Schlumski Eine Hunde- und Menschengeschichte Von Agnes Harder     Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha 1916     Inhalt Der Schäferkaro Prinzchen Terro, der wilde Jäger Der tolle Hund Ins Leben hinaus! Beim Lumpensammler Der treue Schlumski Onkel Lungrich Zwei Ziehhunde Weihnachten Wie Ali spintisiert Wenn die Not am größten Ist Gottes Hilf am nächsten In der Hundeklinik Der ehrgeizige Pudel Der Hundefänger Herrenlos Ende gut, alles gut     Der Schäferkaro Als ich meine Augen aufmachte, sah ich gerade über mir ein strahlendes Knabengesicht und hörte eine jubelnde Stimme: »Neumann, jetzt können sie sehen! Der Gelbe hier hat eben geblinzelt, ich habe es ganz deutlich gemerkt!« »Schön, junger Herr. Aber legen Sie ihn man wieder zurück. Was seine Mutter ist, die Freya, die knurrt all.« Die kleine Knabenhand, die mich fest und derb an der Haut im Nacken hielt, ließ mich fallen, und ich fiel auf einen runden dunklen Gegenstand, meinen Bruder Wotan. Als ich ihn berührte, erkannte ich ihn sofort wieder. Ich hatte mich bisher in meiner kindischen Blindheit neben ihm herumgedrückt, ohne ihn zu sehen. Meine Mutter brachte mich mit einem zärtlichen Knurren wieder in die richtige Lage und leckte mir mit ihrer weichen Zunge einmal über den Rücken. »Hörst du, Neumann, sie knurrt«, sagte der kleine Hans. »Sie ist böse, daß ich Schlumski angefaßt habe. Und er ist doch so niedlich. Wie schade, Neumann, daß die vier anderen tot gemacht sind.« »He, junger Herr, wir haben all so genug. Und 2 von diesen beiden muß auch einer fortgegeben werden, hat der gnädige Herr gesagt.« »Welcher, Neumann?« Ich horchte hoch auf. »Das ist noch ungewiß, und das hat auch noch Zeit.« – Jeden Tag kam Hans uns ein paar Mal besuchen. Es war sein letzter freier Sommer. Im Herbst sollte er einen Hauslehrer bekommen. Auch mein Bruder Wotan hatte nun seine Augen aufgemacht, und unter unserer Mutter hervor spähten wir nach dem Jungen aus. Freya nahm es nun nicht mehr übel, wenn er uns hochhob und zappeln ließ. Wir konnten nun schon derber angefaßt 3 werden, und zuweilen ließ uns die Mutter auf den Hof, damit wir uns die Welt betrachteten. Mächtig groß war sie. An dem Schuppen, in dem wir geboren waren, zogen am Morgen und am Abend die Schafe vorbei, eine ganze Herde. Die Lämmer sprangen munter um ihre Mütter herum, aber der Schäferkaro war fixer als sie und trieb sie zusammen. Der Schäferkaro war unser Freund nicht. Am Abend saß er gerade aufgerichtet, wie eine Schildwache vor dem Stall, und wenn Wotan und ich uns bei unseren Spielen in seine Nähe kollerten, rumpfte er verächtlich die spitze Nase. Er spielte nie. Er war immer stramm, wie im Dienst. Sogar die fettesten Hammel hatten Angst vor ihm, und ich habe wohl gesehen, daß er einmal einen gebissen hat. 4 Auch die Hühner gingen um den Schäferkaro scheu herum, als trauten sie ihm nicht, ob er gleich keine Miene verzog, wenn ein unerfahrenes junges Ding einmal an seinem Futtertrog pickte. Er sah eben zu streng aus. Es waren ganz getrennte Gesellschaften auf dem Hof. Die feinsten waren die Puten. Die Mamsell, die viel zu sagen hatte unter dem Federvieh, wurde ganz verrückt, wenn es plötzlich anfing zu regnen, und die jungen Puten waren draußen. Dann lief sie herum und schlug mit ihrer Schürze und jagte sie. »Wenn sie naß werden, sterben sie«, jammerte sie, »und zu Weihnachten sollen sie doch fett sein und geschlachtet werden.« Alle Mägde mußten die jungen Puten treiben, bis sie in Sicherheit waren. Wotan und ich fanden es verächtlich, daß die Prinzessinnen nicht einmal ein paar Regentropfen aushielten. Wenn sie dann im Sonnenschein wieder an uns vorbeistolzierten auf ihren langen Beinen und die Augenlider so recht müde zufallen ließen und sich vornehm taten, dann bellten wir ihnen nach: dumme Puten! dumme Puten! Nach den Puten kamen gleich die Enten. So vornehm wie die Puten waren sie nicht; aber sie hatten ein eigenes Hütemädchen, die schwache Trine. Die war aber nur schwach im Kopf, nicht auf den Füßen, und konnte ihnen nachlaufen und sie beisammen halten mit ihrem langen Haselnußstecken, an dem oben noch die Zweige standen, wie eine Fahne. Aber nur die jungen Enten! Die Alten gingen immer in feierlichem Zuge, eine hinter der andern zum Teich, und dabei quakten sie ihr Leiblied: 5 »Wir sind blaue Schweden Und fressen einen jeden, Frosch oder Schneck, Quak, quak, quek, quek!« Sie waren furchtbar stolz darauf, daß sie blaue Schweden waren. Darum gingen sie immer eine hinter der anderen und watschelte so würdevoll. Nein, auf die großen Enten brauchte die schwache Trine nicht aufzupassen, aber auf die kleinen. Die trieb sie immer zum Teich und wieder zurück, und sah, daß jedes seine Portion gehackte Nesseln bekam, und sorgte für sie. Aber weil sie doch eben nur die schwache Trine war, vergaß sie manchmal ihr Amt. Dann fiel ihr der Stecken aus der Hand und sie sah auf die Vergißmeinnicht, die am Teich wuchsen, und träumte mit offenen Augen. Und dann kam jedesmal eine alte Krähe, die auf dem abgestorbenen Weidenbaum am Ufer lauerte, bis die schwache Trine ins Träumen kam, und trug ein Entlein weg. Das gab einen Mordsspektakel! Wotan stieß mich mit der Nase an, wenn wir ihn hörten, und wenn dann die alten Enten an uns vorbeimarschierten und traurig mit den Schwänzen wackelten, dann bellten wir: »Quack, quack, quack, quack – Rächt euch doch an dem Krähenpack!« Aber das konnten sie nicht. Sie waren so dick, daß ihre Flügel ihren Bauch nicht in die Luft tragen konnten. Am gemeinsten waren die Hühner. Sie blieben auch meistens unter sich, oder gingen in den Garten, 6 auf die frischgesäeten Erbsenbeete. Und immerzu kamen Klucken mit Kücken. Es schien so, als sollte der ganze Hof mit jungen Hühnern überschwemmt werden. Hans sagte, er sähe aus wie eine Wiese mit Butterblumen, wenn die gelben Küchlein so über ihn hintrippelten. Wotan und ich sahen das alles von unserem Schuppen an, und als wir größer wurden, war es unsere größte Freude, die Hühner zu jagen, immer im Kreise herum. Wir nannten das »blinde Kuh spielen«. Aber wir taten es nur, wenn gerade keiner von den Knechten und Mägden da war. Nun gab es ein junges Huhn, das hieß Nackthälschen, denn auf seinem Halse wuchs nicht ein einziges Federchen. Nackthälschen wurde von all seinen Geschwistern gemieden und keines ging mit ihm zusammen. Auch seine Mutter kümmerte sich gar nicht um Nackthälschen. Es wurde immer vom Futter abgedrängt und wäre wohl verhungert, wenn nicht der kleine Hans ihm immer von seinem Frühstücks- und Vesperbrot abgegeben hätte. Dann stand er auf der Treppe der Veranda und lockte es: »Nackthälschen, Schwarzröckchen, Hol dir die Bröckchen!« Und dann kam es angelaufen. Wotan und ich, wir durften nicht auf die Veranda, aber immer, wenn Nackthälschen hinlief, ärgerten wir uns. Nackthälschen hatte uns nichts getan, aber wir konnten es nicht leiden. Und als wir immer übermütiger wurden, weil es uns so gut ging, da fingen wir an, Nackthälschen zu jagen. 7 Es hatte schreckliche Angst vor uns und lief und lief. Aber weil es nur schwach war, wurde es bald müde. Da schnappte Wotan zu und wollte es haschen. Aber wie er es im Maule hatte, streckte es seine Beine aus und war tot. Nun bekamen wir einen gewaltigen Schreck und verkrochen uns. Es war nur gut, daß niemand auf dem Hofe war, als der Schäferkaro. Es hatte sehr geregnet, und die Schafe waren nicht ausgetrieben. Aber nun kam Neumann, der Gärtner, gegangen. Vor dem toten Nackthälschen blieb er stehen und sah sich um. Schäferkaro sah gerade aus, wie ein ehrlicher Mann. Der Gärtner nickte ihm zu und sah zu uns. Wir machten schnell die Augen zu. »Ihr Rackerzeug«, schrie er da. Und nun nahm er ein Stück Holz und schlug auf uns los, daß unsere Knochen knackten. Wir winselten und baten, aber es half nichts. Da kam der kleine Hans. »Neumann«, rief er, »schlag doch Schlumski und Wotan nicht tot«. Aber der Gärtner zeigte auf Nackthälschen. Da 8 fing der Junge an zu weinen und nahm das tote Huhn und sagte: »Schlag zu! Schade um jeden Schlag, der vorbeigeht, sagt der Vater zu mir. Und ich will es begraben, und dem Lehrer sein Karl soll eine Predigt halten.« – Am Abend lagen Wotan und ich neben der Pumpe, ganz windelweich geschlagen. Da kam der Schäferkaro, setzte sich vor uns hin, wedelte mit dem Schwanze, sah uns verächtlich an und knurrte: »Nun habt ihr's! Aber das kann ich nicht länger mit ansehen. Zucht muß sein. Und ich werde euch erziehen. Ich selber. Ich bin der klügste Hund auf dem Hof, das wißt ihr doch. Wenn mein Herr sagt: Karo, heut treiben wir auf die Haferstoppeln, dann geht es auf die Haferstoppeln. Und wenn er sagt: Karo, heut über den jungen Roggen, dann zeig' ich den Weg. Ja, und ihr wißt, ob ich geachtet werde und die Nase hoch tragen kann. Und ich halte auf Ordnung und euch nehme ich nun in die Lehre. Morgens vor dem Austreiben eine Stunde, und abends nach dem Heimtreiben wieder eine. Und Sonntags während der Kirche ist Wiederholung. Ihr wißt noch nicht, wie das Hundeleben ist und seid übermütig.« »Wie ist denn das Hundeleben«, fragte ich. Da sah der Schäferkaro gerade aus über seine spitze Nase weg, und nun sah er fast ebenso aus, wie der Schäfer, wenn er die Brille auf der Nase hatte und den Strickstrumpf in der Hand und so ganz unbeweglich auf dem Stoppelfeld stand, und der Nebel wogte um ihn her. 9 »Das Hundeleben ist verschieden. Für uns, die wir auf dem Hof geboren werden, ist es meist nicht leicht. Aber es ist ehrenvoll. Denn kein Tier steht dem Menschen so nah, wie der Hund. Also sind wir die ersten von allen Tieren. Als der Schäfer noch jung war, und mein Großvater ging mit ihm hüten, da blieben sie in den langen Sommernächten draußen, auf dem Felde. Da stand eine Hütte auf Rädern, die konnte von einem Feld auf das andere gefahren werden. In der Hütte schlief der Schäfer. Und mein Großvater lag draußen und sah nach den Schafen, und der ganze Himmel war voll Sternen. Der eine aber war der Hundsstern. Da sieht man doch, wie wichtig wir Hunde sind, daß wir sogar einen eigenen Stern haben. Zu Weihnachten aber, wenn sich die Knechte im Schafstall das Erbsenstroh holen und den Pferdejungen damit einwickeln, der den Bären machen soll, wenn sie mit dem Schimmelreiter ins Herrenhaus gehen, dann erzählen die Knechte, unter dem Tannenbaum, den die gnädige Frau ansteckt, stehe eine Krippe. Und in der Krippe liege das Jesuskind. Und Hirten knieten davor und beteten es an. Dann nickt mein Herr, der Schäfer, mit dem Kopfe und sagt: ›ja, und der Schäferhund ist auch dabei‹. Na, da seht ihr's doch. Und morgen mit Sonnenaufgang geht der Unterricht los. Wir treiben doch nicht so früh aus. Es schadet den Schafen, wenn noch Tau liegt.« So eine lange Rede hatte der Schäferkaro noch nie gehalten. Aber jetzt stieg der Vollmond über dem großen Heuschober empor. Und da erhob er sich und bellte ihn an. Denn er konnte ihn nicht 10 leiden. Er sagte, er hätte ein zu großes, rundes, rotes Gesicht. Und als der Karo anfing zu heulen, da fielen alle Hunde im Dorf ein. Nein, ihr glaubt nicht, wie sie bellen konnten! Wotan und ich, wir dachten, der Vollmond würde nun gleich vor Schreck herunterfallen, in den Ententeich. Aber er stieg immer höher und höher, über all die weißen, kleinen Lämmerwölkchen hinweg. Wotan und ich krochen auf unsere Decke, denn wir durften noch nicht mitheulen. Erst beim ersten Vollmond nach unserer Mündigkeit, so um die Herbst-Tag- und Nachtgleiche. Aber unser Herz zitterte vor Freude bei dem Hundekonzert. Am nächsten Morgen, als der kleine Hans kam, um mit uns zu spielen, da sagte er: »Der Karo bellt nur so, weil er neidisch auf den Mond ist. Der weidet all die Sternlein am Himmel und hat also viel, viel mehr Lämmerchen als er. Und nun ärgert sich der dumme Karo.« Und dann sang Hans ganz laut: »Wer hat die schönsten Schäfchen? Die hat der goldne Mond, Der hinter unsern Bäumen Am Himmel droben thront.« Aber der Schäferkaro machte so, als hörte er nicht und saß ganz steif und sah geradeaus über seine spitze Nase. 11 Prinzchen Eines Tages fuhr der Kutscher mit den beiden Braunen zur Bahn, und als er zurückkam, saßen ein Herr und eine Dame im Wagen. Neben dem Wagen sprang ein schwarz und weiß gesprenkelter großer Hund einher, und die Dame trug auf dem Schoß ein winziges Wachtelhündchen, das hatte einen leichten, seidenen Mantel um zum Schutz gegen den Reisestaub. Der zweite Kutscher aber, der auch auf die Bahn gefahren war, brachte Berge von Koffern, Schachteln und Hutkisten mit. Hans kam dieses Mal sehr spät zu uns herunter. Er hatte seinen allerbesten Matrosenanzug an und niedrige Strümpfe und war ganz rot im Gesicht, denn er hatte heimlich von der Erdbeerbowle getrunken. »Pfui«, sagte er, »ihr seid garstige Hunde! Meine Tante Meta ist angekommen und mein Onkel Fredi. Und jedes hat seinen Hund mitgebracht. Onkels heißt Terro, und Tantens Prinzchen. Die dürfen aber nicht auf den Hof. Dazu sind sie viel zu fein. Terro trägt ein Halsband mit seinem Namen und der Straße, in der er in Berlin wohnt. Und Prinzchen hat einen ganzen Koffer mit Mänteln mit, in denen sind Taschen mit Schnupftüchern, auch ein paar seidene Hosen, und mindestens ein halbes Dutzend Halsbänder, eins mit 12 lauter silbernen Glöckchen. Ich hab' Tante Meta gleich gebeten, ob Terro und Prinzchen nicht herunterdürfen, auf den Hof, mit euch spielen. Aber da ist sie beinahe in Ohnmacht gefallen. Hofhunde sind schrecklich gemein, hat sie gesagt, und ihr Prinzchen sei ein süßer Liebling.« – Ja, ich muß sagen, an dem Tage war Hans nicht gut mit uns. So hatte er noch nie mit Wotan und mir gesprochen, und ich denke auch, das kam nur, weil er von dem Wein genippt hatte. Und im Stillen schämte er sich auch sicher. Aber er kam nun viel seltener zu uns, denn die Herrschaften fuhren sehr oft aus, und Hans durfte auf dem Bock sitzen und mitfahren, und Terro lief nebenher. Prinzchen aber saß immer auf dem Schoß von Tante Meta und wurde mit einem seidenen Tuche zugedeckt, und kläffte jedesmal, wenn die Pferde anzogen. »Was denkst du davon«, fragte ich den Schäferkaro, der nun unser Lehrer war. Der Schäferkaro hatte zugehört, was uns Hans von den fremden Hunden erzählt hatte. »Lieber Schlumski«, sagte er mit freundlicher Herablassung, »du mußt nicht denken, daß Hänschen schon sehr klug ist. Wenn ein Hund sechs Jahre ist, dann steht er in der Höhe seiner Kraft. Aber ein Mensch ist mit sechs Jahren gerade so weit, wie du und Wotan. Was weiß der kleine Hans vom Leben? Was den Terro anbetrifft, so streicht er ja zuweilen über den Hof. Ich habe den Herrn schon beobachtet und denke, wir werden noch etwas an ihm erleben. Und Prinzchen gehört doch nur zu den Kläffern. Wenn mir jemand eine seidene Decke 13 geben wollte, würde ich ihn in die Waden beißen. Ein Hund, der immer auf dem Schoß liegt und um Zucker bittet, ist gar kein anständiger Hund. Zucker verdirbt den Charakter. Wartet ab, ihr werdet es erleben.« Wotan und ich waren aber sehr neugierig. Immer wollten wir Prinzchen sehen und schlichen um das Haus und versteckten uns auf der Veranda. Wir konnten gar nicht begreifen, warum mit einem so kleinen Tier so viel Aufhebens gemacht wurde. Aber wirklich, alles drehte sich bei Tante Meta um Prinzchen. Wenn Musik gemacht wurde, stellte es sich hin und bläffte so lange, bis der Flügel geschlossen wurde. Wotan und ich fanden das Klavierspielen ja auch gräßlich. Karo hatte uns gelehrt, Menschen verstünden überhaupt nichts von Musik. Nur Hunde wüßten, wie man singen müsse. Aber Wotan und ich hätten nie gewagt, unsere Mißbilligung zu äußern. Dann hätte man uns sicher hinausgeworfen. Prinzchen aber stellte sich vor den Spieler oder Sänger hin und bei jedem hohen Ton bläffte er vor Wut. Wir sahen auch, daß niemand im Hause Prinzchen leiden konnte. Die Diener und Mädchen hätten ihn gerne heimlich getreten, aber sie hatten Angst vor der Gnädigen. Die brachte ihn morgens in ihrer Morgenjacke zum Frühstückstisch. Auf den durfte er hinaufspazieren und von der Sahne lecken. Hänschens Mama wurde immer ganz rot vor Ärger, wenn sie es sah. Aber sie sagte nichts, denn Tante Meta war ihr Besuch. Eines Tages waren Wotan und ich ins Haus 14 geschlichen und hatten uns unter dem Schreibtisch verkrochen, während alles bei Tisch saß. Da hörten wir plötzlich Gläserklirren, und dann Schreien und Laufen. Wotan lugte um die Ecke und sagte mir, Prinzchen wäre auf den Tisch gesprungen und nun liefe der rote Wein über das Tischtuch. Aber dann kroch mein Bruder schnell zurück, und da kam Prinzchen schon angerast, eine Serviette zwischen den Zähnen, die riß er ritsch-ratsch entzwei, daß die Fetzen nur so flogen. Mit einem Bein war er in ein Stachelbeertörtchen getreten. Nun saß der Mürbteig wie ein Ring um seinen Fuß, und die Stachelbeeren kollerten hinter ihm her. Alle folgten ihm, und Tante Meta weinte und rang die Hände. Jetzt geht es ihm aber schlecht, dachte ich, und ich muß gestehen, daß ich mich darüber freute. Aber es sollte anders kommen. Prinzchen hatte uns gewittert und blieb vor dem Schreibtisch stehen und bekam Zuckungen vor Wut. Hans zog uns hervor, und als Tante Meta uns sah, sagte sie, wir wären an allem Schuld; andere Hunde machten Prinzchen immer nervös, und wenn Hans uns nicht geschützt hätte, hätten wir womöglich Hiebe bekommen. Wir kniffen den Schwanz ein und liefen auf den Hof zurück. Von nun an verachteten wir Prinzchen und wollten nichts mehr von ihm wissen, und wenn er ausfuhr, versteckten wir uns, ja, einmal, als er auf den Hof kam, nur um zu zeigen, daß er wirklich rote Seidenhöschen anhatte, und so tat, als ob er an der Pumpe Wasser trinken wollte, machten wir die Augen fest zu und blinzelten nicht 15 ein bißchen. Die Enten und die Hühner freilich waren vor Entzücken ganz außer sich, legten den Kopf auf die Seite und verdrehten die Augen. Aber der Puter wurde tückisch, bekam einen blauen Koller und fuhr auf Prinzchen los. »Rote Hosen tragen die Franzosen«, kollerte er, »weg von unserer Pumpe, du Lumpe«. Da hättet ihr sehen sollen, wie Prinzchen lief. Wotan und ich wälzten uns vor Freude. Nein, Mut hatte er nicht. Seit dem durchgetretenen Stachelbeertörtchen kam Hänschen wieder zu uns. Es hatte gerade auf seinem Teller gelegen und war das letzte gewesen. Hans brachte uns einen herrlichen Knochen mit und bat uns förmlich um Entschuldigung. Und nun erzählte er uns Prinzchens Schandtaten. Jeden Tag gab es zerbrochene Gläser und zerrissene Spitzen, und seine Mama hatte immer Kopfschmerzen vor Ärger. Schäferkaro nickte befriedigt, wenn wir's ihm am Abend berichteten. Und dann war's eines Tages aus. Der Diener kam auf den Hof gelaufen und schrie dem Kutscher zu, er solle anspannen und zum Arzt fahren, und als der ihn fragte, was denn los sei, hielt er sich die Seiten vor Lachen. »Das Biest, das Prinzchen, hat seine Gnädige in die Nase gebissen. Ein nettes Prinzchen!« – Und so war es. Tante Meta war krank, trug ein Pflaster auf der Nase, und der Arzt hatte gesagt, es würde eine tüchtige Narbe geben. Sie wollte Prinzchen, den Undankbaren, nie wieder sehen. Hans erzählte uns alles. 16 »Er kommt fort«, sagte er. »Papa wollte ihn ersäufen. Aber Tante Meta bat noch für ihn. Sie wird ihn einem zoologischen Garten schenken. Heute Abend wird er abgeschickt, damit er in der Nacht reist und nicht so unter der Hitze leidet.« Und richtig, gegen Abend fuhr der zweite Kutscher vor, und ein Korb wurde herausgebracht und auf die Erde gestellt. Der Kutscher mußte noch mit der Mamsell verhandeln, und während dessen versammelte sich der ganze Hof um den Reisekorb. Es war ein weiches Lager darin, einige belegte Brötchen, ein herrlicher Knochen, und ein tiefes Gefäß mit Wasser. Aber es war doch eine Schande. Und Prinzchen wußte das. Es stand und giftete sich und fletschte die Zähne. Die Schafe wurden gerade eingetrieben, und Karo kam, blieb an dem Korbe stehen und hob ein Bein auf. Das war das Zeichen seiner größten Verachtung. Dann stieg der Kutscher auf. »Wo ist das Luder«, fragte er. Mamsellchen reichte ihm den Korb. »Ich denk, ich werf ihn im Vorbeifahren doch lieber in den Teich.« »Laß man, der wird schon noch sein Teil lernen müssen im Leben.« Und so entschwand Prinzchen unseren Blicken. Hans sagte, Tante Meta habe seine Kleider mitschicken wollen, aber dann habe sie sie seinem kleinen Schwesterchen geschenkt für ihr Hündchen, das Lieschen auf Rädern hinter sich herzog. Und einmal kam Lieschen mit ihrem Kinderfräulein auf den 17 Hof. Ihr Spielhund war aufgeplatzt und streute Sägespäne. Aber er hatte die roten Seidenhosen von Prinzchen an, und der Puter wollte sich schon auf ihn stürzen, da besann er sich noch und kollerte nur leise. Schäferkaro aber sagte: »Wenn ein Hund seinen Herrn beißt, so ist er nicht das Fell wert, merkt euch das. Der Hund ist das erste Geschöpf auf der Erde. Nur der Mensch steht über ihm. Mensch und Hund gehören zusammen. Treu bis aus die Knochen, das ist die Losung.« 18 Terro, der wilde Jäger Da, wo der Hof an den Garten stieß, stand die Hütte des Jagdhundes Treff. Er hatte nichts mit dem Hof zu tun, er wohnte für sich. Es war auch nur sein Sommerhaus. Wenn die Rebhuhnjagd anfing, nahm ihn Neumann zu sich. Neumann war Gärtner und Jäger, und Treff, der Jagdhund, war sein Begleiter. Wunderschön wohnte Treff unter dem blauen Fliederstrauch bei der großen Esche. – Wotan und ich besuchten ihn oft. Wir krochen durch ein Loch in der Hecke, die Hof und Garten trennte. Er lag dann ruhig vor seiner Hütte, irgendeinen guten Knochen neben sich, um den er sich nicht sonderlich kümmerte, denn alle versorgten ihn mit Futter, und er hatte mehr als genug. »Bitte, greift zu, ihr Kleinen. Ich mag nicht. Im August fängt die Rebhühnerjagd an, und ich muß auf Taille halten.« Wir fühlten uns sehr geehrt, wenn wir bei Treff waren, denn er war wirklich ein großer Herr. Selbst der Schäferkaro gab das zu. Und er war auch so herablassend und leutselig, wie ein vornehmer Mann es sein muß. Klein Lieschen durfte ihn streicheln und sich auf seinen Rücken setzen, und Hans steckte ihm unbesorgt die Hand ins Maul und bewunderte 19 seine Zähne. Zuweilen nahm ihn der Herr von der Kette und Hans durfte mit ihm spielen. Sie spielten »Such verloren«, und Treff fand alles, was Hans versteckt hatte, sein Taschentuch und seinen Hut, und brachte es ganz zierlich zwischen den Zähnen an. Und wenn Hans ein Stück Holz warf und »apporte« rief, dann holte es Treff und gab es ihm ab. Ja, er sprang ins Wasser und schwamm danach und tauchte. Wir bewunderten ihn dann und sagten es ihm auch, wenn er wieder in seiner Hütte lag, und Hans rief jedesmal: »Er ist so gut erzogen, nicht Vater?« »Ja, Hans. Die Erziehung macht alles. Er hat eine gute Kinderstube gehabt.« »Wo war Ihre Kinderstube, Herr Treff«, fragten wir ihn einmal, als er besonders geehrt worden war, denn er hatte seine Kunststücke vor einer großen Gesellschaft gezeigt. »Haben Sie auch beim Schäferkaro gelernt?« Da schmunzelte er. »Nein, ich war in Pension, bei einem Förster. Eine sehr noble Pension, müßt Ihr wissen. Hänschens Vater ließ es sich etwas kosten, denn ich bin aus sehr vornehmer Familie. Meine Mutter war eine berühmte englische Lady. Daher habe ich auch mein Sprachtalent, »down« und »tout beau« englisch oder französisch ist mir ganz gleich. Ihr glaubt nicht, was sich der Förster für Mühe mit mir gegeben hat! Er ganz allein brachte mir Futter und Wasser. Er nahm mich an eine lange Leine und lehrte mich mit einem Bündel Stroh all das, was ich nun zu so hohem Lob ausübe. Zuweilen bekam ich die Peitsche. 20 Aber ich verstand, daß er mein Bestes wollte, und mein Eifer, zu lernen, war ebenso groß, wie der seinige, zu lehren. Und dann kam der Tag, wo er mich zum erstenmal auf die Rebhuhnjagd nahm.« Treff erhob sich. Seine breite Brust zitterte vor Entzücken. Mitleidig sah er auf uns herab. »Arme, gemeine Dinger! Das werdet ihr nie erfahren. Als ich ihm zum erstenmal eine Krähe apportierte, obgleich ich einen Abscheu vor Krähen habe, da sagte er: Heute gehen wir auf die Jagd, Treff. Und wir gingen. Die Rebhühner lagen in den Kartoffeln und in den Haferstoppeln. Gegen den Wind witterte ich. Unaufhörlich bewegte ich meine Rute. Aber dann stand ich plötzlich so still, als wäre ich zu Stein geworden. Sie waren da! Und nun wartete ich, bis mein Herr mir nachkam und mir die Erlaubnis gab, sie aufzujagen. Er schoß! Eine Doublette! Zwei fielen nieder. Und ich holte sie ihm und er streichelte mich, und das war mein Ritterschlag.« Wir schwiegen atemlos. Da kam Terro über den Hof gestrichen, kroch durch die Hecke und blieb vor Treff stehen. »Nun, wie ist es? Kommen Sie heute abend mit? Wir haben Mondschein. Es wird eine herrliche Jagd werden. Ich sage Ihnen, ich habe gestern ein paar Junghasen erlegt, die schmecken mir noch heute. Den einen konnte ich nicht recht bewältigen. Ich verscharrte ihn am ersten Meilenstein beim Kartoffelfelde. Wir wollen mit ihm anfangen. Ein kleines Jagdfrühstück. Sie sind hiermit freundlichst gebeten.