Laurids Bruun Van Zantens wundersame Reise Herausgegeben von Laurids Bruun Die weite Reise 1. ›Kleine Sonne‹ Die Tage vergingen, nutzlos, der eine wie der andere. Jeden Morgen fragte ich mich selbst: warum stehst du eigentlich auf? Stundenlang konnte ich untätig dasitzen, den Kopf in meinen Händen, durch die Fensterluke über die blaue Lagune stierend, ohne Gedanken, ohne Willen. Toko blickte mich verstohlen an und grübelte darüber, was er mit mir anfangen sollte. Er machte sich hin und wieder einen Weg zur Stadt, um mir Neuigkeiten zu berichten und seufzte tief, wenn ich ihm nicht antwortete. Ich nahm meine Büchse, die ich lange nicht in der Hand gehabt hatte, und schlenderte hinaus. Ich kam an Matofas Haus vorbei und sah einen Schimmer von seinen Zwillingen, die sich auf dem weißen Korallensand tummelten. So groß waren sie also schon, daß sie allein herumlaufen konnten. – Ich erinnerte mich des Tages, als sie auf den Stein im Wasser hinausgekrochen waren; sie hatten sich von dem Band, mit dem sie am Fußgelenk festgebunden waren, befreit. Die Lagune war voll von Booten – der Ausguck hatte am Morgen den Tatloischwarm gemeldet – alle Boote waren draußen, um dem Schwarm den Rückweg abzuschneiden, und die Kinder wollten zu ihren Eltern hinaus. Da sah ich eine Frau vom Waldsaum her angelaufen kommen, als gälte es das Leben. Im Fernrohr sah ich, daß es Lea, Talaos unglückliche Tochter war, die, weil sie kinderlos blieb, eine ›freudlose Witwe‹ Über Lea und ihr Schicksal ist in › Der freudlosen Witwe ‹ berichtet worden. geworden war. Und tatsächlich galt es das Leben, denn niemand draußen bei den Booten achtete der Kleinen. Wenn die Flutwelle der Kanus sie erreichte, würden sie von dem Stein heruntergespült werden, und bei dem Lärm, mit dem der Schwarm geschreckt wurde, würde niemand ihr Geschrei hören. Ich feuerte meinen Revolver ab, um die Aufmerksamkeit der Eltern draußen im Boot auf den Strand zu lenken; ich selbst war zu weit fort, um zu helfen. Ich sah, wie Matofa sich aufrichtete und zum Strande blickte, sah, wie er entsetzt die Arme schwenkte und ins Wasser sprang. Die Kleinen wurden gerettet. Lea bezahlte mit ihrem Leben für das Leben der Kleinen, die aus der Ehe ihres Geliebten mit einer anderen Frau entsprossen waren. Arme Lea! – Ich hatte sie schon als Kind gekannt; am Tage ihrer Jungfraueinweihung schenkte ich ihr eine Kette von bunten Glasperlen. Später, als sie von Kummer heimgesucht worden war, bot ihr Vater sie mir als Ersatz für Ali. Lea aber war keine Ali. Was in Alis Herzen wie ein brausender Glücksstrom war, der sich nicht beruhigte, bevor er zu einem Kind unter ihrem Herzen wurde, war bei Lea eine still brennende Flamme, unter der keimendes Leben nicht gedeihen wollte. Wie wäre es auch möglich gewesen, daß sie mir – einem Altersgenossen ihres Vaters – eine neue › kleine Sonne ‹ geschenkt, ihn mir jubelnd wie Ali entgegengehalten haben könnte: »Sieh, er ist du!« – Sie, die sogar in den Armen ihres Geliebten unfruchtbar geblieben war? In solchen Gedanken schlenderte ich längs des Pfades durch den Kokoshain. Da hörte ich Hühner gackern, Ferkel grunzen; hinter dem hohen Bambuszaun sah ich das Dach von Talaos sauberer Hütte. Ich war im Begriff, um die Ecke zu biegen, da Talao aus der Tür seines Zaunes kam. Er sah mich und rief mich an. In seinem Blick konnte ich deutlich lesen, wie sehr ich mich verändert hatte, seit wir uns zuletzt gesehen. Unwillkürlich raffte ich mich auf. Er berührte meinen Arm zum Gruß, und wir gingen lange schweigend nebeneinander her. Schließlich begann er: »Man sieht dich ja gar nicht mehr. Auf dem Marktplatz wird von dir gesprochen. Einige meinen, daß du krank bist. Ich aber kenne dich und sage, daß du noch immer der Frau und dem Kinde nachtrauerst, daß die Geister dir genommen haben. Einsam bist du wie der fliegende Hund, dessen Weibchen mitsamt dem Jungen, das sich an seine Brust klammerte, vom Pfeil getroffen wurde.« Ich schwieg. Er schritt kräftig aus, um mit mir Schritt zu halten. Als wir zur Stelle kamen, wo der Weg zum Marktplatz abbog, blieb er stehen, denn an meiner Büchse sah er, daß ich zum Walde wollte. Plötzlich faßte er mich am Arm, – eine Eingebung trieb ihm das Blut in die großen hervortretenden Augen: »Meine Jüngste – du weißt, Wanda – soll bei Neumond zur Jungfrau geweiht werden. – Sieh sie dir an! Sie ähnelt ihrer Schwester auf ein Haar! Und die Halskette, die du Lea geschenkt hast, bekommt sie beim Fest als Erbteil. – Ich will dir Wanda geben, damit sie dir ein neues Leben gebären kann.« Ich schüttelte den Kopf, seufzte und berührte seinen Arm, indem ich ihm damit für seine Teilnahme dankte. »Es ist ja nicht möglich, daß solch ein junges Ding mich Alten in ihr Herz schließen und mir ein kleines neues Leben geben könnte,« sagte ich. »Und wenn es auch möglich wäre, so fürchte ich, daß die Geister mit uns allen Dreien leichtes Spiel haben würden,« fügte ich hinzu, denn ich wußte, daß er diese Bedenken verstehen würde. Er blickte nachdenklich vor sich hin. Darauf seufzte auch er. »Hol' deinen Bogen,« sagte ich, um ihm eine Freude zu machen, »und komm mit auf die Jagd.« Einen Augenblick zögerte er und blickte in die Richtung des Marktplatzes, wo die Pflicht ihn rief. Dann aber richtete er sich höher auf und lief mit einem freudigen Grunzen nach Hause, um seinen Bogen zu holen. Wir gingen schnell durch den Hain, quer über das Tarofeld und gelangten in den ›Wald unserer Väter‹. In der Stille unter den hohen Kronen, in dem kühlen Schatten, gewann Talao seine Ruhe wieder. Er spähte unter dem Laubdach nach schwirrenden Vogelflügeln aus, er lauschte dem Klopfen des Spechtes gegen hohle Stämme, seine Äugen blickten fern, er vergaß zu reden. Wir erreichten die Lichtung, die den ›Wald unserer Väter‹ vom ›wilden Gebüsch‹ trennt. Dorthin wollte ich – in den großen Wald, der früher Wattiwua gehört hatte, jetzt aber, seit dem Sieg Pa-Limbos, des ›großen Jägers‹, dem Stamme Mahura zugehörig ist. Ich fand den alten Pfad, der durch die Wildnis führt. Wir kamen zu den Riesenbäumen, die in einer Gruppe stehen – Da ergriff Talao meinen Arm, und ich folgte der Richtung seines Blickes – Unter dem höchsten Baum, den Kopf gegen den alten Stamm gelehnt, lag ein junges schlafendes Weib, die Arme zur Seite gestreckt, und in ihrem Schoß lag ein nackter, lallender Knabe. Der Kleine spielte mit ihrem Tapa, versuchte die langen, schmalen Blätter in den Mund zu stecken. Zu ihren Füßen stand eine große langhalsige Kalebasse, Kalebassen – Wasserbehälter, die aus der Furcht der Crescentia verfertigt werden; sie ähneln dem Kürbis. worin die Trägerweiber Wasser aus dem Fluß zu holen pflegen. »Das ist Tarusa!« flüsterte Talao, um die Schlafende nicht zu wecken. Ich erinnerte mich: es war das Mädchen, dessen Augen Pa-Limbo, Von Tarusa und Pa-Limbo wurde in ›Van Zantens Abenteuer‹ berichtet. der große Jäger, an demselben Tage gestohlen hatte, als er auf dem Marktplatz für vogelfrei erklärt wurde und von den Männern des Königs aus der Stadt gejagt worden war. Nachts hatte sie sich hinter ihm hergeschlichen, bis sie ihn hier im ›wilden Gebüsch‹ gefunden hatte. Auf dem höchsten Baum hatte er ihr und sich ein Nest gebaut, und niemand wagte, dem Baum zu nah zu kommen, denn Pa-Limbos Pfeil verfehlte nie sein Ziel. Tarusa hatte dem Verbannten einen Knaben geboren, aber sie mußte ihn gegen seinen eigenen Vater beschützen, Pa-Limbo wollte ihn nicht in seinem Baum dulden, denn er fürchtete, daß sein Geschrei oder Lachen den Unterschlupf des Verbannten verraten würde. Da hatte Tarusa ihn mit dem Knaben verlassen und streifte allein durch den Wald; denn Weib und Kind des Verbannten sind ebenso vogelfrei wie er selbst. Sie hätte sich Frieden und Rettung verschaffen können, indem sie Pa-Limbos Aufenthalt verriet, das aber wollte sie nicht. Da geschah es, daß der große Jäger auf seinen nächtlichen Streifzügen erfuhr, daß der Stamm der Wattiwua die Männer von Mahura überlisten wollte. In der Dunkelheit schlich er sich zu der Stadt des Königs, alarmierte die Einwohner und führte die jungen Männer bei Nacht durch die trennenden Wälder und überfiel den Feind in seiner eigenen Stadt, bevor er noch Zeit gefunden hatte, auszurücken. Mit diesem Sieg rächte er sich an denen, die ihn in die Wälder gejagt hatten. Als Eroberer kehrte er zurück und wurde zu Wahujas Nachfolger ernannt, der in derselben Nacht vor Angst und Altersschwäche gestorben war. Dies alles hatte ich natürlich erfahren, gemeinsam mit den anderen erlebt, und was ich nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, war mir von Toko erzählt worden. Aber es war nicht mehr wie in alten Zeiten, da ich Sorgen und Freuden des Mahurastammes teilte, als seien sie meine eigenen. Was ich hörte und sah, berührte mich nicht mehr persönlich, und ich vergaß es schnell. »Pa-Limbo verstieß Tarusa,« erzählte Talao mir, »er verbannte sie aus seiner Nähe und heiratete die jüngste Tochter des alten geistesschwachen Königs, um sich nach seinem Tode die Königsaxt anzueignen, wie er auch dem toten Wahuja den Ring vom Arm gezogen hatte – das Zeichen, daß er der erste Beamte des Königs sei. Die Geister haben ihren Verstand genommen,« erklärte Talao, »jetzt geht sie von Tür zu Tür und trägt Wasser, schleppt Kind und Kalebasse, die beide zu schwer für sie sind. – Sieh nur, wie müde sie ist! Und dennoch singt sie, während sie ihrer Arbeit nachgeht, als ob sie noch nie bessere Tage gehabt habe. Denn folgendes ist ihr geschehen, – sie erzählt es jedem, der es hören will: Nadi-Nado der Weise ist eines Nachts im Traume zu ihr gekommen und hat ihr gesagt: ›Der Knabe gehört mir. Ich bin eines Nachts, als du in der Krone des Baumes an Pa-Limbos Seite schliefst, in der Gestalt eines Himmelsvogels zu dir gekommen. Nicht Pa-Limbo, sondern ich bin der Vater deines Knaben. Hüte ihn gut! Denn eines Tages werde ich kommen und ihn von dir fordern. Dort, wo Tulas Tochter lachend über Korallblöcke springt, um sich in die offenen Arme der Lagune zu stürzen, dort werde ich in meinem strahlenden Boot auf den Strand laufen und dich und den Knaben mit mir in den höchsten Baum nehmen. Dort oben will ich uns eine Hütte bauen, von wo ich die Insel und meine Heimat im Himmel überschauen kann.‹ Morgen, Mittag und Abend geht sie zu der Stelle,« schloß Talao, »um zu sehen, ob er gekommen ist. Die Geister haben ihr noch so viel Verstand gelassen, daß sie Wasser aus dem Fluß schöpft, um es zu den Einwohnern der Stadt zu tragen, die ihr dafür geben, was sie für sich und ihr Kind gebraucht.« Als der Knabe unser ansichtig wurde, äugte er wie ein Rehkitz im Walde mit großen dunklen Augen. Plötzlich streckte er die Arme nach mir aus und lachte und plapperte. Es war ein Herzensjunge – eine wahre ›kleine Sonne‹. Ach – ›Oasu‹. Durch das Geräusch erwachte Tarusa, richtete sich auf und breitete die Arme über ihr Kind. Sie erkannte uns nicht. Sie stand auf, glättete ihren Tapa und wickelte den Knaben in das Tragtuch auf ihrer Brust. Dann griff sie nach der leeren Kalebasse und kam auf uns zu. »Kommt ihr vom Strande?« fragte sie, mit blanken, erwartungsvollen Augen. Talao nickte. Indem sie ihre freie Hand auf seinen Arm legte, sagte sie bittend: »Hast du sein strahlendes Kanu gesehen?« Talao schüttelte bekümmert den Kopf. »Ich habe geschlafen,« sagte sie und strich sich über die Augen, »jetzt muß ich mich eilen, denn heute abend wird er sicher kommen: es ist Vollmond.« Ihr Gesicht erstrahlte aus einem schimmernden Lächeln: »Oasu, kleine Sonne,« sie küßte zärtlich seinen Kopf, »wir müssen uns eilen.« Indem sie uns mit großen, erwartungsvollen Augen grüßte, eilte sie über den Pfad, den wir soeben gegangen waren. Nach einer Weile drehte sie sich um und sagte flehentlich: »Wenn ihr ihm begegnet, dann sagt ihm, daß Tarusa eingeschlafen war, sie sei so müde gewesen; jetzt aber eile sie sich sehr. Was ihr Gutes an Tarusa und ihrem Knaben tut, das wird Nadi-Nado euch vergelten.« Sie nickte zuversichtlich und fing an zu laufen, so daß der Knabe auf ihrer Brust hüpfte und jubelte. Und während sie lief, plauderte sie mit dem Kleinen. Das letzte, das ich sah, waren die kleinen Hände der ›kleinen Sonne‹. Tarusas dunkle treuherzige Stimme klang aber noch in meinen Ohren, als wir sie nicht mehr sehen konnten. 2. Tokos Trost Eine Hand berührte meine Schulter. Es war Toko. Leise war er aus unserem Hause gekommen. »Warum sitzt du den ganzen Tag und hältst deinen Kopf fest? Hast du Angst, ihn zu verlieren?« Das sagte er nur, um mich zu reizen. Ich blickte über die Lagune und schwieg. Da warf er sich seufzend neben mich und ließ den warmen Korallensand durch seine Finger gleiten. Er blickte über die Schultern zu Alis und Oasus Gräbern, die vom letzten Tagesschein beleuchtet wurden. »Komm,« sagte er und sprang auf, »bevor die Steine kalt werden. Die Steine werden kalt = die runden, erhitzten Steine, zwischen denen die Tarobrote geröstet werden. Das Kanuhaus ist bereits verschwunden .« Ich stand auf und folgte ihm. Als wir schweigend unsere Brote verzehrt hatten, nahm er sich zusammen und begann: »Herr meines Lebens, höre auf das, was ich dir zu sagen habe! Seit jener Nacht, als Ali und das Kind dir genommen wurden, haben viele Monsunwechsel stattgefunden, und noch immer sitzt du in Dunkelheit. Nie lachst du, nie singst du mehr, sitzt nur und hältst deinen Kopf, damit nichts heraussickern kann. Sprich doch mit mir, daß ich dir helfen kann! Sage, daß du nicht mehr auf dieser Insel leben willst, und ich werde dir ein großes Boot bauen und mit dir über das Meer fahren. Nur wirf mich nicht fort, wie man eine Schale wegwirft, deren Kern gegessen ist.« Ich strich ihm über das krause Haar. Er tat mir so leid, wie er dort ganz zusammengesunken am Feuer saß. »Toko, was wäre mir geblieben, wenn ich dich nicht hätte! Du willst mit mir über das Meer fahren –« Ich wollte ihm das Törichte seines Vorhabens klarmachen, im selben Augenblick aber dämmerte eine Hoffnung in mir, und ich hielt inne – Auf diese Weise kam der Gedanke einer Reise zu mir. Durch Toko war er mir zum Troste eingegeben worden, und ich begann darüber nachzudenken. Zeitig am nächsten Morgen, als ich vor Tokos Matte stand, und er noch halb im Schlafe zu mir aufsah, leuchtete es plötzlich in seinen Augen auf – er hatte die Veränderung in meinem Blick gesehen. Ein breites Lächeln glänzte auf seinen Zähnen. »Schildkrötenwetter?« fragte er wie in alten Tagen. Ich lächelte ihm zu, öffnete den Fensterladen und blickte über die Lagune, die in der Morgensonne so stark funkelte, daß ich die Augen schließen mußte. Toko begann zu singen, das Morgenlied, das die Vögel ihn gelehrt hatten, sprang auf die offene Tür zu und sog mit geblähten Nasenflügeln den frischen Atem des Meeres ein. Darauf drehte er sich zu mir um, stemmte die Hände gegen seine Schenkel und machte einem plötzlichen Einfall Luft: »Weißt du, wenn wir das große Boot gebaut haben, machen wir eine Reise nach der Koralleninsel, wo noch kein Jetztlebender gewesen ist. Tongu aber hat mir erzählt, daß sein Vater sie einst in einem kleinen Kanu gesucht und nach drei Tagen unter dem großen Licht im Süden gefunden hat. Dort war es so voll von Dachtieren , daß er von Dach zu Dach springen konnte, wie auf den Strandsteinen der Lagune.« In seinen Augen, die auf mich gerichtet waren, lag eine Bitte, und kaum hatte er mein Lächeln wahrgenommen, als er jubelnd in die Hände klatschte und hinausstürzte. Ich sah ihn erst wieder, als es Zeit war, das Mittagessen zu bereiten. Da kam er atemlos über den Strand gelaufen, schon von weitem winkend. Er warf sich neben dem Herde auf die Knie, griff nach den Feuerhölzern Feuerhölzer = Stäbe aus weichem Holz, die in einer Vertiefung von hartem Holz gedreht werden, bis ein Büschel trocknes Ilang-Gras Feuer fängt. und während er den Rohrstab drehte, erzählte er mir, daß er schon einen Stapelplatz gefunden und einen Baum für das große Boot ausgesucht habe. Jetzt wollten wir schnell essen, und dann sollte ich mitkommen und ihm sagen, wie er das Boot bauen sollte, denn als das Boot des Königs gebaut wurde, das jetzt morsch und verfault oben im Kokoshain lag, war er ja erst ein Knabe gewesen. Toko verstand das Eisen zu schmieden, solange es heiß war, ja, noch bevor es heiß wurde. Denn alles, was ich ihm vorläufig geben konnte, war ein wehmütiges Lächeln. Abends entwarf ich eine Zeichnung für das Boot. »Es soll Platz haben für dich und für mich, nur für uns beide,« sagte ich, »und für zwanzig Tage Proviant.« Er riß die Augen weit auf. »Und für die Schildkröten!« fragte er atemlos. Nach Schildkröten stand mir nicht der Sinn. Ich wollte nur fort, fort von allem, was Erinnerungen wachrief. Vielleicht würde ich zu einer anderen Insel kommen und nie wieder zurückkehren. Aufs Meer – ins Ungewisse – waren zwanzig Tage zu viel? Wie aber sollte ich Toko erklären, was mir selbst noch nicht klar war? »Und Platz für die Schildkröten,« nickte ich nur. Während ich zeichnete, guckte er mir über die Schulter. Wenn er etwas erkannte, jubelte er und schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Als die Zeichnung fertig war, dauerte es eine Weile, bevor er sie zu berühren wagte. Lange lag er wach, er war zu aufgeregt über das, was er gesehen hatte. 3. Nadi-Nados Lehre von den höchsten Dingen Langsam schritt die Arbeit vorwärts, und viele Worte wechselten wir nicht. Toko beobachtete heimlich mein Gesicht, um meine Gedanken zu ergründen. Ich hatte wieder Verwendung für meine Kräfte, – das war immerhin etwas. Jeder neue Tag brachte neue praktische Aufgaben, die gelöst werden wollten, und eines Tages würde auch wohl die Lust für unser Vorhaben kommen. Einen bestimmten Reiseplan hatte ich nicht. Warum nicht Toko die Freude machen und der Reise nach der Koralleninsel und zu den Schildkröten zustimmen? Vielleicht würde sie auch für mich ein Erlebnis werden. Eines Abends, als wir vor der Hütte lagen und zu den Steinen hinaufblickten, während der Wind uns den Laut der Brandung, der wie die Atemzüge eines Schlafenden war, zutrug, wandte Toko sich plötzlich zu mir. »Glaubst du nicht, daß ich gemerkt habe, wie du Schaum auf alle Schildkröten bläst ? Ich aber weiß, worauf du es abgesehen hast!« Und mit leiserer Stimme fügte er hinzu: »Du willst Ali suchen, weil sie noch immer nicht zu dir gekommen ist. Du willst sie auf einer der neun Menscheninseln suchen; darum rechnest du mit zwanzig Tagen.« Ich blickte erstaunt auf. Auf seine Ellbogen gestützt, starrte er in tiefem Nachdenken über die sternenbesäte Lagune. »Das aber ist ein gefährliches Unternehmen,« fuhr er warnend fort, »Tongu hat mir von jemandem erzählt, der es einmal versucht hat. Das aber ist lange, lange her, und er ist nie zurückgekehrt. Vielleicht hat die Tote ihn nicht wieder hergeben wollen.« Er heftete seine großen dunklen Augen nachdenklich auf mich. »Zwanzig Tage, sagst du? Vielleicht aber werden es zweimal zwanzig, vielleicht nehmen sie gar kein Ende. Was sind zwanzig Tage auf den weiten Wassern? Und wenn du eine von den Inseln gefunden hast, wer weiß dann, wie viele Tage es bis zur nächsten sind, und ob jemand dir den Weg dorthin sagen kann? Wer weiß, wie viele Inseln du besuchen mußt, bevor du die findest, wo Ali sich aufhält. Vielleicht ist es erst die neunte und letzte. Und wer kann wissen, wie groß diese Inseln sind, wie viele Tage man gebrauchen muß, um jede einzelne zu umschiffen, denn du mußt dich doch gründlich nach ihr umsehen. Und wer sagt dir, ob du überhaupt auf den Inseln suchen darfst, denn der Verstorbenen sind viele, und du bist nur zwei . Viele, viele schwierige Fragen müssen auf solch einer Reise gelöst werden. Die Reise nach dem großen Korallenriff aber bietet keine Schwierigkeiten: drei Tage hin, drei Tage her, Wind und Strom sind dir bekannt. Zuerst hast du die Freude an der Jagd der herrlichen Tiere, und wenn wir wieder zu Haus sind, haben wir köstliche Speise für viele Tage, und du brauchst nicht mehr in Dunkelheit sitzen und deinen Kopf halten, sondern kannst darüber nachdenken, was für gute und nützliche Dinge wir aus den teuren Dächern verfertigen können.« Was sollte ich auf seine ehrliche und durchdachte Rede erwidern? Auf der Insel gibt es nicht einen einzigen Menschen, der nicht von dem nächtlichen Besuch eines teuren Verstorbenen zu erzählen weiß, der zum Trost oder zur Warnung einer Gefahr zu ihm gekommen ist. Ich habe selbst die verklärten Gesichter nach solchen Nächten gesehen, habe nie darüber lächeln können, sondern nur stets gedacht: Vielleicht ist diesen Einfältigen wirklich die Verbindung mit dem Übersinnlichen gegeben, die uns Klugen fehlt! »Toko,« bat ich, indem ich näher an ihn heranrückte, »sage mir, was weißt du von den Toten und von ihm, der über alle Dinge gebietet?« Toko betrachtete mich nachdenklich. »Bist doch ein seltsames Wesen,« sagte er schließlich. »Als ich vor vielen Monsunen aus dem Hause des Königs zu dir kam, da glaubte ich, du wüßtest alles, was Menschen wissen können, ja sogar mehr als Nadi-Nado, der Weise. Ich tat mein Bestes, um dich auszuhorchen, immer aber kam noch mehr heraus. Seit aber Ali dir genommen wurde, denke ich oft: wie ist es möglich, daß der Kluge, der Herr und Gebieter über mein Leben, sich so wenig zu helfen weiß! Sieh, das Boot hier: fix und fertig legst du es auf ein weißes Blatt, mit Kiel und Segelmatten und allem Zubehör, da fehlt kein Pflock; zwar ist es klein, und man fühlt weder Holz noch Matte, wenn man es anfaßt, und ist trotzdem ein Boot. So war es auch, als wir das Haus bauten, und noch oftmals. Vom Tode und den Geistern und dem Vater der großen Wasser, der alles geschaffen hat, aber weißt du nicht mal so viel wie ich, als ich noch ein kehlloser Knabe Ein kehlloser Knabe = daß die Kehle sichtbar wird, hält man für das erste sichtbare Zeichen männlicher Pubertät. Auf Van Zantens Insel ist es die Grenze zwischen dem Kindheits- und Jünglingsalter. war. Wie kommt es, daß du, der so viele nützliche und wunderbare Dinge im Kopfe hat, nichts von dem Höchsten und Wichtigsten weißt? Vielleicht,« fügte er hinzu, »hast du dafür keinen Platz mehr in deinem Kopf?« »Ja, ja, so ist es,« nickte ich, »und darum frage ich dich.« »Bevor die Inseln da waren,« begann Toko, »saß der Vater der weiten Wasser, der Geist der Geister, auf dem Berge der Schöpfung, das Licht in seinem Auge und die Dunkelheit in seiner Hand. Das Licht war lebendig und voller Strahlen, die Dunkelheit aber war tot und schwer wie das Meer, wenn sich kein Windhauch rührt. Wie aber der Papagei von seinem Ast aus Schreie in den Wald schickt, weil es nun einmal seine Natur ist, so sandte auch das Licht seine Strahlen in die Dunkelheit.« Er zeigte auf die Lagune, wo der Widerschein eines Steines auf den dunklen Wellen schaukelte. »Wie dort draußen, so strebt das Licht noch heutigestags nach der Dunkelheit. Der Vater der Wasser aber fühlte den Willen des Lichtes in seinem Auge, wie die Mutter den Wunsch des Kindes durch das Tragstück auf ihrem Rücken spürt. Jedesmal, wenn die Strahlen der Dunkelheit begegneten, spürte er es in seinem Auge, und der große Vater, der die Dunkelheit in seiner Hand hielt, formte sie nach dem Willen des Lichtes. Zuerst erschuf er die Welle. Das Licht sprang hoch auf vor Freude, als das wogende Meer sich am Fuße des Berges brach und zu tausend Perlen zerstob. Lichtstrahlen jagten sie, und wenn sie sich trafen, wurden die Perlen rot, gelb und blau. »Mehr – mehr,« jubelte das Licht. Die Hand glättete ein Stück Felswand, Grün schoß hervor, und die Lichtstrahlen konnten sich darin nach Herzenslust tummeln. »Mehr – mehr,« rief das Licht. Und die Hand ließ das Grün wachsen, bis Büsche und Zweige und Blätter daraus wurden, wo die Strahlen ein und aus schlüpfen konnten wie Finken beim Morgengrauen. Damit aber nicht nur das Grün, sondern auch die anderen Farben, die das Licht in den Wasserfällen gesehen hatte, zu ihrem Recht kämen, schob die Hand die Blätter beiseite und ließ große rote Blumen dazwischen sprießen – du kennst sie – und viele andere, sowohl gelbe wie blaue. »Mehr – mehr,« rief das Licht. Und die Hand ließ Früchte aus den Blumen hervorwachsen, gelbe, rote, blaue und grüne. Und als das Licht alle Farben der Wasserperlen wiedersah, jubelte es und spielte lange und still mit dem Erschaffenen. Die Büsche aber fuhren fort zu wachsen, wie sie begonnen hatten, denn alle Dunkelheit, die die Hand einmal in Bewegung gesetzt hat, die muß denselben Weg fortfahren; denn weil es schwer und tot ist, kann es weder Richtung ändern noch stehen bleiben. Das Licht aber ist lebendig und leicht und hat einen eigenen Willen. Als die Büsche aber wuchsen und sich breiteten, standen sie einander im Wege, so daß die Strahlen schließlich nicht mehr ein und aus schlüpfen konnten, wie es dem Licht gefiel. »Sieh, die Dunkelheit sperrt mich aus!« klagte das Licht, »nimm sie weg!« »Das kann ich nicht,« antwortete der Vater der Wasser, »die Dunkelheit hat auch ihre Rechte, bin ich doch der Vater aller Dinge. Außerdem würdest du nichts zum Spielen und ich nichts zum Berühren haben, wenn die Dunkelheit nicht wäre.« Das Licht aber gab sich nicht zufrieden, bis der Vater die Blätter so flach und dünn gemacht hatte, daß die Strahlen bis auf die Schattenseite dringen konnten. Und sieh, dort fanden sie Früchte, mit denen sie spielen konnten – Bananen waren es, die die Hand geschaffen hatte. Und sie tat noch mehr. Einige Pflanzen streckte sie so hoch, daß sie zu runden Stämmen wurden, die die Strahlen von allen Seiten bescheinen konnten. Erst als die Stämme hoch, hoch über die Büsche gelangt waren, wo der Wind sie streicheln konnte, setzte die Hand ihnen Blätter auf, schmale, biegsame Blätter, mit denen der Luftzug spielte; und ganz hoch oben unter den Blättern hing sie Früchte auf. Das waren die Kokosnüsse. Noch heutigestags ist es des Lichtes Lust, mit den langen, zarten Blättern zu tanzen wie junge Tanzmädchen, wenn die Awatrommel ertönt. Nun hatte das Licht viele Dinge zum Spielen bekommen. Die Welle und den Berg, die grüne Erde und all die anderen Herrlichkeiten, die die Hand aus der Dunkelheit geformt hatte. Aber darum war die Dunkelheit nicht weniger geworden, und das Licht verlangte beständig nach etwas Neuem. »Sieh,« klagte es in seinem Gefängnis im Auge des Vaters, »die Welle bricht sich, die Blätter schaukeln, die Früchte werden gelb, bis sie zur Erde fallen, beständig aber bricht die Welle sich auf dieselbe Weise, beständig spielen die Blätter dasselbe Spiel, und die Früchte rollen nur ein kurzes Ende vom Stamm fort. Meine Strahlen haben es satt, immer wieder dasselbe Spiel zu spielen. Gib ihnen etwas, womit sie um die Wette laufen können, etwas, was ebenso lebendig ist wie sie selbst.« Da gebot die Hand der Welle Halt in ihrem Lauf und ließ das Licht so lange darauf scheinen, bis die Wasserperlen sich erhitzten und von selbst zu laufen begannen; das Licht aber war hinter ihnen her, und jede Perle, die es einholte, wurde auf einen Strahl gespießt – und sieh, sie wurden zu kleinen Tieren auf Stengeln, wie die Seetiere sie noch heute besitzen. Du kannst sie in allen Farben auf dem Grunde des Wassers leuchten sehen. »Mehr – mehr,« rief das Licht. Und die Hand griff um das Wasser und hielt es so lange fest, bis es zu Schleimklumpen wurde, einige waren wie Steine, andere rund und hohl, und die Hand setzte die Klumpen auf die lebendigen Stengel, damit sie fühlen und sich fortbewegen konnten – du kennst das ganze Leben von der Lagune. Und dann nahm die Hand die Scherben, die die Wellen von dem Fuß des Berges gewaschen hatten, und machte daraus Schalen für die Schleimklumpen, damit sie nicht wieder auseinanderfließen konnten – daraus entstanden alle Tiere im Haus ; und Gräten machte die Hand, damit das Innere der Klumpen zusammenhielt, und so entstanden die Fische. Als nun das Licht sah, daß das Wasser lebendig geworden war, da wünschte es, daß auch auf dem grünen Bergabhang sich Leben von Ort zu Ort bewegen und Nahrung aus der Erde gewinnen sollte, wie die Fische aus dem Wasser. Die Hand berührte die schwarze Erde, das Licht strahlte Wärme darauf nieder – und sieh: auch dort begann es sich zu rühren, Würmer und kleines Getier bewegte sich im Grünen. Statt Zweige und Äste bekamen sie Beine, auf denen sie gehen konnten. Bäume und Büsche sahen erstaunt drein, als sie über ihre Füße wimmelten. Das Licht aber, das seine Strahlen überall hinsenden kann, obgleich es selbst im Auge des Vaters gefangensitzt, wollte auch in der Luft, ja hoch oben unterm Himmel Wesen zum Spielen haben. Pisang- und Kokosblätter können fächeln und winken, aber sie sind an die Stelle gebunden. »Warum kommen keine Wesen zu uns herauf?« fragten die Strahlen. Und die Hand hielt einige Tiere im Lauf auf und hielt sie so lange ins Licht, bis ihnen Flügel wie Pisangblätter wuchsen. Und sieh, sie hoben sich von der Erde und flogen geradeswegs zum Licht hinauf. Auf diese Weise entstanden alle möglichen Tiere, viel mehr als die, die auf unserer Insel leben. Das Licht aber hatte immer noch nicht genug.« 4. Die Hand und das Licht »Sieh,« sagte das Licht zum großen Vater, »sieh, wie es kriecht und läuft und schwimmt und fliegt, und alles ist aus Dunkelheit geschaffen. Dennoch kann sich nichts bewegen, wachsen, blühen oder Frucht tragen, ohne daß ich es ansehe. Hier hoch, hoch oben sitze ich in meinem Gefängnis; aber ich will nicht nur auf sie scheinen, ich will auch unter ihnen sein, mit ihrer Dunkelheit kämpfen, dieselbe vertreiben, bis sie Licht von meinem Licht sind und lebendig wie ich selbst.« Da aber antwortete der Vater: »Wer mit der Dunkelheit kämpfen will, muß auch die Waffen der Dunkelheit besitzen. Du mußt eine Schale um dein Licht haben wie die Banane um ihre Süße, wie der Papagei um seine Schreie, wie die Schildkröte um ihr helles Fleisch. Ich will dir eine Dunkelheit geben, worin du wohnen und sein kannst wie ich: Herr über das Licht auf der einen und über die Dunkelheit auf der anderen Seite.« Und der große Vater erschuf ein Wesen sich zum Bilde: mit Augen, aus denen das Licht strahlte, mit Händen, die die Dunkelheit umfassen konnten; und er nannte ihn Sohn. »Geh in die Dunkelheit hinaus, woraus deine Schale geformt ist, und mache dich zum Herrn über alle Dinge und Wesen.« Und der Vater betrachtete, was seine Hand geformt hatte: Nicht eines der Wesen war wie der Sohn, weder die, die schwimmen, noch die, die laufen, noch die, die fliegen, oder die, die sowohl fliegen wie laufen und schwimmen konnten – denn solche Wesen soll es einmal gegeben haben, und einige behaupten, daß sie noch auf fernen Inseln leben. Keines von den Wesen besaß ein anderes Leben als das, was die Strahlen ihm verliehen, nichts anderes konnten sie verrichten als das, was sie ein für allemal gelernt hatten: fressen und trinken, zeugen und sterben. »Nichts können sie aus sich selbst heraus schaffen,« sagte der große Vater, »der Sohn aber schafft alles aus sich selbst heraus, ewig Neues, und doch immer dasselbe. Er ist das ewige Licht, die anderen sind die sterbende Dunkelheit. Ich will eine Grenzscheide ziehen zwischen ihnen und ihm, damit sie ihn mit ihrer Dunkelheit nicht ersticken.« Und er legte seine Hand auf den Berg der Schöpfung. Zwei Furchen machte er darin, und nachdem er alle Wesen der Dunkelheit auf die Schattenseite getrieben hatte, ließ er das Wasser durch die Furchen strömen. Und sieh, es entstanden zwei Inseln: die eine auf der Schattenseite des Berges, wo die Wesen der Dunkelheit zusammengetrieben wurden, und die andere auf der Lichtseite. Auf dieser ließ er den Sohn wandern. Und damit er nicht allein sei, schuf der Vater ihm Genossen in seinem Bilde und nannte sie Menschen. Jeder einzelne war aus schwerer Dunkelheit geschaffen, alle aber hatten im Auge einen Funken des lebendigen Lichtes, das immer und ewig mit der Dunkelheit kämpft. Dieses Kampfes wegen herrscht beständig Zwiespalt im Gemüt des Menschen. Wenn der Funke stark ist, wird der Mensch gut, wenn er aber nur schwach glüht, so daß die Dunkelheit das Übergewicht bekommt, dann wird er böse. Bald will er das Gute, bald das Schlechte. Unter diesen Menschen wandelte der Sohn. Wenn aber die Dunkelheit das Übergewicht bekam, und die Menschen sich von ihm, der das Licht war, abwandten, dann wurde er zornig und betrübt. Eines Tages sagte er zum Vater: »Sieh, diese Menschen gehören nicht auf meine Insel. Nimm sie fort.