Der Schwarzkünstler Cagliostro nach zeitgenössischen Berichten herausgegeben von Friedrich von Oppeln-Bronikowski Einleitung. Cagliostro, Casanova und der Graf von Saint-Germain – dies Dreigestirn weltberühmter Abenteurer, Schwarzkünstler und Hochstapler des 18. Jahrhunderts kreuzte sich in seinen Bahnen mehrfach. Casanova hat seine beiden Konkurrenten durchschaut und gebrandmarkt, obwohl gerade er ihnen nicht allzuviel vorwerfen durfte. Schatz- und Goldgräberei und das Geheimnis der Lebensverlängerung – durch Elixiere oder Palingenesie – das waren die Angeln, die sie alle drei auswarfen, um Dumme zu fischen. Alle drei tragen das Kainsmal des internationalen Vagantentums, weil ihnen stets nach einer Weile der Boden unter den Füßen heiß wurde, das Gefängnis ihnen drohte oder sie aufnahm, oder Ausweisungsbefehle sie nötigten, ihre Opfer anderweitig zu suchen. Alle drei sind mit einer ehernen Stirn, mit einer durch nichts zu entwaffnenden Frechheit, einer raffinierten Kenntnis der menschlichen Seele und ihrer Schwächen und mit einem erfindungsreichen Geist ausgestattet, der sie den Kopf aus mancher Schlinge ziehen, sie beim schwersten Sturze wie die Katze auf die Beine fallen ließ. Davon abgesehen, ergeben sich freilich auch große Unterschiede in Charakter und Benehmen der drei. Der Feinste von ihnen ist Saint-Germain. Er hüllt seine Person und Herkunft in undurchdringliches, bis heute nicht gelichtetes Dunkel; selbst sein Tod 1780 in Eckernförde. war bis vor kurzem schleierhaft. Er deutet sein fabelhaftes Lebensalter nur an, läßt es aus Bemerkungen erraten, die er sich wie aus Versehen entfahren läßt. Er ist ein vollendeter Weltmann, spricht fließend sechs Sprachen und verrät verblüffende Kenntnisse. Er findet dauernd Kredit bei Fürsten und Königen und entschwindet dem Gesichtskreis schließlich wie ein wunderbares Meteor. Alle grobe Marktschreierei liegt ihm fern; er weiß, welche magnetische Anziehungskraft alles Geheimnisvolle auf die Menschen ausübt. Casanova, ein Weltmann gleich ihm und voll vielseitiger Talente und Kenntnisse, ist schon ein dreisterer Glücksritter, der mit gröberen Mitteln arbeitet. Daher auch der jähe Wechsel seiner Lebensverhältnisse. Er ist Glücksspieler, Spekulant, Lebemann und Lebenskünstler zugleich; in den kabbalistischen Mantel hüllt er sich nur vor ausgewählten Opfern. Er schröpft seine Mitmenschen nicht dauernd, sondern ist freigebig und gutmütig wie ein Dieb und wird selbst von gröberen Zunftgenossen oft genug geprellt und gefährdet. Über die Freimaurerei, der er sich nur gelegentlich und äußerlich anschloß, hat er sich in seinen Memoiren (III, 7) ziemlich vernichtend ausgesprochen. Er ist weder Nekromant noch Kurpfuscher, Kuppler und Wechselfälscher, wie sein Landsmann Cagliostro. Geistig und gesellschaftlich Hochstehende bewiesen ihm bis zuletzt ihre Freundschaft; er findet auf seine alten Tage das Gnadenbrot in einem vornehmen Hause und nach seinem Tode das Interesse und die humorvolle Nachsicht der Nachwelt. Der gröbste von allen dreien ist Cagliostro. Roh, ungeschliffen und halbgebildet, ein Taschenspieler und Urkundenfälscher, ein Quacksalber und Kuppler mit den Reizen seiner unglücklichen Frau, durchzieht er die Welt, um sie dauernd zu betrügen, dringt in die Freimaurerzirkel ein, um sie zu seinen Zwecken zu »reformieren«, und bereitet so seinen schlimmen Künsten einen breiten, soliden Boden, um nach schwindelnden Erfolgen im Kerker der Inquisition zu enden. Er hat zweifellos – beschämend für die menschliche Geistesart – bei Lebzeiten und selbst noch darüber hinaus die meiste Popularität genossen, ja sogar im Schrifttum die tiefsten Spuren hinterlassen. Während Saint-Germains geheimnisvolle Gestalt sich nur in einigen Memoiren spiegelt, ja Casanova nur Spuren in denen des Grafen Lamberg, des Fürsten von Ligne sowie in den zweifelhaften Aufzeichnungen der Marquise von Créqui hinterlassen hat und wie Saint-Germain meteorgleich erloschen wäre, hätte er nicht durch seine eigenen Memoiren für seinen Nachruf gesorgt, hat Cagliostro eine ganze zeitgenössische Literatur wachgerufen, in der Goethes »Großkophta«, Schillers Fragment »Der Geisterseher«, zwei Lustspiele der Katharina II., Tiecks Novelle »Die Wundersüchtigen« und ein Roman von Alexander Dumas figurieren. Der gröbste Betrüger hat es also am weitesten gebracht! Goethes Interesse an diesem Abenteurer rührt, wie er selbst Tag- und Jahreshefte, 1785. erzählt, von jener berüchtigten Halsbandgeschichte (1785) am Hofe Ludwigs XVI. her, in die Cagliostro verstrickt war und die einer der letzten Anstöße zur französischen Revolution war. Dieser Blick in den unsittlichen »Stadt-, Hof- und Staatsabgrund« erfüllte Goethe sofort mit einem ahnungsvollen Grauen. Er verfolgte den Prozeß mit gespannter Aufmerksamkeit, bemühte sich 1787 in Palermo erfolgreich um Nachrichten von Cagliostro und seiner Familie und befreite sich schließlich in seiner gewohnten Weise von dem ihn quälenden Gegenstand durch sein Drama »Der Großkophta«. Es war indes nicht allein das äußere Ereignis, das ihn quälte, sondern auch eine innere Abrechnung: Hatte doch auch der junge Goethe sich mit Magie und Alchimie beschäftigt, so gut wie sein Doktor Faust! Der mystische Zug ging durch das ganze Zeitalter der Aufklärung, das den frommen Glauben der Väter als »gothisch« verspottete, aber in seinem metaphysischen Bedürfnis Ersatz dafür suchte und so vielfach in den gröbsten Aberglauben hinabsank. Schätze und langes Leben – zum Genuß dieser Schätze – verhießen ihm die Adepten, und sie fanden im Zwielicht der heraufdämmernden Wissenschaften nur zu leicht Anhänger. Macht, Genuß und Befriedigung seines Wissensdurstes – sie begehrt selbst Goethes »Faust«, dieser Repräsentant nicht nur Goethes, sondern des ganzen 18. und 19. Jahrhunderts. »Haben wir nicht in den neueren Tagen gesehen«, sagt Goethe selbst an anderer Stelle, Tag- und Jahreshefte, 1805. »wie Cagliostro, große Räume eilig durchstreifend, wechselweise im Süden, Norden und Westen seine Taschenspielereien treiben und überall Anhänger finden konnte? Ist es denn zuviel gesagt, daß ein gewisser Aberglaube an dämonische Menschen niemals aufhören, ja daß zu jeder Zeit sich ein Lokal finden wird, wo das problematisch Wahre, vor dem wir in der Theorie allein Respekt haben, sich in der Ausnutzung mit der Lüge auf das Allerbequemste begatten kann!« Zu jeder Zeit! Auch zu der unseren, die es gleichfalls bis an die Sterne weit gebracht zu haben wähnt, die den ganzen Bildungsdünkel der Aufklärung durch ihre Allwissenheit oder durch tiefbohrende Skepsis noch in Schatten zu stellen vermeint! Auch heute huldigt man dunklen Wissenschaften, die das problematisch Wahre in der Ausnutzung mit der Lüge aufs allerbequemste zu begatten verstehen. Sie haben heute nur andere Namen: Spiritismus, Mediumismus, Somnambulismus, kurz alles, was man nach den damaligen, die Welt in Erstaunen setzenden Operationen des Wiener »Magnetiseurs« Mesmer als Mesmerismus bezeichnete. Und daneben machen sich die uralten Künste der Astrologie und Wahrsagekunst wieder breit. Damals kleidete man sie alle mit Vorliebe in das religiöse oder (wie die Freimaurer) in das politische Mäntelchen; heute ist das wissenschaftliche modern. Ein Blick auf die magischen Künste und Betrügereien eines Cagliostro dürfte also recht lehrreich sein. Er zeigt, daß die Staffage gewechselt hat, aber nicht die Menschen, und daß die Dummen nie alle werden. Geradezu verblüffend ist es, wie dieser ungebildete, grobe, jüdelnde Geselle mit seinem schlechten, von italienischen Brocken durchsetzten Französisch seine Zuhörer durch stundenlanges Gerede berauschen konnte. Seine Geschwätzigkeit allein erklärt dies nicht; er muß auch eine starke suggestive Begabung gehabt haben, um die verschiedenartigsten Menschen zu faszinieren. Wir wissen heute zwar ebensowenig vom Wesen des Hypnotismus wie von dem anderen rätselhaften Vermögen, z.B. dem der Quellenfinder. Aber wir wissen auch vom Wesen anderer Naturerscheinungen, die wir in unsere täglichen Dienste gezwungen haben, z.B. der Elektrizität, nichts. Wir glauben nur nicht mehr, daß okkulte, magische Kräfte dahinter stehen, sondern setzen voraus, daß alle Naturvorgänge natürlich sind. Somit kann man auch bei Cagliostro eine hypnotische Begabung annehmen, ohne den Vorwurf zu verdienen, daß man in seine Fußtapfen träte. Wir lassen im folgenden Darstellungen über Cagliostro von Zeitgenossen folgen, ohne der Unmittelbarkeit ihrer Dokumente etwas hinzuzufügen. Es können natürlich nur Ausschnitte sein. Die Hauptschrift jener Zeit: »Leben und Taten des Joseph Balsamo, sogenannten Grafen Cagliostro«, Zürich 1791, die Verdeutschung des gleichzeitigen » Compendio della Vita e delle gesta di Giuseppe Balsamo, denominato il Conte Cagliostro «, Rom 1791, wahrscheinlich von einem Geistlichen Barbèri. Gleichzeitig erschien eine französische Übersetzung: » Vie de Joseph Balsamo, connu sous le nom de Comte Cagliostro «, Paris 1791. die nach seinem Prozeß vor dem römischen Inquisitionsgericht mit Erlaubnis des Papstes veröffentlicht wurde, ist wegen ihrer Weitschweifigkeit und ihres Umfanges fortgeblieben; sie hat zudem den Mangel, daß sie sich bei der Darstellung von Cagliostros Lebenslauf im wesentlichen auf dessen eigene, vielfach romanhaft ausgeschmückte und prahlerische Aussagen stützen mußte. Doch sei das Wesentliche daraus hier unter Hinzuziehung einiger neuerer Quellen wiedergegeben. * * * Joseph Balsamo wurde am 2. Juni 1743 zu Palermo geboren, als Sohn eines jüdischen Händlers So nach Goethe, nach dem er Buchhändler war. Auch die römischen Prozeßakten – siehe das Zitat daraus am Schluß dieser Einleitung – heben seine jüdelnde Sprechweise hervor. Nach der Darstellung von Pericle Maruzzi in der Einleitung zu seinem Neudruck des sogen. » Vangelo di Cagliostro « (Todi, 1914, S. 10), die sich auf neuere Forschungen beruft, soll freilich Cagliostro väterlicher- wie mütterlicherseits von »adligen und erlauchten Familien« abstammen! und einer einfachen, frommen Frau, die wir aus Goethes Darstellung näher kennen lernen. Nachtrag zum »Großkophta« (1792), später in Goethes »Italienische Reise« übergegangen. Nachdem sein Vater im Geburtsjahr des Knaben bankrott gemacht hatte und gestorben war, wurde er von einem mütterlichen Oheim aufgenommen und mit dreizehn Jahren zu den Barmherzigen Brüdern in Cartagirone gegeben. Einem Apotheker, der sich seiner annahm, verdankte er die ersten Kenntnisse in der Medizin und Chemie. Nach Ausschweifungen und schlimmen Streichen entzog er sich bald der Schulzucht und kehrte zu seinem Oheim nach Palermo zurück. Hier führte er ein ausschweifendes Leben, suchte Händel mit der Polizei und begann seine Gaukeleien als Schatzgräber und Zauberer. Sein zeichnerisches Talent benutzte er zur Fälschung von Theaterbilletts und einer Testamentsurkunde und mußte deswegen schließlich fliehen. In Messina lernte er angeblich einen Griechen Altotas kennen, der sein Lehrer in der Alchimie wurde, und mit dem er weite Reisen nach dem Orient und nach Ägypten gemacht haben will. Die Wahrheit dieser abenteuerlichen Erzählungen ist indes stark anzuzweifeln; seine Familie, die Goethe besuchte, wußte jedenfalls nichts davon. In Malta lernte er den Großmeister des Malteserordens, Pinto, kennen, der ein Freund der Alchimie war und ihm Empfehlungen an vornehme Häuser in Neapel gab. Von dort fand er Eingang in Rom, wo er sich durch seine Zeichenkunst ernährte und 1768 die schöne Lorenza Feliciani ein Mädchen aus niederem Stande, heiratete. Ettore Mola, in Le Livre , II (1881), S. 336 ff., der auch seinen Heiratskontrakt veröffentlicht. Nach diesem erhielt die Frau eine kleine Mitgift von 150 Scudi. Nachdem er sich mit seinen Schwiegereltern, bei denen er wohnte, verzankt hatte, fand er Spießgesellen in einem falschen Marchese Agliata, dessen angebliches Patent als preußischer Oberst er fälschte und sich selbst zulegte, um als solcher aufzutreten, und mit einem Ottavio Nicastro, der später als Mörder gehängt wurde. Mit diesem verzankte er sich und wurde von ihm als Wechselfälscher angezeigt, so daß er mit Agliata und seiner Frau die Flucht ergriff. Deren Reize hatte er bereits verschachert, und sie lebte mit Agliata wie Mann und Frau. In Bergamo trat er als preußischer Oberst auf und warb sogar Rekruten, wurde jedoch ins Gefängnis geworfen und ausgewiesen. 1771 trat er mit seiner Frau eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostella in Spanien an, die er aber nach den römischen Akten gar nicht ausgeführt zu haben scheint. Danach trieb sich das Paar vielmehr in Südfrankreich herum, wo Casanova es in Aix kennen lernte. Memoiren XI, 6. Jetzt erst wandte sich Cagliostro nach Spanien, verkuppelte seine Frau in Barcelona, Madrid und Lissabon, mußte aber überall das Weite suchen und ging 1772 nach London. Hier beging er im Einverständnis mit seiner Frau Erpressungen an einem Quäker, der sich in ihre Reize vernarrt hatte, verführte die Tochter eines Wohltäters, der ihn aus der Schuldhaft befreit hatte, und wurde von ihm aus dem Hause geworfen. 1773 wandte er sich nach Paris, verkuppelte seine Frau an einen wohlhabenden Mann namens Duplessis, wurde aber in seinen Forderungen an diesen so frech, daß der Liebhaber ihn fortjagte und die Frau zu sich nahm. Nun wandte Cagliostro sich an die Behörden, ließ seine Frau einsperren und lebte vom Verkauf eines Schönheitsmittels und von alchimistischen Künsten, die er Leichtgläubigen aufschwatzte. Nachdem seine Frau durch die Haft mürbe geworden war, verließ er Paris mit ihr unter Hinterlassung von Schulden für sein verschwenderisches Leben. Er floh nach Brüssel und kehrte über Deutschland nach Palermo zurück, wo ihm wegen seiner Testamentsfälschung der Prozeß gemacht wurde. Ein großer Herr befreite ihn aus der Haft und vor den Galeeren, aber er mußte seine Heimat sofort verlassen. Er hielt sich drei Monate wieder in Malta auf und ging dann abermals nach Neapel, wo er von seinen alchimistischen Praktiken lebte. Dann reiste er mit seiner Frau und seinem Schwager, den er gut verheiraten wollte, nach Marseille, wo er neue Opfer fand, und von da nach Spanien, meist als preußischer Offizier und unter dem Namen Don Tiscio. Nachdem er in Cadix ein neues Opfer ausgebeutet hatte, trennte er sich von seinem Schwager und ging zu Schiff nach London. Bei diesem zweiten Aufenthalt (1776–77) gelang es ihm, in die Freimaurerlogen zu kommen und sich großen Anhang zu schaffen. Jetzt legte er sich den Namen Graf Cagliostro zu, trat als Wunderdoktor und Goldmacher auf, gewann einen Prozeß, den eins seiner Opfer gegen ihn angestrengt hatte, und lebte auf großem Fuße, mit Kurieren, Läufern, Kammerdienern und Domestiken in prächtigen Uniformen. Dabei spielte er den Großmütigen gegen Arme, die er umsonst kurierte, und nahm selbst keinerlei Geschenke an. Dies besorgte seine Frau, indem sie den Gebern tiefste Verschwiegenheit gegenüber ihrem uneigennützigen Gatten gebot. Schließlich aber wurde ihm der Boden zu heiß, und er ging nach dem Haag, wo er wieder zahlreiche Anhänger in Freimaurerkreisen fand. Er schloß keine Religion von der Aufnahme in seinen Bund aus, weder Juden, Kalvinisten, Lutheraner noch Katholiken, wenn sie nur Freimaurer waren. Zur Ehre der Freimaurer sei jedoch gesagt, daß auch starke Bedenken gegen ihn laut wurden. Wegen einer Schwindelei mit Lotterienummern floh er nach Brüssel und tauchte dann in Venedig als Graf Pellegrini auf, beschwindelte einen Kaufmann mit alchimistischen Versprechungen und floh (1779) nach Mitau. Über seinen dortigen Aufenthalt sind wir durch die von uns abgedruckte Veröffentlichung der Elisa v.d. Recke hinreichend informiert. Die Verdeutschung der Schrift »Cagliostro in Warschau« (Straßburg 1786), die wir gleichfalls abdrucken, stammt von dem Weimarischen Legationsrat und Redakteur Friedrich Johann Justin Bertuch (1747–1822). Um so weniger ist man über seinen Aufenthalt in Petersburg unterrichtet. Sein dortiger Einfluß in den besten Kreisen muß jedoch sehr groß gewesen sein, denn die Zarin Katharina wußte ihn nicht anders zu brechen, als indem sie ihn durch zwei selbstverfaßte Lustspiele lächerlich machte. In Warschau blitzte er 1780 ab. Auch durch den Aufsatz »Cagliostro in Mitau« vom preußischen Oberbergrat J.J. Ferber in der »Berlinischen Monatsschrift«, 1790, XVI, S. 302ff., der die Schrift der Frau v.d. Recke teils ergänzt. Diese Zeitschrift der Aufklärung befehdete ihn Überhaupt dauernd. Vgl. den Jahrgang 1778, S. 449 ff. Dagegen fand er in Frankfurt am Main und in Straßburg begeisterte Anhänger. Nach seiner Behauptung verfolgte ihn aber die dortige medizinische Fakultät wegen seiner Wunderkuren, dagegen wandte sich der Kardinal von Rohan eben deswegen an ihn und ließ sich auch durch seine kabbalistischen Künste umgarnen. In dessen Begleitung reiste er nach Paris. Nachdem er sich abermals über Straßburg nach Neapel begeben hatte, wo er nur drei Monate blieb, sehen wir ihn von 1783 ab wieder in Frankreich. In Bordeaux fand er 1783 starken Anhang in Freimaurerkreisen; in Lyon gründete er 1784 eine ägyptische Mutterloge. Sein Ruf eilte ihm voraus, als er 1785 nach Paris ging, wo man einen wahren Kult mit ihm trieb. Es wurde Mode, seine häßliche Larve auf Fächern und Ringen abgebildet zu tragen und Büsten von dem divo Cagliostro aufzustellen. Ein hoher Würdenträger wie der Kardinal Rohan verkehrte bei ihm und unterstützte ihn reichlich. Als dessen Bekannter kam er in Verdacht, an dem betrügerischen Verkauf des berühmten Diamantenhalsbandes beteiligt zu sein, und so ward er 1785 nebst Rohan in die Bastille eingekerkert, aber 1786 gleich diesem entlassen, da beiden nichts nachzuweisen war; wahrscheinlich waren beide unschuldig. Emile Compardon, » Marie Antoinette et l'affaire du Collier «, Paris 1863. Seine Anhänger begingen seine Freilassung durch Illuminationen und Freudenfeiern. Doch am nächsten Tage wurde er aus Frankreich ausgewiesen. Zahlreiche Personen geleiteten ihn bis Boulogne sur Mer; nach seinen Behauptungen sollen 5000 Menschen seiner Einschiffung beigewohnt und den Scheidenden kniend um seinen Segen gebeten haben! Er ging nach London und schleuderte ein paar wilde Pamphlete gegen seine Verfolger und an die französische Nation, prophezeite die baldige Revolution und die Zerstörung seines Kerkers, der Bastille. Aber in London begann sein Glücksstern rasch zu verbleichen. Der Herausgeber des Courrier de l'Europe , Morand, griff ihn öffentlich als Betrüger an. Er mußte fliehen und ging über Basel, Biel, Berlinische Monatsschrift 1789, S. 449ff. Aix in Savoyen nach Turin, wo ihn sofort ein Ausweisungsbefehl traf, ebenso in Roveredo und bald auch in Trient. Damals erschien eine ihn entlarvende lateinische Schrift: » Liber Memorialis de Caleostro «, auch das »Evangelium Cagliostros« genannt. Mori 1789. Verfasser war ein Geistlicher, Clementino Vannetti, der ein Tagebuch über Cagliostro in Roveredo geführt hatte, das er in Briefform veröffentlichte. Neudruck mit ausführlicher, leider von Druckfehlern wimmelnder Bibliographie von Pericle Maruzzi, Todi 1914 (s. S. 6, Anm. 2). Im Mai 1789 erschien er in Rom, wo er sehr vorsichtig auftrat und wo es mit seiner Herrlichkeit rasch bergab ging. Aus bitterem Mangel nahm er seine maurerische und kabbalistische Tätigkeit wieder auf, aber mit größter Vorsicht, denn er fürchtete mit gutem Grunde die Inquisition. In einem kleinen vornehmen Kreise, zu dem auch der französische Botschafter, der aus Casanovas Memoiren bekannte Kardinal de Bernis und dessen Freundin, die Marchesa von Santa Croce gehörte, trat er in der Villa Malta auf, vollbrachte dort einige »Wunder« und prophezeite den baldigen Sturz der französischen Monarchie, was freilich nicht schwer war, denn die Generalstände waren bereits einberufen. Da er an diese eine Petition um Rückkehr nach Frankreich richtete und auch sonst mit seiner revolutionären Gesinnung prahlte, erschrak man im Vatikan, und am 27. Dezember wurde er nebst seiner Frau von der Inquisition verhaftet und in der Engelsburg eingekerkert, nachdem seine schwer belastenden, später teils veröffentlichten Papiere beschlagnahmt worden waren. Umsonst suchte er sich nun zu retten, indem er den reuigen Sünder spielte; nach langen Verhören verurteilte die Inquisition ihn 1791 zum Tode. Pius VI. verwandelte das Urteil indes in lebenslängliche Kerkerhaft im Fort San Leo bei Urbino, und seine Frau wurde in ein Strafkloster gesteckt. Im Kerker soll Cagliostro Qualen erduldet und gestöhnt haben, daß man es auf der Straße hören konnte, bis der Tod seinen Leiden am 28. August 1795 ein Ende machte. Man behauptet, er sei erdrosselt worden. Als die französischen Revolutionsheere ihn im nächsten Frühjahr befreien wollten, war er schon tot. Er war 52 Jahre alt geworden. Die römischen Prozeßakten schildern ihn als »klein von Statur, von brauner Gesichtsfarbe; er sprach einen sizilianischen Dialekt, beinahe wie ein Hebräer, war ohne jede Eleganz, Kenntnisse und Wissenschaften«. Ein bekanntes Bild Cagliostros von Charles Guerin ist 1781 in Straßburg entstanden. Die prahlerische Unterschrift lautet auf deutsch etwa: »Ein Menschenfreund zeigt sich in diesem Bild; Mit Wohltun ist sein Tagewerk erfüllt. Er macht das Leben lang und stillt der Armen Pein: Die Lust am Wohltun ist sein Lohn allein.« Die wenigen Anmerkungen, die ich im Text gemacht habe, sind »v. O. B.« gezeichnet. Friedrich von Oppeln-Bronikowski Elisabeth von der Recke Nachricht von des berüchtigten Cagliostro Aufenthalte in Mitau im Jahre 1779 und von dessen dortigen magischen Operationen Elisa v.d. Recke (1754–1833), die spätere Freundin des Dichters Tiedge, war auch sonst schriftstellerisch tätig. Sie schrieb eine »Reise durch Deutschland und Italien« (1815–17, 4 Bde.), »Gedichte« (1806), »Geistliche Lieder« (1833). Die nachfolgende Schrift erschien 1787 bei Friedrich Nicolai in Berlin und Stettin. Trotz ihrer schlimmen Erfahrungen mit Cagliostro stand Elisa v.d. Recke später mit dessen Geistesverwandten, dem greisen Casanova, in Briefwechsel und tröstete ihn in seiner letzten Krankheit. Demjenigen, der es nicht der Mühe wert hält, den Gaukeleien eines Schröpfer, Gaßner, Cagliostro und ähnlicher Abenteurer, von Grund aus nachzuspähen, mag es unbegreiflich scheinen, daß diese ihr geheimes Reich so weit verbreiten und daß sie noch fast in ganz Europa einen verborgenen Anhang haben. Es ist aber leider eine unleugbare Tatsache, daß Viele, und oft Personen von dem besten Herzen und übrigens nicht gemeinen Fähigkeiten des Geistes, sich durch solche Leute haben täuschen und in ihr mysteriöses und mystisches Labyrinth hineinlocken lassen. Wie man allmählich zu diesem Glauben ans Unglaubliche verleitet werden könne, davon will ich dem Publikum meinen eigenen Beitrag von Erfahrungen mitteilen. Weil Cagliostro sich in seiner Verteidigungsschrift auf unser Zeugnis berufen hatte, warnte ich das Publikum in der Berlinischen Monatschrift Mai 1786, S. 395 f. aus Wahrheitsliebe vor diesem schlauen Betrüger und vor dem gefährlichen Hang zur Geisterseherei. Seitdem bin ich von so mancher Seite aufgefordert worden, durch Tatsachen zu bestätigen, daß Cagliostro ein Betrüger und kein Zauberer sei. Ich habe mich daher zu dem gegenwärtigen Schritte, diese Schrift öffentlich bekannt zu machen, um so eher entschlossen, da ich nun auch von den meisten Mitgliedern unserer hier vor einigen Jahren durch Cagliostro gestifteten geheimen, aber offenbar betrogenen Gesellschaft die Erlaubnis erhalten habe, die vorzüglichsten, im Jahre 1779 darüber gemachten Aufsätze zur Publizität zu bringen, durch welche das ganze Gewebe der Betrügerei dieses intriganten Täuschers enthüllt werden kann. Wie Cagliostro sich auf unsere Einbildungskraft gleich anfangs solchen Einfluß habe verschaffen können, habe ich mir, seitdem ich aus aller mystischen Träumerei glücklicherweise erwacht bin, aus folgenden Umständen leicht erklärt. Mein Vater, Der verstorbene Reichsgraf von Medem, Ritter des Königlich-Polnischen weißen Adler- und Stanislaus-Ordens. dieser von allen, die ihn kannten, seines edlen Herzens wegen geliebte und geehrte Mann, hatte, nebst seinem ebenso vortrefflichen Bruder, Der verstorbene Landmarschall und Oberrat von Medem, Ritter des Königlich-Polnischen Stanislaus-Ordens. schon seit früher Jugend einen Hang zur Chemie und zu mystischer Weisheit; denn beide Brüder waren durch einen Lehrer erzogen worden, den sie sehr liebten und der – oder vielmehr dessen Bruder, der Hofrat Müller, bis zu seinem Tode in der Chemie, oder eigentlich in der Alchimie arbeitete. In Jena auf der Akademie errichteten beide Brüder mit einem gewissen Hofrat Schmidt, der nachher in geheimen Gesellschaften sehr verwickelt gewesen ist und in einem gewissen Zirkel noch vor kurzem viel Redens von sich machte, Man sehe von ihm: Crells neueste Entdeckungen in der Chemie, II. Teil S. 59 und X. Teil S. 139, sowie des sel. Herrn Hofrat Karsten physisch-chemische Abhandlungen, erstes Heft (Halle 1786), S. 84–92 (F. Nicolai). die engste Freundschaft, welche sie auch lebenslänglich ununterbrochen fortsetzten. Und in Halle, ungefähr im Jahre 1741, weihten beide Brüder sich zuerst der Freimaurerei, welche sie schon damals durch Versicherung des Bruders ihres Lehrers Müller und des Hofrats Schmidt mit der Magie und Alchimie vereint glaubten. Dreißig Jahre waren verflossen, seit mein Vater und dessen Bruder über diese vermeinten Geheimnisse beständig gedacht, gelesen und gearbeitet hatten, als Cagliostro bei uns erschien und das Theater, auf welchem er spielen wollte, gut vorbereitet fand; vorzüglich weil auch Se. Exzellenz der Herr Oberburggraf von der Howen, ein Freund meines Vaters, durch seinen Mutterbruder, der die Alchimie liebte, erzogen worden war. Und in jüngeren Jahren (wo man ohnehin bei einem tätigen Geiste und bei lebhafter Einbildungskraft leicht einen Hang zu übernatürlichen Dingen fühlt) hatte dieser nach Wahrheit forschende Jüngling in Straßburg die Bekanntschaft eines Mystikers gemacht, der vorgab, in Verbindung mit höheren Geistern zu stehen und den Herrn von der Howen durch allerlei Blendwerke solchergestalt einzunehmen wußte, daß dieser selbst als Mann, bei seinem sonst durchdringenden Verstande, den Hang zu Geheimnissen so lange beibehielt, bis die durch Cagliostro gemachten Erfahrungen und weiteres Nachdenken ihm die Überzeugung gaben, daß man auf diesem Wege nur die Wahrheit entdecke, daß man ein Spiel intriganter Gaukler werden könne. Ich hatte seit den ersten Jahren meiner Kindheit von Alchimie und Magie, von Schmidt und Müller viel sprechen hören, und Swedenborgs wundervolle Geschichten waren mit ein vorzüglicher Gegenstand der Unterredungen. Doch machte alles dies in den ersten Jahren meiner Jugend keinen größeren Eindruck auf mich als Blaubarts Geschichte; und die Aussicht zu einem Balle oder Konzerte war mir damals reizender als die Zusammenkunft mit Geistern. Seit meinem sechzehnten Jahre ward ich aus dem Geräusche der großen Welt in stille Einsamkeit auf dem Lande durch meine Heirat versetzt. Da entstand aus Mangel anderer Geschäfte bei mir ein Hang zur Leserei, ohne Plan, Ordnung und Auswahl. Wielands frühere Schriften, besonders seine Sympathien, Cronegks Einsamkeiten, Youngs Nachtgedanken und Lavaters Schriften waren mir die liebste Lektüre, durch welche meine Seele sehr bald eine religiös-schwärmerische Stimmung erhielt. Vorzüglich fanden Lavaters Schriften über die Kraft des Gebets und sein Tagebuch in meinem Herzen Eingang. Für Jesus, dessen Glückseligkeitslehre meine ganze Seele durchdrang, fühlt' ich nun eine Art von schwärmerischer Verehrung und Liebe. Noch jetzt dank' ich Gott, der die Umstände so lenkte, daß gerade in den Jahren jugendlicher Flüchtigkeit solche Gegenstände meine herrschende Leidenschaft wurden, denn freilich war Religion bei mir Leidenschaft, nicht bloß Stütze der Tugend. Durch das nun von mir so inniggeliebte Bild Jesu ertrug ich jedes Schicksal mit stiller Resignation. Mein Geist, immer mehr angespannt und vom Irdischen abgezogen, ging nach und nach immer mehr zur Beschaulichkeit über und gewöhnte sich zu mystischen Phantasien. Lavater, der mir durch jede kleine Schrift immer lieber wurde, schien mir ein noch lebender Jünger unseres göttlichen Vorgängers zu sein; sein Tagebuch erweckte auch mich zur täglichen Selbstprüfung; ich wollte immer vollkommener in der Religion werden, und so entstand der Gedanke nach und nach in mir: daß auch ich, wenn ich nach völliger Reinheit der Seele strebte, in die Gemeinschaft höherer Geister aufgenommen werden könnte. Nun fielen mir alle Gespräche, die ich in meinem väterlichen Hause über Swedenborg und Schmid gehört hatte, wieder ein und fingen allmählich an, eine starke Wirkung auf mich zu äußern. – Mein ältester Bruder, den ich unaussprechlich liebte und an dem meine ganze Seele hing, hatte mit mir eine gleiche Geistesstimmung. Nur hielt er mehr auf die griechischen Weltweisen und glaubte im Pythagoras und Plato Spuren der Weisheit zu finden, nach welcher wir beide strebten. Im Junius des 1778. Jahres starb dieser hoffnungsvolle Jüngling in Straßburg, und durch die Betrübnis über seinen Tod wurde mein Hang zur Mystik außerordentlich vermehrt. In dieser Gemütsbeschaffenheit befand ich mich, als Cagliostro im Februar oder März des Jahres 1779 nach Mitau kam. Er gab sich für einen spanischen Grafen und Obersten aus, meldete sich gleich bei meinem Vaterbruder als Freimaurer und sagte, er sei von seinen Oberen in wichtigen Geschäften nach Norden geschickt und in Mitau an ihn gewiesen. Mein verstorbener Vaterbruder war in der hiesigen Freimaurerloge Meister vom Stuhle. Mein Oheim stellte ihn als einen erfahrenen und erkenntnisreichen Maurer dem Herrn Oberburggrafen von der Howen und meinem Vater vor. Nach einigen Gesprächen, welche diese Herren und der Herr Major von Korf mit Cagliostro hatten, wurde sie alle von ihm sehr eingenommen. Kaum merkte ich dies, so suchte auch ich, nebst meiner Tante Gemahlin meines Vaterbruders und geborene Gräfin von Kaiserlingk, Tochter des in Warschau verstorbenen russisch-kaiserlichen Großbotschafters. Meine damals noch unverheiratete Vaterbruder-Tochter ist jetzt an einen Herrn von Grotthuß verheiratet und denkt nun mit allen hier genannten Personen über diese Sache mit mir gleich. und Cousine, diesem Priester der Geheimnisse näher zu kommen. Er und seine Frau wußten mit vieler Verschlagenheit unsere Ideen von sich zu vergrößern und unsere Erwartungen zu spannen. Wir wurden bald nicht nur seine gläubigen Jüngerinnen, sondern führten ihm noch mehr Anhänger zu. Er wendete nun ein neues Mittel an, um uns in nähere Verbindung zu bringen und zugleich leichter auf unsere Gemüter wirken zu können. Er sagte mir, er sei von seinen Oberen gesendet, mit der Vollmacht, als Grand-Maitre eine Loge d'Adoption oder eine Freimaurerloge, in welche Frauenzimmer zugelassen werden, zu gründen. Da nun der sel. Hofrat Schwander, von welchem ich weiterhin sprechen werde, sah, daß meine Tante, meine Cousine und ich nicht zurückzuhalten waren und uns durchaus als Mitglieder dieser Loge d'Adoption Sollte hier wohl die Anmerkung nötig sein, daß, wenn Cagliostro sich bei uns das geringste von solch einer abscheulichen und gewiß fabelhaften Aufnahme hätte entfallen lassen, als gewisse Mémoires authentiques de Cagliostro (die, soviel ich von dessen Geschichte weiß, sehr unauthentisch sind) den Pariserinnen ohne alle Wahrscheinlichkeit angedichtet haben, gewiß jede und jeder aus unserer Gesellschaft ihn als den nichtswürdigsten Buben verabscheut und ihm alles Vertrauen entzogen haben würde? Cagliostro kannte sein Publikum, auf welches er hier wirken wollte, zu genau, als daß er nicht jeden von uns, mit dem er zu tun hatte, so behandelt hätte, daß er sich seines Vertrauens bald bemeisterte; auch muß ihm das Unverdorbene unserer Sitten so aufgefallen sein, daß er sich es gleich berechnen konnte, er würde allen Einfluß bei uns verlieren, wenn er sich irgendeinen leichtsinnigen Anstrich geben wollte. Daher war er bei uns ein strenger Sittenprediger. Obzwar ihm der feine Anstand der großen Welt mangelte, so war er darin doch sehr auf seiner Hut, daß ihm, wenn er sich beim Frauenzimmer befand, nie ein unanständiger Scherz entfiel. Das Ungeschliffene in seinen Manieren, das wir wohl bemerkten, setzten wir auf Rechnung seines vorgeblichen langen Aufenthaltes in Ägypten und Medina. Gegen Ende seines Aufenthaltes ließ er sich, wie ich beim Schlusse dieser Geschichte anzeigen werde, einmal etwas Unanständiges entfahren. Da er aber von allen seinen Zuhörern zur Rede gesetzt ward, so zog er sich mit vieler List gleich zurück. Gleichwohl erweckte dieser Vorfall mein erstes ernsthaftes Mißtrauen gegen ihn. durch Cagliostro wollten aufnehmen lassen, so trat auch er aus Freundschaft und Vorsorge für mich zu dieser Gesellschaft. Ihm folgten sogleich Herr von Medem auf Tittelmünde, der älteste Sohn meines Vaterbruders, Herr Hofrat und Doktor Lieb Dieser würdige Arzt hat mich auf der Reise, die ich krankheitshalber nach Deutschland machen mußte, begleitet. Er hat allenthalben, nicht nur als Arzt, sondern auch als Mensch, die Achtung aller derer erhalten, welche seine Bekanntschaft machten. und Herr Notarius Hinz. Noch verschiedene durch Geist, Charakter und Stand interessante Personen traten zu uns, von welchen ich zum Teile nicht die Erlaubnis habe, ihre Namen öffentlich zu nennen, teils andere aus gewissen Rücksichten nicht nennen will. Ein Teil davon hielten den Cagliostro so wenig für einen Wundermann, als ihn Schwander dafür hielt, und sahen vielmehr ein, daß er ein Betrüger war. Aber diese einsichtsvollen Leute traten hinzu, teils um als Augenzeugen zu sehen, welche Wendung die Sache nehmen würde, teils aber aus freundschaftlicher Vorsorge für uns, damit die seit langer Zeit in unserem Hause vorhandene Stimmung der Gemüter zur Erwartung wunderbarer Dinge uns nicht tiefer in Schwärmerei stürzen möchte, wenn niemand vorhanden wäre, der uns einigermaßen zurückhielte. Indessen, da nun Cagliostro solche allgemein verehrte Männer zu äußerlichen Anhängern bekam, machte diese Sache und das Geheimnisvolle dabei in Mitau viel Aufsehen und bereitete unserem vermeinten Wundermanne in Petersburg einen großen Ruf vor. – Eben, da ich dies schreibe, wird mir die kleine Schrift: Cagliostro in Warschau, von einem Freunde zugeschickt. Sie enthält nur umständlicher alles das, was Graf P. uns über diese Sache 1782 bei seiner Durchreise nach Petersburg mündlich sagte. Da unsere Seelen mehr auf die Verbindung mit der Geisterwelt, als auf Verwandlung der Metalle gerichtet waren, so konnte Cagliostro leicht einen Monat länger als in Warschau bei uns Fuß fassen und uns zu seinen Anhängern machen: vorzüglich weil er, solange er bei uns war, nichts versprach, was er nicht dem Scheine nach leistete. Geriet eine Operation nicht, so wußte er solche Scheingründe vorzubringen, daß man glaubte, er habe so und nicht anders handeln können. Zwar wußte er, wie die Folge meines Aufsatzes es zeigen wird, auch seine hiesigen Anhänger durch irdische Erwartungen zu spannen; aber das Ganze wird beweisen, daß er seine Sache hier feiner als in Warschau einfädelte, und so ist es uns um so eher zu verzeihen, daß wir länger Gläubige seiner Wunderkraft waren, wiewohl dennoch auch gegen das Ende seines hiesigen Aufenthalts der Glauben an ihn zu fallen anfing. Einige, die Wunder erwarten zu können glaubten, fingen schon an, ihn für einen zur schwarzen Magie hinüberwankenden Magiker zu halten, andere aber raunten uns ins Ohr, er sei nichts als ein Betrüger. Bevor ich den Auszug aus meinen bei Cagliostros Hiersein gemachten Aufsätzen liefere, will ich zwei Proben von seiner Art sich auszuhelfen hersetzen, wenn er etwas versprach, das er nicht leisten konnte. – Er sprach einmal vom Schmelzen des Bernsteins wie von einem Dinge, das so leicht als das Schmelzen des Zinnes sei. Einige Mitglieder unserer Gesellschaft baten ihn dringend um dieses Geheimnis. Er setzte sich mit großer Emphase an einen Tisch und diktierte nun das Rezept, und siehe da! – es war ein Rezept zu einem Räucherpulver. – Alle, die sich auf den Bernsteinhandel gefreut hatten, waren äußerst mißvergnügt. Cagliostro hatte nicht darauf gedacht, daß er auch Leute vor sich hatte, welche das Rezept lesen und diesen groben Betrug sogleich entdecken konnten; aber er faßte sich sogleich und wand sich dergestalt aus der Sache, daß er vorgab: er hätte durch diese Geschichte die Charaktere seiner Schüler genau wollen kennen lernen und sei äußerst betrübt, daß so viele unter ihnen mehr kaufmännischen Geist hätten, als Hang, für das allgemeine Gute zu wirken. Der größte Teil von uns war damals noch zu blindem Glauben an ihn gestimmt und war mit dieser Entschuldigung zufrieden. Die übrigen schwiegen, weil sie unsere Verblendung sahen und ihr nicht abzuhelfen wußten. – Kurz vor seiner Abreise nach Petersburg wurde einmal von den sehr großen echten Perlen der verwitweten Herzogin gesprochen, die Cagliostro einigemal an ihren Händen gesehen hatte. Diese Perlen behauptete unser Magus sehr wohl zu kennen, denn er habe sie, einem bankerotten Freunde in Holland aufzuhelfen, aus den kleinen schiefen Perlen seiner Frau zusammengeschmolzen, weil er gerade damals weder Geld noch Wechsel genug gehabt, um seinen Freund aus der Verlegenheit zu reißen. Ich brauchte eben zu einer guten Absicht eine gewisse Summe Geldes, die ich ohne einige Beschwerde für mich nicht sogleich aufbringen konnte. Weil ich dies ganz geheim zu halten wünschte, so brachte ich Cagliostro ganz treuherzig in der Stille meine Perlen, machte ihm meine Verlegenheit bekannt und bat ihn, das für mich zu tun, was er seinem Freunde in Holland getan habe, da ich jetzt die Summe bar zu bezahlen nicht imstande sei; zugleich versicherte ich ihm, daß ich den Überschuß des Geldes nicht haben wolle, den könne er selbst zu anderen wohltätigen Absichten gebrauchen. Cagliostro erwiderte: er wünschte, daß ich früher dieses Verlangen geäußert hätte, so würde er diesem haben Genüge leisten können. Denn sechs Wochen gehörten zu dieser Operation; nun aber wäre seine Abreise durch seine Oberen auf übermorgen bestimmt, und denen wäre er unbedingten Gehorsam schuldig. Ich bat ihn, die Perlen nach Petersburg mitzunehmen und dort umzuschmelzen. Er aber nahm sie nicht und sagte, wenn er erst in Petersburg wäre, dann würde er imstande sein, unserer ganzen Gesellschaft und vorzüglich mir, tätige Beweise seiner Vorsorge zu geben. Ich bat ihn, mich mit allen weltlichen Gaben zu verschonen und mich nur zu der Gemeinschaft mit höheren Geistern gelangen zu lassen. Darauf erwiderte er: »Ehe Christus das Amt eines Propheten, oder wie Ihr ihn nennt, eines Seligmachers übernahm, führte der Versucher ihn erst auf die Zinne des Tempels und lockte ihn durch die Schätze dieser Welt; da diese keinen Einfluß auf seine reine Seele hatten, da erst reifte er dazu, durch Wunder die Welt zu beglücken. So müssen auch Sie erst, ehe Ihnen wichtigere Dinge anvertraut werden, durch Schätze dieser Erde sich prüfen lassen. Widerstehen Sie allen diesen Verführungen, nun, dann segne Sie der große Baumeister der Welt auf dem Pfade der Mystik ein und leite Ihren Gang, auf welchem Sie zum Wohl vieler Tausend groß werden können.