Joseph Seligmann Kohn Der jüdische Gil Blas (1834) Inhalt Ein paar Worte über die Gil Blas-Literatur Vorwort an die jüdischen Leser Erstes Kapitel Womit meine Lebensgeschichte eingeleitet wird Zweites Kapitel Portraits Rabbi Zalels und seiner Ehehälfte Drittes Kapitel Schwänke Viertes Kapitel Thomar verkehrt Fünftes Kapitel Die Familie Spiegel Sechstes Kapitel Der Familienzwist Siebentes Kapitel Bilder aus dem Prager Tandelmarkte Achtes Kapitel Die Ladendienerinnen Neuntes Kapitel Der Pilsner Jahrmarkt Zehntes Kapitel Die Anklage Elftes Kapitel Die Sterbestunde Zwölftes Kapitel Das Leichenbegängniß Dreizehntes Kapitel Meine Reise nach Ungarn Vierzehntes Kapitel Die Wegemauth-Verpachtung Fünfzehntes Kapitel Das Judenamt in Wien Sechszehntes Kapitel Freitag-Nachts-Idyll Vorletztes Kapitel Rabbi Feibisch – Meinungen über den jüdischen Cultus-Tempel in Wien, und die Zweckmäßigkeit des daselbst eingeführten Gottesdienstes in deutscher Sprache Letztes Kapitel Die Vermählung – Das Adels-Diplom Ein paar Worte über die Gil Blas-Literatur Der spanische Stammvater des Gil Blas, welchen das gebildete Europa nur aus der französischen Umarbeitung des genialen Sittenmalers le Sage bewundern zu können, Gelegenheit erhielt, hatte diese ungewöhnlich günstige Aufnahme, weniger einem planmäßigen Bau des Sujets und der mit diesem verzweigten Episoden, (wie dies an Fieldings und Smollets Meisterwerken gelobt werden muß,) als der bunten Schilderung des spanischen Volkslebens und der verschiedenen Stände nach ihren mannigfaltigen Abstufungen, zu verdanken. Die bequeme Memoirenform, in welche jener Roman gegossen ist, lockte das Heer der Nachahmer in Frankreich und andern Ländern. Es entstand »Henry Lencon, der französische Gil Blas«; ihm folgte »der englische Gil Blas« (den ich jedoch nur aus einer französischen Uebersetzung kenne). »Les trois Gil Blas«, ein anderes Glied dieser Familie, trat 1802 zu Paris ins Leben. Man begnügte sich jetzt nicht mehr, die Gil Blas-Form zum Rahmen eines Nationalgemäldes zu verwenden, sondern auch einzelne Zeitepochen und Stände mußten im Gil Blas einen Repräsentanten ihrer Bedeutsamkeit finden. So trat der fruchtbare Picard 1824 zu Paris mit einem »Gil Blas de la Révolution« hervor, und erst das verwichene Jahr sah die Gil Blas-Familie durch Michaud mit einem »Gil Blas du Théâtre« verstärkt. Im vorletzten Decennium war es, wo der durch seine Reisen im Orient bekannte englische Autor Jakob Morier mit seinem »Hagi Baba, dem persischen Gil Blas« die Aufmerksamkeit aller Literaturfreunde auf sich zu ziehen vermochte. Dies bewies die bald darauf erschienene, nicht minder beliebte Fortsetzung: »Hagi Baba in England.« Eines solchen Erfolgs hatte sich »der deutsche Gil Blas« (Tübingen 1807) nicht zu erfreuen vermocht, obgleich er von Cotta gedruckt und von einer Vorrede von Göthe begleitet, in die Lesewelt geschickt worden war. Den feurigsten Enthusiasmus mochte jedoch in der neuesten Zeit Thaddäus Bulgarin mit seinem »Iwan Wyschighin, dem russischen Gil Blas« verbreitet haben, von welchem schon im ersten Jahre seines Erscheinens eine französische Uebersetzung zu Paris und gleichzeitig zu Leipzig zwei deutsche Uebertragungen erschienen sind. Einer dieser deutschen Speculanten (C. H. F. Hartmann) hat kürzlich auch die von Bulgarin mit gleichem Glücke ausgeführte Fortsetzung jenes beliebten Romans, unter dem mit dem russischen Originale gleichlautenden Titel: »Peter Iwanowitsch« aus seiner Officin hervorgehen lassen. Der Verfasser des »jüdischen Gil Blas« hat aus dem vorzugsweise günstigen Erfolge, dessen sich der russische und persische Gil Blas vor den andern Nachahmungen des Le Sage'schen Originals erfreuten, den nicht so ganz unrichtigen Schluß gezogen, daß die uns fremdartigern Sitten und Eigenthümlichkeiten jener Völker aus dem Osten wesentlich zu dem Gefallen der beiden Werke beigetragen haben dürften. Die Sitten und Eigenthümlichkeiten der indischen Nation sind es für die Bewohner aller Staaten, in welchen sie leben, nicht minder. Um so zweckmäßiger däuchte daher dem Verfasser, sich an die Ausarbeitung einer solchen Aufgabe zu wagen, überdies in einer Zeit, wo die vielen Streitfragen »über die Fähigkeit der Juden zur Emancipation« das Interesse an ähnlichen Werken, welche das jüdische Volksleben mit allen seinen Eigenthümlichkeiten, wie Bilder einer laterna magica dem Auge des Lesers vorüberführen, bedeutend erhöhen müssen. Vorwort an die jüdischen Leser Liebe Mitbrüder! Die Anzeige dieses neuesten Sittengemäldes hat euch gewiß erschreckt, und ich sehe es im Geiste, wie ihr durch die großen Titel-Buchstaben angezogen, vor dem Auslegkasten des Buchhändlers unwillkürlich stehen bleibt, als wären eure Füße an die Stelle gebannt, und glaube zu vernehmen, wie ihr im scheinbar gerechten Unwillen ausruft: »Abermals hat uns also ein hungriger, erfindungsarmer Scribent zur Ergötzung und Kurzweil des vornehmen und gemeinen Christenpöbels auf die Arena der Oeffentlichkeit gehetzt, um mit unsern grotesken Mienen und Bewegungen die mäßigen Gaffer zu belustigen. Es ist ja gleichsam, als wären wir nur für die Gewinnsucht der Buchhändler und Journalisten vom lieben Herrgott erschaffen worden. Da schreiben sie politische Schmähschriften, und in derselben Officin werden auch die antidota bereitet, nicht aus Liebe zu uns, sondern um auch auf unsre Börsen zu speculieren, denn das christliche Publicum kauft nur die Anklagen gegen uns. Glauben sie doch, wir wären nur dazu auf der Welt, daß, wenn es bei politischer Windstille an besseren Stoffe fehlt, sie mit der Besprechung unserer Angelegenheiten die Spalten ihrer Zeitblätter füllen; oder um in Romanen und Schauspielen mit unserm Judendeutsch Leser und Schauspieler zu amüsiren.« Liebe Mitbrüder! So gegründet ich diese eure Klage finde, dürfte »der jüdische Gil Blas« doch eine bessere Meinung unter euch erwerben; denn schon das Motto auf dem Titelblatte läßt eine andere Tendenz, als die von euch befürchtete erwarten. Wenn die frühern Schriften dieser Gattung euern Beifall weniger erwarben, so lag es nicht am Stoffe, der die Ansprüche an ein in allen Theilen abgerundetes Kunstwerk gewiß eher erfüllte, als im hier benannten Gil Blas, sondern an der Autoren gänzlichen Unbekanntschaft mit den jüdischen Sitten und Gebräuchen, an deren Schilderung sie sich dem ungeachtet wagen konnten. Daher kommt, daß sie stets an Extreme streiften, und entweder einen Schewa, Nathan u. s. f. oder einen Schylok Das von Shakespeare dem Matheo Bandello abgeborgte Sujet zum »Kaufmann von Venedig« hat der Letztere aus einem orientalischen Mährchen geschöpft; und der christlich gesinnte Italiener fand es angemessener, den persischen Kaufmann als einen Juden zu repräsentiren, weil er die Erzählung seinen Lesern – man dachte im 16. Säculo, wie heute – genießbar machen wollte. schufen. Und so wie sie in den heroischen und sentimentalen Stoffen die Gränzen des Wahrscheinlichen überschritten, waren sie im Gebiete des Komischen noch weniger sorglich zu Werke gegangen. Davon lieferte die Posse: »Unser Verkehr« und ihre Fortsetzung: »Jakobs Kriegsthaten« die kräftigsten Belege. Aber der Pöbel nahm die Karrikaturen gern für Charactere, und Fratzen für Gebilde hin. Wenig besser fanden wir es in den Romanen. Zwar suchten Walter Scott im »Ivanhoe« und Spindler in seinem »Juden« mehr die edlern Empfindungen des Lesers für die Rebekkas, Esthers und ihre Angehörigen zu wecken; aber statt einer erwarteten Malerei jüdischer Charactere bieten sie gewöhnliche, abgenutzte Romanen- und Theater-Coups. Mindestens waren diese beiden Meister des Romans so klug gewesen, ihre Unkenntniß der jüdischen Nationalität hinter das uns zu entfernt liegende Zeitalter ihrer Handlungen zu verstecken; und selbst jüdische Leser wagen nicht leicht ein Urtheil über obschon verwandte Gestalten, wenn Zeit und Ort große Zwischenräume gezogen und die Letztern dem Gesichtskreise der Urtheilsfähigen allzusehr entrückt haben. Aber von welchem Standpunkte aus wird der Verf. des »Jom Kipur« (Leipzig, Leo. 1831) sein Werk beurtheilt wissen wollen, der sich kein würdigeres Ziel gesteckt, als das verbrauchte Thema von schönen Jüdinnen und ihren christlichen Schäfern mit obligater Sentimentalität in unerfreulichen Variationen neuerdings abzuspielen? Dieser Autor hat, indem er die Gebilde seiner Phantasie in Zeit und Ort uns bedeutend näher rückte, die Strenge der Kritik daher auffallender als seine großen Vorgänger herauszufordern gewagt. »Die Jüdin« (Meißen, Goedsche 1830) von Van Hall, gehört so ziemlich in die hier geschilderte Gattung sentimentaler Juden-Romane, und der von Hrn. Meyer sen. in Braunschweig neulich in den Intelligenzblättern angekündigte Roman »der polnische Jude«, als dessen Verfasser sich die, in Leihbibliotheken gepriesene Wilhelmine von Sostmann bekannt, spornt meine Erwartungen auf das jüngste Produkt jener vielschreibenden Dame überaus, denn noch kann ich mich nicht überreden, mit den künftigen Lesern des obengenannten Werkes zu glauben, daß die christlich fromme Frau mit polnischen Juden viel conversirt habe, um sich auch nur an die Characterschilderung eines einzigen Individuums aus jener Kaste mit einiger Zuversicht wagen zu können. In allen bisher gedruckten Schauspielen und Romanen war der Jude nur in Conflict mit seiner christlichen Umgebung erschienen. Ein jüdisches Familienleben hat, meines Wissens, noch Niemand zum Gegenstande seiner Zeichnung gemacht. Die politischen, religiösen und häuslichen Verhältnisse des Israeliten so umfassend zu schildern, als es der begrenzte Raum der Romanform gestattet, war daher die Aufgabe gewesen, welche der Herausgeber dieser Schrift sich gesetzt, und insofern glaubt derselbe sich auch jenem Theile der christlichen Leser nicht ungünstig empfohlen zu haben, welche ermattet durch die ewigen Wiederholungen des oben erwähnten Thema's (von den schönen Judentöchtern, ihren christlichen, empfindsamen Freiern, und jenen, die Wünsche dieser zärtlichen Paare boshaft vernichtenden, garstigen, bärtigen, altgläubigen, Schinkenscheuenden, beim Gotte Abrahams schwörenden, übrigens mit Gold und Schätzen schwer belasteten Vätern der hyper-sentimentalen Zionsblumen,) nach einem Buche verlangen mögen, dessen romanhafte Ingredienzien nicht die Hauptsubstanz bilden, und worin die nach dem Beispiele des persischen und russischen Gil Blas eingestreuten Anmerkungen errathen lassen, von welchem Gesichtspunkte aus der Herausgeber des indischen Gil Blas diesen gern betrachtet und – beurtheilt wünschen möchte. Erstes Kapitel Womit meine Lebensgeschichte eingeleitet wird Ich ward in Trebitsch einem mährischen Städtchen geboren. Mein Vater stand im Rufe ein vorzüglicher Schächter Deutsch: Schlächter genannt; ein solches Amt wird nur Demjenigen anvertraut, welcher Zeugnisse volljährigen Unterrichts bei einem Veteran dieser Kunst, dem Orts-Rabbiner vorzulegen vermag. Der Talmud hat über die Regeln des Viehschlachtens allein einen ganzen Folianten (den Tractat Chulin) geliefert. Milder Sinn und Pietät gegen die Thiere, deren Todeskampf man abzukürzen beabsichtigt, hat diese Maßregeln in's Leben gerufen. Wird an dem Schlachtmesser nur die geringste Zacke bemerkt, darf das geschlachtete Vieh nicht genossen werden, weil anzunehmen, daß es erst nach vielen Zuckungen den Lebensgeist verhaucht, und folglich in krankhaftem Zustande gefallen sey. Aus dieser Quelle leitet man das Verbot der Fleischspeisen bei Nicht-Juden zu genießen. zu sein. Der Gehalt, welchen ihm die Gemeinde ausgesetzt hatte, war demungeachtet so wenig beträchtlich, daß er nebenbei noch das Amt eines Koreh So nennt man denjenigen, welcher in der Synagoge die Abschnitte aus dem Pentateuch der Gemeinde am Sabbat und andern Festtagen vorliest. und Leichenbeters Die Juden halten dafür, daß jede Leiche, solange sie nicht zur Erde bestattet ist, von bösen Geistern beunruhigt werde. Daher eilt man an vielen Orten so sehr mit dem Begraben, daß namentlich in dem bigotten Polen die Beispiele von Lebendigbegrabenen am häufigsten vorkommen. Weil nun die Ortsobrigkeiten diesem Unfuge zu wehren streben, helfen sich die Verwandten des Verstorbenen damit, daß sie, so lange die Leiche noch im Hause sich befindet, mehrere im Rufe der Frömmigkeit stehende Männer im Sterbezimmer einige Abschnitte aus der Mischna vornehmen lassen, weil durch diese gottgefällige Beschäftigung die Dämonen verscheucht werden. verwalten mußte. Diese verschiedenen Geldzuflüsse vereinigten sich allenfalls zu einem ziemlichen Strome, welcher durch die Semestralspenden der wohlhabendern Gemeindeglieder vor Eintritt des Neujahr- und des Purimfestes heftiger anschwellend, wie der Nil über Aegypten, sich befruchtend über seinen Haushalt ergoß. Sechs Kinder waren die Kanäle, welche diesen Geldfluß in mehrere kleine Arme theilten, bis er allmählich in den Sand der häuslichen Bedürfnisse verrinnend, sich ganz verlor. Als ich nun den dreizehnten Geburtstag gefeiert hatte, rief mich mein Vater in seine Schlafkammer, was er gewöhnlich that, so oft er ein Geschäft unter nicht mehr als vier Augen vornehmen wollte, und sprach: »Mein Kind! Gestern bist du ein Bar Mizwa Dieses Wort bedeutet zu Deutsch: Einen Sohn des Gesetzes , weil mit dem Beginnen des dreizehnten Jahres die Verantwortlichkeit für begangene Sünden oder Unterlassung der Religionspflichten nicht mehr auf den Vater des Knaben zurückfällt. Es tritt gewissermaßen ein neuer Lebensabschnitt ein, und der aus dem Knabenalter heraustretende Jüngling kann nun bei den meisten religiösen Functionen mitwirken. Daher wird der 13te Geburtstag eines Knaben festlich von der Familie begangen; doch wird die Feierlichkeit immer auf den nächstfolgenden Sabbat hinausgeschoben, wo Freunde und Verwandten sich im Hause des Vaters einfinden, und den Eltern des Knaben Glückwünsche darbringen, daß dieses Alter des Knaben zu erleben ihnen durch die Güte des Himmels vergönnt worden sey. Jedoch thun Tanten und Muhmen bei ähnlichen Gelegenheiten des Guten lieber zu viel, als zu wenig, und wünschen den frohen Eltern dieses Glück auch an den Kindern ihres Söhnchens zu erleben. Weil diese Festlichkeit bei Töchtern nicht statt findet, so geht auch daraus der Verweis hervor, daß das andere Geschlecht bei den Juden, wie bei allen orientalischen Völkern, eine sehr untergeordnete, oder vielmehr eine wahrhaft passive Stellung einnimmt. Auch wird es der Uebernahme der meisten religiösen Pflichten und Gebote unwürdig gehalten, woraus schon zur Genüge errathen wird, warum die hier erwähnte Festlichkeit ausschließlich bei Knaben stattfinden kann. geworden. Du hast also das Kindesalter überschritten, und meine Pflicht für dich zu sorgen hat hiermit aufgehört. Halte dich daher bereit zur Reise, denn nur die Fremde bildet junge Leute zu Männern aus.« Meine kindische Einfalt ahnte nichts von den Schwierigkeiten, welche dem Fortkommen eines unerfahrnen Knaben unter fremden Leuten sich entgegen thürmen. Ich freute mich nur der Aussicht, nun endlich auf eigene Faust zu leben, den Despotismus eines strengen Vaters nicht mehr fürchten zu müssen und dergleichen mehr, wie die beschränkten Weltansichten eines Knaben es nicht anders erwarten lassen. Freudentoll geberdete ich mich nun vollends, als ich aus der fortgesetzten Rede meines Vaters erfuhr, daß er mir auch ein kleines Reisegeld und einige neue Kleidungsstücke mitzugeben Willens sey. Die Absichten, welche mein Vater mit mir hatte, gingen darauf hinaus, daß ich, wie in seiner Jugend er selbst gethan, eine in gutem Rufe stehende talmudische Lehranstalt beziehen sollte, um dort meine Studien in der Mischna und Gemara fortzusetzen; wo es bloß von meinem Fleiße und musterhafter Aufführung abhängen dürfte, in der Folgezeit die Würde eines More Zedek Nur jene Ortschaften, wo zahlreiche Judenfamilien ansäßig sind, gestatten einen Rabbi als religiöses Oberhaupt. Die kleinern Gemeinden, welche einen bedeutenden Jahresgehalt, wie er sich für einen Religionsvorsteher von Ruf und Gelehrsamkeit ziemt, nicht zu erschwingen vermögen, behelfen sich mit einem More Zedek, der denselben kirchlichen Functionen, Entscheidung schwieriger Rechtsfragen, insofern sie auf das religiöse Leben der Gemeindeglieder Bezug nehmen, u. dgl. m. sich unterzieht, ohne auf die hohen Honorare Anspruch zu machen, welche förmlich installirte Rabbinen, von der Ortsobrigkeit unterstützt, zu beziehen pflegen. zu usurpiren, oder vielmehr den weit einträglichern Posten eines Orts-Rabbinen zu erringen. Prag, seit Jahrhunderten schon der Sitz der ausgezeichnetsten Talmudisten, jene altberühmte Stadt, in welcher der eingeführten Sitte zufolge jeder Talmudist von einigem Rufe einen Abschnitt seines Lebens zugebracht haben mußte, Prag sollte auch mein Reiseziel werden. Einige Bekannte meines Vaters, welche die Brünner Messe zu besuchen pflegten, gelobten ihm, mich unentgeldlich dahin zu schaffen, und in Brünn wiederum Sorge zu tragen, wie sie einen Prager Handelsfreund, der ebenfalls diese Messe bezöge, zu meinem Transporte nach Prag bewegen wollten, was er aus Rücksichten gegen sie gewiß um ein Billiges zu thun sich geneigt finden lassen werde. Zweites Kapitel Portraits des Rabbi Zalel und seiner Ehehälfte Rabbi Zalel – dies war der Name des Mannes, unter dessen Augen meine talmudischen Studien ihren Fortgang nehmen sollten – ward in Prag zu jener Parthei der Schriftgelehrten gezählt, welche, ohne die Vorurtheile der ältern Generation zu bekämpfen, auch den Meinungen derer huldigten, die sich mehr nach den Farben des Zeitgeistes kleideten. Aehnliche Rücksichten wurden von denen für unerläßlich gehalten, welche bedachten, daß die Jahreseinkünfte eines Schiurhalters Dieser Titel kommt nur jenem Talmudisten zu, welcher bloß honoris causa die Amtspflichten eines Rabbinen versehen mag, keinen bestimmten Jahresgehalt bezieht, und aus eben so uneigennützigen Absichten unentgeldlich an bestimmten Tagen der Woche Lehrvorträge im Talmud hält. Die große oder geringe Anzahl der Schüler bestimmt auch seinen Ruf in der Gemeinde. Die Vorlesungen werden Schiurim genannt. nur aus den freiwilligen Gaben einiger wohlhabenden Gemeindeglieder zusammenfließen. Diese, großentheils Fabriksbesitzer, hatten längst die Unmöglichkeit eingesehen, den Sabbat hindurch gegen zweihundert christliche Arbeiter unbeschäftigt zu lassen, deren Müßiggang an dem folgenden Tage wieder die herrschende Landesreligion sanctionirte. Die Herren Fabriks-Inhaber waren daher zusammengetreten, um als eine vereinigte Macht ihren Religions-Obern desto kräftiger die Unmöglichkeit einer unter Fabrikanten zu beobachtenden Sabbatfeier darzuthun. Andere wieder bedurften einer Dispensation für die minder bedeutenden Fasttage, und der zeitweiligen Erlassung anderer beschwerlichen Religionspflichten. Die erhaltene Concession, ging sie von einem der geachtetern und eines besondern Rufes der Gelehrsamkeit sich erfreuenden Rabbinen aus, denen Zalel von aller Welt beigezählt war, stopfte den lästernden Zeloten schnell den Mund; denn auch auf die Urtheile der Letztern nahm Zalel stets Rücksicht, und huldigte den Vorurtheilen der Menge insofern, als er in seiner eigenen Lebensweise durch ascetischen Wandel der strengsten Art die Licenzen der Reichen, von denen er gar zu sehr sich abhängig fühlte, wieder auszugleichen strebte. Er fastete an Montagen und Donnerstagen, ebenso an Tagen vor Eintritt des Neumondes, ging an jedem Freitage, wie auch an Vorabenden hoher Festtage, in die Mikweh So heißt die in vielen Häusern der Juden angebrachte unterirdische Badequelle, worin der Besucher sich mit ganzem Leibe untertauchen muß. Dies geschieht in der Regel am Vorabend hoher Festtage; bei Frömmern auch an jedem Freitage. Am Vorabende des Buß- oder Versöhnungstages ( Jom Kipur genannt) ist es für jeden Verheiratheten Pflicht, diese Untertauchungs-Ceremonie mitzumachen. Auch die Frauen haben ihre Badequellen, besuchen sie aber nur, wenn der monatliche Blutfluß vorüber, wornach es dem Gatten wieder gestattet ist, ihr die eheliche Pflicht zu erweisen, die während der Menstruationsperiode zu vollziehen Sünde wäre. , schimpfte in den Leichenreden für Männer, die einen heiligen Wandel gelebt, auf die sündigen Zeitgenossen, deren Geringachtung religiöser Pflichten den Zorn Gottes reitze, so daß er seine Lieblinge, die Frommen, von der Welt nehme; rief bei solchen Gelegenheiten, um sein Auditorium heftiger zu packen, den Himmel an, daß er auch ihn von der Welt nehmen möge, wenn durch seinen Tod die Sünden seiner Glaubensbrüder gesühnt werden könnten. Aehnliche Kunststückchen sicherten ihm die Gunst der Orthodoxen, welche über seine den Reichen häufig ertheilten Dispensationen zuweilen unwillig die Köpfe schüttelten, aber nach dem Anhören eines solchen Ausrufes an die zürnende Gottheit, die, nach ihren Begriffen, nur durch einen sich selbst dem Tode weihenden Frommen wieder versöhnt werden konnte, schon mit dem guten Willen des Rabbi sich begnügten. Ein anderer, nicht minder erwähnenswerther Charakterzug dieses Mannes war das häufige Versichern, daß er das Studium anderer als theologischer Gegenstände, wenn sie nicht in hebräischer Sprache abgefaßt, nur in jenen Momenten vornähme, die er zur Befriedigung eines Naturbedürfnisses in dem geheimen Gemache zubringe. Er hätte, pflegte er diesem Geständnisse hinzuzufügen, Bedenken getragen, auch diesen Theil seiner Zeit mit Lappalien auszufüllen, wenn nicht der Zeitgeist nunmehr von Leuten seines Standes gleichfalls ein Bewandertseyn auch in andern Wissenschaften verlangte. Uebrigens sey er froh, mit der Weisheit anderer Völker auch bekannt worden zu seyn, denn nun habe er sich die Gewißheit verschafft, daß alle in die Mathematik, Medicin und Jurisprudenz einschlagenden Artikel im Talmud weit scharfsinniger und wahrer, als von den christlichen und heidnischen Weisen, behandelt worden wären. Ein solches Bekenntniß brachte dem Panegyriker des Talmuds zwiefachen Vortheil, denn die Parthei der Orthodoxen, welche das Studium nicht religiöser Gegenstände als den ersten Schritt zur Ketzerei erklärte, durfte sich jetzt auf den Ausspruch des gelehrten Rabbi Zalel berufen, welchem zufolge ein wißbegieriges Gemüth gar nicht nothwendig hatte, zur Ausbildung seines Geistes erst nach fremden Lehrbüchern zu verlangen, weil es alles Wissenswerthe in der Gemara viel gründlicher behandelt fände; ebenso die reichere Klasse der Juden, die der Stimme des Zeitgeistes williger zuweilen ein Ohr lieh, sah es gern, wenn ihr geistlicher Rathgeber in weltlichen Dingen nicht ganz so unwissend wie seine andern Amtsbrüder war. Einer der wohlhabendern Partheigänger des Rabbi Zalel war Nachum Brody, derselbe, welchem ich auf der Brünner Messe von den Freunden meines Vaters zur Weiterbeförderung nach Prag anvertraut worden. So ist es auch begreiflich, warum der Prager Meßreisende, nachdem er den Zweck meiner Fahrt von mir vernommen hatte, mich für den Schiur des von ihm begünstigten Rabbi Zalel angeworben. Die Aufnahms-Prüfung, welcher ich mich hatte unterziehen müssen, und welche eine der schwierigsten Stellen aus dem Tractate Nida Ein ziemlich starker Foliant, welcher meist die aus dem ehelichen Leben entspringenden Weiberkrankheiten zum Gegenstande hat; demungeachtet wird dessen Studium auch mit Knaben vorgenommen. zum Gegenstande hatte, wobei ich mit vieler Gewandtheit ein halbes Dutzend Commentatoren für meine richtige Auslegungsweise Beweis führend citirte, entschied so sehr zu meinem Vortheile, daß mir vom Rabbi sogleich Tisch und Wohnung kostenfrei angeboten wurde, hingegen ich allerlei kleine Dienstpflichten im Hause übernehmen sollte. Unter diesen ward mitverstanden, in seiner Haus-Kapelle Obgleich die Prager Judengemeinde im Besitze von neun Bethäusern ist, deren jedes an Höhe und Ausdehnung den bedeutendsten Kirchen jener Stadt nicht nachsteht, hat der Stolz der Rabbinen, zum Theile auch ihre Bequemlichkeits- [...] eines von ihrer Wohnung entfernten Gotteshauses überhoben sind, sondern auch ein Heer andächtiger Personen ins Haus ziehen, welche diese Betstuben vorzugsweise besuchen, weil dort die Andachtszeit bedeutend abgekürzt wird. abwechselnd mit einem meiner Collegen das Amt eines Koreh zu verwalten, Freitags die Sabbat-Lampe mit dem erforderlichen Brennöle zu füllen, und die Baumwolldochte zu drehen, den Rabbi auf seinen Wegen außer dem Hause zu begleiten Die Rabbinen haben ihre eigenen Schicklichkeitsgesetze. Zu diesen gehört, daß keiner derselben sich ohne Gefolge, das mindestens aus dreien Schülern bestehen muß, auf der Straße sehen lasse. u. dgl. m. – ich verstand mich in kurzer Zeit auf die Launen meines Brodherrn, und hätte ein leidliches Leben in jenem Hause wohl mehrere Jahre fortgeführt, wenn nicht die weibliche Hälfte des Rabbi als das vollkommene Gegenstück ihres Gatten zu betrachten gewesen wäre. Schon in der Körperform unterschieden sie sich sehr; Zalel, ein tannenschlanker, kräftiger Mann, mit Ehrfurcht gebietendem Ausdrucke in den Gesichtszügen, dessen bis auf die Brust herabreichender Bart das Würdevolle seiner Erscheinung bedeutend erhöhen half, hatte zum Ehegespons ein hageres Weibchen von der Größe eines Courierstiefels. Ihr Mund ließ, wenn er sich zum Keifen öffnete, im weiten leeren Raume nur weit aus einander stehende Augenzähne zum Vorschein kommen, die, wären sie mittelst eines Fadens verbunden worden, füglich zum Wäschetrocknen hätten Dienste leisten können. Frau Sprinze war stets übler Laune, daß Jerusalems Wiederaufbau so lange verzögert werde oder aus sonst einer, frommen Seelen würdigen, Ursache, keifte mit allen Hausleuten, und machte selbst bei dem Rabbi, auf dessen eheliche Verwandtschaft mit ihr sie sich viel zu Gute that, keine Ausnahme. Im Beiseyn Fremder gelang es ihm zwar, durch ein schallendes: »Pschah!« ihr den Mund zu stopfen, aber vor dem Hausgesinde that sie ihrer Zunge weniger Gewalt an. Wie oft das würdige Ehepaar sich im Zustande gegenseitiger Mißstimmung finden ließ, geht aus folgendem Vorfall hervor. Eines Freitags hatte Sprinze, wie gewöhnlich, die fertig gebackenen Sabbatbrode auf einen dazu bestimmten Platz hingebreitet, und sich wieder entfernt, um ihren andern häuslichen Verrichtungen obzuliegen. Das Mittagessen eines jüdischen Frommen an den Freitagen kann auf den Namen eines soliden Mahles keinen gültigen Anspruch machen, denn es wird für Sünde gehalten, bei der ersten Sabbat-Mahlzeit, die bekanntlich am Freitagabende statt findet, sich mit einem gesättigten Magen einzufinden, weil dies gegen die dem Sabbat schuldige Aufmerksamkeit wäre, welche der Gläubige nie verletzen dürfte. Rabbi Zalel, welchen am Freitags-Nachmittage noch das Studium der Gemara fesselte, war in seine Meditationen dermaßen vertieft, daß er gar nicht bemerkt hatte, wie auf Anstiften des leeren Magens die rechte Hand nach dem Sabbatbrode gegriffen, Stücke davon abgebrochen, in kleinen Zeiträumen bissenweise dem Munde zugeführt, und den Frevel ungestört so lange fortsetzte, bis auch der Kopf des zweiten Wegen der zwei Hauptmahlzeiten am Sabbat bedarf man auch zweier Brode, indem es der dem Sabbat schuldigen Hochachtung zuwider liefe, ein zur Hälfte gebrauchtes Brod für die nächste Mahlzeit aufzusparen. Weil nun diese Brode im eigenen Hause gebacken seyn sollen, die Zeit bis zum Sabbateingang jedoch schon viel zu kurz war, um an die Stelle der verzehrten Brode ein frisches Paar herbei zu zaubern, so ist Sprinze's Zorn wohl zu rechtfertigen. Sabbatbrodes bloß – gewesen war. Sprinze, heftig erschrocken, als sie den Gatten in dieser unwürdigen Beschäftigung überraschte, weckte ihn aus seiner Zerstreuung mit einigen kräftigen Proben ihres Redestyls, der zusehends sich an Kühnheit der Metaphern desto mehr bereicherte, je stiller und verschämter der im Gefühle seiner Schuld da sitzende Weise sich bezeugte. Die Spuren seines Unmuths waren noch Abends auf seinem Gesichte bemerkbar; und von den zum Gebete sich einfindenden Männern um den Grund dieses ungewöhnlichen Trübsinns befragt, als dessen Urheberin sie vorhinein Frau Sprinze vermutheten, bestätigte er ihre Ahnung als gegründet, gestand jedoch, sein heutiger Unmuth entspringe mehr aus dem Bewußtseyn, daß die Frau diesmal wirklich Recht gehabt habe. Auch ich fand nicht selten Gelegenheit, über den fanatischen Eifer jener Haustyrannin gerechte Beschwerde zu führen. Sprinze war, wie zu jener Zeit noch viele Juden, der Ueberzeugung, daß das Lesen eines nicht mit hebräischen Lettern gedruckten Buches der erste Schritt zur Ketzerey sey, und stufenweise zum Abfall vom Glauben führe. Als sie nun Gunzens »Anfangsgründe der Rechenkunst« (ein zum Selbststudium der Arithmetik höchst brauchbares Werk, das ich zu diesem Behufe von einem Freunde geborgt hatte) auf meinem Tische aufgeschlagen gewahrte, warf sie das locker geheftete Buch, am Deckel erfassend, in den schmutzigen Hofraum hinab, daß die Blätter in zahllosen Gruppen hin und her flogen. Mein Jammer sprach dem Rabbi zum Herzen, und zwar, weil ich ihm vorstellte, daß der Eigenthümer des Buches Schadenersatz fordern werde, welchen ich, von allem Gelde entblößt, nicht zu leisten vermochte. Alsogleich hob sich Zalel von seinem Armstuhle, und in dem ihm eigenthümlichen sonoren und kräftigen Basse rief er der Hausfrau besänftigend zu: »Sprinze, mein Leben! weißt du denn nicht, daß das Buch vom Schimme Verkürzung des Namens Simon. Schwerlich hat ein Werk über die Rechenkunst so vielfache Auflagen erlebt, als das dreibändige des obgenannten Simon Gunz, welcher auch durch eine zeitgemäße verbesserte Ausgabe von Nelkenbrechers Taschenbuch aller europäischen Münzsorten und deren Curse sich um das kaufmännische Publikum mannigfach verdient gemacht hat. Er war der Sohn eines Rabbi zu Fürth in Baiern, und starb in Prag, welche Stadt er in seiner Jugend zu dem Zwecke besuchte, seine talmudischen Studien fortzusetzen, als Lehrer der höhern Mathematik an der israelitisch-deutschen Hauptschule. Sein Sohn, der, zum christlichen Glauben übergetreten, als Professor der Mathematik in Laibach angestellt worden war, suchte in Briefen den Vater gleichfalls zur Annahme des Christenthums zu bewegen, erhielt aber die ausweichende Antwort, dies könne nicht wohl geschehen, weil dann der Sohn älter als der Vater wäre. Auf die an ihn gestellte Frage: Welche Religion er für die wahre hielte, die jüdische oder christliche? versetzte er rasch: Moses ist nicht gestogen (so lautet das verdorbene Judendeutsch statt gestiegen , eine Anspielung auf das Besteigen des Berges Sinai), und Jesus ist nicht geflogen (womit dessen Himmelfahrt angedeutet seyn soll). Als er befragt wurde: Womit ihm Gott die größte Freude machen könnte? war die Antwort: Wenn alle Christen in Einem Tage eine Miße Meschunn (gewaltsamen Tod) erleiden müßten, und alle Juden sich darüber vor Lust zu Tode lachten; dann bin ich ja beide los. Gunz gemacht ist?« Hierauf ward mir gestattet, die Blätter in dem finstern Hofraume zusammen zu lesen, welche Begünstigung ich nur dem Zufalle verdankte, daß der Verfasser des Buches gleichfalls von Abraham abstammte. Drittes Kapitel Schwänke Wenn ich in dem vorigen Kapitel unter andern wesentlichen Dingen mitanzuführen gedachte, daß ich im Hause des Rabbi freien Tisch hatte, so war diese Großmuth bloß auf die Wochentage beschränkt. An Sabbaten und Festtagen aß ich Billette. Billette essen ist ein jüdischer Idiotismus, entstanden aus der in vielen Judengemeinden noch üblichen Sitte, den unbemittelten Fremden, Durchreisenden und fahrenden Schülern (vielleicht die passendste Bezeichnung für die jungen Talmuds-Candidaten) ein Billet zu ertheilen, worauf der Name eines bemittelten Familienvaters geschrieben. Die Wenigsten weisen dergleichen Einquartierungszettel zurück, weil sie wegen ihrer Kargheit und Hartherzigkeit dann in üblen Ruf kommen würden. Einige finden sich, um der den Hauspersonen Zwang auflegenden Anwesenheit eines Fremden vorzubeugen, mit diesem mittelst eines kleinen Geldgeschenkes ab, das der Beschenkte in der Regel mit dem Billetten-Ausspender zu theilen pflegt, und hierauf sich ein anderes Eßbillet ausfolgen läßt. Weil die Zahl der unbemittelten Fremden nie genau bestimmt werden kann, so hängt es von der Willkühr des Billettenspenders ab, diesen oder jenen Familienvater, auf welchen er einen Zahn hat, durch fleißiges Besteuern dieser Art zu necken. Wenn einige Hausväter es vorziehen, die Zudringlichkeiten mittelst eines Geldgeschenkes von sich abzuhalten, geschieht dies aus dreierley Ursachen, denn erstlich quält den Wirth die Besorgnis ab, daß der Gast morgen in der Stadt ausposaune, wie viele und welche Speisen auf den Tisch gekommen; dann fragt sich: Wird der Fremde nicht durch Unreinlichkeit den Hausgenossen Ekel erregen? Müssen diese nicht im Gespräche sich vielfachen Zwang auferlegen? u. s. w. Die Austheilung derselben war von den Gemeindevorstehern einem Manne, Namens Benjamin Ofner, anvertraut worden, welchen die Neider seiner Verdienste der gering geachteten Klasse der Käse-Rabbi's Eine gar komische, aber nicht unpassende Bezeichnung für die Rabbi's minorum gentium , welche gemiethet werden, für plötzlich erkrankte Personen in den Synagogen, durch Herplärren einer Anzahl Psalme, deren Gesundheit vom lieben Gott zu erflehen, oder das Geschäft eines Leichenbeters (siehe Anmerk. 