« Der große Vater überlegte und sagte dann: »Auf der Insel der Schattenseite sind sie auch nicht zu Hause, denn sie sind dir zum Bilde erschaffen. Durch den Funken, den ich ihnen in ihrer Dunkelheit gab, können sie Neues ersinnen wie du. Aber ich will ein Stück von deiner Insel abschneiden, das will ich ihnen geben und es die Insel von Gut und Böse nennen. Die Hand zog eine Furche durch die Insel des Lichtes und ließ das Wasser hereinströmen, bis die Insel der Menschen mitten zwischen Licht und Dunkelheit lag. Nur die Menschen, die die Dunkelheit überwunden hatten, blieben bei dem Sohn. Und diese neuen Genossen nannte der Vater Lichtgeister , weil sie keine Dunkelheit mehr in sich bargen, sondern dem Sohn zum Bilde waren – ähnlich wie das Boot, das du auf dem weißen Blatt gemacht hast, denn es war das Boot, obgleich es weder Holz noch Matte noch Pflock hatte! Auf der Insel der Menschen aber, der Insel von Gut und Böse, wohnten alle diejenigen, deren Gemüt beständig in Zwiespalt war, so daß sie nie etwas ganz erreichen, sondern immer nur Anläufe und kleine Schritte machen konnten, das, was wir Arbeit nennen. Sie vermehrten sich wie die Tiere, und bald wurden ihrer so viele, daß sie auf der Insel nicht mehr Platz fanden. Darum mußte der Vater wieder und wieder Inseln von dem Berge der Schöpfung abschneiden, der darum aber nicht kleiner wurde. Neun solcher Inseln hat er abgetrennt – die eine davon ist unsere eigene Insel. Wie du siehst, die Menschen leben hier noch heutigestags in Zwietracht und Arbeit, gebärend und sterbend. Wer so lebt, daß der Lichtfunke noch in ihm brennt, wenn der Körper verbraucht ist, kommt durch den Tod zu der Insel auf der Lichtseite, wo der Funke zu Hause ist; dort lebt er ewig weiter, frei unter dem Auge des Vaters, zwischen anderen Lichtgeistern schwebend. Wer aber so lebt, daß der Funke erlischt oder den Körper verläßt, während er noch lebendig ist, weil das Licht sich nicht mehr in der Dunkelheit zurechtfinden kann, der kehrt durch den Tod zu der Insel auf der Schattenseite zurück, doch in veränderter Gestalt, wie er zu Lebzeiten die Gestalt des Sohnes verunstaltet hat, weil die Dunkelheit Macht über ihn gewonnen hat, so muß er fortan leben. Auf diese Weise entstehen beständig neue Wesen und Mißgestalten, bis sich der große Vater einst erbarmt und alle Dunkelheit auslöscht. Doch davon weiß man nichts. Alles andere aber, was ich dir erzählt habe, ist so wahr, wie ich hier sitze und erzähle. Denn Nadi-Nado ist über die großen Wasser gekommen und hat es unsere Väter gelehrt.« Hier machte Toko eine Pause, um mich zu Worte kommen zu lassen. Als ich aber schwieg, fuhr er fort: »Höre nun genau zu, denn was ich dir jetzt erzählen will, betrifft Ali und dich. Siehst du, nur die wenigsten Menschen gelangen gleich nach dem Tode zu den Inseln auf der Licht- oder Schattenseite. Die meisten, sowohl die im Lichte als auch die in der Dunkelheit, verweilen auf einer der Menscheninseln, unsichtbar an bekannten Orten wandelnd, solange ihre Körper noch nicht verbrannt oder begraben sind. Erst wenn das geschehen, zieht der Tote über die Lagune. Wenn er aber die Brandung erreicht und das weite Meer sieht, bleibt er entsetzt stehen und duckt sich vor den Winden. Wenn jemand ihn geliebt hat und seinen Tod betrauert, dann dringt seine Klage zur Brandung hinaus und hält den Toten fest. Solange noch jemand ihn durch Trauer und Sehnsucht festhält, muß der Tote verweilen und nachts die altbekannten Orte aufsuchen. Wer aber durch das starke Licht, das er in sich hat, gleich zum Lichtgeist geworden ist, der kann von der Insel auf der Lichtseite alle Menscheninseln überblicken, er weiß, wenn einer seiner Lieben unter den Lebenden in Not ist und kann ihm über das Meer hinüber helfen. Außer den lichten und dunklen oder guten und bösen Geistern gibt es auch solche, die schwach sind. Das sind die zahlreichsten: diejenigen, die aus irgendeinem Grunde nicht selbst über ihr Leben entscheiden konnten. Hierzu gehören zum Beispiel alle, die als Kinder gestorben sind. Im Tode werden sie durch die flackernden Winde zu einer anderen der neun Inseln getragen, wo niemand sie kennt. Auf diese Weise bekommen sie noch ein Leben, um zu zeigen, ob sie auf der Licht- oder der Schattenseite zu Hause sind. Sieh, jetzt komme ich zu Ali. Niemand, der sie gekannt hat, wird bezweifeln, daß sie zu denen gehört, die nach dem Tode geradeswegs zur Insel des Lichtes gelangen, wo sie die Klage ihrer Teuren hören und zu ihrer Hilfe eilen kann. Warum aber ist Ali nie zu deiner Matte gekommen? Ich habe sie nie begreifen können, jetzt aber verstehe ich es.« Er beugte sich zu mir und flüsterte: »Ich hatte Oasu vergessen. Er war ja so klein, daß er nach dem Tode zu einer Menscheninsel kommen mußte, um das Leben von neuem zu beginnen. Ali hatte im Tode den Knaben so fest an ihr Herz gedrückt, daß weder Leben noch Tod die beiden trennen konnte. Darum ist es sonnenklar – ich begreife nicht, daß es mir jetzt erst einfällt –, daß sie da sein muß, wo das Kind ist. Wer aber in Menschengestalt auf einer anderen Menscheninsel wiederersteht, der hat keine Erinnerung an sein früheres Leben. Sieh, darum kann sie dich nicht sehen und deinen Ruf nicht hören.« Toko sandte einen langen Blick über das Wasser, als ob er Ali an einer fernen Küste sähe, mit dem Kinde im Arm. 5. Aussteuer und Abreise Ende September war das Boot fertig und lag auf der Lagune, von den Mahuraleuten wie ein Wunder bestaunt. Sogar der alte König ließ sich zum Kokoshain tragen, um es von weitem zu bewundern. Der Ausleger, rechts, war ebenso lang wie das Boot und wurde mit der Reling durch drei Querbalken von einem Meter Länge verbunden. Unterhalb der Reling, rings um das ganze Boot herum, waren Kalebassen befestigt. Zwischen den Wasserbehältern waren Kokosnüsse verstaut, so viele ihrer nur Platz finden konnten; jeder kleine Raum war mit Yamswurzeln, Taroknollen und Kopra ausgefüllt. Außerdem waren da Bündel von getrocknetem Tatloi. Für Vogelwild sollte Toko mit seinem Bogen sorgen. Die Büchse war für etwaige Angriffe da. Munition und Arzneimittel lagen zusammen in einem Kasten, der mir als Kopfunterlage in meiner Koje unter dem Rudersitz diente. Die Koje war schmal wie ein Sarg, mit meinen Kleidern ausgepolstert und einer Matte aus weichem Tapastroh zum Zudecken. Außerdem hatten wir eine wasserdichte Matte, die wir gegen Wellengang und Regen von Reling zu Reling spannen konnten. Am Achtermast hatten wir einen kleinen Herd aus Korallblöcken gemauert, mit einer Eisenplatte als Unterlage, die noch von meiner alten Schiffskiste herstammte. Der Raum zwischen dem Bretterboden und dem Kiel war mit Holzkohlen gefüllt und mit getrocknetem Ilang-Ilang-Gras ausgestopft. Wir machten eine glanzvolle Probefahrt am Tage, mit allen Kanus von Mahura als Gefolge, und eine des Nachts, bei der nur die Sterne Zeugen waren. An einem zeitigen Morgen, als gerade die Waldlinie im Osten Farbe und Form bekam, gingen wir mit unserem Gepäck an Bord. Toko sah mit tränengeblendetem Blick zu der Insel seiner Väter zurück, zu unserer Hütte, dem Hause des Königs, von dem man mit knapper Not den Dachfirst unterscheiden konnte, zu dem Drachenkopf auf dem Giebel des Gemeinschaftshauses, dem höchsten Punkt der Stadt. Über dem Walde stand der Halbmond mit der Rundung nach unten, fahl in der Morgenbeleuchtung. Alis und Oasus Grabsteine hoben sich weißleuchtend von dem Dunkel des Kokoshaines ab. Und während die Morgendämmerung zunahm, erinnerte ich mich in einem letzten Gedenken an alles, was die Insel mir gegeben hatte. Da heftete Toko seine Augen auf mich. »Los!« beeilte ich mich zu sagen, bevor die Frage in seinem Blick in Worten Ausdruck gefunden hatte. Toko zog das Tau ins Boot, während ich von dem letzten Stein des Ufers abstieß. Zwei Meervögel, die sich hoch oben tummelten, die Morgenröte auf ihren weißen Schwingfedern, folgten uns über die Lagune. Andere Lebewesen sahen wir nicht. Drüben, hinter dem Kokoshain, schliefen noch alle sanft; keiner ahnte, daß, wenn der letzte Morgen, der Morgen der Abreise anbrach, wir schon über alle Berge sein würden. So hatte ich es bestimmt, und Toko, der fühlte, was es ihn kostete, seine glückliche Insel zu verlassen, hatte eingesehen, daß es so am besten sei. Wir hißten unsere beiden viereckigen Segelmatten. Wenn wir nur den Kopf in acht nahmen, konnten wir uns bequem von vorn bis achtern darunter bewegen. Die kleinen Wellen glucksten um die beiden Steven, den des Bootes und den des Auslegers. Ich sah, daß Toko seine Hand längs der äußersten Reling gleiten ließ; er wollte sich davon überzeugen, ob die getrocknete Kralle eines fliegenden Fisches, die er einst von seiner Mutter als Talisman bekommen hatte, auch an ihrem Platz sei; er hatte sie zum Schutz für unsere Fahrt festgenagelt. Auch ich hatte, auf Tokos Rat, die Geister beschworen: auf dem einen Steven hatte ich Alis Namen mit Ocker gemalt auf dem anderen Dasus; und als Toko mich fragte, ob ich nicht auch ein Zeichen meiner eigenen Geister anbringen wollte, hatte ich über beide Namen ein Kreuz gemalt. Unter diesen Zeichen glitt das Boot über die blanke Lagune. Eine funkelnde Kielwasserkurve blieb hinter uns zurück, in deren Licht wir kleine Fische blitzen sahen. Der Monsun war lind, das Meer draußen ruhig und blank, die Brandung spielte friedlich mit dem Riff. Hoch oben unterm Himmel kreuzten die beiden Meervögel, die uns begleitet hatten, die Augen wachsam auf das Kielwasser geheftet, keiner aber tauchte herab. »Siehst du,« sagte Toko – es waren seine ersten Worte seit der Abreise –, »es war die richtige Zeit: keine Klagen, kein Gejammer am Riff, die Brandung spielt nur, die Geister schlafen.« »Die Schildkröten offenbar auch,« sagte ich, »jedenfalls läßt sich keine blicken.« Ich wußte wohl, wie ich ihn auf andere Gedanken bringen konnte. »Warte nur –« er lief nach vorn und kletterte auf die äußerste Spitze unseres ockergelben Drachenschnabels, der sein eigenes Meisterwerk war – »warte nur, bis wir in den Mund kommen.« Wir erreichten den Mund und glitten genau mittstroms hindurch. Ein Schaumspritzer der Brandung streifte meine Backe, der letzte Gruß von unserer Insel. Von dem großen offenen Meere, das auf unbestimmte Zeit unser Heim sein sollte, kam uns eine schwere Morgendünung entgegengerollt, hob uns freundlich auf ihre Schulter, als wollte sie unser Gewicht prüfen und ließ uns wieder fallen. Ich stand auf, um die Höhe und Stärke der Wellen zu beurteilen, und fragte in demselben Augenblick in meinem Innern: Sind wir schon zu leicht befunden worden? Ein jäher Windstoß – und das Hintersegel schwoll so plötzlich, daß ich das Steuer nicht erreichte, ehe der Unterbaum mich an den Kopf traf und auf den Sitz niederfällte. Die Insel der Dämmerung 1. Am Strande der Chimären Toko wußte, daß das große Korallenriff in der Richtung lag, wohin der Südwestmonsun weht. Der Wind aber war drauf und dran, sich zu legen. Um die Mittagszeit schlief er ein, totale Windstille war über uns, endlos, ohne Gnade. Die Sonne brannte durch die Segelmatten, machte die Glieder schwer wie Blei und versengte alle Gedanken in unserem Kopf. Wir wußten, daß uns nur die Ruder blieben, aber wir konnten uns nicht zum Rudern aufraffen. Bei Sonnenuntergang, als wir wieder zu uns gekommen waren, bedurften wir der Ruder nicht mehr; denn da war auch der Monsun wach geworden und besorgte alles für uns. So blieb es einige Tage, Windstille von der Frühe an und gegen Abend eine sanfte Brise. Wenn ich des Morgens die Augen aufschlug, sah ich Toko in seiner Koje hocken und mit geblähten Nasenflügeln in die Richtung wittern, woher der Monsun kommen sollte. Und vormittags saß er stundenlang über den Steven gebeugt, starrte in das grüne Meerdunkel und spähte nach dem blutigen Farbenschein lebendiger Korallen. Oder er lag auf dem Rücken und guckte nach Meervögeln aus, um nach ihrem Flug die Richtung festzustellen; stundenlang aber war nichts Lebendes zu sehen. »Wir haben die Richtung verloren,« seufzte er und sandte mir einen mutlosen Blick. »Unsinn!« Und ich überzeugte mich durch einen Blick auf den Kompaß, daß der Monsun das Boot getreulich nach Nordosten führte. »Fünf Tage und Nächte,« murmelte Toko und machte einen Schnitt in seinen privaten Kalender auf der Reling über seiner Koje. Was fehlte der Sonne? Die Uhr war kaum fünf, keine Wolke am Himmel, der Horizont frei und klar, und dennoch glitt plötzlich ein Schleier über die Sonne, wie Dunst über ein Stück glühendes Metall. Geradevor begann die Kimmung sich zu verdunkeln. Ein Streifen Schwarz, so dünn wie eine Nadel, schwamm auf der Scheide zwischen Himmel und Meer. Langsam breitete sich im Osten eine Dunkelheit – zuerst nur wie ein kaum sichtbarer Flor, der ein strahlendes Festgewand dämpft, dann wie ein dicker Dunst, der, aus der Ferne gesehen, über der Großstadt liegt. Schließlich sahen wir eine ungeheuere Wolkenbank, die sich von Ost-Nord-Ost bis zu den letzten Strichen im Süden hinzog. Toko sprang auf; er hatte gesehen, wie das Wasser sich schwarz färbte. Ein Blick auf mich und den Himmel, dann wieder zu mir. Darauf enterte er geschwind den Großmast. »Weit und breit weder Klippen noch Brandung, weder Palmen noch Hütten,« rief er zu mir herab, »der Rand und der halbe Himmel aber sind eine einzige große Dunkelheit.« Kaum war er wieder unten, als sein Blick sich schwer auf den meinen heftete: »Der Berg der Schöpfung,« murmelte er mit Angst und Beben. Im selben Augenblick schlug der Wind nach Südosten um; als wir gewendet hatten, stieß Toko einen Ruf des Staunens aus und zeigte nach Westen. Dort, nur wenige Meilen entfernt, verdeckte eine Insel den Horizont. Toko konnte sowohl ein Felsenufer wie eine Waldlinie unterscheiden. Wieder wandte er, um zu vergleichen, den Blick auf die Wolkenwand im Osten, die ungeheuer fern und ungeheuer groß erschien. Von dem Unterschied betroffen, zeigte er auf die Insel und flüsterte vor Aufregung bebend: »Eine von den neun Inseln.« Wir erörterten die plötzliche Drehung des Windes. Toko meinte, sie sei das Werk freundlicher Geister gewesen, die uns geradeswegs auf unser Ziel zuführten. Vom Horizont aber rückte eine merkwürdige Dämmerung auf uns zu. Die dunstrote Scheibe der Sonne wurde matter und matter. Wieder war es, als ob ein Stadtnebel, aus dem verbrauchten Atem der Menschen und Maschinen gebildet, uns mitten auf dem offenen Meere entgegenkäme. Auf der Insel wurden jetzt Zacken sichtbar, und dazwischen schwebten weißliche Nebel, wie aus ausgebrannten Kratern. Toko hielt vorn die Hand ins Wasser, um zu prüfen, ob es wärmer oder kälter würde, indem wir uns der Insel näherten. Plötzlich aber sprang er mit einem Schrei in die Höhe und betrachtete seinen Finger, an dem ein Blutstreifen herabrann. Als er über die Reling blickte, um zu sehen, wer ihn gebissen hatte, begegnete er einem blanken, schelmischen Augenpaar, in einem spitzen, glatthaarigen Kopfe, mit weißen Eckzähnen, der durch das Wasser schwamm. Er griff nach dem Ruder. Platsch, platsch, fielen die Schläge aufs Wasser, und ein braunes Wesen mit blankem Pelz hüpfte aus den Wellen, streifte die Reling mit seiner Schnauze, während die schelmischen Augen neugierig ins Boot schielten. Mit einem langen, buschigen Schwanz, wie der eines Eichhörnchens, schien es das Gleichgewicht und die Richtung zu halten, während die Vorderpfoten wie die des fliegenden Hundes zu einem fünfzackigen Flugkamm gespreizt waren, aber nicht nackt und lederartig, sondern zottig, glänzend und von Nässe tropfend, mit weichen Lauten durch die Dämmerung tappend. Nicht erschrocken, sondern eher zögernd sprang es aus den Wellen, als ob es boshaft und munter mit spitzen, weißen Zähnen und feuchtblanken Guckaugen zu einem neuen Angriff herausforderte. Toko aber verstand keinen Spaß. Wieder schwang er sein Ruder und diesmal traf er die Hinterpfoten, die beim Fluge, wie die Beine eines großen Vogels, ausgestreckt waren. Das Tier zog die Pfoten ein und drehte sich in der Luft um. Die Zacken des Flugkammes hoben sich wie Stacheln über seinem Kopf. Die Nackenhaare sträubten sich wie die des Kakadus, wenn er gereizt wird. Das Tier öffnete die Schnauze, zeigte all seine weißen Zähne und fauchte Toko an, als ob es sich auf ihn stürzen wollte. Einen Augenblick stand es still in der Luft, dann schlug es einen Purzelbaum und flog in langen Wellenlinien, als ob es von einem unsichtbaren Ast zum andern flöge, mit dem buschigen Schwanz winkend, auf die Insel zu. Toko sandte heimatliche Flüche hinter dem Flüchtenden her, wahrend er sein Ruder schwang. »Was war das für ein Tier?« fragte ich. »Kanntest du es?« »Woher soll ich andere Tiere als unsere eigenen kennen?« entgegnete er blitzenden Auges. »Wahrscheinlich war es ein gemeiner Bastard von einem fliegenden Hund, der von einem Großfänger geschwängert worden ist, während er in seinem Brotfruchtbaum hing und schlief.« »Oder von einer Katze oder einem Eichhörnchen,« schob ich ein. »Nimm dich in acht!« rief er drohend dem fliegenden Tier nach. Es war kurz vor Sonnenuntergang. Die Wolkenbank im Osten lag noch immer dunkel und unverändert da, obgleich wir uns bei unserer Fahrgeschwindigkeit sicher schon einige Seemeilen von ihr entfernt hatten; die Insel dagegen kam jetzt deutlich näher. Wir meinten ein Stück Strand zu unterscheiden und dahinter einen dichten Waldsaum, nicht grün, eher graugelb, als ob er von einer dicken Schicht Wegstaub bedeckt sei. Im Norden wich der Wald einer öden Ebene, als ob Lava beim Herabfließen über eine schräge Fläche erstarrt sei; hinter dieser Ebene war es, daß der Inselrücken sich wie ein zackiger Krater formte. Als die matte Glut der Sonnenkugel den Horizont berührte, legte die Brise sich; es war, als ob die Dämmerung, in der wir segelten, sie dämpfte. Während ich durch die Stille lauschte, war es plötzlich, als ob ich das Wiehern eines Pferdes von einer Weide geradevor hörte; doch war keine Strandwiese weit und breit zu sehen, Wieder das Gewieher! Ich drehte das Steuer und wurde einer Anzahl Riesensteine ansichtig, die wie die zertrümmerten Reste einer Mole am offenen Meere lagen. Ich hielt das Fernrohr vor die Augen und da sah ich, wie ein riesiges Tier sich aus dem Meere erhob. Das Wasser schäumte um seine gewaltige Brust, bis es sich auf einen Stein hinaufgewälzt hatte. Dort drehte es seinen Walroßkopf von rechts nach links und blies Wasser aus seinen ungeheuren Nüstern. Der langgestreckte Vorderrumpf ähnelte dem eines wilden Pferdes; von Rücken und Brust wirbelte eine riesige Mähne durch die Luft, deren einzelne Haare, dick wie Taue, lebendig zu sein schienen, wie die Fangarme eines Tintenfisches. Das Tier stemmte die Vorderhufe gegen den Stein und hob wiehernd den Kopf zum Himmel. Schließlich hatte es gefunden, was es suchte – Nicht weit von ihm entfernt, hinter einem anderen Stein, richtete sich ein anderes Tier auf, nur kleiner und schlanker. Es sah sich nach dem Männchen um und sprang dann mit kurzem Galopp von Stein zu Stein, während der Hinterkörper durch das Wasser schleppte; der Große folgte ihm. Sie wieherten einander zu, ob es nun Zorn oder Brunft war. Der Große wollte dem Kleineren, offenbar dem Weibchen, auf den Leib rücken. Erst als das Weibchen den äußersten Stein erreicht hatte, richtete es sich zu seiner vollen Größe auf und entfaltete zwei mächtige Flügel auf dem Rücken. Schwer und dunkel arbeiteten sie in der Luft, es klang, als ob ein Motor in Gang gesetzt würde, während der Vorderrumpf sich aufblähte, bis er wie ein Ballon unter dem Kopfe hing. Da erst konnten die Flügel ihre Aufgabe erfüllen. Das Tier zog die Vorderhufe unter die Brust, der Körper schwankte einen Augenblick, als ob er das Gleichgewicht verlieren würde, die Flügel aber hielten ihn. Und plötzlich hob der Hinterkörper sich mit einem saugenden Laut: kaum hatte der Riesenschwanz sich aus dem Wasser gehoben, als auch er sich mit Luft füllte, wie eine langgestreckte Blase. Und jetzt segelte das Tier auf seinen Flügeln übers Meer, während zwei mächtige Finnen auf dem Kreuz für das Gleichgewicht sorgten. Das Tier steuerte auf das weite Meer zu, bis es bemerkte, daß auch das Männchen Steine und Wasser verlassen hatte und sich ihm näherte, indem es ein Gewieher des Zornes oder der Brunft hinter ihm hersandte. Da machte das Weibchen kehrt und eilte, als gälte es das Leben, wieder auf die Küste zu. Sofort machte auch das Männchen kehrt. Und so eifrig waren sie, daß sie uns offenbar gar nicht bemerkten, obgleich unser Boot einen Augenblick gerade unter ihnen lag. Ich überließ Toko das Ruder und versah mich auf alle Fälle mit Büchse und Munition – als neue Geräusche mich veranlaßten, mich umzusehen. Eine Salve von zwitschernden Lachlauten erfüllte die Luft mit einem unbeschreiblichen Chor, bald lauter, bald leiser. Und mit dem bloßen Auge sah ich am Strande, der so nah war, daß ich den steinigen Boden unterscheiden konnte, etwas, das einem Schwarm von Riesenmücken glich, der die gewaltigen Tiere, die auf das Ufer zuflogen, zu erwarten schien. Die fliegenden Riesen versuchten, sich den Schwarm vom Leibe zu halten, indem sie sie anfauchten und mit Flügeln und Finnen nach ihnen schlugen. Es glückte mir, einige der kleinen Tiere in das Sehfeld meines Fernglases zu bekommen, und als ich den Stachel sah, den sie über ihrem Lach- und Zwitscherorgan zeigten, verstand ich die Gefahr, die den Meerpferden drohte: wenn nur eine dieser Riesenmücken ihren Stachel in den aufgeblasenen Bug stieß, würde die Luft herausströmen und der Flieger rettungslos ins Meer stürzen. Der Schwarm wurde immer dichter. Und als wir dem Strande naher kamen, entdeckte ich noch ein Riesentier, eine Eidechse mit einem Drachenkamm. Ich hörte sie stöhnen, auch das klang wie Lachen, tiefes, hohles Glucksen. Ich sah, wie sie sich zwischen den Steinen wand und ihren Bug mit der Schwanzspitze peitschte; aus dem Bug aber walzten sich die zwitschernden, lachenden kleinen Wesen in einem unaufhörlichen Gebärprozeß. Einen Augenblick hielten sie sich summend über dem Mutterschoß, wie zum Abschied, dann flogen sie auf und folgten dem Bruderschwarm, in einem langen Schwanz, vom Strande bis zu den großen Tieren, die ihren Streit vergessen hatten und sich gegen die gefährlichen Kleinen wehrten. Toko glühte vor Kampfeifer, die Spannung, mit der die Luft über uns geladen war, hatte auch von ihm Besitz ergriffen. Ich sah, wie er unter seiner Koje Bogen und Pfeil hervorzog und drauf und dran war, auf die kleinen Tiere, die tief genug flogen, zu zielen. Toko war ein glänzender Schütze und seine Sympathie war, das konnte ich an seinem Grunzen hören, auf Seiten der großen Tiere. Mit einem Satz war ich neben ihm und legte die Hand auf seinen Bogen; denn wenn er nur ein einziges Tier aus dem Schwarm traf, würden wir natürlich die ganze Lacherbande über uns haben. Und das wäre das betrübliche Ende unserer großen Reise gewesen. Aber es war schon zu spät. Das zwitschernde Gelächter erklang dicht über unseren Köpfen. Der Schwarm schien sich zwischen den Tieren in der Luft und den merkwürdigen Ungeheuern, die sich so still der Insel näherten, teilen zu wollen. Auch die fliegenden Riesen schienen jetzt unser ansichtig geworden zu sein. Ich sah, wie das Männchen den Hals nach unten reckte, und hörte es schnaufen. Es flog langsamer und tiefer, als im selben Augenblick das Weibchen ihm vorn eine Warnung zukommen ließ. Da hob es sich wieder, und vereint flogen beide der Küste zu. Der Schwarm zögerte unschlüssig; vielleicht wartete er auf einen Befehl von der Muttereidechse, die uns wahrscheinlich noch nicht erspäht hatte. Da erklangen vom Strande neue Schreie, und ich sah durch das Fernglas, daß der Waldrand von affenartigen Wesen wimmelte, die sich von Baum zu Baum schwangen und auf die Lacheidechse am Strande herabbellten. Plötzlich kletterten alle die Stämme hinauf, und im nächsten Augenblick fiel ein Regen von Riesennüssen – so rund wie Kokosnüsse, aber größer – auf die gebärende Eidechse herab. Die Affen hatten es auf die Brut abgesehen, und ich begriff, daß diese Massenschwärme mit ihren Stacheln die schlimmste Plage der Insel waren. Die Nüsse trafen das Tier bald auf den Kopf, bald auf den eingefallenen Bug. Unter jeder Nuß wurden einige Stücke ihrer Brut getötet. Das Tier machte seinem Schmerz in einem furchtbaren Gelächter Luft: und als der Mückenschwarm über uns das Muttergeschrei hörte, zog er vereint an Land, um die Mutter zu beschützen. Ich legte das Ruder um, und wenige Minuten später, als der Kampf noch von dem offenen Strande gellte, glitten wir unbemerkt in eine kleine Bucht, wo alles ruhig zu sein schien. 2. Der Wald der Wahnschöpfung und die Dahingegangenen Wir brachten unser Boot unter, so gut es wegen der Nachtdunkelheit ging. Wir legten die Masten nieder und zogen das Boot unter die knorrigen Riesenwurzeln eines gewaltigen Baumes, der etwas abseits am Strande stand und sich weit über das Wasser reckte. Kaum waren wir damit fertig, als der Schlaf uns überwältigte; er kam so plötzlich, daß Toko sich platt ins Boot warf, wo er gerade stand, während es mir noch glückte, mich zu meiner Koje zu schleppen, wo die dickste Wurzel sich über meinem Kopf krümmte. Als ich erwachte, sah ich keine Lichtquelle, weder am Horizont noch am Himmel. Über mir schien sich eine niedrig hängende Decke aus wolligem Stoff zu breiten, und das Meer war wie eine Fläche von flüssigem Metall anzusehen. Es war fast unheimlich still, und dennoch schien die Luft von zahllosen, hastig eilenden Keimen erfüllt zu sein. Die Wurzel über meinem Kopfe war grau und fühlte sich wie ein Fischschwanz an. An den Ästen, zwischen großen lederartigen Blättern, hingen Früchte, purpurfarbig, feigenförmig, von Saft geschwellt. Eine fiel mit einem Aufklatschen zur Erde und verspritzte ihren Saft weit und breit. Welke Äste reckten sich zwischen den Blättern, wie die verstümmelten Glieder, die Bettler in den Basaren des Südens der Barmherzigkeit entgegenstrecken. Plötzlich – als ob ein unsichtbarer Scheinwerfer sie in die Luft projiziert hätte – sah ich eine geschwollene Hand mit weißen Knöcheln, die sich um die Wurzel über meinem Kopfe klammerte. Der Hand folgte ein behaarter Arm; und aus dem Wasser, neben dem Boot, glitt ein Kopf, blau und geschwollen, mit weit geöffneten Augen, wie die eines Ertrunkenen. Ein Menschengesicht, aber ohne Lippen. Der Körper, der langsam von der Hand heraufgezogen wurde, war schwammig, der nackte, schlaffe Leib walzte sich langsam von der einen Seite zur anderen. Das Wesen gelangte ans Ufer, kroch zwischen den Wurzeln aufs Trockene und verschwand ebenso schnell hinter dem Stamm, wie es gekommen war. Während ich noch überlegte, ob ich wohl geträumt habe, hörte ich über mir ein Rauschen. In der Baumkrone über meinem Kopfe landete ein Geier, der lange, helle Menschenfinger als Krallen hatte, deren Nagel wie Katzenkrallen eingezogen waren. Während ich noch über dieses neue Wunder grübelte und zwischen den Zweigen suchte, um den Kopf des Vogels zu erspähen, sah ich plötzlich, wie einer der kahlen Aststummel sich zu bewegen begann. Er reckte sich zu mir herab, während er wie eine Blase schwoll, die sich mit Luft füllt. Der Stummel schwankte hin und her, einige dunkle Risse in dem morschen Holz wurden zu Augenspalten, die sich öffneten, – und plötzlich war es das gefurchte und gestreifte Gesicht eines Tigers, der sein stieres Augenpaar geradeswegs auf mich gerichtet hielt. Der Zweig schwoll an und wurde zu einem Schlangenkörper. Aus den Knoten drängten sich kleine Glieder mit Geierkrallen. Der Kopf verweilte über mir und streckte mir eine gespaltene Zungenspitze entgegen – Mit einem Satz war ich aufgesprungen und eilte zum Strande. Ich entriß Toko die Büchse und über die Steine flüchteten wir zum Waldsaum hinauf. Mir war, als ob ich die leichten Sprünge des aus dem Aste geborenen Tieres hinter uns hören konnte; als ich aber schließlich im Lauf innehielt und zurückblickte, konnte ich nichts sehen, nicht einmal den Baum am Wasser, wo das Tier gesessen hatte. Als wir den Wald erreichten, sahen wir, daß er aus ebensolchen Bäumen bestand wie diejenigen, vor denen wir geflüchtet waren. Auch hier war es ganz still zwischen den Stämmen. Kein anderer Laut als der, der von den Purpurfrüchten ausging, wenn sie mit einem Aufklatschen zur Erde fielen und in dem dichten Waldboden verschwanden. Ich berührte den Boden mit meinem Büchsenkolben, bog Halme, Stengel und Blätter auseinander, und während ich noch damit beschäftigt war, sah ich, wie es schon vor meinen Augen wuchs: kleine Pflanzen setzten Knospen an, Stengel trieben neue Schößlinge, alles in einem wundersamen Wachstumsaustausch: die Pflanzen nahmen und gaben und bewegten die Glieder wie Tiere, nur daß sie sich nicht von der Stelle bewegen konnten. Nachdem mein Ohr sich an die lauernde Stille gewöhnt hatte, merkte ich, daß sie in Wirklichkeit von zahllosen, flüsternden, knirschenden und saugenden Lauten zusammengesetzt war. Morsche Baumstummel brachen unter unseren Füßen zusammen. Aus Schlupfwinkeln wimmelten kleine Lebewesen ein und aus; bei dem Gedanken, wie viele kleine Wesen totgetreten wurden und unter meinen Sohlen klebten, lief es mir kalt über den Rücken; mir war, als watete ich durch Blut. Da fiel mein Blick auf einen kahlen Felsblock, ich erstieg ihn eilends, und Toko folgte mir. Der Fels stand mit der einen Seite zum Walde gerichtet, mit der anderen fiel er zum Strande ab, woher wir gekommen waren. Als wir oben waren, legten wir uns nieder und harrten der Dinge, die da kommen würden. Die seltsamsten Wesen kamen auf ihrem Wege vom Strande zum Walde, der sich weiterhin in Dunkelheit verlor, an uns vorbei. Menschenähnliche Wesen, in Angst und Eile. Verwischte oder entstellte Gesichter, als ob ein Rad über sie hingegangen sei und ihre Züge zermalmt habe. Die meisten trugen an einem Gewächs, einem Gewebe, bald rot und voll, als ob das Blut noch Leben durch die Zellen trieb, bald tot und schlaff, von Brust oder Leib herabhängend, Krebsgewebe, von fleißigen Zellen gebildet, früher Schutz gegen eine ewig nagende Krankheit, jetzt eine Geißel. Es waren Wesen, dazu verdammt, die Bürde ihres Lebens zu schleppen, ohne Erinnerung daran, woher ihnen die Bürde kam, deren Dorn beständig in ihrem toten Fleisch und deren Schwere an ihrem dahingegangenen Geist nagte. Ein Wesen kam mit zottigem Schwanz über den Waldboden getänzelt, die Menschenpfoten von sich gestreckt, wie ein Dackel, der ein Stück Zucker erbettelt. Eine Tanzmaus in Menschengröße, ein Weib mit kleinen, vertrockneten Brüsten. Da war ein Wesen mit roten Augen, wie ein weißes Kaninchen, die Zungenspitze steckte ihm zitternd aus dem sabbernden Mund. Vielleicht ein Beuteltier, vielleicht ein verunstalteter Affe. Und da waren Wesen, die nur noch einen vereinzelten Menschenzug bewahrt hatten, wie die Wunde nur eine Narbe hinterläßt. Zwischen den Hastenden arbeitete sich eine Riesenkrabbe seitlich vorwärts, mit ihren Geierzangen mühsam auf der Erde tastend, jeden Halm mit Speichel besudelnd, – fast nichts als Bauch: an ihr Menschendasein erinnerte nur ein bösartiges Aufstoßen, erniedrigend, entsetzlich. Ein Wesen hatte einen gut geformten Kopf, mit reicher Haarfülle und offenen Zügen; die Hände aber hatten eine Schaufelform wie die Pfoten des Maulwurfes. Einer war groß und langbeinig wie der Schlangenadler, der einzige Vogel, der es mit der Schlange aufnehmen kann; er eilte hochaufgerichtet und geschmeidig vorwärts, mit Überlegenheit und Kopfnicken nach rechts und links; zwei Zungen hatte er im Munde, bald streckte er die eine, bald die andere heraus, und von beiden tropfte eine Flüssigkeit, die ätzte, wo sie hinfiel. Kaum war dieser hastende Strom im Walde verschwunden, als es dort mit der Stille vorbei war. In den Bäumen hingen Affen und gaben auf die Wesen acht. Wer am meisten Menschengepräge trug, war am schlimmsten dran, denn die Affen hielten ihn für einen Entarteten des Affengeschlechtes, einen Verstoßenen, der über das Meer zurückkehrte, keiner wußte, woher. Sie rasten und bellten ihnen entgegen, und wenn einer der Dahingegangenen aus Angst auf einen Baum hinauf wollte, oder weil er aus unbekannten Gründen bei dem Wettlauf der Erste sein wollte, gleich waren die Affen da und rannten ihn nieder. Plötzlich hörte ich eine bekannte Stimme, leise, aber ganz deutlich. Ich drehte den Kopf, konnte aber niemanden sehen. Eine Menschenstimme aber war es – und die Sprache war die des Stammes Mahura. Ich hörte sie wieder, und da sah ich eine Wespe mit einem spitzen Stachel an der Stirn, die mich umkreiste, die Augen traten ihr ganz aus dem Kopfe; auch dieser Blick war mir bekannt. Richtig, es waren ja Wahujas Augen und seine Stimme, dünn wie die eines Greises oder Kindes. »Fremder Geber, auf Grund unserer alten Bekanntschaft warne ich dich. Noch bist du unsichtbar, wenn aber nur ein einziges Tier der Mißgestalteten dich berührt, wirst du für alle sichtbar, und man wird dich verfolgen wie die anderen Wesen, die übers Meer kommen, niemand weiß, woher.