« – Ich gestehe, daß ich schwach genug war, diesem allen Glauben beizumessen. Und nur der Gedanke, daß ich durch dies offenherzige Bekenntnis der Irrtümer meines Verstandes andere gute Seelen, die noch etwa meinen damaligen Wahn hegen, auf ihrer mysteriösen mystischen Laufbahn vielleicht zum Nachdenken erwecken und zurechtweisen könne, gibt mir den Mut, meine Verblendung mit aller Treue der Wahrheit dem Publikum zur Schau zu stellen, sollt' ich auch deshalb manches schiefe Urteil über mich müssen ergehen lassen. Bei uns verband Cagliostro Religion, Magie und Freimaurerei sehr genau miteinander. So ungeschliffen sein äußeres Betragen war, indem er oft jeden von uns ohne die geringste Ursache mit Ungestüm anfuhr, so sittlich betrug er sich übrigens in allen seinen Reden. Er gab vor, daß diejenigen, die mit Geistern in Gemeinschaft kommen wollten, durchaus alles Materielle bekämpfen müßten; daher tat er auch, als ob er im Essen und Trinken mäßig wäre, ob er's gleich eigentlich gar nicht war. Wir waren aber zu sehr von ihm eingenommen, um auch diesen Widerspruch in ihm zu bemerken. Soviel ist gewiß, hätte Cagliostro, wie Graf M. sehr richtig sagt, mehr wahre chemische und optische Kenntnisse, kurz mehr gründliche Wissenschaften und mehr feine Sitten gehabt, so hätte er unter der Maske des Magikers mit seinem intriganten Geiste und bei dem heutigen so allgemein verbreiteten Glauben an Wunder, eine noch größere und vielleicht gar ehrenvolle Rolle spielen können. Um die verschiedenen Rollen, die Cagliostro in Mitau, Warschau und Straßburg gespielt hat, vergleichen zu können, teile ich hier den Brief eines meiner Straßburger Freunde mit, der von aller Geisterseherei entfernt ist und der diesen Brief im Jahre 1781 an mich auf meine Veranlassung schrieb, weil ich nun dem Gange dieses intriganten Gauklers, den ich dazumal noch nicht entziffert hatte, soviel ich konnte, nachzuspähen wünschte.   Straßburg, den 7. Juni 1781. »So umständlich und so wahrscheinlich als es in dieser Sache möglich ist, will ich Ihnen alles dasjenige vortragen, was ich in Rücksicht auf den Grafen Cagliostro habe erfahren können. Ich sage so wahrscheinlich, denn man sagt soviel für und soviel wider diesen außerordentlichen Mann, er ist auch selbst in der Hauptsache so geheim, daß ich glaube, man müsse noch zurzeit auf völlige Gewißheit in Ansehung seiner Verzicht tun. Er hat enthusiastische Freunde und bittere Feinde; er scheint sehr offen zu sein; mais le coup de maitre reste dans mon coeur, sagte er selbst hier zu einer Dame, die er, gegen seine sonstige Gewohnheit und Grundsätze, Verachtung des weiblichen Geschlechts im ganzen war ein Kunstgriff, dessen Cagliostro sich auch hier bediente, um sich solchergestalt der Dankbarkeit und des Enthusiasmus derjenigen um desto mehr zu vergewissern, die er zu den Ausnahmen zählte. sehr hoch schätzte. Durch diesen Kanal hauptsächlich habe ich folgendes erfahren. Der Graf Cagliostro sagt, er habe zu Medina die Medizin studiert und freilich daselbst anders die Natur kennen gelernt, als unsere europäischen Ärzte; wir gingen zu flüchtig über die Zeichen der Krankheiten und überhaupt der Veränderungen im menschlichen Körper hin: in seiner Schule werde man angeführt, nicht nur den Puls (welchen, nach allgemeinem Eingeständnis auch der Ärzte, Cagliostro vortrefflich verstehen soll), Dieser Meinung sind bei weitem nicht alle Ärzte. sondern auch die Gesichtsfarbe, den Blick, den Gang und jede Bewegung des Körpers medizinisch zu erforschen, daher denn die Physiognomik ein natürlicher Teil der Arzneikunde sei. Sei es nun durch diese Verbindung oder durch einen anderen Weg, genug, Cagliostro scheint ein Menschenkenner zu sein und hat unter anderen unseren größten Physiognomisten, Lavatern, sehr gut physiognomisch aufgenommen: Die Krankheiten selbst, sagt er ferner, liegen vorzüglich im Blute und in dessen Verteilung; darauf muß also der Arzt lossteuern. Da die ganze Natur miteinander verwandt ist, so muß der Arzt sie im großen Umfange kennen, und die Chemie muß ihm dann zur Auflösung und Zusammensetzung zu Gebote stehen; und auch in dieser soll er große Kenntnisse besitzen. Dies wußte er auszubreiten, weil er es selbst von sich sagte. Aber er war darin höchst unwissend, wie in Mitau schon in unserer Gesellschaft bemerkt ward. Man sehe die oben S. 24 erzählte Geschichte. Da ferner alles auf alles wirkt und dies nicht bloß von unserer Erde, sondern von unserem Sonnensystem zu verstehen ist, so sei auch die Kenntnis von dem Einfluß der Gestirne einem Arzte unentbehrlich. So hält Cagliostro vorzüglich viel auf das Äquinoktium, und in dieser Zeit präpariert er seine meisten Arzeneien. Dieser gegenseitige Einfluß aller Dinge begrenzt sich aber nach Cagliostros Meinung nicht bloß auf die Körperwelt. Diese ist Wirkung; der Geist ist Ursache: die Geisterwelt ist eine zusammenhängende Kette, aus welcher immer Wirkungen ausströmen. Die wahren Naturkenner seien also die, welche ebensogut hinauf als hinab sehen können, oder welche mit Geistern wie mit Materie in Verbindung stehen. Zu dieser geheimen Kenntnis sei er gleichfalls in Arabien und zwar in einer Gesellschaft zu Medina eingeweiht worden; er habe daselbst, wie jeder Aufgenommene, das Gelübde tun müssen, zum Besten der Menschheit eine gewisse Zeit in der Welt herumzuwandern und unentgeltlich das wieder zu geben, was er selbst ebenso empfangen habe. So sei er durch Ägypten nach Europa gekommen. Von seinem Aufenthalte im Norden brauche ich Ihnen nichts zu sagen; von seinem Aufenthalt in Straßburg weiß ich folgendes. Er logierte einige Zeit in einem Gasthofe, dann etliche Wochen bei Vogt in dem Zimmer Ihres seligen Bruders, wenn ich nicht irre. Noch zeigte er sich nicht im geringsten als Arzt. Niemand erwartete das auch von einem Grafen (welcher Grafentitel, wie er jemanden so ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, sich auch nicht auf Geburt, sondern auf seine geheimen Kenntnisse gründet). Plötzlich erfuhr man, es sei ein fremder wohltätiger Herr hier, der Kranke umsonst übernehme und ihnen nicht nur Arzeneien, sondern selbst oft auch noch Geld und andere Unterstützungen zukommen ließe; und dies ist Wahrheit. Nun kamen nach und nach und noch schüchtern einzelne Arme zu ihm. Er empfing sie liebreich, gab ihnen Essenzen, Elixiere, andere Arzeneien, befreite manchen vom Fieber und anderen Zufällen, besuchte selbst auch manche schwere Kranke in ihrer Behausung. Sein Ruf stieg, und bald waren nicht bloß seine Zimmer, sondern die Treppen und die Haustüre mit Hilfsbegierigen besetzt. Er war etwas leicht und zuversichtlich im Versprechen der Heilung, und dies gab allen Bresthaften um so mehr Mut. Freilich sind ihm nun bei der Menge der Kuren viele verunglückt, besonders bei Taub- und Blindheit; allein Glück in mehreren Fällen, das Fremde, das Sonderbare, das Unentgeltliche machten ihn doch jetzt zum Gegenstand aller Gespräche und bei manchem schon zum Gegenstand der höchsten Bewunderung. Die Neugierde trieb eine unzählige Menge Leute hin: Gelehrte, Offiziere, Ärzte, Naturkundige, Freimaurer. In dieser letzten Rücksicht besuchten ihn auch einige Prinzen und andere Herren; es wurde nach und nach Mode, zu Cagliostro zu gehen, und da er gerade am Paradeplatz logierte, so strömte um Mittag ein großer Teil der Garnison hin; man ging in die Assemblee zu Cagliostro. Hier wurde nun freilich mancher junge Leutnant durch seine übergroße Neugierde dem guten Grafen lästig; und um dieser Gattung von Gesellschaften los zu werden, oder um ihrer zu spotten, erzählte er ihnen sehr ernsthaft, daß er auf dem Roten Meer geboren sei, daß er einhundertundfünfzig Jahre alt sei, und dergleichen. Der Erfolg hatte gezeigt, daß Cagliostro dergleichen Erzählungen nicht sowohl aus Spott, als aus der Absicht, sich als Wundermann bekannt zu machen, ausbreitete. Zu dieser Zeit wurde ein Sekretär unseres Kommandanten, des Marquis de la Salle, krank; sein Arzt gab ihn auf, als einen wirklich vom Brand angesteckten, der noch vierundzwanzig Stunden zu leben hätte. Auf Bitten des Kommandanten selbst unternahm ihn Cagliostro und stellte ihn, zu allgemeiner Verwunderung, so gut als gänzlich wieder her. Nun hebt sich die glänzende Periode dieses Mannes an; alle Generalspersonen, alles was bei uns vornehm ist oder gerne um Vornehme sich herdrängt, besuchte nun täglich den Herrn Cagliostro. Viele machten bei Cagliostro nicht eben ihm, sondern diesen Herrn den Hof. Die Damen taten ein gleiches, nahmen seine Arzeneien und lobten seine Kuren. Cagliostro wurde überall hingezogen: der gute Ton war, von ihm zu sprechen, ihn zu brauchen und zu erbeben. Eine unglaubliche Menge von Fremden kamen von allen Orten her zu ihm; verschiedene baten ihn, mit einigen unserer besten Ärzte in Konsultationen sich einzulassen; dies schlug er immer ab, wie er denn auch für alle Ärzte keine anderen Benennungen kennt, als solche, die aus dem Tierreich entlehnt sind. Daß Cagliostro von groben Sitten, auffahrerisch und stolz war, habe ich schon bemerkt. Ob auf der anderen Seite die Ärzte in ihren Urteilen über ihn immer Wahrheit, oder falls auch dieses ist, Wahrheit ohne Bitterkeit, ohne Eifersucht gegen ihn sagen, kann freilich ich nicht bestimmen; doch haben mehrere Kranke, auch Fremde, sich von Cagliostro weg wieder in die Arme der ordentlichen Ärzte geworfen. Diese haben auch durch eine und andere triftige Anmerkung viele ziemlich schüchtern gemacht im Gebrauch des Herrn Cagliostro. Er pflegt z. B. sehr häufig den Extrait de Saturne und zwar in sehr großer Dosis (wie überhaupt seine Medizinen) zu verordnen; man hat gezeigt, daß dieser Bleizucker zwar im Augenblick von guter Wirkung sei, bei Wunden und anderen Zufällen, wo schleunige Hilfe nötig ist, daß er aber auch oft eine gewisse Steifigkeit zurücklasse und innerlich gebraucht, nicht selten die unglückliche Colique de Poitou verursache. In verschiedenen Zeitungsblättern und Affiches unserer Gegend sind bittere Satiren gegen ihn herausgekommen. Sein Zulauf hat wirklich abgenommen; er empfängt wirklich nur dreimal die Woche, und dies nur zu gewissen Stunden, Besuche. Mehrere Fremden, die seinetwegen hierher kamen, hat er in der Hälfte der Kur verlassen, andere gar nicht angenommen; gegen einige ist er außerordentlich gütig, gegen andere ebenso auffahrend und rauh. So auch in der Gesellschaft bei bloßen Besuchen; er nimmt sich sehr für oder wider die Personen ein, und dies oft auf den ersten Blick. Er fühlt sich ganz und spricht deswegen von Fürsten und mit Fürsten wie ein Mann, der ihnen, nicht sie ihm Gutes tun können. Er redet schlecht Italienisch, gebrochen Französisch; Arabisch konnte er mündlich mit Professor Norberg von Upsal, der aus Konstantinopel kommt, nicht sprechen. Von unserem Heiland spricht er mit Geringschätzung und von der Geistlichkeit – wie von den Ärzten. Man sollte vermuten dürfen, daß der Mann einen weitaussehenden Plan habe, dazu ihm Straßburg ein allzu kleines Theater darbot. Straßburg liegt am Eingang des Königreichs; vielleicht will er seinen Ruhm vorangehen lassen und erwartet, daß ihn der König von freien Stücken berufe; er spricht ohnehin viel von seiner Bekanntschaft, die er mit Ludwig XV. hatte, sowie von der mit der russischen Kaiserin. Bei dieser großen Monarchin, auf welche Cagliostro so sehr zu wirken wünschte, hat er gar keinen Eingang gefunden. Was darüber in den Mémoires authentiques de C. steht, ist erdichtet, und so ist denn wenigstens eines seiner Hauptgeschäfte, zu welchem er von seinen Oberen ausgesandt war, mißlungen; vielleicht hat er dafür in Warschau durch Geldmangel büßen müssen und sich daher durch Geldschneidereien dort auszuhelfen gesucht. Man hat angemerkt, daß er weder durch Wechsel noch in natura durch irgend jemanden von hier sein Geld beziehe und doch immer richtig, freigebig und im voraus bezahle, ohne hier das mindeste, wenigstens unmittelbar, Es ist wohl ein Zeichen, wie leichtgläubig wir werden, wenn unser Geist einmal gestimmt ist, Wunder zu erwarten, – daß Cagliostro durch dieses ausgesprengte Vorgeben das Publikum an verschiedenen Orten hat hintergehen können. Cagliostro gab doch an jedem Orte gangbares gemünztes Geld aus. Gesetzt auch, er hätte Gold und Silber machen können, so konnte er es doch nicht münzen. Es war also bei einigem Nachdenken wohl einzusehen, daß er entweder durch mittelbare Geschenke oder durch heimlichen Verkauf seiner Arzneien Geld einnahm, oder daß er insgeheim von anderen Orten unmittelbare Geldremessen empfing. einzunehmen. Einige sind daher auf die Gedanken gekommen, er sei ein Emissarius der Exjesuiten, usw. Dies alles sind Vermutungen; auch folgendes gebe ich Ihnen nur für eine, aber mir wenigstens und vielen sehr wahrscheinliche Vermutung: daß nämlich Cagliostro den größten Teil seiner Zeit und seines Ruhmes bei uns schon wirklich durchlebt habe. Wo er aber hernach sich hinzuwenden gedenke, weiß, glaube ich, niemand. Einige seiner großen Verehrer sind ihm abtrünnig geworden: sie klagen wechselweise heftig übereinander. Seit einiger Zeit fertigt er viele seiner Patienten sehr kurz durch allgemeine Tisanen u. dgl. ab. Unser Herr Marschall, der vor kurzem erst aus Paris in die Provinz wieder gekommen, hat Herrn Cagliostro sehr gütig empfangen und dadurch verhindert, daß man ihn nicht als einen Charlatan saus aveu aus dem Reiche verbannte. Dies ist das Glaubwürdigste, durch die meisten Zeugen der denkenden Klasse Bestätigte, was mir möglich war, nach der sorgfältigsten Nachfrage und Vergleichung der Nachrichten, Ihnen darlegen zu können. Möchten Sie es als einen Beweis der Freude annehmen, mit der ich die mir gütigst angebotene Gelegenheit, Ihnen meine tiefe immerwährende Ergebenheit zu äußern, ergriffen habe. Ich kann freilich nicht dafür stehen, daß, obgleich sehr wider meinen Willen, in meiner Erzählung manche Unrichtigkeiten sich befinden. Entdecke ich sie in der Folgezeit, so werde ich mir eine Pflicht daraus machen, mich sogleich bei Ihnen selbst zu widerlegen. In historischen Dingen ist es schwerer als in moralischen, zu wissen, was ist Wahrheit? Und dies achte ich für unser aller unaussprechliches Glück, daß die Heilkunde der Seele für den, der ernstlich will, so leicht zu finden sei. Wer wahrhaftig ernstlichen Vorsatz hat, dem wird gegeben, daß er noch mehr habe. Wie herrlich muß also nach Ihrer Bemerkung der redliche Forscher in einer besseren Welt erleuchtet, erquickt werden, wenn er nach langem Durst in sandiger Wüste plötzlich vor der Quelle der Wahrheit steht! – Heil denen, die sich wirklich daran laben und denen, die gerade auf dies Ziel losgehen! –« * * * Ehe ich meinen Aufsatz vom Jahre 1779 mitteile, muß ich meine Leser bitten, in Erwägung zu ziehen, daß ich ihn zu der Zeit mit vollem Glauben an Cagliostros Wunderkraft niederschrieb und ihn dazu bestimmt hatte, ihn im Archive unserer Loge d'Adoption, teils als Lehre der Magie und teils als Beweis dessen aufheben zu lassen, wie hoch menschliche Kräfte selbst in unseren Tagen steigen könnten, wenn wir uns zur Gemeinschaft mit höheren Geistern einweihen ließen und nach diesem Zwecke unermüdet strebten. Ich lasse diesen Aufsatz so, wie er geschrieben war, weil ich glaube, daß es dem Freunde der Wahrheit und dem Menschenkenner interessant sein wird, das treue Gemälde einer Seele zu sehen, – die Irrtum für Wahrheit hielt, ein eigenes System auf diesen Irrtum baute und dadurch von einem intriganten Gaukler so hingehalten ward, daß Wahrheit und die Rechte der Vernunft sich für sie in undurchdringliche Nebel hüllten. Ich lasse diesen Aufsatz vom Jahre 1779 auf der einen Seite und meine jetzige Überzeugung nebst den in dieser Sache gemachten Entdeckungen auf der anderen Seite drucken, auf daß man Cagliostros Plan und den Gang seiner Betrügereien um so eher übersehen könne. Aus Gründen der Raumersparnis konnte der Neudruck dieser Textanordnung nicht folgen. Die »Anmerkungen und Erläuterungen« von 1787 sind daher als Fußnoten gebracht. Ich ersuche die Leser, jederzeit die durch Zahlen bezeichneten Anmerkungen von 1787 gleich nach den gegenüberstehenden denselben entsprechenden Stellen des Aufsatzes von 1779 zu lesen, und bitte besonders diejenigen, die noch Hang zum Wunderglauben haben, wohl zu erwägen, wie leicht man dabei mit den besten Absichten von groben Betrügern hintergangen wird. – Welchen Nachteil es der Menschheit gebracht hätte, wenn mein Aufsatz vom Jahre 1779 als Tatsache und historische Wahrheit in geheimen Gesellschaften bekannt geworden wäre, ohne dagegen Cagliostro zugleich als Betrüger aufzustellen, wird jeder fühlen, der den heutigen Hang zum Wunderglauben kennt. Auch in dieser Rücksicht danke ich Gott, daß ich meine ehemaligen Vorurteile habe erkennen lernen. Mitau, den 3. Februar 1787. Cagliostros magische Experimente in Mitau. In der guten Absicht, meine Kenntnisse auf jedem Wege zu erweitern, und des Vorsatzes voll, mit aller Unparteilichkeit einige Erfahrungen niederzuschreiben, welche ich die Zeit her durch den beinahe täglichen Umgang mit dem Grafen Cagliostro gemacht habe, will ich nichts als lautere Wahrheit von dem, was ich sah und hörte, hier aufzeichnen. Ich will einige magische Experimente des Grafen und die Veranlassung, sie vor uns zu machen, niederschreiben, nebst einigen Gesprächen über Magie oder, wie Cagliostro sich ausdrückt, über die höheren Kräfte der Natur, welche einzelnen Menschen von der Vorsehung mitgeteilt werden, um so wie Christus, Moses und Elias für Tausende Gutes zu wirken. Wenige Tage nach seiner Ankunft meldete sich Cagliostro bei meinem Vaterbruder als Freimaurer, der von seinen Oberen wichtiger Angelegenheiten halber nach Norden gesandt Wenn ich jetzt (1787) den Blick auf Cagliostros Betragen zurückwerfe, so steigt die Vermutung, daß er ein Emissär der Jesuiten gewesen ist, in mir fast zur Gewißheit. Bei seinem hiesigen Aufenthalte suchte er sich Anhänger zu schaffen, deren größeren Teil er auf verschiedene Art hinzuhalten wußte, um durch diese mit desto mehrerem Glanze in St. Petersburg auftreten zu können, welches, wie aus der Folge zu urteilen ist, die Hauptabsicht seiner Reise nach Norden war. Auch bot er alle seine Schlauigkeit auf, um mich dahin zu bestimmen, daß ich ihn nach Petersburg begleiten sollte; denn er wußte es sehr wahrscheinlich zu machen, daß er die erhabene Monarchin aller Reußen als Beschützerin der Loge d'Adoption aufnehmen würde, und da sollte ich seinem Vorgeben nach in Petersburg die Stifterin dieser Loge werden. Die Vorteile, die er uns dabei für unser ganzes Land vorspiegelte, waren so groß und scheinbar, daß mein guter Vater als warmer Patriot und noch mehrere mich durchaus dazu aufforderten, mit dem Cagliostroschen Ehepaare die Reise zu machen. In der Folge werde ich sagen, wodurch ich von dem Unglück befreit wurde, die Begleiterin dieses irrenden Zauberritters zu werden, welches meine eigene Familie verlangte, ohne die Folgen eines solchen Schrittes einzusehen; so sehr hatte sich der Betrüger ihres Vertrauens zu bemeistern gewußt. Doch muß ich die Leser dieser Schritt nochmals bitten, Cagliostros eben angeführten Plan bei meinen Aufsätzen vom Jahre 1779 ja nicht aus den Augen zu verlieren; denn alsdann wird man es leicht begreiflich finden, warum er sein vorzügliches Augenmerk mit dahin richtete, meinen wohlgemeinten Hang zur Schwärmerei zu seinen Absichten zu benutzen, meine Seele immer durch höhere Erwartungen zu spannen und sich bei mir in dem Ansehen eines Wundertäters festzusetzen, weil sein Eingang in Petersburg bei denen, die Hang zum Wunderbaren haben, dadurch eklatanter geworden wäre, wenn, neben seinen Empfehlungen aus so manchen Freimaurerlogen, auch ein Frauenzimmer aus einem angesehenen Hause und zwar auf ausdrückliches Verlangen ihrer Familie, ihn dorthin begleitet hätte. So fest als ich damals davon überzeugt war, daß Cagliostro übernatürliche Kräfte besäße, so gewiß hätte ich ihm viele Jünger und Jüngerinnen zugeführt, weil, wie Wieland sagt – Schwärmerei wie der Schnupfen ansteckend ist; und weil, wenn eine gutmütige enthusiastische Seele etwas mit dem unverkennbaren Gepräge der Aufrichtigkeit behauptet, dieses sicher bei allen Seelen, die einen ähnlichen Hang haben, Glauben und Eingang findet. Zwar würde Cagliostro nie seinen Zweck erreicht haben, Katharina die Weise, der alle Schwärmerei zuwider ist, in Schwärmerei zu verwickeln; aber daß dies sein Plan gewesen, dies sieht mau jetzt ziemlich deutlich. Wenn ich mir noch jetzt die Gefahr recht lebhaft denke, der ich, Dank sei es der Vorsehung entgangen bin, dann fühl' ich den unwiderstehlichen Drang, die Verwirrungen meiner Seele offenherzig zu bekennen, um jede gute Seele zu warnen, sich nicht dunklen Gefühlen in der Religion zu überlassen, nicht die Einbildungskraft anzuspannen, nicht nach Wundern lüstern zu sein, nicht Gemeinschaft mit Geistern zu suchen, welche die anbetungswürdige Vorsehung für diese Welt, wo uns unsere Pflichten zum Besten unserer Mitmenschen und zu unserer eigenen Verbesserung angewiesen sind, nicht nötig fand, und sie daher für einen künftigen vollkommeneren Zustand bestimmte. (1787.) und an ihn, an meinen Vater und Herrn Kammerherrn von der Howen Nunmehriger Oberburggraf und Oberrat. (1787.) gewiesen wäre. – In meines Vaterbruders Hause hatte ich Cagliostro einigemal gesprochen; den sonderbarsten Mann, den ich noch jemals gefunden, traf ich in ihm an. Er und seine Frau brachten meiner Tante, meiner Cousine und mir hohe Begriffe von einer Loge d'Adoption bei; auch äußerte er sich, er wolle diese Loge hier aus Freundschaft für uns stiften, weil er glaubte, wir könnten würdige Mitglieder dieser geheimen Gesellschaft werden, welche diejenigen zu höherer Glückseligkeit führe, die mit reinem Herzen nach Wahrheit strebten und voll Liebe zum allgemeinen Besten ihre Kenntnisse zu erweitern suchten. Uns gefiel die Idee, und wir entschlossen uns unter Cagliostros Anführung, in unserem Vaterlande Stifterinnen dieser Gesellschaft zu werden; doch machten wir die Bedingung, daß nur die von uns vorgeschlagenen Freimaurer zu dieser Gesellschaft treten und Mitglieder von selbiger werden sollten. Hier zeigten sich Schwierigkeiten, die ich, um nicht weitläufig zu werden, nicht auseinandersetzen will. Selbst mein Vater, Herr von Howen, mein Vaterbruder und Herr Major Korff, die von Cagliostro eingenommen waren, wollten zuerst nicht der Stiftung der Loge d'Adoption beitreten, und nun baten wir den Cagliostro, seinen Vorsatz fahren zu lassen. Aber dieser sagte, er habe noch nie etwas unternommen, ohne es auszuführen, und er wolle der schlechteste Kerl heißen, wenn er die Loge hier nicht auf den glänzendsten Fuß setzen würde. Jene, seine Gegner, sollten am Ende seine größten Anhänger werden und ihn noch selbst in seinem Vorsatze ermuntern. Der sel. Hofrat Schwander, ein Mann, dessen Andenken jedem heilig ist, der diesen weisen und tätigen Menschenfreund kannte, ein Mann, der bei seinem Leben das Orakel nicht nur seiner Freunde, sondern beinahe unseres ganzen Landes war, warnte uns alle sogleich vor einer Verbindung mit Cagliostro und fand Bedenken, der von ihm zu errichtenden Loge d'Adoption beizutreten. Dieser mir unvergeßliche Mann war der Universitätsfreund meines Vaters und Vaterbruders. Er hatte sich es angelegen sein lassen, die Seelen der Kinder dieser seiner Freunde durch seinen Umgang zu bilden. Auf dem Pfade meines Lebens ist er der tätigste Freund für mich gewesen, dessen Vorsorge und Lehren bei mir auf eine frohe Ewigkeit Einfluß haben werden; denn er kannte und bestritt meinen Hang zur Schwärmerei. So sehr seine Regeln zur Glückseligkeit, die sich auf Reinheit der Seele und tätige uneigennützige Menschenliebe gründeten, bei mir Eingang fanden, so stimmte ich doch mit diesem weisen Freunde in den Grundsätzen der Religion nicht überein. Denn er glaubte nichts, was mit seiner Vernunft in Widerspruch stand, und ich hatte den vollen Glauben an noch immer fortdauernde Wunderkraft des Gebets frommer Christen und wünschte einen so verehrungswürdigen Mann allmählich zu diesem Glauben zu bekehren. Durch Cagliostro hoffte ich meinem Ziele näher zu kommen; und als dieser uns den Vorschlag zur Errichtung einer Loge d'Adoption machte, schlug ich Schwandern als Mitglied dieser Loge vor. Als Herr v. Howen, mein Vater, und mein Vaterbruder Schwandern unsere Absicht entdeckten, widersprach er der Stiftung dieser Loge durchaus und brachte seine Freunde so weit, daß sie seinen Vorstellungen Gehör gaben. Mich warnte er mit väterlicher Zärtlichkeit, nicht in die Falle hineinzugehen, die Cagliostro uns stelle; denn er erklärte unseren Helden für einen Scharlatan und Betrüger. Ich hielt Cagliostro aus einigen Gesprächen für einen Mann Gottes, dem höhere Geister dienstbar wären, und beweinte in der Stille den Unglauben meines Freundes, durch welchen ich um die Seligkeit, in Gemeinschaft mit überirdischen Wesen zu treten, gebracht werden sollte. Durch ein scheinbares Experiment der Verwandlung des Quecksilbers in Silber und das erste magische Experiment, welches Cagliostro machte, brachte er Herrn v. Howen, meinen Vater und meinen Vaterbruder dazu, daß sie einwilligten, die Loge d'Adoption zu stiften. Nun hatte Schwander einen harten Kampf mit mir: Er bot die ganze Gewalt, die er über meine Seele hatte, auf, um mich zurückzuhalten. Alle Gründe der Vernunft, die er mir mit hinreißender Beredsamkeit sagte, fanden keinen Eingang. Denn mein Glauben, durch die Verbindung mit höheren Geistern zu überirdischen Kräften zu gelangen, war zu fest, als daß ich seine mir anscheinende Irrtümer der Vernunft nicht im stillen beweint und gegen ihn selbst bemitleidet hätte. Auch erklärte ich mich mit fester Entschlossenheit: daß, wenn er nicht zu dieser Gesellschaft treten wollte, ich es sehr bedauern, aber dennoch ein Mitglied von selbiger werden würde. Unvergeßlich ist mir der Blick, der Ton der Stimme, mit welchem Schwander mir mit verhaltenen Tränen sagte: »Freundin! Ihr Hang zum Wunderbaren zerreißt mir mein Herz! Solange Sie diesen haben, sind Sie das Spiel eines jeden Betrügers, der es darauf anlegt, durch Scheintugend zu glänzen. Kann ich Sie von dem Abgrunde, an welchem Sie jetzt stehen, nicht zurückführen, nun, so will ich Sie begleiten, wohin Aberglauben und Schwärmerei Sie nur führen, um womöglich auch dort Ihr Schutz zu sein und Sie auf alles aufmerksam zu machen, was wider die Vernunft läuft, den Urheber alles Guten herabwürdigt und am Ende den edelsten moralischen Charakter verderben muß. Ich selbst will mich von Ihrem Geisterseher einweihen und dem Anscheine nach zum Narren machen lassen. Denn das nenne ich am Seile der Torheit tanzen, wenn man das glaubt, was Ihr Wundermann da lehrt.« – Freudevoll hoffte ich, daß er nun den ersten Schritt zu seiner religiösen Bekehrung gemacht habe. Er aber erwiderte mit traurigem Ernste: »Wenn ich einst tot sein werde und Umstände Sie von Ihrer Schwärmerei geheilt haben, dann erst werden Sie das Opfer ganz fühlen, welches ich Ihnen jetzt bringe.« – Dieser redliche Mann bewegte noch ein paar Freunde in gleicher Absicht, der Loge d'Adoption beizutreten. (1787.) Darauf machte er einige chemische Versuche im Hause meines Vaters und im Beisein desselben und des Herrn Kammerherrn von der Howen, gab beiden die Versicherung, der neu zu errichtenden Loge einige dieser Geheimnisse mitzuteilen, und zum Beweise, daß höhere Kräfte in seiner Gewalt wären, wollte er Tages darauf im Beisein dieser Herren mit einem beinahe sechsjährigen Knaben ein magisches Experiment machen. Der Tag erschien. Mein Vater und mein Vaterbruder verfügten sich zu Herrn v. Howen, und der jüngste Sohn Ähnliche Erscheinungen vermittelst eines Kindes ließ Cagliostro auch in Warschau sehen, wo auch der Betrug entdeckt ward. Hierüber kann man die schon oben angeführte Schrift nachsehen: Cagliostro in Warschau oder Nachricht und Tagebuch über dessen magische und alchimistische Operationen in Warschau im Jahre 1780, gedruckt im J. 1786. (1787.) meines verstorbenen Vaterbruders wurde zu diesem Experimente bestimmt. – Wie Cagliostro eigentlich bei diesem verfuhr, weiß ich nicht mit Zuversicht zu sagen, da ich kein Augenzeuge davon war; aber die Herren erzählten uns folgendergestalt die Sache. Cagliostro habe in die linke Hand und auf das Haupt des Kindes (nach Cagliostros Aussage) das Öl der Weisheit gegossen und so unter dem Gebete eines Psalms den Knaben zum künftigen Seher eingeweiht. Der Kleine wäre bei dieser Operation sehr erhitzt worden und in Schweiß geraten; Wahrscheinlich rieb er dem Knaben ein erhitzendes Öl ein, wodurch dessen Nerven gereizt wurden, wozu noch die Furcht kam, wovon hernach wird geredet werden. (1787.) darauf habe Cagliostro gesagt, dies wäre ein Zeichen, daß die Geister Wohlgefallen an dem Kinde hätten. Nun habe Cagliostro in des Knaben Hand und auf dessen Kopf Charaktere geschrieben, dem Knaben geboten, unaufhörlich in die gesalbte Hand zu sehen, und so habe er die Beschwörungen angefangen. Zuvor habe er meinen Vaterbruder gefragt, ohne daß das Kind es gehört, was er seinem Sohn für eine Erscheinung machen sollte. Mein Vaterbruder habe Cagliostro gebeten, er möge dem Kinde seine Mutter und die Schwester, die noch zu Hause sei, erscheinen lassen, damit der Knabe nicht erschrecke, wenn er die Erscheinung sehe. – Ungefähr zehn Minuten nach der Beschwörung habe das Kind gerufen, es sehe seine Mutter und Schwester; da habe Cagliostro gefragt: Was macht Ihre Schwester? und das Kind habe geantwortet: Sie greift sich nach dem Herzen, als wenn ihr da etwas wehe täte. Nach einer Weile habe der Kleine gerufen: jetzt küßt meine Schwester meinen Bruder, der nach Hause gekommen ist. Hier muß ich sagen, da die Herren aus dem Hause meines Vaterbruders zu Herrn v. Howen fuhren, um in dem Hause, welches einige Straßen von diesem entfernt liegt, das erste magische Experiment zu machen, war dieser Bruder meiner Cousine nicht in der Stadt; auch erwarteten wir ihn nicht den Tag und glaubten ihn über sieben Meilen weit von uns entfernt. Aber in eben der Stunde, da die Beschwörung gemacht wurde, kam mein Vetter ganz unerwartet zu uns, und meine Cousine hatte kurz vorher so starkes Herzklopfen, daß ihr ganz schlimm geworden war. Ich muß gestehen, daß die Erzählung von diesem ersten magischen Experimente den größten Eindruck auf mich machte und mich bei meinem damaligen Hange zum Wunderglauben dergestalt für Cagliostro einnahm, daß ich nachgehends keine ruhigforschende Untersucherin mehr sein konnte. – Daß gerade das Haus, wo dies Experiment vorgenommen wurde, vom Hause meines Vaters so weit entfernt war, daß dort keine Wirkung durch optische Spiegel hervorgebracht werden konnte, dies vergrößerte meine Idee von der Gewalt, die Cagliostro vorgab über die Geisterwelt zu besitzen; und ich führte in meinem Aufsatz vom Jahre 1779 diesen Umstand so ausführlich an, um ihn unserer mystischen Nachwelt dadurch als einen Mann darzustellen, der übernatürliche Wirkungen hervorbringen konnte. Wenn ich jetzt dies Taschenspielerstück von ihm nicht ganz aufdecken kann, so kann man doch mit Gewißheit behaupten, daß er auf die natürlichste Art betrogen hat, weil, wie die Folge es zeigen wird, alles Betrug und Verabredung mit ihm und dem Knaben gewesen ist. Wären wir gleich auf der Stelle nur unbefangene Beobachter gewesen, so hätte man Cagliostro sicher Schritt auf Schritt seinen Betrug nachweisen und es entdecken können, daß er vielleicht durch irgendeinen Helfershelfer die unerwartete Ankunft des ältesten Sohnes meines Vaterbruders erfahren und es schon zuvor gewußt habe, daß meine Cousine unpäßlich sei. – Aber nach acht Jahren ist es nicht mehr möglich, einem mit vorsichtiger List ausgesonnenen Betruge nachzuspüren. (1787.) Gleich nach der Beschwörung kam Cagliostro mit meinem Vaterbruder, Herrn von Howen und meinem Vater zu uns. Die drei Herren erstaunten nicht wenig, als sie meinen ältesten Vetter vor sich fanden und hörten, daß meiner Cousine nicht wohl gewesen sei. Nun betrieben sie selbst die Stiftung der Loge d'Adoption. Folgende Brüder wurden noch dazu erwählt ... Der Herr Oberburggraf von der Howen, dem ich diese Blätter als unserem Vorgesetzten vor dem Drucke zur Durchsicht gab, sagte mir, daß er Vorsteher unserer Loge geworden, sei bloß daher geschehen, um zu verhüten, daß Cagliostro nicht Profane mit zulassen möchte; denn er habe es einigen von uns abgemerkt, daß uns nichts von unserem Vorsatze abbringen würde, und so habe er, um mit anderen Freimaurern das Auge auf die Sache und das Heft in Händen zu haben, nicht nur die Stiftung dieser Loge bewilligt, sondern auch durchaus keine größere Anzahl von Brüdern