2 und 3 des ersten Kapitels) und dgl. kleinliche Aufträge mehr zu übernehmen. Diese müssen, ihrer geringen Einkünfte halber, sich die Woche hindurch meist mit kalter Kost begnügen. Der Käse, eine gewöhnliche Speise dieser Menschengattung, mag, meinem Vermuthen zufolge, zu jenem schmeichelhaften Prädikate Veranlassung gegeben haben. zugesellten. Benjamin, welchem ich aus dem hier angeführten Grunde wöchentlich einen Besuch abzustatten unerläßlich fand, schien an mir Wohlgefallen zu finden. Anfänglich bekundete sich dies in seiner Sorgfalt, mir stets nur solche Häuser zuzuweisen, von denen es notorisch war, daß daselbst gut gegessen wurde. Eines Tages, als die andern Billetten-Empfänger befriedigt seine Stube verlassen hatten, und nur ich noch meines Zettels harrte, fragte mich Benjamin in einem an ihm ungewohnten freundlichen Tone: »Nathl! Abkürzung von Nathan. wärst du nicht abgeneigt, bei mir in Condition zu treten? Du schreibst eine schöne Hand, bist im Deutschen Dieses Wort wird häufig gebraucht, um alle Lehrgegenstände zu bezeichnen, welche eine Erfindung der Christen, aber wegen des geselligen Verkehrs mit ihnen den Juden unentbehrlich geworden, und daher von der jüngern Generation mehr beachtet werden, insbesondere seit Kaiser Joseph II., der ihnen eine eigene wohleingerichtete Hauptschule in Prag bauen ließ, den Schul-Unterricht auch unter ihnen einführte. Seitdem bedeutet die Redensart: »Er ist im Deutschen wie im Jüdischen gleich sehr zu Hause«, einen in weltlichen wie in geistlichen Gegenständen wohlunterrichteten Mann. wie im Jüdischen bewandert, kannst daher meine beiden Jungen in diesen Kenntnissen unterrichten, und es wird dein Schade nicht seyn. Du weißt, wie in meinem Hause gelebt wird, du hast deine gute Kost, brauchst dich an Sabbaten nicht mehr an fremden Tischen herum zu lagern, und sollst auch etwas Taschengeld haben.« Dieses Anerbieten dünkte mir viel zu anlockend, um es erst beschlafen zu müssen. Die keifende Sprinzel, von welcher ich längst schon los zu kommen wünschte, trat jetzt abschreckender als je vor mein geistiges Auge. Der Zwang im Hause des Rabbi war in der letzten Zeit mir gleichfalls fühlbarer geworden, und so trug ich nicht Bedenken, Benjamins Wünschen sogleich entgegen zu kommen. Bald jedoch erwies sich, daß ich bereits gewohnte Unannehmlichkeiten nur gegen andere bisher ungekannte vertauscht hatte. Die allenfalls schmackhaftere und nahrhaftere Kost in Benjamins Hause konnte mir weniger munden, sobald meine Blicke auf das stets schmuzige Tischtuch hingleiteten, oder ich bemerkte, wie der gute Benjamin, welcher zur Ehre des Sabbats dem für die Freitags-Abend-Mahlzeit bestimmten Karpfen selbst den Bauch aufschnitt, mit der Spitze jenes Messers in kleinen Zwischenpausen die unruhige Einwohnerschaft auf seinem Scheitel zur Ordnung und Eintracht verwies; oder wie die nur am Freitage ebenfalls zur Ehre des Sabbats ausnahmsweise mit dem Küchenwesen beschäftigte Hausfrau, welche an den übrigen Wochentagen ihrem Trödelkrame vorstand, mit ihren vor Krätze starrenden Fingern die Torte und die Sabbatbrode selbst zubereitete, knetete und buk. Auch die monatlichen Gagenzahlungen bekundeten in den folgenden Monaten meines Brodherrn Begriffe von Pünktlichkeit im Worthalten weniger, als ehedem, und so trat auch von meiner Seite merkliche Lauheit in den Dienstpflichten ein, die durch Gleichgültigkeitsbeweise aller Art kräftig unterstützt wurde. Eines Abends hatte ich das Schauspiel besucht. Wallensteins Tod war gegeben worden, welche Tragödie ihrer ungewöhnlichen Länge wegen über die gewöhnlichen Theaterstunden hinausspielt. Es war nahe an Mitternacht, als ich, vom langen Stehen ermüdet, meinem Hause zuwankte. Wie sehr erschrak ich, als ich auf mein unermüdetes Pochen an das Hausthor, statt eines befriedigenden Erfolges, die Stimme meines Brodherrn erkannte, der in sein Nachthabit gehüllt mir aus dem Fenster zurief, daß mein spätes Nachhausekommen mit dem Nichteinlaß bestraft werde. Mein Stolz verwarf jedes Mittel, welches die Noth mir zuflüsterte, und ich beschloß, die Gewalt mit List zu bekämpfen. Ich spazierte ein Stündchen hindurch die schwach beleuchtete Straße auf und ab, stellte mich dann abermals unter das Fenster, welches nach dem Schlafgemache Benjamins ging, und rief aus allen Kräften: »Rabbi Benjamin, Rabbi Benjamin! Eilig! Geschwind! Der reiche Meier ist gefährlich erkrankt, und seine Leute verlangen nach Euch, daß ihr für ihn in der Altneuschule Wenn ich nicht irre, gedenkt dieses merkwürdigen Gebäudes schon Seume in seiner »Reise nach Syrakus«. Nach dem jüdischen Volksglauben soll dieses Gotteshaus von den nach Böhmen eingewanderten Juden, welche der Tradition zufolge die ältesten Einwohner dieses Landes, schon als erbaut vorgefunden worden seyn. Allenfalls läßt die Bauart auf ein hohes Alterthum schließen, und wenn auch sehr zu zweifeln, daß, wie einige Fromme behaupten wollen, gleich nach der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem die Engel sich an den Bau der Altneuschule gemacht, so kann es doch nimmermehr geleugnet werden, daß die gothische Form ihrer Bauart sie unter die allerältesten Stylproben jener Gattung classifiziren läßt. Ihren Namen führt diese Synagoge zum Unterschiede von der viel jüngern außerhalb des Judenbezirks im 15. Jahrhunderte von damals in Prag ansäßigen fränkischen Juden erbauten Altschule; denn daß die Altneuschule vor mehrern Jahrhunderten schon renovirt worden sey, bezeugt das Dach des Gebäudes, welches von dem altgothischen Styl des übrigen Theils der Synagoge sich sehr unterscheidet. Das Gebäude ist mehr in die Tiefe hinein gebaut und guckt nur verstohlen aus der Ecke hervor, so daß man beim Eintritte, nachdem man allenfalls eine kleine Treppe hinabgestiegen ist, doch immer noch über die außerordentlich hohe Decke des Hauses in Verwunderung geräth. Weil mehrmalige Versuche, an den Wänden kleine Reparaturen vorzunehmen, den Arbeitern das Leben kosteten, und in den ersten Jahren des gegenwärtigen Säkuli ein zu diesem Unternehmen sich meldender Wagehals, vom Schwindel ergriffen, beim ersten Anlegen des Werkzeuges von der Leiter herab, todt zur Erde fiel, so findet sich Niemand mehr, der ein solches Wagniß unternehmen möchte. Die Mauern werden als ein Heiligthum verehrt, die kein Werkzeug berühren darf, daher die vom Alter schwarz gefärbten Wände, an welchen die eingemeißelten unzähligen Bibelstellen aus dem hier angeführten Grunde von keinem Auge aus der Entfernung mehr bemerkt werden können. Vielleicht wird das Ueberfärben und Tünchen dieser heiligen Buchstaben von dem Volke für sträflich gehalten, denn gälte das Vorurtheil der Unantastbarkeit von dem ganzen Gebäude, woher sodann der einer spätern Baumanier angehörige Dachstuhl, der von den gothischen schmalen Fensterchen, geschnörkelten Portalen u. s. w. ganz absticht? Einen noch mehr überraschenden Eindruck bringt auf den Fremden der innere Theil des Hauses an einem Freitags- oder Festabend hervor, wenn die vielen hundert Kerzlichter in der schwarzen Halle wie Sternchen an der braunen Himmelsdecke flimmern. Diese Flämmchen bilden durch die seltsame altväterische Form der messingenen Hängelampen veranlaßt, (die aus dem unabsehbaren Dunkel herabzuschweben und ihre Lichtstrahlen erst unten auszugießen scheinen,) wegen der Zirkelform der vielen vom Stamme ausgehenden vier Arme oder Zweige bildenden Leuchter, unzählige kleine Feuerkreise. Unter dem Dachstuhle bewahrt man noch mehrere Reliquien aus dem Hausrathe ausgezeichneter Rabbiner einer frühern Zeit; worunter auch der Golam, (dieses Wort bedeutet nicht nur im Hebräischen, sondern auch in der persischen Sprache einen Diener) des Rabbi Liwa, vom Volke der hohe Rabbi Löw genannt. Dieser Fromme, ein Zeitgenosse Kaiser Rudolphs II. hatte als einer der nahmhaftesten Cabbalisten jenes Jahrhunderts den wie der Alchymie, auch andern geheimen Künsten sehr befreundeten Monarchen bald auf sich aufmerksam gemacht; und es ist factisch, daß Rudolph einmal während seines langen Aufenthaltes in Prag dem Rabbi in dessen bescheidener Wohnung, über deren Thüre noch jetzt ein in die Mauer eingemeißelter Löwe sichtbar ist, die Gegenvisite gemacht, wovon man sich erzählt, daß der Rabbi zu Ehren seines Gastes aus der Wand die kostbarsten Weine habe hervorquillen lassen. Der obenerwähnte Golam war ein Automat aus Lehm, welches sich der Rabbi selbst gebildet hatte, und in dessen Mund an jedem Abende ein anderer Talisman (Sem genannt) hinein practizirt wurde. Eines Freitags hatte der Cabbalist wie gewöhnlich sich zum Abendgebete in die Altneuschule verfügt, und die eingetretene Dämmerung bekundete den bereits eingefallenen Sabbat. Bei den Juden wird bekanntlich der Abend zum folgenden Tage gerechnet. Der Golam, welcher noch den Freitags-Sem im Munde hatte, glaubte sich durch die Vergeßlichkeit seines Herrn aller Subordination gegen den Meister enthoben, und begann furchtbaren Spuk zu treiben. Das ganze Gebäude wankte, und unfehlbar hätte das Ungethüm den Untergang der Stadt herbeigeführt, wäre der Cabbalist nicht allsogleich auf ein schlaues Aushülfsmittel verfallen. Man hatte den 92. Psalm in der Synagoge angestimmt gehabt, womit der Eingang des Sabbat bezeichnet wird, als der Golam eben der Autorität jenes Psalms vertrauend, die Zeit seiner Befreiung aus dem beschwerlichen Herrendienste herangerückt wähnte, und sein tolles Spiel begann. Da rief der Rabbi, welcher die Ursache von dem widerspenstigen Betragen seines sonst folgsamen Dieners schnell errieth, den im Gebete begriffenen Männern, die der Golam sehr erschreckt hatte, ein gebieterisches: »Haltet ein!« zu, denn mit der gebotenen Pause hielt er auf künstliche Weise den anrückenden Sabbat auf, welcher nur nach beendeten Abbeten des Psalms als eingetroffen erklärt werden konnte. Schnell begab er sich in die Wohnung zurück, holte den Sabbat-Sem, tauschte ihn gegen den vom Freitage aus, und augenblicklich erkannte der Golam die Uebermacht seines Meisters an, that wieder vernünftig und die Stadt war gerettet. Zum Andenken an jenes Ereigniß wird noch jetzt in der Altneuschule an Freitagsabenden der 92. Psalm doppelt abgesagt, und zwar durch Einschaltung einer viertelstündigen Pause, welche an die Zwischenzeit erinnern soll, deren der Rabbi bedurfte, seine Vergeßlichkeit gut zu machen. Man erzählt sich noch andere Sagen von jenem Cabbalisten, von welchen ich nur die bedeutendsten hier anzuführen mir erlaube. Als einst eine Kinderseuche in der Prager Judenschaft arg wüthete, und der Rabbi die Ursache des göttlichen Zorns gern ermitteln wollte, gebot er dem Synagogendiener gegen Mitternacht sich nach dem der Altneuschule benachbarten Leichenfelde zu verfügen, wo er gewiß die jüngst gestorbenen Kinder bemerken werde, wie sie ihrer Gräbern entsteigend, die Todtenkleider von sich werfend, einen Ringeltanz beginnen würden. Eines dieser Todtenhemden sollte er wegstehlen und dem Rabbi überbringen. Der Bote that wie ihm geheißen, bemerkte Alles, worauf er von dem Cabbalisten vorbereitet worden, und überbrachte eines der Todtenhemdchen. Der kleine Eigenthümer desselben errieth, als er wieder in die Gruft steigen wollte, und es vermißte, sogleich dessen neuen Besitzer. Das gespenstische Kind rannte blitzschnell nach der Wohnung des Cabbalisten, der schon aus seinem Fenster schauend, den kleinen Schreier erwartet hatte, und rief hinauf: »Rabbi! gieb mir meine Thachrichim wieder.« – Der Rabbi aber erwiederte lächelnd: »Diese bekommst Du eher nicht, als bis ich erfahren, weshalb wir mit der Seuche heimgesucht werden?« Nun ergab es sich, daß der Scandal, welchen in der Belelesgasse zwei Ehemänner mit ihren Weibern trieben, indem sie jede Nacht ihre Lagergenossinnen austauschten, den Zorn des Himmels über die Prager Judenschaft gebracht hatte. Der Rabbi folgte dem kleinen Vielwisser das Seinige wieder aus, schickte jedoch sogleich in die bezeichneten Häuser, wo die beiden Liebespaare auf frischer That ertappt, und der verdienten Strafe überliefert wurden. Alsbald hörte die Pest auf, und zur Erinnerung an die beiden Sünderinnen, von denen die eine Bella , die Andere Ella hieß, ward die Gasse in der Folge nach Beiden genannt. Andere wollen den Namen jener Gasse, der sich bis jetzt erhalten hat, von dem hebräischen Worte: Beleila, was in der Uebersetzung: In der Nacht , lat, sub noctis tempore lauten wurde, deriviren. Während des Rabbinats jenes Cabbalisten in Prag hatte noch eine, und zwar bedeutendere Seuche, die jedes Alter ergriff, die Stadt heimgesucht. Rabbi Liwa entschloß sich mit einigen Gewählten auf das Leichenfeld zu gehen, und daselbst für die Erhaltung der Lebenden Gebete zum Himmel zu schicken. Weil er jedoch die schädliche Ausdünstung so vieler in kurzer Zeit dort aufgehäuften Leichen, als seiner und der Begleiter Gesundheit nachtheilig, befürchtete, nahm er den Weg nach einem noch unbenutzten Theile des (ebenfalls von Seume gedachten) Leichenackers, und zwar durch ein Hinterpförtchen in der Nähe der Pinkas-Synagoge. Als er einzutreten im Begriffe war, trat ihm ein finstrer Mann mit einem überaus langen Zettel entgegen, welchen Rabbi Liwa sogleich für den Tod erkannte. Mit kühner Entschlossenheit riß er dem Fremden das Papier aus der Hand, und las zu seinem nicht geringere Schrecken seinen und seiner Begleiter Namen als proscribirte, dem Grabe verfallene Personen, welche noch an demselben Tage als Opfer dem Unersättlichen fallen sollten. Der Tod lachte und sprach: Diesmal Rabbi warst du der Klügere. Hättest du das Papier mir nicht entrissen, wärest du und diese Männer hier noch heute meine Speise geworden. In der That verstand es der Cabbalist durch seine geheimen Künste den Tod, so oft er ihm nahe treten wollte, in die gebührenden Gränzen zurückzuweisen; und der Rabbi wäre vielleicht noch jetzt am Leben, hätte Meister Tod nicht zur List seine Zuflucht genommen und sich in eine Rose verwandelt, welche unklugerweise die Frau oder Tochter des Cabbalisten (welche von beiden es war, ist ungewiß geblieben) dem Rabbi an einem Freitagsabend zum Präsente gereicht. Als der Greis daran gerochen, starb er alsogleich, und so hatte ihn der Tod dennoch bei der Nase erwischt. Bemerkenswert bleibt es, daß die Juden, weil der mosaischen Erzählung zufolge durch Eva der Tod in die Welt gekommen, dem Menschenwürger bei seinem Geschäfte meist die Weiber als Vermittlerinnen und Helferinnen gebrauchen lassen. Dies ergiebt sich schon aus dem Verbote, bei Leichenzügen Personen des andern Geschlechtes anwesend seyn zu lassen; und ich habe es oft beobachtet, wie bei feierlichen Leichenbegängnissen den aus ihren Fenstern auf das Volksgewühl herabgaffenden Weibern und Mädchen durch Zeloten mit drohender Miene schnell von den Fenstern zu weichen geboten wurde, und zwar, weil man besorgte, daß die Gegenwart einer Evenstochter den Tod herbeilocken könnte, welcher sich unfehlbar unter den Begleitern der Leiche einige frische Opfer aussuchen würde. Daher ist es unter den Juden nicht Sitte, daß der weibliche Theil der Leidtragenden sich den Begleitern derselben anschließen; jedoch ist es den Frauen gestattet, an den Jahrestagen das Grab eines geliebten Verwandten zu besuchen, und für dessen Ruhe zu beten. Thilim (Psalma) sagen möchtet.« Hierauf postirte ich mich rasch hinter die Hausthüre, welche, wie ich wohl vermuthet hatte, von dem geitzigen Benjamin, der keinen Verdienst gern aus seinen Händen ließ, um durch kein unnöthiges Geräusch die schlafenden Nachbarn zu wecken, langsam aufgesperrt wurde, und mir demnach Zeit genug einräumte, um in das Haus zu schlüpfen, bevor die Riegel wieder in das Schloß einklappten. Benjamin hatte, weil er das Bethaus geschlossen fand, sich nur zu bald überzeugt, daß ihm von mir ein Schwank gespielt worden sey. Wutherfüllt stürzte er seiner Wohnung zu, und als er das Hausthor aufzusperren beflissen, mühte er sich nur vergeblich ab, denn ich hatte von innen einen Span durch das Schlüsselloch gezogen. Benjamin legte sich demnach aufs Pochen, worauf ich seine Stelle am Fenster einnehmend, ihm gleichfalls zurief: »Nachtschwärmer werden für ihr spätes Nachhausekommen mit dem Nichteinlaß bestraft.« Mein Brodherr hatte große Lust, weil ich in der That ein Stündchen hindurch sein Wüthen in der kalten Nachtluft hatte abkühlen lassen, bevor ich die Thüre wieder aufsperrbar machte, mich kommenden Tages in optima forma aus dem Hause zu jagen; allein er besorgte nicht ohne Grund, daß ich sodann die Ursache unseres Zwistes bekannt machen, und er ein Spott der Nachbarn werden könnte. Doch, vermag der Sterbliche die Beschlüsse des Schicksals zu vereiteln? Das unbegreifliche und unerbittliche Fatum hatte es über mich verhängt, daß ich durch einen neuen Schwank, meinem Brodherrn gespielt, meines Dienstes verlustig werden sollte, und so hieß es nun: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Benjamin pflegte eine Woche vor Eintritt des Passahfestes eine seinem Wirkungskreise angemessene Beschäftigung vorzunehmen, die so viel abwarf, daß sie nicht nur die bedeutenden Kosten einbrachte, welche das Passahfest seiner achttägigen Dauer halber verursacht, sondern noch einen reichlichen Gewinn herbeiführte. Diese Arbeit wird, weil die des Jahres über gebrauchten metallenen Speisegeräthe und Küchengeschirre, um an jenem Feste benutzt werden zu dürfen, über Kohlenfeuer gehalten und ausgeglühet werden müssen, (von Koscher oder Kascher , reinigen), das Kaschern im verdorbenen Judendeutsch genannt. Zu diesem Behufe hatte Benjamin an seinen Fensterladen einen Zettel folgenden Inhalts angeheftet: »Allhier wird gekaschert zu den billigsten Preisen bei Rabbi Benjamin Ofner.« In der nächstfolgenden Nacht benutzte ich die tiefe Dunkelheit, welche der mit Wolken ganz umflorte Himmel verbreitet hatte, um den Zettel von den Fensterladen behutsam abzulösen. Nach verrichteter Sache eilte ich mit meinem Spolium über den Dreibrunnenplatz bis zu der seit Kaiser Joseph II. cassirten Niclaskirche (mit welcher ehedem ein von den Jesuiten bewohntes Kloster verbunden gewesen, die gegenwärtig aber theilweise als Heumagazin für die garnisonirenden Kürassiere, theilweise zu einem Gesellschafts-Theater verwendet wird). An der Mauer dieses einstigen Andachtsortes, welcher den Judenbezirk von der Altstadt abtheilt, ist ein Bordell: »Zur weißen Rose« genannt, angebaut worden. An die zur Nacht geschlossenen Fensterladen heftete ich die von ihrem früheren Orte abgelöste Kascherungs-Anzeige. Die keuschen Bewohnerinnen jenes der Göttin Cypria geweihten Tempels bedürfen ihrer nächtlichen Anstrengungen halber mehr als andere Sterbliche des erquickenden Morgenschlummers, und so blieben die Fensterladen noch lange geschlossen, zum nicht geringen Ergötzen der Vorübergehenden, welche, meist Juden, über die nun doppelsinnig gewordene Anzeige, die sie wohl errathen konnten, in ein nicht zu stillendes Gelächter ausbrachen. Der andere Theil des Gassenpublikums ließ sich von den Kundigen die Bedeutung jenes Spaßes erklären, und so wuchs der gaffende und lachende Pöbelhaufe zusehends wie ein Schneeball an, so daß, von dem Gesumme der Menschenmenge aus dem süßen Morgenschlummer geweckt, die holden Schläferinnen neugierig aus der Hausthüre traten, und, die seltene Bescherung ebenfalls gewahrend, wüthend nach dem Zettel griffen, dessen Vernichtung sie kaum beschließend, auch schon ausgeführt hatten. Ich, der ungekannte Urheber jenes Schwankes, war lange ein stiller Zeuge desselben gewesen, bis ich es jedoch für zeitgemäß erachtete, mich aus der Menge wegzustehlen, denn es war zu erwarten, daß mein Brodherr von dem auf seine Kosten ausgeführten Hauptspaße bald unterrichtet werden, und sich in eigener Person nach diesem Platze verfügen könnte, wo er, wäre ich noch daselbst anwesend gefunden worden, unbedenklich eine empfindliche Selbstrache sich erlaubt haben dürfte. Ich hielt es nicht räthlich, seine Schwelle wieder zu betreten, und hielt mich mehrere Wochen bei einem mir befreundeten jungen Wundarzte in der von Juden zahlreich bewohnten Vorstadt Smichow verborgen. Viertes Kapitel Thomar verkehrt! Um jene Zeit war ein Rabbi aus Russisch-Polen in Prag angekommen, welcher durch einige talmudische Dissertationen Geld und Aufsehen zu erlangen hoffte, jedes von einer andern Parthei, denn die zahlungsfähigen Hausväter, welche der Pole zu besteuern gedachte, und deren Namen er sich von dem guten Benjamin, meinem frühern Brodherrn, in einem Auszuge aus dem, wegen der wöchentlichen Billetten-Vertheilung, stets vorliegenden Contribuenten-Register mittheilen ließ, waren es nicht, die seine Fähigkeiten zu prüfen verstanden; die Kenner, aus dem Rabbinen-Corps bestehend, sind hingegen meist von der Dame Fortuna ignorirte Geschöpfe, die weder geben wollen noch können. Zu den Letztern gehörte ich. Das Gerücht lautete: der fremde Rabbi werde dreimal, und zwar in verschiedenen Synagogen, seine Disputationen halten. Ich bediene mich dieses hier sehr passenden Wortes, weil es jedem Zuhörer unbenommen bleibt, die seiner Meinung nach von dem Redner vorgebrachte falsche Auslegung einer Bibel- oder Talmudstelle ungescheut zu bekämpfen, und wer die meiste sophistische Gewandtheit an Tag zu bringen versteht, der behält Recht. Daher besuchen weniger die ältern Personen, als die jungen Studiosen des Talmuds, ähnliche Vorträge, um das Aufsehen des Auditoriums von dem bewunderten Debütanten auf sich selbst hinzulenken; denn, schließt man, wer mit einem solchen Matador es aufzunehmen wagt, an dem muß selbst etwas seyn. Nun liefert bekanntlich Polen nicht nur das beste Rindvieh, sondern auch die vorzüglichsten Talmudisten, was die Statistiker vielleicht weniger wissen; und ein Pole hat daher schon im Voraus ein günstiges Vorurtheil für sich. In der That hatte sich erwartungsvoll ein zahlreiches Auditorium schon am ersten Abende Die Dissertationen werden von den Rabbinen meist in der Dämmerungszeit zwischen dem Abendgebete (Minche genannt) und dem Nachtgebete (Maariw) abgehalten. Nur am Sabbat und Feiertagen finden diese auch am Nachmittage statt, weil kein Geschäft die Menge von der Theilnahme an diesen Unterhaltungen abhält. eingefunden. Das zu behandelnde Thema war diesmal der Bibel, und zwar dem Kap. 18 der Genesis entnommen. Der Fremde mühte sich kläglich ab, zu beweisen, aus welchem Grunde Sara zu dem Kuchen, den sie zur Bewirthung der Engel buk, feines Mehl (Soleth) genommen hatte, obgleich Abraham nur gewöhnliches ordinäres Mehl herbeizuschaffen anbefohlen. Wenn die heil. Schrift, meinte der Pole, einen so unbedeutenden Umstand, wie die Angabe eines Kuchenstoffes, mit diplomatischer Genauigkeit erzählt, müsse wohl ein tieferer Sinn zu Grunde liegen, welchen herauszufinden ja das würdige Geschäft eines Schriftgelehrten sey. Nach vielfachem Benagen seiner Materie hoffte er durch einen schlagenden Witz, welchen er im Voraus belächelte, die eingelangweilte Versammlung aus ihrem lethargischen Zustande zu wecken. Er gab demnach zu verstehen, daß Sara die lobenswerthe Ausnahme von andern Weibern gewesen, welche ungern Fremde bewirthen, und wenn sie nicht ganz ausweichen können, dem Gaste lieber eine schlechtere Speise, als das vom Wirthe versprochene feinere Gericht, vorsetzen; die Frau des Patriarchen habe jedoch Besseres aufgetischt, als ihr herbeizubringen vom Manne war anbefohlen worden. Diesen schönen Charakterzug Sara's anzudeuten, sey also die Absicht Mosis gewesen. Ich besann mich nicht lange, diesen Schluß als falsch zu verwerfen. »Vielleicht umgekehrt!« Uebliche Redeformel der Talmudisten, womit sie ihre Widerlegungen gegen den Dissertator einzuleiten pflegen. Wörtlich lautet es: »Thomar (zu deutsch: Sage ) verkehrt.« Der Dissertator wird Baal Darschan, dessen Gegner Baal Mephalpel genannt. rief ich dem Redner hin. Alle Welt blickte nach mir, begierig, was ich gegen diese ungezwungene Auslegung einzuwenden wüßte. »Laß hören, Bocher!« Zu deutsch: Jüngling, ein Wort das für alle Celibateurs gebraucht wird. Ein alter Bocher ist daher ein Titelchen, in welchem alle Bitterkeiten des Wörtchens: Alter Junggeselle wieder enthalten sind. schrie der Dissertator von seinem Rednergerüste herab aufmunternd mir zu. Ich suchte ihm also begreiflich zu machen, daß die heil. Schrift den wahrhaft weiblichen Charakter Sara's habe andeuten wollen, indem sie, wie alle ihre Schwestern, vom Widerspruchsgeiste und trotzigem Sinne getrieben war, stets das Gegentheil von dem zu sagen und zu thun, was der Mann gebietet, sollte es auch mit Schaden oder Geldverlust verbunden seyn, daher sie ein theuereres Mehl zu ihrem Kuchen genommen, als ihr von Abraham geheißen worden. Meine Aeußerung fand eine dankbarere Aufnahme, was bei meiner Jugend den ergrauten Redner sehr demüthigen mußte. Durch die allgemeine Beifallsbezeugung kühner geworden, ließ ich meinen Thomar verkehrt! nun häufiger erschallen, stützte mich bei meinen Einwürfen auf die Autoritäten berühmter Commentatoren (Maphorschim genannt) die ich mit einem Aufwande von Gelehrsamkeit zur nicht geringen Ueberraschung der Umstehenden citirte. Der Neid des Polen und der bisher mühsam verhaltene Aerger brach bei meinem vielen Anlauf gegen seine rabbinische Weisheit endlich unverstellt hervor, und wie er sich nun in die Enge getrieben sah, antwortete er nicht mehr mit ruhigen Beweisen, sondern mit einem seinen Ausruf begleitenden Basiliskenblicke schrie er mich ab: »Hab Tharbis klaaner Choozif!« Zu Deutsch: Habe Respect kleiner Unverschämter! »Thomar verkehrt!« rief ich, wie vorher, ganz phlegmatisch aus. Schallendes Gelächter war der Erfolg, denn die beispiellos kleine Statur des Polen hatte in meiner Replik einen satirischen Doppelsinn auffinden lassen. Wutherfüllt brach der Dissertator die talmudische Abend-Unterhaltung ab, und als er beim Herabsteigen von den Rednerstufen üblicher Weise die Danksagungen Diese lauten: Jejascher Koach. Der Begrüßte dankt mit denselben Worten, jedoch in einem υξερον πρωτερον (Hysteron proteron). der Umstehenden empfing, welche er schicklich erwiedern muß, klangen diese ihm zugerufenen Worte wie Persifflage, in welcher Bedeutung sie ihm von den Meisten auch geboten worden waren. Gewinnbringender war dieser Abend mir geworden; einer der anwesenden reichen Particulier's, der wie Viele seines gleichen eine Ehre darin fand, sich in der Gemeinde brüsten zu dürfen, daß er den feinsten Bocher Eine übliche Redeweise, welche so viel sagen will, als ein guter Kopf, ein trefflicher Scholar! Die Sylbe fein gewinnt jedoch eine ganz andere, obgleich ebenfalls lobende Bedeutung, wenn sie dem Wörtchen Jud vorgesetzt wird, dann wird es als die Frömmigkeit des Mannes bezeichnend, gebraucht. im Futter habe, erkundigte sich durch eine Mittelsperson nach meinen Verhältnissen, und ließ mir gar vortheilhafte Anerbietungen machen, wenn ich die Erziehung seines Sohnes zu übernehmen mich geneigt erklären wollte. Fünftes Kapitel Die Familie Spiegel Rabbi Asriel Spiegel war der volle Name meines neuen Brodherrn. Obgleich nicht Rabbi von Profession, hörte er sich doch gar zu gern mit diesem Titelchen angeredet, und er war in seinen Ansprüchen nicht zu weit gegangen, denn er besaß einen größern Fond talmudischer Kenntnisse als Viele, welche ihr Wissen in diesem Fache bei ihren wohlhabendern Glaubensbrüdern zu verzinsen suchen. Vielleicht hätte Spiegel denselben Weg eingeschlagen, wäre das Glück ihm minder günstig gewesen. Fortuna ihm stets wohlwollend, hatte in seiner Jugend einen reichen Filz auf ihn aufmerksam gemacht, welcher sich stets mit der erhabenen Idee getragen, seine Tochter nur an einen tüchtigen Talmudisten zu verheirathen, wodurch er die rächende Gottheit, einiger schwer verantwortlichen Wuchergeschäfte halber, wieder mit sich auszusöhnen gehofft hatte. Auch gehörte es in jener Zeit noch zum guten Tone, sich einen sogenannten feinen Bocher zum Eidam auszuwählen, dessen künftige Bestimmung von den frühern wenig verschieden war; denn der Herr Gemahl überließ die Sorgen des Geschäftes stets seiner weiblichen Hälfte, weshalb die Jüdinnen in Prag schon von Kindesbeinen an der Handelswelt angehören, und sich so schnell in ihren Wirkungskreis zu finden wissen, daß man dafür halten muß, diese zarten Wesen seyen schon im Mutterleibe wechselfähig gewesen. Obgleich die Frau das Ruder des Geschäftes führt, und der Gatte bloß seinen Namen zur Firma und zu Wechselunterschriften herborgt, überhebet sich die Erstere doch niemals, behandelt ihren Gemahl mit seltener Hochachtung, und weiß sich viel, einen gottgefälligen Mann ihren Gatten nennen zu dürfen. Die neueste Zeit hat bei der zunehmenden Lauheit in den religiösen Gesinnungen der Juden auch diese Sitte bedeutend abnehmen lassen, und Wenige entschließen sich noch ihre Töchter an fromme Faullenzer zu vermählen. Eben dieser Umstand sprach für die Behauptung, daß Spiegel ein Kind des Glückes sey, weil er noch auf einen der wenigen getroffen, welche in eine Talmudisten-Mariage einen Werth setzen. Wer von den Lebensverhältnissen des alten Zapp, Spiegels Schwiegervater sich vollkommen unterrichtet hatte, sah die Sache allerdings aus einem klaren Gesichtspunkte. Zapp war in seiner Jugend ein schlichter – Wasserträger gewesen. Eines Morgens fand er in seiner Butte einen kostbaren Edelstein. Weil dessen Eigenthümer nicht zu erforschen war, wanderte das Pretiosum in die Boutique eines Juweliers, und mit dem daraus gelösten Gelde begann Zapp, welcher nichts Besseres zu unternehmen wußte, ein kleines Wuchergeschäft, das in kurzer Zeit dermaßen prosperrirte, daß die Namen bedeutender Cavaliere sich ebenfalls bald in die schmuzige Strazza Zapps verirrten. Point d'honneur , dies wußte Zapp, war ein Besitzthum, welches allein den hohen Herrschaften nicht abgelockt werden durfte; und so gab er in seinem Umgange mit den stets geldbedürftigen Landesedeln die befriedigendsten Beweise vom Nichtbesitze eines point d'honneur . Gegen Anbot einer kleinen Summe hatte sich Zapp bereitfinden lassen, zur Belustigung der bei einem Familienschmause des Grafen C. anwesenden hochgebornen Gäste, von einem der Domestiken auf einen Schubkarren gestreckt, im Hofraume einige Minuten herumgefahren, und zum Beschlusse des Schwankes auf einen in der Ecke befindlichen Düngerhaufen ausgeworfen zu werden. Alle Hochgebornen gaben durch unmäßiges Gelächter ihre Zufriedenheit über diesen Triumph der Menschenwürde zu erkennen. Wer jedoch am stärksten lachte, war Zapp, der stolz seine Perücke in Ordnung brachte, hohnneckend an seine Taschen klopfte, und meinte, das Geld wäre doch reell , und wenn der Herr Graf insolvent würde, bliebe dem Juden Zapp das Recht unbenommen, die Güter Sr. Excell. an den Meistbietenden zu veräußern. Dergleichen Scherze verloren, wenn sie aus Zapps Munde kamen, ihre gräßliche Bedeutung, und die allgemeine Zufriedenheit der hohen Herrschaften konnte nur durch solche Anmerkungen Zapps erhöhet werden. In der That hatte eine der anwesenden Comtessen an jenem Schwanke so viel Behagen gefunden, daß sie schon am andern Tage Zapp in ihr Palais berufen ließ, und ihn gegen Erfüllung zweier wichtigen Bedingnisse in die Würde eines Hausjuden In Prag hat vom hohen Adel bis zum ärmsten Handwerksmanne herab, jede Familie ihren Hausjuden, dessen Amt es ist, auf Borg die verschiedenen Bedürfnisse für das Haus herbeizuschaffen, als baares Geld, Kleidungsstoffe u. a. Dinge. Ein Hausjude genießt in der Regel das unbeschränkte Vertrauen seines Patrons, und ist so klug, es nur selten arg zu mißbrauchen. Ein Bürgersmann, welcher im Bierhause gegen einen Bekannten die unerschütterliche Redlichkeit seines Hausjuden rühmte, eine Tugend, die seiner Meinung zufolge bei den Ebräern nicht gesucht werden dürfte, ärgerte sich sehr, daß sein Zuhörer, dessen Glückwünschung er erwartet hatte, hartnäckig behauptete, dieser Vorzug käme nicht dem erwähnten, sondern seinem Hausjuden zu; und suchte diesen Ausspruch durch Beweise zu unterstützen. Ein Jude, welcher diesen Wortwechsel behorcht hatte, drängte sich zu den beiden mit der Frage, »wie es wohl geglaubt werden könne, daß die Ebräer ein sitten- und gesetzloses Volk gescholten werden dürfen? denn« – fügte er hinzu – »sowie sie beide die ausnahmsweise Moralität ihrer Hausjuden gegenseitig zu behaupten wagen, thun dies mit gleichem Eifer alle andern Bürger und Familienväter der Stadt. Demnach wäre das Volk in der Gesammtmasse schlecht, jeder Einzelne aber lobenswerth zu nennen, oder beweiset dies vielmehr zum Vortheile einer Nation, bei welcher der Religionshaß durchaus keine gute Seite finden will?