« Ich wollte meinem grenzenlosen Erstaunen Ausdruck geben, die Wespe war aber schon weitergeflogen, ich sah sie eifrig und entgegenkommend den Langbeinigen mit der Doppelzunge umsummen. Eines aber hatte ich begriffen: warum der Tiger, der welke Ast, uns nicht verfolgt hatte. Er hatte uns einfach nicht gesehen. Wir hätten uns unsere Angst sparen können, vor ihm und vor all den anderen. Weder die Meerpferde über unseren Köpfen noch der Mückenschwarm hatten daran gedacht, uns anzugreifen, es war alles nur Einbildung gewesen. Nur Toko war von dem Eichhörnchen gesehen worden, da sein Finger zufällig den spitzen Backenzahn des Tieres berührt hatte, als es am Boot vorbeischwamm: mich hatte es nicht berührt und nicht gesehen. 3. Still – der Herrscher kommt! Wir schlichen durch den Wald. Jedesmal, wenn ein Tier von einem Stamm zum anderen sprang, wichen wir schnell aus, damit es uns nicht berühren konnte. Als ich aber einmal beiseite sprang, damit ein Wesen, das an mir vorbei wollte, mich nicht berührte, stieß ich mit dem Kopfe gegen einen Ast, und sofort regnete von der Krone Wutgeheul aus weit aufgerissenen Affenrachen auf mich herab. Denn der Ast, den ich berührt hatte, war eine schlafende Tigerschlange von der Sorte, wie wir sie schon am Strande gesehen hatten. Sie öffnete ihre Augenspalten, die Geierkrallen schossen aus den Knoten: schon spielte die Zungenspitze zwischen den Giftzähnen, als Toko ihren Kopf mit seinem Arm beiseite stieß. Im selben Augenblick aber war auch er sichtbar geworden. Und jetzt klangen von Krone zu Krone drohende Warnungsrufe. Während ich mich gegen die jungen Affenmännchen wehrte, die sich herabreckten, um meinen Kopf zu fassen, war die Tigerschlange hinter meinem Rücken zur Erde gesprungen. Als ich mich umdrehte, sah ich ihre gelben, stechenden Augen geradeswegs auf die meinen gerichtet. Sie stand auf ihrer Schwanzspitze und hatte die Geierkrallen zum Ausfall gespreizt. Ich sprang zurück und hob den Büchsenkolben, um ihren Kopf zu zerschmettern, bevor aber der Schlag sie noch getroffen hatte, sank das Tier zu Boden: vor mir, wo es auf seinem Schwanz gestanden hatte, lag ein zusammengerollter Klumpen wie ein Stachelschwein. Mein Erstaunen wurde von einem einstimmigen Lachgebrüll begrüßt. Über mir saßen die Wesen so dicht, wie die Äste sie nur tragen konnten. Es war, als ob ein einziges Ungeheuer aus vielen gierigen Mäulern seine Zähne zeigte und mit vielen wutzitternden Gliedern nach mir griff. Während ich auf den Feind über meinem Kopfe achtgab, schoß die Tigerschlange wieder in die Höhe; sie war mir so nah, daß die Geierkrallen mich fast erreichten. Ich sah, wie die Muskeln an ihrem Halse sich zum Sprung spannten, und wenn nicht Toko Zeit gehabt hätte, einen Pfeil auf seinen Bogen zu legen, wäre es sicher um mich geschehen gewesen. Toko traf mit voller Kraft die Stelle, wo er das Herz des Tieres vermutete, wenn es überhaupt so etwas unter seiner Zauberhaut barg. Die Geierfüße aber griffen blitzschnell um den Pfeil und verhinderten die Spitze, einzudringen; der Stoß aber war so stark gewesen, daß das Tier sich ein paarmal um sich selbst drehte, bis es das Gleichgewicht wiedergewonnen hatte und tanzend auf seiner Schwanzspitze stand. Ich war zurückgesprungen und hielt mein Gewehr schußbereit. Zwei Schüsse drangen in die Stelle, wo Tokos Pfeil getroffen hatte. Der Schuß verhinderte den Sprung, worauf der Schwanz eingestellt war, der Körper wand sich in der Luft und fiel in Todeskämpfen zur Erde. Einen Augenblick herrschte Totenstille. Da klang ein ferner Posaunenton durch den Wald. Die Affen rotteten sich zusammen und gaben keinen Laut von sich. Es war, als ob alle großen und kleinen Tiere in der Luft und auf der Erde den Atem anhielten. Aber nur einen Augenblick; dann raschelte es unterm Laub, grunzte von den Ästen, knirschte und knisterte im Waldboden. Sogar der Strom der Dahingegangenen, der wie eine graue Mauer zwischen den Stämmen stehengeblieben war, um voller Schadenfreude die Verfolgung der beiden zu genießen, die weder zu den Mißgestalteten noch zu ihrem eigenen Zuge gehörten, sogar sie fingen an zu zetern und zu schimpfen. Wieder ein Posaunenstoß. Diesmal hatte ich die Empfindung, daß die Laute ringsumher eher Neugierde als Zorn ausdruckten. Hatte ich die Worte der Mißgestalteten, die überall getuschelt und geflüstert wurden, deuten sollen, ich glaube, sie besagten: »Still, der Herrscher kommt!« Nicht lange, und man hörte Schritte im Walde. Affen lösten sich aus dem Haufen und reckten die Hälse von den Ästen. Ringsum aus Löchern in Baumstümpfen und im Waldboden sah ich neugierige Schnauzen. Die grauen Dahingegangenen drängten und stießen sich zwischen den Stämmen, um besser zu sehen. Toko und ich drückten uns gegen den Baum, vor dem wir standen, in der Hoffnung, daß man uns in der allgemeinen Erwartung vergessen würde – Und der Herrscher kam! 4. Die Wespe mit der menschlichen Stimme Zwischen den Stämmen kam ein graulockiger Riese gegangen. Die Haarfülle hing über die Ohren, und über den großen Augen, deren starkes Blau durch die Dämmerung leuchtete, saßen zottige Augenbrauen. Die vollen Menschenlippen in dem hochgetragenen Kopf waren von einem krausen Zeusbart geschmückt. Wie er dort gemächlich zwischen den Bäumen angeschlendert kam, während der Atem ihm sichtbar aus den feurigen Nüstern blies, zeigte sein fehlerloser Oberkörper eine grauschimmernde Haut, die von der Hüfte bis über den Unterleib und die starken Schenkel dunkler wurde – Plötzlich stutzte ich, und Toko griff nach meinem Arm. Denn im selben Augenblick hatten wir beide gesehen, daß er die Beine eines Pferdes hatte! Und nicht nur die Vorderbeine, sondern auch der Hinterkörper mit der grau-blanken Haut und dem Schwanz, der bei dem gemächlichen Gang wie eine Fahne wehte, waren Teile eines feurigen Hengstes, wie man ihn sich nicht schöner vorstellen konnte. Hinter dem Menschenhengst tauchte jetzt auch die Stute auf, noch jung, goldschimmernd an Haut, die Haare wie Feuer über der niedrigen flachen Stirn, mit glühendroten Apfelbacken und einem vollen Hals; auf der hellen Haut lagen rote Streifen, als ob die Flammen des Haares sie gesengt hätten. Wahrhaftig, kam dort nicht der Zentaur, der furchtlose, aus einer dunklen Wolke geborene, – das Menschentier, von dem ich als Knabe las – leibhaftig gegangen? In Wahrheit ein Herrscherpaar, den Mißgestalteten das Licht verheißend, das die Dunkelheit in Gestalt von Schatten stets mit sich führt. Wie dieses Paar Licht vor sich verbreitete, so lag Dunkelheit hinter ihm; denn diese beiden waren die einzigen aus der ganzen Schar der Mißgestalteten, die einen Schatten hatten. Jetzt begriff ich den Respekt, der sich allgemein kundgab, als die Posaune durch den Wald ertönte, und mit Besorgnis dachte ich, was sich nun wohl ereignen würde. Als das Paar so nah herangekommen war, daß ich die prustenden Atemzüge hören konnte, fiel der Blick des Hengstes auf mich, und er blieb stehen. Der blaue Metallglanz war so stark, daß er mich blendete. Und während die Tiere ringsum den Atem anhielten, nahm er mich gründlich in Augenschein. Als er sich schließlich satt gesehen hatte, warf er den Kopf in den Nacken, breitete seine mächtigen Arme aus und ließ eine Lachwelle von kurzen Posaunenstößen durch den Wald rollen. Auch die Affen breiteten ihre Arme aus, warfen den Kopf zurück und versuchten, die Lachsalve nachzuahmen. Aus Luft und Baumwipfeln gaben alle mißgestalteten Wesen, jedes auf seine Art, dem Herrscher Bescheid. Sogar die Schar der Dahingegangenen, die sich zwischen den Stämmen drängte, gab eine merkwürdige Mischung von menschenähnlichen Lauten zu Ehren des Herrschers zum besten. Der Zentaur streckte mir auf Menschenart die Hand entgegen. Ich schauderte, wagte die Hand aber nicht zurückzuweisen; und indem seine Hand sich mit eisernem Griff um die meine schloß, war es, als ob mir die Sinne vergingen. Einen Augenblick schien ich in der Luft zu schweben, und als ich wieder zu mir kam, saß ich rittlings auf dem Rücken des Hengstes, die Augen auf seinen Nacken geheftet; seine dicke Mähne kitzelte mir das Gesicht, und ein ranziger, schwefliger Geruch von Bockschweiß brachte mich zum Niesen, – ein Laut, den der Affenchor nicht kannte und sofort nachzuahmen versuchte. Der Zentaur glaubte offenbar, daß es ein Angstschrei sei, denn ich fühlte, wie seine Riesenhand mir beruhigend über das Bein strich. Mit einem Ruck setzte der Herrscher sich in Bewegung, ich mußte nach seinem Arm greifen, um nicht herunterzufallen. Im selben Augenblick sah ich, wie die Stute sich nach Toko bückte, der Nase, Mund und Ohren aufsperrte, und im Handumdrehen hatte sie ihn auf ihren Rücken gehoben; so schnell war es gegangen, daß ihm keine Zeit zum Widerstand geblieben war. In behaglichem Trab ging es durch den Wald, während die kleinen Tiere zur Seite wimmelten, um nicht unter die Hufe zu geraten. Ein armes, tränentriefendes Beuteltier, den Leib voll von neugierigen, nacktblanken Jungen, wich nicht schnell genug zur Seite und endete in den Armen eines Affen, der sich von einem niedrigen Ast herabreckte. Der Herrscher war offenbar guter Laune. Jedesmal, wenn sein Auge auf einen grauen Dahingegangenen zwischen den Stämmen fiel, hielt er seine Nase auf ihn gerichtet und blies ihn mit dem Dampf an, daß er hinfiel. Hin und wieder wechselte das Herrscherpaar Bemerkungen, in einer Sprache, die wie kurze Stoßlaute klang, als wenn die großen Blasinstrumente in einem Orchester gestimmt werden. Ab und zu kam ein voller Posaunenton, den ich durch den Pferderücken ganz bis in meinen Nacken spürte. Die Affen folgten uns von Baum zu Baum. In jedem neuen Baum saßen neue Paare, die auch sehen und hören wollten, schließlich kam es zu einem so wilden Gedränge, daß die Äste brachen. Der Herrscher aber machte nur einen Schritt zur Seite, und gleich teilte sich die Schar, und die Ruhe war wieder hergestellt. Eine Tigerschlange aber, die in einem brechenden Ast wohnte, benutzte die Gelegenheit, um mit ihren Geierfüßen nach Toko auf dem Rücken der Stute zu greifen. Der Hengst aber hatte es bemerkt und griff um den kahlen Kopf der Tigerschlange, die sich vergebens mit der gespaltenen Zunge zu wehren versuchte. Der Herrscher riß den Schlangenkörper vom Baum herunter, so daß er sich in der Luft krümmte; im Handumdrehen hatte er einen Knoten in den Schlangenkörper gemacht und ihn einem Affenhaufen zugeworfen; schreiend stob der Haufen in alle Richtungen auseinander. Da lachte das Herrscherpaar, und alle Wesen des Waldes, auch die gefoppten Affen, lachten mit. Während das Zentaurpaar sich noch amüsierte, benutzten zwei junge Affenmännchen die Gelegenheit, von einem niedrigen Ast herab sich Tokos zu bemächtigen. Wahrscheinlich waren es dieselben, denen Toko einen Schlag über die Arme gegeben hatte, und die uns von Baum zu Baum gefolgt waren, auf Rache sinnend. Im Handumdrehen hatten sie Toko vom Pferde gehoben. Zu spät sah ich, wie sie ihn mit Siegesgeschrei zu den hohen Ästen eines riesigen Baumes entführten. Ich schrie und packte den Zentauren am Arm; er drehte sich um. Runzeln spielten auf seiner Stirn, er maß die Höhe des Baumes und die Entfernung der Äste. Da es aber unmöglich war, sie zu erreichen, begnügte er sich damit, seinen Zorn hinaufzublasen, worauf er weitertrabte. Ich fühlte seine Hand um meinen rechten Arm, gleich unterm Ellbogen, er hielt mich mit eisernem Griff, damit ich ihm nicht auch geraubt würde. In meinem rechten Ohr krabbelte ein Tier, ich konnte es aber nicht verscheuchen, weil meine Hand gefesselt war. Ich schüttelte heftig den Kopf, da begann es zu summen, und durch das Summen klang kaum hörbar Wahujas sanfte Greisenstimme: »Pst! Verrate mich nicht! Der Herrscher will dich mit in seine Höhle nehmen, damit du als Spielzeug für sein Junges dienen sollst. Laß mich still und verborgen hier in deinem Ohr sitzen, trage mich so in die Höhle, und wenn die Alten eingeschlafen sind, will ich dich aus der Höhle führen und dir helfen, Toko aus der Gewalt der Affen zu befreien. Darauf will ich euch ungesehen zum Boot geleiten, damit ihr von der Insel der Dämmerung entkommen könnt.« »Weiser Wahuja,« antwortete ich flüsternd, denn ich kannte meine Pappenheimer, »was willst du in der Höhle des Herrschers?« Er summte eine Weile, bevor er antwortete: »Ich habe eine Abrechnung mit dem Alten und führe Gift in meinem Stachel. Wenn ich dich zum Beispiel jetzt ins Ohr steche, woran du mich nicht hindern kannst, weil deine Hand gefesselt ist, dann bist du tot, bevor ihr die Höhle erreicht habt.« »Was bietest du mir als Sicherheit dafür, daß du mich nicht in der Höhle vergißt, wenn du abgerechnet hast?« »Ihr sollt mir einen Dienst erweisen, wenn ihr wieder auf der glücklichen Insel seid. Dazu gebrauche ich euch.« 5. Das Fohlen in der Felsenhöhle Wir waren jetzt aus dem Wald gelangt. Vor uns, in einer mächtigen Talsenkung, lag eine wellige Landschaft mit halb oder ganz ausgebrannten Kratern. Die Gegend breitete sich grau in grau unter der niedrighängenden Wolkendecke. Wir ritten allein, nur über den Kratern segelten Flieger mit großen Flügelschlägen. Ich erkannte den hüpfenden Flug des Eichhörnchentieres und die langen Flugbewegungen des Geiers. Auch ein vereinzeltes Meerpferd kam lärmend vom Strande und umkreiste den größten Krater, aus dem weißliche Dämpfe mit Schwefelgeruch wirbelten, – derselbe Geruch, der aus der Mähne des Herrschers stieg und ihm so sehr behagte, daß er ihn mit vollen Zügen atmete. Es ging langsam bergauf, bis wir den Rand des höchsten Kraters erreicht hatten; dort machten wir halt. Die Stute stellte sich an die Seite des Hengstes, und gemeinsam genossen sie die Aussicht über die große Talsenkung mit den vielen dampfenden Gipfeln auf ihrem Grunde. Kein Baum, kein Strauch, nicht ein Stückchen Gras war zu sehen, nur eine graue Flechtenart breitete sich wie Schimmel auf den ebenen Stellen. Hier und dort stürzte sich ein Geier herab und durchsuchte den Kratergrund nach Resten kleiner verbrannter Tiere, bis weißliche Schwefeldämpfe aus unsichtbaren Erdrissen sich über ihn schlichen. Der Herrscher lachte laut, als ein großer Vogel, der seine Beute nicht im Stich lassen wollte, sich gegen die erstickenden Dämpfe wehrte, indem er mit linkischen Flügelschlägen hin und her hüpfte. Wütend hackte er mit seinem Schnabel nach den schleichenden Dämpfen, bis er schließlich, hustend und nach Atem ringend, seinen Schnabel durch die Federn des entfalteten Flügels streichen mußte, um den Dunst loszuwerden. Mitten in der Landschaft sprangen riesige Hunde mit gedrehten Widderhörnern. Sie versuchten, sich den speienden Kratern zu nähern, ohne sich die Pfoten zu verbrennen. Je näher sie kamen, desto wilder umkreisten sie den roten Rachen, den sie wohl für den eines Feindes hielten, der sie zum Kampf herausforderte. Ein heißer, tiefgehender Wind strich über die Landschaft; als er einen Augenblick aus anderer Richtung kam, gelang es einem der Widderhunde, dem Krater so nahe zu kommen, daß er die Blase, die ihm unterm Bug hing, in einem großen Strahl in den Feuerrachen entleeren konnte. Eine gelbe Rauchsäule stieg siedend empor und legte sich in Blasen um die Kratermütze, so daß das Tier halb erstickt und heulend zurücktaumelte, während seine Genossen ihre Schnauzen auf das Herrscherpaar richteten und ein beleidigtes Geheul anstimmten, als wüßten sie, daß die Menschenpferde in der Dämmerung standen und ihrem Treiben hohnlächelnd zusahen. Die Herrscher setzten sich wieder in Bewegung, und nach wenigen Minuten schon machten wir vor einem mächtigen Steinblock halt, der an dem äußersten Hang des großen Felsentales lag. Die Stute stieß einen Posaunenstoß aus, und hinter dem Felsen antwortete eine zarte, muntere Stimme. Der Zentaur wälzte mit seinen Riesenhänden den Block beiseite, und in der Öffnung einer Höhle kam ein Zentaurfohlen zum Vorschein. Es war dunkel an Haar und Hautfarbe, mit hochsitzenden Brustknospen in der glatten Mädchenhaut; unter der linken Brust hatte es ein Muttermal, so groß wie eine Faust und rot wie geronnenes Blut. Nachdem es mich gründlich in Augenschein genommen hatte, breitete es die Arme aus, wie der Herrscher getan hatte, warf das gelockte Haar in den Nacken und stieß ein Lachgeheul aus, das vom Kraterrand Echo gab. Der Herrscher drehte sich, so daß sie mich von allen Seiten bewundern konnte. Als er meinen Arm losließ und seinen Hinterkörper senkte, um mich gerade vor dem Höhleneingang abzusetzen, sprang das Fohlen scheu zur Seite und drückte sich gegen den Felsen, während der seidige, hocherhobene, jungfräuliche Schwanz heftig gegen den umgewälzten Steinblock schlug. Hinter den langen, zottigen Augenwimpern aber war der Mädchenblick neugierig auf mich gerichtet. Der Herrscher streckte seinen Hinterkörper, reckte die Arme und gähnte, daß es in seinen Kiefern knackte. Darauf fuhr er sich mit den Fingern ordnend durch den grauen Nackenschopf, der ihm bis über den Rücken wuchs, ließ den Blick über sein Reich gleiten und witterte mit geblähten Nasenflügeln die weißlichen Wolken über dem Krater. Seiner Tochter strich er liebkosend mit dem Schwanz über die Seite, mir fächelte er gnädig um die Ohren, worauf er sich in die Dunkelheit der Höhle zurückzog. Gleich darauf hörte ich, wie er sein Abendessen kaute, und merkte plötzlich, daß ich sehr hungrig war. Dazu kam die Angst um Toko, die Sorge, wie unser Abenteuer enden würde, alles stürmte mit solcher Wucht auf mich ein, daß ich mich gegen den Felsen stützen mußte, um nicht umzusinken. Die Stute hatte mich stumm beobachtet, während sie wie in Gedanken liebkosend über die Flanke der Tochter strich. Darauf begab sie sich in die Höhle, kam gleich darauf zurück und hielt mir eine Handvoll großer gelber Körner hin, die wie Mais aussahen. In plötzlicher Ausgelassenheit machte die Tochter einen Satz auf mich zu, sprang aber scheu zurück, als sie meinem Blick begegnete; darauf stellte sie sich mit gespreizten Beinen auf, um mich essen zu sehen. Ich versuchte, die harten Steine zu kauen, und sie machte unwillkürlich meine Mundbewegungen nach. Darauf suchte ich längs des Felsens nach dem Wasser, das ich rieseln hörte. Sie folgte mir neugierig. Ich kniete nieder, die Hand auf den Felsen gestützt, und ließ mir den glitzernden Strahl in den Hals laufen. Sie beugte sich vor, um besser zu sehen. Als mir der Mund aber so voll war, daß ich aufspringen und husten mußte, sprang auch sie auf und warf den Kopf in den Nacken, so daß die Haare sich auf ihrem festen, runden Mädchenhals sträubten. Sie hüpfte auf den Vorderbeinen wie ein Füllen auf der Weide, während ihr ein Gelächter wie reiner, klarer Glockenklang aus dem weitgeöffneten Mund mit den schimmernden, gierigen Zähnen sprudelte. Sie konnte gar nicht wieder aufhören. Als ich schließlich mitlachen mußte, schlug sie nach meinen Händen, so daß die Kerne uns um die Ohren flogen. Aus der Höhle klang jetzt die brummende Stimme der Mutter – einmal, zweimal, das drittemal zornig; da richtete das Mädchen sich auf, strich sich das Haar glatt, streckte die Hand nach mir aus und zog mich mit sich zum Eingang, indem sie zur Seite trat, um mich von hinten in Augenschein zu nehmen – was hatte ich nur mit meinem Hinterkörper und Schwanz gemacht?! Wieder sprudelte das Lachen in ihr, die Mutter aber machte ihm brummend ein Ende: der Herrscher wollte schlafen. Da stieß das Zentaurfohlen mich vor sich in die Dunkelheit hinein. Ich tastete mich über den Boden, der mit etwas Weichem, Warmem bestreut war, indem ich mich vorsichtig der Stelle, wo ich den Herrscher schnarchen hörte, fernhielt. In der dämmrigen Beleuchtung, die durch den Eingang hereinfiel, suchte ich mir eine Ecke, wo ich mich niederlegen konnte. Mutter und Tochter rollten gemeinsam und mit großer Mühe den schweren Stein vor die Höhle. Jetzt war es ganz dunkel. Und nach den wundersamen Ereignissen des Tages überfiel mich eine so plötzliche Müdigkeit, daß ich meine hochgezogenen Knie streckte und in einen totenähnlichen Schlaf versank. 6. Der Giftstich und die Flucht Ich erwachte dadurch, daß etwas mich im Ohr kitzelte. Im Halbschlaf fuhr ich in die Höhe, um es zu greifen. Da hörte ich ein heftiges Summen und im selben Augenblick erinnerte ich mich der Wespe mit Wahujas Stimme. »Wahrend du geschlafen hast, habe ich große Dinge verrichtet. Ich habe den Herrscher hinters Ohr und sein Weib unter den Arm gestochen. Ehemals stach ich mit Gedanken und Zunge – du erinnerst dich wohl – jetzt steche ich mit einem Stachel; die Wirkung des Giftes aber ist dieselbe; jetzt wie ehemals tötet es. Höre nur!« Der Zentaur schlug mit den Hufen gegen die Felswand, um sich aufzurichten, fiel aber immer wieder schwer zurück. Er versuchte zu rufen, der Posaunenlaut aber wurde zu einem tiefen, hohlen Röcheln. Entsetzt sprang ich auf und drückte mich gegen die Wand, damit der schwere Körper sich nicht auf mich wälzte und gegen die Felswand drückte. Jetzt erwachte auch die Stute; ich hörte, wie sie sich reckte und mit den Hufen schlug. Als sie merkte, daß sie nicht die Kraft hatte, sich zu erheben, stieß sie ein erschrecktes und zorniges Gewieher aus, das der Hengst mit schwacher Stimme beantwortete. Die Stute schob sich über den Boden, um zu ihm zu gelangen. Da begann auch sie zu röcheln. Ich verstand, daß sie einander ihr Leid klagten über das Unbegreifliche, das ihnen im Schlaf zugestoßen war, ohne daß sie einen Feind gesehen oder gehört hatten. Eine Drohung, die trotz der Machtlosigkeit durch die Stimme des Hengstes klang, ließ mich ahnen, daß sein Verdacht auf mich gefallen sei. In meiner Angst bildete ich mir ein, daß ich seinen Atem über mir hören konnte. Die Stute stieß jetzt einen Schmerzensschrei aus, den Todesschrei. Er endete mit einem röchelnden Jammern, wurde zu einem Seufzer, dann Schweigen. Der Schrei hatte das Fohlen geweckt. Ich hörte, wie seine Hufe gegen den Steinboden klapperten. Ich hörte das angstvolle Rufen, aber nur der Vater antwortete mit einer tiefen, verhallenden Klage, bis auch sie verstummte. Wieder war die Wespe in meinem Ohr. »Paß auf,« sagte sie vergnügt, »jetzt verschwinde ich durch das Loch über dem Steinblock dort hinten. Du siehst, daß der Tag bereits dämmert. Das Fohlen habe ich deinetwegen geschont. Unterhalte dich gut mit ihm, bis die Hunde kommen, um guten Morgen zu sagen, und die Höhle offen und den Herrscher stumm finden.« »Vergiß dein Versprechen nicht!« rief ich ihr flüsternd nach. Sie aber war bereits durch die Ritze über dem Steinblock verschwunden. Ich hörte, wie das Fohlen bei den Alten herumstöberte. Es begriff nichts. Woher sollte es auch wissen, was Tod war? Es merkte nur, daß die Eltern dalagen und sich nicht rührten, wie sehr es auch rief und bat. Dann sprang es auf, warf sich mit aller Gewalt gegen den Steinblock einmal, noch einmal; mit einem Krach fiel er um, während das Fohlen in der Öffnung verweilte. Noch war es Nacht. Das Licht, das durch die Ritze fiel, war nicht das Dämmern eines neuen Tages, sondern nur der flackernde Widerschein des größten Kraters, welcher Rot spie, mit einem leisen Husten, der aus der tiefsten Tiefe kam. Im Handumdrehen war ich an ihrer Seite. Ich wollte fliehen. Indem ich sie aber streifte, um vorbeizukommen, hielt ihre stumme Ratlosigkeit mich zurück. Sie stand im flackernden Lichtschein, den Kopf auf die Dunkelheit der Höhle gerichtet, wo ihre Eltern auf dem Steinboden lagen und weder hörten noch sich bewegten. Sie hielt ihre Hand auf das Muttermal gepreßt. Als ich an ihr vorbeiging, wandte sie langsam den Kopf, als überlege sie, ob sie mir folgen sollte, nachdem die Alten sie im Stich gelassen hatten. Meine seltsame Halbheit, worüber sie gestern gelacht hatte, beachtete sie heute gar nicht, – vielleicht weil ich ihr zugewandt stand und sie nicht sehen konnte, was mir fehlte. Zögernd stand ich am Kraterrande. Da kam sie auf mich zu, wie ein junges Mädchen, das nicht weiß, was es will, noch welchen Schritt es machen soll. Sie kam auf mich zu, Kopf, Haar und die hohe Brust eingehüllt in den roten Flammenschein des Kraterfeuers aus dem Grunde des Tales, Beine und Hinterkörper waren von dem Dunkel der Nacht verdeckt, so daß ich vergaß, wer sie war. Ich hielt sie für ein Menschenweib, und eine Erinnerung griff mir ans Herz: So war Ali mir eines Nachts auf dem Strande entgegengekommen, eingehüllt in den roten Flammenschein der wogenden Fackeln, die die Fischer über der Lagune schwangen. »Ali,« flüsterte ich und streckte meine Hand nach ihr aus. Beim Flammenschein glitt Alis Lächeln über ihre Lippen, Alis weiße Zähne leuchteten. – Am Kraterrande stand ein Mädchen, schlank und dunkel, Alis blendendes Bild. Ich trat ihr näher und im nächsten Augenblick lagen ihre Arme um meinen Hals, und meine um ihren Rücken. Ein Schrei in der Luft trennte uns. Über uns schwebte ein Nachtvogel mit großen dunklen Schwingen. Ich begegnete dem Feuer in seinem Blick; mein Instinkt sagte mir, daß er bei Nacht ebensogut sehen könne wie bei Tage. Er öffnete seinen Schnabel und schrie mit erhobenem Kopf seine Wut heraus, weil der Fremde die Tochter des Herrschers in seinen Armen hielt. Seine Augen suchten die Höhle, und als er die leere Dunkelheit sah, schrie er, als wollte er allem Lebenden auf der Insel verkünden, welche Untat dort in der Nacht verübt worden sei. Unten im Kraterbecken erwachten die Hunde in ihren Höhlen. Ein unheilverkündendes Gebell klang durch die Talsenkung, das von überallher Antwort bekam. Kurz darauf wurde aus allen Himmelsrichtungen gekläfft, man konnte hören, daß die Tiere Fährte suchten. Sie riß mich mit sich, bald springend und taumelnd, bald laufend und stolpernd, bis wir die Hunde nicht mehr hören konnten. Schließlich gelangten wir zu einer Ebene, wo verstreute Büsche standen. Die Luft war lau und schwer. Sie lief wie ein sausender Wind, ohne Müdigkeit und Schwere. An mir aber lief der Schweiß in Strömen herab, und bald zwang mich Atemnot, langsamer zu laufen. Schließlich machten wir halt und lauschten. Die Nacht war still; kaum aber hatten wir uns niedergelegt, um zu ruhen, als ein ferner Lärm aus dem Walde erklang. Beim ersten Morgengrauen sahen wir ein fliegendes Meerpferd von der Lagune kommen. Auf der offenen Ebene gab es kein Versteck, und es wurde mit jeder Minute heller. Wir mußten uns in den Wald der Affen retten; bevor wir ihn aber noch erreicht hatten, hörten wir die klappernden Flügelschläge. Nur wenige Sekunden später sahen wir den Riesenleib am Waldrande. Kaum war das Tier unser ansichtig geworden, als es sein Schwanzruder umlegte und in einem langsamen Bogen auf uns zukam. Wie der Nachtvogel hatte es wahrscheinlich auch die Tochter des Herrschers erkannt und ahnte Unheil, denn es reckte seinen Walroßkopf und wieherte wütend über unseren Köpfen. Wir hielten uns an die Stellen, wo mehrere Büsche zusammenstanden, so daß das Meerpferd nicht landen konnte. Durch eine Senkung eilten wir, zwischen zwei langgestreckten Hügeln, auf ein dichtes Gebüsch zu, wo wir uns verstecken konnten. Von dem Gebüsch strich ein kühler Windzug über den Boden, und gleich darauf strich ein lauer Wind von der Talfurche auf das Gebüsch zu. So wechselte es beständig. Wir hatten das Gebüsch fast erreicht, als das Meerpferd unser wieder gewahr wurde; es flog jetzt so niedrig, daß es uns fast streifte. Unter dem Gebüsch mußte eine Öffnung sein, woher sollte der Luftzug sonst kommen? Vielleicht verdeckten die Büsche ein Kraterloch. Eine andere Rettung als das Gebüsch gab es jedenfalls nicht, denn der Flieger war uns bereits so nah, daß ich seinen fauchenden Atem und das Schwirren der Finnen hören konnte. Ich beugte mich vor und sah eine dunkle Öffnung, aus der der warme Hauch kam. Dort hinunter konnte der Riese uns unmöglich folgen. Ich zog sie bei der Hand mit mir; im selben Augenblick aber war es nicht mehr Ali. Es war das Zentaurfüllen mit Hinterkörper und Schwanz; in der Öffnung drehte es sich um, um sich gegen den Flieger, der uns auf den Fersen folgte, zu wehren. Da saß es fest, konnte weder vorwärts noch rückwärts. Das Prusten des Riesen klang an mein Ohr. Gleich neben dem Eingang stürzte er auf sie herab und packte sie im Nacken. Mit seinen Mähnenhaaren saugte er sich an ihrer Brust fest und zog sie mit Hilfe der Finne aus der Öffnung. Sie stieß einen Schrei aus und ließ meine Hand los. Wieder schrie sie, diesmal schon ein Stück entfernt, und noch einmal. Dann hörte ich nichts mehr; denn in dem dunklen Gang, wo ich mich befand, wurde ich vorwärts gewirbelt, obgleich ich mich mit Händen und Füßen gegen die Wände stemmte. Diese aber gaben elastisch nach, und mein Widerstand war umsonst. So glitt ich beständig weiter durch die enge Dunkelheit, die ohne Ende zu sein schien. 