« 21 Treff sah sehr hoheitsvoll aus. »Sie wissen, ich jage nicht ohne Jagdschein.« Terro stellte sich ganz erstaunt. »Ohne Jagdschein? Aber, mein Bester, Jagdscheine sind für Menschen, nicht für Hunde.« »Ja, aber Hunde jagen nur in Begleitung ihrer Herren, die Jagdscheine haben.« »Wie schade, daß Sie bei Ihren Fähigkeiten ein so großer Philister sind! Das wahre Genie setzt sich über solche Kleinigkeiten hinweg.« »Nein, Herr Terro, wenn man ohne Jagdschein jagt, ist man ein Wilderer und wird totgeschossen, ob man nun ein Mensch oder ein Hund ist. Ich habe das erfahren. Als ich noch beim Förster war, fanden wir auf der Suche oft einen angeschossenen Rehbock, zuweilen auch eine Rike, und der Förster fluchte nicht schlecht. Und einmal, als so ein kleines, weißgesprenkeltes Kitzchen klagend um die Mutter herumsprang, tat er einen Schwur, der Kerl solle daran glauben. Er wußte nämlich, daß im Nachbardorf der schwarze Kaspar wohnte, der gar zu gern im Mondschein mit der Flinte spazieren ging. Einen Jagdschein hatte der schwarze Kaspar zufällig auch nicht, Herr Terro, deshalb nannten ihn die Leute eben den Wilderer. Aber beweisen konnte ihm niemand etwas, denn er war sehr schlau, und das Wild, das er geschossen hatte, schaffte er immer noch in derselben Nacht nach der Stadt. Aber als wir das Kitzchen gefunden hatten, und der Förster hatte es mit nach Hause genommen, und seine Frau gab ihm die Milchflasche, und ich durfte auf das kleine Tier aufpassen, weil er wußte, 22 ehe ich ihm ein Leid getan, hätte ich mir die Zunge abgebissen – da wurde es anders. In der Nacht zog er mit dem Forstgehilfen aus. Dreimal kamen sie unverrichteter Sache zurück. Aber das vierte Mal trugen sie eine Bahre, auf der lag ein toter Mann. Das war der schwarze Kaspar. Freilich, einen Kampf mußte es gegeben haben. Der Rock von meinem Herrn war ganz zerrissen und mit Blut bespritzt, und den Arm trug er dann noch wochenlang in der Binde. Aber er hatte gesiegt. Und dann bekam er noch eine Auszeichnung. Und das beste – unsere Rehe hatten Ruhe. Ja, Herr Terro, so geht es den Wilderern.« Terro scharrte nachlässig mit der Pfote im Sand. »Der schwarze Kaspar war zu dumm, daß er sich ertappen ließ. Aber ganz wie Sie wollen, Herr Treff. Wenn der Mond aufgeht, spreche ich noch einmal vor. Vielleicht haben sie sich dann eines Besseren besonnen. Aus Wiedersehen.« Als die beiden großen Herren sprachen, hatten Wotan und ich uns bescheiden zurückgezogen. Aber des Abends bissen wir uns gegenseitig in den Schwanz, um uns wach zu halten. Und als der Mond aufging, krochen wir aus dem Schuppen heraus und paßten auf. Richtig, aus dem offenstehenden Fenster des Herrenhauses sprang mit einem mächtigen Satz Terro und lief nach dem Fliederbusch. »Ob Treff mitgeht, Wotan?« »Ich wette das Kalbsgedärm, das heut im Komposthaufen verscharrt ist: nein, Schlumski.« Und Wotan hatte recht. Terro trabte allein ab. Wir 23 sahen ihn, wie er durch die Koppel strich, und die jungen Pferde wachten aus dem Schlaf auf und wieherten, und als wir in unseren Schuppen zurückkrochen, hörten wir noch aus der Ferne sein kurzes, scharfes Bellen. Dann besprachen wir die Sache mit dem Schäferkaro. »Das weiß ich schon lange. Der feine Herr, der Terro, ist ein ganz gemeiner Wilderer. Und das nimmt auch kein gutes Ende. Heut kamen die Bauern zum Schäfer, als wir auf die Brache an der Grenze trieben, und beklagten sich bei ihm. Sie haben ihn beobachtet. Ihre ganze Hasenjagd ruiniert er ihnen, und sie hätten ihm schon lange Gift gelegt, aber sie fürchten für ihre eigenen Hunde. Sie sagen, wenn ihn der Herr nun nicht einsperrt, dann schießen sie ihn tot.« »Lieben Jagdhunde denn so die Hasenjagd, Karo?« »Es ist ihr Höchstes. Wir Hunde haben doch alle einen Todfeind. Das ist die Katze. Maul gehalten, Schlumski. Nicht gleich bellen, wenn ich ihren Namen sage. Aber wenn ein Jagdhund mit einer Katze kämpft, und der Sieg ist ihm sicher, und er hat sie schon zwischen den Zähnen, es geht aber grad ein Hase vor ihm auf – dann Heidi! Katze – und hinter dem Hasen her, so lange noch Atem in der Kehle ist. Darum achte ich den Treff so, weil er hasenrein ist.« »Was ist das, hasenrein?« »Wenn er im Dienst ist, auf Jagd mit seinem Herrn, dann bezwingt er sich, kost es, was es wolle. 24 Wenn er die Rebhühner sucht, können die Hasen seinetwegen auf seiner Nase tanzen, er steht steif, und seine Rute zittert nicht. Ich habe das einmal gesehen, als sie neben mir in den Rüben jagten. Ein ganzer Kerl, der Treff, sage ich euch. Ich hebe den Schwanz vor Achtung, wenn ich ihn treffe –.« Wir paßten nun auf, wie es mit Terro gehen würde. Und eines Tages sahen wir denn wirklich die beiden Bauern in langen Röcken und mit Knotenstöcken auf den Hof kommen und im Herrenhaus verschwinden. »Das sind sie«, sagte Karo, »das sind seine Kläger.« Und am Abend war das Fenster zu, und Hans erzählte uns, Terro würde eingeschlossen. Er sei der wilde Jäger, und es würde ihm wohl schlecht gehen. »Meinetwegen können sie ihn überhaupt fortschicken, wie Prinzchen. Pfui, Hasen zerreißt er, und ein Kitzchen haben sie heut am Wald gefunden, das hat er abgewürgt.« Wotan und ich sahen uns an. Als damals Treff von dem Rehkitzchen erzählt hatte, das er bewacht hatte, da war dem Terro das Wasser aus dem Maul gelaufen vor Begierde. Na, was half es, das Fenster blieb des Nachts geschlossen, und am Tage wurde Terro an einem ledernen Riemen geführt. Er konnte nicht mehr zu Treff kommen, der sich in seiner vornehmen Ruhe über all diese Ereignisse gar nicht weiter aussprach. Eines Morgens – was sehen meine Augen – ist das Fenster zerbrochen. Die Scherben liegen an 25 der Erde, und Terro ist fort. Hans kommt, es uns erzählen, ganz aufgeregt, und Neumann wird gleich auf die Suche geschickt. Der brachte ihn dann auch. Die Bauern hatten ihn totgeschossen und schickten ihn mit schönem Gruß zurück. Er war schon ganz steif und streckte alle Viere von sich. Ehe sie ihn verscharrten, gingen wir alle hin und sahen ihn uns noch einmal an. Als Treff kam, zogen wir uns ein wenig zurück und machten ihm Platz. Es war ein erhabener Anblick, wie der edle Hund vor dem wilden Jäger stand. Eine Weile sah er verächtlich auf ihn herab. Dann drehte er ihm stolz den Rücken und ging unter seinen Fliederbusch. 26 Der tolle Hund Es war in der Erntezeit. Ihr glaubt gar nicht, wie heiß es war. Die Luft brannte, und die Erde brannte auch. Morgens und abends stieg ein Dampf von ihr auf, wie von Feuer. Aber alle Menschen waren es zufrieden, denn die Ernte kam gut herein. Es standen soviel Mieten auf dem Weizenfelde, daß sie aussahen wie ein zweites Dorf mit hohen, hohen Häusern. Ein Pferd hatte beim Einfahren den Sonnenstich bekommen und war gefallen. Und die Menschen tranken Wasser mit Essig, um sich abzukühlen. Wotan und ich blieben immer in der Nähe der Pumpe. Wenn ein Knecht den Eimer forttrug, liefen wir unter das Rohr und ließen uns die letzten Tropfen auf das Fell laufen. Wir waren nun schon ebenso groß fast wie der Schäferkaro und stark, und am nächsten Vollmond sollten wir zum ersten Mal mitheulen dürfen. Ja, es war heiß! Die Fliegen waren so matt, daß wir sie fangen konnten, wenn wir nur das Maul aufmachten und zuschnappten. Wir waren aber viel zu faul dazu. Wir waren auch zu faul, uns zu zanken. So recht in unseren Lümmeljahren waren wir. Der Schäferkaro war ebenso fleißig als sonst. 27 Geradeso, als sei ihm die Hitze ganz gleichgültig. Die Schafe gingen jetzt auf den Stoppeln, und es gab genug für ihn zu tun. Natürlich waren die Schafe geschoren. Sonst wären sie in ihrer Wolle ganz gewiß auseinandergelaufen vor Hitze. Eines Abends, als eingetrieben war und Feierabend läutete, gingen die Leute nicht nach Hause, sondern blieben noch auf dem Hof stehen und hörten zu, was der alte Schäfer erzählte. Sie schüttelten die Köpfe und waren sehr aufgeregt. Weil aber der Karo immer alles wußte, was sein Herr wußte, so fragten wir ihn: »Was hat's gegeben, Karo?« So ernst war er, wie wir ihn noch nie gesehen hatten. »Ja, ihr seid nun ja alt genug, ihr könnt es nun verstehen. Ein toller Hund ist im Nachbardorf. Er hat heute einen Menschen gebissen, eine Frau, die ihr Kind auf dem Arm hatte, und nicht so schnell fortlaufen konnte. Der Arzt war nicht gleich da. Da holten sie den Schäfer. Ein Schäfer, wißt ihr, der weiß viel. Mancher Doktor zieht den Hut ab vor meinem Herrn. Na, wir kamen auch gleich. Die Frau war kreidebleich und sah immer auf ihren Arm, von dem tropfte das Blut.« »Tat es denn so weh, Karo?« »Weh? Das war wohl das wenigste. Aber wenn ein toller Hund einen Menschen beißt, und der Wutgeifer geht in sein Blut, dann wird der Mensch auch toll und beißt andere, und kennt seinesgleichen nicht mehr. Und dann stirbt er unter gräßlichen Qualen.« 28 »Was tat der Schäfer?« »Er sagte kein Wort. Er ging mit der Frau in die Schmiede, da lag ein Eisen im Feuer. Das ergriff er und hielt es in die Wunde. Es zischte nur so, und das Fleisch wurde ganz schwarz. Die Frau schrie wie wahnsinnig, und ihr Mann und der Schmied mußten sie halten. Aber es ist das einzige Mittel, wißt ihr. Und als der Arzt kam, da gab er meinem Herrn die Hand und sagte: bravo!« »Und der tolle Hund?« »Der ist weitergelaufen. Ihr müßt euch nun in acht nehmen, Schlumski und Wotan. Alle müssen wir aufpassen. Er kann auch hierher kommen. Bleibt in eurem Schuppen, rate ich euch. Ein toller Hund beißt in einen Stein, der im Weg liegt, so bissig ist er.« »Wie sieht er denn aus?« »Es soll ein gelber Köter gewesen sein. Ihr erkennt ihn gleich. Er läuft immer gerade aus und kann gar nicht vom Wege abweichen. Wenn er die Kraft hätte, würde er um die ganze Erde laufen. Nur wenn er an ein Wasser kommt, taumelt er. Wasser kann er nicht sehen. Und nun geht schlafen. Ich schlafe heute nicht. Ich denke nach.« »Worüber, Karo?« »Warum der Fluch auf uns liegt. Warum wir toll werden können.« – Wir waren doch sehr aufgeregt, Wotan und ich. Immer sahen wir im Traum einen gelben Hund auf uns zulaufen, dem die Zunge blaurot aus dem Halse hing. Dann schreckten wir auf und bellten. Es war auch so heiß im Schuppen. Wir waren 29 beide froh, als wir hörten, daß die Knechte mit den Eimern an die Pumpe gingen, um die Pferde zu tränken. Nun war es Morgen. Es war aber kein schöner Tag. Die Luft war ganz bleigrau vor Hitze. Die Dorfkinder durften nicht heraus, wegen des tollen Hundes. Neumann hatte sein Gewehr geladen an den Zaun gelehnt, damit er gleich bereit sei, und Hänschens Vater hatte eine Pistole zur Hand. Wotan und ich, wir wetteten, ob der tolle Hund kommen würde. Wir wetteten um einen Schafskopf, der gestern vergraben war, denn das Tier hatte den Drehwurm gehabt und war geschlachtet. Gegen Mittag schleppte Hans dem Treff noch einen kleinen, grünen Eimer mit Wasser hin. »Trink nur, Treff, damit du nicht auch toll wirst«, sagte er. »Und ihr auch, Wotan und Schlumski, marsch an die Pumpe.« Wie er noch sprach, stieß auf einmal die gnädige Frau, die auf die Veranda gekommen war, einen Schrei aus. Und da sahen wir ihn auch schon. Er kam gerade die Dorfstraße entlang gerannt, wie ein gelber Teufel. Und gerade wie im Traum hing ihm die Zunge blaurot aus dem Rachen. Hans stand ganz starr vor Schreck, und wir auch. Wir wollten wohl fortlaufen, aber wir konnten nicht. Neumann, der die Rosen am Haus aufband, lief nach der Flinte. Aber ehe er die hatte und schießen konnte, mußte der Hund schon da sein. Da, im letzten Augenblick, stürzte die gnädige Frau herunter, hob Hans hoch, und riß ihn auf die Seite. Und nun jagte der tolle Hund an uns vorbei, so 30 daß wir seine blutunterlaufenen Augen sehen konnten, gerade auf Neumann zu, der nun angelegt hatte. Ein Knall, der Hund taumelte um sich selbst, und verröchelte. Alles kam nun heraus, aber keiner durfte an die Stelle heran, wo Blut und Geifer lag, bis Kalk darüber gestreut war. Und keiner von uns Hunden wollte den Toten sehen, wie damals den Terro. Mit eingekniffenem Schwanz schlichen wir fort und heulten. Er wurde auch nicht begraben, sondern in einen Sack gesteckt, mit Steinen beschwert, und Neumann ruderte auf den See und versenkte ihn. Als er zurückkam, ließ ihn die gnädige Frau rufen, und als er wieder aus dem Herrenhaus herauskam, da schmusterte er vergnügt und hatte die Hand in der Tasche und es klimperte darin. »Möchtest wohl jeden Tag einen tollen Hund schießen«, fragte der Kutscher. »Nein, Bach. Das nicht. Ein Taler ist schon recht. Aber so ein toller Hund, das ist zu was Grausiges.« Und was Grausiges war es auch. Wotan und ich, wir konnten den Anblick gar nicht vergessen. Der Schäferkaro war auch ganz anders wie sonst. Und eines Abends – es hatte geregnet, und durch den Boden, der anfangs das Wasser gar nicht hatte aufnehmen können, weil er so steinhart war wie eine Tenne, krochen hundert Regenwürmer – sagte er: »Kommt, Kinder, wir wollen zum Herrn Treff gehen und uns noch ein wenig erzählen. Heut, 31 nach dem Regen, fühlt man doch mal wieder, daß man Hund ist.« Na, wir kamen gern mit, denn es war immer eine Ehre, unter den Fliederbusch zu dürfen. Und Treff und Karo sprachen nun zusammen, wie zwei kluge Hunde, die die Welt und das Leben kennen. Und natürlich sprachen sie auch von der Tollwut. »Es muß doch mit dem Wasser zusammenhängen«, sagte Treff. »Ja, das meinte ich auch. Und es wird eine Strafe sein für etwas, das lange, lange vergangen ist.« Treff machte ein sehr nachdenkliches Gesicht. »Wissen Sie, lieber Karo, ich denke eigentlich nur an Hasen und Rebhühner, alle anderen Dinge vergesse ich leicht. Aber nun fällt mir ein, als ich noch bei dem Förster in Pension war, da ist einmal davon gesprochen worden. Es war da auch ein Hund toll geworden, ein Hofhund, ja. Der Oberförster war gerade da. Wissen Sie, klüger als ein Oberförster in Hundedingen ist, kann niemand sein, nicht einmal ein Schäfer. Und der sprach davon.« »Was sagte er denn, Herr Treff?« »Ich war damals noch sehr jung, etwas älter als Schlumski und Wotan. Ich glaube, ich bringe es nicht mehr zusammen.« Aber wir baten alle, er möchte sich doch besinnen. Und dann besann er sich. »Der Oberförster sagte, niemand wisse eigentlich, woher die Hunde kämen. Sie fänden sich überall in der ganzen Welt mit dem Menschen zusammen, in den ganz kalten und in den ganz heißen Ländern, 32 und sie seien untereinander so verschieden, daß man sich wirklich gar nicht denken könnte, sie stammten alle von dem einen Hundepaar ab, das Noah mit in die Arche nahm, als die große Sintflut alle Menschen und Tiere tötete. Aber natürlich, so wunderbar es auch ist, müssen doch alle Hunde von Noahs Hund abstammen. Damals nun kannte man die Tollwut noch nicht. Die Sonne konnte in den heißen Ländern die Menschen pechschwarz brennen – kein Hund wurde toll. Es hatte aber auch noch kein Hund etwas Böses getan. Jeder war seinem Herrn treu. Da ging einmal ein Ur–ur–urenkel von Noah mit seinem Hunde auf die Jagd. Sie gingen in einen mächtigen Wald, der reichte viele Meilen weit. Und sie gingen drei Tage umher und fanden kein Wild, das der Mensch mit seinem Pfeil schießen konnte, und fanden auch keine Quelle und keinen Tropfen Wasser. Und verirrt hatten sie sich auch. Es gab damals aber erst sehr wenige Menschen, darum konnten sie auch nicht in ein Haus gehen. Viele, viele Tage mußte man wandern, ehe man von einem Menschen zum anderen kam. Die Sonne schien aber noch viel heißer, als in diesem Sommer, und als sie endlich aus dem Walde herauskamen, lag ein entsetzliches Sandmeer vor ihnen. Das war die Wüste. Sand und Sand und Sand, und nichts Lebendiges. Der Herr hatte das Wasser, das er in einem ausgehöhlten Kürbis mit sich trug, redlich mit dem Hunde geteilt. Aber nun hatten sie schon den zweiten Tag keinen Tropfen mehr getrunken, und als sie ein Stück in der Wüste gegangen waren, fiel der Herr um und sagte: »ich kann nicht mehr 33 weiter. Lauf fort von mir. Ich bin dein Herr nicht mehr, du bist frei.« Und wie er das gesagt hatte, fielen ihm die Augen zu, so schwach war er. Als der Hund das sah, da kam ihm ein böser Gedanke. »Wasser haben wir nicht«, dachte er. »Aber mein Herr hat rotes Blut in sich. Wenn ich das trinke, dann kann ich leben und finde mich wohl aus dieser Wüste heraus. Und warum soll ich nicht? Er hat ja selbst gesagt, daß er nicht mehr mein Herr ist.« Wie er so dachte, sprang er auf seinen schlafenden Herrn zu, biß ihm die Gurgel durch, und trank sein warmes, rotes Blut. Aber kaum hatte er das getan, da fing sein Gehirn an, wie Feuer zu brennen, giftiger Geifer troff von seinen Kiefern, er konnte seine Zunge nicht mehr in den Hals zurückziehen, und geradeaus mußte er in die Wüste hineinlaufen. Die Sonne ging unter und der Mond ging auf, aber er lief und lief. Zuweilen, wenn ein paar Bäume zusammenstanden, hörte er eine Quelle rauschen. Aber nun konnte er das Wasser, nach dem er sich so gesehnt hatte, nicht einmal mehr riechen. Scheu taumelte er zur Seite und lief weiter. Acht Tage und acht Nächte rannte er so geradeaus. Durch die ganze Wüste rannte er. Nie durfte er stehen bleiben, nie Atem holen. Seine Zunge schleifte den glühenden Sand, und er durfte sie doch nicht kühlen, denn nun hatte er vor dem Wasser mehr Angst als vor dem Feuer. Nach acht Tagen war er am Ende der Wüste und sah ein sanftes, liebliches Land. Da fiel er plötzlich zu Boden und verreckte. 34 Aber die Tollwut starb nicht mit ihm. Weil ein Hund seinen Herrn verraten hatte, vererbte sie sich auf das ganze Hundegeschlecht, und wir alle müssen darunter leiden. Der Oberförster hat es erzählt. Wenn ein Oberförster eine Hundegeschichte erzählt, so ist sie immer wahr.« Karo hatte aufmerksam zugehört. Jetzt nickte er mit dem Kopfe. »Ich danke Ihnen, Herr Treff. Es war sehr lehrreich. Freilich, wenn ein Schäfer die Geschichte erzählt hätte, so wäre sie mir noch lieber gewesen.« Dann standen wir auf und empfahlen uns. »Sie werden doch mitheulen beim nächsten Hundekonzert? Schlumski und Wotan werden vorgestellt. Sie müssen nun ins Leben. Ich habe an ihnen getan, was ich tun konnte.« Treff nickte gnädig. »Nächsten Vollmond, nicht wahr? Ja, ich denke, ich werde eine große Arie an den Mond für mich allein heulen. Am Chor beteilige ich mich nicht. Das ist nicht fein genug für mich.« Karo und er berochen sich, und dann gingen wir. 35 Ins Leben hinaus! Es wurde sehr feierlich bei unserer Vorstellung. Als der Vollmond die richtige Höhe hatte, versammelte sich alles unten vor der Stellmachern, wo ein freier Platz war. Auch die Dorfköter kamen. Sonst waren sie ausgeschlossen, denn bei uns auf dem Hof hielt jeder etwas auf seine Rasse, und wenn einer aus dem Dorf mal vorüberlief, dann hieß es gleich: »Wie heißt du, was beißt du? Bist du ein Fuchs oder ein Schwein? Du willst doch kein Hund sein?« Denn es kann schon passieren, daß ein Dorfköter die krummen Beine vom Dackel hat, den Schwanz vom Spitz, die Ohren vom Hofhund und die Schnauze vom Mops. Aber heute waren die Köter eingeladen, weil wir einen starken Chor brauchten. Sie saßen im Kreise um das alte Göpelwerk, das vor der Stellmacherei stand, und jeder von den Honoratioren sprang auf den Bock, auf dem sonst der kleine Hermann saß, wenn er die Häckselmaschine in Gang brachte, und sang seine Strophe. Schade, daß die Störche, die auf der Stellmacherei gewohnt hatten, schon fort waren! Treff, der Jagdhund, fing an. Er sah unendlich 36 vornehm aus in seinem braunen Rock. Seine weiße Brust leuchtete wie das feinste Plätthemde. Er sang: »Es gibt kein schönres Leben, Als das Jagdhundleben, So im Rüben- und Kartoffelfeld! Auf das Rebhuhn passen Und den Hasen fassen Ist das Höchste in der Hundewelt.« Als er geendigt, fiel der Chor mit langem, innigen Heulen ein und wiederholte dann die Strophe. Treff trat ab, setzte sich wieder auf seinen Platz und bewegte zufrieden die Rute. Nun kam Rolf, der alte Hofhund. Er sprach sonst nie, war mürrisch und verdrießlich, und ein Einsiedler. Aber für diese feierliche Gelegenheit hatte er den Kopf aus dem ledernen Halsband gezogen, war zur Stellmacherei marschiert, und erstieg nun mit seinen steifen Beinen die Tribüne. Seine Stimme war rauh und heiser. Niemand beneidete den alten Rolf um seine Bretterbude und um seine Kette. Er bekam zwar immer sein Fressen und regelmäßig frisches Stroh – aber er war doch ein Kettenhund. So böse war er im Lauf der Jahre geworden, daß er einem jeden nach den Beinen fuhr. Nein, niemand wollte mit ihm tauschen, und Wotan und ich nahmen uns im Stillen vor, niemals Hofhunde zu werden, wenn wir nicht müßten. Und nun trat der Schäferkaro auf. Er sang nicht. Er hielt eine Rede: »Meine Herren Hunde! Wir sind hier versammelt, nicht nur, um, wie allmonatlich, unsere 37 Zufriedenheit auszusprechen, daß der Mond wieder rund geworden ist, sondern um zwei junge Hundebrüder in unsere Gemeinschaft aufzunehmen. Ich habe neulich gehört, daß der kleine Hans gesagt hat, ich bellte, weil ich den Mond beneide, daß er die Sterne hüten dürfe. Meine Herren, ich brauche nicht erst zu sagen, daß das nicht der Fall ist.« Hier bellte Karo so kurz und zornig, daß Wotan und ich geschworen hätten, er beneide ihn doch. »Ein Schäferhund hat niemanden zu beneiden, sondern nur auf Ordnung zu sehen, und auch dem Schafbock selbst an die Beine zu fahren, wenn er nicht Ordnung halten will. Ich belle, wie Sie alle, den Mond an, weil das eine uralte, heilige Sitte unseres Geschlechtes ist. Und nun, Schlumski und Wotan, tretet vor.« Zaghaft gingen wir beide mitten in den Kreis. »Heute werdet ihr zu Hunden erklärt. Von heute an seid ihr erwachsen. Ihr müßt nun für euch selbst einstehen. Vielleicht werdet ihr den Hof bald verlassen. Dann könnt ihr in eurem Leben beweisen, was ihr gelernt habt. Wahrscheinlich wird euer Leben nicht leicht sein. Ihr seid groß und stark. Ihr werdet zur Klasse der Ziehhunde gehören. Nicht auf dem Lande werdet ihr wohnen, sondern in den Städten. Haltet eure Hundeehre hoch! Ihr habt an Terro, dem Wilderer, gesehen, wohin auch ein Hund kommen kann. Und nun, wenn die hohe Versammlung nichts dagegen hat, werde ich euch die Artikel des Hundegesetzes nennen, die ihr bejahen müßt.« Ein Beifallsknurren folgte. Karo erhob die Pfote und sah uns scharf an. 38 »Ihr müßt euren Herren treu sein.« »Ja«, bellten Wotan und ich. »Ihr müßt alle Katzen hassen und verfolgen.« Dieses Mal war unser Ja ein wütendes Bellen, in das plötzlich der ganze Chor einstimmte, denn gerade in diesem Augenblick entdeckten wir die grünen, funkelnden Augen des schwarzen Katers, der auf dem Dache der Stellmacherei saß, und still unserer Versammlung gefolgt war. Wir bellten ihn alle fünf Minuten lang an. Dann stand er auf, kletterte am Dachfirst entlang, und verschwand in dem leeren Storchnest. Unsere Versammlung war beendet. Zum erstenmal durften wir beim Abschied die anderen Hunde beriechen, und als vollberechtigte Hunde trotteten Wotan und ich nach unserem Schuppen. – Wenige Tage später kam der Lumpensammler auf den Hof. Wir kannten ihn schon, denn er war schon öfters dagewesen und hatte uns jedesmal aufmerksam betrachtet. Dieses Mal brachte ihn Neumann in den Schuppen. Hans begleitete ihn. »Na also, welchen sucht ihr euch aus?« »Ja, ich mein immer, der Gelbe ist noch stärker.« »Also Schlumski«, sagte Hans. »Schlumski, nun wirst du ein Ziehhund und mußt mit dem kleinen Wagen nach der Stadt traben.« »Kann ich ihn gleich mitnehmen«, fragte der Lumpensammler. Neumann nickte, und Hänschen streichelte mich. »Sei schön brav, Schlumski, und vergiß mich nicht.« Der Lumpensammler hatte ein altes Halsband 40 hervorgezogen, das legte er mir um. Aber als er einen Strick einknüpfen wollte, fing ich fürchterlich an zu bellen. Nein, ich wollte nicht vom Hof gezogen werden, wie die Kälber, wenn sie der Schlächter holt. Ich wollte frei gehen. Und Hans verstand mich. »Du kannst dich auf ihn verlassen, er folgt dir, wenn du seinen Namen rufst.« Dankbar leckte ich dem lieben Jungen die Hand. Dann wendete ich mich zu Wotan, der vor Schreck ganz versteinert war. »Leb wohl, Wotan. Und grüß auch den Karo.« Ich stellte mich sehr mutig, aber mein Herz zitterte doch. Der Lumpensammler machte gleich kehrt, denn er wollte mir den Abschied erleichtern und mich auf die Probe stellen. Ich lief ihm auch in großen Sätzen nach. Aber wie ich so über den Hof sprang, da fiel mir nun ein, daß ich alles, alles verlassen mußte, den Schuppen, und den delikaten Kuhfuß, den Wotan und ich verscharrt hatten, und den vornehmen Treff, und den Schäferkaro. Da blieb ich vor der Veranda noch einmal stehen und heulte und heulte. Und plötzlich kam Hans auf mich zugelaufen, faßte mich um und gab mir einen Kuß. Da dachte ich, daß ich lieber Hofhund sein möchte in der Heimat, als ins Leben hinaus müssen. Ich wollte gerade umkehren, als mir das erste Hundegebot einfiel. Du sollst deinem Herrn treu sein! Ich hatte es dem Schäferkaro versprochen. Meine Hundeehre verlangte es. Was tat es, ob mein Herr auch nur ein Lumpensammler war? 41 Und plötzlich rannte ich ihm nach, geradeaus, auf den Weg der Pflicht, hinunter von dem schönen Hof, auf dem ich meine Jugend verbracht hatte: ins Leben hinaus! 