« alsogleich einzusetzen versprach. Die an Zapp gestellten Forderungen wären für manchen Andern auszuführen unmöglich gewesen, denn sie bestanden erstlich in einer sehr bedeutenden Geldanleihe, um die Kosten eines für den nächsten Carneval angesetzten glänzenden Ballfestes zu bestreiten; ferner sollte Zapp sich an jenem Abende gleichfalls unter den Gästen einfinden, um den Reigen der Tänzer an der Hand der Königin des Festes zu eröffnen. Jedoch war bedungen worden, daß Zapp in seinem gewöhnlichen Anzuge, der über den Bauch herabfließenden Sammtweste, dem altväterischen Fracke mit großen Stahlknöpfen und den kurzen bloß vom Nabel bis zu den Knieen sichtbaren, grünen Sammthosen vor der Comtesse erscheinen sollte. Den Grund dieses seltsamen Verlangens mochte Zapp vielleicht nicht errathen haben, allein er hielt Wort, und den beabsichtigten Zweck hatte man vollkommen erreicht. Ein rascher Walzer war es, womit der Ball seinen Anfang nahm. Weil Zapp nach damaliger Sitte seines Volkes noch nicht den Gebrauch der Hosenträger kannte, und das Beinkleid nur durch viele Knöpfe mit dem Leibe zusammen hielt, mußte dieses Kleidungsstück bei ununterbrochener starker Körperbewegung nothwendiger Weise mehr und mehr sich herabziehen, somit lockerer werden; sollte es nicht ganz den Boden berühren, mußte dessen Besitzer, des schnellen Wirbeltanzes ungeachtet, auf das mehr und mehr herabsinkende Beinkleid sehr acht haben, und mit der Hand festhaltend es vor gänzlichem Abfall von seinem Herrn bewahren. In dieser Attitüde an dem Arme einer reitz- und reichgeschmückten Comtesse durch die zierlich geputzten Reihen der Tänzer hinzufliegen, dies gewährte ein Bild, welches selbst dem weinerlichen Philosophen Heraklit ein Lächeln abzulocken vermocht hätte. Zapp jedoch lachte mit den Lachenden, denn er gedachte der ertanzten Geldsumme, die, auf gute Zinsen verinteressirt, binnen zwei Jahren mehr als das Doppelte des Kapitals betragen würde. Aehnliche Züge seines Characters hatten sich schnell unter seinen Glaubensgenossen verbreitet, und ihm auch die Achtung jener Klasse entzogen, welche seine Ignoranz und niedere Herkunft übergehend, ihn seines Wohlstandes halber beachtet haben würde. Dieses Zurückziehen aller Bessern von den Orten, die er zu besuchen pflegte, merkte er wohl, und glaubte die Achtung der Welt damit zu erbeuten, wenn er seine einzige Tochter an einen armen des Talmuds und eines frommen Wandels beflissenen Jüngling verheirathen würde, wodurch er seine Schuld gegen den Himmel sowohl, als seine Glaubensbrüder mit einem Male abzutragen hoffte. Der alte Spiegel zeigte keine Schwierigkeit ein Familienband mit einem Manne anzuknüpfen, der obschon von aller Welt mißgeachtet, doch seinem Eidam eine sorgenfreie Zukunft versprach, wofern nur dieser geloben wollte, Tage und Nächte unablässig dem Studium des Talmuds zu widmen; eine Klausel, welche die Spiegels gern eingingen, weil dies nicht nur eine ihnen zur Gewohnheit gewordene Lieblingsbeschäftigung betraf, sondern auch zur Förderung des Seelenheils einwirkt. Nach dem Ableben des alten Zapp hatte der Erbe seiner Grundsätze und Lebensweise, sein Sohn Abigdor die ganze Hinterlassenschaft an sich gebracht und der Schwester Lea, des jungen Spiegels Ehefrau, nur die im Testamente des Erblassers dotirte Summe ausgezahlt, ein immer noch bedeutendes Kapital, so sehr es zu verdünnen der geizige Bruder durch öfteres Zureden bei dem geistesschwach gewordenen Alten sich beflissen gezeigt hatte. Lea vergrößerte ihr Waarenlager, begann nun auch die Pilsner Messen zu beziehen, und brüstete sich gegen die andern Weiber, daß ihr Mann – zu Hause sitze und lerne. Unter diesem Worte begreift man meistentheils das Studium des Talmuds. Aus dieser Ehe waren eine Tochter und zwei Söhne hervor gegangen. Die beiden Letztern unterschieden sich in ihrer Sinnesrichtung auffallend. Kalman hatte schon in den frühesten Jugendjahren sich wechselfähig gefühlt, und half, als ich ihn kennen lernte, obgleich kaum zwei Jahrzehende alt, im Geschäfte seiner Mutter schon tüchtig mit. Liebman der jüngere, neigte sich mehr zur Lieblingsbeschäftigung seines Vaters hin; und ich war der Auserlesene, unter dessen Leitung seine frommen Studien weitere Ausbreitung gewinnen sollten. Zipora, eine lieblich aufblühende Jungfrau von achtzehn Sommern, besorgte, mehr zur Häuslichkeit als zum commerziellen Treiben sich hinneigend, die Wirthschaftsangelegenheiten, insbesondere das Küchenwesen, weil man nur eines weiblichen Domestiken bedurfte, und in solchen Fällen einen christlichen Dienstboten einer Religionsverwandten stets vorzieht; aus dem leicht begreiflichen Grunde, indem eine christliche Magd am Sabbat alle den Juden verbotenen Verrichtungen, wie Anzünden und Auslöschen der Lichter, Wärmen und Kochen bei plötzlicher Erkrankung einer Hausperson u.s.w. vornehmen kann. Allein da man ihr in der Küchenverwaltung nicht trauen darf, und man, sey es nun von ihrer Seite absichtlich oder aus Unkenntniß des Verbotes, eine Vermischung der Milch-, Butter- und Fleischgeräthe besorgen muß, so besorgte Zipora, (wie dies in allen Familien, wo eine jüdische Magd vermißt wird, Sitte ist,) das Küchenwesen. – Leser, welche bei Erwähnung eines jungen Frauenzimmers eine Personalbeschreibung gleich mitverlangen, erfahren durch diese Zeilen, daß Zipora eine schlanke, zephyrartige Gestalt war, welche ihrem orientalischen Teint zufolge billig in die Klasse der Brünetten zu zählen war, und deren Haupthaar zwischen braun und schwarz sich verlor. Ein männerscheues Befangenthun, das sie nie ablegen konnte, wenn Fremde unseres Geschlechts die Familie besuchten, erhöhte ihren wahrhaft weiblichen Werth in meinen Augen, und ich mochte wohl ein volles Jahr in ihrem Vaterhause docirt haben, ohne meine Empfindungen für sie, wie ich wähnte, auch nur durch einen freundlichen Blick erwiedert zu sehen. Eine Krankheit, welche ich mir späterhin durch Erkältung zugezogen, und die auf mehrere Tage hin einen ernsten Charakter angenommen hatte, bot mir die ersten angenehmen Beweise, welche mich auf eine stille Erwiederung meiner Gefühle schließen ließen; denn in Stunden der Mitternacht, wo das ganze Hausgesinde schon in die tiefste Ruhe vergraben war, stand sie noch unermüdet, bald die Kohlen in der Gluthpfanne anfachend, und die Wärme der Kampfersäckchen an ihren Wangen prüfend, bald wieder den Thee bereitend, immer geschäftig den Weg von der Küche zum Krankenbette und wieder an den Heerd zurück ausmessend. Seitdem suchten wir öfter ohne Zeugen ein Gespräch anzuknüpfen; doch zu einem Geständnisse unserer Wünsche wollte sich in den verschiedenen Gängen, welche unsere Conversation einschlug, niemals ein Weg auffinden lassen. Unsere Dialoge berührten nur die gleichgültigsten Dinge. Diese in der letzten Zeit häufigem Zusammenkünfte waren dem beobachtenden Späherblicke der Hausfrau keineswegs entgangen. Eines Tages, als Zipora mit der Nath eines neuen Hemdes sich beschäftigte, und während der Arbeit mich um die Erklärung einiger religiösen Gebräuche ersuchte, deren Ausübung sie nie ohne Lachen mit ansehen könnte, war Lea barsch auf sie zugegangen, mit den doppelsinnigen Worten: »Ziperl, Ziperl, weißt du's, die Nath muß getrennt werden!« und riß ihr die Leinwand aus den Händen, ihr mit einem Winke bedeutend, daß sie ihr in das Nebenzimmer folgen möchte. Am andern Morgen belehrten mich Zipora's verweinte Augen, daß eine Veränderung in dem Hause vorgehen würde. Ich quälte mich mit Vermuthungen, worin diese bestehen könnte, wohl gegen eine Woche ab, ohne durch meine Zweifel mir einen Ausweg zu bahnen. Zipora um den Grund ihres Betrübnisses zu befragen, gebrach es mir an Muth; und so nagte ich an meinen Muthmaßungen unermüdlich, bis ich eines Abends unvorbereitet die Decke vor meinen Augen aufrollen sehen sollte, welche das Familiengeheimniß bis jetzt verborgen gehalten. Monate hindurch pflegte ich, was früher ausser den bestimmten Rasirtagen nie der Fall gewesen, den Barbier meines Brodherrn fast täglich in unserm Hause zu sehen. Der Ruf hatte ihn schon längst einen Schadchan Dieses Wort bedeutet einen Ehekuppler, der gegen bedeutendes Honorar das ehrenvolle Geschäft übernimmt, mit abwechselndem Gebrauche von List und Beredsamkeit, (an welchen Eigenschaften ein Individuum dieser Art bedeutende Vorräthe haben muß,) zwei Familien, die nie von einander gehört, zu beschwatzen, daß sie ihre Kinder einander in die Ehe geben. Auf beiden Seiten denkt man in solchen Fällen an Nichts als die Schwere der Geldsäcke zu prüfen, und nach befundenem Gleichgewichte ist der Handel abgeschlossen. Diese Ehekuppler, welche einiger Gulden halber, bereit sind, das Lebensglück zweier Menschen, von denen sie nie gekränkt worden, in der Wurzel zu vernichten, halten ihr scheußliches Gewerbe für ein gottgefälliges Werk, welcher Wahn aus der jedem Juden auferlegten Erfüllung des Ehegebotes entstanden seyn mag. genannt, und ich schöpfte aus seinen nun häufigern Besuchen die Vermuthung, daß man mit Kalman, dem ältesten Sohne des Hauses, Heirathsabsichten habe, welcher als Geschäftsführer der Handlung dieselbe durch eine zu erhaltende ansehnliche Mitgift sehr zu erweitern hoffte. Auch bestärkte mich in dieser Meinung ein von Lea gegen Herrn Fauber – so hieß der Ehekuppler – gebrauchtes Reimlein: Ich hab Thore, ich hab Schore Thora, die heil. Schrift, begreift in der weitern Ausdehnung dieses Wortes auch den Talmud, als die Exegese des Pentateuchs; Schora, sprich Sachora, heißt Waare, womit Lea auf die Geschäftskenntniß ihres ältern Sohnes anspielt. , womit sie andeuten wollte, daß jene Klasse von Leuten, welche ihre Töchter gern an tüchtige Talmudisten vermählt wissen, in ihrem jüngern Sohne den gesuchten Mann fänden, Andere jedoch, welche einen routinirten Geschäftsmenschen vorziehen, die Augen auf ihren Kalman lenken müßten. Nichts desto weniger galten die Visiten Faubers nicht meinem Eleven Die Jugend Liebmans, der kaum das 17te Jahr erreicht hatte, war, der jüdischen Sitte zufolge, die eine frühe Ausheirathung gestattet, als kein genügender Grund anzunehmen, daß Faubers Gewinnsucht den dem Knabenalter kaum noch entwachsenen Liebmann nicht hätte ebenfalls zum Gegenstande seiner Speculation wählen können. Obgleich den Rabbinen zufolge erst das achtzehnte Lebensjahr den Jüngling für die Ehe reif finden läßt, giebt es, namentlich in Polen, zahlreiche Beispiele von Männern, die schon im sechszehnten Jahre ihres Alters das Ehejoch sich auflasteten; das weibliche Geschlecht wird sogar schon im 14ten Jahre verspeculirt. oder seinem ältern Bruder, sondern Zipora, was ich daraus abmerken konnte, daß an einem Abende, wo man zum Empfange eines fremden Gastes mit besonderer Sorgfalt des Tages über schon Vorkehrungen getroffen hatte, der Erwartete, ein schlichter Landbewohner am Arme Faubers in die Stube trat, und in seinem unbeholfenen linkischen Wesen nichts errathen ließ, was ihn der ungewöhnlichen Aufmerksamkeit von Seiten der Familie Spiegel hätte werth machen sollen, wenn nicht andere Absichten, die aus Faubers Begleitung des Fremden sich leicht ahnen ließen, eine so unverdient ehrenvolle Aufnahme erforderlich gemacht hätten. Am andern Morgen trat Lea in meine Stube mit einem sarkastischen Lächeln mich befragend, was ich von dem Fremden hielte, welchen ich bei der gestrigen Abendmahlzeit zu beobachten, wohl Gelegenheit gefunden? Mein Urtheil, das, weniger aus Ueberzeugung als aus politischen Rücksichten gegen die Familie, befriedigend klang, öffnete schnell die Schleusen ihrer Rede. Ich erfuhr demnach, daß der Gast vom Lande ihr Tochtermann werden solle, bedeutende Geschäfte mit rohen Häuten mache, Bezirks-Steuereinnehmer Unter der Regierung der Kaiserin Maria Theresia war einer gegen die Prager Judenschaft erhobenen erdichteten Beschuldigung halber der grausame Befehl erlassen worden, daß die ganze Gemeinde binnen drei Tagen die Stadt auf immer geräumt haben müsse. In dieser Bedrängniß ward von den Gemeinde-Aeltesten beschlossen, einen Eilboten nach Wien zu senden, der dem Hofe ihr Anerbieten kund machen sollte, welches darin bestand: jährlich eine sehr bedeutende Summe als Judensteuer an die kais. Schatzkammer abzutragen, wofern die Monarchie das Edict aufheben wollte. Während dies unterhandelt wurde, hatte Maria Theresia, von dem Ungrunde der Anklage durch einen edlen Menschenfreund unterrichtet, erklärt, daß sie ihr hartes Edict wieder ausser Kraft setze. Allein einen Tag vor der Publication desselben, war der von der Judenschaft abgeordnete Courier in Wien angelangt, und die Kaiserin trug nicht Bedenken aus diesem voreiligen Anerbieten der Prager Gemeinde Nutzen zu ziehen. So ist die Judensteuer bis auf diesen Tag in ihrer Kraft geblieben. Als jedoch in der Folgezeit die Unmöglichkeit, eine so große Summe aus einer einzigen Gemeinde zu entheben, wohl eingesehen worden, wußten schlaue Köpfe es auszuspinnen, daß die übrigen Gemeinden Böhmens diese Last mit tragen sollten. Zu diesem Behufe wurden in allen 16 Kreisen des Landes sogenannte Kreissteuereinnehmer angestellt, die wiederum das Regiment über die kleinen Bezirkssteuereinnehmer haben, welche wie die Ersteren unter dem Haupt-Steueramte in Prag stehen. Mehrere reiche Particuliers in der Hauptstadt und auf dem Lande schießen die Hauptsumme aus ihren Mitteln zusammen, bringen sie aber durch strenge Maßregeln gegen die steuerfähigen Individuen – die Armen schwören sich mittelst eines gerichtlichen Eides los – so reichlich ein, daß ihnen noch ein bedeutender Ueberschuß bleibt, welchen sie als Gewinn unter sich theilen, und daher den Namen Steuerpächter angenommen haben. Die ganze Steuerlast fällt daherauf die minder bemittelte Klasse, denn die Reichen sind theils Mitpächter, und eine Krähe hackt der andern kein Auge aus; oder Leute von lockeren Rufe in religiöser Beziehung, welche, sobald man in Erfahrung gebracht, daß sie an Wohlstand zugenommen haben, und in ihrer Steuer erhöht werden dürften, zu verstehen geben, daß sie zur christl. Kirche übertreten werden, wodurch sie von der Steuer ganz frei werden. Diese Individuen dürfen daher nicht gereitzt werden, und zahlen im Verhältnisse ihrer Kräfte kaum den zehnten Theil dessen, was die religiös gesinnten Contribuenten abtragen. Die Pächter müssen schon aus diesem Umstande gegen die Freidenker sehr milde verfahren, weil, wenn auch die Hälfte der jüdischen Population Böhmens durch die Taufe jener Steuer entginge, der jährliche Judentribut an die kais. Kammer dennoch nicht vermindert werden kann. Als vor mehrern Jahren die Prager Judengemeinde Abgeordnete aus ihrer Mitte nach Wien schickte, um vom Kaiser einen Nachlaß von dem Tribute zu erbitten; und um es doch zu erlangen, daß die Renegaten nicht mehr von der Steuer befreit würden, deren Religionswechsel doch nur geschehe, um steuerfrei zu seyn, beschwichtigte sie der Kaiser und sagte vertrauungsvoll: »Aber ihre Kinder werden doch gute Christen seyn.« sey; und was diese Parthie insbesondere vorziehbar erscheinen lasse, wäre der Ruf, welchen sein Vater als gelehrter Talmudist im ganzen Lande habe, von welchem selbst die Kreisrabbinen vor Entscheidung schwieriger Gesetzfragen (Schaeloth genannt) nicht selten sich Raths zu erholen pflegen. – »Können diese Vorzüge« – fragte ich Lea – »Ziporen auch bestimmen diesem Manne Ihrer Wahl mit Liebe entgegen zu kommen?« – »Die ist Nebensache« – meinte die Frau – »ein sittsames Mädchen darf nicht selbst wählen, ich« – fügte sie hinzu – »bin von meinen Eltern ebenfalls nicht befragt worden, als ich meinem Asriel verlobt wurde.« Asriel hatte in dieser Unterhandlung, welche die Zukunft seiner Tochter betraf, einen bloß passiven Charakter gezeigt, und den Ansichten seiner Gattin beigestimmt. Den projectirten Eidam im Gange des Gespräches zu sondiren, war nicht seine Sache gewesen. Er begnügte sich mit der erhaltenen Gewißheit, daß Ruben – dies war der Vornahme des Brautwerbers – sein Geschäft aus dem Grunde verstehe, auf der Pilsner Messe bedeutende Verkäufe mache, und von allen Metzgern über ihn Klage geführt werde, daß er sie mit den Kaufpreisen so übermäßig drücke, was als ein kräftiger Beweis für seine Geschäftskenntniß gelten sollte. Ruben war als Gesellschafter sehr einsylbig, und sollte seine Zunge gelöst werden, mußte man die Conversation auf commercielle Gegenstände hinleiten. An der Abendtafel hatte er Ziporen gegenüber seinen Platz angewiesen erhalten, aber die Gelegenheit verschmäht, sein vis-à-vis nur mit einem Blicke zu beachten. Er fühlte eben so wenig eine Herzensregung für die Tochter des Hauses, als diese für ihn. Bei der Letztern schien vielmehr unverhohlne Abneigung gegen den ihr aufzudringenden Verlobten merkbar zu werden, was jedoch die Eltern eben so wenig als Ruben verfing; und es ward beschlossen, daß eine Woche nach dem Pfingstfeste Von den Juden: Schebuoth, Wochenfest genannt, weil vom Oster- oder Passahfest bis zu diesem Feste sieben Wochen verfließen. die Vermählung statt finden solle, wofern bis dahin die von dem Kreisamte zu erhaltende Heirathsbewilligung In Böhmen und Mähren ist wie in Frankfurt am Main die Zahl der an einem Orte ansäßigen jüdischen Familien sehr beschränkt. Nur der Erstgeborne Sohn erbt das Heirathsrecht seines Vaters, und stirbt dieser ohne männliche Erben, fällt die erledigte Familie – so nennt man eine Heirathsbewilligung – als Eigenthum dem Stadtmagistrat oder der Ortsherrschaft, in Prag den Gemeindevorstehern zu, welche nach Verhältniß der mehr oder minder großen Zahl der Kauflustigen den ganz von ihrer Willkühr abhängenden Verkaufspreis festsetzen. Die Kauflustigen sind begreiflicher Weise, Zweite und drittgeborne Söhne. Auf dem Lande, wo man das religiöse Gesetz der Ehevollziehung noch streng beobachtet, überdies die Familie von einer fremden Ortsobrigkeit nicht gekauft werden darf, wird der Handel mit den Familienrechten am einträglichsten betrieben. Mehr noch als der Gutsbesitzer und die Beamten füllt der jüdische Unterhändler, auch Familienmäkler genannt, seinen Säckel. Dergleichen Geschöpfe, die von diesem Gewerbe ausschließlich einen bedeutenden Haushalt (überdies glänzend) bestreiten, sind wegen ihrer Bekanntschaft mit den Beamten, die stets bestochen werden müssen, nicht aber sich jedem Fremden decouvriren, daher bei solchen Verhandlungen ganz unentbehrlich, und sie schaden demjenigen leicht, der ihren Beistand verschmäht, weil sie nur im Wege der Speculation die gesuchte Familie im Preise zu überbieten brauchen, und, stets bevorzugt, sie zugeschlagen bekommen. Einen andern Käufer für ihre Waare finden sie bald. Aus diesem Grunde nimmt man bei einer Bräutigamswahl wesentlich Rücksicht auf den Umstand, daß der Gewählte ein Erstgeborner sey, weil in diesem Falle ein sehr bedeutendes Kapital gerettet bleibt, das sonst in die Hände jener geldsaugenden Beamten und Mäkler fallen würde. Noch giebt es auf dem Lande – in der Hauptstadt nimmt unter der nun freier denkenden jüngern Generation das ehelose Leben sichtbar zu – frommgläubige Thoren, welche sich durch Ankauf einer Heirathsbewilligung an den Bettelstab bringen, oder wenn sie nichts zu bieten haben, sich mit der Braut von einem Rabbi in Anwesenheit von zehn Männern, ohne Vorwissen der Behörde, heimlich trauen lassen, und sich wenig darum kümmern, ihre Kinder als unehelich im Amtsregister verzeichnet zu wissen. ebensowie das von Seiten Zipora's einzubringende Religionszeugniß Eine andere, jedoch minder kostspielige Manier des Gelderpressens. Herz Homberg, ein Schüler Mendelssohns, hatte zu Anfange dieses Jahrhunderts ein ethisches Werk, betitelt: »Von Zion«, zum Gebrauche der jüdischen Jugend, zusammengeschrieben, worin eine weitläufige Auseinandersetzung der zehn Gebote, der Eigenschaften Gottes u.s.f. die jungen Leser und Leserinnen – denn es ist für beide Geschlechter vom Verf. bestimmt worden – beschäftigen soll. Der bei dem Kaiser in Gunst stehende Landrabbiner von Mähren, Markus Benedict in Nikolsburg war bald dafür gewonnen worden, daß ein Ausspruch der Studien-Hof-Commission in Wien das Ben-Zion für alle die Gymnasien und Landesschulen besuchenden Israeliten als Lehrbuch zur Beförderung der Religion und Moral einzuführen befahl. Hiermit war ein anderes Gebot verknüpft, daß ohne vorhergegangene Prüfung aus diesem Buche keine Heirathsbewilligung erfolgen sollte. Diese Prüfungen werden für sämmtliche in Böhmen ansäßigen Juden von Hrn.  Homberg im Beiseyn eines Kreisrabbiners und einer christl. Amtsperson, nicht selten in Gegenwart des Kreishauptmanns selbst vorgenommen. Die Parteien, welche so klug sind, sich zuvor mit dem Lehrer und dem Rabbi abzufinden, werden auf die Fragen, welche während der Prüfung vorgelegt werden sollen, früher aufmerksam gemacht; und die Antworten ihnen in den Mund gelegt. Denen, welche nicht diese Vorkehrungen treffen mögen, ergeht es schlimm, und sie werden in ihren Prüfungen geworfen, wie man in Böhmen zu sagen pflegt. Obgleich Hr. Homberg in der Eigenschaft eines kais. Schulraths einen sehr bedeutenden Jahresgehalt von der Prager Gemeinde bezieht, obgleich der bei Gelderpressungen dieser Art längst ergraute Geitzhals so manchen Seufzer armer Brautleute einst vor einem strengen Richter als seinen Ankläger zu fürchten hat, so fährt er demungeachtet auch jetzt noch in seiner Bedrückung armer Schüler ungescheut fort, und wer dürfte es wagen, gegen solchen Unfug eines von hohen Amtspersonen begünstigten Mannes Klage zu erheben? bereits ausgefertigt seyn würde. Sechstes Kapitel Der Familienzwist Der Geitzige zeugt den Verschwender und der Frömmler den Freidenker, denn die Extreme berühren sich. Auch in der Spiegel'schen Familie sollte diese Behauptung sich bewähren. Es war um die Mitte des Passahfestes, als die Hausjüdin im Gasthofe zum schwarzen Adler, (wo viele Fabrikanten vom Lande, die mit Spiegels in Geschäftsverbindung standen, ihr Absteigequartier zu nehmen pflegen,) den frommen Asriel in seinen talmudischen Studien unterbrach, mit dem Bemerken, daß sie ihn diesmal eines besondern Umstandes wegen ohne Zeugen zu sprechen wünsche. Beide verfügten sich in ein Seitenkabinett und Jochebed ging alsbald darein, den Stein, der auf ihrer Brust lastete, mittelst einer kräftigen Zunge wegzuschaffen. »Rabbi Asriel« – begann sie ihre Mittheilung zu eröffnen – »so hart es mir auch wird, Ihr Herz durch eine unangenehme Botschaft zu betrüben, so darf ich doch nicht schweigen.« – »Was hat sich ereignet« – fragte durch diese Einleitung besorgt geworden, der Angeredete, und seine Miene sprach von sichtbarer Ungeduld, das Gräßliche zu vernehmen. Als Jochebed aus des Mannes Bewegungen abmerkte, daß er bereits für ihre Sache warm geworden, setzte sie, in ein Lamentabile über das jetzige verderbte Zeitalter ausbrechend, mit diesen Worten ihr schönes Conzept fort: »Als ich heute Morgens nach gewohnter Weise in den schwarzen Adler mich verfüge, und in die Gaststube trete, kömmt der Wirth auf mich mit einem schönen Regenschirm zu. »Frau Jochebed« – fragt er – »wissen Sie, wem dieser Schirm gehört?« »Ja, gnädiger Das gewöhnliche Prädicat, womit die gemeinere Judenklasse denjenigen Christen beschenkt, von dem man sich abhängig fühlt. Herr Riedel!« sage ich, »er gehört dem jungen Spiegel, der hier zuweilen von den Strumpfwirkern, die aus Dux herkommend, bei ihnen absteigen, Waaren kauft –« »Ganz richtig, so ists Jochebed, sie hats getroffen« lachte Herr Riedel. »Der junge Kalman war vorgestern hier.« – »Haben wir doch Feiertage gehabt, wo wir kein Geschäft machen, was sollte der junge Mann bei ihnen gesucht haben?« fragte ich verwundert, und erfuhr, daß ihr Sohn zu Abend dort ein Glas Bier Das Bier wie alle andern starken Getränke, mit Ausnahme des Weines, gehört in die Rubrik der am Passahfeste verbotenen Magengenüsse, deren Befriedigung nach dem mosaischen Gesetze mit dem Tode bestraft werden müßte. getrunken hat. Ein Fremder, welcher früher wegging, hatte im Versehen den Regenschirm verwechselt, und Kalmans statt den Seinen mitgenommen, aber am andern Morgen dem fremden Schirm Herrn Riedel für den rechtmäßigen Eigenthümer wieder zustellen lassen. Wie gefällt Ihnen die Geschichte, Rabbi Asriel?« schloß die Geschwätzige mit einem frommen Seufzer ihren Bericht. Der Gekränkte hatte seinen ältesten Sohn sogleich rufen lassen, und in der ersten Aufwallung seines Zornes dem Jünglinge, ohne die Anwesenheit des fremden Weibes zu berücksichtigen, zwei kräftige Backenstreiche gespendet. Kalman, den Zusammenhang, durch die ohne Geschäftsveranlassung abgestattete Visite der Hausjüdin, wohl errathend, hatte, (im gekränkten Bewußtseyn die Beleidigung von einem Vater erlitten zu haben, welcher sich von ihm als dem Führer des Geschäfts ernähren lasse, und das Gefühl der Abhängigkeit demnach so ganz verläugnete) schnell das Zimmer und bald darauf auch die Vaterstadt verlassen, ohne daß zu ermitteln gewesen, welches Land er zu seinem künftigen Aufenthaltsorte erwählt haben könnte, denn alle Nachforschungen nach ihm waren vergeblich. Weil Kalman die Seele des Geschäftes war, ist sein Verlust von Lea lange gefühlt worden; und viel zu bedenklich einen Fremden, dessen Gesinnungen und moralische Grundsätze vor seiner Aufnahme eines Bürgen bedurften, in ihre vielfachen Handelsgeheimnisse einzuweihen, fand sie es vorziehbarer, mich durch eine vortheilhafte Schilderung des Kaufmannstandes für ihren Zweck zu gewinnen. Der bedeutendere Jahrsgehalt, welcher mit dem neuen Amtsposten verbunden war, als auch die Aussicht durch ein Streben, der Familie Spiegel mittelst meiner Thätigkeit in dem veränderten Wirkungskreise für die Folgezeit leicht unentbehrlich zu werden, ließen mich nicht lange wählen. Was meine Bedenkzeit bedeutend abkürzte, war die noch nicht ganz erloschene Hoffnung, Zipora's Widerwille gegen den ihr aufgedrungenen Verlobten dürfte die gehaßte Verbindung wohl noch rückgängig machen, und meine Absichten auf den Besitz der Tochter vom Hause sodann in den Augen der Alten minder kühn erscheinen lassen. Siebentes Kapitel Bilder aus dem Prager Tandelmarkte Wenige Wochen nur waren in meiner neuen Berufsweise verlebt, als ich den vortheilhaften Abstand eines Geschäftsmenschen von einem Kinder-Dressirer schon ziemlich bemerkte. Meinen Hausgenossen schien ich ein Anderer zu seyn als der frühere Erzieher Liebmanns. Dieses veränderte Benehmen entsprang aus dem herrschenden Volksbegriffe von dem sehr bescheidenen Wirkungskreise eines Lehrers, welcher nur die Stelle des ersten Domestiken in einer jüdischen Familie einnimmt. Ein Handlungs-Commis hingegen, vollends wenn er, wie ich, das Amt eines Buchhalters ebenfalls verwaltet, erscheint einer ausschließlich Handeltreibenden Nation von höherer Bedeutung; schon aus dem Grunde, weil der Prinzipal, in dessen Commerz-Geheimnisse er nunmehr eingeweiht, ihn zu fürchten beginnt, und geringfügiger Ursachen halber ihn gewiß nicht mehr entläßt, während der Erzieher und Lehrer wenig höher im Range als die Köchin steht; daher das noch in manchen Familien übliche Sprichwort: Der Lehrer und die Magd halten stets zu einander, ihrem Herrn zum Nachtheile, was eigentlich so viel bedeutet, als Beide lassen sich Lauheit in ihren Berufspflichten zu Schulden kommen, ohne gegenseitig einen Verrath zu befürchten. Ein Buchhalter und Geschäftsleiter ist demnach der Erste nach dem Prinzipal, seine Winke werden von dem Gesinde nicht weniger beachtet, und die ersten Glieder der Familie behandeln ihn gleich einem Verwandten des Hauses. Diese dem Geschäftspersonal günstige Meinung ist längst auch auf das weibliche Dienstpersonal übertragen worden, daher namentlich in Prag, wo die eingeführte Sitte meist dem Weibe das Ruder der Geschäfte in die Hand gab, die auffallende Ueberzahl der Ladendiener innen . Auch die ärmsten Familien tragen in dieser Stadt Bedenken, ihre Töchter die Küchenschürze umbinden zu lassen, und den Bedarf an jüdischen Köchinnen muß das Land versorgen. Lea hatte wegen ihres bedeutenden Ausschnitthandels drei gewandte Priesterinnen des Merkurs. Jeglicher war ein anderer Wirkungskreis angewiesen. So hatte Miriam bloß vor der Gewölbsthüre die Kauflustigen, – für einen Solchen hielt sie jeden Vorübergehenden – anzufragen, jeden auf andre Weise. Bekenner des christlichen Glaubens hörten sich, waren es wohlgekleidete Bürgersleute, mit: Gnädiger Herr! gnädige Frau! gnädiges Fräulein! angeredet; böhmische Krämer vom Lande bekamen ein »Platne, Panna Mamma, Platne« (zu Deutsch: Leinwand, Mütterchen, Leinwand!) oder »Schatki Pan Tata Schatki« (Tüchelchen, Väterchen, Tüchel) an das Ohr; Bündeljuden wurden befragt: »Vetter (oder), Muhme! mit zu Rabb' Asriel Spiegel?