7. Die Höhle mit den lebenden Wänden Ich ergab mich in mein Schicksal, halb betäubt von der wirbelnden Fahrt durch den schmalen Tunnel, bis ich mit dem Kopf gegen eine runde Kante stieß. Endlich, dachte ich, und hielt mich mit Händen und Füßen fest, – in der Annahme, daß die Reise zu Ende sei und ich mich bald wieder unter freiem Himmel befinden würde. Die Kante aber gab nach, die Wand wich zurück, und statt vorwärts wurde ich jetzt nach unten gezogen, in einen Raum, der mir wie ein endloses und unbegrenztes Dunkel schien, bis meine Augen einen Lichtschein unterschieden, der aus Flammen und Rädern zu bestehen schien. Die Geschwindigkeit nahm ab; mir ahnte ein Widerstand von Luftblasen, die mich hochhielten, oder von Geweben, die mich einspannten. Der Lichtschein wurde heller, Figuren hoben sich davon ab, die in einem lebendigen Wechsel kamen und gingen. Plötzlich wurde es mir klar, daß es eine Wand sei, die phosphoreszierte. Das zitternde Licht zeigte einen faltigen Untergrund, als ob die Wand mit einem phantastischen Gobelingewebe bekleidet sei, dessen Fäden wie lebendige Fühlhaare waren. Die Hitze war so groß, daß ich glaubte, ich sei in das Innere eines kaum erloschenen Kraters geraten, dessen Schlacken und Dämpfe die Wärme noch festhielten. Doch gewöhnte ich mich schnell daran, während ich im Raum hing, hingestreckt auf ein weiches Lager, ohne zu ahnen, wovon ich getragen wurde. Ich wurde hierhin und dorthin gefühlt. Bald hatte ich die Wand zur Rechten, bald zur Linken, bald geradevor, bald hinter mir; sah ich nach oben, konnte ich durch eine lebende, bewegliche, halb durchsichtige Masse eine gewölbte Decke unterscheiden, – und blickte ich nach unten, begegnete mein Auge auch dort der beweglichen Masse und darunter einem Boden, der sich nach oben wölbte. Die Höhle, in der ich mich befand, war also entweder eine Kugel oder ein eiförmiger Raum. Indem mein Auge sich an die seltsame Phosphordämmerung gewöhnte, konnte ich Wesen unterscheiden, die sich ebenso wie ich hin und her bewegten, doch ohne umrissene Linien, die bestimmte Vorstellungen zuließen. Nach und nach kam mehr Ruhe in die Bewegungen. Es war, als ob ich an einer gedrehten Schnur hinge, die im Begriff war, sich in ihre Gleichgewichtslage zurückzudrehen; je ruhiger die Bewegungen wurden, desto mehr näherte ich mich der Wand. Schließlich kam ich ihr so nah, daß ich die einzelnen Fäden des Gewebes unterscheiden konnte. Sie bewegten sich, als ob sie wirklich Fühlhaare seien, die nach den schwebenden Nebelgestalten im Raum griffen, auch nach mir, als ob sie trotz ihrer Kleinheit den Versuch machten, uns einzusaugen und festzuhalten. Da plötzlich glühte das Licht zu einer Phosphorsonne auf, und ich sah zu meinem grenzenlosen Erstaunen, daß die Fäden Arme waren, winzige Menschenarme, von Wesen ausgestreckt, die in den Maschen des Gobelingewebes wie in kleinen Käfigen gefangen saßen, aus denen nur die Arme heraussteckten. Wie lange ich so geschwebt habe, weiß ich nicht, nach und nach aber durchkribbelte mich die Wärme wie ein Wohlbehagen, und während das Blut mir durch alle Adern prickelte, wurde dieses Wohlbehagen zu einem Sehnsuchtsgefühl nach der Wand, die beständig nahe kam und wieder entwich, – so heftig wurde diese Sehnsucht, daß ich mit der ganzen Kraft meines Wesens die ausgestreckten Arme zu fassen versuchte. Jedesmal, wenn ich auf die Wand zuschwang, wurde mein Blick klarer, und die Gestalten deutlicher, – es waren Frauengestalten. Indem meine Sehnsucht mich näher und näher trieb, nahmen diese Wesen vor meinen Augen sowohl an Größe wie an Deutlichkeit zu, bis ich schließlich ganz deutlich in den Maschen Gesichter unterschied, lachende und betrübte, in buntem Durcheinander; und von diesen Gesichtern schlug mir dieselbe Hitze entgegen, die ich auf sie ausströmte. Plötzlich klang ein ferner, seiner Laut durch den Raum. Er begann wie das Sausen von Vogelschwingen in der Dämmerstunde, wurde dann zu einem Geräusch, als ob eine Schar Knaben und Mädchen zum Klange von Dorfviolinen und Klarinetten über eine Wiese angetanzt kämen. Je stärker der Laut wurde, desto wilder wurde er auch. Schließlich war es wie eine Tanzmusik von lauter seltsamen Instrumenten, schreienden, gurgelnden, glucksenden, pfeifenden, mit Tierstimmen und Menschenstimmen vermischt. Es war, als ob alle Laute von der Insel der Dämmerung sich in diesem merkwürdigen Tanzsaal auf dem Grunde eines erloschenen Vulkans ein Stelldichein gegeben hätten. Erloschen? Stand nicht eher ein Ausbruch bevor? Diese Hitze – diese brennende Sehnsucht? Es war, als ob die Masse, in der ich schwebte, sich an der Wand vor mir zusammenklumpte, als ob sich dort etwas in bestimmten Umrissen loslöste und vor einer Öffnung drängte, die ich noch nicht gesehen hatte. Plötzlich sah ich, daß es lebende Wesen waren, Paar für Paar, die sich in dem Raum mit dem phosphoreszierenden Licht drängten; sie tanzten im Takt zu der merkwürdigen Musik. Zuerst sah ich sie wie durch das Sehfeld eines umgedrehten Opernglases, klein, huschend, je näher sie kamen, desto größer aber wurden sie vor meinen Augen, und auch die Musik, deren Ursprung ich nicht finden konnte, wurde lauter und wilder. Schließlich war der Raum um mich herum voll von seltsamen Tanzpaaren. Ich erkannte Gestalten aus dem hastenden Strom der grauen Dahingegangenen, wie ich sie zwischen den Stämmen im Walde gesehen hatte. Ich erkannte sie an den Gewächsen, die im Tanze zitterten, an den entstellten Gesichtszügen. Über allen lag eine zunehmende Hingabe an das, was das Eigengepräge jedes einzelnen war, – das strotzende Gewebe wurde immer strotzender, das schlaffe immer schlaffer, das fahle immer fahler, das rote immer röter, das stechende immer stechender. Und das Merkwürdige an dem Tanz war, daß zwischen den Partnern gar kein Zusammenklang zu sein schien, kein gemeinsamer Takt, sondern sie schienen eher durch denselben Grad von Leidenschaft oder Lust, womit jeder sich seiner besonderen Laster oder seiner schlechten Gewohnheit hingab, zusammengewürfelt zu werden; nur in diesem Sinne schien ein Zusammenhang zwischen den tanzenden Paaren zu bestehen. Und auf diese Weise erreichten sie trotz der verschiedenen Tanzschritte dennoch einen gewissen gemeinsamen Takt, der mit dem Klang der Instrumente, dem Spiel der Phosphorlichter an den Wänden und dem phantastischen Halbdunkel des Raumes übereinstimmte. Während jeder einzelne der Tanzenden, ob er einen Partner hatte oder die Tanzschritte allein ausführte, sich tanzend in unheimlicher Weise befleißigte, das zu vervollkommnen, wozu das Leben ihn gemünzt hatte, lag über allen ein qualvoller Ausdruck der Zufriedenheit, ja, des Triumphes über die Erniedrigung, an die Siegerfreude dessen erinnernd, der eine Sache gut zu Ende geführt hat. Dieser gemeinsame Ausdruck war so lebendig, daß ich bei mir dachte: Das war's also, wonach ihr gestiebt habt, das war's, was euch so ruhelos vorwärtsgetrieben hat – die Vervollkommnung der Dunkelheit, der Dunkelheit, die aus jedem von euch das Licht verdrängt hat. Ich blickte mich nach der Öffnung in der Wand um und dachte: Dort mußt du hin, wenn du wieder heraus willst. Doch das Verlangen herauszukommen war nicht mehr so stark in mir; die Lust, die lebenden Arme an den Wänden zu erreichen, war stärker. Während ich mich zwischen den Paaren durchzudrängen versuchte, ohne daß jemand Notiz von mir nahm, bemerkte ich, wie ein Dahingegangener der Wand zu nahe kam, und von zwei Armen eingefangen wurde, die sich um ihn schlossen. Und indem ich mich mit einer letzten Kraftanstrengung der Wand ganz zu nähern versuchte, sah ich eine nackte Frau in blendendem Phosphorglanz sich aus der Masche lösen und mit ausgebreiteten Armen auf mich zuschwingen. Und seltsam! Als das Licht über ihr Gesicht spielte, war es auch diesmal, als sei es Alis Blick und Alis Lächeln, wie an jenem Abend, als sie zuerst die Arme nach mir ausstreckte. Alles verschwamm vor meinen Augen. Ich fühlte mich von Flammen ergriffen, es war, als ob ein vulkanischer Schoß sich um mich schloß, ein Schmelzofen mich umfing. Schmerz war nicht damit verbunden, sondern nur ein atemloses Entsetzen, gegen das ich mit aller Gewalt ankämpfte. Die furchtbare Hitze vergewaltigte Körper, Gemüt und Gehirn. Schließlich gab ich allen Widerstand auf. Kaum aber hatte ich mich gefügt, als ich merkte, wie der Griff sich lockerte: ich konnte mich wieder bewegen, wieder frei atmen. Das Phosphorlicht war erloschen; ich schwebte in tiefer Finsternis, während ein unsichtbares Gewimmel um mich herum war. Jetzt ertönte ein hohles Dröhnen, das die Luft erzittern machte. Ich stieß gegen eine Wand, die wie im Krampf erbebte, wurde zwischen Wesen gewirbelt, die über und unter mir taumelten. Wieder erbebte der Raum, und ich wurde gegen eine andere Wand geworfen, die ebenfalls erzitterte. Darauf wurde ich mit der übrigen lebendigen Masse gegen die Öffnung gepreßt, von wo ein schwacher Luftzug in den Raum drang. Meine Hand stieß gegen eine schleimige, abgerundete Kante; mit Händen und Füßen klammerte ich mich daran fest und wurde zwischen andere Wesen geklemmt, die auch hinausdrängten. Während ich so stand, begann der ganze Raum zu beben. Die Kante, an die ich mich klammerte, wich zurück, ich war gezwungen, sie loszulassen, wurde aber gleichzeitig von einem gewaltigen Luftstoß aus dem Grunde der Höhle herausgestoßen. Plötzlich spürte ich frische Luft auf meiner Stirn und, den Kopf nach unten, preßte ich mich durch eine schmale Öffnung ins Freie. 8. Im Zeichen der Entstellung Ich öffnete die Augen und blickte in die Dämmerung unter dem niedrigen, wolkigen Himmel. Nachdem ich mich besonnen hatte, sah ich, daß ich in einem dunklen Gebüsch lag. Und als ich mich umblickte, um die Öffnung zu entdecken, durch die ich herausgeschleudert worden war, sah ich, daß sie sich geschlossen hatte. Vorsichtig erhob ich mich; es wunderte mich, daß mein Körper nach all den Wirbeltänzen, denen ich ausgesetzt gewesen, nicht zerschlagener war. Abgesehen von einem prickelnden Jucken am ganzen Körper fehlte mir nichts; ich fühlte weder Schmerz noch Schwindel, eher ein träges Wohlbefinden, als ob man nach einem langen, schweren Schlaf sich nicht bequemen kann, der Ruhe zu entsagen. Aus alter Gewohnheit wollte ich gerade Toilette machen – mein Anzug war sicher schrecklich zugerichtet – als ich einen Laut von einem Baum am Rande des Affenwaldes hörte. Auf einem der niedrigsten Äste saßen vertraulich, Arm in Arm, zwei Affenweibchen, die mich betrachteten. Ich bekam einen Schreck und sah mich nach einer Zuflucht um. Da die Affen aber weder Erstaunen noch Zorn zeigten, – das eine gähnte laut, als ob es soeben erst erwacht sei, das andere setzte sich neugierig zurecht, um mich besser zu sehen – beruhigte ich mich, und ohne mich über die merkwürdige Sinnesänderung, die sie dem Fremden gegenüber an den Tag legten, zu Wundern, betrachtete ich sie auch meinerseits mit Interesse. Da hörte ich das eine Affenweibchen sagen: »Ich sah, wie er aus dem großen Tier herauskam.« Es setzte mich gar nicht in Erstaunen, daß ich ihre Sprache verstand, nur blickte ich mich nach demjenigen um, dem ihre Worte galten. Da ich aber niemanden entdecken konnte, und ihre Augen noch immer auf mich gerichtet waren, begriff ich, daß ich gemeint war. Das andere Affenweibchen gähnte noch einmal, rieb sich behaglich den Schlaf aus den Augen, betrachtete mich prüfend und sagte: »Der gefällt mir.« Sie schnitt eine Grimasse, die, wie ich begriff, ein einladendes Lächeln sein sollte, sprang ganz bis an das Ende des Astes, reckte ihren Arm, bis sie den Zweig über sich erreichen konnte, pflückte zwei Purpurfrüchte und warf die eine zu mir herüber. Sie hatte so gut gezielt, daß ich die Frucht mit Leichtigkeit greifen konnte. Ohne den Blick von mir zu wenden, verzehrte sie die andere Frucht. Ich biß hinein und erwiderte ihren Blick. Und während ich aß, hatte ich genau dasselbe Gefühl wie sie: Sie gefällt mir. Im nächsten Augenblick geschah etwas höchst Sonderbares. Ich sah plötzlich alles in Rot. Das Affenweibchen schwebte wie eine rote Wolke vor meinem Blick hin und her. Ich fand sie wunderschön und es wunderte mich gar nicht. Ich fühlte, wie die Muskeln meiner Beine sich spannten, als wollten sie zum Sprunge ansetzen. Das Blut prickelte mir in den Adern, und plötzlich begann es in mir zu brausen. Meine Brust schwoll, ich fühlte, daß sie wie eine Blase unter meinem Halse hervortrat; unter meinem geplatzten Hemd leuchtete die Haut gespannt und voll von roten Stoppeln. Durch meine Glieder kroch es wie glimmendes Feuer. Die Stirnhaut war so gespannt, daß sie mich schmerzte. Alles drehte sich vor meinen Augen, und ohne zu wissen, was ich tat, stürzte ich mich blindlings auf den Ast mit dem roten Nebel. Ich hörte beide Affen schreien, sah den roten Nebel in langen Sprüngen, bald hoch oben auf einem Ast, bald unten auf der Erde. Wie lange ich so hinter dem flüchtenden Rot hergesagt war, weiß ich nicht. Plötzlich aber fühlte ich eine tödliche Müdigkeit in allen Gliedern und taumelte gegen etwas Hartes, wobei ich stolperte. Hitze und Schwindel verloren sich langsam, und als mir endlich die Besinnung wiederkehrte, lag ich am Rande eines Abhanges und sah über die graue Lagune. Lange blieb ich so liegen und versuchte mir das Geschehene klarzumachen. Was mir in der Nacht vor der Höhle zugestoßen war, stand so neblig vor meiner Erinnerung, daß es mir eine Ewigkeit her zu sein schien. Toko, das Boot und die Reise hatte ich ganz vergessen. Hoch oben kam ein Meerpferd in einem mächtigen Rundflug von der Lagune her; es flog über die Stelle hinweg, wo ich lag, aber es ängstigte mich nicht. Als ein Blick aus den kleinen zwinkernden Augen im Vorbeifliegen mich traf, sah ich, daß es dasselbe Tier war, das mir das Zentaurfüllen entrissen hatte; aber es schien mich nicht zu erkennen. Es hielt mich wohl für ein Wesen der Mißgestalteten und flog ohne Aufenthalt weiter. Schließlich war ich wohl eingeschlafen, denn ich erwachte durch ein Summen im Ohr und hörte Wahujas Stimme mit ihrem sanften Hohn: »Wie schön du geworden bist, reicher Geber, seit die Dunkelheit von dir Besitz ergriffen hat! Der Kamm auf deiner Stirn steht dir gut, und auch die hübschen, roten Gewächse auf deiner Brust!« Ich blickte an mir herab; nicht ohne einen gewissen Stolz ließ ich meine Hand, die rotgefleckt war, mit krummen, geschwollenen Fingern, über meine nackte Brust gleiten; war sie vorhin aufgeblasen und gespannt gewesen, so war sie jetzt eingefallen und schlapp, mit zahlreichen Warzen. Ich fühlte nach dem Kamm auf meinem Kopf; er hing jetzt wie eine Hautfalte über der Stirn. Ich entsann mich mit Stolz, wie er mich geschmerzt und gedrückt hatte, als er noch aufrecht und steif stand, mit gesträubten Zacken. »Ich habe mein Wort gehalten,« summte die Wespe wieder, »Toko fand ich in einem Baum unter Affen, wo die Affenjungen sich mit ihm belustigten. Er war mehr tot als lebendig, als ich meinen Stachel in seine Plagegeister senkte. Jetzt erwartet er dich im Boot zwischen den Baumwurzeln, wo ihr es gestern verlassen habt.« Die Wespe flog voran und zeigte mir den Weg durch den Wald. Wir begegneten denselben Wesen, die ich gestern gesehen hatte, doch keines achtete unser. Erst als wir den Wald hinter uns hatten und an den grauen Felsen vorbeikamen, wo Toko und ich gestern gelegen und dem Zug der Mißgestalteten zugesehen hatten, ereignete sich etwas. Aus der Luft erklang der pfeifende Laut des Eichhörnchentieres, und ich sah es mit langen Sätzen auf den Strand zusteuern. Kaum hatten die kleinen schelmischen Augen mich erblickt, als es mich zu umkreisen begann. Sein Pfeifen wurde zu einem gurgelnden Knurren, es flog näher und näher, öffnete das Maul und lächelte mir mit seinen spitzen, weißen Zähnen zu, legte den Kopf auf die Seite und schnappte nach dem Kamm auf meinem Kopfe. Ich war mir gleich darüber klar, daß es eine Liebeserklärung sei, doch hatte das Tier nichts, was mich reizte. Ich hielt mich spröde zurück. Das Tier fühlte sich gekränkt und kam mir gackernd so nah, daß es mit den Hinterpfoten meine Brust berührte. Im selben Augenblick hörte ich einen bekannten Schrei. Es war Toko. Als er das fliegende Eichhörnchen beobachtete, hatte er plötzlich ein Wesen auf dem Strande daherkommen sehen, von einer großen summenden Wespe geführt. Und als das Eichhörnchen langsamer flog, um dies Wesen zu umkreisen, hatte er plötzlich entdeckt, daß ich es sei. In einer Sekunde hatte er das versteckte Boot verlassen. Mit erhobenem Ruder stürzte er herbei, um mich vor dem Ungeheuer zu retten. Er sah, daß es mir auf den Leib rückte, glaubte, es gälte mein Leben, schlug mit voller Wucht von hinten auf das Tier ein, und traf den einen Flügel. Mit einem Schrei, der Schmerz und Wut enthielt, flog das Tier taumelnd weiter. Das Ruder aber, das den Flügel verletzte, hatte mich auf den Kopf getroffen, und der Schlag war so stark gewesen, daß ich bewußtlos zu Boden sank. Das Hilfegeschrei des Eichhörnchentieres alarmierte die Wesen in Wald und Luft. Es gellte und bellte aus allen Himmelsrichtungen, während Mißgestaltete dem Laute folgten. Toko nahm mich auf den Rücken und trug mich so schnell zum Boot, daß die Wespe uns nicht zu folgen vermochte. Er warf mich, so lang ich war, auf den Boden des Bootes, und ohne sich Zeit zu lassen, das Leben in der merkwürdigen Mißgestalt, die sein Herr war, zurückzurufen, stieß er von Land und ruderte, daß das Blut ihm aus den Nägeln spritzte. Glücklicherweise hatte der verletzte Flügel die Kraft des Eichhörnchens gebrochen, und keiner der anderen großen Flieger, die uns mit Leichtigkeit erreichen konnten, wenn sie uns gesehen hätten, war in der Nähe. Toko mußte seine ganze Aufmerksamkeit auf unsere Flucht richten. Als wir schließlich so weit aufs Meer hinausgekommen waren, daß er die Ruder aus der Hand zu legen wagte, um mir zu helfen, sah er zu seiner unsagbaren Freude, daß ich blaß und abgezehrt, aber in meiner alten Gestalt dalag. Seine Hände unter meinem Kopf, die großen Augen voll blanker Tränen, starrte er mich an, nachdem es ihm schließlich geglückt war, mich zu wecken. Darauf wandte er den Kopf nach der Insel der Dämmerung um, die wie eine friedliche, graue Linie am Horizont lag, und sagte, bis ins Innerste erschüttert: »Das war die Insel der Schatten!« Und mit mildem Vorwurf in der Stimme fügte er hinzu: »Du hättest dir selbst sagen können, daß du Ali und ihr Kind dort nicht finden würdest.« Die Zinneninsel im Nebelmeer 1. In der Gewalt der flackernden Winde Kaum hatten wir den Dämmerungsgürtel hinter uns gelassen, als wir die ferne Wolkenbank wieder auftauchen sahen, die Toko für den Berg der Schöpfung hielt; sie breitete sich am Horizont, von Nordosten bis Süden. Der Wind schlug um. Der Nordwestmonsum bemächtigt sich unser wieder; gleichzeitig aber wurde die Luft wunderbar milde; und als Toko seine Hand ins Wasser hielt, zog er sie schnell wieder heraus, so warm war es. Wir waren in einen Wärmestrom geraten, der uns schneller vorwärtstrieb, als der schwache Wind es vermocht hatte. Das Wasser des Stromes hatte eine reine, dunkelblaue Farbe, vom Steven aus konnte ich sehen, wie scharf der Strom gegen das übrige Wasser abgegrenzt war, als sei er ein bläulicher Fluß im Meere. Einige Stunden fuhren wir jetzt scharf nach Osten. Plötzlich aber hielt der Wind inne, das heißt, er drehte sich um sich selbst, als ob er sich für keine Richtung entscheiden könne. Er versuchte es nach Norden, schlug dann nach Süden um, und das Boot folgte ihm mit flackernden Segeln um den ganzen Kompaß herum. Während wir noch in der Gewalt der flackernden Winde hin und her taumelten, trat plötzlich ein Schleier vor die Sonne; das Meer wechselte die Farbe, das tiefe Blau wich einem kalten, ungleichmäßigen Grau, als ob wir aus Hochsommer, ohne Übergang, in den Winter hineingeraten wären. Toko stieg auf den Mast, und als er die Grenzlinie des blauen Wärmestromes ein gutes Stück rechts von uns sah, begriffen wir den plötzlichen Wetterumschwung. Wir kreuzten unter den flackernden Winden, bis die Sonne niedrig stand. Vom Horizont stieg eine Dunkelheit zum Himmel hinauf. Als sie den Sonnenrand erreichte, war es, als ob die glühende Kugel ein Loch bekäme und einen Strom von geschmolzenem Gold nach rechts und links ausströmte. Wir hielten gerade darauf zu. Nach einer Weile sahen wir, wie ein spitzer Bergkegel aus dem goldenen Strom hervorschoß, und nachdem wir noch ein Stück gesegelt waren, entdeckten wir, daß der Bergkegel ein Vorgebirge zu einem niedrigen und langgestreckten Inselrücken war, der sich in nördlicher Richtung hinzog. Als die Sonne untergegangen war, lag die Insel mit der Bergzinne und dem Höhenrücken wie eine tiefe Dunkelheit da, die sich von einer weniger tiefen Dunkelheit abhob. Da, bevor wir noch wußten, wie uns geschah, befanden wir uns in einem dicken Nebel, der uns nach allen Seiten absonderte wie ein Schattenmeer. Es war nicht das klebrige Halbdunkel, dem wir soeben entronnen waren und das dadurch entstanden war, daß etwas Dunkles, eine undurchsichtige Masse, das Licht verdrängte, sondern es war, als ob alles Licht plötzlich fortgesaugt worden sei, wie Luft aus einem Raum, bis nur ein stark verdünnter Rest übrigbleibt. Wir glitten jetzt über das Meer in einen grauen Lichtrest hinein, eine Nebeldämmerung, obgleich gar keine Nebelpartikel zu spüren waren. Im Gegenteil, die Luft atmete sich so leicht wie im Gebirge. Gegenstände in der Nähe, zum Beispiel der Mast und der Drachenschnabel am Vordersteven, hatten einen flimmernden Lichtkreis wie in hellen Nächten im Norden; draußen auf dem Meere aber sah man in eine Tiefe von Lichtverneinung. Toko hatte lange am Mast Ausguck gehalten, als er plötzlich meldete, er sähe etwas Massives geradevor. Auch ich meinte jetzt, den Druck von etwas zu spüren, das dem Meere Trotz bot; gleich darauf war ich mir darüber klar, daß Wind und Wellen sich an einer Felswand brachen. Ich drehte das Steuer so schnell, daß Toko beinah über Nord gegangen wäre. Und kaum hatten wir die Segelmatte geborgen, als Toko ›Riff‹ rief und nach dem Bootshaken griff. Im selben Augenblick leuchtete uns der weiße Schaum einer Woge entgegen, die an der Klippenwand zerschellte. So hoch wir sehen konnten, glänzte uns durch den Nebel eine nasse Felsenwand entgegen. Toko bat flehentlich, wir sollten uns mit Hilfe der Ruder von der unheimlichen Insel entfernen; die Dunkelheit, die seine Augen nicht zu durchdringen vermochte, ängstigte ihn, und er verlangte, wir sollten nicht ruhen, bevor wir aus dem Nebelmeer herausgekommen seien. Ich gebrauchte meine ganze Überredungskunst, um ihn davon zu überzeugen, daß es unmöglich sein würde, Wind und Wellen mit den Kräften unserer Arme zu trotzen. Uns blieb nur eines übrig: längs der Küste zu suchen, bis wir einen Einschnitt fanden, wo wir während der Nacht liegen konnten. Vorsichtig ruderten wir längs der wilden Felsenformation, die sich launenhaft ein und aus schob, bis wir eine Stelle fanden, wo das Wasser ruhig war. Die weißen Schaumköpfe der Wellen sagten uns, daß wir uns auf seichtem Grund in einer Bucht befanden. Plötzlich bemerkten wir eine Reihe Lichter, die wie Kerne in einem hellen Nebelgewebe leuchteten, gleichmäßige, ruhige Lichter, die, soweit wir es beurteilen konnten, sich nach Norden hinzogen. Parallel mit der eisten Reihe, nur etwas höher, lief eine zweite von geringerer Leuchtkraft; und dahinter noch eine und noch eine. Die Lichter waren in Gruppen eingeteilt, mit gleichmäßigen Zwischenräumen, so daß kein Zweifel darüber bestehen konnte, daß sie das Werk eines technisch fortgeschrittenen Menschenstaates sein mußten. An dem Höhenzug am Horizont sahen wir, daß wir es hier mit dem verhältnismäßig niedrigen Kamm einer Insel zu tun hatten; das steile Vorgebirge, das wir gesehen, war offenbar öde und unfruchtbar, weil dort keine Lichter brannten. Wir ruderten so nah an die Küste heran, wie es möglich war, und sahen, daß sie aus lauter Schären bestand, ohne Strand. Daß alle Lichter verschwanden, als wir ganz nah herangekommen waren, erklärten wir uns dadurch, daß sie von der Küstenlinie verdeckt wurden; sie schienen also recht weit von den Schären entfernt zu sein, ein gutes Stück landeinwärts, denn man sah nirgends ihren Widerschein im Wasser. Wir ruderten von Schäre zu Schäre, über ruhiges Wasser. Weder von Menschen noch von anderen Wesen sahen wir in der Dunkelheit eine Spur, weder Bäume noch Büsche waren auf den Schären zu erspähen. Wir zehrten an unseren letzten Kräften, als Toko in dem schwachen Widerschein des Wellenschaumes hinter einem Felsvorsprung etwas Dunkles, Abgegrenztes im Meeresspiegel entdeckte, das der Eingang einer Höhle zu sein schien. Wir ruderten darauf zu und fanden wirklich eine enge, gewölbte Öffnung, durch die das Wasser unter die Insel glitt. Mit Mühe gelang es uns, den Achtersteven unseres Bootes dorthin zu bugsieren und das Tau um einen Vorsprung des Felsens zu schlingen. Wir entschlossen uns, dort die Nacht über zu bleiben und abwechselnd zu wachen. Ich übernahm die erste Wache. Aus der Höhle, die sich niedrig über dem Boot wölbte, kam eine laue Wärme, so daß ich meinen Rock auszog. Gleichzeitig tropfte es unablässig auf mich herab wie von verdichtetem Regennebel, der sich auf die Brust legte und das Atmen erschwerte. Toko streckte sich am Vordersteven und schlief gleich ein. Ich setzte mich auf meinen Rudersitz, die Augen auf die Öffnung der Höhle gerichtet; die Wölbung war so dicht über mir, daß ich kaum aufrecht sitzen konnte. Ob es das einförmige Aufplätschern der Wellen gegen den Fels, die Wärme, die erschlaffend über mich hinstrich, oder nur die Müdigkeit in Kopf und Gliedern nach dem anstrengenden Tage war, genug, ich glitt vom Rudersitz in meine Koje und schlief ein. 2. Der unterirdische Strom Ich erwachte dadurch, daß der Nebel mir aufs Gesicht tropfte, fuhr in die Höhe und stieß in der Dunkelheit mit dem Kopf gegen die Wölbung, die mir jetzt so nah war, daß ich mich nicht mehr auf dem Sitz aufrichten konnte. Am Vordersteven erklangen Tokos tiefe, regelmäßige Atemzuge. Das Boot schaukelte sachte auf und nieder. In der schwachen Dämmerung versuchte ich, die Hände gegen die tropfende Decke gestemmt, das Boot hin und her zu schieben; der Kiel aber war achtern festgeklemmt. Ich kroch zum Vordersteven und sah, daß das Tau schlaff herabhing. Die Vertäuung war also gesprengt worden. Und wo der Eingang zur Höhle gewesen war, sah ich nur einen schwachen Lichtschein, der von irgendwo unterm Wasser zu kommen schien. Da wurde mir klar, daß die Höhle bei Eintreten der Flut unter den Meeresspiegel geraten war, und daß die eindringende Strömung, die stark genug gewesen war, die Vertäuung zu sprengen, das Boot bis ans Ende der Höhle getrieben hatte, wo die Decke zu unserem Glück so hoch gewesen war, daß das Boot nicht dagegengepreßt wurde. Sonst würde das Boot schon mit Wasser gefüllt und keiner von uns mehr am Leben sein. Ich weckte Toko und erklärte ihm die Lage. Er entledigte sich sofort seines Lendentuches und kroch aus dem Boot. Das Wasser ging ihm bis an den Hals. Er schwamm zum Eingang, wobei er mit dem starken Gegenstrom zu kämpfen hatte, und gelangte zum Eingang der Höhle, von dem er sich in dem durchsichtigen Reflex, der von dem schwachen Tageslicht draußen durch das Wasser schien, wie die dunkle Silhouette eines ungeheuren, schwanzlosen Salamanders abhob. Er versuchte zu tauchen, der Strom aber war zu stark. Es blieb uns darum nichts anderes übrig, als das Eintreten der Ebbe abzuwarten. Wir ahnten nicht, wann die Flut begonnen hatte, konnten darum auch nicht berechnen, wie lange die Wartezeit dauern würde. Da wir hier aber gut geborgen waren, lag keine augenblickliche Gefahr vor. Nur Geduld mußten wir haben. Darum machten wir es uns bequem und versorgten uns mit dem, was das Boot enthielt. Toko war wie gewöhnlich der Schaffer, indem er bei jedem eßbaren und trinkbaren Gegenstand, den er aus den unzähligen Verstecken im Boot hervorholte, mit trockenen Zahlen getreulich Rechenschaft ablegte, wie viele Rationen noch übrigblieben. Als wir uns gesättigt hatten, wurde der Selbsterhaltungstrieb wieder in uns lebendig. Da die Flut unvermindert hereindrang, mußte sich unbedingt auf dem Boden der Höhle ein Abfluß befinden; um die Wartezeit zu verkürzen, beschlossen wir, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. Das Boot konnten wir unbesorgt verlassen, da es vor etwaigen feindlichen Blicken verborgen lag und so festgeklemmt war, daß es sich nicht auf eigene Faust auf Abenteuer begeben konnte. Nachdem auch ich mich aller beschwerlichen Kleidungsstücke, sogar der Sandalen, entledigt hatte, gingen wir von Bord. Es war ein leichtes vorwärtszukommen, denn der Strom floß schneller, als wir schwimmen konnten. Die Decke war noch immer so dicht über unseren Köpfen, daß wir sie mit den Fingern berühren konnten, wenn wir beim Schwimmen die Hand ausstreckten. Je tiefer wir aber in die Höhle eindrangen, desto dunkler und feuchter wurde sie, und die Luft immer drückender. Da wir auf dem Rückweg Gegenstrom haben würden, und ich fürchtete, daß unsere Kräfte nicht ausreichten – vielleicht nahm der Strom an Stärke zu – wollte ich Toko, der voran war, gerade zurufen, daß er umkehren sollte, als er einen Lichtschein ankündigte. Er sagte, das Wasser würde seichter, daß es ihm nur noch an die Brust reichte. Mit einigen kräftigen Schlägen war ich neben ihm und sah jetzt ebenfalls den schwachen Lichtschein. Ich betastete die Wölbung über mir und längs der Wände, prüfte den Boden mit den Füßen und stellte fest, daß die Höhle, die zu Beginn rauh gewesen war, mit zufälligen Vorsprüngen, wechselnden Verengungen und Erweiterungen – offenbar ganz und gar ein Werk von der Hand der Natur, – jetzt geebnet, regelmäßig gewölbt war, sowohl über wie auch unter dem Wasser, wie ein gemauerter oder ausgehauener Kanal. Der Lichtschein vor uns reizte meine Neugierde, und das Gepräge von Menschenwerk überwand meine Bedenken. Vorsichtig gingen wir weiter, Toko immer voran, seiner scharfen Augen wegen, die, wie bei Tieren des Katzengeschlechtes, nur bei absoluter Dunkelheit versagten. Da blieb er stehen und stieß einen leisen Verwunderungsruf aus. Wir standen vor einer Gittertür, die den Kanal wie ein Rost abschloß; die viereckigen Öffnungen waren so groß, daß ein Kind seinen Kopf hindurchstecken konnte. Soweit ich zu sehen vermochte, waren die Stangen aus Eisen, dick, sehr alt; jedenfalls ließen sich Stücke, wahrscheinlich Rost, mit Leichtigkeit ablösen. Toko untersuchte das Gitter genau und versuchte mit Armen und Füßen, wieweit er durch die Öffnungen kommen konnte. Ich strich mit der Hand längs der Felswand über die Kante des Gitters und stellte fest, daß die Stangen nicht in den Felsen eingerammt waren. Toko untersuchte den Rand genau und fand schließlich einen Zapfen oder eine Art Klinke. Er betastete sie, und plötzlich gab das Gitter nach. Er fiel mit der Tür, wenn auch nicht ins Haus, so doch in einen Kanal, der ebenfalls von Menschenhand gebaut war. Unwillkürlich forderte ich ihn auf, still zu sein, ich meinte, daß irgendein lebendiger Zeuge dieses Menschenwerkes nicht fern sein könne, sich vielleicht vorn in dem Lichtschein aufhalten würde, wo der Kanal mitsamt dem Strom in einem größeren Raum zu münden schien. Ich dachte an den Rückweg und an das Boot. Toko aber, der gestern in der dunklen Nacht, die sein Auge nicht zu durchdringen vermochte, mich angefleht hatte, umzukehren, drang jetzt furchtlos, wie er von Natur war, immer weiter vor und war schon ein gutes Stück in dem Kanal, wo das Wasser ihm nur noch bis an die Hüften ging, vorgedrungen, so daß ich mich entschloß, dem vollkommen Unbekannten noch einmal die Hand zu bieten. Wir brauchten nicht mehr zu schwimmen, aufrecht konnten wir dem hastigen Strom folgen, indem wir uns mit der Hand gegen die Mauer stützten, wenn der Strom uns umzureißen drohte. Der Kanal wurde immer breiter. Der Boden senkte sich. Etwas vor uns hörte zur Rechten die Mauer auf, und der Strom wurde weniger hastig, indem er sich in einem Raum breitete, der von oben Licht zu bekommen schien. Als wir ihn erreichten, sahen wir vor uns in dunklen Umrissen ein mächtiges, viereckiges Bassin. Die Decke bestand aus einer Glasmasse, ähnlich derjenigen, mit der man Räume deckt, die unter der Erdoberfläche liegen. Vorsichtig wateten wir durch das Bassin zu der gegenüberliegenden Wand. Sie war aus dickem, klarem Glas, durch das wir in einen dunklen Raum blicken konnten, eine Halle oder einen Gang, wo sich in undeutlichen Umrissen Schränke und Tische abzeichneten. Wir gingen an der Wand entlang. Als wir ungefähr halbwegs gekommen waren, sah Toko, daß in der Mauer, auf die das Wasser zuströmte, in der ganzen Länge eine schmale Öffnung dicht über dem Wasserspiegel war. Durch diese Spalte fiel ein Lichtschein auf das Wasser. Dort war also der Ablauf für den Strom. War dieser Wasserfall, dessen gedämpftes Brausen wir hören konnten, zu Reinigungszwecken angelegt, oder wurde die Wasserkraft im Dienste irgendeines mechanischen Zweckes ausgenutzt? Neugierig näherten wir uns der Glaswand – in die Mitte des Bassins wagten wir uns wegen etwaiger Untiefen nicht – als wir plötzlich vor einer eisernen Treppe standen, die mit wenigen hohen Stufen zu einem Ventil in der dunklen Halle führte. Es war eine viereckige Luke, groß genug, daß man sich hindurchklemmen konnte; wahrscheinlich diente sie als Eingang, wenn das Bassin gereinigt werden sollte. Toko wollte unverzüglich die Treppe hinauf, ich aber hielt ihn zurück, ich wollte unsere Umgebung zuerst näher in Augenschein nehmen. Inzwischen war ich zu der Stelle gelangt, wo das Wasser durch den Spalt in der Mauer floß. Die Hand gegen die obere Kante gestemmt, beugte ich mich hinab, um hinunterzugucken. Ich sah, wie das Wasser draußen hinter der Wand einige Meter über eine Schrägung fiel. Kein Mühlrad nahm es auf, es schäumte über einen langen Behälter, der hinter einer Wand verschwand, wo ich es wie durch ein Schleusenwerk brausen hörte. Indem ich mich soweit wie möglich vorbeugte, um der Schrägwand draußen mit dem Blick zu folgen, sah ich in einer viereckigen Luke ein Gesicht, grau, unbeweglich, wie in Stein gehauen, aufmerksam auf den Fall des Wassers im Behälter gerichtet. Ein Aufseher, der den Wasserstand mißt, dachte ich – Im selben Augenblick hob er den Kopf, und sein Blick, groß, offen, blaß und kalt wie der eines Fisches, traf den meinen. Ich zog meinen Kopf geschwind zurück, obgleich er mich in der Dunkelheit der schützenden Mauer kaum gesehen haben konnte. Darauf drehte ich mich nach Toko um und sah, daß er oben auf der Leiter vor dem Ventil stand. Er hatte es bereits geöffnet und war im Begriff, durch die Luke zu kriechen. Ich warnte und rief, er aber hörte nicht. Es half nichts, ich mußte ihm nach und kroch mit Beschwerden durch die Luke zur anderen Seite der Glaswand. Ich bat Toko, leise zu sein, er konnte sein Erstaunen über die vielen Wandschränke – ›Hütten‹ nannte er sie –, die längs der Wände in der fast dunklen Halle standen, nicht unterdrücken. Er war die Leiter auf der anderen Seite schon hinuntergestiegen, und ich war drauf und dran, ihm zu folgen, als es plötzlich hell wurde und aus einer Öffnung etwas weiterhin Schritte erklangen. Der Kopf in der Luke hatte mich also doch gesehen: Die Wache war alarmiert! 