und Schwestern aufnehmen lassen, um das Ganze allmählich und nach Zeit und Umständen der Vergessenheit zu überliefern. (1787.) Den neunundzwanzigsten März wurde unter dem Beistande dieser Brüder von Cagliostro unsere Loge gestiftet, und meine Tante, meine Cousine und ich waren die ernannten Schwestern. Aus Liebe zum allgemeinen Wohl und aus Eifer, unsere Kenntnisse zu erweitern, ließen wir uns ruhig alle die mannigfaltigen Urteile des hiesigen Publikums gefallen. Der Gedanken, daß wir tätiger für unsere Mitmenschen werden würden, gab uns Gelassenheit und Mut, alle Spöttereien mit Nachsicht zu tragen. Bis zur Stiftung unserer Loge hatte Cagliostro nur bisweilen in einem mystischen Tone über die verborgenen Kräfte der Natur mit uns gesprochen und uns einige Stellen der heiligen Schrift darüber erklärt; aber sobald ich in meinen Fragen weiter ging, sagte er: Nur Eingeweihte können über diese Dinge, und zwar nur nach Graden, Erläuterung haben. Jetzt ist es mir auffallend, daß Cagliostro, der seine Schüler zur strengsten Verschwiegenheit verband, selbst mit vieler Schlauigkeit dafür Sorge trug, bei der profanen Welt durch seine sogenannten Wunderkräfte Aufsehen zu erregen. Er unterschied sich hierin von anderen vorgeblichen hohen Geheimnisbesitzern, die gerade dadurch, daß sie ein strenges Inkognito zu beobachten scheinen, sich einen Anhang zu bilden wissen, über den sie eine völlige Herrschaft erlangen: weil selbst das geheimnisvolle Dunkel ihres Oberhauptes ihnen eine heilige Ehrfurcht einflößt, durch welche sie vorbereitet werden, alle Erzählungen von übernatürlichen Erscheinungen, die sich in unseren Tagen zugetragen haben sollen, ohne genaue Untersuchung zu glauben. Doch ich kehre wieder zu Cagliostro zurück. Mit vieler Schlauigkeit wußte dieser zuerst nur diejenigen an sich zu ziehen, die den meisten Hang zu übernatürlichen Geheimnissen hatten; und nachdem diese schon voll Enthusiasmus für ihn waren, dann erst ließ er diejenigen zu seinen Geheimnissen gelangen, die minder Hang zum Wunderbaren und zum Glauben hatten. Mit meiner verstorbenen Stiefmutter und noch zwei Mitgliedern unserer Gesellschaft machte er die Ausnahme, daß er sie, bevor sie noch Ordensschwestern wurden, seine mystischen Vorlesungen hören ließ; und meine verstorbene Stiefmutter wohnte sogar vor ihrer Aufnahme in der Loge d'Adoption einem magischen Experimente bei. Da ich ihn fragte, warum er hier von seiner uns gegebenen Regel abgewichen sei, erwiderte er: jedes Mitglied müsse nach einer eignen Art behandelt werden, und er habe die Gewalt, von den ihm gegebenen Vorschriften abzuweichen, doch stünde er unter großer Verantwortung, sobald er diese Macht mißbrauche. (1787.) Seit dem Stiftungstage unserer Loge hatte er täglich Gespräche über Magie und Nekromantie mit uns. Obgleich er uns vorschrieb, nach seiner Abreise nie als an Logentagen über diese Sache und zwar nur im engsten Kreise der Eingeweihten zu sprechen, so sollte doch jeder von uns unaufhörlich für sich forschen, und sich der ewigen Quelle alles Guten zu nahen suchen. Wie schlau dies Gebot ist, wird jedem Denker sogleich auffallen: denn was kann die gespannte Einbildungskraft mehr erhitzen, als solch ein in sich verschlossenes Hinbrüten über mystische Dinge? (1887.) Den zehnten April, am Tage, da unserer Loge der letzte Grad gegeben wurde, sagte Cagliostro zu meinem Vaterbruder und zu mir, nachdem er sich auf eine halbe Stunde von uns entfernt gehabt, und in einem einsamen Zimmer geschrieben hatte: Er käme aus wichtigen Unterhandlungen mit seinen Oberen, Weiterhin eröffnete Cagliostro mir, daß er unter Elias stehe. Kophta, einer der mächtigsten Geister, sei ihm vom guten Prinzipium als Schutzgeist gegeben, unter diesem stehe er auch; doch habe er schon einige Geister unter sich, die ihm dienstbar wären und unsere Schutzgeister werden sollten. (1779.) die ihm nun seine hiesigen Geschäfte noch näher bestimmt, und den Ort angezeigt hätten, wo die wichtigsten magischen Schriften vergraben lägen. Nämlich in Wilzen, auf dem Landgut meines Vaterbruders, habe vor sechshundert Jahren ein großer Magiker gelebt, der dort – weil seine Nachfolger Hang zur Nekromantie gehabt – in einem Walde wichtige magische Instrumente nebst sehr großen Schätzen vergraben habe; und diese würden nun auch von den Anhängern des bösen Prinzipiums, oder um deutlicher zu reden, von den Nekromantisten gesucht. Einer dieser Nekromantisten Cagliostro zielte hierdurch auf Herrn Doktor Stark, der von sich hat glauben lassen, daß er auch Oberhaupt einer geheimnisvollen Gesellschaft gewesen, die er, es sei nun in welcher Absicht es wolle, mit hohen Erwartungen hingehalten habe. Er lebte damals hier als Professor der Philosophie schon seit länger als einem Jahre. Cagliostro erklärte ihn für einen Abgesandten des bösen Prinzipiums und für den besagten Nekromantisten, der auch von seinen Oberen gesandt wäre, im Norden den verborgenen magischen Schatz zu heben. Wir bekamen die strengsten Verbote, nie Herrn Doktor Stark oder einem seiner Eingeweihten unsere durch Cagliostro gemachten Erfahrungen mitzuteilen. Dagegen erklärte Herr Doktor Stark unseren Wundermann in der Stille für einen schwarzen Magiker. Der eine warnte seine Schüler vor den Beschwörungen, welche durch Räuchern bewirkt werden, der andere vor denen, bei welcher der Degen gebraucht wird. Herr Doktor Stark könnte den Wahrheitsfreunden den Zusammenhang dieser Sache am besten erklären; und wie vielen Dank verdiente er sodann von ihnen! Ist er selbst hintergangen worden, so wünschte ich, daß er mit eben der Offenherzigkeit wie ich, ebenfalls seine Verirrungen anderen Betrogenen zur Warnung ausführlich erzählen wollte. Wenn der Anti-St. Nikäse die Vermutung nicht bestätigt hätte, die man von dem Herrn Doktor Stark hegte, so würde ich seinen Namen hier nicht genannt haben. Hat Herr Doktor Stark die Glieder seiner geheimen Gesellschaft mit hohen Erwartungen hingehalten und seine Vorspiegelungen nicht erfüllt, so werden diese vielleicht auch hierdurch aufmerksamer auf seinen Gang und seine Lehren werden. Hat er hingegen nichts Mystisches und nichts Magisches gelehrt, keine hohen Erwartungen von übernatürlichen Kräften und Verbindungen in seinen Schülern erregt, nun so kann ihm dies hier von Cagliostro angeführte Zeugnis keinen Schaden tun, weil alsdann keiner von denen mit ihm Verbundenen zwischen ihm und Cagliostro eine Parallele ziehen wird. (1787.) sei schon seit einiger Zeit in Kurland, nur hätten dessen dienstbare Geister den Ort noch nicht ausfindig machen können, wo der große Magiker (der jetzt in anderen Regionen vollkommenere Wesen beglücke) diese für das Wohl der Menschheit so interessante Sachen vergraben habe. Er hoffte, der große Baumeister der Welten werde seinen Fleiß segnen und ihn den Glücklichsten sein lassen, der diese für die Menschheit so interessante Schätze hebe. Er müsse es gestehen, daß dies Unternehmen eines der gefährlichsten Dinge dieser Welt sei; denn alle böse Geister seien in Aufruhr und machten sich nun an ihn, um ihn zur Nekromantie überzuführen und dadurch das böse Prinzipium die Oberhand behalten zu lassen. Denn sobald die magischen Schätze in die Hände der schwarzen Magiker kämen, würde es die traurigsten Folgen für die Welt haben, und Jahrhunderte würden verfließen, bevor unser Erdball von den Plagen, die mit dieser Revolution verbunden wären, gesäubert würde. Wir sollten also unsere Gebete mit den seinigen vereinen und vom ewigen Urheber des Guten Stärke für ihn erflehen, den Versuchungen der bösen Geister zu widerstehen und treu im Glauben zu verharren. – Nachdem er uns diese Entdeckung gemacht hatte, zeichnete er auf einem Papiere die Gegend ab, wo diese Sachen vergraben lägen, und beschrieb uns mit Worten genau die Lage des Waldes, ohne je in Wilzen gewesen zu sein. Mein Vaterbruder erstaunte nicht wenig, daß Cagliostro so genau einen Ort kannte, den seine Augen nie gesehen und seine Füße nie betreten hatten. Da sagte uns Cagliostro: In der halben Stunde, da er allein gewesen und vorgegeben habe, daß er schreibe, habe er durch Kraft seiner Geister und auf Geheiß des großen Kophta sich nach Wilzen versetzt, alles in Augenschein genommen und das uns eben Anvertraute von dem Geiste erfahren, der die Schätze und magischen Sachen dort bewachte. Wer von allem Hange zum Wunderbaren frei ist, wird es gewiß unbegreiflich finden, wie es möglich gewesen sei: im Ernste zu glauben, daß Cagliostro sich auf Geheiß des großen Kophta nach Wilzen habe versetzen können. Aber da viele von uns den Glauben hatten, daß Swedenborgs bekannte Erzählung mit dem Brande in Stockholm wahr sei, so waren wir sehr geneigt, unserem Helden keine geringere Kraft zuzutrauen. Wenn andere Leser es unerklärlich finden, wie Cagliostro diesen Ort so genau habe abzeichnen können, so ist darauf zu antworten: daß solch ein abgefeimter Bube, ehe er sein Schauspiel hier anfing, gewiß durch Emissäre über alles unterrichtet gewesen ist; auch kann er selbst durch Gespräche mit meinem Vaterbruder schlauerweise die ganze Lage dieses Waldes, ohne daß jener darauf geachtet hat, einige Tage vorher erforscht haben. Denn schon zu den Zeiten der Kindheit meines Vaterbruders und Vaters ist etwas von einem in eben besagtem Walde vergrabenen Schatze und allerlei Spukgeschichten daselbst gefabelt worden. Freilich fand diese Schatz- und diese Gespenstergeschichte vorher gar keinen Eingang. Nachdem aber Cagliostro solch ein Märchen zusammengefädelt und unsere Seelen in die Zauberwelt hineingeführt hatte, nun machte es auf meinen guten Vaterbruder einen starken Eindruck, als er ihm auf einem Papier schnell die Gegend hinzeichnete, wo auf seinem Gute die wichtigsten Dinge vergraben sein sollten, und er in dieser Zeichnung die Stelle erkannte, auf welcher er oft als Knabe gespielt und gehört hatte, daß Gespenster wegen eines vergrabenen Schatzes daselbst ihr Wesen trieben. (1787.) Meinem Vaterbruder gab er die Versicherung, daß die Schätze, die er dort heben würde, für ihn sein sollten. Aber die magischen Sachen wären für ihn selbst, oder vielmehr für seine Oberen.   Tags darauf machte er im Beisein meines Vaterbruders, dessen Gemahlin, seiner eigenen Frau und des Kammerherrn von der Howen ein magisches Experiment. Alles, was ich von selbigem weiß, ist: daß das Kind den Wald, der die Schätze in sich faßt, gesehen hat; dann ist dem Kinde ein anderes Kind erschienen, welches im Walde die Erde geöffnet und da viel Geld, Silber, Papiere, magische Instrumente, und ein Kästchen mit rotem Pulver gezeigt hat. Darauf hat die Gräfin Cagliostro von ihrem Vater Nachricht gewünscht, und da hat Cagliostro dem Kinde seinen Schwiegervater zitiert, der Knabe hat bald darauf gesagt: – »Nun seh ich einen langen hagern Mann, der wie die Gräfin aussieht, er hat einen Orden und sieht vergnügt und gesund aus.« – Darauf hat Cagliostro gesagt: er solle ihn fragen, ob er auf dem Lande oder in der Stadt wäre, und ob er den bewußten Brief schon erhalten habe. Das Kind hat erwidert: – »Er ist auf dem Lande und hat den Brief erhalten.« Erst seit meiner Rückkunft in mein Vaterland bin ich imstande, dem Publikum zu sagen, wie Cagliostro durch ganz natürliche Mittel seine uns damals unbegreiflichen Gaukeleien mit dem Kinde dergestalt zu spielen gewußt hatte, daß selbst diejenigen, die überzeugt waren, daß er ein Betrüger war, sie nicht zu erklären wußten. Anfänglich, solange die mehrsten von uns noch im Zustande der Gläubigen waren, wagte keiner, Cagliostros Gebot zu überschreiten, und man wird weiterhin aus meinem Aufsatze vom Jahre 1779 sehen, wie unser Held es zu seinem Vorteile zu benutzen wußte, da Herr Hinz es gewagt hatte, meinen kleinen Vetter (der so wohl abgerichtet war) über diese Sache zu befragen. In der Folge, da wir zu der Überzeugung kamen, daß Cagliostro uns betrogen, nahm jeder von uns das Kind in acht, daß es über alle diese sogenannten magischen Operationen ja nicht befragt würde; denn wir schämten uns und wünschten, daß das Kind alles vergessen möchte. Es war uns zu verzeihen, daß wir die Aufklärung dieser Sache bis jetzt selbst unterdrückten; denn wir konnten es nicht vermuten, daß in diesen Alfanzereien solch fein gesponnener und weit ausgedachter Plan verborgener Arglist versteckt sei. Erst seit einigen Monaten ist mir es durch das Geständnis meines kleinen Vetters klar, wie Cagliostro den Hokuspokus mit ihm eingefädelt hat. Bald nach seiner Ankunft, nachdem er im Hause meines Vaterbruders Eingang und herzliche Aufnahme gefunden, hatte er sich viel mit meinem kleinen Vetter, der ein witziger und gesprächiger Knabe war, zu tun gemacht, uns allen gesagt, daß zu seiner Glückseligkeit nichts fehle, als daß er Vater eines solchen Kindes wäre. Der Knabe, der uns alle Cagliostro so verehren sah und von uns zur Liebe gegen ihn ermuntert wurde, schmiegte sich nun auch an den Mann, der oft mit ihm seinen Zeitvertreib hatte. Unter diesen Zeitvertreiben hat Cagliostro ihm allerlei gezeichnete Bilder vorgezeigt, Fragen darüber gemacht, Antworten gelehrt und den Knaben gelehrig befunden, dem Kinde gesagt, daß er seinen Vater, seine Mutter, seine Geschwister, sogar seinen treuen Diener, ihn selbst und alles, was er liebte, glücklich machen könne, wenn er alles tun würde, was er ihm heiße, und nie über Dinge, die er mit ihm spräche, gegen irgend jemand laut würde, wohl aber müsse er ihm alles sagen, was jeder von uns von ihm urteile. Auch hat er dem Knaben gedroht, ihn mit dem Degen, den er in der Hand hatte, Glied vor Glied zu zerschneiden, wenn er über die Sache plaudern und sich nach seinen Vorschriften nicht richten würde. Hieraus kann man es sich leicht erklären, woher der Knabe nach jeder Operation so erhitzt ausgesehen hat; denn die Angst, seine Lektion nicht gut aufzusagen, hat dem armen Kinde das Blut in die Wangen getrieben. Der Kleine, der von seinen Eltern und von uns allen, wie gesagt, unaufhörlich ermuntert wurde, sich um Cagliostros Liebe zu bewerben, tat alles, was unser Wundermann ihm hieß. Vor der ersten sogenannten magischen Operation versprach Cagliostro dem Kinde eine schöne Uniform, wenn er seine Sache gut machen würde; und tags darauf ließen die Eltern dem Knaben auf Cagliostros Bitte eine Uniform machen. Nun wurde der Knabe immer dreister. Unter dem mit Charakteren beschriebenen Bogen Papier war ein anderes Papier, wo alle die vorgeblichen Erscheinungen nach der Reihe, wie Cagliostro sie fragte, abgezeichnet waren. Der Knabe sah dies, und da hat er denn immer auf die allernatürlichste Art antworten können: Jetzt sehe ich einen Wald, jetzt dies und das.(1787.) Oft schon hatte ich mit Cagliostro über die Verbindung der Geister und Körperwelt, über Erscheinungen, über die Kraft des Gebets und über die Gabe der Apostel, Wunder zu tun, gesprochen, und manches Wunderbare gehört; auch hatte ich ihm gestanden, daß seit dem Tode meines Bruders diese Welt für mich nur wenig Interesse mehr habe, und daß nur der Gedanke, tätig für viele sein zu können, mir dies Leben wieder lieb mache. Ich sagt' ihm offenherzig, daß ich nach der Verbindung mit verklärten Geistern gestrebt und manche Nacht in stiller Meditation und im Gebete auf Kirchhöfen verbracht habe, um des Glückes der Erscheinung meines seligen Bruders gewürdigt werden zu können; aber noch habe mir die Vorsehung dieses Glück nicht gewährt. Durch ihn hoffe ich meinen Wunsch zu erreichen; der größte Beweis, den er mir von seinen gütigen Gesinnungen gegen mich geben könne, sei, wenn er mir meinen Bruder zitieren würde. Da erwiderte Cagliostro: Er habe keine Gewalt über die Verstorbenen; nur die mittleren Geister der Schöpfung, die, wie die Schrift sage, zum Dienste der Menschen ausgesandt sind, wären ihm Untertan. Durch diese könne er – der schon ein lange Eingeweihter der heiligen Mystik sei, des belehrenden Umganges mit höheren Geistern genießen; doch sei die Kraft nicht sein, erwachsenen Personen Erscheinungen zu verschaffen. Man bemerke, wie listig Cagliostro sich herauszureden wußte, um mir nicht eine Erscheinung meines Bruders vorzumachen, dessen Gesichtszüge ich genau kannte, und er nicht. Ebenso schlau wußte er auch die Gelegenheit zu benutzen, mir eine Ursache anzugeben, warum er sich eines Kindes bediene, um jedem Mißtrauen, das sich etwa finden könnte, vorzubeugen. (1787.) Überdem dürfe er nie bloß zum Spaße eine Zitation vornehmen; nur wichtige Gründe könnten dies Unternehmen bei seinen Oberen rechtfertigen und ihn seinen dienstbaren Geistern gefällig machen. Wenn er seine Beschwörungen nur zur Befriedigung der Neugier anderer, oder aus eigenem Stolze, um seine Größe zu zeigen, machen wollte, dann würden sich unter seinen dienstbaren Geistern bald die bösen einschleichen, von denen die Schrift sage, sie schleichen umher, die Menschen zu verführen: und am Ende könnte es ihm so als Schröpfern gehen, der, weil er seine Gaben gemißbraucht, von den bösen Geistern, die ihn dazu verführten, solange geplagt wurde, bis er sich hatte erschießen müssen. Der Spiritist, Freimaurer und Kurpfuscher Schröpfer entleibte sich am 8. Oktober 1774 zu Rosenthal. – v. O. B. Da ich sagte: dies wäre doch nicht der listigste Streich gewesen, den die Dämonen gemacht hätten; sie hätten einen Mann wie Schröpfer sich ganz zu eigen machen und zum weiteren Werkzeuge ihrer bösen Absichten brauchen, nicht aber zum Selbstmorde treiben und so sich selbst um einen würdigen Gesellen dadurch bringen sollen, sah Cagliostro mit durchdringenden Blicken mich an und sagte mit ernsthaftem Tone: »Ist's leichtsinniger Spott, der aus Ihnen spricht, so sind Sie keiner Antwort würdig. Ist's aber die spitzfindige Grüblerin, die mir diese Frage vorlegt, so muß ich Ihnen sagen: Hüten Sie sich, wenn ich nicht mehr an Ihrer Seite bin, immer das pourquoi du pourquoi erforschen zu wollen! Auch hier wird man bemerken, wie schlau er meiner Forschungsbegierde Einhalt zu tun wußte, die mich auf den Grund der Sache hätte bringen können. (1787.) Christus schon sagte seinen Schülern – ich habe euch viel zu sagen, aber ihr könnt es nicht ertragen! – Eva, die durch den Apfelbiß fiel und das ganze Menschengeschlecht zum Falle brachte, ist nichts als eine magische Parabel, daß Neugier, Eitelkeit und Herrschsucht bis ins tausend und tausendste Glied Unglück bringen können. – Die Bahn der Magie, die Sie zu betreten denken, und zu der Sie nunmehr durch die Aufnahme als Ordensschwester eingeweiht sind, ist höchst gefährlich. Wenn nicht bloß Wunsch, Gutes zu wirken, Sie der Mystik zuführt, so gehen Sie ja nicht weiter, sonst wird zeitliches und ewiges Elend Ihr Teil werden.« – Ich beteuerte ihm: daß nichts als die Vervollkommnung meiner selbst und der Wunsch, womöglich nach Christi Beispiel für das Wohl von Tausenden tätig sein zu können, mich auf diese Wege führten. – »Gut,« sagte er, »bin ich jetzt in diesem Augenblicke von der Lauterkeit und Wahrheit Ihrer Gesinnungen nicht ganz überzeugt, so werde ich doch in wenigen Stunden durch meine Oberen wissen, wie Sie denken, und dann werde ich weiter mit Ihnen sprechen.« – Des anderen Tages sagte Cagliostro mir: seine Oberen hätten ihn versichert, daß meine Absicht, mich der Magie zu weihen, edel sei, und daß ich es sehr weit in dieser hohen Wissenschaft bringen würde, wenn ich immer mit gleichem Eifer und gleicher Treue meinen Oberen folgen wollte. Er würde eben daher bei seinem hiesigen Aufenthalte mich zum vorzüglichsten Augenmerke seiner Sorgfalt machen, nur sollte ich ihm aufs neue geloben, seinen Vorschriften unbegrenzt zu folgen. – Ich sagte: das Wort unbegrenzt müßte die Einschränkung noch haben, daß ich ihm in allen Fällen folgen wollte, wo meine Vernunft mir sagte, daß nichts gegen mir heilige Pflichten liefe; aber Gott selbst könne mich dazu nicht bringen, wider meine Überzeugung von Recht und Unrecht zu handeln. »Ei,« sagte er, »würden Sie, wenn Gott sich Ihnen offenbarte, nicht nach Abrahams Beispiel den Liebling Ihres Herzens opfern können, wie er im Begriff war, seinen einzigen Sohn dem Tode zu opfern?« – Ich dachte eine Weile nach, erforschte mich und konnte, wenn ich die Wahrheit sagen sollte, nichts anderes antworten: »Bei Gott! Nein! Ich an Abrahams Stelle hätte meinen Sohn nicht opfern können! Ich hätte gesagt: 0 Gott! Töte meinen Sohn durch einen Blitz, wenn du es forderst, gebiete mir andere Opfer, und ich werde willig folgen; aber heiße mich nicht, selbst meinen ärgsten Verfolger töten, ohne daß ich ihn des Todes schuldig finde.« Hier sagte Cagliostro: »Aus dieser Antwort schließe ich, daß Sie bei solchen Grundsätzen und der festen Handlungsart sich desto getroster der heiligen Mystik weihen können, weil Sie so der Versuchung aller bösen Geister widerstehen und nie zur schwarzen Magie übertreten werden. Aber ich bin es gewiß, wenn Sie durch Streben nach Vollkommenheiten, wie Christus und seine Apostel zu höheren Kräften gelangen, dann werden Sie auch die Stärke haben, wie Petrus mit einem Worte – ›Ananias, du leugst‹ – den tot zu Boden stürzen zu lassen, von dem Sie es übersehen, daß er Tausende unglücklich machen und der erhabenen Absicht des großen Baumeisters der Welten entgegen arbeiten werde. Welche abscheuliche Grundsätze hier Cagliostro verrät, darf ich nicht erst sagen. Indessen war ich damals noch zu sehr für ihn eingenommen, um weiter zu denken. (1787.) Doch will ich vorderhand, um Sie schneller der heiligen Mystik zuzuführen, womöglich Ihnen diese Nacht durch einen magischen Traum mit dem Geiste Ihres verstorbenen Bruders eine wichtige Unterredung über die heilige Mystik zu verschaffen suchen. Nur müssen Sie, indem Sie schlafen, den Vorsatz fassen, sobald Ihr Bruder Ihnen im Traum erscheint, über Magie mit ihm zu sprechen. Ich werde Ihrem Vater ein versiegeltes Papier abgeben, in diesem wird eine Frage stehen, über welche ich durch Ihren Traum Aufschluß bekommen werde. Behalten Sie nur, soviel Sie können, die Unterredung, welche Sie mit Ihrem Bruder im Traume haben werden.« Den Abend sprach Cagliostro, als wir bei meinem Vaterbruder zusammen waren, noch viel über den Zweck und über die verschiedenen Zweige der Magie mit mir. Dies war sehr schlau. Er wollte auf diese Art verschiedene Ideen von Magie in meinem Geiste so lebhaft werden lassen, daß ich in dieser Nacht davon träumen müßte. (1787.) Ehe wir auseinandergingen, nahm Cagliostro mich und meinen Vater bei der Hand, gab diesem ein versiegeltes dreieckiges Papier und sagte, er solle ihm geloben, dies nicht eher zu erbrechen, als wenn ich den Traum, den er mir von meinem Bruder verschaffen würde, gehabt und diesen und meine Unterredung mit ihm unserem eingeweihten Kreise in seinem Beisein erzählt hätte. Mich ermahnte er noch, alles eh' ich mich zur Ruhe legte, wohl zu überdenken und unter ernsten Gebeten einzuschlafen. Nun schieden wir voneinander. Als ich nach Hause kam, überdacht' ich alles genau, worüber wir gesprochen hatten, legte mich unter andächtigem Gebete zu Bette; aber der Schlaf floh mich, und ein Gedanken folgte dem anderen. Der Morgen brach an, ohne daß ich einen Augenblick geschlafen hatte. Da ich mich in der Frühstunde zu Cagliostro begab, fand ich schon einige aus unserem Kreise bei ihm; ich sagte ihm sogleich, was sich zugetragen habe. Er antwortete, ich hätte meine Seele mehr zur Ruhe bringen und mich nicht mit solchem inneren Ungestüme dem Wunsche, von meinem Bruder zu träumen, überlassen sollen. Den folgenden Abend ermahnte er mich, meinen Traum mit mehr Ruhe zu erwarten. Ich bemühte mich, soviel ich konnte, einzuschlafen, um den so gewünschten Traum zu haben. Aber ein lebhaftes Bild, nach dem anderen stieg in meiner Seele auf, ein Gedanke kettete sich an den anderen, der Schlaf war mir fern; Hoffnung und Sehnsucht, mit höheren Geistern in Verbindung zu treten, erregten kalte Schauer in mir; der Wunsch, einzuschlafen und die Entfernung des Schlafes wollten mich ungeduldig machen. Da wendete ich mich in Gebeten an Gott, und meine Seele ward ruhig; aber mich floh dennoch der Schlaf. – Als ich des anderen Morgens wieder zu Cagliostro fuhr und ihm offenherzig sagte, daß ich gar nicht hätte einschlafen können, sagte er etwas im Zorn, er habe mir größere Fähigkeiten zur Mystik zugetraut, als ich besäße, und ich solle nun auf diesen Traum nicht mehr rechnen. Dies tat mir weh, doch schwieg ich still. Aber zu meinem Vater und †† selbst sagte Cagliostro, er hätte, um mich zum Schlaf zu bringen, meiner Seele die Erwartung nehmen müssen, den Geist meines Bruders im Traum zu sprechen; aber er hoffte, in der kommenden Nacht werde er mir den magischen Traum geben können. Diesen Tag sprach Cagliostro weniger als gewöhnlich mit mir. Als wir den Abend auseinanderfuhren, bestellte er auf den anderen Morgen um 9 Uhr Herrn v. Howen, meinen Vater, Herrn Major v. Korff, meinen Vaterbruder und †† zu sich und sagte beim Abschied zu mir, auch ich könne kommen, obzwar die Barba Jovis Mit der Benennung Barba Jovis belegte Cagliostro eine Arzenei, die nach seiner Aussage alle Kräfte der Natur im Gleichgewicht erhalte und das Ziel der Menschen auf Jahrhunderte hinaus setze, wenn sie diese nach seiner Vorschrift brauchten. Wie weit man es allmählich im Glauben an unglaubliche Dinge bringen kann, davon gibt meine eigene Erfahrung mir redende Beweise; denn dies Märchen, daß Menschen viele hundert Jahre leben könnten, schien vielen von uns nicht einmal unwahrscheinlich. Es war aber weder die Barba Jovis noch das rote Pulver mein Steckenpferd, indem meine Seele nur bloß von einem einzigen Gegenstande, nämlich von der Gemeinschaft mit höheren Geistern voll war, und ich eben daher alle anderen Verheißungen Cagliostros übersah. Ich schweige also hierüber, weil ich mich nur berechtigt fühle, dem Publikum über den Hang meiner eigenen Seele Aufschluß zu geben. Aber so schlau Cagliostro sich gegen mich zu betragen wußte, ebenso aufmerksam benutzte er die Neigung und Erwartungen seiner anderen Schüler. (1787.) nicht zu meinem Fache gehöre; aber er wolle mich dennoch alles beobachten und an allem Anteil nehmen lassen, damit ich wenigstens in keinem Teile der Science occulte ganz fremd sein sollte. Wir fuhren auseinander und kaum hatte ich mich, nachdem ich einige Blätter im Swedenborg gelesen hatte, zu Bette gelegt, so schlief ich ein. Gegen die Mitte der Nacht bekam ich die ängstlichsten Träume, Bangigkeiten, Hitze, Herzpochen und solch eine krampfhafte Bewegung in allen Gliedern, daß ich nicht Hand, nicht Fuß rühren konnte und kraftlos und ermattet dalag. Da ich morgens aufstehen wollte, fand ich mich so schwach, daß ich mich kaum mit Mühe von einer Seite zur anderen im Bette wenden konnte. Und ich fiel wieder in einen halb schlafenden, halb wachenden Zustand, in welchem ich die heftigsten Beängstigungen hatte und oft aus halbem Schlafe mit einem Schrei auffuhr. Da die Herren sich am Morgen bei Cagliostro versammelten, sagte Cagliostro denselben: daß meine Nerven und mein Körper zu schwach wären, als daß er mir den magischen Traum hätte geben können, ohne mein Leben in Gefahr zu bringen. Er hätte seine wichtigsten Geister aufgeboten, um auf meine Organisation zu wirken und mich zu einer Unterredung im Traume mit meinem Bruder vorzubereiten; aber mein Körper wäre so beschaffen, daß ich immer nur bei allen Beschwörungen die ängstlichsten unzusammenhängendsten Träume gehabt hätte und jetzt noch, wie seine Geister es ihm sagten, von dieser Beschwörung ganz matt und krank wäre. Hätte er seine Zitation noch weiter getrieben, so hätte mein organischer Bau ganz aufgelöst werden können. Der würdige Greis †† wurde von ihm zu mir abgeschickt, um mich zu ihm zu berufen; doch sagte er noch: »Sie werden die gute Frau sehr krank, und wie meine Geister mir versichern, im Bett und außerstand, jetzt herzukommen finden. Doch ist die Krankheit von keiner Bedeutung, auch wird sie gegen drei nach Tische wieder wohl sein. Sagen Sie ihr unterdessen nichts von dem, was ich Ihnen jetzt gesagt habe; fahren Sie zu ihr, tun Sie, als wenn Sie von ihrer Krankheit nichts wüßten; sagen Sie ihr, ich wundere mich, daß sie noch nicht hier sei, da sie mir gestern doch versprochen hat, um 9 Uhr morgens herzukommen.« †† kam zu mir und fand mich, wie Cagliostro es gesagt hatte, zu Bette und außerstande hinzufahren. Er ließ sich von dem, was Cagliostro gesprochen hatte, nichts merken, sondern sagte: Er wolle mich nach Tische wieder besuchen, ich solle mich nur ruhig halten. Auch würde er mich bei Cagliostro über mein Außenbleiben entschuldigen. Ich verfiel bald darauf in einen ruhigen Schlaf, gegen drei wurde mir wirklich besser, und da verließ ich mein Bett und ging ziemlich munter nach meinem Schreibzimmer, woselbst ich etwas schrieb. Jedem, der diesen Vorgang liest, wird es einleuchtend sein, daß Cagliostro meine Einbildungskraft so hoch zu spannen suchte, um mich womöglich durch diese Anstrengung von meinem Bruder träumen zu lassen; und würd ich erst den Traum gehabt haben, so hätte er es schon dergestalt zu drehen gewußt, daß das, was er in dem versiegelten Papiere aufgeschrieben hatte, zu seiner Absicht anpassend gewesen wäre. Da er aber merkte, daß meine Einbildungskraft nicht dahin zu spannen war, daß ich den verheißenen, magischen Traum bekommen hätte, so hat er mir wahrscheinlich unvermerkt eine Arzenei beigebracht, durch welche er mich auf einige Stunden krank machen konnte. Was mir diese Vermutung jetzt noch mehr bestätigt und bei einigen schon dazumal Mißtrauen erweckte, ist, daß er mich und eine Freundin zwang, oft wider unseren Willen von seinem Tabak zu schnauben. Bei einem Menschen wie Cagliostro ist es nicht unwahrscheinlich, daß er sich auch feiner Gifte bedient hat, um seine Absicht zu erreichen, und um dies zu verstecken, mag er diesen unanständigen Schritt mit dem Tabak getan haben. Genug, es gelang ihm, dadurch seinem Häuflein Staub in die Augen zu streuen, daß er sagte: »Die arme Frau hat zu schwache Nerven, als daß meine Geister auf ihre Organisation wirken können, sie ist durch die magische Operation, die ich vorgenommen habe, recht krank gewesen, und Sie werden sie noch im Bette finden, aber um 3 Uhr wird sie wieder munter sein.« – Daß †† mich um diese Stunde außer dem Bette und gerade wie Cagliostro es gesagt hatte, in meinem Schreibzimmer fand, dies hat er auch durch sehr natürliche Mittel wissen können; denn sobald ich nicht recht krank bin, kann ich, wie er wußte, keinen Augenblick im Bette verweilen, und mein Schreibzimmer war mein gewöhnlicher Aufenthalt, zu der Zeit aber noch mehr, weil ich immer alles, was sich in unseren magischen Kreisen zutrug, gelegentlich niederschrieb. Dies wußte Cagliostro; und so konnte er, weil er es berechnet hatte, daß die Wirkung seiner Arzenei nachgelassen haben würde, bestimmt sagen, der †† würde mich in meinem Schreibzimmer finden. (1787.) Cagliostro hatte um diese Zeit zu dem alten ehrwürdigen †† gesagt: »Fahren Sie jetzt zur Frau v. d. Recke, Sie werden sie in ihrem Zimmer am Schreibtische ziemlich munter finden, führen Sie sie nun zu uns, aber sagen Sie ihr nichts von allem, was ich gesagt habe.« †† kam zu mir und wunderte sich nicht wenig, mich so munter und gerade in meinem Schreibzimmer am Schreibtische zu finden, da ich doch am Morgen um 9 Uhr so krank im Bette gelegen hatte. Ich fuhr nun, da ich mich wieder gesund fühlte, mit †† zu Cagliostro, woselbst ich meinen Vater und Herrn v. Howen fand. Cagliostro reichte mir, als ich in das Zimmer trat, die Hand und sagte: »Gutes Kind! Sie haben diese Nacht gelitten und sind zum Teil selbst daran schuld gewesen. Weil Sie durchaus den Geist Ihres verstorbenen Bruders im Traume haben sprechen wollen, so bot ich meine Kräfte auf, um diesen Ihren Wunsch zu erfüllen. Hätten Sie stärkere Nerven und nicht eine beinah übertriebene Liebe zu Ihrem Bruder, so hätte ich Ihnen den Traum bewirken können, der uns näher an das Ziel gebracht und Sie tiefer in die heilige Mystik hätte hineinschauen lassen. Nun aber müssen wir den gewöhnlichen Gang gehen, und wenn Sie in Ihrem Eifer nicht ermüden, so werden Sie mit Ihren Fähigkeiten doch am Ende zum Ziele kommen. Nur muß ich Sie noch warnen. Hannachiel, der Schutzgeist, den ich Ihnen zugesellt habe, und der Sie, seit Sie in meinen Bund getreten sind, beobachtet und mir von Ihren Gedanken und Handlungen Rechenschaft bringt, versichert mich, daß mehrenteils der Schmerz über den Tod Ihres Bruders Sie jetzt der Mystik zugeführt, Cagliostro war sehr schlau, dieses so im Gespräche wie von ungefähr fallen zu lassen. Er hatte in Unterredungen mit mir genugsam erfahren, wodurch mein erster Hang zur Mystik zuerst rege gemacht ward.(1787.) und daß die Lage Ihres Schicksals den ersten Samen zum Hange der Magie in Ihre Seele gepflanzt habe. Daher können die guten Geister noch nicht auf Sie wirken, weil Sie die Magie nicht bloß um der Magie willen, sondern darum lieben, weil der Tod Ihnen das genommen hat, woran Ihre Seele vorzüglich hing. Wie schlau wußte Cagliostro jede Kleinigkeit zu seinem Vorteil zu gebrauchen! So klar mir es jetzt ist, daß er den Hang meiner Seele durch sehr natürliche Mittel erforscht hat, ebenso sehr erstaunte ich damals über seine Kraft, in meiner Seele zu lesen, und mein Glaube an seine Gemeinschaft mit höheren Geistern wurde dadurch noch immer mehr befestigt. (1787.) Doch sollen Sie heut abend einem magischen Experiment, das ich machen muß, beiwohnen, und, wie ich hoffe, allmählich selbst zu ähnlichen Arbeiten reifen.« – Von meinem Vater forderte Cagliostro das versiegelte Papier, weil ich den Traum nicht gehabt hatte, zurück und verbrannte es augenblicklich ungelesen und unentsiegelt. Diesen Abend machte Cagliostro folgendes Experiment im Hause meines Vaterbruders und im Beisein einiger Mitglieder unserer Loge. – Zuvor fragte er mich um die Taufnamen des Herrn N. N., den ich recht wohl kannte, und um die Taufnamen meines verstorbenen Bruders. Er schrieb, nachdem ich sie ihm gesagt hatte, die Anfangsbuchstaben aller dieser Namen und zwischen jeden Buchstaben Charaktere, die ich nicht kannte. Darauf blieb er noch eine Weile allein im Zimmer, schrieb allerlei, verbrannte einiges, kam zu uns und sagte, wir sollten das Kind anstiften, ihn zu bitten, daß er ihm wieder allerlei in der Kammer zeigen möchte. Wenn man die jetzige Aussage des Kindes mit der Geschichte der Beschwörung vergleicht, so wundere ich mich, wie keiner auf den Gedanken geriet, daß dies alles durch Bilder, die hinter dem mit Charakteren beschriebenen Bogen Papier gezeichnet waren, bewerkstelligt werden könnte. Erwäge ich aber die Kraft der Schwärmerei und des Enthusiasmus, dann befremdet mich es nicht, daß man sich in dieser Stimmung der Seele, wo sie durch Erwartungen so gespannt ist, zum Glauben der abenteuerlichsten Dinge geneigt fühlt. Auch bekenne ich hiermit, daß, wenn damals ein unbefangener Zuschauer gegenwärtig gewesen wäre und den Einfall gehabt hätte, in das Zimmer hineinzudringen, wo das Kind die gemalten Bilder vor sich hatte, um aus diesen alle sogenannte Beschwörungen herzusagen, diese Entdeckung mich von meinem Glauben an Cagliostros Wunderkraft nicht zurückgebracht, sondern mich in dem Wahn bestätigt haben würde, daß wir, zur Strafe unseres Ungehorsams, durch böse Geister getäuscht worden wären, die uns von Cagliostro hätten abziehen wollen. Vielleicht dient dies offenherzige Geständnis meiner Leichtgläubigkeit dazu, andere, die auch in den Glauben an Geisterbeschwörungen und an die Wunderkraft des Magnetismus dergestalt versenkt sind, daß sie den magnetisierten Personen prophetischen Geist zutrauen, auf den Gang ihrer Ideen aufmerksam zu machen und aus meiner Erfahrung zu zeigen, wie leicht Betrügereien für Wunder gehalten werden können, zumal bei den krassen Begriffen, die uns von unbekannten Kräften in der frühesten Jugend eingeflößt werden. (1787.) Die Mutter bat den Knaben, Cagliostro dazu zu bewegen, daß er ihn den Wald, den er ihm vor einigen Abenden schon gezeigt hätte, oder was er sonst wolle, sehen lassen möchte. Cagliostro nahm den Knaben auf den Schoß, rieb ihm mit den vorhin verbrannten Papieren den Kopf, küßte ihn und sagte: »Kind, auch du kannst noch einst ein großer Mann werden! Komm, lieber Junge, du sollst Dinge von großer Wichtigkeit sehen.