« Hatte sich ein Tölpel gefangen, so ward er fest gehalten, von ihr in den Laden gezerrt, und der Rachel in die Arme geworfen, die dann den Verblüfften weiter bearbeitete, eine Masse der an Qualität und Preis verschiedenen Artikel nach einander auf den Tisch warf, und den Käufer so wirre machte, daß er betäubt, den Zufall entscheiden ließ, anstatt selbst die Wahl zu treffen. Während dies im Innern der Halle vorging, und in nöthigen Fällen auch Lea mit ihrer Suada das Opfer von der andern Seite zu umringen suchte, krächzte Miriam vor dem Eingange ihre Parole wie früher. Ging ein Krämer aus dem Laden, ohne das Mark seiner Taschen daselbst ausgeleert zu haben, half man sich mit ohnmächtigem Spotte, der, sollte er einem Anhänger der Lehre Christi gelten, stets in die Muttersprache des Messias eingekleidet wurde. Judith, die dritte der Schocher-Schwestern, war ungleich vornehmer placirt, denn wegen ihres Talentes, sich Standespersonen wohl zu präsentiren, und ihrer einnehmenden Sprache halber, hatte man sie am fähigsten befunden, die von den hohen Herrschaften und vornehmen Bürgerfamilien gemachten Bestellungen zu besorgen und in deren Wohnungen die verlangten Gegenstände in eigner Person hinzutragen. Ihr wohlgestaltetes Aeußere, durch eine stets reinliche Kleidung vortheilhaft erhöhet, kam ihrer Ueberredungsgabe namentlich bei Kunden unseres Geschlechtes bedeutend zu statten. Dies hatte Lea längst bemerkt, und ihren Monatsgehalt um das Dreifache im Verhältnisse zu der Löhnung der Andern erhöhet. Obschon die drei Amtsschwestern in der Art ihres Wirkens sehr von einander abwichen, vereinigte sie doch wieder das an Geschäftstagen bei Keiner vermißte lange Ordensband, welches von der Brust die weiße Schürze herabfloß und an dessen Ende eine Scheere von mittler Größe sichtbar werden ließ. Diese bezeichnende Tracht aller Prager Ladendienerinnen ward in den Stunden der Amtsthätigkeit niemals abgelegt, selbst nicht, wenn sie, das Gewölbe verlassend, ihren Botengang durch einen ziemlichen Theil der Stadt machten, in welchem Falle sie eines solchen Werkzeuges gewiß nicht bedurften. Noch glaube ich mit einigen Worten jenes großen Tummelplatzes für das Talent von mehrern Hunderten solcher Scheerenträgerinnen, des sogenannten Tandelmarktes gedenken zu müssen, welcher in seiner ganzen Ausdehnung kaum drei Gassen bildend, demungeachtet mehr als tausend Familien zum einzigen Nahrungsorte dient. Leicht könnte ich hier dem Vorwurfe verfallen, daß der Autobiograph in den Ton eines Reisebeschreibers oder Topographen, sich selber unbemerkt, hinein gerathen sey; allein die eigenthümlichen Sitten, welche der Chorus von mehrern tausend Schachergeistern in der Länge der Zeit unter sich wohl bilden mußte, sind es, deren Abschilderung die Mehrzahl der Leser von mir als einem mehrjährigen Beobachter derselben muthmaßlich erwartet. Der Tandelmarkt besteht schon so lange als die Intoleranz der Prager Bürgerschaft gegen die Erbfeinde Christi, nämlich Jahrhunderte. Weil nun die böhmischen Juden nicht im Besitze bürgerlicher Rechte sind, dürfen nur die bemittelten Individuen eine Wohnung oder einen Kaufladen ausserhalb des Judenbezirks und des Tandelmarktes miethen, d. h. wenn sie mit den Magistratsbeamten und den Viertelsmeistern zuvor sich verständigt haben. Indem nun eine Amtsperson gar viele Dinge des Jahres über vorzunehmen hat, und die Aktenstöße das kleine Gehirn gar bald voll machen, vergessen die Herren nicht selten die an die einzelnen Individuen aus dem Stamme Jakobs ertheilten Vorrechte; daher ist es eine längst bestehende Sitte, Vierteljahrweise die sogenannten Verständigungen zu erneuern. Kaiser Joseph II. meinte zwar, auch der Jude sey ein Sohn des Vaterlands und sollte daher, wie billig, auch sein Blut für die heimathliche Erde verspritzen. Seit jener Zeit wird auch dem jüdischen Greise der sein Alter pflegende Sohn aus den Armen gerissen, und kann, wenn er Roland'sche Bravouren unternimmt, bis zum – Offizier graduiren. Seine Brüder dürfen deshalb, weil sie bloß Landeskinder aber keine Bürger sind, noch nicht wohnen und Geschäfte machen, wo es ihnen beliebt. Sie dürfen ein Haus kaufen, aber nicht auf ihren Namen das Grundstück einbüchern lassen, es sey denn, sie sind Fabriksbesitzer. Der größere Theil der Prager Judenschaft denkt wenig nach, über die ihm verweigerten Menschenrechte, läßt seine Söhne ihr Blut für ein Vaterland vergießen, das sie nie hatten, und läßt sie es wieder nicht vergießen, so lange noch ein Gulden in seinem Säkel ist, um den Militärarzt, Visitator, Conscriptionsbeamten und Consorten Darunter sind die jüdischen Conscriptionsbedienten, die einen Tag vor der Berufung des Militärpflichtigen ihm oder dessen Eltern, die nöthigen Winke ertheilen, und wie brauchbar diese Mittelspersonen sind, beweist der Umstand, daß im Verhältnisse 30mal mehr jüdische als christliche Landeskinder dem Haselstocke und allen mit ihm verknüpften Annehmlichkeiten entkommen. zu bestechen, welche als gute Patrioten, sobald sie das Porträt ihres geliebten Landesvaters in mehrern Exemplaren von gediegenem Silber vor die Augen bekommen, ihre Sehnerven mit dem Beschauen der niedlichen Brustbilder dermaßen anstrengen, daß auch die ihnen vorgeführten Jünglinge von der kräftigsten Natur, als Schwächlinge, Commisbrod zu kauen, unfähig erscheinen. Der Losgekaufte eilt freudig nach Hause, empfängt die Glückwünsche seiner Verwandten, und dessen vom Gelde ausgeschälter Papa steht im Tandelmarkte vor seiner Gewölbthüre, reibt sich die Hände, denkt: Geld verloren, nichts verloren, räth seinen Nachbarn wie sie es anzufangen haben, wenn an ihre Kinder die Reihe kommen sollte u.s.f. So verstreicht ein Decennium nach dem andern. Geschlechter entstehen, Geschlechter vergehen, Der Tandelmarkt aber wird ewig bestehen Und Juden im Drucke man immer sehen. Der Tandelmarkt dürfte füglich den Pragern die Stelle der Börse vertreten, welche eine Krämerstadt leicht entbehrt; denn an jüdischen Feiertagen, wo die Tausende geschlossener Gewölbe diesem Platze das Ansehen einer von der Pest verödeten Stadt verschaffen, und Grabesstille sich auf diesem geräuschvollsten Terrain der Hauptstadt gelagert hat, an jenen Tagen stocken die Pulse des Geschäftslebens auch unter den christlichen Kaufleuten, deren Gewölbe von dem Kauflustigen nur gelegenheitlich besucht werden, folglich am wenigsten den Landmann zu einer Reise in die Hauptstadt vermögen werden. Das den Juden günstige Vorurtheil, daß ihre Waarenvorräthe reichhaltiger, eleganter und vorzüglich auch billiger, bewirkt, daß in einem finstern unscheinbaren Kämmerchen im dritten oder vierten Stockwerke Hier ist von den bloß aus Waaren-Depots bestehenden Gebäuden des Tandelmarktes die Rede. , welches der Fremde beinahe mit Lebensgefahr hinanklettern muß, viel bedeutendere Geschäfte als in den mit schimmernden Glanze ausgestatteten Kaufmannsläden der angesehensten Bürger des Tages über vorgenommen werden. Der Einheimische wie der Fremde, welchen sein Weg in das Theater oder nach dem Universitätsgebäude führt, findet sich gleich sehr überrascht, in der Nachbarschaft dieser den Musen geweihter Häuser, Feldlagerartig einen unübersehbaren Menschenhaufen mit Kramen, Waarenständen, Boutiken u. s. f. vor sich zu erblicken, ohne das Geräusche und Getöse einer campirenden Armee zu vermissen. Alte Weiber, auf deren von Runzeln entstellten Gesichtern die ewige Klage über Nahrungslose Zeiten zu lesen, sind mit ihren Männern im lebhaften Wortwechsel begriffen, der Gegenstand ihres Zwistes ist ein entsprungener Landtölpel, mit welchem man schon einen Handel abgeschlossen wähnte, Männlein entschuldigt sich mit Beweisen, Weiblein aber ist nicht zu besänftigen, und klagt der Nachbarin, wie sie nicht Minutenlang von ihrer Kramstelle weichen dürfe, ohne Schaden im Geschäfte zu erfahren. Denselben Prozeß führt gegenüber eine Krämersfrau fast zu gleicher Zeit mit ihrer Ladendienerin; nur unterscheidet sich der Wortstreit insofern, als sie die Vorwürfe wegen der allzuniedrigen Preise ertheilt, welche dem glücklichen Käufer gemacht worden. Weiter nach dem Ende dieses Platzes zu, fallen sich zwei Weiber in die Haare, wegen eines abgelockten Käufers, die Umstehenden werfen sich als Friedensvermittler auf, scheitern jedoch an der Erbitterung der streitenden Partheien. Ein Heer müßiger Ladendienerinnen bietet den Vorbeiwandelnden mannigfache Waaren an, und kann dieser Unfug wohl den reitzgeschmückten Die Natur, viel toleranter als die Bekenner des Christenthums, tat die seltsame Laune, zuweilen auch den Töchtern Zions schöne Formen zu ertheilen. Schreierinnen zur Last gelegt werden, die von ihrem Brodherrn eigends zu diesem Amte besoldet sind? Dieses Amt ist überdies aus dem Uebelstande herzuleiten, daß die drei bis vier Stockwerke hoch angebrachten Waaren-Depots von den auf der Straße Vorübergehenden begreiflicher Weise unbeachtet bleiben. Weil nun der Besitzer jener Gewölbe nicht geringere Gaben und Steuern, als sein beglückterer Nachbar in dem Erdgeschosse, zu entrichten hat, daher die Aufmerksamkeit der Kauflustigen auch auf seine unten nicht sichtbaren Waarenschätze hinlenken will, so wäre für den Unfug des Anfragens meines Erachtens weniger der vielfach bedrängte und bedrückte jüdische Handelsmann als die Behörde anzuklagen, welche ein so großes Heer von Verkäufern mit seinen zahllosen Gewölben, Depots und Kramstellen auf so engen Raum beschränkt; und überdieß muß man beklagen, daß das dem Schacher angewiesene Terrain in einem der belebtesten Stadttheile die benachbarten Häuser und Kunstgebäude sehr entstellt. Ob dieses auf einen Fleck zusammengedrängte Heer von Trödlern einen angenehmen oder eckelhaften Eindruck auf die Vorübergehenden hervorbringe, ob die sonst so schöne Hauptstadt dabei an Wohlgestalt einbüße, und die malerische Ansicht ihrer Strassen sehr dabei verliere, wird nicht befragt. Die löbliche Bürgerschaft übersieht diesen Uebelstand gern, und denkt im Stillen: »Ihr jüdischen Banquiers, Fabrikanten und Großhändler, welche ihr den Commerz des Landes ausschließlich leitet, und mit euerm Gelde zuweilen auch Adelsdiplome erkauft, blickt hin auf diesen Tandelmarkt, wenn ihr in euern glänzenden Karossen vorbeisauset; blickt hin auf diesen Ort, in dessen düstern feuchten Mauern eure vom Glücke minder geliebten Verwandten nebst ihren Waaren verschimmeln; blickt hin auf diese euern Stolz demüthigenden Gebäude, und labt euch, wenn ihr es noch vermöget, an dem Gedanken zu Edelleuten erhoben zu seyn, aber demungeachtet nicht auf die Vorrechte eines bürgerlichen Schuhmachers Anspruch machen zu können.« Achtes Kapitel Die Ladendienerinnen Nur die Tuch- und Lederhandlungen entbehren der dienstbaren Geister aus dem schwächern Geschlechte; alle andern Commerzwege hingegen sind auch und zwar vorzugsweise mit den Töchtern Eva's besäet. Die Wechslergewölbe, wie die Buden der Antiquarbuchhändler Nur mit alten Büchern und altem Eisen ist den Prager Juden Handel zu treiben gestattet. dienen den zarten Wesen gleichfalls zum vierzehnstündigen Aufenthaltsorte mit Ausnahme der Festtage. Fühlt der Vorübergehende sein Mitleid aufgeregt durch den kläglichen Anblick, welchen ein schwachgebautes Mädchen, unter der Last eines zwischen den Schultern festgehaltenen Geldsacks daherkeuchend, nothwendig erregen muß, so wandelt ihn wieder ein nicht zu bezähmendes Lachen an, wenn er vor einem Bücherkrame still haltend, ein strickendes Weibchen nach einem Werke theologischen oder juridischen Inhalts befragt, und sogleich in einem süßlichen Tone nachzufolgen aufgemuntert wird. Das Strickzeug wird bei Seite gelegt, eine Nachbarin zum einstweiligen Bewachen des Krams herbeigerufen, der Schawl um die Schulter geworfen, und durch das Gewühle der Käufer und Verkäufer sich drängend, fliegt sie rasch die morschen Treppen viele Stockwerke hinan, rasselt mit dem Schlüsselbunde an der Thüre ihres Vorrathkämmerchens, setzt die Leiter an, und der ihr nachgefolgte Bücherfreund gewinnt sowohl während ihres Nachsuchens Zeit, tiefsinnige Betrachtungen über die Waden eines Frauenzimmers anzustellen, oder sich auf den möglichen Fall vorzubereiten, wo die Suchende durch einen Fehltritt die Leiter herabstürzen und von seinen Armen aufgefangen werden könnte. Die adeligen Damen, welche vorüberschreitend dieses Heer von Ladendienerinnen mit aus Mitleid und Verachtung gemischten Blicken begaffen, ahnen nicht, wie sie der Mehrzahl nach an intellectueller Bildung tief hinter jenen Geschöpfen zurückstehen. Am Freitagabend, sobald die nun geschlossenen Laden eine zweitägige Auch am Sonntage und christlichen Feiertagen sind die Gewölbe geschlossen. Bemerkenswerth bleibt es, daß am Feste des heil. Nepomuk, wo der vielen Wallfahrer wegen, die christlichen Kaufleute feil haben dürfen, dies den Juden aber streng verboten ist. Feier versprechen, hüpft mit dem Schlüsselbunde im Strickbeutel die von den hochgebornen Fräuleins übersehene Ladendienerin in die benachbarte Leihbibliothek, und holt sich Futter für den Abend und den darauf folgenden Tag. Schillers Gedichte und Dramen leben den Meisten dieser Mädchenklasse im Gedächtnisse und sie citiren Stellen und Verse aus diesem ihren Lieblingsdichter mit überraschender Sicherheit. Das Favorit-Trauerspiel der Meisten – denn ein Geschmack lenkt sie alle – ist Don Carlos. Die Vorliebe für diese Tragödie dürfte man von der Mutter auf die Tochter vererbt nennen. Bietet man ihnen ein Taschenbuch oder einen flachen Romanschriftsteller des Tages, werfen sie das Buch verächtlich bei Seite mit der Bemerkung: Es gebe darin nur trockenes Mährchengeschwätze, sie aber wollten lieber Erhabenes Dieses Ausdrucks bedienen sich Alle, wenn sie nach einem Buche verlangen, dessen Inhalt ihnen noch unbekannt ist. . Leicht dürfte die geneigte Leserin jene Geschöpfe, wegen einer ihrem untergeordneten Standpunkte nicht anpassender Ueberbildung, vornehm mitleidig belächeln; und so glaube ich zur Vertheidigung ihrer, vom Glücke stiefmütterlich behandelten Geschlechtsverwandten, anführen zu müssen, daß die Lectüre am Sabbat, wo jede Handarbeit durch ein religiöses Verbot wegfällt, als die einzige Abwehr gegen Müssiggang und Langeweile gefunden wird, der Sonntag hingegen, wie alle andere christlichen Festtage, den Angelegenheiten in der Hauswirthschaft gewidmet ist. Die Schwestern, an den Wochentagen unter ihre verschiedenen Gebieterinnen vertheilt, schließen am Sonntage einen Kreis um die geschäftige Hausmutter, und so bietet jede Familie, wo Mädchen sind, das Bild einer großen Näh- oder Schneider-Werkstatt. Schon in früher Jugend, kaum noch dem zartesten Alter entwachsen, werden die Töchter zum Schacher angehalten; die Kinder wohlhabender Eltern bleiben unter der Leitung ihrer Mutter; die Mittellosen nehmen Dienste in einer fremden Handlung, ohne deshalb in ihrem Wirkungskreise tiefer gestellt zu seyn. Das kärgliche Ersparniß einer Reihe bitter verlebter Dienstjahre wird, wenn es nicht zur Unterstützung dürftiger Eltern verwendet worden, von diesen als künftige Mitgift für einen Heirathslustigen Talmudisten aufgespart, denn die Freierwahl bleibt stets den Eltern vorbehalten. Judith, deren ich im frühern Kapitel gedachte, daß sie ihrer größern Brauchbarkeit wegen von meiner Prinzipalin einen höhern Gehalt als ihre Amtsgenossinnen bezog, sah sich in den hier geschilderten Verhältnissen. Ihr Vater, ein Sopher Ein Mann, welcher die Gesetzrollen schreibt, und Gebetriemen fertiget. , hatte sich keinen andern Tochtermann gewünscht, als Musje Itzig, der allenfalls ein feiner Bocher, aber ein grober Junge war. Judith, welche des Tages über mit Standespersonen aller Art verkehrend, feine Sitte kannte und übte, sah sich an den Winterabenden der Aufmerksamkeit ihres ungehobelten Itzig Preis gegeben, der sie Stundenlang angähnte, wenn der Alte aus dem Hause war, und sich dann entfernte, wie er gekommen. Lieber sah er es daher, fand er den Vater als die Tochter vor; dann brachte man die Conversation schnell ins Leben. Gemeinde-Streitigkeiten, die er fleißig sammelte, weil er wußte, daß sie für seinen Zuhörer die beliebtesten Ingredienzien des Gespräches abgaben, wurden als pikante Einleitung geboten. Sodann folgte ein pèl mél von Stoffen, die nicht wohl in eine bestimmte Klasse zu bringen waren. Und es hätten boshafte Dämonen ihre Hand im Spiele haben müssen, wenn unter einem so gemischten Vorrathe sich nicht stets ein Thema vorgefunden haben sollte, das als Uebergang in eine talmudische Disputation dienen konnte. Diese ward von beiden Streitern alsbald mit solcher Hitze fortgeführt, daß die giftigen Blicke, welche sich Beide zuwarfen, da Keiner nachgeben und jedes Recht behalten wollte, Judithen für den Ausgang des Wortstreits besorgt und froh zugleich machten, besorgt, weil sie von der Hitze des Vaters ein Ausstoßen von Beleidigungen fürchtete, froh, wenn sie von der Hoffnung belebt ward, Itzigs Rechthaberei werde ihn mit ihrem Vater gar bald entzweien. Zum Aerger Judiths nahmen diese Zungenkämpfe stets einen friedlichen Ausgang und dem jüngern Kämpen wurde bei dem Nachtessen von seinem Wirthe stets der beste Theil aus der Schüssel vorgelegt. Wenn nun Judith gegen den Vater ihre Verwunderung zu erkennen gab, daß er einem so unbescheidenen Jungen, welcher dem künftigen Schwäher so gänzlichen Mangel an Achtung fühlen lasse, gut bleiben könne, gab der Alte lächelnd zur Antwort: Dies ist es, was mir an Itzig gefällt, daß er sein Recht behauptet und alle Nebenrücksichten bei ihm schwinden, wenn es die Entscheidung einer Gesetzesfrage gilt. Eines Abends als ich, in Rechnungen versenkt, einsam in meinem Zimmer saß, meldete man Judith. Ueberrascht wegen des zu dieser späten Stunde gegebenen ungewöhnlichen Besuches, fragte ich sie nach der Ursache desselben, zugleich bedauernd, daß die Familie Spiegel zu dem Hochzeitschmause eines Verwandten geladen, vor Mitternacht schwerlich nach Hause käme, und ihr Anliegen wohl auf den morgenden Tag hinaus geschoben werden müßte. Während ich diesen Bescheid ertheilte, däuchte mir, als wären die Augen des Mädchens verweint, und als ich meine Entdeckung ihres Gemüthszustandes und mein Befremden darüber gegen sie merken ließ, brach die Unglückliche in einen Thränenstrom aus. Die unarticulirten Laute, welche sich über ihre Lippe den Weg bahnten, gaben, in einen muthmaßlichen Zusammenhang gebracht, ihren Vorsatz zu erkennen, daß sie in unserm Hause die Nacht zuzubringen entschlossen sey; und daß, wollte man sie von ihrem Entschlusse abbringen, sie jeden andern Weg eher, als den nach ihrer Wohnung einschlagen werde. Meine vielfachen Bitten, mir die Angabe der Ursache zu einer an ihr vorher nie bemerkten Gemüthsaufregung nicht länger vorzuenthalten, fanden nach langem Widerstande Eingang in ihr Ohr, und ich erfuhr Folgendes: daß ihr Verlobter ihr am Morgen begegnet habe, als sie von einer Standesperson aus unserer Kundschaft auf dem Wege Behufs neuer Bestellungen angesprochen worden. Die linkische Weise, womit Itzig durch einen Gruß seine Nähe hatte ankündigen wollen, konnte die Lachmuskeln der fremden Dame in Bewegung setzen, Judith selbst habe unwillkührlich diesem Beispiele folgen müssen, und Itzig, welcher aus diesem ungezwungenen Benehmen seiner Braut, im Gefühle seines gekränkten Stolzes, noch auf einen für ihn weit empfindlichern Grund ihres Lachens schließen mochte, hätte ihrem Vater sogleich den ärgerlichen Vorfall berichtet, und zwar mit dem Nachsatze, daß er diese Verbindung als aufgelöst betrachte, wenn nicht eine körperliche Züchtigung der schmählichsten Art in seinem Beiseyn an der Beleidigerin verübt, seinen Zorn sühnen würde. Der schwache Alte gelobte dies, und zur Abendstunde, ungefähr um die Zeit, wo Judiths Nachhausekunft erwartet wurde, hatte sich Itzig racheschnaubend bei ihrem Vater wieder eingefunden, um Zeuge ihres heutigen Empfanges zu seyn. Das harmlose Mädchen hatte kaum die Stube betreten, als der Alte, ohne die Gründe seiner rohen Behandlung zuvor anzudeuten, mit den Fäusten auf die Erschrockene lostrommelte, und der Nachbarschaft unfehlbar ein Fest gegeben haben würde, wenn Judith nicht zu der noch offen stehenden Thüre hinausgestürzt, und durch die Flucht auf die Gasse, wo sie bald in der Menschenmenge sich verlor, fernern Insultationen sich entzogen hätte. Sie schloß ihre durch Schluchzen oft unterbrochene Erzählung mit dem Ausrufe, wenn Lea ihr die Aufnahme unter ihrem Dache verweigere, und auf eine Wiedervereinigung mit ihrem Vater dringen wollte, sie leicht Schritte thun würde, welche nur die Verzweiflung gut heißen könnte. Judith hatte, nachdem sie ihrem Kummer durch Klagen Luft verschafft und ihr gepreßtes Herz somit erleichtert worden, in einem Sessel mir gegenüber Platz genommen, um die Nachhausekunft ihrer Gebieterin abzuwarten. Wohl waren gegen zwanzig Minuten des tiefsten Stillschweigens zwischen uns Beiden dahin gestrichen, und noch dachte ich nicht diese seltsame Pause zu unterbrechen, denn Judiths seelenvolles blaues Auge starrte noch immer erwartungsvoll in das meinige, ängstlich lesend, ob ich nicht Kraft genug besäße, den düstern Schleier von ihrem geistigen Blicke wegzuziehen, der vielleicht die Aussicht in eine freundlichere lachende Zukunft neidisch benahm. Zudem perlte eine Thräne auf den lebensblühenden Wangen der schönen Dulderin. Und wem ist die Macht einer Weibesthräne unbekannt? Sie ist die letzte und siegreichste Waffe, wenn alle andern Vorräthe aus dem Arsenale des Liebesgottes einen nur ungewissen Erfolg bewährten. In diesem Augenblicke kam mir Judith reitzgeschmückter als jemals vor; unsre Einsamkeit, die noch lange kein unwillkommner Dritter zu unterbrechen drohte, so wie die Stille der Nacht, wirkte mächtig ein, mein Puls schlug heftiger und Judith, die fortwährend in meinen Zügen las, hatte nur zu wohl bemerkt, wie meine Wangen sich plötzlich mit einer Glut überzogen, zu Verräthern meiner Empfindungen wurden. Ein Engels-Lächeln spielte auf ihrem lieblichen Gesichtchen und erschloß einen Himmel von Hoffnungen. Meine zitternde Hand erfaßte die des Mädchens, mein Auge starrte fester in das ihrige und eine Frage entwand sich meiner Brust, die jener Theil meiner Leser, dem ähnliche Stunden in die Einförmigkeit des Menschenlebens angenehmen Wechsel brachten, leicht entziffern wird. Judith antwortete nicht mit einem leeren Silberklange, sondern weit beredeter, indem sie verschämt ihr Köpfchen an meine Brust barg. Ich weihte unsern schönen Bund mit einem Kusse, und sprach: »Fassen Sie Vertrauen zu mir, liebe Judith! Ich habe in dieser Stunde die Pflichten Ihres harten Vaters übernommen. Gönnen Sie mir das angenehme Geschäft, Ihrer Zukunft eine freundlichere Gestalt zu verschaffen. Ihr bisheriges Loos war kein neidenswerthes, und wie sehr hat Ihre schöne Seele ein besseres verdient!« – Judith blickte vertrauungsvoll nach mir auf, und die Hoffnung malte sich auf ihren Wangen. Ich aber fuhr in meiner Rede fort: »Doch unklug wäre es, unser Herzensbündniß vor der Zeit zu verrathen, denn würden die Leute, welche nur erfinderisch sind, wenn es gilt, ihren Nebenmenschen zu kränken, nicht Ihre Entweichung aus dem Vaterhause lieber für die Wirkung, als für die Ursache zu Ihrer Annahme meines Schutzes, und zu unserer Liebe überhaupt deuten wollen?« Judith fand diese Gründe unwiderlegbar und ehrte meine Vorsicht. Mich bewog jedoch ein nicht minder wichtiges Motiv die Verheimlichung meines Verhältnisses mit Judith zu sichern, denn wie hätte ich sonst vor die Tochter des Hauses hinzutreten vermocht? Von dem Vorwurfe der Flatterhaftigkeit fühlte ich mich frei; denn die Heirathsbewilligung der Verlobten war bereits vom Landes-Guvernium als gestattet in die Hände des Familien-Sensalen gelangt. Der Vermählungstag war schon anbestimmt, und der Gegenstand meiner ersten Liebe sah sich schon als das unerrettbare Opfer einer merkantilischen Speculation. Auch hatte ich von dieser Seite nie ein bestimmteres Zeichen der Erwiederung meiner Gefühle erhalten. Wie leicht würde eine deutliche Erklärung meiner Wünsche nicht nur von Seiten der Eltern, sondern auch von ihrem Kinde mit Indignation aufgenommen worden seyn? Auf diese Art half ich mir gewisse Skrupel aus dem Herzen sophistisiren, um den Austausch eines geliebten Gegenstandes gegen den andern billigungswerth zu finden; und weil ich stets ein lebhafter Vertheidiger der Lehre von der Prädestination gewesen, so deutete ich meine erste Liebe als ein von einem mir gewogenen Schicksalsgotte zugesandtes Vehikel, mein niederes Lehramt mit dem Gewinnbringendern Commerzleben zu vertauschen, zu welcher Wahl mich ja nur die Hoffnung verleitet hatte, in der Folgezeit ein Recht zu erhalten, mich meinem Brodherrn als Schwiegersohn anbieten zu dürfen. Neuntes Kapitel Der Pilsner Jahrmarkt Judiths Flucht aus dem Vaterhause hatte in unsrer Familie zwei Partheien gebildet. Rabbi Asriel schlug sich auf die Seite des Sophers und seines zum Eidam beabsichtigten Talmudisten, dessen Verdienste Judith, seiner Meinung zufolge, nicht zu erfassen vermochte, und ihren Unverstand durch ein verletzendes Betragen gegen den Schüler der Weisheit Dies ist die Bedeutung des Ehrentitels: Talmid Ehacham , der jedem tüchtigen Talmudisten gespendet wird. geoffenbart habe. Madame Spiegel dachte bedeutend milder. Sie erklärte den vom Sopher sich erkornen Tochtermann für ein plumpes Thier, dessen rohe Sitte ihr längst schon mißfallen habe, und Judith verdiene ein besseres Loos; ihr feineres Gefühl lasse bei einem solchen ungleichen Ehepaare auf kein harmonisches Zusammenleben hoffen. Das Mädchen selbst tröstete die theilnehmende Frau damit, daß bei ihren guten Eigenschaften sie auf eine bessere Parthie gerechte Aussichten habe, und sie selbst bezeuge große Lust, sich nach einem würdigen Gatten für sie umzusehen. Das Mädchen dankte geziemend für so wohlmeinende Absichten und meinte: Damit hätte es wohl noch Zeit! Die geschwätzige Alte fuhr aber im Strome ihrer Rede, jeden Damm durchbrechend, wie folgt, fort: »Wisse denn auch dies, Judithchen! daß ich entschlossen bin, deinen Diensteifer zur Zeit der Ausheirathung mit einer tüchtigen Summe als Hochzeitgeschenk zu belohnen, welche mit deinem Ersparten ein hübsches Kapitälchen bilden könnte, um Freier in Schaaren herbeizulocken.« – Auch meinte die gute Frau, daß Judiths Entfernung vom Vater glücklicher Weise jetzt weniger, als zu einer andern Zeit bemerkt werden würde, weil der Pilsner Jahrmarkt vor der Schwelle sey, und die Nachbarn des Sophers wohl wissend, daß seine Tochter mit Spiegels alle Pilsner Märkte beziehe, in ihrem Ausbleiben die erste Woche hindurch keinen Grund zu Verdachte schöpfen könnten. Bis zur Rückkehr von Pilsen gewänne man beiderseitig die erforderliche Frist, um der Friedensunterhandlungen von Seiten des Sophers Anerbieten zu erwarten, im entgegengesetzten Falle aber Pläne für des Mädchens Zukunft zur Reife kommen zu lassen. Seit der Abwesenheit Kalmans hatte ich als Nachfolger seines Amtes in der Spiegelschen Handlung in der Gesellschaft der Frau Spiegel und Judiths die Pilsner Märkte besucht. Liebmann, mein ehemaliger Eleve, erhielt, in diesen Zeiträumen supplirend die Regie über das auf mehrere Tage durch seines Leiters Abwesenheit so gut als verwaiste Geschäft in loco; denn der alte Asriel befaßte sich ausschließlich mit dem Studium des Talmuds und lebte von allem Welttreiben sich ängstlich absondernd; seine Tochter, nur in der Verwaltung der Hauswirthschaft an ihrem Platze, blieb zur Besorgung der Küche zurück. Der nahende Augusti-Markt sollte jedoch eine veränderte Besetzung vorfinden; denn es war beschlossen worden, des Töchterchens so lange hinausgeschobene Vermählungsfeier in dem wenige Meilen von Pilsen entfernten Wohnorte des Bräutigams zu begehen, und zu diesem Behufe vom Meßplatze directe dahin abzureisen. So fügte es sich denn, daß die ganze Familie diesmal in den Reisewagen stieg, und ich, anstatt meines Eleven, als supplirender Dirigent des Prager Geschäftes zurückgelassen wurde; wobei ich diesen Vortheil gewann, daß mir der verhaßte Anblick meines frühern Nebenbuhlers, der sich in Pilsen sein unglückliches Opfer abzuholen beschlossen, füglich erspart wurde. Es war eine düstere Regen-Nacht, in welcher die beklagenswerthe Braut mit ihren Eltern in die Kutsche stieg, welche sie der geliebten Vaterstadt, aus welcher sie zahllose Erinnerungen an das harmlose Kindesalter und seine kleinen Freuden mit sich nahm, nun auf ewig vielleicht entführen sollte. Bevor ich in der Aufzählung meiner fernern Lebens- fata fortfahre, glaube ich meinen geneigten Lesern und theilnahmsvollen Leserinnen, welche der unglücklichen Braut vielleicht in diesem Augenblicke eine Thräne weihen, die Erklärung schuldig zu seyn, weshalb die Reise zur Hochzeit des Nachts ihren Anfang nahm? Diese Schuld sey in den nachfolgenden Zeilen getilgt. Der Pilsner Jahrmarkt Der bedeutendste in Böhmen und wird 4mal des Jahres abgehalten. Die Meßgerechtigkeit haben die Pilsner als ein vom Kaiser Ferdinand ihnen ertheiltes Privilegium erhalten, in Berücksichtigung ihrer Anhänglichkeit an das Haus Oestreich, zu einer Zeit, wo fast alle andern Städte dieser Provinz dem ehrsüchtigen Wallenstein ihre Thore öffneten. beginnt am Montag Morgen und endet mit dem dritten Tage. Indem die 13 Meilen vom Meßplatze entfernte Hauptstadt des Landes es unmöglich erscheinen läßt, die Reise in einem Tage zu vollenden, und überdies auch die Zeit abzugewinnen, welche zum Auspacken der Waarenvorräthe und reihenmäßiger Aufschichtung derselben erforderlich ist, das Verbot, am Sabbath sich auf eine Reise zu begeben, diesen Tag nicht zu benutzen gestattet, und die vorigen zwei Tage zu diesem Zwecke in Anspruch zu nehmen, zu großen Zeitverlust für das Localgeschäft herbeiführen würde, dem ohnehin in der Vorwoche des Marktes manche Stunde mit dem Einpacken der Meßwaaren entzogen wird, so tritt bei den meisten jüdischen Meßbesuchern die Nothwendigkeit ein, die auf den Sabbat folgende Nacht zur Reisezeit hinüber zu ziehen. Schon bei einbrechender Dämmerung füllen die das fünfte Stadtviertel begränzenden Strassen sich mit Reisekutschen von allen Gattungen und Formen. Domestiken, beiderlei Geschlechts, streifen in kleinen Divisionen, keuchend unter der ihrem Rücken aufgebürdeten Fracht von Pelzen und Bettdecken, zwischen den Pferden hindurch, das innere der Wagen mit diesen Reise-Utensilien auszustopfen. Gruppen von Lastträgern zeigen sich am Hintertheile des Wagens mit dem Befestigen der Koffer beschäftigt und ihre Burschen defiliren auf und ab, Jegliches eine Diebeslaterne in den Händen schwenkend. Kommando's erschallen von den Jungen der einen Parthei, Widersprüche schickt der widerspenstige Chor der Belehrten entgegen; Ehrentitel und Flüche, meist jedoch von scherzhafter Bedeutung, folgen hinterher, und der Chor der Lastträger ragt in diesem geräuschvollen Tutti vor den lungenschwächern Domestiken-Seelen ehrenvoll hervor. Die Nacht ist indeß am Horizonte heraufgezogen, und die Jahrmarkts-Besucher, von welchen die Mehrzahl aus dem schönen Geschlechte sind, stürzen nun aus allen Enden des fünften Hauptviertels herbei, besteigen die Kutschen und prüfen die Sitze, und ertheilen die letzten Hausbefehle den zurückbleibenden Domestiken. Segenswünsche zu der glücklichen Fahrt erschallen zur Rechten und Linken, von Mündigen und Unmündigen, als gälte es einer Expedition nach dem Nordpol. Die erste Kutsche fängt an sich zu bewegen, die andern folgen, und die große Karavane braust, wie ein mächtiger Winterstrom zwischen Thälern und Schluchten, durch die schweigenden Straßen der Hauptstadt über die stattliche von zahllosen Lampen besäumte Moldaubrücke, zu dem Augezder Thore hinaus. Erschreckt von dem herandonnernden Getöse stürzen die friedlichen Bewohner der Kleinseite an die Fenster und rufen bei dem Anblicke der wandernden Judenschaft beruhigend einander zu: in Pilsen haben sie also wieder Jahrmarkt, diese Woche! Zehntes Kapitel Die Anklage Die Wiederkunft der Familie Spiegel hatte diesmal für mich viel Aehnliches mit der Rückkehr einer Familie vom Begräbnisse eines ihrer Verwandten. Wir sahen wohl beim Scheiden den geliebten Todten, nicht ohne das Gefolge der betrauernden Eltern und Geschwister, die Wohnung der Lebenden verlassen; aber kehren die Freunde von dem Leichenfelde zurück, vermissen wir doch ein theueres Haupt unter ihnen. Als ich, die Angekommenen begrüßend an den Kutschenschlag eilte, half ich den beiden Alten und ihren Söhnen aus dem Wagen, die Tochter vermißte mein Blick; und die Grausamen! schienen sie mir doch mit den Mienen zürnen zu wollen, weil nicht im ersten Momente des Wiedersehens schon die Glückwünsche zu der vollzogenen Heirath von meiner Lippe strömen wollten. »Hat während unserer Abwesenheit nichts von Bedeutung sich ereignet?« fragte Asriel, als ich ihm beim Aussteigen helfend meinen Arm bot. Die Frage war von seiner Seite mechanisch und gedankenlos erfolgt, wie es die Weise so vieler Menschen, die mehr spielend als planmäßig, nur den Faden zu einem Gespräche zu erfassen streben. – »Allerdings!« versetzte ich. »Vom Magistrate ist eine amtliche Aufforderung herabgekommen, daß Sie über die bisherige Führung des jüdischen Hospitals sich bücherlich auszuweisen haben.« Wie ein Donnerschlag hatte diese Botschaft auf den nervenschwachen Mann gewirkt. Die Farbe war aus dem Gesichte gewichen und die Beine wankten. »Narr! was giebts da zu erschrecken?