3. Die Wache, der Turm und die wandernde Straße Mehrere Menschen in langen Chinesenkitteln kamen auf uns zu, jeder war mit einer Eisenstange versehen. Mein Auge hatte sich kaum an die blendende Helligkeit gewöhnt, als das Ventil hinter uns zugeschlagen wurde. Der Rückweg war uns also abgeschnitten. Ich stieg wohl oder übel die Leiter zu Toko hinab, der von einer Schar Menschen umringt worden war, die ihre Stangen vor ihm ausgestreckt hielten, wie man zu tun pflegt, wenn ein wildes Tier aus dem Käfig ausgebrochen ist. Seltsame Wesen waren es, mit großen kahlen Köpfen auf mageren, schmalschultrigen Körpern, mit dünnen Gliedern. Die Gesichter grau und hart, wie aus Zement: die Augen unheimlich offen, ausdruckslos und kalt, nach außen gewölbt, wie starke Linsen. Der Mund schmal, hart, fast ohne Lippen. Keine Ausrufe, keine Unterhaltung; nur der, der Führer zu sein schien, stieß ein kurzes Brummen aus. Es schien ihnen offenbar daran zu liegen, uns nicht nur lebendig, sondern auch unbeschädigt zu fangen; und dieses Interesse für unser Wohlbefinden bestimmte mich, mich ohne Widerstand zu ergeben. Als ich sah, daß der Führer eine Art Handeisen bereit hielt, streckte ich ihm freiwillig meine Hände hin; und Toko folgte meinem Beispiel. Wenige Minuten später bewegten wir uns ruhigen Schrittes durch die Halle, ich zur Rechten des Führers, dann Toko mit einem Begleiter, und um uns herum die übrigen Stangenträger als Leibwache. Wir gelangten in einen Gang unter einer Glasdecke, von der ein dumpfrollender Laut, wie Straßenverkehr, zu uns herabdrang. Von dort wurden wir in einen zirkelrunden Raum geführt, in dessen Mitte ein Turm aus Glas stand, worin ein riesiger Doppelfahrstuhl auf und nieder ging, eine Kette ohne Ende. Um den Turm herum aber lief ein Fußsteig, der sich beständig nach oben bewegte. Während wir mit dem Fahrstuhl aufwärts fuhren, sah ich durch die Glaswand auf den wandernden, sehr breiten Fußsteig hinab, mit dem höchst eigentümlichen Verkehr von auf- und niedersteigenden Kittelträgern. Ich sah bald, daß es, trotz der ganz gleichartigen Kleidung, Personen beiderlei Geschlechts waren. Weder Haar noch Bart waren sichtbar, alle trugen Mützen von gleicher Form, dieselbe, wie sie in den großen Städten Chinas gebräuchlich sind, nur waren einige rot, andere blau. Die, die rote Mützen trugen, hatten Adamsäpfel, darum waren sie männlichen Geschlechtes, während blau die Farbe der Frauen war. Seltsam tot, fast automatisch glitten diese Gestalten durcheinander, einige trugen Pakete, andere ein Joch, alle aber waren ernst und bedächtig tätig. Kein Lächeln, kein Gelächter, nur ein dumpfes Summen, wie aus einem ungeheueren Ameisenhaufen. Alle kauten. Jeden Augenblick wurde eine Art Schokoladenstange zum Munde geführt, ein Stück abgebissen und weitergekaut. Und noch ein anderer gemeinsamer Zug fiel mir auf: alle, sowohl die mit der blauen, als auch die mit der roten Mütze, trugen an der linken Seite, im Gürtel des Kittels, einen Gegenstand von der Größe eines photographischen Apparates, den sie unausgesetzt betasteten; sowohl die, die allein gingen, als auch die, die Zwiesprache hielten, spielten darauf mit den Fingern, als ob es ein Musikinstrument sei. In dem künstlichen Licht, dessen Quelle ich nicht entdecken konnte, sah ich zu meinem Erstaunen Filmbilder durch die Luft gleiten. Einige Passanten standen still, um sie zu betrachten, andere gingen vorbei, ohne ihrer zu achten. Bilder kamen und gingen, kreuzten sich in buntem Durcheinander, das auf mich wie ein lautloses Konzert von Straßengeschrei, Reklamegebrüll und Privatgeschwätz wirkte. Plötzlich kam Verwirrung in die Menge. Leute blieben stehen und guckten in die Höhe, um Bilder anzusehen, die die anderen gleichsam zu ›überschreien‹ schienen. Man lief hin und her, um besser zu sehen, scharte sich in Gruppen, ließ sich Neues erzählen und trug dieses weiter, bis der Verkehr sich um den Turm und den Doppelfahrstuhl, in dem wir aufwärtsfuhren, staute. Ich sah, wie die Menge sich mit platten Nasen gegen die Glaswand drückte und es wurde mir klar, daß das Gerücht von den beiden merkwürdigen Wesen, die man in dem unterirdischen Bassin gefangen hatte, bereits zu ihnen gedrungen war – man wußte, daß wir mit dem Fahrstuhl nach oben fuhren, und wollte einen Blick von uns erhaschen. Plötzlich hörte die wandernde Straße auf. Sie mündete in eine große Plattform am Turm; der Fahrstuhl aber glitt weiter durch den Turm, der jetzt freistand. Durch die Glaswand konnten wir über eine Stadt sehen. Grauer Nebel, auf kurze Entfernung durchsichtig, aber auf hundert Meter undurchdringlich wie eine Mauer. Ich blickte auf eine breite Doppelstraße hinab, deren Häuserreihen nur bis zur halben Höhe sichtbar waren; die eine Straße ›wanderte‹ unaufhörlich in die eine Richtung, die andere mit derselben Geschwindigkeit in die entgegengesetzte. Durch eine Mittelbahn, die festlag, waren sie getrennt, einen Fußsteig, von dem man, je nach Wunsch, in die eine oder die andere Straße übertreten konnte, bis man das Haus in der Reihe der hohen Kasernen, wo man zu tun hatte, erreichte; die Häuser waren alle ganz gleich, mit großen Glasflächen, wo Fenster und Türen in eins gingen. Straßen- und Mittelbahn hingen wie Riesenbrücken an zierlichen Eisenkonstruktionen, vom Typ moderner Hängebrücken, durch die ich hindurchsehen und ebensolche Verkehrsadern am Fuße der Häuserreihen unterscheiden konnte. Nirgends waren Kraft- oder Pferdewagen zu sehen. Nicht einen Hund bekam ich zu Gesicht. Auch keine Flieger über den flachen Dächern. Oben unter den Nebelwolken aber glitten auf breiten Flügeln große Vögel, die Möven glichen. Auch hier im Tageslicht schwirrten unablässig Bilder, größere und kleinere, in seltsam verwirrtem ›Lärm‹ durcheinander. Das Zementgrau war der Grundton und die Grundfarbe der Stadt, des Verkehrs und der Menschen, nur die roten und blauen Mützen leuchteten wie Heiterkeit und Lächeln. Und über all diesem Grau wurde nach allen Richtungen das künstliche Licht von einer ungeheueren, nebeldurchbrechenden Lichtquelle ausgesandt, die sich irgendwo über unseren Köpfen zu befinden schien, wahrscheinlich auf der Spitze des mächtigen Turmes, durch den wir noch immer nach oben fuhren. Endlich machten wir halt. Die Tür wurde zur Seite geschoben, und der Führer mit seinen fünf Kameraden lieferte uns in einem großen, zirkelrunden Raum, ohne Fenster, ab, an einen Oberwachtmeister oder Untersuchungsrichter, der einen noch unförmigeren Kopf hatte als die anderen. Längs der Wände waren Borde mit Apparaten, Leitungsdrähten, Kontakten, Tabellen, Meßapparaten mit hüpfenden Zeigern und dergleichen angefüllt, so daß man sich an Bord eines Unterseebootes von ungeheuren Dimensionen zu befinden meinte. Nachdem die Ablieferung erfolgt und die Wache mit dem abwärtsfahrenden Fahrstuhl verschwunden war, nahm der Untersuchungsrichter, oder was er nun war, uns scharf aufs Korn, wie wir in unserer totalen Nacktheit vor ihm standen. Er verglich uns; besonders schien ihm der Unterschied zwischen meinem spärlichen, blonden Haar und Tokos schwarzer, krauser Fülle zu interessieren. Auf seinen Wink kamen zwei schmächtige Burschen von einem Pult an der Wand. Und darauf wurde eine peinlich gewissenhafte Messung an uns vorgenommen und jede körperliche Einzelheit genau aufgezeichnet. Der Untersuchungsrichter diktierte und die Sekretäre führten Protokoll und registrierten, was die Untersuchung ergab. Während die Sekretäre uns darauf in die weißen Kittel der Nebelbewohner kleideten, beriet der Untersuchungsrichter sich mit Hilfe des Apparates, der ihm an der Seite hing, mit irgendeinem außerhalb des Raumes, worauf wir in einer Ecke zu einem anderen Fahrstuhl geführt und von einem anderen Angestellten noch ein Stück höher hinauf expediert wurden. 4. Im Gemach der Königin Der Fahrstuhl hielt. Die Tür sprang auf, und der Führer schob uns in einen halbrunden Saal, dessen Rundwand ganz aus Glas war. Hinter dem Glase starrte uns ein trostloses Grau entgegen, eine Öde, in der hellere und dunklere Schatten wogten, als ob wir uns auf einer Zinne befanden, die bis in die Wolkendecke ragte. Der Saal schien leer zu sein und war ohne Zweifel der oberste Raum des Turmes, denn mitten in der gewölbten Decke befand sich ein Loch, wie ein Ochsenauge in einer Schiffswand; es war mit Schrauben verschlossen, und darunter stand auf einem hohen Stativ ein Drehteleskop, dessen Rohr offenbar genau in die Öffnung hineinpaßte. Im Saal befanden sich eine Menge seltsamer Instrumente, mit Leitungen durch den Boden und längs der Wände. Der Saal war mit niedrigen, langgestreckten, bequemen Stühlen möbliert, und mit Tischen, auf denen kleine Apparate und Gegenstände standen, deren Bestimmung mir schleierhaft war; überall aber lagen in kostbaren, schimmernden Schalen dieselben Stangen wie die, von denen die Menschen auf der Straße abgebissen hatten. Ein Laut. Ich wandte den Kopf. Ein Gesicht reckte sich über die Rückwand eines Arbeitstisches an der Glaswand, den ich noch nicht bemerkt halte. Ein Frauengesicht, nicht grau wie das der anderen Nebelbewohner, sondern weiß wie poliertes Elfenbein. Die Brauen ein mattgoldener vollendeter Bogen; die Nase leicht geschwungen, kühn, edel; die Mundlinie schmal und gespannt wie eine gehärtete Saite. Nichts Sanftes, nichts Unbestimmtes und dennoch leuchtete etwas Weibliches aus den großen nebelgrauen Augen, die von Willen und Herrschergeist ohne Fehl sprachen. Die elastische Linie des schmalen Körpers wurde von einem weißen Kittel aus einem wunderbar glänzenden Stoff halb verborgen. Schmale, seltsam greifende, gnadenlose Hände. Alles vereint ein Kunstwerk, von einer göttlichen Hand zu einem Instrument geformt, auf dem eine überlegen weibliche Intelligenz unter dem Hochdruck ihres Eigenwillens spielte. Das war mein erster Eindruck von der Königin der Nebelinsel und er veränderte sich nicht. Indem sie lautlos auf dem elastisch zurückweichenden Teppich auf uns zukam, wurde Toko Opfer seines Rasseinstinktes: er warf sich vor der Macht auf die Erde, indem er den Teppich mit seiner Stirn berührte. Sie schob ihn beiseite, indem ein Schimmer von Unwillen über ihre Züge glitt, bei einem Anblick, der ihr offenbar ungewohnt war. Darauf blieb sie vor mir stehen und musterte mich scharf. Kurze, melodische Laute sprangen ihr auf eigentümlich sprudelnde Weise von den schmalen Lippen. Ich schüttelte lächelnd den Kopf, aber sie erwiderte mein Lächeln nicht. Mit einem Ausdruck wie ein Gelehrter, der ans Experimentieren geht, wandte sie sich dem nächststehenden kleinen Tisch zu und ließ ihre Finger über ein Instrument spielen, das wie eine Rechenmaschine aussah, mit Tasten und Zeichen. Ich sah gleich, daß es dasselbe Instrument war, das der Untersuchungsrichter und alle anderen an der linken Seite ihres Kittels trugen, nur größer. Kaum hatte sie die Tasten angeschlagen, als ein Filmbild vor meinen Augen in der Luft stand. Und in schneller Folge kamen andere, die mich, sie, Toko, die Wache zeigten. Ich begriff, daß sie Fragen stellte, aber ich konnte die Fragen nicht deuten, noch wußte ich, wie ich sie beantworten sollte. Ich warf einen Blick auf Toko; obgleich sein Blick auf die Bilder gerichtet war, schien er doch nichts zu sehen. Plötzlich fuhr er mit einem Schrei des Entsetzens einige Schritte zurück, als ob er auf seiner heimatlichen Insel einem bösen Geist begegnet sei. Und im selben Augenblick sah ich an seinen wild starrenden Augen, daß der Apparat auf ihn eingestellt worden war. Jetzt begriff ich, daß die Bilder, die ich vom Fahrstuhl aus kreuz und quer durch die Straßen eilen gesehen hatte, Mitteilungen eines ähnlichen Apparates gewesen waren, der auf alle eingestellt war – wahrscheinlich waren es Anzeigen oder öffentliche Bekanntmachungen gewesen. Als die Königin Tokos Entsetzen sah und ich noch immer den Kopf schüttelte, erhob ste sich von dem Tisch mit dem Instrument und ergriff – wie ein Gelehrter, der zu einem anderen Versuch übergeht – von einem anderen Tisch eine große Brille, die an einer runden Metallplatte befestigt war, mit einer Hörfläche an jeder Seite. Sie trat an mich heran, legte die Spange über meinen Kopf, so daß die Hörflächen dicht vor meinen Ohren waren, und schob die Brille vor meine Augen. Ebensolchen Apparat befestigte sie auf ihrem eigenen Kopf, brachte darauf die Leitungsdrähte beider Apparate miteinander in Verbindung, und im selben Augenblick sah ich ihr Gesicht mit den nebelhaften Augen und den schmalen Lippen vergrößert ganz dicht vor mir. Kaum hatte sie, den Blick auf den meinen geheftet, einige Worte in ihrer eignen Sprache zu mir gesagt, als das Verständnis derselben mir auf unbegreifliche Weise durch den Kopf vibrierte – teilten ihre Augen, ihre Lippen, ihr Gehirn es mir mit? Was weiß ich? Nur so viel wußte ich, daß das Verstehen nicht durch Worte ihrer noch meiner Sprache zu mir kam, sondern wie eine Empfindung, ein Gedankenblitz, der noch nicht in Worte geformt war. Mein Auge in das ihre gesenkt, antwortete ich in meiner Sprache und las in ihrem Blick dasselbe unmittelbare Verständnis, das in mir aufgelebt war. Wir besaßen jetzt also eine gemeinsame Sprache. Kaum hatte sie sich überzeugt, daß die Verbindung tadellos funktionierte, als sie wieder mit den Fingern über den Apparat auf dem Tische fuhr. Und jetzt begleitete sie jeden Satz und Gedanken, den sie mir durch den Lautapparat auf ihrem Kopfe mitteilte, durch lebende Bilder. Das Resultat war erstaunlich. Da ich zu den Bildern die Erklärung gleichzeitig durch den Hörapparat bekam, dauerte es nicht lange, bis ich mir mit größter Leichtigkeit das Lesen der Bilder auch ohne die ›Übersetzung‹ des vermittelnden Hörapparates angeeignet hatte. Und bevor die Tage verstrichen waren, von denen ich jetzt erzählen will, hatte ich es so weit gebracht, daß ich mich fließend in der Sprache der lebenden Bilder unterhalten konnte, ohne etwas von der Sprache der Nebelbewohner zu verstehen, nur mit Hilfe des Fingerapparates, der auch mir an der linken Seite des Kittels befestigt worden war. Was geschah bei meiner ersten Begegnung mit der Königin der Nebelinsel, nachdem die Verbindung zwischen uns hergestellt worden war? Sie fragte mich, woher wir stammten und wie wir in das Bassin geraten seien. Ich dachte an unser Boot, das in der Höhle festgeklemmt lag – unsere einzige Möglichkeit zu entkommen, falls ihre Absichten sich als feindlich erweisen sollten. Ich gab mir den Anschein, daß ich sie nicht verstand und mich nicht verständlich machen konnte, bis ich mir eine Geschichte ausgedacht hatte: ich sei Forschungsreisender und hätte einen großen Dampfer in einem Boot verlassen, um durch die Schären zu der unbekannten Insel mit dem steilen Vorgebirge zu gelangen. Eine Welle aber habe uns gegen den Fuß der Felsen geworfen und das Boot zerschellt, so daß wir uns mit knapper Not auf einen Felsenvorsprung gerettet und von dort um die Felsspitze über steile Wege vorwärtsgekämpft hätten. Dort hatten wir Menschen gesehen und uns vor ihnen versteckt, des Nachts aber hatten wir Schutz in der dunklen Halle gesucht, wo man uns entdeckt hatte. Von dort waren wir durch das Ventil gekrochen und hatten das Bassin durchsucht, um einen Ausgang zu finden. Da es uns aber nicht glückte, waren wir auf demselben Wege zurückgekehrt, und die Wache, von einem Aufseher alarmiert, habe uns gefangen genommen. Sie hörte mich ruhig bis zu Ende an und gab mir dann zu verstehen, daß sie mir kein Wort glaube. Die Erklärung unserer Herkunft sei schon deshalb erdichtet, weil es außerhalb der Insel in ihrem Vorgebirge überhaupt nichts in der Welt gäbe außer Nebel und was aus ihm entstanden sei. Da wir nicht zu den Nebelbewohnern gehörten, mußten wir naturnotwendig vom Berge sein. Daß sie nicht ahnte, was ein Boot sei und meine Erklärung auch in diesem Punkte ablehnte, begriff ich erst später, als ich erfuhr, daß das Meer für die Nebelbewohner ein Urelement sei, dessen Kraft man seit undenklichen Zeiten ausnutzte. Man hatte die Insel mit einem Aufnahmenetz umgeben, durch das der Wellenschlag zu dem künstlichen Licht umgesetzt wurde, das das Leben und die Arbeit im Nebel erforderte. Im Nebelmeer gab es als Ernährung für Menschen nur die Weichtierkeime, die, unempfänglich gegen die mächtigen elektrischen Wirkungen des Aufnahmenetzes, in die Schären hinter das Netz hineindrängen, wo sie sich festsetzten und zu eßbaren Seetieren entwickelten. Da die Rücksicht auf die staatliche Gewinnung dieser vornehmsten Ernährungssubstanz, und die Gefahr, die damit verbunden war, ein Gesetz von der Unverletzbarkeit der Küste seit langem benötigt hatte, waren Boote ein Begriff, den man nur aus prähistorischen Sagen kannte. Welchen stichhaltigen Grund konnte ich dafür angeben, daß man ein inselloses Meer befuhr, ohne Ernährungsmöglichkeit und ohne Ende? Somit gehörten wir also zum Vorgebirge. Dieses aber war von der eigentlichen Nebelinsel durch eine hohe Mauer getrennt, und mit den rohen und elenden Bewohnern des Berges unterhielten die Nebelbewohner keine Verbindung, bestanden jene doch ausschließlich aus Personen oder Nachkommen von solchen, die wegen eines Vergehens gegen die Gesetze der Nebelinsel dazu verdammt worden waren, ihr Leben auf dem unfruchtbaren und barschen Felsen zu fristen. Die Frage war und blieb nun, was wir mit unserem Eindringen beabsichtigten. Bis das aufgeklärt sei, würden wir in Gewahrsam gehalten werden und unser Schicksal unentschieden bleiben. 5. Nichts anderes in der Welt – Ein leises Geklapper erklang, und die Königin antwortete auf ihrem Instrument. Da tat sich die Tür des Fahrstuhles auf und heraus trat der Beamte, der uns vorhin untersucht hatte. Was er sagte, verstand ich nicht; ich will es aber so berichten, wie ich es später aus dem eigenen Munde der Königin erfahren habe. »Das Volk ist ungeduldig,« meldete er. »Das Gerücht von dem Eintreffen der beiden Fremden hat sich bereits verbreitet, und die Menge hat diese Wesen, die den Nebelbewohnern ähnlich sind, auf ihrem Wege durch den Turm gesehen, so nackt, wie man sie aus dem Bassin herausgefischt hat. Einige meinen, es seien Spione vom Berge, die auf unbegreifliche Weise über die Mauer gelangt sind. Andere machen geltend, daß sie aus dem Bassin gekommen sind und gar keine Ähnlichkeit mit dem Volk des Berges haben, was ja auch die Voruntersuchung, die wir gleich vornahmen, ergeben hat. Andere wiederum meinen – unter anderen der Inspektor des Rohdestillierraumes, der den einen, den Hellen, von seiner Luke aus sah, und auch der Wachtoberste, der sie beide auf der Leiter zum Versuchsbassin ergriff, – daß diese beiden Wesen das endliche, solange erwartete Resultat unserer hundertjährigen Versuchsarbeiten bedeuten, die Lösung der jahrtausendalten Frage: ob der Nebelbewohner neben den drei Urelementen: Klippe, Meer und Nebel, ein viertes Urelement oder, wie alles Lebende auf der Insel, nur ein chemisch-biologisches Produkt dieser genannten Elemente ist. Diese Wesen,« so fuhr er fort, »sind dem Bassin, unserem uralten Behälter entnommen, zu dem das Meer seit undenklichen Zeiten sich selbst einen unterirdischen Weg gebahnt hat. Durch den Wechsel der Gezeiten hat das Meer mit der Klippe, dem anderen Element, in organischer Berührung gestanden, während der überall eindringende Nebel, das dritte Element, in den engen Kanälen festgehalten und verdichtet wird. Dadurch ist der biologisch-chemische Vermählungsprozeß entstanden, aus dem endlich, nachdem das richtige Maß von Hochspannung durch einen Zufall getroffen ist, das entstanden, was unsere Gelehrten einen explosiven Wachstumsprozeß nennen, indem nämlich alle Wachstumszwischenglieder: Eizelle, Fötus, Kind und Jüngling übersprungen werden und das Produkt springlebendig, im Zustande der Vollkommenheit, vor uns steht. Wenn wir aber wirklich auf diese Weise davon Zeuge geworden sind, daß diese beiden tatsächlichen Menschenwesen explosiv aus der Vereinigung der drei Urelemente hervorgegangen sind, dann kann man als sicher annehmen, daß auch wir Nebelbewohner auf diese Weise entstanden sind, das heißt, auf dieselbe Weise wie die Meervögel, die Seetiere zwischen den Schären, die Nebelsänger und Klippendecker, kurz gesagt: alles, woraus wir Nebelbewohner unsere Ernährung gewinnen, ist aus den Urelementen entstanden: den drei einzigen in aller Ewigkeit. Wenn man nun auch der Ansicht untergeordneter Angestellter kein Gewicht beizulegen braucht,« fuhr der Beamte fort, »so wäre es doch angesichts der Ungeduld des Volkes vielleicht ratsam, dieser Erklärung offiziell beizutreten, teils um die Unzufriedenheit niederzuschlagen, die darüber herrschte, daß die jahrhundertlangen und kostbaren Forscherarbeiten keine positiven Resultate mehr ergaben, teils um die Autorität des Staates zu schützen, die auf der Allwissenheit der Höchsten des Nebelstaates beruhte, und schließlich, um festzustellen, daß der Nebelwissenschaft keine Aufgabe zu hoch sei, nicht einmal die Lösung des Entstehungsproblems. Erfuhr man, welchen neuen und mächtigen Sieg die Nebelwissenschaft errungen hatte, würde auch die Kritik verstummen, die immer stärker gegen das Ernährungsproblem laut wurde, warf man doch der Wissenschaft vor, daß sie nichts fand, womit sie die Einförmigkeit der Ernährungsstange unterbrach. Eine Kritik, die gefährlich werden konnte, denn Aufruhr beginnt ja bekanntlich im Magen. Dies sei,« so schloß der Untersuchungsbeamte, »auch die Auffassung des Laboratoriumsleiters, dem er die Sache vorgelegt habe.« Bei selber Gelegenheit erfuhr ich, daß die Eßstange, die alle bei sich trugen, die einzige Ernährung der Nebelbewohner, ein Produkt sei, das in den Staatslaboratorien hergestellt und täglich gratis an die Bevölkerung ausgeteilt wurde. Die Meervögel, die große Möwenart, die ich gleich am ersten Tage über der Stadt kreisen gesehen hatte, waren die einzigen größeren Tiere der Insel. Sie hatten ihren Wohnplatz auf der nördlichen Hälfte, einer mit tausendjährigem Korallensand bedeckten Hochebene, die nur diejenigen Angestellten des Staates betreten durften, denen es oblag, nach einem bestimmten System die Eier auszunehmen, die die Tiere im Laufe der Nacht legten. Man sammelte sie des Morgens, wenn die Vögel in großen Schwärmen über das Nebelmeer strichen, um sich Nahrung aus den ungeheuren Mengen von Weichtierkeimen zu suchen. Diese Vögel konnten bis drei zählen. So viele Eier mußten in ihrem Nest, in den Sandhöhlen, liegen, bevor sie anfingen zu brüten. Nenn sie des Abends zurückkehrten und nur ein Ei im Nest fanden, legten sie im Laufe der Nacht ein zweites, und zogen des Morgens aus, um Nahrung für das dritte zu sammeln. Entweder aber hatten sie kein Gedächtnis dafür, wie oft sie gelegt hatten oder ihr Lebenskampf hatte sich im Laufe der Jahre dem Erntesystem der Nebelbewohner angepaßt. Man ließ die Vögel nur so oft brüten, wie es zur Erhaltung der Rasse notwendig war, die übrigen Eier dienten der Bevölkerung als Bestandteil ihrer Ernährungssubstanz. Das hieß mit anderen Worten, jeder Vogel durfte einmal in seinem Leben brüten; darauf war die Ernte sinnreich eingerichtet. Die Weichtiere, die ganz kleinen, fast unsichtbaren, die noch keine Schale hatten und an den Schären klebten, und auch die entwickelten größeren, die sich zwischen den Schären bewegten: Seesterne, Seekugeln und wie sie sonst genannt wurden, ebenfalls die hartschaligen Krebs- und Krabbenarten und dergleichen – sie alle wurden regelmäßig innerhalb der Aufnahmenetze an der Küste geerntet. Darum war der Zugang zur Küste nur den Angestellten des Staates gestattet. Ferner waren da die sogenannten Nebelsänger, eine Art Zikaden, die so groß wie ein Daumennagel waren und sich überall in Mauerritzen und zwischen Gestein festsetzten. Tagsüber lagen die Nebelfänger in einer Art Schlaf, nachts aber klang ihr einförmiger, grauer Klagegesang wie ein gedämpftes Schluchzen durch die Stille. Die Nebelbewohner wußten, daß die Nebelsänger über den ewigen Nebel weinten und nach Licht verlangten. Nicht nach der wunderbaren Kraft- und Kunstbeleuchtung, dem Stolz der Bevölkerung – das, was sie ihre Kultur nannten –, die den Nebel beherrschte und jeden Tag mit halber Kraft und jede Nacht mit ganzer Kraft von der Zinne des Königinnenturmes leuchtete, die Nebelsonne mit ihrem unbeweglichen Licht, – nicht nach diesem Licht sehnt sich der Nebelsänger. Im Gegenteil, er scheut es, versteckt sich in Ritzen. Nein, dem lebendigen, flackernden Schein von Fackeln kann er nicht widerstehen. Darum wurde jede Nacht vor der Stadt, an Plätzen, die dazu eingerichtet waren – zu denen der Zutritt ebenfalls allen verboten war, die nicht zur Bergung der Tiere angestellt waren – eine Reihe hoher Fackeln aufgestellt. Schwer und niedrig wie kleine verdichtete Nebelflocken kommen die Nebelsänger aus allen Mauerritzen der Stadt und von weit her aus Felsenspalten angeflogen; glückselig geblendet taumeln sie gegen die rauchenden Fackeln; der Rauch betäubt sie, so daß sie sich nicht mehr retten können. Mit versengten Flügeln fallen sie geröstet zu Boden; und am nächsten Morgen, wenn die Fackeln herabgebrannt sind, werden die leckeren Brötchen zu Tausenden eingesammelt. Die einzige Pflanze der Insel hieß ›Klippendecker‹, weil die breitgezackten Blätter, die den Nebel aufsaugten, wie ein graugrüner Teppich die Klippen längs der Küste bedeckten. Sowohl die Blätter als auch die blassen Stengel und Wurzeln hatten ein saftiges, nahrhaftes und wohlschmeckendes Zellengewebe. Aus diesen Quellen: den Eiern der Meervögel, den verschiedenen Weichtieren, den Nebelsängern und Klippendeckern, wurde in den Staatslaboratorien eine Ernährungsmasse hergestellt, eben jene Stangen, die alle bei sich trugen und deren Nährwert unbegrenzt sein sollte. Bevor die Königin dem Untersuchungsbeamten noch eine Antwort geben konnte, wurde die Tür zum Fahrstuhl wieder geöffnet, und heraus trat der Chef der Polizei in höchsteigener Person, ein Männchen mit einem Kopf, der so rund wie eine Melone war. Auch die Ansicht des Polizeichefs hatte die Königin mir später mitgeteilt. Es handelte sich darum, daß die heimlichen Straßenspione von einem Aufflackern unter der niedrigstehenden Bevölkerung berichtet hatten, Lastträgern, Jochträgern und anderen Schwerarbeitern beiderlei Geschlechtes, – ein Aufflackern jener gefährlichen Ketzerei, die man seit der letzten Massenausweisung zum Berge ausgerottet zu haben meinte. Ein Jochträger, der auf offener Straße unter seiner Bürde in die Knie gesunken war, hatte plötzlich wie ein Nebelsänger geschluchzt. Mit glänzenden Augen hatte er zum Turm hinaufgeblickt und gesagt, er könne dort oben ein lebendiges Licht, ja geradezu eine Stadt unterscheiden, wo es immer hell sei, wo man kein Joch zu tragen brauche und jeder nach Belieben schlafen und arbeiten könne. Ein anderer aus der Schar hatte sich neben ihn gelegt und gesagt, er könne das Licht auch sehen, worauf er seine Hände erhoben und ›den Mann dort oben‹ angefleht halte, durch den Nebel herabzukommen und ihnen allen zu helfen. Ein dritter, sogar ein Eiersammler, hatte von den beiden Menschenwesen erzählt, die zeitig am Morgen gefangen worden seien, er habe gesehen, wie man sie durch den Turm geführt hatte. Sie glichen weder den Nebelbewohnern noch dem Bergvolk, schienen viel stärker zu sein und hatten Licht in den Augen. Es mußte darum außerhalb oder über dem Nebel noch Wesen geben, und es sei Lüge, was immer gepredigt würde, daß es außer der Nebelinsel nichts in der Welt gäbe, in alle Ewigkeit nur Nebel und Meer, und was daraus geboren würde! Wahrscheinlich existierte das Licht und die Stadt, wovon der Alte dort redete, und darum wollte man sich zusammentun, alle diejenigen, die ihre Bürden und Köpfe nicht mehr tragen könnten, sie wollten zur Königin gehen und von ihr verlangen, daß sie die Wahrheit sage und sie dorthin führe, wo das Leben schöner sei. Es wunderte mich, daß der Bericht des Polizeichefs solch tiefen Eindruck auf die Königin machte; erst später begriff ich den Grund. Der Nebel in ihren Augen wurde zu einer tiefen Dunkelheit, ihr schmaler Mund bebte. Sie diktierte dem Polizeichef eine Kundgebung durch den öffentlichen Bildwerfer, in Übereinstimmung mit dem Standpunkt, den der Untersuchungsbeamte ihr vorgeschlagen hatte. Zum Schluß fügte sie noch hinzu, daß die beiden neugebildeten Wesen bis auf weiteres in Gewahrsam bleiben würden, damit der Laboratoriumschef das Phänomen in allen Einzelheiten studieren und das Hochspannungsverhältnis, das man durch eine Anzahl gelungener Versuche erreicht hatte, wissenschaftlich festlegen konnte, damit es der Nebelwissenschaft möglich sei, jederzeit und bewußt neue und vielleicht verbesserte Menschen herzustellen. Die Kundgebung endete: »Jeder, der sich erdreistet, die Möglichkeit zu erörtern, daß es irgendwo in der Welt bessere und glücklichere Lebensbedingungen gibt als diejenigen, unter denen ihr auf unserer heiligen und ehrwürdigen Nebelinsel lebt, wird bestraft werden als ein solcher, der sich vermessen hat, sich klüger zu dünken als unsere Weisheit. Er wird jenseits der Mauer zu dem öden und unfruchtbaren Berge verwiesen werden, damit er sich davon überzeugen kann, welch leichtes und angenehmes Dasein er zu seinem Verderben durch eigene Torheit verscherzt hat.