« Hierbei muß ich erinnern, daß das Kind weder Geschriebenes noch Gedrucktes lesen konnte, und es nach jeder Operation sehr erhitzt aussah und schläfrig war. Auch hatte Cagliostro es uns allen zum Gesetz gemacht, mit dem Kinde nicht über die Erscheinungen zu sprechen, weil es irregemacht werden könnte, wenn es, ohne durch magische Zirkel und Charaktere gedeckt zu sein, von diesen heiligen Dingen sprechen sollte. Auch sagte Cagliostro mir, daß das Kind in der Zeit der Beschwörung eigentlich nicht selbst spräche, sondern daß der Geist der Magie auf ihm ruhe und ihm oft Dinge zu sagen eingäbe, die es nicht sähe. Ebenso hätten die Apostel die mannigfachen Sprachen am Pfingstfeste gesprochen, ohne einer dieser Sprachen mächtig zu sein. Wie schlau diese Wendung von Cagliostro war, wird jedem einleuchtend sein. Denn, hätte das Kind sich gegen einen Ausfrager verraten, so hätte Cagliostro gesagt: »Ich habe es euch schon vorher wissen lassen, daß, wenn das Kind nicht durch magische Charaktere und den magischen Kreis gedeckt ist, es nichts von dem wisse, was sich zur Zeit der Beschwörung zugetragen hat. Warum habt ihr das Kind ausgefragt? Ihr habt den bösen Geistern dadurch die Macht gegeben, euch zu täuschen!« (1787.) Darauf führte er ihn in das Zimmer, wo er zuvor geschrieben hatte. In dem Zimmer war nichts als die gehörigen Möbel; nur standen zwei Lichter auf dem Schreibtische meines Vaterbruders, und zwischen den Lichtern lag ein mit Charakteren beschriebener Bogen Papier. Als nun das Kind im Zimmer war, machte Cagliostro die Türe zu und sagte dem Kinde, es solle nur ruhig warten, bis die schönen Sachen, die er versprochen hätte, ankommen würden, es solle sich vor nichts fürchten, selbst wenn im anderen Zimmer Lärm wäre, so hätte dies nichts zu bedeuten. Wir alle saßen im Vorzimmer, der zugemachten Tür gegenüber, in einem Kreise. Cagliostro stand mit einem bloßen Degen in der Hand in der Mitte des nämlichen Zimmers, gebot uns allen Stillschweigen, Ernst, Andacht und Stille. Darauf machte er mit seinem Degen einige Charaktere an der Tür des Zimmers, in welchem das Kind war; dann stampfte er mit den Füßen Als ich ihn nachher fragte, warum er bei dieser Operation so heftig mit dem Fuße gestampft habe, gab er mir zur Antwort: Das kann ich Ihnen alles nicht sagen; aber wissen Sie den Spruch nicht: des Weibes Samen wird der Schlange den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Fersen stechen? So wußte sich dieser Scharlatan immer mit einigen Worten herauszuhelfen, und wir waren zufrieden mit dem, was er sagte. (1787.) bald auf die Erde, bald an die Tür, schrieb mit dem Degen Charaktere in die Luft, sprach allerlei Namen und Worte aus, die wir alle nicht verstanden, aber die drei Ausrufungen kamen am öftesten vor: Helion, Melion, Tetragrammaton. – Mitten in diesen Arbeiten schickte meine Tante ihren ältesten Sohn nach dem anderen Zimmer, um zu sehen, ob auch die anderen Türen fest wären. Da sagte Cagliostro mit erstaunendem Affekte: »Um Gottes willen, was macht ihr? Seid stille, seid stille, rührt euch nicht, ihr seid in der größten Gefahr, und ich mit euch.« Er verdoppelte sein Fußstampfen, schrie mit entsetzlich starker Stimme einige unbekannte Worte und Namen aus, machte allerlei Figuren in der Luft und zog nun von neuem einen Kreis mit seinem Degen um uns alle. Er blieb im Kreise stehen, sagte unter schrecklichen Drohungen, daß wir alle unglücklich werden würden, wenn einer von uns sich rühren oder auch nur sachte sprechen würde; Soviel ich Gelegenheit gehabt habe, den sogenannten Geisterbeschwörern nachzuspähen, so geben alle dies wohl ausgesonnene Gebot: sich während der Operation nicht zu bewegen, nicht zu sprechen, und sich ja nicht mit anderen Gedanken zu beschäftigen. Welchem unbefangenen Denker fällt es nicht auf, daß diese Betrüger die Seelen der Zuschauer nur mit ihren Gaukeleien so hinhalten und anziehen wollten, daß diese für nichts als ihre Gebote Sinn und Gefühl haben und eben daher den Betrug nicht so leicht entdecken sollen! (1787.) und nun fing er von neuem seine Beschwörungen an, gebot dem Kleinen, der bis dahin ganz still gewesen und im Zimmer verschlossen war, niederzuknien, ihm alles nachzusprechen, was er ihm vorsagen würde und nicht eher von seinen Knien aufzustehen, als bis er eine Erscheinung gehabt hätte. Darauf stampfte Cagliostro wieder mit den Füßen, machte mit dem Degen allerlei Bewegungen und fragte das Kind: »Was sehen Sie jetzt?« Das Kind . Ich sehe den kleinen schönen Jungen, der mir das letztemal im Walde die Erde öffnete. Cagliostro . Gut, bitten Sie nun den Jungen, daß er Ihnen den Herrn v. N. N. vorzeige, und zwar mit Ketten um den Hals, an Händen und Füßen. Das Kind . Ich sehe Herrn v. N. N., er sieht sehr verdrießlich aus und ist an Händen und Füßen, auch am Halse gekettet. Cagliostro . Was sehen Sie jetzt? Das Kind . Der kleine schöne Junge zieht die Kette um seinen Hals immer fester zusammen. Cagliostro . Wo ist Herr v. N. N. jetzt? (Hier nannte das Kind das Landgut dieses Herrn, welches einige Meilen von der Stadt entfernt liegt.) Cagliostro . Gebieten Sie, indem Sie mit dem Fuße auf die Erde stampfen, daß Herr v. N. N. verschwinden soll, und bitten Sie den schönen Knaben, daß er Ihnen den seligen Bruder Ihrer Cousine von der Recke zeige. Das Kind . Der Bruder ist da! Cagliostro . Sieht er munter oder traurig aus, und wie ist er gekleidet! Das Kind . Er sieht vergnügt aus und hat eine rote Uniform an. Cagliostro . Sagen Sie ihm, er soll Ihnen auf meine Gedanken durch ein Zeichen ja oder nein zu erkennen geben. Das Kind . Er sagt ja. Cagliostro . Was tut er jetzt! Das Kind . Er legt die Hand auf das Herz und sieht mich freundlich an. Cagliostro . Was wollen Sie jetzt sehen? Das Kind . Das kleine Mädchen, welches wie Ihre Gemahlin aussieht, und welches Sie mir das letztemal zeigten. Cagliostro . Was sehen Sie jetzt? Das Kind . Das kleine Mädchen ist da. Cagliostro . Fassen Sie das Mädchen um, küssen Sie es, und bitten Sie es, daß es Ihnen den Wald zeige. (Darauf hörten wir, wie daß Kind die Erscheinung küßte. Der Herr Major v. Korff und mein Onkel behaupteten, daß sie auch den Kuß der Erscheinung gehört hätten; ich aber habe nur einen Kuß gehört.) Das Kind . Ich sehe den Wald und darin einen abgehauenen Baum. Cagliostro . Bitten Sie das Mädchen, daß die Erde sich öffne. Das Kind . Die Erde ist offen; und ich sehe fünf Leuchter, Gold und Silber, allerlei Papiere, rotes Pulver und auch Instrumente von Eisen. Cagliostro . Nun lassen Sie die Erde wieder zugemacht werden, den ganzen Wald verschwinden, das Mädchen auch, und dann sagen Sie mir, was Sie da sehen. Das Kind . Alles ist verschwunden, und jetzt seh' ich einen schönen langen Mann, er hat ein weißes, sehr langes Kleid an und ein rotes Kreuz auf der Brust. Cagliostro . Küssen Sie die Hand dieses Mannes und lassen Sie sich von ihm küssen. (Wir hörten beide Küsse, und darauf gebot Cagliostro dieser Erscheinung, der Schutzgeist des Kindes zu bleiben.) Nachgehends sprach Cagliostro wieder arabisch, Wir glaubten nämlich, es wäre arabisch. Oben in dem Briefe aus Straßburg kann man sehen, daß Cagliostro mit dem Professor Norberg, der aus dem Orient kam, nicht arabisch sprechen konnte. (1787.) stampfte mit den Füßen an der Tür, machte endlich die Türe auf, ließ das Kind herauskommen, sagte, wir könnten nun unsere Plätze verlassen, schalt noch, daß mein Vetter aus dem Kreise getreten wäre, und fiel in dem nämlichen Augenblicke in eine Art von konvulsivischer Ohnmacht. Wir ermunterten ihn; und da er nun wieder zu sich selbst kam, gebot er uns allen Stille und Ernst und ging in das nämliche Zimmer, wo das Kind die Erscheinungen gesehen hatte, schlug die Tür hinter sich zu, und wir hörten ihn da aus voller Stimme eine fremde Sprache sprechen. Zuletzt hörten wir ein dumpfes Getöse, darauf kam er wieder ganz ruhig und wohl aus dem Zimmer heraus und sagte mit einer triumphierenden Miene: Er wäre Herrn v. N. N. eine Strafe schuldig gewesen und hätte diesen nun hart gestraft. Wir würden es morgen hören, daß N. N. in der Stunde, da das Kind die Erscheinung gehabt und ihn in Ketten gesehen hätte, an Würgen im Halse und heftigen Gliederschmerzen sehr krank gewesen wäre. Auch nannte er uns den Arzt, der noch die Nacht zum kranken N. N. hinausgeholt werden sollte. Und des anderen Morgens hörten wir, daß alles so, wie Cagliostro es uns gesagt hatte, eingetroffen war. Daß Herr v. N. N. gerade um die Stunde, da Cagliostro es sagte, auf seinem unweit der Stadt gelegenen Landgute krank geworden, ist wahrscheinlich, wie schon damals von den Ungläubigen unter uns behauptet wurde, durch eine Arzenei geschehen, die er ihm unvermerkt entweder durch Schnupftabak (s. S. 59) oder auf eine andere Art beigebracht hat. Denn den Tag vorher speiste Cagliostro mit Herrn v. N. N. zu Mittag und glaubte sich durch ihn beleidigt. Da er von Herrn v. N. N. zu uns kam, sprach er mit einer Art Wut über ihn und sagte: Dieser sollte schon seine Macht fühlen und von ihm gestraft werden. Daß Cagliostro den Arzt des Herrn v. N. N. bestimmen konnte, war sehr natürlich, weil derselbe nie einen anderen Arzt als diesen brauchte. Mit dem Kusse des Kindes und der vorgeblichen Erscheinung ist es folgendermaßen zugegangen. Das Kind hat seine eigene Hand so oft geküßt, als jedesmal Küsse gegeben werden sollten; und Cagliostros eigene Bekenntnisse über seine sogenannten Geisterbeschwörungen stimmen auch mit der Aussage meines Vetters ziemlich überein. Die vorgebliche Ohnmacht, die Cagliostro so natürlich nachzuahmen wußte, wurde wahrscheinlich von ihm nur daher gespielt, um uns in Furcht zu setzen und uns aufs künftige an unsere Plätze, die wir als Zuschauer seiner Geisterbeschwörungen einnahmen, zu fesseln, damit wir solchergestalt außer Stand gesetzt würden, als ruhige Beobachter seinen Betrug zu entdecken. Denn da die Dämonen sogar den Geisterbeherrscher so plagten, so sollten wir es uns wohl denken, was unser Schicksal gewesen sein würde, wenn er uns nicht durch seine Macht errettet hätte; denn er versicherte, daß er stark gegen die bösen Geister zu kämpfen gehabt und diese konvulsivische Ohnmacht für uns erlitten habe, weil wir sonst alle unglücklich geworden wären. Durch diese Gaukeleien gelang es ihm, daß wir seiner Vorschrift in ähnlichen Fällen strenger folgten und daher seinen Betrug nicht sogleich auf der Stelle entdecken konnten. Um es zu beweisen, daß diese Ohnmacht keine Folge von der Plage böser Geister, sondern nur Verstellung gewesen, muß ich eine ähnliche Geschichte hersetzen, die sich kurz vor seiner Abreise von Mitau zutrug. In einer seiner magischen Vorlesungen, in welcher er uns mit seinem Degen in der Hand Ernst, Andacht und Stille geboten, nachdem er den magischen Kreis um uns gezogen hatte, versuchte Herr Hinz, der ihn schon damals für einen Betrüger hielt, mit lautem Seufzen und in einem komischen Tone alles, was Cagliostro sagte, nachzusprechen. Cagliostro sprang auf, warf den Tisch und die Stühle um, gebot uns allen, das Zimmer zu verlassen, wenn wir durch böse Geister nicht zerschmettert werden wollten; er selbst stürzte sich aus dem Zimmer hinaus, wir flohen ihm nach. Er warf sich konvulsivisch in einen Lehnstuhl, behielt seinen Degen wohlbedächtig in der Hand, gebot unter fürchterlichen Drohungen, daß alle sich von ihm entfernen sollten, weil der, der sich ihm nahe, durch Dämonen unglücklich werden würde. Wir verließen ihn insgesamt; nur Herr v. Medem aus Tittelmünde trat ganz nahe an ihn, blieb vor ihm stehen und faßte ihn an der Hand, in welcher er den Degen hielt, um seiner auf alle Fälle mächtig werden zu können. Cagliostros Frau beschwor Herrn v. Medem, wenn er nicht des Todes sein wollte, ja hinaus zu kommen; dieser aber erwiderte, er wolle sich den guten und bösen Geistern überlassen, denn er würde nicht von Cagliostro weichen, bevor er sähe, wie es mit ihm und seiner Ohnmacht ablaufen würde. Herr v. Medem übertrat also das so strenge Gebot, er folgte den dringenden Warnungen des Cagliostroschen Ehepaares nicht und blieb bei unserm Wundermanne stehen, bis dieser es für gut befand, aus seiner Ohnmacht zu erwachen. Dennoch wurde diesem mutigen Schüler von den Dämonen kein Haar gekrümmt. Auch der Spötter Hinz litt durch die bösen Geister nichts. Dies zeigt genugsam, daß Cagliostro uns nur mit leerem Vorgeben in Furcht erhielt, damit wir seinen groben Betrug nicht merken sollten; und es sahen ihn viele von uns damals auch noch nicht ein. (1787.) Die Ohnmacht, die er gehabt, sagte er, wäre eine Plage der bösen Geister gewesen und daher entstanden, weil mein Vetter den Kreis, der uns eingeschlossen, übertreten hätte; denn bei jeder Zitation regten sich die bösen Geister und wären wider den in Aufruhr, der auf Geheiß des guten Prinzipiums die Zitation machte. Durch den magischen Kreis wären sie gefesselt und ihrer Wirkung beraubt. Da ich sagte, daß mir es unbegreiflich sei, wie ein bloßer Strich mit dem Degen die Geister so im Zwange halten könne, erwiderte er: Die Wirkung des Magnetes sei noch unerklärlicher; aber der magische Zirkel und die Kraft, die er habe, wäre dem verständlich, der durch diesen die bösen Geister zwingen könne. Diese Erklärung gab uns freilich kein helleres Licht; aber vielleicht fassen wir sie dann, wenn wir weitere Schritte in dieser erhabenen Wissenschaft tun. Man sieht aus dieser meiner Anmerkung, die ich unverändert abdrucken lasse, wie groß mein blinder Glauben an Cagliostros Wunderkraft war, so daß ich meinen Zweifel daran durch die unbedeutendste Antwort und durch bloße leere Worte unterdrücken ließ. (1787.) Was mich bei dieser Zitation vorzüglich in unangenehmes Erstaunen gesetzt hatte, war: Daß Cagliostro seine Kraft zum Schaden seines Nebenmenschen gebraucht und Herrn v. N. N. Leiden gemacht hatte. Ich faßte das Herz, ihm darüber Vorstellungen zu tun. Er klopfte mir auf die Achsel und sagte: »Gutes weichherziges Geschöpf! wie wenig kennst du doch den rechten Standort und die Pflichten eines wahren Magikers! Ich und meinesgleichen hängen weniger von uns, als die andern alltäglichen Menschen ab. Wir stehen unter Oberen, denen wir unbedingten Gehorsam schuldig sind. Wenn Sie nur wüßten, wie mir das Herz wehe tut, wenn ich bisweilen meinen Mitmenschen Leiden antun muß! Aber wenn ich bedenke, daß ich dadurch oft Länder und Völker vom Verderben rette, und daß selbst der, welcher meine Züchtigung fühlt, dadurch vielleicht vom ewigen Verderben befreit werden kann; dann bekomme ich den Mut, den Willen meiner Oberen getrost auszuführen. Solange Sie, gutes Kind, nicht die Stärke haben, zum Nutzen Ihrer Nebenmenschen, wenn es nötig ist, züchtigen und strafen zu können, solange werden Sie nur in den Vorhöfen der Magie bleiben, nie aber bis zum Heiligtum dringen.« Ich fuhr fort: »Wenn Sie mir es verzeihen wollen, so hätt' ich wohl eine Frage an Sie.« »Fragen Sie nur!« erwiderte er. Ich. Sie schienen mir es mit einer Art frohtriumphierender Miene zu sagen, daß Sie Herrn v. N. N. gestraft und von hier aus durch Ihre Geister krank gemacht hätten. Ist dies einem Menschenfreunde anständig? Cagliostro. Ich hätte Ihnen mehr Scharfsinn zugetraut! Kann ich denn an meinem Standorte immer ich selbst sein? Muß ich nicht, um meine Schüler kennen zu lernen, mannigfaltige Charaktere annehmen? Ich. Aber warum brauchen Sie das, Sie können uns ja durch Ihre dienstbaren Geister erforschen. Cagliostro. Gutes Kind, du urteilst wie ein Blinder von der Farbe! Jeder Tag hat nur seine gewissen Stunden, da ich magische Operationen vornehmen kann, und da sind mir schwere und wichtige Arbeiten angewiesen. Unter euch hab' ich mir drei ausgesucht, welche ich von meinen dienstbaren Geistern beobachten lasse; die andern muß ich so im geselligen Leben prüfen, um ihre Herzens- und Geistesfähigkeiten zu erforschen und sie so gehörig in ihren Wirkungskreis zu stellen. Wären Sie nicht schon seit einiger Zeit von einem meiner Geister beobachtet, so hätt' ich heute mein Augenmerk auf Sie gerichtet; denn die Dreistigkeit, mit welcher Sie mich zur Rede stellen, und das unverdorbene Menschengefühl, welches dabei aus Ihnen spricht, würde mich haben ahnen lassen, daß in Ihnen tiefe Fähigkeiten zur Magie verborgen liegen. – Nach einigen Tagen reiste Cagliostro mit seiner Frau, Herrn v. Howen, Herrn v. Korff, meinem Vater und mir nach Wilzen zu meinem Vaterbruder, woselbst wir diesen mit seiner Gemahlin, seiner Tochter und seinen beiden Söhnen schon vorfanden. Mich nahm Cagliostro allein in seinen Wagen, und da hatte er einige Gespräche über Magie mit mir, welche mir eine große Achtung für seinen moralischen Charakter (gegen den ich mißtrauisch zu werden angefangen hatte), einflößten. Nun bekam ich über manches, das mir an ihm mißfallen hatte, Licht; und ich muß gestehen, sein Scharfsinn und seine Menschenkenntnis setzten mich fast nicht minder als seine magischen Experimente in Erstaunen. Eine Geschichte muß ich hersetzen, ehe ich weiter in meiner Erzählung fortfahre. Cagliostro fragte mich nach einigen Gesprächen: was ich von Z. hielte? ob ich ihm diesen nicht näher bekanntmachen und einige Umstände aus seinem Leben sagen könnte? Ich antwortete: Ich kenne Z. zu wenig, um Ihren Wunsch zu befriedigen. (Mir war eine Anekdote von Z. bekannt, die ihm hätte Nachteil bringen können, und von welcher ich zufällig wußte, daß außer ein paar Freunden und meiner Mutter, keine Seele sie wußte. Meine Mutter hatte sie mir unter dem heiligen Siegel der Verschwiegenheit vertraut.) Cagliostro sah mir scharf ins Gesicht und sagte mit bedeutender Stimme: »Sie wissen also nichts von Z., wodurch Sie mich näher mit seinem Charakter und Schicksale bekannt machen könnten, da mir doch sehr daran gelegen wäre.« Ich. »Wahrlich, Z. ist wenig von mir gekannt.« Cagliostro. Schlange, die ich an meinem Busen nähre! Du lügst! Schwöre, schwöre mir hier, daß du von Z. Lebensumständen keine Anekdote weißt, die außer dir nur dreien bekannt ist. Ich muß gestehen, daß ich hier bestürzt wurde. Ich schwieg einige Minuten und ging mit mir zu Rate, wie ich hier, ohne mein Wort zu brechen, und ohne wider meine Grundsätze von Recht und Unrecht zu handeln, herauskommen sollte. Cagliostro sah mich zornig an und sagte: »Nun, Heuchlerin, was verstummen Sie? Antworten Sie mir, Sie wissen also nichts von Z. zu sagen?« Ich erwiderte mit großem Ernste: »Herr Graf? Ihr Betragen befremdet mich; ich weiß nicht, für wen Sie die Szene spielen, da Sie doch jetzt nur mich an Ihrer Seite haben: mich, die, wie Sie selbst sagen, von Ihrem dienstbaren Geiste Hanachiel beobachtet wird. Da ich das Auge des Allsehenden, der in das Innere meines Herzens lieset, nicht zu scheuen habe, so fürchte ich auch die Beobachtung Hanachiels nicht, wenn er als guter Geist in meiner Seele lieset. Und ist er es nicht; nun! so mag er Ihnen von mir berichten, was er will. Ich traue auf den, der Dämonen und Nekromantisten im Zaume zu halten weiß, und bin überzeugt, daß er alle Unordnungen in der Welt am Ende zum besten lenken wird.« – Cagliostro sah mich sehr freundlich an, drückte meine Hand, und sagte: »Gute Seele! die Verschwiegenheit, die Stärke des Geistes und die Klugheit, hätt' ich Ihnen bei Ihrer Jugend nicht zugetraut. Sie haben sich aus dieser Sache weit über alle meine Erwartung herausgezogen. Nun kann ich Ihnen sagen, wie die Sache zusammenhängt. Mir ward von meinen Oberen befohlen, Ihnen diese verfängliche Frage vorzulegen, nachdem sie mir den ganzen Zusammenhang der Sache entdeckt, und mir sogar gesagt hatten, daß Ihre Mutter Ihnen die Geschichte zur Erweiterung Ihrer Menschenkenntnis bekannt gemacht hat. Würden Sie mir das Ganze gestanden haben, nun, so war ich in Furcht gewesen, daß Sie aus Schwäche auch künftigen Versuchungen unterliegen, und an den gefährlichen Klippen der Magie scheitern würden. Hätten Sie die Frechheit gehabt, einen solchen Eid zu schwören, dann hätten Sie den ersten Schritt gemacht, um in noch größere Laster zu sinken, und ich hätte allmählich meine Hand von Ihnen abziehen müssen. Wir wollen nun von dieser Sache abbrechen; aber ich wiederhole es nochmals, die Bahn der Magie, auf welcher Sie weit kommen können, da Sie alle Gaben des Geistes und Herzens dazu haben, ist gefährlich, und unter tausend erreicht höchstens nur einer das hohe Ziel, durch welches man sich und andere beseligen kann, sobald man, ohne in einen Abgrund zu stürzen, allen Versuchungen entkommen ist.« – Hier schwieg Cagliostro, und ich antwortete nichts, doch hatte mich diese Sache sehr nachdenkend gemacht. Nach einer Weile sagte er mir: Ich sollte, was sich unter uns zugetragen, allen Brüdern und Schwestern ohne Ausnahme verschweigen; denn er hätte seine guten Gründe, diese, seine Kraft, in Menschenseelen zu lesen, noch bis jetzt zu verbergen. Wenn man den Gesichtspunkt nicht aus den Augen verliert, daß Cagliostro es darauf angelegt hatte, mich zur Reise mit ihm nach Petersburg zu bewegen, so wird man sich es leicht erklären, warum er alles anwendete, um bei mir für einen Mann zu gelten, der übernatürliche Kräfte des Geistes besitze und in den Seelen der Menschen wie in einem offenem Buche läse. Mit bewunderungswürdiger Schlauigkeit hatte Cagliostro diese Geschichte eingefädelt, und kein Wort ging aus seinem Gespräche für mich verloren, ob es gleich auf meine Seele nicht gerade die Wirkung tat, die Cagliostro hervorbringen wollte. Denn ich muß gestehen, daß ich nun seine Kraft, in Menschenseelen zu lesen, nicht mehr bezweifelte, ihn und seine Verbindung mit höheren Geistern in großen Ehren hielt und die Hoffnung in mir nährte, durch ihn zum höchsten Gipfel der Magie zu gelangen. Erst, nachdem ich überzeugt wurde, daß Cagliostro ein Betrüger sei, löste sich diese mir unerklärliche Geschichte auf, weil ich es nun wagte, Cagliostros Gebot zu übertreten und mit meiner verstorbenen Stiefmutter und mit den beiden Freunden, die um die Sache wußten, über dieses mir von Cagliostro unbegreifliche Stück zu sprechen. Da zeigte es sich, daß Cagliostro durch verfängliche Fragen dem einen Freunde die ganze Geschichte im Zusammenhange auf die listigste Art abgelockt und durch ihn erfahren hatte, daß auch ich durch meine Stiefmutter von dieser Geschichte unterrichtet sei. Damals war unserem Freunde über dies Gespräch das Gebot der tiefsten Verschwiegenheit im feierlichsten Tone von Cagliostro gegeben; so wie auch mir von unserem Helden strenges Schweigen über die Erfahrung geboten wurde, die ich von seiner vermeinten Kraft, in Menschenseelen zu lesen, gemacht hatte. Wir, von unserm Oberen zum blinden Gehorsam erzogene Schüler, befolgten seine Vorschrift; und so war Cagliostro sicher, daß sein Betrug nicht entdeckt werden konnte, solange wir an seine vorgespiegelte Verbindung mit höheren Geistern Glauben hatten. Wie listig Cagliostro seine Rolle weiter fortspielte, da wir uns dem Walde nahten, der die vorgeblichen Schätze enthalten sollte, dies wird jedem nachdenkenden Leser meines gegenüberstehenden Aufsatzes vom Jahre 1779 auffallend sein. (1787.) Da wir unweit Wilzen waren, sprach und betete er still für sich in einer fremden Sprache, las etwas in einem kleinen, roten, magischen Buche und sagte, da wir einen Wald sahen, mit wildem Feuer: »Dort, dort liegen die magischen Schriften vergraben! Du großer Baumeister der Welten, hilf mir das Werk vollenden!« – Nach einer Weile sagte er: »Diese magischen Schriften und Schätze werden von den stärksten Geistern bewacht, und nur Geister können sie heben. Ob ich der Glückliche sein kann, durch dessen Vermittlung sie gehoben werden sollen, weiß der allein, der mich gesandt hat. Aber binden werd' ich die Geister, die den Schatz bewahren, dergestalt, daß mein Nachfolger nichts ohne mein Wissen und meine Beihilfe unternehmen kann, selbst wenn ich dreihundert Meilen entfernt sein sollte.« – Gleich nach seiner Ankunft in Wilzen ging er ohne Wegweiser mit Herrn v. Howen, meinem Vater und meinem Vaterbruder nach dem Walde, den er beschrieben hatte, und zeigte dort den abgebrochnen Baum, unter welchem die von den Geistern bewachten Schätze liegen sollten. Dort soll er wieder allein für sich eine Beschwörung gemacht und einen seiner Geister an diese Stelle gebunden haben. Den andern Morgen, zwischen zehn und elf Uhr, machte er wieder ein magisches Experiment mit dem Kinde, in Gegenwart aller anwesenden Mitglieder unserer Loge. Er verfuhr bei diesem wie bei dem ersten Experimente, welchem ich beigewohnt hatte, nur mit dem Unterschiede, daß das Kind in dem nämlichen Zimmer, wo wir im Kreise saßen, hinter einem Schirme war, und Herr v. Howen in demselben Kreise neben Cagliostro stand. Dem Kinde hatte Cagliostro einen großen eisernen Nagel zu halten gegeben und dem Kleinen geboten, niederzuknien und nicht eher aufzustehen, als bis er den ihm schon bekannten, schönen Jungen gesehen habe. Nachdem dieser dem Knaben erschienen war, gebot er dem Geiste mit dem roten Kreuze zu erscheinen, sich an den Nagel zu binden und den Schatz im Walde so zu bewahren, daß keiner sich diesem ohne sein Wissen nahen könnte. Auch sollte der Schatz ohne Herrn v. Howen nicht gehoben werden und nie zu finden sein. Darauf gebot er Herrn v. Howen niederzuknien und dem Geist mit dem roten Kreuze, sich an ihn zu fesseln. – Nun mußte Herr v. Howen dem Kinde einige Fragen, die Cagliostro ihm vorsagte, tun. Aber wenn Herr v. Howen sprach, so berührte Cagliostro ihn mit dem magischen Schwerte. Herr v. Howen mußte nun folgendes dem Cagliostro nachsprechen: »Im Namen meines Meisters und Lehrers Cagliostro gebiete ich dir, du zum Seher auserkorenes Kind, dir von den dienstbaren Geistern unseres großen Lehrers den Wald, der die Schätze enthält, zeigen und die Erde, welche diese deckt, öffnen zu lassen.« Das Kind. Der Wald ist da, die Erde ist offen, und ich sehe eine Treppe und einen langen Gang. Hier gebot Cagliostro Herrn v. Howen, der immer noch kniete, aufzustehen, aber im magischen Zirkel zu bleiben, und setzte nun selbst die Fragen an das Kind fort. Cagliostro. Gehen Sie die Treppe hinunter. Zählen Sie die Stiegen so laut, daß wir es hören können, und dann gehen Sie bis ans Ende des Ganges und sagen Sie mir, was Sie da sehen. Das Kind zählte nun Stiegen, und wir konnten die Tritte hören, auch hörten wir noch, daß er einige Schritte weiter ging. Darauf sagte der Kleine: Hier sind viele goldne Ruten, Gold- und Silbermünzen, allerlei Sachen von Eisen, beschriebene Papiere und rotes Pulver. Wie viele Quellen, die Erwartungen der Menschen zu spannen und durch Hoffnungen über ihre Seelen zu herrschen, wußte Cagliostro sich zu öffnen! Und wie ähnlich ist der Gang, den alle solche intrigante Betrüger gehen! Reichtum, Gesundheit, langes Leben, Herrschaft über die Geister- und Körperwelt, bieten sie ihren Schülern aus ihrem magischen Füllhorne dar, herrschen durch alle diese Vorspiegelungen über ihre gläubigen Eingeweihten und brauchen diese dergestalt als Maschinen, deren Gang sie nach ihrem Belieben leiten. Das rote Pulver, welches der Knabe unter den Schätzen zu sehen vorgab, war nach Cagliostros Aussage die erste Materie, durch welche man alle Metalle zur Reife des Goldes zu bringen vermöge. So wie man durch den Hang zur Magie in die Gefahr gerät, von der wahren Religion abzuweichen, die Welt für eine Zauberlaterne zu halten und Gott, den Schöpfer der Welt, den Allvater in unserer Idee, zu einem ohnmächtigen Wesen zu erniedrigen, welches eine Menge Gehilfen braucht, um das Werk seiner Schöpfung in Ordnung zu halten; so führt auf der anderen Seite der Hang zur Alchimie von der wahren Wissenschaft der Physik und Chemie ab und führt dagegen oft den sicheren Weg zum Bettelstabe. Beide Leidenschaften setzen diejenigen, die sie hegen, der Gefahr aus, ein Spiel intriganter Gaukler zu werden, die teils durch lebendigen Umgang und teils durch mystische und mysteriöse Schriften der Seele eine falsche Richtung geben, durch welche sie Aberglauben und Irrtum als heilige Wahrheit annimmt und verehrt. (1787.) Cagliostro gebot der Erscheinung, zu verschwinden. Dann machte er eine andere Beschwörung und fragte: »Was sehen Sie jetzt?« Das Kind. Ich sehe sieben sehr schöne Menschen, alle in weißen langen Kleidern: der eine hat ein rotes Herz vor der Brust, die anderen alle haben rote Kreuze und etwas vor der Stirne geschrieben, aber ich kann nicht lesen. Cagliostro gebot diesen Geistern, sich so, wie er es im Sinne hatte, an gewisse Gegenstände zu fesseln, und hieß das Kind alle sieben Geister umarmen, jedem einen Kuß geben und sich von jedem küssen zu lassen (diese vierzehn Küsse hörten wir auch). Endlich gebot Cagliostro den Erscheinungen, zu verschwinden, ließ das Kind hervortreten und ging mit dem Kinde und den anderen Herren nach dem Walde und befestigte dort, wo die magischen Schriften vergraben liegen sollten, den durch Beschwörung geheiligten Nagel. Nach acht Tagen fuhren wir in Gesellschaft unserer Brüder, die im magischen Kreise eingeweiht waren, zu meiner Mutter nach Alt-Auz. Denn mein Vater war beständig um Cagliostro, der nun in Mitau das Haus meiner Eltern bezogen hatte. In Alt-Auz fanden wir meinen Oheim, dessen Gemahlin, ihre Tochter und ihren kleinen Sohn vor uns. Dort hielt Cagliostro einigemal eine Art von öffentlicher Vorlesung; doch waren nur wir Mitglieder der Loge d'Adoption, meine verstorbene Stiefmutter und noch zwei Profane seine Zuhörer. Er blieb sich in diesen Vorlesungen gar nicht gleich: Zuweilen sagte er erhabene Dinge, und dann war so viel Plattes dazwischen, daß wir alle an ihm irre wurden. Aber ich kann mir dies wunderbare Gemisch von tief verborgener Weisheit und bisweilen gar Torheit und anscheinender Bosheit gar wohl in ihm erklären. Man wird mir den pathetischen Ton, mit welchem ich über Cagliostro in meinem Aufsatze vom Jahre 1779 spreche, zugute halten, wenn man bedenkt, daß dieser Aufsatz in vollem Glauben an seine Wunderkraft niedergeschrieben wurde, und daß Cagliostro sich es angelegen sein ließ, sein ganzes Betragen gegen mich zu beschönigen, und seinen vielen Ungereimtheiten in meinen Augen ein ehrwürdiges Ansehen zu geben. Aber eben daraus, daß ich, obgleich in vollem Glauben an ihn, dennoch die Ungleichheit in seinem Betragen bemerkte, kann man urteilen, daß er bei aller seiner Schlauigkeit sich nicht genug habe zu verstellen gewußt, und daß er teils seine Unwissenheit, teils seinen schlechten rohen Charakter zuweilen durchscheinen ließ. Es ist also kein Wunder, daß einige unter uns, die weniger für Cagliostro eingenommen waren als ich, ihn noch genauer beobachteten und ihn damals schon für das erkannten, was er ist: für einen Betrüger; ungeachtet sie damals die Art des Betruges nicht ausmachen konnten oder auch nicht ausmachen durften. (1787.) Auch teilte er unseren Brüdern das Geheimnis mit, aus schlechtem Flachse Kastor zuzubereiten. Den ersten Tag unserer Ankunft in Alt-Auz sagte Cagliostro zu dem kleinen Sohn meines Vaterbruders, ohne daß er irgendeine magische Vorbereitung machte: »Gehen Sie in das Nebenzimmer, dort werden Sie eine Person in einem langen weißen Kleide sehen; sagen Sie dieser, daß sie mir die Nacht um ein Uhr erscheine und sich darauf vorbereite, mir auf alles, was ich fragen werde, gewissenhaft zu antworten. Wenn Sie dies getan haben, dann gebieten Sie der Erscheinung, zu verschwinden.« – Der Knabe ging dreist nach dem anderen Zimmer, kam nach einer kleinen Weile zurück und sagte: »Ich habe alles gefunden, wie Sie gesagt, und alles bestellt, wie Sie befohlen haben.« Jetzt wird man es sehr begreiflich finden, daß der Knabe zu dieser Antwort wohl abgerichtet war und den Bericht von der Erscheinung brachte, ohne etwas gesehen zu haben. Aber nach unsrer damaligen Seelenstimmung erstaunten wir über die Kraft des kleinen Sehers und herzten und liebkosten in dem Kinde, nach unsrer Meinung, einen künftigen Geisterbeherrscher. Noch muß ich hier eine Anmerkung hersetzen, die zeigt, wie schlau Cagliostro auch durch Kleinigkeiten seine Schüler zu prüfen wußte, um sein Betragen gegen sie durch Kenntnis ihrer Charaktere bestimmen zu können. Bevor Cagliostro in Alt-Auz seine Gaukelei mit der Geisterbeschwörung spielte, waren einige von uns auf seinem Zimmer, die noch keiner Beschwörung beigewohnt hatten, wohl aber von denen, welchen dies Heil widerfahren war, durch die Erzählung aller dieser Wunder zu hohen Erwartungen gespannt waren. Cagliostro zeigte also seinen neuen Zuschauern in seinem Zimmer einen Kasten, der durchaus von einem aus der Gesellschaft in dem Zimmer vor der Beschwörung umhergetragen werden mußte; aber er sagte dabei, daß dies Geschäft für den, der den Kasten trage, Gefahr habe, obgleich der Kasten nicht schwer sei. Herr v. Medem aus Tittelmünde, ein sehr entschlossener Mann, erbot sich sogleich dazu, und trug den Kasten so, wie Cagliostro den Wink gab, ohne im geringsten dekontenanciert zu werden, im Zimmer umher. – Noch bitte ich die Leser meines Aufsatzes vom Jahre 1779 zu bemerken, daß der Knabe beinahe immer die nämlichen Erscheinungen hersagte, die er die ersten beiden Male angezeigt hatte. Es war dem Cagliostro also um so viel leichter, dem Knaben Winke zu geben. (1787.) Den zweiten Abend machte Cagliostro unter verschlossenen Türen im Beisein aller Anwesenden beinahe das nämliche Experiment, welches er in Wilzen gemacht hatte. Doch mit der Abänderung, daß er hier keinen Nagel brauchte, und daß er mitten in seiner Zitation Herrn v. Howen winkte, zu ihm zu kommen, ihn niederknien hieß und das Kind fragte, wer jetzt erscheine. Das Kind sagte: »Howen liegt auf den Knien.« – Darauf gab Cagliostro ihm seine Uhr in die Hand. »Was sehen Sie jetzt?« Das Kind antwortete: »Howen hält die Uhr in Händen.« Ich muß dabei erinnern, daß das Kind in dem nämlichen Zimmer hinter einem Schirme stand. Allein Cagliostro hatte mich, ehe die Zitation anging, den Platz sehen lassen, auf welchem der Knabe die Erscheinung haben würde. Und da war weder magischer Spiegel, noch konnte das Kind, wenn es sich auch auf alle Seiten wand, auf eine natürliche Art sehen, was außer dem Bezirke, den es einnahm, geschah. Jedem unbefangenen Leser wird Cagliostros Dreistigkeit und betrügerische Schlauigkeit in seinem Gespräche mit mir auffallend sein. Ich muß es gestehen, daß er mich damals durch seinen Schwall von Worten und durch seine auf Schrauben gesetzten Ausdrücke befriedigt und meine Einbildungskraft aufs neue durch hohe Erwartungen erhitzt hatte. Jetzt, nachdem ich über alle diese Dinge reiflich nachgedacht habe, kann ich es freilich kaum begreifen, wie ich durch die ganz kahlen Entschuldigungen und das leere Wort ›magisch‹ mich so ganz habe zufrieden stellen lassen. (1787.) Ich muß es gestehen, bei dieser Zitation waren mir einige Dinge auffallend. Erstlich schien es mir, daß er diesmal gar keinen zureichenden Grund gehabt, eine Beschwörung zu machen; Man sehe oben, S. 52, Cagliostros Vorgeben: er dürfe bloß aus eitler Neugierde nicht Beschwörungen machen. (1787.) und dann hatte doch Herr v. Howen den magischen Kreis übertreten, ohne daß es irgendeine üble Folge gehabt hätte; auch schien mir die ganze Geschichte mit dessen Erscheinung und dem Halten der Uhr unter der Würde der Magie zu sein. Ich entdeckte Cagliostro diese meine Zweifel. Cagliostro erwiderte: »Sie urteilen immer noch wie der Blinde von der Farbe. Sagen muß ich es Ihnen, daß, solange Sie noch bloß in den Vorhöfen dieser heiligen Wissenschaften sind, Sie manches unerklärlich finden werden. Was den magischen Kreis betrifft, den Herr v. Howen übertreten hat, so kann ich Ihnen sagen, daß es in dem Plane meiner heutigen Zitation war, Der Leser wird einsehen, daß dies und das folgende bloß leere Ausflüchte waren, mit welchen sich Cagliostro zu entschuldigen wußte, da ich ihm unvermutet einen Zweifel machte. Er hatte mir eine so hohe Meinung von sich beigebracht, daß ich mit diesen Ausflüchten mich zufriedenstellen ließ, ungeachtet bei etwas reiferem Nachdenken einzusehen ist, daß es nichts als leere Worte waren. (1787.) Herrn v. Howen diesen übertreten zu lassen; und so hab' ich meinen Geistern bei meiner Beschwörung zugleich geboten, die Stellen zu bewachen, die Herr v. Howen heute betreten würde. Warum ich Herrn v. Howen aber heute erscheinen ließ, kann ich Ihnen nicht sagen. Die Uhr, die ich ihm zu halten gab, ist eine magische Uhr, die, wenn sie zur Stunde der Zitation von dem gehalten wird, den Hanachiel oder Gabriel bewacht, die Wirkung hat, welche meine Oberen wünschen, daß sie haben soll. Zu jeder anderen Stunde ruht die Kraft dieser Uhr. Aber wenn die Geister mich durch Zitation umschweben, dann wollt ich es keinem raten, diese Uhr ohne Vorbereitung zu berühren. Auch kann ich in der Seele dessen, der unter diesen Umständen die Uhr einige Minuten in Händen hält, ungleich schneller lesen als in andern.