« strafte ihn die beherztere Hausfrau, welche vom Angstfieber zwar gleichfalls befallen, ihre Empfindungen jedoch gut zu bemänteln verstand. Ein ununterrichteter Zeuge hätte aus dem Verfärben des guten Mannes unfehlbar einen für dessen Rechtlichkeit nachtheiligen Schluß gezogen. Asriel hatte aber bei der vieljährigen Verwaltung seines Amtes nicht nur Nichts veruntreut – was hätte den wohlhabenden Mann dazu verleiten sollen? – sondern auch noch aus seinen eigenen Mitteln den Deficit manches Jahres gedeckt. Ordnungsgeist und regelmäßige Buchführung waren Bedingnisse, die zu erfüllen nicht in seinen Kräften lag. Allein die lobpreisenden Aeußerungen derer, welche die Anstalt oft besuchten und die Krankenpflege musterhaft gefunden hatten, so wie die Asriel geltenden Segensprüche der Reconvalescenten hatten bis jetzt keinen Grund herbeigeführt, von Herrn Spiegel über die Verwaltung seines Amtes Rechenschaft zu heischen. Ueberdies war ein solcher Posten kein beneidenswerther; er fordert Zeitaufwand, übermäßige Geduld und Geldopfer. Wenn der bisherige Hospital-Inspicient, noch immer nicht auf die Idee verfallen war, seinen Commandostab, womit die läßigen, pflichtvergessenen Krankenwärter regiert werden mußten, freiwillig niederzulegen, so hatte Herrn Spiegel theils Mitleid mit den hülfebedürftigen Kranken, welche sodann aller Hoffnung entblößt worden wären, davon abgehalten; theils auch setzte er eine Ehre darein, als Vorsteher einer der ältesten Synagogen in der Gemeinde und Chef der Beerdigungsbrüderschaft Bei den Juden, so wie bei den meisten orientalischen, Völkern streift die Ehrfurcht gegen die Todten fast über die Gränzen des Komischen hinaus. Niemand würde es wagen, einen Leichenknochen auf dem Todtenacker von seinem Platze zu rücken. Das Wiederaufgraben einer Leiche ist daher in ihren Augen ein großes Verbrechen. Die Begräbnißkosten sind ungeachtet des, in der Regel, prunklosen Leichenzuges, dennoch sehr bedeutend: doch wird auf die Vermögens-Umstände des Verstorbenen Rücksicht genommen. Die Abschätzung ist der Willkür des Chefs der Beerdigungs-Commitées überlassen und diese Begräbnißgelder fallen in die Leichenkasse, woraus die Beerdigungs-Spesen für Mittellose bestritten werden. Diese beschränken sich nicht auf die Leichenkleider, den Sarg und die 4 Fuß breite Erde, die zur Schlafstätte des Todten dienen sollen; sondern hiervon werden auch die Männer besoldet, welche für die Seele des Abgeschiedenen einige Abschnitte in der Mischna ablesen – und dieser Herren müssen mindestens zehne seyn – nebstdem auch das Leichengefolge bilden. Das Waschen und Ankleiden der Leiche, so wie die Grablegung und das Tragen der Bahre ist sogar Ehrensache, und kommen daher bloß den Mitgliedern des Beerdigungs-Vereins zu, welchen auch die vornehmsten Familienväter aus der Gemeinde beizutreten pflegen. Dieser Verein wird, wegen seiner ernsten Tendenz, zum Unterschiede von andern religiösen Brüderschaften vorzugsweise: Der heilige Verein genannt. – Es giebt auch einen weiblichen Klubb dieser Art, doch beschränkt sich der Frauen Amt auf das Waschen, Ankleiden und die Grablegung weiblicher Todten. Die Ceremonie des Tragens der Bahre, so wie die Begleitung der Leiche ist auch hier die Sache der Männer. – Die wichtigsten andern männlichen Vereine sind die Beschneidungsbrüderschaft und der Verein für Hülfsbedürftige und arme Kranke. Ein anderer weiblicher Verein beschäftigt sich damit, arme Bräute auszusteuern. zwei so wichtiger Aemtern, noch ein drittes, die Inspection des Krankenhauses hinzuzufügen. Diese dreifache Amtswürde hatte Asriel längst in der Achtung der Gemeindeglieder dermaßen erhoben, daß sein Name von allen Zungen mit ungeheuchelter Ehrfurcht ausgesprochen wurde. Wesentlich trug hierzu der Ruf seiner talmudischen Gelehrsamkeit bei. Die Abnahme eines dieser Aemter konnte dem ehrliebenden Manne nicht gleichgültig seyn, am wenigsten, wenn, wie im vorliegenden Falle, eine obrigkeitliche Behörde sich in die Sache zu mengen beschlossen hatte. Wie sehr müßte dieser Umstand dem Verdachte Nahrung geben. Neider hatte auch dieser Mann, Neider und Feinde galten aber ihm, wie vielen andern Leuten, als gleichbedeutend. Der Ankläger war der Spitalarzt gewesen. Dieser hatte dem leichtaufgereitzten Asriel ein hartes Wort nicht vergeben können, welches kürzlich dem ganz in Galle aufgelösten Inspector gegen ihn in der Hitze des Wortwechsels entfahren war. Ein Krankenvater, wie es deren wenige giebt, hatte er zu einer ungewöhnlichen Stunde der Nacht, sich in das Hospital verfügt, die Wachsamkeit der Wärter zu prüfen. Bei einem der Leidenden hatte plötzlich die Krankheit einen lebensgefährlichen Charakter angenommen. Der eiligst nach dem Arzte ausgeschickte Bote kam mit einem Bescheide des Aesculaps zurück, welcher mehr seine Bequemlichkeitsliebe als dessen Pflichtgefühl bewährte. Die Krisis des Kranken wurde immer bedenklicher und so entschloß sich der Inspector in eigner Person den Arzt aus den Federn zu locken. Dort setzte es einen heftigen Wörterkampf, und der Doctor hatte von jener Stunde an den Racheplan entworfen. Es war ihm nicht unbekannt, wie Asriel seine Verwaltung des Amtes aus dem Stegreife fortsetzte, indem zu einer regelmäßigen Buchführung über Einnahme und Ausgabe ihm Willen und Sachkenntniß zugleich mangelten. Diese Seite war die verwundbarste, und eine Mittelsperson, welche sich als Werkzeug für des Doctors Rache brauchen lassen wollte, indem sie bei der Behörde den Angeber machte, ein so wackeres Individuum war nicht schwer aufzufinden gewesen. Der Schreck hatte Asriel auf das Krankenlager geworfen. Vor einiger Zeit schon hatte sich ein Ansatz zur Brust-Wassersucht gebildet. Der durch viele Nachtwachen und häufiges Fasten geschwächte Mann, welcher überdies schon mit starken Schritten auf das Greisenalter zuschritt, hatte dem Angriffe, welchen der Schreck, über die gegen ihn vorgebrachte gerichtliche Anzeige, auf seine untergrabene Gesundheit gemacht, kein Corps von Jugendkräften entgegen zu stellen, und mußte demnach unterliegen. Zwar wurde eine weitere Aufforderung an Spiegel, sich wegen der gegen ihn erhobenen Anklage zu vertheidigen, durch einige von mir den Amtspersonen verabreichten Goldstücke weislich unterdrückt; jedoch die Krankheit hatte in dem siechen Körper bereits zu tiefe Wurzel gefaßt, und trotzte den Bemühungen der Aerzte. Das Neujahrsfest war herangenaht, jener furchtbare Tag, an welchem der rabbinischen Mythe zufolge, der König der Könige über die Völker zu Gerichte sitzt und entscheidet über Leben und Tod, und bestimmt die Schicksale der Erdenkinder für das kommende Jahr. Da vermochten die Warnungen der Freunde und des Arztes nichts über den unbeugbaren Sinn des frommen Asriel; und er entstahl sich seinem Krankenlager, und eilte schon um drei Uhr Morgens dem Bethause zu. Der dicke Herbstnebel, welcher um die Septemberzeit in den Frühstunden sich auf die Erde lagert, so wie die achtstündige ununterbrochene Andacht, die bis zum Mittage währte, Alles dies wirkte dermaßen nachtheilig auf den Kranken ein, daß sein Uebel einen noch weit hartnäckigem Character annahm und schon Besorgnisse für das Leben Asriels eintraten. Zwar wurden reichliche Almosen unter die Armen vertheilt, und in allen Synagogen Psalme für die zu ermittelnde Wiedergenesung des Kranken abgebetet, aber ihre Kraft wollte sich diesmal nicht bewähren. Die Aerzte bedeuteten an dem wenige Tage nachher einfallenden Buß- oder Versöhnungsfeste ( Jom Kipur genannt) den Kranken ernstlich, daß er auf das biblische Verbot nicht achten, und Speise zu sich nehmen müsse, wenn er seinen Tod nicht beschleunigen wolle. Hart war es für den frommen Mann, an diesem furchtbar ernsten Tage nicht der allgemeinen Andacht in der Synagoge beiwohnen zu können, weil ihn die Krankheit nun fortwährend das Bette zu hüten gebot; aber noch gräßlicher erschien ihm der Gedanke, an diesem Hauptfasttage des Jahres Nahrung zu sich zu nehmen. Als nun die Aussprüche Rabbi Zalels und des Rabbi Nachum, zweier ihm sehr befreundeten Gottesgelehrten – mit dem Erstern haben schon die frühern Kapitel dieses Buches, den geneigten Leser bekannt gemacht – sich mit den Warnungen der Aerzte vereinigten, so mußte Asriel wohl das harte Geschick über sich ergehen lassen, und den Suppen-Napf zu leeren, sich beherzt anschicken. Wie der Gläubige nun den Löffel erfaßte, um den flüssigen Inhalt des Tellers auszuschöpfen, fühlte er sich plötzlich von seinen Empfindungen übermannt, und drohte sich in Thränen und Wehklagen aufzulösen. »Wehe ist über mich eingebrochen! unnennbares, unaussprechliches wehe!« – klagte er mit Herz- und Ohrzerreißenden Jammertönen – »habe ich also das Furchtbarste erleben müssen, am Jom Kipur Speise zu nehmen!« Bei diesen Worten schluchzte er aus der Tiefe des Herzens, bis er erschöpft in einen der Ohnmacht ähnlichen Schlaf verfiel, und wie bewußtlos plötzlich in die Kissen zurücksank. Eilftes Kapitel Die Sterbestunde Asriel hatte nach den Versicherungen Aller, die von seinem frühesten Jugendleben, bis in sein jetzt vorgerücktes Alter, seinen Umgang getheilt hatten, die Auflösung eines Seelenschmerzes durch Thränen nie vorher gekannt. An diesem Jom Kipur war er zum Erstenmale bei diesem Ausbruche der Empfindungen überrascht worden. Hieraus durfte die übermäßige psychische Aufregung seines Innern gefolgert werden. Auf den siechen Körper des Kranken konnten die Einwirkungen nicht lange ausbleiben. Schon am vierten Tage nach jenem Vorgange war seine Lebensmaschine gänzlich zerstört. Es war um die eilfte Vormittagsstunde, als sich die unverkennbaren Vorboten des Todes anmeldeten. Der Kranke sprach mit vollem Bewußtseyn seines jetzigen Zustandes. Die Ruhe seines Geistes ging aus allen seinen Anordnungen hervor. Obgleich am hellen Mittag wurden, wie dies bei dem Sterben eines Frommen Sitte ist, Lichter auf die Wandleuchter und die große zwölfarmige Sabbatlampe gesteckt und angezündet, die Mitglieder der Beerdigungs-Brüderschaft herbeigerufen; und weil Asriel zu den Frommen der Gemeinde allgemein gezählt zu werden pflegte, war es zu erwarten gewesen, daß im Nu der Platz vor seinem Hause mit einer Saat von Männern jedes Alters und Standes übergossen ward, welche Alle mit feuchten Blicken nach den Fenstern hinaufsahen, an den angezündeten Lichtern und dem Drängen der oben befindlichen Beerdigungsbrüdern, die geschäftig hin und her zu wogen schienen, das müßige Auge weidend. Bis zur untersten Treppenstufe herab standen die Mitglieder des Vereins, von denen Einige den Eingang bewachten, damit kein Laie sich unter sie und in das Haus stehle. Einen Sterbenden zu umgeben, ist ihren Augen eine Bevorziehung ihres Ordens, worüber sie wie auf ein nur wenigen Glücklichen zu ertheilendes Recht eifersüchtig wachen. Wohl über ein halbes Hundert Menschen füllten das Krankenzimmer und beförderten ahnungslos das Ende des Sterbenden, indem sie die wenige gesunde Luft noch mehr verengten, wozu mit der Ausdünstung einer so bedeutenden Masse sich noch der Qualm der angezündeten Talglichter mischte. »Ist Rabbi Nachum noch nicht unter Euch?« fragte nach einer langen Pause der Kranke, sich im Bette halb aufrichtend. »Nein!« war die Antwort, »aber bald wird er eintreffen, schon sind zwei Boten nacheinander in seine Wohnung abgeschickt worden,« ließ sich ein rauher Baß aus der Mitte des Haufens vernehmen. Und wieder trat tiefes Schweigen ein. Von unten herauf drang indeß immer vernehmbarer das Summen der wachsenden Menge. Plötzlich theilte sie sich in zwei Hälften, um dem mit eiliger Miene sich vorwärts schiebenden Rabbi Nachum Durchgang zu eröffnen. Der Rabbi war ein kleines hageres Männchen. Sein bleiches Antlitz war der Verräther vieler Nachtwachen und einer streng ascetischen Lebensweise. Man erzählte sich von diesem Frommen, daß er nur die Sabbat- und Festtags-Nächte durch den Genuß eines Lagers von Federbetten zu ehren pflege, die übrigen Nächte des Jahres hindurch auf harter Erde entschlummere; daß er sich, mit Ausnahme der Sabbat- und Festtage, aller Fleischspeisen und sonstiger kräftiger Nahrungsmittel ängstlich enthalte, ausser den vielen Fasttagen des Jahres, auch noch die Montage, Donnerstage und den letzten Tag vor jedem Neumonde zu Peinigern seines Magens mache, daß er vom frühen Morgen bis zur Mitternacht unermüdet in der heil. Schrift und im Talmud lese, auf der Gasse sich fast nur in jenen Tageszeiten blicken lasse, wenn der Synagogen-Diener zum Gebete riefe. Von allen Gratuiten, welche die Frommen der wohlhabenden Klasse zeitweise ihm zukommen ließen – denn er trieb keinen bestimmten Erwerb –, theilte er den Zehnten unter die Armen, und that noch vieles andere Gute im Verborgenen. Dieser Würdige hatte seit Jahren mit Asriel auf freundschaftlichem Fuße gestanden. Die Abende der Wochentage hatten sie im gesellschaftlichen Studium des Talmuds zugebracht, die Zusammenkünfte waren jedoch stets in der bequemlichern Wohnung Asriels abgehalten worden. Zu einer ungewöhnlichen Stunde und in einer nicht so angenehmen Absicht keuchte der Ascete jetzt die ihm bekannten Stufen hinan. Sein Blick verrieth den Glaubenshelden, der mit frommer Ergebung sich in den Willen des Allmächtigen fügte, welcher sobald ihm den treuen Gefährten seines Lebens durch den Tod entziehen wollte. »Ach!« – seufzte er wohl vor sich hin – »so sterben sie allmählig ab, die Frommen und Lieblinge des Herrn, und ich bleibe, mir zur Strafe, unter den gesetzvergessenen, entarteten Zeitgenossen allein zurück.«   Kaum war der Rabbi in das Krankenzimmer getreten, als Asriels Antlitz zum letztenmale im Dämmerstrahl der Freude leuchtete, bevor seine Lebenssonne ganz untertauchen sollte. »Bist du also auch gekommen, Bruder Nachum?« lispelte der sterbende Freund und fuhr zur Menge gewendet fort: »Nun könnt ihr das Gebet mit mir beginnen!« Dies Gebet: Al Chef genannt, welches aus einem alphabetisch geordneten Register der gangbarsten Sünden besteht, wird nicht nur von den Sterbenden, sondern auch am Jom Kipur und endlich auch am Vermählungstage von dem Brautpaar abgebetet; denn dieser Tag hat bei den Israeliten eine nicht minder ernsthafte Bedeutung. Auch fasten die Verlobten an ihrem Vermählungsfeste, während sich ihre Umgebung einer rauschenden Freude überläßt.   Nach einer kleinen Stunde war der Kranke wieder in die Kissen zurück gesunken, um schöner entschlummern zu wollen. Die Lippen bewegten sich. Man hielt eine Bettfeder an seine Nase, und als man diese Lebensprobe wiederholte, bewegte sie sich nicht mehr. Dies war ein gültiges Zeichen, daß die Seele ihre Hülle verlassen hatte.   Der Vorsteher des Vereins berief einen der Bediensteten zu sich, welcher einen bestimmten Jahrsgehalt von der Brüderschaft bezog, und unter andern Verrichtungen auch diese hatte, daß er in sämmtlichen Synagogen zur Zeit der Morgenandacht den dort vorfindlichen Mitgliedern des Vereins den Tod einer Person und die Stunde des Begräbnisses anzeigte. Bei dem Leichenbegängnisse hatte er wiederum die Namen derjenigen anzurufen, welche das Oberhaupt des Vereins oder in seiner Abwesenheit dessen Stellvertreter mit einer Amtsverrichtung bei der Leiche zu beehren gedachte. Ein solcher Mann mußte die Länge der Dienstzeit eines jeden Mitgliedes aus der Brüderschaft, wohl im Gedächtnisse haben, denn ein Bejahrterer, welcher später angerufen worden wäre, könnte diese Zurücksetzung leicht übel vermerken; und Versehen dieser Art, haben schon folgenreiche Zwistigkeiten und Spaltungen in der Gemeinde entstehen lassen.   Dieser Bedienstete, Schamis genannt, war jetzt zu seinem Chef hingetreten, um von ihm die Namen derjenigen zu vernehmen, welche aus der Masse der Anwesenden vorzugsweise bedacht werden sollten; denn nur einige Wenige konnten bei dem einfachen Geschäfte des Abhebens Sobald er Kranke verschieden ist, wird er aus dem Bette herabgehoben und auf die Erde gebreitet, ein Seelenlicht ihm zu Hauptens gestellt, und die Leiche mit einem Tuche bedeckt. Bald hernach finden sich die Männer ein, welche, wie schon in einer Note des ersten Kapitels bemerkt worden, durch Ablesen einiger Abschnitte aus der Mischna die bösen Dämonen von den Todten abhalten sollen. Diese Lesungen dauern jedoch eine ganze Woche nach dem Begräbnisse fort, obschon sodann nur vor und nach den Andachtsstunden. Eines dieser Männchen, das ausser jenem Nahrungszweige keinen andern kannte, erhielt einstens eine gerichtliche Vorladung. Auf die, an ihm gestellte Frage, welches Gewerbe er betreibe? antwortete er mit überraschender présence d'esprit: Ich studiere mit den Todten! der Leiche mitwirken. Der Schamis bestieg, um von den Andern bemerkt zu werden, einen Schemmel, und begann die Namen derer zu verlesen, welche die Leiche anfassen sollten. Spaßhaft war es anzusehen, wie mehrere der Anwesenden, besorgend, daß ihre kleinere Statur sie übersehen lassen werde, sich auf die Zehen stellten, um den Aufrufer an ihre Gegenwart zu erinnern. Als die Ceremonie des Abhebens vorüber war, verlief sich die Menge allmählich, den aus einer Nebenstube wieder heraustretenden Hausgenossen das Terrain überlassend, von welchem die fremde Populace sie eine Stunde hindurch verdrängt hatte. Jetzt begann das Wehklagen unter den Verwandten des Verstorbenen, und die Mägde, welche bei den sämmtlichen Wohnpartheien dieses Hauses dienten, erhielten die Weisung, alles vorräthige Wasser auszugießen. Das Haus, worin jemand gestorben, wird nebst den beiden angränzenden, als durch die Leiche verunreinigt, gehalten. Alles in denselben befindliche Geräthe zu zerstören, würde zu kostspielig seyn, das Unbrauchbarmachen des vorräthigen Wassers ist jedoch ein Schaden, von welchem sich auch der Aermste leicht wieder erholen kann. Aus diesem Grunde lassen die umsichtigen Rabbinen es bei dem Ausgießen des Wassers bewenden. Die Pünktlichkeit, mit welcher man diesem Gebote Folge leistet, beweiset abermals die Scheu vor talmudischen Autoritäten, wenn die – pecuniären Vortheile nicht gefährdet werden. Zwölftes Kapitel Das Leichenbegängniß Dieses hatte man auf den zweiten Tag des Laubhüttenfestes angesetzt; denn Rabbi Asriel war an einem Freitage gestorben, am Sabbat aber darf bekanntlich kein Todter zur Erde bestattet werden. Die Feierlichkeit mußte demnach auf den Sonntag und zwar, in die Nachmittagsstunden verlegt werden, denn bis gegen die Tischzeit brachte das Volk, wie dies an Festtagen der Fall ist, in den Synagogen zu. Das Thor des alten Freythofes Jenes Leichenackers ist schon in einer Note zu den frühern Kapiteln dieses Buches gedacht worden. Er hat wegen seines hohen Alters sich oft zum Schauplatze vieler jüdischen Gespenstermährchen und anderer traditionalen Wunder hergeben müssen. So will man daselbst einen Leichenstein entdeckt haben, dessen Alter in die Jahrhunderte vor der Einwanderung Kroks (des Vaters der Libussa) nach Böhmen, hinauf reicht, und daraus folgern läßt, daß die Juden die frühesten Einwohner jenes Landes gewesen. Gründliche Nachweisung hierüber bot die in den Jahren 1819 – 22 zu Prag erscheinende Zeitschrift Hyllos. Welcher unter diesen Jahrgängen den erwünschten Aufschluß ertheilt, ist meinem Gedächtnisse leider entfallen. Auf diesem Leichen-Acker zeigt der gläubige Pöbel unter andern curiosis einen Grabstein, der an jedem Freitage Baumöl schwitzen soll, weil die Matrone, deren Name auf ihm verzeichnet ist, die Armen der Gemeinde aus ihren eigenen Mitteln an jedem Freitage mit Oel für den Bedarf der Sabbat-Lampe versorgte. Zwischen zahllosen Hollunderbäumen erheben bemooste Denkmäler verschollener Talmuds-Herren ihre steinernen Häupter neugierig hervor, und erzählen von den Gottesfürchtigen entfernter Jahrhunderte. Als Kaiser Joseph das fernere Begraben der Todten innerhalb der Stadtmauern mittelst eines Edictes untersagte, und demnach auch der Judenschaft vor den Stadtthoren ein Platz zum künftigen Leichen-Depot angewiesen wurde, galt diese Neuigkeit den Meisten als eine Schreckens-Botschaft. Einer dieser Schwärmer, Namens Rabbi Simche Porges soll beim Anhören dieser Kunde ausgerufen haben: »O möchte mir das Glück zutheil werden, noch auf dem alten Felde begraben zu seyn!« Und seltsam genug fügte es der Zufall, daß er, als die letzte Leiche innerhalb der Stadt zur Erde bestattet ward. stand offen. Dies galt allen Vorübergehenden, ein Zeichen, daß es heute eine Leiche gebe. Auch hatten, als die dritte Nachmittagsstunde nahe war, an diesem Platze mehrere Mitglieder des Beerdigungs-Vereins, nebst einigen Halb-Rabinen Posto gefaßt und waren in mancherlei Gesprächen begriffen. Hier sollte, nach altherkömmlicher Sitte, der Vereinigungspunkt für die heilige Brüderschaft seyn, um von diesem Orte sich nach dem Hause der Leiche im stattlichen Zuge fortzubewegen. Man wartete nur auf den Ruf des Schamis, welcher, schreitend durch die verschiedenen Gassen des Judenbezirks, die männliche Einwohnerschaft zur Begleitung der Leiche einladen sollte. Endlich erschallte der krächzende Ruf des langbärtigen Schamis in zitterndem Nachhalle durch die von der Festtags-Ruhe zeugenden Gassen und Plätze. Plötzlich schien Leben durch dieselben auszuströmen. Fensterflügel öffneten und schlossen sich abwechselnd. Vor den Thüren der Häuser standen Familienväter in ihren Klapphüten und schwarzem Festanzuge, die Feier dieses Tages verkündend, und bildeten zahllose kleine Gruppen, welche bald in eine einzige große Masse verschmelzen sollten. Abermals ertönte die heisere Stimme des Leichen-Herolds, und der Zug setzte sich in Bewegung. Ein Pöbelhaufe gemischten Alters aus Verheiratheten und Ehelosen Die Ehelosen gelten in der allgemeinen Achtung gar Nichts. Von allen religiösen Ehrenbezeugungen sind sie so gut als ausgeschlossen, gelten nur als Halbmänner, und bilden ungefähr das Medium zwischen Familienvätern und ihren Weibern; denn das andere Geschlecht steht noch um einige Grade tiefer in der Achtung. Diese Zurücksetzung mögen die Rabbinen verantworten, welche die Frauen der Ausübung der meisten religiösen Gebote für unwürdig und unfähig erklärten, und zu deren größerer Demüthigung jeden Mann in seinem Morgengebete Gott danken lassen, daß er ihn nicht als Weib erschaffen habe . bestehend, bildete den Vortrab. Der Chef Im vorletzten Kapitel hatte der Leser erfahren, daß Asriel im Besitze dieser Würde war. Es folgt demnach hieraus, daß der hier als Chef bezeichnete Zugführer der erste Vice-Vorsteher gewesen, und durch das Absterben seines Obern, dessen Amt an jenem Tage zum Erstenmale verwaltet habe. des Beerdigungs-Vereins, in einem großen dreieckigen Hute, schwarzen Frack nach altem Schnitte, kleinen seidenen Höschen, seidenen Strümpfen, gleichfalls von schwarzer Farbe, zierlichen Silberschnallen und als Zeichen seines Amtes, einen Kamm Das Werkzeug, womit die Haupthaare der Leiche nach dem Waschen geschlichtet werden, Risum teneatis, lectores! in der Rechten haltend, schritt, Ernst und Hochmuth in wunderbarer Vermischung auf seinem Gesichte abspiegelnd, feierlich langsam vorwärts. Ihm zur Seite gingen schweigend die Vice-Vorsteher des Vereins und hintendrein folgten die Aeltesten der Brüderschaft und sonstige Honoratioren der Gemeinde. Man war nun vor der Wohnung des Verblichenen angelangt und die Brüderschaft strömte durch die enge Pforte des Hauses. Der übrige bei weitem größere Theil des Zuges, wohl aus mehrern hundert Köpfen bestehend, hatte sich die Gasse entlang hingepflanzt, und streckte seine Arme in mehrere Seitengassen aus, denn der Platz vermochte kaum die Hälfte der Leichen-Begleitung zu fassen. Die guten Leute vertrieben sich die Zeit des Harrens, mit Wechselgesprächen, und die in Bewegung gesetzten Zungen von Hunderten bewirkten ein Gesumme, welches den Beobachter mit einigem Schauer ob des Kommenden erfüllen konnte. In dem Zimmer, worin die Leiche lag, standen auf den Fensterbrüstungen große Flaschen mit schlechtem Weine gefüllt. Dieser sollte zum Waschen des Leichnams versprengt werden. Der Schamis hatte sich auf den Schemmel gestellt und begann die Namen der Dienstleistenden zu verlesen. Diesmal konnte die Mehrzahl Beschäftigung erhalten; denn nun galt es nicht, nur den Todten von der Erde aufzurichten, sondern auch ihn zu entkleiden, neun Mal ihn zu besprengen. Jedesmal konnte ein Anderer die Ehre haben. Ueberdies ward auch zur Reinigung eines jeglichen Körpergliedes ein besonderes Individuum aufgefordert. Ebenso verhielt es sich mit dem Anziehen der verschiedenen Stücke der Leichenkleidung. Zum Beschlusse wurden Andere angerufen, welche den Todten die Treppe hinab tragen sollten. Damit die wenigsten leer ausgingen, wurde nach wenigen Stufen den Trägern jedesmal zu wechseln geboten, um der Ehre dieses Amtes auch ihre Nächsten theilhaftig werden zu lassen. Als wir die Hausthüre erreicht hatten, gab man mir zu verstehen, daß ich meinen einstigen Eleven, den Sohn des Verstorbenen vor der Bahre her an der Hand führen sollte. Die Verwandten bildeten einen Kreis um uns Beide. An der Bahre waren haushohe Stangen befestigt worden, um einer weit größern Anzahl von Menschen Gelegenheit zu bieten, dem Rabbi Asriel als Träger seiner irdischen Ueberreste die letzte Ehre zu erweisen. Rabbi Samuel, das kirchliche Oberhaupt der Gemeinde, hatte vor der Schwelle seines Hauses am Eingange des Schlächtergäßchens emsig harrend gestanden, und nicht geachtet auf die Gespräche einiger ihn ehrfurchtsvoll umkreisenden Familienväter, die an diesem Tage gleichfalls an dem frommen Werke der Leichenbegleitung Theil zu nehmen beschlossen. Die guten Leute dachten, das mit dem Erwarten der Leiche auszufüllende Stündchen dem Rabbi durch ausführliche Mittheilungen von Streitigkeiten unter den Partheihäuptern der Gemeinde zu dessen Belustigung zu verkürzen, und die von ihm hierauf zu vermuthenden witzigen Repliken und salzigen Bemerkungen am morgenden Tage unter die Leute zu bringen. Die Augen des Rabbi waren jedoch unablässig nach der Gegend des Rathhauses gewendet, dessen stolz über die Häuser der Umgegend hervorguckender Uhrthurm, welchen ein geschmackvoll erbauter Altan umkreiset, vornehm auf das niedere Dach der benachbarten Altneuschule herabsah. Von dorther erwartete man den Zug. Dieser begann sich nun in Bewegung zu setzen. Dichtgedrängt, wie die Aehren der Kornfelder, wenn sie vom stürmischen Nordwinde getrieben, eine flutende Gestalt annehmen, ergoß sich jetzt eine unübersehbare Menschenmasse, Kopf an Kopf und Mann an Mann zwischen die Häuserreihen der engen Gassen hindurch. Inmitten der dunkeln Fläche, welche die Hüte der enge gereihten Leichenbegleiter, dem Auge des Schaulustigen bilden mußten, schwebte es von fernher wie ein weißer Punkt. Es war die Leiche, welche nur von dem gelbzeugenem Bet-Talar bedeckt, auf der Bahre ausgebreitet hingetragen wurde. Die Träger wechselten mit Andern in kurzen Pausen, und das unterdrückte Schluchzen vieler Hunderte, gemischt mit den Stimmen derer, welche ihren Nebenmännern manchen edlen Zug aus dem Leben des Verstorbenen in geschwätzigem Eifer mittheilten, bildete sich zu einem dumpfen Brausen, das dem Tosen eines über Klippen und Felsgestein dahinziehenden, vom Schnee der Gebirge angeschwollenen Winterstromes nicht unähnlich war. Manches Weiber-Antlitz, das schaulustig aus dem geöffneten Fenster der vorüber rauschenden Menschenflut nachblickte, klappte, sobald die unten auf der Strasse es bemerkten, auf den hinaufschallenden Drohruf: »Fenster zu!« erschrocken die Fensterflügel wieder zu, denn nach dem jüdischen Volksglauben mußte die Gegenwart eines weiblichen Wesens, in der Nähe einer Leiche, unfehlbar wie magnetisch den Engel des Todes herbeilocken, welcher durch die Ahnmutter Eva Macht über das Menschengeschlecht gewonnen, und welcher, jede Leiche als sein erbeutetes Opfer gierig umkreisend, bemerkte er einen Weiberkopf, leicht Kraft gewinnen würde, sein vernichtendes Schwert nach einem der wallenden Leichenbegleiter zu führen, und seiner Gefräßigkeit neue Speise zu bereiten. – Die Menschenflut hatte endlich aus das Wohngebäude des Rabbi Samuel erreicht, und plötzlich in ihrem Zuge sich selbst unterbrochen, aus ehrerbietiger Scheu gegen ihr geistliches Oberhaupt, weil man wußte, daß der Rabbi im sogenannten Badhofe, bevor die Leiche in den Wagen geschoben würde, einige Worte zum Lobe des Verblichenen an die Versammlung richten wollte. Eine eigentliche Leichenrede erwartete man nicht an diesem Tage, da es ein Festtag war, und an diesem wie am Sabbat, es bei den Juden für Sünde gilt, die Gemüther in Betrübnis zu setzen. Die hohe, schlanke, ehrfurchtgebietende Gestalt des Rabbi Samuel mischte sich nun in die Masse. In langsam feierlichen Schritten bewegte er sich vorwärts, dahinziehend, wie der Stier vor der Heerde. Ein polnischer Kaftan, vom feinsten Seidenstoffe floß den riesigen Leib herab, und hielt durch zahllose Silberspangen an der Brust zusammen, welche ein weißlich grauer Bart beschattete und der ehrfurchtgebietenden ernsten Miene des Mannes noch mehr an Würde und Bedeutung verlieh. Sein greises Haupthaar barg eine feine polnische Zobelmütze, welche, von ungewöhnlicher Höhe, die ohnehin riesige Gestalt ihres Eigenthümers um so sichtbarer aus der ihn umflutenden Menschenmasse majestätisch hervorragen ließ. – In dem räumigen Badhofe angelangt, dessen eine Gränzwand die Mauer des alten Freithofes bildet, ward die Bahre vor einem aus wenigen Steinen geformten Rednergerüste niedergestellt. Der Rabbi trat alsbald die Stufen hinan und unterbrach die ernste Stille mit folgender Rede: »Mancher unter Euch, meine Geehrten! fragt sich jetzt vielleicht verwundert, daß auf diesem Platze, wo ehedem nur die Leiche eines Morenu ben Morenu Morenu heißt zu Deutsch: »Unser Lehrer«, und kömmt daher dem Titel »Doctor« ziemlich gleich. Ihn theilen die geistlichen Vorsteher der Gemeinden nur an die geübtesten Talmudisten aus. Ein noch bei weitem größerer Ehrentitel ist es »Morenu Ben Morenu« zu seyn. Ben ist Sohn, und so wird die Bedeutung dieses stolzen Prädicates klarer. einer Trauerrede gewürdigt worden, die Auszeichnung heute selbst einem Manne zukommt, dessen Vater in einem ungünstigen Rufe gestanden, und welcher stets den Unwissenden im Volke beigezählt ward. Wollt Ihr diese dem heutigen Todten zugedachte Ehrenbezeugung erklärlich finden, so vernehmet zuvor folgendes Gleichniß: Ein Reicher war lange im Besitze eines kostbaren Brillantringes gewesen. Einer der vielen Edelsteine, von welchen er eingefaßt war, hatte durch das häufige Tragen jenes Schmuckes sich von seinem Platze abgelöst, und dessen Verlust war von dem Eigenthümer nicht sobald bemerkt worden, als er alle Juweliere der Stadt nach der Reihe besuchte, hoffend, irgendwo ein ähnliches Steinchen aufzufinden, um die Lücke in dem Ringe auszufüllen. Jedoch vergeblich suchte der Mann nach einem solchen Funde. Nichts wollte sich passen. Ein Schlaukopf rieth dem Betrübten, daß er bei einem Glaser Hülfe suche. Dieser sollte ein zweckmäßig geschaffenes Spiegel-Glasstückchen in den leeren Raum des Ringes anzubringen, sich die Mühe geben, und die Täuschung Anderer, auf welche bei diesem Ringe Alles ankomme, müßte gewünschter Maßen erfolgen. Der Besitzer des Ringes befolgte jenen Rath und alle Welt hielt seitdem das zwischen den noch übrigen Brillanten des Ringes nun hervorschimmernde Spiegelglas gleichfalls für einen Juwel. Mit diesem Gleichnisse wollte ich Euch nur andeuten, daß in unserm verderbten Zeitalter, wo die frommen gottgefälligen Männer merklich seltener werden, man, wenn es an Juwelen fehlt, auch ein Spiegelchen nicht verachten dürfe. Ueberdies war ja Rabbi Asriel Spiegel ein Mann, der ganz im Sinne des Herrn wandelte, ein Pfleger der Kranken, ein Speiser der Armen, ein Bekleider der Nackenden, ein fleißiger Leser im Gesetze. Von seinen Glücksgütern machte er stets nur einen frommen Gebrauch. In seinem Hause war es, wo die Forscher in der Schrift, sich zu versammeln pflegten, und Gottes Wort floß daselbst von den Lippen der Frommen. Aber ach! die Gottesfürchtigen nehmen zusehends ab, und die Sünder triumphiren. Die Jugend ist entartet, sie hat sich vornehm abgewendet von den Gebräuchen der Väter und schämt sich der alten Sitte. Die Gemara und die Bücher des Gesetzes haben sie vertauscht mit Schriften voller Tand, und halten sich zu den Völkern der Erde. Sie haben angefangen, die Häuser der Unreinen zu besuchen, essen und trinken mit ihnen, die Thoren! Sie ahnen nicht, daß sie deswegen doch verspottet werden und angefeindet von den Unbeschnittenen. Sie haben sich ihr Schicksal nicht verbessert für das Zeitliche, und dennoch büßen sie als Uebertreter unserer Gebote das künftige Leben ein. O hättet ihr euern Kindern keine Bücher der andern Nationen in die Hand gegeben, sie wären glücklich und zufrieden, wie eure Vorältern geblieben. Sie würden sich, nur mit dem Studium des göttlichen Gesetzes befassend, für das ewige Leben würdig vorbereitet haben. Nur jetzt, wo Ihr Euch in falsch verstandener Aufklärung den Völkern der Erde zu nähern strebt, und ihre Sitten nachzuahmen Euch abmüdet, jetzt erst seyd ihr ihnen zum Spotte geworden, und schon fallen Viele thöricht ab vom Glauben der Vorfahren. Aber nichts hilft es ihnen in den Augen der Andern. Die Verachtung, welche auf unserm Volke lastet, sie waschen sie nicht von ihrem Gesichte. Die Thoren! Wehe über sie! Sie haben nichts gewonnen bei dem Tausche und auch noch das ewige Leben verwirkt. Und das sündige Zeitalter ist es, welches den Zorn des Ewigen über uns ausgießen heißt, und noch mehr verzögert die Ankunft des so lange schon erwarteten Erlösers. Und sie starben dahin, die wenigen Frommen, ein Opfer für die sündige Mitwelt.« In diesem Tone war der eifervolle Schwärmer noch lange fortgefahren und hatte den gewünschten Zweck nicht verfehlt, nämlich auf die Thränendrüsen der Umstehenden zu wirken, und ihnen eine heftige Erbitterung gegen ihre anders denkenden Mitbrüder und sogenannten Aufklärer einzuflößen. Nun hatte aber der Rabbi seinen Sermon geendet, und plötzlich ließ es sich wie fernes Rollen des Donners vernehmen. Auf ein gegebenes Zeichen knarrte, mit dumpfem Gepolter der, von allen Seiten mit Bretterwänden umdeckte, massiv gezimmerte Leichenwagen herbei, seine Beute in Empfang zu nehmen. Und wieder aufkrächzend, schallte die heisere Stimme des Schamis diesmal durch die freiere Himmelsluft hinaus. Er begann, wieder einige Mitglieder des Beerdigungsvereins, welche an diesem Tage noch nicht von ihm bedacht worden waren, ihrem Range und Alter gemäß aufzurufen, damit sie den Todten von der Bahre abnehmen und in den Wagen schieben möchten. Auch dieser Ehrendienst war beendet, und also bald rasselte der Wagen über das ungleiche Steinpflaster jenes Platzes dumpf dröhnend dahin, und die vielen Hunderte der Leichenbegleiter folgten ihm in den verschiedensten Richtungen. Ein nicht geringer Haufe war den Pferden voraus geeilt, die überdies nur langsam vorschreitend, sich bewegten. Auch hätte sie an einem schnellern Paßgange die schwärmerisch aufgeregte Menge sehr gehindert, welche den Wagen von allen Seiten dicht umflutete, so daß es für die aus den Fenstern blickenden Gaffer den Schein gewann, als würden Pferde und Wagen von dieser Menschenmasse, gleich einer leichten Bahre, dahin getragen. Konnte die Räder doch ohnehin Niemand gewahren. Je weiter der Zug durch die Gassen der Altstadt vorschritt, desto sichtbarer schloß sich der Haufe müssiger Gaffer und Straßenjungen, conglominirend und wie ein Schneeball anwachsend, dem dunkeln Strome dieser festlich schwarz gekleideter Leichenbegleiter an. An andern Tagen des Jahres konnte ein ähnlicher Zug nur sehr geminderte Aufmerksamkeit erregen; denn die Masse in viele Kutschen zertheilt, würde sich wenig von einem Leichenzuge der christlichen Religionspartheien unterschieden haben. An diesem Tage jedoch, welcher wie bereits mehrmalen erwähnt, unter die jüdischen Feste gezählt ward, ist das Fahren, gleichwie am Sabbat ungestattet, und daher der Gebrauch der Kutschen für das Leichengefolge versagt. – Auf den Wällen des Neuthores standen zahllose Gruppen müßiger Spaziergänger, den herannahenden Leichenzug mit lebhafter Ungeduld erspähend. Aber die begränzende Stadtmauer bildete keinen Scheidepunkt für die dem Todten nachzügelnden Waller. Bis zu seiner Ruhestätte ihn zu geleiten war ein Vorsatz, welcher ungeachtet der noch ziemlichen Wegesweite bis zum neuen Freithofe Alle gleich stark beseelte. Die Thore desselben standen bereits geöffnet, ihr heutiges Opfer zu empfangen, und einzelne der vorausgeeilten Leichenbegleiter guckten, an diesen Pforten des Todes ungeduldig der Ankunft des Zuges harrend, in den zwischen Gartenmauern fortlaufenden hohlen Paß hinab, über dessen holperigen Pfad sich die schwere Last des Leichenwagens mühsam herauf arbeitete. Endlich polterte dieser durch die weitaufgähnenden Thore des Friedhofes über die bemoosten Gräber dahin und das zahlreiche Gefolge stimmte den dumpfmurmelnden Todtengesang an: »Der Schöpfer richtet seine Wesen, der Herr in den Höhen und auf Erden, welcher tödtet und belebt, der Gott der Langmuth und der Milde, sein ist die Vergebung und das Erbarmen. – Lebe der Mensch ein Jahr oder Tausend, sein Name fällt doch der Vergessenheit anheim; aber der Ewige vergilt ihm nach seinen Thaten, der Allwissende! – Der Ewige gab, der Ewige nahm, der Name des Herrn sey gepriesen! Und der Herr, er vergiebt dem Sünder, und wird nicht den Becher seines Zornes über ihn ausgießen. Bedenke, daß wir Staub nur sind und gebrechliche Wesen!