42 Beim Lumpensammler Die kleine Hütte, die der Lumpensammler mit seiner Familie bewohnte, lag ganz für sich allein, weit vor dem Dorf an der Chaussee. Sie hatte ein niedriges Strohdach, das hing über die Fensterchen herüber, als hingen einem unordentlichen Kinde die Haare in die Augen. Aber unordentlich war es in der Hütte nicht. Nur recht armselig. Denn die Frau war fleißig und sauber, und ihre Mutter lebte auch noch, paßte auf die Kinder auf und strickte und flickte. Die Großsche konnte draußen nicht mehr gut vorwärts, aber in dem Häuschen schaffte sie noch für zwei. Und das war auch nötig, denn der Lumpensammler war ein kranker Mann, der es »auf der Brust« hatte, und seine Frau hatte ihre liebe Not mit all der Arbeit. Drei Kinder waren da, der Fried und die Minna gingen schon in die Dorfschule, der kleine Peter aber hing noch am Rock der Großsche, die machte ihm eben die ersten Hosen aus einem Paar, das der Fried vertragen hatte. Ja, das sah ich am ersten Tage: ich hätte es wohl besser treffen können mit dem Haus, ich war mit einemmal von einem reichen Hunde ein armer geworden. Aber mit den Menschen würde es wohl gehen. Die Kinder waren sehr neugierig auf mich gewesen und standen an dem Zaun des kleinen Gärtchens, als wir kamen. Die Frau und die Großsche 43 saßen auf der Holzbank vor der Tür und schälten Kartoffeln. »Ach, wie schön er ist«, sagten die Kinder. »Und wie stark«, sagte die Frau. »Was meinst du, Mann, da kannst du dich doch manchmal aus das Wägelchen setzen und dich ziehen lassen, wenn du so argen Husten hast.« Aber der Lumpensammler schüttelte den Kopf. »Nein, Frau, das geht nicht. Dazu ist Schlumski noch zu jung. Er darf noch gar nicht schwere Lasten ziehen. Er muß sich erst eingewöhnen.« Die Frau machte ein ganz trauriges Gesicht. Die Kinder aber freuten sich über meinen schönen Namen. »Schlumski«, sagten sie und lachten. Dann nahmen sie mich mit ins Haus, und ich bekam mein Teil von den Kartoffeln, die sie zu Mittag hatten, und abends durfte ich am Herd liegen bleiben. Die Nächte waren schon kühl, und die Kinder suchten schon die braunen Blätter zusammen und verwahrten sie in dem kleinen Verschlag neben dem Häuschen, als Streu für ihre Ziege. Sie hatten eine Ziege und ein Schwein. Das war ihr Reichtum. Jeden Morgen ganz früh ging die Frau in den Stall und melkte die Ziege und kam mit einem Topf voll schäumender Milch zurück. Davon hatten die Kinder ihre roten Backen, denn sonst gab es eigentlich nur Kartoffeln, die auf dem kleinen Stückchen Land wuchsen, das hinter der Hütte lag. Es war aber so klein wie eine Schürze gegen die Felder um den Gutshof. Und als zum erstenmal das Schwein herausgelassen wurde und 44 seinen Rücken am Gartenzaun rieb und sich in die Sonne legte, da mußte ich bellen, damit ich nicht erstickte vor Lachen. Solch ein Schwein hatte ich noch nie gesehen. Es hatte hohe Beine und lange Borsten und war so schrecklich mager. Und ich dachte an die Schweine auf dem Herrenhof, die sich rollten wie schwere Mehlsäcke. Da sagte die Großsche zu der Frau, und sah das Schwein ganz zärtlich an: »Ich habe noch nie so ein schönes Schwein gesehen. Um Weihnachten wollen wir es schlachten, dann gibt es Wurstsuppe zum Fest.« Und die Frau nickte. »Ja, Mutter. Es ist unser erstes Schwein. So reich waren wir noch nie. Und wenn die Kartoffeln gut geraten, so wird es wohl auch noch ein wenig fetter. Ich möchte ja schon gerne weniger essen. Aber etwas muß doch in den Magen kommen.« Da schlich ich mich beschämt vor das Haus, blinzelte nach der Hecke, an der die langen, weißen Marienfäden hingen und im Sonnenschein leise hin und herwehten, und dachte nach, wie verschieden die Lose der Menschen sind. Über das magere Schwein aber spottete ich nie mehr, ja, ich wollte eigentlich auch immer etwas von meinem Futter übrig lassen. Aber es ging mir wie der Frau: ich mußte etwas im Magen haben. Die Kinder spannten mich zum erstenmal vor den kleinen Holzwagen und fuhren mit mir auf und ab. Anfangs stieß ich mich an der Deichsel, und wenn ich plötzlich still stand, rollten mir die Räder an die Beine. Aber ich lernte es bald, und als ich den 46 Wagen nicht mehr hin und herschleuderte, da setzten sie den kleinen Peter hinein und fuhren mit mir ein Stückchen die Chaussee herauf, wo sie das Recht hatten, das Gras, das am Graben wuchs, abzuschneiden, für ihre Ziege, und sich nicht vor dem Chausseeaufseher zu verstecken brauchten. Da setzten sie den Peter an den Grabenrand und arbeiteten fleißig, bis der Wagen voll war, und manchmal legten sie im Scherz einen Ast wie einen Weesebaum über das Gras und spielten »Einfahren«, und ich dachte dann an die Viergespanne, die die Erntewagen auf den Hof gezogen hatten. Eines Morgens sagte der Lumpensammler, nun müsse ich ran, er könne den Karren nicht mehr ziehen, die Brust täte ihm zu weh. So wurde ich denn früh, vor Sonnenaufgang eingespannt, als die Kinder noch schliefen, und trottete der Stadt zu. Ein paar Säcke mit Lumpen und Knochen lagen in dem Wagen, wie sie der Lumpensammler bei den Bauern der Umgegend zusammenholte und zweimal wöchentlich in die Stadt brachte. Auch eine Kuhhaut hatte ihm einer mitgegeben, damit wir sie zum Gerber brächten. Die lag oben auf und war bocksteif. Als ich ein Stück gefahren war, sah ich links hinter den Feldern unser Dorf liegen, die Sonne ging gerade auf, und es läutete zur Arbeit. Da bellte ich laut und sah mich nach meinem Herrn um. Der nickte mir zu. »Ja, Schlumski, ich weiß schon, da möchtest du hin. Aber nun hilf mir man, so lange ich es noch mache, weißt du. Nicht um meinetwegen, sondern wegen der Kinder.« 47 Da drehte ich den Kopf nach der anderen Seite und trabte weiter. Nach zwei Stunden sah ich einen hohen Kirchturm, der ragte bis in die Wolken, schien mir, und soviel rote Dächer standen um ihn herum, wie eine ungeheure Herde rotbunter Kühe um den Hirten. Das war die Stadt. Und dann kamen wir über eine breite Brücke, unter der floß ein mächtiges Wasser, das war wohl hundertmal so breit, wie unser Chausseegraben. Dann klapperten die Räder des Wagen furchtbar, und ein Haus stand ganz dicht am anderen, und nirgends war eine Scheune oder ein Misthaufen. Und die Leute sahen alle so aus, als ob Sonntag wäre. Da sah ich mich wieder nach meinem Herrn um und zog den Schwanz ein, so unbehaglich war mir. Aber mein Herr faßte 48 an die Deichsel und zog den Wagen in einen Torweg, über dem war ein weißes Roß gemalt. Auf dem Hof standen nun lauter Wagen, Kutschwagen und Fleischerwagen und auch ein Planwagen, der aussah wie ein Zelt und mit Leinwand überdeckt war, und Kutscher gingen hin und her und fütterten die Pferde, und aus einer großen Stube hörte man Pfeifen und Gelächter. Mein Herr spannte mich aus und legte mir eine Decke hin. »Hier ruhe dich, ich habe noch Geschäfte.« Damit nahm er einige Bündel vom Wagen und ging. Ich streckte mich auch gleich lang aus, denn ich fühlte meine Knochen. Aber ich sah mich überall um. Da kam ein Foxterrier in die Tür des Hauses. Als er mich erblickte, sprang er auf mich zu und wir begrüßten uns auf Hundeart. »Zum ersten Mal hier?« Ich bejahte. »Feine Ausspannung, die zum ›weißen Roß‹. Allererste Kutscher. Sitzen da im Gastzimmer und essen Eisbein mit Sauerkraut und trinken Doppelbier. Ihr Herr ist ein armseliger Kauz, nimmt sich immer nur eine Flasche Dünnbier für acht Pfennige. Aber ich sehe, gegen Sie ist er anständig.« Der Hausknecht brachte nämlich eben einen Napf mit Schrot und setzte ihn vor mich hin, legte auch einen so delikaten Knochen daneben, wie ich ihn seit meinem Abschied vom Gut noch nicht gesehen hatte. Mir lief das Wasser im Munde zusammen, ich wollte es aber vor dem hochmütigen Terrier nicht zeigen. 49 »Wollen Sie vielleicht auch zulangen«, fragte ich. »O, danke, danke. Knochen in Menge. Bedenken Sie den Abfall in einer so großen Wirtschaft! Werde Ihnen immer einige aufheben. Muß mich hüten, zu fett zu werden.« Ich dachte an Treff. »Gehen Sie denn auch auf die Jagd?« Er nickte. »Rebhühner und Hasen?« »Kenne ich nicht. Nur gebraten, natürlich. Rebhühner im Speckhemdchen und Hasen mit Rotkohl. Delikat. Nein, ich jage Ratten. Höchst gefährliche Jagd. Infame Biester. Bin ihnen aber über. Neulich zehn Stück in einer Nacht totgebissen. Heiße darum auch Rattentöter. Schon Tapferkeitsmedaille bekommen.« Ich sah, daß eine blanke Marke von seinem Halsband herunterhing. Obgleich er viel kleiner war als ich, hatte ich doch gewaltigen Respekt vor ihm und ließ mir alles erklären. Er führte mich dann auf dem Hof herum, zeigte mir in einer Ecke noch einige der kunstgerecht totgebissenen Ratten, und brachte mich sogar durch die Küche und die Gaststube. Ich mußte zugeben, daß es da köstlich roch und wünschte nur, Fried und Minna hätten sich da einmal ordentlich an Fleisch sattriechen können. Als mein Herr kam, waren Rattentöter und ich schon gute Freunde, denn ich hatte doch nicht ganz hinter ihm zurückstehen wollen und ihm von meiner glänzenden Kindheit erzählt, von den Mondkonzerten, dem Schäferkaro und von dem vornehmen Treff. 50 Besonders die Geschichte von Terro hatte ihn interessiert. »Schade, daß Sie ein Ziehhund sind. Sie könnten es noch zu etwas bringen«, sagte er. »Das will ich auch«, sagte ich stolz. Er schüttelte den Kopf. »Ich wünsche es Ihnen, aber es wird Ihnen schwer werden. Es ist ein elender Beruf.« Da kam mein Herr, und ich sprang ihm entgegen und begrüßte ihn, denn ich ärgerte mich, daß Rattentöter ihn verachtete, nur weil er arm war. Er spannte mich wieder vor, und wir zogen nun straßauf, straßab. Ich wurde die Kuhhaut los und die Lumpensäcke und meine Last wurde immer leichter. Aber dann kaufte mein Herr alle möglichen Dinge, die ihm die Bauern aufgetragen, Harken und Spaten, Reis und Backpflaumen. Da bekam ich wieder zu ziehen. Zuletzt legte er ein Päckchen Fleisch in den Wagen, vom Vorderviertel. Der Fleischer hatte es ihm gegeben, weil er ihm die Aufträge der Bauern ausrichtete, die ihm sagen ließen, in dieser Woche könne er ein paar Kälber abholen. Da leuchteten seine Augen vor Freude. Als wir heimfuhren, ging die Sonne schon unter. An der Deichsel hing vorn eine kleine Laterne, die wurde angezündet, und so fand ich meinen Weg. Im Stillen hatte ich gehofft, wir würden früher kommen, und am Stoppelfeld würde der Schäferkaro stehen. Dann hätte ich ihm wenigstens einen Gruß an Wotan zurufen können. Nun war es nichts damit. Um so größer war die Freude, als wir an der 51 Hütte waren. Ich bellte, als wir von der Landstraße abbogen. Da kamen sie alle heraus. Nur Peter schlief schon. »War Schlumski brav«, fragte Fried. »Sehr brav. Und ihr sollt sehen, er bringt mir Glück. Da, das Stück Fleisch hat mir der Fleischer heute gegeben. Und es ist auch viel leichter, nur so neben dem Wagen herzugehen, als den Zugriemen über der Schulter zu haben. Der drückt die Brust so.« Da freute sich die Frau und die Kinder, und am Herd, auf meinem Lager, beneidete ich den Rattentöter gar nicht. Aber an meinen Lehrer, den Karo dachte ich, und schlief zufrieden ein. 52 Der treue Schlumski Den Weg von dem kleinen Häuschen des Lumpensammlers nach der Stadt sollte ich recht gründlich kennen lernen. In dörrender Hitze, wenn mir die Zunge aus dem Halse heraushing, und in kaltem Sturm und strömendem Regen, wenn die Vögel in den Linden sangen, und wenn Spatzen und Meisen durch die kahlen Zweige huschten und aus dem letzten Loch pfiffen. Zweimal wöchentlich fuhr ich nach der Stadt mit dem hohen Kirchturm und wartete im »weißen Roß«, bis mein Herr seine Besorgungen gemacht hatte. Immer gab mir der Hausknecht zu meinem Essen noch einen delikaten Knochen, und auch Rattentöter war immer gesprächig. Zuweilen war große Hundeversammlung, denn die Fuhrleute, die im »weißen Roß« einkehrten, brachten oft Hunde mit, die neben den Wagen liegen blieben und die Waren bewachten. Es waren prächtige Burschen darunter, große starke Tiere und kleine, rasche Spitze mit hellen Augen. Sie hatten ein Teil von der Welt gesehen und konnten etwas erzählen. Und das taten sie auch. Ich wünschte nur, der Schäferkaro hätte zuhören können. Sonderbare Geschichten hatten sie erlebt! Der eine Spitz hatte vom Wagen aus gesehen, wie Diebe eines von den Frachtstücken losmachen wollten, während der Fuhrmann gemächlich vorn neben dem 53 Handpferde dahinschritt. Da hatte er wie wahnsinnig gebellt, bis sein Herr kam. Manchmal mußte ich fort, gerade, wenn die Sache am spannendsten war. Aber Rattentöter erzählte mir dann das nächste Mal, wie es ausgegangen war. Viele Geschichten hörte ich in der Ausspannung zum »weißen Roß«. Ich dachte über sie nach und lernte so das Leben kennen, das doch ganz anders ist, als Wotan und ich damals im Schuppen glaubten. Da sagte eines Tages Rattentöter: »Dein Herr macht es nicht mehr lang, Schlumski. Was wird dann aus dir?« Ich erschrak sehr und besah meinen Herrn. Ja, er war furchtbar verfallen. Die Backenknochen standen weit vor und große Flecke brannten auf ihnen. Er hustete auch sehr. Aber weil ich ihn jeden Tag sah, hatte ich auf das alles nicht geachtet. »Ja, sie sagen es drin Wirtszimmer«,fuhr Rattentöter fort. »Sie mögen ihn alle leiden, den armen Teufel. Der dicke Rollfuhrmann läßt ihm hin und wieder ein Maß geben, und die Wirtin schickt ihm immer einen Napf mit Fleischbrühe. Aber er wird nicht mehr, sagen sie. Im Frühling ist er fertig.« Er hatte sehr teilnehmend gesprochen. Als ich aber schwieg, fügte er in seiner kurzen Art hinzu: »Menschenkrankheit – Schwindsucht – Blutsturz – rasches Ende.« Als wir heimwärts fuhren, und der Lumpensammler so müde neben dem Wagen einherschritt, 54 blieb ich stehen, leckte seine Hand, und versuchte, ihm durch Zeichen zu verstehen zu geben, er solle sich in den Wagen setzen, ich würde ihn ziehen. Und er verstand mich wirklich und streichelte mich. »Nein, Schlumski, nein. Jeder muß seinen Packen tragen, bis der liebe Gott ihm den abnimmt.« Zuweilen war ich in diesem Jahr auf den Hof gekommen, wenn mein Herr bei den Instleuten nach Abfällen gefragt hatte, was er in jedem Vierteljahr einmal tat. Dann hatte ich wohl auch Karo gesprochen, der mir erzählte, daß Wotan ins Haus gekommen sei und Wächterdienste tue. Hans hatte das durchgesetzt. Er schliefe auf einer Decke in der Halle. Jetzt aber in meiner großen Not wußte ich mir nicht zu helfen, sondern lief an einem klaren Wintertage auf den jungen Roggen. Der hatte im Herbst so hoch gestanden, daß ich sicher dachte, die Schafe würden hier ausgetrieben werden. Ich sah auch schon von weitem den Schäfer, der in seinem dicken Mantel ganz steif stand, wie ein Pumpenrohr, während Karo die Schafe von der Nachbargrenze fernhielt. »Na, Schlumski, wo kommst du denn her«, sagte der Schäfer. »Hast du heute frei?« Ich bellte zur Bejahung und lief zu Karo und klagte ihm mein Leid. »Was soll denn aus der Frau werden, und aus Großsche und den drei Kindern, Karo? Fried kann doch noch nichts verdienen. Er ist erst zehn Jahre alt, und Minnachen acht, und dann der kleine Peter! Jetzt bringen wir immer etwas Geld mit aus der Stadt, und als das Schwein geschlachtet 55 wurde, haben sie wieder ein Ferkel gekauft. Es ist noch magerer und ein richtiger Kümmerer. Aber sie haben ihre Freude dran.« Karo sah mich ernst, aber freundlich an. »Recht so, Schlumski, seinem Herrn muß man anhängen. Aber es wird nicht mehr viel zu machen sein. Der Schäfer hat schon mit der Frau gesprochen und ihr Tee gegeben. Brusttee, den kräftigsten, den wir haben. Aber er hat mit dem Kopf geschüttelt, als er die Blechdose hinter dem Ofen vorholte. Das ist ein schlechtes Zeichen.« »Und die Kinder, Karo?« »Die Menschen haben noch einen Vater im Himmel. Der wird sie nicht verlassen.« – Ich paßte nun scharf auf. Da sah ich, wie die Frau sich oft genug heimlich eine Träne abwischte. Nur die Kinder merkten nichts. Die machten einen Schneemann und stellten ihn vor den Zaun, und abends, am Herd, flochten sie Besen aus Birkenruten, die nahmen wir mit in die Stadt zum Verkauf. Und immer langsamer mußte ich traben, denn immer schlechter kam mein Herr mit, und oft setzte er sich auf einen Stein am Wege, um Atem zu schöpfen. Der Märzschnee war vergangen. Der gute, scharfe Frühjahrssturm, den ich so liebte, hatte ihn mitgenommen. Ich dachte schon, nun würde alles gut werden, denn gestern war Minna im Walde gewesen und hatte die ersten Leberblümchen und Anemonen gesammelt. Die Kinder gaben uns öfters ein Körbchen mit, Blaubeeren oder Erdbeeren, Pilze 56 oder Maiglöckchen. Das kleine Mädchen stellte seinen Korb ganz stolz auf die Besen. »Ich dank dir schön, Minnachen. Aber ich denk, ich brauch keine Medizin mehr.« »Bist du denn nun gesund, Vater?« Da nickte er und sagte: »Bald, ja, ganz bald.« Da sprang ich wie toll vor Freuden, denn ich dachte, der Brusttee hätte nun doch geholfen. Eine Weile ging auch alles gut. Aber unterwegs, gerade wo die große Pappel steht, seh' ich auf einmal, wie mein Herr hin und hertorkelt, wie böse Menschen, wenn sie zuviel Schnaps getrunken haben, und sich an den Baum lehnt, und das Blut stürzte nur so aus seinem Munde. Da hab' ich gebellt und gebellt, aber niemand war auf der Straße. Und nach einer ganzen Weile ist mein Herr auf den Wagen zugekrochen und hat sich über die Besen gelegt. Grad in den Anemonen und Leberblümchen hat sein Kopf gelegen, und ganz leise hat er gesagt: »Nach Hause, Schlumski.« Ich bin umgekehrt und ganz langsam gefahren. Nicht, weil ich nun so schwer zu ziehen hatte. Da hätte ich mich schon ordentlich in die Sielen gelegt. Aber ich dachte, wie weh es ihm tun müßte, wenn ich auch nur an einen Stein stieße. Und so sind wir nach Hause gekommen. Peter saß vor der Tür und sah uns. Die andern beiden waren in der Schule. Als das Kind anfing zu schreien, kamen die Frau und die Großsche. Ja, und dann trugen sie ihn herein, und er hat auch noch gelebt und mir einen Blick zugeworfen, an den werde ich denken bis an mein Ende. 57 Onkel Lungrich Zum Begräbnis kam ein Onkel der Frau. Der wohnte in der großen Stadt. Er sah sich das Häuschen an, die Ziege und das Schwein, und auch mich. Ich war nun so stark wie ein Riese. Im »weißen Roß« hatten wir neulich einen allgemeinen Wettkampf um einen Röhrenknochen mit Mark gehabt, da hatte ich alle besiegt. Der Blick von dem Manne gefiel mir nicht, und ich knurrte. Da machte er ein böses Gesicht. Und dann rechnete er und zählte und beklopfte jeden Gegenstand und ging um das Haus herum und besah es von allen Seiten. Niemand achtete auf ihn. Sie saßen alle in Kummer und Tränen. Aber eines Abends sagte er zu der Frau, die nun eine Witwe war: »Was willst du nun tun?« »Ich weiß nicht. Gott wird helfen.« »Da warte lieber nicht drauf. Aber wenn du zu mir ziehen willst nach der Großstadt, dann bin ich es zufrieden. Meine Frau ist auch tot, und ich könnte eine Hausfrau brauchen, und mein Junge, der Ede, auch. Aber alles was dir gehört, mußt du verkaufen und das Geld mir geben. Ich will es dir anlegen und mein Geschäft vergrößern, wenn ich nun so viel hungrige Mäuler mehr füttern muß.« Ich stand von meiner Decke am kalten Herd auf, 58 streckte mich und knurrte fürchterlich. Denn ich war ja nun klug geworden und wußte, der Onkel sei ein schlechter Mensch. Das riechen wir Hunde gleich, und wir können uns auf unsere Nase verlassen. Wie die Menschen sind, ob gut, ob böse, das wissen wir. Aber sprechen können wir leider nicht, und die Frau verstand nicht, daß ich ihr sagen wollte: »Geh nicht mit ihm. Er will dir das deine nehmen und deine Kinder und dich zu seinen Dienern machen.« Sie sagte nur: »Ja, was fehlt dir denn Schlumski? Du warst doch sonst nicht böse.« Der Mann aber sagte giftig: »Der Köter verdient einen Strick um den Hals mit einem Stein dran, und ins Wasser mit ihm. Aber er ist sehr stark. Er hat bis jetzt ein faules Leben geführt. Das wollen wir ihm austreiben.« Da bellte ich noch stärker. Sie wußten wohl, daß es nicht wahr war, und Fried stellte sich neben mich. »Nein, Onkel, das ist nicht wahr. Schlumski ist sehr brav. Vater hat ihn immer gelobt.« »Wohnen da auch noch Leute? Seht einer an! Na, du solltest mein Junge sein! Nett verzogen seid ihr hier alle.« Die Frau fing an zu weinen, und an diesem Abend wurde nicht mehr davon gesprochen. Ich wußte aber gleich, daß der Onkel sein Stück durchsetzen würde. Und richtig, in der nächsten Woche wurde alles verkauft, das Häuschen und die Gerätschaften, und die Saatkartoffeln, und das Schwein und die Ziege. Als die Leute mit der fortgingen, 59 brachten die Kinder sie noch ein Stück, und Peterchen hing sich an sie und schrie vor Kummer. Da nahm ihn die Großsche mit zurück, und als sie mit ihm an mir vorbeiging, blieb sie stehen und sagte: »Es gibt ein Unglück, Schlumski, du wirst es sehen. Denn wo sollen die Kinder nun ihre roten Backen hernehmen, wenn sie keine Ziegenmilch mehr bekommen?« Ich machte aber so, als hörte ich nicht. Denn der Mann war in der Nähe, und ich wollte nicht, daß er sah, wie die Großsche mit mir sprach. Er konnte die Großsche nämlich nicht leiden und hatte gesagt, sie solle im Dorf im Armenhaus bleiben. Aber dann wäre die Frau nicht mit ihm mitgegangen. Er sah die Großsche aber böse an, wenn sie nur den Löffel zum Munde führte. Ja, er war ein böser Mann, der Onkel Lungrich. Die dreihundert Mark, die die Frau für alles bekommen, steckte er ein und gab ihr nicht einmal einen Schuldschein. Als alles verkauft war, und alle Wände kahl aussahen, wurden die dicken Federbetten in Säcke gepackt und auf den Wagen geladen und Lungrich spannte mich vor. Was sie an Habseligkeiten noch hatten, kam dazu, und obenauf der kleine Peter. Es war eine Fuhre, wie ich sie noch nie gezogen hatte, aber ich dachte: »Nur nichts merken lassen!« Da sah der Onkel, daß Fried und Minchen zusammen einen schweren Korb trugen und befahl ihnen, den auch noch auf meinen Wagen zu setzen. »Nein«, sagten beide, »der arme Schlumski.« Da lief ich munter vor, um ihnen zu zeigen, daß 60 ich mir gar nichts daraus machte. Denn sie waren ja schon so traurig, daß sie aus der Schule und von ihrem Lehrer fortmußten. Aber sie gaben den Korb nicht ab. Und als ich an die Stelle kam, wo man den Hof sieht, ging ich wieder ganz langsam. Ja, das ist nun auch zum letzten Male, dachte ich. Aber da schoß der Schäferkaro plötzlich auf mich zu, bellte und lief neben mir her. Der Onkel wollte ihn mit der Peitsche vertreiben, aber der Karo fuhr ihm so an die Beine, daß er sich nicht mehr herantraute. »Das ist ein schlimmer neuer Herr, Schlumski. Wir haben auf dem Hof alles erfahren und gestern große Versammlung gehabt, deinetwegen. Alle lassen dir Glück wünschen, aber paß auf, nun kommt eine schlimme Zeit.« »Weiß ich, Karo. Habe ich gleich gerochen. Aber mein Herr ist der Lungrich nicht, denn niemand hat mich gefragt, ob ich ihm Treue halten will. Eher liefe ich auch davon. Nein, ich gehöre der Frau, und der Großsche, und den Kindern. Und bei denen will ich aushalten so lange ich kann.« Karo bellte zufrieden. Dann sagte er noch: »Wir sind nun gleich an der Grenze, Schlumski. Da muß ich zurück. Der Schäfer hält mit der Herde am Kreuzweg. Ich wollte dir nur noch sagen, wenn du krank wirst in der großen Stadt, sieh wo du Fett herbekommst, Öl am besten, Schlumski. Sorge für deine Verdauung und laß dich nicht von den Flöhen auffressen.« Damit trabte er zurück, und wir wendeten beide mehrmals den Kopf und bellten uns nach. – Auf dem Bahnhof wurde ich ausgespannt und 62 einem Schaffner übergeben. In dem Zug kam ich in den Hundeabteil. Betäubendes Gebell empfing mich, als ich eintrat und höflich grüßte, wie es sich für einen wohlerzogenen Hund schickt. Es war nämlich ziemlich besetzt und Platzmangel, ja das Gefäß mit Wasser war verschüttet worden und der Boden unsauber geworden. Auf der nächsten Haltestelle wurde das freilich in Ordnung gebracht; aber der Aufenthalt war doch recht ungemütlich. Erst als einige Jagdhunde ausstiegen und von ihren Herren abgeholt wurden, konnte man sich in Ruhe umsehen. Als ich den Boden der Großstadt betrat, kam ich mir wie ein alter Weiser vor. Ruhig sah ich mir die hellen Läden und die unzähligen Laternen an. »Draußen am Himmel, standen doch noch hundertmal mehr Sterne«, dachte ich. Aber als ich nach dem Himmel suchte, fand ich ihn nicht. Die Häuser waren bis zu ihm in die Höhe gebaut. Nur einen ganz schmalen Streifen konnte ich sehen, der schien ganz dunkel. 