Wiederholt sagte sie zu Pascal: »Neuville ist nicht weit von Paris. Sie werden doch gewiß auf Besuch zu uns kommen?« Sie sprach mit seltsamer Heiterkeit, welche dem jungen Manne Thränen in die Augen trieb. Er fühlte, daß er seine Bewegung nicht länger zu bemeistern vermochte und ging auf die Freitreppe hinaus, wohin ihm alsbald der Baron nachfolgte. Fräulein von Clairefont folgte ihnen erstaunt mit den Augen und trat rasch an ein Fenster. Der Baron und Pascal schritten langsam längs der Blumenbeete dahin. Herr von Croix-Mesnil wies mit einer Handbewegung auf eine an der Mauer lehnende Steinbank und beide ließen sich auf derselben nieder. Alsbald vertieften sie sich in ein lebhaftes Gespräch. Antoinette empfand eine unerklärliche Unruhe, sie wurde bleich und dachte: »Was mögen sie einander zu sagen haben?« Oberhalb der beiden jungen Leute stand ein Fenster von Roberts Zimmer offen. Die Jalousien waren heruntergelassen. Von dort aus konnte man alles vernehmen, was unten gesprochen wurde. Eine heiße Röte stieg dem jungen Mädchen ins Antlitz, ihre Augen blitzten vor Neugierde. Aber zu horchen –war dies nicht etwas recht Ungehöriges? Doch Antoinette, hingerissen von ihrem heftigen Wunsche, war schon aus dem Salon geeilt, und ohne ihrem Bruder zu antworten, der ihr ein Wohin? nachrief, wendete sie sich dem Turme zu. Leichtfüßig wie ein Reh hüpfte sie die Treppe empor und betrat hastig das Zimmer. Still, den Atem zurückhaltend, neigte sie sich über die schmalen Holzstäbe der Jalousie und lauschte, leidenschaftlich erregt, den Stimmen, die hell und deutlich von der Terrasse heraufklangen. »Alles, was Sie für sie thaten,« sprach Croix-Mesnil, »träumte ich zu vollbringen ... Ich habe Sie heiß beneidet, doch keinen Augenblick gehaßt... Ich fühlte, daß Sie zu notwendig waren...« »Ach, nun ist es zu Ende!« versetzte Pascal in wehmütigem Tone. »Und von uns beiden sind Sie der Beneidenswerte, denn Sie bleiben...« »Weshalb wollen Sie sich entfernen?« fragte Croix-Mesnil sanft. »Ich entferne mich,« erwiderte Pascal mit plötzlicher Heftigkeit, »weil es meine Kräfte übersteigen würde, hier zu bleiben, weil jeder Tag meine Neigung vergrößert und meine Verzweiflung verdoppelt, weil ich nichts Schrecklicheres kenne, als sich ein Glück geträumt zu haben und es nicht zu erreichen, weil ... doch wozu Ihnen dies alles sagen, Sie verstehen ja meine Empfindungen, denn Sie lieben sie, wie ich sie liebe, und gleich mir werden auch Sie nicht wieder geliebt!« »Ich werde nicht geliebt, das ist richtig,« versetzte der Baron, »doch Sie...« Er stieß einen tiefen Seufzer aus und fügte mit erschütterter Stimme hinzu: »Doch Sie, Pascal, Sie werden geliebt...« »Was sagen Sie?« »Ich sage, was wahr ist und gerecht. O, Sie Glücklicher, der Sie ihr sich widmen, ihr sich opfern durften! Ihr Herz ist ein Schatz, und es gehört Ihnen... Glauben Sie dies einem Manne, dem die Liebe Scharfblick genug verlieh, um sich nicht zu täuschen, der eifrigst forschte, um über sein Unglück Gewißheit zu erlangen, und der unter diesem Bemühen furchtbar gelitten hat ... sie liebt Sie, und sie muß es, sie ist zu edel, zu großsinnig, zu hochherzig, um Sie nicht zu lieben. Würde sie Sie nicht lieben, wäre sie die Frau nicht, die sie ist ... Ja, freuen Sie sich, entfernen Sie sich nicht, sie liebt Sie!