« 6. Die Gefängniszelle im Nebel Die Königin gab dem Polizeichef zu verstehen, daß sie fertig sei, und überantwortete ihm Toko mit einer Handbewegung. Wie aus der Erde gewachsen, standen plötzlich die beiden Sekretäre aus dem Untersuchungszimmer an Tokos Seite. Toko sah sich hilfeflehend nach mir um, denn er verstand, um was es sich handelte. Ich beruhigte ihn, so gut ich es vermochte, indem ich ihm sagte, es sei nur eine vorläufige Inhaftnahme. Dennoch sah ich ihn schweren Herzens im Fahrstuhl verschwinden. Kaum war die Tür hinter ihm geschlossen, als die Königin eigenhändig eine andere Tür öffnete und mich eintreten hieß, indem sie mir zu verstehen gab, daß ich in ihrer unmittelbaren Nähe verwahrt werden sollte, damit sie mich persönlich beobachten könne. Der Raum, in den ich trat, war lang und schmal, die Außenwand ganz aus Glas, er war ein Teil von dem Rundkreis des Turmes. Das Zimmer der Königin bildete die eine Hälfte des Kreises, während eine Reihe schmaler Kammern, der Fahrstuhlraum, der Schrankraum und dergleichen die andere Hälfte des Turmzimmers bildeten. Eine von diesen Kammern war mein Gefängnis. Der Lärm der Stadt drang nicht bis hier herauf. Wie hoch ich mich befand, konnte ich unmöglich bestimmen; doch glaube ich, daß kein Kirchturm noch ein Wolkenkratzer, von denen ich gelesen habe, sich mit diesem Königinturm messen konnten. Den ganzen Tag lang hörte ich das leise Sausen des Fahrstuhles. Nachts wurde die totale Stille hin und wieder von einem seltsamen Geräusch unterbrochen, von einförmigen, kurzatmigen Klagelauten, die dumpf und trostlos wie aus einer fernen Nebelsirene zu mir heraufklangen. Ich stand auf und suchte bei dem starken Lichtschein, der aus dem Turmhut drang; ich meinte, es müßte irgendein Notsignal sein; aber ich konnte nichts entdecken. Nur der obere Teil der Häuserreihen, die von dem Turm in Radien ausstrahlten, wurde von dem Turmlicht erhellt, denn der Nebel war des Nachts noch stärker als am Tage. Eines Nachts, während ich schlaflos lag, merkte ich, daß die Sirenenklange ihren Standpunkt veränderten, bald klangen sie aus Osten, bald aus Westen. Feiner entdeckte ich, daß sie mit den Gruppen kleiner, unruhiger Lichtflecke in Verbindung standen, die ebenfalls bald hier, bald dort, tief unten im Nebel, hinter der Stadtmauer auftauchten. Ich erinnerte mich der ›Nebelsänger‹ und nahm an, daß es ihr Klagegesang sei, der herausdrang, wenn die kleinen grauen Tiere geblendet in das sehnsüchtig begehrte Licht flogen, das ihr Tod war, und zur Ernährung der Inselbewohner, von der auch ich jetzt meinen täglichen Anteil bekam, beitrug. Eine Schale mit Eßstangen stand immer auf meinem Tisch, und ich söhnte mich bald mit dieser Ernährung aus, denn sie war wohlschmeckend, würzig und setzte sich fast umgehend in Krafterneuerung um. Auch tagsüber brannte die Nebelsonne des Turmes, doch nur mit halber Kraft. Dieses Halblicht in der grauen Dämmerung warf einen toten, fahlen Schein auf den emsigen Ameisenhaufen in der Tiefe; das Licht aber wirkte derartig verstimmend auf mein Gemüt, daß ich die Nacht vorzog, mit ihren zahllosen, in Nebelgewebe verhüllten Lichtpunkten, die über den Straßenbrücken und Plattformen, den Mauern in der Stadt, und der hohen Mauer, die die Stadt vom Berge trennte, schwebten. Das Spiel zwischen all den Lichtblitzen und dem großen Licht des Turmhutes unterbrachen die Einförmigkeit der Laut- und Lebensöde hier oben, wo die Wolkendecke des Nebelmeeres geradeswegs über meinem Kopfe zu hängen schien. Mein stummer Gefängniswärter hatte ein Zementgesicht von unbestimmbarem Alter und einen Kopf, den er nur mühsam auf seinen dünnen Halswirbeln zu tragen schien. Jeden Morgen, in der Sekunde, wo die Turmsonne den Anbruch des Tages durch halbe Lichtstärke ankündigte, trat er herein. Er zog mich so lange am Arm, bis ich das Bett verließ. Darauf war es die Sache eines Augenblickes für ihn, das Bett zu machen und automatisch in die Wand zu schieben, ohne daß ich je feststellen konnte, wie er es machte. Er wusch mich, half mir in den Kittel, sorgte für alle morgendlichen Bedürfnisse, als sei ich ein kleines Kind, das er in Pflege hatte, während ein Ventilator, dessen Ursprung ich nirgends entdecken konnte, mit saugendem Geräusch meine Kammer von der verbrauchten Luft reinigte. Darauf überließ er mich wieder meiner Einsamkeit, ohne Gruß, ebenso stumm und lautlos, wie er gekommen war. Eines Morgens aber, nachdem er mich fertiggemacht hatte, verschwand er nicht wie gewöhnlich durch eine dunkle Paneeltür, die offenbar geradeswegs zu dem nächsten Fahrstuhl führte, sondern er öffnete, ohne ein Wort zu sagen, die Tür zum Königinzimmer, die sonst verschlossen war, und gab mir zu verstehen, indem er beiseite trat, daß ich hindurchgehen sollte. Die Tür fiel hinter mir ins Schloß, und ich stand der Königin Aug' in Auge gegenüber. Ein fast unmerkliches Neigen des schlanken Vogelhalses. Darauf nahm sie den Bilderapparat und befestigte ihn eigenhändig auf meinem Kopf. Ich merkte, daß ihre wundervollen Hände keine Wärme ausstrahlten. Eher wirkte die Nähe ihres Körpers wie ein kühlender Luftzug. Das hängt wahrscheinlich mit der konzentrierten Nahrung zusammen, dachte ich bei mir; sie mag wohl die Kräfte aufrechterhalten, mehr als die notwendigste Wärme aber wird sie nicht entwickeln können. Wie soll es mir ergehen, wenn ich längere Zeit von diesen Eßstangen leben muß? Auch ihren eigenen Kopf schmückte sie, denn dieser kombinierte Seh- und Hörapparat wirkte wirklich wie ein märchenhaftes Diadem auf ihrem kleinen runden Kopfe. Und dann begann sie die Unterhaltung. Sie sprach mit ihren kleinen melodischen Lauten; Bilder glitten lebendig an meinen Augen vorbei, und in meinem Kopfe wurde das Verständnis dafür sofort in der gewohnten Sprache meiner Gedanken geboren. Daß tatsächlich die Arbeit in meinem Kopfe vor sich ging, ohne meinen Willen und meine Kontrolle, konnte ich daran merken, daß sich nach einer Weile zwischen den Ohren ein Schmerz meldete. »Woher kommst du?« fragte sie. Ich erkühnte mich, mit gemachter Treuherzigkeit zu antworten: »Bin ich nicht eine Neubildung, Königin? Ein explosives Wachstumprodukt aus Klippe, Meer und Nebel?« Sie antwortete weder durch Worte noch durch Bilder. Eine ungeduldige Kopfbewegung aber schien, in meine Sprache übersetzt, zu sagen: »Unsinn.« »Wenn ich keine Neubildung bin,« fuhr ich fort, »muß ich wohl vom Berge stammen, wie ich bereits früher erklärt habe, da es ja außerdem nichts auf der Welt gibt. Denn daß ich kein Nebelbewohner bin, o Königin, das weißt du.« »Bist du auf dem Gipfel des Berges gewesen?« fragte sie. Ich erkannte die Gefahr und antwortete nach einem Augenblick der Überlegung: »Nicht ganz oben.« Da geschah etwas Merkwürdiges. Durch den außerordentlich feinfühligen Apparat konnte ich an den Atemzügen hören, daß ihr Gemüt in Aufruhr war. Schließlich hörte ich sie sagen: »Wenn du vom Berge stammst, bist du wohl ihm begegnet, der sich ›Zünder‹ nennt?« Was sollte ich antworten? Ich verdeckte mein Zögern durch Husten, während ich ihren Blick auf mir fühlte. Schließlich nickte ich ganz schwach, so daß ich es später ableugnen konnte. »Erzähle mir von ihm.« Eine glückliche Eingebung ließ mich antworten: »Ich wage es nicht.« Wieder geschah etwas Merkwürdiges. Diese stolze, auf Erkenntnis allein eingestellte, von Verstandesgrenzen gebundene, bis zur Trockenheit eingeengte Frauenseele kam in Bewegung, diesmal so heftig, daß sie mit erregter Stimme antwortete: »Dann werde ich dir etwas erzählen.« Ich erwartete einen Ausbruch, sie aber faßte sich, erhob sich aus ihrem niedrigen Stuhl, winkte mir mit der Hand und sagte: »Komm!« 7. Das Kind und der Tod Sie ging zur Wand und blieb dicht neben der Tür, die zu meinem Zimmer führte, vor einem Schrank stehen, der plötzlich in die Wand zurückwich, wodurch ein dunkler Raum sichtbar wurde. Sie schob mich vor sich hinein, worauf der Schrank lautlos an seinen Platz zurückglitt. Im selben Augenblick glühte ein Licht auf, und mit einer Geschwindigkeit, so plötzlich und gewaltsam, daß mir fast der Atem verging, sausten wir durch den Turm in die Tiefe hinab. Es dauerte sicher drei Minuten, bevor der Fahrstuhl gegen den Grund stieß und mit einem Ruck hielt. So imponierend hoch, das erfuhr ich jetzt erst, war der Turm. Offenbar war er gleichzeitig Sitz der Regierung, Wohnung der Königin, Rathaus, Hauptpolizeiamt, Archiv und beherbergte außerdem den ganzen wundersamen Beleuchtungs- und Mitteilungsapparat des Inselstaates. Ferner lief die Hauptverkehrsader der Stadt in Spiralen bis zur halben Höhe um ihn herum. Ich erinnerte mich, daß wir vom Bassin durch einen unterirdischen Gang geführt worden waren, der Turm hatte also noch ein Stockwerk unter der Erde. Hier unten befand sich offenbar der Zentralsitz für das staatliche Versuchswesen mit den dazugehörigen Bassins, Destillationsräumen, die Ernährungs- und Reinigungsmaschinerie. Alle Türen führten zu einem schmalen Gang, der wie derjenige, durch den wir von der Wache geführt worden waren, von oben Licht erhielt. Wir befanden uns darum unter dem Boden der Stadt. Von dem Glasgang, wo nichts Lebendiges uns begegnete, gelangten wir durch eine verborgene Tür zu einer dunklen Passage. Wieder öffnete sich die Tür, und ganz unvorbereitet stand ich in einem so blendenden Licht aus verborgener Quelle, daß es mir stärker erschien als der Tag auf der sonnenbeschienenen Insel, wo ich so lange gelebt hatte. Es dauerte eine Weile, bevor ich wegen des blendenden Widerscheins auf den vielen blitzenden Gegenständen den Raum zu überblicken vermochte. Es war eine Art Wintergarten, doch nicht besonders groß. Aus Grotten und Ecken rankten sich Gewächse mit Blättern in phantastischen Formen, als seien es kühne Versuche von genialen Künstlern. Da waren Beete mit beweglichen Pflanzen. Kleine leuchtende Glöckchen läuteten, und von Stengeln und Zweigen pfiff es leise. Zwischen den Steinen der Grotten rieselten Quellen wie blitzende Silberfäden, bald flossen sie schnell wie Wasserfälle, die unter der Erde verschwanden, bald tropften sie melodisch weich in Bassins mit glasklarem Wasser; bald wiederum rannen sie über Blätter, die von unten beleuchtet wurden, als ob die Sonne hindurchschiene, bald rieselten sie über Edelsteine, in denen Licht und Wasser sich in mannigfachem Farbenspiel brachen. Zwischen den Grotten und Beeten schlängelten sich Wege, anscheinend von einer Schicht feinsten Kieses belegt, wenn man aber darauf trat, waren sie weich und elastisch wie ein Teppich. Ich war noch in Anschauung versunken, als ich etwas Warmes, Weiches auf meiner Hand fühlte. Ich blickte hinab und sah zwei dunkelgraue Kinderaugen mit seltsamem Glanz auf mich gerichtet. An der Kopfform, dem vollendeten Bogen der Brauen, der Elfenbeinfarbe der Haut und der Bronzefarbe des Haares sah ich, daß es nur das Kind der Königin sein konnte. Ein kleines Mädchen von vielleicht vier Jahren mit langsamen, anmutigen Bewegungen und einer Reife des Ausdruckes, die weit über ihre Jahre hinausging. Ein kleines, von Einsamkeit geprägtes Gesicht, dessen unnatürlich große Augen mich mit einem seltsamen Blick gefangen hielten, den ich mir nicht zu deuten vermochte. Ich sah wohl, daß die Mutter, die die eine Hand des Kindes hielt, mich durchdringend und mißtrauisch betrachtete. Dennoch vermochte ich meine Augen nicht von der wundersamen Kinderseele loszureißen, die mir trotz Pracht und Reichtum der Umgebung ein gewisses Mitleid einflößte. Das Kind schien dieses Gefühl zu spüren und sich dessen zu freuen; denn plötzlich befreite es seine andere Hand und streckte beide Arme nach mir aus mit einem Ausdruck des Wiedererkennens im Blick, als ob ich es an jemanden erinnerte, den es lieb hatte. Ich wußte nicht, ob ich der Bitte dieser Arme willfahren durfte. Als ich die Augen der Königin suchte, riß sie mit einer heftigen Bewegung die Kleine an sich und nahm sie auf ihren Schoß, ohne Liebkosung, mit strengen Händen. Durch den kleinen zarten Körper bebte ein Seufzer; in Liebebedürfnis lehnte sie ihren Kopf gegen die kalte Mutterbrust, während die großen, durchsichtigen Lider sich über die Enttäuschung in dem sehnsuchtsvollen Kinderblick senkten. Einige Augenblicke tiefen Schweigens folgten. Da war es, als ob die Wärme des kleinen Kopfes etwas in der Brust der Königin löste. Seltsam unbeholfen legten die schönen, strengen Hände sich um den Kopf des Kindes. Mit seltsamer Scheu beugte sie sich darüber, und ihr schmaler Mund berührte das Haar des Kindes. Dann hob die Königin wieder den Kopf; ihre Augen suchten aufmerksam die meinen – suchte sie nach der Ähnlichkeit, die das Kind gefunden zu haben meinte? Wenige Augenblicke später vertraute sie mir, dem Fremden, was sie noch keinem aus ihrem Reich anvertraut hatte. Auf der Nebelinsel bestimmte ein sogenannter ›Zuwachsausschuß‹, wie viele Kinder im kommenden Jahre zur Welt kommen durften, damit das richtige Gleichgewichtsverhältnis zwischen der Bevölkerung einerseits und der Ernährungsmasse andererseits, die nach Berechnung des Staatslaboratoriums zur Verfügung stand, gewahrt wurde. Wenn die Anzahl bestimmt war, war es Aufgabe des ›Eherates‹, unter Berücksichtigung von Alter, Anciennität und Gesundheit, die Jungen beiderlei Geschlechtes auszusuchen, auf denen der Zuwachs des kommenden Jahres beruhen sollte. Die Auserwählten wurden nach eingehender Prüfung des Rates in männliche und weibliche Gruppen eingeteilt. Die Ehen kamen dann auf die Weise zustande, daß die Älteste aus jeder Frauengruppe zuerst durch das Los einen Mann aus der Männergruppe zog; darauf zog auf dieselbe Weise der Alteste aus der Männergruppe ein Los, und so immer weiter. Wenn alle Gruppen auf diese Weise gepaart waren, mußten die Paare eine vierzehntägige Hochzeitsperiode in dazu eingerichteten Hochzeitslagern verbringen, und in dieser Zeit durfte ihnen keine Arbeit auferlegt werden. Wenn die Zeit vorbei war, kehrte jedes zu seinem Heim und seiner Arbeit zurück, und es durfte kein Verkehr mehr zwischen ihnen stattfinden, es sei denn, daß ein Paar keine Frucht angesetzt hatte; in solchem Fall wurde eine Nachperiode eingeräumt, und wenn auch diese resultatlos verlief, wurden sowohl Mann wie Frau von der Eheliste gestrichen, und es fand eine Extraernennung aus den nächsten Reihen statt. Wer von dem ständigen ›Kronrat‹ als König oder Königin erwählt wurde – die Nebelinsel wurde abwechselnd von einem Mann oder einer Frau regiert – hatte vor anderen Männern und Frauen auf der Insel das Recht, sich selbst, ohne Los, einen Gefährten aus der andersgeschlechtlichen Gruppe zu wählen. Wenn die Kinder zur Welt gebracht worden waren, wurden sie den Müttern genommen, von dem Zuwachsausschuß nach der Qualität sortiert und der Staatserziehungsanstalt übergeben. Dort wurden sie, nach sechs Monaten, einer abermaligen Prüfung unterzogen, und diejenigen, die körperlich oder geistig minderwertig waren, wurden entfernt, um einen vollkommen schmerzlosen Tod zu erleiden. Die Kinder wurden nicht gesäugt; denn auf Grund des Nebels, der künstlichen Beleuchtung und künstlich zubereiteten Nahrung hatte keine der Frauen genügend Muttermilch. Die Kinder wurden durch eine besonders zubereitete Kost ernährt, die reichlich und gut war. Ob es dennoch diese Kost war oder der Nebel und das künstliche Licht, genug, am Anfang des dritten Lebensjahres trat für alle Kinder eine kritische, ja lebensgefährliche Periode ein: der Kopf schwoll an, und ein unwiderstehliches Schlafverlangen machte sich geltend. Wenn das Kind diese Periode nicht überstand, begann ein stilles Hinwelken, von dem das Kind langsam in den Tod hinüberglitt, wie eine Treibhauspflanze, die hinwelkt. Das anscheinend so unmenschliche Gesetz, durch das das Kind der Mutter gleich genommen wurde, diente dennoch, wie alles auf der Nebelinsel, wohlüberlegten, klugen und weitreichenden Zielen. Erstens wurden Neid und Mißgunst dadurch ausgeschlossen, denn die Mütter, die erst ein halbes Jahr nach der Geburt, und dann nur an bestimmten Tagen, Zutritt zu den Gemeinschaftssälen des Staatserziehungsheimes bekamen, konnten nicht wissen, welches Kind aus der Menge das ihre war. Die Folge davon war, daß die Liebe zum eigenen Kinde auf ganz natürliche Weise zu Liebe zum Menschen im Entstehen wurde. Wollte man gut gegen das eigene Kind sein, mußte man Güte für alle haben. Zweitens wurde der Schmerz über die Ausmerzung der mißglückten und defekten Kinder gemildert, die man aus Staatsgründen für notwendig hielt: denn das betreffende Kind brauchte ja nicht das eigene zu sein, um so mehr als jede Mutter sich weigert zu glauben, daß gerade ihr Kind minderwertig ist. Außerdem, wenn die kritischen Jahre kamen, mit den bekannten, gefährlichen Symptomen, dann ging man Klagen der Mütter über die Pflege aus dem Wege. Wenn keine Mutter wußte, ob das kleine Wesen, das vor ihr saß und den Kopf hing, ohne an dem Spiel der anderen teilzunehmen, das ihre oder ein anderes war, dann wurde auch hier die Mutterliebe zu Fürsorge für die kranken Kinder im allgemeinen, und jede Mutter sah den Pflegerinnen im gemeinsamen Interesse für die gemeinsame Nachkommenschaft auf die Finger, was wiederum mit den Interessen des Staates übereinstimmte und jede staatliche Kontrolle überflüssig machte. Die Königin war im Hause ihrer Eltern, die zu einem Königsgeschlecht der Insel gehörten, von einer alten Dienerin großgezogen worden. Als nun durch Gesetz die Staatserziehung eingeführt wurde – die Königin war damals halb erwachsen – hatte diese erprobte Dienerin durch den Einfluß ihrer Familie eine Stellung als Oberpflegerin der ersten Pflegeklasse erhalten. Die Königin war inzwischen herangewachsen und wenige Jahre später vom Kronrat als Regent ausersehen worden. Wieder ein Jahr später war sie als werdende Mutter an die Reihe gekommen. Und da es ihr Vorrecht war, hatte sie sich den schönsten und edelsten Mann aus der Gruppe zum Gatten erwählt. In der Nacht, als sie ihr kleines Mädchen zur Welt brachte, war ihre alte Pflegerin gekommen, um, wie es ihre Pflicht war, das Kind mit in die Erziehungsanstalt zu nehmen. Da aber hatte die Königin die Alte gebeten, das Kind zu kennzeichnen, damit sie es von anderen unterscheiden könnte. Denn der Gedanke, daß sie, wie das Gesetz es gebot, nicht wissen sollte, welches Kind das ihre sei, kränkte ihren Stolz aufs tiefste. Darum hatte die Alte dem Kinde auf der linken Schulter mit einer glühenden Nadel ein Mal eingebrannt. Auf diese Weise konnte die Mutter, wenn sie als Königin die Staatserziehungsanstalt inspizierte, ihrem Kinde durch die Jahre folgen. Die alte Pflegerin sorgte dafür, daß das Kind immer in der ersten Reihe stand, so daß es dem Gefolge nicht auffiel, daß die Königin es in ihre Arme schloß. Als nun das Ende des dritten Jahres sich näherte und die Königin bei ihren Besuchen sah, daß die bekannten Symptome sich bei den Gleichaltrigen zu melden begannen, fürchtete sie, daß sie ihr Kind nie wieder zu sehen bekommen würde. Sie entschloß sich, die Pflegerin unter einem dienstlichen Vorwand zu sich kommen zu lassen, und überredete sie, das Kind in eine Krankenstube zu bringen, wo sie selbst die Oberaufsicht führte, dann den Tod des Kindes anzuzeigen und statt seiner ein totes Kind den Leichenverbrennern auszuliefern. Seit jener Zeit hatte sie das Kind heimlich bei sich gehabt, und zwar in dem Raum, der mein Gefängnis geworden war. Da, eines Abends, als sie hereinkam, um dem Kinde gute Nacht zu sagen, begann die Kleine auf ihrem Schoß zu jammern, und der Kopf fiel kraftlos gegen die Brust der Mutter. Kurz darauf kam es wieder zu Kräften, am nächsten Morgen aber waren die Lider geschwollen, und das Kind wollte beständig den Kopf anlehnen und schlafen. Die Pflegerin kam so oft, wie sie konnte; aber sie konnte auch nicht helfen. Bald wurden die Atemzüge hastig und röchelnd, und dann ging es schnell bergab. Die Oberpflegerin, die aus unzähligen anderen Fällen Erfahrungen gesammelt hatte, sah, daß hier keine Rettung möglich sei. Doch wagte sie es der Mutter nicht zu sagen. Fast jeden Abend und jede Nacht verbrachte sie beim Kinde. Da brach eine Epidemie in der Abteilung der alten Pflegerin aus, die Krankenstube war überfüllt, und an einem besonders kritischen Abend konnte sie ihre Pflegebefohlenen nicht verlassen, weil der Chefarzt sich persönlich angemeldet hatte. Die Königin schützte Unwohlsein vor und verbot jeden Zutritt zum Königinzimmer. Als es Nacht wurde, nahm sie das Kind zu sich. Sie bettete es in dem tiefen Lehnstuhl neben ihrem Arbeitstisch, damit sie jede Regung in dem bleichen, ausdruckslosen Gesicht verfolgen konnte. Wie das Kind dort mit dem großen Kopf so hilflos auf dem Kissen lag und röchelnd atmete, schlug es mit Beschwer die geschwollenen Lider zur Mutter auf, als ob es sagen wollte: »Siehst du nicht, wie ich leide – warum hilfst du mir nicht?« Die Königin, die Höchste der Nebelinsel, begegnete zum erstenmal der Grenze ihrer Macht. Einer niederdrückenden eisigen Ohnmacht, als ob eine Hand auf ihrer Schulter läge und sie niederhielte. Zwar wußte sie, daß der Tod über ihr stand, aber noch war er ihr nie persönlich entgegengetreten. Jetzt empfand sie ihn wie einen Feind, der sich unsichtbar durch den Raum näherte und die Hand nach ihrem Kinde ausstreckte. Wie eine Rasende fuhr sie auf und warf sich auf den Stuhl, um die Hand zu hindern, das Kind zu berühren. Da erklang ein Stöhnen aus der Brust des Kindes, während große Schweißtropfen auf der Stirn perlten. Der Kinderkörper wurde von einem furchtbaren Kälteschauer geschüttelt, als ob die Hand des Todes es dennoch berührt habe. Voller Verzweiflung wehrte sich die Königin mit den Armen – gegen wen? gegen was? – warf sich dann neben dem Kinde auf die Knie und flehte um sein Leben, obgleich sie gar nicht wußte, was beten war, noch zu wem sie beten sollte. Sie, die seit ihren Kinderjahren nicht geweint hatte, fühlte, wie heiße Tränen ihr übers Gesicht strömten. 8. Er, der sich ›Zünder‹ nannte Da spürte sie jemanden in ihrer Nähe; sie blickte auf und sieh, hinter ihrem Stuhl stand ein Mann und betrachtete sie mit einer lodernden Flamme in den Augen. »Wer bist du?« fragte sie und erhob sich von ihren Knien. »Ich bin der ›Zünder‹ – ich zünde und ich diene.« »Kommst du vom Tode?« »Ich komme vom Lichte, das über dem Nebel brennt und nicht sterben kann. Wer es empfängt, lebt ewig.« Jetzt war sie wieder Königin. Sie schämte sich ihrer Tränen und sagte stolzerhobenen Hauptes: »Das sind Worte eines Aufrührers. Es gibt nichts außer Klippe, Meer und Nebel.« »Es gibt nichts, außer Leben und Tod.« »Das Leben gehört uns. Wir ordnen es, wie es uns dienlich ist. Und den Tod rufen wir zu unserer Befreiung, wenn wir des Lebens müde sind.« »Und das Leben deines Kindes?« Er hatte ihre Schwäche gesehen, darum fragte er. Das Kind aber lag ganz still und lauschte, atmete ruhig, als ob die Krise überstanden sei. »Ich will diesen Turm so hoch heben, daß er über den Nebel hinausragt,« sagte sie, »und ich werde dir zeigen, was es mit deinem Licht für eine Bewandtnis hat.« »So hebe den Turm,« sagte er lächelnd. Sie sah ihn verblüfft an und antwortete: »Dazu gehört Zeit, wie du weißt, Arbeiter und Werkzeug.« »Ich kann ihn ohne alles das heben.« Im selben Augenblick fühlte sie, wie der Boden sich unter ihr hob. Sie griff nach dem Stuhl. In einem Wirbel, einem Brausen, das ihr die Besinnung raubte, wurde sie aufwärtsgeführt, bis ein blendendes Licht, um vieles stärker als die Turmsonne, auf sie herabflutete, so daß sie ihre Augen bedecken mußte. Kaum kehrte ihr die Besinnung zurück, als der Boden ihr unter den Füßen entwich und sie wieder nach unten sauste. Sie schlug die Augen auf. Von dem Feuerrad geblendet, das noch vor ihrem Blick wirbelte, dauerte es eine Weile, bis sie wußte, wo sie sich befand. In dem Augenblick aber, als sie sich in ihrem eigenen Zimmer wiedergefunden hatte, wußte sie auch, daß es nur eine Augenverblendung gewesen war, die ein stärkeres Gemüt ihrem Gehirn aufgezwungen hatte. Das Blut brauste in ihr vor Zorn über die Demütigung. Sie griff nach dem ›Todbringer‹, der immer auf ihrem Tisch bereit lag, um zu vergelten – Da stieß das Kind einen Angstschrei aus, oder war es Schmerz? Die Königin ließ die Waffe sinken und warf sich über das Kind – Das Kind hielt die Hände gegen die Augen gepreßt. Es weinte nicht, es klagte nicht. Die Mutter faßte die Händchen mit klopfendem Herzen, als sie sie aber von den Augen zurückgezogen hatte, sah sie ein Lächeln um den Kindermund. Als sie aber den Blick in den großen Augen sah, fuhr sie zurück; in jedem brannte ein Schimmer von dem Licht, das sie soeben geblendet hatte – Das Licht, das kam und schwand, – in dem Auge des Kindes war es festgehalten worden. Zornig wollte sie sich an den Fremden wenden, aber er war ebenso plötzlich verschwunden, wie er gekommen war. Sie beugte sich über das Kind in ihrem Schoß und schwieg. »Wie sah er aus?« fragte ich, »er, der sich ›Zünder‹ nannte?« Sie hob den Kopf, als suche sie sein Bild im Raum. »Ich weiß nicht,« antwortete sie, »ich sah nur seine Augen.« Von jenem Tage an aber gesundete das Kind. Der Kopf richtete sich auf, die Lider schwollen ab; das Gemüt des Kindes aber war verändert, als ob es an einer Sehnsucht trüge. Der Nebel, worin und zu dem es geboren, verursachte ihm Qual. Blickte es durch die Glaswand, klagte es über Dunkelheit. Die Mutter sah ein, daß der Fremde ihr Kind vom Tode gerettet, es ihr aber gleichzeitig genommen hatte. Das Lächeln der Kleinen hatte sich von ihr und dem Nebel abgewandt. Und die Königin hatte diesen Raum unter der Erde bauen lassen, ohne Fenster, so daß kein Nebel hindurchdringen konnte; sogar die Luft wurde filtriert, bevor sie hereingelangte. Sie ließ den Raum mit einem blendenden Licht füllen, das alle dunklen Winkel durchdrang. Nur wenn das Kind schlief, wurde das Licht gedämpft. Sie schmückte den Raum mit all der Augen- und Sinnenlust, die sie sich nur ausdenken konnte. Daher die rieselnden Quellen, die blitzenden Edelsteine, die phantastisch bekleideten Grotten, die läutenden Schellen. Aber es war alles umsonst. Nichts konnte die Sehnsucht im Gemüt des Kindes und den Funken in seinen Augen löschen. Wieder und wieder erinnerte die Mutter sich der Worte des Fremden: wer das Licht empfängt, wird ewig leben. Und sie begriff schließlich, daß das Kind das ewige Leben bereits begonnen hatte, während sie, die Mutter, die Königin der Insel, dem Tode geweiht war. Und gleichzeitig begriff sie, daß der Funke entweder in den Augen des Kindes gelöscht oder auch in den ihren entzündet werden müßte, sollten sie nicht auf ewig voneinander getrennt sein. Wie dies aber geschehen konnte, das ahnte sie nicht. Niemandem wagte sie sich anzuvertrauen, nicht einmal der alten Pflegerin. Keinem auf der Insel wagte sie, die Königin, von dem Fremden zu erzählen, von dem Wunder, das er verrichtet, von dem Lichte, das er dem Kinde als Mittel gegen den Tod gegeben hatte. Denn vielleicht würden die Nebelbewohner an das Wunder glauben und nach dem Licht, das vor dem Tode schützt, greifen und verlangen, daß sie, die Königin, die sich gegen das Gesetz vergangen hatte, sie aus dem Nebel herausführen sollte. Und wenn sie es nicht konnte oder wollte, würde man sie vielleicht entthronen und töten. Denn wer würde nicht gern das tote Licht hergeben, wenn er dafür das lebendige erlangen konnte, das vorm Tode schützte? »Dir allein,« so schloß die Königin, »wage ich es zu erzählen. Du gehörst nicht zu uns und bist in Gewahrsam. Und wenn du mich trotzdem verrätst, werde ich dich töten lassen und dem Volke verkünden, daß du, Frucht unserer Versuche, solch verwirrtes Gehirn offenbart hattest, daß wir gezwungen waren, es zu vernichten. Ich habe aber einen bestimmten Grund, weshalb ich dich einweihe: ich will dich gebrauchen. Ich sah gleich beim ersten Blick, daß dein Auge anders war als das der Nebelbewohner. In deinem Auge sah ich einen Schimmer desselben Lichtes wie in dem meines Kindes. Darum nehme ich an, daß du irgendeine Verbindung mit dem ›Zünder‹ hast. Und als wir in diesen Raum traten, sah ich, was ich erwartete und was ich feststellen wollte: mein Kind kam dir entgegen, als ob es dich kenne oder als ob du ihm Botschaft brächtest von einem teuren Ort, wohin es sich sehnt. Bevor ich dich aber in mein Vorhaben einweihe, sollst du mir alles sagen, was du vom Lichte weißt, das nicht sterben kann und ein Mittel gegen den Tod ist. Ich will wissen, wie es in jenen Gegenden aussieht, wo es brennt, und wie man dort lebt.« Sie wies mir einen Platz auf einer Bank in der Steingrotte an. Ich überlegte. Und in der tiefen Stille tauchten meine Kindheit und mein Vaterhaus vor mir auf. Ich erinnerte mich all der jungen frohen Wünsche, ich erinnerte mich der Märchen und Sommerfreuden aus Feld und Wald. Alles was unter dem Licht der Sonne glücklich und lebendig war, rief ich mir ins Gedächtnis zurück und versuchte es ihr, die nie etwas anderes als Klippe, Meer und Nebel gekannt hatte, klarzumachen. Das Kind, das kein Auge von mir verwandte, glitt still von dem Schoß der Mutter, trat zu mir und legte die Hand auf mein Knie. Ich nahm das Händchen. Und Worte von dem Licht, wie ich es gekannt hatte, strömten mir von selbst aus dem Herzen. »Unter diesem Lichte blühen unsere Frauen und Kinder, reifen unsere Früchte. Aus dem lebendigen Licht entstehen Bäume, so hoch wie deine Häuser, und sie tragen Früchte, süß und frisch, die wir so essen, wie sie uns gespendet werden. Auch wir besitzen Büsche und Pflanzen, wie eure Klippendecker, das Licht aber entlockt ihnen Blumen –« »Was sind Blumen?« »Wie soll ich es dir erklären? – Es sind Edelsteine, die in allen Farben schillern wie die, die deine Grotte schmücken, mit denen dein Kind nicht spielen mag. Die Blumen aber sind lebendige Edelsteine, weich und kühl und glatt wie die Hand und Wange deines Kindes. Und jede Blume hat ihren Duft, der ist so etwas Wunderbares, daß ich nichts finden kann, womit ich ihn unter deinem ehrwürdigen Nebel vergleichen soll. Nur eines weiß ich: mit ihnen würde dein Kind gern spielen, denn sie erfreuen das Auge und machen das Gemüt leicht. Im Nebel aber können sie nicht gedeihen, nur im lebendigen Lichte und in dem Schatten, der dem Lichte wie ein Sklave folgt. Und dies lebendige Licht ist wie eine Kugel aus glühendem Gold, ein leuchtendes Auge, das über den Himmel rollt und über Dinge wacht, die es erreichen kann, wenn euer Nebel nicht dazwischen ist. Wo etwas von diesem Licht auf Erden hinträufelt, da keimen mannigfache, wundersame Pflanzen, die jeden Tag ein Stückchen wachsen, um in Schönheit, Wärme und Duft den Glanz zurückzugeben. Weil alles, was es berührt; lebt, darum glaube ich, wird es das lebendige Licht genannt. Wem dies Licht durch das Auge dringt und im Herzen Wurzel schlägt, wie bei deinem Kinde, dessen Gemüt wird über den ehrwürdigen Nebel emporgehoben – das nennen die Menschen des Lichtes Glauben! Das Licht entfaltet sich im Gemüt und umspannt eine Gewißheit, größer als alle Weisheit der Nebelbewohner – das nennen sie Hoffnung! Und es füllt das Gemüt mit einer Kraft, größer als die, mit der ihr eure Insel umgeben habt, um euren ehrwürdigen Nebel zu erhalten, größer als die Willenskraft, mit dem du deinen Turm im Nebel erbaut, stärker als der schöne Trotz, mit dem du den Zinnenberg von deiner Nebelinsel getrennt hast, obgleich sie zusammengewachsen sind – und diese Kraft nennen sie Liebe! Durch sie wird Weisheit und Macht in einem Wesen vervollkommnet, und durch sie allein – so denke ich mir – hat der ›Zünder‹ es vermocht, ohne Zeit, Werkzeug und Arbeit, deinen Turm über den Nebel emporzuheben.« Sie gebot mir zu schweigen. Das Dunkel ihrer Augen drohte mir, und sie sagte: »Du kränkst die Majestät der Insel mit deiner törichten Rede. Ich müßte dich strafen und dich zu dem öden unfruchtbaren Berg verbannen, von wo du gekommen bist und den du dich erdreistest auf Kosten der Nebelinsel zu preisen. Gut, du sollst dorthin zurückkehren. Doch nicht zur Strafe. Du sagst ja selbst, daß das Land herrlich ist. In Gnaden will ich dich dorthin entsenden, du sollst Botschaft bringen an den Fremden, der sich ›Zünder‹ nannte. Über den Pfad der Verbannten, durch den Felsenweg sollst du dich zum Berge hindurcharbeiten und nicht rasten, bevor du ihn gefunden hast. Du sollst erfahren, ob das Wunder nur Blendwerk und Verzauberung war. Wenn das der Fall ist, sollst du mit ihm handeln, damit er die Verzauberung von den Augen meines Kindes nimmt. Wenn es aber wirklich eine Kraft über dem Nebel gibt, ein Licht, von dem auch du berichtest, dann sollst du mir heimliche Botschaft bringen. Dann will ich zu ihm gehen und meine Gewalt mit der seinen vereinen, damit er auch mir von dem ewigen Licht gebe und ich ewig leben kann, mit meinem Kinde.« »Der Felsenweg?« fragte ich beunruhigt. »Ist eine natürliche Spalte, die sich durch den harten Fels gefressen hat, wie eine Krankheit. Der Weg ist schwierig und gefährlich. Von den vielen, die dazu verdammt wurden, ihn zu gehen, ist mal einer kriechend, wie ein vierbeiniges Wesen, zurückgekehrt. Vor kurzem aber habe ich den Pfad glätten und mit einer Leitung versehen lassen, die zu einem Sprengkontakt im Königinzimmer führt, damit ich den Berg und alle Verbannten in meiner Hand halte.