63 Zwei Ziehhunde Aber oben in den himmelhohen Häusern wohnten wir nicht. Noch schlimmer war es. Wir wohnten im Keller. Ja, davon hatte man auf dem Gutshof freilich nichts gewußt, daß Menschen in einem Keller leben können! Da war ein Eiskeller, der war in einen Berg gegraben, auf dem standen ein paar junge Birken und winkten mit ihren Zweigen weit ins Land hinaus. Und dann kannte ich Kartoffelkeller. Auch unter unserem Häuschen beim Lumpensammler war ein Kartoffelkeller gewesen. Aber daß Menschen im Keller wohnten, das wußte ich noch nicht! Hier in der großen Stadt wohnten sie überall, in jeder Kammer, in jedem Winkel. Als sei ich in einen mächtigen Ameisenhaufen geraten, dachte ich. Herr Lungrich hatte in dem Keller einen Laden. Da gab es alles, was man wollte, Gemüse und Kohlen, Holz und Apfelsinen. Den Laden sollte nun die Frau führen, und die Großsche sollte aufpassen, wenn die Frau kochte. Denn das mußte sie auch noch. Hinter dem Laden war ein kleines Zimmer, da schlief der Onkel mit seinem Sohn, dem Ede. Und dann war noch eine Kammer, da schliefen meine Leute. Jeder mußte beim Lungrich mindestens 64 zu zwei Dingen zu brauchen sein. Ich war am Tage Ziehhund und nachts Wachthund. Ja, das war freilich ein anderer Dienst hier! Während die Frau verkaufte, fuhr Lungrich mit mir durch die Straßen. Bald war der Wagen mit Kohlen beladen, bald mit Gemüse, bald mit Holz. Die Last war oft so schwer, daß ich dachte, ich müßte zusammenbrechen. Und nie half Lungrich ziehen. Sondern er brauchte die Peitsche und fluchte, und nur wenn die Leute mit der Pickelhaube in der Uniform in der Nähe waren, nahm er sich in acht. Später lernte ich, daß das Schutzleute seien, die an allen Ecken stünden, um den Menschen zu helfen. Sie paßten aber auch auf die Pferde auf und auf die Hunde, und zeigten jeden Tierquäler an. Aber der Ede war noch schlimmer, als sein Vater. Der legte mir heimlich Steine in den Wagen und trat mich, wenn er es unbemerkt konnte. Der Ede war so alt wie der Fried. Sie gingen auch zusammen in die Schule, in das große, rote Haus an der Ecke. Da gingen soviel Kinder hinein! Ich hatte noch gar nicht gewußt, daß so schrecklich viel Kinder auf der Welt seien. Aber der Ede war faul, und der Fried fleißig. Da hatte der Ede gleich einen Haß auf ihn. Ich hörte zu, wie er seiner Mutter klagte, daß ihm der Ede heimlich Tintenflecken in seine Hefte machte. Dann mußte er die Aufgaben noch einmal schreiben. Aber als die Frau mit Lungrich darüber sprach, schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß es dröhnte. »Bettelpack seid ihr! Seid froh, daß ihr satt zu essen habt.« 65 »Das ist nicht wahr«, sagte die Großsche. »Wo ist denn das Geld für unser Häuschen? Und den Happen Brot, den arbeiten wir uns ab.« Da sprang er auf, und ich dachte, er wollte die alte Frau schlagen. Aber dann wäre ich ihm sicher an die Kehle gesprungen. Minnachen faltete die Hände. »Vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und das Alter ehren.« Ich aber überrechnete im Stillen, was für Nutzen der böse Lungrich von uns allen hatte. Die Großsche flickte, wusch und strickte. Die Frau verkaufte und war so freundlich mit den Leuten, daß jetzt viel mehr in den Laden kamen. Der Fried aber und Minna mußten morgens vor der Schule und abends noch Zeitungen austragen, und nicht einen Pfennig von dem verdienten Geld durften sie behalten. Alles mußten sie abliefern. Ich aber wußte recht wohl, was ich wert war. Es gingen viele, viele Ziehhunde in den Straßen herum, aber keiner war so stark wie ich. Im Frühling waren wir in die große Stadt gekommen, und das war gut, so konnten wir uns alle erst eingewöhnen. Die Kinder saßen in der freien Zeit vor der Tür, und durch die niedrigen Kellerfenster schien die Sonnen nicht viel, aber etwas. Als es heiß wurde freilich, war die Luft so dick und schwer, daß man sie kaum atmen konnte. Da war es im Keller zum Ersticken. Keiner konnte schlafen. Einmal machte die Frau die Tür von ihrer Kammer nach dem Laden auf, wo ich lag. Da hörte ich, wie Minna sagte: 66 »Schläfst du, Fried?« »Nein, Minnachen.« »Ich muß immer an unser Häuschen denken. Da wachsen jetzt die Feuerbohnen am Zaun!« »Und der Wind weht über die Kornfelder, und das Korn blüht, und es sieht aus, als ob es rauschte. Ach, und unser Lehrer im Dorf!« »Weißt du, ich hatte mir doch Bohnen eingesetzt in die alte Zigarrenkiste.« »Ja, Minnachen.« »Und sie gingen auch auf und hatten schon die Herzblättchen. Da hat der Ede sie herausgerissen und gesagt, die Kiste gehöre ihm.« »Weine nicht, Minnachen.« »Ich bin so unglücklich, Fried. Ach, wenn doch Vater noch lebte!« Da konnte ich nicht an mich halten und kratzte mit den Pfoten. »Still, Minnachen, Schlumski hört dich.« »Denkst du denn, er versteht uns, Fried?« »Schlumski war Vaters Freund. Ich denke, er versteht jedes Wort, das wir sagen! Und denk mal, wie schwer er es hat. Wenn er ihm nur genug Wasser gibt in der Hitze.« Da stand ich auf und ging zu ihnen in die Kammer und leckte ihre Hände und sah sie an. Und Minna sagte: »Der liebe Schlumski, er versteht uns wirklich! Ja, wir bleiben Freunde, so lange wir leben.« – Aber was half es? Lungrich hatte nun einmal die Macht über uns, und er quälte uns, so gut er konnte. Die Straßen, durch die wir fuhren, waren 67 nicht gepflastert, sondern mit Asphalt bedeckt. Wenn nun die Sonne so brannte, wurde der so heiß, daß ich kaum die Pfoten setzen konnte. Aber Lungrich fuhr mit mir immer auf der Sonnenseite. Da dachte ich: »warte, so klug wie du bin ich auch noch«. Und der tolle Hund fiel mir ein, vor dem Menschen und Tiere angst hatten, und ich streckte die Zunge aus, torkelte, und wackelte mit dem Kopf. Dann bekam Lungrich Angst und brachte mich rasch nach der nächsten Pumpe. Ich durfte mich satt trinken, und er ließ das Wasser über mich laufen. Natürlich sah ich viele, viele Hunde in den Straßen der großen Stadt. Viele, die frei und glücklich waren, und mit ihren Herren spazieren liefen, und auch viele, die angespannt waren, wie ich selber. Wir mußten nun nicht immer umhergehen, sondern blieben oft eine Stunde und länger an einer Ecke stehen, wo die Vorübergehenden dann kamen und kauften. Und es traf sich, daß wir oft an einem Platz hielten, wo noch ein anderer Ziehhund stand. Dessen Herr war ein Schmeißweg. Einen Schmeißweg nennt man einen Menschen, der die Sachen geradezu billig verkauft, als schmisse er sie einfach weg. Und dabei preist er sie mit solchen Reden an, daß alles stehen bleibt und ihm zuhört. Der Schmeißweg hatte auf seinem Wagen alles, was man sich nur denken kann. Kämme, Spiegel, Messer, Tücher, Zigarrentaschen – und von allem behauptete er, es sei das schönste in der ganzen Welt. Er stand auf einem Stuhl und schrie: »Nur immer her–r–r–ran, meine Herr–rrschaften! Noch nie dagewesen! Ein Messer, das 68 schneidet Glas, Eisen, Holz und Papier. Bitte überführen Sie sich!« Und er nahm ein Messer und schnitzelte an Glas und Eisen herum, als mußte das nur so sein. Wenn es aber ein anderer gekauft hatte, dann konnte er nicht einmal sein Brot damit schneiden. Sein Hund lag neben seinem Wagen. Er hieß Ali, und war ein schöner, schwarzer Hund mit langen Haaren. Die waren ihm nun im Sommer so heiß, daß er sich am liebsten nicht rühren mochte. Aber dann merkten wir doch, daß wir zur Freundschaft bestimmt waren. Ali behauptete, sein Herr, der Schmeißweg, könne zaubern. »Denn, Schlumski, zu Haus sind es ganz gewöhnliche Scheren, Brillen und Hosenträger. Aber hier auf dem Platz schneiden die Scheren Steine entzwei, und die Brillen machen Blinde sehend, und an den Hosenträgern kann man sich aufhängen, ohne daß sie reißen.« »Dein Herr ist dann wohl ein Betrüger, Ali.« »Sag das Wort nicht noch einmal, dann ist es mit unserer Freundschaft vorbei«, sagte Ali da ernst. »Du weißt wohl nicht, daß dein Herr falsche Gewichte hat? Das Kind da hat eben nur ¾ Pfund Kirschen bekommen, obgleich die Wagschale tief herunterging. Mein Herr ist ein lustiger Kumpan, aber deiner ist ein Bösewicht.« Da sagte ich ihm, Lungrich sei gar nicht mein Herr, und ich diene ihm nur gezwungen. Damit war der Friede wieder hergestellt. – Ich traf nun öfters mit Ali zusammen, denn 70 weil immer soviele Leute beim Schmeißweg stehen blieben, und seinen Späßen zuhörten, meinte Lungrich, er würde seine Kirschen dabei eher los. Und seit mich Ali darauf aufmerksam gemacht hatte, sah ich auch, wie schlecht er wog, und wenn einer fortging, den er betrogen hatte, dann brach immer so ein falscher Freudenstrahl aus seinen zugekniffenen Augen. Unter der obersten Schicht guter Kirschen lagen verfaulte, verschimmelte. Von denen brachte er, ohne daß es der Käufer merkte, jedes Mal welche in die Tüte. Morgens, ehe wir abfuhren, prüfte er die Vorräte im Keller. Auch die Frau sollte die schlechte Ware ebenso teuer verkaufen, wie die gute. Aber sie weigerte sich, und weil der Handel sonst gut ging, schwieg er. »Daß du aber nicht deine Rangen mit den guten Sachen stopfst.« »Sie haben noch nicht eine Beere genommen«, sagte die Frau ernst. »Aber verbiete es auch dem Ede. Der steckt sich immer die Taschen voll.« Lungrich lachte. »Kann er auch. Er ist die Stadtmaus, und ihr seid die Feldmäuse.« Minna und Fried sahen gar nicht hin nach den guten Dingen auf dem Ladentisch. Noch im vergangenen Sommer hatten sie den ganzen Wald für sich gehabt, und ganze Schonungen voll purpurroter Erdbeeren. Aber sie drehten den Kopf nach der anderen Seite, wenn sie an den Frühbirnen und den Kistchen mit Aprikosen vorbeigingen. Nur Peter reckte sich oft sehnsüchtig zu ihnen hin, und Ede 71 spuckte ihm die Kirschsteine vor die Füße und sagte: »Da, die sind für dich.« Die Kinder fingen nun doch an, die gute Ziegenmilch zu entbehren. Denn die Milch, die sie hier bekamen, war blauweiß, und ich sah auch einmal, wie der Mann, der sie brachte, Wasser hineingoß. »Sag mal, Ali«, fragte ich da den Freund, »warum sind denn die Menschen in der Stadt soviel schlechter, als auf dem Lande?« »Das ist gar nicht der Fall, Schlumski. Es gibt in der großen Stadt sehr viel gute Menschen, das kannst du glauben. Du kannst dir gar nicht denken, was sie alles für die Armen tun, und wie sie ihnen helfen. Aber die Schlechten kommen hier besser fort, weil man sie nicht so genau beobachten kann, das ist es. Zuletzt findet man sie aber doch.« »Meinst du, sie werden auch den Lungrich finden? Aber bald müßte es sein. Die Großsche lebt nicht mehr lang, die ißt sich nicht satt.« Ali antwortete nicht. Wir lagen im Schatten unserer Wagen und sahen dem Schmeißweg zu. Der verkaufte Sonnenschirme. »Herr–r–r–rliche Schirme, meine Damen. Bitte, bleiben Sie stehen und sehen Sie sich diese Schirme an. Jeder ist fünf Taler wert, und ich verlange nur fünf Groschen. Ich gebe sie Ihnen aus Liebe, meine Damen, aus Liebe und gegen den Sonnenstich!« Die Leute lachten, und der Schmeißweg verkaufte seine Schirme. Ali sah ihn stolz an. »Er singt schon des Morgens im Bett«, sagte er. »Wohnt ihr auch im Keller, Ali?« 72 »Nein, da sind nur unsere Vorräte und der Wagen. Wir wohnen hoch oben, im fünften Stock, in einer kleinen Kammer. Mein Herr muß die Sonne sehen können, sagt er. Wenn er frühmorgens aufsteht, steckt er den Kopf erst in die Waschschüssel, und dann durchs Fenster. Und dann ruft er mich: »komm, Ali, sieh mal die Pracht!« Das Fenster ist gerade so groß, daß unsere beiden Köpfe Platz haben. Dann liegen alle Dächer der großen Stadt unter uns, und die Kirchtürme sehen uns an, wie Freunde, und weit in der Ferne geht der Fluß aus der Stadt hinaus durch grüne Wiesen. Dann belle ich vor Freuden. Mein Herr aber singt dann ein Morgenlied, und wenn wir losziehen, sind wir zwei fidele Brüder.« »Ach, Ali, du bist doch sehr glücklich«, sagte ich und konnte es nicht verhindern, daß mein Schwanz neidisch hin und her pendelte. »Sei nur ruhig, Schlumski. Es kommen schon noch bessere Zeiten. Passe nur immer auf den Lungrich auf. Er hat einen zu gemeinen Geruch. Und erzähl' mir alles. Vielleicht können wir zwei deinen Leuten doch noch helfen.« Da mußte ich vor Vergnügen bellen, und Lungrich gab mir einen derben Fußtritt. 73 Weihnachten Im Herbst wurde das Wetter sehr, sehr schlecht. Es regnete in Strömen. Über meinem Wagen wurde ein großer, roter Schirm ausgespannt, der schützte die Äpfel, die wir jetzt meistens verkauften. Die Frau gab auch jeden Morgen eine Strohmatte und eine Decke für mich mit. Die Strohmatte sollte mir untergelegt werden, wenn wir hielten, die Decke mich gegen den Regen schützen. Aber der böse Lungrich gab mir oft genug weder Decke noch Matte. Nur wenn ich gar zu sehr zitterte, und er Angst hatte, ich könnte krank werden, schob er mir die Matte hin. Es gab viel, sehr viel zu tun. Am Vormittag fuhren wir meist Kohlen aus. Das waren Lasten! Der Riemen hatte mir vorn alle Haare von der Brust gescheuert. Jetzt wurde ich wund, das Leder schnitt fürchterlich ein, und ohne Erbarmen brauchte Lungrich die Peitsche. Am Abend wusch mich die Frau, rieb mich ein und streichelte mich. Die Großsche, die immer schwächer wurde, fütterte den Brustriemen ab und zerschnitt dazu ihr wärmstes Tuch. Aber was half es? Ich sah ja doch, wie sie alle bleicher und bleicher wurden. Minna und Fried husteten. Im Sommer war ihnen das Austragen der Zeitungen keine große Last gewesen. Nun mußten sie im Dunkeln aufstehen, in Regen und Kälte hinaus, nichts im Magen, als einen Topf schlechte Milch. Und der Peter gar bekam so einen dicken Kopf und krumme Beine. Die Frau war mit ihm beim Armenarzt gewesen. Englische Krankheit, sagte der. Sie solle ihm keine Kartoffeln geben und kräftige Kost. Aber Fleisch gab es nur Sonntags ein Stückchen. Lungrich aß an der Ecke in einer Kutscherkneipe. Da bestellte er sich auch seinen Ede hin. Ich mußte draußen warten. Da sah ich durchs Fenster, wie sie sich die fetten Bissen mit dem Messer in den Hals schoben, Rinderschmorbraten, Schweinerippchen und Karbonade. Und der Ede trank aus seines Vaters Bierglas. Meine Leute aber hatten derweil zu Hause kaum einen Hering, und von den Kartoffeln durfte die Großmutter nur die angefaulten für ihren Tisch nehmen. Ich haßte Lungrich so, daß ich ihm alles Fleisch hätte von den Knochen nagen mögen. Immer paßte ich auf ihn auf, aber lange konnte ich nichts entdecken. Er wog schlecht, das hatte Ali gesehen. Aber sonst fand ich nichts. Bis ich mir auch einen Husten holte und nicht schlafen konnte. Die Kellerwohnung war feucht. Bei dem ewigen Regen lief das Wasser von der Straße in die Stube. Da sehe ich eines Nachts, wie sich die Tür zu Lungrichs Zimmer ganz leise aufmacht, und er sich in den Laden schleicht. Ich drückte die Augen fest zu und rührte mich nicht. »Er kann doch in seinem eigenen Laden nicht stehlen wollen«, dachte ich und blinzelte. Da sah ich, wie er das Faß mit Magdeburger Sauerkraut fortrückte. In der Erde darunter 75 mußte ein Loch sein, aus dem nahm er einen Kasten, öffnete ihn, und holte etwas heraus. Ich konnte aber nicht sehen, was. Er schielte immer nach mir hin, geradeso als wußte er, daß ich ihn beobachtete. Dann ging er hinaus. Ich roch am nächsten Morgen an dem Faß herum, aber ich konnte mir die Sache nicht erklären. Er kam jetzt öfters in der Nacht, und es war immer dasselbe. Was er aber nahm, sah ich nie. Ich erzählte es natürlich Ali, der mich ermahnte, meinen ganzen Verstand zusammen zu nehmen. »Da liegt das Geheimnis, Schlumski. Das wäre, wenn du es nicht rausbekämst!« – Ich sah Ali jetzt seltener, denn in dem schlechten Wetter machte der Schmeißweg doch keine Geschäfte. Der Regen verdarb seine Sachen, und die Leute blieben nicht vor seinem Tisch stehen. Wie sehr erstaunte ich daher, als Ali eines Morgen neben meinem Kohlenwagen erschien, ohne Geschirr, ohne Seilen, wie ein feiner Herr, der seinen Morgenspaziergang macht. »Ich habe Ferien, Schlumski. Mein Herr braucht mich nicht, denn er schließt bei den Fabrikanten die Weihnachtseinkäufe ab. Da bekomme ich denn nur morgens und abends mein Futter und kann im übrigen meine eigenen Wege gehen. Mein Herr weiß, wie sehr ich ihn liebe, und daß ich klug genug bin, mich nicht zu verlaufen. Da habe ich mir nun vorgenommen, dich ein wenig zu begleiten.« »Du führst doch ein Herrenleben, Ali!« Er bellte freudig, als er neben mir hertrottete, 76 und seitdem wurde mir das saure Kohlenfahren noch einmal so leicht. Aber auch wir sollten bald merken, daß Weihnachten herankam. Der Keller füllte sich. Säcke mit Wallnüssen trafen ein, Kisten mit Traubrosinen, die mit schönen, grünen Bändern bebunden waren, Datteln in ganzen Bergen, Feigen, süßer Christbaumschmuck. Die Kinder starrten mit offenem Munde. Solche Herrlichkeiten hatten sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen! Wenn sie auch nichts anrühren durften, kamen sie sich reich vor, nur weil sie es sahen. Ede freilich verdarb sich gleich am ersten Tage den Magen und mußte zu Bett bleiben. Als die Leibschmerzen aufhörten, war ihm das ganz recht. Da konnte er daheim bleiben und die beiden Frauen quälen. »Du sollst nicht so gut wiegen! Sage ich das Vatern, dann gibt es was! Und der alten Krumholzen hast du heute ein Stück Brennholz zugegeben, ich hab' es wohl gesehen.« »Ede, sie ist so arm. Und ihr Kind ist krank. Hast du denn gar kein Herz?« »Nein, ich hab' dafür einen doppelt so großen Magen.« Dabei griff er in die Schublade mit Mandeln. Eines Tages hatte Lungrich ein Geschäft entdeckt, sogar für das arme Peterchen. »Die Leute haben die Groschen locker genug sitzen in der Weihnachtszeit. Da sind sie ja so dumm, daß sie gar nicht genug Geld ausgeben können, die Narren. Das will ich benutzen. Der 77 Peter soll Pflaumenmänner verkaufen. Die eine Sorte türkische Pflaumen taugt ohnehin nichts.« »Aber Peterchen ist so schwach«, sagte die Mutter. »Papperlapapp – er wird ja nicht von Zucker sein und im Regen zergehen.« Da stellte sich Peterchen auf seine krummen Beine und sagte mutig: »Ja, ich will auch Geld verdienen. Das schenke ich dann dir, Mutter, damit du dir einen neuen Rock kaufen kannst.« »Wem gehören die Pflaumen, mir oder dir? Ich zähle sie dir zu, und für jeden Pflaumenmann bringst du mir einen Groschen.« Das Zuzählen übernahm der Ede. Der würde sich schon nicht vergreifen, der Geizkragen! Und nun machten sie Pflaumenmänner! Zu jedem Pflaumenmann brauchte sie 18 Pflaumen, sechs zu den Armen, sechs zu den Beinen, drei zum Leib, eine zum Kopf und zwei für die Füße. Die Pflaumen waren ganz schimmlig. Aber wenn sie Ede ihnen zugezählt hatte, wuschen sie die Kinder erst ab, bis sie wieder schwarz waren, und steckten sie dann auf Hölzchen und machten den Pflaumenmann. Mittags bekam Peter seinen wärmsten Anzug an, der noch immer dünn genug war, die Mutter band ihm noch ein Tuch um den Hals, und dann ging er mit uns los. Er sah ganz vergnügt aus, wenn er so den Kasten mit den 12 Pflaumenmännern an einem Bande um den Hals trug. Aber weil seine krummen Beine das ungeschickte Körperchen nicht recht trugen, setzte ihn der Lungrich noch auf 78 den Wagen, mitten zwischen die Datteln und Apfelsinen, die wir jetzt in der Weihnachtszeit ausfuhren. Das war mir gerade recht. Wenn wir in die feine Straße kamen, wo die vornehmen Menschen wohnten, mußte Peterchen sich auf eine Treppe setzen oder in einen Torweg stellen. Er durfte immer erst nachmittags hin, weil dann die meisten Damen kamen. Die waren am mitleidigsten. Natürlich konnten sie die Pflaumenmänner eigentlich gar nicht brauchen, aber sie nahmen sie doch, weil der Kleine solch ein ernstes Gesicht machte. Lungrich hatte ihm gesagt, er solle immer mit lauter Stimme: »Pflaumenmänner, kauft schöne Pflaumenmänner!« schreien. Aber das getraute er sich nicht. Er hielt nur eines von den häßlichen Dingern ganz steif vor sich hin. Seine kleine Hand war ganz blau gefroren, und manchmal, wenn er lange warten mußte, ehe ihn jemand sah, stiegen Tränen in seine Augen. Die Damen, die die Pflaumenmänner kauften, wollten sie ihm oft gleich wieder schenken. Aber das litt er nicht. Was gekauft war, war gekauft. Er schlug ihnen das schwarze Ungeheuer in Zeitungspapier, das er sich aus dem Laden mitnahm, und gab es ihnen, und sah sie so treuherzig an, daß sie kopfschüttelnd nach Hause gingen. Nur wenn eine ihm einen Sechser mehr gab, dann nickte er strahlend mit dem Kopf und sagte: »vergelte Gott«. Und den Sechser steckte er extra in die Tasche, der gehörte nicht dem Lungrich. Ich konnte das freilich nicht sehen, denn ich mußte aus der feinen Straße fort, wenn ich das Peterchen abgesetzt hatte. Aber der Ali hatte noch 79 immer frei. Der blieb oft lange neben ihm sitzen und erzählte mir dann, wie brav Peter wäre, und daß er ihn auch einmal gestreichelt hätte, wie er sich auf seine kalten Füße gelegt hätte, um sie zu wärmen. Denn es war nun bitter kalt geworden. Wenn ich Peterchen abends mit meinem Herrn abholte, und er sich wieder auf den Wagen setzte, war er ganz steif gefroren. Aber seine Pflaumenmänner hatte er immer verkauft. Darum mußte er auch jeden Tag von Neuem heraus, so sehr die Mutter auch bat. »Es sind genug Kinder draußen, schwächere wie der«, sagte Lungrich. Und es war wahr. Je näher Weihnachten kam, je mehr Kinder wurden auf die Straßen geschickt. Überall standen sie in den zugigen Torwegen, auf den Plätzen, über die der Wind fegte und der Schnee trieb. Sie verkauften Hampelmänner und Wachsstreichhölzchen, Schäfchen und kleine Puppen. Allen Menschen liefen sie nach, und so gerne die Leute auch geben, wenn der Stern von Bethlehem in die Straßen scheint, zuletzt wurde es ihnen doch zu viel, und sie ließen sie stehen. Ich denke an euch, ihr kleinen Kinder, die man schon herausschickt in den Kampf des Lebens, und ich grüße euch. Ich bin nur ein armer Ziehhund gewesen, als ich euch sah. Aber mein Herz hat für euch geschlagen, und ich werde euch nie vergessen! Als so viele, viele Kinder auf die Straße kamen und verkauften, behielt Peterchen manchmal einen Pflaumenmann übrig, oder auch mehrere. Da bekam er von Lungrich soviel Schläge, wie er 80 Pflaumenmänner zurückbrachte. Er sagte es aber nicht seiner Mutter, er wurde nur immer stiller, und einmal abends, fanden wir ihn auf seinem Platz auf der Treppe fest eingeschlafen. Sein Kopf war ganz heiß und rot und seine Glieder ganz schwer. Er konnte auch nichts schlucken. Seine Mutter sagte auch kein Wort. Sie nahm nur den Kasten mit den Pflaumenmännern und warf ihn Lungrich vor die Füße. Und diesmal war er auch ganz still. In der Nacht hörte ich, wie Peter hustete, und wie die Frau ihm Umschläge machte. »Meinst du, daß er stirbt«, fragte sie die Großsche. »Nein«, sagte die, »die Kinder einer Witwe hat Gott lieb.« »Was soll nur aus ihnen werden, Großsche!« »Tröste dich, meine Tochter. Gott verläßt sie nicht, und ihr Vater im Himmel bewacht sie.« – Als Peterchen krank wurde, war Ali schon wieder im Dienst. Um Weihnachten hatte er den lustigsten Dienst von der Welt, und es war meine ganze Freude, daß unsere Wagen wieder nebeneinander auf dem großen Platz hielten. Sein Herr hatte nun nämlich alle seine Einkäufe beendigt und sein Weihnachtsgeschäft begonnen. In dieser Zeit war er aber kein Schmeißweg. Er hatte sich Hunderte und Hunderte von den schönsten Blechsachen gekauft, alle mit einer Mechanik innen, und alle beweglich, wenn er sie aufzog. Herren und Damen, die spazieren gingen, und Tanzbären und kleine Automobile und Radfahrer und Seehunde und Dampfer und 81 Luftschiffe. Ach, ich kann euch gar nicht sagen, was der Schmeißweg alles hatte! Und all seine Figuren zog er auf und ließ sie auf dem Platz laufen. Da drehten sie sich hin und her. Wenn aber eine dahinlief, wo die Droschken fuhren, gleich stürzte Ali ihr nach und brachte sie im Maule zurück, und so zierlich faßte er sie an, daß das Räderwerk weiterschnurrte, wenn er sie in den Zähnen hielt. Zu lustig war es! Alle Vorübergehenden blieben auch stehen, und die Kinder konnten sich gar nicht trennen. Die Wintersonne schien, und die ganzen Straßen standen voll Tannenbäumchen. Einige trugen sogar noch ihre richtigen Zapfen. Und der Schmeißweg zog seine Figuren auf, vom Morgen bis zum Abend, und wurde nie müde, den Zuschauern von ihnen zu erzählen. »Dieser Dampfer hier ist die ›Hohenzollern‹, die Seine Majestät benützt, wenn sie in ferne Lande geht. Alle Schiffe kennen sie, und wenn sie die weiße ›Hohenzollern‹ sehen, so schicken sie den Kaisersalut. Da geht sie hin, meine Herrschaften. Nach dem Nordland geht sie, wo Seehunde und Walfische leben, und nach dem Mittelländischen Meer, und nach den Ländern der Heiden, und nach Jerusalem, wo unser Heiland gelebt hat. Sehen Sie, wie stolz sie einherschifft!« Und der Schmeißweg sah dem Dampfer nach, wie er über den Platz rollte, bis er gegen einen Tannenzweig rannte und festsaß, und man sah es seinen Augen an, daß er wirklich glaubte, sein Schiff triebe auf dem Meer. 82 Zuweilen machte er auch Verse. »Diese Tänzerin, die kleine, Wirft bis über'n Kopf die Beine, Dreht sich wie ein Kreisel rum, Aline, fall' mir ja nicht um!« Oder: »Herr Bär, Herr Bär, Wo kommt er her? – Ich komme aus dem Walde tief, Da lag ich und schlief. – Wer hat euch denn geweckt? – Ein Kauz hat mich geneckt, Der rief: Weihnachten ist im Land! Da bin ich gleich hierher gerannt, Mit leeren Ranzen, Und muß nun tanzen.« Dann lachten die Leute sehr und kauften die Puppen, und der Schmeißweg nahm viel, viel Geld ein. Lungrich wurde ganz neidisch, wenn er es sah. Die Mütter wollten die kleinen Kinder manchmal fortziehen, weil es ihnen zu lange dauerte. Aber die baten und baten. »Bleibt noch, nur noch einmal wollen wir sehen, wie er das Automobil aufzieht! Nur noch ein einziges Mal!