« Pascal ergriff die Hand Croix-Mesnils und drückte sie. »Ihr Leid schmerzt mich tief ...« sagte er in herzlichem Tone. »Nein! Bedauern Sie nichts! Das, was ist, mußte so kommen. Es wäre höchst betrübend gewesen, wäre es anders. Eine Seele wie die ihre braucht ein Herz wie das Ihrige. Sie allein können sie glücklich machen, und dies ist meine einzige Hoffnung, der einzige Trost, den ich mit mir nehmen will ... Ich liebte sie mehr als mich selbst und glaube Ihnen davon den Beweis zu geben, indem ich mit Ihnen so spreche, wie ich es thue.« Pascal schüttelte traurig den Kopf. »Zwischen ihr und mir ist eine weite Kluft. Ich bin ein Carvayan! ...« »Sie sind der Mann, den sie liebt,« versetzte Croix-Mesnil. Noch eine Weile blieben sie stumm nebeneinander, jeder seinen eigenen Gedanken hingegeben, alsdann erhoben sie sich. »Ich habe zwar meine Abreise noch nicht angezeigt, aber ich gehe morgen fort, um nicht wieder zurückzukehren. Nehmen wir voneinander Abschied. Ich wünsche Ihnen nichts ... Sie haben alles ... Doch Sie ... wünschen Sie mir, zu vergessen.« Pascal erwiderte nichts, er breitete die Arme aus, Cloix-Mesnil warf sich ihm an die Brust, und die beiden Nebenbuhler umarmten sich wie Brüder. Hinter der Jalousie stand im Halbdunkel des Zimmers Antoinette regungslos. Längst hatten die beiden jungen Leute sich entfernt, und sie lauschte noch immer, als ob der Ton ihrer Stimmen noch an ihr Ohr klinge. Dann wendete sie sich um, sah das Zimmer leer, und tief erschüttert gedachte sie jenes traurigen Tages, als sie hierhergeeilt war, um den ersten Brief ihrer Tante zu lesen. Sie fand alle Eindrücke, die sie damals bewegt hatten, wieder, alle ihre Befürchtungen, alle ihre Hoffnungen. An diesen Tisch hatte sie sich gelehnt, körperlich und geistig abgespannt; die Schreibmappe dort bewahrte noch die Spuren ihrer Thränen. Wie düster war der Horizont an jenem Tage gewesen, wie heiter und lachend war er heute! In wenigen Wochen hatte alles ein anderes Aussehen angenommen, war durch den allgewaltigen Willen eines liebenden Mannes alles gerettet worden. Wie ein Echo jener bangen Seufzer klang ihr ein leises Summen aus dem Halbdunkel entgegen, und in einem Ausbruche heiß emporwallenden Dankgefühles faltete Fräulein von Clairefont die Hände und tief mit halb erstickter Stimme: »Mein Gott, wie danke ich dir! ...« Sie drückte ihr Taschentuch an das Gesicht und schritt hinaus. Als sie in den Salon zurückkehrte, bemerkte Tante Isabella mit ihrem durchdringenden Blicke, daß das junge Mädchen rote Augen habe, als ob sie geweint hätte. Sie fühlte sich fast glücklich darüber, denn die scheinbare Unempfindlichkeit ihrer Nichte war ihr unbegreiflich gewesen. Das Essen ging in düsterer Stimmung vorüber, trotz aller Anstrengungen von Roberts Seite, die Unterhaltung zu beleben. Alle Tischgenossen schienen befangen und liehen dem Gespräche nur ein zerstreutes Ohr. Im Verlaufe des Abends setzte sich Antoinette ans Klavier, und zum erstenmal sang sie in Pascals Gegenwart. Sie besaß eine schöne, rein und voll klingende Altstimme; gleichsam zufällig wählte sie die herrliche Arie aus der »Königin von Saba«, und mit leidenschaftlichem, triumphierendem Ausdrucke, der den jungen Mann bis ins Herz hinein erbeben ließ, sang sie: »Ja, ungekannt schien größer er zu sein Als mancher, den geschmückt die Königskrone, Es war, als ob in seinem Innern throne Die Majestät, der Edelsinn allein!