« Der Wagen hielt nun inne, vor dem gähnenden Grabe. Wieder ertönte die Stimme des aufrufenden Schamis, und die Bedachten traten stolz hervor aus der Menge, schoben den Deckel, welcher die Hinterwand des Wagens bildete, mit kräftigem Rucke hinweg, und hoben die Leiche heraus. Andere wieder empfingen von diesen die Last und breiteten sie auf die Bahre, andere luden die Stangen der Bahre sich auf die Schultern und schritten mit ihrer Bürde die wenigen Schritte bis zum Saume des Grabes. Wieder andere betteten den Todten in den schlecht gezimmerten Sarg Der Sarg eines Juden verdient kaum diesen Namen, denn er besteht aus vier locker zusammengehefteten, schlecht gehobelten Brettern. Man hofft auf diese Art um so schneller die Verwesung der Leiche zu bewirken, weil den Versicherungen der Rabbinen zufolge, die Dämonen auch auf den Frommen einen Theil ihrer Macht auszuüben vermögen, so lange die Auflösung des Leibes nicht ganz stattgefunden hat. Daher bedingen Schwärmer in ihrem letzten Willen nicht selten, daß man sie ohne alle hölzerne Einfassung in dem einfachen Leichengewande der Erde übergebe. , und ließen ihn an Stricken hinab in die feuchte Grabeshöhle. Unten standen Mehrere schon harrend, die letzten Functionen an der Leiche zu verrichten. Als nun Alles vollendet war und die Grabbereiter sich anschickten, mit ihren Schaufeln die aufgeworfene Erde wieder zuzufüllen, zerstreute sich endlich die Masse nach allen Richtungen hin. Die Mehrzahl jedoch folgte meinem Eleven, dem traurenden Sohne des verblichenen, in die Stube des Friedhofwächters, wo Liebmann zum ersten Male den Kadisch Dieses Wörtchen zu Deutsch: Heilig enthält ein Gebet, das aus den vielfachsten Lobsprüchen an die Gottheit zusammengesetzt ist, in welchen nach bestimmten Absätzen des Sprechers der Chor, welcher mindestens aus zehn Personen männlichen Geschlechts bestehen muß, mit den Worten: »Der Name des Herrn sey gepriesen, Ewigkeiten hindurch!« einfällt. Als Verfasser dieses Hymnus wird vom Talmud der berühmte Pharisäer Rabbi Akiba genannt. Die jüdische Legende erzählt folgenden Umstand, der den Rabbi zur Abfassung des Kadisch vermocht haben soll. Akiba hatte einst auf einem einsamen Holzwege einen Mann gewahrt, der vom Wirbel bis zur Zehe verkohlt, ein Holzbündel auf seinem Rücken, seufzend daher keuchte. Die gespenstische Erscheinung fesselte lange die Aufmerksamkeit des Rabbi. Er ging daher auf ihn zu, um die Ursache dieses seltsamen Aussehens und seines Kummers ihn befragend. Da vernahm er, daß der Fremde seiner Sünden halber in der Hölle weile, nach jedesmaligem Verbrennen wieder aufzuleben verdammt sey, um ein frisches Feuerbad sich bereiten zu lassen, und daß er selbst das Holz, welches der Flamme Nahrung gebe, aufzusuchen, zu fällen, und auf seinem Rücken an den Ort der Qual hinzutragen verurtheilt worden. Der Rabbi fragte ihn hierauf, ob er einen männlichen Erben zurückgelassen, und in welcher Stadt sich dieser befinde? Nachdem die Gestalt alle Fragen des Frommen treu beantwortet hatte, wurde sie von ihm mit der Versicherung entlassen, daß die Sache bald eine günstige Wendung nehmen werde. Rabbi Akiba verfügte sich in die ihm angewiesene Stadt, unterrichtete die Wittwe des Verdammten von dem traurigen Schicksale ihres verstorbenen Gatten, studierte ihrem noch unmündigen Sohne den zu dieser Gelegenheit abgefaßten Hymnus ein, und nachdem der Knabe das Jahr hindurch täglich dreimal im Beiseyn von zehn Männern den Hymnus abgebetet hatte, war der Leidende von seiner Höllenqual vollkommen frei geworden. – Daher zeigen sich jüdische Eltern sehr betrübt, wenn sie keinen männlichen Erben aus ihrer Ehe erwachsen sehen, oder wenn dieser wegen seines lockern Wandels dem Vater wenige Hoffnung bietet, daß er seinem Schatten einst den Liebesdienst mit dem Kadisch fleißig erweisen werde. In solchen Fällen jammert der betrübte Vater klagend seinen Angehörigen und Bekannten: »An diesem Kinde habe ich mir leider einen schlechten (d. h. unzuverlässigen) Kadisch auferzogen!« So komisch auch dem christlichen Leser der Grund dieses Kummers dünken mag, wirkt eine solche Klage aus dem Munde eines Vaters dennoch sehr erschütternd auf die Zuhörer ein. abbetete, welcher, dem jüdischen Volksglauben zufolge, wohlthuend auf die Seele des Verstorbenen einwirken soll. – Hierauf strömte die Masse wieder der Stadt und ihren Wohnungen zu, mit dem Aufzählen lobenswerther Handlungen und einzelner Charakterzüge aus dem Leben des Verblichenen den weiten Rückweg sich verkürzend. Dreizehntes Kapitel Meine Reise nach Ungarn Die Wittwe des Asriel Spiegel barg um ihren verstorbenen Gatten ungeheuchelte Trauer im Herzen. Obgleich er nie die Sorgen des Haushaltes mit ihr getheilt hatte, im Gegentheile seine frommen Liebeswerke und Almosen-Beitrage jährlich einen nicht unbedeutenden Theil der von seiner Gattin durch Geschäfts-Thätigkeit gewonnenen Summen wegfraßen, obgleich selbst ihre eheliche Verbindung mit Asriel nicht eine Folge persönlicher Zuneigung gewesen, so drohte dennoch der aufrichtigste Gram auch sie zu verzehren. Die Gewohnheit hatte ihr den Gatten unentbehrlich gemacht, andern Theils auch bedachte sie, wie der Tod des Mannes den Theil jenes Glanzes, der von ihm auch auf seine Ehegenossin überzugehen pflegt, mit ihm verloschen habe, und wie die Wittwen geachteter Männer bei weitem weniger die Ehrfurcht ihrer Stadtgenossen abgewinnen, als bei dem Leben des Gatten. Nach einiger Zeit erinnerte sich die betrübte Wittwe, daß ihr älterer unbekannt, wo? sich aufhaltender Sohn Kalman, welchen ja nur die kränkende Behandlung seines Vaters aus dem Lande getrieben hatte, durch des Letztern Ableben sich jenen Grund benommen wüßte, der ihn von der Rückkehr in den Kreis seiner Verwandten so lange abzuhalten vermochte. Sie berieth sich daher mit mir, ob Kalman nicht durch die Zeitungen von dem Hinscheiden des Alten in Kenntniß und zur Empfangnahme seines Erbtheils gerichtlich aufgefordert werden sollte. Auch hoffte sie, mit der Wiederkunft des Lieblings ihres Herzens den leeren Raum in demselben ausfüllen zu können, welchen der Tod ihres Mannes bewirkt hatte. Ich unterstützte ihren Wunsch und ließ noch an demselben Tage in die Zeitungen einen Aufruf an den längst vergessenen Flüchtling inseriren. Wenige Wochen waren vergangen, als uns ein Schreiben aus Preßburg zukam. Die Ueberschrift des Briefes verrieth bekannte Züge. Von freudigen Ahnungen durchschauert, erbrach die Hausfrau das inhaltsreiche Papier und erfuhr aus demselben, daß die alte Krönungsstadt der Ungarn, das Ziel einer ungewissen Wanderung ihres Sohnes geworden; wie es ihm durch regen Diensteifer gelungen das Vertrauen seines Brodherrn in so unbegrenztem Maße zu gewinnen, daß der Prinzipal, ein reicher Wollhändler, welcher seit lange schon der benachbarten Kaiserstadt diesen wichtigsten Handelsartikel seines Vaterlandes in den ansehnlichsten Lieferungen zuführte, sich geneigt erklärt habe, die Geschäftsthätigkeit des jungen Mannes, der einst in dem dürftigsten Anzuge seine Schwelle betreten, auf nicht geringere Art, als mit der Hand seiner Tochter, der einzigen Erbin seines unermeßlichen Reichthums zu belohnen. So sehr hatte Kalman sich seinem Prinzipale brauchbar zu machen verstanden, daß das Bewußtseyn seiner Unentbehrlichkeit wohl den wichtigsten Antheil an dem so wichtigen Beschlusse des Alten gehabt haben mochte, welcher gegen die Sitte seiner Zeit, bei der Wahl eines Eidams, mehr auf dessen Erwerbsfähigkeit, als auf pietistische Gründe Bedacht zu nehmen geschienen. Fast zu gleicher Zeit mit Asriel hatte auch der Schwäher des Neuvermählten das Zeitliche verlassen, und die Last der Geschäfte schien den Einzelnen erdrücken zu wollen, welchen Mißtrauen, das in ähnlichen Fällen oft nur zu gegründet seyn mag, von dem Engagement eines Gehülfen unermüdet abredete; denn es stand ja zu besorgen, daß ein Fremder, wenn die verborgenen Goldquellen dieses Geschäftes, die bisher jedem seiner Handels-Rivalen unbekannten Wege, auf welchen die Zufuhr jener Woll-Vorräthe gewonnen wurde, dem neidischen Auge sichtbar würden, von solchen Entdeckungen in der Folgezeit den eigennützigsten Gebrauch zu machen, leicht in Versuchung gerathen dürfte. Kalman mußte daher, Monate hindurch von seinem geliebten Weibe getrennt, in Wien zubringen, um durch seine Gegenwart die Thätigkeit des Personales, welches in seinen dort befindlichen Magazinen beschäftigt war, fortwährend wach zu erhalten. Höchst willkommen mußte ihm daher unter andern brieflichen Mittheilungen seiner Mutter, über die gegenwärtigen Veränderungen in ihrem Hauswesen, auch jene Kunde gewesen seyn, die meinen Entschluß über die beabsichtigte Verbindung mit Judithen betraf. Weil er auch nicht ununterrichtet geblieben, daß ich längst mein Lehramt gegen den, seinen Begriffen zufolge, weit ehrenvollern Beruf des Geschäftsmannes vertauscht hatte, bis jetzt aber aus Mangel an den erforderlichen Kräften an die Errichtung eines eigenen Etablissements noch nicht hatte denken dürfen, so ward mir von dem Wackern die Aussicht eröffnet, die Stelle eines Geschäftsleiters in seinen Angelegenheiten in Wien zu übernehmen, wo er sich zugleich erbot, den dritten Theil des jährlich abfallenden Gewinns mir zu überlassen. Dieses Anerbieten konnte, bei den vielen großartigen und meist mit einem überaus glücklichen Erfolge gekrönten Speculationen, die Kalmans commercieller Genius unermüdet ins Leben rief, ein wahrhaft glänzendes genannt werden. Ich nahm daher keinen Anstand, der Einladung des jungen Mannes nach Preßburg zu folgen, und während eines mehrwöchentlichen Verweilens in seinem Familienkreise einen klarern Ueberblick über das Terrain zu gewinnen, auf welchem die Zukunft mich thätig finden sollte. Der Tag meiner Abreise nach Wien war festgesetzt. Zu jener Zeit, wo man noch nicht den Gebrauch der Schnellposten kannte, und das Fahren mit der Diligence eben so kostspielig, als unbequem dünkte, mußte man oft dem Muthwillen der Landkutscher verfallen. Die Prager Judenschaft hatte damals einen gewandten Mann aus ihrer Mitte hervorgehen lassen, welcher seine glorreiche Laufbahn eines Pferdebändigers mit dem bescheidenen Amte eines Mäklers und Zuweisers begonnen hatte. Längst schon war sein Gewissen so trefflich dressirt, daß Lehser – so nannte sich der Wackere – ein Sümmchen bald zusammen gescharrt hatte, um davon auf eigene Rechnung zwei Paar Pferde stets im Futter zu halten. Er war es, an welchen man sich bei Leichenbegängnissen zu wenden pflegte, wenn eine bedeutende Zahl Kutschen zur Bequemlichkeit des Leichengefolges im Nu herbeigezaubert seyn sollte. Lehser nur war es, von welchem die Fortschaffung sämmtlicher Wallfahrer nach Pilsen abhing, und eine Woche vor der Jahrmarktszeit las man in seinen Mienen deutlicher noch als sonst, die Wichtigkeit seines Amtes. Sämmtliche Wagenlenker der alten Böhmen-Hauptstadt gehorchten seinem Winke; denn die meisten hatten in Perioden des Mangels Subsidien von ihm erhalten; und die andern wagten nicht, den Zorn jenes Mannes durch billigere Bedingnisse mit ihren Kunden aufzureizen, weil sich auf das unbeständige Glück nicht sehr zu verlassen, und Lehser's Arm eben so bereit zum Strafen, als zum Helfen war. So waren die sämmtlichen Fiaker und Landkutscher Prags durch unsichtbare Fäden an den Allgefürchteten gebunden, ohne dessen zuvor eingeholtes Gutachten kein Wagenrad eines Miethkutschers in Bewegung gesetzt werden durfte; sein Einfluß erstreckte sich demnach auch auf die Fahrlustigen der Christenheit. Drei Männer lebten als Späher in seinem Solde, deren Amt es war, ihm die Anzeige zu machen, wenn Hanns oder Wenzel in diesem oder jenem Stadtviertel bei der Aufnahme von Passagieren ihn umgangen hatte. Eine Veruntreuung dieser Art blieb selten geheim und dem Manne reifte aus dem gehofften Gewinn, welchen er durch Entziehung der an Lehser bei jedem ähnlichen Geschäftchen abfallenden Zinsen, zu behalten hoffte, hundertfacher Verlust für seine ganze Fuhrmanns-Zukunft. Lehser hatte demnach längst schon auf geheime und schlaue Weise ein Landkutscher-Monopol erschlichen, dessen Folgen, wenn sie von dem Publikum zu drückend gefühlt wurden, zwar nicht selten zu ämtlich eingebrachten Beschwerden gegen seine willkührlich ausgeübte Oberherrschaft führten, welche aber ungestraft blieben, weil Lehser der Behörde immer zu beweisen wußte, daß er nichts weniger, als ein Oberhaupt der Landkutscher sey, welcher Nahrungszweig ihm, als vom Bürgerrechte ausgeschlossen, wie jedermann wisse, viel zu hoch hinge, und dessen Früchte zu genießen, einem armen Jüdchen ja verboten wäre; und wie er Lehser sich demüthigst mit dem kärglich zugetheilten Brode eines Mäklers und Zuweisers bisher begnügt habe. Und doch regierte seine Hand so vielfache Fäden denn selbst das Männchen, welches auf dem Polizei-Büreau jedem Reisenden den ihm unerläßlichen Passirschein ausstellte, stand im Solde Lehsers, und so konnte keine Seele die Stadtthore passiren, ohne daß der Beherrscher aller Pferde-Tyrannen davon Kunde erhalten hätte. Dies wußten die Letztern, von denen fast alle in Lehsers Schuldbuche einen Platz einnahmen, und wahrten sich vor Hinterschleifen! Jeder Reiselustige hatte sich daher zuvor mit Lehsern abzufinden, denn er ward, kannte er den industriösen Kutscher-Potentaten noch nicht, von dessen Untergebenen an ihr Oberhaupt, als die erste Instanz gewiesen, wenn es sich um die Fahrpreise handelte. Daß diese unter den hier geschilderten Verhältnissen lediglich von der Willkühr des Pseudo-Mäklers abhingen, dürfte sehr begreiflich seyn, und man konnte es als eine ungewöhnliche Begünstigung aufnehmen, wenn Lehser die hohen Forderungen damit zu erklären suchte, daß er diesmal die Herren Passagiere selbst fahren werde. Dieses hörte man um so lieber, weil Lehser ein sehr witziger Kopf, durch allerlei Schwänke und vorzubringende jocose Abenteuer, die er hier und da erlebt haben wollte, den Leuten das Ermüdende einer Fahrt von mehrern Tagen minder fühlbar zu machen, hoffen lassen konnte. Ich durfte mich diesmal unter die wenigen Begünstigten zählen. Meine Reisegesellschafter waren, ausser einem ältlichen Glaubensgenossen von sehr griesgramigen Aussehen, ein Schauspieler und ein Wirthschaftsbeamter aus der Gegend von Iglau, welcher demnach nur die Hälfte der Reise mit uns theilen sollte. Der unwillkommenste unter meinen Kutschgenossen mußte der scheinbar mir zumeist Verwandte, nämlich Wolf Maier seyn; denn wie dieser, welchen der Ruf zu den strengen Gläubigen zählte, ungeachtet der mehrtägigen Dauer unserer bevorstehenden Fahrt, seinen Magen der empfindlichsten Kasteiung unterwerfen würde, bevor er es über sich gewänne, einen Löffel Suppe bei einem Gastwirthe zu bestellen, welcher am ersten Tage seines Lebens die Taufe empfangen hatte, dies war zu erwarten. Durfte ich, durch Rücksichten noch immer an die Familie Spiegel gekettet, diesem Manne, der leicht mein Verräther werden konnte, wohl ein Aergerniß geben, indem ich die Stimme der Vernunft nur achten wollte? Ich nahm daher vor dem Einsteigen in die Kutsche den Lenker der Maschine bei Seite. »Lehser!« – rief ich – »Du hast, wie ich abmerke, heute auch mir einen Possen nach deiner Art gespielt. Bedung ich nicht im Voraus, daß kein Jude unter meinen Reisegefährten sich finden dürfte? Du hättest den Mann leicht zu einer andern Parthie hinstecken können.« – »Herr Pick Leben Ein bei den Juden häufig gebrauchtes Wörtchen im zärtlich-höflichsten Tone, denn Leben ist ihnen ja das Schätzbarste, das Werthvollste. lassen Sie dies meine Sorge seyn!« war die beschwichtigende Antwort; und auf folgende Art zog er sich auf der ersten Mittags-Station aus dem bösen Handel. Er geleitete mich, während die andern Passagiere sich nach dem Gastzimmer verfügten, in die obere Stube des Wirthes, wo er für mich ein warmes Gericht bestellend, der Hausfrau die Gründe auseinander setzte, welche mich bestimmten, die Herrlichkeiten ihrer Küche solo zu bewundern. Ich war schon im Begriffe, den Braten zu zerlegen, und holte weit aus mit dem blinkenden Messer, das die Rechte stolz handhabte, und lachte im Geiste des Gimpels da unten, der genügsam sich mit ranzigem Käse und einem Schnitte trocknen Brodes zu behelfen gedächte, während ihm gegenüber am andern Tische die beiden Reisegenossen ihre Schüsseln lustig dampfen lassen würden, als ich ein Knarren der Dielen im Vorzimmer vernahm. Die Wirthin öffnete die Thüre, ihr folgte Maier, dem sie, mit der Hand, hinweisend ebenfalls einen Platz am Tische bestimmte, und sogleich auch für ihn ein Gedeck zu ordnen gebot. Die Farbe wich aus des Mannes Antlitz, als sein Auge an mir vorüberstreifte. Ich, obgleich nicht minder betroffen, war es, der ihm Muth zusprechen sollte. »Es fügte sich ihnen wie mir, ist's etwa nicht so, Herr Maier?« scherzte ich zu ihm hinüber. »Nu, nu, so nehmen Sie doch Platz und geberden Sie sich nicht mit der Schüchternheit eines Kindes. Auf der Reise muß man sich an fremde Kost gewöhnen. Es freuet mich nur, daß wir besser für einander passen, als ich zuvor dachte.« Der Beschämte zwang sich zu einem Lächeln, das bald in ein ungekünsteltes überging, und er selbst begann witzig werden zu wollen, indem er beklagte, daß nicht noch ein Dritter der Rechtgläubigen an unsrer Seite sich einfinden mochte, wir hätten sodann Hoffnung gehabt, das Tischgebet in pleno Von den Juden Mesumen genannt. anzustimmen. Dies komische Rencontre , (so sehr wir Beide im ersten Momente Lehsern, als den muthmaßlichen Erfinder, des auf unsere Kosten ausgeführten Schwankes zürnen mußten,) war von den angenehmsten Folgen begleitet; denn die Motive zu fernerm Zwange fehlten. Schon der nächste Abendtisch vereinigte uns mit unsern andern Reisegefährten, welche, als sie über unsere plötzlich abweichende Sitte ihre Verwunderung uns nicht verhehlen konnten, von mir den Grund jener Inconsequenzen, und zwar, nicht ohne in ein erschütterndes Lachen auszubrechen, anhörten, Der Schauspieler insbesondere, tadelte das von den Juden so streng beobachtete Verbot des Speisegenusses aus christlicher Küche nicht nur als unklug, sondern auch als ehrverletzend, weil es, wie er hinzufügte, den Schein gewinnt, als sey es unter der Würde des Juden, der Tischgenosse eines Christen zu seyn. Ich verfehlte jedoch nicht dem Mimen diese Deutung als ungereimt und falsch darzuthun. Ich erinnerte ihn an jene Bibelstelle, welche lautet: »Du sollst nicht das Böcklein in der Milch seiner Mutter kochen« (Num. C. 23. 19) und, obschon nur ein piöser Sinn diesen Worten untergelegt werden kann, doch dem Talmudisten eine andere Auslegung herausdemonstriren ließ. Die Rabbinen behaupten nämlich, Gott habe in diesem Verbote den Genuß alles mit Milch gemischten Fleisches mißbilligen wollen. Weil es nun bekannt ist, daß alle Nicht-Juden ihre Fleischgerichte mit Butter schmelzen, oder mit einer Rahmsauce schmackhaft zu machen lieben, so erklärt sich hieraus unsere Bedenklichkeit, die Hervorbringungen einer christlichen Küche zu prüfen. Aber noch ein anderer Grund diente dazu, dies Verbot zu schärfen. Es heißt nämlich an einem andern Orte der Schrift: »Ihr sollt nicht von einem Aase essen.« Diese wenigen Worte gaben einem ganzen Folianten, Chulin genannt, die Entstehung, welcher einen der 36 Theile des Talmuds bildet. Darin wird nun bewiesen, wie ein Thier, das nicht vom jüdischen Schlächter vorschriftmäßig in den Hals geschnitten worden, nothwendig in krankhaftem Zustande gestorben, daher als Aas zu betrachten sey. Ferner lautet eine andere Schriftstelle: »Ihr sollt nicht das Blut eines Thieres trinken, denn es ist sein Lebensgeist.« Bekanntlich ist aber in christlichen Familien das Blut der Thiere ein beliebtes Nahrungsmittel, welches insbesondere bei der Zubereitung von Würsten nicht fehlen darf; daher für uns der Genuß derselben verboten, um so begreiflicher, als zu deren Hülfe die Gedärme des Schweines verbraucht werden. »Nun mein Herr!« – schloß ich die lange Anrede »haben Sie drei Gründe für einen, aus welchen Sie sich die Skrupel des gläubigen Juden erklären mögen, wenn er Bedenken zeigt, Speisen zu kosten, die in euern Geschirren gekocht worden. Um so abgeschmackter dürfte ihnen jetzt der, noch in vielen, selbst civilisirten Staaten, genährte Volksglaube erscheinen, welcher behauptet, daß die Juden am Passahfeste sich mit dem Blute von Christenkindern laben. Ein Volk, welches Anstand nimmt, das Blut der Thiere zu verbrauchen, sollte wohl dies nach Menschenblute sich lüstern zeigen?« Aus diesem Gespräche hatte sich eine Masse von Stoff zu vielen andern Thematen entwickelt. Der Wirthschaftsbeamte, bisher der schweigsamste, glaubte jetzt mich widerlegen zu müssen, daß, wenn sich auch kein Grund für die Entstehung jenes Volksglaubens angeben ließe, es jedoch nicht wohl zu bestreiten sey, daß die Juden von einem unvertilgbaren Hasse gegen ihre christlichen Mitbrüder beseelt seyen, und berief sich auf ihren entschiedenen Widerwillen gegen Ackerbau und Handwerk. – »Würden Sie wohl, mein Herr!« – fragte ich widerlegend – sich jemals bereit finden lassen, Geld und Mühe an den Aufbau eines Hauses zu verwenden, von welchem Sie im Voraus die Gewißheit haben, es in seinem vollendeten Zustande nicht bewohnen zu dürfen, ja sogar es einem Ihnen ganz Unbekannten als Eigenthum anheimfallen zu sehen?« – »Weshalb diese Frage, welche sich jeder selbst zu beantworten vermag?« versetzte der Antagonist überrascht. »Ganz in demselben Falle findet sich der Jude, welchem eine väterlich milde Regierung zwar im Schweiße seines Angesichtes den harten Boden urbar zu machen, gestattet; aber die Landtafel nennt einen andern Eigenthümer für diese Erdscholle, und die Früchte, welche ihr des jüdischen Bauers vieljähriger Fleiß abgedrungen, sie nähren einen Andern, und die Söhne des Mannes, welcher die unwirthbare Strecke in blühende Saatenstriche umgezaubert, werden mit ihren Ansprüchen auf die väterliche Erde vor dem Gesetze zurückgewiesen. Eure Toleranz« – fuhr ich mit steigender Bitterkeit im Ton und Miene fort – »euer vielbelobter christlicher Duldungssinn gestattet also dem Juden, den neidenswerthen Beruf eines Ackerknechts sich wählen zu dürfen, um nach gespendeten Mühen einer ungewissen Zukunft überliefert zu werden, und in dem zerschmetternden Gefühle zu vergehen, wie die Bienen, nur für Andere den Honig bereitet zu haben. Würde er, von der Schaar unversorgter Kinder umringt, vor eine gerechte Obrigkeit mit der Frage hintreten, warum er von Haus und Hof plötzlich verscheucht, und in eine ungewisse Zukunft hinausgestossen werde? so würde ihm der einfache Bescheid, er habe als Jude nie liegende Gründe besitzen dürfen, sey daher auch nicht derselben beraubt worden. Zwar könnte der Unglückliche, vom innern Grame gestachelt, hierauf entgegnend fragen: Ich bin also kein Sohn dieses Landes, das mich geboren werden sah, ihr nennt mich einen Fremdling unter euch, und dennoch dürft ihr diese Knaben von dem blutenden Vaterherzen reißen, ihnen durch die Drohungen des Haselstocks den Eid der Treue abzwingen, und den Deserteur als Uebertreter eines, obgleich gewaltsam erpreßten Schwures, zu schmachvoller Todesstrafe verdammen.« »Die Heldenthaten Ihres Volkes haben der Weltgeschichte nur höchst sparsame Materialien geboten«, spottete der Bühnenkünstler, der bis jetzt sich schweigend verhalten hatte. – »Fordert Heldensinn von einer Nation, die zwei Jahrtausende aller Menschenwürde beraubt gewesen« widerlegte ich – »und fragt den Psychologen, ob er euern Ansprüchen beistimmen werde. Ein Mensch, dem kein anderes Eigenthum, als das nackte Leben geblieben, wird dieses einzige Gut, das sie ihm gelassen, um so ängstlicher bewahren und bewachen; und ein ganzes Volk denkt und empfindet, wie das Individuum. Von den Steuerlasten weit schwerer befrachtet und niedergedrückt als die andern Landeskinder, glaubt der Jude für die ihm einzuschlürfen vergönnte Lebenslust, die einzige Gleichstellung mit seinen christlichen Nachbarn, deren er sich nach dem Rechte rühmen darf, so ziemlich den Staat abgefunden zu haben. Wie? ihr verlangt, daß, wenn ein eroberungssüchtiges Heer in die Gränzen des Vaterlandes bedrohend einfällt, auch der Israelite seine einzige Habe, das kärglich gefristete Daseyn zum Opfer biete, einem Vaterlande der Heimatlose , mit seinem Blute eine Erde dünge, die er nicht seine Mutter nennen darf, welche er wohl bebauen mag, die Früchte jedoch Andern überlassen mußte, jene Scholle, deren Rücken wohl die Grundlage eines Gebäudes werden sollte, das mit dem Gelde des Erbauers aus dem Nichts hervorgerufen, doch nicht seinen Namen tragen darf? Zwar mein Herr! könnten Sie passend einwenden, daß die Schweitzer auch ihren Arm, ihr Blut dem Interesse eines fremden Landes verkaufen, aber die Hoffnung, einst in dem fremden Lande Bürgerrechte zu gewinnen, und der augenblickliche bessere Sold beflügelt ihren Muth. Der jüdische Unterthan des österreichischen Staates hingegen findet in dem kärglichen Solde, und in dem stets um seine Ohren sausenden Haselstock des judenfeindlichen Korporals nur schwache Reitzmittel zur Erweckung kriegerischer Gesinnungen; denn mit einer Offizier-Charge sind Wenige noch bedacht, und das Hauptmannspatent bisher nur einem Einzigen ausgefolgt worden. Wahrlich der Mann, welchem weder militairische Beförderungen noch Bürgerrechte gestattet sind, und nur die weniger erfreuliche Zukunft geöffnet bleibt, nach vierzehnjährigen, unter Entbehrungen und willkührlich an ihm verübten Mißhandlungen, verseufzter Dienstzeit als Krüppel mit kärglicher Invalidenlöhnung von wenigen Kreuzern für den Tag seinen Verwandten über den Hals geschickt zu werden, dieser Mann müßte sich seinen Patriotismus gewaltsam erkitzeln. Es wird aus diesem Umstande klar, warum selbst verhältnißmäßig so wenige Israeliten in der Uniform erscheinen, indem jeder die letzten Pfennige zusammenrafft, um sich von vieljähriger Sclaverei und endlicher Körperverstümmelung los zu kaufen.«   Hier wurde ich wieder von dem frühern Gegenkämpfer im Contexte unterbrochen, welcher mich erinnern zu müssen glaubte, daß ich auf die von ihm meinem Volke gemachte Beschuldigung der Arbeitscheu und allgemeinen Abneigung vor dem Handwerke noch nicht widerlegend geantwortet, und seiner Meinung zufolge, in unserm gegenwärtigen Wortkampfe wohl die weichende Parthei seyn werde. – Lächelnd entgegnete ich dem Zuversichtlichen, daß jetzt der Sieg um so gewisser sich auf meine Seite neigen werde, weil ich diese Materie des Gespräches selbst mit Thatsachen zu verfechten mich im Stande fühlte, und eilte mein Versprechen, wie folgt, zu lösen: Ein Handelsfreund meines ehemaligen Prinzipals, aus der Stadt Bidschow, klagte diesem eines Tages, daß der einzige männliche Erbe seiner durch lebenslängliche Anstrengungen und Sorgen erworbenen Habe, bei einem ihm unbegreiflichen Widerwillen gegen das Geschäftsleben, sich von dem Vorsatze, das Bäckergewerbe zu erlernen, nicht abbringen lassen wolle. Mein Prinzipal beschönigte die Idee des jungen Menschen damit, daß der Handelsmann den Launen des Glückes mehr Preis gegeben, als der Bäcker, dessen Erzeugnisse auch von dem Aermsten gekauft werden müssen, daher gegen so reife practische Ansichten seines Sohnes ein kluger Vater nicht länger kämpfen müsse. Der alte Bodhanezky, welcher zu seinem vieljährigen Handelsfreunde, bei dem sich auch viele Fremde in schwierigen Fällen Rath zu holen pflegten, unbegrenztes Vertrauen hatte, beachtete diese Worte, ließ von jenem Tage an dem Sohne freie Neigung und brachte ihn bei einem christlichen Meister jenes Ortes in die Lehre. Weil dieser von dem wohlhabenden Vater des Lehrlings glänzend bezahlt wurde, vermieden die Gesellen ihren jungen Berufsgenossen auf irgend eine Weise zu kränken. Nach verstrichener Lehrzeit schnürte der Knabe sein Wanderbündel, um nach alter Sitte bei fremden Meistern Arbeit zu suchen. Die Rücksichten, welche der heimathliche Lehrherr gegen die Börse des alten Bodhanizky bezeugt, waren dessen Sohne nicht über die Gränzen seines Geburtslandes gefolgt. In dem Gesellenstande sollte er erst die Bitterkeiten schmecken, welche von seinem Berufe unzertrennlich waren. Die Neckereien und selbst die ernstern Kränkungen der Mitgesellen schien der Meister zu begünstigen, und wechselte der junge Dulder auch aus diesem Grunde häufig die Orte seiner Thätigkeit, schien doch niemals der Tausch zu seinem Vortheile sich zu entscheiden. Ja, in mancher Stadt sträubten sich sogar Meister und Gesellen, einen Israeliten in ihrer Mitte aufzunehmen. Als der jüdische Bäckergeselle nach verstrichener Wanderzeit die heimische Schwelle wieder betreten hatte, spähete sein Auge vergeblich nach dem guten Alten, welchem die verkehrten Wünsche seines einzigen Sohnes ein früheres Grab bereitet; und weil sich Niemand gefunden, welcher das Ruder des Geschäftes zu übernehmen vermochte, war das beträchtliche Erbe unter den Händen des diebischen Curators rasch zusammen geschmolzen. Die Trümmer seines Vermögens wendete der junge Mann an, einflußreiche Amtspersonen für seine Sache zu gewinnen, weil er jetzt um das Meisterrecht in seinem Geburtsorte zu erlangen, die amtlichen Wege einzuschlagen gedachte. Allein die trübste seiner Erfahrungen war dem Unglücklichen bis dahin aufgespart. Die sämmtlichen Meister in seinem Geburtsorte hatten sich gegen den neuen Zunft-Genossen vereinigt, und mit Klagen auf die durch Ueberzahl der Professionisten eingerissene Nahrungslosigkeit war es ihnen, den jungen Zunftgenossen zu überstimmen, gelungen. An einem fremden Orte konnte ihm die Niederlassung und Ausübung seines Meisterrechtes um so weniger gestattet werden; und so wandte der verzweifelnde die letzten Reste seines väterlichen Erbes auf die Anschaffung eines Trödelkrams an, um von dem kargen Ertrage seines nun erwählten Gewerbes, die durch seine Schuld verarmte, alte Mutter zu pflegen. Schon in den ersten zwei Jahren seines neuen Aufenthaltes in der Heimath hatte er es miterlebt, daß die Bäckerzunft des Ortes ihren Verein durch drei neue Mitglieder, von denen Eines aus fremdem Staate eingewandert, hatte willig anwachsen lassen, ohne Vorstellungen gegen die drohende Ueberzahl der Meister amtlich eingebracht zu haben. Mit satanisch grinsendem Lächeln fragte am Schlusse meiner Erzählung der judenfeindliche Wirthschaftsbeamte: »So hätte sich das Unglaubliche wirklich begeben, und ein Jude wäre trotz seiner Bestechungskünste bei der sonst so leicht käuflichen Behörde mit seiner Petition ausnahmsweise durchgefallen? Dies ist sonst hierzu Lande nicht Beamten-Brauch.« Mein nachbarlicher Confessionsverwandter schien jetzt zum ersten Male die Brauchbarkeit seiner Sprachwerkzeuge prüfen zu wollen. »Werther Herr!« – ließ er sich gegen unsern gemeinschaftlichen Gegner vernehmen – »allenfalls verdient unser Volk den Vorwurf, daß es die Behörden durch Bestechungsmittel sich zu gewinnen sucht; dies geschieht jedoch nur, um die Richter zu einem gerechten Ausspruch zu vermögen, denn wo jeder Andere nur das bessere Gewissen des Richters durch den Klang des Goldes übertäuben würde, muß der Jude selbst die gerechte Sache sich erkaufen, und den Beamten gut bezahlen, damit er nicht gegen den Buchstaben des Gesetzes einen Ausspruch thue. Der Jude ist's demnach, nächst dem Monarchen, welcher die Diener der Gerechtigkeit in der Absicht besoldet, daß sie nach Pflicht und Gewissen in ihren Rechts-Entscheidungen verfahren.« Als mein Nachbar diese Wahrheit sich von der Brust gewälzt hatte, ermahnte er mich, die zweite Hälfte meines Versprechens nachzutragen, und ich nahm wieder das Wort: »Sie kannten wohl auch den Steuerbeamten Fersak, eines unsrer geachtetsten Gemeinde-Mitglieder?« fragte ich meinen Confessions-Verwandten. – »Allerdings«, – versetzte der Angeredete – »man zählte ihn zu jener Klasse von Leuten, welche sich in die Anforderungen des Zeitgeistes zu fügen verstehen, ohne deshalb die religiöse Seite des Lebens minder zu beachten.