« – Eines Abends, es war kurz vor dem Fest, hatten sich die Zeitungen verspätet, und Friedel und Minna kamen auf unseren Platz und warteten auf sie. Da sahen sie auch mit leuchtenden Augen zu dem Schmeißweg auf. Aber plötzlich wurde Minna ganz blaß. Der Seehund, der eben losgelassen war, lief geradewegs auf eine Droschke zu, und ein Rad ging über ihn hin. Zwar holte ihn Ali sofort wieder, 83 aber die Mechanik war kaput, er ließ sich nicht wieder aufziehen. Da sah der Schmeißweg Minna an und sagte freundlich: »Hier hast du ihn, meine Tochter.« Minna wurde nur rot und machte einen tiefen Knix. Am Abend hörte ich, wie sie zu Fried sagte, sie wollten den Seehund dem Peter schenken. Wenn er auch nicht mehr laufen könne, so ließe er sich doch noch an einem Faden ziehen. Sie hatten überhaupt allerlei Überraschungen vor. Denn wenn sie auch ihren Botenlohn ablieferten, so bekamen sie in diesen Tagen doch hier und da ein paar Groschen geschenkt, oder eine Handvoll Pfeffernüsse, oder einen Apfel. Und während die Frau seufzte, daß sie ihren Kindern so gar keine Freude machen konnte, flüsterten die miteinander und rechneten, und auch das Peterchen in seinem Bett nahm an den Beratungen teil und wickelte seine so schwer erworbenen Nickel aus dem Zipfel seines Taschentuches. Am letzten Tage vor dem heiligen Abend hielten Ali und ich noch einmal nebeneinander. Es war ein fürchterliches Gedränge in den Straßen, denn jeder, der noch etwas vergessen hatte, benutzte diese Zeit. Die Leute stießen sich ordentlich, aber alle machten fröhliche Gesichter. Die Schaufenster strahlten in der funkelnden Kälte ganz wunderbar, und in allen brannten unten kleine Gasflämmchen, damit die Scheiben nicht zufroren, und die Eisblumen nicht die Pracht der ausgestellten Sachen verdeckten. Der Schmeißweg mußte einpacken, denn in dem Gedränge hätten sie ihm sicher seine Figürchen zertreten. 84 Er hatte auch soviel verkauft, daß er ganz vergnügt mit dem Geld in seiner Tasche klimperte und vor sich hinsang: »Ist mir alles eins, ist mir alles eins, Ob ich Geld hab' oder keins.« Er meinte es aber nicht so, sondern freute sich, daß er Geld hatte und seinem Ali zum Fest morgen eine schöne Bratwurst kaufen konnte. Dem lief schon das Wasser im Munde zusammen. Plötzlich knurrte Ali: »Paß auf, Schlumski!« Da sah ich, daß sich durch die Menschen einer durchdrängte und neben Lungrich stehen blieb. Er tat so, als sähe er nach den Figuren, die der Schmeißweg einpackte. Pfui, sah der Kerl aus! Ganz aschgrau im Gesicht, und so ein Paar böse Augen, und einen Stoppelbart. Und dann sagte er auf einmal: »Morgen, Lungrich.« »Ja, Jule, ich hab auch nichts mehr, bin rein blank. Vorhin gab ich den letzten Taler weg, als ich zehn Mark wechseln mußte.« »Kommst du zu mir?« »Ja, morgen Abend. Die heilige Gesellschaft bei mir paßt mir doch nicht.« Der Mann, den er Jule genannt hatte, lachte. »Bringst du deinen Ede mit?« »Immer los, er soll auch einmal bei's Handwerk.« Der Fremde blinzelte ihm zu und schob sich zwischen die Menge. Ali und ich sahen uns an. »Hast du verstanden?« »Die Worte ja, den Sinn nicht. Weißt du, ich werde darüber spintisieren. Und dann die 85 Bratwurst! Wenn ich Bratwurst esse, bin ich immer gleich viel klüger. Du auch?« Ich schämte mich, ihm zu gestehen, daß ich noch nie Bratwurst gegessen hatte, und sagte nur: »O, ich merke nichts Besonderes.« Dann trennten wir uns. Wenn irgend möglich, wollte mich Ali in den Festtagen einmal besuchen, und wir wollten die Sache überlegen. – Am nächsten Abend schloß Lungrich um acht den Laden und sagte, er wolle nun ausgehen, sie könnten ihren Weihnachten allein feiern. Schenken könne er ihnen nichts, die Zeiten seien zu schlecht. Aber sie dürften sich eine Kartoffelsuppe kochen und von dem Speck hineintun, den die Leute nicht mehr kaufen wollten. Die Kinder sollten jeder ein paar angefaulte Apfelsinen haben. Damit nahm er seinen Ede bei der Hand und ging los. Am liebsten wäre ich ihnen nachgelaufen, zu sehen, wo sie blieben; aber die Freude war zu groß, daß wir nun für uns allein sein konnten. So blieb ich. Fried und Minna hatten auf den Plätzen, wo die Tannenbäume standen, abgefallene Zweige gesammelt. Die steckten sie nun in einen Blumentopf und hingen Sterne und Ketten daran. Sie hatten sie aus dem Silberpapier gemacht, in das die Apfelsinen eingewickelt waren, und das immer in den Kisten übrig blieb. Lichte hatten sie für ihr Bäumchen freilich nicht. Sie stellten den Tisch dicht an Peterchens Bett, dem es schon viel besser ging. Dann legten sie die Schürze für die Großsche drauf, auch eine für die Mutter und eine Jacke dazu, und noch ein wenig Geld eingewickelt daneben. Denn 86 die Jacke hatten sie nicht gekauft. Die hatte ihnen eine alte Dame geschenkt, zu der sie auch mit Zeitungen kamen, und eine ganze Mark dazu. Ja, und dann riefen sie die Mutter und die Großmutter herein. Nein, aber wie die sich freuten! Die Tränen liefen ihnen nur so aus den Augen. Die Großsche hatte auch für jeden ein Paar wollene Strümpfe, von der selbstgesponnenen Wolle, die sie noch in die Stadt mitgebracht hatte, und die Mutter einen Pfefferkuchen, und Peter bekam den Seehund mit der zerbrochenen Mechanik. Ja, und dann machten sie ein wenig das Fenster auf, daß sie die Kirchenglocken hörten. Fried sagte die Weihnachtsgeschichte, und Minnachen einen Spruch, den sie in der Schule gelernt hatte. Dann hatten sie sich lieb. Und mich holten sie zu sich. »Denn der Schlumski gehört zu uns in Freude und in Not«, sagten sie. Und wenn ich auch keine Bratwurst hatte, so war ich doch sehr glücklich. 87 Wie Ali spintisiert Es mochte Mitternacht sein. Die Weihnachtsglocken waren verstummt. Ich hatte schon eine Weile im Laden geschlafen, da wurde der Schlüssel im Schlosse umgedreht. »Aha«, dachte ich, »nun kommen sie von Jule und ihrer Weihnachtsfeier zurück.« Ich bellte kurz, damit sie nicht sagen konnten, ich sei nicht wachsam. Dann legte ich den Kopf wieder auf die Vorderpfoten und tat, als ob ich schliefe. Ich war aber so neugierig, daß ich zitterte, denn ich hatte gleich gesehen, daß sie ein Paket bei sich trugen. »Laß den Hund in die Kammer, Vater«, sagte Ede. »Ich mein immer, das Biest hat mehr wie Menschenverstand.« »Warum nicht gar«, sagte Lungrich, der nach Fusel roch, »dann weckt er uns noch die übrige Bande. Das fehlte noch gerade«. Er schlich nach der Kammertür und lauschte. Dann schob er das Faß mit Sauerkraut zur Seite, holte das Kästchen aus der Höhlung, machte sein Paket auf, und legte das, was in dem Tuche verborgen gewesen, in den Kasten. Ich war verzweifelt, denn ich konnte nicht sehen, was er war. Sie knieten hinter dem Ladentisch, und wenn ich aufgestanden wäre, hätten sie mich sicher ausgesperrt. Ich horchte und horchte. Ein leises Klirren, sonst 88 nichts. Da plötzlich fiel etwas zur Erde, und unter der Tonbank hervor rollte ein Taler gerade auf mich zu. Aber in demselben Augenblick kam auch schon der Ede angelaufen, griff nach dem Geldstück, gab mir einen Fußtritt und kehrte zu seinem Vater zurück. Nach einer Weile waren sie fertig, schoben das Faß wieder auf seine Stelle, nahmen das Licht mit in ihr Schlafzimmer, und riegelten die Tür zu. Also nun wußte ich, was unter dem Faß lag. Geld. Lungrich war viel reicher, als er zeigen wollte. Er versteckte sein Geld nur, damit er meine Leute besser plagen konnte und sie für sich arbeiten ließ, als sei er am Verhungern. Gewiß hatte er sein Geld bei diesem Jule und holte sich nur, was er brauchte. Der Jule war wohl ebenso geizig. Brrr! wie er ausgesehen hatte! Ich dachte an den Schäferkaro. Der hatte immer gesagt: »die Menschen sind gut und klug. Aber wenn sie das Geld zu sehr lieben, dann werden sie böse und schlecht.« Na, wenn Ali kam, konnte ich ihm nun alles erzählen! Wir hatten verabredet, daß wir uns wenn möglich am ersten Feiertage an der Kirche treffen wollten, kurz ehe die Gasflammen in den Straßen angesteckt wurden. Da ich heute frei hatte, konnte ich auch zeitig fort, rannte auf die große, rote Kirche zu, gerade über den Kirchplatz, so schnell, daß ich fast mit Ali zusammengetroffen wäre, der von der anderen Seite angejagt kam. Vor Freude überkugelten wir uns, richteten uns aneinander aus und 89 spielten miteinander, wie zwei junge Hunde, so vergnügt machte mich der seltene Ruhetag und meine nächtliche Entdeckung. Als ich sie aber Ali mitgeteilt hatte, bellte der, daß er sich schüttelte, drehte sich wie ein Kreisel, und war so ungebärdig, daß ich ganz ärgerlich wurde. »Was sagst du, Ali, was sagst du?« »Ich sage, daß der Schmeißweg klüger ist, als wir alle. Höre zu!« Und er beruhigte sich, setzte sich neben mich und erzählte. »Du meinst also, dein Herr sei eben nur ein Geiziger, wie ein Gierschlung von Hund, der alles zusammenschleppt, was er von Knochen finden kann, sie verscharrt, weil seine Zähne sie nicht auf einmal bewältigen, und endlich sogar den Ort vergißt, wo er seine Schätze begraben hat? O nein, lieber Schlumski, er ist noch viel, viel schlechter. Du weißt, daß ich dich neulich auf den schwarzen Jule aufmerksam machte. Ich kannte ihn nämlich. Aber ich wußte nicht, daß er etwas mit deinem Bedrücker zu tun hatte. Mein Herr und ich, wir wohnen in einem Hause, das ist voll der seltsamsten Menschen. Da wohnt ein Savoyarde mit seinem Murmeltier, vor dem ich erst immer still stand, um es anzuknurren, und ein kleiner Italienerjunge, der mit Gipsbüsten handelt, und ein Ratzenfaller, und ein Drehorgelmann und eine Puppennäherin, die ist auch zugleich ein Puppendoktor, und ein Schaffner von der Elektrischen, eine Zeitungsfrau, ein Hühneraugendoktor und eine Blinde mit ihrer Enkelin, und –« 90 »Höre auf, Ali. Nun schwindelst du, wie dein Herr, wenn er seine Sachen ausbietet. So viele Leute können nicht in einem Hause wohnen.« Ali tat sehr beleidigt, und ich mußte ihn ordentlich bitten, weiter zu erzählen. »Ich wünschte nur, du könntest mich einmal besuchen, Schlumski: da möchte ich dir wohl zeigen, wieviel Menschen in so ein Haus reingehen, vom Keller bis fünf Stock hoch unter das Dach. Du würdest dich wundern! Und mit allen ist mein Herr gut Freund. Ja, gestern, am heiligen Abend, hat er der kleinen Puppennäherin gesagt, daß er sie heiraten wolle. Sein Schmeißweg-Geschäft ginge nun so gut, daß er sich an sie wegschmeißen wolle. Und sie hat ja gesagt, und sie haben in ihrem Zimmer einen Walzer getanzt, obgleich es nicht viel größer ist, wie eine richtige Hundehütte. Und vor Weihnachten wäre es auch unmöglich gewesen, denn da lagen die Puppen sogar auf dem Fußboden. Puppen von jeder Sorte, von Balldamen bis zu Köchinnen. Und auf ihrem Bett lagen die Kranken, denen sie Arme und Beine ansetzen mußte, und Perrücken aufkleben, und rote Backen anmalen. Weißt du, kleine Mädchen sind doch oft gar keine guten Puppenmütter.« »Minnachen ist eine«, sagte ich stolz. »Ihre Puppe ist zwar nur ein Kochlöffel, um den sie ein Tuch wickelt. Aber ich kann dir gar nicht beschreiben, wie gut sie zu ihr ist.« »Ja, also die Puppennäherin liebt meinen Herrn nun natürlich am meisten, weil sie ja auch Mann und Frau werden wollen. Aber die anderen 91 Einwohner lieben ihn, weil er so lustig ist und ein so gutes Herz hat. Dem Savoyarden und dem Italienerjungen bringt er oft genug einen Topf mit Suppe, wenn sie sich wieder einmal nur trockenes Brot verdient haben. Dem Leiermann verbindet er sein krankes Bein, der Blinden erzählt er Schnurren, dem Hühneraugenmann schneidet er die Hühneraugen ab, denn das kann der nur anderen, weil er einen so dicken Bauch hat und an seine eigenen Füße nicht herankann, und so erweist er jedem einen Dienst. Nur, der schwarze Jule, wie sie ihn nennen, kann ihn nicht leiden. Lange wußten wir gar nicht, daß der schwarze Jule auch im Hause wohnt, denn er geht am Tage nie aus. Abends aber sind wir immer oben in unserer Kammer, und nur Sonntag abends bei der kleinen Puppennäherin, wo dann der Leiermann umsonst ein Konzert gibt. Aber dann entdeckte ich ihn zuerst. Ich ging nämlich öfters hinaus, wenn der Leiermann spielte, weil Musik mich immer so wehmütig stimmt, und ich so recht herzlich heulen muß. Und als ich da einmal auf dem Hof stand, sah ich, wie der schwarze Jule seine Kellerfenster verhängte, ganz dicht. Und dann hörte ich ihn hämmern, aber sehen konnte ich nichts. Später aber wurde überall von ihm getuschelt, und die kleine Näherin erklärte, daß sie sich gräßlich vor ihm fürchte. Mein Herr beruhigte sie und sagte, er würde sie immer beschützen. Ja, und einmal, als wir vor Weihnachten in den Keller mußten, mein Herr und ich, weil da unsere Blechpuppen lagen, stand die Tür zur Kammer des schwarzen Jule ein wenig offen – 92 nur ein klein wenig. Ich stieß aber gegen, daß sie ganz aufging. Da sah mein Herr hinein und blieb erstaunt stehen. Sonderbare Tiegel standen auf dem Herd, und auf dem Tische lag eine ganze Reihe funkelnagelneuer Markstücke. Da pfiff mein Herr so durch die Zähne: also so steht es! und machte die Tür gleich zu und ging mit mir fort.« »Warum denn, Ali, warum soll der Jule nicht Geld verdienen?« »Höre weiter, Schlumski, alles zu seiner Zeit. Mein Herr hat wohl mit niemandem davon gesprochen. Denn wenn es auch aussieht, als ob er nichts verbergen könne, so weiß ich doch, daß er nur sagt, was er sagen will. Aber gestern, am heiligen Abend, als er so glücklich war und mit seiner Braut sprach, wie sie sich einrichten wollen, und wie fleißig sie sein wollen, da sagte er auf einmal: »Hannchen, jeden Pfennig ehrlich verdienen! Was nützen uns die falschen Markstücke?« – Und dann erzählte er, daß er bestimmt glaube, der schwarze Jule mache falsches Geld. Und er wisse nur nicht, ob er ihn nicht der Polizei anzeigen müsse. Da fiel die kleine Puppennäherin ihm um den Hals und weinte und bat, er solle das doch nicht tun. Denn dann würde sich der schwarze Jule an ihm rächen. Und wenn ihrem Schmeißweg auch nur ein Haar gekrümmt würde, dann müsse sie vor Kummer sterben. Und mein Herr hat ihr auch versprochen, noch ein Weilchen zu warten. Denn er sagt, er sei seiner Sache noch nicht ganz sicher. Sonst müsse er es sagen, damit nicht andere Leute betrogen würden. Ja, und wenn es so ist, Schlumski, 93 dann steckt dein Unterdrücker mit dem schwarzen Jule unter einer Decke und hilft ihm, das falsche Geld unter die Leute zu bringen. Und paß auf, dann enden sie beide im Zuchthaus. Das sagt mein Herr auch, und die kleine Puppennäherin sagt es ebenfalls.« Ich war ganz baff und konnte nur knurren vor Erstaunen. Wir sprachen dann noch hin und her. Ob deswegen wohl mein Herr so oft seinen Standort wechsle und bald in diese, bald in jene Straße ziehe. Und dann kam der Mann und steckte die Gaslaternen an. Sie hingen in der Winterluft wie große Monde. Da mußte ich wieder an den Schäferkaro denken, was der wohl zu der Geschichte sagen würde, und ob er schon jemals von Menschen gehört hätte, die Falschmünzer sind. Denn so hatte sie der Schmeißweg genannt. Ali aber wurde nun ungeduldig. »Wir sind nämlich heute wieder bei unserer Braut«, sagte er, »und ich denke, für mich gibt es wieder etwas Besonderes. Du glaubst gar nicht, wie angenehm es ist, wenn ihre hübschen, kleinen Hände mich streicheln. Sie sagt, ihr Zeigefinger sei ganz zerstochen und häßlich, weil die ledernen Puppenbälge so hart seien. Aber ich kann das nicht häßlich finden, und mein Herr auch nicht.« So trennten wir uns, und jeder von uns lief nach einer anderen Seite. Ich war aber so tief in Gedanken, daß mich ein Töff-Töff beinahe überfahren hätte. Da stellte ich mich hin und bellte ihm ordentlich nach und sagte ihm meine Meinung. 94 Wenn die Not am größten Von nun an beobachtete ich meinen Bedrücker. Jedesmal, wenn er in der Nacht das Kästchen unter dem Faß mit Sauerkraut hervorholte, war ich sicher, daß er am nächsten Tage beim Wechseln ein blankes Mark- oder Talerstück herausgeben würde. Und immer, wenn das falsche Geld in der Tasche des Betrogenen verschwand, wollte ich aufspringen und bellen. Aber was hätte es genützt? Der Hund ist klug. Er versteht seine eigene Sprache und auch die des Menschen. Der Mensch aber kann uns nicht verstehen. Er meint, wir bellen nur. Ach, wie gut wäre es für meine Leute gewesen, wenn sie gewußt hätten, was ich ihnen sagen wollte! Denn denen ging es immer schlechter. Zwar war Peter nun aufgestanden. Dafür aber lag die Großmutter. Es fehlte ihr eigentlich nichts. Sie war nur sehr schwach. Lungrich höhnte, daß sie wohl die Faulkrankheit habe. Aber sie gab ihm nicht einmal Antwort. Sie dämmerte nur so hin. Die Frau im Laden hatte rote Augen. Aber sie tat noch die Arbeit der Großmutter mit. Es war alles so blank und so eigen, wie das in dem Kellerloch nur möglich war. Es ging auch alles seinen gewöhnlichen Gang. Fried und Minna trugen ihre 95 Zeitungen aus und lernten, so schwer es ihnen der Ede auch machte. Manchmal versteckte er ihnen die Bücher und lief fort. Dann kamen sie zu mir. »Such, Schlumski, lieber Schlumski, hilf.« Und ich suchte und fand immer. Und Treff hat kein Rebhuhn stolzer angebracht, als ich die biblische Geschichte oder den Federkasten. Ja, in der Schule ging es den Kindern gut. Aber nach dem alten Kantor sehnten sie sich doch, und zu Weihnachten hatten sie ihm einen Brief geschrieben. Da kam nun eine Antwort an sie, ein richtiger Brief, an Fried und Minna adressiert. Nein, solch eine Freude! Immer wieder lasen sie ihn sich vor, bis sie ihn auswendig konnten. Ich hörte zu, hörte von dem hohen Schnee, der dort lag und so weiß und rein war, und von allen Leuten aus dem Dorf, von denen der Kantor erzählte. Aber von den Hunden schrieb er nichts. Das hatte er vergessen. Und ich hätte doch so gern gewußt, wie es auf dem Hofe ging. Nicht einmal von meinem Bruder Wotan erfuhr ich ein Wort. Dazu hatte ich Rheumatismus in der linken Vorderpfote, denn der Frost hatte wieder einmal mit Schmutz gewechselt. Aber Lungrich legte mir nicht die Decke unter, wenn ich so stundenlang auf der Straße hielt. Manchmal sah ich Ali von Weitem. Der hatte jetzt gute Zeit, denn nun gab es zwei, die ihn verwöhnten, und er hielt den Schwanz immer hoch vor Zufriedenheit. Ja, da dachte ich oft, nicht nur Menschenlose, auch Hundelose seien sehr verschieden. Dann erzählte Fried eines Abends ganz leise, der Ede hätte gestohlen. In der Schule sei oft mal 96 etwas fortgekommen, ein Bleistift, oder ein Taschenmesser. Niemand hätte gewußt, wer es genommen. Heute aber hätten sie ihn beklappt. Der Hans vom Schneider drüben, der hätte in der Pause ihnen noch einen Groschen gezeigt, den er bekommen, als er rasch vor der Schule noch ein Paar Hosen fortgetragen. Und in der Stunde hätte er auf einmal eine Hand in seiner Tasche gefühlt, zugegriffen und laut aufgeschrien. Als der Lehrer kam, hielt Hans Edes Hand noch fest, und wie sie sie aufmachten, da war der Groschen drin. »Und nun meldeten sich noch mehr Jungens, Mutter. Der eine sagte, der Ede hätte seinen Bücherriemen, und der andere, er hätte seinen Federhalter, und einem dritten fehlte ein Paar Handschuhe. Ich schämte mich so, ich sah immer auf die Erde. Aber Ede sagte ganz verstockt: nein! und den Groschen hätte er auch nur zum Spaß nehmen wollen. Er hätte ihn dem Hans nachher wiedergegeben. Aber niemand glaubte ihm, und kein Junge will mehr mit ihm auf einer Bank sitzen. Er hat mir gesagt, Mutter, wenn ich es erzähle, schlägt er mir die Knochen entzwei. Aber ich muß es dir erzählen, und ich fürchte ihn auch nicht. Ich bin ebenso stark wie er.« Die Mutter seufzte. Peterchen aber, der furchtbar ernst geworden war, seit er Pflaumenmänner verkauft und im Bett gelegen hatte, sagte ganz altklug: »Schlechte Beispiele verderben gute Sitten.« Da mußte die Mutter lachen. »Ach, du dummes Peterchen! Ihr werdet mir 97 doch ehrlich bleiben! So wird mich der liebe Gott nicht strafen. Und es gibt auch noch ein anderes Sprichwort, das lautet: wenn dich die bösen Buben locken, dann folge ihnen nicht.« Ja, dachte ich, das stimmt auch für Hunde. Wie oft laufen da nicht solche Müßiggänger in den Straßen umher, die nichts tun, als andere Hunde zum Bösen verlocken! Da ist dann im Nu ein Auflauf zusammen, und ein Gebell und Gekläff, daß sich ein anständiger Hund schämen muß. Nein, den bösen Buben muß man nicht folgen. – Aber eines Abends, als wir nach Hause gekommen waren, und ich mein Futter fraß und meine müden Knochen streckte, und die kranke Pfote ganz vorsichtig an den Ofen hielt, sagte Lungrich zu Peter, er solle eine leere Bierflasche nehmen und mit ihm auf die Straße kommen. Peter gehorchte, und sie blieben lange Zeit fort. Die Frau ängstigte sich schon, und auch die Großmutter wurde unruhig. Als sie dann kamen, hatte Peterchen ganz schmutzige Hände. Seine Mutter wusch sie ihm und fragte ihn, wo er gewesen, und warum die Flasche noch leer sei. Aber er gab keine Antwort. Von nun an ging Peterchen, wenn es dunkel wurde, mit einer leeren Bierflasche auf die Straße und kam erst nach einer langen Weile zurück. Und immer brachte er die Flasche wieder, und immer waren seine Hände ganz voll Straßenschmutz. Er sprach auch keinen Ton. Es wurde ein ganz scheuer, verstockter, kleiner Bursche. Die Mutter durfte nicht vom Ladentisch fort. Fried und Minna waren mit ihren Zeitungen 98 unterwegs. Die Großsche lag im Bett. Da sagte ich eines Tages zu mir selbst: »Das geht nicht, Schlumski, du mußt nach dem Rechten sehen.« Und als ich meine Schrotsuppe gegessen hatte, ging ich hinaus, so weh die Pfote auch tat. Gleich roch ich Peterchens Spur. Die kannte ich gut. Mit der Nase am Boden ging ich dem kleinen Mann nach. Er mußte ziemlich weit gelaufen sein. Da kam ich in eine Nebenstraße, durch die nicht sehr viele Menschen gingen. Es war auch ziemlich dunkel. Und gerade, wo es am dunkelsten war, hörte ich Peterchen weinen und sah, wie er mit der Hand auf der Erde wühlte. Ich wollte auf ihn zulaufen. Da hielt ein fremder Herr an und sagte mitleidig: »Was weinst du denn, Kleiner?« Und Peterchen sagte: »Ich habe zehn Pfennige verloren, und nun kann ich meinem Onkel nicht die Flasche Bier kaufen, und dann schlägt er mich.« Der Herr sah auf den blassen, zitternden Knaben, zog dann seine Börse und gab ihm zehn Pfennige. »Hier, Kleiner.« Peter bedankte sich und rannte davon. Ich konnte ihm zuerst gar nicht folgen, so erschrocken war ich. Peterchen war ein Betrüger. Er suchte nach zehn Pfennigen, die er gar nicht verloren hatte. Aber daran war nur der Lungrich schuld, der hatte ihn dazu angestiftet! Weiß Gott, wie er ihn geschlagen hatte! Und nun suchte ich wieder seine Spur, die Nase am Boden, und als ich ihn 99 gefunden hatte, stellt ich mich so, daß der Wind ihm nicht meine Witterung zutragen konnte, obgleich ich glaube, Menschen riechen so schlecht, daß sie nicht einmal auf zehn Schritt wissen, wer kommt! Und wirklich, Peterchen wühlte wieder im Schmutz, und dieses Mal gab ihm eine Dame das Geld. Dann sah er sich scheu um und ging nach der Kutscherkneipe an der Ecke, wo Lungrich saß und seine Weiße trank. Ich sah, wie er ihm Geld hinzählte, und wie Lungrich ihm dann das Bierglas an die Lippen hielt. Aber da schüttelte der kleine Kerl den Kopf und ging raus und schlich ganz langsam nach Hause. Als ich kam und mich auf meine Decke legte, saß er schon hinten im Laden, in einer dunklen Ecke, recht wie ein Häufchen Unglück. Ich schlief die ganze Nacht nicht. Immer dachte ich an meinen Herrn, den Lumpensammler, wie ehrlich der gewesen war, und wie fleißig! Gar zu gern hätte ich Ali noch um Rat gefragt. Aber der Schmeißweg fuhr jetzt mit seinen Sachen in einen anderen Stadtteil, und wir sahen uns nur Sonntags, wenn Ali frei hatte. Und es waren doch meine Leute. Für die mußte ich allein handeln. Als es dunkel wurde, nahm Peter wieder die Bierflasche. »Peter«, sagte seine Mutter, »bleib doch daheim. Es regnet ja. Mußt du denn fort?« Er nickte nur ganz gleichgültig mit dem Kopf. Er sah seine Mutter nie mehr an. Als er aber eine Weile fort war, ging ich zu der Frau und zog an ihrer Schürze, und sah nach 100 der Tür und sprang hin und her. Sie sah mich ganz erstaunt an. »Was hast du nur, Schlumski?« Da lief ich nach der Ecke, wo Peters Sachen lagen, nahm den zerbrochenen Seehund, den er immer so im Arm hatte, wenn er im Winkel saß, und brachte ihn ihr und sah wieder nach der Tür. »Peter, ist es was mit Peter, Schlumski?« Da bellte ich laut und sprang an ihr in die Höhe. Sie hatte mich verstanden! Die Frau nahm die Schürze ab. »Großsche«, sagte sie, und ihre Stimme zitterte, »es ist was mit Peter nicht richtig. Schlumski will mich hinbringen. Ich muß gehen, Großsche. Ich schiebe das Bett hier an die offene Tür, daß du in den Laden hereinsehen kannst. Wenn jemand kommt, sag, er soll warten. Ich muß fort.« Die Alte nickte mit dem Kopf. Die Frau zog das Bett vor. Dann ging sie mit mir auf die Straße. Ich lief vor, und sie folgte. »Schnell, Schlumski, schnell.