« Sie richtete diese Worte offenbar an ihn, schien ihn mit dem Purpur zu bekleiden, mit der Krone zu schmücken. Während eines Augenblickes waren ihre Seelen in inniger Gemeinschaft vereint; es war ihm, als ob ein Teil ihres Selbst ihm zuflöge. Eine Wolke glitt an Pascals Auge vorüber, und als er wieder zu sehen und zu erkennen vermochte, sang das junge Mädchen bereits voll kalter Munterkeit die berühmte Arie aus dem »Barbier«: » Una voce poco fa... «, mit einer Sicherheit vokalisierend, die mit einer Gefühlsbewegung nichts gemein hatte. Pascal überkam ein Anfall von Verzweiflung. Er sagte zu sich selbst: »Ich bin ein Feigling, noch länger hier zu verweilen, um mir zu ihrer Unterhaltung das Herz zerreißen zu lassen. Croix-Mesnil irrt sich, und ich selbst verliere den Verstand. Auf! Eine Minute festen Entschlusses, und ich will fort, damit dem für immer ein Ende gemacht werde!« Er erhob sich lebhaft und trat zur Tante von Saint-Maurice: »Ich bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein: ich habe noch manche Vorbereitungen zu treffen... und muß mich daher verabschieden...« »Wie? Schon?« fragte das alte Fräulein ... »Aber wir werden Sie doch hoffentlich morgen noch sehen?« »Ich glaube nicht,« erwiderte er mit unsicherer Stimme... »Zu meinem großen Bedauern ...« »Um welche Stunde reisen Sie?« »Um zwei Uhr.« »So will ich Morgen vormittag zu Ihnen kommen,« rief Robert. »Ich werde mit Ihnen bei unserem teuren Freunde Malézeau frühstücken ...« »Leben Sie wohl, Herr Marquis, leben Sie wohl, gnädiges Fräulein,« stammelte Pascal. »Denken Sie daran,« sagte der Marquis, »daß Sie in Clairefont stets ein Heim haben ...« Der junge Mann verbeugte sich, ohne zu antworten, eine überwältigende Bitterkeit stieg ihm vom Herzen zu den Lippen empor. »Leben Sie wohl!« wiederholte er. Antoinettes Hand streckte sich ihm entgegen, er ergriff sie und fand sie warm und weich, während die seine kalt und erstarrt war. Er warf dem angebeteten Mädchen einen verzweifelten Blick zu und entdeckte in ihrem Auge einen Strahl von Liebe und Mitgefühl, der ihm zu sagen schien: »So wage es doch, armer Narr, falle mir doch zu Füßen, schreie, weine, aber thue doch etwas! Kannst du denn gar nichts erraten?« Pascal ballte zornig die Fäuste: »Wenn sie nicht den ersten Schritt thut, so besitzt sie mehr Stolz als Liebe, und dann muß ich sie fliehen ...« Noch ein Abschiedsgruß, der mehr einem Schluchzen glich, entfiel seinen Lippen, dann nahm er den Arm Malézeaus, um ihn mit sich fortzuziehen. Erst im Kabriolett des Notars, als sie bereits die Mitte des Bergabhanges von Clairefont erreicht hatten, wurde er wieder Herr seiner selbst. Er sah die Lichter des Schlosses, die sich zwischen den Bäumen verloren, und mit furchtbarer Herzbeklemmung leuchtete es ihm ein, daß nun wirklich alles zu Ende sei. In Malézeaus Hause angelangt, drückte er seinem Freunde schweigend die Hand und begab sich auf sein Zimmer. Dort überließ er sich der vollständigsten Trostlosigkeit. Er sah nur mehr ein unnützes, leeres Leben vor sich. Für wen sollte er von nun an wirken, für wen Rang und Vermögen erstreben? Eine unermeßliche, hoffnungslose Liebe hatte alles sich zu eigen gemacht, seine Seele wie seinen Körper. Antoinette würde immer sein einziger, alles andere verzehrender Gedanke