« – »Ihre in wenigen Sylben entworfene Schilderung jenes Mannes ist ungeachtet ihrer Kürze dennoch wahr und treffend; und wer den Ehrenmann gekannt, wird ihrer Aussage seinen Beifall nicht versagen«, – fiel ich mit wehmüthiger Erinnerung meinem Nachbar ins Wort. »Sie erinnern sich dann eben so wohl« – fragte ich weiter – »seines Sohnes, der in einem Alter von etlichen und zwanzig Jahren, (obgleich mit bedeutendem Jahrgehalte als Buchhalter in einer achtbaren Seidenhandlung angestellt,) den seltsamen Entschluß gefaßt, das Drechslerhandwerk zu erlernen, und die Niederlegung seines eben so einträglichen, als ehrenvollen Amtes, zum Leidwesen des Chefs seinem künftigen Berufe als erstes Opfer anzubieten. Weder die Vorstellungen des Prinzipals, noch die warnenden Ermahnungen seines Vaters hatten den Unbesonnenen von seinem thörichten Vorhaben abzubringen vermocht; und so ließ sich der bereits in das Mannesalter tretende Jüngling bald hernach bei einem schlichten Drechslermeister unsrer Stadt als Lehrbursche alle von diesem Stande unzertrennlichen Demüthigungen mit bewundernswerthem Gleichmuth gefallen. – Als der junge Mann, nach verflossener Wanderzeit, wieder seine Vaterstadt besuchte, gelang es seinem unermüdlichen Eifer, das Meisterrecht in Prag zu erlangen, und in einer der belebtesten Straßen seine Werkstatt zu eröffnen. Bedeutende Summen an die verschiedenen Behörden gespendet, hatten ihm diese Gerechtsame auf – drei Jahre gesichert. Vor Ablauf dieser Frist um die Erneuerung seines Rechtes einschreitend, mußte er nun zu seiner Bestürzung erfahren, daß ihm diesmal die christlichen Meister zuvorgekommen und ihm zur Fortführung seines Gewerbes, einen Platz in dem winkligen Judenbezirke der Stadt großmüthig angewiesen hatten, wohin sich kein Liebhaber von Kunsterzeugnissen, als Kauflustiger, so leicht verirren konnte. Weniger das für sein Gewerbe ganz unbrauchbare Local, als die nach seinen Begriffen in einem solchen Rechtsspruche enthaltene Beschimpfung war es, was ihn in der ersten Hitze verleiten mußte, alle Handwerks-Utensilien und vorräthigen Erzeugnisse seines Fleißes eiligst zu veräußern, damit ihn ja nicht wieder die Lust beschleichen möge, ein Gewerbe fortzusetzen, das ihm ungeachtet so zahlreicher Opfer so arg gelohnt hatte.« »Der Narr!« – lachte der Schauspieler spottend auf – »warum trat er nicht zum Christenthume über, der Märtyrer von der Drechslerbank?« Der Spötter hatte mit dieser Frage ahnungslos mich auf ein Terrain gelockt, wohin ich am ehesten ihn wünschen konnte, weil hier der Sieg entschieden sich auf meine Seite neigen mußte. »Allerdings« – versetzte ich, – »standen mit dem Uebertritt zur herrschenden Religion ihm das Bürgerrecht und alle damit verzweigten Vortheile offen, obgleich derjenige am wenigsten Begünstigungen vom Staate erwarten sollte, welcher mit Eiden spielt und daher diesen zu betrügen kein Bedenken trägt. Wer momentaner Vortheile halber das Heiligste verschachert, und die eigenen Eltern zugleich mit seinem Gott verläugnet, wer der edelsten Pflichten sich entäußert, kann er wohl ein guter Bürger werden? Nimmermehr! Und besser ist es, wenn man, obschon Nichts die Satzungen der Rabbinen achtend, dennoch zu dem angebornen Glauben zum Scheine sich bekennt, als das beißende Prädicat: Der Getaufte stets sich um die Ohren schwirren zu lassen. Die Erfahrung hat es gelehrt, daß bei einem solchen Tausche der Glaubensform am wenigsten für den Mann von Ehre zu gewinnen ist; und die Intoleranz verfolgt den Apostaten mit doppeltem Grimme, obgleich sie selbst am eifrigsten zur Bekehrung des neuen Christen vorher mitgewirkt. Niemand von euch will es bedenken, daß der Zufall der Geburt und nicht die eigene unkluge Wahl dem Beschimpften eine Jüdin zur Mutter erkoren, eben so wenig als der den Adelstolz verspottende Bürgerssohn es jemals über sich vermag, die von ihm als thörichte Institutionen verschrieenen Vorrechte der Geburt, auch hinsichtlich Seiner, steht er dem Juden gegenüber, nicht gelten lassen zu wollen. Vierzehntes Kapitel Die Wegemauth-Verpachtung Der zweite Tag unserer Fahrt hatte die Reisegesellschaft um eines ihrer Mitglieder ärmer gefunden; denn der Wirthschaftsbeamte war in dem Städtchen, wo wir unser Morgenbrod verzehren sollten, zurückgeblieben, um von dort seinen, kaum eine Meile abwärts von der Landstraße gelegenen Wohnort zu Fuße zu erreichen. Nichts desto weniger hatten wir den Faden des Gespräches mit gleicher Regsamkeit, wie am vorigen Tage, fortgesponnen, und ich sowohl als mein Confessions-Verwandter gewann kaum Athem genug, um alle an uns gerichteten Fragen des Schauspielers, die sowohl politische als sittliche und religiöse Verhältnisse unseres Volkes berührten, nach der Reihe zu beantworten. Der Eifer, mit welchem er, (der gestern fast ganz lautlos sich verhalten,) heute inquirirte, hätte, wenn sein Stand uns noch unbekannt geblieben wäre, in diesem Manne einen Buchmacher vermuthen lassen, welcher eben im Begriffe »Eisenmengers neuentdecktes Judenthum« in verbesserter Form einem wißbegierigen Publicum anzubieten, und das große Lügengewebe, welches sich durch jenes abgeschmackte Werk hinzieht, als ein Eiferer der Wahrheit muthig zu zerstören. Die Kutsche hielt nun wieder vor einem gelb- und schwarzstreifigen Schlagbaum, der uns an die abermalige Erlegung des Mauthgroschens mahnte, als wir über den unerwarteten Anblick mehrerer das Zöllnerhäuschen belagernden leeren Kabriolets und Landwagen, deren Eigenthümer nicht zu finden waren, mit Recht verwundert, den die Mauth-Kreuzer abfordernden Jungen um die Ursache befragten. Wir erfuhren demnach, daß heute die Versteigerung dieses Mauthpostens zur großen Betrübniß seines bisherigen Pächters werde abgehalten werden, der zwei gleich schlimme Wege, aber keinen freundlichern dritten sich geöffnet sehe, nämlich entweder mit Gattin und Kindern eine ungewisse Heimath in einem andern Winkel der Provinz ausforschen zu müssen, oder den Sieg über seine Neider nur mit einer Abtretungssumme sich zu vergewissern, die jedoch seine pecuniären Kräfte ganz übersteige. Dieser Umstand hatte dem einmal im Zuge begriffenen Frager abermals reichhaltigen Nahrungsstoff für seine Wißbegier entwickelt, und ich glaubte, meinen Erörterungen eine gedrängte Geschichte der böhmischen Landmauthe vorausschicken zu müssen. Ich belehrte meinen Kutschgenossen, daß ehedem der Monarch die Wegmauthe als eine Art Sinecure an invalide Offiziere und andere im Staatsdienste ergraute Individuen zu vertheilen pflegte, welche für die Verwaltung ihres kleinen Postens einen bestimmten, aber doch so sehr mäßigen Jahresgehalt beziehen, daß man aus den winzigen Summen, die sie jährlich dem Aerarium einlieferten, entnehmen konnte, wie diese Herren auf ihre Schadloshaltung insbesondere beflissen waren. Man glaubte daher, zur Verbesserung der Finanzen, den sichersten Schritt zu thun, wenn man die bisherigen Innhaber der Wegmäuthe mit kleinen Jahrspensionen abzufinden, und ihre Stellen, im Wege der Versteigerung, zu verpachten gedächte, ohne jedoch die Juden von dem Rechte der Concurrenz ausschließen zu wollen. Auf die Letztern war zumeist gerechnet worden, weil bei so wenigen Nahrungszweigen, die für unser Volk in den östreichischen Erbstaaten zur Benutzung gestattet sind, der Zuwachs eines einzigen neuen, schon sehr wichtig dünken mußte. Die Calculanten hatten sich in der That nicht verrechnet; denn Mäuthe, welche früher ganz unbedeutende Summen abwarfen – wie unglaublich dies dem Uneingeweihten dünken mag! – bringen jetzt, an jüdische Pächter überlassen, einen oft zwanzigfachen Ertrag. Wer hieraus auf zügellose Veruntreuungen der frühern christlichen Mauthner und auf eine in den österreichischen Provinzen überraschende Lebendigkeit der Commercialstraßen schließen wollte, würde in einem belachenswerthen Irrthume verharren. Den Schlüssel zu diesem Geheimnisse vermag nur derjenige zu finden, welcher mit den kläglichen Verhältnissen des jüdischen Volkes in unserm Staate genauer vertraut ist. Wer es weiß, daß in vielen böhmischen Ortschaften dem Israeliten das Niederlassungsrecht selten nur, oft auch nicht der momentane Aufenthalt von Wochen und Tagen gestattet ist, wird es sehr begreiflich finden, daß ein speculirender Ebräer, dessen kaufmännischer Geist, entweder wegen allzu starker Concurrenz seiner Religionsverwandten, oder wegen allzu großer Dürftigkeit der christlichen Bevölkerung seines Geburtsortes, keinen Wirkungskreis findet, willig für die Stelle eines Mauthners jährlich einen Pachtschilling erlegt, der die wahrscheinlichen Einkünfte, um mehrere hundert Gulden noch übersteigt, weil er sich diesen bedeutenden Verlust auf indirectem Wege reichlich wieder einzubringen hofft; denn als Mauthpächter genießt der Israelite vorläufig drei Jahre hindurch, – dies ist die gewöhnliche Dauer des Pacht-Termins – ungestört das Aufenthaltsrecht selbst in jenen Orten, wo unter andern Umständen seine Stammverwandten nicht zwei Dämmerungen weilen dürften. Die Einwohnerschaft des Ortes und der umliegenden Dörfer wird ihren Hausbedarf, um somehr, wenn sie auf Borg kaufen kann, nur von dem neuen Mauthner beziehen, dessen Waarenvorräthe in einer Kammer des Mauthgebäudes aufgespeichert, eine zu allen Stunden beliebige Auswahl gestatten. Dem Hausirjuden muß ein Vortheil dieser Art, daß ihm sein Profit von den Kauflustigen selbst in das Haus gebracht wird, unfehlbar entgehen. Auch darf dieser nur Baargeschäfte machen, weil er, nicht im Orte wohnhaft, seinen Beobachtungseifer auch nicht zur Prüfung der pecuniären Kräfte seiner Kunden und ihrer Wohlhabenheit überhaupt anzuschicken vermag. Dieses Hinderniß hat der Mauthpächter glücklich weggeräumt. Er darf daher seinen Waaren-Abnehmern auch Kredit antragen, und folglich willkürliche Preise ansetzen, ohne überdies, da er, durch seine Stellung als Mauthner Monopolist ist, die Concurrenz eines neidischen Berufsverwandten besorgen zu müssen. Die christlichen Handelsleute desselben Ortes bleiben ihm ganz unschädlich, weil sie alles Speculationsgeistes ermangelnd, nicht die Quellen aufzuspüren vermögen, durch welche der Ebräer seine Waaren weit wohlfeiler zu beziehen versteht; und können daher nicht gleichen Schritt mit jenem Manne halten, der, sollte er gerichtlich zur Rede gestellt werden, den im Voraus für sein Interesse gewonnenen Beamten versichern wird, daß er seinen Hausbedarf ausschließlich mit dem spärlichen Gewinnste seiner Mauth-Einkünfte bestreite; und die Waaren-Vorräthe, welche allenfalls gegen ihn zeugen würden, giebt er als ihm freiwillig angebotene Pfänder gewissenhafter Schuldner an. – Behält ein solcher Pächter seinen Posten zwei oder drei Termine hindurch, wirbt bei der nächsten Versteigerung der Neid einen Trupp vorgeblicher Concurrenten, welche, weil sie wohl wissen, daß der bisherige Mauthner seiner Handels-Verzweigungen halber, den so lange behaupteten Posten nicht leicht verlassen kann, ihn mit der Erklärung einschüchtern, daß nur mittelst der Austheilung bedeutender Abfindungssummen er sie von der Mitversteigerung abhalten werde. Der Geängstigte geht fast immer diese Bedingungen ein, und verleitet die Mehrzahl zu dem falschen Schlusse: Ein so hoher Pachtschilling würde gewiß nicht geboten werden, wenn der bisherige Mauthner im verflossenen Pacht-Termin seine Rechnung nicht gefunden haben sollte. Der Andrang so vieler jüdischen Licitanten, denen jedoch mehr die Erpressung einer Abtretungssumme am Herzen liegt, bestärkt die Unkundigern in ihrem Wahne, wie gewinnbringend ein Mauthposten sey, und so fällt mancher wohlhabende katholische Landwirth als ein Opfer giftigen Neides gegen den vermeintlich vom Mauthgroschen reich gewordenen Ebräer. Zwar labt ihn einen Monath hindurch der Gedanke, seinen Judenhaß befriedigt zu haben, – das Bewußtseyn jenen Israeliten wie einen Baumstamm von der Erde, aus welcher er Nahrung sog, mit der Wurzel abgesägt zu haben, – die Gewißheit, daß der Unglückliche mit Gattin und Kindern vielleicht obdachlos umherirre, – die Erinnerung, wie das Antlitz seines Rivalen Leichenblässe umzogen, als der Hammerschlag des Auctionärs den neuen Pächter bestimmt hatte; alles dies versenkt den Bethörten anfänglich in eine süße Trunkenheit, aus welcher er jedoch nur zu früh erwacht. Das Ersparniß seines vieljährigen Fleißes ist in die Staatskasse geflossen, und vergeblich sinnt der Betrogene nach dem Motive, was seinen Vorgänger, den die Erfahrung der ersten Pachtzeit wohl belehrt haben mußte, verleiten konnte, für den zweiten Termin einen noch erhöhetern Pachtschilling zu bieten? Aus dem hier Mitgetheilten ergiebt sich allenfalls, wie das Finanz-Ministerium gar wohl für die Bereicherung des Staatsschatzes gesorgt, eben so wahr ist's jedoch, daß die Verpachtung der Wegmäuthe wohlhabende Privaten zu Bettlern gemacht, und für speculirende Gimpel die gefahrbringende Leimruthe geworden ist. Betrachtungen ähnlicher Art führten noch mehrere Gespräche verwandten Stoffes herbei, welche, wenn sie auch, (wie dies stets der Fall ist,) an dem bessern Christen einen Anflug von Wehmuth ob des kläglichen Looses, das unserm Volke zu Theil ward, bemerkbar werden lassen, dieser in dem nächsten Momente schon durch die angeborne Abneigung gegen die Juden wieder verscheucht worden ist. Fünfzehntes Kapitel Das Judenamt in Wien Weil der Zweck meiner Reise in die Residenz kein anderer war, als mit meinem, vom Glücke begünstigten Eleven, wegen der, von ihm mir als künftigen Commissionär seiner Waaren-Vorräthe für Prag anzubietenden Vortheile, mündlich zu unterhandeln, hatte ich meinen ersten Ausgang nach Kalmans Wollmagazinen beschlossen, mußte aber von den daselbst beschäftigten Dienstpersonen erfahren, daß ihr Brodherr vorgestern einen Abstecher nach Preßburg unternommen, was wegen der bestehenden Judenverordnung für Wien nach jedesmaligem Ablaufe von sechs Wochen geschehe. Der redselige Inspector, ein geborner Wiener, bemühte sich, mir diese meinen Glaubensverwandten aufgelastete Beschwerlichkeit, von einer zu billigenden Seite vorzustellen. »Die in der Residenz ansäßigen Israeliten«, – erzählte er – »deren Voreltern für sich und ihre Nachkommenschaft das Recht der Ansiedelung – daselbst Toleranz genannt – mit großen Summen einst erkaufen mußten, hatten mit Betrübniß erfahren, wie die mit jedem neuen Tage aus allen Richtungen der Monarchie zu den Thoren Wiens hereinströmenden Schaaren jüdischer Kaufleute, ihnen, als den Eingebornen, jeden Erwerb zu schmälern, oft ganz zu entziehen wußten. Diesem Unfuge zu wehren, hatte die Wiener israelitische Gemeinde bei der Hofstelle ihre Beschwerde über den schädlichen Einfluß der fremden Handelsjuden eingebracht, und zu diesem Ende die Errichtung eines besondern Paß-Büreau's für israelitische Fremde vorgeschlagen, und diese sollten ihre an der Stadt-Barrière ihnen abgeforderten Reise-Legitimationen an dem bezeichneten Orte binnen vier und zwanzig Stunden wieder erhalten, oder den längern, – jedoch auf zwei Wochen beschränkten, – Aufenthalt in Wien, welcher nur zweimal prolongirt werden darf, mit einer dem Polizeifonde zugewendeten, nicht unbedeutenden Abgabe erkaufen. Eine vierte Karte wird Niemandem ausgefolgt, und die Abreise ist unvermeidlich, jedoch bleibt es dem Fremden unbenommen, nach zwei Tagen wieder einzutreffen, und abermals einen halben Monat hindurch, oder, im Wege der zweimaligen Prolongation seiner Aufenthaltskarte sechs Wochen, seine Existenz in Wien zu fristen. In diesem Falle befände sich gegenwärtig auch sein Brodherr – verständigte mich der Magazin-Inspicient, – und würde Herr Spiegel bereits wieder eingetroffen seyn, wenn nicht die junge, liebenswürdige Gattin, deren Geburtstagsfeier in der nächsten Woche falle, den thätigen Geschäftsmann diesmal einige Tage länger in den traulichen Familienzirkel fest bannen möchte. Diese Nachricht bestimmte mich, mein Reiseziel an dem folgenden Tage zu erweitern, und meinen ehemaligen Eleven im Kreise der Häuslichkeit zu überraschen. Die verletzenden Empfindungen mir zu ersparen, welche der Anblick eines Juden-Polizei-Büreau's auf einen fühlenden Menschen hervorbringen mußte, sandte ich, Behufs der Ausfolgung meines dort deponirten Reisepasses, einen Lohnbedienten dahin ab, und am folgenden Abende schon sollte ich die Erde Ungarns begrüßen. Die matte Herbstsonne hatte die ihres Blätterschmucks entkleidete Gegend bereits mit trügerischem Dämmerschein übergossen. Die Stille der Gegend wurde nur durch das monotone Gerassel der Reisekutsche und ihrer ewig klirrenden Fensterscheiben unterbrochen. Den darinsitzenden konnte sich erst hinter Wolfsthal angenehme Abwechslung für die in die Landschaft hinaus schweifenden Blicke bieten. Endlich kam der majestätische Donaustrom, der unweit der Kaiserstadt meinem Auge entschwunden war, wieder zwischen lachenden Ufern zum Vorschein. Aus nebliger Ferne tauchte ein Felsrücken hervor, die halb in orientalischem Style geformte Behausung der alten Könige Ungarns auf seinem Gipfel tragend. Am Fuße des Berges blickte im dämmernden Zwielichte die nach allen Richtungen hinfließende Hütten- und Häusermasse, die, gleich Vogelnestern, an den steilen Felswänden zu hangen schienen. Rascher flogen die Rosse von dem mahnenden Rufe ihres beschnurbarteten Gebieters beflügelt, über die Preßburger Ebene dahin, die breite Schiffbrücke knatterte unter dem Gewichte der hinsausenden Kutschenräder, und wir befanden uns in der Krönungsstadt der magyarischen Könige. Sechszehntes Kapitel Freitag-Nachts-Idyll Ich stand in dem, an einem Bergesabhange gelegenen Judenbezirke, wohin ich von meinem Gasthofe: »zur Sonne« nur wenige Schritte hatte. Aus allen Fenstermündungen flossen Lichtströme, von zahllosen Lampen und Kerzen gespendet, wie ein breites Meer durch die nun menschenleere Judengasse sich ergießend; denn drei an dem Horizonte bereits sichtbar gewordene Sterne hatten mit dem Anzuge der heraufdämmernden Nacht auch den Eingang des Sabbats verkündet.   Ich hatte einige Minuten spähend gestanden, die freundlich erleuchteten Häuschen der Reihe nach meiner Musterung unterwerfend, bis mein prüfendes Auge eines herausgefunden hatte, welches mir, der Form nach, in Wien als dasjenige bezeichnet worden, dessen Mauern den jungen Ehemann, welchen ich mit meinem Besuche zu überraschen gedachte, und seine glückliche Gattin einschlossen. Leise schlich ich die hölzernen Stufen der Treppe hinan, leise drückte ich die Thürklinke und geräuschlos öffnete sich die Pforte, und wie hereingeschneiet, stand ich mitten in dem, von einer astralförmig gebildeten messingnen Hängelampe Das im Pentateuch (Exod. Kap. 35. V. 3.) enthaltene Verbot: »Du sollst am Sabbat kein Feuer in deiner Wohnung anzünden«, hat die Erfindung jener bloß in jüdischen Familien gebräuchlichen Lampen nothwendig gemacht. Ihre Form ist von den gebräuchlichen Utensilien dieser Art höchst abweichend. Im mittlern Theile gleichsam den dicken Stamm repräsentirend, aus welchem acht bis zwölf rinnenförmig gekünstelte Zweige hervor schießen, wie ein Strahlenkranz den Mittelsten umzingelnd, ist jede derselben auch mit Brennöl gefüllt, das den aus Baumwolle gezüngelten Docht reichlich tränkt, und dessen Anzünden eine der Hausfrau zu übertragende religiöse Handlung ist. – Diese zehn bis zwölf Flämmchen, sich zu einem Sternenzirkel gestaltend, erhellen das Zimmer auf ungemeine Weise, und bedürfen keine weitere Sorgfalt, welche ja an einem Freitagsabende dem oben angeführten Verbote zufolge nicht statt finden darf; und auch weil die Satzungen der Rabbinen nicht nur das Anzünden des Lichts am bereits eingetretenen Sabbat, sondern auch das Auslöschen desselben sträflich finden wollen. Wie wichtig jüdischen Familien dies Hausgeräthe erscheint, wird aus der alten, in der Prager Judenschaft sich bis jetzt erhaltenen Sage, ersichtlich, welcher zufolge, auf dem dortigen (schon von Seume in der »Reise nach Syrakus« der Erwähnung gewürdigten) alten Leichenacker – wie schon in einer frühern Stelle dieses Buches bemerkt worden – ein Grabstein sich vor den übrigen daselbst hingepflanzten dadurch auszeichne, daß er an jedem Freitage Baumöl schwitzt, weil die schon vor mehr als einem Jahrtausend verstorbene Frau, deren Denksäule er ist, die Armen mit Oel zur Füllung der Sabbatlampe beschenkte. stark beleuchteten Wohnung der kleinen Familie. Tisch und Kasten waren in blühend weiße Decken gehüllt; der ebene, aufgewaschene Fußboden vor jeder möglichen Beschmutzung vom Straßenkothe gesalbter Stiefelsohlen, durch eine über den Estrich gebreitete Zinche aus Sackleinwand geschützt. Neben dem großen, viereckigen Ofen, von dessen Glut einige zum Braten auf die Randfläche desselben gelegten Aepfel siedend aufzischten, saß in behaglicher Trägheit, die müden Glieder reckend, Lea, die alte Hausmagd, erschöpft von des Tages Mühen, denn sie hatte gescheuert, gewaschen, gekocht und gebacken zu Ehren des einziehenden Ruhetages, und selbst die letzte Nacht, durchmachend wegen der übervielen Arbeit zu Hülfe genommen. Jetzt hatte sie die schmutzige Kleiderhülle abgestreift, und schimmerte von weißer Wäsche, die den dürren Leichnam umglänzte. Auf dem Sopha saß gleichfalls mit in den Schoos gelegten Händen die jugendliche Hausfrau, unbeweglich und schweigsam in den Strahl der Lampe blickend. Der aus der kleinen Spitzenhaube Ein rabbinisches Gesetz verbietet den vermählten Frauenspersonen und selbst Wittwen nicht nur den Schmuck falscher Locken, sondern auch und weit strenger, das eigene Haupthaar unverdeckt zu tragen. Das Sprichwort »Unter die Haube kommen« ist daher für die Ehe der Judenfrauen am bezeichnendsten, deren Haare nach dem Hochzeittage keinen anderm Auge, als dem des Gatten mehr sichtbar werden dürfen. Diese Strenge dürfte vielleicht auf die, im Verhältnisse bei jüdischen Frauen weit häufiger vorfindliche eheliche Treue, einigen Einfluß bewähren, aus dem Grunde, weil das Verbot scheinbar unbedeutender Dinge auf den weit straffähigeren Grad der selbst von einer gesunden Moral anerkannten Vergehung schließen läßt. nur wenig sichtbare vordere Theil des Haupthaares glänzte noch von dem Naß des kurz zuvor zu Ehren des Sabbats genommenen Handbades, von dessen flüssigem Inhalte ein nicht geringer Theil auch zur Reinigung des Halses und Kopfes gespendet worden. Ein weißes Nachtcorset umhüllte den Oberleib, und eine brauntaffetene Schürze umfloß die übrigen Körpertheile des schlank gebildeten Weibchens. Kaum hatte ich meinen Namen und Zweck des Besuches der freundlich mir entgegen getretenen Hausfrau kund gethan, als sie in ihrer unverstellten Herzlichkeit mir den Willkommen bot, den Reisemantel mir selbst vom Leibe zog, ihn nebst Hut und Mantelsack in eine anstossende Kammer zur Verwahrung brachte, und aus derselben nach vollendetem Geschäfte, wobei Lea träge nur mitgewirkt hatte, wieder hereintretend, mich in süßflötenden Worten ansprach, einen Platz neben ihr auf dem Sopha einzunehmen, um die noch halbstündige Pause bis zur erwarteten Nachhausekunft ihres Gatten mit Fragen an mich auszufüllen, welche meist die Familienverhältnisse des Letztern betrafen. Vorzugsweise schien sich ihre Wißbegier mit dem ihr ungewissen Eheloose ihrer Schwägerin zu beschäftigen, weil Kalman gegen seine Frau oft der liebenswürdigen Eigenschaften seiner Schwester gedachte, und von dem Charakter des ihr aufgedrungenen Eheconsorten nur solche Begriffe erhalten hatte, welche ihn in ewiger Besorgniß um die Schwester erhalten mußten. Buna – dies war der Name meiner freundlichen Wirthin – glaubte das Schicksal ihrer Schwägerin schon des Umstandes halber beklagen zu müssen, weil sie nicht nur dem Kreise ihrer Eltern und Jugendgespielen entrissen worden, sondern auch die abwechselnden Zerstreuungen der großen Stadt, wie sie sich denke, mit dem farblosen Dorfleben habe vertauschen müssen, und dem quälenden Gefühle überliefert zu seyn, die ihr nun einförmig dahin schleichende Zeit an der Seite eines Landtölpels, der den Werth seiner Gattin nicht zu begreifen vermöge, dahin seufzen zu müssen. Ich beschwichtigte die Mitleidsvolle mit der Versicherung, daß der Schwager ihres Gatten eine der ersten seinem Stande zukommenden Eigenschaften nicht vermissen lasse, nämlich Regsamkeit und practischen Sinn in seinen Berufsgeschäften. »Tugenden dieser Art« – bemerkte ich ferner – »werden bei Ehemännern der großen Stadt häufiger vermißt; und wahrlich, es bildet Prag keine Ausnahme von dieser Behauptung. Meist sind es daselbst Verschwender und Wüstlinge, die entweder, weil sie aller Empfänglichkeit für die Freuden des Familienlebens ermangeln, in schlechter Gesellschaft ausser dem Hause den Erwerb des Tages verprassen; oder auch den ganzen Mahlschatz ihrer Frauen, statt auf solide Speculationen zu verwenden, an Schmuggelgeschäfte wagen, zwar einem größern aber auch häufig das Kapital selbst verschlingenden Gewinne nachjagend. Andere wieder, die jeden Ehebund, wie eine der gewöhnlichen kaufmännischen Unternehmungen betrachten, legen den im Bräutigamsstande sich aufgelegten Zwang und die Maske eines Liebhabers, die ihnen so schlecht paßte, schon in der Flitterwoche ab, und bereiten durch Herzlosigkeit und Knauserei der edlern Gattin, deren Werth sie nicht zu fassen vermögen, ein frühes Grab. Die Meisten setzen in Prag ungeachtet des von ihren Frauen ihnen zugebrachten Heiratsgutes, als Bedingung fest, daß diese ohnehin von den Lasten des Hauswesens niedergedrückten unglücklichen Geschöpfe ihnen noch den Karren der Geschäftssorgen mitziehen helfen; und daß die Hausmutter, welche vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht, dem Froste und der Feuchtigkeit Trotz bietend, im dumpfigen Winkelgewölbe des Tandelmarkts ihre Lunge in Anpreisungen der verschiedenen Waaren-Artikel ungläubigem Krämervolke opferte, ermattet und durchkältet am späten Abende statt der bedürftigen Erholung beim Eintritte in die am frühen Morgen verlassene Wohnstube die nicht minder fühlbaren Lasten des Ehesegens empfinde. Das disharmonische Unisono der Kleinen, von denen jedes auf die schleunige Erfüllung seiner Wünsche dringt, muß dann ihr Ohr zerquälen, oder auch hat sie das während des Tages von jeder Aufsicht befreite Dienstgesinde wegen der erwiesenen Lauigkeit seiner Verrichtungen auszuschelten, die Nacht an der Wiege des zahnenden Kindes zu durchmachen, die Wirthschafts- und Garderobe-Angelegenheiten ihrer Musterung zu unterziehen; und weil aus ökonomischen Gründen sie eine förmliche Nähwerkstatt für ihren Privatbedarf errichten muß, strebt sie den größern Theil der Nachtzeit bei mattem Kerzenschein die Wäsche ihres Gemahles zu ergänzen, welcher, nachdem er die frühern Abendstunden in Kaffeehäusern oder Spielgesellschaften vergeudete, sich jetzt auf seinem Lager behaglich dehnt. Alle diese Uebelstände« – schloß ich meine Schilderung eines Prager jüdischen Ehelebens – »fallen bei den Landehen großentheils weg, denn es wird schon im frühen Knabenalter der künftige Ehestands-Kandidat zu seinem Berufe an- und von allen Zerstreuungen, da diese gänzlich fehlen, leichter abgehalten. Nur die Spielwuth findet viele Opfer unter dieser Klasse, glücklicher Weise gehört jedoch der Schwager ihres Gatten zu den lobenswerthen Ausnahmen, und seine Vorzüge als Geschäftsmann und Ehegemahl von seltener Gutmüthigkeit vermögen wohl eine so kluge und ernstgesinnte Frau wie Ihre Schwägerin genannt zu werden verdient, für die rohe Aussenseite dieses Menschen zu entschädigen. Insbesondere ist sie es, welche bei ihrer entschiedenen Abneigung gegen das commerzielle Leben einen Ehemann vom Lande vorziehen mußte, der noch nicht wie die Prager der Gattin das Joch der Geschäftssorgen mitzutragen befiehlt. Auf diese Art ist unsre Freundin, deren Schicksal Sie so sehr zu ergreifen scheint, nicht verurtheilt, die Werktage hindurch geduldig die Brutalitäten roher Hausirjuden zu verdauen, welche unter der Maske von Kauflustigen sich häufig von dem Zwange ausgenommen glauben, welchen die Gesetze des Anstandes jedem Andern auferlegen würden.« »O, wie beklagenswerthe Wesen sind die Töchter unseres Volkes!« unterbrach Buna mit wehmüthigem Tone meine Rede. »Das Vorurtheil gegen Ehelose, dessen Druck Auch dieses Vorurtheil zeugt für die noch ganz orientalische Denkweise der Ebräer, die sich auf die spätesten Geschlechter fortgeerbt hat. Die Ehelosen beiderlei Geschlechts sehen sich von allen religiösen Ehrenbezeugungen ausgeschlossen, und auch im gesellschaftlichen Leben auf jegliche Weise hintenangesetzt. Selbst der Mammon als Universalglanzverleiher vermag mit seinem blendenden Schimmer nicht die Nacht des Vorurtheils zu lichten, die schwer auf dem Ehelosen lastet. Nicht das Alter räumt unter zwei Individuen, denen man nach jüdischer Sitte Achtung bezeugen will, dem einen vor dem andern einen Vorzug ein, sondern die längere Zeit der Verehelichung. Weit lebhaftere Theilnahme spricht sich für den, durch Noth oder andere trübe Verhältnisse bedrängten oder gar seiner Familie durch den Tod entrissenen Hausvater aus. Dieses Vorurtheil verfolgt den Ehelosen selbst bis ins Grab, denn den Celibateur geleitet ausser den Verwandten fast Niemand bis zur letzten Ruhestätte. Auch in der Leichenkleidung offenbart sich der Rangesunterschied des Verheiratheten von dem Ehelosen. Schon mit dem Heirathsgute bringt die Braut ihrem künftigen Gatten ein, aus feinen Linnen bestehendes, mit Borten von Silberdrahth verziertes Todtenhemd und eine Mütze von demselben Stoffe als wichtigste Bräutigamsgabe zu. Jenes Todtenhemd wird jährlich am Versöhnungstage (Jom Kipur), an einigen Orten auch an dem Neujahrsfeste über die schwarzen Festtagskleider angezogen. Ja in vielen Gemeinden verrichtet dieses Gewand schon Dienste am Hochzeitstage des Eigenthümers, auf daß er im Freudenrausche an das Ende des menschlichen Lebens gemahnt werde. Nach einer Glaubensmeinung der Juden, besitzt nicht nur der Sterbetag, sondern auch der Vermählungstag die Kraft, das Sündenregister eines Menschen zu vernichten. Das Brautpaar nimmt auch an diesem Tage weder Speise noch Trank zu sich, und sagt jenes Gebet ab, das sonst nur am Jom Kipur (Versöhnungs- oder Bußtage) und am Sterbetage abgelesen wird. Daher wird die Ehe bei den Israeliten mehr noch, als bei andern Völkern für den wichtigsten Act im menschlichen Leben angesehen; und Freunde wünschen den Eltern bei der Ausheirathung ihres ersten Kindes, das nach ihrer Meinung größte Glück der Sterblichen, nämlich, daß sie die Vermählungsfeier ihrer Enkel noch ersehen möchten. Arme Leute tragen ihren letzten Groschen in die Amtsstuben, in welchen die Heirathsbewilligung ausgefertigt wird; ja es ist ein Gewöhnliches, daß ein armer Hausirjude die ganze Aussteuer seiner Braut zum Preise bietet. Zwar erkennt er sich am Morgen nach der Heirath als einen Bettler, aber dieses bittere Gefühl wird durch den stolzen Gedanken versüßt: Man zählt mich nicht mehr zu den Ehelosen! man allenthalben fühlt, gestattet uns nicht, unsere Selbstständigkeit zu bewahren, wenn für deren Verlust sich keine Entschädigung findet, wie sie nur in der Wahl eines musterhaften Gatten gedacht werden kann. Das beklemmende Gefühl, kein anderes Lebensziel eröffne sich uns als die Ehe, das insbesondere bei unserm Geschlechte seine Kraft bewährt, verfolgt uns unglückliche Wesen so lange, bis wir an uns und der Welt verzweifelnd, fast willenlos dem ersten uns vorgeführten Fremden die Hand zum Ehebunde reichen, welchen ein verschmitzter Ehesensal Die häufigen Betrügereien, welche sich jene Ehekuppler zur Last legen lassen, haben längst zur Heiligung der Sitte beigetragen, welcher zufolge in gar vielen Familien Verwandte einander heirathen; wie Oheim und Nichte, Vetter und Baase u. s. f., welches als entferntere Grade der Verwandtschaft nach dem mosaischen Gesetze nicht im Verbote der Blutschande mitbegriffen ist. – Immerhin genießen jene argen Seelenverkäufer, (welche Personen verschiedenen Alters, Characters und Standes ohne die mindeste Gewissensregung wie Hühner und Gänse an den Meistbietenden verhandeln, die fast immer das Glück von Familien, ja sogar ganzer Generationen untergraben,), in ihrer Gemeinde eine mindestens größere Achtung, als Leute, welche sich einer Kunst oder dem Handwerke widmen. von fern oder nahe aufgerafft hat.« Wir wurden jetzt durch den eintretenden Hausherrn in unserm Zweigespräche unterbrochen, welcher sich sehr freute, in dem neuen Wirkungskreise als Familienvater von mir überrascht worden zu seyn. Mit einem kräftigen Händedruck gab er seine ungeheuchelte Freude über meine Besuchsreise zu erkennen, wünschte mir zu der beabsichtigten Verbindung mit Judith Glück und Segen, und meinte, sein mir kürzlich angebotener Posten eines Commissionärs, für seine Wollversendungen nach Böhmen, dürfte mir unter den eingetretenen Umständen doppelt willkommen seyn, weil dieser Posten ein gewinnbringender sey, ohne das Wagniß meines eigenen Kapitals zu bedingen. Am Schlusse gestand er seine Freude über den seit seinem Verschwinden von mir ausgeführten Vorsatz, das Lehramt mit dem nutzbringendern und zugleich ehrenvollern Berufe eines Geschäftsmannes zu vertauschen. Jetzt ward der Faden der Conversation durch die alte Lea abgerissen, welche die Erlaubniß nachsuchte, das Abendessen auftragen zu dürfen. Ihrer Versicherung zufolge, war bereits eine volle Stunde über die anbestimmte Zeit verstrichen. Kalman rückte zuerst seinen Stuhl, der Dienstperson als erwünschtes Zeichen, daß er mit ihrer Meinung vollkommen einverstanden sey. Wenige Minuten nachher bewährte er, der ehedem selbst an Glaubenspunkte sich nicht sonderlich zu binden pflegte, wie sehr die Ausheirathung, und mehr noch vielleicht die zugleich eingetretenen Rücksichten gegen die Wünsche der Anverwandten seiner Gattin auf seine Sprech- und Handlungsweise verändernd eingewirkt haben mochten; denn er breitete mit komischem Ernste ein weißes Tuch auf die, vor sein Gedeck hingelegten vom feinsten Weitzenmehle gebackenen Sabbatbrode, wusch sich sodann nach der von unserm Volke beibehaltenen orientalischen Sitte dreimal die Hände, faßte sodann, den mit Wein gefüllten Becher in der Rechten und sprach stehend den Segen über den eingetretenen Ruhetag mit den aus der Genesis entlehnten Worten in hebräischer Sprache:   »Und als Himmel und Erde erschaffen waren, da ruhte der Herr aus von seinem Schöpfungswerke am siebenten Tage, und der Ewige segnete diesen Tag und heiligte ihn: Gelobt seyst du, Ewiger, der den Sabbat geheiligt.