« Als wir in die Straße kamen, in der Peterchen war, zog ich sie am Rock und drängte sie an die Wand, und sie verstand mich auch und stand im Dunkeln hinter ihrem Kind mit Augen, die brannten nur so. Und es ging gerade wie gestern. Peter wühlte im Straßenschmutz und sagte, er hätte Geld verloren, und ein Herr blieb stehen und wollte ihm welches geben. Aber da trat die Frau vor und sagte ganz laut: »Tun Sie das nicht, mein Herr, mein Kind ist ein Betrüger.« 101 Wie aber das Peterchen die Stimme seiner Mutter hörte, lief es geradeaus, die Straße herunter. Nie hätte ich gedacht, daß es mit seinen krummen Beinen so laufen könne. Aber seine Mutter lief hinter ihm her. Und wie das Peterchen ihre Schritte hörte und auf eine Brücke kam, die über ein dunkles Wasser führte, da sprang der Junge ins Wasser. Die Frau stieß einen Schrei aus und wollte Peterchen nach. Der Herr aber, der uns gefolgt war, 102 hielt sie zurück. Und ich machte einen Satz, hinein in den Kanal, und als das Kind auftauchte, hielt ich es an der Jacke und schwamm nach einem Äpfelkahn, der da lag. Da nahmen die Schiffer ihn mir ab und zogen mich auch hinein. Nicht lange, da waren wir beide am Ufer, Peterchen lag seiner Mutter im Arm, und die Leute standen im großen Kreis umher und lobten mich. Ja, und der Herr war auch da, und auch ein Polizist. Der schrieb alles auf. Aber der Herr sprach mit ihm. Da ließ er uns nach Hause gehen. Wie wir da angekommen sind, hat die Frau Peter ausgezogen und zur Großsche ins Bett gelegt. Unterwegs hatte er seine Augen schon aufgemacht, seine Mutter gesehen und blos gesagt: »Mutter, Mutter!« Und nun schlief er gleich ein. Die Frau aber hat Minnachen und den Fried auch schlafen geschickt und sich mitten hingestellt und auf den Lungrich gewartet. Der ist mit dem Ede, den er schon überall mitnahm, im Wirtshaus gesessen bis Mitternacht. Ich hab dagelegen und auf die Frau gesehen, wie sie da stand und wartete. Und manchmal hat sie mir zugenickt und gesagt: »Ja, Schlumski, so ist es. Und seine Kinder müssen wir retten.« Da hab' ich gewußt, daß sie an den toten Mann dachte. Als der Lungrich mit seinem Jungen die Treppe heruntergestolpert ist, und die Frau steht so vor ihm, ist er erschrocken und hat in die Ecke geschielt, wo das Faß mit dem Sauerkraut stand. Das war sein böses Gewissen. Dann hat er die Frau angefahren, 103 ob nicht genug Petroleum verbrannt würde, und was sie hier noch wolle. Morgen fände sie dann wieder nicht aus den Federn. Sie blieb aber ganz ruhig, und sie sprach ernst, daß er sie hören mußte. »Ich hab' heut meinen Peter geholt. Erst von der Straße, wo er ja wohl lernte, ein schlechter Mensch zu werden und andere zu betrügen, und dann aus dem Wasser, denn so hat er sich vor seiner Mutter geschämt, daß er sich da hinunter gestürzt hat. Nun hab' ich aber genug. Gib mir die dreihundert Mark, die ich für unser Häuschen bekam, und dann laß uns gehen. Unsere Wege sind geschieden.« Da lachte der Lungrich und sagte nur: »Du bist wohl verrückt? Hier, sieh nach, ich führ' genau Buch, was ihr mich kostet. Fünf Köpfe, Essen, Wohnung, Kleidung, es ist nun bald ein Jahr. Schuldig bist du mir noch hundert Mark. Wenn du mir die abzahlen kannst, denn mache, daß du mit deiner Brut auf die Straße kommst, sonst kannst du mir danken, daß ich euch das Dach über dem Kopfe gönne.« Damit ging er hinaus. Die Frau aber sank in die Kniee und betete. »Lieber Gott, hilf! Jetzt ist die Not am größten!« 104 Ist Gottes Hilf am nächsten Peterchen griff nicht mehr nach der leeren Bierflasche, wenn es dunkel wurde, und ich endlich mit meinem schweren Karren nach Hause trottete. Er wich kaum von der Seite seiner Mutter, als könne ihn die schützen und hing immer an ihrer Schürze. Fried und Minna schlichen gedrückt umher. Der Ede war so ungezogen, daß es nicht zu ertragen war, und am liebsten hätte ich ihn jeden Tag dreimal in seine fetten Waden gebissen. Aber das wagte ich nicht. Denn Lungrich hatte ja der Frau vorgeworfen, daß er zu allem andern auch noch das Lumpenvieh auf dem Halse habe. Und damit meinte er mich. Er schlug mich jetzt und trat mich mit Füßen. Dabei kam ich ganz herunter, denn der Ede schüttete mir auch noch die Hälfte des Fressens fort, oder machte es so schmutzig, daß ich es stehen lassen mußte. Die Kinder gaben mir zuweilen heimlich von ihrem Brot. Aber ich machte die Augen zu und drückte die Schnauze auf den Boden und nahm es nicht. So kam es, daß Ali mich kaum erkannte, als ich mit unserem Wagen voll Apfelsinen wieder einmal neben dem Schmeißweg stand. 105 »Ja, Schlumski, wie siehst du denn aus? Du bist ja struppig wie ein räudiger Köter, und da an der Seite hast du ja eine eitrige Wunde.« »Das ist sein Stiefelabsatz, Ali. Die Frau wäscht sie mir jeden Abend aus, und sie wäre schon lange geheilt, denn ich habe gesunde Säfte. Aber der Ede tritt immer wieder hinein und hält sie offen. Gestern hat der Fried mit ihm gerungen und ihn zu Boden geworfen und durchgebläut. Aber was nützt es? Heute früh hat er mir Pfeffer auf das wunde Fleisch gestreut.« »Armer Kerl! Und ich lebe in Herrlichkeit und Freuden. Denk mal, unsere Braut kämmt mich mit einem richtigen Kamm. Wie findest du, daß ich aussehe?« Er stellte sich hin und zeigte von allen Seiten sein glänzendes, schwarzes Fell. Denn sein Herr spannte ihn immer aus, wenn er sein Geschäft anfing. Heut drängten sich die Menschen nur so um den Karren. Der Schmeißweg war in bester Laune. Er verkaufte Puppen, lauter niedliche, kleine Puppen, die seine Braut genäht hatte. »Immer herr–ran, meine Her–rr–rrschaften! Puppen, so süß und unschuldig, wie die Engelchen im Himmel. Puppen zum Anbeißen. Puppen im Steckkissen, und im Schulkleid, und im Ballanzug, und hier eine im Hochzeitsstaat. Was sagen Sie? Ist das nicht eine Herzstärkung? Und Stück für Stück nur fünfzig Pfennig, und das Seidenpapier zum Einwickeln bekommen Sie umsonst. Rosa Seidenpapier! Rosa wie die Morgensonne, nur immer herr–rr–ran!« 106 Und seine Augen lachten, und seine Zähne blitzten, und die Menschen rissen sich um seine Puppen. »Das Geld schüttet er nun abends alles unserer Braut in den Schoß. Die kauft davon Handtücher, Bettwäsche, und Küchengerät, und jeden Sonntag wird alles herausgeholt, und wir betrachten es. Im Mai heiraten wir, ja.« Ich gönnte meinem Freunde Ali ja alles Gute. Aber ich mußte doch seufzen. Da fiel mir der schwarze Jule ein, und ich fragt nach ihm. Ali schüttelte bedächtig den Kopf. »Das steht nicht gut, Schlumski. Ich glaube, ihre Zeit ist bald gekommen. Sieh mal, der Schmeißweg hat ihn wirklich noch nicht angezeigt, und ich glaube, das macht ihn manchmal ganz unglücklich. Aber immer, wenn er auf die Polizei gehen will, fängt unsere Braut an zu weinen und bittet ihn, doch nur noch einen Tag zu warten. Und, Schlumski, glaube mir, einer so reizenden Braut kann man nichts abschlagen.« »Schön, Ali; aber wie wird es nun mit meinen Leuten? Wenn dein Herr den schwarzen Jule anzeigt, dann wird er festgenommen und nach seinen Mitschuldigen gefragt. Dann nennt er meinen Bedrücker, und der Lungrich kommt ins Gefängnis, und ich hab' Ruh. Und meine Leute auch. Und sieh mal, lange halte ich es nicht mehr aus. Ich kneife schon immer den Schwanz ein vor Schmerzen.« Ali wollte eben antworten, als sich ein mächtiger Lärm erhob. Unter den Leuten, die vor dem Wagen des Schmeißweg standen und Puppen kauften, hatte ich schon vor einer Weile den feinen Herrn bemerkt, 107 der dabei gewesen war, als ich Peterchen aus dem Wasser gezogen hatte. (Ali sagte, das sei einfach eine Heldentat, und wenn ich ein Mensch wäre, würde ich eine Rettungsmedaille bekommen. Er würde es aber allen Hunden seines Bekanntenkreises erzählen.) Der Herr hatte die vielen Kinder gesehen, die umherstanden, hatte dann von Lungrich ein Dutzend Apfelsinen gekauft und sie verteilt. Nun kamen aber noch mehr Kinder und sahen ihn so bittend an, daß er noch ein Dutzend Apfelsinen nahm. Er zahlte ein Goldstück, und Lungrich gab ihm heraus. Als der Herr das Geld einsteckte, wog er einen Taler hin und her und sagte dann: »Den nehme ich nicht, der ist falsch.« Und sah dem Lungrich so fest in die Augen. Weil aber gerade ein Schutzmann kam und sich das Geldstück auch geben ließ, sagte Lungrich: »Na ja, da haben sie nun einen armen Handelsmann wieder betrogen. Den Taler gab mir heute früh eine Frau, die einen ganzen Korb Apfelsinen kaufte und damit in die Häuser gehen wollte.« Ich wußte aber ganz genau, daß es nicht wahr war, und daß er sich das falsche Geld heute Nacht wieder unter dem Faß hervorgeholt hatte. Es war gar keine Frau dagewesen und hatte Apfelsinen gekauft. Und der Schutzmann blieb auch stehen und sagte streng: »Da werden in der letzten Zeit so oft falsche Mark- und Talerstücke ausgegeben. Sind Sie nicht der, der neulich Kartoffeln fuhr? Da klagte ein armer Mann auch nachher, er hätte im Dunkeln 108 eine falsche Mark bekommen. Warten Sie, ich werde mir aufschreiben, wo Sie wohnen.« Lungrich aber verschwor sich, er hätte ein Jahr lang keine Kartoffeln gefahren. Und dann sagte er einen ganz falschen Namen und eine falsche Wohnung. Ich kannte aber den Mann, der die Kartoffeln gekauft hatte, sehr gut. Anstatt weiter zu verkaufen, hörte der Schmeißweg auf das was der Schutzmann sagte und machte ein ganz ernstes Gesicht. Und dann sprang er auf einmal von seinem Wagen, rief Ali und spannte ihn ein. Ali konnte mir nur noch zuknurren: »ich denke, jetzt geht es los!« da fuhren sie auch schon davon. Mein Herr verkaufte seine Apfelsinen weiter. Er war aber ganz gelb vor Ärger, und nach einer Weile fuhren wir in eine ganz andere Stadtgegend, wo ich noch nie gewesen war. Ich roch aber ganz deutlich, daß hier mein Freund Ali gegangen war, und mein Herz klopfte vor Freude, denn ich dachte: nun geht es los! Und dann kamen wir an ein hohes, himmelhohes Haus. Vor dem stand eine Menschenmenge und starrte auf den offenen Torweg, aber mein Bedrücker blieb nicht stehen, sondern fuhr auf den Hof. Da waren im Hinterhause alle Fenster offen, und aus jedem blickte ein neugieriges Gesicht hervor. Ich sah einen Jungen, der trug ein sonderbares Tier auf dem Arm, das pfiff ganz leise, und einen Schwarzkopf, vor dem standen Gipsbüsten, und auf dem Hof drehte ein alter Mann einen Leierkasten. Als ich die schöne Musik hörte, ging sie mir durch 109 Mark und Bein, und ich fing furchtbar an zu heulen. Aber auf einmal, da bellte etwas von oben herunter, wie toll, und wie ich in die Höhe schaue, sehen aus einem Fenster ganz, ganz oben der Schmeißweg, und ein niedliches Mädchen, und der Ali. Alle drei mit den Köpfen dicht nebeneinander. Da wußte ich, auf welchem Hof ich war, und warum mein Bedrücker sich so scheu umsah, und war gleich ganz still, denn hier mußte der schwarze Jule wohnen. Die Tür unten zum Keller war aber sperrangelweit offen, und die Bude leer. Mein Herr drehte auch schon die Deichsel um und wollte fort und schlotterte am ganzen Leibe, da rief die Puppenschneiderin: »Bitte, warten Sie noch, hier der Herr wird mir ein paar Apfelsinen holen.« So mußte Lungrich warten, ob er wollte oder nicht. Der Schmeißweg kam denn auch gleich auf den Hof, der Ali hinter ihm drein. Und während sein Herr ganz umständlich die drei größten und reifsten Apfelsinen aussuchte, erzählte er mir alles, ganz schnell, und Schwanz und Pfoten nahm er dabei zu Hilfe. »Es ist im Gange, Schlumski! Der Jule sitzt schon. Wie mein Schmeißweg heut das von dem falschen Geld gehört hat, da schlug sein Gewissen, hat er unserer Braut erzählt. Und wir sind gleich vom Platz, wo wir die Puppen verkauften, zur Polizei gefahren. Er wollte gar nicht erst nach Hause und sich wieder weich machen lassen, sagt er. Und die Polizei kam gleich mit, vier Mann, und 110 draußen stand der grüne Wagen, mit dem sie die Verbrecher fahren. Na, das war ein Aufstand im Haus! Du siehst ja, sie sind noch alle am Fenster.« »Rasch, Ali, dein Herr zahlt schon.« »Sie nahmen das Nest aus, Schlumski. Die Hände wurden ihm gebunden, wie er abgeführt wurde, und ein Polizist trug einen Topf mit blanken Talerstücken hinter ihm her. Gott, war das eine Aufregung! Und mein Herr, wie ein Held, sage ich dir, und die Polizei dienerte immer vor ihm. Unsere Braut weinte Freudentränen und sagte ganz laut, daß es ihr Schmeißweg wäre, und daß sie sich im Mai heiraten wollen. Aber nun kommt ihr heran, Schlumski. Der schwarze Jule ist feig, der nennt seine Mitschuldigen.« – Die letzten Worte sagte er schon im Torweg, wo er noch neben mir hersprang. Denn kaum hatte der Schmeißweg die Apfelsinen bezahlt, da hatte Lungrich kehrt gemacht. Nun hieb er dem Ali mit der Peitsche eins über, daß er heulend zurücksprang. Lungrich verstand nicht, was er ihm nachbellte: »Das ist dein letzter Streich, du Schuft!« Und nun fing eine tolle Fahrt an. Mein Herr schlug auf mich ein, und ich rannte, was ich konnte, er hinterher. Die Apfelsinen rollten vom Wagen, aber er kehrte sich nicht daran. Er hatte ganz vergessen, wie geizig er war. Er wollte nur nach Hause. Und wenn er mich peitschte, dachte ich: »Peitsche du nur zu, dich peitscht dein Gewissen«, und gab mein Letztes. Aber dann, zuletzt, da sprang der Lungrich selber auf den Wagen, und ich mußte aus dem Hundetrab 111 in den Galopp und dachte: »Nun ist es das Ende!« Und gerade, wie ein Schutzmann schrie: »Tierquäler, wirst du wohl runter!«, gerade da waren wir an unserer Kellerwohnung. Als ich um die Ecke bog, sah ich schon, daß bei uns auch die Polizei vor der Tür stand, und Lungrich sah es auch und wollte runter vom Wagen und verduften. Ich dachte aber: »Nun gerade!« Und ich raste nur so über das Pflaster, und gerade vor dem ersten der Polizisten machte ich halt. Sie brachten ihn denn auch gleich herein. An mich dachte niemand. Ich mußte auch erst einen Augenblick verpusten. Meine Zunge hing bis zur Erde und meine Augen waren vorgequollen. Aber dann wollte ich doch sehen, was drinnen vorging. Da zog ich den Kopf aus der Schleife. Ich war so dünn geworden, daß das ganz leicht ging. Ich hätte jeden Tag fortlaufen können, wenn ich gewollt hätte. Ich blieb nur aus Treue für die Meinen. Als ich in den Keller kam, erschrak ich. Alles war übereinander geworfen, alles sah so wüst aus, sogar die Großmutter hatten sie aus dem Bett genommen und den Strohsack unterwühlt. Die Polizeidiener rissen die Schränke auf, und die Kasten und suchten nach dem Gelde, denn der Jule hatte gesagt, beim Lungrich sei Geld, und er sei sein Mitschuldiger. Die Frau und die Kinder standen ganz verschüchtert in einer Ecke. Als die Polizei gekommen war, hatte der Ede auf sie gezeigt und gesagt, die würden es wohl haben, die seien so eine Bande. Er und sein Vater wüßten von nichts. Und nun hatten sie 112 die Frau gequält mit ihren Fragen. Aber das hatten sie doch gesehen, die war unschuldig. Und der feine Herr war auch wieder da und sprach mit der Frau, gerade als ich mich die Treppe herunterschlich. Da hörte ich, wie der Lungrich sagte, sie könnten wohl lange suchen, ehe sie etwas finden würden. Ich war aber noch ganz schwach und zitterte wie Blätter im Winde. Und sie suchten und suchten und fanden nichts. Der Lungrich war nun ganz ruhig, nur seine Augen blitzten höhnisch. Und dann kamen die Leute zu ihrem Vorgesetzten und sagten, es sei nichts zu finden, nichts. Aber darauf hatte ich nur gewartet. Ich sprang vor und bellte. Und dann lief ich auf das Faß mit Sauerkraut zu und fing an zu scharren und stieß mit der Nase dagegen. Da fluchte Lungrich und wollte die Treppe hinauf und davon. Aber zwei hielten ihn und zwei andere rollten das Faß fort. Ich nun mit der Nase in das Loch und gebellt, was ich konnte. Ja, da nahmen sie dann das Kästchen und machten es auf. »Da ist das falsche Geld«, sagten sie. Ich sah mich stolz nach meinen Leuten um, die machten den Mund auf vor Erstaunen. Mit einemmal aber riß sich Lungrich los, stürzte auf das Messer zu, mit dem die Frau für die Kunden den Speck abschnitt, und stieß es mir in die Seite. 114 »Du Vieh du«, schrie er heiser, »du Verräter, stirb.« Und ich weiß nicht, wie mir wurde. Ich hörte nur noch, wie meine Leute: »Schlumski, lieber Schlumski«, riefen, dann wurde mir schwarz vor den Augen, und ich hörte nichts mehr. 115 In der Hundeklinik Ein paar Stunden später war ich in der Hundeklinik. Ich wußte nicht einmal, wie ich dorthin gekommen. Ich war noch ganz benommen, als mich die Frau mit den Kindern in einen großen Korb packte. Der feine Herr, der im Laden geblieben war, als sie den Lungrich und den Ede abführten, hatte eine Droschke geholt und uns hingefahren. Ich war zu matt, um auf die Unterhaltung zu achten. Erst viel später erfuhr ich, daß der Herr ein Onkel von Hans sei, ein Bruder seines Vaters, der in der großen Stadt lebte. Und meinetwegen war er gekommen! Er hatte sich nach dem Hunde erkundigt, der damals das Kind gerettet, und war gekommen, um die Frau zu fragen, ob sie mich nicht an ihn verkaufen wolle. Er hatte viel, viel Geld für mich geboten. Aber die Frau hatte ihm geantwortet, sie sei nur arm, aber von mir könne sie sich nicht trennen. Ein Wort hatte so das andere gegeben. Dann hatte der Herr gehört, daß sie aus dem Dorf seien, das zu dem Gut gehöre, auf dem auch er einmal als Kind mit seinem Bruder gespielt habe, und wohin er noch jetzt jeden Sommer zum Besuch fahre, mit etwas Gutem für seinen Neffen Hans in der Reisetasche. Da war der Herr ganz vertraut 116 geworden und hatte sich alles erzählen lassen. Den Tod des braven Lumpensammlers, und die Reise in die große Stadt, und nun das Elend. Und es war gewiß ein Glück, daß er gerade da war, als die Polizei kam, um nach dem Gelde zu suchen. Denn so konnte er der Frau beistehen, und das war nötig. Sie war so erschrocken, daß sie gar nicht antworten konnte. Da dachte man, sie stecke mit Lungrich unter einer Decke. Wie gesagt, das merkte ich alles viel später aus den Erzählungen der Kinder. In meinem Korbe, auf den blutigen Lappen, dämmerte ich nur so hin. Auch als mich der Hundedoktor verbunden hatte, und ich auf mein Lager kam, lag ich zwei Tage im Fieber zwischen Schlaf und Wachen und kümmerte mich um nichts. Ich weiß nicht einmal, ob Fried und Minnachen in dieser Zeit nach mir gesehen haben. Dann wachte ich eines Morgens auf und war so hungrig, daß ich zornig bellte. Da kam ein Wärter in einer blauen Schürze und sagte freundlich: »Na, Schlumski, ich gratulier auch, nu bist du durch. Und in die Zeitungen stehst du auch all. En kaptaler Bursch bist du ja. Ich hab' och enmal en falsches Markstück erwischt gehabt. Da muß ich mir ja bei dir bedanken, daß du ihm abgeliefert hast.« Das war mir nun sehr angenehm zu hören, um so mehr, als ich sah, daß ich mich in einem großen Raum befand, in dem ungefähr ein Dutzend Hunde waren, die teils lagen, teils an einem Strick befestigt waren, alle offenbar krank, aber trotzdem den 117 Worten des Wärters mit der größten Aufmerksamkeit zuhörten. Der Wärter brachte mir einen Napf mit delikater, ganz leichter Kost, die mich nicht im mindesten beschwerte und ging dann. Als ich gefressen hatte, hielt ich es für die Pflicht einer guten Erziehung, mich vorzustellen und mit kurzen Worten mein Schicksal zu erzählen. Ich wollte mich dazu trotz meiner Schwäche erheben. Ein prachtvoller schwarzer Pudel aber, der mir gegenüber lag, bat mich, liegen zu bleiben. Ich befände mich ja noch im Beginn der Besserung und hätte so wie so zu erwarten, daß das Fieber gegen Abend zurückkehren würde. Ich bat ihn nun, mir die anderen Herren Hunde vorzustellen, was er mit der Würde und Klugheit tat, die den Pudel von jeher ausgezeichnet hat. Er begleitete auch jeden Namen mit einigen Bemerkungen, die mich sofort erraten ließen, weß Geistes Kind der Betreffende sei. So ging er über einen Mops, der hier von der Fettsucht befreit wurde, und kurzatmig dasaß, mit einer feinen spöttischen Bemerkung hinweg, erwähnte kaum einige, offenbar nicht reinblütige Köter, die auch nur durch ein unmelodisches Knurren antworteten, bezeugte aber seine vollkommene Hochachtung einem alten Bernhardiner, dessen Geruch schon etwas stumpf geworden, und der beinahe erblindet war. »Zuletzt, mein Herr Schlumski, noch zwei Ausländer, die unserer Klinik gerade einen besonders interessanten Anstrich geben«, und damit machte er 118 mich mit einem Eskimohund und einem Hunde aus Konstantinopel bekannt, einem geborenen Türken. Leider war ich noch zu schwach, um die Bekanntschaften sofort mit der mir sonst eigenen Lebhaftigkeit aufzunehmen. Ein anständiges Beriechen, wie es der vornehme Hundeton verlangt, war ganz ausgeschlossen, auch durch die Leinen, an denen die meisten Kranken lagen, verhindert. So erkundigte ich mich nur nach dem Leben in der Klinik. Da erfuhr ich das Beste. »In kurzem«, erklärte mir der Pudel, »wird der Doktor seinen Morgenbesuch machen. Er verbindet dann meine verbrannte Pfote, erkundigt sich nach unserem Befinden, prüft die Temperatur, indem er die Nasen befühlt, kurz, benimmt sich sehr anständig. Es ist überhaupt eine vornehme Klinik. Unsere Besitzer zahlen einen ordentlichen Batzen für unsere Herstellung.« »Meine armen Leute«, dachte ich traurig. »Dann«, fuhr der Pudel fort, »bleiben wir eine Zeitlang uns selbst überlassen, bis am Nachmittag die Besuchsstunden kommen, in denen unsere Herren sich nach uns umsehen. Auch bei Ihnen waren in diesen Tagen zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen. Sie nahmen aber keine Notiz von ihnen. Ja, als das Mädchen Sie streicheln wollte, Herr Schlumski, knurrten Sie sogar.« Ich war ganz außer mir. Der Pudel beruhigte mich aber damit, daß er mir mitteilte, sie hätten gesagt, sie wollten heute wiederkommen. »Nach den Besuchen pflegen wir uns immer zu erholen und ein Schläfchen zu machen. Dann 119 empfangen wir noch den Abendbesuch des Arztes, und beschließen den Tag meistens mit einer Geschichte, die einer von uns erzählen muß. Es ist am Erwünschtesten, wenn er aus seinem eigenen Leben vorträgt. Heute ist die Reihe eigentlich an dem Herrn Eskimo. Da derselbe aber erklärt hat, daß er sich nach der langen Seereise noch nicht genügend erholt hat, so werde ich ihn zu ersetzen suchen.« Der Eskimohund bellte einige Male, und der Pudel teilte mir mit, daß derselbe erst kürzlich mit einem Schiff von einer Nordpolexpedition zurückgekehrt sei, und daß die lange Seekrankheit seinen Verstand so verwirrt habe, daß vorläufig noch nichts Zusammenhängendes aus ihm herauszubringen sei. Er rede so seltsam und böse, daß man sich vor ihm fürchten könne. Ich war mit der Tageseinteilung ganz zufrieden und erwartete mit einiger Spannung das Erscheinen des Arztes. Als er eintrat, begrüßte ihn ein kurzes, heftiges Gebell, das Hochachtung ausdrückte. Er kam sofort auf mich zu, von dem Wärter begleitet. »Schlumski ist nämlich der Held des Tages«, sagte er zu diesem. »Alle Zeitungen sind voll von ihm und seiner Tat. In drei Zeitungen erscheint sein Bild. Es hat sich herausgestellt, daß ein Schmeißweg, der mit seinem Wagen öfters neben ihm gehalten, ihn gelegentlich photographiert hat. Der Mensch macht jetzt ein Heidengeld mit den Bildern. Er verkauft sie auf offener Straße und sie gehen reißend ab.« Meine Brust hob sich. Der Schmeißweg 120 verkaufte mein Bild. Ich sah ihn förmlich, wie er dastand und rief: »Nur immer her–rrr–ran, meine Herr–rrr–schaften! Dies ist das Bild des hochberühmten Hundes Schlumski, der geholfen hat, den Falschmünzer zu entlarven! Nur immer herr–rrr–an! Fünfzig Pfennig der hochberühmte Schlumski, und das Einschlagepapier bekommen Sie umsonst!« Ja, und Ali, mein Freund, hörte das! O, ich war doch ein glücklicher Hund, wenn die Wunde auch noch brannte! Der Doktor untersuchte sie sorgfältig, legte einen neuen Verband um und erklärte, daß er zufrieden sei. »Aber toll herunter ist das Tier! Da kann man ja jeden Knochen zählen! Und wie ihn die Sielen gedrückt haben! Rheumatismus hat er auch noch! Na, das kurieren wir alles. Der Herr, der ihn hergebracht hat, sagt, es sollen keine Kosten gespart werden.« Nun wurde mir klar, daß der Onkel von Hans die Kurkosten für mich bezahlte. Vor Freude fing ich laut an zu bellen und wollte mich aufrichten. »Noch nicht, alter Freund«, sagte der Doktor. »Stille liegen und Ruhe halten. Die Nase fühlt sich noch warm an.« Er ging nun von einem zum anderen und blieb kopfschüttelnd vor dem dicken Mops stehen. »Der wird nicht wieder. Das reine Mastschwein.« »Ich sag' all, Herr Doktor, enen Span zwischen die Kiefern, und denn nen Löffel Strychnin, das ist die beste Medezin für das Biest«, sagte der Wärter. 122 Aber der Doktor schüttelte den Kopf. »Seine Herrin kann ihn wieder mitnehmen. Mag sie ihn zu Tode füttern.« Dann stand er vor dem Bernhardiner still. »Da ist auch nicht mehr viel zu wollen. Aber das ist ein edles Alter. Er hat vierundzwanzig Menschen das Leben gerettet. Man will ihn einmal ausstopfen und in einem Museum ausstellen.« Aufmerksam folgten ihm meine Augen auf seinem Rundgang. Vor den Ausländern hielt er sich noch ein Weilchen länger auf. »Er hat einen Vogel«, sagte er von dem Eskimo. »Wollen hoffen, er erholt sich noch. Aber der Verstand scheint etwas gelitten zu haben.« Dem Türken nickte er nur zu. »Allah il Allah. In einigen Tagen bist du entlassen.