« Nach acht Tagen reisten wir, die wir mit ihm nach Alt-Auz gekommen waren, wieder nach Mitau zurück. Unterwegs sprach Cagliostro viel über die Standorte, auf welche er die Mitglieder unserer Loge stellen wollte, um die Kräfte eines jeden dergestalt zu brauchen, daß sie am tätigsten für das Wohl der Welt würden. Alles, was er über diese Sache sagte, flößte mir Ehrerbietung für seinen Charakter und Bewunderung für seinen Verstand ein, und söhnte mich mit mancher anscheinenden Marktschreierei und Schiefheit seines Charakters aus. In diesem Gespräche schmeichelte Cagliostro mir mit der überspannten Idee, die mir aber damals sehr glaublich schien: daß ich, wenn ich mich unermüdet der Magie weihte, bald so weit kommen würde, nicht nur des belehrenden Umgangs der Verstorbenen zu genießen, sondern auch von meinen Oberen zu geistigen Reisen in die Planeten gebraucht und nachgehends zu einer der Beschützerinnen unsers Erdballs erhöht zu werden, bis ich, als eine bewährte Schülerin der Magie, zu noch höheren Regionen emporgehoben würde. Sicher zieht mir dies offenherzige Geständnis, daß ich diese Feenmärchen glauben konnte, den Spott mancher Leser zu. Aber diejenigen, die dem Hange zur Schwärmerei und den Stiftern geheimnisvoller Sekten nachgespäht haben, werden meine damalige Gemütslage der Natur unserer Seele sehr angemessen finden und werden sich es nicht befremden lassen, daß, da ich einmal durch den blinden Glauben an die magischen Vorspiegelungen des Cagliostro aus der wahren in die ideale Welt versetzt war, ich nun auch notwendig alle meine Träumereien, zu welchen mich verschiedene Dinge veranlaßten, für beseligende Wahrheit hielt. Sollten andere, die meinen vormaligen Weg noch jetzt wandeln, sich an meinen Verirrungen des Verstandes spiegeln, und ferner nicht nach übernatürlichen Dingen lüstern sein wollen, so wäre ich hierdurch für das Opfer, welches ich der Wahrheit durch die offenherzige Bekanntmachung meines damaligen Gemütszustandes bringe, mehr als belohnt. (1787.) Wenn er mir nicht schon zu große Beweise seiner Kraft, in den Seelen der Menschen zu lesen, gegeben hätte, so würde er mich bei unserer diesmaligen Versammlung in Alt-Auz völlig überzeugt haben, daß höhere Kräfte in seiner Gewalt stehen. Er nannte mir nicht nur die Namen jedes Zweiflers, sondern sagte mir auch den Grund, auf welchem jeder seine Zweifel stützte, und wodurch sie sich bei so vielen guten Eigenschaften um das Glück brächten, Magiker zu werden. N. N. sagte er, wäre seiner Lieblingswissenschaft zu sehr ergeben. Solange die Seele für eine Wissenschaft allzu vorspringende Neigungen hätte, so wäre man, freilich auf die edelste Art, aber dennoch für höhere Geister allzu irdisch gesinnt, als daß die Seele sich entfesseln und die Geister sie zu der Seligkeit, für das menschliche Geschlecht und für höhere Regionen tätig zu werden, führen könnten. Sicherlich muß alle gesunde Vernunft unterdrückt werden, wenn die Seele sich vorzüglich mit mystischen und magischen Dingen beschäftigt. Um diese Absicht bei mir zu erreichen, tadelte Cagliostro den Hang des Herrn N. N. zu den Wissenschaften; auch gab er mir den Rat, meinen Hang zur Dichtkunst, wenn ich mich der Magie weihen wollte, ganz zu unterdrücken, weil die Seele nur mit diesem einzigen Gegenstande beschäftigt sein müsse, wenn man bis zum höchsten Gipfel der Magie gelangen wolle. Doch sagte er mir, wenn mir die Dichtkunst lieber als die Magie wäre, so wolle er mir den nämlichen Beweis der Freundschaft geben, den er der Dichterin Corinna in Italien gegeben habe. Er würde mir auf diesen Fall einen Geist zugesellen, der meiner Seele immer den höchsten Schwung geben und mich die edelsten Ausdrücke lehren würde. Ich verbat mir diese Gabe von ihm, und beschwor ihn, mich nur der heiligen Mystik zuzuführen. – Wie oft mag Cagliostro über mich gelacht haben, wenn er mich mit feierlichem Ernste von der Magie unterhielt, und solch eine gläubige Schülerin an mir fand! War es aber nicht sehr schlau von ihm, daß er allenfalls auch meine Neigung zur Dichtkunst mit der Magie verknüpfen wollte? (1787.) Schwander, sagte er ferner, wolle alles nur mit der Vernunft begreifen, gäbe der Vernunft zu viel und den Geheimnissen der Religion zu wenig Glauben. Er würde bei seinen vortrefflichen Anlagen des Herzens und des Geistes hier ein edler tätiger Mann und nach seinem Tode gewiß selig werden. Aber zu der Glückseligkeit, welche er bei seinen herrlichen Talenten erlangen und verbreiten könnte, würde er doch nie emporsteigen; weil er im Grunde keinen Glauben hätte und mehr Beobachter als Teilnehmer der geheimnisvollen Mystik wäre. Sein höchst kränklicher Körper drohe ohnehin eine baldige Auflösung und mache ihn, da er keinen Glauben an die Magie habe, unfähiger, in die Verbindung mit höheren Geistern zu treten. Herr v. Medem auf Tittelmünde hätte, wenn er nicht durch Schwanders Grundsätze für die Magie verdorben wäre, die trefflichsten Anlagen. Aber auch er wolle alles mit der Vernunft begreifen, welche doch die Kraft nicht erklären könne, durch welche die Magnetnadel immer nach Norden getrieben wird. Herr Hinz hätte aus Unglauben eins seiner ersten und wichtigsten Gebote überschritten und sich dadurch auf ewig zur Magie unfähig gemacht. Denn er habe es gewagt, das Kind über die Art der Erscheinungen, die Cagliostro es sehen ließ, zu befragen. Wäre Gabriel nicht schon seit einiger Zeit der Schutzgeist des Knaben und unserer ganzen Gesellschaft, so hätte Hinz sich höchst unglücklich machen und den Knaben des Vorzugs berauben können, jemals der Erscheinung guter Geister gewürdigt zu werden. Mein kleiner Vetter war von Cagliostro so wohl abgerichtet, daß er ihm sogleich Herrn Hinzens Bemühung, ihn auszufragen, berichtete. Herr Hinz und wir alle wurden dadurch noch mehr irregeführt, weil der Knabe behauptete, daß er alles, was er uns sagte, wirklich jedesmal sähe. Daher machte uns unsere Einbildungskraft ein ganz fremdes Bild von diesen Erscheinungen, und wir fielen desto weniger darauf, die ganz grobe Art des Betrugs zu mutmaßen. Ich und noch einige Gläubige waren mit Herrn Hinz sehr unzufrieden, daß er die Vorschrift unseres Meisters übertreten und es gewagt hatte, das Kind auszufragen. Auch priesen wir die Langmut und Weisheit unseres Wundermannes, durch welche er die Übel, die daraus hätten entstehen können, abgewendet hätte. Dieser unterließ daher auch nicht, immer von entsetzlichen Übeln zu reden, die erfolgen würden, wenn wir seinen Befehlen nicht genau folgten, und besonders, wenn wir den Knaben fragen sollten. Dadurch spannte er unsere Einbildungskraft immer mehr an. Wir wurden dadurch auf alles, was er uns einbilden wollte, immer begieriger und immer ungeschickter, die Wahrheit zu sehen, so deutlich sie auch zutage lag. (1787.) Die Zeit, die Cagliostro in Mitau zubrachte, war nur uns gewidmet, und unser Kreis war beständig nur um ihn versammelt. Wir wünschten noch einige Freunde in unsern Kreis aufzunehmen, aber Cagliostro erlaubte nunmehr keinem Fremden einen Zutritt. Mit vieler Mühe gelang es uns, *** die Bekanntschaft des Cagliostro zu verschaffen. Zu unserer Freude fand *** Beifall. Doch ließ ihn Cagliostro nie zu den Gesprächen, welche er mit uns über die verschiedenen Klassen der Magie hatte, kommen. Nach drei Wochen reisten wir wieder nach Alt-Auz, weil Cagliostro selbst, und zwar vor seiner Abreise nach Petersburg, meine verstorbene Stiefmutter und noch einige Mitglieder zur Loge d'Adoption aufnehmen, und so diejenigen unter ihnen, die Fähigkeit zur Magie hätten, allmählich zur heiligen Mystik einweihen wollte. Nachdem unseren neuen Mitgliedern der dritte Grad gegeben war, bat meine Tante den Cagliostro, unsern *** auch einer Beschwörung beiwohnen zu lassen. Cagliostro sträubte sich dagegen, aber endlich sagte er: Noch wolle er im Beisein aller Mitglieder unseres Ordens eine Zitation machen, die ihm über seinen künftigen Aufenthalt in Petersburg und über einige von uns einen Aufschluß geben würde. Nachdem er nun uns allen unsere Plätze angewiesen und das Kind hinter den Schirm gestellt hatte, hielt er an uns insgesamt eine weitläuftige Rede, ermahnte uns zu Treue und Eifer in unsern Geschäften, zeigte uns die Gefahren der Magie, aber auch die wohltätigen Einflüsse, welche sie in der ganzen Schöpfung hätte; und so fing er seine Beschwörung mit den gewöhnlichen Zeremonien an. Das Kind hatte die nämlichen Erscheinungen, die es in Wilzen und das vorige Mal in Alt-Auz gehabt hatte; nur mit der Abänderung, daß Cagliostro mich in den magischen Kreis ganz unerwartet hineinwinkte, mich niederknien hieß, mir mit scharf auf mich gerichteten Blicken die magische Uhr zu halten gab und das Kind fragte, was es jetzt sähe? Durch diese Operation wollte Cagliostro die Wiederkehr meiner Zweifel verhindern, die ich ihm (S. 81) eröffnet hatte, als Herr v. Howen über den magischen Kreis trat. Es gelang ihm auch. Hernach machte er mir große Lobsprüche über meinen Hang zur Magie und meinen Glauben an seine Kraft. Hierdurch nun bestärkte mich der schlaue Betrüger noch mehr in meinen Träumereien. (1787.) Der Kleine sagte, daß ich auf den Knien mit einer Uhr in der Hand vor ihm wäre. Außer den gewöhnlichen Erscheinungen erschien ihm auch noch ein Geist mit einem langen weißen Kleide, [einer] goldenen Krone auf dem Haupte und rotem Kreuze vor der Brust. Cagliostro gebot dem Kinde, den Geist um seinen Namen zu fragen. Das Kind fragte den Geist, wie sein Name sei. Der Geist schwieg. Nach einer Weile fragte Cagliostro: Nun, hat der Geist seinen Namen nicht genannt? Das Kind. Nein! Cagliostro. Warum nicht? Das Kind. Weil er ihn vergessen hat! Ob das Kind den ihm gesagten Namen des Geistes vergessen oder ob Cagliostro ihn auch diese Antwort gelehrt habe, ist jetzt nicht mehr auszumachen. Sehr wahrscheinlich war es das erste. Aber Cagliostro faßte sich geschwind; und so viel ist gewiß, daß er auch hier durch seine Besonnenheit und Schlauigkeit auf die Seelen seiner Schüler stark zu wirken wußte. (1787.) Hier stampfte Cagliostro mit den Füßen, machte mit dem Degen allerlei Figuren in der Luft, sprach mit starker Stimme eine fremde Sprache (oder unbekannte Worte); die Ausrufungen Helion, Melion, Tetragrammaton Sollte jemand sich wundern, woher diese Worte meinem Gedächtnisse so eingeprägt sind, so muß ich sagen, daß Cagliostro mir für diese Worte (die er für arabisch ausgab, welches ich damals auch glaubte), für das Wort Jehova und besonders für die Buchstaben I. H. S. solch eine Ehrfurcht einflößte, daß ich auf sein Gebot eine ganze Zeitlang nie meine Seele in Gebeten zu Gott erhob, ohne zuerst diese Worte ausgesprochen und an die drei Buchstaben I. H. S. recht lebhaft gedacht zu haben. Auch sagte er mir: jedesmal wenn ich die Bibel lesen wollte, sollte ich zuerst diese Buchstaben: I. H. S. denken und die Worte aussprechen, dann würde ich allmählich dem großen Baumeister der Welt näher kommen. In einem protestantischen Lande geboren und erzogen, ohne Umgang mit Katholiken gehabt zu haben, kannte ich zu der Zeit die Bedeutung dieser Buchstaben I. H. S. gar nicht. Jetzt sehe ich wohl ein, daß diese Buchstaben nichts anderes bedeuten sollten, als das bekannte I. H. S., das Zeichen des Jesuitenordens. Hierdurch wird abermals die auch schon von andern gehegte Mutmaßung bestätigt, daß Cagliostro ein Emissar der Jesuiten war, welche durch ihn eigentlich in Petersburg wirken und durch die während seines Aufenthalts in Mitau gemachten Verbindungen, seine Wirkungen in Petersburg nur einleiten und vorbereiten wollten. Es sind zwar einige der Meinung, die Jesuiten würden zu klug sein, um sich solcher Abenteurer wie Cagliostro, Schröpfer und Gaßner zu bedienen. Aber bei weiterer Untersuchung wird man finden, daß sie sich zu weitaussehenden Unternehmungen, deren Erfolg ungewiß ist, kaum anderer Leute bedienen können, als gerade solcher, die nichts zu verlieren haben, die sehr dreist sind und also alles wagen müssen. Derselben wissen sie sich denn wohl zu versichern und deren Interesse mit dem ihrigen zu verflechten. Sie werden aber dabei wohl so klug sein, selbst diese Abenteurer (und wahrscheinlich auch andere Leute, die sie brauchen und die eben keine Abenteurer sind), nicht ganz in die Tiefe ihrer Pläne hineinsehen zu lassen. Wenn man die Verfassung des Jesuitenordens liest, so sieht man, wie künstlich er seine Zöglinge an sich knüpft, die sich dem Orden zu allem verbinden, demselben Vater, Mutter, Geschlecht und alles aufopfern, wogegen sich der Orden zu nichts verbindet, als sie zu nähren und zu kleiden. Ebenso wird auch wohl dieser schlaue Orden diejenigen, welche er auf irgendeine mittelbare oder unmittelbare Art braucht, er mag sie am Orte ihres Wohnplatzes brauchen oder auf Abenteuer aussenden wollen, so genau an sich zu verknüpfen verstehen, daß sie von ihm nicht ablassen können; wogegen der Orden sich leicht in die Lage setzen kann, daß er sie in seiner Gewalt behält, und sie gar fallen lassen kann, wenn sie sich ihm widersetzen sollten. Es ist daher auch leicht zu erklären, daß solche Abenteurer, die an nichts hängen als an dem Wink ihrer (vielleicht auch ihnen selbst) unbekannten Oberen, denselben wohl getreu bleiben müssen und sich gerne zu allem gebrauchen lassen, zumal da sie bloß dadurch berühmt werden, bloß dadurch mit angesehenen Leuten in Umgang kommen und eine Rolle spielen, auch von daher Unterstützung zu hoffen haben, wenn sie in Verlegenheit kommen. Von diesen geheimen Verbindungen der Jesuiten wird jetzt immer mehr und mehr bekannt; und man kann auf die Wirklichkeit und weite Ausbreitung derselben schließen, wenn man manche Vorfälle in der Geschichte und in dem Buche der Welt aufmerksam betrachtet. Der Hang zum Wunderbaren, welcher durch absichtlich geschriebene Bücher verbreitet wird, bahnt ihnen den Weg, sehr viel auf die Gemüter zu wirken; und die beständige Fortpflanzung dieses Hanges ist vielleicht selbst ihr Werk. Daß einige aus unserer Gesellschaft bei dieser Beschwörung ein Beben unter ihren Füßen zu fühlen glaubten, ist gar nichts Wunderbares. Denn gespannte Einbildungskraft, was sieht und hört die nicht alles! (1787.) kamen oft vor. Uns allen gebot er Ernst, Andacht und Stille. Darauf ging er hinter den Schirm, wo das Kind stand, und wir hörten ihn mit schnellen Zügen der Feder schreiben. Einige aus unserer Gesellschaft behaupteten, sie hätten ein Beben unter ihren Füßen und ein eigenes Getön und Geräusch gehört, als ob etwas auf dem Fußboden des Zimmers gerollt wäre. Ich und andere Mitglieder unserer Gesellschaft haben dies alles nicht gehört. Zwei wollten sogar ein unsichtbares Zupfen an ihren Armen gefühlt haben. Cagliostro trat mit ernstem Gesichte wieder in den magischen Kreis, gebot aufs neue einigen Geistern zu erscheinen, auch *** wurde dem Kinde vorgestellt; und zuletzt sah das Kind einen alten Mann in schwarzem Kleide. Da die Verschwörung zu Ende war, hielt Cagliostro an uns alle eine Anrede, in welcher er ungefähr dieses sagte: »Einer von euch wird gegen mich als Judas aufsteigen, der mich verraten und mir zu schaden suchen wird. Diese Entdeckung habe ich in dem Augenblicke gemacht, da der Geist verstummte und seinen Namen verschwieg. Ich schweige darüber, was mein Herz bei dieser Entdeckung leidet, und zittere nicht für mich, sondern für den Unglücklichen, der an mir zum Verräter wird. Ich stehe unter dem Schutze des großen Baumeisters der Welt, und die Macht, die einen gefangenen Petrus aus doppelt bewachtem Kerker befreite, die wird auch mich schützen, wenn meine Feinde und meine Verräter mich zu Staub zertrümmern wollen. Aber keine Gewalt wird den Unglücklichen schützen können, der verblendet genug ist, sich wider mich zu erheben. Bedauern und beweinen werd' ich seinen Fall, ohne daß selbst ich ihn werde retten können. Aber ihr! die ihr im Guten verharret, vereinigt eure Gebete mit den meinigen, bittet für den, der sich unter euch dem Verderben naht, und betet auch für mich, daß ich allen Versuchen, die der Urheber des Bösen mir legt, ausweichen und meiner bevorstehenden Verwandlung entgegengehen möge«. Auch diese Rede Cagliostros zeigt seine Schlauigkeit und Besonnenheit. Das Kind hatte, wie es scheint, den Namen vergessen. Er entschloß sich also geschwind, diese Wendung zu nehmen und unsere Einbildungskraft mit einer vorseienden Verräterei und mit dem Unglücke, das daraus entstehen würde, zu beschäftigen, damit wir über diesen Vorfall nicht weiter nachdenken sollten. Zugleich wollt' er uns, falls ja einer oder der andere seine Betrügereien entdecken sollte, durch die Furcht, unglücklich zu werden, dahin bringen, unsre Erfahrung zu verschweigen; und wenn dann ihm selbst oder einem von uns, der nicht zu den ganz Gläubigen gehörte, etwas begegnet wäre, so hatte er sich hier den Ausspruch vorbereitet, zu sagen: »Ich wußte und sagte mein oder des andern Schicksal vorher.« Dies würde in solchem Fall wieder unsern Glauben an ihn vermehrt haben. (1787.) Nach einigen Tagen verließen wir Alt-Auz. Die Zeit, welche Cagliostro noch in Mitau lebte, brachte er in meines Vaters Hause zu, und nun wurden keine Fremden mehr zu uns gelassen. Täglich hielt er uns Vorlesungen, in welchen er uns, obzwar er der französischen Sprache gar nicht mächtig war und sie sehr schlecht sprach, die verborgene Weisheit der Magie in mystischen Bildern lehrte. Sein Vortrag war sehr heftig und hatte eine gewisse hinreißende Beredsamkeit; dazwischen aber sagte er so viel Plattes, daß wir alle Augenblicke an ihm irre wurden. Oft liefen gar Lehren mit unter, die mich fürchten ließen, er sei der Nekromantie näher verwandt als der Magie. Wenn ich ihn aber unter vier Augen darüber befragte, und ihn, wenn er solche Lehren vortrug, vor den Versuchungen der Dämonen warnte, dann wußte er mir es deutlich zu machen, daß er seinen Zuhörern solche Fallen legen müsse, um diejenigen, die Hang zur schwarzen Magie hätten, beizeiten zu entfernen und ihre Neigungen auf andere Gegenstände zu lenken, damit sie unschädlich werden und sich nicht ganz zum bösen Prinzipium wenden möchten. Von uns ging Cagliostro auf Befehl seiner Oberen nach Petersburg. Vor seiner Abreise entdeckte er es uns, daß er weder ein Spanier noch Graf Cagliostro wäre, aber auf Geheiß seiner Oberen hätte er diesen Namen und Titel annehmen müssen. Diese Erklärung, daß er kein spanischer Graf und Obrister sei, war von Cagliostro sehr schlau. Denn nun befremdete es uns nicht, da aus Petersburg Briefe mit der Nachricht kamen, daß der spanische Gesandte ihn für keinen Spanier habe gelten lassen. Überhaupt wissen die herumreisenden Magiker trefflich die Entschuldigung zu brauchen, wenn man etwas Unschickliches an ihnen bemerkt, daß sie es auf Befehl ihrer Oberen getan haben. Daher prägen sie auch allenthalben ihren Schülern so tief ein, daß die Befehle der Oberen so heilig seien und so unbedingt befolgt werden müßten. (1787.) Er sagte, er habe dem großen Kophta einige Zeit unter dem Namen Friedrich Gualdo Ein angeblicher Graf Federigo Gualdo aus Venedig, infolge des Lebenselixiers 400 Jahre alt, spukt um die Mitte des Jahrhunderts, u. a. auch in Casanovas Memoiren. (Vgl. Barthold, »Die geschichtlichen Persönlichkeiten in J. Casanovas Memoiren«, II, 39, 205.) Cagliostro hatte sich offenbar dessen Namen und Ruf angeeignet. – v. O. B. gedient; seinen eigentlichen Stand und Namen müsse er uns noch verbergen, vielleicht würde er sich schon in Petersburg in seiner ganzen Größe zeigen und seinen jetzigen Stand und Namen ablegen. Doch könne diese Epoche auch noch weiter hinausgesetzt sein. Auch wüßte er die Zeit noch nicht zu bestimmen, wann die magischen Schriften und der Schatz in Wilzen gehoben werden sollten. Doch wär' er froh, daß er dem Gesandten des bösen Prinzipiums zuvorgekommen und die magischen Schätze so befestigt habe, daß diese Sachen nun nie in die Hände der Nekromantisten fallen könnten. Als ich Cagliostro um die Erlaubnis bat, einem meiner Freunde, den ich aber nicht persönlich kenne, die Erfahrungen, die ich gemacht habe, mitzuteilen, fragte er nach dem Namen dieses Mannes. Ich nannt' ihm Lavatern, aber Cagliostro kannte diesen Namen nicht. Nun charakterisierte ich ihm diesen Mann, so gut ich konnte. Er fragte, wo er lebte. Ich sagte: In Zürich. Auf den andern Tag versprach er mir Antwort hierüber, weil er in wichtigen Dingen unter dem Befehle seiner Oberen stände. Er gab sie mir auch und erteilte mir die Erlaubnis unter dem Bedinge, daß ich etwas über ein Jahr warten sollte, bevor ich meinem Freunde meine durch ihn gemachte Erfahrungen mitteilte. Ich sollte in meinem ersten Briefe von ihm nur als Graf C. sprechen, dann würde Lavater mich fragen: »Ist dieser Graf C. nicht der große Cagliostro?« und ich sollte antworten: »Er ist's«. Mit ungeduldigem Verlangen erwartete ich den Zeitpunkt, da die mir von Cagliostro vorgeschriebene Periode vorübergegangen sei; und da schrieb ich an Lavater meine durch Cagliostro gemachten Erfahrungen, in vollem Glauben an die Wunderkraft unseres Helden. Gerade da mein Brief nach Zürich kam, hatte Cagliostro schon einige Zeit als Arzt in Straßburg figuriert. Nun war es ganz natürlich, daß Herr Lavater mich fragte: ob dieser Graf Cagliostro nicht der menschenfreundliche Arzt Cagliostro sei? – Ist meine Vermutung zu weit ausgedehnt, wenn ich glaube, es sei, da Cagliostro mir die Erlaubnis gab, Herrn Lavatern meine Erfahrungen mitzuteilen, schon in seinem Plane gewesen, mich in dortiger Gegend, gerade zu der Zeit, da er dort sein würde, für sich als einen Zeugen seiner übernatürlichen Kräfte zu gebrauchen? Bald, nachdem Herr Lavater Cagliostro gesprochen hatte, dessen Ansehen durch seinen Besuch vergrößert wurde, schrieb er mir, daß er Mißtrauen in Cagliostro habe, und bat mich um mein offenherziges Urteil über ihn, falls ich ihm weiter nachgespürt haben sollte. Ich hatte gerade zu der Zeit Cagliostro durch Graf P. genauer kennen gelernt und sagte Herrn Lavater nun mein offenherziges Bekenntnis über ihn; aber bat, keinen öffentlichen Gebrauch davon zu machen. Denn wir schämten uns schon recht sehr, von Cagliostro so arg angeführt worden zu sein. Jetzt hab' ich, Dank sei es dem Himmel, selbst Stärke genug, zur Steuer der Wahrheit öffentlich zu sagen: Ich habe geirrt! habe durch falsche Begriffe von Religion nach der Gemeinschaft mit höheren Geistern gestrebt, und habe nichts als arglistigen Betrug auf diesem Wege gefunden! (1787.) Bruchstücke aus Cagliostros magischer Philosophie, über welche er mit mir gesprochen hat. Auch im Jahre 1779 niedergeschrieben. Moses, Elias und Christus sind die drei Hauptvorsteher unseres Erdballes und die vollkommensten Freimaurer, die noch bis jetzt gelebt haben. Obzwar sie sich von diesem Erdballe, nachdem sie hier ihr glorreiches Ziel glücklich vollendet, zu höheren Sphären hinaufgeschwungen haben und dort ihre Kräfte und Weisheit aufbieten, um Geschöpfe höherer Art zu beglücken, und obgleich sie nun schon selbst das unermeßliche Meer der Schöpfung durch neue Welten, die sie zum Preise des Urhebers aller Dinge hervorbringen, vermehren, In der Anmerkung auf Seite 82 habe ich einige Winke über Ideen dieser Art gegeben, die Cagliostro in mir hervorzubringen suchte. Bei diesen Vorträgen ging er so weit, daß er mich zu überreden wußte: Moses, Elias und Christus wären nun selbst Schöpfer so mancher Welten; und die treuen Schüler dieser Vorsteher unseres Erdballes könnten am Ende auch selbst Welten schaffen und beseligen. Vermutlich aber sollten diese drei Namen in geheimer Anspielung nichts anderes bedeuten, als drei geheime Aufseher über drei Zweige geheimer magischer Orden, welche in einem dirigierenden Hauptpunkte I. H. S. zusammentreffen, der durch diese von ihm gesetzte Vorsteher des Erdballs und ihre treuen Schüler auf unserem Erdballe für sich neue Welten schafft; das heißt, dem I. H. S. neue Besitzungen und neue Wirkungskreise erwirbt. Cagliostros ganze sogenannte magische Philosophie ist solche Anspielung, und so ist es auch wohl mit andern Magikern! (1787.) so dauert ihr Einfluß auf diesen Erdball und ihre Vorsorge für uns dennoch immer fort; und jeder von ihnen hat hier eine eigne unsichtbare Gemeinde, die aber insgesamt auf einen Hauptpunkt zusammentreffen und durch verschiedene Kanäle dem bösen Prinzipium entgegenarbeiten. Die Freimaurerei ist die Schule, in welcher diejenigen erzogen werden, welche zur heiligen Mystik bestimmt sind; doch ahnen die unteren Klassen der Freimaurer nichts von diesen Gegenständen, und ihre Aufmerksamkeit wird auf verschiedene Wege gelenkt, damit ihre geheimen Oberen sie desto besser beobachten und die würdigsten unter ihnen zu höheren Zwecken Sollten so viele edle, würdige Männer nicht endlich aufmerksam darüber werden, daß sie von unbekannten Leuten, die sich Oberen nennen, von Leuten, die einen solchen Menschen wie Cagliostro abschickten, ohne daß sie es selbst wissen, zu unbekannten Zwecken gebraucht werden sollen? Sollte diese Idee, die auch, wie ich in gedruckten Schriften, unter anderen im Anti St. Nicaise Teile II (z. B. S. 13, 28, 33, vorzüglich S. 42, 44, 49, 61, 69, 70 usw.) lese, auch von anderen Orten her in geheimen Zirkeln ausgestreut ward, nicht endlich ernsthafte Aufmerksamkeit erregen müssen? Einem edlen Manne, der durch Vernunft, Religion und echte wohldurchdachte moralische Prinzipien seine Handlungen regieren läßt, ist es doch nicht gleichgültig, ob unvermerkt seine Handlungen von andern gelenkt werden. Die vielen wirklich edlen rechtschaffenen Männer dieses Ordens bedürfen meinen Rat nicht. Sie werden es meiner Liebe zur Wahrheit vergeben, wenn ich sie auf das aufmerksam machen wollte, was mir, nachdem ich meine eigene Erfahrung und viele andere Vorfälle überlegte und verglich, in der sogenannten magischen Lehre des Cagliostro noch deutlicher zu liegen scheint. (1787.) brauchen können. Der engere Ausschuß dieser Mitglieder wird von den drei Vorstehern unseres Erdballs gewählt. Diese Untergeordneten von Moses, Elias und Christus sind die geheimen Oberen der Freimaurer. Cagliostro ist einer der Untergeordneten des Elias. Es tut mir jetzt, bei erlangter besserer Einsicht, sehr wehe, daß ein Mensch wie Cagliostro die Dreistigkeit haben können und vermutlich noch hat, sich als ein sogenannter Untergeordneter des Elias, für einen der geheimen Oberen der vielen edlen, redlichen, einsichtsvollen Leute auszugeben, die sich Freimaurer nennen. Es tut mir noch mehr wehe, wenn ich bedenke, daß er (wie S. 96 ff. sehr wahrscheinlich wird) ungeachtet seiner offenbaren Betrügereien in Mitau und in Warschau, dennoch nachher in Lyon zu einer höheren Stufe gestiegen ist. (1787.) Er ist schon zur dritten Klasse gelangt. Die Schüler des Elias sterben nie, wenn sie nicht zur schwarzen Magie hinübertreten; sondern sie werden, wenn ihre irdische Laufbahn gut vollendet ist, gleich ihrem erhabenen Lehrer lebendig gen Himmel gehoben. Doch werden sie, ehe sie zur Zahl zwölf kommen, einigemal durch einen anscheinenden Tod geläutert, aber leben sozusagen aus ihrer eigenen Asche immer auf; und so ist der Phönix das allegorische Bild dieser wohltätigen Magiker! Aus der Pflanzschule der Freimaurer wird die erste geheime Klasse der Anhänger des Elias gewählt; die Anzahl dieser Jünger besteht aus zweiundsiebzig, und diese haben eine Arzenei, welche verjüngt und alle Kräfte der Natur in Gleichgewicht erhält, so daß diese oft Methusalems Alter erreichen. Doch dürfen sie diese Arzenei keinem ohne Vorwissen ihrer Oberen mitteilen. Der zweite Grad wird nach und nach aus diesen gewählt und besteht aus neunundvierzig Mitgliedern. Diese haben das Geheimnis des roten Pulvers, oder, um die Sache bestimmter auszudrücken, sie haben das Mittel, alle Metalle zur Reife des Goldes zu bringen. Auch haben sie die Kraft, ihre Vorgesetzten auf mehr als hundert Meilen in einem Augenblicke das wissen zu lassen, was sie für nötig halten. Aus diesen neunundvierzig werden die fünfunddreißig gewählt. Soweit hinauf war Cagliostro, wie er uns sagte, schon gerückt; und aus diesen werden die vierundzwanzig gewählt. Diese beiden Grade sind die gefährlichsten, weil alle böse Geister sich an diese Mitglieder der Magie machen, um sie vom guten Prinzipium abzulenken; wer aber zum fünften und letzten Grade gelangt, der nimmt in alle Ewigkeit an Vollkommenheiten zu. In diesem letzten irdischen Grade sind nur zwölf Mitglieder. Jetzt sei der große Zeitpunkt vorhanden, da einer dieser zwölf, gleich Elias, zu höheren Regionen aufgenommen werden würde, um in anderen Welten zu wirken; und da sollten aus den vier Klassen die würdigsten Subjekte hinaufrücken. Würden wir nach einiger Zeit hören, daß er gestorben sei, und dann wieder, daß er lebe, so könnten wir darauf rechnen, daß er den Versuchungen aller bösen Geister widerstanden habe und zum vierten Grade hinaufgerückt sei. Vor einiger Zeit, ehe Cagliostro seine Rolle in Paris zu spielen anfing, sagten die öffentlichen Blätter, er sei in Lyon gestorben. Mein vormaliger Glauben an ihn hatte sich zu der Zeit in die feste Überzeugung aufgelöst: daß er bei seinen Betrügereien einen weitaussehenden Plan habe, Aberglauben zu befördern, um dadurch einem Häuflein schlauer Menschen die Gewalt in die Hände zu spielen, allmählich über das ganze Menschengeschlecht zu herrschen. Ich stutzte nun über das feine and weit ausgedehnte Gewebe betrügerischer Bosheit ebensosehr, als ich mich bei dieser Nachricht gefreut haben würde, wenn mein Irrglauben an die höhere Beförderung unseres wundertätigen Untergeordneten des Elias fortgedauert hätte. Mir ist es mehr als wahrscheinlich, daß man in einigen mystischen Gesellschaften, wo Cagliostro ähnliche Erwartungen erregt hatte, Dankfeste für die höhere Beförderung dieses werdenden Heiligen angestellt hat. Ich wiederhole, daß höchstwahrscheinlich alle diese vermeinten Nachrichten von der höheren Magie nichts als eine verabredete Chiffersprache der geheimen Gesellschaft und ihrer geheimen Oberen sind, welche den Cagliostro sendeten. Sterben scheint also in dieser geheimen Sprache eine Veränderung des Grades oder der Beschäftigung, oder eine Beförderung oder Fortschreitung in dem Innern dieser Gesellschaft anzudeuten. Diese Veränderung ging damals vermutlich mit Cagliostro in Lyon vor. Dies ward also in die Zeitungen gesetzt: teils den wenigen, die eine solche Sprache verstehen, zur Nachricht; teils damit von diesem Wundermanne immer nur gesprochen und dadurch Aufmerksamkeit auf ihn erregt werde. Wenn man mit dem wahrscheinlichen Schlüssel zu dieser geheimen Chiffersprache die magischen Lehren Cagliostros und so manche andere ähnliche Lehren liest und sie mit manchen Vorfällen vergleicht, so fängt an ein schreckliches Licht aufzugehen. Wenigstens kann man nun wohl merken, daß so vieles Treiben und Senden nicht von ungefähr kommt, und nicht umsonst geschieht. (1787.) Welcher von uns am treuesten und rechtschaffensten wäre, wessen Seele der Magie bloß um guter Zwecke willen ergeben sei, der könne sich – sei es Mann oder Weib – die Aussicht machen, zu den zweiundsiebzig bei der ersten Vakanz hinaufgerückt zu werden. Cagliostro gab mir die Hoffnung, daß ich zu den zweiundsiebzig hinaufgerückt werden sollte, und sagte mir: er wäre seit der Zeit, da er mich während der Beschwörung die magische Uhr habe halten lassen, überzeugt worden, daß ich zu diesem Glücke bestimmt sei. Was uns und unsern Lieblingsneigungen schmeichelt, findet mehrenteils Eingang, und so träumt' ich mir aus der schmeichelhaften Hoffnung, bald mit höheren Fähigkeiten ausgerüstet zu werden, eine volle Gewißheit. Die Freude, die ich bei dieser Vorspiegelung fühlte, war über allen Ausdruck; und es kostete mir manchen harten Seelenkampf, ehe ich alle diese Träumereien fahren ließ, zur Vernunft zurückkehrte und mir daran genügte, in meinem eingeschränkten Wirkungskreise als Mensch, mit den Rechten und Pflichten der Menschheit zufrieden zu sein. Wenn ich jetzt nachdenke, was Cagliostro unter den zweiundsiebzig kann verstanden haben, nämlich bloß Werkzeuge einer unbekannten höheren Macht, wovon nach seiner sehr deutlichen Lehre I. H. S. die Quelle ist, so danke ich Gott, der mich davor behütet hat, ein solches Werkzeug zu werden. (1787.) Die Königin Saba, deren Geschichte im Alten Testament ganz in magische Bilder gehüllt und nur zum Teile dargestellt wäre, hätte die höchste Stufe der Magie erreicht, zu der noch je eine weibliche Seele gelangt sei. Aber am Ende wäre sie zu schwach geworden, den Versuchungen der bösen Geister zu widerstehen, und da sei ihre Geschichte, nur den waren Magikern verständlich, in der Geschichte der Kalypso vorgetragen worden. Sowohl die Götterlehre der Griechen, als der Zendavesta, die Edda und die Bibel sind der Magie geheiligte Bücher. Der Zirkel und das Dreieck sind magische heilige Figuren. Drei und neun, zwei und sieben sind heilige Zahlen. Wer die Kraft dieser Zahlen und Figuren versteht, ist der Quelle des Guten nahe. Das Wort Jehova faßt zweimal drei in sich und hat eine unermeßliche Kraft. So wie es heilige Zahlen gibt, so gibt es auch heilige Buchstaben. Die Buchstaben I. H. S. muß man nie ohne die tiefste Ehrfurcht anblicken, nennen oder an sie denken, denn sie schließen alle Weisheit und die Quelle der Glückseligkeit in sich. Wer die wahre Würde dieser Buchstaben versteht, ist der ewigen Quelle alles Guten nahe. Drei Kapitel fehlen aus der Bibel Man bedenke, was dieses Vorgeben von einem Menschen wie Cagliostro, unter dem Scheine geheimer Weisheit, in geheimen Gesellschalten fortgepflanzt, für die echte christliche Religion für schädliche Wirkungen haben muß. Die Bibel ist Gottes Wort und die Quelle unserer Religion. Wenn uns nun die vermeinten Magiker, die mit dem I. H. S. zusammenhängen, erst einbilden, sie besäßen von Gottes Wort mehr als alle Christen, und noch dazu etwas, wodurch übernatürliche Kräfte erlangt werden können, so können sie uns im Namen Gottes zu allem bereden. (1787.) und sind nur in den Händen der Magiker. Der, welcher nur eins dieser Kapitel besitzt, dem schon stehen übernatürliche Kräfte zu Gebote. Wer I. H. S., die Sonne, Zirkel und Dreieck, 2 und 7, 3 und 9 und das Wort Jehova nicht in Ehren hält und nicht zur wahren Kenntnis dieser Buchstaben, Zahlen und Worte gelangt ist, wird zum Besitze dieser fehlenden Kapitel aus der Bibel nicht gelangen. Diese enthalten die höchste Weisheit, durch welche die Welt beherrscht wird.