bleiben. Er stieß einen Wutschrei aus und erging sich in Verwünschungen, verfluchte den Tag, an dem er in dieses Land zurückgekehrt, wo das Unglück ihn erwartet hatte. Mit herzzerreißenden Tönen rief er nach dem jungen Mädchen, richtete die grausamsten Vorwürfe an sie. Sie war falsch und undankbar, hatte ihn mit ihren Reizen umstrickt, um ihn desto sicherer ins Verderben zu stürzen. Und nun, da sie seiner Dienste nicht mehr bedurfte, wies sie ihn mit Verachtung von sich. Alsdann hielt er wieder Einkehr in sich selbst und schämte sich seiner Heftigkeit. Er bat die Geliebte um Verzeihung, warf sich vor, sie ungerecht beurteilt zu haben. Nein, sie hatte ihm niemals Liebesversprechungen gemacht, hatte seine Hoffnungen, seine Illusionen nicht ermutigt. War es nicht ein hohes Glück gewesen, sich ihr überhaupt widmen zu dürfen? Croix-Mesnil beneidete sogar dieses Glück! Laut rief er aus: »Nein! Du schuldest mir nichts, ich war bloß dein Knecht, dein Geschöpf, mein ganzes Selbst gehörte dir ... Du hast über dein Eigentum verfügt! Und die Freude, die ich empfand, daß ich es dir geben konnte, war reicher Lohn ... Ich liebe dich und segne dich, selbst in dem Schmerze, den du mir verursachst!« In solcher Pein und solcher Wirrnis verging Pascal die Nacht. Beim Anbrechen der Morgendämmerung fand er etwas Ruhe, doch der Tag brachte ihm neue Qualen. Nur noch wenige Stunden sollte er mit Antoinette dieselbe Luft atmen. Mit bedrücktem Gemüte stieg er nach Malézeaus Zimmer hinab. Der Notar war abwesend. Pascal schrieb etliche Briefe, und gegen zehn Uhr schickte er sich an, nach der Rue du Marché zu gehen, um, wie er es versprochen, von seinem Vater Abschied zu nehmen. In dem Gemache auf und nieder wandelnd, blickte er zufällig in den Spiegel, und das Bild, welches er in demselben sah, flößte ihm Mitleid ein. Er richtete ein ermutigendes Lächeln an den Unglücklichen, der ihn aus hohlen Augen kummervoll ansah. Von unbesieglicher Mattigkeit überwältigt, blieb er hierauf an einem der Fenster stehen, das nach dem Garten ging, um über die Dächer hinweg nach dem Hügel von Clairefont zu blicken, der terrassenförmig sich aufbaute, von dunklem Laube gekrönt. Dort auf jener Besitzung konnte Antoinette nun in ungetrübter Sicherheit leben, denn er hatte all die feindseligen, habsüchtigen Bestrebungen, welche ihre Ruhe gefährdeten, zunichte gemacht. Nun war sie glücklich und frei, und ihm hatte sie dies zu verdanken. Ein Gefühl milder, süßer Wehmut erfrischte bei diesem Gedanken sein Herz, »Wer weiß,« begann er zu denken, »ob es mir nicht doch einst gelingen wird, meine Liebe in bloße Freundschaft zu verwandeln und Antoinette dann ohne Gefahr wiedersehen zu können. O! Sie wiedersehen! ... Sie wiedersehen! Feigling, der ich bin, dies ist mein einziger Gedanke, und vergebens suche ich mich selber zu täuschen! ...« Er stützte den Kopf auf seine Hände und bemühte sich, die quälenden Gedanken zu verscheuchen. Einige Minuten stand er so regungslos da, auf das von außen hereindringende Geräusch horchend, um das reizende Phantom nicht mehr zu sehen, das unausgesetzt seinen Geist beschäftigte: Da schien es ihm, als ob die Hausthür sich öffne, er glaubte nahende Schritte zu vernehmen, dann hörte er im Vorsaale die Stimme Malézeaus: »Er ist in meinem Zimmer.