« Damit ging er. Ich sollte eigentlich schlafen, freute mich aber so sehr auf meine Leute, daß ich kein Auge schließen konnte. Und kaum öffnete der Wärter um die Besuchsstunde die Tür, als auch Fried, Minna und Peterchen schon hereinstürmten, gerade auf mein Lager zu. »Siehst du, Fried, heute hat er ganz helle Augen! Der Herr Doktor hat es ja schon gesagt. Heut knurrst du uns nicht an, Schlumski, du lieber Kerl!« Sie streichelten mich und sprachen mit mir, und ich leckte ihnen die Hände und drückte ihnen mit Schwanzwedeln meine Freude aus. Peterchen erzählte, wie gut es ihnen ginge, und daß die Mutter 123 nun allein im Laden sei. Der böse Lungrich sitze im Gefängnis. »Der Ede kommt ins Rauhe Haus«, sagte Fried. »Ich denke immer, nun wird noch alles gut.« »Denkst du, der Onkel wird helfen«, flüsterte Minna dem Bruder zu. Der nickte. »Er spricht oft so lange mit der Mutter, Minnachen.« »Aber Mutter sagt uns nichts.« »Weil es noch nicht sicher ist, Minnachen. Aber siehst du, mit Zeitungaustragen sollten wir doch gleich aufhören.« Sie nickten sich zu und sahen ganz glücklich aus. Dann mußten sie ein wenig von mir forttreten, denn es kamen viele fremde Leute, die mich sehen wollten, weil sie in den Zeitungen von mir gelesen hatten. Der Wärter brachte sie an und schmunzelte über das ganze Gesicht, denn jeder drückte ihm einen Groschen in die Hand, dafür, daß er mich zeigte. Fried sagte stolz, ich gehöre ihnen. Da mußte er ihnen die ganze Geschichte noch einmal erzählen. Ja, jeden Tag kamen meinetwegen Leute in die Besuchsstunde. Der Doktor sagte, seine Klinik würde berühmt. Einmal, als ich schon kräftiger war und mich schon aufrichten konnte, kam der Schmeißweg und seine Braut, und mit ihnen mein Freund Ali. Nein, war das ein Wiedersehen! Ali erzählte mir, daß sie noch nie ein so großartiges Geschäft gemacht hätten, wie mit meinem Bild. Die Menschen rissen sich darum. Und der 124 Schmeißweg schenkte es dem Wärter und meinen Leuten, und Peterchen hielt es mir vor die Nase. Ja, das war ich wirklich, und der Wagen mit den Apfelsinen war auch drauf. Hänschens Onkel, der sich für den Prozeß der Falschmünzer sehr interessierte, hatte der kleinen Puppenschneiderin schon im Voraus ein großartiges Hochzeitsgeschenk gemacht. Er hatte ihr hundert Mark geschenkt. Aber die wollte sie gar nicht ausgeben, die wollte sie auf die Sparkasse bringen, als Notgroschen. Ja, es war wunderschön in der Besuchsstunde. Aber wir waren doch alle krank, und oft wurden uns die Menschen zuviel. Der Eskimo drehte sich immer im Kreise umher, gerade so, als wäre er noch auf dem Schiff, und sogar der Bernhardiner, der blind war und nicht mehr gut roch, meinte, Ruhe wäre Ruhe. Nur den Pudel amüsierte es, und er sagte mir viel Schmeichelhaftes über meine ausgedehnten Beziehungen. Auch mein Freund Ali hatte einen ausgezeichneten Eindruck auf ihn gemacht. Aber müde waren wir immer, wenn die Menschen fort waren, und fast noch schöner, als die Besuche, waren abends die Erzählungen der Hunde. Auch meine eigenen, die ich natürlich aus dem reichen Schatze meiner Erfahrungen schöpfte, wurde beifällig aufgenommen. Ich konnte immer kaum die Zeit erwarten, bis der Wärter das Licht ausgelöscht hatte. Dann, nachdem vollständige Stille eingetreten, hub einer nach dem anderen zu erzählen an. 125 Der ehrgeizige Pudel Zuerst sprach der Pudel. »Es ist mir eine Freude, aus meinem Leben erzählen zu dürfen, wenn so edle, verdiente Mitglieder der Hundegesellschaft mir zuhören. Ich bin ein Künstler. Ein Künstler ist an Publikum und Beifall gewöhnt, und ich gestehe gern, daß ich mehr als einen Lorbeerkranz davongetragen habe. Aber selten habe ich vor Hunden gesprochen, die ich mehr achtete, als meine augenblickliche Umgebung.« Nach diesen Worten erhob sich ein Beifallsknurren, das den Redner für eine Weile unterbrach. »Meine Herren Hunde! Ich bin geboren in einem jener meist grün angestrichenen Wagen, die mit einem Schornstein und kleinen Fenstern versehen, mit einer Falltreppe ausgestattet, wie kleine fahrende Häuser von Dorf zu Dorf ziehen. Meine Eltern gehörten einer Seiltänzerfamilie. Mein sehr begabter Vater, ein schneeweißer Pudel, war ein hervorragender Seiltänzer, der mit einer Balanzierstange im Maule auf das haushoch aufgespannte Seil ging, nachdem sein Herr es verlassen, und den erstaunten Bauern dort genau dieselben Kunststücke vormachte, die er seinem Herrn abgesehen hatte. Meine Mutter ging in den Pausen, auf zwei Beinen aufgerichtet, zwischen den Bänken umher und 126 sammelte das Geld ein. Legte jemand Kupfer auf den Teller, so schüttelte sie solange mit dem Kopfe, bis der Betreffende die Pfennige fortnahm und durch Nickel ersetzte. Nun, meine Herren Hunde, die Talente der Pudel sind ja unbestritten. Sie alle kennen von der Straße her Pudel, die ihren Herren den Stock nachtragen, oder solche, die man mit einem Körbchen zum Bäcker schickt, um das Weißbrot zu holen, oder die mit einem Zettel in ihrem Korb sogar zum Fleischer gehen. Sie wissen, mit wie hochachtungsvollen Blicken die anderen Hunde diesen nützlichen Mitgliedern der Hundegesellschaft nachsehen, und wie nie ein müßiger Herumtreiber es wagen wird, einen solchen Pudel zu belästigen, oder zu einem dieser gemeinen Straßenkämpfe herauszufordern, wie sie die Köter lieben. Aber was will das alles sagen, verglichen mit den wahrhaft künstlerischen Leistungen meiner Eltern! Sie waren der Stolz und das teuerste Besitztum der Seiltänzer. Als es das Unglück wollte, daß der Vater der Familie eines Abends, als er seine Sohlen nicht ordentlich eingekreidet hatte, vom Seil fiel und ein Bein brach, beschloß er, sich selbst vollständig von der Kunst zurückzuziehen, und die Bühne nur noch uns Hunden zu überlassen. Unsere Familie hatte sich indessen stark vermehrt. Ich hatte eine stattliche Anzahl von Brüdern und Schwestern bekommen, und so nahmen meine Leute eines Tages das große Schild ab, auf dem sie ihre Seiltänzerkunststücke angekündigt hatten, und ergänzten es durch das Wort: »Hundezirkus«. Der Seiltänzer wurde Direktor. 127 Sie haben wohl auch schon gehört, daß man Bären zum Tanzen abrichtet, indem man sie auf eine Eisenplatte stellt, die man heiß macht, so daß der Schmerz sie zwingt, ein Bein um das andere hochzuheben. Ich glaube nicht, daß das wahr ist. Denn lehren kann man nur mit Liebe, nicht mit Grausamkeit. Ein Pudel jedenfalls würde mit Gewalt nie zu unterrichten sein. Das wußte der lahme Seiltänzer sehr wohl und so waren die Stunden, die er uns Geschwistern gab, eigentlich nur ein Vergnügen. Wir lernten fabelhaft rasch. Ein Bruder von mir kannte bald jede Karte und holte die gewünschte mit unübertrefflicher Sicherheit aus einem Spiel hervor. Ein anderer lernte die Zahlen und zählte im Zahlenkreis bis zehn richtig zusammen, indem er so oft mit dem Fuße scharrte, bis die Höhe der Summe erreicht war. Ja, wir legten sogar die Scheu vor Feuerwaffen ab. Ich und mein Vater traten uns in einem richtigen Duell gegenüber, nachdem mein Vater mich zuerst tödlich beleidigt, und mir eine Ohrfeige gegeben hatte. Wir schossen zu gleicher Zeit, ich fiel für tot zur Erde, und ein Hund in der Tracht eines gewöhnlichen Soldaten kam und karrte mich hinaus. Natürlich spielten bei uns die Kostüme eine große Rolle. Jeder von uns hatte seinen eigenen Koffer mit Garderobe. Da waren Anzüge von jungen Gecken mit grauen Zylinderhüten, Uniformen der verschiedensten Länder, Anzüge für Schusterjungen, Jäger, Schornsteinfeger, immer mit allem Zubehör. Auch hier in der Klinik quält mich mehr als der Schmerz meiner Brandwunde der 128 Gedanke, was wohl aus meinem Koffer geworden ist, und ob sich nicht dieser oder jener Neidling ein Stück meiner Garderobe angeeignet hat. Vor allem ist da ein flotter Studentenanzug, Schnurrock, Zerevis, Korpsband und Bierzipfel, auf den ich so eifersüchtig bin, daß ich ihn meinem eigenen Vater nicht gönnte. Die Toiletten meiner Schwestern waren natürlich noch großartiger. Sie trugen Krinolinen und Schleppröcke, setzten auf ihre weißen und schwarzen Lockenköpfe mit den entzückenden Hängeohren große Rosenhüte, brauchten den Sonnenschirm und den Fächer, und ließen sich Lady Pumsia und Marquise von Pompadour nennen. Es waren auch andere Hunde angenommen worden, kleine Schleppenträger für die Damen, Hunde, die die Bedientenrollen zu geben hatten oder die Pferde machten, wenn die Hundeprinzessinnen vierspännig ausfuhren, mit Kutscher und Diener auf dem Bock. Aber die Hauptrollen, die richtigen Künstlerrollen, lagen immer in den Händen der Pudel. Natürlich hatten wir nun die Dörfer verlassen und waren in die Städte gegangen. Ein Zelt wurde auf einem freien Platz aufgeschlagen und ein Umzug gehalten. Unsere kleinen Wagen mit unseren hübschesten Pudeldamen fuhren durch die Straßen, die ganze Schuljugend rannte begeistert hinterher, und am Abend hatten wir ein volles Haus. Unsere Leistungen wuchsen mit unserem Ehrgeiz. Zuweilen kam es vor, daß die Zuschauer uns Stückchen Zucker, Kuchen, ja sogar kranzförmig gebundene Würstchen aus die Bühne warfen. 129 Um diese Zeit engagierte mein Herr einen neuen Künstler. Es war eines Vormittages auf der Probe, als er ihn uns vorstellte, und vom ersten Augenblick an hatte ich einen Haß auf ihn. Es war ein Wachtelhund aus England mit langem, seidenglänzenden Haar. Nun, meine Herren Hunde, ich gebe zu, ich kann die Ausländer nicht leiden. Die hier Anwesenden sind natürlich ausgenommen, denn damit, daß sie deutschen Herren gehören, sind sie gewissermaßen deutsche Hunde geworden. Mylord aber war ein Engländer durch und durch. Er roch englisch, er bellte englisch, er benahm sich englisch. Er wollte sechs Wochen hier in der großen Stadt, in der wir zum erstenmal auftraten, Gastrollen geben und dann wieder nach England zurückkehren, wo er 130 in London fest engagiert war. Und er bekam sofort in unserem Programm die Hauptrolle, und sein Name wurde auf dem Zettel dick gedruckt. Als ich das sah, kannte ich mich nicht vor Aufregung. Es war meine Nummer. Sonst stand da: ›Mohr, der Wunderpudel, in seinen unvergleichlichen Leistungen auf dem gespannten Seil‹. Denn seit mein Vater alt geworden, nahm ich seine Stelle ein. Dieses Mal aber, ich hörte es wohl, wie zwei Knaben es sich vorlasen, dieses Mal hieß es: ›Mylord, der englische Wachtelhund, springt durch brennende Reifen‹. Dann war ein Stern an seinem Namen und unten stand: Mylord aus London als Gast. Die beiden Knaben besprachen das ganz genau. Ich hatte an diesem Abend nichts zu tun, als die Duellszene mit meinem Vater auszuführen. Sie kam vor Mylords Glanznummer. Er stand schon hinter den Kulissen und wartete. Er trug ein Matrosenkostüm und eine weiße Matrosenmütze mit wehenden Bändern. Sein Anblick erregte mich so, daß ich zum erstenmal in meinem Leben vergaß, wie ein toter Hund liegen zu bleiben und auf den Karren zu warten, mit dem man mich holen sollte, sondern einfach nach dem tötlichen Schuß aufsprang und davonrannte. Schallendes Gelächter folgte mir. Ich hatte mich blamiert, zum erstenmal in meinem Leben. Ich hatte meine Künstlerehre verloren! Vernichtet stand ich hinter den Kulissen. Das schlimmste aber war der Blick der Verachtung, den Mylord als Matrose mir zuwarf. Er betrat gleich nach mir die Bühne, sprang mit Kopfsprung durch Reifen, die mit Seidenpapier 131 gespannt waren, und zuletzt unter ungeheurem Beifall durch zwei brennende Pechkränze, ohne auch nur seinen schneeweißen Anzug schmutzig zu machen oder die Mütze zu verlieren. Er war der Held des Tages. Bei der nächsten Vorstellung durfte ich gar nicht auftreten. Mein Herr schlug mich nicht und machte mir keine Vorwürfe. Er sagte nur: ›Mohr, du stehst heut nicht auf dem Zettel‹. Und das geschah dreimal nacheinander. Ich war toll vor Eifersucht. Täglich hörte ich das Beifallsklatschen der Kinder, wenn Mylord auftrat. Täglich mehrten sich die Leckerbissen, die man auf die Bühne warf, wenn er durch die Pechkränze gesprungen war. Da merkte ich, daß Mylord sehr leckrig war. Er gierte ordentlich mit den guten Sachen, die er gegen die Kollegen verteidigte. Und vor allem fraß er gern Fett, das er natürlich nicht bekommen sollte, weil es uns Hunden nicht gut ist. Und in meiner rasenden Eifersucht baute ich darauf meinen Plan. Als mein Herr am nächsten Tage wieder erklärte: ›Mohr, du stehst nicht auf dem Zettel!‹ lief ich in die Stadt. Es sollte eine große Nachmittagsvorstellung zu halben Preisen stattfinden. Ich wußte, wo ein Fleischermeister wohnte, der unsere Vorstellungen sehr liebte und immer in der vordersten Reihe saß. Geschickt öffnete ich die Ladentür und trat ein, mich sofort manierlich auf die Hinterbeine stellend und auf den Meister zutänzelnd. Er war entzückt. ›Das muß ich sagen, Mohrchen. Ich dachte schon, sie hätten dir die Ohren abgeschnitten zur Strafe. So'ne Dummheit, Mohrchen! Tot ist tot!‹ Ich tänzelte hin und her und äugte nach dem 132 Nierenfett, sprang darauf zu, nahm ein Stück in das Maul, dienerte und lief aus dem Laden heraus. Der Meister lachte hinter mir her. Sorgfältig verbarg ich meinen Raub, leckte an dem Stück Fett herum, bis es kugelrund wurde und wartete. Das Theater war brechend voll. Eine jede Nummer wurde mit wachsendem Beifall aufgenommen. Der englische Matrose stand schon wieder wartend hinter der Szene. Er beachtete mich nie mehr. Er sprach einige herablassende Worte mit den Hunden, die die Reifen hielten. Ich war Luft für ihn. Jetzt trat er auf und begann seine ekelhaften Eitelkeiten. Zum Schluß griff der Direktor nach dem Pechkranz, zündete ihn an und hielt ihn Mylord entgegen. In diesem Augenblick ließ ich die Fettkugel auf die Bühne rollen, gerade nach der Mitte. Er machte schon den Anlauf, da sah er sie. Er zögerte, der Direktor winkte – ein Augenblick ungeheurer Spannung im Publikum. Mylord machte einen Satz, sprang aber zu kurz, da sein gieriger Blick nur an dem Köder hing, schleuderte dem Direktor den Pechkranz aus der Hand und stürzte sich auf den Fraß, den er sofort verschlang. Ich sah es. Aber ich hatte nicht Zeit zu triumphieren, denn der brennende Kranz hatte einen Kulissenvorhang ergriffen. Und nun wußte ich, was ich getan, und wie groß meine Schuld sei, wenn endloses Unglück geschähe. Meine Herren Hunde – es war nur ein Augenblick. Aber in ihm erkannte ich meine Prahlerei und Eitelkeit, sah ich ein, daß ich mein Leben 133 einzusetzen hätte. Ehe der Direktor das Unglück bemerkte, ehe der erste Schrei von den Lippen des Publikums drang, sprang ich an dem brennenden Vorhang in die Höhe, riß ihn herunter und warf mich auf ihn, um die Flammen zu ersticken. Die Haare unter meinem Bauche sengten ab, meine Pfote litt furchtbar, aber ich lag als Sieger auf dem schwelenden Stoff! Erlassen Sie mir das Ende. Ich, der Schuldige, wurde gefeiert! Mir jubelte das Publikum zu! Der ich es doch an den Rand des Verderbens gebracht hatte. Mit eingekniffenem Schwanze wollte ich mich entfernen, aber meine Brandwunden schmerzten so, daß ich warten mußte, bis mein Herr mich auf die Arme nahm. Unter dem jubelnden Beifall wurde ich hinausgetragen. Dem dicken Fleischermeister, der wieder in der vordersten Reihe saß, liefen die hellen Tränen über das rote Gesicht. Ich habe hier, während meine Wunde langsam heilt, über unsere Pflichten gegen unsere Nebenhunde nachgedacht. Ich glaube, ich werde von nun an meinen Ehrgeiz besiegen. Zwar ist Mylord schon nach England zurückgekehrt und man bereitet für mich ein Benefiz vor, wie mir mein Herr sagte. Aber ich habe gelernt, daß die schönste Zierde des Künstlers die Bescheidenheit ist.« – Reicher Beifall belohnte die Rede des Pudels. Es erhob sich noch eine Debatte, in der jeder zur Sache sprach, und spät erst, zu spät für Patienten, kamen wir in jener Nacht zur Ruhe. 134 Der Hundefänger Am Morgen nach der interessanten Erzählung des Pudels brachte der Wärter einen Hund in den Krankensaal, der eine gräßliche offene Wunde auf der Brust hatte. Es mußte sofort ein Verband angelegt werden, denn das Tier war schon so erschöpft, daß es kaum noch jappen konnte. Der Doktor war nicht zu Hause. Er war zu dem Schoßhündchen einer reichen Dame gerufen, das einen Hühnerknochen verschluckt hatte. So machte ihm der Wärter einen Notverband. »Dir kenn ich doch«, sagte er dabei. »Du bist doch den Studenten ihrer. Vorigtes Jahr warst du ja man hier, wie sie dich zu viel Bier gegeben hatten, und wir mußten dich den Magen auspumpen. Wo hast de dir denn das Loch in die Brust geholt? Da hat wohl Eener nen Sonntagsbraten aus dich machen wollen!« Als der Doktor kam, erkannte auch er den Hund, eine schöne hellgraue Ulmer Dogge, sofort wieder. »Aha, der Herr Korpshund. Na, da werden wir nur schnell eine Karte schreiben müssen, daß der Senior der Weißmützen ihn holen kommt. Ganz von selbst hat er sich eingefunden?« Der Wärter nickte. 135 »Rein von allein. En Wunder, daß er sich nich ene Droschke genommen hat. Ich will hier in den Krankensaal mit das Frühstück, da liegt er vor der Tür. Na, viel Kraft hat er nich mehr!« Das war wahr. Die Dogge schlief den ganzen Tag, hatte gegen Abend eine sehr heiße Nase, wie der Doktor feststellte, und war auch in der Nacht so unruhig, daß sie unsere Ruhe bedenklich störte. Am nächsten Tage kamen zwei Studenten mit weißen Mützen, Bändern und Bierzipfeln, so daß der Pudel zuerst ganz aufgeregt wurde, denn er bildete sich ein, sie hätten seinen Koffer geöffnet und ihm sein liebstes Kostüm entwendet. Es war noch nicht Besuchszeit. Die Studenten sagten aber, danach könnten sie sich nicht richten, denn später hätten sie Frühschoppen. Sie dankten dem Doktor sehr für seine Karte und erzählten, daß sie »Hören Sie mal« beim Vormittagsbummel vor drei Tagen verloren hätten und schon zum Hundefänger geschickt hätten, um sich nach ihm zu erkundigen. Der Hundefänger hätte ihnen sagen lassen, er wisse nichts von dem Hund. Sie hätten ihm aber nicht geglaubt. Hundefänger seien zu boshaft. Dann beklopften sie »Hören Sie mal«, der fest schlief, baten den Doktor, er möchte ihm doch ja jeden Tag einen Liter Bier geben, weil er so sehr daran gewöhnt sei, und gingen. Man kann sich denken, wie neugierig wir waren, als »Hören Sie mal« am nächsten Tage soweit hergestellt war, um uns seine Geschichte zu erzählen. Zunächst beruhigte er den Pudel vollkommen darüber, daß sein Koffer angetastet sei. Auch er 136 besäße Mütze und Band, gleich seinen Herren. Beides trage er zuweilen auf der Korpskneipe. Wir hatten schon an seinem tadellosen Benehmen gesehen, daß er aus besten Kreisen stamme. Nur war seine Ausdrucksweise sehr eigentümlich. »Famoses Leben, das so ein Studentenhund führt! Schneidig, sage ich Ihnen, meine Komilitonen. Am Vormittag ein Bummel, dann ein Frühschoppen, ein Kaffeeskat, ein Dämmerschoppen – eine offizielle Kneipe, und am nächsten Morgen ein Kater.« Wir knurrten alle, als er das Wort: Kater – aussprach. Nur der Eskimo kümmerte sich wieder einmal um nichts. »Kater, meine Herren Komilitonen, in der Bedeutung von Kopfschmerz und Magensäure. Hat sonst nichts mit dem verachteten Katzengeschlecht zu tun.« Wir wedelten beifällig. »Zuweilen als Unterhaltung eine Mensur. Bindet die Klingen! – Sind gebunden. – Los! – Großartig, auf Ehre, wenn dann die prächtigen Jungens so aufeinander loshauen. Eben Studentenleben! Korpshund meiner Meinung nach das Allerfeudalste. Will aber niemandem hier zu nahe treten. Die Studenten haben mich ›Hören Sie mal‹ genannt. Prächtiger Ulk. Wenn wir nun so unseren Bummel machen, immer auf und ab in derselben Straße, und sie rufen ›Hören Sie mal‹ – gleich drehen die Vorübergehenden die Köpfe, weil sie denken, es gilt ihnen. Kapitaler Spaß. Oft böse geworden. Anrempeln wollen. Ist aber nichts zu 137 machen. Kann doch niemandem verbieten, daß man seinen Hund ›Hören Sie mal‹ nennt. Ging alles wundervoll, bis die Hundesperre kam. Hunde an der Leine führen! Maulkorb tragen. Höchst ärgerlich. Leine und Maulkorb widerwärtige Dinge. Junger Fuchs soll mich führen. Fuchs junger Student im ersten Semester. Ich sehr heftig. Junger Fuchs starken Kater. Laufe ihm einfach davon. Dummheit gewesen. Größte Dummheit meines Lebens. Wenn Leine, denn Leine. Fuchs bei dem Ruck hingefallen. Höllisches Gelächter. Beine gen Himmel, Leine gerissen, und ich über alle Berge. Abend gekommen. Leere Straßen, dunkle Gestalten – und plötzlich ein Griff am Halsband. Hundefänger.« Hier erhoben einige unter den Zuhörern ein ohrenbetäubendes Gebell, so daß der Bernhardiner fragte, was es gäbe. Auch der Türke kannte keine Hundefänger, und mit Erlaubnis von »Hören Sie mal« gab der Pudel eine kurze Erklärung. »Der Hundefänger ist unser Todfeind. Er fängt jeden Hund, der ohne Maulkorb und Leine umherläuft und schließt ihn drei Tage ein. Kommt der Herr ihn in der Zeit abholen, so muß er hohe Futterkosten zahlen. Wenn nicht, so scheut sich der Hundefänger nicht, seinen Gefangenen am dritten Tage zu vergiften. Ja, das tut er.« Wieder brach ein Wutgeheul aus. »Hören Sie mal« aber fuhr fort: »So ein gemeiner Schuft hatte mich am Halsband. Ich wußte, daß er mich gar nicht fangen durfte, denn ich trug noch meinen 138 Maulkorb. Aber Gewalt geht vor Recht. Hatte einen Sack auf dem Rücken, in dem es bellte und miefte. Schüttete ihn daheim aus. Drei gefangene Köter gemeiner Rasse. War ein ekelhaftes Lokal, schmutzig, dunkel, kalt. Alle Sorten Hunde zusammen. Nicht so gewählte Gesellschaft wie hier. Jeden Morgen verschwanden einige. Männer mit nackten Armen nahmen sie hohnlachend heraus. Sie kehrten nie wieder zurück. Eine Stunde darauf kam der Schinderkarren und holte sie. Einige wurden auch von ihren Herren ausgelöst. Andere wieder kauften arme Leute um ein Billiges. Anfangs begriff ich nicht, wozu. Dann hörte ich einen Mann sagen, als er einen Mops erstand: Er gibt einen guten Sonntagsbraten. Da begriff ich.« Auch unser Mops begriff und stieß ein jämmerliches Heulen aus. »Die Studenten holten mich nicht. Natürlich keine Ahnung, wo ich war. Und heut war der dritte Tag. ›Morgen kommt der Große ran‹, sagte der Hundefänger. ›Schade um ihn, ein feiner Braten‹, meinte der Knecht. Da sahen sie sich so an und lächelten, und ich wußte plötzlich, sie wollten mich schlachten und braten. Ich schlief die ganze Nacht nicht. Der Stall, in den man uns gesperrt hatte, war verschlossen. Zudem hatte ich gesehen, daß wir erst über einen Hof mußten. Flucht war also vorläufig unmöglich. Ich wartete. Meine Herren Komilitonen – ich will nicht weiter über meine Gefühle sprechen, Sie werden mich verstehen. Als man am nächsten 139 Morgen die zum Tode durch Gift Bestimmten aussuchte, war ich nicht darunter. Kein Zweifel also, man wollte mich schlachten wie ein Schwein. Nach einer Weile kam der Hundefänger mich holen. Ich wehrte mich furchtbar. Aber er hatte mir vorsichtigerweise den Maulkorb umgelegt, und sein Geselle hielt mich. Er zog mir das Halsband so fest, daß es mich würgte. Auf den Hof kam soeben der Schinderkarren gefahren. Der Schinder fing an, die vergifteten Hunde aufzuladen. ›Den auch noch‹, fragte er, auf mich zeigend. ›Nein, den behalten wir selber‹, lachte der Hundefänger und griff nach dem Messer. Ich sah aber nur nach dem offenen Tor, und als der Hundefänger mich losließ, um zuzustoßen, machte ich einen mächtigen Satz, so daß ich den Gesellen umriß. Der Stich ging vorbei und ich stürzte auf die Straße. Erst lief ich wie unsinnig. Aber dann wurde ich schwächer und schwächer, je mehr Blut ich verlor. Ich sah mich um. Erkannte Gegend sofort. Hier gewesen, als einmal bei einem großen Kommers zu viel Bier getrunken. Legte mich an die Tür. Bin gerettet.« Wir alle drückten »Hören Sie mal« unsere Teilnahme aus und sprachen dann noch empört über die Hundefänger. Ich selbst war ja nie am Abend ausgegangen, hatte also nie einen gesehen. Pudel Mohr aber kennzeichnete sie als die gemeinsten Menschen. Unter Anleitung des studentischen »Hören Sie mal« brachten wir ihnen ein Pereat, was einen sehr guten Eindruck machte. überhaupt 140 bemerkte ich, daß Pudel Mohr ihn scharf beobachtete, besonders auch die Studenten, wenn sie ihn besuchen kamen. Sie sagten dann immer: »Na, liegst du noch im Korbe, alter Junge?« »Ich mache Studien für meine Studentenrolle«, flüsterte der Pudel mir zu. »Ich werde sie bei meinem Benefiz geben und habe mir ein paar seine Züge gemerkt. Sehen Sie einmal, Herr Schlumski.« Dabei hob er die Pfote und zog geradeso an seinen Schnurrbarthaaren wie der Student. Ja, er war ein großer Künstler! 141 Herrenlos Am nächsten Abend kam der Türke heran. Sein Herr war in der Besuchsstunde dagewesen. Morgen sollte er abgeholt werden. Er hatte die Räude gehabt und war sorgfältig von uns anderen abgesperrt worden. Aber nun war er rein. Es war ein sehr häßlicher Hund. Er sah so ähnlich aus wie Karo, der Schäferhund, nur hatte er kurze Haare von einer abscheulichen schmutzig gelben Farbe. Die Augen waren unruhig und funkelnd. Ich hatte noch nie einen ähnlichen Hund gesehen. »Ich kann nicht viel erzählen«, begann er. »Ich bin mit meinem Herrn erst vor kurzem aus Konstantinopel gekommen und bin noch jung.