« Sollte dies nicht sehr deutlich gesagt sein, daß es die Weisheit ist, wodurch die Welt von den I. H. S. beherrscht wird? Verdient diese Weisheit, daß man sich ihr weihe? Ich glaube, man sieht hier sehr deutlich, was die Absicht aller Magie ist, die seit einiger Zeit so geflissentlich befördert wird und die Absicht der Emissarien, die sie befördern; und ich danke Gott, der es so geleitet hat, daß ich ganz von meinem ehemaligen Glauben an die sogenannte Magie zurückgekommen bin. (1787.) Etwas aus der Vorlesung, die Cagliostro unserer Gesellschaft in Alt-Auz hielt Cagliostro setzte sich an einen großen Tisch, wir alle um ihn, und wir hatten die Erlaubnis, so schnell wir konnten, seine Vorlesungen nachzuschreiben. In dem Tone eines Begeisterten trug er sie vor. Ob er gleich keiner Sprache recht mächtig war, so machte doch die Heftigkeit, mit der er redete und das Galimathias von fremden und zum Teil geheimnisreichen Worten auf uns in der Stimmung der Seele, in welcher wir damals waren, einen großen Eindruck. Den alltäglichsten Dingen wußte er durch Ton und durch geheimnisvollen Anstrich Gewicht zu geben; aber sehr oft sagte er auch etwas ganz Plattes mitunter. – Da ich ihm sagte, daß ich solche Widersprüche in ihm nicht zusammenreimen könne, erwiderte er: ich sollte den Gesichtspunkt nie aus den Augen lassen, daß er den Geist und Charakter seiner Jünger durch mancherlei Dinge auf die Probe stellen müsse. Es tut mir leid, daß fast alle Mitglieder unserer Gesellschaft, seit sie Cagliostro für einen Betrüger hielten, ihre Aufsätze über ihn verbrannt haben. Es wäre merkwürdig, diese jetzt miteinander zu vergleichen; denn jeder von uns schrieb das nach, was ihn vorzüglich interessierte. Mir ist es lieb, daß ich die Denkmäler der Verirrung meines Geistes nicht ganz vernichtet habe, sondern einige davon zur Belehrung für andere wohlmeinende, hintergangene Seelen darstellen kann. (1787.) »Es ist mehr als Eine Sündflut gewesen; dies können die Naturforscher aus den Erdlagen beweisen. Das Alter der Erde geht weit über Menschendenken. Man kann Moses nicht vorwerfen, daß er eine falsche Zeitrechnung in Ansehung des Alters der Erde angegeben hätte; den Magikern ist diese verständlich. – Neugierde, wenn sie nicht auf Tugend und Trieb zu Vollkommenheiten gegründet ist, wird schädlich; Loths Weib ist Beweis hiervon. Moses, Elias und Christus besuchen bisweilen in diesen geheiligten Kreisen unsern Erdball. – Es leben in heimlichen mystischen Gesellschaften einige, die Jahrhunderte zählen. Die heilige Schrift ist voller Bilder tiefer Magie. Judith befreite Bethulia durch Holofernes' Tod! Die wahre Weisheit war ihr Eigentum, denn sie war schon zur Reife der Seele gelangt, daß sie erkannte: die Gebote ihrer Oberen wären das heiligste für sie, Man bedenke einmal, welche abscheuliche Lehre Cagliostro hier fortpflanzte. Also hätten ja seine geheimen Schülerinnen, gleich der Judith auch morden müssen, wenn es ihm seine Oberen befohlen hätten! So weit wollte er uns freilich nicht bringen. Aber der Grundsatz, den er uns hier gelegentlich beibrachte, daß die Oberen nie etwas anderes, als was Gottes Absichten befördere, befehlen könnten, und daß man ihnen also unbedingt gehorchen müsse, führt zu den schrecklichsten Folgen und gibt unbekannten Leuten, welche solche Abenteurer wie Cagliostro absenden, eine unglaubliche und sehr gefährliche Macht. Ich habe nachher gelesen, daß die Jesuiten vorgeben, alle Befehle ihrer Oberen und alles, was durch ihren Orden geschehe, gereiche zu größerer Ehre Gottes. Dies ist genau eben das, was Cagliostro über den Mord sagte, den Judith beging, die er als ein Symbol der Magie vorstellte. (1787.) weil diese nie etwas gebieten könnten, das nicht die gute Absicht des großen Baumeisters der Welt schneller befördere; und so habe das schwache Weib die Kraft gehabt, den zu töten, der durch sein längeres Leben dem bösen Prinzipium die Oberhand gegeben hätte. Zu der Zeit war die geheime mystische Weisheit bei Männern und Weibern zu finden. Aber sie waren weder dem eitlen Tande, noch den sinnlichen Lüsten so als jetzt ergeben, und daher konnten sie schon in ihrer irdischen Hülle zur Gemeinschaft mit höheren Geistern gelangen. Auch jetzt können noch alle Wunder, von denen die Schrift redet, bewirkt werden, wenn wir uns nur von allen sinnlichen Gegenständen entfesseln, mit edlem Triebe nach Vollkommenheit streben und einen solchen Hang, das allgemeine Wohl zu befördern haben, als Curtius hatte, der sich freiwillig in den Tod stürzte. Stärke der Seele ist das erste Mittel, alt zu werden, und die erste Tugend eines echten Maurers. Durch diese reift man zu höheren Kräften; doch gibt es auch physische Mittel, durch welche man sein Leben zu Jahrhunderten verlängern kann. Hier muß ich wieder ein Bekenntnis vom damaligen Zustande meiner Seele ablegen. Die Aussicht eines hohen Alters war mir furchtbarer als der Tod, denn ich sehnte mich zu meinen verstorbenen Freunden. Ich beichtete Cagliostro treuherzig, daß ich durch die Magie nicht gerne meinem frühen Tode entgehen möchte. »Ei!« sagte Cagliostro in dem Tone eines zurechtweisenden Lehrers: »Haben Sie solche Sucht zu genießen und sich nur in selige Freuden zu wiegen, daß Sie diesen Zustand dem tätigen und für das Wohl anderer geschäftigen Dasein vorziehen, so haben Sie freilich nicht Stärke genug, diese Laufbahn zu betreten, die weniger durch Selbstgenuß, als durch Fleiß und Arbeit, durch Selbstbekämpfung andere beglückt und so allmählich der Seligkeit nahe kommt, welche die genießen, die dem Throne des großen Baumeisters der Welten am nächsten sind. Sehen Sie den bestirnten Himmel, alle die Millionen Welten, wollen Sie Ihren Wirkungskreis nicht erweitern ? – Wollen Sie nur für diesen Punkt in der Schöpfung und für die, welche Sie hier kannten und kennen, leben? Nun, so streben Sie nach der Tugend, welche Sie bis jetzt auszuüben suchten; aber verlassen Sie den Pfad, der Sie entweder ins tiefe Elend stürzen, oder Sie zu der Seligkeit bringen kann, in verschiednen Welten für die Seligkeit Tausender wirksam zu sein.« – Diese von Cagliostro hingeworfenen Brocken entflammten meinem jugendlichen Geist mit neuem Eifer zur Magie; aber ein Gedanken schwebte meiner Seele vor, der mich diese Laufbahn mit stiller Schwermut betreten ließ. Schon hatte ich einige mir liebe Toten, die keine Eingeweihte der Magie waren; Schwander schien mir auch so schwer zu bekehren, und von diesen Freuden wollt' ich selbst durch größere Seligkeit nicht getrennt sein. Ich eröffnete meinem mystischen Lehrer also diese Gedanken meiner Seele, und er sagte mir abermals: daß dies eine irdische Schwachheit meines Geistes sei, der noch an den ewigen Schätzen der Magie nicht ganz hinge; ich sollte bedenken, was alles Christus von seinen ersten Nachfolgern verlangt habe: Verlasset alles und folget mir nach! Diese Resignation in eigenen Freuden fordere auch er für das Wohl des Ganzen; doch könne er mir, um mich über diesen Punkt zu beruhigen, sagen: daß, wenn ich erst auf der Bahn der Magie emporsteigen würde, ich auch mit meinen früh verstorbenen Freunden zusammenkommen könnte, und selbst die, die sich hier nicht der Magie ergeben hätten, und alles nur mit ihrem Verstande hätten begreifen wollen, auch nach der Trennung ihrer Seele vom Körper zur magischen Glückseligkeit allmählich hinüberbringen würde, wenn edle Grundlage da wäre. So spielte Cagliostro mit meinen Phantasien und wendete sie an, um seinen Absichten näher zu kommen. (1787.) Alexander der Große lebt noch in Ägypten und bildet eine eigene Sekte der Magiker, die nur über die Helden und Krieger wachen und da nach dem Plane des großen Baumeisters der Welten die beschützen und leiten, denen die anscheinende Gewalt dieser Erde in Händen gegeben ist. Friedrich der Große ist durch Alexanders dienstbare Geister geschützt und bewacht. – Die Gewalt der Könige und Fürsten ist ihnen nur anscheinend gegeben, eigentlich stehen sie unter Magikern, guten oder schwarzen; daher kommt, daß sie entweder gut und glücklich oder hart und tyrannisch regieren. Es ist gar kein Zweifel, daß unter diesem anscheinend widersinnigen Geschwätz nicht versteckte Wahrheit verborgen liegt. Ich habe schon in der Anmerkung auf S. 96 die höchst wahrscheinliche Vermutung geäußert, daß vieles, was uns als großes Geheimnis von Cagliostro vorgetragen ward, nichts als verabredete Zeichensprache der geheimwirkenden Gesellschalten sein möge. Suchen übrigens nicht die meisten vorgeblichen Mystiker und Magiker, soviel sie können, sich an die Großen dieser Erde zu drängen, geheime Gesellschaften zu stiften, um so, wenn Könige und Fürsten Empfänglichkeit für diese Art von Geheimnissen haben, dadurch über sie zu herrschen und solchergestalt leichter in die Geheimnisse der Kabinette und Staaten hineindringen zu können! Wenn, wie ich es höchst wahrscheinlich finde, Cagliostro nichts als ein Emissar der Jesuiten war, so werden die guten Magiker wohl niemand anderes als die Jesuiten vorstellen sollen: durch welche Erklärung verschiedenes, was von der Macht dieser Magiker und von ihren Kenntnissen im allegorischen Dunkel gesagt ward, nun ziemlich helle wird. Cagliostro legte im Gegenteile jedem, der ihm oder auch den Oberen, von welchen er gesendet war, nicht blind und unbedingt glauben wollte, eine Anlage zur Nekromantie oder schwarzen Magie bei. Die Lehren oder die Chiffersprache vom guten und bösen Prinzipium, welche man in dem berüchtigten Buch des Erreurs et de la Verité findet, bestätigen diese Vermutung gar sehr. (1787.) Jedes Metall zur Reife des Goldes zu bringen, sei eine Wissenschaft, die dem nie zuteil werde, der das Gold nur um des Goldes willen und als Beförderung der Eitelkeit, nicht aber zu wohltätigen Zwecken brauchen wolle und daher wünsche. Er würde einigen unserer Mitglieder das rote Pulver, oder, um es bestimmter auszudrücken, die erste Materie, durch welche sie Metalle zur Reife bringen könnten, mitteilen, um zu sehen, wie sie mit diesem Pfunde wuchern würden. Aber auf hundert und mehrere Meilen könne er die Kraft der Wirkung dieses Pulvers hemmen, und jedes unwürdige Mitglied unserer Gesellschaft strafen. Auch sehr fein ausgesonnen! Wer also durch das rote Pulver die Metalle nicht zur Reife des Goldes bringen kann, der ist kein würdiger Schüler, dem zur Strafe hat das Pulver seine Eigenschaft verloren; und so ist die Kraft der ersten Materie immer gerettet. (1787.) Salomon, dessen Tempelbau in gewissen Gesellschaften ein allegorisches Bild ist, fiel auf seiner magischen Laufbahn vom Guten ab, wurde aber wieder gerettet und dem bösen Prinzipium entwunden. Die Geschichte vom Falle der Engel ist nichts als ein allegorisches Bild des Überganges von der weißen zur schwarzen Magie.« Schluß der Geschichte von Cagliostros Aufenthalt in Kurland. Um das Publikum durch die Vorlesungen, die unser Wundermann gehalten, nicht zum Überdruß zu bringen, teile ich keine derselben weiter mit. Aber noch liegen einige Denkmäler meines damaligen Glaubens an Cagliostro in meinem Pulte. Die letzte Zeit, die er bei uns in Mitau lebte, ward ich mißtrauisch gegen ihn, hielt ihn für einen zur schwarzen Magie Hinüberwankenden, und einige unserer Gläubigen fingen an, die nämliche Besorgnis zu hegen. Oft flehte ich in andächtigen Gebeten zu Gott, daß unser Held den Versuchungen der bösen Geister widerstehen und zum Grade der Vierundzwanziger gelangen möchte, ohne sich der Nekromantie zu ergeben. Er hielt in Mitau für den engeren Kreis der Eingeweihten magische Vorlesungen. Ich hatte auch die Erlaubnis, diesen beizuwohnen, aber nicht die, sie nachzuschreiben. Eine dieser Vorlesungen entfernte zuerst mein Vertrauen von Cagliostro. Er trug über das sechste Kapitel des ersten Buchs Moses, zweiten und vierten Vers, einige Lehren der Dämonologie vor, die meine moralische Empfindung empörten; und ich sagte meinem Vater, daß ich diesen Vorlesungen nicht mehr beiwohnen wollte, weil ich meine Zeit besser anwenden könnte, als solche Lehren anzuhören. Cagliostro sprach von der Liebe, welche zwischen den Kindern des Himmels und der Erde geherrscht haben soll, und gab uns zu verstehen, daß nicht nur Christus, sondern er selbst solch einer Vereinigung sein Dasein zu verdanken habe. Die Halbgötter, von welchen die Griechen in ihrer Götterlehre sprechen, wären, wie er sagte, nichts als Früchte einer ähnlichen Liebe. Durch diesen Vortrag verlor Cagliostro ganz mein Vertrauen, und ich glaubte nun, daß die bösen Geister über ihn schon gesiegt hätten. Mein guter Vater aber bat mich so inständig, ja nicht wegzubleiben, daß ich es ihm versprach, das nächste Mal wiederzukommen. Bald darauf hielt Cagliostro wieder eine andere Vorlesung. In dieser gab er Vorschriften, wie ein Frauenzimmer, das nicht lieben wollte, durch magische Mittel sogar zur physischen Liebe zu bringen sei. – Er wurde von allen seinen Schülern wegen dieses Vortrages zur Rede gestellt, wand sich aber mit einer List heraus, denn er bezeugte seine Freude über die Grundsätze seiner Jünger, die er habe prüfen müssen. Ich war über diese Vorlesung teils betrübt, teils indigniert und beschloß nun fest, diesen Alfanzereien nicht mehr beizuwohnen und die Reise nach Petersburg, wegen welcher man immer noch in mich gedrungen hatte, nun geradezu abzuschlagen. Des anderen Tages blieb ich den ganzen Tag zu Hause und gab mich krank an. Der alte würdige Herr †† wurde zu mir abgeschickt, mich zu unserer Gesellschaft zu berufen; ich schützte aber Krankheit vor. Nun ward zur zweiten Gesandtschaft an mich Herr Hinz und Herr N. N. gewählt. Diesen sagt' ich, daß ich nicht krank sei, daß ich aber ferner nicht mehr die Schülerin eines Lehrers sein wolle, der mir schon der Gemeinschaft mit bösen Geistern ziemlich nahe zu sein schien. Beide waren über mein Mißtrauen gegen Cagliostro froh und glaubten vermutlich, ich würde nun von meinen Träumereien zurückkommen. Aber noch war es nicht so weit; denn nur gegen Cagliostro, nicht gegen die Kraft und Göttlichkeit der Magie war ich damals mißtrauisch. In dieser letzten Zeit war Hofrat Schwander so krank, daß er unseren Versammlungen nicht beiwohnen konnte, doch hatte er über alles, was sich zutrug, Nachricht. Ihm war dieser Vorfall äußerst willkommen, weil er ihn als eine Seelenarzenei für mich ansah. Doch auch er bat mich, mich nicht von der Gesellschaft zu trennen; sonst würde Cagliostro meinen Starrsinn als die Ursache angeben, daß nun, weil ich abgewichen wäre, der magische Schatz nicht gehoben werden und alle die Verheißungen, die er unserm Kreise gemacht, durch meine Widerspenstigkeit nicht in Erfüllung gesetzt werden könnten. Dadurch würd' ich mir unter unsern Eingeweihten und vielleicht in meiner eigenen Familie Feinde zuziehen, Ähnlichen Rücksichten ist es oft zuzuschreiben, daß auch sehr vernünftige Leute, welche einen gespielten Betrug einsehen, denselben sich nicht zu entdecken trauen. Daher werden so viele Betrüger und Scharlatans nicht entlarvt. Sie können daher, zum großen Schaden der Vernunft, immer fortfahren zu wirken und die Absichten ihrer Oberen und ihre eigenen durchzusetzen. auch es verhindern, daß Cagliostro entlarvt und mit der Zeit als ein Betrüger dargestellt würde, der Dinge vorgespiegelt und versprochen habe, die er nie erfüllen könne. Auf Schwanders Verlangen und durch die Vorstellungen meines Vaters bewogen, wohnte ich der nächsten Vorlesung unseres Wundermannes bei. In dieser trug er aufs neue große und hohe magische bildliche Lehren vor, die meine Einbildungskraft erhitzten, in meiner Seele allerlei Systeme über Magie erweckten und mich aufs neue in dem Vorsatz stärkten, nach überirdischen Kräften zu streben. – Cagliostro, welcher als ein verschmitzter Mensch wohl einsah, daß er unvorsichtig gehandelt hätte, und daß es zu seinen Absichten nötig wäre, mich wieder zurückzubringen und Zutrauen zu ihm bei mir zu erwecken, suchte sich nun über diese Mißhelligkeit mit mir zu erklären, sagte mir allerlei, was ihm, seinem Vorgeben nach, Hanachiel alles von mir und meinen Gedanken über ihn eröffnet habe. Ich erstaunte aufs neue über seine Kraft, in der Menschenseele zu lesen. Er verbot mir sehr schlau, mit irgend jemand über diese Unterredung zu sprechen. Ich beschwor ihn um des Heils seiner Seele willen, ja wachsam auf sich zu sein und sich der Nekromantie nicht zu nähern, sagte ihm zugleich ernsthaft und sehr determiniert: daß ich ihm und seiner Gattin nicht nach Petersburg folgen könnte, weil er mir es doch eben erst gesagt habe, daß er nun von bösen Geistern versucht würde und vom guten Prinzipium abfallen könne. Ich wolle mich also nicht in die Gefahr begeben, in einem fremden Lande im beständigen Umgange eines Magikers zu leben, der von den Dämonen überwunden werden könnte. Doch verspräche ich, daß, sobald es bestimmt sei, daß Catharina in ihren Landen die Beschützerin der Loge d'Adoption werden und sich zur Magie einweihen lassen wolle, und wenn ich von dieser erhabenen Monarchin berufen würde, um dort die Stifterin dieser Loge zu werden, daß ich alsdann, in Begleitung meines Vaters, unseres Vorgesetzten, und noch eines Bruders und einer Schwester die Reise machen wollte. Cagliostro wendete alle seine Beredsamkeit an, mich zur Reise mit ihm zu bewegen. Am Ende schien er, weil er sah, daß mein Vorsatz, nicht mit ihm zu reisen, unwiderruflich war, mit meiner Erklärung zufrieden zu sein. Er gab mir als Lockspeise, um meine Einbildungskraft noch mehr zu erhitzen, über das Dreieck und den Zirkel, wie er sagte, einen wichtigen Aufschluß; aber er sprach mir da so mystische Sachen vor, daß ich mich nicht herausfinden konnte. Da ich nun nicht die Erlaubnis hatte, dies alles nachzuschreiben (und ich seine Vorschriften, sobald ich sie nicht unbillig und meinen moralischen Prinzipien zuwider fand, gewissenhaft befolgte), so verwirrten sich meine Ideen über diese Sache so, daß ich den Faden verlor und am Ende nichts mehr wußte, als daß Cagliostro ein Dreieck und in selbigem die Figur eines Zirkels hineingezeichnet haben wollte, und daß er mir darüber viel Unverständliches gesagt hatte, welches ich aber für tiefe Weisheit hielt, die mir in der Zukunft noch erst verständlich werden würde. Soviel ich mich indessen noch entsinne, will ich hier aufzeichnen. Folgendergestalt sah das magische Wahrzeichen aus, welches Cagliostro mir vorzeichnete, und über welches er mit großer Emphase sprach: Vielleicht können andere, die auch durch Geisterseherei hingehalten werden, wie ich hingehalten wurde, den Schlüssel zu diesen verschlossenen geheimen Anspielungen oder Absurditäten geben und ergänzen, was ich nur zerstückt liefere. Auch sagte mir Cagliostro viel Unverständliches über das Geheimnisvolle und Heilige der Zahlen in diesem Dreiecke und Zirkel nach verschiedenen Richtungen. Die Bruchstücke, die ich hier aufsetzen will, sind von ungefähr noch so in meinem Gedächtnisse zurückgeblieben. Das Dreieck und der Zirkel, die drei Vorsteher unseres Erdballs und die sieben Hauptgeister machen zwölf aus und haben eine geheime Beziehung sowohl auf die zwölf Apostel als auf die zwölf Oberen der wahren mystischen Freimaurerei. Wenn man das Dreieck und den Zirkel in dieser Figur mit folgenden Zahlen darstelle: dann habe man eine Anspielung auf die zweiundsiebzig, weil man die im Zirkel und Dreiecke hingeschriebene Zahl sieben zuerst festsetze, dabei an unsere sieben Planeten denke, welche dereinst Wirkungskreise für die zweiundsiebzig werden, wenn sie zur Zahl zwölf gelangt, und aus dieser zu höheren Regionen hinaufgehoben würden. Zirkel und Dreieck müßte man zur Zahl sieben als Zahl zwei nebenan setzen, dann habe man die Zahl zweiundsiebzig. Aber zähle man zur Zahl sieben noch Zirkel und Dreieck als zwei hinzu, dann würde aus zwei und sieben die geheimnisvolle Zahl dreimal drei, deren Kraft und Aufschluß nur den zwölf Untergeordneten des Elias ganz verständlich sei und die tiefste Weisheit enthalte. Soviel erinnere ich mich noch deutlich hiervon; das, was mir nicht mehr ganz genau im Sinne ist, übergehe ich. Wenige Tage nach dieser Geschichte kündigte Cagliostro uns an, daß er von seinen Oberen den Befehl erhalten habe, unverzüglich nach Petersburg zu reisen, und daß er uns wahrscheinlich von dort aus den senden würde, der den Schatz in Wilzen heben sollte; vielleicht könne dies auch bei seiner Rückkunft seine eigene Arbeit werden. Wir sollten nur treu im Guten verharren und nach höheren Kräften streben. Kurz vor seiner Abreise aus Mitau entzweite Cagliostro sich mit seinem Diener, suchte Händel mit ihm und jagte ihn mit Schlägen aus dem Hause und aus seinen Diensten; dabei verbot er uns allen, dieses Menschen uns auf irgendeine Art anzunehmen. Dies Gebot von Cagliostro blieb natürlich unerfüllt, und die unedle Art, sich gegen seinen Untergeordneten zu betragen, setzte den Cagliostro tief in meiner Seele herunter. Ich fürchtete, daß dies schon Äußerungen der Gewalt wären, welche die bösen Geister über ihn zu gewinnen anfingen; und dies befestigte mich noch mehr in meinem schon festgefaßten Vorsatz, mit ihm und seiner Frau nicht nach Petersburg zu reisen. Eben dieser von Cagliostro mißhandelte Diener (den er wahrscheinlich auf seinen weiteren Abenteuern, weil er von ihm zu sehr gekannt war, nicht als Zeuge um sich haben wollte) sagte uns nachher: »Cagliostro habe in Venedig einen Bankier um mehr als 2000 Zechinen durch die Hoffnung betrogen, daß er Quecksilber in Silber verwandeln wolle, und sei mit dieser Summe Geldes in der Stille davongegangen, nachdem er seinen Namen, den er in Venedig geführt, abgelegt und den Namen und Titel eines Grafen von Cagliostro angenommen habe.« Freilich erfuhren wir diese Geschichte erst nach mehr als einem Jahre und legten damals dem Diener selbst Verschwiegenheit über diese Sache auf, weil wir uns teils schämten, von solch einem Menschen angeführt zu sein, teils auch diese Geschichte für eine Erfindung des Dieners hielten. Dieser ist seit einigen Jahren nicht mehr in Kurland, daher ich außerstande bin, den Namen anzugeben, den Cagliostro in Venedig geführt haben soll. Noch muß ich, ehe ich den weiteren Fortgang von Cagliostros Geschichte bekannt mache, einen Vorfall anführen, der wider ihn zeugt. Bald nachdem Cagliostro den Betrug mit der Zitation des Herrn v. N. N. gespielt und die Stunde der Unpäßlichkeit desselben bestimmt hatte, machte er und seine Frau einer unserer verehrungswürdigsten und angesehensten Damen Die Frau Starostin v. Korff, geb. von der Wahlen, meine noch lebende geliebte Großmutter. seinen zweiten Besuch und wurde von dieser würdigen Dame, deren Haus sonst jedem angesehenen Fremden offen ist, weil sie Cagliostro für einen Scharlatan hielt, kalt aufgenommen und sozusagen ihres Hauses verwiesen. In voller Wut kam Cagliostro nun zu meinem Vaterbruder und führte über diese Beleidigung die bittersten Klagen. Bald darauf sagte er mit einer Art von begeistertem Zorn: »Kommendes Jahr den 13. Mai wird diese Frau ihre Beleidigung gegen mich büßen. Ehe sie ihre Mittagssuppe ißt, wird sie des Todes sein.« Wir alle erschraken, weil wir diese würdige Dame liebten, und wir suchten Cagliostros Zorn, da wir ihn gewissermaßen für allmächtig hielten, zu mäßigen. Er zog auch bald andere Saiten auf und sagte, daß er, als der zum Wohl der Menschheit Gesandte Gottes, die ihn so beleidigt hätte, bloß deshalb besucht habe, um ihr wohlzutun, und sein Zorn sei daher rege geworden, weil er durch sie in seiner guten Absicht für sie gehindert sei. Er würde vielleicht ihre Todesstunde weiter hinaus haben setzen können, nun aber sei ihr Schicksal unvermeidlich, 1780 den 13. Mai müsse sie sterben. – Cagliostro bekam diese Dame nach diesem Vorfall nicht mehr zu sehen; und noch bis auf diese Stunde lebt diese verehrungswürdige Frau, zur Freude ihrer Angehörigen und ihrer Freunde. Der Tag zu Cagliostros Abreise erschien. Er zeigte Schmerz über die Trennung von seinen Schülern und verhieß jedem von uns, ihn in einen Wirkungskreis zu setzen, durch welchen seine Fähigkeiten zum Wohle der Welt ausgebildet werden sollten. Auch Schätze dieser Erde, Gesundheit und langes Leben, wurde einigen versprochen. Uns alle forderte er abermals in einer feierlichen Rede auf, für ihn zum Schöpfer aller Dinge in andächtigen Gebeten zu flehn, auf daß er sein angefangenes Werk gut vollenden und zu immer höherer Vollkommenheit steigen möge. In der ersten Zeit, nachdem Cagliostro seine Rolle bei uns ausgespielt hatte, waren die meisten von uns noch gar sehr seine Anhänger; obwohl wir zwar oft, zufolge dem schimärischen Systeme, das Cagliostro uns so tief eingeprägt hatte, die Furcht hegten, daß er ein schwarzer Magiker sei. Andere aber hielten ihn für einen intriganten Betrüger; doch fanden die meisten die Experimente mit dem Kinde unerklärlich. Auch wollten die meisten noch desfalls keine schlechte Meinung von Cagliostro fassen, weil keine Geldschneiderei vorgefallen war. Aber Se. Exzellenz der Herr Oberburggraf von der Howen, dem ich diese Blätter als unserm ehemaligen Vorgesetzten vor dem Drucke zur Durchsicht gab, sagt mir nun: daß Cagliostro durch ein gutes savoir faire von ihm 800 Dukaten und einen sehr schönen brillantnen Ring erhalten habe; auch glaubt er, daß ihm noch von einem anderen Freunde eine ansehnliche Summe Geldes gegeben sei. Bis jetzt ward dies verschwiegen; denn wer gesteht gern, daß er von einem Betrüger hintergangen worden sei! Nun aber hat der Herr von der Howen aus Liebe zur Wahrheit mir die Erlaubnis zugestanden, auch dies, zur richtigen Beurteilung der Cagliostroschen Betrügereien, öffentlich bekannt zu machen. Man kann hieraus ungefähr beurteilen, was von dem Vorgeben zu halten sei, daß Cagliostro in Straßburg und anderen Orten sich uneigennützig bezeugt habe. Befremdend war es den Gläubigen unseres Kreises gar nicht, als wir in den Zeitungen lasen, der spanische Gesandte in Petersburg habe dagegen protestiert, daß Cagliostro ein Spanier sei; denn weislich hatte unser Held uns auf diesen Zufall vorbereitet (s. S. 91) und sich auch in Petersburg recht gut herausgewickelt. Von dort aus liefen hier einige Briefe ein, die uns sagten, daß Cagliostro durch seine magischen Experimente daselbst großes Aufsehen mache; und einigemal schrieb er noch aus Petersburg an uns. Der Inhalt seiner Briefe war meistenteils: daß die Stunde noch nicht erschienen sei, da er seine Kraft, so wie er wünschte, zu unserm Wohle anwenden könne. Einen dieser Briefe an mich füge ich hier zur Probe und Beurteilung bei. »Cara Figlia e Sorella!« Es ist auch seine schlechte Orthographie beibehalten. »In questa potrete imaginarvi, se ho della stima per Voi, mai ho scritto a donne, e per questo è il primo vincolo che rompo in voi perche vi stimo, e il futuro sarà che vi dara prove del mi ooperare. Ed intanto cara, non vi dimenticate i mie consigli e l'amore fraternale. Il silenzio è quello che vi indurrà alla vera strata dei Sabbini, e vi fàra unire alla gloria celeste, e sarete sodisfarta dai trovagli che farto avete. Sieche sappiate, cara Sorella, che io sono il medesimo sempre per voi, e avrò tutta la cura possibile per farvi contenta; ma il silenzzio ritorno arreplicarvi. Ed intanto v'incarico imbasciatrice per tutta la logia dei F.'.e S.'., acciò l'abbracciate per me, e specialmente il vostro Caro Padre e Madre e Sorella, alli quale farete tutto quello che il vostro cuore vi dirà, e direte che spero in breve tempo di abbracciarli di presenzza. Ma nel tempo istesso v'incarico di pregare al Grande Iddio per me, perche mi ritrovo circondato di nemici, e pieno di amarezzi, in unione di mia moglie vostra cara sorella; ma bisognia sofrire con pasienzza, e battere l'ingnioranzza profanesca. Per adesso non posso dirvi di piv ma fra poco vi dirò di piv. E con questo finisco con darvi i saluti di mia moglie, come il consimile osserva con tutti j F.'.e S.'. E per non piv dilungarmi, mi resto con abbracciarvi di quore, come osservo con tutti j F.'.e S.'., e non vi dimentichiate di me ut Deus.« Vostro per sempre che vi ama die quore 1255 Cagliostro unterschrieb gewöhnlich nicht seinen Namen, sondern machte nur dies Z (mit einem perpendikulären Striche am Querstriche) und die folgende Zahl 1255 dreimal unterstrichen. Auch wenn er seinen Namen unterschrieb, setzte er diese Zeichen hinzu. Man glaubt, weil diese zusammensummierte Zahlen 13 ausmachen, so möchten sie vielleicht N. oder Noster , ein Beiwort der Jesuiten andeuten sollen. Das Z soll auch in einer gewissen geheimen Gesellschaft gebraucht werden. ≡≡≡≡ Übersetzung des Briefes von Cagliostro. »Liebe Tochter und Schwester! Hieran können Sie sehen, ob ich Achtung für Sie habe; denn noch niemals habe ich an Frauenzimmer geschrieben. Cagliostro gab vor, daß er das weibliche Geschlecht verachte. (S. oben S. 28, Anm. 1.) Dies ist das erste Band, das ich Ihretwegen breche, weil ich Sie hochschätze; das zweite wird sein, das Ihnen Proben von meinen Operationen geben wird. Indes, meine Teure, vergessen Sie nicht meinen Rat und brüderliche Liebe. Das Stillschweigen ist es, was Sie auf den wahren Weg der Sabbinen bringen und Sie mit dem himmlischen Glanze vereinigen wird, so daß Sie mit aller Mühe sehr wohl zufrieden sein werden. Sie werden auf diese Art erfahren, liebe Schwester, daß ich stets derselbe für Sie bin und alles mögliche anwenden werde, um Sie zu befriedigen; aber das Stillschweigen muß ich Ihnen noch einmal empfehlen. Inzwischen gebe ich Ihnen den Auftrag an die ganze Loge der Brüder und Schwestern, sie in meinem Namen zu umarmen, und vorzüglich Ihren lieben Vater und Mutter und Schwester, gegen welche Sie alles das, was Ihnen Ihr Herz eingibt, tun werden; sagen Sie ihnen, daß ich in kurzem hoffe, sie persönlich zu umarmen. Zugleich trage ich Ihnen auf, den großen Gott Grande Iddio. Es wird im Italienischen das I. eigentlich nur vorgesetzt, wenn ein Konsonant vorhergeht. Man glaubt, daß Cagliostro mit den Anfangsbuchstaben G. I. Finesse suchte. für mich zu bitten, weil ich mich mit Feinden umgeben und voll Trübsalen finde, nebst meiner Frau, Ihrer lieben Schwester. Aber man muß in Geduld aushalten und die profane Unsicherheit besiegen. Jetzt kann ich Ihnen nicht mehr sagen, aber in kurzem werde ich es tun. Ich schließe mit Vermeldung des Grußes meiner Frau, wie sie auch alle Brüder und Schwestern grüßt. Um nicht weitläufiger zu werden, höre ich hier auf und umarme Sie herzlich, wie ich auch gegen alle Brüder und Schwestern tue. Vergessen Sie meiner nicht; ut Deus.« Diese zwei lateinischen Worte sollen vermutlich die abgekürzte biblische Redensart bedeuten: »Damit Gott sie wiederum nicht vergesse.« Auf immer der Ihrige der Sie von Herzen liebt 1255 ≡≡≡≡ Der sel. Schwander, der durch die Geschichte mit Cagliostro nun erst meinen wahren Hang zur Mystik ganz kennen gelernt hatte, suchte mit weiser Vorsicht meiner Seele allmählich eine andre Richtung zu geben. Aber die Arbeit ward ihm schwerer als Nathan dem Weisen Rechas Belehrung. Oft, wenn Schwander mit hinreißender Beredsamkeit und wahrer Weisheit der Wirklichkeit der Magie widersprach, alle Cagliostrosche Stücke für Taschenspielereien wie Comus und Philadelphias Künste erklärte, sagte ich ihm aus meinem zusammengewebten Spinnengewebe magischer Systeme so viele Gegengründe, daß es diesem weisen Mann klar wurde: auf diesem Wege könne er mich nicht bekehren. Er widerlegte daher vorderhand meine magischen Träumereien nicht. Nur versuchte er, mir es anschaulich zu machen, daß ich über dem Streben nach höheren Kräften Pflichten gegen meine Mitmenschen versäume; aber ich bewies ihm wieder aus meinem magischen Systeme: daß man gar nicht auf dem rechten Wege der Magie sei, solange man nicht Tätigkeit für diese Welt mit dem Streben nach höheren Kräften verbinde. Bisweilen versuchte Schwander doch die ganze Sache gegen mich lächerlich zu machen. Er sagte: die ganze Schöpfung käme ihm nach Cagliostros Lehren wie eine Zauberlaterne vor, und der Schöpfer solch einer Welt stünde weit unter dem Gotte, den er sich dächte; und so würde er sich selbst am Ende ehrwürdiger als der Gott, der so weit unter dem Ideale stände, das er sich vom Weltschöpfer gemacht. Auch wären die Geister, die unter Cagliostro stünden, wahre Fratzenwesen; er würde, sobald er mit ihnen in Verbindung käme, sie rebellisch machen; sie sollten sich nicht mehr unter Cagliostros Fußsohlen schmiegen und sich vor seinem magischen Sehwerte fürchten u. dgl. Diese Spöttereien befestigten meinen Glauben an Cagliostro noch mehr, und ich bewies Schwandern, daß er das magische System gar nicht gefaßt habe. Die Geister, die Cagliostro mit dem Degen und durch Stampfen der Füße im Zwange hielt (sagte ich), wären die mittleren bösen Geister; und damit glaubte ich was Rechtes bewiesen zu haben. Schwander erzählte mir hierauf die Geschichte eines Atheniensers, der ein sehr kluger Mann gewesen sei und nur die einzige Narrheit gehabt habe, zu glauben, alle Schiffe, die in dem Hafen ankämen, gehörten ihm. Durch einen geschickten Arzt sei er von dieser Idee kuriert worden, aber er habe denselben nachher verklagt und verlangt, man sollte ihn wieder so reich machen als er gewesen sei. Er bäte mich, ich sollte ihm nur die Versicherung geben, ihn nicht vor Gericht zu fordern, wenn er mich am Ende um meine magischen Wunder, wie der Arzt den Athenienser um seine Schiffe bringen würde. Dieser freundschaftliche, wohlgemeinte Spott tat mir sehr wehe, gab meiner Seele aber um kein Haarbreit eine andere Richtung. Nun versuchte Schwander, mich von der Seite zu fassen, daß er weder bei Cagliostro, noch bei Schröpfer, noch bei irgend jemand, der in Verbindung mit höheren Geistern zu stehen vorgäbe, große ausgezeichnete Tugend gefunden habe. Cagliostro hätte mehr als einmal Stolz, Zorn und Rache verraten. Er wolle, solange er nicht die Überzeugung habe, daß diejenigen, die über Geister zu gebieten hätten und mit höheren Wesen in Verbindung stehen sollten, dadurch edler und besser als der gewöhnliche Haufen der Menschen werden, lieber mit simplen Menschen umgehen, sich und diese zu Tugenden bilden, die in dieser Welt glücklicher machen, und bei der Verwandlung unseres Seins die Empfänglichkeit zu höherer Seligkeit vermehren. – Diese Vorstellungen fanden mehr Eingang bei mir; doch sucht' ich sie folgendergestalt zu widerlegen: »Gott erzieht (sagte ich damals) alle seine Geschöpfe soviel als möglich zur Tugend und Glückseligkeit. Er setzt jeden von uns in die Lage, durch welche wir am vollkommensten werden, am glücklichsten machen und sein können. Nero und Kaligula, in anderen Lagen, wären noch lasterhafter geworden, hätten noch mehr Unglück verbreitet. Würde Cagliostro diese Kräfte nicht besitzen, alsdann würde er vielleicht sich und andere durch Laster unglücklich machen; dahingegen er doch jetzt manches Gute wirkt und gewiß immer mehr an Vollkommenheiten zunehmen wird, wenn er nur nicht zur schwarzen Magie übergeht.« Denn diese schwarze Magie war noch immer das Schreckensbild, was sich meiner Seele zeigte, sobald ich etwas Verabscheuungswürdiges denken wollte. Ach! wenn ich noch in den damaligen Zustand meiner Seele zurückschaue, so seh' ich, daß nichts schwerer ist als die Nebel zu zerteilen, die Irrglauben mit Aberglauben verbunden um uns verbreiten. Durch sie verleitet, weiß man die abenteuerlichsten Lehren in das ehrwürdige Gewand der Religion zu hüllen; und selbst bei den größten Trieben zur Tugend können wir uns nicht mehr aus den Labyrinthen des finstersten Aberglaubens herausfinden, sobald uns erst gewisse Dinge, gegen die Stimme der Vernunft, durch Vorspiegelung der Erlangung höherer Kräfte und höchster Glückseligkeit aufgedrungen worden sind. Nach einigen Monaten verließ Cagliostro wiederum Petersburg und reiste ganz in der Stille durch Kurland, um nach Warschau zu gehen. Einer von den Leuten meines Vaters war ihm in Mitau begegnet, und da Cagliostro ihn erkannte, gab er diesem den Auftrag: meinen Vater und uns alle zu grüßen und uns zu sagen, jetzt müsse er nur schnell durchreisen und könne keinen von uns sprechen, aber bald hoffe er wieder bei uns zu sein. Nun wurden fast alle von uns über unseren Helden unzufrieden. Wir fingen an, ihn für einen Betrüger zu halten, und gaben nun die Hoffnung auf, daß er nur irgendeine seiner uns gegebenen Versicherungen zu erfüllen imstande sei; obgleich keiner von uns seine vorgeblichen magischen Stücke zu der Zeit zu erklären wußte. In dieser Epoche erschien Nathan der Weise und ward auch bei uns in Kurland bekannt. Schwander las mir dies Meisterstück unseres unsterblichen Lessings mit Begeisterung vor und begleitete Nathans Reden mit seinen weisen Betrachtungen, die mir ans Herz gingen. Vorzüglich war die Stelle mir aufgefallen:                     Begreifst du aber, Wie viel andächtig schwärmen leichter, als Gut handeln ist? Wie gern der schlaffste Mensch Andächtig schwärmt, um nur, – ist er zu Zeiten Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt – Um nur gut handeln nicht zu dürfen? Meine Augen wurden naß! Ich erforschte mich, schlug das Buch wieder auf, und nun fielen meine Augen auf die Stelle: »Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf Von Eisen will mit einer silbern Zange Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst Ein Topf von Silber sich zu dünken.