« »Und wenn der Fremde, der sich ›Zünder‹ nennt, sich weigert?« »Dann drücke ich auf den Kontakt, vernichte ihn und den Berg und lösche das Licht.« Es gab nichts zu überlegen. Sie hatte mich ja nicht um meine Einwilligung gebeten. »Wann soll ich mich auf die Wanderung begeben?« »Wenn du Bescheid bekommst.« »Und Toko, mein Kamerad?« fragte ich besorgt. »Ihn behalte ich als Geisel, bis du zurückkommst.« Seit jenem Tage bewies sie mir immer größeres Vertrauen. Jeden Morgen öffnete mein Gefängniswärter die Tür zum Königinzimmer. Wir sprachen unter vier Augen zusammen, vielleicht eine halbe, vielleicht eine ganze Stunde. Alles, was ich von der Nebelinsel weiß, habe ich in diesen Morgenstunden erfahren. Das Kind aber bekam ich nicht wieder zu Gesicht. 9. Durch den Berg, den unfruchtbaren und öden Eines Nachmittags stand der Wächter unangemeldet in meiner Kammer. Er zog mir einen Kittel aus schwererem Stoff an und füllte alle Taschen mit Eßstangen. An dem Sprachapparat an meiner linken Seite wurde eine elektrische Lampe befestigt. Darauf verband er mir die Augen. Mit dem Fahrstuhl wurde ich nach unten gefahren und, wie mir schien, durch einen unterirdischen Gang zur Stadtmauer geführt. Nachdem wir derselben eine Strecke gefolgt waren, machten wir halt, und man nahm mir die Binde von den Augen. Ich sah, daß wir in einem Winkel standen, der von der Mauer und einem schweren Stützpfeiler gebildet wurde. Mehr konnte ich wegen der Wache, die im Kreise um mich herumstand, nicht sehen. Zu meinen Füßen war eine Öffnung, von wo aus Stufen, in den Stein roh eingehauen, zu einem pechschwarzen Raum hinabführten. Ich zündete meine Laterne an und begann den Abstieg. Darauf hörte ich, wie ein Deckel über mir zugeklappt wurde, und befand mich erbarmungslos mit meiner Aufgabe allein. Obgleich ich wußte, daß ich nur auf meinem Apparat zu spielen brauchte, um mit der Königin selbst in Verbindung zu kommen, trotz Minengang und Deckel, war ich doch einige Minuten ganz mutlos. Wie würde dies alles enden? Im ersten Augenblick überlegte ich, ob ich nicht gestehen sollte, daß ich gelogen, daß ich meine Füße nie auf den Berg gesetzt hätte, daß ich ebensowenig von der Bevölkerung, dem Leben des Berges und dem Licht, von dem der Fremde ihr erzählt hatte, wie sie selbst wußte. Doch kannte ich sie bereits genug, um zu wissen, daß sie für alles andere als ihr Kind ohne menschliches Gefühl war. Ihr Gehirn war eine Verstandesmaschine, ein Mechanismus, der die Führung, die Ruhe und Wohlfahrt der Nebelinsel versorgte, eine fein konstruierte Maschine, deren Räder ineinandergriffen, weil sie mußten und nicht anders konnten. Ich selbst war solch ein kleines Rad geworden, das in Bewegung gesetzt worden war und entweder seiner Bestimmung nach kreisen oder entfernt werden mußte. Zuerst führte der Weg geradeaus, ohne Vorsprünge im Gestein. Bald aber lagen lose Steine herum, so daß ich mit meiner Laterne den Boden ableuchten mußte. Dann begann er zu steigen, wurde steiler und steiler, während die Luft gleichzeitig so schlecht wurde, daß ich kaum zu atmen vermochte. Der Raum wurde enger; und indem ich einem Buckel in der Felswand auswich, den ich erst im letzten Augenblick gesehen hatte, stolperte ich und griff in etwas Hartes, das unter meiner Hand zerbrach. Ich fühlte etwas Lebendes, richtete meine Lampe darauf und sah, daß es ein Schädel war. Meine Finger saßen in den Augenhöhlen fest, den Nasenstummel hatte ich eingedrückt, und aus der Gehirnschale wimmelte Ungeziefer über meine Hand. Je mehr der Boden anstieg, desto müder wurde ich und desto schwerer ging mein Atem. Schließlich setzte ich mich auf einen Felsenvorsprung, um mich auszuruhen. Während ich dort saß, spürte ich ein Zittern durch den Felsen. Er bebte, als ob die Erzkräfte des Berges sich unter Hochdruck befänden. Ich fühlte es durch den ganzen Körper, bis in die Fingerspitzen hinein, als ob ungeheure Kräfte hier mitten im Kern des Berges mit schweren Fesseln gebunden seien, die drauf und dran waren, sich zu befreien. Da fiel mir ein, was die Königin mir von der Mine und Leitung gesagt hatte, und der Angstschweiß brach mir aus allen Poren. Vielleicht geschah ein Unglück, und ich würde nur ein Atom zwischen Bergstaub werden. Vielleicht war das Ganze nur eine Falle gewesen. Bereute die Königin vielleicht, daß sie mir die Gesetzesübertretung, die sie aus Liebe zu ihrem Kinde begangen, anvertraut hatte? Hatte sie nur diesen Ausweg gewählt, um sich meiner zu entledigen und sich gleichzeitig von all dem zu befreien, was der Berg ihr an Ärgernis bereitete? Es war ein unerträglicher Gedanke, ich hütete mich wohl, ihn zu Ende zu denken, und begann mit Hilfe meiner Lampe nach dem Leitungsdraht zu suchen. Als ich ihn gefunden und mich davon überzeugt hatte, daß er unbeschützt längs der Felswand lief, sah ich ein, daß ich ihn schon oftmals, ohne es zu wissen und ohne daß es mir geschadet hatte, berührt haben mußte. Darum faßte ich ihn jetzt entschlossen an, und es glückte mir, ihn mit einem scharfen Stein durchzufeilen. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus: jetzt konnte der Strom nicht mehr geschlossen werden; weder durch Zufall noch mit Absicht konnte mein Leben mit dem Berge und allem, was dazu gehörte, zugrunde gehen. Mit dieser Beruhigung schlief ich ein. Als ich erwachte, hatte ich frische Kräfte gesammelt. Es war kühler geworden, die Luft wurde leichter, ich konnte ohne Druck atmen. Ich stolperte über etwas, das sich wie Erde anfühlte, und sah beim Schein meiner Lampe, daß es die weiche Masse von einem längst verwesten Wesen war, vielleicht die Reste eines Ausgestoßenen, der kurz vorm Ziele zusammengebrochen war. Nach wenigen Minuten sah ich Licht vor mir; und lange dauerte es nicht, da fühlte ich frischen Luftzug. Ich kroch aus dem Gang heraus und befand mich unter freiem Himmel auf einem steilen, steinigen Bergpfad, der durch ein dichtes Gehölz von starrem Buschwerk führte. Über mir aber sah ich zu meiner unsagbaren Freude den hohen, klaren Himmel, und unter mir blickte ich in den Nebel, der den Berg bis zur Hälfte einhüllte. Auf dieser Seite des Berges, die dem Meere und seinen Winden zugekehrt war, waren die Nebel in ständiger Bewegung. Während ich noch hinabblickte, zerrissen die Nebel, und durch das Loch sah ich tief unten am Fuße des Berges das Meer, das blaue, das sich an der steilen Felswand brach, mit Schaumflächen auf seinem Rücken. An der Grenze des Nebelmeeres riß sich ein mächtiger Fetzen los, und durch die Öffnung konnte ich einen Schimmer des offenen Meeres weit draußen erkennen, und an der Färbung sah ich, daß die Sonne im Begriff war unterzugehen. Darauf begann ich meine Wanderung ins Ungewisse über den steinigen Pfad. Nachdem ich ein Stück gestiegen war, erblickte ich auf einem Vorsprung in der Felswand den Giebel einer Steinhütte und hörte den Laut einer Hacke gegen Stein und Gesang zum Takt der Schläge. Ein Mann richtete sich langsam von der schweren Arbeit auf. Ich begegnete seinen Augen und sah zu meinem Staunen, daß sie in der abendklaren Luft leuchteten, als ob in jedem eine kleine Fackel brannte. Nach einer Weile sah ich wieder eine Steinhütte, größer als die erste. Auch von dort erklang das Hacken und der einförmige Abendgesang. Und auch dort erhob sich ein Kopf mit Glanz in den Augen. Durch ein Loch im Nebel kam die untergehende Sonne zum Vorschein. Die Bergwand über meinem Kopf lag in rosigem Schein. Und indem der Nebel sich wieder schloß, sah ich, wie ein junger bartloser Mann sich nach dem letzten verblassenden Strahl umdrehte; über seiner Stirn flackerte eine kleine lebendige Flamme im Zugwind. Der Pfad war so steil, daß die Zinne und der ganze obere Teil des Berges vor meinem Blick verborgen war; doch fühlte ich, daß das lebendige Licht, von dem der Fremde gesprochen hatte, sich irgendwo dort oben befinden müsse. Eine seltsame Ungeduld ergriff von mir Besitz. Ich spürte keine Müdigkeit mehr, und trotz der zunehmenden Dunkelheit und des steinigen Pfades schritt ich schnell bergan. Von überall aus dem Gehölz blinkten kleine Lichter wie leuchtende Insekten. Das Geräusch der Hacken aber ertönte nicht mehr, und ich fühlte, daß überall dort, wo das Licht leuchtete, ein glücklicher Mann stand und Feierabend in seiner ärmlichen Hütte hielt. Auf dem steilen Pfade kam mir eine junge Frau entgegen. Mit beiden Händen trug sie etwas so behutsam, als sei es das Herz ihres Kindes. Sie nickte und lächelte und wanderte weiter mit ihrem Schatz. Jetzt rundete der Bergpfad sich; kaum aber war ich um die Biegung gekommen, als ich einen freien Ausblick ganz bis zum Gipfel des Berges hinauf hatte. Da sah ich hoch oben Flamme neben Flamme, übereinander und untereinander, Flammen, die still standen und Flammen, die sich bewegten. An der höchsten Stelle aber erhob sich ein Ständer über einer weißen Mauer und einer dunklen Kuppel, und an jedem Arm des Ständers zählte ich sieben große Fackeln, die sich zum funkelnden Himmel reckten. Verwundert fragte ich mich selbst: Ist dies wirklich der unfruchtbare und öde Berg, den alle auf der Nebelinsel verfluchen und fürchten? Je mehr ich mich dem Gipfel näherte, desto lebendiger wurden die Dinge um mich herum. Alle Konturen bebten seltsam im Fackelschein, und der Nacht Dunkelheit brach. Überall sah ich Männer und Frauen nach dem schweren Tage im Gebet gebeugt. Auch ich fühlte das Verlangen, niederzuknien, denn auch ich hatte einen schweren Tag gehabt, auch ich wollte beten. Das war das Werk des Lichtes. 10. Unter dem lebendigen Licht Als ich erwachte, war es tiefe Nacht. Ich lag am Fuße einer steilen Treppe, die in den nackten Felsen eingehauen war. Am Ende der Treppe war die weiße Mauer, die ich schon lange in der Ferne gesehen hatte. Ich eilte zu ihr hinauf. Der Aufstieg über die roh ausgehauenen Stufen war beschwerlich, und ich geriet ganz außer Atem, bevor ich die Terrasse vor der Mauer erreicht hatte. Darüber wölbte sich die dunkle Kuppel, und darüber wiederum flammten die sieben großen Fackeln auf jeder Seite des Ständers. Eine dunkle Tür war in der weißen Mauer, die dem Flügel eines Klosters glich. Hier wohnt ein Mönch, dachte ich, und da ich Licht hinter einem Guckloch hoch oben sah, klopfte ich an. Die Tür wurde geöffnet, und eine Hand zog mich über die Schwelle. Es war kein Greis mit klugen Augen in einem kindlich milden Gesicht, wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern ein Mann in seinen besten Jahren in einem langen, weißen Talar. Indem sein Blick auf mir ruhte, mußte ich mich der Worte der Königin erinnern, als ich sie nach dem Aussehen des Fremden gefragt hatte: »Ich weiß nicht, ich sah nur seine Augen.« Ja, ich sah nur seine Augen, und ich wußte, daß ich vor ihm stand, den ich suchte. »Du bist bei der Königin der Nebelinsel gewesen,« sagte ich, »du bist der ›Zünder‹. Und nun sehe ich, daß du der Wächter des Lichtes bist.« »Komm!« antwortete er, nahm wieder meine Hand und führte mich über die Terrasse zu der Seite des Gipfels, die der Insel zugewandt war. Unter uns lag der Nebel wie eine Mondlandschaft mit helleren und dunkleren Schatten zwischen ausgebrannten Kratern. An einer Stelle war eine runde Dämmerung, als ob der Vollmond darunter stände und sein Licht hindurchzwänge. Und ich begriff, daß es die Stelle war, wo die Turmsonne hoch über der Stadt ihr künstliches Licht gegen die Nebeldecke sandte. Er führte mich durch eine dunkle Wölbung und über mehrere Stufen eine Wendeltreppe hinauf. Dann öffnete er eine schmale Tür, und wir traten auf eine Galerie, die um die Innenseite der Kuppel führte. Über uns verlor die hohe Wölbung sich in Dunkelheit, und unter uns war ein Kirchenraum, dessen Boden wie ein Garten aussah. Da waren Beete in regelmäßigen Vierecken, durch schmale Wege voneinander getrennt: in den Beeten aber wuchsen statt Blumen Lichter. Ein Windhauch strich über die Beete, und die Flammen flackerten. Dort verlöschte eine Flamme wie eine Blume, die gebrochen wird und stirbt, hier wurde eine Flamme niedergehalten wie eine Seele, die vom Leben gebeugt ist. Kaum aber legte der Wind sich, als auch die Flamme sich wieder zur vollen Höhe aufrichtete. Ergeht es einer Seele ebenso? dachte ich, oder kann sie so lange niedergehalten werden, bis sie sich nicht mehr aufzurichten vermag? Ich sah den Mann, der sich ›Zünder‹ nannte, fragend an. »Für jeden,« sagte er, »der sich durch Arbeit und Gebet zur Zinne hinaufkämpft, wird eine Flamme entzündet. Das sind die Lichter, die du hier im Kuppelgarten siehst; aber auch aus der eigenen Zinne des Menschen bricht Licht hervor, – das ist die Flamme, die du auf seiner Stirn siehst. Jeder, dessen Licht hier brennt, kann sich ein brennendes Scheit davon holen und zum Dach seines Hauses tragen, damit es über seinem Heim, seiner Arbeit und seinen Kindern leuchtet. Es sind Flammen des lebendigen Lichtes.« »Und wo befindet sich dieses Licht?« »Komm!« sagte er und zeigte mir den Weg. Wir gingen längs der Galerie, bis wir zu einer Tür auf der gegenüberliegenden Seite kamen. Durch diese traten wir auf den äußeren Rundgang der Kuppel hinaus. Im selben Augenblick aber wurde ich so geblendet, daß ich meinen Kopf tief senken mußte. Lange dauerte es, bevor ich, die Hände vor den Augen, meinen Blick zu heben wagte. Da sah ich, daß der Lichtständer über der Kuppel, den ich von unten gesehen hatte, ein Kreuz war, ein einfaches Holzkreuz, von dessen Seitenarmen sieben Riesenflammen in den dunklen Himmel züngelten. Mir schwindelte, ich griff durch die Luft, um nicht zu fallen, und meine Hand traf die des ›Zünders‹, der neben mir auf den Knien lag. Ich fühlte mich zu ihm hinabgezogen und blieb in Angst und Beben neben ihm liegen; schließlich erhob er sich. Wir kehrten denselben Weg zurück, den wir gekommen waren, bis wir wieder auf der inneren Galerie standen und über den Kirchengarten blickten. »Entzünde auch mir ein Licht,« bat ich. Er betrachtete mich lange aufmerksam, führte mich darauf in den Kirchenraum hinunter zu einer der Säulen, die die Kuppel trugen. Ich hielt sein Schweigen für Ablehnung und mußte mir selbst mit einem Seufzer gestehen, daß ich eigentlich kein Licht verdient hatte. Hatte ich mir meine Arbeit je sauer werden lassen, und wie stand es mit Gebeten?! Da beugte er sich herab, öffnete eine Luke am Fuß der Säule und sagte: »Steige diese Treppe hinab, so weit du kommen kannst. Wenn du unten kein Licht findest, dann ist keines für dich da.« Es war eine Wendeltreppe, und es war sehr dunkel. Kaum war ich unten, als die Luke über meinem Kopfe zugeschlagen wurde; und ich erschauderte wieder wie am vorhergehenden Abend an der Stadtmauer. Meine Lampe wagte ich nicht anzuzünden, weil ich fürchtete, daß ich das Licht übersehen könnte; denn davon war ich überzeugt, wenn überhaupt ein Licht für mich brennen würde, dann konnte es nur ganz klein sein. Immer weiter nach unten, beständig im Wendelgang, und noch immer kein Licht. Endlich hatte die Treppe ein Ende. Als ich mich aber mit dem Fuße vorwärtsfühlte, fand ich eine Öffnung daneben wie einen Schacht, an dessen Seite Stufen ausgehauen waren. Ich rief »Hallo!« und bekam Antwort von so tief unten, daß mir der Mut sank. Nach einigen Minuten des Zögerns aber setzte ich dennoch den Abstieg fort, und nachdem ich noch ein gutes Stück hinabgestiegen war, tauchte wirklich eine Dämmerung unter mir auf. Mein Herz klopfte so laut, daß ich es in der großen Stille hören konnte. Die Hoffnung gab mir frische Kräfte. Noch ein Stück, und die Dämmerung wurde zu einem kleinen blanken Lichtreflex, den ich für den Spiegel eines Grundwassers hielt, der von irgendeiner Öffnung, die ich finden mußte, Licht bekam. Noch ein Stück – und das Blut erstarrte mir in den Adern! Denn was ich dort unten sah, war kein Wasserspiegel, sondern ein blankes Auge, das mir entgegenblickte – »Ali!« rief ich, im Innersten tief ergriffen. Alles drehte sich vor meinem Blick. Ich klammerte mich mit Händen und Füßen an die kahlen Stufen, um nicht zu fallen. Dann weiß ich nichts mehr. – Als ich wieder zu mir kam, saß ich noch immer gebeugt auf der Stufe, das Licht aber war entschwunden. Ich arbeitete mich nach oben, so schnell meine Kräfte es erlaubten. Schließlich stand ich wieder auf dem Absatz vor dem Schacht, ließ mir aber keine Zeit zum Ausruhen. Als ich das letzte Ende der Wendeltreppe erreicht hatte, schimmerte ein Lichtstrahl von oben herab. Es war der dämmernde Tag, der durch die Ritzen der Luke zu mir herab drang. Ich überlegte nicht, ob ich das Licht, von dem der Wächter gesprochen, gefunden hatte, – die Freude, den Tag wiederzusehen, das Leben in mir aufrechterhalten und fortgesetzt zu fühlen, erfüllte mich ganz. Kurz darauf stand ich neben der Säule im Sonnenschein, der durch die langen Fensterscheiben der Kuppel flutete. Ich hörte Schritte. Es war der Wächter, der aus seiner Zelle zu mir trat. »Ich starrte in einen tiefen Schacht,« flüsterte ich – »Es war der Brunnen deines eigenen Herzens, in den du hinabgesehen hast.« »Habe ich ein Licht bekommen?« fragte ich zaghaft. Er schien meine Worte nicht gehört zu haben und führte mich zu einer Zelle. Dort bot er mir sein Lager zum Schlafen an. 11. Wirf Berg und Insel ins Meer! Ich erwachte dadurch, daß das Geräusch vieler ferner Stimmen durch das offene Fenster drang. Ich erhob mich und trat auf die weiße Terrasse, wo die Sonne bereits wärmte. Da sah ich, wie eine Schar bewaffneter Männer mit anschließenden, grauen Helmen auf den großen Köpfen sich die steilen Stufen heraufarbeitete. Ich kannte sie nicht, als ich zu meinem größten Erstaunen den runden Kopf der Königin mit dem elfenbeinweißen Gesicht unter der blauen Mütze sah. Sie wurde heraufgetragen. Ich hörte einen bekannten Ausruf. Zwei Arme winkten mir, – Toko war es, der zwischen den letzten Kriegern ging. Seine weißen Zähne leuchteten mir vor Wiedersehensfreude entgegen. Inzwischen war der Tragstuhl mit der Königin oben angelangt. Sie stieg aus und stand auf der Terrasse. Und indem ihr Gefolge die Treppe besetzte, die im Schatten lag, trat sie auf mich zu, indem sie die Hände vor die Augen hielt. Ich sah, wie das Licht sie schmerzte, wie sie sich gedemütigt fühlte – »Ich dachte, du seist umgekommen,« sagte sie. »Warum?« »Kaum eine Stunde, nachdem du den Abstieg begonnen hattest, zeigte der Sprengungskontakt, daß die Leitung im Felsengang gestört sei.« »Ich habe sie durchschnitten.« »Warum?« »Ich fürchtete, der Strom könnte geschlossen werden.« Der Lichtwärter, der sich ›Zünder‹ nannte, kam jetzt von der anderen Seite der Terrasse. Als er auf die Königin zuging, trat sie, wie in Angst, einen Schritt zurück. Ich sah, wie sie mit sich kämpfte. Die Voraussetzungen ihrer Natur hatten ihre Grenze erreicht: sie, die unbegrenzte Herrscherin des Nebels, dem lebendigen Licht gegenüber! Sie empörte sich selbst über den Schritt der Angst, den sie in Gegenwart ihrer Untergebenen gemacht hatte. Wahrscheinlich war es der Gedanke an ihr Kind und dessen Verzauberung, der ihr schließlich die Herrschaft über sich selbst zurückgab. Ihre Stimme aber zitterte noch, als sie zu reden anhub: »Armselig ist der Berg, wie ich es vorausgesehen habe. Nur elende Hütten habe ich auf dem Pfade gesehen, nur den harten Klang der Hacke auf Stein habe ich gehört. Kein Nebelbewohner würde so leben. Und dennoch habe ich Zufriedenheit in den Augen deines Volkes gesehen.« Sie hielt inne, stellte sich mit dem Rücken gegen das Licht und ließ ihre Augen über die Bergwand schweifen, wo das Bergvolk sich auf dem Pfade hinter den Bewaffneten angesammelt hatte. Sie blickte lange in die nach aufwärts gewandten Gesichter. Vielleicht suchte sie nach bekannten Zügen, – Menschen, die sie im Laufe der Jahre nach dem Berge verbannt hatte; vielleicht fand sie sie auch. Als sie ihre Stimme wieder erhob, sprach sie mit tiefer Überlegung, mehr zu sich selbst als zu dem, der sich ›Zünder‹ nannte: »Die Menschen, die wir verbannten, waren Aufrührer; sie empörten sich gegen den Nebel und seine heiligen Gesetze. Wir verbannten sie nach dem öden und barschen Berge. Zur Strafe bekamen sie harte Arbeit, damit sie das, was sie verspielt hatten, schätzen lernten; sie essen ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts, und dennoch leuchten ihre Augen von innen heraus mit einem Glanz, den ich nicht bezeichnen kann.« »Das ist Glück.« »Gut, – du nennst es Glück.« Sie war wieder ganz Königin, Herr ihrer Stimme und Worte, als sie fortfuhr: »Die Strafe, die ich ihnen zuerteilte, hast du zu einer Belohnung umgewandelt. Ich bin den mühsamen Weg heraufgekommen, weil ich glaubte, du habest meinem Boten Gewalt angetan. Ich kam, um ihn zu rächen. Jetzt sehe ich, daß ich mir den Weg erspart haben könnte. Trotzdem bereue ich ihn nicht, denn ich habe bei dieser Gelegenheit gesehen, daß du eine Macht besitzest, die nicht geringer ist, als die meine. Höre: Ich kann deinen Leuten dieselbe Kost und Unterkunft gewähren wie meinen Nebelbewohnern, bei leichteren Arbeitsbedingungen, ohne Hacke und Arbeitsschweiß, durch Benutzung von Maschinen, die leicht zu hantieren sind, – und du sollst dafür meinen Leuten das geben, was du Glück nennst, ein Wort, das wir nicht kennen. Laß uns einen Pakt schließen: Du gibst mir und den Meinen das Licht, das du von dem Kreuze dort oben über der Kuppel entleihst –« Sie senkte die Stimme, damit ihr Gefolge die Fortsetzung nicht hören sollte – »und das du in einer Stunde der Verblendung bereits einem der Unsrigen gegeben hast. Du weißt, was ich meine –« Darauf hob sie ihre Stimme wieder: »Und ich werde dir und den Deinen die Annehmlichkeit der leichten Arbeit geben, werde dich als meinesgleichen anerkennen und zum Könige an meiner Seite machen. Ich werde die Mauer zwischen deinem Berge und meiner Insel schleifen lassen, werde meine Nebellichter, die große Turmsonne und alle kleinen Lichter auslöschen. Statt dessen sollst du Ableger deines Lichtes überall in meinem Nebel pflanzen. Die Kuppel hier aber sollen meine Leute so groß machen, daß sie ganz bis an jene Fackeln reicht, damit sie von der mächtigen Wölbung statt von jenem alten morschen Kreuz dort oben getragen werden. Und deine kleine weiße Hütte hier auf der Terrasse werde ich so herrlich ausbauen lassen, wie es sich für eine Wohnung von uns beiden geziemt, und von wo wir gemeinsam unsere Völker regieren wollen.« Das bewaffnete Gefolge mit den Helmen, die gegen alle Waffen gefeit waren, und das arme Bergvolk, das sich auf dem Abhang drängte und keine anderen Waffen besaß, als den Lichtschimmer im Auge und die Flamme über der Stirn, die jedoch in dem starken Tagesschein schwer zu sehen war – sie alle richteten ihre Augen in höchster Erwartung auf ihn, der sich ›Zünder‹ nannte – Sie sahen ihn auf die Königin zugehen, sie sahen den seltsamen Glanz in seinen Augen, als er begann: »Königin über Nebel, und was dessen ist, was weißt du von dem ewigen Licht? Du sahst nur einen Funken davon in dem Auge deines Kindes –« »Du siehst es über deinem Haupte und zu deinen Füßen leuchten, das Wesen des Lichtes aber erfaßt du nicht. Du meinst, es sei käuflich, und kommst mit bewaffneter Gewalt, um es zu erkämpfen, falls es nicht feil sein sollte. Das Licht aber kann nur der erobern, in dem es Wohnung haben kann. Suche es, wie diejenigen, die du verbanntest, weil sie es hinter dem Nebel ahnten und davon kündeten, – und du wirst es finden. »Königin, kehre mit deiner Leibwache zu deinem Nebel zurück. Nimm dein Kind in die Arme –« Ich sah das Erstaunen in den Augen der Bewaffneten: Das Kind der Königin? – Wer kennt sein Kind? »– trage es aus dem Nebel, trage es ohne Gefolge, auf deinen Füßen, über den mühsamen Pfad, den du jetzt kennst, der von den Verbannten in den Fels gehauen ist, damit sie das Licht finden konnten. Trage es bis zur Zinne hinauf, läutere dein Herz und wirf dich betend auf dein Angesicht, wie die Geringsten deines Volkes, und das Licht wird sich auch deiner erbarmen und den Nebel in deinem Gemüt zerteilen.« Der Kopf der Königin schwankte, die Augenbrauen bebten, ich sah, wie ihre Lippen zitterten. Das Grau des Auges wurde ein tiefes Schwarz. Ich verstand, was in ihrem Gemüt vorging. Sie litt unter der Demütigung, die ihr in Gegenwart aller erteilt worden war, und lauschte auf die Unruhe, die ihr aus der Schar der Bewaffneten entgegenschlug. Hatte die eigene Königin sich einer Gesetzesübertretung schuldig gemacht? Sie richtete ihren Blick auf die Treppe und begegnete dem Zorn in den nach aufwärts gerichteten Augen, sie sah, wie der Zorn bereits zur Drohung schwoll – Aus den Augen der knienden Bergbewohner aber begegnete ihr das Licht, und ihr war, als ob alle diese lebendigen Feuer zu einer einzigen Flamme wurden, die nach ihr leckte. Da verlor sie den Kopf, da griff sie nach dem ›Todbringer,‹ den sie als Königin in ihrem Gürtel trug, und schleuderte ihn gegen die züngelnde Flamme. Ein Knall, ein Jammerschrei. Als die Giftnebel sich verteilt hatten, lagen mehrere der Knienden tot auf dem Boden, und das Licht in ihren Augen war erloschen. »Sieh selbst, was aus deinem lebendigen Licht geworden ist!« rief sie hohnlachend. Er aber, der sich ›Zünder‹ nannte, warf sich auf die Knie, streckte die Arme zum Holzkreuz über der Kuppel empor und rief in großer Bewegung: »Sieh, dies ist der Mensch, den du aus Licht und Dunkelheit schufest, das Wesen, das dir zum Bilde sein sollte und deinem Sohn, den die Menschen am Holz kreuzigten, als du ihn zur Rettung aus ihrer Not sandtest. Als er aber am Kreuz hing, da wandtest du dein Antlitz von ihnen und verdammtest sie zu ewigem Nebel. Sieh, hier kommen diese Nebelmänner und ihre Königin, die dich noch immer verleugnen und nichts gelernt haben. Wie sie deinen Sohn töteten, so wollen sie auch dein Licht aus seiner Wohnung verdrängen! »Vernichte diese Wesen,« rief er in äußerster Empörung, »die zum Bilde dessen erschaffen wurden, den sie beständig verraten! Schone sie nicht der wenigen wegen, die dich durch den Nebel suchten und fanden! Ich rufe dir zu: Wirf den Berg und die Insel ins Meer! Laß eine neue Insel erstehen und ein neues Wesen, das dein Reich empfangen und dein Licht bewahren kann! Dein Reich komme – dein Reich komme!« Und er warf sich auf sein Angesicht. Der Berg erbebte in seinen Grundfesten. Die Terrasse, worauf ich stand, bekam vor meinen Augen einen Riß. Die hohe Kuppel schwankte. Die Königin griff durch die Luft, ich sah, wie Entsetzen von ihrer elfenbeinweißen Stirn leuchtete. Aber nur einen Augenblick. Dann wandte sie sich an ihre Bewaffneten, die in Angst und Ratlosigkeit ihres Befehls harrten. Ich sah, wie sie ihrem Gürtel die Giftnadel entriß, die jeder Inselbewohner bei sich trägt, um sich den Tod zu geben, wenn das Leben keinen Wert mehr für ihn hat, und die ihm sofort einen schmerzlosen Tod bereitet. Ihre Leibwache begriff und folgte ihrem Beispiel. Wieder erbebte der Berg in seinen Grundfesten. Der ehrwürdige Nebel, der über der Insel lag und den Berg bis zur Hälfte einhüllte, hob sich in mächtigen, losgerissenen Fetzen und näherte sich dem Gipfel. Die Bewaffneten warfen sich auf die Stufen und klammerten sich an den Stein, während das Bergvolk die Köpfe im Gebet zu dem harten Fels hinabsenkte, dem sie ihre ganze Kraft gegeben und als Gegengabe das Licht erhalten hatten. An den Armen des bescheidenen Holzkreuzes aber flackerten die Flammen, als würden sie zum klaren Himmel hinaufgezogen, und konnten sich nicht losreißen. Die Königin sah es. Voll wilden Trotzes höhnte sie das lebendige Licht, das in Angst oder Schwäche zu erbeben schien. Und indem sie sich mit der Linken die Giftnadel in die Brust stieß, riß sie mit der Rechten den ›Todbringer‹ aus ihrem Gürtel und schleuderte ihn gegen das Kreuz. Es schwankte und fiel. Im Fall aber verließen die Flammen die glimmenden Dochte und verlöschten am Himmel mit einem Seufzer. Als ob das Licht aber die Fessel gewesen wäre, womit die Kräfte des Berges gebunden waren, ging ein unterirdischer Lärm, wie ein jubelnder Befreiungsschrei, durch den dunklen Berg – Das Innere des Felsens wurde unter Donnergetöse gesprengt, der Berg barst von oben bis unten, der Nebel schoß in wilden, zerrissenen Wolken nach oben – Dann wurde alles dunkel. In wirbelnder Geschwindigkeit wurde ich nach unten gesogen – und fühlte nichts mehr. Die Insel der schimmernden Höhen 1. Der Sternschnuppenregen und die verborgenen Riffe Ich schlug die Augen auf und befand mich in unserem Boot. Masten, Segelmatten, Steven, alles war an seinem Platz. Ich lag in meiner Koje, und als ich mich aufrichtete, sah ich Toko schlafend am Vordersteven. Was war geschehen? – Woher kamen wir? – Wohin gingen wir? Ich konnte mich auf nichts mehr besinnen, nichts begreifen. Erst als Toko erwachte und sich den Schlaf aus den kugelrunden Augen rieb, glückte es uns durch gemeinsame Anstrengung, das Gestern und Heute zu entwirren. Toko berührte seinen Körper, aber er hatte nirgends Schmerzen. Erstaunt blickte er mich an, darauf runzelte er die Brauen, als fiele ihm etwas ein, das er festzuhalten versuchte. »Woran denkst du?« »An den Vogel, den mächtigen Vogel, der mitten in all dem Wirbel niederstieß! –« Er blickte nach rechts, nach links, drehte sich darauf um sich selbst, aber es war nichts als Himmel und Erde rings umher zu sehen. »So packte er mich,« er griff sich um Nacken und Hüfte, um zu zeigen, wie der Vogel ihn gehalten hatte – »und dich packte er mit der anderen Kralle, trug uns übers Meer, senkte sich hinab und ließ uns ins Boot fallen, das auf dem offenen Meere trieb.« Ich sah ihn fragend an, schwieg aber. Sein Gehirn arbeitete, er wollte die Sache näher erklären, und schließlich begann er: »Als die Insel auseinanderbarst,« er griff sich an die Ohren, als höre er noch das Getöse, »ist auch die Höhle auseinandergeborsten und das Boot frei geworden. Du erinnerst dich doch, daß es festgeklemmt lag und weder vorwärts noch rückwärts kommen konnte.« Jetzt begannen auch in mir die Erinnerungen zu dämmern – die Insel – der Berg – die Königin – er, der sich ›Zünder‹ nannte – Ich schloß die Augen und rief mir die Ereignisse der Reihe nach ins Gedächtnis zurück: der Boden erbebte – ich wurde hinabgezogen – mehr wußte ich nicht. Ein großer Vogel – warum sollte ich Toko widersprechen, ich wußte ja keine bessere Erklärung! »Gut, wir wollen weiter!« sagte ich zu mir selbst. Toko aber las meine Gedanken – »Weiter – ?« Ich sah, wie er kämpfte, um seiner Erregung Herr zu werden. Schließlich aber stieß er zornig heraus: »Ich will nach Hause!« Kaum gesagt, warf er sich mir zu Füßen und flehte mit zitternden Lippen: »Herr meines Lebens, laß uns zu unserer Insel zurückkehren! Wahrscheinlich war Ali auf dem Berge, wo alle lebendigen Lichter brannten. Da aber der Berg ins Meer gesunken ist, hat es doch keinen Zweck mehr zu suchen. Außerdem ist in drei Tagen unser Proviant zu Ende.« Ich versicherte ihm, daß auch ich zur Insel zurückkehren wollte. Wo aber lag sie? Und wo befanden wir uns? Wie sollte ich mich hier auf dem weiten Meere zurechtfinden? Seit wir unsere Insel verlassen hatten, waren wir von den wechselnden Winden im Kreise herumgetrieben worden. Einen Sextanten hatte ich nicht. An Sonne und Sterne mußten wir uns halten und an Tokos Instinkt. Wir beschlossen, den warmen Strom zu suchen, der uns zuerst zu dem Gürtel der flackernden Winde und von dort zum Nebelmeer geführt hatte. Wenn wir den Strom gefunden hatten, wollten wir versuchen zurückzukreuzen, bis wir auf den Südwestmonsun stießen, der, wie Toko versicherte, um diese Jahreszeit unveränderlich sei. Wir hatten östlichen Wind, beschlossen aber, nach Süden zu kreuzen, damit wir nicht zu früh vom Monsun ergriffen und zu dem inselarmen Gebiet zurückgetrieben wurden und uns östlich von unserer eigenen Insel entfernten. Dazu kam die Proviantfrage. Wir mußten unbedingt unterwegs bewohnte Inseln aufsuchen, und je weiter wir nach Süden hielten, um so größer war die Möglichkeit, daß wir auf Inseln trafen. Es war gegen Abend. Der Wind begann abzuflauen; und als die Sonne den Horizont berührte, lagen wir in Windstille, mit klappernden Segelmatten. Das war ein neuer Strich durch unsere Rechnung; und als Toko das Abendessen bereitete, war er verdrießlicher als je. »Tatloi zu Ende!