« »Wir hatten in unserem Theater eine Nummer«, sagte der Pudel, »die hieß ›der Konstantinopolitanische Dudelsackpfeifer‹, und der Pudel, der sie ausführte, trug einen roten Fez und spielte einen Dudelsack. So erzählen Sie uns wenigstens, wie die Hunde in Konstantinopel leben.« Da wurde der Türke ganz lebhaft. »Ja, das will ich. Und zuerst muß ich Euch sagen: wir sind freie Hunde, wir haben keine Herren.« Keine Herren? Das begriffen wir nicht. Sogar 142 dem alten Bernhardiner mußten wir es laut zubellen, daß es Hunde gäbe, die keine Herren hätten. »Nein«, erzählte der Türke. »Wir sind so viele, wie der Sand am Meere. Wir leben in den alten Schutthaufen, die wie Festungswälle um die Städte des Orients liegen. Die gehören den Muselmännern. Und die Türken flicken nicht aus und halten nichts zusammen. Was fällt, mag fallen, wenn Allah es so will. So sieht es um ihre Städte immer wüst aus, und es gibt unzählige Schlupfwinkel. Die brauchen die herrenlosen Hunde auch. Zwei Löcher braucht ein jeder in den Schuttbergen, eins nach Osten gegen Morgen, und eins nach Westen gegen Abend. Denn dort, in den heißen Ländern, sind die Nächte oft kalt, besonders vor Sonnenaufgang. Da liegt man denn in dem Loch gegen Osten und wartet. Die Sonne kommt wie eine große, glühende Kugel und scheint auf all die spitzen, bunten Minaretts der Moscheen, und der Wächter ruft zum Gebet. Dann werden die Hunde in ihren Höhlen allmählich warm. Ja, der Berg wird gegen Mittag ganz glühend, und dann laufen sie schnell hinüber in ihre westlichen Löcher, die noch kühl sind, einer voran und alle anderen hinterher. Da schlafen sie weiter, bis die Sonne am Himmel herumgekommen ist und sie wieder zurücktreibt.« »Und wann fressen sie«, fragte der Mops. Der Mops hatte noch nie gesprochen. Er war auch so verachtet, daß niemand ihn anredete. Er saß nur da und schnappte nach Luft. Seine Herrin, die ebenso dick war wie er selbst, hatte den Doktor 143 gebeten, es doch noch acht Tage mit ihm zu versuchen. Sie könne keine Hungerkur mit ihm durchführen, sie brächte es nicht übers Herz. »Sie fressen in der Nacht«, sagte der Türke. »Sie fressen nur Aas. Die Esel und die Maultiere, die am Wege verrecken, die fressen sie auf. Sie sind darum sehr nützlich. Aber die Geier sind ihre Feinde. Die lauern auch auf das Aas, hoch in der Luft. Und mit denen müssen sie kämpfen.« Ein heftiges Würgen unterbrach ihn. Der Mops übergab sich. Er konnte so etwas Entsetzliches offenbar nicht anhören. »Entschuldigen Sie«, stammelte er. »Es tut mir sehr leid, daß ich die Gemütlichkeit störe. Aber Aas fressen – nein – entschuldigen Sie.« Und er übergab sich noch einmal. Wir fanden alle, daß der Mops sich eben wie ein Mops betrüge. »Waren Sie auch solch ein Höhlenhund«, fragte der Pudel. »Nein, ich war ein Straßenhund in Konstantinopel. Meine Mutter war von den Schuttbergen in die Stadt gewandert. Sie war auf einem Auge erblindet und kam nun zu kurz beim Fressen. Man ließ ihr nur immer die Eselsfüße übrig. Davon konnte sie nicht bestehen. So ging sie in die Stadt. Anfangs wurde sie furchtbar zerbissen, denn keine Straßenrotte wollte sie aufnehmen. Jede erklärte, sie wäre gerade groß genug. Die Hunde, die in der einen Straße leben, dürfen nicht in die andere. Wenn sie es zur Nachtzeit doch versuchen, kommt 144 es zu fürchterlichen Kämpfen zwischen den Rotten, in denen mancher Hund sein Leben läßt.« »Schlafen die Stadthunde denn auch auf den Steinen?« »Ja, wir liegen mitten auf der Straße. Es ist aber mehr Schmutz als Steine. Und mitten auf der Straße bin ich auch geboren, in einem Loch, wo die Wagen immer stecken bleiben, wenn es regnet. Und da behielt die Rotte meine Mutter und uns bei sich, und wir durften helfen, den Unrat aufzufressen, den die Türken aus ihren Häusern auf die Straße warfen.« »Oh, oh«, stöhnte der Mops. »Ja, und sie gaben uns manchmal im Vorübergehen ein paar kalte Bohnen. Denn die Muselmänner tun den Tieren nichts zuleide. Aber sie haben auch kein Herz für sie, wie die Abendländer.« »Und wie sind Sie dann hierher gekommen, wenn ich fragen darf«, erkundigte sich der Pudel. »Es kam einmal ein Schiff und legte an der neuen Brücke in Pera an, gerade dicht bei unserer Straße. Und auf dem Schiff war mein jetziger Herr. Der stieg gleich, als er an Land kam, in eine Droschke und wollte in die Bazare fahren. Aber in dem Loch, wo ich geboren war, bekam der Wagen einen solchen Krach, daß das eine Rad sich löste und fortrollte, und gerade über mich herüber, der ich in der Nähe lag. Ich heulte entsetzlich, und der Herr kam, besah mich von allen Seiten und sagte: ›Armer Teufel! Du bist mir auch eine nette Blüte des Morgenlandes! Warte, ich werde dich mitnehmen in das Abendland!‹ Und er ließ mich auf das Schiff 145 bringen und stieg in eine andere Droschke. Auf dem Schiff aber hat er mich an sich gewöhnt und ist gut zu mir gewesen. Dann bekam ich noch die Räude, und er brachte mich hierher. Wenn ich morgen abgeholt werde, bin ich ein Hund, der einen Herrn hat, ein deutscher Hund. Und dann bleibe ich ihm treu bis an den Tod.« Ich wollte ihm gerade etwas erwidern, denn die Sache interessierte mich in der Tat sehr, als der Eskimo in ein wahnsinniges Geheul ausbrach und wie verrückt hin und hersprang. Wir dachten alle, er hätte einen seiner gewöhnlichen Anfälle, aber er schrie plötzlich: »Keinen Herren – nicht treu sein – Hund sein eigener Herr bleiben.« Und dann bellte er wie toll. »Erklären Sie sich«, sagte der Pudel würdig. »Wir erteilen Ihnen das Wort.« Aber der Eskimo wollte das Wort nicht haben. »Unsinn«, sagte er. Da wurde Mohr, der Pudel sehr böse. »Wieso Unsinn? Haben Sie nicht gesehen, daß sich hier die berühmtesten Hunde getroffen haben? Steht Herr Schlumski nicht in der Zeitung? Hat der Bernhardiner nicht vierundzwanzig Menschen das Leben gerettet und soll einmal ausgestopft werden? Und das nennen Sie Unsinn? Wer sind Sie denn? Man sagt, Sie haben Ihren Verstand verloren.« Da kam der Eskimo dicht an das Gitter seines Käfigs. Er war der einzige von uns, der einen Käfig hatte. Und als seine Lichter so grün funkelten, hätten wir alle schwören mögen, daß er ein 146 Wolf sei. Ich hatte zwar noch nie einen gesehen, aber so, dachte ich, mußte unser Stiefbruder aussehen, der sich von den Hunden losgesagt hat und in die Wildnis gegangen ist, und ein fürchterliches Raubtier geworden, das die Menschen verfluchen und ausrotten, während sie den Hund als ihren Gefährten lieben. Und nun zischte er uns an. »Wo ist denn der berühmte Ziehhund, über den Sie in allen Zeitungen geschrieben haben? Und was hat er getan? Einen Wagen mit Kohlen hat er gezogen, über glatten Asphalt! Ha, ha, ha, ha! Er soll nur hinkommen auf die Eisfelder um den Nordpol! Er soll es nur versuchen! Acht Hunde vor einen Schlitten, und dann die Menschen herauf und die Ladung, und dann die Peitsche. Davor ein Schlitten, dahinter ein Schlitten – und ein Gebell! 30 Grad Kälte und mehr, und der Sturm schneidet mit Messern, und Schnee! Wer von euch, die ihr hier großtut, weiß, was Schnee ist? Nichts wißt ihr! Und dann wie der Wind über das Eis, über die Humpel und Schollen, daß der Schlitten in die Luft fliegt, weiter, immer weiter. Nichts als Schnee und Himmel. Ja, wer von euch ist schon eingeschneit mit seinem Schlitten? Meterhoch liegt der Schnee über uns. Aber unser Atem schmilzt einen kleinen Rauchfang aus, der als Luftröhre dient, damit wir nicht ersticken, und unser warmes Fell schmilzt eine Höhle aus für den Menschen. Hunger? Ha ha ha! Wer hat schon das Leder vom Schlitten abgefressen? Was für ein Festtag, wenn die Grube mit stinkenden Fischen 147 aufgemacht wird! Jeden Tag das Maul blutig von den Gräten. Fische am Sonntag und am Alltag. Im Sommer, wenn der Mensch dich nicht braucht, kannst du am Bach sitzen und sie dir selber fangen!« »Oh, oh, oh«, stöhnte der Mops, der sich nicht mehr übergeben konnte, weil nichts mehr in seinem Magen drin war, und der aussah wie ein Gummiball, der ein Loch bekommen und die Luft verloren hat, »oh, oh, oh!« Aber da erhob sich der Bernhardiner. Langsam richtete er sich auf und ging vor den Käfig des Eskimos. Dort stand er, ein ergrauter Riese. Jedes Wort hatte er verstanden, so scharf und giftig bellte der Eskimo. »Du«, knurrte er verächtlich, »willst du uns sagen, der Hund, der in einem Lande lebt, wo auch der Mensch nur Fische zur Nahrung hat, soll den Menschen verachten, weil er ihm nichts anderes gibt, als er selbst ißt? Willst du uns sagen, wenn der hohe Herr des Himmels es neun Monate im Jahr schneien läßt, dann soll der Hund darüber murren? Willst du nur dienen mit Knurren und Beißen, weil der Mensch stärker ist als du? Weißt du denn, wer der Mensch ist?« Der Eskimo fletschte seine Zähne und seine Lichter funkelten wie grünes Feuer. »Am Anfang, als die Erde noch grün war vom Nordpol zum Südpol, konnte der Hund sprechen, wie der Mensch. Und der Hund hätte der Herr der Erde werden können, denn seine Füße sind schneller und seine Nase ist feiner. Aber der Mensch hat den Hund unterdrückt, daß er ihm dienen muß. 148 Ich liebe meinen Unterdrücker nicht. Ich ziehe seinen Schlitten, wenn er die Peitsche schwingt. Aber dann verwirre ich die Seile, daß er sich mühen muß, sie wieder auseinander zu bringen. Ha ha ha!« Der Bernhardiner schlug mit seinem mächtigen Schweif auf. »Elender! Höre mich an und schäme dich in deine tückische Seele. Auch ich bin geboren, wo zehn Monate hindurch Winter ist, wo auch im Sommer der Schnee in weichen, weißen Lappen noch auf die Blumen fällt, die eben aus den abgetauten Wiesen sprießen. Hoch, 8000 Fuß über dem Meere, in dem Kloster des Sankt Bernhard. Auch ich kenne kein Wohlleben, keine reiche Kost. Arme Mönche wohnen oben im Kloster. Arm sind auch wir Hunde. Wir dienen unser Leben lang. Die Gefahr, der Tod umgibt uns auf jedem Schritt. Aber das ist unser Stolz, unsere Ehre. Freiwillig nehmen wir noch viel härtere Lasten auf uns, als die guten Mönche sie fordern. Laß dir erzählen von den Hunden von Sankt Bernhard! Himmelhoch liegen die Alpen, die Deutschland von dem schönen Lande Italien trennen. Jetzt haben die Menschen lange, schwarze Tunnel hineingebohrt, und Eisenbahnzüge gehen hindurch. Aber früher mußte der Wanderer mühsam hinüber über die Berge. Der Kaufmann führte sein Maultier am Zügel, das die Waren trug, und ängstlich sah er sich um, ob nicht oben von den Bergen sich ein Stückchen Schnee loslöste, rollte und rollte, größer und größer wurde, und dann als Lawine zu Tal 149 stürzte und ihn hilflos begrub. Auch heute noch gehen viele, viele Reisende zu Fuß über den Sankt Bernhard. Sie sind froh, wenn die freundlichen Mönche ihnen in ihren großen, steinernen Häusern ein Nachtquartier geben und eine warme Schale Suppe. Immer brennt auf den Herden das Feuer, damit die Erstarrten ihre Glieder wärmen, ihre Kleider trocknen können. Wie sollen sie aber das Hospiz finden, wenn so viel Schnee in der Luft umherwirbelt, oder wenn der Sturm ganz kleine, spitze Eiskristalle vor sich hertreibt, oder sich solche weiße Mauern um das Haus aufgetürmt haben, daß kaum das Dach der Kapelle herübersieht? Wenn die Menschen dann so müde sind, daß sie nicht weiter können, setzen sie sich hin und schlafen ein. Und dann erfrieren sie, und der Schnee deckt sie zu. Darum wohnen aber die guten Mönche oben, so hoch über den freundlichen Städten. Sie wollen den armen, verirrten Menschen helfen. Und weil sie es allein nicht könnten, darum wohnen die Hunde bei ihnen, als ihre Freunde und Helfer. Jeden Morgen gehen zwei Klosterknechte mit zwei Hunden hinaus in den Schnee und suchen. Ja, freilich haben die Hunde eine feinere Nase. Aber nur, um den Menschen zu helfen. Sie wittern die Eingeschneiten und kratzen und scharren, bis das starre Gesicht hervorkommt, und sie es belecken und erwärmen können. Sie laufen zurück und holen die Mönche mit den Tragbahren, sie stürzen nach dem Kloster und ziehen an der Klingel. Und wenn Sturm und Unwetter gewesen ist, wenn man in der Nacht gehört 150 hat, daß die Lawinen donnernd zu Tal gegangen sind, wenn kein Mensch sich hinauswagt, dann schicken die Mönche all ihre Hunde hinaus. Jeder hat um den Hals in einem ledernen Beutel ein Fläschchen Wein und ein Stückchen Brot. Eine warme Decke ist auf seinen Rücken geschnallt. Und nun suchen sie. Was schadet ihnen Wind und Wetter? Viele, viele sind schon in den Lawinen umgekommen. Aber wie viele haben sie nicht gerettet! Ein Hund, Barry hieß er, und ich bin von seiner Familie, hat vierzig Menschen das Leben gerettet. Einmal fand er einen Vater im Schnee, der hielt seinen kleinen Knaben im Arm. Beide waren wie tot. Da brachte er den Vater wieder zum Leben und der flößte sich und dem Kinde von dem Wein ein. Dann setzte er Barry den Kleinen auf den Rücken, und Barry lief mit seinem Reiter zum Kloster und führte die Mönche zu dem schwachen Vater.« Da erhoben wir uns alle und kratzten dreimal mit der Pfote zum Zeichen der Achtung für Barry. Nur der Eskimo lachte sein wildes Lachen. »Siehst du nun, was für ein Unterschied zwischen uns und euch ist? Auch ich habe vierundzwanzig Menschen gefunden. Auch ich bin meines Ahnen Barry würdig. Wir beide werden einmal ausgestopft werden. Du, weil du bei einer großen Expedition geholfen hast. Wir beide kommen in ein Museum, wo die Menschen lernen, wie es in der Welt aussieht. Und ich freue mich schon, in dem Glaskasten zu stehen, mit der Flasche um den Hals und der Decke auf dem Rücken. Aber du?« 151 »Es ist mir ganz gleich, oh ich ausgestopft werde oder nicht«, bellte der Eskimo. Der Mops aber, der sich ein wenig erholt hatte, als der Bernhardiner öfters das Wort »Wein« aussprach, sagte: »Ich werde auch ausgestopft, sagt meine Herrin. Dann werde ich auch unter eine Glasglocke gestellt, damit ich nicht die Motten bekomme.« Wir merkten, daß er sich freute, etwas mit dem Bernhardiner gemeinsam zu haben, den wir alle bewunderten. Denn er hatte die Ehre des Hundes wieder hergestellt. Dem Türken, der von morgen an seinem Herrn gehören sollte, war so feierlich zu Mut, daß er sagte: »Vielleicht war ich doch noch ein wenig Muselmann, ohne es recht zu wissen. Aber nun bin ich ein deutscher Hund. Ach, wie freue ich mich darauf, nicht mehr in den Straßen Konstantinopels herumlaufen zu müssen, zwischen den Wasserträgern und den Ausrufern.« Und wir nickten ihm zu, als er so sprach. Der Bernhardiner war auf sein Lager zurückgekehrt, und nach fünf Minuten schnarchte er wie ein alter Mann. Wir anderen aber wachten noch lange. Der Mops, der sein Lager ganz verunreinigt hatte, erhielt sogar von dem großmütigen Pudel die Erlaubnis, sich auf einen Zipfel seiner Decke zu legen. 152 Ende gut, alles gut Es kamen nun die letzten Tage in der Klinik, in denen sich vieles änderte. Auf den Mops hatten die großen seelischen Erschütterungen jener Nacht so eingewirkt, daß sich sein Befinden bedeutend gebessert hatte. Er übergab sich auch in der nächsten Zeit fortwährend, sowie er den Eskimo nur heulen und auf die Menschen schimpfen hörte. Natürlich nahm er nun so ab, daß seine Haut in Falten wie ein zu weites Kleid um ihn herumhing. Der Doktor war entzückt, denn er meinte, das käme von seiner Behandlung, und eines Tages trug das dicke Fräulein ihren Liebling mit Tränen der Rührung fort. Sie versprach ihm sofort Rotwürstchen und Aniskuchen, wenn sie ihn nur erst wieder zu Hause hätte, und er schloß ganz verklärt die Augen, während er sich in ihren weichen Arm drückte. Auch der Eskimo ging. Der Doktor wollte ihn nicht mehr behalten, er ärgerte sich zu sehr über ihn. »Es nützt nichts«, sagte er. »Am besten ist es, er kehrt wieder nach dem Nordpol zurück. Schicken Sie ihn mit dem nächsten Schiff fort. Er hat einen kleinen Stich. Sonnenstich ist es natürlich nicht, sondern irgendeine Frostbeule im Gehirn.« Wir freuten uns, als wir ihn los waren. Als der 153 Türke von seinem Herrn abgeholt wurde, erhob er ein Freudengeheul, sprang an ihm in die Höhe und leckte seine Hände. Der junge Gelehrte schüttelte dem Doktor die Hand. »Ich danke Ihnen, Herr Doktor. Sie haben Wunder getan. Ich fürchtete schon, er würde sich nie an mich gewöhnen. Himmel, war er verwahrlost, als ich ihn fand.« Der Doktor lächelte geschmeichelt. Als er gegangen war, sagte der Pudel: »So sind die Menschen! Wer hat den Mops gesund gemacht? Wir! – Wer hat den Türken Treue gelehrt? Auch wir! – Aber keiner glaubt es, weil wir nur Hunde sind. Und der Doktor streicht die Goldstücke ein und lächelt.« Zwischen dem Pudel und mir bestanden sehr höfliche Beziehungen, und wir hatten manches tiefe, verständige Gespräch. Dem Bernhardiner brachten wir gemeinsam unsere höchste Achtung dar. Da seine Leiden eine Folge von Altersschwäche und den harten Anstrengungen seiner Jugend waren, so konnten sie nicht geheilt werden. Nicht mehr lange, und der edle Hund würde dahingehen. Er selbst sprach davon mit der ruhigen Heiterkeit des Philosophen. Zuweilen fing er seine Rede mit den Worten an: »wenn ich ausgestopft sein werde –« Selbst der Doktor behandelte den ehrenvollen Invaliden mit Auszeichnung. Die Kinder besuchten mich jetzt seltener. Und eines Tages kamen sie in schwarzen Kleidchen. Die Großmutter war gestorben. Ganz still war sie eingeschlafen, ganz glücklich. 154 »Denn, weißt du schon, Schlumski«, erzählte Peterchen, der ordentlich rote Backen hatte, »wir ziehen wieder zurück ins Dorf.« In der Nacht schlief ich keinen Augenblick. Ich dachte an den Hof und an Karo und meinen Bruder Wotan, und ich roch schon ordentlich wieder die gute Luft da draußen, und sah die Hühner auf dem Mist, und die Schweine und hörte die Tauben gurren. Aber wie die Frau das machen wollte, das begriff ich nicht! Dann holten sie mich; Hänschens Onkel und die Kinder. Der Onkel zahlte eine ganze Reihe Goldstücke, und der Doktor schmunzelte und sagte, es sei ihm eine Ehre gewesen, einen so berühmten Hund heilen zu dürfen, und die Wunde sei nun vernarbt. Aber als Ziehhund solle ich lieber nicht mehr verwendet werden. Etwas könne doch an der Lunge zurückgeblieben sein, dafür stehe er nicht ein. »Nein«, sagte der Onkel lächelnd, »Ziehhund wird er auch nicht wieder, das ist vorbei.« So lief ich denn in großen Sprüngen neben ihnen her, zum Keller zurück. Und ich wunderte mich, daß Fried und Minna den fremden Herrn so ruhig anfaßten und so zutraulich mit ihm sprachen. Im Laden stand die Frau, auch in einem schwarzen Kleid, aber sie trug den Kopf nicht mehr so gebückt. Und nach und nach erfuhr ich aus den Gesprächen alles. Lungrich mußte ihnen die 300 Mark zurückgeben, und der Onkel lieh ihnen noch etwas Geld, für die ersten drei Jahre ohne Zinsen, und damit wollten sie im Heimatdorf einen kleinen Laden 155 einrichten, damit die Bauern nicht immer nach der Stadt zu gehen brauchten. Der Laden von Lungrich kam nach seiner Verurteilung zum Verkauf, und für ein Billiges erstand die Frau in der Auktion die Vorräte. Als es Mai war, zogen wir ab. Wie anders diese Heimreise! Ich fuhr nicht im Hundeabteil, sondern vierter Klasse mit meinen Leuten. Ich zog auch nicht den Karren mit unseren Habseligkeiten. Wir brauchten nun eine richtige große Fuhre. Der Gutsherr schickt sie meinen Leuten und hatte sagen lassen, sie sollten sich nur ruhig obenauf setzen, die Pferde könnten ziehen. Es war nämlich gerade die Woche vor Pfingsten. Der Onkel war zum Besuch auf dem Gut und hatte gewiß alles erzählt, denn – als wir ins Dorf kamen, stand an der Straße, die zum Gutshaus führte, Hans und winkte mit der Mütze. Himmel, war der gewachsen! Neben ihm stand ein großer Hund, der war von meiner Rasse, nur daß sein Fell dunkel war. Als der Hund mich sah, lief er mir entgegen, und wir überkugelten uns vor Freude, denn es war mein Bruder Wotan. »Komm heut Abend ja auf den Hof«, bellte er mir nach. »Es ist großer Empfang für dich, Konzert mit Gesang.« Ich kam. Als meine Leute schliefen, holte mich Schäferkaro. Feierlich führte er mich in den Kreis. Alle, alle waren da. Der vornehme Treff, Rolf, der Hofhund, der wieder einmal aus seinem Halsband geschlüpft war, mein Bruder Wotan, und in 156 weiterem Kreise, etwas eingeschüchtert und nicht so frech wie sonst, die Dorfköter. Der Schäferkaro stieg zuerst auf das Göpelwerk und sprach. »Willkommen, Schlumski, willkommen in der Heimat! Wir haben von deinen Taten gehört. Wenn ich neben meinem Herrn auf dem Felde hielt, sind die Leute aus dem Dorf gekommen und haben von dir erzählt, und von der Frau und den Kindern. Einmal, heißt es, hat sogar der Pfarrer mit dem Schulmeister von dir gesprochen. Und wenn Treff mit dem Herrn und seinem Bruder zur Jagd ging, dann sprachen sie auch von dir. Denn du hast Ehre über unseren Hof gebracht. Ich bin stolz darauf, dich meinen Schüler zu nennen. Du gehörst nun zum Dorf. Aber nie kannst du gemeinsame Sache machen mit den Kötern, die unseren Chor bilden dürfen. Darum ernennen wir dich zum Ehrenmitglied unseres Kreises. Es ist keine Ehre für dich, sondern eine Ehre für uns, wenn du an unseren monatlichen Versammlungen teilnimmst, und als erster beginne heut den Rundgesang.« Jeder wedelte mit dem Schweife, um seine Zustimmung zu erkennen zu geben. Ich bestieg den Fahrstuhl des Göpels, kratzte dreimal hinten aus und sang: »Es braust ein Ruf durch dunkle Nacht, Wir treuen Hunde halten Wacht! Daheim, daheim im trauten Kreis, Wie schlägt das Hundeherz so heiß. Lieb Schlumski, du kannst ruhig sein, Denn hinter dir liegt Not und Pein.« 158 Die Worte kamen mir von Herzen. Selten, glaube ich, hat ein Hund so schön gesungen. Der Chor der Dorfköter war wahrhaft erschütternd. Was soll ich noch sagen? Die Frau mietete im Dorf ein halbes Häuschen und legte ihren Laden an, und die Bauern kamen und kauften. Auch Hans holte sich zuweilen für einen Groschen von den schönen sauren Fruchtbonbons, die in dem großen Glas standen. Dann wog die Frau aber gut! Und immer gab's noch einen drauf. Fried und Minna gingen in die Schule. Fried bekam noch Extrastunden beim Lehrer und sollte auf's Seminar und auch einmal Lehrer werden. Minna aber half schon im Laden und wog Kaffee ab und Tabak, daß es ein Spaß war, zuzusehen. Ein Faß mit Sauerkraut hatten wir nicht. Das legten sich die Leute selber ein. Peters krumme Beine haben sich etwas verwachsen. Aber so groß wie Fried wird er nicht. Es geht meinen Leuten gut. Sie zahlen regelmäßig die Zinsen, und wenn der Onkel auf dem Gutshof zum Besuch ist, spricht er bei uns vor, erkundigt sich nach allem und streichelt mich. Denn mir geht es eigentlich am allerbesten. Ich bewache den Laden am Tage und belle, wenn jemand kommt und die Frau bei der Hausarbeit ist. Denn natürlich steht unsere Tür immer offen. Wir leben ja auf dem Lande. Und in der Nacht wache ich. Nicht mit einer Kette am Halsband, wie Rolf, nein, als ein freier Hund. Die Dorfköter haben ordentlichen Respekt vor mir. Wenn ich höre, wie sie ihre dummen, albernen Kellereien treiben, jedem 159 Wagen nachlaufen und den Kutscher solange fragen, wohin er fährt, bis er ihnen mit der Peitsche die Antwort gibt, dann richte ich mich nur auf und knurre. Gleich sind sie still. Besuch habe ich auch. Der Schäferkaro kommt auf ein Stündchen und mein Bruder Wotan, der neulich durch sein Bellen Diebe von der Haustür verjagt hat. Als der Herr aufsprang und mit der Pistole herauskam, hat er noch ihr Handwerkszeug gefunden, ein Bündel Dietriche. Zur Rebhühnerzeit spricht der Herr manchmal vor und läßt Treff einen Topf mit Wasser bringen, wenn der sich in seinem Eifer übernommen hat. Bei den Mondscheinkonzerten aber fehle ich nie. Ganz glücklich könnte ich sein, wenn nicht die weiße Katze wäre. Sie gehört den Leuten, die auf der anderen Seite des Hauses wohnen, und sie lieben 160 sie ebenso, wie meine Leute mich. Todfeinde waren wir am Anfang. Mit kaltem Wasser mußte man uns begießen, eimerweise, wollte man uns auseinander bringen. Konnte sie zischen und fauchen! Und gleich hinauf auf den Birnenbaum, und ich lag stundenlang unten und belagerte sie! Aber dann gewöhnten wir uns aneinander. Und nun strafen wir uns mit Verachtung und tun, als sehen wir einander nicht. Ich weiß aber ganz genau, wenn sie auf der Bank sitzt neben dem weißgescheuerten Milcheimer und einen krummen Buckel macht und spinnt. Ja, wegen der weißen Katze kann ich mein Leben nicht so recht genießen. Aber das ist nur so ein Hofjungenärger, wie Hänschens Vater sagt, der ist gesund. Fast hätte ich noch vergessen: wir halten jetzt zwei Schweine. Aber nicht mehr von der hochbeinigen, langhaarigen Sorte. Die Frau kauft die Ferkel vom Gut. Und eine Ziege haben wir auch wieder. Da ziehen die Kinder denn manchmal das alte Wägelchen hervor, holen das Sielenzeug und spannen mich ein. Und dann geht es hinaus an den Chausseegraben, und wir machen wieder Heu. Dann trolle ich auf der alten Landstraße dahin, und die Vögel singen in den Lindenbäumen, und vom Korn steigt der Blütenstaub auf wie Rauchwolken. Ja, dann denke ich: so also ist das Hundeleben! Einmal schwer, einmal leicht. Wer aber treu und stark ist, der hält es durch. 161 Und nun lebt wohl Kinder. Und behaltet mich lieb, den Schlumski.