« Mein Herz schlug heftiger, ich las den Nathan wieder; und obgleich ich damals immer noch den Gedanken hegte, daß es viele verborgene Kräfte der Natur gäbe, und daher den Glauben hatte, daß Magie möglich sei, so erschien mir nun doch bei fortgesetztem reiferen Nachdenken das ganze System magischer Philosophie endlich als ein ganz schimärisches Ding, durch welches man außer aller wahren Tätigkeit für die Welt gesetzt und ein Spiel intriganter Gaukler wird. Jetzt brachte jedes Gespräch, das ich über diese Materie mit Schwander hatte, mich zur Vernunft mehr zurück. Alles, was Graf P. uns in der Folge von Cagliostros Aufenthalt in Warschau sagte, und was zum Teil in der schon angeführten kleinen Schrift »Cagliostro in Warschau« enthalten ist, bestätigte den Glauben in uns, daß dieser vermeinte Wundermann nichts als ein grober Betrüger sei, der nach den Charakteren, mit denen er zu tun habe, die Schwachheit und Neigung der Menschen mit schlauer List zu benutzen und seine Rolle nach Umständen, zwar ziemlich plump, aber doch auch sehr verschmitzt zu spielen wisse. Nachdem ich meiner zerrütteten Gesundheit wegen, auf Anraten der Ärzte, eine Reise nach Karlsbad, Brückenau und Pyrmont machen mußte, und auf meiner Reise durch einen großen Teil von Deutschland den Glauben an Mystik, an geheime Kräfte, an Wunder so weit verbreitet fand; da erst fing der versteckte Plan an, mir sichtbar zu werden, vermittelst dessen ein unsichtbares Häuflein so sehr bemüht ist, den Verstand im Schlamme des Aberglaubens versinken zu lassen, um dadurch allmählich über Länder und Völker leichter herrschen zu können. Wenn ich mir jetzt die Gefahr ausmale, in welche ich bloß durch wohlgemeinte dunkle Gefühle kam, in den Händen eines Betrügers ein Ball zu werden, welchen er nach Belieben, wohin er wollte, werfen konnte, um ihn seinen Absichten gemäß zu gebrauchen; dann danke ich Gott, daß ich so glücklich dieser großen Gefahr entkommen bin, und dann stellt sich diese mir so lebhaft dar, daß ich es nicht bereue, mich entschlossen zu haben, die Geschichte Cagliostros, soweit sie mir bekannt ist, und den Gang meiner Seele dabei aufzuzeichnen, und beides zur Warnung für andere öffentlich bekannt zu machen. Dankt nur eine Seele mir es dereinst, daß ich sie durch diese offenherzigen Bekenntnisse der Irrtümer meines Verstandes vom Verderben errettet und zur wahren, vernünftigen Gottesverehrung zurückgebracht habe; so will ich mir ruhig den Tadel des großen Haufens gefallen lassen und mich in das Bewußtsein hüllen, daß Liebe zu meinen Mitmenschen und zur Wahrheit mir die Stärke gab, mich und meinen Irrglauben meinen Zeitgenossen treuherzig darzustellen. Von Cagliostros Aufenthalt in Petersburg weiß ich nichts Zuverlässiges zu sagen. Nur so viel ist gewiß, daß, ob er zwar dort auch verschiedene Personen durch allerlei abenteuerliche Aussichten einige Zeit hingehalten, er seinen Hauptzweck dennoch ganz verfehlt hat. Nach allem hier Gesagten glaub' ich es nicht, daß man mir noch die Beschuldigung wird machen können, ich habe vor dem Hange zur Mystik und vor Cagliostro ohne zureichenden Grund gewarnt, wie einige mir dies in freundschaftlichen Briefen zu erkennen gegeben haben. Noch weniger aber glaub' ich, daß irgend jemand, der diese Schrift liest, fernerhin den Wahn wird hegen können, Cagliostro habe irgendeine Verbindung mit höheren Wesen gehabt. Er, der in seinem Mémoire justificatif seine vorgeblichen magischen Experimente mit dem Kinde selbst für nichts weiter als einen gesellschaftlichen Scherz ausgegeben hat! Er, dem weder ein dienstbarer Geist aus Gabriels noch aus Lucifers Alle Geister, die sich in iel endigen, sind den weißen, und alle, die sich in fer endigen, sind den schwarzen Magikern dienstbar. Diese wichtige Lehre der Dämonologie muß ich auch noch hersetzen. Reiche in Warschau und Paris etwas ins Ohr gelispelt hat! Doch, ist mir denn der Geist und Gang der Magie so fremd geworden, daß ich nicht selbst in Cagliostros vorgeschriebener Sprache sagen kann: »Auf Geheiß des großen Kophta hat Cagliostro selbst seine magischen Experimente für Fratze erklärt, um die Blinden, denen das Licht schädlich werden könnte, noch mehr irre zu führen. In Warschau hat er keine wahre Verwandlung der Metalle vornehmen wollen und alles so eingefädelt, daß der Anschein wider ihn ist, weil diese undankbaren Jünger keine bessere Begegnung verdient haben und er sie nichts von seiner wahren Größe hat ahnen lassen wollen. In Paris ist er unschuldig in den Kerker geworfen, um mit neuem Glanze die Bahn der Welt zu betreten und eine Sonne zu sein, die einen Teil des Erdballes erleuchtet.« Verschiedene meiner Leser werden glauben, es sei allzu töricht, so zu reden, und niemand könne jetzt eine solche Sprache führen. Ich müßte mich aber sehr irren, wenn nicht diese Sprache in manchen geheimen Kreisen geführt und dadurch für die Magie und Cagliostro neue Anhänger zugestutzt werden. Mein Herz schlägt voll trauriger Besorgnis, wenn ich so manche edle Seele von diesem Hange zur Mystik ergriffen sehe! Doch, ich traue auf Gott, der mich aus den Labyrinthen der Schwärmerei und des Aberglaubens herausgeführt hat, und dessen ewige Weisheit selbst durch Irrglauben und Aberglauben die Seelenkräfte der Menschen allmählich entwickelt und zur Glückseligkeit reifen läßt. Dieser allweise Regierer aller Wesen wird auch zum Besten der Vernunft das herumschleichende Gift des Aberglaubens endlich zur wohltätigen Arzenei auflösen. * * * Ich will hier noch eine Geschichte anhängen, die auf den Gütern meines Vaters vor einigen Jahren vorfiel. Herr Professor Meißner hat schon diese Geschichte aus mündlicher Erzählung in seinen Skizzen Meißners Skizzen, siebente und achte Sammlung, S. 235. öffentlich bekannt gemacht. Meiner Erzählung mangeln die Reize, welche dieser berühmte Schriftsteller dem, was er vorträgt, zu geben weiß. Ich glaube aber doch, diese merkwürdige Geschichte werde hier nicht am unrechten Orte stehen. Sie kann zeigen: wie ähnlich sich die Menschen aus allen Klassen sind, daß die Prätension einer besonderen Frömmigkeit und dadurch bewirkter geheimer Kenntnisse und Vorhersagungen sehr oft aus der Quelle des Stolzes, der Herrschsucht und des niedrigsten Eigennutzes kommt, und daß sie durch verkehrte Religionsbegriffe noch vermehrt wird. Es sind hauptsächlich diese Neigungen und Leidenschaften, wodurch mehrere neuere Scheinheilige und Wundermänner gebildet werden, welche die äußeren Übungen der heiligen Religion, die ihrer Stiftung nach die größte Wohltäterin des menschlichen Geschlechts sein sollte und wirklich ist, zu den unverantwortlichsten Absichten mißbrauchen. Ein junger Bauer, der im Gesinde In Kurland sind keine eigentlichen Dörfer, sondern einzelne Wohnungen. Eine solche Wohnung des Bauers mit allen dazu gehörigen Wirtschaftsgebäuden wird ein Gesinde genannt. seines Bruders als Knecht lebte, suchte sich vorzüglich durch scheinbare Andacht und frommen Lebenswandel auszuzeichnen. Dreimal des Jahres feierte er das Gedächtnismahl unseres göttlichen Vorgängers mit solch einer sichtbaren äußerlichen Rührung des Herzens, daß manche gute Seele diesem Frömmling nachzuahmen suchte. Allmählich verbreitete sich das Gerücht der ausgezeichneten Frömmigkeit dieses Bauern im ganzen Gebiete, Das Gebiet heißt in Kurland die gesamte Besitzung eines Edelmanns. und man bekam für ihn, als einen besonderen Liebling Gottes, eine vorzügliche Achtung. Denn man hatte schon bemerkt, daß, sobald er von jemand beleidigt wurde, die Strafe Gottes diesen sogleich verfolge, so daß oft das beste Pferd im Stalle des Bauern tot gefunden wurde, welcher diesem Lieblinge der Vorsehung etwas in den Weg gelegt hatte. Keiner war dann trauriger und teilnehmender an diesem Unfall des Nachbarn, als der Held dieser Geschichte selbst. Ja oft ging er gar so weit in der Teilnahme an dem Unfalle seines Beleidigers, daß er von seinen Ersparnissen ihm eine kleine Beisteuer gab, mit der Vermahnung, ihm als einem Lieblinge Gottes nie mehr zuwider zu handeln. Nach Verlauf weniger Jahre wurde er unter den Bauern als ein halber Heiliger verehrt. Er konnte dadurch gewissermaßen über einen ziemlichen Teil der Bauernschaft nach seinem Belieben herrschen und sich dabei einen guten Tag pflegen, denn die beste Butter, Käse und Schinken, sowie die wenigste Arbeit, ward immer diesem Frommen zuteil. Sein Bruder, bei dem er als Knecht diente, wollte ihn einst bei übler Jahreszeit und schlechtem Wege mit Getreide nach Libau einige Meilen weit schicken, weil dieser glaubte, daß er als sein Bruder auf seinen Vorteil vorzüglich bedacht sein würde. Er aber weigerte sich dagegen, in so schlechter Jahreszeit zu reisen, und schlug einen anderen Knecht vor. Der Wirt In Kurland wird der Besitzer eines Gesindes der Wirt genannt. aber bestand darauf, daß er diese Reise machen müsse, weil dem anderen Knechte eine andere Arbeit aufgetragen sei. »Gut,« erwiderte der Frömmling, »ich will also reisen; aber ich bedaure dich und deine Kinder: denn das wird Gott nicht ungerächt lassen, daß du seinem Lieblinge zuwiderhandelst.« – Der ältere Bruder spottete über die Vorstellung, die der jüngere ihm von Gott zu machen suchte, und war so kühn zu sagen, daß ein Liebling Gottes keine Arbeit scheuen müsse. Der jüngere Bruder unterzog sich also dem Verlangen des älteren und versprach, seinem Befehle gemäß, mit dem Anfange der Woche zu reisen. Dieser kleine Zwist unter den Brüdern war am Freitag vorgefallen, und den Sonntag darauf wollte ein Teil der Bauernschaft kommunizieren. Am Sonnabend pflegen unsere Bauern insgesamt sich des Abends in einer kleinen, von der Bauernwohnung etwas entfernten Badehütte zu baden. Gerade da der Bruder unseres Frömmlings mit seinem Hausgesinde in der Badestube war, erhob sich ein großes Geschrei über Feuer. Die erschrockenen Bauern liefen hinaus, und nun sahen sie, daß ihre Wohnung mit allen umliegenden Gebäuden in lichter Flamme stand. Alles Hab und Gut des Bauern und seiner Knechte und auch das Getreide, das zur Stadt geführt werden sollte, ward in Asche verwandelt, so sehr sie auch bemüht waren, das Feuer zu löschen. Der Frömmling, der das Feuer zuerst erblickte und das Geschrei zuerst erhoben hatte, war über den Verlust, der seinen Bruder, ihn selbst und alle Mitknechte betroffen hatte, äußerst traurig, hielt seinem Bruder den gestrigen Zwist vor und ging nun mit allen diesen traurigen Bauern des andern Morgens zur Kirche. Auf dem Wege dahin machte er noch in rührenden Ausdrücken Beobachtungen über die Rache Gottes bei diesem Vorfalle. Unser Frömmling, um auch in der Kirche durch Demut zu glänzen, hatte schon längst immer affektiert, in der Reihe der Kommunikanten der letzte zu sein, der vor dem Altar kniete. Als nun der Prediger, dessen Hände vor Alter sehr zitterten, den Kommunikanten die Oblaten reichte und am Ende auch an unseren scheinheiligen Mann kam, so entfiel den zitternden Händen des Greises der Teller und Oblaten, ohne daß der Kommunikant eine derselben empfangen hatte. Als nun der Prediger den Kelch herumreichte, verdoppelte sich das Zittern des schon ermüdeten alten Mannes; und der Kelch stürzte, als er an diesen Bauern kam, mit dem Weine vor dessen Füße hin, ohne daß er etwas vom Weine genossen hatte. Jetzt bemächtigte sich die fürchterlichste Gewissensangst dieses Menschen. Er flog nach dem Gottesdienste zum Prediger, beschwor ihn, durch das Blut Jesu ihn von seinen Sünden zu waschen, und gestand in der Angst seines Herzens, daß er glaube, Gott wolle sein Verbrechen nun strafen und habe ihm das Versöhnungsblut Jesu entzogen, weil er tags vorher das Feuer bei seinem Bruder angelegt habe, und weil er oft, um sich bei den dortigen Bauern das Ansehen eines von Gott geliebten Menschen zu geben, den man nicht beleidigen dürfe, nach kleinen Zwistigkeiten die Pferde, das Vieh, die Hühner und Gänse der Nachbarn erwürgt habe. Der Prediger erschrak über dies Geständnis und zeigte bei meinem Vater die Sache an. Bei uns haben alle Gutsbesitzer auf ihren Gütern das Recht über Leben und Tod der Missetäter. – Mein guter Vater ersetzte den Verlust der Bauern, die durch den Brand gelitten hatten, legte dem Mordbrenner nur eine Leibesstrafe und dreijährige Bauarbeit in Ketten auf, ließ diesem unglücklichen Menschen richtigere Begriffe der Religion beibringen und gestattete ihm nicht eher den Genuß des Liebesmahls Jesu, als bis er der besseren moralischen Gesinnungen dieses Menschen versichert zu sein glaubte. Noch jetzt lebt dieser Bauer schon seit verschiedenen Jahren als ein guter, fleißiger, moralischer Mensch auf Alt-Auz, dem väterlichen Gute, welches jetzt mein ältester Bruder hat. Ich überlasse es meinen Lesern, ob ich unrecht habe, zu glauben, daß diese Geschichte beweist, wie leicht irrige Religionsbegriffe zu Verbrechen leiten können, wenn Stolz und Herrschsucht den Hang erzeugen, für einen Liebling Gottes zu gelten und mit Wunderkräften ausgerüstet zu scheinen. Nachschrift. Ein Freund, der diese Epistel bei mir las, riet mir, den Eingang wegzulassen und mit der Zeile anzufangen: Könnt' ich nur noch ein einzigmal usw. Er hielt es besser für mich, die Mystiker, Schwärmer und Geisterseher, welche jetzt ihre Herrschaft so weit ausgebreitet haben, ganz zu übergehen. Aber, so leicht ich sonst aus meinen poetischen Versuchen etwas wegstreiche, so wenig konnte ich mich diesmal dazu entschließen. Ich sehe es wohl ein, wie bedenklich es ist, sich auf eine Materie einzulassen, die nur wenig Leute in ihrem rechten Lichte sehen können, und welche durch mancherlei Umstände so oft noch mehr verdunkelt wird. Allein, die Gefahr der überhandnehmenden Schwärmerei, des Geistersehens und aller geheimen Künste macht, daß ich mich über alle Rücksichten wegsetze. – Ich bin, mit den besten Absichten von der Welt, noch vor wenig Jahren in Gefahr gewesen, in Schwärmerei und finsteren Aberglauben zu geraten. Da ich selbst am Rande des Abgrundes gestanden, so kann ich so viele gute Menschen, welche durch mißverstandene religiöse Begriffe sich irreführen lassen, mit wahrer Überzeugung warnen; und ich halte es für meine Pflicht, es zu tun. Ich ergreife diese Gelegenheit dazu. Ich will allenfalls gern ertragen, daß ich unrichtig beurteilt werde, wenn ich durch dies mein freies Bekenntnis, welches ich der Wahrheit hier bringe, auch nur eine Seele von den gefährlichsten Irrtümern, die ich kenne, retten kann. Der aus gewissen neueren mystischen Schriften geschöpfte Glaube, daß die Wunderkraft der Apostel noch fortdauere, und der Wunsch, für das Wohl vieler Tausender tätig zu sein, – entflammten einst meinen jugendlichen Geist und ließen mich nach überirdischen Kräften streben. In dieser Seelenstimmung starb mein liebster Bruder, ein zwanzigjähriger Jüngling, der durch Kopf und Herz die Freude der besten Menschen, die ihn kannten, war, und den ich mit der innigsten Schwesterliebe ganz unaussprechlich liebte. Sein Tod vermehrte meinen Hang zur Mystik. Manche Nacht verbracht' ich in stillen Gebeten auf Kirchhöfen und hoffte des Glückes gewürdigt zu werden, Umgang mit Verstorbenen und höheren Geistern zu genießen. Ich verlor bei diesem Streben meine Gesundheit; nur die Aussicht jenseit des Grabes lächelte mich an, wie sie mich, Dank sei es Gott, bei meinem jetzigen Glauben an Vernunft noch anlächelt. Aber ich halte nun für Menschen, solange die unsterbliche Seele in ihrer sterblichen Hülle wohnt, den Umgang mit höheren Geistern unmöglich. – Wenige Monate nach meines Bruders Tode kam der jetzt so berüchtigt gewordene Cagliostro nach Mitau. Er wußte sich auf mehrere Personen Einfluß zu verschaffen; und er schien mir in meiner damaligen Seelenlage ein Mann Gottes, durch den ich mich über dieser Endlichkeit Schranken hinaufschwingen würde. Er begünstigte diesen meinen Glauben. Ich lernte ihn und seine Absichten dadurch näher kennen, und auf diese Art ward er das Werkzeug, durch welches die Vorsehung mich tiefer in die Pläne und Betrügereien heutiger Mystiker und Propheten hineinschauen ließ, so daß ich nun aus eigener Erfahrung davor warnen kann. Ich schweige hier und würde über dieses Geheimnis der Bosheit noch länger geschwiegen haben, wenn ich nicht in der Hamburger Zeitung einen Artikel gelesen hätte, woraus ich sehe, daß Cagliostro in seiner Verteidigungsschrift sich auf seinen hiesigen Aufenthalt und auf unser Zeugnis berufen hat. Ich befürchtete nun, ich möchte durch längeres Stillschweigen mir den Vorwurf zuziehen, Aberglauben und Betrügerei gefördert zu haben. Denn wahrscheinlich würde Cagliostro, wenn keiner der Betrogenen laut spricht, wieder auf der Bahn der Welt auftreten und ferner fortfahren, Aberglauben und Betrügerei zu fördern. – Ob er an der bekannten Halsbandgeschichte unschuldig ist oder nicht, lasse ich dahingestellt. Aber ich kann mit der vollkommensten Überzeugung versichern: daß schon sein hiesiger Aufenthalt, und auch sein Aufenthalt in Warschau, genugsam zu erkennen geben, welch ein schlauer Betrüger er ist; ein Betrüger, der weitaussehende Pläne hat, welche durchzusetzen er Welt- und Menschenkenntnis genug besitzt, und sie dazu auf die unwürdigste Art mißbraucht. Mitau, den 22. März 1786. C. E. K. v. d. Recke, geb. Gräfin v. Medem. Cagliostro in Warschau oder Nachricht und Tagebuch des Grafen Moszynski über desselben magische und alchimistische Operationen in Warschau im Jahre 1780, geführt von einem Augenzeugen Aus dem französischen Manuskript übersetzt und mit Anmerkungen erläutert 1786 Nachricht. Ich, der Herausgeber, erhielt das französische Original dieses authentischen Manuskripts aus der Hand eines verehrungswürdigen Freundes vor wenigen Tagen, mit der Erlaubnis, es dem Publico als ein neues und ziemlich helles Licht über die Geschichte des sogenannten Grafen Cagliostros mitzuteilen. Folgender Auszug des Briefes, der es begleitete, wird einige Erläuterungen darüber geben. »Sie erhalten beigehend das versprochene Tagebuch über Cagliostros Aufenthalt in Warschau, nebst meinen Anmerkungen zu beliebigem Gebrauche. Es wird dadurch eine Lücke in der Geschichte dieses famosen Mannes, die sich sowohl in allen, bisher von ihm erschienenen Nachrichten, als auch sonderlich in dem Briefe des Herrn von Mirabeau über Cagliostro Lettre du Comte de Mirabeau à ... sur M. M. de Cagliostro et Lavater , Berlin 1786. Empfänger des Briefes und Herausgeber war Jakob Mauvillon (1793 – 99), ein hannoveranischer Ingenieuroffizier. Die Schrift erschien auch deutsch, Berlin und Libau 1786. und in dem zweiten Memoire der Madame de la Motte In dem berüchtigten Prozeß um das Diamanthalsband der Königin Marie Antoinette von Frankreich, in den Cagliostro verwickelt war. Gemeint ist vermutlich die » Réponse pour la Comtesse de Valois-Lamotte au Mémoire du Comte de Cagliostro «, Paris (Cellot) 1786. findet, ergänzt werden können; er erscheint hier freilich noch in der Gestalt eines großen Ignoranten; daher auch die Bemerkung, daß er erst nach und nach zu der wahreren Feinheit in seinen Operationen gelangt sei und sozusagen seinen Cours damals noch nicht absolviert gehabt habe, sehr richtig ist. Genug, alle die hier wörtlich angeführten Facta sind wörtlich wahr und können täglich mit Augenzeugen erwiesen werden. Vielleicht geschieht durch deren Bekanntmachung der Wahrheit ein wichtiger Dienst, und das Publikum vergleicht mehrere ähnliche Fälle und lernt doch endlich, ein näheres und höchst nötiges Resultat daraus ziehen. Den 26. April 1780.   Nachricht von Cagliostros magischen und alchimistischen Operationen in Warschau. Ein gewisser Cagliostro, nachdem er einen großen Teil von Europa durchwandert und viele Gerüchte von Wundern, die er sowohl in Kurland als Rußland getan haben sollte, vor sich hergeschickt hatte, kam zu Anfang des Mai 1780 auch hierher nach Warschau. Er ließ sich durch einen Kavalier, dessen Bekanntschaft er in Kurland gemacht hatte, an den Herren K. G. S. M., Fürsten P. und an den Grafen Moszynski präsentieren, entdeckte sich ihnen als ein sehr erfahrener ägyptischer Freimaurer und erbot sich, ihnen verschiedenes von seinen geheimen Kenntnissen mitzuteilen. Man nahm den Antrag an, und der Fürst P. logierte ihn nebst seiner Frau in sein Palais. Einige Tage darauf erbot er sich eine reelle Probe von seinen sowohl magischen als philosophischen Operationen zu machen und schritt dabei folgendergestalt zu Werke. Er ließ einen Vorhang von schwarzem Tuche vor die Tür eines Zimmers hängen, nahm der anwesenden Versammlung ein verbindliches Versprechen vollkommener Verschwiegenheit ab und unterhielt sich eine kurze Zeit mit verschiedenen allgemeinen Gesprächen, die auf diese Sache vorbereiten sollten. Ein paar Tage darauf nahm er ein kleines Mädchen aus dem Hause zu sich, das er sowohl als seine Frau durch tausend Schmeicheleien und kleine Geschenke zu gewinnen und zu seinen Mummereien abzurichten suchte. Tags darauf brachte er das Kind, welches ohngefähr acht Jahre alt sein mochte, in das Zimmer, vor welchem der schwarze Vorhang hing, und fing an, nachdem er ihm ein gewisses Öl in die eine Hand gerieben und verschiedene Gaukeleien mit einem bloßen Degen und einem arabischen Buche gemacht hatte, an dasselbe verschiedene Fragen zu tun, welche das Kind zwar beantwortete, aber, wie es dem Grafen M. schien, gezwungen oder nach einem erhaltenen Unterrichte. Wenn z. B. Cagliostro das Kind fragte: »Siehst du das oder jenes?« und das Kind nicht sogleich antwortete, so wußte er es überaus geschickt so fort zu fragen, bis das Kind endlich ja sagte. Nachdem dies vorbei war, stellte er das Kind in ein anderes Kabinett und fing seine Fragen an dasselbe durch die halboffen stehende Tür aufs neue an, z. B.: Frage. Siehst du einen Engel? Antwort. Ja. Frage. Siehst du nicht zwei Engel? Antwort. Ja. Frage. Siehst du nicht drei ? Antwort. Ja. Und so fort bis auf sieben Engel. Frage. Siehst du mich? Antwort. Ja. Frage. Siehst du ein Grab? Antwort. Ja. Frage. Ist's von Steinen oder von Marmor? Antwort. Von Steinen. Gib den Engeln einen Kuß. – Man hörte, daß das Kind wirklich etwas küßte, aber – seinen eigenen Arm. Und so tat er noch mancherlei dergleichen Fragen mehr an das Kind, bei welchen der Graf M. deutlich bemerkte, daß es immer die erste Phrase der Frage als Antwort wiederholte. Hierauf ließ er alle Anwesenden ihre Namen auf ein Blatt Papier schreiben; dies Blatt verbrannte er dem Ansehen nach vor ihren Augen, rief darauf dem Kinde zu, es solle das Billett, das zu seinen Füßen fallen würde, herausgeben, steckte darauf die Hand durch die halboffene Tür in das Kabinett und brachte wirklich ein Billett, das mit einem sehr schlecht gestochenen maurerischen Siegel versiegelt war, heraus. Dies, sagte er, sei das Zeichen, daß die Geister seine Wahl der Anwesenden zu den Operationen billigten, und da man das Billett erbrach, fand jeder seine eigene Namensunterschrift wieder darin. Dies Stückchen, welches eins von den allergewöhnlichsten Hokuspokus-Touren eines Comus, Philadelphia und mehrerer Taschenspieler ist, machte dem Grafen M. Cagliostros hochgepriesene Operationen und geheime Wissenschaften so verdächtig, daß er nicht umhin konnte, dem Fürsten P. seinen Argwohn darüber zu entdecken; aber dieser war anderer Meinung und glaubte noch dem Wundermanne, ohngeachtet das Kind tags darauf, als sein Vater es befragte, ganz offenherzig versicherte, daß es gar nichts gesehen hätte. Herr Cagliostro, der mit dieser Art von Untersuchungen und Aufklärungen sich gar nicht vertragen konnte, war sehr unzufrieden darüber, suchte durchaus den Vater des Kindes aus dem Hause zu entfernen und wählte nun, um sicher zu sein, zu seinen künftigen Geisteroperationen ein junges Frauenzimmer von 16 Jahren, welches er hatte kennen lernen und das eine reine Jungfrau sein sollte. Die Operation wurde nun aufs neue wiederholt; aber mit weit mehr Umständen, Pompe und so gut angelegt und ausgeführt, daß selbst der Graf M., der bisher noch immer ungläubig gewesen war, und sich ganz auf die Ehrlichkeit des Mädchens verlassen zu können glaubte, durch sie hinters Licht geführt wurde, da sie ihre Rolle so meisterlich für Cagliostro spielte. Unglücklicherweise aber fing Cagliostro an, sich in diese reine Jungfrau zu verlieben, und wollte sich unter dem Vorwande einer neuen Geisteroperation gewisse körperliche Operationen bei ihr erlauben; welcher Antrag aber das Mädchen dergestalt aufbrachte, daß sie gerade zum Grafen M. ging und ihm den Betrug entdeckte. Sie sagte, Cagliostro habe sie durch das Versprechen, ihr Glück zu machen und ihr einen Mann zu schaffen, dahin gebracht, daß sie seine Possen so gut als möglich mitgespielt hätte; er habe ihr immer die Antworten auf seine Fragen schriftlich vorausgegeben oder mit ihr verabredet, daß sie auf die anderen, welche er in unserer Gegenwart an sie tun würde, immer die erste Phrase seiner Frage oder seine erste Gestikulation wiederholen solle; daß sie statt der Engel ihren eigenen Arm geküßt und gar nichts gesehen habe. Der Graf M. säumte nicht, diesen wichtigen Bericht allen anderen mitzuteilen; aber man hatte keine Ohren dazu und hielt ihn für einen Ungläubigen. Indessen hielt aber Cagliostro, um die Zuschauer zu amüsieren, sogenannte Ägyptische Loge, worin er ganz öffentlich einige geringe Arcana, die entweder ganz falsch oder doch schon längst in der Chemie bekannt waren, diktierte. Er versprach auch seinen neuen Schülern einen vorgeblichen medizinischen Kursus, welcher in Lästerungen gegen die Ärzte, in medizinischen Weidsprüchen, ohngefähr wie die aus der Schola Salernitana und in etlichen Rezepten zu Arzneien bestand, zu welchen entweder sehr rare Species und Ingredienzen kamen, die bei uns ganz unbekannt sind, oder die er aus den Werken eines gewissen Adepten Friedrich Gualdo, S. Seite 91 die im vorigen Jahrhundert zu Köln gedruckt sind, genommen hatte. Da Cagliostro seinem Vorgeben nach in der Stadt zu eingeschränkt war, so ging er mit der ganzen Gesellschaft nach Wola, Eine Herrschaft und Schloß nahe bei Warschau. um da seine philosophischen Operationen und das große Werk zu beginnen. Wir liefern das Journal, welches der Herr Graf M. als Aufseher der Arbeit eigenhändig darüber führte, hier treu und vollständig und nach seinen eigenen Worten. Journal. Wola, 7. Juni 1780. Ich mußte, nach Cagliostros Anordnung, ein Pfund gereinigten Merkur von meinem eigenen Vorrate abwägen, vorher aber Regenwasser bis zur völligen Austrocknung destillieren, um davon die feces, welche er Jungfernerde oder zweite Materie (seconde matière) nannte, davon zu erhalten; wovon ich ohngefähr 16 Gran bekam. Auf seine Ordre hatte ich auch einen Bleiextrakt machen müssen. Als diese Vorbereitungen alle fertig waren, führte er uns in die Loge und erklärte uns allen, ich solle die ganze Operation auf folgende Art nach seinen Vorschriften mit eigener Hand machen. Auf seine Ordre also tat ich die oben gedachte Jungfernerde in eine Phiole, schüttete ohngefähr die Hälfte des Quecksilbers drauf und ließ dann ohngefähr 30 Tropfen Bleiextrakt darauf tröpfeln. Nachdem ich die Masse ein wenig geschüttelt hatte, schien der Merkur seine Flüssigkeit verloren zu haben oder fixiert zu sein. Jede Flüssigkeit und sonderlich alle Säuren trennen den Merkur, wenn man ihn damit schüttelt; mischt man nun vollends eine Erde, es sei, welche es wolle, damit, so setzt sich diese zwischen die Kügelchen desselben und verhindert ihn, wieder zusammenzufließen, welches ihm das Ansehen einer Fixation gibt; und dies geschieht noch schneller, wenn die Säure, welche man dazu braucht, mit Bleiteilchen zuvor gesättigt ist. Ich goß darauf auf den Rest des Quecksilbers noch Bleiextrakt; aber er blieb, wie er war, so daß ich die beiden Portionen Merkur zusammen in eine größere Phiole tun mußte, welcher, als er eine Zeitlang geschüttelt worden war, dieselbe Konsistenz annahm und schmutziggrau aussah. Ich tat darauf die ganze Masse in einen Schmelztiegel, welcher davon ohngefähr halb voll wurde. Dann gab mir Cagliostro in einem ganz kleinen Papier, welches noch in zwei andere eingewickelt war, dem Augenschein nach ohngefähr 1/10 Gran von einem Pulver, welches glänzend rot fast wie Karmin aussah, das ich auf den Merkur in dem Schmelztiegel werfen mußte. Er verschluckte sogleich die drei Papierkapseln, und ich mußte den übrigen Raum des Schmelztiegels mit Gips, der mit warmem Wasser angemacht war, ausfüllen. Während ich dies tat, nahm mir ihn Cagliostro aus der Hand, tat, ohngeachtet er schon ganz voll war, noch mehr Gips drauf, bestrich ihn von außen über und über ganz leicht mit der Hand ebenfalls mit Gips und gab ihn mir wieder, um ihn auf einem Kohlenfeuer zu trocknen. Als er darauf ohngefähr eine Minute gestanden hatte, nahm ich ihn herunter und setzte ihn in ein Aschenbad, brachte ihn damit auf einen Windofen und blies das Feuer an. Als indessen der Schmelztiegel etwa eine halbe Stunde in diesem Aschenbade gestanden hatte, nahm ich ihn auf seine Ordre mit der Zange heraus, trug ihn in die Loge, wo wir ihn zerschlugen und einen Klumpen geschmolzen Silber, 29-3/8 Lot schwer, fanden. Der Klumpen war obenher ziemlich glatt geflossen, hatte aber unten und von der Seite bis ohngefähr ein Drittel seiner Höhe ziemlich viel Blasen. Den 8. Juni. Indem ich heute ruhiger über die Operation nachdenke, die mich Cagliostro gestern machen ließ, so glaub' ich einen Betrug bei der Sache ziemlich deutlich zu merken. Um ihm aber sicherer auf die Spur zu kommen, muß ich etliche Umstände, die vorausgingen, wiederholen. Cagliostro hatte sich nämlich, wie er uns selbst gestand, unter dem Vorwande, mit den Geistern zu sprechen, eine ganze Nacht in seinem Laboratorium zu Warschau eingeschlossen, und da muß er ohnstreitig eine ziemlich starke Schmelzung vorgenommen haben. Dies beweist mir ein großer Korb mit Kohlen, der beinahe zwei Drittel leer ist, ein Schmelztiegel weniger, als zuvor drin standen, und sein ziemlich stark verbrannter Finger. Überdies hat er mich zwei Tage lang nicht in das Laboratorium gelassen, da ich die nötigen Gerätschaften und Materialien, die ich auf dem Lande zu brauchen glaubte, herausholen wollte. Er ließ mich nur einen Augenblick hinein, unter dem Vorwande, daß ich wegen der Zirkel und Charaktere, die er auf den Fußboden gezeichnet hatte, große Gefahr laufen könne. Dies strenge Verbot, mich nicht zu nähern, hatte sicher keinen andern Grund, als daß ich nicht entdecken sollte, daß er geschmolzen hatte, wovon er die Spuren wegzuräumen noch keine Zeit gehabt hatte; ebenso wollte er mich vermutlich verhindern, die Materialien zu untersuchen, und sonderlich den Gips, welchen er vermindert hatte; denn sowohl diesen als die Schmelztiegel nahm er selbst und transportierte sie nach Wola, da er mich doch alle andern Materialien ohne Ausnahme dahin schaffen ließ; auch gab er mir beides, und sonderlich den Gips, in verschiedene Pakete gebunden, ganz kurz vor der Operation erst wieder, vermutlich, damit ich, weil ich sein Gewicht wußte, ihn nicht wieder wägen und die Verringerung merken sollte. Nun zur Operation selbst. Der Merkur war zusammengeballt; ich tat ihn selbst in den Schmelztiegel und bedeckte ihn mit Gips; dies bin ich sicher; also muß wahrscheinlich Cagliostro seinen Betrug in dem Augenblicke gespielt haben, als er mir den Schmelztiegel, den ich schon mit Gips angefüllt hatte, aus den Händen nahm, um noch mehr darauf zu tun, und ihn ganz ohne Not auch außerhalb mit Gips bestrich. Letzteres tat er wahrscheinlich darum, damit ich erstens keine Marke an dem Schmelztiegel wiederfinden sollte, wenn ich ihn allenfalls gezeichnet hätte; zweitens, um auch auf den schon fertigen Schmelztiegel, den er mir für den meinigen in die Hände spielen wollte, noch frischen und nassen Gips schlagen zu können; weil ich außerdem, wenn ich ihn auf die Kohlen gesetzt hätte, augenblicklich bemerkt haben würde, daß der Gips schon trocken und alt sei. In diesem Momente also muß er mir den Schmelztiegel, den ich angefüllt hatte, aus den Händen gespielt und einen andern, schon präparierten, an dessen Stelle geschoben haben. Nichts ist einem nur halb geschickten Taschenspieler leichter, als solch ein paar kleine Schmelztiegel, die einander vollkommen gleichen, zu verwechseln, zumal da Cagliostro einen Freimaurerschurz vorhatte, die Sache bei Lichte, auf einem schwarzen Teppich und in einem Augenblicke vorging, wo die Imagination des Zuschauers gespannt und die Aufmerksamkeit aller auf die Wichtigkeit des Gegenstandes gerichtet war. Ich bekenne gern und offenherzig, daß die meinige so sehr mit der chemischen Ignoranz und Betrügerei, welche ich ihn mit den Materialien treiben sah, beschäftigt war, daß ich in diesem Augenblicke gar an keinen Hokuspokus einer Taschenspielerei, mit der er sich helfen könne, dachte. Was hatte er denn nötig, mir den Schmelztiegel so schnell aus den Händen zu nehmen? Er konnte mir ja nur sagen, daß ich noch mehr Gips darauf tun und ihn von außen damit bestreichen sollte! Dies war um so weniger bedenklich, da er mich alle die übrigen Operationen machen ließ. Man sieht also, daß es sein ausdrücklicher Wunsch sein mußte, mir ihn aus den Händen zu bringen. Zur Erläuterung dieses Vorfalls muß man noch folgenden Umstand wissen, den der Herr Graf M. hier anzuführen vergessen hat. Cagliostro spielte eigentlich unter einem Dispute dem Grafen M. den Schmelztiegel aus der Hand, indem er vorgab, daß der Schmelztiegel nicht richtig und gut lutiert sei. Diesen Vorwurf nahm Graf M. als ein sehr geschickter Schmelzer und Chemiker übel, zankte sich mit ihm darüber und ließ also in der Hitze des Wortwechsels, welcher natürlich auch die Aufmerksamkeit der andern von der Sache abzog, geschehen, daß Cagliostro ihn selbst nehmen und lutieren (verkitten) durfte. Diesen Augenblick benutzte Cagliostro also, durch Taschenspielerkunst den rechten Schmelztiegel (den man ohnedies in der Folge zusamt den noch ungeschmolzenen Materialien stückweise wiederfand) wegzubringen, und einen andern mit dem schon vorher geschmolzenen Silberkönige unterzuschieben. D. H. Der Schmelztiegel hat übrigens auch nicht im Schmelzfeuer, sondern nur eine halbe Stunde im Aschenbade gestanden, in welchem Grade von Hitze also kein Metall schmelzen konnte; und wär' es bei dieser Operation wirklich geschmolzen, wie hätte ich dann drei oder vier Minuten drauf den Schmelztiegel und Metallklumpen mit bloßen Händen angreifen und behandeln können? Ich hätte mich sicher noch eine halbe Stunde nach der Schmelzung daran verbrannt. Der Metallklumpen hat unten Blasen und Höhlungen und oben eine glatte Oberfläche; ein sicheres Kennzeichen, daß der Schmelztiegel, worin er geschmolzen worden, in Wasser getaucht und abgelöscht worden sei, als welches immer diese Wirkung auf geschmolzenes Metall tut. Ich bemerkte überdies, daß er den Abend vor der Operation, nach welcher er mich nicht in das Laboratorium in der Stadt lassen wollte, einen großen Krug voll Wasser hineintrug; diesen fand ich, als ich einige Tage darauf das Laboratorium aufräumen wollte, leer, und das Wasser alles in einen Eimer ausgeschüttet. Ich schließe daraus sicher, daß der kleine Silberklumpen, den wir bei Zerschlagung des Tiegels fanden, nicht hier in Wola, sondern in Warschau geschmolzen ist. Cagliostro verschluckte auch die drei kleinen Papiere, worein sein rotes Pulver oder sogenannte erste Materie gewickelt war, vermutlich nur darum, damit ich aus der Farbe und Versuchen nicht merken sollte, daß es weiter nichts