« Pascal empfand eine heftige Erschütterung, sein Herz pochte mit gewaltigen Schlägen. Wer war es, der ihn aufsuchte? Die Thür ging auf, der Notar erschien in derselben, und wie an jenem denkwürdigen Tage, wo er unvermutet in Carvayans Zimmer getreten war, sagte er: »Eine Dame ist hier, die Sie zu sprechen wünscht.« Pascal stieß einen Schrei aus und stürzte vor ... Antoinette stand vor ihm, in demselben Kleide, mit demselben Hute, den sie damals getragen, als sie zu ihm kam, um seine Teilnahme für ihren Bruder zu erbitten. Auch ebenso bleich war sie heute, aber nicht vor Kummer und Angst. Eine Weile blickten sie stumm einander an, sie lächelnd, er zitternd. Endlich begann sie mit anbetungswürdiger Anmut: »Noch einmal sehe ich mich gezwungen, zu Ihnen zu kommen ... Nur will ich heute nicht bloß meines Bruders wegen mit Ihnen sprechen ... Es ist um all der Meinen willen ... Sie haben es übernommen, unser Glück zu sichern, nun mögen Sie aber wissen, daß Ihr Werk unvollständig ist ... Robert ist traurig, meine Tante in Verzweiflung bei dem Gedanken, daß sie Sie nicht wiedersehen sollen ...« Sie machte eine Gebärde reizender Koketterie. »Was braucht es denn, um Sie zum Bleiben zu bewegen? ... wenn Sie nicht gar zu anspruchsvoll sind, so werden wir vielleicht Ihren Wünschen gerecht werden können.« Und als er betroffen dastand, nicht wagend, zu verstehen, und auch zu sprechen sich nicht getraute, trat Fräulein von Clairefont noch einen Schritt näher an ihn heran und sprach voll innigster Hingebung: »Sie haben mir eines Tages Ihre Gegenwart und Ihre Zukunft geopfert, Ihr ganzes Leben mir dargebracht. Wollen Sie als Ersatz dafür das meine annehmen?« Pascal stieß einen Schrei aus, seine Augen verdunkelten sich, schwankend breitete er die Arme aus, fühlte seine Lippen auf dem weichen, duftenden Haare Antoinettes, und siegesfroh und glückselig glaubte er sich in den Himmel versetzt. Pascal und seine Frau wohnen in Paris, den Sommer verbringen sie jedes Jahr auf Schloß Clairefont. Malézeaus Vorhersagungen haben sich verwirklicht. Der junge Advokat hat die glänzendsten Erfolge zu verzeichnen, und den Bitten seiner Freunde nachgebend, nahm er bei den Abgeordnetenwahlen in Neuville die ihm angebotene Kandidatur an. Von seinem Vater insgeheim unterstützt, wurde er mit überwiegender Stimmenmehrheit gewählt. Robert, der vollständig solid geworden, beschäftigt sich in nützlicher Thätigkeit, und es ist die Rede von einer Heirat zwischen ihm und dem ältesten Fräulein von Saint-André. Der Steinbruch, unter geschickter Leitung, ist nun wirklich eine Goldgrube geworden, und der Ofen des Marquis wird mit vorzüglichen Ergebnissen bei dem Betriebe verwendet. Die glückliche Antoinette ist großmütig genug, all das Leid zu vergessen, welches ihr Schwiegervater den Ihren angethan. Aber sie verkehrt nicht mit ihm und spricht auch niemals von ihm. Wenn der Tyrann einst stirbt, so wird mit seiner Hinterlassenschaft ein Versorgungshaus für arme Greise in Neuville errichtet werden. Vorläufig aber erfreut sich der Ehrenmann des besten Wohlseins und betreibt seine Geschäfte rüstig weiter. Wenn man ihm von dem wunderbaren Aufschwunge spricht, den die Ausnutzung des Steinbruches unter Pascals Leitung genommen, schüttelt der Banquier den Kopf und sagt: »Ja, das ist sehr schön, um aber dies alles wieder zum Gedeihen zu bringen, bedurfte es eben ... eines Carvayan.«