« verkündete er, indem er den letzten kleinen getrockneten Fisch unter der Reling hervorzog und gegen die sinkende Sonne hielt, um sich die edlen Linien desselben noch einmal genau einzuprägen, bevor er für immer verschwand. Wir lagen und träumten, bis die Sonne untergegangen war und der Sternenhimmel mit dem plötzlichen Übergang, wie man es in der Äquatorgegend gewohnt ist, Alleinherrscher war. Toko sah sich aus alter Gewohnheit nach dem südlichen Kreuz um. Mit seinem scharfen Auge konnte er in der vollkommen klaren Luft die grünen, roten und blauen Sterne unterscheiden. Plötzlich stieß er einen Warnungsruf aus und duckte sich. »Sieh!« Und ich sah, wie Sternschnuppen von dem südwestlichen Himmel über das südliche Kreuz regneten. Es war ein wunderbarer Anblick. Ich konnte kein Auge davon wenden. Mit regelmäßigen Zwischenräumen wiederholte sich das Schauspiel. Toko duckte sich und blieb schließlich ganz auf dem Boden des Bootes liegen, nachdem er sich die Regenmatte über den Kopf gezogen hatte. Ich rief ihn an, als es vorbei war. Er zürnte mir, daß ich mich so leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt habe. Hatte er mir nicht oft genug erzählt, daß jede Sternschnuppe ein Geist sei, der herabfuhr, um sich eine Menschenseele zu suchen, auf die er es abgesehen hatte, wie der Großfänger hoch oben in der Luft auf den Fisch, der unter der Meeresfläche blitzt? Ich versuchte ihn zu beruhigen, indem ich ihm die ungeheuere Entfernung vorhielt: die Geister dort oben mußten wahrlich gute Augen haben, wollten sie uns hier unten in dem kleinen Boot erspähen. Mit größeren Pausen kehrte der Sternschnuppenfall wieder, und im Laufe der Nacht kam er näher. Schließlich war kein Zweifel mehr, daß wir in den Sternschnuppengürtel geraten waren, von dem alte Schiffer mir erzählt haben. Unter anderem hatte ich gehört, daß innerhalb dieses Gürtels mächtige Korallenriffe dicht unter der Meeresfläche liegen sollten. Wenn sich diese Angabe bestätigen sollte, waren wir vielleicht zu dem großen Korallenriff unter dem südlichen Kreuz gelangt, von dem Tongu Toko erzählt hatte, als er noch ein Knabe war, jene Korallenriffe, wo die größten und zahlreichsten Schildkröten zu finden sein sollten, die er sich als Ziel unserer Reise gesetzt hatte. Wenn das der Fall war, würden wir nach Tokos Berechnung nur drei Tagereisen von unserer eigenen Insel entfernt sein. Ich wagte indessen nicht, ihm von dieser schwachen Hoffnung zu sprechen, ich fürchtete, daß nach all dem Mißgeschick seine alte Schildkrötenleidenschaft so heftig in ihm aufflammen würde, daß er alles andere vergessen und mich anflehen würde, das aufzusuchen, was wir aus allen Kräften vermeiden mußten. Denn wie konnten wir es wagen, uns mit unserer Nußschale einem Feld von Unterseeklippen zu nähern? Am Tage mochte es angehen, wenn die Farbe des Wassers uns warnen konnte. Des Nachts aber, wenn alle Farben erloschen waren? Nur so viel Wellengang, wie eine frische Brise mit sich brachte, und wir würden rettungslos an den Riffen zerschellen. Ich spähte heimlich umher, um ihn nicht zu beunruhigen. Und wahrhaftig – sah ich dort beim Sternenschein nicht eine unruhige Bewegung im Meeresspiegel, wie ein Wasserwirbel über einem großen schwimmenden Tier? 2. Die Insel, die aus dem Meer emporstieg Die Nacht brach herein. Das Boot wurde von Strom und sanften Winden getrieben. Das Sternschnuppenzentrum näherte sich immer mehr und erhellte jeden Augenblick den westlichen Himmel. Toko fühlte sich von Entsetzen gepackt, sein Kinderglauben saß tief in ihm. Ich erzählte ihm, daß diese Lichter, die wie Strahlen von einem himmlischen Springbrunnen sprühten, wirklich einer ewigen Quelle hoch oben entstammten, die statt Wasser Licht spendete. Umsonst. Zu oft schon hatte er Grund gehabt, sich darüber zu wundern, daß der Herr seines Lebens, der so viele nützliche und wunderbare Dinge in seinem Kopf hatte, von den wichtigsten und höchsten nicht einmal so viel wußte wie er selbst, als er noch ein kehlloser Knabe war. Das Boot stieß auf Grund. Toko fuhr in die Höhe. Wieder. Ohne ein Wort zu sagen, griffen wir zu den Rudern, standen auf und warteten. Toko konnte auf dem Meeresspiegel vor uns, eine dunkle Stelle unterscheiden. »Riff!« warnte er. Wohin aber sollten wir uns wenden, wenn vielleicht hinten oder seitwärts noch gefährlichere Riffe waren, die wir nicht gesehen hatten? Ich hielt den Atem an, um auf den Wellenschlag zu lauschen, und gleichzeitig suchte ich hastig mit den Augen die Dunkelheit zu beiden Seiten ab, während Toko am Steven stand und nach vorn spähte. Unsere Lage war verzweifelt. Plötzlich fiel solch mächtiger Sternschnuppenregen, daß das Meer im weiten Umkreis erleuchtet wurde. Toko rief und zeigte mit der Hand – Das Licht hatte ihm gewiesen, daß nicht weit vor uns ein Streifen im Meeresspiegel von kleinen flinken Wellen gekreppt wurde, die über etwas tummelten, das sie von unten zu necken schien – rings herum aber war das Meer ruhig und tief. Wir ruderten aus allen Kräften rückwärts, und als bald darauf wieder ein Sternschnuppenregen fiel, der eine Helligkeit mit sich führte, wie eine Juninacht in nordischen Ländern, sahen wir, daß das Meer nach allen Seiten wieder glatt war. »Wer hat uns vor dem Riff gerettet?« fragte ich, bekam aber keine Antwort. »Vielleicht deine Geister, die auf Seelenfang ausgehen?« fuhr ich neckend fort. Er murmelte, daß auch Böses sich manchmal in Gutes verkehren könne, oder so etwas Ähnliches. Noch eine halbe Stunde ruderten wir. Dann legten wir uns nieder, um abwechselnd zu schlafen und zu wachen. Ich hatte die Morgenwache. Kaum ergoß sich das Sonnengold über die blanke, stille Wasserfläche, als ich weit, weit hinten am Horizont, in graugoldenem Nebel, eine Wolkenmasse liegen sah, die sich zum Himmel erhob. Je mehr ich sie betrachtete, desto überzeugter wurde ich, daß es das märchenhafte Bergland sei, das wir schon früher einmal gesehen und das Toko, wegen der ungeheuren Entfernung und Höhe, für den Berg der Schöpfung gehalten hatte. Ich erinnerte mich, daß das Gebilde damals am östlichen Horizont gelegen hatte, während es jetzt im Westen lag. Solch großen Kreis hatten wir also befahren. So unheimlich und dunkel wie es damals gedroht hatte, so freundlich und lächelnd lag es jetzt da, und unwillkürlich mußte ich an das denken, was Toko mir von Nadi-Nados Lehre und dem Berg erzählt hatte, dessen eine Seite beständig im Schatten lag, während die andere dem Lichte zugekehrt war. So mild, so befreiend für das Gemüt grüßte diese schöne luftige Bergmasse mich am frühen Morgen, daß ich es für ein glückliches Wahrzeichen hielt. Als Toko erwachte und seine Augen zu diesem schönen Gebilde aufschlug, stieß er einen Huldigungsruf aus, streckte ihm die Arme entgegen und neigte sich tief zur Reling, bis er sie mit der Stirn berührte. Sein Gemüt war so festlich gestimmt wie das eines Christen nach der Ostermesse. Der zeitige Morgen auf dem weiten Meere hatte etwas wunderbar Frisches – eine Frische wie eine neugeborene Welt. Der Wind schlief; das Boot trieb auf dem blanken Meere, das den kristallklaren Himmel an seiner Brust wiegte und aus der Tiefe seines Geträumes das Licht zurückgab. Dort drüben, wo meiner Meinung nach der gefährliche Sternschnuppengürtel mit den Riffen lag, schwamm eine weiße Wolke tief unterm Himmel, leicht, locker, als ob flüchtende Nebel ein Schleierstück verloren hätten. Der Schleier zog sich zusammen, als ob er von sanften Morgenwinden angehaucht würde. Darauf entleerte er sich mit einem blitzenden Staubregen, der den Meeresspiegel einen Augenblick verdunkelte, wie ein blankes Auge von einem hastig auftauchenden Gedanken verdunkelt werden kann. Und sieh, aufwärts zum Lichte wölbte sich etwas leuchtend Grünes, das das Wasser nach allen Seiten von sich schob, bis es wie ein ungeschliffener Smaragd in der Sonne lag. Noch ein grüner Hügel hob sich aus dem Meere – und noch einer. Das Wasser strömte glitzernd zwischen ihnen hindurch – und schließlich lag in der Morgenröte eine Insel, weiß, strahlend – ein Gebilde des Meeres. Als wir nah genug herangekommen waren, um die blanken Seen zu erkennen, die das strömende Wasser zurückgelassen hatte, und die wie Saphire zwischen den Hügeln schimmerten, da öffnete Toko seinen Mund zu Lobpreisungen und warf sich auf den Boden des Bootes, auf sein Angesicht. Nachdem er sich beruhigt hatte, überraschte er mich dadurch, daß er seinem Geisterglauben abtrünnig geworden war. Er erklärte, die Insel müsse aus den Sternschnuppen entstanden sein, die wir heute nacht gesehen hatten. Vom Himmel müsse dieses funkelnde Grün und Blau herabgefallen sein, denn er habe es ja so oft im südlichen Kreuz gesehen und sich gewünscht. Seine Augen aber hatten es nur bei ganz klarem Wetter erspähen können, und jetzt lag es in seinem Glanz vor ihm. Toko kletterte auf den Mast, und ich setzte mich auf den Drachenkopf des Stevens. Und während wir zur Insel hinüberblickten, sahen wir, wie Schößlinge aus dem Grün keimten. Blumen sprießten aus den tauigen Wiesen, Maiglöckchen, mit Perlen aus dem Meeresgründe geschmückt, Hyazinthen mit morgenroten Glocken, Blumen mit Schellen aus Granat, oder Augen aus Rubin, andere aus Zirkon, die so stark blitzten, als hielten sie Sonnentropfen in ihren Bechern gefangen. Tropfen, die das abfließende Wasser zurückgelassen hatte, funkelten wie Diamanten in der Morgensonne. Die grünen Hügel stiegen immer höher. Wir wurden mit dem weichenden Wasser zurückgetrieben, und während wir anfangs die Absicht gehabt hatten, um die Insel herumzurudern, war es uns um Mittag kaum mehr möglich, die Rundung der Küste zu überblicken, so groß war die Insel geworden. Wir folgten der Strandlinie, bis wir schließlich eine Senkung fanden, wo wir das Boot mit Leichtigkeit auf den Korallensand ziehen und vertäuen konnten. Darauf begaben wir uns auf Entdeckungsreisen. 3. Die Schar der Lichtgeister, ihr Wesen und ihr Schutz Es war ein merkwürdiges Gefühl, so im recht eigentlichen Sinne neue Erde zu betreten. Wir streiften über Hügel und durch Täler. Wir spiegelten uns in den kleinen Seen. Wir sammelten Steine, wir fanden Korallen. Am wundersamsten aber waren die schimmernden Höhen und duftenden Wiesen, wo Blumen hastig sprießten. Die Sonne schien auf den feuchten Boden, so daß die Nässe in dünnen Dämpfen aufstieg und wie ein duftender Sommernebel über der Insel hing. Als wir auf einem sanften Abhang ruhten und über die wogenden Wiesen blickten, begann dieser Nebel sich plötzlich zu bewegen. Er senkte und teilte sich, wurde zu Nebelgestalten, die hierhin und dorthin schwebten; und auf einmal nahm eine von ihnen vor meinen Augen Gestalt an, wurde zu einer tanzenden Frau mit flatternden Schleiern. Ich konnte Kopf, Schultern, Arme unterscheiden, sie war nicht Fleisch und Blut, sondern wie eine wunderbare Zeichnung, lebendig der Hand eines großen Künstlers entsprungen. Andere kamen hinzu, alles schöne, leuchtende Gestalten mit sanften Gesichtern. Plötzlich waren sie da, wie aus der Luft geformt, und wurden von dem Kreis der Schwebenden aufgenommen, als gehörten sie zusammen. Bald kamen sie uns nah, als würden sie von Neugier getrieben, bald wichen sie vor uns zurück. Ich blickte verstohlen zu Toko hinüber. Er war eingeschlafen. Je länger ich diese luftigen Wesen betrachtete, desto schärfer wurden ihre Umrisse, desto deutlicher ihre Züge. Mich dünkte, es waren bekannte Gesichter darunter. Besonders war da eines, das sich mir wieder und wieder näherte. Ein junges Weib, unsagbar milde. Und plötzlich faltete sie ihre Hände vor der Brust und beugte den Kopf darauf hinab. Da erkannte ich die Frau, der ich auf dem Abhang begegnet war, und deren Gesicht von der Flamme beleuchtet wurde, die sie behutsam zwischen den Händen trug. Es war dieselbe ruhige Freude, dasselbe glückliche Lächeln. Und jetzt geschah es, daß er, der sich ›Zünder‹ nannte, sich aus der Schar löste und auf mich zukam. Ich sprang auf, um seine Hand zu ergreifen. Er aber wich zurück und gab mir zu verstehen, daß ich ihn nicht berühren dürfe. Jetzt wandten sich alle dem Meere zu, als ob jemand sie gerufen habe. Und am Ufer zeigte sich ein merkwürdiges Bild – Männer und Frauen tauchten aus dem Wasser auf, lebendige Geschöpfe, der Hand des Meisters entsprungen. Sie wateten ans Ufer, in der Sonne wie Kristall blitzend, während Wassertropfen blitzend an ihnen herabrannen. Die schwebende Schar vom Lande begrüßte sie, wie man alte Bekannte begrüßt, die von einer langen Reise zurückkehren. Sie nahmen sie in ihren Reihen auf und schwebten mit ihnen über Wiesen, wortlos, ohne Laut. Der Mann, der sich ›Zünder‹ nannte, war der Mittelpunkt des Kreises; was er tat, taten die anderen auch. Ich sann darüber, was sie wohl vereinte, warum, obgleich jedes ein Wesen für sich, dennoch alle von einem und demselben Geist getragen zu werden schienen – nicht einzeln, sondern vereint, nicht Menschen sondern Menschheit. Obgleich alle mich und Toko sahen, Bemerkungen über uns austauschten und von Neugierde zu uns getrieben wurden, bemerkte ich doch, daß sie sofort scheu zurückwichen, wenn ich Miene machte, mich ihnen zu nähern. Da sah ich in einem Augenblick, als der ›Zünder‹ mitten im Schwarm stand, daß nicht nur sein Kopf, sondern auch seine ganze Gestalt von einem lichten, durchsichtigen Hauch umgeben war. Ich war aufs äußerste gespannt, ob diese Lichthaut einen Körper oder wenigstens einen Stoff bedeckte. Wie aber sollte ich es erfahren, ohne eine von den Gestalten zu berühren? Ich versuchte, meinem Gesicht denselben Ausdruck von Milde und Freude zu geben, und näherte mich von neuem, diesmal nicht dem ›Zünder‹, sondern der Frau, die das Licht zwischen den Händen gehalten hatte. Ich nickte ihr zu, und ohne zu zögern, erwiderte sie meinen Gruß. Durch ihr Benehmen schienen die anderen unsicher zu werden. Noch zögerten sie, ließen mich jedoch näher kommen. Plötzlich aber wurde ein Wesen scheu, und sofort zog sich der ganze Schwarm zurück wie eine Herde aufgescheuchtes Wild im Walde. In ihren Gesichtern, die unverwandt auf mich gerichtet waren, war dennoch keine Angst, sondern immer dieselbe milde Freude, – ja, fast las ich darin den Wunsch, mich aufzunehmen. Wenn sie trotzdem flüchteten, kam es wahrscheinlich daher, daß eine körperliche Berührung, ein Händedruck, irgendeinen Schmerz, eine Ansteckung oder sonst eine Gefahr bedeutete für die leuchtende Hülle, worin ihre Seele sich abzeichnete. Vielleicht war die Lichthülle empfindsamer als die zarteste Schleimhaut, vielleicht verursachte die Berührung mit einem Stoff ihnen einen ähnlichen Schauder in der Seele wie unserem Ohr das Kratzen eines Griffels auf einer Tafel. Von einer Ungeduld bebend, die ich selbst nicht verstand, benutzte ich das Zögern der Frau, um so schnell mit ausgestreckter Hand auf sie zuzuspringen, daß sie keine Zeit fand, der Berührung auszuweichen. Kaum hatte ich den Sprung gemacht, als ich solch heftigen Schlag auf meiner Hand spürte, daß ich zurücktaumelte und vor Schmerz aufschrie. Während die Schar flüchtete, sah ich zu meinem Erstaunen, daß das, was mich geschlagen hatte, ein Felsblock war, der mir den Weg versperrte, und der sicher vorher nicht dagewesen war. Ich wollte meinen Augen nicht trauen und befühlte ihn, bevor ich mich davon überzeugen ließ, daß er wirklich da war. Ich sah, wie die Flüchtenden sich in einiger Entfernung vor lautlosem Lachen krümmten. Wie ausgelassene Spielkameraden lachten sie über mich und nickten mir zu. Schließlich mußte ich selbst mitlachen, obgleich ich die schmerzhafte Erfahrung gemacht hatte – meine Hand tat mir noch weh –, daß diese seltsamen Wesen die Macht besaßen, eine Mauer vor sich aufzurichten, wenn man ihnen zu nahe kam. Die Lichtgeister schienen über die Stoffe und Kräfte der Natur zu gebieten; anders konnte ich mir den Vorgang nicht erklären. Die Schar teilte sich jetzt in Gruppen. Drei Gestalten schwebten munter vorbei, vertraulich umschlungen, und um sie herum rührte sich in der Luft ein seltsames Leben. Menschengestalten, noch blasser an Umriß und Zeichnung als sie selbst, bewegten sich um sie herum, sprachen, gestikulierten, pflückten Äpfel von schwerbeladenen Bäumen, die plötzlich dastanden und ebenso schnell wieder verschwunden waren, streckten die Arme nach ihnen aus, um Küsse zu empfangen oder zu geben. Die drei aber schwebten unangefochten dahin, offenbar, ohne ihr blasses Gefolge zu hören oder zu sehen, Arm in Arm in vertraulichem Gespräch. Zwei lagen Seite an Seite auf dem Abhang, nicht weit von Toko und mir entfernt. Ihre Gesichter waren tiefernst, ja, bekümmert, aber dennoch war das Gepräge von stiller Freude nicht daraus verschwunden. Vor ihren Augen schwebten Wesen ihnen zum Bilde, nur blasser, – richtige Menschenwesen, deren Gesichter alles andere als froh und glücklich waren. Leidenschaftlich erregt waren sie, von Zorn und Schmerz verzerrt. Ich sah, wie diese einander schalten, drohten, sie unternahmen Dinge, die mir unverständlich waren, – aber als ob eine unsichtbare Hand eingegriffen habe, wurde ihr Zorn besänftigt, die Wogen ihres Gemütes geglättet. Und auf den Gesichtern der beiden, die am Hange lagen, wurde im selben Augenblick der Kummer ausgelöscht, so daß wieder stille Freude allein herrschte. Dennoch war es, als ob auch sie die Blassen, die sie umschwebten, weder bemerkten noch überhaupt sahen. Die Frau, die den Stein vor mir aufgerichtet hatte, ging allein am Ufer eines kleinen Sees, der ihre Gestalt spiegelte. Sie hielt die Hände vor der Brust gefaltet und ging wie träumend. Plötzlich sah ich, wie eine Gestalt auf sie zukam, ein Mann war es. Er streckte die Hand nach ihr aus. Sie nahm sie nicht, doch richtete sie auch keinen Stein vor ihm auf. Sie zögerte, als erwarte sie, daß etwas geschehen würde. Plötzlich stand noch ein Mann neben ihr – es war der, der sich ›Zünder‹ nannte. Er legte seine Hände wie segnend auf den Kopf des Mannes und strich ihm über die ausgestreckte Hand. Und sieh – jetzt hatte auch dieser seine Lichthülle bekommen. Und als er mit ausgestreckter Hand auf sie zutrat, nahm sie sie in ihre beiden, beugte den Kopf darüber mit einem glücklichen Lächeln wie damals, als sie die Flamme auf dem Bergpfade trug. Der Mann hob sein Gesicht in stiller Freude zu ihr auf – und dies Gesicht war mein eigenes. Da begriff ich, daß die Wesen auf der Insel der Morgenröte die Gabe besaßen, ihren Frohsinn zu wahren, daß sie den Mächten der Dunkelheit befehlen konnten, sich zu ihrer Verteidigung zu erheben, wie der ›Zünder‹ auf der Nebelinsel dem Turm geboten hatte, sich zu erheben, und dem Berg, sich ins Meer zu werfen; und daß sie noch eine andere seltsame Eigentümlichkeit besaßen: daß ihre Gedanken, Sorgen und Wünsche sichtbare Lebensform bekamen, wenn auch blasser als die Wirklichkeit, die sie selbst besaßen – Kaum gedacht, erschienen die Personen, an die sie gedacht hatten, leibhaftig vor ihnen und unternahmen gerade das, was der Lichtgeist von ihnen erwartet hatte. Kaum gewünscht, so war auch schon in einem lebenden Bilde vollbracht, was der Wunsch äußerte. Ich hatte mich selbst gesehen, und kaum war die Vorstellung der Frau, wie sie ihren Wunsch erfüllt zu sehen hoffte, in mein Bewußtsein eingedrungen, als ich den heftigen Wunsch empfand, der ›Zünder‹ möchte mir das Licht geben, um das ich ihn bereits auf dem Berge gebeten hatte, und daß sie meine Hand in ihre beiden nehmen möchte. Ich wunderte mich in der Tiefe meiner Seele über diese Schöpferkraft und dachte: Ist es vielleicht das tiefste Geheimnis aller, die wir gut nennen, daß ihre Wünsche schöpferisch wirken können? Von neuem betrachtete ich die Frau – und sieh, es war Ali! Und das, was sie zwischen den Händen trug und was ich für eine Flamme gehalten hatte, war Oasu, unser kleines lebendiges Kind. »Ali!« rief ich, sprang auf und stürzte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu – Aber sie war verschwunden. 4. Verirrte Schatten Toko erwachte erst, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Von dem Erlebten erzählte ich ihm nichts, es war mir nicht möglich, davon zu sprechen. Er war um unser Boot besorgt, und wir gingen zusammen zum Strande, um uns danach umzusehen. Es lag noch, wie wir es verlassen hatten, und Toko vertäute es fester. Als ich gegessen hatte, sah ich, wie er die Nasenflügel blähte. Er saß auf der Reling und schnupperte den leisen Südwind. »Schildkrötenwetter?« fragte ich, und er nickte beseligt. Ich überließ ihn seiner Leidenschaft. Wir konnten das Boot ruhig verlassen, denn hier war keine Brandung, das Meer glitt wie eine Liebkosung über den flachen Strand; und wer sollte es rauben, hier, wo außer Toko und mir keine Menschen aus Fleisch und Blut waren? Wir vereinbarten, daß wir uns beim Boote treffen wollten. Wie weit er auch herumschweifte, den Ort am Strande würde er schon wiederfinden. Er folgte der Sonne längs des Strandes. Kaum aber war er hinter der Rundung der Küste verschwunden, als ich zu der Stelle zurückkehrte, wo ich vorhin gelegen hatte. Spähend schlenderte ich von Anhöhe zu Anhöhe. Ich hatte keinen Blick für die Blumen, keinen Gedanken für die duftenden Wiesen. Ich suchte nur nach ihr. Ich wollte gar nicht glauben, daß es Ali gewesen war. Denn es war ja unmöglich, daß ich sie nicht gleich das erstemal erkannt hatte, als sie mir auf dem Bergpfade, mit dem Licht in der Hand, entgegenkam! Gewißheit aber wollte ich haben. Ich sah die schwebenden Gestalten, doch beständig in der Ferne; entweder flüchteten sie vor mir – es bestand ja, wie ich wußte, eine merkwürdige Gemeinsamkeit zwischen ihnen, was dem einen zustieß, schien auch den anderen zu treffen – oder sie wurden auf der anderen Seite der Insel von irgend etwas gefesselt. Am Ufer eines Sees sah ich eine Schar gelagert. Ich ging so nah wie möglich an sie heran, mit ausgebreiteten Armen, indem ich meinen Zügen einen Ausdruck von ruhiger Freude zu geben versuchte. Sie wandten sich um, mit forschenden Blicken – Durch Erfahrung klug gemacht, blieb ich stehen, sobald ich Anzeichen von Scheu bemerkte. Mütter waren unter der Schar, mit Kindern auf dem Arm. Unter ihnen suchte ich am eifrigsten. Kaum aber bemerkten sie es, als sie die Kleinen mit ihren Armen verdeckten, als fürchteten sie ›meinen bösen Blick‹. Das stimmte mich unsagbar traurig, und ich verbarg meinen Kummer nicht. In ihren Augen meinte ich Mitleid zu lesen, die, die ich suchte, aber blieb mir fern. Mein Gemüt war tief beschwert. Und ich fühlte die Niedergedrücktheit um so stärker, als alles um mich her leicht und spielend war – die Anhöhen so schimmernd grün, die Blumen so bunt leuchtend, mit ihren Edelsteinaugen und Bechern voller Sonnentropfen und Wohlgeruch, die Wiesen so duftend, die Seen so blinkend, und der Himmel so hoch und klar, wie ich ihn nie geträumt hatte. Es wurde Abend. Die Sonne verweilte einen Augenblick in der Dämmerung, als ob sie sich von dem Anblick ihres herrlichen, neugeschaffenen Werkes nicht zu trennen vermöchte. Mein Schatten wurde immer länger, er reichte bis ans Meer; soweit mein Auge sah, konnte ich auf der Insel nichts anderes Dunkles sehen, was das zögernde Licht aufhielt. Sanfter Nebel erhob sich auf den Wiesen. Ich sah die lichten Menschenwesen, nach denen ich mich mit ganzer Seele sehnte, angeschwebt kommen. Ihre langen Schleier vereinigten sich mit den leichten Nebeln, bis das Ganze ein einziges bewegtes Lichtwesen zu sein schien, – Glück ohne Schatten, in schattenlosen Gemütern, die jenseits der Wiesen in den Armen sanft ansteigender Höhen Ruhe suchten. Aus dem entschwindenden Nebel löste sich die Schar. Am Wiesensaum sah ich sie Ruhe suchen, zwei und zwei oder drei und vier. Sie verschwanden hinter dem Abhang, und schließlich war alles um mich her leer geworden. Da suchte auch ich mir einen Ruheplatz und schlief sofort ein. 5. Neuer Tag Ich erwachte durch Flügelschläge über meinem Kopfe. Große Vögel kreisten hoch oben in langen, erwartungsvollen Zügen, während die Sterne verlöschten. Bei einer sanften Brise wogten weiße Morgennebel über die Wiesen den Höhen zu. Kaum war die Sonne am Horizont aufgegangen, als die Vögel in brausenden Scharen auf den Herrn des Lebens zuflogen, mit Morgengold auf ihren Federn. Das Licht entfaltete seinen Fächer und grüßte Meer und Insel und alle Dinge, die sind. Es lüftete den Schleier von den Wiesen, vergoldete die Höhen und weckte die Lichtgeborenen aus ihrem Schlaf. Sie erhoben sich mit blanken Augen, und das Licht nahm sie in seine Arme und führte sie einem neuen Tage entgegen, – dasselbe Licht, das brennt und schmerzt, wenn die Dunkelheit davon betroffen wird. Ertönt Gesang, während das Leben von neuem rinnt, oder ist es das Sausen der großen Vögel über der Insel? Auch ich erhob mich im Lichte. Was ging mit mir vor in dem wunderbaren Bade? War ich eine Pflanze, die welke Blätter abstieß und einen neuen Frühling erlebte? War ich ein mauserndes Tier, wechselte ich das Gefieder, oder wurde ich nur von alten Gewohnheiten befreit, wie man alte Kleider von sich abstreift? Mein Gemüt erbebte jung und empfindsam, als ob ich, in einer einzigen Nacht, alle Schwere aus Körper und Seele herausgeschlafen hätte. Toko kam über die Wiese auf mich zugelaufen. Plötzlich stieß er einen Ruf des Erstaunens aus und blieb stehen. Ich war es und war es dennoch nicht! Ich jubelte ihm zu, und zusammen liefen wir die Anhöhe hinab auf den lichten Menschenhaufen zu, der mit aufwärts gewandten Gesichtern der Sonne ihren Morgengruß darbrachte. Als wir den Fuß der Anhöhe erreicht hatten, trat er, der sich ›Zünder‹ nannte, auf uns zu. Er will uns hindern, der heiligen Schar zu folgen, dachte ich betrübt. Sein Angesicht aber ruhte voller Freude auf uns. Er näherte sich uns, und bevor ich mich versah, fühlte ich seine Hände; er legte die seine auf meinen Kopf und strich mir mit der anderen über den ausgestreckten Arm, wie ich es gestern gesehen hatte. Es war ein Gefühl, als ob ein riesiger Magnet auf meinen Kopf gelegt würde, und als ob dieser Magnet mit einem Schlage mein Wesen aufrichtete, meinen Willen, meine Lust, meine Hoffnung wie Stahlspäne zum Licht hob, während alle wilden Schößlinge des Gemütes, Schuld und Übel wie flüchtende Dunkelheit durch meine Füße in die Erde sanken, wo sie hingehörten. Übrig blieb ein inneres Licht in einer gereinigten Seele und die herrliche Freude einer ewigen Jugend. Auch in Toko wurde die Wandlung vollbracht. Und sieh, die Schar nahm uns auf: Hände wurden uns entgegengestreckt, Schleier umwogten uns – Wir waren in ihnen eine neue Freude, und sie in uns ein jubelnder Sieg. Zusammen zogen wir zum Strande, um dem Herrn des Lebens zu huldigen, der sich über dem Meere erhob. Eine Kraft berührte mich, ein ferner Ruf; im Lichte aber war die Ferne nah und die Nähe fern. Ich drehte den Kopf, und meine Augen trafen das Boot, dessen Steven hoch über den Sand ragte. Und wie meine Augen noch dahin gerichtet waren, sieh, da saß eine Frau dort auf der Reling und hielt ein Kind im Schoß. Sie blickte sich suchend um, bis ihr Auge das meine traf – Da hob sie ihr Kind hoch über ihren Kopf und streckte es mir entgegen – Ich erwachte und sah, daß ich auf einem Strande lag; mein Kopf ruhte gegen den Stamm einer Kokospalme. Ich hörte ein Rauschen und sah, daß ein Strom ganz in der Nähe über Korallblöcke schäumte – Das alles kam mir bekannt vor – Ja, es war wirklich Waniwanus Basaltklippe dort draußen mitten in der Brandung – und das rauschende Wasser war Tulas Tochter, die sich lachend und hüpfend in die offenen Arme der Lagune stürzte. Dort am Strande lag mein Boot, es leuchtete im Sande mit hocherhobenem Steven. Und sieh – saß dort nicht die Frau auf dem Bootsrand und hob das Kind zu mir empor? »Oasu!« – rief ich und richtete mich auf. Sie stieß einen Schrei aus, sprang herab, und indem ihr Tränen die mageren Wangen herabstürzten, kam sie auf mich zugelaufen. Das Kind lachte, reckte die Arme, wollte zu mir – ein Herzensjunge war es – eine wahre ›kleine Sonne‹ – Sie legte es mir zu Füßen und wich dann wieder ein Stück zurück; sie wagte nicht, ungerufen näher zu kommen. Sie warf sich auf die Knie. Zwischen Lachen und Weinen, der Wahnsinn leuchtete ihr aus den großen blanken Augen, rief sie: »Sieh, Herr, dein Kind! Hab' ich es nicht gut gehütet?« Dann begriff ich und erkannte Tarusa, wie Talao und ich sie im Walde gesehen hatten – als sie darauf wartete, daß Nadi-Nado in seinem strahlenden Kanu kommen sollte. Ein Jubelschrei erklang, er schien aus der Höhe zu kommen – Toko war es. Er saß in der Krone einer Kokospalme, um Nüsse zu pflücken, hatte jemanden sprechen gehört, blickte herab und sah, daß ich mich aufrichtete – Im nächsten Augenblick stand er neben dem Baum und warf sich mir zu Füßen. »Ich fürchtete, du würdest nie mehr erwachen,« schluchzte er, »seit der Segelbaum dich auf den Kopf getroffen hat, hast du geschlafen! – Oh, Herr meines Lebens, drei furchtbare Tage hat es gedauert! Zuerst kam ein Nebel, hinter dem böse Geister herschlichen; sie faßten um die Reling des Bootes und wollten sich dessen bemächtigen, so daß ich es mit den Rudern verteidigen mußte. Als der Nebel sich endlich teilte, war unsere eigene Insel verschwunden, und ich mußte nach dem großen Licht im Süden steuern. Plötzlich aber verschwand auch das, – eine ungeheure Dunkelheit verschloß den ganzen Himmelskreis, ein furchtbares Unwetter raste über uns, daß uns hin und her schleuderte, ich mußte dich festbinden, damit du nicht herausgeworfen wurdest. Ein entsetzliches Donnergetöse erklang, und gleich darauf wurde ich von einem furchtbaren Licht auf den Boden des Schiffes geschleudert. Die Wellen hoben sich um uns her, – es war, als ob das Meer sich öffnete, um uns zu verschlingen. Als die Nacht kam, wurde das Meer ruhig –, aber vom Himmel regnete es jetzt Licht herunter; die Geister schossen herab, aber sie konnten uns nicht finden, ich hatte dich mit der Segelmatte zugedeckt, und ich selbst war unter das Regentuch gekrochen. Der Morgen, der dem Unwetter folgte, war strahlend, und sieh, aus dem leuchtenden Wasser tauchte gerade vor uns eine Insel auf. Ich glaubte, es sei die ›Insel auf der Sonnenseite‹, die wir erreicht hatten, so wunderschön war sie. Ich entdeckte einen Mund zwischen den Riffen, und als ich das Boot glücklich hindurchgesteuert hatte – sieh, da war es unsere eigene teure Insel von der Wattiwua-Seite. Ich steuerte um die Lagune herum und landete an unserer bekannten Küste. Sieh, dort fließt Tulas Tochter in die Lagune – und dort ist Waniwanus Klippe.« Er hielt inne, um Atem zu holen. Da erst fiel ihm ein, sich nach dem umzusehen, der vorhin gesprochen hatte. Die Frau hatte sich erhoben und war zu dem Boot zurückgeflüchtet. Starr vor Staunen, mit runden Augen, blickte Toko auf das Kind, das zu meinen Füßen plauderte und lachte. »Oasu!« rief er, und sein Blick wanderte von mir zu dem Kinde und wieder zurück. Er atmete tief auf und sagte mit bebender Stimme: »Drei Tage und drei Nächte sind wir im Blinden herumgeirrt, um ihn zu suchen – und siehe: nun ist er auf unserer eigenen Insel vom Himmel gefallen!« »Ali hat deine Klage gehört,« fuhr er flüsternd fort und legte den Kopf in den Nacken, um zu sehen, ob er ihren Geist nicht irgendwo dort oben zwischen den fächelnden Palmenblättern erspähen könnte. Ich erhob mich, nahm das Kind in meine Arme und drückte es an mein Herz, als ob es mir wirklich von Ali aus ihrem Himmel gesandt worden sei. Vom Steven des Bootes her blickte Tarusa auf den Knaben und mich mit strahlenden Augen – so glücklich, wie nur einer sein kann, den eine gnädige Vorsehung seines Verstandes beraubte.