als Karmin gewesen, den ich auf den Merkur schütten mußte. Als ich die Form des Gipses, der dem Schmelztiegel zur Lutierung und Decke gedient hatte, genau betrachtete, fand ich, daß der untere Teil davon, der auf dem Metall gelegen hatte, von hohler Gestalt war; welches nicht anders sein konnte, da er die Form und den Abdruck eines geschmolzenen Metallklumpens, der immer in der Mitte erhaben ist, hatte. Bedenkt man nun, daß ich den Gips auf das noch weiche Quecksilber tat, ihn eindrückte, der Druck in der Mitte am stärksten war, und so der Gips erhärtete, so ist klar, daß er unten eher eine konvexe Gestalt bekommen mußte, welche das Metall auch in seiner stärksten Schmelzung zwar hätte kalzinieren, aber in Ansehung der Form nicht ändern können. Überdies zeigt die strenge Sorgfalt, welche Cagliostro hatte, daß wir den Schmelztiegel und Gips durchaus in ganz kleine Stückchen zerschlagen sollten, damit, wie er vorgab, den Profanen jede Spur dieser wichtigen Operation entzogen würde, wie viel ihm daran gelegen war, daß man die Überbleibsel davon nicht zu genau untersuchen könne. Ich habe eine kleine Portion von dieser Masse probieren lassen und finde, daß sie genau sechzehnlötig an Gehalt ohne Verminderung noch Vermehrung in der Kapelle ist, und daß die Mark davon gerade 3-1/2 Gran Gold hält. Wäre dies Metall nun ein alchimistisches Produkt, so hätte notwendig erfolgen müssen, daß entweder ein Teil des Merkurs noch nicht ganz in Silber verwandelt worden sei, oder daß es für ein Pfund Merkur zu viel Tinktur gewesen und diese also einen Teil des Bleis, womit er in die Kapelle gesetzt wurde, in Silber verwandelt habe. Den 9. Juni. Indem ich heute den kleinen Silberklumpen klar feilte, bemerkte ich an ihm einen kleinen Fleck, darin einige ganz kleine und reine Goldkörnchen. Dies ist ein neuer Beweis, daß dieser Metallklumpen kein Produkt einer Metallverwandlung und Veredlung ist, sondern daß man auf das geschmolzene Metall eine kleine Portion pulverisiertes Gold, vielleicht auch Königswasser, oder mit Quecksilber kalziniert, oder ein Korn Kapellengold geworfen und ihm nicht einmal Zeit gelassen habe, ganz vollständig zu schmelzen. Ein Einfall, den nur ein Mensch haben konnte, der gar nichts von dem praktischen Schmelzwesen der Metalle versteht; denn hätte das rote Pulver das Gold hervorgebracht, so hätte es gar nicht so kornweise und merkbar in dem Silber sitzen, sondern sich mit der ganzen Masse innigst vereinigen müssen. Den 10. Juni. Hier folgt nun der ganze Prozeß, wie wir nach Cagliostros Anweisung dies sogenannte philosophische Gold (denn er ist so unverschämt, den Klumpen geschmolzen Silber so zu nennen) durchaus in rotes Pulver oder Tinktur verwandeln sollen. Cagliostro behauptet, daß dieser philosophische Klumpen mit dem Universalkeim der Grundmaterie imprägniert sei und durch folgenden Prozeß selbst Grundmaterie werden könne. Man soll den Klumpen klar feilen, ihn in eine offene Phiole tun, noch einmal soviel seines Gewichts Scheidewasser darauf gießen und ihn in einen Digerierofen über ein Lampenfeuer setzen, um alle Feuchtigkeit davon abdampfen zu lassen; da wird die Materie schwarz erscheinen. Ganz richtig; denn das Gold, was darinnen ist, fällt als ein schwarzes Pulver nieder und wird die Oberfläche bedecken. M. Dies heißt die erste Passage. Die zweite geschieht also: Man gießt neues Scheidewasser, so schwer als die Materie nach Abdünstung der Feuchtigkeit wiegt, drauf und verfährt damit wie zuvor. Dann wird nach der Abdampfung die Materie weiß erscheinen. Auch dies, glaub' ich, kann sein, wegen der vielen Salpeterteilchen, die sich an die Masse hängen und sie gleichsam überziehen werden; sonderlich wenn er ein wenig Meersalz mit hineintut, welches das Gold auflöst. M. Ebenso geschieht die dritte Passage und so fort bis zur siebenten; und zwar soll jede Passage diejenige Farbe geben, welche er vorausbestimmt. Die siebente soll schon eine schöne rote Farbe geben, so daß man damit den Merkur in philosophisches Silber verwandeln kann. Mit dem Produkt der achten Passage aber verwandelt man ihn ohne Anstand in Gold. – Himmel, ist's möglich, gescheiten Leuten solch ein Märchen vorzuschwatzen! Denn wie kann die ganz elende Operation, so wie er sie da angibt, etwas anderes liefern als einen Silberkalk, mit einer Menge Salzteilchen überladen, die entweder an der Luft oder einem feuchten Orte zerfließen, oder bei der ersten Schmelzung, die man damit vornimmt, davonfliegen und ein ganz ordinäres Silber zurücklassen? Nun, die Zeit wird's lehren! Den 11. Juni. Da uns Cagliostro vermutlich mehr Zutrauen und Glauben an ihn einflößen zu müssen glaubt, so hat er uns gestern eine neue Szene gegeben und einen neuen Proselyten, den ägyptischen Großkophta, der einige tausend Jahre alt sein soll, sehen lassen. Er war sehr dick, weiß gekleidet, hatte weiße Haare und einen großen Turban auf dem Kopfe. Der neue Lehrling aber, den der Großkophta mit einer tiefen und rauhen Stimme fragte, was er sähe? antwortete zum Unglück ganz naiv: er sehe wohl, daß er, Cagliostro selbst, sich so gekleidet und eine weiße Maske mit einem Barte vor dem Gesichte habe. Diese Antwort mochte dem ägyptischen Großpriester vermutlich nicht ganz angenehm sein, denn er löschte sogleich mit den Händen die beiden Lichter, zwischen welchen er saß, und man hörte deutlich das Geräusch von dem Pudermantel und dem übrigen Anzüge, den er im Dunkeln abwarf, um leichter nach Ägypten zurück zu reisen und Herrn Cagliostro an seiner Stelle erscheinen zu lassen. Bei Gott, es ist unbegreiflich, wie sich nur so viele Menschen durch so schlecht erdachte und so ungeschickt ausgeführte Prahlereien und Gaukeleien hinter das Licht führen ließen und noch betrügen lassen! Den 12. Juni. Meine Geduld ist zu Ende. Jeden Tag gibt's neue Narrheiten und neue Betrügereien. Unterdessen der hochheilige und gesegnete Stein der Weisen gemacht wird, – welches eine nicht ganz kurze Operation ist, denn er kündigt uns an, daß jede Passage sechs bis acht Wochen Zeit erfordern soll – diktiert uns Cagliostro indessen, um die Loge zu amüsieren, chemische Operationen; zum Beispiel die Quintessenz vom Weine zu machen, wenn man ihn in Mist gräbt; oder die Quintessenz von Gold, wenn man es in Spiritus vini ablöscht und dann mit Merkur kalziniert; oder Korallen- und Perlen-Quintessenz usw. Ebenso will er uns die Eigenschaft aller Öle, Talköl, und sogar die Kunst, Perlen zu machen, die schon in dem kleinen Albertus steht, lehren, und wovon ich kein Wort glaube. Sein korinthisch Erz ist nichts als ein etwas geschmeidiges Kupfer, und sein weißes Metall ein Zinn, das alle Chemiker kennen. Seine Mittel machen nichts weniger als das Eisen zähe und geschmeidig, und seine Manier, es zu härten, ist die gewöhnliche, die alle Messerschmiede kennen; sein Wasser, womit er das Eisen vergolden will, gibt ihm kaum eine schlechte Kupferfarbe, und seine Arzeneien haben bis jetzt noch keine merkwürdige Kur bewirkt; denn bei vielen haben sie gar keine Wirkung getan; und ich höre auch noch keine Wunder von seinem Waschwasser für die Haut bei den Weibern, denen er es gegeben hat. Den 13. Juni. Ich arbeite aus langer Weile an verschiedenen Kompositionen nach Cagliostros Vorschrift und halte meine Quartierwache so strenge, wie ein Matrose auf dem Schiffe, um meinen Dienst bei dem heiligen Feuer der gesegneten Lampe, die so große Wunder tun soll, zu verbringen. Da aber der Heilige, für den sie brennt, nicht der meinige ist, so betrachte ich sie ungefähr ebenso, als die Wunderlampe in der Tausend und Einen Nacht. Den 14. Juni. Das Wetter fängt an trübe zu werden, und unser teurer Herr Graf hat üblen Humor. Wenn die Sachen gehen, wie sie sollen, so wird er bald noch schlechtern bekommen. Mit der Lampe ist's wie gestern, und er trinkt Hippocras, um sich Herz und Magen zu stärken. Den 15. Juni. Unser edler Meister, der Großkophta, rollt alle Morgen im Kabriolett in die Stadt, um seine Patientinnen zu besuchen. Ein Philosoph, ein Adept, ein Großkophta en Cabriolet! Wahrhaftig, die Weisen unserer Zeit verkündigen uns mit Recht unerhörte Wundererscheinungen. Indessen verbrenne und beschmutze ich mir hier die Finger und laboriere seine Rezepte. Die erste Passage geht sehr langsam vonstatten. Unser geschickter Meister dekantiert, gießt frisches Scheidewasser in unser kostbares philosophisches Ei und läßt uns bemerken, daß das große Werk weit leichter zu vollenden sei, als man glaube. Wie er uns ankündigt, so wird nächster Tage der Teufel unter der Gestalt eines Affen, einer Katze oder eines schwarzen Hundes erscheinen und das Werk zu stören suchen; aber unser guter Herr und Meister hat schon dafür gesorgt, daß dieser Schadenfroh kein Unheil anfangen kann; denn er hat den Ofen schon auf beiden Seiten mit seinen kabbalistischen Charakteren verwahrt und seine Pentakel mit Kohle umhergezogen, so daß er nun vor den Anfällen aller bösen Geister, sowie auch durch große Vorlegeschlösser, aller bösen Nichtgeister sicher ist. Den 16. Juni. Malum signum in urina! Der Großkophta hat sich mit seiner Sultanin favorite brouilliert; und sie ist Frau, aufgebracht und hat eine Zunge; dies ist genug gesagt. Sein Gevatter Schutzgeist hat ihm in diesem Falle einen sehr schlechten Rat gegeben, sich mit einer Frau zu entzweien, welche die Vertraute aller unserer erhabenen Geheimnisse ist. In der Tat, das muß nur in Ägypten so üblich sein! In unserem philosophischen Ei erscheint schon viel Schwarzes; dies stärkt die schwachen Brüder wieder und belebt ihre sinkende Hoffnung aufs neue. Nur ich bin der einzige Ungläubige unter den Jüngern, und den auch der ehrwürdige Meister schon für einen Gotteslästerer und ein Ungeheuer erklärt, weil ich zuweilen unter der Kappe lache und die Kühnheit habe, ihm zu widersprechen. Der böse Mensch! Wenn er nur nicht die übrige Herde mit seinem Unglauben ansteckt! Den 17. Juni. Abends und morgens betet jeder Jünger andächtig den Psalm, der allein die Kraft hat, die Geister zu zwingen. Das Ungeheuer, welches ihrer schon genug gesehen, oder wenigstens genug von ihnen reden gehört hat, hat manche ernstliche Vermahnung auszuhalten, daß es sich diesem frommen Gebrauche nicht mit unterwerfen will. Indessen hat weder der Psalm noch der Degen des Großkophta die Geister zwingen können, uns zu erscheinen, nicht einmal im Traume. Den 18. Juni. Eine jede chemische Gärung entdeckt sich entweder durch den Geruch, durch das Ansehen oder durch den Geschmack. Andere Arten von Gärungen hingegen entdeckt man durch die Ohren; und meine Ohren hören gewisse Töne, die aus der Stadt kommen und sich an unserm Hause brechen. Um nicht durch sie betäubt zu werden, arbeite ich mit verdoppeltem Fleiße an meinem Werke. Es wird nicht lange mehr dauern, oder ich müßte mich sehr irren. Den 19. Juni. Wenn man einen Kranken matt werden sieht, so ist es gut, wenn man ihm einen kleinen Stoß gibt, um seine Organe wieder in Wirkung zu setzen. Man trägt mir also auf, vor Aufgang der Sonne an einem Montage eine Haut Pergament, und zwar ohne dabei zu dingen, zu kaufen, um ein Fünfeck, ein Pentakel, einen Talisman – und was weiß ich sonst noch, denn ich bin noch ein Novize in der Kunst – zu machen. Dies soll große Wirkung tun und die Ungläubigen bekehren. Ah! Das wird schön sein! Den 20. Juni. Das Pergament ist gekauft, und wir wollen nun sehen, was es für Wunder tun wird. Mit der Lampe geht's seinen Gang, und unser ehrwürdiger Meister weissagt uns noch immer den glücklichsten Erfolg, ohngeachtet der Kleingläubigkeit manches Jüngers und sonderlich des Erzungläubigen, der fortan nicht anders als das Ungeheuer heißen soll, da er die Augen vor jedem ihn überzeugen sollenden Beweise zudrückt und durchaus die edlen und charakteristischen Gebräuche der ägyptischen Logen, als r – lps – n, f – rz – n, schnaufen, mit dem Fuße stampfen, nicht mitmachen will. Welche Tollheit! Den 21. Juni. Toutes vérités ne sont pas bonnes à dire! Mein Mitbruder bringt Neuigkeiten aus der Stadt mit, über welche der Großkophta seine fürchterlichen Augenbrauen schrecklich runzeln wird. Arme Stadt, wie beklag' ich dich, daß du das Verdienst so verkennen kannst! Nimm dich in acht, daß unser großer Meister nicht aus dir hinausgehe und den Staub von seinen kleinen Füßen und weißen Schuhen mit roten Absätzen schüttle. Die Neuigkeiten sind sehr übel aufgenommen worden. Der Großkophta hat nämlich nach und nach, jedoch nicht durch seinen dienstbaren Geist, sondern durch sehr profane Wege erfahren, daß sein Schüler, das Ungeheuer, an ihm ein gewisses Taschenspielertalent entdeckt zu haben glaubt. Darüber entrüstet sich der heilige Mann gewaltig und erklärt öffentlich, daß er nichts mehr mit solch einem Ungeheuer von Undank, dessen Glück er doch zu machen willens gewesen sei, zu tun haben wolle; und das Ungeheuer unterwirft sich dieser Strafe gutwillig. Den 23. Juni. Nocte pluit, tota redeunt spectacula mane! Der Mann Gottes, unser teurer Meister, will zwei seiner Jünger nicht mehr sehen, noch mit ihnen sprechen, will auch seinen hohen Unterricht nicht mehr in der ägyptischen Loge erteilen. Doch besinnt er sich nach Tische anders und kommt zum Ungeheuer, um mit ihm zu reden. Dies erklärt ihm dann mit möglichster Kaltblütigkeit alle chemischen, moralischen, politischen und physischen Gründe (die man schon aus der Einleitung kennt), aus welchen es überzeugt zu sein glaubt, daß der edle Meister sich ein Spaß daraus mache, uns Ammenmärchen zu erzählen und ein Schmelztiegel im eigentlichen Verstande aus der Tasche zu spielen. Der gute Meister, der Mitleid mit des Ungeheuers Unwissenheit hat, versichert es vor Gott, daß er es ohngeachtet seiner Undankbarkeit dennoch mit Reichtümer überhäufen wolle; und der Undankbare bezahlt ihn dafür einstweilen mit ein paar falschen Vertraulichkeiten. Der ganze Areopagus wird zusammengerufen. Der Meister spricht mit unglaublicher Salbung und trägt seinen ganzen Schmerz vor, den er fühle, da er sehe, daß man die Talente, welche er wirklich besitze, verkennen wolle, um ihm andre dafür beizulegen, welche er durchaus leugne. Er rechtfertigt darauf sein Betragen gegen seine Favorite, welche sich soweit vergessen hatte, ihm weltliche und irdische Absichten schuld zu geben, indessen er doch nichts als himmlische hatte. Diese salbungsvolle Rede rührte einen der Zuhörer dergestalt, daß er ihm meine Argumente ans Herz legen wollte; ich nahm aber sogleich das Wort und sagte, daß ich dem Meister schon alle meine Gründe und Zweifel entdeckt habe und nichts mehr verlange, als widerlegt und meines Unrechtes überwiesen zu sein. Der Großkophta schwur hierauf bei seinem großen Gotte und auf seine Ehre, daß er das Werk vollenden und alle glücklich machen wolle. Er trieb sogar seine Bescheidenheit so weit, daß er sich erbot, mit Ketten an den Füßen dran zu arbeiten, und daß ihn seine Jünger auf der Stelle ermorden sollten, wenn er nicht vor Endigung der vierten Passage sein Wort hielte. Er legte hierauf die Hände auf die Erde, küßte sie, erhob sie wieder gen Himmel, nahm Gott zum Zeugen, daß er wahr rede, und forderte, daß er ihn vernichten solle, wenn er lüge. Überdies verlangte er, man solle Schloß und Siegel an die Tür des Zimmers legen, worin die Lampe stehe, um ganz sicher zu sein, daß er keinen Betrug mehr damit machen könne. Er gab mir hierauf Ordre, die ganze Materie, welche in dem philosophischen Ei enthalten, in ein anderes, größeres überzugießen, weil er gar nichts mehr anrühren wolle, aus Furcht, neuen Verdacht zu erregen. Die Freude blühte nun wieder in den Gesichtern der Jünger aufs neue auf. Den 24. Juni. Ein schlimmes Zeichen! Ich fand das heilige Feuer der Lampe verloschen, zündete sie frühmorgens um 4 Uhr wieder an, schüttete die Materie in ein größeres Gefäß über, setzte dies wieder auf die Lampe und ging gleich darauf einiger Geschäfte wegen in die Stadt. Der Großkophta erwacht, sieht das Ei nur noch halb so voll als gestern, macht Lärm, ruft den ganzen Areopagus zusammen und verkündigt ihm, daß das Ungeheuer, welches sich zuvor erfrecht habe, sein Werk zu verachten und ihn für einen Taschenspieler zu erklären, jetzt selbst einen Raub begangen und einen großen Teil der Materie entwendet habe, um sie für sich selbst allein und in der Stille fertig zu arbeiten. Alle zusammen, sobald sie nur die Phiole sahen, waren, von der Richtigkeit dieser schändlichen Tat, der gerechten Klage des edlen Meisters und folglich auch von dem hohen Werte dieses kostbaren Schatzes ganz überzeugt. Man fängt an, schwierig und aufgebracht zu werden, aber der Großkophta besänftigt die kleine Herde und versichert sie, daß er innerhalb drei Tagen schon Rat schaffen und machen wolle, daß das Ungeheuer keinen Vorteil von seinem Raube haben solle Der famöse Graf St. Germain benahm sich in einem ähnlichen Falle genau auch so. Sein sogenannter Kammerdiener war ihm heimlich durchgegangen und hatte ihm das Rezept zu seinem Wunderpulver gestohlen. Man bringt ihm die Nachricht, daß der Kerl sich irgendwo etabliert habe und damit kurieren wolle, und sagt ihm, es müsse ihm doch höchst unangenehm sein, sein Arcanum auf diese Art gemißbraucht zu sehen. – »Nichts weniger,« antwortet St. Germain darauf, »ich werde machen, daß es in des Kerls Händen nicht wirkt!« – So ähnlich sind sich solche Charlatans einander an Geist und Sprache! D. H. und daß übrigens dieser Zufall weiter keine üblen Folgen haben, als nur das Werk um einige Wochen verlängern werde. Der Enthusiasmus dafür nimmt sogar einige beim Schopfe. Ei – sagen sie – Graf M., so arg er auch Ungeheuer ist, ist doch Kenner, und er würde wahrhaftig nicht beinahe ein Drittel der Materie entwenden, wenn sie nichts wert wäre, wie er spricht. Lassen wir uns nichts weismachen. Er will sie sicher für sich benutzen und ist heute nur fort, um sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Eilen wir daher, ihm zuvorzukommen und dem Könige die üble Meinung zu benehmen, die er ihm vielleicht durch seine nachteiligen Berichte von der Sache gegeben hat. Fort, und laßt uns andern Freunden wichtige Anträge tun, um unserm edlen Meister neue Protektionen zu schaffen. Gerührt von diesem edlen Eifer, ruft Cagliostro einen zu sich hin und zeigt ihm unten in dem philosophischen Ei die Figur eines auf dem Rücken liegenden Kindes, gerade so, wie man es in den hermetischen Sinnbildern sieht. Dies seltsame Phänomen erweckt auf einmal den tiefsten Respekt gegen die Worte des Meisters, und man entschließt sich nun noch einmütiger, einen neuen mächtigen Proselyten zu suchen, um durch ihn das Ansehen und den schlimmen Einfluß des Ungeheuers zu vernichten. Dies zu verstehen, muß man wissen, daß der Graf M. bei dem Könige, den man gern mit in diesen Handel gezogen hätte, in großem Kredit stand und der König sich ganz auf die Berichte des Grafen in dieser Sache verließ und auch sicher verlassen konnte. D. H. In diesem Augenblicke der Abwesenheit geht ein unschuldiger Lehrling, dem aber leider schon das Ungeheuer den Kopf eingenommen hatte, hin an die Phiole und betrachtet das arme Kind darinnen mit Aufmerksamkeit, hat Mitleiden mit ihm und will es aus dem Wasser, in dem es schwimmt, retten. Aber siehe da, was der Teufel doch für ein Schelm ist! Denn in dem Augenblicke kommt er dazu und verwandelt den armen Embryo in ein Rosmarinblatt, welches der edle Meister, vermutlich aus Versehen und ganz unvorsätzlicher Weise, hatte fallen lassen. Dieser kleine Umstand, den man doch für nichts als einen bloßen Zufall halten kann, kühlte indessen doch wieder ein bißchen die Hitze des Eifers der Jünger ab. Man erwartete etwas gelassener die Zurückkunft des Ungeheuers. Es kommt gegen Abend zurück, hört, was vorgefallen, und zeigt, daß die Verminderung der Materie in dem Ei nur scheinbar sei, weil eine kleine Phiole, ob sie gleich ganz voll, eine andere, um ein Drittel größere, unmöglich wieder vollmachen könne. Diese boshafte Bemerkung und das Rosmarinblatt stürzt nun wieder die arme Herde aufs neue in die schrecklichsten Zweifel über die Güte des Werkes. Man erhitzt sich und legt dem edlen Meister die Gründe des Ungeheuers aufs neue vor, aber er bleibt auf seinem Kopfe und behauptet, daß man das heilige Gefäß bestohlen habe. Das Ungeheuer antwortet auf alles dies weiter nichts, als daß man andre immer nach sich messe, und geht ruhig schlafen. Den 25. Juni. O Nacht! Auf ewig unglückliche Nacht! Warum deckst du nicht mit deinen Finsternissen ein Geheimnis, dessen Schleier nun fallen sollte! Es gebührt profanen Augen nicht, hinzuschauen. – – – Der Geschichtschreiber schweigt hier über das Faktum und die Mittel der Entdeckung, Indessen ists seinem Kommentator erlaubt, das Nähere davon anzugeben. Schon am 8. Juni bekam der Graf M. einen Argwohn, daß bei der Operation in der famosen Loge eine Betrügerei vorgegangen sei. Er war nämlich, in tiefes Nachdenken über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit dieser Operation versunken, der letzte, der sich bei der, nach gemachtem Versuche zu haltenden Tafelloge einfand. Im Hinaufgehen der Treppe hörte er deutlich, daß der Gräfin Cagliostro in einem hart an die Treppe stoßenden Kabinette ein lauter Dankseufzer entfuhr, daß diesmal die Operation so glücklich abgelaufen sei, und daß ein Paket von ihr zum Fenster hinaus in eine Mistgrube geworfen wurde, wo man nachher die Stücken eben dieses verwechselten Schmelztiegels mit der völlig ungeschmolzenen Materialmasse fand. Auf letzteres aber war Graf M., der, im Vorbeigehen gesagt, die Möglichkeit einer Transmutation auch dermalen nicht leugnete, und also mehr über das quomodo als über das an ? der Sache selbst nachdachte, – damals gar nicht weiter aufmerksam geworden; besonders da ihm Cagliostro bei dem Souper, nicht nur in Ansehung seiner Neigung zur Kabbalistik und geheimen Wissenschaften sowohl als seiner wirklichen Kenntnis von Chemie (weshalb auch die ganze Sozietät auf ihn gezählt hatte) Gerechtigkeit widerfahren ließ; sondern ihm auch noch mehrere Wissenschaften und wichtige Prozesse an die Hand zu geben versprach; ein Mittel, dessen sich Cagliostro überhaupt bediente, um eines jeden Privatinteresse zuerst zu schmeicheln, und dadurch seiner selbst Meister zu werden. D. H. aber so viel ist gewiß, daß gleich am frühen Morgen jeder, auch der leichtgläubigste Diszipel, durch authentische Proben überzeugt war, daß der edle Meister bisher mit der Leichtgläubigkeit und Gutherzigkeit seiner Jünger sein unverantwortliches Spiel getrieben hatte; denn ein neugieriges Auge hatte entdeckt, daß der Schmelztiegel, welcher den in der famosen Loge vom 7. Juni präparierten Merkur enthielt, in ein Boskett des Gartens war geworfen worden, und daß das Produkt des andern, welches in die Phiole gekommen war, nichts andres als reines Silber war, das Cagliostro zu Warschau gekauft und geschmolzen hatte. Diese kleinen Vorfälle, welche nun zusammenkamen, machten die Herde so mutlos, daß einige Hitzige darunter den Respekt für den Großkophta verlieren und im Ernste den Versuch machen wollten, ob seine Geister ihn vor der Wirkung der Holzmaterie auf seinem Rücken sichern könnten. Aber das Ungeheuer war hier andrer Meinung und sagte, man müsse ihm lieber eine goldne Brücke bauen und das Possenspiel mit Dezenz endigen. Man nahm diesen Rat zwar an, konnte sich aber doch nicht so weit zwingen, daß der Großkophta nicht durch seine Kabbala entdeckt haben sollte, daß hier eine Schlange unter dem Grab liege; ohngeachtet er sich nicht träumen ließ, daß man neue Entdeckungen gemacht habe, und alles auf die Intrigen des Ungeheuers schob, so dachte er doch nunmehr auf weiter nichts, als Zeit zu gewinnen, die Gemüter zu beruhigen und das Gewitter, wie er gewiß glaubte, abzuwenden. Zu dem Ende versammelte er diejenigen von seinen Schülern, welche er nur noch für schwankend hielt, und sagte ihnen, daß die Verlegenheit, welche er auf ihren Gesichtern bemerke, sicher von nichts anderm als von dem Mißtrauen herkomme, welches ihnen von dem Ungeheuer eingeflößt worden sei; aber er wolle ihnen bald beweisen, wie verwegen man dergleichen Gedanken von ihm hege, und was er für ein Mann sei. Zum Beweise dessen erbot er sich, morgen eine neue Operation mit einem Kinde, welches nichts als Polnisch verstehe, zu machen, und welches er folglich auch nicht zu seinem Zwecke vorbereiten oder einnehmen könne. Darauf wolle er mit ihnen um Mitternacht mit einer Laterne in den Garten gehen, sich aber etwas von dem Hause entfernt halten, damit der gewaltige Lärm, welcher entstehen würde, nicht die Fenster im Palais einschlage; und da wolle er sie eine Wirkung sehen lassen, welche sie alle in Erstaunen setzen würde. Tags drauf wolle er fünfzig Pfund Merkur zum Besten der Armen in feines Silber verwandeln, und darauf noch eine große Operation machen, worüber die ganze Stadt, welche davon Zeuge sein solle, erstaunen werde, und dann wolle er abreisen und ganz Polen seiner leeren Reue überlassen, welches keinen Großkophta oder Cagliostro je mehr sehen solle. Die arme erschrockene Herde kam, hierüber bestürzt, sogleich zum Ungeheuer und gab ihm von allem diesem Nachricht; und dieser Ungläubige versuchte es abermals, ihnen das neue Rätsel folgendergestalt zu lösen: Unser teurer Meister ist jetzt in der Angst, fürchtet einen Generalaufstand und daß seine Schäflein vielleicht eine unangenehme Operation mit ihm selbst vornehmen mögen; er will nur Zeit gewinnen, um auf eine gute Art entwischen zu können. Wollt ihr ihm also noch Zeit zu seinen vorgeschlagenen Operationen geben, so seid wenigstens auf eurer Hut, daß er nicht mit den Brillanten, welche er schon verzaubert hat, entwischt. Dies ist sehr leicht möglich, denn er wird das Kind solange mit seinen Fragen, hundertmal wiederholten Gesten, Treten mit dem Fuße und Gaukeleien mit dem Degen plagen, bis es alles antwortet, was er will. Dann glaubt er vielleicht eurer Vertrauen gewonnen und eure Aufmerksamkeit auf ihn eingeschläfert zu haben, und macht sich in dem ersten günstigen Augenblicke dazu auf und davon. Oder bleibt er auch bis auf den Abend und will seine Mitternacht-Operation euch machen, so muß ich euch sagen, daß er immer eine Partie Schießpulver bei sich führt und euch vielleicht eine Operation mit einer Petarde machen will, die höchst gefährlich werden kann. Was mir dies wahrscheinlich macht, ist, daß er sagt, er müsse die Operation in einiger Entfernung vom Palais machen, um die Fenster nicht einzuschlagen. Nun kann er leicht die Mine mit einem Pulver anlegen, das sich in gewisser Zeit von selbst entzündet, euch in einen Zirkel einschließen und euch in der Ferne halten. Die Explosion und große Flamme wird, wenn sie auch sonst keinen Schaden anrichtet, euch blenden, und der Großkophta wird samt den Diamanten auf dem feurigen Drachen durch die Lüfte davonfliegen, um nimmer wiederzukommen. Ihr werdet seine arme hinterlassene und in Tränen schwimmende Gattin beklagen, und diese wird auch abreisen, um ihren teuren Gemahl in einem der vier Weltteile, oder 10 bis 12 Meilen von hier, wieder aufzusuchen. Also, ihr Herren, macht, was ihr wollt. Laßt ihr ihn aber seine Operation noch machen, so bitte ich, gebt nur auf den feurigen Drachen und auf meine Weissagungen acht. Den 26. Juni. Diese Nacht wird nicht für alle gleich ruhig sein. Sicher präpariert sich jetzt schon der Großkophta zu seinen Zauberbeschwörungen, d. h. er packt sein Bündel. Er hatte ja schon für 2500 Dukaten Diamanten in seiner Tasche, ehe er noch in dies Haus aufgenommen wurde. – Er ist fort! Mit gutem Willen seiner Jünger fort! Er hat zwar einem aufgetragen, das Werk der Lampe sorgfältig fortzusetzen, und versprochen, in Kurzem eine Portion Pulver zum Beweise, daß er kein Betrüger sei, zu schicken. Seine anderen Diszipel waren so grausam, nicht einmal seinen Abschied annehmen zu wollen, und sahen ihn nur von ferne in den Wagen steigen, ohne eine Träne zu vergießen. Er verschwand vor ihren Augen, die ihn, nach seiner Weissagung von gestern, schwerlich jemals wiedersehen werden. Nun sage man mir noch, wir haben keine Propheten mehr. Den 27. Juni. Nachdem ich hier die Hauptfakta der Operationen, welche ich gesehen, gesammelt und alles, was in der kurzen Zeit vorgegangen ist, mit kaltem Blute untersucht habe, so kann ich nicht umhin, noch einige Anmerkungen darüber niederzuschreiben. Ich kann nicht begreifen, wie es Cagliostro gemacht haben muß, sich einen so großen Ruf im Norden zu verschaffen; denn waren sein Betragen und seine Operationen dort ebenso wie hier, so ist's zum Erstaunen, wie man ihm nur glauben konnte. Ohne eben ein Adler von Scharfsinnigkeit zu sein, habe ich ihn doch gleich bei der zweiten Unterredung schon ohngefähr für das genommen, was er wirklich ist. Allein weil ich mich nicht auf den ersten Eindruck allein verlassen wollte, und sonderlich auf die Zeugnisse unterrichteter Personen von ihm und den Proben seiner Kenntnisse Rücksicht nahm, so beschloß ich ihm ohne Vorurteil ganz genau zu folgen und sowohl seine Mittel als die Art von Wirkung, welche man von ihm gesehen haben wollte, genau zu beobachten. Dies bewog mich, ihn sowohl bei seinen Operationen als in seinem Privatleben fast nicht aus den Augen zu verlieren. Meine Bemerkung über die ersteren habe ich in diesem Journale niedergeschrieben, und meine Gedanken über das letztere will ich hier noch hinwerfen. Cagliostro zankt und entzweit sich gleich nach seiner Ankunft hier in Warschau mit einem Freunde, den er in Mailand gekannt hatte, der ihn an viele Personen von Stande präsentierte und in der ganzen Stadt die Verdienste des berühmten Reisenden ausposaunte. Dies war seine erste Dummheit! Er wählt zu seinen Operationen ein gescheites Mädchen, von dem er weiß, daß es Personen angehört, denen alles daran gelegen ist, den Kredit und Despotismus, den er sich in einem der ersten Häuser angemaßt hat, zu untergraben. Zweite Dummheit! Anstatt zurückhaltend und bescheiden zu sein, prahlt er vielmehr in Gegenwart unserer ersten Schönheiten und immer gegen die Weiber, von den großen Wissenschaften, welche er besitze. Jedes Wort ist eine Aufschneiderei oder eine höchst unwahrscheinliche Sache. Der geringste Widerspruch macht ihn wütend, und seine Eitelkeit bricht von allen Seiten aus, wenn er erlaubt, daß man ihm eine Fête gibt, welche die ganze Stadt in Bewegung setzt. Die meisten Betrüger sind sonst geschmeidig und suchen sich gute Freunde zu machen. Dieser hingegen scheint darauf zu studieren, recht ruhmredig zu scheinen und sich alle Welt durch seine groben und beleidigenden Reden und durch die schändlichsten Klatschereien zwischen den vertrautesten Freunden zum Feinde zu machen. Leute seiner Art suchen sonst mäßig und keusch zu scheinen. Er tut gerade das Gegenteil. Andere Scharlatans erhalten sonst sorgfältig ihre Verbindung mit Leuten, die ihnen ihren Hokuspokus ausführen helfen; er hingegen zankt und entzweit sich mit ihnen um ein Nichts und glaubt hernach mit einem trotzigen »Es ist nicht wahr« sie vor dem Publikum zu Lügnern zu machen, wenn sie aus der Schule schwatzen. Dritte Dummheit! Er kommt mit seiner Frau in ziemlich schlechtem Aufzuge, ohne Wäsche und kaum mit etlichen mäßigen Kleidern in Warschau an. Kurz darauf equipieren sich beide sehr geschmackvoll, ja selbst prächtig, und suchen diesen schleunigen Übergang so wenig zu verstecken, daß sogar die Bedienten deutlich merken, daß diese Verwandlung aus einem fremden Beutel geschieht; und indessen fordert der Prahler das ganze Publikum trotzig heraus, man solle auftreten und ihm beweisen, daß er Geschenke und Geld annehme, da doch heimlich markierte Dukaten gerade das Gegenteil beweisen. Vierte Dummheit! Der völlige Mangel aller Kenntnisse jeder Art nötigt Cagliostro zu dem elenden Behelfe, Kindern hinter einer Türe Geister zu zeigen. Schröpfer in Leipzig war in dieser Kunst weit geschickter; denn er ließ sie seinen Zuschauern selbst sehen. Cagliostro verachtet alle Religionen und schließt ihre Gebräuche von seinen Mummereien aus; da er doch, wenn er sein Handwerk recht verstünde, wissen sollte, daß gerade Religionsgebräuche eins der wirksamsten Mittel für dergleichen Schurken sind, auf eine lebhafte Einbildungskraft Eindruck zu machen und die Sinne zu täuschen. Wäre dieser Mensch ein wenig mehr in der Optik, Akustik, Mechanik und in der Physik überhaupt erfahren; hätte er ein wenig die sonderbaren Künste eines Comus und Philadelphia studiert; was für Dinge hätte er nicht mit der Art von Reputation eines Wundermannes, die er schon erworben hatte, mit der Geschicklichkeit, alle Handschriften nachzumachen, mit den guten Anlagen zur Taschenspielerei, die er zeigt, mit der eisernen Stirn, die er hat und die nicht erröten kann, in der Welt tun können! Er hätte sich nur noch einen Bauchsprecher beigesellen dürfen, und gewiß, er hätte eine der größten Rollen dieser Art in der Welt spielen und die aufgeklärtesten Männer und Feinde aller dergleichen Betrügereien gewiß hintergehen können. Hätte er dann noch zu seinen Geisteroperationen sich einen kleinen Vorrat von echten chemischen Künsten aus der Lektüre guter chemischer Schriftsteller, z. B.: eines Lemeri, Macquer, Le Sage, Kunkel, Glauber, Vogel, Cartheuser, Bergmann usw. gesammelt, richtige chemische Theorie und Manipulationen, davon er gar nichts weiß, gelernt, so hätte er, bei Gott, sogar denjenigen, die ein langes und eigenes Studium aus dieser Sache gemacht haben, Staub in die Augen werfen können. Kurz, man muß es für ein eigenes Schicksal halten, daß ein so vollkommener Ignorant, als der Mensch ist, und dem es sowohl an Kenntnissen als nötiger Klugheit fehlt, es dahin bringen konnte, alle diejenigen, die das Unglück hatten, ihm in die Hände zu fallen, aufzusetzen und zu plündern. Nachschrift. Hier schließt des Herrn Grafen M. Journal über Cagliostros Operationen in Wola; welches ganz authentisch und um desto interessanter ist, da es den Betrüger von Tag zu Tag fortführt und ihn entlarvt, und von einem Kenner geführt wurde, der ihm in jedem Fache gewachsen war. Noch ein paar Worte über das Ende dieser Goldmacherfarce! Madame Cagliostro spielte in Warschau ihre Rolle so gut wie in Petersburg, daß sie nämlich die unglaublichen Kenntnisse ihres Herrn Gemahls sehr heraussetzte, ihre eigenen Reize wirken ließ und den Aspiranten durch ihre Interzession bei dem Grafen Cagliostro zu besonderen Kenntnissen und geheimen Vorteilen ausschließende Hoffnung machte, sich aber diese durch reiche Präsente, besonders an Schmuck und Diamanten, gut bezahlen ließ; dabei aber immer die größte Verschwiegenheit vor ihrem teuren Gemahl ernstlich empfahl und selbst affektierte. Dabei konnte also er für seine Person um so eher den Uneigennützigen machen. Inzwischen hatte Donna Cagliostro nicht nur große brillantene Ohrringe, nebst anderm Schmucke, von 2500 Dukaten an Wert, durch diese Manöver wirklich an sich zu bringen gewußt, sondern man kann rechnen, daß diese Geschichte den dabei interessierten Personen gegen 8000 Dukaten gekostet hat, mit welchem Verluste für sie und Gewinnst für sich der Herr Graf Cagliostro also den 26. Juni von Wola unter einem Vorwande nach Warschau ging und daselbst in der Nacht vom 27. Juni verschwand, und ganz gewiß übel weggekommen sein würde, wenn nicht die Gesellschaft lieber ihre Leichtgläubigkeit mit dem Schleier der Vergessenheit decken und sie in der Stille büßen, als den Betrüger zur gerechten Strafe hätte ziehen wollen. Doch sagt man, daß ein und der andere nicht ganz geduldige Diszipel die Rückgabe einiger Diamanten von der Frau Gräfin Cagliostro gefordert und auch wirklich erhalten habe. Und dies ist in dem nämlichen Jahre geschehen, wo Graf Cagliostro sodann den 7. September 1780 zuerst in Straßburg auftrat. Polen hat indessen die Ehre, daß dieser Wundermann, der in St. Petersburg und Mitau soviel Aufsehens und Eindruck gemacht und von dorther als ein wahres Mirakel und Wunder der höchsten Weisheit angekündigt und empfohlen wurde, darin am ersten entlarvt wurde und nicht länger als ohngefähr zwei Monate dort Fuß fassen konnte.