«   Hierauf reichte er den, von ihm zuvor genippten Becher uns, der Reihe nach hin, daß jedes einige Tropfen Weines zu Ehren des Sabbats kosten möge. Buna sah mit andächtigen Blicken in die Strahlen der, das stark geheitzte Stübchen freundlich erhellenden Sabbatlampe, und fühlte sich aufgelöst in fromme Gedanken. Mancherlei Gegenstände des Gespräches wechselten, während der Dunst aus dem gefüllten Suppen-Napfe aufstieg. Ich konnte mich einiger Bemerkungen über die auffallende Sabbatverehrung nicht erwehren, welche sich hier in einem noch bemerkbarern Grade ausspräche, als unter den Judengemeinden in großen Städten. Buna belehrte mich hierauf, daß der vollkommene Werth des unschätzbaren Geschenkes, welches Gott unserm Volke mit dem Gebote der Sabbatfeier zudachte, von den Bewohnern kleinerer Ortschaften oder solcher Städte wie Preßburg, wo der Israelite vergeblich gegen die Intoleranz der christlichen Nachbarn ankämpfend, sich auf die häuslichen Freuden beschränken muß, am ehesten begriffen werde. Aus diesem Grunde, meinte sie, hängen die vom Strome weltlicher Zerstreuungen und großstädtischer Belustigungen hingerissenen Wiener Juden am wenigsten noch an der Sitte ihrer Väter, und das Bedürfniß der Religion wird fast bei allen vermißt. Die von Nahrungssorgen weit mehr gedrückten Landbewohner, welche meist auf das armselige Krämergewerbe angewiesen, sind, nach sechs mühevoll verlebten Tagen die wohltäthige Einwirkung des stillen siebenten in seiner ernsten Feier mit aller von ihm ausgehenden Wonne zu empfinden, weit geeigneter. »Versetzen sie sich« – fuhr die nun in den Fluß der Rede gerathene Wirthin gegen mich gewendet, fort – »versetzen Sie sich im Geiste an die Stelle jener dürftigen Hausirer, welche vom Montag Morgen bis zum Sabbat-Eingang in den Dörfern und Flecken, unter der Last ihres Waarenbündels zu erliegen vermeinend, herumkeuchen, und Sie werden gewiß von den Mühen einer schwülen Woche entkräftet, mit gleicher Sehnsucht die Sabbatruhe herbei wünschen. Selbst das Loos der Wohlhabendern wird keine Neider wecken, denn jene kennen keine andere Bestimmung als die Jahrmärkte der kleinen Städtchen abwechselnd zu besuchen. Hockend zwischen Ballen, Kisten und Fässern, welche dem Frachtwagen zu seiner Größe verhelfen, werden diese genügsamen Leute in ihrem hölzernen Gehäuse abgerüttelt; und jeder im Wege liegende Feldstein droht auf der umgebauten holprigen Landstraße der Karavane den Tod der Zermalmung unter der Last der untereinander geschüttelten Frachtstücke. Schon um Mitternacht fährt die kleine Familie, Männer, Weiber und Kinder, als gelte es eine Auswanderung, auf diesen offenen Lastfuhren dem Jahrmarktsorte zu, allen Eindrücken der Witterung Trotz bietend. Nicht selten versinken die Räder der belasteten Maschine in den grundlosen Lehmboden; dann soll Jung und Alt, unfähig im Dunkel der Nacht die Stützpunkte zu prüfen, den halsbrechenden Sprung von dem Gipfel des Kistenberges auf die Erde machen, um mit vereinten Kräften die Räder aus dem Schlamme zu ziehen. Man preiset sich glücklich mit der Morgenröthe zugleich noch das Nest erreicht zu haben, wo der Jahrmarkt so eben durch das sich einstellende geräuschvolle Treiben den Antritt seiner wenige Stunden langen Herrschaft verkündet. Der sinkende Abend, welcher allen andern Leuten zur Ruhe dämmert, mahnt die Krämerfamilien an das Einpacken und Aufladen der Waarenstücke, und an die nächtliche Weiterfahrt, denn ein anderer Marktflecken heischt am nächsten Morgen ihre Gegenwart. Nach solchen fünf bis sechs von Schlaflosigkeit, Frost, Hunger Der an seinen Glaubens-Normen festhaltende Jude ißt bekanntlich nicht aus christlicher Küche. Er begnügt sich auf Reisen, wo er nicht bei Glaubensverwandten einsprechen kann, mit Kaffee, Butterschnitten, Kartoffeln in der Schale und Eierspeise, wo die letztere er sich selbst in noch nicht zuvor gebrauchten Geschirren am Heerde seines Wirths auskocht. Der Grund zu dieser Absonderung liegt in der Bibelstelle: »Du sollst kein Böcklein in der Milch seiner Mutter kochen«, (Exod. Kap. 23. V. 19) woraus die Rabbinen den Schluß gezogen, daß Milch- und Fleischspeisen vermischt genossen, als göttliches Verbot zu betrachten, daher in jeder jüdischen Haushaltung für Fleisch- und Milch- oder Butterspeisen abgesondertes Geschirre angeschafft wird. und mancherlei mit Lebensgefahr durchwirkten Tagen, ladet der Freitagabend die von den Mühen der Woche Erschöpften versöhnend zur vier und zwanzigstündigen Ruhe. Hierin« – schloß Buna ihre Schilderung des Jammerlebens jüdischer Landbewohner, – »hierin liegt der mächtige Zauber, welchen dieser Abend der Woche auf alle frommen Gemüther unseres Glaubens auszuüben vermag. In diesem Augenblicke sitzt jeder Hausvater im Kreise der Seinen, und dankt schweigend der Vorsehung, die seinen Fleiß der Woche hinreichend gesegnet, um die Ausgaben für den Sabbat zu erschwingen. »Er hat nichts auf Schabbes« ist eine jüdische Redeweise, um den drückendsten Grad der Armuth zu bezeichnen, denn auch der Dürftigste muß am Freitagabend und am Sabbatmittag mindestens eine gute Fleischbrühe, Fleisch und Waitzenbrode haben, sollte er auch, um die Kosten zu den beiden Mahlzeiten zu erschwingen, die andern Wochentage mit ununterbrochenen Fasten belegen. Bettelnde Vagabunden und andere Heimathlose, geldarme Individuen, melden sich bei dem Gemeindevorsteher um eine Karte, bei deren Vorzeigung man gewiß sein kann, daß der Hausvater, dessen Namen sie enthält, den armen Teufel nicht abweisen, sondern ihn für den nächsten Sabbat oder Festtag gewiß an seinen Tisch ziehen wird, von welcher Pflicht sich viele Familienhäupter mit einem anständigen Almosen an den Vorzeiger der Karte loszukaufen pflegen. Der vom Kummer Niedergebeugte wirft, von der Kraft im Glauben gestärkt, die drückende Seelenlast von sich, und beschließt erst nach Ausgang des Ruhetages den Faden seiner Sorgen weiter zu verfolgen, weil es Sünde ist, am Sabbat gleichfalls sich der Betrübniß zu überlassen.« Der jüdischen Mythologie zufolge, genießen auch die Verdammten am Sabbat der Ruhe, und das Höllenfeuer erlischt am Freitagabend, um erst nach Sabbatausgang wieder zur Qual der Sünder und Lust der sie peinigenden Dämonen zu erwachen. Die um einen Abgeschiedenen durch Wildwachsen des Bartes und siebentägiges Sitzen auf der Erde ihre Trauer andeutenden Eltern, Kinder und Geschwister dürfen am Sabbat wie andere Leute, den Gebrauch eines Sessels sich erlauben, und sich an diesem Tage von ihren Besuchern einen guten Morgen oder Abend wünschen lassen, was an den Wochentagen der Trauerzeit nicht ziemlich wäre. Gram und Kummer sind am Sabbat förmlich untersagt, und jede mögliche Veranlassung desselben daher sorgfältig entfernt. Darum finden am Sonnabend keine Begräbnisse statt. Auch alle Gebete, die auf den Nothstand Israels Bezug nehmen, und die einen mehr flehenden als die Gottheit preisenden Inhalt verrathen, werden am Sabbat überschlagen. Ich kann nicht umhin, die Wahrheit dieser Bemerkung, durch Anführung einer rabbinischen Legende anschaulicher zu machen. Rabbi Meier- erzählt der Talmud – war am Freitag Abend von einer weiten Reise zurückgekehrt, und erklärte gegen seine Ehefrau sich verwundert, bei eintretendem Sabbat, die beiden Söhne vom Hause abwesend zu finden. Die Frau brachte dagegen vor, die jungen Leute wären bei einem wenige Meilen entfernt wohnenden Verwandten zu Besuche. Als nun der Sabbat zu Ende war, erbot sie sich in folgender Sache den Rath des Gatten. Sie gestand, vor längerer Zeit von einem Nachbar Kostbarkeiten zur zeitweiligen Aufbewahrung erhalten zu haben, und nun fordere jener sein Eigenthum zurück. Der Rabbi wunderte sich ob jener Frage, die ein tugendhaftes Gemüth sich selbst zu beantworten vermag. Hierauf führte ihn die Gattin in eine, bisher abgesperrte Kammer, zog ein langes Tuch, das einen auf der Erde ausgebreiteten Gegenstand zu bedecken schien, rasch hinweg und der unglückliche Vater erblickte die Leichen seiner Söhne, die am Freitage gestorben waren. »Diese sind die Kleinodien« – rief die standhafte Mutter aus – »die mir in Verwahrung gegeben worden. Gestern hat sie der Herr von mir zurück gefordert, und unedel wäre es, die Wiederstattung des Geliehenen, mit Klagen zu begleiten, die jeden Andern errathen ließen, wie schwer die Ausübung solcher Pflicht uns werden mag.« »Dieses Gemälde« – bemerkte ich – »eignet sich keinesfalls dazu, die Meinung von den Annehmlichkeiten des Krämerlebens in mir zu befestigen, und die Wiener Judenschaft hat demnach triftigen Grund, auf ihre theuer erkauften Vorrechte eifersüchtig zu wachen, damit ihre auswärtigen Confessionsverwandten nicht allzuzahlreich in die Residenz hinfluten, um die daselbst weit leichter aufzufindenden Erwerbsquellen in ihre Kassen zu leiten.« Hierdurch gewann ich Veranlassung, meinen Unwillen über die, jeden Israeliten entehrenden Bedingnisse, welche selbst ein noch so kurzer Aufenthalt in Wien mit sich führt, gegen meinen Wirth zur Sprache zu bringen. Dieser jedoch suchte mich zu belehren, daß jene seltsame Verordnung weniger zur Bereicherung des Polizeifonds dient, als um die Taschen der in Wien eingebornen Juden zu füllen. »Diese haben« – versicherte Kalman – »unter den Bewohnern der Residenz allein die Befugniß, ihre Confessionsverwandten aus der Fremde unter Anführung des Vorwandes, daß diese bei ihnen in Dienste treten, zu schützen , mit welchem Worte man daselbst die Befreiung eines Individuums von der Judensteuer nicht unpassend zu benennen liebt. Daß jene Herren dieses zu ertheilende Schutzrecht sich mit bedeutenden Summen jährlich von Leuten bezahlen lassen, die obgleich der Behörde als Domestiken gemeldet, doch großartige Geschäftsunternehmungen in Wien ausführen, und auf den Stand der Actien einen wichtigen Einfluß ausüben, gehört nicht in das Gebiet des Unbegreiflichen.« Buna war unter diesen Gesprächen eingenickt, und dies mahnte uns an die stark anrückende Mitternacht; der freundliche Wirth bemerkte, daß ich, von den Beschwerlichkeiten und Entbehrungen einer mehrtätigen Reise ermüdet, wohl der endlichen Ruhe bedürfe, und geleitete mich selbst nach dem duftigen Bodenkämmerchen, wo das reinliche Lager bereitet worden, und die blühendweißen Bett-Linnen mir einladend entgegen lachten. Vorletztes Kapitel Rabbi Feibisch. – Meinungen über den jüdischen Cultus-Tempel in Wien und die Zweckmäßigkeit des daselbst eingeführten Gottesdienstes in deutscher Sprache. Am folgenden Tage hatte Buna, nach einem in meiner Gesellschaft eingenommenen Morgen-Imbiß, mich lächelnd an das Fenster geführt, welches mir eine unbegrenzte Aussicht in die am Sabbat wohl gesäuberte Judengasse verschaffte. Ich weidete meine Augen an dem Anblicke der ergötzlich costümirten Gestalten, welche um diese Stunde dem Bethause entströmten. In der That gewährten die vielfachen Gruppen schnatternder Mütterchen mit ihren, von Kunstblumen durchwirkten faltenreichen Gewändern, seidenen Jäckchen und Perlen besäeten Goldhäubchen einen eben so possierlichen Anblick als die nach den verschiedenen Hausthüren hin sich zerstreuenden männlichen Individuen mit den dickleibigen Andachtsbüchern unter dem Arme, in schwarzen Festtagskleidern und runden Filzdeckeln, mit blühend weißen Halskrausen, nach allen Richtungen hinhüpfend. Einzelne waren theilweise von dieser Art abgewichen, und schritten in runden Hüten und modernen Mänteln, aus welchen der, den Oberleib herabfließende Bet-Talar verstohlen hervorguckte, die lange schlecht gepflasterte Gasse herab. Diese kühne Abweichung von der Ortssitte, ließ auf Wohlhabenheit jener Individuen schließen, welchen die ärmern Gemeindeglieder dergleichen Freiheiten eher zugestehen mögen. Mehrere Greise, in dem oben geschilderten Sabbatanzuge prangend, trippelten, mit dem dicken Pentateuch-Quartanten unter dem Arme, von kleinen Jungen gefolgt, ihren Wohnungen zu, oder schritten mit einem Geistesverwandten in talmudischen Streitfragen begriffen, mit den Händen lebhaft gesticulirend, an den Straßenwänden auf und ab. In Aller Antlitz glänzte die freudige Behaglichkeit der stillen Sabbatfeier. Eine dieser grotesken Gestalten war jetzt auf die Wohnung meines Wirthes, diesem folgend, zugeschritten. Alsogleich klappten die beiden Fensterflügel zu, und Buna beschwor mich jetzt, auf die bedrohliche Visite vorbereitend, daß ich mich aller spottenden Blicke und Aeußerungen über die Ortsgebräuche im Beiseyn des Alten klüglich enthalten wolle. Die Zimmerthüre gähnte langsam auf, und die schwarzbraune, schlanke Greisesgestalt hinkte mit dem üblichen Sabbatgrusse auf die Anwesenden zu. Hinter ihm folgte der junge Hausherr mit einem triumphirenden Lächeln, weil es ihm geglückt, den leutescheuen Rabbi in seine vier Pfähle zu locken. Ueberdies galt der Besuch jenes Mannes jedem Gemeinde-Mitglied für eine ungewöhnliche Ehrenbezeugung, denn Rabbi Feibisch stand dem religiösen Oberhaupte der Gemeinde am nächsten an talmudischem Wissen und frommem Wandel; und erfreute sich fast gleicher Hochachtung unter seinen Glaubensbrüdern. Kalman, welcher sonst nicht gut zur Klasse der Frömmler gezählt werden konnte, schien, da er die Denkweise der Meisten in seiner jetzigen Umgebung kannte, ihre Philosophie auch sich anpassen zu wollen, neigte sich daher zur Parthei der Frommen, beobachtete ängstlich die Ritualien, welche die Sitte des Ortes längst geheiligt, und dieses politische Anschmiegen hatte ihm in der Gemeinde jene allgemeine Achtung erworben, nach welcher er so sehr geitzte, und welche die Wohlhabenheit allein nicht zu erringen vermag. Rabbi Feibisch, dies hatte Kalman längst abgemerkt gehabt, erfreute sich eines größern Anhangs in der Gemeinde als selbst ihr religiöses Oberhaupt; und stand zu erfahren, daß der sonst so sehr die Einsamkeit liebende Feibisch, der ungern nur Besuche empfing, diesmal sogar das Haus eines Andern und überdies eines Jüngern betrat, so konnte dies als eine Begünstigung seltener Art für den Besuchten gedeutet werden. Als Feibisch seinen Platz mir gegenüber eingenommen hatte, der ich von Kalman als ein Freund seiner Familie aus Prag dem Rabbi vorgestellt worden war, legte der Greis seinen runden Filzdeckel neben sich hin, nur das schwarze Sammtkäppchen aufbehaltend, weil baarhaupt zu erscheinen den frömmern Juden, gemäß der fortgeerbten orientalischen Sitte, unschicklich dünkt; und streckte die schwarzbestrümpften Füße, an welchen zierliche Silber-Schnallen funkelten, weit vor sich hin. Nachdem er einige Minuten mit den Fingern in den schwarzgrauen Barthaaren herumgewühlt, schien er gewahrt zu haben, daß meine Blicke fortwährend auf seinem Filzdeckel hafteten. Die Ursache errathend, bemerkte er mit lächelnder Miene, daß der Grund meines Hinstarrens auf einen an sich so unbedeutenden Gegenstand ihm nicht unbekannt sey, und glaubte mich versichern zu müssen, daß nur die seiner Stellung zufolge, unerläßlichen Rücksichten gegen die herrschende Ortssitte ihn zu dem Beibehalten dieser längst veralteten Tracht vermocht hätten; welche, so komisch sie auch der heutigen Generation dünken müsse, doch im sechszehnten und siebenzehnten Jahrhunderte von Deutschlands berühmtesten Gelehrten und Staatsmännern in dieser wunderlichen Kopfbedeckung getragen worden sey. Sodann fragte er mich, ob ich eine Gelegenheit gefunden, einige alte Oelgemälde aus dem Zeitalter Albrecht Dürer's zu besehen? Melanchthon, Calvin und viele nahmhafte Männer jener Periode, versicherte er mich, wären ihm nie anders abgebildet zu Gesichte gekommen, als in jenen sogenannten Nürnberger Barets, von unserm Volke in der gewöhnlichen Wortverstümmelung B'retl genannt. Der Sprecher hatte das Erstaunen, welches sich auf meinem Gesichte malte, ob der von mir unerwarteten Bekanntschaft eines Talmudisten mit Gegenständen, die so weit von seinem Wirkungskreise entfernt lagen, und welche zu wissen, keinem Rabbi zugemuthet werden konnte, mit heimlichem Frohlocken bemerkt; und um meine Verwunderung noch mehr zu steigern, fuhr er in dem angenommenen Tone fort: »Es ist eine Eigenthümlichkeit unseres Volkes, länger als jede andere Klasse der bürgerlichen Gesellschaft am Alten und Verjährten fest zu hangen, dies findet sich auch in gewissen Wortstellungen und Redewendungen, wie: »Was ist die Mähre?« anstatt: »Was giebt es Neues?« die aus dem Mittelalter herstammende Anrede fremder wie bekannter Personen mit dem Wörtchen Ihr und Euch , anstatt des nach jetzigen Begriffen höflichern Sie und dgl. m. Die sicherste Bürgschaft für diese Behauptung ist der Kleiderschnitt der Meisten aus unserm Volke geblieben, welcher nebst dem kleinen dreispitzigen Hütchen auffallend an das Jahrhundert Ludwigs XIV. erinnert. Aber gleichwie die deutschen Juden so ängstlich an der Kleidersitte der christlichen Zeitgenossen ihrer Vorfahren festhalten, noch weit beharrlicher zeigen sich in diesem Stücke die polnischen Juden, deren eigenthümliche Tracht nicht ihre Erfindung, sondern den alten Sarmaten entlehnt ist; denn nicht nur die Polen, sondern auch die Böhmen, welche beide bekanntlich von den, aus dem Norden Asiens, in Europa eingewanderten Sarmaten abstammen, sollen jene Kaftane und Mützen getragen haben; und erst Kaiser Karl IV., welcher die Einwanderungen der Ausländer so sehr begünstigte, hat den Geschichtsschreibern jenes Landes zufolge, an ihre Stelle den schon damals die civilisirteren Provinzen Europa's beherrschenden Pariser Kleiderschnitt einzuführen vermocht.« Kalman ließ sich hierauf einwendend vernehmen, daß mindestens die jüngere Generation von dem Vorwurfe des Festklebens an alten Gebräuchen wohl auszunehmen sey, weil in Hamburg und nun auch in Wien sie selbst an die zeitgemäße Umformung eines weit wesentlichern Gegenstandes, nämlich an eine Andersgestaltung des Gottesdienstes sich gewagt. Den allgemeinen Beifall, welchen der nun auch in Wien errichtete Cultus-Tempel gefunden, worin nach christlicher Weise der Gottesdienst mit Chören und Musikbegleitung abgehalten wird – meinte der Bemerker – dürfte wohl als der passendste Beleg für die Wahrheit seiner Behauptung gelten. Auch ich verwickelte mich jetzt in den Faden des Gespräches und erklärte, daß diese Reform jüdischer Andachtsweise sehr zu mißbilligen sey, und nur der Reiz der Neuheit den Anhängern dieses Cultus Partheien werbe, wie überhaupt alle Besucher des neuen Tempeldienstes den dabei abzuhaltenden Gebräuchen mit denselben Empfindungen, wie einem fremdartigen ungewöhnlichen Specktakel, einem pomphaften Aufzuge u. dgl. beiwohnen. »Diese kirchlichen Ceremonien des Abendlandes« – fuhr ich mit Emphase fort – »werden sich nimmermehr mit der orientalischen Denkweise des Ebräers vereinigen, dessen Begriffe von Heiligkeit und Ehrfurcht selbst in unbedeutenden Dingen so auffallend von den Sitten des Christen abweichen, daß er das Abziehen des Hutes am Orte der Andacht eben so unschicklich und verletzend findet, als in Schuhen oder Stiefeln den Priester jenen Ort des Bethauses betreten zu lassen, von welchem herab dieser an Festtagen dem Volke seinen Segen ertheilt. Der müßige Pöbel ergötzt sich an den neuen Formen dieses Cultus, horcht mit affectirter Weihe den Tönen der Musik, will aber kaum sich selbst gestehen, daß jenes fromme Gefühl, welches den wahrhaft Andächtigen beseelt, sich an solchen Orten nimmermehr einstellen wird.« Buna ließ sich hierauf entgegnend vernehmen, daß jenes unharmonische Zusammenstimmen der Andächtigen in den gewöhnlichen Bethäusern, das Feilbieten der heiligen Amtsverrichtungen, die während der Gebetpausen laut werdenden Schwätzer u. s. f. eine Verbesserung des Gottesdienstes und eine Andacht erweckende Form desselben längst wünschenswerth machten, zudem sie nur loben könne, daß in diesem Cultustempel, wie man ihr erzählte, die Gebete nicht in jenem den Weibern unverständlichen hebräischen Idiome, sondern in der Landessprache abgehalten werden, und daher ihrem Zwecke mehr entsprechen. Diesen Vorzug meinte der gelehrte Rabbi in Zweifel ziehen zu müssen, und berief sich in dieser Sache auf die Autorität eines Christen, den Philosophen Montaigne, der es dem Gottesdienste der Katholiken nachgerühmt, die lateinische Sprache in den Gesängen des Priesters, bei den Meßopfern und sonstigen kirchlichen Functionen fortleben zu lassen; denn der fremdartige Klang jener unverständlichen Worte weckt in der Brust des Laien einen heiligen Andachtsschauer, welchen die im gewöhnlichen Leben zu den profanen Tagsgeschäften gebrauchten Worte nicht zu bewirken vermögen. Kalman widerlegte dem Sprecher, daß dem von dem Rabbinen eingeführten ältern Gottesdienste, bei welchem die Masse der täglichen Gebete selbst dem Frömmsten eine ununterbrochene Aufmerksamkeit auf den Inhalt derselben unmöglich macht, und seine Andacht zu einem bedeutungslosen Geplärre herabzieht, eben so wenig das Wort zu reden sey, und er halte überhaupt eine kirchliche Radikal-Verbesserung des Judenthums für eine Idee, die nie realisirt werden könne. Der Rabbi fragte lächelnd, welchen Grund man für die Unverbesserlichkeit des jüdischen Volkes anführen könnte? und erhielt zur Antwort, daß eines Theils das Kleben am herkömmlichen, andern Theils der Verfolgungsgeist gegen einige hellsehende Zeitgenossen, wie auch die durch Zerstreutleben in verschiedenen Ländern unmöglich zu bewirkende Sitten-Einheit der jüdischen Gemeinden die gutgemeinten Absichten der wenigen Reformatoren stets vereiteln werden. »Wünschenswerther« – setzte unser Wirth hinzu – »wäre es, in Glaubenssachen zeitgemäße Umänderungen vorzunehmen, anstatt in Nebendingen uns dem Zeitalter anpassen zu wollen.« »Und worin bestehen diese Nebendinge?« fragte Buna ihren Gatten. »In dem lächerlichen Streben« – lautete die Antwort – »der Meisten unseres Volkes, ihre jüdischen Namen gegen christlich lautende umzutauschen. So nennt sich der in den Stadtbüchern als Abraham eingeschriebene jüdische Stutzer im gewöhnlichen Leben Adolf, Moses wird zum Moritz, Bele meldet sich als Babette, u. s. w.« »Und doch ist selbst Bele« – belehrte uns der Rabbi – »ein aus dem Mittelalter nur in verpfuschter Form auf uns überkommener christlicher Namen, lautet unverstümmelt: Bella und bedeutet schön . Ebenso ist Buna« – hier lächelte der Redner unserer Wirthin zu – »mittelalterlich christlichen Ursprungs, sollte Bona ausgesprochen werden, und lautet in der Uebersetzung: gut . Aber wie die beiden hier angeführten weiblichen Namen aus dem Lateinischen abstammen, leitet man den meinigen Feibisch aus dem Griechischen her; von seiner Verstümmelung befreit, würde er Phöbus klingen, und ich daher anstatt im Conscriptionsregister als Veit angemerkt, weit passender als Apollonius dort eingebucht seyn. Daß diese Verbesserung meines Namens die einzig richtige sey, beweiset der hebräische Name Schuragien (Licht), welcher mit Feibisch stets verbunden ist, bei den Griechen war bekanntlich Phöbus der Sonnengott, und so werden Sie meine etymologische Erklärung gewiß ungezwungen finden.« »Woher« – fragte Buna – »mögen die griechischen und lateinischen Eigennamen zu uns übergegangen seyn? Der characteristische Absonderungsgeist unserer Nation scheint der Aufnahme derselben wohl nicht günstig gewesen zu seyn.« »Dieser Absonderungsgeist« – erklärte Feibisch – »hat sich nur auf Wesentlichkeiten, wie den Gottesdienst und die Ehe beschränkt; in andern Dingen jedoch, deren Annahme die Nationalität der Juden weniger zu gefährden schien, haben wir zu allen Zeiten der Landessitte zu huldigen gesucht. Jene jüdischen Gemeinden, welche in Alexandrien und andern griechischen Städten ihre Wohnsitze hatten, mochten mit den Sitten ihrer Orts-Nachbarn zuweilen auch ihre Namen sich angeeignet haben. Diese Licenz hat, wie aus den angemerkten lateinischen Weibernamen zu ersehen, deren Einführung erst im christlichen Mittelalter statt fand, sich bis auf die gegenwärtige Zeit unter uns fortgeerbt.« »Und doch« – ließ ich nach langer Pause mich wieder vernehmen – »scheinen die Behörden unser Anschmiegen an die Sitten des Volkes, unter welchem wir leben, mindestens in diesem Stücke nicht gut heißen zu wollen. So wurde kürzlich der Religionsvorsteher der Judengemeinde in Prag zu einem Staatsbeamten gerufen, um dessen Mißbilligung zu vernehmen, weil er dem unter der dortigen Judenschaft um sich greifenden Unwesen nicht zu wehren gedenke, indem die ganze jüngere Generation seines Glaubens ihre hebräischen Vornamen willkürlich mit solchen christlichen Ursprunges vertauschen.« Der Rabbi vertheidigte sich mit einem Witze, welcher auf einem geschichtlichen Factum basirt war. »Als der Welteroberer Alexander von Macedonien« – erzählte er – »auch in Jerusalem eingetroffen war, berathschlagten die Weisen Judäa's unter sich, welche Art von Ehrenbezeugung man dem großen Könige erweisen könnte, deren Werth in der Neuheit des Gedankens zu suchen sey; und man kam überein, alle an demselben Tage in der Stadt geborenen Knaben nach dem griechischen Helden zu benamen, um auf diese Art die Erinnerung an denselben bis auf die späteste Nachwelt in Israel festzuhalten; der Welteroberer soll über diese ihm erwiesene Aufmerksamkeit so eigenthümlicher Art sich sehr günstig geäußert haben. Wenn nun« – schloß der Rabbi seine Erzählung – »einer der mächtigsten Könige, dessen Namen die Geschichte noch jetzt mit Bewunderung ausspricht, einen Act von ehrender Auszeichnung darin finden wollte, daß sein Name auf die Kinder Juda's überginge; dürfte dann noch wohl ein von Wurzeln und Kräutern seine ärmliche Existenz fristender Heilige diese nun auch ihm zuweilen von einem Sprößling Jakobs erwiesene Huldigung so gar übel aufnehmen?« Ein unisono angestimmtes Gelächter lohnte meinen Beitrag zu der Conversation, die sich noch lange fortgesponnen hätte, wenn nicht Feibisch durch einen seiner Domestiken abgerufen worden wäre, der ihm die Mahnung seiner Ehehälfte hinterbrachte, sie und das Hauspersonale nicht länger auf das Mittagessen warten zu lassen. Eilig, als gälte es die Rettung eines Menschenlebens, hüpfte der Greis von seinem Sitze auf, nur mit einer flüchtigen Verbeugung von uns Abschied nehmend. Während des Mittagmahles unterließ Buna nicht, der Eigenschaften dieses Mannes ausführlich zu gedenken. Indem sie aber der ungewöhnlichen Gedächtnißstärke des Rabbi und seinem durch vielfache Studien genährten Scharfsinne, das verdiente Lob zugestand, konnte sie doch nicht unterlassen, Klagen über dessen Mangel an sittlicher Ausbildung vorzubringen. »Die Vernachlässigung seines Anzuges, die kecke nonchalence im Umgange mit unserm Geschlechte« setzte sie empfindlich hinzu – »die ununterbrochenen Tabak-Transporte, welche dieser Mann in nur kurzen Pausen mit eckelhaftem Geräusche seinen Nasenhöhlen zuführt, das Spritzen aus dem Munde, wenn er mehr als zwei Redesätze vorzutragen hat, diese häßlichen Angewohnheiten haben mir sein Ausbleiben längst wünschenswerther als seine Besuche gemacht.« Ihr Gatte hingegen glaubte zum Ruhme des Angeklagten vorbringen zu müssen, daß ein Mann, der um nicht gegen die beschränkte Denkweise seiner Umgebung zu verstoßen, jedes Studium eines nicht religiösen Gegenstandes nur verstohlen vornehmen durfte, wegen seines Vertrautseyns mit den Wissenschaften auf größere Nachsicht mit ihm anklebenden sittlichen Mängeln Anspruch machen dürfte. Ueberhaupt – meinte Kalman – verdiene Rabbi Feibisch seines vielseitigen Wissens und toleranter Gesinnungen halber, größere Würdigung als Tausende seiner Standesgenossen, die jede andere Weisheit als die aus dem Talmud geschöpfte stolz verschmähen, weil sie ausschließlich die Gemara als den Born alles menschlichen Wissens angepriesen wünschen möchten. Letztes Kapitel Die Vermählung. – Das Adels-Diplom. Der Rest jenes Tages verstrich, theils in an mich gerichteten Nachfragen meines Wirths über die gegenwärtigen Glücksumstände seiner Mutter und das eheliche Verhältniß seiner Schwester, welche von mir zu seiner Befriedigung beantwortet wurden; theils auch in Berathungen über meinen künftigen Lebensplan, und die Anordnung unserer Geschäftsverbindungen. Der folgende Morgen war Zeuge meines herzlichen Abschieds von dem wackern Kalman und seiner edelsinnigen Gemahlin. Ausgerüstet mit den erforderlichen Mitteln zur Eröffnung des projectirten Geschäfts-Comptoirs in Prag, ward es mir nicht schwer, die gewünschte Heirathsbewilligung mit meiner heißgeliebten Judith, um deren Hand ich mich nun ernstlicher bewerben durfte, zu erlangen. Glückliche Privatunternehmungen wirkten nicht minder, als die zahlreichen Commissions- und Speditions-Aufträge Kalmans dazu mit, mir schon in den ersten zwei Jahren meines Geschäftslebens ein nicht unbedeutendes Vermögen zu sammeln, so daß ich mich bald im Stande fühlte, ansehnliche Woll-Vorräthe auf eigene Rechnung an die auswärtigen Handelshäuser zu versenden. Ein auswärtiger Krieg vermehrte die Aufkäufe und hierdurch das Steigen der Preise dieses Artikels. Die Gewinnste eines einzigen Jahres hatten mich zum reichen Manne umgeschaffen; und die Theilnahme Judiths an meiner mercantilischen Thätigkeit, welche durch ihren berathenden Einfluß Vieles zum Gedeihen meiner Unternehmungen beizutragen vermochte, gewann mir das Vertrauen ab, ihr das Ruder des Geschäfts auf Monate zu übertragen, um eine wichtige Handelsreise nach Ungarn Behufs großer Tabakaufkäufe anzutreten. Zwar durfte ich den bestehenden Landesgesetzen zufolge, diesen Handelszweig nicht nach Böhmen einführen; weil ich jedoch in der Eigenschaft eines kaiserlichen Lieferanten aufzutreten beschloß, ward ich von diesem Zwange ausgenommen. Allerdings durfte auch nicht das geringste Quantum zu einem andern Zwecke, als in Ablieferungen an die Finanzbeamten verwendet werden. Dennoch fand ich meine Rechnungen nicht verfehlt, und weil der Staat bei meinen Lieferungen im Verhältnisse zu denen eines von mir überbotenen Vorgängers weit vortheilhafter bestand, so verkündeten bald die politischen Zeitungen, welche innerhalb des Kaiserstaates erscheinen: »Sr. Maj. haben geruht, den Tabakslieferanten Nathan Maier in Prag in Anbetracht seiner Verdienste etc. in den Adelstand mit dem Prädicate: 'Edlen von Maiersfeld' zu erheben, und zwar die Adelswürde auch auf seine Descendenten zu übertragen.« Diese abermalige Glückserhöhung bestimmte mich, meinen Wirkungskreis in die Residenz zu verlegen, welche, als der Mittelpunkt des östreichischen Handels, eine noch mehr erhöhte Geschäftsthätigkeit gestattete. Mein Stolz weidete sich an der Erinnerung, einst in derselben Stadt den schmählichen Judenzoll entrichtet zu haben, welche jetzt ein Zeuge meines ungewöhnlichen Glückes geworden, wo eines der herrlichsten Gebäude, das allgemein zu den Zierden einer der Hauptstraßen dieser Residenz gezählt wird, auf meinen Namen stadtbücherlich eingetragen worden, und dessen Mauern noch jetzt täglich die angesehensten Cavaliere und vornehme, mit Ordensbändern gezierte Fremde aus allen Gegenden Europa's aufzunehmen pflegen. Auch mein Familienleben hat die gütige Vorsehung gesegnet. Ermüdet von den Tagesgeschäften verlasse ich mit einbrechendem Abende das mit Courszetteln von allen Börsen Europas beschüttete Geschäfts-Comptoir, um mich in den linken Flügel des Hauses zu verfügen, welchen meine inniggeliebte Judith mit zwei aus unserer Ehe erzeugten hoffnungsvollen Knaben bewohnt. In ihrem fröhlichen Kreise befreie ich mich von dem lästigen Zwange eines steifen Ceremoniells, welches der herrschende Ton einer großen Residenz bei den Besuchen von Standespersonen uns aufzuerlegen pflegt.   Hier schließt die Geschichte meiner ersten Lebenshälfte, welche, der in den Adelstand erhobene, einst arme und unbedeutende Schlächtersohn aus Trebisch, niederzuschreiben, sich nicht entblödete. Der Erzieher meiner Söhne, ein Kandidat der Medizin, hat von mir das mühsame Geschäft erhalten, meine Handschrift durchzublicken, um sie der grammatischen und stylistischen Prüfung zu unterwerfen, und sie nach seinem Gutbefinden der Presse zu überliefern. Der daraus zu gewinnende Ertrag soll zur Bestreitung seiner Promotionskosten und Erlangung der Doctorwürde für ihn verwendet werden; und nun lieber Leser, empfange zum Danke für deinen Antheil an meinen Jugenderlebnissen, welchen du durch eine bis zum Schlusse des Buches fortgesetzte Lectüre desselben zu bewähren schienst, ein herzliches Lebewohl! Wien, im Wonnemonat 1834 Mit Königl. Sächsischer Censur.